Jean Paul Palingenesien Zwei Bändchen (1798) Inhalt: Erstes Bändchen Offner Brief an Leibgeber anstatt der Vorrede Alte Vorrede von Siebenkäs selber Erster Reise-Anzeiger Fata: meine Werthers Freuden in der Ehe – meine Werthers Leiden – das gefährliche Berühren meiner brieflichen Bundeslade – der 21. März voll scharfem Märzstaub – der Vorsatz Werke: mein Protokoll und Nachtblatt der Schläfer Zweiter Reise-Anzeiger Fata: der Hornrichter Stuß – Mr. le Comte Sebaud de Baraillon – warme Kälte des Herzens – die Lust auf Lustreisen – der Lazarus an der Mutterbrust – Baireuther billet doux und poetische Episteln aus Blech Werke: mens sana in corpore insano – Rekommendationsschreiben für Lottos – Statuten der historischen Gesellschaften in Baireuth, Hof etc. – Die Sponsalien im Muff Dritter Reise-Anzeiger Fata: mein Traum – und ein fremder – der Brief Werke: ob nicht dem Mangel an Selbstrezensionen der Ablauf der empfindsamen Kraftdekade schuld zu geben? Vierter Reise-Anzeiger Fata: Kleider-Simultaneum – mein consilium abeundi in Erlang – mein innerer Landsturm gegen Kellner und Kantianer – die schöne Nacht in der schönen Nacht Werke: warum der Kantianer andere leichter bekehren und verstehen kann als sich Zweites Bändchen Frachtbrief vom Juden Mendel Fünfter Reise-Anzeiger Fata: Grenzrezesse – der Paß des Grafen – die Feierlichkeiten bei meinem Einzug – Jagd nach Georgetten und Briefen Werke: Brief des Herrn Hans von Hansmann über seine 365 Gevattern Sechster Reise-Anzeiger Fata: die Monatswesten – das Haussuchen nach Georgetten – der Elegant und roué von Nürnberg – der schöne Sonntag auf dem Dutzendteich – Nürnbergs Beleuchtung – der Meistersänger – und seine Werkstatt – meine Not mit meiner Tochter Werke: syrisches Schreiben über den Wanderungstrieb der Edelleute Siebenter Reise-Anzeiger Fata: die epistolarische Expektantenbank – der Geburtstag und die Versöhnung Werke: Habermanns logischer und geographischen Kursus durch Europa, von ihm selber ganz summarisch dem Erbprinzen der Milchstraße vorgetragen Achter Reise-Anzeiger Fata: meine Todesangst vordem Reichsschultheiß – peinliches Interrogatorium – zwei Siebenkäse – zwei J. P's Werke: Avertissement meiner Rettungsanstalten auf dem Buchbinderblatte, für romantische Scheintote – Personalien vom Bedienten- und Maschinenmann – Fabel vom zepterfähigen Bären – Auszüge aus Briefen Neunter Reise-Anzeiger Fata: der Irrgarten – der Gethsemane-Garten – das Paradies-Gärtlein Werke (der Liebe, nicht der Not): siehe Fata Jean Pauls Fata und Werke vor und in Nürnberg Erstes Bändchen Offener Brief an Leibgeber anstatt der Vorrede Das Publikum sehe mir die kleine Freiheit nach, daß es hier an meinem Privatbrief mitlesen und mitbezahlen muß (sowohl Porto als Schreibmaterialien): leider ist der ewige Strandläufer Leibgeber, dessen Leben ein musikalischer Läufer über alle Tasten und Brücken ist und der auf der Erde zirkuliert wie eine Maxd'or, der die Reichsintegrität hat, fast nirgends anders zu erwischen als in Buchladen. Dabei laufen im Briefe viele Dinge mit unter, die ich dem Publikum ohnehin in der Vorrede sagen würde, wenn ich eine machte. Ich könnte, lieber Europas-Bürger, ebensogut, wie Petrarca, an Cicero und Augustin und Varro schreiben als an dich, weil du unaufhörlich wie eine Krankheitsmaterie oder wie eine verschluckte Stecknadel in der Jungfer Europa herumziehest und man nicht weiß, hältst du dich in ihrem Magen oder in ihrem Herzbeutel oder im Ärmel oder Stiefel auf. Da aber ein Buch leicht die ganze Welt antrifft, und also auch dich: so geb' ich diesem meine Epistel offen mit. Einige Geheimschreibereien darin, die unter uns bleiben müssen, hab' ich schon mit so viel Klugheit behandelt, daß weiter niemand daraus klug werden kann als ich und du. Eh' ich dir deinen Brief – vom längsten Tage datiert, aber am kürzesten eingegangen – beantworte, muß ich dir sagen, was ich eigentlich mit dem Couvert oder der Brieftasche des meinigen, nämlich mit diesem Buche haben will. Der gelehrten Welt, das ist dir bekannt, hab' ich in der Biographie unsers geliebten Siebenkäs es aufgedeckt, daß und unter welchen Lagen er das anonyme Buch die Auswahl aus des Teufels Papieren geschrieben habe. Seit dieser Schöpfungsgeschichte wurde auf einmal dem Werklein, das vorher kein Mensch ansah, geschweige gelehrt anzeigte, von allen neun Reichskreisen nachgesagt und nachgestellt; besonders waren Hof, Kuhschnappel, Baireuth, Schraplau unglaublich aufs Buch erpicht, nicht sowohl in der Hoffnung, daß es einige satirische Streiflichter auf Blaise, Lenette, den Venner Rosa etc. werfe, als deswegen, weil der Mensch, wenn er den Vater kennt, ungemein gern auch dessen geist- und leibliche Findel-, Mantel- und echte Kinder kennenlernen will. Und ich selber, ich berg' es nicht, wäre imstande, aus unsäglicher Achtung für Shakespeare seinen Töchtern nachzuweisen, ja erotisch nachzugehen, wenn noch genug von ihnen da wäre. Allein das Opus war wie diese beiden Mädchen und wie jeder Mensch gerade vor der Unsterblichkeit, die es jetzt genießet, verstorben, und der Teufel hatte seine eignen Papiere geholt: ich meine, den Goldbarren oder Warenballen seiner Papiere hatte man zu Blättchengold zerlegt und damit Eßwaren und Locken übergoldet. Ich selber hätte ohne die Güte des Verfassers kein Exemplar zur zweiten Auflage aufgetrieben, die er mir aus Gründen, welche dir das erste Kapitel in diesen Palingenesien seiner Papiere erzählt, auszuarbeiten überließ. Tut dirs nicht auch weh, Heinrich, daß ich sein Leben nicht schon damals – er hatt' es doch schon bis zum zweiten Bande gebracht – ans Licht stellte und damit dem Absatze seiner Satiren nachhalf? – Wie würde die selige Lenette, welche seine chemischen Prozesse der Satire nur für kostspielige Vakanzen seiner juristischen hielt, durch die Goldkochkunst und durch die Eßwaren, die der Teufel samt seinen Papieren in den Rauchfang hätte fallen lassen, widerlegt und beruhigt worden sein, wie die Ungarn, die sonst über die Galläpfel an den Eichen wegen verdorbner Eichelmast jammerten, sich jetzt darüber erfreuen, weil sie die Knoppern besser zu Dintenpulver verhandeln! – Ach wenn man doch damals, Heinrich, gerade über die staubende Blütezeit der Ehe, über ihre Flitterwochen ein solches Wetterdach hätte bauen können gegen den Schlagregen des Unglücks, ehe den Blumen der Freude der Samenstaub ersoffen war! Es quält mich oft, wenn ich überlege, welche Environs und Gegenden des Lebens der gepeinigten Lenette entgingen, o wie vor ihrem entzündeten trüben Auge nur schwarze Flecken niederfuhren und wie ihr optische Spinnen und Mücken über das Buch ihres Lebens liefen – und jetzt, da das Auge zu heilen wäre, fällt es auf immer zu! – Ich wollte, ich hätte gegenwärtigen Satyr-Kopf von Meerschaum in dieser zweiten Auflage – um so mehr, da man jeden Pfeifenkopf einmal in der Türkei und einmal bei uns schneidet – unbeschreiblich schön geschnitten und geraucht. Vieles hab' ich wohl getan: ich habe in diesen zwei Bändchen erst vier oder fünf Bogen aus der alten Auflage verbauet, ich habe allemal zwischen zwei satirische Oncle Tobys-Regimentsmärsche, die Siebenkäs im Orchester am Vorhang pfeift, einen historischen Aufzug aus meinem Nürnberger Reisejournal eingeschoben und so unter seinen satirischen Fugen von argumentis fistulatoriis ganze Szenen vom lyrischen Drama meines Lebens deklamiert. – Aber das kann eben mein Unglück sein, Freund: Du schreibst in deinem vorletzten: »Die Hypathier baueten dem Lachen einen Tempel, aber die Deutschen haben noch nicht einmal das Modell zu einer Filialkirche fertig. Da sie und ihre Schwert- und Spillmagen, die Belgier, mehr nach den Eicheln greifen als nach den Blättern derselben (ungleich dem Rousseau, der jene pries, aber diese aufsetzte): so haben sie unter dem Brotstudium wenig Lust zu ästhetischen Spielen und Studien; ebenso hat man von einem der nützlichsten Haustiere bemerkt, daß es nie, auch nicht als Ferkel, scherze und spiele, sondern daß sein männlicher Ernst nie auf etwas Schlechteres ausgehe als Eicheln.« Das sieht bedenklich aus. Denn besitzt einer ein Konvolut Satiren und durchschießet sie aus Liebe, wie ich im Jubelsenior , mit historischen Episoden: so fängt jeder, der in den Episoden seelenvergnügt wird, Händel an und sagt: »Ist das recht, sich, wenn ich dasitze und begierig auf den Verfolg der Geschichte harre, vor mich hinzustellen und mich auszulachen? Könnt' er das nicht in einem besondern Tage und Buche tun?« – Ist man dazu willfährig und findet man sich mit einem Folianten bloßer platter Satiren ein, wie Siebenkäs tat: so ist man ein gelieferter Mann: »Der Foliant« (wird gesagt) »würde sich besser lesen, spannte derselbe einen durch kleine ernste Ruhepunkte, durch historische Erfrischungen zuweilen ab – Salz kann wohl Zukost sein, aber keine Kost, und ein schimmerndes Steinsalzbergwerk voll weißer Pfeiler und Altäre aus Salz ist eine verdrüßliche Wohnung und Nahrung.« Letzteres ist aus meiner Seele gesprochen. Nirgends erquickten mich ernste Stellen mehr als unter komischen, wie die grünen Flecken an den Schweizerfelsen das Auge sanft unter dem blendenden Schnee und Eise streicheln; daher ist der auf die Saftröhren und das Mark des hohen Ernstes geimpfte Humor des Engländers so hoch über den Humor aller Völker gewachsen. Eine Satire über alles ist gar keine, sondern Unsinn, weil jede Verachtung etwas Geachtetes als Maßstab, jedes Tal einen Berg voraussetzt. Die Persiflage der Franzosen und der Weltleute, welche die Ausnahmen verhöhnt und züchtigt und doch die Regel verkennt und ableugnet, gleicht der hölzernen Ente Vaucansons, welche künstlich einen Unrat in den letzten Wegen bereitet, ohne vorher in die ersten Futter genommen zu haben – kennst du eine giftigere geistige Consomption und Asphyxie als dieses Aussterben aller Achtung? – Ich habe die Teufels-Papiere, darf ich sagen, wohl so oft gelesen wie den Werther, ja ich habe sie exzerpiert und auswendig gelernt, um bald einen Gedanken aus dem Bogen A, bald einen aus dem Bogen Ff anzubringen und einzupassen – und ein neues Schöpfungswerk wäre mir leichter von Händen gegangen als dieses Memorienwerk –: gleichwohl schmeichle ich mir, ich werde – ganz ungleich den Dichtern, denen man die Schwangerschaft mit einer besondern Moral im Schwunge anmerkt, wie Vögeln im Fluge, wenn sie ein Ei im Leibe tragen – mein Zusammenschweißen so fein verlötet haben, wie die Natur die Scherben unserer Hirnschale, so daß Siebenkäs selber die Kopfnaht und Suturen vergeblich suchen soll. Hier wäre aber für einen guten Kritiker, der seine Zeit und Kraft gut anlegen will, Arbeit und ein weites Feld, wenn er meinen Rezensenten vorarbeiten wollte und in einem kurzen Traktate zwischen den Teufels-Papieren und den Palingenesien eine feste Parallele zöge, überall als vergleichender Anatom verführe, jede Abweichung und Variante treu aufsummierte, niemals rastete, bis er heraushätte, warum ich jedesmal abgewichen, und dann die Welt mit der Ausbeute seines Nachgrabens und seiner Silbergruben bereicherte; und warum machen sich denn pädagogische Einladungskarten, die gymnastischen Programmen – diese nicht fliegenden, sondern kriechenden Blätter –, nie über Materien von solchem Belange her? – Du, Lieber, hoff' ich, urteilest nicht nur unparteiisch für mich, sondern auch parteiisch – schnauz also, ich flehe dich, die rezensierende Judenschaft an, die sich aus denselben Gründen zu unsern Schutzgöttern und Kammerrichtern aufwirft, warum die heilige Cäcilia die Schutzgöttin der Tonkunst geworden – nämlich weil sie in ihrem heiligen Leben keine ausstehen konnte. Nimms nicht übel, Alter, daß der Brief nicht mit Schreibelettern gesetzt worden, sondern mit Drucklettern. Es sind aber neue, denen mein Titel Palingenesien auch gebührt. Ich bin recht froh, daß ich mich bei dieser Gelegenheit recht ärgern kann über unser Übersetzen der deutschen Typen in lateinische und über mehr. Wenn man nicht die deutsche Handschrift und alle Archive und alle Ratsbibliotheken und das Cansteinische Bibelwerk umdruckt: so muß der fortdauernde Umgang mit der alten Form das Auge immer bei der neuen um das Vergnügen der summarischen Fassung bringen, die auf den Gründen beruht, aus welchen wir das Griechische schwer in lateinischen Lettern, oder warum wir oft eine schlechte Handschrift, aber nicht deren einzelne Buchstaben lesen können. Sobald wir der gotischen Schrift die Halskrausen, die Troddeln, das Spitzenwerk, die Knickse und Bruchbänder verbieten: so steht sie ungemein schön mit zwei Bestandteilen da, erstlich mit einer geraden Linie wie die römische, und dann, statt des Zirkels der Letztern, mit einer halben Ellipse (zugleich das Sinnbild unsers Geschmacks!). In der Reinigung und Wiederbringung der ersten schönern Form haben nun die Herren Breitkopf und Härtel hier in meinen Palingenesien und in diesem Briefe die ersten glücklichen, obwohl das Auge der Gewohnheit noch schonenden Versuche gemacht, von denen sie zu weitern und ihrem Ideale nähern übergehen wollen, wenn du und das Publikum sie so aufmuntern wie ich. Durch dieses Abglätten der typographischen Runzeln und Falten, welche unsern Druck wie (nach Lavater ) die physiognomischen das deutsche Gesicht auszeichnen, wächset mir glücklicherweise ein neues Publikum von 350 Mann zu, wovon der größere Teil bisher, samt seinen Miet-Rezensenten zur Rechten und zur Linken, außer Titel und Rezensionen wenig las – es sind die Buchhändler, die nun, weil der Titel sie nicht befriedigt, in meinem Opus blättern und nachsehen, ob etwas daran sei, am Druck. – Die lateinischen Lettern druckten mir vorhin eine Stelle deines Briefes vor, worin du unrecht hast und tust, Leibgeber. Sollen wir denn ewig vor andern Nationen unter Scharrfüßen und Knicksen unsere Bravourarien absingen? – Denken wir nicht sämtlich so kleinlich als Voltaire, wenn wir, vom Kopf bis zum Fuß ebenso wie er von Lorbeerkränzen wie von Faßreifen zusammengehalten, doch ebenso wie er bei der Aufführung seiner Irene bei jedem Akte unsers Spektakelstückes einen Kurierwechsel zwischen uns und dem Komödienhause unterhalten, um zu erfahren, ob man klatsche oder pfeife? – Du mußt, Leibgeber, wahrlich oft grün und gelb vor Grimm geworden sein über den Jammer, wenn, sooft einmal ein Engländer oder Pariser einen Bogen von uns verzierte oder kanonisierte (spät genug ist die Retorsion), nun in allen Journalen dreitägige Freudenfeste angestellt wurden, und die Literatores darin wie unsinnig gegeneinander rannten und sich umhalsten und schrien: wir sind vertiert, Bruder, und ich fetiert! – Haben wir, wenn wir doch einmal gelobt, ehrlich, selig und heilig gesprochen sein müssen, nicht unsere inländischen Herolds- und Reichskanzeleien, die uns zu den größten Laureaten, zu Patriziern, zu Nobilis mit einem und zwei Helmen, ja zu Kreatoren von Nobilis kreieren können – haben wir nicht unsere Fakultisten, die uns zu literarischen Granden, und zwar auch durch Hutaufsetzen erheben können – und im moralischen Fach statt der Päpste unsere Oberhofleichenprediger – und im Notfall eine Schiffsmannschaft von 25 Millionen Parentatores, wogegen Heinrich IV. etwas abfällt, ders nach Bayle zu funfzig Lobrednern brachte? Und kann denn nicht überhaupt jeder Narr so gescheut sein und sich selber loben, womit ich mir schon längst geholfen? – Besonders nimmt dein Tadeln der Deutschen (weniger das in deinem Briefe als das, welches du in meinem Titan vorbringst) mich wunder, da du doch in Italien und Frankreich warest, wo jeder Fremde den Rest von Treuherzigkeit und Keuschheit achten lernt, den beide unserem Deutschland noch übrig gelassen. Unser Pindus, ein monte nuovo, der in zwei Dezennien so weit reifte wie ein Mensch, kann zwar nicht mit dem gallischen verglichen werden, der ewig die Terrasse und der Schneckenberg der Thronen und Weltleute bleiben wird – denn er darf einem Messias die voltairische Borussias entgegenstellen – dessen Held sogar im Leben so groß ist wie im Epos, wenn nicht größer – und den Schauspielen Goethes wenigstens ein kühnes shakespearisches bürgerliches Trauerspiel von fünf Jahren, woran halb Frankreich, und zwar ohne die gewöhnliche Blutwasserscheu, geschrieben hat, und ohne den tragischen Mord, wie sonst, hinter die Szene zu verlegen – allein, mein Freund, das setzet darum uns nicht unter ein Volk, dessen politische Rechtssache wir nur – wie unsere, aber leider mit umgekehrtem Effekt – mit den Sachwaltern verwechseln. – Ich will jetzt auf einige Stellen deines Briefes etwas versetzen. Dein Verzeichnis von historischen Druckfehlern, die ich in deiner und Siebenkäsens Geschichte begangen, soll, wie deine Zusätze, wider dein Verhoffen bei einer neuen Auflage bestens genützet werden. »Die Menschen stellen sich jetzt auf den Kopf«; aber, Teuerster, das ist unsere natürlichste und früheste Stellung, die wir schon als Fötusse vier Monate vor der Geburt annehmen. Ja manche Völker lassen sich in derselben beerdigen, um auf die Füße zu kommen, wenn sich die auferstehende Erde umschlägt. »Ist es recht, Leuten, die nur noch die Hälfte der Freiheit haben, zur Strafe den Rest zu nehmen?« Du meinst die Franzosen: ebenso recht, sag' ich, als wenn die alten Römer einen Selbstmörder, dem die Tat verunglückte, mit dem ganzen Tode züchtigten. Ohnehin ist ein reformierendes Volk, Guter, ein alter Lappen, der sich selber durch Blankscheuern des Silberservices ungemein schwarz macht. In dem politischen Gemeinwesen handelt zwar die Kommunität oder der esprit de corps (es sei auf dem Schlachtfelde, oder im paziszierenden Kabinett oder in der Rentei) auffallend unmoralischer als das Individuum: allein dafür taugt in der gelehrten Republik oft das Individuum (der Autor als Mensch) den Henker nicht, sondern nur das schriftstellerische Gemeinwesen ist öffentlich verhandelnd trefflich, in welchem von einem Journal zum andern sehr auf echte Tugend gedrungen und gesehen wird. Wir Gelehrten haben hier etwas von den Athenern, die sonst in ihrem geistigen Flore – denn Demosthenes Demosth. in Aristocrat. klagt über das Abwelken desselben – die öffentlichen Gebäude, z. B. den Hafen, die Propyläa, herrlich ausstatteten und bereicherten, indes die Bürger, z. B. Themistokles, Miltiades, sich gern mit wahren Privat-Hundshütten behalfen. Ach freilich wohl werden die Gesetze der Zukunft zu oft auf Grabhügeln Auf der Insel Man müssen sie stets auf einem alten Grabe (Tynwald-Hille) publizieret werden, nach Robertson. promulgiert, oder auf einem Sinai voll Kartätschen, und die sausende Wasserhose der Revolution rückt aufgetürmt, innen voll Donner, mit Blitzen überzogen und Staatsschiffe und Menschen und Tränen aufschlingend, über die weite Erde, und niemand kann die steilrechte Gewitterwolke halten oder sie in niedrige tragende Wellen zerlegen – ausgenommen mit dem Evangelium Johannis. Physische Wasserhosen bekämpfte sonst der Aberglaube damit; moralische der Glaube. O nie konnte Liebe und Schonung und Mäßigung und das Sonnen-System der überirdischen Hoffnungen jedem Autor notwendiger und heiliger sein als in dieser brausenden Zeit voll unmoralischer Niederlagen und – Siege, wo man den Höllenstein zum Stein der Weisen, und den tarpejischen Felsen zum Ararat jedes Staates macht. Unter so vielen Menschen oder Heklas voll egoistischer Eisschollen und leidenschaftlicher Krater wird jedes gedruckte heftige Wort, das gegen die Kälte der Weisheit und gegen die Wärme der Liebe sündigt, jede unmoralische Zeile, und hätten alle neun Musen in sie wie in einen Antikensaal ihre Insignien niedergelegt, jedes unvorsichtige Betasten oder gar Abblatten der Sinnpflanze Zwei Revolutionen, die gallische, welche der Idee oder dem Staate die Individuen und im Notfall diesen selber opfert, und die kantisch-moralische, welche den Affekt der Menschenliebe liegen lässet, weil er so wenig wie Verdienste geboten werden kann, diese ziehen und stellen uns verlassene Menschen immer weiter und einsamer auseinander, jeden nur auf ein frostiges unbewohntes Eiland; ja die gallische, die nur Gefühle gegen Gefühle bewaffnet und aufhetzt, tut es weniger als die kritische, die sie entwaffnen und entbehren lehrt, und die weder die Liebe als Quelle der Tugend noch diese als Quelle von jener gelten lassen kann. Da hierin viele moralische Professionisten sich dem strengen Ideal, das sie aufstellen, auch in ihrem Leben nähern, das sie in Kathedern und Streitschriften führen: so bitt' ich sie, mich meiner Behauptung wegen nicht eher anzufallen, bis ich sie ausführlich angefallen, wozu ich Hoffnung mache. liebender zärtlicher Affekten, jede solche Sünde wird durch die Nachbarschaft der Zeit blutiger Hochverrat an der Nachwelt; und es ist ohnehin unvorsichtig, daß jetzt so viele in ein Gerüste gefügte ebene Spiegel von Autoren eine Brennspiegelhitze auf eine Stelle richten und werfen, auf welcher ebensogut Schießpulver als gutes Gesäme liegen kann, und die auch im letztern Falle ihre Wintersaat schöner unter der schonenden und gleich verteilten Sonnenwärme treiben würde. Ich nannte noch das Sonnen-System der überirdischen Hoffnungen, nämlich die Religion (worunter ich das Leben für die Unsterblichkeit und die Gottheit meine), die in sehr tatenvollen arbeitenden Zeiten, unter dem Treiben der Plane, unter dem Stürmen aller Kräfte sich wie am Tage der gestirnte Himmel am ersten verhüllt: nur im Frieden und in der Stille öffnet diese leise Göttin ihre Lippe und ihr Herz. O diese Trösterin und Schutzheilige der Leidenden sucht jetzt selber bei Leidenden Schutz, – an deinem so oft von ihr erquickten und geheilten Herzen, du sanftes stilles Geschlecht, liegt sie nun angeschmiegt, und wenn vor deiner Einsamkeit die gezückten Schwerter der Männer und blitzende Parzen-Augen und Hände voll Blut und bleiche aufgerissene Menschen und der ganze lange Sturm der Zeit vorüberziehen, so weint und blutet und tröstet die Unsterbliche mit dir, und ihr umfasset euch dann fester. Ich bin sehr ernsthaft geworden, nicht wahr, Heinrich? – Aber über folgende Stelle deines Briefes bleib' ichs doch noch: »Wenigstens tut der allgemeine europäische frohe Anteil an jedem Bilde der Freiheit ihr Dasein im Busen, wenn auch nicht im Lande dar: ist nur einmal das, so brütet sich der Adler schon mit seiner heißen Brust durch den hohen Schnee Nach Chardin schmilzt der Geierfalke in Persien mit seinem auf den Schnee gebaueten Horst oft eine Klafter tief bis auf die Erde herab. auf den festen Boden hinab.« Ich leugne nicht dieses, sondern jenes. Die von irgendeiner typographischen und chalkographischen Gesellschaft verkauften Gemälde vom häuslichen, Idyllen- und Landlebenglück entzücken nicht den Landmann oder Bürger, der es hat, sondern den Hofmann, der es entbehrt und ders auf jenen genießet; und wohl einen Fürsten, aber nicht seine Schnitter können Gesänge von frohen Schnittern laben. Ebenso würden die Altarblätter des Freiheitsaltars einen freien Kanadier oder alten Deutschen wenig rühren, weil der Schritt vom wirklichen Besitz zur poetischen Anschauung noch genialischer ist als der von dieser zu jenem, und unsere poetischen Kinder werden, wie die physischen, gerade der Sache ähnlich, wornach man sich in den neun Monaten vergeblich sehnte. Indes wenn der Traum , daß man trinke , wenigstens beweiset, daß man wirklich dürste : so kommt der Mensch auf dem dichterischen Umwege durch die bestechenden Gemälde einer verschmähten Wirklichkeit wieder zu ihr zurück, und auf ewig und reiner, und sie geben dann der Natur, der Freiheit, dem häuslichen Glück, der Wirklichkeit einen treuern Freund zurück, als sie ihnen entführet haben. Nun lebe wohl! Siebenkäs und seine Frau grüßen dich herzlich. – Grüße, wenn du etwan hinkommst (wir verstehen uns, denk' ich), den guten Duodezimus Fixlein in Z-ch, ferner Herrn W-ss-k in M-rf, weiter meinen lieben Schütz in B., denen ich allen Briefe für ihre guten schuldig bin, und endlich auch seinen wohlwollenden Bruder, dem du zu sagen hast, er habe in allen seinen historischen Vermutungen im Februar des Deutschen Magazins ganz recht. Stößest du nicht auf sie, so lesen sie es hier ohnehin selber. Mir tut diese leichte Manier, auf Briefe in brieflichen Vorreden zu antworten, jetzt unter dem Antworten so wohl, daß ich künftig öfters zu ihr greifen werde, besonders da die Sache das Publikum nichts angeht, das froh sein muß, wenn ich ihm keine bogenlange, nur mir ersprießliche Dedikation in den Weg und unter die Füße werfe. – Kommst du nach Nürnberg, so schwöre, wie ich allda schon selber tat, daß ich im ganzen Buche auf kein Individuum satirisch gezielet: ich kann und mag keinem Menschen auf seiner fliegenden Flucht durch das Leben den Giftpfeil der persönlichen Satire vorn ins Herz oder auf das Schulterblatt nachwerfen, die, ungleich der allgemeinen, keine heilenden Schmerzen macht, sondern nur eiternde. – Couvertiere deine Briefe nicht mehr nach Hof, sondern nach Leipzig, wohin mich das Schicksal kurz vor Empfang deines Briefes selber couvertieret hat: ich stehe noch an, ob ich mich da habilitiere als Bakkalaureand. Ach trätest du einmal da zu Meßzeiten auf! Wahrlich ich würde dich kennen! – Lebe denn wohl! Das Verhängnis reiche dir (um deine Allegorie zu brauchen) »recht viel aufgelöseten Grünspan und viel Löschpapier Anspielung auf eine Erfindung von Hooke, der (1670) den blauen Himmel durch Löschpapier voll filtrierten Grünspan und die Wolken durch obiges Oleum nachmachte und diese wieder durch Vitriolöl vertrieb. zu deinem Himmel und gebe dir kein oleum tartari per deliquium zu Wolken darin, oder doch sogleich das Vitriolöl eines nassen Auges«. Ach, Heinrich! Doch noch ein Wort! Sagen denn eben diese deine sehnsüchtigen Ausdehnungen, die den seufzenden Busen mitten in allen blauen und goldnen Himmeln des tiefen Lebens drücken, dir nicht, du Ungläubiger, daß dein Firmian recht hat, wenn er glaubt, daß wir, gleich Menschen in polnischen Steinsalzbergwerken, unter und in der Erde leben – daß wir in dem auf ihr liegenden Himmel oben nie gegangen sind – daß aber doch an der Ein- und Ausfahrt eine blaue Stelle, ein Blitz des überirdischen Tages zu uns niederkomme, vor welchem das elende Flimmern des Salinen-Souterrains erlischt – und daß wir eben darum, bis wir oben ins Freie hinauf sind, uns so unendlich sehnen, Heinrich? Leipzig, den 23. März 1798. Jean Paul Fr. Richter. Alte Vorrede von Siebenkäs selber Der heilige Ambrosius sagte, der Müßiggang sei das Kopfkissen des Teufels. Da ich nun glaubte, der Satan verdiene keines: so hab' ichs ihm, wie einem Sterbenden, vor einigen Vierteljahren unter dem Kopfe weggezogen und mich selber darauf gesetzt und meine Zeit nicht unedel mit dem Zusammenschreiben einiger ganz munterer Pasquille verbracht. Meine besten setzt' ich freilich vor meiner Geburt schon auf, und es sollen nachher die Personen ohne Scheu spezifizieret werden, die mir solche gestohlen: die schlechtern, die ich bloß auf hiesiger Erde ausheckte, leg' ich hier der gelehrten Welt mit Achtung vor. Mein Jammer ist nämlich der, daß wir alle – welches jeder aus seinem Plato sich erinnern muß, wenn nicht aus seinen dunkelsten Erinnerungen – vor diesem Leben und Nationalbankerutt der Geisterwelt auf einem trefflichen Kometen Nach Lambert wohnen auf Kometen feinere höhere Wesen als auf Planeten. (wenns nicht gar Whistons seiner war) ganz vergnügt zusammenlebten, bis wir sämtlich einiger Spitzbübereien oder Todsünden wegen auf diese Pönitenzpfarre des Universums durch die Geburt heruntergetrieben wurden, so daß dieses Leben nur die Narbe eines vorigen ist. Der Whistonsche Schwanzstern scheint mich und Meusels Deutschland und alle Seelen in Gestalt seines Schwanzes, wie ein reifer Frosch den seinigen, abgeworfen zu haben auf die grüne Erde herein. Eh' nun das geschah, bracht' ich droben auf dem Bartstern meine besten Stunden und Jahrhunderte damit zu, daß ich den ganzen Tag statt auf dem Musen- oder Stecken- oder irgendeinem Schaukelpferde bloß auf einem festen Lese-Esel saß und darauf Werke am Schreibpult ausspann und aufsetzte, wie zu wünschen wäre, daß sie jeder schreiben könnte. Die Werke waren zwar spaß- und ernsthaft, aber himmlisch: ich vereinigte darin alle Schulen, die niederländische, die welsche, die gallische, und alle Manieren, die trockne, die fette, die warme, die kalte, und alle Kunstrichter und wahre Unmöglichkeiten – und die Flügel, die ich darin der Dichtkunst und der deutschen Sprache ansetzte, waren von Holz und Windmühlenflügel, damit die kursächsischen Kunstrichter nichts dazu zu machen brauchten als den Wind. Meisterstücke sind im Himmel leicht: man hat da keine Eßlust, kein Brotstudium und weder Kind noch Kegel und schreibt ohne Unterleib und mit transparenten Fingern ganze Ewigkeiten a parte ante am ersten besten Opus fort. Ich war da mit schönen Geistern bekannt, die, bevor sie hienieden alles vergaßen, droben wenigstens so viel wußten als ein hiesiges Titularmitglied einer Akademie, wenn nicht so viel wie ein wirkliches. Schwer ists mit einem solchen supralunarischen Scharfsinn zu paaren, daß ich droben mich dermaßen vergaß, daß ich in einigen von meinen Manuskripten andere Leute blättern und studieren ließ. So viel ist wenigstens ausgemacht, Swift und Sterne und Butler hatten weiter keinen Schaden davon, daß ich ihnen solche Werke wie das Märchen von der Tonne und Tristrams Leben und Hudibras – welche ich für die drei besten Satiren und unerbittlichen Parzen gegen Toren halte, die ich je gemacht – nicht nur vorlas, sondern auch wochenlang vorstreckte im Manuskript. Die Folgen weiß jeder: ich setzte dadurch die Briten instand, es wie jener alte Poet zu machen, der (nach Seneka) die Gedichte, die ein anderer Poet öffentlich herlas, augenblicklich in seinem Fang-Gedächtnis behielt und sie für seine erklärte, weil ihr echter Verfasser sie nicht wie er vermochte herzusagen. – Trugen die drei Engländer nicht meine drei Werke, jeder sein Stück satirisches Polen, in ihrem weiten Gedächtnis und Gewissen wider die gemeine Moral auf die Erde herab und nahmen daselbst weiter nichts – um den Ruhm großer Autoren zu erringen – vor, als daß sie mir, der ich in der andern Welt noch passen mußte und es auf keine Weise zur Geburt bringen konnte, den meinigen stahlen und für meine zum hiesigen Fortkommen hingeworfnen Gedanken das Honorar einzogen? – Ich merkte das den Augenblick, da ich geboren war, und wollte vor Erbosung wieder in den alten Bartstern hinauf, sitz' aber noch hienieden. Gleichwohl würd' ich darüber hinweg sein, weil ich den Trost hätte, daß die Welt, wenn sie jenes stechende Klee- und Nesselblatt in die Hände nimmt, sich eigentlich bloß um mich verkettet stelle, gleichsam um einen frischen Zitteraal, und daß mich das erste Glied bei den Schwanzflossen, das letzte beim Kopfe angreife, damit ich elektrisch in den verknüpften Zirkel dreinschlage – ich würde das tragen, sag' ich, daß man meinen bessern und überirdischen Satiren ihren Geburtsort nicht anmerkt, da sie so trefflich die irdischen Toren (die ja aber auch droben hausten) abschatten – ich würde über alles dieses wenig Umstände machen: müßt' ich nicht erleben, daß meine ernsthaften Werke, diese ausländischen Gewächse eines höhern ätherischen Vaterlandes, diebisch vor meiner Geburt gedruckt, als inländische umlaufen. Es ist ein trauriges Los, daß gerade meine Ideen zur Geschichte der Menschheit und meine zerstreueten Blätter von meinem Plagiarius Herder für seine Werke und für Autochthonen von Weimar ausgerufen werden, so daß solche Erzeugnisse eines schönern Klimas – bei allem ihren höhern Erd- oder vielmehr Himmelsgeschmack, ungeachtet ihrer Sonnensysteme und Sternschichten strahlender Ideen und ungeachtet eines zugleich Blüte und Früchte tragenden Stils – nun in allen deutschen Kreisen als Werke kursieren, die auf dem Planeten geschrieben worden. Freilich wenn Cicero sagt, er glaube, wenn er seinen Kato vom Alter lese, den Kato selber zu lesen, so glaub' ich oft, wenn ich meine Herderschen opuscula lese, ihn selber zu hören, da ich ihn kenne; aber es tut doch nicht gut. Jetzt da ich nun endlich nach langem Harren auf das Theater des Lebens hereingesprungen bin und zwölf der besten Köpfe unter dem großen breiten Lorbeerkranz stehen sehe, den ich allein aufhaben wollte, jetzt wird mirs niemand verdenken, daß ich in einer Vorrede meinen Kranz bescheiden, aber durchaus wiederhaben und allein aufsetzen will, wiewohl er nicht viel leichter ist als Davids Hundertunddreizehn-Pfünder von Krone. Sollte man mir denn härter mitfahren wollen als den Benediktinern des dreizehnten Jahrhunderts, die endlich doch im siebenzehnten eine ehrliche Seele fanden, welche ihre Werke, die man so lange einem Virgil, Cicero und Livius zuschrieb, ihnen wieder zustellte, nämlich den Pater Hardouin? – Anlangend gegenwärtiges Buch, so ist es dumm genug; denn nun, da ich auf der Erde sitze, kann ich so wenig zeugen wie sie selber. Was wird überhaupt ein Wesen in einem hypochondrischen Körper (diesem innen mit Nägeln bedornten Regulus-Faß) und im Frondienste des Magens und des Pfortadersystems wohl Sonderliches für seinen Verleger und Vor- und Nachdrucker in die Presse schicken? Weit muß alles unter die blühenden Abkömmlinge seines freiern wärmern Lebens fallen, und er muß sich selber welkend im Spätjahr des Daseins bücken. Hält man mein antediluvianisches Märchen von der Tonne oder Tristram zusammen mit gegenwärtigem Posthumus, den ich bloß auf dem Planeten gemacht: so erstaunt man über den Unterschied und begreift nicht, wie derselbe Kopf vor seinem Leben so gut schrieb und nachher so schlecht. – Keine Zeile hätte ich machen sollen. – Es kann wenig Leser haben – wenigstens nicht zwei. Denn es ist überhaupt, kantisch davon zu sprechen, nicht mehr als einer möglich, und der bin ich selber. Ich kam erst heute vormittag mit einem Grade des Schreckens darhinter, den ich einmal an andern observieren möchte. Ich war nämlich vergnügt über einen Traum voll Potentaten aufgestanden und hatte unter dem Anlegen der Montierungsstücke die Städte zusammengezählt, die mich lesen würden: als der Teufel einen kritischen Philosophen in die Stube führte, der – vielleicht neidisch über die Saat meiner Lorbeerwälder – mir sein System wie ätzendes Sublimat eingab und mich auf der Stelle schwächte. Er tat mir dar, der Raum und die Zeit und die Kategorien wären an und für sich oder für andere Wesen ganz und gar nichts, aber für Menschen alles, und wir erschüfen uns durch diese Denkformen die ganze Sinnenwelt (so daß wir sie sogleich darauf oder darunter empfänden) – Inzwischen bezögen sich alle diese innen von uns gemachten äußern Erscheinungen unverhofft auf wahre echte Dinge an sich, auf wirkliche, ihm ganz unbekannte X's (wiewohl nicht auszumitteln sei, wie und warum ), und er selber, als sein eigner optischer Betrug, bezöge sich auf ein solches in ihm angesessenes X, welches eben der eigentliche Granitkern und das Ich seines Ichs sei. – Aber da er von diesem ganzen Inkognito-Universum nie, auch nicht nach dem Tode, etwas oder nur so viel zu sehen bekomme, als Hogarth auf seinen Nagel zeichnen könne, so seh' er nicht ab, warum er sich um ein ewig gleich dem Nichts verstecktes Etwas, um eine ewig unsichtbare Spiegelfolie sichtbarer Gestalten im geringsten so viel wie um gute hübsche Erscheinungen scheren solle, die er doch wenigstens als solche kenne. – Gelte nun das, so behalte er keine Welt übrig als die in seinen plastischen (Denk-)Formen gebackne, nämlich die von ihm ins durchsichtige verborgne weite X gewürkten und gestickten Figuren oder Erscheinungen, worunter er mich zu stellen sich die Freiheit nehme. Ich kehrte aber auf dem Platze den Spieß um und versetzte ihn selber unter die nur in meinem Kopfe seßhaften Phänomena, die ich aus Gefälligkeit mit den Grund-, Vor- und Passerformen meiner Sinnlichkeit und meines Verstandes gestalte. Wir kamen hart hintereinander, jeder wollte der Idealist sein und den andern in seinen Sprößling und Nestling verkehren und ihn nicht außer dem Kopfe leiden – bis ich den Philosophen außer der Stube hatte, wodurch ich ihn so denken konnte, wie ich wollte. Inzwischen hatt' er mir darin in seinem idealistischen System einen häßlichen Stoßvogel des ganzen Universums dagelassen, der alles erwürgte und abrupfte – mein kritisches Basiliskenauge brachte alles in Kuhschnappel um, die Patrizier, den Venner, meinen Mietsherren, die gute Lenette, und vor einem Spiegel hätt' es mir selber zusetzen können – durch den giftigen Samielwind des Philosophen waren alle Weltteile, sogar die unentdeckten, und die regierenden Häupter in den genealogischen Verzeichnissen und ihre Hofkalkanten und alle Pupillenkollegien und die vier Fakultäten und die vier großen Monarchien und der ewige Jude samt der ewigen Judenschaft wie weggeblasen – und es blieben kaum so viele Wesen stehen, als man mit einer Nachtmütze bedecken kann, welches nur ein einziges, nämlich ich unter meiner war. Durch diesen giftigen Hüttenrauch starb auch die ganze Lesewelt bis auf einen Leser aus – sogar dem kritischen Philosophen war nicht zu helfen, und es mangelte ihm an Existenz, mich durchzugehen. – – Wahrlich dem Philosophen kanns nimmermehr wohlgehen, daß er in der tödlichen Arsenikhütte seines Lehrgebäudes mich in wenig Stunden so weit gebracht, daß ich jetzt der kurze Inbegriff und Extrakt oder das Phlegma aller verflüchtigten Leser sein muß und der Repräsentant des verdampften corpus. So sitz' ich hier und schreibe unmäßig und bin von niemand gelesen: denn ich selber habe dazu wenig Zeit und kaum genug zum Schreiben. Was mich erhält und beruhigt, sind die Rezensenten, denen zwar als unbekannten X's oder als Sachen an sich Organe zum Lesen nicht zugesprochen werden können, die aber auch keine brauchen: es ist genug, wenn sie mich öffentlich preisen und dann erst (falls sie genugsam außer mir existieren) lesen. Ich baue mich gegen ihre kleinen Dragonaden – obgleich unter allen Dingen, selber unter den schlimmen, keines so leicht ist, als sich selber verteidigen, oder so komisch oder so süß – in folgenden Verhack aus Gründen ein. Kein humoristisches Werk kann – seinen zweiten, dritten, vierten, xten Teil ausgenommen – das erstemal gefallen, sondern erst, wenn man es zum zweiten, dritten, vierten, xten Male lieset: muß nicht Swift dreimal, Hudibras neunmal, Tristram einundachtzigmal durchgelaufen werden, ehe man etwas davon goutiert? – Wenigstens einmal muß jedes launige Werk gelesen werden, wenn es affizieren soll; und ich postuliere nicht weniger. Ferner. Wenn auch die Satire viel seltener die Laster als die Narrheiten wegjagt, und beide mehr vom Markt als aus der Stube: so wirft sie doch den Lastern die zerbrochnen beschmutzten Wappenschilde vor die Füße und hängt sie in effigie und tut ihnen überhaupt so viel Schimpf und Schande an, daß ein ehrlicher Mann mit ihnen, außer im Notfall, nichts zu verkehren haben mag und sie ganz verachtet, indem er sie gebraucht. In allen Jahrhunderten hatten die Laster ihre Lehnleute, ihre Lehnlakaien, ihre Rudersklaven und Schwarzen; aber nur in den verdorbensten hatten sie ihre Parentatores, ihre Laureaten, ihre chevaliers d'honneur und Kammermohren; und es ist kein gleichgültiges Zeichen unsers jetzigen moralischen Wohlstandes, daß wir in unsern Tagen noch die Unkeuschheit z. B. völlig ebenso kühn und so oft als die Keuschheit persiflieren. Daher hat noch jeder eine sittliche und eine unsittliche Sprache, wie die Juden außer dem Christendeutsch noch ihr Judendeutsch. – Sooft ich an anatomischen Theatern der Sektion von Kinnen beiwohnte, so sah ich, daß uns der Prosektor an zwei Arten von Kinnen keine Lachmuskeln, die etwan ein Butler, Steele, Addison hätte fassen können, auszuschälen und zu zeigen vermochte, an den Kinnbacken ohne alles Barthaar und an den zu langbärtigen. Da nun an Jünglingen jene und an akademischen Lehrern diese sitzen, und da gerade beide mich rezensieren werden: so muß ich ihnen hier zugleich drohen und versprechen, um sie zum Loben wider eigne Überzeugung zu zwingen. Ich sage das: die Juden erzählen: wenn der Prophet Samuel aus einem guten Traum erwacht war, so fragt' er verneinungsweise: »Reden wohl die Träume Eitelkeiten?« – Hatt' er einen schlimmen gehabt, so sagte er und behauptete es: »Es reden wohl die Träume Eitelkeiten.« – So will ichs machen. Werd' ich von den kritischen Blättern hinlänglich gepriesen: so steck' ich sie ein und gehe zu einigen guten Freunden und frage: »Sollte denn an allen gelehrten Anzeigen nichts sein? Unmöglich: viele haben ihre Meriten; nur ziehen schlechte Autoren aus ganz begreiflichen Gründen gegen sie los und zu Feld, indes bessere sie immer achten und scheuen, so wie die Schönen, aber nicht die Fliegen vor den Spinnen wie vor Siegern laufen und ihre Gewebe schonen, da doch nur die Fliegen von ihnen gefressen werden.« – Wagt man es aber, mich in kritischen Schatten zu setzen: so geh' ich herum und sage es frei: »Ich kenn' ein wenig das Rezensiten-Wesen, und jeder danke Gott, den sie nicht loben. Wer gern für die Nachwelt einmariniert sein will, der muß den Mumien gleichen, denen man vorher das Gehirn ausnahm, und die man mit beizenden Mitteln ausrieb, eh' man sie mit wohlriechenden Spezereien die für Ewigkeit in Rauch aufhing.« So, glaub' ich, hab' ich meinen Lorbeerbaum gegen kritische Setzhasen genug bedornet und kann nun meines Weges gehen. Der Verfasser ist ein neuangehender Ehemann, und das Werk, das er hier in die Welt setzt, ist die erste rechtmäßige Frucht seiner Ehe. Und so schütt' ich denn diese gezahnten Sennesblätter in den fliehenden breiten Strom des dunkeln Lebens, bis er mein Ufer und mich selber unterwühlt und mit seinen Wellen wegzieht, und ich den Blättern und den ältesten Lesern nachschwimme. Übrigens wünsch' ich von Herzen, daß dieses eine Vorrede ist, und empfehle mich Unzähligen, will aber durch Stillschweigen nichts eingeräumt haben, sondern setze Freunden und Feinden generalia juris entgegen, reserviere mir quaevis competentia und protestiere gegen Reprotestationen. Kuhschnappel, im August 1785. Firmian Siebenkäs, zeitiger Armenadvokat. Erster Reise-Anzeiger Fata: meine Werthers-Freuden in der Ehe – meine Werthers-Leiden – das gefährliche Berühren meiner brieflichen Bundeslade – der 21ste März voll scharfem Märzstaub – der Vorsatz Werke: mein Protokoll und Nachtblatt der Schläfer Schon als ich über die erste Sehenswürdigkeit der Reichsstadt, nämlich über die Abcbrücke , ging, stellten sich die Gewissensbisse ein. »Muß denn nicht Siebenkäs denken,« (sagt' ich) »daß du mehr wegen seiner Auswahl aus des Teufels Papieren als deiner Frau halber nach Nürnberg gekommen?« – – Nichts macht den Anfang eines Buchs verdrüßlicher, als daß man darin dem Leser erst hundert Dinge notifizieren muß, die er nicht weiß; die Exposition ist ganz kurz diese: In Siebenkäsens Lebensbeschreibung macht' ich bekannt, daß er die Teufels Papiere geschrieben: viele deutsche Kreise wollten das Buch um des Menschen willen sehen, wie sonst umgekehrt; es war aber bei keinem Spezereihändler mehr zu haben. Wie man sonst in Paris vor der Erfindung des Drucks ein Buch in 200 Hefte zersetzte und es so für ein Geringes an 200 Leser auf einmal verlieh Meiners Vergleichung des Mittelalters etc. II. p. 540. : so hatte man für die Teufels-Papiere, die ihrer Satire wegen dem ernsten Publikum schwer beizubringen waren, etwas Ähnliches mit Erfolg inkaminiert: man ließ sie in den merkantilischen Zergliederungshäusern auseinandernehmen und die Satyrs (zwar nicht wie die athenischen mit Grazien, aber doch) mit Goutées und dergleichen füllen – wie man für die Kinder aus Pfefferkuchen eine Abcbrücke macht – und brachte sie völlig durch diesen Stückverkauf und unter den mannigfaltigsten stereometrischen Formen in Kurs. So setzte man in kurzem die erste Auflage ganz leicht ab. Aber an die zweite wollte der Verfasser nicht gehen: Siebenkäs ist, wie ich schon vor einigen Jahren berichtete, Inspektor in Vaduz und hat nun mehr die Werke des Teufels als die Papiere desselben in die Waschmaschine zu werfen. Noch weniger konnte ich machen, da er mir vorhielt: »Du bist daran schuld, J. P., also schreibe du sie! – Überhaupt: der Rechtsgang ist ein Gallengang, und den Steindamm der Geschäfte pflastern lauter Gallensteine – und eben darum und vor lauter Zorn kann man den Zorn nicht ästhetisch, d. h. satirisch auslassen, so wenig als der Jüngling die Liebe während seiner Liebe malen kann: erst nach dem kürzesten Tag kommt sowohl die größte Kälte als nach dem längsten die größte Wärme. Und bedenke nur, daß mich der Graf zu seinem Prozeß nach Wetzlar schickt, wo ich ganz andere Papiere vorbekomme als teuflische, und wo ich – weil dieses Amphiktyonengericht wie jede Republik nur langsame Entschlüsse fasset, und weil überhaupt die Ewigkeit a parte ante eines ewigen Kriegs vor der Ewigkeit a parte post eines ewigen Friedens ablaufen muß – so fest sitzen werde wie ein Schröpfkopf. Mit einem Wort, du, du machst die Edition!« – – Der Inspektor Siebenkäs war mitten im Hornung nach Wetzlar abgegangen, um vor diesem ersten Reichsgerichte und Reichsvikarius der Themis im Lager oder Winterquartier von 20 000 Prosessen die Zeltgasse des gräflichen Prozesses aufzusuchen und womöglich in einem Vierteljahre mobil zu machen: so spät wollt' er erst wieder zurück. Wenn ein Freund verreiset, bleibt man ungerne zu Hause, daher Kastor und Pollux die Ober- und Unterwelt miteinander bezogen. Vaduz , wo Firmian richtet und wohnt, liegt von Hof (meiner Wohnpfalz) nur einige Kanonenschüsse und darum setzt' ich mich, da ich ihn fliegen sah, auch aufs Flugbrett heraus und spannte die Flughaut auf. Können denn nicht, dacht' ich, unsere Weiber – seine Natalia und meine Hermina , mit der ich am neuen Jahre als ihr ewiger Hausfreund auf die Freundschaftsinsel der Ehe gezogen war – oder vielmehr unsere Strohwitwen (wozu die jetzigen Strohhüte, Strohgürtel und Strohbesatzungen ungemein passen), können sie nicht zusammenziehen und den ganzen Tag von ihren lieben Männern reden und fragen: wo mögen die herrlichen Seelen wohl jetzt hausen? Auch taten sie es, und noch wohnet Natalia in Hof bei meiner Hermina. Und wie leicht war mit einer kleinen Reise zugleich die zweite Auflage zu machen! Denn neue Werke kommen in Wirtshäusern und auf Straßendämmen aus gänzlichem Mangel aller Bücherschränke, dieser treibenden Glaswände, nicht fort, aber neue Editionen der alten geraten wie Flugsand und Steinflechten auf jedem Boden. Bei Firmians Papieren bestand das Verbessern ohnehin bloß in Verkleinern. Überhaupt sollten die Papiermüller für die jetzige romantische und philosophische Literatur ein Druckpapier aus Steinflachs machen, damit man eine neue gereinigte, durchaus verbesserte Auflage bloß durch die Scheidung auf dem trocknen Weg veranstaltete, indem man die alte ins Feuer würfe und dann den Asbest herauszöge. Die Schönheitslinie solcher Werke sollte steilrecht , nicht waagrecht laufen, so wie auch Eisenstäbe vertikal magnetischer wirken als horizontal; und daher stellen eben die Rezensenten gerade mit Schwabacher (der Horizontallinie im Manuskript), womit die Autoren die Schönheiten vorheben, die Fehler ans Licht. – – Ich eile nun wieder auf die Brücke zurück, wo ich schon seit acht Seiten mit Gewissensbissen stehe und auf mich warte. Ich hatte unterdessen die beiden Pyramiden der Brücke besehen, auf deren einer eine Taube und auf deren zweiter ein Doppelschnabel von Adler sitzt, der vielleicht auf die Taube stieße, besäß' er nur so wenige Schnäbel als Mägen, nämlich einen . – Man ging dann in den sogenannten Irrhain (bei Kraftshofe) spazieren. Ein anderer wäre auf die Hallerwiese oder auch in den Jüdenbühl (durch den ich schon am Morgen eingezogen war) oder der Gesellschaft wegen gar auf den Dutzendteich gegangen. Aber heute hätte mich nichts aus dem Irrgarten gebracht. In einigen der nächsten Reise-Anzeiger werden der Welt die Ursachen vorgezählt, warum ich mich gerade den ersten Tag in Nürnberg kaum auf den Beinen halten konnte; und eben diese an die Erweichung grenzende Ermattung trieb mich in den Hain: das Schwellen des Herzens wie das der Adern kommt nicht immer von Vollblütigkeit, sondern oft von Schwäche der Gefäße her. Ich wußte, daß der Irrgarten im Jahr 1644 für den sogenannten Harsdörferschen Hirten- und Blumenorden an der Pegnitz gesäet und gepflanzet wurde Der Blumenorden existiert noch in Nürnberg, ist aber, wie oft Dichter und Zeitalter, ein Frucht- und Blätterorden, nämlich eine historische und literarische Gesellschaft geworden. ; und als Kind hatt' ich oft in einem Quartanten voll Kupferstiche, den der Orden geliefert, herumgeblättert: das zog mich an. Die ersten grünen Frühlingsmonate unsers Lebens liegen in einem so dunkel-zauberischen tiefen Tempetal, in das bloß ein blauer griechischer Himmel ohne eine Sonne hineinscheinet, daß die kleine spielende Seele in dieser glänzenden Correggios-Nacht nur Engel, Silberpappeln, Sterne auf der Erde und vergrößerte, obwohl undeutliche Gestalten erblickt. Sogar der Inhalt der ersten Lektüre nimmt daher etwas vom Glanze unserer ersten Tage an. Ich wußte z. B. lange nicht, warum ich mich so sehr in den dreißigjährigen Krieg und in die Polarländer hinsehnte, bis ich herausbrachte, daß ich die schimmernde Zeit, worin ich zuerst in beide schauete, mit der trüben vermenge, die man darin verleben muß. Ebenso hat der von Maifrösten kühle und von Reifen glänzende Wonnemonat unserer Literatur, worin Gellert, Gärtner und die Belustiger des Verstandes und Witzes schrieben, für mich, für Adelung und die kursächsischen Kunstrichter ungemein viel Reiz, bloß weil wir sie als Kinder lasen und nun die Wieglebsche Magie unserer Kindheit von der Magie der deutschen nicht mehr trennen können. Je länger ich vor den grünenden Seitenlogen des Irrhains, dessen Front- und Mutterloge ein belaubtes Labyrinth war, auf- und abstrich und mich bald in jene, bald in diese Hütte setzte und daran dachte: hier saß 1644 Harsdorf, Klai und ihre Chorsänger – und je länger ich in den bedeckten Gängen, gleichsam in den Katakomben der vorigen Pegnitzschäfer ging und wieder heraus zu den wachsenden Blumen kam, die öfter aufgelegt wurden als die gedruckten des Blumenordens: desto mehr fing vor mir der Blumengarten an zu phosphoreszieren, und endlich lag er als ein himmlischer Hesperiden-Garten da, und das lichte Gewölk, durch das er oben aus der ätherischen Vergangenheit in die dicke Gegenwart hereingesunken war, hing noch merklich in leuchtenden Flocken an seinen Gipfeln. – – Meine Freuden und meine Schmerzen waren jetzt Milchbrüder und Menächmen und schwer zu unterscheiden – Gewissensbisse und Wünsche (wovon ich bald deutlicher sprechen werde) druckten ein paar Dornen mehr in meine Kopfnaht, als die Reichsstadt Nürnberg unter ihren Reichsheiligtümern Erst fünf Dornen hebt das Reich in drei Monstranzen auf, und es muß es noch erwarten, ob es die ganze Dornenkrone als Reichsinsignie erringe. aufzuzeigen hat – ein lauer Frühling streuete seine Winde und seine Sommersaat aus Blumenstaub und seine niedrigen Blumen aus – die Gärten lagen mit Saugestacheln am blauen warmen Himmel, und an den Gärten lagen wieder die Saugerüssel der Bienen. – – Solche Umstände mußten nun zusammenkommen und zusammenwirken, damit ich meinen Stockknopf ergriff und ihn abschraubte und das niedliche Reise-Schreibezeug, das ich darin führe, heraussetzte, um an meinen Firmian in Wetzlar folgenden Brief mitten im Irrhain auszufertigen:   »Du guter Siebenkäs! Hier sitz' ich und erlege das Abzugsgeld der Sehnsucht in die Invalidenkasse der Erinnerung. Wir sind nun beide in Reichsstädten. Du hast den Schleifstein in der Hand und wetzest das Themis-Schwert so laut, daß die Iltisse aus ihren Löchern gegen dich springen, wie es die kleinern bei dem Wetzen der Messer tun. Um mich hingegen stößet der Lenz in sein Oberons-Horn und spielet auf der Stangenharmonika knospender grünender Volieren und lässet das Tierreich tanzen – die Gassen stellen, als lägen sie in Neapel, musikalische Akademien von Kanarienvögeln vor, denen ich nie lieber zuhöre als im Vorbeigehen – sogar diesen Brief schreib' ich auf einer dichterisch geweihten Erde, im Irrhain der Pegnitz-Blumisten – und ich selber logiere in der Mausfalle, worin sonst, eh sie ein Wirtshaus Ich kannte das Wirtshaus schon aus Reichards Handbuch für Reisende S. 392, 2te Aufl; logierte mich aber aus Gründen hinein, die weiter unten kommen. wurde, der gute Hans Sachs auf dem Schusters- und auf Apollos Freifuß für Menschen- und Klangfüße arbeitete. Du fragst, mein Geliebter, warum dir dein Biograph, dein Herausgeber der zweiten Auflage schon heute schreibt? Eben weil er zu weich und zu glücklich ist, um es zu ertragen, daß er dir etwas verbarg oder gar – vorlog. Du sagst einmal in den Teufels Papieren: nicht das Unglück selber, sondern die dazwischenfallenden kleinen Erquickungen und Hoffnungen zersetzen und entnerven den festen Mut, so wie nicht der harte Winter, sondern die warmen Tage, die ihn ablösen, die Gewächse aufreiben. Aber, Lieber, so ist uns auch umgekehrt mitten in der warmen Freude das kalte Anschnauben des windigen Schicksals am schädlichsten, wie Personen im Sonnenschein auf den Gletschern das plötzliche Blasen der Eisspalten. Ein einziger Gewissensvorwurf macht im Sonnenschein der Freude eine Sonnenfinsternis und in der Nacht des Leidens gar eine Mondfinsternis. Höre mir zu! Es war erstlich nur eine halbe Wahrheit oder ein Halbroman, daß ich meine Fußreise bloß deshalb angetreten hätte, um von deinen Teufels Papieren unterwegs eine umgearbeitete Edition zu besorgen: – – nein, meine Frau ist am Reisen mit schuld; und über diese erleid' ich den zweiten Vorwurf. – Es muß dir recht ausführlich berichtet werden. Du erinnerst dich noch des letzten schönen Abends vor deiner Abreise, da du bei uns warst – schon der ganze Tag, obgleich mitten im Februar, war ein Vorsabbat des Frühlings, dessen glänzender Vorgrund oft der Kotmonat ist, indes der sogenannte Wonnemonat bloß einen schmutzigen Hintergrund formiert – du weißt, daß wir deinetwegen nicht in die Redoute gingen und die poetischen Freiheiten zu Hause allen Maskenfreiheiten vorzogen – und endlich weißt du, daß Hermina und ich von dir einen beklommenen weinenden Abschied nahmen, als verreisetest du ins Heilige Grab oder gar in deines. Dazu kam nun noch das Musizieren. Ich halte es selber für besser, eine Abendvisite mit Musik nicht zu beginnen, noch zu unterbrechen, sondern zu beschließen. Musiziert man früher als zuletzt, so werden entweder die kleinen Bewegungen der Visitenzungen von den großen des Herzens aufgehoben, oder diese von jenen. Hingegen gibt man, wie der Schwan, nur dem Ende einen Konduktgesang: so gehen die Menschen mit süßen Seufzern auseinander und kommen an der Hand des Schlafs mit der Brust voll Träume unverändert in das Land der Träume. – – Aber mit welchem Abendgeläute des innern Nachklangs und mit welcher Fülle der Sehnsucht ließest du uns beide im stillen Zimmer zurück! Ich stellte mich ans Fenster vor das grüne Gewölbe der Mondnacht; Hermina räumte selber schnell auf und kam bald nach. Man sollte für Seelen von zarter und warmer Empfindung, mithin für die weiblichen nur die Minuten auslesen und aufheben, worin man selber wärmer und zärter empfindet als sonst, wie man die empfindlichen Kanarienvögel nur mit warmen Händen anzufassen hat. Ich versäume das nie. – Der Mond brannte wie ein unterirdischer Schatz noch halb in der Erde, und schwebend wurd' er von den Sternen über ihm ins Himmelblau hinaufgezogen. Aus den Tälern und aus den Schatten quoll weißer Dunst, und die Nebelbänke wankten auf dem Strome und sogen wie Diamanten den Schimmer ein und wuchsen endlich glänzend und blitzend auf zu Hügelketten. 