Wilhelm Jensen Vor der Elbmündung Zwischen der Unterelbe und dem Mündungsgebiet der Weser dehnt sich eine Landschaft, sozusagen eine breite Halbinsel aus, die schon vor Jahrhunderten einem Berichterstatter von ihr zu eigenthümlichem Vergleich Anlaß gegeben hat. Denn er äußert sich dahin: »Daß das mittlere Theil / zwischen Stade und Bremen / durch welchen die Kauffleuthe gebräuchlich zu raisen pflegen / rauh / ungebawt / von Sand und Pfützen unfruchtbar unnd mit Heyde besäet seye: Deßwegen man dann dieses Land insgemein einem ausgebreiten Mantel vergleiche / dessen zwei vordere Theil / oder Außfäll / wann man an beeder Flüße / der Elb unnd Weser / Gestad über sich raiset, mit sehr fruchtbaren Aeckern und Waiden / als mit einem Sammet oder Taffet / gezieret / die übrige Breite aber von schlechtem Faden / oder Hanff gewirket seyn.« Diesen Sammt- oder Taftbesatz bildeten demnach, der Stadt Hamburg gegenüber beginnend, am linken Elbufer entlang das ›Alte Land‹, das ›Kehdinger Land‹, dann das ›Land Hadeln‹ um seinen Hauptort ›Otterndorf‹ bis zur nördlichen Spitze der Halbinsel bei Ritzebüttel hin; von hier senkte sich an der Weserseite das ›Land Wursten‹ wieder südwärts hinab. Diese kleinen ›Länder‹ bestanden aus einem etwas mehr oder minder breiten Gürtel äußerst fruchtbaren, nach der Wasserseite durch feste Deiche geschützten Marschbodens; zwischen sich im Innern dagegen hielten sie das große Mantel-Mittelstück aus schlechtem Faden groben Hanfs, unbewohnte und unbebaute öde Sandwüsten, Moore und Sümpfe, von träg durch die Einsamkeit hinschleichenden Gewässern durchzogen. An diesen, von der Natur gesetzten Bodenzuständen vermochten Zeiten und Menschenhände nicht viel zu ändern, sie blieben sich im Wesentlichen bis heute stets gleich, seitdem die Gegenden hauptsächlich von dem altgermanischen Stamm der Chauken in Besitz genommen und besiedelt worden. Wann dies geschehen, berichtet keine Urkunde, noch Ueberlieferung; die Römer trafen sie bei ihrem Vordringen bis zur Nordsee als ein Volk von Fischern und Hirten hier an. Das ›Alte Land‹ zwischen Harburg und Stade ward indeß erst im 12. Jahrhundert von herübergezogenen Niederländern eingedeicht und urbar gemacht, die sich schon frühzeitig neben dem Getreidebau der Anpflanzung von Obstbäumen zugewandt zu haben scheinen. Bekannt und berühmt ist dieser Marschstrich in unsern Tagen durch seine Kirschblüthen im Mai, zwischen denen ein Wandrer Stunden um Stunden wie unter schneeweißem Dach hingeht. Hart fährt oft und lang der Wind an der Unterelbe daher, doch der römische Feldherr Lucullus brachte die Kirsche aus einer rauhen Heimath, der pontischen Küste, nach Europa, und sie ließ sich ihre Verpflanzung an die Nordsee ohne Widerstreben gefallen, tritt bereits zur Zeit des Plinius als einheimisch in den Niederlanden auf und gedieh bei vorherrschend feuchter Witterung in den fetten Marschen des Nordens sogar besser, als unter zu heißer Sonne auf dem trockenen Steingrund Italiens. Der Kirschbaum ist kein übermäßig langlebiges Gewächs, doch gleich den Menschengeschlechtern um ihn her erhält er sich auf dem Boden fort wo er dem Kern entsprossen; die Alten vergehen, aber stetig wachsen die Jungen nach und bieten den Augen der Enkel das gleiche Bild, wie es vor denen der Vorväter gestanden. * So unterschied sich, dem Wesentlichen nach, darin seit Jahrhunderten ein wolkenlos schöner Maitag im ›Alten Land‹ für umblickende Augen weder von den heutigen, noch von lang vergangenen, und an solchem Tage des Jahres 1781 ging ein junger Mann in der Mitte der Zwanziger dort zwischen den weißblühenden Kirschbäumen dahin. Er war von Hamburg mit einem Boot über die Elbe nach Harburg gekommen; seine äußere Erscheinung kennzeichnete ihn als höherem Bürgerstande angehörig, obwohl er keine zeitübliche gepuderte ›bourse a cheveux‹ , sondern kurzgeschnitten-leichtgewelltes Haar von natürlicher lichtbrauner Farbe um den Kopf trug. Auch ein andres Standesabzeichen, der kleine Galanteriedegen an der linken Seite, fehlte ihm; statt dessen führte seine Rechte einen kräftigen Stab, der im Verband mit einem leichten den Schultern aufgeschnallten Ranzen an die Ausrüstung eines umwandernden Handwerksgesellen erinnern konnte. Doch gab der Ausdruck seiner Züge auf den ersten Blick vornehme geistige Bildung zu erkennen; wer im letzten Jahrzehnt die Hochschule zu Göttingen besucht gehabt, hätte manches an Aehnlichkeit zwischen ihnen und denen des jungen Theologen, Dichters und Hainbundmitgliedes Ludwig Heinrich Christoph Hölty gefunden; ein jugendlich schwärmerischer Zug im Gesicht oder vielleicht mehr im Blick der blauen Augen stimmte völlig mit dem gleichen des schon vor fünf Jahren erst siebenundzwanzigjährig an der Auszehrung gestorbenen jungen Poeten überein. Wie's dieser gethan, trug auch der ihm Aehnelnde den schlanken Hals ohne die bräuchliche Einschnürung in fesselloser Freiheit, nur ein ungestreifter Linnenkragen schlug sich unter den leichtüberflaumten Wangen auf das Gewand herab. Alles brachte ein Wesen zum Ausdruck, das sich, unabhängig von modischer Vorschrift, an das einfach Natürliche und Zweckdienliche hielt. Das trat gleichfalls aus seiner Fußwanderung mit Ranzen und Stab zu Tage, denn eine solche war für Angehörige seines Standes durchaus ungewöhnlich, im Grunde unziemlich. Man begab sich überhaupt ohne geschäftlich zwingenden Anlaß selten weiter auf's platte Land hinaus und, wenn's geschah, zu Wagen oder zu Pferd, bediente sich nicht der Füße zum Zurücklegen meilenlanger Wege. Dafür eignete sich auch die stets sorgfältig à quatre epingles gehaltene Kleidung und Frisur der ›besseren‹ Stände nicht. Der junge Wandersmann hier hatte sich indeß unbekümmert nach eignem Bemessen für seinen Zweck ausgerüstet, kam bereits von Harburg, war unter der gotischen Kirche des uralten Städtchens Buxtehude durchgeschritten, dessen verwunderlich klingender Name muthmaßlich das Gedächtniß an einen Bucco forterhielt, der sich in grauer Vorzeit als erster ›te Hude‹, zur Hütung des Viehs, an dieser Stelle angesiedelt, und wanderte weiter der Stadt Stade entgegen. Sein Schritt war rüstig und kräftig, obwohl er auch durch etwas blasse Gesichtsfarbe Aehnlichkeit mit Christoph Hölty bot. Doch rührte sie nicht von einem Krankheitskeim, sondern von Ueberarbeit her, deren etwaigen, mit einer Gefahr bedrohenden Folgen er durch länger andauernden Aufenthalt in frischgesunder Luft vorbeugen wollte. Das hatte er selbst sich verordnet, denn er war ein angehender Arzt, der vor kurzem sein Examen mit Auszeichnung bestanden und die Absicht hegte, sich in seiner Vaterstadt Hamburg niederzulassen. Einem wohlhabenden, zum Theil sogar sehr reichen Geschlecht entstammt, war er indeß nicht auf raschen eignen Erwerb angewiesen, konnte mit dem Beginn seiner Berufsausübung ruhig zuwarten und hielt sich als erforderlich vor, wer Andre zu heilen beabsichtige, müsse selbst dazu ausreichend gesunde Körperbeschaffenheit mitbringen. So hatte er den Vorsatz gefaßt, während eines Theils des anfangenden Sommers zu kräftigender Erholung Landluft, vielleicht auch Wasserluft einzuathmen, sich kein bestimmtes Wegziel vorgesetzt, sondern dachte dem Zufall zu überlassen, wohin dieser ihn an einen Ort, der ihm Gefallen wecke, führen werde. Das traf schon im ›Alten Land‹ zu, der Gegensatz zu den dumpfdunklen Hamburger Straßen übte bereits hier eine höchst erquickliche Wirkung auf ihn. Anheimelnd freundlich zogen sich durch die Marschniederung langhingereiht die einstöckigen Häuser der Bewohner unter dem stets gleichen, gradlinig den Horizont begrenzenden Deich dahin, der nur selten einmal einen Streifen von den grauen Wassern der Elbe gewahren ließ. Doch frischgrüne Wiesen, auf denen große Herden brauner oder gescheckter Rinder weideten, dehnten sich weitum, unsichtbar standen trillernde Lerchen darüber, manchmal jagte vom breiten Fluß her eine große Möwe mit weiß in der Sonne blitzender Brust landein, wies daraufhin, daß gegen Westen hinaus die Nordsee liege. Weich und warm begrüßte die Augen und das Gefühl überall der Frühling, von dem die Stadtgassen nicht wußten, am köstlichsten von den endlos sich forterstreckenden Blüthenzweigen der Kirschbäume her, drin Hunderttausende von Bienen schwirrten und surrten. Ab und zu hielt er den Fuß an, ein paar Augenblicke drauf hinzuhorchen; es klang, als sei die Luft mit einer summenden Sprache begabt und rede in dieser mit den jungen Lebenstrieben des Lenzes. Für solche Stimmen der Natur hätten wohl nur wenig Angehörige seiner kaufmännischen Heimathstadt ein Ohr besessen; vielleicht erläuterte sein Name, woher ihm dieser Gehörssinn zu theil geworden. Er hieß Arnold Lohmer, das war eine niederdeutsche Verkürzung von Lohmeier und überlieferte Kunde, sein Vorfahr habe sich einmal am Loh, am jungen, lichten Laubwald seßhaft gemacht. In dem war Vogelgesang und andrer vieltöniger Naturlaut heimisch gewesen, und der heutige Nachkomme mochte unbewußt noch ein Erbtheil der Sinnesempfänglichkeit dafür im Blut tragen. Mit den Nachtherbergen in kleinen Städten sah's nicht besonders aus, doch genügsam nahm Arnold Lohmer am Abend mit einer Unterkunft in Stade vorlieb, schlief, von der ungewohnten Wanderung ermüdet, vortrefflich und setzte am Morgen seinen ziellosen Weg, jetzt durch das reiche Kehdinger Land fort. Hier umgab's ihn mit gleich freudigem Himmel und auch gleicher Landschaft, wie am Tag zuvor, nur verringerte sich die Zahl der Blüthenbäume gegen die des Alten Landes; dagegen stieg die Sonnenwärme noch höher an, so daß der junge Arzt fast bereute, sich die Schulter durch Mitnahme eines Mantels unnöthig beschwert zu haben. Nunmehr auf dem Deich weitergehend, hatte er zur Rechten stets den mächtigen Elbstrom unter sich als Begleiter, über den, im Sonnenduft verschwimmend, die Küste des holsteinischen Landes herübersah; als er im einstraßig langgestreckten Städtchen Freiburg eine verspätete Mittagskost eingenommen, verlockte der köstliche Nachmittag ihn, noch wieder gegen das westwärts einige Stunden entfernt aus der Ebene aufragende Schloß Nienhus aufzubrechen, auf gutes Glück, ob er in dem daneben belegenen Dorf ein Nachtquartier finde. Auf einsamem Feldpfad schritt er langsam fort; der linde Wind, der leis den Tag hindurch gegangen, regte, wie in Schlaf fallend, kaum da und dort noch leicht einen Halm, und Vorabendstille legte sich weit über das noch helle Land. Auch Arnold Lohmer hatte in Göttingen studirt, wo er zwar Hölty nicht mehr unter den Lebenden angetroffen, doch mit den Gedichten desselben noch vertraut geworden war, so daß er den Wortlaut mancher von ihnen im Gedächtnis trug. Und unwillkürlich kam ihm jetzt ein Lied des so jung Hingeschiedenen auf die Lippen, laut sprachen sie's vor sich hinaus: Der Schnee zerrinnt, Der Mai beginnt, Die Blüthen keimen Den Gartenbäumen Und Vogelschall Tönt überall. Pflückt einen Kranz Und haltet Tanz Auf grünen Auen, Ihr schönen Frauen, Wo junge Mai'n Uns Kühlung streu'n. Wer weiß, wie bald Die Glocke schallt, Da wir des Maien Uns nicht mehr freuen. Wer weiß, wie bald Die Glocke schallt!« Da kam auch in Wirklichkeit Glockenschall durch die Luft, tönte vom Kirchthurm des nahgerückten Dorfes Nienhus her, und abbrechend, sah der laut Sprechende einen Augenblick halb betroffen auf. Aber dann lachte er frohgemuth und fuhr fort: »Aus Lüften klingt Geläut', es bringt Der Ruf der Glocken Auf blonden Locken Den Myrtenkranz Im Sommerglanz. Da steht bereit Die schönste Maid Im Brautgeschmeide, Im Hochzeitskleide. Die Glocke schallt: Ja bald! Ja bald!« Das waren keine dem Maigedicht Christoph Höltys zugehörende Verse mehr, stammten überhaupt nicht von diesem her, sondern hatten sich im Kopf oder Herzen Arnold Lohmers selbst erzeugt und klangen, vom Augenblick geboren, als Fortsetzung und zugleich Gegensatz in Bezug auf den Schluß des Höltyschen Liedes aus seinem Munde. Das Dichten lag zu der Zeit für die studentische Jugend gewissermaßen in der Göttinger Luft, wie das Bienengesumm in den Kirschblüthen des Alten Landes, und offenbar hatte auch der junge Hamburger auf der dortigen Hochschule sein Theil davon abbekommen, so daß die eigenen Verse ihm ohne Vorbedacht mühelos auf die Zunge geriethen. Es ließ sich ihnen entnehmen, nicht zum erstenmal geschehe es so, wohl von Haus aus schon stecke auch in ihm ein Stück Poet, dessen Keim nicht der Göttinger Luft seinen Ursprung verdankt habe, nur von ihr lebhafter emporgefördert sein möge, was diese aus dem Stegreif hinzugedichteten Verse besagten, wußte jedoch nur er selbst, einem Hörer, der sie vernommen, hätte sich ihr Sinn entzogen. Der Dorfkrug in Nienhus gab ihm keine andre Lagerstätte, als auf einer alten gepolsterten Ruhebank in der Gaststube, aber er machte sich am Morgen trotzdem frischgestärkt wieder auf und ging jetzt in das ostwärts vom Flüßchen Oste begrenzte Land Hadeln hinein. Vor ihm im Westen hob sich, schon weither sichtbar, eine größere Ortschaft vom flachen Boden, von zahlreichen Windmühlen umgeben, deren Flügel indeß heute bei völlig regloser Luftstille sämmtlich unbewegt gegen den Himmel standen. Der Hauptort von Hadeln war's, Otterndorf, an dessen Medem genanntem Bachwasser muthmaßlich ehmals der Fischotter besonders zahlreich gehaust hatte; fernab von aller lebendigen Regung des Verkehrs und geistiger Bedürfnisse lag das Ackerbürger-Städtchen oder der Flecken am kahlen Geestrand, durch die kleinen Fensterscheiben sahen die Augen von Frauen und Mädchen dem vorüberschreitenden fremden Vormittags-Ankömmling, verwundert gaffend, nach. Er ließ sich den Weg zum Schulhaus zeigen und trat neben diesem in ein niedrig unscheinbares Häuschen ein; das bildete doch in etwas ein Ziel für ihn, um dessenwillen seine Fußwanderung die Richtung am linken Elbufer entlang genommen. Wie er auf der fliesenbelegten Hausdiele an eine Tür klopfte, öffnete sie sich grad' im gleichen Augenblick und ein ungefähr dreißigjähriger mittelgroßer Mann mit hageren, derbknochigen Gesichtszügen wollte über die Schwelle auf den ziemlich trüblichtigen Flurraum heraustreten. Doch statt dessen prallte er jetzt sichtlich schreckhaft etwas zurück und stieß vom Mund: »Haining –« Das war der Hainbundsname des verstorbenen Hölty gewesen, und um ein Wimperzucken lang hatte der plötzliche Anblick Johann Heinrich Voß, den seit drei Jahren in Otterndorf als Schulrector Angestellten, überwältigt, daß er den abgeschiedenen Göttinger Freund und Hainbundgenossen vor sich zu gewahren vermeint. Doch seine Natur ruhte im Wesentlichen auf der Grundlage eines nüchtern-klaren Verstandes, der sich keine Geisterwiederkehr und Spukgaukelei vormachen ließ, und sofort zur Besinnung gelangend, setzte er fast noch im gleichen Athemzug hinzu: »Sie sind's, lieber Lohmer, daran konnt' ich nicht denken, daß Sie in unser Nest geflogen, oder, wie's aussieht, als Wanderbursch gepilgert kämen. Im Dämmern übrigens ist Ihre Aehnlichkeit mit dem guten Haining wirklich merkwürdig und mir so stark noch nie aufgefallen. Er hat's leichter als wir, braucht sich nicht mehr mit störrigen Kälbern und Ochsen herumzuplacken. Kommen Sie in mein Schneckengehäuse herein, Tintenfischloch, sagt's besser. – Ernestine! Es ist Besuch aus der Welt da! – Das will hier heißen, als wär' der Mann aus dem Mond uns in den Schornstein herunter gefallen. In Wandsbek war's anders.« Johann Heinrich Voß hatte vier Jahre lang in dem holsteinischen Flecken Wandsbek dicht bei Hamburg gelebt, von dort aus den Göttinger ›Musenalmanach‹ des Hainbundes redigirt und einen Briefwechsel mit der ihm von Angesicht völlig unbekannten jüngsten Schwester seines Gönners und Freundes Heinrich Christian Boie, der Tochter eines Diaconus in Flensburg, begonnen, die er in Folge davon um ein paar Jahre später als seine Gattin heimgeführt. Während dieses Aufenthalts in Wandsbek war er auch mit den seitdem verstorbenen Eltern Arnold Lohmers, wie mit diesem selbst bekannt geworden, hatte Antheil an dem damaligen, poetisch veranlagten Gymnasiasten und nachherigen jungen Studenten genommen und zeigte sich merkbar von der unerwarteten Einkehr desselben in Otterndorf aufrichtig erfreut. Nun zog er den Gast in sein ›Tintenfischloch‹, eine kleine, überall mit Büchern und aufgestauten Papieren ansehende Arbeitsstube, räumte einen Stuhl von einem Stoß drauflagernder Schulhefte frei, sprach allerhand, meistens in kurz abgebrochenen Sätzen, dazwischen und zündete, als ein Zeichen von Behagen, sich vermittelst Feuerstein und Schwammlunte eine gestopft im Wandwinkel lehnende lange weiße Thonpfeife an. Sein Gesichtsausdruck zeigte keinen Mißmuth, doch unverkennbar hatte die Lebensmühsal in engen Verhältnissen während des Laufs eines Jahrzehnts die Ueberschwänglichkeit, die sich ehmals aus den Briefen des schwärmerischen Hainbundjünglings ergossen, beträchtlich abgedämpft; was ihm vom Munde kam, ließ weniger einen Dichter vermuthen, als praktisch-verständigen Sinn und zuweilen etwas Rusticales des mecklenburgischen Pächters- und Schankwirthssohnes zu Tage treten. Andrerseits indeß wies ein Wandtisch auf einen größtdenkbaren Gegensatz dazu hin, denn darauf lag, eben von der Hamburger Verlagsbuchhandlung eingetroffen, ein Dutzend von Exemplaren der Homerischen Odyssee, die er als der erste im Hexametermaß des Originals in's Deutsche übertragen hatte. Ein Ausruf Lohmers: »Oh, ist die Odyssee fertig?« that kund, daß er von dieser großen Arbeit gewußt habe, und Voß fiel ein: »Ja, dazu ist wenigstens das Nest hier gut. Man hört dreihundert Tage im Jahr das Wasser klatschen und die Windorgel heulen, dabei kommt man in einer Woche mit dem göttlichen Dulder, den Lästrygonen und Sauhirten besser vorwärts, als in Wandsbek Monate durch.« Der junge Arzt lachte: »Das klingt, als fühlten Sie sich hier unter Halbwilden; gefallen Ihre neuen Landsleute Ihnen so wenig?« – »Gefallen?« wiederholte der Befragte etwas knurrenden Ton's. »Als Musensöhne und Grazien sind sie nicht vom Himmel gefallen, aber auf den Kopf auch nicht, sondern Kerle mit Grütze im Kopf.« – »Also doch!« – »Ja, sie haben schon vor ein paar hundert Jahren alle, die sich bei ihnen adlig dickmachen wollten, aus ihrem Land und zum Teufel gejagt.« Das entsprach der geschichtlichen Wirklichkeit, denn die Nachkommen der alten Chauken in Land Hadeln hatten ehedem als demokratische Bauerngemeinde gewirthschaftet, bereits vor der Reformation das Weiteraufkommen eines entstandenen Adels nicht geduldet, und diese Bethätigung unabhängigen Freiheitsdranges rechnete ihnen offenbar der Enkel eines mecklenburgischen Leibeignen so hoch an, daß er dafür ihren erheblichen Mangel an geistiger Bildung und literarisch-ästhetischen Bedürfnissen in den Kauf nahm. Zu weiterer Auslassung darüber gelangte er nicht, da die Thür aufging und die zuvor von ihm herbeigerufene Hausfrau hereintrat. Ernestine Voß, um vier Jahre jünger als er, war augenscheinlich in der Küche thätig gewesen, hatte eilig eine frische Schürze vorgebunden und eine andre Haube auf's blonde Haar gesetzt, doch ihr stillanmuthiges Gesicht trug auf den Wangen noch die Röthe vom Herdfeuer und daneben einen Zug, der lesbar innere Beunruhigung kundgab, ob die zubereitete Mittagskost für die Bewirthung eines Gastes mit ausreiche. Das Einkommen des Schulrectors in Otterndorf war ein äußerst mäßiges, Sparsamkeit im Hause nöthig geboten, und der alte Schmalhans mußte für gewöhnlich an den Kochtöpfen hantiren. So stand jene Besorgniß mit ziemlicher Deutlichkeit in den Zügen der jungen Frau ausgeprägt, doch ihr Mann klappte ihr mit der Hand auf's Schulterblatt: »Zähme Dich doch! Heida! Ein Puff auf den Rücken! wie meine Hedewig unter'm Kirschbaum sagt. Keine Angst, Stinchen, es reicht schon. Lohmer ist kein Polyphem, der ein ganzes Schaf auf einen Bissen herunterschluckt, und im Keller liegen noch ein paar Flaschen, denen der Wandsbeker Bote nicht nachschimpfen würd', sie kämen aus Thüringen.« Voß begab sich weg, eine von ihnen heraufzuholen; Frau Ernestine tauschte während seiner Abwesenheit Begrüßung mit dem unerwarteten Besucher aus. Immerhin war der wenigstens keine Standesperson, aber als aus einer angesehenen Hamburger Familie doch muthmaßlich von ziemlich verwöhntem Gaumen, und etwas bänglich lag die Frage ihr auf, wie lange er wohl in Otterndorf zu verbleiben gedenke. Sich gradezu danach zu erkundigen, getraute sie sich nicht, flocht nur an geeigneter Gesprächsfügung geschickt ein, ihre häuslichen Umstände in der kleinen Amtswohnung seien so beschränkt, daß sie keine Gaststube hätten, und überhaupt sehe es mit einer Nachtunterkunft für Fremde im Ort recht übel aus. Darüber kam ihr Mann mit der Weinflasche zurück, von der er mit einem alten Löschblatt aus dem Papierkorb den Staub abwischte, durch das gesäuberte Glas den hellen Inhalt betrachtete und befriedigt sagte: »Ja, der Asmus omnia sua secum portans hat recht: Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben. Was macht er und sein ›Bauernmädchen‹ Rebecca? Hier hört und sieht man nichts das Jahr durch als Müller und Mühlengeklapper; ein Sigwart-Müller ist zum Glück nicht darunter. Das war ein hübscher Gedanke von Ihnen, Lohmer, sich hierher auf die Beine zu machen. Sind sie eigens um unsertwillen gekommen, oder haben Sie sonst noch Absichten in der Gegend?« Das rührte an die Frage, die Frau Ernestine nicht vom Mund gebracht, und sie athmete erleichtert auf, wie der junge Arzt Antwort gab, daß er sich um seiner Gesundheit willen die Fußwanderung verordnet habe, am Nachmittag weiter nach Ritzebüttel-Cuxhaven wolle, um zu sehen, ob er dort vielleicht mit einem Fahrzeug zu längerem Aufenthalt nach einer der friesischen Inseln hinüberkomme. Der tüchtige Schulrector war auch ein guter Hausvater, fühlte, daß durch diese Mittheilung seiner lieben Ehehälfte ein nicht ganz unbeträchtlicher Stein vom Herzen genommen werde, und versetzte, ohne eine schöne Redensart des Bedauerns über die schon so baldige Wiederaufbruchs-Absicht des Gastes zu machen: »Da stecken sie den Band ein; wenn Sie auf eine Kalypso-, Kirke- oder Nausikaa-Insel gerathen, kommt er Ihnen vielleicht bei Regenwetter zu paß. In Hainings Gedichten hatte der Mai immer nichts als Sonne; das meint Einer leicht, ›so lang die Bienlein umsummen den blühenden Baum;‹ mit den Bienen hatt' er's viel in seinen Liedern. Aber wird man als Arbeitsbiene trockner hinter den Ohren, kommt man auch dahinter, daß es im Wonnemond nicht weniger Platschtraufe und Niederschlag giebt. Sollt' mich nicht wundern, wenn's noch heut' damit losginge. Der Himmel macht freilich noch kein saures Gesicht, aber ich spür's seit heut' Morgen in der Wade ziehn.« Er hatte ein Exemplar der Odyssee an Arnold Lohmer hingereicht, das dieser mit Dank in Empfang nahm; die junge Hausfrau war in die Küche zurückgegangen, und es dauerte nicht lang' mehr, bis sie zum Essen berief; vom Otterndorfer Kirchthurm schlug's Zwölf, das war die ländliche Mittagsstunde. Der Eßtisch stand schlicht, doch mit sauberem Linnen gedeckt vor dem hochbeinigen Sopha in der Wohnstube, durch ein offenes Fenster fiel die Sonne herein, Anheimelndes lag in der Beschränktheit und altväterischen Ausstattung des niedrigen Raumes, ging besonders von Ernestine Voß, ihrem einfach-netten Anzug, sanfteinnehmenden Gesicht und ganzen Wesen aus; sie bildete eigentlich in allem einen feinen Gegensatz zu ihrem nicht schön zu nennenden und nachlässig gekleideten Manne. Der empfand die von ihr auf den Gast geübte Wirkung und sagte, nach der Milchsuppe die Flasche aufkorkend: »Eine gute Frau ist die Sonne im Haus, wenn sie draußen fehlt; da hat der Mann nicht nöthig, noch dazu zu thun, kann den Schatten vorstellen. Wollen zuerst auf Stinchen anklingen; kochen kann sie auch, das ist 'ne tägliche Hauptsache. Wann wird's denn mit Ihrer Hochzeit, Lohmer?« Dazu fiel die Belobte, ein wenig roth geworden, ein: »Ja, ich habe mich noch garnicht erkundigt, wie geht es Ihrer Braut?« Aus den beiden Fragen erklärten sich die Verse, die der Fußwanderer am Abend vorher bei dem Schall der Nienhusener Kirchenglocke dem hölty'schen Mailied hinzugedichtet hatte. Er war schon seit einigen Jahren, im Grunde gewissermaßen bereits von Kindsbeinen auf, mit Lucinde Eschenhagen verlobt, seiner Cousine von mütterlicher Seite, der einzigen Tochter eines ausnehmend reichen Hamburger Kaufherrn, die als eines der schönsten und feinsterzogenen Mädchen seiner Vaterstadt galt; die Hochzeit hatte der Vorbestimmung gemäß alsbald nach dem Abschluß seines Examens stattfinden sollen, war indeß jetzt um der ihm nöthig gewordenen Erholung willen bis zur Sommermitte hinausgeschoben. Das berichtete er, sowie daß es seiner Braut auf's beste ergehe, und Ernestine Voß sagte, ihr Glas wieder fassend, ein bischen schalkhaft: »So können wir ja gleichfalls auf sie oder vielmehr auf Sie beide anstoßen, daß Sie in Ihrem künftigen Hause nicht auch neben ihr zum Schatten werden.« Um den schmallippigen Mund ihres Gatten ging ein lachender Zug, und er fügte an: »Ja, an Mutterwitz fehlt's Stinchen auch nicht. Also auf Ihr Wohl und das von Demoiselle Lucinde! Seit drei Jahren habe ich sie zwar nicht mehr gesehn, aber kann mir denken, daß Paris heut' in Hamburg bei ihr mit seinem Apfel nicht lange fackeln würde.« Die zusammengestoßenen Gläser, ob auch nicht grad' von feinstem Krystall, gaben helltönigen Klang, und zu praktischer Betrachtung übergehend, fuhr er fort: »Ist eine gute Partie, die Sie machen, bringt jedenfalls einen hübschen Sack Hamburger Courantthaler mit in die Wirtschaft; den hätten wir auch nicht mit dem Rücken angesehn. Wird aber bei Ihnen im Haus mehr noth thun, als bei uns, denn vom Kochen weiß die Demoiselle vermuthlich so viel, als der Spatz vom Abc, und ist an das Tischlein-deck-Dich aus dem Märchen gewöhnt. Da kommt unser Schöps, und die dampfenden Kartoffeln dazu sind Ihnen zu Ehren. Hunger für's Zulangen, denk' ich, haben Ihre pedes apostolorum mitgebracht, der hilft auch über den Hammel weg. ›Klimme muthig den Pfad, Bester, den Dornenpfad Durch die Wolken hinauf, bis du den Strahlenkranz, Der nur weiseren Dichtern Funkelt, dir um die Schläfe schlingst,‹ sang Haining in seiner Ode an mich – bald zehn Jahre werden's – er könnt' auch launig sein, und wenn er uns heut' hier vor der Schüssel sähe, würd's ihm wahrscheinlich nicht drauf ankommen, aus dem Strahlenkranz einen Kartoffelhaufen zu machen und dem weisen Dichter den Rath zu geben, so viel er möge, davon in den Schlund zu schlingen. Schade drum, daß er nicht mehr bei uns am Tisch sitzt; man muß ihn zu vergessen suchen. Wir wollen seinen Manen ein stilles Glas bringen. Aber über länger oder kürzer gehen wir alle den Hadesweg hinter ihm drein; auch Homeros mußte sterben und war mehr als er.« Die Vorrathskammer Frau Ernestines hatte nur ein Stück gebratenes Lammfleisch zum Auftischen innegehabt, doch so wenig wie die Wirthe verlangte der Gast von der Mahlzeit andres als Beschwichtigung des Hungers, die Hauptsache ward von der Zukost des hin und her wechselnden Gesprächs ausgemacht. Und daran ließ der Otterndorfer Rector keinen Mangel; der seltene Besuch ›aus der Welt her‹ in Verbindung mit dem gespendeten Rheinwein regte ihn heiterlebendig an, so daß er launig mancherlei Erinnerungen aus vergangener Zeit heraufholte. Dabei gab sich deutlich zu erkennen, er sei nicht mehr der schwärmerisch-überschwängliche Göttinger Hainbundsjüngling; öfter einen kurzen Lachton dazwischen ausstoßend, schilderte er eine hochfeierliche Sitzung des Bundes, die zur Verherrlichung des Messiassängers stattgefunden. »Obenan in einem Lehnstuhl saß Dein Bruder, Stinchen, wir andern als Bardenschüler mit Eichenblätterkränzen auf den Köpfen um den Tisch. Dann gings an. Boie nahm sein Glas, stand auf und sagte mit einer Stimme, die ihm vor zitternder Andacht beinah' stecken blieb: Klopstock! Jeder von uns sprach diesen höchsten Namen nach, und nach einem tempelhaft heiligen Stillschweigen, daß man eine Fliege schnurren hörte, tranken wir. Hinterher kamen die Halbgötter an die Reihe, einer um den andern, aber nicht so hohenpriesterlich – Ramler – Gleim – Geßner Uz – Gerstenberg. Jeglicher bekam seinen Schluck, größer oder kleiner, bis wer den Namen Wieland vom Mund brachte. Da flogen wir alle in die Höh', wie eine aufgescheuchte Gänseherde über den Zaun setzt, und schrien mit einer Stimme: Wieland, der große Sittenverderber sterbe! Und weil wir grade dabei waren, nahmen wir Voltaire gleich mit! Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae , stieß schon Seneca auf. Wenn Dein Bruder heut' als Justizrath und Dithmarser Landvogt dran gedenkt, Stinchen, werden sich ihm auch die Lippen krausen. Er hielt sich übrigens für kein großes ingenium , sondern sagte mir einmal ehrlich, Ich reime nur so 'mal die Idee eines andern oder was mir so ungefähr durch den Kopf geht. In der Ehrlichkeit hat's seine Schwester noch weiter gebracht, denn die reimt wohlweislich und zum Glück garnicht, sondern stickt und stopft für ihren Mann, wo's reißt und durchscheuert. Ich glaube nicht, daß Sie Ihre Frau viel mit Nadel und Fingerhut sehen werden, Lohmer. Ja, damals schrieb ich an Brückner: Gott wollte die Welt segnen und – es ward Klopstock. Tempera mutantur nos et. Vor ein paar Wochen holte ich mir den Messias von Gestell und blieb im ersten Gesang stecken, wie die Zähne in einem zu dickkleistrigen Mehlpapp. Aber der Buchhändler hatte mir grade die Abderiten von Wieland zugeschickt, die habe ich bis auf die letzte Krume aufgeknabbert und mir zu Stinchens großer Angst fast einen Buckel dabei angelacht; den, meinte sie, braucht' ich noch zu meinem Gesicht. Aber solchen Mann brauchen wir in Deutschland, und es war gut, daß er damals unserm Lalenbürgerwunsch nicht nachgegeben hat und gestorben ist. Aus der Flasche ist wahrhaftig der letzte Tropfen heraus – was meinst Du, Stinchen, da unser Gast schon so schnell wieder weiter will, kann er heut' Abend keine zweite mehr bei uns trinken –« In häuslichen Dingen war Voß offenbar gewöhnt und gewillt, sich erst über eine Beipflichtung seiner verständigen Frau zu vergewissern, sie freute sich jedoch merklich über die muntere Stimmung, zu der ihren Mann der Besuch erfrischt hatte, und antwortete: »Ich wollte Dich schon erinnern, daß unsre Gläser leer sind, dachte aber, eine Frau darf sich nicht in ernste Männerangelegenheiten einmischen.« Dazu lächelte sie allerliebst, und beruhigt-vergnügt stand er jetzt rasch auf nochmals in den Keller hinunterzusteigen; die Zeit seiner Abwesenheit benutzte Frau Ernestine, wieder auf die Braut des jungen Arztes, die ihr nicht von Angesicht bekannt war, zurückzukommen. Sie zählte höchstens ein Jahr mehr als er, doch fühlte sich merkbar in ihrer Frauenhaftigkeit ihm gegenüber in dieser Sache wie einem noch lebensunerfahrenen Knaben und erkundigte sich, fast wie eine Mutter ihren Sohn befragt hätte: »Ist es denn auch wirklich die Rechte?« Er wußte nicht, was er darauf erwidern sollte, sagte lachend nur: »Kann man denn auch eine unrichtige Braut haben? Woran sollte man das erkennen?« Darauf versetzte die weiblich mütterliche Weisheit aus dem Munde Frau Ernestines: »Mit Augen sehen, meine ich nicht, man kann nur in sich fühlen, ob es wirklich die Notwendige und Einzige für's ganze Leben ist.« »Dazu, dünkt mich, müßte Einer aus einer großen Menge zu wählen gehabt haben, sonst läßt sich das wohl nicht gut eidlich versichern.« – »Ja, das meint' ich eben, Sie sind noch so jung und haben vermuthlich noch nicht viel Andere zum Vergleichen kennen gelernt. Und ein Dichter, hat Heinrich mir gesagt, sind Sie eigentlich auch, denen kann man niemals ganz trauen – das heißt natürlich, außer ihm – ich meine, die können sich selbst nie so recht trauen, ehe sie auf die Probe gestellt worden sind –« Da kam, das Gespräch abbrechend, Voß mit der neuen Flasche zurück, zugleich trat die Hausmagd mit dem Schluß der Mahlzeit, frischem Roggenbrod, erster Maibutter und einem großen Stück Holländerkäse ein, und wohlgemuth stieß er bei dem einladenden Anblick aus: »Das ist ja wie ein Bild von Chodowiecki zu dem Lied, das ich neulich für die Milchmädchen gedichtet habe, womit sie beim Melken die Kühe ansingen sollen: Lieg und wiederkäu in Ruh Dein gesegnet Futter: Alles, gute, fromme Kuh, Milch und Käse schenkest du, Rahm und süße Butter. Erheben wir denn, wie der göttergleiche Odysseus, der vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt hat, auch im Meere so viel herzkrankende Leiden erduldet, nochmals wieder die Hände zum lecker bereiteten Mahle. Ein kluger Mann war's, drum konnte er sich auch jederzeit auf den Beistand der blauäugigen Tochter des Aegiserschütterers verlassen. Sie haben aber auch klug den richtigen Tag ausgewählt, Lohmer, um Otterndorfer Sitte kennen zu lernen, denn sonst hätt' ich wieder nach der Fibel und dem Bakel langen müssen, doch gottlob verlangt die Weltordnung am Sonnabendnachmittag nicht, daß ich mit dem Dreschflegel auf meiner Schultenne herumklappen und meinen Fohlen Weisheitshafer in die dummen Mäuler hineinstopfen muß. Da braucht sich der Dreschochs heut' nicht das Maul zu verbinden.« Behaglich nahm er seinen Platz wieder ein, pfropfte mit dem Korkzieher die geholte Flasche auf, schenkte die Gläser voll und ließ sich unter anerkennenden Lobesworten mit noch unverminderter Eßlust den Nachtisch weidlich schmecken. Danach stand er auf, trat zu seiner Frau hin und sagte: »Auch darauf verstand der Odenhaining sich und hätte gern ebenso mit seinem Röschen am eigenen Tisch gesessen. Schön hat er seine Sehnsucht danach kundgethan: Unter Blüthen des Mai's spielt ich mit ihrer Hand, Koste liebend mit ihr, schaute mein schwebendes Bild im Auge des Mädchens, Raubt' ihr bebend den ersten Kuß.« Dazu bückte der Sprecher sich, küßte seine Frau Ernestine, ihre Hand fassend, herzlich auf die Lippen und ging dann, um seine Pfeife zu holen. Arnold Lohmer saß wunderlich-zwiespältig angerührt, mußte zuweilen einen Lachreiz beherrschen. Das war der gegenwärtige Johann Heinrich Voß, in dem wohl jetzt seine eigenste Natur zum Durchbruch gekommen, nüchtern hausbackener Sinn eines echten Schulmeisters und pedantischen Philologen, der den klassischen Schulsack mit in's Leben genommen hatte, die Odyssee in deutsche Hexameter übertragen zu können, und in lehrhaftem Philisterton die buttereinbringende Kuh besang. Doch trotzdem ging daneben auch ein wirklicher poetischer Anhauch von ihm aus, ließ empfinden, daß ihm Dichterblut im Herzen klopfe, und ein traulich-schönes menschliches Gefühl überkam aus der kleinen Stube, die gleich einem Rahmen um ein Idyll eines glücklich-zufriedenen, fest durch wechselseitige Liebe und Achtung verbundenen jungen Ehepaares dalag. Dem Gast war's sehr wohl zwischen ihnen, ungeschminkte Natürlichkeit ohne Prahlerei mit äußeren Zufallsgütern umgab ihn, einzig der Werth geistiger und gemüthlicher Bildung besaß hier Geltung. Manchmal kündete der Glockenschlag der Kirchenuhr das hurtige Vergangensein einer Stunde, und in dem Klange lag's wie etwas Mahnendes, daß es Zeit für Arnold werde, sich zu verabschieden, um ihn noch vor Nachteinbruch bis an sein Abendziel Ritzebüttel hingelangen zu lassen. Doch Voß nutzte die ihm selten gebotene Möglichkeit, einem verständnißvollen Hörer gegenüber sich über die neuen Wandlungen auf dem Gebiete der Literatur auslassen zu können, und noch eine dritte Seite seines Wesens, eine mehr und mehr zur Entwicklung aufgediehene polemische, kam dabei rückhaltlos zum Vorschein. Große Rauchballen aus seiner Pfeifenspule pustend, eiferte er polternd gegen das, was seiner Natur zuwiderging, ›den ätherisch-seraphischen Plunder‹ und ›die neue Mode, die sie romantisch heißen‹, stellte dieser seine Auffassung, was Dichtung sei und zu schaffen habe, entgegen: Getreue Darstellung der heimatlichen Landnatur und ihrer Bewohner, des Lebens der Sitten und Bräuche bei ihnen, untermischt mit lehrreichen Gesprächen und Gedanken, Ernst und Spaß an passendem Ort. Er ging damit um, in Hexametern eine derartige Epopöe oder besser Idylle abzufassen, die in einem holsteinischen Pfarrhaus handeln und drin die Tochter des alten Pastors, ihre Verlobung und Hochzeit mit allem Drum und Dran zum Hauptgegenstand der Schilderung werden sollte. Zuweilen brachte er eine Reihe von Versen draus vor, die sich ihm schon im Kopf gebildet hatten; Stellen aus einem Geburtstagsfest der Heldin, das mit Kaffeekochen im Walde gefeiert wurde; dann gerieth er wieder davon ab und auf eine andere ›neue Mode‹, ›den mittelalterlichen Unfug, den der hochfürstliche Kammerdiener in Weimar mit seinem Ritterschauspiel aufgebracht habe, draus sich ebenso, wie aus den thränseligen Leiden des jungen Werther eine Schlammflut von Verderbniß über die Fruchtäcker der deutschen Dichtung ergieße.‹ Das förderte Johann Heinrich Voß mit derbpolternder Stimme über die Zunge und qualmte so dicke Rauchwolken dazu, daß Frau Ernestine hin und wieder einen besorgten Blick nach ihren weißen Tüllgardinen am Fenster richtete, die allmählich von ihrer frischen Farbe einzubüßen schienen. Doch trug der Tabaksrauch daran wohl weniger Schuld als eine Veränderung des Lichts, denn an Stelle der Sonnenluft war nach und nach eine leicht grauverhängte getreten und ließ den Nachmittag schon weiter als in Wirklichkeit vorgerückt erscheinen. Das brachte den Gast einmal zum Bewußtsein, er dürfe seinen Aufbruch nicht länger hinausschieben, und da der Otterndorfer Rector seiner Meinung von der neumodischen Dichtung ausreichend Luft gemacht hatte, setzte er dem Vorhaben Lohmers ebensowenig ernstliche Einwendung entgegen, als die junge, auf Lüftung der Wohnstube bedachte Hausfrau. Beide begleiteten den Fortgehenden bis vor die Thür hinaus, wo Voß beim Abschied sagte: »Das waren 'mal ein paar gute Sonnabend-Freistunden für den Schulmeister, dran er noch nachträglich saugen kann, wie der Bär an den Pfoten. Halten Sie sich, wie der kluge Laërtessohn, zu Land und zu Wasser in einträchtigem Verband mit der nützlichen Zeustochter Pallas, und wenn auch Ihr Rückweg sie bei uns vorbeibringt, so klopfen Sie wieder an. Uebrigens bleiben wir vielleicht nicht allzulange mehr hier in dem Otternnest hocken, mein Freund Stolberg in Eutin hat Pläne für mich im Sack, die uns ebenso zu paß kämen, als meinem Pfarrhausidyll. Das ist zwar auch Einer mit blauem Blut im Leib, doch beim Fritz hat's nur die Farbe nicht die Art. Freilich, ›denken drüggt, seggt de Voß,‹ und es kann auch heißen: ›Ick glöw, ick warr hier en beten bliwen, sä de Voß, do seet em de Steert inne Fall.‹ Aber wird's im Sommer was mit Eutin, gehn wir vorher noch 'mal wieder nach Wandsbek, und da lad' ich mich zu Ihrer Hochzeit ein. Sehn Sie, ich sagt's schon, als Sie kamen, der Himmel macht ein schnakisches Gesicht, als möcht' er zu Abend noch Schwarzsauer auftischen. Der Mond kommt freilich hernach und verdirbt ihm vielleicht das Gericht. In Göttingen nannten wir ihn Luna, sangen ihn um Mitternacht an und glaubten, er hexe Wunder was zusammen; Haining schlug auf seiner Leier: ›Noch scheint der liebe Mond so helle, Wie er durch Adams Bäume schien.‹ Adam hat seitdem in den Erkenntniß-Apfel gebissen und den jungen Adam ziemlich ausgezogen. Die Hauptsache ist, sich von keiner Evastochter ein X für'n U machen zu lassen, dafür ist ja bei Ihnen durch Ihre Braut auch gesorgt. Ich sehe, Athene hat schon Bedacht für Sie gehabt und Ihnen vernünftig eingegeben, einen Mantel mit auf den Weg zu nehmen. So kommen Sie gut nach Ritzebüttel hin und auf Ihrer Odysseefahrt weiter!« Nun wanderte Arnold Lohmer wieder allein westwärts dahin. Ihn hatte es in gewisser Weise im Voßischen Häuschen mit einem heimathlichen Gefühl angerührt, das die prunkenden Häuser der reichen Hamburger Kaufherren, auch die seiner nächsten Verwandten, ihm nicht einflößten, und von Frau Ernestine war bescheidene Anmuth und Wärme natürlicher und echter Weiblichkeit ausgegangen. Aber doch dachte er sich eine Ehe, eine Frau, die seinige und das Zukunftleben in seinem eigenen Hause nicht so, ohne sich grad' angeben zu können, was für ihn daran, abgesehen von den zu eng beschränkten äußeren Umständen, noch anders sein müsse. Aehnlich erging es ihm gleichfalls mit dem derzeitigen Otterndorfer Rector, dessen selbständige kernige Mannhaftigkeit, gelehrte Kenntnißfülle und unzweifelhaft auch dichterische Begabung er gewiß nach Gebühr voll zu schätzen wußte. Allein jener hatte selbst zutreffend die Bezeichnung »Schulmeister« auf sich angewandt, der machte doch in ihm den eigentlichen innersten Bestand aus und sah überall auch aus seinen Dichtungen, hie als ein breites Stück, dort wenigstens mit einer Ecke und einem Zipfel hervor. Die Poesie war in der Empfindung des jungen Arztes etwas anderes und strömte ihm, mit seinem eigenen Gefühl übereinstimmend, vielmehr in vollstem Reichthum und Schönheit aus den neuartigen Schöpfungen dessen entgegen, den der demokratische mecklenburgische Schankwirtssohn mißächtlich einen fürstlichen Kammerdiener und schaumfluthgleichen Verderber der deutschen Literatur genannt; erst vor kurzem hatte Arnold den ›Götz von Berlichingen‹ mit herzklopfender Bewunderung und Entzücken gelesen, daß ihm alle vorherigen berühmten Dichtungswerke, sogar die Dramen Lessings dagegen abgesunken waren. Um keine Mißstimmung zu verursachen, hatte er sich jenen Bemerkungen seines Wirthes gegenüber in Schweigen verhalten, doch aus ihnen am deutlichsten einen Widerspruch zwischen seiner eigenen Natur und der des ›Schulmeisters‹ herausempfunden. Vielleicht ruhte dieser Gegensatz im Wesentlichsten darauf, daß Arnold Lohmer ›die neue Mode, die sie romantisch heißen‹, von irgendeiner Seite als angeborene Mitgift in sich empfangen und unbewußt, ohne davon Gebrauch zu machen, von der Natur mehr mit dichterischer Phantasie und Regung begabt sein mochte, als Johann Heinrich Voß. Solchen Wechsel von Gedanken und Gefühlen in sich beherbergend, ging er weiter, und jetzt ließ alles keinen Zweifel, daß hinter der graden Deichlinie zur Rechten sich nicht mehr die breite Elbmündung hinziehe, sondern die Nordsee selbst beginne, ihm bei jedem Schritt näher entgegen zu rauschen. Ihr dumpfes Geröhr erfüllte die Luft mit einem murrenden Ton, und zahlreicher jagten auf weitklafternden Schwingen große Wasservögel, schrille Rufe ausstoßend, landein; zugleich indeß bewährte sich die Wetterumschlags-Voraussage des Odyssee-Uebersetzers mehr und mehr als von richtiger Auffassung des ›schnakischen‹ Himmels eingegeben. Dieser überdeckte sich völlig mit bleigrauer Farbe, und in Stößen fuhr der umgelaufene Wind nun aus Nordwest dem Wanderer in's Gesicht, rauh und durchfröstelnd; kein Maitag mehr schien's zu sein, sondern als ob der November beginne. Arnold empfand, die kluge Rathgeberin Pallas Athene habe ihm in der That unsichtbar zur Seite gestanden, wie er seinen, an den beiden vorhergegangenen Tagen nur als lästig gefühlten Mantel auf den Weg mitgenommen; jetzt wickelte er sich, gegen den Wind ankämpfend, fest in ihn hinein. Das gab ihm ein warmes Behagen zurück und seine lebhafte Einbildungskraft wandelte ihm den langsamen Gang zu einem Traumflug vor. Aus dem mit fremdartigem Geruch um ihn witternden Anhauch der großen Salzsee entsprang's wohl; ihm war's, seiner harre am Ufer ein Schiff, oder er sei schon drauf und es trage ihn über unendliche Meerweite unbekanntem Wunderland unter scheitelrecht flammender Sonne zu, von fremden Eilandsküsten kämen Blüthenduft und Fruchtarom tropischer Zonen über die Wasser daher. In Wirklichkeit fiel vorzeitige Abenddämmerung um ihn ein, doch freudig und schön im Innern erregt, schritt er, wie von wiegenden Wellen fortbewegt, seinem Nachtziel entgegen. * Wenig so anheimelnde Geborgenheit gab's wohl schon Jahrhunderte lang, als an frostig-dunklem Abend einen Colonialwaarenladen in einer kleinen Uferstadt. Vom Ende der Gasse her, wo sie in todte Finsterniß ausläuft, heult der Wind und wühlt sich kalt anfauchend durch die Kleider; unsichtbar klatscht die See in immergleicher Wiederholung dumpfschütternd auf den Strand, ab und zu schrillt einmal der Ruf eines Wasservogels dazwischen. Dort innen im Laden aber ist's friedlich, hell und warm, einem sicher vor Sturm und Unwetter bergenden Hafenschutz ähnelnd. Dem Eintretenden grüßt über die Schwelle ein Gemisch des Duftes mannigfacher Gewürze entgegen, als stehe er im Begriff, an einer südlichen Küste ihres Ursprungs zu landen. Vereinzelt kommt noch dieser oder jener, der Mehrzahl nach dem weiblichen Geschlecht angehörig, zum Abendeinkauf kleiner Bedürfnisse und hält sich in dem behaglichen Raum gern ein bischen länger auf, als das Abwägen und Abmessen nöthig macht. Dadurch gestaltet sich der Platz vor dem hingestreckten Ladentisch zur Agora oder zum Forum, zwar etwas liliputischer Art, doch was auf ihm vom Munde geräth, ist für die Sprecher und Hörer von nicht mindrer Bedeutsamkeit, als es ehemals die Reden des Demosthenes und Cicero für die Kopf an Kopf gedrängten Bürger Athens und Roms gewesen. Alle müssen, um heimzukommen, wieder in die windigen, lichtlosen Gassen hinaus, aber alle begegnen sich einmüthig in einem tröstlichen Gefühl, dem jeglicher auch in irgendeiner Form Ausdruck giebt: Gott sei gedankt, daß man kein Fischer ist und wenigstens bei dem wüsten Wetter nicht auf's Wasser hinausbraucht. Derartig hatte die Zeit es schon seit manchen Menschengeschlechtern in Städtchen an der Ost- und Nordsee, sich immer wiederholend oder immer gleichverbleibend, gesehn, und so war's heut' Abend auch im ›Krämer-‹laden Timm Stades, dessen Vorfahr muthmaßlich einmal aus der Stadt Stade, weiter aufwärts an der Elbe, seinen Namen nach Ritzebüttel, richtiger dem damit zusammenhängenden, hart am Seeufer belegenen Cuxhaven getragen hatte. Zum letzteren war der Fußwandrer von Otterndorf her wegunkundig in der voll eingebrochenen Dunkelheit gerathen und trat, vom Windbrausen durch eine menschenleere Gasse halb verweht, in die kleine, noch mit Lichtschein blinkende und winkende Handlung ein, um sich nach einer Herberge für die Nachteinkehr zu erkundigen. Auch für das, was aus dem an sich Unbedeutenden und Alltäglichen poetisch anrühren konnte, war er mit empfänglichem Sinne begabt, und hinzu kam, daß der würzige Geruch im Laden ihm die traumhafte Vorstellung von unterwegs erneuerte, als ob er auf einer Reise nach fremden, wundersamen Erdstrichen begriffen sei. So sah er beim Eintritt erst einmal stumm, sich auf die einfache Wirklichkeit besinnend, in dem niedrigen Raum umher, eh' ihm seine beabsichtigte Frage vom Mund gerieth. Timm Stade, der Krämer, beschaute ihn derweil ein bischen verwundert und ungewiß, ob er aus dem Ranzen und Stock des Ankömmlings auf einen umwandernden Gewerksgesellen zu schließen habe, allein dann beantwortete er, sich auf menschliche Gesichtsausdrücke verstehend, die vorgebrachte Erkundigung doch: »Mit 'nem Gasthof, Herr – ich kenn' Ihren Titel nicht – sieht's bei uns nicht nach viel aus; das ist ja man selten, daß 'mal Einer in Cuxhaven oder Ritzebüttel bei Nacht einkehrt.« Dem fügten ein paar zum Einkauf anwesende ältere Frauen mit ziemlich gleichem Wortlaut als Bestätigung hinzu: »Nee, dat kümmt jo nich lich vör, dat hier Een slapen will; to eten un drinken kunn dat jo ehnder sin, awerst mit Betttüg hapert dat meist so wat.« Das hatte allerdings seine Richtigkeit, denn der Verkehr über Land von den benachbarten Ortschaften her war äußerst gering, vollzog sich außerdem fast ausnahmslos während des Tagesverlaufs, und die zumeist nur kurz bei Cuxhaven anlegenden Schiffe brachten ihre Reisenden schnell stromauf nach Hamburg weiter, oder diese verblieben während der Nacht in ihren Kajüten und hatten in dem weltentlegenen Ufernest nichts zu suchen. Das Gleiche hatte Ernestine Voß dem jungen Arzt schon in Bezug auf Otterndorf gesagt, drum konnt' es ihn nicht besonders überraschen, daß sich's hier so wiederholte. Er zeigte deshalb kein betroffenes Gesicht, ein Unterkommen auf einer Bank wie in Nienhus ward ihm wohl irgendwo zutheil, und gleichmüthig trat er, von einem Anblick gelockt, näher hinzu und streckte die Hand nach dem Ladentisch. Auf dem lagen in einem Korb ›Aepfel von Messina‹ angehäuft, mit denen vom Mittelmeer rückkehrende Fahrzeuge den kleinen Strandort ebensowohl versahen, wie die große Stadt Hamburg. Doch hatten sie hier an der grauöden Nordseeküste etwas Märchenhafteres, aus ihrem röthlichen Goldglanz und Duft kam's Arnold wieder wie ein Gruß und Anhauch schöner Sonnenländer entgegen, so daß er ein paar von den Apfelsinen einkaufte. Währenddessen ging die Thür auf, und die Gestalt eines hochgewachsenen jungen Weibes erschien in ihrem Rahmen, auf den ersten Hinblick erkennbar weder die einer Frau, noch einer Dienstmagd. Ein festgeknotetes rothes Tuch umschloß den schmalen Kopf der Eintretenden, doch hatte der Wind an den dunklen Haaren drunter gezerrt und ein paar Flechten losgemacht, so daß sie auf den Hals, der aus ziemlich weitem Kleidausschnitt bloß und außerordentlich schlank hervorsah, niederhingen; die bläulich graue Gewandung bestand aus dem eigengewebten, dicken, ›Fries‹ benannten Stoff, den gemeiniglich beide Geschlechter der Schiffahrt und Fischfang betreibenden Anwohner der Nordsee trugen. In der Erscheinung der wohl ungefähr Zwanzigjährigen lag etwas Gegensätzliches oder Doppelartiges gepaart, eine anmuthig schmiegsame Beweglichkeit und sicher auf sich ruhende Gliederkraft; ebenso stimmte die im Lande fremdartige Haarfarbe nicht mit den tiefblauen Augensternen zusammen. Der Krämer schattete sich mit der Hand den Blick gegen die Blendung der Hängelampe überm Tisch und sagte verwundert: »Kümmst Du bi dat Wedder noch 'röwer, Age? Dat warrd jo swatte Nach vör Di torügg. Wat hefft Ii denn noch nödig?« Die Angesprochene warf einmal mit einem kurzen Kopfruck das gelöste Haar von den Schläfen zurück und erwiderte auf hochdeutsch: »Ueber 'ne Stunde kommt der Mond, und blieb' er aus, wär's mir auch gleich. Ist der Doctor oben?« Der Arzt Cuxhavens hatte seine Wohnung im Stockwerk über dem Laden; Timm Stade schüttelte den Kopf: »Nee, min Deern, Doctor Uhlemann is nich da, he is hüt' Namiddag weghalt in't Wurstner Land up Midlum to un kümmt to Nach nich wedder, hett he seggt. Wat schull he denn? »Das kann nicht angehn, er muß mit mir. Die Großmutter ist schwer krank geworden.« Die Antwort klang bestürzt, doch zugleich fest bestimmt; der Krämer versetzte: »Jo, min Deern, ick kann em Di nich herfleuten, da mußt Du bet morgen töben. Is dat din Grotmoder Belke? Wat is ehr denn ankamen?« »Sie saß am Webstuhl und fiel auf einmal von der Bank. Als wir kamen, konnte sie nicht aufstehn, den Fuß und Arm nicht brauchen. Es muß Einer zu Pferd nach Midlum, der Doctor muß mit mir kommen.« Das Mädchen sprach's mit der nämlichen Entschiedenheit; jetzt drehte sich Arnold Lohmer zu ihr und fragte unwillkürlich: »Hat die Frau es nur an einer Seite und kann sie noch sprechen?« Durch die Augen der Befragten fuhr's mit einem freudigen Aufstutzen, sie stieß rasch aus: »Sind Sie ein Doctor?« »Ja, ich bin ein Arzt.« »Das ist ein Glück vom Himmel. Dann kommen Sie mit mir!« Das eigenthümliche Zusammentreffen übte auf Arnold in der That den Eindruck, als ob eine Bestimmung darin liege, und er entgegnete: »Wenn ich helfen kann – ist's weit?« Doch nun mischte sich Timm Stade wieder ein, merkbar zugleich befriedigt, eine Anrede für den Fremden bekommen zu haben: »Nein, da können Sie nicht mit, Herr Docter, bis nach Neuwerk sind das auch bei gutem Wind zwei Stunden hinüber und bei dem heut' Abend werden's leicht drei.« Dem fügten auch die Frauen wieder bestätigend bei: »Nee, dat kannst Du den Herrn nich tomoden, Age, un kann de Olsch nich verlangen. Dat is ok vör Di beter, Du bliffst bet dat Dag warrd hier.« Arnold kam vom Mund: »Ueber's Wasser?« Ihm war's erst jetzt aufgegangen, daß sich's um eine Bootfahrt handelte, und er setzte fragend gegen den Ladeninhaber hinzu: »Neuwerk, was ist das?« »'Ne ganz kleine Insel, Herr Docter, draußen vor der Elbmündung mit 'nem Leuchtthurm, daß die Schiffe bei Nacht von der See zu uns herfinden. Sonst wohnen nich viel Leute drauf. Sie haben bloß was von Rindvieh und Schafen auf ihrem Grasboden, aber der alte Terwisga, was der Großvater von dem Mädchen ist, is doch so ziemlich wohlhabend wohl am meisten von ihnen, und für umsonst läßt er den Docter Uhlemann nich rufen.« Die letzte Bemerkung klang halb, als habe sie den Zweck, dem fremden Arzt die Wasserfahrt in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, doch war's nicht so gemeint, denn der Krämer schloß noch dran: »Aber das wär' ja ein Stück aus der Tollkiste, bei dem Wetter noch im Dunkeln nach Neuwerk zu wollen,« und Arnold Lohmer antwortete, zur Hälfte gegen ihn und zur andern gegen Age Terwisga: »Ich bin allerdings seit heute früh von Nienhus hierher auf den Füßen gewesen und ziemlich stark müde –« Doch das Mädchen fiel mit ruhig-unbeirrbarer Festigkeit ein: »Wenn sie ein Doctor sind, so müssen Sie mit mir fahren. Das ist Ihre Pflicht, Sie dürfen meine Großmutter nicht ohne Beistand lassen.« Erstaunt und halb betroffen sah der junge Arzt in das Gesicht der Sprecherin. War das ihm, einem völlig Fremden gegenüber, wirklich mit solcher fordernden Sicherheit von ihren Lippen gekommen? Aus dem Munde eines ganz jungen ›Frauenzimmers‹, wie's die Zeit nannte, von dem er sich bei dem Gegensatz ihrer ländlich derben Kleidung, ihres Behabens und ihrer Sprache nicht zu sagen wußte, was er aus ihr machen, welchem Stand er sie zurechnen solle. Er fühlte, ihm steige das Blut röthend in die Schläfen, und dabei sah er sich die Augen Lucinde Eschenhagens, seiner Braut, entgegengerichtet, mit einem erwartenden Ausdruck, daß er die anmaßende Zumuthung gebührlich abfertigen werde. Gleichzeitig indeß hörte er auch Johann Heinrich Voß sagen: Wenn ein Mensch in Lebensnoth ist, muß der Arzt bei der Hand sein und am meisten bei einem von unter'm Stand; dazu ist er da, nicht für's blaue Blut und die Geldsäcke. Durcheinander gehend vermischten sich Arnold diese Vorstellungen, während, aus seinem eigenen Innern kommend, ein Gefühl in ihm die Oberhand gewann: Das Mädchen wartete und hielt für zweifellos, daß er das, was sie seine Pflicht genannt, erfüllen werde. Scheu ließ er die Augen von ihr zur Seite gehn, er fürchtete, sie läse drin, er habe unschlüssig gezaudert, eigentlich im Begriff gestanden, eine abschlägige Antwort zu geben, und ein wenig stotternd, versetzte er jetzt rasch: »Aber eine Bootfahrt strengt die Füße ja nicht weiter an – sie ruhen dabei ebenso aus wie im Liegen – und gewiß, natürlich – da es ja mein Beruf ist – bin ich bereit, Sie nach Ihrer Insel zu begleiten.« Age Terwisga machte nur eine nickende Kopfbewegung zu der kurzen Erwidrung: »Wenn Sie etwas aus der Apotheke mitnehmen wollen, die ist nah, ich bringe Sie hin.« Die Frauen sprachen jetzt durcheinander: »Dat warrd de lewe Gott Se vergellen, Herr Docter – bi de kole Luft – haken Se Ehrn Mantel man rech fast to! Awer de ol Hadlef tövt wiß all, sin ol Belke liggt em mehr an't Hart, as sin Köh un Ossen. Se hett wull up eens en Slag kregen, denk' ick mi.« Dazu bemerkte Timm Stade nun: »Ganz schlimm is's auch nich, Herr Docter, das Boot von der Age ist gut sie geht wie'n Schiffer mit dem Segel um und ist schon bei haariger Luft und böser'm Wind herübergekommen. Für unsern Docter Uhlemann wär's was heikliger gewesen, der hat schon seine Sechzig auf 'm Rücken, und ich glaub', er hängt sein Geschäft gern bald 'mal an den Nagel, was dazu nöthig thut, hat er wohl nachgrade beisammen. Dann wär's garnicht schlecht, für Einen, der noch jung ist, hier an seine Stelle zu gehn, das Marschfieber giebt ja viel bei uns zu thun. Na, das meine ich ja nur so, aber was ich sagen wollte – Lise, Du hest wull hitt Water in'n Ketel op't Für – Sie sollten doch erst ein warmes Glas im Magen mitnehmen, Herr Docter, denn so'n bischen frostig wird's draußen ja sein, und das verschreiben Sie sich, denk' ich mir, auch wohl selber für die Fahrt.« Der Krämer holte ein breitbauchiges Glas vom Bord, in das er zum Drittel aus einem Fäßchen Rum zapfte und Zuckerstücke dazu warf, während seine Frau aus der Küche einen Kessel brachte, aus dem sie kochendes Wasser draufgoß. Halblachenden Mundes sagte Arnold: »Nein, an das Recept für mich selbst hätte ich nicht gedacht, aber ich merke, sie verstehen sich besser auf die Verordnung der hier richtigen Mittel, als ich; vielleicht, wenn Ihr alter Arzt seine Praxis satt hat, werden Sie am allerbesten sein Nachfolger.« Darüber lachten Timm Stade und die zuhörend am Ladentisch Stehenden, außer Age Terwisga, deren ernstes Gesicht unverändert blieb, nur eine wartende Ungeduld kundgab. Der junge Arzt nahm jetzt das dampfende Glas, hielt es einen Augenblick unschlüssig, und fragte dann, sich dem Mädchen zuwendend: »Wollen wir's theilen? Die gleiche Kälte unterwegs werden wir ja auch theilen, und Sie haben keinen Mantel wie ich.« Er bot ihr das Glas dazu hin, sie sah ihn kurz an, als ob ihr der Sinn seiner Worte nicht gleich verständlich geworden, und erwiderte danach: »Dann mußt Du doch zuerst –«. Doch sie brach, ohne auszusprechen ab und verstummte; der Krämer kam ihr mit der Erklärung zum Beistand: »Sie hat sich was verschnappt, auf der Insel sind sie's so gewöhnt, zu allen Du zu sagen, und eigentlich thun wir's ja meistentheils hier auch. Drink man, min Deern, de Herr Docter nimmt Di dat nich öwel up, un Di deiht dat ok god vör de Fahrt.