Wilhelm Jensen Die Pfeifer vom Dusenbach Eine Geschichte aus dem Elsaß Heulend, o Freund im Norden, Geht draußen der Südwest, Leer sind die Bäume worden Und Winter ist der Rest; Der Rest von allen Dingen Nach Sommerlust und -glanz, Vom Wollen und Vollbringen Ist ja ein dürrer Kranz. Mir klangen alter Tage Verschollene Melodien, Da noch – es klingt wie Sage – Manchmal die Sonne schien; Man nannte die Vogesen Damals den Wasichin, Mit Staub- und Spinnwebbesen Hab' ich gekehrt darin. Gen West vor meinem Fenster Durch Nebeldunst und Rauch, Da steigt's wie drei Gespenster Herauf aus Fels und Strauch; Gleich dürren Wetterhexen Drei Türme, grau von Stein; Man heißt sie die »Drei Exen« Und schlägt ein Kreuz darein. Danach ruft Rufach balde Mit seiner Bürger Stolz: Dem Galgen, aus dem Walde »Von gutem Eichenholz«; Es sprach ihr Stolz nicht minder, Wollt' wer den Galgen leih'n: Für sie und ihre Kinder Sei dieser nur allein. Und aber kurz nach Süden Im engen Lauchtalgrund Das Stolzbild aller Rüden, Des Kloster Murbachs Hund: Von seiner Hoffart wissen Noch Lied und Spruchvers heut'; Der hat gar scharf gebissen, Wenn wer sein Haus bedräut. Doch nordhin für den Keiler Streckt sich ein Tannenmeer – Da liegt Stadt Rappoltsweiler, Drei Burgen drüberher: Die Giersburg über'm Blocke, Die Ulrichsburg inmitt', Auf höchstem Felsenstocke Hochrappoltstein zu dritt'. Gestürzt zu jähem Falle Von Rache, Haß und Zorn, In Trümmern liegen alle, In Schuttgerank und Dorn; Oft hab' ich dort zum Rheine Im Lenz hinab gelugt, Nun hab' ich ihre Steine Im Herbste neu gefugt. Es schafften meine Hände Durch manche Monde lang, Nun steh'n die alten Wände In Schimmer und in Klang; Die alten Klappengreifer Stimmten die Pfeifen wach, Das sind die lustigen Pfeifer: »Pfeifer vom Dusenbach«. Sie pfeifen und sie fingen Im alten Wunderbau, Den Kranz sich zu erringen Von »Unserer lieben Frau«; Da stimmt' in ihre Weise Begehrlich ich darein: Ich möcht von jenem Preise Wohl auch ein Kränzelein. Bleibt auch von allen Dingen Nach Sommerlust und -glanz, Vom Wollen und Vollbringen Der Rest ein dürrer Kranz, Trägt gern ihn doch mit Rechten Die Pfeiferstirn zur Schau, Wenn ihn die Hände flechten Von unserer lieben Frau. Freiburg i/B., im Januar 1884. Erstes Kapitel Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen Zum Ritt ins alte romantische Land! Oberon . Einem fallenden Glutballe gleich stieß die Sonne auf den hügelgewellten Horizont des weiten lotharingischen Hochlandes, aber von Südwest her schob blauschwarzes, fliegendes Sturmgewölk gegen sie hinan. Es veränderte in jedem Augenblick seine Gestalt; wie ein wilder Jagdzug wälzte es sich herauf, dumpf knurrende Rüden umkreisten ihn. Manchmal funkelten ihre schillernden Augen; da reckten sich gigantische Leiber vor, Rosse und Reiter, geharnischt, mit wehenden Helmbüschen. Reisige Massen drängten dichtgeballt hinterdrein, die Pferde bäumten, gelb, blau und blutrot blitzten die Waffen. Dann rollte, luftverfinsternd, das Gestampf und Getümmel der Schlacht an den öden Bergen des Wasichin um, wie das fünfzehnte Jahrhundert den Wasgau benannte. Eine Häuser- und menschenleere Hocheinsamkeit war's. Nur in tiefer Ferne, nicht mehr erkennbar, lagen drunten im Oberrheintal Städte und Dörfer, hier oben sah der Blick rundhin kein Anzeichen von Menschenleben. Raben krächzten, und der kreisende Weih schrie scharftönig herunter, doch auch sie bargen sich vor dem Grimm des ausbrechenden Unwetters. Wie fluglahm herabfallend, stürzten sie in die schwarzen Tannenwälder nieder, aus deren unabsehbarer Decke sich der nackte Hochkamm des Gebirges aufgipfelte. Ihm entgegen wand sich ein kaum zu unterscheidender schmaler Steig. Er glich nur einem Wildpfad, verlor sich oft in Busch und Gerank, und Quellbäche rieselten in ihm entlang. Aber ab und zu verriet er wieder Spuren eines von Karst und Axt durch die Wildnis gebrochenen Saumweges. Dann und wann, bei einer Lichtung des dunklen Gezweigs, tauchte westwärts der kahle Doppelhöcker des »Brüschbückels«, an Farbe und Gestalt einem gespenstischen Riesenkamelrücken ähnlich, über den Waldmassen in die Luft. Auf sein aschgraues Gestirn loderten die ersten Blitze herunter; unsichtbar tief unter ihm zur Rechten, in enger Talschlucht geborgen, mußte die halb rappoltsteinische, halb lothringische Stadt Markirch liegen, »wo man in Elsaß knetete und in Lothringen buk.« Ein Fußtritt knackte dürres Holz, und es raschelte im Gestrüpp. Jemand mochte von der alten Hohenstaufenstadt Kaysersberg oder von Schnierlach aus sich einen Pfad übers Gebirge nach Markirch hinüber suchen. Noch der Schritt tönte nur langsam zwischen den Rottannen herauf, in Pausen verstummte sein Laut, als ob der Wanderer erschöpft anhalte. Da hob ein Kopf sich nun ins Freie, wo auf haidigem Grund nur die Krummholzkiefer und da und dort ein Eichenbaum noch aus dem Felsboden aufwurzelten, und eine flüchtige Spanne Zeit lang sah man ihn, geblendet von dem blutroten Sonnenfeuer umgossen. Aber es war kein Mann, sondern ein junges, hochgewachsenes Weib. Sie ging in der ärmlichen Volkstracht des Landes, ein grobes Gewand fiel ihr vom Nacken lang bis auf die Fersen, während es nach vorn, wunderlich verkürzt, die Füße in plumpen Schuhen und seine Knöchel darüber unbedeckt gewahren ließ. Die letzteren hatten nichts von dem derben Knochenbau einer Bauerndirne, und auch das weiße, mit einem alten Schleierrest umwundene Gesicht sprach nicht von harter Arbeit in Sonnenbrand und Regen. Noch schnitten sich unjugendlich tiefe Leidfurchen durch die Stirn, und die blauen Augen drunter lagen glanzlos in dunkle Höhlungen eingesunken. Kraftvoll, fast von unnatürlicher Wucht des Körpers erschien ihre Gestalt, allein der Anschein trog, sie war von aller Kraft verlassen. Ihre Brust keuchte wie unter einer erdrückenden Last, sie griff mit den langen mageren Fingern einer schönen Hand nach dem dürren Geäst eines blitzzerspaltenen, abgestorbenen Kieferstammes, um die brechenden Kniee daran aufrecht zu halten. Es war der letzte Sonnenblick, in den ihre Augen hineingestarrt. Der Spätsommertag hätte noch eine Weile andauern sollen, denn der rote Himmelsball versank noch nicht, doch, die Strahlen auslöschend, peitschte der Sturm jetzt das wilde Wolkenheer drüber. Mit erstem Vorstoß hier oben packte es auch das Haar des jungen Weibes, riß den dürftigen Schutz davon und stiebte die langen weichen Fäden ihres goldblonden Gelocks flatternd von Schläfen und Scheitel zurück. Gedankenleer ging ihr Blick dem durch die Luft fortgewirbelten Schleier nach, mit rasender Hast hatte das schwere Gewölk im Nu die eben noch blaue Wölbung ihr zu Häupten überjagt. Nur ostwärts hinüber, gerad' in der Richtung der windenttragenen leichten Kopfhülle, lag noch ein kleiner heller Himmelsfleck, und in sein heiteres Licht stiegen weit drüben vom Rücken eines Vorberges des Wasgenwaldes die Zinnen und Türme dreier nachbarlich gesellter Burgen hinein. Seltsam flimmerte noch auf ihnen das letzte, einzige Glanzspiel der Sonne, und die hohlumränderten Augsterne des Weibes blieben starr darauf haften, wie in brennender Sehnsucht, noch einmal den winzigen Rest des Himmelslichtes in sich aufzunehmen. Doch nun schoß der dunkle Vorhang auch darüber hinunter und alles losch aus. Die Wolke war auf den Bergkamm herabgekommen und umwogte sie. In langen, schleppenden Nebelkleidern zogen gespenstige Gestalten heran und tanzten im Kreis um sie rund; wie ein Hohnlachen raunte es von den unablässig auseinander rinnenden Zügen. Mit breiter, zornschnaubender Wucht fuhr der Wettersturm wider ihre Brust, rang mit ihr, sie zu Boden zu werfen. Ein Dutzend irr-angstvoller Herzschläge lang kämpfte sie gegen ihn mit dem unbewußten Willen des Lebens, und seine wilden Stöße fauchten ohnmächtig an ihr vorüber. Doch dann zitterte ihr ein plötzlicher Wehelaut von den Lippen, und sie fiel haltlos in die Kniee. In einem Moment der Stille war's, nicht der Feind von außen hatte sie bezwungen, sondern ein anderer in ihr selbst sie zur Erde gebrochen. Regen schoß jetzt herab, und knatternde Schloßen zerschlugen die Nadelblätter der Eibe, unter der sie umgesunken dalag. Der Tag war in vorzeitige Nacht verwandelt, die nicht mehr wich; nur ab und zu zischte ein Schwefelblitz durch das Geprassel, und das Krachen des Donners rollte mit zehnfältigem Echo an den Bergwänden um. Doch sie hörte es nicht; in Pausen, die sich immer mehr verkürzten, rang sich ein dumpfes Stöhnen von ihrem Mund in die Finsternis. Ihre Hand griff aufzuckend über den Kopf empor, und die Finger umklammerten einen Gegenstand, auf den sie trafen. Blutstropfen quollen aus ihnen hervor, denn es war der Zweig einer Stechpalme, um die sie sich zusammengekrampft hielten, aber sie fühlte es nicht. Über ihr tobte der Aufruhr des Himmels fort, zuletzt übertäubte ein kurzer, geller Aufschrei sogar das Gebrüll der Wolken. Dann ward es totenstill droben und drunten. Nur geisterhafte blaue Flammen funkelten noch hin und wieder aus der verhängten Luft, und nur der Tropfenfall raschelte bei einem nachschauernden Windhauch vom Baumgezweig herab. Dann und wann tönte ein leises, schwachstimmiges Wimmern darein; wie die Nacht weiterschritt, sahen allmählich die Sterne auf die lautlos schlafende Bergwelt herunter. Zweites Kapitel Ziemlich in der Mitte zwischen den Städten Kaysersberg und Markirch lag nordwärts von der ersteren das Dorf Altweier. Dreitausend Fuß hoch über dem Rheintal, bildete es die höchstgelegene Ortschaft im Wasgengebirg, mit seinen armseligen Behausungen weithin durch Berggestrüpp, Stein und Haiderücken verstreut, als hätte graue Riesenfaust einmal eine Hand voll Menschendürftigkeit aus den Wolken in die Wildnis hinuntergeworfen. Hier war sie, gleich den Disteln und Ginsterbüschen, seit unbekannter Vorzeit fortgewuchert, mutmaßlich schon von Keltentagen her, denn weder die Deutschen im Elsaß noch die Franken drüben in Lothringen verstanden die Sprache der Bewohner des Dorfes. Ein wortarmer Überrest der ausgestorbenen Urbevölkerung, gurgelte sie in häßlichen Kehltönen, vereinzelt mit völlig entstellten Redeausdrücken der Nachbarländer untermischt, zumeist Tierlauten ähnlicher als menschlicher Zunge. So glichen auch die Bauerngehöfte vielfältig mehr großen Stollen und Felslöchern vom Fuchs und Dachs als Menschenwohnungen, die besten waren roh aus umborkten Waldstämmen gezimmerte Hütten; die Zugänge von ihnen starrten von kotigen Lachen und die rauchschwarzen Wände drinnen von Schmutz. Die Insassen kannten es nicht anders, denn von drunten stieg niemand zu ihnen herauf, und sie selbst kamen kaum einmal im Leben zu einer der Städte im Tal hinunter. Wie die Vorväter seit Jahrhunderten gelebt, führten sie ihr Dasein weiter, hartschwielig an den Fäusten und den nackten Füßen, die nur die Bejahrten und die Weiber mit plumpen Holzschuhen bekleideten. Ohne Kenntnis eines Dinges, das über die Kammwelle ihres Berggürtels hinausreichte, wuchsen die Burschen und Dirnen auf, bis der Trieb der Natur wechselseitiges Begehren in ihnen wachrief. Unterschied von arm und reich setzte dem kein Hindernis entgegen; das Paar, welches unter sich übereingekommen war, ging kurzen Wegs zu der kleinen Kirchenkapelle an einem Schluchtrande des Dorfes und ließ sich vom Pfarrer mit einer von diesem selbst kaum verstandenen lateinischen Formel zu christlicher Ehegemeinschaft zusammensprechen. Nur bei solchen Anlässen unterschied sich der »geistliche Herr« von ihnen durch einen übergeworfenen, verschabten Chorrock, in den anderen Tagesstunden mühte er sich, gleich den Bauern, mit Hacke und Grabscheit um seinen Lebensunterhalt. Er mußte ein Kind aus dem Dorfe sein, sonst hätte die Gemeinde seine Sprache nicht begriffen. Öfter war die Pfarrei jahrelang nicht mit einem solchen zu besetzen und lag, von den Behörden im Elsaß vergessen, völlig verwaist. Dann heirateten die Dorfbewohner ohne geistliche Beihilfe, zeugten Nachkommen, die sich ungetauft in fast nacktem Naturzustand mit den jungen Schweinen, oft kaum von diesen unterscheidbar, in den Wegsümpfen zwischen den Hütten umherwälzten, und ließen sich von dem Strohsack, auf dem sie ihren Atem ausgehaucht, ohne letzte Ölung in den steinigten Boden um die Kirchenmauer hineinscharren. Aber sobald wieder ein Pfarrer droben eintraf, ward jedesmal die fehlende Taufe und der verabsäumte Grabsegensspruch sorglich nachgeholt; nur die Notumstände, nicht heidnischer Sinn oder Mangel an Frömmigkeit, hatten die Gemüter zu ihren eigenmächtigen Lebens- und Sterbenshandlungen veranlaßt. Im Gegenteil, die Vorschriften und Satzungen der Kirche machten fast ihr einziges und unverbrüchliches Gesetz aus; jede feinere Gesittung war ihnen unbekannt, doch anvererbte christliche Gewöhnung trat an die Stelle derselben und ließ die Abwesenheit weltlicher Ordnung und Rechtspflege niemals entbehren. Dennoch lag der Segen des Himmels nicht mit übermäßiger Sichtbarkeit auf der Gemeinde, weder auf der Viehzucht noch auf den Äckern und ihren Bebauern. Wolf, Luchs und Bär brachen oftmals zwischen die weidenden Rinder, Schafe und Ziegen herein und verschleppten ihre Beutestücke in unzugängliches Dickicht der unabsehbaren Wälder; den Anbau von Kornfrucht ließ die Hochlage und magere Beschaffenheit der Erdkrume nur an wenigen geschützteren Stellen und in günstigen Jahren zu, doch auch im besten Sommer vernichtete wilder Wettersturm und Schloßensturz nicht selten plötzlich die mühsam herangereiften Ähren dicht vor der Ernte. Fast am wenigsten indes noch sprach sich eine besondere Fürsorge der Vorsehung in der leiblichen und geistigen Begabung der Dorfbewohner aus. Beinahe ausnahmslos waren diese von untersetzter, unansehnlicher, wenig kraftvoll entwickelter Gestalt, die Mädchen ohne jede Anmut der Jugend, unschön an Wuchs und Zügen und vorzeitig alternd. Sie teilten dies vielleicht mehr oder minder mit der hartarbeitenden Bevölkerung auch anderer weltabgeschiedener Gebirgsgegenden, aber es kam etwas hinzu, das ihnen auf der Stufenleiter des Mißgeschicks der Geburt einen traurigen Vorrang einräumte. Unter dreien dort in die Welt geborenen Kindern gelangte mindestens eines nicht zu einer naturgemäßen Entwicklung seiner körperlichen und seelischen Fähigkeiten, sondern blieb häufig an Leib und Geist unter der Stufe eines aufgeweckteren Tieres zurück. Auf dünnen, haltlos-gebrechlichen Beinen schleppten die Verkrüppelten sich schon als Kinder mit greisenhaften Gesichtszügen, dicken Wulsten am Halse und blöd grinsenden aufgeworfenen Lippen umher. Das borstige Haar sträubte sich am stirnlosen Vorderkopf fast auf die fahlen Brauen herab, unter denen den Begegnenden ein paar scheustiere Augen anglotzten. Bei manchen nahm das Wachstum nach dem ersten Jahrzehnt nicht mehr zu, andere taumelten in Mannesgröße mit unförmlich gedunsenen Körperrumpfen. Die am schlimmsten Verwahrlosten betrieben den Tag hindurch als einzige Beschäftigung, sich unter widrigen Kehltönen um zufällig aufgefundene eßbare Gegenstände zu balgen und diese heißgierig zu verschlingen; nur wenige schritten so weit in der Ausbildung ihres Gehirns vor, daß sie, stumpfsinnig vor den Türen sitzend, hölzerne Löffel und Näpfe auszuhöhlen erlernten oder ihnen bei Aushilfefällen die Hütung des Viehes anvertraut werden konnte. Drunten im Rheintal ward das Dorf deshalb spöttisch als das »Kielkropfnest« bezeichnet, aber kaum jemand hatte es mit Augen gesehen, und die eigenen Bewohner gewahrten, von der Gewohnheit des Anblicks abgestumpft, kaum den halb tierischen Zustand der leiblichen und geistigen Krüppel mehr. Der Himmel über ihnen, der Boden unter ihnen war rauh und hart wie der Notzwang ihrer Lebensfristung. Aber so hatten sie's von Urvätern als Erbteil übermacht bekommen und so war's geblieben, und auch der Gang von vier weiteren Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag hat wenig daran verändert. Wohl stundenweit im Umkreis lagen die zu Altweier gehörigen Behausungen zwischen den wechselnden Hebungen und Einsenkungen des Hochgeländes verstreut, im Winter vielfach oft lange Monde durch unübersteigliche Schneewälle voneinander getrennt. Doch richtete sich der Wert der Besitzungen nicht nach ihrer Nähe oder Entfernung vom ungefähren Mittelpunkt der Ortschaft. Am weitesten von diesem gegen Westen hinaus, vom Waldrand einer schroff ansteigenden Felshalde sah unfraglich das bestgebaute und umfangreichste Gehöft des Dorfes herab; sein graues, fast plattes Dach war mit großen Steinen gegen den Sturm beschwert, und ein Zaun, aus Holzprügeln verflochten, umfriedigte das Haus. Es gehörte dem Bauern Veit oder Guy Loder, wie gewöhnlich sein Vorname nach keltischer Überlieferung geheißen wurde. Er wohnte dort mit seiner Frau, deren Taufname Tille mutmaßlich aus Ottilie verkürzt worden, beide noch ziemlich jung an Jahren, obgleich man es beiden gleich wenig ansah. Sie hausten in dem höchstbelegenen Hof Altweiers kinderlos und ohne andere Gesellschaft als diejenige eines halben Hunderts von Schafen, welche zur Winterzeit den Schutz des Gebäudes mit ihnen teilten und im Sommer zwischen den Blöcken des langgestreckten Halderückens weideten. Doch der Besitz derselben hob sie bei den denkbar einfachsten Bedürfnissen ihres Daseins an Lebensgunst über die Mehrzahl ihrer Ortsnachbarn hinaus. Der Mann schor die Wolle ab, und die Frau bereitete sie für den Händler drunten in der Stadt Markirch zu; an den hohen Festtagen des Jahres trug sie sogar ein Stück gebratenen Lammfleisches auf den Tisch. Das geschah in keinem zweiten Hause des Dorfes, wo die Insassen sich ausschließlich von Milch, Käse und Brotsuppen nährten, in die um Weihnacht, Ostern und Pfingsten ein Brocken verschnurrter Speckschwarte hineingeschnitten wurde. So lebten sie auskömmlich und sparten noch obendrein für einstige alte Tage, denn in ihrer Wandlade sammelte sich mancher Kupferheller und verwandelte sich im Gang der Jahre zu einem abgegriffenen, silbernen Batzen, sei's mit dem unkenntlichen Bildnis von des Kaisers Majestät darauf oder aus der Prägstube der weitmächtigen Grafen von Rappoltstein und der Herren von Rathsamhausen. Trotzdem waren Veit Loder und seine Frau nicht völlig zufrieden, aber sie redeten nicht davon. Gesprächigkeit lag überhaupt weder in ihrer Art noch in der aller sonstigen Zugehörigen des Dorfes. Doch saßen sie, zumal im Winter, vereinsamter als die anderen, und auf die Dauer ward das Geblök der Schafe im Pferch nebenan eine etwas eintönige Unterhaltung. Dann ging wohl eine Weile ein Wechselwort zwischen ihnen von den Lippen, bis sie beide gemeiniglich zugleich verstummten und, in das knatternde Herdfeuer schauend, jedes schweigsam einen Gedanken, der doch der nämliche war, für sich hinunterwürgte. Mitunter stand der Mann auch einmal plötzlich auf und tat etwas sonst wenig Bräuchliches unter seinen Stammesgenossen, indem er der Frau mit seiner derben Hand zu rauher Liebkosung übers Gesicht strich. Dann scharrte sie achtsam die Kohlen unter die Asche, um am nächsten Morgen Feuer zünden zu können, und sie gingen in ihre windumrüttelte und schneeumstarrte Schlafkammer hinüber. Aber Jahr um Jahr blieb sich's gleich, daß keine rechte Zufriedenheit und Fröhlichkeit in ihrem Leben einkehrte. Nun war's ein Frühmorgen im Anfang des September. Veit Loder stand im ersten Sonnenaufgangsstrahl vor seiner Tür, über das spiegelnde Wasser im Brunnentrog gebückt, und verkürzte sich mit einer Schafwollschere die blondwirbeligen Haare. Seine Frau kam hinzu und sagte: »Schneidst dir am Freitag die Haar, willst, daß sie dir ausfallen?« Er antwortete: »Tut man's am Freitag, wachsen sie lang,« und klippte die widerspenstigen Struppen ab. Sie tupfte mit dem Finger auf die Stirn: »Weiß es längst, bist da nicht – Freitag ist ein Unglückstag.« – »Freitag ist ein Glückstag,« erwiderte er, »zumal heut, denn 's ist unserer lieben Frau Geburtstag.« – »'s ist der Tag, an dem sie unseren Heiland gekreuziget haben,« entgegnete Tille Loder, und er sagte: »Wenn du's anders willst, ist's Freias Tag, die Saaten- und Kindersegen bringt.« Es war ein alter Widerspruch zwischen ihnen, aber das letzte war ein übles, unbedachtes Wort. Die Frau versetzte nichts darauf, doch drückte sie ihre weiße Zahnreihe scharf in die Lippe; erst als er hinzufügte: »Am Freitag muß man bei Sonnenaufgang ins Feld gehen, dem bleibt's Zipperlein aus dem Fuß,« da stieß sie unmutig heraus: »Bist ein Narr – hab nicht verspürt, daß du Freias Segen ins Haus gebracht. Lauf ins nasse Gras vom Wetter heut Nacht, was Du heimbringst, geschieht dir recht!« Und verdrossen nahm sie einen Stecken und trieb die blökend sich um sie drängenden Schafe nach ihren Weideplätzen zu. Der Himmel lag über allem mit köstlicher, wolkenloser Bläue. Fern drunten im Osten schimmerte in Duft und Glimmer das Rheintal, wie eine graue Nebelbank stieg jenseits das Schwarzwaldgebirge drüben auf; nach Westen aber sah benachbart der Doppelgipfel des Brüschbückels, den die Welschen drüben in Lothringen Bressoir benannten, über den noch sommergrünen, morgenfrischen Waldgürtel. Im Beginn der Nacht war ein wildes Unwetter durch die Berge des Wasichin gegangen, davon hingen noch helle Tropfen an den Blättern und Halmen. Aber wohin die Sonne voll und warm ihren Glanz warf, trank sie dieselben schnell auf, als habe sie mit durstenden Lippen darauf gewartet. Veit Loder hatte die Welt oftmals so gesehen und er fand nichts Besonderes daran. Der Gedanke, daß es schön sei, war ihm noch nie gekommen, und so verfiel er auch heute nicht darauf. Nur daß seine Frau mit der Nässe recht gehabt, ließ sich nicht verkennen, denn das triefende Gekraut wusch ihm die Beine bis zu den Knieen hinan. Doch gerade deshalb kehrte er nicht um, sondern stieg weiter aufwärts. Er war auch mißmutig und wollte auf seiner Rechthaberei stehen, es sei gut und heilsam, am Freitagmorgen beim Sonnenaufgang durch Wald und Busch zu laufen. So stapfte er, wenn's ihm gleich kein Vergnügen machte, gewohnheitsmäßig weiter; Dorn, und Nesseln bekümmerten ihn nicht, seine Waden waren hart und gefühllos, wie aus Holzknorren geschnitten, und nicht minder derbdrähtig seine Nervenstränge in Leib und Kopf. Aber da fiel, zum erstenmal in seinem Leben vielleicht, ihm doch jählings ein rüttelnder Schlag durch die Glieder, daß er angewurzelt stehen blieb und nur mit starr aufgeweiteten Lidern vor sich hinaussah. Er war vom letzten Kieferrand auf den kahlen Hochkamm getreten, und auf ein Dutzend Schritte vor ihm lag unter einem vereinzelten Eibenbaum eine Weibesgestalt lang ausgestreckt, als ob sie die Nacht dort durchschlafen und noch nicht aufgewacht sei. Doch selbst aus der Entfernung sprach die fast schneeweiße Farbe ihres Gesichtes zugleich, sie werde überhaupt nicht wieder aufwachen, sondern sei tot. Und wie Veit Loder nun dichter hinzutrat, blieb ihm darüber nicht der geringste Zweifel mehr. Sie mußte schon seit mancher Stunde leblos so daliegen, denn ihre Stirn und Hand fühlten sich kalt an wie ein nächtiger Stein, obwohl die Sonne rund um sie her liebliche Frühwärme ausgoß. Sehr groß, sehr zart dennoch von Bau und sehr schön, obwohl dürftig bekleidet, bot die Leiche sich dem Beschauer dar, daß er augenblicklich erkannte, sie könne nicht aus einem Bauerndorf von hüben oder drüben herstammen. Sie mochte wohl einen bitterlichen Todeskampf durchgerungen haben, aber jetzt waren alle wilden Zuckungen desselben weggeschwunden und sie glich mit dem aufgelösten Goldhaar einer großen, vom Sturm umgeknickten weißen Sternblume; ihre blutlosen Lippen schienen fast von einem Lächeln umspielt. Offenbar war sie von dem gewaltigen Ungewitterausbruch am Abend zuvor hier überrascht worden, erschöpft und wegunkundig in der Finsternis umgesunken und unter den dicht herabgestürzten, noch da und dort aus den Schatten aufblinkenden Schloßen im Schlaf erstarrt. Das sagte sich Veit Loders wenig geschulter, indes für einfache Verstandesschlüsse nicht unbrauchbarer Kopf. Doch als er diese Folgerung noch kaum zu Ende geführt hatte, lief ihm etwas heiß und kalt zugleich durchs Blut. Es war ganz frühmorgenstill rund umher, und die Tote verhielt sich nach altem Herkommen ohne jegliche Regung, aber dennoch kam jetzt ein leiser wimmernder Ton von ihr herauf. Wie von ihrer rechten Hand klang er in die Höhe, die zuletzt noch ein Stück ihres dürftigen Gewandes krampfhaft über sich gerafft zu haben schien, und obschon es dem Betrachter unter gemeinen Umständen nicht an Mut gebrach, sträubte sich ihm das Haar doch noch mehr als von seiner Naturmitgift zu Kopfe, denn unverkennbar bewegten die schmalen Finger der eiskalten Hand sich auf einmal merklich hin und her. Das war zuviel für Veit Loders ungewöhnlich stark in Anspruch genommenes Hirn; mutmaßlich hatte ein böser Geist dem fremden Weibe hier das Genick gedreht und hauste noch in ihrem Leichnam fort, und hastig ein Kreuz über Stirn und Brust schlagend, drehte auch er den Fuß, um davonzulaufen. Da kam der wimmernde Ton noch einmal lauter vom Boden und schlug plötzlich unter der Kleiderfalte neben der großen Hand eine ganz winzig kleine in die Luft herauf. Der Bauer wußte kaum, daß er seinen Arm niedergestreckt, die tote Hand und den übergeschlagenen Gewandsaum fortgezerrt hatte. Ungläubigen Blickes noch starrte er auf ein kleines, neugeborenes Kind hinunter, das auf einem Büschel von wildem Thymian neben seiner leblosen Mutter dalag. Die Sonne fiel jetzt warm über den schmächtigen, frostverschrumpelten Körper; das tat ihm sichtlich wohl, denn der Mund hörte auf zu weinen und die Lider von zwei gentianenblauen Augensternen schlugen sich in die Höhe. Es dauerte natürlich eine Weile, ehe Veit Loder zu einer Art von Besinnung gelangte, was er da vor sich habe und ihm bei dem absonderlichen Fall eigentlich zu tun obliegen könne. Eine Zeitlang streckte er erst dem Kinde abwechselnd bald den einen, bald den anderen Finger hin und sah mit großen, kindisch vergnügten Augen drein, wie die Händchen desselben sich fest darum zusammenklammerten. Dazu lachte er, obwohl der Anblick der Toten nicht gerade zur Lustigkeit anregen konnte, und wiederholte: »Gelt, macht's dir Spaß? Halt fest! Macht's dir Spaß?« Dann aber brach sich auf einmal die Vernunft in seinem Kopfe Bahn, er zog seinen Lodenrock aus, wickelte das Kind sorgfältig hinein, nahm es in beide Arme und ging rückwärts seinem Gehöft damit zu. Etwa ein paar hundert Schritte ungemein bedachtsam und vorsichtig, doch allmählich losch die Vernünftigkeit in seinem Blick wieder hin. Er fing an, schneller zu gehen, er lief, er sprang über Geröll und Strauchwerk bergab. Zuletzt glich er einem Wildeber, der durch den Wald bricht, und so stürzte er heimwärts, doch nicht ins Haus, sondern links ab vorbei, auf die Weidehalde hinaus, zwischen die Schafe hinein, daß sie aufgescheucht in langen Sätzen auseinanderstoben. »Tille, ich hab's!« rief er. Seine Frau saß als Hüterin auf einem Felsblock und antwortete mißlaunig: »Bist toll geworden, daß du die Tiere vom Fressen jagst? Was hast?« »Das Kind – unsers – deins – meins –« »Heilige Mutter Gotts, der Mann ist verrückt worden!« schrie Tille Loder aufspringend. »Hab's gesagt, Freias Tag bringt Kindersegen, zumal wenn's Maria Geburt obendrein ist.« Und er öffnete doch jetzt wieder ängstlich behutsam eine kleine Lücke in seinem Rock und redete und rappelte durcheinander, daß die Frau kaum die Hälfte begriff und nur, die Hände über den Kopf schlagend, wiederholte: »Unsere liebe Frau von Dusenbach steh uns bei – steh uns bei in Gnaden und Barmherzigkeit!« Aber endlich hatte sie's gefaßt und kam zu einem anderen Wort: »Was ist's denn, ein Bub oder Mädel?« »Weiß nicht; kann man noch nicht wissen!« Frau Tille Loder war vielleicht nicht ganz im Unrecht, daß sie im Begriff stand, auf die Antwort hin ihren Mann mit noch etwas stärkerem Ausdruck als vorher der Hirnschwäche zu bezichtigen, aber sie kam nicht weiter als: »Ich glaub, Veit, du bist –«, denn sie zerrte jetzt zugleich gewaltsam die Rockwindel auf und schrie: »O der Bub – o der hübsche liebe Bub! Unsere liebe Frau von Dusenbach sei's tausendmal bedankt!« »Ist's wirklich einer?« sagte Veit Loder, neugierig dreinschauend. Und dann lachte er hell auf: »Hätt's mir von dir auch nicht anders denken können, Tille!« Sie befühlte mit ihren rauhen Fingern sorglich das winzige Hälschen des Kindes und stieß beruhigt aus: »Alle Heiligen nehmen's in Schutz! Wie glatt es ist! Fühl' her, Veit! Das wird kein Kielkropf!« »Pah!« antwortete er mit herausforderndem, fast beleidigtem Ton: »unser Bub ein Kielkropf!« Da fingen die kleinen Lippen wieder an zu wimmern, mutmaßlich vor Hunger, doch Frau Tilles mütterliche Erkenntnis reichte für den Augenblick noch nicht so weit, sondern sie rief, das Kind ängstlich an sich reißend: »Müssen's gleich vor den bösen Wichten behüten, Veit, und zur Kirche mit ihm, daß es noch an diesem hochheiligen Tag die Taufe bekommt!« Sie ließen die glotzenden Schafe allein fort weiden und liefen nebeneinander zur Kirche hinunter. Sie waren beide närrisch und dachten nichts weiter, als daß sie nicht mehr einsam am Herd zu sitzen und ihre verschwiegene Kümmernis für sich hinunterzuwürgen brauchten. Der Pfarrer sah verwundert auf das, was sie mit sich brachten, und sagte erstaunt: »Hat der Himmel doch noch eins beschert, Tille? Hab nichts davon gewußt, daß es um den Weg sei.« »Ich auch nicht,« lachte der Bauer, »wir zweibeid nicht. Vielleicht wird's so noch besser, als hätten wir drum gewußt.« Kopfwirr waren sie und dachten an nichts anderes. Als der geistliche Herr frug: »Wie soll's denn heißen« versetzten sie gemeinsam: »Nach dem Vater natürlich!« und der Bauer fügte stolz hinzu,: »Guy soll er getauft werden, Guy Loder, Veit klingt nicht gut genug für ihn.« Erst allmählich vermochte der Pfarrer herauszubringen, daß die Mutter des Kindes wildfremd und unbekannt noch droben auf der Berghöhe tot liege. Während Frau Tille mit dem weinenden Knaben zu ihrem Hause hinanlief, um ihn hurtig in Leinwindeln einzuwickeln und ihm Milch am Herd zu wärmen, stiegen, von Veit Loder geführt, Männer aus dem Dorf zum Gebirgskamm empor und trugen die Leiche des jungen Weibes herab. Niemand kannte sie; offenbar war sie dort oben auf einem Wegziel, dem sie zugeschritten, in der Einsamkeit von Geburtswehen überfallen worden und hülflos in Nacht und Unwetter verdorben. Nur ihr Kind hatte sie mit einer letzten Anstrengung durch Überschlagen des Kleides in fast wunderähnlicher Weise noch vor dem Erfrieren behütet. Der Pfarrer sprach ein Gebet an ihrem Grabe, und sie ward in das harte Steingeröll an der Kirchenmauer eingescharrt. Keine Nachfrage nach ihr drang zu dem weltabgelegenen Ort herauf; ab und zu sprach wohl einer von ihr, der von Altweier da und dort ins Tal hinunterkam. Aber sie ward nirgendwo vermißt, und niemand konnte Auskunft geben, wer sie gewesen. Gar manches Menschenleben ging im Deutschen Reich durch Unfall oder Gewalttat zu Grunde, ohne Kunde zu lassen, woher es gestammt; Unkraut wucherte über dem Grab, und die Zeit deckte rasches Vergessen darauf. Drittes Kapitel So hatte der Findling vom Bergkamm droben, wenn es etwas Gutes war, am Leben zu bleiben, immerhin noch Gunst des Schicksals genossen, seinerseits im Gehöft am Haldenrand ein Schutzdach vor Wind und Wetter, Kost und Kleidung gefunden, und Alles schlug ihm vom ersten Tage gut an, daß er wie ein junger Vogel im Nest gedieh, als könne es auf Erden nicht anders sein. Schon mit dem Beginn des neuen Jahres schimmerten ihm seine Zähnchen zwischen den roten Lippen hervor, ohne das ihr Kommen ihm jemals Schmerz oder Krankheit verursacht gehabt, und als der Tag seines Erscheinens in der Welt sich zum ersten Mal wiederholte, lief er bereits auf kräftig munteren Füßen umher, kletterte bald, wenn die Schafe am Morgen ausgetrieben wurden, auf eines derselben hinauf und ritt, sich an dem dicken Wollenvließ festhaltend, stolz mit zur Weide hinaus. Sommerglut und Winterschnee lösten sich nach uraltem Brauch ab, und wie es nicht minder Brauch in Menschenköpfen ist, vergaßen Veit Loder und seine Frau im täglichen Weiterhaspeln der Lebensarbeit zuerst halb und allgemach beinahe ganz, daß der blondlockige Teilhaber ihrer Hauswirtschaft nicht von ihrem eigenen Fleisch und Blut gekommen. Er hieß sie Vater und Mutter und wußt's nicht anders, und noch weniger als sie hatte jemand sonst im Dorfe Anlaß, sein Gedächtnis überflüssiger Weise mit der unbekannten Herkunft des »Lodersbuben« beschwert zu erhalten. Die Bewohner von Altweiler dachten so wenig mehr daran, wie daß vor Jahren der Fuchs einem Nachbarn eine Gans von der Weide geholt, und im übrigen fanden ihre Augen und Ohren auch selten Gelegenheit, sich ihre überdunkelte Erinnerung nach dieser Richtung aufzufrischen. Ihre Art war nicht geselliger Natur, und die beträchtliche Entfernung zwischen der Mehrzahl ihrer Behausungen diente nicht als Hilfsmittel häufigerer Verkehrsanknüpfung. Sie lebten in der Umgebung ihrer vier Pfähle zumeist wie die Schnecken, krochen, so weit der Boden verhältnismäßig eben war, umher und kehrten um, sobald ihnen eine unbequeme Erhöhung in die Quere kam. Das geschah aber nach jeder Himmelsgegend meistens ziemlich rasch und besonders westwärts gegen den Kamm des Gebirges, wo Veit Loders Steindach vom Föhrensaum herabsah. So blieb ein Begegnen mit den Insassen desselben fast nur auf das sonntägliche Zusammentreffen in der Kirche beschränkt, an dem der Knabe selbstbegreiflich in den ersten Jahren nicht Anteil nahm. Dann gelangte er allerdings öfter, bald sogar an jedem Morgen dahin, doch die Zeit hatte inzwischen ausgereicht, das Bauerngedächtnis bei Mann und Weib mit einer dicken Spinnwebschicht zu überlagern, durch die kein Gedanke an abgetane Dinge mehr heraufschimmerte. Der Grund für die später tägliche Wanderung Guys lag aber darin, daß er gleichmäßig an leiblichen und geistigen Kräften gedieh und hauptsächlich durch die letzteren oftmals die Köpfe seiner Eltern in große Verwunderung, ja mit seinen Fragen sogar nicht selten in arge Verlegenheit setzte, denn woher sollten sie alles das wissen, was er von ihnen beantwortet zu haben wünschte. Eine Weile half der Bauer sich mit der Entgegnung: »Das weiß niemand auf der Welt, Bub,« und Frau Tille fügte mütterlich abmahnend hinzu: »Danach muß man nicht fragen, Guy,« doch auf die Länge ward es beiden immer krauser in der Vorratskammer ihrer Gedanken, und in einer Herbstnacht, die der Südwest durchheulte, fragte Veit Loder plötzlich einmal: »Schläfst, Tille?« – »Nein, kann's nicht,« antwortete sie, »der Wind geht zu arg.« Dabei hörte sie indes, daß er sich in der Finsternis im Bett aufsetzte, und er entgegnete: »Der Wind tut's nicht.« Darauf schwieg er eine Zeitlang, bis er hinterdrein fügte: »Weißt, Tille, hast's vergessen, 's ist eben nicht unser Blut, anders früg er nicht so viel Dumm's.« Da seufzte sie, daß unter ihr die Bettstatt knackte: »Weiß es die heilige Mutter Gottes, Veit, von uns hätt' er die Dummheit nicht.« – »Und drum hab ich für ihn nachgedacht, wie's ein Vater muß,« sagte der Bauer, »wenn uns eh was ankäm, daß er nicht verhungert wie ein Schaf, dem die Rupfzähne fehlen –«; aber das Ergebnis seines Denkens fügte er eine lange Weile nicht bei, sondern nur das Stroh raschelte unter ihm, als ob es sich gegen die Anstrengung seines Gehirns aufsträubte. Endlich seufzte die Frau abermals: »All sein Unglück ist's eben, daß er am Freitag auf die Welt gekommen ist.« Doch auf diese Äußerung stieß Veit Loder ärgerlich aus: »Schnatterst wie 'ne Ente, Tille – 's ist eben sein Glück, sonst hätt' er gar nichts – nun hast mich in allem gestört, was ich ausgedacht gehabt,« und er legte sich mißmutig zurück und schnarchte wie eine Säge, die im Baumstamm auf einen eingekeilten Pfropf von hartem Holz gestoßen. Den Seinigen indes gibt's der Herr im Schlafe, daß auch während desselben ihre Gehirntätigkeit nicht rasten kann, und als der Bauer am Morgen die Augen aufmachte, rief er triumphierend noch ins erste Gähnen hinein: »Daß er zum Herrn Pfarrer in die Schul' soll und selber mal geistlicher Herr im Dorfe wird, sonst kann nichts aus ihm werden – das hättst du dir in deinem Kopf nicht ausgedacht, Tille!« Das mußte sie allerdings zugeben, und sie fügte sich in diese Notwendigkeit, wenn auch schweigend; zugleich jedoch gab der Ausdruck ihres Gesichtes volle Zustimmung, wie es von vornherein bei ihrem kirchenfrommen Sinn nicht anders zu erwarten stand. So kam Guy mit sieben oder acht Jahren – die Erinnerung seiner Eltern vermochte sein Alter bereits nicht mehr genau festzustellen – täglich am Frühmorgen zum Unterricht in das Haus des Pfarrers, der für das Beneficium einiger Säcke mit Wolle und dann und wann einer Lammskeule sich völlig bereit erzeigte, den Knaben in allen Erfordernissen der göttlichen Wissenschaft zu unterweisen, so weit der Lehrer selbst darüber gebot. Seine Herrschaft erstreckte sich freilich auch nach dieser Richtung nicht übermäßig weit, sondern stand in ziemlich entsprechendem Verhältnis zu derjenigen, welche er über Erdengüter ausübte, denn er war eigentlich nur ein paar Jahre im Münsterstift zu Basel als Ministrant gewesen und möglicherweise in seine heimatliche Bergeinöde weniger aus besonderem Fürbedacht für das Seelenheil von Altweier zurückgeschickt worden als weil man drunten am Rhein nicht viel Zuversicht daran gewonnen, einen Eckpfeiler für gewichtigere geistliche Prachtbauten aus ihm herauszumeißeln. Seitdem hatten Sonnenstille und Windsbraut durch drei oder vier Jahrzehnte lang über ihm in seiner ärmlichen, an die kleine Kirche angebauten Behausung gewechselt und er in ihnen zwei Dorfgeschlechter vermittelst geweihten Wassers in die Christenheit eingeführt, zur erfreulichen Mehrung derselben ehelich zusammengesprochen und mit seinem Geleitssegen aus dem harten Erdendienste zur verheißenen großen Mühelosigkeit jenseits aller Regenwolken und Sonnenhitze wieder entlassen. Ob der Wind ihm indes während dieser treulichen Amtsverwaltung unter das nach und nach angeblasene graue Haar auch einen ausgereiften Flugsamen noch tieferer Erkenntnis der weltlichen und himmlischen Dinge heraufgetragen hatte, war nicht leicht zu bemessen und vor Allem durchaus gleichgültig, da niemand im Dorf eine Wage dafür besessen hätte. Aber jedenfalls war er ein wackerer Mann, der, mit einem angeborenen Sinn für das Gute zur Welt gekommen, das Böse eifrig schalt und obendrein noch durch den Erfolg als unzweifelhaft betätigte, daß er einen Schüler ohne Beihilfe ruchloser Geister vielmehr lediglich durch göttliche Gelehrsamkeit in die außerordentliche Kunst des Lesens und Schreibens einzuweihen verstand. Ja, allmählich lehrte er ihn diese doppelte Fertigkeit nicht allein in deutscher Sprache ausüben, sondern brachte ihm sogar das Verständnis seines lateinischen Breviers bei, so daß der junge Adept befähigt wurde, bei den sonntäglichen Versammlungen der frommen Gemeinde als der einzige den Wortsinn der geheimnisvoll wirksamen Bitten, Lobpreisungen, Danksagungen und Beschwörungen aufzufassen, welche die Anderen nur mit gläubigem Gemurmel, Bekreuzungen und fleißigen Kniebeugungen zu begleiten vermochten. Dergestalt erhob er sich gar bald in noch äußerst jungen Jahren schon solchermaßen an fast unglaubhafter Fülle des Wissens und Könnens nicht nur über seine Altersgenossen, sondern selbst über die eingescheuerte Ernte der weißesten und weisesten Köpfe des Ortes, daß leichtlich zu besorgen stand, es möge üble Frucht von Mißgunst und Scheelsucht daraus für ihn erwachsen. Allein zum Glück befand sich eine derartige Regung nicht in der Gemütsbeschaffenheit der Dorfeinwohner vorgebildet, und es war kein Einziger unter ihnen, der ihn um seinen Vorsprung in den Kunstfertigkeiten des Geistes beneidete. Mit der christlichen Frömmigkeit, welche Guy auf diese Art scheinbar aus doppeltem Springquell in sich eintrank, hatte es aber, wenigstens nach der einen Seite, eine eigene Bewandtnis. Nicht als ob die Rechtgläubigkeit seiner Pflegeeltern jemals einer Versuchung ausgesetzt und mit dem geringsten Makel behaftet gewesen wäre; sie hatten niemals davon vernommen, daß etwas Derartiges an menschlicher Verworfenheit überhaupt möglich sein könne. Doch wenn sie am langen Winterabend wärmebedürftig um die flackernden Holzscheite auf dem Küchenherd hockten und aus den draußen vorüberheulenden Wolkenmassen plötzlich einmal unvermutet ein gelber Blitz mit schmetterndem Krach herunterfuhr, so stand Veit Loder rasch schweigsam auf, trat in den anstoßenden Hürdenpferch und kam mit einem erkrankten Schaf auf den Armen zurück, das er sorglich vor der Tür in den niederströmenden Regen hinaushielt, damit der Blick Donars es von seiner schlimmen Seuche befreie. Gewöhnlich kehrte er dann zufrieden ans Feuer, mit dem sicheren Zuvertrauen, daß alsbald das Tier wieder genesen werde, weil er deutlich draußen den langen roten Bart des Wettergottes gewahrt und derselbe mit dem mächtigen Steinhammer zusagend heruntergedonnert habe. Und wenn am Sommersonnenwendtag um die Abenddämmerstunde fernab aus dem dunklen Forstgrund das heisere Wolfsgebell heraufkläffte und ein einsamer Rabe unter dem falb auslöschenden Gewölk des Himmelsbogens hinzog, da deutete der Bauer seinem Sohn wohl aufwärts, ob er den alten Mann im weiten, grauen Faltenmantel sehe, der, mit nur einem Auge unter dem breitrandigen Hut herabschauend den kärglich sprießenden Saaten besseres Gedeihen gab. Das war Wodan, der Weltvater, der den Lebendigen zu helfen suchte und die Toten in der Erde vor Unglimpf behütete, und Frau Tille wußte bei dargebotenen Anlässen nicht minder zu berichten, daß sie das treffliche Wachstum ihres Flachses der Sorglichkeit verdanke, mit der sie von Kindheit auf niemals einer Katze noch einem Marienkäfer, den Lieblingen der guten Frau Berchta, ein Leids angetan. Davor warnte sie Guy ebenfalls, wenn es ihm im Leben wohl ergehen solle, und gleicherweise vor den boshaften Zwergen, Hauskobolden und grünhaarigen Nixen, die überall in den Bergklüften, Erdhöhlen und Wassern hausten, wogegen die Schwanenjungfrauen als Töchter Wodans dem Begegnenden Glück brächten, wenn er den Mut habe, eine von ihnen anzurühren und festzuhalten. Dazu lehrte sie ihn beim Hüten der Schafe draußen Heils- und Zauberkräuter unterscheiden, gab ihm Schutzmittel an gegen bösen Blick, Werwolfskunst und Alpdruck, zählte ihm die guten und schlimmen Tage des Jahres auf und prägte ihm ein, was er an denselben tun und lassen müsse. Das hörte der Knabe stumm und aufmerksam, doch mit großen verwunderten Augen an, bis er einmal frug, warum es denn geschehe und wie es möglich sei, daß Gott Vater und Sohn und die heilige Jungfrau Maria, die doch allein allmächtig im Himmel und auf der Erde seien, all solche Dinge in der Welt zuließen; man könne doch das Eine nur für wahr glauben oder das Andere. Dann aber wurden Veit Loder und seine Frau mit Recht aufgebracht über solche kindische Vermessenheit und antworteten: »Wirst leider einfältig im Kopf bleiben dein Leben lang und meinst klüger zu sein als unsere Vorväter, die's so gewußt und oftmals mit Augen gesehen und mit Ohren gehört.« Und seinen erfahreneren Kopf arg in die Weiche legend, fügte der Bauer wohl begütigend und mit befriedigtem Selbstbewußtsein hinzu: »Kannst's freilich noch nicht begreifen, Bub, erst wenn Du zu Verstand kommst wie wirs daß es Alles das Gleiche ist, bloß heißt man's zuweilen anders, weil's natürlich ganz verschieden voneinander ist, 's nützt nichts, daß ich mit dir davon red', sonst wollt ich' dir klar machen, daß du so wenig mehr darüber nachzudenken brauchtest wie ich.« So unterließ Guy freilich allgemach das Fragen, allein das Denken wußte er darum doch nicht zu lassen. Zumal wenn er einsam auf dem Berge saß und die Schafe hütete, die jetzt schon lange seiner Obacht allein anvertraut waren. Dann dachte er über die christlichen Heilslehren des alten Pfarrers nach, zu dem er allmorgendlich zum Unterricht hinuntersprang, und über das, was allstündlich fast als irgend eine geheimnisvolle Macht über die Lippen seiner Eltern raunte und was von beiden eigentlich die Welt so schön und wundersam gemacht habe, wie sie rund um ihn dalag. Und eines Tages kam es auf einmal mit einem jähen Schreck über ihn, daß er in seinem Kopf und Herzen an Wodan, Donar und Berchta, an Zwerge, Kobolde und Nixen nicht glaubte, doch ebensowenig an Gott Vater, Sohn und die heilige Jungfrau Maria. Wie's so gekommen, wußte er nicht, aber es war so, er konnt's sich nicht mehr verhehlen. Und doch klopfte ein unsägliches Verlangen in ihm, daß Etwas da sein möge, das mit einem behütenden Auge auf ihn herabschaue, wie er auf seine Herde, mit dem er zutrauensvoll reden und zu dem er seine suchenden Gedanken tröstlich hinaufflüchten könne. Er fühlte dies große, gütige Wesen auch um sich her und in sich selber vorhanden, und plötzlich schlug er, von einem Schauer überlaufen, die Augen weit über sich auf. Da stand es hoch über ihm im unendlichen Himmelsblau, ebenso rätselvoll und wunderreich wie die alten und christlichen Götter. Alles Schöne, freudige und geheimnisvoll Belebende stammte nur von dem großen, warmblickenden Auge, und nur wohin dies liebreich herabsah, kam die Blume mit fröhlichen Farben aus der Erde hervor, hoben bunte Falter zu flattern und Vögel zu singen an und wurde das Menschenherz in der Brust weit und sehnsüchtig, als ob ihm Flügel wüchsen, sich einem märchenhaften Glücke entgegenzuschwingen. Die Sonne war's, das herrliche, Licht, Wärme und Leben niederspendende Himmelsantlitz, das man vor dem Strahlenglanz seines leuchtenden Goldhaares nicht unterscheiden konnte, aus dessen Macht und Güte das Alles gekommen und mit jedem Tage neu wiederkehrte, und wundersam getröstet und beglückt hob der Knabe bittend und dankbar die Hände zu ihr empor. Er empfand, es war ihm eigentlich nicht jählings in die Erkenntnis geraten, sondern hatte schon lange, von früh auf überdämmert in ihm gelegen. Doch nun wußte er's, und ihm war's selig zu Mute, als ob er in einem besonderen Verhältnis zu dem großen, schönen Wunder da droben stehe, ihm alle seine Fragen vorbringen dürfe und im Ziehen der weißen Wolken, im Flimmern der Halme rundum, im Summen der Kieferzweige Antworten darauf erhalte. Und obwohl es ihm erschien, daß alle Menschen auf der Erde, wenn sie auf die Sprache nur Acht gäben, gleichen Teil daran haben müßten, war's doch auch ein Geheimnis, das er für sich allein bewahren mußte und anderen Menschenohren nicht anvertrauen durfte, sondern nur den Tieren und Pflanzen, die es ebensowohl wußten und verstanden wie er. Das sagte ihm jedes klug und zutraulich blickende Vogelauge, jede emsig von Kelch zu Kelch schwirrende Biene, jedes Blatt, das sich freudig im Windhauch bewegte. Sie alle wiegten sich im Sonnenglück wie im Schoß einer großen gemeinsamen Mutter, die auch die seinige war, und träumten, lächelten und hielten flüsternd geheime Zwiesprache. Darauf lauschte er die langen Stunden hindurch, die er alltäglich in der Gebirgseinsamkeit zwischen ihnen verbrachte, denn es klang ihm umher wie leise Stimmen von Schwestern und Brüdern, die von all den Dingen redeten, nach deren Verständnis sein Herz in sich Begehr trug. Doch zu Haus hockte er stumm im Winkel des engen, rauchigen Raumes und befrug seine Eltern nicht mehr um ihre gereiften Erfahrungen über die Seltsamkeiten des Lebens, und obwohl er beim Unterricht in den Anfangswissenschaften des geistlichen Berufs nach wie vor gleichmäßige Fortschritte machte, schüttelte der gute Priester doch manchmal sein graues Haar und meinte, der Lodersbub habe ehemals einen offeneren Kopf für die tiefere Heilserkenntnis verheißen, und bis zum Papst in Rom werde er es schwerlich bringen. Freilich sei's auch nicht zu erwarten und zu verlangen, daß der Tannzapfen weit vom Baum abfalle, denn daß Guy Loder nicht in Wirklichkeit von dem knorrigen Kieferstamm Veit Loders abgesproßt war, hatte der Pfarrer gleich allen übrigen Dörflern mindestens für den täglichen Gebrauch längst nicht mehr im Gedächtnis bewahrt. Ein eigentümlich fremdartiger Anblick aber war's, wenn der Knabe an sonnigem Tage so auf einem Felsstück oder Heidebüschel zwischen den weidenden Schafen in der Bergesstille dasaß. Von jeher trug er im Sommer und Winter nur das gleiche und einzige, von Frau Tille ihm zurechtgeschneiderte, allgemach erweiterte und verlängerte Gewand aus Lammvließstücken, die ihre weiße Zottenseite nach außen kehrten, doch war er, wenigstens mit seinen oberen und unteren Gliedmaßen, demselben im Wachstum immer voran, so daß die halben Arme und die Beine bis zu den Knieen unbedeckt hervorsahen. Das machte sich seine Freundin, die Sonne, weidlich zu Nutze und verbrannte sie zu einem fast goldbraunen Ton, wie sie Abends beim Untergang am Waldsaum die Äste der Rotkiefern aus dem grünen Nadelbesatz herausglühen ließ, aber der feinen Gestaltung seiner Hände und Füße unter der gebräunten Haut tat sie nichts an, und wenn er die letzteren emporhob, bewegten sie sich leicht und lautlos wie auf den schmalen Sprunggelenken eines Rehs. Gar schlank und hochaufgeschossen schmiegte sein Körper sich unter das zottige Fell, draus hob sich auf schmächtigem Hals der Kopf mit dem langen, lichtglänzenden Haar, daß er von weitem im Sonnenflimmern einem großen Blütenkelch des wilden Hafermarks ähnelte, das da und dort von feuchtem Quellgrund auf hohem Stiel herübernickte. Und man konnte ihn fast immer schon aus der Ferne gewahren, denn er mied auch am heißen Mittag den Schatten und hielt sich stets so, daß rundhin der volle Strahlenglanz des Himmels um ihn funkelte. Davon träumte er des Nachts, daß er so sitze und auf die schimmernde Welt zu seinen Füßen hinunterblicke; Schöneres konnte sein Herz sich nicht erdenken. Am liebsten und häufigsten aber lag er droben, wohl eine halbe Wegstunde noch über dem Gehöft auf einer freien, mit langem, haarfeinem Gras bewachsenen Kuppe, ausgestreckt, deren zarte Halmsprossen seiner Herde am schmackhaftesten mundeten. Nahe vom Westen schauten die Zwillingshöcker des Brüschbückels auf ihn herab, während ostwärts hinüber der Blick sich bis ins Unendliche erweiterte. Den Tag hindurch hielt wohl Duft und Dunst den Gesichtskreis verschleiert, doch mit dem schrägeren Niedergang der Sonne hob sich allgemach und rasch und rascher der blaue Wall des Schwarzwaldes aus der Tiefe drunten herauf, bis er, oftmals wie in Gold und Purpur getaucht, über der Rheinebene schwamm. Dann schossen auch rechts von ihm blaue und weiße Zacken in die krystallene Luft, sie wuchsen aneinander und reckten sich in den Äther, unendlich fein, Wolkengebilden gleich, doch unverrückt, stets jede wieder an der nämlichen Stelle. Nun strahlten sie in silbernem Glanz und nun lief ein goldiger Schimmer von ihnen herab, zuweilen immer reicher und heißer aufglühend, bis es rätselhaft wie das rote Geloder eines Weltenbrandes am Himmel stand. Mit staunender Scheu hing das Auge des Knaben an dem schönen Wunder, das auch die Sonne noch im Scheiden ihm zum Gruß darbrachte, aber sein Blick weilte trotzdem nicht lange darauf, denn etwas noch Mächtigeres zog ihn von den fernen, namenlosen Bergriesen in die Nähe zurück. Deshalb vor allem saß er täglich dort oben, wo unter ihm die dunklen Rücken des Wasgenwaldes sich auseinander bogen, daß zur Hälfte sichtbar aus ihrem Einschnitt vom Talrande des Gebirges her ein Bergkegel heraufstieg, von dem an drei Stellen massiges Turmgequader und zackiges Gemäuer gegen die Luft hinausstach. Auch darüber wob sich bei vollem Tage zumeist ein nebelndes Schleiergespinnst, doch mit dem Herannahen des Abends schien's, als richte die Sonne immer flammender ihre Goldpfeile dorthin und meißele Zug um Zug die graurötlichen Felswände des Vorberges aus seiner Umgebung hervor. So blieb sie auf ihm ruhen, während Dämmerschatten alles Andere um ihn überrann, zuletzt schwamm er, allein in Goldlicht getaucht, einsam zwischen dem schwarzen Tannenmeer des Vorgrundes. Dann unterschied Guy deutlich drei stolze Schloßburgen, die sich von seinem Gestein und aus seinen grünschillernden Laubgewinden abhoben. Nie höchstgelegene krönte den obersten Gipfel und sah mit mächtigem Turmbau ins Land, doch hoher Tannenwald umher gürtete das übrige vor dem Einblick. Frei dagegen sprang darunter von der Mitte des Bergrückens die zweite Burg hervor, umfangreicher und zierlicher an Gestaltung trotz ihrem stolzen Mauer- und Zinnenwerk; eine Reihe hochgewölbter Fensterbogen wandte sich, aus dunklem roten Sandstein gerundet, geradher nach Westen. Gegenüber aber, kaum mehr als doppelte Steinwurfslänge entfernt, hob sich auf jähem Absturz, fast zugangslos erscheinend, die dritte Burg; am kleinsten, wie trotzig aufgereckter Felsenhorst eines Geiers, drohte sie von dem wildzerklüfteten Geblöck herunter. Der Knabe wußte auch die Namen der drei Ritterschlösser, nicht von seinen Pflegeeltern, denn Tille Loder hatte ihm nur zu sagen vermocht, daß drüben unter ihnen die allerheiligste Behausung unserer lieben Frau von Dusenbach liege. Doch durch den Pfarrer hatte er erfahren, die letzte, geringfügigste Burg heiße auch, wie sie sich anschaue, Geiersberg oder Giersberg, und gehöre dem hochedlen Geschlecht der Herren von Egisheim zu eigen, deren Stammschloß im Wasgau unfern über der Stadt Rufach aufrage. Die oberste dagegen sei der Hochrappoltstein, und die dritte und schönste unter ihr habe bis vor kurzem den gleichen Namen getragen, bis dem heiligen Ulricc darin eine kostbar ausgestattete Kapelle geweiht worden, seitdem werde sie Sankt Ulrichsburg benannt. Beide letzteren Burgen aber dienten dem Hause des großmächtigen Grafen von Rappoltstein zum Wohnsitz, deren Herrschaft sich wohl fast über das halbe Elsaß erstrecke, und obendrein trügen sie vom Kaiser wie vom Frankenkönig noch Städte, Schlösser und Länder zu Lehen. So klar jedoch lag gemeiniglich, wenn der Abend nahe rückte, vor allem die Ulrichsburg im letzten Sonnenscheidelicht vor dem Blick Guy Loders, daß es ihm oftmals war, als sehe er über die wohl vier Wegstunden weite Entfernung hin die Zugbrücke auf- und niedergehen und Bewegung von menschlichen Gestalten unter dem gewölbten, Torbogen. Er konnte aber kein Auge davon wendene sondern mußte unausgesetzt hinüberblicken, solange die wundersame Helle darauf ruhte. Dann schien's, als wolle die Sonne seiner Sehkraft noch mehr zu Hilfe kommen, so scharf und jeden Schatten weglöschend leuchtete sie unter alle Vorsprünge, der Dächer und Erker, bis in die kunstreichen Fensterwölbungen hinein, daß seine Einbildungskraft ihm in den Nischen derselben Gesichter heraufgebar, die miteinander redeten, sich grüßten, scherzten und lachten. Nur zerflossen ihre Züge ihm immer unbestimmt vor den Augen, denn er vermochte sich aus seiner Kenntnis keine anderen als diejenigen der Männer und Weiber von Altweier zu gestalten, und dawider sträubte sich eine fast zornige Verneinung in ihm; sie mußten anders sein, doch wie, wußte er sich nicht vorzustellen. Und wie er so mit weit offenen Lidern saß, überlief es ihn stets zuletzt mit einem wunderlichen Schauer, als winke und ziehe ihn etwas geheimnisvoll nach den beglänzten Mauerzinnen hinüber, daß er unwillkürlich mit der Hand in das Wurzelgeflecht um seinen Sitz griff, sich daran festzuhalten und nicht wider Willen von seinen Füßen fortgetragen zu werden. So vergaß er alltäglich, daß sein Vater ihn schalt, wenn er zu spät mit der Herde zum Stall heimkehrte, bis wie mit einem jähen Ruck die Sonne auch von dem letzten überstrahlten Erdenfleck drunten schwand und alles plötzlich in geisterhaftem Grau versank. Da fuhr er schreckhaft zusammen; die Schafe waren klüger gewesen als er, hatten sich schon zu dichtem Rudel aneinander gerottet, das ihm mit mahnendem Blähen ein Dutzend kalter Schnauzen ins Gesicht reckte, und hastig schritt er ihnen im Zwitterlicht der Berghöhe und durch den schon tiefdunkelnden Tannengürtel zum Gehöft voran. Nicht immer jedoch saß er dort oben allein, wenigstens seit dem jüngsten Sommer nicht mehr, sondern manchmal in einer verwunderlich schweigsamen Genossenschaft. Die hatte sich einmal in einer heißen Mittagsstunde zu ihm gesellt, wo alles unbewegt flimmernd und wie traumhaft schlafend um ihn her lag; auch die Schafe kauerten schläfrig auf dem grünen Boden, wie hoch über ihnen als ihr Widerspiel die reglose weiße Wolkenherde im Blau des Himmels, und nur dann und wann tönte einmal leise das Rupfen eines halb zaudernden Gebisses von der Grasnarbe herüber. Da reckte sich durch die Stille vom gelbblühenden Ginsterrand des Föhrenwaldes ein Doppelpaar schneeheller Hörner auf und zwei langbehaarte schwarze Ziegen, nur mit einem weißen Bleßfleck zwischen den Augen, hoben die Köpfe hinterdrein. Dann folgte ein junges Menschenkind, seltsam von Art und Aussehen, und noch mehr in der Weise, wie es sich behutsam heranbewegte. Fest auf den Haldenhang niedergedrückt, ringelte es sich, einer braunen Schlange ähnlich, lautlos auf den Sitz Guy Loders zu, sich behend mit den Armen und Beinen fortwindend, bis es ihm auf einige Schritte Entfernung genaht war und, stumm den Kopf emporrichtend, ihn bittend und demütig ansah. Vom Nacken bis zu den Knieen war es nur in ein grobes, vielfach zersplissenes Sackgewand von der Farbe dürrer Herbstblätter eingehüllt, und man konnte ihm nicht anschauen, ob es ein Knabe oder ein Mädchen sei. Doch ließ der erste Blick erkennen, daß es zu der Zahl der traurigen Abkömmlinge des Dorfes gehöre, denen die Natur schon bei der Geburt ihr Lebensrecht verkümmert hatte. Zwar trug der Hals keinen entstellenden Wulst und die Gliedmaßen zeigten sich nicht unförmlich und für ihre Zwecke unzulänglich gebaut, die Bewegung der Hände und Füße verriet eher eine über den Anschein des schmächtigen Körpers hinausreichende Kraft und Geschicklichkeit. Aber das greisenhafte Gesicht mit der niedrigen, kaum vorhandenen Stirn und dem gebleichtem Flachs gleichenden Haar deutete unverkennbar sofort auf das schlimme Erbübel aus Vorväterzeit hin. Es war nicht abstoßend, doch von blöder, leerer Ausdruckslosigkeit, die krankhaft weiße Haut von der Sonne nicht gebräunt, aber mit zahllosen gelben Sommerflecken übersäet. So hockte die unschöne, absonderliche Erscheinung, wohl fast gleichalterig mit dem Knaben, vor ihm da, einem Einbildungsgeschöpf ähnlich, das die Phantasie sich in der heißen Mittagsstille aus geschecktem Blattwerk, Pfriemgräsern und Wurzelknorren zusammengestalten konnte, und blickte ihm tonlos ins Gesicht. Er kannte indes sowohl die beiden schwarzen Ziegen als das geistesarme Hirtenkind, hatte es schon öfters, freilich stets nur aus einiger Weite, gesehen und wußte, daß es ein Mädchen und taub und stumm sei. Auch ihren Namen wußte er, Bettane, der aus dem Keltischen herstammte und die Kleine und Dünne bedeutete; so paßte derselbe, wie mit Vorbedacht für sie gewählt. Ihr Hierhergeraten an seinen Lieblingsaufenthalt aber war ihm sehr unerfreulich, da sie ihm seine schöne Einsamkeit raubte, und er sagte, ihr mit der Hand zurückwinkend, fast unwillig: Was suchst du hier oben?« Dann bedachte er erst, daß sie seine Stimme ja nicht hören könne, doch zugleich überkam ihn wunderlich die Erkenntnis, daß sie ihn trotzdem genau verstanden. Ihr Blick hatte mit ängstlicher Erwartung auf der Bewegung seiner Lippen gehaftet, und nun schüttelte sie traurig den Kopf, und es lag eine deutliche Antwort darin, daß sie nichts Anderes als ihn hier oben gesucht und seine Worte ihr gesagt, er wolle sie nicht bei sich haben. So richtete sie sich in die Höhe, um wieder von dannen zu gehen, nur ihr Gesicht blieb ihm noch schweigsam mit einer kummervoll an der Wimper blinkenden Träne zugewandt. Anbei gewahrte sein Mißmut zum ersten Mal in ihrem blöden Antlitz die Augen, und es überraschte ihn, daß er noch nie zuvor ähnliche gesehen. Sie waren sammetweich und von der Farbe einer übersonnt aus dem Schnee hervorgrünenden Frühlingsmatte, die vom Heraufleuchten tausend kleiner, gelber Blumenkelche ein goldiger Schimmer überrinnt. Und auf einmal befiel's ihn reuig, daß er im Begriff gewesen, einem armen Mitgeschöpf hartherzig eigensüchtiges Unrecht anzutun, und er fügte freundlich hinter seine ersten abweisenden Worte drein: »Die Sonne gehört dir ja auch und ist deine Mutter wie meine; darum bleib, Bettane, wenn es dir hier oben so gut gefällt.« Das verstand sie, nach seinem Munde schauend, ebensowohl wie seine Abwehr vorher, und auch, daß er ihren Namen wußte und gesprochen, denn bei der Lippenregung desselben lief ein freudig zitternder Glanz durch ihre Augen. Und einen Moment gewann ihr Gesicht fast einen anmutenden Ausdruck, so war es ganz von überströmendem, glückseligem Dank angefüllt. Dann kauerte sie sich stumm zu seinen Füßen hin, die schwarzen Ziegen kamen meckernd heran, legten sich neben sie und leckten ihr dann und wann die kleinen Hände, und ohne sich zu rühren, blickte sie beinahe unverwandt mit den weichschillernden Augen zu Guy Loder auf. Er empfand, sie fühlte sich sicher geborgen bei ihm, und es war ein Glück für sie, so in der Sonne an seiner Seite daliegen zu dürfen, ohne sich vor den Schlägen ihrer rohen Eltern und den Mißhandlungen durch ihre zum Teil tierisch verwahrlosten Unglücksgenossen im Dorf fürchten zu müssen. Sie störte den Knaben aber nicht nur nicht in seinem Umhersinnen und Träumen, sondern bald fehlte ihm etwas, wenn er allein ohne sie auf der Bergkuppe saß und er schaute umher, ob nicht das Aufblinken der weißen Hörner am Waldrande ihr Herzukommen ankündigte. Die beiden Ziegen waren unzertrennlich von ihr; fast als seien sie die Hüterinnen des Mädchens, wichen sie nicht von den Fersen ihrer kleinen nackten Füße. Von Tag zu Tag indeß erkannte Guy deutlicher, daß er sich in seiner Meinung über den Zustand Bettanes geirrt habe, ihr nur das Gehör und die Sprache fehle, sie sonst jedoch weder leiblich noch geistig verkrüppelt sei. Im Gegenteil erwies sie sich für ihr Alter, ihr Geschlecht und den zarten Bau ihrer Glieder von nicht erwarteter Stärke und unerschrockenem Mut, durch den sie ihren Gefährten sogar einmal vor schlimmem Unheil bewahrte. Vom Dickicht her hatte sich unvermerkt ein großer Wolf herangeschlichen und eines der Schafe an der Kehle gewürgt; erst wie die Herde wild auseinanderstob, ward ihr Hirte des blutgierigen Räubers ansichtig, flog furchtlos auf ihn zu und warf sich über ihn, um ihm das jammervoll blökende Tier zu entreißen. Nun ließ der Wolf seine Beute fahren und packte wütig mit fletschendem Gebiß das Fellkleid des Knaben, in dem seine Zähne sich einen Augenblick verfingen, doch gleich darauf zerriß er es ihm über der Brust und drohte, seine spitzen Hauer tödlich in diese selbst einzuschlagen. Da traf ihn der Schlag eines scharfen, wuchtigen Felsstückes gerade zwischen die glühenden Augen, daß er betäubt abließ und heulend in schreckhaften Sprüngen über die Halde zum Wald zurücktaumelte. Wie Guy, seine plötzliche Befreiung selbst noch nicht begreifend, dem Wolf ungläubig nachblickte, stand Bettane neben ihm, hielt den Stein noch mit den schmalen Fingern umspannt, warf ihn jetzt aber hurtig zu Boden und streckte die Hand nach dem klaffenden Zahnriß in dem Gewand des Knaben aus. Dabei sprachen ihre Augen so verständlich wie mit Worten ängstlich die Frage: »Hat er dir schlimm weh getan?« und sie glitt sorgsam tastend über die halb entblößte Brust Guys. Doch hatte ihre Beihülfe diesen im richtigen Zeitpunkt vor gefährlicher Verwundung behütet und die feine rosige Haut zeigte nur ein paar unbedeutende Eindrücke der vom Schafpelz abgestumpften Zähne des Raubtieres. Darüber strich sie einigemal leise mit der weichen Handfläche hin, und dann ging ihr auf einmal ein glückseliges Lächeln um die Lippen, daß er sie erstaunt ansah. Sie hatte bisher nicht zu lachen noch zu lächeln verstanden und es plötzlich zum erstenmal gelernt. Auch sonst lernte sie allmählich mancherlei und wußte sogar, ihn zu belehren. Mit unbeirrbarer Sicherheit las sie stets die Worte von den Regungen seines Mundes ab und erwiderte darauf mit einem Nicken oder Schütteln des Kopfes oder vielfältig anderen, nicht mißzuverstehenden Zeichen. Aber sie hatte solche auch ausfindig gemacht, um selbst mit ihm zu sprechen, und er war täglich neu überrascht, wie klug und schnell sie die Augen, Finger, Steinchen, Blumen, Holzstückchen und hunderterlei andere kleine Dinge handhabte, um damit Worte herzustellen und ihm den Sinn, welchen sie ihnen zugelegt, beizubringen. Mit dem hurtigen Vorstellungsvermögen der Jugend und dem Verlangen, sie in ihrer Hülflosigkeit zu unterstützen, verstand er bald fast alles, was sie auszudrücken suchte; oftmals hob sie, wenn er etwas sagte, rasch die Finger zu einem neuartigen Zeichen, daß dieses hinfort das eben von ihm ausgesprochene Wort bedeute. So bereicherte sich ihr Redeschatz, und seine Auffassung bewahrte jeden Zuwachs desselben getreulich im Gedächtnis. Für einen Fremden wäre es ein absonderliches Bild gewesen, in der Sonnenstille oder dem Windsummen auf der Bergkuppe der Unterhaltung der beiden Kinder beizuwohnen, von denen jedes achtsamen Blickes nicht mit dem Ohr, sondern dem Auge die Sprache des anderen aufnahm. Dann brachte Bettane eines Morgens noch etwas Neues hinzu. Sie hatte mit einer alten, verscharteten Messerklinge, die vermutlich als wertlos fortgeworfen worden war, ein Stückchen Kälberrohr abgeschnitten, verstopfte die Ausgänge des hohlen Stieles und kerbte eine Weile daran herum; darauf setzte sie es an die Lippen und blies leise pfeifende und flötende Töne daraus hervor. Verwundert hörte der Knabe ihr zu und frug, von wem sie das gelernt habe, und sie antwortete, über sein staunendes Gesicht erfreut, in ihrer Sprechweise, daß sie einmal einen Mann gesehen, der es so gemacht, am Wegrain gesessen und damit die Eidechsen aus ihren Erdlöchern hervorgelockt habe. Und wie sie weiterblies, fing es bald um sie her an, leise zu rascheln, und guckten klugäugige Eidechsenköpfchen zwischen dem Haidekraut und den Felsritzen nach ihr empor. Auch eine von den großen, goldgrün wie Edelgestein gleißenden war darunter und kam immer näher heran, bis sie auf das braune Kleid des Mädchens schlüpfte und dort unbeweglich dreinlauschte, daß es Guy plötzlich halb erschreckend einbildnerisch vor dem Blick schillerte, als leuchte eines der Augen Bettanes von ihrem Knie auf, denn genau mit der nämlichen Farbe lag das zierliche Tier im Sonnengeflimmer da. Darüber vergaß er eine geraume Weile das Merkwürdigste an dem neuartigen überraschenden Vorgang, ehe er auf die Frage verfiel: »Wie weißt du, was Flöten ist, da du es doch nicht hörst?