Justinus Kerner Die Reiseschatten Von dem Schattenspieler Luchs »Es ist auch müglich, daß das Gold dahin gebracht wirdt, also, dz es in einem Cucurbit aufwächst; zu gleicher Weiß, wie ein Baum mit vielen Ästen und Zweiglen, und also wird aus dem Gold ein gar seltsams, wunderbarlichs, lustigs Gewächs, und obschon solches Gold euch nicht als ein gemein Münze nützet, so laßt es doch ein schöne Obentür seyn.« Theophrasti Paracelsi , Metamorphosis. Erste Schattenreihe Erste Vorstellung Als mich die Begleiter verlassen, da kamen der Mond und die Sterne, und ich ging durch die Straßen der alten Reichsstadt. Da saßen die Leute, Mann, Weib, Tochter, Geselle und Hausmagd, vertraulich bei einander vor den Häusern. Kein Hammer schlug, kein Wagen durchfuhr mehr die Straßen, es wurde die Stadt zum großen Versammlungshause für alle. Bald aber tönte von nah und von fern so manches Lied, das da heilig ist. Nach und nach verstummten die Lieder, nur hört' ich noch einen einsam Wandelnden singen: »Wär' ich ein wilder Falke, Ich wollt' mich schwingen auf« und bald ertönte nur noch das Flüstern zweier Liebenden unter der Haustür, und das Gemurmel des Brunnens. Ich ging der schönen gotischen Kirche zu; ein schwarzer Sarg stund sie, noch nicht vom Monde beleuchtet, in Trauer da; lange Seufzer ertönten in ihr, die Pulse der Uhr. Immer schauriger und ernster wurden Nacht und Stille um sie; da sang eine dumpfe Stimme, wie aus den Tiefen ihres Chores, es war der Geist der Kirche: Weh dem lebenden Geschlechte! Weh dem schwachen, weh dem kleinen! Unter Seufzen, unter Weinen, Harr' ich, wie viel tausend Stunden! An die Särge festgebunden Keine Rechte Will zu lösen mich erscheinen. Die den Tod für mich gefunden, Schmach und Wunden, Liegen all' um mich in Grüften – Auf denn, Geister in den Lüften! Und ihr unter Leichensteinen! Schwebt in der Gestirne Scheinen Ein in die verlassnen Hallen! Daß die heilgen Lieder Wieder Ernst durch die Gewölbe schallen! – Da kam der Mond aus Wolken, und die heiligen Bilder traten im verklärten Scheine hervor. Aufflogen mit hellem Klang die Tore der Kirche, und ein langer Zug weiß gekleideter Männer und Frauen schwebte durch sie ein. Ein Wehen himmlischer Töne strömte lauter und lauter durch die Gewölbe, bis es in leises Flüstern der Äolsharfe verklang. Da trat der Mond wieder unter Wolken, und ich verließ die heilige Stätte. Zweite Vorstellung Aber als ich auf der Herberge im einsamen Zimmer mich befand, und, meinen Schmerz in Tönen auszuströmen, die Maultrommel zu Hülfe nahm, ach! da wandelten sich die Laute in kleine feurige Kreise und Linien, und die gestalteten sich bald zu all' den Tälern, Bergen und Auen, die wir so froh einst durchgingen, und all' ihr, die ihr mir so teuer wurdet, schwebtet da in Geistertänzen licht durch die dunkle Nacht an mir vorüber. – Als die Glocke Ein Uhr schlug, begab ich mich zu Bette. Da dacht' ich, wie ich, mir tiefen Schmerz zu ersparen, Ihre Berge und Ihre verlassene Wohnung nicht mehr besucht, und wurde recht böse auf mich und recht traurig – – – So entschlief ich; aber da wurde ich im Traume noch einmal auf Ihre Berge geführt. Ich schaute in das Tal nach Ihrem Hause; Ihre Fenster waren verschlossen. Da sah ich nach der Kapelle. Dort saß Sie im Garten voll Blumen, verschleiert, im himmelblauen Kleide. Ich rief Ihren Namen; Sie hörte mich nicht, ich eilte durch die Blumen; aber je näher ich Ihr kam, je mehr trat Sie mit der ganzen Gegend zurück, und wurde mit ihr immer kleiner und kleiner. Bald schien Sie nur noch aus dunkler Ferne, wie ein lichter Stern. Ich konnte Sie nicht mehr erreichen, ich hielt klagend stille. Siehe! da zerteilte sich plötzlich der Stern in tausend andere, die flogen mit süßem Klingen durch die Lüfte, und da stund ein Himmel voll Sterne; aus dem sprach eine Stimme: »das ist Sie!« Ich schlief nicht mehr, ich sah mich wachend um. Ein Himmel voll tausend Sterne blickte auf mein Lager, und ich sprach: »Das ist Sie!« Dritte Vorstellung Die Reisenden, die ich Morgens zu Begleitern auf dem Postwagen bekam, waren: ein Chemikus, der wahnsinnige Dichter Holder, ein Pfarrer und ein Schreiner. Mein Freund Holder, als er mich erkannte, fiel mir mit starker Liebeswut um den Hals, und sprach: »Es ist doppelt erfreulich, daß ich dir in dieser Stadt und auf deiner Reise nach Norden begegne: denn wo in Gesangkraft ausströmt der Stern, daß als Komet er ein Nachtmahlskelch der Schöpfung schwebt durch die Himmel, da wird geboren ein Meer, das ist die Nordsee und das Eisen auf ihr. – Von Norden aber wird kommen Nieerhörtes: denn dahin weist das Eisen und sein Geist, die Magnetur.« – Hier geriet er in konvulsivische Verzückungen, dann sprach er wieder: »O, ehrt mir den Metallgeist der Erde, und sein Auge das Gold! und zerreißt nicht die Glieder und wuchert mit ihnen ein freches Volk! ha! ha! ha! so wollt' ich mein Leben auf einmal leben!« Hier stürzten ihm stromweis die Tränen aus dem Auge voll Seele. Hernach sprach er wieder: »O Deutschland, das du geglättet bist, wie der Rücken eines Esels!« Der Chemikus bemerkte gegen seinen Nebenmann den Pfarrer; daß die Seele dieses Menschen viel zu viel Sauerstoff in sich haben müsse, und daß man ihm, um ihn radikal herzustellen, bloß eine Schweinsblase voll Wasserstoffgas beizubringen habe. Der Pfarrer aber war nicht seiner Meinung. Denn ihm war aller Materialismus und insgeheim auch die Chemie gegen alle Moralität. Darum stund er mit vieler Gravität von seinem Sitze auf, und hielt, während er beständig in seinen beiden Taschen rührte, folgende Rede: »Wir wollen Gott die Bestandteile aller Dinge, vor allem aber die Bestandteile unseres Körpers und unserer Seele anheimgestellt sein lassen, ja ich halte ein jedes Nachgrübeln hierüber (hier zog er ein Stück des Leipziger Zeitungsblattes für Genügsame aus der Tasche,) für höchst nasenweis und moralitätswidrig. Das ist aber wahr, und wohl zu erklären, wie von Tag zu Tag immer mehr und mehr das Verrücktsein (hier zog er die Reise durch die Erziehungsinstitute Deutschlands, von einem Manne von Geschmack, aus der Tasche,) gleich einer Pest um sich greift, und höchst ansteckend wird; (der Chemikus zog bei diesen Worten ein Fläschchen voll Salzsäure aus der Tasche, und fing zu räuchern an) denn würden wir nur einmal die Schriften neuerer Zeit lesen, (hier zog er die wohlzubeherzigenden Worte eines alten sterbenden Mannes, wie dem Ungeschmack der neuesten Literatur Einhalt zu tun, aus der Tasche,) so würden wir leicht einsehen, woher dieser Wahnsinns-Stoff seinen Ursprung nimmt; wogegen nur eine von Jugend auf tief inokulierte Moralität (hier zog er ein Stück der Zeitschrift: »der schmeckende Wurm« aus der Tasche) die Kuhpocke sein kann. Und nun mein armer, verirrter, (hier wandte er sich zu Holder, indem er ihm alle die Schriften zu überreichen suchte,) höchstwahrscheinlich noch sehr junger Freund! empfangen Sie, um mich mit dem Herrn Chemikus zu vergleichen, empfangen Sie hier das wahrste Wasserstoffgas in den Worten gebildeter, erfahrener, wackerer Leute, Schriften, die mir eine geehrte Redaktion des schmeckenden Wurms zu belobender Rezension – – – o weh!« schrie der Pfarrer: – denn hier faßte ihn mein wahnsinniger Freund bei der Gurgel, und hätte ihn erdrosselt, wenn nicht der Kondukteur und ich zu Hülfe geeilt wären. Der Postwagen hielt, und die Gesellschaft machte den Vorschlag: Holder auf den Sitz des Kondukteurs zu bringen, worüber aber der Chemikus insgeheim sehr erbost war: denn er erwartete von der Stickluft der Gesellschaft im Wagen eine radikale Heilung, und hielt jenen Anfall bloß für eine, durch die Stickluft im Wagen veranlaßte, letzte Explosion des Sauer- oder Wahnsinnstoffes. Vierte Vorstellung Aber, siehe da! was wurde von dem Sitz des Kondukteurs gepackt, um statt Holder in den Wagen gebracht zu werden? es war mein alter Freund, der Antiquarius und Poet Haselhuhn, dem wegen seiner starken Leibeskonstitution, und der vielen Westen und Hemden, die er über einander zu tragen pflegte, vorn der Sitz angewiesen wurde, um dem Gepäcke hinten auf dem Wagen einigermaßen das Gleichgewicht zu halten. Er erzählte, wie er im Sinne habe, zu dem großen Maienfeste zu reisen, das die Redaktion des schmeckenden Wurms und ihre sämtlichen Mitarbeiter veranstalten, wie es ihn aber sehr schmerze, daß der alte Poet Damon, wegen eines Polypen in der Nase, nicht allda eintreffen werde. Hier gaben sich nun der Pfarrer und der Schreiner auch als Mitglieder des schmeckenden Wurms zu erkennen. Es entstund bald ein wechselweises Umarmen und Freundschaftslächeln, und die Herren Autoren wurden auch bald so menschenfreundlich und populär, daß sich alle drei auf einmal (denn einer für sich allein hätte es wohl nicht gewagt) den Vorschlag machten: auch einmal ein Volkslied zu singen. Die Stimme fiel allgemein auf: »Hier sitz' ich auf Rasen mit Rosen bekränzt« das bei dem Geholper des Wagens und dem Tremulant ihres Gesanges sehr sonderbar ließ. Fünfte Vorstellung Ade! ade! ihr aus Zeitungsblättern geschnittene Fratzen! Denn hier steht ein heiliger, lebendiger Wald! so schrie ich, und sprang aus dem Wagen, indem ich ihn durch einen Hundstritt drei Ellen lang auf die Seite stieß, daß das Gebrüll dieser Herren im zweiten Vers sich mit einem langen Schnapper endigte. Dies war auch das erste Wort, so ich mit ihnen sprach, was Wunder, daß drei Halskugeln, bei andern Köpfe genannt, sich durch das Wagenfenster preßten, mir nachzusehen? – Sechste Vorstellung Kaum mag ich ein paar Minuten gegangen sein, als plötzlich aus dem Wagen eine Stimme aus vollem Halse »Feuer joh! es brennt alles zusammen!« brüllte. Der Postwagen hielt stille, und ich eilte, ihn zu erreichen. Da ergab sich nun, daß der Antiquarius Haselhuhn in lichten Flammen stund. Es war recht lamentabel diesen armen Mann brennen zu sehen, so verlassen von allem Wasser; denn der Schreiner und der Pfarrer waren feldeinwärts gesprungen, der Chemikus aber stieg auf einen Baum, von wo aus er in einer langen Rede den Postknechten die Möglichkeit einer Selbstentzündung begreiflich zu machen suchte. Der Konduktuer und ich rissen den armen Haselhuhn eilends aus dem Wagen, und zogen ihm die Röcke, Westen und Hemden vom Leibe; als wir ihm die siebente Weste und das achte Hemde abgezogen hatten, fanden sich doch noch auf dem neunten Hemde schwarze Brandflecken. Haselhuhn sank alsbald in eine Ohnmacht, als der Pfarrer und der Schreiner mit Hüten voll Wasser herbeieilten, und ihn begossen. Als seine Besinnungskraft nach und nach wieder zurückkehrte, erklärte er mit gebrochenen Worten: wie durch ein Stück Zunder, das er, um zu rauchen, angeschlagen, und vermutlich brennend in die Tasche gesteckt habe, das Feuer ausgebrochen seie. Der Chemikus auf dem Baume widersprach dieser Mutmaßung aus voller Kehle. Der Schreiner gab ihm völlig Beifall, und erbat sich von ihm dringend, als wir wieder in dem Postwagen saßen, einen Aufsatz über diese interessante Erscheinung von Selbstentzündung eines Antiquarii für seinen schmeckenden Wurm. Siebente Vorstellung »Herr! wenn es mit meiner Erlaubnus geschieht!« schrie plötzlich der Kondukteur von außen herein, indem ihm eine Maske entsank, und ein paar Augenwimper wie gefrorene Sonnenstrahlen durch das vordere Fenster des Wagens hereinbrachen. Die Plattisten fielen alsbald auf ihre Kniee: denn sie erkannten im vermeinten Kondukteur ihren Verleger, den Popanz, der, um den lästigen Ehrenbezeugungen des gebildeten Publikums zu entweichen, inkognito unter dem Namen eines Kondukteur Mohrenbleichers diese Reise antrat. »O allerbarmherzigster Popanz, oder vielmehr Popanze!« sprach der Pfarrer, »wollt euch eines armseligen, höchstmiserablen Menschen erbarmen, und ihn und seine sieben Kinder nicht um das Brot bringen!« Die nämlichen Worte wiederholte der Schreiner, ob er gleich nur zwei Kinder hatte. Jetzt zog der Popanz die Augenwimper nach und nach wieder in ihr Gehäuse, und es drangen alsbald die freundlichen Strahlen der Frühlingssonne hinter ihnen her, und trockneten das tränennasse Auge der sich nun setzenden Klienten. Die lieben Leute glaubten, der Popanz mache nun ein recht liebreiches Gesicht, nachdem er ihnen schon lange den Rücken kehrte, nicht wissend, daß es die Sonne war, die nun hereinblickte. Sie schmunzelten recht freundlich gegen den vermeinten Popanz hinaus, kneipten einander vor Herzenswonne in die Waden, und wurden recht mutwillig. In der Tat war auch der Popanz ganz besänftigt, und streckte zum Beweise seiner Gnade wirklich die Hand durch das Fenster in den Wagen, nachdem er aus seiner Dose eine Prise Tabak auf sie gelegt hatte. Die Plattisten hatten kaum die Prise bemerkt, so fuhren sie schnell mit ihren Nasen gegen das Fenster auf die Hand zu. Da ich und der Chemikus uns des Lachens hierüber nicht enthalten konnten, so fanden sich die Plattisten sehr beleidigt, und sprachen bis auf die nächste Poststation nicht ein Wort mehr. Haselhuhn, sei es, weil ihn sein Brand läuterte, sei es, weil ihm einst ein Sonett mit einem Verweis zurückgesandt worden, schien den Popanzen lange gar nicht zu bemerken, ja sprach sogar bald nach der Nasenaffaire, auf welche eine Totenstille herrschte, ganz laut von Novalis, als einem ziemlich guten Kopfe, nicht bemerkend, wie der Schreiner mit seinen Klumpfüßen tüchtig unter den Sitz stieß, und der Pfarrer sich fast zu Tod hustete, um ihm damit die Anwesenheit des Popanzen zu erkennen zu geben. Nachdem wir in Nehrendorf angekommen waren, machte der Popanz den Plattisten sehr freundschaftlich den Vorschlag, mit ihm zu Fuße zu gehen, heimlich aber wollte er bloß von ihnen getragen sein. Achte Vorstellung In Nehrendorf, als einer Poststation, hatte der Wagen ein wenig stille gehalten. Holder hatte sich verloren, der Popanz und die Plattisten blieben zurücke, dagegen aber bestiegen der Chemikus, (der, wie ich jetzt erst bemerkte, eine mit inflammabler Luft gefüllte Blase, um weich und schwebend zu sitzen, zur Unterlage hatte,) Haselhuhn, ich und drei lustige Studenten, Verfechter der Poesie, den neubespannten Wagen. Vier Zwerge, so sich auf der Leipziger Messe ums Geld sehen lassen wollten, waren in einer Art von Kasten in den Wagen gestellt worden. Ich gab mich der neuen Gesellschaft sogleich als den chinesischen Schattenspieler zu erkennen, und zog einige meiner Figuren aus dem Nachtsacke, die die Studenten mit vieler Lust betrachteten. Unsere neuen Pferde liefen bald entsetzlich schlecht, und mochten wir den Postknecht durch Bitten oder Schimpfen zum Fahren anmahnen, es ging alles doch den alten Gang. Wir bemerkten, daß er ganz abgemessen nur alle zehn Minuten »fort!« schrie, und dann vier Minuten darauf pünktlich ein jedesmal einen Knall mit der Peitsche tat, er mochte einen Berg herab- oder hinauffahren. Und so wurde auch der ganzen Gesellschaft meine Vermutung: daß der Postknecht kein wahrer Postknecht, und die Pferde keine wahren Pferde, sondern das ganze, bei dieser teuren Zeit und Surrogat-Wut, bloß ein Surrogat für Pferde und Postknecht sei, etwa eine Maschine von Pappendeckel, immer wahrscheinlicher. Schon war die Nacht hereingebrochen, und wir hatten uns das lustigste, so wir wußten, erzählt, besonders viel über den Popanz und die Ängstlichkeit seiner Klienten gelacht. Das langsame Fahren und das abgemessene, perpendikelmäßige klapp! und fort! machte uns den Weg recht verdrüßlich. Daher erbot ich mich, zum Besten des abgebrannten Haselhuhns ein chinesisches Schattenspiel im Wagen aufzuführen. Haselhuhn war dessen sehr froh: denn es ward auch ihm, wie den meisten Poeten, kein glänzendes Los. Die Studenten aber, die noch keine chinesischen Schattenspiele sahen, waren alle in gespannter Erwartung. So befestigte ich nun in aller Eile mein ausgespanntes Tuch an die Decke des Postwagens, zog meine Dekorationen und Figuren aus dem Nachtsacke, zündete meine Laterne an der Tabakspfeife des lustigsten Studenten an, und nach gänzlich herrschender Stille, die ich mir von allen durch das ganze Stück erbat, spielte ich eine Ouvertüre auf der Maultrommel, und führte folgendes auf. Das Nachspiel der ersten Schattenreihe oder König Eginhard ein chinesisches Schattenspiel Sprechende Figuren sind: Ein Zwerg . Eine Nonne , Adelheid. Kaiser Otto , ihr Vater. König Eginhard . Dietwaldus , dessen Hofmeister. Ein Tisch . Zwei Sessel . Der Teufel . Eine Zigeunerin . Ein Nachtfräulein . Ein Schildknecht und Professor der Astronomie. Eine Mäusin . Eine Maus . Ein Pudel . Actus primus Ein Garten, neben ein Kloster. Eine Nonne tritt auf und spricht. Stolze Türme! hohe Säle! Schön durchstrahlt von Frau'n und Rittern, Weh! ihr dufterfüllten Gärten, Licht durchscheint von Stern und Lüge! Weh! ihr spiegelhellen Seen, Stolz durchschifft von Silberschwänen! Treue Frauen, tapfre Ritter, Lassend für mich Blut und Frieden – Weh! daß ich von euch geschieden! Hinter Mauern, hinter Gittern Welk' ich hin, seh euch nicht wieder. Die Nonne verwandelt sich in einen Zwerg. Der Zwerg spricht: Ei du schöne Adelheite! Was soll dieses Winseln, Schreien? Ritter zwei, ohn' Tadel beide, Denken wie sie dich befreien. Aber erst muß ich die Mauern Schieben etwas auf die Seite: Denn hier müssen Tisch' und Stühle Mit zwei Rittern sich plazieren. Etwas neues aufzuführen Wird allhier nun pokulieret, Drum du Turm da! führ dein Kloster Indes auf den Berg spazieren. Der Turm geht mit dem Kloster auf den Berg. Allons Tisch! reg' deine Viere! Es kommt ein Tisch mit Kuhfüßen langsam aus dem Walde gelaufen. Der Tisch spricht: Weh! ich bin zu schwer beladen! Der Zwerg spricht: Träge Sessel! regt die Waden! Es kommen zwei Sessel mit Bocksfüßen hinter dem Tische gelaufen. Der Zwerg zerteilt sich in drei Stücke. Eins bleibt der Zwerg, das andre wird König Eginhard, das dritte sein Hofmeister Dietwaldus. Der Zwerg spricht: Ha! schon warten Ihro Gnaden Eginhard der Böhmen König. Der Tisch spricht: Wir empfehlen uns untertänig, Bringen Speisen in vollen Haufen. Eginhardus und Dietwaldus wollen sich setzen. Die Sessel sprechen: Wehe! laß uns erst ausschnaufen! Sie schnaufen ganz entsetzlich. Der Zwerg spricht zum König: Ei! ei! setzt euch nur, man kehrt sich Nicht an dies verstellte Schnaufen, 'Sind zwei junge Kerl, leichtfertig, Die nie wollen vorwärts laufen – Kommen nur da aus dem Wald 'raus – Eginhardus und Dietwaldus Speist! das Essen, das sieht kalt aus. Sie setzen sich, der Zwerg springt auf den Tisch, und wird von ihnen als Becher gebraucht. Eginhardus spricht: Mein treuer Dietwalde! Es ist doch eine gewisse Sache, daß nicht die ausgesuchtesten Weine, die herrlichsten Speisen, ja die allerschönsten Schlösser und Gärten so viel Lust bringen, als das Jagen im Walde, oder das Fangen der Vögel in der Luft, oder der Fische im Wasser; mich auch nichts mehr erfreut, als ein Hirsch, ein Vogel oder ein Fisch. Und so ist auch hinfüro mein fester Vorsatz, immer im Walde zu leben, von deswegen ich mit all' meinen Feinden Friede zu machen gedenke. Dietwaldus spricht: Allergnädigster Herr König! Es ist euch nicht zu bestreiten, daß der Hirsch eine rechte Lust ist, und recht schön anzusehen, wenn er in grüner Wildnis ruht, oder der Vogel, wenn er durch die blaue Luft fleugt, oder der Fisch, wenn er im hellen Teiche schwimmt. Aber mehr Kurzweil und Lust mag einem Manne doch ein Jungfräulein verschaffen, und mein' ich, daß über das Frauenzimmer nichts in der Welt gehe. Auch weiß ich eine dermaßen schöne Dame für euch, dergleichen Jungfräulein nicht lebet, so weit sich die mittägigen Sonnenstrahlen erstrecken. Dieselbe steht euch besser an, und wird euch mehr Kurzweil schaffen, als der Hirsch im Walde, oder der Vogel in der Luft, oder der Fisch im Wasser. Es ist dies die schöne Adelheit, des Kaisers Ottos einzige und leibliche Tochter. Der König spricht: Dein Rat, mein lieber Dietwalde! gefällt mir nicht übel. Aber, lieber Dietwalde! die Adelheit ist eine Klosterjungfrau, und also ist es nicht ratsam, daß ich sie zu einem Gemahl von dem Kaiser begehre. Darum so rate anders, mein lieber Dietwalde! denn das kann wegen des geistlichen Ordens nicht sein, ob ich gleich weiß, daß sie das schönste Fräulein in der jetzigen Welt ist. Dietwaldus spricht: Gnädiger Herr König! Kloster hin, Kloster her, das muß ein mächtiger Herr nicht achten. Die Liebe, so sie inbrünstig ist, siehet kein Kloster an, und weil ihr eine Liebe zu dem Fräulein habt, wäre meine Meinung, ihr suchtet die Adelheit mit List an euch zu bringen, ich will selbst der Mittler sein, und ausdenken, wie ich sie aus dem Kloster bringe. Der König spricht: Mein treuer Dietwalde! ich kann nicht umhin, euch zu bekennen, daß ich mit großer Inbrunst ihrer begehre. Sie gehen beide wieder in den Becher oder in den Zwerg über. Der Zwerg springt vom Fisch und spricht: Allons Sessel! und du Tische, Fort da! regt die Beine frische! Die Sessel sprechen: Gott sei Dank! Wir armen Jungen Wurden fast zu Tod gesessen. Der Tisch spricht: Auf denn! in den Wald gesprungen Wollen dort auch etwas fressen. Sie springen wieder in den Wald. Während dem kommt der Turm mit dem Kloster, das indessen mit ihm heimlich auf und ab lief, zurück. Der Zwerg verwandelt sich in die Nonne. Die Nonne spricht: Stolze Türme! hohe Säle! Schön durchstrahlt von Frau'n und Rittern! Weh! ihr dufterfüllten Gärten, Licht durchscheint von Stern und Lüge! Weh! ihr spiegelhellen Seen, Schön durchschifft von Silberschwänen! Treue Frauen! tapfre Ritter! Lassend für mich Blut und Frieden! – Weh! daß ich von euch geschieden! Hinter Mauern, hinter Gittern Welk' ich hin, seh' euch nicht wieder! Die Nonne verwandelt sich in den Teufel. Der Teufel spricht: Ha! Ha! Ha! Ha! Hu! Hu! Er zerteilt sich plötzlich in mehrere Teufel, Geister und Hexen. Diese tanzen über dem Kloster und sprechen: Daß kein krankes Herz gesunde Durch Gebet in stiller Stunde Wenn es von der Welt geschieden – Tauchen wir mit schwarzem Flügel Auf und abwärts ohne Ruhe. Und je näher unser Reigen Drückend sich der Erde neiget Wird es schwerer stets dem Frommen Betend sich zu Gott zu heben. – Lassen keinen Seufzer aufwärts Keinen Trost darnieder schweben, Und so kann nur zu ihm kommen Fluch, Verzweiflung, so wir geben. Sie kommen immer näher und näher der Erde, und wie sie ganz unten, gehen sie in dem Dietwaldus zusammen. Dietwaldus spricht: Brumm' ich jetzt ein frommes Motto, Hum! versteht sich nur zum Spott so, Sag: ich komm vom Kaiser Otto, Bin gesandt schnell in der Nacht her, Daß ich spreche seine Tochter, Bring den Frauen Klosterschleier, Oder ein paar Ostereier, Angefüllt mit Diamanten; Und so führ' ich sie abhanden. Er verwandelt sich in den Teufel. Der Teufel spricht: Ha! ha! ha! ha! hu! hu! Er zerteilt sich wieder in mehrere Teufel und Hexen. Sie fliegen mit wildem Geschrei in die Luft. Der Teufel verwandelt sich in den Mond, die Hexen in Sterne. Der Teufel als Mond spricht: Daß wo naß ein Auge blicket, Flehend auf zu Sternenstrahlen, Daß, wo wund sich Herzen grämen – Höllenglut wir niederschicken Da aus unsern Höllenstrahlen, Haben wir den Mond, die Sterne Schnell mit Wolken schwarz umzogen, Sind lautjauchzend in die Ferne Selbst als Sterne aufgeflogen. Dietwaldus tritt aus dem Kloster, teilt sich in zwei Teile. Das eine bleibt er, das andre wird zur Nonne. Dietwaldus spricht: Hochadeliges Fräulein! Es ist ewig Schade und großes Unrecht, daß euch euer Herr Vater, der Kaiser Otto, in dieses Kloster eingesperrt hat, allwo ihr eure junge Zeit einsam dahin leben sollt. Das Kloster ist für eure Zärte viel zu streng, und eure Kräfte sind viel zu schwach, ein so schwer und hartes Joch zu ertragen, und ihr könnt den Himmel wohl auf eine andre und bessre Art erwerben. Darum so wisset, daß ich nicht von eurem Herrn Vater aus Österreich, sondern von Prag hieher geschickt bin, mit einem Schreiben meines Herrn, des König Eginhards, (überreicht den Brief) daß ihr mir saget, ob ihr den König zur Ehe haben wollet oder nicht. Die Nonne öffnet den Brief, liest und spricht: Lieber Hofmeister Dietwalde! Du hast mit deinem Herrn dem König und mit mir ein Gefährliches vor; wisse, daß ich eine Kaiserstochter und zumal eine Klosterjungfrau bin; wird das mein Vater der Kaiser innen, wird er alle Macht anwenden, mich und deinen Herrn den König zu strafen; ich traue mir nicht aus dem Kloster, bleibe aber auch fürwahr! nicht länger mehr hier innen, sondern bin fest entschlossen zu sterben. Dietwaldus spricht: Daran würdet ihr sehr Unrecht tun, inmaßen euer junges Leben noch zu großen Freuden der Welt aufbewahrt ist. Die Nonne spricht: Nun dann! so führt mich mit sicherem Geleite von dannen. Sie geht in den Dietwaldum über. Derselbe verwandelt sich in den Zwerg. Der Mond fällt auf das Klosterdach, und setzt sich als Teufel über dasselbe her; die Sterne flattern als Hexen um ihn. Der Teufel spricht: Spring du finstrer Rapp geschwinde! Hu! hu! su! su! durch die Winde, Durch die Wasser, durch die Flammen, Mein gehört ihr all' zusammen! Er spornt das Kloster, und reutet mit ihm davon; die Hexen flattern um ihn her. Der Zwerg spricht: Gottlob oder Lob dem Teufel, Endlich ist hier Platz gemachet, Ohne Harke, ohne Schaufel Ist das Kloster weggeschaffet, Und ich denk' wir können immer Hier ein Zimmer hübsch plazieren – Zimmer! Laß dich anprobieren! Es kommt ein Zimmer mit einem Spiegel herbeigelaufen. Der Zwerg wird schnell zum Kaiser Otto. Der Kaiser spricht: Gut! du hast die rechte Größe Für den alten Kaiser Otto. Der Kaiser Otto wird schnell wieder zum Zwerg. Der Zwerg spricht: Und der Spiegel steht nicht böse. Seht darinn in bunten Reihen Schöne Frauen, tapfre Ritter Um die reichgeschmückte Tafel: Denn hier hält der Böhmen König Eginhardus seine Hochzeit Mit der schönen Adelheite – Sitzen an der Tafel beide Zu des Volks und Adels Freude Von zu starker Liebe tot schier Indes arge Klag' und Not hier. Der Zwerg verwandelt sich in den alten Kaiser Otto; die Figuren im Spiegel verbergen sich alle unter die Tafel. Eginhard streckt den Kopf hervor, und horcht. Der alte Kaiser spricht: O Tochter Adelheit! wie hab' ich dieses um dich verschuldet! in meinem hohen Alter betrübst du mich mit einer solchen Tat? Gut, ich will mich aufmachen, und Eginhard auf den Grund ausrotten, Eginhard streckt bei diesen Worten auch voll den Kopf unter die Tafel. und will ihn zu einem Schemel gebrauchen, wenn ich auf das Pferd steige, und alle die will ich mit Feuer und Schwert verderben, die zu solchem unseligen Beginnen ihm den Rat gegeben. Der alte Kaiser verwandelt sich in einen Pudel, der knurrend im Zimmer umherläuft, und sich dann unter den Ofen legt. Wie alles ruhig, kreucht Eginhard im Spiegel wieder unter der Tafel hervor, und nach ihm all' die andern Figuren. Eginhardus im Spiegel spricht: Wehe! wehe! des großen Unheils, das du, o treuloser Dietwalde! durch deine teuflische Räte stiftetest. Dietwaldus durchbohrt sich mit dem Schwert. Im Augenblick erscheint der Teufel und spricht: Hu! ha! hi ho hu u! Fährt mit Dietwaldus von dannen. Eginhardus spricht: Gut! nun hast du deinen verdienten Lohn! Ihr aber, meine Getreuen! laßt uns in aller Eil in den Böhmerwald fliehen, und dort in der tiefsten Wildnis ein Schloß bewohnen, wo wir unbekannt, und vor den Nachstellungen unserer Feinde in Frieden leben können. Die Figuren gehen ab. Man sieht im Spiegel ein großes Kriegsheer vorüber ziehen, an dessen Spitze der alte Kaiser Otto steht. Ein Vorhang fällt vor den Spiegel. Der Pudel, der bisher unter dem Ofen lag, tritt hervor und spricht: Mit höchster Erlaubnus habe ich die Ehre, ein gebildetes Publikum durch ein Deklamatorium zu amüsieren. Er bellt bis der Vorhang fällt.   Actus secundus Man sieht das Zimmer mit dem Spiegel. Der Zwerg tritt auf und spricht: Tief im Böhmerwalde lieget Ein verborgnes Schloß, heißt Schildeis, Dahin hat sich Eginhardus, Weil ihm sehr vor Lanz und Schild heiß, Mit der Adelheit verfüget. Kaiser Otto ringsum sieget, Städt' und Dörfer nieder wild reißt, Doch nun ist's ihm worden selbst heiß! Denn vom Heer ist er verirrt sehr, Hat nur ein einz'gen Knappen, Trifft kein Dorf und keinen Wirt mehr, Muß in Nacht und Nebel tappen, Bahn sich hauen mit dem Sabel Durch die schreckenvolle Wildnis – Zeigt auf den Spiegel. Doch hier seht ihr selbst sein Bildnis Ausgemerkelt, miserabel. Der Zwerg legt sich als Pudel unter den Ofen. Man sieht in dem Spiegel eine wilde Waldgegend, in ihr den Kaiser Otto und einen Schildknappen. Der Schildknecht im Spiegel spricht: Gnädiger Herr Kaiser! wir kommen immer mehr und mehr von allen Pfaden ab. Es ist mir auch diese Gegend und der Böhmerwald ganz unbekannt; denn ich bin mein Lebelang noch nicht darin gewesen. Der Kaiser zieht eine Landkarte aus der Tasche und spricht: Ich kann auf dieser Landkarte durchaus nicht sehen, wo wir eigentlich sind, inmaßen ich weder dich noch mich darauf verzeichnet finde. Der Schildknecht spricht: Gnädiger Herr Kaiser! ganz betrübt ist mein Geist und Mut. Ich habe mit dem Ritter Pino drei Abenteuer bestritten, aber so große Angst habe ich nie in dem Herzen empfunden. Es kommen drei Wölfe aus dem Walde gelaufen, und sperren die Rachen bis an den Schwanz auf. Der Kaiser spricht: Wehe! wehe! wehrt euch gegen diese Bestien! Der Kaiser geht in den Schildknecht über. Der Schildknecht schwingt sich auf einen Baum. Die Wölfe gehen vorüber. Der Schildknecht spricht: Gott sei Dank! die Wölfe sind waldeinwärts gelaufen, und hielten mich für einen Tannzapfen. Bei diesen Worten kommt der Kaiser wieder aus dem Schildknecht auf dem Baume heraus, und hält sich an einem Ast. Der Schildknecht springt vom Baume. Der Kaiser spricht: Wehe! verruchter Mensch! was habt ihr angestellt? Nun bin ich auf diese verzweifelte Höhe ausgesetzt: denn meine zitternden Hände und Füße vermögen mich nicht hernieder zu bringen. Der Schildknecht fällt auf die Kniee und spricht: Allergnädigster Herr und Kaiser! O begnadiget einen Unglücklichen! Ich bemerkte nicht, daß ihr schon auf dem Baume aus mir hervorginget. Der Schildknecht steigt wieder auf den Baum, der Kaiser geht in ihn über. Der Schildknecht springt herab, und wie er auf dem Boden ist, geht der Kaiser wieder aus ihm hervor. Der Kaiser spricht: Gott sei Dank! ich sehe keine Wölfe mehr! Der Schildknecht spricht: Gnädigster Herr und Kaiser! Eins habe ich aber auf dem Baume vergessen. Ich bitte euch, mir wieder auf den Baum zu helfen, ob ich nicht auf dem Gipfel irgend einen Menschen erblicken möge. Der Kaiser hilft ihm auf den Baum und spricht: Der Baum schwankt hin und her, wehe! ihr werdet auf mich herabstürzen. Der Schildknecht spricht: Gnädigster Kaiser und Herr! freut euch! denn nicht fern im Wald erblicke ich ein Licht, dem lasset uns nachlaufen. Der Kaiser spricht: Mein allerfreundlichster Schildknecht! ihr seid von nun an wegen dieser erfreulichen Botschaft zum Professor der Astronomie ernannt. Der Schildknecht fällt vor Freuden vom Baume. Der Kaiser spricht: Mein Professor! erhebet euch schnell und lasset uns weiter gehen. Er geht in den Professor über. Der Professor verwandelt sich in eine Zigeunerin. Die Zigeunerin spricht: Fern in stillem Waldesdunkel Lausch' ich wunderbarem Klingen, So aus tiefem Schoß der Erde Tonreich aus Kristallen dringet. Lausch' was Vogel in den Lüften, Quelle in der Tiefe singet, Daß ich recht es möge deuten, Und in Menschenrede bringen Dies Geheimnis künft'ger Zeiten. Die Zigeunerin verwandelt sich in ein Nachtfräulein. Das Nachtfräulein spricht: Wie die Stern' am blauen Himmel Also wir hier unten leben, Dürfen uns nur keck erheben, Wann die stille Nacht erschienen. Dann in lichten Tänzen schweben Oben sie durch blaue Wolken Unten wir durch Wälder grüne. Das Nachtfräulein zerteilt sich in acht andere Nachtfräulein. Dieselben beginnen einen Tanz, bis sie mit der ganzen Gegend kleiner und kleiner werden, und endlich mit ihr verschwinden. Der Pudel kommt hinter dem Ofen hervor, wird zum Zwerg und spricht: Schnell, o Zimmer! dich verwandelt In die Wohnung Eginhardi. Der Zwerg zerteilt sich in mehrere Stücke. Eins bleibt der Zwerg, die andern werden ein Maler, ein Schreiner, ein Bodenputzer, ein Schlosser. Diese setzen sich in aller Eil im Zimmer in volle Tätigkeit. Kaiserlich werd' es geschmücket: Denn das Licht so sie erblicket, Leuchtet in dem Schlosse Schildeis. Maler! malt die Wände milchweiß! Schreiner! schlaget zwei Bettladen Auf für Otto ihro Gnaden. Regt euch Schreiner! Bodenputzer! Aber alles schnell und kurz sehr; Denn schon ist er ohne Spassen Unbekannt ins Tor gelassen, Kennt auch Eginhardum nimmer – Weh! da ist er schon im Zimmer. Der Kaiser und der Professor treten ein. Die Handwerksleute gehen in den Zwerg über, der Zwerg legt sich als Pudel unter den Ofen. Der Kaiser legt sich, zwei Kronen auf dem Haupte und einen Scepter in der Hand, in ein Bett, der Professor der Astronomie in das andere. Der Professor spricht: Geltet gnädiger Herr! im Bett ist's besser als im wilden Wald? Der Kaiser spricht: Du Narr! das kannst du dir leicht einbilden. Wie war dir dann auf dem Baume zu Mute, als dich der Wind wie ein Raupennest hin und her wehte? Der Professor spricht: Gnädiger Herr! ich war zwischen lauter Bäumen, hätt' mich der Wind von einem geworfen, so hätt' ich mich wieder am andern gehalten, und wäre ich dann so, ohne mich müd' zu laufen, aus dem Walde gekommen. Dies wäre dann so eine Art Degenscher Flugmaschine gewesen, besonders da ich einen Degen angehabt, ha! ha! ha! Der Kaiser spricht: Mein Professor! wie gefielen euch denn die heulenden Wölfe? Der Professor spricht: Ich muß euch sagen, sie schienen mir sehr ungebildet, und ich bereue nun, daß wir sie nur so laufen ließen, und nicht lebendig fingen, um sie durch Abnahme ihrer überflüssigen Hinterfüße für ein gebildetes Publikum genießbar zu machen. Natürlich hätte man auch eine Auswahl unter ihnen treffen müssen; denn die mehrsten von ihnen sind doch ganz ohne Sinn und Verstand, Arabesken und Produkte eines verfinsterten Mittelalters. Der Kaiser spricht: Es möge dem sein, wie ihm wolle, so laßt uns hiervon ein andermal reden. Genug daß sie uns nicht gefressen, und sind wir ihnen dafür immer großen Dank