« Arnold fiel ein: »Wenn Sie nicht davon trinken mögen,« – und er machte eine Bewegung, das Glas zurückzuziehn; doch nun streckte ihre Hand sich rasch danach, sie setzte es indeß nur einen Augenblick lang an die Lippen und gab's ihm wieder hin. Er leerte in einigen schnellen Zügen den heißen Trunk, sagte: »Wir wollen keine Zeit mehr versäumen,« und zahlte dankend den erfragten kleinen Betrag an Timm Stade. Als er sich davon umkehrte, stand Age Terwisga schon auf der Schwelle, hatte die Thür geöffnet, und der Wind stieß mit einem winselnden Ton herein. So folgte er ihr ohne weiteren Anhalt, hinter ihm drein schollen mehrere Stimmen: »Gode Nach! – Kamen Se god 'röwer na de Insel! – Es wird mich freu'n, wenn Sie morgen bei Ihrer Rückkehr meinen Laden wieder besuchen, Herr Docter.« Seine Führerin brachte ihn auf der ab und zu von einem Lichtschein überstreiften Straße zur unweit belegenen Apotheke; er war von dem Tag und dessen unerwarteter Abendfortsetzung doch ein bischen verworren im Kopf und hätte aus sich kaum daran gedacht. Doch sie hatte ihn erinnert, das entsprach ganz ihrer sicher bedachten Art; wahrscheinlich hatte die Frau im Laden recht gehabt, daß es sich um einen Schlaganfall handelte. So versah er sich in der Apotheke rasch mit einigen, vielleicht erforderlichen Medicamenten, und nach wenigen Minuten schritten sie zusammen wieder an der Kramhandlung vorbei, jetzt dem Außenende der Straße zu. Von hier ging's in's leere Dunkel weiter, das ungewöhnte Augen kaum noch etwas unterscheiden ließ, nur da und dort tauchte ein flimmernder Punkt auf, der in der Luft zu tanzen schien und sich beim Näherkommen als eine kleine, an ausgespanntem Schiffstau schaukelnde Laterne herausstellte. Daran erkannte Arnold Lohmer, daß sie bereits am Hafen sein müßten, der von alters her unter Benutzung eines bei Ritzebüttel ausmündenden, Wetterung benannten Flüßchens für Fahrzeuge Sicherung bietend angelegt worden. Vor den Füßen lief ein gleichmäßiger Ton anklatschenden Wassers um, mit einem etwas unheimlichen Gefühl dadurch überkommend, daß der Blick nichts wahrnahm; dann indeß bewegte sich eine der Laternen niedriger über dem Boden herzu und warf einen Lichtstreif auf kurze, fast schwarzfarbig erscheinende Wellen, die sich unterlaßlos gegeneinander emporrichteten, beim Zusammentreffen ein dünnes, weißes Gequirl erzeugten und dies spritzend über die Holzbohle des Uferrandes heraufschlugen. Nach oben hellte der Schein das graubärtig wetterharte Gesicht eines groß-breitschultrigen Mannes an, der die Leuchte in der Hand trug; ein geölter Schifferanzug umgab ihn, von dem sich eine Kapuze, festangezogen, um den Kopf schloß. Der Hafenwärter Wullenberg war's, noch nach dem Rechten in seinem Revier sehend; er hob jetzt die Laterne auf, beleuchtete das Gesicht Age Terwisgas und sagte gleichmüthig: »Wist Du nach wedder 'rut? Wat vör Een hest Du bi Di?« Sie gab Antwort, einen fremden Doctor, weil Doctor Uhlemann nicht zu Haus sei. »Denn will ick Di lüchten.« Sich umdrehend ging er voran, dem Platz zu, wo das Boot des Mädchens angetaut, doch auf- und niedertanzend lag; von kräftigem Bau war's, weißgrau schimmerte das am Mast festgebundene Segel im Lichtwurf. Der Alte sagte: »Stiegen's man in, Herr Docter;« Selbstverständliches klang aus der Aufforderung. Doch Arnold hielt noch den Fuß an, ihn überkam's noch einmal mit einer Unschlüssigkeit, und ihm wollte die Frage über die Zunge, ob es nicht bedenklich sei, bei solchem Wetter im Nachtdunkel auf die See hinauszufahren. Aber der ruhige Ausdruck in den Zügen seiner Führerin ließ ihm die Worte im Mund stocken, Scham befiel ihn, daß er zaudre, vor etwas Scheu trage, wo ein Mädchen keine Regung von Furcht zeigte, und er trat stumm von der Brüstung in das kleine Fahrzeug hinüber. Zu der ihm Nachfolgenden sprach der Hafenwärter noch einmal, während er das Tau losmachte: »Du mußt vörst en Slag up Marne to maken, de Wind is wedder in't Umlopen. Bet Ji an't Holsteen'sche kamt, kümmt de Maan, denn kannst Du likut up dat Füer von Niewerk ümleggn. Na, Du weest dat jo sülbn.« Nun gerieth's Arnold doch unwillkürlich heraus: »Glauben Sie, daß der Mond kommt? Mir will's nicht scheinen.« »De kümmt so seker as de Flod un warrd tokieken, wenn de ol Ran sick buten de witten Haar wat kämmt. Lat dat mit de Reems wat angahn, Age, und sträng' Di de Bost nich to dull an.« Wullenberg schob das Boot mit einem kräftigen Ruck ab, das Mädchen hatte die Ruder eingehakt, schlug sie ausholend in's Wasser, und nach einem Dutzend von Schlägen zerging der letzte Laternenschein auf ihrem Gesicht, so daß es bis auf einen kaum dämmernden Schimmer vor den Augen des ihr nah Gegenübersitzenden wegschwand. Er war wenig in den zum Seewesen gehörigen Dingen bewandert, doch begriff, daß sie anfänglich, um aus dem Hafen hinauszugelangen, die Ruder gebrauchen müsse; nur langsam ging's wider den Wellenschlag, auch der Wind stand entgegen, machte ein zu ihr Hinübersprechen oder Verstehen von ihrer Seite kaum möglich. Doch hörte er am Knarren der Ruderpflöcke, fühlte an schütternden Stößen, daß sie ihre Kraft stark aufbieten müsse; eigen war's, das nicht zu sehen und doch mit der Empfindung deutlich wahrzunehmen, wie sie die Brust weit vorbiege, sich zurücklegend einschlage, beide Arme gewaltsam zum Gegendruck anspanne und dies immer gleichmäßig wiederhole; einen Ton, der ihrem Ringen nach Athem entstamme, glaubte er ab und zu an seinem Ohr vorüberwehn zu hören. Etwas Schönes lag darin, wie Menschenkraft, obendrein eine weibliche, dem Machtwillen der Natur Trotz bot; es versetzte das Gefühl in die Anfänge des Menschenthums zurück, zu Lebensumständen und Bedingungen, unter denen Kraft und Muth als die höchsten Eigenschaften gegolten, als das Werthvollste geschätzt worden. Davon hatte die fortgeschrittene Verfeinerung, die Cultur, wenigstens in den Städten nichts mehr bewahrt; Arnold vermochte sich unter den ihm bekannten jungen Damen Hamburgs von keiner vorzustellen, daß sie um einer erkrankten Angehörigen willen so athemraubende Körperanstrengung für nichts angeschlagen, sich auf's nächtige Wasser in's Unwetter hinausgewagt hätte. Eigentlich war Verfeinerung nicht das richtige Wort für diese Umwandlung, sondern eine Einbuße an einer ursprünglichen obersten Naturmitgift, die sie durch ihre Lebensführung erlitten hatten. An der Handhabung der Ruder konnte er sich nicht betheiligen, wäre auch zu ungewandt dafür gewesen, gern dagegen hätte er seine Gefährtin über einiges nach dem Ziel der Fahrt befragt; nur als ein Name lag ihm Neuwerk im Gedächtniß, daß es eine winzige, schon aus alter Zeit Hamburg zugehörige Insel von irgendeiner Bedeutung für die Elbschiffahrt sei. Doch an Anknüpfung eines Gesprächs war trotz der nur doppeltarmlangen Entfernung von Bank zu Bank nicht zu denken, höchstens konnte sich ein kurzer lauter Zuruf verständlich machen. So saß er schweigend, und da der Gesichts- und Gehörssinn ihre Dienste versagten, bemächtigte die vorstellende und verknüpfende Phantasie sich um so lebhafter seines Kopfes. Bilder und Gedanken wechselten vor ihr hin und her, greifbar sah er Voß und Frau Ernestine am Mittagstisch in der niedrigen Stube mit dem sonnüberspielten alten Hausrath umher; sonderbar rührte ihn an, wie man nichts im voraus wisse, nicht zu sagen und zu ahnen vermöge, was nur über ein paar Stunden sein werde. Das kam den Otterndorfern mit Gewißheit gegenwärtig nicht in den Sinn, auf welchem Wege er sich an diesem Abend noch befinde, ebensowenig wie er selbst um Mittag eine Vermuthung davon besessen hatte. Gleicherweise war seine Braut ohne eine Ahnung; wahrscheinlich saß sie, wie zumeist des Abends, augenblicklich in einem geselligen Kreise andrer junger Damen und Herren, und der kerzenhelle, reichausgestattete Raum um sie her bildete einen größtdenkbaren Gegensatz zu dem in nächtiger Finsterniß sich am Nordseerand unablässig auf- und niedersenkenden Boot. Doch nahm der junge Arzt das Gesicht Lucinde Eschenhagens nicht so deutlich vor sich gewahr, als die beiden Vossischen; es verschwamm ihm mehr nur zu einem Umriß ohne den Inhalt ausgeprägter Einzelzüge. Mit solchen stand eigenthümlicher Weise die ihm völlig unkennbar Gegenübersitzende genau vor seinen Augen, näherte sie diesen mit der sich vorbiegenden Brust bei jedem Ruderschlag entgegen. Zwar begreiflich war's grad' für einen seiner Wissenschaft Beflissenen und ihr einen Gegenstand interessanter Beobachtung bietend. Das Gesicht des Mädchens war ihm bis vor kaum einer Stunde völlig unbekannt gewesen, aber es hatte sich der Netzhaut seiner Augen als das zuletzt im Licht wahrgenommene eingeprägt und erhielt dadurch auf ihr sein Bild, jetzt wo das Sehvermögen aufgehört, deutlicher fort, als selbst die so lang bekannten, in jeder Einzelheit ihm genau vertrauten Züge seiner Braut. Nun ward er einmal plötzlich aus seinen wechselnden Vorstellungen herausversetzt, denn Age Terwisga richtete sich, die Ruder einziehend, von ihrem Sitz in die Höhe. Er empfands's nur, ohne es wirklich erkennen zu können, und sah doch dabei klar ihr Gesicht in's Dunkel aufgehoben. Sie vollzog irgendetwas mit der Hand, dann fühlte er, daß ihr Arm an seinem Kopf vorbeistreife und sie sich gleich danach nicht mehr vor, sondern hinter ihm befinde. Auch mit dem Boot ging eine Veränderung vor, es legte sich schräg auf die rechte Seite, und seine Bewegung ward eine andre, nicht mehr stoßhafte, sondern wiegend gleitende. Daraus kam Arnold zur Erkenntniß, sie habe das Segel losgemacht und sich, über seine Bank fortsteigend, an's Steuerende des Bootes gesetzt; ihre Augen mußten die seinigen an Sehfähigkeit in der Finsterniß weit übertreffen. Doch begriff er trotzdem nicht, wie es ihr möglich sei, durch die Lichtlosigkeit eine bestimmte Richtung einzuschlagen und inne zu halten; mechanisch hatte er sich auf seiner Bank umgekehrt, wandte ihr dadurch wieder das Gesicht zu und befand sich jetzt dem ihrigen so nah gegenüber, daß auch ein Verstehen von Worten hin und her ermöglicht ward, zumal da der Wind nicht länger grad' entgegen stand. So sprach er zum erstenmal seit der Abfahrt, fragte lautstimmig, wie sie wissen könne, wohin sie steuere. Kurz erklang ihre Antwort: »Danach,« und ein eben wahrnehmbarer Schimmer ließ erkennen, daß sie dazu eine deutende Hand aufhebe. Sein Blick folgte dieser und sah nun in der Richtung etwas, das bisher hinter seinem Rücken gewesen; wie ein einziger, die Wolkennacht röthlich durchscheinender Stern stand's ziemlich hoch über dem Horizont in der Luft. Von dem überraschenden Anblick verwundert, fragte der junge Arzt weiter: »Was ist das? Ein Stern?« – »Nein, das Leuchtfeuer von Cuxhaven.« Das gab die Erklärung, danach nahm sie im todten Dunkel mit sicherer Ruhe ihren Curs; dem Hörer gerieth in Erinnerung, daß der Hafenwärter gesagt, sie müsse erst einen Schlag auf Marne zu, bis gegen die holsteinische Küste machen, eh' sie das Segel umlegen könne, aber das wisse sie ja selbst. Sonderbar rührte es Arnold an; was würde ihm all' sein Wissen, seine klassische Ausbildung nützen, wenn er plötzlich allein ohne dies Mädchen nachtumdüstert zwischen Wind und Wellen hier in dem Boot dasäße? Ohne Zweifel wäre er hülflos verloren, unfähig das Segel und Steuer zu handhaben, wüßte nicht, wohin und wie er durch die Wasserwüste lebend an's Land kommen solle. Doch sie bedurfte nur des kleinen Thurmfeuers, dieses winzigen Lichtpunktes in der schwarzen Oede, um ohne Zaudern und Zagen fest ein unsichtbares Ziel in's Auge zu fassen. Menschenentwicklung, Wesen und Eigenart auf der Erde waren von seltsamer Verschiedenheit. Auch in der äußeren Bildung, das nahm wieder die Gedanken des Arztes, in sein Wissenschaftsgebiet fallend, in Anspruch. Ernestine Voß und ebenso seine Braut gaben sich sogleich durch ihre Erscheinung als zweifellos dem germanischen Volksstamm angehörig zu erkennen, und auf diesen wies ebenfalls der friesische Name Terwisga hin, der offenbar gleichen Ursprungs mit dem plattdeutschen Ter Wische – Zur Wiese – war. Doch in dem Mädchen lag entschieden etwas Fremdartiges, nur Halbdeutsches, von reingermanischem Blut konnte die tiefdunkle Haarfarbe nicht herstammen, ein andres mußte ihr hinzugekommen sein. Auch daß sie in dem Krämerladen auf die plattdeutschen Anreden stets in hochdeutscher Sprache erwidert hatte, wies auf Abweichendes von der Landesart hin. Aber fraglos hatte die Mischung in ihr etwas Besonderes an Körperbau und Gesicht hervorgebracht und nicht nur daran, kaum minder schien's, auch in ihrem innerlichen Wesen. Dies ließ sich nicht grade als einnehmend bezeichnen, trug Wortkarges, wie etwas Eigenwillig-Selbstbewußtes an sich und erzeugte gleichsam beim Sprechen ein von ihren Lippen ausgehendes Kältegefühl. Das waren freilich Eigenschaften friesischer Abkunft und Mitgift, so daß bei näherer Betrachtnahme ihre seelischen Grundzüge doch allein von jener gebildet erschienen. Das Boot lief nicht unter Vollwind, sondern noch ungefähr zu einem Drittel wider ihn, vermochte so grad' eben die verfolgte Richtung innezuhalten; für die Schnelligkeit seines Weiterkommens bot sich Arnold kein Maßstab, und gleicherweise, wie er die Veränderung im Raum nicht abschätzen konnte, hatte die Fahrt etwas Zeitloses für ihn. Nur aus dem schwächer werdenden Schein des Cuxhavener Leuchtfeuers ließ sich entnehmen, die Entfernung von diesem müsse schon eine beträchtliche sein und die Ueberkreuzung der breiten Elbmündung bereits ziemlich lange gedauert haben. Und nun sprach auch etwas Anderes davon; zur Rechten des Segels hob sich ebenfalls ein rothglühender Punkt über dem Wasser empor. Der konnte nur einen Leuchtthurm an der nahgerückten holsteinischen Küste deuten – oder doch nicht – denn fast wie mit der Geschwindigkeit eines Gedankens vergrößerte er sich, wuchs mit tiefer Blutfarbe breiter und höher an, und der drauf Hinschauende stieß vom Mund: »Das ist kein – ein gewaltiger Brand ist's!« Kurz scholl ihm vom Steuer her eine Antwort entgegen: »Der Mond,« und um ein geringes später erkannte er selbst auch seine Täuschung; der östliche Horizont mußte wolkenlos oder wohl richtiger dunstfrei geworden sein, dort schob sich ein fast vollgerundeter Glutfeuerball in die Lücke über dem Erd- oder Wasserrand herauf. Mit der unfehlbaren Pünktlichkeit des Weltenraum-Uhrwerks war der Mond nach der Angabe des alten Wullenberg erschienen, wie das Boot nah an's jenseitige Elbufer gelangte, und erkennbar begann er auch die von Johann Heinrich Voß am Nachmittag ausgesprochene Vermuthung zu bewahrheiten. Es regte den Eindruck, er werde beim Weiteraufstieg wieder hinter einer schwarzen Himmelsdecke verschwinden, doch diese zerging vor ihm, scheinbar, als flüchte sie vor einer Bedrängung durch seinen Oberrand zurückweichend davon. So verblieb er in unverdunkelter Deutlichkeit, verwandelte bald mehr und mehr seine Färbung. Aus der rothen Kugel ward eine in silbernem Glanz leuchtende Scheibe, die da und dort Funken in die düstere Wassermasse zu werfen, rasch sie mit glitzernden Strahlenfäden zu überspinnen anfing. Vor dem Blick Arnolds tauchte die Gestalt Age Terwisgas auf; ihre Züge ließen sich noch nicht unterscheiden, aber ihr Gesicht hob sich als ein perlender Glimmer über dem Steuerende des Bootes in die Luft. Sie hatte nichts mehr gesprochen, doch nun klang ihr einmal ein kurzes Geheiß vom Mund: »Halten Sie sich an der Bank!« Er verstand nicht, warum er dies solle, leistete indeß halb unbewußt der Anweisung Folge, und um einen Moment später durchfuhr das kleine Fahrzeug ein jäher Stoß, der ihn muthmaßlich, wenn seine Hände nicht einen Halt besessen, über den Bootrand geschleudert hätte. Zugleich schlug ihm ein heftiges Geknatter des wildflatternden Segels an's Ohr, doch ward's fast sofort wieder still; ein Tau streifte ihm in blitzschnellem Schwung über den Kopf, und das Boot neigte sich tief nach der entgegengesetzten Seite als bisher auf's Wasser. Er bedurfte etwas der Zusammennahme seiner Sinne, um aufzufassen, was geschehen war. Das Steuerruder beinah im Halbbogen drehend, hatte die Lenkerin mit zagloser Sicherheit das losgemachte, einen Moment aus dem Wind fallende Segel umgelegt und wieder befestigt. Ein gedankenrasches Thun war's gewesen; nun saß sie ruhig am Steuer wie zuvor und sagte: »Jetzt kommen wir ohne weiteren Schlag bis zur Insel.« In umgewandter Richtung ging's davon, aber das Gefühl empfand sogleich, es habe sich etwas verändert. Der Wind stieß nunmehr mit Vollkraft in das weit nach links übergebauschte Segel und mit mehr als verdoppelter Geschwindigkeit schoß das Boot wie ein Pfeil dahin; der stärker erhellende Mond ließ voraus ein hohes, verworrenes und verwogendes Aufringen aus der Wasserfläche nicht deutlich erkennen, doch ahnen. Das war nicht mehr die Elbmündung, sondern die offene See; zur Rechten hatte sich wie eine verschwimmende dunkle Nebelbank das Westende der dithmarsischen Küste gezeigt und verschwand jetzt spurlos wieder; in spitzem Winkel zur vorherigen Richtung lief das Fahrzeug zurück gradaus gegen Westen. Der Wind überschauerte kälter, unwillkürlich zog der junge Arzt seinen Mantel fester um sich; das Mädchen dagegen empfand offenbar nichts vom Frost, ließ die scharfen Luftstöße gleichgültig um den entblößten Hals fahren. Das bekundete wohl auch das friesische Blut in ihr, ein abgestumpftes Gefühl, nicht der Wärme bedürftig und nicht nach ihr verlangend. Auf dem Weg von Otterndorf nach Cuxhaven war's Arnold Lohmer in halb traumartiger Vorstellung gewesen, als harre seiner ein Schiff, um ihn über Meeresweite an ein Wunderland unter scheitelrecht flammender Sonne fortzutragen. Das hatte sich höchst seltsam erfüllt, doch in völlig anders gearteter Weise. Er schwankte in der That auf uferlosem Wasser, aber frierend, statt von heißer Sonne umglüht, im kalten Mondlicht; kein Blüthenduft kam ihm entgegen, nur ein scharfer Salzgeruch umgab ihn, und sein Fahrtziel war kein tropisches Eiland, sondern eine öde Nordseeinsel, auf der eine kranke Alte ärztliche Hülfleistung von ihm erwartete. Wenn Traumbilder in Erfüllung gingen, so veränderten sie oft wunderlich ihr Gesicht. Eine Thorheit war's doch gewesen, daß er dem anmaßenden Vorhalt des fremden Mädchens, seine Pflicht sei's, mitzukommen, nachgegeben hatte. Was ging ein Krankheitsfall auf Neuwerk ihn denn an? Ihm lag überhaupt nirgendwo eine Arztpflicht ob, niemand in der Welt besaß noch ein Recht daran. Um sich selbst zu erholen, hatte er seine Fußwanderung in die Maisonne hinaus unternommen, nicht um bei so veränderter Witterung in Nacht und Wind für unbekannte Menschen seine Gesundheit einer stärkeren Gefährdung auszusetzen. Die Vernunfterwägungen kamen freilich zu spät, ihm blieb nichts andres übrig, als sich in die Folge seiner Bedachtlosigkeit und Voreiligkeit zu fügen, und allerdings ward diese ihm jetzt mehr und mehr mit einem fremdgewaltig Sinne und Seele anfassenden Reiz vergolten. Raum- und Zeitlosigkeit umgab ihn, aber die Nacht war hell geworden und hielt, was um ihn war, nicht wie zuvor unter farblosem Dunkel begraben. Das mondbestrahlte Segellinnen glänzte gegen den Himmel, und drunter wälzten sich die Wellen nicht unsichtbar heran, sondern von einem grünlichen Schein durchspielt. Sie erinnerten an aufgesträubt wallende Mähnen der Rosse Poseidons – die Vossische Odyssee-Uebersetzung, die Arnold mit sich trug, half wohl dazu, ihm dies Bild im Gedächtniß wachzurufen – wenn die Wogenkämme sich emporbäumten, war's als hebe jeder ein zerfließendes Stück eines riesenhaften Hermelinmantels aus geheimnißvoller Tiefe herauf. Auch drüber in der Luft blitzte es manchmal ebenso leuchtend, denn ab und zu schoß eine große, weißbrüstige Möve, schrillen Ruf's, dicht über dem Boot fort, als ob sie auf das rothe Kopftuch Age Terwisgas niederstoßen gewollt. Die saß, der Mondscheibe den Rücken zuwendend, so daß ihr Gesicht im Schatten lag, nur vom Lichtrückwurf des Segels angehellt wurde. So bot es etwas Ungewisses, die Phantasie zum Ausgestalten Anregendes, und wohl ebenfalls der Odyssee in der Brusttasche des ihr Gegenübersitzenden entsprang's, daß sie vor seinen Augen zu einem Bild der Leukothea ward, der halbgöttlichen Kadmostochter, die dem vom Untergang bedrohten Laërtessohn ihren Schleier zugeworfen, um ihn aus der Gewalt des ergrimmten Poseidon an's Gestad der Phäaken zu retten. Wunderlich, wie Vorstellungen jäh abschweifend im Menschengehirn wechseln, gerieth Arnold dabei plötzlich einmal die Pfarrerstochter in's Gedächtniß, die nach einer Mittheilung der Otterndorfer Rector, im Walde Kaffee kochend, zur Heldin eines Idylls zu machen beabsichtigte. Und unwillkürlich flog ihm ein halblachender Ton vom Mund; etwas Größeres an Gegensatz ließ sich kaum erdenken, als der sommerstille Wald und die wild im nächtlichen Aufruhr tobende See, als das mit der Kaffeekanne beschäftigte, jedenfalls blondköpfige Pastorenkind und die von dunklen Haarflechten umflatterte Leukothea am Steuer des wie mit dem Möwenflug wettenden Bootes. Da auf seinem Gesicht die volle Mondhelle lag, kam dem Mädchen dessen kurzlachender Ausdruck zur Wahrnehmung; ein leichter Ruck ihres Kopfes gab's zu erkennen, Verwunderung oder Verständnißlosigkeit schien sich darin kundzugeben. Gleichzeitig indeß legte das Boot sich jetzt mit der linken Seite so tief auf's Wasser, daß eine Welle breit über den Rand hereinschlug und der junge Arzt Mühe hatte, sich zu halten, um nicht von der schräg geneigten Bank abzugleiten. Eine Empfindung rang sich ihm zum Bewußtwerden auf, der Wind habe seit einiger Zeit heftiger zugenommen und verstärke gegenwärtig seine Stöße noch gewaltsamer; an einer Seitenwendung des Kopfes der Steuerführerin ward merkbar, sie achte ebenfalls darauf, und ein leichter Ruck ihrer Hand ließ das Segel um ein weniges aus dem Wind drehen. Trotzdem wiederholte sich das eben Geschehene nochmals und zwar in erhöhtem Maße; hochaufgebäumt warf eine anrollende Woge ihre weißquirlende Schaumdecke breit über das Boot hin. Arnold mußte sich noch fester anklammern, dabei entflog ihm ohne Wissen ein halber Ausruf, dem eine Frage des Mädchens nachfolgte: »Vorhin lachtest Du, hast Du jetzt Furcht?« Sie sprach nicht lauter, als am Lande, doch ihre Stimme besaß einen eigenartigen, das Tosen umher überwindenden Klang, so daß die Worte dennoch klar vernehmbar wurden; in ihrem Ton lag nichts Spöttisches, nur völlige Gelassenheit. Ihre Gedanken schienen indeß mit anderem beschäftigt zu sein, denn sie hatte offenbar vergessen, zu wem sie spreche, und den vor ihr Sitzenden so angeredet, wie's ihr Mund bei allen Mitbewohnern ihrer Heimatinsel gewöhnt war. Den Hörer befiel's zum andernmal vor ihr mit einem Schamgefühl, ihm klang nachträglich im Ohr, daß sein unwillkürlicher Ruf ein Erschrecken kundgethan habe, und er erwiderte rasch, von ihrer Frage ablenkend: »Mich dünkt, der Wind nimmt mehr zu.« »Ja, er wird stärker.« Gleichmüthig scholl die Antwort, und er bemühte sich, ebenso zu entgegnen: »Wie weit ist's noch zur Insel?« »Geht's so weiter, eine halbe Stunde.« »Kann das Boot – ich meine, wenn wir weiter auf die See kommen, kann es da gegen den Sturm halten?« »Das müssen wir abwarten, ob Ran es will.« Die Erwiderung ließ hören, Age Terwisga sei bei der unverkennbar mächtigeren Ansteigerung des Windes und Wogengangs selbst ungewiß, ob das kleine Fahrzeug sein Ziel erreichen werde, zu ändern war nichts mehr daran, die Richtung mußte innegehalten werden, aber ein noch gewaltigerer Stoß konnte drohen, das Boot plötzlich kentern zu lassen. Dann war keine Rettung denkbar, zweifellos um kurze Augenblicke nach dem Umschlagen alles vorüber. Der Vorstellung Arnold Lohmers tauchten wieder ein paar Bilder auf und zwar die nämlichen wie schon einmal zuvor. Er sah seine Braut im Gesellschaftskreise eines vornehmen, lichthellen Saales sitzen, bewundernde Blicke richteten sich auf ihre Schönheit, ein leichtes Lächeln umspielte ihre feinen Lippen als Antwort auf die ihr dargebrachten Huldigungen. Ueber dieses Bild drängte sich ein anderes: Johann Heinrich Voß saß zwischen den aufgehäuften Büchern und Papierstößen seiner engen Arbeitsstube bei einer kleinen Lampe auf den Schreibtisch gebückt und nützte den Vorabend des Sonntags, eine Anzahl ihm im Kopf schon fertig gerathener Hexameterverse seines Pfarridylls auf einem Blatt festzuhalten; daneben bog Frau Ernestine den blonden Scheitel über ein Nähzeug und suchte, die Unkosten eines eigenen Lichtes für sich ersparend, mit von der Lampe ihres Mannes Vortheil zu ziehn. Mit lebhafter Deutlichkeit standen die beiden Bilder vor den Augen Arnolds, das des Reichthums und der kargen Beschränkung; dort und hier verweilte kein Gedanke bei ihm, ward niemand von einer Ahnung angerührt, wo und in welcher Lage er sich gegenwärtig befinde, daß der nächste Augenblick vielleicht der letzte seines Lebens sein werde. Doch wunderlich, ihn selbst befremdend, gewahrte er diese Möglichkeit klar vor sich und bereute dennoch nicht mehr, sich thöricht dieser Gefahr preisgegeben zu haben. Nicht weil er damit einer ihm obliegenden Pflicht gehorcht; ihrer gedachte er nicht, fühlte nur, aus der Gelassenheit seiner Gefährtin sei eine gleiche über ihn gekommen, gleichsam aus ihren letzten Worten von ihrem Munde zu ihm herübergeflossen. Sie war jung wie er, offenbar bedacht, das Boot so achtsam zu führen, als es der zum Sturm angewachsene Wind möglich machte, aber dabei sah sie dem Tod ganz furchtlos in's Angesicht. Das mochte eine Mitgift friesischen Blutes sein, doch sprach kein stumpfsinniges Gefühl daraus, sondern etwas menschlich Großes, Unabwendbarem sich ruhig, ohne einen Laut des Bangens zu fügen. Ihre Erwiderung hatte gezeigt, daß sie sich der drohenden Gefahr vollbewußt sei, und wider Drang und Natur kraftvoller Jugend stritt's, sich jäh aus dem Leben wegreißen zu lassen. Aber es vermochte ihr kein Zeichen innerer Erregung abzunöthigen, sie wartete schweigend, was geschehen werde. Sonderbar war's, was solche Lage, dem vielleicht plötzlichen Ende gegenüber, an Gedanken und Vorstellungen aus halb in Vergessenheit gerathenen Seitenfächern des Kopfes hervorzog. Dem jungen Arzt drängte sich die kurze, ›Auftrag‹ betitelte Ode Hölty's in's Gedächtniß, und er mußte sie sich, ob auch nicht vernehmbar, vorsprechen: ›Ihr Freunde hänget, wenn ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar auf, Wo an der Wand die Todtenkränze, Manches verstorbenen Mädchens schimmern. Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem rothen Band, Das, an der Harfe festgeschlungen, Unter den goldenen Saiten flattert. Oft, sagt er staunend, tönen im Abendroth Von selbst die Saiten, leise wie Bienenton; Die Kinder, hergelockt vom Kirchhof, Hörten's und sah'n wie die Kränze bebten.‹ Im denkbar stärksten Widerspruch stand das von den Versen vor Augen gestellte Bild zu dem wilden Toben auf der nächtlichen See, ruhevoll anblickend – so ruhig, wie Age Terwisga am Steuer dasaß. Und seltsam, dem drohenden Untergang zum Trotz, drängte sich danach den Lippen Arnold Lohmers ein Lächeln auf, denn er hörte Voß sagen: »Mit den Bienen hatte Haining es viel in seinen Liedern.« Ja, ganz gelassen wartete auch er, um nichts wäre ihm nochmals ein Ton des Erschreckens vom Munde gefahren. Ihn trieb's, seiner Gefährtin im eigenthümlichen Wortsinne, der dieselbe Gefahr mit ihm Theilenden, darzuthun, daß er ihr an ruhiger Fassung nicht nachstehe, und er suchte nach einem Gegenstand, über den er gleichmüthig mit ihr sprechen könne. Ihre letzten Worte, ›ob Ran es will‹, klangen seinem Ohr noch nach und verknüpften sich ihm mit einer Erinnerung, daß auch der alte Hafenwärter von ›Ran, die sich ihr weißes Haar kämmen werde‹, gesprochen habe. So griff er für seine Absicht nach dem ihm unbekannten Namen und sagte: » Ran , was ist das?« Laut brachte sein Mund die Frage hervor, das Mädchen entgegnete mit der Stimme, die keiner Anspannung bedurfte, um sich verständlich zu machen. »Weißt Du nicht von ihr?« »Nein, wer und wo ist sie?« »Unter uns, überall, wohin Dein Auge sieht.« »Und – Du sprachst – was will sie?« Unbewußt hatte er Age Terwisga in gleicher Weise angeredet, wie sie ihn, ihm kam's erst, als es so über seine Zunge gerathen. Doch zugleich fühlte er, etwas ihm ohne Bedacht richtig Eingegebenes sei's gewesen, das Naturgemäße zwischen Menschen, deren Lippen vielleicht im nächsten Augenblick bevorstand, für immer stumm zu werden; nichtig und abgeschmackt hätte hier geklungen, was der Brauch der Gebildeten als Feinheit für ihre Umgangsformen zur Bezeugung von Höflichkeit und Achtung ersonnen hatte. Der Angesprochenen kam offenbar auch nichts von dieser Veränderung zur Auffassung, ihrem Ohr war's das allein Gewohnte, und sie gab auf seine Frage mit gleichem Ton wie zuvor Antwort: »Ran will ihr Netz füllen, darauf lauert sie – immer – und für wen's die Stunde ist, über den wirft sie's und zieht ihn in den weißen Maschen herunter.