'Wie kommt es,' – fragte Hermina nach ihrer bescheidnen Sitte, ihre Bemerkungen in Fragen aufzulösen – 'daß in der Nacht nicht nur unsere Erinnerungen, sondern auch unsere Hoffnungen erwachen, sogar der Mut?' – Firmian, du kannst so gut wie ich sagen: warum soll denn bei dem Weibe das Denken das Lieben, das Licht die Wärme ausschließen? Vertragen sich nicht bei dem Manne Kopf und Herz – gleichsam die Sonne und der Mond – an einem Himmel? – – 'Hermine!' (sagt' ich begeistert) 'in der Nacht tritt die zweite Welt in Gestalt der gestirnten Unermeßlichkeit näher an das einsame Herz und zeigt ihm in dem Tag der fremden Welten den künftigen ewigen seiner Welt; von der kleinen Erde fallen alle Reize ab, aber die Edelsteine unsers Wesens werfen dann, wie Lichtmagnete, in der Finsternis einen vergrößerten Glanz – wir gleichen der Wunderblume, die in der alten Welt nur nachts ihre Blüten auftut, weil es dann in der neuen tagt, die ihre Heimat ist. – Sieh, Hermine, so wenig braucht unser Herz um sich, und es ist am größten, wenn es am einsamsten ist.' – Vielleicht mißverstand sie meine letzten Worte oder ich ihre erste Frage oder auch ihre jetzige verklärte Miene: ihr Auge sank schwer auf die wandelnden flimmernden Nebelberge und ruhte sinnend und feucht in ihnen. – Ach du kennst ja an deiner Natalia dieses weibliche Vergleichen der Hoffnungen mit der Gegenwart, des Herzens mit dem Leben; und für welche schöne Seele war nicht die Zukunft ein Eisberg, auf dem sie in der Ferne warmes Abendrot und spielende Tulpenfarben liegen sah und an dem sie in der bleichen Nähe erstarrte? Ich sagte zu ihr: 'Ich weiß, was du denkst, Hermine.' Ihr Auge hob sich an den Mond, aber sie gab mir ihre Hand. 'Du denkst' (fuhr ich fort) 'vor diesem weißen Gewölke der Erde an das, was unser Firmian sagt: das Schicksal gab allen menschlichen Wesen auf dem Wege zum Grabe eine Wolke zur Hülle; jedes geht mit einer andern umzogen. Über und durch sie blickt keiner, und sie lagert sich beständig zwischen ihm und der Wahrheit. Geht er mit ihr durch einen Schatten: so hält er sie für eine Wetterwolke oder für eine Winternacht mitten im weiten Sonnenschein der Natur. Tritt er mit ihr wieder in den Glanz heraus, daß sie wie Abendröte glimmt und ihn umleuchtet: so ist er glücklich, und er freuet sich, wie es in dem Wolkenhimmel so schön untereinander wallet und flimmert, und sieht die bemalten treibenden Dunstkügelchen für Erd- und Himmelsgloben an. So kommt er mit ihr an das weite Grab, in das sich der Wasserfall des herabziehenden Menschengeschlechts verstaubt und das ihre blinkenden Dünste überdecken – betöret tritt er hinunter und fället aus der liegenden Wolke in die Nacht, ohne in die ausgebreiteten lichten Gefilde der Wahrheit gesehen zu haben. – – Ach, Hermine, Gott geb' uns transparente Altarwolken.' – 'Und wie könnten wir auch das alles schon wissen,' antwortete sie, 'wenn wir nicht schon durch einige durchbrochene Fugen der Wolke sehen könnten! Das wars eben, was ich vorhin dachte, lieber J. P.: das Leben wird wie die Träume gegen Morgen immer klärer und geordneter und rückt weiter auseinander, je länger es währt und je näher sein Ende ist. Im Alter kann es wohl keine Täuschungen mehr geben, es müßten denn – traurige sein.' – – Jedes ihrer Worte quoll in meinem Innern auf und macht' es eng und voll: ich schauete sie an, diese Seele, die neben den kleinen Foderungen der Gegenwart die großen der Zukunft befriedigt, und die weder die Erde noch den Himmel vergisset, gleich dem Monde, der zugleich um die kotige Erde läuft und um die ferne reine Sonne zieht: da stand auf ihrem Angesicht jene höhere Schönheit, welche der Widerschein betender Gedanken ist oder der herabfallende Glanz der erhabnen Gegend, wohin wir aufschauen – wie in der römischen Rotunda alle Gestalten unter dem bloß von oben niederkommenden Lichte schöner werden. Hermine zeigte schweigend auf die Schönheiten der Nacht. Die Wellen des Stromes und die langen Lämmerwolken des Himmels hingen immer Lichter wie silberne Ketten um die Finsternis. Der Winter war gleichsam von den grünen Saaten und aus den dunkeln Bächen aufgezogen und streckte sich ruhend auf den weißen Gipfeln der Wälder und Berge aus – unten auf dem Strome und auf den Auen und zwischen den Ästen spielten die weißen Sommerwolken des Nebels – der Mond schauete aus einem höhern Himmel, gleichsam als hätt' er den silbernen Nebel wie einen flatternden Schleier auf die Erde geworfen, frei und rein in unsere stille Kugel nieder – – Plötzlich lag ein zweiter Mond auf der Erde, von den Frühlingswassern einer Wiese nachgemalt, und es schien, als hätte die Mitternachtssonne unter ihr die Rinde durchschmolzen und durchdrungen und schimmere aus dem zweiten fernen Himmel voll Liebe zu uns herauf. 'O wie himmlisch, wie himmlisch!' sagt' ich, als ihn plötzlich der schwimmende Nebel überbauete. 'Sieh, wie ein blasses Menschenherz lag er in seiner Erde und hat nun seinen Hügel', sagte sie weinend, und eine mir unbekannte Erinnerung entwickelte ihre Schmerzen in Herminen: ich achte alles an ihr, sogar den Kummer, den ich nicht zerteilen, und die Vergangenheit, die ich nicht erraten kann. O Firmian, was hat der Mensch gerade in der Minute, wo er sein Herz und alle seine Himmel so freudig auf den Opferaltar für ein geliebtes Wesen legen möchte, was hat er gerade in dieser größten Minute mehr zu geben als Worte, als verflatternde Worte ohne Gehalt? Ja, er kann etwas Höheres, das Höchste kann er geben durch die Worte, die erhabene Aufrichtigkeit, die der Liebe gehört. O Geliebter, du weißt es gewiß auch, in welcher unvergeßlichen Stunde die liebestrunkne Seele aus Liebe die Liebe hinwagt und vor der teuersten alle Vorhänge der Vergangenheit und des Innersten zerreißet und saget: so war ich, so bin ich, aber ich liebe dich ewig, und wenn ich dich verliere, so lieb' ich dich ewig. Ich führte sie jetzt gleichsam in meinem Herzen herum und zeigte ihr seine ganze Vergangenheit, seine Fehler und seine Träume und seine Ruinen. Drangen jetzt nicht lichtere Sterne hinter den Wäldern herauf? Sank nicht der hellere Mond aus seinem Himmel liebend gegen die Erde zu, die ihm eine wallende Lilienlagerstätte aus glänzendem Dufte unterbreitete? Ging nicht mein Geist, wie ein Gestirn, immer höher an seinem Himmel hinauf? – Auf einmal wurde Hermine bleich – unter uns wandelte eine schlanke männliche, weißgekleidete Maske vorbei, gleichsam ein im Leichenkleide zurückkehrender Scheintoter – Hermine ging weg und kam mit einem Briefe zurück – sie gab ihn mir: 'Weiter hab' ich nichts', sagte sie und weinte sanft an mir, als ich las. Gerade in dieser Nacht hatte sie vor drei Jahren einen schönen, aber kränklichen Jüngling in derselben Maskenkleidung, die wir gesehen hatten, zum ersten- und zum letztenmal erblickt: ein nächtlicher Ritt durch den angeschwollenen Fluß hatte ihn aus dem Tanzsaale auf dem Umwege weniger Wochen in die Eisgrube des Todes hinabgeführt; und nach seinem Versinken ist ihr eben dieser an sie überschriebne Brief, den sie mir geliehen, als der letzte Nachklang der verstummten Brust gegeben worden. Als ich das heilige Blatt trauernd überlesen hatte: nahm sie es, ohne es mehr anzusehen, und ließ es am Lichte mit festen Augen verlodern. 'Aber du', sagte sie, 'sollst nichts verbrennen, was ich morgen lese.' Sie sank erschüttert an mich, und jetzt erst zerfloß das Auge und das Herz in die Tränen, die es leichter machten. Die Erdkugel wölkte sich jetzt ein wie eine zerspringende Dampfkugel – der Leichenschleier des Nebels schwoll aufgebläht an den Mond hinan und verhing Himmel und Erde weiß – aber hinter der blassen Nacht gingen laut die frohen Töne und Tänze der Menschen fort. Und ich erwiderte jeden Schmerz Herminens und weinte an ihrem nassen Augenlide; aber was hätt' ich sagen können? – Ach Firmian, die glänzende weiche Stunde tritt wieder zu nahe vor mein Herz, und es wird mir zu schwer, fortzufahren. Nie, du Guter, sei in deinem Leben und Herzen ein Wölkchen, das größer ist als das, was der helle Diamant einschließet! – J. P.« * Nach einigen peripatetischen Stunden unter dem von Vögeln mit Sphärenmusik gefüllten Frühlingshimmel war ich imstande, die Nachschrift zum vorigen Briefe aus dem zurückgestimmten Herzen nachzuliefern.   Nachschrift. »Lieber Firmian! Die Zeit formet uns mehr um als der Ort . Es geht mir im Schreiben wie im Handeln: vor Enthusiasmus überschreiet man sich bei der besten Stimme. Der Aschermittwoch nach der epischen Nacht besäete mich mit Asche und vielleicht mit einigen darin nachglimmenden Kohlen: das ists, was ich dir noch zu berichten habe, und was eigentlich die Ursache meines Briefes und meiner – Reise ist. Der schöne Brief des zerstörten Jünglings und Herminens beklommene Erinnerung an seinen letzten freudigen Abend bewegte und neigte in meiner Seele die Sonnenblume der Liebe bloß noch näher gegen die Gute zu: ich wollt' eher die ganze Blume gar nicht in meinem Flore haben, eh ich so toll wäre – wie tausende –, daß ich foderte, eine geliebte Seele soll mir zehn Jahre früher treu sein als gut, sie soll ihre Liebe vorrätig zurücklegen für eine ungeborne. Hingegen da ich Herminen am Tage darauf – um ihr das ganze Geheimhauptbuch meines Lebens offen vorzulegen – die Bundeslade meiner weiblichen Korrespondenz getragen brachte und da sie in einer und der andern Briefschaft geblättert hatte: so machte sie die Lade langsam wieder zu und wollte nichts mehr lesen. Die korrespondierenden Mitglieder sprechen alle von Freundschaft; aber kurz ein innerer harter Druck hatte in ihr nacktes Herz schon einige Quetschwunden gemacht, eh ich nur Blut sah. – – Ich hatte freilich zwei der wichtigsten Fehltritte getan. Erstlich sollte ein Ladenvater die schön verzierte Bundeslade voll Schaubrote höchstens der Braut aufsperren, aber nicht der Frau: jene lässet sich, wie ein Leser, jede Exposition im ersten Kapitel gefallen, diese leidet wie er nichts Neues in den folgenden Kapiteln. – Zweitens hätt' ich nach diesem Fehltritt nicht den zweiten machen, sondern mit ihr den Schrift- und Reliquienkästen schon an demselben Abend, wo sie mir ihr einziges Zettelkästchen gab, durchlaufen sollen: im Enthusiasmus legen wir die Hand an unser Herz und die andere auf den fremden Kopf und sprechen weinend los. Ich stand jetzt an einem fatalen Herisson oder Schlagbaum mit Stacheln. Aufbauen durch Sprechen ist stets hier mißlich: aus den Gassen des zerstörten himmlischen Jerusalems, die man aufzustellen denkt, springt leicht Feuer. Auch präsumier' ich, daß die Weiber zu einer Zeit, wo sie gern Kreide essen, leicht mit doppelter schreiben; und daß die Zeit da sei, präsumiert' ich auch. Die ganze Sache und Wunde bloß der Bandagistin, der Zeit, zu übergeben, kostet – da diese erst aus vielen kleinen Minuten den Verband zusammenwebt, oder die Scharpie auszupft – außer der Zeit oft noch etwas Besseres. Und wer möchte, Firmian, einem so engen einschraubenden Verhältnis sein halbes Schicksal oder gar das einer geliebten Seele anvertrauen, für die ohnehin ein erkrankender Körper mehr das innen mit Nägeln besteckte Regulus-Faß als eine frohe Diogenes-Tonne ist, und das noch dazu jetzt zur Saatzeit, wo sie das schönste Wetter des Lebens um sich haben sollte und alle Freuden, malerische, melodische, poetische und die höchsten? – Hermine handelte und sprach zwar wie sonst und schwieg über den Rest, aber diese Meerstille war für mich – zwar nicht das Anzeichen des Sturms, aber doch – dieser selber. Und jetzt zog noch dazu deine gute Natalie bei uns ein und machte Herminens Schweigen größer und meines unvermeidlicher. Noch immer stellt' ich mir vor, ich würde zu Hause bleiben und in Hof deine Teufels Papiere emendieren; ja ich arbeitete da sogar deine Satire S. 343 Erzählung dessen, was ich einige Schlafende reden hören . um, die ich wundershalber beischließe. In dieser Lage erschien Frühlings-Anfang – aber nur im meteorologischen Sinn –, der, wie du dich aus dem ersten Teile deiner Biographie erinnerst, zugleich mein eigner ist. Hermine konnte noch nicht wissen, daß ich und das Frühlings-Äquinoktium denselben Geburtstag haben, aber ich brachte die Anzeige desselben mit aller Mühe nicht aus mir heraus. Ich hatte auf den ersten Geburtstag in meinem Ehestand ungemein gezählt – die Nachtgedanken, die man daran oft hat, sollte Hermine, hofft' ich, wie Billington die Youngischen, in Musik setzen – gegen Abend wollt' ich (nach meiner Rechnung) alles aufs höchste treiben und in die drei Himmel auf einmal hineingehen und hineingreifen, in den Lufthimmel der hiesigen Lust, in den Sternenhimmel der Unsterblichkeit und in den Freudenhimmel der gerührten Liebe – – – Beim Himmel! ich konnte kaum in den Lufthimmel hinein! Ich trug den ganzen Tag hinter meiner Brust ein widereinanderschreiendes Babel von Liebe, von Ärgernis über mich, über jeden, über den versalzten Tag, und von Rührung herum. Den ganzen Tag stellt' ich mir nur Herminen und ihr Herz voll Geduld und Liebe vor und alle ihre schönen Gedanken und sah immer ihrer langen Gestalt und ihrem langen Haare, bis sie aus der Türe war, sehnsüchtig und sprachlos nach – jedes seelenvolle Wort zu deiner Natalie, jeder frohe Ausruf über den blauen Vergißmeinnichttag kam mir neu, wichtig und schöner vor – und ich schilderte mirs ab (und zerfloß in Liebe –), mit welcher großen Erwärmung und Erhebung und Eröffnung ihres edlen Herzens (das wußt' ich gewiß) sie das Ansagen der Geburtsfeier empfangen würde – – – aber eben darum, da eine solche Ansage zu sehr den Schein der geistigen Gewinnsucht und einer zwingenden Bittschrift haben konnte, regt' ich (ob ich gleich nur im ersten Teil deiner Biographie hinten meinen Geburtsschein, nämlich das Fruchtstück , als zufällig aufgeblättert hinlegen konnte) weder Finger noch Mund. Hermine war in mir der Engel, und ich der ringende Jakob, der sich die Glieder ausrenkte. Ein ganz fataler Tag! – Inzwischen war der folgende ärger. Wenn der Festtag vergeblich am versperrten Herzen rüttelte, so macht der Wochen- und Postfesttag darauf es mit neuen Nachtschrauben noch fester zu. Ich versucht' es sogar, in der Wärme, die ich hatte, einige Zuckersäuere anzusetzen, und ging im Kopfe den wie der Briefsteller zu Asche gewordnen Nachlaß des armen Jünglings etwas aufmerksam durch. Aber ich schämte mich bald der Untreue an – meinen Grundsätzen: 'Sei doch vernünftig' (sagt' ich hitzig zu mir) 'und bedenke, daß im jetzigen Säkul kein Mensch mehr in der ersten Liebe heiratet, sondern jeder erst in der vierten, zehnten, vierzigsten, und daß keiner mehr eine einsitzige und einschläferige Herzkammer aufzumachen hat – bloß transzendente Witwer wechseln mit transzendenten Witwen jetzt Ringe, sag' ich dir.' Jetzt stand mir zu meiner Heilung nur ein Ausweg offen – das Tor: kurz das beste Errettungsmittel schien mir zu sein, auf und davon zu laufen und recht bald wiederzukommen. Denn die Entfernung des Ortes löset an Menschen, wie an Bühnendekorationen, die harten Striche in Schönheitslinien und die Kleckse in Laubwerk auf; der Abwesende ist ein Toter, den unser lossprechendes Herz verklärt und der selig wird, wenn er wieder aufersteht. Am grünen Donnerstag, als abends die Frühlingserde um uns dampfte und wir wieder ohne Nachtlicht, bloß vor der Abendröte soupierten und die Gassenkinder und die Spatzen lauter schrien, wurd' ich den alten Wanderungstrieb, der mich allezeit im Frühjahr (Vögel aber im Herbst) in meinem oben weichgefütterten Wachtelbauer ergreift, in einer solchen Stärke (zumal in einer solchen Passionswoche ) in mir gewahr, daß ich das erste beste Posthorn, in das einer aus einem Stalle blies, als eine Gelegenheit vom Zaun ergriff, um beiden Weibern zu melden, in wenigen Tagen dürft' ich mich gleichfalls aufmachen und ein wenig in Nürnberg einsprechen, weil ich nirgends bequemer und besser die zweite Auflage von des Teufels Papieren zu besorgen wüßte als auf Reisen. Hermine sah mich mit einem erschrocknen großen Auge an, das eine Terzie lang fragte und sogleich (von eignen Seufzern beantwortet) tief bezogen untersank. Deine liebe prophetische Natalie sagte zum Ablenken: 'So machen sich die Männer alles bequem: sie richten die Uhren (die Umstände) nach ihren Gängen, und wir arme Weiber richten unsere Gänge nach den Uhren.' – 'Desto besser für sie und für uns', sagte Hermina so ergeben – Firmian, wär' ich allein gewesen, ich hätte mich an ihr gedrücktes Herz gestürzt und meines verklagt und aufgerissen. Auch hätt' ich das jetzt – da dem innern bösen Gott ein paar Lichter mehr angezündet waren durch die Ansage des Abmarsches als dem guten – viel leichter gekonnt; und ich kam immer näher zur Einsicht, daß ihr die obige Bundeslade nur einige Freuden genommen, und keine, keine Liebe. Ach ihr lieben Wesen tragt ja fast in jedem Nervenknoten ein Herz und habt, wie das bewegliche Meer, immer gleiche Temperatur, indes auf unserem festen Lande alle Zonen abwechseln! Ich wollte, wir Männer wären Engel, wenigstens ich. – Da Herminens Augen glänzten – aber nicht von Freude –, fingen Nataliens ihre sympathetisch auch zu schimmern an, und Natalie suchte sich und die Freundin hinter dem ihr eigenen trotzigen Spott über uns Männer zu verstecken und schlug statt des donnerstägigen heiligen Fußwaschens an Höfen das stärkende Waschen der männlichen Köpfe vor. – – Beiläufig! Erst am zweiten Ostertag wurde ich in Streitberg vor die wahre Vauclusens-Quelle der Rührung Herminens geführt und – du wirst auch noch an diese Quelle gebracht. Aber nun wurd' ich über alles so irre – und so hart –, und ich stand so fern, daß ich aus den allmählich zusammenrückenden Zügen des Ernstes nicht eine Leidensgeschichte, sondern ein weibliches Kriegsgebet herauslas. Kurz statt der Osterbeichte, statt des Osterfestes griff ich an Ostersonntage zum Wanderstab: ich brauche dir nichts weite von der Reise zu erzählen, denn in der Ostermesse bekommst du sie in der zweiten Auflage deiner teuflischen Papiere ohnehin zu lesen. Lebe so gesund und lang, als wärest du ein Reichskammergerichtsprozeß! J. P.   N. S. Hier ist eine umgearbeitete Satire zur Probe. Ich muß eilen: die Verlagshandlung hat deine Teufels Papiere schon im Intelligenzblatt der Literaturzeitung auf Ostern der Welt versprochen.« Mein Protokoll und Nachtblatt der Schläfer. Haller beweiset, daß man so lange nicht höre, als man gähne: daher ist die große Welt in jedem Sinne ebenso taub als schläferig, sie hat zwar ein musikalisches, aber auch ein schweres Gehör. Da ich in meiner Kindheit keine Hauben um die Ohren litt: so kann ich sie gleich einem Wilden bewegen und spitzen wie ein Pferd und höre trefflich, indessen das gehaubte Publikum seine Ohren so wenig, als wären sie von Silber, falten kann. – Jedes Wort, das die Leute im Schlafe sprechen, fährt mir wie einer Fledermaus ins Ohr, wenn ich nachts auf der Gasse vor den Sprachgittern der Schlafkammern vorbeigehe. Oft fället es einem zur Last, wenn eine ganze schlafende Hauptgasse auf einmal spricht. Um für die taube Welt sogar mit meinen Gehörknochen zu arbeiten, bracht' ich um 1 Uhr in einer schönen Sommernacht das Erheblichste, was ich die Schläfer sagen hören, praeter propter zu Papier. Den Tag darauf wurde gerade der Geburtstag des Landesherrn gefeiert. Vorher merk' ich zwei Dinge an. Erstlich die Todsünden, die Simonien, Meineide und Blutschulden, die ich im Beichtstuhl der Gasse erfuhr, verleib' ich meinem Nachtblatt – so sehr sie es zieren möchten – ein für allemal nicht ein: ich steckte ja die Stadt in Kriegsflammen und läutete mit meiner Türkenglocke Generalstürme, Dragonaden, Approchen gegen den Hof, Kontraapprochen des Hofs gegen die Stadt und Lusttreffen in den Familien ein. – – Gott bewahre! Verfahr' ich nicht zehnmal gewissenhafter, wenn ich diese babylonische Turm-Baute oder vielmehr deren Einreißung verhüte und lieber den Jesuiten folge, die niemals das, was das Beichtkind bekannte, eröffnen, sondern nur, wenn man schärfer in sie dringt, das offenbaren, was es nicht beichtete? – So flattert auch die Nachtigall um die Stellen, wo sie kein Nest hat, schreiend herum, schweigt aber plötzlich an der, wo es ist, um es nicht zu verraten. Ich würde mir z. B. kein Bedenken machen, es allgemein auszubringen, daß der Minister nichts vom Gießen und Anbrennen der Wachsfackel der Aufklärung – dieses fatalen Grubenlichts , das oft den ganzen Schwaden moralischer Giftdämpfe entzündet – im Schlaf gesprochen habe; aber für unbesonnen würd' ich es halten, es publik zu machen, ob er von der Krone als bonsoir oder Lichttöter der Fackel etwas geäußert. – Zweitens freu' ich mich, daß ich hier Gelegenheit habe, die deutsche Nation auf die Zensur- und Sprechfreiheit aufmerksam zu machen, die sie allgemein genießet, wenn sie im Bette ist und im Schlafe spricht. Die Schriftsteller, die so häufig über das Zensur-Nestelknüpfen des Geistes, über das ewig-offne Dionysius-Ohr Bekanntlich ein oben zu einem Trichter zugespitztes Gefängnis, das wie ein Hörrohr dem Dionysius alle Klagen der Gefangnen sagte. der Großen klagen – indes diese ihre andern Ohren vor dem tausendzüngigen Elend zuhalten und ebenso viele taube als stumme Sünden begehen –, diese Skribenten können unmöglich daran gedacht haben, daß der Reichsbürger gerade die Hälfte seines Lebens, nämlich die Nächte durch, wornach ja sonst der Teuton rechnete, unter der Bettdecke die freiesten Religionsübungen hat, daß er hinter dem Bettvorhange, ohne die geringste Gefahr vor stechenden Mouchards oder Traum-Fiskalen, alles ungehindert sagen kann, was er über die wichtigern Gegenstände der Menschheit etwan denkt. In den Gassen sind keine Schlaf-Denunzianten mit guten Ohren verteilt, welche etwan den semperfreien Bürger behorchten, wenn er im Hemde ist, und die am Morgen darauf ein Reichsnachtsjournal seiner Träume ablieferten: nein, hat er einmal die Augen zu, so soll und darf er mit eignen sehen, gleichsam als wenn das Bettuch oder die Matratze die britische Küste sein sollte, die den Neger emanzipiert. Ich habe oft die hohe Geistlichkeit hinter dem Bettschirm Meinungen äußern hören, die in keinem Freistaat am Tage geduldet würden – der Schwur auf symbolische Bücher, das schema examinandi, das Edikt vom 9ten Jul. wollen sich gar nicht auf die Gardinenpredigten erstrecken – die verbotensten Bücher werden in Wien auf dem Kopfkissen zu lesen und zu machen (welches im Traume eins ist) erlaubt. – – Auf diese Freiheit tue der Deutsche groß, und er erkenn' es, daß die Schlafmütze seine Freiheitsmütze ist. – Mein Nachtblatt ist folgendes: Als ich aus meinem Hause trat, hört' ich zehn Schritte weit nichts als eben diese und ein paar Sphären der schönen Nacht. – Im Hause des Kommendanten hört' ich einige zu undeutliche Flüche, es ist mir unbekannt, tat er sie selber oder sein Kerl. Im untersten Zimmer saßen ein paar eingeschlafne Kammerherren einander in zwei Wachsesseln (Veilleuses) gegenüber und wünschten – wahrscheinlich kam ihnen der Geburtstag ihres Herrn im Traume vor –, daß er den Hals bräche. Im rechten Flügel (ich sprach bisher vom linken) hielt der kleine Erbprinz eine deutsche Anrede an seinen Herrn Vater. Ich will aus Liebe annehmen, daß ers im Schlafe getan – und ich wollte darauf schwören, da er wachend wissen müßte, daß man mit Menschen wie mit Hunden nur französisch spricht –; aber den Oberhofmeister mach' ich aufmerksam, daß er bei seiner Cyropädie auch auf eine anständige ausländische Sprache des kleinen Moguls im Schlafe acht gebe. Im prächtigen Nebengebäude hört' ich ein herrliches Englische, das ich dem Papagei zuschrieb, den der englische Gesandte der Frau des Hauses geschenket hatte; aber der Herr des Hauses hatte diesem gefederten Thersites und Denunzianten einen kurzen Injurienprozeß gemacht und dem Zoilus den Kopf abgedreht. Seine Frau hatt' ich gehört. Ich unterdrücke gern das, was eine sogenannte philosophische Dame drei Häuser weiter sprach, um die Schamhaftigkeit meiner männlichen Leser zu schonen. Zwei Kantianer, ein Paar junge Leute, sahen aus einer Mansarde disputierend heraus, hielten aber ihr polemisches Vesperturnier leise und sanft, um sich nicht einander aufzuwecken. Es ist schön, daß der Mensch gerade in den jungen wilden Jahren, wo er am wenigsten systematisch handelt, am leichtesten neue Systeme, ohne sie zu verändern und zu kastrieren, aufnimmt; so bemerkt Sydenham, daß der Veitstanz, den er den Würmern beimisset, gerade Personen ergreife, die noch nicht mannbar sind; so verwarf Belling, der Kommandeur der schwarzen Husaren, Rekruten, die schon bärtig waren; so mußten die Priesterin des pythischen Orakels und die Sänger des säkularischen Jubelgesangs durchaus ordentliche wahre Kinder sein. »Porto und der Teufel!« rief der Sammler einer Monatsschrift im Eckhaus; aber hatte denn der wunderliche Heilige nicht die unfrankierten Briefe, die er im Traume erbrach, selber geschrieben? Und wurd' ihm von dem Verleger nicht die Auslage wieder erstattet, als er erwachte? Ein alter Ratsherr (der Mietsherr des Sammlers) votierte in seiner Schlafkammer, als säß' er auf dem Rathause und urteilte über die wichtigsten Dinge. es ist nur sonderbar, daß er der Session am andern Tage selber erzählte, ihm habe geträumt, er schliefe. Nun ging ich vor dem Gasthofe zum Teufel vorbei: im ersten Stockwerk (auf dem Stroh) beteten, im zweiten (auf Federn) fluchten die Schläfer. Im fünften vorne heraus parlierte einer, den ich für den neuen Sprachmeister des Gymnasiums nahm; aber am andern Tage fuhr Herr von Kempele mit seiner linguistischen Sprachmaschine ab. Im vierten referierte ein Kammergerichtsassessor aus Wetzlar dem geträumten Reichsgericht einen dreißigjährigen Krieg rechtens. »Mehr als Roman – kein Roman – leider doch nur Roman – weder Roman noch Journal – Halbroman – diese Titel waren ja doch bei Gott schon alle da, Herr!« – sagte der Verleger zu dem Autor, von dem er träumte. »Gut Freund!« sagte selber die Schildwache im Schilderhause, welche mich im Schlafe für eine hielt und dachte, ich fragte: wer da? »Opium, Opium!« rief unser schlummernder Landesherr in einem Lusthaus und Dormitorium des Publikums, das viele lieber besuchen als benennen. Erst einige Monate nachher erfuhr ich, daß jetzt die Großen anfangen, der Gehirn- und Rückenmarksdörre ihres zerstörten welken Geistes durch den türkischen Metallreiz des Opiums wenigstens die Zuckungen eines momentanen Lebens abzulocken. Ich hätte wenig vom Lust- und Raubhaus und vom Fürsten herausgebracht ohne den eingeschlafnen Kammerdiener, der bei seinem Herrn den Nomenklator der Untertaninnen, die zu regieren waren, samt dem Sachregister machte. Fürsten, die das Land und das Vergnügen lieben und die sich nicht verbergen, wie wenig die nicht geräumige Spitze des Thrones eine große Familie gut fasse oder wie wenig die Landeskassen große Apanagengelder, Fürsten von solcher Einsicht springen gern vom Wipfel des Thrones auf dessen breitere Stufen hernieder, um darauf weniger ihre Ebenbilder als ihre Landeskinder zu vermehren und zurückzulassen: völlig der Lerche gleich, deren Flug und Sang in der Höhe und deren Nest in einer schmutzigen Furche ist, oder auch dem Johanniswürmchen, das herunterfliegt auf sein ungeflügeltes und an den Boden geleimtes Weibchen. Im Waisenhause war eine allgemeine Klage über den Spitzbuben von Vorsteher: woraus ich den allgemeinen Schlaf ersah; denn wachend ist man mit ihm zufrieden; auch schlägt er die Unzufriedenen tot. Ich kam wieder vor meiner Wohnung vorbei, wo mein Staats- und Ladendiener vor dem Lichte schlief und auf mich wartete: er hinterbrachte den Meinigen ganz kurz mein frühzeitiges Ableben und beantwortete die Kondolenz gut genug. Zu meinem Erstaunen stammelte er nicht – er wiedergebiert sonst jedes Wort –; ich will aber dieses Phänomen den Philosophen ganz unerklärt zuwerfen, damit sie etwas davon haben. Eine ganze Gasse lag stumm hinab wie ein Gottesacker. – Im Rücken des letzten Hauses war jemand auf jenem umgekehrten Rauchfang und Isolierschemel eingeschlafen, der wenig genannt wird – außer von den Ärzten, deren Objektenträger er ist – und auf dem, wie Swift anmerkt, der Mensch am ernsthaftesten aussieht – wiewohl er meines Bedünkens ebensowenig lacht, wenn man ihn balbiert –: das schlafende Wesen (Mitarbeiter an recht guten Journalen) beurteilte die Romane mit Nachsicht, mit welchen in der Hand es eingeschlafen war und die von ihren Fischbeinreißern , den Lesern, ordentlich wie Fürsten nur in sezierten Gliedern der Erde übergeben werden, wovon sie genommen sind. Es hat mich oft gefreuet, daß die deutschen Romane jene unsichtbare Kirchen oder Filiale, die man in großen Gärten bald in einen hölzernen Obeliskus, bald in ein Monument, bald in ein Wasserhaus, bald in einen ausgehöhlten Holzstoß verkleidet, im literarischen Lustgarten unter ebenso niedlichen typographischen Einkleidungen vorstellen, man mag nun den Inhalt oder den Gebrauch von beiden oder auch das vergleichen, daß die gebaueten die Re- und Korrelationssäle der gedruckten sind. Im Hause einer vornehmen Witwe hielt ein verwitibter Vesperprediger eine gute Trauungsrede im Schlafe: der Trauredner foderte zu tausend Tugenden und zu den reinsten Sitten auf; ich nenne ihn aber aus Schonung nie. Die Tragiker und die Inquisiten stellen sich gern wahnsinnig an, beide, um ihre Richter zu bestechen. Ich weiß also nicht, wars ein Poet, der ein englisches Trauerspiel machte, oder ein Akteur, der es memorierte, oder ein physischer echter Narr, den ich aus der Dachstube herunter hörte – und ich wollte, ich hätte deswegen das ganze Haus aufgeweckt. Ebenso kann in der Dachkammer zwar ein träumender Hund, aber ebensogut ein träumender Versemacher gebollen haben, der seine Verse, worin jetzt Tierstimmen so künstlich wie die Menschenstimme in der Orgel eingebauet werden, einem freundschaftlichen Zirkel – der darüber nicht einschlief, weil er gar nicht existierte – vorzudeklamieren wagte. Ich kam vor dem Postwagen vorüber, worauf ein unter dem Abpacken in Schlaf gefallener Jude Christen- und Judenschwüre tat: »er habe wahrlich seinen Leibzoll schon bezahlt, und ob es denn recht sei, ihm solchen zweimal abzufodern?« – O armer Passagier, es war schon unrecht und himmelschreiend, ihn einmal zu fodern, diesen Blutzehnten, diese Schandmedaille an unserer Brust; aber unser kaufmännisches, zu den Metallen verurteiltes Jahrhundert, dessen Licht wie das elektrische bloß den Metallen nachgeht, dankt nur graue kostspielige Barbarismen ab, nicht aber einträgliche , wie diese christliche Weglagerung ist. – – Da ich vor dem Gasthofe zum Teufel wieder vorbeiging, um heimzukommen: fuhr der Wetzlaer Assessor in seinem gedrängten Aktenauszug fort, und ich glaube, in einer dem Reichstag an Länge gleichen Reichsnacht hätt' er die Relation spielend hinausgebracht. Drei Stimmen überraschten mich jetzt mehr als den Leser. Die eine gehörte dem Nachtwächter, der, auf einer steinernen Bank liegend, im Schlafe sang und schon abdankte, obgleich erst zwölf Uhr vorüber war. Die zweite sagte:»Unmöglich! – Ach was gäb' ich darum, wenns wäre!« Ich guckte hinauf: zwei gut frisierte Damen verwachten die Nacht am Fensterbrett, um den Ofenaufsatz und die erhobene Arbeit ihres Kopfes, die sie sich vom zeitarmen Friseur vierundzwanzig Stunden voraus hatten machen lassen, unzerbrochen auf den Geburtstag aufzusparen. In einer Obstbude schlummerte gebückt ein blinder grauer Bettler, dem ich am Tage einen Notpfennig samt der Valvationstabelle des Pfennigs geschenkt. Der Traumgott führte ihn aus der finstern Trophonius-Höhle der Blindheit heraus und stellte ihn vor die blumige fruchttragende Welt, und das genesene Auge weinte über die schönen Farben und den Tag. Du Armer! wie gönn' ich dirs! Mög' es ein Genius auch uns so gönnen, daß die Träume der Dichtkunst unsere dunkeln Augen heilen und uns die elysischen Felder zeigen, die das Wachen bedeckt! – Am stillen Komödienhause hielt ich das nächtliche Schweigen darin und die Finsternis und den unbewegt hängenden Vorhang gegen den Glanz und Lärmen des Tages und dachte an das künftige Verstummen und Verfinstern des großen Erdtheaters, wovon die kleinen Nationaltheater nur Dekorationen sind. Ich hörte jetzt hinter mir gehen: der Blinde war aufgestanden und ging mit geschlossenen Augen umher und sagte zur Nacht: »Teilt einem armen stockblinden Manne auch was mit.« Ich weckte den betörten Nachtwandler auf und führte ihn in seine Bude zurück. Dann ging ich meiner zu, und der Ernst meiner Betrachtungen über den dunkeln gestirnten, rund um unsern Geist gezognen Schlummer ließ bald vor den Träumen, die den Morgen der Jugend heraufzogen, seine Wolken fallen. Zweiter Reise-Anzeiger Fata: der Hornrichter Stuß – Mr. le Comte Sebaud de Baraillon – warme Kälte des Herzens – die Lust auf Lustreisen – der Lazarus an der Mutterbrust – Baireuther billet doux und poetische Episteln aus Blech Werke: mens sana in corpore insano – Rekommendationsschreiben für Lottos – Statuten der historischen Gesellschaften in Baireuth, Hof, Erlangen etc. – Sponsalien in einem Federmuff Ich habe jetzt die allgemeine Erwartung auf den ersten Ostertag gespannt, und die Welt versammlet sich immer mehr an Fenstern und Türen, um mich und meinen Boten ausreisen zu sehen. Aber eh' ein Mensch aufbricht, hat er da wohl weniger zu tun als ein preußischer Steuerrat, der in einem Jahre 3000 Sachen von den Unterinstanzen und 2000 Verordnungen erhält, 200 ausstellt und 80 Excitatoria dazu samt 1600 Relationen, wobei es ihm freilich an Zeit nicht fehlen kann, noch 24 Kommissionen abzutun und 12 Städte als 12 himmlische Häuser seines Tierkreises zu bereisen? Oder hat ein Passagier nicht vorher Lippenpomade zu kaufen (weil er mit heiler Lippenhaut ankommen will) – Locken und Knöpfe zu papillotieren – Pässe und Marschrouten einzustecken – Gold und Wäsche zu wechseln – einen Mantelsackträger und für diesen wieder einen Mantelsack mietsweise zu bestehen – und das Haushalten mit der Verlassenschaft von Reichsabschieden , Generalreglements, 50 Dezisionen und Agenden zu verproviantieren? Und wenn ers nicht selber tut: wird es nicht wenigstens von seiner Frau gefodert? – Schon am heiligen Karfreitage ließ ich einen armen Teufel, namens Florian Stuß , zu mir holen, um ihm ein paar Pfennige, nämlich die Charge meines grand-maitre de garderobe oder meines Mantelsackträgers zuzuwenden. Der Mensch war in Nürnberg zu Hause: denn er hatte als Horndrechsler da gearbeitet und contra sextum pekziert und lange als sogenannter Hornrichter und Weibergeselle, weil er nun nicht mehr Meister werden konnte, Klauen für die Kammacher zugerichtet. Er empfing die Vokation des Tragamtes mit Jubel: die Feiertage mehrten sein Konsumo, aber nicht seine Konsumptibilien, besonders da er auch an Wochentagen wenig erschwang. Sooft er nach Böheim Boten lief, steckt' er einen kleinen, von ihm selber fabrizierten Warenballen und Auerbachischen Hof von weiten Kämmen, Stock- und Westenknöpfen, Würfeln und Wildrufen und Kruzifixen ein und trieb auf dem Franzenbad bis nach Eger einen Kontrebande-Handel, der ihm oft noch einmal so viel abwarf als das Botenlohn. – »Laufen ist mein Vergnügen«, sagt' er; und ich wünschte daher, daß Siebenkäs jetzt dem Drechsler, da er noch bei Kräften ist, in Wetzlar etwa die Expektanz zu einem lutherischen Reichskammergerichts-Supranumerar-Akzessist-Boten auswirkte; es wäre Stussen dann ein Leichtes, mit der Zeit Supranumerarakzessist, dann Akzessist und in seinen alten Tagen gar Bote zu werden. Ich erlaubt' es ihm, noch einen blinden Passagier (d. h. einen Brief, ein Paket etc.) im Mantelsack zu seinem Vorteil einsitzen zu lassen und darnach überall in der Stadt und auf dem Postamt herumzufragen. – Ja, bei einer frohern Seele hätt' ich mir nichts daraus gemacht, dieses Inserat in das Höfer Intelligenzblatt einzusenden: »Ein homme de lettres hiesiger Stadt, der nach Nürnberg reiset und noch einen Platz im Mantelsack leer hat, wünschet, daß Personen, welche gesonnen, den Platz mit zu bestehen, sich noch vor Sonntags im Intelligenzkomtoir angeben, wo ein Mehreres zu erfragen.« Entweder der Hornrichter Stuß oder die Höfer Landeshauptmannschaft, bei der ich um einen Krankheitspaß nachsuchte, ließ dem Grafen Mr. Sebaud de Bataillon etwas davon merken, daß ich nach Nürnberg gedachte: der Graf – ein armer Emigrant und Gefangner im deutschen Babylon oder Freier in der Botany-Bay – kam am heiligen Abende zu mir, lobte in der Kürze Mann und Frau, exkusierte sich siebenundsiebenzigmal, ging endlich damit heraus, daß er eine Tochter in Nürnberg und hier einiges an sie habe. Nähm' ichs freilich mit – er exkusierte sich hier bloß 770 mal –, so unterständ' er sich und händigte es ein. Ich bewies durch Haupt-Juramente und ad hominem meine freudige Willigkeit. Endlich legt' er eine Büchse mit Patentpomade auf den Tisch, seinen Reisepaß und einen Fächer mit einem Miniaturporträt: das war die Überfracht des Mantelsacks und gehörte an die Comtesse Georgette, seine Tochter. Er hielt es für Höflichkeit, mich wenigstens über die Exportation des Passes aufzuklären: seine Tochter hatte nämlich liaisons mit einem vornehmen refugié (d. h. er war ihr Liebhaber und wahrscheinlich das Fächer-Porträt das seinige), und dieser konnte jetzt vielleicht mehr Gebrauch vom Passe machen als der Comte selber (d. h. der refugié gab sich für diesen aus). Der Paß-Plagiarius und Ableiher hatte einem Hofe (nach der Versicherung seines Schwiegervaters) so große Dienste getan, daß ihn der Hof zu stürzen und zu entfernen suchte; ebenso wie man, sagt' ich, auf dem Schiffe jedes Wasserfaß, sobald es ausgeleert worden, zerschlagen muß, weil kein Platz da ist. – Die Seele des Comte war – wie bei allen Menschen, die ein gedrücktes Leben führen und jeden Fußbreit vom Paradies dem Verhängnis erst mit sauerem Kampfe abgewinnen –, obwohl nicht kriechend , doch immer gebückt , wie Menschen, die in bergigen Ländern wohnen, immer mit gebognem Rücken gehen. Inzwischen fügt' er doch flüchtig bei, hätt' er Zeit (er stickte und dozierte), so nähm' er Extrapost. Du armer überladner Sebaud de Baraillon! prahl immer, denn du hast nichts! Nicht den Stolz des Unglücks, sondern des Glücks verarg' ich, weil ich ja unmöglich so hart sein kann, daß ich unter dem zerschlagnen geschwollnen Rücken das letzte Unterbette wegzöge, nämlich das Windbette der Eitelkeit, das sich allzeit selber bettet! – Eh' ich fortreise, will ich mich nur entschuldigen, daß ich bei der Höfer Landeshauptmannschaft, wiewohl vergeblich, auf einem Krankheitspasse bestand. Einen Gesundheitspaß haben Libertins in Ordensbändern nötig, und wenn sie auch nicht weiter reiseten als aus ihrer Stube in die nachbarliche; aber ein homme de lettres ist gerade wie ein Krebs nicht eher zu genießen als in der unpäßlichen Mause. Was sagt Siebenkäs S. 139 etc. in den teuflischen Papieren hierüber in der ersten Edition? Folgendes in der zweiten: Mens sana in corpore insano. »Einem Gelehrten fehlet immer etwas, entweder die Farbe – oder der Atem – oder die peristaltische Bewegung – oder der Magensaft – oder der sogenannte gesunde Verstand; wie die Juden (zum Andenken des ruinierten Jerusalems) an ihren Häusern etwas unausgebauet stehen lassen oder wie aus einer gewissen bekannten Galerie nach einer Inhibitiv-Bulle (zum Andenken der verstümmelten Antiken) nur amputierte Nachbilder und Krüppelkopien ausgehen dürfen, denen zu Hause der Kopist erst die Füße oder die Hände oder die Köpfe anschient. Griechen und Römer, bei denen die körperliche Gesundheit der geistigen mehr Vorschub als Eintrag tat und die den tierischen Leib und die menschliche Seele miteinander unterwiesen und hoben, wie in der Reitschule zugleich die Pferde und die Scholaren reiten lernen, diese Nationen können vielleicht keinen andern Vorteil von dieser Schulfreundschaft zwischen unsern beiden zankenden Teilen aufzeigen als den, daß der Mensch damals gleich gut dachte und handelte . Aber der Gelehrte soll eben besser denken, als er handeln kann, er soll eben seine Stärke, wie der Tolle, oder sein Werk, wie der Instinkt, der siechen Einseitigkeit verdanken. Man schieße lieber den einzigen Kopf zur Bildung aus, wie die Juden an Gänsen die Leber zum Mästen, worein eben die Auguren das Ich verlegten. Zwerge haben große Köpfe; man sorge also zuvörderst für Zwerg-Rümpfe. Eben alsdann werden in den niedrigsten Wechselbälgen unsers Handelns niemals edle Ahnenbilder glänzender Entschlüsse fehlen, weil gerade die körperliche Gebrechlichkeit uns an Vorsätzen erstattet, was sie uns an Taten benimmt. Genie und Krankheit sind so sehr Milchbrüder, daß in unsern Tagen Männer von Talent sich häufig den giftigsten Ausschweifungen unterziehen, bloß weil sie ihrer satirischen Schärfe mit ihrer skorbutischen, und mit den Nervenfiebern den Nervengeistern nachzuhelfen denken: so impfte Linné auf dieselbe Art den Perlenmuscheln – die desto mehr Perlen ballen und liefern, je kränker sie sind – künstliche fruchtbringende Krankheiten ein.«   In drei Terzien sieht Deutschland mich und den Boten reisefertig unter der Tür. Nachdem der disharmonische Sonnabend ausgehalten war, wo ich die häuslichen einheimischen Gefühle, die ich von den für das Fest aufgerichteten Thron- und Futtergerüsten erhielt, immer durch die weltbürgerlichen einbüßte, die mir der Reise-Bündel zuführte: so tat es mir am Ostermorgen viele Dienste, daß ich aus meiner weichen Schneckenhaut eine steinerne Schale ausschwitzte und mich damit überzog; ich wollte durchaus nicht eher gerührt sein als bei meiner Retour, und da desto heftiger. Ich behielt deswegen immer den Botenmeister Stuß im Zimmer, der geschmackvoll in einem geschenkten Paar grünplüschenen Hosen erschien, aus deren Wiesenrund die Sense der Zeit ganze lange grüne Ränder noch nicht ausgemähet hatte. Hermine sagte auf einmal mit leiser, aber wankender Stimme (die immer Neben-Monde des Gedankens anzeigt): »Vergiß vor Streitberg unsern Rosenhof und die Rosensonne nicht; sie blühen vielleicht dieses Jahr – und du kommst wohl morgen abends hin?« – »Beides!« sagt' ich; aber ich ging hinaus. Ich will nur in der Eile dem Leser berichten, daß ich – als ich einmal mit ihr auf jener Anhöhe die Sonne wie einen Apollo aus diesem Arkadien gehen sah, der unter der Trennung ein Gott wurde und glühend verschwand – auf meinem und ihrem Standort eine wachsende Spur zu lassen suchte, indem ich Zimtrosensamen so enge und rund und Samen von weißen Rosen so weit und zirkelförmig steckte, daß die Blumen des erstern einmal eine purpurne Sonnenscheibe und die weißen einen bleichen Kranz oder Hof um sie bilden konnten. Ich ging hinaus, halb als Petrus, halb als Judas, und der Gottseibeiuns war bei mir. Als ich mir draußen einige Fühlfäden abgeschnitten hatte, die ich nicht eher regenerieren wollte als unterwegs: kam ich wieder hinein und fand sie redend neben dem Hornrichter, dem sie – mutmaßt' ich damals – Sorge und Fleiß für ihren ehelichen, zur Salzsäule angeschossenen Loth empfohlen hatte, der wie ein Gewitter gerade bei dem Abzuge am schlimmsten war. Beim Himmel! auf demselben Mensch wachsen, wie auf einem Weinberg, oft viererlei Weine, auf der Mittagsseite der herrlichste und auf der Nordseite einer, der nicht zu trinken ist. Endlich wurde geschieden, und ich vertröstete mich darauf, daß ich bei meiner Ankunft den Abschied nachholen würde. Ich weiß es, daß oft das verhüllte überbauete weibliche Herz voll Tränen hängt wie die von der Glocke überdeckte Blume voll Tau; aber Hermine, mit welchen hellen warmen Marientagen wird nicht deine Natalie dein doppeltes Siechen umgeben und das Regenwetter verjagen, das dem Blühen deines Weinbergs Schaden täte! Wie arkadisch und in reiner Himmelsluft mehr schwimmend als fliegend werdet ihr Ostern verträumen! Gleich Tönen, die geräumig und leicht und unverworren und doch verbunden in der Luft ihr wiegendes Leben führen, so werden euere Gefühle und Wünsche und Stunden nahe, frei, leicht, harmonisch und doch unterschieden nebeneinander schweben und verklingen! Weibliche Freundschaft ist zwar seltener als unsere, aber dann auch zärter: unsere grenzt nicht so nahe an Liebe – da wir einander nur im Widerschein der Taten lieben – als die weibliche, da die Freundin von der Freundin (wie vom Liebhaber) weniger die Beweise als die Äußerungen der Liebe begehrt und die Liebe fast nur fodert, um eine zu fühlen und zu erwidern . Und als mir das Kirchengeläute durch das Himmelsblau noch einige Nachklänge des zurückweichenden Lebens nachwarf und an der Stadt das, was Tithon behielt, hinter mir starb, ihre Stimme: so sagt' ich: jetzt zieht vielleicht Natalie das gefüllte Herz der Guten an ihres und lässet sie weinen, ohne zu fragen worüber. – – Welcher frische kräftige Morgen! – Wie schrumpfen in dem weiten Gebäude der Natur unsere Schnittwunden zu roten Mückenstichen ein! Hier fühlet man es, daß unser Geschrei über jeden Stich des Lebens höhern Wesen in diesem Tempel klingen muß wie uns in der Kirche unter dem Nachdenken über große Gedanken der Aufschrei eines Kindes. Nach Leid kömmt Freude, die Sonne tanzt am Ostertage, die der Karfreitag verfinsterte. Und in der Tat war unsere die Vortänzerin, und ich und der Bote tanzten nach. Ich würde mich freuen, wären ich und Stuß auf Glas gemalt und steckten in einer magischen Laterne, und der Leser könnte unsere marmorierten Schatten über die lichte Wand weglaufen sehen – erstlich mich voraus mit dem langen geschwenkten Dintenfaß des Stocks, wie ich freudig den Kopf im Sonntagsmorgen umherwerfe, weil mir das Schicksal die vollsten Blumenrabatten der Freude immer an den Straßendämmen herumsäet (daher kann mein künftiger Himmel in bloßen Durchmärschen durch Himmel bestehen) – zweitens den Hornrichter, wie er nachschreitet und nachträgt in einem geschenkten knappen Jagdkleide und mit einem Spazierknüttel, um seinen Reiseprinzipal in der Not zu decken, und wie er die Spitzsäule eines Morgenbrots anbeißet – und endlich uns zusammen, wie wir auf der erhelleten Wand bald hinter grünen Bäumen, bald hinter kouleurten Staketen, bald hinter offnen Scheuern hervorkommen, bis wir uns in die runde Nacht des Laternenrands verlieren. – – Da meine Reiseträume, wie ein Geisterschatz, bei jedem fremden Worte zurücksinken und verschwinden: so durfte der Träger nicht reden, aber gar wohl (wie in kleinern Kirchen) in den Wäldern singen. Es wäre zu wünschen, ich könnte der musikalischen Welt die Partitur seines schmetternden Singspiels, worin er das fröhliche sorgenlose Wandern der Handwerkspursche besang, aus der Rellstabischen Musikhandlung mitteilen: – welche Vollstimmigkeit! Die Zugvögel hatten die zweite Stimme – der Wind rauschte durch alle gedackte Register des Waldes – die Türme der Dörfer läuteten mit zergangenen Chortönen darein und ich ging als Echo voraus mit vier Gehirnkammern, als vier Schallgewölben, worin die Klänge wachsend umliefen. Weil Stuß dem Portier des Höfer Tors aus Spaß berichtet hatte, er wandere wieder mit dem Wanderbündel: so hatt' ich seiner Kehle unter der ganzen Kantate den Text meiner Phantasien, die sich bloß auf seine Wander- und Jugendjahre bezogen, untergelegt. Ich erinnere mich fast gerührter und lieber der fremden Erinnerung, des Morgenhimmels einer fremden Jugend – und gehe dabei mit dem Cyanometer oder Himmelsblaumesser zu Werk –, als ich mich nach meinem eignen Osten umkehre. »Im Ehestand singt Er aus einem andern Tone, Meister?« sagt' ich zum Weibergesellen. »Was will man machen?« versetzt' er mit der lustigsten Ergebung, womit der gemeine Mann so oft unsere unersättlichen Bittschriften um vermehrten Lebens-Gehalt beschämt. Ich suchte gegen seine Singstimme gerecht zu sein. »Im roten Roß« (sagt' er und meinte den Gasthof) »loben sie mein Singen sehr; und ich schreie mir oft an zweiten Feiertagen die Lunge entzwei. Denn was ein ordentlicher Mann ist, bleibt am ersten zu Hause und trinkt seinen Krug Bier viel lieber mit seiner Frau und Kind: ich kann nicht so sein wie manche.« Jetzt war Mittag und Berneck da und der Eßtisch. Der Meistersänger holte seinen Brottorso heraus und wollte drei Quärge fodern – denn nach meinem hanseatischen Fürstenbund mit ihm sollt' er bloß von seinem Gelde leben –; aber wie hätte das ein Oberhaupt verstatten können, dem heute der Himmel voll welscher Viole d'amours und anderer Instrumente hing? Und hätte mich nicht wenigstens sein Donum zu einer Änderung der capitulatio perpetua vermocht, daß er nie zwei Dinge satt bekam, das Leben und das Essen im Leben? Denn ich verlange wenigstens keinen Boots- und Hausknecht in die Kost, der diese wie ein stummer Knecht nur bringt und nicht braucht, und der in den Magen ein so philosophisches Anatomiermesser wie sein Befehlshaber setzt. Die offne Tafel eines Fürsten ist ein fataler sättigender Anblick, aber die des Volks ist ein schöner voll Magensaft. Mein Bedienter, sagt Voltaire, soll einen Teufel haben; – wenigstens einen Magen, sag' ich. Stuß hatte beides. »Es kommt doch meinem Leib zugut«, sagt das Volk, wenn von der Wahl zwischen Essen und anderem Genuß die Rede ist, und zeigt und schlägt auf den plexus solaris, wo Herr Fabre und Parmenides die Seele und die gemeinen Leute das Glück derselben suchen. Und müssen denn diese Armen nicht aus dem Körper und dessen Stärkungsmitteln zu viel machen, da ihre Ernährung von seiner abhängt und sie von diesem Nicht-Ich gerade die Schmerzen, die Freuden, die Unterstützung empfangen, die uns das Ich zuteilt? Während der Häresiarch und Dozent der Glückseligkeitslehre, der Bote, im Treibkübel seines Leibes Freuden-Vergißmeinnicht statt der vorigen Distelköpfe des Hungers erzog, suchte sein Brotherr im Gasthof etwas zu verdienen und eine oder die andere Stelle in den Teufels-Papieren neu aufzulegen: mit einem besondern Vergnügen bau' ich mir aus jeder Passagierstube meine Studierstube. Ich hatt' aber lange keine Materie, bis ich endlich eine aus dem Glücksrad zog, und zwar – über das Rad selber. Mir gegenüber steckte die königlich-preußische Lottokollektion die herausgekommenen fünf Wunden -Nummern heraus. Auf einmal kam ein armer Teufel freudig in Dreihaar-Samthosen herein und berichtete, er hätte beinahe eine Terne gewonnen und nur immer um eine Zahl fehlgegriffen: »Statt meiner 15, 36, 79«, sagt, er, »hätt' ich nur 14, 37, 78 nehmen dürfen: ich muß es erzwingen, und sollte das Bett unter dem Leibe daraufgehen.