schuldig. Aber hier, mein geliebtester Professor, ruht es sich ganz vortrefflich. Der Professor spricht: Wie auf Morgen- und Rosenblättern. Sie fangen beide an entsetzlich zu schnarchen. Zwei Mäuse springen unter der Bettdecke hervor. Die Maus spricht: Lange schon spitzt' ich die Ohren Aber jetzt vernahm ich's deutlich. Die Gefahr ist unvermeidlich Und ich denk' wir sind verloren. Die Mäusin spricht: Weh! o weh! der leid'gen Decke Wollt' nicht warme Liebe bergen! Männlein schnell! in jener Ecke Kann kein Lauscher uns bemerken. Sie springen unter den Ofen, der Pudel stürzt hervor, zerreißt sie, und legt sich brummend nieder. Es erscheint im Spiegel auch ein Zimmer mit zwei Betten. In einem liegt Eginhard, im andern seine Gemahlin Adelheit. Die Adelheit spricht: Mein herzallerliebster Gemahl! sagt mir doch, ob es mir nur so im Traume vorkam, als sprächet ihr vorhin mit zwei Edelleuten im Zimmer? auch sehe ich hier ein fremdes gar prächtiges Schwert an der Wand hängen, das ich näher betrachten muß, zumal mir sein Glanz so die Augen verblendet, daß ich sie nimmer schließen kann. Sie steigt aus dem Bette und betrachtet das Schwert. Himmel! Hülf! ich bin des Todes! Fällt um. Eginhard springt heraus und spricht: O ihr vorwitziges Weib! ihr habt euch gewiß mit dem Schwerte verletzt. Warum ließet ihr es nicht an seiner Stelle? Die Adelheit spricht: Himmel! liebster Eh'gemahl! warum sollt ich nicht umfallen? Dieses Schwert ist das Schwert meines Herrn Vaters, des Kaisers, und diesen Gurt habe ich mit eigner Hand gewoben. Der König Eginhard spricht: Hilf Himmel! er ist gekommen uns zu ermorden. Die Adelheit spricht: Stille! ich höre in der Kammer der Fremden sprechen, laßt mich gehen sie zu belauschen, um aus ihren Gesprächen ihre Gesinnungen kennen zu lernen. Der Spiegel verwandelt sich in ein Fenster, die Adelheit steht dahinter und lauscht. Der alte Kaiser Otto im Zimmer spricht: Mein liebster Professor! warum färbt denn einem die Nacht nicht Gesicht und Hände schwarz, da man sie doch so unbedeckt aus der Bettdecke streckt? Der Professor spricht: Allergnädigster Herr Kaiser! ist dies eine Preisfrage? Der Kaiser spricht: Ich versteh' euch nicht; aber – von was ist denn der Mond? Der Professor spricht: Von Hornsilber. Der Kaiser spricht: Das ist erstaunlich! Der Professor spricht: Ja wohl! Der Kaiser spricht: Aber von allem möcht' ich doch jetzt wissen, wohin der König geflohen, er hat mich in den Harnisch gebracht, mich sollen seine Unfälle wieder herausbringen. Der Professor spricht: Gnädiger Herr! was wollt ihr ihn ferner verfolgen? ist's nicht genug, daß ihr ihm sein schönes Land so schrecklich zugerichtet habt? Der Kaiser spricht: Du hast Recht, was er an mir gesündigt, das kann ich ihm auch wieder vergeben, aber, denke, meine Tochter aus einem Kloster zu nehmen, ist das nicht ein großes Verbrechen? Der Professor spricht: Pas! pas! pas! dafür seid ihr ihm noch großen Dank schuldig, und ich bin recht begierig diesen gebildeten jungen Mann kennen zu lernen: denn ihr müßt wissen, daß die Klöster bloß Produkte eines barbarischen Mittelalters, einer höchst miserablen verfinsterten Zeit sind. Der Kaiser spricht: Mein lieber Professor! Klosterleben ist freilich nicht für alle Leut' erdacht, und mich dünkt selbst, ich habe Unrecht an meiner Tochter getan, Die Königin springt bei diesen Worten hinter dem Fenster in die Höhe. daß ich sie so jung dem strengen Orden übergeben. Es kommt der König, Ritter, Damen und Knappen hinter dem Fenster zu lauschen. Aber lasset uns nicht so laut reden, sonst dürften wir uns leichtlich offenbaren; dermalen will ich mit meinem Volke wieder zurück gehen, und mich über die Sache besinnen. Es entsteht vor dem Fenster ein großes Freudengeschrei. Der Professor spricht: Herr! wir sind verraten! Er versteckt sich unter die Decke. Der Kaiser spricht: Kommt hervor, daß ich in euch übergehe! Der Professor spricht: Gehorsamster Diener! Der Kaiser springt mit Kron' und Scepter aus dem Bette und treibt ihn heraus. Sie ringen lange mit einander wer in den andern übergehen soll; endlich gewinnt der Professor die Oberhand, und geht schnell in den Kaiser über. Der Kaiser spricht: O du verfluchter Schildknecht! Ist das der Dank, daß ich dich zum Professor der Astronomie ernannte? Der Professor lacht in dem Kaiser. König Eginhard, Adelheite und ein Zug von Rittern, Damen und Knappen treten ins Zimmer. Eginhard trägt ein paar Fesseln. Der Kaiser spricht: Was soll dieser Aufzug? was ist euer Begehren? König Eginhard fällt auf die Kniee und spricht: O großmächtigster der Kaiser! Lasset euch nur offen sagen, Wie ich bin der unglückselige Eginhardus jener schmälige, Den ihr von der Kron' gejaget, Auch wie dieses eure Tochter, Die den Vater schon betaget Freventlich aufs Haupt geschlagen, Weil sie flohe aus dem Kloster. Fallen reuevoll zu Füßen, Bringen flehend diese Fesseln, Nicht euch Herr! damit zu schließen, Sondern daß ihr uns wollt binden, Foltern, geißeln mit Brennesseln, Stäupen, kneipen auch mit Zangen, Oder was ihr wollt anfangen, Ob der schreckenvollen Sünden, So wir, Herr! an euch begangen. Der Kaiser spricht: Liebes Freundlein! werter König! Hast mein Herz bewegt nicht wenig, Und gerührt voll Scham bekenn' ich, Daß ich glaubt', du kämst zu fahn mich. Hast viel Böses zwar getan mir, Muß auch offen dies gestahn dir, Aber hier in dieser Kammer Schenk' ich dir die Krone wieder, So getragen Teut dein Stammherr. Tut eine Krone vom Haupte und setzt sie ihm auf. Eginhard spricht: Ach! ihr seid ja wie ein Lamm, Herr! Adelheit spricht: Endet allen unsern Jammer! Der Kaiser spricht: Friede sei mit euch, kommt all' her! Und geht es auch noch so schmal her, Auszuschnarchen allen Haß nun Laßt vereint uns hier zum Spaß ruh'n. Der Kaiser steigt mit Kron' und Szepter in das Bette, ihm folgt König Eginhard, dann Adelheit, dann eine Menge Ritter, Damen und Knappen. Man erblickt bei vierzig Köpfe unter einer Decke. Die Köpfe verwandeln sich abwechselnd bald in eine Menge Tierköpfe: Katzenköpfe, Hundsköpfe, Mausköpfe, bald in die Köpfe verschiedener bekannter, einander entgegengesetzter Dichter und Philosophen. Nachdem sie eine Zeitlang entsetzlich geschnarcht, tritt der Pudel unter dem Ofen hervor, und spricht: Mit allerhöchster Erlaubnus habe ich die Ehre, ein gebildetes Publikum durch meine Stellungen zu amüsieren. Er streckt die Zunge gegen die Logen heraus und wedelt mit dem Schwanze gegen das Parterre. Der Vorhang fällt. Zweite Schattenreihe Erste Vorstellung Ich hatte nicht nötig, hinter dem Vorhange zu schnarchen, der Chemikus und der Antiquarius Haselhuhn schnarchten schon längst ganz entsetzlich; die Redaktionen aller Morgen- Mittag- Abend- und Nachtblätter schnarchten, und die Pferde schlichen halbschlummernd mit dem Wagen durchs Heidekraut. Wir waren in einem weiten Tale angekommen; der Mond schien ganz wundersam hell. Es war eine herrliche, romantische Gegend. Ich sah durch das Wagenfenster, da sah ich, daß die Zwerglein sich aus ihren Kästen geschlichen: denn es lief auf jedem Rade eines, das blies mit einem silbernen Horn ins Tal hinaus. Von diesem Schall erwachten Haselhuhn und der Chemikus und entschlossen sich, ein wenig zu Fuße zu gehen. Ich und die Studenten aber waren recht erfreut über die wundersamen Gestalten da außen. Der Mond stieg immer heller und voller über die Berge. Da ersah ich plötzlich, wie ein Reuter auf einem weißen dürren Gaule einhergeritten kam; der alte Gaul war gar seltsam mit Blumen umhängt, der Reuter aber hatte ein langes weißes Tuch im sonderbarsten Faltenwurf um sich geschlungen, und eine hohe Lilie in der Hand. Ich erkannte alsbald in ihm den wahnsinnigen Dichter Holder. Mit wildem Singen kam er durchs Tal her, die Zwerge schlichen sich furchtsam wieder in ihre Kästen. Als er sich dem Wagen gegenüber befand, und mich erblickte, sprang er mit einem wilden Schrei vom Pferde durchs Wagenfenster herein, und fing an mit Küssen auf uns loszustürmen. Die Studenten, so ihn gar nicht kannten, suchten ihn von sich abzuwehren, Holder aber drang immer heftiger auf sie ein. Es entstund ein allgemeiner Tumult; die Postknechte erwachten, und die Pferde, besonders vom vorüberspringenden Pferde Holders scheu gemacht, fingen aus allen Leibeskräften zu laufen an. Vergebens schrie ich: »es sind noch zwei zurücke!« Der Wagen hatte schon einen zu großen Vorsprung gemacht. Zweite Vorstellung Aus Holders verwirrten Erzählungen brachten wir endlich so viel heraus, daß er sich in Nehrendorf von uns verloren, und ihn dort wahrscheinlich einige mutwillige Leute überredeten, dem Postwagen auf dem alten Judengaul nachzusetzen. »Im Grunde der See,« sprach er nun ruhig, »wo die Meerfrau reutet, da klingt Koralle und Muschel – – – im Schloß von Kristall, da geht's hoch her. Meine Mutter, die brachte mir Blumen, als ich einst in der Wiege lag – – Die Mutter aber hatte die Blumen geholt bei der Nachtfrau im Walde, – – – da brachte sie eine Lilie, die war groß – – und war verschlossen eine Knospe. – – – Da war es Nacht, und sie stellte die Lilie vor die Wiege in ein Glas Wasser – – da ging die Lilie im Mondschein auf, und daraus flog der Teufel, und der trug mich mit der Wiege auf einen Berg – – o weh! – – (da hub er zu weinen an) Weint nicht! weint nicht! (sprach er dann weiter) es geht der Berg auf, – siehst du den lichten Zug weißer Jungfrauen aus ihm wallen? die tragen das Kind zur heiligen Taufe – Hallelujah! – ha! ha! ha! tanzt! da ist ja die Musik! Seht ihr den Kern des Lichts ins blaue Weltall gesteckt? Wolken! ihr Blätter von Azur und Gold! Jetzt dehnt er sich, jetzt, jetzt ist er Knospe, – spring auf! nun wogt es, nun strömt es, Farbe, Licht und Ton, die duften aus dem Kelche aus – es atmen die Berge, die Täler und Klüfte, und saugen und trinken mit Ungestüm.« Dritte Vorstellung Die Sonne war am Himmel heraufgestiegen, und wir waren auf der nächsten Poststation angekommen. Es wurde gerade ein Volksfest gefeiert, und der König und die Königin im Städtchen erwartet. Ich hatte viel zu schaffen, bis ich Holder dem Gegaff der Bauern entzogen und in das Wirtshaus gebracht hatte: denn er blieb vor einem Stiefel, so an eines Schuhmachers Haus gemalt war, stehen, und wollte mit Gewalt den gemalten Stiefel anziehen. Endlich zog ich ihn mit Hülfe der Studenten ins Zimmer. Zum Unglücke ließen die Zwerge alsbald sich in das nämliche Zimmer transportieren, ein großes Gewühl von Bauern strömte hinterher, auch kamen zwei Laufer in Uniform, so dem König vorausgeeilt waren, herein. Bauern, Laufer, das Gespräch von König und Königin, und der mit schwarzen und weißen Platten belegte Boden des Zimmers, wirkte gar seltsam auf Holders Phantasie. Er glaubte nämlich plötzlich, er und wir alle seien Figuren auf einem Schachbrette. »Schach dem König!« schrie er, »schlagt den Bauern! (die Bauern setzten sich zur Wehre) Laufer weg!« brüllte er, »ich bin der Springer!« und da sprang er mit einem Seitensprunge über die Bauern und Laufer hinweg, zum offenen Fenster hinaus. Die Bauern und die Laufer setzten ihm nach, es kam die Polizei, und er wurde, weil er Schach dem König rief, in den Turm gesetzt. Da wir zum Voraus sahen, daß die Sache sich bald aufklären müsse, schwiegen wir lieber, als daß wir uns ohne Not vielleicht selbst in Unannehmlichkeiten versetzt hätten. Vierte Vorstellung Noch war der ganze Auflauf beisammen: die Fenster und die Dächer der Häuser bis auf die Giebel mit Menschen besetzt, nicht sowohl wegen des Tumults, so Holder verursachte, sondern um den König und die Königin ankommen zu sehen. Der Senat des Orts stund, um die Misthaufen zu verbergen, in weiten Mänteln die Straßen entlang, auch war die Schuljugend mit grünen Tannenzweigen aufgestellt, als plötzlich Haselhuhn und der Chemikus auf Holders altem Judengaule, der noch rings mit Blumenkränzen umhängt war, zum Tor hereingesprengt kamen, unter beständigem Schreien Haselhuhns: »Haltet den verrückten Gaul!« Dem Gaul waren die ganze Croupe hinab die Haare abgebrannt, und aus dem Schwänze stieg ein stinkender Qualm auf. Nachdem er jedesmal ein paar Schritte rückwärts gegangen, während er mit der Hufe am Hintern zu kratzen suchte, sprang er mit einem steifen Seitensprung vorwärts, die vier Füße in geraden Linien ausgestreckt, so daß jeder mit dem Körper einen rechten Winkel bildete. Haselhuhn konnte wegen seiner Feistigkeit und der ungewöhnlichen Höhe des Judengauls nicht herabspringen. Es saß derselbe wie ein Nußbicker oder ein auf den Kopf gestellter feister Hirschkäfer fest auf, indem er vergebens den herabhängenden Zaum unter beständigem Schreien: »Der Gaul ist verrückt! neupoetisch und toll!« zu fassen suchte. Der lange magere Chemikus aber, so hinter ihm auf der Croupe saß, hatte mit seinen langen dürren Füßen unter dem Bauche des Gauls ordentlich einen Knopf gemacht, er hatte sie krampfhaft in einander verschränkt, und sich also, (wie man von den Kinnladen zu sagen pflegt,) konvulsivisch mit den Füßen verbissen. Vergebens strebte er in den Momenten, wo das Gerippe langsam rückwärts ging, seinen langen Stock in die Erde einzurammeln, um vermittelst eines Ankers den verschlagenen Gaul anzuhalten. Das Geschrei war allgemein. Statt das Pferd zu fassen, machten es die Bauern durch Schlagen, Schreien und Werfen noch wilder, so daß es sich nun pfeilschnell in einem beständigen Kreise herum drehte, indem es mit dem Maule den Schweif zu ergreifen suchte. Sein Tollsein, sein Ergreifen des Schwanzes aber, wurde mir bald erklärlich, als ich Stücke einer Flasche, worin Vitriolsäure sich befunden hatte, dem Chemikus aus der Rocktasche fallen sah. Ich machte die Studenten aufmerksam darauf, diese schrien, boshaft genug: »Feuerjoh! der hölzerne Gaul brennt, und bringt Brand und Verderben dieser Stadt, wie der in Troja!« da sprangen die Bauern mit Wasserkufen herbei und begossen den Judengaul samt der reutenden Gesellschaft. Der Judengaul hielt alsbald stille und bot sich recht zur Taufe hin: denn das Wasser schien ihm gar wohlzutun. Ich aber eilte mit dem Chirurgus des Orts schnell den Schiffbrüchigen zu Hülfe, und durch künstliche Wendungen brachten wir wieder die verschränkten Beine des Chemikus auseinander, und drehten den feisten Haselhuhn aus dem Sattel. Ins Zimmer gebracht, erzählten sie uns mit verhaltenen Tränen ihr Schicksal. Sie hatten nämlich Holders ledigen Gaul aufgefangen, um abwechslungsweise zu reuten; da begab es sich nun, daß Haselhuhn, als er eine Zeitlang geritten, wegen seines Gewichts nicht mehr herabsteigen konnte, der Chemikus aber auch nicht allein vermochte, ihn herabzuheben, sich also bequemen mußte, hinter ihm auf der Croupe Platz zu nehmen. Zum Unglücke aber schlug derselbe im Aufsteigen mit seinem Stocke auf eine Flasche rauchender Vitriolsäure, so er bei sich trug, die zersprang, und all die ätzende Säure lief dem Pferde an Croupe und Schwanz hinab. Durch den Schmerz ganz wütend gemacht, riß der alte Gaul alsbald aus, und sprang mit ihnen in die Tore der Stadt. Fünfte Vorstellung Ein Mann vom Felde brachte die Nachricht, daß der König schon vor zwei Stunden hinter dem Städtchen vorübergefahren; daher schlich sich der Senat mit seiner Anrede wieder nach Hause, auch stiegen die Leute von den Dächern wieder in ihre Zimmer zurück. Fine Bande herumziehender Komödianten befand sich in der Wirtsstube, und weil ich noch keine andere Komödie als eine Hundskomödie gesehen hatte, so war ich sehr begierig auf ihr Spiel. Auch befand sich ein Mann mit zwei Hasen, die er zum Schreiben abgerichtet zu haben vorgab, allda. Die Studenten verlangten das Kunststück zu sehen, der Besitzer der Tiere stund mit einer Verbeugung von seinem Stuhle auf, und sprach also: »Meine Herren! gleichwie unter denen Menschen einige Lieblinge der Götter gefunden werden, denen der Himmel zu gewissen, denen andern nützlichen, Zwecken außerordentliche Kräfte des Verstandes verliehen, womit sie Dinge einer Unsterblichkeit würdig ans Licht zu stellen im Stande; ich ziele auf einen Alexandrum magnum, auf den Redakteur des Wochenblattes für Moralität, – also gibt es auch unter denen niedern Geschöpfen einige, so nicht ganz ohne Vernunft, ja ich möchte sagen, mit bewundrungswürdigen Faßlichkeiten begabt sind, ich ziele auf den Hund, der zu jedbeliebigem Liede mit dem Schwänze den Takt schlug, ich ziele auf den Esel, so die Sackpfeife blies, ich ziele auf diese meine angehenden – – –« »Genug!« (fiel ihm einer der Studenten in die Rede,) »geb' Er vorerst eine Probe!« Da schlug der Mann den Hasen ein Band um den Hals, setzte sie auf einen Bogen Papier, und zog das Band so lange und so fest zusammen, bis die Hasen die Zungen herausstreckten, und mit den Füßen auf dem Papiere hin und her zu fahren begannen. »Betrüger!« schrie einer der Studenten; »Meuchelmörder!« brüllte Haselhuhn. »Die Hasen sind mein Gut,« versetzte der Mann, »ich bin ihr Verleger,« und verschwand. Sechste Vorstellung Die Komödianten hatten im Sinne, noch diesen Abend das herrliche Schauspiel von Schönaich, die Sonnenjungfrau, aufzuführen, deswegen befand sich schon ein großer Haufe gebildeten Publikums in den oberen Zimmern des Wirtshauses versammelt. – Die untern Zimmer und die freien Plätze vor dem Hause waren voll von Studenten, die von der benachbarten Universität herbeigeritten kamen, alle Freunde und Bekannte von uns. Als die Studenten die angeschlagenen Komödienzettel gelesen, entstund bald ein großes Murren unter ihnen, einige zogen ihre Stockdegen, und durchstachen Schönaichs Nahmen, andere drohten in Gegenwart der Schauspieler laut, wenn die Sonne im Stücke aufsteige, einstimmig Feuerjoh! zu schreien. Ein anderer, so mehrere Tierstimmen nachmachen konnte, versprach, während der ganzen Vorstellung aus dem Loche des Souffleurs wie ein auf den Schwanz getretener Kater zu schreien. »Meine Herren!« sprach der Schauspieldirektor, »was sollen wir anders aufführen – das gebildete Publikum – die Anschlagszettel –« »Mein Herr!« sprach der studierende Graf Wolf, »Sie kennen mich – Sie führen für heute nicht die Sonnenjungfrau, Sie führen das kleine Spiel ›der Totengräber von Feldberg‹ auf, das bringt Sie nicht ausser Atem.« Der Schauspieldirektor zuckte die Achseln, und sprach: »Ich will sehen, wie es zu machen; allein das gebildete Publikum wünscht so sehr – –viele berühmte Literatoren haben sich in den obern Zimmern – wahrhaftig! ich bin in großer Verlegenheit!« »Ganz ruhig,« sprach Wolf, »alles liegt auf uns, Sie stehen unter unserm Schutz, nicht einer soll sich mucken; aber verschweigen Sie die Sache bis zur Aufführung!« »Wie meine Herren befehlen« sprach der Direktor, und ging mit einer Verbeugung von dannen. Siebente Vorstellung Das Theater ward in einer verschlossenen Scheune errichtet; die Sitze waren so gut als möglich zubereitet, und vom obern Boden herab lief durch ein Mausloch ein Seil, an welchem eine Art von Kronleuchter befestigt war. Das gebildete Publikum hatte sich schon der ersten Sitze bemeistert. Die Studenten, die gar lange beim Trinken verweilten, waren im Hintergrunde versammelt. – »Es ist herrlich!« sprach ein Amtmann aus dem gebildeten Publikum, »die Dekorationen sind ganz neu gemalt, ich ließ sie mir alle vorweisen, und so hab' ich freilich die Sache schon gesehen; aber meiner Frau zu lieb mußte ich noch einmal herein, die ist so sehr begierig auf das Füttern der Vögel.« »Ich muß gestehen,« sprach sein Nebenmann, der Wachshutfabrikant, »dies ist auch einzig, gar lieblich, naiv und natürlich.« »Hören Sie,« versetzte der Gerichtsassessor, »ich sah dies Stück nur einmal; aber es ist eine einzige Lust, wie darinnen die Sonne aufgeht, so natürlich, ich glaube man könnte mit einem Brennglas im Theater die Tabakspfeife anzünden.« »Ich muß gestehen,« versetzte der Apotheker, »ein Lustspiel wäre mir doch lieber, das Lustspiel besuch' ich immer, und zwing' mich recht ordentlich zum Lachen. Denn Sie können nicht glauben, welch' eine große Erleichterung dies meiner Brust, die immer voll Schleim ist, verschafft.« »Da haben Sie vollkommen recht,« sprach die neben ihm sitzende Amtmännin, »so ein Trauerspiel kann oft entsetzlich schaden; es macht gar zu wehmütig, darum bat ich meinen Mann, mich bei den traurigsten Stellen nur allemal schnell an der Sohle zu kitzeln.« »Ich muß zu meiner Schande bekennen,« sprach ein junger Mensch auf einem der vordem Sitze, »mir ist das Stück gänzlich unbekannt.« »Junger Mann!« erwiderte ihm ein Plattiste, »da sind Sie noch weit zurück! so etwas kennen zu lernen gehört zur ersten Bildung. Ich will mich Ihrer annehmen, junger Freund! Halten Sie sich nur genau an mich! So oft ein Hauptcoup, eine treffende Stelle, ein echt moralischer Zug von Freigebigkeit, Edelmut, ein feiner Witz, eine Rührung, eine Verwicklung vorkommt, werd' ich klatschen; dann klatschen Sie mir nach. Sie könnten klatschen, wo kein Gebildeter, wo kein Kunstkenner klatscht, und dies könnte leicht Ihrem künftigen Fortkommen schaden.« »Angefangen! angefangen!« schrie ein welker Kerl von Leder aus dem gebildeten Publiko, der wie die Scheide eines Hofratdegens aussah, »diese lange Spannung ist mir unerträglich!« »Sie haben Recht,« versetzte sein Nebenmann, der Scharfrichter des Orts, der sich zum gebildeten Publiko vorgedrungen, »ich bin recht begierig auf den Galgen.« »Und ich,« versetzte sein Gevatter der Schneider, »kann fast nicht erwarten, bis ich meinen Lehrburschen singen höre. Der Kerl hat eine recht helle Stimme, deswegen hat ihn der Herr Schauspieldirektor bestellt, um das Lied vom Galgenvogel zu singen.« »Ha! ha! ha! ihr seid weit zurück!« sprach der Mann von Leder, »die Cora wird nicht gehenkt, grasse Idee!« »Sie wird, sie muß gehenkt werden,« schrien vier Studenten, »auch soll das Spiel alsbald beginnen. –« Der Vorhang rollte auf, der Schauspieldirektor trat hervor, machte dreimal eine Verbeugung, und sprach: »Wegen plötzlich eingetretener Unpäßlichkeit unsrer ersten Schauspielerin, Madame Miranda, werden wir statt des angekündigten Schönaichischen Stücks die Ehre haben aufzuführen: Der Totengräber von Feldberg, ein Trauerspiel in zwei Akten.« Achte Vorstellung Es herrschte einige Minuten eine Totenstille, das gebildete Publikum saß ganz erstarrt und erbleicht, da brüllten auf einmal die vierzig Studenten unisono: bravo! und wieder bravo! und bravissimo! so entsetzlich, daß der Surrogatkronleuchter mit Donnergepolter mitten unter das gebildete Publikum stürzte, ihm auch alsbald ein Mausnest durch das Loch nachfolgte, und das Publikum aus seiner gänzlichen Erstarrung so erwachte. »Der Totengräber von Feldberg!« ergriff ein Plattiste endlich das Wort, »diese grelle, unmoralische, gehaltlose Fratze, ohne allen Zusammenhang, ohne alle Haltung und Verwicklung, wo in einer Szene nur drei Worte gesprochen werden, wie in einem Krippenspiel, die einem gebildeten Publiko» vorzulegen? nein! –« Hier kletterte ihm eine der herabgefallenen Mäuse am langen Zopfe hinauf, und er tat einen lamentablen Schrei. »Zu arg! zu arg!« seufzten zwölf Stimmen, »wir gehen!« –. Das gebildete Publikum erhob sich von seinen Stühlen und machte zu gehen Miene. »Halt!« schrien die vierzig Studenten und zogen ihre Hieber, »wer der Türe sich naht, stirbt des jähen Todes!« Es wurden Wachen an die Ausgänge verteilt. »Bleiben müßt ihr!« schrie mein Freund Stark, indem er seinen Rock bis an die Achseln hinaufstülpte, und den Kerln seine kraftvollen Muskeln wies. – »Meine Herren!« sprach eine welke Figur in bocksledernen Hosen, »nehmen Sie sich in Acht, Sie kennen mich vielleicht nicht, ich bin der Verfasser der Sonettenfalle und Assonanzenhechel.« »Sie werden nicht lange mehr lachen,« versetzte ein anderer, den ich anfänglich für einen Musterkartenreuter hielt, »wenn ich Ihnen sage, daß ich der Verfasser des moralischen Jünglingfreundes und Mitglied der Gesellschaft zur Wiederherstellung der gesunkenen Aufklärung bin.« »Meine Herren,« erklang ein anderes Stimmlein, »Sie geben sich zu Ruhe, oder ich werde Sie öffentlich in meiner berühmten Zeitung, dem schmeckenden Wurme, prostituieren.«– »Bravo! bravissimo!« schrien die Studenten, »nun weiß man, welche Ware ihr seid.« » Ad loca nun!« schrie mein Freund Stark, »oder ich werf euch so grell und graß im Volkston auf eure Hintern, daß euch die Stuhlfüße zum Maul herausfahren!« » Ad loca! « schrien die vierzig Studenten. Was war zu machen? das gebildete Publikum ward gezwungen, zu seinem Ärger zu bleiben, es setzte sich seufzend und geduldig nieder, und sah nicht anders aus, als ein Stück Leder, war ihm auch nicht anders zu Mute, als den Mäusen, so mit dem Kronleuchter durch das Loch fielen. Es herrschte Totenstille, der Vorhang ward aufgezogen und das Spiel nahm seinen Anfang. Das Nachspiel der zweiten Schattenreihe oder der Totengräber von Feldberg Der Totengräber . Dessen Frau . Elsbeth , Gärtnermädchen und Tochter des Totengräbers. Ein Schmied . Ein Gärtner , Elsbeth's Verlobter. Ein Poete . Der böse Geist . Ein Mönch . Ein Jäger . Ein König . Ein Mädchen . Ein Handwerksbursche . Zwei Knaben . Ein Handwerker . Dessen Kind. Tod. Totengerippe. Volk. Die Handlung geht auf einem Kirchhofe, neben dem die Wohnung des Totengräbers ist, vor. Erster Akt Frühling. Sonntagmorgens Ein Handwerksbursche geht des Wegs und singt: Mir träumt ich flog' gar bange Weit in die Welt hinaus, Zu Straßburg durch alle Gassen, Bis vor Feinsliebchens Haus. Feinsliebchen ist betrübt, Als ich so flieg' und weint: Wer dich so fliegen lehrt, Das ist der böse Feind. Feinsliebchen, was hilft hier lügen, Da du doch alles weißt: Wer mich so fliegen lehrt Das ist der böse Geist. Feinsliebchen weint und schreiet, Daß ich am Schrei erwacht, Da lieg' ich ach in Augsburg Gefangen auf der Wacht. Und morgen muß ich hangen, Feinslieb mich nicht mehr ruft, Wohl morgen als ein Vogel Schwank' ich in freier Luft. Er zieht vorüber. Zwei Knaben mit einem papiernen Drachen erscheinen. Erster Knabe spricht: Jetzt weht der Wind! Das wird herrlich sein! Die Schnur ist gar entsetzlich lange. Soll ich springen? Zweiter Knabe spricht: Spring! Für sich: Mir wird bange. Der Drache fliegt in den Himmel hinein Und stört die Engel im Gesange. Geht ab. Ein Handwerker mit seinem Kinde erscheint. Das Kind spricht: Aber die Vögel die pfeifen heut laut! Sie springen herum im Gras und im Kraut Sie fliegen hinaus in alle Weit! Der Vater spricht: Närrchen! Drum ist es Sonntag heut. Ein Schmetterling fliegt herbei. Das Kind spricht: Ei! ei! das ist ein prächtig Ding! Der Vater spricht: Das ist halt nichts, als ein Schmetterling. Das Kind spricht: O Vater! wenn Er mir's fing! Sie springen dem Schmetterlinge nach. Ein Reiher kreist hoch in den Lüften. Der Totengräber, seine Frau und seine Tochter Elsbeth. Der Totengräber spricht: Siehst du den Reiher dort oben, Weib! Blau wie der Himmel sein Flügel, Licht und Luft ist der stolze Leib, Ihm deucht die Erde ein Hügel. Sieh an! so bodenlos und ohne Zügel! Ist einst das Wagstück mir gelungen, Weib! Werd' ich auch angestaunt dort oben schweben. Elsbeth spricht: Dies wär' bei Gott! mein letzter Zeitvertreib, Halt's mit den Blumen, die im niedern Tale leben. Der Mann spricht: Die Mücke darf zum Himmel sich erheben, Frei schwebt sie auf und tanzt im Sonnenstrahl, Der Mensch nur soll gebannt ins niedre Tal Mit Moos und Schwamm an Stein und Erde kleben? Hum! ich probier's einmal! Strebt mit Armen und Beinen auf. Auf ihr träge Arme! plumpe Füße! Wandelt euch in leichte, luft'ge Schwingen! Ja schon fühl' ich's, es wird gelingen! – Vogelleben! wie bist du so süße! Das Weib hält ihn am Rock und spricht: Mann! du machst mir wahrlich bange! So was gehört in das Narrenhaus! Für sich: Weh! o weh! ich bemerk' es schon lange Er sieht immer mehr wie ein Vogel aus. Elsbeth Da ein Veilchen! dort ein Schlüsselblümchen! Blumen! Blumen! Pflückt sie ab und windet Kränze. Nachbar Schmid erscheint. Der Totengräber spricht: Seht ihr den Reiher dort oben? Der Schmied spricht: Wie! ein Reiher! ich glaubte ihr seid's, drum kam ich heraus, hätt' ich das gewußt, hum! Der Totengräber spricht: Nachbar! ihr werdet nicht lange mehr schwatzen, ein paar Kunstgriffe noch – und – Der Schmied spricht: Die Flügel sind fertig – aber ob sie fliegen? Gott segne euch das Fliegen! Mich hat's noch keinen Augenblick gelüstet. Ich mag das Springen nicht, wie könnt' ich gar wohl das Fliegen wünschen. Mir wird's schwindelig, und weh! wenn der Perückenmacher, wißt ihr, der dürre Kerl, mit seinen Rockflügeln um meine Hausecke hinumfliegt, und der Barbier eben so flugfertig ihm entgegenstürzt. Die Kerl brechen noch Hals und Bein, und anders würd's euch auch nicht ergehen. Der Totengräber spricht: O Schmid! wie schwatzt ihr! Der Schmied spricht: Ja! wie schwatzt ihr! wie schwatzt ihr! Das ist stets eure Antwort, was anders hört man euch nie sagen. Der Totengräber spricht: Mit euch über eine solche Sache zu sprechen ist Torheit. Der Schmied spricht: Und doch seid ihr stets der erste, der davon anfängt. Elsbeth spricht: Weh! ihr vertretet die schönsten Blumen! Hängt Kränze an die Kreuze auf. Der Totengräber spricht: Jetzt sinkt der Reiher, seht! wie ein fallender Stern. Der Schmied spricht: Schon wieder vom Fliegen und immer vom Fliegen! Es ist wahr, an den Vögeln läßt das Fliegen nicht übel. Doch, euch gesagt, bin ich der Meinung, daß es unter ihnen nur so eine dumme Mode sei. Sie haben ja zwei Beine, warum denn fliegen? Es ist so eine Art reuten, fahren – ein Luxus, den die Vornehmen unter ihnen eingeführt, die Adler, die Falken, die Habichte. Man kann es daraus auch klar sehen, daß das gemeine Federvieh, die Enten, die Gänse und die Hühner nicht fliegen. Nachbar! laßt das Ding bleiben, höchstens würdet ihr ein plumper Hirschkäfer. Der Totengräber spricht: Ich spreche hierüber mit euch nicht. Der Schmied spricht: Hum! ha! ha! ihr brachtet nichts, ihr bringet nichts heraus, und studiert schon Jahre lang und wurdet ein Narr darüber, das ist's! Der Totengräber spricht: Ich fliege, sag' ich euch, ihr aber könnt ein Wurm Geruhig an der Erde kleben bleiben! Der Wetterwolke gleich heb' auf mich, wilder Sturm! Mich bodenlos ins blaue All zu treiben! Der Schmied spricht: Da müßtet ihr euch dem Teufel nur verschreiben. Der Totengräber spricht: Die Red', Gevatter! ist so übel nicht. Der Schmied spricht: Doch fliegt ihr nur bis euch der Teufel die Flügel bricht. Das Weib spricht zum Schmied: Ihr habt die Schuld, daß er so sündlich spricht. Elsbeth spricht: Vergißmeinnicht! Pflückt die Blume ab. Alle gehen außer dem Schmid in die Wohnung. Ein junger Gärtner erscheint. Der Schmied spricht zu ihm: Denkt! dem Gevatter ist es mit seinem Fliegen völlig Ernst, da ging er so eben ganz zornig hinein, weil ich ihm sagte: es komme nie was bei der Sache heraus. Der Gärtner spricht: Laßt ihn machen! erfindet's er, so ist es eine schöne Kunst, und wenn er auch Hab' und Gut dabei eingebüßt, viel hat er doch nicht. Der Schmied spricht: Und findet er's nicht? – Der Gärtner spricht: So hat er die Zeit, bei'm Himmel! nicht übel angewandt. Der Schmied spricht: So! Der Gärtner spricht: Jetzt sieht er die Vögel, die Schmetterlinge, lustig im Blauen fliegen, jetzt treibt, jetzt wogt alles im Mai, und da treibt's ihn hinaus, er war von jeher kein gemeiner Mensch. Der Schmied spricht: Er war immer tiefsinnig und nachdenklich, und ein verdammter Brauskopf. Geht in die Wohnung des Totengräbers. Der Gärtner spricht: Ja der Frühling ist doch ein sonderbarer Kerl, ein Kerl wie der Wein, und könnt' einen ins Narrenhaus bringen. Poete Blumenstengel steht in der Ferne. Seht da! seht da! Dichter Blumenstengel, wie er da steht! ganz verzückt! was gilt's, der meint, er sei eine Blume? Geh' ich hinter diesen Rosenbusch um den Blumenstengel zu belauschen. Er verbirgt sich. Der Poet spricht: Ha! wie ist mir doch zu Mute Jetzt in diesen Frühlingszeiten! Fühl' ich nicht in meinem Blute Wunderbares Sehnen, Streiten, Duften, Singen, Grünen, Blüh'n, Himmel golden, purpurn, blau. Rosen, Lilgen auf der Au. Aber auf in ferne Weiten Treibt's mich wie den Blütenstamm, Zweige meine Arme breiten Sich gen Himmel wundersam. Meine Füße nimmer schreiten, Wurzeln in die warme Erde, Und nun ist's nicht zu bestreiten, Daß ich selbst zur Blume werde. Der Gärtner, der ihn belauscht, tritt hervor und spricht: Gottwillkomm, mein Vielgeliebter! wollt ihr des schönen Abends genießen, der Düfte von Blumen und Kräutern – aber – wie seht ihr aus! Himmel! Der Poet, spricht: Ja! und wie ist mir! Der Gärtner, spricht: Ihr seht ganz wunderbar aus, grün, gelb, und kommt mir vor, wie – eine Sonnenblume. Der Poete spricht: Ja! und so ist mir! Der Gärtner, spricht: Und wie ist es euch denn: Vielgeliebter? Der Poet, spricht: Weh! o weh! daß ihr nicht fühlen Könnet, was wir Blumen fühlen! Unbeschreiblich Hoffen, Sehnen, Breitet aus die zarten Zweige Blauen Äther zu umfangen, Leiden, fühlen, sinnig blicken, Duften, blühen, stummes Singen – Doch ihr versteht nichts von all' den Dingen. Der Gärtner, spricht: Ich merke daß euch die Verwandlung sehr angreift. Der Poet, spricht: Aber, Vortrefflichster! ich bitte, riecht einmal: denn nun glaub' ich entwickelt sich der Duft oder die Sehnsucht. Er strebt mit Armen und Beinen empor. Der Gärtner spricht: Euer Geruch ist noch sehr unbestimmt, und fast der einer Tulpe. Der Poet spricht: Aber dieser garstige Käfer! wie er auf mich zufliegt! Er macht Bewegung. Der Gärtner spricht: Ich bitt' euch, bleibt ruhig, sonst reiß't ihr die zarten Wurzeln aus: denn ihr müßt denken, daß ihr noch nicht ganz Blume seid. Der Poet spricht: Da habt ihr Recht, Vortrefflichster! Doch stehe ich schon ziemlich lange. Geht und sagt meiner Geliebten, daß ich eine Blume seie. Der Gärtner spricht: Aber wie? wenn ich euch in diesen hölzernen Topf versetzte, da könntet ihr zu eurer Geliebten getragen werden, sie würde euch vor der großen Sonnenhitze bewahren, sie würde eurer mit sorgsamen Händen pflegen, und ihr würdet ihr allein all' eure Düfte senden. Der Poet spricht: O Allersüßester! dafür werd' ich euch noch als Blume dankbar sein. Der Gärtner spricht: Wohlan! so laßt euch kunstgerecht in diesen Topf versetzen. Er wird in den Topf versetzt und weggetragen. Die Szene wechselt Totengräbers Wohnung. Derselbe arbeitet an ein paar Flügeln. Nachbar Schmid. Die Frau Die Frau spricht: Mit deinem ewigen Flügelmachen Verdirbst du wahrlich die besten Stunden, Und am End' ist doch nichts gefunden. Der Totengräber spricht: Deiner Torheit muß ich lachen. Der Schmied spricht: Nachbar! ich bitt' euch, laßt die Sachen! Daraus wird in Ewigkeit nichts – Seid ihr am höchsten, was gilt's, so bricht's, Und dann liegt ihr in einer Lache, Wißt ihr, Nachbar, wie gestern der Drache? Der Totengräber spricht: Freund! ihr versteht nichts von der Sache. Der Schmied spricht: Wißt ihr, Nachbar, was ich mache? Leise zu ihm: Gold, Freundchen! mit dem fliegt man weit! Den Stein der Weisen find' ich wahrscheinlich noch heut. Dann könnt ihr in den Lüften schnaufen, Könnt Sonnenschein und Mondschein saufen, Als Adler oder Papagei Durchfliegen aller Himmel Himmel. Das ist mir einerlei! Ihr bleibt bei all' dem mager wie mein Schimmel. Der Totengräber spricht: Im Strahl der Sonne, Im Schein des Mondes, in der Stern' Gefunkel, Da such' mein Gold ich, sel'ge Wonne! Wird's rings auf Erden dunkel Werf ich um mich mein seltsames Gefieder Und schwing' mich über meiner Gräber Hügel Ein Luftgespenst auf kühnem Flügel Singend ein Lied aus dunkeln Lüften nieder. Die Frau spricht: Bei solchen Reden zittern mir die Glieder. Der Totengräber spricht: O schwache Blume du! wie sprichst du wieder! Er tritt an das Fenster. Da blick' hinaus und sieh mich frei und fröhlich schweben, Im himmelblauen Tag, wo nichts mich kann umschließen, Den Lüften der Sterne gegeben – Es liegt die Welt, wie klein! zu meinen Füßen. Sie breiten wohl die Arme nach mir aus, Die Männlein da, erstaunt ob meinem Flug, Doch bleiben fest sie, jenen hält ein Haus, Den eine Scheune, den ein Ochs, ein Pflug, Ich aber werfe meinen letzten Heller Mich zu erleichtern stolz auf sie hinab, Und fliege himmelauf noch schneller. Geht ab. Die Frau spricht: Mir aber, bitt' ich! grab' vorerst ein Grab. Sie weint. Der Schmied spricht: Laßt es euch nicht Angst sein, liebe Frau! er findet's nicht! (Für sich) und mit dem letzten Heller ist's auch nicht so richtig, der ist, glaub' ich, schon lang weggeworfen. Die Vorhänge von den Bettstellen weg, alles fort! nur noch ein Stuhl. Die Frau spricht: O ihr kennt ihn nicht! ihr kennt nicht seine Leidenschaft! alles, alles versucht er! Seit einigen Nächten geht er immer auf seinem Kirchhof draußen herum, er hat gar keine Ruhe mehr. Und schläft er auch einmal ermattet ein, so muß es ihm immer im Traume sein als flöge er. Alle Morgen sagt er: »heute Weib! bin ich im Traume geflogen, und es wird, es muß noch zur Wirklichkeit werden.