« Dem Hörer ging auf, eine am Meeresgrund hausende Todesgöttin der Schiffersage sei's, vermuthlich der altnordischen Mythologie entstammend. Rings um das Boot hob und senkte sich's, wie das weiße Garngeflecht ihres Riesennetzes, und bei dem Anblick fragte er ernsthaft, wie von ihrem wirklichen Vorhandensein überzeugt: »Hast Du sie schon gesehen?« Das Mädchen schüttelte kurz den Kopf. »Wer sie sieht, thut's nur einmal, wenn seine Stunde da ist, und sagt's Keinem mehr.« Gleich einem sturmgepeitschten Blatt flog das Boot in rasender Hast dahin, das beinah zu Tageshelle gewordene Mondlicht ließ erkennen, die Sprechende halte das Steuerruder mit straff angespanntem Arm, unablässig auf Wacht, der sich fast in jeder Secunde erneuernden Gefahr des Kenterns durch eine kaum merkbar leichte Drehbewegung des Fahrzeugs auszuweichen. Ihre weitoffenen Augen waren vollständig reglos wie die eines Steinbildes, die Wimpern hatten nicht Zeit, sich noch so flüchtig zusammenzuschlagen, unverwandt bemaß der Blick zwischen ihnen das fast auf's Wasser niedergedrückte Segel, jede hochanschwellende Woge, die mit Vollwucht von der Seite zu treffen drohte. Daraus gab sich kund, Age Terwisga wolle nicht untergehn, trachte mit dem Aufgebot aller Kraft, Besonnenheit und Erfahrung, das Umschlagen des Bootes zu verhüten. Dabei aber sprach jetzt ihr Mund, der sich bisher auf der Fahrt so wortkarg gezeigt, in der ruhig-gleichmüthigen Weise fort, als ob sie damit auch ein Hülfsmittel wider die Gefahr zur Anwendung bringe; es klang, wie wenn ihr Sinn sich darauf richte, Ran, von der sie weiterredete, zu besänftigen. Von den Lippen kam ihr nochmals die Wiederholung: »Wer sie mit den Augen wahrnimmt, kann niemand mehr sagen, wie sie aussieht. Aber ich sehe sie doch vor mir; ihr Gewand ist grün, wie Binsen unter'm Wasser, drauf die Sonne scheint, und auch ihr langes Haar, nur dunkler, gleicht dem Seetang am Grund. Darunter blinkt ihr Gesicht so weiß wie eine Muschel im Sand oder eine Möwenbrust in der Luft; was für Augen sie hat, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie blau, von der Farbe des Himmels am Sommermorgen; vielleicht sind sie wie Sterne in der Nacht. Unter den Leuten geht Gerede von ihr und heißt sie bös, falsch und voll Tücke. Aber das thut ihr unrecht, sie meint es gut und wirft das Netz nur über den, für welchen die Stunde da ist. Dann nehmen ihn ihre Arme, so wie eine Mutter ihr Kind, und legen ihn zum Schlafen auf ein weiches Bett. Da ist's ganz dunkel und still, kein Wind und keine Welle mehr, kein Licht und kein Leid. Und der Herzschlag klopft nicht mehr an die Brustwand, ihn vom Schlaf zu wecken. Denn wen Ran zu Bett gebracht, dem kann nichts mehr Arges anthun.« Im Gegensatz zu dem blitzartigen Fortschießen des Bootes kamen die Worte der Sprecherin ganz langsam vom Munde. Arnold Lohmer hörte im Brausen des Sturmes draufhin, sie klangen ihm fremd-wunderlich an's Ohr, und er vergaß, wo er sei, was um ihn war und drohte. Nach kurzem Anhalten fuhr das Mädchen fort: »Du bist ein Herr, der viele Dinge weiß, die ich nicht kenne, und Du glaubst nicht an Ran –« Er fiel ein: »Wenn Du von ihr sprichst, thu' ich's –« Und sie sprach weiter, von Menschen, die sie gekannt und die das Segel nicht wieder heimgebracht, weil ihre Stunde gewesen, daß Ran die Hände nach ihnen heraufgestreckt. Gleichmäßig langsam reihten die kurzen Sätze der Erzählenden sich aneinander – Dann durchfuhr einmal plötzlich ein Ruck den Kopf Age Terwisgas, ihre freie Hand hob sich deutend in die Höh' und sie stieß aus: »Da ist's!« »Was?« Sich wendend, sah er in die Richtung, ohne etwas wahrzunehmen. »Was ist da?« »Das Feuer.« Aus der Brust des Mädchens flog's hervor, als ob sie einen schwerpressenden Druck von sich abgewälzt fühle und mit befreitem Athemzug aufwoge. Der Hörer verstand's noch nicht, fragte: »Welches Feuer?« »Der Leuchtthurm von Neuwerk.« Nun unterschied sein angespannter Blick auch einen kleinen Schein, der mit röthlicherer Farbe aus dem Silbergeglimmer der Mondstrahlen hervorschimmerte; das Feuer kündete die Nähe ihres Fahrtziels, mit Gedankenschnelle nahm jetzt seine Deutlichkeit zu. Unter ihm ward ein Landufer sichtbar oder zunächst nur noch dadurch erkennbar, daß ein weißer Gürtel sich dran entlang zog, Wellen, die mit hohen Schaumköpfen aufschlugen und zurückfielen. Ein wenig mehr gegen Süden gedreht, um an der brandungslosen Leeseite der Insel anzulanden, lief das Boot auf diese zu; die Steuerführerin saß jetzt lautlos verstummt, wie wenn das letzte Fahrtstück noch erhöhte, durch nichts Anderes beirrte Achtsamkeit von ihr fordere, damit die zornwüthige Nordsee ihr nicht am Schluß noch den Sieg entreiße. Doch um wenige Minuten später nahm eine kleine sichernde Bucht das Fahrzeug auf; dann stand Arnold Lohmer auf festem Boden, aber mit einem Gefühl, als ob dieser noch unter seinem Fuß fortschwanke. Mit windbetäubten, gischtübersprühten Augen sah er um sich in die helle Nacht, ihm war's, als sei er über einen Ocean gefahren und an einem fremden Erdtheil gelandet. Age Terwisga umschnürte das Segel am Mast, trat dann ebenfalls an's Land, das Boot mit dem Tau festzumachen, und setzte danach den Fuß in der Richtung auf ein etwa schußweit wie ein dunkler Würfel emporragendes Gebäude vor. Sie schien damit auch schweigend ihrem Begleiter den Weg deuten zu wollen, doch neben seinem Standplatz hielt sie an und sagte, auf die See zurückblickend: »Hätt' ich gewußt, wie die Fahrt würde, da hätte ich Dich nicht mitgenommen.« In der kurzen Aeußerung lag enthalten, daß sie nicht mehr an ein Erreichen der Insel geglaubt hatte. Dem jungen Arzt kam unwillkürlich als Erwiderung vom Mund: »Wärest Du denn, wenn Du's gewußt, allein zurückgefahren?« Sie sah ihn an, als müsse sie über den Sinn seiner Frage erst nachdenken und verstehe ihn nicht. Denn sie antwortete nicht drauf, sondern sagte: »Wenn Du an Ran auch nicht glaubst, war sie doch gut für Dich.« Dabei spielte ihr ein Zug um die Lippen, den Arnold noch nicht an ihr gesehn und dessen er sie nicht fähig gehalten. Aber fraglos war es der Anflug eines Lächelns, der ihr den Mund umhuscht, und es hellte ihm plötzlich ein Verständniß auf. Ran war gut für ihn gewesen, nicht weil sie ihn lebend hergebracht, sondern weil sie ihm über den schlimmsten Theil der Fahrt weggeholfen. Aus dem Ruf, der ihm entflogen, hatte seine Begleiterin erkannt, Schreck und Bangen vor dem Untergang sei über ihn gekommen, und sie hatte von Ran weitergesprochen, durch ihr Erzählen seine Gedanken von dem, was in jedem Augenblick drohte, abzulenken. Das offenbarte sich in dem flüchtig ihre Aeußerung begleitenden Lächeln; bei der ländlichen Einfachheit ihres Standes und Wesens besaß sie Auge und Ohr nicht nur für Wind und Wasser, sondern auch, das in einem Menscheninnern Verhaltene und Verhehlte auszukunden. Freilich hatte sie sich nachher damit getäuscht, da er nur ganz kurz von dem Schreck befallen gewesen, doch rasch durch ihre eigene Ruhe selbst ebenso in furchtlose Gelassenheit versetzt worden war. Nun schritt sie voran auf das Haus zu, und bald stand er in einer erhellten, geräumigen Stube, wo ihm schon an der Schwelle ein völlig weißumbarteter, sehr alter, doch grad' aufrechter Mann mit kummervollem Gesichtsausdruck entgegentrat. Das war Hadlef Terwisga, der Großvater Age's; sie erklärte ihm mit ein paar Worten, wer der von ihr Mitgebrachte sei, und der Alte faßte diesen wortlos hastig an der Hand, um ihn an eine durch Schiebethüren abschließbare Wandbettstelle des Raumes zu führen. Nach bräuchlicher Anlage befand sie sich ziemlich hoch über dem Boden, so daß Arnold trotz seiner großen Gestalt auf eine davorstehende Holzbank steigen mußte, um die im Bett liegende Kranke deutlich sehn zu können. Ganz weißhaarig, mochte sie ziemlich im gleichen Alter mit ihrem Ehemann sein, der zur Erhellung ein Talglicht in die Höh' hielt, das von einem Zittern seiner Hand leicht hin und her schwankte. Die am Nachmittag vom Sitz heruntergesunkene alte Belke lag mit offenen Augen und sah verwundert in das sich über sie bückende, ihr fremde Gesicht des jungen Arztes; augenscheinlich war sie bei voller Besinnung, bestätigte dies auch durch ihre klarverständlichen Antworten auf seine Fragen. Wie er einmal den Kopf drehte, sah er sich den Blick des Mannes mit einer stummen Angst in's Gesicht gerichtet, um aus seinen Zügen abzulesen, wie es mit der Erkrankten stehe. Daraus geriethen ihm die Worte einer der Frauen im Cuxhavener Krämerladen in's Gedächtniß: »De ol Hadlef tövt wiß all, sin ol Belke liggt em mehr an't Hart as sin Köh un Ossen.« Das hatte für seine städtische Bildung merkwürdig geklungen, doch im Mund der Sprecherin Ungewöhnliches, wie kaum Denkbares ausdrücken wollen und offenbar Zutreffendes gesagt. Der alte Mann hing sichtlich mit seinem ganzen Herzen an der alten Frau in dem Wandbett. Auch die am Ladentisch Timm Stade's aufgestellte Vermuthung, daß sich's bei ihr um einen Schlaganfall handle, hatte zweifellos das Richtige getroffen. An der linken Seite waren ihr der Arm und Fuß gelähmt, doch wie Arnold sie aufforderte, einen Versuch zur Bewegung des ersteren zu machen, war sie dazu zwar nicht fähig, aber ihre Hand hob sich um ein klein wenig auf und in den Fingern zeigte sich ein leises Regungsvermögen. Auf eine an den Alten gerichtete Befragung, ob sie dies auch gleich nach dem Anfall noch besessen habe, erwiderte er: »Nee, do weer ehr allens –«, doch beim Sprechen besann er sich, brach ab und wiederholte auf hochdeutsch: »Da war der Arm und Fuß ihr ganz wie todt.« Und nach einem Innehalten sagte er, ebenso beginnend und wieder umändernd, aus athembeklommener Brust hinzu: »Wat glövst – was glaubst Du?« Der hochdeutschen Sprache zeigte er sich, wie seine Enkelin mächtig und hatte das Gefühl, sich ihrer bei dem fremden Doctor bedienen zu müssen, dagegen war merklich seiner Zunge eine andre Anrede als mit ›Du‹ unbekannt. Arnold versetzte jetzt, da sich schon nach so kurzer Zeit, wenn auch gering noch, eine Bewegungsfähigkeit wieder eingestellt habe, sei gute Hoffnung vorhanden, daß nichts Schlimmeres mehr nachfolgen, vielmehr der ganze Zustand in einigen Tagen völlig wieder gebessert sein werde. Er ließ etwas Wasser bringen, dem er einige Tropfen einer aus der Apotheke mitgenommenen Mixtur zumischte; als die Alte das durststillende und beruhigende Mittel zu sichtlicher Erquickung über die Lippen gebracht, ordnete er an, sie nun ungestört dem wahrscheinlich bald eintretenden Schlaf zu überlassen, und stieg von der Holzbank auf den aus hartgestampftem Lehm hergestellten Fußboden der Stube hinunter. Hinter sich hörte er Hadlef Terwisga mit halblaut gedämpfter Stimme sagen: »Denn slap god, Mudder, wi bliwt noch tosam;« dazu legte seine breite Hand sich einen Augenblick sacht auf den Kopf der Alten, und sie antwortete: »Jo, Vadder, dat lat us. Lat Age nich vergeten, dat se den Docter wat to eten bringt.« Danach zog er geräuschlos die Schiebethüren vor dem Bett bis auf einen schmalen Luftspalt zusammen und trat auf den Zehen zu dem jungen Arzt hinan, um seine Hand zu ergreifen und mit einem stummen Dankesdruck umfaßt zu halten. In der Stube war's ganz still, nur der lange Pendel einer alten holländischen Wanduhr in einem großen, mit wunderlichen Bildnissen zweier grünhaariger Meerweiber geschmückten Kastengehäuse tickte langsam-leise hin und her. Ein so sonderbarer Gegensatz lag in der Umgebung Arnold Lohmers zu der, in der er sich bis vor höchstens einer Viertelstunde befunden, daß ihn ein Gefühl überkam, er habe nur geträumt, von Hamburg aus unter den Kirschblüthen des Alten Landes hin bis nach Otterndorf gewandert zu sein, dort mit Voß und seiner Frau am Mittagstisch gesessen und danach in Mondnacht, Sturm und Wogengang eine mit Lebensgefahr bedrohende Segelfahrt auf die Nordsee hinaus gemacht zu haben. Ihm war's, als träume er immer noch weiter, nun auf einer kleinen Insel in einem Bauerngehöft an einem anderen Tisch zu sitzen, auf den ein Mädchen mit dem Namen Age Terwisga kalten gebratenen Flunder, Brod und Butter vor ihn hinstellte; er hatte Hunger und aß, aber die seltsame Empfindung verließ ihn nicht, er thue es im Traum, sie dehnte sich noch weiter zurück aus, als sei überhaupt sein ganzes Leben bisher nur ein Traum gewesen. Ab und zu stand der weißbärtige Alte neben ihm auf, trat sachte an die Wandnische hinan, horchte und sagte, auf den Zehen zurückkommend: »Se slöppt – aber Du bleibst doch hier bei uns, Doctor, bis daß sie wieder vor ihrem Bandstuhl sitzen kann?« Das Letzte bezog sich auf einen im Winkel des Raum's stehenden Tisch mit einem Webgeräth drauf von uralter, einfachster Art, an dem die alte Belke, arbeitsam Band webend, gesessen hatte, als sie von dem Schlaganfall getroffen worden. Der junge Arzt setzte dann und wann einen Trunk Husumer Biers aus dem großen Thonkrug an den Mund und antwortete dazwischen auf Fragen Hadlefs, bei dem er sich rasch, als in etwas Selbstverständliches, hineingefunden, ihn ebenfalls mit ›Du‹ anzusprechen. Das Mädchen betheiligte sich nicht an dem Gespräch, sondern saß lautlos seitwärts auf auf einer Bank; manchmal schwiegen auch die beiden andern Stimmen eine Zeitlang und nur der Uhrpendel ging durch die traumartige Stille. Dann aber fühlte Arnold sich schwermüde, die Lider fielen ihm zu, und er wußte kaum, wie er in eine andre Stube gekommen sei, wo Age Terwisga, ein Talglicht in einem Messingleuchter in der Hand haltend, vor ihm stand. Sie sagte: »Schlaf gut!« und wandte den Fuß gegen die Thür zurück, doch drehte den Kopf noch einmal und setzte, ihm ihre Hand hinstreckend, hinzu: »Ich danke Dir, daß Du mitgekommen bist; der Großvater kann jetzt auch heut' Nacht schlafen.« Nun ging sie hinaus; der Zurückbleibende nahm keinen Eindruck mehr von dem Raum um ihn auf, unterschied nur noch vor sich eine in die Wand eingelassene Bettstelle. Darauf streckte er sich schnell hin, doch schon in einem wirklichen Traumzustand, denn in seiner Vorstellung hatte Ran ihm ihre Hand gereicht, und er war verwundert, daß diese nicht naß zerfließend und kalt, sondern eine lebenswarme Menschenhand gewesen war. * Als Arnold Lohmer erwachte, verging eine Weile, eh' er mit offenen Augen liegend, zur Besinnung kam, wo er sei. Es mußte schon ziemlich weit vorgerückte Morgenzeit sein, denn ihn umgab eine glänzende Helle, obwohl das Licht nur durch kleine, in Blei gefaßte Scheiben eines schmalen Fensters hereinfiel. Von seinem Wandbett aus ging der Blick in einen engumschränkten Stuben- oder Kammerraum mit oben an zwei Seiten abgeschrägten Wänden, die graden Flächen drunter waren mit viereckigen, blau und weiß gefärbten Kacheln belegt, von denen, abwechselnd und wiederkehrend, segelnde Schiffe, Windmühlen und ländliche Wohnhäuser ansahen. Ein alter kunstvoll geschnitzter Schrank, ein Tisch und ein Armstuhl mit gebogener Rücklehne bildeten die Ausstattung; alles blinkte von Sauberkeit als ob sich nie ein Stäubchen drauf niederlasse. Ein Sims trug mehrere fremdartige, farbige Gegenstände, die vor den noch etwas geblendeten Augen des aus tiefem Schlaf Aufgewachten nicht klar unterscheidbar durcheinandergingen. Nun kam's ihm, wo er sich befinde, zunächst aus einem vor seinem Blick dämmernden Erinnerungsbilde eines Mädchengesichts oder eigentlich nur dem weißen Schimmer desselben vom Steuersitz eines im Sturm jagenden Segelbootes her. Dann erstreckte sein Bewußtwerden sich weiter, er war auf der Insel Neuwerk im Hause des weißbärtigen Alten, dessen Frau vom Schlag getroffen worden. Voll jetzt zur Erkenntniß gelangt, sprang er auf und trat an's Fenster, schob die kleinen mattgelben, mit braunen Franzen verzierten Vorhänge, um besser hindurchschauen zu können, zur Seite. Der Blick ging nicht ebenerdig hinaus, sondern aus einer, wenn auch nicht beträchtlichen Höhe im Vordergrund auf eine grüne Bodenfläche nieder. Dahinter schien sich die uferlose See zu dehnen, strahlende Himmelsbläue lag drüber, und alles vergoldete schon die hochstehende Sonne. Auf einem kleinen Wandklapptisch stand ein sehr einfaches, aber gleichfalls tadellos sauberes irdenes Waschgeschirr, ein gefüllter Wasserkrug daneben. Während Arnold sich ankleidete, gestaltete das Gedächtniß ihm immer deutlicher Einzelheiten der wilden Nachtfahrt herauf. Wirklichkeit war sie gewesen, in der zweifellos sein Leben nur an einem Haar gehangen, doch zugleich lag sie wie ein wesenloser Traumspuk hinter ihm. Er hatte das Fenster geöffnet und seine Brust athmete tief und freudig die hereinfluthende Luftfrische; wie noch niemals, empfand er mit köstlichem Gefühl, es sei etwas Wundervolles, zu leben. Fertig angekleidet, ließ er die Augen noch durch den kleinen Raum umhergehn. An einer Seite war ein Schränkchen in die Wand eingelassen, hinter dessen Glasthür bemalte Porzellantassen und blankgeputzte, wie Silber glänzende alte Zinngeräthe blinkten; die farbigen Dinge auf dem Gesims stellten sich als große rothe und weiße Korallenstücke, mit bunt schillernden tropischen Riesenmuschelschalen untermischt heraus. Am Ende des Holzbordes ragte ein wunderlicher, mit Glöckchen behängter Thurm auf, den der Beschauer von einem Hamburger überseeischen Raritätenladen her als aus chinesischem Speckstein geschnitten erkannte; daneben hängende Gegenstände waren ihm fremd, schienen Waffen, Geräthe und Schmucksachen eines auf niedriger Stufe stehenden Indianervolkes zu sein. Alle Dinge machten keine Kostbarkeiten an Geldwerth aus, doch hatten Eigenartiges, die Phantasie Anregendes, und das Stübchen besaß in Einem etwas Fremdartiges und überaus Anheimelndes. Der Betrachtende war erstaunt, in dem weltentlegenen Inselhause eine solche Gaststube anzutreffen, die nicht allein auf verhältnißmäßige Wohlhabenheit des Besitzers, auch auf einen natürlichen Sinn für Nettigkeit, fast ließ sich sagen für etwas poetisch Anmuthendes der häuslichen Umgebung hinwies. Als der junge Arzt dann durch die Thür auf einen großen Bodenplatz hinaustrat, erhellte sich ihm, daß er die Nacht in einem Giebelausbau des Hausdaches verbracht habe. Eine kurze Treppe hinuntersteigend, kam er auf die geräumige Vordiele und bei suchendem Weitergehn durch die Küche in einen umfangreichen quadratischen Raum, an dessen Wänden sich alte Schränke, Truhen und Laden entlangzogen. Mannigfache Schnitzverzierungen und eingeschnittene Reimsprüche aufweisend, bestanden sie alle aus dunkelbraunem Holz, das dem Gemach, dem von langer Ueberlieferung hergebrachten ›Pesel‹ der friesischen Häuser, Traulich-Behagliches gab. In einer Ecke hob sich davon der weiße Bart Hadlefs Terwisga ab, der sichtlich auf das Herabkommen des Arztes gewartet hatte, trotz seinen hohen Jahren mit noch hurtiger Bewegung aufstand und den Eintretenden mit den Worten empfing: »Mi dücht, se kann de Fingers all en beten mehr rögen.« Das verbesserte er rasch hinterdrein durch eine Wiederholung in hochdeutscher Sprache, faßte nach der Hand des Angeredeten und zog ihn in die anstoßende Staatsstube, die nach dem Brauch kurzweg ›die Stube‹ benannt wurde, hinein. Hier konnte Arnold die Wahrnehmung des Alten bestätigen, unverkennbar war bereits erhöhte Bewegungsfähigkeit in die Hand und den Fuß der Kranken zurückgekehrt, und er vermochte seine Voraussage bald zu erhoffender völliger Besserung mit verstärkter Zuversicht zu erneuern. Die blauen Augen Hadlefs erfüllten sich mit einem stummen Glanz, er führte den Doctor wieder in den Pesel, wo eine blondhaarige, stämmig-bloßarmige Magd auf dem breiten, über dicken Kolbenfüßen ruhenden Eichentisch das Frühstück auftrug. An die Stelle des früher allein üblich gewesenen Breies war seit den letzten Jahrzehnten mehr und mehr der Thee getreten, ein Schwarzbrodlaib that durch seinen kräftigen Geruch kund, daß er frisch gebacken worden, und ebenso ließ die duftende Butter nicht in Zweifel, sie stamme nicht mehr von winterlicher Stallfütterung der Kühe her, sondern sei ›Maibutter‹ von wieder begonnener Außenweide. Die Enkelin des Alten war nicht anwesend, doch er setzte sich mit an den Tisch und fragte jetzt: »Hast Du gut geschlafen?« fügte nach der bejahenden Antwort hinzu: »Wer nicht dran gewohnt ist, für den ist das Wasser, als wie 'ne Wiege für'n Kind und macht fest schlafen. Age hat mir gesagt, die Fahrt wär' nicht gut gewesen.« Arnold versetzte mit einem lächelnden Anflug um den Mund: »Davon weiß ich nichts mehr, hab's vergessen, nur daß sie schön war.« – »Jo, dat Water is jümmer dat Schönst' uppe Welt.« Ab und zu verfiel der Alte mit einem Satz in's Plattdeutsche; wenn auch noch nicht völlig von seinem Sorgendruck befreit, so doch merklich erleichtert, war er heut' Morgen gesprächiger, kam bereitwillig dem Wunsch des jungen Arztes nach, diesem Auskunft über seine Herstammung zu geben. Sein Vater war von der holländisch-westfriesischen Insel Terschelling hierher gekommen, als sein Gehöft dort durch eine Sturmfluth vom Boden weggerissen worden; was ihn nach Neuwerk gebracht, wußte der Erzählende nicht mehr genau, jedenfalls hatte er nirgendwo auf dem Festland, sondern nur wieder auf einer Insel leben wollen. Er mußte noch Vermögen besessen haben, das ihn in stand gesetzt, sich hier einen neuen Hof, gradso wie den alten in seiner Heimath zu erbauen, den einzigen der Art auf Neuwerk. Hadlef war erst auf diesem zur Welt gekommen, in seinen jungen Jahren weitum zur See gefahren, hatte sich dann seine Frau von einer kleinen nordfriesischen Hallig an der schleswig'schen Küste geholt und als sein Vater gestorben, sich auf die Viehzucht verlegt, die von ihm eifrig betrieben und zu einem hier bis dahin unbekannten Aufschwung gebracht worden. Von seiner Frau Belke Siewerts bekam er erst nach Jahren einen Sohn, der ging natürlich auch zu Schiff, öfters bis rund um die Erde herum, wurde Steuermann und Capitän und hatte nachher einen eigenen Schooner, mit dem er auf England, Frankreich und Portugal fuhr. Von diesem brachte er einmal bei der Rückkunft eine junge schwarzhaarige Frau mit, von der seine Eltern vorher nichts gewußt und gedacht, aber er hatte sie da drüben geheirathet, und so war sie denn als Tochter hier im Hause; sprechen ließ sich nicht viel mit ihr, denn sie verstand kein Deutsch, konnt's auch nicht lernen und war wie ein herverschlagner fremder Vogel, nicht bloß außen mit andrem Federwerk, als die an der Nordsee, auch von Art und Behaben. Doch ihr Mann hatte sie gern und sie ihn ebenso, wenn sie auch aus Heißblütigkeit öfter mit ihm in Streit kam, und so fanden die Schwiegereltern sich nach der anfänglichen Ueberraschung in das, was sich ja doch nicht mehr anders machen ließ. Als das erste Jahr ablief, hielt sie hier ihre Niederkunft, schon bald danach ließ sie ihr Kind unter Belkes Pflege zurück und ging wieder mit ihrem Mann zu Schiff nach Schottland hinauf, das ruhige zu Haus Sitzen vertrug sie nicht. Von der Fahrt aber kamen Beide nicht mehr heim, Raan hatte den Schooner irgendwo auf der Nordsee mit Mann und Maus in ihrem Netz heruntergeholt, eine Nachricht, wo und wie's geschehen sei, war niemals gekommen. Das berichtete Hadlef Terwisga mit einem ruhigen Gleichmuth, sprach davon als von etwas schon seit lange Gewesenem und im Gefühl vollständig Ueberwundenem. Dazu mochte wohl mitgewirkt haben, daß durch die dem Alten nicht begreifliche Heirath doch eine gewisse Entfremdung zwischen ihm und seinem Sohn entstanden und er über die Verschiedenartigkeit des Wesens seiner portugiesischen Schwiegertochter von dem seiner Frau im Innern nicht hatte wegkommen können. Und schließlich, daß der Inselfriese einmal so oder so, früher oder später am Meergrund sein Grab finde, stand für jeden von der Wiege an fast mit größerer Wahrscheinlichkeit als ein andrer Lebensausgang zu erwarten; eigentlich der natürliche Tod eines Schiffers oder Fischers war's, nicht selten jählings bei Sturmfluthen auch über die Bewohner von Häusern am Lande hereinbrechend, und seit unvordenklicher Zeit verwehte der Wind die Trauer und Klage der Zurückbleibenden wie die Sandkörner der Dünen. Damit schien der Alte die kurz zusammengedrängte Uebersicht seiner Lebensgeschichte beendigen zu wollen, doch er hatte dem Zuhörer das Gedächtniß an etwas geweckt, das ihm gestern abend während der Fahrt einmal als nicht Verständliches durch den Kopf gegangen und muthmaßlich jetzt seine Erklärung gefunden. Sich darüber zu vergewissern, fragte Arnold Lohmer, ob das hinterlassene Kind des verunglückten Seemannes das Mädchen sei, das ihn von Cuxhaven hergebracht habe und in ungewöhnlicher Weise blaue Augen mit tiefdunklem Haar verbinde. Hadlef Terwisga nickte dazu und antwortete: »Jo, dat harr se gliks, de Oogen vun den Vadder un dat Hoor vun ehr Moder. Das ist ja merkwürdig, wie ein Kind so von Beiden was abkriegen kann. Manchesmal kommt sie Einem ganz als wie eine Friesin vor und danach steckt doch auch was anders in ihr, was nicht recht damit zusammengehn will. Auf's Wasser hatte sie's schon von kleinauf stehn, wie ihr Vater, und wenn man mal nicht aufpaßte, war sie allein mit dem Boot weg; ganz merkwürdig war's aber auch, plattdeutsch, so wie alle Andern hier bei uns, wollt' sie 'mal partout nicht sprechen lernen, schüttelte dabei bloß mit dem Kopf, als wär's ihr was Unangenehmes im Ohr. Ob sie das von ihrer Mutter her hatte, die's auch nicht wollte oder konnte, das bringt ja keiner heraus und weiß sie selbst ebensowenig. Wir merkten's aber bald, wenn einer etwas auf hochdeutsch zu ihr sagte, hörte sie gern zu und gab sich Mühe, das nachzusprechen. Na, so versuchten wir's damit, uns war's ja gleich, und so ist's denn immer geblieben, daß sie die einzige auf der Insel ist, die bloß hochdeutsch spricht; das andere versteht sie natürlich wohl, aber vom Mund kommt's ihr niemals. Darum ging's auch mit ihr und den andern Kindern hier nicht recht zusammen; sie konnt' auf ihre eigne Hand unbändig genug sein, viel ärger als die, daß es Einem dabei im Kopf rundum ging; sich mit ihnen greifen und jachtern mocht' sie aber nie, verzog sich meistens allein weg. Am gernsten lief sie bei Ebbe so weit auf's Watt hinaus, daß sie so klein aussah, wie'n Strandläufer, und da praterte sie laut mit dem Vogelzeug, als ob's ihre Spielkameraden wären; selber gehört hab' ich's nicht, bloß ein paarmal von Frauen, die nach Garnaten suchten, so nannte mein Vater die kleinen Krebse noch von Terschelling her, hier heißen sie's Kraut. Na, seitdem ist sie ja zu Jahren und auch zu andrer Manier gekommen, daß man eher wollt, sie thäte den Mund mehr auf, und wenn die Mutter nicht kann, sieht sie im Haus gut nach der Ordnung. Das ist ja lange her, daß wir einen Sohn gehabt haben, und wir kennen's nicht mehr anders, als hätten wir's immer bloß so gehabt und als wär's unsre Tochter; das macht ja die Gewohnheit so. Bloß sind wir alt, und uns kann alle Tag' mal etwas ankommen, oder Einen, daß der Andere hier auch nichts mehr zu thun hat, und dann bleibt sie allein auf der Welt übrig. Da wär's gut, wenn sie vorher einen ordentlichen Mann hätt', denn in den Jahren ist sie ja dazu. Aber damit hat sie's nicht, ihr ist keiner recht, sie sagen ihr was Hochnasiges nach, und ich glaub' nicht, daß wir's erleben.« Dem Alten war mehr über die Zunge gerathen, als er wohl gewollt und vielleicht selbst wußte, es klang draus hervor, daß seine Enkelin, wenn er sie auch wie eine eigene Tochter ansah, doch für ihn im Innern etwas Fremdartiges hatte, mit dem er nie so ganz habe übereinkommen können. Sein volles Herz hing offenbar allein an der alten Lebensgefährtin, von der eine seiner Aeußerungen gesagt, daß er ihren Tod nicht überdauern würde, wie sie nicht den seinigen, denn der Andre habe dann nichts mehr auf der Welt zu thun. Davon zeugte auch seine jetzt nochmals wie gestern an den jungen Arzt gerichtete Frage: »Du bleibst doch hier bei uns, Docter, bis daß Belke ganz wieder besser ist?« Das bejahte Arnold, das friesische Haus zog ihn durch seine Eigenart an, und bei der Verbesserung des Wetters versprach er sich von einem etwa zweitägigen Aufenthalt auf der Insel manches Neue, seine Kenntniß einer ihm bisher völlig unbekannt gewesenen Welt weiter Bereichernde. Als freier Herr über seine Zeit ohne irgend ein festes Ziel im Auge, konnte er ja thun und lassen, was ihm beliebte, und hinzu kam, daß seine Anwesenheit hier dem Alten unverkennbar zur Beruhigung verhalf. Er hatte sein Frühstück jetzt beendigt, Hadlef Terwisga mußte im Hause etwas in Ordnung bringen, stand auf und wies ihn nach der Peselthür, wenn er vielleicht einen Gang in's Freie machen wolle. »Dat is de Ebberdör, de kennt se up Terschelling bi de Westfriesen nich, awerst min Vadder hett se setten laten, as de Nordfriesen, wo min Fru to Hus is, se hebbt. Da war 'mal ein dän'scher König, der kriegte sie zuletzt unter, und weil sie 'nen steifen Nacken hatten, mußten sie alle an ihren Häusern die Thür nach der Nordseite hin bauen, wo's gegen Dänemark zu sah, und unter Manns hoch, denn so konnten sie nicht anders, als allemal wenn sie hinausgingen, vor dem König den Kopf bücken. Das mußten sie denn ja, aber sie machten 'ne andre nach der Ostseite zu, die nannten sie die Ebberthür, das heißt wol, daß sie darunter den Kopf so hoch nach oben tragen konnten, als sie mochten, und dadurch gingen sie beim Feiertag mit ihren Staatskleidern. Dat hett jo allens sin Tid, ick mak dat an'n Sünndag nich mehr anners as in de Week un gah in den sülven Rock.