« Aber sie schüttelte mit einem geheimnisstillen Lächeln den Kopf und erwiderte, auf ihr Ohr deutend: »Doch – nicht da wie du –« und ihre Hand wies nun in ihre Augen wie hinter dieselben hinein – » aber hier höre ich's,« und beglückt, daß der Versuch, ihr so wohl gelungen, holte sie geschickt neue, wechselnde Töne aus dem Rohr hervor. Allein nun bemächtigte sich auch der Knabe ihrer Erfindung oder Nachahmung des fremden Pfeifers, dachte nach und stellte bald mit wachsendem Verständnis und gewandter Hand aus verschiedenen Gegenständen kunstvollere und tonreichere Flöten her. Damit beschäftigten sie sich fortan wochenlang fast vom Morgen zum Abend und hielten, so lange die Sonne warm herabfiel, unausgesetzt ihre kleine, aufmerksam horchende, farbig-glitzernde Zuhörerschaft um sich versammelt. Es war eine neue, ungekannte Freude für Guy, ein wunderliebliches Gefühl, so zu sitzen und die Klänge hervorzulocken, die der leise Windhauch summend über die sonnige Berghalde forttrug. Wenn aber allmählich der Tagesglanz auf dieser hinschwand, die Welt umher zu verblassen anhob, immer schwärzer die beiden Tannenwaldstreifen drunten vorzukriechen schienen und nur in ihrem Einschnitt die Bergkuppe drüben am Saum des Rheintales mit ihren drei Schloßburgen noch in Goldlicht gebadet zwischen den Schatten aufstieg, dann hingen die Blicke des Knaben wie je unverwandt an den beglänzten Erkern, Söllern und Fensterbogen; sein Mund schwieg, doch ein sehnsüchtigtraumhafter Schimmer redete zwischen seinen Lidern. Auch Bettane sah stumm mit hinüber, aber eine fremdartige Unruhe ging immer dabei in ihren Augen hin und wieder. Nur einmal hob er unwillkürlich den Arm und deutete ihr auf die noch klarer als gewöhnlich überleuchtete Ulrichsburg; da stieg es wie eine tödliche Angst im Blick des Mädchens herauf, sie schüttelte heftig den Kopf, griff nach seiner Hand und wies in die fahl einbrechende Dämmerung hinaus, daß es hohe Zeit sei, den Heimweg anzutreten. Und auf diesem ging sie nicht wie sonst heute demütig hinter ihm, sondern blieb an seiner Seite und behielt seine Hand unausgesetzt mit der ihrigen umfaßt, bis sie an das Gehöft Veit Loders hinunterkamen. Dort blieb sie noch stehen, als wollte sie etwas sagen, doch es war schon zu dunkel für ihre Sprache, und noch einigemal scheu zurückblickend, wanderte sie langsam mit den beiden Ziegen weiter, ihrer kaum notdürftigsten, freudlosen Behausung zu. Viertes Kapitel So war der Sommer, seine Hochgezeit überschreitend, wieder einmal in den Anfang des Septembermondes getreten – es mochte zum vierzehnten- oder fünfzehntenmal geschehen sein, seitdem Veit Loder den Knaben in gar winzig anderer Gestalt unter dem Eibenbaum aufgefunden – und Guy kehrte am Abend nach gewohntem Brauch mit Bettane zum Dorf zurück. Er schlief auch wie sonst, nachdem er sich auf sein Heulager ausgestreckt, alsbald ein, doch im Traum, der über ihn kam, saß er immer noch droben auf der Bergkuppe, und im letzten Spätgeleucht grüßten und winkten ihm die glanzhellen Burgzinnen vor den schlafbefallenen Augen fort. Dazu summte der Dämmerwind mit raunender Stimme eine wunderliche Weise, und der Schläfer regte manchmal Hand und Fuß, bis er, die Arme vor sich hinausstreckend, Kopf und Brust auf der Bettstatt emporrichtete. Eine Weile verharrte er so mit festgeschlossenen Lidern, dann stand er lautlos auf und trat in seinem weißen Fellrock vor die Tür. Draußen lag jetzt eine fast tagesklare Vollmondsnacht, und durch diese ging er schlafwandelnd langsam den Pfad bis zu der Stelle hinan, wo täglich seine Herde um ihn weidete. Unbeweglich blieb er dort oben stehen, bis ihm ein großer Vogel mit fauchendem Flügelschlag am Gesicht vorüberschoß und ein schriller Eulenschrei ihm plötzlich die Augen starr aufriß. Erwachend fuhr er schreckhaft zusammen und nahm gewahr, wo er sich befinde, doch stand das Traumbild ihm noch flimmernd vor dem Blick. Aber gleich darauf überlief's ihn noch mit gewaltsamerem Schauer, denn das Bild rann vor seinen weitaufgeschlagenen Lidern nicht auseinander, sondern blieb, nur nicht in Abendsonnenlicht gebadet, sondern im weißen Mondenglanz funkelten die glanzrieselnden Dächer, Mauern und Türme so nah, wie er sie noch niemals gewahrt, als müsse man sie in kürzester Frist erreichen können, und ein Vogel schwinge sich in wenig Augenblicken hinüber zu ihnen. Noch geheimnisvoller denn je glimmerte und spiegelte es in den hochgewölbten Fensterhöhlen, der Nachtwind rauschte dazu, und Guy Loder war's, als hebe derselbe ihm die Sohlen von selbst empor und trage ihn über die Berghalde von dannen. Er kam auch in Wirklichkeit tiefer an dieser herunter, denn er schritt geradeaus den schimmernden Schlössern entgegen, doch erst wie die letzteren seinem Gesicht entschwanden, gelangte es ihm zum Bewußtsein, daß nicht der Wind, vielmehr seine eigne Bewegung der Füße ihn fortführe. Ein flüchtiges Zaudern hielt ihn mit dem Gedächtnis seiner Hirtenpflicht am kommenden Morgen an, aber der vieljährig alte Drang war zu übermächtig in ihm geworden, und er sagte sich beschwichtigend, in einer Stunde werde er drüben sein, könne alles in der Nähe betrachten, wonach so lange sein heimliches Sehnen gestanden, und noch vor Sonnenaufgang seine Herde wie alltäglich auf die Weite hinaustreiben. So eilte er weglos in der Richtung weiter, die er innegehabt, aber sie führte ihn weit tiefer abwärts, als er sich vorgestellt, denn er hatte die Hochfläche des Gebirges noch nie verlassen gehabt. Finstere Waldmassen nahmen ihn in ihren Schluchten auf, und steil schossen in den Tobeln die Berglehnen zwischen rauhem, abgestorbenem Astgestrüpp dichtgedrängter Tannen hinunter. Dickicht verstrickte ihm Hand und Fuß, daß er mühsam mit der ganzen Kraft seines Körpers hindurchbrechen mußte, manchmal versank er bis halb zum Knie in eisigkalten brüchigen Quellgrund. Und immer ging's noch in die Tiefe, er sah nichts mehr rund umher, als dann und wann einen blassen Lichtstreif hoch über sich in den murrenden Nadelwipfeln; wenn er atemlos und erschöpft rastete, zitterten unter ihm die Beine. Nur allmählich kam als einziger Ton der Nacht ein Surren und Schnurren stärker aus der Tiefe vor ihm herauf, dem kletterte er mit gedankenleerem Naturtrieb zu. Gar drangsalvoll lange Zeit noch, bis es näher und lauter wie schäumendes, strudelndes Wasser klang: zuletzt rollte er ausgleitend über einen weichen Hang dicht an den Rand desselben nieder. Ein weißliches Schaumblinken kündete ihm nur noch, daß es ein durch Steingeblöck herabstürzender Wildbach sei, sonst ließ sich nichts mehr erkennen, denn der Mond war schon lange hinter den hohen, schwarzen Bergwänden der Talsohle versunken. Kein Zeichen deutete die Richtung, nach welcher der Ankömmling gestrebt, doch wenn auch, wäre er zu matt gewesen, sie weiter zu verfolgen. Seine bloßen, schmerzenden Füße wollten nicht mehr, und seine Augen waren todesmüde. Sie fielen gleichzeitig mit dem Umsinken seines Körpers auf den grasverwachsenen Boden zu, und er schlief jetzt traumbildlos unter tiefen Atemzügen ein. Als er die Lider nach mehreren Stunden wieder öffnete, lag er im ersten Frühlicht und sah geraume Zeit verwundert um sich, wo er sei. Neben ihm rauschte und plätscherte der Bach, doch durch weniger engen Talgrund, als es ihm in der Nachtfinsternis erschienen, denn drüben, jenseits des Wasserbettgerölls, wand sich an diesem noch eine Wegstraße entlang, schlecht und steinholperig, immerhin indes so breit, daß sie sogar Raum für ein Fuhrwerk darbot. Sie kam von links her mit ziemlich starkem Gefälle über eine Einsattelung des Gebirges herab, und auf ihr wanderten in Zwischenräumen bedächtigere und eiligere Menschengestalten fort. Alle bewegten sie sich in der nämlichen Richtung wie der Fluß, Männer, Weiber und Kinder, teilweise Bauersleute, doch zum Teil nicht in ländlicher, sondern dem Knaben fremdartiger Tracht, sämtlich aber offenbar in einer Kleidung, die sie festtäglich herauszuschmücken bemüht gewesen. Auch von Ochsen gezogene Karren schlenkerten langsam vorbei, und nach ihnen ein Wagen, mit zwei Maultieren bespannt, mit Tannenreisig und bunten Spätsommerblumen verziert, der erste, den Guy Loder je mit Augen gewahrte. Lachende Frauen und Mädchen saßen auf den zu Bänken übergelegten Brettern desselben, ihre Gesichter stachen morgenfrisch unter farbigen Kopftüchern und großen, dunklen geflügelten Hauben hervor. Eine rief laut:» Da liegt ein Schaf beinah im Wasser!« allein eine andere antwortete: »Nein 's ist ein hübscher Bub im Schafsrock, er hat sich müd' zum Fest gelaufen, der arme Kerl,« und neugierig wandten sich alle Augen im Weiterrollen nach der anderen Seite des Baches hinüber. Alte Weiber kamen auch mühselig, Rosenkranzschnüre niederfingernd, des Wegs geschritten, und Männer mit schweren Traghutzen über den Schultern; so zog es beladen, schellenklingend, schwatzend, summend und pfeifend vorbei, und der Aufgewachte schaute erstaunt drein, daß hier unten im Tal schon in erster Morgenfrühe solch lebendiges Getriebe einherziehe. Er vergaß über dem unbekannten Anblick eine Weile ganz, wie und wozu er selber hierher gekommen, bis ihm die Erinnerung gemach aufdämmerte und es ihn zunächst mit Schreck überfiel, daß er nicht droben im Gehöft sei, und seine Eltern und die Schafe vergebens auf ihn warteten. Aber nun säumte ein Goldgeflimmer geradeaus vor ihm die Spitze eines hohen Bergkegels, die Erde und die Menschen auf ihr lachten so heiter und die Wellen rauschten und rieselten so lustig, daß er dachte, er wolle nur einmal so weit vorgehen, um die Talkrümmung sehen zu können, ob er von dort vielleicht die Felswand mit den Burgen darauf vor sich gewahre. So sprang er in die Höhe, suchte sich eine Furt durch den Bach, glitt vom feuchten Steinmoos ab und platschte ins Wasser, daß es bis zum Gesicht silberblinkend um ihn heraufspritzte und -sprühte. Auch das war lustig, wie es droben auf dem Hochkamm nie gewesen, und er lief fröhlich die Straße entlang vorwärts bis zur Biegung und dann bis zur nächsten, denn das Tal schlängelte sich gleichartig ausblickslos zwischen den hohen Waldlehnen fort. Von den Leuten um ihn herum achtete jetzt keiner mehr auf ihn, jeder schien es begreiflich und selbstverständlich zu finden, daß er hastig mit des Weges dahinzog. Ihm klopfte das Herz wohl noch bei dem Gedanken, wie er mit jedem Schritt sich weiter von seinem Dorfe entferne, und er sagte sich zuletzt bestimmt: Jetzt nur noch dorthin an die Ecke, dann kehre ich um. Aber als er an die Stelle gelangte, da taten die Berge sich plötzlich auf, dicht vor ihm schon stiegen riesenhaft große Häuser, wie es ihn bedünkte, aus dem Boden, eines neben dem anderen, immer mehr, unabsehbar, ein breiter Torbogen unter mächtigem, hohem Quaderturm führte zwischen sie hinein, und ganz nah darüber nickten und flimmerten im Sonnenglanz vom rötlichen Felsrücken die stolzen Schloßburgen auf die Dächer herab; doch nur die beiden nachbarlich von der Mitte des Berges niederschauenden, die dritte, hoch darüber belegene vermochte er von hier unten nicht zu erblicken. Er war aber in der Nacht auf dem Gebirgsweg heruntergeraten, der von der Stadt Markirch an der lotharingischen Grenze über den Sattel des Wasgenwaldes ins Strengbachtal hinüber und weiter gegen die Rheinebene abwärts führte, und die Häuser mit dem Torturm vor ihm bildeten den Beginn der langhingestreckten, festummauerten und für die Zeit weitansehnlichen und volkreichen Stadt Rappoltsweiler, die sich gleich wie ein gekrümmter, zu Stein erstarrter Fluß zwischen der letzten Einschnürung der Berggelände ins Freie hinaus ergoß. Aus der Weite betrachtet, mochte sie ruhig und schweigsam zwischen den rebenbedeckten Abhängen daliegen, doch wie Guy Loder kaum den Fuß hineingesetzt, war's ihm, als ob er in das Auge und Ohr betäubende Gewimmel eines riesenhaften Ameisenhaufens entrückt worden sei. Überall in der langen Hauptstraße der Stadt drängte sich Kopf an Kopf, reckte sich vorauslugend auf, tauchte wieder unter und trieb und riß ihn willenlos mit entlang, wie eine Forelle vom Sturzwasser eines Wolkenbruches stromab geschwemmt wird. Durch ein abermaliges hohes Tor inmitten der Gasse ging's, vor dem schmalen Durchschlupf sich stauend, stoßend und quetschend, dann atmete er etwas freier auf, denn der Raum zwischen den Häusern erweiterte sich zu marktartiger doppelter Breite der bisherigen Engnis, daß er, an den Rand des Menschenschwarms hinausgespült, zum ersten Mal stehen bleiben und sich auf sich selbst besinnen konnte. Doch wie sein Kopf dies kaum versucht, da kam es dicht vor ihm mit Klingklang und Singsang gegen ihn heran, ein Durcheinander von schrillen und stillen, lauten und leisen Tönen und Weisen, wie er noch niemals im Leben etwas Annäherndes vernommen: ein Beckengeklirre und Pfeifengeschwirre, ein Zimpern von Lauten und Dröhnen von Pauken, ein hüpfender Reigen von heimlichen Geigen, nun Flötengejubel und Hörnergeblase und Dudelsackwimmern und Zinkengeklimper, Schalmeien, Syringen und Schreien und Singen, Guitarrengeschnarre, Geschmetter, Geschetter, ein Gleiten und Streiten auf kreischenden Saiten, auf klingenden Wellen ein Schwellen und Gellen, sich schmiegend und wiegend und schweifend und schleifend, die Gassen durchschallend und himmelan hallend, die Sinne betäubend, wie Wasser, das sträubend und tausendfach wallend aus blauenden Lüften und quirlenden Klüften in brausendem Schwall und in donnerndem Fall über Klippen strebt und sich senkt und hebt, sich umwirrt und umwebt, bis es tosenden Schaums sich im Abgrund begräbt. So quoll und scholl es plötzlich überflutend von hundert pfeifenden, blasenden, jodelnden, trillernden Lippen, fiedelnden, paukenden, klimpernden, klappernden Händen, umwogt von tausendkehligem Volksgejauchz über Guy Loders Ohren und Geistessinne herein, daß er betäubt auf den dicht an ihm vorübertreibenden klingenden Schwarm hinstarrte. Ein langer Zug wohl von zweihundert Mannsköpfen war's, alten und jungen, schwarzen und braunen, blonden, grauen und weißen, deren jeder ein Musikinstrument blies, strich oder schlug, und alle hüpften, tanzten und sprangen dabei, waren mit Federn oder Bändern auf dem Hut und Sträußen vor der Brust festlich herausgeputzt und blickten mit kecken und lustigen, lachenden und feurigen Augen um sich. Dem Knaben aber war's vom nächsten Herzschlag an in dem unbeschreiblichen Getose wie einstmals den Kindern in der Stadt Hameln an der Weser, als der Rattenfänger mit seiner Querpfeife lockend durch die Gassen wanderte; er vergaß alles, was sonst für ihn auf der Welt war, was er vordem gesehen, gedacht, gewollt und gelebt, und mußte mit hinter dem Zuge drein. Stundenlang folgte er demselben im drückenden, jubelnden Gedränge durch die lange Straße auf und ab, ehe er einmal ungewiß, doch mit glanzrinnenden, wie geistesabwesenden Augen jemanden ansprach, was der Aufzug bedeute, und ob es alltag so hier unten sei? Der Befragte aber maß ihn und seine Kleidung mit spöttisch-verwunderndem Blick und antwortete kurz: »Kommst wohl von Kielkropfsnest herunter, daß Du in der Stadt bist und nicht weißt, daß heut' Maria Geburt und Pfeifertag ist in Rappoltsweiler?« Damit drehte er sich eilig ab, denn er hatte Wichtigeres zu tun, und der Knabe wußte kaum mehr als zuvor, nur daß er zum erstenmal den Namen der Stadt erfahren, in die er durch seine nächtige Wanderung geraten. Fünftes Kapitel Der Tag, an dem der Zufall Guy nach Rappoltsweiler gebracht hatte, war seit Vorväterzeit der denkwürdigste, wichtigste und geräuschvollste des Jahres in der sonst um vieles stilleren Stadt, denn am Achten des Septembermonds versammelte sich innerhalb ihrer Mauern allemal die »Bruderschaft der Pfeifer«, die jedoch nicht allein auf der Flöte bliesen, sondern alle fahrenden Musikanten, seßhaften und wandernden Spielleute, »sie seien Pfeifer, Trommelschläger, Geiger, Zinkenbläser oder was sunst die sunsten für Spiel und Kurzweil treiben können.« So kamen sie am Tage Mariä Geburt aus dem ganzen Elsaß, von Hauenstein bei Basel im Süden bis nordwärts an den Hagenauer Forst zum »Pfeifertag« in Rappoltsweiler herzugeströmt, eine festgeschlossene und geordnete Gilde, gleich den Bruderschaften der Schäfer, Ziegler und Keßler, die ebenfalls einen Schutz- und Trutzverband bildeten, wie da und dort im Reiche selbst die Bettler und Gauner zu Genossenschaften vereinigt waren. Jede derselben besaß schon aus grauen Tagen des Mittelalters einen Schirmherrn und obersten Gebieter, dem sie Zins entrichteten, der ihre Rechte und Pflichten feststellte und in besonderen Fällen als höchster Gerichtsherr Entscheidung und Urteil über sie verhängte. So waren die Keßler den Herren von Rathsamhausen im Niederelsaß untertan, welche danach den Namen der »Könige der Kesselflicker« trugen, die Bruderschaft der Pfeifer dagegen von Alters den reichmächtigen Grafen von Rappoltstein, deren Schloßburgen seit Jahrhunderten auf die ihnen zugehörige Stadt Rappoltsweiler herabblickten. Deshalb fand in dieser der jährliche Pfeifertag unter dem Vorsitz des Schutz- und Oberherrn der Gilde statt, und es durfte bei erheblicher Strafe kein Mitglied von denselben fern bleiben, wenn es nicht mit gutem Zeugnis erwiesen, daß es »durch Leibs oder Herren Noth« verhalten worden sei. Selten ereignete es sich auch, daß ein »Bruder« zu der großen Zusammenkunft nicht eintraf, denn eine fröhlicher ausgelassene »Kilbe« war rheinauf und -ab nicht zu finden als am Pfeifertag in Rappoltsweiler, und wer nicht kam, vermochte obendrein seinen »Jahreszettel« nicht zu lösen, der allein ihn zur Ausübung seines Spielgewerbes in elsässischen Landen befugte. Noch ein Grund gesellte sich indeß für die Wahl des Ortes hinzu. Einstmals hatte schon der Sachsenspiegel den »Spielmann« gleich dem fahrenden Volk der Storger und Gaukler als rechtlos bezeichnet, da ihr Tun und Treiben für ein unehrbares galt, und die Kirche hatte sie sämtlich von ihren Gnadenmitteln und Sakramenten ausgeschlossen. Dann war es der Bruderschaft der Pfeifer nach langer vergeblicher Mühsal endlich gelungen, vom Bischof zu Basel das Recht zu gewinnen, »daß man ihnen das heilige Sakrament geben solle als anderen Christenleuten ungehindert ihres Pfeifens«; doch sollten sie sich vierzehn Tage vor und nach dem Genuß desselben der Ausübung ihrer scurrilium operum enthalten. Da hatten sie ihre Genossenschaft zum Danke der Jungfrau Maria geweiht, und es war seitdem Gebot für jeglichen, daß er »zur Ehre der reinen Mutter Gottes ihr Bildnis auf der Brust trage, es soll ein halb Unz fein Silber haben«; sollt auch nicht ihr zu Schande einem ungläubigen Juden die Brautlost spielen, »derselbe zahle denn dem Spielmann einen Goldgulden für den Säckel der Bruderschaft.« Weit und breit zwischen den Gebirgswällen des Schwarzwaldes und des Wasgenwaldes am Rheinstrom entlang fand sich aber kein kostbareres Heiligtum der Gottesmutter als bei Rappoltsweiler. Das war das wundertätige Marienbild, welches vor manchen Jahrhunderten ein Vorfahr der rappoltsteinischen Grafen von einem Kreuzzuge aus der Kaiserstadt Byzanz oder Konstantinopolis mitgebracht und für dasselbe in der Felsschlucht des Dusenbaches unterhalb der Burg Hochrappoltstein eine prachtvolle Kapelle erbaut hatte. Danach hieß das Madonnenbildnis »Unsere liebe Frau von Dusenbach«, ward von allen Bewohnern des Elsaß, auch denen, welche niemals das Glück gehabt, es mit Augen zu gewahren, als höchster Gnadenausfluß des Himmels inbrünstig verehrt und war seit Menschengedenken die hochherrliche Schutzpatronin der Pfeiferbruderschaft geworden. Ihr brachte diese bei der Zusammenkunft in Rappoltsweiler zuerst unter feierlicher Meßabhaltung ihre Ehrfurcht dar, noch bevor sie ihrem irdischen Schirmherrn nach der Vorschrift »die Huld machte«. Unter dem letzteren, als Haupt der Gilde, von ihr erwählt und dem Grafen von Rappoltstein bestätigt, stand aber der »Pfeiferkönig«, dessen Amt und Würde das »Ambacht des Königrichs varender Lüte« benannt wurde. Er übte im Namen des Grafen alle Rechte desselben, wie die großen Lehensfürsten des Reiches aus der Vollmacht des Kaisers, saß als Präses am Pfeifertag und am Pfeifergericht; neben ihm tagten die »Meister« und »Zwölfer« nur als Rechtsbeisitzer mit beratender Stimme. Er entschied über Aufnahme in die Genossenschaft und verhängte als höchste Strafe Ausstoßung aus ihr; wen er wegen geringerer Übertretung der Satzungen schuldig befand, den rügte er »um Geld und Wachs«, das der Verurteilte zu Kerzen in die Kapelle unserer lieben Frau zu Dusenbach entrichten mußte. So herrschte er in den gemeinen Angelegenheiten der Zunft fast unumschränkt und nahm jedem »Bruder« beim Eintritt einen »gestabten Eid« ab, »dem König und der Bruderschaft hold und gewärtig zu sein.« Besoldet war er für seine hohe Ehrenstellung und mannigfaltigen Pflichten nicht, doch floß ihm allerhand nicht unerhebliche Vergünstigung zu. Er empfing Reise- und Zehrgelder, auch Leistungen an Kornfrucht wie sonstigen Nährmitteln und war am Pfeifertag mit zweien seiner Gesellen frei von der Irte, das hieß, von dem gleichen Beitrag der Brüder für Speise und Trank bei dem allgemeinen Festbankett. Alles das ließ wohl nach dem Königtum als der höchsten Ehrenstellung gelüsten, wenn ihre Macht und Hoheit in Wirklichkeit auch kaum mehr als an einem Tage des Jahres zur Geltung kam. Denn nach dem achten September zog jeder wieder durch Sommersonne und Regen, Herbstwind und Winterschnee seines Weges in Stadt und Land, wohin Vorteil und Neigung, Lust und Leid, Brautlost und Leichenschmaus ihn lockten, gesellt oder allein, wandernd, klingend und singend in die Weite. Und so war's heut' Pfeifertag in Rappoltsweiler. Doch hatte die eigentliche Festlichkeit noch nicht ihren Anfang genommen, sondern nur ein Teil der Bruderschaft hielt, um den Jubel der Stadtbevölkerung und der von allen Seiten zusammengeströmten Landbewohner zu erwecken, einen possenhaft musizierenden Umzug durch die Gassen, dem Guy Loder, körperlich wie geistig mitgerissen, nachfolgte. Er dachte an nichts mehr als an das wundersame bunte Getümmel, in das er wie in eine andere Welt aus der Stille und Gleichmäßigkeit des Hochgebirges hineingeraten war, öffnete nur die Augen so weit als möglich, um zu sehen, und spannte die Ohren, um zu hören. Nun hatte der lustig schweifende Schwarm sich durch die lange, gewundene Hauptstraße hinab wieder der unteren Stadt zugewandt, traf dort auf noch andere zuwartende Gruppen der Genossenschaft und reihte sich nach einiger Weile vor einem mit Holzschnitzwerk und zwei buntfarbigen, pausbäckigen Engeln verzierten Hause zu geordneten Gliedern auf. Das Gebäude war schon seit manchen Geschlechtern die Pfeiferherberge; aus ihrer Tür traten jetzt unter wirbelndem Gedröhn die »Stadttrummenschläger« hervor, und hinter ihnen schritt hocherhobenen Hauptes Herr Gosfried Dürrschnabel, derzeit König der Pfeifer im elsässischen Land. Ziemlich bejahrt schon und wohlbeleibt, sah er zwischen schmalgeschlitzten Lidern aus zwei kleinen beweglich-vergnüglichen Augensternen äußerst zufrieden in den sonnigen Tag, auf die Gesichter umher und nicht am wenigsten an seiner eigenen stämmigen Leibesbeschaffenheit herab; wenn sein Blick die letztere überstreifte, ging's von ihr allemal mit einem Ruck nach oben, um ihrer angeborenen Kürze wenn nicht höheres Maß, doch eine imposante Würde zu verleihen, und sein triumphierend wieder aufgehobener Blick sprach das Vollbewußtsein aus, diesen Zweck in nachdrücklichster Weise erreicht zu haben. Seines musikalischen Betriebes war er Zinkenbläser, doch nicht gewöhnlicher Art, sondern er versah mit seinem Instrument den Kirchendienst in der Stadt Rufach unter dem hohen Belchenberg, blies dort morgens und abends den Choral vom Turm zur Mahnung für die christliche Einwohnerschaft herab und half auch bei festlichen Anlässen in den Nachbarorten bereitwillig zur gleichen Feierstimmung der freudvoll oder leidvoll vom Tagesgang betroffenen Gemüter. Als Zeichen seines Kunstgewerbes trug er an dicker Silberschnur über dem dunkelroten Königsmantel einen zierlich gearbeiteten Kornettino, eine kleine Zinke, wie sie in verbesserter Art vor kurzem aus Italien, dem Heimatlande des Spiels und Gesanges, über die Berge auch nach Deutschland gekommen war; seinen Kopf bedeckte ein gezackter, kronenreifähnlicher Aufputz aus verschiedenfarbig blinkendem Metall, in der Hand hielt er als Szepter einen mit silbernen Streifen umringelten Ebenholzstab. Scheu staunend haftete Guy Loders Auge auf ihm, wie er nun in seiner königlichen Pracht, Macht und Ehrenbefugnis an die Spitze der aufgereihten Heeressäule trat, als sein nächstes Gefolge die Meister, der Schultheiß, der Fähndrich mit dem riesigen Pfeiferbanner und der Weibel sich hinter ihm ordneten, auf seinen Handwink die mächtige Fahne sich zu schwenken anhob, die Trommeln prasselnd aufwirbelten und alle Flöten, Pfeifen, Geigen, Zinken, Hörner, Dudelsäcke, Schalmeien und zahllosen sonstigen Aufspielweisen sich zugleich mit dem Zuge wieder in Bewegung setzten. Rosenkokarden, Bänder und Federn nickten, flimmerten und flatterten von den Hüten, Bilder auf bemalten Stangen getragen, bunte Fähnchen, Messingsonnen, Halbmonde und Sterne überglitzerten den klingenden Zug, jauchzend drängte ein unermeßliches Geleite von Männern und Weibern, Dirnen und Buben an den Seiten und hinterdrein. Aufwärts gings durch die enge Gasse, geradewegs den im Sonnengefunkel herableuchtenden Schloßburgen entgegen; allein Guy Loder schlug, jetzt den Blick nicht zu diesen auf, gedachte seiner alten Vertrautheit mit ihnen nicht. Weiter drückte er sich mit durch das gewaltige Quaderturmtor, das ihm in der Morgenfrühe den Eingang zur Stadt aufgetan, schäumend rauschten die weißen Wasser des Strengbaches wider ihn an, die ihm zur Nacht auf der fremden, dunklen Lagerstatt sein Schlaflied gesungen, doch er sah und hörte nichts von den gewöhnlichen Dingen der Erde und des Himmels, achtete nicht, daß er des Weges wieder zurückgelangte, der ihn vor etlichen Stunden gebracht. Freilich nur eine Strecke lang, ein Viertelstündchen vielleicht, da bog das weitstrahlende Banner an der Spitze von der Straße gen Markirch um eine machtvolle, graurote Felsenwand rechtshin ab, und der Zug wand sich in eine enge Waldschlucht hinein, zwischen deren breitästigen Baumwipfeln das wilder zerfurchte und schwärzlicher werdende Gestein drohend herabhing. Leicht aufwärts hob sich eine Weile der geröllbedeckte Pfad, ein munterer Quell tönte hellstimmig mit plätschernden Sprüngen über uraltes Wurzelgeflecht und vermoostes Geblöck, dann sperrte plötzlich in der tiefen Stille des Laubdunkels hochaufsteigendes Gemäuer mit edel gewölbten Fensterbogen, aus denen goldrotes Geleucht von Kerzenflammen hervorglühte, die Mitte der schmalen Talkluft. Steingehauene Heiligenbildnisse hielten vor einem weitgeöffneten, blumengeschmückten Portal Wacht, und ein Priester in weißer Hochamtskleidung stand, die Hände zum Segen erhebend, davor, daß alle Stimmen und Spielinstrumente verstummten und die Ankömmlinge mit niedergesenkten Köpfen sich lautlos auf die Kniee beugten. Das war die hochheiligste Wohnstatt unserer lieben Frau von Dusenbach. Nach einem kurzen Anhalt zogen alsdann die Pfeifer zur Messe in die weit geräumige Waldkapelle hinein, und Guy suchte, ganz nur von dem Trachten erfüllt, bei ihnen zu bleiben, mit durch die Tür zu schlüpfen. Aber das Auge eines Torhüters musterte ihn, und den Arm erhebend, sagte er lachend: »Schaust zwar halbwegs aus wie ein Lamm Gottes, Bürschlein, bist aber doch nur ein weltlich Schaf, das heut' nicht mit hier herein gehört,« und die kräftige Hand schob ihn aussichtslos vom Eingang zurück. Betroffen stand der Abgewiesene im Gewühl, doch findigen Sinns schaute er gleich danach rasch um sich her, denn ihm war's unzweifelhaft, daß er um jeden Preis sehen müsse, was drinnen geschähe. Sein Blick fiel auf einen alten Ahornbaum, der mächtiges Astwerk bis über das Dach der Kapelle emporkrümmte, und im nächsten Augenblick flog er, wie ein Luchs kletternd, an dem rissigen Stamm in die Höhe, schlüpfte furchtlos-behend durch das raschelnde Laub und hockte sich, umspähend, auf einen vorspringenden äußersten Astarm, der unter der ungewohnten Last schwankend auf und nieder wippte. Aber von dort vermochte er durch ein offenes Fenster gerad in den ganzen Kirchenraum hinunterzublicken, den ein wundersam geheimnisvolles Licht erfüllte. Dasselbe war vielartigsten Ursprungs; wohl zwanzig auf dem Altar brennende hohe und dicke Wachskerzen strahlten es aus, doch zugleich kam es von draußen durch die Bogenfenster der anderen Seite, auf welche die helle Vormittagssonne fiel. Die Öffnungen dort waren indes mit einer seltenen Kostbarkeit der Zeit, mit farbenreich bemalten Glasscheiben, geschlossen, und aus diesen brach ein Leuchten und Lodern von goldigen, himmelblauen und roten, wie brennenden Gewändern der Bildgestalten auf den Fenstern über die Gesichter der drinnen Versammelten herein. Dann mischte als drittes sich noch ein grünes Licht des Laubwerks, aus dem er selbst hinabschaute, dazu, und das Alles rann und rieselte, flimmerte und glimmerte durcheinander, daß ihm von dem fremden, märchenhaften Wunder fast die Sinne vergingen. Er sah den Priester die Messe am Altar celebrieren, non dem aus einer vergoldeten Nische das heilige, wundertätige Madonnenbild niederblickte, lebensgroß aus Holz geschnitzt, mit sonnenlichtem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln der Lippen als Pietas über den toten Leib ihres Sohnes gebückt, dessen dornengekröntes, blutendes Haupt sie mit zarter weißer Hand gestützt hielt. Reiche, fast blendende Gewandung aus Gold- und Silberstoffen, von kostbaren, bunten Edelsteinen besetzt, floß an ihr herab, ein Kranz gelber Rosen deckte zu Ehren des festlichen Tages ihren Scheitel. Mit andächtigen Mienen standen die Pfeifer, vor ihnen der rotstrahlende Königsmantel, auf dem Steinflur der Kapelle, nur unter den farbenprächtigen Glasscheiben erhob sich an der Wand ein breites, überdachtes Eichenholzgestühl, auf dessen kunstvoll ausgeschnitzten Bänken sich eine Dame und zwei Herren von vornehmem Aussehen zurücklehnten. Der eine, in blauem Sammetgewand, mit einem Reiherfederbarett in der Hand, nahm den mittleren Platz ein; seine edelgestalteten, schon von höherem Lebensalter redenden Gesichtszüge hielten sich wohlwollenden Ausdrucks der gottesdienstlichen Handlung des Priesters zugewandt. Die Dame neben ihm mochte ein Jahrzehnt weniger zählen, ihre Erscheinung und Kleidung kennzeichneten sie als eine vornehme Edelfrau, etwas mehr selbstbewußter Stolz prägte sich manchmal in einem leichten Zug von Geringschätzung aus, mit dem ihr Blick über die Köpfe der Pfeiferbruderschaft hinstreifte. Der Herr auf der anderen Seite erschien völlig verschieden an Tracht, Gesichtsbildung und Miene. Auch er war unverkennbar edler Abkunft, denn er trug schwere, ritterliche Eisenrüstung, die bei jeder Bewegung um ihn klirrte, seinen Kopf deckte ein schwarzüberbuschter Helm. So nahm man außer der Kräftigkeit seiner hochschlanken Gestalt nichts weiter von ihm gewahr als den geringen Teil des vom aufgeschlagenen Visier freigelassenen Antlitzes. Dies war nicht unschön und wies noch auf kraftvolles Mannesalter, aber es stach farblos von dem dunklen Spitzbart ab, und ein herber, beinahe finsterer Einschnitt preßte die Lippen über demselben festgeschlossen zusammen. Man konnte dem Gesicht nicht ablesen, ob es auf den Vorgang in der Kirche merke oder nicht, unbeweglich blickte es mit reglosen Augen vor sich hinaus und wäre Guy Loder kaum als ein lebender Mensch, sondern wie eine der ausgehauenen Steingestalten vorgekommen, wenn nicht ab und zu den Panzer und die Armschienen eine Lichtspiegelung glimmernd überlaufen und einen leisen Ruck der Glieder unter ihnen gedeutet hätte. Außer diesen drei Personen befand sich auf dem geschnitzten Wandsitz nur noch ein Kind, von welchem Guy anfänglich allein ein Stückchen der linken Kopfseite erblicken und die Wahrnehmung machen konnte, daß die Farbe des daran herabfallenden Haares sich genau so sonnenlicht von dem dunklen Holzgrunde abhob wie dasjenige des Madonnenbildes über dem Altar. Dann veränderte der Kopf etwas seine Stellung, der Körper darunter bog sich, voll zum Vorschein kommend, nach, und es war ein etwa zehnjähriges Mädchen in hellglänzender, kostbarer Kleidung und von solch anmutreicher Schönheit alles dessen, was ihrem Antlitz und ihrer Gestalt angehörte, daß Guy Loder sie kaum für ein Menschenkind und irdisches Wesen zu halten vermochte. Dazu kam, daß nicht nur ihr feines, wie Goldfäden um die Stirn aufgesponnenes Gelock, sondern auch die Lieblichkeit ihrer Züge dem holdseligen Gesichtsausdruck unserer lieben Frau von Dusenbach gar gleichgeartet ähnelte, nur lag um die roten Lippen kein Zug des Leides und der Bekümmernis, vielmehr der eines Kindes, das noch niemals von Schmerz, Not und Sorge in der Welt erfahren. Offenbar nahm die Kleine nicht viel Anteil an dem, was in der Kapelle geschah, sondern fand die Sache im Grunde recht lang und langweilig, denn sie wandte das Köpfchen suchend bald hier, bald dorthin und drehte es mit sichtlicher Enttäuschung, nichts als schon bekannte Dinge gefunden zu haben, wieder zurück. Zuletzt schlug sie bei dem Umhergehen ihres Blickes einmal zwei edelsteinartig leuchtende Augen in die Richtung des Fensters empor, durch welches das grüne Ahornlaub hereinnickte, und eine kurze Weile blieben ihre Lider, sich groß-verwundert erweiternd, mit den Sternen darunter auf dem Blättergewirr haften. Aber dann flog ihr plötzlich ein hellstimmiges Lachen vom Mund, daß die Köpfe der andächtigen Zuhörer erstaunt-unwillig herumfuhren, und sie rief laut: »Ein Schaf – ein Schaf auf dem Baum!« Weiter vernahm Guy Loder nichts, denn es zuckte ihm mit heißem Schreck durch alle Glieder, daß sie seinen zottigen Flaus zwischen dem Laub gesehen, ihr Ausruf ihm gegolten und er dergestalt die Schuld an der Störung der kirchlichen Handlung getragen habe. Unwillkürlich ließen seine Hände den Ast fahren, er verlor das Gleichgewicht und glitt hinterrücks herab, doch im Fall klammerten die Finger sich mit haschendem Naturtrieb an anderem Gezweig fest, das zwar knackend und brechend ihm keinen Halt gewährte, aber doch den Sturz milderte, so daß er unversehrt auf den Boden herunterkollerte. Einen Augenblick blieb er, mehr noch von dem ersten Schreck als von dem Aufstoß betäubt, dort liegen, einige Gesichter der wartenden Volksmenge vor der Kirche drehten sich flüchtig nach dem sonderbar durch das Baumlaub herabkommenden Geraschel, doch ehe sie den Ursprung desselben deutlich zu erkennen vermocht, hatte der Knabe sich hurtig aufgerafft und flüchtete mit großen, tollkühnen Sprüngen in das Felszackengewirr dicht hinter und über der Kapelle empor. Dort verbarg er sich in dichtem Buschwerk, scheu und beschämt, denn ihm war's, als ob alle Augen nach dem Urheber der stattgefundenen Ungebühr suchen müßten, und zugleich erging es ihm wie dem erkenntnisbetroffenen anfänglichen Bewohner des Paradieses, daß er zum ersten Mal im Leben ein Schamgefühl über seine Bekleidung empfand, die ihm derartige Ähnlichkeit mit einem Tier verliehen hatte. Er sah auch oder achtete zum ersten Mal darauf, daß sein weißer Fellrock überall zu kurz sei, und zog und zerrte vergeblich daran, die Arme und Beine kamen immer gleicherweise in ihrer sonnenbraunen Farbe daraus hervor. So hockte er trübselig und mit bitterlichem Denken darüber, warum es so sei, in seinem Versteck, bis endlich doch der Drang der Schaulust wieder zu übermächtig in ihm wurde und er behutsam an den Rand des Gesträuches vorkroch, von wo er, selbst ungesehen, die weiteren Festlichkeiten des Pfeifertages überschauen konnte. Der vornehme Herr in dem blauen Sammetgewand, den Guy drunten vor sich erblickt gehabt, war aber der Graf Schmaßmann von Rappoltstein, der Schirm- und Lehensherr der Bruderschaft gewesen, der sich heute besonders gnädig gesinnt erwiesen, daß er nicht darauf gewartet, bis diese ihm auf seiner Burg »die Huld mache,« sondern mit seiner Gemahlin schon zur Messe in die Dusenbachkapelle herabgekommen. Und weiter noch hatte er freigebig die Kosten für das Festmahl aus seinem Säckel bestritten und angeordnet, daß selbiges an der nämlichen Stelle in der Waldschlucht gerüstet werden solle. Damit waren zahlreiche Köche und Diener eifrigst beschäftigt, und mittlerweile ward jetzt unter dem Vorsitz des Grafen im Schatten einer weiten, mächtigen Baumrunde das Pfeifergericht abgehalten, bei dem Gosfried Dürrschnabel, der König, zur vollen Befriedigung des Oberherrn und unter allseitiger Beipflichtung in etlichen strittigen Fällen und Klagsachen Urteil und Recht fand. Es gab indes heut nicht sonderlich Vieles noch Wichtiges zu erledigen, so daß, als Guy Loder sich aus seinem Schlupfwinkel wieder herauswagte, die Gerichtstagung bereits ihrem Ende zuschritt und eine neue, fröhlichere Pflichtobliegenheit ihren Beginn nahm. Auch die Gräfin Odilia ließ sich jetzt auf dem freien Platz neben ihrem erlauchten Gemahl in einen Sessel nieder, und zur anderen Seite setzte sich ihr der eisengepanzerte Ritter, sein langes Schwert zwischen den Knieen auf den Boden stemmend und die Hände, unbeweglich wie zuvor in der Kirche, über dem Gefäßgriff zusammenkreuzend. Das war Herr Bertulf von Egisheim, auf der Giersburg dem Grafen von Rappoltstein benachbart, doch blickte seine Stammburg weiter rheinauf zwischen den Städten Kolmar und Rufach mit drei hohen Türmen auf das Städtchen Egisheim herunter. Sein Ursprung leitete von uraltem Geschlecht her, dem selbst kaiserliches Blut zugesellt worden, denn einer seiner Ahnherren im Beginn des elften Jahrhunderts war ein Geschwisterkind Kaiser Konrads des Saliers, Graf des Nordgaus im Elsaß und Vater des römischen Papstes Leos IX. gewesen. Der Gang der Zeiten hatte jedoch Ansehen, Macht und Reichtum seines Hauses, als dessen Letzter er dastand, allgemach verringert, so daß sein ehemals gewaltiges Bergschloß über Egisheim halb zerfallen und verwildert lag und er die Giersburg von dem rappoltsteinischen Grafen zum Lehen besaß. Darauf hauste er einsam, ohne Weib und Kind, und mochte wohl in diesem Gefühl und dem Gedanken an den unrühmlichen Niedergang seines edlen Geschlechtes mißmutig und finster dreinschauen. Nur selten gewahrte man ihn sonst außerhalb der unzugänglichen Mauern seines trotzigen Felsenhorstes, heut jedoch hatte er der Einladung seines Nachbars Folge geleistet, aber wider eigenen Trieb und Lust, wie es schien, denn man sah ihm an, das Verweilen unter den »fahrenden Leuten« und der fröhlichen Volksmenge umher bereitete ihm kein Vergnügen. Nun begann nach alljährlichem Brauch vor den anwesenden vornehmen Gästen und dem Pfeiferkönig der Wettkampf einer Anzahl von Mitgliedern der Bruderschaft, die sich gemeldet, mit ihren verschiedenen Spielinstrumenten um den Preis miteinander streiten zu wollen. Es war ein Dutzend kühnblickender Bewerber, junge und schon weißlich an Schläfen und Wangen überreifte; auf der Geige und Laute, der Zinke und dem Waldhorn übten sie ihre Weise und begleiteten dieselbe mit dem Gesang eines Liedes, wie es im Volksmund auf Straßen und Wegen umflog, oder kurzer selbstgedichteter Reime. Manches klang wunderlich und reizte beinahe zu spaßhaftem Auflachen, anderes bot artig-gefälligen Ton und Text und erntete Beifall. Als letzter trat ein jugendlicher Gesell von schlankem Wuchs mit einer Querpfeife vor; das braune Haar nickte ihm hübsch und glänzend über die Stirn, und seine Augen blickten schalkhaft frohgemut und offenen Blickes darunter auf. So wie sie dreinschauten, spielte und sang er auch, nach höflich behender Verneigung im Umkreis, ein ernsthaft-heiteres Lied zu Ehren der unvergleichlichen Lieblichkeit und Hoheit unserer lieben Frau von Dusenbach. Sehr klug hatte er für den Ort und Anlaß Wort und Weise gewählt, aber gar anmutig bewegend und erfreuend tönte die Ausführung unter dem schattenden Laubdomgewölbe bis zu Guy Loders gespannt aufhorchendem Ohr hinauf, daß kaum Zweifel bleiben konnte, wer sich beim heutigen Wettstreit den Obsieg errungen. Kurz auch nur neigte der Pfeiferkönig sich in würdevoller Haltung zu leisem Flüstern an das Ohr des Grafen, der sogleich zustimmend nickte, dann verkündete Gosfried Dürrschnabel laut und weithin vernehmlich, der Bruder Velten Stacher habe bei der Wettbewerbung den Preis davongetragen, und auf einen Handwink des Lehnsherrn nahte dieser heran. Mit unverrückten, traumhaft glänzenden Augen aber sah Guy aus seiner Verborgenheit herab, denn hinter einem der breiten Baumstämme trat das kleine, vornehm gewandete Mädchen hervor, dessen plötzlicher Ausruf in der Kirche ihn gefahrdrohend von dem Ast auf den harten Boden zu Fall gebracht hatte. In beiden Händen hielt sie den gelben Rosenkranz vom Haupt des Madonnenbildes und glich diesem fast noch mehr als zuvor; es war, als leuchte ein Sonnenstrahl auf ihren Scheitel und werfe von ihm goldene Lichter durch den tiefen Schatten der Baumrunde. Nun ließ Velten Stacher, der junge glückliche Sieger, sich mit leichter, natürlicher Anmut vor ihr auf die Kniee nieder, halb ernsthaft-gewichtig, halb schelmisch lächelnd legte sie ihm den duftenden Ehrenkranz auf die vorgeneigte Stirn, drückte schalkhaft die kleine Hand noch einmal fest darauf, daß die Rosenkelche ihm bis über die Augen herunternickten, und unter glückwünschendem Zurufen, Grüßen und Lachen von tausend Stimmen hob er sich empor und blickte fröhlich stolz umher. An vielen langen, aus Brettern aufgeschlagenen Tischen stand jetzt auch die Festmahlzeit gerüstet, und die Freigebigkeit des Herrn Grafen beschränkte sich nicht auf reichliche Bewirtung der Bruderschaft allein, sondern es war für solchen Überfluß an Speisen und Trank gesorgt, daß auch jeder der Zuschauer umher, alt und jung, Mann und Weib, Hunger und Durst zu stillen vermochte. Niemandem wurde das Zugreifen nach Lust verwehrt, und ein vergnügliches Schmausen und Trinken erfüllte den Raum um die Kapelle, doch mußte die Volksmenge sich an süßem Malzbier genügen, während für die Pfeifer trefflicher Rappoltsweiler Traubensaft, sowohl roter als weißer, aus zwei gewaltigen Fässern verzapft ward. Ein besonderer Tisch war nach vornehmerem Brauch zu oberst für die adeligen Herrschaften gedeckt, daran nahmen außer diesen nur der geistliche Herr, der Pfeiferkönig und der heutige junge Sieger im friedlichen Tonwettstreit Anteil. In den Goldhöhlen der kostbaren Becher blinkte dort noch edlere Auslese des starken elsässischen Weines, und Velten Stacher besonders ließ sich nicht mahnen, derselben nach Würdigkeit Ehre anzutun. Er zeigte sich als ein liebenswürdiger Tischgesell, trotz seiner geringen Herkunft von angeborener Schicklichkeit des Behabens; bescheiden und doch sonder alle Schüchternheit sprudelte ihm fröhlicher Jugendsinn von den Lippen. Seinen Becher hebend, gab er in artig gesetztem Trinkspruch dem Dank Ausdruck, der ihn insonders, doch nicht minder all seine Genossen für das gräfliche Haus erfülle; als er geendet, brauste hundertstimmige freudige Beipflichtung darein, und mit dem Vorschreiten der Zeit mehrte sich der laute Jubel ringsum an den Tischen. Eine Weile hatte Guy Loder der emsigen Geschäftigkeit daran von oben begehrlich zugeschaut, denn ein grimmig knurrender Hunger in ihm mahnte ihn gar ungestüm, daß er seit dem vorigen Abend nichts über seine Zähne gebracht. Stärker und stärker trieb's ihn, daß er zuletzt unvermerkt herabschlüftete und zaghaft an den äußersten Rand des großen, luftigen Speisesaales, unter dem wechselnd grünen und blauen Deckengewölbe mit herankam. Niemand gab auf ihn acht und dachte darüber, ob er dahin gehöre oder nicht; doch wie er sich zaudernd an der leeren Ecke einer Bank niederließ, ward sogleich ein gefüllter Krug und ein Holzteller mit gebratenem Fleisch vor ihn hingesetzt, und es konnte kein Zweifel obwalten, daß sie für seinen Hunger und Durst bestimmt seien. So griff er mit dem sauberen weißen Eschenlöffel tüchtig drein; selbst an den höchsten Festtagen des Jahres war ihm droben in Altweier noch niemals ein so schmackhaftes Mahl aufgetischt worden. Beim Essen aber hielt er die Augen unverwandt nach der gräflichen Tafel hinübergerichtet, wo der junge Spielmann neben dem kleinen Mädchen saß, das ihm den Siegeskranz auf die Stirn gedrückt. Zum erstenmal im Leben beneidete er einen Menschen, denn es fiel ihm unmöglich, sich etwas Köstlicheres aus Erden vorzustellen, als so, wie jener vorhin, vor seiner goldlockigen Nachbarin niederknien zu dürfen, den Ehrenpreis aus ihren Händen zu empfangen und nun dort neben ihr zu sitzen, den Kopf zu ihr hinzuneigen und ohne Scheu auf ihr Fragen und Lachen zu erwidern. So waren die Mittagsstunden des Tages vergangen, und allgemach fiel von Westen her die Sonne hier fehlen 2 Worte in Buch. Re. in das enge Dusenbachtal herein. Ihr rötlicher hier fehlen 2 Worte in Buch. Re. Glanzgeleucht weckte den Knaben nach und nach aus der taumelnden Gedankenbetäubung, die ihn seit der Morgenfrühe willenlos herumgeführt; die Zeit mußte herankommen, wo die Schlösser auf dem Berge über ihm im letzten Goldlicht geheimnisvoll zu glühen und zu winken begannen. Er besann sich, daß sie es gewesen, die ihn in der Mondnacht hierher herabgezogen, die alte Sehnsucht nach ihnen klopfte in seinem Herzen auf und lenkte ihm den Fuß aus dem bunten Menschengetümmel in der mutmaßlichen Richtung gegen jene bergan. Auf schmalem, gekrümmtem Pfad ging es empor, nach wenig Minuten bereits schlossen die Felswände sich hinter ihm zusammen, und noch mehr verengte Waldschlucht umgab ihn. Doch warf auch in diese noch da und dort die Sonne einen verirrten Strahl, der auf unbewegten Blättern spielte, rotbraunes Kiefergeäst feurig und seltsam überlief und hin und wieder kleine Lichtfunken bis auf den Boden herunterstreute. Alles aber war reglos und still in märchenhaftem Gegensatz zu dem noch von drüben herüberhallenden Stimmengelärm, nur der Quell plätscherte leistönig von Stein zu Stein. Eilfertiger stieg Guy Loder an ihm aufwärts, plötzlich indes hielt er den Schritt und sah fast erschreckt stumm vor sich, denn kaum ein halbes Dutzend Schritte von ihm entfernt kniete das kleine Mädchen, das den Siegeskranz ausgeteilt hatte, am Rande des Wassers und beschäftigte sich eifrig damit, aus demselben abgerundete, hellblinkende Steinchen heraufzuholen. Sie hatte den rechten Ärmel ihres Kleides bis zur Schulter in die Höhe gestreift, und eine Anzahl hübsch abgeschliffener Kiesel lag neben ihr im Moos; nun hob sie den Kopf und zog zugleich den niedergetauchten Arm herauf, daß die Tropfen glimmernd von der zarten, rosigen Haut rieselten, Kurz blickten ihre im Grün des Walddickichts noch sternenartiger glänzenden Augen dem Ankömmling ins Gesicht, dann lachte sie vergnügt: »Bist du das Schaf vom Baum?« Er antwortete nur mit einem unverständlich stotternden Laut, sie fügte gleich drein: »Es ist so langweilig drunten, komm, hilf mir fischen!« und sie zeigte auf ihre Ausbeute aus den kleinen, stillen Vertiefungen des Quells. Sein Kopf glühte dunkelrot auf, und er folgte ohne Antwort ihrem Geheiß: ihm war, als könne er die Junge nicht bewegen, sei auf einmal stumm geworden und habe weder Laute noch Gedanken. Tonlos streckte er die Hand ins Wasser hinunter; nun lachte sie wieder: »Nu hast's gut und brauchst deinen Ärmel nicht aufzustreifen. Warum trägst du kein Wams wie andere? Bist du arm und hast keins? So darfst du nicht zu uns aufs Schloß.« Ja, warum hatte er keinen anderen Rock wie alle, die er drunten gesehen? Bitterlicher als zuvor überfiel ihn die Empfindung und zog seine Lippen zu einem kummervollen Ausdruck zusammen. Das nahmen ihre schönen, klugen Kinderaugen wahr, deuteten es jedoch offenbar anders, denn sie fuhr rasch und freundlich-bedauerlich fort: »O – ich dachte nicht mehr daran – du bist ja von dem Baum heruntergefallen! Hast du dir weh dabei getan? Das tut mir leid.« Es tat ihm unsäglich wohl, daß ein Zug von Besorgnis dazu über ihr Gesicht ging, und es hätte ihm jeden erlittenen Schmerz hundertfältig vergolten. Doch er konnte nur wortlos den Kopf schütteln, denn die Sprache gebrach ihm noch immer, und beruhigt sagte sie jetzt mit schelmischem Lippenzucken: »Ein Schaf muß auch nicht auf den Baum klettern, aber darum gefällst du mir doch und ich fische gern mit dir. Sieh den da, der ist schön weiß, ich kann nicht so tief tauchen, dein Arm ist länger.« Hastig holte der Knabe den gedeuteten Stein herauf, und sie setzten geraume Weile ihr Umhersuchen in dem hellen Gewässer schweigsam fort. Ihm war's, daß er im Heuduft liege und träume, er wußte nicht, ob Sonnen- oder Mondlicht um ihn sei. Seine Augen wagten nicht, sich zu seiner unbekannten Spielgenossin aufzuschlagen, nm dann und wann sah ihr Spiegelbild ihm drunten entgegen und überzitterte ihn mit einem namenlosen, fremden, süßen Wundergefühl. Aber dann hörte er doch einmal in der Waldstille seine eigene Stimme und es kam ihm zum Bewußtsein, daß er schon eine Zeit lang mit ihr geredet hatte, nur auf den Anfang konnte er sich nicht besinnen. Sie frug und er antwortete, nannte seinen Namen, seine Eltern und ihren Wohnort und wie er hergekommen. In ihren Augen lag große Verwunderung, als sie erwiderte: »Ich hätte dich nicht für ein Bauernkind gehalten; die ich kenne, find alle viel häßlicher.« Nun faßte er sich ein Herz und frug: »Wie heißt du denn?« »Erlinde.« »Und wer sind deine Eltern?« Sie sah ihn halb erstaunt an. »Weißt du's nicht? Sie heißen Rappoltstein wie droben unsere alte Burg.« Die Antwort mußte wohl mit einem Schreck über seine Züge gefallen sein, denn das Mädchen setzte gleich hinzu: »Was hast du? Siehst du etwas Schlimmes?« »Nein,« entgegnete er aus plötzlich engbeklommener Brust, »nein, mir ist's –«, aber der Ton versagte ihm, und etwas Hilfloses und Scheues sah aus seiner verstummten Miene hervor. Das Grafentöchterlein betrachtete einen Augenblick ungewiß die mit ihm vorgegangene jähe Veränderung und fragte darauf schnell: »Warum bist du denn betrübt? Ich habe dir doch nichts getan – willst du meinen schönsten Stein – da – nun sei wieder vergnügt!« Sie hatte rasch einen kleinen, flachen, goldgrün glitzernden Kiesel aus ihrem Vorrat ausgewählt und legte denselben freigebig in Guys Hand, deren Finger sich, wie unwillkürlich von der leichten Druckempfindung zusammengezogen, fest um den Stein schlossen. Es dauerte wiederum etwas, bis er mühsam hinterdrein stotterte: »Nein, ich möchte –«, allein dann war die Schwerfälligkeit seiner Zunge auf einmal verschwunden und er ergänzte hurtig mit hellaufleuchtendem Blick: »Ich möchte auch solchen Kranz, wie du ihn heut' Mittag dem Anderen auf den Kopf gesetzt.« Sie sah halb bekümmert auf ihre leeren Hände. »Ich habe keinen mehr, sonst würd' ich ihn dir geben.« »Nein so nicht,« rief er, »da wäre er nicht so schön, sondern ich müßte erst vor dir niederknieen, und dann kämest du und bekränztest mich damit, und ich säße nachher neben dir –« »Da müßtest du auch ein Pfeifer werden,« fiel sie ernsthaft ein, »dann wär's alles so. Kannst du nicht auf etwas spielen?« Er antwortete nicht, der Gedanke an solche Möglichkeit fiel zu jäh und sinnbetäubend über ihn. Erst nach einer Weile stammelte er: »Ein Pfeifer – und dann gäbst du mir den Kranz?« »Wenn mein Vater es mich heißt –« »Versprich mir's!« »Gewiß!« Sie lachte: »Und wenn die Anderen es nicht wollen, daß du ihn haben sollst, da flecht' ich vorher einen zweiten und gebe dir den.« Er hatte, von einem plötzlichen, überwallenden Mute beseelt, seine Hand ausgestreckt und sie legte nickend die ihrige zur Bekräftigung ihres Gelöbnisses in dieselbe hinein. Doch unmittelbar danach faßte sie seinen Arm mit einer schreckhaften Griffbewegung noch fester und hielt sich an ihm. Die Sonne war jetzt völlig aus der Waldschlucht gewichen, und ein noch helles, doch grünbleiches Licht lag zwischen dem laut- und regungslosen Laubgezweig umher. Nur im Busch und hohen Kraut, wohin Erlinde gerade den Blick gewandt hielt, tönte jetzt ein starkes Rascheln, und ein Doppelpaar langer, schneeweißer Hörner tauchte über zwei zottigen schwarzen Köpfen aus dem Blattwerk hervor. Gleich darauf bog auch ein Menschengesicht um die Ecke, das aus einem Aufglanz großer, grünleuchtender Augen und der Bewegung hastig vorgestreckter Arme lauten Jubel sprach, nur der Mund blieb stumm und gab keinen Ton von sich. »O, die ist garstig, ich fürchte mich vor ihr!« stieß das Grafenkind aus und klammerte sich ängstlich an den Knaben; doch Bettane lief, so schnell sie vermochte, geradeaus auf Guy zu; lachte mit glückseligen Lippen und griff, mit hastigen Zeichen redend, nach seiner Hand. Da sprang Erlinde mit einem Furchtschrei von ihm auf und flog wie ein erschreckter Vogel abwärts durch die Schlucht. Auch er fuhr vom Boden, stürzte einige Schritte vor und rief ungewiß zaudernden Mundes ihren Namen – noch einmal lauter und bittend – aber, ohne sich umzublicken, lief sie weiter, dem vom Festplatz herüberklingenden Stimmengemenge zu. Als Guy Loder den Kopf wieder drehte, stand Bettane hinter ihm und hielt mit einem ängstlichen Ausdruck die Augen auf ihn gerichtet. Ihre Finger und anderen Hilfsmittel redeten eilfertig, daß sie ihn am Morgen droben auf der Bergkuppe nicht gefunden und ihr gekommen sei, wohin er vermutlich gegangen. Da habe sie auch einen Weg nach den Burgen hinüber gesucht, doch Furcht vor den vielen Menschen drunten gehabt und sei über die Felsen hierher geklettert. Und das Glück, ihn gefunden zu haben, leuchtete wieder aus ihrem Gesicht. Aber der Knabe verwandte kaum Achtsamkeit darauf, ihre lautlose Sprache zu verstehen. Er schüttelte heftig den Kopf und ging von ihr, setzte sich nach einigen Schritten auf einen Wurzelknorren und sah trostlos vor sich hinaus. Scheu stand das Mädchen eine Weile, dann trat es leise herzu, ließ sich, etwas von ihm entfernt, demütig zu seinen Füßen nieder, und die Ziegen kauerten sich neben ihr ins hohe Gehälm. Die Tageshelle schwand jetzt rasch in der engen Luft, und grauer Zwitterschein begann um Fels und Baum zu weben. Das fallende Wasser des Dusenbaches hallte lauter vernehmlich durch die Stille, als hebe es mit dem Einbruch der Dämmerung mählich stärker schwellenden Nachtgesang an; talab verklang weiter entfernt das Festgetöse und deutete, daß die Pfeiferbruderschaft, von der Volksmenge geleitet, zum Abendgelage in die Stadt zurückkehrte. Dann kam ein einzelner Schritt von unten herauf, eine der Ziegen erhob sich und stellte sich vorwitternd in den schmalen, verwachsenen Weg. Doch gleich darauf stieß sie einen Schmerzenslaut von sich, denn ein Fußtritt hatte sie getroffen und hart zur Seite geschleudert. Guy fuhr aus seinem Brüten empor und sprang, halb unbewußt einen Fauststein vom Boden raffend, vor. Das Blut wallte ziellos ungestüm in ihm hin und her, und es kam ihm recht, seine innere heftige Erregung an irgend Etwas auslassen zu können. Zornig rief er: »Was hat das Tier Dir getan!« Da klirrte und rasselte es auf dem Felsgrund, und es war der Ritter Bertulf von Egisheim, der einsam den nächsten Pfad zu seiner Burg hinaufstieg. Er stutzte, sichtlich aus Gedanken auffahrend und hastig mit der Hand an den Schwertgriff zuckend, einen Moment zurück, eh er scharftönig erwiderte: »Wer bist du, Bursch? Lauern noch andere hinter dir?« Aber dann fügte er kurzen Blickes die beiden im Zwielicht schon halb verschwimmenden Gestalten überstreifend mit spöttischem Auflachen drein: »Sorgt Ihr hier, daß die rappoltsteinische Schaf- und Ziegenbrut sich mehrt? Aus dem Weg, Ihr Gezücht!« Und dröhnenden Schrittes hob er den gepanzerten Fuß weiter aufwärts, der Giersburg zu. Der Knabe wußte nicht, was über ihn kam; als sei bis zu diesem Augenblick ein heimlicher Grimm in seinem Herzen großgewachsen und lodere zum ersten Mal plötzlich, ein Ziel erkennend, auf, so riß es ihm den Arm, und besinnungslos schleuderte er mit wuchtiger Kraft seinen Fauststein dem Ritter nach, daß sein Wurfgeschoß laut aufschmetternd den Eisenharnisch des Fortschreitenden traf. Dieser flog, einen Ton des Schmerzes und der Wut ausstoßend, herum, doch gleichzeitig sprang Guy Loder in die überbuschten Felszacken hinauf, behend wie die Ziegen kletterte Bettane ihm blitzschnell nach, und der Zornschäumende mußte einsehen, daß seine schwere Rüstung im Gestrüpp und Gestein eine Verfolgung unmöglich machte. Aus seinem Visier klang ein drohend knirschendes: »Hundsföttisches Grafengesindel!« hervor, dann setzte er seinen Weg fort. Guy horchte dem abtönenden Schritte nach, er konnte sich keine Rechenschaft ablegen, was ihn zu dem unbedachten und ungeheuerlichen Tun fortgerissen. Er hatte noch nie in seinem Leben gewußt, was ein jäher Ausbruch des Hasses sei, und er begriff sich schon selbst nicht mehr, als ob nicht er, sondern ein fremder Wille in ihm die Tat vollbracht. Aber es war ihm gewesen, wie wenn ein würgender Wolf in die Herde gebrochen, daß sein Herzblut ihm geboten, denselben zu treffen. Nun war die blinde Besinnungslosigkeit vorüber und ein anderes stürmisches Gefühl übermannte den Knaben. Nicht Reue, doch eine herzklopfende Bangnis und bitterliches Verzagen. Zweifellos reichte der Arm des vornehmen Ritters weithin und wenn sein Grimm den Täter droben im Bergdorf ausfindig machte, konnte diesen nichts davor schützen. Aber solche Furcht war's nicht, die am lautesten in Guys Brust hämmerte. Sollte er denn nach Altweier zurückkehren, wieder Tag um Tag zwischen den werdenden Schafen auf der Halde sitzen und hierher nach den seinen Bergen herüberschauen? Seitdem die Sonne heute morgen aufgestiegen, war's ihm, als ob an einem Tag mehr Jahre als bisher in seinem Leben an ihm vorübergegangen, und er wußte auch, weshalb die Bergschlösser ihm immer so zauberisch geheimnisvoll geleuchtet und gewinkt. Sie hatten's getan, weil Erlinde von Rappoltstein aus den hohen Fensterbogen der Ulrichsburg herabsah, und es hätte nur ein Himmelsglück auf Erden für ihn zu geben vermocht, wenn er hier, vielleicht als Hirt, als Knecht ihres Vaters, in ihrer Nähe bleiben gedurft. Das wäre auf ihre Fürsprache gar wohl denkbar gewesen, denn sie hatte sich freundlich und mitleidig gegen ihn erwiesen, er selber jedoch nun durch die böse Tat an dem Ritter von Egisheim, dem Nachbarn und Freunde ihres Vaters, sich jede Hoffnung und Möglichkeit geraubt, einen Dienst auf der Burg zu erlangen. Und krampfhaft preßte sich die linke Hand des Knaben um den kleinen goldgrünen Stein zusammen, den sie nicht von sich gelassen, seitdem das Grafentöchterlein ihn zur Tröstigung in sie gelegt. So saß er und stand auf, ging ein Stück weiter und saß todestraurig wiederum, und wie ein lautloser Schatten folgte Bettane stets hinter ihm drein. Zuletzt gelangte er auf den Weg zurück und, ohne umzublicken, an der still verlassen jetzt zwischen den hohen Bäumen daliegenden Kapelle vorüber; schwankenden Fußes, müde und matt, wanderte er ziellos noch bis zur nächsten Felsecke talabwärts, dann setzte er sich abermals, stützte die Ellbogen auf's Knie, legte sein Gesicht in die beiden hohlen Handflächen hinein und hob unversehens an, laut und jämmerlich zu schluchzen. Er hörte nicht, daß wiederum, wie zuvor droben, ein Fußtritt, doch nicht eisenklirrend, sondern leicht und lebhaften Ganges, herankam und vor ihm innehielt. Erst als eine fröhliche Stimme sprach: »Was für'n verlaufenes Schäfle flennt denn hier wie einer Mutter Kind, statt daß es ›bäh‹ macht nach Hammelart – bäh, mäh – mäh, bäh –« und so naturgetreu wie zwei gegen einander blökende Schafe ahmte der Sprecher die meckernd klagenden Töne nach – erst bei dieser plötzlichen Ansprache hob der Knabe verdutzt den Kopf. Da stand, noch eben im letzten, voller bis hierher fallenden Abendschein erkennbar, Velten Stacher vor ihm, der heutige junge Sieger im klingenden und singenden Wettstreit. Er trug seinen duftenden Rosenpreis noch auf dem Scheitel und war als der Letzte noch allein ein Weilchen zurückgeblieben, um unter vier Augen unserer lieben Frau von Dusenbach für die mütterliche Beihilfe zu danken, die sie ihm am Vormittag geleistet. So stand er mit seinem überaus frischen, freudigen Gesicht wie ein Bild voller sorgloser Lebenszuversicht, lachte frohtönig auf und fügte dann freundlich teilnahmsvoll drein: »Wozu läßt dir denn das Wasser aus den Augen laufen, schnurriger Bursch, läuft's dir da drunten noch nicht genug zu Tal? Lupf dein Gebein und spring heim, 's ist Zeit zur Krippe und Salz ohne Brot allein auf die Lippe macht die Backen nicht rot.« Er wollte vorübergehen, doch da überkam's Guy Loder jählings, daß er vom Sitze fliegend, den weiten Ärmel des jungen Spielmanns faßte, ihn festhielt und flehentlich ausstieß: »Ihr seid gut – helft mir, daß ich auch ein Pfeifer werden kann wie Ihr – sonst will ich nimmer leben!« »Hoho,« rief Velten Stacher verwundert, »haben die Schafe auch eine Bruderschaft und bist du ihr König? Ein Pfeifer möchtest werden? Womit hast denn schon aufgespielt?« Der Knabe wußte keine Antwort drauf, unwillkürlich, ohne Denken entfuhr's ihm: »Den Eidechsen auf dem Rohr –« und der Spielmann lachte laut: »Dann bist ja schon einer und brauchst's nicht zu werden. Bleib bei deinen Zuhörern, sie haben feinere Ohren als die unseren zumeist.« Doch ein kummerschwerer Blick Guys brach ihm das letzte Wort im Munde ab, er betrachtete die feine Gestalt und das Gesicht desselben und fuhr fort: »Meinst du's ernsthaft? Von wannen kommst du? Dein Wams ist gespaßig, aber du siehst aus wie guter Leut Kind.« Hastig nannte der Knabe seinen Namen, Heimat und Eltern – »Bist also von ehrlicher Geburt,« fiel Velten Stacher ein, »sonst nähm die Bruderschaft dich nicht auf.« Ein Freudenblitz schoß aus den Lidern Guys, und er jauchzte: »Wollt Ihr mir verhelfen, daß ich zu ihr darf?« Aber nun schüttelte der junge Pfeifer gewichtig den Kopf: »Hoho, Bürschle, glaubst, die Kunst sei dem Menschen angeboren wie den Schafen das Grasrupfen? Magst viel Jahr bei einem Meister in die Lehre gehen, und gibt's der Himmel nicht drein, lernst du's nimmer. Blas den Echsen weiter, bis dir der Bart sproßt, dann versuch's! Wie alt bist du?« Aus seiner Hoffnung plötzlich wieder zu Boden geschmettert, antwortete der Befragte mit schluchzendem Stocken: »Ich weiß es nicht – heut' vor dreizehn oder vierzehn Jahren bin ich zur Welt gekommen.« Doch bevor er ausgesprochen, rief Velten Stacher völlig veränderten Tones: »Heut' ist dein Geburtstag? Potz Valentin, heiliger Schutzpatron, hast am Tage Maria Geburt das Licht beschaut, da hat die Sonne dich ja unserer lieben Frau von Dusenbach als Pfeifer in die Wiege legen gewollt. Hättest das gleich gefügt, Bursch, wären wir schon selbander drunten am Strengbach. Aber warst ein Schäfle, das pfeifen will und nicht reden gelernt hat. Behüt uns unsere liebe Frau in Sonn und Wind, kannst als mein Gesell mit mir ziehen, Guy Loder. Brauchst der Mutter Gottes Bildnis nicht von Silber auf der Brust, wirst uns Glück einbringen, schwant mir, wo unser Spiel klingt. – Ich geh' nicht mit den Anderen zum Gelag in die Stadt, hab' genug heut' vom Wein und Gelärm und will gleich meines Wegs in die Mondnacht hinaus. Da bin ich über die Berge, eh sie den Rausch ausgähnen, und pfeife dir einen besseren Rock auf den Leib. Willst du bei mir in die Lehre, so komm!« Der Erdboden schwankte auf einmal unter den Füßen des Knaben und die dunklen Felswände drehten sich taumelnd um ihn. »Sagt, was ich tun soll,« stammelte er, unfähig zu denken und zu sprechen, »ich will alles, was Ihr mich heißt. Glaubt Ihr, daß die Sonne mir hilft?« »Die ist eins mit unserer lieben Frau,« nickte der Pfeifer »'s ist nur ein anderer Nam', aber sie haben das nämliche Goldhaar überm Antlitz, das muß dir allerwege hold sein, wo's auf dich grüßt, sonst versteht Velten Stacher sich nicht mehr auf Zeichen und Vorbedeutung. Komm, Pfeifergesell, und lern zur Nacht den Anfang deiner Kunst! Spielen tut's nicht allein, auch Trotten und Tragen; für die Kehle den Wein und den Sack für den Magen!« Er hängte lachend seinen Quersack, der mit Überresten, der heutigen Festmahlzeit für den nächsten Tag gefüllt war, über Guys Schultern und faßte die Hand desselben. Verwirrt drehte dieser noch einmal den Kopf, ein weißer Schein begann um ihn zu fließen, wie gestern kam der Mond silberhell über die dunkeln Berge herauf. Nur fiel der Glanz nicht auf die rieselnden, winkenden Burgzinnen, sondern in die stummen, weit offenen Augen Bettanes, die mit ihrem grünen Licht auf ihn verwandt waren. Ihr Blick gab kund, daß sie verstanden habe, was neben ihr geschehen; es lag keine unruhvolle Angst darin wie sonst, wenn er am Abend sehnsüchtig nach den leuchtenden Schlössern hinübergeschaut hatte, nur ein tiefinneres, verhaltenes Weh rann leise zitternd zwischen den Lidern. Doch Guy Loder nahm nichts davon wahr, dachte der langen Tage nicht, die er in seltsamer Befreundung auf der stillen Berghöhe mit ihr verbracht; über seinem Gesicht flimmerte ein Schleiergewebe der seligen Trunkenheit seines Herzens. Er faßte ihre Hand und sagte: »Lebe wohl, Bettane!« und er gedachte nicht, wie sie hier einsam stehe und wo sie in der Nacht bleiben solle. Auch an seine Eltern kam ihm kein Gedanke; ihm war's, als sei alles Vergangene nur ein Vortraum seines Lebens gewesen und er an diesem Tage erst auf die Welt gekommen, die bis dahin ahnungsvoll, doch fremd unter ihm gelegen wie sein eigenes Herz in der Brust. Und so schritt er, seinen Körper nicht fühlend, wie von der Luft getragen, jetzt eilig mit Velten Stacher am Dusenbach talab in das windübersummte, rundum mit traumhaften Lippen raunende Waldgebirg hinein. Bettane sah ihm eine Weile unbeweglich zurückbleibend nach, dann holte ihre Brust einmal tief Atem und sie setzte ebenfalls den Fuß vor. Gleichmäßig Schritt um Schritt ging sie den Weg zurück, den sie am Morgen gekommen; was die Natur ihr an Begabung anderer Menschen versagt hatte, erstattete ihr sichtlich der doppelt geschärfte Sinn ihres Auges und ein unbeirrbares Gefühl, das kaum der Beihilfe des Denkens bedurfte. Kein Anzeichen der Richtung entging ihrem Blick, weder im Hellen noch im Dunkel, sicher verfolgte sie den schwierigen Pfad zu ihrem Heimatsdorf empor. Wer sie ruhig dahinschreiten sah, empfand, sie würde auch in toter Finsternis ebenso unfehlbar ihr Ziel erreichen. Neben ihr wandelten mit ernsthaft aufgerichteten Köpfen die beiden Ziegen durch die Mondnacht; ihr Gang besaß etwas Feierliches, wie das Geleit einer verzauberten Königstochter aus alten Märchen hielten sie sich lautlos zur Rechten und Linken ihrer Herrin. Das Glanzgefunkel des Himmels sprühte von ihren weißen Hörnern, aber auch wenn sie in den schwarzen Tannenforst eintauchten, schimmerten sie noch wie langsam über den Boden fortschwebende Schneestreifen neben der unsichtbaren Gestalt des Mädchens auf. Sechstes Kapitel Vil schöner kunst und gaben Schenkt Gott uns menschenkind, Darvon wir Freude haben, Die ere Gott geziemt. Die singekunst Hat preis und gunst, Denn sie giebt freud und wonne. Lieblicher gsang, Schön saitenklang, Ist aller kunst ein krone. Ich glaub nicht, daß man finde So köstlich arzenei, Darvon so bald verschwinde Nie schwer melancholei, Als wo man singt, Daß lieblich klingt, All traurigkeit muß weichen; Drumb lobt und ert Die music wert! Die kunst hat nicht ihrs gleichen. So klang's mit fröhlichem Gesang vom Munde Velten Stachers in die helle Nacht hinaus, während er mit seinem jungen Genossen, den unsere liebe Frau von Dusenbach ihm gleichsam als einen Schutzbefohlenen in die Hände gelegt, auf der Wegstraße gegen Mitternacht fortschritt. Niemand ging mit ihnen als ihr Schatten; manchmal gesellte sich zu demjenigen des Spielmanns nur noch, sich an seine Lippen anschmiegend, der seiner Querpfeife, dann flöteten, jauchzten und schmetterten bald laut, bald leise die Töne derselben hinter der verklungenen Liedstrophe drein. Und wieder hob er an zu singen: Auf, mein gesang, und mach dich ring, Über berg und tal dich schwing, Füg dich für ihr fensterlein, Grüß sie freundlich ingeheim, Sag ihr, daß ich sei bereit, Ihr zu dienen allezeit! Aufhorchend wanderte Guy Loder daneben, aus jedem Wort und Ton klang's ihm bis ins Herz hinein wie ein Grüßen, Leuchten und Winken einer neuen, fremden, wunderreichen Welt. Die Nacht war so lind und das Licht floß so weich, über Stein und Wiesengrund lagen die Schatten schlafend, ohne Laut und Regung. Er ging zuletzt mit geschlossenen Lidern, die Füße trugen ihn noch immer mühlos weiter, sonst fiel eine süße Müdigkeit ihm über Sinne und Seele. Nur einmal öffnete er noch die Augen, denn die Stimme seines Begleiters sagte fröhlich: »Hier hat Frau Herke uns die Kammer gerüstet, leg dich zur Rast, Gesell, und zieh die Monddecke über dich!« Nun sah der Knabe einen Baum breites Laubgeäst auf einen sanften Grashang herabdachen, viel weiße Sternblumen schimmerten zwischen den Halmen, in die der Pfeifer sich vergnüglich wie auf ein köstliches Daunenlager hinstreckte. Willenlos niedergezogen, tat Guy das Gleiche und fast eh er noch den Boden berührte, hielt fester Schlaf ihn im Arm. Dann hatte er einen wunderlichen Traum. Er wußte nicht, wo er sei, und gewahrte nichts, denn seine Lider waren geschlossen, nur ein goldheller Schimmer webte über sie hin. Darin aber flirrte es absonderlich von kleinen wechselnden Tiergestalten, zumeist Vögeln, doch auch anderen. Er sah sie nur undeutlich, doch er kannte sie allemal genau an ihren Stimmen. Nun trillerte eine Lerche aus blauer Luft herunter, nun war's eine Schwarzamsel, die vom schwanken Wipfelstiel einer Tanne mit langgezogenen Flötentönen schlug. Aber schon verwandelte sie sich in wandernde Regenpfeifer, deren schwermütiger Ruf näherkam, rasch vorüberschwand und leise verklang. Eine lauernde Katze vernahm's, denn sie miaute jetzt begehrlich nach dem Vogelschwarm in die Höh, doch gleich darauf hob eine große Heugrille dicht neben dem Kopfe Guys so schrill an zu zirpen, daß er aufwachend emporfuhr. Da fiel die Morgensonne ihm glanzblendend in die Augen, und um doppelte Armlänge von ihm saß Velten Stacher mit der Querpfeife an den Lippen, aus deren Klappenöffnungen er mit unübertrefflicher, nicht unterscheidbarer Naturähnlichkeit das Grillengezirpe hervorblies. Aber im selben Moment verstummte dasselbe, und der Blick des Knaben flog verwundert über sich, denn es war genau, als habe ihm aus dem Baumgezweig herunter ein Pirol hellstimmig »Guten Morgen – guten Morgen!