« Daher sollt' auch jede Lottokollektion zugleich ein Pfandhaus, dieses Widerspiel eines britischen Assekuranzhauses für Möbel, sein; ja es sollte angenommen werden, wenn einer sich selber und Frau und Kinder ins Lotto einsetzen wollte: könnte dadurch nicht ein Regent die Untertanen insgesamt erspielen und damit machen, was er wollte? – Der Samt mit seinen Knieglatzen machte endlich meinem Plüsch mit seinen – denn Plüsch und Samt dienen wie Pferde von oben herab, aus dem Lustschlosse ins Armenhaus, und oft bettelt Samt am Hofe und Samt vor der Türe – Lust zur Sache, und Stuß wollte in Baireuth sein heutiges Botenlohn daran wagen. Ich machte daher in Berneck weiter nichts als eine verbesserte Auflage vom Lobe der Lottos S. 368 . Auf der Landstraße las ich ihm, bevor er ein Rädertier des Lottorads wurde, folgende Umarbeitung vor: Rekommendationsschreiben für Lottos. In unsern Tagen, wo man das Pflugrad für das einzige Reichtümer verdrehende Glücksrad hält und wo so viele Zahlenlottos eingehen, scheint es ein Verdienst zu sein, wenn man in satirischen Palingenesien wieder dartut, wie ungemein viel Lottos sowohl den Untertanen als den Fürsten eintragen. Alles, was beide Teile davon zu fürchten haben, Stuß, ist das große Los, das oft – weil die Freude das Blut stromweise ins Gehirn aufspritzt – zugleich die Adern des Untertanen und das Lotto des Regenten sprengt. Ich stand dabei, als ein armer Schuster mir ein Paar Stiefel auseinandertreiben wollte und durch einen Kurier die Hiobspost einer gewonnenen Quaterne bekam: er fiel, von diesem ins Ohr gegossenen aurum potabile vergiftet, maustot um und war nicht mehr zu beleben. Noch mehr fiel dem Landesherrn der Verlust der Quaterne empfindlich, wenn er auch leichter den Verlust des Schusters verschmerzte. Allein hier kann man beiden Teilen aus der Mathematik dartun, daß eine gefährliche Quaterne oder gar Quinterne – wegen der besten arithmetischen Vorkehrungen – fast gar niemals, wenigstens in Vergleichung gegen die kleinern, für beide Parteien unschädlichen Gewinste, nicht so oft erscheine als ein großer Arzt, der nach Kardan alle hundert Jahre einmal geboren wird. Ich verweise hier Fürsten und Einsetzer und Ihn, Stuß, auf jenen Spaßvogel in der Schweiz, der ein Lotto errichtete, worin der Einsatz bloß in welschen Nüssen geschah – in kurzem war in der ganzen spielenden Gegend keine Nuß mehr zu haben, welches meines Bedünkens der größte Beweis ist, wie wenig man Nuß-Quaternen oder nur –Ternen zog. Gesetzt sogar, das Unglücksrad haspelte diesen roten und weißen Arsenik hervor: so ist doch das eine Art von Trost, daß diese giftige Basis mit einem solchen corrigens von Erschwerungen und Beschneidungen versetzt und aus einem aurum potabile zu einem so unschädlichen aurum fulminans gemacht wird, daß der Verfasser und Vorleser dieses ohne Furcht vor dem Freudentod erbötig ist, das aurum zu nehmen und zu erwarten, was wird. Jetzt will ich zeigen, was der Untertan, besonders Er, vom Lotto hat. Mit dem Verbieten der ausländischen will die Regierung kein schlimmes Licht auf innere werfen; sie gleicht nur einem Herrn, der aus guten Gründen den Hofhunden von keinem Fremden Brot anzunehmen erlaubt. – Hoffnungen sind gleichsam die menschlichen Besitzungen in der neuen Welt der Glückseligkeit, und ich glaub' es leicht, daß jener Lord seine jährlichen Hoffnungen nicht für 500 Pfund hingeben wollte. Im Lotto werden nun der ärmern Klasse des Volks – da der Staat unmöglich jedem solche teuere und große Hoffnungen wie Personen von Geburt und Verdienst anbieten kann – mancherlei und selber die ansehnlichsten Hoffnungen (Hoffnungen von 5 fl. bis zu Hoffnungen von 100 000 fl.) für wenige Groschen zugestanden. Der Fürst selber behält sich keine vor: denn was er dabei gewinnt, ist der Einsatz, aber keine Hoffnung: vielmehr hat er bei jeder Ziehung die kleine Furcht, viele Auszüge, wo nicht gar eine Ambe zu verspielen, die der Untertan als Überschuß und Zugabe seiner Hoffnung einsteckt. Dieser hingegen kann nie mehr verlieren als seinen Einsatz. Dabei bereichert Er noch, Stuß, viele sogenannte Landaussauger, die Er, sowie auch Spieler, Glücksritter und selber Rechtsgelehrte und Kaufleute einer gewissen Art, nicht eher und leichter vom Halse bringt – so daß sie aufs Land ziehen und aufhören –, als bis Er sie satt gemacht, so wie Schröpfköpfe von selber abfallen, wenn sie nur voll sind. Das hat nun die ärmere Volksklasse vom Lotto. Aber ohne Vergleich mehr bringt es dem Regenten selber ein, lieber Mann! Das Glücksrad ist das beste Schöpfrad, das auf der einen Seite das Vermögen des Volks einschöpft und erhebt und es auf der andern vor die regierenden Füße niedergießet. Überhaupt kommen mir die Staatsbürger, die um den Thron stehen und die zu empfangen scheinen, indes sie wirklich geben, gleich den künstlichen marmornen Tieren in Palermo Kleine Reis. 3. Band. vor, die aus dem Becken des Brunnens das Wasser, das sie hineingießen, auszusaufen scheinen. Gerade vom ärmern Teile des Volks, der nur Schutzgeld steuert, erhebt das Lottodirektorium eine wahre Kopfsteuer, und die fünf güldnen Mäuse der fünf Nummern, die der arme Teil von den Philistern zu fangen hofft, höhlen, in lebendige verwandelt, dessen ganzen Brotschrank und Brotsack aus. Es wäre leicht, Fürsten, die zum Lotto angefrischt sein wollen, in ganze Dörfer zu führen, die dadurch an den Bettelstab kamen und alles einbüßten; so daß also der nutzlos herumfliegende Goldstaub recht glücklich in einen einzigen Goldwürfel geschmolzen war, oder richtiger, daß der unwirksam unter tausend Häusern wie ein Dunst versplitterte Reichtum sich in der Lottokasse wie der gefallene Rhein zu einem Strome zusammengezogen hatte, der nun Maschinen treiben konnte. Aber so urteilen wenige Kameralisten. Ich frage Ihn noch, Meister, ob wohl das Lottospiel die Neigungen weniger und kürzer festhalte als jedes andre Spiel. Oder läuft nicht vielmehr einer, den das Glücks-Spornrad sticht, wie in Rom die mit Stachel-Blechen besetzten Pferde, immer hitziger fort und verdoppelt Schritte und Stiche zugleich? – Und was kann mir hierauf ein Mann wie Schlözer entgegensetzen? – –   »Oder auch einer wie Er, Stuß?« beschloß ich. »Ich merke wohl,« versetzt er, »Sie blasen mit dem Bernecker Biergast in ein Horn.« Aber nun übersetzt' ich erst meine Sprache in seine. Wir trabten lange fort, und niemand bemerkte etwas als der Bote, daß der Weg und das Bier besser werde, und als ich, daß der Schritt die Blumen und die Blätter größer mache. Mir ist nichts Schöneres bekannt, als mitten in einen elenden Nachwinter voll Blätter- und Baumskelette eingefroren zu sein und einige Poststationen von sich den reifsten Vorfrühling voll belaubter grüner Welten zu wissen und dann (wie ichs jährlich mache) auf einmal wie Grundeis aufzustehen, mitten in den ausgebreiteten Frühling hineinzuschwimmen und darin zu schmelzen, indes man doch noch immer zu Hause seinen Retour-Lenz stehen hat. Ja ich könnte einem reichen Engländer eine Marschroute angeben, worauf er von einem Frühling in den andern, durch zwölf jährliche Maimonate zu reisen vermöchte; so wie ich gegenüber dem ewigen Juden eines solchen ewigen Frühlings einen andern Pilger könnte einen ewigen Herbst bereisen lassen. Aber noch mehr erhob ich den Wärmteller unsers erkältenden Lebens, die laue Frühlingserde, als ich unweit Benk vor einer Wiese vorbeizog, aus der ein armer, in ein großes mütterliches Wams eingeknöpfter Junge bettelnd zu mir lief, nachdem er vorher ein Wickelkind, das sich an ihn suchend und durstig nach der ersten Wässerung des Lebens an die leeren Danaiden-Milchgefäße seiner Brust andrückte, ins Gras geschoben hatte. Die Mutter machte weiter unten den Bach zur Waschwanne und den Zweig zum Trockenseil. Ich suchte mit diesem Terzett, das ein elendes Lebens-Miserere aufführte, in Verbindung zu geraten. Die junge, aber hagere welke Mutter – von deren Laiterie das Wickelkind den Kopf vielleicht ebenso durstig abwendet als von der brüderlichen – sagte vor mir aus, der Große (der, an dem das Wams als jakobinischer Rock herabhing) sei von einem Bauernsohne und das Kleine von einem Fröner – beide hätten sie geehlicht, hätte jener seinen Freischein, dieser den Konsens des Gutsbesitzers ausgewirkt –, sie bettele sich ins Hohenfließische (genauere Nachrichten von diesem Fürstentum streu' ich in meinen Titan ein), und sie verlasse sich mit ihren armen Würmern (beschloß sie mit jenen kalten Tränen, die bloß über einen so oft erzählten und wiederkäueten Jammer fließen) auf Gott und gute Leute. Nie treibt in mir das Mitleiden seine Seufzer und seinen Rausch aus innern Tränen höher als auf Reisen; und ich weiß recht gut, daß ich es aus dem Kontraste der großen Natur und des Genusses und aus der Entkräftung durch Gehen herzuleiten habe. Äußerst grimmig blickte ich, nach diesem aufgeführten Lagrimoso, auf die Weidenallee vor mir hin, weil mir einfiel, daß sonst an ihr eine Warnungstafel mit einer gemalten Hand unter einem gemalten Beile gestanden und durch dieses Terroristen-Schlachtstück Weiden-Frevlern ihre Amputation vorgemalet habe: »Wie?« (fuhr ich fort) »solche Malefiz-Hackstöcke für Weiden-Totschläger erschrecken uns mitten in der gütigen Natur; indes die Großen die wahren Eckstämme und Brotbäume des Staats, den eigentlichen Reichsforst (das Volk) ausästen, abrinden und zur Harzscharre und zu Bierzeichen verbrauchen und ihnen, wie die Gärtner den Gurken, die männlichen Blumen nehmen. Ich sollte reden dürfen.« Als ich mich ebenso gerührt als erzürnt von der Doppel-Braut geschieden hatte, fiel mir der Nutzen des Frühlings und Sommers besonders auf: »Beide geben doch«, sagt' ich, »diesen armen leeren Gläubigern des Reichtums, diesen kriechenden Krüppeln ohne Krücken eine weiche trockne Wiese, ein freies Logis am Tage, eine warme Stube, ein blumiges aufgelockertes Unterbette, einige Landschaftsgemälde und zuweilen eine Blume – nein, im Winter ists zu hart, wenn ein Mensch den andern draußen lässet.« Sechs oder sieben Schritte davon richtete sich in einem Gebüsch ein erwachender Junge auf und hielt mir seine Hand heraus, damit ich etwas hineinwürfe. Ich stellte mir vor, er sei der dritte Teil der Buße des vorigen Weibes und verberge (nach dem Bettler-Anti-Nepotismus) seine Verwandtschaft aus dem Grunde, warum sie andere erdichten, um zu erben: »Ich habe deiner Mutter erst gegeben«, sagt' ich. Er versetzte pikiert, er gehöre nicht dort zum Bettelvolk, er sei aus Benk und spinne, nur heute und morgen trag' er Brot zusammen. Einer, der Sonntags reiset, kanns unmöglich behalten, daß es Sonntag ist: der kleine Lazarus brachte mir nur mit Mühe bei, daß wir Ostern hätten, wo die religiöse Statik seines Spinnrades die seinige aufhebe, weil er an Sonn- und Festtagen die Schuld des Lebens nicht wie an Werkeltagen spinnend abzusitzen, sondern bettelnd abzulaufen habe. Ich halte es leicht geheim, die Rührung, die ich vom leidenden verwelkten Kleeblatt mitgebracht, kam der kleinen und noch dazu ehrgeizigen und also doppelt elenden Läuferspinne neben mir sehr zustatten, die so lange Fäden aus Geduld und Baumwolle ziehen mußte, eh' sie darin ihre dünnen Viktualien zusammenfing. – Ich lockerte mich sogar durch Wortspiele weicher auf und durch Belesenheit, indem ich mich bemerken ließ, wie wenig Benk , das nach Professor Langs Lang. Opuscul. hist. pontif. relig. vestig. in superior. Burggrav. Norici terr. apparent. exhibituri Particul. I. Ableitung von einer Bank an einer Quelle für Wallfahrter nach Harsdorf den Namen bekam, dem feurigen armen Teufel eine Bank oder eine Quelle gebe, höchstens eine Ruderbank und eine Hungerquelle – Und dann stellt' ich um den Jungen die ganze eingesperrte verdorrende Poularderie von armen Kindern, die mit ihrem feurigen Geäder und zuckenden Nervengewebe aufs Spinnrad geflochten werden – den ganzen Tag hungernd und mehr von den Gespielen als der Mutter erbettelnd – in die schwarze Höhle der Spinnstube geklebt – neben geißelnden Kerkermeistern und Mitarbeitern von allen Kinderspielen durch ihr Stachelrad getrennt – bleicher als ihr Garn, ohne zu erbleichen – schlaff, müde, nur durch umtreibenden Magensaft noch eingeölt, unreif und wachsend ohne Jugend – und das auf einer Erde, wo die Jugend doch die Villegiatura des Lebens ist, und wo wir uns mehr laben, indem wir uns umschauen, als indem wir vorwärts blicken – – ich will mich nicht mehr nach dem kleinen Benker pauvre honteux umsehen; aber ihr Menschen, o! macht nur wenigstens die Menschen glücklich, die es am leichtesten, am unschuldigsten, am längsten werden, die Kinder! Das frohere Kind ist überall das bessere, und die Not ist die Mutter der Künste, aber auch die Großmutter der Laster.  – Als ich vor Baireuth kam, das so heiter wie ein Lustlager vor mir war, ging ich um dasselbe herum: bloß den Hornrichter ließ ich mit dem Furierzettel im Gasthof zur Sonne um das Zimmer anhalten, worin einmal Siebenkäs und Leibgeber (s.  3. T. der Blumenstücke ) gewohnet und geliebet hatten. Ich aber zog nach Eremitage, fast bloß um wieder abends nach Hause zu gehen, wie Siebenkäs in der Biographie, und um, wie er, vorher durch das Baumdorf Johannis zu kommen: ich flicke ungemein gern die von mir geschriebnen Bocks- und Trauerspiele selber als Forcerollen in mein Leben ein und bin der Theaterdichter und die spielende Truppe zugleich. In Eremitage saß Baireuth ohne die Häuser – gedeckte Tischchen unter Bäumen standen als Sozietätsinseln da und teilten den langen bunten Flor in Rabatten ab – ein Konzerttisch setzte die Passionsgeschichte derer, über die man sprach, in Musik von Graun – alle Ostergäste saßen in himmlischen verklärten Kleidern aus dem Heiligen Grabe erstanden da – ich allein sah' in meinen aus, als wollte man mich erst in eines senken. Schon überhaupt brachte es der Verfasser der Palingenesien durch allen Kleider- und Schneider-Wechsel nie dahin, daß ihm sein Habit so glatt und nett gesessen hätte wie einer Statue das nasse Gewand – entweder saß er an wie ein Wappenrock, oder er war defekt wie ein Leichentalar – ja und wenn die ganze Pariser Schneider-Gilde mir einen vollständigen Anzug anmäße und sich auf den Tisch setzte und ihn in Kompagnie ausnähete und steppte, so bin ich überzeugt, ich würde doch, wenn ich ihn abbekäme, darin aussehen wie ein gekrönter Kaiser in der Dalmatica, der Alba, der Stola und dem Chormantel und Schweißtuch. So ergeht es schon meiner Parüre. Im demi-negligé und en chenille fahr' ich noch schlechter. Eben in Eremitage trug ich einen Staub- und Pudermantel von Überrock, worin ich durch seine Außenwerke und Eckschränke voll Papiere für zweite Editionen einen solchen Abstich mit den ins reine geschriebnen Baireuthern machte, daß einer und der andere mich heimlich auslachte. Das nahm ich mir sogleich vor zu erwidern: ich setzte mich an ein leeres Trinktischchen, stellte den Stockknopf darauf, zog die Handschriften aus den Arbeitsbeuteln und arbeitete öffentlich unter den Bäumen Satiren um. Sooft ein paar Leute vor dem Schreiber im Nachtmantel mit höhnisch-verzognem Munde vorübergingen, besserte er die Papiere wilder um und flocht den persönlichen Raptus ein. Um des Himmels willen greife man literarische Passanten sanft an: sie kehren sich sonst stößig und beißend wie angeschossene Elefanten gegen die Stadt und trampeln auf den Negernhütten herum! – Die Arbeit ist zugleich mein viertes Werk vor Nürnberg und kommt jetzt herein unter dem Titel: Statuten der historischen Sozietäten in Baireuth, Hof, Erlangen und andern Städten. »Es gibt meines Wissens keinen szientifischen Zweig, der sich rühmen kann, so ausgebreitet – ich meine von 2300 deutschen Städten, noch mehrerern Marktflecken und von 82000 Dörfern – oder so allgemein – kein Stand, kein Geschlecht, kein Alter ist ausgenommen – oder so unausgesetzt – nämlich jahraus, jahrein, an Buß-, Hochzeit- und Sterbetagen – und so eifrig – weil viele gar nichts anders machen und darein versenkt wie Sokrates und Archimedes auf den Gassen stehen – bearbeitet zu werden als die Geschichte . Ich spreche hier nicht von der alten Geschichte – obgleich bisher jedes Jahr aus dem Flügel der Zeit eine Feder zog und damit eine neue alte schrieb, so daß einer schon viele historische Kenntnisse von den neuern Zeiten hat, der weiß, was darin über die ältesten geschrieben worden –, sondern ich meine die neueste, die vaterländische, vaterstädtische, für die es jetzt, nach Maupertuis' vorgeschlagnem Muster einer lateinischen Stadt, ordentliche historische Städte gibt. Wenn auf den dicksten Ästen des Baums der historischen Erkenntnis ganze Akademien horsten, und Zeitungs- und Programmenschreiber als Schneidervögel auf dessen dünnsten äußersten Zweigen nisten: so seh' ich die historischen Blattminierer die Blätter desselben bewohnen und bearbeiten und gut verdauen. Doch glaub' ich, würde dieses Studium der neuesten Geschichte zu wenig oder nichts geführet haben ohne die spezialhistorischen Sozietäten, die ich beschreiben will. Die Akademisten derselben halten ihre Sessionen, wie es trifft. Keiner hat etwas aufgeschrieben, sondern sagt seine Ausarbeitung auswendig her. Ein Geschichtsforscher dieser Art und noch mehr seine Frau, die Geschichtsforscherin, sieht nichts für unbedeutend an und schildert nicht, wie Rousseau der Historie vorwirft, Könige und Kriege, sondern den Menschen im Schlafrock. Sie liefern zwar die Walchische Kirchen- und Ketzergeschichte dasiger Geistlichkeit, Fischers Geschichte des Höfer, Baireuther etc. Handels oder die Statistik eines einzelnen Hauses, seiner Tafelgüter, seiner Nationalschulden, seiner Regierungsform, aber sie denken darum nicht von dem Martyrologium hohler Zähne, von den Confessions eines Wochenkindes oder von den Personalien einer Schoßkatze geringe. – Synchronologie fodert ihren eignen Mann und ihre eigne Frau, nämlich eine alte. Manche tragen aus Liebe zur Wahrheit wie Xenophon und Cäsar keine Geschichte vor als ihre eigne. Viele bearbeiten den historischen Roman und fingieren gut. Redliche Konsistorialräte schwärzen nicht wie Bahrdt in Halle Dogmatik unter dem Namen Kirchengeschichte ein, sondern Kirchengeschichte unter dem Namen Dogmatik und machen Ketzereien zum Vehikel der Personalien. – Die besondern Konzilien der einen Gasse liefern ihre Konzilienakten an die Konzilien der andern ab und diese an jene. – Verscheidet ein Inwohner, so fängt der Geschichts-Ort erst recht an zu leben und geht hin und verfaßt den Nekrolog oder auch das Tyburn Chronicle. – Will einer ans Licht der Welt, so ist man, eh' ers erblickt, imstande, eine so gute Biographie von ihm zu liefern, als die Portugiesen von der Marie abfaßten, da sie noch im Mutterleibe der heiligen Anna war. Jung in seinen Nachrichten von der portugiesischen Literatur gibt wirklich S. 28 von einer solchen Biographie, ja von einer Epopöe de conceptione Mariae Nachricht. – Büschings wöchentliche Nachrichten liefert jede Frau, die Sonntags einen Kopf und einen Friseur dazu hat, und ihre eheliche Treue ist oft bei seiner historischen. – – Außer den historischen Hülfswissenschaften – der Archäologie, Genealogie, Münzwissenschaft – hat ein solcher Spezial-Livius (oder Livia), Spezial-Cornelius (oder Cornelia), Gibbon (oder Miß Gibbon) noch die besten korrespondierenden Mitglieder, nämlich die Bedienten, die Wartfrau, die Hebamme, den Balbier und die Mamsell. – Wie Ritter Michaelis denen, die nach dem Orient reiseten, wichtige Fragen mitgab, so zeigen Stadt- und Gassenhistoriker ihren Kindern die erheblichern historischen Lücken an, die sie in fremden Häusern auszufüllen haben. Ja machen sie sich nicht selber auf und bereisen, wie griechische Geschichtschreiber die Länder ihrer Annalen, die Häuser derer öfters, an deren Chronik sie gehen wollen? Ist das Kirchengehen – so wie die alten Historiker ihre große Tour oft durch Tempel nahmen, um aus ihren Inschriften einzuernten – nicht ebensosehr den historischen Kenntnissen bestimmt als den religiösen? – Und ist denn nicht jeder Tanzsaal, jede Frontloge, jeder Lustort, jeder Eßsaal ein Salon de la correspondance wie der des Herrn de la Blancherie in Paris? – Es gibt dann wenige, die in der akademischen Sitzung ihre Ephemeriden nicht in jenem einfältigen Stile des Polybs vortragen, den Monboddo so hoch über Tacitus seinen stellt. Die Hauptfoderung, die Dionys von Halikarnaß an Historiker macht, als solche keine Religion, keine Freundschaft und kein Vaterland zu haben, befriedigen viele. Anlangend ihre Wahrhaftigkeit, so ist sie vielleicht nicht klein, wenn die Erfahrung wahr ist, daß jeder dem andern widerspricht; denn wenn Chrysostomus schon aus der so wenig bedeutenden Disharmonie der Evangelisten auf ihre Glaubwürdigkeit zu schließen riet, weil sie den Verdacht der Verabredung abwendet, so lass' ich jeden selber ermessen, wie groß erst die Glaubwürdigkeit von Historikern sein mag, deren Disharmonie zehnmal größer ist und also der Argwohn der Verabredung zehnmal geringer.«... So weit war ich, als ich merkte, daß man an einigen Tischen über mein Schreiben rede; ich fuhr aber gelassen fort: »Viele solcher Rhapsoden mengen in ihre Spezial-Quotidienne, gleich Voltairen, Satire oder sogenannte Verleumdung; aber sie billigen nie die Verleumdungen anderer Spezialhistoriker, ja sie klagen über die Medisance der Stadt. So loben und beleidigen jetzige Dichter die Tugend auf einem Blatte. Überhaupt achten Poeten, Philosophen und deren Leser die Tugend wie die Mexikaner ihr unsägliches Gold so hoch, daß sie jene, wie die Amerikaner dieses, bloß zur Ausschmückung der Tempel verbrauchen und aus Ehrfurcht nicht als Kurrentgeld im Handel und Wandel kursieren lassen...« Jetzt gingen zwei herrlich eingekleidete Herren nahe vorbei und lachten den Schreiber der Reise-Anzeiger aus; er fuhr aber gelassen fort, wiewohl mit weniger Zusammenhang: »Immer mehr Gift find' ich in Historikern, in Arsenik und in Brillen-Schlangen, je heller und schöner ihre Außenseite ist. Wenn daher der römische Prätor seinen Purpur- und Galarock abwarf, um jemand zu verdammen: so zieht man jetzt eben den besten an, wenn man ausgeht, über jemand den Stab zu brechen. Und überhaupt schenk' ich dem Elegant mein ganzes Mitleiden und kann ihm doch nicht helfen. Was hat ein solcher Mensch getan, daß ihm jeden Morgen – in Gerichtsstuben die gewöhnliche Zeit der Folter – der Haarkräusler mit glühenden Zangen die tadellosen Haare zwickt und ihm einen dänischen Mantel oder Marterkittel (den Pudermantel) umhängt – daß ihm der Schuster an die kranken Füße, da der Kriminalist sonst nur gesunde foltert, enge Schuhe, d. h. kürzere spanische Stiefel anlegt? Ist es erlaubt, daß ein solcher büßender Bruder – angeschlossen ans Zank- und Halseisen der Wulst-Krawatte, liegend in der tratto di corda der Strumpfbänder und knappen Doppel-Hosen, und überhaupt an Haupt und Haar, an Hals und Hand zugleich gestraft – die Dornenkrone aus Haarnadeln oder Papillotten oder engem Filze aufbekömmt, daß ihm ein Herodes-Purpurmantel und ein Sanskulotten-Zepter zur Schmach gegeben wird – daß er Essig an seinem Kreuze fodert (um seine Taille mager zu machen) und daß er so den ganzen Tag gekreuzigt wird, bis er abends das Haupt neigt und – einschläft? Warum, wenn die Kartesianer die Tiere darum für Maschinen erklärten, weil ihre Martern sich im Falle der Empfindung nicht mit ihrer Unschuld reimen ließen, warum hilft man sich nicht ebensogut bei den schuldlosen Blutzeugen des Putzes, denen ein ebenso herbes Schicksal als den Tieren beschieden ist, und nimmt an, daß sie ebensogut Maschinen sind ohne die geringste Empfindung?«... Jetzt wurd' es immer leerer und stiller um mich; ich fuhr aber kaltsinnig fort: »Mich dünkt (damit ich wieder zurückkomme), nur eine solche Vereinigung von Historikern und deren Sessionen (wofür sie nicht wie die vierzig Akademiker in Paris von jeder einen Silberpfennig bekommen, sondern nur das wenige, was sie wie in einem Weinberg mehr in den Mund als in die Tasche stecken) konnte es möglich, nur eine solche Zahl von Mitarbeitern – die selten kleiner ist als die der Volksmenge in einer Stadt und die also meistens größer ist als die der achtundzwanzigtausend französischer Geschichtsschreiber, welche Le Long namentlich aufführt – konnt' es wirklich machen, daß jede spezialhistorische Gasse weiß, wie viel Rockknöpfe, geheime Schulden, Hoffnungen, Hemden, Kinder und Briefe jeder gegebene Mensch hat. Spezialhistorischen Korporationen und Primärversammlungen würd' es z. B. ein Leichtes sein, von Stußen folgendes drei Stunden nach seiner Ankunft ausgemittelt zu haben: 'Ein Hornrichter ist der Mensch? und hat in Nürnberg gelernt und pekziert? Das lass' ich zu. – Metzger hieß sein Nürnberger Meister? So! – Er sieht nichts gleich, und viel hat er wohl nicht im Mantelsack? Nicht? – Der Mensch soll schon tolles Zeug geschrieben haben; wie?' – Das war aber ich, nicht Stuß. Es wäre unbegreiflich, warum aus so vielen mündlichen Nouvelles à la main nicht mehrere Vorteile für die große chronique scandaleuse der Menschheit, für die Weltgeschichte gewonnen würden, wenn man nicht wüßte, daß die kleinern ärgerlichen Chroniken nie gedruckt werden, und zwar aus einem sonderbaren Naturgesetz. Es ist dieses, daß das Wunderbare und Wichtige die Menschen nur im umgekehrten Verhältnis seiner Entfernung reizt. Z. B. für die Stadt selber ist immer die Geburt eines Kindes interessant genug; aber zwei Wersten davon tuns nur Zwillinge, drei Wersten Drillinge, und so muß man mit den Wersten die Geburten häufen, die zuletzt ohne Abbruch des Interesse gar keine Menschen mehr sein können, sondern greuliche Mißgeburten. Lieber prügle ein in Baireuth angemessener Mann seinen Bedienten obenhin aus – oder ein Schutzverwandter seine Frau, ich seh' es lieber und werde mein Referat davon den Baireuthern mit größerem Glücke machen, als wenn ein Westindier seinen Neger zerschnitzt und lebendig gerbt und ich mit der Nachricht davon zu gefallen habe: ja wenn er mit den größten Qualen den Schwarzen durch eine Dampfnudelmaschine preßte, so bliebe doch immer Westindien außer der Stadt. So geht die Geschichte mit zunehmender Nähe und abnehmenden Wundern und bleibendem Interesse von Herschels Universalhistorie des Universums durch die Reichsgeschichte der Erde in die Gassengeschichte – Eckhausephemeriden – Alkoven-Moniteurs – Bette-Pseudoevangelien und noch weiter herab bis zu dem Universitätsroman, den ich einmal mit einem Mädchen in einem Muffe spielte. Ich glaube, ich werde nachher den Roman der Welt vergönnen, aber vorher ist noch eine durchdachte Erklärung des vorigen Phänomens zu geben. Sie ist diese, daß ein fremdes Ich als Ich, ohne Rücksicht auf Menschenliebe und Eigennutz, eine solche Allmacht an uns ausübt, daß Wahrheiten – daher die Wirkung dramatischer Einkleidungen – und Tugenden – daher die Allgewalt der Beispiele – und die ganze physische Welt Sogar die großen Erscheinungen des körperlichen Weltalles nehmen einen Teil ihres Reizes von der heimlich zu einem Ich personifizierten Natur oder vom Glauben her, daß sie Äußerungen des unendlichen Ur-Ichs sind. erst als Zustände eines Ichs uns am tiefsten ergreifen. Daher kommt die Neigung der Gelehrten für Literargeschichte und Johnsons Erhebung der Biographie über die Welthistorie, weil in dieser die Geisterwelt unkenntlicher ferner Ichs in eine bloße verworrene Körper- und Schattenwelt zerläuft. In den Spezialkarten und in den Spezialhistorien stecken, wenn sie alle da sind, die allgemeinen, aber nicht umgekehrt; allein in diesem Sinn gibt es nur einen einzigen Spezialhistoriker und Geographen, den Urheber des gelehrten Deutschlands sowohl als des ungelehrten und der übrigen Welten.«   Ich sah' auf, und es waren alle Baireuther fort, nur eine Frau schauete sich noch im Wagenfußtritt um und erwog, ob sie mich kenne. Ich kannte sie recht gut, es war dieselbe Betta (Lieschen), mit der ich im gedachten Muff den Universitäts-Roman gespielet und mich darin verlobet hatte. Sie hatte sich nachher auch außerhalb des Muffes mit einem gewissen Herrn P. verlobt und ihn allein geheiratet. Ich will meine Sponsalien im Federmuff dem Leser geben, da sie ohnehin mein fünftes Werk vor Nürnberg sind: Die Sponsalien im Muff. Es war in den Achtziger Jahren, daß ich an einem kalten Thomasabend mit Betta und deren rückwärts sitzendem Vater von Eremitage nach Hause fuhr. Ich hatte den linken Handschuh verloren, den man erst den andern Tag in der linken Tasche wiederfand, und der Dezember setzte der linken Hand, meinem einzigen Bassisten fürs Klavier, so heftig zu, daß ich Vater und Kind um ein Lager in der Dachsröhre des Muffes ansprach. Betta zog sogleich ihre linke heraus, legte sie unter ihn und schob ihn mit ihrer noch darin wohnhaften rechten und mit seiner Freiheit von Einquartierungen mir zu. Ich fuhr in den Dachsbau hinein. Anfangs schlief die Hand aus, um nur warm und auch einheimisch zu werden: nach und nach unterschied sie in der Finsternis des Gefühls die Objekte. Ein langer Muffschweif lag als Betttroddel oder Bettzopf quer auf ihr. Ich richtete sie darunter in die Höhe und bemächtigte mich des Weihwedels und fächerte mit ihm in die Ferne, weil ich, bevor ich im Winterquartier etwas von Belang vornahm, wissen mußte, wie weit die feindliche Hand von mir liege. Ganz an der Schwelle des Muffs wie in einem Schmollwinkel hielt sich die feindliche Landung auf. Ich kroch auf den Fingern – den Streitflegel zwischen dem Daum und Zeigefinger – durch den ganzen Wärmkorb und beunruhigte nun mit meinem Wedel Betten ernsthafter. Außen aber, nämlich mit den Gesichtern saßen wir beide ruhig vor dem Vater, und ich erteilte ihm unbefangen zuverlässigere Nachrichten vom russischen Kriegsfeuer in Taurien während des meinigen im Muff. Die Umstände hatten sich so geändert, daß ich nun mit meiner Feldschlange fast alle Finger Bettens bestrich. In der Angst – von meinen Fingern umzingelt – und überhaupt im Gestrippe und Dickicht der Haare – und unter dem Kometenschweif am Himmel – tut Betta einen der kühnsten Ausfälle und fängt den Wedel. Jetzt brach auf dem Kriegsschauplatze des Muffs das Kriegsfeuer erst recht los: ich gab den Wedel auf keine Weise her – in entgegengesetzten Richtungen wurde ungemein gezogen, vorn wie hinten fünfspännig – Betta fassete einen längern Schaft von meinem Labarum, ich tat sogleich dasselbe – nicht fünf Haare lagen mehr zwischen den feindlichen und meinen Fingern – ganz erbittert wurde gezerrt – – auf einmal ließ ich aus Kriegslist fahren, und der Wedel riß ab, und Betta hatt' ihn in der Hand.... »So daß also Katharina II.« (fuhr ich vor dem Vater fort und tat, als wenn ich über nichts lachte als über die Kaiserin aller Reußen) »durch die Akquisition jetzt wirklich ein Bassa von einem Roßschweif ist.« – Es war bei einiger Aufmerksamkeit leicht vorauszusehen, daß mein Verlust des Wedels, meiner Standarte, die besten Folgen für den Hausvertrag und Burgfrieden im Muffe nach sich ziehen müßte: ein Fehler, den ein Mädchen mit uns gemeinschaftlich verübt, ist ein Mörtel und Mundleim zwischen ihr und dem Mitschuldigen. Ich stellte sogleich alle Feindseligkeiten im Portativofen ein, ging zu ihrer Hand und bot ihr meine zum Frieden: die Friedensartikel mochten nun durch einen leisen Handschlag, wie bei den alten Deutschen, oder durch einen stummen Schwur ratifiziert werden, so waren aufgehobene Finger notwendig. Als aber ihre Hand schlaff auf dem warmen Feldbette der Ehre und auf dem Wedel ruhte und mich ärgerte: konnt' ich zum Faust- oder Fingerrechte greifen und sie selber inhaftieren. Ich okkupierte einen Nagel und ein Fingerglied nach dem andern – aber ihre Hand schien wie die des Ritters Götz und der Gorgonen von Eisen zu sein – der Briefschwerer meiner Hand legte den Druck der Abgaben erst auf ihre ganze – es blieb, wie es war – ich verteilte dann den Druck auf einzelne Glieder – diese regten sich zerstreuet – ich machte sofort die größten Läufer auf ihrer Stangenharmonika – nun war im Pankratium und Ringen aller Finger nichts mehr zu unterscheiden als mein Himmel – das Hexenpantöffelein des P. Fulgentius oder den Wetterableiter, nämlich den Fliegenwedel hatt' ich ihr aus der Hand gezogen – ich saß bald unter, bald auf der Hand und dehnte mich aus und streifte bis an den Puls, diesen Referenten und nachschlagenden Hochwächter des Herzens – Welche himmlische Quintette der Finger, die im Federmuffe so gut wie in einer Gerichtsstube Schwurfinger waren und göttliche Personen repräsentierten! Welche häusliche Glückseligkeit im Federbette eines Federmuffs, der vorher eine Kriegsgurgel war! – Da ichs satt hatte, im Freien vor dem Schwiegervater über die eroberte Krim verdrüßliche Gesichter mitten in den Muffbelustigungen zu schneiden: so pries ich ihm zum Deckmantel vergnügter Mienen die Zarin an und setzte ihn (denn er dachte, ich meine die Petersburger) durch die Rede in Erstaunen: »Sie ließ den Zankapfel oder Zankroßschweif willig fahren, ob sie gleich lange Hände hat, gleichsam Hände von Vandyk; sie besitzt ein herrliches Herz und meines dazu...« Aber der Schlitten stand und schellete aus: ich räumte die anglisierte Hand-Wildschur, und nie lag ich wieder da im Winterquartier. Unter andern Gütern zog ich Betten auch das Schwänzchen des Muffes ein, das ich diebisch in die Hand einpackte und mitnahm. Noch wird der Wedel in meinem Hause vornehmen Fremden vorgezeigt und gesagt: »Das ist das Seil der Liebe, womit Jean Paul während seiner Ehe zur linken Hand im Baireuther Federmuff so glücklich zog!« – – Ende des fünften Werks vor Nürnberg. Ich machte mich allein im goldgrünen Abend auf und nahm mein Dintenfaß wieder zum Gehen; merkte aber, daß ich mich in das Utopien der Sehnsucht hineingeschrieben hatte: unsere verlorne Empfindung, nicht der Gegenstand derselben, die vorige Liebe, nicht die vorige Geliebte ruhen fest über uns und werfen durch lange wolkige Jahre die Wärme herab. Die magische Zeit und die magische Nachbarschaft führten nicht nur alle meine vorigen Alonza Lorenzos von Toboso mit ihren Kronen, sondern auch alle Lorenzos von Calais mit ihren Tabaksdosen vor mein Herz – und an der Spitze der Letztern flog der Doppeladler, Siebenkäs und sein Leibgeber, und ihre erleuchteten Gesichter waren nach dem großen Abend gerichtet, wo sie den hohen Fürstenbund helfender Freundschaft im nahen Wäldchen der Eremitage zusammenkniend beschworen hatten. Ich machte mich sogleich ins Wäldchen, trat auf dem gelobten Lande und Sitze jener Seligen, die ich selber der Welt beschrieben hatte, unter seltenen Gefühlen auf und unter holden Grenzstreitigkeiten und Grenzverrückungen des Ideals und der Wirklichkeit und wurde erst spät jener Botenbleche an den Bäumen ansichtig, die mir so gut bekannt waren als einem. Es schlugen nämlich in den Regenmonaten der Literatur, in der sogenannten empfindsamen Dekade, viele Baireuther von Empfindung handgroße Bleche, auf welche ein Seufzer oder eine Träne mit Metallschrift poetisch eingeätzet war, mitten an die Stämme an, etwas höher als die Blech-Kordons an Taubenhäusern gegen Katzen sitzen: die Votiv- und Opfertafel sollte mit ihrem Verse für irgendeine Geliebte eine Belagerungs- oder auch Huldigungsmünze abgeben. Es ist eine Schwäche des Verfassers der Reise-Anzeiger, daß ihn so etwas gleich sehr belustigt und erweicht: wo er nur irgendwo vor der Göttin der ewigen Liebe Feueranbeter oder Bilderdiener auf den Knien findet, unter welchem tollen Fetisch und Bilde sie auch verehret werde, oder mit welchen närrischen Liturgien und Dankopfern es auch geschehe, oder in welcher Tochterkirche, stets wird der Verfasser den Durchgang durch die Kirche mit einem Schußgebete (preces ejaculator.) nehmen und sein Herz zum Repetierwerk eines jeden fremden machen, in dem die Andacht der Liebe schlägt. Mühsam ging ich mit dem Augenglase vor dem unter die Stämme verteilten Stammbuch aus blechernen Temperamentsblättern auf und nieder, um es herabzulesen: endlich trat ich unter ein Blech mit dieser Einladungsschrift des Herzens: Die Au verblüht – Das Herz verglüht – Der Mensch entflieht – Ach, Gute, liebe mich! J. P. »J. P.?« (fragt' ich) »das ist ja offenbar dieser P. – dessen Taufname vermutlich Joachim oder Jobst oder Joseph ist –, welcher mir die Muff-Pugilistin weggeehlicht hat?« – Ich arbeitete mich in meinem bauschenden Nachtmantel den Stamm hinan und brach mir den eisernen Brief zum Mitnehmen aus: »Lass' ich ihn am Baum,« sagt' ich unter dem Ausheben, »so lässet ihn die literarische Keuschheitskommission der schreibenden Reisenden oder der reisenden Schreiber abdrucken und merkt an: J. P. (der Sponsus, nicht J. P. der Mann) hat dieses Zifferblatt, diesen Aushängebogen seiner Denkweise öffentlich angenagelt und ad valvas templi affigiert.« – Jetzt erst flog ich mit meinem Bleche auf einem Himmelswagen (aus der Remise der Phantasie), vor den sich lauter Träume und Genien spannten, durch das Dorf Johannis, wodurch mein Siebenkäs seine Entzückungen getragen hatte, nach Baireuth. Der erste Anwurf des Frühlings lag an den Bergen – die Sonne überzog ihn mit Glanz-Gold – die frohen Menschen waren vom Frühling aus der bedeckten Allee des bewölkten Himmels in die offne des blauen geführt – auf jeder Seite ging neben mir ein Traum, nämlich Natalie und Firmian – tief in meine Brust verbarg ich die edle Hermina mit ihrem feuchten Auge, vor dem ich meines niederschlug – mein tägliches Pensum einer satirischen Umarbeitung war auch schon abgetan: – – was hatt' ich nun im Gasthof zur Sonne in derselben Brautkammer des Herzens, wo Firmian auf den Lippen seines Heinrichs sein Leben süß verloren und süßer gefunden hatte, noch zu wünschen oder zu tun? – – Nichts tat ich, als daß ich das feuchte Auge, wovon ich sprach, ganz vor meiner Seele öffnete und unaufhörlich darein schauete und mich nichts mehr um meines bekümmerte... Dritter Reise-Anzeiger Fata: mein Traum – und ein fremder – der Brief Werke: ob nicht dem Mangel an Selbstrezensionen der Ablauf der empfindsamen Kraftdekade schuld zu geben? Vor dem himmelblauen Ostermontage erwacht' ich mit verschleierten Augen des innern Menschen, gleichsam als trüg' ich die weggezogene Nacht in der Brust. Ein kurzer, aber harter Traum hatte sein Trauerspiel vor mir gegeben. »Hermina« (träumte mir) »saß in einer hellen Sakristei, worin Mondschein und Sonnenschein nebeneinander strahlten – das Sonnenlicht lag wie Morgenrot auf ihrer weißen Stirne und auf dem Herzen, aber um Wangen und Lippen war bloß Mondschein – und ihr Gesicht und ihre Hände waren ganz naß. – Da ich sie fragen wollte, warum, so wuchs Mond- und Sonnenlicht so blendend auf ihr, daß ich das Auge weg- und in eine dunkle lange Kirche wenden mußte, worin die steinernen Mönche und alten Fürsten sich von der Wand losmachten und losrangen und in ihre offnen Erbbegräbnisse hineinzogen. Plötzlich kam der Taufengel hernieder und hatte die goldnen Flügel wie Arme um die Gipsbüste Herminens geschlagen und sank damit in den offnen Fußboden hinein. Ach, sagt' ich, ich weiß es schon, du bist gestorben, und man hat dein Angesicht mit Öl befeuchtet, um die Büste davon abzulösen. Jetzt wurd' es noch heller, und ein langer Blitz stand hinter mir, aber ich konnte mich nicht mehr umwenden und erwachte unter der Arbeit und vor Qual. – –« Dieser Traum und das abgelösete Blech auf dem Tisch hielten mir das Entfliehen des Menschen und das häßliche Verschieben unserer Liebe so strafend vor, daß ich mich entschloß, heute die strengsten Reflexionen über mich – und darum eine kürzere Tagreise (nur bis Streitberg) – und um frei zu sein, mein satirisches Tagewerk der zweiten Auflage schon im Gasthofe zu machen. Der Verfasser dieses Buchs ist an jedem Tage, an den Regentagen unsers Lebens, an den Sterbetagen des Herzens, zu Satiren, wenigstens zur Ironie, wenn auch nicht zur Laune aufgelegt. – Doch mag er (das bekennt er) lieber bei elendem Wetter im Winter satirische Dornenhecken und im Frühjahr lieber idyllenartige Blumenparterre setzen, so wie umgekehrt der Stachelschweinmensch in London seine Stacheln bloß im Winter abwarf und deswegen nur in dieser Mausezeit seine Frau umhalsete. Ich hob aus der besten Satire der Teufels Papiere – dem Vorschlage und Lobe der Selbstrezensionen S. 295 – folgende Stelle um so lieber aus, da sie mehr ab- als umgeschrieben zu werden braucht. Die blechenen Reimtafeln in Eremitage hatten mir die wählende Hand geführt. Sechstes Werk vor Nürnberg. Ob nicht dem Mangel an Selbstrezensionen der Ablauf der empfindsamen Kraftdekade schuld zu geben? Das goldne sechzehnkaratige Zeitalter unserer Literatur (das kraftgenialische) ist leider jetzt in ein verkalktes umgesetzt; und das gibt mir Anlaß genug, mich sowohl über das Zeitalter als über die Umsetzer herauszulassen. Erstlich über das Zeitalter! So große Köpfe und noch dazu eine solche Menge derselben wies außer Utopien noch kein Land auf als Deutschland von anno 1770 bis 1780; so wahr ist die Bemerkung des Vellejus Paterkulus, daß große Männer gern miteinander und auf einmal erscheinen – wie ich denn einmal zu Dossenheim bei Mannheim die angorischen Ziegen und die großen Männer gegeneinander zählte und von letzteren ein Mandel Überschuß bekam. – Daher verschattete damals einer den andern, der eine wurde nur zur Elle des andern gebraucht (denn Größe ist relativ), und man blieb zuletzt gleichgültig, wenn ein solcher großer Mann einem die Ehre antat und einen Löffel Suppe mit aß. Hat nun ein ganzes Volk von Riesen die Vergrößerung eines Parnasses im Ernste vor und wirft jeder seinen Musenberg mit zu den Musenbergen der andern hinauf: so wird ja wohl ein solcher Parnaß am Ende selber ein Riese unter den Parnassen werden müssen. Und das wurde der deutsche denn wirklich, und zwar so sehr, daß mir, wenn ich oben auf ihm stand und mich umsah, der gallische nicht viel größer vorkam als dessen Fußtritt. Wir Deutsche machten darnach fast in ganz Deutschland und sogar gerade unter demselben, in Nordamerika – weil unsere Truppen die besten Produkte des Genies in der Tasche mitbrachten – Epoche, und unsere Meßlieferungen wurden ebenso gierig von uns verschlungen als nachher von der Zeit. Wer einen feinen Gaumen hatte, ließ sich ästhetischen Schnepfendreck zynischer Dichter geben, so wie jetzt das trockne album graecum der griechenzenden Kritiker und Poeten offizinell ist. Wir übersetzten nicht mehr ins Deutsche, wie sonst, sondern ins Französische und niemand als uns selber. Wir waren alle originell und ahmten nicht mehr ausländischen Skribenten, sondern uns untereinander selber nach, und noch dazu nur solchen Autoren, die großen Briten nachgeahmt hatten. Echter Stolz war damals häufig und gemein, und ich erinnere mich noch, daß ich mir nichts sowohl aus dem schriftssässigen als amtssässigen Adel machte, wenn er vor mir vorbeiritt. Die meisten setzten aus Virtuosenlaune nicht eher einen Vers auf, als bis sie nichts mehr anzuziehen hatten, gerade entgegengesetzt den Sangvögeln, die eben in der Mauserzeit zu singen aufhören. Verse und Prose waren hart, aber die Herzen weich, obwohl grob – ja die meisten liebten alle Menschen und Tiere und nahmen nur die Rezensenten aus: Genies mit Tränen in den Augen teilten auf den Straßen Prügel aus und Scheltworte auf dem Papier. Es wurde alles vereinigt, weil Kraft da war, gesottene Hechte mit den Schwänzen im Maul waren kein Wunder mehr. Kalte, hohle Köpfe, Hohlspiegel aus Stroh, Holz, Eis stellten sich hin und setzten das halbe Publikum in Brand, und eine publica die Spiegel. – Kein Geist von einigem Gehalt setzte einen Fuß in eine Universitätsbibliothek, und der lange Streit, ob Shakespeare gelehrt war oder nicht, fiel über diese Stief-Shakespeares völlig hinweg, da man so nahe an ihnen als Zeitgenosse lebte und wußte, was sie wußten, welches jetzt auch der Fall mit den Kantianern ist. Ich muß dieses ausdrücklich gegen künftige Dutens erinnern, vor deren künstlichen Anklagen philosophischer Reminiszenzen und Plagien eben nichts kräftiger rettet als das Alibi, wenn man ihnen durch Spuren der Unwissenheit leicht beweisen kann, daß man nichts gelesen. Manche gaben sich gar nicht die Mühe (zumal im Trauerspiel) und waren bei Sinnen – andere fragten den Henker nach Komma und Kolon, sondern schrieben geradeaus, nämlich in Gedankenstrichen, wie Pitteri seine Kupfer bloß in geraden Linien sticht. – Ein weitläufiger Anverwandter von mir setzte gar zwei Gedankenstriche übereinander wie ein Parallellineal, verewigte sich aber wenig. – Beim Himmel! die Zeit sollte noch sein! – Setzten nicht mehrere damalige Tragödiensteller gleich Gauklern den Dolch der Melpomene bald auf ihre Nase, bald auf die Stirne und trugen ihn auf dem Glied und tanzten darunter über die Bühne zum Erstaunen der Zuschauer? – Großer Himmel! das ist noch wenig – des Genies hatten wir alle mehr als genug – Poeten ließen rötliche Stiefel besohlen und liefen in Gottes freie Natur hinaus und kamen mit den herrlichsten Kreidenzeichnungen davon in der Tasche unter das Tor zurück – mein doppelt gestrichner Vetter nahm ein falsches spanisches Rohr und schlug einen alten Silbenstecher braun und blau gewürfelt – Tausende vergaßen im Tumulte alles, besonders tote Sprachen und lebendige, und führten ein Warenlager von Welten bei sich, die gelehrte ausgenommen, und schrieben bloß in abgerissenen Gedanken und in abgerissenen Hosen – wegen der Menge herrlicher Werke mochte sie kein Mensch mehr haben vor Ekel... Und das war der Teufel! – Der Parnaß ist nun ein ausgebrannter Vulkan; und wo haben wohl jene Männer, die aus Goethes Esse funkelnd stoben, ihren Glanz und ihre Wärme gelassen? Sollt' es wahr sein, was ich behaupte, daß sie jetzt den Planeten gleichen, die nach Buffons System, als sie eben von der Sonne abgesprungen waren, noch gleich ihrer Mutter glänzten und brannten, allein bald darauf aus Sonnenkindern zu Erden zu erbleichen anfingen und zu erkalten noch fortfahren? – Leider ist das wahr, und unsern Himmel verschönert bloß noch eine Sonne. Ich schwöre nicht, daß nicht nach hundert Jahren auch der alte Kant so allein, wie Klopstocks Sonne mitten in der Erde, an seinem unterirdischen Himmel steht. Aber das gute Publikum kann für nichts, sondern die Rezensenten haben den Parnaß unterhöhlet: beides will ich jetzt mit mehr Anmut beweisen, als die Sache brauchte. Wäre das Publikum nicht selber mein Leser, so könnt' ichs hier freier loben und mit weniger Verdacht: jetzt darf ich bloß sagen, es wäre zu wünschen, die Franzosen, die Spanier, die Neuspanier, die Neuseeländer hätten die gedachten genialischen Quimbus-Flestrums Mensch-Berg, wie die Lilliputer den Gulliver hießen. unserem Musenberg mit so vielem Eifer erhalten wollen, als die Deutschen wirklich taten. Brachten sie den jungen Flestrums nicht Gold, Weihrauch und Myrrhen, indes Kritiker nach bethlehemitischem Kindermord auszogen? – Lasen sie nicht so lange an den Sachen, als es ging, und standen unter der Verdauung, die bei reizbaren Magen allezeit ein Fieber wird, ein hitziges aus? – Und in der Tat nichts Geringeres war von einem Publikum zu erwarten, das für echten Bombast (im guten Sinn) vielleicht mehr wahren Geschmack besitzt als ganz Paris zusammengenommen: denn wenn der ungekünstelte, einfältige, natürlich-rohe Geschmack nicht nur der richtigste, sondern auch der ist, der (wie die Orientaler sowohl als die alten nördlichen Völker beweisen) brennende dicke Farben, Quodlibets-Bilder und mäßige Übertreibung zu genießen weiß: so muß er doch wahrhaftig bei einem Lesepublikum – oder sonst nirgends – anzutreffen sein, das größtenteils aus jungen Leuten, Studenten, Kaufmannsdienern oder ungebildeten Geschäftsleuten besteht, kurz aus dem größern Teile der Romanenleser, ohne den alle Bücherverleiher (wie sie mir alle sagen) ihre Leihhäuser schließen müßten. – Überhaupt ist unser Publikum das amüsabelste Wesen von der Welt, und falls ein Buch nur nicht gar zu dumm oder gar zu gut ist, weiß es immer etwas daraus zu nehmen. Viele z. B. hielten die physiognomischen Reisen, als nur ein Teil heraus war, für einen neuen physiognomischen Erzgang und Schatzkasten: als sie hernach sahen, daß es nur Spaß war, waren sie schon mit der Ironie zufrieden. Wahrhaftig das Publikum schafft sogar seinen Verstand beiseite, sobald er die weiße oder schwarze Magie eines Kraftprodukts zerstören will, und man antworte mir ernsthaft, ob und wenn es je wohl das Kolophonium, womit die Flestrums das Blitzen der Phantasie nachmachten, für Geigenharz, oder die harten Erbsen, mit deren trocknem Geräusche die Empfindsamen einen Tränenregen theatralisch gaben, für nichts als Erbsen gehalten. Ich will wenigstens hoffen, daß der Fall nicht oft war; aber bei einer genauern Untersuchung würde alles auf den einzigen auslaufen, daß der belletristische Akteur den Leser selber bei dem Arme nahm und in der Anziehstube und unter den Maschinenwerken herumführte: ich will damit sagen, daß die Flestrums sich zuletzt selber in Spötter der Flestrums verkehrten. Und dann ist Illusion ohne Sünde nicht mehr zu verlangen: denn jeder, der seinen Shakespeare gelesen, sage mir, ob er noch Schnock den Schreiner für einen Löwen zu halten in seiner Gewalt habe, wenn der Schreiner in der Löwenhaut ans Orchester kriecht und selber fleht, man möge ihn für einen zünftigen Schreinermeister, und für keinen Leuen ansehen? Überhaupt wer auf das Publikum die Schuld des gesunknen Flestrums-Alters bringen will: der muß beweisen können, daß es seinen so reinen damaligen Geschmack seitdem geändert habe. Aber hier, hoff' ich, leistet uns sein jetziger so allgemeiner und entschiedner Geschmack für die gleichsam von Schildknappen abgefaßten Rittergeschichten – diese besten transzendenten Tabagien –, für Spuk- und Mordgeschichten und für Sprach-Furiosos Gewähr, daß es noch so ist, wie es war; und daß es noch jetzt allen jenen so verschrienen vulkanischen Produkten würde Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn sie allemal – welches oft die elendesten jetzigen vor ihnen voraushaben – in diesem Jahre gedruckt wären. Sein ganzer scheinbarer Abfall von seinen Gottheiten ist ein bloßer Tausch ihrer Statuen; es hat, wie im Christentum die heidnischen Proselytenvölker, Zeremonien und Tempel und Bildsäulen beibehalten und nur die Namen schwach verändert. Der Dalai Lama, der seine Erzeugnisse dem Leser zuwirft, ändert diese wenig ab, und er selber setzet sich gewissermaßen durch die Sukzession ähnlicher Repräsentanten unverändert fort. Wer ist also am Unheil schuld? – Die Rezensenten, welche die Zunge des Publikums, da sie dessen Zungenbänder in Händen haben, falsch regierten, so daß es damit den Tadel von Werken nachsprechen mußte, die es immer schätzen wird. Die katholischen Geistlichen erteilen , die protestantischen verkündigen nur die Vergebung der Sünden; in Hinsicht der literarischen Sünden ist Deutschland von Gallien gerade das Widerspiel des Urteils wie der Beichte: dort kündigen die Kritiker die vergebenden Urteile des Publikums an, bei uns machen sie solche. Diese Biegsamkeit, wodurch sich die Kehle des Publikums so leicht zu einem Sprachrohre der Journalistika erweitert, ist so wenig ein Fehler oder für uns Autoren ein Unglück, daß wir eben von dieser Biegsamkeit den größten Vorteil ziehen könnten, wenn wir uns die Mühe gäben und selber das öffentlich mit Beifall aufnähmen und anzeigten, was wir geschrieben, und gleichsam so viele tausend Hände als Laubbrecher des Lorbeers handhabten. Sehr beschämen uns die Buchhändler, die von ihrem Loben unserer Sachen wenig haben, und die gleichwohl uns im höchsten Grade öffentlich preisen, weil sie wissen, wie sehr das Publikum so etwas unter dem Publikum weitergibt. Und wie schlecht bestehen gegen solche Buchhändler Autoren, die lieber Briefe voll Lob auf sich selber einem ehrwürdigen Publikum andichten, als durch Selbstrezensionen es in den Stand setzen wollen, ihnen dieses Lob mit eignem Munde und mit voller Überzeugung zu erteilen. Andere Nationen haben das deutsche Publikum nicht und behelfen sich schlecht. Besäße die gallische es: hätte man wohl einem Autor, dessen Theaterstücke niemand beklatschte, nach Mercier den Rat zu geben gebraucht, sich (wie Nero eigentlich tat) eine Maschine zu bestellen, die ein guter Freund von ihm in einem Winkel des Schauspielhauses aufsetzen und umtreiben sollte, um mit ihr für die bessern Stellen das Klatschen von hundert Händen – wie es denn in der Tat dasselbe ist, ob Fleisch und Bein oder Holz und Leder den Schall erzeugen – spielend nachzumachen? – Wäre ein solcher Rat in Deutschland nötig gewesen? Ich will hier gar nicht das deutsche Publikum auf Kosten des gallischen und der guten Skribenten erheben, zumal da ich selber von der Zahl der letztern bin; aber das lasse man mich frei erklären, daß wir Skribenten es nicht verdienen, eine ebenso gute, wenn nicht bessere und größere Klatschmaschine – die uns nicht einen Groschen Macherlohn kostet – an unserem Publikum selber zu besitzen, dessen tausend laute Hände wir schon durch eine einzige Feder spielen und wie eine Bandmühle durch einen bloßen Knaben bewegen und beherrschen lassen können. Mit drei Worten und damit aus: bloß weil wir zu träge waren, uns ein Lob zu erteilen, bekamen wir keines und glichen sonach den großen Römern im Fehlen und Büßen, die ebenfalls (nach Sallusts Bemerkung) weniger der Mangel an großen Taten als der an großen Lobrednern derselben unter die Griechen herunterzustellen geschienen. So weit mein sechstes Werk vor Nürnberg. * Unter lauter Kanzelliedern zogen ich und Stuß langsam aus Baireuth in den langen schönen, vor uns stehenden Tag hinein: in Fantaisie wurden bei unserm Eintritt die Glocken geläutet, sowohl im Dörfchen als in Baireuth, weil verschiedene Predigten aus waren. Aber in mir gingen sie erst recht an. Es kann mir Händel machen, daß ich bei den meisten schönen Partien des Parks – obgleich jede ihr weißes Kreuz mit einer Kalvarienüberschrift hatte, die keinen Leser ungewiß ließ, was es daran zu sehen gebe – wenig empfand, und daß mich das Gepfeife eines Höfer Schuhknechts, der hinter mir lustwandelte, stärker rührte als der Turm von Cleobis und Biton, le bout du monde, le banc du prince und le lac du comte (welcher ein ansehnlicher Teich ist). Es brennt mich nicht ganz weiß, daß ich freilich schon öfter auf meinen Fußreisen einem Handwerks-Magistranden oder –Gesellen, der pfiff, bewegt und träumend nachgegangen bin, weil ich mich von seinen Trompeterstückchen – da jede deutsche Stadt ihre eignen hat – in die mir unbekannten Gassen versetzen ließ, die er sonst an Festtagen fröhlich durchstrich. Der Mund-Flötenist war für mich in Rücksicht auf Hof (denn Stuß konnte für mich so wenig als ich selber ein solcher erinnernder Pfeifer sein) der graue Stein in Fantaisie, worauf steht: aux absens (den Abwesenden!). Da ich vor diesen Denkstein selber kam – und da ich daran dachte, daß auf den Grabsteinen (den Petrefakten unsers stückweise erstarrenden Lebens) auch nichts anders stehe – und da ich an so viele schöne Stellen, wo Natalie und Firmian ihre erste Vereinigung und ihre letzte Trennung gefeiert hatten, von meinen Träumen angeschrieben sah: »Auch wir waren in Arkadien!