« Gestern Morgen sagte er: »O diese Nacht! wie war ich doch selig! Ich ging in den Straßen, da waren eine Menge Leute, unter die mischte ich mich, und ging als hinter ihnen her. Plötzlich aber schlug ich einem Herrn von hinten auf die Schulter, er schaute herum und – husch! flog ich in der blauen Luft von dannen. Da sahen alle Leute mir nach und schrien und staunten, und wußten nicht wie das geschah.« Heute Morgen aber sprach er: »diese Nacht flog ich mit einem Totengerippe dem Monde zu.« – Seht! das verrät doch böses Blut und – ihr müßt mich nicht auslachen – mit ihm treibt doch zuletzt noch der Teufel sein Spiel. Der Schmied spricht: Hum! Die Frau steht auf und spricht: Setzt euch Nachbar! Der Schmied schaut sich nach einem Stuhle um und spricht: Und ihr? Die Frau spricht: O läg' ich im Grabe! Die Szene wechselt Kirchhof. Der Gärtner mit dem Dichter im Blumentopfe Der Gärtner spricht: Steht fest! steht fest! ihr seid aber auch verdammt schwer! Kaum reichen meine Kräfte zu, euch in die Wohnung eurer Geliebten, der schönen Elsbeth, zu bringen. Der Poete spricht: Ach! das macht das Wurzelfassen Streben in der Erde Gründe, Daß auch sie mich Blume finde, Sagt mir, bin ich noch erblasset? Fühl' zwar noch dies singend Leben, Heiße Inbrunst nach dem Wasser, Ihr zu blüh'n zum ew'gen Ruhme Fühl' ich nie gefühltes Streben – Riech' ich noch wie eine Blume? O sagt's! Der Gärtner riecht an ihm, nießt und spricht: O! das ist ein verdammter Streich – ihr wurdet eine Tabaksstaude. Der Poete will sich aus der Wurzel reißen und spricht: Weh! weh! gemeines Gewächs! Der Gärtner spricht: Bleibt ruhig, ich scherzte nur – ihr wurdet ein Zuckerrohr. Der Poete spricht: Luxuspflanze! Er will heraus. Der Gärtner spricht: Nein! hört's! ihr seid eine vollkommene Sonnenblume – euer Kopf, die herrliche Knospe, hat sich gar lieblich entfaltet. Aber bewegt euch nicht, sonst geht alles verloren. Nur stille! nur duldsam wie die Blumen! Da hübsch links gegen die untergehende Sonne unverwandt geschaut: denn so machen es die rechten Sonnenblumen. Der Poete spricht: Bin ich denn keine rechte? – Der Gärtner spricht: Ruhig! Für sich: Will ihn bald zum Verstand bringen. Er holt eine Kufe mit Wasser, während der Dichter unverwandt zur Sonne schaut, und begießt ihn. Der Dichter springt aus dem Topfe und schreit: Verruchter Kerl! weh! Der Gärtner schreit: Halt Sonnenblume! Halt Sonnenblume! Elsbeth kömmt und spricht: Welch entsetzlich Geschrei! Der Gärtner spricht: Weh! weh! seht da! ach meine Sonnenblume – – – Da springt sie! Die schönste Blume, die ich euch bringen wollte, ist, als ich im Begriff war, sie euch in das Zimmer zu tragen, mir aus dem Topfe entsprungen. Elsbeth spricht: Der Dichter Blumenstengel? Der Gärtner spricht: Eben der. Elsbeth spricht: O laßt den laufen! Sie umarmt den Gärtner. Der Vorhang fällt. Harfenspiel. Neuer Aufzug Kirchhof. Mitternacht Zwei Gerippe erscheinen. Erstes Gerippe spricht: Liebst du mich nun? Zweites Gerippe spricht: Ob ich dich liebe? Frage! Erstes Gerippe spricht: Nun sind wir gänzlich ja einander gleich. Zweites Gerippe spricht: Ich habe dich, ich hab' mein Himmelreich, Und schlaf' von dir umarmt süß bis zum jüngsten Tage. Erstes Gerippe spricht: Siehst du die Blümlein dort auf deiner Grabesstätte? Die hab' ich dir gepflanzt, mit Tränen oft benetzt. Zweites Gerippe spricht: Drum ruht' ich auch so süß in meinem Bette. Erstes Gerippe spricht: O Liebe! komm' in meine Arme jetzt! Nichts kann uns trennen, eng und fest umfangen Vom Grabeshügel, einem Herzen warm, Laßt uns nun wonnig schlummern Arm in Arm; So Leben endlich wir im Tod erlangen! Sie versenken in ein Grab. Der Totengräber mit Flügeln erscheint und spricht: Mitternacht schrie die Wacht, Nun laßt euch erproben, ihr lieben Schwingen! Zwar stürmisch und wild ist die Nacht, Doch wird es, doch muß es gelingen! Der Mond fliegt am Himmel dahin, Es fliegen die Wolken, die Sterne – Auf! auf! in die heilige Ferne! Er strebt mit den Flügeln auf und sinkt wieder zurück. Der böse Geist erscheint und spricht: Halt Menschlein! halt! umsonst ist dein Bemühn! Nie tragen dich die selbstgemachten Schwingen. Verschreib' dich mir dem Meister aller Kunst, Und tu ein Werk so würdig meiner Gunst, Dann könnt' ein solches Wagstück dir gelingen! Der Totengräber spricht: Fort Nachtgespenst aus eitlem Höllendunst! Der böse Geist verschwindet. Der Totengräber spricht: Ja! ja! ich war von Sinnen – Rafft sich auf Aufgestrebt! auf! nun muß es oder nimmer! Auf Sturmwind! führ mich dahin! Empfangt mich, ihr Wolken, ihr Sterne, Du Mondlicht! – – Weh! ich sinke – – Wohlan! euch ruf' ich an, ihr Geister der Nacht, Euch, denen all' die Opfer ich gebracht, Dir ruf' ich, der du zu helfen versprachst, Teufel, erschein! Der böse Geist erscheint und spricht: Gelöst soll dir das große Rätsel sein Dem Vogel gleich in Lüften frei zu schweben – Wirst blindlings du nach meinem Willen leben. – Der Totengräber spricht: König der Nacht! dir sei ich ganz gegeben! Der Vorhang fällt. Harfenspiel. Neuer Aufzug Zwischenspiel Wilde Waldgegend. Ein dunkelblauer See. Der Tod steigt aus dem See und spricht: Bei Gerippen, Leichen, Schlangen, In des alten Sees Tiefen Lausch' verborgen ich schon lange, Bleicher Geist geheimer Mächte, Daß ich meine Opfer fange. Und die hier vorüberliefen All' noch faßte meine Rechte, Niederziehend in die Tiefen. Sinkt in den See. Ein Mönch erscheint und spricht: Leb' ich doch schon lange Jahre Da in diesem Kloster neben, Doch noch nie hab' ich gewahret Diesen See als jetzt so eben. Seht! dort seh' ich's aufwärts streben. Muß im Nachen näher fahren: Denn da muß es Fische geben. Der Tod steigt aus dem See, faßt ihn und spricht: Fort zur Hölle, sündlich Leben! Sinkt mit ihm in den See. Ein Jäger erscheint und spricht: Ei ein See! daß dich der Teufel! Hab' ich den doch nie gesehen! Da gibt's Enten ohne Zweifel, Muß hier auf die Lauer stehen – Still! dort schwimmen! näher schnelle! Wart du sollst mir nicht entgehen! Der Tod steigt aus dem See, faßt ihn und spricht: Sündlich Leben, fort zur Hölle! Sinkt mit ihm in den See. Ein König erscheint und spricht: Kam auf unbekannte Wege, Hör' kein Hüfthorn mehr erklingen! – Daß allhier ein See gelegen Hört' ich nie, der soll bald schwinden: Denn hier ist die schönste Stelle Für ein Lustschloß so zu finden. Der Tod steigt aus dem See, faßt ihn und spricht: Sündlich Leben, fort zur Hölle! Sinkt mit ihm in den See. Ein Mädchen erscheint und spricht: Ei! ein blauer See! wie stille! Der ist lieblich anzuschauen! Blumen gibt es da die Fülle! Will allhier ein Hüttchen bauen. Aber sehet! dort im blauen Schwimmt ein Röslein auf der Welle; Will es fischen, darf ich trauen? Der Tod steigt aus dem See, faßt sie und spricht: Sündlich Leben, fort zur Hölle! Sinkt mit ihr in den See. Der Vorhang fällt. Harfenspiel. Zweiter Akt Kirchhof. Morgen Elsbeth und der Gärtner vor einem Blumenbeete, worauf die Blumen einen Namen bilden. Der Gärtner spricht: Ihr liebt die Dichter doch, gesteht es frei? Elsbeth spricht: Dichter und Gärtner, das ist ja einerlei! Am Abend streutet ihr die zarten Samen, Es schien die warme Morgensonn' darauf, Da gingen sie, die süßen Lieder, auf, Die nennen meinen so wie euren Namen. Der Gärtner spricht: Ja wohl! es gibt kein lieblicher Gedicht, Als eine Blume, die ein gutes Mädchen bricht. Elsbeth ordnet die Blumentöpfe und spricht: Hieher die Rosen! hieher die Narzissen! Die Lilien, die senken schon ihr Haupt – Vor allen Blumen möcht' ich die nicht missen. Der Gärtner spricht: Doch scheinen sie im Blühen schon entlaubt. Elsbeth spricht: Ihr Leben ist ein stetes Verblüh'n – Der Gärtner spricht: Ist Liebe. Elsbeth spricht: Aber die Rosen, seht an, Die sind doch beliebt bei Jedermann! Warum? Der Gärtner spricht: Weil sie für alle freudig glüh'n, Gleichgültig ihnen, wer sie bricht. Elsbeth spricht: Die Rosen sind Frauen – Der Gärtner spricht: Und die lieben nicht. Die Frau erscheint und spricht für sich: Wie kam er doch so ganz zerstört nach Haus! Bleich, abgemattet, schrecklich sah er aus; Gleich einem Vogel, den ein Sturm verschlug, Und ihn in einer Nacht vom Süd- zum Nordpol trug. Lang stund er still, antwortend keinen Fragen, Doch endlich sprang er auf, und fiel mir um den Leib, Und sprach mit Tränen: sterbe gutes Weib! Da brach ich aus in Schluchzen und in Klagen. – Was er dann sagte, ach! ich kann es nicht nachsagen – Doch fühl' ich's tief, ja süß ist mir der Tod, Seit er mir jenen Kuß der ew'gen Brautnacht bot. Elsbeth tritt näher und spricht: Liebe Mutter! was sprachet ihr da? Die Frau spricht: Ich sprach nichts. Elsbeth spricht: O liebe Mutter! laßt ihn bei seinen Toten, kommt zu uns, zu diesen Blumen! Seht nur, wie sie duften, wie sie blühen! es ist eine Freude, sie anzusehen! bricht Blumen ab. Diese Rose, seht nur Mutter! die hab' ich euch gepflückt. Diesen Stern, Gärtner! geb' ich euch, den Rosmarin will ich für mich behalten. Sie teilt die Blumen aus. Kommt, laßt es euch nicht bange sein, Mutter! Seht nur die Blumen an, und ihr müßt euch freuen! – Vater will nichts von Blumen. – Der Gärtner spricht allein zur Frau: Wo ist euer Mann? Die Frau spricht allein zu ihm: Vier Tage lang war er nicht mehr zu sehen. Nachbarn erzählten, daß sie ihn einmal im fernen Walde gesehen am schwarzen See sitzend. Einige, so ihm nicht wohlwollen, flüstern einander zu, daß sie gesehen hätten, wie er nächtlich, vom Kirchhofe aus, über die Berge hingeflogen sei, und daß ihn dies der böse Feind gelehrt. Gestern in der Nacht, ich lag in Tränen auf meinem Lager, Elsbeth schlief ruhig, stund er auf einmal vor mir, mit langem, bleichem Angesicht, zerstört, die Haare wild untereinander geworfen. Der Mond schien durch das kleine Fenster. Lieber Mann! sprach ich; er aber gab keiner Rede Antwort, als wär' es sein bleicher Schatten. Mit hohler Stimme, lang und langsam sprach er endlich: »Sterbe gutes Weib!« und mit diesen Worten drückte er mir einen Kuß auf die Lippen, kalt, daß ich ihn noch fühle. Die Glocke schlug Mitternacht, und ich sah ihn nicht mehr. Diesen Morgen fand ich, daß er fern dort an jener Ecke zwei Gräber gegraben. Der Gärtner spricht: Wer starb? Die Frau spricht: Niemand! Der Gärtner spricht für sich: Seltsam! doch er ist bloß von Sinnen. Elsbeth spricht: Ich lag die Nacht im Traum in einem Beet voll Blumen, Doch keine Sonne schien, ich war der Sonnenstrahl. Die Frau spricht: Ich wandelte mit dir durch ein gar finster Tal, Da stunden statt der Sterne ob uns Blumen. Elsbeth spricht: Blumen! o Blumen! die heilen jeden Schmerz! Der Gärtner drückt sie an sich und spricht: Drum drückt man so ein Kind gern an das wunde Herz! Elsbeth spricht: Der Stern, den ich euch gab, ist abgefallen, seht! Der Gärtner drückt sie fester an sich und spricht: Er ist erloschen, weil die Sonn' zu nah' ihm steht! Der Vorhang fällt. Harfenspiel. Neuer Aufzug. Kirchhof. Nacht Der Totengräber geht mit langen Schritten auf den Flügeln hin und her, endlich bleibt er vor zwei geöffneten Gräbern stehen und spricht: Einzieh'n mit euch durch diese stille Pforte? Weh! dürft' ich, weh! der Hölle schwarzer Wächter Peitscht mitleidslos am Eingang mich zurück. Ein sollt ihr zieh'n in Lieb', durch mich geleitet, Ich aber, blutbesprützt, den schwarzen Geist zur Seite, Schweif heimatlos im weiten Reich der Luft. – Zieht ein Messer und schleift es an einem Grabsteine. Fährt auf: Es war mein Wille! – und es soll gescheh'n! König der Nacht! dir sei was ich gelobet! Pause. Und wer? – wer blieb mir noch im weiten Raum der Welt? Eltern? da schlummern sie, ringsum die Freunde – Zwei blieben noch – – die forderte die Hölle! Und ich, ich bin ihr Werkzeug! – Stampft auf die Erde. Sarg ist auf Sarg getürmt, Geripp steht auf Gerippe, Euch all' hab' ich zur Ruh' gebracht, und ich, Ich darf nicht ruh'n!! – Als hätte rings der Erde weiter Grund Für mich nicht Raum mehr, angefüllt mit Leichen, Als wär's hier oben ringsum stumm und leer – Und hätten sie, indes ich träumend schweifte, Den Freudensaal da unten vollgefüllt, – Als hätte mich die Erde, eine Leiche, Im grimmen Hasse wieder ausgeworfen, So ist's mir, so! Die Glocke schlägt Mitternacht. Die Hölle ruft: ich komme! Er stürzt mit dem Messer in das Haus. Ein Grabhügel wirft sich auf, aus ihm erhebt sich langsam ein Gerippe, dasselbe spricht mit hohler Stimme: Weh! weh! weh! dreimal weh! daß ich dich geboren!! Versinkt wieder in das Grab. Der Vorhang fällt. Harfenspiel. Neuer Aufzug Kirchhof. Morgen Der junge Gärtner kommt mit Blumen und schüttet sie auf einen Hügel. Er spricht: Gewaltsam abgepflückt liegst nun hier unten du, Stundest ein Stern in wolkenloser Ruh, Warst eine Blume, die dem Gärtner sich vertraut, Der, wenn schon alles ruht, noch liebend nach ihr schaut. Pause. Hör's, Elfe, die im mondgewebten Kleide Dahinflog einst, ein Bild von Liebesscherz und Freude, Hör's seltsam Kind! so wundersamer Art, Als in dem dunklen Schoß ein stilles Meer bewahrt, Hör's Heil'genbild! hör's, liebevolle Braut! Denkst du noch mein? – wohl dir! hör'st keiner Klage Laut! Alle Blumen wollten zu dir, all' brach ich ab, Mag ihrer nicht am fremden Orte warten; Will keinen andern Garten, Geliebte! als dein Grab! – Geht ab. Eine Menge Volk erscheint und beschaut die Gräber. Eine Stimme spricht: Hier liegen sie nebeneinander, er hat ihre Gräber selbst gegraben. Eine andre Stimme spricht: Hier liegt die Frau und dort die Tochter. Ein Handwerksbursche singt: Mir träumt' ich flög' gar bange, Weit in die Welt hinaus, Zu Straßburg durch alle Gassen, Bis vor Feinsliebchens Haus. Tralirala! Tralirala! Ein Bürgersmann spricht: Ach! der arme Mann! er war doch nicht so schlimm, und das gute Weib! Ein Handwerksbursche spricht: Nun fliegt er ja, so geht's! Eine Frau spricht: Ich konnte es nicht mit ansehen, nein! Als sie ihn die Leiter hinaufführten, da wandte ich das Gesicht! Ein Bürger spricht: Aber er war doch ein Verbrecher, er hat Frau und Kind erstochen. Handwerksbursche singt: Feinsliebchen ist betrübt, Als ich so flieg' und weint: Wer dich so fliegen lehrt, Das ist der böse Feind. Tralirumla! Tralirumla! Ein Bürger spricht: Warum hat er sich aber auch alsbald selbst der Gerechtigkeit ausgeliefert? Noch alles hatte er vertuschen können. Er habe Frau und Kind aus Liebe ermordet, sprach er vor dem Gericht. Wahnsinn! – Handwerksbursche singt: Feinsliebchen weint und schreit, Daß ich am Schrei erwacht'; Da lieg' ich ach! in Augspurg, Gefangen auf der Wacht. Tralirumla! Tralirumla! Der Schmied spricht: Die Hand hat er mir noch gedrückt und hat gesprochen: Freund Schmid! sagt allen, daß es mein Wille, und daß ich's bei gesundem Verstande getan; auch daß ich oft geseh'n, daß endlich alles so enden müsse. Er wollte noch was sagen, da schlugen sie die Trommeln. O mein Nachbar! mein lieber Nachbar! Ein Gerichtsdiener spricht: Ja, ein schöner Kerl! fort! fort von diesen Gräbern! Der Schmied spricht: Ein Kerl? Mein Freund, sag' ich, war er, kein Kerl und kein Verbrecher! und tausend Kerl, sag' ich euch, stunden da, und sahen an den Galgen hinauf, – alle hätten mit mehr Recht als der vom Galgen heruntersehen sollen. Der Amtmann spricht: Meint Er die Gesetze? Der Schmied spricht: Wie Er will! Der Amtmann spricht: Gerichtsdiener! führt ihn ab! Durchsucht sein Haus, es ist ein Goldmacher und Falschmünzer. Handwerksbursche singt: Und morgen muß ich hangen, Feinslieb mich nicht mehr ruft, Wohl morgen als ein Vogel Schwank' ich in freier Luft. Tralirumla! Tralirumla! Der Vorhang fällt. Dritte Schattenreihe Erste Vorstellung Das Spiel war geendiget. Die Studenten zogen unter beständigem Singen: »Tralirala! Tralirala!« hinaus, und das gebildete Publikum schlich sich mit verbissener Wut, unter beständigem Murmeln, als welches wie ein Tremulant lautete, hinten nach. Racheschnaubend warf sich das gebildete Publikum in seine Wägen, und auf seine Pferde, und in einer Zeit von zwei Stunden war, zwei Stunden im Umkreise, kein Mann von Geschmack mehr zu schmecken. Darüber war der Mond außerordentlich vergnügt; er kam eigentlich näher herab, und ward daher größer, auch die Nachtigallen, so sich vor den kritisierenden Zeitungsschreibern und Korrespondenten seit einigen Tagen schüchtern versteckt hielten, kamen ans Mondlicht, und fingen alsbald ihre Volkslieder wieder zu singen an. Die Grillen und Grashüpfer zirpten nach Herzenslust wieder aus den Ehrenpreisstengeln, Schlüssel- und Gänseblumen am Wege, und auch die Brunnen, Quellen und Wasserfälle, so aus Angst, sie möchten von einem korrespondierenden Reisenden von Geschmack aufgespürt und beschrieben werden, schon seit drei Tagen den Atem angehalten hatten, schnauften, sprangen und musizierten wieder in aller Liebe. Die Studenten aber ließen, das Fest ihres Triumphes zu feiern, den blinden Dorfpfeifer holen, und tanzten mit den Schauspielerinnen und den Stall- und Feldmädchen im Mond- und Fackelscheine unter den Linden des Wirtshauses. Zweite Vorstellung Bald teilte sich die Gesellschaft in Partien; einige setzten sich an die runden Tische unter die Linden zum Wein und Gesang; andere tanzten, noch andere aber gingen Arm in Arm am grünen Ufer in Lieb' spazieren. Ich ging allein den Fluß entlang. Unzählig viel Sterne stunden am Himmel; auch stund der Mond da, und sah in den Spiegel des Flusses; von manchem fernen Berge aber schimmerte das Fenster einer Kirche oder einer Burg ins Tal her. Mit dumpfem Nachhall brachen sich die Wellen des Flusses an den felsigten Ufern. Nach und nach erloschen die fernen Stimmen; nur Holders klagender Ruf scholl noch ins Tal hinab. Er hatte sich ans Gitter seines Fensters gestellt, und rief die vorüberziehenden Wolken um Hülfe an. Endlich schwieg auch dieser. Ich vernahm den Klang einer Harfe, so mit Gesang begleitet wurde. Ich sah den Fluß hinauf, da war es mir im Scheine des Mondes, als schwämme eine Meerfrau mit einer Harfe singend daher. Der Gesang kam immer näher; da erkannte ich, daß er von einem Schiffe kam, so den Strom herschwamm. Ich rief den Schiffern zu, zu landen: denn ich war fest entschlossen, in dieser schönen Nacht mit ihnen zu fahren. Wir waren bald eins, – und ich holte in der Stille meine Reisetasche aus der Herberge. Eine blinde Harfnerin, so einen Knaben zum Führer, befand sich auf dem Schiffe, sie hatte im Sinne, auf einen benachbarten Jahrmarkt zu reisen; auch waren noch mehrere Mädchen und Handwerksbursche auf diesem Marktschiffe. Unter den Mädchen aber war eines, so mir wegen seiner fremden Mundart und eigenen Wesens bald auffiel. Es schien kein Landmädchen zu sein, wie die andere; es war blau gekleidet, und hatte ein schwarzes Band um das lange goldene Haar und die hohe Stirne, und war, wie ich nachher erfuhr, von einer Insel der Nordsee, kam mir auch nicht anders vor, als wie eine Meerfrau, so ungewöhnlicher Art war sie. Dritte Vorstellung Helle Wolken schwebten ob uns nördlich durch den Himmel, und vom Ruder gepeitscht wogte der Strom in feurigen Kreisen. Mitten im Flusse erhob sich jetzt ein schmaler Felsen. »Auf diesem Felsen,« sprach einer der Schiffer, »hat sich einst eine Jungfrau in weißem, glänzenden Kleide, als viele Menschen am Ufer gingen, gezeigt; die trug ein Kind in den Armen, und hob es dreimal über die blaue Fläche hin. Da trat der Fluß aus seinen Ufern und befruchtete die ausgetrockneten Felder; darum hat man dem Felsen über der heiligen Jungfrau Maria eine Kapelle errichtet.« Bald ging das Schiff still hin, zwischen hohen Bergen, kein Fischlein rührte sich, nur das Gebell der Wachhunde aus den Dörfern, oder das Läuten von einer fernen Kirche vernahm man. Wenn von heiliger Kapelle Abendglocke fromm erschallet, Stiller dann das Schiff auch wallet Durch die himmelblaue Welle; Dann sinkt Schiffer betend nieder, Und wie von dem Himmel helle Blicken aus den Wogen wieder Mond und Sterne. Eines ist dann Wolk' und Welle, Und die Engel tragen gerne, Umgewandelt zur Kapelle, So ein Schiff durch Mond und Sterne. Vierte Vorstellung Es war einem bald, als stünde das Schiff still, das Ufer aber und was darauf, lief wie die gezogenen Bilder eines Schattenspieles vorüber. Bald kam ein dunkler Felsen, darauf stund eine alte Burg, der Mond verbarg sich hinter dem Turme. Jetzt trat er hervor, da warf der Turm einen langen Schatten über den Berg hin. Der Felsen zog vorüber, es kam ein liebliches Tal, so mit Tannen bewachsen, nahe am Ufer stunden kleine Fischerhütten. Seht in dies Fenster schnell! da saß ein altes Weib bei der Lampe, hatte eine Brille auf der Nase, und ein großes Buch vor sich liegen. Die Hütten zogen vorüber; es kam eine Kapelle, dabei stund ein hohes Kreuz, und ein Schöpfbrunnen; ein Schäflein aber, das sich wohl verloren hatte, sprang blökend am Ufer hin. Nun kam wieder ein einsames Haus; das stund recht wie im Mond; vier Tannen sahen darüber her; auf das lange schwarze Dach sah man mit weißen Ziegeln Drudenfüße gezeichnet. Eine Leiter ragte oben zum Kamin heraus, und eine weiße Katze lief über das Dach hin. »Das Wesen eines Daches,« sprach das fremde Mädchen zu mir, »gibt einem doch schon als Kind eine ganz sonderbare Empfindung, die einem bis in das Alter bleibt. Da oben guckt der Kaminfeger heraus, und geht einsam die Katze hin und her, die schon ins Zauberreich gehört, oder Dienerin geheimer Mächte ist. Bei Nachtzeit setzt das Käuzchen sich auf das Dach, und sein Totenruf hallt schauerlich durch die Stille. Dann sieht man auf ausgebreitetem Leichentuche einen Sarg über das Haus fliegen, und bald wallt dann ein Zug schwarzer Männer in langen Mänteln aus dem Hause, die tragen den Herrn des Hauses zu Grabe. Oft sieht man auch in stürmischer Nacht, wenn die Wetterfahnen klagend knarren, ein altes Weib auf einem Besen über das Dach hinfahren; dann fallen die Ziegel prasselnd nieder, und wecken den Wachhund im Hof. In einer verschlossenen Kammer da unter dem Dache, sieh! blick' durch das Schlüsselloch! Da siehst du ein sonderbar gemaltes Bild, es ist eine schneeweiß gekleidete Frau, mit hellem, gelbem Angesicht, – ihre Augen sind so schrecklich! Auch der Vater weiß nicht, woher dies Bild kam, es ist ururalt, und sprach die Großmutter auf dem Totenbette oft davon. Der Vater wagt nicht, diese Kammer zu eröffnen, wir sollen es nicht sehen, – aber ich schleiche mich oft leis und langsam die Treppe hinauf, und sehe durchs Schlüsselloch dies Bild an, bis es mir Angst wird, dann spring' ich die Treppe hinab, und halte den Atem an. Einstmals war mir, als winkte mir das Bild, es wollte auch sprechen, aber konnte nicht; hu! wie flog ich die Treppe hinab. Es wird einem so sonderlich zu Mute da oben, aber ich bin doch gerne da. Sieh! da hängt auch ein Kleid vom Urgroßvater, und ein paar große Stiefel mit Sporen, und ein langes Schwert!« So sprach das fremde Mädchen. Fünfte Vorstellung Jetzt aber kamen wieder große Felsen. »Grüß dich Gott! grüß dich Gott!« schrien die Schiffer; da wiederholte ein Echo die Worte: »Grüß dich Gott!« vernehmlich. »Echo! Echo! in dem Tal! Grüß meinen Schatz viel tausendmal!« schrie ein Mühlknecht, so mit auf dem Schiffe; da antwortete das Echo »tausendmal!« gar deutlich. »Laßt uns die schöne Nacht nicht verschlafen; wacht auf, ihr Mädchen!« sprach einer der Mitreisenden, ein Jäger, »ihr müßt alle singen!« Da erhoben sich die fast schlummernden Mädchen halb zürnend, halb lachend; auch war die blinde Harfnerin schon bereit, und stimmte ihre Harfe. »Wohlan! laßt uns alle singen!« sprach der Mühlknecht, »ein Reiselied!« »Nein! besser, Lieder, so von der Nacht, von Flüssen oder von dem Meere handeln, die muß man auf Schiffen singen,« sprach ein Schiffer. Da begann die Gesellschaft unter dem Schlag der Ruder, mit Begleitung der Harfe, also: Es war in des Maien lindem Glanz, Da hielten die Jungfern von Tübingen Tanz. Sie tanzten und tanzten wohl allzumal Um eine Linde im grünen Tal. Ein fremder Jüngling in stolzem Kleid Sich wandte bald zu der schönsten Maid, Er reicht' ihr dar die Hände zum Tanz, Er setzt ihr aufs Haar einen meergrünen Kranz. O Jüngling! warum ist so kalt dein Ann? In Neckars Tiefen da ist's nicht warm! O Jüngling! warum ist so bleich deine Hand? Ins Wasser dringt nicht der Sonne Brand! Er tanzt mit ihr von der Linde weit: Laß Jüngling! horch die Mutter mir schreit! Er tanzt mit ihr den Neckar entlang: Laß Jüngling! weh! mir wird so bang! Er faßt sie fest um den schlanken Leib: Schön' Maid! du bist des Wassermanns Weib! Er tanzt mit ihr in die Wellen hinein: O Vater und o du Mutter mein! Er führt sie in einen kristallenen Saal: Ade, ihr Schwestern im grünen Tal! Nun laßt mich ein Lied von Liebe und Scheiden singen, sprach die Harfnerin. Sie stimmte die Harfe, und sie und der Knabe sangen: Was macht dir, Herzliebster! Die Wange so blaß? Was macht dir das Auge Von Tränen so naß? O Liebchen! Herzliebchen! Wohl ist es mir weh; Weit muß ich von hinnen, Weit über die See! Und mußt du von hinnen – Dort über der See Gibt's wohl noch ein Liebchen; Herzliebster! ade! Es scheinen viel Sterne Am Himmelsgezelt; Doch keiner von allen Wie Luna gefällt. So nimm nur dies Ringlein Von Golde so schwer, Und wird es zu eng dir, – So wirf's in das Meer! So steck' nur dies Blümlein Ans klopfende Herz! Und duftet's dir nimmer, Verging auch dein Schmerz. Das Lied gefiel den Mädchen, und sie versuchten schon bei der dritten Strophe, es mit zu singen. »Nun singt,« sprach der Mühlknecht, »das Lied vom Herrn von der Heide, alle im Chor, das hat gar eine wundersame Melodie, und ist auch ein Schifflied.« Das Mädchen stimmte die Harfe neu, und alle sangen unter langsamem Schlage der Ruder dies Lied in tiefem Chor: Sagt an, Herr von der Heide, sagt! Was soll dies weiße Kleid? »Wohl auf der Höh', weh! auf steiler Höh'! Steht mir ein Rad bereit!« Sagt an, Herr von der Heide, sagt! Wo ist denn euer Weib? »Wohl auf der See, weh! auf weiter See! Schifft sie zum Zeitvertreib.« Man führt' ihn unter Sang und Klang Zu Bremen zum Tor' hinaus, Zwei Raben fliegen hinterher, Zwei andre fliegen voraus. »Hört an! o hört an, ihr Vögel schwarz, Da in der blauen Höh'! Seid ihr von meinem Fleische satt, Erzählt's der Frau zur See!« Leis streicht das Schiff durch die grüne See, Der Mond durch den Himmel blau, Stolz blickt vom Verdeck mit ihrem Galan Herrn von der Heidens Frau. »Seht an! o seht an! die Vögel schwarz Da in der blauen Höh'! Sie sinken auf Mastbaum und Segelstang', Halt Schiffer! mir wird so weh!« Hurra! huhu! ihr schwarze Gäst', Auf Mastbaum und Seegelstang'! Sie blicken ruhig, sie sitzen fest. »Halt Schiffer! mir wird so bang!« Der erste läßt fallen ein Auge schwarz, Der zweit' ein Fingerlein; Der dritte läßt fallen eine Locke Haar, Der vierte läßt fallen ein Bein. Leis streicht das Schiff durch die grüne See, Der Mond durch den Himmel blau – Tot liegt im Arme des Galans Herrn von der Heidens Frau. Sechste Vorstellung Es wehte kalte Morgenluft, die Schiffer zündeten ein Feuer an, und um dasselbe setzten sich die Mädchen. Das fremde Mädchen fing bald an, von dem Meere zu erzählen, von den großen Schiffen, von der Ebbe und Flut, und den Seemuscheln und Korallen. »Oft gibt es Stellen im Meere,« sprach sie, »wo das Wasser ruhig steht, und klar wie ein Kristall ist. Da ist es gar herrlich, in die Tiefen zu schauen und die wundersamen Gärten da unten zu ersehen. Da erblickt man in unermeßbarer Tiefe Berge und Täler, mit den allerbuntesten Blumen, so die Korallen, die Wasserkräuter und das Meergras bilden, so daß einem recht ein Sehnen ankömmt, hinabzusteigen, und sich darin zu ergehen. Als Kind hab' ich wohl oft mit Tränen in diese Gärten verlangt, wenn die Amme mir davon erzählte; da hab' ich die ganze Nacht von ihnen geträumt, und war mir gar sonderbar zu Mute, wenn ich an die Meerfräulein dachte, die darin wohnen. Oft schlich ich mich auch hinaus an das Meerufer, und hörte dem wunderbaren Tone der Wogen zu, der oft wie ein entfernter Donner, dann wieder wie ein aus der Tiefe steigender Seufzer tönt; lauschte auch so lange, bis es mir plötzlich ganz bange wurde, und ich schnell wieder in das Land zurücklief, Gesang oder das Läuten einer Glocke zu hören.« »O! das sah ich alles auch und werd' es nächstens noch näher sehen,« sprach der Schiffersjunge, der während der Erzählung des Mädchens mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dastund. »Wie? Kerl!« sagte ein Schiffer, »du sahst das Meer, und kämest noch nie über den Neckar hinaus?« »Ich sah's,« sprach der Junge, »denn von all' dem hat es mir schon tausendmal geträumt, und gerade so, wie die Jungfer erzählt. Und eh' drei Wochen vergehen,« sprach er zu dem Mädchen leis, »steh' ich am Meere.« »Wie?« begann der Jäger, » der Kerl ist da! Der war ja bei uns Jägersjunge, und wurde weggejagt. Der dumme Kerl hielt zahme Enten für wilde, sprang ihnen vom See bis in den Stall nach, und schoß sie dort nieder.« »Der Teufel!« sprach der Mühlknecht, »das ist ja der nämliche, der vor vier Wochen aus unserer Mühle gejagt wurde, weil er Gips unter das Mehl brachte!« »Freilich ist der's,« sprach der Schiffer, »pfeif nur, Taugenichts! Es ist ein Erzgalgenstrick; ich hab' ihn von einem Seiler erhalten, ihn bei der nächsten tiefen Stelle in's Wasser zu werfen. Bei zwanzig Meistern kam der Kerl nun herum, nirgends tut er drei Tage gut!« Der Junge pfiff ruhig fort, obgleich nun alles mit Schimpfreden über ihn herfiel. Das ist ja ein Kerl, wie Eulenspiegel, dacht' ich, und als ich ihn genauer beim Lichte betrachtete, erkannte ich in ihm meinen Volkssänger und Laternenputzer Felix. Er hatte noch den nämlichen Rock an, den er vor vier Jahren trug, wo er mir auf meinem Schattenspieltheater als Gläserputzer Dienste leistete; nämlich seines Vaters alten Grenadiersrock, den er aber immer noch nicht zur Hälfte ausfüllte, ihn auch immer noch wie einen Fischschwanz hintennachschleppte. Sonntags trug er ihn auf der rechten, Werktags auf der umgekehrten Seite. Da er ihn heute auf letzterer trug, so erkannt' ich, daß es Werktag war. Ich winkte ihm; er erblickte mich, kam auf mich zu, bezeugte viele Freude, mich wiederzusehen, zog ein Stück Kreide aus der Tasche, zeichnete in aller Schnelligkeit, mit ein paar Zügen, dem Schiffer einen Esel auf den Rücken, räusperte sich und fing an aus voller Kehle zu singen: Einsmals als ich ging allein, Sah in einen Wald hinein, Sitzt ein Häslein in dem Strauß, Guckt mit Einem Aug' heraus. Armes Häslein weint und klagt, Heimlich zu sich selbsten sagt: Jäger, was hab ich getan, Daß d' Hund' auf mich hetzest an? Wenn das Windspiel mich erschnappt, Gleich der Jäger nach mir tappt, Trägt mich auf dem Buckel her Als wenn ich kein Häslein war. Er mit mir dem Markt zulauft. Mich um halbes Geld verkauft. Jener sich nicht lang besinnt Lauft mit mir zur Kuche g'schwind. Komm ich dann dem Koch in d' Hand', Werd' ich vornen aufgetrennt, Zieht mir Pelz und Hosen aus, Dies zu sehen ist ein Graus.