« zugerufen, und hinterdrein lachte der junge Spielmann: »Guten Morgen, Gesell, hast geschlafen wie'n Dachs; spül die Augen dir hell und strähl dir den Flachs! Dann hol aus dem Ränzel, was drinnen wir han, da machen wir'n Tänzel mit Jung und mit Zahn.« Er wies auf einen frischsprudelnden Quell unfern der Lagerstatt, dessen Tropfen im Frühgeleucht gleich flüssigen Funken sprühten, und Guy Loder badete, seine Erinnerung sammelnd, das Gesicht in dem bergkühlen Born. Dann nahmen sie einen herzhaften Imbiß von dem Inhalt des Quersackes; rundum blinkte und blitzte der Nachttau an den Halmspitzen, nur wo sie geschlafen, hatte das tief niedergebogene Laubgeäst sie wie ein Kammerdach vor Kühle und Feuchtigkeit behütet. Der Pfeifer sprang jetzt auf und sagte sich artig neigend: »Nun sprechen wir Dank für gutes Quartier; bringt der Weg uns entlang, nächten wieder wir hier,« und sie schritten munter auf der sonnig überglänzten Straße weiter gen Süden. Staunend aber blickte Guy auf seinen Begleiter, denn erst allmählich kam ihm das Verständnis, daß keine wirklichen Vögel um ihn her getrillert, geflötet und gepfiffen, keine Katze gemiaut und er doch auch ebensowenig nur davon geträumt habe. Sondern all die wechselnden Töne hatte Velten Stacher aus seiner Pfeife hervorgelockt und setzte dies oftmals, wie sie dahinwanderten, noch fort, denn wenn irgend eine Stimme sich auf der Erde oder in der Luft regte, hob er sogleich das Mundstück seines Instrumentes an die Lippen und ahmte dieselbe getreulich nach. Dann fügte er hinterdrein: »Lern's auch, Gesell! 's tut öfters not, denn Kunst geht nach Brot. Kannst nicht in Kapellen und Kirchen nur pfeifen, mußt auch die Schellen zu schütteln begreifen. Dann jubelt der Haufen, und Dirnen und Buben, sie kommen gelaufen aus Küchen und Stuben. Sie wollen sich schwenken auf lustigen Gelenken, sich drehen und winden und suchen und finden und lachen und schwatzen und baß sich ergötzen. Da darfst du nicht singen für Krüppel und Tröpfe, mußt's Blut ihnen klingen in Beine und Köpfe; dann fliegen und springen die Röcke, die Zöpfe, dann klimpern die Heller behend auf dem Teller, und lachend zieht weiter der Musikant; denn lustige Leute und tanzende Bräute, die drehn auch den Batzen nicht lang in der Hand.« Es war, als wandele jeder fröhliche Gedanke des jungen Spielmanns sich auf seiner Zunge von selbst in hüpfende Reime um; wie Gezwitscher aus der Vogelkehle, schien aus seinem Munde kaum anderes Gerede kommen zu können, und es hörte sich an, als müsse er auch allein auf der Straße seinen Reimklingklang in Sonne und Wind hinaustönen lassen. Doch allgemach nahm die Zwiesprache zwischen den beiden andere Wendung, daß Guy Loder auf des Pfeifers Fragstellung von seinem bisherigen Leben droben im Dorf erzählte und Velten Stacher geraume Zeit lang zuhörte. Erst als der Knabe berichtete, wie er schon seit manchem Jahr allmorgendlich beim Pfarrer zur Lehre gewesen, um dereinst einmal selbst das Kirchenamt in Altweier versehen zu sollen, da brach sein Begleiter mit halb ungläubig staunendem Aufblick aus: »Potz Valentin, heiliger Schutzpatron, lesen und schreiben hast du gelernt und lateinische Wissenschaft noch drein? Da kannst du viel anderes als ich und hat unsere liebe Frau von Dusenbach Absonderes mit dir im Sinn gehabt, daß sie dich an ihrem eigenen Geburtstag zur Welt gebracht. Werd' ihr am nächsten Pfeifertag ein rotes Wachskerzlein zum Dank stiften, denn sie hat mir einen feinen Gesellen an den Arm gehängt.« Und ernsthaft, nur dann und wann mit einem unwillkürlich vom Munde fliegenden, frohsinnigen Reim dazwischen, sprach der Pfeifer jetzt weiter und legte wie ein vertraulicher Genoß seinen Arm um die Schulter des Knaben. Er meinte, es sei Guy durch seinen Namen vorbestimmt, daß er das Spiel auf der Guitarre erlerne, doch hegte dieser den lebhaften Wunsch, auch auf der Flöte zu blasen, und begegnete den Einwendungen seines Genossen stets mit kluger Antwort. Eifrig redend, schritten sie fürder; zuletzt sagte er, wer ihm denn als Lehrmeister auf der Guitarre dienen solle, denn er wolle zu keinem andern als Gesell, bevor er in die Bruderschaft aufgenommen werden könne, sondern einzig bis dahin Tag und Nacht überall bei Velten Stacher verbleiben. Das beantwortete dieser mit einem freudigen Blick, in dem sich schnell gewonnene, fast zärtliche Liebe für seinen jungen Gefährten aussprach, und er wußte der Frage und dem Begehren Guys keine Erwiderung mehr entgegenzusetzen. Nur sein Kopf schüttelte sich noch einmal bedenklich, und er murmelte zwischen den weißen, jugendkräftigen Zähnen: »Wenn's dir nur unsere liebe Frau von Dusenbach nicht mit Ungunst nimmt, daß sie dich für die Guitarre gewollt hat.« Als aber die Sonne im Mittag stand, hob sich unter einem hoch und dick vom Bergrand niederschauenden Schloßturm in enggrünem Tal, das der Weißbach durchschäumte, festummauert und stattlich die alte Hohenstaufenstadt Kaysersberg vor den beiden Wanderern auf. Am Eingang des mächtigen Torbogens hielt Velten Stacher an, griff in seinen Sack und zog eine Hand voll kleiner Silberbatzen und Schillinge, zumeist jedoch kupferner Zweilinge und Rappenheller mit dem Rabenkopf aus der Prägstube der Stadt Freiburg drüben im Breisgau hervor. Deren Wert zählte er, sorglich rechnend, zusammen, dann faßte er Guy Loders Hand und führte ihn durch schmalgewundene Gassen in die Werkstatt eines Gewandschneiders, den er mit wohlvertrauter Ansprache begrüßte. Dort ward von dem Meister achtsam gemessen und unter mancherlei altem Vorrat geprüft, bis er ein grünes Wams und rotfarbige Hosen fand, die ein Junkersohn der Stadt nur kurze Weile getragen und dem Anfertiger um billigen Preis zurückgelassen hatte. Jetzt begehrte der letztere weislich das Zwiefache dafür, insonders, als er die Augen Velten Stachers bei dem Anblick freudig aufglänzen sah, doch der Pfeifer hieß Guy hurtig seinen Schafpelz abwerfen und die ausgewählten Kleider anlegen. Einen Augenblick zauderte derselbe, weil er nichts an sich trug als den Fellrock allein, dann indes gehorchte er errötend dem Geheiß und stand plötzlich in dem dunklen, dumpfen Gemach des Händlers in so zarter, knabenhafter Schönheit vom Haupt bis zu den Füßen, daß ein heller Ton staunender Bewunderung von den Lippen des Spielmanns flog. Ein zottiges Tier hatte sich wie mit einem Zauberschlage in reizvollste, lieblich geschmeidige und doch nahende Kraft verheißende Menschengestalt umgewandelt, und Velten Stacher konnte die Augen nicht von dem überraschenden, anmutsreichen Bildnis verwenden. Indes verschwand dieses eilig wieder, und schnell darauf trat eine völlig andere und doch nicht minder überraschende und anmutige Erscheinung an die Stelle. Wie um Kopfeslänge emporgeschossen, beinahe einem Jüngling gleich, sah Guy in den trefflich anpassenden Gewändern aus, über denen sein Gesicht vor Beschämung und heißer Freude wie eine rote Blume glühte. Nur um ein Geringes weiter als die schlanken Hüften, von einem Gürtel gehalten, reichte das überaus wohlkleidende Wams, darunter hoben die engumschließenden Beinkleider bis zu den Fußknöcheln herab den leichten, tadellosen Gliederbau hervor. Auch spitzauslaufende Schuhe und ein kleines Barett mit kurzer aufstehender Feder gesellten sich nun hinzu; als sie das Haus verließen, schien anstatt des hineingetretenen Schafes ein junger Edelknabe draus auf die Gasse zu schreiten. Er ging noch leiblich und gemütlich befangen in der fremdartigen Tracht und der engenden Bekleidung, die seine Füße zum ersten Mal angelegt; kaum vermochte er zu glauben, daß er es sei und ihm alles das jetzt gehören solle. Und er blickte scheu nach seinem Gefährten, denn er hatte nur zu wohl wahrgenommen, daß die Barschaft desselben für den Gewanderwerb beinahe bis auf den letzten Rappen aus der Hand geschwunden war. Offenbar verstand Velten Stacher den erstaunt ängstlichen Blick, denn er antwortete darauf leichthin: »Hab's nicht um dich getan, Brüderlein, sondern um mich; ein feiner Gesell ist des Meisters Lob und trägt ihm Gunst bei Vornehm und Gering.« Dann legte er den Arm wieder um den Nacken Guys und lachte mit fröhlicher Sorglosigkeit: »Der Himmel ist blau und weit ist die Welt, und grün ist die Au, was ficht uns das Geld! Der Fischer hat Maschen und Salme der Rhein, sind die Heller aus den Taschen, wir pfeifen's hinein.« Und mit freudiger glänzenden Augen noch, als die des Knaben waren, führte er diesen auf oft schon beschrittenem Weg, die Vorübergehenden artig und zutraulich begrüßend, zur Herberge des Ortes hinan. Als aber der Nachmittag ungefähr um die Hälfte vorgeschritten, wanderte der junge Spielmann mit seinem Gesellen langsam wieder durch die Gassen der guten Stadt Kaysersberg dahin. Er hielt seine silberbeschlagene Querpfeife am Munde und trillerte, flötete, zirpte, mauzte und lockte darauf, wie's Guy Loder in den Halbtraum der Morgenfrühe hineingeklungen, daß die hundertfach wechselnden Töne gleich einem tanzenden, springenden, kreisenden Geflatter zwischen den hohen Häusern auf- und niederhüpften. Dabei drehte er den Kopf nicht rechts noch links, sondern hielt den Blick unverwandt steinehrbar und gleichgültig zu Boden gerichtet; doch aus allen Fenstern und Türen, an denen er vorüberzog, lugte und guckte es hastig von blond-, braun- und schwarzhaarigen Mädchengesichtern und aufglimmernden jungen Burschenaugen – ein Wispern und Deuten ging, ein Raunen und Rufen! »Der Velten ist da!« ein Drängen und Treiben und Kleiderrauschen in Kammern und Flur, auf Stiegen und Stufen. Und als der Pfeifer seinen bedächtigen Umzug vollendet und unter der hohen Kirchenmauer daherkam, harrte seiner auf dem geräumigen Lindenplatz schon ein dichter erwartungsvergnüglicher Schwarm von Buben und Dirnen niedrigerer und besser angesehener Abkunft, Hutschwenken und Zuruf empfing ihn, Lachen und beredte Jungfernzungen überschwirrten den Raum, und von allen Seiten strömten noch immer neue, begehrlich vorausschauende Gesichter heran. Indes auch würdige Männer und Frauen fanden sich darunter, manch Zugehörige der alten Geschlechter der Stadt, und nickten dem Spielmann wohlwollend zu, dessen Wanderbesuch in Kaysersberg allen eine langentbehrte ehrsame Lustbarkeit verhieß. Weisend und zischelnd betrachteten sie auch mit eifrigen Augen den unbekannten jungen Begleiter desselben und tauschten ersichtlich vielfältige, neubegierige Mutmaßungen über ihn aus, bis nun Velten Stacher frank und frei vortrat, sich neigte und ein schmetterndes Flötengejubel in die Luft schlug. Dann sprach er lauthin mit fröhlichem Stimmenschall: Ich komm aus fremden Landen her Und bring Euch viel der neuen Mär, Mit Lust tret ich an diese Statt Und grüß mir ein ehrbarn weisen Rat, Ein ehrbarn Rat nicht alleine, Darzu ein ganz gemeine! Mit Lust tret ich an diesen Ring, Gott grüß mir alle Bürgerskind, Gott grüß sie alle gleiche, Die armen als die reichen! Nach jedem Spruchgruße hielt er jedoch allemal inne und pfiff eine heitere Weise hinterdrein; am Schluß der letzteren aber fuhr er fort: Die fremden Land, die seind so weit, Darin wächst uns gut Sommerzeit, Darin wachsen Blümlein rot und weiß, Die brechen Jungfrauen mit ganzem Fleiß Und machen daraus einen Kranz Und tragen ihn an den Abendtanz Und lassen die Gesellen drum singen, Bis einer das Kränzlein tut gewinnen. Da war mit diesem Reim der Anstoß zur liebsten Belustigung der Jugend des Mittelalters, »zum Kranzsingen,« gegeben, und es bedurfte für die jungen, feurig dreinblickenden Stadtsöhne so wenig weiterer Mahnung mehr als für die schlanken schon ungeduldig harrenden Dirnen. Der Kühnste machte den Beginn, und nach altherkömmlicher Weise flogen die Rätselfragen und Antworten zwischen den Geschlechtern hin und wieder; manch heimlicher Sinn, den nur Eine verstand, mischte sich hinein und gewann ein verstecktes Wort zurück, dessen Bedeutung nur Einer zu erfassen vermochte. Treuherzig und schalkhaft wechselten die Ansprachen, behend, zierlich und spitzig folgte die hurtige Erwiderung roter Mädchenlippen drauf. Mitunter mochte die Befragte auch die richtige Entgegnung wohl wissen, wie einer vortretend sprach: Jungfrau, so merkt mich eben; Ich will Euch ein Frag aufgeben, Wann Ihr mir's tut singen oder sagen, Euer Kränzlein sollt Ihr länger tragen; Drum sagt mir, Jungfrau, zu dieser Frist, Welches die mittelste Blum im Kränzlein ist? Der Blumen aber gar viele sind, Die sich umher im Kränzlein befind. Doch obzwar der Sinn der Rätselfrage nicht schwierig zu lösen, blieb das junge Ding, der sie galt, vom Raunen, Lachen und Anblicken der Anderen umher, verwirrt, dennoch errötend wortlos stehen, daß der Fragsteller selber rasch zu erwidern vermochte: Ich hör ein großes Schweigen, Das Kränzlein wird mir eigen. So merkt mich, liebe Jungfrau mein, Ihr selber mögt die mittelste Blum wohl sein, Drum wollt mir's geben und nicht versagen, So will ich's zu Euern Ehren tragen. Dergestalt wanderten halb ernsthaft, halb scherzend die spielenden Reime in der linden Sommerluft hin und her, mit den Strahlen des Spätsommerlichtes huschte grüßend auch der manches suchenden Auges zwischen dunkle Wimpern hinein, und selbst die tiefer herabfallenden Schatten der hohen Giebel setzten dem bunten, lustigen Treiben noch kein Ziel. Zu jeglichem »Kranzgesang« aber spielte Velten Stacher eine Begleitung auf seiner Pfeife, bald neckisch abweisend, bald wie heimliches Seufzen, lieblich leise und laut auflachend, als wisse sein kleines Instrument genau, was Frage und Antwort der Lippen heische und hehle. Erst als zu grau nun die Dämmerung hereinbrach, machte strenge Vorschrift des ehrbaren Rates der Lustbarkeit ein Ende, der Spielmann flötete noch einen helljauchzenden Abschiedsgruß und barg, sich neigend, seine Pfeife im Wams. Da kamen alle heran, denn es war keiner unter ihnen, der dem Urheber der heiteren Zusammenkunft nicht mit offenem Wort oder stumm klopfendem Herzen Dank für etwas wußte, das ihm der Nachmittag zugebracht, und wenn auch nicht als ein goldener Regen, klapperte und klimperte es doch aus jeder Hand von einem Münzlein auf den Zinnteller, welchen Guy Loder nach Weisung seines Meisters vor sich hin hielt. Manch artiges Dirnlein nutzte den Anlaß, um ein Weilchen stehen zu bleiben und unvermerkt im Zwielicht mit neugierig prüfenden Augen Gesicht und Gestalt des fremden hochgewachsenen Knaben zu mustern, und als der laute Schwarm nun davonzog und wunderliche Stille unter dem alten Lindenbaum zurückblieb, sagte Velten Stacher, mehr denn einen Batzen zwischen den Kupferstücken heraussondernd: Format»Die trugen deine Blauveigelein rechts und links von der Nas uns ein; hüte dich, hüt dich, mein Brüderlein, übers Jahr, über zweie und dreie, da hüt deiner Äugelein Bläue! Nun froh und frisch an den Herbergstisch, daß bei guter Kanne mit muntern Gedanken wir unserer lieben Frau von Dusenbach danken!« Siebentes Kapitel Drey Schlösser auf einem Berge, Drey Kirchen auf einem Kirchhoffe, Drey Stätt in einem Thal Ist das ganze Elsaß überall – klingt ein alter Spruch am linken Ufer des Oberrheins und wie er mit den Schlössern den Hochrappoltstein, die Ulrichsburg und Giersburg auf dem Bergrücken über Rappoltsweiler vermeint, so mag sein drittes Verslein wohl aus dem Weißbachtal entsprungen sein, draus die alten Städte Ammerschweier, Kaysersberg und Schnierlach nah benachbart zwischen den hohen Gebirgslehnen aufschauen. Von einer derselben zur anderen aber zog Velten Stacher mit seinem jungen Gesellen, überall freudig empfangen und zu guter Förderung seines Säckels, hier mit kurzem, dort mit längerem Aufenthalt, bis sie auf der Wegstraße oder quer über Fels und Wald des Wasichin wieder von dannen wanderten. Dabei unterwies der Spielmann Guy Loder auf seiner Querpfeife in der Flötenkunst, schüttelte indes, obwohl der Knabe eifrigst zu lernen trachtete, oftmals den Kopf und meinte: »Tat's dir schon kund, hast's wohl drinnen bereit, doch vom Herzen zum Mund ist der Weg noch weit.« Das fühlte auch Guy selbst täglich mehr, es gehe nicht so rasch damit, als seine erste überschwengliche Hoffnung gedacht, sondern bedürfe wohl manches Jahres, ehe er sich unterfangen könne, Aufnahme in der Pfeiferbruderschaft zu erbitten. Verzagt und bedrückt schritt er in solcher Erkenntnis neben seinem Begleiter daher, aber dann beschwichtigte dieser ihm den Kleinmut: »All' Blumen, die blühn, stehn als Knösplein zuvor und müssen sich mühn aus der Erden empor; doch die Vögelein pfeifen und es singet der Quell, du lernst's auch begreifen, hab Geduld, mein Gesell!« Und eines Tages erkaufte er dem Knaben zur Tröstigung eine eigene, sorglich ausgewählte Flöte, auf der Guy sich fortan beim Wandern zu üben vermochte, die einfachen Weisen nachzuahmen, welche Velten Stacher ihm auf seiner Pfeife vorblies. Durch mancherlei Tore zogen sie ein und aus, nun flogen die gelben Blätter windgewirbelt um ihre Füße, nun kehrten sie aus dem Gassengelärm der großen volkreichen Stadt Basel über die breite Steinbrücke des hochgeschwollenen Rheinstromes zum heimischen Sundgau hinauf, und der scharfe Nordwind pfiff auf seine Weise auf unsichtbaren Orgelrohren und stob ihnen erstes weißkörniges Schneegeflatter in die Augen. »Ins Loch schlüpft die Maus, und die Schneck sitzt im Haus, zeigen dir, zeigen mir, zieht auch heim ins Quartier!« summte der Spielmann. »Wohin?« fragte Guy. – »Nach Kolmar, der Stadt, zum ehrbaren Rat, zum lustigen Gesind, zu Brautlost und Taufe, daß Mutter und Kind sich drehn wie der Wind!« So förderten sie am Illfluß, rascher als das träg schleichende Wasser, die Schritte bis zur mächtig von hohem Gemäuer umschirmten Reichsstadt Mülhausen entlang, die zwar deutschem Lande angehörte, doch aus alter Zeit in besonderer Freundschaft zu den helvetischen Städten Bern und Solothurn stand, so daß sie mit diesen fast engeren Zusammenhang als mit dem Reiche besaß. Durch schmale und düstere Gassen wanderten die Ankömmlinge zwischen strengblickenden, wortkargen Leuten, die grußlos vorübergingen: »'s ist ein freudlos Gesipp ohn Lachen und Lust,« wisperte Velten Stacher, »hat kein Lied auf der Lipp, kein Gespaß in der Brust; einen Trunk, dann hinaus, 's ist besser da drauß.« Wie sie am Marktplatz unter einem finsteren Gebäude mit gothischen Bogen hinschritten, sah der Knabe verwundert nach einem an schwerer Eisenkette daranhängenden wunderlichen Steinbildnis eines fratzenhaft verzerrten Gesichtes in die Höhe und frug: »Was soll das wohl?« Da lachte der Pfeifer: »Wahr's Züngelein vorm ›Klapperstein«! Für Weiberflausen, Geklatsch und Geschwätz hängt flugs zu Mülhausen am Hals ihr der Fratz; ist nicht übel von Brauch, tät sonst wo gut auch,« und er bog in einer Herbergstür ein, über welcher auf grünem Schild der Wappenbär der Stadt Bern mit roter Zunge seine zottigen Pfoten leckte. Es war Vormittagszeit und die Schenkstube fast leer, nur ein einzelner Gast saß vor einem dickbäuchigen Krug Weins in der Ecke, ein baumstarker Mann mittleren Alters, der allemal, wenn er den Zinnbecher zum Mund führte, ihn auf einen Zug leerte. Eine Weile betrachtete er die Ankömmlinge vom Winkel aus, dann trat er zu ihnen an den Tisch und sprach: »Fiedler und Pfeifer, werdet Euren Verdienst auf der Nasenspitz heimtragen aus dieser Stadt.« – »Eure Nas scheint weiß,« antwortete Velten Stacher aufblickend. Das brachte den Fremden zu plötzlich jähzornigem Ausbruch, daß er, mit der wuchtigen Faust auf den Tisch hauend, schrie: »Hüt' selber dein nasweis Maulwerk, Windmacher, kämst dem Unrechten verquer!« Doch der junge Spielmann versetzte ruhig: »Hab nicht geredet, daß Ihr weis seiet, nur weiß an Eurer Nas; glaubt Ihr's mir nicht, tupft Euch mit dem Finger drauf und fragt den.« Unwillkürlich tat der Angesprochene nach dem Geheiß und zog seinen Daumen mit Mehl gefärbt zurück. Der Anblick schlug den Zorn in ihm nieder, daß er nun auflachte und rief: »Seid lustige Finkler, dünkt's, und stellt die Worte auf den Leimfang! Rückt zu, ich zahl den Trunk; der Schopfmüller hat's Mehl dazu nicht blos auf der Nas, sondern auch im Sack!« Mit einem Neugierreiz schaute Velten Stacher auf die letzten Worte hin den Sprecher an, von dessen breitknochiger Stirn das ungebändigte Haar sich in störrigem Schopfwirbel aufsträubte. »Seid Ihr Armin Klee, der Müller?« frug er; »dann hab ich den Wind von Euch singen gehört.« »Traun, nicht viel Rühmens, wenn's Mülhäusener Wind war,« erwiderte der Müller, spöttisch in den flächsernen Bart greinend. »Trüg ich Weibsröck am Leib, hängten sie mir gern den Klapperstein um die Zung. Kommt mir zur rechten Stund, Ihr fahrenden Leut! Will Euch ein Liedlein vorsagen, das könnt Ihr durch die Gassen pfeifen und dazu künden, der Schopfmüller hab's Euch gelehrt. Und es soll Euch lang nicht im Beutel geklungen haben wie nach dem Sang!« Doch Velten Stacher stand auf und entgegnete artig: »Ist uns schad, Herr Klee, Euch nicht zu dienen; unsere Rast ist kurz, müssen vor Nacht noch gen Rufach. Der Wind pfeift drauß, lasset den durchs Tor zum Aufspielen herein; habt's noch billiger so, und bläst der die Nasen Eurer Freundschaft nicht grün, so ärgert er sie doch rot.« »Wollt Ihr's nicht, da schert Euch zum Rabenstein!« stieß der Müller ingrimmig heraus. »Tut Jungfern schön mit Euren Hämmlingskehlen, hier tut anderer Blasebalg not als Euer Mäusegepieps!« und er stürzte, sich geringschätzig abdrehend, seinen vollgeschenkten Becher herunter, während der Pfeifer und Guy die Herberge verließen. Draußen frug der letztere verwundert, was das ungeschlachte Behaben und absonderliche Gerede des Fremden bedeutet habe, und der Spielmann entgegnete: »Ist ein widerknorriger Pflock in der Stadtsippe, Brüderlein; seine Zunge klappert wie sein Mühlrad und mahlt ihr Ärgernis, das sie ihm hernach in die Suppe kocht. Seit ich gedenk, lebt er in Hader und Gezänk mit der Stadt, und seine Fäuste schlagen Zeugnis drein, daß er allemal im Recht sitzt. 's wär spaßig anzuhören, aber mir schwant's, sie werden zu Mülhausen einmal nicht über ihn lachen; er kläfft als ein Kettenhund, doch im Augstern glimmert's ihm wie 'ner Katze, wenn sie sich nach dem Vogel duckt. Was ficht's uns, mein Gesell, frisch die Beine genommen, daß wir glücklich und schnell am Rufacher Galgen vorüberkommen!« Das letzte Wort lenkte die Wanderzwiesprache auf Guy Loders neues Befragen zu anderer lustigen Erwiderung des Spielmanns. Mancherlei Märe wußte er von der guten Stadt Rufach zu berichten, insonders über ihren weitberühmten Galgen, von den rheinauf und -ab in deutschen Landen das Sprichwort umlaufe: »Der alte Galgen zu Rufach hat gut Eichenholz.« Darauf seien aber auch die Bewohner der trefflichen Stadt mit Fug und Recht gar stolz, und als einstmals in ihrer Nachbarschaft die Bürger zu Gebweiler aus Ermangelung einer eigenen Richtstatt gebeten, einen Malefikanten an dem weitangesehenen Dreibein den Tanz mit der Jungfer Hänfin machen lassen zu dürfen, hätten die Rufacher freundnachbarlich, doch höflichen Abschlags darauf entgegnet: »Können's nicht verstatten, liebe Herren, denn der Galgen ist für uns und unsere Kinder.« – »Ist aber auch sonst noch mancherlei Schwank dort zu Haus,« fügte Velten Stacher hinzu, »daß die Weiber drinnen mehr gelten als die Männer. Nicht gerad ob ihrer wundersamen Lieblichkeit und Klugheit, aber es hat vor dreien Jahrhunderten an einem Ostermorgen der kaiserliche Schloßvogt ein schönes Bürgermädlein mit Gewalt greifen und auf die Burg bringen lassen. Da haben die Männer insgesamt ratlos gaffend gestanden, doch die Weiber zu hauf sich mit Piken und Äxten, auch Besen und Kunkeln gewaffnet, daß sie, wie der Stadtschreiber aufgezeichnet ›vor Zorn eitel Mann gewesen‹. Sind dermaßen ins Schloß hineingedrungen und haben die Wächter niedergeschlagen, daß auch den Männern der Mut gekommen, und ist so der Kaiser selber, derauf der Burg genächtet, vor den Weibern von Rufach zuletzt davon gelaufen, daß er ihnen Krone und Szepter in Händen zurückgelassen. Seitdem schreiten sie bis zum heutigen Tag bei jedwedem Fest und Aufzug großmächtig vor den Männern einher, und es wispern die Mäuslein in jeglichem Häuslein, in Keller und Kammer bei alt und bei jung, da gehts nicht viel anders mit Besen und Zung! Mir schwant, wir werden ein Problem mit Augen sehen, mein Gesell; da drüben winkts uns heut' zur Rast, das ist der Turm von Sankt Arbogast.« In trübem, nachmittägigem Licht stiegen Türme und Mauern der guten Stadt Rufach unter der schon mit Schnee bedeckten Gebirgswand vor ihnen auf, es war jedoch noch ein gutes Stück Weges bis zu ihr hin und die Nacht dunkel hereingebrochen, ehe sie durchs Tor unter der Sankt Arbogastkirche entlangschritten. An dieser bog Velten Stacher, allerorten auch bei Nacht und Nebel vertraut, durch einen finsteren Schwibbogen zur Linken, faßte die Hand seines Genossen und sprach, ihn nachziehend: 's ist Pflicht, daß wir kurz vorschauen.« So tappten sie eine enge, lichtlose, halsbrecherische Stiege hinan, dann pochte die Hand des Spielmanns irgendwo, eine keifende Stimme scholl heraus und der Pfeifer öffnete eine wackelige, halb aus den Angeln fallende Tür und sprach auf der Schwelle: »Unsre liebe Frau von Dusenbach Behüt dies Haus und dies Gemach; Sie halt die ganze Bruderschaft Und euch insonders in Gnadenkraft!« An einem Wandhaken loderte ein rot qualmender Kienspan und erhellte zur Notdurft ein armseliges Gelaß, das Küche und Vorratskammer, Wohn- und Schlafstatt der darin Hausenden ausmachte. Ein Reisighaufen knisterte auf dem rohgemauerten Herd mit offenem Rauchabzug, daran drehte ein hageres, halb zerlumptes Weib unwirsch den Kopf gegen die Eintretenden, seitwärts saß ein übergebückter Mann auf einem Holzklotzschemel am Boden und flickte mit Pechdraht an einem zersplissenem Stiefelpaar herum. Er war völlig kahlköpfig, sein weißer Schädel glitzerte als das einzig Hellfarbige in dem verrauchten, klebrigen, wüstunordentlichen Raum. Seine Gestalt verschwand in einem langen, aus abgebrauchtem Lappenwerk buntscheckig zusammengestückten Sackrock; erst als er aufschauend antwortete: »Bist ein Pfeifer, kenne dich, Velten Stacher ist dein Nam,« erkannte auch Guy Loder, starr verwunderten Auges, an der Stimme Herrn Gosfried Dürrschnabel, den Pfeiferkönig, ohne Kronreif, Scharlachmantel und Silberszepter, ein kümmerlich verschrumpftes Männlein mit dem lugenden Seitenblick einer Maus, die sich nach einem Schlupfloch an der Wand umsieht. Der junge Spielmann wollte erwidern, doch vom Herd her fiel ihm scharftönig und heiser zugleich Frau Dürrschnabel ins Wort: »Wir kochen unsere Suppe nicht für herumlungernde Ratten, pfeifet Eurer Frau von Dusenbach anderswo auf den Schmalztopf!« Nun verneigte sich Velten Stacher mit artigem Lächeln: »Wir vermeinten auch nicht, Frau Königin, uns bei Eurem Abendimbiß zu Gaste zu laden, vielmehr dem Herrn König unsere Ehrerbietung zu erweisen, daß er uns verstatte, ihn in der Herberge zu einem guten Trunk zu fordern.« Über Gosfried Dürrschnabels' Gesicht lief ein sehnsüchtig durstiger Ausdruck, doch begleitete er denselben nur mit einem wortlosen Seufzer, denn seine Ehehälfte entgegnete sogleich: »Daß er versoffen heimkam und mit seinem Bürgerwams als 'ne Sau im Gassendreck lag! Dazu halt ich ihn vor dem ehrbaren Rat in Ehren und Anstand, he? 's ist Gänsewein genug im Kübel, und klebt Euch die Zung am Gaumen, will ich Euch auch davon schöpfen.« Sie griff mit einer nachdrücklichen Bewegung des knöchernen Armes nach einer Kelle, der Pfeiferkönig sagte jetzt halb weinerlichen Tones: »Ich würde deiner Ladung Gehör geben, Velten, aber weißt, daß ich in der Früh den Choral vom Turm blasen muß, da ist's Nachtschlafenszeit. Wen hast bei dir, ist mir ein fremd Gesicht.« – »Meinen Gesellen,« antwortete Stacher, er will Bruder werden, wenn er bei mir aus der Lehr kommt; denkt, er kann's dermaleinst vielleicht zum König bringen.« Nun warf sich Gosfried Dürrschnabel würdig in die Brust und versetzte: »'s ist wohl eine freie Kunst, Bub, aber nähr' keinen Hochmut in dir groß! Viel Hundert pfeifen in Stadt und Land, doch Einer nur hat's so hoch gebracht wie ich!« – »Das wollt ich vermeinen,« schloß der junge Pfeifer mit respektvoller Miene dran, »und deshalb hab ich ihn zu Euch geführt, Herr König, daß Ihr ihn vor Hoffart bewahrt. »Nun taten wir unsre Schuldigkeit, So gebt, Herr König, uns Pfeifergeleit, Daß wir in allen Weiten Euch Preis und Ehr bereiten.« »Ja, ja, das tuet; geht, gute Gesellen«, stimmte Gosfried Dürrschnabel mit einem vorsichtigen Seitenblinzeln nach dem Herd zu; »seid übel dran, müsset in Nacht und Nebel hinaus, habet nicht eigenen traulichen Herd, dran in Frieden zu rasten, nichts als junges Blut und ein Lied auf der Lippe – getröstet's Euch, es ging mir auch einmal nicht besser – unsere liebe Frau von Dusenbach nehm Euch in Hut bis Mariä Geburt, da grüßen wir uns wieder.« Er hatte trocken in der Kehle geschluckt, als er von der Vergangenheit geredet, da es ihm auch noch nicht so wohl als heute gewesen, und er redete mit einem schlürfenden Lippengeräusch, wie wenn er in der Vorstellung seinen Mund auf den Dusenbach heruntergebückt halte, einen langschmachtenden Zug daraus zu tun; rückwärts polterten die beiden abendlichen Gäste wieder durch die Finsternis über die schollernde Treppe hinab. Draußen zog Velten Stacher erst mit einer langen Brusterweiterung die frische Nachtluft ein, dann lachte er: »Hab ich dir zu viel Rühmens von den Rufacher Weibern gemacht, Guy Loder? Glaube schier, die Frau Königin ist schon mit bei den rüstigen Besenstöcken gewesen, als sie den Kaiser aus der Burg droben von dannen gejagt. Mag anders dabei ausgeschaut haben, der hochgebietende Herr, als mit der Krone, dem Purpur und Herrscherstecken in der Faust; bleibt ohn das vielleicht manchmal nur ein gar dürftiges Menschengeschöpf übrig. Möchtst auch so am eigenen traulichen Herd sitzen, Brüderlein? Treib's wie ich und hüt dich fein vor Weiberlippen und Äugelein; von braunen und blonden Löckchen, von plumpen und zierlichen Röckchen bleibt doch allein, mein Brüderlein, am Ende das Besenstöckchen. Und wir haben nichts als junges Blut und unser Lied auf der Lippe, so ziehn wir jetzo frohgemut zur Herberg an die Krippe.« Schärfer noch blies der Frostwind, als sie am anderen Frühmorgen durchs Nordtor von Rufach und am Richthügel mit dem weitsichtbaren Galgen von gutem Eichenholz vorüber wieder von dannen wanderten. Vom Sankt Arbogast-Kirchturm klang ihnen im Nebel der Weckchoral nach, mit dem Gosfried Dürrschnabel alle ehrsamen Bürger zusamt ihren löblichen Ehehälften ans Tagewerk berief, aber es war, als ob die Töne zuweilen in der Zinke stockten, dann kamen sie mit einem dünnen, trübseligen Gemecker hervor. Velten Stacher setzte seine Querpfeife an den Mund und schlug einen hellen Triller als Antwortsgruß zurück; da änderte die Zinke droben plötzlich ihre Melodie und spielte zu bassem Erstaunen der aufgähnenden Schläfer eine wohlbekannte, wehmütiglich-weltliche Weise: Der Wald hat sich entlaubet Gen diesem Winter kalt, Meiner Freud bin ich beraubet, Gedenken machen mich alt – Der junge Pfeifer drunten aber erwiderte darauf mit einer gleichfalls weitbekannten Weise, blies und sang dazwischen: Es ist kein Apfel so rösleinrot, Es steckt ein Würmlein drin: Es ist kein Jungfrau so hübsch und fein, Sie führt einen falschen Sinn. Wie man nun einen Apfel, Der schön ist, nit flugs ißt, Sondern schält und beschaut ihn vorn, Daß kein Wurm drinnen ist: Also soll auch ein jeder Auf ein freundliches Weibsbild Sein Lieb nicht werfen, bis daß er Sieht, was sie führt im Schild. Doch als nicht mehr nutzbare Warnung für Gosfried Dürrschnabel, den Pfeiferkönig, verklang's in der trübdunstigen Dezemberluft, die alles rundum, Rheintal und Gebirg, grau, verhängte. Nur in der Nähe reckten die Bäume ihr kahles, winterliches Geäst aus dem Nebel und schwanden rasch an den hurtigen Wanderern vorbei; erst gegen Mittag hinein tauchte undeutlich sichtbar zur Linken über einer kleineren Stadt ein Bergrücken auf, von dem drei hohe, nahgesellte Warttürme herabblickten, die aus dem rinnenden Luftgetriebe einen Augenblick geisterhaft emporschimmerten und wieder dicht überwallt zurücksanken. Unwillkürlich deutete Guy Loder, seinen Schritt sanhaltend, voraus: »Was ist das?« und sein Begleiter versetzte: »Freue dich, Finklein, daß du hier unten wanderst und nicht da droben im Käfig steckst. Würdest vermutlich bei schnödem Futter nicht sonderlich viel Lust zum Singen behalten. Das sind die ›drei Exen‹, gar sicheres Steingefüg, heißen Dagsburg, Walchenburg und Weckmund und machen selbander die Stammburg des Ritters von Egisheim aus; gewahrst das Städtlein, nach dem sein Geschlecht den Namen führt, gleich drunten. Der Volksmund redet, der Rufacher Galgen sei gesundere Herberg als droben die Gastkemenate. Schaust hinauf, als möchtest einmal selber die Prob' anstellen? Halt dich gut auf der Hut, und vorüber, jung Blut! Es fließt kein Milch und Honigseim in den drei Exen ob Egisheim!« Der Knabe schwieg, ihm war's seltsam mit einem kalten Schauer über den Rücken gelaufen; das Gedächtnis an seine sinnlos unbedachte Tat im Dusenbachtal kehrte ihm plötzlich zurück, und er sah sich mit schreckhafter Einbildung droben unter einem der geisterhaften Türme in ein tiefes, unheimliches Erdverließ hinuntergestürzt, wenn der Ritter von Egisheim damals seiner habhaft geworden. Nun jagte von einem Windstoß der Nebel wieder, rundum alles auslöschend, dicht und schwer darüber; dennoch trieb's Guy Loder fast unwiderstehlichen Dranges, den Mund zu einer Frage aufzutun. Da scholl ihnen ein Schritt auf der Straße entgegen, eine Gestalt tauchte aus der trüben Luft und frug, den Fuß haltend: »Bist Velten Stacher, der Pfeiferbruder, wohinaus des Weges?« Der Sprecher mochte gleichen Alters mit dem Angeredeten sein und gehörte offenbar ebenfalls zur Bruderschaft. Er trug ein gewundenes Blashorn als Spielwerkzeug am Schulterband, über kräftig-schlanker Gestalt schauten zwei blitzhelle Raubvogelaugen aus einem frechen, scharfgeschnittenen, schönen Gesicht. Doch seine Tracht war wüst verlottert, von der Stirn zog sich rot die frische Narbe einer Hiebwunde und sein Atem füllte widrig mit Weingeruch die Luft. Velten Stacher schien nur kurzen Grußes vorüberschreiten zu wollen, doch der Andere vertrat ihm mit einem höhnischen Aufzucken der Lippen den Weg. »Hältst mich keiner Bruderantwort wert? Giere zwar nicht danach, trägst aber die Silbernarretei am Hals wie ich, daß du mir Pflicht und Rede schuldig bist.« »So geleit dich unsere liebe Frau, Wendelin,« entgegnete der Pfeifer; »gehe nach Kolmar ins Winterquartier.« Ein zorniger Funke schoß zwischen dem Augenweiß des Hornbläsers hervor und er stieß aus: »Weißt, daß ich Welf Siebald heiße, was gibst mir meinen Namen nicht?« »Hatt' ihn vergessen, Welf Siebald,« antwortete Stacher gleichmütig, doch jener lachte mißächtlich drein: »Dem Gutzgauch gilt's gleich, wie die Sippe ihn heißt. Ins Mausloch kriecht Ihr, zum Pfaffenspruch übers Brautbett zu pfeifen? Was hast für ein Junkerlein bei dir mit Feder und Wams, die Dirnen zu kirren? Der fiel nicht von deines Vaters Bank.« Es zuckte in Velten Stachers Arm, doch er beherrschte sich und versetzte kurz: »Mein Gesell ist's – wohin zielst heut' noch?« Dazu hob er den Fuß, um weiterzugehen, und Welf Siebald tat das Nämliche. Den Kopf nur zurückdrehend, erwiderte er noch: »Lauft zu den Hämmeln und pfeift ihnen die Rappen vom Fett! Weiß nicht wohin – nach Mülhausen zur Weihnachtskilbe, da brauchen die Weiber einen Hornbläser für ihre Männer.« Er ging, schnell verklang sein Schritt und verschwand seine Gestalt im Nebel. – »Komm am Rufacher Galgen vorbei – oder nicht,« murmelte Velten Stacher. Er setzte geraume Weile schweigsam seinen Weg fort, bis eine Frage Guys ihn halb widerwillig entgegnen ließ: »'s ist ein wüster Raufhahn, treibt sich wenig zu Ehren der Bruderschaft in Städten und Landen um. Weiß nicht, welcher Art er zur Aufnahm drin gekommen, denn vor nicht viel Jahren hieß jeglicher ihn Wendelin, wie's Brauch ist im Wasichin, daß Kinder, die keinen Namen vom Vater mit zur Welt bringen, den vom Heiligen ihres Geburtstages bekommen. Ist zwar keinem Heiligen ähnlich, aber nachmals, scheint's, von ehrlicher Abkunft worden; hieß sich Welf Siebald, wußt wohl selber nicht zu sagen, wer ihm's Recht drauf zugesprochen. Muß doch also sein, hätt sonst nicht in die Bruderschaft gelangen können, wenn man für gewiß nimmt, daß es allzeit ohn Rank und Heimlichkeit in der Welt zugeht. War übrigers vor nicht langer Frist noch ein gar schmucker Gesell von Wuchs und Antlitz, nach dem sich manches Mädel die Augen aus dem Kopf geguckt –« Der Pfeifer brach, plötzlich das Gesicht zur Seite drehend, ab und warf einen Blick über seinen Begleiter; dann schritt er wortlos fürder. »Weshalb schautet Ihr mich so an?« frug Guy Loder verwundert. Der Befragte schwieg noch kurz, ehe er antwortete: »Es kam mir nur so – wollt dich nicht kränken, aber es liegt auch nichts Schimpfliches dran – hast in Stirn und Nase nicht Unähnlichkeit mit dem Welf Siebald, wie er vordem war. Schauen aber gar andere Augen drunter auf, mein Brüderlein, vor denen sich kein Mägdlein fürchten mag. Siehe, da winkt uns Sankt Martins spitzes Fingerlein Willkomm.« Die Luft hatte sich im Tale etwas aufgehellt, so daß man auf eine Wegstunde voraus einen viereckigen, in spitze Haube auslaufenden Kirchturm über Mauerzinnen und Giebelaufstieg zu gewahren vermochte, und die Wanderer förderten rüstig ihre Schritte der gewichtigen, aus alter Zeit in hoher Kaiserhuld stehenden Reichsstadt Kolmar entgegen. Achtes Kapitel Dort nun spielte Velten Stacher den Winter durch zu Brautlost und Taufe, Mahlzeit und Tanz »im Haus und auf der Gaß«, und aus den Batzen, die seine Kunst ihm eintrug, war mancher Goldgulden ihm in den Säckelgurt gewachsen, als der Frühlingswind wieder brausend über die Berge herabkam. Da brach auch der Pfeifer mit seinem Gesellen wieder auf, nach Vorjahrsweise sommerlang durch Wald und Tal, von Ort zu Ort dahinzuziehen. Es war aber schon so weit gekommen, daß Guy Loder ihn zu einem und anderem Stück auf seiner Pfeife begleiten durfte, und mit eifrigstem Bemühen trachtete der höher aufwachsende Knabe auf Weg und Steg nach besserem Vorschreiten in seinem Spiel, daß er oftmals selbst vom Nachtlager unter Baum und Busch aus dem Schlaf aufsaß und heimlich in die Sternendämmerung oder Mondeshelle hinausblies. Auch ein anderes erlernte er noch dazu von seinem Genossen: die Fertigkeit, seine Worte, ja fast schon seine Gedanken mit fröhlich klingenden Reimen zu umkleiden; er brauchte sie nicht zu suchen und zu wollen, sie fielen ihm wie jenem von selbst auf die Zunge. Doch nicht allein zur Ansprache und Erwiderung, vielmals kam's ihm auch ohne solchen Anlaß über die Lippen und war ein Liedlein, das er vor sich hinsang, denn er fand sogleich immer eine Weise dazu, die den Worten entsprach, als könnten sie beide nicht anders sein. Nicht selten frug staunend Velten Stacher: »Was war's, und woher hast du's?« und Guy entgegnete: »Weiß nicht, hab's wohl irgendwo gehört, es fiel mir so ein.« Doch dann schüttelte der Spielmann den Kopf: »Das sang noch keiner vor dir und hast's auch nicht von dir selber; unsere liebe Frau von Dusenbach hat's dir in die Wiege gelegt, weil du als ihr Schutzkindlein am gleichen Tage mit ihr zur Welt gekommen. Bist zu besserem geboren als ich, Brüderlein, an Leib und Seele,« und neidlos sah Velten Stacher freudig-bewundernden Blickes den schönen, jünglinggleichen Knaben an. Dann antwortete dieser mit lachendem Frohmut: »Da hab ich's wohl von der Sonne zum Dank, daß mein Herz zu ihr gekommen und ihr Gedächtnis auf sich trägt.« Er zog einmal dazu einen kleinen goldgrünen Stein hervor, den er, in der Mitte zierlich durchbohrt, an einer Schnur unter dem Gewand auf der Brust trug, und der Pfeifer nickte: »Weißt, das ist ein und dieselbe; woher hast denn das Amulettchen?« – »Von der Sonne,« erwiderte Guy kurz. – »So trag's, bis die Bruderschaft dich aufnimmt und unsere liebe Frau dir ihr wirklich Gnadenbildnis zu tragen gewährt.« Da schwieg der Knabe, mit glänzenden Augen weiter wandernd; er redete niemals ein Wort wider seinen treuen Lehrer und Behüter, dem er mit innigem Herzen anhing, aber der Name unserer lieben Frau von Dusenbach kam auch nie über Guy Loders Lippen. So wanderten sie oftmals von der Stadt Basel bis nordwärts zum weiten, dunkelgestreckten Hagenauer Forst und dazwischen in die zahllos tiefgewundenen Täler des Wasichingebirges hinein, hielten, wo sich guter Lohn verhieß, in einer umfangreicheren Stadt gen Mittag oder gen Mitternacht ihre Winterrast. Nur wenn der Septembermond anbrach, trennte sich Velten Stacher für ein kurzes Weilchen von seinem Gesellen, um zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler zu gehen, an dem nur die Brüder, doch keiner ihrer Schüler teilnehmen durften. Wohl dagegen war's den letzteren verstattet, als Zuschauer und Hörer gewärtig zu sein, allein das hatte Guy bei der ersten Wiederkehr des Tages nicht gewollt und verblieb dabei. Zwar schien's ihm von Jahr zu Jahr mehr gewaltsamen innerlichen Kampf zu kosten, doch er zeigte sich von fester Entschlossenheit, das Fest nicht eher wieder zu besuchen, bis er sein Probestück zur Aufnahme in die Bruderschaft abzulegen vermöge. So blieb er stets in einer unweit gelegenen Ortschaft zurück; sobald indes sein Genoß davongeschritten, stieg er hurtig einen Berghang hinan, von wo er die Burgen über Rappoltsweiler in der Sonne flimmern und leuchten sah. Dort saß er unverwandten Blickes vom Morgen bis zum Abend; dann war's ihm, als sitze er wieder auf der einsamen Hochkuppe unter dem Göcker des Brüschbückels und schaue nach den geheimnisvoll blinkenden, winkenden Schlössern hinüber. Nur hatten sie damals fern und tief unter ihm gelegen, und jetzt ragten sie hoch vor ihm, über ihm auf. Zuweilen streifte sein Gedanke auch flüchtig zu dem ärmlichen, weltentlegenen Dorf auf dem Hochkamm hinter ihm und zu dem dürftigen Gehöft seiner Eltern empor. Doch es kam kein Reuegefühl dabei über ihn, daß er sie ohne Abschied verlassen, er hatte es so gemußt, nicht anders gekonnt, und täte es zu jeder Stunde wiederum. Wohl wußte er ihnen Dank, daß sie ihn in die schöne, wunderreiche Welt gebracht, ihn nach der Kargheit ihres Daseins genährt, gekleidet und großgezogen hatten; aber wenn er sie sich droben bei der sommerlichen Schafhut oder am Feuer des Winterherdes vorstellte, kam's ihm tröstlich, wie er sie durch lange Jahre gekannt, sie gedächten seiner kaum mehr und es falle höchstens einmal dann und wann ein gleichmütiges Wort von ihrer Lippe, das zufällige Erinnerung an ihn geweckt. Und mit anderem, aus tiefstem Herzen strömendem Dank hob er den Blick zu dem großen, goldenen Himmelsantlitz empor, das ihm im Innersten vertraut, wie von stillen Kindheitstagen auf, als die große, liebreiche Mutter alles Lebens erschien und ihn mit seliggeheimnisvollen Schauern von Glanz und Wärme, Träumen und namenlosen Hoffnungen überleuchtete. Drüben zu Rappoltsweiler jedoch vollzog sich bei jeder Rückkehr des achten Septembers der Pfeifertag stets in der nämlichen Weise. Klangvoll strömte am Morgen der lange, von dichter Volkswoge umflutete Zug, von Gosfried Dürrschnabel im roten Königsmantel würdevoll geführt, zur Waldschlucht unserer lieben Frau von Dusenbach hinaus, und alle Teile der Festlichkeit folgten nach altem Brauch und Herkommen hintereinander. Nur der Ritter Bertulf von Egisheim befand sich nicht wieder neben der gräflichen Familie von Rappoltstein im Chorstuhl der Kapelle und ließ dem Festtage überhaupt seine Gegenwart nicht mehr zu teil werden. Im ersten und zweiten Jahre hatte er einsam auf seiner Felsburg über Rappoltsweiler gesessen, deren beständig aufgezogene Fallbrücke keinem Gast über die rundum gähnende Tiefe Zutritt vergönnte; dann hieß es, er sei in Nacht und Dunkel von droben davon geritten, doch niemand hatte es gesehen noch wußte, wohin. Allemal aber tauchte am Pfeifertag zwischen dem Jubel und Getümmel um den Dusenbach ein verwunderliches Bild auf. Gegen die Mittagsstunde hinan kam aus dem Sprengbachtale herauf, von zwei schwarzen, weißgehörnten Ziegen begleitet, ein mählich höher emporgewachsenes Mädchen geschritten. Lautlos mit überall umsuchenden Augen ging sie durch die Menge und langsam ernsthaften Ausdrucks wandelten ihre beiden Genossinnen ihr stets zur Rechten und Linken, als wüßten sie genau, welche Pflicht ihnen hier obliege. So wanderte sie stundenlang hin und wieder, ihre Herrin nahm indes nie an der bereiteten Festmahlzeit teil, sondern zog ein mitgebrachtes Brotstück hervor, stillte daran ihren Hunger und begann das ruhige Umherblicken aufs neue. Sie sprach niemanden an, und keiner wußte, wer sie sei, woher sie stamme; nur ihre absondere Erscheinung war bald allen bekannt, und daß sie alljährlich von irgendwo zu der Lustbarkeit komme; nach Ablauf einiger Wiederholungen des Pfeifertages ließ Gewöhnung nicht mehr auf sie achten. Bis die Sonne aus dem engen Tal verschwand, blieb sie, dann trat Bettane mit ihren Ziegen gleichmäßigen Schrittes durch die weiten, nächtlich verdunkelten Wälder den Rückweg zu ihrem Heimatsdorf an. Dort stieg sie am nächsten Morgen zu dem Gehöft Veit Loders empor und gab diesem durch ein kurzes verständliches Zeichen kund, sie habe das, was sie drunten gesucht, nicht gefunden. Der Bauer zuckte ohne Veränderung seiner Miene die Achsel, und sie schritt weiter zur Bergkuppe hinauf. Es war völlig so, wie die Vorstellung Guys es ihm beschwichtigend sagte: die Jahre hatten Veit Loders störriges Haar gleich dem seines Weibes sandfarbig übersprenkelt und das ehemalige Begehren derselben nach einem jungen Sprossen ihrer Ehe in beiden ausgelöscht. Ein Naturverlangen, ein verirrter Gemütsaufglanz der Jugend war's gewesen, mit dem Alter im lebendigen Leibe bereits abgestorben. Sie hüteten ihre Schafe und schoren die Wolle, flickten ihre Behausung gegen Sturm und Regen und sorgten für Nahrung am Mittag und Abend. Doch sie gedachten kaum mehr daran, daß ihnen einmal ein Kind zugefallen, und daß sie es viele Jahre lang aufgezogen. Und wenn's ihnen einmal in den Sinn kam, geschah's, wie Wasser auf ein Sieb fällt und dasselbe, schnell durchsickernd, trocken wieder zurückläßt. Mit alleiniger Ausnahme des Pfeifertages lag Bettane aber immerdar droben auf der stillen Höhe, wo sie dereinstmals neben Guy Loder gesessen. Sie schnitzte sich Pfeifen aus Rohr wie damals und blies darauf in Sonne und Wind, und die Eidechsen kamen und lauschten ihr zu; manchmal schlüpfte auch eine der großen, goldgrün leuchtenden an ihr empor, daß es war, als glänze eines ihrer eigenen Augen von dem goldbraunen Gewände zu ihr auf. So saß sie, unverändert deckte ihr das Haar die niedrige Stirn fast bis zu den falben Brauen herunter, und Sommerflecken übergitterten gelbbräunlich und dicht das ausdrucksleere Gesicht. Nur reichte mit den Jahren das dürftige Kleid kürzer auf die Füße herab, und wenn es sich bei einer Bewegung des Oberkörpers verschob, da schimmerte ab und zu nicht mehr der Gliederbau eines Kindes, sondern, überraschend lieblich, weiche Rundung zart und rosig aus dem Spalt hervor. Seltsam, wie nicht dazu gehörig, hob sich das von der Natur verkümmerte Antlitz über einer schönen jungfräulichen Brust. Auch sonst hatte noch eines sich geändert, Bettane hatte nicht durch Zeichen ihrer Finger wie früher mit Veit Loder zu reden gebraucht. Es war ihr plötzlich einmal in den Sinn gekommen, wie sie im Felsbruch eine abgesplitterte, dunkelblaue Platte gefunden, dieselbe an sich genommen und mit einem anderen Stück des Gesteins Striche und kleine Figuren geritzt hatte. Da saß sie nachdenklich einige Tage und ging darauf mit ihren Ziegen zu dem geistlichen Herrn hinunter, dem sie ihr Begehren deutlich machte, von ihm zu lernen, wie man das, was andere mit den Lippen sprächen, für das Auge begreiflich auf den Stein zeichnen könne. Und der gute Alte, dem es nicht an überflüssiger Zeit, Langerweile und dem Wunsch, einem Mitmenschen nützlich zu sein, gebrach, willfahrte ihrer sehnlichen Bitte und brachte ihr zu ihrer Überraschung, mit weit geringerer Mühe, als er sich vorgestellt, die Kunstfertigkeit, nach der sie trachtete, bei. In wenig Monaten erlernte sie aufs vollständigste, die Worte, die ihr Ohr nicht vernahm, durch Schriftzeichen auszudrücken, nur wollte sie sich hartnäckig dazu keines Papiers und keiner Gänsespule bedienen, sondern einzig des Griffels und des Schieferstückes, das sie zuerst auf diesen Gedanken gebracht. Damit schrieb sie gelenk ihre rasch immer zierlich werdenden feinen Buchstaben nieder und fertigte sich selbst aus dem Steinbruch eine Anzahl sorglich abgekanteter Täfelchen zurecht. Auf diesen lieh sie droben in ihrer Einsamkeit den Gedanken, die über sie kamen, den neugefundenen Ausdruck und löschte die Schrift wieder aus, und so hätte sie auch mit den Schafbauern zu reden vermocht. Aber Veit Loder war ihre Fingerdeutung immerhin verständlicher als die Sprache des Schiefersteines, denn er konnte nicht lesen. Am anderen Morgen nach dem Pfeifertag kehrte stets Velten Stacher in die Ortschaft zurück, wo Guy seiner wartete, und sie brachen auf, um wieder ein Jahr lang als unzertrennliche Genossen in Nord und Süd des Elsaß ihrer Kunst obzuliegen. Denn der Letztere übte diese jetzt gleichfalls, nicht allein zur vollen Zufriedenheit, vielmehr oft zu hoher Bewunderung seines Lehrmeisters, und war kein Knabe mehr, sondern fast um Haupteslänge noch über den Spielmann hinausgewachsen, schlank und feinen Gliederbaues und doch kraftvoll-geschmeidig, an Körper und Angesicht ein Bildnis schöner makelloser Jugend. Kein Pfeifer begegnete ihnen jemals, der einen Wettstreit der äußeren Erscheinung mit ihm zu beginnen vermocht hätte, und kein Mädchenauge wandte sich von ihm, so lang der Blick ihn gewahren konnte. Nicht minder rasch und erstaunlich auch hatten die Jahre seinen Geist gefördert und den weltfremden Knaben mit vielerlei Lebenskenntnis und richtigem Verständnis der Erdendinge erfüllt. So hatte er die Erwartung Velten Stachers voll bewährt und diesem durch sein Spiel und gewandten Reimspruch von Jahr zu Jahr reichlicheren Vorteil an Geld und Gut eingebracht. Vielleicht mehr noch durch sein bloßes Dasein, denn es war unmöglich, daß er die Augen wie zwei Stückchen lachend blauen Himmels irgendwohin richtete, ohne bei den Weibern, ob jung oder alt, ein rascheres, freudiges Herzklopfen zu regen. Und um so siegreicher gewann er stets ihre Gunst, als kein Blick und Wort von ihm dieselbe je zu erwerben trachtete; er war von gleicher Artigkeit gegen alle, doch sichtlich galt's auch ihm gleich, ob jung oder alt, gering oder vornehm, und hätte sich ihm die Oberlippe nicht gemach mit dunklem Flaum überschattet, seine Gestalt zu hoch und kräftig über die Mehrzahl aller Männer aufgeragt, so würde sein kühles Verhalten auch gegen die gewinnendsten Frauen und Jungfrauen den Verdacht haben regen können, daß unter seinem Wams selber das Herz eines schönen, als Jüngling verkleideten Mädchens schlage. Auch sonst bewährte er in einem seltsam das Wesen eines solchen; furchtlos, beinahe töricht verwegen jeder Gefahr gegenüber, war er trotz seiner erlangten zweifellosen Kunstfertigkeit kleinmütig zaghaft, wenn Velten Stacher ihm von seiner Meldung zur Aufnahme in die Bruderschaft redete. Vier Lehrjahre waren ihm fast vergangen und der Pfeifertag stand nahe wieder bevor, aber dennoch konnte er nicht die Zuversicht fassen, sich der Prüfung schon zu unterziehen, sondern wollte wiederum noch warten, und aller Zuspruch seines Gefährten glitt an einem mädchenhaften Erröten seines Gesichtes und scheuer Befangenheit wirkungslos ab. So hatten sie, von Norden her wandernd, Nachtquartier in dem schon altersgrauen Städtchen St. Pilt oder Pölten unter den mächtig herabschauenden Felsmauern der Hochkönigsburg genommen, denn Velten Stacher bezweckte, von hier in der nächsten Morgenfrühe die kurze Wegstrecke zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler zurückzulegen. Mit vielem Ungemach waren die Jahrhunderte über den kleinen eirund umwallten Ort hingegangen, der oftmals einen Gegenstand des Streites zwischen den lothringischen Herren und den rappoltsteinischen Grafen gebildet, aber aus den verwüsteten Rebgeländen ließ bessere Zeit immer wieder den altberühmten Wein von gleicher Güte in die Kelter rinnen, und ebenso erhielt stets ein neues zierliches Geschlecht von Töchtern den Ruf absonderer Schönheit und Artigkeit ihrer Mütter und Vormütter aufrecht. Guy Loder wußte seit manchem Jahr, daß Velten Stacher kein Mißächter guten Trunkes sei, und sie saßen fröhlich bei der Kanne miteinander. Doch als das Zwielicht einfiel, stand der Pfeifer einmal auf, trat in die Herberge und kehrte nicht zurück. Guy wartete geraume Zeit, dann verließ auch er den Tisch im Hofraum und schlenderte durch die Gasse des Städtchens entlang. Auf heißen Tag war eine linde, helle Mondennacht gefolgt, sie zog sein Sinnen und Schreiten in die Weite, zu den beglänzten Berglehnen hinan. Allein das Tor war schon geschlossen und wehrte ihm den Ausgang; halb mißvergnügt umwanderte er den Innenrand der Stadtmauer. Da und dort lehnte sich ein Gärtchen unter diese hinauf, fast alles lag bereits schlafesstill, ohne Regung und Laut. Nur nach einer Weile traf einmal ein Flüsterton an das Ohr des Jünglings, und er horchte unwillkürlich auf; ihm war's wie Velten Stachers Stimmenklang gewesen. Leise scholl es abermals herüber, unter dem Schatten unbewegten Sommerlaubes her; Guy wußte nicht warum, es trieb ihn mit plötzlicher Übergewalt, zu erkunden, ob sein Gehör ihn täusche. Geräuschlos setzte er den Fuß in die Richtung vor, ein süßer Duft von Spätsommerrosen und Reseden füllte die Luft des kleinen, halb von der hohen Mauer verdunkelten Gartens. So vermochte auch der schärfste Blick nichts zu unterscheiden, und der Eindringling wollte sich behutsam zurückwenden. Da stahl sich ein flimmernder erster Strahl der Mondscheibe über den gezackten Zinnenrand und schnellte sein Licht gleich einem Silberpfeil gerade unter das Laubdach und breitete sich hurtig zu einer leuchtenden Garbe. Darin saß Velten Stacher auf einer Moosbank und ehrte nicht nur den Rebensaft, sondern auch den andern köstlicheren Ruf der alten Stadt St. Pilt, denn neben ihm ruhte die schlanke Gestalt eines jungen Weibes, ihr dunkellockiges Köpfchen lag an seiner Schulter und ihr Arm hielt sich um ihn geschlungen. So tauschten sie flüsternde Worte; doch nun hob seine Hand ihr Haupt, daß ein Glanzgeriesel von weißem Nacken und anmutigem Mägdleingesicht rann, und er zog sie fester an sich und küßte ihre Lippen, die willig an den seinigen hingen. Der junge Pfeifer war, seinem Wahlspruch getreu, weislich auf der Hut, sich nicht gleich Gosfried Dürrschnabel an eine rasselnde Kette festzubinden, doch sichtlich widerstand die frische Jugend in ihm nicht, sich im Vorüberwandern heimlich und rasch einmal nach einem süßen Blumenkelch zu bücken und mit dem Honigduft desselben sich die Lippen zu netzen. Gar ehrbar und schuldlos folgten sie dem Doppeldrange ihrer Herzen, die nur einen holden Gruß wechselten, um am Morgen, vom Traum der Sommernacht aufwachend, ohne Reue voneinander zu scheiden; aber ein gar liebliches Bild war's, vom mächtigen Himmelsglanz überschüttet, und in der Brust des Lauschenden hob plötzlich ein ungestümes Pochen an, fremd und sonderbar und so laut, daß er meinte, es müsse bis in die Laube hineinklingen. Erschreckt ging er vorsichtigen Fußes aus dem Gärtchen zurück, dann lief er hastig zur Herberge entlang und warf sich atemlos aufs Lager. Doch er schlief nicht, sondern blickte immer in den Mondenschein auf, erst nach manchen Stunden fiel er in einen Traum. Auch dieser beließ indes das silberne Licht noch gleicherweise um ihn her, nur lag er auf weichem Grashang tief im Wald an einem dunklen Wasser ausgestreckt, daraus tauchte über weißem Nacken ein goldig leuchtender Scheitel, und hell aufrudernde Arme, von denen perlende Tropfen blinkten, zogen spielende Wellenkreise gegen ihn hinan. Dann sagte unvermutet hinter ihm die Stimme Tille Loders, seiner Mutter: »Das ist eine von den Töchtern Wodans, sie bringt dir Glück, wenn du den Mut hast, sie anzurühren und festzuhalten.« Und sogleich sprang er, von einem herzklopfenden, namenlosen Verlangen gefaßt, auf; da hob sich die weiße Gestalt, nach der seine Hand sich gestreckt, als Schwanenjungfrau auf rauschenden Flügeln aus der Weiherfläche in die Luft und er stürzte haltlos kopfüber in das häßlich quirlende Gewässer hinunter. Eine andere Stimme schlug ihm ans Ohr: »Was treibst du für närrisch Zeug?« und aufwachend lag er, von der Bettstatt heruntergefallen, am Boden; vor ihm im ersten Frühschimmer stand Velten Stacher aufbruchgerüstet. Er schien sich nicht zum Schlaf gelegt zu haben, doch seine Augen lachten ohne Müdigkeit freudig ins Morgenrot. Ein Weilchen hielt Guy Loder, sich besinnend, den Blick gegen ihn gewandt, ehe er frug: »Wohin willst du?« – »Der Alp, scheint's, hat zur Nacht auf deiner Brust gelegen und dir Mohnsamen ins Gedächtnis gesäet,« antwortete der Spielmann: »schlaf noch weiter, mein liebster Gesell, morgen komm ich vom Pfeifertag zurück, dich zu holen.« Ein dunkles Rot überglühte Stirn und Wangen des Jünglings, der hastig den Kopf zur Seite drehte und, nach seiner Pfeife greifend, erwiderte: »Hast's nicht nötig, Velten, und sollst um meinetwillen den Weg nicht zum andernmal machen, ich gehe mit dir nach Rappoltsweiler.« Neuntes Kapitel Da klang's denn um etliche Stunden darauf wieder von Pfeifen und Geigen, Becken, Lauten, Harfen und Schalmeien, von Hörnergeblase und Flötengejubel, von Schreien, Singen, Geschnarr und Geschmetter in der langen Gasse zu Rappoltsweiler um die Ohren Guys, daß er kaum weniger betäubt als vor vier Jahren mit dem brausenden Schwarm durchs Nordertor hinauszog und, ehe er's noch für denkbar hielt, schon vor der Waldkapelle am hüpfenden Dusenbach unter der wogenden Volksmasse dastand. Hier war alles wie damals und geschah auch alles in unveränderter Weise, nur machte er keinen vergeblichen Versuch, mit in das Innere der Kirche zugelassen zu werden, und konnte doch gleichfalls nicht auf den Ahornbaum klettern, dessen grüner Laubast sich noch um etwas weiter droben zum offenen Fenster überbog. So wartete er seitab auf das Ende der Messe, und es dünkte ihn unsäglich lang, bis die herausschallenden Töne drinnen, das Läuten der Glöckchen, die Stimme des Priesters und der Chorgesang der Bruderschaft ein Ende nahmen. Dann hob sich ein Drängen und Aufstauen der harrenden Menge, wie die Wasser eines Bergstromes nach jähem Wolkenbruch sich stoßen und kreiseln, und der Jüngling reckte sich auf die Zehen, um über die Köpfe hin die Hervortretenden zu gewahren. Doch er konnte nur die hohe, am Schläfenrand heller ergraute Gestalt des Grafen Schmaßmann von Rappoltstein erblicken, alles andere verschlang das auf- und niederwogende Getümmel. Einzig Velten Stacher unterschied er noch, dessen Augen nach ihm umsuchten und der ihm winkte, mit unter die Baumrunde zur Abhaltung des Pfeifergerichtes zu kommen. Aber plötzlich befiel es Guy Loder mit einer knielähmenden Mutlosigkeit, daß er dem Zug nicht weiter nachfolgte, sondern unsicheren Fußes seitwärts schwankend, sich einsam auf ein Felsstück an dem plätschernden Gewässer hinsetzte. Er wußte nicht, was über ihn gekommen, daß er heut' Morgen plötzlich den kühnen Entschluß gefaßt, seine Prüfung zu bestehen, und sich zu derselben bei Gosfried Dürrschnabel gemeldet hatte. Nun saß er und rief sich ängstlich Wort und Weise des Liedes ins Gedächtnis, mit dem er seine Aufnahme in die Bruderschaft zu erringen trachtete. Oftmals hatte er's seit Jahresfrist schon, vorausdenkend, in Wald und Weg vor sich hingesungen, daß es ihm vertraut wie sein eigener Herzschlag geworden. Doch seit der letzten Mondnacht klopfte dieser ihm noch immer fremd und seltsam in der Brust, und ebenso klang das Lied ihm im Sinn, als sei's nicht sein eigen und könne ihn hülflos verlassen. So sprach er es sich leise vor, immer wieder vor Beginn, und die wolkenlose Sonne stieg höher über die Felsschlucht gegen Mittag. Es gab mancherlei Rechtsspruch, Zwistentscheid und Buße heut' zu fällen, daß die Gerichtstagung geraume Zeit anforderte, endlich klang statt ihrer die Stimme und das Spiel des ersten Bewerbers um den Ehrenpreis unter den Bäumen auf. Beifall belohnte dieselben, und andere Sangweisen reihten sich hinterdrein; wie in einem wachen Traum lauschte Guy hinüber. Begleitung auf der Geige und Guitarre wechselte mit der Zinke und Schalmei, aber fast jeder Reimspruch erklang, ähnlichen Lobpreises, von der unvergleichlichen Huld und Schönheit unserer lieben Frau von Dusenbach, wie Velten Stacher sich damals durch solchen den Kranz gewonnen. Weiter schritt der Wettgesang vor, und der Jüngling empfand dunkel, bald müsse der letzte anheben und danach er an die Reihe zur Bewerbung um seine Aufnahme kommen. Doch er blieb willenlos festgebannt sitzen; seine Glieder und seine Gedanken gehorchten ihm nicht, eine irre Scheu lag wie Bleischwere auf ihnen, unbewußt nur wiederholten die Lippen stets die Strophen seines Liedes. Da dröhnte hastig herankommender Tritt über den Steingrund, eine Hand faßte ihn und Velten Stacher rief: »Hier – was treibst du? Ich such dich allerorten im Tal; schläfst du, Freund? Darfst kein Wimperzucken länger säumen, sonst kommst du zu spät.« Er rüttelte die Schulter des Träumenden, der ihm wortlos ins Gesicht blickte, rasch indes schlang der Pfeifer den Arm um ihn und zog ihn mit sich fort. »Bist zaghaft worden?« flüsterte er; »das geschieht jedem in letzter Stunde, weiß, daß du mit vollen Ehren bestehen wirst.« Und eh Guy Loder zur Besinnung gelangte, stand er unter den schattenden Bäumen im Kreise der Kopf an Kopf weit umhergedrängten Menge. Doch er gewahrte nichts von allen Gesichtern, auch nicht das des Grafen, der neben seiner Gemahlin unter einem Thronhimmel saß. Nur ein rotes Geflimmer vor den Augen erschien ihm als der Königsmantel Gosfried Dürrschnabels, und nun winkte dieser ihm mit dem silberumwundenen Stabe, denn der letzte Wettsänger hatte gerade seinen Vortrag geendet. Kaum jedoch rief ein Mund diesem Beifall, alle Blicke waren auf die anmutsvolle Hochgestalt des fremden, noch nie gesehenen Jünglings verwendet, der plötzlich in den freien Raum hineingetreten, und ein Raunen der Bewunderung, nicht der Weiber allein, lief von Lippe zu Lippe. Am Rand des weiten Kreises aber, wo derselbe sich gegen die Felswand zu verdünnte, stand zwischen den weißen Hörnern ihrer Ziegen Bettane und ein Goldgeleucht blitzte jählings in ihren grünen Sammetaugen auf. Unbeweglich sonst blieb sie, nur ihr Kopf neigte sich leise vor, als suche ihre Seele mit dem Blick statt des Ohres zu lauschen. Auch davon nahm Guy nichts gewahr. Er hatte seine Flöte an die Lippen gesetzt und kurze Weise gespielt, und ohne es zu wissen, sang er schon die Anfangsstrophe seines Liedes darein: Vergönnt mir zu treten in diesen Kreis Und mit zu wetten um Kranz und Preis, Wär's gar auch um den größten; Ist jung mein Blut, Hab' hohen Mut, Deß will ich mich getrösten. Es war aber, als er jetzt innehielt, nicht Eines allein, nicht die meisterliche Kunstfertigkeit seines Spieles oder die holdtönende Weise, nicht der leichte Wohlklang des Wortes oder das goldreine Hinströmen seiner Stimme, auch nicht eines, und das andere, vielmehr mit der schlanken, makellosen Gestalt und der edlen Freiheit ihres Wesens, dem jungen, mannhaft stolzen und doch magdlich weichen Antlitz und den leuchtenden Jugendaugen, die aus ihm glänzten, war's Alles in Einem zusammen, was sichtbarlich rundum in gleicher Mächtigkeit Blick und Ohr und Herzen befing. So zweifellos schien's nach dem ersten Anheben, daß keiner der zuvor vernommenen Sänger ihm bis an die Kniee hinanrage, und so entzückt saß selbst der Graf Schmaßmann von Rappoltstein, daß er vergaß, es sei nur ein Schüler, der seine Prüfung ablege, kein Bruder und Mitbewerber um den Ehrenpreis, und daß er mit einem Wink hinter sich seine Hand aufhob. Da trat, den Kranz in den Händen haltend, weißgewandet, nur mit einer blaßroten Rose über der Brust, ein Mägdlein vor, gerade auf der Grenze zwischen einem hochgewachsenen Kinde und dem Beginn lieblichen Jungfrauentums. Halb verborgen hatte sie gleich allen anderen auf den Jüngling hinübergeschaut, und ihr staunend-freudiger Blick sprach daß sie ihn wiedererkannt. Nun folgte sie dem Geheiß ihres Vaters, und ein leises Erröten jungfräulicher Befangenheit flog über ihre Wangen, doch ein kindliches Lächeln um die Lippen redete freundlichen Willkommengruß zu dem jungen Sänger hinüber. Nur um mehr denn Haupteslänge höher vom Boden als vor vier Jahren, war's noch immer, als falle ein Sonnenstrahl auf ihren Scheitel herab und werfe Goldglanz von ihm durch die Schattenrunde umher. Dies zögernd herannahende Bildnis aber war das erste und einzige, was Guy Loder von allem rundum deutlich gewahrte. Einen Augenblick sah er mit weitoffenen Lidern darauf hin, dann gemahnte ihn ein dumpfes Bewußtsein, daß er nicht länger innehalten dürfe, sondern in seinem Gesange fortfahren müsse. Doch zugleich fühlte er plötzlich jedes Wort seines eingeübten Liedes im Kopfe ausgelöscht; er setzte die Pfeife an den Mund und blickte, als er noch einmal die Weise gespielt, ratlos auf und schwieg. Nur auf den Kranz und seine Trägerin in ihre wunderhellen Augen schaute er stumm hinein, bis eine raunende Unruhe und staunendes Verwundern summend um ihn zusammenrann. Da ging ihm plötzlich ein Zucken vom Scheitel zur Sohle, er hob die Stirn hoch empor und zu der Melodie seines Liedes kam ihm der Gesang anderer Worte über die Lippen, fremder, nicht vorher bedachter. Doch er brauchte sie nicht zu suchen, sie waren da, strömten ihm wie ein Quell, der klingend aus dem Felsschoß bricht, aus dem Herzen herauf, und weittönend scholl es durch die Talschlucht: Von vielen Lippen hundertfach Der lieben Frau von Dusenbach Geschahen Lob und Ehren; In meinem Sang Solch Fürderklang Drum mag sie wohl entbehren. Ich sing Euch nicht von Holz und Stein Noch toter Augen kaltem Schein In enger Talkapelle; Vom grünen Wald Mein Mund erschallt In weiter Himmelshelle. Daraus mit warmem Augenlicht, Mit holdem Mutterangesicht Blickt nieder die Madonne; Das ist, allzeit In güldnem Kleid, Die ewige Weltensonne! Sie hält am Busen lieb und lind Das Leben all, daß jeglich Kind Von ihm genähret werde; Wohin sie schaut, Da steht als Braut Hochzeitgeschmückt die Erde. Und wonnesam und wunderbar Ihr Himmelsebenbildnis gar Läßt sie auf Erden scheinen; Mit Lockengold Und Augen hold, Gleich blauen Edelsteinen. Sie ist mein Traum und ist mein Tag, Sie rief aus meines Herzens Schlag Der Lippe Melodien; Drum gönnet mir, In Demut hier Vor ihrem Bild zu knieen! So sang Guy Loder, und sonder Besinnung, trunken aufleuchtenden Blickes trat er gegen Erlinde von Rappoltstein heran. Er nahm auch jetzt nichts gewahr, als sie allein, sah nicht die verdutzten Mienen der Hörer umher, nicht das schadenfrohe Zucken, das um die Mundwinkel manches Gesichtes der Pfeifenbrüder spielte. Ein anders geartetes Raunen als zuvor lief durch die Menge, und Rufe erschollen leiser und lauter: »Wem zu Ehren hat er gesungen? – Der Sonne? – Er ist kein Christenkind! – Er hat unsere liebe Frau von Dusenbach gelästert!« Doch er hörte nichts davon, dachte nichts, seine Kniee standen im Begriff, sich vor der reglos stehenden Grafentochter zur Erde zu bergen. Da reckte sich plötzlich der rote Königsmantel, so hoch es ihm möglich fiel, dicht vor ihm auf, und mit einer Stimme, die im Bestreben heißester Entrüstung und mächtigster Wirkungsausübung zur Fistel überschlug, rief Gosfried Dürrschnabel: »Mit solcherlei Schimpfgesang trachtest du in unseren gottesfürchtigen Bund zugelassen zu werden? Gleiches hat diese geheiligte Talstatt nicht vernommen seit Erschaffung und Erhaltung der Welt! Willst nicht unserer lieben Frau von Dusenbach zu Ehren spielen und singen, vielmehr einer Lotterdirne, die du der Sonne gleichst, unter der sie irgendwo in Schanden umläuft? Kannst selber nicht von ehrlicher Geburt sein, wär' dir sonst die Bosheit im Mund gestockt! Bist ein ruchloser Gesell, der nimmermehr in die fromme Bruderschaft gelangt und den ich, der König, mit meiner Macht ausweise von diesem hochbegnadeten Ort! Geh' davon in Schimpf und Schande, du schnöder Lügenbold!