« – und da ich sogar Lenetten das Baireuther Blech mit der Inschrift: »Der Mensch entflieht, Ach liebe mich!« in ihren toten Händen hinunternehmen sah. so tat ich einen heiligen Schwur, daß ich noch heute in Streitberg Herminen einen Brief voll beichtender Liebe schreiben wollte. »Du hast«, sagt' ich zu mir, »Firmians und Lenettens Logomachien so gut geschildert: und jetzt treibst du es selber noch ärger. Ja wohl, Firmian, gleichen wir irrende Menschen solchen, die in Staubwolken gehen: jeder von ihnen glaubt, hart um ihn fliege der dünnste Staub oder gar keiner, und nur um die weiter Entfernten sei er dicht und erstickend; und diese denken wieder wie er.« Jetzt wollt' ich recht mit mir zufrieden sein und mich über den holden Tag, wo sich die Schmetterlinge im Zephyr und die Lerchen im Himmelsblau zu baden schienen, und auf die Rosensonne und den Rosenhof vor Streitberg unbeschreiblich freuen: als auf einmal eine Belsazars-Hand aus meinen Gehirnkammern fuhr und an diese anschrieb: »Man kennt dich: du schaffst dir die Gewissensbisse durch dein Schreiben nur vom Halse, um den heutigen Tag, besonders den Streitberger Abend recht unvermischt zu schmecken.« Aber dieser unerwartete Vorwurf konnte nur mein Verdienst (d. i. meinen Stolz) beschneiden, aber nichts zu meinem Entschlusse zusetzen als den neuen, daß ich Herminen meine ganzen innern prozessualischen Weitläuftigkeiten – und meinen Mangel an opferndem Verdienst – und den ganzen Hokuspokus eines aus der Gaukeltasche eines zu warmen Herzens spielenden Mannes vorzutragen willens wurde. Nun war ich glücklich. Inzwischen ist die Straße nach Streitberg so abscheulich wie die nach allen Himmeln: wer zum Sternenhimmel auf ärostatischen Kugeln zu größern aufwill, erfriert vorher – um den katholischen Himmel liegt das Fegefeuer, und rings um den jüdischen die Hölle selber (nach den Rabbinen). Gerade ehe sich die Himmelskarte der Streitberger Landschaft auffaltet, hat man vorher aus einer untersten Dantes-Hölle bergauf zu klettern. Bedenklich schauete sich Stuß unter unserer Kreuzes-Erhöhung von Zeit zu Zeit nach mir um; »was hat Er, Stuß?« sagt' ich. »Nichts eben«, sagt' er und setzte mit einem Tone, der einen Gedankensprung anzeigen sollte, dazu: »es sollt' ihn wundern, wenn die Rosen oben auf dem Berge noch ständen.« – Da nicht Verstand seine Sache ist, sondern Hunger und Durst: so argwohnt' ich, er hab' etwas vor; aber er sagte bloß, er sei ein Fuchs und ihm sei nicht viel zu trauen. Es war gegen Abend – der Tag mit seinen Quellen des Scheines in Wassern und auf Auen versiegte allmählich – das Sonnenlicht rückte von den Gipfeln auf die Bergspitzen und ergoß sich schon halb in den bloßen durchsichtigen Himmel hinein – wir gingen den dunkeln Berg eiliger hinauf, um die tiefe Sonne noch auf der Küste des Streitberger Tales liegend anzutreffen. Als wir endlich die Aussicht erreichten und wir die himmlische Ebene mit Hügeln und Bäumen wie flatternde Zauberschlösser eines Feuerwerks in grünen und goldnen Strahlen brennen sahen – und als ein Windstrom von Morgen gleichsam die verglühende Sonne zu Wolkenflammen anblies – und als ich endlich mit zitterndem Herzen vor meine unzerstörte Rosenpflanzung kam und sie voll harter Knospen und weicher Dornen fand, und als in meiner Seele diese Eden-Ruine und Hermine und die Sonne als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit gleichem Lichte nebeneinandertraten: so kam mir das Leben, das für so viele ein tierischer dicker Mitternachtstraum , bei andern eine tappende Schlaftrunkenheit , bei wenigen ein tagender Morgentraum ist, plötzlich entziffert, entschieden, hell und leicht und wie eine dämmernde erfrischende blumige Sommer-Nachmitternacht vor, und alle Türen des zweiten lichten Morgen standen schon offen. In dieser innern Offenheit oder Fülle von Licht kam mein Begleiter zu mir und gab mir einen Brief von – Herminen. Ich erschrak und erstaunte: mit Augen, die durch die Sonne und die Rührung dunkel wurden, durchflog und dann durchlas ich ihn. Die Gute hatte ihn dem Boten gerade in jener Minute vor meiner Abreise, wo ich wie Petrus hinausgegangen war, aber weniger um zu büßen als zu fehlen, hoffend anvertrauet. Ach diese Märtyrin des Herzens hatt' ich nicht verstanden, sondern nur verwundet! Ich hatt' es nicht verstanden, daß sie die Lesung der fremden Briefe nur abgebrochen, um den Schein einer vergeltenden nachforschenden Eigensucht – sich und mir zu ersparen – und daß ihr Schweigen und Trauern nur aus der irrigen Vermutung entstanden war, woraus meines gekommen: – und doch hatte sie jetzt geschrieben, um beinahe einem abzubitten, dem sie nur zu vergeben hat. »O,« sagt' ich im Enthusiasmus wider mich und mein Geschlecht, »wenn wir euch wehrlose Seelen verletzet haben, so reißen wir die Wunde so lange weiter, bis ihr die Tränen und das Blut abwischt und uns um Vergebung bittet, daß ihr beides vergossen habt.« Wie aufrichtend war es für mein Herz, daß ich den Entschluß eines abbittenden Briefes gefasset hatte, eh' mich ihrer beschämen und bestimmen konnte! – Ich schicke hier diesem geistigen Adelsbrief bloß eine Bemerkung über einen Traum darin voraus. Wem es schwer wird, den Traum für keine Erdichtung zu halten, der kennt nicht nur Herminens Charakter, sondern auch den der weiblichen Träume nicht. In den männlichen findet man wild gärende Welten, Miltons arbeitendes Chaos und Geister-Gefecht Wie wild müssen z. B. in einem Callot, Dante, Cromwell, Robespierre etc. die Wolken der Träume gegeneinander rennen! ; aber in den meisten weiblichen traf ich bisher idealische und sanft gereihete Zusammensetzungen an, die bleichen gesammelten Perlenkränze aus dem erschütterten Meersboden der männlichen – dichtende und religiöse Idyllen des Lebens – gleichsam als hätte das Geschick ihnen die am Tage geschlossenen Nachtviolen der Ideale in den Träumen auseinander getan, oder als glichen sie den Bienen, die noch im Mondschein umhertönen und die Lindenblüten, zu deren Genosse der lange Sommertag zu kurz geworden, noch in der Nacht ausschlürfen. Die größere Harmonie und Poetik der weiblichen Träume nimmt von der körperlichen und von der geistigen Mäßigkeit dieses Geschlechts und von einer auf einfachere und wenigere und stillere Zwecke gerichteten Seele den Ursprung. Aber wie sonderbar und schwer kommt mir jetzt die Gabe des Briefes an! »Jetzt da ich nichts mehr für deine Reise, mein Lieber, zu bestellen habe, mach' ich noch ganz zuletzt diesen Brief für dich zurecht, den du aber erst am Montag abends neben unsern Rosen überkömmst. Es ist mir, als wärest du jetzt schon ferner, bloß weil ich schreibe, und es fället mir auch schmerzlich, daß ich die Feder nehme, da ich ja reden könnte. Aber nein, am schönen Rosenbeet unserer ewig blühenden Stunde und nach drei Tagen ist dir wohl das Blatt aus der fernen Hand willkommen. – Wie sag' ich dirs? Ach, Guter, du hast mich mißverstanden und zürnest nun – und ich konnte dir nichts sagen: ich habe schon oft über Wahrheiten blöde geschwiegen, wenn ich nicht gewiß sein konnte, man ahne sie schon und glaube sie leicht. Ich kann aber nichts mehr dazusetzen, als du hast mich gewiß und schmerzlich mißverstanden, Teuerer. Und darum schloß sich eine Blume meiner Freude nach der andern zu, und es tat mir so wehe, weil ich dachte: 'Es sind ja seine auch.' O wie doch im Schmerze das Leben seine vielfachen schönen Gestalten verliert und nur in eine dunkle zusammenfließet, gleich den Wolken, die sich am stillen Himmel in alle Farben und Formen teilen, und die nur im Gewitter und Regen in eine düstere Fläche zusammenrinnen! – Ach du kamest nie in die Stellen, wo ich das Auge trocknete, um dann zu dir und unserer Freundin ausgeheitert zurückzukehren, und deine Trauer verhüllte dir meine leicht. Aber Natalie fand unter dem Rosenkranz die Dornenkrone und die bedeckten Wunden. Als du uns gestern dein Reisen mit frohen Worten angesagt hattest und hinausgegangen warest: blickte Natalie mich verwundert über mein Erröten an und legte ihre Hand auf mein Herz und sagte: 'Aber wie es auch pocht!' – Und ich sah sie schmerzlich an und wollte lächeln – sie blickte mir in die Augen und lächelte auch – dann verzog sich unser Lächeln immer mehr zum Schmerz – wir konnten uns nicht mehr verstellen und fielen einander um den Hals und weinten stumm recht lange. Den ganzen Abend dacht' ich. diese kurze Erdpartie, wie du das Leben nennst, ist nur ein kurzer schwüler Dezembertag – unsere Freuden sind Torsos – unsere Erinnerungen Ruinen in einem Park – unsere Liebe ist eine ewige Sehnsucht und unsere Jugend nur ein süßerer Seufzer. Ich erschrak über alles: den aufgehenden Mond hielt ich für ein aufsteigendes Schadenfeuer, und als eine Saite sprang, so forscht' ich abergläubisch nach, welchem Lieblingsgesange nun eine Saite seines Haupttons fehle. Aber ein Traum der vorigen Nacht hob die beschwerte Seele auf. Heute gerade, am Karfreitage, war mein Inneres, wie man sagt, daß er selber sei, sanft bewölkt, aber still, ohne Regnen, ohne Wehen. Der Traum macht' es nicht allein, sondern eigentlich mein Entschluß, diesen Brief zu schreiben: denn ich weiß wohl, wenn ich dir sage, du hast mich mißgedeutet, so glaubst du es deiner Hermina ewig. Ach das Zürnen einer entfernten Seele drückt zu schwer! und jetzt ist mir alles zu schwer! Ach nie vergießet man Tränen leichter, als wenn man Tränen vergossen hat. Daher wird das Schicksal mich schonen wie wir Blumen, bei denen wir mit dem zweiten Guß so lange warten, bis der erste eingetrocknet ist. Ich erzähle dir den Traum, weil du ja wider die männliche Sitte Träume gern erzählen hörst. Auf dem Berge, wo du dieses Blatt erhältst, stand ich in einem Zirkel hoher weißer Rosen mit weißen Dornen, über welche ich nicht hinauskommen konnte: die roten waren umgetreten und einige Dornen blutig gefleckt. Hinter mir in Morgen hört' ich ein Gewitter und Wetterläuten in einem fort, und bald wurde ein roter Blitz vor meine Füße geworfen, bald ein langer Schatten; aber ich durfte mich nicht umschauen. 'Ist es denn hier nicht mehr wie sonst?' fragt' ich. Auf einmal sah' ich, daß das Tal froher und heller war: eine Ebene voll Papillonsblumen bewegte sich wie eine Ernte, und unter dem Aufblättern wurde ein leuchtender gestirnter Fußboden entblößet. Auf dem Hügel daneben stand eine weißverschleierte Gestalt, die eine große Passionsblume abbrach und damit gegen das Tal herniederging. Je näher sie herunterkam, desto heftiger fing das wankende Blumengewimmel zu wallen an. Ich schmachtete wie mit einem zerflossenen Herzen nach der verhüllten Gestalt, die ich für eine weißtrauernde Fürstin hielt: ich streckte inbrünstig die Hände nach ihr aus, und sie winkte mit der Blume. Endlich glitt sie in das Tal: da flatterten alle Blumen stärker, bis sie losrissen und sich als Schmetterlinge in einer bunten Wolke gen Himmel hoben. Von der Passionsblume flogen die großen Blätter auf, und statt des Blumenkelchs trug die Gestalt einen goldnen Kelch. Das Gewitter hinter mir wehte mich hebend an, der Schatte vor mir schwoll zur Wolke auf, und ich sank endlich wie auf Wogen, die verliefen, tiefer bis in das himmelblaue Tal, das mit blassen widerscheinenden Sternchen ausgelegt war und woraus die weiße Gestalt, über welche die Sterne wie silberne Funken glitten, mir entgegenschwebte. Der Gang war mir bekannt, aber namenlos und schmerzlich. Sie hielt mir ein Traumbuch entgegen. Als ich darin gelesen hatte: 'Blumen deuten Tränen an', so ging mein ganzes Herz entzwei, und unzählige Tränen flossen und versiegten und flossen wieder. 'Tochter,' sagte sie, 'bist du glücklich, seitdem ich dich verlassen habe?' – Ich fiel an ihr verschleiertes Herz und weinte bloß vor Freude fort und sagte: Mutter, bin ich wieder bei dir? Ja du bist es schon, entschleiere dich!' – Sie sagte sanft: 'Noch nicht! Bist du glücklich?' – Ich weine wohl, gute Mutter,' versetzt' ich, 'aber ich bin glücklich.' Sie streifte leise mit dem Finger über meine Augen unter den Worten: 'Der Finger der Toten heilet durch Berühren, ich will die Schmerzen deiner Augen nehmen.' Da trockneten sie schnell, und ich konnte auf der widerscheinenden blauen Aue neue Sterne sehen. – 'O Mutter, Mutter,' sagt' ich mit harter Sehnsucht, 'nun hebe den Leichenschleier weg, damit ich deine Lippen wieder sehe und wieder küsse! Liebst du mich denn im Himmel noch?' Sie reichte mir den funkelnden Kelch und sagte: 'Trinke den Kelch der Leiden aus, dann zerfällt der Schleier. Ich liebe dich ewig. denn die Liebe ist ewig wie Gott'; und die letzten Worte sangen schöne Stimmen weit hinter den Sternen nach. O wie froh ergriff ich den kalten schweren Kelch und trank seine langen Bitterkeiten – und er wurde immer leichter und heller, und ich sah endlich meine Gestalt darin die Augen schließen, und er war leer. Ach dann nahm mich die geliebte Mutter in den Arm – ihr Schleier zerrann – ihre Augen und ihre Lippen öffneten sich lebendig, und ich lag wieder an dem unvergeßlichen Angesicht, und ich küßte sie und blickte sie an und küßte sie wieder – dann schwangen sich die Schmetterlinge verkettet nieder und wurden Blumengirlanden und legten sich verschlungen um uns und hoben uns, und wir wurden verbunden aufgezogen – die Sterne glänzten heller – die blaue Ebene wurde Äther und wallete uns nach – und ich lag am Herzen meiner Mutter, und sie sang, da wir unter die Sterne kamen: die Liebe ist ewig; und nahe hinter ihnen klang es nach. – – Dann erwachte ich und hatte noch die Tränen im Auge, die im Traum getrocknet waren, und die Morgenröte und die Sonne standen am Himmel! Lebe glücklich! Denk es auch: die Liebe ist ewig! Hermina.« Vierter Reise-Anzeiger Fata: Kleider-Simultaneum – mein consilium abeundi in Erlang – mein innerer Landsturm gegen Kellner und Kantianer – die schöne Nacht in der schönen Nacht Werke: warum ein Kantianer andre leichter belehrt und versteht als sich Aber meine Streitberger Antwort schlag' ich dem Leser ab, weil ich darin vor der edeln Hermina als ein Beichtsohn, als ein büßender Bruder und feuriger Busch zugleich stand: nach meinem Tode scharrt man ohnehin meine Briefe zusammen und gibt sie heraus. Die Erde ziehe dann immerhin über den Erblaßten los: denn werd' ich mir wohl dort oben als Adjunktus der philosophischen Fakultät je ein graues Haar über die Donatschnitzer wachsen lassen, die mir auf der Schulpforte des Lebens in einem und dem andern Dokimastikum meiner Schulbücher entfuhren? – Ich werde den Augenblick mein Nachtessen und Lager in Streitberg bezahlen und weiterreisen, wenn ich nur vorher über eine Anmerkung Firmians meine eigne gemacht habe. »In Haleb« – sagt der gute Inspektor – »werden nach Russel die Augen einer jüdischen Braut mit Harz zugeklebt und bloß vom Bräutigam wieder aufgezogen: bei uns hingegen sind gerade seine zugepappet, und sie gehen ihm oft zu gleicher Zeit auf und über . Die Braut kann es von jeder Magd erfahren, daß ihr Sponsus keine Mores, kein Sitzfleisch außer auf dem Sattel und keine Geduld besitze, daß er in der Messe mit keinen Bankiers Geschäfte mache als denen an der Pharao-Folterbank, und daß er seinen Reitknecht unchristlich prügelte, fast mehr als den Gaul – oder auch das Gegenteil von allem kann sie erfragen. Hingegen die Braut steckt in einer langen Charaktermaske, aus der erst die Kränzeljungfer sie entkleidet, und die ihr nicht wieder an den Leib kommt, außer wie anderer Putz, wenn sie Besuche macht; und war vorher ihre Sonnenfinsternis ganz Europa unsichtbar, so nimmt diese durch den Ehering bis zu einer ringförmigen von so vielen Zollen zu, daß die ehrliche Haut von Mann nichts erwartet als den jüngsten Tag.« Diese Bemerkung ist wahr, wenn ich meine dazusetze, daß aus demselben Grunde – da die Ehe die weibliche Lage mehr als die männliche verändert und der Ehering für den Mann eine engere Wirkungssphäre, und für die Frau eine weitere ist – gerade die Brautfackel bei einigen Weibern die verhehlten Naphthaquellen vieler stiller Tugenden, der Geduld, der Aufopferung, der Zurückgezogenheit, der Talente in sanfte Flammen setze. – Mit welcher seligen Heiligkeit – als wär's eine heilige Stätte – reisete ich nun über die bambergischen Wiesen, aus denen in Herminens Traum geflügelte Blumen aufgestiegen waren! Und welche Hoffnungen gingen als Trabanten meiner innern Welt hinter und vor mir – die schöne auf den heutigen Weg – die schönere auf Erlangen – die schönste auf Herminens nächsten entzückten Brief, den ich dem Leser verspreche. In Erlangen wollt' ich, da ich zeitig eintraf, die Bauleiter an den zweiten Judentempel der Teufelspapiere anlegen und viele Ruten aufmauern. – Und wie leicht flatterte ich (die weißen Wolken über mir streckt' ich als meine Flügel aus) über die aneinander gemalten Everdingens-Gründe Bambergs hinweg! »Selber die Sandbäder des Wegs,« sagt' ich, »durch die ich und der Bote kurz vor Erlangen werden zu waten haben, sind nötiger bunter Streusand auf dem Buch oder Manuskripte der Natur.« Wir verirrten uns im Lustgarten des Steiges immerfort, denn ich war in Gedanken und Stuß ohne Gedanken, und beides war eins. Deswegen warf ich dem Hornrichter, der die Leute wie ein Franzose in einem fort fragte, aber nur über den Weg, zwei gute Frag-Kautelen zu: erstlich die, nie sein Ziel zu nennen, sondern nur zu fragen, an welches der Steig führe, weil er dadurch Vätern der Lügen die letztern erschwere – und zweitens sich lieber ans weibliche Geschlecht zu wenden als an seines. Dieses milde wohlwollende Geschlecht führet uns nur dann auf Irrwege, wenn es – selber mitgeht; hingegen boshaft genug zu sein, um einem abgerissenen einsamen Pilger, dessen Reise-Fatalitäten diese zu Hause bleibenden scheuen Herzen zu hoch ansetzen, noch neue Fallstricke als Ariadnens-Fäden in neue Labyrinthe voll Minotauren mitzugeben – wie wäre das ein Geschlecht vermögend, das selten in Tränen setzt, die es nicht vergießen oder trocknen hilft? Folglich hatte in einer halben Stunde der Weibergeselle aus Liebe zu seinem freihaltenden Brot- und Lehnherrn sechzehn weibliche Schachfiguren durchgefragt: »O Jungfer, wo geht der Steig hin?« Und wenn er die Antwort vernahm: nach Bayersdorf, so versetzt' er nicht ohne Scharfsinn: recht! – Als wir sonach freilich in Bayersdorf eintrafen: erstaunt' ich nicht darüber, daß der Marktflecken zum akademischen Grade einer Stadt promovieret ist, sondern über einen Dualismus des Anzugs. Die eine Hälfte des graduierten Fleckens ging im Werkeltagsgeschirr im Staatsschiffsziehen der Arbeit, die andere schwamm im Bucentauro der Lust recht aufgeputzt dahin. »Das ist ein Rätsel,« (sagt' ich) »ich kann mir nichts gedenken, als daß die Parade-Bayersdörfer entweder Juden sind, die etwas feiern, was ich nicht weiß, (und die ungeputzten Christen,) oder Kupferschmiede, die einen Gerichtstag über Keßler halten, weil sie ein besonderes Privilegium von Kaiser Rudolph II. dazu befugt.« – Ganz falsch! – Ich hatte schon wieder die Ostern vergessen. Es muß nämlich in Mosheims, Walchs und in allen andern Kirchengeschichten nachgetragen werden, was ich hier berichten will, daß in den beiden Fürstentümern Baireuth und Ansbach, als sie unter die preußische Regierung kamen, und als ihnen sogleich durch Aufhebung und Säkularisation der Apostel- und dritten Festtage viele neue Wochentage verfielen und zuwuchsen, die man zum Erwerbe der Servissteuer verarbeiten konnte, daß dann, bericht' ich, die Kirche sich in zwei Kirchen spaltete, in die alte, die aus Apostel- und Feiertagschristen besteht, welche durchaus im Nachtmahlsrocke verbleiben, gleich Essäern keine Nadel anrühren, alle menses papales der Arbeitstage verwerfen und nur Aschermittwoche, aber keine Ascherdienstage, Aschermontage etc. annehmen – und in die neue Kirche, die aus arbeitenden Konformisten im Negligé besteht. Mir ist nichts dabei verdrüßlich, als daß das Schisma nicht früher entstand: wie herrlich und vollständig und ausführlich würden gute Kirchenskribenten die Spaltung in die Kirchenhistorie eingeschrieben haben, die ohnehin jetzt gegen die Art aller Geschichte täglich einkriecht und am Ende zu einer profanen verdorret! Totgeschlagen, geschunden, gesotten würden sich dann ohnehin mehrere alte und neue Christen untereinander haben, und die eingestellten Disputierübungen über das Passahfest – bei denen bald ein Schächter, bald ein Osterlamm geschlachtet wurde – hätte man mit frischem Eifer wieder vorgesucht. – – »Ging' Er«, sagt' ich zum Meister, »nicht als Reichskammergerichtssupernumerarakzessistbote durch Bayersdorf, sondern als wirklicher Bote: so müßten Ihm die Juden nach den Reichsgesetzen eine Judenzehrung geben; so aber kriegt Er nichts.« Wir sahen endlich die Friederich-Alexandrinische Universität vor uns, in der allein die Landeskinder den Musen, Professoren und Wirten opfern dürfen, wie die Juden nur in Jerusalem anbeten und opfern durften: Samaritaner bekommen kein Amt. Ich habe schon gesagt, daß ich des festen Vorsatzes war, in Alt- und Neu-Erlangen ein seliger Paradiesvogel und Antihypochondriakus zu sein und in einer prächtigen Gasthofsstube vornen heraus Leibgebers satirisches Inserat in den teuflischen Papieren In der Vorrede nennt Siebenkäs einen Mitarbeiter seines Buchs, Wolfgang Habermann, von dem die erste Satire : »Habermanns große Tour und logischer Kursus durch die Welt«, die ich eben neu edieren will, verfasset worden. Dieser Habermann ist mein geliebter Leibgeber. mit besonderem Fleiße für diese Edition zu bearbeiten: denn nichts gewöhnet uns in jede Stadt besser ein als einige Stunden Geschäfte. Mit diesem Vorsatz, entzückt zu werden, passiert' ich durch das Tor. Eine Ehrenwache desselben trat ins Gewehr: ich sann nach, wie ich eine solche Huldigung mit meinem Nachtmantel zu paaren hätte, als mir Stuß wenige Schritte davon eröffnete, die Torwache sei eine lustige Fliege und duze ihn von alten Zeiten her und habe seinetwegen aus Spaß präsentiert. »Das beste Zimmer vornen heraus!« sagt' ich zum Hausknecht in der blauen Glocke, gegen den mein grüner Bote nur in Knechtsgestalt erschien. Der Knecht überfuhr mit kalten Augen die hängenden Siegel oder Bleistücke meines über den Madensack gezognen Sacks zur Buße und sagte, er woll' es dem Kellner sagen. Der Hornrichter setzte den Inkuben seines Rückens ab und lehnte die Fracht aufrecht an den grün geränderten Plüsch. Der Kellner kam und brachte ein Gesicht mit, das der Hoffnung, deren Farbe seine Glaserschürze trug, auf der Stelle das Leben nahm: »Ich will es meinem Herrn sagen«, sagt' er und ging fort; und da er nicht wiederkam, gingen wir auch fort. »Ein gutes Zimmer vornen heraus!« sagt' ich vor der zweiten Gasthofstüre. »Alles schon bestellt«, versetzte der grün geschürzte frere servant ganz spöttisch. Wir zogen rot hinaus und brummten unter dem Tore. »Bloß meinem verdammten Nachtmantel mit den papiernen Speckgeschwülsten und Stussens dummem, zu kurzen Jagd-Frack«, dacht' ich, »hab ich' alle diese Reaktionen zu danken.« Im dritten Gasthofe sah' uns schon der Kellner nach der Insinuation der Inhibitorialen herkommen: Stuß trug den Mantelsack am Riemen über die Straße und ließ ihn wie eine Husarentasche am Beine weiterschweben. – »Ein Zimmer vornen heraus«, bat ich. »Schon besetzt!« sagte keck der grüne frere. »Der Herre bezahlens«, nahm Florian das Wort. In dieser Minute kam eine vierspännige Familie angerollt, der man vor meinen Ohren und neben meinem Vorkaufsrecht die letzten Vorderzimmer mit dem Auktionshammer zuschlug. Nun wurde mein Knallgold und das Knallsilber des Boten losgezündet: verflucht aufgebracht fuhren wir beide in die Wirtsstube, um als Bußprediger und Heidenbekehrer vor dem Wirte zu wettern. »Ist das erlaubt, mein Herr?« (fragt' ich einen Speckkubus, der Pückenpücken rauchte) »Soll ich denn eine Fußreise im Ordensband und Krönungshabit oder in einem Wiener Reisewagen machen, bloß damit ich in Erlangen vornen heraus logiere? – Soll mein zweispänniger Psychens-Wagen sich erst in einen ledernen setzen, um fortzukommen? Kann sich ein Mensch nicht wie ein Spiegeltisch auf zwei Füßen erhalten? Und geht denn nicht mein Bote mit mir, der alles nachträgt, was ich nicht anhabe und trage?« – »Und es ist«, setzte der gute Stuß hinzu, »ein honetter Herr, der sich nicht schimpfen lässet; er hat mich gestern und heute freigehalten, ob ich mich gleich selber beköstige.« Das Schadenfeuer des Zorns – und das Freudenfeuer der Liebe – gleichen dem Feuer in einer Stube, das heller ausbricht, wenn ihm einer in der Angst Tür und Fenster aufreißet: ich redete und dachte mich – zumal da Stuß mich an mein unbelohntes Wohlwollen erinnerte – immer tiefer in die Erbosung hinein. »Was ist denn der Begehr?« fragte der Kubus gelassen. »Gar nichts«, sagt' ich: »nur drucken will ichs lassen, daß ich heute den ganzen Tag im Freien so sanft war wie ein Lamm, daß aber gerade in Städten der moralische Morast wie der physische hoch liegt, wenn es in Dörfern stäubt. Verdammt! Ich hätt' es der alexandrinischen Universität zu Gefallen getan und mich einige Tage auf ihr aufgehalten – ich hätte bei vielen hospitiert – ich hätte Herrn Hofrat Meusel besucht, der mich in seinem gelehrten Deutschland ganz anders einquartierte – ich hätte die ganze Universitätsbibliothek und die Hauptmann-Kotzebuische Hölzersammlung beschauet – aber jetzt soll mich der Teufel holen, wenn ich nur einen Riemen hiesiges Erlanger Leder ansehe... Komm' Er, mein guter Stuß, wir brechen noch heute nach Nürnberg auf und marschieren die halbe Nacht... Herr Wirt,« fing ich noch einmal an und wollte einen rechten Mordanten und Endetriller schlagen.... »Der Wirt wird oben bei den Herrschaften sein«, sagte kalt der Pückenpückenraucher. Nun hatt' ich satt und schied. Der Hornrichter mochte an der Rache des nächtlichen Auszugs aus einem Ägypten voll gebratener Osterlämmer und Osterschöpse nichts Sonderliches finden und ließ also seine Ärgernis über den Auszug an dem Pagenkorps der Kellner aus: es lüftete und erquickte mich ungemein, daß er die Pagen mehrere Male Grobiane nennte; denn überhaupt ein einziger Restant aus der zurückgelassenen Wohnstadt macht uns in einer Wüste aus Fremdlingen zu Schutzverwandten und Insassen. Eh' ich weiter reise und zanke, will ich in Erlangen die Gründe zurücklassen, warum ich auf einem Gassenzimmer so heftig bestand. Ich wollte aus ihm heraussehen und mich so – denn ich weiß, wie ich bin – mit den Erlangern auf der Gasse anquicken: ein solcher Stand am Gasthofsfenster stiftet eine Einkindschaft einer jeden drunten spielenden Stadtjugend, die Gütergemeinschaft mit jedem Hering, mit jeder Freude, die ich holen sehe, mit jeder Frage einer Schleifkannen-Trägerin an die andere: wo nimmst du deines (das Bier)? Was ist aber hinten im Rücksitz eines vermauerten Fleets oder Korrektionszimmer zu verquicken und zu anastomosieren? – Und soll besonders ein Passagier wie ich nicht auf den Vordersitz aus sein, ders ebensosehr weiß als seltener, daß man durch Reisen – wie Gastwirte und Lehnlakaien durch die Reisenden – so leicht zum Schneemann oder zur Eisfigur in einem Gletscherathos ausgehauen werde, indes ein Dorfinsasse sich so an jede Menschenbrust anhängt, als wenn er mit ihr bei einem Pfarrer beichtete? Denn eben weil das Reisen zwingt, durch ganze Städte, vor Kirmessen, vor Leichenzügen kalt vorbeizufahren, so gewöhnt man sich daran, vor Menschen auf der Lebenswallfahrt überhaupt gleichgültig vorüberzuziehen; und eben weil man auf dem Weltmeer und am Hofe ein Seegewächs mit schwimmenden Zweigen ohne Wurzel und ohne Boden ist, so wächset im Reisewagen und am Hofe derselbe kosmopolitische Indifferentismus, derselbe nachgiebige tolerierende horror naturalis, der alle Menschen für Verwandte hält. Daher kommt jener Dezember in vornehmen, durch seidne Ordensbänder isolierten Herzen, denen die übrigen Herzens-Inhaber nur als bessere Kartesianische Tiermaschinen und Teufelchen oder als Mumien, die man gliedweise zum Malen und Medizinieren zerschaben kann, erscheinen. – Herzen, die sich einen andern Menschen nicht gut lebendig denken können, ohne die kühne Figur der Personifikation zu brauchen – und die einen Untertan nur lieben, wenn ihn der Komödiant repräsentiert und reflektiert. Daher spielen manche Fürsten den Fürsten besser auf der Bühne als auf dem Throne, gleich Boileau, der keinen Tanz, aber leicht einen Tänzer nachmachte. – – Ich kehre nach Erlangen zurück. Sobald die Ideen, die im Bienenkorbe unsers Kopfes Honig machen, einen fremden Körper, eine verreckte Maus etc. nicht über das Flugbrett werfen können, so überziehen sie solche wenigstens mit Wachs, damit sie nicht stinke: ich sagte nämlich dem Boten, wir könnten uns in den ersten Gasthof (in die blaue Glocke), dessen Kellner uns ja noch immer die abschlägliche Antwort schuldig wäre, zu einem ungemein glänzenden Nachtmahl machen, und erst dann auf den Weg. »Es muß sie krepieren,« sagt' er fein, »wenn sie sehen, was Sie brav aufgehen lassen.« – Ich und der Bote ärgerten uns jetzt über das mit dem Schlichthobel planierte Getäfel der Häuserfronte so stark als Baggesen über dieselbe Karten-Gleichheit in Mannheim: wir vergriffen uns – da nichts zu unterscheiden war als die Eckhäuser durch ein drittes Stockwerk – lange in Gassen und Häusern und wünschten von Herzen einige Fischerhütten oder Saukoben oder Ruinen als Kompasse und Hände in margine dazwischen. Die kategorischen Imperatoren werden mit mir darüber reden und Händel suchen, daß ich in der blauen Glocke ein wahres Fürsten-Pickenick – Dinte und Wein waren nur die erste Foderung – von der Sagosuppe an bis zur Schweizerbäckerei für mich und den Meister aufsetzen ließ, bloß um der Universität zu zeigen, was wir verzehret hätten bei längerem Bleiben. Stuß mußte Petitknaster rauchen und Fidibus fodern und den Span wegwerfen. Ach die passabelsten Menschen – das beweiset mein Zorn-, nicht Liebes-Mahl – gleichen den breitesten reinsten Parisergassen: die dunkelsten häßlichsten Quergäßchen durchschneiden sie oft. Menschen und Bücher müssen in mehr als eine Korrektur gelangen, um die Errata zu verlieren. Ich hatte mir, wie man weiß, bei Streitberg vorgesetzt, Leibgebers Inserat abends neu aufzulegen; aber dazu war ich heute verdorben. Ich schlug lieber die Teufels-Papiere auf, um eine Satire, die etwan auf Christian-Erlangen zu applizieren wäre, in der Hitze umzubessern: es fand sich wenig, was nicht ebenso knapp Hof, Leipzig oder einer Hansestadt anlag. Endlich kam mir der Anhang S. 158 in den Wurf oder vor den Schuß: »von Philosophen, denen es sauer gemacht wird, sich selber zu verstehen«, welchen ich für eine mehr kantianische Universität aufgespart hatte. »Ganz ohne Kantianer wird doch der Ort nicht sein«, sagt' ich freudig – und nun fing ich an. Aber Himmel! wie erhitzt wurd' ich – durch ein sonderbares metaphorisches Hysteronproteron – gegen die unschuldigen Kantianer samt und sonders, als wären sie die Kellner, die den Menschen aus den gegen die Gasse und Menschenliebe gerichteten Zimmern in eine dunkle Kammer und Oubliette hatten sperren wollen – welches doch nur metaphorisch richtig war! – Wie wenig erwiderte ich die humane bescheidne Polemik fast aller Kantianer, gerade als wär' ich ein Jenenser und Hallenser zugleich (wie man sonst die Renommisten nannte)! – Ich kann es nur aus dem Mute, den der Wein einflößet, begreiflich machen, daß ich in der blauen Glocke viele Zeltschneider des Königsberger Quartiermeisters bei dem philosophischen Barte, den an ihnen wie an dem Bienenvater Wildau ein aufs Kinn angeflogner Immenschwarm von Unterzeltschneidern formiert, anfassete, ohne zu bedenken, wie mich der Bart steche. Jetzt wo ich den Mut ausgeschlafen habe, bin ich nicht keck genug, es herzuschreiben, daß manche den Papageien gleichen, die im verdunkelten Bauer, worin bloß ein Spiegel für das Ich des Sittichs steht, in der Schaukel eines Ringes , deutlich nachsprechen lernen. Noch dazu macht' ich keinen Unterschied: ich mengte untereinander (das war mir alles einerlei, und ich schäme mich) die Prinzipien- oder Wurzelmänner, die jeden Monat neuen Krötenlaich der Schildkröte, worauf die Erde ruht, zum Träger ausbrüten – und die kritischen Ästhetiker, die wie Kuchenbäckerinnen das Eiweiß, wovon sich die Küchlein des Genies ernähren, zu abstraktem Schaume klatschen, um daraus Opferkuchen für die Priester irgendeines Jupiter Xenius zu machen – die figürlichen Kopfabschneider, die ihren Bacchantenzahn für den Weisheitszahn ansehen, und alle vorige Wahrheiten und Tugenden für peccata splendida – und alle die architektonischen Tiere, die der Baudirektor des kritischen Lehrgebäudes in seine Arche einfing, namentlich die Wespen, die Schwalben, die Biber, die nun alle im Kasten anstatt im freien Universum ihre Nesterbauten aus Spänen, Kot und Bäumen anlegen – und jeden, der ein Buch macht, um darzutun, er habe so viele Ähnlichkeiten von Kant, als der heilige Franz Pedro d'Alva Astorga bewies es. S. Maclaines Note 121 in Mosheims Kirchengesch. 1. Säk. von Christo, nämlich viertausend. Ich hätte klug sein sollen, schon weil eine Satire, eine signierende Schelle, die man einem Weltweisen anhängt, ihm nicht halb so viel tut als einem Welttoren oder Weltmenschen; denn bei jenem ist das Lächerliche nicht der Probierstein , sondern gar das Merkmal der Wahrheit. So ist das gewöhnliche Mittel der Ökonomen, Ratten dadurch zu vertreiben, daß man einer eine schreckende Schelle anhängt, nach meiner eignen Erfahrung grundfalsch, da sich die andern an die läutende Bestie gewöhnen und mit ihr laufen. Das beste Mittel, sie – ich rede wieder von den Philosophen – zu vertilgen, sind sie selber, da sie einander aus Mangel an Kost gegenseitig verzehren. Für Ökonomen, denen gerade daran gelegen sein kann, merk' ich, da ich einmal von Ratten gesprochen, im Vorübergehen an, daß die Methode einiger Landwirte – die mehrere Ratten in einem Topfe fangen und einander vor Hunger zu fressen zwängen – nach meiner Erfahrung die beste ist, weil stets eine und zwar die stärkste übrig bleibt, die man als eine Rattenfresserin freigeben und unter die andern als ein lebendiges Rattenpulver schicken kann. Sooft ich in Bellarmin das katholische System und in Gerhard das orthodoxe las und bewunderte und darin auf alle meine Einwürfe die Antworten fand: so wiederholt' ich meine Bemerkung, daß ein System nicht sowohl durch Angriffe umzuwerfen sei als nur durch ein – neues, das sich kühn danebenstellt. Jetzt werf' ich alle diese vulkanische Produkte meines Zornes aus mir heraus und weg und halte die Leser lieber durch eine mit Bescheidenheit verfaßte Schutzschrift für die Kantianer schadlos und gebe ihnen damit zugleich mein siebentes und letztes Werkchen vor Nürnberg. Siebentes Werk vor Nürnberg Warum der Kantianer andere leichter bekehren und verstehen kann als sich Newton setzte in seinen jüngern Jahren so tiefsinnige Werke auf, daß er in seinen ältern nicht mehr vermögend war, sie zu fassen. Von einem Manne dieser Größe lässet sich die Annäherung an jetzige vielleicht noch größere Köpfe gedenken, die philosophische kritische Werke von solchem Werte – und fast in jeder Messe eines – schreiben, daß der Verfasser sein Werk nicht verstehen kann, und zwar nicht erst im Alter, wo ohnehin der Mensch voll gesunkner Kräfte nur seine eigne Mumie und der Sarkophag seiner Jugend ist, sondern in den besten Mitteljahren und sogar in der Minute, wo alle Kräfte im Blühen, nämlich im Machen sind; er kann nicht wissen, was er sagt und will, und könnt' er damit einen Kurhut verdienen, von welchem der baiersche Kurfürst dekretierte, daß er in seinen Landen mit einem Ch geschrieben würde. Auf eine ähnliche Art bauet die Seele des Kindes (nach Stahls System) sich den künstlichen Leib, dessen Kunst und Textur nicht sie, sondern ein später Prosektor nach ihrem Entweichen aufdeckt. Freilich verbreiten solche Männer dann mehr Licht, als sie selber genießen, wie auch die Sonne alle geringere Körper vollstrahlt, indes sie selber (nach Sack und nach Peyroux de la Coudroniere) so finster ist wie ein Entenstall. Inzwischen tauschet ein nur im Hause der Gemeinen sitzender Wochenmensch wie ich kaum mit ihnen: ich werfe zwar nur kurze und dünne Strahlen in die Gehirnkammern der Menschen und gebe nicht sowohl vortreffliche Werke heraus als bloß gute; allein ich meines Ortes kapiere mich doch, ich kann doch das mannigfache Gute, was meine Sachen auftischen, in meinen Milchsaft verwandeln und diesen in Puls-Blut und arbeite mich also durch den Unterricht, den sie mir durch ihre spielende Methode geben, selber in einen brauchbaren Mann um. So lässet ein Brennspiegel von schwarzem Marmor zwar andere Gegenstände kälter, aber er macht sich selber wärmer, als ein glänzender tut. Dabei können oft die tiefsinnigsten kategorischen Imperatoren wie der russische (Peter der Große, ders von sich selber sagt) leichter ihre Nation umbessern als sich, da sie nur von jener verstanden werden, aber nicht von sich. Gleich den Gebeinen des Elisa verleihen sie einem fremden Leichnam moralisches Leben ein, sie selber aber beharren in der toten zaundürren Verfassung. Ich stelle mir ihre Lage deutlicher vor, indem ich sie (wie die Fürsten) mit dem Judengotte vergleiche, der nach den Rabbinen Morhof. Pol. IV. 1. vor der Schöpfung das Gesetz auf dem Rücken in feurigen Lettern trug. Freilich ist dann die kritische Gesetztafel leichter von dem zu lesen, der hinter der Tafel geht, als vom Gesetzträger selber, der sich nach ihr wie nach äsopischen Gebrechen nicht umdrehen kann. – Inzwischen ist Menschenliebe vielleicht die einzige Tugend, die keinem Kantianer fehlet. Ich spreche hier nicht von der humanen Schonung in ihrer Polemik: sondern von ihrer ganzen Thetik. Als Gegenfüßler der Glückseligkeitslehre können sie aus dem Vergnügen anderer Leute nicht mehr machen als aus ihrem eignen und opfern also fremdes ebenso kalt wie eignes auf. Sie würden sich daher schämen – denn es wäre Heteronomie –, in ihrer formalen Tugend die materielle Absicht fremder Beglückung mehr wie der eignen zu haben; sie suchen andern (wie sich) nichts zu verschaffen als das einzige und höchste Gut (Moralität) und tun es durch die einzig-möglichen Mittel, durch Diskurse und Manuskripte. Und so erreichen sie leicht den höchsten Gipfel der Moralität, indem sie gute Werke nicht sowohl tun als schreiben und indem sie z. B. ihre Freigebigkeit nicht in einer elenden materiellen Gabe, sondern in einer Ermunterung zur Freigebigkeit bestehen lassen: der Ermunterte ermuntert fort, und so immer jeder den andern, und kein Heller wird dabei ausgegeben. – Und das ists, wozu es schon längst viele Geistlichen treiben, daher die Kantianer selber die Christen für ihre Vorläufer erkennen. Ende des siebenten Werks Als ich ausgeschrieben und ausgetrunken hatte, trat ich mit allen Kellnern und Philosophen in Friedensverhandlungen, die unterzeichnet wurden, sobald ich in den Friedenstempel der Frühlingsnacht einging. Der vom Liebesmahl versöhnte Stuß wäre lieber geblieben – aber ich wollte durchaus am Anbruch des Morgens – und des andern Bändchens dieser Palingenesien – in Nürnberg sein. Wenn nur einmal das Gedränge der Begebenheiten und Zwecke, das uns immer trübe und unrein rüttelt, ablässet, so lassen wir, wie Wasser in der Ruhe, bald die fremden dunkeln Körper fallen: »Können denn die armen Kellner«, sagt' ich, »die in ihren Freihafen einlaufenden Menschen anders salutieren als nach der Flaggenkarte des Anzugs? Haben sie Zeit, Recht, Kraft, die Ladung zu visitieren? – Warum zogst du Weinküfer dein Weinzeichen ein und hingest das Bierzeichen heraus?« – Der Mensch schiebt oft darum die Schuld lieber auf sich als auf andere, weil es ihm leichter ist, sich zu vergeben als andern. Draußen im geschmückten Sonnentempel des Tages verlieren die närrischen Kriegsspiele des Lebens ihren Schein und Glimmer nicht so leicht und eilig als vor der kühn gefüllten Baumannshöhle der Nacht, welche die Kristalle der Sterne und die Tropfsteine der Planeten und lauter große Formen über den kleinstädtischen Tag erheben. Wenn ich den weiten, zu gestirnten lichten Bildern ausgestochenen dunkeln Himmel ansah, gleichsam als den verzognen silbernen Anfangsbuchstaben unsers Seins, – und Milchstraßen und Nebelflecken gegen Kellner, Philosophen, jetzige Literatur, Ostermessen, zweite Editionen hielt: so wollten die letztern nicht mehr recht glänzen, und ich fing an, wenig darum zu geben. – Aber weiter! Da wir in der luftigen Nacht durch stille Wälder und stille Dörfer gingen, und da in mir ein Traum nach dem andern aufstieg und jeder neue lichter und größer: so fing mein Inneres an, von einer dunkeln Entzückung aufzuwallen, die nicht das bloße Kind meiner Träume und der Gegenwart sein konnte; es war mir, als stehe mein innerer Mensch bis an das Herz in einem wärmenden Sonnenschein, nur sein Auge nicht. Da solche Entzückungen mit einem Schleier, die wie Engel nur eine gebende Hand aus der Wolke reichen, meistens von dunkeln und eilig zusammengezählten Ähnlichkeiten geboren werden, die das Herz zwischen der Gegenwart und zwischen vorigen Szenen oder alten Wünschen innen wird: so sucht' ich in beiden letztern nach dem Schlüssel. Ich würd' ihn wohl darin zuletzt gefunden haben, wär' er mir nicht plötzlich vom Himmel herabgefallen. Gegen Mitternacht kroch nämlich einsam und ohne Gefolg das letzte Mondsviertel durch das unverzierte Morgenrot herein: nur ein wenig lichten Dunst hatte der Mond gleichsam zur Ründung seiner eingefallenen Gestalt über sich gezogen. Jetzt fiel das warme Sonnenlicht auf meine innern Augen: »O so war es vor einem Jahre auch, nur tausendmal schöner!« sagt' ich. Ich meinte die Mainacht in der Woche vor Pfingsten, wo mir dieses Leben das Neujahrsgeschenk eines zweiten vorausgegeben, nämlich die stille Gestalt Herminens, die wie der Mond in Osten wohnte und schimmerte, und die ihr Licht auf keinem prahlenden Aurorens-Wagen brachte, jene Nacht, wo wir auf immer statt der Hände die Seelen gewechselt hatten; daher ihre meinen Willen hatte und meine ihren (wenn ich bei mir war). Ach hätt' ich heute an diese duldende Seele gedacht: würd' ich da gerade in der Stunde, wo sie wahrscheinlich meinen Streitberger Brief, ein weiches, von der Liebe und Wonne abgeschicktes Olivenblatt, erhielt, diesem Inhalte so ungleich und gegen Kellner und Kantianer so hart gewesen sein? Unmöglich: von Herzen gern hätt' ich wenigstens meinen Streit und die Lesung des Briefes in verschiedene Stunden verlegt. Wie ich in meiner Phantasie jeder Musik Lieder – jeder Sängerin Erinnerungen und Wünsche – jeder Landschaft glückliche Menschengruppen zuteile und dadurch jedem Gegenstand ein lebendiges Herz einsetze für meines: so ließ ich auf dem schwarzen Brette der Nacht die Lichter und Reflexe der Vergangenheit vorüberlaufen und geliebte Gestalten und selige Szenen und mich selber darunter. Um aber den Weg nach Nürnberg recht für die erwähnte Mainacht vor Pfingsten zu grundieren, mußt' ich die Nadelforste aushauen zum Platze für Laubholz und die Hügel abtragen und die Berge weit in den blauen Horizont zurückschieben: der Himmel blieb, wie er war, ach dieselben Gestirne schimmerten ja damals, und derselbe halbe, in einen großen Stern verkleidete Mond zog herauf. Nun fing ich an, mich ordentlich zu erinnern. Es war weit gegen Mitternacht und ebenso weit als jetzt erinnerte ich mich, aber langsam, und hielt bei jeder Minute einen Rasttag –, als wir, ich, Hermina und eine auf den Honig höherer Nektarien ausgehende Bienengesellschaft, aufbrachen. der Mond war noch gar nicht da, aber schon der Himmel. Wir hatten auf das Landgut nur eine gute Meile, herrlichen ebenen blumigen duftenden Weg, und die Berge nicht auf diesem, sondern wie Turmspitzen und Schiffe tief im herabgewölbten Himmel. Als ich endlich unter den Sternen und vor der kleinen, aber himmlischen Zukunft der Nachtwandelung stand, sagt' ich mit dem langen Einatmen der gewonnenen Seligkeit vor Herminen: »Endlich hab' ich die Nacht, du gutes Geschick, die in meinen Träumen und Büchern so oft aufging und in meinen Tagen nie: Sterne – und Blumen – und Seelen – und Träume – und Paradiese – und alles ist ja da. Aber heute will ich mich nichts um mich scheren, sondern ordentlich vor Freude zu sterben suchen: ich will dem Baum von Goa gleichen, der nachts alle seine Blüten hervordrängt und dem sie die Morgensonne abbricht.« – »Lieber der Nachtviole,« (versetzte Hermina) »die sie am Morgen nur verschließet. – Ach doch ist es sehr wahr! Auch mich macht der Tag nur beklommener, je blauer er ist. Aber eine Frühlingsnacht gibt dem Leben frische Farben, Hoffnungen des Morgens und Kraft.« – »Jawohl, Hermine,« (sagt' ich und sah zu der im Blauen schwimmenden Sonnen-Flotte auf) »wer kann Eitelkeit der Dinge unter der weißen Bergkette der Milchstraße, unter so vielen in allen Universums-Ecken zugleich brennenden Tagen fühlen? oder Tod und Einsamkeit glauben und fürchten mitten in einer lebendigen pulsierenden Unermeßlichkeit, wo keine Sonne ruht und jede Erde fliegt?« – Ich wußte recht gut, daß ich Herminen damit an ihre zum Vater gegangne Mutter und an die Stunde ihres offnen Grabes erinnerte; aber war nicht jeder Stern ein Trost und der Himmel eine Zukunft? – Ich und Hermine machten jetzt in einem durchsichtigen Laubholzwäldchen – obgleich die Nachtzephyre sich drinnen lauter umherdrehten und auf uns die Wolken von den Rauchaltären der Blütenbäume trieben – eiligere Schritte, bloß damit wir den Abendstern, der wie eine blühende Wasserpflanze im Blauen schwamm und seine Blüten immer weiter ausdehnte, noch einmal schimmern sähen, eh' er in die Himmelstiefe hinabgezogen wurde. Ich und sie – ich erinnere mich immer weiter – waren vor der Gesellschaft voraus und schaueten wartend dem Falle des Hesperus zu. Dieser Stern ist für mich ein am Himmel hängender verkleinerter Frühling, wie der Mond ein Nachsommer: mir war, da er fiel, als wäre mir eine Hoffnung unter den Horizont gegangen. Aber auf einmal ragte in Morgen die Gletscherspitze des halben Monds, aber mit weggeschmolzener Schneide, blinkend über die Erde herein. »O wie schön sich die Gestirne einander ablösen gleich den Lebensaltern der Menschen«, sagte Hermina. »Wohl!« (sagt' ich) »denn der Hesperus ist der Stern der Jugend und Liebe, der Mond ist das stille kalte, aber helle Alter, und dann nach der Nach-Mitternacht geht doch noch die warme Morgensonne auf.« O du Unendlicher! wie groß webst du das Große mit dem Kleinen, aufgehende Welten mit erquickten Herzen zusammen, deine entbrennende Sonne mit dem entpuppten Würmchen! Wenn der Mensch, dir so ungleich, Millionen unsichtbare kleine Herzen, indem er die Arme zur Hülfe eines größern ausbreitet, mit den Füßen ertritt: o so ist bei dir alles so tausendfach verschlungen und gebraucht, daß die Katarakte des ewigen ausgebreiteten Stroms aus Sternen, der über den Himmel springt, ebensogut die Wiege unsers schlaflosen Herzens in Bewegung setzt, als die Wasserfälle des Riesengebirges In Schmiedefeld auf dem Riesengebirg. Auswahl kleiner Reisebeschreib. I. S. 8. die Wiegen armer Kinder rütteln! – Die herrliche Nachtluft wurde frischer und lebendiger. Der kalte Mond, dessen halbe Scheibe im Frühling heller und höher um uns zieht als seine volle, floh vor der heißen Sonne in den tiefen Himmel hinauf. Auf den wehmütigen Abend schaueten wir nur zurück wie Selige auf eine im Mondschein abblühende Erde. Die bleiche Seele bekam jetzt wie blasse, ans Licht gestellte Blumen unter färbenden Sonnen gesunde Farben, und der Genius der Jugend ging mit uns und sang: es gibt eine ewige. Wir gingen fern vor einem in Blüten nistenden Dörfchen vorüber, woraus uns der Glockenschlag und die Verse des abrufenden Nachtwächters nachflogen oder nachklangen, der damit die Menschen an ein helleres oder längeres Erwachen erinnern wollte als an das nächste. Auf einem Steige durch ein einfach-grünes Weizenfeld, das mit bescheidenern Farben als die Auen weniger verhieß als gab, fuhren neben uns zwei schlafende Lerchen zitternd auf, wovon die eine zwischen grauen Morgenflocken hängen blieb und ihr hohes Lied ausrief und jetzt nicht furchtsam, sondern bloß singend zitterte. Der Mond stieg lichter zu seinem Mittag und zum hohen Sirius herauf. Die nachtwandelnde Abendröte bezeichnete schon in Osten die Stelle seiner Geburt mit einem Flor von Rosenknospen. O wie kräftig stieg das Herz und die verhüllte Morgensonne miteinander höher! – Wir kamen an einen Bach, auf welchem ein hängender Garten von aufgeblühten Wasserpflanzen schwamm, und Hermine bückte sich über die in Flittersilber zerflatternde Wellen herein, um den wiegenden Baumschlag, der unter den Wogen bebte und doch über dem Ufer ruhig stand, und die kleinen, auf das Wasser gesäeten Frühlinge, die sich den Wellen nachbogen, selig anzuschauen: plötzlich entfiel ihr unter dem Herüberneigen ihr Aurikelnstrauß ins Wasser, den sie unterweges so oft an den Mund gedrückt und zuweilen ans Auge. Ach die kalten Blumen sollten vielleicht jenen kühlen und diese trocknen! – Die Wogen nahmen, gleich denen der Zeit, die leichten Blätter mit. Ich folgte ihnen lange und brachte sie Herminen spät zurück. Da ich wiederkam und ihr Auge vergrößert gegen die erlöschenden Sterne aufgeschlagen fand, als wollte sie damit dem Zusammenrinnen seines feuchten Schimmers widerstehen: so glaubt' ich, die kurze Einsamkeit habe das volle Herz mit einem sanften Schmerze geöffnet, weil ja jede bessere Brust, gleich seltenen durchsichtigen Bernsteinstücken, einen ewigen hellen zitternden Tränentropfen in sich trägt, der weder fließen noch vertrocknen kann . Unter dem Niedersehen tropfte ihr Auge wie die Blumen, die sie empfing – sie bückte sich schnell über das Wasser und sagte mit gebrochner Stimme: »Wie die Wellen die grauroten Wölkchen drunten um den Mond herumtreibend – und als sie darin ihre weinende Gestalt erblickte, weinte und lächelte sie stärker – sie bedeckte und trocknete das Auge nicht mehr, aber sie konnte sich nicht gegen mich umwenden – das Gewölke glühte höher an, und die Lerchen schwankten, vom Morgenwinde ergriffen, zwischen den Farbenfeuern und flogen mit heißen Gesängen höher auf, sich abzukühlen. – Ich nahm aus Sorge und Liebe ihre Hand und sagte: »Hermine, bist du traurig?« – Sie sagte mit leisem gezognen Ton: »Nur selig!« und zerfloß in ein weinendes Lächeln, wie das eines Engels über einen ganzen Frommen-Himmel ist. Jetzt war mir plötzlich, als säh' ich ihre Seele mit fallendem Schleier zwischen bergigen zurückweichenden Wolken, die der auflaufende Widerschein beleuchtete, gen Himmel ziehen: »Hermina,« sagt' ich hingerissen, »die Sterne und der Morgen und der Frühling haben dich erhoben, und du hast gefühlt, daß deine Mutter unsterblich ist: gute Hermina, darum bist du selig?« Da sie sich aufgerichtet und edel gegen mich wandte und da die Morgensonne heraufkam und ihr gerührtes verklärtes Antlitz überstrahlte: so glich sie einer Unsterblichen, und sie sagte heiter wie eine Selige: »Ja, darum bin ich glücklich – wie diese Sonne ist es in mir aufgegangen, und in meiner ganzen Seele ist es Morgen.« – »So innig-selig bleibe ewig« – sagt' ich begeistert – »und werd' es noch mehr!« Sie blickte mich dankend an, und in ihre heiligen Augen kehrten die Zeichen der Rührung zurück. In meinem Herzen war das Entzücken und in meinem Auge der kleine Schmerz, den uns die Sehnsucht macht. Ich wiederholte bloß: »Werde glücklich!« und ich konnte nur bange dazusetzen: »Sag es zu mir auch!« und dann das aufrichtige Auge auf sie heften und schweigend länger bitten. Sie blickte zur Erde – hielt die Hand vor das bestrahlte Angesicht – errötete wie von der Morgenröte – ließ viele Tränen, ohne sie zu trocknen, fließen – und dann trocknete sie die letzten ab und stammelte unter dem Verhüllen: »Mögen wir glücklich sein und der Unendliche unsern Wunsch erhören!« – – – »O diese Sonne«, sagt' ich, als heute wieder eine Morgenröte durch die betaueten Zweige eines Alleenwäldchens vor Nürnberg schimmerte, »strahle dich heute in deiner Ferne wieder in einem Entzücken an wie an jenem Morgen: ach dein Wunsch, du Himmlische, traf ja öfter als meiner ein!