– – – Die Mädchen bemerkten den Esel auf dem Rücken des Schiffers und fingen zu lachen an. Darauf sah der Schiffer hinter sich, und da der Galgenjunge ihm schon öfters diesen Streich gemacht, so drehte er sich wie ein angeschossener Eisbär grimmig gegen den Jungen um, nahm ihn beim Haar, und schmiß ihn trotz dem Geschrei der Mädchen, und den Vorstellungen aller, in das Wasser. Auf den Jungen machte dies neue Element aber keine Veränderung, er schwamm geruhig ans Ufer, und sang mir von demselben die noch übrigen Verse des Liedes also zu: Steckt mich in ein' Hafen nein, Gießt den schärfsten Essig drein, Darin soll ich werden mahr, Glaub', der Koch sei gar ein Narr. Wann ich bin ganz fein und mahr, Mein ich sei nun aus der G'fahr, Zieht der Koch mich listig 'raus, Richtet mich nach seinem Brauch. Er mich auf das Herdbrett legt, Spickt den Buckel mit dem Speck, Steckt den Spieß zum Hintern ein, Ich möcht' ja so grob nicht sein. Dieses ist noch nicht genug, Glühend Kohlen legt man zu, Gießet Fetten oben ab, Daß ich gnug zu schwitzen hab. Wann ich alsdann fertig bin, Trägt man mich zur Tafel hin, Schneid't der erst' herab sein Teil, Reißt der ander' mich entzwei. Der dritte schneid't herab das Best, Friß, daß dir das Herz abstößt; Beiner wirft man hinter Tür Oder gar den Hunden für. So nimmt man mir's Leben ab, Eilt mit mir ins kühle Grab, Fragt auch niemand, wie es geht, Weil kein Hahn mehr um mich kräht. Siebente Vorstellung Die Nebel hatten sich zerstreut, wolkenlos und blau lag der Himmel; grün wie die Au war der Fluß. Der Schiffer ruderte nicht, das Schiff gleitete von selbst dahin. Vögel sanken hernieder, und spielten mit dem Wasser, Fische sprangen aus der Flut, und spielten mit der Luft. Ringsum die allerbuntesten, herrlichsten Farben: dunkelgrün der Fluß, hellgrün das Ufer, heller die entferntesten Berge, und am hellsten der klare blaue Himmel. Jeder Baum hatte wieder eine andere Farbe: dunkelgrün die Tannen, gelb die Birken, glutrot wie gesunkene Abendwolken die Buchen, und golden, wie aufsteigende Morgenwolken, die Erlen. »Es ist im Herbste,« sprach das fremde Mädchen, »recht als hätte sich der Himmel auf der Erde verteilt. Das Morgengold, das Abendrot, das Azurblau, das Silber der Mittagswolken liegt auf der Welt zerstreut. Weil von der Erde aufwärts der Himmel uns jetzt anblickt, scheint uns das Firmament so kalt.« – Achte Vorstellung Das Schiff stieß ans Land. Die Landmädchen trugen ihre Körbe aus dem Schiffe, die meistens mit Lebensmitteln angefüllt waren, so sie zu Markte brachten. Der Jäger und der Mühlknecht nahmen ihre Bündel, und die ganze Gesellschaft zog landeinwärts. Ich suchte das fremde Mädchen, das war aber, wie es hieß, schon mit einem Schiffer vorausgeeilt. Es kam mir fast ungewöhnlich vor, als ich nun wieder auf der harten Erde ging; doch machte mich das Singen der Vögel, das Blühen der Blumen, und das Wogen der früchtevollen Zweige bald wieder mit ihr vertraut. Es ging durch einen Wald. Der Jäger stieß ins Horn, das hallte weit herum in den Bergen, und die Raubvögel schwangen sich hoch in die Luft auf. Ein Hirte im Tale unten antwortete mit einer Rohrpfeife, und dem sangen wandernde Schiffer, welche den Fluß hinabschifften, nach. So wurde die ganze Gegend wach und lauter Gesang. Neunte Vorstellung Wir traten aus dem Walde. Das lieblichste Tal, vom Flusse durchschnitten, lag unter uns. Dörfer sah man bis in die weiteste Ferne an seinen Ufern zerstreut. Fern am Horizonte, schon im Nebel verloren, schimmerte noch das Kreuz eines Kirchturms, welches die Mädchen für den Morgenstern hielten. – Auf der Heerstraße wimmelte es von Leuten, Zugvieh und Wagen, so alles in das benachbarte Städtchen auf den Jahrmarkt strömte. Wir stiegen zu Tal, kamen ins Getümmel, und Eines verlor das Andere. – Ich stellte mich an die Heerstraße, und ließ die Gegenstände an mir vorüberziehen. Da kamen schöngeputzte Landmädchen mit Körben auf den Köpfen, scherzend des Weges; Juden mit langen Bärten; ein Blinder, der sich von einem Kinde führen ließ; Spielleute zogen vorüber; auch kamen bald ganze Herden Zugvieh, das man zu Markte trieb, und viele Wagen mit allerhand Gerätschaften. Zehnte Vorstellung Schon längst bemerkte ich, daß ein Gartenhaus vom Berge ins Tal sich herniederbewegte, das kam immer näher und näher; aber da erkannte ich, daß es eine alte Kutsche war, mit hohen vergoldeten Fenstern. In ihr saß eine Frau, die war mit einer Menge Schachteln umstellt, und hatte eine große Haube auf. Zu ihrer Rechten saß ein Mann in einer Perücke, der hatte einen langen Stock neben sich stehen, dessen silberner Knopf mit einer dicken Quaste von schwarzer Seide geziert, durchs Fenster sah. Die Kutsche zogen ein weißes und ein schwarzes Pferd; die wurden von einem dicken Kerl mit gar kurzen Füßen und einer grauen Jacke, an einem Stricke geleitet; hinten auf die Kutsche aber war ein Korb gebunden, daraus streckten vier Gänse ihre Hälse, woran ich erkannte, daß die Herrschaft der Pfarrherr vom benachbarten Dorfe war. Ich bemerkte bald, wie einer der Juden sich hinter die Kutsche machte, die gar langsam ging, und mit einem Messer den Korb voll Gänse nach und nach abtrennte. Da schrie ich, als er eben den Korb herunterzog: »Judas Ischarioth!« aus voller Kehle. Der Pfarrer streckte auf diesen Kanzelschrei, den Kopf zu seinem wandelnden Sommerhause heraus, bemerkte den Verräter, schrie »halt!« und sprang, eh' noch die Kutsche völlig feststund, mit seinem langen Stocke heraus. Der Jude war feldeinwärts gesprungen; die losgetrennten Gänse aber waren schon herausgeflattert, und nahmen ihren Flug mit lautem Schreien: »Ga! ga! gi! ga!« rückwärts. »O du verstockter Sunder!« schrie der Pfarrer, indem er mit seinem langen Hirtenstabe dem Fluge der Gänse eine andere Richtung gab. »Ich bin des Todes!« schrie die Frau, sprang aus dem Sommerhause, und ertappte glücklich zwei der zurückkehrenden Vögel an den Kragen, die andern zwei trug schon ein zu Hülfe gesprungener Bauernjunge an den Flügeln herbei. Die Gänse wurden nun nicht mehr hintenhinaufgebunden, sondern in die Kutsche gesetzt, der Pfarrer aber lief neben dem Schlage einher; den Stock trug er unter dem Arme, beide Hände aber hatte er tief in die weiten Rocktaschen gesteckt. Während ich immer so still hinter ihm herging, nahm ich Gelegenheit, seinen Stock insgeheim näher zu betrachten: denn ich hatte schon vorher bemerkt, daß er vom silbernen Knopf bis an das Beschläge in einer Spirallinie hinab mit schwarzen Figuren bezeichnet war. Da ersah ich nun, daß der Stock eigentlich eine Stockbibel war: denn die schwarzen Figuren auf ihm stellten lauter Geschichten aus der Bibel dar, als die Arche Noah, das verlorene Paradies, und die Zerstörung von Jericho, alles wie in Schattenrissen gar lieblich gezeichnet. Vierte Schattenreihe Erste Vorstellung Ich ging mit der Menge ins Städtchen ein, die Bürgerwache durchzog, wie sie an Markttagen zu tun pflegt, gerade unter Trommeln und Pfeifen die Straßen. Der Stadtlieutenant, so ein Perückenmacher war, hielt einen langen Spieß in den Händen, und war, weil er des schnellen Laufens gewohnt, eine bedeutende Strecke vor der Truppe voraus. – Ihm folgte die bunteste Auswahl von Schneidern, Schmieden und Schreinern mit Flinten, Säbeln und Spießen mörderisch ausgerüstet; auch alle von ihren staunenden Kindern begleitet; von denen einige ihre Väter fragend ansahen, andere sich hinter sie schlichen, und forschend in ihre Patrontaschen sahen. Ich war nicht wenig verwundert, als ich im Trommler meinen Laternenputzer Felix erkannte. Wahrscheinlich wollte er mich auf sich aufmerksam machen: denn als er an mir vorüberzog, schlug er so derb auf das Eselsfell, daß es mit einem lauten Knall zerborst. Der anführende Perückenmacher schrie »halt!« und sah forschend um sich, der ganze übrige Zug aber stund da wankend, und in den Gesichtern wie eingepudert; maßen sie den Knall des Eselfells für einen verräterischen Schuß auf sie hielten, und da man eine Kugel, wie sie wohl wußten, oft erst eine Viertelstunde, nachdem sie einen getroffen, in sich fühlt, so vermeinte ein jeder, er hätte die Kugel im Leibe und fing zu wanken an. Zweite Vorstellung Endlich unterbrach der Unterlieutenant, ein Hufschmied, das Entsetzen, er sah die zerborstene Trommel, faßte den Trommler beim Haarzopf, hing sich die Trommel um, und entließ den Jungen mit einem Tritte seines Amts. All dies gab nicht wenig Aufsehen; eine Menge Volks hatte sich in den Zug gedrängt, und das von einem pensionierten Hauptmanne beim Rathause mit vieler Mühe in Ordnung gestellte Korps, kam dadurch ganz aus- in- und umeinander. »Marsch!« brüllte der Lieutenant, vergebens! er wurde nicht gehört, da immer ein Nebenmann den andern mit lautem Schreien suchte. »Ins Teufels Namen marsch!« schrie er noch einmal. » Es ist unmöglich,« antwortete ihm ein Unteroffizier, so ein Schneider war, » den verwirrten Zopf könnt ihr durch kein Schreien zu recht kämmen!« »Die Prostitution ist gar zu groß,« sprach der Lieutenant. »Schneider!« flüsterte er ihm ins Ohr, »ich geb' euch einen Sechsbätzner, wenn ihr den Faden wieder einfädelt.« »Das mag der Teufel,« sprach der Schneider, »der Faden besteht aus lauter Knoten, ich zieh' mich aus der Schlinge!« »Ich auch,« sprach der Lieutenant; da schlich sich einer nach dem andern nach Hause. Dritte Vorstellung Felix hatte, um nicht erkannt zu werden, schnell seinen Rock auf die Sonntagsseite gedreht, und folgte mir ins Wirtshaus nach. Er erzählte mir, wie er als Stadttrommler Dienste genommen, auch zwölf Groschen Handgeld erhalten habe, mit denen er nun schon bis ans Meer reichen werde. Die Harfnerin spielte schon im Wirtszimmer den Gästen vor, auch ein kleines braunes Mädchen war da; das machte gar seltsame Stellungen, legte sich bald in Form eines Rings, bald machte es eine Schlange, bald ein Meerfräulein, bald einen Vogel, auch ging es mit großer Fertigkeit auf den Händen, indem es den Körper gerad' ausstreckte, mit den Füßen aber einen Fischschwanz bildete. In derselben Wirtsstube ließ sich auch ein Mann um das Geld sehen: denn derselbe hatte eine Nase, die er, wie ein Perspektiv, nach Belieben eine Strecke herausziehen, und wieder hineinstecken konnte, auch vermochte er mit derselben einen Knopf zu machen, welches ein lustig Gelächter kausierte. Felix, den ich zu Tische genommen, aß nichts, wie ich im Stillen bemerkte, sondern brachte insgeheim, was ich ihm vorlegte: Suppe, Fleisch, Gemüs und Brot, alles unter dem Tisch in seine Rocktaschen, die mit Leder ausgefüttert waren; mit dem Munde aber tat er immer, als äße er, und lobte den Geschmack der Speisen überaus. Vierte Vorstellung »Welch elendes, dem Staate zur Last fallendes sittenverderbendes Gesindel!« sprach eine ausgebrannte schwarze Figur, so an einer Ecke des Tisches vor einer gebratenen Gans saß, indem sie den für die Harfnerin einsammelnden Knaben mit einem drohenden Blicke zurückwies. Ich erkannte in ihr alsbald den Pfarrer, besonders da ich schon im Hereintreten seine Kutsche, an der sich zwei Schweine abrieben, vor dem Wirtshause stehen sah. »Solch Gesindel,« fuhr er weiter fort, »stellt sich bei Tage blind, bei der Nacht aber hat es nur zu gute Augen.« Der Kerl war mir schon längst zuwider, daher sprach ich nur: »Felix!« indem ich den Pfarrer ansah. Felix verstund mich schon, er räusperte sich, spuckte dem Kerl auf die rotglühende Nase, daß es zischte, schlug seinen Rock eilend auf die Werktagsseite um und war verschwunden. Der Pfarrer sprang vom Stuhle auf und wollte ihm mit seiner Stockbibel nachsetzen, da fuhr der auf den Schwanz getretene Bullenbeißer des Wirts unter dem Tische hervor, und schmiß den Pfarrer zu Boden. Alles sprang zu Hülfe; der Pfarrer war vor Schrecken ganz außer sich; er sprach irre; er behauptete, ein wütender Hund hätte ihm auf die Nase gespuckt, und man solle ihm, ehe er noch das Gift hinaufschnupfe, die Nase augenblicklich abschneiden. Der Mann wurde zu Bette gebracht; ein Jude, so auch bei dem Vorfall anwesend, war sehr geschäftig, den Operateur zu holen. – Ob nun dem Pfarrer die tolle Nase abgeschnitten wurde, oder nicht, weiß ich nicht: denn ich nahm alsbald meinen Bündel, um nach der Stadt Grasburg weiter zu ziehen. Vorerst aber hatte ich im Sinne, den Jahrmarkt mir anzusehen. Fünfte Vorstellung Eine Bude mit Volksbüchern und Volksliedern zog mich bald sehr an. Die Mägde, so von dem nahen Brunnen kamen, hatten sich rings um sie versammelt, und ließen sich von dem Verkäufer die schönen neuen Lieder mit Begleitung eines Hackbretts vorsingen. Den Jäger und den Mühlknecht fand ich auch wieder da. Ersterer suchte sich den Jäger aus der Churpfalz; der Mühlknecht aber kaufte sich das Büchlein, so den Titel führt: Der Müllerehrenkranz. Der Jäger, so ein schöner junger Mann war, küßte eines der Mädchen nach dem andern, und sie nahmen es nicht übel. Der Mühlknecht hätte es wohl auch gerne getan, das sah ich ihm wohl an, er war aber noch gar jung und unkeck, oder war er verliebt: denn er kaufte sich das Lied: »wenn ich ein Vöglein war!« auch rief er ja damals dem Echo zu: »Grüß meinen Schatz viel tausendmal!« Der Jäger aber betrachtete die Mädchen wie Rehe in dem Walde, die alle ihm angehören; deswegen hielt er auch in jedem Arme zwei. An dieser Bude war es auch, wo man schöne Bilder, Herzchen mit Reimen, und gedruckte Liebesbriefe verkaufte, die waren »geschrieben in der Stadt, wo die Lieb' kein Ende hat, und geschrieben in dem Jahr, da die Liebe Feuer war.« Wohl stund manches liebe Kind da, das suchte ein gemaltes Herz, und fand im Stillen ein liebewarmes. Die meisten Mädchen kauften sich die heilige Genovefa. »Das ist doch nach der Bibel,« sprach eines, »das liebste Buch.« »Nein! den gehörnten Siegfried hab' ich doch noch lieber,« sprach eine andere. »Das macht, weil dein Schatz ein Soldat ist,« erwiderte ihr die Nachbarin; da lachten die Mädchen und die Getroffene errötete. »Hat Er sie nun? sind sie jetzt da? her damit!« schrie ganz hastig ein frischer Junge, der sich durch die Menge an die Bude drang. Die Mädchen lachten über ihn. »Fort, ihr Ungeziefer!« schrie er, »dort hängen sie! Gott sei Dank! schnell her!« Es meinte der Junge die Historie von den vier Heimonskindern, die riß er auch alsbald von der Schnur, warf dem Verkäufer ein Geldstück hin, und eilte, ohne sich die kleine Münze herausgeben zu lassen, von dannen. »Weh! o weh!« schrien bald darauf die Mädchen, »welcher Spitzbube hat das getan? Das ist ein Streich!« Sie wollten aus einander, und konnten nicht; ich sah mich um, da waren sie alle bei den Haarzöpfen zusammengebunden; Felix aber stund hinter mir, und hatte seinen Rock bereits wieder auf der Sonntagsseite an, woran ich erkannte, daß er abermals einen Spuk gemacht. Ein Blatt so den Titel führte: »Schöne neue Historie von einem Maler, genannt Andreas, und einer Kaufmannstochter, genannt Anna« zog ich von der Schnur, gab dem Verkäufer einige Münzen dafür, und drängte mich nun durch das Getümmel des Marktes dem Tore zu, das nach der Stadt Grasburg führt. Sechste Vorstellung Der Weg war voll weinseliger Bauern, die von dem Markte nach Hause taumelten. Der erste, welcher mir begegnete, war wahrscheinlich ein Soldat gewesen: denn er sang beständig von der Festung Belgrad. Sein Weib, so ganz ergrimmt neben ihm herging, suchte ihn durch Stöße in die Mitte der Straße zu leiten, wenn er sich dem Chausseegraben näherte. Sie machte ihm bittere Vorwürfe über seine Lebensart, er aber antwortete bloß damit, daß er zwischen ihre Strafreden hinein »Gott grüß dich, Alter, schmeckt das Pfeifchen?« ihr vordeklamierte. Derselbe Bauer versicherte, daß, wenn er Nachts im Rausche wie ein Vieh nach Hause komme, er doch jedesmal noch nach seinen Kindern sehe, ob sie einen leichten Atem haben. Der Bauer taumelte vorüber, drei Schneider kamen des Wegs gegangen, hinter denen ein Junge zufällig eine Herde Böcke hertrieb. Die Schneider sahen sich beim ersten Meckern der Böcke um, blieben stehen, und sahen sich fragend an, ob das ihnen gegolten habe? Die Böcke blieben auch stehen, und sahen sich gleichfalls an. Darüber gerieten die Schneider in ein solches Entsetzen, daß sie über den Chausseegraben auf die Wiese sprangen, worauf die Böcke wieder meckernd weiter zogen. Unter den Schneidern aber entstund bald ein sehr lebhaftes Gespräch, wovon ich vermöge eines Echos im Tale nur soviel vernahm, daß von einer gänzlichen Ausrottung der Böcke, wie einst der Wölfe in England, die Rede war. Alles Verderben, so die Welt durchschleicht, wurde diesen Tieren zugeschrieben. Bockslederne Hosen, behauptete der eine, verursachen kaltes Fieber; der andere versicherte: daß er für gewiß wisse, daß, wenn auf den Gestank einer Bocksherde der letzte Sonnenstrahl falle, der Gestank, in ein Heer von Wanzen verwandelt, weiter fliege. Der dritte aber erzählte, daß er aus einem geschriebenen Blatte, so er einst in der Rocktasche eines Professors gefunden, für gewiß ersehen habe, daß von den Böcken die Pocken ihre Ursprung genommen. Siebente Vorstellung Auf einer steinernen Bank am Wege saß der Mühlknecht, das Haupt auf seinen Bündel gelehnt. Er war vorausgegangen, und erwartete mich hier. Wir wanderten vertraulich die Straße hin. Er erzählte mir, wie er im Sinne gehabt, auf die Wanderschaft zu gehen, weswegen er vor zwei Monaten aus seiner Heimat, einer Mühle in den Hallwäldern, ausgegangen; er sei nun aber wegen des ausgebrochenen Krieges genötigt, wieder zurückzukehren, um mit den Franzosen nach Österreich zu ziehen. Er erzählte mir viel von den Wäldern, Tälern und Bergen seiner Heimat, auch von seiner Geliebten, und da traten ihm Tränen in das Auge. »Es ist in mir,« sprach er, »die gewisse Ahnung, daß ich nicht lange mehr leben werde. Zudem,« sprach er, »ist mein Leben ja doch geendigt, das hab' ich gefühlt, als ich von meiner Heimat ausging, damit war's geschlossen. Fort lief ich, wie der Hingerichtete, der ohne Haupt vom Stuhle aufsteht, und noch vier Schritte unter die Lebendigen vorwärts tut. Über das Grab bin ich hinausgetaumelt, jetzt holt mich der Tod zurück. Und dennoch ist es mir bei all' den Gefühlen, Gott! wie wohl zu Mute! weiß ich doch, daß alles geschlossen ist, daß mein Leben ein gemeines und langweiliges würde, wenn es sich länger hinauszöge.« Derlei Rede bewundert' ich: denn ich fühlte tief ihre Wahrheit im Leben so vieler gegründet. Wie viele, dacht' ich, irren noch umher, nicht fühlend, daß es mit ihrem Leben schon längst aus ist. Die gleichen einem Drama, das gediegen gewesen wäre, wenn es beim vierten Aufzug geendigt hätte, das aber bis zum fünften Aufzug hinausgezogen, langweilig und kalt gescholten wird. Vielleicht hat derlei Menschen der Tod nur abzuholen vergessen, sie sind so lächerlich als zum Ball geschmückte Jungfrauen, die keiner zum Tanze auffordert. Doch wird dies nie einem, den die Natur, der Tod liebt, geschehen. – Fünfte Schattenreihe Erste Vorstellung Durch schöne Gänge von Linden- und Kastanienbäumen führte uns der Weg in die Stadt Grasburg ein. Totenstille herrschte, die nur von dem Gesumse der Bienen um die Blüten der Bäume unterbrochen wurde. Lange, weite Straßen eröffneten sich, sie wurden durch niedliche, gelbgefärbte Häuser gebildet. Am Ende einer so langen Straße schwebte eine weiße Figur vorüber. »Das ist,« sprach der Mühlknecht, »der Perückenmacher der Stadt.« An den Häusern sproßte hohes Gras auf, Schmetterlinge, Goldvögel und Maienkäfer durchflogen die sonnenhellen Straßen, und setzten sich bald auf die Dächer der Häuser, bald auf dies Stadtgras, welches wunderlich anzusehen war. »Wenn wir uns nur eine Stunde Zeit nehmen wollten,« sprach der Mühlknecht, »so könnten wir vielleicht einen der Inwohner dieser Stadt zu Gesichte bekommen. Seht! dort weit an dem letzten Hause bewegt sich schon etwas!« Ich setzte die Brille auf, der Inwohner kam näher. Ich ersah in ihm eine ungemein dicke Maschine, deren mühsames Atemholen rings die Stadtgräser legte, und die fernsten Goldvögel aus ihren Blumenstengeln aufjagte. »Das ist der Bronnenmacher dieser Stadt,« sprach der Mühlknecht. Der Bronnenmacher hielt, frischen Atem zu schöpfen, inne, zog ein Papier aus dem Sacke, worein eine gebratene Gans gewickelt war, biß zur Erholung die zwei Schlegel von ihr ab, und bewegte sich weiter. »Dieser Inwohner,« sprach der Mühlknecht, »der in der Tat ein Mensch ist, pflegt gewöhnlich in seinem Speishause für sieben Freunde ein Mittagessen zu bestellen, kommt aber jedesmal ohne die Freunde, und speist acht Portionen allein auf.« »Seht!« sprach der Mühlknecht, »da kömmt wieder einer!« Da kam ein dürrer, langer, aber ganz steifer Mann mit einer Frisur wie von Porzellan, und einer gar eleganten Kleidung die Straße geradaus geschossen. Ich betrachtete ihn näher. Derselbe Mann hatte den Kopf so aufrecht stehen, daß das Kinn ob den Augen stand; den rechten Arm hatte er auf die Lenden gestützt, und eine Peitsche in derselben Hand; mit dem linken, mehr gebogenen Arme aber, machte er eine Bewegung, wie wenn er an etwas zöge, auch hatte er Stiefel und Sporen an, und sprach während des Gehens immer vor sich hin: »Blaufuchs! fort! fort!« indem er die Peitsche nach hinten bewegte. »Dieser Mann ist,« sprach der Mühlknecht, »ein gar großer Pferdeliebhaber, da er aber durch diese Liebschaft um sein Vermögen kam, und kein Pferd mehr zu halten im Stande ist, so reutet er dennoch, wie er sonst zu tun pflegte, alle Tage ganz im Ernst ohne Pferd durch die Stadt.« Wir stunden noch eine halbe Stunde; es kam kein Mensch, außer daß hie und da am Ende einer so langen Straße ein kleines Figürchen halb im Horizont verloren vorüberschwebte. Zweite Vorstellung Endlich sprang aus dem Hause, bei dem wir stunden, ein Mann heraus; der kam auf mich zugelaufen, wünschte mir tausend Glück zu meiner Ankunft, und ich erkannte in ihm den Chemikus. »Sie müssen mit mir zu Nacht speisen,« sprach er, »ich habe meinen Gegner, den berühmten Chemikus Staudenmeyer, zu Tische gebeten, um ihn gänzlich zu überzeugen, daß die gesauerstoffte Haselnußstaudenfaser ein Surrogat für das Hasenfleisch ist. Sehen Sie mein Haus! Ganz so wie es da vor uns steht, ist es aus lauter Surrogaten erbaut. Kein wahrer Stein, kein wahrer Kalk, kein wahres Holz kam dazu, ja nicht einen Nagel von wahrem Eisen können Sie darinnen finden.« – Ich trat aus der Dachung des Hauses, aus Furcht, von seinem Fall getroffen zu werden. »Sehen Sie die Fenstervorhänge da,« fuhr der Chemikus fort, »das ist keine Seide, wie Sie glauben, die sind aus gebleichten Wespennestern fabriziert. Meine Fensterscheiben, wie meine Gläser, Spiegel und Bouteillen sind nicht von böhmischem Glas, sie sind ein durch gewisse chemische Prozesse noch härter gemachtes hartes Bronnenwasser aus Ludwigsburg. Sie sollen sich wundern!« Ich dankte ihm tausendmal für seine höfliche Einladung. »Sie sollen die delikateste Reissuppe aus Ameiseneiern bei mir kosten,« sprach er, »den herrlichsten Champagner aus luftsaurer Eselsmilch.« Noch einmal sagte ich ihm Dank, und aber Dank, und entzog mich seinen Blicken. – Dritte Vorstellung Ich holte den weiter gegangenen Mühlknecht ein. Wir gingen durch helle, niedlich gebaute Straßen, die meistens nur durch Kinder belebt waren. Besonders fiel mir in der Hinsicht der große leere Marktplatz auf. Derselbe bildete ein großes Viereck, und die Häuser, so ihn umgaben, hatten alle Bogengänge. Unter diesen wimmelte es von spielenden Kindern, Schwalben und Hühnern, deren lautes Geschrei weit umher erschallte. Die zwei evangelischen Kirchen aber aus der neuen Zeit, so zu Seiten des Marktplatzes stunden, kamen mir nicht anders vor, als wie zwei große elegante Tabakspfeifen von Meerschaum, an denen die Türme die Röhre bildeten. So klar und freundlich diese Stadt auch war, und so weit ihre Straßen, und neu ihre Häuser, so wurde es mir doch, je länger ich mich in ihr verweilte, je banger und beklommener, besonders als jetzt die Sonne zu sinken anfing. Laßt uns auf eine Herberge zugehen, sprach ich zum Mühlknecht. Hier ist der goldene Esel, sprach er, laßt uns in den eingehen, es ist die Herberge, auf der ich beim Herwege einige Wochen verweilte. Vierte Vorstellung Obgleich mehrere Menschen sich in der Wirtsstube befanden, so herrschte doch eine ziemliche Stille. An einem Tische saßen sechs Männer; die sprachen alle sehr lebhaft untereinander, doch kein Wort laut. Nur aus hie und da vernehmlich gesprochenen Worten erriet ich, daß von Geistern, dem Teufel und einem Schatze, den sie diese Nacht erheben wollten, die Rede war. – Auf den Bänken herum lag hie und da ein Handwerksbursche auf seinem Bündel eingeschlafen, und schnarchte laut durch das stille Zimmer. Die Schatzgräber hatten ihre Angelegenheiten verhandelt, und schlichen sich leis von dannen. Da sprach der Mühlknecht, während wir ein gutes Abendbrot verzehrten, also: »Es ist merkwürdig, daß in dieser Stadt, die nun kaum hundert Jahre steht, und also ganz unserem Zeitalter angehört, der Glaube an Erhebung von Schätzen, an Erscheinungen des Teufels und abgeschiedener Seelen so fest an den Inwohnern haftet, und daß in ihr so viele Sagen gehen, die man sonst nur in Städten aus einem fernen Zeitalter sucht. Ich spreche freilich nicht von dem gebildeten Publiko, von denen, die den schmeckenden Wurm lesen, nach welchen nie der bestimmte Charakter einer Stadt zu ermessen ist, maßen die Leute in den allerverschiedensten Städten mit gleichem Motto und Stempel, mit gleichem Umschlag und Titel, wie ihr Alltagsblatt, zu finden sind.« Fünfte Vorstellung Ich erstaunte nicht wenig, daß der Mühlknecht sprach, wie ich spreche, auch mein Gesicht fast gänzlich angenommen hatte. Schon wollte ich ihn aufmerksam darauf machen, als er selbst sagte: »ich weiß nicht – ich komme mir vor, wie ihr mir vorkommt.« Wir besahen einander wechselsweise mit und ohne Spiegel, und ich empfand eine große Freude über diese Erscheinung: denn der Mühlknecht schrieb sie der innigen Freundschaft zu, die er zu mir gefaßt. Ich verwunderte mich übrigens nicht mehr so sehr, als mir die Geschichte einfiel, wo einer, der Jahre lang gar oft voll Sehnsucht das blaue Auge seiner Geliebten ansah, nach und nach statt grauer Augen auch schöne himmelblaue erhielt. Auch fiel mir die Beobachtung ein, daß Eheleute, die lange mit einander leben, endlich einander auch ganz im Gesichte ähnlich werden, item alte treue Bediente ihren Herrn. Warum könnte, dacht' ich, durch nur zufällig auf einmal eintreffende Erfordernisse, die sonst nur nach Jahr' und Tagen sich fanden, und die oft nur sich halb berührten, so was nicht plötzlich und komplett entstehen? Auch dacht' ich, die Sehnsucht, die Liebe, der Wille des Menschen ist ja allgewaltig, und hat, nicht bei allen, doch bei wenigen Menschen gänzliche Gewalt über alles Leibliche. Derselbe Wille, Sehnsucht, Liebe, hat den Körper gestaltet, und gab den verschiedenen Teilen die Richtung, wie der Magnet dem Eisenstaube. Dieselbe Sehnsucht, Liebe, wirkt auf das Kind im Leibe der Mutter, und gibt ihm, da seine Sehnsucht noch zu schwach ist, einer mächtigern zu widerstehen, das Gesicht der Mutter, des Vaters, oder eines Bildes, das die Mutter sehnsüchtig anschaut. – Der Mühlknecht aber sprach weiter: »Eine von den Sagen, deren man sich viele in dieser Stadt erzählt, ist folgende:« Sechste Vorstellung Es waren einmal zwei Leute allhier in dieser Stadt, die fanden großes Wohlgefallen an einander, und verbanden sich somit ehelich. Gleich nach der Brautnacht aber hat sich begeben, daß der Mann die ihm einst so lieblich geschienene Frau nicht mehr entfernt leiden konnte, auch immer behauptete, sie habe das abscheulichste Affengesicht. Darüber wurde das Weib gar traurig, wandte auch alle Mittel an, sich dem Manne angenehm zu machen, aber alles blieb vergebens. Nun hat die Hausmagd eines Tags den Strohsack, welcher im Bette der Leute lag, frisch aufgefüllt, da hat sie im Stroh eine Puppe gefunden, die war gar ungestalt und scheußlich anzusehen, die hat sie mit viel Verwunderung den Leuten gebracht. Da hat der Herr gesprochen: so und nicht anders kam mir zeither mein Weib vor, nun aber seh' ich sie wieder liebenswürdig und schön, wie ich sie vormals sah. Und von der Zeit an hat der Mann das Weib wieder ohne Maß geliebt. Die Puppe aber wurde ins Feuer geworfen, und woher sie gekommen, konnte man nie in Erfahrung bringen. – »Derlei Geschichten nun,« sprach der Mühlknecht weiter, »erzählt man sich in Menge in dieser Stadt; auch ist sie voll Pietisten, Separatisten, Schatzgräbern, Goldmachern und Geisterbeschwörern, die in verschlossenen Zimmern in Bäckerhäusern, bei Goldschmieden und in einsamen Herbergen ihr Wesen treiben.« – Es war mir die Stadt gar wohl bekannt, da ich in ihr geboren, und meine Jugend in ihr verlebt; ich hatte aber, was der Mühlknecht jetzt in Worten aussprach, in ihr sonst nur geahnet, wenn ich in stiller Mitternacht auf den weiten Marktplatz herniedersah, oder nächtlich durch die verlassenen Straßen ging, und mir dann unwillkürlich gewisse Ortsbenennungen einfielen, als: »hinter dem alten Schlosse, in dem Hexengäßchen, hinter der Gruft, im Rittersaale.« Siebente Vorstellung Der Mühlknecht war auf seinem Bündel eingeschlafen, ich aber begehrte Licht und ließ mir eine Schlafstätte anweisen. Man führte mich unter das Dach in eine kleine Kammer, darin war nichts zu sehen, als eine große Bettstelle mit hohem gemalten Himmel, ein alter Lehnstuhl und ein Spinnrocken. Der Mond warf über die Dächer her hellen Schein in die Kammer, die ein kleines Fenster hatte. Ich setzte meine Lampe zurecht, legte mich auf mein Lager, und las die Historie so ich bei jener Liederbude erkaufte, und die also lautete: Das Nachspiel der fünften Schattenreihe, oder schöne neue Historie von einem Maler, genannt Andreas, und einer Kaufmannstochter genannt Anna Es war einmal in der Stadt Brenau ein junger Maler, genannt Andreas, der war, wie die meisten Künstler, ein armer Teufel, doch erhielt er sich so gut er konnte, damit, daß er in den reichen Kaufmannshäusern der Stadt die Kinder im Zeichnen und Malen unterrichtete. Nun hat sich begeben, daß ihn eines reichen Kaufmanns Tochter, genannt Anna, sehr lieb gewann, und er auch ihre Liebe gar gerne erwiderte: denn sie war überaus schön und wohlerzogen. Sei es nun, daß die Eltern der Anna den Gegenstand der Liebe ihrer Tochter errieten, oder sonst dem Jünglinge nicht gut waren, es wurde ihm eines Tags angekündigt: daß die Anna seines Unterrichts nicht mehr bedürfe. Darob empfand Andreas, wie auch die Anna, gar großen Schmerz. Dadurch aber wurde das Band nur fester geknüpft; sie veranstalteten geheime Zusammenkünfte auf denen Bergen und in den Wäldern, so dem Landgute des Kaufmanns nahe; auch kamen sie nächtlich oft auf einem alten Schiffe, das verlassen und unbrauchbar am Ufer stund, und dem Kaufmann angehörte, zusammen. Ohnweit dem Landgute des Kaufmanns aber, bei einer Waldkapelle, legte Andreas öfters ein Brieflein nieder, wenn er einige Tage hindurch nicht die Gelegenheit gefunden hatte, seine liebe Anna zu sprechen. Andreas an die Anna 1. Liebes Mädchen! sahst du nicht wie gestern Ich auf hohem Berge lang gelegen, Blickend auf das weiße Kreuz im Tale, Das die Flügel deines Fensters bilden? Glaubt' ich schon, du kämst durch's Tal gewandelt, Sprang ich auf, da war's ein weißes Blümlein Das sich täuschend mir vors Auge stellte. Lange harrt' ich, aber endlich breiten Auseinander sich des Fensters Flügel, Und an seinem weißen Kreuze steh'st du, Berg und Tal ein stiller Friedensengel. Vöglein ziehen nah' an dir vorüber, Täublein sitzen auf dem nahen Dache, Kommt der Mond, und kommen alle Sterne, Blicken all' dir keck ins blaue Auge. Steh' ich einsam, einsam in der Ferne, Habe keine Flügel hinzufliegen, Habe keine Strahlen hinzusenden, Steh' ich einsam, einsam in der Ferne! Gehst du, sprech' ich mit verhaltnen Tränen: Ruhet süß, ihr lieben, lieben Augen! Ruhet süß, ihr weißen, weißen Lilgen! Ruhet süß, ihr lieben, lieben Hände! Sprachen's nach die Sterne an dem Himmel, Sprachen's nach die Blumen in dem Tale. Weh! o weh! du hast es nicht vernommen! 2. Sage mir, mein liebes Mädchen! Was bedeutet dieser Traum? Steht vorm Fenster meiner Zelle Halbverblüht ein Rosmarin. Träumte mir: es sei aus ihm heut Schnell ein Rosenstock gesprossen, Voll der düftereichsten Rosen, Hätt' sich auch ein Lorbeer grünend Um den Rosenstock gewunden.         »Rosmarin ist Wehmut, Trennung,         Rosen deuten Lieb' und Freude,         Lorbeer deutet Ruhm und Sieg.