« Allein gelassen, trat Arnold nun durch die Hochthür ins Freie hinaus, von den letzten Tagen an weite Gänge gewöhnt, gelüstete es ihn nach Bewegung. Zunächst betrachtete er sich das Gehöft von der Außenseite; stattlich an Länge und Breite lag's da, mit einem straff überzogenen Schilfdach von graugrünlicher Farbe bedeckt, der Beschauer erkannte, daß sich grad' über der Ebberthür der ausgebaute Giebel aufhob, in dessen Stube er die Nacht zugebracht hatte. Ein kleiner, mit Holzlatten eingefriedigter Garten zog sich hier an der windgeschützten Seite des Hauses entlang, doch zeigte, obwohl Mai war, kaum weiteres, als geringes Wachsthum einiger Küchenkräuter; alles stand niedrig, ein paar eben ausgrünende Sträucher kamen nicht über doppelte Schuhlänge herauf, Bäume waren nicht vorhanden, und keine Hölty'schen Bienen summten über den Boden. Eine mehr als karge Natur war's, von dürftigster Armuth, als liege die Insel dem Aufhören des Pflanzenlebens an der Polargrenze schon unweit benachbart. Doch glanzhelle und auch warme Sonne legte ihr Goldlicht drauf, überraschend hatte die Witterung sich nach der stürmischen Nacht wieder zur stillen Ruhe und Schönheit der vorhergegangenen Tage umgeändert. Jenseits des Gartengeheges dehnte sich eine wie smaragdgrüne Fläche hin, zu der Arnold hinausschritt; der Boden war nicht unfruchtbar, im Gegenteil üppig mit saftigem Gras bewachsen. Aber nur mit diesem. Getreidebau duldete das bei höheren Fluthen herüberschwellende Salzwasser der See nicht. Erst jetzt nahm der Weitergehende mit Verständniß auf, daß er etwas abwärts geschritten sei, da der Hof, von dem er gekommen, auf einer kleinen Anhöhe stehe und gleicherweise einige andre Häuser, die sein Blick da und dort näher und entfernter antraf. Wie eine Anzahl von der Natur geschaffener, sanft abgeböschter, zu zwei- bis dreifacher Manneshöhe ansteigender Hügel erschien's, doch sie waren von Menschenhänden hergestellt, und der junge Arzt entsann sich, gehört zu haben, auf den kleineren Nordseeinseln seien die Häuser auf ›Wurften‹ oder ›Werften‹, dem ›aufgeworfenen‹ Grund erbaut. Gleich den schleswig'schen ›Halligen‹ besaß auch Neuwerk keine Dünenumwallung, noch zum wirklichen Schutz gegen Hochfluthen ausreichende Deiche, und eine Sicherung der Gebäude vor den Meereswogen ließ sich nur durch eine Hochlagerung ins Werk setzen. Alle überragte auf einem gewissermaßen einen festen Kern bildenden, doch an Umfang geringfügigen Rücken der Insel der starke Rundbau des Leuchtthurms, den die Stadt Hamburg schon in ferner Vorzeit hier vor der gefahrdrohenden Elbmündung für ihre Handelsschiffe errichtet hatte. Augenblicklich stand er wie etwas völlig Ueberflüssiges da, ohne Feuerschein, friedlich sich im Sonnenglanz badend, und wie ein Traumbild bedünkte es Arnold Lohmer, daß er auf den Ruf Ages Terwisga ›da ist's!‹ den Kopf gedreht und, ihrer deutenden Hand folgend, durch die flimmernde Silberfülle der Mondstrahlen das röthliche Licht des Leuchtfeuers als ein Zeichen der nicht mehr erhofften Erreichung des Fahrziels vor sich gewahrt habe. Auf der grünen Bodenfläche, die jetzt vor ihm lag, weideten in beträchtlicher Zahl braune und gescheckte, äußerst wohlgenährte Rinder, seitwärts von ihnen eine noch größere Herde dickwolliger Schafe, unbehütet, ein Entlaufen von der Insel fiel nicht möglich und außerdem setzten ihrem etwaigen Umschweifgelüst breite, mit Wasser gefüllte Gräben bestimmte Grenzen. Hin und wieder unterbrach ein blökender Ton die Stille, auch die Luft war nicht unbelebt, aus der Höhe erscholl fast unterlaßloses Lerchentrillern, weiße Seeschwalben jagten in anmuthvoll schnellem Flug über die kleine Landscholle inmitten der See hin. Und auch nicht ohne Blumenschmuck zeigte sich die Flur, zwischen dem Gras leuchteten mannigfach farbige Punkte, zumeist goldgelb, Blüthen eines Fingerkrauts, des Löwenzahns, verschiedener Ranunkeln, doch mischten sich ebenfalls blaue und rothe Kelche darunter. Der Mai ließ sich auch hier sein Recht nicht nehmen, das frischgrüne Kleid der Erde bunt zu durchsticken, wenngleich mit bescheidensten Mitteln. Ein eigenthümliches Bild unter der unermeßlich drüber gebreiteten Himmelsglocke war's, dürftig und freudig in Einem, im Widerspruch zugleich leblos und belebt; eine kleine Welt für sich, fremdartig-schön, ohne Zusammenhang mit der großen, von rastlosem Treiben und Trachten bewegten und erregten jenseits des Wassers. Von der zogen nur Segel hier vorbei, deuteten, sie sei drüben vorhanden, doch landeten nicht an, brachten keine Nachricht von dem, was sie erfüllte und unablässig in ihr geschah. Nicht gradezu ließ sich eine Richtung verfolgen, nur an Stellen führten Brücken oder Stege über die Gräben, nöthigten zu vielfachem Zickzackgang. Menschen waren kaum irgendwo zu sehen, höchstens daß einmal eine männliche oder weibliche Gestalt sich auf einer Wurft von der Hauswand abhob, ruhig neben der Thür auf einer Bank sitzend, mit irgendwelcher kleinen Handarbeit beschäftigt; eine absonderliche Reglosigkeit lag über der Insel, der Umwandernde mußte an das Eiland der Phäaken in der Odyssee gedenken, so schien auch hier der Lebensunterhalt keine Thätigkeit von den Bewohnern zu erfordern, als genüge dafür das Verzehren des Grases durch das weidende Vieh. Arnold trachtete an den Uferrand zu kommen und nach mehrfachen Irrwegen gelang's ihm. Doch hier ließ sich von Wasser kaum etwas erblicken, tiefste Ebbestunde war's und die Insel lag weit von grauem, fast trockenem Wattenschlick umgeben, nur da und dort blinkte dazwischen eine noch angefüllt gebliebene Tiefrinne, ein Priel, auf. An einer Seite hob sich ein verschwommener und lückenhafter grauer Strich ganz niedrig am Horizont empor, dem Sonnenstand nach gegen Südost, das mußte die Küste des Landes Hadeln und, sich nach Süden verlierend, die des Wurstener Landes sein. Sie hatte nichts von einer Wirklichkeit, sondern erschien wie ein fadendünner, wegschwindender Gewölksaum. Hier am Inselrand herrschte eine eintönige Oede, Himmel und Sonne leuchteten wohl drüber, doch sie verloren ihre Strahlungskraft auf dem unterschiedlos stumpfgrauen Bodengrund. Nur da und dort sah aus diesem eine magere Strandwermuthpflanze mit silbern-glimmernden Blättern auf, vereinzelt trippelte ein Brachvogel über die Wattenfläche, flatterte ein Haffpicker umher; die große Masse ihrer Genossen war weiter hinausgezogen, wo die Tiefebbe am Rand des absinkenden Wassers reichhaltigere Beute verhieß. Nichts Schönes, noch sonst ein Interesse Einflößendes rührte aus dieser Wechsellosigkeit an, das Auge trug Verlangen nach einer Farbe, und Arnold wollte sich enttäuscht zum grünen Weideland hinter seinem Rücken zurückbegeben. Aber da traf sein noch einmal umgehender Blick nordwärts hin in der Ferne auf etwas sich doch aus der Eintönigkeit hellfarbig Abhebendes, wie eine am Strand emporgewachsene rothe, weißumränderte Blume erschien's und zog ihn, ihre Einzigart und Seltsamkeit in der Nähe anzuschauen. Zwar sagte er sich schon bald, es könne keine Pflanzenblüthe sein, da sie unmögliche Größe besitzen müsse, um sich aus solcher Weite wahrnehmbar zu machen, und allmählich kam ihm auch zur Erkenntniß, eine abgewendet auf einem dunklen Steinblock sitzende Menschengestalt sei's. Nach der Bekleidung eine weibliche, noch mehr Farben, gelb und blau, wenn auch weniger stark hervortretend, wurden an ihr unterscheidbar. Sie trug eine eigentümliche Kopfbedeckung, die durch ihre Form und den leichtausgezackten Oberrand an eine Krone erinnerte; der Fußtritt des Herankommenden auf dem weichen Grund erzeugte keinen Ton, erst als er nah hinzugelangt und sein Schatten an ihr vorbeifiel, drehte sie mit plötzlicher Umwendung den Kopf und hob sich zugleich rasch vom Sitz auf. Da stand er wortlos überrascht und sie mit großverwundertem Blick anschauend, denn es war Age Terwisga, doch bis auf die Gesichtszüge in kaum wiedererkennbarer Erscheinung. Ein Rock von der Schneehelle einer Möwenbrust reichte ihr nur um etwas bis über die Kniee herab, ließ darunter die kraftvollen, schöngerundeten Waden in scharlachrothen Strümpfen hervorsehn; auf den weißen Rock breitete sich vom Gürtel ein anderer, kürzerer, von gleichfalls hochrother Farbe nieder. Dem schloß sich nach oben ein Mieder wiederum von beinah blendendem Weiß an, mit schmalen, lichtblauen und goldgelben Streifen verziert, die ebenso auch die rothen Aermel über den Ellenbogen umränderten; davon setzten sich Unterärmel abermals aus feinstem weißen Linnen bis zu den Handgelenken fort. Unter der kronenähnlichen Scheitelbedeckung hervor fiel das in der Mitte gescheitelte, tiefbraune Haar leichtgewellt frei an den Schläfen und rund um den Kopf bis auf die Schultern und den Rücken herunter, hielt das Gesicht mit einem dunklen Rahmen umfaßt. Ein seltsames Bild war's, das sich für den Beschauer nirgendwo in die ihm bekannte Lebenswirklichkeit hineinversetzen ließ; es erinnerte durch seine Farbigkeit etwas an die eigenartige Tracht der Vierländerinnen bei Hamburg, aber doch nur entfernt, diese an Wirkung auf die Augen hoch überbietend. Wenn man es mit einem Worte kennzeichnen wollte, so stand das Mädchen in der wundersamen Gewandung wie eine junge Königin irgendeines Märchenreiches da, die sich von dem alten Findlingsblock am Uferrand als von ihrem Thronsitz aufgehoben habe. Es dauerte ein wenig, eh' der junge Arzt ein Begreifen mit dieser völlig verwandelten Erscheinung Ages Terwisga verknüpfte. Dann gerieth ihm in's Gedächtniß, daß Voß gestern – war's möglich, daß es erst gestern gewesen? – gesagt, er habe klug einen Sonnabend für seine Einkehr ausgesucht; so war heut' Sonntag, dazu stimmte auch die unthätige Ruhe aller Leute auf der Insel, und so trug die Enkelin des alten Hadlef vermuthlich eine merkwürdige friesische Feiertagskleidung, in der sie sich gleichfalls beschäftigungslosem Sitzen am Strand hingegeben. Doch vermochten trotzdem Arnolds Augen noch kaum an die Wirklichkeit des Anblicks vor ihnen zu glauben. Der erinnerte an den Unterschied zwischen einem buntgeflügelten Falter und der unscheinbaren Raupe, aus der er sich entwickelt; aber der Vergleich blieb zu schwach, wie das Mädchen statt in dem gestrigen, dem grauen Wattenboden gleichen Friesrock, gegenwärtig, im stärksten Gegensatz zu jenem, vor ihm in den leuchtendsten Farben aufragte. Dies letztere gewissermaßen in wörtlichem Sinn, denn Age Terwisga machte in der Kleidung und Kopfbedeckung den Eindruck, noch um ein Beträchtliches höher emporgewachsen zu sein. Sie selbst gedachte offenbar ihrer äußeren Veränderung nicht und faßte das sichtliche Erstaunen des ungehört und unerwartet Herangekommenen ohne Verständniß auf. Er hatte jetzt die Frage auf der Zunge: »Ist das Deine Sonntagstracht?« Doch eh' er's vom Mund gebracht, kam sie ihm mit der Frage zuvor: »Wollen Sie um die Insel herumgehn?« Etwas sonderbar Ankältendes rührte aus dem gleichgültigen Ton an, sowie aus der wieder andersgearteten Anrede, von der sie gestern während der Bootfahrt abgelassen, zu der ihr natürlich und alleinbräuchlich im Mund liegenden übergegangen war. Dem Hörer kam aus der Mittheilung ihres Großvaters zurück, daß die Inselleute ihr etwas Hochnasiges nachsagten; vermuthlich hatte sie sich drauf besonnen, er sei ein städtischer Herr, und in ihrer Sonntagskleidung sich feiner als die übrigen ausdrücken wollen. So klang's seinem Ohr jedoch keineswegs, vielmehr geziert, und setzte ihm das innere Wesen des Mädchens in ähnlichem Maß herab, wie sich ihr Bild vor seinen Augen zum Vortheil verwandelt hatte. Statt der Bildung, durch die sie sich heut' Morgen hervorzuthun meinte, trat ihm das Gegentheil, ihre Unbildung entgegen; er empfand, sie lege augenblicklich an den Tag, daß nicht friesische Art, sondern eine Mitgift von ihrer Mutter, dasjenige, weshalb sie für den Alten etwas Fremdes habe, in ihr vorherrsche. Ihn verdroß, daß er sich eine andre Meinung von ihr gebildet, denn sie hielt ihm durch ihr jetziges Benehmen gewissermaßen eine geringe Befähigung zur Menschenkenntniß vor, die für einen Arzt doch besonders erforderlich war. Auch seine Zunge fühlte er ungeschickt, wußte nicht, was und wie er auf ihre Frage erwidern solle; ihr dieselbe Anrede zurückzugeben, bedünkte ihn abgeschmackt, doch gleicherweise widerstand ihm, nach der ihrigen sie wie gestern ›Du‹ zu nennen. So griff er, um etwas zu antworten, nach dem ersten besten ihm Einfallenden und entgegnete: »Ich wollte suchen, ob ich irgendwo Papier auf der Insel kaufen kann, um einen Brief an meine Braut zu schreiben.« »An Ihre Braut?« Age Terwisga wiederholte es, als sei sie ungewiß, ob ihr Ohr das Wort richtig aufgefaßt habe. Und ihn dabei mit einem staunenden Blick ansehend, fragte sie nochmals: »Sind Sie mit jemand versprochen?« Mechanisch gab er Antwort: »Ja, mit meiner Cousine, schon lange.« Es hatte einen Eindruck gemacht, wie wenn sie ihn noch für zu jung halte, um eine Braut zu haben, und nicht dran glaube. Nun indeß war sie von seiner Erwiderung überzeugt worden und versetzte, den Kopf schüttelnd: »Nein, kaufen kann man hier nichts, nur in Cuxhaven, aber mein Großvater hat Papier zum Schreiben –« Sie schien noch weitersprechen zu wollen, doch der junge Arzt hatte keine Neigung zu längerer Unterhaltung mit ihr, sondern bewegte den Fuß vor, um sie allein zu lassen und zum Gehöft zurückzugehn. Einen Augenblick war's, als wolle sie ihn schweigend fortschreiten lassen, dann indeß sagte sie, nach der andern Seite deutend: »Da herum ist's von hier ebenso nah und der Weg besser. Ich muß auch nach Haus, darf ich mitgehn?« Unwillkürlich wandte er ihr verwundert wieder das Gesicht zu. In ganz andrem Ton war's ihr vom Mund gekommen, so wie sie während der nächtlichen Fahrt gesprochen, ihm beim Hinaufleuchten in seine Stube gut zu schlafen gewünscht und dafür Dank gesagt hatte, daß er mitgekommen sei. Halb unbewußt kam er ihrer Weisung nach, schlug die entgegengesetzte Richtung ein; sie ging neben ihm und fragte: »Ist Mutter Belke heut' besser?« Er nickte. »Ja, es geht ganz wie ich gestern hoffte.« »Aber noch nicht so, wie vorher – ich meine, daß sie keinen Beistand mehr nöthig hat.« In der Erwiderung lag's wie eine Frage, allein das Mädchen wartete nicht auf eine Antwort, sondern fuhr, sich umblickend, gleich fort: »Hier am Land kommen nachher Gräben und wir müssen über Brücken. Aber das Watt ist ganz trocken, da geht sich's leichter. Komm!« Sie trat von dem etwas erhöhten Rand der Insel auf den tellerebenen grauen Sandboden, von dem das Wasser spurlos zurückgewichen war, nieder, und er folgte nach; sich hurtig davonmachend, liefen ein paar Strandvögel vor ihnen auf, denen Age jetzt lachend zurief: »Seid ihr dumm! Glaubt ihr, wir haben's auf euch stehn? Kennst Du sie? Der ist ein Kampfhahn und der mit dem rothen Ring um die Augen ein Austerdieb. Du machst ihnen Angst, scheint's, vor mir haben sie sonst keine. Bist Du schon einmal auf einem Watt gegangen? Wenn die Ebbe am tiefsten ist, kann man weit drauf hinaus, daß man zuweilen bis nach dem Heiligenland sieht.« Ihre Hand wies gen Westen in die uferlose Weite, Arnold traute der Richtigkeit seines Gehörsinns, überhaupt seines ganzen Auffassungsvermögens nicht. Das Mädchen erschien auf dem Wattengrund wie zum andernmal vollständig umgewandelt, fröhlich, beinah' ausgelassen, dachte nicht mehr an die vorherige geziert feine Anrede, sondern sprach wieder wie's ihr naturgemäß war. Sie fuhr fort, um sich zu deuten und zu reden: »Das ist das ›ertrunkene Land‹, so heißt's schon von ganz alter Zeit her. Da haben einmal Dörfer drauf gestanden, sind Kornfelder gewesen und Wälder, und viele Menschen haben rundum gewohnt. Aber dann ist die große Flut gekommen, die ›Manndränke‹, und als sie wieder ging, war alles weg, nichts geblieben, als der Sand und die Vögel. Die konnten fliegen und schrien und lachten in der Luft über dem Wasser, aber die Menschen hatten keine Flügel. Das muß sehr sonderbar gewesen sein, wie von all' den Häusern und Bäumen und Leuten garnichts mehr war, als hätt' Einer bloß davon geträumt gehabt und wär' aufgewacht. Hättest Du auch mit dabei sein mögen?« Sie sprach von der ungeheuren, ›Manndränke‹ benannten Sturmfluth des vierzehnten Jahrhunderts, die hauptsächlich ein Landgebiet von fast einem halben hundert Geviertmeilen an der schleswig'schen und holsteinischen Westküste verschlungen, statt dessen nur die kleinen friesischen Inseln, die weiten öden ›Sande‹ und das seichte Wattenmeer drüber und drumher belassen hatte. Einer der schreckensvollsten Vorgänge in der Menschengeschichte mußte es gewesen sein, doch Age Terwisga redete davon wie ein unbekümmertes Kind mit einer fast lustigen Stimme, und das Wörtchen ›auch‹ in ihrer nachgefügten Frage klang merkwürdig, als hätte sie den gewaltigen Untergang gern mit den Vögeln aus der Luft angesehn. Nun sagte sie hinterdrein: »Sterben müssen alle einmal, dann dünkt mich, ist's am besten, wenn's so rasch geht, und mich macht's drum nicht traurig, wenn ich's mir vorstelle.« Ja, nicht erklärbar war ihr Wesen, von dem neben dem alten Gletscherstein eine herbe Kühle ausgegangen, zur Fröhlichkeit und Freundlichkeit zurückverändert, gab auch Arnold seine gute Meinung von ihr wieder und ließ ihn scherzenden Ton's gradzu an sie die Frage richten: »Was machte Dich vorhin anders? Warst Du heut' früh mit dem falschen Fuß aus dem Bett gekommen, oder –« ihm fiel ein, was sie eben von Träumen gesagt – »hattest Du in der Nacht Widerwärtiges geträumt und bist jetzt erst aufgewacht?« »Geträumt?« wiederholte sie – »was sollte ich –?« Ihr Mund blies einmal kräftig vor sich hinaus – »Traum ist Dunst, wenn der Morgenwind kommt, bläst er ihn weg. Kannst Du springen? Darüber müssen wir hin.« Sie hatte beim Sprechen den Kopf zur Seite abgedreht, dort zog sich vor ihnen, ungefähr ein halb Dutzend Schuh' breit, eine mit Wasser gefüllte Rinne durch's Watt, die auf der Insel als Graben weiterging. Darauf bezog sich ihre Frage, sie nahm zugleich einen kurzen Anlauf und schwang sich über das schmale Priel weg, es sah aus, als schwebe ein großer, roth und weiß leuchtender Vogel im Flug drüberhin. Arnold stand noch zurückgeblieben; als sie den Kopf umwandte, blickte ihr Gesicht ihm, wohl vom Sprung geröthet, auch neuartig mit der Farbe einer aufblühenden Rose entgegen. Nun folgte er, in körperlichen Leistungen wohlgeübt, ohne Anstrengung behend nach, und sie sagte lachend: »Das war gut, Du kannst's, da kannst Du auch mit draußen auf's Watt hinaus. Oder willst Du heut schon nach Cuxhaven zurück?« Er antwortete: »Nein, ich habe Deinem Großvater versprochen, noch zu bleiben, bis seine Frau wieder aufstehen kann,« und sie gingen miteinander weiter um den Inselrand. Wundervoll lag die Maisonne auf der weiten Fläche des Sandbodens, der ihm nicht mehr öd' und grau, sondern wie mit einem feinen Goldnetz überspreitet vorkam; vom Land her klang, in der blauen Luft zerrinnend, der Lerchengesang herüber. Dem jungen Arzt flog's einmal vom Mund: »Könnte meine Braut das doch mit mir sehen!« Doch beim letzten Wort ward's ihm zweifelhaft, ob sein Wunsch, sie herzuzaubern, ihren Beifall haben würde; sie war nur an eine völlig andre Umgebung gewöhnt, und hätte wohl nicht Auge und Ohr mitgebracht, sich an dieser ebenso zu erfreuen. Dazu lag etwas Komisches in der Vorstellung, daß sie vergnügt in ihrem langen seidenen Kleid über die Wasserrinne fortspringen solle, denn bisweilen nöthigten solche wieder dazu. Arnold hatte zwar schon früher wahrgenommen, daß die Insel nur von geringem Umfang sein könne, aber er war doch überrascht, so bald das Schilfdach seiner Behausung vor sich zu erkennen, er wäre gern noch länger so gegangen. Wie sie auf dem grünen Weidegrund nach dem Gehöft abbogen, kam ihnen von diesem Hadlef Terwisga entgegen, und im Gespräch mit ihm fragte der junge Hamburger einmal, ob keine Kirche auf der Insel sei, er habe nirgendwo eine gesehen. »Nee, de is hier nich,« erwiderte der Alte, »wi hebbt dat jo ok nich nödig. Wenn das Leuchtfeuer seine Schuldigkeit thut, ist bei uns alles in Ordnung.« Dem Hörer ging's kurz wieder durch den Sinn, auch diese Antwort würde seiner Braut mißfallen haben, da sie, wie ihre Familie, äußerst strenggläubig war und an keinem Sonntag die Predigt des in den vornehmen Hamburger Kreisen angesehensten Pastors zu besuchen versäumte. Doch darüber drängte sich ein Gedanke oder eine Vorstellung, die in der letzten Viertelstunde in ihm aufgestiegen und sich mehr verdeutlicht hatte: Er war aus der Stadt fortgegangen, um im Freien Erholung zu suchen, vielleicht, wenn sich eine Gelegenheit zum Dorthingelangen ergäbe auf einer der friesischen Inseln an der schleswig'schen Westküste, und ein Zufall hatte ihn auf eine ähnliche Insel versetzt, die ihm das Erwünschte, Stille, ländliche Natur mit reiner Seeluft vereint darbot. Warum sollte er noch weiter trachten, wenn eine Unterkunft möglich fiel, nicht hier seinen Aufenthalt nehmen? Und eh' er den Gedanken noch recht erwogen, gestaltete dieser sich auf seiner Zunge zu einer Aussprache, der Mittheilung, zu welchem Zweck er Hamburg verlassen habe, und der angeknüpften Frage, ob etwa eine Wirthschaft auf Neuwerk vorhanden sei, in der er sich für einige Wochen als Gast einmiethen könne. Das verneinte der Alte kopfschüttelnd, die gäbe es nicht, und so etwas sei auf der Insel seit Menschengedenken nicht vorgekommen. Aber in seine Augen war ein freudiger Glanz gerathen und er setzte hinzu, tröstlicher könne ihm nichts geschehen, als wenn der Doctor diese Absicht ausführe, und das ließe sich ja – wenn – es wäre bloß – Das letzte kam ihm abgebrochen-unverständlich vom Mund, und er sah dabei ungewiß nach dem Gesicht seiner Enkelin, die sich nicht an dem Gespräch betheiligte. Dann hob er wieder an, einen Blick nach dem Giebelausbau des Gehöfts, vor dem sie grade eingetroffen waren, hinaufrichtend: »Wenn's Dir nicht zu einfach wär', bei uns im Haus zu sein – blot – ick weet nich – dat is Age ehr Stuv, de Du hüt Nach hatt hest –« Ueberrascht fiel Arnold gegen das Mädchen gewendet ein: »Deine Stube hab' ich gehabt? Darum war alles drin so – wo hast Du denn geschlafen?« Nun antwortete sie rasch: »Unten in einer Kammer und viel besser als sonst.« Die unschlüssige Miene des Alten nahm bei der Erwiderung einen frohen Ausdruck an, und er sagte: »Ja, meinst Du, Age –?« Sie entgegnete lachend: »Was soll ich meinen, Vater? Es ist ja Dein Haus. Aber ich meine, für Mutter Belke wär's gewiß gut, wenn der Doctor drin bliebe.« Deutlich klang draus, daß sie nichts dagegen habe, sich für einige Zeit weiter mit der Schlafkammer zu begnügen, und der junge Arzt äußerte jetzt zum Großvater: »Wenn ich Dir einen Entgelt für die Beköstigung ausrichten darf –« »Dat find't sick jo, Docter, kannst Du dohn un laten, as Du wist. Nu komm nur herein, es ist auch bald Mittagszeit.« Hadlef Terwisga faßte beglückt Arnolds Hand und zog ihn jetzt als Gast des Hauses durch die Ebberthür wieder in den Pesel. Age folgte hinterdrein und sagte, auf die Wanduhr blickend: »Bis Mittag ist's noch eine halbe Stunde, Vater,« und sich gegen Arnold kehrend, setzte sie hinzu: »Ich will Dir Papier holen, daß Du vor'm Essen noch an Deine Braut schreiben kannst.« * Nun sah Arnold Lohmer während Tag und Nacht zweimal Flut und Ebbe um die Insel wechseln und wohnte als Gast im Hause Hadlefs Terwisga. Als Arzt hatte er nichts mehr darin zu thun; die alte Belke war am vierten Tage nach seiner Ankunft aus dem Bett aufgestanden, voll hergestellt, Fuß und Hand wie vorher zu gebrauchen. So saß sie wieder an ihrem auf dem Tisch ruhenden Webstuhl von einfachster Art aus ferner Vormütterzeit, zog von der drehbaren Haspel die aufgewundenen Kettfäden durch die Schlitze und Löcher des senkrecht gegenüberstehenden Kammbretts, im Wechsel die Fäden hebend, senkend und den Schuß zurücklaufen lassend, und fertigte wie seit einem halben Jahrhundert, arbeitsam und der Thätigkeit bedürftig, ihr Bandwerk. Klar blickten dazu ihre Augen aus dem faltigen Gesicht; eine Friesin war's, deren rüstige Alterskraft der Schlaganfall nicht niederzuwerfen vermocht, der nur über sie hingefahren, wie ein Sturmwind über einen alten Baum, ihn kurz beugend, doch nicht zerbrechend. Ihre Erkrankung hätte wohl eigentlich keines ärztlichen Beistandes bedurft, so daß sie auch ohne ihn ebenso rasch zur Gesundung zurückgelangt wäre. Aber ihr Mann maß diese sichtlich der Hülfleistung des jungen Arztes zu, und ihm war's wie ein vom Himmel herabgefallenes Glück, jenen für längere Dauer als Gast bei sich im Hause behalten zu können. Der Hofbesitzer war im Verhältniß zu den übrigen Inselbewohnern ein wohlvermöglicher Mann, mehrere Knechte und Mägde standen in seinem Dienst, die vom Morgen zum Abend stiller Geschäftigkeit oblagen. Die Kühe mußten gemolken, das weidende Mastvieh beaufsichtigt, zur bestimmten Zeit dem eintreffenden Händler übergeben werden, der es an's Festland hinüberbrachte und weiter zum Verkauf nach Hamburg oder Bremen schaffte: es wurde Gerstenbier gebraut und Roggenbrod gebacken, gebuttert und Käse gemacht; der Netzfang auf der See lieferte reichlich Fische und Garneelen, hier an der Westküste ›Kraut‹ benannt, wohl um sie als ein lebendiges Kraut des Wassergrundes zu bezeichnen. So war die Mittags- und Abendkost, wenn auch einfach, doch selbst für eine verwöhnte Hamburger Zunge schmackhaft, zumal da die Seeluft den sprichwörtlich besten Koch, einen regen Hunger beigesellte. Auf dem Tisch wechselten Erbsen-, Kohl- und Mehlsuppen, einmal in der Woche kam zum Rauch- und Pökelfleisch frischgeschlachtetes eines Rindes oder Schafes hinzu; im letzten Jahrzehnt waren Kartoffeln bräuchlich geworden, das Land Hadeln versah dann und wann auch mit andern frischen Gemüsen, und auf der Insel selbst wuchs der Strandwegerich, dessen Blätter von Alters her zerwiegt in spinatartiger Weise bereitet wurden. Schollen und Klippfische brachte fast jeder Tag, Milch und Buttermilch, Butter und Brod ließen sich an Güte nicht übertreffen. Das Sonntagsgericht bildete der ›Oonbras‹, ein aus Mehl, Milch, Eiern und kleinzerschnittenen Speckwürfeln hergestellter, im Backofen festkrustig gebackener Brei, Schinkenpudding mit Klößen folgte danach. Alle Speisen waren nahrhaft und kräftigend, und wenn auch Feinschmecker über manches die Achsel gezuckt haben möchten, so erinnerte die Beköstigung Arnold Lohmer durch ihre Reichhaltigkeit doch an diejenige, die dem sturmverschlagenen Odysseus auf der Insel der Phäaken aufgetischt worden. Indeß nicht allein die Mahlzeiten regten ihn zu derartigen Gedanken an, sondern überall und fast den ganzen Tag hindurch drängten sich ihm Vergleiche auf, die das in Wirklichkeit ihn Umgebende zu einem Ineinanderfließen mit Bildern und Vorstellungen der Phantasie brachten, denn er stand völlig unter einem Zauberbann der Odyssee. Ein merkwürdiger Zufall war's gewesen, aber beinah wie eine vorbedachte Fügung erscheinend, daß Johann Heinrich Voß ihm in Otterndorf ein Exemplar seiner grad' eben im Druck fertiggestellten Uebertragung des großen homerischen Epos mit auf den Weg gegeben und eine ungeahnte Begegnung im Krämerladen zu Cuxhaven ihn nach Neuwerk geführt hatte, denn eine besser geeignete Begleitschaft als dies Buch hätte er sich nicht wünschen und erdenken können. Natürlich kannte er es bereits vom Gymnasium her, dort indeß war's ihm durch dürren grammatikalischen Unterricht eher widerwärtig als anziehend gemacht worden, weder die griechische Sprache, noch der Inhalt des Gedichtes seinem Verständniß richtig aufgegangen. Nun las er dies mühelos, seine Gedanken und Empfindungen einzig auf die dichterische Gestaltungskraft und poetische Schönheit desselben verwendend, und er las es in einer Umwelt, die wenigstens der deutsche Norden nirgendwo voller übereinstimmend dafür zu bieten vermochte. Wohl ragten keine wildzerrissenen Uferfelsen vor ihm empor und kein ›purpurnes Meer‹ dehnte sich in die Weite, doch die ruhelosen Wellen der See rauschten oder murmelten mit geheimnißvollem Stimmenton vor seinen Füßen wie an den fernen Gestaden des Mittelmeeres, und der strahlende Sonnengott zog in gleicher unvergänglicher Hoheit drüber hin. Wie Odysseus an's Eiland der Phäaken aber war auch er nicht durch friedliche Stille