« Und als ich aus dem Wäldchen trat, sah ich schon die Sonne den höchsten Nürnberger Turm »Lug ins Land« vergolden.... Ende des ersten Bändchens Jean Pauls Fata und Werke vor und in Nürnberg Zweites Bändchen Frachtbrief vom Juden Mendel In der ersten Auflage steht er vor der Vorrede unter dem Titel: Nötiges Aviso vom Juden Mendel . Als ich von der Frankfurter Herbstmesse nach Kuhschnappel heimkam, wurde mir gleich morgens früh die Hiobspost hinterbracht, daß der gelehrte Siebenkäs, dem ich einen alten Schlafrock von gekiepertem Zeuge vorgestreckt, Todes verfahren, und daß man ihm meinen Schlafrock ohne meinen Konsens nebst seinem Körper, der meine Hypothek war, mit in den Sarg gegeben. Da man mir nun den Schlafrock von gekiepertem Zeug nicht sowohl zum Versatz (denn das darf ich nicht) als zum Kaufe gebracht – doch so, daß ich ihn nach vier Wochen gegen einigen Reukauf wieder hergäbe –, so wußt' ich nicht, was ich dazu sagen sollte zu meinem eingesargten Schlafrock: denn ich bin blutarm. Ich lief daher sogleich, eh' der Schabbes anging, zu seinen Relikten und wollte mich seiner Effekten bemächtigen – es war aber nichts da als Papier, teils reines, teils anderes, mit Christendeutsch überschriebenes, welches mir die Wittib zu Geld zu machen anriet. Allein ich schämte mich, das überschriebene Papier, da es keine anderthalb Pfund wog, großen Häusern anzubieten zur Emballage; und ließ deswegen alles genau abdrucken und verlegen, damits einige Zentner gäbe und man es hiesigen Gewürzhändlern mit Ehren antragen könnte, nachdem es vorher von allen deutschen und polnischen Gelehrten aufmerksam durchgelaufen worden. Wahrhaftig, wer zusieht, wie ein armer Gelehrter seinen Sessel aussitzt und sich darauf abmergelt, um nur ein oder ein paar Pfund guter stilisierter Bücher zu schreiben, der preiset Handel und Wandel, es sei nun mit Schnittwaren oder mit Vieh. Mein Gelehrter, der für mich das Gesetz Manche Juden leben davon, daß sie von Haus zu Haus gehen und zum Seelenheil des Einwohners eine Stunde am Talmud studieren. studiert, will mir dafür haften, daß im gegenwärtigen abgedruckten Christendeutsch, in das er an meiner Statt hier und da hineingesehen, fatale Stachelschriften leben und weben, die nach uns Menschen beißen und schnappen – welches mir leicht glaublich ist, da der lebendige Teufel das Werklein gemacht. Der gute Armenadvokat Siebenkäs mußte freilich die Finger und den Körper hergeben, wenn der böse Feind nachts darein wie in seine Schreibmaschine fuhr Die Meinung unsers Juden gründet sich auf die Lehre der Rabbinen, daß aus einem Schlafenden die Seele austrete und in den Himmel gehe – um da ein Haupthandelsbuch über ihre Handlungen zu führen und zu schreiben – und daß dann der Teufel den vakanten Leib besetze. Daher müssen sich die Juden nach dem Schlafe waschen. und mit dessen Leibe, während der gute Mann im Himmel war, oft bis der Nachtwächter abdankte, aufsaß und damit Sachen hinschmierte, die jetzt warm aus der Presse kommen und wodurch er jedermänniglich rauft und zwickt. Und wie die guten Engel sonst dem Adam, Isaak, Jakob und Abraham ganze Ballen schönster Bücher einbliesen, so verbraucht gewiß noch der Satanas den Leib mancher keuschen und sanften Gelehrten zu bitterbösen Werken, während sie im Schlafe und bei Gott sind, und setzet solche mit ihren Fingern auf, welches ja ein Kind begreifen kann und ein alter Cretin. Mein Schuldner, Siebenkäs, bleibt ein gelehrter großer Schreiber und Gelehrter, und ich wußte oft nicht, was er haben wollte. Er hat zwar im Grabe meinen gekieperten Schlafrock an; ich glaube aber nicht, daß er verdammt ist – denn er hegte heimliche Neigung zum Judentum und ließ daher bei dem Bücherverleiher Eitzen nach der heiligen Schrift fragen, und er ging auch voll Schulden Nach den Rabbinen werden Insolvente nicht verdammt und Leute, die an einer Diarrhoe umkommen, und Männer böser Frauen. aus der Welt – er liebte den Talmud und die Judenschaft und trug ihr oft seine beweglichen Güter an – er sagte einmal: wozu Judenschutz? – er sagte, er sei offen und trage wie ein Embryon das Herz außen auf der Brust, welches gelehrte Wort ich nicht einmal verstand – er war so bescheiden, daß er gestand, sein Kopf hätte verdient, daß die Geographen den ersten Meridian durch solchen gezogen hätten, welche Operation meines Erachtens einem Kopfe nicht sanft tun kann – er war des festen Vorsatzes, das größte Licht nicht nur im großen Gehirn der Kuhschnappeler anzuzünden, sondern auch im kleinen und im Rückenmark bis ans Steißbein hinunter – er ließ sich rasieren, aber er bat Gott um einen ellenlangen Bart, wie ihn Philosophen und Rabbinen führen. Allein ich sagte zu ihm: »Menschenkind, warum willt du einen propern haben? Das Buch Rasiel besagt, daß der Bart Gottes eilftausend und funfzehnhundert rheinische Meilen misset – laß ab, da deine Kinnbacke doch keinen herausspinnet, der länger wäre als ein Sabbaterweg.« – Gottlos ists vom Teufel, daß er sich, wie ich vom Gesetzleser höre, im ganzen Buch nichts merken lässet, daß ers geschrieben: er gedenkt mich um mein Geld und um den Schlafrock zu prellen, weil dann Bücherlustige, hofft er, aus dem Buch nicht viel machen würden, wenn er ungewiß gelassen, ob er der Verfasser ist. Welcher Menschenseele kann es aber überhaupt etwas verschlagen, wenn sie sichs kauft? – Mein Kontrakt zwischen mir und dem Herrn Verleger ist aber der, daß wir die Druckkosten zusammenschießen und abziehen von verkauften Exemplaren, worauf der Überschuß des Profits in meine Kasse fallen soll, und der Überschuß der Exemplare oder die Makulatur in seine. Da nun, wie ich höre, die Herren Redakteurs die Bücher ordentlich und quartaliter loben: so sprech' ich alle in großen Städten unbekannterweise um beste Empfehlung an, besonders da es ein Werk ist, wodurch ein blutarmer Jude wieder zu seinem Schlafrock und Gelde kommen will. Inzwischen werden gewiß einige Herren Rezensenten, die ich proper bedacht habe, das Werklein zu ihrer Zeit mit Beifall aufnehmen und belegen und den Zuzug Zuzug ist der vom Hamburger Rat auf die Heringstonnen als Siegel der Güte gemachte dreifache Zirkel. auf meine Tonne setzen, zum Zeichen, daß gar kein Wrackswrack oder Stankhering darinnen ist; und das Publikum wird einen Begriff haben, was es von ihrem Lobe erwarten dürfe, wenn ich beteuere, daß ich dem einen Rezensenten einige Päckchen Studententabak gratis geschenkt, und der Frau des andern ein wenig taffetas de bonnes femmes Sogenannter ehrbarer Frauen Taffent, der beste französische. darüber gemessen und ihr einen halben Stab gestreiften Batavia gegen wenige Steine Bauernwolle Die schlechteste Schafwolle. gelassen – und ich könnte im Notfall beide gerichtlich zum Lobpreisen anhalten lassen. Auch versichert man mich, daß viele einem gedruckten Buche Weihrauch anzünden: ich ersuche gleichfalls um den Weihrauch und bitte, so viel Teufelsdreck Nach dem Gesetz mußten die Juden in den Weihrauch auch assa foetida tun. beizulegen, als man verlangen kann nach der Thora, und dann so das Buch und den Dreck und den Rauch schön ineinandergewickelt anzubrennen. – Der ich mich hiemit der gelehrten und kaufenden Welt empfehle, als ein sehr blutarmer und dato unbezahlter Jude, der gern lebte und leben ließe, aber nicht weiß wovon – denn sonst in Arabien trieben wir Juden Medizin, aber jetzt sind wir auf Jurisprudenz heruntergebracht und helfen mit urteln. – Und hab' ich nicht dreiundsechzig feine, sehr feine Steine vom dritten Wasser an einer vornehmen Hand allhier sitzen, die noch zu bezahlen stehen, und wovon ich noch nichts hatte als ebenso viele Gallensteine oder Gallenkrankheiten? Die Juden zählen dreiundsechzig Gallenkrankheiten. Voet. Select. disput. P. II. de judaism. – Hab' ich nicht das Ehepfand auf dem Halse, das mir leider nicht meine Frau, sondern der Konsistorialsekretär aufhing, und zwar zu teuer? – Und setz' ich nicht Söhne und ein paar Töchter in die Welt, die nach meinem Tode nichts werden können als Schnurrjuden, und nackt, aber schuldenfrei bin ich in diese Schofelwelt gekommen, und nackt werd' ich wieder aus ihr hinausfahren, aber mit passiven Schuldposten? – Und sind dergleichen Nöten nicht pressant genug, damit so viele hundert Leser und Käufer mir den Gefallen erzeigen und mir mein Buch abkaufen, es mag nun ein Werk des höllischen Teufels sein oder nicht? – – Mendel B. Abraham Fünfter Reise-Anzeiger Fata: Grenzrezesse – der Paß des Grafen – die Feierlichkeiten bei meinem Einzug – Jagd nach Georgetten und Briefen Werke: Brief des Herrn Hans von Hansmann über seine 365 Gevattern Ich hoffe, sowohl Patrizier als Rußige hätten sich durch das süße Gefühl geschmeichelt gefunden, das mich durchzog, als ich den Judenbühl verließ und nun ganz Nürnberg, von der Kolonnade von zwölf Hügeln oder Karyatiden gehalten und von einem blühenden und wachsenden Erntekranz aus Gärten umgürtet, vor mir liegen und rauchen sah. Stuß riß viel vom Lobe, das ich seiner vorigen Münzstadt erteilte, zu eignem Gebrauch an sich und sprang auf den Triumphwagen, den ich für Nürnberg anspannte, hinten hinauf. Setzet mich vielleicht (wie ich nicht wünsche) die Städtebank zur Rede, warum ich gerade dieser Stadt das Schnupftuch, nämlich die Wahl meines Absteigequartiers vergönnen wollen: so geb' ich zur Antwort: der Kindleinsmarkt war schuld. Die 60 000 Statuen in Rom (mehrere sind nicht da, nach Volkmann), alle Gliedermänner, Taufengel und Karyatiden können meinem Herzen keine solchen Himmelsbrotspenden liefern, als ihm in der Kindheit die Nürnberger Puppen oder Docken auf kleinen Rädern zufuhren. Ach ergötzte uns nur niemals ein gefährlicherer und ärmerer Tand als der Nürnberger! – Für Kinder sind Puppen fast so groß und schön wie Kinder für uns. – Diese Spiegel- und Miniaturwelt der Drechsler in Verbindung mit ihrer Levante, dem Christmarkt, prägten meiner Seele eine alte Vorliebe für die Reichsstadt und den noch dazu richtigen Glauben ein, daß man dort noch häuslich lebe. Als wir bei der sogenannten Mistgrube vorbei und nahe an den tiefen Proserpinens-Gärten des blühenden Stadtgrabens waren: hatt' ich das Vergnügen – was vor dem Einzug in eine Stadt ungemein groß ist –, daß der Bote viel von ihr sprach: zu den fünf Blättern, die Matthias Seutter von der Stadt und ihren Grenzen gestochen, lieferte Stuß mehrere Supplementblätter nach. Da ich endlich vor einem Nürnberger Schlagbaum mit dem rechten Fuße im reichsstädtischen Territorium und mit dem linken noch im brandenburgischen stand: blieb ich so ausgespreizet stehen und sann über die Schwierigkeit, Grenzen zu bestimmen ohne Beleidigung der Grenzgötter, lange, aber ohne Nutzen nach. Ich halte einen Grenzrezeß für völlig unmöglich. Denn man ziehe immer eine Demarkationsfurche, z. B. mit den Rädern einer Kanone, ja mit einem Bajonett: so werd' ich und jeder Brandenburger, der mathematisch scharf denkt, anfragen – da die Furche stets eine Breite haben muß –: wie weit erstreckst sich in dieser Breite das eine Territorium und wie weit das andere? Ja, wären beide schon so scharf abgeteilt, daß ein Floh das dritte Paar Füße (die Springfüße) im brandenburgischen Gebiete und das erste im Nürnberger hätte: so würde der Streit über das Territorium des zweiten erst recht angehen. Kurz, so lange nicht eine Linie ohne Breite zu ziehen ist – woran man die echt-geometrische erkennt –, so kann kein Landesherr, der nach geometrischer Schärfe verfährt, je mit Grenzberichtigungen zufrieden sein. Ich verfolgte nun statt des Markungs-Skeptizismus meinen Weg, und die Füße fanden leichter als die Messungen das Nürnberger Gebiet. Vor dem Läufertore wurde mein Mantelsackträger angehalten und um die Kundschaft befragt: er berief sich auf seinen nachkommenden Präpositus. Der Mittelwächter hielt diesen an, ein Unteroffizier trat heraus, foderte den Paß – – und mir passierte ein verfluchter Streich. Ich gab ihm den Paß: er las lange daran – »Bataillon?« fragt' er endlich. Ich dachte, er tue einen Fluch, der sich mit Bataillon etc. anfängt, und wartete. »Das Wetter! Bataillon oder Baraillon?« fragt' er noch einmal, da ich ihm zu ruhig in das unruhige Antlitz sah. Jetzt war mir, als wenn mir ein Fontanell zufiele aus Mangel der Erbse: der Unglücks-Graf Sebald von Baraillon in Hof hatte mir seinen verdammten Paß aufgepackt, und ich hatte darüber meinen nicht eingesteckt, und nun hatte der Unteroffizier den falschen in der Hand. Es war weiter nichts zu machen als eine Finte und eine Tugend aus der Not: »Mein leserlicher Name ist Comte Sebaud de Baraillon, zu deutsch Graf Sebald von Baraillon«, sagt' ich zur Wache. So sah ich mich also ohne einen Heller Kanzlei-Jura, ohne Taxgelder an Vizekanzler und Sekretäre und ohne den geringsten Beweis, daß ich ein gräfliches Auskommen habe, auf die Grafenbank versetzt. Wenn jeder dem andern Staub in die Augen wirft – wenigstens der König Goldstaub – der Rektor an der Domschule und der Protektor Schulstaub – die päpstliche Rota Glasstaub, der noch dazu die Augen anfrißt – der Poet Federstaub von seinen Zweifaltersflügeln – der Buchhändler Bücherstaub: so hängt man mich freilich nicht, wenn ich dem wachthabenden Offizier den Streusand des Passes in die Augen blase; inzwischen ging mir dieses Stäuben im Kopfe herum, bis ich zu mir sagte: denke dir, du sagtest in einer deiner Biographien die Sache aus Spaß. – Dem Weibergesellen hielt ich jetzt vor, wir müßten bei einer Konfrontation wie Kerbhölzer ineinandergreifen, und er sollte mich künftig Herr Graf nennen, weil man sonst unter dem Tore dächte, ich löge. Ein deutscher Prinz nahm die herrliche Gassen- und Waren-Erleuchtung Londons für eine kleine Illumination, womit ihn die Stadt empfangen wolle; und schon der Mensch überhaupt sieht den Mond für seine Monatsuhr, die Fixsterne für sein Immobiliarvermögen an und die Wandelsterne für seine beweglichen Güter, den Erdkern für sein Schiffsgut, das Pflanzenreich für sein Mußteil und das Tierreich für seine Holländerei. »Ich will auch etwas aus mir machen,« sagt' ich in Nürnberg, »ich will das, was in den Gassen vorfällt als ein geringes Zeichen der Verehrung annehmen, womit mich die Reichsstadt empfangen wollen.« Es war nicht schwer, zu bemerken, wie mich Nürnberg einholte. Zuerst ritt mir der Rektor magnifikus von Altdorf entgegen und nachher seines Weges – man läutete mit Glocken, und die Frühprediger versammelten sich auf ihren Kanzeln, mich anzureden, wenn ich in die Kirche käme – auf dem grünen Markte wurd' ich von den Gemüse-Kauffrauen wirklich angeredet und salutiert, als ich über Petersilie und Gemüse, die statt der Zweige und Blumen auf den Weg gestreuet waren, hinwegging – die vierundzwanzig Kompagnien der bewaffneten Bürgerschaft zu Fuß waren in ihre eignen Häuser postiert, weil man nicht wußte, wo ich vorüberpassierte – das Springen aller öffentlichen Springbrunnen, die Menge der Kränz- und Schmeckenbinderinnen Blumenbinderinnen. und die gen Himmel gekehrten umgestülpten Ehrenbogen einiger über die Gassen gehangnen Laternen für Illumination – das Auf- und Absprengen einzelner Einspänniger Die Stadtgardisten zu Pferde, die meist zur Ruhe gesetzte Dragoner sind. – die mit welschen Festtapeten mehr bemalten als behangnen Häuser – die unzähligen Gassenspiegel (sie sollten meine Gestalt auffangen) – die Ehrenwachen an allen acht Toren formierten zusammen einen glänzenden Empfang, den ich kaum annehmen wollte, und zuletzt, als mir gar drei Weisheiten So heißen die acht bürgerlichen Ratsglieder zum Unterschiede von den Patriziern. und drei Patrizier in schwarzen Schleppkleidern, spanischen Igelkragen und mit Schwanz- und Haarkometen von Perücken entgegenkamen, wich ich errötend aus – – »Viel vom Empfang« (sagt' ich zu mir selber) »hat man freilich auf die Rechnung zu schreiben, daß ich (als Graf Sebald) der Interims- und Namensvetter des vorigen Schutzpatrons bin, des heiligen Sebaldus, von dem sie ja noch die Sebaldus-Kirche, die Sebalder Seite und den Sebalder-Reichswald meines Wissens aufbewahren.« Dennoch blies sich der Bote noch mehr auf als ich mich, bloß weil er alle Gassen kannte und ich nichts. Er ging jetzt als mein Leithämmel und Lotsen ins Wirtshaus zur Mausfalle voraus, diesen Antikentempel des guten Hans Sachs. »Wenn bei einer Kaiserkrönung« – sagt' ich zu mir – »ein Markgraf neben dem römischen König steht, so wird er ein Aposteltag, der in einen Festtag fällt und den die Hofleute über diesen wenig begehen. Und so werdet ihr beide, du in deinem trächtigen Nachtmantel und Stuß in seinem Laufkollett, weder im roten Hahnen am Kornmarkt, noch in der goldnen Gans, noch im Reichsadler etwas anders vorstellen als Zaunkönige: hingegen in der Mausfalle ist ein französischer Graf leicht ein Schützen- oder Vogelkönig, ein achtes Wunder der Welt und eine neunte Kur.« – Der Wirt kannte den Boten, und ich errang ein Stübchen zur Miete. Es kam viel Ruhe in meine Brust, da man meine Effekten ausgepackt, aufgehangen, um mich gelegt und das Stübchen mit der Fracht möblieret hatte: die vorigen Städte legt' ich nur als die Sprossen der Jakobsleiter an Nürnberg an: »Nun bin ich, wo ich sein will«, sagt' ich zum Meister und erschrak über den Doppelsinn. Ach, wenn könnte der Mensch das sagen? Indem er zu seinem Ruhebette, ich weiß nicht, hinauf- oder hinabsteigt, kehrt er sich oft müde nur auf einer breiten Staffel um und setzt sich darauf an die andern gelehnt und sagt: endlich hab' ich eine Ruhebank. Der lange Gang des Menschen ist ein Ersteigen des Münsterturms: nach 325 schwer erreichten Stufen findet er einen freien breiten Platz und ein Wächterhäuschen, und hier schreibt er seinen Namen in Stein und geht wieder hinab ; einer und der andere klettert von da aus erst zum Knopf und hat die Aussicht der Unermeßlichkeit, und dann steigt oder stürzt er auch hinab. Solche Betrachtungen macht man leicht, wenn man die ganze Nacht auf den Beinen und in Träumen war, und wenn noch der Aschermittwoch des vierten Feiertages zu begehen ist, an welchem alle Menschen die zerstreueten laufenden Funken froher Augenblicke über den dunkeln Zunder der verloderten Tage irren sehen. Ich mußte wissen, daß ich nicht umsonst in Nürnberg war, sondern daß ich herkulische Arbeiten darin zu machen hatte, deren zwei sind: nämlich Leibgebers Inserat neu zu edieren und der Tochter des Emigranten den Paß, die Patentpomade und den Fächer auszuhändigen. An beides war jetzt nicht zu denken: zur ersten Arbeit war ich zu müde, zur andern auch und zu vergessen dazu. Ich wußte wohl, daß Georgette bei einem Fleischer wohne – aber ich wußte nicht, wo dieser wohne, und war froh, daß ich Stussen erst lange bei der ganzen Kuttler- und Fleischer-Gesellschaft naturforschender Freunde herumzuschicken hatte. Mit einem Wort: ich wollte nur gern die von dem leuchtenden Frühlings-Eden ausgehellete Seele aus der bangen dunkeln Kajüte wieder in das Frühling-Louisium tragen, aus der Schusterwerkstatt des Dichters in den Irrhain des Blumenordens. – »Stuß, tu' Er doch im Vorbeigehen einen Sprung in die Zehische Buchhandlung – ob nichts an mich da ist.« Es konnte ohne Taubenpost noch kein Brief von Wetzlar oder Hof da sein; aber hierüber lass' ich nicht mit mir reden. Ein Brief ist mir fast ein Wechselbrief und (nach dem juristischen Sprichwort) lieber als Zeugen. Einen unbeschreiblichen Genuß schöpf' ich aus dem Empfangen und Erbrechen eines Briefes, wiewohl mich auch sein Lesen freuet; – dann überfahr' ich ihn absichtlich so, daß ich ihn nach einer Stunde wieder lesen muß, weil ich das erstemal zu wenig davon verstanden – zum dritten Male les' ich ihn bloß so. Ich habe schon oft gewünscht, die Italiener (weil sie jeden Brief der Posten wegen doppelt schicken) oder der Himmel (wie im Mittelalter geschah) schriebe an mich, besonders da ich ihm nicht zu antworten brauchte: denn ich erhöhe mir den Reiz der Briefe, die ich bekomme, noch künstlich durch mein Schweigen darauf. Meine Brief-Jägerei geht so weit, daß ich gleich dem sinesischen Kaiserhofe unter den Monturen, wie die Blumisten unter den Hyazinthen, die postgelben am schönsten finde. Ja treib' ichs nicht oft weiter und lege meine eignen gesiegelt auf den Tisch und mache mir nachher, wenn ich mich vergesse, weis, sie wären an mich adressiert? Und schmeichl' ich mir nicht oft, wenn der Briefträger mit seinem herrlichen Brief-Faszikel vor mir steht, er händige mir jeden Augenblick den Faszikel aus? – – Nun weiter! Ich ging mit dem entzündeten Fieber-Herzen, worin die Träume der verwachten Nacht und die der Hoffnung klopften, in den Harsdorfschen Irrhain bei Kraftshof; – ich schrieb da tief gerührt meinen bekannten Brief an Siebenkäs; denn meine Träume sind voll Frühlinge, und meine Frühlinge voll Träume. – So weit bracht' ich den Leser schon im ersten Kapitel des ersten Teils; und blieb im Haine stehen. Ich gehe jetzt mit ihm im ersten Kapitel des zweiten Teiles weiter, nämlich nach Hause in die Mausfalle. Ein Mensch, der auf der Ziehbank und Drahtmühle der Erwartung – eines Briefs z. B. – dünn gequälet und gezogen wird, kommt nicht besser davon herunter, als wenn er (wie ich) ausgeht, und zwar an einen Ort, wo er nichts zu erwarten hat: im Irrhain konnt' ich unmöglich auf meinen Sack- und Briefträger aufsehen, aber in der Mausfalle wär' ich jede Minute ans Fenster gelaufen. Stuß war gekommen, aber kein Brief, und die Gräfin Georgette hatt' er unter den Fleischern Nürnbergs so vergeblich gesucht als unter denen des Robespierre. Weiß indes ein Mann es so zu karten, daß er in vier Lotterien auf einmal einsetzt, d. h. daß er sich vier Hoffnungen zugleich macht: so gewinnt er wenigstens bei einer – ich gewann einen andern Brief aus der Zehischen Buchhandlung, der mir mein satirisches Pensum ersparte. Die Bewandtnis ist diese: im Voigtland und, ich glaube, in mehr Ländern wird kein adeliges Kind getauft, das nicht mehr Paten als Ahnen hätte: hundert oder doch funfzig ist Tax. Der Gebrauch ist schon an und für sich gut, da er den Täufling auf einmal mit der ganzen Reichsritterschaft in eine kanonische Verwandtschaft bringt, aus der zuletzt eine viel einträglichere zu machen ist; aber noch wichtiger werden solche Anstalten für die Taufnamen eines Junkers, da sonst der Adel keinen Namen weiter hatte. Bis ins eilfte Säkulum hatte der Edelmann nur einen Taufnamen, zu dem noch ein Beiname kam, z. B. der Bär, der Weiße, die Maultasche. Nachher erst wurde er nach seinen Gütern genannt, daher das Wörtchen von . Siehe die vortreffliche Abhandlung darüber im deutschen Museum 1782, Febr. Allein eben darum sollte das Kind alle Namen seiner Paten wirklich bekommen. Ich sehe nichts darin, wenn ein Edelmann wenigstens halb so viel Namen erhielte als bei den Arabern das Schwert, das, obwohl nur sein Pertinenzstück, doch dreihundert Namen und bei den alten Rittern einen Taufnamen hatte. Wenn er sich zur Kenntnis seines Ichs einen römischen Nomenklator hält, so wird er (sogar bei Ritterkonventen) immer wissen, wie er heißet. In Meusels gelehrtem Deutschland formierte, falls er hineinkäme, sein Name allein ein Namenregister und im Kirchengebete des Patronatspfarrers einen Vokabelnsaal, nicht zu gedenken des Raumes in Pränumerantenlisten. Der gedachte Brief an mich nun war von einem alten ehrlichen Landsassen, Hans von Hansmann, der bei Gelegenheit vernommen hatte, ich wäre einer der besten Skribenten und schriebe für die halbe Welt. Der alte Landsaß, der Bücher den Buchbindern überlässet, kam auf den Gedanken, ich sei ein sogenannter Schreiber und schreibe so schön wie ein holländischer Kontorist. Da er, wie es scheint, seinen Brief aus einem ähnlichen in den Teufels-Papieren (S. 119) abgeschrieben hat, was er durch eigne Einschiebsel zu verstecken denkt: so kann ich das Schreiben als mein erstes Werk in Nürnberg aufführen. P. P. Wie ich höre, sind Sie ohne Prinzipal und kommen auch schwerlich unter: es ist alles greulich mit Skribenten übersetzt, absonderlich die Gerichtshaltereien, welches ich bloß dem Minister Seckendorf zuschreibe, der allen Federfechtern Ämter gab. Nun bin ich, wie etwan bekannt, in den Stand der heiligen Ehe zum zweitenmal getreten und könnte allerdings einen gewandten Skribenten brauchen, der eine schöne Hand und Mores hätte und sonst etwas taugte. Ich begehre von einem solchen Menschen nichts, als daß er den ganzen Tag sitzt und die unzähligen Gevatterbriefe an alle die Paten, die ich zum künftigen Kinde zusammenbitte, ungemein nett und sauber abschreibt, damit die Briefe schon fertig liegen, eh das Kind da ist. Dazu sind dreihundertundfünfundsechzig Gevatterbriefe vonnöten; der Vater des Kindes ist allemal der Schaltgevatter. Und so kann ich einem armen Schelm jahraus, jahrein zu essen und zu schreiben geben: denn wenn er mit dem einen Kinde fertig ist, so kann er sich schon wieder über die Gevatterbriefe des andern hermachen, das ich erst nach Gelegenheit zeuge, welches ihn nichts angeht. Denn ich leide keinen Faulenzer unter meinem Dach und bin ohne Ruhm ein guter Haushälter, obwohl, sorg' ich, nur immer zu gütig. Wieder auf die Paten zu kommen, so wills mir einer und der andere Herr Nachbar gewaltig verdenken, daß ich mich nicht wie er mit achtzig oder neunzig Gevattern behelfen, sondern einen beständigen Briefschreiber oder, wie man sagt, Secrétaire perpetuel de l'académie in Nahrung setzen will. Tun Sie mirs und bringen die Leute herum, und zeigen Sie den Narren meinen Brief und sagen ihnen, ich wüßte, was ich täte. Man muß sich merken, daß jeder Taufzeuge es sonst bezeugen sollte, daß einer ein Christ geworden; und das tut ja bei meiner Ehre jeder noble und wohlgezogne Taufzeuge noch bis auf diesen Tag. Unsere Zeiten sind aber so unchristlich und doch so grob dabei (wie denn kein Mensch mehr mit den Interessen einhält, aber haben will alles), daß ich, wenn ich nicht Taufzeugen und Wunder sehe, von keinem Menschen glaube, daß er ein Christ ist, er mag immer ein Edelmann sein. Kann man da zu viele Zeugen erbitten, und tuts ein Schock oder so? Ich hab' es oft gehört, daß kein Teufel glauben will, ein Kardinal habe gehurt, bevor es zweiundsiebzig Zeugen beschwören: wenn nun dieses bei so wahrscheinlichen Dingen geschieht, was will man bei unwahrscheinlichen mit den Zeugen kargen? Kommt noch dazu ein solcher einziger Pate ums Leben, oder das Kirchenbuch in Brand, so ist ein Täufling erbärmlich daran und kann sein Christentum mit nichts mehr beweisen; das kann aber einer leicht, der viele Paten hat. Ein Lehnsvetter von mir wurde unter der Linie noch einmal getauft, und Voltaire (Gutsbesitzer und Lehnsherr von Ferney) bekam zwei Taufen hintereinander, die Not- und die Nachtaufe – und doch sind beide die gottlosesten Fliegen geblieben: so verflucht schlimm sind jetzt die Zeiten. Ganz dumme leblose Glocken, denen es gar nichts half, wurden sonst von dreihundert Gevattern auf einmal, die alle ein langes Seil anfasseten, aus der Taufe gehoben – wie, und einen jungen lebendigen Edelmann, dems zuschlagen kann, speiset man mit einer Zaspel Paten ab? – Wo Teufel seh' ich da Recht und Billigkeit? – Ich tue es zwar nicht bloß des Christentums wegen, sondern ich wähle die dreihundertfünfundsechzig Taufzeugen zugleich so, daß allemal ihre Namen im Kalender stehen, damit das Kind in seinen alten Tagen ein ganzes Jahr von Namenstagen feiern kann – aber Religion ist doch die Hauptsache. Erwarte baldige Antwort. Hans von Hansmann« Sechster Reise-Anzeiger Fata: die Monatswesten – das Haussuchen nach Georgetten – der Elegant und roué von Nürnberg – der schöne Sonntag auf dem Dutzendteich – Nürnbergs Beleuchtung – der Meistersänger – und seine Werkstatt – meine Not mit meiner Tochter Werke: syrisches Schreiben über den Wanderungstrieb der Edelleute »Der Teufel oder der heilige Sebaldus klaube und suche aus 219 Gassen« – sagt' ich und rechnete nicht einmal die Gäßchen und die »Reyhlein« mit – »ein Emigranten-Mädchen heraus, aber ich nicht! Sie kann ja in der Zistelgasse wohnen – oder auf dem Hübnersplätzlein – oder auf dem Gräslein – oder im Würzelein – oder im Albrechtsgäßchen – oder im Pfeifergäßchen oder in gar keinem mehr, sondern im Himmel schon.« – Wenn ich ein Federmesser, oder einen Gedanken, oder irgend etwas Verlornes nicht sogleich finden kann, so überlass' ichs dem besten Leit- und Trüffelhunde, den es gibt, dem Zufall. Da ich noch dazu der Reichsstadt als Comte Sebaud de Bataillon vorgestellet war: so konnte ja wohl Georgette durch Zufall von ihrem Herrn Vater hören oder er von ihr. – – »Der ehrlichste Finder ist der Zufall«, sagt' ich auf einmal ganz froh: sein Fund war aber nicht die Comtesse, sondern ein Mittel, sie zu finden; ich besann mich nämlich, daß sie Westen stickte. Nun hatt' ich weiter nichts nötig – um das verhehlte Kind zu finden in seiner Anziehstube –, als aus meiner auszurücken und die drei Kaffeehäuser und den Schießgraben und andere öffentliche Plätze zu bereisen und mit meinen Augen eine Fackeljagd oder ein Krebsleuchten nach allen in Seide eingesponnenen Torsos anzustellen und jeden gestickten Rumpf zu loben und zu fragen: woher er die nette Weste habe. Um der Sache Anstrich zu geben, legt' ich selber eine gestickte Aprilweste an. Ich trage nämlich nicht, wie andere oder die zwei Pole, bloße Winter- und Sommerwesten, sondern Märzwesten, Maiwesten usw., indem ich auf jede (und warum ists in Gedichten anders?) gerade die blühenden Blumen des Monats nähen lasse. Im März z. B. hab' ich Schneeglocken, Leberblümchen und Krokus am Leibe, im Mai trag' ich amaryllis formosissima, viola matronalis und einige Kaiserkronen. Die Aprilweste zieh' ich am liebsten an, weil einige Rabatten von Ranunkeln, Baldrian und adonis vernalis darauf in Blüte stehen. Ich handelte die fünf topographischen Blätter Matthias Seutters an mich und wollte darnach in der Stadt den Weg einschlagen: ich ließ deswegen den Hornrichter zu Hause; desto ungelegner kam es mir, daß ich bloß wie ein Müller dem Pegnitzstrome nachzufolgen und dann durch das Wassertor einzubeugen brauchte, um ins Wöhrder Kaffeehaus, wohin ich gedachte, zu kommen. Ich weiß nicht, ob der Leser mit solcher Lust wie ich seine Marschrouten in Gassen nach solchen perspektivischen Aufrissen macht: genug ich fand mit dem unnötigen Furierzettel in der Hand zu meinem Verdruß das Haus. Es war nichts da – Westen wohl, aber keine gestickten. In den andern Kaffee-Laiterien waren zwar fünf gestickte Westen da, aber aus Frankfurt. Ich machte mich nun auf kostspielige Entdeckungsreisen in die Weinschenken – in den Schießgraben – in die Hallerwiese – in den Judenbühl. Ich verlor die Zeit und beinahe den Verstand. Hab' ich mich nicht einmal mit einem magern Schreiber in ein einfältiges Gespräch über die preußische Justizverfassung und über die Wünschelruten und Rutengänger eingelassen, bloß weil er eine mit Wurmsamen, Hungerblümchen, Bauchblume (Lisianthus), Wassernabel (hydrocotyle), Purgierflachs (linum catharticum) und Blasenmoos (splachnum) gestickte Weste trug und ich erfahren wollte, woher er sie hatte? Und hab' ich nicht einen Losungsherren (wenns nicht ein Landpfleger war), der Teufelsabbiß, unserer lieben Frauen Bettstroh (Galium verum), Tripmadam (Sedum reflexum), Feldkatzengesicht (Galeopsis Ladanum), fette Henne (Sed. telephium) und Hundswürger (cynanchum) anhatte, unmäßig erhoben und hab' am Ende auf mich gezeigt und gefragt, was sei dieser adonis vernalis gegen ihn? Und tat ichs nicht der Comtesse wegen – und wurde zwar nicht in den 1sten April geschickt, aber doch in den 22sten, 23sten, 24sten, 25sten, 26sten, 27sten und 28sten? – Denn den 29sten oder vorletzten ging es ganz anders, und vollends den letzten oder den Sonntag. Die Hölle Klopstocks wurde wie (nach einigen) Herkules in drei Nächten geschaffen, aber meine in allen jenen sieben Apriltagen: der Leser höre! Ein dreifaches banges Abarbeiten, wie das unter dem Alpdrücken ist, wenn man sich aus dem Schlafe aufringen will, trieb mich auseinander, es betraf außer Georgetten noch Herminen und Leibgebers logischen Kursus. Letztern anlangend, so waren meiner satirischen Säe- und Eggemaschine die Pferde abgespannt, und ich konnte damit bloß ein paar elende kleine Beete bestellen, vor welche man den Leser in diesem Kapitel führen wird. – Jede blasende Post setzte ferner meine stille Pfennigs-Post, den Boten, in Bewegung, und er hielt in der Zehischen Buchhandlung um Herminens Briefe an und kriegte nichts: über dieses folternde Verstummen hatt' ich mich bisher zu oft ruhig gemacht, um es länger zu bleiben, besonders je näher der erste Mai anrückte, über dessen Gewicht dem Leser künftig mehr Licht zu geben ist. – Und endlich die Gräfin dazu! – Denn als ich an öffentlichen Orten immer die Rede auf die Westen lenkte und das Examinatorium über ihre Offizin anfing: so merkten es endlich die Leute und stutzten über den Westen-Genealogisten und waren zweifelhaft, ob eine fixe Idee oder nur eine böse Absicht aus mir rede; ja zuletzt wurde, wenn ich hineinkam, mit Fremden gewettet oder ihnen geweissagt, der Herr mit dem adonis vernalis und Baldrian werde sich ihnen nähern und ihnen Fragen über die Pflanzstadt ihrer blühenden Westen stellen. So hat mich von jeher eine uneigennützige schuldlose Liebesdienerei gegen alle Menschen tiefer in verdammtes bedorntes Dickicht geführt als alle meine übrigen Fehler und Tugenden zusammengenommen. – Ich saß so fruchtlos mitten in Nürnberg und sah nichts von der Stadt als den Seutterschen Riß – ich war noch keinem einzigen Nürnberger bekannt als bloß dem, den ich mitgebracht, dem Boten – ich wollte in die neue Hospitalkirche zum heiligen Kreuze gehen und die Reichskleinodien besehen und den Reichszepter nachmessen und den Reichsapfel nachwägen Ich hab' es später getan und den Zepter zwei Schuh lang und innen hohl gefunden, und den goldnen Apfel drei Mark, drei Lot und drei Quentchen schwer, das Pech innen mitgewogen: Fabri in seiner trefflichen Geographie für alle Stände (1sten T. z. B. S. 127) hat genau dasselbe Fazit, jedoch ohne es mir zu verdanken. und mit Kaiser Karls Schwert zur Klingenprobe in die Luft schlagen – ich wollte als Kunstliebhaber die sieben Leidensstationen, die Ketzel vom berühmten Adam Krafft so trefflich in Stein abformen ließ, durchlaufen und recht ausgenießen, und ich kam zu nichts, weil meine eignen Leidensstationen von sieben Tagen, die ich hier wie Adam Krafft darstelle, mein Beisein foderten.... Aber nach der siebenten Station am Freitag, wo ich auf der Schädelstätte öffentlicher Plätze stand, folgte, wie gesagt, der Sonnabend; wo ich; wie es schien, vom Kalvarienberg herunter sollte. Ich stand nämlich Sonnabends auf dem »Säumarkt« und sah eine »Dreierleiche« ziehen, bei der alles mitging, was in der Stadt predigen, singen und dozieren konnte, und vor der nicht patres purpurati, wie vor einer päpstlichen, aber doch rot gekleidete Waisenknaben oder porphyrogeniti Da das Zimmer im kaiserlichen Palast zu Konstantinopel, worin die Kaiserin Wochen hielt, mit Purpur überzogen war: so hießen die Infanten – in Purpur Geborne. vorausliefen: als hinter mir einer sagte: »La Comtesse Georgette.« Ich sah mich eilig um: ein junger Patrizier (namens Kökeritz, wie ich nachher erfuhr) stand hinter mir, vom Zylinder-Hute bis auf den Sokkus-Schuhschwarz verkohlt – das Mondviertel eines Kamms in den Scheitel-Wimpern oder Brahmen – das aufgestülpte Kinn in den Bretter-Vorsprung und Wall einer Krawatte eingestoßen – mit einem kurzen Schinkenknochen von Badine – mit dünnen, wie Pfähle schwarz angelaufnen Beinen... Beiläufig, gibt es denn etwas Geschmackloseres als die jetzigen männlichen Köhlerbälge, da Schwarz unsere magern Pfauenbeine noch jämmerlicher verdünnt? – Ganz anders wirkt diese Farbe auf dem wogenden Kleide der Damen, die wie Diamanten durch eine dunkle Fassung gewinnen, wozu oft zwei männliche Arme hinreichen. Der junge Mensch, auf dessen weißen Gesicht der Kalk der Jugend schon gelöscht war, schwur es seinem Zuhörer, ihn dupiere keine. Er nickte bloß in sein Krawatten-Halseisen hinein, wenn ihn Bürger, mit deren Schweiß er dem Reisewagen wie mit zerquetschten Waldschnecken die Gelenkschmiere gegeben, demütig gebogen grüßten und tief den Hut abnahmen: er dankte wenig, weil er aus dem ältern Plinius (H. N. XXVIII. 6.) wußte, daß man den Kopf vor Hohen entblöße, nicht um ihren zu ehren, sondern um den eignen abzuhärten und zu stärken. Mit Vergnügen seh' ich, wie Patrizier und Große mehr für das Kühlen und Stählen gemeiner Köpfe, die es auch mehr brauchen, sorgen als für das der ihrigen. – »Morgen«, sagte Kökeritz noch zum Nebenmann, »wird Sturm gelaufen; aber vorher geh' ich noch, wie ihr Nürnberger sagt, aufs Ländlein, auf den Dutzendteich.« – »Der weiß wahrlich um die Gräfin!« ruft der erfreuete Leser aus; aber wie sehr wird es ihn erst erquicken und bestärken, wenn ich ihn benachrichtige, daß der Patrizier eine gestickte Weste umhatte! – Nie sah ich eine schönere: auf einen schwarzen Grund der Nacht waren graue Sternbilder getuscht, deren zertragne Sternchen silbern eingesteckt aus ihnen flimmerten. Die drei Frühlingszeichen, der Widder, der Stier und die Zwillinge, saßen auf dem Vorlegewerk seines innern peristaltischen Gehwerks umher. Es war zwar nichts zu machen, weil er fortlief; aber ich hatte den Sonntag: mein Vorsatz war, den Dutzendteich und ihn aufzusuchen und als Westen-Mouchard meine alten Fragen über sein steilrechtes äußeres Zwerchfell an ihn zu erlassen. Der Leser nehme doch die Kette von Mitteln ins Auge: – erstlich vom Teiche kam ich auf den Patrizier – dann auf das Treibhaus der Weste – dann auf den Fleischer – endlich auf das liebe Kind. Ich tat Sonntags früh wie Jupiter mir selber einen Schwur, daß ich Montags, wenn ich einmal Georgetten hätte, mich eifriger über die zweite Auflage und über Leibgebers logischen Kursus hermachen wollte. Der feine Schießpulverstaub solcher Kleinigkeiten treibet uns mit mehr Gewalt als das körnige Pulver großer Triebe; und wie reißende Tiere leichter zu bezwingen sind als Insektenschwärme, so ist der Sieg über diese kleinen (und stündlichen) Versucher schwerer und besser als der Sieg über die großen und jährlichen. Nach dem Essen knöpft' ich mich am letzten April in die Aprilweste und ging zum Tor hinaus nach dem Dutzendteich mit einer Brust voll Hoffnungen. Stuß tat noch ein paar dazu, indem er bei seinem vorigen Meister nach der Emigrantin zu fragen verhieß, weil er dadurch einem neuen Hausieren nach ihrer Wohnung zu entgehen dachte. Herrn von Kökeritz fand ich auf dem Dutzendteich, nämlich im Wirtshaus darneben: alle Welt war da, besonders die gelehrte, die schöne, die große, und stand freundlich in Konjunktion oder doch im Gedritterschein und tanzte recht. Kökeritz tanzte um jede, aber mit keiner. Unter der Wärme der Freude wurden bald die steifen Sitten biegsam, und sogar zwei Käppleinmacher und drei Peitschleinmacher hatten das Herz glücklich zu sein; aber Kökeritz war zu verdorben, um eine andere Freude zu achten als die scheinbare. Er tat vor zwei Weisheiten die Arme ineinander und die Beine auseinander und packte die Reichsstadt an, ihren Mangel an Welt, ihren Überfluß an Zeremonien usw. Das litt ich nicht, ob ich ihn gleich über die Weste zu fragen hatte. Ich reise zwar nie durch eine Universität, ohne mich am üppigen Stolze der kräftigen Jünglinge zu ergötzen und sie mit der Baumwolle zu vergleichen, bei welcher ebenfalls das Auflaufen unter dem Auspacken das Zeichen einer jungen frischen ist; aber ungemein komm' ich in Harnisch, wenn ich den vornehmen Voyageurs und ihrem Aufblähen einer welken schlaffen Jugend begegne, und wenn ich sehen muß, wie der böse Feind diese Ritterpferde – wie Zigeuner andere dürre – vorher, eh' er sie zu Markte reitet, durch Aufblasen in beleibte umsetzet, als wäre Wind Luder. – Ich erklärte daher, ich wäre zwar selber aus Paris, fänd' aber den Charakter Nürnbergs moralischen als den des Jahrhunderts; ich pries besonders drei Dinge: den Zimmer-Purismus der Leute – weil Reinlichkeit, Fleiß und Eingezogenheit und Möbeln-Ordnung Ordnung der Triebe ansagt, wie wir an Briten, Holländern und Deutschen im Gegensatz der Franzosen sehen –, ferner ihre frohe Emsigkeit – und endlich sogar ihre Höflichkeit, die freilich bei wohlwollenden Menschen furchtsam und bei eingezognen (wegen ihres seltenen Gebrauchs) etwas steifschettern ist, indes Weltleute sich einander vielleicht bloß darum so leicht und frei behandeln, weil sie einander wenig lieben und achten. Niemals, setzt' ich dazu, tut man der Reinlichkeit, der Emsigkeit und dem Zeremoniell mehr Unrecht als in der Jugend. Kökeritz meinte, ich persifliere, und wollte parlieren: aber ich parlierte nicht, weil ich glaubte, da die Deutschen aus Höflichkeit in Paris unsere Sprache reden, so müsse ein Franzos in Nürnberg ihre sprechen. Noch immer bin ich nicht bei der Weste; aber der Leser sieht, daß der Patrizier unter die Menschen gehört, die sich wie Mausgift mit jedem Metalle vermischen, und die wie gewisse Bilder (z. B. die Affen im Plafond des japanischen Tempels zu Sanssouci) jeden anzublicken scheinen, der sie anblickt: solche Leute, die aus Schwäche leichter die Freunde ihrer Feinde als ihrer Freunde sind, gewinnt man durch Versäumen am besten, und man fällt ihnen in den Rücken, wenn man ihnen seinen kehrt. Wenn er etwas logisch festsetzte, stieß ich es um. Ich sucht' ihm zu nahe zu treten durch die wahre Behauptung, daß man sogar in Paris, wenn man die höchsten und die tiefsten Stände auf beiden Seiten wegnehme, einen mittlern voll häuslicher arbeitender Eingezogenheit übrig behalte. Endlich focht er die Göttlichkeit der weiblichen Apokalypsis an und sagte, die Französinnen schienen , was die Deutschen wären , und nur die deutsche Wange, nicht die Seele erröte (wie der rote Wein sich nicht durch die Traubenfülle, sondern durch die gepreßte Hülse färbt). Ich sagte mit mehr Mäßigung, als ich von mir erwartet hätte: eine Deutsche müsse nicht bloß die Tugend, auch den Schein derselben haben – wie ein Kurfürst nach Frankfurt, gesetzt er wäre selber da, doch seinen Repräsentanten vom ersten Rang zur Wahl abschickt –, aber eine Französin sei, wie Bolingbroke den Swift nennt, oft eine umgewandte Heuchlerin und sei tugendhaft, ohne es zu scheinen! Er replizierte seufzend: umgekehrt wär's ihm lieber. Bloß aus meinem Zorn über den eingerunzelten Gecken, der im Wirtshaus zum glatten Elegant, wie ein eingeschrumpfter Apfel im luftleeren Raum zu einem glatten, aufrief, haben die Kunstrichter es herzuleiten – und sonst aus nichts –, daß ich mich an den Ort, wo Semler die elendesten Werke durchlas, begab, um, wie ich pflege, da die besten zu machen. Der satirische Ableger und Absenker jenes Zorns und dieses Orts – es war ein syrisches Schreiben über den Wanderungstrieb der Edelleute – wird den Leser am Ende des Kapitels als das zweite Werk in Nürnberg erwarten. Allein als ich wieder hineinkam, war der Patrizier gegangen, aber nur zu Schiff. Lesern, die nie auf dem Dutzendteich herumfuhren, ist vielleicht die Nachricht lieb, daß man das kann, und daß Gondeln am Ufer hängen, mit denen man als mit Brust- und Schwanzflossen unter andere Leute schwimmt. Kökeritz bestieg eben eine und ließ nicht sogleich abstoßen, da er mich kommen sah: ich war ihm eben durch meine Kriege zu merkwürdig geworden, als daß er nicht über mich eine Ovation – wobei er das Schaf machte – hätte erhalten wollen. Wir bestanden das Fahrzeug. Ich hielt mich lange neben dem gestickten Tierkreis seines Rumpfes still und schielte die Weste nur an, bis ich sah, daß ers auch tue im Wasser... Damit die Kunstrichter nicht glauben, sie gewöhnen mir meine Extrablätter ab, so will ich auf der Stelle folgende Bemerkung und dadurch ein kleines machen: Die Mädchen und gewisse Herren finden in jeder Sache einen Spiegel, gleichsam ein aus Folie und Glas bestehendes Bewußtsein des äußern Ichs, in jeder Fenstertafel, vor der sie vorübergehen, im Kaffee ohne Sahne, im Dutzendteich, in allem, was poliert und geschliffen ist, ja sie küssen oft ein Auge, um sich darin zu spiegeln. Mädchen tun es, weil sie sich für verfinsterte Sonnen ansehen, die man am besten in Spiegeln observiert; Herren setzen sich wie Fliegen gern auf Spiegel, weil sie, wenn sie reden, daran denken, wie es Lavater macht. Der Zürcher sieht nämlich unter seiner Kinderlehre unaufhörlich das schwächste Gesicht an, das er in der Kirche auftreibt, bloß um sich darnach den andern faßlich zu machen. Der Spiegelseher glaubt ebenfalls für die Gesellschaft verständlich zu sein, wenn er sich nach dem mattesten Gesicht, das er darin kennt, nach seinem eignen im Spiegel richtet und einzieht. Hat er keinen, so betrachtet er mit Pfauenaugen seine Füße. Überhaupt nimmt in unsern Tagen die Kurzsichtigkeit so zu, daß die feinsten Leute nur die nächsten Gegenstände, welches sie selber sind, erkennen und sich in Zimmern voll glänzender Wesen bloß auf das nahe Gebiet ihres Ichs, auf ihre Glieder und Kleider einzuschränken genötigt sehen. So weit mein Nebenblatt. – Endlich war es Zeit, daß ich mich der astronomischen Weste ernsthaft näherte und über sie die Bemerkung machte, daß ein solcher Doppelmayerscher Stern-Atlas (ein gutes Wortspiel, denn die Weste war Atlas) jungen Mädchen mehr als der Sternenhimmel das astronomische Studium erleichtere, weil ers mehr ins Enge ziehe; »ich wollt',« setzt' ich dazu, »ich wär' auch ein seidner Sternenkegel!« – »Die Weste ist nicht ganz übel«, sagte der Patrizier. – »Allerdings ist sie übel,« (fuhr ich fort und zielte auf die getuschten Zwillinge und Tiere) »wenn die Sonne durch solche Frühlingszeichen geht und warm macht: wo ist nachher der echte Adonis vernalis, hier oder hier?« (Ich zeigte auf unsere beiden Zwerchfelle.) Und nun mußt' ich im gleichgültigsten Ton, der zu haben war – er sollte die fortlaufende Signatur des vorigen bekommen –, schnell fragen: woher er das Ding habe. »Von der Gräfin Georgette«, sagt' er zweideutig und hoffte, ich verwechselte sie mit einer deutschen. Es kam mir sehr zustatten, daß ich kalt fortfragte, als wollt' ich seine Antwort ergänzen –: »von der beim Metzger –?«... In der Überrumpelung sollt' er den Namen des Metzgers anschienen; aber nun sehe der Leser mein jetziges Glück und meine vorige Einfalt: Georgettens Mietsherr hieß nur Metzger und war keiner. »Ja, eben die beim Drechsler Metzger«, sagte der Zodiakusträger verdrüßlich. Ich war gleichsam ahnend von jeher allen Geschlechtsnamen, die etwas bedeuten, feind, z. B. Hofmann, Edelmann, Zimmermann, Seiler, Richter: wie schön hingegen ist einer von gar keiner Bedeutung, z. B. Goethe, Herder, Leibniz, Jakobi, Kant! Nun war ich durch das ganze krumme Souterrain meines Labyrinths hindurch, und der blaue Himmel stand vorn an der Öffnung: denn wenn ich am Montag den Boten unter seiner ganzen Gewerkschaft herumfragen ließ, war mir da nicht die Kleine beschert? – Mit einem um 120 Pfund leichterem Herzen – ebensoviel wiegt auch mein ganzer Körper, welches meine künftigen Biographen wissen müssen – stieg ich aus der Gondel und vertauschte die Sternbilder des Patriziers gegen die, welche am Himmel entglommen. – Aber wie glücklich-langsam schritt ich fort! Wie ähnlich der schweren Biene, deren Meilenzeiger Blütenbäume sind, und deren Fracht aus Blumenstaub und Blütengeist mit der Länge des Flugs aufschwillt! Denn es war Sonntag, und halb Nürnberg war zum Tore hinausgefahren, und die andere Hälfte zum Fenster, um jener nachzuschauen – hier zog ein Leiterwagen mit einer geputzten lachenden Völkerschaft, dort ein dergleichen Elias-Wagen, der nicht gen Himmel fuhr, sondern davon kam – Schutzverwandte hatten zu Einsgennachtbürgern Eins gen Nacht heißet die Stunde vor dem Tags- und Torschluß; Einsgennachtbürger heißen aus Scherz die Handwerker, die sich vor der Sperre noch ein wenig außer den Mauern belustigen. die Naturalisationsakte bekommen – über die Hallerwiese, den Judenbühel, die Johannisfelder müssen mehrere Menschen geflattert sein als Abendschmetterlinge – und jede Frau, die ein Kind im Hause und ein Gemüs-Beet im Stadtgraben hatte, ging mit jenem um dieses und besah den Segen Gottes.... Ich begebe mich mit meinen Träumen zwar gern in jedes freudig-klopfende Herz und zähle die schnellern Schläge, womit es wie eine Sekundenuhr den chaldäischen Skrupel des Lebens, der 1 / 1080 Stunde beträgt, genauer und länger teilt – ja ich würde mich in ein frohes einquartieren, und stände ein metallenes Ordenskreuz als Drehkreuz davor –: aber noch tausendmal lieber eil' ich in eines hinter Sackleinwand; erfreulicher und inniger ist nichts als die ehrenvoll errungne Lustbarkeit eines emsigen gutmütigen Volks – ohne Argwohn und Arglist sind jubelnde Plebejer mit aufgeschlossenem Herzen so künstlich wie die Blätter der Pflanzen nebeneinander gestellt, daß sie Licht und Tau des Himmels vereint auffangen und sich einander nichts verbauen – und ungleich der bewölkten Jugend der Großen ist die gemeine heiter und warm, gleich dem Frühling des Wetters, der unter allen Jahrszeiten die trockenste ist – – Nie setzt die Lethe alle Gedächtnissäulen tiefer unter Wasser als in folgenden drei Träumen: im Dichten – im Freuen – und im Träumen. Ich lag, glaub' ich, in allen dreien auf einmal, denn ich vergaß und überhörte den Garaus, dann die blasenden Hörner auf den Toren, welche die Sperre verkündigten – und mit Mühe vernahm ich die Feierglocke um neun Uhr. Unter dem Läuten kroch ich zum Hallertürlein in die Stadt gegen drei Kreuzer Einlaß- oder Inseratgebühren. Aber welche Höllenfahrt nach dieser Himmelfahrt! Ich wußte nicht, wo die Mausfalle war. Ich hatte zwar das Seuttersche Sbozzo und Katastrum von der Stadt bei mir, aber ich konnte nichts darauf sehen. Es waren keine Laternen angezündet, erstlich weil man den Frühling – zweitens das erste Viertel hatte – drittens weil auch im Winter und Neumond keine angezündet werden, ausgenommen in den wenigen Gassen, worüber einige hängen – und viertens weil es nicht nötig ist, sondern überflüssig. Denn die eigentliche Straßenbeleuchtung geschieht von innen aus den Häusern heraus: die Gassen sind enge gebauet, und noch dazu ist an jedes Haus außen ein Reverberier-Spiegel befestigt und in jedes innen ein Talglicht, so daß alle Straßen, zumal enge und dunkle, durch die Lichter entgegenstehender Häuser (wenn die Fensterladen offen sind) nicht nur eine ganz gute Erleuchtung erhalten, sondern eine wohlfeile dazu, da die Einwohner noch nebenbei damit ihre Stuben erhellen und die Zimmerbeleuchtung ersparen, wie in manchen welschen Städten die brennenden Kerzen auf Altären zugleich statt der Laternen und den Heiligen dienen. Und bei einer solchen gemeinschaftlichen Illumination durch fünftausend Häuser oder Stuben-Reverberen würd' ich, das bekenn' ich, die etwanigen Gassen-Reverberen, so wenig ihrer sind, als Überfluß und Luxus (zumal unter dem alles kalzinierenden Kriegsfeuer) wieder ausblasen und ausschneuzen, wenn ich hinaufkönnte. Ich komme zu meinen körperlichen Verirrungen zurück, die allezeit größer sind als meine biographischen. Hat wohl je, ich bitt' es mir zu sagen, irgendein Burggraf, ein Losunger, ein junger Patrizier, ein Reisediener, ein Brandenburger sich so häßlich und so spät verirret wie ich? Kam er wie ich (er sag' es frei) zum Hallertürlein hinein und dann in die Negeleinsgasse – dann auf den Geiersberg – dann in die Irrergasse – dann in die Hintere Füll – darauf in die Vorder Füll – und dann doch zurück ins Hundsgäßlein – und von da geradeaus auf den Milchmarkt? Und wenn er von seiner Unwissenheit oder von seinen Leidenschaften so falsch geführet wurde, kam es mit ihm immer so weit, daß er sich in die Elenden-Gasse In den meisten alten Städten sind »Elenden-Gassen« , weil elend sonst soviel bedeutete als fremd. verlief, ohne zu wissen wie, und aus ihr herauskam, ohne zu merken daß? – Denn so ging es mir. Zuletzt wurd' ich sozusagen von einem Sackgäßchen oder Reyhlein eingesackt: der Stubenschein einer ganzen lichten Haushaltung schlug mir ins Gesicht. Ich blickte näher in die volle geschwätzige Grubenzimmerung von Stube: statt des Bergschwadens und Arsenikkönigs saß Kökeritz darin, und statt der Bergknappen arbeiteten spielende Kinder, auf dem Magen liegend, und stellten ein reicheres Pembrokisches Docken- oder Puppen-Kabinett um sich, als der Armut dieses Erdgeschosses anzustehen schien. Kurz, es könnte ja der Drechsler Metzger sein, dacht' ich. Ich trat eilig hinein. Über Kökeritz' Angesicht krochen jetzt so viele häßliche wurmförmige Mienen und verkürzte Teufelchen als über Callots verzerrtes Blatt von Antonius' Versuchung, denn es war die Wohnung des langgesuchten Mietsherrn Georgettens. Kökeritz stand voll Langweile vor dem Drechsler und mußte sich mit nürnbergischen Meistergesängen ansingen lassen. Metzger hatte gerade ein Loblied auf Nürnberg (von Rosenblüth 1447 gedichtet) im Mund – er färbte dabei eine weiße Täubin schwarz, damit der pechschwarze Tauber sich mit ihr paarte und nicht mehr nach ihr hackte – und rezitierte eine Strophe, die gefallen kann, wenn man gegen zwei oder drei Zeilen nicht zu streng ist: O Nürnberg, du edle Fleck, Deiner Ehren Bolz steckt am Zweck, Den hat die Weisheit daran geschossen, Die Wahrheit ist in dir entsprossen. Nichts ist mir angenehmer – zumal da es jetzt seltener ist – als Stolz und Liebe eines Bürgers für seine Stadt. Der Drechsler, auf dessen poetisch-zerstreuetem Gesicht keine Aufmerksamkeit auf die lauten Kinder und kein Argwohn gegen den hinterlistigen Herzen-Pürschmeister Kökeritz zu lesen war, dauerte mich mit seinen verzettelten poetischen Blumenlesen. Ich hatte daher kaum gesagt, ich hätte mich verlaufen und könnte nicht in die Mausfalle: so kam ich sogleich, um dem Rhapsoden einen freudigen Gedanken zuzuwerfen, mit dem Appendix nach: »Es ist das Haus, worin sonst der gute Hans Sachs wohnhaft war, den ich für den größten Meistersänger halte, den vielleicht Nürnberg in seinen Kirchen hörte.