« Darum fülle, blaues Auge! Dich fortan nicht mehr mit Tränen, Laß allein mein dunkles Auge Still umwölkt in Tränen steh'n. Darum blicke, blaues Auge! Nimmer trübe an den Himmel, Sieh! sonst blickt er wieder trüb. Und wohin kann ich noch schauen, Als gen Himmel, wenn ich nimmer In dein Auge schauen kann? 3. Blick' aus deinem Fenster, Liebe! Schaue über die blauen Berge: Denn dort will ich an den Himmel Dir ein licht' Gemälde malen. Steigen aus der Näh' und Ferne Hohe Berge an den Himmel, Stürzen helle, kühle Quellen In ein blumigt, grünes Tal. Stützt der Wanderer im Tale Auf den Stab sich, einzuatmen Jugend, Freiheit, Liebe, Kraft. Steht gelehnt an einen Felsen, Unter Laub und Rebenblüte Dort ein kleines Haus verborgen, Steh' ich vor dem kleinen Haus. Kommt vom Bache, Kräuter tragend, Dort ein liebes, junges Wesen, Bist du es – die Meine längst. Ist kein Lauscher mehr zur fürchten, Drück' ich dich, du süßes Wesen! An ein treues Herz voll Liebe, Offen vor des Himmels Aug'. Aber weh! o wehe Mädchen! Siehst du dort nicht jenen Raben? Ächzend fliegt er durch den Himmel, Und verlöscht mit schwarzem Fittig Mein Gemälde, weh! o weh! Dieser geheime Umgang der Liebenden aber konnte den Eltern der Anna nicht lange verborgen bleiben. Der Vater brachte es durch Ränke bald dahin, daß Andreas genötigt war, sein Glück in einem fremden Lande zu versuchen, auch tat er einen Schwur, nie diese Liebe zu billigen. Der Tag der Trennung war gekommen, es umarmten sich die Liebenden zum letztenmale mit vielen Tränen, und gab da jedes dem andern ein schwarzes Band, das es als Wahrzeichen seiner Liebe auf dem Herzen tragen solle. –   Andreas schiffte mit bangem Mute dahin. Die Berge und Täler seiner Liebe verschwanden bald seinen Blicken, und keine Düfte heimatlicher Blumen wehten ihm mehr zu; da fiel er weinend auf dem Verdecke nieder, und schlief ermattet ein. Des andern Tages aber gab er einem vertrauten Schiffer, der in seine Heimat zurückkehrte, folgende Zeilen an seine Anna mit: Bin ich wie ein Kind, das seine Mutter Erst verloren, weinend in der Nacht steht; Sieh! so bin ich seit ich fern gezogen. Stund im Traum ich heut' auf unsrem Berge, Blick' ich in das tiefe Tal hernieder, Such' dein Haus ich, aber find' es nimmer. Seh' ich eine einsame Kapelle, Auf der Stelle, wo's gestanden, stehen, Tret' ich in die heilige Kapelle. Hallet lange jeder meiner Tritte Im verlassenen Gewölbe wieder; Blicken ernst und fragend mich die heil'gen Bilder an von den geweihten Wänden. Tret' ich vor den Hochaltar, zu beten, Knieest du in einem weißen Kleide Bleich auf schwarzem Teppich vorm Altare, Lilien und Tulpen um dich her. Steht der Rosenstock zu deinen Füßen, Blütenreich vom Lorbeer schön umwunden, – Kehr' ich nie aus der Kapelle wieder. Die Anna war nicht minder in Trauern versunken; wie leer stunden ihr jetzt die Berge voll Blumen und Kräutern, wo ihr geliebter Andreas nicht mehr von ihnen auf sie niedersah. Oft ging sie in den Garten, und sah da die Blumen an, und spielte mit ihnen; doch bald traten ihr dann die Tränen in die Augen, und rings verschwanden ihr die Blumen. Das schwarze Band hatte sie fest auf dem Herzen liegen, und drückte es ihr fast das Herze ab. Oft setzte sie sich in die Blumen nieder, und sang: Schwarzes Band, o du mein Leben! Ruh' auf meinem Herzen warm; Liebe hat dich mir gegeben, Ohne dich, wie wär' ich arm! Fragt man mich, warum ich trage Dieses schwarze schlechte Band, Kann ich's nicht vor Weinen sagen: Denn es kommt von Liebeshand. So ich sollte ruhig schlafen In dem Bettlein, kann's nicht sein; Habe stets mit dir zu schaffen, Schwarzes Band! du liebe Pein! So ich sollte zu mir nehmen Etwas Speise oder Trank, Kann ich nicht vor lauter Grämen Sagen Dank: denn ich bin krank. Krank sein, es nicht dürfen klagen, Ist wohl eine schwere Pein; Lieben, es nicht dürfen sagen, Muß ein hartes Lieben sein! Andreas war nun im fremden Lande angekommen. Ach! wie zog es ihn nach den Bergen seiner Heimat zurück! Fremd ging er unter den fremden Menschen umher. Kalt blieb er allen, und kalt blieben ihm alle: denn er dachte ja nur an seine liebe Anna. Kein Gewühl war so groß, nichts ihm so neu, daß er dadurch nur einen Augenblick die Töne und Bilder aus seiner Heimat hätte vergessen können. Fest trug er das schwarze Band auf sein Herz gedrückt, es machte ihm so bange, und doch trennte er sich nie von ihm.   Die Anna hatte indes jene Zeilen durch den Schiffer erhalten, und sich des Traumes hoch erfreut: denn der Tod war ihr einziger Wunsch, und sie beklagte nur, nicht an der Seite ihres Andreas begraben zu werden. Der Herbst war jetzt gekommen, die Blumen erstarben auf Berg und im Tal. Sie hatte ihr Band noch fester auf das Herz gedrückt, und stund bleich und abgehärmt im Garten unter den welkenden Blumen da. Aber als nun voll alle Blumen verschwunden, ihre einzigen Gespielinnen, die Zeugen ihrer Liebe – da brach ihr Herz. In der Waldkapelle verschied sie vor dem Hochaltare im Gebet.   Zu derselben Zeit ging Andreas am Ufer hin und blickte ins Land seiner Heimat hinüber. Grenzenlose Sehnsucht faßte ihn. Es war ganz in ihm das Gefühl aufgegangen, daß er heute noch Botschaft von seiner Anna erhalten werde. Es bewegte sich am Horizont etwas, das er für ein Schiff hielt, es kam näher, da war es ein Rabe, der flog in das Land hinein. Er weilte bis zur Nacht, dann ging er nach Hause. Er trat in sein Zimmer ein, er setzte sich weinend nieder da berührte ihn eine kalte Hand. – Sein Herz brach; er fühlte, daß die Stunde seines Todes gekommen, und beklagte nur, nicht an der Seite seiner Anna begraben zu werden. Er ging ruhig im Zimmer hin und her, machte alles wie zu einer Abreise bereit, bestellte einen Mann, der seine schwarze Truche des andern Morgens zu Schiffe führen sollte, und gab vor, er werde diese Nacht abreisen. Als dies alles bestellt, machte er an den Vater der Anna eine Aufschrift auf die Truche, bekleidete sich mit Sterbekleidern, und legte sich in die schwarze Truche nieder, worauf der Deckel über ihm zusammenschlug, und er noch in dieser Nacht seinen Geist aufgab. Des andern Morgens kam der bestellte Mann, versiegelte die Truche, und führte sie zu Schiffe. Der Wind wehte günstig, das Schiff segelte schnell mit seiner Leiche der Heimat zu. Die schwarze Truche kam an, der Kaufmann hoffte in ihr längst erwartete Güter; schnell riß er sie auf – Meine Lampe erlosch. Sechste Schattenreihe Erste Vorstellung Der Mühlknecht war des Morgens nicht mehr zu finden; wahrscheinlich war er noch in der Nacht weiter gewandert. Er hatte außen an meiner Türe mit Kreide geschrieben: »Es stehen zwei Stern' am Himmel, Die leuchten wie das rote Gold: Der eine zu meinem Liebchen, Der andre durch das finstre Holz.« Ich machte meinen Bündel zusammen, und zog von dannen. Es war noch früh am Tage. Die Städter lagen noch all' in ihren Betten: denn es waren die Läden der Fenster rings an ihren Häusern verschlossen. Die Hähne aber waren schon wach, und riefen einander aus den entferntesten Höfen zu; auch hörte ich den Schlag einer Wachtel. Ich watete geflissentlich recht in dem betauten Stadtgras: denn meine Schuhe waren noch von gestern sehr bestäubt, und wurden jetzt wieder ganz neu und schwarz, worüber ich eine gar innige Freude empfand: denn ich erkannte, daß dieses Stadtgras absichtlich der Reinlichkeit wegen erhalten wird, und eigentlich eine Reihe blühender Schuhbürsten darstellt. Das Stadtpflaster aber war, so zu sagen, ein Blasenpflaster: denn es war gar scharf, und jämmerlich bestellt. – Die vielen Bäume dufteten gar herrlich durch die Stadt, und waren recht wach; durchkreuzten auch schon die Schwalben und Sperlinge pfeifend die Straßen, und nisteten unter den Dächern und Bogengängen der Häuser. An dem Tore hielt ein Bürger Wache; der war wohl tief in Gedanken über die teure Zeit versunken, oder schlief er; er war an das Schilderhaus gelehnt, hatte die Augen fest verschlossen, über dem Mund aber lief ihm eine vom Baum gefallene Weidenraupe. Zweite Vorstellung Vor dem Tore begegnete mir ein junger Geistlicher, Kapuzinerbruder von dem St. Rosenberg; er hatte in der Stadt vikariert, und so gingen wir gleichen Weg in dem Tale hin. Jede Jahreszeit, sprach der Geistliche, hat doch ihren eigenen, bestimmten Geruch, der nicht von denen in ihr gerad' blühenden Blumen herrührt, sondern wohl ein eigener, aus der Sonne strömender spiritus rector oder Lichtgeist ist, gleichwie jede Jahreszeit ihre eigene Farbe, ja ihren eigenen Ton hat. Ich habe dies in den verschiedensten Gegenden, in denen ich mich schon aufhielt, bemerkt, und werde ich durch nichts an die nämliche vergangene Jahreszeit so erinnert, als durch diesen bestimmten Geruch. Jetzt stieg eine Lerche vor uns singend zum Himmel auf. Sie stieg so lange, als noch Töne aus ihr strömten. Es ist, sprach der Geistliche, als würde die Lerche von den aus ihr strömenden Tönen emporgerissen, und ich nenne diesen Vogel gerne – ein tönendes, romantisches Licht. Hier ritt der Pfarrer mit der Stockbibel an uns vorüber, er hatte einen Rock von Wachstaffet an, saß auf einem Rappen von lebendigem Leder, und hatte einen grünen Sonnenschirm über sein Haupt gebreitet; auf der Nase aber hatte er ein großes rotes Pflaster liegen, das ihm das Ansehen eines welschen Hahns gab. Er warf einen verächtlichen Blick auf den Mönch, während sein Gaul hintenausschlug. Ich blickte den Mönch mit einem Gesichte an, das ihn fragte: ob ich den Kerl recht durchprügeln soll? er aber sprach: »betrachten wir hier einzig die lebendige Natur! Mit ihr hab' ich mich von Jugend auf beschäftigt, und ihr immer treu bleiben zu können, erwählte ich den Stand eines Mönchs. Ich entsagte allem; sie nur bleibt meine Geliebte. Der Garten, den ihr auf unserem Klosterberge finden werdet, ist von mir angelegt; ich warte der Blumen, der Bäume, ich male die Bilder für die Kirche, ich schlage die Orgel, ich besorge die Apotheke des Klosters. Bemerket diesen freistehenden hohen Lindenbaum; der steht vor dem Klostertore, und sieht weit in das Land hinein.« Dritte Vorstellung Wir gingen jetzt durch einen dichten Eichenwald; alles war in ihm voll Gesang und Widerhall. Die Vögel waren recht wie ungezogene Kinder, und hatten sich wohl in den vollen Weinbergen zu viel ergötzt. Sie pfiffen und flogen unter einander, hüpften von Zweig zu Zweig, und verfolgten sich bald beißend, bald schnäbelnd, kurz, waren ganz poetisch toll. Da kam mich, wie den Totengräber, doch auch recht innig die Lust an, ein Vogel zu sein! »Gott!« sprach ich, »wie muß es diesen Geschöpfen so leicht sein! Luft, Sonnen- und Blumenduft strömen durch ihren ganzen Körper, ihr Atem fließt durch ihre Federn, ihr Lied trägt ihren Leib.« Als ich so sprach, sahen wir in der Tiefe des Waldes einen langen, hagern Mann sitzen, derselbe hatte ein Blatt Papier in der Hand und ein Vogelpfeifchen, ans Ohr aber hatte er ein Höhrrohr gelegt. »Dies ist der Kantor vom benachbarten Dorfe,« sprach der Geistliche; »er beschäftigt sich schon seit dreißig Jahren, die Gesänge aller Vögel genau auf Noten zu setzen, um sie nach dem Umfange ihrer Töne zu klassifizieren.« »Ich wünsche ihm Glück und Geduld,« sprach ich. »Hat er die,« versetzte der Geistliche, »so kann er auch eine Klassifikation der Blumen nach den Gerüchen versuchen. Übrigens möcht' ich doch wissen,« sprach er weiter, »welcher Vogel ein rein lyrischer, welcher ein rein epischer, welcher ein rein elegischer Sänger ist, es lautet doch nicht ein jeder Vogelgesang wie ein Lied.« Vierte Vorstellung Ich klopfte ihm lächelnd auf die Achseln; aber es war ihm Ernst, denn er fuhr alsbald fort: »auch möcht' ich dann eine Vergleichung der Blumen und Vögel untereinander von diesem Kantor angestellt wissen; wenigstens haben Vögel, die singen, und Blumen, die duften, immer einige Ähnlichkeit mit einander, nicht nur in Gesang und Duft, sondern auch in der Farbe, sie sind beide mehr farblos. Die ersten Singvögel haben zugleich die allereinfachsten Farben, als da sind: die Lerche, die Nachtigall, der Star, die Amsel, der Kanarienvogel, u.s.w. Die buntesten Vögel sind immer keine Singvögel, der Pfau, der Papagei, der Kolibri. Fleischfressende Vögel gehören so wenig als Bastarde hieher, erstere verdienen nicht mehr den Namen von Vögeln. Die Wasservögel sind zwar auch oft sehr einfach gezeichnet, oft farblos, und haben keinen Gesang; aber auch sie kann man wieder nicht unter die reinen Vögel rechnen, wiewohl der Schwan und selbst die Gans eine Ausnahme zu Gunsten meiner Vergleichung machen würden. Die duftvollsten Blumen sind immer solche, die am wenigsten Farbe haben, als da sind: die Nachtviole, Lilge, Nelke, und zwar duften die einfarbigen Nelken immer mehr, als die bunten, die Tuberosen, die Rosen, die Hyazinthen, wo die bunten wieder weniger, als die einfarbigen duften. Aber auch hier wären die Bastarde der Blumen, wie die der Vögel, bei einer Vergleichung genau zu sichten. Wie viele Ähnlichkeit hat nicht eine Nachtviole mit einer Nachtigall! Jene ist unter den Blumen die duftreichste, diese unter den Vögeln die tonreichste; jene duftet, diese singt nur bei Nacht; beide haben gänzlichen /Mangel an Farbe.« Fünfte Vorstellung Indes der Mönch so sprach, trafen wir im Dunkel des Waldes auf eine Gesellschaft Zigeuner. Die Männer richteten Metalle, Kräuter und Wurzeln zu Tränken und Tinkturen am Feuer zu, die Weiber aber sonnten ihre braunen Kinder im Waldgras. Jenes kleine braune Mädchen, das am Markttage in jener Wirtsstube seine Kunst zeigte, erblickt' ich da wieder. Es saß, sich auf und niederschaukelnd, frei auf dem Zweige einer alten Eiche, und hatte sich mit Waldblumen und Laubwerk umhängt. Die Leute grüßten uns freundlich. Das Mädchen sang: »Vogel gestern, Blume heut', Schlange morgen – Traut nicht, Leut'!« »Die wirksamsten unserer Arzneimittel«, sprach der Mönch, »verdanken wir den Zigeunern.« »Viele heilsame Pflanzen haben sie aus fremden Ländern mitgebracht, und in unsern Wäldern angesäet. Das Bilsenkraut, dieses edle Kraut, ist, seit man dieses Volk auszurotten sich bestrebt, in manchen Gegenden, die es einst im Überfluß besaßen, nicht mehr zu finden.« »Bemerkt diesen Stein hier,« sprach der Geistliche, »er hat die Gestalt eines Sitzes und wird Nonnensessel genannt. Im Dunkel dieses Waldes stund dereinst ein Frauenkloster. Tief innen findet ihr noch ein steinern Kreuz und einen Schöpfbronnen. Von demselben Bronnen hat sich im Gesang der Landleute folgende Sage erhalten: In Waldesdunkel steht ein Bronn Beim Kloster der weißen Frauen, Der Bronn viel hundert Klafter tief In Felsen gut gehauen. Saß auf den Baum Waldvögelein, Sank auf den Berg die Sonne, Hört an, o hört an! was sich begab Da bei demselben Bronnen. Graf Asper von der Heerfahrt kam, Wollt' kühlen Trunk sich langen, Er trieb wohl um das eiserne Rad, Die Ketten hell erklangen. Bum! bum! herauf der Eimer flog, Dumpf tönt' es in dem Grunde, Kein kühles Wasser in ihm war, Ein Zwerglein darin stunde. »Steig' ein, steig' ein, du Recke kühn! Dein begehrt mein Herr zur Stunde!« Graf Asper kehrt' nicht mehr zur Burg, – Dumpf tönt' es in dem Grunde. Flog von dem Baum Waldvögelein, Stieg über den Berg die Sonne, Hört an, o hört an! was sich begab Da bei demselben Bronnen. Eine Klostersjungfrau trat heraus, Wollt' kühlen Trunk sich langen, Sie trieb wohl um das eiserne Rad, Die Ketten hell erklangen. Bum! bum! herauf der Eimer flog, Dumpf tönt' es in dem Grunde, Kein kühles Wasser in ihm war, Graf Aspers Geripp' drinn stunde. »Weinen möcht' ich,« sprach der Mönch weiter, »wenn ich so überdenke, wie vieles Herrliche die neuere Zeit unwiederbringlich zerstörte, hätt' ich nicht der Natur in ihrer Stille aufgehorcht, in ihrem Wachstum ihren Gang betrachtet, und gefunden: wie eine Wiederkehr des alten Glaubens allmählig in ihr sich heranbewegt. Gleichwie in jeder einzelnen keimenden Blume die Züge des ganzen kommenden Frühlings liegen, so liegen im Kinde die Züge eines künftigen Geschlechtes. Betrachtet eine solche unverdorbene Pflanze genau, ihr werdet finden, daß sich ihre Züge seit Jahren, einem falschen, aufklärenden Streben zum Nachteil, dem Glauben, der Liebe und Treue aber zur Förderung, immer mehr und mehr ändern. O laßt nur getrost die Menschen walten, bauen, und umgestalten wie sie nur wollen! Sie prägen ihren Geist und Willen, ihr Dafürhalten dieser Erde nicht ein, so wenig als den Sonnenschein der ernsten Mitternacht, so wenig als sie verhindern können, daß der Frühling, der unter dem Schnee reift, endlich hervorbreche; erscheinen wird der Geist, der schon längst still in der ganzen Natur herankeimt, – der Geist des alten Glaubens.« – Sechste Vorstellung Das Kreuz von der Kapelle des Klosters blickte freundlich ins Tal her, und wir bestiegen rüstig den Berg. Je höher wir kamen, je freier schlug mein Herz, je herrlicher lag die Welt vor uns ausgebreitet. – »Seht nicht mehr hinter euch,« sprach der Geistliche, »bis wir oben angekommen.« Es war mir schwer ihm zu folgen, immer trieb es mich an, umzuschauen: denn es war mir, wie wenn ich im Umschauen einem lieben Mädchen ins himmelblaue Auge blicken könnte. Nun waren wir oben. »Jetzt blickt um euch,« sprach der Geistliche. Da lag die Welt, vom weiten Himmel umarmt, vor meinen Augen. Unter mir sangen die Vögel, auf zu mir dufteten die Blumen, und aus spiegelhellen Seen und Flüssen schien die Sonne empor. Ungewöhnliche Munterkeit ergriff mich, und wild, wie ein Knabe, tanzte ich über die Gräber des Klosterkirchhofes. Der Mönch führte mich durch lange Gänge voll heiligen Bildern in seine Zelle; die war ein kleines Stübchen, aus dem man in ein weites Tal voll Dörfer und weidender Herden sah. An den Wänden herum hingen unter Gläsern schöne Sammlungen von Schmetterlingen und andern Insekten; die Fenster aber waren rings mit den lieblichsten Blumen umpflanzt. Der Mönch brachte mir reichlich Erfrischungen, und entfernte sich. Sanft säuselte jetzt der Wind durch die Blumen, so vor dem Fenster stunden, und füllte mit süßen Düften die Zelle; lauter und immer lauter aber, wie der Zug des Windes stieg, erklangen die Töne einer Äolsharfe, die, wie ich jetzt erst bemerkte, vor einem Nebenfenster zwischen Blumen stund. So war es, als strömten die Blumen tönende Düfte aus, und sängen einander in Wechselchören zu. Siebente Vorstellung Ich ging durch die Gänge des Klosters, an den Zellen der andern Mönche vorüber in die Kapelle. Der junge Geistliche kniete am Altar im Gebet, auch knieten noch viele Betende still in den Gewölben umher. Die Orgel der Kapelle war anzusehen gleich einem großen wunderbaren Kristall, der silbern mit tausend Abstufungen und Verzweigungen an das himmelblaue Gewölbe aufschoß. Ein süßer Rosenduft wehte durch die Fenster der Kapelle, und sangen die Vögel da draußen auf grünen Zweigen unter Rosen ihr Lied. Ein großer Rosenstock umfing mit üppigen Zweigen die Kapelle, er hatte unter dem Altare Wurzeln gefaßt, und die Stiftungstafel dieses Klosters, die nächst dem Hochaltare der Kapelle hing, sagt von ihm also. Bei Wintersfrost in Kluft und Wald Sich Kaiser Karl verloren; Die Diener treu, die liegen bald Rings um den Herrn erfroren. Er niederkniet auf kalten Stein, Legt ab die güldnen Ketten; Legt ab den Purpurmantel sein, Und tät demütig beten. Ach weh! ach weh! der Rosenkranz Der starren Hand entsinket, Doch wie er sinkt, wie Sonnenglanz Er auf der Erde blinket. Ein Rosenstock schnell aus ihm sproß, Tät über Eichen steigen, Ein süßes Duften sich ergoß Aus seinen Blüten und Zweigen. Auch rings, so weit sein Duft gereicht, Die Bäume grünend standen, Die Vögel sich mit Singen leicht Wohl durch die Lüfte schwangen. Die Sonne auch durch Kluft und Wald Mit mildem Glanz geschienen, Die Knappen treu erstehen all' Den Herren zu bedienen. Und wo den Rosenstock man schaut, Auf der geweihten Stelle, Zur Andacht ward gar wohl erbaut Eine heilige Kapelle. Ein Rosenkranz umfängt sie bald, Untern Altar die Wurzeln dringen. Da innen Chor und Orgel schallt, Da draußen die Vögel singen. Achte Vorstellung Dunkle Kreuzgänge, die alle mit Grabsteinen belegt waren, und in denen hie und da ein geweihtes Licht brannte, gingen von der Kapelle aus. Auf den Steinen waren die Verstorbenen, wie sie da unten in den Särgen lagen, in Lebensgröße ausgehauen, Ritter, Mönche, Kinder und Frauen in ihrer altdeutschen Tracht. Sie hatten alle ihre Hände fromm gefaltet, oder waren sie auch kniend abgebildet. Andere Steine aber waren schon tief in die Erde gesunken und mit Moos bewachsen. Die Töne der Orgel und des Chors aus der Kapelle wälzten sich dumpf durch die hohen Gewölbe fort, sie erloschen nach und nach, und schauerliche Stille herrschte. Die Kreuzgänge führten in einem Zirkel herum, und in diesem Zirkel war der Garten des Klosters. Von ihm aus fiel durch hohe gemalte Fensterscheiben sparsames Licht in die Kreuzgänge. Ein hoher Schwibbogen, mit vielem Laubwerk, Blumen und Zweigen, gleich einem steinern Gewächs, führte in ihn, und da er rings mit Klostersgebäuden umgeben war, so konnte man in ihm nirgends hinblicken als gen Himmel, oder auf die Blumen in ihm. Rosen, Lilien, Tulpen und Narzissen erblühten im buntesten Gemisch in diesem Garten. In seiner Mitte stund ein hohes Kreuz mit einem sterbenden Jesubild, an dessen Fuß eine bleiche Lilge gleich einer traurenden Muttergottes stund. Der junge Geistliche war zu mir in den Garten getreten. Er sprach viel über das Wesen der Blumen und die Behandlungsart jeder einzelnen Pflanze. »Eine jede Pflanze,« sprach er, »kann, wenn sie beinahe schon am Verwelken ist, durch eine bestimmte andere, so man neben sie pflanzt, wieder erfrischt werden. Ein welkender Rosenstrauch wird durch neben ihn gepflanzten Lauch wieder ins Leben gebracht. So sucht jede Pflanze eine ihr freundliche, ihr Tod ist Trennung von ihr oder Niefinden derselben. Mehrere unserer inländischen Pflanzen fänden vielleicht in diesem Weltteile gar nicht ihre freundliche Pflanze; vielleicht blüht diese im gelobten Lande oder im Grunde der See. Wo steht der ewig blühende Garten, wo jede Pflanze ihre freundliche fand, wo sie all' nach ihrer Liebe aneinandergereiht und geordnet sind??« Ein dunkler Gang führte aus dem Garten wieder hinaus; und unten in einem tiefen Tale lagen Hütten und Felder, gingen Mädchen singend am Ufer eines Flusses, und sahen aus einem zarten Schleier, gewoben vom Dampfe der Blüten und Kräuter, zu uns empor. Neunte Vorstellung Als ich so stund und ins Tal hinabsah, sah' ich am Fuße des Berges einen Postwagen vorüberfahren. Ich war bald entschlossen, meine Reise mit ihm fortzusetzen. Ich eilte, meinen Reisebündel zu holen, in die Zelle des Geistlichen, verabschiedete mich von ihm, und erreichte den Wagen noch unweit des Berges. Der Wagen ging gar langsam, auch war hinten ein hinkendes Pferd angeknüpft, das an ihm rückwärts zog. Ich erkannte in diesem Pferde den ledernen Rappen des bewußten Pfarrers, als ich den Pfarrer selbst in dem Wagen erblickte. Der Pfarrer hatte das Kinn mit seiner Stockbibel unterstützt, und saß neben einer Maschine, die ich alsbald für den Bronnenmacher von Grasburg erkannte. Noch saß in dem Wagen ein lustiger Koch, den ein fremder Graf in Dienste genommen, und der nun an den Ort seiner Bestimmung reiste. Der Tag war recht heiß gewesen, der Postwagen kam in einem langsamen Zuge von Grasburg hergeschlichen, und der Bronnenmacher, wie der Pfarrer, klagten gar lamentabel über Durst und Hunger. Der Koch hing von Zeit zu Zeit, wegen des Mücken- und Sonnenstiches, wie er vorgab, ein Tuch über sein Gesicht, ich bemerkte aber gar wohl, wie er da jedesmal eine Hühner- oder Fasanenkeule unter dem Tuche zum Munde brachte, deren Geruch dem Pfarrer und dem Bronnenmacher gar ärgerlich in die Nase stach. Dies bemerkte der Koch wohl, war aber ein lustiger Kerl, weswegen er auch also sprach: »eine Krebssuppe wäre jetzt nicht übel!« – »Hm!« – schmunzelte der Bronnenmacher. »Ja! wenn ich jetzt eine Tafel zu besorgen hätte, so würde ich gewiß mit einer Krebssuppe den Anfang machen, und die müßte dann eine solche saft- und kraftvolle Brühe haben, daß die Krebse, von ihr gestärkt, wieder lebendig würden, und vor Entzücken mit den Schwänzen wedelten, auch allerlei humoristische Stellungen machten, welches gewiß wunderlich anzusehen wäre. Auf diese Krebssuppe müßte dann notwendig Rindfleisch mit Sardellensauce folgen.« – »Hm!« – schmunzelte der Pfarrer. – »O! das ist vortrefflich! meine Herren! greifen Sie nur keck zu, hier ist auch eine Zitrone zum Ausdrücken darauf!« Der Bronnenmacher und der Pfarrer streckten die dürren Zungen bei diesen Worten heraus, und ließen sie so hängen. »Aber hier diese Fleischpastete!« »Hum!« – machte der Bronnenmacher, indem er sich auf die Zunge biß. »Herr Pfarrer! nehmen Sie den Deckel keck herab!« – Der Pfarrer lächelte konvulsivisch. »Da sehen Sie in der gewürzreichsten Sauce zwei wohl appretierte Hähne, die krähen vor Entzücken, daß sie so wohl schmecken, und schlagen mit den Flügeln an den Magen, der mit gebratenen Kastanien gefüllt ist.« – Der Bronnenmacher strich sich mit der Hand über den Bauch. – »Ich muß selbst gestehen,« sprach der Koch weiter, »sie schmecken auch ganz vortrefflich! Greifen Sie doch zu. Hier dies Pfaffenschnitzchen, das muß ganz exzellent sein, so appetitlich weiß, mit einem braunen Rande, wie Butter. Mein! drücken Sie doch einige Tropfen von dieser saftigen Zitrone darauf!« – »Nun kann ich's nicht mehr aushalten,« schrie der Pfarrer, und biß dem Bronnenmacher in die fette Backe. Der Bronnenmacher tat einen lamentablen Schrei. »Ruhig,« sprach der Koch, »sonst werft ihr diese Schüssel mit Kraut um; hu! das geht noch über alles! Mit den gewürzreichsten Nürnberger Bratwürsten ist es garniert. Jetzt stech' ich mit der Gabel in eine derselben, und die duftreichste Brühe sprützt wie ein Springbronnen hintennach, und dann ein Glas alten Steinwein darauf, der Teufel!« – »Meuchelmörder!« sprach der Pfarrer, und bog das matte Haupt. Zehnte Vorstellung »Ach!« sprach ich, »der arme Mann, der erst vor ein paar Tagen von einem wütenden Hunde gebissen wurde!« »Wie?« schrie der Bronnenmacher, »von einem wütenden Hunde?« »Ja!« seufzte der Pfarrer, »es hat aber wohl nichts zu bedeuten, die Sache ist noch im Zweifel, und hat der Chirurgus indes mir die Nase mit einem Blasenpflaster belegt.« »So!« sprach der Bronnenmacher, »darum habt ihr mich gebissen! O ich unglückseliger Mann! so werden alle die schrecklichen Träume noch wahr! Wißt! Nacht für Nacht träumt es mir schon ein halb Jahr, ich seie ein Hund, und nage vor einem Wirtshause die herausgeworfenen Knochen ab, worauf ich stets mit dem schrecklichsten Hunger erwache. Dies deutet auf nichts anders als auf Hundswut.« »Das glaub' ich auch,« sprach der Koch leis zum Bronnenmacher, »der Herr Pfarrer kommen mir überhaupt schon längst nicht ganz richtig vor, die Augen – – – ich weiß nicht – – –« »Schweigt!« sprach der Bronnenmacher leis zu ihm, »ich bin so immer mit derlei Melancholien behaftet.« Der Pfarrer schneutzte sich, der Bronnenmacher fuhr zusammen, vermeinend der Pfarrer habe gebellt. Der Pfarrer erschrak ob dem Hinwegfahren des Bronnenmachers, und sprach: »wie? seht ihr mir etwas an! um Gotteswillen! sprecht!« – Der Bronnenmacher konnte kein Wort hervorbringen, er bewegte sich konvulsivisch und fing zu bellen an. Der Pfarrer geriet ganz außer sich vor Schrecken, er wollte aus dem Wagen; zum Glücke fuhren wir gerade in das Städtchen Hundsschnauzen ein; da hielt der Postwagen vor dem Wirtshause zum grünen Rezensenten, um den Pferden trockenes Brot zu geben. – Eilfte Vorstellung Der Pfarrer und der Bronnenmacher schlichen sich ganz stille in eins der obern Zimmer und bestellten zwei Schinken und mehrere Bouteillen Wein. Der Koch aber war boshaft genug, alsbald vor allen Anwesenden in der untern Wirtsstube zu erzählen: wie die zwei Herren da oben von einem wütenden Hunde gebissen worden, und wie man sich in der Tat ein wenig vor ihnen in Acht zu nehmen habe; besonders vor dem Bronnenmacher, der eigentlich so dürr, ja noch dürrer von Natur als der Pfarrer seie, der aber durch den Hundsbiß bereits auf das allerschrecklichste angeschwollen. Da ward alsbald das ganze Haus voll Schrecken. Vergebens schrie der Pfarrer um Fleisch, niemand getraute sich in das Zimmer. »Mein Hunger ist rasend, meine Geduld ist aus!« schrie jetzt der Bronnenmacher, indem er, wie eine Pumpe aus dem Kessel, schnaubend aus dem obere Erker herabfuhr, der Pfarrer folgte ihm als ein schmaler feuriger Schweif. Alles floh, was außer der Wirtsstube, in dieselbe, alle Türen wurden versperrt, zwei Kinder, die sich nicht schnell genug in die Wirtsstube retten konnten, schrien ganz lamentabel im Vorhof. – Die Nachbarn sprangen herbei. Der Koch rief ihnen durch das Fenster zu: »ihr lieben Leute! sperrt eilends die Türen des Wirtshauses, sonst wird das ganze Dorf gebissen!« Der Koch, der Kondukteur, die Postknechte, die Wirtsleute und ich befanden uns in der untern Wirtsstube. Der Koch rekognoszierte durch das Schlüsselloch, und machte alles noch ärger. »Jetzt,« sprach er, »zerbeißt der Bronnenmacher das Schloß der Türe; ich seh's, er zischt, der Schaum steht ihm vor dem Maule. Himmel! welche Augen er macht! Der Pfarrer dreht den Kopf krampfhaft hin und her, und hat sich in des Bronnenmachers Waden verbissen! Jetzt, – weh! rennt der Bronnenmacher mit dem Kopfe gegen die Türe, wie ein Mauerbrecher – weh!« Da sprang alles zurück, der Bronnenmacher schlug fluchend an die Türe. »Rette sich, wer noch zu leben Lust hat,« schrie der Koch, und sprang zum niedern Fenster der Wirtsstube mit den zwei Schinken hinaus. – Der Kondukteur, die Postknechte und ich folgten ihm nach. Die Postknechte warfen sich auf die Pferde, wir in den Wagen, und pfeilschnell flogen wir von dannen. Der Koch konnte sich seines Spuks nicht satt genug freuen; er erzählte, wie absprechend der Pfarrer, noch eh' ich zu dem Postwagen stieß, gegen ihn gewesen, auch wie der Bronnenmacher sich über seine lange Nase lustig zu machen gesucht hätte. Zwölfte Vorstellung Die Nacht war gekommen; ich dachte noch so dem schreckbaren Tumulte im grünen Rezensenten nach, und welch' Ende die Geschichte genommen, da schlief ich, mit diesen Bildern beschäftigt, in der Ecke des Postwagens ein. Bald kam mir dann im Traume vor, als wäre ein Tumult, Aufruhr und Krieg in allen Wirtshäusern jenes Orts. Alle Schilde der Wirte waren lebendig geworden, und liefen in Effigie in den Straßen umher, und suchten einander zum Kampfe auf. Schnaubend rann der wilde Mann Gass' auf, Gass' ein, bis er die drei Mohren erreicht, die er alsbald an seiner Stange an den Kinnladen aufhing und weiter trug. Zornentbrannt kam der König von England mit Kron' und Szepter daher, und suchte den von Frankreich auf; ihm folgten: ein Oberkellner, ein Speisekellner, ein Weinkellner und ein Zimmerkellner; die waren bepanzert mit zinnernen Tellern, ausgerüstet mit Schlüsselbüchsen, und schwangen, Keulen gleich, leere Bouteillen über ihren Häuptern; auch folgte ihnen die Kanone, von dem weißen Rosse gezogen, nach: denn diese drei Wirtshäuser gehörten drei Brüdern an. Schon anfangs der Zweikämpfe mußte der grüne Rezensent von dem goldenen Esel verschluckt worden sein: denn derselbe goldene Esel sprang pfeilschnell durch die Gassen, und aus ihm schrie der grüne Rezensent ganz lamentabel. Als ich dem so nachdachte, so sprang das Lamm hinkend und blutend auf drei Füßen an mir vorüber, verfolgt von dem brüllenden Löwen. Schon hatte es dieser beim Schwanze gepackt, und war im Begriffe es zu zerreißen, als der Bär grimmig auf ihn eindrang. All' drei aber umschlang plötzlich der Elephant mit seinem Rüssel, und warf sie, wie drei Korkpfröpfe, spielend in die Luft, indem er gar geschickt eins nach dem andern wieder mit dem Rüssel auffing, und so wiederholt sein Spiel trieb. Dem sah der Riese lachend zu. Derselbe stund noch in seinem Ringe, welcher, durch das Lachen erschüttert, klirrend hin und her schwankte. Jetzt aber sprang er hernieder, faßte den Elephanten beim langen Rüssel, und schleuderte ihn, gleich einer geleerten Weinflasche, dem Könige von England ans Haupt, daß dessen Krone mit hellem Klang auf die Steine fiel. Siehe aber, da flog der Engel mit seinem feurigen Schwerte, ob ihm die goldene Sonne, den Palmbaum in den Händen, hernieder, und gebot Ruhe und Frieden, worauf die Bilder auch alsbald wieder in ihre Rahmen kehrten, und in jedem Wirtshause war dann ein Ball mit freiem Eintritt und eine freie Tafel, in welche Wirtshäuser alle zu gleicher Zeit ich den Bronnenmacher mit dem Pfarrer siebenfach zur Türe eingehen, und alsbald auch in allen siebenfach an der Tafel sitzen sah. Siebente Schattenreihe Erste Vorstellung Jener Mühlknecht hatte mich schon durch seine Erzählung auf die Gegend der Hallwälder begierig gemacht. Der Tag war gekommen, die Wälder lagen vor uns, und ich verließ den Postwagen, nachdem ich dem lustigen Koch meinen wunderlichen Traum erzählt, um zu Fuß durch diese schöne Wildnis zu gehen. Hohe Felsenmassen lagen bald vor mir, so sich den weiten Berg entlang erstreckten, und deren hohe Zacken bald wie alte zerfallene Türme, Schlösser und Mauern, bald wie kolossalische Menschengestalten da stunden. Bald aber öffnete sich wieder ein liebliches Tal; darin weideten Herden, und stunden einzelne Bauernhütten zerstreut, dann aber erblickte ich wieder stundenlang nichts, als wilde Felsenmassen mit Tannen bewachsen, tief in der Schlucht eine Köhlerhütte, oder eine Waldmühle, oder Gemäuer einer vom Felsen gestürzten Burg. Kein Mensch war zu erschauen; schauerliche Stille herrschte; die schlanken Tannen, vom Winde hin- und hergetrieben, unterbrachen nur durch wehmütige Töne, oft fast wie die einer Äolsharfe, diese Stille. Weiter aber begegnete mir wohl ein altes Weib, welches einen Butten auf dem Rücken trug, und an einem langen Stocke einherging. Solche glich ganz denen Berg- oder Waldfrauen, und war recht wundersamen Aussehens. Ich ging abwegs, beschauend was mich anzog; bestieg bald die hohen Felsen, bald ließ ich mich in die engen Schlachten nieder, und horchte auf den Gesang der unterirdischen Quellen. Zweite Vorstellung Da ersah ich einsmal in einer so engen Schlucht, über der himmelhoch die Felsen mit ihren schwarzen Tannen ragten, eine Hütte, die war gestaltet, recht wie das Nest eines Greifs, oder eines andern unmenschlichen Wesens. Ich ging auf sie zu. Da ersah ich ein Männlein vor ihr, das hatte weder Füße noch Hände, sondern seine Gliedmaßen waren blos kurze Stumpen. Sein Gesicht war lang, alt und voll Runzeln, und sein langer weißer Bart reichte tief in das Waldgras. Das Männlein aber grüßte mich bald freundlich, und erzählte mir wohlgemut sein Schicksal: wie es nämlich so ohne Hände und Füße geboren, einst durch die halbe Welt in einem Kasten zur Schau getragen worden, wie es dann, dieser Lebensart überdrüssig, von Menschen abgesondert, in Wäldern sein Leben zu beschließen sich vorgenommen. Ich verwunderte mich wie es möglich, daß es so ohne Hände und Füße sich Nahrung verschaffen könne? Siehe! da sprang das Männlein mit einem Sprunge ganz leicht, wie ein Grashüpfer, über seine Hütte hin und her, nahm einen Stein mit dem Munde auf, brachte ihn durch eine geschickte Wendung unter den Stumpen der rechten Seite, und schleuderte ihn so weit in die Höhe, daß erst nach einigen Sekunden sein Fall wieder vernommen wurde. Es versicherte mich, seine Hütte selbst gebaut, und die Kartoffeln und das Wurzelwerk, so ich um sie aussprossen sah, selbst gepflanzt zu haben, überhaupt zu keiner Verrichtung irgend einer menschlichen Hülfe zu bedürfen. Ja man erzählte mir nachher, wie es öfters von den Fuhrleuten zu Hülfe geholt werde, wenn ein Wagen in den Sümpfen stecken bleibe: denn da springe es mit einem Sprunge auf eines der Pferde und klemme fest, wie eine Beißzange, mit seinen Stumpen in dasselbe ein, daß das Tier, wie vom Alp gedrückt, voll Beängstigung ausreiße. Das Männlein zählte achtzig Jahre, und schon über fünfzig hielt es sich hier zwischen diesen Felsen auf. Das Männlein nahm von mir kein Geschenk an, so arm es auch schien, sondern schenkte mir noch einige seltene alte Münzen von Kupfer, die es in den Felsen gefunden, auch gab es mir eine Wurzel, so man Alraun, Mandragora, nennt, und die fast die Gestalt eines Männleins hat. Dritte Vorstellung Die Nacht war gekommen, und ich erblickte noch kein Dorf. Endlich stieg der Mond blutrot über die schwarzen Felsmassen, und ich erblickte eine Kapelle, die stund in einem Tale, so von Felsen umgeben; ob ihr stürzte sich ein Waldstrom hernieder, und lief still und fromm zu ihren Füßen hin. Nebenbei stund ein einsames Haus; in dem erblickte ich Licht, und ging, hier den Postwagen zu erwarten, ein. Dieses Haus wurde von einem Manne bewohnt, der die Aufsicht über diese Kapelle hat. Ein Mädchen saß hinter dem runden Tisch, und schien in der Bibel zu lesen; Mann und Frau aber waren mit Aushülsung von Mohnsamen beschäftigt. – Die Leute empfingen mich recht freundlich, und schienen mir fast alte Bekannte zu sein. Wir sprachen vieles über Lust und Unlust des Reisens, über die Hallwälder und ihre Gebirge, und das alte Männlein; auch zog ich bald meinen Alraun hervor, und wies ihn den Leuten. Bei dieser Wurzel, so sprach der Mann, nehme ich Gelegenheit, euch eine wundersame Seltenheit, so in meinem Besitze, vorzuweisen. Da brachte er einen zum Erstaunen feingesponnenen Knaul Garn, dessen Geschichte er, wie folgt, erzählte: »Noch aus alter Zeit geht die Sage, daß in einem dieser Berge ein alter König wohne, der eine überaus schöne Tochter habe, die man das Nachtfräulein nennt, und die auch Jäger, die im Mondscheine jagten, erblickt haben wollen. Als ich nun noch als Knabe mit meinem Vater dieses Haus bewohnte, und wir mit mehreren Jungen und Jungfrauen, die mit meinen Schwestern zu spinnen kamen, hier beisammen saßen; so begab sich, daß plötzlich ein gar wunderschönes Frauenzimmer in einem weißen lichthellen Kleide und einer goldenen Krone auf dem Haupte, hereintrat, und durch Zeichen zu verstehen gab, daß man ihr einen Spinnrocken reichen solle. Dies geschah, und da saß sie zu jedermanns Verwundern inmitten der andern Jungfrauen lange Zeit stillschweigend, und spann. Ein Jägersjunge aus der Gesellschaft aber fing bald an, sie durch allerlei Scherze und Fragen zum Sprechen nötigen zu wollen, machte auch, seinen Arm um sie zu schlingen, Miene, da verschwand die Jungfrau urplötzlich, und wurde auch nie wieder gesehen. Den Knaul Garn aber, den sie gesponnen, ließ sie zurück, und der wird von mir zum Angedenken an diese Begebenheit treulich aufbewahrt.