hierhergelangt, sondern von Sturm und Wogen geschleudert, und wenn er die Verse las: ›Hochauf donnerte dort an des Eilands Küste die Brandung, Grauenvoll spritzend empor, und bedeckt war Alles von Salzschaum‹, so stand ihm das Bild seiner eignen nächtlichen Ankunft auf Neuwerk vor Augen. Zwar mehr und mehr nur wie aus einer Traumerinnerung, denn die schönen Maitage dauerten an, ließen wilden Aufruhr der Natur beinah als eine Fabelmäre verschollener Vorzeit bedünken. Fraglos hatte er hier alles Das gefunden, wonach er von Hamburg ausgegangen, fühlte Tag um Tag ein Fortschreiten ruhvoller Erholung des Leibes und der Seele. Ihm kam's jetzt erst zum Bewußtwerden, auch diese hatte solcher bedurft, war während der letzten Monate in dem unablässigen Gesellschaftstreiben seiner Vaterstadt nicht zu sich selbst gekommen. Nun nahm sie im vollsten Gegensatz dazu mit jedem Athemzug das Wohlthuende der Stille und Einsamkeit, eine Nahrung ihres eigensten Wesens in sich auf; ihn durchdrang, Heilsameres könne dem Körper und Gemüth des Menschen nicht zu theil werden. Und innig vereint damit das Werk des großen Dichters aus fernen Tagen, das ihn doch in dieser Umgebung anrührte, als sei es erst jetzt entstanden, wachse von Vers zu Vers ihm selbst hier aus der Vorstellungskraft herauf. Er fühlte, unter all' den seltsamen Abenteuern der Odyssee dämmere ein Grundton der Dichtung hervor, für den er länger umsonst nach einem nennenden Wort suchte. Aber dann fand er dies plötzlich einmal: Das Heimweh war's, die Sehnsucht eines auf Irrungen Umgetriebenen nach dem Heimathglück, zu allen Zeiten die gleiche, wo eine Menschenbrust, ob bewußt, ob unbewußt, von ihr erfüllt war. Wenn er lesend am Uferrand auf dem sonnenwarmen Grasboden saß oder hingestreckt lag, umgab ihn eine Zeitlosigkeit, in der sich das Einst und Heute wunderbar miteinander verschmolzen. Die großen vorüberschwebenden Möwen sah er mit den Augen des Odysseus, hörte mit dessen Ohr ihren seltsam, wie klagend in der Luft verhallenden Ruf; mitunter traumhaft aufgehoben suchte sein Blick über der uferlosen Wasserweite am Himmelsrand nach dem Felsengestade Ithaka's. Doch dabei empfand er den Herzschlag in sich als seinen eignen, heut' lebendigen – den der gleichen großen Sehnsucht – und wie aus der schwellenden Flutwelle vor ihm überschwoll ihn ein tiefes Dankgefühl, trieb ihn einmal jäh auf, nach seiner Giebelstube zu laufen und in einem langen Brief dem Otterndorfer Schulrector den Dank für sein Odyssee-Viaticum auszusprechen. Sonderbar und doch auch begreiflich war's, daß ihm sein Aufenthaltsort mit keiner andern Insel des Gedichts, nicht derjenigen der Kalypso oder Kirke, sondern nur mit dem Phäakeneiland zusammenwuchs. Wohl standen der ›auf dem Thron Unsterblichen gleich sitzende‹ König Alkinoos und seine Gemahlin in stärkstem Gegensatz zu Hadlef Terwisga und seiner Frau; doch wie die alte Belke an ihrem Webstuhle, saß auch die Königin Arete, ›drehend der Wolle Gespinnst, meerpurpurnes, gegen die Säule gelehnt‹, und trotz dem Glanz des Palastes ging doch von diesem etwas Einfach-Natürliches aus, daran das heutige Hauswesen der Alten auf der Nordseeinsel gemahnte. Die Königstochter Nausikaa reinigte mit eigenen Händen die Wäsche am Flußrand, und wie sie zur ›gepriesenen Wohnung des Vaters‹ heimkehrte, traten vor der Pforte ihre Brüder herzu, ›spannten schnell von der Lastfuhr die Maulthiere ab und trugen hinein die Gewande‹. Allen diente die hohe Stellung nicht zum Vorwand, sich hochfahrend müßig der Arbeit zu entziehen, vielmehr vollzog jeder ihm Obliegendes, schaffte mit an dem, was der Tag erforderte. Eine Lebensführung von ursprünglicher Art war's, gemeinsam für die Bedürfnisse, Ordnung und Wohlfahrt des Ganzen Sorge tragend, und so, wenn auch in schlichterem Zuschnitt, war sie heut' auf Neuwerk. Das schuf bei allem Abweichenden doch im innersten Wesen für das Gefühl eine Aehnlichkeit. Und eigen war's, wie diese sich ihm an einem Morgen völlig zu einem wiederkehrenden Bild von der Phäakeninsel gestaltete. Schon früh zur Betrachtung des klaren Sonnenaufgangs in's Freie hinausgewandert, nahm er in einiger Weite am Uferrand mehrere weibliche Gestalten wahr, die auf dem Boden knieend die Arme regten, während eine, sie überragend, aufrecht neben ihnen stand. Näher hinzugelangend, erkannte er die Hofmägde seines Wirthes, sie reinigten in einem sich von der See her als Graben in's Land fortsetzenden Priel einen Haufen von Wäschestücken, und die mit der Hand deutend und anweisend Stehende war Age Terwisga. Sie hatte sich gleicherweise an der Arbeit mitbethätigt, denn ihre bis gegen die Schultern hin aufgestreiften Linnenärmel ließen die Arme entblößt, die einen auffälligen Gegensatz zu denen ihrer Gefährtinnen zur Schau stellten. Sie waren schön gebildet, doch von schmächtiger Schlankheit, nicht robust dick-ausgerundet, wie die der andern, und nicht rothfarbig, sondern es ging von ihnen wie ein mattweißer Elfenbeinschimmer aus. Die über dem grauen Elbwasser emporgestiegene Sonne warf ihr Goldlicht drauf, und unwillkürlich flog Arnold ein Ausruf: »Nausikaa!« vom Mund. Die Abgewendete hatte sein Herankommen nicht bemerkt, nun drehte sie den Kopf um, und eine leicht-rasche Bewegung ihrer Hand machte erkennbar, ein Antrieb erfasse sie, ihre Aermel von der Schulter herabzuziehn. Doch gleich wieder von dieser Regung ablassend, sagte sie: »Zum Waschen muß man die Arme frei haben. Bist Du auch schon aufgestanden? Zu wem hast Du gesprochen? Ich hab's nicht verstanden, was Du sagtest.« Ihm stand's noch sonderbar vor den Augen und er antwortete: »Bist Du's denn und bin ich's?« Und sich umblickend, setzte er hinzu: »Wo wäre hier der Wald auch, in dem Odysseus geschlafen?« Aber danach lachten seine Lippen einmal. »Nein, das kannst Du nicht verstehen, und gut ist's, daß Du's nicht kannst. Sonst lägen wir seit Jahrtausenden todt und begraben, und mich däucht's doch schön, hier noch in der Sonne zu athmen.« Sie fragte jetzt: »Steht das auch in dem Buch und kann ich's darum nicht verstehen?« Nicht zum erstenmal war's, daß er etwas auf die Odyssee Bezügliches zu ihr gesprochen, und sie hatte ihn schon seit Tagen stets mit dem kleinen Bande als einem Begleiter an den Strand hinausgehn gewahrt. Doch kam ihm zum erstenmal ein Gedanke, der ihn erwiedern ließ: »Willst Du's auch lesen?« Ein wenig Röthe stieg ihr in die Schläfen auf und sie schüttelte nur kurz mit dem Kopf, so daß er fragte: »Warum nicht?« Nun versetzte sie: »Ich hab's nicht gelernt. Hier auf der Insel ist kein Schullehrer.« Dazu kniete sie jetzt auch nieder, sich an der Wascharbeit wieder zu betheiligen; ihm fiel nichts zum Entgegnen auf ihre letzte Aeußerung ein, wortlos sah er sie nur überrascht an und ging weiter, da ihr gegenwärtiges Betreiben keine Fortsetzung des Gespräches zuließ. Auch rührte ihn eine Mißstimmung an, daß er sie, durch eine äußerliche Aehnlichkeit des Vorgangs verleitet, in einen Vergleich mit der Tochter des Alkinoos gebracht habe; ihm war bisher nicht in den Sinn gerathen, sich eine Vorstellung von ihren geistigen Befähigungen zu machen, doch eben hatte sie sich als ein vollständig bildungsloses Mädchen der untersten bäurischen Bevölkerungsclasse offenbart. So verdroß es ihn, sie gewissermaßen mit dem Namen der phäakischen Königstochter angesprochen zu haben, es lag für diese etwas Entwürdigendes darin. Allerdings trug sie nicht Schuld an ihrer Unwissenheit, woher hätte sie auf der abgeschiedenen Insel einen Unterricht nehmen sollen? Ihr war's nicht möglich gewesen, anders als die um das kleine Eiland kreisenden Möwen aufzuwachsen; das hätte er bei einem Darüberdenken sich selbst schon vorher sagen müssen. Wie er seinen Fuß am Uferrand entlang fortsetzte, klang's ihm indeß plötzlich, wie wenn eine der über seinen Kopf jagenden Möwen eine Frage herunterrufe, ob denn Nausikaa habe lesen können? Das war närrisch, aber jedenfalls dieser Gedanke durch irgendetwas in seinem Kopf angeregt, und wie er drüber nachdachte, konnte er sich keine andre Antwort geben als: Nein, höchst wahrscheinlich nicht; wenigstens war in dem über sie handelnden Abschnitt der Odyssee nie davon die Rede. Nichts sogar gab eine Kunde, daß der König Alkinoos und die großen griechischen Helden in der Kunst des Lesens erfahren gewesen seien; ja es bestand selbst ein sehr begründeter Zweifel, ob der Urheber der unsterblichen Dichtung, Homer seine Verse niederzuschreiben vermocht habe. Ueber diese merkwürdige Beantwortung der aufgeschossenen Frage mußte Arnold Lohmer lachen. Dann beruhte die Bildung, der Werth von Menschen, auch der geistige, unverkennbar nicht auf der Fähigkeit des Lesens und Schreibens, oder hatte dies mindestens in jener alten Zeit nicht gethan. Jetzt freilich verhielt sich's damit anders, sah man darin die ersten, nothwendigsten Grundlagen für den Aufbau geistiger und gemüthlicher Ausbildung, konnte sich eine solche ohne jene Bedingungen nicht vorstellen. Aber damals hatte niemand diese Anschauung gehabt, und sie wäre fraglos auch durchaus unberechtigt gewesen. So konnte doch nichts Entwürdigendes für die Nausikaa darin liegen, daß er eben unwillkürlich dazu gerathen war, die in so ähnelnder Weise an der Strandwäsche beschäftigte friesische Schiffertochter mit ihr zu vergleichen. Die Abkunft der letzteren mochte zwar dabei mitwirken, eine wirkliche Friesin, wie die andern Mägde hätte ihm den Ausruf wohl nicht vom Munde gebracht. Doch in Age Terwisga hatte sich von ihrer Mutter her südliches Blut, dem der Phäakentochter verwandt, mit dem nordischen vermischt, leuchtete gleichsam aus ihren elfenbeinfarbigen Armen über dem grauen Wattengrund auf. So mußten, nur von goldenen Spangen umschlossen, auch die Arme Nausikaa's in der Sonne weiß geflimmert haben. Als er nach einigen mit dem Lesen der Odyssee auf einem Strandsitz verbrachten Stunden in's Haus zurückkehrte, fand er darin allein die alte Belke an ihrem Webstuhl geschäftig. So unter vier Augen war er noch nicht mit ihr zusammen gewesen, es zog ihn, sich neben sie zu setzen und ihre Arbeitshantierung an dem altväterischen Werkgeräth zu betrachten. Dies trug ihn auch in die Zeit zurück, von der seine Vorstellungen auf Neuwerk erfüllt worden, denn der erste von Menschenerfindung hergerichtete Webstuhl konnte nicht andrer, einfacherer Art gewesen sein, die Frauen und Töchter der Phäaken mußten an den ihrigen in gleicher Weise die aufgewundenen Fäden von der Haspel herab zur Verfertigung ihrer Gewebe gehoben und gesenkt haben. Die Alte wunderte sich über sein aufmerksames Zuschauen, fragte, ob die Handgriffe ihm nicht bekannt seien und seine Braut, von der sie gehört hatte, an ihrem Webstuhl andere mache. Das nöthigte den Hörer, die Lippen zusammen zu drücken, um einem Lachen den Durchgang zu verschließen, denn es gestaltete seinen Augen ein drollig-undenkbares Vorstellungsbild herauf, Lucinde Eschenhagen an solchem Geräth bei solcher Arbeit sitzend. Aber Belke Terwisga war nie von ihrer winzigen Insel weggekommen, hatte keine Ahnung weder von der großen Hamburger Welt, noch einer anderen Lebensführung, und glaubte offenbar, jedes Frauenzimmer müsse sich so wie sie durch eine häusliche Verrichtung nützlich machen. Arnold drängte sich's auf, ein merkwürdiger Gegensatz war's überhaupt zwischen dem reich ausgestatteten Raum, dem geräuschvollen, wahrscheinlich in französischer Sprache geistreich und witzig conversirenden Gesellschaftskreise, die seine Braut umgaben, und der stillen Stube hier, in der nur hin und wieder zu einem leisschnurrenden Ton der Weberei die gleichmäßige Stimme der alten Frau klang. Was sie sagte, war ebenso einfach, wie ihr altes Werkzeug, kein Einschlag von Esprit und feiner Bildung mischte sich drein. Doch dem jungen Arzt kam's einmal zum Bewußtwerden, er sitze lieber hier und höre ihrem Sprechen zu, als jenen graziösen Wendungen und Bonmots. Zweifellos kannte Belke das Wort und den Begriff Philosophie nicht, allein was ihr vom Munde gerieth, erschien ihm dieser innerlich mehr anzugehören und inhaltsvoller an menschlicher Bedeutung, als alle klangreich-gewandte Beredsamkeit, obwohl es nichts als schlichteste Erfahrungen, Gedanken und Empfindungen zum Ausdruck brachte. Achtsam die Fäden handhabend und öfter eine Zeitlang mit der Zunge anhaltend, sprach sie von ihrem Hof, Wirthschafts- und Weidebetrieb, den Jugendjahren mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Weitergang ihres Lebens. Das Wort ›Liebe‹ kam dabei nicht vor, doch fühlbar bildete es ungenannt den haltgebenden Untergrund von allem, umschrieb sich mit der Meinungsabgabe, das Wichtigste im Leben sei, daß Mann und Frau zusammenpaßten, in Freud' und Leid zueinander hielten, und daß es immer unverändert ebenso bliebe, ob die Jugend auch davonginge und das Alter an die Stelle käme. Eine tiefe, dankbare Befriedigung von dem ihr auf dem Erdenweg zu theil Gewordenen klang daraus hervor; des frühen Verlustes ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter that sie wohl bedauerlich Erwähnung, doch kurz nur drüber hingehend; eine Schickung war's, auf die jede Mutter eines Schiffers sich gefaßt halten mußte, und das Beste, Nothwendigste hatte der Tod ihr damit nicht weggenommen. Zudem war mit ihrem Manne ihr die Enkelin geblieben, wohl vom fremden Mutterblut her anders als sie, und das Gefühl in ihr für Age war merklich nicht mit dem für ihren alten Lebensgefährten vergleichbar. Doch hatte sie einen Theil der großen, nicht mit dem Wort benannten Liebe auf das unter ihrer Obsorge herangewachsene Mädchen übertragen, erkannte dies trotz der andern Art als etwas für die Augen Wohlgefälliges und mit guten Eigenschaften Begabtes an, dran sie mit ihrem Herzen Antheil nahm. Dies kennzeichnete sich aus ihrer Besorgniß hinsichtlich der Zukunft Ages, wenn sie einmal von den Großeltern allein zurückgelassen werde. Für ihren Lebensbedarf sei wohl ausreichend gesorgt, aber nicht für das Nöthigste, damit das Leben seinen Zweck nicht verfehle, und daß sie dies finde, sei nur wenig Aussicht vorhanden. Es werde ihr schwer fallen, die Hofwirthschaft allein in gutem Stand fortzuerhalten, doch besser bleibe sie so, als einen Ehemann zu nehmen, der nicht zu ihr passe, sie wegen ihres Erbguts und ihrer Wohlgestalt heirathe, vielleicht zu leidlichem Einvernehmen, so lang' als sie beide jung seien, doch beim Altwerden ohne andre Gemeinsamkeit, als das Trachten nach Vermehrung des Erwerbes. So denke sie, nach Belkes Bedünken, auch selbst; auf der Insel sei keiner zum andernmal, wie's Hadlef von jungauf gewesen, und das Mädchen gehe mit keinem Gedanken an irgendeinen Mann um. Sich so einfach wie denkbar ausdrückend, kamen die Aeußerungen von den Lippen der dabei weiterschaffenden Alten, zuweilen mehr einem lauten Selbstgespräch gleich, doch sie rührten Arnold dann und wann sonderbar wie aus einem Born echtester Lebenserkenntniß und ihrer Schätzung der Erdendinge nach dem einzig wirklichen Werthe an. Besonders aber übte auf ihn die Bemerkung eine eigenthümliche Wirkung, daß Eheleute, die nicht zu einander paßten, das hieß, nicht durch wahrhafte Liebe zusammengekommen seien, beim Altwerden keine weitere Gemeinsamkeit mehr besäßen, als das Trachten nach Vermehrung des äußerlichen Erwerbs. Ihm war's, als habe dieser schlichte Ausspruch einen Schuppenvorhang von seinen Augen weggenommen, etwas klar vor sie hingestellt, was er manchmal dunkel empfunden, doch sich nie zu deutlichem Verständniß gebracht hatte. Aber dies Wort traf auf die ehelichen Verhältnisse in fast allen ihm bekannten hochstehenden Hamburger Häusern zu, in denen Mann und Frau nicht, von den Herzen verbunden, miteinander, sondern nur nebeneinander hinlebten, einzig durch das gleiche Streben zusammenhingen, den Reichthum ihres Besitzes und vor den Augen der Welt ihr Ansehn, den Glanz der Repräsentation des Hauses zu erhöhen. Statt der Wirklichkeit eines inneren Lebensglückes trachteten sie nur dem Schein eines solchen nach; den Mann trieb nicht Liebe, für seine Frau immer mehr an Geldschätzen anzuhäufen. Vielmehr diente sie ihm als ein Mittel, durch sie, die Kostbarkeit ihrer Kleidung, den Werth ihres Juwelenschmucks zu prunken, Andre zu überbieten, und sie würdigte ihren Ehebund nach dem Maß, in welchem ihr von ihm dies vornehme Auftreten ermöglicht wurde. So war's, weil sie nicht ›zueinander gepaßt‹ hatten – oder vielleicht doch – vielleicht weil eben beide völlig zueinander paßten. Wie er hierüber noch weiter nachdachte, ging die Thür auf, Age hatte ihre Linnenwäsche beendigt und trat herein, um ein Seil zum Aufhängen derselben zu holen. Sie war merkbar überrascht, den Hausgast allein bei der Großmutter anzutreffen, in ihren mit einem kurzen Blick über sein Gesicht hingehenden Augen schien sich kundzugeben, daß sie etwas drin zu lesen suche. Fast zugleich mit ihr kam von der Ebberthür des Pesels her auch Hadlef Terwisga und reichte dem jungen Arzt einen Brief, den ein Schiffer von Cuxhaven für ihn mitgebracht hatte. Ein Antwortschreiben der Braut Arnolds auf sein nach der Ankunft auf Neuwerk an sie abgesandtes war's, er öffnete es und überlas rasch den nur die Hälfte des Bogens füllenden Inhalt. Sie schrieb, daß es ihr leid sei, vielerlei gesellschaftlicher obligation halber auf seine Benachrichtigung heute nur kurz repliciren zu können, doch wolle sie nicht unterlassen, in Eile mille amitiés und félicitations an ihn zurückzusenden. Verwundert habe sie sich zwar darüber, daß er um der maladie einer alten Bauernfrau willen die nächtliche Bootfahrt unternommen und sich inconsidéré der Gefahr eines refroidissement ausgesetzt habe obendrein vraisemblablement ohne Aussicht auf eine entsprechende rétribution ; seine künftige Praxis in Hamburg werde sich hoffentlich als plus lucratif herausstellen. Par bonheur indeß sei die Sache ja ohne Unfall abgelaufen und er habe so par hasard einen Platz aufgefunden, der nach seiner Darstellung sich als salutaire für seine Gesundheit erweise. Die visite in Otterndorf müsse sehr amusante gewesen sein; sie erinnere sich des Rectors Voß und seiner Frau d'autrefois , doch auch, daß wegen ihrer ärmlichen circonstances eine nähere liaison mit ihnen nicht möglich gefallen sei; gleichfalls habe es beiden am bon genre der Manieren, wie an der capacité eine interessante Conversation zu führen, völlig gemangelt. Das von ihm neuerdings aus dem Griechischen übersetzte Buch solle für ein sentiment délicat vielfach außerordentlich de mauvais goût sein, wie's ja auch vom monsieur Renard und seiner renarde rousse nicht wohl anders zu erwarten gewesen. Arnold hätte gern seinen Wirthen etwas aus dem Briefe mitgetheilt, das bisher von ihm Gelesene hatte sich indeß nicht passend für sie gezeigt, doch beim Ueberblicken erwies sich der Schluß des Schreibens dazu geeignet, und er las diesen laut vom Blatte ab: »So sage ich Ihnen adieu, mein lieber fiancé; je suis charmeé, daß Sie einen so angenehmen lieu de séjour gefunden haben und erhoffe von seiner guten Luft und der, wie Sie mittheilen, nahrhaften nourriture de la campagne daß Beste zum retablissement Ihrer Gesundheit. Versichern Sie sich dieser ja in completester Weise, indem Sie nicht früher hierher retourniren, bis sich Ihre Indisposition vollkommen wieder retablirt hat. Denn das bildet die Hauptcondition Ihres künftigen hiesigen Prosperirens, und es wird deshalb, wenn auch malgré , doch patiemment sich Ihrem längeren Ausbleiben accomodieren votre bien attachee cousine et fiancée Lucinde Eschenhagen.« Der Lesende hatte für die Zuhörer die französischen Ausdrücke und Wendungen ins Deutsche übertragen und freute sich darüber, daß dieser Schluß des Briefes für seine Wirthe eine Anerkennung des günstigen Einflusses, den der Aufenthalt in ihrem Hause auf ihn ausübe, kundgab. Hadlef und Belke Terwisga faßten es auch so auf, zeigten durch ein Kopfnicken daß sie gleichfalls davon erfreut seien; Age dagegen, die an die Stubenwand getreten war und ihren Arm aufgestreckt hatte, flog ein lachender Ton vom Mund, dem sie nachfügte, nicht zu glauben sei's, wie närrisch ein Seil sich verschlingen und ›verheddern‹ könne. Dabei nahm sie dies von einem Haken herab, wirrte es scheinbar kurz mit den Fingern auseinander und begab sich damit wieder hinaus. Arnold stieg jetzt zu seiner Giebelstube hinan; ihm war gesagt worden, der Cuxhavener Schiffer fahre erst gegen Abend zurück, und er beabsichtigte, die Gelegenheit zu nutzen, auf den Brief seiner Braut zu erwiedern. Doch als der Papierbogen auf dem Tisch vor ihm lag und seine Hand die eingetauchte Kielfeder hielt, wußte er nicht recht, was er schreiben wolle, oder eigentlich, was für die Empfängerin von Interesse sein könne. Eine Schilderung der Insel und seiner Lebensführung hatte er ihr schon gegeben; darüber ließ sich nichts Neues hinzusetzen, man mußte das auch mit eigner Sinnesempfindung aufnehmen, eine schriftliche Wiedergabe blieb außer stande, bei dem Lesenden den nämlichen Eindruck zu erzeugen. Von seiner täglichen Beschäftigung mit der Odyssee zu berichten, wäre zwecklos gewesen, da Lucinde selbst offenbar die Dichtung nicht kannte und ungünstig gegen sie voreingenommen war; für die Hamburger Gesellschaftskreise eignete sich allerdings Homer sehr wenig, und ebenso paßte Johann Heinrich Voß nicht zu ihnen. Wenn er aus dem Französischen übersetzt hätte, würde er dort Leser gefunden haben, oder auch dann wohl kaum, denn die aus Frankreich kommenden neuen Bücher las man in gebildeten Häusern selbstverständlich in der Originalsprache, nur die ordinären Leute bedurften ihrer Verdolmetschung. Der am Tisch Sitzende legte die Feder hin, stand auf und ging, nachsinnend, was er schreiben solle, in dem engen Raum hin und wider. Ab und zu anhaltend, ließ er den Blick auf den alten Zinngeräthen im Wandschränkchen, den Korallen und tropischen Muscheln auf dem Gesims haften; das waren gleichfalls keine Gegenstände, um von ihnen zu erzählen, Hamburger Raritätenläden enthielten das Hundertfache weit kostbarerer Art, und daß diese hier anders auf die Phantasie einwirkten, konnten Worte nicht zum Verständniß bringen. Im Grunde übrigens besaßen die Insel und das tägliche Leben auf ihr für die Dauer etwas Eintöniges, dem körperlichen Befinden kam der Aufenthalt hier wohl zu gut, doch eine Nahrung für den gebildeten Geist boten die Menschen nicht mehr, als die Wasservögel; sie nahm ihr Ende mit der heut' vom Lesenden bis zum Schluß gebrachten homerischen Dichtung, für die der Ranzen Arnolds keinen Ersatz enthielt, so wenig als das Haus, in dem man, vielleicht mit Ausnahme des alten Hadlef, nicht zu lesen und schreiben verstand. Er trat an's kleine Fenster und sah hinaus, ein Mißmuth, nicht aufhellbaren Ursprungs hatte sich seiner bemächtigt. Oder doch, er entsprang dem Herandrohen des geistigen Mangels, der bevorstehenden Unfähigkeit, über den gleichförmigen Tagesgang wie bis jetzt durch Beschäftigung mit der Odyssee wegzutäuschen; am klügsten war's wohl, voll eintretendem Ueberdruß vorzubeugen und an's Festland zurückzukehren, nicht nach Hamburg noch, doch zum Aufsuchen eines anderen, besser dem Zweck entsprechenden Aufenthaltsplatzes. Draußen bewegte sich vor den Augen des in Gedanken Stehenden etwas Weißes hin und her, ohne daß er drauf Acht gab, dann gestaltete sich's ihm einmal zur Erkenntniß, Age Terwisga hänge an dem festgespannten Seil die Wäsche zum Trocknen auf und der Wind lasse die Stücke leicht flattern. Die damit Beschäftigte nahm sich von noch größerer Gestalt als sonst aus, sie mußte sich auf den Fußspitzen heben und die Arme hoch emporstrecken, doch ging von diesen kein elfenbeinartiger Schein mehr aus, sondern ein weißer gleich den Linnen, denn die Aermel schlossen sich ihr jetzt wieder bis zum Handgelenk herab. Auch in das dunkle Haar ihres Kopfes blies der Wind, so daß es sich an den Schläfen aufspann; bei ihrem Anblick gerieth dem Zuschauer am Fenster etwas von ihm Vergessenes in's Gedächtniß und veranlaßte ihn, da er die bis zum Mittagessen noch übrige Zeit doch nicht auszufüllen wußte, zu ihr hinunterzugehn. Unten angekommen, zögerte er indeß mit dem, was er eigentlich zu sagen beabsichtigte, fragte statt dessen: »Soll ich Dir helfen? Dir macht's Mühe, bis zur Leine hinaufzureichen.« In ihrem Gesicht kennzeichnete sich einige Ueberraschung durch sein Herzukommen und Anerbieten, sie antwortete: »Ich bin groß genug dazu, aber wenn Du mir helfen willst –« Ihm entflog: »Es ist doch eine Beschäftigung, der Hände wenigstens, und die Brüder Nausikaas haben ihr wahrscheinlich auch solchen Beistand geleistet.« Er besann sich, daß der Hörerin dies nicht verständlich sei, und setzte hinzu: »Hat es denn Eile? Die Sonne wird rasch genug trocknen.« Sie nickte kurz. »Ja. Der Wind kommt aus schlechter Richtung und bringt bis zum Abend Regen.« Am ganzen Himmel stand keine Wolke und den jungen Gelehrten verdroß der zuversichtlich belehrende Ton ihrer Entgegnung, so daß er etwas spöttisch versetzte: »An die Weissagung glaube ich nicht, danach sieht's nicht aus.« Mit der Schulter zuckend, antwortete sie nur: »Darauf kommt's nicht an.« Es konnte sich auf beides beziehen, seine zweite und erste Aeußerung, that's vermuthlich auf jene, doch ihm klang's, sie habe damit seinen Glauben als werthlos bezeichnen wollen, und er erwiederte halbgereizt: »Ich würde wetten, daß es heute keinen Regen giebt.« Ihre Augen schlugen sich gegen ihn auf, und sie fragte: »Um was wolltest Du wetten?« Das wußte er nicht, ihm lag die Antwort auf der Zunge: »Um meinen Kopf,« aber das wäre albern gewesen, und er ließ es nicht laut werden, sondern schwieg. Als sinnlos empfand er sein letztes Reden und seine gereizte Stimmung überhaupt, doch das Mädchen hatte ihn heute durch etwas in Mißmuth versetzt, ohne daß ihm deutlich war, was; um aus diesem thörichten Behaben herauszukommen, griff er jetzt nach ein paar Holzklammern, befestigte damit ein Leintuch auf dem Seil und fragte: »Ist's so richtig?« Sie sah flüchtig hin und bejahte, danach fuhren sie, ohne weiter zu sprechen, nebeneinander in der Beschäftigung fort. Obgleich sie ihm an Wuchs fast ebenbürtig erschien, vermochten seine Arme doch leichter emporzureichen, sie mußte sich strecken, und beim Rückwärtsüberbeugen des Oberkörpers hob sich dann und wann ihre Brust hoch auf, daß die Formen derselben durch die Gewandung in jugendlich kraftvoller Schönheit hervortraten. Erst als die Arbeit zu Ende ging und sie das letzte Wäschestück festgemacht hatte, fiel Arnold ein, wodurch er veranlaßt worden war, aus seiner Stube zu ihr hinunterzugehn, und er fragte jetzt plötzlich: »Ueber was lachtest Du eigentlich drinnen, als Du das Seil von der Wand nahmst? Daß es sich verknotet hatte, war doch nicht so lächerlich.« Sie sah ihn an, als müsse sie sich erst besinnen, aber gab dann Antwort: »Ich wußte nicht, daß eine Braut so an ihren Bräutigam schreibt. Du weißt ja, ich habe nichts gelernt, und bist drum überdrüssig, noch mit mir zu sprechen.« Bei den letzten Worten stutzte er unwillkürlich, denn aus ihnen trat zu Tage, sie habe ihm im Innern gelesen und den Grund seiner Mißstimmung, über den er sich selbst unklar war, erkannt. In der That, das war's, die Kundgabe ihres Mangels an geistiger Ausbildung hatte ihn mit Verdruß angefaßt, da er sich aus ihrem sonstigen Wesen eine andere Meinung von ihr gestaltet gehabt. Doch nun ließ ihre klaräugige Erkenntniß des Ursprungs seines veränderten Verhaltens gegen sie den Unmuth in ihm mit einem Schlage zergehen, statt dessen überkam ihn eine Beschämung, daß er ihr zu der letzten Aeußerung Anlaß gegeben habe, und er entgegnete rasch: »Du kannst ja nicht dafür – Nausikaa hat auch nicht lesen können – und das macht nicht den Werth –« Damit indeß war er wieder auf ein ihr unverständliches Gebiet gerathen, verließ dieses und fuhr, sie anblickend fort: »Du lachtest über etwas Andres als das Seil, sagtest eben, Du hättest nicht gewußt, daß eine Braut so an ihren Bräutigam schreibe. Kam Dir daran etwas lächerlich vor?« Das Mädchen schwieg einen Augenblick, doch antwortete dann unverhohlen: »Wenn Du's wissen willst – mir klang's närrisch, daß sie Dich in ihrem Brief mit ›Sie‹ anredete –« Er fiel ein: »Während Du mich ›Du‹ nennst. Um das zu verstehen, müßtest Du anders – nur die Eltern sprechen in Hamburg so zu Ihren Kindern, und untereinander die Leute –« Sein Mund verhielt die Fortsetzung ›der untersten Stände‹. Daß in gebildeten Kreisen sich auch die Nächststehenden des ›Sie‹ als einer feinen Umgangsform bedienten, konnte er dem auf der weltabgeschiedenen Insel großgewordenen Mädchen nicht wohl begreiflich machen, und dazu rührte es ihn zum erstenmal selbst an, es liege eigentlich etwas Unnatürliches, fast Widernatürliches darin, wenigstens zwischen zwei Menschen, die sich so die Nächsten seien, wie Bräutigam und Braut, Mann und Frau. Johann Heinrich Voß und seine Frau wichen auch von dem Brauch ab, nannten sich ›Du‹; allerdings trug dies jedenfalls mit dazu bei, daß der auserlesenen Hamburger Gesellschaft eine nähere liaison mit ihnen widerstrebt hatte. Obwohl die Arbeit des Aufhängens der Wäsche beendigt war, blieb Age Terwisga noch stehn, blickte prüfend nach dem westlichen Himmelsrand und sagte, nicht weiter bei dem letzten Gesprächsgegenstand verbleibend: »Ich denke, der Wind trocknet, eh' er den Regen bringt. Glaubst Du noch, daß der heute nicht kommt?