« Und bannend reckte Gosfried Dürrschnabel würdevoll sein Ebenholzszepter auf und hieb damit ein Kreuz durch die Luft vor den Jüngling, von dessen Augen jählings das rinnende Schleiergewebe herabfiel. Er stand, blutüberströmten Antlitzes, und sah zum ersten Mal all die Gesichter umher, die billigend zu dem Urteilsspruch des Pfeiferkönigs nickten; auch Velten Stacher erkannte er, wie derselbe erschreckt und scheu den Blick von ihm abwandte. Vor ihm saß der Graf Schmaßmann von Rappoltstein mit einem ungewissen Ausdruck. Er hielt die Augen prüfend auf den Ausgestoßenen geheftet, und ein Bedauern sprach aus seinen wohlwollenden Zügen; doch nun neigte sich seine Gemahlin mit gestrenger Miene, kurz flüsternd, zu ihm, und nach flüchtigem Zögern rief er den Namen seiner Tochter. Das alles hatte Guy Loder dunkelglühend wahrgenommen, aber jetzt erblaßte er wie ein Totenbild, denn auf den Ruf und das Winkgebot des Vaters trat Erlinde von Rappoltstein, schreckhaft zusammenfahrend, hastig mit dem Rosenkranz zurück. Betäubt starrte er drein, ihm war's wie im Traum der Nacht, als ob eine Schwanenjungfrau sich vor ihm in die Luft hebe und unerreichbar verschwinde; alles schwankte um ihn her, und er meinte, er stürze zu Boden. Erst nach Stunden kam er zum Bewußtsein, daß er fortgegangen sein mußte und in Waldestiefe auf einem windgebrochenen Baumstamm saß. Vom Tal herüber tönten fröhliche Spielweisen und Stimmengejubel; unbekümmert um ihn ging das Fest dort weiter. Ein unsäglich bitteres Gefühl preßte ihm die Brust, doch er hatte keinen Namen dafür, wußte immer noch nicht, ob er wache oder schreckensvoll träume. Winterlich verödet lag die Welt um ihn, unablässig liefen ihm Frostschauer durchs Blut, zu Eis starrend drängte es sich ihm langsam schleichend, zum Herzen hinan. Nichts an ihm war mehr warm als seine rechte Hand, nur diese fühlte er, alles Andere war leblos, wie ihm nicht angehörig. Darüber dachte er, undeutlich, ohne es zu wollen. Sonst vermochte er nichts zu denken, aber es hatte etwas Wundersames, daß ihn die Wärme überall verließ und diese Hand ihm allein blieb. Nur sie redete ihm mit stummer Sprache, daß er noch lebe. Dann nahmen seine Augen zum ersten Mal etwas auf. Er öffnete die Lider und wandte den Blick zu der Hand hinunter, und diese schien ihm fremd, nicht wie sein eigen. Doch sie verschwamm ihm wieder vor dem Gesicht. Plötzlich indes einmal erkannte er's, es waren zwei Hände, die sich um die seinige gelegt hielten, und aus ihnen floß die Wärme in sie hinein. Und wie er ausdruckslos darauf niederschaute, fügten sich zwei Arme und eine Gestalt den Händen an und saß Bettane zu seinen Füßen, und neben ihr kauerten ihre Ziegen reglos im Gras. Traumhaft blickte er sie an; schon stundenlang hatte sie unbeweglich so unter ihm gesessen. Nun hob sie den Kopf, und ihre schönen Augen sagten, daß sie wisse, was ihm geschehen, und sein Leid kenne. Da kam's haltlos über ihn, daß er mit zitterndem Munde hervorbrachte: »O, wär ich bei dir da droben geblieben, Bettane!« und bitterlich schluchzend legte er die Stirn auf ihren flächsernen Scheitel. Sie rührte sich nicht, seine heißen Tränen liefen ihr an der Wange herab; nur dann und wann, wenn ein Tropfen ihr am Halse unter das dürftige Gewand niederrann, hob ihre Brust hastig einmal den verhaltenen Atem auf. So blieben sie lange in der gleichen Stellung, denn Guy Loder fühlte kein anderes Begehr an Leib und Seele, als sich auszuweinen. Nur empfand er dabei, daß allmählich von der Hand aus die Lebenswärme in seine anderen Glieder zurückkehre; das Herz allein empfing sie nicht, sondern blieb todesfrostig und -traurig von ihr verlassen. Zuletzt richtete er seinen Kopf auf, doch es kam ihm kein Gedanke, daß die Anwesenheit Bettanes hier unten verwunderlich sei. Auch wie sie dann ein Schiefertäfelchen hervorzog und mit einem Griffel darauf schrieb, staunte und dachte er nicht darüber, sondern las die Worte: »Komm mit mir ins Dorf zurück!« und schüttelte nur stumm den Kopf. Ihr Gesicht redete still entsagend, sie hatte es auch nicht erwartet, nur ein leises Aufglimmen der Hoffnung ihre Hand über die kleine Tafel geführt. Ruhig saß sie wieder, griff darauf in ihre Tasche und holte ein Brotstück hervor, das sie Guy hinhielt. Er hatte seit der Morgenfrühe keine Nahrung zu sich genommen, doch er schüttelte wiederum lautlos den Kopf. Aber ihre Augen sahen ihn so bittend an, daß er nicht bei seinem Weigern beharren konnte, sondern sprach: »Wenn's dich freut – wir haben's wohl ehemals oft geteilt, Bettane – du bist gut – ich wollt, es wäre alles ein Traum gewesen, daß wir noch so beisammen säßen.« Die Tränen brachen ihm aufs neue hervor, wie er das Brot nahm und mit ihr teilte; sie hatte ihm die Worte vom Munde gelesen und ein stilles, beglücktes Lächeln ging ihr um die Lippen. Schräg fiel schon die Nachmittagssonne da und dort zwischen die Stämme herein, manchmal redeten beide kurz durch Wort und Schrift miteinander, zumeist saßen sie schweigend. Guy dachte nicht daran, daß der Tag gehe, nicht wohin er wolle, wenn die Nacht komme, noch was er mit der Zukunft beginnen solle. Der Traum, den er vier Jahre lang heimlich in allen Sinnen getragen, war an der nämlichen Stelle, wo er begonnen, vom jähen Blitzstrahl zerrissen. Und seine eigene sinnberaubte Vermessenheit trug die Schuld daran, wie damals – leer, trostlos und gleichgültig lagen die weitergehenden Tage vor ihm, wie das Denken in seinem Gehirn. Doch so weit war er zum Auffassen der Dinge um ihn zurückgekommen, daß er es wahrnahm, und überrascht dreinsah, als Bettane nach geraumer Zeit sich plötzlich vom Boden erhob und rasch mit einem Zeichen, dessen Bedeutung er nicht verstand, ins Walddickicht hineinhuschte. Die Hast und Sorgfalt, mit der sie sich verbarg, wies unverkennbar darauf hin, daß sie von jemandem nicht gesehen werden wolle; als Guy den Blick aus der Richtung wandte, in der sie verschwunden war, hörte er unweit vor sich leises Geräusch eines leisen Fußtrittes, und gleich darauf tauchte ein goldblondes Gelock am dichten Buschrand empor. Die Augen drunter, »hold gleich blauen Edelsteinen«, stutzten, wie sie des Jünglings ansichtig wurden; ihr Ausdruck sagte beredt, sie hatten nach ihm gesucht, und erschraken nun, da sie ihn gefunden. Und Erlinde von Rappoltstein hielt unschlüssig inne, die Haltung ihres Kopfes verriet, daß ihr Ohr mit einer scheuen Unruhe nach dem Festplatz zurückhorchte. Dann kam sie schnell auf ihn zu und sprach eilig: »Seid Ihr noch hier? Ihr müßt fort!« Er war in die Höhe geflogen, doch stand, keines Wortes mächtig, und sie fügte hastig drein: »Ich hab's gehört, der häßliche Pfeiferkönig und Andere wollen Euch Übles; sie haben's meinem Vater abgedrungen, daß sie Euch strafen dürfen, wenn sie Euch um die Stadt her antreffen.« Nun stotterte es von Guy Loders Mund: »Laßt sie – mir gilt's gleich, was sie mir noch antun.« Doch das Mädchen fiel ein: »Mir nicht – so geht, weil ich Euch bitte – denn mir wär's, als trüg ich die Schuld daran. Ich erkannte Euch gleich, als Ihr kamt, obwohl Ihr gar hochaufgewachsen seid und viel anders ausschaut. Nein, Ihr seid gerad so geblieben wie damals, als wir am Bach miteinander spielten, habt nur andere Kleider, sonst nichts. Mich dünkt, es war eben erst, daß du mir deinen Namen gesagt, und ich weiß ihn noch gut. Was hast du denn Böses getan und gesungen, daß sie dir solchen Schimpf zugefügt? Ich begreif's nicht und glaube, sie sind neidisch auf dich, denn mir kam's so schön vor, was du gespielt, wie von keinem anderen.« Die anfängliche Befangenheit war von ihr gewichen und ihr Kindermund unvermerkt in den alten Ton der Vergangenheit gefallen, von der sie sprach; mitleidsvoll traurig und halb freudig doch auch blickten ihre Augen ihn an. Er antwortete, als sie nun schwieg, mit mühsamer Sprache: »Habt Dank, edles Fräulein – wenn Ihr es nicht Böses beheißt, da mag's auch nicht gewesen sein –« doch hintendrein geriet's ihm ebenfalls ohne sein Wissen über die Zunge, daß er fortfuhr: »So erkannte ich dich auch also gleich wieder, und mir war's, als hättest du gerad erst gesprochen, wenn ich ein Pfeifer würde, gäbest du mir den Kranz.« Sie nickte und schüttelte fast in einem. »Ich durfte nicht, mein Vater hieß es mich nicht.« »Damals sprachst du ›gewiß‹, und ich weiß dein Wort noch: wenn die Anderen es nicht wollen, da flöchtest du zuvor einen zweiten und gäbst mir den. Ich hab's nicht allein gehört – der war auch dabei und sah's, wie du mir die Hand darauf gereicht.« Guy Loder zog zu den letzten Worten den kleinen goldgrünen Stein an der Schnur vom Halse, und es flog Erlinde von den Lippen: »Hast du den bis heut' bewahrt? Das war hübsch von dir, Guy!« Aber gleich danach zog es ihr mit leiser Röte übers Gesicht, und sie fügte rasch hinzu: »Ich wußte es ja nicht und konnt' also den Kranz nicht flechten, und nun ist's zu spät und mag's wohl nimmer geschehen.« Mit einer schreckhaften Besinnung leicht zusammenfahrend, wiederholte sie: »Zu spät – es wird Abend, ich muß zurück, – sonst könnte man nach mir suchen –« »Und wenn's jemand sähe, da würdest du's bereuen, daß du mich gewarnt?« fiel der Jüngling bang verhaltenen Tones ein. »Nein – aber eilt, daß Ihr von hier fortkommt!« Ihr Blick sprach das Nein noch deutlicher und setzte hinzu: »Mir möchten sie drum antun, was sie wollten, ich trüg's mit Freuden dafür.« »Von hier fort – wohin und wozu?« rang sich ihm dumpf vom Munde. Doch gleich einem Widerschein des Blickes ihrer Augen leuchtete es einen Moment zwischen seinen Lidern auf und er rief mit gedämpfter Stimme: »Sprich mir's noch einmal wie damals – mit deiner Hand – und redet sie wahr, so gib mir statt des Kranzes die eine Rose – dort –« Er deutete auf den blaßroten Kelch an ihrem Gewande; sie stand ungewiß, dann reichte sie ihm die Rechte und löste mit der Linken die Rose von der Brust. Aber wie er die Hand danach streckte, ergriff sie hastig den kleinen Stein mit der Schnur, die jene noch gehalten, und sagte lächelnd: »Nun darf er mich nicht mehr verklagen, ich will ihn wieder dorthin bringen, von wo er gekommen.« Da stand Guy Loder allein; wie ein letzter Sonnenstrahl war sie zwischen den Waldstämmen verschwunden. Kurze Weile verlief, da raschelte es im Gesträuch, weiße Hörner blinkten daraus auf und Bettane trat wieder zu ihm heran. Er achtete nicht auf sie, dachte nicht darüber, weshalb sie ihn vorhin plötzlich verlassen, und sie zog auch nicht ihr Täfelchen hervor, um es ihm zu sagen. Ihr Gesicht bückte sich nur einmal auf die Rose in seiner Hand nieder, und sie zog, tiefen Aufatmens, den Duft ein, als ob sie denselben prüfe; danach wartete sie ruhig, was er beginne. Hierzu besaß er nicht mehr Rat und Gedanken als sie. Er ging jetzt vorwärts, vom ruhlosen Innern fortgetrieben, doch sein Kopf und sein Herz füllte ein undurchdringlicher, hin und wider jagender Nebel wie zuvor, als er gliedergelähmt auf dem Baumstamm gesessen. Ohne etwas davon wahrzunehmen, war er aus dem Felswald herunter auf den schmalen Pfad der Talschlucht gekommen und schritt denselben am Dusenbach entlang. Abgelöst vom Körper, irrten seine Sinne in der Vergangenheit umher; nun fiel sein Blick starr auf das hüpfende, spiegelnde Wasser und er stand an der Stelle, wo er mit dem Grafentöchterlein die Steinchen aus den rieselnden Wellen heraufgeholt. Unverändert war alles wie an jenem Tage, mit dem gleichen Silberton plätscherte der Quell, von seinem Grund schimmerten die hellen Kiesel, im scheidenden Lichte nickte drüber das grüne Laub, als schaue jedes Blatt ihm traumbekannt ins Gesicht. Nur er stand ausgestoßen, geächtet dazwischen; hierher zurückzukommen war sein einziges Trachten gewesen, nun hatte er's erreicht, und ein unermeßlich gähnender Abgrund trennte ihn von jener Stunde. Zum ersten Mal stieg wie ein dumpfes, fernes Grollen die Frage: »Warum?« in seiner Brust herauf. Sinnverwirrend, ganz wie damals war alles. Von drunten scholl das Stimmengetöse um die Kapelle, und graues Zwitterlicht begann zu weben. Jetzt dröhnte auch ein sicherer Fußtritt auf dem harten Steinboden heran, es mußte wieder der Ritter von Egisheim sein, der einsam zu seiner Burg emporstieg. Wie ein Blitz schoß etwas durch Guy Loders Kopf; er wollte vortreten und sprechen: »Ich war's, der Euch hier mit dem Stein traf, zieht Euer Schwert und laßt mich's büßen!« Dann war's vorüber und brauchte er nichts mehr zu denken. Und wenn der Ritter ihn nicht mehr erkannte und verächtlich zur Seite stieß, lag ein Stein dort, ihn aufs neue zur Wut zu reizen. Danach streckte Guy die Hand und drehte harrend die Stirn. Nun schlug ihm die Stimme des Herankommenden entgegen. Einen Augenblick stutzte derselbe; dann lachte er scharftönig: »Bist du's, Junkerlein, und pfeifst dein Lied hier den Wasserratten, daß sie besser danach tanzen als die frommen Brüder? Verarg's dir nicht, ist 'ne klügere Sippschaft und kann dich lehren, die Zähne zu brauchen. Macht's dir Spaß, blas ich mein Horn dazu.« Wortlos starrte der Jüngling in das unerwartet vor ihm aufgetauchte, frech-schöne Gesicht des Sprechers, das er einmal bei flüchtiger Begegnung auf der Landstraße so vor sich gewahrt; nur trug derselbe nicht mehr die damalige arg verwahrloste Gewandung, sondern neue stattliche Tracht saß ihm kleidsam angegossen am schlanken Wuchs. Der Stein entfiel aus Guys Hand und er stammelte: »Ich glaube Ihr seid Wendelin oder Welf Siebald, der Hornpfeifer, wenn ich Euren Namen richtig behielt –« »Heiß mich, wie du willst,« antwortete dieser mit einem raschen, befriedigten Blick die geschmeidig-kraftvolle Jugendgestalt vor sich prüfend; »hast dich gut in Brust und Schultern gelegt, seit ich dich gesehen, Guy Loder.« »Woher, wißt Ihr meinen Namen?« brachte der Benannte, verwirrt dem forschenden Auge des Hornbläsers ausweichend, hervor, und Welf Siebald lachte: »Ich denke, der ist genug heut' in der Leute Mund, daß man ihn hören mag, ohne zu fragen. Velten Stacher, dein Lehrmeister, wird sich zwar hüten, ihn zwischen seine Muttergotteszähne zu nehmen, denn es brächt' ihm nicht viel Rühmens ein bei der Bruderschaft. Hättest einen guten Stein zur Hand für den, der kam, um dich nochmals zur Prüfung zu holen?« Mit verständlichem Echo lief der spöttische Wortklang von der Felswand zurück, doch gleich darauf setzte der Sprecher veränderten Tones hinzu: »Siehst nicht aus wie ein Hund, der den Stock leckt, mit dem er geprügelt worden. Laß den Bettel fahren, Guy Loder, und lache über den roten Lumpenkönig und seine Narrensippe! Willst mit mir gehen, so komm! Ich weiß Weg und Steg, ein Liedlein zu pfeifen um Geld und Gut und Gunst bei Herren und schönen Frauen, ohne die halb Gnadenunze fein Silbers auf der Brust.« Da brach's wie ein Widerhall eines seiner Worte mit lautem, irrem Auflachen aus der Brust des Jünglings: »Der rote Lumpenkönig!« Das war's, das vergeblich gesuchte, erlösende Wort, das in seinem Blute gegrollt und dem heiß gährenden Ingrimm ein Ziel wies, sich darauf zu werfen. Wie mit der Hand greifbar, stand vor den Augen Guys plötzlich das wüste, klägliche Gemach neben der Sankt Arbogastkirche zu Rufach mit dem hagerschlottrigen Weibsbild am rauchigen Herd und der lächerlichen, kahlglatzigen Gestalt auf dem Holzklotz, die im buntgestückelten Lappenrock den Pechdraht durch das zerrissene Schuhwerk fädelte und sich jammervoll zappelnd unter den Blick und die knochige Hand des keifenden Weibes zusammendrückte. Und er stieß nochmals mit befreiendem Gelächter hervor: »Der rote Lumpenkönig und seine Narrensippe! Hab Dank dafür, Welf Siebald! Du kommst mir zur rechten Stund, ich gehe mit dir, wohin du willst!« »Wirst's nicht bereuen!« entgegnete der Hornbläser, erfreut aufblitzenden Augenlichtes und mit hastigem Eifer den Arm des Jünglings ergreifend. »Hab' also doch nicht umsonst meine Sohlen zum albernen Gedudel am Dusenbach abgetragen. So komm und wasch dir den Schimpf ab, wir haben weiten Weg!« Er zog Guy mit sich, den Waldpfad weiter hinan, nur einmal wandte derselbe noch den Kopf und frug fast unwirsch: »Was willst du?« Unbeachtet hatte Bettane neben den Beiden gestanden, ihre Tafel hervorgezogen und ein paar Worte darauf geschrieben. Nun hielt ihre eine Hand ihn zurück, während die andere ihm die Schrift entgegenhob, und er las: »Geh' nicht mit ihm!« Doch sein Trachten und Denken war anderswo, und ihre Augen redeten, daß sie auch diesmal keine Hoffnung gehegt, er werde auf die lautlose Sprache hören. Kurz den Kopf schüttelnd, faßte er nur ihre Hand jetzt und sagte: »Du kennst nicht, was mich treibt, Bettane, aber nimm Dank, daß du mich vorhin zu trösten gesucht.« Nun tat sie mit ruhiger Bewegung etwas Seltsames, denn sie nahm die Rose, die er noch wie von Beginn gehalten, öffnete rasch sein Wams über der Brust und legte sie ihm aufs Herz. Nur ganz leise streifte ihre Hand dabei über die Stelle, wo ein kleines Narbenmal noch Kunde von den Zähnen des Wolfes gab, die einstmals sein Leben dort bedroht. Dann stand sie, sah ihm nach, wie er, von seinem neuen Genossen zur Eile angetrieben, bergan unter dem überhängenden Laubgezweig verschwand: und schritt langsam abwärts zur Kapelle unserer lieben Frau von Dusenbach hinunter. Hier war es still geworden, denn der Pfeiferzug und die Volksmenge hatten den Platz verlassen, um nach Rappoltsweiler zurückzukehren. Nur eine einzelne Gestalt wandte sich noch mit umsuchenden Augen hierhin und dorthin; wie das Mädchen mit den beiden Ziegen daherkam, erkannten sie sich wechselseitig und traten aufeinander zu. Keiner wußte den Namen des Anderen, nur daß sie sich einmal vor Jahren fast auf der nämlichen Stelle hier gewahrt und Guy Loder zwischen ihnen gestanden, und hastig richtete Velten Stacher eine Frage nach ihm an Bettane. Sie brauchte nicht auf die Bewegung seiner Lippen zu achten; ohne Zweifel, was er zu wissen begehre, schrieb sie auf ihre Tafel, daß Guy mit einem fremden Pfeifer, dessen Aussehen sie schilderte, davongegangen sei. Doch Velten Stacher blickte begehrlich, achselzuckend auf die Schrift, ihm war die Kunst zu lesen nicht minder fremd, als Veit Loder droben im Gebirgsdorf. Es dauerte ein Weilchen, bis sie dies begriff und bis ihm verständlich ward, daß sie keine andere Sprache zu führen vermöge; dann wies sie den Weg am Dusenbach aufwärts und machte ein angstvoll bittendes Zeichen dazu, das ihn zur Eile antrieb. Er faßte offenbar den Sinn von beidem auf, denn sein Fuß flog hurtig in der gedeuteten Richtung davon. Am murmelnden Gewässer lief er durch den Wald auf dem mählich ansteigenden Pfad empor, bis das schon tiefdunkelnde Laub sich um ihn lichtete und er auf eine freie, nur mit gelbblühendem Ginster bedeckte Felshalde hinausgelangte. Aber dort schieden sich drei Wege auseinander, nur eben noch sichtbar blickte rechtsher gegen den Himmel das machtvolle Turmgemäuer der Burg Hochrappoltstein herab, die graue Dämmerung ließ sonst kaum in Steinwurfsweite etwas mehr gewahren, und nichts gab auf die lauten Rufe des Pfeifers Antwort. Zehntes Kapitel Drüben auf dem abendlich umdunkelten Felsrücken jedoch vernahm Guy Loder den Ruf und erkannte die Stimme seines alten Behüters, Lehrmeisters und Freundes, und es fuhr ihm mit einem Zucken vom Scheitel zur Sohle, wie einem, der aus schwerem Albdrucktraum aufwachen will, daß er jäh den Fuß anhielt und die Lippen zum Erwidern anschickte. Aber hastig schloß die Hand seines neuen Gefährten sich ihm auf den Mund und derselbe raunte spöttisch dazu: »Bist ein furchtsam Küchlein, das piepsen muß, wenn's die Gluckhenne hört? Mich däucht, sie hat dir übles Futter gescharrt, und hab' gemeint, du seist ein Falk, den's nach besserer Kost gelüstet. Kehr um, meine Hand hält dich nicht, wenn's dir im Tränensack brennt, bei dem roten Lumpenkönig zu flennen, er möge dir mit seinem Bakel den Rücken streichen, daß du ein Dusenbacher Narr würdest gleich den Anderen!« Da schossen heiße Schamglut, Groll und Grimm aus dem fiebernden Blut des Jünglings wieder empor, er biß die Zähne aufeinander und ließ sich lautlos in einen nun beginnenden dunklen Waldeingang hineinziehen. Der Ruf Velten Stachers drang nicht mehr hinter ihm drein, fast lichtlos war's, doch unverkennbar hatte Welf Siebald den Weg öfter zurückgelegt und wußte ihn auch in der Finsternis zu verfolgen. Sie umwanden einen zur Linken anragenden, tannenbewachsenen Kegel auf halber Höhe des Berges, dann stiegen sie etwas abwärts, und der Hornbläser mahnte flüsternd zu geräuschlosem Gang, denn es sei nicht nötig, daß einer von der Sippe drüben ihr Vorbeikommen bemerke. Völlig Nacht war's geworden, als sie wiederum in freie Luft hinausgelangten, und überrascht gewahrte Guy weithin gedehnt zahlreiche Lichtfunken, glimmernden Glühwürmchen ähnlich, tief unter seinen Füßen. Das mußte die Stadt Rappoltsweiler sein, und er wollte seinen Begleiter gerade drum befragen, als dieser, anhaltend, zweimal kurz in sein Horn stieß, daß es einem nächtlichen Eulenschrei gleich klang. Bald darauf erscholl wie eine Antwort unweit von ihnen ein rasselndes Geklirr, Welf Siebald wisperte nur: »Wart hier kurze Frist, ich kehre rasch zu dir,« und verschwand, behutsam vorschreitend, im Dunkel, das Guy Loder nichts als eine drohend schwarz gegen den Himmel aufgetürmte Felsmasse mehr ahnen als erkennen ließ. Nur rechtshin, in der nämlichen Höhe des Bergrückens und, wie es schien, kaum weiter als doppelte Steinwurfslänge entfernt, tauchte jetzt ebenfalls da und dort, nahgesellt, ein Lichtschimmer aus der Nacht, doch tanzte er wie ein Irrwisch, ohne etwas um sich her zu erhellen, hin und wieder. So wartete der Zurückgebliebene, noch immer unfähig, seine Gedanken fest auf irgend etwas zu richten. Es trieb und wogte durch seinen Kopf, und stürmisches Klopfen in der Brust hämmerte ihm dazwischen; er sann nicht darüber, wo er gegenwärtig sei, was sein neuer Genosse in der Finsternis hier treibe, noch wohin dieser ihn führen möge. All sein Trachten und Blutwallen war auf Wettmachung des ihm angetanen Schimpfes verwandt, doch auch dies heiße Begehren irrte ziellos in ihm hin und her. Nachtversunken lag die Welt um ihn und vor ihm, nur unendlich fern glänzte ein einziger heller Himmelsfleck herüber. Dort leuchtete ein Sonnenstrahl auf den Goldscheitel Erlindes von Rappoltstein, und dorthin mußte er noch einmal, um vor ihr zu Boden zu knieen, ihre Hand an seiner Schläfe zu fühlen, wenn sie ihm den Kranz auf die Stirn setzte, und dann die Augen zu schließen, um ewiglich davon fortträumend, nicht mehr zu erwachen. Es zögerte sich doch lange hinaus, ehe Welf Siebald zu ihm zurückkehrte, aber er maß die Zeit nicht, empfand ihre Dauer nicht. Auch daß allmählich sich die Nacht um ihn dämmernd mehr und mehr erhellte, nahm er nicht gewahr; erst wie mit einem blitzartigen Wolkenzerreißen vor dem Blick sah er, daß klares Mondenlicht alles weitum überfloß. Es war derselbe Mondglanz, der ihm gestern abend Velten Stacher in der Laube des Gärtchens gedeutet, in ihm selbst jählings, er wußte nicht warum, den Entschluß wachgerufen hatte, mit zum Pfeifertag zu gehen, und es schien ihm undenkbar, daß seitdem nur ein Tag verflossen sei. Wie ein ganzes Leben voll Hoffnung, zauberischem Sonnengeleucht, Finsternis, Qual und Leid wälzte es sich seit dem Fortgang von Sankt Pilt hinter ihm übereinander. Doch zugleich fiel's ihm noch einmal von den Augen, daß er mit einem Schauer plötzlich erkannte, wo er sich befand. Die schwarze drohende Masse lag jetzt deutlich unterscheidbar, auf mächtigem Geblöck aus ringsum gähnenden Tiefen emporgetürmt, als die Giersburg über ihm; rechts hinüber, wo die Lichter nun matter flimmerten, perlte und rieselte der weiße Strahlenglanz wie mit silbernen Tropfen von dem Zinnengemäuer, den Giebelstufen, in den hohen Fensterbogen der Ulrichsburg. Ohne es geahnt zu haben, hatte er im Nachtdunkel zwischen den stolzen Schlössern gestanden, die ihm von Kindheit auf aus weiter Ferne so oft geheimnisvoll zugewinkt und geleuchtet. War's ein Glück gewesen, daß er ihrem Wink damals gefolgt und zu ihnen herabgekommen? Er fühlte sich's kalt durchs Blut laufen; nur von fern waren sie so schön und hatten ihn gelockt, um ihn in der Nähe hart und höhnisch von sich wegzustoßen. Es gab kein anderes Glück, als droben auf der Berghöhe in Sonne und Wind zu liegen und die trügerisch gleißenden Burgen von weitem zu schauen, wo die einsame Stille keinen unüberbrückbaren Abgrund zwischen einem Bauernsohn und einem Grafenkinde ausbreitete, die summenden Bienen und die lauschenden Eidechsen nichts davon wußten, daß es Schimpf, Schande und unsühnbarer Frevel sei, statt einem toten Gebild aus Holz und Stein der warmen, liebreichen Sonne und einem holdseligen lebendigen Menschenantlitz freudigen Dank und pochendes Sehnen im Herzen zu tragen. Und Guy Loder hob den Fuß und wollte zurück auf den Weg, den Bettane jetzt mit ihren treuen Begleiterinnen langsam zur Heimat hinanstieg. Da geschah zweierlei fast zu gleicher Zeit: es loderte und qualmte rot auf vor der hohen Torwölbung der Ulrichsburg, und deutlich erkannte der Jüngling über die schmale, tiefe Trennungsschlucht hinüber, daß der Graf Schmaßmann von Rappoltstein mit seiner Gemahlin und zahlreichem Gefolge auf den Anstieg von der Stadt Rappoltsweiler her in sein Schloß heimkehre. Das helle Mond- und Fackellicht zusammen aber wies ihm klar in Wirklichkeit darunter das blondumleuchtete Antlitz, das überall, wohin er sah, vor seinen offenen und geschlossenen Augen stand. Beim Eintritt ins Tor wandte es sich und blickte noch einmal zurück, als suche es nach etwas in der flimmernden Mondnacht, und zugleich schlug wieder das klirrende Rasseln an Guys Ohr. Zusammenfahrend gewahrte er nun, daß der Ton von der niederfallenden Zugbrücke der Giersburg herstamme; sie hob sich sofort wieder empor, und Welf Siebald schritt auf ihn zu und raunte: »'s war länger zu reden, als ich gedacht – was gaffst du so stier da hinüber, Weggesell? Möchtst auch lieber ein hochgebietender Graf auf Turm und Schloß sein als ein armer Schwartenhals mit leerem Sack? Ist uns nicht auf unserer Mutter Bank gepfiffen worden, sind drum Pfeifer, selber mit unserm Lied nachzubessern, 's gibt Würfel mit sonderem Spiel, weißt nicht vorher, ob sie dich nicht noch einmal da hinaufwerfen können, daß du nicht trocken zu schlucken und nachzugieren brauchst, wie sie sich an die gräfliche Tafel setzen. Komm fürder, wollen unsere Kunst probieren, ich sprach's dir schon, wir haben ein gut Stück Weges.« Er lachte sonderbar dazu, aber die blitzartige phantastische Vorstellung, welche seine Worte in Guy Loders Kopf erzeugt, hatte den noch eben gehegten Vorsatz desselben jäh wieder überdrängt. Wie es geschehen könne und solle, dachte er nicht, doch daß der Sprecher es möglich hielt, sein Weg führe eines Tages da drüben in das hohe Burgtor mit hinein, hinter dem jetzt das rote Fackelgeloder auslosch, das beherrschte willenlos Leib und Seele des Jünglings vom Haupt bis zur Sohle herab. »Laß uns gehen!« erwiderte er mit einem fiebernden Klopfen des Herzens bis zu den Lippen empor, und weglos stiegen sie eilfertig in einer ausgedörrten Quellrinne gegen die Stadt Rappoltsweiler nieder. Sie traten jedoch nicht in diese hinein, sondern schritten unter ihrer hohen Ringmauer dem Rheintal zu ins Freie hinaus; dann drehten sie sich rechtsab, dem Gebirg entlang, nach Süden. Schweigsam wanderte Guy Loder dahin, es überkam ihn wunderlich, die nämliche Landstraße war's, auf der er heute vor vier Jahren zur gleichen Stunde mit Velten Stacher vom Pfeifertag davongezogen. Ebenso umglänzte ihn die weiße Mondnacht, floß ihr Licht so weich durch die linde Luft, lagen die Schatten über Stein und Wiesengrund schlafend, ohne Laut und Regung hingestreckt. Auch der Schatten, der neben dem seinigen auf den Weg vorausfiel, gemahnte ihn an denjenigen des Pfeifers, und ebenso hob Welf Siebald jetzt laut die Stimme und sang: Ich gieng für einer frau wirtin haus, Man fragt mich, wer ich were; Ich bin ein armer Schwartenhals, Ich eß und trinke geren. Man fürt mich in die Stuben ein, Da bot man mir zu trinken; Mein Äuglein ließ ich umbher gan, Den becher ließ ich sinken. Man satzt mich oben an den tisch, Als ob ich ein kaufmann were, Und da es an ein zalen gieng, Mein seckel, der war lere. Und da man nun sot schlafen gan, Man wies mich wol in die scheure; Na stund ich armer Schwartenhals, Mein lachen ward mir teure. Und da ich in die scheure kam, Da fieng ich an zu nisten; Da stachen mich die hagedorn, Darzu die rauhen distel. Da ich des morgens frü aufstund, Der reif lag auf dem dache, Da must ich armer Schwartenhals Meins unglücks selber lachen. Ich nahm mein schwert wol in die hand, Ich gürt's wol an die seiten, Da ich kein Geld im seckel hat, Zu fußen must ich reiten. Ich macht mich auf, ich gieng davon, Ich macht mich wol auf die straßen; Da begegnet mir ein kaufmann gut, Sein tasch must er mir laßen. Ebenso wie Velten Stacher einstmals hier auf demselben Weg sang Welf Siebald ein Lied in die Mondnacht hinaus, nur war's gar anders an Wort und Weise und klang Guy Loder nicht wie damals bis ins Herz hinein, wie ein Grüßen, Winken und Leuchten einer neuen, fremden, wunderreichen Welt. Fremd und sonderlich zwar scholl's und tönte das kurze Lachen des Sängers hinter den Strophen drein wie der schrille Ruf eines umkreisenden Raubvogels. Zum ersten Mal kam Guy der Gedanke, weshalb sein Begleiter auf der Giersburg vorgekehrt sein möge und weshalb die Zugbrücke sich dort hurtig vor ihm niedergelassen, doch er brachte keine Frage darüber hervor, sondern drehte, als jener sein Lied geendet, den Kopf nur mit dem Wort: »Wohin geht unser Weg?« Da schlug Welf Siebald ihm auf die Schulter: »Weißt, woher du kommen bist? so frag nicht, wohin du gehst. Wirst's schauen, und ist lustigere Sippschaft als die hinter uns; denke, wir finden Leute dort, die besser durch die Luft zu pfeifen verstehen als deine Flöte. Schau da, mich däucht's, unsere Schatten passen wohl zueinander, als wär's ein Zwilling, den das Mondweib auf die Erde geworfen. Tu einen guten Schluck, Milchbruder, er ist von adeligerer Kelter, als sie ihn drüben in der Pfeiferherberge zur Stund' durch die Kehle würgen.« Er zog eine weidenumflochtene Wanderflasche hervor, die Guy dürstend an die Lippen setzte, und ein Trunk feurigen Weins durchströmte ihm heiß das Blut. »Woher kommt der?« frug er. »Fragst immer, wohin und woher?« lachte Welf Siebald; »tu den Mund auf, wenn's gluckt, und mach die Finger zu, wo's dir in die Hand fällt, Schwartenhals, das ist aller Kunst Anfang und End! Wenn du's wissen mußt, 's ist ein Zehrtrunk, auf den du droben im Mondschein gewartet; wer will, daß gut läuft sein Gaul, der stopft ihm Hafer ins Maul.« Und vorwärts ausschreitend summte er in den Nachtwind: Begegnet mir ein Kaufmann gut Sein tasch must er mir laßen. Elftes Kapitel So wanderten sie, wie vor vier Jahren Velten Stacher und Guy Loder, südwärts dahin, doch nur ein Stück Weges, denn vor der Stadt Kolmar bog Welf Siebald zur Linken ab, und sie schritten geradeaus durch weites, tellerebenes Land. Der Mond schwand und kurzes Zwittergrau umfing sie, dann hob sich im ersten Frühlicht die mächtige, älteste Felsenfeste des Oberrheintales, Breisach, von vieltürmigem Dom gekrönt, dicht vor ihnen empor. Guys neuer Weggenosse zeigte aber, daß er nicht nur feurigen Zehrtrunk, vielmehr ebensowohl reichlich klingenden Zehrpfennig im Sack trug, denn sie traten alsbald in eine Herberge, kräftigten sich nach der Anstrengung des eiligen Marsches durch Speise und Trank und holten vermittelst etlicher Raststunden den versäumten Nachtschlaf ein. Nach denselben führte Siebald den Jüngling in eine Gewerkstatt, wie damals auch der Pfeifer es getan, nur nicht in die eines Gewandschneiders, sondern zu einem Platner oder Waffenschmied, bei welchem er ohne Ansehen des Preises zwei lange, fast vom Gurt auf den Boden nachschleifende, trefflich gearbeitete Raufklingen erstand. Diese schnallte er sich selbst und Guy um und maß seinen Begleiter, als sie weiter gingen, mit befriedigtem Blick, denn der letztere trug zum ersten Mal eine Waffe an seiner Seite, und unwillkürlich hob das Gefühl und Aufstoßen des Schwertes ihm den Fuß zu kühner bewußtem Schritt. Doch schwieg Welf Siebald; erst als sie auf die lange Brücke hinausgelangten, unter welcher rauschend, wirbelnd und emporbäumend, damals noch, auf der östlichen Seite Breisachs, der Rheinstrom seine grauen Wassermassen fortwälzte, sprach der Hornbläser anhaltend: »Fühlst dich anders, seit du die Manneswehr an der Hüfte spürst? Ist ein klug Gebot, daß kein Dusenbacher sie tragen darf, würd ihm sonst bald das Lammsblut aus den Fingern jucken. Wirst die Tropfen davon, die noch hast, rasch herausspülen; gefällst mir, Guy Loder, bin dem Narrenschnabel zum Dank, hätt' mir keinen besser ausschauenden Kumpan auf den Weg schnattern können. Bist feingestaltem Herbergschild gleich, das guten Trunk für den Durst verheißt.« Der Jüngling errötete über das ihm zugespendete Lob, das dem selbstempfundenen, zuversichtlicheren Klopfen seines Blutes entsprach, und versetzte, um nicht mädchenhaft stumm zu bleiben: »Weshalb gehen wir über den Fluß?« »Hätten noch eine Weile drüben bleiben können,« erwiderte der Befragte, »ist aber mit unseren Eisenspinden besserer Weg hierseits als im Pfeiferland, denn wir haben nicht Zeit zu versäumen, daß einer uns auskundet, woher und wohin. Schau's dir an der Nas, möchtst selber auch die Frag' wieder aufbringen; je hurtiger du deine Beine auseinander tust, um so früher geben sie dir Antwort. Hab dir verheißen, trägst gut Glück in der Faust und im Fuß und wirst lustigere Brüder antreffen und Schwestern dazu.« Über die Brücke fort, ließen sie die rundaufquellenden, rebbedeckten Kuppen des Kaiserstuhlgebirges zur Linken, stiegen den niedrigen Rücken des schmalen Dünberges hinan, wo aus der unermeßlichen Umsicht gen Straßburg hinab und gen Basel hinauf ihnen, nahe herzugerückt, der hohe, braunrote Spitzenbau des Freiburger Münsterturmes ins Gesicht grüßte, und wandten sich schräg hinüber der breiten, tannendunklen Mauer des Schwarzwaldes entgegen. An diesem schritten sie eilfertig entlang, nahmen am späten Abend, wiederum den Rhein querend, Nachtlager in einer Herberge zu Basel und gelangten, gar frühzeitig aufbrechend, schon vor der Mittagsstunde des nächsten Tages auf den Paßsattel des Hauensteinberges. Die Sonne stand ihnen gerade südher in die Augen, doch plötzlich gewahrte Guy Loder unter ihr dicht vor sich in schier endloser Zahl und Ausdehnung die blauen und weißen, bis zum Äther aufgereckten Zacken, die einstmals droben über Altweier gleich unverrückten Wolkengebilden ihm am fernen Ende der Welt den Himmelskreis beschlossen. Fast erschreckend nah und überwältigend lag das schöne Traumwunder wie mit einem Zauberschlage unvorbereitet ihm zu Füßen, rief in jähem Aufsturm ein Wogen des alten Kindheitsehnens seiner Brust wach, daß er atemlos ausstieß: »Gehen wir dorthin – zu ihnen?« Aber Welf Siebald nickte nur gleichgültig, ohne den Blick zu heben: »Hab nicht Sorg, die Hamster und Dachse haben sich gute Löcher auch in die Wüstenei geschaufelt«, und er vergönnte keine Minute Anhalt und Rast. Sie tauchten wieder in ein breites Tal hinunter, drin die leuchtenden Spitzen dem Auge verschwanden, und wanderten an strudelndem Gewässer aufwärts; doch ein heimlich beseligender Gedanke förderte die Schritte des Jünglings, daß die geheimnisvollen krystallenen Märchengebilde nahe vor ihm dalägen, und es mußte ein guter glückverheißender Weg sein, der ihn denselben entgegenführte. Um manche Stunde später kamen sie an das alte Städtchen Sursee, von dessen dunklem Tor der doppelköpfige Adler des Habsburgischen Erzherzoghauses steingehauen herabdrohte; bis sie nach einem kurzen Vesperimbiß zur anderen Seite wieder hinauszogen, breitete im schon beginnenden Abendlicht die Spiegelfläche eines länglich schmalen, stillen Landsees sich ihnen zur Linken. Erstaunt sah Guy Loder darauf, denn er hatte noch niemals ein so breites Gewässer erblickt, und frug nach dem Namen. Welf Siebald deutete nach einem niedrigen Kirchturm jenseits des Spiegels hinüber und erwiderte: »Das ist Sempach, nach ihm heißt auch der See.« Er ward gegen seinen Brauch mitteilsam und knüpfte daran, daß dort vor bald einem Jahrhundert die Schweizer Stadtbürger und Bauern den edlen Herzog Leopold von Österreich mit vielen Tausenden seiner Ritter und Knechte durch List und Überzahl bewältigt und im Kampf erschlagen hätten: Unter verächtlichem Aufwurf seiner schon von Naturgestaltung stark vortretenden Lippen redete er weiter über die trotzige Frechheit der Kuhhirten, Mistbuben, Pfahlbürger und Pfeffersäcke, die seitdem sich vermessen, einen Eidbund unter einander zu schließen, die Burgen edler Herren im Schweizerland zu umlagern und zu zerstören und sich unbotmäßig gegen die hochmächtigsten Fürsten rings um sie herum zu verhalten. Sie dafür zu züchtigen, habe vor einem Menschenalter der König von Frankreich den österreichischen Herzogen wohl an dreißigtausend Armgecken zum Beistand geschickt, wild-unbändige Soldknechte, die der Connetable Bernard Armagnac geworben, daß sie nach ihm Armagnaken, doch in deutschen Landen arme Gecken oder arme Hechte, benannt worden. Die hätten auch bei Sankt Jakob an der Birs unweit Basel mehrere Tausend von den lumpigen Bauernrotten bis auf den letzten Mann ins Gras beißen lassen, sich danach aber in Raub-, Brand- und Plünderlust überallhin ins Elsaß, Schwaben- und Bayerland zerstreut, daß die »Schwyzer« wiederum mit einem blauen Auge davongekommen. Dadurch sei der Hochmut dieses störrischen Gesindels von Häringsnasen und Viehtreibern von Jahr zu Jahr immer höher noch ins Kraut geschossen; doch der Krug falle zuletzt einmal von der Stiege und platze in Scherben auseinander, und – Welf Siebald stand, mit blitzenden Augen nach dem Sempacher Turm hinüberblickend, still – er kenne einen, dem's lang das Blut gälle, die gemeinen Struppschädel von Bern bis Basel, Zürich und Sankt Gallen mit eisernen Ruten zu peitschen. Da werde viel Heulen und Winseln hier über die protzigen Äcker kreischen, und wessen Plempe weidlich dazu mitverhelfe, viel Ansehen bei Herren und Gold im Sacke heimtrage. Das redete Welf Siebald mit einer wunderlichen Lustigkeit und Zuversicht, und Guy Loder hörte staunend zu, denn alles klang ihm neuartig, wildfremd und fast unbegreiflich. Velten Stacher hatte ihm niemals solcherlei Dinge gesprochen, sondern von Tag zu Tag nur fröhlich seine Kunst betrieben, sein Lied gepfiffen und am Abend unter heiterer Zwiesprache den Becher ausgeleert, daß es Guy nie in den Sinn geraten, es sei anderes, als eitel Friede und Freudigkeit in der weiten Welt. Nun vernahm er, daß hier, wo die hellen Quellwasser neben ihm rieselten, oftmals rote Blutbäche geronnen seien und in der Stille etwas darüber laure, wie ein hochkreisender Geier niederzuschießen und seine Fangkrallen abermals zu blutigem Kampf herabzuschlagen. Die ungewöhnliche Beredsamkeit seines Gefährten bedünkte ihn absonderlich, als habe derselbe seine Mitteilungen nicht ohne Zweck und Absichtlichkeit vorgebracht, doch mehr noch befremdete ihn die hochfahrende Art, mit der jener das Bürger- und Bauernvolk des Schweizerlandes mißachtete. So entfuhr's ihm, daß er versetzte: »Bist doch selber nur von niedriger Herkunft, wie ich eines Bauern Sohn bin, und hast geredet gleich einem Junker, der Lust dran findet, seinen Knechten die Peitsche auf den Rücken zu schlagen. Haben wir, däucht mich, wohl nicht Anlaß und Fug, zu wünschen, daß es unsern Brüdern so geschieht.« Halb zornig, halb spöttisch auflachend, hielt Welf Siebald den Fuß. »Schwatzst noch aus Velten Stachers Ammenfibel und willst dein Lebtag ein Schwartenhals bleiben? Was weißt von meiner Herkunft und wer meine Brüder sind? Kenn' sie nicht, sitzen vielleicht wo im Grafenschloß und werfen einen von der Bank, der mich Oheim nennen müßt. Sollt ich mich darum schlechter halten als sie? Spür das Blut in mir, es ihnen gleich zu tun. Willst Bauernknechte deine Brüder heißen, da schlepp den Sack und führ die Hack und trag keine Schwertleit an der Hüfte! Hast's nicht in dir, daß du deine Geburt hinter dich werfen kannst und fühlst, die Kling in der Faust und der Will im Kopf macht den Junker, dann bist's nicht und wirst's nicht. Da kriech zu Kreuz vor Gosfried Dürrschnabels Stecken, denn er ist dein Bruder, nicht ich!« Damit schritt Welf Siebald, es war schwer zu scheiden, ob mit gemachtem oder wirklichem Unmut, voraus, und beschämt folgte Guy hinterdrein. Er hatte wohl knabentöricht geredet und sein Weggenoß den richtigen Verstand, daß es anders in der Welt zuging, als die Vögel in Wald und Busch sangen, und daß der, welcher ein Hohes zu erreichen trachtete, sich nicht selber als niedrig und unwert dafür bedünken durfte. Nur ein Wort war's gewesen, das achtlos über die Zunge des Hornbläsers gefallen, doch gleich einem blitzgeschwind aufwuchernden Samen hatte es vor der Einbildungskraft des Jünglings einen Stamm und Geäst und rauschendes Laubwerk zu hochragendem Baum in die Luft getrieben, daß man in dieser verwandelten Welt kein Junker von Geburt zu sein brauche, sondern bei gutem Glück auch der heiße Wille und die Tatkraft dahin zu bringen vermöge, gleich einem solchen, Einlaß heischend, an das Tor einer stolzen Ritterburg anpochen zu können. Und Guy Loder fühlte trotzende Jugendstärke und unbeugsamen Mut in seinem Blute anschwellen, das ihm die Stirn mit siedenden Strömen übergoß. Seine Torheit scheltend, wanderte er hastig hinter dem Vorausschreitenden her, bis er wieder an die Seite desselben gelangte, und ging so schweigend noch eine Weile, dann frug er: »Wer ist's, von dem du gesprochen, daß er die Schweizer mit eisernen Ruten zu züchtigen im Sinn trägt?« Mit so verändertem Ton gegen zuvor klang die Frage an Welf Siebalds Ohr, daß dieser, überrascht den Kopf drehend, ausstieß: »Hoho, bist aus der Windel gekrochen und spürst das Haar überm Zahn wachsen? Wer's ist? Seinen Namen pfeift man nicht in den Schwyzer Wind, Flaumbart; der Leu brüllt nicht zuvor, ehe er die Tatze reckt. Aber siehst du ihn, da weißt's, daß er's ist. Er tragt den Löwen auch auf dem Haupt, und seine Augen drunter sind wie der Karfunkelstein. Sein Bart ist noch nicht greis, und sein Mund fragt nicht, ob edles Blut die Lippen rot macht, die er küßt. Fragt auch nicht, ob ein Junker ihm dient, vielmehr ob er's werden möcht! Nun du kennst ihn und weißt, wer er ist.« Lachend setzte der Sprecher, ohne weiteres beizufügen, den Weg fort; eine fremde Blutwallung durchwogte die Glieder und Gedanken Guys. Er sann umher, wer der Ungenannte sein möge, doch die Schilderung paßte auf niemanden, den er mit Augen gesehen. Die Frage blieb ihm im Munde stecken, ob sie des Weges zögen, um den Löwenbehelmten hier anzutreffen, denn er wußte zuvor, daß er keine Antwort darauf erhalten werde. Aber es konnte kaum anders sein, und mit fiebernder Ungeduld harrte er des unbekannten Zieles ihrer Wanderung. Die Nacht fiel jetzt ein, sie schritten noch manche Stunde im Dunkel, dann in Mondeshelle; ein hoher, wildzerklüfteter, jäh abstürzender Berg kam ihnen näher, dessen obersten Gipfel ein weißschimmerndes Wölkchen gleich einer Tarnkappe verdeckte. Welf Siebald sah auf und sprach: »Das Wetter wird gut, Pilatus trägt 'nen Hut; das wird ihm Lobgeheul bei den hübschen Brüdern und Schwestern eintragen.« Vor ihnen lag jenseits eines wildschießenden Gewässers eine schlafdunkle, vielgetürmte Stadt; sie gingen über eine lange, bedachte, hohlschollernde Holzbrücke, und Siebald schlug dröhnend mit dem Hammer ans Tor. »Wo sind wir?« frug Guy. »In Luzern,« antwortete sein Begleiter, und der Wächter kam, prüfte ihre Anzahl und ihr Aussehen und ließ sie mit mürrisch-verwunderlichem Scheltwort über das nächtliche Einlaßbegehren des Gaunerpacks, das sich bei Tag einfinden könne, ins Innere der Stadt. Sprachlos stand im Beginn des anderen Morgens Guy Loder am Uferrand des Vierwaldstätter Sees, der noch tief überschattet lag, während die Spitzen der gewaltigen Bergwände umher überall sich im ersten Frühstrahl röteten. Vorherbstlich weiße Nebel wallten da und dort über die unbewegte Wasserfläche, sie rollten sich auf und hoben sich an den dunklen Felsstürzen in die Höhe, daß der Blick plötzlich wie hinter fortgezogenen Laken in schimmernde Weiten hinausfiel, wo ringsher aus den Lücken fern und nah von grünen Gestaden Häuser und Türme aufblinkten und wieder verschwanden. Hoch darüber ragten wie ein Kranz blendender Sommerwolken sonnbestrahlte Schneehalden vom blauen Himmel herab. So voll leuchtender Schönheit war die fremde Welt, in welche Guy ahnungslos nächtlicher Weile hineingewandert, daß er mit schier betäubten Sinnen davor stand und sich wie ein Kind von der Hand Welf Siebalds auf die Bank eines großen flachbordigen Fährschiffes niederziehen ließ, das leer am Brückendamm dalag, »'s wird voll, wollen uns nach vorn setzen,« sagte der Hornbläser mit einem Aufklang des mißächtlich junkerhaften Tones, der manchmal durch seine Stimme drang; »man weiß nicht, welcherlei Lausevolk einem zu dicht an den Leib wächst.« Achtlos erwiderte der Jüngling nur: »Fahren wir dorthin über den See?« Siebald nickte, und Guy wandte in trunkener Freudigkeit den Blick wieder in die märchenhaft winkende Weite hinaus. Er sah nicht, daß allgemach sich eine absonderliche Gesellschaft am Ufer und in dem breiten Fahrzeug ansammelte. Langsam kam zuerst ein lahmer Greis auf Krücken von der Stadt herangehinkt, ein Blinder am Stab, von einer frechblickenden Dirne gefühlt, folgte ihm und andere an Leib und Gliedern verkrüppelte Gestalten schleppten sich hinterdrein. So begann es sich gleich einem Stein heranzuwälzen, Männer und Weiber, jung und alt, nicht alle mit sichtbaren Körperschäden, doch auch die, welche heile Gliedmaßen zur Schau trugen, fast ausnahmslos mit unheimlich-verschlagenen oder wildbärtig-verwahrlosten Gesichtern. Den meisten las man ihr Gewerbe an der Erscheinung ab, sie gehörten sämtlich zur Sippe der auf Wegen und Stegen »fahrenden Leute«, Bettler, die ihr Gebrest für Almosen aufwiesen, umziehende Gaukler, Possenreißer, Mummenschanzler und Klopffechter um Heller und Pfennig, schweifende Strolche ohne besonderes Anzeichen, wodurch sie ihren Unterhalt erwürben. Auch junge Kerle und Dirnen mit bläulichem Weiß um die blitzend schwarzen Augensterne und gleicherweise blauschwarzem, glänzendem Haar fanden sich drunter, deren fremdartig geschnittene Züge sie sofort als »Kaltschmiede«, »Ismaeliten« oder »Zingani« kundgaben, da und dort sah ein ursprünglich feiner geartetes Gesicht hervor, das einem mittellos herabgekommenen, zerlumpt vagierenden Bacchanten angehören mochte. Jeglichem stand das Gepräge des »unehrlichen Volkes« aufgedrückt, dem nirgendwo ein Recht, seine Fertigkeiten zu üben, und sein Dasein zu fristen, gewährleistet ward, das sich aber trotzdem auf allen Landstraßen und Märkten, in Dorf und Stadt umtrieb. Die meisten sahen sich nicht zum erstenmal, sondern ihre Begrüßung offenbarte, daß sie sich schon mancherorten angetroffen; Zuruf und Ansprache flogen buntscheckig in deutscher und welscher, fränkischer und hispanischer Zunge durcheinander, vielfach in einem Sprachgemisch, das Worte von allen entnahm und sie durch völlig unverständliche Ausdrücke verband, mit denen nur die Sprecher und Angesprochenen sich genau vertraut zeigten. Mehrere starkknochige Bootsknechte kamen nun hinzu und forderten, bevor sie das Schiff in Bewegung setzten, von jeglichem ein geringfügiges Fährgeld ein, das unter vielfältigem Widerspruch, besonders der Weiber, aus den schmutzstarrenden Kleidern und Säcken herausgefingert ward; dann schlugen breitschaufelige Ruder ein und trieben das schwerbeladene Fahrzeug langsam in den smaragdfarbigen See hinaus. Da erst drehte Guy Loder den Kopf und nahm erstaunt die absonderliche, hinter ihm zusammengerottete Sippschaft gewahr. Er sah auch, daß neben ihm Welf Siebald scharf musternde Blicke zwischen die raunenden, schwatzenden und kreischenden Köpfe hineinwarf, doch bald das Gesicht mit geringschätziger Achtlosigkeit abwandte. Und auch Guy dachte gleichgültig, so sei's auf einem Schiffe, das den Vierwaldstätter See überfahre, und sein entzücktes Auge schweifte wieder in die traumhafte Wunderwelt voraus, die sich allmählich jetzt heller und deutlicher erkennbar vor ihm breitete. Es war ein wonniges Verweilen über der grünquellenden Tiefe, deren perlende Wasser der gleitende Schiffsbug lautlos zur Seite drängte, und doch fuhr das mit den Rändern fast die Seefläche streifende Boot ihm auch zu langsam für den Flug seines vorauseilenden Verlangens. Manche Stunde dauerte es, bis zwei senkrecht niederstürzende, von beiden Ufern dicht gegeneinander gerückte Felsen, die wie ein Tor nur ein schmales, glimmerndes Wasserband zwischen sich beließen, aus der duftigen Weite merklich näher herankamen. Oft rasteten die Schiffer von der armlähmenden Anstrengung und fuhren mit kernigem Fluchwort in die Menge, wenn diese durch Gezänk und Stoß das Fahrzeug auf eine Seite hinüberdrängte; die Sonne des Septembertages begann schon wieder zu sinken, als das Boot durch den Engpaß der beiden »Nasen« hindurchschwamm. Da lag, fast plötzlich, eine vollkommen verwandelte Welt rund um den Blick. Von dem noch eben Gewesenen war nichts geblieben, neue Seefläche dehnte sich aus und andere, noch mächtigere Bergwände faßten sie rundum ein. Das Fahrzeug näherte sich dichter dem nördlichen Ufer und zog unter dem jäh abstürzenden Geklipp desselben entlang; kein Vorstrand ermöglichte hier einen Landweg, das tiefe, klare Wasser reichte überall bis an den Niederfall der turmhohen, wild durchschrundeten Felsenmauer hinan. Nur zwischen zwei riesig aufgezackten, überdrohenden Gesteinmassen, dem »Viznauer Stock« zur Linken und der »Hochfluh« zur Rechten, sattelte sich jetzt eine schmal ansteigende Bergschlucht ein, die bald erkennen ließ, daß kein anderer Zugang als vom See aus zu ihr hinführte. Steil schloß im Hintergrund die Rückwand des Rigiberges sie von der Welt umher ab, einige Matten, von weißbrodelndem Wildwasser durchtobt, krümmten sich noch an diesem empor, dann lagerte weglose Felsöde sich darüber. Drunten am Gestade allein verbreiterte der dürftige Einschnitt sich um ein Geringes, und von dort sahen die Häuser und der niedrige Kirchturm eines Dorfes herüber und stiegen ebenso im Widerbild aus dem stillen Seespiegel von unten herauf. Gegen dies Dorf aber drehte nun das Schiff seinen Bug, und eine allgemeine erwartungsvolle Unruhe hob unter seinen Insassen an, die sich nicht mehr von den Flüchen und Drohungen der Ruderknechte bemeistern ließ. Sie lärmten, schrieen, jauchzten und winkten mit Armen, Stöcken und Tüchern zum Ufer hinüber, wo eine dichtgestaute Menschenmasse des anlandenden Fahrzeuges zu harren schien. Es war später Nachmittag geworden, und im schräg vom Pilatus herabfallenden Sonnenrot erkannte Guy Loder zu seinem Erstaunen nach und nach deutlicher, daß die drüben angesammelte Menge fast ausschließlich aus gleichartig häßlich abstoßenden und unheimlichen Erscheinungen bestand wie die Bootsbemannung hinter ihm. Ebenso kreischten und zeterten, fochten sie mit Händen, Krücken, Hüten und Trinkgeschirren durch die Luft den Heranschwimmenden entgegen; die Willkommsgrüße hier und dort mischten sich mehr und mehr zu einem wüstgellenden, ohrbetäubenden Getöse ineinander. Mit einer Drehung lief jetzt rückwärts das Fährschiff auf den hier seichten Strand, und im selben Augenblicke auch wälzte sich die Sippschaft aus demselben wie ein heulendes Tierrudel, Lahme und Blinde in seinem Knäuel mitreißend, ans Land und balgte sich gierig um die zur Begrüßung ausgestreckten Zinnbecher und irdenen Krüge. Völlig allein standen in Nu an der Vorderspitze des Fahrzeuges Guy und Welf Siebald, und der letztere sagte verächtlich: »Laß die Luder sich erst verlaufen, eh wir den heiligen Boden mit unsern Sohlen küssen!« Das löste zum ersten Mal Guy Loders unter den schönheitstrunkenen Augen bisher wortlose Lippen, und er frug mit einer unwillkürlichen körperlichen und gemütlichen Regung des Ekels: »Was ist das? Wo sind wir? Was sollen wir hier?« Ein beißend höhnisches Zucken schnitt um die Mundwinkel des Befragten, und er lachte: »Gefällt's dir nicht? Scheint auch etwas von hochmütigem Junkerblut in dir zu kitzeln. Sind einstweil doch unsere Brüder und Schwestern von der Gauklerkilt zu Gersau, Rümpfnäslein! Siehst hübsch beisammen, was auf fünfzig Stunden in die Rund von Bettlern, Krüppeln, Quacksalbern, Seiltänzern, Klopffechtern, Narren, Falschspielern, Landstreichern, Weglagerern, Buschkleppern, Beutelschneidern, Strolchen und Abenteurern in schwäbischen, bayerischen, tirolischen, welschen und Schwyzerlanden umstreicht, denn heut ist ihr ›Landtag‹ im Freidorf Gersau, wohin nicht Büttel und Steckenknecht reicht und man Stäupbesen, Brandeisen, und Galgenstrick nicht kennt. Kannst ihnen auf deiner Pfeife aufspielen und brauchst nicht zu sorgen, daß sie mit dem Lohn kargen, denn was sie seit einem Jahr zusammengeflennt, -geschalkt und -gegaunert haben, muß bis übermorgen aus dem Sack. Darfst getröstlich zwischen sie drein, hier auf der Kilt gelten gut Recht und Gesetz, das nirgendwo aufgeschrieben steht, doch keiner wird sich an deinem Säckel vergreifen. Die Unehrlichen wollen auch einmal drei Tag lang ›ehrliches Volk‹ sein und waschen sich Lug und Trug im See vom Leib. Wirst verwundert dreinschauen, wie die Lahmen springen und die Blinden verliebte Augen nach Krügen und Dirnen aufreißen. Sind aber da und dort auch andere Leut drunter, Gesellen, die der Wind herumweht, und lieber ihr Eisen auf harte Schädel hämmern als in der Schmiede auf den Amboß, ihre Faust fragt nicht warum, sondern wofür. Nach solchen wollen wir Umschau halten, Pfeifjunkerlein, und ihnen ein gutes Liedlein vorsingen, daß ihr Blut im Kopf zu tanzen anhebt. Komm, das Lumpengeschmeiß hat den Weg frei gemacht, und ich denk's, wir liefen uns die Sohlen nicht umsonst ab zur Gaunerkilt nach Gersau.« Zwölftes Kapitel Auch eine Kilbe war's, doch sehr anders als der Pfeifertag zu Rappoltsweiler. Vielleicht mit einem halben Hundert von Häusern und Hütten streute das landher unzugängliche, »freie« Dorf Gersau, der kleinste Staat Europas, sich von den Bergwänden zum Seeufer herab und mochte zu gewöhnlicher Zeit kaum ein halbes Tausend von Einwohnern umschließen. Heut aber gab es mindestens der fünffachen Anzahl Unterkunft, die aus allen Richtungen zum jährlichen »Landtag« auf Barken und Böten übers Wasser herangeschwommen waren. Ein Kirmestreiben buntester und geräuschvollster Art füllte jeden Fußbreit der engen Felsspalte; mit den wundersamen Festgästen, welche das Jahr hindurch sich als Schmarotzer an die menschliche Ordnung klebten, hatten sich zahlreiche Zuzügler eingefunden, den günstigen Anlaß zu nutzen, um ihrerseits wieder sich jenen als Blutegel an den Leib und an den gefüllten Säckelgurt festzusaugen. Verkaufs- und Schenkbuden drängten sich aneinander, von wackelnden Lattengerüsten schrieen Theriakhändler, wandernde Komödianten niedrigster Gattung, Possenreißer, Schwertschlinger, Feuerfresser herunter. Schatzgräber und Teufelsbanner trieben sich mit lockenden Anerbietungen dazwischen herum, doch mehr zur eigenen Belustigung, als weil sie hier wie bei den tölpischen Bauern auf dem platten Lande und im Gebirge gutes Gehör und Verdienst zu finden hoffen konnten; manche der Vaganten führten ihre lebendigen Erwerbsmittel mit sich und ließen ihre Affen, Meerkatzen und Murmeltiere unentgeltlich tanzen, klettern und Künste üben. Sogar ein doppelhöckeriges Kamel ragte mit hagerem Hals über die Köpfe der Menge, und da und dort drehte sich ein Bär brummend am Stock; überall klangen grobe Späße, unflätige Witze und Zoten, und ein Beifallsgewieher, Gekreisch und Zurufe in unverständlichem Rotwelsch umgaben alles mit dem unablässigen Getöse eines wüsten Brandungsschwalles. So hatten es schon Jahrhunderte stets gleich an diesem Tage gehört und gesehen, seitdem die »Bruderschaft« der Bettler und Abenteurer in der freien Dorfschaft Gersau eine Schutzpatronin gefunden, um hier alljährlich auf der Gaunerkilt drei Tage und Nächte lang gemeinsam zu durchfressen und durchsaufen und sich dann wieder in alle Winde, hinter Busch und Stein, in Dörfer und Städte, nicht selten auch an Schandpfahl, Galgen und Rad zu zerstreuen. Widerwillig schritt Guy Loder durch die häßlich brodelnde Masse hin, aus der oftmals ihm geltende Anrufe, vorwiegend von Weiberlippen: »Schöner Herr! Feins Junkerlein!« ihn an einen Kram- oder Schenktisch heranzuholen suchten. Er hatte den Sinn in Welf Siebalds Worten beim Anlanden nicht aufgefaßt und begriff nicht, zu welchem Zweck sie unter diese, jenem selbst Ekel regende Sippschaft hierhergekommen sein könnten. »Wo bleiben sie zusamt, wenn die Nacht kommt?« frug er; »mich däucht, sie haben in den wenigen Häusern nicht Platz.« Sein Begleiter versetzte lachend: »Platz genug unterm großen Dach; glaubst, daß sie heut nach anderem begehren? Sind gewöhnt, Spinnen und Kröten im Schlaf auf der Nase zu spüren und sich nasse Blätterdecke über den Leib zu scharren. Hab aber nicht Sorg, du sollst besseren Unterschlupf finden, der dirs Blut warm hält.« Es war allgemach bereits Abend geworden, durch die Dunkelheit klang das tausendkehlige Gebrüll, Gelächter und Geschrei noch wie zehnfach verstärkt. Ab und zu loderte ein Pechkranz in die stille Luft und wies undeutlich lange Reihen von niedrigen Bretterbänken, auf denen dichtgedrängte Säufermassen von Männern und Weibern hockten, standen, rittlings mit den unsauberen Trinkgefäßen gegeneinander stießen, quäkten, johlten und lallten. Auftaumelnde stürzten nach einigen Schritten zu Boden und blieben unbeachtet liegen; nur wenn ein Fußtritt sie aus dem Schnarchen riß, stießen sie schwerzungig einen lästerlichen Fluch aus, den wieherndes Gelächter der Umsitzenden verschlang. Die allgemeine tierische Betrunkenheit nahm mit jedem Augenblick zu, aber man gewahrte, es war der Zweck eines jeden, den Vorangegangenen nachzufolgen und bewußtlos bis zum Morgen auf die Erde herunterzukollern. Welf Siebald führte seinen Genossen nordwärts hinan, wo die Bergschlucht, sich verengend, zu den kargen Matten emporzog. Hier ward es nicht geräuschlos, doch stiller, vergleichsweise vornehmer. Da und dort leuchteten Fackeln in die Nacht und zeigten größere, roh überdachte Holzbuden; rechts hinüber, noch weiter zurück, schimmerte sogar die grauweiße Leinwand einer aufgeschlagenen Zeltreihe aus dem Dunkel. Auf den Eingang eines der ersteren Gelasse schritt der Führer Guys zu und blickte prüfenden Auges hinein. Bänke und Tische aus unbehobelten, auf eingerammte Pfähle gelegten Brettern füllten den Raum drinnen und erwiesen sich auch hier von Trinkenden und ersichtlich zum Teil bereits ziemlich weit in der Trunkenheit Vorgerückten besetzt. Noch war die Art derselben unverkennbar zumeist eine andere als draußen unter dem nächtlichen Sternenhimmel, und es fehlten die Weiber dazwischen, bis auf etliche locker gewandete oder vielmehr halb unbekleidete, frechmienige und blitzäugige Schenkdirnen, welche den Gästen gefüllte Krüge, Kannen, Humpen und Stiefel zubrachten und als Entgelt neben der klappernden Münze einen Armgriff um Hüften und Brust in Empfang nahmen. Junge und ältere Köpfe füllten nebeneinander die Sitze, doch alle mit trotzigen, vielfach durchnarbten, von Sonne und Regen verwetterten Gesichtern und mit Streitkolben, Schwertern oder sonstigen kurzen und langen Raufwaffen am Gurt. Manche trugen eisenbesteppten Koller und blecherne Kappe drüber auf dem Kopf, andere sahen bettlerhaft verlottert aus und regten unheimliches Gefühl, daß sie sich öfters nicht weitab von den Mordbrennern befunden haben möchten, die nicht selten in Rotten hier und dort über Land und Dörfer eines deutschen Gaues hereinbrachen. Alle aber boten das Gepräge aus Faustfehden und Kriegsläuften entlassener oder entlaufener Sold- und Landsknechte, die auf der Landstraße nach einem Trommelschlag herumhorchten, dessen Gewirbel rollende Würfel, klimpernde Batzen und durstlöschende Fässer verhieß. Nun zog's einen Moment wunderlich vor Guy Loders Gesicht, als sein Gefährte, ihn an der Hand fassend, ins Innere der Schenkbude vorschritt. Mit so junkerhafter Manier in Haltung und Zügen, nachlässig und gewichtig zugleich, trat Welf Siebald hinein, als ob er aus der Halle einer vornehmen Ritterburg daherkomme, bot kurz höflichen, doch merklich herablassenden Gruß über die Anwesenden und fügte nickend hinterdrein: »Arme Hechte hie?« Es war absonderlich, wie bei dem Wort die Mehrzahl der Köpfe in die Höhe fuhr und in den Höhlen unter den buschigen Stirnknochen flüchtig ein Gefunkel wie aus vorstarrenden Geieraugen aufschlug; doch der Urheber desselben warf sich gleichgültig auf eine Bank, stemmte seine Hiebwaffe zwischen die Knie und sprach lachenden Mundes seine Bartzwickel kräuselnd: »Schlechte Zeit für gute Fäuste und trockene Kehlen; mich staunt's, daß es noch so lustig ist auf der Kilt. Du da, Jungfer, wenn du den Namen nicht übel aufnimmst, klopf den Zapfen in ein neues Spundloch; mein Durst zahlt's, und ist dein Faß ihm über, find't er am Tisch wohl verstaubte Gurgeln, die ihm helfen!« »Euer Edlen zu Diensten,« antwortete nach kurz forschendem Blick die angerufene Schenkin und lief hurtig, den Auftrag zu vollziehen. Durch die Runde ging ein unwillkürlich hervorbrechendes Gemurmel, das die Verheißung freier Zeche willkommen hieß, doch die Augen der so unerwartet freigebig Bewirteten trachteten ebenfalls jetzt wieder einen gleichgültigen Ausdruck anzunehmen, nur ein achtsam lauerndes Aufhorchen des Ohres verriet sich dann und wann in den Mienen. Welf Siebald hob den ihm gebrachten Humpen und sprach: »Gut Kaiserlich alleweg! Drauf trink ich anerst,« und er leerte das große Gefäß, daß bei der Umstülpung desselben kein Tropfen auf den Daumennagel rann. Die anderen wiederholten den Spruch und taten gleichen Trunk. Darauf flocht er mit dem ihm zunächst Sitzenden, dem der störrische Bart schon sandfarbig über der Lippe zu starren begann, ein leutseliges Gespräch an: »War't auch bereits mit dem Connetable bei Sankt Jakob und halft Bauernstroh dreschen? Mich däucht, ich sah euch öfters, der Wind blies mir nur euren Namen von der Zunge.« Staunend saß Guy daneben und sann, woher seinem Genossen die Barschaft zu so verschwenderischer Ausspendung gekommen und zu welchem Zweck die letztere dienen möge. Mit achtloser Miene hatte jener, als sei er täglich daran gewöhnt, einen Goldgulden zur Bezahlung hingeworfen, dem aus vielen Augwinkeln ein gieriger Seitenblick nachschoß; wechselnd redete er nun bald mit einem einzelnen, bald zu einer Anzahl dicht aneinander gedrückter Köpfe. Was er sprach, verstand Guy Loder zumeist nicht, doch es mußten Dinge sein, die den Hörern gefielen, denn allgemeiner Beifall, Gelächter und zustimmende Ausrufe begleiteten seine Worte. Bei allem aber behielt sein Wesen und Behaben den junkerhaften Anstrich, der unsichtbar, doch merklich stets einen gleichbleibenden Abstand zwischen ihm und seinen Trinkgenossen fühlen ließ. Auch Guy war von der langen Wasserfahrt des Tages durstig geworden und leerte häufiger als sonst seinen Becher. Dazwischen spannte er sein Gehör an, allein auch wenn dieses etwas deutlich aufzufassen vermochte, gab ihm nichts einen Anhalt über die Absicht, die Welf Siebald verfolgte. Nur einmal hörte er ihn, herüberdeutend, sagen: »Schaut's meinem Bruder wohl am Gesicht, daß er von edlem Blut stammt und zu anderer Stund silbernen Helm auf dem Scheitel trägt.« Da wandten die Köpfe sich spähend gegen ihn herum, daß er über die erlogene vornehme Abkunft, die Siebald ihm beigelegt, dunkel errötete und sein Antlitz hastig wieder hinter dem neugefüllten Zinnbecher verbarg. Doch zugleich kam ihm aus den Worten ein anderes ins Gedächtnis, dessen er bis heut nie mehr gedacht; seine Züge mußten wohl, wie Velten Stacher einmal flüchtig gesprochen, Ähnlichkeit mit denen Welf Siebalds aufweisen, da dieser ihn als seinen Bruder auszugeben vermochte und sichtbarlich nirgendwo auf Zweifel und Unglauben damit stieß. So liefen etliche Stunden hin, dann stand Siebald auf und verabschiedete sich von den Insassen der Schenkbude. Er tat's mit einem Gemisch ritterbürtigen Standesbewußtseins und artiger Zurschaulegung, daß der Aufenthalt ihn wohl angesprochen habe. »Treffen noch wieder zusammen, denk ich,« sagte er laut; »wär's nicht, so könnt einer, der ein Anliegen an mich hätte oder etwa eine Fürsprache begehrte, mich leichtlich auffinden.« Damit schritt er nachlässig hinaus, legte draußen die Hand auf die Schulter Guys und raunte zufriedenen Tones: »Bist ein gutes Würmlein am Fischhaken gewesen, ihre Glotzaugen haben weidlich nach deiner Habichtsnas geschnappt. Merkst, daß man ein Junker ist, wenn man's will? Hast verdient, daß minder ungeschlachte Brauen nach dir gaffen und dieweil ich dich meinen Bruder geheißen, will ich dir auch eine Schwester schaffen, die sich auf guten Lohn versteht. Komm!« Es war volle Nacht, doch nur drunten auf der Erde, in der Luft oben webte ein heller Schein, dessen Ursprung man nicht wahrnahm; er mußte vom Mond herstammen, den eine der hohen Felszacken noch verbarg. Welf Siebald führte seinen Genossen noch um etwas weiter gegen die Rücklehne der engen Talschlucht empor, dann standen sie am Beginn der weißen Zeltreihe, die zuvor, von Fackeln überhellt, aus dem Dunkel geschimmert. Jetzt lagen sie scheinbar licht- und lautlos. Guy fragte, wer sich in der allgemeinen Dürftigkeit umher solch besondere, kostspieligere Wohnstatt hier aufgeschlagen, und Siebald erwiderte: »Die ›Fahrenden‹, sie fahren nicht übler zu Gersau als in den hochbelobten Städten Nürnberg, Augsburg und Straßburg oder an ritterlichem und fürstlichem Hoflager.« – »Wer sind denn die ›Fahrenden‹?« entgegnete der Jüngling verwundert, und sein Begleiter lachte: »Hast noch die Eierschal auf dem Kamm, Hähnlein? Das wird ihnen Spaß bereiten. Sie hören's gern, wenn man sie mit morgenländischem Namen anspricht, und geben vor, als stammten sie dorther. Kannst sie aber auch mit schier gleichem Klang auf deutsch beheißen, denn zumeist haben sie landläufige Milch von ihren Müttern getrunken wie wir.« Er schlug zu den letzten Worten den Vorhang des ersten, weitaus umfangreichsten Zeltes voneinander und sprach beim Eintreten: »Erschreckt nicht vor den späten Nachteulen, ihr Houris des Paradieses, doch ihr seid Schwestern der Barmherzigkeit und lasset durstige Brüder nicht schmachten, auch wenn sie euch den Schlaf vom Auge zu stehlen drohen.« Guy Loder hatte noch nicht viel Prunk und Pracht im Leben gewahrt, aber um so staunender ruhte sein Blick, darauf, wie das Innere des Gezeltes ihm hier inmitten des vorher durchwanderten Schmutzes und der rohen Verkommenheit unerwarteten Reichtum, Glanz und Augenerfreuung aufschloß. Bläuliche, von Erzpfannen steigende Flammen erleuchteten den Raum und die mit Seide bekleideten Wände, an denen sich niedrige rote Ruhebänke entlang zogen. Darauf saßen mehrere in kostbare Gewänder eingehüllte weibliche Gestalten, schlank, jung und von blendender Schönheit der Gesichter und des halb entblößten Halses und Nackens; goldene Spangen umgleißten die Arme, und edelsteinglitzernde Gürtel hielten das lange, faltig aufbauschende Kleid. Eine hob sich vom Sitze empor und erwiderte herantretend und mit vornehmem Anstand den Kopf neigend: »Willkommen im Paradiese, vielwerte Herren! Ihr könnt uns nicht Furcht flößen, denn ihr schaut nicht wie Eulen, vielmehr gleich zwei Edelfalken aus. Lasset euch nieder; ob ihr spät kommt, werden wir gewißlich eure Lippen nicht dürsten lassen.