« Hastig fuhr er über die ganze Taube mit einem breiten Pinselstrich und versetzte: »War denn unser Urur-Herrlein Herrlein nennt man da den Großvater. vor den Kopf geschlagen, nämlich der berühmte Herr Ambrosius Metzger ? Er war ein Magister, aber der Hans Sachs war nur ein Schuster. Hat nicht mein Urur-Herrlein die Weber-Krätzen-Weis In Wagenseils Comment. de civitate Noribergensi steht eine deutsche Abhandlung über die Meistersänger, worin (p. 534 etc.) dieser Ambrosius Metzger, welcher Lehrer am Gymnasio Aegidiano in Nürnberg war (p. 547), mit den obigen sonderbaren Namen seiner Erfindungen unter andern Meistersängern auftritt. erdacht, so in acht Reimen besteht, und die Cupidinis-Handbogen-Weis, so schon ihre guten sechzehn Reime hat, und die Heißtränen-Weis mit einundzwanzig Reimen samt der Krummzinken-Weis mit ihren dreiundzwanzig Reimen, desgleichen die verschalkte Fuchs-Weis mit gar vielen Reimen und die Fett-Dachs-Weis mit noch viel mehrerern? – Herr, vom Magister Metzger wäre viel zu sagen. Was meine Wenigkeit anlangt, so weiß es mein Gesell, daß ich in der verschalkten Fuchs-Weis zwei, drei Stollen absingen kann, und mache dabei keinen Bock, weder rührende Reime So hießen die Handwerksstatuten der Meistersänger solche Reime wie: leben und erleben. , noch schnurrende Falsch verkürzte: z. B. gborn statt geboren. , noch Klebsilben Der vorige Fehler. , noch Lind und Hart Reime wie Knabe Kappe – Meel Oel. Die jetzigen Dichter können sie wagen. und dergleichen. So ist es.« – – Ich betrübte und erfreuete mich zugleich über den reichen Bildungstrieb einer vom Schicksal infibulierten Seele, die außer den hölzernen Figuren noch poetische zu machen strebte. – »Sucht man« (sagt' ich, aber wahrlich wohlwollend) »in Nürnberg Seine Verse sehr, Meister, singt Er oft?« – »Daß Gott erbarm,« versetzt' er, »so oft als die arme Taube da. In der Kathrinenkirche war sonst wohl jeden Sonntag Singschule – aber jetzt wäre in der ganzen Stadt kein Merker Merker hießen die vier Männer, die in der Kirche um den Meistersänger saßen, und wovon der erste acht gab mit der Bibel vor sich, ob der Sänger dagegen verstoße – der zweite, ob er im Metrum bleibe – der dritte, ob er recht reime – der vierte, ob er recht singe. Jeder bekam für seine Rezension zwanzig Kreuzer. für Geld zu haben. Es ist schlecht genug, zumal wenn es Leute in der Stadt gibt, die 'Kranz-Gewinner' werden könnten, wo nicht 'König-Davids-Gewinner'.« Hatten alle diese nichts zu erinnern, so wurde dem Preiserwerber eine Kette aus Pfenningen umgehangen, deren mittelster den König David mit der Harfe vorstellte: der, welcher das Akzessit erhielt, gewann nur einen Kranz aus seidnen Blumen. Es mag mich nun die Begierde, dem armen Meister eine Freude zu machen, oder die Natur der Sache selber auf die Ähnlichkeit zwischen den jetzigen gräzisierenden Poeten und den Meistersängern geleitet haben: genug die Ähnlichkeit wuchs mir unter den Augen, und ich konnte sie Metzgern zeigen zum Trost. Jedes wissenschaftliche Gehirn, das nur so groß ist wie das Hirsenkorn, worein Kallikrates einige homerische Verse eingrub, und dem wenigstens kein geringerer Inhalt eingekratzet ist als dem Hirsenkorn, weiß es vielleicht ohne mich, daß gute Gedichte, gleich den alten, vollkommen sind – ohne Bilder, ohne Feuer, ohne Herz, ohne großen Inhalt – bloß durch reine leere Darstellung, durch Objektivität, so daß eine Borussias oder ein Heldengedicht, worin statt eines Elefanten der ganze Elefantenorden agierte, keine größere poetische Vollkommenheit annehmen kann als eine – Flohiade. Pasquier faßte auf einen Floh, der auf dem Busen des Fräuleins des Roches saß, etwas ab; und so machte jeder von den anwesenden Gelehrten sein Gedicht auf den Floh, der eine ein spanisches, der andere ein griechisches usw. Diese Blumenlese wurde gedruckt. Die gräzisierenden Dichter bestätigen noch mehr seinen Satz. In der Tat sind sie gleich den ägyptischen und ersten griechischen Tempeln leer und ohne Bilder (der Götter) – ihre poetischen Federn gleichen den Schreibfedern, womit wir alle arbeiten, welche desto besser schreiben, je kahler sie befiedert sind – daher werden jetzt poetische Gewächse (nicht wie sonst durch heilige Begeisterung und Wut, sondern) wie Frühlingsgewächse durch braven Frost gehoben , und gerade die Dichter, die uns heben, wissen uns (nicht wie sonst zu entflammen, sondern) abzukühlen, wie Handwerker, welche steigen , bei Feuersbrünsten löschen müssen – und den Wind und das Wasser , die Orpheus durch seine Verse im Laufe einhielt, müssen die jetzigen bewegen, wenn nicht enthalten. Ich wünschte wohl, die jetzigen Kunstrichter untersuchten ernstlich, ob nicht die Meistersänger im lobenden Sinne Meister sänger waren, und ob ihre so kühlen bilderfreien und stofflosen Gedichte nicht jene reinen Darstellungen ohne allen Inhalt (den wenigen Sinn ausgenommen, der von Worten nicht zu trennen ist), kurz, ob sie nicht jene Vollendung in sich tragen, nach der wir ringen, und die viele Griechen wirklich erreichten. Es sollte mich wundern, wenn unten stehende Strophe aus einem auf den Tod eines Merkers gesetztem Gedicht Ich ziehe sie aus Wagenseil S. 555 aus. Sie ist in der Clius-Posaunen-Weis, die in siebzehn Reimen besteht. Tobias Martin dieser hieß, (nämlich der gestorbne Merker) Welcher ein Bosamentirer gewesen, Dann er auch wohl verstund diß, Doch konnte er vor den Tod nit genesen, Als man neun und zwanzig Jahr schriebe klar, Da wurd' er geboren auch, In diese Welt, wie uns solches bekentlich: Er wurde auch nach rechten Brauch Von Kindheit auff zu der Schul zogen endlich, Darin so lernet er fleißig fürwar. Als er nun drei und zwanzig Jahr wurd alt, Da begab er sich in den Ehestand bald, Zeigt darinnen ailf Kinderlein Mit zweien Weibern, davon ihr noch zwei leben, Ein Sohn und eine Tochter fein, Thät sich auch in die dritte Eh begeben, Lebet friedlich mit sein Ehgatten zwar. – Wo ist hier Schwulst oder nordischer Bilderschwall? Wo spricht hier der Dichter selber? Mit reiner Griechheit und mit völliger besonnener Herrschaft über sein Feuer stellet er bloß das Objektive dar. Einige veraltete Worte abgerechnet, die wir in jeder Messe zu den allerneuesten machen können, wäre das Stück in einen Musenkalender tauglich, besonders da seine kühnen Versetzungen mit den jetzigen noch kühnern leicht zu decken sind, z. B. mit der Trennung des Genitivs vom regierenden Wort. von M. Ambrosius Metzger ganz unglücklich ausgelesen und ohne alle Wirkung auf feine Leser wäre. »Meister Drechsler,« sagt' ich, »Meistersänger und Gesellensänger singen jetzt überall, aber freilich nicht in Kirchen, sondern in Buchladen. War sonst das Musenpferd ein Nürnberger Pferdchen von Holz, das mit geruchlosen hellen Blumen übermalet war, und das als Schwanz ein kurzes Pfeifchen ausstreckte, den flötenden Reim: so hat man jetzt bloß das Pfeifchen ausgezogen und die Blumenstücke abgewischt, das hölzerne Rößlein steht noch da. - Merker stehen in allen Buchladen, heißen aber Rezensenten und bekommen wie die Jury und das Konklave nicht eher etwas zu essen, bis sie entweder gerichtet oder gekrönet haben.« Unter dem Diskurse konnt' ich tiefere Blicke in die elysäischen Felder der Stube werfen. Sie war eine gleißende, gebohnte, gewaschene, bevölkerte Villa voll weiblicher Kunstwerke, eine völlige Hofhaltung einer regierenden Hausfrau, Metzger schien nur die Krone, sie den Zepter zu tragen. Der Großvater oder das Herrlein schnarchte im Großvaterstuhl unter den olympischen Spielen der Kinder. – Der Geselle hobelte eine hölzerne Bäuerin zur galanten Frau hinauf, indem er das überflüssige Rockblätter-Holz abraspelte. – Auf dem Schiefertische multiplizierte der älteste Sohn die Einwohner Nürnbergs mit sich selber mit Kreide und erlustigte sich am breiten Multiplizierexempel voll Nullen. – Hinten am Ofen stand der funkelnde Nordschein der kupfernen »Prangkuchen«, d. i. Prunkküche, und der Backtrog erhielt eine gelinde Wärme auf morgen. Der Patrizier kroch um die rüstige redselige Meisterin wie ein Ohrwurm um die Nelke und machte immer, daß sie sich lobte: »Ich knete alles selber«, sagte sie, »und lasse keine Magd über den Backtrog.« Man sieht, er wollte mit ihr als mit einer Zuckerzange Georgetten fassen. Aber die Kinder, die ein buntes Brett voll hölzerner Könige und vornehmer Leute vor sich hatten, kamen immer störend und baten sie, den Vater zu bewegen, daß er die Vögel hineinließe. »So tu es nur«, sagte sie zum Alten, der sogleich willfährig und ohne zu wissen, was er tat, die Vogelbauer herabnahm. Die Kinder hüpften und schrien: »Die Vögel! die Vögel!« Aber die Mutter ließ nichts machen, bis die Kinder vorher mit dem »Fatscheinlein« (dem Schnupftuch), das sie reichte, gearbeitet hatten. Nun hätten die Leser Augenzeugen des Jubels sein sollen, welchen die Kleinen erhoben, als der Drechsler ein Pförtchen am Steiße eines jeden Mitgliedes der hölzernen Korporation aufzog und in eine Figur nach der andern einen Vogel statt der Seele springen ließ und sie dann mit dem Sphinkter zusperrte; – aber den höchsten Grad erstieg die Lust, da vollends der König – worein er einen Zaunkönig gelassen, damit der Zwerg-Insasse in der Figur heftiger arbeitete – und der Dompropst – weil er der dickste war, mußte ein Dompfaff oder Gimpel hinein – und der Minister mit einem Stern – von einer hackenden Kohlmeise bewegt – und viele Kammerherren – mit ihren inwohnenden Spatzen – und eine Königin mit ihren zwei Hofdamen – welches Kleeblatt man zusammengeleimt und durch innere Kommunikationsgräben so weit ausgehöhlet hatte, daß sie alle drei von einem Vogel, einem Starmatz, zu regieren waren, und daß die Hofdamen allzeit, wenn der Bauchredner etwas sagte, wie die Königin zu reden schienen – – ich sage, die höchste Lust entstand, da diese große (obwohl kleine) Welt, von ihrem Gevögel beseelt, mit den Köpfen schüttelte, damit nickte, dann krächzete und plapperte, die Arme und Beine regte, Schnäbel statt der Zungen gegeneinander ausstreckte und kurz alle Lebensbewegungen vermittelst der Konklavisten so niedlich nachmachte, daß die Kinder glaubten, alles sei lebendig und wahr. – Ein unschuldiger Spaß, sobald man nur das inhaftierte Geflügel bald wieder herausfängt! – – Bei der Göttin des Glücks! sollte man denken, daß die Maschine, womit die höhern Stände ihre Glückseligkeit weben, aus so vielen Stücken wie ein Strumpfwirkerstuhl zusammengesetzt wäre, nämlich aus drittehalbtausend, wenn man sieht, daß man in den niedern nichts dazu braucht als eine Stricknadel und ein Knäul? – Ich horchte eben nach der Alten hin, die unter dem Puppenspiel zweimal zum Patrizier gesagt hatte. »Sie schläft wahrlich: sahen Sie denn Licht?« – als plötzlich mein Stuß mit hereingekehrtem Gesicht um das Fenster und in die Stube rannte und rief: »Ich suche Sie in der ganzen Stadt, Herr Graf vorn Bataillon: hier sitzt sie bei meinem Meister.« – Die ganze Stube staunte. – »Die Gräfin Georgette?« (sagt' ich) »es ist meine leibliche Tochter« – und sah den Patrizier an. Stuß war schon vorher dagewesen und hatte alles erfahren. Der Drechsler zog wie ein Merkur die Seelen oder Vögel aus ihren Leibern. Kökeritz sah mich – denn ich blühe – skeptisch an. Dem Mütterchen gab ich den Paß, es sollte ihn hinauftragen, damit ich vor sie könnte. Das alte Herrlein wurde unter uns Tumultuanten wach und konnte sich in nichts finden. Die Alte trippelte fort und verhieß, zu wecken. Der Tierkreisträger ritt mit den Augen um mich und den Boten rekognoszieren. Endlich tat die Mutter wieder die Türe ein wenig auf und rief mich hinaus. Draußen sagte sie mit eiliger Beredsamkeit, »Georgette lese den Paß und schlafe nicht – sie brenne nur aus Armetei kein Licht – sie sperre sich vor Sr. Gnaden (Kökeritz) ein, der ihr für seine Weste statt der Bezahlung ein großes Geschenk geben wolle – sie nehme aber nichts – sie sei bettelstolz und esse lieber Wassersuppen, als daß sie bettle.« – In einem Atem lobte und tadelte sie, und zwar beide Personen zugleich. Ich flog vor ihrem Lichtchen voraus ins dunkle Stübchen, um dem Mädchen durch drei Worte den Aufschrei des Schreckes zu ersparen, daß ich ein Fremder sei. Sie lief im Finstern auf mich zu und rief umarmend: »Oh, mon pere, mon pere cheri!« – Mich erweichte und erschreckte der schöne Irrtum der Liebe, und ich ernährte ihn durch den Doppelsinn der Anrede. Aber während ich in der höchsten Not in allen Gemächern meines Gehirns herumgriff nach einem Doktor Fausts-Mantel, nach einem Gyges-Ring, der mich unsichtbar machte: während diesen Nöten wurden sie noch tausendfach erhöht und ich noch näher besehen und beleuchtet erstlich durch das Licht und zweitens durch den gestirnten Narren, die beide die Treppe heraufkamen. Mitten in unserer Eile müssen wir uns doch alle einige Minuten bei den Ursachen aufhalten, die den Verderben drohenden Schwanzstern, den Patrizier, über den Horizont heraufzogen. Drunten in der Drechslersstube hatte dieser Unglücksstern aus Argwohn, während die Mutter draußen mehr Worte als Schritte mit mir machte, den nicht sonderlich gewandten Stuß, der weniger vom Argus als von dessen Weidetiere an sich hatte, listig abgehört. Stuß ging verlegen herum und an eine abgelaufene Wanduhr: »Nur aufgezogen!« sagte Kökeritz, denn es war eine Vexieruhr. Als der Hornrichter das Uhrgewicht, so gut er konnte, aufzog und sein Gesicht (worauf er mehr Gedankenstriche hatte als hinter demselben Gedanken) wartend gegen das Zifferblatt zukehrte: so zersprang es in zwei Flügeltürchen, und ein herausprellender Fuchsschwanz legte sich über sein ganzes Gesicht. Im Zurückfahren und Zurückschaudern rief er mich bei meinem wahren Namen zu Hülfe; und als man ihn darüber befragte, gab er das responsum prudentis, er habe nur den Grafen von dem Bataillon gemeint. Der Frühlingszeichen-Träger und Zeichendeuter mutmaßte sofort, hinter der Sache stecke etwas, und ich sei ein Spitzbube wie er und weniger der Vater als der Galan der Gräfin – worin ihn mein jugendliches belebtes Ansehen nur noch mehr bestärkte. – Der Leser gehe nun mit mir wieder in den feurigen Ofen zurück, worin ich brenne. Das Licht und Kökeritz als ein neuer Einheizer standen auf der Schwelle. – Aber in der Angst kann man nicht nur mehr als sonst schleppen, sondern auch erfinden. Ich zog mit der Rechten den von ihrem Vater abgeschickten Fächer mit dem Bilde ihres Liebhabers aus der Tasche – indes ich mit der Linken ihren Kopf immer so an mein Herz andrückte, daß sie ihn daran nicht aufheben und mich beschauen konnte – dann faltete ich mit den Fingern den Fächer auf und deckte ihn aufgespreizt vor mein Gesicht, hielt ihr aber die Innenseite mit dem des Liebhabers vor und lispelte ihr während meiner Unsichtbarkeit und ihrer Anschauung in die Ohren: »sie entgehe den größten Gefahren von seiten des Patriziers, wenn sie sich für meine Tochter nur so lange ausgebe, bis er fort sei; denn ich hätte bloß Bestellungen von ihrem Herrn Vater an sie.« – Die Arme, die in dieser Minute ihren Vater verlor, prallte mit einem: »O mon Dieu« zurück – kam, als sie mich ansah, einer Ohnmacht nahe, die ich mehr ihrer dürftigen entnervenden Diät als meiner Physiognomie beimesse, und setzte sich schwankend und gebrochen nieder. Ich sehe die liebe kurze dünne blasse, etwas spitznäsige Figur noch, wie sie dort sitzt und mit dem Fächer sich anfangs der Ohnmacht wegen und nachher des Zornes wegen frische Luft zutreibt. »Heftige Bewegungen sowohl der Freude als des Schmerzens«, sagt' ich zu den Zuschauern, »griffen sie schon in der Kindheit bei ihren feinen Nerven heftig an.« – »Beide?« fragte Kökeritz. Nun war ich hauptsächlich verbunden, so viel Lausewenzel zu rauchen, bis diese Blattlaus tot vom blühenden Gewächse vor mir herabfiel. Ich stellte die Patentpomade auf den Tisch – schlug meinen Grafen-Paß auseinander, damit der Patrizier einen neugierigen zufälligen Blick hineinwürfe – und sagte kalt: »Ist Ihnen etwas von mir oder von meiner Tochter beliebig?« –»Ah,« sagte der zweideutige Filou, »c'est donc votre fille , ou à peu-pràs?« – »Comment, ou à peu-près?« sagt' ich mit einem Mischling von Neugier und Zorn auf dem Gesicht. »Parceque je l'ai cru votre soeur ou à peu-près«, versetzt' er. Georgette fing an zu weinen und sagte – ich weiß nicht ob zu ihm oder zu uns beiden –: »Vous dechirez mon coeur et mon honneur.« Jetzt mußt' ich entsetzlich toll über den Patrizier werden – erstlich um einen ordentlichen aufprasselnden Franzosen zu machen – zweitens weil ichs wirklich war, da er mich und sie, eine doppelte Unschuld, zugleich anfiel – und drittens aus folgendem Grund. Am Tage der Verlobung – der Vermählung gar – macht man bei dem ersten fremden Mädchen, auf das man trifft, mit einem besondern Gefühle die Entdeckung, daß es einen Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft gebe, und daß das ganze weibliche Geschlecht, das man sonst in seine Augen, wenn nicht in seine Arme zu fassen suchte, eingelaufen sei auf eine  –; wird nun einem Manne das seltene Glück zuteil, das ich am Sonntag hatte, eine ungemein zärtliche Empfindung, aber von einer Gattung, welche nicht mit der ehelichen Liebe kollidieret – wohin elterliche zuerst einschlägt –, für ein liebes Herz, das unter einem Shawle schlägt, aufzubringen und festzuhalten: so setzt er sich, ungeachtet der ehelichen Lebenswärme, in die laue Abendsonne eines so milden Gefühls so lang und breit, als er nur kann, hinein und rückt immer aus dem Schatten. Die kindliche Liebe, womit sich das erschrockne Lamm an meinen Hals gehangen, machte väterliche in mir natürlich und rege; und mit größerer Erbitterung als sonst exerziert' ich die hohe Gerichtsbarkeit über Hals und Hand an jenen Spitzbuben, welche die niedere an den schönen weiblichen Hälsen und Händen üben, jene Perlenfischer, die den lieben Wesen, wie Perlenmuscheln, nur die Perle, nämlich ihr Herz oder gar ihre Ehre, ausbrechen, um sie nachher leer und wund auf die Perlenbank zurückzuwerfen. Kurz ich tobte folgendermaßen: Gleich einer losgezündeten Pulverschlange fuhr ich in der Stube herum und sagte. »Peste! – Herr, Sie kennen meine Tochter nicht – Glauben Sie, weil eine Emigrantin Ringe macht, daß sie alle annimmt? – Oder daß ich wie der Drechsler drunten die heilige Geistes-Taube schwarz anfärbe für eine Muhammeds-Taube wie Sie? – O hätten wir uns nur auf anderem Boden! – Ah qu'est-ce-que de nous! – pillés en France, deshonorés en Allemagne – nous sommes tour-à-tour en proie aux Vendeurs de la chaire humaine er aux Anthropophages, qui la dechirent.« Vendeur de la chaire humaine heißet ein Seelenverkäufer. Die arme Georgette konnte, ob sie gleich nicht wußte, wer ich war, doch ihren Erinnerungen an die Wahrheit dieser Klagen und ihrem weinenden Herzen nicht widerstehen und machte mich dadurch wilder und weicher zugleich. »Monsieur,« (fing ich mit einem ganzen Vorrat von Atem an) »Sie sind hier in diesem Zimmer – Sie sehen meine Tochter – Sie sehen ihren Vater und dessen Glatze, den Beweis seiner Jahre – Sie lieben, hoff' ich, die Tugend«... »O qu'oui,« sagte der Spitzbube, »mais j'aime encore plus les femmes qui la logent.« – Da Georgette aufstand, konnt' ich nur eilig zu ihm sagen: »Diable!« und kehrte mich gegen sie und nahm ihre kleine bebende Hand und sagte: »Recht, traute Tochter, begib dich zur Ruhe – du bist ein Engel, aber ohne Himmel – träume von einem – morgen komm' ich wieder, Beste! – Was gibt es noch?« schrie ich, als der Patrizier ans Fenster ging und Geld aufzählte. »Ich will bloß Mademoiselle für die Zwillinge bezahlen«, sagt' er mit persiflierendem Tone und zeigte auf seine. Entsetzlich aufgebracht sagt' ich voll Milde: »Das ist etwas anders. Den kleinen Kastor und Pollux auf Ihrer Weste wollen wir selber gegeneinander im Großen machen und friedlich heimziehen,« und fassete dabei stark genug seine Wachshand in meine Götzens-Hand – ich bin nicht schwach – wie in eine Kompressionsmaschine und führte ihn unter zu warmem Pressen derselben zur Türe hinaus. »Sind Sie«, fragt' er zornig auf der Treppe, »ein Richter ?« – »In Sachen meiner Tochter« – antwortet' ich absichtlich in die Quere und verdoppelte mit der Quetschform den Druck der Hand – »kann ichs sein; und die Grafen waren und hießen ja bei Ihren alten Deutschen allzeit Richter.« Mein Bote kam aus der Stube, und so zogen wir drei aus dem Hause – und vorbei war der letzte April. Aber noch erglüh' ich, wenn ich daran denke. Es wird für uns alle ein Kühltrank sein, wenn ich hier das syrische Schreiben über den Wanderungstrieb der Edelleute und Patrizier gebe. Siebenkäs erzählt nämlich S. 484 , er sei in Haleb sehr verdrüßlich mit einer Windbüchse auf dem Dache umhergekreuzt und habe bloß aus Verdruß, als die Mittwochspost (eine Bruttaube) gerade über seinen Kopf wegflog, die Briefträgerin herabgeschossen – er habe darauf die Post beraubt und ihr das an die Schwanzfedern gebundne Felleisen abgeschnitten – und die Briefschaften hätten in einem Briefe bestanden, den ein Mönch aus einem Kloster der Stadt an eine Nonne in einer fernen Gasse geschrieben, um ihr Naturgeschichte beizubringen. Die Nonne machte der Inspektor dadurch zu einem Studenten, der Kollegien aussetzt, um auf seine nachgeschriebnen Hefte durch hiatus sogar die Gestalt des Altertums zu prägen. Aus Mangel an syrischen Lettern kann ich den Lesern das syrische Schreiben nur in meiner schlechten Übersetzung geben: denn Syrisch ist meine Stärke nicht. »Liebe Tochter! Der Prior kam gestern von Jerusalem zurückgeritten, ich fragte ihn aber nicht gern um das dictum vexatum, weil er so müde war, daß er nicht mehr sitzen konnte, wie sein Esel auch. Die zwei italienischen Spitzbuben sind eingefangen: der eine hatte die Türschlösser In Haleb sind nach Russel die Schlösser hölzern und die Türen eisern. in Brand gesteckt, um einzubrechen, und der andere hatte, als seine Braut mit zugeleimten Augen vor ihm saß, ihre Habseligkeiten unter seine verpackt und damit fortgewollt. – So giftig sind die Menschen, wohlriechende Palme meines Lebens! Aber ich und du sitzen im Schatten der Ruhe und unter dem Himmel der Frömmigkeit und schauen das Antlitz der Erde an, aus dem ihr Schöpfer wie eine freundliche Seele hervorsieht; besonders sind viele Zitronenbäume an meinem Zellenfenster schön. Wir müssen aber in unsrer Naturgeschichte heute fortfahren. Wir habens schon gestern geliebt, daß Gott in die Vögel den Trieb der jährlichen Wanderung eingesenkt, hernach in die vierfüßigen Tiere und auch in die Heringe – heute kommen wir auf die Edelleute und die Reichen. Der Trieb zur Wanderung offenbaret sich bei ihnen erst in ihrem dritten Jahrzehend und hält sich an keine Zeit, wie auch Feldmäuse und Heuschrecken oft zu ziehen anfangen, ohne daß ein Mensch weiß warum. Ein alter Prinzenhofmeister sagte mir, wenn man im dritten Jahrzehend einen Edelmann einsperrte – z. B. in eine ritterschaftliche Bibliothek, wo es warm genug wäre, oder in ein Burgverlies –, so würd' er seine Zeit wissen und traurig werden und hinauswollen; und ließ' man ihn dann doch nicht nach Frankreich und Italien ab: so würd' er wie jeder Zugvogel sich unbeschreiblich alterieren. Denn gleich den Vögeln müssen die Strich- und Zug-Menschen der Wärme wegen aus dem kalten Eng- und Deutschland in die warmen Städte in Süden gehen, weil sie schon in den Zwanzigern wissen, wie wehe das Alter tut. Ich muß dir sagen, Orangenblüte des Herzens, daß man sonst mit Mühe kaum im siebzigsten Jahre alt wurde, daher wenige ihr Alter erlebten: jetzt aber erleben die meisten ein schönes hohes und ehrwürdiges Alter, weil es früher kommt, bei sehr vornehmen Leuten schon in der Jugend, und Prinzen wird es angeboren; daher sie gleich nach der Geburt schon Ordensbänder und andere Würden des Alters gern bekommen. Ungemein gesund ists, sagt Haller, die Jugend zwar in einem kältern Klima zu verbringen, das Alter aber in einem wärmern. Gottesfürchtige Naturforscher gebens auch noch für eine besondere Wohltat für notdürftige Länder aus, daß – so wie die Heringe vom Nordpol oder doch von dem Meersboden zu den Hamen der Holländer und Franzosen heraufreisen müssen, um von selbigen teils eingesalzen, teils geräuchert zu werden, weil sie Holland jedes Jahr mit einem Gewinst von einer Million Taler absetzt – daß gleicherweise vornehme und reiche Söhne durch einen besondern Naturtrieb gezwungen werden, nach Paris, Marseille, Neapel und die umliegenden kleinen Häuser zu gehen, um dort von tausend armen Menschen gefangen und aufgezehrt zu werden. Und wie an den blitzenden Schuppen der Heringsfischer nachts leicht abmerkt, wohin er seine Netze zu werfen habe: so sind die Geldstücke solche silberne Schuppen des Zug-Menschen, die man nachher abschuppt wie an Spiegelkarpfen, und durch die man sehen kann, wo man Fischreusen und Hamen hinzuhalten habe. Du mußt es noch von gestern wissen, daß die Zugvögel in warmen Ländern nicht brüten, erstlich weil wirs hier in Syrien sehen müßten, zweitens weil sie sonst in Europa mit abgemausten und abgenutzten Federn und mit Jungen zurückkämen, welches doch nicht ist. – Aber die Zug-Junker und Zug-Kapitalisten brüten in den fremden Ländern stets; sie bringen zwar keine Jungen nach Hause Der französische Adel, der uns jetzt die Gegenvisite macht, kann – so wie er eigentlich seinen ersten Ursprung von den Franken hat – auch seinen neuesten von seinen jetzigen Wirten haben, die sonst seine Gäste waren; und das gallische Freudenland, durch welches so viele deutsche Lehne offen wurden, kann uns jetzt vielleicht mit Lehnsvettern nachhelfen. , aber an der Mause ihrer Haut ists zu sehen. Daher sind die wiederkehrenden Lerchen fett, Strich-Menschen aber fallen bei ihrem Wiederstrich so mager aus wie die verdorrte Hand, die der Mann im vorigen Evangelio am Arme hatte. Einige Naturforscher berichten, daß viele streichende Patrizier ein giftiges Herz mitbringen, in welchem viel Unkeuschheit und Gottesleugnung Ich halte diese Verleugnung bloß für eine Verehrung: in den höhern Ständen ist die Achtung für den Namen des Unendlichen so groß, daß niemand ihn – wie die Juden den Namen Jehova – unter Leuten und außer dem Kirchenstuhl zu nennen wagt; und wie die Juden dafür lieber Adonai, Elohim usw. sagten, so weicht man jenem Namen (auch in Schriften) durch Natur, Schicksal, Materie, Himmel, Götter aus. Ja wie die Hebräer den Jehova nur in der heiligen Stadt , in Jerusalem, aber nicht in den Provinzen aussprechen durften: so lässet man umgekehrt in einer Residenzstadt – der unheiligen Stadt – den göttlichen Namen nicht gern über die Zunge gehen, sondern lieber in feinen Landstädten; und nach dem Abdruck dieses Buchs kann der Name gar schon auf die Dörfer verlegt sein. sein soll; aber Ferber bezeuget ja gleichfalls, daß auch die Wachteln in Neapel nach ihrer Ankunft acht Tage lang giftig sind, daß aber die Wachtel von jeder Wöchnerin zu essen ist, wenn sie mit Korn gefüttert worden. Wahrscheinlich schwitzen auch die Streichmenschen ihren Gift auf einem gesunden Boden aus. Es wird zu wenig bemerkt, daß der Wanderungstrieb nicht bloß den norwegischen Bergmäusen eingepflanzet worden – damit sie durch ihr hartnäckiges Fortsetzen des geraden Weges ihren Untergang finden –, sondern auch vielen Wanderungsmenschen, die vielleicht, ohne ihre Neigung zu krummen Wegen, der Erde lang beschwerlich wären: so aber reiben sie sich bequem selber auf, und die Lungensucht, die oft auf Schiffen verloren geht, wird in Reisewagen leicht gewonnen. Das sonderbare Phänomen, warum – da doch bei Mäusen, Heringen, Vögeln die Weibchen mitgehen – nur die Normänner und nicht die Norweiber nach Paris durch Instinkt getrieben werden, wie man etwan nach Europa nur Papageienmännchen und keine Weibchen einbringt, erklär' ich so:...«   Die Konklusion hatte der Inspektor zerschossen. Die meinige besteht in den Fragen: wenn die vornehmen Weiber sich ohne die große Tour ausbilden, warum ists den Männern unmöglich? – Kann die Rückfracht zweideutiger Kenntnisse wohl die Stationsgelder, die Diäten, die Spesen, den Schwindel und das Ekeln von der Bewegung und die Gefahr des Halsbrechens bezahlen? – Sollte man nicht wenigstens mehr reisen, um vernünftiger , als um vernünftig zu werden, und früher in die Bücher – und in die Jahre dazu – als in die Länder kommen und sich wie die Bienen auf dem Flugbrett, vor dem Ausflug nach Honig, erst die Augen säubern? – Könnte man nicht Leuten von Stande, die ihr Geld außer Landes verspielen, vertrinken, verh... und verfressen, und die ohne einen Heller Abzugsgeld in die Invalidenkasse sich in das Invalidenhaus hineinleben, es zur Pflicht machen, im Lande zu spielen, zu h..., zu blasphemieren und zu verschwenden? – Und gilt mein Ausfall auf die Reisen, die nur sonst durch die Schwierigkeit und Entlegenheit der Kultur gerechtfertigt wurden, nicht auch mit allen seinen Gründen gegen die Universitäten ? – Siebenter Reise-Anzeiger Fata: die epistolarische Expektantenbank – der Geburtstag und die Versöhnung Werke: Habermanns logischer und geographischer Kursus durch Europa, von ihm selber ganz summarisch dem Erbprinzen der Milchstraße vorgetragen Es ist wahr, die Nebelflecken unsers Schicksals, die als Wölkchen in unserem Himmel stehen, teilen sich, wenn wir näherkommen, in Sonnen auseinander; aber am neuen Orte erblicken wir wieder neue Nebelflecken – ich meine, wenn ein Mensch immerhin Georgetten gefunden, besitzt er denn darum Briefe von seiner Frau oder von Siebenkäs in Wetzlar? – Ja die Entwickelungen im Leben sind nur feinere Verwickelungen : Kökeritz, der in den Frühlingszeichen des Stiers und Widders stand, konnte mir nun durch seine Nachforschungen eine gerichtliche zuziehen, ob ich wirklich Georgettens Vater sei. Meinen Paß hatte sie, und um den wahren hatt' ich erst nach Hof geschrieben. Die Patrizier lassen ohnehin gleich den Fürsten – und ungleich dem Kaligula – die Gesetze so tief annageln, daß zwar sie oben auf ihren hohen Thronen solche unmöglich – denn Kapitalbuchstaben erscheinen ihnen nicht größer wie Perlschrift – lesen und mithin auch nicht halten können; aber das Volk unten muß sie befolgen, weil es die Lettern vor der Nase hat. Unchristlich konnten, wenn sie wollten, die Patrizier mit mir wegen des Passes umspringen. Ich komme nun zu dem Teil meiner Historie, der den ersten Mai enthält – welches der Montag nach dem letzten Aprilsonntag und nach dem ersten Courtag bei Georgetten ist. – Ich muß gleich anfangs berichten, daß ich den ersten Mai ans dem Bette stieg und daraus einen Kopf voll halbseitigem Kopfweh und eine Brust voll heißer, schon von Träumen angefangner Sehnsucht nach Herminen mitbrachte. Der erste Mai war ihr Geburtstag. Stuß mußte sogleich in die Zehische Buchhandlung nach Briefen laufen. Eh' ich vor den Lesern das aufmache, was der Hornrichter aus der Buchhandlung brachte, will ich ihnen beschreiben, wie ich mich acht Posttage vorher achtmal in die Höhe richtete und mein eigner Tröster wurde: denn jetzt war Stuß das neuntemal geschickt. An den zwei ersten Posttagen hätt' ich gar nicht schicken sollen; ich sagte zwar vorher: »Man kann nicht wissen«, – und nachher, als Stuß ledig kam: »Ich konnte mirs vorstellen«; aber dieses voreilige Schicken säete meine Ungeduld zwei Tage zu früh, die am dritten Posttage, wo sie erst hätte in die Erde kommen sollen, schon aus ihr aufging. Dennoch sagte ich das drittemal vorher bloß: »Heute ists doch eine Möglichkeit«, und nachher: »Möglich ist darum nicht wirklich.« – Am vierten Posttag sagt' ich freilich, als der Bote wiederkam. »Lang' Er den Brief her«, und da er keinen hatte, sucht' ichs nicht zu glauben. – Am fünften Post- und Fasttage nahm ich zum Troste an: »Sie kann den Brief bloß eine halbe Stunde zu spät auf die Reichspost gegeben haben.« – Am sechsten schnitt ich schon im voraus mein Inneres für beide Möglichkeiten zu – wie eine Schwangere die Kinderhemden für beide Geschlechter – und hielt mir als Beruhigung vor: »Natalie wollte vielleicht eine Zeile mit beischließen und wurde freilich nicht zeitig fertig.« Aber ein Trost, den man sich vor dem Unfall zubereitet, wirkt dann in demselben nicht so viel, als hätte man ihn darnach ersonnen. Die philosophischen Trostgründe sind überhaupt nie von größerem Nutzen als in großem – Glück, weil sie durch das Versprechen der leichten Erduldung künftiger Leiden die Hoffnung seiner Dauer und einen Genuß ohne Sorgen gewähren. Am siebenten kritischen Tage erwartete ich absichtlich keinen Brief, in der Hoffnung, der Erfolg werde mich angenehm widerlegen. Die Welt sieht, wie ich mich in die Welt einzufügen weiß, und wie ich gleich Tasso sogar funkelnde Katzenaugen zu Nachtlichtern meines Kerkers verwende. Aber da mir der Zitterfisch, Stuß, mit seinem leeren Gesicht den elektrischen Stoß des Schmerzes gab: so machten sich jetzt die herzudringenden Sorgen die wehrlose Stellung meines Herzens zunutze und brachten ihm schwere Stichwunden bei: »Meine Hermine«, sagt' ich, »ist gewiß krank – ich darf ja nur ihre Umstände bedenken und ihre Qualen durch mich dazu – ich kann wohl durch meine letzte dumme Schreiberei alles wieder umgestoßen haben, was in ihrer vergebenden Seele aufgebauet war.« – Die siebenundzwanzigköpfige Binde, die ich um diese Wunden legte, bestand aus dem Gedanken, daß in der Nacht schon wieder das Felleisen ankomme, und daß ich morgen selber in der Zehischen Buchhandlung nach dem Briefe fragen wolle. – Es war mir, als hätt' ich ihn schon. Ich hofft' ihn dadurch gewisser noch zu erpressen, daß ich die contenta meiner Antwort im voraus leicht hinwarf und wie in der Baumschule im Herbste die Löcher für die Bäume grub, die im Frühling hineinkommen sollen. Aber ob ich gleich in Person bei Herrn Zeh nachfragte, es war doch heute nichts gekommen – ja Stuß gestern nicht: der Mensch hatte das katechetische Ringrennen satt bekommen. Eben das nähete meine Wunde und Hasenscharte wieder zusammen: ich konnte mich erstlich an den Boten halten und ihn zum Frostableiter meines Fieberfrosts gebrauchen, zweitens konnt' ich diesen achten Posttag, da gestern nicht gefraget worden, ohne Unbilligkeit für den siebenten anrechnen. Wahrlich etwas oft erwarten ist ärger als es einmal verlieren: zumal da diese Bewegung der Seele, ungleich andern geistigen und körperlichen Oszillationen, welche durch die Zeit zur Ruhe kommen, gerade durch diese in Schwung gerät. Endlich erleb' ich hier mit allen Lesern den neunten oder kritischen Tag (den ersten Mai), wo ich den Hornrichter mit der ausdrücklichen Drohung fortschickte, er sollte etwas mitbringen, sonst glaubt' ich, er sei wieder hinter die Schule gegangen. – Wahrhaftig er brachte etwas. Siebenkäsens Hand und Siegel war auf dem Paket, das doch mit der Baireuther Post gekommen war; er hatte bloß das Blättlein beigelegt: »Nächstens mehr und alles. – Ich gewinne. – Sieh einmal meinen ewigen Leibgeber!« – Leibgeber hatte nämlich in der Literaturzeitung etwas von der zweiten Auflage der teuflischen Papiere gelesen; er ging daher in seine Münzstätte und schmolz seinen » logischen und geographischen Kursus durch die Welt « – an welchen ich mich so oft machen wollte – selber ein und um und schickte dem Inspektor diese zweite Auflage, worin fast kein Wort von der ersten steht. In drei Minuten soll der Leser den Kursus haben: man lasse mich nur vorher bemerken, daß ich nicht wußte, was ich vor Freude über den Kursus und den bärtigen markigen Wildenmann, den ich auf so viele biographische Harzgulden prägte und noch präge, anfangen sollte. Über die Ährenlese für mein Buch verschmerzt' ich ein wenig das Mißjahr an Briefen; ja ich fing an zu prophezeien, Hermine gedenke mich mit etwas Sonderlichem zu überraschen; und sah nun den Vorhang der Zukunft für keinen eisernen mehr an, der in Drurylane die Zuschauer von dem Schadenfeuer der Bühne absondert, sondern für einen schön bemalten, der einige Minuten das Zusammenschieben der schimmernden Dekoration verdeckt. So stell' ich meinen Himmel stets voll glänzender Meteore, und selten, wie andere, voll wässeriger. Ist denn nicht in unser Leben, wie in den Zitz, nur der Umriß durch feste Formen gedruckt, und sind nicht die Blumen erst vom Menschen selber in die leeren Räume einzumalen? – Hier ist Habermanns Kursus, denn so nennt sich Leibgeber in den Teufels-Papieren. Habermanns logischer und geographischer Kursus durch Europa, von ihm selber ganz summarisch dem Erbprinzen der Milchstraße vorgetragen. Wie sich der Kardinal Richelieu in kranken Stunden für ein Pferd ansah – ob er gleich selber Frankreich zu einem machte, und zwar zu einem Pack- und Filialgaul –, so halt' ich mich von Zeit zu Zeit für den Prinzenhofmeister des Dauphins der Milchstraße und gebe daher dem jungen Menschen geographische Stunden. Die Klarheit dieser Vision ist wunderbar-stark und ohne Schwedenborgs wache Visionen fast unerklärlich; – ich stehe auf dem Sirius da, der Hauptstadt unsers Nebelflecken Ein Nebelfleck, d. h. ein zusammengehöriges Reich von Sonnen, sieht näher wie eine Milchstraße aus. Herschel hält in unserem Nebelflecken oder in unserer Milchstraße und Sternenschicht den Sirius für die regierende Sonne der andern Sonnen. , und messe statt der irdischen sechs Fuß reichliche sechs Erddiameter Leibgeber wurde gewiß auf den Traum einer solchen gigantischen Statur bloß durch Lavaters seinen gebracht, daß wir nach dem Tode uns unendlich ausdehnen und zusammenziehen können. Aussichten in die Ewigkeit. II. 11. und einige Meilen, und mein goldgelbes Kopfhaar hängt neben Berenicens Haar in den Himmel hinunter und wird von Sternkundigen als Kometenschweif praeter propter ausgemessen – die Landstädte der Milchstraße, die Sonnen, liegen um den Hofmeister und Eleven deutlich herum samt den nächsten eingepfarrten Dörfern, den Erden. Dieses physiologische Meteor, das ich näher beobachtet und gemustert wünschte, ist ein auffallender Zwitter von Vision und Traum, der mich allemal an meinem Geburtstage von eilf bis zwölf Uhr beschleicht und beherrscht, eine Börsenstunde, wo ohnehin den Geistern die Amsterdamer Börse der Erde offen steht. Warum aber gerade in diesem Jahre die Vision so hell und lang war, daß ich dem Infanten die geographischen Elementarkenntnisse der Erde in der leichten Einkleidung meines Reisejournals angenehm, obwohl äußerst fragmentarisch beizubringen vermochte – das kam daher, weil ich in Bremen war und im dasigen Bleikeller der Domkirche eine ganze Stunde lang als eine Vexierleiche auf einen reisenden kritischen Redakteur und Literator lauerte, der alle lebende große Gelehrte besieht und alles, was tot, aber erheblich ist. Ich brachte den Küster durch ein Kopfstück und ein Fettmännchen dahin, daß er dem Literator weismachte, im Bleikeller sei unter den konservierten aufgedeckten Leichen Im Bleikeller bleiben Leichen hundert Jahre lang unverweset und ohne Geruch und Änderung: sogar aufgehangne Truthühner. auch der alte niedersächsische Spottvogel Liscow befindlich (für diesen wollt' ich mich ausgeben) und sitze so rot, frisch und konservieret da, als wenn er lebte, gleichsam als ob die Natur seinem Körper die Unsterblichkeit auszahle, die seinem Namen bei dem vergeßlichen Publikum entging. Während dem einsamen Passen auf den Literator träumt' ich mich aus dem dunkeln Gewölbe auf den Sirius vor den Erbprinzen des Nebelflecken. »Gnädigster Herr,« redete ich ihn an, »heute haben wir Geographie. Da in meiner großen Tour so viel davon steckt, als Sie nötig haben: so brauch' ich Ihnen bloß die Tour zu geben. – Vorzüglich vier letzte Dinge bringt ein Reisender von seiner Laufbahn zum Berichten nach Hause: seine Reisehöllen mit ihren Vorhöllen – seine Reisehimmel samt den Vorhimmeln – seine Videnda oder Visa – und seine Corrigenda (d. i. was ihm in den Städten, wodurch er passierte, gar nicht ansteht und was sie bessern müssen). Meine Reisehöllen Ihnen abzuschatten, Gnädigster, hätte wohl nur ein Dante in seinem Höllenzwang im Vermögen: denn jeder Tag legte eine frische Erbse in das Fontanell meiner Plage, damit es offen bliebe. Schon vor mir ist es von mehrerem Reisenden bemerket worden, daß man unterweges nichts umsonst bekommt, und daß man nicht wie die Morgenstunde und Quecksilberarbeiter Einen Dukaten haben sie als Giftfang des Quecksilbers im Mund. Gold im Munde haben muß, sondern in der Hand: was ist aber das gegen meinen Judenschutz und meine Türkensteuer, von mir an Juden und Türken, nämlich an Wirte abgetragen, die nie mit doppelter Kreide schrieben, sondern allzeit mit Kreidenbergen? Mußt' ich nicht in Karlsbad einen Gulden für den bloßen Garderobeschlüssel geben, wofür ich am Beichtstuhl fünf Löseschlüssel hätte erstehen können? Mußt' ich nicht im Nenndorfer Bade meine Strafgelder erlegen, bloß weil ich den Hut ungemein höflich abgezogen – desgleichen in Grosselfingen Im Nenndorfer Bade ist Hutabnehmen verboten. In Grosselfingen (im Hechingischen) hält man jährlich ein Narrengericht, wo die in Harlekine verkleideten Einwohner jedem Fremden eine Strafe diktieren dürfen. Bloß die Kleidung des Gerichts ist dabei auffallend und ungewöhnlich. , bloß weil da keine andern Räte votierten als lustige? – Und welche Summen von Einfuhrzöllen oder Sperrgeldern liegen nicht von mir in Leipzig und Wien, die ich da nachts entrichten müssen, ehe man mir die Stadt und darauf mein Logis aufmachte, indes der Janustempel die ganze Nacht in Europa offensteht! – Bloß weil der Passagier keine Familie mithat, die ihn Geld kosten könnte, bohren lauter durstige Wesen in ihn die Saugerüssel, wie man den Müttern im alten Mazedonien die Milch durch Schlangen und an andern Orten durch Hunde nehmen lässet. – Ich lasse einige hundert Vorhöllen aus und merke nur Höllen an: wie wenig Achtung erhält man unterwegs, bloß weil man unbekannt ist! Wie wird man angeschnauzt von Grobianen, angeführt von Betrügern! – Die Pariser z. B. hingen mir einen teuern Schoßhund auf, dessen Haar zwar im Alter und Kummer die Farbe hielt – weil sie falsch war –, aber nicht im Bade, und den ich, als er abscheulich aus dem Schwenkkessel ausgestiegen war, nirgends los wurde als in Kopenhagen durch einen Ostindienfahrer, der ihn gratis und ohne mein Wissen einschiffte. – Und welchem unablässigen Wechsel von Sitten stellet man einen fixen Pilger bloß! von Tirol an, wo man ihn duzet, bis nach Holland, wo man sogar seine Effekten ihrzet! – Was soll ein Passagier sagen, wenn er ein französischer Hund genannt wird – in Hessenkassel, weil er keinen Zopf, und in London, weil er an dessen Statt einen Haarbeutel und oben darüber seinen Regenschirm trägt –, oder wenn er ausgehungert wird – in Polen am Schabbes, wo die Juden nichts hergeben als einen Christen zum Aufwarten –, oder ausgetrocknet – sowohl in Calais als in Dover, weil die feinen Weine, die er auf dem Kanal unter der Seekrankheit stehen ließ, am Ufer dem Schiffsvolk zusterben –, oder verflucht gehudelt – unter dem herrlichen Brandenburger Tor in Berlin, weil er ein gesiegeltes billet-doux, von einer hohen Person an ihn gerichtet, bei sich führt und er vor Gericht nicht gern gestehen will, daß er das Billett selber auf der vorletzten Station an sich geschrieben –, oder unerwartet examiniert – in einer würtenbergischen Nachmittagskirche, wenn er zufällig während der Kinderlehre unter stämmigen katechetischen Bauernpurschen steht und ihm der Pfarrer, der ihn darunterzählt, die Frage vorlegt (ich vergesse sie nie): wie vielerlei gibt es Himmel – – was soll da, sagt' ich, ein Pilger sagen? Ich meines Ortes sagte eben das, worauf ich jetzt komme: es gibt viele Reisehimmel und Vorhimmel, worin man sich ganz erholen kann von Reisevorhöllen – von harten Betten – weichen Wassern – gleich Pflugscharen stumpfen Balbiermessern – scharfen Wurstschlitten – von schlechten Universitätssitten und ebenso schlechten Universitätsbieren (jene gewöhnlicher bei Professoren, diese bei ihren Zuhörern). – Auf welche Art hätt' ich je meinen Namen so groß gemacht – ausgenommen, wenn ich ihn in den wachsenden Kürbis des wachsenden Lesepublikums eingeschnitten hätte –, als mir auf Reisen gelang? Hab' ich den Namen nicht im roten Hause zu Frankfurt auf den Teller gekratzt – ihn in tausend Fenster gezogen als Steinschneider? – Hab' ich ihn nicht sitzen lassen im Brockenbuch – im Passagierbuch des Beigangschen Museums zu Leipzig – neben dem Rheinfalle – auf Schiefertafeln der Wirte im Gothaischen – auf den breiten Steinen des Münsterturms – an hundert Kanzeln neben dem Lavaterschen – in tausend Intelligenzblättern – auf Millionen Nachtzetteln? – Und wird ein Mensch mit einem solchen allgegenwärtigen Namen je nur einen Kreuzer auf eine Pränumerantenliste pränumerieren? – In London hätt' ich sogar den Kardinalshut bekommen können, aber ich gab ihn dem Hutmacher, der acht Guineen dafür haben wollte, mit der Bemerkung zurück, dafür biete mir Erfurt den Doktorhut an. – In Holland wurde sogar auf meinen Körper – den ich nur umhabe wie der hölzerne Gliedermann ein anderes Gewand, damit ich Falten damit ziehe und schlage – ein solcher Wert gesetzt, daß mir eine alte Frau den Körper Frau de la Roche erzählt, daß gewisse Weiber da Handwerkspursche zum Tanzen und Spazieren für Mägde mieten und vermieten. auf einen ganzen Sonntag abmietete, damit er mit einer jungen teils einen Spaziergang machte, teils einen Tanz. – Eine ähnliche Aufmerksamkeit auf mein Äußerliches schien es zu sein, daß man mich in Neapel sechzehn Hochzeitbetten Nach Gorani wird der Gast stets in das Hochzeitsbette gelegt. besteigen ließ, nachdem ich vorher mit Fischen bewirtet worden, welche die Lava mitten im Meere gesotten. – Ja meine Feinde mußten den Harm erleben, daß ich in der Residenzstadt hier – sie liegt dicht am Strome, in welchen ich eben den Zahnstocher stecke – unterwegs am hellen Tage den Thron bestieg . Denn als gerade der Thron ledig stand, weil der Fürst, für welchen er und die Ehrenpforte gebauet waren, jede Stunde kommen sollte: so wurd' ich dessen Antezessor und setzte mich darauf und schauete mich um. Aber Himmel! wie hoch ist ein Thron! Ich sah zu meinen Landeskindern herab, und sie kamen mir so abgekürzt vor wie aufgerichtete, auf dem Hintern sitzende knuspernde Spitzmäuse, und die drei Reichsstände glaubt' ich als drei gemalte Ratzen gleich der Stadt Arras in meinem Wappen zu führen. Jede Minute besorgt' ich, ich würde vor Schwindel aus meinem Mastkorb fallen. Aber ein maitre de plaisirs nahm eine am Throne hängende Pingerons-Brille S. Kunststücke für Künstler etc., von Wiegleb übersetzt, 2. T. S. 188: Pingeron erfand eine Brille, die ferne Gegenstände unsichtbar und nahe deutlich macht, und durch welche man ohne Schwindel, d. h. ohne Furcht auf dem höchsten Seile über der unsichtbaren Tiefe tanzen kann. und setzte sie mir auf – gnädigster Herr, wenn Sie sie einmal aufheben, werden Sie sagen, daß ich recht habe, und daß man bei den besten Augen mit ihr auf dem Throne wie auf einem glattgebohnten Fußboden sitzt und nichts sieht als das Nächste, den Hofstaat, – so schön ist durchs Glas jede Klaue von einem Untertan und der ganze untere Schiffsraum des Staats wie weggeblasen.« – – Nun wars Zeit, den künftigen Zar des Nebelflecken mit dem kleinen Reich von Aachen, mit der Erde, und mit den Städten, die auf diesem Erddörfchen liegen, doch ein wenig in geographische Bekanntschaft zu bringen: denn so winzig dieser hüpfende Punkt von Globus auch ist, ein Regent hat so gut über die entfernteste Fischer- und Köhlerhütte zu regieren als über die Königsstadt. Einer, der auf dem Erdglobus selber während der geographischen Stunde steht, kann die Kugel nicht selber auf den Schultisch stellen und sie drehen und daran den Kindern alles weisen – sondern mit einem viel kleinern Globus aus Pappe muß er auskommen –; allein ein Instruktor auf dem Sirius, von Welten-Größe wie ich und im Besitze eines Eleven, der, wenn er nur einen halben Kopf länger ist wie sein Hofmeister, dieser kann es kommoder haben und die Erdkugel selber – ob sie gleich ihres Gießhalses , des Chimborasso, wegen nicht so glatt wie eine messingene ist – unter der Schulstunde aufstellen und umwenden. Freilich waren so kleine Partien wie Städte mit bloßen Augen nicht vollkommen zu sehen – denn die Kugeltiere Sechzehn Kügelchen oder Tierchen bewegen sich im Wasser unaufhörlich, und zwar immer in einem Quadrat. oder Erden formierten ihr Kugelquadrat oder Planetensystem mit so unmerklichen Bewegungen neben uns, daß der Erbprinz dachte, sie ständen –; aber wir hatten ein neues Hofmannisches Sonnenmikroskop, in welches ich den Erdball mit der europäischen Façade bloß auf den Objektenträger zu stellen brauchte, und worunter dann meinem Scholaren alle Städte meiner Reiseroute mit dem Zahnstocher, den ich leicht darauf herumführte, gut zu zeigen waren. Ein Kronprinz kann kein System ausstehen außer das der Attraktion , keinen andern Wahrheitsmaler als den Gewändermaler und nirgends eine casa santa als in einer vergoldeten Lorettokirche: daher hob ich nur eine und die andere Stadt aus meinem Reisejournale aus, ging aber – um doch einigermaßen systematisch zu verfahren – die Städte alphabetisch durch, wie Foote seine Gläubiger (oder die parisische Regierung sonst die Rentisten) nach dem Abc bezahlte. »Ich lege,« fing ich an, »gnädigster Herr, bei meiner europäischen Städtebeschreibung das Abc und meine große Tour zum Grunde und flechte dabei so viele Videnda oder Merkwürdigkeiten ein, als ein Zürcher gereiseter Kandidat in dem lateinischen Reisebericht aufstellt, den er dem Zürcher Konsistorium übergeben muß. Aachen , das hier liegt (ich setzte den Zahnstocher darauf), hebt, außer andern Reichs-Palladien die Reichsperücke Karls des Großen auf, die der Magistrat jährlich für zehn Taler frisieren lässet. Mein Weg führte mich darauf nach Bern , dessen kleiner Rat den großen Dieser von Grosse beschriebene und von Rousseau und mir gebilligte kleine Rat besteht aus Jünglingen, die durch eine scherzende und übende Nachahmung des großen sich auf eine künftige wahre rösten. spielt und daher 120 Vexier-Landvogteien vergeben darf. Diese Vogteien bestehen nicht in Ländern im Mond oder in der neuen Welt, sondern in wirklichen eingefallenen Schlössern, wovon noch etwas steht. Einen ähnlichen kleinen Rat haben die Fürsten fast in den meisten Städten unter dem Namen Stadtmagistrat unter sich, dem man so gut wie den Landständen Vexier-Verordnungen, Vexier-Sessionen und Vexier-Inhäsiv-Reprotestationen verstattet, damit der Magistrat sich exerziere. – Der Gasthof zum heiligen Geist, auf welchem Sie jetzt den Zahnstocher erblicken, liegt in Köln , worin eine solche kanonische Osteologie ohne Beinfraß aufgehoben wird, als z. B. die Gebeine der heiligen drei Könige, des heiligen Engelbert, der 11 000 Jungfern, der Makkabäer – tausend Heiligen-Schädel gar nicht gerechnet –, daß es ein Jammer ist, daß aus allen diesen Knochen nicht ein lebendiger Mann zu machen ist, oder daß sie in keinem stecken, wie denn ich selber, als ich durchpassierte, kein heiliges Bein an mir hatte als das Heiligenbein (os sacrum). – Mit diesem Bein reisete ich nach Dresden , wo ich mir den berühmten Kirschkern mit seinen eingekratzten fünfundachtzig Gesichtern notierte. So klein Ihnen, gnädigster Prinz, ohne das Hofmannsche Mikroskop der Erdball vorkommt, und Dresden wieder kleiner als Europa, so ist gleichwohl der Kern kleiner als alle, beherbergt aber doch in seiner Bilderblende die gedachte Gesichter-Suite. – Es wurde mir erlaubt, in der Galerie einen vollständigen Rahmen zu kopieren. Es war gerade der fünfte März und die zeitige Ausstellung der Gemälde so wie der Wangen-Blumenstücke auf einigen weiblichen Zuschauerinnen, mit denen ich Bilderdienst trieb. – Aus der Festung Ehrenbreitstein fuhr, da ich vorbeiging, statt der berühmten, Vogel Greif genannten und bis nach Andernach gehenden Kanone bloß ein Löffel heraus, in den ich ein don gratuit für die Gefangnen legen mußte. – Ich will jetzt eine Magnetnadel nehmen und damit über Europa gehen: so werden Sie wie der Kaiser Joseph Ferney finden, worin an der Taube des heiligen Geistes, die der Rittergutsherr an die Kanzeldecke nageln lassen, wirklich ein Flügel fehlt. Der Abgang kann den Abgang von Voltairens Fluge oder von dessen Milde bedeuten, oder gar nichts; der selige Mann war eine alte Lerche, woran, wenn sie auch nicht hoch mehr sang und stieg, doch die satirischen Sporen immer länger und schärfer wurden. – Sind Voltaire und die Lerche Bilder der europäischen Kultur: so frag' ich, obs nicht die Sammlung gezeichneter Münzen noch mehr ist, die im Münzkabinette zu Gotha liegt und 27 000 wirkliche Taler kostete. – Merkwürdig ist mein numismatisches Projekt, das ich als Plus- und Plurimummacher bei der Reichsversammlung eingab, daß das Reich dem Mangel an Kammerzielern und andern Reichs-Intraden steuern würde, wenn dasselbe – da die Franzosen jedes Pfund ihrer abgetragnen Bastille so teuer wie ein Pfund Rindfleisch absetzten – ebenso statt anderer Güter die Staatsgefängnisse zerschlagen und die Kerker pfundweise (eine unermeßliche Stein- und Silbergrube!) an Steinschneider und in Stufensammlungen und in die Ringe (statt daß vorher die Ringe in den Kerkern eingemacht waren) käuflich abstehen wollten. – Noch stimmt man, ob über das Stimmen zu stimmen. – Drehen Sie die Erdkugel mehr rechts gegen den Fokus, so sehen Sie leicht Hof im Voigtland, wo Ihr Hofmeister auf einem Felsen seinem besten Freunde seinen Namen, seine Freude und den Abschied gab und sagte: lasse mich gehen, ohne mir nachzusehen! – Gnädigster Herr, warum soll eine Freundschaft, die nie verbittert, und ein Abschied, der nie versüßet wurde, nicht unter die Videnda und Visa einer Stadt gehören, ich bitte Sie sehr? – Jena lässet wöchentlich den Leutrabach durch seine Gassen und den Nilstrom der Literaturzeitung durch die übrigen deutschen laufen, um das Auskehricht wegzuspülen; der Leutrabach führt das Jenaer fort, der andere das andere. Aber leider hier im Sirius erhält man nicht ein Blatt, und die Reichspost verweigert, wie es scheint, die Spedition. Alphabetisch ist mit Jena zu verknüpfen Königsberg oder Kant , den ich an der table d'hote befragte, ob er ein Kantianer sei und Kanten recht verstehe, weil mich so viele tausende versichert hatten, nur sie (und noch einige wenige) begriffen ihn. Aber noch glaubt der Greis, was er will. Leipnitz , gnädigster Erbprinz, müssen Sie nie mit Leibniz vermengen: jenes ist ein Rittergut und liegt im Kurkreis; und dieser ist ein Rittergutsbesitzer und liegt in oder unter Hannover. – Das Schloß, auf das ich jetzt mit dem Zahnstocher stoße, gehört auf den Marktplatz zu München . – Es ist mir nichts aus der Stadt erinnerlich als der usus epanorthoticus eines Pater Provinzial, der damit einen sterbenden Bettelmönch dem Teufel aus den Krallen ziehen wollte. Der Pater Provinzial hatte nämlich mit Vergnügen nach einer alten Sitte einen Schweinskopf In der Vorrede zu Wolf. lect. memorab. wird aus dem Goropius Bekanus erzählt, daß sonst die Mönche dem Sterbenden einen Schweinskopf als Devise und redendes Wappen seines epikuräischen Lebens samt der mündlichen versio interlinearis vorgehalten haben. am Mönche als Bußwecker gebraucht; aber es war keiner zu kriegen, und bis man ein Schwein tot machte, war der Mönch selber tot gemacht. Der Pater Provinzial wußte am Ende nichts zu tun, als sich auf seinen Kopf zu verlassen – der ebenso feist und fettäugig war als der begehrte – und auf die Augen des Bettelmönchs, die schon nichts mehr unterschieden; keck faßte er seinen eignen Kopf mit beiden Händen an und begann so: 'Fatales Sündenkind! siehst du den Saukopf, den ich in Händen habe? – So warst du selber: wie dieses Vieh hast du dich gewälzet und überfressen und gemästet und dabei doch sehr gegrunzet. Bekehre dich, so hurtig du kannst; du hast ja schon keine Vernunft mehr, und bedenke, daß diese Sau einmal wider dich zeugt! Amen!' – Nürnberg hier«, sagt' ich wieder zum Prinzen, »treibt berühmten Handel mit Puppen für Kinder.