« Vierte Vorstellung »Eine ähnliche Geschichte, die aber von einer Meerfrau handelt,« versetzte die Frau, »hat mir einst mein Vater, so ein Schiffer war, erzählt.« Ich bat sie um die Mitteilung derselbigen, und sie begann: »Es begab sich einmal, daß ein junger Geselle, der in dem Wasser wohl schwimmen konnt', beim Mondschein im Meere gebadet, der hat eine Meerfrau ergriffen, sie mit starker Kraft erwünscht, und sie mit ihm an das Land gebracht, mit seinem Mantel bedeckt, in sein Haus geführt und öffentlich zu der Ehe genommen. Sie war ihm auch recht freundlich, und hielt ihn schön und wohl, doch redete sie kein Wort mit ihm. Auf einmal meinten seine Gesellen und Nachbarn, es wäre nicht ein recht natürlich und menschlich Weib, sondern ein Betrug und Gespenst, und rieten ihm, er solle sie nötigen, zu sagen woher sie wäre und warum sie nicht rede. Nun hat sie von ihm empfangen, und ihm einen Sohn geboren, den nahm er auf eine Zeit, und dräuete der Frau: wo sie nicht sage, woher und wer sie denn wäre, so wolle er den Sohn ertöten. Auf das sprach die Frau: O du unseliger Mensch! gewiß du verlierest eine gute Hausfrau, darum daß du mich zwingest zu reden: denn ich wäre bei dir allweg geblieben, und dir wäre mit mir wohl gewesen, hättest du mich lassen stumm bleiben, aber nun hinfüro siehst du mich nicht mehr, und damit verschwand sie. – Aber der Sohn badete oft im Meer, da begab sich einmal, daß er abermals im Meere gebadet, da schwamm die Frau, seine Mutter, hinzu, ergriff den Sohn, und man sähe ihn nimmer.« – Fünfte Vorstellung »Eine Geschichte, so von einer Waldfrau handelt,« sprach der Mann, »ist die des Grafen Otto von Oldenburg.« Ich bat ihn dieselbe zu erzählen, und er begann also: »Es begab sich, daß Graf Otto von Oldenburg sich auf eine Zeit mit seinen Edelleuten und Dienern auf die Jagd begeben, und am Bernefeuersholze gejaget, er, der Graf, selbst auch ein Rehe geheget, und demselben bis an den Osteberg alleine nachgerennt, und mitten auf dem Berge gehalten; spricht er da bei sich selber, weil eine große Hitze war: Ach Gott! wenn ich nur einen kühlen Trunk hätte! Tut sich der Osteberg, als der Graf dies Wort gesprochen, auf, und kommt aus der Kluft eine schöne Jungfrau, wohlgezieret, mit schönen Kleidern angetan, auch schönen über die Achsel geteilten Haaren, und einem Kränzlein darauf, und hatte ein köstlich golden Geschirr, in Gestalt eines Jägerhorns, mit vielen seltsamen unbekannten Schriften und künstlichen Bildern geziert, in der Hand. Solch Geschirr hat sie dem Grafen in die Hand gegeben, und gesprochen, daß der Graf daraus trinken solle, sich damit zu erquicken. Da nun der Graf dasselbe Horn von der Jungfrau genommen, aufgetan und hineingeschaut, da hat ihm der Trunk, der darinnen gewesen, nicht gefallen, und derhalb hat er sich geweigert, denselben zu trinken. Worauf aber die Jungfrau gesprochen: Mein lieber Herr! trinket nur auf meinen Glauben: denn es wird euch keinen Schaden bringen, sondern zum besten gereichen: Mit fernerer Anzeige, wo er daraus trinken wollte, sollte es ihm und dem folgenden Haus Oldenburg Wohlergehen, und die ganze Landschaft zunehmen, und ein Gedeihen haben; wenn aber der Graf ihr keinen Glauben zustellen, noch daraus trinken wollte, so sollte im nachfolgenden Oldenburgischen Geschlecht keine Einigkeit bleiben. Da nun der Graf auf solche Red' keine Achtgegeben, hat er das Horn in der Hand behalten, und hinter sich geneigt und ausgegossen, und als von dem Trank etwas auf das weiße Pferd gesprützt, sind demselben die Haare davon abgegangen. Die Jungfrau, als sie solches gesehen, hat das Horn wieder begehret, aber der Graf ritt mit ihm den Berg ab, und ersähe noch im Umschauen, wie die Jungfrau wieder in den Berg gegangen. Darüber ist ihm ein Schrecken angekommen, hat seinem Pferde die Sporen angesetztet, und ist in schnellem Laufe zu seinen Dienern geeilt, und hat denselben erzählt, was sich ereignet, und ihnen das Horn gezeigt. Dasselbe Horn, weil es so wunderbarlich gestaltet, ist von ihm und allen folgenden Herren des Hauses Oldenburg für ein köstlich Kleinod gehalten worden, wird auch noch heutigen Tages zu Oldenburg verwahret, wie ich es selbst alldort oft gesehen.« Sechste Vorstellung Das Mädchen, dessen ich oben erwähnte, schwieg auch nach diesen Erzählungen immer stille, schien überhaupt an allem keinen Anteil zu nehmen. Sie hatte die gefalteten Hände auf der geschlossenen Bibel liegen, und das blaue Auge stets auf Eine Stelle geheftet. Sie war ganz weiß gekleidet, hatte lange schwarze Haare, die, auf der hohen Stirne gescheitelt, in glänzenden Locken auf ihren Nacken flossen. Die Leute schienen des Schlummers zu bedürfen, daher bat ich die Frau, mir ein Zimmer anzuweisen, wo ich ausruhen und den Postwagen erwarten könne. Da befahl sie ihrer Tochter, mich in die Bücherzelle neben der Kapelle zu führen, dem Lieblingsstübchen ihrer Tochter, wie sie es nannte. »Dies,« sprach sie, »sieht auf den Weg, den der Postwagen fahren muß, und dort könnt' ihr inzwischen in Büchern lesen, den Wagen erwarten oder euch getrost zur Ruhe begeben: denn sobald wird er wohl noch nicht erscheinen.« Ich nahm gerührt Abschied von den Leuten. Wie ein Geist schwebte das bleiche Mädchen über die Gräber des Kirchhofes in die Kapelle; ich folgte ihr schweigend. Als wir an dem Hochaltare vorüberkamen, machte sie eine Verbeugung, ich tat ihr unwillkürlich gleiches nach. Nun führte sie mich neben dem Hochaltare in eine Türe ein, und ich kam in eine Zelle, die zur Aufbewahrung einer Klosterbibliothek mußte gedient haben. Noch stunden an den Wänden viele alte Bücher umher, auf dem Tische aber stund ein Kruzifix, und lagen Schreibmaterialien zerstreut. Eines der Fenster der Zelle sah auf die Heerstraße, das andere auf den Kirchhof. Stillschweigend setzte die Jungfrau ein Licht auf den Tisch, und stillschweigend ging sie mit einem andern wieder von dannen. Es war in ihrem ganzen Wesen so was Heiliges und Wunderbares, daß ich mich für unwürdig hielt, mit einem solchen Geschöpfe sprechen zu dürfen. Ich blickte ihr mit Schauer und Wehmut nach. Siebente Vorstellung Unter den Schreibmaterialien auf dem Tische bemerkte ich folgende von einer Männerhand geschriebene Zeilen; sie waren frisch mit Tränen benetzt und an das Mädchen gerichtet: Nicht im Tale der süßen Heimat, Beim Gemurmel der Silberquelle – Bleich getragen aus dem Schlachtfeld Denk' ich dein, du süßes Leben! All' die Freunde sind gefallen, Sollt' ich weilen hier der eine? Nein! schon naht der bleiche Bote Der mich leitet zur süßen Heimat. Und die Freunde alle haben Angelobet mir im Sterben: Mit zu feiern meine Hochzeit, Dort im Tale der süßen Heimat. Flecht' ins Haar den Kranz der Hochzeit, Halt bereit die Brautgewande Und die vollen duft'gen Schalen: Denn wir kehren alle wieder In das Tal der süßen Heimat. Es fiel mir jener Mühlknecht bei, und was er von seiner Geliebten erzählte; hier war ich in seiner Heimat. Ich löschte das Licht, warf mich auf mein Lager, die Augen dem täuschenden Helldunkel zu schließen. – Achte Vorstellung Ich entschlief, da kam es mir bald im Traume vor, als stünde das Mädchen inmitten der Gräber; die metallenen Platten, welche die Gräber bedeckten, schienen zurückgeschlagen. Ein heller Kranz von Lilien und Rosen ging um die schwarzen Haare der Jungfrau, und heilige Verklärung umströmte ihr Angesicht. Ernst und langsam trat sie gegen die verschlossenen Tore des Kirchhofs und ihre Stimme vernahm ich, die sprach: Komm Bräut'gam! kommt ihr Gäste! Schon steht im Hochzeitkleid Die bleiche Braut bereit, Erwartend euch zum Feste. Herbei! herbei! zum Tanz Die bleiche Braut zu führen, – Seht! ihre Haare zieren So Ros' als Lilienkranz. So Mond und Sterne kränzen Lichtvoll das dunkle Tal, Lampen im Hochzeitsaal, Die Leichensteine glänzen. Und weil nach Tanz und Lauf Der Ruh wir nötig hätten, – Schloß ich zu Schlummerstätten Die stillen Gräber auf. Seht! eure Betten kränzet Der Rosen stolze Art, Doch eine Lilie zart Am Bett' der Braut erglänzet. Die Hochzeit ist bereit, Komm Bräut'gam! kommt ihr Gäste! Es öffnen sich zum Feste Die schwarzen Tore weit. – Da war es auch, als tönten erst aus der Ferne lustige Tänze; die flogen, wie vom Winde über das Gebirg' getragen, daher. Die schlanken Pappeln des Kirchhofes wiegten sich wie Tanzende. Und in langen Leichengewanden schwebte ein Zug bleicher Gestalten über die Gräber. Eine aber, so an ihrer Spitze, reichte der Jungfrau die Hände zum Tanz. Über Blumen und Gräber tanzten die Gestalten im leichten Flug, immer höher und höher schwebten sie, je höher die Töne stiegen, dann aber fielen die Töne, und mit ihnen die Gestalten immer mehr und mehr, bis sie endlich in die offenen Grüfte mit tiefem Ton versanken. Da schlugen die metallenen Deckel der Gräber mit dumpfem Glockenklang ob ihnen zusammen, und rings war nun Totenstille. Ich erwachte, trat an das Fenster. Ruhig blickte der Mond durch das grüne Tal. Ich trat durch die Kapelle in den Kirchhof, ging gegen das Haus zu, bemerkte Licht, und trat ein. Eine Lampe warf matten Schein durch das Schlafgemach. Da lag das Mädchen bleich und tot auf ihrem Lager, eine Bibel war ihr in die frommen Hände gelegt, zu ihren Füßen aber kniete der alte Vater betend, die Mutter schlief noch ruhig atmend. Der Mann ließ sich durch mein Erscheinen nicht stören, er betete ruhig fort. Leis trat ich nach einigen Minuten wieder hinaus, und blickte in das Tal hin. Das Posthorn erklang über die Berge, es spielte die Melodie: »Es war des Sultans Töchterlein.« Ich eilte durch das Tal und erreichte den Wagen. Achte Schattenreihe Erste Vorstellung In dem Postwagen befand sich niemand, als der Kondukteur und ein Jude. Ich lehnte, als schon der Tag angebrochen war, noch stumm in einer Ecke des Postwagens, und dachte den gesehenen Bildern nach. Der Jude war ein Zahnarzt, wie ich aus seinen Reden vernahm. Ich bemerkte, daß er mich mit gespannter Aufmerksamkeit ansah, und nicht erwarten konnte, bis mein Mund sich zum Reden öffnete, und meine Zähne sich ihm darstellten, daher schwieg ich geflissentlich, ob er mich gleich durch allerlei Erzählungen zum Sprechen nötigen wollte, wodurch er den ganzen Weg über in eine große Unruhe versetzt wurde. Unter anderem erzählte derselbe Jude, daß der Feind in Ulm mit klingender Münze eingezogen sei; wahrscheinlich wollte er sagen: mit klingendem Spiel. Wir fuhren durch das Universitätsstädtchen Mittelsalz ein. Unter der Torhalle waren so viele Leute versammelt, daß der Postwagen nicht mehr weiter konnte, daher stieg ich und der Jude heraus. Ich erfuhr bald, daß vor einigen Tagen von einem feindlichen Streifkorps den Bürgern die Flinten und Gewehre abgenommen worden, sah sie aber bereits wieder völlig bewaffnet vor den Toren aufgepflanzt. Sie hatten nämlich sinnreiche Surrogate für ihre Waffen erfunden, die, in der Tat, eine weitere Verbreitung verdienten. – Die Degen zu ersetzen, leiteten sie ihre langen steifen Zöpfe den Rücken hinab, und ließen sie, Degen gleich, durch die Rockschlitze herausragen. Die Kavallerie brachte durch eine gelinde Beugung die Zöpfe in Säbelform, alles auf den Rat des Bürgermeisters, der zugleich Hafner des Orts war, und gerade unter der Torhalle, wo sonst eine Reihe Flinten an Haken hing, ein Freskogemälde vollendete, darstellend zwölf Paar geladene Flinten, wie auch unter ihnen mit deutlicher Schrift zu jedermänniglicher Warnung zu lesen war: » zwölf Paar scharfgeladene Flinten .« – Der Bettelvoigt, der vor das Gemälde gestellt wurde, um Kinder und andere neugierige Leute zu warnen, nicht die Flinten zu betasten, mochte bis jetzt noch überflüssig gewesen sein: denn noch waren die Flinten naß, und konnten nicht so leicht losbrennen. Auf dies machte ich auch meinen Begleiter Moses aufmerksam, der in einer ehrerbietigen Entfernung stehen geblieben, ob er gleich ein kurzes Gesicht hatte. Da ich aber dieses wunderbare Gemälde vor allem mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, fiel ich dem Künstler auf, er stieg, als er es vollendet, von seinem Gerüste nieder, begrüßte mich als einen Freund der Künste, und lud mich ein, mit in seine Wohnung zu gehen, allwo er mich mit seinem erst kürzlich entdeckten Stadtsoldatensurrogat bekannt machen werde. Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und folgte ihm mit Moses in seine Wohnung, indem ich auf dies Stadtsoldatensurrogat ausnehmend begierig war. – Zweite Vorstellung Der Künstler führte uns durch viele kleine Gäßchen seinem tönernen Hause zu. Moses blies mir immer leis in die Ohren: der Kerl sei gewiß ein Seelenverkäufer, er kehre um; – ich aber führte ihn fest am Arme mit mir. Als wir in die Stube eingetreten waren, verschloß der Künstler hinter uns die Türe. »Meine Entdeckung,« sprach er, »ist noch ein Geheimnis, wir könnten bei ihrer Betrachtung von einem Ungeladenen überrascht werden.« Moses zitterte, und blieb fest an der Türe stehen. »Befürchten Sie nichts, Herr Moses,« sprach der Künstler, »er tut Ihnen noch nichts: denn der Schlagschatten, der dem Kerl eigentlich noch das schlagfertige Ansehen geben muß, ist noch nicht vollendet.« Bei diesen Worten zog er unter der Bettstelle ein derbes Brett hervor, drehte es um, und wir erblickten auf ihm einen gemalten Stadtsoldaten, und zwar in der Positur, die für ihn die nötigste ist, und in der er gewöhnlich am längsten ausharrt – in der schlafenden. »Dieses Brett nun,« sprach der Künstler weiter, »wird der Stadt angehängt, wie exempli gratia zum Beispiel – ich finde kein Beispiel –« »– wie,« sprach ich, »der Esel dem Schulknaben.« »Bravissimo!« schrie der Künstler. »Nein! Sie können nicht glauben, welche Vorzüge dies Surrogat besitzt. Sie wissen, daß ein schlafender Löwe, schon nach dem gemeinen Sprichwort, gefährlicher ist, als ein wachender, und so sieht auch ein Stadtsoldat, der schläft, viel grimmiger aus, als ein wachender, denn wie leicht kann einem solchen im Traume einfallen, an was er wachend nie gedacht, daß man den Säbel aus der Scheide ziehen kann? Dieser Stadtsoldat aber nun hat folgende Vorzüge: 1) der Kerl verschluckt nichts, besonders wenn er mit Ölfarbe gemalt ist. 2) der Kerl bedarf nur alle zehen Jahre Einmal quasi so ein Kommisbrotsurrogat, – einen neuen Anstrich. 3) der Kerl hält gegen Flinte und Degen Stich, ja steht wie eine Mauer, wenn er auf die Stadtmauer gemalt wird. Und nun, 4) das eine Haupttugend ist, und unbezahlbar an einem Soldaten wirklicher Zeit, – der Kerl denkt nichts.« »Aber der Kerl wehrt sich nicht,« versetzte Moses. »Warum?« fragte der Verfasser; »tut denn dies ein anderer ehrlicher, wachender oder schlafender Stadtsoldat? Machen Sie einmal die Probe, gehen Sie hinaus vor das Tor, und stoßen Sie dem alten Schweinshirten, einem unserer ersten Grenadiere, der wirklich da außen die Stadt hütet, mir nichts, dir nichts, geradezu auf den Bauch, und bietet er Ihnen die Stirne, so geschieht es nur, um Ihnen den härtesten, unempfindlichsten Teil seines Körpers Preis zu geben; bietet er Ihnen aber den Rücken, so geschieht es gewiß nicht aus Unhöflichkeit, sondern nur um Ihnen nicht seinen Leibschaden zu sichtbar zu machen.« »Aber das Surrogat spricht nichts, hört nichts,« versetzte Moses. »Gleicher Fall!« sprach der Künstler. »Gehen Sie hinaus, und schreien Sie eins, zwei, drei, vier, fünf und sechsmal, exempli gratia : Feuerjoh! Mord und Tod! haltet den Mordbrenner, den Räuber, den Beutel- und Gurgelabschneider, den Falschmünzer, den Juden – will ich sagen den Zigeuner, den Kesselflicker, den Hechel- und Mausfallenkrämer, und rufen Sie dies deutsch, plattdeutsch, schwäbisch, schweizerisch, französisch, holländisch, böhmisch und italiänisch, zuerst mit dem Munde, dann mit Begleitung eines Pfiffs aus einem Schlüssel, dann durch ein gerades, dann durch ein krummes Sprachrohr, zuerst zehen, dann sechs, dann vier, und dann nur einen Schritt von dem Produkt, und dann tête à tête mit ihm, und der Kerl wird nicht herumschauen, ja wird kein Wort sagen; wenn Sie ihm noch einen Rippenstoß zum Überfluß versetzen: denn er ist – taubstumm . Sie fordern von einem Surrogat was selbst das Original nie leistet.« So sprach der Bürgermeister und Haffner von Mittelsalz zu Gunsten seines Stadtsoldatensurrogats, dem ich meinen Beifall nicht versagen konnte. Ich nahm gerührt Abschied, Moses blieb, um mit dem Bürgermeister einen Akkord abzuschließen, vermöge dessen er ihm eine Kompagnie Mittelsalzer Stadtsoldaten postfrei zu liefern hatte. – Dritte Vorstellung Durch die engen Gäßchen ging ich nun den Weg nach der eigentlichen Universitätsstadt hin. Bald kam mir da zu Sinne, wie ich vor mehrern Jahren bei meiner Durchreise durch dieses Städtchen meinen Stock im Wirtshause zur salzsauren Schwererde hatte stehen lassen, und als ich dem so nachdachte, kam ein langer dürrer Kerl die Straße hergeschossen, ein großes Manuskript ragte ihm aus der Rocktasche. »Gottwillkomm!« schrie er mir entgegen, »erkennen Sie mich nicht mehr? Betrachten Sie mich recht!« Ich war wie vom Himmel gefallen, als ich in ihm meinen Stock erkannte. »Aber um Jesu Willen!« sprach ich – ich wußte nicht, sollte ich ihn mit Du, Sie oder Ihr anreden. Zum Glücke fiel er mir in die Rede, und erzählte mir, wie ihn ein Professor in der Ecke des Wirtshauses gefunden, wie unter den Händen dieses Mannes sein schlummernd Genie erwacht, wie derselbe Professor ihn in all' seine Vorlesungen Jahrelang mitgenommen; wie er gänzlich das Wissen seines Herrn, der ihn während des Lesens auch immer an den Mund zu legen pflegte, in sich gesogen; wie er nie ein Wort von den Vorlesungen, die alle über sein Haupt hingesprochen worden seien, verloren; wie er dann endlich, als er Kraft genug in sich gefühlt, aus der Ecke der Bibliothekstube des Professors sich geschlichen, und hinter das Studium der Alten sich heimlich gemacht, es auch durch angestrengten hölzernen Fleiß so weit gebracht, daß er in dem Examen auf das allervortrefflichste bestanden, nun Rezensionen schreibe und als Doktor Legens auftrete. »Denken Sie nur,« sprach er weiter, »gestern begegnete mir der Italiäner, der mich an Sie verkaufte. Sie hatten mich doch immer sehr gerne, das freut mich! – das waren Tage! – – ich sag' Ihnen, bei Gott! es waren doch selige Tage! o ihr Tage meiner Jugend! – In Ihrem Geigenkasten legten Sie mich immer nieder. Ja wahrhaftig! ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet O wie mich vor allem Bezirk des Erdreichs jener Ort anlacht, Horaz, Carm. II 6, v. 13, übers. J. H. Voß – – doch, Sie verstehen nicht Latein, wie ich weiß – meine Zuhörer – Sie treten gewiß da nächst, in der salzsauren Schwererde, ab, dahin folg' ich Ihnen in einer Stunde nach. Vierte Vorstellung Ich hatte mich kaum von meinem Erstaunen erholt, so war der Doktor schon verschwunden. Nein! sprach ich bei mir, so was ist mir noch nie vorgekommen! das geht über alle Träume! und doch war ich so gänzlich überzeugt, daß der Mann mein Stock war. Es gibt ungeheuer viel Dinge unter dem Monde, dacht' ich mit Shakespeare, von denen sich unsere Rezensenten nichts träumen lassen, und suchte, als es mir schwindelig zu werden anfing, mir nur alle Gedanken an den Stock aus dem Sinne zu schlagen. Die salzsaure Schwererde war eine elende, verlassene Herberge, die nicht zu meiner Zerstreuung dienen konnte, auch fürchtete ich das Zusammentreffen mit dem Doktor Legens, der mir ganz bange machte, und mir nicht anders, als wie eine bezauberte Puppe vorkam. Dagegen sah ich in ein benachbartes Haus viele junge Leute eingehen, denen ging ich nach. Es ging in einen sogenannten Hörsaal, all wo ein Professor Vorlesungen hielt. Ich hatte mich mit den andern niedergesetzt, und war schon eine geraume Zeit da, ohne daß ich den auf dem Katheder stehenden Mann sprechen hörte, ob ihn gleich die Studenten mit außerordentlicher Aufmerksamkeit ansahen, auch sein Mund sich zu bewegen schien. Endlich hörte ich mehrere Worte, und vernahm, daß es eine historisch-kritische Vorlesung über den Untergang der Welt durch Wasser war. Der Professor wurde immer lauter und lauter, und nun tönte seine Rede gar angenehm, wie ein murmelnder Bach. Ich ward bald zum süßesten Schlafe gestimmt, und ward mir zu Mute, wie einem müden Hirten, der seine Glieder an einem Waldbache geruhig zum Schlafe ausstreckt. Denen Studenten war es allen auch so, alle schliefen bereits, und doch sahen sie den Professor mit offenen starrstaunenden Augen an, worüber er ins geheim eine große Freude empfand. Gegen meinen Nebenmann, einen Dichter, sprach der Professor immer hin: denn derselbe nickte öfters schlafend mit dem Kopfe, welches der Professor für eine Bezeugung seines Beifalls hielt. Der träumende Dichter aber ward in eine höchst romantische Waldgegend versetzt. Kühle Lüftchen spielten mit den Zweigen der Buchen, und der Schein des Mondes vermengte sich mit dem grünen Laube. Die Hütte einer Schäferin blickte aus dem Gebüsche halb im Gezweige versteckt, die Schäferin öffnete das Fenster, und sah den lichten Wolken zu, wie sie über den Wald hinliefen. Der Träumende wollte schon aus dem Gebüsche treten, um ihr seine Liebe zu gestehen, da kommt ein junger, schöner Jäger des Wegs gegangen, der nähert sich der Hütte und spricht: Der Tag ist gegangen, Hier irr' ich allein, Wie graut mir hier außen! O laß mich hinein! Die Schäferin spricht: Hier innen ist Dunkel, Die Hütte ist klein, Der Mond geht da draußen Du bist nicht allein. Der Jäger spricht: Und willst du nicht öffnen, So geh' ich in Wald, Und blase mein Hörnlein Das rüstig erschallt. Und jage die Wolken Vom Himmel wohl all', Dann tanzen die Sterne Zum lustigen Schall. Die Schäferin spricht: Ich fühle, darfst glauben, Indessen kein Leid; Ich treibe wohl träumend Die Schäflein zur Weid'; Ich lausche dem Vogel, Er singet von Scherz, Ich liege bei Blumen Das bringet nicht Schmerz. Die letzten Worte der Schäferin hatten den furchtsamen Dichter ganz abgeschreckt, obgleich der Jäger schon tief im Walde ins Horn stieß. Er schlicht sich trauernd ins Gebüsche zurück, um sich am murmelnden Bache weinend niederzulegen, stund auch wirklich im Schlafe auf, und lief bis zum Katheder vor, allwo er sich mit einem entsetzlichen Geheul niederlegte. Die ganze schlafende Gesellschaft erwachte. Der Professor äußerte die Besorgnis, daß noch mehrere der Kandidaten durch seine Vorlesung über den wahrscheinlichen Untergang der Welt durch Wasser, in eine so wehmütige Seelenstimmung verfallen könnten, und beschloß eilends die Vorlesung, indem er noch den Trost gab: alle die hier aufgezählten Gründe und Meinungen anderer Philosophen über diese Sache in der morgenden Vorlesung gänzlich zu widerlegen. Fünfte Vorstellung Die Studenten erhoben sich, und ich erkannte in einem derselben meinen Vetter, den Steinsammler, worüber ich eine große Freude empfand. Er lud mich ein, sein Zimmer zu besuchen. Dieses war in dem Hause, das man die Teufelsmauer nannte; ein Gebäude, in dem zwanzig Studenten ihr Wesen trieben. Ich sah gar bald ein, daß eine wundersame Gesellschaft diese Mauern bewohnte; auch mein Vetter, der Steinsammler, war ein gar seltsamer Kerl. Er war dicker Leibeskonstitution, sein Gesicht war wie aus einem Speckstein geschnitten; sein Rock war wie von Granit und dabei fett anzufühlen: denn er trug ihn schon seit Erbauung der galvanischen Säule durch Volta. Die Knöpfe auf demselben Rocke waren von verschiedenem Metall, und durch Berührung mit dem Sauerstoffe der Atmosphäre, wie sich mein Vetter ausdrückte, verkalcht. Kein Kraut und kein Stein war in der weiten Schöpfung zu finden, dessen Namen mein Vetter nicht wußte; jedem Käfer und jedem geflügelten Samen, der durch die Luft flog, rief er mit seinem Linnéischen Namen zu. Oft ging er, seinen Linné unter dem Arme, mit vieler Mühe auf einem Dache hin und her, und sammelte zu seinem großen Werke: von den auf alten Dächern wachsenden Pflanzen, neue Blüten. Auch mit Tiersknochen hatte er viel zu schaffen, und legte eine große Sammlung derselben an, weswegen die Fleischerhunde der Stadt seine erklärten Gegner waren. In seinem Zimmer waren in einem Verschlage ein Dutzend weiße Katzen; die fütterte er auf, pflegte ihrer eigentlich wie man eines Blumenbeets pflegt, und bestrich ihre Bälge täglich mit Fett, damit sie langhaarig werden sollten; alsdann hatte er im Sinne, sie alle auf einmal abzuziehen, um sie zu elektrischen Versuchen zu gebrauchen. Auf dem Katzenverschlage stunden mehrere mir unbekannte Gewächse. »Ich bemerkte,« sprach mein Vetter, »daß einige Pflanzen, wie einige Menschen, die Nähe der Katzen gar nicht ertragen können, und in ihrer Atmosphäre bald welken, und mache nun mit einer Reihe von Pflanzen bei dieser Gelegenheit Versuche.« Sechste Vorstellung Nun fing er an, mir sein Steinkabinett, seine schwache Seite, aufzuschließen, und mir einen Stein nach dem andern mit seinem Namen zu nennen, und dessen Qualitäten zu erklären, worüber ich aber bis zum Sterben Langeweile empfand, inmaßen ich die Steine, Pflanzen und Tiere des Erdbodens wohl gerne ansehe, und ihrer im Stillen gedenke, aber jede Auslegung und Rede darüber nicht ertragen kann. Zum guten Glücke wurden wir durch einen Jungen unterbrochen, den mein Vetter erst kürzlich zum Bedienten angenommen hatte, und den ich an seinem weiten Grenadiersrocke, trotz eines künstlichen Schnurbartes und eines falschen Zopfes, alsbald für meinen Laternenputzer Felix erkannte. Der Junge trat mit einem Hunde herein, der sogleich seinen Lauf nach dem Katzenverschlage nahm. Dies bemerkte mein Vetter, und endigte seine mineralogische Vorlesung; denn bereits hatte der Hund eine der Katzen am Schwanze gefaßt, und wollte sie durch das Gitter des Verschlages herausziehen. Mein Vetter lud gemächlich seine Kleistische Flasche, um dem Hund einen derben Schlag zu versetzen: denn auf eine andre Art wußte er sich nie zu schlagen, oder zu wehren; aber, wehe! auf einmal brach eine der hölzernen Stangen des Verschlages, und zischend mit feurigen Augen fuhren die zwölf Katzen wie wütend heraus, auf uns zu. »Wehrt euch mit diesen Steinen,« schrie Felix, und nahm einen Stein aus dem Kabinette meines Vetters nach dem andern, und schmiß ihn den Katzen nach. »Weh meine Mineraliensammlung!« schrie mein Vetter, und wollte den Jungen beim Haarzopfe fassen, als derselbe Haarzopf in seinen Händen zurückblieb, und der Junge, etwas vom Meere in den Bart brummend, die Treppen hinabsetzte. Die Katzen waren alle schon durch eine verbrochene Fensterscheibe gedrungen, und liefen über des Nachbars Dach auf dem Wetterableiter, wie ein Blitz, hin. Auf dies machte mich mein Vetter aufmerksam, und so niedergeschlagen er war, so tröstete ihn diese Erscheinung doch einigermaßen. Er erklärte sich den Lauf der Katzen so, indem er annahm, daß durch das Reiben der Katzenfelle an der Glasscheibe, die sie mit Gewalt passierten, sich auf dem Felle Elektrizität in Menge müsse entwickelt haben, welche Elektrizität die Katzen gezwungen hätte, nach dem Blitzableiter ihren Lauf zu nehmen. »Die Erscheinung ist in der Tat merkwürdig,« sprach mein Vetter, indem er geruhig die Steine wieder in ihre Fächer legte, »und erklärt einigermaßen, warum die Katzen sich so gerne auf Dächern aufhalten.« Siebente Vorstellung Jener Dichter, der in den Vorlesungen des Professors sich an den murmelnden Bach legte, hatte auch seine Wohnung in diesem Gebäude. Mein Vetter nannte ihn den Balladendichter Kullikeia, und lebte mit ihm in beständigem Zwist: denn mein Vetter war gar ein strenger Verteidiger des Verstandes, der Dichter aber behauptete, daß Verstand bloß zufälliges Produkt der Blutzirkulation sei. Jetzt trat er in meines Vetters Zimmer, eine tönerne Schüssel hatte er wie einen Hut auf den Kopf gestürzt, hatte eine Art Mantel von schwarzem Zwillich an, und in der Hand eine Zither. Er drehte sich singend im Zimmer umher. »Seid ihr denn ganz vom Verstände gekommen –« – wollte mein Vetter anfangen, da trat der Hausmeister des Baues hintennach, eine steife Figur mit gepudertem Haare, und einer Gichtrose hinter dem Ohre. »Herr Kullikeia,« sprach er, »da draußen steht der Pedell, Sie in's Karzer abzuholen; auch ist eine Kommission schon längst auf Ihrem Zimmer versammelt, die Ihre Bücher und Schriften in Beschlag nimmt. Ihnen im Vertrauen und als Freund gesagt, sind Sie wegen Ihres sonderbaren Betragens denen Herren Professoren schon längst verdächtig; auch sollen Sie, wie man sagt, Gedichte machen.« »Eben das soll streng untersucht werden,« sprach der herbeigekommene Pedell, »übergeben Sie mir nur in Güte die Schlüssel zu Ihren verschlossenen Kisten und Kästen; die Kommission ist schon längst auf Ihrem Zimmer.« »Ich habe nichts als ein Faß,« sprach der Dichter, »in dem ist alles, und das steht ohne Deckel da.« »Die Sache wird nichts zu bedeuten haben,« sprach der Pedell, »ich hoffe, daß man Sie als ehrlichen Mann erfinden wird; die Gedichte werden wohl nur Stilübungen sein.« »Nein! es ist nur zu gewiß, daß er ein Dichter ist,« flüsterte der Hausmeister dem Pedell ins Ohr. – Der Dichter nahm lächelnd Abschied von uns, er wurde ins Karzer abgeführt, mein Vetter aber warf ihm ein schadenfrohes Gelächter nach, und zog mich mit sich nach dem Zimmer des Dichters. – Neunte Schattenreihe Erste Vorstellung Die Türe des Zimmers war verschlossen; wir mußten uns bequemen durch das Schlüsselloch zu sehen; mein Vetter sah zuerst hinein. »Die Kommission,« sprach er, »besteht aus einem Präses, einem Professor der Medizin, einem Doktor der Theologie, einem Doktor Juris und einem Doktor der Chirurgie.« »Das Visum repertum fiel freilich traurig für den Menschen aus,« sprach der Doktor Philosophiä, »um sein künftiges Fortkommen ist es geschehen.« »Hungertod spricht hier das Gesetz gewöhnlich,« erwiderte der Doktor Juris. Sie flüsterten noch etwas, das konnt' ich aber nicht verstehen. Sie hatten alle Perücken auf und schwarze Mäntel an, bis auf den Doktor der Chirurgie, derselbe war ganz neumodisch gekleidet, hatte einen Tituskopf, auch eine Brille, statt des altvaterischen Mantels aber hatte er nur einen handbreiten Streifen englischen Pflasters den Rücken hinabflattern. Die Untersuchung schien beendiget, das Faß des Dichters stund versiegelt da; auch waren die Bilder von den Wänden herabgenommen. Die Doktoren ließen sich alle auf Stühle nieder, und der Präses, Professor der Medizin, diktierte dem Sekretär das Visum repertum mit folgenden Worten in die Feder: Zweite Vorstellung »Die von einem hochpreislichen Senate zur Untersuchung der Kisten und Kästen des der Dichtkunst suspekten Studiosi Philosophiä, Kullikeia, ernannte Kommission, hat sich sub dato nach erhaltenem Befehle, sogleich in das Zimmer Produktens verfügt, alle Contenta desselbigen aufs genaueste beaugenscheinigt, und in Beschlag genommen, und lautet ein Visum repertum hierüber also: Herr Doktor Chirurgiä Siebbein war der erste, (Siebbein machte eine Verbeugung,) der uns, als wir dem Zimmer Produktens uns näherten, auf einen verdächtigen, spezifiken Geruch aufmerksam machte, welcher uns aus demselben Zimmer entgegenquoll, und konnt' ich ihn mit nichts anderem vergleichen, als mit dem Geruch einer aqua laurocerasi , Kirschlorbeerwasser, welche Vergleichung auch nach Herbeibringung einer solchen aqua , von allen Anwesenden für die füglichste erklärt wurde. Bei Eröffnung des Zimmers nun, erblickten wir nach Umschlagung der Türe ein Kreuz mit schwarzer Farbe auf dieselbe gemalt, das sich fast, so zu sagen, auf dem ganzen Bauche der Türe hinab, als eine schwarze linea alba weiße Linie erstreckte, hie und da aber, wo die Borke der Farbe sich durch die Wärme etwas erhoben hatte, mehrere stahlgraue Pusteln zeigte. Besagtes Kreuz endigte sich in einen natürlichen Fledermausflügel, alam vespertilionem , der auf die Türe genagelt war. Zu beiden Seiten des Kreuzes, so zu sagen auf der regione hypochondriaca Leidens-Seite der Türe, erblickten wir, und zwar auf der regione dextra rechten Seite , einen drei Schuh hohen Holzschnitt, eine Weibsperson darstellend, darunter die Worte: »die vor Liebe sterbende Maria.