« Sie nahm Siebalds Hand und führte ihn artig an eine Ruhebank, eine andere tat Guy das Nämliche. Zugleich stand auf ihren Wink eine Wienerin mit zwei zum Rand gefüllten, kunstvollen Bronzeschalen vor ihnen. Auch der Jüngling erfaßte die ihm dargebotene, und ein Trunk heißen, süßen Weines rann ihm fremdartig über die Zunge. Ein zauberischer Gegensatz war's zu der plumpen Holzbude und den rohen Gesichtern darin, die er eben erst verlassen; noch mehr als dort erschien Welf Siebald ihm von angeborener Junkerart, so frei, kecklich und galant trat sein Behaben hervor, flogen ihm behend witzige Rede und Antwort vom Munde. Er mußte die Bewohnerinnen des Zeltes kennen und dies den Ankömmlingen die gastliche Aufnahme bei den schönen Frauen bereiten, nicht ihm allein, denn auch diejenige, welche sich Guy zur Seite gesetzt, sprach wie traulichbekannt mit ihm, füllte stets die kostbare Schale wieder und blickte ihn gar holdselig mit sanften Taubenaugen an. So anmutig war's, wenn sie sich aufhob und zurückkam, und so reizvoll bog sich ihr geschmeidiger Nacken, einem weißen Perlengeleucht gleich im bläulich rieselnden Licht; Guy bedünkte es, als sei er in eine traumhafte Märchenwelt entrückt. Welf Siebald hatte es ja auch gesprochen, sie befanden sich im Paradiese, und der feurige Wein, der ihm im Blut klopfte, beließ mehr und mehr kaum etwas Wundersames noch daran, daß dies Paradies inmitten der Gaunerkilt von Gersau stand. Es war friedlich, schön und beglückend darin gegen das ekle Getöse draußen; lieblich klang ihm die Stimme des schönen Weibes ins Ohr, scherzend und lächelnd; manchmal verstand er nicht, was ihre Worte gemeint, jedoch wenn er ungefähr nach seiner Vermutung darauf erwiderte, spielte das Lächeln noch schalkhafter als zuvor um ihre Lippen. Aber zuletzt war die Zunge ihm schwerer und Müdigkeit fiel ihm über Glieder und Sinne. Die Lider waren ihm niedergesunken, und wie im Traum hörte er die Stimme Welf Siebalds sprechen: »Mein Bruder schläft ein, bring ihn zu seinem Lager, schöne Houri!« Da öffnete Guy die Augen, doch er gewahrte nur undeutlich einige in trunkener Lustigkeit lachende Gesichter ihm nachwinken und fühlte eine weiche Hand, welche die seinige faßte. Von der ließ er sich führen; sie traten durch den Vorhang ins Freie, wo jetzt heller Mondglanz alles überfloß. Darin erkannte er, daß seine Begleiterin ihn an ein anderes, kleineres Zelt hinanzog; wie sie dies öffnete, sah er im einfallenden Licht, daß es kaum mehr Raum als den einer engen Kammer bot. Am Boden stand ein Lager aus weißen Linnen bereitet, das mußte für ihn zum Schlaf bestimmt sein, und er sagte halb stammelnd: »Habt Dank für eure reiche Freundlichkeit und ruhet auch gut.« Nun fiel der Vorhang zu und es ward völlig lichtlos um ihn. Er empfand zum ersten Mal, daß ein Weinrausch ihm Sinne und Gedanken umdunkelte, und setzte sich tastend auf den Lagerrand, um sich hinzustrecken. Doch war's ihm nach einer flüchtigen Weile dabei, als ob die Hand von zuvor ihn noch halte, und auf einmal hörte er auch eine flüsternde Stimme, deren Hauch ihm die Schläfe berührte: »Stellst dich so müd, da will ich dir helfen,« und er fühlte, daß eine andere Hand ihm behend das Wamms über der Brust öffnete. Dazu raunte die Stimme wieder, doch heißeren Atems: »Bist ein feiner Knab, schier als hättst du noch keinen Jungfernmund geküßt; ich weiß, daß sie all mich neiden um dich und Gold dreingäben, könnten sie heut Nacht für mich hier sein. Klopft dein Herzlein auch so hurtig wie meins, mein Huldgesell?« Und mit dem Wort schlüpfte eine kleine Hand durch das aufgenestelte Kleid über seine Brust und tastete nach der Stelle, wo der Herzschlag ihm jählings mit lauter Heftigkeit an die Wandung anpochte; lachend indes fügten gleich die unsichtbaren Lippen hinterdrein: »Was herbergst denn Garstiges auf deinem Herzkämmerlein wie ein Amulettchen von dürrem Laubwerk, das der Wind dir hineingestreut?« und die gelenken Finger suchten etwas hervorzuziehen, das sie auf ihrem Wege angetroffen. Doch im selben Augenblick schoß es mit einem Blitz der Besinnung durch Guy Loders Leib und Herz und Seele. Er wußte nicht, was es war, nur daß die Hand ihn an diejenige Bettanes gemahnte, die ihm auch zu doppeltem Mal im Leben leise so über die Brust hingeglitten. Aber sie war sonnenlind, einem kaum fühlbaren Frühlingshauch gleich gewesen, und diese ringelte sich wie eine Schlange, doch nicht kalten Blutes, sondern sie brannte heiß, als seien ihre Finger aus glühenden Kohlen gebildet. Und mit einem Schauer durchrüttelte es ihn; sie trachteten die welke Rose von seiner Brust fortzureißen, die Bettane ihm beim Abschied wunderlich dorthin gelegt; dann liege sein Herz wehrlos, unbeschützt, die unheimlich brennende Hand fasse es und presse ihm alles bangende Hoffen, alles Sehnen, alle Schönheit des pochenden Schlages tot und qualvoll zusammen. Wie fortgepeitscht flog der Weinrausch aus seinem Kopf, ein einziger beherrschender Wille durchfuhr ihn vom Scheitel bis in die Zehen hinab, und wie plötzlich aus einer Betäubung aufwachend, stieß er das fremde Weib kraftvoll von sich, faßte im Dunkel den Vorhang des Zeltes und stürzte durch den knirschend unter seiner Hand zerreißenden ins Freie hinaus. Er vernahm einen Aufschrei des Erschreckens hinter sich, einen Moment blieb es still, dann scholl gedämpftes Rufen ihm nach, doch nicht zornig, sondern wie von ungläubigen Lippen, schmeichelnd, bittend, fast klagend: »Was hab ich dir getan? Komm doch, bleib, liebster Knabe! Warum läßt du mich allein? Ich will ja kein Gold von dir, nur dich selber – komm zurück – mich friert, wenn du gehst –« Undeutlicher und auslöschend verklang es im Rücken des Jünglings durch die Nacht, denn er eilte, ohne anzuhalten, geradeaus weiter, bis die Bergwand ihm den Lauf hemmte. Noch ließ er den Drang seines Fußes dadurch nicht behindern, sondern kletterte hastig noch vorwärts, über hängendes Felsgeblöck und zackiges Geröll, das unter ihm wich und schollernd in die Tiefe hinabrollte. Atemlos und furchtlos schwang er sich empor, wohl turmeshoch, bis er eine moosüberdeckte Gesteinplatte fand, die ihm mit sanft abgeschrägtem Hang eine Raststatt darbot. Da hielt er und saß und blickte auf die beglänzte Welt unter sich hinunter. Sie lag noch von demselben Mondlicht bestrahlt, das ihm vor wenigen Tagen erst an der Mauer von Sankt Pilt Velten Stacher gewiesen, wie er in heimlicher Laube den Arm um den Nacken einer jungen Maid geschlungen. Aber das war anders, süßselig zum Herzen hinandringend gewesen, gleichwie die Welt in jener Nacht auch noch umher gelegen. Dann hatte sie sich im Dusenbachtal jählings schreckvoll verwandelt, und so hatte sie es hier eben zum andern Mal getan. Er besaß keinen Namen dafür, nur ein ungestümes, zorniges Pochen in der Brust redete es ihm, und daß Welf Siebald die Schuld daran trage, der ihn gleichgültig in solche Gefahr hineingebracht. Es befiel Guy, wie schon dann und wann, mit einem Widerwillen und Grauen vor seinem Genossen und dem unverständlichen Tun und Treiben desselben; ein sehnsüchtiges Verlangen wuchs in ihm, weiter über die Berge allein sich einen Weg in die Ferne zu suchen. Doch wohin in der Fremde und mit welcher Beihülfe? Als Pfeifer ins Elsaß konnte er nicht zurückkehren – und was sonst? Tief gedankenvoll sah er in die Silberfunken aussprühende Nacht. Die Welt war einmal so, und er mußte sich drein fügen, denn seine Kraft konnte sie nicht ändern. Aber er konnte in ihr dem Ziel seiner Sehnsucht entgegenzukommen trachten und doch der ewigen Sonnenmutter und ihrem Abbild in seinem Herzen Treue bewahren. Das überfloß ihn allgemach mit sanfter Beschwichtigung. Wenn er Welf Siebald verließ, zerrann jede Hoffnung, welche dieser ihm geweckt, in leeres Nichts; hülflos, verlassener als ein Bettler der Gaunerkilt drunten, stand er an der Straße. Er mußte blind und taub sein, um so knabentöricht zu handeln, und sein Herz schlug ihm, daß er vor einer Stunde noch ein törichter Knabe gewesen, doch er sei es nicht mehr. Eine neue Erkenntnis hatte ihm das innerste Sein zugleich abstoßend und verlockend durchschauert und gesellte seinen Empfindungen und Gedanken auch eine neue Fähigkeit seiner Seele: besonnene Klugheit, hinzu. Müde fielen ihm nach und nach die Lider zu, beinahe unbewußt streckte er sich zum Schlaf auf der moosigen Decke aus. Die Welt war so, und man konnte nicht allzeit mit freiem, geradem Wort durch sie hingehen; aber tröstlich blieb's, daß dort oben über dem glanzspiegelnden See im Mondlicht die weißen Zacken silberstrahlend, unverrückt in den Himmel stiegen, die er als Knabe schon so vom Abendsonnenrot vergoldet traumhaft am Rande der Welt gesehen. Die waren doch wandellos an ihr geblieben, und mit ihrem ruhevollem Bilde vor den Augen schlief Guy Loder auf seiner fremdartigen Lagerstatt ein. Doch war's eine kühle Nachtrast, von der Tau und Morgenwind vor der kommenden Sonne ihn frühzeitig wieder aufscheuchten; sein Antlitz redete noch davon, als er nach Stunden im Getümmel der neubelebten Kirmes mit Welf Siebald zusammentraf, denn dieser lachte: »Schaust mit struppigen Federn drein, Pfeifhähnlein, als hättst ein frostig Quartier gehabt; 's kommt wohl, wenn's Feuer ausgegangen, daß die Gänsehaut nachläuft. Denke, du rechnest mir's gut, daß ich dir den feinsten Kiltschatz belassen, der sich nicht ohne Fug Isolde beheißen. Blickt gar sanft nach ihrem Namen aus den Augen, aber die Katzen, die unschuldig tun, spielen am ärgsten mit dem Mäuslein, eh' sie ihm die Krallen ins Fleisch schlagen und sein Blut schlürfen. Trägst allerhand Nachtspur davon, bedäucht mich, an deiner Jungfernhaut und wirst's bald lernen, daß man gegen Männerfäuste bestehen kann, aber aus Weibernägeln und -zähnen nicht heil herauskommt.« Er deutete unter spöttischem Mundverziehen auf mehrere kleine Risse und Schrammen, mit welchen Dorngerank und scharfkantiges Gestein dem Angesprochenen bei seinem nächtlichen Aufklimmen an der Bergwand Gesicht und Hände leicht verletzt hatten. Guy errötete, ein doppeltes Schamgefühl überkam ihn, daß er am Abend in so blöder Arglosigkeit zwischen den Seidenwänden des Zeltes gesessen und nachher einem aufgeschreckten Hasen gleich, scheu und mutlos aus dem Fanggarn eines Weibes davongelaufen war. Er hatte den Hohn seines Gefährten befürchtet, es beruhigte den in ihm erwachten männlichen Stolz, daß derselbe offenbar nichts davon ahnte, wo er die Nacht zugebracht, und mit vermindertem Zorn gedachte er der von jenem Isolde Benannten, da sie von seiner knabenhaften Feigheit und Besinnungslosigkeit geschwiegen und ihn nicht dem Gelächter preisgegeben. Wohl empfand er dabei, es sei unwürdig, den Spott darüber zu scheuen, daß er dem Gebot seines Inneren gehorcht und das Rechte getan; doch die täppische Art, wie er es vollbracht, erregte schon selbst seinen Unmut. Eins klang ihm als Wahrheit aus Welf Siebalds Munde, er hatte lernen müssen; jetzt war er gewappnet und wußte dem unbekannt gewesenen, holdumstrickenden Feinde mit lächelnder Ruhe zu begegnen. Gewandter, als er es gestern noch vermocht hätte, ablenkend, frug er nach anderem, und als der Abend zurückkam, offenbarte sich dem klüger geschärften Blick seines Geistes auch der Zweck, den Siebald zu Gersau und besonders in der wiederum aufgesuchten Schenkbude verfolgte. In einer scheinbar überaus nachlässigen Weise trachtete derselbe, zweifellos im Auftrage eines mächtigen Herrn, Soldknechte anzuwerben, und richtete sein Gebahren so ein, daß er sie dahinbrachte, sich selbst ihm unter den günstigsten Bedingungen anzubieten. Von der Löhnung war wenig die Rede, doch reiche Beute verhieß er ihnen und nutzte seinen Begleiter dazu, durch den Hinweis auf die Erscheinung und hochadelige Abkunft desselben Glaubwürdigkeit für seine Versprechungen zu erwecken. Mehr und mehr erkannte Guy den verschlagenen Sinn, die vielfältige scharfe Menschenkenntnis und zähe Willenskraft, mit denen Siebald unter halb ihm von der Natur mitgegebenem, halb klug berechnetem Junkerbehaben sein Ziel im Auge hielt und dies aufs vollständigste erreichte. Denn bevor noch die Gaunerkilt am dritten Tage ihr Ende genommen, hatte er unverkennbar ein halbes Hundert auserlesener, trotziger Raufgesellen mit Handpflicht seiner Werbung dienstbar gemacht, ihnen Weg, Ort und Zeit, wann sie an letzterem einzutreffen hätten, bedeutet und schiffte sich mit seinem Genossen in einem Boot von Gersau wieder westwärts gegen die Stadt Luzern ein. Im Moment aber, als das kleine Fahrzeug vom Ufer abstieß, kam suchenden Auges ein junges, reichgekleidetes Weib gelaufen und rief atemlos, mit flehender Gebärde die Hände nachstreckend: »Find ich dich endlich – nimm mich mit, du einzig Holder! Wohin gehst du? Ich will bei dir bleiben allüberall und dir treu sein wie ein Hund, ob du mich streichelst oder schlägst –« Doch ein lautes Gelächter Welf Siebalds übertäubte ihr Bitten. »Hat er dir ein Angebind von der Gersauer Kilt hinterlassen, schöne Isolde? Behalt's, die hübschen Brüder und Schwestern dürfen nicht aussterben! Wir haben einstweil anderes zu schaffen, als uns mit Weibern zu kratzen; finden wir uns wieder im Paradies, da beißen wir in eure Schlangenäpfel, bis der Hahn kräht. Vorwärts, ihr Steckenknechte, braucht eure Entenbeine, daß sie unsere Ohren aus dem Geplärr herausplätschern. Wenn wir vor Nacht übers Wasser kommen, springt ein Batzen als Pflaster auf eure Schwielen!« Dreizehntes Kapitel Still lag der See, und auf ruhig dahinschwebenden Flügeln zogen Störche durch die heitere Luft südlicheren Landen zu. Da und dort stach ein vorzeitig verdorrtes Blatt herbstlich aus dem Uferkranz der Wälder und Gärten, doch sommergrün spiegelten sich noch die Wiesen in dem kristallenen Gewässer und blickten die rinderbedeckten Matten von den Berghängen nieder. Kein Wintersturm war noch im Anzug, ringshin umbreitete sonniger Frieden den Kahn, der silberglimmernde Furchen hinter seinem Kiel zurückließ. Aber, wenn's die Natur auch nicht wußte, es war ein trügerischer Anschein. Ob den bezopften Chinesen oder den hageren Söhnen der Wüsten Afrikas die Ehre der Erfindung zukam, Altiral von Prag oder Peter Lips, der jüdische Mönch Lorenz Vola oder der »schwarze Barthel« zu Freiburg den Ruhm mit größerem Recht in Anspruch genommen – gewiß blieb, daß sich ungefähr seit dem Beginn des Jahrhunderts die Entdeckung und der Nießbrauch einer zuvor unbekannten Mischung von Schwefel, Salpeter und Kohle unter den Menschen ausgebreitet hatte, welcher die besondere Eigenschaft beiwohnte, von einem hineinfallenden, noch so geringfügigen Funken mit blitzesgleicher Flamme, donnerartigem Krach und gewaltiger Verheerung ringsum in die Luft geschleudert zu werden. Einer mit solchem Pulver angefüllten großen Tonne aber glich gegenwärtig das weite Landgebiet, über dessen friedliche Natur die weißen Alpenhäupter nach Westen, Norden und Osten bis an die Donau, den Oberrhein und die Rhone hinüberschauten. Nicht im flimmernden Gras und im murmelnden Laub, doch in den Köpfen der Land- und Stadtbewohner dazwischen hatte die reizbare Mischung der toten Elemente eine verwunderlich anähnelnde Zubereitung gefunden, die vielerorten nur auf einen zufälligen, vielleicht lächerlichen Wortfunken harrte, um die ruhige Spätsommerwelt mit wildem Getöse zu durchlärmen. Denn gleich jenen drei Bestandteilen des Schießpulvers lagen eng zusammengerückt und vielfältig durcheinander gerüttelt in den eidgenössischen Landen dreierlei staatliche Gegensätze, deren nahe räumliche Begrenzung nicht mindere Feuergefährlichkeit mit sich brachte. Das waren die »freien Kantone« der Schweiz, die in sie hineingeschachtelten »Herrenländer« von Fürsten, Bischöfen und Rittern und diejenigen Städte, welche sich auch nach den Tagen von Morgarten, Sempach und St. Jakob dem Bunde der Eidgenossenschaft nicht angeschlossen hatten, sondern noch dabei verharrten, in der Fortdauer des alten Freundschaftsverhältnisses und Wehrbündnisses mit dem österreichischen Erzherzoghause ihren Vorteil zu gewahren. Zuletzt hatte das Jahr 1444 zwischen diesen stets aus- und gegeneinander strebenden Elementen einen Stillstand der Waffen herbeigeführt und seitdem, von kleineren Fehden abgesehen, Ruhe über ihnen gewaltet. Aber es war eine schwüle Ruhe, wie sie bei der Verdichtung heißer Dünste am Himmel herrscht; man hatte heimlich und laut jenen Friedensvertrag im Volksmunde mit dem Namen des »faulen Friedens« belegt, und von Jahrzehnten eifrig gehäuft, stand an jedem Ort, in jeder Brust und jedem Kopf die Pulvertonne bis an den Rand gefüllt. Da saßen in der alten Reichsstadt Konstanz Welf Siebald und Guy Loder in einer Herberge beisammen. Sie lag nahe am Konziliumshause, wo vor nunmehr einem halben Jahrhundert Kaiser Sigismund mit drei Päpsten, dreißig Kardinälen, ebensoviel Reichsfürsten und zweitausend Erzbischöfen, Bischöfen, Äbten, Prälaten, Grafen, Doktoren, Priestern und Mönchen sich den Kopf über eine »allgemeine Kirchenverbesserung an Haupt und Gliedern« zerbrochen und zum Beweis ihrer redlichen Absichten zuvörderst Johannes Huß und seinem Begleiter von Faulfisch, genannt Hieronymus, kaiserliches Geleit, Wort und Treue gebrochen hatten, um ihre Asche in den grünwirbelnden Rhein zu streuen. Auch nicht weit vom Bodenseeufer lag die Herberge, denn man vernahm in ihr das Anglucken der Wellen, die der Nordostwind durch herbstliches Nachtdunkel vom schwäbischen Gestade herüberrollte, und im großen Kamin der Schenkstube loderte schon ein wärmendes und hellendes Scheitfeuer gegen die frühzeitige Kälte des Oktoberausgangs. So war's behaglich drin, und das weiträumliche Gemach wie seine Ausstattung entsprachen dem Ansehen, Reichtum und trefflichen Ruf der guten Stadt Konstanz; weniger einem gemeinen Gasthause glich's als einer vornehmen Zunft-Trinkstube, manch adelige Ritterzeche durfte sich schwerlich damit messen. Es saß auch eine hochachtbare Gesellschaft drin beisammen, kein wanderndes Volk von der Heerstraße, sondern lauter Männer mit dem Schwert an der Hüfte, denen man einflußreiche Bürgerwürde vom Gesicht las, zumeist augenscheinlich Inwohner der Stadt; linkshin an einem Wandtisch indes auch einige fremde Gäste, ihre Zwiesprache bekundete sie als gewichtige reisende Kaufleute aus Bern. Mit Trunk und Rede ging's lustig zu, am meisten jedoch durch Welf Siebalds Verdienst. Sein Mund war ein fliegender Born von Schwänken und launigen Kunden, daß beifälliger Ruf und vergnügliches Gelächter unter den Zuhörern kein Ende nahm; nur die Fremdlinge hielten sich in ernsthafter Beredung seitab. »Seid ein fröhlicher Junker, unserer Stadt zur Ehr mit Eurem Besuch!« sprach wohl der eine und der andere Konstanzer Bürger wohlgefällig und trank ihm zu, und der Belobte erwies artig seinen Dank durch gewandte preisliche Hervorhebung der rühmenswerten Stadt, die ihn herberge, und ihrer klugen mannhaftigen Bewohner. Auch der Wirt, dessen Verdienst der beredte Gast förderte, schmunzelte erfreut und mischte sich bei einer Wendung der spaßigen Unterhaltung drein: »Habt gewißlich manch guten Trunk über die Zunge gebracht, Junkherr, hab doch ein Fäßlein im Keller, wie's Euch noch nicht auf Weg und Steg begegnet sein mag. Was bietet Ihr Entgelt, wenn ich Euch den Bären damit anfülle?« Er streckte die Hand nach dem Wandsims und hob einen mächtigen kunstvoll zu Bärengestalt gearbeiteten Erzhumpen herab. Um die Mundwinkel des Befragten flog ein unmerkliches Zucken und ebenso ein blitzkurzer Seitenblick des Augensterns zur Linken hinüber, dann rief er laut: »Sechs Plappart!« »Das ist gering für edlen Trunk,« lachte der Wirt mit gutem Recht, denn ein Plappart war eine von der Stadt Bern geprägte, fast winzig-wertlose Kupfermünze, »doch Euch schenk ich ihn umsonst für weiteren guten Schwank –« Aber Welf Siebald fiel ihm laut-lustig ins Wort: »Begehre nichts, was mir nicht zukommt; sechs Plappart dünken mich für einen Bären genug!« Der Wirt ging, gleichzeitig indes erhob sich von dem Tisch der plötzlich aufhorchenden fremden Kaufleute der Zunächstsitzende, trat hochemporgerichtet gegen Siebald hinan und sagte mit verhaltener Erregung: »Ich verhoffe, Ihr meinet nicht uns mit Eurem Spruch, Herr.« Der Angeredete drehte den Kopf herum, der eine Miene unübertrefflicher Verwunderung auswies, und antwortete harmlos lachend: »Was begehrt Ihr? Womit soll ich Euch vermeint haben? Seid Ihr ein Bär?« Ein schadenfreudig greinendes Raunen über die Erwiderung umlief den Tisch der Konstanzer, dem Berner indes schlug Röte ins Gesicht, und er versetzte heftig: »Ich frug, ob Eure Plapparte auf den Berner Bären gemünzt waren?« Das rief heiter schallende Lache aus Welf Siebalds Kehle. »Ihr tranket wohl doppelt, Herr, und schaut die Dinge mit dem Fuß nach oben. Mich bedäucht, der Berner Bär münzt die Plapparte, deßleider, denn er hat eine Bärenzunge, die ihre Jungen zu dünn leckt.« Der Ton seiner Stimme klang harmlos wie zuvor, doch in den Worten barg sich ein fein hervorzüngelnder Hohn, der die Berner Kaufleute sämtlich aufspringen und mit den Händen an ihre Schwertgriffe fahren ließ. Sie riefen durcheinander: »Welcher Frechling spricht das? Straft den Buben, den schandmäuligen Krautjunker!« Der Bedrohte war, furchtlos über sie hinblitzenden Auges, einen Schritt zurückgetreten, riß seine Waffe von der Hüfte und entgegnete mit einem noch immer meisterlich gespielten, halb ungläubigem Erstaunen: »Ich glaubte, in edler Gesellschaft zu trinken, nicht unter Strauchkleppern und Bärenhütern. Ist das Bürgerstolz und Gastfreundschaft dieser Stadt, daß sie ihre Gäste von Petzen anfallen und sich selbst mit ihren Tatzen ins Gesicht schlagen läßt? Klingt als ein artiges Schmeichellob für Euch, ihr Herren, mit einem Frechling und Buben am Tische zu sitzen! Will Euch nicht längere Schande damit bereiten, noch hier dem Hausfrieden Abbruch tun lassen; komme vor die Tür hinaus, wer einen Plappart von mir begehrt!« Seine Hand stieß die Klinge mit verständlicher Deutung in die Scheide zurück, und er drehte sich gegen den Ausgang; doch ein Dutzend Arme der jetzt gleichfalls ringsum vom Sitz emporgeschnellten Konstanzer streckte sich aus, ihn zu halten, und laute Rufe flogen durcheinander: »Laßt Ihr einen edlen Gast unserer Stadt von den Bärenhütern beschimpfen? Wollt Ihr Euch einen Ring durchs Maul ziehen lassen und am Stock tanzen, wenn sie aufspielen? – Heißt den Junker es uns nicht zum Unglimpf rechnen und werft die Plapparte hinaus!« Der Wein lachte und schrie von den Zungen, mit unverkennbar nüchternen Zügen standen die Berner Herren halb verdutzt dem plötzlichen Getobe gegenüber, einer derselben versuchte zu reden: »Ist's Euer Bedacht, Gastrecht in Konstanz zu brechen?« aber vielstimmig überscholl's die Worte: »Hinaus mit den Bären! Laßt sie draußen in die Nacht brummen! Laßt die Plapparte vor der Tür plappern und klappern!« »Plapparte – Plapparte – Plapparte!« jauchzte, lachte, lärmte die zehnfach überlegene Anzahl der Konstanzer. Der Wirt kehrte in diesem Moment aus dem Keller zurück und sah starr verwundert in das während seiner kurzen Abwesenheit losgebrochene Getöse, doch Welf Siebald riß ihm schnellen Zugriffs den weingefüllten Bärenhumpen aus der Hand, schwang sich, denselben hoch über sich hebend, auf einen Sessel und rief: »Euch zum Dank dies, Ihr Herren, und Eurer edlen Stadt, die nicht hochmütigen Schimpf an einem Gaste duldet! Wollt Ihr gewahren, wie man einen störrischen Bären zwingt?« Und das große Gefäß an die Lippen setzend, leerte er es auf einen Zug aus. Nun brach der Jubel noch ungestümer aus allen Kehlen. »Vergeßt nicht, sechs Plappart dafür zu zahlen, Ihr spracht recht, so viel ist der Bär wert!« Ohne ein Wort mehr wandten die Berner Kaufleute sich vor der dicht gegen sie hindrängenden Überzahl spöttischer Gesichter zur Tür und verließen die Gaststube; nur auf der Schwelle drehte der Vornehmste von ihnen noch einmal den Kopf und sprach drohend: »Die Plapparte werden Euch teuer!« Dann hatten sie rasch draußen ihre Pferde gesattelt, und nach wenigen Minuten verklang ihr Hufgetrapp durch den Nachtwind gegen das südliche Stadttor von Konstanz. Drinnen brauste das Gelächter unbändig fort, der Wirt rief: »Ich hatt' einen guten Schwank für den Bären von Euch gefordert, Herr Junker, aber für den füll' ich ihn nochmals an – ohne sechs Plappart!« Hatte Welf Siebald gewußt, daß die beiden letzten Worte ein lächerlich klingender Funke gewesen, der in die große Pulvertonne zwischen den weißen Alpenköpfen, dem Rhein und der Donau gefallen, und hatte er ihn etwa mit wohlberechneter Absicht hineingeworfen? Seine harmlose Miene verriet so wenig davon, daß selbst Guy Loder keine Ahnung solches vorbedachten Zweckes beschlich. Unbefangen scherzte der erstere beim Becher über den hohlen Selbstdünkel und die stumpfen Krallen des altgewordenen Berner Bären fort, ergötzte seine Zuhörer weidlich mit mancher Mär von der täppischen Albernheit desselben und pries dankbar sein Geschick, daß er hier so mannhaft beherzte Beihülfe wider die ungeschlachten Tatzen gefunden, wie wohl keiner anderen Stadt Bürger sie also hochsinnig und kraftbewußt einem fremden, vom Übermut verunglimpften Gaste gewährt hätten. Doch als in der nächsten Morgenfrühe hinter ihm und Guy Loder das altersdunkle Tor von Konstanz sich geschlossen, drehte Welf Siebald den Kopf zurück und sprach mit höhnischem Zucken um die Mundwinkel: »Sechs Plappart, Pfluggesell – hast du schon gewahrt, daß man verschabtes Kupfer in die Mäuler säet, damit ein Goldbaum draus aufschießt? Ich denke, manch Rabengekrächz wird um ihn schnarren –« Verständnislos blickte Guy ihn an und fiel ihm ins Wort: »War's dein Wille – kein, Zufall – daß der Zwist sich hob? Warum, wozu?« Da lachte der Befragte: »Zufall ist alles, Knäblein, von unserer Mutter Wehstunde an, ob sie uns in ein Herrenbett legt oder hinter den Zaun an die Wegstraße wirft. Was unser Hirn kann, wenn die liebe Frau von Dusenbach es uns im Schädel belassen, ist, den Zufall am Schopf zu packen. Das hab' ich gestern Abend getan – wozu? – hoffe, du wirst's hören und schauen. Wenn die Spatzen sich balgen, stößt der Sperber drein, und stößt der Habicht auf ihn, ist's Zeit für den Geier, aus dem Horst zu schießen. Vorwärts, unsere Zeit ist kurz, denn die Plappartsaat kann hurtig aufgehen und die Sicheln müssen gewetzt sein. Begegnet mir ein Kaufmann gut, Den Plappart tät ich ihm lassen.« Vierzehntes Kapitel Kaum um eine Woche später aber hielt vor dem Konstanzer Südertor ein kleiner Reitertrupp, der ein Banner mit dem Wappenschild der Stadt Bern in seiner Mitte führte. Sie stießen, ihre Ankunft deutend, ins Horn, begehrten jedoch beim Wächter nicht Einlaß, sondern daß einige von den Herren des Rates auf der Mauer erscheinen und ihnen kurze Beredung verstatten möchten. Das geschah nach einer Weile, und der Sprecher der drunten Haltenden kündete hinauf, die gebietenden Herrn von Bern hätten sie abgesandt, in gutem Willen die Stadt Konstanz zu befragen, ob selbige für Schimpf und Schädigung, die in einer ihrer Herbergen Berner Kaufleuten zugefügt worden, den Verunglimpften rechtschaffen genugtun, und die Übeltäter zur Buße verhalten wolle? Darüber erhob sich Raunen und Lachen auf der Mauer, und es kam die Antwort herunter: Es wisse der Rat zu Konstanz nicht von Schimpf und Schädigung, nur daß in einer Schenkstube über Plapparte gelacht worden sei, wie's wohl jeglichem bei fröhlichem Trunk freistehe, ingleichen es mit anzuhören oder aus dem Gasthause davonzugehen. Würden sonder Zweifel sich gleicherweis dran mit vergnügt haben; entböten drum guten Willen zurück, doch vermöchten nicht Übeltat, vielmehr nur lustigen Spaß drin zu gewahren, der in schwarzgallig Blut fallen müsse, um ihm solch fälschlichen Leumund zu regen. Schweigend hörten die Reiter den Erwiderungsbescheid bis zum Schluß, dann versetzte der Anführer mit Gelassenheit, als ob er wohl nicht andere Entgegnung erwartet: »So habe ich von meinen Herren der Stadt Konstanz Absage zu tun, daß wir von Stund an außer Fried und Freundschaft mit ihr sind, ihre Bürger zusamt Hab und Gut greifen werden, wo wir sie antreffen, Eure Mauern berennen, wenns uns gut dünkt, und selber die Buße für den Schimpf uns erholen.« Auch der Konstanzer Rat mochte nicht andere Antwort erwartet haben, denn der Stadtschultheiß gab alsogleich darauf mit trotzigem Selbstbewußtsein Entgelt: »So vermeldet, wir würden Euern Bären von der Bissigkeit zu heilen wissen, wo wir ihn befinden; haltet aber im Gedächtnis, daß Konstanz eine freie Stadt des Reiches ist und daß seine Tatzen den Fängen des Adlers an unserer Mauer begegnen, dessen Zorn, wenn Ihr ihn aufweckt, gewaltige Sühne heischen wird.« Da flog zum ersten Mal ein Lachen um den ernsthaften Mund des Berner Abgesandten, und er gab kurz nochmals zurück: »Schätzet Ihr einen Bären auf sechs Plappart, so mögen wir wohl einem Adler mit dreien genug tun; lasset uns am Schluß fragen, wer besser gerechnet.« Und sein Fähnlein umschwenkend, ritt er mit seinem Geleit davon. Als der Herbst aber die letzten braunen Blätter wirbelnd auf Feldern und Straßen umtrieb, fiel ein starker Berner Heerhaufen raubend, plündernd und Feuersäulen von brennenden Dörfern vor sich aufschickend, ins Konstanzer Landgebiet ein. Ein lächerliches Wort hatte zwischen den beiden Städten den »Sechsplappartkrieg« entzündet, doch auch dieser selbst war nur ein winziger Funken, der, erst an der Lunte weiterglimmend, die große Pulverkammer vom eisigen Quellbeginn des Rheines bis zu seiner versandeten Ausmündung in die Luft zischen, flammen und donnern lassen sollte. Mancherlei Ortschaften hatte inzwischen Guy Loder mit Welf Siebald noch besucht und aus dem Treiben und Reden des letzteren in genügsamer Deutlichkeit abgenommen, daß derselbe allerorten in Städten und auf offenen Wegen unter abenteuerndem Volk nach starkknochigen, keckblickenden Gesellen umfahndete, solche mit Handgelöbnis und geringfügigem Angeld in Pflicht nahm und ihnen unter Zusicherung reichen Gewinnes Zeit und Ort für ihr Eintreffen kundgab. Wo dieses indes statthaben solle, für wen und zu welchem Zweck die Anwerbung geschehe, vermochte Guy nicht in Erfahrung zu bringen. Es lag ihm auch nicht sonderlich dran, vorzeitige Klarheit darüber zu gewinnen; jedenfalls gab es über kurz oder länger Fehden, Streit und Kampf und Anlaß, dabei zu Auszeichnung und Ehren zu gelangen. Ihm wars, wie zuvor Lied und Flötenspiel, so habe ihm unbewußt auch Waffenlust im Blut gesteckt und, hastig mit dem Schwertgehenk an der Seite aufwachsend, jeden anderen Trieb in ihm überwuchert; und ob ihn kein innerliches Band mit seinem Begleiter verknüpfte, trug er ihm doch Dank, daß derselbe sich in ernster Stunde seiner Ratlosigkeit angenommen und ihm den Weg erschlossen, seine unnütz gewordene Pfeiferkunst mit hoffnungsvollem kriegerischen Handwerk zu vertauschen. Schwerwolkiger Herbst war jetzt über die Lande gekommen, von vielfältigem Regenniedersturz bäumte der Rhein sich hochwogig unter den Brücken der Waldstädte Säckingen, Waldshut und Laufenburg empor, in welchen die beiden Wanderer geraume Weile Einkehr hielten; im Dezemberbeginn war's, als die mächtig umtürmte, stolz über den wilden Strom blickende Stadt Rheinfelden sich vor ihnen aufhob. Auch zu dieser lenkten sie hinüber, doch auf der langen, bedeckten Brücke traf sie vor dem Tore die Botschaft, die Berner lägen mit grimmiger Gewalt um die Mauern von Konstanz, das vergeblich bei Kaiser und Reich nach Hülfe umherrufe, und die Stadt werde nach wahrscheinlichem Bemessen sich binnen kurzer Frist dem Bären in die Krallen liefern müssen. Da drehte Welf Siebald vor dem Tor von Rheinfelden den Schritt zurück und lachte: »So haben die Plapparte noch reichlicher eingekauft als ich verhofft, und ist's Zeit, daß der Sperber in die Spatzen dreinfährt. Trag auch selber kaum einen Plappart mehr im Sack, und hast's verspürt, war gut vollgestopft, als wir selbander von der Dusenbacher Narretei abzogen. Ist auch von unseren Sohlen nicht gar viel mehr übrigblieben, müssen uns die Hufe frisch beschlagen lassen. Komm zur Schmiedstatt, denn es ist so weit, daß wir drin die Eisenschuh uns nicht allein über die Füße ziehen.« Eilfertig begaben sie sich weiter stromab, doch so dichter Nebel fiel jetzt über Alles um sie her und blieb unbeweglich bei Nacht und Tag, daß Guy auf wenige Schritte weit nichts mehr zu unterscheiden vermochte. Er wußte nur, daß sie in westlicher Richtung fortgingen und daß bereits ihm aus alter Zeit bekannte Berggipfel des Schwarzwaldes ihnen zur Rechten aufragen mußten; aber das Auge gewahrte keinen Schimmer von Höhe und Niederung, nur den wechselnd steinichten und sumpfbrüchigen Weg hart vor dem Fuß. Kurze Stunden nach Mittag schon brach volles Dunkel herein, und an einem dumpfen Grollen, Fauchen und Zischen zu beiden Seiten bemerkte Guy Loder allein, daß sie abermals eine Rheinbrücke überschritten; sie mußten wieder den Boden des Elsaß betreten haben und sich geradeaus durchs breite Tal gegen die Bergwand des Wasichin wenden. Welf Siebald war nicht zum Reden aufgelegt, außerdem machte der schleunige Gang das Sprechen fast unmöglich. Ab und zu tauchte matt ein Lichtschimmer aus Nebel und Nacht, danach schien er sich zu richten. Dann verriet einmal ein dichteres Häuflein solch glimmender Irrwische die Häuser einer Stadt, doch bildete auch diese nicht das Ziel der Wanderung, sondern linkshin unter den dunklen Mauern hob der Weg sich nun aufwärts. Hartfelsiger Grund kündete, daß sie das Gebirge erreicht hatten und dran emporstiegen; ziemlich steil, doch auf erträglichem Pfad, ungefähr eine halbe Stunde lang, da hielten sie zum ersten Mal an. Von Kindheit auf mit der Bemessung von Berghöhen vertraut, schätzte Guy ihren Standpunkt auf ein halbtausend Fuß über der Sohle des Rheintales, vor ihnen lag hohes, schwarzes Gemäuer, Welf Siebald gab ein besonderes Zeichen mit seinem Horn, eine Zugbrücke fiel und sie schritten hinüber. Durchs Tor traten sie in den Innenraum einer offenbar weit umfangreichen Burg, einige Pechpfannen loderten, blendeten indes das Auge mehr, als sie ihm nützten, und ließen den Aufstieg mehrerer gewaltiger, in der lichtlosen Luft verschwindender Warttürme nur undeutlich ahnen. Nun geleitete der Wächter, mit dem Siebald kurze Worte getauscht, sie in eine Tür, und die bisherige tote, finstere Stille wich plötzlich einem geräuschvollen, von flackernden Kienspänen überhellten, bunten Getriebe. Es rasselte und klirrte von Schwertern, Streitkolben, Partisanen, Schienen, Eisenkappen, erzbesteppten Kollern, an denen in mehreren großen, flachüberwölbten Räumen wohl ein halbes Tausend emsig geschäftiger Landsknechthände prüften, Rost absäuberten und besserten; trotz dem dadurch verursachten vielfältigen Getöse lag indes dennoch etwas wie vorschriftsmäßig Gedämpftes in der eifrigen Geschäftigkeit. Gar manche Köpfe, über die Guys Blick hinfiel, erkannte er als solche, mit denen er zu Gersau in der Schenkbude und an anderen Orten zusammengesessen, doch bildeten sie immerhin nur eine Minderzahl des beträchtlichen Haufens. Sie achteten nicht auf ihn, und auch sein Auge streifte sie nur flüchtig; Denken und Empfindung in ihm waren von einem stürmischen Herzklopfen überwogt, daß Welf Siebald seine Verheißung wahr gemacht und das Tor einer stolzen Burg sich ihm aufgetan hatte. Wo diese vom Bergrand emporragen und wem sie zu eigen sein mochte, gab nichts ihm einen Anhalt, aber er sann auch kaum drüber nach; Waffen, Kampfbereitschaft und kriegerische Wettlaufbahn winkten ihm hier; in wessen Dienst, galt gleich. So durchschritten sie das ameisenhaft belebte Untergeschoß der Burg, stiegen gewundene Treppen hinan und gelangten rasch in eine hochgeräumige, von einigen Fackeln nicht übermäßig erleuchtete Schloßhalle. Es war frostig darin, leer, der Steinflur zerlöchert und die Ausstattung äußerst dürftig und unwohnlich; doch stand ein Tisch von dampfenden Speisen und grob-irdenen Weinkannen besetzt, an dem ein einzelner Mann mit kräftigem Gebiß geräuschlos kauend, späte Abendmahlzeit einnahm. Wie derselbe lässig den Kopf umdrehte, von dessen breitknochiger Stirn sich das ungebändigte Haar zu einem störrischen Schopfwirbel aufsträubte, kam's Guy Loder, daß er das Gesicht und die baumstarke Gestalt schon einmal gesehen; allein er wußte nicht, wann und wo; erst da sein Begleiter ihn leichthin als einen Wohlbekannten mit einem lustigen: »Eure Zähne mahlen gut,« ansprach, brachte die erwidernde Stimme des Hünen dem Jüngling ins Gedächtnis, daß es Armin Klee, der Schopfmüller von Mülhausen, sei. Er leerte zuvörderst den ungeheuren Krug, dann versetzte er, sich mit der wuchtigen Faust die herabgeträufelten Weinperlen aus dem flächsernen Bart wegtrocknend: »Seid Ihr's, Wendelin? Haben Euch schon ehender erwartet, der Gestrenge ist wohl mit Eurer Sendung zufrieden. Verhoff, Eure Fiedler werden ein Stück aufspielen, daß die Klappersteine zu tanzen anheben.« »Kommen wir gerad recht zur Nacht?« frug Welf Siebald begierig, doch der Müller fiel verdrossen umschlagenden Tones ein: »Heißt's ihn, nicht mich; er will noch zuwarten, denke, die Hähne solln's erst auskrähen, was für Mehlsäcke hier drunten im Keller liegen.« »Habt Ihr aufgekündigt?« entgegnete der andere und Armin Klee stieß unter ingrimmiger Lache zur Antwort hervor: »Daß ich ein Tolpatsch wär! Hätt' Euch für besser im Hirn gehalten, Wendelin, zu glauben, daß der Kater vorm Mausloch miaut. Bin kein Rittersmann mit edler Junkernarrheit unterm Schopf; wer mir's Recht weigerte, ist gewarnt, dem nehm ich's – hiermit!« und der Müller hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Ziergeräte und Kannen klirrend wackelten. Doch gleich darauf dämpfte er die Stimme herunter: »Da kommt er, redet Ihr ihm zu, er gibt etwas auf Euch.« Von einem Nebengemach dröhnte schwerschütternder Tritt heran, und eine langragende Gestalt trat, bis auf das unbedeckte Haupt in voller Eisenrüstung, durch die Tür. Nun fiel der Fackelschein auf ihr finster in sich verschlossenes, blasses Gesicht, und jählings lief Guy Loder ein unwillkürlicher Schreck vom Scheitel zur Sohle hinunter; es war der Ritter Bertulf von Egisheim. Blitzgleich durchzuckte es im nämlichen Augenblick den Kopf des Jünglings: er konnte nicht auf der Giersburg sein, o mußte er sich in der verfallenden Stammburg des Ritters über dem Städtchen Egisheim befinden, deren drei hohe Türme ihm Velten Stacher einmal, geisterhaft aus dem rinnenden Nebel herabdrohend, als Dagsburg, Walchenburg und Weckmund benannt und warnend beifügt hatte, sich gut auf der Hut vor ihnen zu halten, denn der Volksmund rede, der Rufacher Galgen sei gesundere Herberge als ihre Gastkemenate. Und zugleich ward es ihm deutlich, weshalb Welf Siebald am Abend des letzten Pfeifertages auf der Giersburg vorgekehrt, woher er seinen wohlgefüllten Säckel genommen, und daß er selber von jenem in den Dienst des Ritters von Egisheim angeworben sei. Dieser erkannte jedoch offenbar den zum mannhaften Jüngling aufgewachsenen Knaben ebensowenig wieder, als Armin Klee es getan. Den Kopf hebend, trat er auf Siebald zu, und seine düstere Miene erhellte sich einen Moment um ein Geringes von kurzem, nickendem Lideraufschlag. »Rückgekehrt?« sprach er, soweit seine Stimme das Mürrische und Harte ihres Klanges abzuschwächen vermochte, mit wohlgefälligem Ton: »Hast gut ausgerichtet, womit ich dich betraut. Iß und trink, siehst aus, daß du's bedarfst. Wen bringst du mit?« Der Befragte gab kurz über Guy Auskunft, und der Ritter maß diesen prüfenden Blickes. Die Betrachtnahme schien nicht zu Gunsten des Jünglings auszufallen, denn er zuckte geringschätzig die Achseln: »Hättest du mir nicht Bessere zugebracht, wüßt ich dir geringen Dank. Zieh ihm Weiberröcke an, und er wird wie eine Jungfer dreinschauen; warum ist er von der Pfeife weggelaufen?« »Die Rappoltsteinschen haben ihm Schimpf angetan,« erwiderte Welf Siebald. Das besserte sichtlich die Meinung des Ritters über den Beredeten etwas, denn er nickte flüchtig: »So mag er im Eisenkoller aufweisen, daß kein Dirnenblut in ihm steckt.« Er schlug bei den letzten Worten eine unwillkürlich hervorbrechende scharfe Lache auf und fügte, die Stirn wider Siebald drehend, bei: »In allen steckt's, kannst du dreinreden, denn es kommt nicht vom Vater allein. Aber ob's mehr von ihm gekommen, das macht's aus. Trink, Welf, ich sprach's, daß ich mit dir zufrieden bin.« Er füllte selbst einen Becher und drückte Siebald mit der Hand auf einen Sitz am Tische nieder, während er Guy unbeachtet stehen ließ, und befrug den ersteren, ob er neue Botschaft von Konstanz mitbringe. Das gab mancherlei Antwort, in die Armin Klee dreinrief: »Den Humpen wollt ich dem trinken, dessen Zunge die Plapparte ausgebracht!« »So trinkt ihn mir,« versetzte Welf Siebald ruhig. »Du?« fuhr der Ritter überrascht, ungläubig auf, und Siebald berichtete lachenden Mundes. Der Blick des Burgherrn haftete mit einem absonderlich bohrenden Glanz auf ihm, bis er schwieg, dann stieß jener aus: »Das war meisterlich, Bursch! Nimm's nicht auf dich, wenn ich von schlechtem Weiberblut geredet, du hast bessere Tropfen in dir! Hättest andern Namen verdient! Deine Wohlfahrt!« Er klirrte seinen Becher an den Welf Siebalds, der Müller leerte unter unbändigem Gelächter den Humpen und rief: »War ein guter Wind, der Euch vor vier Jahren nach Mülhausen wehte, Wendelin! Es bedünkt mich auch, wie der Herr Ritter spricht, Eure Mutter hat's versehen, Ihr hättet nach Eurem Ausschaun und Eurer Klugheit einen Junkernamen mit Euch auf die Welt bringen sollen.« »Vielleicht trog mein Vater mich als Strauchdieb drum, Schopfmüller,« lachte der Angesprochene; doch jählings von seiner ungewohnt guten Laune umschlagend, fuhr der Ritter jetzt mit herrischem Gebot drein: »Was schwatzt Ihr Narrheit, als gäb's nicht anderes zu bereden! Wie viel Köpfe sind drunten?« »Genug,« antwortete Armin Klee kurz. »Ihr lügt!« stieß der Ritter plötzlich verwundersam angeschwollenen Zornes aus; »Euch kümmert's nicht, wenn's mißlingt, was morgen ist, und Euer Sack hat mir nichts zugebracht für die gierigen Mäuler, ob Ihr's vorher geprahlt!« Der Müller warf einen Blick nach dem Fenster und versetzte: »Die Nacht ist schwarz, als hätten wir sie bestellt, und habt Ihr die Schlüssel, weis' ich Euch den Weg zu den Goldtruhen.« Und er blinzelte Welf Siebald an: »Eurem Wort vertraut der gestrenge Herr besser, begehrt Ihr's von ihm, daß wir nicht länger säumen.« Aber mit heftigem Ruck sprang der Burgherr nun vom Sitz. »Was soll der Prahlmatz mir? Versucht's mit dem großmäuligen Burschen, wenn's Euch gelüstet, Müller! Bin ich der Herr oder er? Ich will nicht – heut nicht – wer will mich zwingen, wenn ich nein sage?« Er setzte, groß ausschreitend, den Fuß gegen das Nebengemach, aus dem er zuvor gekommen. Eh er jedoch die Halle verlassen, flog sein Kopf plötzlich herum, denn eine Stimme hinter ihm frug: »Was wollt Ihr nicht, Ritter von Egisheim?« Niemand hatte während des letzten erregten Wortwechsels Acht darauf gegeben, daß die Tür von der Steintreppe her sich aufgetan und eine mittelhohe Mannesgestalt, schon seit einigen Augenblicken schweigsam zuhörend, hereingetreten war. Auch Guy Loder gewahrte dieselbe erst jetzt; das Fackellicht ließ die schmucklose Kriegsrüstung eines Soldknechtes erkennen, halb abgenutzte schwarze Arm- und Beinschienen, ein verschartetes Wehrgehenk fiel an der Hüfte nieder, den Kopf umgab ringsum bis auf die Schultern hinunter die enganschließende Eisenkappe, wie der gemeine Heerhaufen der Zeit sie in der Schlacht und beim Ansturm auf eine verteidigte Mauer trug, mit einfachem, schräg verstellbarem Fallgitter zum Schutz des Gesichtes. Verwundert drehten Armin Klee und Welf Siebald die Hälse nach der Richtung, aus der die unerwartete Stimme gekommen, der Ritter dagegen tat einen raschen Schritt vor. Unter den buschigen Brauen wetterleuchtete ihm Befriedigung, seinen Unmut rückhaltlos ungebändigt herausfahren lassen zu können, und rief: »Wes erfrechst du dich, Stallbube? Wer hat dir verstattet, dich in den Herrensaal zu schleichen und zu fragen, was ich will oder nicht! Hinunter mit dir zu den Kellerratten!« Doch der Angefahrene blieb unbewegt stehen und erwiderte: »War's nicht Euer Wille, heut Nacht auszuziehen, so werdet Ihr's, wenn ich es Euch heiße.« Das entloderte den hochaufgereizten Grimm des Burgherrn zu wildem Überkochen. »Hund von einem Soldknecht!« schrie er, »drohst du mir um deinen Lohn? Ich zahl ihn dir gleich!« Und mit knirschendem Gebiß riß er sein langes Schwert aus der Scheide. Aber der Bedrohte blieb ebenso furchtlos wie zuvor; unter der über ihm auffunkelnden Klinge schlug er gelassenen Armes das Visiergitter seiner Eisenkappe in die Stirn, und nur die freigewordenen Lippen stießen mit einem gebieterischen Nachdruck hervor: »Tod und Teufel, unsere Zeit ist kurz! Ihr werdet tun, was ich Euch heiße, Ritter!« Einen Augenblick starrte der Ritter Bertulf von Egisheim den Sprecher jäh verdutzt an, die geschwungene Waffe fiel ihm aus gelähmter Hand und kollerte auf den Boden, dann stammelte er: »Vergebt mir, Herr –« Doch der vor ihm Stehende fiel herrisch ein: »Schreit mich nicht an die Wände! Wollt ich's, ständ ich anders hier! Ich bin heut Nacht Euer Soldknecht, wie Ihr mich geheißen: will ein Probstück Eurer Kunst schauen. Der Bär hat seit ehegestern Konstanz in den Klauen; in einer Stunde seit Ihr bereit. Laßt mich und gebt mir für Hunger und Durst! Ich bin weit geritten, heut Euer Gast zu sein.« Eine wundersame Verwandlung war über den Burgherrn gefallen; er verneigte sich tief und ebenso stand Welf Siebald demütig gekrümmten Rückens. Nur der Müller kannte offenbar den plötzlichen Ankömmling nicht, fühlte indes, daß die unerwartete Erscheinung desselben jeden vorherigen Widerspruch des Ritters mit Übermacht brach; so lachte Armin Klee, zur Seite getreten, breitspurig über die vom Dach herabgefallene Unterstützung seines nächtlichen Begehrens vor sich hin in den Bart. Staunend aber verwandte Guy Loder noch immer den gefesselten Blick nicht von dem Fremden. Im Moment, als derselbe über der unscheinbaren Landsknechttracht das Visier aufgehoben, war ein Doppelstrahl gleich dem Lichtblitz zweier Karfunkelsteine drunter hervorgeschossen, wie der Jüngling nichts ähnlich Glühendes, Pfeilscharfes, stolz Gebieterisches von Menschenaugen je gesehen. Dazu schien die mittelgroße Gestalt machtvoll in die Höhe zu wachsen, als ob sie über den hohen Wuchs des Ritters von Egisheim emporrage; ein dunkel umbartetes Antlitz in vollster Kraft des Mannesalters, von unbeugsamem Willenstrotz, hochfahrendstem Stolz und unbändiger Leidenschaft durchprägt, flammte aus der ärmlichen Eisenkugel heraus. Jede Regung der Miene sprach: Gegen diesen Willen gab es kein Wort, gegen den Arm keinen Widerstand; er zerbrach den Ungehorsam gleich dürrem Stecken, und die Erde konnte nichts tragen, vor dem sein zügelloser Mut und sein Kraftgefühl zurückschrak. Man brauchte seinen Namen nicht zu wissen; wie bei keinem Zweiten, der lebte, befiel die Übergewalt seines Hintretens mit niederbeugender Wucht, wie ein Sturmwind in Schilfhalme hineinstößt. Nun drehte er geringschätzig den Kopf gegen Armin Klee, maß ihn kurz und frug: »Seid Ihr der Müller, dem sie Recht geweigert? Wer Eure Faust trägt, hat das Recht. Sorgt, daß Eure Steine gut mahlen! Geht alle und legt Hand an! Wenn die Kanne leer ist, brechen wir auf. Du da bleib und schenke mir!« Mit dem letzten winkte er Guy Loder, setzte sich an den Tisch und begann mit den Überresten der Mahlzeit seinen Hunger zu stillen, während der Ritter samt den beiden Anderen schweigend, ohne ein Wort des Einspruchs mehr, die Halle verließ. Der unvermutete Abendgast aß mit gleichgültiger Hast; wenn er den Becher geleert, schlug er ihn hart auf die Eichenplatte des Tisches, und hinter ihm harrend, füllte Guy neuen Trunk ein. So verging eine Weile, bis der Fremde einmal, sich schüttelnd, das Gefäß vom Munde setzte und laut ausstieß: »Keltert Euren Wein aus Schlehtrauben, däucht's! Foudre de Dieu gehört Mannescourage dazu, vor solchem Bärenblut nicht Fersengeld zu geben. Hält Eures hier davor Stich, ohne eine Fratze zu schneiden? Zeig's mir auf, Bursch!« Sein Wink gebot dem Jüngling, gleichfalls einen Becher des herben Weines auszuleeren: dürstend nach langem Fasten nutzte Guy mit Freuden die Erlaubnis und trank, ohne eine Miene zu verziehen, mit sichtbarem Wohlbehagen. Von den Lippen des Zuschauers flog zum ersten Mal ein lustiges Auflachen, und er rief: »Gottsblitz, bist ein Maulheld, der mir über ist! Deine Zung schrickt vor des Teufels Leibtrunk nicht – oder war's kein Todesmut – Deine Haut schauet weiß drein – , bist auch umgeritten und möchtest gleiche Bravour mit den Zähnen kundgeben?« Der Befragte stand wortlos, sein Gesicht war in der Tat nach der rastlosen Marschanstrengung des Tages farblos gewesen, jetzt floß Röte vom Trunk darüber, mehr jedoch noch von der unerwarteten Ansprache des Namenlosen, dessen Züge einen Augenblick ihre herrische Strenge abgelegt und, von heiter aufsprudelnder Laune übergoldet, so gewinnend dreinblickten, daß Guy kaum das nämliche Antlitz vor sich zu gewahren glaubte. Ein hinreißender Zauber umspielte die lachenden Lippen desselben, die ohne eine Erwiderung abzuwarten, mit schalkhaftem Ton nachfügten: »Schmalhans ist wohl Küchenmeister auf Eurem Raubnest? Bist hungrig, Kamerad? Sitz hin? Die Faust steckt im Magen, und du sollst sie noch brauchen zur Nacht.« Er faßte Guys Arm, zog ihn, auch in seiner Scherzanwandlung keinen Widerspruch noch Aufschub duldend, an den Tisch nieder und schob ihm, was noch an Speisen übrig geblieben, hin. Dann hielt er die Augen mit Gefallen auf den jetzt frank und frei hungrig Zugreifenden verwandt und frug nach kurzer Weile: »Bist du des Hauses Sohn?« Guy schrak zusammen, eine Empfindung, als ob er sich einer Täuschung schuldig gemacht, schnürte ihm plötzlich wieder befangen die Brust, daß er halb stotternd hervorbrachte: »Nein, Herr – ich bin nicht von edlem Blut – nur eines Bauern Sohn –« Doch wegwerfend fiel der andere ihm ins Wort: »Edles Blut? Wer hat's? Der zuletzt auf der Mauer ist und den Feind an der Kehle packt! Mit der Faust, wenn's Schwert bricht! Hast's gesprochen, schaust nicht nach edlem Blut aus, Milchbart!« Er sprang auf; das flüchtige Gefallen, das er an dem Jüngling gefunden, war sichtbar von anderen Gedanken verdrängt und ausgelöscht. Auch Guy erhob sich, Stirn und Wangen dunkel von Blut überströmt, doch der Fremde achtete nicht mehr auf ihn. Ungeduldig schritt er einigemal, ab und zu das Schwert auf den Boden stoßend, in der Halle hin und her, dann wendete er sich dröhnenden Schrittes gegen die Tür. Diese öffnete sich, bevor er sie noch erreichte, und er fuhr zornig heraus: »Schlaft Ihr drunten? Ich bin nicht gewöhnt, auf Schneckengezücht zu warten! Mein Pferd! Ich reite zurück, wenn Ihr noch unfertig seid!« Der eintretende Ritter von Egisheim verneigte sich jedoch tief mit der unterwürfigen Entgegnung: »Es ist alles bereit, Herr.« Die Fußtritte der Beiden klirrten hastig die Stufen draußen hinab, und Guy Loder stand allein in der großen Burghalle. Er suchte über das zu denken, was er seit einer Stunde erfahren: den Ort, wo er stand, die Menschen darin und ihre Reden, aber alles schwirrte ihm im Kopf durcheinander. Unablässig drängte der seltsame strenge Gast sich ihm, wie noch leibhaft dastehend, vor die Augen und scheuchte jeden anderen Gedanken. Wer mochte es sein, vor dem selbst der stolze Burgherr wie ein Nichts sich bog? Er redete deutsch, indes mit einem Anklang fränkischer Sprache, von der er dann und wann ein Wort einmischte. Hochbewußt über jeglichem klang sein Gebot, befahl sein Handwink, doch fast ebenso unwiderstehlich hatten die ritterliche Anmut seines scherzenden Mundes, der Zauber seiner heiter aufblitzenden Augen den Jüngling bewältigt. Und heiße Schamglut brannte diesem noch immer im Antlitz über das geringschätzige Wort, mit dem der Unbekannte von ihm aufgesprungen, von dem »Milchbart«, dem er nicht Mut und Tapferkeit zugemessen. Da kam eilig ein Fuß die Treppe herauf, und Welf Siebald trat ein; sein Blick lief nach etwas um, das er in der Halle vergessen. Er war mit Brustharnisch und Helm bekleidet; Guy erkannte ihn erst, als derselbe, seiner ansichtig werdend, ihm verwundert zurief: »Stehst im Schlaf? Worauf wartest du denn, Narr? Die Vordersten haben schon das Tor hinter sich! Soll'n die Plapparte etwa zu dir kommen?« Achtlos wollte er wieder hinauseilen, doch nun sprang der Jüngling, aus seinen Sinnen auffahrend, ihm nach, faßte den Arm Siebalds und stieß fieberhaft aus: »Hast du auch Waffen und Rüstung für mich? Gib sie mir – ich will's ihm zeigen, daß mein Blut nicht feig ist!« »So mach hurtig, daß wir nicht zu spät zum Tanz kommen! Willst dem Ritter zeigen, daß du kein Feigling bist? Der Leu hat ihm auch die Pranken gewiesen, daß seine Hoffart ins Mausloch gekrochen! 's ist lustige Nacht und des Müllers Schopf unser Leuchtspan!« Welf Siebald riß Guy an der Hand in die Rüstkammer der Burg hinunter, und nach kurzer Frist trat der letztere umgewandelt draus hervor, eisengewappnet vom Scheitel bis zum Fuß; eine Schutzkappe für den Kopf hatte gefehlt und Siebald, zur Hast treibend, ihm einen Ritterhelm mit wallender Feder aufgedrückt. Der Burghof war schon leer, als sie hinausgelangten, doch auf dem Bergweg, der ins Rheintal hinabführte, erreichten sie den Nachtrab des schleunig aufgebrochenen Heerhaufens. Fast lautlos bewegte sich dieser langsam durch das tiefe Dunkel, nur da und dort schlug flüchtig ein Geklirr auf, das rasch der pfeifende Dezemberwind verschlang. – Am manchmal hervortauchenden und schnell wieder schwindenden Schimmer eines Sternes ließ sich erkennen, daß sturmgepeitschte Wolken droben flogen, sonst nahm das Auge kaum etwas gewahr. Es mußte über Mitternacht hinaus sein, ab und zu tönte die Stimme des fremden Ankömmlings auf der Burg mit einem gedämpften Fluch in deutscher oder fränkischer Sprache, der zu hurtigerem Vormarsch trieb. Als sie die ebene Straße drunten angetroffen, ging es schneller; Abbiegen zur Rechten deutete Guy, daß der Zug sich gen Süden wandte. Die schwere ungewohnte Rüstung machte ihm anfänglich das Mitkommen mühevoll, raubte ihm fast den Atem, doch ein fiebernder Wille beherrschte seine Glieder und Sinne. Lieber tot am Wege hinstürzen, denn als ein lebender Schwächling zurückbleiben! Und statt schlimmer zu ermatten, fühlte er allmählich mit der Gewöhnung an die drückende Eisenlast seine Jugendkraft zuversichtlicher darunter trotzen. Er ging allein und dachte über das Ziel des nächtlichen Marsches, wußte indes keine sichere Vermutung zu gewinnen: nur daß ihr Auszug im Zusammenhang mit dem zwischen Bern und Konstanz losgebrochenen »Sechsplappartkriege« stand, war sonder Zweifel, sowie daß derselbe einen heimlichen Überfall bezweckte. Doch der Weg bis zur schweizerischen Grenze war zu weit, als daß sie diese vor Tagesanbruch erreichen konnten; so vermochte er sich seine Frage nicht zu beantworten. Auch galt's ihm gleich, gegen wen er seine Waffe führen sollte. Ein Kriegsmann hatte nicht danach zu fragen; nur für den Ritter von Egisheim hätte er widerwillig Solddienst getan, offenbar aber war dieser nichts als ein Werkzeug in der Hand, dem Willen und den Plänen eines Mächtigeren, dem die Bereitschaft Guys mit freudigem Herzklopfen entgegenschlug. Kein Mann hatte je mit Blitzesgeschwindigkeit solche Herrschaft über ihn gewonnen; für ein Wort, einen Blick von ihm ging er blindlings gegen jeglichen durch Nacht und Todesgefahr. Manche Stunde verrann, fast im Lauf bewegte jetzt der Heerhaufen sich vorwärts; links hinüber begann der Schwarzwald von einer fahl aufdämmernden Färbung des Himmels abzustechen. Es war noch keine erste winterliche Morgenhelle, doch ein Vorbote derselben; immer schleuniger wälzte sich der Zug durch die sinkende Nacht. Dann stockte er jäh, und plötzlich sah Guy Loder dicht vor sich eine hohe, schwarze Ringmauer aufsteigen, dahinter ragten, im ersten trübfalben Schimmer verschwimmend, Türme, die er schon einmal gewahrt. Doch nur die Erkenntnis durchschoß ihm den Kopf: es waren die der Stadt Mülhausen, dann blieb ihm nicht Zeit und Fähigkeit mehr zum Denken. Im Nu hatten die vordersten der Soldknechte mitgeführte Sturmleitern an die Mauer gelegt und kletterten wie Katzen hinan, andere drängten nach: der Schopfmüller, Armin Klee, war unter den ersten und rief: »Ich zeig Euch den Weg zum Tor!« – »Brecht auf!« fiel anfeuernd die Stimme des Namenlosen ein, »Fässer und Dirnen drin sind Euer!« Und er lachte hinterdrein: »Ich gönn Euch ihr Schlehenblut!« Da scholl's plötzlich droben: »Feinde! Räuber! Mordbrenner! Mordio!« Pfiffe gellten auf, Hornschmettern, Weckrufe, hundertkehliges Geschrei; die Türmer bliesen, nach wenig Augenblicken fiel wildes Glockengeläut drein. Oben auf dem Mauerrand sah man undeutlich die Vordringenden stocken, Schwerter und Kolben über sich schwingen; der Müller, im rasselnden Panzer wuchtig vor sich hinaushauend, schrie: »Verflucht! die Hunde sind aus dem Loch!« Wutgebrüll antwortete ihm: »Armin Klee hat die Stadt verraten! Heran! Packt ihn lebendig, daß er die Zunge vom Galgen reckt! Steine, Balken, Pech auf die Raubbrut!« Ein schrill überheultes Getümmel, Geklirr und Handgemenge erhob sich; offenbar war die Stadt Mülhausen nicht so schwach bewacht, wie die Überfallenden erwartet. Mit jeder Minute strömten halb unbekleidete, aus den Betten gefahrene Verteidiger herzu und warfen furchtlos die nackte Brust den Angreifern entgegen. Es gelang ihnen, diesen den Weg zum nahen Tore zu sperren, sie mit Überzahl gegen die Leitern zurückzudrängen, daß die Nachrückenden sich nicht auf den Mauerrand emporzuschwingen vermochten. Da und dort stürzte einer der Landsknechte schwer getroffen hintenüber in die Tiefe, seine Genossen wichen und schrieen: »Die Leitern frei!« rücklings wälzten sich von diesen die halb Emporgekletterten herunter. Der nächtliche Anschlag war mißglückt, alle Bürger der Stadt drängten in Waffen und Wehr zum Schutz. Armin Klee allein kämpfte noch mit Bärentrotz und -stärke auf der Mauer wider ein Dutzend seiner Mitbürger, doch aussichtslos und ohne Möglichkeit, die Leiter, welche ihn hinangetragen, wieder zu erreichen: »Wir haben ihn! Greift den Verräter! Mahlt ihn zwischen seinen Steinen zu Brei!« tobte es um ihn; nun stieß er ingrimmig durch die Zähne: »Habt mich erst – ein andermal, Ihr Grindköpfe!« und mutvoll wagend sprang er aus ihren zupackenden Fäusten mit gewaltigem Satz von der mächtigen Höhe herab. Einem Scherbenhaufen gleich glirrte und schetterte drunten seine Rüstung um ihn, und er lag einen Moment wie leblos; doch glücklicher Fall hatte ihn auf weichbrüchigen Bodenfleck stürzen lassen, und unerwartet hob er sich unter wildenttäuschtem Rachegeschrei der von oben Nachschauenden plötzlich mit einem Ruck wieder auf und hinkte, eine Schimpfgebärde mit der Faust machend, ziemlich unversehrt davon. Unweit von ihm aber stieß in der etwas angewachsenen Morgenhelle der Urheber des nächtlichen Angriffs zwischen laut knirschenden Zähnen wutzischend hervor: »Tod und Teufel, Ritter von Egisheim, sind das Eure Beißzähne? Zum Henker mit Euch! Auf die Peitschbank mit Euren Memmen! Poltron, Schurken seid Ihr!« Und sein Schwert reißend, hieb er einem der vergeblich Anstürmenden über den Scheitel, daß der Getroffene taumelnd in die Kniee brach. Gleich darauf griff er den Zügel seines Pferdes, sich in den Sattel zu werfen, da erklang ein Ruf neben ihm: »Werft mich nicht zu ihnen, Herr – der Milchbart holt Euch den Klapperstein vom Stadthaus drinnen! mir nach, wer Mut hat!« und blindlings lief Guy Loder auf die verlassenen Leitern zu. In der wallenden Helmbuschzier wie ein junger Ritter erscheinend, stieg er hastig allein einige Sprossen hinan; niemand folgte ihm, verwundert blickten die Verteidiger, ohne ihre Hand zu rühren, von droben auf ihn nieder. Erst als er fast die Halbhöhe der Mauer erreicht, flog ein Wurfbalken streifend an ihm vorbei, riß ihm den Helm vom Kopfe und das lange Haar rollte ihm flatternd in den Nacken. Doch ein irrer, besinnungsloser Glanz strahlte todverachtend aus seinen Augen; die Waffe über das unbeschützte Haupt aufschwingend, hob er den Fuß weiter empor, wie mit Gedankenschnelle war alles geschehen. Und so stieß jetzt der Namenlose, sein Pferd lassend, ein heftiges »Narr« von den Lippen, sprang jählings auf die Leiter zu, packte unbekümmert um die nun auf ihn herabprasselnden Wurfgeschosse mit Riesenkraft den Arm des Jünglings, riß ihn herab, und, den Schild über seinen Kopf breitend, mit sich in Sicherheit zurück. Das Fallgitter war ihm aufgeflogen, und wie bewußtlos schaute Guy einen Moment in diese funkelnden Augensteine seines Retters; dann schwang dieser sich wortlos auf sein Roß. Der Versuch, Mülhausen durch einen Handstreich zu überrumpeln, war mißlungen, und hurtig wälzte der abgewiesene Landsknechtshaufen sich durch die regentrübe Morgenluft wieder gen Norden davon. Viel Durcheinanderruf, Zornausbruch und Hohngeschrei folgte ihm drobenher von der Stadtmauer nach: »Da zieht das Raubgesindel ab! Kommt wieder, wenn Eure Hirnknochen Lust tragen! Helft Eurem Müller mahlen! Wir mahlen rot, ob Knecht oder Junker!« Doch plötzlich überhallte ein Stimmenruf das frohlockende Getöse: »Lacht nicht! Läutet Sturm in Stadt und Land bis nach Bern hinüber! Das war kein Raubritterüberfall des Egisheimers! Saht ihr den Knecht, der den tollen Junker von der Leiter zurückriß? Sein Visier flog – weß Aug ihn einmal gesehen, vergißt ihn nicht! Ich sah ihn zu Lüttich, als er die reiche Stadt erstürmt und das Blut der Weiber und Greise auf den Gassen floß! Er hielt zu Roß am Markt und sprach wie mit einer Zunge von Eis: ›Solche Frucht trägt der Kriegsbaum.‹ Stecht mir die Augen drauf aus dem Kopf – es war Charles le Téméraire der Herzog von Burgund!« Fünfzehntes Kapitel Da ging ein gellender Aufschrei durch alles Land, auf das nah und fern die weißen Alpenzacken herabglänzten, denn wer die Kunde vernahm, wußte, was sie bedeutete. Der, welchen die Zungen aller Völker Europas seit einem Jahrzehnt als »Karl den Kühnen« bezeichneten, hatte dem nächtlichen Raubüberfall eines elsässischen Ritters beigewohnt. Das galt nicht der kleinen Stadt Mülhausen, sondern gewaltigerem Ziel. Das Ziel aber kannte man von den Pyrenäen bis zu den Karpathen, vom Ärmelmeer bis zum Mittelmeer, und gleicher Weise zitterten in Paris König Ludwig IX. und in der Burg zu Wien der deutsche Kaiser Friedrich IV. bei jeglichem Hauch, der ihnen neue Kunde von dem geheimen Forttrachten nach demselben gab. In weiter Ausdehnung erstreckte sich das Herzogtum Burgund von der niederländischen Küste bis zum unteren Lauf der Rhone herab; durch Kriegsgewinn und Erbanspruch waren ihm im letzten Jahrhundert zahlreiche Fürstentümer, Grafschaften und Städte zugefallen; doch mangelte seiner Länge vielfach die Breite, wie ein trennender Keil schob besonders das Herzogtum Lothringen sich zwischen den nördlichen und südlichen Teil hinein. So hatte der Graf Karl von Charolais die Hinterlassenschaft seines Vaters Philipp des Guten als Herzog von Burgund angetreten und, kaum auf den Thron gelangt, keinen Zweifel belassen, was nach allen Windrichtungen seine Nachbarfürsten und Völker von ihm zu gewärtigen hatten. Mit unerhörter Kühnheit brach er sofort verheerend in Frankreich ein, bemächtigte sich durch Gewalttat des Königs und zwang diesen zu demütigendem Vergleich. Rastlos wälzte sein Heer sich herüber und hinüber, Schlacht und Sturm schritten vor ihm auf; wo sein Löwenhelm funkelte, war das Glück und der Sieg; als der gefürchtetste Kriegsfürst Europas stand er mit unablässig entblößtem Schwert. Nun begehrte er vom Kaiser Rang und Reich eines gallisch-belgischen Königtums, und zagend willigte der weinerlich-unmännliche Friedrich IV. ein, erbat nur als Gegenleistung für seinen Sohn Maximilian die Hand Marias von Brabant, der einzigen Tochter Karls. Doch die hochfahrenden Forderungen des letzteren ließen sogar den schwachmütigen Kaiser sich zu der unglaubhaften Tatkraft aufraffen, daß er Trier, den Ort der Zusammenkunft, unter plötzlichem Abbruch der Beredung verließ; seitdem wußte er, was ihm von dem burgundischen Herzog drohte; daß dieser nicht rasten werde, auch ohne die kaiserliche Beipflicht sein Ziel zu erreichen. Das war die Wiedererneuerung des Herzogtums Burgund zum alten, machtvollen Königreich Burgund, breit und ungetrennt jetzt von der Nordsee bis zum mittelländischen Meer hinunter. So bedräute er alles, was dazwischen lag: Lothringen, den Rhein, das Hochland vom Südabfall des Schwarzwaldes bis gegen die Alpenwand hinan. Manch reiches Stück dieser Lande hielt er bereits auf friedlichem Wege durch kluge Vorberechnung in seiner Hand, denn für die Darstreckung einer beträchtlichen Geldsumme hatte der verarmte, von Schulden erdrückte Erzherzog Sigismund von Österreich ihm seine Besitztümer im Elsaß und Breisgau verpfändet, und auf der unbezwinglichen Rheinfeste Breisach saß als Stadthalter Karls der Ritter Peter von Hagenbach, seinem Herrn gleichend an rücksichtsloser Willkür, Härte, Hochmut und unbeugsamem Trotz. Denn das war's, was den wilden Aufschrei durch alle Lande gellen ließ; nicht daß ein Feind, ein mächtiger Kriegsherr die Stadt Mülhausen bei Nacht zu überfallen gesucht, sondern daß Karl der Kühne von Burgund es gewesen. Jeder wußte, sein Zorn über einen fehlgeschlagenen Angriff kannte keine Grenzen, und er kam zurück. Und jeder wußte, wem es galt: daß er bereit war, seine gewaltige Planung ins Werk zu setzen, und einen Rechtszwist des Müllers von Mülhausen nur zum Vorwand genommen, um die mit der Stadt verbündete Eidgenossenschaft zu einem Auszug wider den Ritter von Egisheim aufzureizen, wie die Bedrängung der Stadt Konstanz durch den Berner Bären jenem als Begründung seines Friedensbruches an Mülhausen dienen gesollt. Und alle kannten sie ihn, daß kein Mitlebender auf Erden ihm an Ruhmsucht, Herrschbegier, Unersättlichkeit und Verwegenheit glich, keiner an Willenskraft, unerbittlichem Starrsinn, Jähzorn, heißem Blutrausch und wildester Todesverachtung. Fast als Jüngling noch hatte in der Schlacht bei Monthleri sein kampflechzendes Ungestüm ihn nach Durchbrechung des Feindes in die fliehenden Massen desselben hineinstürmen lassen, daß er plötzlich allein mit seinem Stallmeister unter zehnfacher Überzahl gestanden. Sie riefen ihm zu, sich zu ergeben, und sein Begleiter fiel, tödlich getroffen, neben ihm, doch schwer verwundet, kämpfte er mit unbändigem Trotz fort und erzwang sich die Frist, daß sein Reitergefolge nachzukommen und ihn noch lebend zu befreien vermochte. Seit dem Tage nannte, bewundernd und bangend, die Welt ihn le Téméraire und wußte, daß er nicht zurückschrak, die Sterne des Himmels zu packen, wenn Begehr nach ihnen in ihm auflohte. Die Sprache enthielt keine Worte für ihn, welche Furcht, Übermacht und Unmöglichkeit bezeichneten; zerstörend, die Völker zertretend, gewährte er den Niedergebrochenen unerwartete Freiheit; wie sein Zorn jäh zu tötendem Grimm aufloderte, so traf auch einem Blitz gleich seine Neigung, Gunst, königliche Großmut. Landsknechtfaust und Feldherrnblick in der Schlacht vereinigend, war er so klug und weitumschauend wie von persönlicher Tapferkeit; doch alles in ihm überragte maßloser Stolz, der nichts auf Erden über sich und seinen Willen kannte. Nun saß er in einem Gemach des Dagsburgturmes auf den drei Echsen. Er war ungnädig, mißgelaunt und wortkarg, der Ritter von Egisheim vermochte ihm kaum eine barsche Entgegnung abzugewinnen, obwohl er durch sein unterwürfiges Behaben deutlich an den Tag förderte, wie eifrig er die Gunst seines hohen Gastes zurückzuerlangen trachtete. Unverkennbar knüpften sich alle Hoffnungen des verarmten Burgherrn an die Unterstützung und das große Ziel Karls des Kühnen; er sprach's aus, daß er nicht das Geld in der Truhe habe, um den nach Löhnung begehrenden Heerhaufen zu besolden: »Warum habt Ihr Mülhausen nicht?« erwiderte der Herzog kurz, »dort hättet Ihr gefunden, was Ihr braucht!« Dem Ritter entflog: »Wären wir inmitten der Nacht gekommen – es war zu spät – ich wollte den Angriff auf günstigeren Zeitpunkt verschieben –« doch Karl von Burgund fiel ihm ins Wort: »Rad und Rabenstein für Eure Memmen! Sie trugen die Schuld, Ihr alle! Geht der Tag noch nicht? Ich bin nicht gelaunt, mehr Zeit unter Eurem Gerümpel zu verlieren!« Er sprang unmutig auf und sah in den nebeltrüben Tag hinaus, dessen Schwinden er zum Fortritt mit seiner geringen Begleitung abwarten mußte. Der Ritter stand erschrocken, zuletzt faßte er Mut zu fragen: »Soll ich die Knechte fahren lassen?« Nun stampfte der Herzog auf den Boden: »Was ficht's mich an? Fragt's Euch selbst!« »Mein Säckel gibt Antwort,« versetzte der Burgherr kleinlaut. »So füllt ihn,« stieß Karl unwirsch heraus, »das Gold wächst auf der Straße!