« In der Frage und diesem Zurückgreifen auf die vorher zum Ausdruck gelangte Meinungsverschiedenheit der beiden lag etwas Eigenthümliches, wie drunter Verborgenes, das sich Arnold nicht aufhellte, und er versetzte: »Warum –?« »Ich meine, ob Du noch wetten willst.« Ihren Mund umspielte ein leichtes Lächeln dabei, in dem sich jetzt erkennbar eine verhaltene Absicht kundthat. Doch über diese ungewiß, antwortete der Befragte: »Um welchen Einsatz könnten wir denn wetten? Was bekäme ich von Dir, wenn Du verlörest?« »Das mußt Du bestimmen.« Er sann kurz nach, dann flog ihm ein Einfall von der Zunge: »Ich weiß etwas – daß Du morgen Deine Sonntagstracht anzögst. Die hat mir als etwas Besonderes gefallen.« Nun lachte sie wirklich. »Dabei käme ich leicht weg, denn morgen ist ja Sonntag, und ich thu's von selbst.« Sie setzte nichts weiter hinzu, doch wartete merklich auf eine Frage von ihm, die er auch stellte: »Aber wenn ich verliere, was verlangst Du von mir?« Darauf schoß ihr die unverkennbar fertig gehaltene Antwort über die Lippen: »Daß Du mir etwas aus Deinem Buch vorlesen sollst –« Erst jetzt begriff er plötzlich, weshalb sie die Rede auf die Wette zurückgebracht habe. Sie trug ein Verlangen nach dem in sich, was ihr durch ihren Ursprung und das Heranwachsen auf der Insel versagt worden, und hatte es drauf angelegt, unter dem Anschein eines Spaßes sich eine Erfüllung dieses Begehrens zu verschaffen. Ihr mochte nachträglich aufgehn, durch die zu eilige Entgegnung habe sie ihrem Verhehlungstrachten zuwider gehandelt, denn sie wandte den Kopf zur Seite, dem Blick Arnolds eine ihr leicht in's Gesicht aufschießende Röthe zu entziehen. Doch er versetzte, als nähme er nichts davon gewahr und fasse ihre Erwiederung nur als scherzhaften Einfall auf; »Gut, so mag die Wette gelten, da hab' ich's beim Verlust noch leichter als Du, denn ich brauche keine Hand dafür zu rühren.« Seine vorherige Mißlaune war bis auf's letzte weggelöscht, er begriff nicht mehr, woher sie über ihn gerathen sei und ihm den thörichten Gedanken, von der Insel fortzugehn, aufgedrängt habe. Oder doch, der Grund für die völlige Umänderung seiner Stimmung lag auf der Hand, ihm fiel, wenn er die Wette verlor, wieder eine manche Stunde ausfüllende Beschäftigung zu, die gefürchtete müßige Leere des Tagesverlaufs konnte nicht eintreten. Aus der Vorstellung kam etwas, das ihm ein Lachen abnöthigte; brauchte er für diesen Gewinn denn die Wette zu verlieren? Das Mädchen schritt stumm vorauf in's Haus, wo jetzt die Mittagsmahlzeit bereit stand, und er folgte nach; mehrere Stunden lang dauerte der Sonnenschein noch unverändert an, doch dann entdeckte sein oftmals den Horizont musternder Blick, daß dieser sich im Westen grau zu färben begann. Die Dunstschicht verdichtete sich zu einer rasch emporrückenden Wolkenbank, und in einiger Entfernung am Ufer stehend, nahm er Age Terwisga schnell aus der Thür kommend und sich nach dem Trockenplatz wendend, gewahr. Mit der Hand prüfend, hob sie an, die Wäsche von der Leine einzusammeln; nun ging er hurtig hinzu, ihr wieder dabei behülflich zu sein. Der angesteigerte Wind pfiff mit sonderbar singenden Tönen, stob ihr manchmal vom unbedeckten Scheitel das Haar über die Augen, so daß ihre Hand es zusammenfassen und zurückstreifen mußte; einzelne Tropfen begannen schon zu fallen, als sie den gefüllten Korb miteinander unter das sichernde Dach trugen. Beide hatten während der geschäftigen Hantierung kein Wort ausgetauscht, nun wie sie unter der Thür Halt machten, sagte Arnold Lohmer: »Es regnet«, und das Mädchen antwortete drauf: »Ja«. Etwas Komisches lag in dieser Erhärtung und Bestätigung des bereits dicht niederrauschenden Regens, und hinterdrein flog Beiden gleichzeitig ein Lachen darüber von den Lippen. * Ebenmäßig ergoß sich die Nacht hindurch der Regen herab, und der Morgen fuhr in gleicher Weise damit fort. Eine dunkelgraue, schwere Decke hielt die Insel und die See überlagert, doch nahm von der letzteren der Blick kaum etwas gewahr, schon bis zum Uferrand verdichtete sich das fallende Wasser zu einem nicht weiter durchsichtigen Vorhang. Kein Schimmer leisester Helligkeit deutete den Stand der Sonne an, es regte den Eindruck, als sei sie heute nicht über den Himmelsrand heraufgekommen, nur eine wie von Schattenfäden durchzogene, unterweltliche Beleuchtung lag über dem grünen Weideland, darauf sämmtliche Rinder eigenthümlich die gleiche Stellung, den Kopf gegen Osten richtend, einnahmen. Sie vermieden dadurch den Anprall des fauchenden Westwindes auf ihre Breitseite, setzten ihm so nur den schmalsten Theil des Körpers aus, doch wie sonst ihr Futter vom Boden rupfend, gleichmüthige Gewöhnung an solche Wetterunbill sprach aus ihrem Behaben; die Schafe hatte man heut' im Pferch zurückgehalten, ihr dickes Wollenfell vor der Durchnässung zu bewahren. Ein trüber Tag war's und ein melancholisches Bild in stärkstem Gegensatz zu der Lichtfreudigkeit, die bisher über Neuwerk gelegen; trotz dem Maiausgang rührte auch die Luft kühlfrostig an. Doch empfand Arnold Lohmer dies nicht, und der Ausblick aus dem Fenster während seines Ankleidens verursachte ihm kein Mißbehagen. Wenn seine Augen durch die kleine Stube umhergingen, trugen die Gegenstände an der Wand und auf dem Gesims ungeachtet des trüben Lichtes wieder ein andres Gesicht als gestern; seine eigne damalige Verstimmung war von ihnen abgefallen, er sah drin nicht mehr einen Raritätenladen-Ausschuß, sondern jedes Ding war etwas für sich und besaß gewissermaßen seine Geschichte. Vermuthlich hatte der Vater Ages Terwisga die Sachen von seinen Fahrten nach tropischen Ländern mitgebracht und seine Tochter war nachher hier zwischen dieser Hinterlassenschaft großgewachsen, von deren Anblick sie täglich an ihren Vater und ihre Mutter, die sie beide nicht gekannt, erinnert werden mußte. Arnold nahm ein Korallenstück herab; das hatte die Kleine wohl schon vielhundertmal so in der Hand gehalten, und es mochte zu ihr, unbestimmte Vorstellungen anregend, von fremden Welten gesprochen haben. Denn ihm war seit gestern aufgegangen, in dem Mädchen sei ein reger Phantasiedrang lebendig, von dem ihr auch das Verlangen nach dem unbekannten Inhalt der Odyssee, die sie täglich in seiner Hand gesehn, eingeflößt worden. Wie der fertig Angekleidete aus seiner Thür hinaustrat, um die Treppe niederzusteigen, vernahm er über sich den dumpfen Aufschlag des schweren Regensturzes auf das Hausdach. Die Herstellung desselben aus Schilfrohr hatte ihn schon bald nach seiner Ankunft gewundert, da es ihm den Gedanken angeregt, bei der häufigen wildstürmischen und nassen Witterung auf der Insel müsse von erwägender Bedachtsamkeit eigentlich eine besser schützende Bedachung aus Gebälk oder Ziegelpfannen vorgesehen werden. Doch erkannte er gegenwärtig das Irrige dieser Meinung, denn während der ganzen Nacht war kein Tropfen von außen durchgedrungen, das Rohr offenbar so dicht und fest verflochten, daß kein Wasser und Wind ihm etwas anhaben konnte und keine andre Dachart eine gleich sichere Bürgschaft geboten hätte. Der von dieser geleistete Halt ließ empfinden, sie sei im Einzelnen fast unangreifbar, wenn der Sturm drüber Herr werden solle, müsse er mit solcher Orkangewalt kommen, um im stande zu sein, das Ganze von den Steinwänden drunter loszureißen und fortzuwirbeln; zweifellos hatte die Erfahrung vieler Jahrhunderte die gleichmäßig bei allen Häusern Neuwerks vorhandene Ueberdachungsweise als die vortheilhafteste herausgestellt. Man mußte eben nicht voreilig eine von anderswoher mitgebrachte Beurtheilung auf veränderte Umstände übertragen, hier drohte weder eine Feuersgefahr, noch sahen die Inselbewohner auf eine vornehme Erscheinung ihrer Gebäude, vielmehr lediglich auf das sich den Naturbedingungen am günstigsten Anpassende. Und ähnlich verhielt sich's im Grunde auch mit dem, was man in einer großen Stadt als den Maßstab der Bildung anlegte. Die Kundigkeit des Lesens und Schreibens würde hier nur höchst selten eine Verwendung gefunden haben, und im Wesentlichsten geistiger Thätigkeit wurden die Leute auf Neuwerk durch diesen Kenntnißausfall nicht beschränkt. Dafür legten sowohl Hadlef wie Belke Terwisga genugsam Zeugniß ab, trugen ihr eigenes Denken und Empfinden in sich, das, wenn, sich's auch mit einfachsten Worten ausdrückte, die Ansammlung einer Welt- und Lebensanschauung in ihnen kundgab, wie sie von so ruhiger Sicherheit und innerlichem Erfassen der Grundlagen des menschlichen Daseins und seiner Befriedigung in wenigen der feingebildeten Häuser Hamburgs auffindbar sein mochte. Dem jungen Arzt war's heut' Morgen nicht mehr begreiflich, daß sein gestriger Mißmuth ihn darüber völlig verblendet und ihm bei noch längerer Andauer seines hiesigen Aufenthaltes gleichsam ein Hungerleiden durch Entbehrung geistiger Nahrungszufuhr vorgetäuscht gehabt. Im Gegentheil erfüllte ihn heut' ein Gefühl, er sei in dieser schlichten Umgebung der Empfangende und Lernende und ihm werde ein natürlicher Drang, sich dafür dankbar erzeigen zu können, beschwichtigt, indem er seinerseits durch das ihm zu Theil Gewordene einen Belehrungsentgelt leiste, einem Mangel und Verlangen der jungen Enkelin seiner Wirthe abhelfe. Mit solchen Gedanken stieg er, sein kleines Buch in der Hand haltend, die Treppe zu den unteren Wohnräumen hinab. Wie er in den Pesel eintrat, verschluckten die dunklen Wände und Hausrathstücke desselben das mattgraue Tageslicht zu noch stärkerer Trübung, als droben in der Giebelstube, nur aus einem Winkel stach durch die halbe Dämmerung etwas Helles hervor, wie wenn sich eine geheime Lichtquelle, ihres Aufgangs harrend, dorthin zurückgezogen habe. Sonntag war's, und es war Age Terwisga in ihrer Sonntagstracht; von ihrem Sitz aufstehend, bot sie dem Ankömmling einen kurzen Morgengruß, ging hinaus, kehrte mit dem für ihn bereit gehaltenen Frühstück wieder und setzte sich wortlos in die Ecke zurück. Eilfertiger als sonst nahm Arnold den Imbiß ein, dann sagte er, den Kopf nach dem Mädchen umwendend, fröhlichen Tons: »Heut' wäre die Wäsche nicht trocken geworden, es war gut, daß ich Dir gestern beim Aufhängen und Abnehmen half. Dazu, dünkt mich, sind überhaupt die Menschen auf der Erde, sich gegenseitig zu helfen, jedem fehlt irgendwas, das ein andrer ihm geben kann und dafür etwas wieder bekommt. Dir ward's nicht möglich, hier auf der Insel lesen zu lernen, das hat mir die Schule beigebracht, und ich sehe heut' ein, daß es auch einen Nutzen für mich hat, denn sonst hätte ich nichts gehabt, Dir meine verlorene Wette zu bezahlen. Hübsch ist's von dem Tag so gemacht, daß ich dabei doch zugleich Deinen Einsatz gewonnen habe, und mir scheint, einen besseren Tag hätte der Himmel uns heute nicht bescheeren können.« Halb im Ernst, halb scherzend sprach er's, leicht über ihre Unfähigkeit zum Selbstlesen als über etwas Selbstverständliches und an sich Bedeutungsloses wegstreifend; im Gegensatz zu seiner gestrigen Mißlaune klang Freundliches und Freudiges aus seiner Stimme. Age erwiederte nichts, doch der Ausdruck ihrer Züge ließ erkennen, sie habe sich um ihres Wettgewinns willen hierher begeben und sitze wartend da. Aus ihren auf den kleinen Band gerichteten Augen sah neben dem Verlangen danach eine ungewisse Scheu hervor; vermuthlich war's das erste Buch, dessen Inhalt ihr zu Gehör kommen sollte, und sie konnte sich keine Vorstellung davon machen, was in einem solchen stehe. Arnold drängte sich erst jetzt etwas bisher nicht Bedachtes auf, seine Zuhörerin könne die Odyssee nicht verstehn, ohne wenigstens einiges von der Vorgeschichte derselben zu wissen; so begann er mit einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts der Iliade, doch mußte auch dazu erst noch einen allgemeinen Ueberblick über die Lage des mittelländischen Meeres, Griechenlands und Kleinasiens voranstellen. Dann erzählte er in wenigen großen Zügen von dem Anlaß des Auszugs gegen Troja, dem Fortgang des Kampfes vor diesem und den hauptsächlichen Anführern und Helden auf beiden Seiten; eines indeß bedingte stets wieder das andre, er erkannte bald als unerläßlich, gleichfalls eine Schilderung der olympischen Götter und Göttinnen, wie ihrer Parteinahme in dem Streit um Ilium einzufügen. Das Mädchen hörte völlig bewegungslos zu, nur in ihren großgeöffneten Augen stand zu lesen, eine fremdunbekannte Welt mit Gottheiten, Menschen, Ländern und Geschehnissen, von denen sie niemals einen Laut vernommen, thue sich vor ihr auf; doch erkennbar war's auch, daß sie gespannte Achtsamkeit auf jedes Wort verwende und alle Kraft ihrer Verständnißfähigkeit anstrenge, um die Ueberfülle der fremden, seltsamen Dinge zu begreifen und im Gedächtniß zu bewahren. Zuweilen fragte der Erzähler bei der Wiederholung eines schon einmal genannten Namens: »Hast Du's behalten, der, von dem ich Dir vorhin sagte –?« Dann jedoch fiel sie jedesmal ein: »Ja, ich weiß ihn noch, er hat einen so sonderbaren Klang, der vergißt sich nicht. –« Offenbar besaß ihr Gedächtniß noch das unbeschränkte Aufnahmevermögen eines Kindes, alles prägte sich ihm als ein neuerworbenes Eigenthum fest ein. Sonst sprach sie nichts; nur als Arnold, wohl nach Ablauf einer Stunde bis zum Ende der Ilias gelangt, sein Buch zur Hand nahm, kam ihr langsam die Frage vom Mund: »Ist das alles wirklich so gewesen?« Darauf entgegnete er mit einem leichten Lächeln: »Eine Dichtung ist's, die berichtet, daß es vor Jahrtausenden so war. Aber weil's eine Dichtung ist, bleibt es immer, ob es einmal wirklich geschehen sein mag oder nicht, und ist auch noch jetzt so. Das kann ich Dir nicht – Du wirst's noch nicht recht begreifen –« Aber dazu nickend, sagte sie ernsthaft: »Ja, ich begreife, es bleibt immer,« und er schlug nun nach der Vorbereitung die Odyssee auf und begann den ersten Gesang zu lesen, dasjenige, was der Hörerin darin nicht verständlich sein konnte, mit kurzen Worten erläuternd. Ihm war's einmal aufgeschossen, er habe sich durch ihren Wunsch bedachtlos zu einem thörichten Vorhaben verleiten lassen, das vollkommen jeder Vorbildung baare Mädchen mit der großen homerischen Dichtung bekannt zu machen; doch wenn er hin und wieder den Blick zu ihr aufhob, sah er, daß sie an seinen Lippen hing, und ein Gefühl ließ ihn fortfahren, ebensowohl wie eine Classe halbwüchsiger Gymnasiasten, nach einigen Richtungen wohl sogar besser, sei sie auch befähigt, das Eigentliche, dichterisch und menschlich Schöne und Werthvolle des Buches in sich aufzunehmen. Ja, gewissermaßen erschien ihm die Odyssee wie von der Natur grade für sie bestimmt, die von Kindheit auf mit dem Meer, mit Ruder und Segel vertraut war, für die es in Wind und Wasser nichts Fremdes noch Furchtweckendes gab. Gegenwärtig in ihrer hellleuchtenden Feiertagsgewandung regte sie zwar solche Vorstellungen nicht an, doch ihr Bild stand ihm doppelt vor dem Blick, neben dem wirklichen in dieser Stunde zugleich ihr andres im enganliegenden grauen Fries am Steuer sitzend, scharf unter dem haarfesselnden Kopftuch durch die weiße Mondnacht nach drohend anrollenden Wellen spähend und beim Dahinjagen durch den Sturm doch ruhig gleichmüthigen Ton's wie am sicheren Ufer von der weißhaarigen Ran sprechend. Zwei Bilder waren's, zwei Menschengeschöpfe, verschieden wie Tag und Nacht; hier das mit einer heimlichen Scheu auf das unbekannte Buch hinblickende, dort das unschreckbar dem tödtlichen Untergang entgegensehende, aber dennoch auch nur eines, dasselbe Wesen in der zwiefachen Erscheinung. Das war, selbst ohne die sogenannten nöthigsten Grundlagen der Geistesbildung, doch im Innern an Verständniß grade für die Odyssee den in allen Naturdingen völlig unerfahrenen Secundanern und Primanern eher überlegen, als ihnen nachstehend, und die Arnold Lohmer beim Beginnen einmal aufgeschossene Empfindung, daß er thöricht vor geistig verschlossenen Ohren lese, schwand bald wesenlos von ihm ab. Eine besser dem Buchinhalt angepaßte Tonbegleitung war kaum erdenkbar; der Wind fauchte und brauste in Stößen um's Haus, und der Niedersturz des Regens klang wie unablässig anrauschender Wogenschlag der See. Der erste Gesang zwar wurde noch nicht von Unwetter, Sturm und wilden Wellen durchtost, sondern berichtete von den Vorgängen auf Ithaka während der zehnjährigen Abwesenheit des Odysseus, den schamlos als Werber die lilienarmige Penelopeia umdrängenden ›Freiern‹ und dem von Pallas Athene berathenen Telemachos, der sich am Schluß mit seinen Umfahrtplänen für den nächsten Tag auf das Lager zur Ruhe begab. Eurykleia, die alte, treue Schaffnerin des Hauses, begleitete ihn mit brennender Fackel in die ›schöngezimmerte Kammer‹ und ›er zog das weiche Gewand aus, Warf es dann in die Hände der wohlbedächtigen Alten. Sie dann fügt' und schmiegte den Rock in Falten und hängt ihn Auf an dem Pflock, zur Seite des schöngebildeten Bettes; Ging dann hervor aus der Kammer, und fest mit silbernem Ring an Zog sie die Pfort, und schob den Riegel davor mit dem Riemen. Dort die Nacht durchruhend, umhüllt von der Flocke des Schlafes, Ueberdacht er im Geist den Weg, den Athene geboten.‹ Das war trotz den auf Neuwerk fremd-seltsam tönenden Griechennamen ein so einfach-natürlicher Abendvorgang, wie er sich ganz ähnlich auch am heutigen Tage noch zutrug, und erstaunt sah die Zuhörende auf, daß manches vor Jahrtausenden in dem fernen fremden Lande fast ebenso gewesen und geschehen sei, wie auf ihrer Heimatinsel. Sichtbar that ihr's leid, als Arnold nach dem letzten Vers das Buch zuschloß, obwohl er selbst gern noch weiter fortgefahren hätte; doch war ihm so viel an pädagogischer Einsicht zu eigen, daß er fühlte, das Aufnahmevermögen des Mädchens nicht überlasten zu dürfen, und außerdem wollte er haushälterisch mit seinem Vorrath umgehn, nie mehr als einen Gesang am Tage verausgaben. Wie's bei seiner eignen poetischen Anlage zu erwarten gestanden, hatte er schön und klar verständlich gelesen; nun knüpfte er noch eine Erläuterung der Versart des Gedichtes an, suchte ihr den Dactylus an der dreifachen Gliederung eines Fingers zu verdeutlichen und seine sechsmalige Wiederkehr im Hexameter zu erklären. Das indeß, obgleich sie beflissen Acht gab, ging ihr merklich weniger gut ein; sie kannte nur ein paar Sprüche und kurze Liedchen, bei denen der Reim ihr das Gedicht ausmachte, sah auf ihre Fingergelenke nieder, doch reimlose Verse machten diese ihr offenbar nicht begreiflich; hier zog sich eine Schranke vor ihr Verständniß. Als Arnold innehielt, stand sie von der Bank auf, sagte kurz: »Ich danke Dir«, und ging zur Thür, doch wandte an dieser noch einmal den Kopf um und fragte: »Hast Du Deiner Braut schon auf ihren Brief geantwortet?« Wie er verneinend erwiederte, setzte sie hinzu: »Dann hast Du ja heute Vormittag noch gut Zeit dafür,« und begab sich jetzt fort, wie's ihm erschien, von häuslichen Verrichtungen in Anspruch genommen. Er stieg die Treppe zu seiner Gaststube hinan, setzte sich an den Tisch und griff, ihrer Mahnung Folge leistend, zur Feder. Dabei gerieth ihm in's Gedächtniß, daß er gestern nicht gewußt habe, über was er seiner Braut schreiben könne, doch das hatte offenbar auch nur von seiner Mißstimmung hergerührt, denn heute floß ihm ohne Nachsinnen eine Fülle des Mitzutheilenden zu. Er berichtete wieder von seiner Lebensführung auf der Insel, die gegenwärtig bei Sturm und Regen nicht minder schön und wohlthätig auf ihn einwirke, als in der Sonnenstille, so daß er keinerlei Verlangen nach der Hamburger Gesellschaft, selbstverständlich mit Ausschluß derjenigen, an die er schrieb, in sich fühle. Unwillkürlich hatte er sie mit ›Du‹ angeredet, bemerkte dies erst nach einer Weile, entschuldigte das Versehen dadurch, daß diese Sprechweise hier allein bräuchlich sei, und fügte nach, sie erscheine ihm auch zwischen sich nahstehenden Menschen als die einzig natürliche; darum fahre er so fort und bitte künftig um die gleiche Anrede, das ›Sie‹ berühre seine Empfindung wie mit einem fremden und frostigen Anhauch. Befriedigung und Freudigkeit klangen überall aus seinen Schilderungen auf; von seinem heut' begonnenen Vorlesen der Odyssee theilte er indeß nichts mit, das hätte er der Empfängerin des Briefes nicht verständlich machen können. Sie würde zweifellos daraus entnommen haben, es müsse nicht ganz richtig in seinem Kopf stehn, daß er sich dazu hergäbe, mit solcher Thorheit bei einem völlig ungebildeten, sogar des Lesens unkundigen Bauernmädchen seine Zeit zu vergeuden. Der Schreibende saß, ein Weilchen innehaltend, und blickte durch's Fenster hinaus; draußen hatte der Regen zeitweilig etwas nachgelassen, nur der Wind fauchte und pfiff in gleicher Weise, eine vereinzelte weibliche Gestalt im grauen Friesrock ging drüben am Uferrand, über den die anwachsenden Flutwellen heraufschlugen. Erst bei schärferem Hinblick erkannte Arnold, es sei Age Terwisga, die sich nicht, wie er gemeint, in der Hauswirtschaft beschäftigte, sondern ihre Sonntagstracht abgelegt und sich in's Freie begeben hatte. Man sah, wie der Sturm das dicke Kleid zugleich eng um sie preßte und flatternd von ihr wegstob, so daß sie's mit einer Hand an sich zu halten suchte; so bewegte sie sich, gegen ihn ankämpfend, langsam fort, blieb ab und zu stehn und hielt, dem Hause den Rücken wendend, ihre Augen eine Zeitlang auf die See hinausgerichtet. Nach und nach gelangte sie weiter und verschwand aus dem Gesichtsfeld; sie schien trotz dem noch sprühenden Regen um die Insel gehn zu wollen, als sei's ihr im Hause bedrückend und wohler in dem Aufruhr der Luft und schwellenden Flut. Wie's zuweilen eigenthümlich geschah, wohl geweckt durch ihren Anblick, doch im Grunde ohne einen ursächlichen Zusammenhang mit diesem entstanden, war Arnold Lohmer ein plötzlicher Gedanke aufgetaucht, den er noch einige Minuten lang erwog. Dann machte er kurz eine bejahende Kopfbewegung, nahm die Feder wieder zur Hand und vollendete den Brief an seine Braut. Lebhaft trat diese ihm dabei in ihrer ausnehmenden Schönheit vor die Augen, ließ ihn voll empfinden, daß er ein Neidenswerther sei, dem eine Anwartschaft auf Lebensglück, wie nur wenigen auf der Erde, zugefallen. Sich dafür durch gesunde Frische an Leib und Seele zu bereiten und würdig zu erzeigen, war eine ihm vor allem obliegende Pflicht, und froh erfüllte ihn die Gewißheit, durch seine Fußwanderung und den Aufenthalt hier das beste Mittel dazu ergriffen zu haben. Die Abschwächung des Regens dauerte nicht lange an, Age kehrte von ihrer Inselumgehung mit schwertriefender Kleidung heim. Bei ihrer Rückkunft stand Arnold grad' unter der Thür und empfing sie mit den Worten: »Du mußt durchnaß geworden sein.« Sie versetzte: »Ja, das thut gut.« – »Nein, das kann übles anthun, wenn Du Dich nicht rasch trocken umziehst.« – Darauf gab sie lachend Antwort: »Das denkt ihr Leute in der Stadt euch so, wir wissen nichts davon, das Wasser ist immer gut.« In's Haus tretend, hielt sie noch einen Augenblick an und setzte hinzu: »Aber Du bist ja ein Doctor, und ich möchte nicht krank werden, daß ich von Dir etwas Bitteres zum Einnehmen bekäme. Da will ich mich doch lieber anders anziehen.« In spaßhaftem Ton war's gesprochen, doch klang draus auch etwas von einer gehorsamen Nachgiebigkeit seiner Ermahnung gegenüber und sie ging jetzt rasch in ihre Kammer. Als er danach am Mittagstisch mit ihr zusammentraf, hatte sie die Kleidung gewechselt, indeß ihre Sonntagstracht nicht wieder angelegt, entgegnete auf eine Frage des Großvaters, das Wetter sei heute zu schlecht dafür. Im Gange des Nachmittags fand Arnold sie einmal wie am Morgen in einer Ecke des Pesels sitzend, doch hob ihre Gewandung sich jetzt nicht hell vom dunklen Hintergrund ab, so daß er sie bei dem mattgrauen Licht nicht gewahrte, sondern den Raum für leer hielt. Erst als er sich wieder hinauswenden wollte, erkannte er seine Täuschung, denn ihre Stimme klang ihm nach: »Suchst Du etwas?« Leicht zusammenschreckend, erwiederte er mit noch ungewissem Blick: »Bist Du's? Heut' früh warst Du eine Möwe und hättest Dich auch in dem Winkel nicht versteckt halten können.« Nach ihrer Art lachend, gab sie Antwort: »Soll das sagen, jetzt bin ich ein Ziegenmelker, Du heißt ihn wohl Nachtschwalbe.« Scherzlaunig fiel er ein: »Ja, von der hattest Du heut' Vormittag etwas in der Weite, als Du gegen den Wind um die Insel flattertest.« Ihr flog vom Mund: »Hast Du mich gesehen?« – »Sonst wär' ich wohl nicht auf die Nachtschwalbe gerathen. Uebrigens hast Du Dich mit ihr verglichen, nicht ich. Warum sitzt sie denn jetzt hier allein in der dunklen Ecke?« – »Der Regen geht wieder zu stark; wenn ein Ziegenmelker nicht herumfliegen kann und nichts weiß, was er besser thun soll, so duckt er sich an einen Balken.« In dem letzten lag etwas verborgen, ein dem Hörer verständlich werdender, leis angedeuteter Wunsch; das Mädchen hatte sich in der Hoffnung hierhergesetzt, er werde, von dem ungünstigen Wetter im Haus festgehalten, kommen und weiter aus seinem Buch vorlesen. Doch war's nicht ihre Absicht gewesen, dies kundzugeben, und rasch davon abbrechend, fügte sie die Frage nach: »Ist das der Brief an Deine Braut?« Er trug ein Papier in der Hand und antwortete: »Ja ich wollte mich erkundigen, ob heut' noch jemand von der Insel an's Land hinüberfahre, der ihn mitnehmen könnte.« Nun stand sie auf und sagte, herzutretend: »Ich glaube, Matthies Schloto fährt nach Cuxhaven; gieb ihn mir, ich will's besorgen.« Einen Augenblick lang den Brief wie auf sein Gewicht in der Hand wägend, setzte sie hinzu: »Man fühlt's ihm nicht an, daß so viel drinsteht. Nennst Du Deine Braut auch ›Sie‹, wie sie Dich?« Der Befragte erwiederte: »Bisher that ich's, aber heute kam's mir, ohne daß ich's gemerkt, anders in die Feder; wohl von dem Brauch hier, weil ich zu Dir ›Du‹ sage.« Daran war eigentlich nichts Lächerliches, doch sie mußte drüber lachen, richtete danach den Blick auf das Papier nieder und sagte: »Könnt' ich's sehen, würd' ich doch nicht sehen können, ob's so dasteht.« Das rief Arnold den Gedanken zurück, der ihm am Vormittag während des Schreibens gekommen, zu dem er sich nach kurzer Ueberlegung selbst bejahend zugenickt hatte, und er knüpfte rasch an: »Möchtest Du nicht lernen, zu lesen? Der Tag ist lang, ich hätte genug Zeit, Dich zu lehren, und Du auch wohl täglich eine Stunde dafür übrig.