« Auf die regionem sinistram linken Seite der Türe fanden wir detto einen Holzschnitt genagelt, der ein ungeheuer langes Pferd darstellte, auf welchem vier verschiedene Dragoner zu gleicher Zeit ritten, darunter die Worte: »das Roß Beyart.« In der Rückengegend des Zimmers, quasi so zu sagen, der Türe gegenüber, ob der Bettstelle Produktens, entdeckte Herr Doktor Psychologiä Zirbel zuerst, (Zirbel machte eine Verbeugung,) eine Menge sonderbarer Figuren mit Kohle im Umriß auf die Wand gezeichnet, monstra per excessum et per defectum Ungeheuer durch Abweichung und durch Mangel , Nasen, Füße, Tierschwänze, Augen, Rachen, Pferde mit Fischschwänzen und Fische mit Pferdsköpfen, Ritter, Zwerge, Riesen, Nonnen, Mönche, Könige, Teufel, auch Blumen verschiedener generum et specierum Arten und Gattungen , unter welchen Herr Doktor Juris Hammerschlag zuerst die verdächtige Unterschrift: »Träume, werdende Lieder« bemerkte. Andere Contenta und Mobilien im Zimmer erblickten wir nicht, als einen Schreibtisch, einen Stuhl und einen ganz gewöhnlichen suspektlosen Stiefelknecht von hartem Holze. Daher wurde jetzt zur Hauptuntersuchung, nehmlich zur Zergliederung eines von uns allen schon längst bemerkten Ölfasses geschritten, das recht wie ein Staphiloma Auswuchs am Auge in einer Falte oder Ecke des Zimmers saß. Dritte Vorstellung Dem scharfsinnigen Beobachtungsgeiste Herrn Doktor Siebbeins entging bei Eröffnung dieses Fasses nicht eine runde, warzenförmige Hervorragung, protuberantia Siebbeiniana (Siebbein machte eine tiefe Verbeugung), an welcher er auf meinen Rat so lange zog, bis sie nachgab und ihr noch zwanzig bis dreißig derlei Tuberkeln, Wärzchen oder schwarze Kügelchen folgten, die sich als ein Pasternoster zu erkennen gaben, an welchem unten ein Kreuz von Marienglas hing. Herr Doktor Siebbein stieß anjetzo auf einen Holzschnitt, den heiligen Rochus darstellend, bei dessen Auseinanderfaltung eine Menge teils gedruckter, teils geschriebener Mord- und Galgenhistorien, Gassenhauer- und Handwerksburschlieder über die Hände des untersuchenden Herrn Doktor Siebbeins flossen. Nun aber stieß Herr Doktor Siebbein, seiner Aussage nach, auf den Podicem eines im Faß lauschenden suspekten Produkts. Wir riefen Podici zu, unter Erlassung aller Strafen freiwillig herauszusteigen, und wir taten dies zu wiederholtenmalen. Da aber weder Bewegung noch Antwort erfolgte, so zog Herr Doktor Siebbein auf meinen Rat mit Gewalt an Produkten, und wir erkannten in ihm ein paar Hosen, die mit schwarzer und weißer Wäsche völlig ausgestopft waren, und beim ersten Zufühlen füglich für die Leibesteile eines im Fasse sich ungebührlicher Weise versteckt habenden halben Studiosi gehalten werden konnten. Ein harter Körper war es nun, der Herrn Doktor Siebbeinen jedes weitere Eindringen schwierig machte. Ich gab ihm den Rat, denselben vor einer weitern Untersuchung zu entfernen und herauszunehmen; da zeigte sich derselbe als ein dicker in Pergament gebundener Folioband, enthaltend, die Werke Hans Sachsens, welchem noch drei derlei nebst einigen Quartbänden nachfolgten, betitelt: das Lied der Nibelungen, das Heldenbuch mit seinen Figuren, Historia aller Heiligen, des Knaben Wunderhorn altdeutsche Lieder. Da wir jetzt nichts mehr als kleine Schriften und Blätter im Grunde des Fasses bemerkten; so stürzte Herr Doktor Siebbein das Faß um, und ließ diese Fluida herauslaufen, die wir teils für eigene geschriebene Lieder Produktens, teils für Auszüge aus den Werken Jakob Böhms, Novalis und anderer wahnwitziger Skribler, teils aber für höchst verdächtige, moralitätswidrige Schriften erkannten, die folgende Titel führten: 1. Fortunatus mit seinem Seckel und Wünschhütlein, wie er dasselbe bekommen, und ihm damit ergangen. 2. Wunderbarliche und seltsame Historien Tyll Eulenspiegels . 3. Die nützliche Unterweisung der sieben weißen Meister . 4. Historia von der unschuldig-bedrängten Genovefa , wie es ihr in Abwesenheit ihres herzlichen Ehegemahls ergangen. 5. Historische Wunder-Beschreibung von der schönen Melusina , Königs Heimas in Albanien Tochter, welche eine Sirene und Meerwunder gewesen. 6. Historia von der schönen Magelona , eines Königs Tochter von Neapolis, und einem Ritter, genannt Peter mit den silbernen Schlüsseln. 7. Kaiser Oktavianus , das ist, eine anmutige Historie, wie Kaiser Oktavianus sein Weib samt zweien Söhnen ins Elend geschickt. 8. Wunderschöne Historia von dem gehörnten Siegfried , was wunderliche Abenteuer dieser teure Ritter ausgestanden. 9. Schöne und lustige Historie von den vier Heimons Kindern , Adelhart, Ritsart, Wiritsart und Reinold, samt ihrem Roß Bevart; was sie für ritterliche Taten gegen die Heiden begangen. 10. Historia von Marggraf Walthern , darinnen dessen Leben und Wandel und was sich mit ihm zugetragen. 11. Historia von dem edeln Finken-Ritter , oder vom weiterfahrnen Ritter, Herrn Polycarpo von Clarissa, genannt der Finken-Ritter. Bei Ausklopfung des Fasses folgte auf diese Schriften eine Menge Staub mit denen Exkrementen von Spinnen und Mäusen vermischt, welcher Staub sorgfältig zusammengekehrt und zu einer weiteren chemischen Untersuchung in verschiedene Gläser verteilt wurde. – Vierte Vorstellung Doktor Siebbein hatte die Augbraunen meines Vetters wahrscheinlich durch das Schlüsselloch bemerkt, er öffnete die Türe, und kaum entrannen wir noch die Treppe hinab seinen Blicken. Mein Vetter schlich sich nach einer Weile auf einer Seitentreppe wieder mit mir hinauf, da war aber das Zimmer des Dichters schon versiegelt und die Kommission auseinander gegangen. Mein Vetter sah durchs Schlüsselloch und bemerkte nichts als einige Sperlinge, die in dem verlassenen Zimmer umherhüpften, auch sah er eine Maus in der Ecke des Zimmers sitzen, worüber er gar betrübt wurde: denn der Dichter war doch sein Freund, ob sie gleich einander immer in den Haaren lagen, und entgegengesetzte Pole darstellten, die aber eben wegen ihrer Verschiedenheit einander immer anziehen. Er schwur beim Donner und Blitz, seinen Freund zu rächen, und setzte alsbald seine Voltaische Säule in volle Tätigkeit, lud auch seine elektrische Batterie, und verfertigte Knallsilber und Vexiergläser. Der Postknecht hatte schon zu wiederholtenmalen geblasen, ich wünschte meinem Vetter Glück zu seinen kriegerischen Unternehmungen, wir umarmten uns, und ich bestieg den Postwagen. Fünfte Vorstellung In demselben Postwagen saß ein ganz sonderbarer Mensch, der von diesem Städtchen an die Reise nach Nürnberg mitmachen wollte. Er war ein leidenschaftlicher Liebhaber von allem was weiß ist, führte auch, um den Hals hängend, ein Zuckerglas voll weißer Mäuse mit, die er in Schlesien aufgefangen. Mit dem Hunde des Kondukteurs hatte er recht Mitleiden, daß er nicht weiß statt schwarz war. Im Winter, behauptete er, sei es lieblicher zu reisen, als zu irgend einer Jahreszeit; vermutlich dachte er insgeheim dabei an den weißen Schnee. Er selbst hatte einen weißen Mantel an, war gepudert, und sah überhaupt wie ein recht künstlich gebleichtes Totengerippe aus. Da er den großen Maultrommelspieler Koch seinen Freund nannte, so bat ich ihn, mir dessen Geschichte zu erzählen. Er sprach wie folgt: »Koch hatte schon als er aus der Schule kam, große Fertigkeit auf der Maultrommel erlangt, die er als Soldat, wo er viele müßige Zeit hatte, noch zu einem großen Grade steigerte. Er hatte die Gewohnheit, in der Nacht, beim Schildwachstehen, öfters das Gewehr zurückzustellen, und seine Maultrommel zu spielen. Es begab sich nun, daß einsmal der Herzog von Braunschweig, Kochs General, als er nächtlich zum Fenster hinaus sah, diese wundersamen Töne vernahm. Er vermeinte, bald es kamen diese Töne aus der fernsten Ferne vom Winde herbeigetragen, bald aber war es ihm wieder gewiß, daß sie aus der Tiefe steigen. Er geht hinab, und da steht Koch statt mit dem Gewehr im Arm, mit zwei Maultrommeln. Koch, anfänglich sehr erschrocken, wollte sich entschuldigen, da sprach der Herzog, er solle nur mit ihm gehen. Koch folgte, der Herzog führte ihn in sein Zimmer, er mußte das Spiel wiederholen, der Herzog war entzückt, und beschenkte ihn reichlich. Die andere Nacht bat der Herzog eine kleine Gesellschaft zu sich, die Lichter wurden ausgelöscht und Koch begann sein Spiel. Es war anfangs der Gesellschaft, als vernähme sie die wunderbarsten Töne ganz in der Nähe, bald vor bald hinter sich, dann aber entfernten sie sich immer mehr, stiegen aus der Tiefe weit in die Luft, und nun, nun waren kaum einzelne hörbar, wie kleine Silberglöckchen, bis der letzte Ton, wie ein Stern in blauer Ferne verlosch. Da fielen alle Zuhörer mit dem letzten Ton wie aus der Luft, und wagten wieder auf der gewöhnlichen Erde Atem zu schöpfen. Koch sollte mit Geschenken überhäuft werden, er schlug alles aus und verlangte nur seinen Abschied. Er erhielt ihn und da zog er mit seinem Instrumente durch die Welt. Das Spiel aber hat ihm, wie er oft vorher sagte, den Tod gebracht, er starb an der Schwindsucht.« Sechste Vorstellung Während dieser Erzählung des weißen Mannes, bemerkte ich wie eine dicke Figur, so eine große Perücke aufhatte, im Hintergrunde des Postwagens unruhig sich auf dem Sitze hin und her bewegte, die auch, als die Erzählung zu Ende, folgendermaßen sprach: »Auf dem Brummeisen göttlich, wie auf einer Harmonika zu spielen, will weiter nichts heißen – aber aus einer Gänsegurgel solche Töne hervorzulocken – meine Herrn?« – »Allerdings,« versetzte der weiße Mann, »wäre dies noch bewunderungswürdiger, allein wo ist der Virtuose?« »Meine Herrn!« sprach der dicke Mann, »ist Ihnen denn das Alltagsblatt nicht bekannt?« – wir versetzten einstimmig: »nein!« »In dieser Zeitschrift No. 3499 würden Sie eine ausführliche Abhandlung über den Schwanengesang,« so fuhr der dicke Mann fort, »und über die Wirkung der Gänsegurgel im Munde des Harmonisten, Hans Flügels, gefunden haben. – Sie gehören doch, wie mir scheint, zu den Gebihum! – Sehen Sie! so sieht es aus!« Da zog er ein Blatt aus der Tasche, wickelte es auf, und drei bis vier Gänsegurgeln rollten heraus. »Ha! ha!« schrie der weiße Mann, »Sie spielen wohl selbst dies wunderliche Instrument??« »Ja!« brüllte der dicke Mann, und sprang vom Sitze auf, den weißen umarmend, »ich bin Hans Flügel! Flügel! und reise nach Leipzig!« »So!« und – »weh!« schrie der weiße, – denn da war das Zuckerglas durch Flügels heftige Umarmung zerbrochen und die weißen Mäuse sprangen pfeifend im Wagen umher, – »meine Mäuse! mein – Himmel! Kerl! Flügel! Flegel!« »Hier ist ein Schwanz,« schrie Flügel, »packt ihn! Habt ihr keinen Speck? ich bin unschuldig! – eine Mäusefalle! ... nimmt meine goldene Tabaksdose vom König in Preußen.« – »Bückt euch, verfluchter Kerl!« schrie der weiße Mann, »ich falle in Unmacht! ... Postknechte! stoßt ins Horn! .. . spannt die Pferde ab! halt! ... sperrt das Rad! ... da ein Schwanz! – ich weiß nicht wo ich bin! ... laßt keine Katz' herein! ... –« Aber wehe! die Mäuse hatten schon eine nach der andern über den Chausseegraben gesetzt. In dem nämlichen Augenblicke sprangen meines Vetters zwölf desertierte Katzen vorüber, sie nahmen den nämlichen Weg hintennach, eine hinter der andern, und da sie alle auch weiß waren, war eine gute Strecke von der Chaussee bis in den nächsten Wald ein weißer Streif zu sehen, welchen der weiße Mann mit der Milchstraße verglich, und sich durch ihren Anblick einigermaßen tröstete. Der dicke Mann, seinen begangenen Fehler wieder gut zu machen, erteilte der sämtlichen Gesellschaft, die Postknechte nicht ausgenommen, Freibillette in das Konzert, so er zu Nürnberg zu geben im Sinne hatte. Siebente Vorstellung Wir waren in die schönen Gegenden um Nürnberg gekommen, wir entschlossen uns, von hier an zu Fuße zu gehen. Ein weites Tal lag vor uns, voll Getreidefelder und Fruchtbäume, die nun voll reifer Früchte hingen. »Hier an dem weißen Schaume dieses Wasserfalles, in dieser romantischen Gegend, meine werteste Herrn!« sprach plötzlich der weiße Mann, – »erlauben Sie mir, Ihnen eine kleine Probe meiner poetischen Talente und Deklamation zu geben; auch ich reise auf die Leipziger Messe, die weißen Mäuse waren eigentlich für den Park seiner Durchlaucht bestimmt, im Surrogat für weiße Hirsche. – Die verdammten Stiefel sind gar zu eng! . .. Darf ich Sie nicht bitten, Herr Flügel! etwas zu ziehen?« »Gerne!« versetzte Flügel, und zog aus allen Leibeskräften; »haben Sie etwa Unrat in – « Plump! da fuhr der Stiefel heraus, und mit ihm eine Menge geschriebener Blätter, so um das Bein, wie um eine Spindel gewickelt waren. »Nun noch den andern,« sprach der weiße Mann, Flügel zog und es erfolgte gleiches. Flügel blieb in Gedanken noch immer stehen, als erwartete er einen dritten Fuß, da sprach aber das Gerippe: »nun sind wir fertig! Sehen Sie!« fuhr es nun fort, »im rechten Stiefel hab' ich die Trauerspiele, im linken die Lustspiele. Sie werden auch bemerken, daß der linke Fuß in etwas ein Klumpfuß, Bocksfuß, der rechte aber ist etwas erhabener, als der linke, quasi ein Kothurnus. Die Betrachtung dieses, hat mich schon in früher Jugend auf den Gedanken gebracht, mich in beiden Dichtungsarten zu versuchen, oder mich besser auszudrücken: es ist in meinem Gange ganz der Gang Shakespears dargestellt. Sehen Sie! rechts! links! ganz abwechslungsweise, wie bei Shakespearn, traurig und schnell, dann lustig. Eine traurige Szene, dann auf diese schnell wieder Satyre und Witz, dann wieder traurige Szene, Kothurn vorwärts! schnell wieder hintennach mit dem Klumpfuß, will ich sagen, mit dem Satyr – lustige Szene, und so fort. Nicht wahr? Setzen Sie sich hier auf diese bemoosten Steine, meine werten Zuhörer, ich aber besteige diesen heiligen Felsen. Es beginnt!« – Da sprang er wie ein Rasender auf den Felsen, das Manuskript in der Hand, machte eine tiefe Verbeugung und – Wir hörten nichts; – wir sahen nur, wie er bald mit der rechten, bald mit der linken Hand um sich schlug, bald auf einem, bald auf keinem Fuß stand, den Mund aufsperrte, die Augen rollte, das Sacktuch herauszog, sich wie Tränen abwischte. – – Das Tosen des Wasserfalles war zu groß, um ihn verstehen zu können. Vergebens riefen wir es ihm aus voller Kehle zu, er hörte uns nicht, wie wir ihn nicht hörten. Er stund bei einer halben Stunde so, endlich steckte er das Manuskript in den Stiefel und kam mit selbstgefälliger und fragender Miene schwitzend auf uns zu. Da versicherten wir ihn: daß wir auch nicht ein Wort von all' dem, was er deklamiert, verstanden, und es ihm vergebens zugerufen hätten. Da war der Mann wie vom Felsen gefallen: denn es war ihm, wie er sagte, noch keine Deklamation so trefflich gelungen, tat auch von da an den Mund nicht mehr zum Reden auf, sondern öffnete ihn nur, um zur Erholung auf seine liebe weiße Zunge zu schauen, die er weit aus dem Munde hing. Zehnte Schattenreihe Erste Vorstellung Flügel und der weiße Mann waren wieder in den Postwagen gestiegen, ich aber sah die Türme der Stadt Nürnberg aus der Ferne ragen, und ging, sie immer vor Augen zu haben, den Weg vollends zu Fuße weiter. Ich konnte kaum erwarten, bis ich in die Tore dieser Stadt eintrat. Ein Wagen voll bunter Spielwaren fuhr durch sie aus. Wie viele Freuden, sprach ich bei mir, flossen den Kindern im weiten Deutschland umher schon aus diesen Toren zu! Schon dies sollte jedem diese alte Stadt heilig machen, mag er auch nicht der starken Männer gedenken, die durch sie ausgingen, und so manches gottgeweihte Bild mit schöpferischer Hand in unsern Kirchen aufstellten, vor dem noch jetzt nach Jahrhunderten manches Herz in frommer Andacht knieet! Ich sah mich nach keiner Herberge um, ich hatte meinen Blick nur auf die heilige Sebalduskirche gerichtet, sie stund offen, und ich trat in sie ein. Da war mir recht als trät ich plötzlich in eine andere Welt, als trat ich in einen großen wunderbaren Sarg. Ernst und bedeutsam blickten die alten Bilder, unsterbliche Werke deutscher Kunst, von den Wänden auf mich nieder, und sahen mich fragend an. Einer so ganz andern Welt gehörten sie an, es war alles, was sie umgab, so ganz anders, als es da außen ist, anders Licht, anders Luft und Ton, darum ward mir gar wundersam zu Mute. In dieser Kirche lagen die Gebeine des heiligen Sebaldi in einem Sarge von Bronze, ein Monument von unbeschreiblicher Kunst! und über diesem Sarge wölbte sich ein zweiter Sarg, diese Kirche. Die gemalten Glasscheiben warfen einen Schein durch die Gewölbe, der bald erstarb, bald wieder verklärt emporstrebte, je nachdem die Wolken zogen. Es war mir dies, wie ein stilles Atmen des Heiligen in diesem Sarge. Im Hintergrund der Kirche stund eine Wanne von Bronze, die trugen die vier Evangelisten, und aus ihr empfing enzeslaus die heilige Taufe. Zweite Vorstellung Ich trat heraus, es war ein herbstlicher Mittag, dünne Wolken zogen schnell am Himmel vorüber, und es verbreitete sich bald heller Schein, bald dunkler Schatten auf den Gassen, auch trieb der Wind verwelkte Blätter umher, die wie Schmetterlinge bunt in den Lüften flatterten. Durch die Gassen aber gingen viele farbiggekleidete Mädchen, die hatten alle Blumensträuße an den Busen stecken, und gingen oft da Hand in Hand, und sahen sich froh an: denn es war Sonntag. Einer aber schoß mit großer Hast durch die Straßen, der hatte eine Menge Zettel unter den Armen, die teilte er unter die Leute aus, und auf den Zetteln stund gedruckt: »Hans Flügels Schwanengesang im Wallfisch.« Nun kamen mir erst die Freibillete und all meine Reisegefährten wieder in Sinn, und als ich noch nachdachte, ob alles ein Traum oder nicht, da schlug mich etwas von hintenher auf die Schulter, und als ich zurück sah, war es der weiße Mann; den Kondukteur und die Postknechte sah ich schon vorauseilen, sie hatten die Freibillete bei den Zollzeichen auf den Hüten stecken. Der weiße Mann nahm mich insgeheim bei Seite, als hätte er mir ein Geheimnis anzuvertrauen, und flüsterte mir ins Ohr: »Sagen Sie, um aller Himmel Willen! keinem Menschen, was ich Ihnen jetzt sagen werde. Wir sind jetzt ganz allein, hören Sie! – Ich habe im Sinne, wenn Flügel seinen Schwanengesang geendigt, plötzlich ganz überraschend, gratis und unangekündigt aufzutreten, und Schillers Glocke nebst dessen Eisenhammer zu deklamieren; ich habe zu diesem Behufe beide Stücke bereits aus den Stiefeln gepackt, und auf der Post vor dem Spiegel einstudiert, sie würden etwa so lauten – – « » – Ums Himmels Willen! ihr versäumt den Schwanengesang,« schrie der Kondukteur aus der Ferne, »alles strömt zu dem Wallfisch, wir bekommen keine Plätze mehr!« »Der Mann hat recht,« versetzte der Deklamator, »zudem lautet eine Deklamation in einem verschlossenen, stillen Zimmer immer besser als in der freien Luft, allwo die Rotschwänze und Dummpfaffen drein pfeiffen. Aber, siehe da! Hans Flügel! – « Da stieg Hans Flügel eilend die Treppen des Wallfisches hinauf, er war ganz schwarz gekleidet, und hatte eine ungewöhnlich große, weißgepuderte Frisur. Ein Lohnbedienter ging voran, und trieb die Leute aus dem Wege, die alsbald in Masse hinter ihm herströmten. Dritte Vorstellung Die Plätze waren fast alle schon besetzt; durch Flügels Vermittlung drangen wir uns bis zu den Schranken vor, in denen der Schwanist, wie er sich nannte, stund. Flügel legte seine Gänsegurgeln in Ordnung, machte eine tiefe Verbeugung, setzte nun eine an den Mund und das Konzert begann. Zuerst vernahm man nur ein zartes Lispeln wie von einer Menge kaum halbberührter Silberglöckchen, bald aber kamen die Töne immer näher und näher, bis sie endlich zu einem völligen Choral und Orgelton anschwollen, der wieder bis zum Lispeln der Silberglöckchen verschwand. Der Schwanist spielte die Melodie: »Hebe, sieh, in sanfter Feier.« »Es ist mir,« sagte der Deklamator und Dichter, »als tönten lauter Schneeglöckchen; diese Töne sind alle so rein gewaschen, so milchweiß, bei Gott! es ist einzig! Hören Sie, sehen Sie's?« fuhr er dann wieder fort, »mir ist jetzt, als schwämme ein Schwan durch die himmelblaue Luft – – sehen Sie! dort schifft er! jetzt, jetzt läßt er ein Ei fallen und verschwindet, – dies war eine Cadence. jetzt heben sich die Töne, – und jetzt – sehen Sie! jetzt öffnet sich das Ei, und daraus schwebt ein weißes Täubchen mit einer Lilie im Schnabel in das Morgengold auf – jetzt – sehen Sie! jetzt zerfließt das Täubchen und wird zur Milchstraße, und nun – – – nun hören Sie die Millionen Silberglöckchen, Schneeflöckchen, die wie Morgentau auf die Erde sinken, daß ein weißer Reife den ganzen Saal deckt, und alle Leute gepudert dastehen?« Ich versicherte ihn, von all diesem durchaus rein nichts zu sehen, als den verfluchten Rauch der Tabakspfeifen. Der Dichter wandte sich nun zu seinem Nachbar, dem Postknecht. Dieser sprach, indem er mich in die Waden kneipte: »ja! ich seh es, bei Gott! ich seh's! auch ist mir, als drehten sich Millionen Knackwursträdchen, wie Feuerrädchen, an der Decke des Saales, auch ist mir, als lägen wir alle in einer Sülze. Die Herren da in den schwarzen Röcken kommen mir alle, wie Stückchen schwarz Wildpret vor, ich selbst und meine Herren Kollegen in gelben Röcken sind Zitronenrädchen, und Sie, wertester Herr! kommen mir vor, wie ein Lorbeerblatt.« »Ja! und so ist es mir auch,« versetzte der Dichter, »jetzt, jetzt,« flüsterte ein Tribunalsrat, »hängt es nur noch an einem Zäserchen, o weh! es bricht!« schrie er nun laut. »Gott sei Dank!« versetzte er wieder leis, »nun kommt es doch gröber, es wird einem ganz bang!« »Es wäre mir lieber,« sagte sein Nebenmann, der Speismeister, »wenn auf einen so feinen Ton jedesmal sogleich ein derber Schlag auf eine Pauke, oder ein Tritt mit dem Fuß nachfolgte: denn so ist es eine Suppe ohne Schnitten, – aber immer einzig in seiner Art, mit einer Gänsegurgel, die man bisher kaum zum Gänsepfeffer brauchbar fand! außerordentlich! ganz unerhört! ja es ist –« »Charlatanerie!« rief eine breite, lange Maschine, die sich langsam von ihrem Sitze aufhob, eine lange Balancierstange als Stock in den Händen trug, und sich Professor Schwimmgürtel von Mittelsalz nannte. »Der Kerl ist nichts anders, als so ein Gall, so ein Campetti, so ein unverbrennlicher Roger, so ein Marktschreier. Ich habe den Kerl in Mittelsalz gehört, und die ganze Sache ward mir alsbald verdächtig; ich habe dem Ding mit Muße nachgesonnen, und jetzt, wo ich ihr auf den Grund komme, bin ich dem Kerl mit einem Herrn Kandidaten, dem ich eine Dissertation über diesen Gegenstand schreibe, auf dem Fuße nachgereist, um hier meinem Herrn Doktoranden den wahren Doktorshut abzuholen. Die Prostitution und Dekapierung des Kerls muß publice geschehen, und das Manöver soll alsbald beginnen. Sie, Herr Kandidat! haben bei der ganzen Affaire weiter nichts zu tun, als immer in der Richtung meines Zopfes hinter mir herzugehen, et sic porro .« Vierte Vorstellung Noch war der ganze Saal in Entzücken verloren, der Schwanist spielte die Melodie: »das Grab ist tief und stille.« Da schlich Professor Schwimmgürtel in Begleitung seines Kandidaten sich leis und langsam hinter den Schwanisten, indem er seinen Stock, wie eine Picke trug; und nun, als der Zug hinter dem Schwanisten angekommen, flüsterte er dem Kandidaten, indem er ganz leis mit dem Stocke die hintere Rolle der Flügelischen Perücke aufhob, ins Ohr: »sehen Sie den Betrüger! sehen Sie da die Walze!« – und puff! hing Flügels Perücke an des Professors Stock und spielte fort. Es entstund ein allgemein Getümmel im Saale, der Professor trug die spielende Perücke, in Begleitung des Kandidaten, triumphierend im Saale umher; Flügel aber stund, recht ein Jonas im Wallfisch, gebückt und totenbleich da, die Gänsegurgel noch immer fest am Munde haltend. Der Professor, nachdem er die Perücke rings präsentiert, sie auch zu spielen aufgehört hatte, rief ein löbliches Polizeiamt, dessen Präses zum Glücke ein Perückenmacher, oder wie er sich ferner nennen ließ, ein Haarkünstler war, zum Zeugen auf, und begann die Sektion, die der Kandidat eilend nachschrieb. Der Professor zerlegte nämlich, unter vielen gelehrten Anmerkungen und Zitationen die Maschine, die nichts anders als ein unter einer Perücke verborgenes Glocken- und Flötenspiel war. In den Rollen und Buckeln der Perücke waren Glöckchen und Pfeifchen verborgen, der Haarbeutel aber war ein Blasebalg. Die Gänsegurgel wurde blos pro forma von Hans Flügel in den Mund gesteckt. Das Erstaunen war allgemein; Flügel war unter der Menge entwischt, oder ohne die Perücke gänzlich unkenntlich.« Einige lachten, andere schrieen laut über diese Betrügerei, und die, so noch kürzlich in stummen Entzücken dastunden, und durch die Töne in Tränen zerflossen, hießen das ganze Spiel nun eine Vogelscheuche, ein schlechtes Geroll, das sie alsbald für das erkannt hätten, was es wirklich gewesen, und unter diese gehörte auch der weiße Mann. Derselbe suchte den Schwanisten mit übereinandergebissenen Zähnen auf: denn nun ward er schon zum drittenmal der Hoffnung beraubt, als Deklamator auftreten zu können. Die Postkutsche des Professors stund schon vor dem Wallfisch bereit, der Professor warf sich nach der Sektion mit dem Kandidaten und der sezierten Perücke darein, und fuhr schmollend von dannen. Eilfte Schattenreihe Erste Vorstellung Eine Herberge für arme Handwerksbursche ist nun das Haus, das einst Hans Sachs bewohnte, ich wählte es auch zu meiner Herberge. Mich däucht, ich reist aus rustig, Und kam zur Maienzeit, In eine Stadt groß, lustig, Von Häusern, schön bereit, Die Wohnung der gedürsten Reichsfürsten War mitten in der Stadt. Und auch ein Berg hoch, grüne, Darauf ein schöner Gart, In Freuden war ich kühne Weil drein gepflanzet ward Wohl mancher Baum voll Früchte, Gezüchte, Pomranzen und Muskat; Mehr fand ich drein Rosinlein fein, Mandeln, Feigen, allerlei rein Wohlschmeckend Früchte, groß und klein, Gewiß, viel Volks da insgemein Das drin spazieret hat. Mitten im Garten stande Ein schönes Lusthäuslein, Darin ein Saal sich fande, Mit Marmor pflastert fein, Mit schön lieblichen Schilden Und Bilden, Figuren frech und kühn. Ringsum der Saal auch hatte Fenster geschnitzet aus, Durch die man all' Frucht' tate Im Garten sehen draus. Im Saal stand auch ohnecket Bedecket Ein Tisch mit Seiden grün, An selbem saß Ein Amtmann blaß, In einem langen Bart fürbaß Grauweiß, wie eine Taub er saß Auf einem Blatte grün. Das Buch lag auf dem Pulte Auf seinem Tisch allein, Und auf den Bänken, gülden, Mehr andre Bücher fein, Die alle wohl beschlagen Da lagen, Der alte Herr nit ansah. Wer zu dem alten Herren Kam in den schönen Saal, Und grüßet ihn von ferren, Den sah er an diesmal, Sagt nichts und täte neigen Mit Schweigen Gen ihn sein alt Haupt schwach.« Dem dacht' ich noch halb schlummernd nach, da däuchte mir auch, als stünd ich in dem Garten, er war rings von Moos und Efeuranken beschirmt, umwachsen. Da saß der alte Herr noch, sein Bart war durch den Tisch gewachsen. Die alten Bäume stunden von hundert und hundert Jahren her noch mit ihren alten Früchten da, und die Blumen, noch die alten, dufteten durch den weiten Garten; die Vögel, so den Garten einst bewohnten, hatten den alten Herrn auch nicht verlassen; sie saßen noch auf den Bäumen umher, und sangen ihr altes Lied. Es war dem Herrn die ganze Natur so treu geblieben – – ein Mensch aber war nicht mehr um den alten Herrn zu erblicken. Da ward mir gar trüb zu Mute, und schwur ich in meinem Sinn, nimmer aus dem Garten zu kehren, und hub zu weinen an. Dies ersah der alte Herr, und tat sein Haupt gegen mich lächelnd neigen, da erwacht ich. Und da ging ich zum Johanniskirchhof hinaus, und ging auf Hans Sachsens Grab. Nicht weit von Albrecht Dürer ruht er auf der Seite, wo nun auch Grübel ruht; sie schlummern alle in den Gräbern ihrer Väter. Sonnenblumen wuchsen aus ihrer Asche auf, die heben unverwandt ihre Häupter zum Stern der Liebe und Kraft auf. Zweite Vorstellung Als ich durch das Tor wieder einging, fuhr ein Reisewagen hinein, auf dem hinten ein kleiner Mohr saß, der mir wie ein Bekannter freundlich zuwinkte. Der Wagen hielt vor dem Wirtshause zum Wallfisch, dahin ging ich, um ein Mittagsbrot zu verzehren. Der weiße Mann saß in diesem Wirtshause ganz betrübt unter vielen Tabaksrauchern in einem der Zimmer, das voll Rauch war. Es hatte aber derselbe nur ein Rohr im Munde, aber keine Pfeife daran. »Sehen Sie,« sprach er zu mir, »in einem solchen Rauchzimmer, das gleichsam schon eine große Pfeife voll Rauch darstellt, pflege ich nur ein Rohr in den Mund zu nehmen, vermöge dessen ich den überflüssigen Rauch um mich auffange, und wieder verrauche, so habe ich keinen Tabak nötig, auch brauche ich keine Pfeife zu stopfen und anzuzünden. Nun nehme ich eine Prise,« sprach er, indem er das Fenster wie eine Tabaksdose öffnete; »die Sonne ist der allerherrlichste Schnupftabak,« sprach er weiter, »und macht mich stets nießen, wenn ich so recht einen kräftigen Strahl in meine Nase fallen lasse, hutscha!« Ich lobte seine Erfindung, und bat ihn, sie zum Besten aller tabaksrauchenden und schnupfenden Dichter, im Reichsanzeiger bekannt zu machen. Darnach lud ich ihn ein, mit mir in das nächste Zimmer zu sehen, um ein Mittagsbrot zu verzehren, maßen er mir nicht anders vorkam, als wie ein aus einem alten Torschreiber vor Hunger entlaufener Speisekanal. Dritte Vorstellung In demselben Zimmer saß ein Herr mit einem Ordensband; man hieß ihn den Grafen Maslach, der verzehrte einen frikassierten Fasanen, und hinter seinem Stuhle stand der kleine Mohr zur Aufwartung. Der Mohr lächelte mich wieder gar freundlich an, zog ein Stück Kreide hervor, und zeichnete flugs mit ein paar Zügen dem Grafen einen Eselskopf auf den Rücken, woran ich erkannte, daß der Mohr mein Laternenputzer Felix war. – Der Graf bemerkte durch die vor und hinter ihm hängenden Spiegel den Eselskopf, sprang vom Stuhle auf, den Mohren zu packen, als derselbe schon längst die Treppe hinabgesprungen. »Mohr bleibt doch immer Mohr,« sprach der Graf zu mir, indem ich in einen Hasenschlegel biß; »ich mag den Kerl prügeln, so oft ich will, so bleibt er stets ein wildes, halsstarriges Tier. Übrigens schone ich ihn immer, so viel ich kann. Seine Lebensgeschichte ist sehr interessant; er ist eigentümlich eines afrikanischen Königs Sohn, und ich hab' ihn auf meinen Reisen an der Küste von Koromandel mit mehreren Papageien, Affen, Kolibris und Straußeneiern teuer erkauft.« – Der weiße Mann fragte mich leis, ob ich nicht glaube, daß er dem Grafen den Eisenhammer deklamieren solle? ich sagte: »allerdings! tun Sie das!« da stund er auf und machte eine Verbeugung gegen den Grafen, aber im nehmlichen Momente trat Felix wieder herein, in seinem alten Grenadiersrock und mit weißem abgewaschenem Angesicht. Er stellte sich mit andern Betteljungen an die Türe, und ehe der weiße Mann Zeit gewann, den Mund zu öffnen, fing er mit heller Stimme also zu singen an: Es spielt ein Graf mit seiner Magd, Bis an den hellen Morgen, Bis daß das Mägdlein schwanger war, Da fing es an zu weinen. Weine nicht, weine nicht, braun's Mägdelein, Ich will dir alles bezahlen, Ich will dir geben den Mohren mein, Dazu fünfhundert Taler. Den Mohren dein und den mag ich nicht, Will lieber den Herren selber. Wann ich den Herrn nicht selber kann han, So geh ich zu meiner Mutter! In Freuden bin ich von ihr gegangen, In Trauren wieder zu ihr. Und da sie vor die Stadt Augsburg kam, Wohl in die enge Gasse, Da sah sie ihre Mutter stehn Bei einem kühlen Wasser. Bist du willkommen liebs Töchterlein, Wie ist es Dir ergangen, Daß dir dein Rock von vornen so klein Und hinten viel zu lange? Und wie es mir ergangen hat, Das darf ich Euch wohl sagen: Ich hab' mit einem Edelherrn gespielt, Ein Kindlein muß ich tragen. Hast du mit einem Edelherrn gespielt, Du brauchst es niemand zu sagen: Wenn Du Dein Kindlein zur Welt gebierst, In Rheinstrom wollen wir's tragen. Ach nein, ach nein, liebe Mutter mein! Das wollen wir lassen bleiben. Wann ich das Kind zur Welt gebär, Dem Vater will ich zuschreiben. Ach Mutter, liebe Mutter mein! Macht mir das Bettlein nicht zu klein, Darin will ich leiden Schmerz und Pein, Dazu den bittern Tod. Und da es um Mitternacht, Dem Edelherrn träumt es schwer, Als wenn sein herzallerliebster Schatz In dem Kindbett gestorben wär. Steh' auf, steh auf, lieb Reitknecht mein! Sattle mir und dir zwei Pferd: Wir wollen reiten bei Tag und Nacht, Bis wir den Traum erfahren. Und als sie über die Heid naus kamen, Hörten sie ein Glöcklein läuten: Ach großer Gott von Himmel herab, Was mag doch dies bedeuten! Und als sie vor die Stadt Augsburg kamen, Wohl vor die hohen Tore, Da sahen sie vier Träger schwarz Mit einer Totenbahre. Stellet ab, stellet ab ihr Träger mein, Laßt mich den Toten beschauen, Es möchte mein' Herzallerliebste sein Mit ihren schwarzbraunen Augen. Da hob er auf den Schleier weiß, Besah wohl da ihr Herze: Es ist einmal mein Schatz gewest, Nun fühlt sie keinen Schmerzen. Da hob er auf den Schleier weiß, Besah wohl ihre Hände: Es ist einmal mein Schatz gewest, Nun aber hat's ein Ende. Da hob er auf den Schleier weiß Besah wohl ihre Füße: Es ist einmal mein Schatz gewest, Nun aber schläft sie süße. Da zog er aus sein glänzend Schwert, Und stach es sich ins Herze: Hast du gelitten den bittern Tod, So will ich leiden den Schmerzen. O nein, o nein! o Edelherr! nein, Das sollt ihr lassen bleiben: Es hat schon manches liebe Paar Von einander müssen scheiden. Machet uns, machet uns ein tiefes Grab, Wohl zwischen zwei hohen Mauern, Da will ich bei meinem herzliebsten Schatz, In seinen Armen trauren. Sie begruben sie auf den Kirchhof hin, Ihn aber unter den Galgen. Es stunde an kein Vierteljahr, Eine Lilie wächst aus seinem Grabe, Es stund geschrieben auf den Blättern dar, Beide wären beisammen im Himmel. Und der dies Lied gesungen hat, Der war des Grafen sein Mohr, Er wusch sich an dem Bronnen weiß, Und zog an's Meer daran. Mit dem letzten Worte war Felix verschwunden. Der Graf hatte in ihm seinen Mohren erkannt, und hatte schon die Gabel aufgehoben, um ihn, wie einst König Saul den singenden David, an die Wand zu spießen; als er, wie erstarrt, wieder zurücksank. »Himmel,« sprach er endlich, »der Hund hätt' mich betrogen! alsbald werd' ich ihn der Polizei angeben.