« Da kam ein Knappe und meldete, daß die Mittagsmahlzeit bereit sei. Einen Augenblick verharrte der Ritter unschlüssig, dann verneigte er sich vor seinem Gast und sprach ehrerbietig: »Wenn es Eurer königlichen Gnaden gefällt –« Die Anrede wirkte besänftigend auf den Erzürnten, er nickte mit der Stirn, schritt in die Halle vorauf und setzte sich an den für ihn und seinen Wirt gedeckten Tisch. Als er nach dem Becher griff, drehte er den Kopf. »Wo ist der Bursche, der mich zur Nacht bedient hat?« Der Ritter sann einen Moment nach, schickte dann eilig in das Untergeschoß der Burg hinab und gab dem schleunig heraufgeholten Welf Siebald einen Wink, sich zur Aufwartung hinter den Sessel des Herzogs zu stellen. Dieser aß und trank, aber nach einer Weile stieß er aufblickend aus: »Du siehst ihm ähnlich, doch du bist nicht mein Mundschenk von gestern. Gottes Blitz, Ritter, warum betrügt Ihr mich?«. Sprachlos verwundert sahen sie ihn an, er fügte drein: »Holt den anderen!« Niemand wußte wen, der Burgherr machte eine hastig fragende Gebärde gegen Siebald, der, in seinen Gedanken umhersuchend, frug: »Vermeint Eure Durchlauchtigste Hoheit meinen Begleiter, der gestern Abend mit mir hierher gekommen – Guy Loder beheißt er sich?« »Weiß seinen Namen nicht,« entgegnete Karl, »den von edlem Blut!« Der Ritter hatte eilfertig schon wieder einen Boten fortgesandt und rief dem überrascht, befangen eintretenden Guy entgegen: »Hast du gestern abend Seiner Königlichen Gnaden aufgewartet?« Errötend und stotternd bejahte der Angesprochene, zugleich fiel der Herzog ein: »Tritt heran, du bist's. Ich trog mich in dir, du warst kein Milchbart, nur ein Narr. Willst du als Zeltknappe in meinen Dienst?« Der Jüngling stand keines Lautes mächtig, nur sein Blick sprach freudetrunkene Bejahung. Um die Lippen des Egisheimer dagegen fuhr ein verdrossenes Zucken und er sprach eilig: »Es wäre nach meinem Rat weislicher, erhabener Herr, wenn Ihr Eure hohe Gunst dem anderen zuwendetet.« »Hab Euren Rat nicht befragt!« erwiderte der Herzog gleichgültig; doch der Burgherr wandte ein: »Ihr redetet von edlem Blut, das fiel diesem zu.« Er deutete auf Welf Siebald, aber der Herzog gab spöttischen Tones zurück: »Hab es nicht bei ihm gewahrt, noch daß Ihr viel Urteil darüber besitzt. Täuscht Euch, Ritter, der Narr da war der einzige unter Euch, bei dem ich edles Blut klopfen sah. Trink! Hast bessern Trunk heut morgen verdient!« Mit Wohlgefallen auf Guy blickend, reichte er diesem einen eigenhändig angefüllten Becher; dem Ritter jedoch stieg das Blut rot ins sonst bleiche Gesicht, und ein inneres Aufkochen seiner Brust nur mühsam niederdämpfend, versetzte er rasch: »Mit Verlaub, nicht ich, sondern Eure Hoheit täuscht sich. Hier kann ichs wohl ohne Schiedspruch von anderen erhärten, denn dieser ist ein Bauernbube; doch dem dort werdet Ihr edles Blut nicht abreden, er trägt mein eigenes in sich –« Das letzte war ihm im heftigen Drang, seinen hochfahrenden Gast der Fehlbarkeit zu zeihen, wider Bewußtsein und Wollen entflogen. Von der unbereiteten Kundgebung wie blitzgetroffen, stand Welf Siebald wortlos, nur Flammen eines stürmisch auflodernden Frohlockens schlugen ihm über die Wangen; staunend haftete der Blick Guys auf seinem Begleiter, dessen Züge ihm eine Überraschung gleich den seinigen verrieten. Doch nur eine winzige Zeitspanne blieb ihnen zum Fassen des unbedacht hervorgeratenen Wortes, denn Karl der Kühne fuhr jäh vom Tisch empor, den seine Faust klirrend zurückstieß, und rief: »Gottes Tod, Ritter von Egisheim, wollt Ihr mich Lügen strafen? Ich will Euch lehren, was edles Blut ist; mein Mund macht's dazu, nicht Eurer! Geht, Junker von Loder, und gebt Auftrag, meine Pferde zu rüsten; wählt eines für Euch, das Euch gefällt! Er war ein Bauernsohn, Ritter; nun ist er Euch gleich. Versucht's bei Kaiser und Reich, Eurem Bastard das Nämliche zu tun!« Der Herzog trat ans Fenster und warf einen prüfenden Blick hinaus; als er sich wieder umwandte, hatte der plötzliche Einfall, mit dem er den Burgherrn gedemütigt, ihm das wallende Blut beschwichtigt, und der Anblick der noch scheu verstummten Gesichter schlug seinen Zorn in heitere Laune um. Er lachte und sprach: »Der neue Junker mag sich bei Euch bedanken, Ritter, Ihr verhalft ihm dazu. Ich nehm ihn nicht umsonst von Euch; mein Statthalter Hagenbach in Breisach wird Euch Zahlung leisten, daß Ihr Eure Knechte einen Monat lang halten könnt. Dann füllt Euren Säckel selbst. Wenn das neue Jahr kommt, soll Mülhausen mir die Huld tun; sorgt, daß ich nicht vor störrische Tore gerate! Habt Dank für den Mundschenk, doch schafft Euch besseren Wein, bis ich wieder bei Euch einkehre. Kein Geleit! Es ziemt einem Ritter von edlem Blut nicht, einem ›Hund von Soldknecht‹ vor das Tor seiner stolzen Väterburg nachzufolgen.« Spöttisch verklang als Scheidegruß das Wort, mit dem der Burgherr ihn bei seiner nächtlichen Ankunft bewillkommnet hatte, und die »stolze Väterburg« gesellte sich als ein höhnischer Stachel dazu, der Zeugnis ablegte, daß Karl von Burgund auch eine unbeabsichtigte Verletzung seines Hoheitsstolzes nicht vergab. Den kurzen Abschied mit gebieterischem Handwink begleitend, schritt er zur Tür, wendete sich auf der Schwelle noch einmal und sprach zurück: »Wenn die Rappoltsteinischen zum Lothringer halten, tut mirs kund und laßt Eure Rüden besser packen als heut Nacht. Im Sack soll's Euch dann nicht gebrechen; Ihr wißt, daß ich guten Dienst lohne, und die Ulrichsburg däucht mich als Lehensschloß nicht verächtlicher als die Giersburg.« Nun stieg er die Schneckentreppe hinab. Die beiden Zurückbleibenden verharrten stumm; Welf Siebald stand abgewandt, unsicheren Ausdrucks am Fenster und blickte auf den Burghof nieder. Doch nach kurzer Weile schnitt ihm ein höhnisches Zucken um die Mundwinkel; drunten schwang der Herzog sich in den Sattel und hieß seinen neuen Knappen das Nämliche tun. Aber dieser hatte noch niemals ein Pferd bestiegen und mühte sich vergebens; über die Gesichter der umstehenden Knechte lief ein Lachen. Gleich darauf verstummte dies jedoch und wandelte sich zu schreckhaften Mienen, offenbar von einem drohenden Flammenblick Karls des Kühnen betroffen; hurtig streckten mehrere Hände sich vor und halfen dem Jüngling in den Bügel. Er saß mit hochrotem Antlitz; wie der Zug sich in Bewegung setzte, griff seine Linke unwillkürlich nach der Mähne des Rosses; so folgte er dem Herzog durchs Tor. »Viel Glück auf den Ritt, edler Bauernjunker!« knirschte Welf Siebald zwischen den Zähnen. Dann drehte er sich entschlossen um, trat gegen den Burgherrn hinan und hob mit erkünstelter Ehrerbietung die Stimme: »Daß Ihr wahr geredet, Herr, fühl ich in mir selbst, denn mein Blut bereitet dem Euren nicht Schande. Doch bereuet Ihr, daß Euer Mund es gesprochen?« Der Ritter von Egisheim hatte in dumpfem Brüten gestanden, jetzt fuhr er auf: »Hast mit frechem Maul gestern deinen Vater Strauchdieb beheißen, so behalt ihn! Wollte, du hättst andere Mutter gehabt – eine andere – da brächt ich's durch bei Kaiser und Reich, daß du dich Welf von Egisheim benennen solltest! Doch du hast nichts von der –« Der Sprecher starrte mit seinen tiefliegenden Augen wie gedankenabwesend in Welf Siebalds Gesicht; dann, als ob er aufwache, stieß er heftig sein Schwert wider den Steinflur. »Hölle und Henker, es gilt gleich, wir halten fortan miteinander! Du bist mein Sohn, und so soll man dich ehren! Geh und leg ritterliche Rüstung an! Wir können nichts ohne ihn und nichts wider ihn, aber dem Stallbuben, der unserem Blute den Schimpf getan, wirst du den Junker lohnen, Welf! Sein Dirnengesicht kochte mir Glut im Leib, als ich's sah, wußte nicht warum. Nimm Knechte, reit hinüber zum Landvogt nach Breisach und sprich, dein Vater, der Ritter Bertulf von Egisheim, sende dich um die Hülfssteuer, die der Herzog mir zugesagt. Pest und Prahlmaul, seine blinde Tollheit hat den Anschlag auf Mülhausen zunichte gemacht, nicht wir! Aber duck dich vor seiner Laune, Welf; wir tun's mit Kaiser und König. Wenn sie mich nach der Ulrichsburg hinüberspringen läßt, ist die Giersburg dein! Jetzt die Plapparte von Hagenbach, daß wir seine wilde Narrheit wettmachen!« Welf Siebald bückte sich in demütiger Dankesäußerung und küßte die Hand des Ritters: »Seid unbesorgt, mein gnädiger Herr Vater, Ihr werdet mit Eurem Sohn zufrieden sein und er keinen Schimpf auf unserem Blute ungerächt lassen. Jetzt erkenn ich's, warum Ihr stets huldreich Eure Hand über mir gehalten und mich mit Eurem Dienst betraut, daß ich's meiner schönen Mutter guten Diensten verdankt.« Es lag etwas Niedriges, widrig Abstoßendes in den entwürdigenden Worten, mit denen die schmeichelnde Unterwürfigkeit des Sprechers wegwerfend seiner Mutter gedachte, doch war's offenbar nicht dies, was den Ritter wiederum verwunderlich wie zuvor auffahren ließ, denn seine Entgegnung bestätigte heftig die unkindlich-mißächtliche Äußerung des Sohnes: »Deine Mutter? Trügst du etwas von ihr in dir, hätt' ich dich als Pfeifer auf der Straße gelassen! Eine Viehmagd war's, der ich einen Goldgulden nachwarf – geh – ich will nicht denken, wer du hättest sein können, sonst reut's mich, was mir im Zorn aus den Zähnen geflogen! Führ mein Gebot aus, Bankert!« Geschmeidig verneigte Welf Siebald sich und verließ die Halle. Der Burgherr sah ihm kurz nach, doch nicht mit dem Blick eines Vaters, eher Widerwille als Liebe stach unter den düsteren Brauen hervor. Nun wandte sein Auge sich eine Weile reglos in die jagenden Wolken der früh und schwermütig einfallenden Dämmerung hinaus; um die hohen, finsteren Bergtürme trieb der Wind flatternde Schatten durch die Regenluft, schwarzes Gevögel, das krächzend herabschnarrte; winterlich war es draußen, unwirtlich drinnen zwischen den öden Mauern. »Raben und Nachtgezücht,« sprach er, ohne es zu wissen, laut vor sich hin, »keine weiße Taube mehr.« Hohltönend kam eine Stimme von den Wänden der leeren Halle zurück; erschreckt und frostüberlaufen fuhr er zusammen, holte einmal aus schwer erweiterter Brust tiefen Atemzug und schritt eilig ins Nebengemach hinüber. Sechzehntes Kapitel Hastig ritt der Herzog Karl von Burgund mit seiner kleinen Geleitschaft durchs Zwielicht und bald durch die Nacht am Rand des Wasichingebirges entlang gen Süden. Er hatte bei dem unbehülflichen Reitergebahren Guy Loders nur einmal den Kopf gedreht und kurz gesagt: »Wenn du fällst, sammle deine Knochen auf und hinke nach dem Eulennest zurück;« dann bekümmerte er sich nicht weiter um das Mitkommen des Jünglings. Diesem war's noch wie im Traum; er fühlte sich fortgetragen, fast ohne Bewußtsein, was ihn durchs Dunkel davonriß. Manchmal kam er zur Besinnung, empfand, daß er sich übelgebückt an Hals und Mähne seines Rosses festgeklammert hielt, und segnete die Finsternis, welche sein Ungeschick und die heiße Schamglut seines Gesichtes verbarg. Doch schon flogen seine Gedanken wieder, vom Körper abgelöst, irr in die Weite; ungelenkt folgte sein Pferd aus eigenem Antrieb den anderen nach. Unglaubhaft erschien ihm alles, und doch jauchzte stürmisch sein Herz ihm Gewißheit, daß er als Zeltknappe Karls des Kühnen hier ritt, als Edelpage des Herzogs, zu dem eine zornige Laune desselben ihn erhoben, um dem Ritter von Egisheim zu zeigen, er hebe empor und werfe nieder, wie's die Blutwelle seines Kopfes auftreibe. Aber dennoch hatte Guy in den hochfahrend blitzenden Augen des Gewaltigen gelesen, daß dieser nicht an jeglichem das Nämliche getan haben würde; darüber wallte ihm noch ungestümer die Brust als, über die märchenhafte Erhöhung des niedrigen Bauernsohnes zum Edelknappen selbst. Noch in seiner Glückseligkeit empfand er gemach schreckhaft deutlicher, daß alles in Wahrheit nur ein Traum sei, wenn er vom Sattel auf den Boden herabstürze. Er hatte den Herzog kennen gelernt und wußte, dieser würde nicht den Kopf wenden, um zu sehen, wo der tölpische Reiter am Wegrand liegen bleibe. Das überlief ihn siedend; alle namenlosen Hoffnungen seiner Zukunft hingen an dem Fehltritt, der Laune eines Tieres. Es ward ihm unmöglich, diese qualvolle Ungewißheit länger zu ertragen, seine rechte Hand löste sich von der Mähne des Rosses und faßte mit unbedachtem Ruck den Zügel. Das Pferd stockte und schnaubte, gesinnungslos schlug er ihm unwillkürlich die Fersen gegen die Weichen, und es schoß wieder dahin. Aber er saß halb aufrecht jetzt und fühlte sich nicht unsicherer als zuvor. Es galt nur, in der ungewohnten Bewegung das Gleichgewicht zu bewahren, den vollen Mut zu fassen, daß es möglich sei. Nun stieg der Weg eine Strecke aufwärts, die Pferde fielen von selbst aus dem Trab in langsameren Schritt und Guy ließ auch die linke Hand von ihrem Halt fahren. Dann hob der hurtige Lauf wieder an und erst nach einer Weile kam es dem jungen Reiter zum Bewußtsein, daß er sich ohne die vorherige Beihülfe im Sattel erhalten. Er begriff nicht, weshalb er nicht gleich so auf demselben gesessen; ihm war, als sei's dem Menschen angeboren, die Natur lehre es ihn von selbst, und er lachte über seine vorherige törichte Furcht. Doch ein anderer Feind bedrohte ihn jetzt: es war die zweite Nacht, die er ruhelos durchwachte, mit Übermacht packte das Schlafbedürfnis ihm die Augenlider und suchte sie herabzuzwingen. Das war ein gefährlicherer Gegner als das leicht zu beherrschende Tier unter ihm; manchmal fuhr er schreckhaft zusammen, denn er fühlte jäh, daß er trotz angestrengtem Kampf im Begriff gestandenen, zu unterliegen. Dann jedoch fand er eine seltsame Kriegslist gegen den Feind. In der Finsternis rief er das ferne Gesichtsziel seiner einstmaligen Hochgebirgseinsamkeit, die Schlösser über Rappoltsweiler, sich vor dem Blick auf. Sie winkten und leuchteten bald im Sonnenglanz, bald im weißen Mondlicht, und er ritt ihnen entgegen. Weit hinüber lagen sie noch, doch kam er ihnen näher. Schwer wollten die Wimpern ihm wieder fallen, da loderte der rote Fackelschein vor dem Tor der Ulrichsburg, von ihm bestrahlt wandte sich ein goldumflossenes Antlitz und schaute in die Nacht zurück. Wonach hatte es noch einmal, wie suchend, die Augen in die Mondhelle aufgehoben? Der junge Reiter wußte es nicht, aber sein Herz klopfte hastig mit lautem Schlag, und besiegt floh der Schlaf von den Lidern. Ohne Anhalt und ohne Laut ging's dahin, nur einmal vernahm Guy an einem Ausruf, daß sie die burgundische Grenze erreicht hatten, und nach abermaliger langer Frist sah er wie gestern um die nämliche Stunde im frühesten Dämmergrau Mauern und Türme vor sich in die Luft steigen. Der Reitertrupp hielt, auf ein Losungszeichen öffnete ein Wächter eilfertig das Tor der Stadt Vesoul. Nun drehte der Herzog zum ersten Mal den Blick nach seinem neuen Knappen, der im falben Morgenschein hoch aufgerichtet neben ihm durch die verschlafenen Gassen ritt, und sagte scharf lachend: »Hast reiten gelernt zur Nacht, Junker?« Sie hielten vor einem hohen Gebäude, ein Wink Karls gebot Guy Loder, ihm nachzufolgen. Staunend gewahrte er im Schimmer des Frühlichts den üppigen Prunk der Palasträume, die sie durchschritten; im Vorgemach eines Saales hieß der Herzog ihn warten. Es dauerte lange, und der Jüngling setzte sich auf eine Ruhebank. Plötzlich fuhr er heiß erschrocken auf, der Schlaf hatte ihn jetzt unwiderstehlich überwältigt gehabt, die Stimme seines neuen Herrn riß ihn daraus empor. Verworren stammelnd, flog er in die Höhe, doch der Herzog drückte ihn auf die Bank zurück und sprach mild, fast schwermütigen Tones: »Schlaf, Knabe, du hast's verdient; ich wollt, meine Augen könnten's wie deine.« Er griff nach einem Mantel und deckte ihn über den Hingestreckten. »Solltest du mich einmal schlafend finden, so tu's mir auch.« Dann fügte er gebietend drein: »Heut darfst du ruhen, dann nicht wieder in meinem Dienst!« und schritt durch die Tür zurück. Als Guy Loder am Mittag vom kräftigenden Schlaf erwachte, sah er sich in einer verwandelten Welt. Am Schluß eines glanzvollen Gefolges des Herzogs von Feldobersten, Grafen, Rittern und Herren ritt er in neuer kriegerischer Ausrüstung vor das Nordertor der Stadt. Auf einem weißgestirnten Rappen sprengte Karl der Kühne voran: kein Zug seines Gesichtes verriet, daß seit zwei Tagen und zwei Nächten kein Schlummer über seine blitzenden Augen gekommen. Es war nicht mehr der unscheinbare Soldknecht aus der Burghalle des Ritters von Egisheim; blickverwirrende Pracht umgab ihn. Über dem glitzernden, engschließenden Panzerhemd flog königlicher Purpurmantel, Rubinen und Smaragde funkelten am Wehrgehenk, vom Schwertgriff, ein goldener Löwe reckte drohend die Tatze von der Spitze des Helmes. Unter ihr, von der vorgestreckten Pranke behütet, flammte mit tausend Lichtern, blendend wie eine Sonne, ein wasserheller, kaum merkbar ins Gelbliche rinnender Stein: der größte, kostbarste, vielgeneidete Diamant, den die Erde besaß, einem Königreich gleich an unschätzbarem Wert. Aber dennoch bedüngte Guy Loder das Feuer der beiden lebendigen Karfunkelsteine darunter von noch mächtigerer, jedes Auge niederzwingender Glut. Nun schlug brausender, tausendkehliger Jubelruf an sein Ohr, der weite Plan vor dem Tore Vesouls war von geharnischten Reitern und Fußvolk überdeckt, musternd sprengte der Herzog an den aufgereihten Gliedern entlang. Wie glimmernde Augensterne von Wölfen, Luchsen, Pantherkatzen folgten alle Blicke ihm nach; er war der Löwe, dessen bodenschütterndes Aufbrüllen sie gierig erharrten. Er war noch mehr: der Sturm, der Donner und der Blitz. Wohin seine unbändige Gewalt Guy mit sich riß, erfuhr dieser kaum. Das Heer brach auf und wälzte sich gegen Norden; es glich einem schießenden Bach, dem von allen Seiten brausende Wildwasser zuschäumten, so daß er in wenig Tagen zu breitwogendem Strom anschwoll. Und niederreißend ergoß er sich in die Lande, gegen die Burgfesten und Städte des Herzogs René von Lothringen. Kaum mehr als die Namen der bezwungenen Mauern vernahm Guy Loder, dann wirbelte der Sturm ihn weiter. Er stritt in der Schlacht, er verfolgte den Feind, er hielt als Herold vor einem Tor und forderte die Verteidiger, sich seinem königlichen Herrn zu ergeben; wie lange er das alles schon tat, wußte er nicht mehr, nur an grünen Blättern sah er manchmal einen Augenblick, daß es Frühling geworden, und er fühlte heiße Sommersonne auf seinem Panzer brennen. Doch wie er sich nicht mehr vorzustellen vermochte, daß seine Hand sich einmal ängstlich in die Mähne des Pferdes geklammert, so war's ihm, als sei er im Kriegsgetümmel zur Welt gelangt, großgewachsen und habe nichts anderes um sich gekannt. Vor keinem Wettstück der Reiterkunst scheute er zurück, vor keinem feindlichen Gedränge. Wie sein Gebieter, kannte er kein Zögern, keine Furcht und stürmte achtlos vor, mit dem tollen Wagnis desselben bei Montlheri wetteifernd; wußte, daß er, von Übermacht bewältigt, fallen konnte, aber der Sieg mußte über seine Leiche nachfolgen, denn er focht für Karl den Kühnen, den Unbezwinglichen. Oftmals war dieser Augenzeuge der schrecklosen Tapferkeit Guy's, doch nie kam ein Wort des Lobes, der Anerkennung von den Lippen des Herzogs. Und der hastig zur entschlossenen Selbständigkeit der Manneskraft heranreifende Jüngling harrte nicht auf solchen Lohn. Es mußte so sein, er tat nur seine Pflicht; überall sah er das Wort des ersten Tages bewahrheitet: in dem Dienst des Gewaltigen durfte Niemand ruhen. Aber auch danach begehrte er nicht, in ihm selbst trieb ein ungestümer Drang nach rastloser Anspannung aller Kraft; Schwerthieb und splitternder Lanzen Geschetter, das Krachen der neu erfundenen Feuerrohre klang ihm wie Lockruf durchs Ohr ins freudig aufwallende Blut hinein. Auch der Abend vergönnte ihm noch nicht die Ruhe, zu der Reiter und Fußknechte sich draußen um ihre lodernden Feuer hinstreckten. Dann mußte er des Zeltdienstes beim Herzog gewärtig sein und durfte nicht schlafen, wenn dieser ihn rief. Oft bekämpfte seine Jugend unnütz die schwere Müdigkeit bis lange über Mitternacht hinaus, doch manchmal erscholl plötzlich wider Erwarten der Ruf, der ihn noch in später Stunde hereinbefahl. Von den Kriegsplänen, über die er gesonnen, aufstehend, winkte Karl von Burgund ihm wortlos und streckte sich vollbekleidet auf seine harte Feldlagerstatt, und Guy wußte, was ihm zu tun oblag. Der Herzog hatte vernommen, daß sein Knappe die Pfeiferkunst erlernt, und ließ sich dann und wann von ihm mit der Flöte in den Schlaf spielen. Sanft und lieblich mußte es tönen und immer leiser ausklingen; er sprach einmal: »So wie du dem Mädchen spielen würdest, das du liebst.« Sein scharfer Blick flog dabei über die dunkel errötenden Wangen Guys, und er fügte wider seinen wortkargen Brauch hinterdrein: »Glaubst du, ich wüßte nicht, warum dein Arm tapfer und dein Herz mutig ist? Man ist's nur um drei Dinge: für den Ruhm, für ein Königreich oder für ein Weib. Die Flamme in deinem Gesicht redet, wofür du's bist. Spiele mich in Schlaf, glücklicher Knabe! Die beiden Erdendinge machen müde; du kannst wachen, denn deine Brust hat Himmelsglut. Laß dein Herz meine zur Ruh klingen.« Und Guy Loder folgte dem Geheiß und blies leis und lieblich die alten Weisen. Auch er selbst schloß die Augen dabei, traumhaft klang es durch das stille, nächtliche Lagergezelt, wie Blattgelispel und Quellgeriesel, wie summender Windhauch in goldener Sonnenluft auf einsamer Bergeshöhe. Zuweilen überkam's ihn, als spiele er wie einst den lautlos heranhuschenden, auflugend lauschenden Eidechsen, und er sah sie grüngoldig vom Felsgrund schimmern gleich zwei seltsamen, schweigsam leuchtenden Augen neben ihm. Dann fuhr jach seine nickende Wimper empor, und er flötete in der kurzen Nachtrast zwischen dem wilden Kriegsgetümmel von heut und morgen Karl den Kühnen von Burgund in den Schlaf. Die Lider des Herzogs sanken, doch ab und zu schlug er sie plötzlich einmal wieder auf und murmelte ein unverständliches Wort. Manchmal klang es zornig, manchmal seufzend; zuletzt ging gemeiniglich ein stilles, schönes Lächeln um seine Lippen, und er schlief. Dann bückte Guy sich behutsam vor und sah auf ihn hinab. Es konnte nicht köstlicheren Lohn für ihn geben, als in das königlich edle Antlitz zu schauen, dessen Augenblitze nicht mehr drohten, das vom großen Bezwinger der Menschheit gleich dem jedes anderen Erdenkindes ruhevoll beschwichtigt und hilflos dalag. Freudig klopfte es im Innern des Jünglings, sein gewaltiger Gebieter legte sich vertrauensvoll unter seiner Hut zum Schlaf, und ob ihm kein Lobspruch je vom Munde des Wachenden zufiel, empfand er stolz beglückt: das wilde, hochfahrende, von den Mächtigsten der Erde bang gefürchtete Herz in der jetzt so friedlich atmenden Brust spiele mit ihm nicht nur in wechselnder Laune, sondern sei ihm, auch wenn die Lippe stumm bleibe, gleichmäßig freundlich gesinnt. In manchem war die Welt heimlich anders, als sie schien, und das Menschenherz ein seltsames Rätsel. Gar grelle Widersprüche konnten darin nebeneinander wohnen: eisige Härte, vernichtender Herrscherstolz, unersättliche Ruhmgier bei einem schwermutsvollen Aufzittern der Seele, und der trotzige Hochmut eines Herzens, das nichts über sich kannte, frug nicht, ob jemand hoch oder niedrig sei, dem es seine Gunst zuwandte. In unscheinbaren Zeichen tat sie kund, daß sie da sei, und ein wonniges, namenloses Gefühl überkam Guy, das sei die Art jeden echten Menschenherzens; es wäge seine Neigung nicht nach vornehm und gering, sondern gebe sie mit freier Willkür als Geschenk hin. Und so mit beglückenden Träumen fiel der Schlaf auch über ihn, legte er auf unbequemer Ruhstatt sich mit geschlossenen Augen neben seinen Herrn zurück. Von dem, was an großen Dingen der Welt um ihn her vorging, erfuhr er aber kaum mehr als der gemeine Haufen des unablässig hierhin und dorthin schwenkenden Heeres. Nur sah er seit manchen Wochen im Innern des Zeltes die Lippen des Herzogs täglich fester zusammengepreßt und noch düsterer als früher die Glut in den Augen darüber brennen; daran gab sich ihm das Heraufdräuen eines schwer zusammengeballten Unwetters zu erkennen. Schon vom Sommerbeginn her waren sie öfters auf fremde, nicht lothringische Fähnlein gestoßen, bald fränkische, bald rheinländische; häufiger geschah dies jetzt von Tag zu Tag. Ein Raunen ging abends durchs Lager, ein Gerücht, dem jeder Mund hinzutat; nicht nur hier, sondern auch drunten am Rhein und droben an den Alpen Savoyens stehe Burgund in Waffen und Kampf, denn fast ganz Europa habe sich gegen den Herzog verbündet. Und so war's, schnell wuchs der umlaufende Ruf zur zweifellosen Gewißheit. Der deutsche Kaiser und der König von Frankreich, das österreichische Erzherzoghaus und die Eidgenossenschaften hatten sich gleichmäßig von den weitzielenden Plänen Karls des Kühnen bedroht gefühlt, ihre alten Zwistigkeiten untereinander beigelegt und mit dem Herzog René von Lothringen ein Schutz- und Trutzbündnis gegen den Allgefürchteten abgeschlossen. Von Ost und West, Süd und Nord drängten Heerhaufen wider ihn heran; Botschaften zurückgeschlagener und aufgelöster burgundischer Streitkräfte, eroberter Städte und Festen in der Freigrafschaft flogen, wie vom Wind getragen, durchs Lager. Doch nur Guy sah im verschwiegenen Zelt die finster brütende Miene seines Herrn. Wenn dieser seinen Rappen bestieg und durch die Truppenreihen dahinritt, flammte sein Gesicht heller denn jemals von übermütiger Heiterkeit und stolzer Siegeszuversicht. Er lachte, und luftiger Scherz flog ihm von den Lippen, staunend horchten die Ohren auf seine ungewohnt sprudelnde Laune. Es konnte doch nicht sein, das Unheil sich nicht so unabwendbar rings um ihn auftürmen, wie das böse Gerücht von allen Seiten rief. Sein Mund spaßte laut, als bedürfe es nur seines Anhauches, um die schwarzen Wetterwolken zu zerblasen, denn wo er selbst zum Angriff vorsprengte, war noch immer der Sieg wie von je. Da stand er jetzt mit seiner Heermacht vor Nancy, der Hauptstadt Lothringens, der letzten noch unbezwungenen Feste des Landes. Jeder wußte, das Morgenlicht werde den Beginn einer großen Schlacht sehen, denn der Herzog René hatte sich unter Zuzug von Truppenhaufen seiner Verbündeten mit dem Rest seiner Streitkraft zur Verteidigung der gewichtigen Stadt hierher gewandt. Schlaflos verbrachte Karl von Burgund die Nacht, mit dem ersten Schimmer des Tages erscholl sein Ruf. Doch er wies den herbeieilenden Knappen zurück und befahl den Junker von Loder. Von dem ließ er sich ohne ein Wort die Rüstung anlegen; nur als Guy ihm zum Schluß den Löwenhelm darreichte, traf ein sonderbarer Blick des Herzogs in seine Augen, und dieser sprach kurz, auf den unschätzbaren Diamanten deutend: »Verlör' ich ihn und du fändest ihn auf, ist er dein.« Nun drückte er sich rasch den Helm aufs Haupt und trat hinaus. Trompeten schmetterten der aufglühenden Sonnenscheibe entgegen, mit Blitzesschnelle hatte die Schlacht begonnen. Es war ein Ringen ungefähr gleicher Kräfte, weithin gedehnt tobte der Kampf unter den Mauern Nancys, manche Stunde lang ungewiß schwankend. Dann hob unverkennbar der Sieg an, sich auf die Seite der Burgunder zu neigen; gleich jedem seiner Ritter kämpfte der Herzog selbst überall im Vordertreffen gegen den weichenden Feind, und überall blinkte das Schwert Guy Loders neben ihm. »Sieg, Herr!« rief er jetzt im heißen Rausch, »sie fliehen!« Da schlug Karl von Burgund plötzlich seinem Roß die Sporen so tief in die Weichen, daß ein Blutstrom hervorschoß und das schmerzgepeinigte Tier ihn mit wildem Aufsprung jählings allein in die Mitte eines fliehend aufgestauten feindlichen Haufens hineintrug. Das war nicht Tapferkeit, nicht tollkühne Verwegenheit mehr, sondern entsetzenvolles Unheil und sicheres Verderben. Guy Loder schrie gellend auf, um ein halb hundert Schritte befanden die nächsten burgundischen Reiter sich zurück; jeder der feindlichen Knechte kannte den Goldhelm Karls des Kühnen, ein Jubelgeschrei brach in die Luft und ein Dutzend Speere schwangen sich gegen ihn. Mit wuchtiger Faust hieb der Herzog die nächsten in klirrende Splitter, doch etwas fremdartig Langsames, Zögerndes lag in dem Wiederaufheben seines Schwertes – mit einem herzstockenden Schreck durchzuckte es, lähmendem Blitz gleich, Guy vom Scheitel bis zur Sohle. Er verstand plötzlich den seltsamen Blick seines Herrn und wußte, es war kein verhängnisvoller Zufall, sondern Karl von Burgund hatte vergeblich den Tod gesucht und wollte fallen. Ob er diese Schlacht noch gewann, war umsonst; es stand schlimmer, als einer außer ihm zu ahnen vermochte, unabwendbar erdrückte ihn rundum die zehnfache Übergewalt halb Europas, und sein Stolz wollte seinen Sturz nicht erleben, über seiner Leiche einen letzten Sieg hinterlassen. Nur wie das Zucken einer Wimper durchschoß diese Erkenntnis Guy Loders Kopf, dann dachte, wußte er nichts mehr. Er war dem Herzog nachgestürzt, sein Pferd bäumte sich inmitten eines betäubenden Gerassels von Lanzen, Streitkolben und Schwertern. Mit hochgehobenem Schild die eine Seite Karls deckend, hieb er blindlings vor sich hinaus; von einem Speer durchbohrt, stürzte sein Roß und schleuderte ihn vornüber. Da brausten die burgundischen Reiter wutbrüllend heran, vor ihrem Prall stoben die schon zur Flucht gewendeten Feinde mutlos auseinander, unbeweglich hielt der Herzog auf dem jäh leer und einsam um ihn gewordenen Platz. Nur aus einer Schulterwunde tropfte ihm Blut über den Panzer, vor ihm richtete Guy sich halb betäubt vom Boden empor und sah mit trunkenem Jubel in den Augen auf den Geretteten. Doch nur ein wortloser, wie von der Sehne tödlichen Hasses geschnellter Blitzpfeil schoß ihm als Entgegnung ins Gesicht, dann sprengte der Herzog davon. Die Schlacht war gewonnen, das halbe Heer Renés von Lothringen deckte die Walstatt, er selbst irrte flüchtig aus seinem jetzt völlig eroberten Lande gen Ost. Mit einem schutzsuchenden Trupp seiner zersprengten Scharen drangen die Burgunder gegen das Tor von Nancy, kopflos ließen die Wächter dies geöffnet und flohen, Geschrei und Getümmel erhob sich in den Gassen. Draußen in der Mittagssonne hielt der Herzog vor seinem Gefolge, aber kein Zug seiner Miene gab Siegesfreudigkeit kund, er lachte nicht mehr, wie sein Heer es seit Wochen stets gewahrt, schweigend, ausdruckslos blickte er vor sich hin. Nun kam ein Zug von Nancy her gegen ihn heran, greise Männer in feierlicher Gewandung, der bestürzte Rat der verteidigungslosen Stadt. Barhäuptig warfen sie sich, die Torschlüssel darbietend, auf die Kniee und baten demütig um Schonung der Stadt. Doch wie abwesenden Geistes gingen die Augen Karls von Burgund flüchtig über sie hin, und mit lässig-gleichgültiger Bewegung winkte seine Hand ihnen kurz Gewähr. Da flog auf fast niederbrechendem Pferd ein Reiter heran. Man sah, es war ein Bote, der Nacht und Tag geritten sein mußte, er und sein Roß trieften von Schweiß. Unfähig, einen Laut aus verschnürter Kehle hervorzustammeln, reichte er dem Herzog stumm einen Brief. Der brach das Wachssiegel, doch im nächsten Augenblick schlug es ihm wie eine Feuerlohe ins Gesicht. Reglos las er, unmerklich nur zitterte das Blatt in seinen Fingern. Dann flog sein Kopf plötzlich suchenden Blickes herum, und er rief laut hallend: »Junker von Loder!« Der Gerufene schrak heftig zusammen; er hatte nach dem Verlust seines Pferdes noch zu Fuß weitergekämpft und stand jetzt unfern am Rand des berittenen Gefolges von Hauptleuten und Herren. Ungewiß tat er einen Schritt vor und zauderte wieder; aber der Herzog war seiner ansichtig geworden und gebot herrisch: »Tritt heran!« Nun gehorchte Guy; mit jähem Schwung schnellte Karl der Kühne sich vor ihm aus dem Sattel. »Kniee nieder!« Gedankenlos und sinnbetäubt folgte der Jüngling dem Geheiß, und sein Schwert von der Hüfte reißend und über dem Kopf des Knieenden aufschwingend, rief der Herzog: »Du hast uns das Leben erhalten, Junker von Loder; wir danken dir, denn wir gedenken es noch zu nutzen. Du warst treu, tapfer und furchtlos; was deiner Jugend fehlt nach Brauch und Vorschrift, legen wir dir zu und zählen jeden Mond, den du uns gedient, für ein Sonnenjahr. Steh auf von unserer Hand als Ritter des Königreichs Burgund!« Dreimal senkte sich zur Schwertleite die funkelnde Klinge des Herzogs, doch nicht flach nach der Sitte, sondern scharftönig schlug er auf die Nacken- und Schulterbrünne des Jünglings, daß jeder Hieb diesem dröhnend die Glieder durchfuhr. Aber verwirrter noch im Gemüt als haltlos taumelnden Fußes, hob er sich schwankend nach dem Gebot empor; er begriff nichts, sah nichts, nur sein Ohr umwogte ein brausendes Getöse. Jubelstimmen waren es, blitzgleich lief die Kunde, welche der Bote überbracht und jetzt, zur Sprache gelangt, mitgeteilt, von Mund zu Mund, daß der Kaiser Friedrich IV. und König Ludwig XI. sich von ihren Bundesgenossen losgesagt und in Ost und West ihre Heermassen zurückgezogen hatten. Und die Bestätigung der Botschaft war von den Lippen des Herzogs geflogen in dem stolzen Wort: »Das Königreich Burgund.« Nun faßte Karl der Kühne die Hand des jungen, noch ungläubig dreinstarrenden Ritters, legte ihm den andern Arm um den Nacken, beugte sich vor und erteilte ihm den Bruderkuß. Unhörbar für jedes andere Ohr raunte er dazu: »Der Diamantstein ward heut nicht dein; ich weiß, dir ist's lieber, daß ich ihn noch hüte,« und einen Moment heftete sich ein Blick des Dankes aus heimlicher Herzenstiefe herauf in die Augen des wundersam schönen, selig rot überglühten, ritterlichen Jünglings. Dann wandte sich der Herzog zurück und sprach laut: »Legt die Goldsporen an! Nach unserer Stadt Nancy sollt Ihr Euch Ritter Guy Loder von Nancy benennen – wen sucht dein Rabengesicht?« Abbrechend war er gegen einen anderen, durch das Stabgefolge herankeuchenden Boten umgefahren. Dieser stammelte: »Großmächtigster Herr, straft mich nicht für meine Botschaft – ich komme vom Elsaß – .« Ängstlich stockte er: »So sprich, stotternder Hund!« donnerte der Herzog. »Was krächzt deine Gurgel?« Der Bote hob flehend die Hände. »Die eidgenössischen Städte und die elsässischen haben die Bürger von Breisach zum Aufruhr gestiftet, Euren Landvogt Peter von Hagenbach gefangen, auf der Folter befragt und mit dem Henkerbeil gerichtet.« Einen Augenblick blieb es totenstill, und nur ein rüttelnder Schauer überlief Guy Loders Rücken bei der jähen Umänderung der Miene des Herzogs. Fremd verzerrt, wie er es noch nie gewahrt, mit leichenhafter Blässe starrte das Gesicht desselben den Boten an; die Kiefer zitterten, gleich einer von ihrem eigenen Gift gelähmten Schlange zischte die Zunge ohnmächtig zwischen den Zähnen. Dann kam ein gellender Wutschrei, und ihm nach brach es aus der keuchenden Brust: »Brand und Blut über sie! Henker und Hölle auf die Aasbrut! Tausend für den Einen! Einstampfen in ihre Mistpfützen will ich das Bauerngeschmeiß! Den roten Hahn über ihre Städte!« Wildlodernd flogen seine Augen; es war wieder Karl von Burgund, dem kein Mitlebender auf Erden an Jähzorn, heißem Blutrausch und unerbittlicher Rachsucht glich. Nun richtete er sich hoch in den Bügeln und rief: »Nehmt Geleit, Ritter von Loder! – Eh der Morgen kommt, seid Ihr bei dem Ritter von Egisheim und bringt ihm mein Gebot, meine Städte Mülhausen und Breisach in Asche zu legen! Seinen Kopf drauf, daß ich keinen Stein mehr von ihnen finde, wenn ich komme! Bringt mir Botschaft nach Bern, daß es geschehen; Ihr sollt zum Lohn die Bärenknechte tanzen sehen! Tod und Pestilenz, was steht Ihr noch und gafft?!« Siebzehntes Kapitel Es war alles geschehen, wie die schnell hintereinanderfolgenden Meldungen es überbracht. Schon lange hatte die Willkür und Grausamkeit des burgundischen Statthalters Peter von Hagenbach düsteres Murren unter den Bürgern Breisachs geregt, doch eiserne Faust hielt sie, jede Auflehnung mit Folter und Rad bedrohend, ohnmächtig gebändigt, bis sie den übermächtigen Herrn ihres Bedrückers selbst jetzt von allen Seiten bedrängt gesehen. Heimlich war ihnen von den eidgenössischen Städten und ihrer Nachbarschaft Mülhausen Beihülfe zugesagt worden, allein sie zauderten, so lange Karl der Kühne noch immer in Lothringen sogar gegen das deutsche und fränkische Reich den Sieg vor sich hertrug. Da hatte unbereitet ein Funke die Mine entzündet: offene, freche Gewalttat des Landvogts an einer schönen Frau aus altedlem Breisacher Geschlecht. Eine Anzahl im Dienste des Statthalters befindliche deutsche Söldner ward von der lodernden Empörung ihrer Landesgenossen mit erfaßt, bewaffneter Aufstand hob sich und überwältigte die welsche Besatzung der Felsenfeste. Nach kurzem Gericht wurde über Peter von Hagenbach das Todesurteil gefällt und sofort vollzogen; die Nachbarstädte des Elsaß' und der Schweiz sicherten den Rächern ihren Schutz und Beistand, doch es schien, als ob Breisach desselben nicht mehr gegen den demnächst unvermeidlich von erdrückender Überzahl bezwungenen Herzog bedürfen könne. Aber urplötzlich änderte sich mit einem jähen Schlage alles um. Unanzweifelbar hallte auch die zweite Botschaft durch alle Lande; treulos-wankelmütig hatten der Kaiser Friedrich und König Ludwig ihre Bundesgenossen verlassen, ohne jedes Vorwissen derselben über Nacht mit Burgund Frieden geschlossen, Lothringen, die Schweizer Städte und das Elsaß allein dem ungeheuren Rachedurst Karls des Kühnen preisgegeben. Ein starres Entsetzen fiel lähmend überall nieder, wohin die unglaubliche Schreckenskunde flog. Jede Stadt rief eilig ihre Reisigen, die draußen umgeschweift, zurück und verrammelte ihre Tore; wer es konnte, drängte aus den Dörfern hinter die Sicherung der Mauern nach, fast menschenverödet lag weithin das Land umher. Jähester Umschwung hatte alles verwandelt; die Soldknechte des Ritters von Egisheim, welche schon seit Monden vor den Städtischen selbst Schutz hinter den Türmen und Gräben der »Drei Exen« suchen gemußt, brachen hervor und schalteten plündernd, raubend und brennend als Herren im Sundgau. Wie eine schütternd rollende schwarze Wetterwolke tief an den Bergwänden auf die Talsohle niederhängt, so lag dumpf harrende Angst vor dem Grimmesausbruch des Herzogs über Stadt und Land vom Schwarzwald und Wasichin bis zu den weißen Alpenzacken; niemand wußte, wohin der erste tödlich-knatternde Blitz herabschießen werde. Dergestalt konnte es geschehen, daß der junge Ritter Guy Loder mit nur geringem Geleit ohne Gefährdung durch feindlichen Überfall von Nancy bis ins Elsaß hinüberzureiten vermochte. Er zog am Moselfluß stromauf, lange Stunden zur Linken zu den Gipfeln des Wasichin begleitet, auf deren anderer Seite sein Wegziel lag. Doch nur der Blick konnte in der Richtung desselben vorausschweifen, kaum ein schwer auffindbarer Fußpfad führte da und dort einmal über den Kamm des menschenleeren, zumeist wild verwachsenen Gebirges, nirgendwo wäre ein Pferd im Stande gewesen, das Dickicht zu durchbrechen oder an den steilen Felsenhängen hinanzuklettern. So mußten die Reiter weit durch die Grafschaft Pfirt umbiegen, bis sie zwischen der tronenden Bergfeste der Grafen von Beffort und der Stadt Mömpelgard das alte Völkertor erreichten, das im Gange von anderthalb Jahrtausenden die eisernen Legionen Cäsars, die Heuschreckenhorden der Hunnen König Etzels und das prangende Gefolge des Kaisers Friedrich des Rotbarts durch die weit erkennbare Felsenlücke ins deutsche Burgunderland dahinziehen gewahrt hatte. Dann wandte Guy Loder sich ostwärts und, die Türme der geängstigten Stadt Mülhausen zur Rechten lassend, auf alter wohlbekannter Straße unter den Bergen gen Nord. Gar vertraut blickte alles ihn an, denn oftmals war er hier mit Velten Stacher gewandert, und doch schiens ihm wieder fremd, wohin er sah. So still lags um ihn, das schöne, ehemals so fröhliche Land schaute lautlos traurig auf. Zwar ging der Sommer zur Neige und in Wald und Busch war der Vogelgesang nach Brauch der Jahreszeit verstummt, aber auch sonst tönte kein Lied, schritt kein Pfeifer mehr mit Flöte und Zinke, Horn und Geige wanderfreudig auf Weg und Steg. Rauher Sturm hatte trotz der lachenden Septemberbeginnssonne die heitere Kunst von Straßen und Toren fortgewirbelt; droben auf den weltab entlegenen, unzugänglichen Gebirgshöhen mochte noch ein Schäfer sorglos auf der Rohrpfeife und Schalmei in den Wind blasen, hier unten hatte wilder pfeifendes Erz aufgespielt und die Hörer angstvoll und jammernd auseinander gestiebt. Verwüstete Äcker und Rebgelände, Trümmer und rauchende Schutthaufen zerstörter Dörfer gaben überall schweigsames Zeugnis dafür; ringsum außerhalb der sicher ummauerten Städte war alles verödet und verlassen. Manchmal schmerzte den jungen Ritter wohl der trostlose Anblick, und wie mit gespenstisch leeren Augenhöhlen sah die altbekannte Landschaft ihm ins Gesicht. Doch es waren Schatten, die rasch von ihm abfielen; die Schlachtfelder Lothringens hatten ihn an solche Schau gewöhnt und er gelernt, so war's in der Welt, wenn man von droben aus der Stille in die Täler herabkam; überall redete das kalte Wort Karls des Kühnen die Wahrheit: solche Früchte trug der Kriegsbaum. Und daß er selbst an diesem Unheil mitschaffte, dachte Guy Loder nicht. Es war Ritterwerk und -Pflicht, für seinen Fürsten die Waffen zu führen, zu kämpfen und zu siegen; gegen wen, sprach des Feldherrn Gebot, und der Einzelne hatte nach keinem Grund dafür zu fragen. So heischten Mut und Tapferkeit ritterlichen Mutes es seit Jahrhunderten, und Guy war's, als habe solches von jeher in ihm geklopft und sei ihm nicht erst vor wenig Tagen durch die holde Huld des Herzogs mit der Schwertleite verliehen worden. Berauschend und sinnbefangen aber mußte es für den neuen und wohl jugendlichsten Ritter seiner Zeit sein, wie das Glück ihn aufwärts getragen und wie anders er, der Bauernsohn und ausgestoßene Pfeifer, hierher in sein Heimatland zurückritt, als er vor nicht Jahresfrist noch in Nacht und Nebel, bangend an die Mähne seines Pferdes geklammert, auf diesem Wege davongezogen. Kaum zu fassen schien's, einem Wundertraum gleich, und daß er daraus nicht jählings aufwachte, in Wirklichkeit so hier im hellen Mittag der leuchtenden Sonne hinzog, das alles dankte er nur der Zuneigung seines vielgehaßten, vielgefürchteten, übermächtigen Herrn; und ob die Welt vor diesem schaudernd zitterte, Guy Loders Herz besaß einzig feurigen Schlag der Bewunderung, des Dankes, der Treue, und unbeirrbarer Liebe für ihn. Stolz fühlte er sich als Sendbote des Gewaltigen, und stolz gab er jetzt, vor dem Tore der Drei Exen haltend, auf die Frage des Wächters, wer Einlaß begehre, Antwort: »Der Ritter Guy Loder von Nancy, Abgesandter des Herzogs von Burgund.« Er ward in die Halle geführt, wo er damals zaghaft gestanden: jetzt befiel ihn kein Schreck, als er den Ritter von Egisheim durch die Tür hereintreten sah, nur ein wunderliches, wohl begreifbares Gefühl konnte er beim Wiederanblick desselben nicht überwinden. Der Burgherr war gealtert, als ob nicht ein Jahr, sondern eher ein Jahrzehnt zwischen ihrer letzten Begegnung gelegen; er kam langsamen Schrittes und sprach, dem Wartenden ins Gesicht blickend: »Man hat Euch falsch gemeldet, einen Ritter des Herzogs.« Ein höhnisches Geflimmer aus den Lidern begleitete die Worte, doch Guy erwiderte mit ruhiger Sicherheit: »Dann gab man Euch richtige Meldung, Herr Ritter, denn mein Herr, der Herzog von Burgund, hat mir ehgestern auf dem Schlachtfelde von Nancy Sporen und Schild verliehen.« In den Antlitzmuskeln Bertulfs von Egisheim spielte ein kurzes Zucken, und heiserstimmig versetzte er: »Da wünsch ich Euch Glück: Ihr schaut nicht aus, als ob Ihr bereits die Jahre für den Ritterhelm besäßet, werdet's aber bei der Helmschau und Ahnenprobe sicherlich aus den Urkunden Eurer Burg nachweisen können.« Es lag nur ein halb verborgener, galliger Hohn in den Worten, welche die unüberschreitbare Rangkluft zwischen edler Geburt und neuzeitlichem, durch höfische Gunst erlangtem Ritterstand fühlbar machten; allein der Jüngling entgegnete gleichmütig: »Ich kann nichts nachweisen als meines Feldherrn Schwertstreich, der tönt weit durch die Lande, und ich hoffe, mein Ritterschwert aus seiner Hand soll ihm nicht Unehre bereiten. Solches erwartet er auch von Euch, Herr Ritter, darum steh ich in seinem Auftrag hier, nicht aus eigener Lust.« Gelassen war's gesprochen, doch so festes Selbstbewußtsein der Stellung des jungen Ritters als Vertreter Karls des Kühnen erklang daraus, daß der Burgherr, die vorherige Verdrossenheit und stachelnde Tobsucht seines Tones beherrschend, rasch antwortete: »Und was erwartet der Herr Herzog von mir?« Guy, teilte unter kurzem Bericht das Gebot Karls mit, und es glimmerte begierig in der Augentiefe Bertulfs von Egisheim. Doch dann zuckte er die Achseln und erwiderte: »Man nimmt feste Städte nur mit wehrhaften Haufen ein, und viel Knechte begehren viel Sold. Hat der Herzog Euren Sack mit Gold für mich angefüllt, so willfahr' ich ihm gern.« Das ging freilich über die bisherige kriegerische Erfahrungsweisheit des jungen Ritters hinaus, seine Tasche war leer, und er wußte diesem Einwand mit keiner hülfreichen Weisung zu begegnen. Seine Ratlosigkeit durchschoß nur ein Wort Karls des Kühnen, das er im Gedächtnis bewahrt: »Schafft Euch das Gold, es liegt auf der Straße!« Die nachdrücklich hervorgestoßene Antwort umzog zum ersten Mal die Mundwinkel des Burgherrn mit einem schattenhaften Lachreiz. Er versetzte: »Wir haben schon gesucht, doch auf den Straßen der Dörfer nicht mehr gefunden, als der Hunger für den nächsten Tag braucht. Ihr redet sicherlich nach der Wahrheit, daß in den Städten das Gold auf den Gassen blinkt, ich wär' Euch sehr zu Dank, wenn Eure Klugheit meiner Einfalt beihülfe, auf welcherlei Art wir dasselbe an uns bringen, ohne zuvor die Mauern übersteigen zu müssen.« Guy errötete und schwieg; er fühlte beschämt, daß die unbedachtsame Einfalt auf seiner Seite gelegen und ihm eine Blöße gegeben, in welche der Hohn des Ritters hineinzustechen vermocht. Doch hatte das Gesicht Bertulfs von Egisheim schnell den befriedigt spöttischen Anflug wieder abgelegt und in nachdenklichen Ernst umgewandelt. Er schritt jetzt an eine Tür und rief hinaus; nach wenigen Augenblicken trat Welf Siebald herein, und der Schloßherr sprach mit kaum merkbarem hämischen Nachdruck: »Der Ritter Guy Loder von Nancy, Sendbote des Herzogs von Burgund – mein Sohn Welf; ich glaube, die edlen Herren sind sich von früher her bekannt.« Es war eine erste Begrüßung, die auf beiden Seiten keine übergroße Zuneigung verriet. Der Blick Welf Siebalds flog blitzschnell auf die Füße seines ehemaligen Wandergenossen hinunter; der goldene Sporenglanz an denselben belehrte ihn über die Richtigkeit der unglaublichen Standesankündigung, und das Blut floß ihm einen Moment jäh aus weißverfärbtem Gesicht zurück. Doch dann trat er rasch gegen Guy heran, und dieser tat das Gleiche; ihm überwog's mit einem Gefühl der Dankespflicht, daß Welf Siebald der erste Urheber seines Glückes gewesen, ihn in hülfloser Verlassenheit auf den Weg zu seinem immer hoffnungsfreudiger winkenden Ziel geführt habe. Das trug die Oberhand über ein unwillkürliches Widerstreben davon, und so begegneten sich Beide gleichzeitig mit begrüßender Darreichung der Hände. Rasch aber nun sprach der Burgherr gegen seinen Sohn gewandt: »Der Herzog erteilt mir Auftrag, Mülhausen und Breisach zu züchtigen; er selbst rückt mit seinem Heere von Lothringen herauf. Sein Gebot muß vollzogen sein, bevor er kommt; sinn' auf schleunigen Rat und schaffe Geld, Welf! Du weißt, es gilt dein Wohl wie mein's; eh der Abend einbricht, will ich dich hören. Ich empfehle unseren edlen Gast, so lange er bei uns verweilt, deiner alten Freundschaft, Welf; lasset Euch die Dürftigkeit meiner Burg nachsichtig gefallen, Herr Ritter!« Achtzehntes Kapitel Welf Siebald hatte dem Geheiß des Burgherrn Folge geleistet und sein Nachsinnen offenbar zu einem befriedigenden Ergebnis geführt, denn er trat zur bereiteten Abendmahlzeit in der Halle mit der Ansprache heran: »Gebt mir Urlaub zur Nacht, mein gnädiger Vater, daß ich Euer Gebot vollführe.« Überrascht sah der Ritter von Egisheim auf: »Wohin willst du? Was hat dein Hirn ausgebrütet?« Doch der Befragte lachte: »Verstattet mir die Antwort bis morgen, wenn ich heimkehre; ich bin nicht aus dem Nest der Henne, die gackernd umläuft, noch bevor sie das Ei gelegt. Aber vertraut darauf, Ihr werdet mit Eurem Sohn zufrieden sein, und der Herzog ingleichem.« Ein Blickaustausch ließ den Ritter nicht Weiteres begehren, und dieser frug nur: »Wie viel Knechte bedarfst du?« Die Antwort lautete kurz: »Eine halbe Mandel nehm ich mit mir.« Bertulf von Egisheim erwiderte befremdet: »Du gibst Rätsel auf; wo Gold ist, sind Wächter mit gutem Schwert; was willst du mit solcher Handvoll wider sie?« Allein unbekümmert fiel Welf Siebald ein: »Ich hab sie gut ausgewählt, daß sie sich vor Teufel und Hölle nicht fürchten, das heischt unser Ausritt mehr als Mut wider Hieb und Stich. Ehrt Ihr mich mit Eurem Geleit, Herr Ritter? Es ist des Herzogs Dienst, den Ihr mir auferlegt – oder bedarf Eure Ermüdung zur Nacht des Schlafes?« Die Höflichkeit der an Guy Loder gerichteten Worte durchschimmerte aus der letzten Frage eine etwas wie leis spöttische Erwartung, daß der junge Ritter die Teilnahme an dem nächtlichen Auszug ablehnen werde, und rief das leicht erregbare Stolzgefühl desselben der früher oft empfundenen Überlegenheit seines ehemaligen Genossen gegenüber wach. Er versetzte rasch: »Ich bin nicht gewöhnt, zu Nutzen meines Herrn Beschwernis zu achten,« und lächelnd fügte er hinzu: »Auch Ihr habt mich einstmals gewöhnt, nicht nach dem Wohin und Wofür des Weges zu fragen; so will ich auch heut' nicht danach begehren, sondern nach altem Brauch mit Euch ziehen. Vielleicht kann mein Schwert Euch doch besser nützen, als Ihrs gedenkt.« – »Verargt mir meine vorige Frage nicht, Herr Ritter,« erwiderte Welf Siebald nun überaus artig; »ich gedenke Eures Mutes und Eurer Tapferkeit genugsam, um den hohen Wert Eurer Beihülfe zu schätzen, und habe nicht andere Antwort von Euch vermutet.« Gar zuvorkommend redete er jetzt während der Mahlzeit fort, und selbst der Burgherr ließ seine gewohnte Wortkargheit fahren und beteiligte sich hin und wieder an dem Wechselgespräch, daß Guy fröhlich beim Wein ward, die unbegründete heimliche Abneigung seines Gemütes gegen seine Wirte schalt und mehr und mehr hinschwinden fühlte. Wenn er nicht selbst redete, gedachte er im Zuhören der Vergangenheit, wie seltsam der Zufall ihm an diesem Tische den ersten Einschlag seines Glückes gewebt, daß er zum Mundschenk Karls des Kühnen bestellt worden, und seine Vorstellung schweifte weiter zurück, daß er hier wunderbarlich jetzt selbst als Ritter mit dem Ritter von Egisheim saß, vor dessen Grimm er einstmals als Knabe ins Felsgestrüpp des Dusenbachtales hinaufgeflohen. Der reichliche Trunk lies ihn plötzlich bei der deutlichen Erinnerung heiter auflachen, und wie Bertulf von Egisheim ihn darob befragte, entflog's ihm: »Werdet mir heut nicht mehr drum zürnen, Herr Ritter!« und er erzählte von dem unbedacht törichten Steinwurf, mit dem er damals den gerechten Ingrimm des Burgherrn aufgereizt. »Weiß nicht, was über mich kam,« schloß er frohlaunig, »mir war's, als hättet Ihr mir bitteres Unrecht gefügt und ich könnt nicht anders; vergebt mir's!« Der Egisheimer hatte lautlos zugehört, nur sein Blick haftete mit einer weißen Starre unter den Brauen auf dem Gesicht des Sprechers. Auch noch, als dieser eine Weile geschwiegen, dann schlug er eine heisere Lache auf und gab zurück: »Ich entsinne mich wohl, Herr Ritter, der Stein traf gut. Ihr warfet ihn und vermeintet, Ihr könntet nicht anders, wußtet auch nicht warum?« und das tonlose Lachen rann ihm wieder in den aschfarbig verblichenen Bart. »Habt's gesprochen, es war ein närrischer Bubenstreich,« setzte er darauf hinzu: »nehmt Dank für den lustigen Schwank und trinket, Herr Ritter von Nancy!« Es war spät geworden, die Nacht lag schon lange draußen über Gebirg und Tal; Welf Siebald mahnte nunmehr zum Aufbruch. Sie schritten zum Burghof hinunter, wo die ausgewählten Knechte bereits harrten; das schweifende Licht einer Pechfackel wies Guy lauter Züge von trotziger Frechheit, wie er sie selbst im Kriegslager nirgendwo in solcher Vereinigung beisammen gewahrt. Schnell saß der kleine Trupp im Sattel, der Ritter von Egisheim tauschte noch einen kurzen Blick mit Welf Siebald und sprach: »Reit guten Weg, mein Sohn, und bring mir heim, was ich dich hieß!« Dann verließen sie über die fallende Zugbrücke das alte Burggemäuer. Dunkle Spätsommernacht war's, ohne Mondlicht, mit verhängten Gestirnen; wie sie ins Rheintal hinabgelangten, blieb die Bergkette ihnen als eine schwarze, nicht unterscheidbare Wand zur Linken; so zogen sie manche Stunde nordwärts hinauf, und um manche Stunde mußte schon die Mitternacht vorüber sein. Welf Siebald ritt neben Guy Loder, zumeist stumm, manchmal indes begann er ein Gespräch, das stets wunderlichen Verlauf nahm, als suchte er seinen Gefährten durch ein hämisches Wort zu reizen; doch jedesmal brach er schnell wieder ab und fügte eine gewandte Schmeichelei für den jungen Ritter hinterdrein. Diesem schoß einmal unvorherbedacht etwas durch den Kopf, daß er hastig frug: »Ist's heut nicht Pfeifertag, der Achte des Septembermonds?« – »Müsset's wissen, Herr Ritter, Euch liegt's mehr im Blute als mir,« entgegnete Siebald höhnend, setzte jedoch gleich hinzu: »Ihr habt Recht, sie heißen's heut Mariä Geburt, allein ich weiß, Ihr seid mutigen Geistes, der sich vor Götzen nicht fürchtet, wie Euer Arm nicht vor Menschen.« Aber Guy achtete so wenig auf die letztere Huldigung wie auf das vorausgegangene Spottwort. Ihn überfiel's mächtig, daß der kommende Morgen den Pfeifertag begann, wie andersartig dieser beim ersten und beim letzten Mal ihm das Herz durchstürmt. Gleich Flutwellen über ihn strömend, wachte jede Erinnerung auf; vergeblich suchte sein Auge im Dunkel, ihr Weg mußte sie nicht fern an Rappoltsweiler vorbeiführen, und wäre es Tag, müßten die Schlösser ihm entgegenwinken. Nur einen holdseligen Gruß, nicht zur Einkehr heut noch, denn die Dienstpflicht gebot anders als das heimliche Verlangen des Herzens; doch die Gedanken und Vorstellungen des jungen Ritters verweilten auf der unsichtbaren Burg und drängten zum ersten Mal ihm die Frage auf, wie sich der Graf von Rappoltstein droben in dem wilden um ihn her tobenden Widerstreit der Tage verhalte? Saß er ruhig hinter seinen festen Mauern, oder leistete er auch gleich dem Ritter von Egisheim Karl dem Kühnen Kriegsfolge und beherrschte für ihn mit gewaffneter Hand den Nordgau des Elsaß wie jener den Süden? Guy hatte niemals davon vernommen. Da strauchelte neben ihm das Pferd Welf Siebalds in einer Aushöhlung des Bodens, und Roß und Reiter stürzten. Der letztere richtete sich eilig unverletzt wieder empor, doch das Tier blieb liegen, und als er es nach einer Weile mühsam auf die Beine zurückgebracht, schleppte es hinkend mit dem rechten Hinterfuße nach. So ging Siebald, das Pferd am Zügel führend und auf Besserung desselben wartend, eine Zeit lang nebenher; aber als er sich endlich wieder in den Bügel schwang, verweigerte es trotz Hieb und Spornstoß noch immer schleunigen Gang. Zornig fluchend stieß er aus: »Maulwurfsvieh! haben die heiligen Nothelfer dir die Augen ausgekratzt? Der Tag kriecht herauf, bis wir hinkommen! Die Pest über deine Schneckenbeine! Wir können nicht mehr geradeswegs unter dem Narrennest vorbei!« Nach einer Weile säumte sich in der Tat falb der östliche Himmel und ließ drüben über der Rheinebene von dem dunklen Wall des Schwarzwaldes die runde Scheitelkuppe des Kandelberges sich in einen bleichen, stahlfarbigen Schimmer aufheben; die Tagdämmerung im Anfang des September stieg noch früh über der schlafenden Welt empor. Nun sprach Welf Siebald verdrossen: »Zu spät! wir müssen auf einem Umweg zu unserer Andacht!« Und er lenkte vom ebenen Talboden linksauf in die Vorhügel des Gebirges, wo sie im zwitternden Grau schlechten, steinigten Weg verfolgten. Eine Strecke lang nahm Waldgestrüpp sie in die Mitte, das nach keiner Richtung etwas erkennen ließ als anwachsende Helle über den Köpfen, dann senkte der Pfad sich abwärts, ein lustig schäumendes Wasser rauschte vor ihnen, zwischen dessen moosigem Geblöck sie zur anderen Seite hinübersetzten, und auf einmal fiel es schreckhaft von den Augen Guy Loders. Sie hatten, über die Vorberge aufbiegend, die Stadt Rappoltsweiler mit ihrem engen, fast ganz von den Häusern ausgefüllten Schluchteinschnitt umkreist, und er befand sich im Sprengbachtal, dessen plätschernde Wellen ihm einstmals in seinem weißen Schafsfell die Lider zugemurmelt. Greifbar deutlich sah er die heitere Lebendigkeit vor sich, die ihn beim Erwachen an jenem Frühlingsmorgen begrüßt, die vorüberwandernden Bauern und Bürger von Markirch, das tannenreisgeschmückte Ochsengefährt, von dem lachende Frauen und Mädchen die bunten Kopftücher und geflügelten Hauben nach ihm umgedreht und eine gerufen hatte: »Da liegt ein Schaf beinah im Wasser.« Die Stimme klang ihm, wie eben erst verhallt, im Ohr, dann zerrann jäh das Trugbild der Phantasie vor seinen Sinnen. Nur die tote Landschaft sah ihn mit den gleichen Felsgesteinen, Bäumen und Wiesengründen an; wohl war's erster Frühmorgen des Pfeifertags wie damals, aber die fröhliche Kunst berief niemanden heute gegen Rappoltsweiler heran. Leer und tot lag die Straße, die nach Markirch über den Bergsattel führte, kein erwartungsvoller Fuß eilte des Weges, kein Lied und kein Lachen tönte drauf. Alles Leben hatte sich scheu hinter feste Mauern geflüchtet, lautlos und reglos war nur die Natur geblieben wie einst. Wie unheimlich still das Alles war!» Traumhaft ruhten Guy Loders Augen darauf, doch nicht mit freudevoller Empfindung des Widersehens, zum ersten Mal überlief ihn ein unritterlicher Schauder über die große verödende Not der blutig wilden Kriegsläufte. Ein verworrenes Gefühl preßte ihm die Brust, gewaltsam trachtete er, sich demselben zu entreißen, und frug jetzt hastig: »Reiten wir nach Markirch hinüber?« Da bog im selben Moment Welf Siebald eilfertig seitwärts ins Dusenbachtal ein. »Hurtig!« stieß er gedämpft aus, »die Ohren der Bärenhäuter drüben wachen sonst auf!« Dann geschah alles in äußerster Schnelligkeit, ehe Guy noch seine wunderlich treibenden Gedanken klar zu sammeln vermocht. Er sah sich weiter oben vor der Kapelle, seine Begleiter hastig abspringend und in diese hineinstürzen. Auch er folgte halb unbewußt nach; nun gewahrte er, wie Welf Siebald auf die Altarnische zulief, daran emporschnellte und rasch seine Hand nach dem lebensgroßen Bildnis unserer lieben Frau von Dusenbach vorsteckte. Unwillkürlich flog es laut vom Munde des jungen Ritters: »Was wollt Ihr?« Der Angerufene drehte zornig den Kopf und versetzte: »Halte dein Maul, Dummkopf – vergebt, waret Ihr der unbedachte Schreihals, Herr Ritter? Ich will das, was Holzpuppen nicht brauchen, aber Fleisch und Blut hat Bedarf danach; Ihr sagtet ja, es sei Pfeifertag heut', und wir sind unserer lieben Frau einen Besuch schuldig.« Und hämisch lachend riß er begierig die kostbaren Edelsteine von dem schweren Goldgewande des Madonnenbildes herab und stopfte seinen Sack damit. Das war der Zweck, die Erklärung des nächtlichen Ausrittes, des Zornes Welf Siebalds über die Verspätung und der vorsichtigen Umgehung von Rappoltsweiler – Kirchenraub an den kostbaren Schätzen, mit denen die gläubige Frömmigkeit von Jahrhunderten das wundertätige Marienbildnis geziert. Durch manche Menschengeschlechter hatte es hier unbeschützt bei Tag und Nacht in einsamer Waldesstille gestanden und keines Wächters bedurft, da die Zeit unter vielen Millionen bisher keine Hand erschaffen, die sich anders als bittend nach ihm auszustrecken gewagt. Jetzt erkannte Guy, was Siebalds Antwort bedeutet, daß er sich eine halbe Mandel von Begleitern ausgesucht, die Teufel und Hölle nicht fürchteten. Mit grinsendem Hohngezerr halfen die gemein-frechen Knechtsgesichter ihrem Anführer bei der Plünderung, rissen Gold und Gestein an sich, und die liebe Frau von Dusenbach tat kein Wunder, lähmte ihre Angreifer nicht mit göttlicher Kraft, sondern ließ sich hülflos ihrer Krone, ihres Kleides und Schmuckes berauben. Wie sollten Holzglieder sich auch zur Wehr setzen, und es lag eine Wahrheit darin, daß Hunger und Durst der Lebendigen unter der Drangsal der Zeit gewichtiger in die Wage fielen als der glänzende Aufputz eines toten Bildes. Aber dennoch stieß etwas Rohes, Häßliches in dem Vorgang Guy Loder ab und zog ihn mit heftigem Widerwillen, nicht Augenzeuge desselben zu sein, aus der Tür ins Freie zurück. Er wollte sich in den Sattel schwingen und allein davonreiten, doch wie er hinaustrat, fiel ein erster Goldstreif der Sonne osther in die enge Talschlucht herüber. So friedvoll, feierlich still lag diese unter dem wolkenlos niederblauenden Himmel, nur der Dusenbach plätscherte leis helltönig von Stein zu Stein. Der junge Ritter konnte die Stätte so vielfältiger Erinnerung nicht verlassen, er schritt etwas abwärts, um das gedämpfte Stimmengesurre in der Kapelle nicht zu vernehmen, und blickte träumerisch auf die kleinen blinkenden, hüpfenden Wellen hinunter. Sein Herz schlug laut und pochte ihm das Blut heiß in die Stirn, daß er den schweren Helm vom Haupte nahm und neben sich aufs Moos legte. Dort hinüber, hinter der schwärzlichen, hoch aufragenden Felswand, nur kurze Wegstrecke entfernt, lag die Ulrichsburg, doch von hier aus war sie nicht zu erblicken. Da fuhr Guy Loder plötzlich sonderbar zusammen. Ein Ton hatt die Stille durchklungen, seltsam, als ob unsere liebe Frau einen Schrei hervorgestoßen. Noch einmal rang er sich jetzt unverkennbar von den Lippen eines Weibes, Rufe übertäubten ihn, dann tönte die Stimme Welf Siebalds jäh frohlockend von der Kapellentür: »Stopft ihr die Zähne mit ihrem Tuch! Das ist ein Jungfernfang, von dem wir nicht geträumt haben, mehr Gold wert als die bunten Fetzen von dem Holzleib da drinnen. Hurtig aufs Pferd mit ihr, und dankt unserer lieben Frau hübsch. Sie hat's dem Golddirnlein eingegeben, scheint's, hier nach altem Brauch heut mit dem Kranz die Huld zu tun.« Unwillkürlich, gedankenlos vorspringend, eilte Guy der Kapelle zu. Er sah eine junge weibliche Gestalt sich vergeblich gegen mehrere der Knechte sträuben; offenbar war sie arglos in der sonnigen Frühstille von oben aus dem Dusenbachtale herabgekommen, um die Waldkirche zu besuchen, vielleicht bei der wundertätigen Madonna heimlich etwas zu erbitten; ihre eine Hand hielt noch einen Kranz von gelben Rosen. Nun rief sie noch einmal, ehe das Tuch ihr den Mund knebelte, um Hülfe, beim Ringen löste sich ihr langes Haar und flog ihr wie ein Goldschleier bis über die Hüften herab, und der junge Ritter stieß einen Schrei zugleich heißen Schreckes und herzstürmenden Glückes aus; es war Erlinde von Rappoltstein, nicht mehr an der Grenze zwischen hochgewachsenem Kinde und Jungfrau, sondern sonnenhaft darüber hinausgeblüht, ein holdseliges Wunder zaubervollen Frühlingstages. Blitzschnell hatte Guy die Knechte erreicht und rief: »Laßt das Edelfräulein! Seid Ihr von Sinnen! Es ist des Grafen von Rappoltstein Tochter!« Doch vor ihm lachte es von den Lippen Welf Siebalds: »Eben drum sind wir sehr bei Sinnen, sie mit uns zu nehmen, für des Herzogs Säckel und den unseren!« Guy blickte den Antwortenden einen Moment verständnislos an; nun rang das Mädchen, ihn erkennend, freudig aufleuchtenden Auges, doch sprachlos von der Knebelung des Mundes, die Hände gegen ihn hin, und wild-zornig packte der junge Ritter den nächsten der Gewalttäter mit der Faust und stieß herrisches Gebot drein: »Zurück! Bei meinem Schwert, der ist des Todes, der sie noch anrührt!« Durch Welf Siebalds Wimpern aber schoß ein heißer Strahl befriedigten, neidglühenden Rachegelüstes, seine Hand zuckte nach der Hüfte und er schrie höhnisch: »Ho, Pfeifritter, so wetten wir nicht! Das ist wider des Herzogs Dienst – Ihr zeugt's mir!« Und mit pfeifendem Hieb fuhr sein aufgerissenes Schwert geradeaus auf den helmlos unbewehrten Scheitel Guy Loders herunter. Wie ein umstürzender Baumstamm fiel dieser, blutüberströmt, reglos zu Boden; Siebald rief, sein Frohlocken kaum bemeisternd, noch einmal: »Ihr zeugt's mir Alle, er wollt uns mit Gewalt an des Herzogs Dienst hindern!« dann murmelte er, gesättigt sich weidenden Glimmerblickes: »Da lieg in deinem edlen Bauernblut, Gimpel! – Mir die Golddirn!« Fort! hob er befehlend die Stimme hinterdrein, warf die widerstandslos gebundene Erlinde von Rappoltstein vor sich auf den Sattel, doch nicht in den seines eigenen, fußschleppenden Pferdes, sondern auf das Roß Guy Loders und nach wenigen Augenblicken stob der kleine Reitertrupp windschnell wieder zum Sprengbachtal hinab. Kaum eine Viertelstunde lang hatte er die einsame Waldschlucht belebt gehabt; es war immer noch früher Morgen und das enge Dusenbachtälchen lag friedlich schön im Geflimmer der aufsteigenden Sonne wie zuvor. Nur zerflatterte gelbe Rosenblätter deckten verstreut da und dort den Boden von der Kapelle, von deren Altarnische das liebreiche Bildnis unserer lieben Frau wunderlich gewandlos auf zerschlagene Geräte und Scherben bunter Glasgemälde herniedersah, und ohne Laut und Regung lag draußen der junge Ritter Guy Loder von Nancy auf dem Fleck, wo er zu Boden gestürzt. Aus breiter Wunde sickerte das Blut noch unter seinem dichten Haar hervor, ein Tropfen rann an seiner Schläfe und fiel in einen duftenden Rosenkelch, auf den der Sturz ihm den Kopf hingebettet, als habe äffender Zufallsspott seinen Scheitel im Tode mit dem Kranz des Pfeifertags geschmückt. So blieb es manche Stunde lang, bis gegen den Mittag hinan, zum ersten Mal seit vielen Jahren tonlos und leblos an diesem Tag unter dem grünen Blätterdach um die Waldkapelle. Dann kam ein Schritt vom Sprengbachtal her leistönend durch die Felsschlucht herauf, und die Sonne gewahrte das einzige Bild, das der Tag heute hier mit sich brachte, wie sonst. Zwischen ihren ruhig wandelnden Begleiterinnen kam Bettane dahergegangen. Sie wußte auf ihrer stillen Berghöhe nichts von Hader und Waffengetöse hier unten, der Wind trug's nicht zu ihr empor. Wie alle Mal am Pfeifertag hatte sie sich mit der Morgenfrühe auf den Weg durch die weiten, dunklen Wälder gemacht und wohl mit Verwunderung die Reglosigkeit drunten am Sprengbach wahrgenommen. Aber nach gewohntem Brauch schritt sie gleichmäßig weiter neben dem plätschernden Dusenbach aufwärts. Nun fiel ihr Blick über den einsamen, unbeweglichen Körper vor der Kapelle, und großstaunend, doch ohne Scheu trat sie hinzu. Im Moment aber, als sie das Gesicht auf das Antlitz des leblos Daliegenden vorblickte, brach herzdurchschneidend ein erster Schrei ihres Lebens von den stummen Lippen Bettanes. Wie aus einer gewaltsam zersprengten Brust kam er, so voll tödlich hervorbrechenden Wehs, als müsse auch aus ihr das Lebensblut verströmend nachschießen, und gleich einer ungeheuren Anklage gegen die Erde, die es geduldet, gegen Himmel und Sonne, die unbeweglich dazu dreingeblickt, lief von den Felswänden der Rückhall des furchtbaren Aufschreies durch das stille Dusenbachtal empor. Aber dann hatte der Jammerausbruch des Herzens auch wie ein Sturm die lähmende Betäubung von ihrer Seele abgerissen, sie kniete neben dem Reglosen und begann jetzt mit seltsam ruhigen Händen ein schwieriges Werk, ihm den schweren Eisenpanzer von der Brust abzulösen. Die Bewegungen ihrer Finger glichen denen einer Nachtwandelnden, so selbständig, ohne Beihülfe der unverwandt auf dem atemlosen Antlitz unter ihr haftenden Augen, vollzogen sie ihren Zweck. Endlich war dieser erreicht, ihre Hand öffnete das Wams unter dem Harnisch und legte sich auf das Herz Guy Loders. Dann atmete die Brust Bettanes zum ersten Mal langsam tief nach Luft; ganz leise, kaum einem anderen als ihrem unglaublich fein geschärften Gefühl bemerkbar, schlich noch eine Lebensregung in dem Herzen. Nun erhob sie sich und sah kurz umher; die vorherige besinnungslose Angst ihrer Züge beherrschte ein wundersamer Ausdruck sicheren Willens. Sie trat rasch in die offene Kapellentür, nahm, ohne die Verwüstung darin erstaunten Blickes aufzufassen, eine Altargerätscherbe vom Boden, füllte Wasser in diese am Dusenbach und kam zurück; den Kopf Guys sanft in ihren Schoß bettend, wusch sie ihm behutsam das Blut vom Gesicht fort und untersuchte, vorsichtig Haar um Haar entfernend, die vom Stirnrand bis ans Hinterhaupt reichende Wunde. Diese klaffte breit, doch auch in ihr stand die Blutung, und das Mädchen riß Streifen von ihrem Gewande und legte die in das kühle Wasser getauchten zwischen die Wundränder hinein. Es war, als ob der Schwergetroffene eine Linderung brennenden Schmerzes empfinde, denn zum ersten Mal regten sich seine Lippen mit einem leisseufzenden Laut. Sie blieben halb geöffnet danach, als zögen sie unmerkbar Atem ein; die Hand Bettanes kehrte ab und zu nach dem Herzen zurück, ein wenig kräftiger schien sich der Schlag zu verstärken. So saß sie, auf das leis wachsende Leben des todbleichen Antlitzes in ihrem Schoße wie mit den Augen niederhorchend, und in diesen wuchs allmählich auch der alte grüngoldene Glanz, als sei eigentlich nichts Entsetzenvolles geschehen, vielmehr als sei's ein traumhaftes Glück, so in der tiefen Waldstille einsam zu sitzen und sorglich von Minute zu Minute mit frischer Benetzung das verwundete Haupt des Bewußtlosen zu kühlen. Dann und wann einmal sah sie auf, doch offenbar blickte sie nicht verlangend nach einer Beihülfe umher, kurz nur schlug sie die Lider, wie mit einem lautlosen Dank zwischen ihnen, zur Sonne empor, und das seltsame Lächeln, das sie einstmals von dem Knaben neben sich auf der Berghöhe gelernt, ging wie ein holder Märchenschimmer um die Lippen ihres unschönen Gesichtes, wenn sie den Blick wieder auf die zart behütete Stirn in ihren Händen zurückwandte. Wie die greisenhaften Züge Bettanes aber ihre traurige Naturmitgift nicht verändert hatten und ihre Zunge keine Sprache erlangt, so vernahm auch ihr Ohr so wenig wie von je, hörte nicht, daß nach einer Weile drobenher aus der Verengung des Dusenbachtales ein lauter Ruf scholl: »Sucht überall im Walde, von hier kam der Schrei!