« – Obgleich der Prinz gern einige sehen wollte und ich mein Bestes tat mit meinem Zahnstocher: so war doch der Dauphin unvermögend, sie (weil das Mikroskop nicht genug vergrößerte) klar von Menschen abzutrennen: das Frankfurter und Regensburger Auffahren mit Kutschen und Zuschauern sah der Blinde aus topographischer Ignoranz für den Nürnberger Kindleinsmarkt mit Kinderkutschen an. – »In Osnabrück « (fuhr ich fort) »müssen Sie vorzüglich meinem Zahnstocher nachgehen, den ich in einen kupfernen Kessel auf dem Markte stecke. Ein Falschmünzer wurde darin vor Zeiten in Öl gesotten; woraus Sie abziehen können,« (setzt' ich als Prinzenhofrneister dazu und wollte ihm pragmatische Winke geben, weil er doch einmal Geld auf seinen Sonnen schlagen lässet) »wie sehr die Erden-Fürsten auf Rechtmünzerei ausgehen. Silbermünzen versetzen sie mit so viel Gold, daß man das Silber kaum innen wird und die Münzen daher wirklich überall Goldmünzen nennt; und Kupfermünzen lassen sie mit so vielem Silber legieren, daß sie allgemein als Silbermünzen kursieren. Ebenso steht die Venus (das Kupfer) immer in Konjunktion mit der Sonne (Gold) und hat ihren Durchgang dadurch. – Wir müssen eilen mit unserer geographischen Stunde, gnädigster Herr, drei Viertel ist schon vorbei und das erste Viertel schon halb hinunter, und noch sind wir erst am P: bei künftigen Lettern und Städten schränk' ich mich bloß auf eigentliche Wunder der Welt und Sehenswürdigkeiten ein. – Das Feuer, worin Sie jetzt meinen hölzernen Städtezeiger sehen, brennt in Petersburg auf dem Markt Im Winter werden da große Feuer auf öffentlichen Plätzen für Vorübergehende unterhalten. Reichardts Handbuch für Reisende, 2te Aufl. S. 428. , wovon der Weg nach Peterhof vielleicht darum für jeden Fremden merkwürdig ist, weil er darauf das rote Wirtshaus oder Krasnüi Kaback antrifft, in welchem Waffeln von solcher Güte gebacken werden, daß oft die Kaiserin selber anbiß. In Querbach und Querfurt fragt man umsonst nach Waffeln; wiewohl die Örter als alphabetische fortlaufende Signatur, Quergasse und Brücke nach Rom schwer zu entraten sind.« – Der Infant sollte mir diese Haupt- und Patentstadt der Welt auf dem Erddorf selber suchen: »Sie kennen sie gleich«, sagt' ich, »an den sieben Bergen und der durchströmenden Tiber.« Aber er zeigte zu meinem Erstaunen auf Bristol, das auch siebenbergig und um den durchpassierenden Avon liegt. Überhaupt machte jetzt die Erdkugel, die sich durch ihre tägliche Bewegung um sich und die Sonne schon merklich aus dem schärfsten Fokus des Hofmannschen Mikroskops verschoben hatte, leichte Städtesuchung schwer. – »Es wäre vergeblich, Prinz, wenn ich Sie oben in das Loch der Rotunda hineinzusehen bäte nach Raffaels Grab herab: Sie werden (da sie nicht erleuchtet Rom hat so wenig eine nächtliche Gassenbeleuchtung als Nürnberg, das doch auf fünf Hügeln mehr liegt. ist) die Stadt selber kaum sehen; aber hätten wir hier im Sirius ein vollkommenes Hörrohr, so könnten wirs an Rom anlegen und vielleicht das päpstliche Miserere vernehmen und die welschen Städte, da sie zu klein für das Auge sind, an ihren Kehlen und Saiten mit den Ohren fassen.« – – Der Reisehofmeister – ich darf mich so nennen – begleitete darauf seine kleine einmännige Fürstenschule auf ihren und seinen Reisen durch Straßburg , wo er des Regimentsfriseurs Storch erzählt es auch. nicht unrühmlich gedachte, der ihn da einmal – und zwar weniger seine Haare als deren wüste Region – eingepudert hatte: denn die Garnison hält den Menschen deshalb und will wie der spartische Krieger voll Staub sein oder wie der ringende Athlet. Nicht darum, weil Sachsen sich auch mit S anfängt, führt' ich dann meinen Sirius-Koadjutor dozierend durch solches, sondern weil ich selber einmal mit einem Freunde Mit Siebenkäs ging er, wie die Menschen aus dem vierten Teil der Blumenstücke wissen, nach dessen Tod aus Kuhschnappel nach Hof und Töpen. dadurch gereiset war, und weil mir noch im Hundsstern der Spaß erinnerlich blieb, daß ich und mein Freund – nach saldierter verdammter herrlicher Kreidenzeichnung mit der Wirtskreide – aus Scherz und Grimm zugleich den Schultheiß von Sachsen über den Flor der sächsischen Preßfreiheit und Staatswirtschaft, ferner der Chausseen (im Morast zogen wir die Ferse gleichsam aus einem Stiefelknechte nach dem andern) – und über die inländischen Repräsentanten im Parlament ausgefraget hatten; – welches ungemein komisch klang, da das Nest, ein winziges Pfarrdorf, zum nürnbergischen Pflegamt Lichtenau Fabri in seiner Geographie für alle Stände (S. 173. 3. B.) zitiert das erbärmliche Dorf, das nun wohl kein Mensch ansehen und nennen würde, wenn es nicht so spaßhaft an ein Kurfürstentum erinnerte, das gerade so viele große Städte aufzeigt als jenes Hütten. gehörig, kaum siebzehn mäßige Bauerhäuser zählt. – »Sachsen«, fuhr ich in meinen Hofmannschen mikroskopischen Belustigungen fort, »wird aber nicht genug vergrößert (durch Hofmanns Schuld), und ebenso werden Sie vor dem Zahnstocher kaum Töpen im Voigtland sehen können, wo die gebürgige Wetterscheide des hohen Schicksals mich und meinen Freund auseinandertrieb, so daß ich nach Utrecht als die eine nasse Wolke flog, wo ich mit Vergnügen fand, daß dem Utrechter Frieden in seiner Mause doch die Feder Bekanntlich zeigt man Reisenden den Kiel. nicht ausgefallen ist (denn ich nahm sie in die Hand und spitzte sie), womit ihn der diplomatische Körper unterschrieben hatte – und er nach Vaduz als die andere Hälfte des Gewitters, wo er als Inspektor jetzt donnert, hagelt und tröpfelt. Wien , Prinz, suchen Sie allein!« – Nun borgt' er meinen Zahnstocher und tappte oder tippte ganz blind auf dem Erdkörper herum. Ich entschuldige den jungen Menschen, da der Mond schon tief über Europa stand und mehr Schatten als Strahlen hineinwarf. Um ihm zu helfen, erbot ich mich – die Idee ist aus einem bekannten Gesellschaftsspiele –, immer stärker zu pfeifen, je mehr sein Zahnstocher Wien sich näherte; und dabei wollt' ich, wenn er an alphabetische, d. h. mit einem W getaufte Städte stocherte, solche namhaft machen. – Er fing an. » Ein Reichsgericht ist da« (sagt' ich und pfiff mäßig; denn er stach auf Wetzlar herum, als alterniere dieses mit Wien, auch außer dem Appellieren) »und das Vaduzer Inspektorat ebenfalls!« Nämlich du, du! Er meint seinen Siebenkäs.  – Ich konnte jetzt im höchsten Grade pfeifen: sein hölzerner Griffel zeigte schon auf Wienerisch-Neustadt. Aber wie wenig war zu pfeifen, da er wieder auf Weimar stieß. »Ein Gasthof da heißet wie Sie«, sagt' ich, nämlich Erbprinz. »Der Wandsbecker Bote ist da«, sagt' ich bei Wandsbeck. »Liefert Wurzener Bier«, sagt' ich bei Wurzen. »Liefert Biographen Er sagt es, weil ich da das Gesellschaftsspiel des Erdenlebens mit seinen achtzig Fragen und Antworten anfing. «, sagt' ich bei Wonsiedel und konnte wieder etwas pfeifen. Aber ich mußt' es sogleich gar einstellen. »Es ist die Stadt Wien,« (sagt' ich verdrüßlich) »wo ich einmal mit drei Wienern zugleich logierte, und worin wir nichts taten als essen und trinken.« Letzteres fügt' ich nur bei, um den Ort – denn er hatte in den Gasthof zur Stadt Wien in Petersburg eingestochen – besser von der Kaiserstadt abzusondern. Aber nun wurde der hitzige Thronfolger so verlegen und verdutzt, daß er X und Y gänzlich übersprang – obwohl freilich X als Ks schon unter Königsberg und Y als j schon unter Jena, gleichfalls in alphabetischem Nexus dagewesen war –, und er schlug so weit als möglich von Petersburg – denn ich sollte wieder pfeifen – ungeduldig ein, nämlich in Zorndorf , wo die Petersburger und Wiener bekanntlich vor dem königlichen König auf das Knie gefallen waren, nicht um zu schießen, sondern um zu bitten und weil sie geschossen waren. »Hier beim Z« – sagt' ich zum Sirius-Koadjutor, da ich gerade bei Zorndorf, ungleich den Berlinern, nicht mehr pfeifen wollte – »höret ohnehin unsere große Tour und die Erdbeschreibung auf.« Jetzt lagen mir als Prinzen-Mentor nichts ob als die corrigenda oder die nötigen Invektiven gegen den Erdglobus oder Erd-Schusser, die ich recht zu Silberflittern an den Präservationspillen für den minorennen Dynasten brauchen konnte. Ich nahm nun den Erdball aus dem Vergrößerungsglase heraus und überschauete – so weit es zu machen war, da das Mondsviertel schon unter der Erde stand – das dunkle Narrenschiff, die finstern, wie Gassen aneinander gebaueten Städte und das infusorische Chaos der Geisterwelt, die Menschheit. Ich sah die unzähligen Galgen und Galeeren und die nächtlichen Patrouillen der Diebe, die umfallenden Säufer und die einsteigenden Jungfernräuber; und vor mir waren die Arlequiniana der Erde aufgeblättert. Die Hühnerfaute, die Mautbedienten, die Hofstäbe, wenige Rezensenten, die Exjesuitengenerale, die Hofbeichtväter, die Libertins und Roués standen, wiewohl sie lagen und schnarchten, munter vor mir – ich konnte die unzähligen Speelhuizen Musikhäuser, d. i. die Kontumazgebäude der Wollust. in Europa, weil noch Licht darin brannte, recht gut zählen und auch einige darin seßhafte moralische Denker und Dichter, gleichsam hetrurische Götterstatuen, an deren Füßen und Achillesfersen man den hölzernen Zapfen findet, mit welchem man sie auf den Altar einfugt – ich konnte in die erleuchteten Spielsäle der Großen gucken, die ihr Herz wie ihre Schüsseln des haut gout wegen mit Teufelsdreck ausreiben lassen – ich sah von der Kirche in St. Cloud, worin man das von Clement durchstochne Herz Heinrichs III. aufbewahrt, auf die in Gallien liegenden Gräber hin, worin unzählige von Zeptern durchstochne Herzen liegen – ich sah die Freudenfeuer der Sieger neben Vulkanen und unter dem weiten langen Kriegsfeuer brennen – das ganze besudelte, sich in die Erde nach Gold und Schmutz eingrabende Jahrhundert sah ich, gleichsam Gözens Kabinett von Eingeweidewürmern der Erde – ja sogar den Teufel sah meine Phantasie rot auf dem Vesuvius stehen, da eine dunkelpurpurne Rauchsäule sich auf dem Krater wiegte, und da eine düstere, aus Norden herfliegende lange Wolke wie ein breites stahlblaues Kriegsschwert an den glühenden Riesen zog, der es über Europa ausstreckte. – – – Das sah ich alles. Meine Augen funkelten empört; aber als ich auf einmal einen armen erfrierenden Astronomen drunten knien sah, der nach meinen lichten Augen mit dem Sternrohr visierte, um sie als Fixsterntrabanten in den Doppelmayerschen Atlas einzutragen: so wurd' ich dadurch so gerührt und belustigt, daß ich in der folgenden Anrede an den Prinzen meine Bewegung in etwas mäßigte: »Prinz, nicht bloß in der Nürnberger Mauerer-Loge zu den drei Pfeilen – und in der Breslauer zu den drei Totengerippen – und in der Berliner zu den drei Seraphin – und in der Réunion des Elus zu Montpellier hab' ichs, da ich mit den Brüdern arbeitete, zu verstehen gegeben, daß die Menschen eigentlich nicht wüßten, was sie haben wollten, sondern in den größten Gasthöfen Europas, in den drei Hechten zu Potsdam – im wilden Schweinsrüssel zu Rotterdam – in der goldnen Gans zu Breslau – in der Stadt Rom zu Berlin – in der Stadt Berlin zu Leipzig – und im Brandenburgischen Hause zu Hof im Voigtland, hab' ich an den Wirtstafeln die Sache ganz frei herausgesagt, welches mir die sämtlichen Wirte und Kellner attestieren würden, wenn sie heraufzubringen wären. – – Welche Menschen haben außer den Stunden-, Wochen-, Jahrs-, Amtsplanen noch einen Lebensplan, oder hinter wechselnden Interimsplanen einen Normalplan? Die Gier, der Zufall, der Hang, die Not stechen ihnen das Spornrad ins Herz, und sie rennen blutend dahin – unterwegs begegnet ihnen ein Ziel, und es wird der Meilenzeiger oder die Schwelle einer neuen Rennbahn – und so müssen diese ewigen Juden nur laufen, nie ankommen. Alle ihre Mittel sind klüger, dauerhafter und angenehmer als ihre Zwecke, wie die ungarischen Vorstädte bevölkerter sind oder die Wiener moderner als die Stadt selber. Diese finstere Dumpfheit der menschlichen Wünsche ist nicht größer als dieselbe Dumpfheit ihrer Meinungen , die sie jahrzehendelang in ihren Kopfe frei und ohne Pestkordon aus- und einfliegen lassen können, bis sie Not und Zufall zum Beschauen drängen. Ach Leibgeber hat recht. Nach denselben zufälligen Anstößen, die uns zum Wählen einer Fakultät und eines Handwerks treiben, ergreifen und prüfen wir Meinungen; die größten Schriftsteller, z. B. Lessing, ließen sich durch polemische und andere Zufälle die wissenschaftlichen Felder anweisen, die anzusäen und abzuernten waren. Wer kann von euch schlafenden Toren die Finger aufheben, und wenn ich frage: was glaubst und was willst du? keck beschwören: das! das! das? Ich konnt' es nicht, da ich noch drunten war. – Freilich stand, da ich drunten auf der Erde herumging, die Sonne der Aufklärung schon mit der ganzen Scheibe über ihr, und ich sah in meine astronomischen Tabellen und schwur, es sei unmöglich, die Tabellen könnten nicht lügen und die Sonne noch nicht herauf sein. Aber als ich die Refraktionstabellen zu Hülfe nahm, sah ich, daß durch die Strahlenbrechung das Bild der Sonne ein Säkulum eher – freilich ohne sonderliche Wärme – aufgehe als der Körper selber, so wie in Nova Zembla nach der langen Nacht das Bild der Sonne sechzehn Tage früher scheint als sie. – Man denkt, die Erde sei ein Teller voll Devisen mit Fragen, und die zweite Welt sei der Teller mit den Antworten darauf; und bricht nun kaum die Fragen auf. Der Unglaube und der Aberglaube des Jahrhunderts ist eine bloße sinnliche Ermattung des Kopfes; und die Ruchlosigkeit desselben ist eine des Herzens; und bloß weil sie sich als Neunundneunziger Da nach den englischen Gesetzen jedes Schiff mit hundert Seelen einen Schiffsprediger haben muß, so laden die Ostindienfahrer, um ihn zu ersparen, nur neunundneunzig. kennen, vozieren sie keinen Schiffsprediger.« Der Kronprinz fragte mich mit einem wahren Anteil, der mich ergötzte: »Wie und durch wen soll ich aber das Portativ- und Taschenweltchen, wenn ich einmal zur Regierung komme, umarbeiten? Soll ichs durch meine Wesire organisieren?« – »Gnädigster Herr,« versetzte ich, »Ihre Vize-Re, missi regii, Legaten und Flurschützen, die drunten Ihren Titel führen, sind gemalte Engel mit wahren Kronen In manchen katholischen Kirchen hat man gemalten Schutzengeln wirkliche Votiv-Kronen aufgesetzt. und sind selber verdammt mit dem Übel geplagt und plagen wieder damit. Aber zwei recht gute andere Arzeneien gibt es. Ein Komet kann kommen und die Tressen der Erde ausbrennen mit dem Feuer des jüngsten Tags: dann werden alle Lebende, wie ich von guten Theologen weiß, auf dem Platze verwandelt , und der Komet, als die säubernde Fleckkugel dieser schmutzigen Kugel, reibet alle Kleckse weg von dem Wittenberger an, den Luther an die Wand machte, als er mit dem Teufel Krieg anfing, bis zu dem Rastätter Es ist nicht vom jetzigen Frieden und dessen Klecksen die Rede, sondern vom ersten Rastätter Frieden, dessen Schmutzflecke man Fremden zeigt. , den die Sekretäre anspritzten, als man mit ihm einen endigte. Außer dem Kometen kann noch die Zeit viel tun. Das Licht des Kopfes und die Kälte des Herzens müssen in diesen Wintermonaten so wachsen, bis sich der blutige kämpfende Nordschein Große Kälte und helle Tage erzeugen leicht Nordscheine. des Kriegs, das Gewitter des Winters, erzeugt. Die Batterien rütteln die Erde für mehr als einen Samen, nicht bloß für Würmer locker; und der blutrot aufgegangne Mond wird im Scheitelpunkte licht und rein.« – »Ich wollte,« sagte mein Eleve, »das Totschlagen auf dem Stunden- oder Jahres-Ei höbe sich nicht erst unter meiner Regierung an.« Das Glück wollte mir so wohl, daß ich ihm den Anfang des Erschlagens schon zeigen konnte; ja es traf sich glücklicherweise, daß die roten Schlachtfelder und Blutäcker in Europa so groß waren, daß er sie, bei dem Mangel an Mondlicht und ohne das Mikroskop, gut genug erkennen konnte. Aber er wußte, wie kleinere Große, so wenig von seinem künftigen Kronländchen, daß er mich über die ins Bluthemde und in den spanischen Rotrock des vergessenen Blutes gekleidete Erde ausfragte, inwiefern den Trillionenpfünder die Vierundzwanzigpfünder so röten, und was bluten und sterben sei. Ich stellte sogleich den finstern Erdkörper wieder auf den Objektenträger, und zwar mit dem berlinischen Zeughaus unter den Fokus des Glases zurück, so daß der Erbprinz die einundzwanzig Gesichter oder Larven sterbender Menschen, welche Schlüters Meisterhand im Hofe des Zeughauses als Schlußsteine angebracht, meistens erblicken konnte. »So sehen unsere Gesichter aus, wenn wir sterben«, sagt' ich. »Ich möchte deines sehen,« sagte der Sirius-Fürst, »wenn es so geblieben ist, wie es im Sterben war.« – »Ei was!« – sagt' ich und suchte auf dem Globus und fand unter den Leichen des Bleikellers in Bremen eine mir ähnliche und drückte mit dem Zahnstocher darauf – »ich muß noch ganz sein, ich bin ja kaum vierzig Jahre lang tot.« »Um Gottes willen!« rief der kritische Redakteur, der unter den Leichen eine redende sah. – Ich kam zu mir und sah, daß ich den Zahnstocher wie ein Stilett auf mich selber gesetzt. »Allerdings vierzig Jahre!« (wiederholt' ich und ging auf den Literator los) »ich bin der selige Liscow, der seine Stunden hatte, wo er gelehrte Männer schabernakte.« – »Bei Gott!« – sagte der Redakteur erheitert – »sie muß in das Intelligenzblatt der Literaturzeitung – in den Verkündiger – in den literarischen Anzeiger – in einen Brief an Wieland – in Meusel – und in alles – eine so unerhörte Palingenesie.« – »Wenigstens in die Palingenesien «, sagt' ich. Ende   O du Wildling von Engel! Wie viel tiefer als der kahle kleinliche Ernst der Welt geht dein Scherz in meine Seele, und wie viel ernster ist dein Lachen als ihr Weinen! – Warum soll ich das Feuer, das der geliebte Tragikomiker in mir aufgeblasen, jetzt nicht benutzen, um hier es herauszusagen, daß bloß er und noch viel bessere Leute im Titan es auf sich haben, daß das Werk noch gar nicht heraus ist? Die Sache ist diese: solange nämlich ein biographischer Haarstern – wie z. B. Hesperus – mit seinen Bewohnern brennend vor meiner Seele steht und ich während seiner Erd- und Sonnennähe in seinen langen Zodiakalschein und durch seinen in Licht aufgelösten Kometenkern schauen kann: so lange bin ich selber in Flammen und im Himmel. Entfliegt aber der Komet in die Erd- und Sonnenferne hinaus: so wird der Lichtschweif, der 70 Grade am Himmel einnahm, vom verdichteten Kerne abgeworfen, und ich habe nichts mehr – ausgenommen bei der zweiten Auflage, d. h. bei der Wiederkehr des Kometen. – Die Darstellungen hoher Menschen – wie Emanuel, Viktor, Klotilde – sind durchlebte warme Blütezeiten der Seele, ach die niemals, niemals wiederkommen, so wenig wie die erste Liebe oder der Jugend-Silberblick oder irgendeine Begeisterung. Denn der Mensch läuft in keiner runden Mondsbahn, ja in keiner langen Kometenbahn um irgendeine Sonne und treibt sich in keinem wiederkehrenden Tausche von Neu- und Vollicht, von Haar- und Schwanzstern um: sondern er zieht gerade und kühn wie ein fliegender Engel mitten durch die Schöpfung und durch die Systeme, immer von dem Morgen neuer Sonnen bestrahlt und von dem Erdschatten neuer Erdkörper verdunkelt, und niemals tritt er einen Lauf von neuem an. Das einzige, was ich kann und tue, wenn ich durch eine dunkle leere Zwischenkluft durch bin und in eine neue Milchstraße ziehe – zumal in eine so breite, wie mein Titan ist –, das besteht darin, daß ich langsamer fliege zwischen ihren Sternen. – – Aber zu unserer Geschichte zurück! (Nur diese Zurückkehr' hab' ich oft genug.) – Der Leser hat nicht vergessen, daß ich ihm den ersten Mai und den Geburtstag meiner Hermine am Anfange des Reise-Anzeigers angesagt. Sobald ich Leibgebers große Tour durchhatte: macht' ich mich zu einer kleinern fertig und ging auf die Insel Schütt , welche wie den Saturn ein doppelter Ring umzieht, die Stadt und die Pegnitz. Kökeritz in seiner Lenzweste und sogar Georgette mit ihren Gefahren und meine eignen mußten aus meinem vom roten Maiabende hell ausgemalten Kopfe fort, damit Hermine allein darin die schönste Stunde feiere. Siebenkäs sagt, Eheleute hätten, da die Rota längst das hundertjährige Jubiläum in vier fünfundzwanzigjährige Jubelfeste ausgeschnitten, noch weit mehr Gründe dazu – nämlich die jetzige Kürze des Lebens und des ehelichen Friedens –, etwas Ähnliches zu tun und die Silberhochzeit schon von Jahrzehend zu Jahrzehend zu feiern, wenn nicht gar schon in die Flitterwochen diese säkularischen Spiele gehören. – Aber in einem ernsthaftern Sinne fühlt' ich auf der Insel Schütt, daß das Herz an jedem Geburtstag einer geliebten Person das Jubiläum seines Bundes begehe. Vor allen Dingen richtete sich meine Seele, die der Krampf der Furcht einziehen wollte, stark und gewaltsam auf, wie man den Krampf der Glieder durch Ausstrecken hebt: »Sie hätte mir«, sagt' ich, »meinen vergessenen Paß längst geschickt (denn finden mußte sie ihn gleich): hätte sie nicht etwas Besonderes damit vor.« Auch hielt ichs für eine Buße und Danksagung, die ich ihr schuldig sei, mich von keinem Schein mehr über sie irren zu lassen und lieber ein Gläubiger als ein Schuldner von Briefen zu sein. Und nun konnte die Pegnitz, die mit ihren zwei Strömen wie mit Armen die grünende Insel hielt, und der Frühling, der zwei andere aus roten Wolken über den Himmel trieb, einen in Abend und einen in Morgen, ihre Wirkung an mir tun. Im Kalender unserer Phantasie fället der Frühlingsanfang nicht in den 21sten März, sondern in den ersten Mai; und in diesem werden die Kopulierbänder der Menschen sowohl als der Bäume sanft gelüftet. Ich hatt' auf einmal zwei Jugenden, eine erinnerte und eine gegenwärtige: der Pegnitzstrom, der auf seinem eiligen Wege durch die Stadt siebzig große Räder umwälzet, glänzte als ein Bild der Kraft des Menschen vor mir, welcher, so eilig er auch von seinem ersten Tage in seinen letzten verrinnt, doch im Vorüberfließen das Räderwerk der Schöpfung treiben hilft. »Ja,« sagt' ich, »ich will mich künftig anders als bisher gegen das Verhängnis stemmen, wenn es auf dich eindringt, Hermine, und will deine Leiden lieber verhüten als teilen. Ach wenn nur einmal ein Mensch sich fest und rein vornähme, einen andern uneigennützig zu beglücken: es würd' ihm schon gelingen! – Und soll denn immer nur das weichere Geschlecht für das härtere mit wunden Händen die Nesseln aus dem Leben ausraufen und nie dieses für jenes? – Und gar du, gute Hermine, die schon die Rosen der Freude viel zu sehr an den Dornen anfasset?« – Die Tat – diese Zunge des Herzens – ist zugleich der gesündeste Balsam desselben, und jeder gute Vorsatz ist ein Trost. Ich versteck' es nicht, daß ich – weil in mir der Autor und der Mensch immer überall Koppeljagd und Erbverbrüderung haben – unter den Freuden, die ich Herminen zudachte, auch die Kapitel aufführte, die ich im Titan schreiben und mit ihr lesen will: ist nicht das Harmonikon der Musen das Echo oder das Repetierwerk irgendeiner verklungnen Stunde der höchsten Liebe, und färbet sich nicht in jeder Rührung die erblaßte Flitterzeit wieder frischer an? Und wenn ein auswendig gelerntes Herz und Gedicht gleich sehr einbüßen, kann ein Poet der Erschöpfung des Herzens besser steuern als durch die Unerschöpflichkeit der menschlichen Phantasie? – – Ich lande wieder auf meiner Insel an, welche die Wellen und die Fische und die Vögel und die Abendlüfte immer schöner umzirkelten. Der in Schattenasche zerfallende Tag und die wehmütige Freude, daß zwei Menschen sanfter durch siebzehn Meilen als durch einen Gedanken geschieden werden, warfen, wenn keinen Schleier, doch den Schatten ihres Schleiers über mich: ich dachte jetzt (wie ich an jedem wichtigen Tage tue) an die tausende, die meinen heutigen mitfeiern. Am ersten Mai, dacht' ich, werden gewiß in Europa – wohl in Nürnberg selber – einige Eheleute, entweder der Mann oder die Frau oder beide, ihren Geburtstag, wie der Philippus Jakobus seinen Namenstag, haben und begehen; und wenn sie nur etwas taugen: so werden sie, wenigstens einige davon, in dieser Festminute im Werkeltage des Lebens ihre frohe Vergangenheit und ihre bedeckte Zukunft miteinander überrechnen und sich umarmen aus Liebe und Furcht – sie werden miteinander die ersten stummen und mimischen Stunden ihrer Annäherung zurückholen, und die weibliche Seele wird jetzt leichter die vorigen stillen Leiden und Wünsche liebkosend bekennen und nun ebenso mit der entschleierten Liebe erwärmen wie sonst mit der verhüllten, und die männliche wird das hohe einzige Gefühl gestehen, womit ein Mann zum ersten Male in seinem Leben zu einem teuern Wesen sagt: »Du bist mein und ich dein, und nun beschütz' ich dich gegen die Welt, und alle deine Leiden sind meine, und wir verlassen uns nicht mehr wie andere Menschen« – eine heilige Minute, worin die Liebe vielleicht heißer und zärter und milder ist als in der frühern, wo Amors Fackel den Schleier der Psyche verbrennt und in das beschämte Auge voll Liebe und Tränen leuchtet, das geblendet niedersinkt. – Aber diese Menschen werden am Geburtstage auch gen Himmel schallen an das gezogne Kometenschwert des Todes, das einmal die Arme der Liebe durchschneidet, und sie werden sich fester unter dem Schwerte umfassen, um an einer Wunde umzukommen – sie werden über den zweischneidigen Kontrast zwischen der Ewigkeit jeder hohen Liebe und zwischen der Nichtigkeit des irdischen Interims erschrecken, aber auch weinend aufsteigen: denn vor demselben blauen Totenlicht aus Äther Vor brennenden Äther werden alle Farben bleich, ausgenommen die blaue. , um welches alles Farben der Erde erblassen, glänzt das Blau des Himmels höher an, und sie werden sich sagen: »ja, das Wesen, das uns auf der kleinsten kältesten Welt zusammenführte, kann uns ja nicht durch seine große heilige trennen; und wenn droben in der Unsterblichkeit noch Liebe ist, ach welche neue könnte denn wärmer und heiliger sein als die gegen das vertraute Herz, das auf der drückenden Erde gegen unseres so geduldig und so liebreich und beständig blieb?« – Die allgewaltige Natur schloß mich in ein immer engeres und einsameres Tempe von Sternen, Blüten, Tönen und Bildern ein und trennte durch Schatten meine Träume wie Frühlingsblumen von dem stechenden Strahle der Gegenwart. Jedes Blatt und jedes Wellchen schlug mit dem andern in der stillern Nacht lauter zusammen. Mir war, als hört' ich den Tritt der Sterne, die in die Erde hereinstiegen. Aber in einer solchen magisch verdunkelten Stunde, wo die Irrlichter der Träume uns glänzend nachfliegen und spielend entrinnen – in dieser beredten heiligen Einsamkeit, wo der Geist geflügelt durch die Täler, über die Berge, von einer großen Wolke zur andern und von den sichtbaren Sonnen zu den tiefsten geht und zwischen den Zeiten umher: da geht er nie allein, sondern ewig führt er eine Seele an der Seite, die er innig liebt und der er alles zeigt und mit der er auf den Höhen betet und die er in den Frühlingstälern umarmet unter dem Abendrot. So ging Hermine mit mir durch alle meine kleinen Himmel, und ich sah sie zuerst an, wenn wir in einen neuen traten, ob sie darin glücklich sei. Allein da jetzt in Morgen, wo sie wohnt, die Leier und der Schwan aufgingen und mich anlächelten, gleichsam wie freundliche Gedanken ihrer Seele, und da ich daran dachte, daß sie gerade in dieser späten Stunde die Feier ihres Lebens-Sonntagstages einsamer und vielleicht schreibend nachhole, und daß sie vielleicht nach den westlichen Sternbildern, von welchen der glühende Mars und das Regengestirn erst im Untergehen waren, blicke wie ich nach Osten: so war es mir, als hört' ich sie fragen: »Warum schweigest du gegen deine Einsame? Bringst du mir keinen Wunsch für dieses nur von Wünschen geschmückte Leben? – Ach die Menschen haben einander nicht viel mehr zu geben als Worte, und doch versagen sie diese; – und in diesem kurzen Leben haben sie eine noch kürzere Liebe.« »Nein, gute Seele, ich will dir es sagen, wie ich heute an dich dachte«, sagt' ich und ging von der freien betäubenden Molukke in meine verengte Stube zurück, aber nur, um Papier und eine Laterne zu holen und damit in den Irrhain hinaus zu fliehen. Ich wollte da alle meine befreieten Träume in eine große Äthernacht hinausfliegen lassen und in diesem einsiedlerischen Himmel meinen Brief an Herminen schreiben. Auf dem Wege sah ich das Regengestirn und den Mars aus unserm Himmel gehen. Da ich im Garten ankam: sah ich nichts vor mir als die Ruhe und den Himmel, und im Mondlicht lagen nur stille kurze Schatten, gleichsam die Fußtritte der umherschleichenden Nacht – das große Kleid des Frühlings lag ohne Rauschen auf der Erde – nur in den Laubengängen lispelte es, als wenn murmelnde Träume in ihnen gingen, und die hohen einzelnen Bäume nickten zuweilen wie betäubt vom Schlaftrunk des Taues – in den mit Laube leicht bekleideten Gesellschaftshütten wohnte hinter der lichten Schwelle nur ein oder ein Paar zerrissene Schatten, wie Reste von uns Schattenrissen, und ein grausilberner dicker Nachtschmetterling kroch darin auf seinen Flügeln – die Nacht lag in Gestalt der Ewigkeitsschlange zusammengeringelt im finstern Hain zwischen den Bäumen. – Dieses stumme blasse Reich des Mondes und des Schlummers, worin nur die laute Seele, die Nachtigall, Träume austeilte, die enge flatternde Hütte, worein ich nun trat, der Licht-Wirrwarr und Blätterglanz, das Geräusch, das ich allein machte, das Tischchen, worauf eine welke, von Kindern zurückgelassene Kette von offnen schlaflosen Dotterblumen lag, und mein abgesondertes Arbeiten, diese hebenden sichtbaren und unsichtbaren Hände zogen mir gleichsam die ganze Erde und Wirklichkeit unter den Füßen weg, und ich hing spielend gewiegt über den entblößtem Sonnen unter mir, die mich alle liebkosend anschienen, und ein dunkler elastischer Äther hielt mich und das Sonnen-Glanzgold und die bleichen Perlen von Monden schwimmend, und wir sanken nicht unter. Ich fing den Brief an Hermine an: »Die Au verblüht, Das Herz verglüht, Der Mensch entflieht – Hermina, liebe mich! Du kennst diesen Wunsch, aber ich sag' ihn dir jetzt, da ich in der Mitternacht einsam in einer grünen Hütte des Irrgartens das Fest deines Daseins feiere. Ja das Zifferblatt mit diesem ewigen Wunsche soll hier in und an der Laube bleiben, damit ich sie zur Stiftshütte und Sakristei am Tempel der Liebe einweihe: und sooft ich wiederkomme, werd' ich diese Stunde wiederfinden. Glaube nicht, daß ich nicht weiß, daß du jetzt weinend gen Himmel siehst und den dunkeln Traum des Lebens mühsam zurückrufest und auslegst – und wie du daran denkest, daß nur die erste Hälfte des irdischen Seins – ach nur ihre Hälfte – gleich der halben Sonne auf Bergen Auf dem Brocken und Montblanc geht die Sonnenscheibe zur Hälfte langsam unter, dann versinket sie schnell. langsam untersinken und daß die zweite so eilig verschwinde – und wie du einige Schmerzen von neuem beweinest und an dem vorübergeflognen, am Horizonte wie überstiegene Berge liegenden Gewölke deiner beschatteten Tage hinauf- und hinabschauest – und wie das Grab eine Alpe wird und seinen breiten Schatten wirft, und wie dann deine Seele sich erhebt und auf der Höhe die Gewitter nur um sich und keine über sich findet, und wie du dich geheiligt unter die hohen Sterne schwingst und in deine Unsterblichkeit hineinblickest – und wie dir darin der Allgütige wie ein sanfter Vater lächelnd entgegengeht und du sprachlos vor ihm weinen mußt und nur mit stammelndem Herzen schwören kannst: ich will dich künftig noch mehr lieben, guter Gott! – – Ach wenn du dieses liesest oder wenn ich dich wiedersehe, so ist ja die herrliche Stunde vorüber; und du wirst es nicht sagen, aber ich werd' es wissen, daß ich dir darin nur schmerzhaft gewesen war. O du Sanfte und Stille! warum konnt' ich dich denn je quälen? – Warum will denn die wärmste Liebe noch heißer werden durch Unterbrechen und Versöhnen, und warum richten nur unsere innern Gewitter den höchsten Regenbogen des Friedens auf? – Ach darum ist es, weil alle Leidenschaften ihren Gegenstand für so ewig halten wie sich, und weil keine Liebe glauben kann, daß ein geliebtes Wesen sterbe; – und in diesem Wahn der Unvergänglichkeit stoßen wir harte scharfe Eisfelder so knirschend zusammen, indes wir uns so eilig, von achtzig Sonnenblicken von Jahren, auflösen und erweichen... Ich hörte hier auf zu schreiben, weil ein eiserner Gedanke gleich einer eisernen Jungfrau Jene bekannte verborgne Richtmaschine, die den Menschen durch die Umarmung entleibt. mit ausgebreiteten Armen voll scharfer geschliffener Messer auf mich losging und mich umfassen und zerschneiden wollte. Ich floh vor ihm aus der Laube in den freien Garten, aber er ging mit mir und sagte immer wieder: 'Hermine ist gestorben.' – Ich drückte laufend die Augen fest vor dem nur mit Trauerlampen gefüllten Tempel des gewölbten Himmels zu, und ich fürchtete mich zitternd, daß irgendein seltsam gegliederter oder getürmter Schatte oder irgendein fliegender Widerschein mir mit einem Beweise und Bilde des mörderischen Gedankens begegne. Ach aber in dem tiefen weiten Abgrunde hinter dem Augenlide sah ich dich sterben und sah deine lichten Augen den schwarzen Star des Todes geduldig-anblickend aufnehmen, dem nur wenige hüpfende Funken und Farbenkreise heller Tage vorgeflattert waren – und deine Gestalt lag in ihrem Grabe, zu einem weißen versteinerten Engel erkaltet, aber sie lächelte noch fort, als wolle sie sagen: ich habe dir vergeben und dich bis in meinen Tod geliebt, aber ich konnte dir es nicht mehr sagen... O das ist die tiefste Totentrauer in einem Menschen – und sein Leben ist ein ewiges Leichenbegängnis –, wenn er sich nach einem gekränkten verwundeten Wesen trostlos sehnen muß, womit der geflügelte Tod in die Erde entfloh, eh' er bitten konnte: vergib mir! und eh' er sagen konnte: ich habe dir wehe getan, aber ich habe dich doch geliebt. – Auf einmal, als ich mich aus einem Schatten wieder in das Mondlicht umwandte und als mir in der dämmernden grauen Tiefe hinter den geschlossenen Augen deine Seele gleich einem Heiligen wie eine glänzende Taube aus dem dampfenden Scheiterhaufen des Lebens aufzufliegen schien: so rauscht' es plötzlich durch den ganzen Garten – ich blickte erschrocken auf – da schauete mich der ganze Himmel mit allen seinen tausend ewigen stillen Augen freundlich an – der halbe Mond stand wie ein glänzendes Stirnblatt in seiner Mitte Meistens wenn der Mond gerade über oder unter uns wegrückt, regen sich Winde. – der Stern der gesichelten Zeit, der Saturn, war versenkt – ein Flug Zugvögel sank aus dem Blau in unsern Frühling mit freudigen Lauten nieder – die Geisterstunde schlug in den Türmen aus, und die ersten Minuten des Morgens und der Hoffnung kamen an – der bewaffnete Komet der Angst zerging an den ewigen Sonnen in Nebel, und ich hielt es für Sünde, von der Vorsehung so leicht zu erwarten, daß sie den höchsten Schmerz über ein wundes Herz verhänge – – – O warum befürchten wir vom Allgütigen viel leichtsinniger die tiefsten, uns gänzlich auflösenden Wunden als von jedem irdischen Freund? Ach darum, weil wir die Gegenwart ohne die Zukunft so schlecht lesen – weil wir so wenig darauf merken, daß die mit Tränen gemachten Farben unsers Schicksals, die gleich den Farben auf nassem Kalk anfangs zerflossen, unkenntlich und verworren sind, endlich zu schönen Bildern trocknen.... Hermine! Zuversicht auf Menschen und auf Gott ist die letzte und schwerste Tugend – die lichter- und blumenvolle Natur gibt uns nichts als Verheißungen, und nirgends stehen in ihr die grinsenden Gorgonen-Larven unserer Fieber. – So fasse du meine Hand und laß uns nicht nur gut sein, sondern auch froh. Die Freude ist der Sommer, der die innern Früchte färbt und schmilzt. Die Blüte trägt und gibt nicht nur künftige Früchte , sondern auch gegenwärtigen Honigsaft , und man darf ihr diesen nehmen und schadet jenen nicht. Die zur rechten Tagszeit abgenommenen Blumen der Freude bleiben, wie die gepflückten neben mir, ewig in der Erinnerung offen und wach, indes die grünenden sich bald schließen, bald öffnen. Und obgleich wir Menschen wie Schiffe Die Schiffe gehen nachts zur See, weil dann Landwinde, und kommen ein Tage an, weil dann Seewinde blasen. nur blind und in einer Nacht und weinend in die See des Lebens gehen: so laufen wir doch am hellen Tage heiter und besonnen im Hafen der seligen Peters-Insel ein, worauf die Toten wohnen. – Aber, Hermine, nun stille bald meinen Wunsch und meine Furcht und hebe aus deinem Geburtstage eine Minute für mich heraus, worin du mir sagst: 'Mein neues Jahr ist schön – es bringt mir Freude und Liebe, und ich teile beide wieder aus.' J. P.« Achter Reise-Anzeiger Fata: meine Todesangst vor dem Reichsschultheiß – peinliches Interrogatorium – zwei Siebenkäse – zwei J. P's Werke: Avertissement meiner Rettungsanstalten auf dem Buchbinderblatte, für romantische Scheintote – Personalien vom Bedienten- und Maschinenmann – Fabel vom zepterfähigen Bären – Auszüge aus Briefen »Was zu arg ist, das ist zu arg«, sagt' ich den zehnten Wonne- oder Marter-Monat. Aber der Leser richte selber. Er weiß gewiß hinlänglich, daß ich keine Seidenraupe bin, die an jedem welken oder nassen Blatt des Freuden-Tulpenbaums erkrankt: umgekehrt mach' ich mir aus jedem Blatt eine Welt. Und die Karten meiner schönsten idealischen Welt sind für andere so leer und ihren Landkarten der wirklichen so entgegengesetzt wie Seekarten, auf denen gerade das Land durch leere Räume angedeutet und nur Meerestiefen und Ströme und Ankergründe abgezeichnet sind. Ich wollte gerade diesen Band, so wie ich ihn mit dem Anfange des ersten (mit einem Andenken an die gute Hermine) anfing, mit dem Schlusse des ersten beschließen, nämlich mit der Feier meiner Verlobung, welche eben in den zehnten fiel – als ein Nürnberger Stadtdiener anklopfte. Ich hatte bisher mehr an meine sprachlose Huldin als an den geschwätzigen Unhold Kökeritz und an die Gefährlichkeit meiner gräflichen Standeserhöhung und der Adoption Georgettens gedacht; aber jetzt schlossen alle bewaffnete Gespenster der Furcht einen Kreis um meine verbundnen Augen, sobald der Stadtdiener sagte, er habe Befehl, mich sogleich nach dem »Garaus« Der Garaus ist die Stunde, wo die Sonne untergeht. zu Sr. Gnaden, dem Herrn Reichsschultheiß, zu führen. »Es ist mein eigner Garaus«, sagt' ich und alternierte mit Wangenrot und -weiß, wie der Rock des Dieners war, der gleich einem an der Wand reifenden Apfel sich in beide Farben teilte. Und über den trüben Abend hing noch dazu ein trüber Himmel, der wie ein weibliches Auge das Vergießen seiner Tropfen nur bis auf die Nacht verschob. Ich werde viele Leser haben, die nicht wissen, wer der Reichsschultheiß ist: es ist der älteste unter den dreizehn alten Bürgermeistern, ferner ist er noch erster Losunger, kaiserlicher wirklicher Rat, Siegelbewahrer der Reichskleinodien und dabei Reichsschultheiß, nämlich Bewohner der Reichsveste, die sich durch die malerischen Aussichten nach außen und durch die nach innen – nämlich auf die berühmten Gemälde in der Kaiserstube, in der Ritterstube und dem Kurfürstensaal – leicht empfehlen kann. Was ich mir vom Reichsschultheiß zu versprechen hatte, war Hölle und Verdammnis für meine Philanthropie gegen Georgette und für den Namenraub: ich wurde gerade durch das verdammt, wodurch andere loskommen, durch den Beweis, daß ich nicht der Vater sei. Wofür sollt' ich mich ausgeben, für den Comte – oder für den Inspektor – oder für mich? – Endlich schien mir die Behauptung, daß ich – ich selber sei, doch unter allen Thesen am erweislichsten zu sein, und ich konnte den Satz postulieren; auch mußt' ich, wenn ich das Grafendiplom hätte behaupten wollen, die unschuldige Emigrantin entweder zur lügenhaften Helfershelferin oder zur Denunziantin machen, und was war nicht überhaupt von einem Jahrhundert, das durch den schwarzen Strulbrugs-Stirnfleck Die Menschen in Gullivers Reisen, die nie starben, brachten bei der Geburt einen schwarzen Fleck auf der Stirne mit. seines feigen, unverschämten, blutschuldigen Vertreibens der Vertriebnen unsterblich ist, in einer Rolle der letztern zu fürchten? – Kurz ich wollte sagen – me voici! und neben dem Beweis durch Augenschein noch den durch eine briefliche Urkunde führen, die ich mir, eh' ich mit dem Stadtdiener ging, aus der Zehischen Buchhandlung bringen ließ, nämlich mein von Herrn Pfenninger gestochnes Bild. Es ärgert mich, daß jetzt der Leser aufpassend in seinem Sessel sitzt und sich behaglich und ganz mit Interesse die Gefahren ausmalet, denen ich (hofft er) nun auf den Nürnberger Gassen entgegengehe. Wer nicht das Glück hatte, so oft verklagt zu werden wie Kato – und ebensooft losgesprochen, nämlich achtzig Mal –, oder eines von beiden selber zu tun, der hat ungern mit der Justiz Verkehr und erschlägt sogar unter dem Protektorium einer Notwehre nur mit Widerwillen einen Mann, bloß weil ihm die intrikate Katechetik von Kampfrichtern widersteht, die den Klienten leicht zur Oberleuterung der Höllenrichter schicken. Die Wahrheit, besonders die gerichtliche, ist zwar auf dem Boden ihres Brunnens wirklich zu erfischen; aber der Brunnen ist – noch abgerechnet, daß einen die, welche daraus schöpfen, leicht darin ertränken – so verflucht tief, daß man, wie bei dem auf derselben Reichsveste des Schultheiß befindlichen sogenannten tiefen Brunnen Müllers Beschreibung der Reichsstadt Nürnberg S. 47. , der nach einem darneben hängenden Täfelein sechsundfunfzig Klafter (jede zu sechs Nürnberger Schuhen) hinuntergeht, recht gut zweiunddreißig (Jahre) zählen kann, bis etwas hinuntergelangt. Die krummgeworfne Gassen-Schlangenlinie, wodurch mich der Stadt-Sbirre führte wie ein Mittelwächter seinen Juden, bildete mir die loxodromische Linie des rechtlichen Weges ab. Zum Unglück fiel mir noch die Behauptung mehrerer Gelehrten bei, daß Nürnberg sich vor Zeiten aus Venedig außer Seifenriegel die Gesetze (sind aber diese keine Seife?) spedieren habe lassen: ach, seufzte ich, hier sind auch heimliche Gerichte zu gewarten, die noch schlimmer sind als heimliche Sünden, nämlich heimliche Friedensartikel und Instruktionen, und wiewohl die Patrizier über die ganze Stadt die genaueste Rechenschaft abzulegen haben, nämlich einmal dem Kaiser in Person und einmal vor dem Jüngsten Gericht, gedächte man wohl da meiner, und hälf' es mir viel? – Mein einziger Trost war mein Kupferstich, der mir zwar veniam aetatis gibt und mich zu alt, aber doch kenntlich vorstellt. Ich und der Stadtdiener kamen endlich bei Nacht und Nebel in einen Hof, dessen Portier ein angemalter Geharnischter war. Ich wußte noch nicht, daß um mehrere Häuser solche gefärbte und hölzerne Küstenbewahrer und prätorianische Kohorten wachen. Als ich ohne Schwierigkeit von dem gemalten Schweizer eingelassen wurde, tat ich das Schußgebet, daß die heilige Anna mir ihren Arm leihen – welches sie machen konnte, da Nürnberg den Arm unter den Reichsheiligtümern in einem goldnen Etui oder Ärmel aufbewahrt – und mich aus der Affäre ziehen möchte, wenigstens durch Geld. Vor der Treppe lag eine passive Immobiliar-Schuhbürste auf dem Rücken, am Pfeiler hing folgende in Nürnberg häufige Warnungstafel: Wer tretten will die Stiegen herein, Dem sollen die Schue fein sauber sein, Oder vorhero streiffen ab, Daß man nit drüber zu klagen hab. Ein Verständiger weiß das vorhin, Wie er sich halten soll darin. Da ich letzterer war, wetzt' ich, ohne Hinsicht auf das Bürst-Edikt, ein paarmal die Stiefel ab. Auf jeder Staffel war ich mir des häßlichen Patriziers mit den aufsteigenden Frühlingszeichen gewärtig, die für mich niedersteigende waren. Sobald ich nur den Reichsschultheiß erblickte – der so viel Plüsch anhatte als Stuß, aber jüngern –, so lebt' ich wieder auf: nicht als ob er anders ausgesehen hätte als ein in Stein gehauener Mars, sondern bloß weil keine Gegenwart so viele Realterritionen und Ruprechte und Wauwaus gegen mich zusammenbringen kann als mein fataler frère terrible, die Phantasie. Der Reichsschulz fing an, und seine Worte folgten gleichsam wie die Stöße eines Eisenhammers abgemessen und weit abgeteilet aufeinander: »Der Herr Graf von Bataillon halten sich schon lange hier auf?« – Ein anderer wäre wieder zur Lüge übergetreten, weil er gezweifelt hätte, ob heute überhaupt der Münzprobationstag seines Namens sei; allein ich versetzte: »Nicht lange, sondern gar noch nicht!« – »Wie denk' ich mir das?« fragte der Reichsschulze. »Der Herr Graf, dessen Sie gedenken,« (fuhr ich fort) »steht nicht hier, sondern in Hof.« – »Sind Sie nur ein Verwandter von ihm oder wie?« fragt' er fatal fort. Jetzt hob sich meine zehnte oder diokletianische Verfolgung erst recht an. Eine in lauter abgefragte Repliken zerstückte Verteidigung taugt und wirkt nichts, ebensogut könnte eine mehrere Male abgedrückte Windbüchse mit ihren Luftstößen eine Windmühle treiben; ich ging daher wie eine Sonne auf und blies folgenden langen Ostwind vor mir her: »Die Justiz im despotischen Orient ist zwar schnell, im freien Okzident aber, hoff' ich, langsam, zum größten Vorteil der Parteien und Richter. Wie die Natur die Flüsse, z. B. die Seine, die nur eine Viertelmeile von Paris abliegt, erst in den Krümmungen von funfzehn dahinlaufen lässet, damit der Strom ein längeres Ufer anfeuchte und mehrere Küstenbewohner beglücke und segne: so wird der Weg Rechtens, anstatt gerade wie eine Chaussee, vielmehr durch unendliche Zickzacks zum größten Nutzen derer fortgeführt, die daran sitzen in ihren Zoll- und Kaufhäusern. Die Parteien stehen sich noch besser. Doktor Radcliffe ließ einen Hypochrondristen den weiten Weg zu einem mündlichen Rezepte machen – als er ankam, war der Doktor schon fort und nur seine Anweisung da, wohin er ihm nachzureisen habe – der Patient verfehlte ihn auch auf der zweiten Reise; aber endlich auf der dritten merkt' er, daß er ohne den Doktor genese, und schrieb es diesem. Das war eben mein Plan, sagte Radcliffe. Gleicherweise ist die Verzögerung eines Urtels selber eines, der Aufschub der Strafe eine, nämlich für die streitsüchtige und verdammliche Partei, und eine doppelte, wenn sie nachher gewann und ihren ungerechten Gewinst recht lange verriegelt sah; wie der Tod ist dann die Justiz dem Gerechten nur ein Schlaf, dem Ungerechten aber eine Strafe. Hingegen ich, gnädiger Herr, kenne im Gehen, Fahren, Essen, Reden, Lesen, Handeln nichts eigentlich Häßliches als bloß Langsamkeit: vollends in der Justiz!« – – In der Tat hatt' ich bloß dieses häßlichen Austerschritts wegen mir unter dem Läufertore den Notnamen aus dem fremden Passe entlehnt, weil ich, obwohl nicht die Waage und das Seitengewehr der Gerechtigkeit, doch unbeschreiblich das schwere Fortschieben dieser petrifizierten, mir mit ihrem Fußgestelle schreitenden Göttin scheue: wie, ich sollte in einer Personal-Blockade von einem Gefängnisfieber zum andern sitzen, bis von Nürnberg nach Hof geschrieben war und wieder zurück? – Alles dieses – und meinen wahren Namen – und alle meine Nürnberger Fata bis auf diesen Reise-Anzeiger sagt' ich dem ernsten Schultheiß heraus. Ich tat nicht die geringste Wirkung auf sein Gesicht, das immer laurender aussah, gleichsam als seh' er mich immer näher auf das aufgestellte Selbstgeschoß losschreiten und bald am Köder des aufgespannten Hahnes ziehen. Er stellte bloß eine kalte Frage nach meinen »vorhabenden Geschäften« in Nürnberg. Ich berichtete dem Reichs-Gemeiner gern, daß ich hier für Siebenkäs eine zweite Auflage unter dem Titel »Jean Pauls Fata und Werke vor und in Nürnberg« zu bearbeiten angefangen. – »Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehen (versetzte der Schulz) »des berühmten Herrn Professors Siebenkees Als ich Siebenkäsens Leben edierte, war sein gelehrter weitläuftiger Namensvetter Siebenkees in Altdorf noch am Leben; er hat auch über die Inquisition geschrieben. kleine Chronik der Reichsstadt Nürnberg.« – »Ich meine«, sagt' ich, »seine Teufels-Papiere, die der gute Mann ohnehin jetzt nicht vornehmen würde, da er in Wetzlar ist.« – »Siebenkees«, sagte der Schulz, »ist aber tot.« – »Allerdings schien es so,« (sagt' ich und merkte das Mißverständnis nicht) »allein Sie werden aus seinem Leben von mir wissen, daß er nach seinem Ableben die Stadt verließ und Vaduzer Inspektor wurde.« – Aber welches fatale Konnexionen- oder Verbindungsspiel zusammengeflochtener Ähnlichkeiten zweier Menschen! – »Ich höre wohl,« sagt' er ruhig, »Sie meinen einen andern verstorbnen Siebenkees als den Altdorfer; auch müssen Sie einen andern Jean Paul meinen, denn einen kenn' ich von Akademien her recht gut, und er ist mein Spezial.« Der Reichs-Gemeiner griff wie ein Fieber oder wie Bilsensamen meinen Verstand an: ich konnte nichts herausbringen als meinen – Kupferstich, den ich vor ihm mit der Bitte aufrollte, einen Blick darauf zu werfen. Er ergriff das Blatt viel lebhafter und froher, als die Umstände versprachen, und sagte: »Recht gut getroffen, aber ein wenig zu jung, wie Sie sogleich sehen werden.« – Erstaunt sagt' ich: »Zu alt meinen Sie – aber obgleich wir, ich und Friedrich II., noch nicht alt genug für ein Heldengedicht wurden: für einen Kupferstich wird man leicht alt genug und ihm mit der Zeit zum Sprechen ähnlich.« – Er schien mich wenig zu verstehen und trieb mein Staunen durch die Worte noch höher: »Sie sollen es selber sagen, ob Jean Paul nicht getroffen ist: denn in wenig Minuten kommt er selber.« Kein Leser kann noch in einer solchen cimmerischen Thomasnacht herumgewanket und herumgegriffen haben wie ich. Ich beteuerte dem Schulzen, mein Bild sei kein fremdes, und überhaupt sei das, was hier in meinem Gilet, Hemde, Kleide und meiner Chaussure stecke, alles, was von mir auf der Welt herumgehe: andere Exemplare seien verfälscht. Ja ich erbot mich, dem Reichs-Gemeiner das Manuskript der Palingenesien zu zeigen, worin es weitläufig stände, wie ich hieße. – Aber mit einer ganz skeptischen Miene, die mich genug für mein Paß-Falsum abstrafte und die mir zu sagen schien, daß eine Unwahrheit und ihr Widerruf einander gegenseitig entkräften, zog er bloß die Anekdote Johnsons Leben von Boswell. , ohne sie zu applizieren, bei den Haaren her, daß ein irländischer Pfarrer, namens Eccles, sich dadurch für den Verfasser von Mackenzies »Mann von Gefühl« auszugeben gedacht, daß er vom Buche eine Kopie genommen und sie mit einigen Einschiebseln und Rasuren versehen, um sie als Manuskript zu produzieren. – – Jetzt, wo ich das Schlachtfeld schweigend und mit verlängertem Kinne räumen mußte – welches Lavater erhebet mit den Worten: je mehr Kinn, desto mehr Mensch –, kam ein Diener gelaufen und meldete die Ankunft des Herrn Jean Pauls und machte schon die Türen auf, die mich leicht an die bei geöffneten Türen publizierten Todesurtel erinnerten. Ein Herr trat herein, der das Gesicht rückwärts nach dem Bedienten, dem er noch etwas sagte, drehte; und als er nahe an mir es herumkehrte, ach da wars mein alter – Siebenkäs, auf dessen Jonathans-Brust ich sogleich, vom elektrischen Schlage der Freude getroffen, sprachlos niedersank. Nicht von der Entwickelung wurd' ich so glücklich erschüttert – denn ich wußte von der Verwickelung nichts mehr –, sondern von dem schnellen Heraustreten eines warmen Angesichts wie einer Sonne mitten aus dem nassen frostigen Nebel, der mich überzog. Endlich sah er mich an und fragte freudig über meine Freude: »Nun, Paul?