« Da stund er auf und ging zur Türe hinaus, mehr aber um seine Verlegenheit zu verbergen, als den afrikanischen Prinzen aufsuchen zu lassen. Vierte Vorstellung Der weiße Mann hatte schon vor dem Spuk einen Haß auf Felix gefaßt; wahrscheinlich wegen seiner schwarzen Farbe, nun aber, da er durch ihn abermals in seiner beginnenden Deklamation unterbrochen wurde, brach er in gar derbe Schimpfreden also aus: »Diese schlechte Bänkelsängerei gegen den Eisenhammer! Der Erzbetrüger! und durch die Fistel sang er's! ich hielt die Ohren zu, es war unerträglich. ›Da hob er auf den Schleier weiß‹ (sic!) warum nicht den weißen Schleier! Überdies ist das ganze Ding noch höchst unmoralisch, ich errötete. ›Weine nicht, weine nicht, braun's Mägdelein.‹ Wie abgeschmackt! welcher Mann wird an der Bräune eines Mägdleins Gefallen finden! ›Mägdelein‹ soll wahrscheinlich kindlich und naiv sein, ist aber nur kindisch! ›Ich will dir geben den Mohren mein‹ (sic!) warum nicht meinen Mohren, oder besser, meinen Heinrich, meinen Johann? Überhaupt lauteten diese Verse so gegeben viel besser: Ha! trockne die Tränen, schön Röschen traut, Du wirst meines Johanns stattliche Braut; Bekömm'st, so wahr ich kein Prahler! Zur Mitgift fünfhundert Taler. Und dann gleich darauf: O nein! Herr Oberst! da wird nichts daraus Zur sorgsamen Mutter kehr ich nach Haus. Frischblühend bin ich gegangen, Nun bleichet Schwermut die Wangen. Sehen Sie! nicht wahr! das läßt anders, und eignet sich fast zu einer Deklamation. Ja der Teufel! bearbeitet muß alles sein! gefeilt! gefeilt! Der Dichter steht nicht gleich so da, er muß einen Schulsack haben, das fehlt denen Herrn, gründliches Studium der Klassiker. Was spanisch! was italiänisch, was altdeutsch! verstünden die Herrn nur erst neudeutsch, den Adelung und die Grammatik. Nur durch die Sprache der Griechen und Römer kann man deutsch lernen. Solche Herren können wohl auch einen Lorbeerkranz erhalten; aber nur aus der Hand eines Pfalzgrafen. Aber da nützt alles Reden nichts, die Herrn machen sichs gern kommode. – An solche Lumpen, an solche Betrüger, wie da der Pseudomohr war, wenden sie sich; das sind die Dichter der höchstgepriesenen Volkslieder, die Erhalter der deutschen Poesie! – Ich setze meinen Kopf zum Pfande, der Schuhputzer da hat die Reimerei selbst gemacht. Wenn ich nur so einen Kerl auf der Straße singen höre, so einen Schneider, so einen Schmiedknecht, bekomm' ich vor Ingrimm über den ganzen Leib ordentlich eine Gänsehaut. Alles Wandern, alles Zunftwesen, hätte man doch schon längst verbieten sollen. Sie können nicht glauben, welche Immoralität diese Handwerksbursche durch ihre Schelmenlieder in allen Gegenden verbreiten! Gehen Sie nur einmal an einem Sonntag Abends in eine Stadt, wo Fabriken sind: da laufen die Kerle frech, Arm in Arm, auf offener Straße; und nicht genug, daß man ihnen das Rauchen erlaubt, sie gehen mit aufgesperrten Mäulern selbst an der Polizei vorüber, und – singen!« Fünfte Vorstellung Du Hund, du, dacht ich, jetzt lern' ich dich erst recht kennen! Ich ließ ihn aber fortschwatzen, ob ich gleich bemerkte, daß zwei Schmiedknechte, so in einer Ecke der Wirtsstube saßen, sein Gerede behorcht, und sich hinter ihn gestellt hatten. – »Hör Er,« fing einer der Schmiedknechte an, »was Er da gesagt, scheint auf uns zu gehen?« »Nein! ganz und gar nicht,« sprach der Deklamator, »meine Herrn! – ich – –« Er sah jetzt nicht bleich oder weiß, wie gewöhnlich aus, sondern schwarz vor Angst. »Er ist ein Roß!« schrie der eine Schmiedknecht, »weiß Er's!« »Beschlagen wir ihn!« sagte der zweite Schmiedknecht. »Kamerad! Frisch auf ans Werk!« sprach der erste. Da faßten sie den weißen Mann bei Kopf und bei Fuß, und trugen ihn zur Türe hinaus, einer nahen Schmiede zu, während er ihnen, sie, wie einst Arion seine Mörder, zu rühren, den Eisenhammer vordeklamierte. Alle Anwesende sahen dem Spuk mit vielem Gelächter durch die Fenster zu, und der Wirt erzählte, wie der weiße Mann Perückenmacher in dieser Stadt gewesen, wie er aber beim Anblick der ersten Titusköpfe vor Schrecken eine Hirnlähmung erhalten, und sich nun auf das Deklamieren und Rezensieren lege. Zwölfte Schattenreihe Erste Vorstellung Ich verließ das Wirtshaus; es war heute ein Feiertag. Viele schöne Mädchen und Frauen traten aus der Sebalduskirche, um vor den Toren in Gärten, und auf den Wiesen sich im Grünen zu ergehen. Manch liebes Bild ersah ich da, an dem ich kalt und stumm vorübergehen mußte, wie an den schönen Blumen, dort in den fremden verschlossenen Gärten. Ich kam auf eine große grüne Wiese; darauf stunden große Linden, in deren Schatten Buden verschiedener Art errichtet waren, auch waren da viele Leute versammelt. In einer der Buden wurden Krippenspiele gegeben. Viel Volks strömte in sie ein: besonders bemerkte ich viele Kinder; auch sah ich außen vor der Bude viele Jungen stehen, die gaben sich Mühe, durch die Spalten der Bude das Spiel mit anzusehen. Ich hörte den Klang einer Harfe und ging ein. Die Bude war voll Menschen. Auf den vordem Bänken saßen viel liebliche Mädchen, alle mit Blumensträußen an dem Busen, in bunten Kleidern. Die meisten der andern Bänke aber waren von Mägden und Kindern besetzt; auch sah ich mehrere Greise, denen Kinder auf dem Schoße saßen. Der Vorhang war noch nicht aufgezogen. Auf ihm sah man das Wappen der Stadt Nürnberg mit den buntesten Farben gemalt; das hielten zwei Riesen, die waren ernsten Ansehens; hielten auch lange Stangen in den Händen, und hatten große Schwerter an der Seite; sie hatten runde Schlapphüte auf, mit Federn, waren halb geharnischt, und hatten lange Bärte. Um sie herum ritten viele Knaben auf Steckenpferden, und hatten Klappern in den Händen. Bei den Füßen der Riesen aber, pflückten Mädchen Blümchen aus dem Grase, andere verbargen sich hinter den Füßen der großen Männer, und lächelten schelmisch hervor. Nahe bei dem Vorhange saß die blinde Harfnerin, so mit mir einst den Fluß hinabgefahren; zu ihren Füßen saß der Knabe, schneeweiß gekleidet, hatte auf seinem lockigen schwarzen Haare eine Krone von Schettergold, und in der Hand hielt er einen schwarzen Stab. Der Vorhang ward aufgezogen, die Harfe schwieg; der Knabe mit Kron' und Stab aber stellte sich auf einen hohen Schemel nahe beim Vorhange, so daß er von allen gesehen wurde. Figürchen, kaum einen Finger lang, von unten herauf geleitet, bewegten sich hin und her. Alles war bloße Pantomime; der Knabe mit dem Stab' aber gab zu jeder Vorstellung mit einfachen Worten die Erklärung. Möchten aus den Worten des Knaben, die ich hier hersetze, euch jene bunte Figuren erstehen! – Das Zwischenspiel der zwölften Schattenreihe oder das Krippenspiel aus Nürnberg Erster Aufzug Der Knabe spricht: Nürnberg wird von Kaiser Konrad mit Mauern umgeben. Der Vorhang fällt. Zweiter Aufzug Der Knabe spricht: Der Kaiser Wenzeslaus begehrte die Schlüssel zum Vestner Tore von E. E. Rat, und sagte ihnen zu, was sie wieder von ihm würden bitten, wollte er ihnen auch gewähren. Also wurden ihm die Schlüssel von dem Bürgermeister zugestellt. Da sagte der Kaiser zum Bürgermeister: nun bittet auch, und was ihr bittet, soll euch gewähret werden. Darauf sagte der Bürgermeister: Allergnädigster Herr Kaiser! so bitten wir von E. Majestät nicht anders, denn daß E. M. uns unsere Schlüssel wollten wieder zustellen. Da wurde der Kaiser schamrot, und sagte zum Bürgermeister: du lustiger Mann und Fuchs! das sollte ich zuvor bedacht und ausgenommen haben, und zuckte die Hand, und schlug dem Bürgermeister flechtlings ins Angesicht, und wurf ihm die Schlüssel wieder dar, und saß im Zorn auf sein Roß, ritte alsobald aus der Stadt, und gab seinen Dienern Befehl, daß sie den Krämern ihre Kräme sollten über den Haufen reiten, und umwerfen, welches auch geschahe. Der Vorhang fällt. Dritter Aufzug Der Knabe spricht: Als Kaiser Sigismund auf dem Reichstag zu Nürnberg anwesend war, ließ er sich am Osterabend auf St. Sebalds Kirchhof um das Feuer führen; als man dasselbe gesegnet, fand er sich auch bei der Veste in St. Sebaldkirche ein, wobei er den St. Georg Mantel getragen, der von blauem Samt und mit Hermelin gefüttert war, worauf ein Kreuz mit Perlen geheftet und an demselben St. Georgs Schildlein auf den linken Ärmel mit Seite gesticket. Der Vorhang fällt. Vierter Aufzug Der Knabe spricht: Hier wird das von Hans Starken auf St. Sebaldkirchhof gestiftete, messingene Kruzifix, welches 1878 Pfund gewogen, an die Kirche beim Portal mit vier Nägeln angeheftet und jeder Fuß besonders. Der Vorhang fällt. Fünfter Aufzug Der Knabe spricht: Der Kaiser Friedrich hielt einen Reichstag zu Nürnberg. An Peter Rieters Hause war ein Thron errichtet, vor welchem verschiedliche Fürsten die Lehn empfingen, wann der Kaiser im kaiserlichen Ornate auf denselben gesessen. Unten am Schlosse ließ der Kaiser auf Gewölben und steinernen Pfeilern Gärten machen, und unterhalten; auch Weinreben darein pflanzen. Auf dem runden Turm in der Vestung aber hatte der Kaiser in einem Erker ein großes zinnernes Rohr machen lassen mit einem Blasebalg; wenn dieser getreten wurde, und der Wind in das Horn blies, so brummte es wie eine große Orgelpfeife, daß man es über die ganze Stadt hören konnte. Der Vorhang fällt. Sechster Aufzug Der Knabe spricht: In der Kreuzwoche hat der Kaiser befohlen, alle Kinder von Nürnberg in den Stadtgraben vor dem Schlosse kommen zu lassen, da denn etliche tausend erschienen, deren jedem er einen Lebkuchen, worauf sein Bild gestanden, erteilte. Der Vorhang fällt. Siebenter Aufzug Der Knabe spricht: Kaiser Maximilianus hielt einen großen Reichstag zu Nürnberg. Dabei wurde ein solennes Rennen und Ritterspiel gehalten, welchem der König in höchster Person beiwohnte, und mitgerennt. Er war auf das köstlichste angekleidet, und geziert von dem Schatze, den sein Herr Vater auf dem Schlosse zu Nürnberg in St. Margarethen Kirche vermauert hatte, sein Rennpferd war geziert mit einer Decke, von Perlen und Edelsteinen gestickt und geschmücket. Nach geendigtem Ritterspiel kamen vier und zwanzig von Adel, in grünen Schetter gekleidet, mit Wolle ausgefüllet, und mit ströhernen Helmen auf die Bahn. Sie hielten zusammen viele Treffen mit Krücken, ritten auf ungegürteten Sätteln, und wann sie trafen, blieb keiner sitzen, welches lächerlich zu sehen war. Der Vorhang fällt. Achter Aufzug Der Knabe spricht: Hier war die große Glocke bei St. Egidien aufgehangen, und ward am Osterabend das erstemal geläutet. Sie hat 39 Zentner 8 Pfund gewogen. Der Vorhang fällt. Neunter Aufzug Der Knabe spricht: Hier schifft Martin Behaim aus Nürnberg mit einem Schiffe, so er sich von der Königin Isabella erbeten, in die große Westsee, weil er vermutete, es wäre außerhalb unsern bekannten Weltteilen noch viel Landes abendwärts anzutreffen. Nachdem er nun ziemliche Zeit die Westsee durchwandert, entdeckte er eine Insel, so man Fayal nannte, worauf er die längste Zeit seines Lebens zugebracht. Der Vorhang fällt. Zehenter Aufzug Der Knabe spricht: Hier hat Sixt Oelhafen Hochzeit mit Jungfrau Annen, Seifried Pfinzings Tochter, wobei alle Fürsten und Herren, so auf dem Reichstag waren, persönlich erschienen. Die Braut wurde von zwei Ratsherren, die ihre Ratskleider anhatten, zur Trauung geführt. Sie trug eine Krone auf dem Haupte, die war mit Perlen besetzt, auch war sie schön mit güldenen Ketten und anderem kostbaren Geschmuck ausgeziert. Der Vorhang fällt. Eilfter Aufzug Der Knabe spricht: Hier wird der in der Zeichen- und Malerkunst, wie auch im Formschneiden, Kupferstechen, Radieren, Bildhauen und Eisenschneiden hocherfahrne Künstler, Albrecht Dürer, der alte, unter Begleitung des Rats und aller Bürger auf den St. Johanniskirchhof zum Grabe getragen, und ward ein groß Trauern. – Der Vorhang fällt. Zwölfter Aufzug Der Knabe spricht: Hier halten die Messerer von Nürnberg in der Fastnacht, nach altem Gebrauche, ihren Schwerttanz. Sie tanzten vor dem Rathause und hielten eine Fechtschule. Die Schreiner hielten auch einen Aufzug, und trugen ein schönes Haus in der Stadt herum. Sie trugen Kleider von lauter Spänen zusammengeflochten, darinnen hielten sie vor etlicher Burger Häusern Komödie, bei welcher sie einen Bauern hobelten. Der Vorhang fällt. Dreizehnter Aufzug Der Knabe spricht: Hier bringen die Metzger, den Donnerstag nach der Fastnacht, dem Magistrate eine Wurst. Ihre Länge war sechshundert und acht und fünfzig Ellen. Die Stange woran sie getragen worden, war neun und vierzig Schuhe lang. Die Wurst war oben mit Grün besteckt. Die Träger hatten in der linken Hand Gabeln, damit sie ruhen konnten, und war dabei eine schöne Musik zu hören. – Der Vorhang fällt. Vierzehnter Aufzug Der Knabe spricht: Hier nimmt von der Welt Abschied, Hans Sachs, seiner Profession ein Schuster, aber dabei ein berühmter Meistersänger zu Nürnberg, welcher 4275 Meistergesänge, 208 Komödien und Tragödien, 1700 Sprüche und Gesänge, 72 Psalmen und geistliche Lieder verfertigt. Der Vorhang fällt.   Das Krippenspiel war geendigt. In frommer Andacht saßen die Mädchen während der Vorstellungen da. Nun aber teilten sie einander laut ihre kindische Freude mit, und zogen scherzend von dannen. Zwei Mädchen aber blieben, als schon alle andere die Bude verlassen, immer noch stehen, vermeinend, der Vorhang könnte doch noch einmal hinaufrollen, und kamen dann recht betrübt mit einem Manne, der die Bude verschloß, heraus. Zweite Vorstellung In der Bude darneben war ein Ringelspiel zu sehen, da ritten sie auf hohen hölzernen Pferden, die im Kreise herumgedreht wurden, und suchten, während des Herumfahrens, Ringe, so an die Seiten aufgehangen waren, mit Speeren herunter zu stechen. Vor allen fiel mir da ein Mädchen auf, das stund mit beiden Füßen frei in einem der Steigbügel, hielt sich mit der linken Hand an der Mähne des Pferdes, mit der rechten aber führte es den Spieß. Es verfehlte nie den Ring, während alle Männer ihn verfehlten. Alles blickte auf dasselbe Mädchen, und war es nicht anders anzusehen, als eine Fee. Je länger ich es anblickte, je bekannter schienen mir seine Züge, nur vermocht' ich wegen des schnellen Herumfliegens nicht, sein Bild genau aufzufassen. Das Spiel war geendigt, das Mädchen sprang vom Pferde, und ich erkannte zu meiner großen Freude in ihm jenes fremde Mädchen, das mit mir den Fluß hinab gefahren war! es hatte auch mich erkannt, und freundlich gegrüßt. Da ging ich auf dasselbe zu, und sprach: »nun sollt ihr an mir nicht wieder, wie ein Schatten an der Wand vorüberschweben, fest zu halten gedenk ich euch, so feenartig ihr auch aussehet.« Das Mädchen lächelte; ich führte es an der Hand aus der Bude, und gingen wir die Wiese hinab gegen den Fluß spazieren. Ich lobte seine Kunst; da erzählte es mir mit vieler Einfalt, wie es auch im Schwimmen gar wohl erfahren seie, und auch ein Schiff zu lenken verstehe. Dritte Vorstellung Die Sonne sank hinter die blauen Berge, und warf einen feurigen Strahl in den Fluß. Schifflein mit roten Segeln schwebten wie lichte Abendwolken vorüber, fernere glichen Schwänen oder Tauben, so durch den blauen Himmel fliegen. Lange blickte das fremde Mädchen stillschweigend über die blaue Fläche hin; endlich sprach es: »O Meer, daß ich dir ferne weilen muß! wie oft stand ich einst auf meiner heimischen Insel an deinem bunten Beete! Gewaltiges Sehnen zog mich, durch den Kristall der Wellen zu schauen. Da war mir als tönten süße Stimmen zu mir herauf, die riefen mir zu: steig hinab in unsere Lichtheit! War mir da zu Mut, als wäre nur da unten meine Heimat. Dann benetzt' ich mich, meine Sehnsucht zu stillen, mit Meerwasser und badete in den hellen Kristallen die langen Locken. Das Meer war meine Wiege, seine Muscheln, Steine und Korallen meine Spiele um sie, als Kind riß man mich von ihm; den Fesseln entsprungen, die mich seitdem fern von ihm banden, eil ich ohne Aufhalt zu ihm zurücke, es werde mein Grab. Dann werd' ich die sehen, die mir so oft gerufen, es wird mir alles klar werden da unten, die Steine, die Blumen, die Muscheln und Fische, alle Klänge und Gestalten meiner Kindheit werden sich auftun den trunkenen Blicken.« So sprach das fremde Mädchen. Wir kamen im Gespräch durch einen Garten, wo nebenbei ein einsames Landhaus stund. »Dieses Haus,« sprach das Mädchen, »bewohnt schon seit vierzig Jahren eine wahnsinnige weibliche Person. Sie ist nun in ihrem siebenzigsten Jahre und soll einst eines der schönsten Mädchen von Nürnberg gewesen sein. Vor zwanzig Jahren erwachte sie eines Tages aus ihrem Wahnsinne, berief dann all' ihre Freunde zusammen, gab ihnen ein Gastmahl, nahm von ihnen Abschied und kehrte dann wieder in sich zu ihren finstern Geistern zurück. Seitdem steht der Garten ganz sich überlassen.« – Schauerliche Stille herrschte in diesem Garten, kein Vogel sang in ihm, nur eine Ziege sah ich im hohen Grase liegen, kein Weg war mehr zu sehen, die Blumen gaben ihre Samen den Winden, die Wände des Gartenhauses waren eingefallen, die Bildsäulen lagen in Stücken, die Fenster waren zersprungen und abgefault, in den Laubgängen war dunkle Nacht, und war so der ganze Garten selbst ein Bild des Wahnsinnes. In einem der Laubgänge setzten wir uns nieder, da hat das fremde Mädchen mir den Sterbetag all meiner Freunde gesagt, so wie den Tag, an dem der oder jener geboren, und meinen Sterbetag. »Schont meiner,« sprach ich, indem ich sie freundlich anblickte. Da umschlang sie mich mit einem Arme; mit der Hand des andern aber, fuhr sie mir dreimal sanft über die Augen her, die schlossen sich alsbald wie zum magnetischen Schlafe. Als ich die Augen bald wieder mit Gewalt aufschlug, da sah ich das Mädchen nicht mehr und rief ihr auch vergebens durch den weiten Garten zu. – Die Nacht war da, ich stand allein in dem verlassenen Garten. Schauer ergriff mich und eilend sprang ich durch die dunkeln Laubgänge aus dem Garten ins Freie. Ein zahllos Heer von Sternen ging durch den Himmel und ich fühlte mich nicht mehr allein. Ich dachte dem fremden Mädchen nach, und der Worte, die sie zu mir gesprochen, und so furchtbar sie mir auch war, so fing ich doch an, ein stilles Sehnen nach ihr zu fühlen. Vierte Vorstellung Im Nachdenken über das Vergangene verloren, kehrte ich gegen die Stadt zurück. Endlich war ich wie aus Träumen erwacht; sonnenhell schien der Mond durch den blauen Himmel, und ich befand mich vor einem Bilde, so da am Wege stand, das betrachtete ich und las darunter die Worte: »Hier hängt Jesus vor seiner gebenedeiten, würdigen Mutter, die ihn mit großem Leid und bitterlichen Schmerzen beklaget und beweint.« Das Bild selbst stellte Christum am Kreuze hängend dar, wie er seine schmerzvolle Mutter mit liebreichen Worten zu trösten sucht. Ich ersah als ich weiter ging, daß ich mich an dem Werke befand, so Martin Kätzel vor vierhundert Jahren errichtet. Dieser nämlich ist nach Jerusalem gereiset, und hat allda die Weiten von verschiedenen Gegenden, wo der Herr Jesus zu seinem Tode gewandelt, von dem Hause Pilati, bis an den Berg Kalvariä sorgfältig abgemessen. Als er nun wieder in Nürnberg angelangt, hat er befunden, daß die Blätter, worauf er die Weiten notierte, verloren gegangen – da ist derselbe wieder hineingereiset, und hat die Abmessung mit gleichem Fleiße wiederholt, worauf er denn endlich bei seiner letzten Zurückkunft, mit Zuziehung Adam Krafts, eines berühmten Bildhauers in Nürnberg, das lang' gefaßte Intent erreicht. Es stellt vor die Hinausführung Christi zur Kreuzigung; nämlich die vier Fälle auf so viel steinernen Säulen in flachen Bildern, wie sich die eigentlichen Weiten von dem Hause des Pilati bis auf die Schädelstätte ergeben, und geht von dem Tiergärtnertor bis auf den Johanniskirchhof. Fünfte Vorstellung Ich war auf meine Herberge zurückgekehrt, und blickte noch lange in die einsamen Gassen nieder. Alles war rings Totenstille und schien die Stadt von allen Menschen verlassen. In dunklem Schatten stand die alte Sebalduskirche, und ragte düster und ernst in den Himmel voll Sterne, der sich ob ihr gleich einer Glorie verbreitete. Eine Stimme ertönte, wie aus den Lüften, in die stille Nacht hernieder. Es war der Wächter auf dem Turme der Kirche, der sang zur Zither: Ein fremder Kavalier Stieg ab vom schwarzen Roß, Trat in den Königssaal, Mit andern Herren groß. Derselbe Kavalier Trug einen Edelstein, Wie man noch keinen sah, Von wundersamem Schein. Ein Stein von hohem Wert In Königs Krone saß, Doch schien vor diesem er Ein mattgeschliffen Glas. Der König bot ihm Gold, Er bot ihm Leut und Land, Doch lassen wollt er nicht Den edeln Diamant. Der König dess' erbost, Spricht zu dem Hauptmann sein: Bringt mir des Mannes Hand Samt seinem Edelstein. Der Hauptmann reckt das Schwert, Haut nach des Mannes Hand, Doch statt dem Kavalier Der Teufel vor ihm stand. Glut strömt aus seinem Ring, Zur Hölle wächst der Stein, Schleußt Schloß und König bald Samt allen Dienern ein. Die Glocke schlug Mitternacht und der Wächter stieß dreimal ins Horn. Sechste Vorstellung Ich legte mich auf mein Lager und entschlief; da mischten sich die gesehenen Bilder jenes Krippenspiels gar wundersam im Traum. – Bald sah ich den Kaiser Wenzeslaus, wie er ergrimmt auf sein Roß sprang, und der Zug seiner Ritter und Reiter hinter ihm her, über die Krämerstände setzten, sie darniederrannten und die erstaunten Krämer nicht wußten, wie das geschah. Dann aber ersah ich wieder, wie eine Menge Leute auf den Straßen zu Nürnberg stunden; es war der Osterabend. Alles war rings Totenstille, die Wolken hielten zu ziehen inne; die Vögel auch saßen schweigend auf den Dächern umher, alles lauschte, – und nun auf einmal erklang vom St. Egidienturme zum erstenmal die geweihte Glocke. Lauter Jubel der Menschen da unten ertönte in ihre dumpfen Schläge. Die Vögel schwangen sich singend auf von den Dächern in die Lüfte, und freudig flogen die Wolken über Kirche und Stadt dahin. Jetzt aber stand ich vor der Sebalduskirche. Ich sah, wie sie das schwere Kruzifix an der Kirche hinaufzogen. Eine Menge Volks stand unten in banger Erwartung. Jetzt war es aufgezogen, der Künstler so es gegossen, gab von unten herauf die Anweisung zur Anheftung. Jetzt war der letzte Nagel eingeschlagen, die Arbeiter waren herniedergestiegen, und frei hing das göttliche Bild. Ein Sonnenstrahl durchbrach die Wolken, und niedersank das Volk, es zum erstenmal im frommen Glauben anbetend. Auch der Künstler kniete betend da, es deuchte ihm nun nicht mehr sein Werk, es war ihm so ganz fremd geworden. Siebente Vorstellung Als ich dem so nachdachte, und im Schauen verloren war, waren die Leute indes um mich verschwunden, ich stund allein an der Sebalduskirche. Der Himmel war ganz trübe, die Vögel saßen wieder auf den Dächern stumm, die Bronnen stunden stille, und das hohe metallene Kreuz blickte aus dunkelm Schatten nieder. Da erfüllte plötzlich die Gassen ein langer Zug in schwarzen Gewanden; Männer, Mädchen, Frauen und Kinder. Sie schienen in tiefer Trauer wehklagend, doch war nicht ein Laut, nicht ein Tritt eines Fußes zu hören. Ein langes schwarzes Tuch flatterte von einem Sarge, so in ihrer Mitte, hernieder, und schien ihn wie auf vier Flügeln zu tragen, und war auf ihm zu lesen: Albrecht Dürer . Der Leichenzug verschwand, die Sonne warf hellen Schein durch die Gassen, die Bronnen ergossen melodisch ihre silbernen Ströme, geharnischte Ritter ritten durch die Straßen, lieblich gekleidete Frauen und Jungfrauen stunden mit Blumensträußen an dem Busen vor den Fenstern, und ein hellglänzender Zug von Reitern kam daher; Helme erglänzten und Schwerter erklangen. Ich sah den Kaiser auf einem weißen Pferde, inmitten seiner Fürsten, Grafen und Ritter. Er hatte einen langen Bart, und war stolzen und ernsten Ansehens, hatte einen roten Mantel um sich geworfen, darauf waren mit Perlen zwei Löwen gestickt, auch war die Decke seines Pferdes reich an Gold und edeln Gesteinen. Nach ihm ritten drei Herolde in schwarzen seidenen Mänteln, darüber sie Atlasröcke hatten, darauf waren vorn und hinten unterschiedliche Wappen zu sehen. Der zur rechten führte das Wappen des Königreichs Ungarn, der zur linken das Wappen der Krone Böhmen, und der in der Mitte das des Erzhauses Österreich. Nach diesem ritt derlei Ehrenhold auf einem weißen Pferde, welcher über seinem samtnen Mantel den kaiserlichen zweiköpfigen Adler führte. Alle vier Herolde hatte ein jeder einen weißen Stab in der Hand, und ritten mit entblößten Häuptern. Achte Vorstellung Der Zug schwebte vorüber; es kam ein Schiff, das segelte auf der einsamen See, seine rote Flaggen wehten, wie Abendwolken, in der blauen Luft. Es verschwand. Mönche, Herolde, Ritter, Könige, lustige Springer, Nonnen, Meerfrauen, Heiligenbilder zogen an mir vorüber, die verwandelten sich bald in eine Menge Blumen, als da sind, Rosen, Lilien, Tulpen, Narzissen, Anemonen, Sterne und Sonnenblumen; die gingen zum schönsten, buntesten Strauße zusammen, der in schwarzer Nacht in sonnenhellen Farben stund. Er schien mir erst ganz nah zu stehen, doch waren seine Farben hier noch matt, aber jetzt trat er immer mehr und mehr zurücke, und je ferner er mir kam, je glänzender wurden seine Farben, endlich war er in ungeheurer Ferne nur noch wie ein Punkt zu sehen, doch in diesem Punkte noch jede einzelne Blume kenntlich, so durchschneidend hell waren jetzt seine Farben; da erlosch er, und ich erwachte. Anmerkungen Erste Schattenreihe. Zweite Vorstellung Das Fortissimo, wie das Pianodolce kann auf der Maultrommel auf das herrlichste ausgedrückt werden, und vorzüglich ist dieses Instrument für eigene Phantasien geeignet; geeignet, Ausströmungen eines reinen Gefühls in Tönen besserer Welten darzustellen, wie die Äolsharfe die Gefühle des Frühlings und der gestirnten Nacht. Jeder stille Seufzer, ja ich möchte sagen, jeder Gedanke, jede Sehnsucht ist fähig, dieses Instrument in Bewegung zu setzen, und sich so in Tönen zu verkünden. Wie die Äolsharfe, hat auch die Maultrommel nur eine gleichgespannte Saite, die stählerne Zunge, und bringt, wie die Äolsharfe, vermittelst dieser so verschiedene Töne hervor. Sie ist, wie diese, das Prisma für die Töne, und unter allen Instrumenten am fähigsten, wenn ich so sagen darf, die Töne sichtbar darzustellen. – Siehe, Jean Pauls Hesperus. Erste Schattenreihe. Vierte Vorstellung Unter diesen Schattenbildern, wie unter denen, so ich mit dem Namen Plattisten, Redakteur des schmeckenden Wurms, der Zeitung für Moralität u. s. w. bezeichne, verstehe ich nicht etwa die Herausgeber einer bestimmten Zeitschrift, sondern: der Platten Volk von Hamburg bis nach Schwaben. Nachspiel der zweiten Schattenreihe Das Lied: »Mir träumt', ich flög gar bange«, haben die Herausgeber des Wunderhorns in den 2ten Band S. 161 dieser Sammlung aufgenommen. Es ist, wie sie richtig bemerken, kein gar altes Lied: denn es wurde von Schattenspieler Luchs erst vor vier Jahren gedichtet. Dritte Schattenreihe. Sechste Vorstellung Dieses Klagelied eines Hasen ist ein wirkliches Volkslied, und aus den Flugblättern von Reutlingen abgedruckt. Sechste Schattenreihe. Vierte Vorstellung Man entdeckte in neuerer Zeit eine Gattung Schwane, die zu den Singvögeln gehört. Nach meinen akustischen Versuchen an Tieren, besitzt die Gans unter einer großen Reihe von Vögeln wenigstens das am meisten zartfühlende Gehörorgan. Eilfte Schattenreihe. Erste Vorstellung So beschreibt ein Schüler Hans Sachsens seinen Meister, und dessen Vaterstadt Nürnberg. Die Herausgeber des Wunderhorns nahmen dieses alte Gedicht, jedoch mit eigenen Zusätzen, in ihre Sammlung auf. Eilfte Schattenreihe. Dritte Vorstellung Diese Ballade ist, wie sie gewöhnlich in Schwaben vom Volke gesungen wird, hier aufgenommen. Das Wunderhorn gibt sie nicht vollständig. Die vier letzte Strophen hier sind, wie leicht zu ersehen, ein neuer Zusatz. Eilfte Schattenreihe. Vierte Vorstellung »Der lieben Dummheit muß hiebei bemerkt werden, daß dies ein Scherz, wenn sie weiß, was ein Scherz ist, kein Schimpf gegen Schiller sei.« Die Verleger mehrerer kritisierender Blätter mögen mir verzeihen, daß ich in den Worten des weißen Mannes den gänzlichen Inhalt ihrer Schriften nachdrucke. – In der »Ausgabe letzter Hand« von 1841 hat Kerner eine neue »Vorstellung« (XII 4) eingearbeitet, in der sein tatsächliches Leben als geträumte Vorschau erscheint. Hier S. 210f. ... »Schont meiner«, sprach ich, indem ich sie freundlich anblickte. Da umschlang sie mich mit einem Arme; mit der Hand des andern aber fuhr sie mir dreimal sanft über die Augen her, die schlossen sich alsbald wie zum magnetischen Schlafe. Zwölfte Schattenreihe. Vierte Vorstellung Ich fühlte mich in einem Ringe, wie von bläulichtem Lichte eingeschlossen. Da war alles um mich eine unaussprechliche Hellheit. Lichte, bunte Bilder, wie die eines Schattenspieles, schwebten an mir vorüber, und eine Stimme erklang aus dem Ringe zu mir: »Siehe da Bilder aus deinem kommenden Leben!« Dunkle, schwarze Wälder auf hohen Gebirgen zogen vorüber. Jetzt kam ein enges Tal, von wilden Gewässern durchflossen, hellgrüne Waldwiesen, auf die die hohen Gebirge mächtige Schatten warfen. Ein sparsamer Himmel blickte nieder, kein Vogel durchschiffte ihn; aber hundert lebendige himmelblaue Quellen sah ich von den Gebirgen ins Tal eilen. Aus Spalten geborstener Granitfelsen sah ich einen wundersamen warmen Born quellen, in dessen Tiefen ich den Gesang einer Nymphe vernahm. Viele Leidende sah ich zu diesem Heilborn pilgern. Ich sah mich in die rätselhafte Tiefe niedersteigen, sah, wie die Nymphe mich durch geheimnisvolle Werkstätten führte, die ihr Wasser bereiteten. Ich war von ihrer segenreichen Kraft durchdrungen. Die Nymphe erkor mich zu ihrem Priester, ich lauschte ihrem wundersamen Gesänge und verkündigte, was sie in rätselhafter Tiefe sang, den Menschen im Lichte. Die unterirdische Gegend verschwand; es kamen andere Täler, andere Berghöhen, ein weiterer Himmel, aber immer noch Wälder, stille Hütten auf einsamen Waldwiesen. So sehr auch diese Täler, Wiesen und Hütten wechselten, so hatten sie immer ein und denselben Hintergrund, und das war ein einsamer, kahler Berg, der blickte immer trauernd zu mir her, und so trauernd und einsam, wie er, sah ich mich immer in all diesen Wäldern, Tälern und Waldwiesen stehen und gehen, und eine Stimme hört' ich aus dem Ringe rufen: »Dort stand der Hohenstaufen Haus!« Aber auf einmal erschien ich mir, lächelnd und fröhlich am Wanderstabe durch die Wälder und Wiesen wallend, neben mir zu Rosse eine zarte weibliche Gestalt, ein blühendes Kind vor sich auf dem Schoße haltend. Die Wälder verschwanden, der Himmel wurde immer weiter und lichter, und ein gesegnetes Tal voller Berge mit Reben lag vor uns ausgebreitet, und statt des kahlen trauernden Berges im Hintergrunde ein hoher lachender Rebenhügel mit einer Burg. Da hört' ich eine Stimme aus dem Ringe rufen: »Sieh da die Burg der Frauentreue!« Ein kleines, freundliches Haus unter schattigen Bäumen ersah ich an des Berges Fuß, das war von Rebenranken bekränzt, und volle Trauben hingen von ihnen ob seinem Eingange nieder. Unter ihnen sah ich drei Kinder mit Blumen spielen, sie schienen jener weiblichen Gestalt anzugehören, die trat jetzt, Früchte und Kräuter in einem Korbe tragend, ins Häuschen ein und schien sie zu gleichem Geschäfte anzuweisen. »O du«, hört' ich sie sprechen, »so ist es denn kein Traum! Du bist es, und das sind unsere Kinder! Überschaue hier das Ganze!« Auf einmal sah ich mich da mit ihr auf einem alten Turme im Garten des Hauses stehen, der weit in das Tal hinein sah. »O!« hört' ich mich sagen, »da ist ja das Gemälde wahr geworden, das in meinen Schatten steht, da in der Geschichte von dem Andreas mit der Anna !«. »O! sag' es mir hier wieder«, hört' ich sie sagen. Da hört' ich mich rezitieren: »Schaue über die blauen Berge! Denn dort will ich an den Himmel Dir ein licht Gemälde malen. Steigen aus der Näh' und Ferne Hohe Berge an den Himmel, Stürzen helle, kühle Quellen In ein blumigt, grünes Tal. Stützt der Wanderer im Tale Auf den Stab sich, einzuatmen Jugend, Freiheit, Liebe, Kraft. Steht gelehnt an einen Felsen, Unter Laub und Rebenblüte, Dort ein kleines Haus verborgen; Steh' ich vor dem kleinen Haus, Kommt vom Bache, Kräuter tragend, Dort ein liebes, junges Wesen, Bist du es – die Meine längst. Ist kein Lauscher mehr zu fürchten, Drück' ich dich, du süßes Wesen! An ein treues Herz voll Liebe, Offen vor des Himmels Aug'. Aber weh! o wehe Mädchen! Siehst du dort nicht jenen Raben? Ächzend fliegt er durch den Himmel Und verlöscht mit schwarzem Fittich Mein Gemälde, weh! o weh!« In weiter Ferne bewegte sich am Horizonte etwas wie ein schwarzer Punkt. »Es ist sonderbar«, hört' ich mich sagen, »da kommt ja auch wirklich der Rabe.« Der Punkt wurde immer größer und größer, es war etwas, wie von weiten schwarzen Flügeln getragen. »Mich schaudert«, hört' ich sie sagen, »das ist kein Rabe.« Da kam es immer näher und näher, man sah und hörte das Flattern schwarzer Tücher. »Weh!« hört' ich sie rufen, – »das ist ein Sarg!« und ich erwachte. Fünfte Vorstellung Die Nacht war da; ich stand allein in dem verlassenen Garten. Schauer ergriff mich, und eilend sprang ich durch die dunklen Laubgänge ins Freie. Ein zahlloses Heer von Sternen ging durch den Himmel, und ich fühlte mich nicht mehr allein. Ich dachte dem fremden Mädchen nach und der Worte, welche es zu mir gesprochen. Der Sterbetage, die es mir gesagt, konnt' ich mich durchaus nicht mehr erinnern, aber noch immer zogen jene magnetischen Traumbilder an mir licht vorüber; doch war das Mädchen mir jetzt furchtbar und unheimlich geworden. Im Nachdenken über das Vergangene verloren, kehrte ich gegen die Stadt zurück.