« Eilige Fußtritte klangen bald nachher über Felsgeröll abwärts, allein erst an einer Kopfdrehung der neben ihr kauernden Ziegen nahm Bettane gewahr, daß hinter ihr etwas an sie herannahe. Wie sie gleichfalls nun umschaute, blickte sie in ein schon dicht herzugekommenes, ihr bekanntes Gesicht, das ihr keinerlei Sorgnis, sondern ersichtlich ein jähes Gefühl der Freudigkeit einflößte, denn es war dasjenige Velten Stachers. Er trug noch das Silberbildnis unserer lieben Frau von Dusenbach um den Hals, doch nicht auf schmuckem Wams wie früher, vielmehr über dem eisenbesteppten Koller eines Kriegsknechtes; er war heut kein Pfeifer mehr, sondern der Drang der Zeit hatte ihn mit dem Schwert unter die Dienstmannen des Grafen Schmaßmann von Rappoltstein gestellt. Eines lebendigen Wesens in der Schlucht ansichtig werdend, rief er im hurtigen Lauf: »Hast du des Grafen Tochter gesehen? Sie ist in der Früh heimlich aus der Burg gegangen und nicht wiedergekehrt – wir hörten droben einen Schrei, als käm's von hier.« Er stutzte, denn nun erkannte er das stumme Mädchen, das er schon zweimal hier betroffen; sie hatte seinen Ruf nicht verstanden, er war noch zu weit entfernt gewesen, als daß sie ihm die Worte von der Lippenbewegung ablesen gekonnt, und sie deutete nur auf das Gesicht des schwer Verwundeten in ihrem Schoß. Wie blitzgetroffen zuckte Velten Stacher bei dem plötzlichen Anblick, Tränen schossen ihm von der Wimper, mit krampfhaftem Griff faßte er die Hand des anscheinend leblos Hingestreckten, und erst als er Wärme in derselben fühlte, kam ihm mählich die Besinnung zurück. Eine wunderliche Unterredung hob zwischen ihm und Bettane an; beiden war die Auffindung Guys im Dusenbachtale ein unverständliches Rätsel, und beide verstanden sich untereinander kaum besser – wenigstens Velten Stacher das Mädchen nicht; sie las dagegen jetzt aufmerksam von seinem Munde, daß er ihr sagte, nach allen Richtungen lasse der Graf von Rappoltstein seine seit dem Frühmorgen verschwundene Tochter suchen. Da lief ein Licht durch Bettanes Augen, sie streckte rasch die Hand zu Boden und hob eine bisher nicht von ihr beachtete, blutbesprengte gelbe Rose gegen den jungen Kriegsmann auf. Dieser begriff nicht, was sie damit ausdrücken wolle; hastig zog sie ihr Schiefertäfelchen hervor und schrieb darauf: »Sie war hier; wo die Rose ist, war sie auch; er wollte sie vor etwas beschützen, darum liegt er jetzt so.« Aber Velten Stacher schüttelte nur wieder mit dem Kopf, denn er verstand auch heut noch so wenig zu lesen wie früher. Statt dessen nahm er mit schier ungläubigem Staunen die goldenen Sporen an den Füßen des jungen Ritters gewahr; aufstehend und in die Waldkapelle hineintretend, sah er nun die Verwüstung drinnen, das beraubte Bild unserer lieben Frau, und undeutliche Mutmaßungen, was hier vorgefallen, drängten sich ihm durch den Kopf übereinander. Auch den Helm Guys fand er etwas abseits am Bachrand, derselbe beließ keinen Zweifel, daß er einem Ritter angehöre; eine Fülle unlöslicher Rätsel blieb, doch es war nicht Zeit und Ort, darüber nachzusinnen. Die Begleiter Velten Stachers hatten sich nach vergeblichem Umhersuchen angesammelt, nichts gab über Erlinde von Rappoltstein Auskunft. Ihr Führer hieß sie jetzt eine Tragbahre aus Baumgezweig anfertigen, Bettane häufte sorgsam weiches Blattwerk über das Geäst, auf welches der Verwundete vorsichtig gebettet ward. Velten Stacher hob ihn mit den Anderen und trug ihn, das stumme Mädchen schritt hinterdrein und ließ, zur Obhut gegen jeden Unfall, die Hand nicht von dem Kopfe Guys. Ihre Züge drückten Freudigkeit über die tatkräftige Hülfe aus, die ihm zu teil geworden, doch in der Tiefe ihrer Augen lag eine heimlich zurückgedrängte Trauer, daß er nicht ihrer Hand allein mehr anheimgegeben sei. Ihr Blick redete, sie habe ihn gefunden, ein flüchtiges Weilchen habe er ihr angehört, nun verliere sie ihn wieder mit jedem Schritt. So wanderten sie langsam-vorsichtig durch das enge Dusenbachtal aufwärts. Der Emporgetragene selbst aber wußte nichts davon. Nur einmal schlug er plötzlich weit die Augen auf, denn ein lautes Getöse und Durcheinanderrufen von Stimmen riß ihn aus der Besinnungslosigkeit. »Habt ihr sie?« rief's, und er sah enttäuschte Gesichter über sich. Von diesen kannte er zwei: den Grafen Schmaßmann von Rappoltstein und den Herzog René von Lothringen, und wie ein Blitz schoß es ihm durchs Gehirn, daß der letztere von Nancy hierher geflüchtet und mit dem rappoltsteinschen Hause verbündet gewesen sei. So hatte er gegen den Vater Erlindes die Waffen geführt, war Gefangener auf der Ulrichsburg, und so hatte die Verheißung Welf Siebalds sich ihm mit bitterem Hohne erfüllt. Doch weniger ein Denken als die Empfindung eines Momentes war's, sogleich von ungeheurem, betäubendem Schmerz überdrängt. Er gewahrte nichts mehr, wie mit einer Eisenfaust preßte es ihm die Lider wiederum herunter, und er fiel in auslöschende Bewußtlosigkeit zurück. Neunzehntes Kapitel Namenlose Bestürzung und Wehklagen herrschten in der glänzenden Saalhalle der Ulrichsburg über die Unauffindbarkeit Erlindes von Rappoltstein und riefen schreckvoll eine alte Erinnerung wach. Es war einmal Ähnliches geschehen, vor langausdenklicher Zeit, mehr schon als zwei Jahrzehnten. Da hatte Luitgard, die jungblühende Schwester des Grafen, am lichten Tag die Burg verlassen, um zum Hochrappoltstein hinanzusteigen, war aber dort nicht eingetroffen und niemals zurückgekehrt. Ihr Ruf als derjenige des schönsten Edelfräuleins im ganzen Elsaß ging weit um und fand manch hochbürtigen Bewerber, auch der Ritter Bertulf von Egisheim freite bei ihrem Bruder um ihre Hand. Doch Graf Schmaßmann bedünkte der Ritter zu aussichtslos dürftig herabgekommen für die Schwester, und er wies denselben glimpflich, ohne Kränkung und Bruch der guten Nachbarfreundschaft, aber mit unabänderlichem Wort ab, obwohl es schien, daß Luitgard selber vielleicht bei des Bruders Dreinwilligung nicht widerstrebt hätte; zum mindesten schlug sie danach mehr denn einen vornehmeren und reichen Freier aus. Da geschah eines Tages das Unbegreifliche; sie verschwand und keine Spur gab jemals von ihr Kunde. War sie in einen Abgrund gestürzt oder hatte einer der von ihr abschlägig beschiedenen, mächtigen Bewerber sie gewaltsam überfallen und sie mit sich geführt? Viele Tage lang suchte Graf Schmaßmann und, noch unermüdlicher als er, mit ihm der Ritter von Egisheim in allen Schluchten und Klüften, Winkeln und Wäldern des Gebirges umher, doch umsonst. Ein unlösbares, trauervolles Rätsel blieb's, über das sich bald darauf wilde Kriegsstürme hinwälzten. In einem Gefecht ward Graf Schmaßmann gefährlich verwundet und genas erst nach Ablauf vieler Monde. Als er wieder ins Feld zu ziehen vermochte, um dem Heerbann des Kaisers ins Ungarland zu folgen, war die Erinnerung an die Verschollene leise in ihm überwuchert, und nach seiner Heimkehr wachte sie nur dann und wann noch auf. Jetzt aber ward sie unwillkürlich bei allen, welche damals gelebt, lebendig und durch eine seltsame Täuschung besonders bei dem Grafen. Auf Erläuterung und Bitte Velten Stachers hin war der verwundete junge Ritter in einem luftig wohnlichen Turmgemach der Ulrichsburg untergebracht worden, wo Bettane nicht von seinem Lager wich und jedem anderen die Beteiligung an seiner Pflege mit hartnäckiger Entschiedenheit verwehrte. Doch hatte sie auf ihre Tafel geschrieben, daß sie glaube, der Kranke könne eine Auskunft über das Verschwinden der Grafentochter geben, und mit angstvoller Ungeduld wartete der Vater auf die Wiederkehr des Bewußtseins Guy Loders. Da auch der nächste Tag noch ohne die sehnlich erharrte Botschaft zu Ende ging, trieb es ihn unwiderstehlich zum Turm hinüber, selbst nach dem Zustand des Sprachunfähigen zu sehen. Wie er eintrat, brach die Dämmerung leise herein; neben dem Lager saßen wie stets Bettane und Velten Stacher, der Einzige, den sie mit sich im Gemach duldete. Ein letzter Spätrotglanz der schon hinter dem Hochkamm des Wasichingebirges niederschwindenden Sonne fiel durchs Fenster und hauchte im Verein mit der Wundfieberröte scheinbar eine Farbe jugendblühender Gesundheit über das regungslos hingestreckte Antlitz Guys, das sich eigenartig, einem Gemälde ähnelnd, aus dem zwitternden Licht umher abhob. Eilig schritt Graf Schmaßmann herzu, doch plötzlich stutzte er, und seine Lippen stießen unwillkürlich das Wort »Luitgard« hervor. Velten Stacher sah verwundert bei dem Namensklang auf, der so oft seit dem gestrigen Tage in der Burg erklang. Nun sprach der Schloßherr: »Mein Kopf ist wirr von der Sorge und täuscht mir die Sinne; mir war's, als läge meine Schwester dort, wie ich sie vor zwanzig Jahren zuletzt gesehen. Es kam wohl, weil ich ihrer so viel wieder gedacht, daß auch der Blick sie mir vortrügt. Ist er noch nicht wach?« Schwer von Kummer klang die Sprache des Grafen, und ohne Trost ging er wieder davon, denn der Verwundete lag noch immer bewußtlos wie bei seiner Ankunft in der Burg. Bettane hatte kaum auf den kurzen Besuch geachtet, sondern fuhr sorglich in ihrer Achtsamkeit fort, den Verband der Wunde stetig durch frisch in kaltes Brunnenwasser getauchte Leinwand zu erneuern; Velten Stachers Gesicht dagegen hatte ein absonderer nachdenklicher Ausdruck verändert. Seine Augen hafteten groß und unverwandt auf den Zügen des Kranken, aber es lag etwas in ihnen, als richteten sie sich zugleich suchend nach innen zurück, wie nach einem unter seiner Stirn aufdämmernden und nebelhaft wieder hinschwindenden Gedanken. Und er half dem Mädchen nicht wie bisher bei ihrer Vorsorge, sondern blieb unverrückt bis in die tiefe Dämmerung auf seinem Sitz. Am folgenden Morgen aber kam ein Seufzer von Guy Loders Mund; er hob zum ersten Mal den Arm und tastete mit der Hand nach dem schmerzhaften Druck auf seinem Scheitel, dann gewahrte er die beiden neben ihm Befindlichen, und seine Miene sprach, daß er sie staunend erkannte. Es war, als habe er schlimm geträumt und nun komme eine friedvolle Beschwichtigung über ihn, so grüßten seine Augen stumm-vertraulich in diejenigen Bettanes und wandten sich danach denen Velten Stachers freundlich zu. Doch auch die Sprache hatte er wieder gewonnen und frug noch traumhaft: »Wie kommt Ihr zu mir?« Es verging indes noch geraume Zeit, ehe sein Kopf die Kraft angesammelt, um die Erwiderungen Velten Stachers auffassen und seine eigene Erinnerung deutlich wachrufen zu können. Dann lauschten beide begierig seinen Worten, der ehemalige Pfeifer mit dem Ohr und Bettane mit unverwandt an seinen Lippen hängendem Blick. Nur einmal fuhr der erstere, zorneswild die Faust ballend, auf, als der junge Ritter sprach, wessen Schwerthieb ihn heimtückisch vor der Dusenbachkapelle zu Boden geworfen, und Velten Stacher stieß zähneknirschend aus: »Hätt' ich den Bastardbuben an der Kehle gefaßt, da ich ihn einstmals auf der Straße mit dir antraf!« Doch verlegen stotterte er drein: »Verzeiht, Herr Ritter, daß ich mich vergaß, nach ehemaliger Gewohnheit zu reden.« Guy Loder aber streckte, so schnell er's vermochte, die schwache Hand nach ihm aus und gab zurück: »Zürnst mir noch, Velten, daß ich von dir ging, und willst mir die alte Freundschaft nicht lassen? Es war mir nimmer so wohl ums Herz mit dem Anderen als mit dir, und du bleibst mir allezeit der liebste Freund.« Nun erst gedachte Velten Stacher der harrenden Ungeduld des Grafen, und eilig herbeigerufen, kam dieser und vernahm von Guy die Kunde, daß der Sohn des Ritters von Egisheim im Dusenbachtal Erlinde überfallen und mutmaßlich nach der Stammburg seines Vaters davongeschleppt habe. Mit sichtlicher Erleichterung empfing Graf Schmaßmann die Botschaft, die ihn weder heftig überraschte noch in Zorn versetzte. Seitdem der Ritter Bertulf durch seinen Angriff auf Mülhausen sich als Parteigänger Karls des Kühnen offenbart hatte, war das frühere langjährige Nachbarsverhältnis zwischen ihm und dem seit geraumer Zeit schon mit dem lothringischen Herzog verbündeten rappoltsteinischen Hause erloschen; sie standen sich in kriegerischer Fehde gegenüber, und es war nicht unritterlich, sich mit Gewalt oder List eines dem Gegner ungehörigen kostbaren Gegenstandes zu bemächtigen, um für die Rückgabe desselben eine hohe Lösesumme zu erzielen. Diese zu erkunden, beeilte der Graf sich, noch am selben Tage eine Sendbotschaft nach den Drei Exen abgehen zu lassen, und Velten Stacher nahm den Antrag, als Bevollmächtigter mit dem Ritter Bertulf zu verhandeln, wenn auch ungern von Guy Loder scheidend, doch bereitwillig und mit freudigem Stolzgefühl an. Schon am nächsten Abend mußte er mit der Tochter des Grafen, dem kein Lösegeld zu hoch war, zurückkehren, und ein flammendes, nicht mehr vom Wundfieber, sondern aus dem laut klopfenden Herzen aufbrechendes Rot übergoß das Antlitz des jungen Ritters, als er diese Beredung neben seinem Lager vernahm. Mit großer Gunst aber und unverkennbarem innerlichen Wohlgefallen behandelte Graf Schmaßmann den Verwundeten. Er erinnerte sich jetzt desselben gar wohl vom Pfeifertag her und wie er damals sich mit Bedauern in die Zurückweisung Guys aus der Bruderschaft gefügt; seine Hand stattete diesem vom Herzen kommenden Dank ab, daß er sich dem Raube Erlindes widersetzt und dadurch sein eigenes schweres Unheil herbeigeführt habe. Doch konnte dies nicht abändern, daß der Graf von Rappoltstein die Pflicht besaß, den jungen Ritter als Kriegsmann des Herzogs von Burgund in Gefangenschaft auf der Ulrichsburg zu halten, bis entweder eine Auslösung für ihn stattgefunden oder der Friede verkündet sei. Vorderhand galt das im übrigen gleich, da die Wunde Guys auf manche Wochen hinaus Pflege und äußerste Schonung erheischte, und den Kranken nicht als Gefangenen, sondern bis zu seiner völligen Herstellung gegen Austausch seines Ritterwortes, nicht entfliehen zu wollen, als Gast willkommen heißend, verlieh Graf Schmaßmann in freudiger Zuversicht der baldigen Wiederkehr seines Töchterleins das Turmgemach. Er hatte nicht zu befürchten, daß sie gleich seiner verlorenen Schwester nicht zurückkomme, denn er wußte sie in der sicheren Hand des nur durch die Zeitläufte mit ihm und seinen lothringischen Bundesgenossen verfehdeten, hoch geldbedürftigen Ritters von Egisheim. Schon um eine Stunde später zog Velten Stacher mit einigen Geleitsmannen aus der Ulrichsburg gen Süden davon, und Bettane schaute ihm mit einem Blick nach, den ein heimliches Glücksgefühl über seinen Fortgang erfüllte. Wie vor der Dusenbachkapelle war sie wieder mit dem Verwundeten allein und dieser ganz ihrer Obhut anheimgegeben. Sie redete mit ihm, manchmal mit Hülfe ihres Täfelchens, zumeist aber in der alten Zeichensprache aus Kindertagen, und ein seliges Lächeln blieb fast stets um ihre Lippen, daß er dieselbe noch im Gedächtnis bewahrt hatte, und wie damals verstand. Doch seine Kraft war bald erschöpft, und er schloß die Lider und schlief eine Weile. Dann, wenn er fest im Schlaf lag, nahm sie ganz leise seine Hand und hielt sie in der ihrigen, bis er wieder erwachte. So ging friedlich-schön der Tag, die Nacht und kam ebenso der nächste Morgen. Wie dieser vorschritt, losch indes allmählich der glückliche Glanz in den Augen Bettanes mehr und mehr dahin. Eine Unruhe fiel über ihr Gesicht, die sie dem Kranken verbarg, doch oftmals stand sie auf und sah durchs Fenster auf den Weg nach Rappoltsweiler hinunter. Ihr Blick verlor wieder etwas von seiner Trübung, wenn sie nichts den Bergpfad herankommen gewahrte; kein Hufgeklapper tönte noch durch die ruhige Sonnenluft, still lagen unter ihr auf dem Burghof nebeneinander gekauert die beiden schwarzen Ziegen, geduldig der Rückkunft ihrer Herrin wartend, und aufatmend kehrte Bettane wieder an das Lager des jungen Ritters zurück. Drunten im Rheintal aber war Velten Stacher über Kolmar hinaus bis zum Städtchen Egisheim geritten, bog an diesem ins Gebirge hinauf und hielt, ein weißes Fähnlein schwenkend, vor dem Burgtor der Drei Exen. Er bat den Torwart um eine Unterredung mit dem Ritter von Egisheim und tat, als dieser auf der Mauer erschien, kund, er komme als Abgesandter des Grafen von Rappoltstein, um zu erfragen, ob dessen Tochter sich als Gefangene droben befinde und welches Lösegeld der Burgherr für ihre Freilassung begehre. Da antwortete der Ritter, mit einem weißen Aufglanz der Augen die finstere Miene seltsam durchhellend: »Ihr kommt recht, sie ist in gutem Verwahr. Vermeldet Eurem Herrn, ich heische aus alter Freundschaft keine Lösung für sie an Gold und Gut, sondern einzig sie selber zum Ehgemahl für meinen Sohn.« Verdutzt, schier ungläubig an seinem Ohr zweifelnd, sah Velten Stacher drein und erwiderte: »Ihr betreibet Scherzrede, Herr Ritter, denn es kann Euch nicht ernstlich sein, für Euren Kebssohn um die Tochter des Grafen von Rappoltstein zu freien. Ich bitt Euch nach meinem Auftrag, mir Eure Forderung für ihre Freiheit zu beheißen.« Noch nun schlug Bertulf von Egisheim eine wilde Hohnlache in die Luft. »Ihr habt sie vernommen, richtet sie aus! Bei meines Vaters Gebein, die stolze Grafendirn wird meines Sohnes Weib, oder sie fault in meinem Turm bis an ihren letzten Tag. Die Hand verkohle mir in zeitlichem und ewigem Höllenbrand, wenn ich diesen Schwur breche!« Er reckte zum Eid die Hand übers Haupt, dann fügte er, sein Schwert aufs Mauergestein niederstampfend, drein: »Macht fort mit Eurer Botschaft! und tut Eurem Herrn kund, ich hätt gute Freiersleut auf meiner Burg, wenn sein Jawort lang ausbleibe, bei ihm zu werben. Läßt er mich harren, so sprech ich die Ulrichsburg als Mitgift an für meinen Sohn, und Ihr wißt, daß Einer unsern ist, mein Wort zu bewähren. Rüstet die Hochzeit, oder der Donnermund des Burgunders wird die Dirn für Egisheimer Blut bei Euch freien, und bei seinem Löwenhelm, Eurem hochfahrenden Grafen wird diesmal das Nein in den Zähnen stocken!« Zwanzigstes Kapitel Wo der Geier aus der Luft niederschießt, stürzt schwarzes Rabengeflatter hinterdrein, um einen Anhub der Beute zu erhaschen. Mit seinem sieggewohnten Heere rückte Karl der Kühne von Burgund gegen die beihülflos allein gelassenen eidgenössischen Lande, und aus weitem Umkreis strömten die Wegelagerer, Landstrolche und Buschklepper, alle Mord- und Brandgesellen, welche sich in Wäldern und Winkeln der Gaue Süddeutschlands umtrieben, der gleichen Richtung zu. Es war die wandernde Gersauer Gaunerkilt, die über Berg und Tal zum Mitplündern, Rauben und Stehlen in den bedrohten Schweizerstädten daherkam; die Kräftigsten an Jahren und Gliedmaßen gewahrten die sicherste Beuteaussicht in der Anlegung von Wehr und Waffen und drängten begierig herbei, sich ohne Sold unter die Dienstmannen der zahlreichen, auf Seiten des Herzogs stehenden, habsüchtig in die Luft witternden kleinen Herren und Ritter zu gesellen. So schwoll auch der Haufen des Ritters von Egisheim dergestalt an, daß er dem Gebot Karls von Burgund nachkommen, gegen Breisach und Mülhausen ausrücken und beide Städte umlagern konnte. Niemand war vorhanden, diesen Hülfe zu bringen, jede dem Herzog nicht botmäßige Feste des Elsaß glich einer winzigen, abgeschnittenen Insel inmitten sturmzerwühlter See. Eines Überfalls gewärtig, standen Tag und Nacht die Gewaffneten auch auf den Mauern der Ulrichsburg, und in düsterer Sorge um seine Tochter wie um seine verwüsteten Lande und Orte drunten sah Graf Schmaßmann von Rappoltstein, ohnmächtig auf die Verteidigung seiner Burgen beschränkt, in eine dunkle, hoffnungslose Zukunft hinaus. Einzig das Gesicht Bettanes spiegelte nichts von der schweren Bedrückung aller Gemüter zurück, und sie allein auch hatte die Botschaft, welche Velten Stacher von den Drei Exen heimgebracht, ruhiger aufgenommen. Nicht gleichgültig, ihre Miene zeigte wohl Schreck, als die Nachricht ihr verständlich geworden, aber derselbe verging bald, und wie er geschwunden, schien er die vorher angewachsene Trübung in ihren Augen mit sich fortgenommen zu haben; ein stiller Glanz lag statt dessen unveränderlich wieder in der Tiefe zwischen den Lidern. Auf den Zustand Guy Loders wirkte dagegen die Mitteilung der Antwort des Ritters von Egisheim sichtbarlich in hohem Maße ungünstig ein und warf ihn in ein heftiges Fieber zurück, das tagelang mit gleicher Kraft andauerte und oft wunderlich-unverständliche Irreden aus seinem Munde hervorgehen ließ. Mehrfach wiederholte sich darin der Name Erlinde, doch mit fast unbewegten Lippen, so daß Bettanes Augen den Klang nicht aufzufassen vermochten. Als der Name aber einmal in rascher Folge wohl zehnfältig wiederkehrte, horchte Velten Stacher unwillkürlich verwundert auf und maß plötzlich das Gesicht des Fieberbewußtlosen mit einem großen, stumm fragenden Blick. Dann begann er wieder Fragen an Bettane zu richten; die treue Sorgfalt derselben für den Verwundeten hatte ihn trotz ihrer traurigen Naturmitgift und der Beeinträchtigung ihrer Gesichtszüge mehr und mehr freundlich zu ihr hingezogen und den Wunsch in ihm geregt, eine Verständigung mit ihr zu bewerkstelligen. Von ihrer Seite begegnete dies Trachten keiner Schwierigkeit, doch er begriff ihre Zeichensprache nicht und ebenso wenig die fremden Buchstabenzeichen auf der Tafel. Aber er wollte durchaus wissen, was jene besagten, und so geschah das Seltsame, daß er sich in der beschäftigungslosen Muße der langen Tage an dem Krankenlager als Schüler neben das taubstumme Mädchen setzte und sich von diesem in der Kunst des Lesens unterrichten ließ. Das ging nur langsam und öfters in gar sonderbar stockender Weise, daß beide über eine Schwierigkeit nicht hinwegzukommen wußten, die ein lauter Ton, von Bettane vernommen oder von ihr gesprochen, im Nu gelöst hätte. Allein zuletzt fanden sie meistens gemeinsam doch einen Ausweg, der ihnen zu einem wechselseitigen Verhältnis half, und nach einigen Wochen hatte der Eifer des jungen Kriegsmannes es so weit gebracht, daß er die Schriftzeichen seiner nicht mit geringem Stolz von ihrem Werk befriedigten Lehrerin zu ergründen und nachzuahmen befähigt war. Dergestalt führte er nun regsam-lautlose Zwiesprache mit ihr, zeigte sich besonders unermüdlich in Fragen über die Kindheit, die Heimat und die Eltern des jungen Ritters und kam immer wieder auf die nämlichen schon oft beredeten Gegenstände zurück, obwohl Bettane bald keinerlei neue Auskunft mehr darüber zu geben vermochte. Guy Loder lag zumeist schlafverworren daneben, seine Besserung schritt jetzt nur äußerst langsam vor. Wenn er indes einmal flüchtig mit einem Aufglanz wieder erwachender Geisteskraft dreinblickte, verbarg Velten Stacher rasch die Tafel, auf der er sich an der Entzifferung einer Antwort Bettanes abmühte, und teilte nichts von seiner neuen Lernbegier und dem Ergebnis derselben mit. Einförmig gingen so die Tage hin. In ratloser Sorge saß Graf Schmaßmann; er hatte nochmals einen Herold mit dem Angebot einer ungeheuren Lösesumme an den Ritter von Egisheim abgesandt, doch die nämliche Entgegnung erhalten, welche jener dreingefügt, sobald er für Armin Klee die Mauern von Mülhausen zermahlen habe, werde er kommen, um an denen der Ulrichsburg selbst seine Freiwerbung zu betreiben. Völlig unfaßbar erschien dem Grafen das störrisch-wahnwitzige Begehren seines einstigen befreundeten Nachbars, und oftmals ließ er Velten Stacher, an dem er schon früher besonderes Wohlgefallen gefunden, zu sich bescheiden, um von diesem über den unbekannten Bastardsohn des Ritters Auskunft zu erhalten. Über die Herstammung desselben wußte der Befragte indes nicht mehr zu berichten, als das Wenige, was er selbst erst staunend aus der Erzählung Guy Loders vernommen, dagegen hatte er den früher Wendelin Beheißenen seit manchem Jahr gekannt, war ihm stets als einem raufgierig wildtrotzigen und doch auch arglistig verschlagenen Gesellen aus dem Wege gegangen und mit manch Anderem verwundert gewesen, durch welcherlei Beihülfe derselbe trotz seiner offenkundig unehrlichen Geburt in die Pfeiferbruderschaft gelangt sei. Nun lag's am Tage, daß im Verborgenen die Hand seines Vaters ihm dazu verholfen haben mußte; das Rätsel, weshalb dieser das unglaubliche Ansinnen an den Grafen von Rappoltstein stellte, ward jedoch dadurch nicht gelöst. Wenn aber Velten Stacher sich zu solcher Beredung bei dem Grafen befand, schien es manchmal, als suche er die trüben Gedanken desselben von der Gefangenhaltung seiner Tochter abzulenken. Freilich wohl unbedachtsamer Weise durch ein kaum minder trauererregendes Mittel, denn er wandte mehrfach das Gespräch auf das einstmalige spurlose Verschwinden der schönen Schwester des Grafen und frug nach der Gestalt, dem Antlitz, der Haarfarbe, dem Alter Luitgards von Rappoltstein und manchem Sonstigen noch, worauf Graf Schmaßmann in seiner Bekümmernis und dem Drange doch, seine Sorge durch die Zwiesprache mit einem Menschen etwas zu betäuben, halb unbewußt Antwort erteilte. Dann aber eines Tages, wie durch lang verfinsterte Luft plötzlich ein greller Flammenschein lodert, flog eine grausenvolle Botschaft durch alle Landschaften im Umkreis der Alpen von Mund zu Mund. Sie sträubte das Haar, lähmte die Zunge des Sprechers mit starrem Entsetzen. Über einen Sattel des Juragebirges war der Herzog von Burgund mit seiner Heermacht in die eidgenössischen Lande eingedrungen, hatte das feste Schloß Grandson am Neuenburger See umlagert und dies rasch in seine Gewalt gebracht, da die Besatzung, ohne jede Aussicht auf Hülfe, ihm gegen Zusicherung freien und ungeschädigten Abzugs die Burg überliefert. Noch als sie, achthundert Schweizer Bürger und Bauern an der Zahl, aus dem Tor hervorgezogen, hatte Karl der Kühne in rasender Wut ausgerufen: »Tausend für den Einen, hab ich gesprochen! Das Wort war eher als das andere, und ich halte Wort!« und hatte Treu und Glauben seiner Zusage brechend, die arglos Vertrauenden umzingeln, überwältigen und bis auf den letzten Mann schimpflich erhenken und im See ersäufen lassen. Ein Todesschrei aus achthundert Kehlen gellte in die Luft und rief, was jede Stadt, jedes Haus, jeder Bewohner darin von der unerbittlichen Rachsucht des Herzogs zu gewärtigen habe. Entsetzlicher noch, als die schlimmste Angst befürchtet, war der erste Schwefelblitz aus der rollenden Wetterwolke heruntergezischt; alles Leben in Stadt und Land glich zusammengekauertem Wild, das ohne Möglichkeit einer Flucht im Dickicht des Augenblicks harren mußte, wo die schonungslos zerfleischende Meute sich nun hier, nun dort durch Blutströme fortwälzen werde. Starrblickend empfingen auch die Insassen der Ulrichsburg die Schreckenskunde als eine Vorbotin des ihnen über länger oder kürzer unvermeidlich selbst drohenden Geschicks. Nur der jugendliche Herzog René von Lothringen sprang von seinem Sitze auf und rief: »So war ich Euer elender Gast, Graf, und will nicht Euer Verderben mit dem meinigen, sondern mit Fürstenwort und Treu und Glauben in der Welt mit Ehren untergehen! Lebt wohl und seht bessere Tage! Ich begehre von den meinen nichts mehr als raschen Tod!« Umsonst versuchte Graf Schmaßmann ihn zum Bleiben zu bereden, der junge Herzog ließ sich nicht halten und ritt, als die Dämmerung anbrach, mit seinem kleinen Geleit, das ihn auf der Flucht von Nancy her begleitet, nordwärts gegen Lothringen davon. Unter den Zurückgebliebenen in der Burg, den Dienstmannen und Knechten, aber erhob sich ein dumpf anwachsendes Gemurr, droben im Turme liege ein Ritter des eidbrüchig grausamen Herzogs von Burgund, und sich zusammenrottend, drängten sie in die Halle des Grafen und forderten als Entgelt, daß dieser ihnen den Gefangenen überliefere, um ihn an einen Ast zu henken, wie Karl der Kühne es den achthundert Eidgenossen angetan. Vergeblich trachtete Graf Schmaßmann, sie zu beschwichtigen, in gerechtem Ingrimm nahm der Haufen eine gewaltsam nötigende Haltung an und zwang ihn, zu dem Bedrohten hinüberzueilen, dessen Gefährdung Velten Stacher und Bettane schon erkannt und sorglich den Eingang zum Turm vom Burghof aus verrammelt hatten. In den Augen beider blitzte unbeirrbar entschlossener Mut, den Verwundeten mit freudiger Aufopferung des eigenen Lebens zu beschützen; auch das Mädchen hatte sich Schild und Waffen verschafft, und eine kühne, hohe Begeisterung ließ ihr Gesicht von einer fremdartigen, zum erstenmal sich kundgebenden Ausdrucksfähigkeit flammen. Es war fast; als hoffe sie darauf wie auf ein Glück, mit ihrer kleinen, kraftvollen Hand das Schwert zur Verteidigung des Gemaches zu führen. Körperlich und geistig niedergebrochen von der furchtbaren Nachricht aus Grandson, lag Guy Loder und starrte gedankenleer, teilnahmlos an seinem Geschick vor sich hin. Sein Mund murmelte nur einmal: »Sie haben Recht, und mir wär's am besten.« Nun kam Graf Schmaßmann, eilte auf ihn zu und rief: »Ihr wißt, was geschehen; verhüte Gott, daß mein Mund jemanden zur Untreue verleitet, aber ich kann Euch nicht schützen, wenn Ihr Euch nicht mit Eurem Ritterwort vom Herzog lossagt, die Waffen nicht mehr in seinem Dienst zu führen. Ihr könnt's, denn Ihr laßt ihn nicht im Unglück, sondern im übermütigsten Sieg, und Ihr tut's nicht aus Feigheit um Leib und Leben, vielmehr weil ich's von Euch bitte, daß Gewalttat an einem wehrlosen Gast meiner Burg nicht meinen Namen beflecke. Und noch mehr tät's mir selber bitter weh um Euch, denn Ihr seid mir lieb geworden, und mir ist's, als wäre auch meiner Tochter Rettung bestimmt, wenn Euer Leben erhalten bleibt. Helft mir und gebt Euer Wort, nicht wider Burgund, doch für mich, diese Burg mit gegen den Egisheimer verteidigen zu wollen, falls er zum Angriff herzurückt, dann vermag ich die drohend Aufgebrachten drunten zu beschwichtigen.« Einen Augenblick sah Guy Loder den Innehaltenden noch sprachunfähig an, dann brach er, von der langen Krankheit an Körper und Gemüt erschöpft und von ungeheurer Aufregung überwältigt, jählings haltlos in einen heißen Tränenstrom aus und schluchzte: »Wahrlich nicht um Leib und Leben, Herr Graf – die gäb' ich lieber dahin, als Ihr denken mögt. Doch wider Wissen und Wollen ward ich schon einmal untreu, als ich für Euren Gegner die Waffen geführt; nun hat er so Wildes vollbracht, daß mein Arm und Gewissen nicht mehr mit dafür einstehen kann. Doch muß mein Herzschlag ihm anhängen – das mögt Ihr nicht begreifen – und nimmer, um kein Gut und Glück könnt ich wider ihn streiten. Aber wenn Ihr auf Eurer Tochter Errettung um die meinige hofft – Ihr seid mein Schutzherr, dem ich einstmals als Pfeifer in der Brust zuerst Treue gelobt – nehmt das Wort von mir, Herr Graf, das Ihr verlangt – ich will mein armseliges Leben bewahren, um Eure Burg mit zu beschützen und Eure Tochter befreien zu helfen – dann mag es nehmen, wer will!« Verwirrt hatte er stotternden Mundes das letzte gesprochen, nun fiel sein Kopf kraftverlassen, zur Bewußtlosigkeit erschöpft, aufs Lager zurück, und Graf Schmaßmann eilte hinaus, um mit der Meldung, der Verwundete sei kein Gefangener und Dienstmann des Herzogs von Burgund mehr, sondern auf ritterliches Wort ein Mitbeschützer der Ulrichsburg, die Knechte von ihrem Vorhaben abzuwenden. Das gelang ihm auch alsbald, obwohl noch einige fortmurrten, auch Karl der Kühne habe mit seinem Fürstenwort zugesagt, die Besatzung von Grandson unbeschädigt davonziehen zu lassen. Doch als der Graf darauf einfiel: »Für das Wort des Ritters droben geb' ich das meine zum Pfand!« da beruhigte die Ehrfurcht und Anhänglichkeit an den allgeliebten Herrn den erregten Haufen. Nur Bettane hielt mißtrauisch noch die ganze Nacht hindurch bis zum Morgenlicht mit der Waffe in der Hand am Lager des schlafenden Guy Loder Wacht. Und so gingen die Tage wieder gleichmäßig weiter. Allgemach genaß der junge Ritter jetzt von der schweren Verwundung, die eine tiefe, Lebensgefahr drohende Verletzung des Scheitelbeines mit sich geführt; er selbst fühlte, nur die unermüdliche Sorgfalt Bettanes bei Tag und Nacht hatte tödlichen Ausgang von ihm abgewandt. »Wie eine Schwester warst du mir,« sagte er liebevoll, »und bist es mir für alle Lebenszeit,« und er nahm ihren armen Kopf und drückte ihn mit dankbarer Zärtlichkeit an seine Brust. »Wie seltsam wir uns zweimal im Dusenbachtal angetroffen, daß du da warst, mich in schlimmsten Stunden zu trösten und mir zu helfen.« Ein verwundersamer Zufall war's für ihn, und Bettane schrieb ihm die Erklärung desselben auf ihr Täfelchen, daß sie allemal zum Pfeifertag hinabgegangen, weil dieser ihr so lustige Augenschau geboten, und darum habe sie ihn zweimal dort gefunden. Oft aber kam jetzt auch Graf Schmaßmann zu dem Turmgemach hinauf, und seine tägliche Wiederkehr sprach aus, daß er seine Schwermut durch nicht besser als durch Wechselrede mit seinem jungen Gaste zu scheuchen vermöge, der sich für die Zeit und für seine Jugend von einer seltenen Geistes- und Gemütsbildung erwies. Und soweit etwas den trostlosen Kummer des Grafen zu dämpfen im Stande war, geschah's durch die mähliche Wiederkehr gesunder Lebensfarbe auf den Wangen Guy's; mit einem halb vergessenden, beinahe freudigen Blick verweilten die Augen des Grafen Schmaßmann manchmal auf dem edelschönen Antlitz des jungen Mannes. Da flog's durch die fortwandernden Tage einmal heran, wie wenn in schwüler Mittagsstille ein Sommerhauch auf der Straße ein Blättchen faßt, es aufhebt und fortträgt, wieder sinken läßt und wiederum emporreißt... So kam ein Gerücht, ein Raunen und Reden mit den Wellen des Rheines herunter, unglaublich, über jedes kühnste Hoffen, wider alles schreckensvolle Bangen. Zaghaft erst, wie tollunmögliche Fieberausgeburt eines Hirnes flüsterten die Zungen es um, aber lauter schwoll's und rief von Tag zu Tag und sprach: es habe das gehetzte Wild unter den Alpen in seiner Verzweiflung sich gegen die schonungslos zerfleischende Meute auf offenem Feld zur Wehr gesetzt, sei hervorgebrochen aus dem Dickicht wie ein auf den Tod verwundeter Wildeber, blind, des Unterganges gewärtig, doch vor dem Zusammensturz sich noch Rache für das Blut der wortbrüchig Hingemordeten zu erkaufen. Und das nicht zu Denkende sei geschehen: das eingeengte Wild habe in furchtbarem Kampf den Sieg über seine Bedränger davongetragen. So kam's, so lief's und wuchs und brauste und donnerte nun wie unhemmbarer Lawinensturz durch alle Lande. Die Menschengeschichte hatte einen neuen Tag von Morgarten und Sempach gesehen; zur Verzweiflung über ihr gewisses Verderben aufgestachelt, in namenlosem Rachedurst für ihre treulos-schimpflich erhenkten und ertränkten Brüder hatten die Bürger und Bauern der Eidgenossenschaft die Schutzmauern ihrer Städte verlassen, die dreifach überlegene Heeresmacht des Herzogs von Burgund bei Grandson angegriffen und mit Spießen, Äxten, Keulen und Sensen im Todesmut der letzten Gegenwehr das eisengerüstete Fußvolk und die stolzen Rittergeschwader Karls des Kühnen durchbrochen, bewältigt und zur Flucht gedrängt. Eine ungeheuere Beute, Hunderte von Feldgeschützen, Fahnen, kostbaren Gezelten, Tausende von Wagen und Pferden, Millionen an barem Gelde, Juwelen und Kronedelsteinen von unschätzbarem Wert waren in die Hände der Sieger gefallen; ungläubig staunend vernahm's die Welt, daß abermals die Schweizer ihre Freiheit wider den mächtigsten Kriegsfürsten der Zeit beschirmt und die großen Reiche Europas von dem Alpdruck erlöst hatten, der auf ihnen gelastet. Jeder Hörer wußte, solcher Ausgang könne nur durch den alles übersteigenden, »das Bauerngeschmeiß« mißachtenden Hochmut und die blindwütige Tollheit des Burgunders möglich geworden sein; doch jeder wußte gleichfalls, das sei kein Ende noch, sondern Karl der Kühne trage seinen Namen nicht umsonst und kehre wieder, solange ihm das Schwert in der Hand nicht in Stücke zerbrochen sei. So erharrte man's mit atemloser Spannung, und so geschah's. Nach kurzer Frist schon brach er mit einem neuen glänzenden Heere von sechzigtausend Köpfen abermals gegen den Neuenburger See herein. Kaum die Hälfte an Streitmacht vermochten die Eidgenossen ihm entgegenzustellen, Hans von Hallwyl von Bern, Waldmann von Luzern und Kaspar von Hertenstein aus Zürich führten sie; als Bundesgenossen gesellte sich ihnen der junge Herzog René von Lothringen mit einigen Fähnlein, die er in seinem verlorenen Lande aufgebracht, hinzu. In der ersten Morgenfrühe begann bei dem Städtchen Murten der blutströmende Kampf; mit der gleichen Erbitterung und Todesverachtung wie bei Grandson, wenn auch vorsichtiger überlegend, schritten die Schweizer zum Angriff. Doch ihre Gegner hatte seit jenem Tage die Siegeszuversicht verlassen, und schwerere Niederlage noch endete für sie die mörderische Schlacht. Fünfzehntausend Burgunder deckten am Abend tot die Walstatt, die gleiche Anzahl ertrank, auf der Flucht in den Murtener See gedrängt, daß nach Jahrhunderten bis in die heutigen Tage Fischer mit ihren Netzen noch aus der Tiefe burgundische Waffen heraufziehen. Nur durch die Schnelligkeit seines Rosses entrann Karl der Kühne selbst, von zwölf ihm allein übriggebliebenen Reitern begleitet, der Gefangenschaft und ritt über das Juragebirge ohne Anhalt Tag und Nacht bis zur sechzehn Meilen von Murten entlegenen Stadt Soigne in der Champagne. Der junge Herzog René hatte Wunder der Tapferkeit im Kampfe verrichtet; die dankbaren Eidgenossen machten ihm alles eroberte Feuergeschütz und das prachtstrotzende Kriegsgezelt des Herzogs von Burgund zum Geschenk und gelobten ihm auf Wort und Treue ihre Beihülfe, wo und wann er derselben bedürfen möge. Auf dem Schlachtfelde von Murten aber errichteten sie ein Beinhaus über den Resten der erschlagenen Feinde und setzten die ernste Denkmalsinschrift darauf: D. O. M. Caroly, inclyti et fortissimi Burgundiae Ducis, exercitus, Muratum obsidens, ab Helvetiis caesus, hoc sui monumentum reliquit. Anno 1476. Wo aber der Geier, vom scharfen Bolz getroffen, stöhnend auf matten Schwingen sich hebt, zu seinem Felshorst zurückzuflattern, da stiebt wilderschreckt auch der gierige Rabenschwarm vom Leichenschmaus in die Luft und schießt mit krächzendem Getaumel haltlos in die Weite. Wie ein nächtlicher Geisterspuk, auf den plötzlich blendende Sonnenhelle hereinfällt, versank mit einem Schlage alles herzugeströmte Beutegesindel, die ganze lüsterne Raub-, Mord- und Brandrotte der Gersauer Gaunerkilt in den Erdboden hinunter. Die Weglagerer, Landstrolche und Buschklepper warfen sich auf hurtigen Sohlen wieder über den Rhein in die weiten, finsteren Tannenforste des geduldigeren Deutschen Reiches, wo sie vor Strick, Beil und Rad sicherer waren als in dem Machtgebiet der siegreichen Schweizer Bürger und Bauern; von ihrem Zuwachs verlassen, flüchteten die kleinen Herren und Ritter mit wenigen übriggebliebenen Knechten eilfertig zu ihren felstrotzigen Raubburgen empor und harrten dort, sich grimmig in Wut und Drangsal die Lippen zerbeißend, böser kommender Tage des jähen Umschwungs. So weit die weißen Alpenzacken blickten, dröhnte der wuchtige Heerschritt der Eidgenossen, die nicht gewillt waren, Schonung an der blutlechzenden Meute zu üben, welche im Gefolge des wilden Jägers über sie eingebrochen. Fest entschlossen, diesmal die Raubvögel für alle Zukunft auszutilgen, umlagerten, stürmten und äscherten sie Horst um Horst derselben ein. So geschah's in allen schweizerischen Landen, und so brachen im Bündnis mit ihnen die Städter des Elsaß, des Sundgau's und der Grafschaft Pfirdt zu Straßburg, Schlettstadt, Kolmar, Kaisersberg, Basel aus ihren Mauern, die gleiche Vergeltung an ihren raubsüchtigen Bedrängern zu vollstrecken. Zornschnaubend, aber wandten sich die Bürger von Mülhausen zunächst mit ihren Haufen gegen die Drei Exen und das Städtchen Egisheim unterhalb der Burg. Dorthin hatte sich der Müller Armin Klee geworfen und verteidigte die Stadt wider den Grimm seiner Landsleute. Fast betäubt vernahm auf der Ulrichsburg der junge Ritter Guy Loder die Kunde von dem ungeheuren Sturze Karl's des Kühnen. Er war von seiner Wunde jetzt völlig genesen, doch das Blut brannte ihm heißer bei der Botschaft, als das Fieber der Krankheit ihn je durchglüht. Nicht weil er seinen mächtigen Beschützer und mit diesem alle kühnen Zukunftshoffnungen verloren; er hätte es nicht anders gewollt, nicht daß die Freiheit der Städte hochfahrendem Herrschertrotz und blutiger Fürstenwillkür erlegen wäre. Gerechtes Schicksal hatte den stolzen Übermut des gewaltigen Herzogs zu Boden gebrochen, aber widerspruchsvoll brannte dennoch zugleich ein tiefes Schmerzgefühl in Guy Loder's Brust. Mit trübschweifenden Gedanken blickte er schwermütig über das befreite, zauberisch in der Sonne leuchtende Rheintal hinaus. Da trat Graf Schmaßmann von Rappoltstein in Helm und Rüstung zu ihm ein. Seine Augen strahlten freudvoll, er sprach: »Ich komme, Euch Abschied zu bieten, Ritter, Ihr könnt Euer Wort besser einlösen, als wir verhofft, braucht meine Burg nicht vor Feinden zu schirmen, sondern ich bitte Euch, sie friedlich zu hüten bis zu meiner Rückkehr.« Verwirrt sah Guy ihn an. »Wohin wollt Ihr?« »Sind Eure Sinne noch verworren?« entgegnete Graf Schmaßmann erstaunt. »Vergebt, Euch geht's nicht an, doch einem Vater klingt Eure Frage befremdlich. Die Mülhausener lagern um Egisheim; es ist anders geschehen, als der Ritter gedacht, und ich hole meine Tochter ohne Lösegeld von ihm. Fahrt wohl, junger Freund, und bewahrt mein Schloß nach Eurem Gelöbnis.« Er bot Guy Loder herzlich die Hand; doch nun fuhr dieser plötzlich mit heiß überglühten Wangen wie aus einem Traum empor und stammelte, die Hand des Scheidenden ergreifend: »Eure Tochter – so kann ich nicht als Wächter hier verbleiben, Herr Graf, denn mein Wort gelobte, Euch zu helfen, bis sie frei geworden. Ich kenne die Burg des Ritters von Egisheim, vielleicht vermag ich Euch dort besser zu nützen als andere – dann – wenn Ihr sie zurück habt – bin ich meiner Pflicht ledig – da laßt mich gehen.« Einundzwanzigstes Kapitel Auf völlige Umwandlung der menschlichen Dinge sah das Wasichingebirge herab. Die wehrhaften Bürger von Mülhausen, Kolmar, Schlettstadt und Breisach lagen vor der Stadt Egisheim; droben, eine halbe Stunde bergaufwärts, umlagerte der Graf von Rappoltstein mit seinen Fahnen die alten, doch zu starkem Widerstand fähigen Mauern der Drei Exen. Er hatte eine Aufforderung an den Ritter Bertulf gerichtet, ihm die Tochter zurückzugeben, dann wolle er mit seinem Heerbann von der Burg ablassen. Aber ihm war nur die nämliche Antwort wie früher geworden, die der Egisheimer trotzig herniedergerufen, die Grafentochter werde seines Sohnes Weib, oder ihr Vater sehe sie niemals wieder. Eine finstere Drohung in der Miene des Sprechers begleitete die Worte und befiel den Grafen Schmaßmann schreckvoll mit unheimlicher Ängstigung, daß er bangend im Rat seiner Freunde erwog, ob zur Errettung seines Kindes, damit dieses nicht etwa unwiederbringliche Schädigung an Leib und Leben befahre, er nicht dennoch dem frechen Verlangen des Burgherrn Zusage leisten müsse. Doch heißflammenden Gesichtes flog bei der sorgenden Frage plötzlich der junge Ritter Guy Loder empor und stieß zitternd, wie kaum bewußt, was ihm von den Lippen kam, aus: Ehe er solchem Schimpfe zustimme, stoße er der ruchlos erzwungenen Braut seines heimtückischen Mörders vor dem Altar sein Schwert ins Herz und lasse sich den Kopf vom Henker richten, um ihr Leben von solchen Ehebundes Schmach und Elend zu erlösen. Wortlos staunend sah Graf Schmaßmann die irrfunkelnden Augen des jungen Mannes, der, nun erst zum Bewußtsein des jähen Ausbruches seines Mundes gelangend, noch dunkler aufglühend, erschreckt schwieg. Aber sein edles, ungestümes Emporbrausen gegen den Schimpf und Zwang, welcher Erlinde von Rappoltstein aus übergroßer Vaterliebe bedrohte, hatte das Blut der übrigen Hörer gleichfalls heftig zum Auflodern gebracht, so daß sie einmütig dem schwankenden Vorsatz des Grafen entgegentraten. Ein Ratschlag ward statt dessen gefaßt und sofort ausgeführt, dem Ritter von Egisheim kund zu tun, daß, wenn man an seiner Gefangenen bei Eroberung der Burg nur ein Haar versehrt finde, er selbst mit seinem Sohne und der ganzen Besatzung dem martervollsten Tode überliefert werde. Dergestalt leisteten indes einstweilen sowohl die Drei Exen als die Stadt Egisheim noch hartnäckigen Widerstand, und unentmutigt warf von den Mauern der letzteren täglich Armin Klee seinen Mitbürgern ungeschlachte Hohnworte in die Zähne. Den harten Köpfen der Zeit fiel das Blut bei wachsender Bedrohung nicht feig aus dem Gesicht; wilderer Trotz schwoll ihnen mit dem unvermeidlich näher drängenden Unheil. Auch Velten Stacher war in kriegerischer Wehr mit seinem Herrn und Guy Loder vor die Burg gezogen, allein es schien, als mache die Gleichmäßigkeit der Belagerung ihm die Zeit lang und er halte sich bei derselben vorderhand für durchaus entbehrlich, denn eines Morgens suchte der junge Ritter ihn vergeblich im Zeltlager, weil Velten Stacher schon seit dem frühesten Lichtschimmer eilfertig drunten im Rheinthal gegen Norden hinaufwanderte. Fast war's, als sei die alte Pfeiferlust über ihn gekommen, zu schweifen und zu singen, so frohgemut trällerte er ein Lied in den Sommertag; nur Schwert, Eisenkappe und Rüstung klirrten als wunderliche Begleitung drein. Doch nicht übermäßig lang, dann entledigte er sich in der Tat auch ihrer. Zu immer noch guter Vormittagsstunde hatte sein hurtig beschwingter Schritt die Stadt Rappoltsweiler erreicht und er stieg zur Ulrichsburg hinan. Vor dem Tor derselben kam ihm Bettane entgegen, die sein Kommen bereits von droben wahrgenommen. Sie reichten sich beide, doch ohne ein Zeichen von Überraschung über ihr Zusammentreffen, die Hand zum Gruß; ersichtlich begegneten sie sich nach einer zuvor schon verabredeten Übereinkunft. Er bedeutete ihr kurz, zu warten, und kehrte nach geringer Frist aus der Burg ohne Helm und Harnisch in seinem früheren, kleidsam-leichten Pfeiferwams zurück. Dann begaben sie sich rasch über die Höhe, durchs Dusenbachtal abwärts, und stiegen jenseits des Strengbaches langsameren Fußes den Weg wieder hinan, auf dem Bettane zuletzt am Tage der Verwundung Guy Loder's herabgekommen war. Gemessen, doch mit einer sichtbaren Freudigkeit, wandelten die beiden Ziegen neben ihr, denn wider ihre feierliche Gewohnheit liefen sie ab und zu ein Stückchen Weges voraus und blickten erwartungsvoll um, ob ihre Herrin wirklich nachfolge. Das tat diese und Velten Stacher ebenfalls. Es war klug gewesen, daß er die schwere Rüstung abgetan, denn heiß und drückend lag die Augustsonne oftmals auf dem langen, steilen Pfad. Dann wechselten weite, tiefdunkle Waldtobel mit beschwerlichen Geröllhalden; nach Stunden wehte frischere Luft den aufwärts Klimmenden entgegen, und grünliche Haldenmatten flimmerten im winddurchspielten Mittagsstrahl. Über diese schritt das Mädchen bedachtsam weglos empor, nun hielt sie zum ersten Mal an einem rotbraunen Kiefersaum, vor dem das platte, mit Steinen beschwerte Dach eines einsam belegenen Gehöftes sich abhob, und unverkennbar deutete ihre Hand nach dem Hause als auf das Ziel ihres gemeinsamen Weges. Velten Stacher wandte sich durch einen aus Holzprügeln verflochtenen Zaun und trat in die Tür des Gebäudes. Es war Mittagsstunde, und in einem niedrig dumpf-lustigen Gemach, das ein Dunst von trockener Schafswolle anfüllte, stand auf unsauberem Tisch eine dampfende Brotsuppe, ein Milchkrug und Käsestück daneben. Schweigsam saßen ein Mann und ein Weib davor, beide verrunzelt, mit kargen grauen Haarsträhnen, tunkten wechselnd ihre Holzlöffel in die grobe Schüssel und zogen mit schlürfendem Geräusch die breidicke Suppe hinter ihre Zähne. Befremdet ließ der Eintretende den Blick über die Gesichter und die äußerste Armseligkeit der engen Kammer schweifen, seine Miene drückte die Überzeugung aus, daß er fehl gegangen sei, und er frug, ob der Bauer Veit Loder hier in der Nähe seßhaft sei. Der Mann am Tisch sah ohne ein Zeichen der Überraschung zu dem fremden Ankömmling auf, zog erst noch den Löffel, um ihn gründlich leer zu machen, langsam breit durch den Mund und versetzte darauf in halb unverständlicher Mundart: »Veit Loder heißt der Schafsbauer in Altweier; das bin ich.« »Ihr?« entfuhr es Velten Stacher noch ungläubig; »und das ist Eure Frau?« »Man sieht's ihr nicht an,« entgegnete der Befragte, »aber vor dreißig Jahren ist's wohl anders gewesen; kann auch vierzig her sein.« Es redete so viel Geistesverdummung und Stumpfsinn aus den Zügen und von der Zunge des Bauern, daß der junge Kriegsmann völlig verdutzt dreinblickte und erst nach einer Pause frug: »Habt Ihr einen Sohn von Eurem Weibe?« Nun stand Veit Loder sperrbeinig auf und starrte den Fragenden eine Weile an. Dabei drückte er den Daumen wie zur Nachhülfe seiner Gedankenanstrengung gegen die Nase, dann erwiderte er: »He? Von ihr? Sie hat keinen Leib dafür gehabt. Ich hatt' einmal 'nen Buben, aber sie nicht.« »Hieß er Guy?« fiel Velten Stacher ein. Der Bauer suchte in seinem Gedächtnis, seine Frau kam ihm kopfnickend zuvor: »Ja, Guy,« und er drehte sich jetzt mit einem geringschätzigen: »Was weißt du, Tille? Nichts weißt du, weniger als deine Schafe.« Dann bestätigte er mit Genugtuung: »Ich weiß es, Guy, so hieß er, denn ich hab ihn in die Ehe gebracht.« Aber nun floß es zungenfertiger von Tille Loder's Mund: »Und drum haben die Kobolde ihn wieder weggeholt, denn an 'nem Freitag war's, als du ihn heimgebracht, und Freitag ist ein Unglückstag.« »Freitag ist ein Glückstag,« versetzte der Bauer zuversichtlich. »Ja, hast dir's Haar allmal am Freitag geschnitten,« eiferte sie, »und ist bald keins mehr übrig.« »Weiß längst, bist nicht am Freitag zur Welt kommen,« entgegnete er gelassen, »sonst wär's besser in deinem Kopf.« Sie redeten gegeneinander hin und her, ohne die Gegenwart des Fremden zu beachten und an seine Frage mehr zu denken. Velten Stacher hörte schweigend zu; endlich drehte er sich zu der Frau und sprach in ihren Zank drein: »Heimgebracht, sagtet Ihr, hat er Euren Sohn?« »Nicht ihren!« berichtete Veit Loder, doch Tille fügte rasch eifrig hinzu: »Seinen auch nicht, er hat nie einen geboren.« Ein unwillkürliches Lachen verzog die Lippen des jungen Mannes. »Wer denn?« Darauf wußten jedoch beide keine Antwort. Die Frau sagte nur: »Der Wald,« und etwas danach wiederholte der Bauer nickend: »Der Wald.« Dann erleuchtete sich einen Augenblick ihre Erinnerung, daß sie plötzlich noch sprach: »Die von da oben – ich glaube, sie haben sie da unten begraben.« Mehr vermochte keine Frage Velten Stacher's zu erforschen; sie schüttelten die Köpfe und wußten nicht, was er wollte. Er fühlte, es sei ebenso vergeblich, wie wenn er die blökenden Schafe im Pferch nebenan zum Reden zu bringen suche, und es war ihnen auch ebenso gleichgültig; als er den Rücken wandte, dachten sie schon nicht mehr, daß er sie um etwas befragt, denn er hörte Veit Loder sagen: »Am Freitag muß man beim Sonnenaufgang ins Feld gehen, da bleibt's Zipperlein aus dem Fuß,« und Tille Loder erwiderte: »Bist ein Narr – Freitag haben sie unseren Heiland gekreuzigt, und hast genug Kreuz im Bein, däucht mich, hab ich verspürt.« Trotzdem lag augenscheinlich eine Befriedigung über den Besuch unterm Dach des Schafbauern in der Miene Velten Stacher's, als er zur draußen harrenden Bettane zurückkam. Er schrieb kurz einige Worte auf ihre Tafel, sie erwiderte darauf und führte ihn zum Dorf Altweier hinab. Zwischen manchen am Wege liegenden oder vor einer Tür hockenden Krüppeln mit dünn gebrechlichen Beinen, greisenhaften Gesichtszügen und scheustieren Augen schritten sie hin, daß Velten ab und zu erschreckt zurückfuhr und von der Seite einen Blick über seine Begleiterin warf, die, wohl unschön, stumm und taub gleich jenen, doch mit edler Menschengestalt und den wundersamen Smaragdsternen unter der niedrigen Stirn hier wie eine von der Natur Hochbegnadete erschien. Ein schweigsamer Aufglanz innerlichen Reichtums der Seele umwob sie, der sie trotz ihren bitterlichen äußeren Mängeln hoch selbst über die nicht zu den Kielkröpfen zählenden Dorfinsassen emporhob, deren geistige Verwahrlosung sich kaum wesentlich von derjenigen der unglücklichen Halbtiere unterschied. Einigemal sprach Velten Stacher einen Mann oder ein Weib an; sie besaßen keine Ahnung davon, was drunten in der Welt geschehen, und noch weniger irgend welche Teilnahme dafür. Ob Krieg oder Frieden, wer siegte oder unterlag, war ihnen vollkommen gleichgültig und fremd wie die Namen der Streitenden. Zu ihnen kam keinerlei Kunde herauf und niemand, um ihnen etwas zu nehmen; in kärglichster Notdurft fristeten sie aus Urväterzeit unter rauhem Himmel auf hartem, dürrem Boden von Tag zu Tag ihr Dasein, dachten nicht zurück und nicht vorwärts. Dann standen die beiden vom Gehöft Veit Loder's Herabgekommenen am Schluchtrand vor der ärmlichen, an die kleine Kirche angebauten Behausung des Pfarrers von Altweier. Sehr alt und stumpf an Geist, saß der ehemalige, seit vierzig Jahren in die Bergeinöde versetzte Ministrant des Baseler Münsterstiftes in seiner Kammer über ein lateinisches Brevier gebückt, dessen Druckschrift seine blöden Augen nur mühsam noch herausbuchstabierten. Doch erkannte er Bettane, und auf eine Frage Velten Stacher's erinnerte er sich auch, einmal einem Knaben »von droben herunter« Unterricht im Lesen und Schreiben sowie lateinischer Sprachkunde erteilt zu haben. Aber den Namen desselben und wer die Eltern gewesen, wußte er nicht mehr. Betroffen stand der junge Mann vor dem altersschwachen Greis, der nur tonlos vor sich hinmurmelte: »Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger; ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder aufgehe; was ist es, das geschehen ist? eben das hernach geschehen wird; man gedenket nicht, wie es zuvor geraten ist; also auch des, das hernach kommt, wird man nicht gedenken bei denen, die hernach sein werden; es ist alles Tun so voll Mühe, daß niemand ausreden kann –« Der Alte bewegte müdraunend den Mund fort, auch Bettane blickte, reglosen Gesichtes, enttäuscht drein. Doch ein Nachdenken sprach aus ihren Augen, und sie schrieb jetzt rasch ein Wörtchen auf ihre Tafel. Velten Stacher's Miene erhellte sich ein wenig, doch nicht sehr hoffnungsvoll, beim Lesen, und er frug den Pfarrer, ob derselbe ihm verstatte, kurze Einsicht in das Dorfkirchenbuch zu nehmen. Gleichgültig nickte der Greis dazu und holte das Verlangte herbei; begierig schlug der junge Mann die Blätter bis zum Jahre 1456 zurück. Aber das Kirchenbuch war in lateinischer Sprache geführt, und Velten Stacher verstand nichts von dem Inhalt desselben; vergeblich irrte sein Blick auf und ab. Da fuhr plötzlich ein Finger Bettanes, deren Augen, über seine Schulter gebückt, mit suchten, deutend auf eine Stelle, wo inmitten einer Randschrift ein Satz das Wort »Guy« umschlossen hielt. Auch ihr Begleiter unterschied dies jetzt, und hastig mit fliegender Hand hielt er dem Pfarrer das Blatt entgegen und bat ihn, die fremden Worte darauf in deutsche Sprache zu übertragen. Dem willfahrte geduldig der Alte, bückte sich fast mit der Nasenspitze auf die braun ausgelaufene Tinte der Schrift und las: »Am Achten des Septembermonds, als am Tag unserer lieben Frau Geburt, christlich getauft hieselbst Guy, ein Knäblein, nach seinem Vater, dem Schafbauern vom Oberhof, Loder zubenannt. Sind aber Veit Loder und seine Ehefrau Ottilie nicht des Kindes leibliche Eltern gewesen. Seine Mutter tot aufgefunden unterm Brüschbückel, an der Geburt verstorben, selbigen Tags hier an der Kirchhofmauer begraben. Herkunft und Name unbekannt; war großer Gestalt, sehr schön von Gesicht, feiner Haut, vornehmlichen Aussehens; hatte Haar vor der Farbe eines Kornfeldes im Julimond, hellblaue Augen, trug ein gülden Ringlein am Finger, zwei Schlangen, die sich umeinander verwunden, im Kopf rote Karfunkelsteinlein; hab ich ihr an der Hand belassen, mit in die Erde getan, schenk ihr Gott die ewige Ruh. Des Knaben Vater niemandem bewußt, Veit Loder, ut supra, ihn an Kindesstatt genommen.« Mit Mühe hatte der alte Pfarrer es eintönig herausbuchstabiert, in den Augen Velten Stachers aber war höher und höher ein Aufleuchten gestiegen. Nun frug er mit sonderbarer, lippenzitternder Hast: »Ist das wahr? Habt Ihr es geschrieben?« Mit einem gewissen in ihm aufgeweckten geistlichen Würdebewußtsein gab der Greis zurück: »Ein Mensch hat nicht Macht über den Geist, spricht der Prediger; es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du gelobest. Doch dieses ist meiner Hand Schrift und hat sie in fidem sanctae Ecclesiae et in nomine patris et filii et spiritus sancti aufgezeichnet. Man denkt nicht, wie es zuvor geraten ist, noch weiß, wohin des Menschen Odem fährt, aber scripta manent.« »So bitt ich Euch, fertigt mir eine Abschrift hiervon mit Eurer priesterlichen Gewährleistung ihrer Richtigkeit,« versetzte der junge Kriegsmann, und auf die nickende Dreinwilligung des Alten begab er sich mit Bettane ins Freie, um das von ihnen mit heraufgebrachte karge Mittagsbrot zu verzehren. Fast wie berauscht sprach er vorher geraume Weile zu ihr, und sie hing mit großem staunenden Blick an den Regungen seines Mundes. Es war auch ein freudiger Glanz, der aus ihren Lidern auf seine Worte erwiderte, allein wie er nun zu essen anhob, legte ihre Hand das Brot unberührt zurück, und abgewendet blickte sie nach der stillen, sonnig vergoldeten Berghöhe über dem Dorf hinauf. Dann kehrte Velten Stacher ins Pfarrhaus zurück und holte sich die halb unleserlich, mit alterszitternden Fingern angefertigte Abschrift, die er sorgsam im Wams verbarg. »Gedenkt Ihr jetzt selbst dessen, was Ihr damals hier aufgeschrieben?« frug er. Doch der müde Alte schüttelte teilnahmlos den Kopf und murmelte nur: »Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder herum an den Ort, da er anfing; und geschieht nichts Neues unter der Sonne. Ich sahe an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Jammer –« Sein Gemurmel klang dem Fortschreitenden noch nach, der nun mit dem Mädchen den Rückweg ins Strengbachtal hinab einschlug. »Eitel und Jammer –« raunte er ernst gewordenen Ausdrucks vor sich hin, und sein Blick streifte mitleidsvoll traurig über das schweigsame Gesicht Bettanes – »er spricht wohl recht, es ist mancherlei gar seltsam, was unter der Sonne geschieht – unsere liebe Frau von Dusenbach mag's wissen, warum –« Das aber schien ein Wort voll tröstlich gewisser Zuversicht für den jungen Kriegsmann, denn alsbald danach flog ihm jetzt wieder der Schatten und die Bekümmernis vom Antlitz, und heitere Sonnenfreudigkeit, wie seit vielen Monden nicht mehr, kehrte darauf zurück. So frohgemut schlug sein Herz, daß seine Lippen mit närrischer Lust jeden Ton, der auf dem Weg um ihn scholl, den Vogel in der Luft, das zeternde Eichkätzchen am Baum und das Froschgequak vom Sumpfrand so getreulich nachahmten, daß die beiden Ziegen oftmals hochverwunderte Augen nach seinem Gesicht aufdrehten. Nur Bettane hörte nichts davon und sah nicht empor; sie ging ernsthaft ruhig wie immer, doch ihr Mund hatte etwas eigenartig Geschlossenes, als würde er auch schweigen, wenn er zu reden vermöge. Drunten im Strengbachtal trennte sie sich unter kurzer Handreichung von ihrem Genossen und wanderte allein am Dusenbach aufwärts der Ulrichsburg zu, wo sie Guy Loder bis zu seiner Rückkehr zu bleiben versprochen. Als sie an der Kapelle vorüberkam, hielt sie an und trat plötzlich in die Tür hinein. Sorgliche Hände hatten die Spuren der Verwüstung drinnen nach Möglichkeit zu verwischen gesucht, doch bis jetzt nur ein dürftiges Gewand noch aufzubringen vermocht, um die Blöße der lieben Frau von Dusenbach damit zu bedecken. So glich ihr Kleid fast dem des hereintretenden Mädchens, und so bat im letzten Abendlicht die über ihren toten Sohn gebeugte Madonnengestalt eine wundersamliche Ähnlichkeit mit dem Bilde, das die Felsschlucht draußen vor der Kapelle am letzten Tage der Geburt Mariä gesehen, wie Bettane das tödlich verwundete Haupt Guy Loders auf ihren Knien gehalten. Es ging ihr etwas über ihr Gesicht, als komme ihr selbst der Gedanke; eine Zeitlang sah sie das Bildnis der Jungfrau reglos an, dann nickte sie demselben zu, hob langsam die Hand, deutete auf ihr Herz und setzte den Weg am plätschernden Wasser zur Felshöhe fort. Unermüdlich trotz der rastlosen Wanderung seit dem frühesten Morgenbeginn verfolgte auch Velten Stacher den seinigen, bis er, in ziemlich später Nacht schon, wieder im Feldlager vor den Drei Exen eintraf. Doch fand er den Grafen von Rappoltstein noch mit Freunden in seinem Zelt wach, auch Guy befand sich darunter; sie saßen beim Becher, denn der Tag hatte ihnen von drunten aus dem Feldlager der Mülhausener eine beruhigende Botschaft gebracht, daß jemand auf der Mauer von Egisheim neben Armin Klee deutlich Welf Siebald, den Bastard des Ritters von Egisheim, erkannt habe. Derselbe hatte vermutlich bei dem jähen Umschwung des Kriegsgeschickes die Burg seines Vaters nicht mehr erreichen gekonnt, und so schwand jede Befürchtung, daß der Ritter in trotzigem Grimm seine Gefangene gewaltsam zur Verbindung mit seinem Sohne zwingen möge. Zum ersten Mal seiner schweren Sorge etwas entlastet, winkte Graf Schmaßmann dem hereintretenden Velten Stacher freundlichen Gruß zu und hieß den Schenken, dem Ankömmling einen Becher füllen. Fröhlich lachte der Empfänger: »Den hat mein Fuß sich wohl verdient, wenn's noch Brauch in der Welt ist, Botenlohn zu reichen. Auf Eures edlen Hauses Wohlfahrt, hoher Herr!« Er leerte den Wein auf einen Zug aus und fügte drein: »Doch draußen liegt breit Die Nacht überm Feld, Das ist ehrsame Zeit, Zu ruhn im Gezelt; Habt Dank für den Krug, An der Wimper hängt Schlaf, Es ha'n wohl genug Heut der Knecht und der Graf.« Mit einem Augenwink blinkte der Sprecher zu seiner ihm auf der Zunge wieder wach gewordenen alten Reimspruchweise den Grafen an, daß dieser, überrascht sich vom Sitz hebend, beipflichtete: »Der Pfeifer mahnt wohl mit Fug, Ihr Herren, der Hahn mag bald krähen, es ist Schlafzeit,« und die Gäste verließen nach kurzer Frist das Zelt. Auch Guy Loder wollte mitfolgen, doch Velten Stacher hielt ihn an der Hand zurück. Nun trat Graf Schmaßmann auf den letzteren zu und frug verwundert: »Was willst du? Weshalb hießest du mich, sie gehen lassen?« Einen Augenblick horchte der Befragte noch nach den draußen verklingenden Fußtritten und dem Geklirr der Panzerrüstungen, dann versetzte er gedämpften Tones: »Erschreckt mit Nichten vor übler Botschaft, Herr Graf, aber saget mir, trug Eure edle Schwester Luitgard, da sie von Euch verschwand, ein Goldringlein am Finger, darauf sich zwei Schlangen verwanden, mit roten Karfunkelaugen in den Köpfen?« Sprachlos sah Graf Schmaßmann ihn an, ehe er hervorstieß: »Woher weißt du's? Sie trug den Ring von meiner Mutter Hand, daran ich oft mit ihm gespielt! Lebt sie? Rede!« Mit einer leisen Kopfbewegung verneinend, zog Velten Stacher das an seiner Brust verwahrte Blatt heraus und entgegnete: »Nicht sie; sie ist gestorben, doch nicht ganz. Denn es steht hier Eurer toten Schwester Sohn, den Ihr als solchen selbst mit Augen erkannt, da Ihr ihn zuerst gewahrtet, und darum wohl fiel Euer Herz ihm zu. Leset, hoher Herr!« Zweiundzwanzigstes Kapitel Kein Schatten eines Zweifels konnte übrigbleiben: Guy Loder war ein Sohn der vor mehr denn zwanzig Jahren verschwundenen Luitgard von Rappoltstein. Alles sprach's: sein Lebensalter, die hohe Ähnlichkeit der Gesichtszüge, die Beschreibung seiner Mutter im Kirchenbuche zu Altweier, der besondere Goldreif, den sie am Finger getragen. Es war Velten Stacher von jeher schwer glaublich erschienen, als er mit seinem feinen Gesellen auf Straßen und Wegen umhergewandert, daß dieser eines Bauern Kind von droben aus dem verrufenen Kielkropfdorfe sein könne, doch erst der plötzliche Ausruf des Grafen am Krankenlager Guys hatte einen Gedanken im Kopf des Pfeifers aufdämmern lassen, dem er manchen Tag verschwiegen nachgehangen. Unvermerkt hatte er deswegen bei dem Grafen nach Art und Aussehen der verlorenen Schwester geforscht und zum gleichen Behuf keine Mühe gescheut, die Schriftzeichen Bettanes verstehen zu lernen, bis er dieser seine wachsende Mutmaßung mitgeteilt und die Wanderung nach Altweier empor mit ihr verabredet. Wortlos bei der unvorbereiteten Entdeckung stand Graf Schmaßmann, und wie sinnbetäubt blickte der junge Ritter drein; dann jedoch fühlten sie beide die Wahrheit und Wirklichkeit der Auskundung Velten Stachers auch ohne jede überzeugenden Beweismittel in ihrem Herzblut reden, und der Graf von Rappoltstein schloß seinen Schwestersohn mit tiefer Ergriffenheit stumm und fest in die Arme. Ein Rätsel aber, das die Nacht und auch die folgenden Tage mit keinem Schimmer erhellten, blieb's, wie Luitgard von Rappoltstein auf das unwegsame Hochgebirge hinaufgekommen sei, um dort hülflos eines Kindes zu genesen, und wer der Vater desselben gewesen. Der Oheim wie sein junger Neffe empfanden, es lag ein dunkles Schleiergewebe darüber, vor dem die Lippe mit Scheu anhielt und nicht laut daran zu rühren wagte: nur die Gedanken jedes einzelnen schweiften in der Stille vergeblich nach einer Lösung des unheimlichen Rätsels umher. Einmal nur sprach Graf Schmaßmann mit ruhiger Sicherheit: »Mag es jemals an den Tag geraten oder nicht, ich weiß, deine holdselige Mutter war einer Schuld frei, und du bist mir ihr teures Vermächtnis, Guy, an Antlitz, Sinnesart und edlem Blut; was immer das Dunkel über dir sonst auch bergen mag.