« – Und ich antwortete: »Ach wo kommst du denn her? – Und wie ists mit dir? – Ja, ja, gib du dich nur für mich aus, du Lieber«; und ich konnte mich nicht satt an seiner Gegenwart sehen. – O nur in den Minuten des Wiedersehens und der Trennung wissen es die Menschen, welche Fülle der Liebe ihr Busen verberge, und nur darin wagen sie es, der Liebe eine zitternde Zunge und ein überfließendes Auge zu geben, wie Memnons Statue nur tönte und bebte, wenn die Sonne kam und wenn sie unterging , am Tage aber bloß warm von ihren Strahlen wurde! Der Leser wird es nicht abwarten können, bis ich den Inspektor ernstlicher frage, welche gute unsichtbare Hand mir denn diesen mit allen Fruchtarten geputzten Christbaum so schnell in meinen Nürnberger Wolfsmonat getragen, worin der Knecht Ruprecht so drohend auf mich losgegangen war; – ich fragte endlich ernstlicher, und Siebenkäs versetzte: »Das gehört in ein anderes Kapitel.« – Und dahin will ichs auch tun, nämlich ins letzte: überhaupt bilden die neuen Fruchtknoten und deren Früchte – der Aufschluß seiner Erscheinung – die besten Nachrichten vom Reichsschultheiß – der Ausgang von diesem Geburtstage meiner Verlobung – alle diese Dinge bilden einen farbigen Herbstflor des Buchs, womit ich am schicklichsten das letzte Kapitel überziehe und so das ganze Paradiesgärtlein wie mit einer Lusthecke blühend ründe und umschließe. Allein weil ich mir gedenken kann, wie sehr sich alle Leser schon mit Bienenflügeln durch diese Hecke und diesen Flor zu schwärmen sehnen: so mach' ich mirs zur Pflicht, sie hier mit meinen (Außen-) Werken in Nürnberg gar nicht aufzuhalten, sondern sie sogleich in die satirischen umgearbeiteten Werke, die mir der Inspektor mitgebracht – denn jeder Mensch will an seiner zweiten Edition doch auch selber etwas umbessern –, einzulassen. Und darauf machen wir uns alle in den letzten Anzeiger hinein. Ich weiß nicht, ob mehrere wie ich in Siebenkäsens Satiren wahrnehmen, daß er nach der Welt mit größern Gallensteinen wirft, als ich tue und als er selber in seiner Gallenblase hat. Avertissement meiner Rettungsanstalten auf dem Buchbinderblatte, für romantische Scheintote Teufels-Papiere S. 161 . Ohne dichterische Unglücksfälle kann man bekanntlich keinen guten Roman und keinen guten Bankerutt machen; daher übersteigt die Sterblichkeit in Romanen bei weitem die in Batavia, und beinahe jeden Tag seh' ich ansehnliche Leserinnen mit dem Schnupftuch in der Hand als Klageweiber junge Leseleichen oder andere vom Autor justifizierte zu Grabe begleiten. Ich fasse mich und gehe niemals mit, sondern wecke in meinem Exemplar lieber den Lazarus auf. Ich ringe nämlich – wenn ich ans Ende des Buchs gelange, wo der Autor seinen scharfen Ameisenpflug über seine kleinen Weltgloben und deren Völkerschaften zieht und wie ein halber Unsinniger alles niederfährt und abschneidet – nie untätig darüber die Hände oder laufe lamentierend auf und ab, sondern ich ziehe ganz gesetzt meine Handpresse hervor und drucke damit in fortlaufender Seitenzahl das weiße Buchbinderblatt mit nichts Geringerem als mit einem kurzen Supplement-Adviso voll, daß mehrere Scheintote der vorhergehenden Seiten zur allgemeinen Freude wieder zum Leben und auf die Beine gebracht worden. So wehr' ich in meinen Exemplaren dem romantischen Landsterb. Das Buchbinderblatt wird durch dieses Rückendekret der Steinbock, worein die Sonnenwende des lebendigen Aufsteigens fällt, oder das Tal Josaphat, wo die Toten auferstehen. Es ist bekannt – und die lebendigen Beweise davon gehen herum –, daß ich oft mit einigen Lettern, Abteilungszeichen und Spatiis ausreiche und mit solchen Sanitätsanstalten manchen armen hingedruckten Narren wieder aufstelle. Das Buchbinderblatt ist noch vorhanden, worauf ich den guten eingefrornen Siegwart legte und den Schelm so lange rieb mit Druckerballen statt mit Flanell, bis er seine natürliche Wärme wiederbekam und seine Sprache: gegenwärtig sitzt der ehrliche Schlag, so gesund als ein Hecht im Wasser, bei mir selber zur Miete und zeugt seine jährlichen Kinder und will mit eignen Händen die Supplementbände seiner Lebenshistorie nachstoßen. Der gute Mensch kann – nach Druck und Papier zu urteilen – noch länger leben als ich und Methusalem. – Mädchen voll Liebe werden so leicht scheintot als die Pferde englischer Bereiter oder als betastete Raupen, die sogleich erharten: das frischte mich am meisten an, daß ich neulich an einer gewissen Mariane in einem Roman – von Siegwarts lange verweseter die Namensbase – meinen Teichmeyerschen Lebensbalsam, die Druckerschwärze, versuchte und ihr das antisepticum auf dem letzten Blatte eingab: es gelang wider die Erwartung aller Leser, und in der Ehe, worein sie mit ihrem Wilhelm trat, blieb ich mehr als einmal der ordinäre Gevatter. – Und so müssen mehrere von den Froschschneppern tragischer Federn erspießete Leute und Werthersche Selbstschützen noch am Leben sein, welche es bezeugen können, daß ich stundenlang am Letternkasten gestanden und weder Bleilettern – da Blei ein so gutes Schußwasser gibt – noch Druckerfirnis – das beste Brandmittel – gesparet habe, um ihnen auf einem Blatte das Lebenslicht anzuzünden, das ihnen alle vorhergehenden auszublasen unternommen. – Totgemacht hab' ich noch wenige auf dem Blatt hinter dem Finalstock; nur selten hab' ich einen und den andern elenden, von französischen Romanen mit Wonnemonaten und ägyptischen Fleischtöpfen überhäuften Filou durch ein wenig Öl und Ruß vergiftet oder einen Finanz- und Akzispächter mit der Handpresse erquetschet oder Minister wie Terray mit Druckerahlen erstochen. Ich biete demnach meine Toten-Wecker dem leidtragenden Deutschland in Pleureusen an. Ich mache mich anheischig, Tote jeder Art – sie mögen am Nerven-Pips oder am Gries oder an Hiobskrankheiten oder, wie Großpolen, am verworrenen polnischen Zopf gestorben sein – und nach jeder Zeit – sie mögen schon drei Tage oder drei Jahre unter der Erde gelegen, ja sie mögen schon aus Folio in den kleinsten Format gebrochen sein – – falls nur das Buchbinderblatt, dieses nötige Lüz- und Heiligenbein Nach den Rabbinen stehet der Mensch aus einem unzerstörlichen harten Knöchelchen, das Bein Lüz genannt, von Toten auf. , noch ganz ist, so erbiet' ich mich, alle Tote – nur die in Plutarchs Biographien ausgenommen, zu deren Herstellung mir griechische Matrizen und Patrizen fehlen – wieder so gut zu restaurieren und aufzustellen, daß sie so lange leben als jeder im Buch, nämlich so lange als das Buch. Man schickt mir bloß sein Exemplar ins Haus nebst dem Avis des angeplätzten Helden, der erhalten werden soll, und bekommt dann den signierten Menschen lebendig und genesen zurück. Personalien vom Bedienten- und Maschinenmann Teufels-Papiere S. 509 . Ich werde sie nie auf der Erde referieren – jeder Hund kennt da den Maschinenmann –; aber auf dem Saturn teil' ich sie mit Vergnügen mit. Ich habe einige Hoffnung, nach dem Tode mein neues Jerusalem auf dem Saturn zu finden, da kein anderer Planet solche Lichtanstalten, einen siebenarmigen Leuchter von Monden und eine leuchtende Nachtschlange von einem Doppelring, aufzeigt. Auch kann ich nicht eher selig werden, als bis ich vom verdammten Maschinenmann wenigstens 130 Millionen Meilen absitze – und das tu' ich auf dem Saturn in der Erdferne. Saturnianer! – werd' ich anfangen, noch eh' ich drunten eingesargt bin – das Neueste und Tollste auf der Erde ist der Maschinenmann auf der Insel Barataria, aus der ich vor wenigen Stunden abstieß. Da er mich oft besucht hatte – durch eine Visitenkarte, wie er denn die Reise um die Welt durch bloßes Herumschicken unzähliger Visitenblätter getan –, so macht' ich ihm die Gegenvisite in natura. Der Maschinenkönig war, als ich landete, schon geweckt, seine Bette- und Fenstervorhänge schon aufgezogen, Licht und Feuer schon gemacht – alles von Morgues Wecker. Pater Morgues erfand wirklich einen Wecker, der alle diese Dinge verrichtet. Er und seine Dienerschaft hatten eben die Kinne in die Bartroßmühle In Krünitz' Enzyklopädie B. 3. wird eine Bartroßmühle vorgeschlagen, die in einem runden Gebäude mit Kopflöchern besteht, in welche man den Bart einsteckt, den die Schermesser eines horizontalen, von einem Pferd getriebnen Rades abnehmen; und sogar den Boden dieses Unkrauts mit, das Kinn. gesteckt und wurden von dem darin trabenden Gaule durch ein Mühlenrad in corpore balbiert. Als er glatt war, mußte sein Arm- oder Deltamuskel – so hieß ein Leibpage, der sein dritter Arm war und der das Schnupftuch an ihm handhabte, wenn er niesete, und der ihm Schnupftabak in die Nase eingab wie einem Pferde Arzenei – sogleich laufen und die Sprachmaschine holen und sie seinem Bauche verbinden. Der Maschinenmann griff auf der Tastatur die ersten Akkorde der Ouvertüre, welche hießen: »Ihr ganz Gehorsamster! guten Morgen !« – Ihr Saturnianer hättet ihn oft hören sollen, wenn er als Bruder Redner vor Mutterlogen die feurigsten Mauerreden spielte oder vor dem Beichtstuhl orgelte oder als Professor der Eloquenz ein Stilistikum abfingerte. Weil er nie eignen Wind zum Reden brauchte, sondern fremden: so hätt' er als König von England ganze sieben Jahre fort im Parlamente reden können. Nur Gebete spielte er nicht auf seiner Maschine: sondern der russische Resident mußt' ihm das Beträdlein der Kalmücken Es heißet Kürüdu und sieht wie eine Kinderklapper aus: die Betformeln sind in einer Kapsel an einem beweglichen Stiele aufgerollet – und sie drehen heißet beten. An Orten, wo noch das Tischgebet Gesichter und Hände in Verlegenheit setzt, sollte man zum Betrad greifen und so das Dankgebet vom Bratenwender zugleich mit dem Braten drehen lassen. verschreiben; und daher kam es, daß die Kirchenvorsteher ihm nachsagten, er habe nie für seinen reisenden Landesherrn oder die schwangere Landesherrin ein Schuß-, Stoß- oder anderes Gebet getan, sondern vielmehr im Kirchenstuhl lustig etwas geschwenkt: aber das war ja eben seine Betmaschine und sein Gebrauch davon, und es wurde nachher höhern Orts schön erkannt. Jetzt ließ er sich von seinen Leuten wie einen Kegel aufstellen, um mit mir zu lustwandeln und mir sein Schiff und Geschirr zu zeigen. Sogleich kamen alle seine Träger gelaufen: wenn Fürsten nichts haben als Schleppenträger – Infulträger – Gebetpolsterträger – oder wie der Mogul Betel- und Säbelträger: so hat der Maschinenkönig Uhrträger, Hutträger, Dosenträger, Lorgnettenträger und einen Lektor mit einem Buch unter dem Arm, dessen Velinblätter bei Gelegenheit nach der Pagina – ausgerissen werden. Gleichwohl hab' ichs aus – seinem Munde nicht sowohl als aus – seiner eignen Hand, die mir alles aufrichtig vorspielte: »er sei zum Lastträger verdammt: wer trag' ihm seine Krawatte, seine Stiefel, Strümpfe, Sommer- und Beinkleider und alles? Und wer geb' ihm denn eine Maschine, die ihn in Bewegung setze, ein Gehwerk?« Ich sehe voraus, die Saturnianer, die rings um mich auf den beiden Ringen des Planeten sitzen und mir zuhören, ärgern sich über den Mann; aber ich komme noch besser. Saturnianer, fahr' ich fort, der Maschinenkönig führte mich jetzt in seine Appartements, erstlich ins Schreib- und Studierzimmer. Es ist unbedeutend, daß er nirgends da ein Federmesser hatte, weil er bloß an eine federschneidende Maschine gewöhnet war; aber es ist wichtig, daß es der Mann bereuete, daß er, da er auf der Marterbank des Harmes saß, den Tod seiner Frau an die Freunde herumgeschrieben hatte mit einer Schreibmaschine des Kaiser Josephs, die jeden Brief, den man mit der eignen Hand hinschreibt, sogleich verdoppelt und kopiert. »Ich hätte nichts schicken sollen«, sagt' er, »als einen leeren Bogen Papier, der schwarz gerändert gewesen wäre.« Er hatte ein Buch Trauerpapier zu Trauerfällen für die Zukunft liegen – ferner grüngerändertes, um Ehescheidung zu melden – gelbgerändertes, um seine Hochzeiten anzusagen, und ventre de Biche-gerändertes für Beerbungen. Ich kann aber die Zuhörer auf beiden Ringen verständigen, daß diese bunten Farbensäume schon längst als Semiotik und Signatur der Pariser Notifikationsschreiben bekannt gewesen. Er führte mich darauf in seine Bibliothek zur großen Enzyklopädie von d'Alembert, die in weiter nichts bestand als in einem alten – Franzosen, der sie auswendig konnte und der ihm alles sagte, was er daraus wissen wollte: wie ein Römer (nach Seneka) Sklaven hatte, die an seiner Statt den Homer hersagten, wenn er ihn zitierte, so wünschte sich der Mann herzlich noch einen chemischen Pagen, einen astronomischen, einen heraldischen, einen kantianischen, damit, wenn er etwas schriebe, er bloß die Pagen wie Bücher um sich stellen und in ihnen nachschlagen könnte, ohne selber alles zu wissen. – Das Rechnen, das er fertig konnte – aber nicht das Einmaleins –, betrieb er nicht wie eine Maschine, sondern durch eine Maschine. Er drehte nämlich die Rechenmaschine des Herrn Hahn ein paarmal um, so hatt' er sein Fazit und Spaß dazu. – Warum stellte man nicht längst auf der Erde die Hahnische Maschine, da sie Gewissen hat, als Rechnungsrevisor an? – Der Maschinenkönig schwur, höhere Wesen müßten eine Algeber-Maschine erdenken können: »Seid ihr mit einer versehen, Saturnianer?« fragt' ich. Die Gelehrtenbank auf dem einen Ring und die Ritterbank auf dem andern bat mich fortzufahren, da die Tage auf dem Planeten so äußerst kurz seien, obwohl die Jahre äußerst lang wie meine Erzählung. – Im Erdenleben sind gerade die Jahre kurz, die Lebensalter noch kürzer und das Leben am kürzesten, aber die Tage sind lang, die Stunden noch länger und die Minuten oft Ewigkeiten. Sooft er zum Fenster hinaussah und die Himmel und das weite Meer beschauete, so mußte sein netter, wie ein Almanach gekleideter Page hinter ihn treten und ihm die Schönheiten rührend vorschildern, damit sie ihn stark bewegten. In der Rührung führt' er mich in den Konzertsaal und sagte, er sei der Musik-Direktor und das Orchester: »Nichts ist dabei lebendig: Komponist,« sagt' er, »Notist, Harfenist, Flötenist, Taktschläger, alle sind Maschinen; nur der Zuhörer nicht.« – »Bei unsern Winterkonzerten«, sagt' ich, »ists oft gerade umgekehrt.« Der Komponist bestand aus einem Paar Würfeln, womit der Bedientenkönig nach den im Modejournal gelehrten Regeln des reinen Satzes einige musikalische Fidibus erwürfelte – der Notist war nicht Rousseau, sondern ein sogenanntes Setzinstrument Es ist ein in Berlin erfundenes Klavier, das alles auf ein Papier aufzeichnet, was man darauf spielet. , worauf der Mann die erwürfelten Tonstücke spielte, damit sie aufgeschrieben würden – der von Renaudin in Paris erfundne Chronometre schlug den Takt – Vaucansons Flötenist blies, eine hölzerne Mamsell, von Jaquet Droz geschnitzt, spielte auf einer Orgel mit kartenpapiernen Pfeifen – eine Äolsharfe harfnete am offnen Fenster – der Maschinenkönig war im Himmel – ich in der Hölle. Nun gingen wir zur Tafel, nämlich zur Maschinentafel. Für den Maschinenmann stieg ein kleiner stummer Knecht herauf, der aussah wie eine große Hanfmühle. »Ich käue nie«, sagte der Mann, »und schneide mit den Zähnen niemals etwas Härteres entzwei als die Dentalbuchstaben. Aber meine Käumaschine tut alles.« – Da die Käumaschine aus mehrerem Nußknackern bestand und ihre Weisheits-, Hunds- und Schneidezähne hatte und unten durch Kommunikation zugleich mit dem Bratenwender umlief: so wurde jede Faser seines Gebratenen wie von einem Lumpenhacker fein darin zerstoßen, und nach sechzig Umläufen kam ein fertiger Löffel heraus und reichte dem Manne zu essen. »Sie sehen,« sagte der Maschinenkönig, »ich brauche bloß dabeizusitzen und den nötigen Speichel dareinzutun und dann zu schlucken. Ich hab' es noch nicht erlebt, daß solche Prosektoren nur einen Bissen ganz und zu groß gelassen hätten, welches für einen hysterischen Magen ein verdammtes Camnephez Die Mitlauter dieses Wortes bedeuten diejenigen, die man im Hebräischen am Ende eines Wortes größer als die andern schreibt. wäre.« – Der Mann kann den Tag nur einmal selber reden, und das ist, wenn er sich über dem Essen betrunken hat: auf der ganzen Insel heißet man die Rede die Chrie des Maschinenkönigs. Hört sie an, ihr Saturnianer! »Allerdings ist und tut der Mensch in meinen Tagen schon etwas durch Maschinen: sonst schneuzte er das Licht mit den Fingern – dann mit einer allgemeinen Schere – dann mit einer Lichtschere – darauf mit einer elastischen – dann mit einer neuen englischen – endlich schneuzte sich das Licht selber mit einer an den Leuchter gemachten. Ich will so viel sagen: ich dresche, säe, spinne, kartätsche allerdings durch Dresch-, Säe-, Spinn- und Kartätschmaschinen – ich kann mich, wenn ich muß, mit jedem Edelmann schlagen durch eine eiserne Jungfer, wie Fürsten sich mit Fürsten schießen durch die große eiserne Jungfer einer Armee – ich leugne auch nicht, daß ich gute Claude Lorrains mit meiner camera obscura mache, welche auslöschen, sobald die Sonne weg ist – ich würde undankbar handeln, wenn ich nicht bekennte, daß ich allerdings meine Zeit nicht mehr nach meinen Ideen und Kalendern zu messen brauche, sondern daß sie die Jahres-Uhr und der Datumszeiger nachrechnet, wiewohl noch immer Uhren fehlen, die so lange gehen als ein Mensch, nämlich achtzig Jahre – und niemand weiß besser als ich, daß das kombinatorische Rad Die rotae combinatoriae, die arca artium Kircheriana und dergleichen sind Künste von Kircher, Kuhlmann, Lullius, wodurch einer von einer Sache, die er nicht versteht, bloß vermittelst mechanischen Kombinationen tagelang gut soll reden und schreiben können. Morhof. Polyhist. II. 5. mein geistiges Stirnrad ist, wodurch meine Chrien gehen. Wie gesagt, das alles ist allerdings etwas und schon ein Grad der Maschinenhaftigkeit und wenigstens der Anfang. Aber man verstatte mir einmal über dem Essen, den Menschen zu idealisieren und ihn auf die höchste Stufe der Maschinenhaftigkeit zu heben, so daß er nicht bloß wie eine katholische Heiligenstatue hölzerne Arme und Beine und gläserne Augen und elfenbeinerne Ohren trüge und um sich hängen hätte, sondern auch wie diese einen ähnlichen Rumpf – ich will mir nur einen Augenblick vorstellen, er hätte dann einen papinianischen Topf statt des Magens und handhabte mit Wasserkünsten den getrunknen Wein hydraulisch – es wäre nicht einmal die Zoologie mehr lebendig, sondern ausgebälgt und voll künstlichen Gehwerks, es gäbe Entenställe von Vaucanson, Hundeställe von Vulkan, Taubenhäuser von Archytas, und ganze von Droz, Vater und Sohn, gemachte Menagerien würden aufgesperrt und fräßen nichts – nicht bloß alle Fräuleinstifte und Harems würden zu Lothinnen einmariniert, sondern die Pygmalione versteinerten sich selber zu Statuen – es gäbe dann ohnehin keine schlechtern Ichs als feine, von Materialisten gearbeitete, mit Gehirnfibern und deren Longitudinal- und Transversalschwingungen bezogne Ichs – ja die Sache wäre übermenschlich herrlich, und die natura naturans wäre verraucht, und nur die natura naturata wäre auf dem Boden geblieben, und die Maschinenmeister würden selber zu Maschinen: – – wenn das wäre, frag' ich, mit welchen namentlichen Vorzügen würde dann die Erde angeputzet sein, die jetzt so voll Löcher und Lumpen dasteht? Ich meine nämlich, wenn dann ein guter Kopf sich auf eine Anhöhe begäbe und ihre Vorzüge überzählte, schon aber vorher wüßte, daß ein Wesen desto vollkommner ist, je mehr es mit Maschinen wirkt und je weniger es eigne Arme, Beine, Ideen, Erinnerungen erst mit sich zu schleppen braucht, und daß eben darum das von allen Maschinen entblößte Tier auf der untersten schmutzigen Stufe liege, daß der Bauer, der einige handhabt, schon auf einer höhern sitze, der Handwerker mit mehrerem auf einer noch höhern, und daß die große Welt, welcher die meisten ansitzen, auf der höchsten stelle, mit welchen Vorzügen würde dann wohl der überzählende Kopf die Erde übersäet finden? – Beim Himmel! ganz gewiß mit Quietismus, Fohismus, Apathie, Asphyxie, Rentierer- und Hofdamen-Leben, Nichtssein voll Alleskönnen – woran aber wirklich vor Deutschlands neunzehntem Jahrhundert kaum zu denken ist.... Ganz natürlich fragen mich dann die Saturnianer auf ihren Ringen: »Welches war denn das Lebens-Jahrhundert deines Maschinenkönigs?« »Das achtzehnte!« sag' ich. »Aber wie schreibt er sich denn eigentlich?« fragen sie weiter. »Ebenso« – (sag' ich) – »nämlich das achtzehnte Jahrhundert.« »Und das ist der Grund, Saturnianer,« fahr' ich fort, »warum ich drunten nie dem Leser den Maschinenkönig schildern wollen: denn das merkt ihr doch beim Henker alle, daß er der – König selber ist.« – – Fabel Der zepterfähige Bär Teufels-Papier S. 413 . Als die Tiere für den erledigten Thron des Löwen einen König suchten: so schlugen einige gute Köpfe den Bären dazu vor. »Das ist so gut,« sagte der Fuchs, »als schmeißen wir den armen Petz mit Prügeln tot: denn sein dünner mürber Kopf Der Bär hat bekanntlich den schwächsten Kopf und die stärksten Tatzen. bricht am ersten Tage unter der schweren Krone ein; er kann keine halten.« – »Kann ich auch« – fuhr der Bär los und quetschte den Hals des denkenden Fuchses probationsweise zwischen den Tatzen – »keinen Zepter halten?« – Der Fuchs sah sich eines Bessern belehrt, und der Bär ward Thronfolger, und die Krone saß eben auf seinem mürben Haupte als Helm gegen fremde Zepterschläge. Auszüge aus Briefen An Herrn Lavater in Zürch. »Ein großer Kopf leuchtet für die Nachwelt sanfter und wohltätiger als für seine Mitwelt: Menschen, die an dem Vesuv der Freiheit und des Lichts schnell auf dem zurückrollenden Boden auflaufen, stoßen denen die losen Steine auf den Kopf, die hinter ihnen klettern. – Ich glaube, von diesem brieflichen Gedanken mach' ich einmal gedruckten Gebrauch; wie ich denn wünschte, daß mehrere Sie nachahmten und frappante Gedanken, die sie in Briefe verstreuen, daraus sammelten und dann publik machten etc.» An Madame **. »Aber oft, wenn ich ein so junges liebes Herz, das auf dem Avers voll religiöser Wünsche, voll zweiter Welten und Gottheit ist, umwende, so find' ich auf dem Revers einen hübschen jungen Menschen eingeätzt, so wie etwan gewisse geschnittene Steine (die sogenannten Skarabeis) auf der vertieften Seite eine Gottheit eingeschnitten zeigen und auf der erhabenen einen wohlgetroffenen - Käfer . Sehen Sie doch bei den Herzen Ihrer Demoiselles Töchter nach!« – An den Kammerherrn ** . »Sein Sie ohne Angst und hoffen Sie mit mir, daß es nur Spaß ist. Wie die Sparter zwar der Furcht Anbetung und Tempel weihten, sie aber selber nie im Krieg und Frieden hatten: so dürfen wir beide uns damit beruhigen, daß Ihr Hof die Religion ge wiß nur mit Hofkirchen und Hofpredigern und Kirchenmusiken versorge, ohne sie selber im geringsten zu haben.« – An den vornehmen Handelsherrn in B. »Jetzt, mein Teuerster, kosten die Weiber den Ehemännern fast nichts; aber sonst, in der Universalhistorie, waren sie schlimm. Welche Frau will, wie sonst die persische Königin vom persischen König, eine besondere Provinz zur Anschaffung ihres Halsschmuckes, eine andere für den Gürtel haben usw.? Beim Himmel! der vollständige Anzug einer Frau mit allen ihr inkorporierten Pretiosen kostet jetzt weniger, und mit dem ganzen Vermögen, das etwan ein mittelmäßiger Handelsherr besitzt, getrau' ich mir sämtliche Schulden seines Weibes abzustoßen; das sah ich am besten, sooft einer der Frau wegen fallierte. Überhaupt leidet ein ordentlicher Mann nicht sowohl unter dem Schuldenmachen als unter dem Schuldentilgen. Denn jenes ist nichts als eine stille Vergrößerung seines Kredits, dieses merkantilischen Elementargeistes, und wer eine halbe Million schuldig ist, der hatte offenbar eine halbe Million Kredit; und Schuldbriefe sind bloß akzeptierte Kreditbriefe. Das Rad der Fortuna fährt den Stehenden und rädert den Liegenden. Inzwischen etc.« An Herrn von – – in – im –. »Von großen Menschen sollte eine gewisse Milde, Bescheidenheit und eine auf Geringfügigkeiten merkende Menschenliebe – und dieses ist eigentlich die Höflichkeit – noch seltener geschieden sein als von mittelmäßigen, wie Leuten von langer Statur durch ihre abgebrochnern, eckigern und mißfälligern Bewegungen das Tanzen nötiger wird als Zwergen. Jene Menschenfreundlichkeit ist die Mosisdecke über dem strahlenden Angesicht; eine Art Menschwerdung, die uns an ihnen so erquickend tut als mir in meiner Jugend an der Sonne das ihr eingemalte Menschenangesicht im Kalender.« An einen Administrator der preußischen Witwenkasse. »Wir verabscheuen unsere Fehler nicht eher oder stärker, als wenn wir sie verabschiedet haben, wie uns unsere körperlichen Absonderungen nicht eher zuwider sind, als bis sie keine Teile unsers Leibes mehr vorstellen.« An J. P. »Am Ende sind witzige Ähnlichkeiten so wahr als scharfsinnige . Witz ist vom Scharfsinn nicht durch den kleinern Grad der entdeckten Ähnlichkeit verschieden – denn Ähnlichkeit als solche ist bloß Gleichheit von weniger Teilen, mithin ohne Grade –, sondern durch die kleinere Zahl derselben, die sich meistens noch auf unbedeutende Zufälligkeiten beziehen. Daher gewährt oft beim ersten Anblick eine scharfsinnige Erfindung das Vergnügen einer witzigen, weil man an ihr noch nicht aller der Ähnlichkeiten ansichtig geworden, die sie zu einer scharfsichtigen erheben. Daher sehen vielleicht höhere Wesen das bunte glatte dünne Band, das der Witz spielend um schöne Formen wirft, mit beiden Enden um die Schöpfung laufen; daher mag ihnen unser Witz oft Scharfsinn dünken, und unser Scharfsinn Witz, z. B. dieser.« – An den Redakteur und Schulrat Stiefel in K. Teufels-Papiere S. 330 . »Die ganze gelehrte Welt sei langsam, nur kein Rezensent. Es ist schändlich, das Urtel über einen gedruckten Inkulpaten so lange aufzuschieben, bis er im Gefängnis verschieden ist, und, wie Moses, nur toten Sündern Ehrenstrafen anzutun; noch häßlicher ists, einem Werke wie dem Dichter Tasso erst ein paar Tage nach dem Tode einen Triumphwagen zu geben und so das Wesen mit dem Weihrauch mehr einzubalsamieren als zu parfümieren. Der Bücherrichter, der auf diese Art das Urteil nur bestätigt und wiederholt, welches das Publikum längst gesprochen hat, gleicht dem Jüngsten Gericht, das uns alle erst in die Hölle wirft oder in den Himmel, nachdem wir schon mehrere Jahrtausende in beiden gesessen. Bedenkt man noch die zeitige Hinfälligkeit der Novitäten, deren größte Anzahl an ihrer Anzahl sterben, deren viele an ihrem Geburtstage und andere an ihrem Verleger den Geist aufgeben, deren einige durch ein frühes Alter und wenige durch Würmer hingerafft werden: so ärgert man sich grün und gelb, daß die Rezensenten mit ihren Fliegenwedeln und Fliegenklappen und Fliegengiften ein paar Stunden nach Sonnenuntergang anlangen, wenn die Eintagsfliegen schon lange maustot sind. Besonders können die Romanenschreiber darauf bestehen, das das Gesetz Karls des Großen Carol. M. LL. §. 58. in Mösers patr. Phantasien. , das an Gerichtstagen die Armen zuerst anzuhören und abzufertigen anbefiehlt, ihnen ganz zustatten komme, es sei nun, daß man es von Gehirnkammern oder von Speisekammern auslege. Bloß zweierlei Werke brauchen gar keinen schnellen Tadel: die Musenkalender, die das Publikum von den Autoren, wie die Sineser andere Kalender von dem Kaiser, nehmen muß, und die als bunte Schaugerichte auf den Toiletten aufgesetzet stehen müssen ohne Hinsicht auf Eßbarkeit – und die Lust- und Qualspiele, welche kein Mensch lieset, aber jeder (sie mögen verurteilet sein, wie sie wollen) besucht und aufführt und die stets den Gerichtsweg vom Buchladen zum Kramladen, vom Gefängnis zum Richtplatze mit Ehre und Ruhm unter der Begleitung von vielen tausend gerührten Zuschauern und des lachenden Pöbels zurücklegen. – – Überhaupt kann man in unsern Tagen nichts zeitig genug loben, und man hat keine Minute zu passen. Z. B. An einem Fürsten würd' ich die vielen Regententugenden, von welchen die Reisenden abreisen und erzählen, nach meiner Art erheben, wenn er noch Kronprinz wäre; ja ich setzte – weil er da um so weniger durch Reden verdorben wäre je weniger er es selber noch könnte – ihm schon, wenn er als zartes Kind das Ordensband umbekömmt, meinen Lorbeerkranz für alle undenkliche Zeiten auf. – Wer einer jungen Residenzstädterin für die unbefangenste Unschuld, für die gänzliche Unkunde aller Eroberungskünste und Prätensionen das gehörige Lob zu zollen wünscht, der lasse Butter am Feuer stehen und zoll' es, ehe sie öffentlich auftritt und ihren ersten Walzer austanzt. Ist das Mädchen von höherem Stand, so geb' er ihr den Preis mit der Milch, wenn er Amme ist. – Ein jüdischer Proselyt, der gleich den Metallen oft zwei Sakramente bekommt, indem er nämlich wie Gold von Juden beschnitten und wie Glocken von Christen getauft wird, muß wegen seines echten Christentums schon beim ersten erhoben werden, wenn der Prophet Elias Bei der Beschneidung stellen die Juden immer einen Stuhl für ihn hin, damit er darin dem Sakramente zusehe. dabeisitzt und die Sache bezeugen kann. – Die Jakobiner, die wie die elf Apostel lebten und wie der zwölfte verschieden, haben wir alle zu ihrer rechten Zeit hinlänglich verherrlicht; hingegen bei dem Teufel war nie der rechte Zeitpunkt zu erwischen: denn schon mitten unter seiner Schöpfung hätte man ihn bekränzen müssen, weil er sogleich im zweiten Augenblick Die Scholastiker fochten untereinander, wenn der Teufel – ob im ersten oder zweiten oder dritten Momente seines Daseins – das erstemal sündigte. Damen, die nicht bis zur Quelle, nämlich ad 2. dist. 5. et 1. Thom. q. 63. art. 6. steigen können, verweis' ich bloß auf Voetii Sel. disput. P. I. p. 919. darauf – ja Steuchus Eugubinus meint gar, es war der erste – sich in Sünd' und Schande wälzte und sein eigner Versucher gewesen war. – Mein Wunsch ist nur der, daß Bücher wenigstens so früh gelobt werden wie der Teufel, so daß sie nicht mit der selbstrezensierenden Vorrede, sondern mit der Rezension selber anfingen, wiewohl es immer besser wäre, wenn die Literatur- und jede andere Zeitung von 1798 nichts rezensierte als Werke von 99, und wenn alle Autoren sich untereinander verschwören, nichts herauszugeben, als was vorher mit Beifall öffentlich angezeigt und aufgenommen worden wäre. – Falls Sie das erwägen, mein Stiefel, usw.« – Neunter Reise-Anzeiger Fata: der Irrgarten – der Gethsemane-Garten – das Paradies-Gärtlein Werke: (der Liebe, nicht der Not): siehe Fata ! »Nicht nur ich und du «, sagte Siebenkäs, »haben uns verdoppelt und umgetauft, sondern der Reichsschultheiß da auch – du siehst hier den Schulrat Stiefel aus Kuhschnappel vor dir, und die angebliche Reichsveste ist der Gasthof zum Reichsadler.« – »Derselbe Rektor,« – setzte Stiefel freundlich dazu – »dessen Wenigkeit Sie in Ihren Werken hier und da biographisch und nekrologisch gedenken.« – Der Most der Freude nahm mir mit seiner Weingärung den Kopf ein, und ich hielt gleichsam die Baurede auf dem Babelturm herunter an die Bauherren – ich sagte, so sei gewiß dem Doktor Jonas gewesen, wenn er zu lange aus dem Trinkglas geschöpft, das ihm Doktor Luther verehrte und das noch in der Nürnberger Stadtbibliothek vorhanden ist – »tausendmal willkommen, teuerster Pelzstiefel!« sagt' ich wieder, weil ich mich ganz vergaß – »wir alle passen ja als herrliche dii ex machina in den neunten Anzeiger«, sagt' ich weiter – »und in den zehnten Mai!« beschloß ich. Firmian wollte wissen, wer dieser Mai sei; aber ich wollt' es nicht eher sagen, bis er mir von dem Farflerschen Kunstwagen Man kann sich damit selber fahren. Er ist in der Stadtbibliothek. , worauf sie beide so plötzlich hergekommen, und von den Verkettungen und Dutzendringen des Zufalls, die er zum Nürnberger Dreieinigkeitsringe unsers Kleeblatts ineinander gewunden, die Decke abgezogen hätte. Er tats: es war weiter nichts, als daß er einen Prozeß, den er im Unctuarium Unctuarium ist das Nebengebäude der Palästra, in welchem man sich vor dem Ringen mit Öl beschmierte, Conisterium ist dasjenige, worin man sich vorher mit Staub besäete zum festern Fassen. Aber im Texte werden nicht die Kämpfer , sondern die Richter mit Öl geschmeidig und mit Staub blind gemacht. der ersten Instanz und im Conisterium der zweiten verloren, in der Palästra von Wetzlar ersiegt und sich darauf sogleich fortgemacht hatte – daß Herr Ex-Schultheiß ihm geschrieben, er tue eine gelehrte Reise nach Nürnberg, um in dieser berühmten Stadt die Ab- und Aufrisse derselben (in der Landkartensammlung) zu besehen und in den großen Bibliotheken die Inkunabeln – daß Firmian also gern mit ihm zusammengetroffen – daß ihm Natalie geschrieben, wie ich gleich einer philosophischen Idee oder einer Mode und Narrheit mich unter einem neuen gallischen Namen angekündigt, um Entree zu erhalten – daß er mich als Namens-Wipper und Kipper durch den kassierten Schulzen mit Recht ein wenig halbtot quälen wollen – und daß ihm und dem Schulrate eine geschickte Kopie des Reichsschultheißens darum so leicht geworden, weil nicht nur sie beide gar nichts vom Urbilde wüßten und kannten, sondern auch ich – und daß Stiefel, der in zwei bis drei Sättel gerecht sein mußte (weil man nicht wissen können, gäb' ich mich für den Comte oder für mich oder für den Inspektor aus), in diesem Spaße den vigilanten Kopf gezeigt. – »Nun aber dein zehnter Mai, was will der?« beschloß er. »Daß ich ihn heilig halte und feiere, will er,« (versetzt' ich:) »denn vor einem Jahre gab er mir eine Verlobte.« Dem Leser wurde ja nichts verhalten, wenn er sich noch auf das Ende des ersten Bändchens besinnt. Ich offenbarte meinem Firmian noch meine Bangigkeit über das Ausbleiben der Briefe, sogar des Passes, sogar nachdem ich am ersten Mai wieder geschrieben. Ein Freund übergoldet an einer Winterlandschaft der Furcht, womit die Phantasie das Herz seines Freundes behängt, wenigstens den Rahmen: Firmian gab mir, wie gewöhnlich, manchen Trost, den der Getröstete wahrscheinlicher finden soll als der Tröster selber, und ich sagte ihm, die Hoffnung und die Stärke, an die er mich verweise, glichen der messingnen Hoffnung und Stärke im Brunnen des Lorenzer Kirchhofs Zweiundachtzig Zentner Messing sind in diesem Brunnen zu Tugendbildern vergossen. , aus deren metallenen Brüsten nichts als Wasser rinne. Das Beste war, daß ihm mein Brief, den ich im Irrgarten an Hermine (wie den an ihn) geschrieben, und der zehnte Verlobungs-Mai den Vorschlag eingab, in den Garten zu gehen und da unsere heutige dreifache Vereinigung und noch meine kleine zweifache unter den Sternen zu feiern. »Ich bin besonders begierig«, sagt' er scherzhaft, »auf das aufgehangene Baireuther Blech in der Laube.« – Die Bill ging mit einer Majorität von drei Stimmen durch, besonders da der graue Milchflor des Wolkenhimmels sich immer weißer und zerrissener wusch. Ich als Wetterverständiger sah noch dazu voraus, daß nach zehn Uhr (dieses zehnten Maies), wo der Mond voll wurde, der Himmel leer werden müßte, nämlich blau. Wir kamen unter Frühlingslüften, die den Reiseflor des eiligen Mondes immer weiter aufdeckten und zurückbliesen, in dem spielenden Garten an, der bald ein Nachtstück, bald ein Blumenstück wurde. Der Schulrat verließ uns, weil er den Garten, der als ein alter Korrelations- und Bildersaal des Harsdörferschen Blumenordens ihm nicht gleichgültig sein konnte, Stück für Stück durchschreiten wollte, um ihn zu aichen wie Herschel den Himmel, und um darauf der gelehrten Welt über dieses poetische Areal ein Wort zu sagen: unter dem Monde hatte der gute Rat keinen andern Wunsch, als auf der lesenden Erde ein solches Licht der Lesewelt zu werden, daß er droben einen Flecken Leserinnen werden wissen, daß die Mondsflecken den Namen großer Gelehrten führen. vorstellen könnte. Als ich so allein zum ersten Male mit meinem Freunde ging, und als die umherfliegenden Wolken die grüne Erde zauberisch auf- und zudeckten: so regte sich die Sehnsucht wie ein lebendiges Kind in meiner Seele, und ich fragte ihn, ob er nicht ein paar Sternbilder aus dem Himmel weggäbe, könnt' er dafür das Bild seiner Natalie im jetzigen haben. Er sagte mir, er sehne sich sanft nach ihr, aber nicht schmerzlich, und die Ehe müsse überhaupt – und er könne als Veteran ein Wort mehr reden als ich – gleich einem Winterhause weder zu warm noch zu kalt gehalten werden, damit die Gewächse weder erfrieren noch treiben. »Man schweigt allerdings«, sagt' ich, »zweimal in der Liebe, das erstemal aus Furcht, das zweitemal aus Vertrauen: das einemal im stummen Vorfrühling des Herzens, wo die Blicke noch zu laute Worte sind und wo jede Seele in ihrem dunkeln Laube für die andere reift; das anderemal im Nachsommer des Herzens, wo zwei vertrauende Menschen schweigend, erinnernd und genießend auf der erreichten stillen Höhe nebeneinander stehen, wie man im Frühling auf einem hohen Gebirge die Sonne über die glänzende Ebene aufgehen sieht, aber das Morgengeschrei der Vögel, die darin und darüber schweben, oben nicht vernimmt.« – Ich sah jetzt den armen einzelnen Schulrat in einen Laubengang verschwinden, und ich dachte an das so treu geliebte und so treu liebende, vom Leichenstein verschlossene Herz seiner Lenette: in dieser Minute fingen tief im Garten zwei Waldhörner ihre wogenden zurückweichenden Töne an. »O das hast du geordnet, guter Firmian,« (sagt' ich) »aus Liebe gegen meine Hermine und den heutigen Festtag,« und umarmte ihn, und die warmen Töne sagten meine Liebe aus, als ich an seinem Busen schwieg. Aber unter der Tonkunst schwillt das Meer unsers Herzens auf wie unter dem Mond die Flut: und die Unsichtbarkeit meiner Hermine erinnerte mich immer daran, mit welcher verheimlichten Qual Kinder, Eltern, Gatten, welche die Zeit oder die Ewigkeit auseinander geführet hat, nun ihre Feste einsam feiern, die sie sonst verbunden erlebten. Da wir nun näher auf die Laube zukamen, worin ich Herminen vor zehn Tagen so bekümmert geschrieben hatte – und da die Wolkenschatten wie Menschennächte flogen, und da der finstere Hain sie durch die Töne einzuziehen und dann zu verschlingen schien – und da mir alles, was um meine Seele war, Firmians Wort vorhielt, daß die Toten eingelegtes Bildwerk der Erde sind und wir erhobenes, daß wir Bilder sind, welche die Bilderuhr der Zeit unter dem Ausschlagen einer Stunde herausdrehet und dann zurückreißet –: wurden mir da nicht vom Schicksal selber die Farben gerieben, woraus ich mir das Gemälde einer einsamen Zukunft und eines Tages bilden konnte, wo einmal entweder ich oder sie den Verlobungstag nur abgetrennt und trübe begehen? Und kann dann vor solchen Gemäldeausstellungen ein übergehendes Auge, ein von Liebe und Trauer bewegtes Herz und eine Sehnsucht ohne Schranken verboten sein oder verborgen werden? – O wer nicht zuweilen zu viel und zu weich empfindet, der empfindet gewiß immer zu wenig! – Als ich vor meinem Firmian nichts verdeckte, was in meinen Augen hing und worauf meine innern blickten: so stand er, noch eh' wir die Laube sahen und während eine lange Wolke sich über den Mond wegschleppte, auf einmal still und sah mich gerührt und forschend an; ich antwortete schnell und wollte heiterer scheinen: »Ich bin darum doch froh und durch deine freundliche Mühe glücklich: die Stöße des heutigen Tages haben nur mein Inneres zu sehr aufgelockert und zerlegt – bei solchen Erdbeben läuten die Glocken sich selber, wenn man auch das Glockenseil nicht anrührt.« – »Sei aufrichtig gegen mich,« sagt' er: »weiter ists nichts als ein Glockenspiel der Erinnerung?« – »Ja, Geliebter,« (sagt' ich, hingerissen vom Freunde und von der Freundin) – »eine Totenglocke geht mit darunter – Aber kann ich denn an einem solchen Tage meine Hermine vergessen und ihr Stummsein und ihre Einsamkeit und ihre Entfernung? Ach Gott, wie innig würde sie sich an einem solchen Abend erfreuet haben unter uns!« – Aber nun traten ihm die sanften Augen über, und er umarmte mich und sagte. »Ich kann dich nicht mehr täuschen – ja, sie ist da mit Natalien, hier im Garten – in der Laube.« Ich riß mich aus seinen Armen und ließ ihn einsam da, lief aber beschämt zurück und küßte ihn und sagte: »Habe tausendmal Dank, du zu gute Seele!« – »Geh nur, geh nur,« (sagt' er, sanft zurücktreibend) »sie ist eben allein – weiß aber nicht, daß du schon im Garten bist.« – Und nun drang ich gerade über Gesträuche und Gras auf die Laube hin – und mein Freund behielt, gleichsam die fremde Seligkeit langsam durch- und nachträumend, den längern Weg eines bedeckten Laubengangs – und ich sah bald in der durchsichtigen Laubhütte eine sitzende weiße Gestalt von mir gegen den Eingang und den Mond gekehrt, ich zweifelte aber unter dem Schatten der breiten Wolke noch, ob es nicht Natalie sei, bis die Gestalt sich traurig aufrichtete und ich aus dem gehalteneren Gange und der höhern Länge sah, daß es Hermine sei. Ich rief nicht, um sie nicht zu erschrecken. Sie trat aus der Laube mit einem leisen Nachsingen, gleichsam mit einem harmonischen Ausatmen der geblasenen Liedermelodien. Aber da sie ein kurzer Bogenweg endlich gegen mich richtete – und da die fliegende Schattenschleppe der Wolke sich von mir wegzog – und da Hermine sah, zweifelte, aufhörte zu singen und zu gehen, und ich heftiger eilend den leuchtenden Regen der Freude aus den Augen schlug, und da sie mich endlich erkannte und mir nun schneller und lächelnd und wie ein Engel des Friedens mit ausgestreckter Hand entgegenging, und da sie, wie eine Sonne, aus dem zerstiebenden Wolkenschatten trat und nun im vollsten Strahlenglanze schimmerte, weinte und lächelte: – – so wurd' ich ja viel zu glücklich für meine Fehler – und das Regengewölke des irdischen Lebens wurde voll Licht – und wetterleuchtete vor ätherischer Fülle, und ich sank unter den Blitzen der Entzückungen mit den Augen an das himmlische Herz und konnte nur sagen: »Ach Hermina!« – Aber ich hob schnell die abgetrockneten Blicke auf, und da ich wieder so nahe diese auferstandne verklärte Gestalt an mir hielt und da ich das freundliche Auge, den liebenden Mund und die helle wolkenlose Stirne wieder fand: so fragt' ich nur aus Liebe: »Liebst du mich noch?« und unterbrach die gütige Lippe, weil ich nicht zweifelte – o! da wurde das ganze Herz dem warmen Regen der liebenden Wonne aufgedeckt – und die Sterne zitterten um uns wie glänzende Freudentränen – und die lichten, hintereinander gereiheten Wölkchen standen als weiße Regenbogen des Friedens im Himmel – und ein sanftes Rauschen wie das eines verwehten Gewitters blätterte den Garten auf, und irre weiße Dunstflocken des blauen Äthers wiegten sich auf den Tönen der Hörner und zerflatterten harmonisch aufgelöst in lichte Punkte, die den Mond umzingelten. –- O fühlt ihr nicht, ihr Menschen, in den mit ewigen Flammen bezeichneten Stunden des Wiedersehens, wie der Mensch lieben kann? Ach wenn nur unsere Toten und unsere Abwesenden allein die selige, von blassem Mondlicht und von farbiger Blumennacht sanft überzogne und verworrene Zauberinsel des Ideals bewohnen: fühlt ihr nicht, daß euch in der epischen Stunde des ersten Blicks der wiedergefundne Geliebte noch auf dem Ufer dieser Insel empfängt, und daß er, eh' er mit euch von ihr weicht, in ihrem weiten Heiligenschein so geliebt und so leuchtend und erhaben steht wie die hohen Geister und Schatten um ihn? – Ich fragte Hermine, auf welchen glänzenden Flügeln der Morgen- oder der Abendröte sie gekommen sei; aber hier in der kurzen Einsamkeit fand das übervolle Herz, durch welches alle weiche Szenen der Versöhnung und Liebe wieder zogen, die bisher in der Entfernung dadurch gegangen waren, keine Lippe und kein Wort. Allein da unser Firmian und ihre Natalie aus dem Blätterschatten traten, so konnte sie sagen: »Unserem Freunde und unserer Freundin haben wir diese Stunde zu danken.« – Die feurige Natalie ließ meine grüßende und dankende Hand bald fallen und drückte auf ihre Lippen und Augen Herminens Hände küssend und hüllete den zärtlichen Anteil in mutige Freude ein. – Durch Briefe ward nämlich der Reiseplan angelegt: Natalie, welche mehr das Reisen (wie Hermina mehr das stille Bleiben) liebte, hatte Herminen gebeten, sie zu ihrem Firmian entgegen zu begleiten; aber dieser Wunsch war nur die Blumendecke des zweiten gewesen, daß die sieche Freundin auf der Lustreise eine Bewegung, einen unbedeckten Frühling und vielleicht eine kleine Freude erlange. Hermine, deren Unruhe über meine Verwickelungen mir Firmian vorhin schonend verschwiegen, war von ihm bisher durch kleine Täuschungen beruhigt und vom Helfen abgehalten worden, weil er gern die meinige durch den Schulrat vollführen wollte. Da sie, weniger wagend und mehr schonend und zurückgezogen als Natalie, in keinen überraschenden Trug gewilligt hätte: so wurde ich und sie mit dem nämlichen überrascht. Der Schulrat hatte bloß Natalien zu Firmian gerufen, als sie mit Hermine die von meinem letzten Brief bezeichnete Laube teilte. – – Jetzt wurden am Sternenhimmel immer größere Abgründe blau – die Töne gaben unsern Freuden, wie vorher den Schmerzen, Flug und Stimme – jeder Gedanke, der durch die erleuchtete Seele ging, zog darin, wie Schiffe im mondhellen Meer, eine lange schimmernde Straße – die Erde selber glitt mit uns als ein Lustschiff durch den Äther dahin, und die Wolken-Segel flogen am Himmel, und wir schifften eilig und tönend vor dem zurückfliegenden Monde vorbei. »Lasset uns unsern Schulrat suchen«, sagte Firmian, »und recht fröhlich zusammen sein – man sollte jede Weinlese recht abbeeren und auskeltern, denn nichts kommt ja wieder – es gibt nur bewegliche Feste der Freude – die lyrischen Stunden des Herzens sind nur einmalige Gelegenheitsgedichte, und die Wiederholung der Bravourarien im Singspiel des Lebens wird auf dem Zettel verbeten.« »Nun, so mags!« (sagte schnell Natalie) »die Unglücksfälle lassen, wenn sie uns auch ganz abrupfen, uns doch wie die Raubvögel Nach der Meinung der alten Naturforscher. das Herz übrig.« »Und wenn auch die Freude eilig ist,« (sagte Hermine und blickte ihre Freundin recht erheitert an) »so geht doch vor ihr eine lange Hoffnung her, und ihr folgt eine längere Erinnerung nach« – »wie im Polarfrühling«, setzt' ich dazu, »lange das Bild der Sonne aufgeht, eh' sie selber kommt, und im Polarherbst ihr Bild noch scheint, wenn sie selber auf lange unterging.« »Aber«, fuhr ich fort, »welchen Himmel braucht wohl ein Menschenherz, dem ein zweites verliehen ist? In diesem hohlen Nieten-Leben, wo unsere Wünsche und Zwecke nur Stufen und keinen Gipfel finden, wo unsere Taten mehr andere als uns beglücken können und wo die reichste Seele zuletzt als eine zerbröckelte Sandwüste voll zerschlagner Felsen und Kristalle dasteht, in diesem Leben werden wir nur von der Liebe wie von einer zweiten Welt gefüllt; und mitten im Totenhause der Vergänglichkeit und an Gräbern und auf dem eignen Sterbebette fühlet doch ein Herz, das glücklich liebet, nichts als Unsterblichkeit.« – Und indem ich dieses sagte und indem wir den Schulrat, der unverschuldet ohne die geliebte Seele lebt, aus dem Haine kommen sahen: so dacht ich an meine Pflichten und Fehler und gelobt' es still und warm, dieser Geduldigen Hermine das Leben tragen zu helfen, wo es zu schwer auf liegt – ihr noch eine Freude zu machen, ehe sie dahin ist oder ich – mit ihr in der Jahrszeit des Lebens, wo noch die Nebel des Schicksals fallen, ins Freie unter dem warmen offnen Himmel spazieren zu gehen, eh' das wolkige Alter einbricht, wo alle Nebel steigen und den ganzen kurzen Tag verfinstern. Ach ich sehnte mich jetzt schmerzhaft nach einer einsamen Minute, worin ich ihr das alles entzückt gelobte; da ich ihr heute ohnehin noch wenig sagen konnte. Der Schulrat, durch fremde Bande an den Riß des seinigen erinnert, sagte zu uns, aber mit fester Stimme: »er habe heute zu oft an seine selige Lenette gedacht – er habe sich zwar längst in Gottes Fügung ergeben – aber es sei jammerschade, daß ein so junges gutes Herz verwese – und er habe sich nun fest entschlossen, ihre Leichenpredigt mit einigen Lebensumständen in den Druck zu geben, zumal da ich in den Blumenstücken oft über ihre erheblichsten leicht weggegangen sei.« Lächle nicht zu sehr, Leser, sondern nimm wie ich mit Achtung die Provinzialismen und Hebraismen auf, womit sich das göttlich eingegebene Evangelium der Liebe ausdrückt. – Mich macht' er nur weicher und meinen Wunsch einer stillen Minute nur wärmer. Da wir jetzt nahe an die Hornisten kamen: so riet der Schulrat, wir sollten sie die Finalkadenz und den Schwanengesang abblasen lassen und wegen der kalten Nachtluft nach Hause gehen und da in der Wärme recht fröhlich sein. Wir gehorchten willig seiner Sorge für die zärtere weibliche Gesundheit. Und unter dem Scheiden und im letzten Annähern der Laube des Wiedersehens ergriff die Sehnsucht, Herminen mein Herz und meine Gelübde zu zeigen, mich immer heftiger, weil mein altes Gefühl der Eitelkeit aller irdischen Dinge wieder kam, das den Menschen allzeit anfället, wenn er etwas endigt, es mag nun sein eignes Buch – wie dieses hier – oder ein fremder Roman, oder ein Jahr, oder das Leben selber sein. Ja wäre nur – sagt Firmian mit Recht – bei unserem ewigen Hin- und Hergang vom Vergnügen zum Schmerz, vom Gefühle der Gesundheit zu dem der Entkräftung, vom aufstrahlenden Feuer des Kopfes und Herzens zur finstern Kälte in beiden, wäre da nur die Täuschung des allmählichen Überganges und der Zeit nicht, die durch ihren Dazwischentritt die Nachbarschaft dieser Extreme versteckt: so läge das Gefühl der Unbeständigkeit noch schwerer auf uns, wie es im Alter wirklich liegt, wo vielfachere Erfahrungen jedem Zustand die Larve seiner Ewigkeit abgezogen haben und wo der müde kalte Mensch sich nur noch im Mondlicht der zurückscheinenden Jugend sonnet. – – Auf einmal, da ich nahe an der Blätter-Klause auf ein Mittel einer kurzen Absonderung dachte, nahm Hermine meine Hand und hielt mich sanft zum langsamern Gange – und dieser war das Mittel und schauete mich mit unaussprechlich-schönen vollgefüllten Augen an, gleichsam als fragte sie: »Hast du mir nichts zu sagen? O wenn du wüßtest, wie voll diese stumme Seele ist, und wie gern sie mit dir spräche, und wie meine Freude doch lieber weint, als spricht und lacht.« – Und als ihr Wunsch meinen erfüllte und ich langsamer ging, blickte Firmian sich ein wenig um und ging sogleich schneller mit seinen Lieben. »Gute Hermine,« sagt' ich vor der belaubten Einsiedelei, »an was dachtest du vorhin so allein in unserer Laube des Wiedersehens?« –»An uns,« (sagte sie stockend und gerührt) »an deinen Brief, den du mir darin geschrieben hast, und mit unnennbarer Rührung an unser heiliges Verlobungsfest vor einem Jahr« – (»Mehr! Sage mir mehr, Hermine«, unterbrach ich sie.) – »Und deine Besorgnis um mein Leben rührte mich innig – und wenn ich nachts Musik höre, wie in jeder Freude, so denk' ich immer an meine gute Mutter – und dann sah' ich dich kommen.«... Sie hörte auf, aber die treueste Tochter wurde nur durch die heißen Tränen der kindlichen Sehnsucht stumm. O du schöne Seele! eben dieses Schmachten nach der hinaufgegangnen Mutter und dieses innere Zerfließen über die irdische Einsamkeit hast du heute den Augen der Freude gern verdeckt und es in Heiterkeit verkleidet! – Ist es nicht oft größer, die eigne Träne verhehlen, als die fremde abtrocknen, und ist nicht oft das schöne weibliche Herz der Blumenkelch, worin der Tautropfe , der es kühlt und tränkt, nicht den Honigtropfen verschwemmt und verwässert, den es zeugt und der Biene vergönnt? – Da ich jetzt ins sinnende Verstummen der gerührten Achtung geriet, und da sie in bescheidenem Irrtum fragte: »Du hast mir noch nichts über mein Schweigen in Hof gesagt, aber Natalie ist gewiß meine schönste Entschuldigung –«: so fiel ich ihr, wie von den himmlischen Gestirnen entzündet, glühend um den Hals und sagte heftig und schnell: »Sage nichts weiter, Engels-Seele! – Ich habe dir nur alles zu sagen, ach so viele Reue und Fehler und meine Liebe und meine Gelübde! – Und wie ich nie mehr dein treues gutes Herz verletzen will. – Nein, diese sanften zarten Augen sollen von keiner harten düstern Träne mehr wundgedrückt werden« – (Sie weinte stärker, aber nur aus Rührung, und sie wollte vergeblich den wilden Erguß der Liebe mildern.) – »Ich beteuere dir,« (fuhr ich fort, dadurch noch heftiger bewegt und endlich nur durch eine leidende Zuckung ihres Mundes zurechtgebracht) »daß ich deine Tage und deine Seele nicht mehr zermalmen will.... Aber wie diese Töne um uns sollen deine Stunden und Tränen über das Leben wegfließen – o wie dieser glänzende Nachthimmel muß einmal deine Vergangenheit dich umgeben – antworte nicht, Hermine, und wenn alle meine Tage vorbei sind, du Gute, dann soll deine Mutter zu mir sagen in der andern Welt: ja, du hast sie geliebt wie ich.«.... Ihr erschüttertes Herz wurde von einem stummen Weinen überwältigt, und wie die Äolsharfe dem reißenden Sturm nur eine bebende melodische Antwort gibt, so konnte sie nur leise stammeln: »Ja wir lieben uns herzlich und ewig!« – Nun verstummte die befriedigte Seele – und wir folgten unter freudigen Nachschauern unsern Freunden nach – der Vollmond schwamm tief im gereinigten Himmelsblau, und die vorher von Wolken verschüttete Stadt Gottes lag aufgedeckt mit ihren Lichtern in der Unendlichkeit – uns als wir schon weit mit unsern Freunden hinter dem beglückenden Garten gingen, riefen uns seine Töne noch lange wie träumende Tage der ersten Liebe nach.... Ende des zweiten Bändchens