« Dann redeten sie, wie nach stillschweigender Übereinkunft, nicht mehr von dem Geheimnis, das droben unter der harten Steinscholle des Kirchhofes zu Altweiler, von zwei Jahrzehnten überschüttet, vergraben lag. Der reiche Dank aber, den sie Velten Stacher wußten, sprach sich nicht allein mit Wort und Hand aus, sondern das ganze Lager empfand gar bald, in welch' besonderem Ansehen der einfache junge Kriegsknecht als täglicher Gast im Gezelt des Grafen bei diesem und seinem neu aufgefundenen ritterlichen Anverwandten stand. Bei Tag und Nacht ging währenddessen die Belagerung der Burg und drunten der Stadt Egisheim fort, deren feste Mauern auf dem Berg wie im Tal manchem vergeblichen Ansturm trotzten. Der Sommer schwand und der Herbst sah noch immer das gleiche Bild der beiden Feldlager oben und unten; erst an einem regentrüben Novembertage drang laut krachend ein ungewöhnliches Getöse vom Fuß des Gebirges herauf, dem bald ein windgetragenes, wild gellendes Geschrei nachfolgte, das Velten Stacher plötzlich aufspringen und in großen Sätzen den Berg hinabfliegen ließ. Da kam er gerade recht, als die Mülhausener, des langwierigen Zuwartens überdrüssig, sich von der Murtener Schlachtbeute ein Dutzend Bombarden, Kartaunen, Falken und Feldschlangen, auch eine Totenorgel hatten zuschicken lassen und damit derartige Lücken in ein Tor von Egisheim gelegt, daß sie zur Erstürmung desselben vorgedrungen. Erschreckt über die unvermutete Wirkung der ihnen bis dahin noch unbekannten Feuerrohre, zogen Rat und Bürger der Stadt vor dem Einsturm der Feinde hastig eine weiße Fahne am Turm empor und meldeten durch einen Herold, sie hätten niemals Unrecht und Gewalt wider ihre Nachbarn zu Mülhausen im Schilde getragen, seien vielmehr nur von Armin Klee, dem Bastard des Ritters von den Drei Exen und deren Soldknechten mit Not gedungen worden, ihnen Wehrdienst zu leisten; solches könnten sie bei unserer lieben Frau von Dusenbach mit höchstem Eide bekräftigen und bäten bei ihrer Huld und Gnade um gutwillige Schonung der unglücklichen Stadt. Zwar hob sich mancher Widerspruch und grimmige Fluch der aufgebrachten Belagerer dagegen, doch die Mehrzahl erachtete die Aussage für glaubhaft und redete den Bittstellern das Wort, da es sich nicht um das Raubnest eines Strauchritters, sondern um die Bürger einer zuvor stets friedfertig gesinnten Nachbarstadt handle. So ward den schlimm Geängsteten nur eine Kostenzahlung und die Auslieferung der Übeltäter auferlegt, die sich mit List und Gewalt an Mülhausen zu vergreifen getrachtet, des Müllers Armin Klee, noch zweier seiner verräterischen Mitbürger und des Ritterbastards Welf Siebald, der viel freche Missetat geübt, als die schandbarste aber, daß er sich laut gerühmt, er habe Zofendienst bei der lieben Frau von Dusenbach getan und ihr den Goldrock vom Leibe gezogen, daß der Wind ihr trübselig hölzernes Gebein drunter anblasen könne. Und Velten Stacher kam gerade, als die Soldknechte, denen man gleichfalls freien Abzug zugesagt, sich schleunigst nach allen Windrichtungen aus dem Staube machten und feig ihre Anführer von den Siegern überwältigen ließen. Das geschah freilich bei dem riesenhaften Müller erst, nachdem er schier übermenschlichen Widerstand geleistet und ein halbes Dutzend seiner Häscher tot zu Boden geworfen hatte. Da zerschmetterte ihm die Kugel eines Handfeuerrohres den Harnisch mitten auf der Brust, er stieß mit letzter Lungenkraft brüllend aus: »Schießen müßt ihr Sch...kerle, mit der Faust könnt ihr nichts! Nun mahlt zu Brei, was übrig bleibt, mir ist's gleich,« und Blut schoß ihm aus dem Munde nach, rasselnd schlug er auf den Boden nieder. Seine beiden Stadtnachbarn und Anhänger sowie Welf Siebald mußten die Sieger dagegen erst aus Verstecken aufstöbern und fanden den letzteren in Weiberkleidern, die er sich zur Unkenntlichmachung angelegt. Obzwar er sich alsdann schließlich mit wilder Todesverachtung zur Wehr setzte, ward er doch, unbewaffnet, rasch bewältigt, gebunden fortgeführt und höhnte trotzig seine Bändiger: »Ich hätt' ein Saufell über mich ziehen gesollt, da hättet Ihr mich für Euresgleichen gehalten und ungeschoren gelassen. Aber vor einem Weibsrock, dacht ich, risset Ihr Besenknechte aus; macht fort, daß ich Eure Grindköpfe nicht lang' mehr ansehen muß!« Das geschah ihm nach Wunsch, denn ein Haufen nahm ihn und die beiden anderen Gefangenen mit dem noch lebend auf einen Karren gelegten Müller schleunig in die Mitte, um sie zum Gericht nach Mülhausen davonzuschaffen. Unbekümmert, hoch aufgerichtet ging Welf Siebald in seinen Fesseln dem zweifellosen Wegziel entgegen; nun traf sein Raubvogelblick seitwärts auf das Gesicht Velten Stachers, und plötzlich eine laut höhnische Lache aufschlagend, rief er: »Bist auch da, Pfeifbruder, und willst mir zum Tanz aufspielen? Grüße deine liebe Frau von Dusenbach, möcht sich keinen Schnupfen holen, ließ ich ihr wünschen! Und vermeld' meinem Herrn Vater, es würd' nichts mit der Hochzeit, wie er's geplant, hätt' eine andere Braut und käm' heute zur Jungfer Hänfin ins Lustbett! Wird kein Herzblut über seinen Sohn ausweinen, und mir ist die lustige Balkendirn' auch lieber als die edle Gansmagd mit den blöden Triefaugen im Gesicht. Ich hoffe vor Nacht in den Höllenofen zu fahren, daß ich Eure fromme Narrensippe nirgend wieder antreffe!« Nicht ohne eine gewisse stolze Großartigkeit schritt er jetzt, in den Wind pfeifend, vorüber; es sprach kein Bedauern aus Velten Stachers Miene, doch er erwiderte auch mit keinem Wort auf den hämischen Abschiedsgruß seines ehemaligen Bruderschaftsgenossen. Schweigsam nachdenklich nur blickte er dem Verschwindenden nach, dann murmelte er vor sich hin: »Es war abermals – warum hat er auch etwas von dem Frechgesicht an Stirn und Nase?« und er kehrte langsamen Schrittes zum rappoltsteinischen Feldlager vor den Drei Exen hinauf. Auf der Straße unterm Gebirgsrand zogen die Mülhausener durch den trüben Novembernachmittag mit der lebendigen Beute ihrer Heimatstadt entgegen. Die Zeit und ihre Söhne waren nicht weichherzig noch feinfühlig schonungsvoll; stachelnde Wortlaute, rauher Spott und Spaß ergoß sich über die zum sicheren Tode schreitenden Gefangenen. Nun sah ein wenig seitwärts vom Wege etwas Schwarzes undeutlich aus der nebelnden Luft herunter, und eine Stimme rief: »Der Rufacher Galgen hat gut Eichenholz!« – »Aber nur für die Rufacher selber und ihre Kinder,« antwortete eine andere lustig darauf; doch plötzlich scholl's vielkehlig lachend: »Macht guten Spaß und hängt sie den Rufachern dran, da halten sie die Hundsfötter morgen für ihre Söhne! Was sollen sie sich noch das Sohlleder bis Mülhausen ablaufen! Hurtig! die Stricke heraus!« Und Alle fanden es mit lautem Beifallgeschrei sehr ergötzlich, der guten Stadt Rufach, die ahnungslos drüben im dicken Nebel lag, solchen Possen zu spielen. Eilfertig waren die erforderlichen Anstalten getroffen, und nach kaum einer Viertelstunde hingen die beiden verräterischen Mülhausener Bürger leblos von dem Querbalken herab. »Schafft zu!« schrie's, »sonst dreht der Schopfmüller uns eine Nase und läuft uns mit seinem Blut unterm Strick weg!« Und ein Dutzend Fäuste packten hastig den sterbenden Armin Klee und rissen ihn an der Leiter empor. Er schlug noch einmal die Augen auf, sein Mund suchte einen letzten Gruß für seine Landsleute zwischen den Zähnen auszustoßen, doch er brachte keinen Ton mehr hervor, sondern reckte nur verächtlich die Zunge weit gegen sie aus dem Hals, und der Rufacher Galgen bewährte seinen guten Holzruf, denn er trug, ohne zu knacken, auch die gewaltige Last des Mülhausener Schopfmüllers Armin Klee. Zuletzt stieg Welf Siebald hinan, furchtlos-trotzig. Er drehte kurz den Kopf nach dem schon entseelten Leichnam zu seiner Linken und frug: »Schmeckt's Müller?« Darauf stieß er die nach ihm gestreckten Hände zurück: »Laßt Eure Gerberfäuste von edler Haut!« und warf sich selbst die Schlinge ums Genick. Es schien, als ob sein Mund die Absicht habe, den drunten Harrenden noch einen letzten Schimpfhohn ins Gesicht zu werfen, aber die schon geöffneten Lippen preßten sich mit einem Ausdruck hochfahrender, junkerhafter Mißachtung wieder zusammen, stießen plötzlich nur unter einer schallenden Lache weithin vernehmlich: »Plapparte!« hervor, und er schnellte sich in die Luft. Ein paarmal zuckte er, dann hatte der zu Konstanz in der Herberge am See begonnene Sechsplappartkrieg mit seinem ersten Urheber am Rufacher Galgen ein seltsames letztes Ende genommen. Als die Kunde davon noch am Abend in das Lager des Grafen von Rappoltstein gelangte, ließ dieser sofort durch Hornruf den Ritter von Egisheim zu einer Beredung auf seine Burgmauern bescheiden, teilte ihm im lichtlosen Dunkel der stürmischen Herbstnacht die Übergabe der Stadt mit und fügte schonend hinzu, daß Welf Siebald, sein Sohn, bei der Verteidigung gefallen und getötet worden. So sei der Ritter seines Wortes ledig und möge seine Gefangene herausgeben, dann solle noch jetzt das Geschehene aus alter Freundschaft vergessen sein und Friede und Nachbareintracht zwischen ihnen fortwalten. Länger bewahren könne er seine Burg nimmermehr, denn mit dem nächsten Morgenlicht würden die Mülhausener zusamt ihren Feuerrohren heraufkommen, und von ihnen habe er keine Schonung, wie sie ihm heut noch geboten werde, zu gewärtigen, das wisse er selber wohl genugsam. Verständig, wohlwollend, ohne Kränkung, wie einem betörten Freunde gegenüber, waren die Worte gesprochen; doch nun scholl es mit wildem Ingrimm und Trotz durch die Finsternis herunter: »Ist der Bube tot? Du lügst, Schmaßmann von Rappoltstein! Aber wär's, denkst du, mir sei's Gift von deiner Zunge, meine zu lähmen, daß sie ihren Eid bricht? Ich schwur bei meines Vaters Gebein, deine Dirn' werde meines Sohnes Weib, oder dein Auge sähe sie nicht mehr! Mach ihn lebendig, dann hast du sie, sobald dein Hochmut sich bückt! Sonst komm und hole sie! Ich fürchte deine Prahlschlangen nicht! Das ist mein letztes Wort für dich!« Es ward still, nur der Wind heulte durch die schwarze Nacht; der Graf saß im langen Ratschlag allein mit Guy im Gezelt und sprach: »Er ist irrsinnig geworden, wenn er ihr –« Er redete nicht aus, der junge Ritter sprang leichenblaß auf und sah seinem Oheim mit tödlicher Angst ins Gesicht. »Was meint Ihr?« stammelte er. »Wenn wir sie nicht lebend fänden –« Da brach ein Schrei von Guys Lippen, daß Graf Schmaßmann, jäh zusammenfahrend, seinen Arm faßte und ausstieß: »Das kam dir nicht vom Mund! Woher? So hätt ich, ihr Vater, es nicht gekonnt!« Doch nun fiel Guy ihm besinnungslos zu Füßen, umklammerte ihm die Kniee und rief: »Rettet sie! Laßt uns in der Nacht stürmen, in dieser Stunde! Ihr könnt's bis morgen tragen und warten, denn Euch gilt's nur die Tochter – aber ich – sie ist meine einzige Blutsverwandte – meine Base –« Verworren kam's ihm vom Mund, und der Schluß gesellte sich trotz dem Ernst der Sache mit so überaus komisch ergötzlichem Klang drein, daß der Graf in ein unwillkürliches Lachen ausbrach: »Deine Base? Blitz und Blut! kennst du denn deine Base so gut, daß meine Not um sie dich nur als Spaß bedünkt?« Dunkel errötend war der junge Ritter aufgefahren und stand wortlos befangen; die kurze Lachanwandlung auf den Lippen seines Oheims hatte der schwere Ernst wieder überdrängt, prüfend haftete sein Blick auf dem scheu vor ihm zur Seite weichenden Antlitz Guys und er fügte nach: »Darum wolltest du ihr lieber vorm Altar dein Schwert ins Herz stoßen, als daß sie das Weib des Anderen würde – nicht um Schimpf und Schmach, die über mein Haus damit gefallen. Hast du auf besseren Namen Recht? Leg dich schlafen, Knabe; solche Dinge redet man nicht in Nacht und Nebel, Morgen – nach des Himmels Willen. Schlafe!« Er reichte Guy die Hand, doch dieser gehorchte nicht, streckte sich nur zum Schein flüchtig auf sein Lager, dann sprang er ruhelos empor und eilte durch die Finsternis den Berg hinunter ins Mülhausener Lager. Dort weckte er die Schlafenden, redete in irrer Hast, bat, versprach, befahl und erreichte seinen Zweck, daß zum hohen Erstaunen des Grafen Schmaßmann die Feldgeschütze von drunten, eilfertig in der Nacht herausgeschafft, mit dem ersten trüben Frühschimmer ihre Feuerblitze gegen das Burgtor der Drei Exen vorschleuderten. Es schien, als herrsche drinnen jähe Bestürzung über den unerwartet raschen Angriff der krachenden Bombarden und Karthaunen, denn Niemand von der Besatzung wagte den Kopf über die Mauer aufzurecken. Die immer höher anwachsende, angstvolle Ungeduld Guys aber ertrug das Zuwarten nicht länger, er schleppte in fiebernder Hast selbst die erste Sturmleiter heran, und wider den lauten, erschreckten Ruf des Grafen kletterte er totverachtend auf den Stufen empor. An seine Versen heftete sich Velten Stacher, ihr Beispiel riß den ganzen Heerhaufen nach. Doch droben auf der Mauer empfing sie alles laut- und widerstandslos. Sie stürmten hinunter in den Hof, durch die Gänge, die Hallen; die weite Burg war leer und leblos. Kaum seiner Besinnung mächtig, stieß Guy, unablässig den Namen Erlindes rufend, jede Tür bis in die untersten Verließe auf, doch umsonst; die Drei Exen mußten einen unterirdischen Ausgang besitzen, und durch ihn war alles Leben in der heulenden Novembersturmnacht unbemerkt entwichen. Graf Schmaßmann stand eine Weile wie betäubt, dann packte er mit krampfhaft zusammengezogenen Fingern die Hand des jungen Ritters und stieß aus: »Wer du bist – gib sie mir und dir zurück!« Um eine Stunde später aber loderten als eine riesenhafte Brandfackel die Drei Exen in die grauen Wolken auf. Dem Grundsatz der verbündeten Städte getreu, kein in ihre Hand gefallenes Raubnest zu verschonen, hatten die Mülhausener zur Vergeltung des an ihnen versuchten nächtlichen Überfalls Feuer in die Burg geworfen. Ein ungeheures, blutrot im Nebel auf- und niederwogendes Flammenmeer war's, aus dem nur, gleich den kahlen Masten eines im Sturm versinkenden Schiffsrumpfes, noch geisterhaft die hohen Türme der Dagsburg, der Walchenburg und des Weckmund in die funkendurchwirbelte Luft stiegen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Die letzte rauhe Arbeit im Elsaß war vollbracht, Ruhe und Frieden lag, zugleich mit weißer Winterdecke, wieder über den Landen des Oberrheins. Nur auf der Ulrichsburg zog in die Gemüter keine Ruhe und kein Frieden ein. Nirgendwo wies eine Spur die Richtung, wohin der Ritter von Egisheim seine Gefangene mit sich geschleppt habe; nur von den Knechten erfuhr man, daß sie sich durch den unterirdischen Gang der Drei Exen in die Winde zerstreut hatten. Mit einem kleinen Haufen derselben war der Räuber Erlindes mutmaßlich in die fremde Weite davongezogen; ein einziger undeutlich verschwommener Anhalt schien über den Rhein in die unabsehbaren dunklen Tannendickichte des Schwarzwaldes hinüberzuweisen. Nach einigen Tagen rastloser Auskundigung in der näheren und weiteren Umgegend der verbrannten Burg hatte Graf Schmaßmann sich vor das Tor der Giersburg begeben und den Wächter zu einer Rede gefordert. Bereitwillig war sofort die Zugbrücke über den ringsum gähnenden Abgrund herabgelassen, der Burgwart erschien und bat, sichtbar erfreut, den gräflichen Lehnsherrn der Burg, in diese einzutreten. Nun stellte der Graf die Frage, um derenwillen er gekommen, ob jener eine Aussage über den Aufenthalt des Ritters zu tun vermöge, und bot einen hohen Preis dafür zum Entgelt. Doch der Angesprochene erwiderte kopfschüttelnd, daß er mit keinem Laut erfahren, wohin sein Herr verschwunden sei. Schon seit Jahren nunmehr sitze er einsam, ohne Weisung und Vorwissen wozu, hier im verödeten Haus und habe selber bereits den Entschluß gefaßt, mit nächstem zum Grafen hinüberzugehen, um von demselben, als dem Lehensherrn des verwaisten Schlosses, zu erkunden, was mit diesem geschehen solle, denn alles gerate sonst verwahrlost allmählich in Zerfall. Er hatte den Auskunftsuchenden in die frostig unbewohnte Halle geführt, deutete zu seinen Worten als auf redenden Beleg hierhin und dorthin und bat, den Grafen überall herumgeleiten zu dürfen, auf daß sich derselbe mit eigenen Augen von der bedrohlichen Schädigung der Räume überzeuge. Doch Graf Schmaßmanns väterliche Sorge besaß keine Teilnahme für das schadhafte Gemäuer, er ließ gleichgültig den Blick drüber gleiten, seufzte tief auf und sprach: »Laßt's zerfallen, ich will nichts mehr davon!« Und in einer letzten matten Hoffnung enttäuscht, schritt er den kurzen Weg zur Ulrichsburg zurück. So lag über den Insassen der letzteren trübe Mutlosigkeit, die reichen Säle standen lautlos, von allem freudigen Leben verlassen, scheu blickten die Gesichter bei kurzer Begegnung sich auf Hof und Treppe an; zumeist saß jeder in dumpfem Hinbrüten für sich allein. Nur Bettane ging täglich mit ihren Ziegen vors Tor hinaus, um für dieselben an schneefreien Plätzen noch grüne Weide aufzusuchen. Doch sie ließ sich vom früh einfallenden Dunkel nicht heimbringen, sondern vollbrachte regelmäßig mit dem Beginn der Nacht etwas rätselhaft Sonderbares. Auf dem Rücken des Berges hatte sie einen Baum ausfindig gemacht, der halb über den senkrechten Felsabsturz gegen Süden fort hing. Er bot die einzige Stelle, von wo man bei Tag über die Mauer der Giersburg ins Innere des Hofraumes hineinzublicken vermochte, und furchtlos kletterte Bettane dort allabendlich ins Geäst empor und saß viele Stunden lang in Kälte und Wind, unverwandt durch die Finsternis vor sich hinschauend. Halb erstarrt ging sie dann zuletzt heim und forderte Einlaß in der Ulrichsburg; der Torwart wunderte sich wohl über ihr seltsames winternächtliches Umtreiben, doch sonst gab in der allgemeinen Bedrückung niemand auf ihr stets wiederkehrendes spätes Ausbleiben acht. Als mehrere Wochen so vergangen, kam Bettane indes eines Abends zu schon spätnächtlicher Stunde in ungewohnter Hast zurück und forderte durch Zeichen sofortigen Zulaß zu dem schon in seiner Schlafkammer befindlichen Grafen von Rappoltstein. Der Diener bedeutete ihr, bis zum Morgen zu warten, allein sie ließ sich nicht abweisen, ergriff eine Leuchtpfanne und trat damit in das Gemach des schlaflos auf dem Lager Ausgestreckten ein. Verwundert sah dieser das stets ruhig und bedachtsam handelnde Mädchen an; nun schrieb sie rasch ein paar Worte auf ihre Tafel und hielt sie dem Grafen Schmaßmann vor, der, fast im selben Augenblick jäh emporspringend, las: »Der Ritter von Egisheim verweilt drüben auf der Giersburg.« In einem Nu war das nächtlich stille Schloß lebendig, Guy und Velten Stacher kamen herzugestürzt, doch Bettane legte mahnend einen Finger auf den Mund und wehrte den Knappen, die hurtig Fackeln anzünden wollten. Dann berichtete sie, schreibend und Guy in der alten Zeichensprache deutend, daß sie den Ritter von Egisheim unzweifelhaft erkannt habe, wie er langsam im Burghofe hin- und wiedergeschritten sei. Nur ihren durch den Mangel anderer Sinne wundersam geschärften Augen hatte das tote Nachtdunkel noch so viel Schimmer geboten, daß es ihr nach wochenlangem geduldigen Warten gelungen, desjenigen in Wirklichkeit ansichtig zu werden, von dem sie schweigsame Ahnung in sich herumgetragen, er befinde sich nicht in weiter Ferne, sondern auf der Giersburg. Wodurch diese Mutmaßung in ihr geweckt worden, wußte sie selbst nicht, wie Dunst zerflog's aber vor dem Blick des Grafen, daß auch er keinen Zweifel in ihre Meldung setzte und erkannte, er habe sich durch arglistige Unterwürfigkeit und Zuvorkommenheit des Burgwarts darüber täuschen lassen, wie der Ritter Bertulf sich gerade in unmittelbarster Nähe der Ulrichsburg den unwahrscheinlichsten und darum sichersten Versteck ausgewählt. Nun ging hastige Beratung hin und wieder. Dem Einen bedünkte es am klügsten, den Tag zu erwarten, daß Graf Schmaßmann alsdann abermals Einlaß auf der Giersburg begehre und sich der Zugbrücke versichere; allein der Plan war schnell verworfen, da er unfraglich Verdacht wachrufen und nicht zum Ziele führen werde. Das wild-trotzige Felsennest mit Gewalt zu erstürmen, war gegen die geringste Verteidigung vollkommen unmöglich; eine alle Nahrungszufuhr abschneidende Umlagerung voraussichtlich äußerst langwierig und bei dem irrsinnigen Behaben des Ritters für Erlinde gefahrdrohend. So liefen die Stimmen ratlos durcheinander; Bettane saß ruhig seitwärts und schrieb auf beide Seiten ihrer Tafel, dann stand sie auf und reichte Guy die Schrift. Dieser las und eine freudige Glanzhelle erweiterte seine Augen, aber gleich darauf schüttelte er hastig den Kopf und griff wie erschreckt nach dem Arm des Mädchens. Sie ließ sich jedoch nicht beirren, löschte gleichmütig die Schrift aus und schrieb statt derselben: »Ob ichs kann, weiß ich nicht, wenn dus nicht versuchen willst, hast du sie nicht lieb, das weiß ich.« Da schlug das Blut dem jungen Ritter heiß ins Gesicht, besinnungslos faßte er ihre Hand und preßte sie zwischen den seinigen. Mit einem sekundenkurzen seltsamen Blick wandte sie einmal die Augen gegen ihn auf und schritt hinaus. Guy teilte jetzt eilfertig den Inhalt ihrer Tafelaufschrift mit, Velten Stacher fiel bestürzt ein: »Es ist unmöglich, sie tötet sich!« Noch andere Stimmen bestätigten dies, eine nur gab drein: »Wenn sie's wagen will – einen Versuch gält's – was liegt an dem Leben des armen Geschöpfes?« Aus seinem ratlosen Sinnen auffahrend, entschied Graf Schmaßmann: »Laßt sie – mir ist's, als hätt' unsere liebe Frau von Dusenbach es ihr ins Herz gegeben, vollbringt sie's, will ichs ihr lohnen, wie noch keinem gelohnt ist!« »Und wenn nicht, so braucht sie keinen Lohn mehr,« murmelte Velten Stacher schmerzlich vor sich hin, aber auch der Ausdruck seiner Miene war jetzt von der nächtlich aufgedämmerten Hoffnung mit fortgerissen. Eine Stunde eifrig-geräuschloser Zurüstungen verging, dann verließ ein Trupp Bewaffneter fast unhörbar die Ulrichsburg; in der enganliegenden Kleidung eines schmächtigen jungen Knappen wartete Bettane schon am Tor. Sie trug keine Schuhe, wie sie solche seit ihrem Aufenthalt in der Burg angelegt, sondern ihre kleinen Füße sahen bloß wie ehemals hervor; in der Hand hielt sie ein paar fußlange, vorn scharf zugespitzte Eisenklammern. So ging sie dem Zuge voran, unfehlbaren Schrittes in der jetzt von schweren Wolken überdeckten Nacht den Weg deutend. Ohne Laut folgte Alles ihr nach, dann standen sie der Giersburg gegenüber, doch sie wußten's und empfanden's mehr, als sie es sahen. Man gewahrte nichts als eine nicht unterscheidbare schwarze Masse, die um ein Geringes noch dunkler in der umgebenden Luft stand; vor ihr fiel mehr denn hundert Fuß tiefer, senkrechter Abgrund nieder; rundum in weiter Ausdehnung, nur wo das Burgtor gegenüber lag, näherte sich ihm eine schmale Felszunge heran, auf welche von drüben die Zugbrücke sich niedersenkte. Diese übertraf die gewöhnliche Länge zum mindesten um das Doppelte, denn auch hier betrug die Entfernung zwischen der Mauer und dem einzigen Zugangspunkt fast noch Speerwurfsbreite über der unnahbar gähnenden Tiefe. Von dem allen aber erkannte das Auge gegenwärtig gleichfalls nicht das Geringste. Unverkennbar war zuvor schon genaue Abrede genommen, es ward kein Wort gewechselt, eilig legte Bettane sich einen bereit gehaltenen, an langem Seil befestigten Gürtel um den Leib, kniete auf den Boden nieder, umfaßte über ihrem Kopfe das Tau fest mit den Händen und ließ sich im nächsten Augenblick, ohne zu zaudern, vom Felsrand in die schwarze Leere hinuntergleiten. Mit aller Anspannung ihrer Kraft, von mehreren Knechten als Rückhalt unterstützt, hielten Guy und Velten Stacher den Strick; sie atmeten kaum, ihr eigener lauter Herzschlag war der einzige Ton, den ihr Ohr vernahm. Beide zuckten schreckhaft zusammen, als nach geraumer Weile plötzlich die Last aus ihren Händen wich und das Tau ihnen schlaff und gewichtlos in den Fingern blieb; aber gleich darauf fühlten sie von unten herauf ein leises Rütteln des Seiles – es war ein verabredetes Zeichen – und sie zogen den Strick leer wieder empor. Drunten stand Bettane auf dem Grunde einer wilddurchschrundeten, mit scharfem Geblöck und Gestrüpp angefüllten Schlucht. Selbst ihr Auge unterschied nichts als das auf Armeslänge von ihr Befindliche, sie wußte nur, daß gerade hinüber die Steinwand, deren schmal zugespitzten Gipfel die Giersburg krönte, turmhoch emporstieg. Im Tageslicht erschien der jähe Fels dem Blick völlig unnahbar, doch Bettane hatte oftmals mit ihren Ziegen gegenüber gesessen und unter wunderlich umschweifenden Gedanken den fast senkrechten Aufstieg der Wand betrachtet. Sie stellte sich vor, daß ein Mensch daran emporzuklimmen versuche und, in die Mitte gelangt, hülflos und ausweglos über den Abgrund hänge, und ein kaltes Grausen lief ihr durchs Blut. Aber etwas übermächtig Unwiderstehliches zog ihr den Blick immer wieder darauf hin und prägte ihr jede leiseste Vorbuchtung, Zacke, Ritze des Gesteins in die Sinne, nicht in die Augen allein, sie fühlte alles, als ob sie sich daran körperlich festklammere, um nicht in den Abgrund hinunterzustürzen. Und im Spiel ihrer Einbildung sagte sie sich, es sei nicht durchaus unmöglich, dort hinanzugelangen, wenn man etwas mit sich führe, was man in die Felsschrunden hineinbohren könne, um hier einen Halt für den Fuß, dort eine Klammer für die Hand zu gewinnen. Nur dürfe es nicht bei Tage geschehen, wo die gähnende Tiefe unfehlbar mit Schwindel und schauderndem Entsetzen fasse, sondern im lichtlosen Dunkel, das nichts gewahren lasse, als den nächsten Tritt für den Fuß und den Vorgriff für die Hand; unauslöschlich zugleich nur müsse dem Gedächtnis, wie vor sehendem Auge, jedes kleinste Merkmal und Hülfsmittel der Felsmauer, jeder verdorrte Wurzelknorren und vorwuchernde Heidelbeerstrauch eingeprägt sein. Da hatte Bettane den Ritter von Egisheim drüben im Dunkel erkannt, und plötzlich war ihr eine seltsame Frage stürmisch aus der Brust aufgewogt: Würde die Liebe in dem Herzen unserer lieben Frau von Dusenbach drunten in der Waldkapelle sich zaghaft bedenken, dort hinanzuklimmen, wenn sie Hoffnung trüge, ihren Sohn damit ins Leben zurückzurufen? Und sie war doch nur ein Weib aus Holz und Stein und wußte nicht, wie warm die schöne Himmelssonne in ein lebendiges Menschenherz herabglühte. Es war eine rauh-düstere Dezembernacht, manchmal strich winselnd der Wind um die Zacken des unsichtbaren Gesteins, vom Gipfel des Hochrappoltsteins murrten die Kiefern herunter, wie Rauschen eines fernen Wassersturzes; fast unbeweglich harrte Graf Schmaßmann mit seinem Geleit an der Stelle, wo sie das Mädchen in die Finsternis hinabgelassen. Eine Stunde mußte vergangen sein, vielleicht zwei; wer trug ein Maß dafür? Velten Stacher regte zum erstenmal kaum hörbar die Lippen und sprach, an Guys Ohr gebückt, mit einem verhalten bitteren Aufklang der Stimme: »Sie kommt nicht wieder – wir haben um nichts ein treueres Herz für Geier und Raben hingegeben, als es weitum in einer zweiten Brust schlägt!« Da zischte in sein letztes Wort etwas hinein, seitwärts, wie der Aufschlag eines herüberfliegenden kleinen Steines in dürres Gestrüpp. Noch einmal kam's und sprang leicht knatternd über die Felszunge, und beinahe lähmend durchfuhr ein Freudenschreck die hoffnungslos Wartenden. Das todtrotzende Mädchen lag nicht zerschellt in der schwarzen Tiefe; ihre eichkatzengleiche, unerschrocken von Kindheit auf geübte Gliederbehendigkeit und die luchsartige Sehschärfe ihrer grünen Augen hatten das Unglaubliche vollbracht, sie war drüben an ihrem Ziel eingetroffen und gab das von keinem mehr erhoffte Zeichen. Hastig vortretend, schleuderte Velten Stacher ein bereit gehaltenes Seil in die Nacht. Jenseits der Trennungsschlucht hielt sich Bettane über dem Abgrund mit der linken Hand am Gebälk der eingezogenen Zugbrücke festgeklammert und strebte, mit der rechten das ihr zufliegende Tau zu erhaschen. Sie konnte den pfeifenden Ton desselben nicht hören, sah es nicht, wußte nur, daß es kommen mußte. So griff sie oftmals vergeblich um sich, doch zuletzt traf der Wurf des dicken Seiles ihr gerade ins Antlitz, daß sie schwankte und fast betäubt den Halt verlor, aber unwillkürlich hatte sie dreingepackt und ihre Hand hielt den Strick. Eine erste, schwanke Brücke war zu dem unnahbaren Felsenhorst hinübergeschlagen, und ihr großes Werk, das sie allein gewagt und vermocht, war getan. Rascher tritt jetzt alles weiter Erforderliche vor. Die Zeit war mit reichlichen Zurüstungen für derartige Überschreitungen von jähen Klüften wohl versehen, und die Ulrichsburg hatte das Nötige fertig vorhanden geboten. Das Mädchen zog ein Doppelseil von unzerreißbarer Stärke nach, dessen Ringe sie sorgfältig an der Zugbrücke befestigte; geräuschlos-vorsichtig wanderten Ketten, dann langes Balkenwerk daran hinüber. In ihrer ruhigen Art, mit erstaunender Verstandesumsicht und Benutzung jedes sich darbietenden Hülfsmittels arbeitete Bettane allein an der schwierigen, sicheren Verkettung und Stützung des Gebälkes, als ob sie seit ihrer Kindheit derartige Baukunst betrieben. Mehrere Stunden schwanden hin, dann griff sie in ihre Tasche und warf abermals einen Stein nach dem jenseitigen Felsrande hinüber. Nun trat Guy in herzpochender Ungeduld zuerst furchtlos auf die schwankende Brücke, er dachte nicht daran, daß er über unermeßlichem Abgrund schwebe, vorsichtslos eilte er hinüber und hängte die mitgetragene Sturmleiter nach wenig Augenblicken drüben an die nicht beträchtlich hohe Mauer der Giersburg. Behutsamer folgten die übrigen, einer um den anderen, hinterdrein; licht- und lautlos, schlafversunken lag das kleine trotzige Felsnest. Doch ehe Velten Stacher noch die Mauer erreicht, schlug das Gebell eines Hundes an, und überraschend schnell verwandelten sich in wenig Momenten das Dunkel und die Stille in Helligkeit und lautes Gelärm. Fackeln loderten auf und schlaftrunkene Knechte stürmten halb bekleidet, nur mit einer Waffe in der Faust, auf den Burghof, vor ihnen der Ritter Bertulf von Egisheim selbst, ohne Rüstung, gleichfalls allein mit seinem langen Schwerte bewehrt. In dem roten Licht erschien sein helmloser Kopf, von dem völlig zu weißer Asche entfärbten, verwilderten Haar umflogen und mit geisterhaft tief in die Höhlen zurückgesunkenen, brennenden Augensternen, gleich einem graberstandenen Gespenst; er schrie in heulender Wut: »Trefft sie! Würgt sie! Nur eine Hand voll Eulengezücht ist's! Hinunter mit ihren Knochen in den Abgrund für die Geier!« Guy war als der Vorderste von der Mauer hinabgesprungen und kämpfte, hart bedrängt, wider ein halbes Dutzend von Spießen und Hiebwaffen. Jetzt kam Velten Stacher ihm zur Hülfe, und hurtig tauchten weitere Angreifer über den Mauerrand. Nur kurze Frist hatte die Entscheidung schwanken können, dann zeigte sich ein Widerstand der ungewappneten, geringfügigen Burgbesatzung gegen die wachsende Überzahl der eisengerüsteten Rappoltsteinischen unmöglich. Einige der Knechte lagen zu Boden gestreckt, die anderen flohen ins Innere des Hauses; der Ritter von Egisheim allein wich nicht, wehrte sich noch mit unbändigem Grimm fort. Nun flog von seitwärts her ein Wurfspeer gegen seine halbnackte Brust, und er stürzte hintenüber zur Erde. Dann lag er in der Halle, auf eine Ruhebank hingestreckt, das Blut rieselte an ihm herab. Alle standen um ihn, Graf Schmaßmann frug fordernd: »Wo hast du meine Tochter! Gieb sie, eher verbinden wir deine Wunde nicht!« Der Ritter schlug zum ersten Mal die Lider wieder auf und starrte um sich. Noch zugleich flog ein wilder Trotz über sein hageres Gesicht, und er gab mühsam Antwort: »Bist du's, Schmaßmann von Rappoltstein? Deine Tochter? Die ist weit und gut verwahrt! Hast du meinen Sohn lebendig gemacht, daß du sie ihm zum Weibe geben willst?« »Wo ist sie? sprich's – eh' du stirbst!« rief der Graf angstvoll; aber der tödlich Getroffene schlug eine höhnische Lache vom Mund: »Bettelst du bei mir, Schmaßmann? Das ist gute letzte Stund – du weißt, ich schwur's – schon lang – und der Tod bricht den Eid auf meiner Zunge nicht!« Graf Schmaßmann stand ratlos vor der Unbeugsamkeit des Irrsinnigen, dessen Leben verrann. Mit zitternden Lippen entgegnete er bittend, fast unbewußt: »Was tat ich dir, Bertulf? Willst du mein Haus erlöschen lassen wie deines? Gedenk der alten Freundschaft – und weigerst du sie mir, gib sie diesem hier, der noch tödlicher um sie bangt als ich, meiner Schwester Luitgard Sohn, die auch du einst lieb gehabt –« Mit einem Zucken erweiterten die Augenlider des Ritters sich jählings zu einem stier geisterhaften Blick, sein Mund wiederholte schwerkeuchenden Tones: »Deiner Schwester Luitgard Sohn, – wer – ?« und sich halb emporrichtend, sah er starr in Guys Gesicht auf. Aber plötzlich, von einem Blitz durchzuckt, ohne Wissen und Wollen, sprang Velten Stacher vor und rief laut: »Du bist's – darum trug auch dein Bastard Züge von ihm – Du bist sein Vater! Hast du im Wahnwitz geschworen – der Himmel löst deinen Eid – gib sie deinem Sohn zum Weibe!« Ohne Besinnung war's seinen Lippen entfahren, Graf Schmaßmann und Guy blickten ihn wie einen Irrredenden an. Aber nun fügte er hinterdrein: »Seht hin, ob ich die Wahrheit gesprochen!« Bleich, als sei er schon zu einer Leiche entfärbt, war der Ritter Bertulf von Egisheim zurückgefallen, sein Mund röchelte zwei Mal schwer auf: »Luitgard – Luitgard –« Dann raffte er letzte Kraft, hob sich nochmals und stammelte: »Bist du Luitgards Sohn?« Doch ehe jemand zu antworten vermochte, stieß er mit einem Schrei nach: »Darum haßte ich dich und du mich –« Er griff krampfhaft zitternd in sein Gewand und zerrte einen schweren Eisenschlüssel hervor: »Hinunter – sie ist hier – drunten – ein Verließ, in den Felsen gehauen – nur der Burgwart kennt's –« Guy wollte fortstürzen, doch Velten Stacher entriß ihm den Schlüssel, drängte ihn gewaltsam gegen das Lager des Ritters zurück und eilte mit einer Fackel davon. Graf Schmaßmann stand noch ungläubig verwirrt, er faßte die Schulter des Verwundeten und frug stockend: »Es kann nicht sein – warst du's – ist's wahr, was er gesprochen? Bei deinem Seelenheil, rede!« Der karge Lebensrest des Sterbenden losch hin; er wollte laut sprechen, doch dumpf abgebrochen, nur halb erratbar fielen ihm die Worte von den Lippen: »Ich war's – ich fing deine Schwester mit Gewalt – hielt sie – auf den Exen – und andere Gewalt – aus Haß und aus Liebe. Dich trog ich hier – doch einmal, als ich dorthin – war die weiße Taube fort – ich dachte, zu Euch, rüstete meine Burg auf Leben und Tod. Aber keiner von Euch kam – sie war nicht zu dir geflohen. War's der Schimpf, den sie Euch bergen wollte – oder war's – ihr Herz trug auch Haß und Liebe – wohin sie gegangen, die Raben sagten's mir nie –« Von der Anstrengung des Redens schoß das Blut ihm wieder aus der klaffenden Brustwunde, er fiel wie tot zurück. Der Graf rief: »Helft! Verbindet ihn!« doch stöhnend wehrte der Hinscheidende ab: »Laßt! – der Tod ist süß – nach der langen Lebensqual –« Sein letzter Wille riß ihm noch einmal den Kopf in die Höhe, und Guy mit einem traumhaft verrinnenden Blick umklammernd, sprach er lauter und verständlicher als zuvor: »Bist du Luitgards Sohn? – du bist's – ich seh's jetzt. Gib mir deine Hand – nein, du kannst's nicht – deiner Mutter Jammer hängt an meiner wie Blut. Aber gib mir's mit, daß du mir gehören willst – wenn meine Schuld in der Erde liegt meinen Namen weiter tragen. Vor Euren Ohren hier – dies ist mein Sohn – legt Zeugnis dafür bei Kaiser und Reich – daß sie ihn zu Recht erkennen – nach meinem letzten Willen und Bitten. Vielleicht lächelst du mir – wenn ich's dir sage – Luitgard –« Sein Kopf schlug nieder, und die Augen brachen, doch schattenhaft glitt es ihm selbst um die Lippen wie ein Lächeln, von dem sein letztes Wort gesprochen. Die Brust atmete noch, aber leiser, unmerklicher; man sah, das Bewußtsein kam nicht mehr zurück. Die neben ihm Verweilenden standen wie in einem irren Traum, Graf Schmaßmann sagte tief erschüttert leise: »Tu ihm Sohnespflicht, Guy von Egisheim; du wärest nicht ohne ihn.« Der junge Ritter streckte die Hand nach der seines Vaters; er zuckte zusammen, wie er dieselbe berührte, aber dann hielt er sie und schloß mit der anderen die Augenlider des Sterbenden zu. Sie gaben jetzt willenlos nach, der Ritter Bertulf von Egisheim war tot. Mit dem Kopf herumfahrend, gedachte erst jetzt der Graf wieder an seine Tochter. Hastig wollte er forteilen, da trat sie, von Belten Stacher geführt, über die Türschwelle der Halle. Der Burgwart hatte sich in ungeschreckter Vasallentreue für seinen sterbenden Herrn geweigert, dem jungen Kriegsmann den Versteck der Gefangenen zu verraten, bis Velten Stacher ihm den aus der Hand des Ritters empfangenen Schlüssel gezeigt. Erst daraufhin führte er jenen viele Stufen in nächtige Tiefe hinunter an eine in den Felsen hineingehauene, enge, lichtlose Kammer. Der Zugang war künstlich mit rohem Gestein verdeckt, ohne Weisung erschien sie völlig unauffindbar; darin hatte der nagende Gewissenswurm Bertulfs von Egisheim, ihn zu immer ingrimmigerem Trotz anstachelnd, Erlinde von Rappoltstein wochenlang, seit ihrer Fortschaffung von den Drei Exen, schmachten lassen. Nun stand sie mit bleichem, fast schneefarbigem Antlitz, lichtgeblendet, noch unfähig, zu denken und zu begreifen, da. Sie sah ihren Vater und fiel ihm stumm in die Arme; als sie nach einer langen Weile den Kopf wieder hob, sprach Graf Schmaßmann: »Hier steht dein Vetter, meiner Schwester Sohn – wenn einem, dankst du ihm deine Rettung.« Zagend ungewiß blickte Guy ihr ins Gesicht; ihn befiel's plötzlich mit herzstockendem Schreck, daß er alle Sehnsucht, Glückeshoffnung und Liebe vieler Jahre gleich einem zauberischen Traum allein in seiner eigenen Brust getragen habe und daß die wundersame jungfräuliche Gestalt vor ihm von dem allem nichts wisse, nichts teile. Blöder und scheuer als in seinem weißen Schafspelz bei der ersten Begegnung mit dem goldlockigen Grafenkinde stand er ohne Wort und Regung. Erlindes Sinne und Seele aber waren noch zu sehr von Glücksbetäubung überwältigt, um scheiden zu können, was auch nur ein geheimer Traum ihres Herzens und was Wirklichkeit sei. Sie hörte die Worte ihres Vaters und sah das blühend errötete, männlich schöne Antlitz des jungen Ritters; sie begriff nicht, was jene gesprochen, doch sie fühlte, süß durchschauert, es klang ihr eine Aufforderung, eine Berechtigung, fast ein Pflichtgebot daraus, das zu tun, wonach der sehnsuchtsvolle Schlag in ihrem Herzen selbst als nach dem Lieblichsten auf Erden verlangte. Und Erlinde von Rappoltstein dachte nichts weiter, sondern im nächsten Augenblick schlang sie ihre Arme um den Nacken Guys wie zuvor um den ihres Vaters. Ohne sich zu kennen, kamen die zwei Einzelträume zusammen, doch im Moment, wie sie sich umfingen, durchbohrte es sie mit jäher, holdseliger Erkenntnis, es war nur einer, war derselbe. Keiner hatte es noch eben gedacht, gewollt, aber die Lippen taten es zugleich, weil sie beide nicht anders konnten, ruhten, uneingedenk der fremden Blicke umher und des kaum Abgeschiedenen auf der Ruhbank vor ihnen – des Lebens und des Todes nicht gedenkend, ruhten die Lippen wonnevoll aufeinander. Und lange Zeit, manche Rede und Antwort verging, ehe Guy, plötzlich einmal aufblickend, auffuhr: »Nein, nicht mir danken wir alles, sondern einzig ihr – wo ist sie – wo ist Bettane?« Doch die Gesuchte befand sich nicht in der Halle, war auch auf dem Burghof nicht zu finden, denn sie saß drüben, jenseits der jetzt herabgelassenen Zugbrücke an dem Felsrand, von welchem sie am Seil in die Tiefe hinuntergeschwebt. Die lange, von vielem Herzklopfen durchpochte Winternacht ging zu Ende, ein falber Schimmer kam im Osten herauf, und in ihm blickte Bettane, still dasitzend, nach dem mählich erkennbarer sich vom Himmel abhebenden Gemäuer der Giersburg hinüber. Vierundzwanzigstes Kapitel Nun war die bitterliche Sorge in der Ulrichsburg einem ernsten Frohsinn gewichen; zu schwer fielen die Schatten naher und ferner Vergangenheit noch herein und belasteten das Gemüt, um auch die heitere Sonne des neuen Glückes nicht mit leiser Trübung noch zu überschleiern. An der Kirchenmauer der Stadt Rappoltsweiler lag der Ritter Bertulf von Egisheim in die Erde gebettet; leblos verlassen blickte die Giersburg von ihrem Felsgeblöck herab, als heimgefallenes Lehen in den Besitz des Grafen Schmaßmann zurückgelangt. Doch ein Schauder durchlief diesen, wenn sein Blick drüber hinging, er wiederholte das Wort, das er dem Burgwart entgegnet: »Ich will nichts von ihr – laßt sie in Trümmer fallen von Regen und Wind, sie hat keinem Glück gedient.« Und er ließ die Zugbrücke in den Abgrund hinuntersprengen, daß kein Zugang mehr zu ihr blieb. Mit reichem Dankeslohn aber überhäufte der Graf das stumme Mädchen, dessen Todesmut und achtsamer Späherblick allein, wie Guy gesprochen, die Rettung Erlindes zum Erfolg getragen. Er sann täglich, ihr neue Freude zu bereiten, richtete ein kostbares Wohngemach für sie ein, begabte sie mit wertvollen Schmuckkleinodien und reicher Kleiderpracht. So weit die Züge Bettanes freundliche Dankesempfindung auszudrücken fähig waren, nahmen sie mit solcher die wertvollen Geschenke entgegen, doch sie legte die schönen Gewänder nicht an und ließ das Gold und Gestein der Ketten und Spangen unberührt. Nur einmal sprach ihr Gesicht lebhafte Freude, als Graf Schmaßmann, umhersinnend, Auftrag erteilte, ihr im Burgzwinger ein geräumig-behagliches, zierlich gefertigtes Wohnhäuschen für ihre beiden Ziegen zu erbauen. Daneben stand sie nun gern in der Wintermittagssonne und schaute über die Mauerzinne ins weite, schimmernde Land. Glückvergessen saßen oben Guy und Erlinde, deren Wangen rasch wieder in junger Rosenschönheit erblühten. Sie sagte ihm, daß in der schreckensvollen Bangnis ihrer langen Gefangenschaft der kleine goldgrüne Stein, den sie stets an der Schnur getragen, ihre einzige Tröstung gewesen, selbst noch in der nächtigen Felskammer der Giersburg; wenn ihre Hand ihn gefühlt, sei allemal die schwindende Hoffnung aus ihm lebendig geworden, sie müsse doch wieder ins goldene Sonnenlicht zurückkommen. Und Erlinde lächelte und flüsterte, sie habe den Stein damals hastig an sich genommen, nicht wie sie gesprochen, weil er sie nicht mehr verklagen gesollt und sie ihn dem Dusenbach zurückgeben gewollt, sondern weil Guy ihn auf seinem Herzen getragen, dem sie hold sein gemußt vom ersten Augenblick; warum, habe schon ihr Kinderherz nicht gewußt, nur daß es freudiger in seiner Nähe geschlagen. Wider das sorgliche Gebot ihres Vaters habe es sie auch verleitet, am Frühmorgen des Pfeifertages die Burg zu verlassen und zur Kapelle hinunterzuhuschen, um der lieben Frau von Dusenbach zum Gedächtnis einen Rosenkranz zu bringen und sie um ihre Fürbitte anzugehen – wofür, sagte Erlinde nicht, sondern zog nur das flimmernde Steinchen von ihrem Halse hervor. Da bückte Guy sich hurtig und küßte dasselbe, wie schon oft, so lang es noch die süße Wärme von ihrer Brust in sich trug, und die Glücklichen flüsterten tauschend weiter von den offenbar gewordenen schönen Geheimnissen ihrer Herzen. Manches freilich vermochte er ihrer jungfräulichen Unschuld nur mit leisem Hauch vorüberstreifend zu berühren, konnte ihr auch nicht mitteilen, wie ihre Rose, die er damals von ihr empfangen, sein Herz in dem Gezelt der Gersauer Gaunerkilt vor arglistiger Betörung wohl behütet habe. Doch wenn er, von der Vergangenheit und seinem Ursprung redend, an eine Stelle geriet, wo ihm die Worte ungewiß zu stocken begannen, da fragte seine Zuhörerin, von einem dunklen, unheimlichen Gefühl erbangend nicht weiter, sondern barg schweigsam ihr wunderholdes Köpfchen, dessen Antlitzähnlichkeit mit dem seinigen immer deutlicher hervortrat, an Guys Brust. Dort schwanden rasch die heraufgeflogenen Schatten wieder von ihrer rosigen Mädchenstirn, wie solche an sonnigem Sommertag wohl hastig über goldenem Ährenfeld verschweben; nur einer blieb und verdichtete sich mehr, je näher der schlimme Tag kam, an dem ihre oft schon beklagte, wenn auch hoffentlich nur kurze Trennung von dem jungen Ritter bevorstand. Denn wie laut das Herz des letzteren selbst sich gegen eine solche widersetzte, bedünkte sie doch seiner ritterlichen Ehre und einem tiefinnersten Gefühl in ihm unanwendbar. Sie ließen ihm nicht Ruhe, daß er sich mit eigenem Mund von der Treupflicht gegen seinen ersten Wohltäter und hohen Beschützer, dem er alles Glück verdankte, lösen müsse, und obzwar es ihm wunderlich bei dem Gedanken bangte, unter die glühenden Augen Karls des Kühnen zu treten, trieb es ihn doch auch unwiderstehlich zum Vollzug jener Pflichtempfindung seiner dankerfüllten Brust. Kunde war gekommen, daß der Herzog von Burgund ein neues Heer gesammelt, um René von Lothringen, der sein Land zurückerobert, wieder daraus zu verdrängen. So schien jener gar nicht weit jenseits des Wasichingebirges entfernt, und als die ersten Tage des neu beginnenden Jahres 1477 verronnen, brach Guy eines Morgens, von Velten Stacher und wenigen Dienstmannen geleitet, auf, seinen zugleich schweren und übermächtig treibenden Entschluß auszuführen. Die volle Beipflicht des Grafen Schmaßmann folgte seinem ritterpflichtigen Umritt, doch an der Wimper Erlindes blinkten sorgenvolle Tränen ihm ins kalte, nebelumzogene Frühlicht nach. Mit ungewöhnlicher Strenge lag der Winter auf den Landen, durch welche der kleine Reitertrupp nordwärts dahinzog, und verstärkte seinen grimmigen Atem noch, als sie über die Einsattelung zwischen den Bergketten des Wasichin und der Hardt gen Westen umbogen. Mühsam gelangten sie auf schlechten, tief verschneiten Wegen vorwärts, an deren Seiten die Tannen sich unter gewaltiger Schneelast fast bis zum Erdboden herabsenkten; schneidend pfiff der Wind ihnen Eisnadeln ins Gesicht. So blieb's auch, als das glücklich überwundene Gebirge in ihrem Rücken versank und sie über das weite lotharingische Hochland davonritten. Mehrfach zwang die frühe Dunkelheit sie, in Bauernhütten armseliger herbergloser Dorfschaften zu nächtigen; in der letzten gewannen sie Nachricht, daß der Herzog René auch seine Hauptstadt Nancy wiedergewonnen und das burgundische Heer gegen diese heranziehe. Etwa fünf Meilen mochten sie selbst von ihr entfernt sein und brachen vor Morgenbeginn zum Weiterritt auf. Wie auf starrem Fittich eisigen Windes getragen, kam trüb und schaurig das zögernde Tageslicht, dann erschütterte es manchmal vor den Reitern gleich fernem, dumpfem Wetterrollen Luft und Erde. Im Anfang achteten sie nicht darauf, das Hufgetrapp ihrer Pferde verschlang den murrenden Ton, bis Guy einmal aufhorchend anhielt und plötzlich rief: »Das ist kein Wolkendonner, sondern Feuerrohrkrachen einer Feldschlacht!« Alle lauschten jetzt und vernehmbar kam es wieder herüber; bald blieb kein Zweifel, was es bedeute. Ein jäh rüttelnder Schauer fuhr Guy durchs Blut, er wußte nicht warum; sein Fuß schlug dem Pferde die Sporen ein, und schleuniger sprengten sie dahin. Aber es war noch lang auf den schneetiefen Wegen bis Nancy, und die Dämmerung nahte wieder heran, ehe der hohe gothische Turmbau der Kirche des heiligen Franziskus ihnen entgegenwinkte. Schon seit Stunden hatte das schütternde Rollen aufgehört, lag winterlich tote Stille weitum in der Runde. Erst als sie zur Stadt hinannahten, füllte die Luft sich wieder mit anwachsendem lauten Getöse, brausendem Stimmenjubel über einen großen, schwerwiegenden Sieg. Doch er scholl nicht von burgundischen Lippen, sondern die eidgenössischen Feldhaufen von Grandson und Murten waren's, die den sinkenden Tag mit stürmischem Aufjauchzen beendeten. Vor der Hauptstadt Lothringens hatten sie dem Herzog René ihre Zusage von der Murtener Walstatt gelöst und mit ihm vereint die neugesammelte Heermacht ihres Todfeindes zum drittenmal geschlagen und vernichtet. Achttausend burgundische Leichen deckten das Schlachtfeld, kaum einer des ganzen Heeres war entronnen, alle übrigen auf der Flucht in den Sümpfen des Meurtheflusses niedergemacht. Doch nicht die Tapferkeit der Schweizer und des jungen Herzogs René allein hatte diesmal den Kampf entschieden, sondern der Verrat eines Feldhauptmanns Karls des Kühnen, des welschen Grafen von Campobasso, der ihn treulos während der Schlacht verlassen und zum Feinde übergegangen war. Als Karl von Burgund diese Botschaft vernommen, war ihm bei einem Aufruck seines Kopfes der goldene Löwe vom Helm zur Erde gestürzt, kein wilder Trutzfluch aber ihm vom Munde gefahren; er hatte nur dumpftönig ausgestoßen: »Ecce, magnum signum Dei!« und sich mit seinem Schwert mitten in das blutige Getümmel hineingeworfen. Und nun raunte und rief man's durchs eidgenössische lothringische Lager, Karl der Kühne selber liege unter den Toten auf dem ungeheuren Leichenfeld. Jemand hatte gesprochen, daß er ihn fallen gesehen, und die Schlacht sei über ihn hingerast. Doch niemand wußte, ob der Ruf Wahrheit rede; tiefes Nachtdunkel fiel jetzt über die weite entsetzliche Walstatt und barg hoch und niedrig, Freund und Feind, jedem Blick. Schlaflos durchwachte Guy in einem Gezelt die lange Januarnacht. Es war wohl seltsam Ort und Stunde, ihm die herabnickende Wimper allemal mit jagenden Gedanken wieder aufzuscheuchen. Auf diesem Feld hier, wo der Eiswind durch die Finsternis um ihn heulte, hatte er einstmals an heißem Sommertag glücktrunken am Boden gekniet und die schallende Stimme Karls des Kühnen über ihm gerufen: »Steht auf! Nach unserer Stadt Nancy sollt Ihr Euch Ritter Guy Loder von Nancy benennen!« Atmete der Mund, der es gesprochen, noch irgendwo auf irrer Flucht, oder lag er starr und ewig verstummt draußen mit unter der großen Ernte des Todes? Fraglos hatte der heutige Tag die burgundische Macht für immer aus ihrem stolzen Wolkenflug zur Erde herabgeworfen; sie hob sich nicht wieder. Guy wußte nicht, was sein Herz im geheimen pochte, hoffte und fürchtete; fast bedünkte es ihn besser, der Unbezähmbare, dessen goldener Löwe zu Boden gestürzt, schlafe draußen, um nicht mehr aufzuwachen. In wachem Traum verbrachte der junge Ritter die endlos lange Nacht. Um die Zeltwand strich der Wind und summte immer mit raunender Geisterstimme drein: »Nur um drei Dinge ist der Arm tapfer und das Herz mutig: für den Ruhm, für ein Königreich oder für ein Weib.« Und schwermutsvoll lauter klopfte das Herz dem Schlaflosen: Ruhm und Königreich hatte Karl von Burgund verloren, und ein Weib, nach ihrem Besitz zu trachten, dafür zu kämpfen und zu leiden, trug die Erde für ihn nicht. Erst gegen Morgen fielen die Lider Guys einmal herab, allein im nächsten Augenblick fuhren sie schon wieder empor, denn der Ruf des Herzogs schlug ihm ans Ohr: »Den Junker von Loder!« Und er wußte wunderlich, er solle seinen Herrn für die Schlacht bei Nancy wappnen, in der Karl der Kühne den Tod suchen wolle. Da war's Velten Stachers Mund gewesen, der ihn geweckt: der Tag breche an. Stumm blickte Guy durch das graue Zwielicht in das Gesicht des Freundes; was die Nacht ihm in irr schwankendem, hoffendem und bangendem Zweifel belassen, war ihm plötzlich in dem Augenblick des Traumes zu unerschütterlicher Gewißheit worden: der stolze Herzog habe den Tag der Schmach nicht überlebt, er liege draußen unter den Toten. Auf dem weiten Schlachtgefild herrschte schon rege Arbeit, die vielen Tausende von Leichen zusammenzutragen, um sie in großen, mühsam im hartgefrorenen Erdreich aufgeschürften Gruben zu bestatten. Zahlreiche Augen, am unermüdlichsten diejenigen Guys, suchten eifrig dabei umher, ob das Gerücht Wahrheit rede: Karl der Kühne selbst liege auf dem blutigen Feld. Aber ungeheure Mühsal war's, die weitzerstreuten Gefallenen zu sammeln; an Stellen lagen sie zu Bergen übereinander gehäuft. Nebel wallten aus dem Meurthethal auf, der kurze Wintertag ging, ehe die Hälfte der schweren Arbeit vollbracht war. Niemand hatte den Herzog von Burgund aufgefunden, man rief durchs Lager, er sei entkommen; Guys Herz allein sprach unbeirrt, ernst und gefaßt, er liege doch da draußen unter den Toten. Dann schwand abermals die schaurig lange Nacht, der dritte Tag begann und mit ihm die Erneuerung der emsig schreckensvollen Tätigkeit vom Tage zuvor. Doch vermochte diese auch heute noch nicht das Übermaß ihrer Aufgabe zu bewältigen, das karge Licht des Himmels hob zu früh an, langsam schon wieder zu schwinden. Da ging ein Ruf, unter einem Hügel von Toten habe man einen Leichnam halb im Sumpf vergraben gefunden, den Kopf in Eis eingefroren, unerkennbar mit Blut und Schlamm überdeckt. Nur der Bart desselben und die Nägel an den Fingern seien so lang wie bei keinem anderen, daß einer gesprochen, er habe vernommen, Karl der Kühne solle nach der Murtener Schlacht mit einem Eidschwur gelobt haben, sich Bart und Nägel wachsen zu lassen, bis er den Schimpf seiner Niederlage gerächt. So lief's auf dem Blutfeld umher und kam an Guys Ohr, der, unweit entfernt, nun zur Stelle des Fundes hinzutrat. Er warf einen Blick auf den entstellten Toten, bückte sich nieder und glitt mit dem Finger unter Blut und Schlamm über die linke Schläfe desselben, wo Karl von Burgund bei seinem tollkühnen Vorsturm in der Schlacht von Montheri einen toddrohenden Schwerthieb empfangen. Dann richtete der junge Ritter sich ernst-ruhig auf und sprach nur: »Er ist's«. Er hatte nicht mehr gehofft, nur gebangt, ihn nicht zu finden. Nun war alles vorüber; sein Herz stand nur einen Augenblick still, als er die zu Eis erstarrte Hand des Toten mit der seinigen faßte, doch er hielt sie fest umschlossen, bis der leblose Körper auf eine Tragbahre gebettet worden. Auf die unerkennbaren Lippen Karls des Kühnen niederblickend, sagte er langsam, schwermütigen Tones: »Was spracht Ihr? Solltest du mich einmal schlafend finden, so tu's mir auch!« Er nahm seinen Mantel von der Schulter und deckte ihn über den schreckensvoll entstellten Leichnam; nochmals herabgebückt flüsterte sein Mund: »Wenn keiner sonst, ich habe dich geliebt; schlafe, deine Augen können's jetzt und ihnen ist wohl geschehen – denn die Erdendinge machen müde.« Dann geleitete der junge Ritter Guy Loder von Nancy die Bahre in die Kirche des heiligen Franziskus der Stadt Nancy, wo Karl der Kühne, inclytus et fortissimus Dux Burgundiae, noch in der Nacht desselbigen Tages bei Fackelgeloder in die Erde gesenkt ward, bis um ein Jahrhundert später sein Enkelsohn, der deutsche Kaiser Karl V., seine Gebeine feierlich in die Notre-Dame-Kirche zu Brügge hinüberbestatten ließ. Eines Wortes aber, das der mächtige Herzog einstmals gesprochen, gedachte Guy heute nicht: »Verlör' ich ihn, und du fändest ihn auf, ist er dein.« An den unschätzbaren Diamanten im Löwenhelm Karls von Burgund, einem Königreich gleich an Wert, rührte kein Gedanke im Sinn des jungen Ritters. Viele andere Augen und Hände dagegen suchten begierig nach ihm umher, doch umsonst, denn zufällig war schon während der Schlacht der Blick eines lothringischen Soldknechtes auf ein am Boden im Schmutz liegendes, buntglitzerndes Ding gefallen, er hatte sich gebückt und dasselbe in den Sack gesteckt. Und durch Zufall auch hatte er's am Spätnachmittag hervorgezogen, wo der geistliche Herr einer nahen Dorfschaft, im einbrechenden Dämmerlicht würdevoll wandelnd, aus seinem Brevier ein andächtiges Gebet für die Seelen der heute im Kampf erschlagenen treuen Anhänger und Söhne der heiligen Mutterkirche gelesen. Da gewahrte er das seltsam noch im Zwielicht leuchtende Ding in der Hand des arg von dem Schlachtgetümmel mitgenommenen Knechtes und sprach, einen Goldgulden aus der Tasche ziehend, leutselig: »Hast treulich zur Ehre Gottes und seiner Heiligen gestritten, mein Sohn, trägst gewißlich sattsam Hunger und Durst, den du zu löschen wohl mit Ehren verdienst. Nimm das und erfreue dich heut Abend an Fleisch und Wein im Marketendergezelt, mein Gebet soll's dir obendrein noch gesegnen; kannst mir den bunten Kiesel dafür geben, meine Schwester hat liebe Kindlein vom Himmel beschert, die hübsch damit spielen mögen.« Gar hoch beglückt über die reiche Gabe und den Segensspruch des väterlichen Herrn nahm der Soldknecht, hungernd und dürstend, den dargereichten noch nie zuvor besessenen, blinkenden Goldgulden, gab freudig den bunten Kieselstein dafür hin, und der Pfaff schlug sich hurtig in den Busch. Fünfundzwanzigstes Kapitel Und nun war ein Tag, an dem der weiße, starre Hermelinmantel des Winters auch von seinen höchsten Bergschultern herabgeschwunden. In blühender Jugendschönheit lag das schimmernde Oberrheintal, der Garten des Deutschen Reiches, als blickte es zum ersten Mal in des köstlichen Tages Licht und Lebenswärme auf, von keiner Runzel des Alters noch je durchfurcht. Und als sei niemals brandiger Rauch schwer darüber gewallt, knatternde Lohe draus zum Himmel gestiegen und tausendfältig blutgeröteter Quell zum Rhein hinabgeflossen, so lag das reiche, schöne Land, von des Friedens milder Hand wieder begnadet, in unbewölkter Freudigkeit, und sorglos heiteres Leben zog fröhlich auf Wegen und Stegen dahin. Rasch schüttelte es die trüben Schatten der Vergangenheit von sich ab, vergaß gewesenes Leid und ungewisses Drohen der Zukunft und wiegte sich auf den hold lockenden, weich umschmiegenden Fluten lieblicher Gegenwart. Lichtgrün auch nickten die Baumwipfel des Dusenbachtales auf den silbern plätschernden Bach, und als ob nie frevelnd wilde Hand in ihr stilles Heiligtum gegriffen, stand die Waldkapelle friedvoll mit weitgeöffneter Tür. Darinnen blickte aus der Altarnische ernst lächelnd unsere liebe Frau von Dusenbach im sonnenlichten Haar und wieder im reichen, fast augenblendenden Goldkleid vom Nacken bis zu den Füßen auf das dornengekrönte Haupt ihres Sohnes herab. Auch Spangen und Ketten mit leuchtendem Gestein funkelten ihr an den Armen; wer die Schmuckkleinodien gesehen, die Graf Schmaßmann von Rappoltstein dem Mädchen verliehen, welchem er die Errettung seiner Tochter verdankt, mochte verwundert sie als Weihegeschenke an dem Bildnis der Madonna wiedererkennen. Jetzt aber durchtönte die vormittägige Stille von der Stadt Rappoltsweiler her ein wundersamer Klingklang und Singsang, scholl und schwoll und kam nun vom Strengbachtal herauf, ein Durcheinander von lauten und leisen Tönen und Weisen: ein Beckengeklirre und Pfeifengeschwirre, ein Klimpern von Lauten und Dröhnen von Pauken, ein hüpfender Reigen von heimlichen Geigen – nun Flötengejubel und Hörnergeblase, und Dudelsackwimmern und Zinkengeklimper – ein Gleiten und Streiten auf kreischenden Saiten, auf klingenden Wellen und Schwellen und Gellen – – – Es war nicht Mariä Geburt und nicht September, sondern Mai, aber doch war's Pfeifertag heut' in Rappoltsweiler, denn sie kamen aus Stadt und Dorf, von Straßen und Wegen des friedvollen Elsaß, um ihren Lehens- und Schutzherrn zu hohem Feste seines Hauses zu begrüßen. Und dann kam auch schon ein anderer glänzender Zug von der Ulrichsburg her durchs Dusenbachtal herab, viel Ritter, Herren und edle Frauen im hochzeitlichen Schmuck, inmitten Erlinde von Rappoltstein weißleuchtend in silbernem Brautgewand, mit blaßgelbem Rosenkranz auf dem goldenen Scheitel. Rasch begaben alle sich ins Innere der Waldkapelle hinein, dort trat Graf Schmaßmann von Rappoltstein vor den Altar, entrollte ein großes, siegelbehängtes Pergamentblatt und kündete mit lauter Stimme, daß des römischen Reiches Majestät, der deutsche Kaiser Friedrich III., willfahrt habe, den Sohn des weiland Ritters Bertulf von Egisheim zum Namen, Recht und Wappenschild seines Vaters zu erkennen. So vermähle er seiner Schwester Sohn, den Ritter Guy von Egisheim, seiner Tochter; doch auf Vorhalt und Bitte habe des Kaisers Majestät ihm abermals willfahrt, damit sein Haus nicht erlösche, daß den Nachkommen seines Eidams und seiner Tochter Name, Recht und Besitz derer von Rappoltstein zufalle. Solches bekunde er hiermit vor unserer lieben Frau von Dusenbach und aller Hörer Ohr als aus kaiserlicher Huld und Macht unter Beipflicht und Willen seines Eidams gesetzt. Nun trat der Priester an Graf Schmaßmanns Stelle, und nach kurzer Frist verließ der Ritter Guy von Egisheim mit seinem jungen Weibe die Kapelle. Alle Pfeifen und Geigen, Flöten und Zinken jubelten auf, als das neuvermählte Paar hervorschritt; mit der Hand deutend, neigte Guy sich lächelnd an Erlindes Ohr und flüsterte: »Siehst du das weiße Schaf dort auf dem Baum?« Aber nicht Hochzeit allein, auch Pfeifertag war's im Dusenbachtal, und auch Gosfried Dürrschnabel stand würdevoll harrend im roten Königsmantel da. Nur etwas zweifelbänglich blickte er von der Seite nach dem Gesicht des jungen gräflichen Eidams und suchte in der Miene desselben zu lesen; nun trat Guy grüßend an ihn heran und sprach mit schalkhaftem Zucken des Mundes: »Wie ergeht es Eurer liebwerten Frau Königin, Herr König? Es ist schad, daß Ihr sie nicht mit Euch hierher gebracht habt. Verargt's nicht, wenn ich heut' vor Eurem gestrengen Ohr nicht mitwerbe um den Preis; ich hab' einen aus Huld nur, nicht aus Recht gewonnen diesen Tag und befürchte, Ihr möchtet nach Eurer Ritterpflicht ihn mir wieder aberkennen. Das wär' mir gar herb, alter Freund, drum verhält mein Mund sich lieber in Schweigen.« Lächelnd reichte er Gosfried Dürrschnabel die Hand, der sich, sichtbarlich erleichtert, trotz seinem königlichen Purpur tief herab verneigte, und der Wettgesang hob an. Manch' artige Weise und fröhliches Lied klang unter den schattenden, sonnendurchspielten Bäumen; als das letzte geendet, wandte Graf Schmaßmann den Blick und sprach: »Nun, Velten, wettest du nicht heut'? Bist kein Pfeifer mehr, sondern ein Kriegsmann worden? Da ziemt wohl anderer Preis dir auch – Du warst treu, tapfer und furchtlos, wie kaum einer dir gleich, doch keiner war's, der sich mehr an Herzensdank erwarb um mein Haus. Knie nieder vor diesem edlen Kreis, Velten Stacher, daß mein Schwert dir so lohnt, wie deine Treue es verdient!« Sprachlos betroffen stand der Angesprochene und sah auf das entblößte, sich emporhebende Schwert des Grafen, und dunkelflammende Glut schoß ihm einen Augenblick über Schläfen und Stirn. Doch dann griff er hastig nach seiner Querpfeife, neigte sich tief, spielte kurze, helltönende Weise und sprach darein: »Nehmet Dank, Herr Graf! Wohl fühl ich hier innen mich heiß durchrinnen Das Wort, mit dem Eure Gunst mich betraf! Doch bin ich's nicht wert – Ich bin nur ein Pfeifer, ein Landdurchschweifer, Was sollt mir Ritterhelm und Schwert? Ihr wisset, kann je Mein Arm Euch nützen, Eu'r Haus zu beschützen, Da bin allzeit ich in Eurer Näh! Und wollt Ihr zu Gast Unterzeiten in Gnaden am Tische mich laden, Kehr nirgend ich lieber zu freudiger Rast! Drum bitt ich gar sehr, Laßt nicht es den Velten in Unlust entgelten, Zu schwer sind Ritterehr ihm und Wehr! Lasset leicht mich ziehn Mit des Himmels Gestirnen, und Buben und Dirnen Mir klatschen zu fröhlichen Melodien! Da soll mein Reim Auf den Gassen erklingen und soll ihnen singen Ein Lied von Guy von Egisheim!« Verstummend neigte noch einmal der Pfeifer sich tief, Graf Schmaßmann blickte ihn wortlos erstaunt an, Alles umher verharrte in ungewissem Schweigen. Nur Erlinde von Egisheim trat jetzt rasch auf Velten Stacher zu; lächelnd wandte sie das liebliche Antlitz gegen ihren jungen Gemahl zurück und sprach, hold errötend: »Ich verhieß einstmals dir den Preis an dieser Stelle aus meiner Hand, aber du hast nicht mitgeworben heut' und wirst nicht zürnen, wenn ich mein Gelöbnis zu dieser Stund' anders erfülle.« Und eilfertig nahm Erlinde den gelben Rosenkranz von ihrem Scheitel und legte ihn auf Velten Stachers Haupt. Ohne Laut, und mit einer trunkenen Seligkeit im Blick sank dieser, wie von der leichten duftenden Last übermächtig niedergebogen, auf die Kniee; nun schritt auch Guy schnell hinzu und rief freudigen Mundes: »Dein holder Sinn tat das Rechte, Erlinde, denn ihm gebührt der Kranz! Und du tatest recht, du treulicher Freund, ihn lieber zu wählen als den schweren Eisendruck auf der Stirn; mög er von deinen Lippen aufblühen mit fröhlichem Laut und Lied, zu unserer schönen Heimat Lob und Lust!« Die Hand des Geschmückten fassend, hob er ihn empor und schloß ihn warm an seine Brust, und hundertstimmiger Beifallsjubel scholl jetzt brausend rings umher darein. Da wandte Guy von Egisheim plötzlich den Kopf mit einer Frage, die sich ihm schon einmal nach einem Erwachen aus Besinnungslosigkeit des Glückes so auf die Lippen gedrängt: »Wo ist denn Bettane, meine treue Schwester?« Doch sie war nicht an der Feststätte zu entdecken, niemand konnte weitere Auskunft über sie geben, als daß einer gesehen, wie sie am Frühmorgen in der Kapelle Goldketten und Spangen um den Arm unserer lieben Frau von Dusenbach geschlungen. Erst nach vielem Umfragen fand sich ein von Markirch herübergekommener Bürger, der drunten im Strengbachtal einem Mädchen begegnet war, das mit zwei Ziegen langsam zum jenseitigen Berghang hinangestiegen. Sie hörten es verwundert und Graf Schmaßmann sprach: »Das ist nach ihrer sonderlichen Art.« Doch es war heute nicht nur Pfeifertag, sondern auch Hochzeitstag im Dusenbachtal – der Graf hatte seiner Tochter zur Mitgift das Schloß Hochrappoltstein verliehen und es lag wohl im Rechte der Natur, daß Guy und Erlinde, als die Maiennacht sie mit Fackelgeleit zu ihrer neuen Heimat emporbrachte, nicht an das Verschwinden Bettanes mehr gedachten. Aber als einige Tage des traumhaften Glückes vorübergeflogen, da kam ihnen das Gedächtnis, und nicht dies allein, noch mancherlei anderes rüstete sie mit Sonnenaufgang zu einer mühsamen Wanderung. Velten Stacher geleitete sie und diente ihnen als Führer, und in des sonnigen Vormittags Mitte standen sie zusammen auf dem Friedhof um die kleine Kirche zu Altweiler. Auch der alte Priester befand sich neben ihnen, doch er wußte nicht mehr, an welcher Stelle Luitgard von Rappoltstein in den harten Boden eingescharrt worden, und niemand wußte es, und die verwilderten Gräber bekundeten es nicht. Stumm ließ Guy von Egisheim den Blick über die schweigsame Runde gehen, wo irgendwo der kleine Schlangengoldreif an der Knochenhand seiner Mutter sich unter der frühlingsgrünen Erddecke barg; dann schritten sie weiter aufwärts durch das ärmliche Dorf und traten nach einer Weile in Veit Loders Gehöft. Der Bauer und sein Weib saßen wieder bei der frühen, dürftigen Mittagskost, sie erkannten den Ankömmling nicht, und kaum auch erkannte dieser die alt und stumpf Gewordenen. Doch, sich ihnen kundgebend, nahm er die Hände seiner einstmaligen Pflegeeltern, sprach ihnen innigen Dank für sein Leben, das sie ihm erhalten und durch viele Jahre behütet, und frug, womit er es ihnen heute entgelten könne. Sie begriffen allmählich auch, daß er das Knäblein sei, welches Veit Loder einmal nackt und frierend droben auf dem Gebirgskamm gefunden und das danach »eine Zeit lang« bei ihnen im Haus gewesen, doch weiter nichts. Zu begehren wußten sie nichts, als daß es ein gutes Wolljahr für die Schafe gebe; darüber besaß Guy keine Macht und legte wortlos einen mit Gold gefüllten Säckel auf den Tisch. Darauf glotzten Veit und Tille Loders dumm-vergnügt herunter; wie die kurz nur Eingekehrten wieder durch die Tür zurückschritten, hörten sie den Bauern sagen: »Siehst's nun, daß Freitag ein Glückstag ist?« und seine Frau erwiderte: »Seh nichts, als daß du ein Narr bist, der von nichts mehr gewußt hat.« – »Was weißt du?« versetzte er, »du hast nie keinen Sohn gehabt,« und sie entgegnete: »Du noch viel weniger,« und ihre Stimmen verklangen hinter den Fortschreitenden. Jetzt aber kannte Guy jeden Stein und jeden Stamm, denn er wollte mit seinem jungen Weibe die Stätte aufsuchen, zu der ihm aus schimmernder Ferne so manches Jahr lang ihr heutiges glückvolles Heimatschloß und drunter ihres und seines Vaters Burgen geheimnisvoll gewinkt und geleuchtet. Durch den Waldgürtel stiegen sie aufwärts; der braune Kiefersaum schwand, und die stille Bergkuppe hob sich blütenbunt und maiengrün hinan. Da saß droben zwischen ihren ernsthaft aufblickenden, weißgehörnten Ziegen Bettane einsam in Sonne und Wind. Sie wandte bei der Kopfbewegung ihrer beiden Genossinnen jetzt auch den Blick, sprang empor und reichte den Ankommenden die Hände. Von überwallendem Dank des Herzens und des Glückes fortgerissen, schloß Erlinde von Egisheim das Mädchen in die Arme und küßte sie; doch nur flüchtig berührten ihre Lippen die greisenhaften Wangen, ein leiser Schauer durchlief ihr dabei das Blut. Nun frug Guy, weshalb sie am Pfeifertag davongegangen und hier sei? Ein Lächeln ging um Bettanes Mund, sie schrieb scherzend auf ihre Tafel: grad weil's Pfeifertag gewesen, seit vielen Jahren habe sie an ihm nicht hier oben gesessen, drum hätten ihre Ziegen gebeten, sie möge mit ihnen an dem Tag zu Besuch hier heraufgehen. Es war ihre sonderliche Art, und eilig redete sie danach in alter Sprache mit Augen und Händen fort, Dank und Freude, daß die Glücklichen ihrer gedacht und gekommen, sie zu suchen. Und nochmals schrieb sie: »Laßt mich ein kurzes Weilchen noch hier – ich hab's den beiden da versprochen – dann komme ich zurück und bleibe bei Euch.« Heller denn je von der Mittagssonne vergoldet, winkte und leuchtete drüben her vom Rande des Rheintales der ragende Schloßturm von Hochrappoltstein; Guy und Erlinde von Egisheim schritten ihm wieder entgegen. Bettane blickte ihnen reglos nach, bis sie unter dem dunklen Nadelgezweig des Waldes verschwanden. Es war noch das nämliche leere, verkümmerte Antlitz, krankhaft weiß, die niedrige Stirn vom falben Haar und die Wangen unschön von gelben Sommerflecken überdeckt, wie damals, als die stille Höhe es hier zum erstenmal gewahrt. Nur ruhte es nicht mehr auf der Gestalt eines Kindes; einmal atmete Bettane tief empor, die Sonne brannte hernieder, und unbewußt öffnete sie mit der Hand das schwerer als früher engende Gewand, daß der Windhauch kühlend über ihre schöne jungfräuliche Brust glitt. Ihr Ohr hatte nicht zu hören und ihre Zunge nicht zu reden gelernt, aber ihre märchenhaften Smaragdaugen konnten sehen und konnten weinen. Stumm schauten sie nach den fernen, von sonnigem Glück überschütteten Burgzinnen hinüber, und langsam fielen die Tränen von ihrer Wimper wie nächtliche Tauperlen auf die Maienblüten unter ihr herab.