« Age Terwisga sah ihn, ohne zu antworten, groß an, als ob sie das von ihm Gesprochene nicht verstanden habe oder es als einen Spaß auffasse. Nur ein ihr in die Schläfen schießendes Roth ließ erkennen, daß seine Worte in ihrem Innern eine Erregung hervorgerufen hatten. Nun stieß sie kurz vom Mund: »Ich will fragen, ob Matthies Schloto heute noch fährt,« und den Brief in ihrem Kleid vor der Nässe bergend, lief sie zur Thür hinaus und hastig durch den stürzenden Regen dem Haus auf der Nachbarwurft zu. * Eine kleine Welt des Menschenlebens war's auf der Insel, doch eine große der Natur. Auch diese nicht wie auf dem Festland den Boden mit bunter Lebensfülle überdeckend, kein Baum ragte von der winzigen Erdscholle auf, kaum ein niedriger Busch; sie kannte keine Kornsaat und kein Blühen, nur Graswuchs und ein paar Kräuter dazwischen. So war's gewesen, als die ersten Menschenaugen hier um sich geblickt, in aller Zeit ebenso zu verbleiben. Die erste Kunde davon hatte vor bald zwei Jahrtausenden der ältere Plinius in seiner Naturalis historia der Welt übermittelt: Zweimal während der Länge eines Tages und einer Nacht schwelle in jenen mitternächtlichen Gegenden, unermeßlich heraufflutend, das Meer an und schwinde wieder ab; man könne im Zweifel sein, ob man ein Land oder Meer vor sich gewahre. Dort hause ein bejammernswerthes Geschlecht, das sich auf Hügeln, die Menschenhand so hoch aufgeworfen, als die Flut emporsteige, Hütten gebaut habe; Seefahrenden erschienen die Bewohner gleich, wenn das Wasser alles überdeckt halte, doch Schiffbrüchigen, wenn die zurückweichenden Fluten verronnen seien und ihnen Fische und Muscheln zur Nahrung hinterlassen. Außer stande seien sie, gleich ihren Nachbarn, Rinder zu besitzen und sich von Milch zu ernähren, sogar mit wilden Thieren könnten sie nicht kämpfen, da ihr Land kein Buschwerk trage. Für den Fischfang flöchten sie sich Netze aus Schilfrohr und Binsen, erwärmten ihre Speisen und ihre vom Nordwind erstarrenden Glieder mit einem zusammengerafften Schlamm, den sie mehr im Wind als in der Sonne zum Trocknen brächten. Wasser zum Trinken erhielten sie allein vom Regen, den sie in Erdhöhlungen vor ihren Häusern sammelten und aufbewahrten. Dieser Bericht des römischen Schriftstellers sprach nicht nur von den Inseln, sondern im Ganzen von den germanischen Küstenstrichen an der Nordsee, und noch bis um ein Jahrtausend später hatten sich an diesen die Zustände in der nämlichen Beschaffenheit forterhalten. Dann erst war mählich den vereinzelt auf ihren Wurften hausenden Uferangesessenen aufgedämmert, daß sie sich zusammenthun müßten, mit vereinter Kraft die große gemeinsame Feindin, die Nordsee, von ihren Wohnstätten abzuwehren. So hatten sie mit dem Deichbau begonnen, an dem unablässig Geschlechter um Geschlechter gearbeitet, bis es ihnen endlich gelungen, den langen Dammgürtel von der Westküste der cimbrischen Halbinsel bis zur Emsmündung so hoch und fest herzustellen, daß er eine Schutzmauer nicht nur gegen die gewöhnliche Flut, auch gegen anrasende Sturm- und Springfluten gebildet. Als das Ziel erreicht worden, lag die nordische Uferwelt wundersam verwandelt da. Wuthschäumend brach sich die ohnmächtige Gier des aufstürmenden Wasserschwalls an der schräg langhin abgedachten Außenseite des über haushohen Deiches, hinter dessen Innenseite dem Meer abgerungene, gesicherte Landstrecken entstanden, die Marschen mit dem fruchtbarsten Boden der Erde. Von dem wuchs jetzt Kornsaat in einer Ueppigkeit und zu einer Höhe, wie sonst nirgendwo, empor, unvergleichbare Weideflächen ernährten große Rinderherden. Nun bedurften die Häuser nicht mehr des Schutzes durch aufgeworfene Hügel; um Kirchthürme schlossen sich Dorfschaften zusammen, im Weiterschritt der Jahrhunderte da und dort zu Städtchen anwachsend; Buschwerk und Bäume stiegen auf. Die von Plinius geschilderte, erschreckend trübselige Landschaft bot den vollständigsten Gegensatz zu seiner Darstellung; an die Stelle des Nahrungsmangels, der dürftigsten Armseligkeit waren Ueberfluß und Reichthum getreten. Ein Bauer konnte zu seinem Sohn, der in die Fremde hinaustrachtete, sagen: »Hier ist die Marsch, und die ganze andre Welt, die ist bloß Geest; was willst du dummer Junge da in der Welt?« Geest' ward der höhere, aus Sand, Geröll und Moorgrund bestehende, unfruchtbare Boden am Rande der Marschen benannt, bis zu dem vormals die Meerflut hinangerollt war. Solche Wandlung hatte der Deich geschaffen, doch nur auf dem Festland; die zahlreichen, diesem vorgelagerten friesischen Inseln von der holländischen bis zur jütländischen Grenze nahmen daran nicht theil. In der Mehrzahl sahen sie sich, hauptsächlich die größeren, von der Natur durch Dünenumwallungen geschützt; dagegen ungefähr anderthalb Dutzend der kleineren, ›Halligen‹, die ›Salzwassereilande‹ benannt, lagen dünenlos, noch ebenso der Wasserwillkür preisgegeben, wie ehemals die Festlandsküste. Ihre Zahl hatte früher die jetzige beträchtlich übertroffen, aber unablässig die See an ihnen genagt, sie vermindert, besonders die letzte ungeheure Sturmflut im Jahre 1634 fast die Hälfte von allen mit ihren Häusern und Insassen spurlos verschlungen. Von jeher war überall auf ihnen die Bewohnerzahl zu gering, Kraft und Hülfsmittel derselben nicht ausreichend gewesen, um eine Eindeichung zu ermöglichen; die Ausgaben dafür hätten auch in keinem Verhältniß zu dem Gewinn gestanden. So hausten die Nachkommen noch gleicherweise wie ihre Väter in grauer Vorzeit auf ihren Wurften, bis eines Tag's oder in einer schreckenvollen Nacht die Hochflut donnernd an ihre Häuser, zum Dach emporsteigend, heraufschlug, die Mauern gleich Kartenblättern zerbrach und hurtig alles zerschmettert in gährendem Gewoge mit sich fortriß. Noch als das ›bejammernswerthe Geschlecht‹ des Plinius saß die Halligenbevölkerung auf ihren kleinen Schollen, übriggebliebenen Stücken vom Meer zerschlagener größerer Eilande, ebenso dem schließlichen unabwendbaren Untergang entgegensehend, wie die Vorfahren. Doch mit einer ruhigen von Jahrhunderten überlieferten Gelassenheit und stets von der Arbeitsnöthigung des heutigen Tages über den Gedanken an das, was der morgige bringen könne, hinweggehoben, hinweggetäuscht. Die Halligen erstreckten sich aus Norden von der größeren, durch Dünen und Deich gesicherten Insel Föhr her der schleswigschen Westküste entlang; ihre südlichste und zugleich kleinste war ›Süderoog‹, nur auf einer einzigen Wurft ein Gehöft tragend. Dann trat seitwärts von der holsteinisch-dithmarsischen Küste eine Lücke ein; was hier einmal vordem als Landstrecken aus der See geragt, lag seit Menschengedenkzeit von ihr verwüstet, im ›Sande‹ verwandelt, weitgedehnte Uferstriche, die bei der Tiefebbe zum Theil als trockne Sandflächen dem Wattenmeer entstiegen, dann von zahllosen, nach zurückgebliebenem Wassergethier haschenden Strandvögeln überflattert und überlaufen. Erst diesseits der Elbmündung tauchte wieder als völlig vereinzeltes Eiland Neuwerk aus dem Meer, gleichfalls ringshin von großen Sanden umgeben. So bildete es gewissermaßen ein Mittelglied zwischen den nordfriesischen und den jenseits der Wesermündung dem oldenburgisch-hannoverschen Festland vorgelagerten ostfriesischen Inseln, ungefähr gleich weit nach Westen von Wangeroog, der nächsten unter den letzteren, wie von der Hallig Süderoog im Norden entfernt, die gleicherweise schon außer der Gesichtsweite von Neuwerk lagen. Doch gehörte dies keiner der beiden Gruppen an, stand auch außer Verkehr und sonstiger Verbindung mit ihnen. Schon seit einem halben Jahrtausend hatte die große Hansestadt Hamburg die Hand auf die für ihre Schiffahrt hochwichtige, bis dahin nur O oder Oge benannte kleine Insel gelegt und auf ihr anfänglich einen hölzernen Leuchtthurm, dann, als dieser von einem Brand zerstört worden, den jetzigen aus festen Steinen errichtet, das ›neue Werk‹, nach dem das Eiland seitdem seinen Namen erhalten. Vermuthlich war erst dadurch hier eine menschliche Ansiedlung entstanden, denn die Namen der Bewohner gaben fast sämmtlich niedersächsischen Ursprung zu erkennen, mit alleiniger Ausnahme dessen Hadlefs Terwisga, der vor zwei Menschenaltern von Terschellen hierhergezogen, als einziger Friese auf Neuwerk seßhaft war. Dergestalt theilte die einsam an der Elbausmündung belegene Insel – wohl der Ueberrest einer Halbinsel, die sich in der Vorzeit vom Land Hadeln weit in die See zum Dünenrücken des ›Scharhörner Riffs‹ gegen Nordwest erstreckt – bis auf den kleinen höheren Rücken in ihrer Mitte die Beschaffenheit der Halligen, verstattete keine Kornsaat, ließ nicht Baum noch Busch aufgedeihen, bot den Ansässigen nur Viehweide und Fischfang zur Ernährung. Eine abgeschieden kleine Welt des Menschenlebens war's in wechselloser, dürftigster Umgebung, aber dennoch eine großanrührende der Natur, ihrer Herrschermacht. Fast gewaltiger noch trat diese hier auf, als bei den Halligen, die zum größten Theil von den Inseln Amrum und Föhr gegen die vom Nordwest aufgepeitschten Wasser einige Deckung empfingen. Doch hier lag, abgesehen von der meilenweit entfernten Festlandsküste im Südosten, das winzige Stückchen Erde fast schutzlos der offenen Nordsee ausgesetzt; wäre der Leuchtthurm nicht entstanden, so hätte sich wohl kaum jemand unterfangen, den Fuß zu bleibendem Aufenthalt herzusetzen, sich eine Wurft zum Hausbau aufzuhöhen. Allerdings hatte nach Errichtung der Wurften eine spätere Zeit den Beginn gemacht, auch Neuwerk mit einer künstlichen Umwallung Schutz zu verleihen, doch als diese, hauptsächlich von der ungeheuren Sturmflut des Jahres 1634, zum größten Theil vernichtet worden, waren die Kräfte und Mittel der wenigen Bewohner zur Wiederherstellung zu schwach gewesen, und nur da und dort bewahrten noch einige Ueberbleibsel die Erinnerung an jenen Deichgürtel, gewährten, nothdürftig ausgebessert, stellenweise den Weidestrecken eine wenig verläßliche Obhut. Für ein empfänglich-bewegbares Menschengemüth aber verging hier keine Stunde, die ihm nicht eine Einprägung hinterließ. Alles übte solche Wirkung, das Schöne und das Anschauernde, die rundum bis zum Himmelsrand niedersteigende blaue Kuppel mit der an ihr auf- und abwärts rollenden, flammenden Goldkugel, wie der dunkle, windgejagte Wolkenflug, selbst der bei dämmerndem Unterweltslicht einförmig graufallende Regen. Die in stetem Wechsel immer wiederkehrende und immer wieder abschwindende Flut, das Anschwellen, Rauschen und quirlende Schäumen der Wogen, die todte Ruhe und Stille der Ebbe. Rings im Umkreis die unermeßliche Rundsicht, nun über die uferlose See, nun im Vordergrund über die leeren Watten und Sande, die auch einmal von sommerlichem Grün überdeckt gewesen, Wurften und Wohnungen mit Menschenleben auf sich getragen. Vergangenheit und Gegenwart gingen dem Gefühl ineinander über, in die Heiterkeit mischte sich ein Schattenfall der Schwermuth ein. Weiße Segel wanderten fern vorbei, in's Ungewisse über das trügerische Meer nach fremden Ufern hinausziehend oder glücklich zu heimischen Gestaden rückkehrend. Mit traumhaften Empfindungen überkam ihr Anblick, die Phantasie erregend und Bilder vor ihr heraufgestaltend; als ein kleines Abbild der blinkenden Schiffslinnen schwebte die Möwe mit schneehellem Brustgefieder am Strande entlang, wie ein Klageruf tönte ihr Schrei aus der Luft herab, verhallte und kehrte wieder. Das Menschendasein nahm hier ein anderes Gesicht an, als drüben auf dem festen Lande; was dort in buntem und lautem Getriebe unablässig hundertfältig mit dem Streben nach Gewinn, dem Meiden von Verlust den rechnenden Sinn beschäftigte, sank in der Einsamkeit der Insel ab; nur von Erhabenem umgeben, besann die Seele sich hier auf sich selbst und den eigentlichen Werth des vom Leben Dargebotenen. Arnold Lohmer durchdrang's von Tag zu Tage mit deutlicherer Erkenntniß, er sei aus einer kleinen Welt gekommen und in eine große versetzt worden. * Der Juni, zählte zu den nur wenigen Monaten, die an den deutschen Nordseerändern länger andauernde Sonnentage zu bringen pflegten, freilich vermochte er sie auch durch schwere Stürme, in ihrer Heftigkeit denen des Spätherbstes kaum nachstehend, zu unterbrechen. Doch bewährte er in diesem Jahre seinen guten Ruf, ließ dem trüben Regen niederströmenden Tag bereits am nächsten etwas Aufhellung folgen, und wenn der Westwind auch noch seine Wolkenherde in dichtem Gedränge am Himmel dahintrieb, half er zugleich doch, unten das triefende Weidegras und durchweichte Erdreich aufzutrocknen, so daß die Sonne bei ihrer Wiederkehr am zweiten Morgen nicht viel mehr daran zu bessern vorfand. Auf's Neue ward es, wie's vorher gewesen; der traurig-finstre Ernst, der über der Insel gelegen, war weggeschwunden, sie zeigte abermals ein heiter lächelndes Antlitz, und in einem Einklang dazu scholl auf ihr das Lachen, das oftmals ein Zwiegespräch zwischen dem jungen Gast im Hause Hadlefs und der Enkelin des Alten begleitete. Doch waren sie neben diesem, nun schon seit bald zwei Wochen gewohnten Thun in ein neuartiges Verhältniß zueinander getreten, das eines Lehrers zu seiner Schülerin, die er in der Kunst des Lesens unterwies. Wie dies anzustellen sei, hatte ihm zuerst etwas Kopfzerbrechen verursacht, allein dann war er auf ein eigenthümliches, wohl kaum noch je zuvor angewandtes, doch gut den Zweck erfüllendes Verfahren gerathen. Ihm widerstrebte, seinen Unterricht in einem Raum des Hauses zu ertheilen, die freie Welt draußen bedünkte ihn allein dafür geeignet und geschaffen, so kam er darauf, die dem Mädchen unbekannten Buchstaben nicht auf ein Papierblatt zu schreiben, sondern mit einem feinzugespitzten Stöckchen bei der Ebbe in den tellerebenen feuchten Wattensand einzuzeichnen. Da standen sie in großer Gestaltung genau erkennbar, er benannte sie seiner Zuhörerin mit ihrem Laut, und sie sprach diesen nach, übte sich dann, auch den Schriftzug mit der Stabspitze nachzubilden. Um die Zeit des tiefsten Wasserstandes mußte es geschehn, eine wunderbare Schiefertafel war's und ein seltsamer Schulraum, sich zur Unermeßlichkeit ausdehnend; die Strandvögel, Regenpfeifer, Kampfhähne und Austernfischer liefen trippelnd im Halbbogen drumher, kamen manchmal, wie neugierig zuschauend, näher heran, hoben sich in die Luft und flatterten, ihre Rufe ausstoßend, über die Köpfe des Lehrers und der Schülerin hin. Merkbar strengte diese sich mit aller Kraft an, zu lernen, doch der Erfolg trat zu ihrem Bemühen in kein rechtes Verhältniß. Dem Zergliedern der Worte, die ihr beim Sprechen so leicht und selbstverständlich von der Zunge glitten, stand sie unbeholfen gegenüber, ein erwachsenes Geschöpf, für das Neue und Fremde nicht mehr mit der Eindrucks- und Aufnahmefähigkeit eines Kindes ausgerüstet. Ab und zu sagte sie, den Kopf schüttelnd: »Du giebst Dir umsonst Mühe mit mir, es geht nicht, ich bin zu dumm.« Das kam ihr halblachenden Ton's vom Mund, aber rührte den Hörer jedesmal sonderbar an, als klinge dabei aus ihrer Stimme etwas herauf, das ihn an den klagenden Ruf der Möwen erinnere, und in ihm ward ein Gefühl rege, als ob er vorhabe, eine Möwe in der Buchstabenkunde zu unterweisen. Doch ließ er nicht davon ab, beharrte, die Verzagende ermuthigend, sie lobend, wenn ihr einmal etwas besser gelang, mit unvermindertem Eifer, bis die Lehrstunde zu Ende gegangen. Dann empfing das Mädchen gewissermaßen einen Lohn für die erwiesene Beflissenheit; miteinander suchten sie einen geeigneten Platz auf, zumeist am Hang der Hochwölbung, eines kleinen alten Dünenrückens unter dem Leuchtthurm, ließen sich dort auf dem sonnenwarmen, mit graugrünen Halmen des Strandhafers, da und dort auch mit etwas Haidekraut bewachsenen Sand nieder, und Arnold fuhr im Vorlesen aus dem Odyssee fort. Da zeigte sich Age Terwisga merkwürdig verwandelt, ein wie von Tag zu Tage weiter reifendes Verständniß für die Welt der homerischen Dichtung; das ihr durch die fremdtönigen Namen der Götter und Menschen nicht beeinträchtigt ward. Sie wußte der oft für sie schwierig oder nicht genießbaren Schale überall den eigentlichen Kern zu entnehmen, das Geschehende mit seinen Beweggründen; ihr Gesichtsausdruck that kund, daß sich die Antriebe, Vorstellungen und Empfindungen der handelnden oder leidenden Personen auf sie übertrugen. Reglos horchend saß sie mit lebhafter als sonst gefärbten Wangen, in ihren auf die Seeweite hinausgerichteten Augensternen lag ein eigener, nicht wie von außen auf sie fallender, sondern aus ihrem Innern heraufkommender Glanz. Dann und wann überschlug der Lesende einige Verse, ohne sich selbst Rechenschaft zu geben, weshalb, aus einer unbestimmt-unwillkürlichen Anwandlung. Doch bemerkbar ward's bei der Wiederanknüpfung, und sie fragte einmal: »Warum läßt Du etwas aus?« Das brachte ihm erst den Anlaß zum Bewußtwerden, seine Zuhörerin sei ein Mädchen, für dessen Ohr sich ab und zu eine Stelle der alten Dichtung nicht eigne. Er versetzte: »Weil –« doch stockte, da er den wirklichen Grund nicht angeben konnte, und fügte schnell nach: »Es war etwas, das Du nicht verstanden hättest.« Aber an ihrem, ihm zugewandten Blick wich der seinige dabei vorüber, und eine Röthe stieg ihm in die Schläfen. Zum erstenmal hatte ihn im Zusammensein mit ihr jene Gefühlserkenntniß überkommen, sie gehöre dem andern Geschlecht an und ein Sittengebot sei's, darauf bei ihr nicht weniger Rücksicht zu nehmen, als bei einer vornehmen Hamburger Dame. Eher noch sorglicher, denn von ihrem Wesen ging, dem ihrer Heimathinsel gleichend, eine jungfräuliche Naturreinheit und Unberührtheit aus, wie sie sich in den Kreisen der großen Stadt wohl selten wirklich so, nur dem Anschein nach, vorfand. Und er erschrak bei der Vorstellung, durch eine Unachtsamkeit diese hohe Naturwürde seiner Zuhörerin zu beleidigen, überlas fortan stets erst am Morgen den nächsten Gesang, um eine für Age Terwisga darin nicht passende Stelle unvermerkt ausschalten zu können. Einmal kam der Leuchtthurmwärter Geert Grawander aus seiner luftigen Höhe zu den Beiden, die er schon mehrmals so drunten beisammen wahrgenommen, an den Hang herunter und fragte: »Wat makt Ji hier tosam? Lißt de Herr wat ut dat Book? Ick hör' dat bet na baben; kannst Du dat denn verstahn, Age?« Merkbar hatte eine Neugierde ihn herbeigebracht, er setzte sich gleichfalls auf den Sand und hörte eine Weile lang dem Lesen Arnolds mit zu. Aber dann sagte er, den Kopf schüttelnd und aufstehend: »Nee, dat kann ick nich verstahn, un ick glöv meist, Age, Du kannst dat ok nich un schullst de Tid nich damit verspillen; dat is nix vör us, wul blot as Koken vör fiene Lüd, dato hörst Du doch nich und verdarvst Di de Mag damit.« Er stieg wieder zu seinem Thurmgelaß hinauf, seine Worte lagen dem Ohr Arnolds noch mit drolligem Klang in der Luft, und er fragte: »Soll ich aufhören? Spürst Du schon etwas Uebles im Magen?« Dazu mußte er lachen und das Mädchen that's ebenso; freilich war's eine komische Vorstellung, daß die Odyssee eine schmackhafte Kost für den alten Grawander sein solle. Er hatte sein Lebelang nichts andres im Sinn gehabt, als achtsam die Spiegel seines Leuchtfeuers blank geputzt zu halten und nach den vorbeiziehenden Schiffen auszusehn; das machte die Aufgabe und den Inhalt seines Lebens aus, was damit nicht zusammenhing, nannte er Zeitvergeudung. Doch auch mit Hadlef und Belke verhielt sich's nach dieser Richtung ziemlich in gleicher Weise; die letztere, völlig wieder gesundet, machte nach der Vorschrift des jungen Arztes zur Erholung von ihrer Webstuhlarbeit allnachmittäglich einen Rundgang um die Insel, und ihr Mann begleitete sie dabei, ließ sie nie allein außer Gesichtsweite vom Hause fort. Langsam wanderten die beiden Alten nebeneinander, dann sah man sie wohl da und dort eine Zeitlang am Uferrand stillstehn und auf die Seeweite hinausblicken. Worte tauschten sie nicht viel, das war nicht Friesenbrauch und auch unnöthig, denn jeder wußte, was der andre dachte, und verstand ihn ohne ein Lautwerden der Gedanken. Einmal kamen sie so auch an dem Platz vorüber, wo Arnold Lohmer vorlas, hielten ein bischen an und hörten zu; indeß nur kurz, dann gingen sie weiter. Augenscheinlich fiel die Odyssee an ihnen ähnlich ab, wie an Geert Grawander, sie konnten für sich nichts daraus entnehmen. Der kleine Vorgang brachte Arnold deutlich in's Bewußsein, von allen Bewohnern Neuwerks sei keiner sonst zu einer Antheilnahme an der Dichtung und einem Verständniß derselben befähigt, als Age Terwisga. Wie war sie allein in solcher Umgebung dazu gelangt? Absonderes lag darin, aber doch nicht Unerklärbares; es mußte als ein Erbtheil von ihrer Mutter herstammen, bei der selbst diese Anlage vielleicht nur gering ausgebildet gewesen sein mochte. Doch ihre Tochter war gleichsam als ein südländisches Reis auf den friesischen Stamm der väterlichen Abkunft gepfropft worden, hatte vermittelst der Kraft der letzteren ihren angeborenen Keimtrieb stärker entwickelt. Denn fraglos stellte sie auf der Insel ein solches Edelreis dar; Arnold erkannte mehr und mehr, in ihr müsse von Kindheit auf ein Drang nach höherem geistigem Emporkommen gelegen haben, der ohne irgendeine fördernde menschliche Beihülfe geblieben. Nur aus der großen Naturwelt ihrer Heimath hatte er eine Nahrung aufnehmen können, und nun war dem innersten Kern ihres Wesens, diesem Verlangen durch den Zufall eine Unterstützung zugebracht worden, gegen die sie sich anfänglich mit scheuem Trotz ihrer selbständigen Eigenart ablehnend verhalten. Dann jedoch hatte sie erfaßt, was sich ihr, nicht mehr erhofft, plötzlich dargeboten, und mit ganzer Hingabe suchte sie jetzt daraus den Trieb nach dem immer vergeblich Begehrten zu nähren und befriedigen. Diesen Einblick in ihre Seele erhellte sich Arnold zum erstenmal in voller Klarheit, als die beiden Alten nach kurzem Verweilen ihren Rundweg fortsetzten, und ihnen den Blick nachwendend, sagte er lächelnd: »Deine Großeltern würde das Geschick des Odysseus und der Penelopeia nicht bekümmern, wenn ich es ihnen vorläse; Du bist merkwürdig von andrer Art als sie.« Das Mädchen gab drauf Antwort. »Die brauchen nur sich selbst und wollen nichts, als beieinander sein. Aber mein Leben kommt ja von ihnen her, da muß es auch doch wohl von ihrer Art haben.« Sie hatte kurz aufgesehen, doch ihre Augen gingen bei der Entgegnung am Gesicht Arnolds vorüber, nach ihrer Gewohnheit in die Ferne hinaus, und er fuhr nach der flüchtigen Unterbrechung im Lesen fort. Indeß nicht nur die Zeit dieses Vorlesens und des Unterrichts sah die Beide zusammen verweilen, sondern bei guter Witterung brachten sie täglich noch mehrere sonstige Stunden miteinander zu. Er hatte ja keinerlei Obliegenheit, so begleitete er sie und half ihr bei dem, was sie stets während der Ebbe betrieb. Dann ging das Mädchen mit einem Weidenkorb auf die trockengelegten Sande hinaus, um die dunkelblauen, eßbaren und äußerst schmackhaften Miesmuscheln einzusammeln, sowie mit einem kleinen gestielten Netz aus den Prielen, den tieferen Rinnen, in denen das Wasser zurückgeblieben, Taschenkrebse und ›das Kraut‹, die Garneelen, aufzufischen. Da verwandelte Arnold sich aus dem Lehrmeister zu einem Kameraden, der vielmehr seinerseits auf den Gängen von der Gefährtin mancherlei zu lernen vermochte. Allerhand wunderliches, ihm völlig fremdes Muschelgethier lag auf den Watten verstreut, das große gewellte Kinkhorn mit seinen sonderbaren, kugelich zusammengeballten Eierhülsen, der merkwürdig als Bewohner in ein leeres Schneckengehäuse eingezogene Einsiedlerkrebs, seine vier spitzen Beine aus der Schalenöffnung streckend und mit zwei langgestielten Augen aufmerksam hervorblickend. Runde, stachlichte Seeigel und braunrothe Seesterne mit fünf oder sechs polypenhaften Saugfüßen, auch hellroth berüsselte Fischreusen gesellten sich hinzu; zuweilen hatte die Flut vom tieferen Meergrunde versteinerte Ueberbleibsel aus ferner Vorzeit, ›Donnerkeile‹ und Bernsteinstücke heraufgeschwemmt. Das alles kannte Age Terwisga von Kindheit her, wußte Namen dafür und that es gleichfalls in den Korb hinein; den Bernstein hieß sie mit urältester Bezeichnung ›Glesum‹, eine auf riesenhaftem Schiff umfahrende Göttermutter hatte ihn einstmals als Halsschmuck getragen und das Mädchen deshalb die im Lauf der Zeit von ihr aufgefundenen Bruchstücke auch zu einem Halsband zusammengereiht, dem alte Kraft innewohnte, vor bösen Geistern zu beschützen. Davon sprach sie in einem Tone, der nicht recht unterscheiden ließ, ob sie diese Schutzkraft nur für eine Märe und Aberglauben halte oder selbst davon überzeugt sei, beides schien sich ihr zu vermischen, wie wenn sie's mit dem Verstand ablehne und doch mit einem Gefühl in sich trage. Auf den Wattenwandrungen trug sie keine Schuhe, die hätten sich in den feuchten Grund zu scharf eingedrückt und das Ausschreiten stark behindert; das hatte auch Arnold bald eingesehen und ging, wenn er sie so begleitete, auf ihren erfahrenen Rath wie jeder Inselbewohner ebenfalls barfuß. Vor allem erforderte dies das Ueberspringen der schmaleren Priele mit Nothwendigkeit, beim Anlauf dazu wäre Schuhzeug bis an die Knöchel in den weichen Boden eingesunken. So aber fiel ein leichtes sich Hinüberschwingen möglich, und die Beiden fanden Vergnügen daran, in der Behendigkeit des Sprunges zu wetteifern. Die bloßen Füße Age's zeigten sich, der Größe des Mädchens entsprechend, nicht klein, aber unterschieden sich doch in ähnlicher Art von denen der friesischen Gehöftmägde, wie's an dem Wäschemorgen ihre entblößten Arme gethan. Ihre Breite war erheblich geringer, und aus einer schönen Untadligkeit ihrer Ausbildung sprach unverkennbar gleichfalls die Herstammung von der Mutter. Der Blick des jungen Arztes haftete manchmal mit anatomischer Bewunderung auf ihnen, ihm waren durch seinen Beruf viele Menschenfüße, auch, von Frauen und Mädchen, zur Anschauung gekommen, doch so fehlerlos gestaltete Zehen hatte er kaum je bei einem gefunden, von früh auf durch kein täglich einzwängendes Schuhwerk in der freien Entwicklung beeinträchtigt. Wenn Age Terwisga sich über ein breiteres Wasserrinnsal fortschwang, flog ihr grauer Friesrock zuweilen etwas empor, ließ flüchtig auch das schmale Knöchelgelenk und eine Handbreit des sich zu kraftvoller Wade anrundenden Beines sichtbar hervortreten. Doch offenbar dachte sie nicht dran, dies zu vermeiden, bekümmerte sich nicht darum. Die zimperliche Achtsamkeit und Scheinsprödigkeit städtischer Damen war etwas ihr Unbekanntes, naturgemäß war's so, und ihr kam nicht in den Sinn, was sie beim Sprung kurz zur Schau bot, könne von jemandem als weiblicher Sittigkeit zuwiderlaufend angesehn werden. Nicht nur über Meergethier und Gestein konnte sie ihren Begleiter unterrichten, manches ihm nicht Bekannte wußte sie auch von der Vergangenheit der Insel mitzutheilen. Diese hatte gleich den nordfriesischen Halligen ehedem größeren Umfang besessen, an einigen Stellen war's noch durch Abstufung des Wattengrundes erkennbar, und eine von diesen hielt Age für den Platz, auf dem sich das wichtigste Ereigniß, das Neuwerk erlebt, zugetragen. Das war vor bald vier Jahrhunderten geschehen, als hier noch kein Leuchtthurm gestanden und die einsame Insel, bei den Schiffern arg in Verruf, kaum je von einem Fahrzeug besucht worden. Damals hatte die Hansestadt Hamburg eine Flotte gegen ihre gefährlichsten Feinde, die ›Vitalienbrüder‹ oder ›Likedeeler‹ gerüstet, die seit Jahrzehnten den Handelsschiffen in der Nordsee auflauerten, sie überfielen und wegschleppten oder ausraubten und verbrannten. Ihr Oberhaupt war der weitgefürchtete Claus Störtebeker, ein Mann von gewaltiger Körperkraft und unschreckbarer Tollkühnheit; von einem edlen Geschlecht sollte er abgestammt sein, und die schöne Tochter des großen ostfriesischen Häuptlings Keno ten Broke hatte heftige Liebe zu ihm erfaßt, so daß sie seine Frau ward, die ihn überallhin auf seinen wilden Umfahrten begleitete. Seinen Seeräubernamen trug er von einem ungeheuren Becher, dessen Inhalt er auf einen Zug herunterzustürzen vermochte; bei den Gefangenen, die ihm in die Hände fielen, stellte er eine Probe an, ob sie es ihm gleichthun könnten. Gelang's ihnen, so nahm er sie als brauchbare Beihelfer zu sich aufs Schiff, doch wenn sie sich außer stande zeigten, den Trunk zu bewältigen, warf er sie über Bord. Lange Zeit hatte der mächtige Hansabund, der selbst den dänischen König niedergezwungen, sich von ihm und seinen Genossen in der Ost- und Nordsee auf's schwerste schädigen lassen müssen, bis die Hamburgische Flotte nach Ostfriesland ausgezogen, dort Schlupflöcher und Vesten der Likedeeler eingenommen, die Insassen niedergemacht oder als Gefangene nach Hamburg gebracht, wo ihnen auf der Richtstatt des Grasbrook die Köpfe vor die Füße gelegt worden. Doch half dies dem schlimmen Uebel nicht ab, denn Claus Störtebeker war mit seinen überaus hurtig segelnden Schiffen entkommen, und vergeblich machte der Anführer der hansischen Seemacht, Simon von Utrecht, mit seinem Hauptschiff, der ›bunten Kuh aus Flandern, die mit den starken Hörnern durch das Meer brauste‹, auf die Entronnenen Jagd, bis ihm eines Tag's Kunde ward, sie lägen am Rande von Neuwerk gleich einer Anzahl von Seehunden vor Anker. Ein offener Versuch, ihrer dort habhaft zu werden, verhieß aber keinen Erfolg, da sie sich voraussichtlich im Tageslicht nicht überraschen lassen und die größere Geschwindigkeit ihrer Fahrzeuge ihnen abermals zum Davonkommen verhelfen würde. Dies zu vereiteln, ersann ein Ewerschiffer aus dem Elbdorf Blankenese bei Hamburg einen klugen Plan, ruderte in einer Jolle allein durch Wind und Nebel beim Nachtdunkel an die Insel und begab sich über diese hin zu den Schiffen der Seeräuber, die er, von Meth und Wein berauscht, in festem Schlaf liegend antraf. So gelang's ihm, sich unvermerkt an Bord aufzuentern und in die Angelröhren der Steuerruder geschmolzenes Blei zu schütten; ebenso ungesehen kehrte er danach zur Hamburger Flotte zurück. Die hatte sich im Dunkel durch das gefährliche, mit Untiefen drohende Fahrwasser Neuwerk nicht nähern dürfen doch als der Morgen zu dämmern begann, segelte sie herzu, und wie bei dem Anblick ihrer Uebermacht Claus Störtebeker sich nun mit den Seinigen eilfertig zur sichernden Flucht wenden wollte, versagten ihnen die festgelötheten Steuer, die Schiffe ließen sich nicht bewegen, denn auch das Eingießen von siedendem Oel löste die Bleiklammer nicht ab. Die wilde Räuberschaar mußte den Kampf aufnehmen, der drei Tage und drei Nächte durch angedauert haben sollte. Aber die ›bunte Kuh‹ Simons von Utrecht war zu stark, rannte mit ihren Hörnern das Hauptschiff Störtebekers in Trümmer, die See färbte sich roth vom Blute der Erschlagenen, und zum Schluß ward jener mit dem Ueberrest seiner Helfershelfer gefangen und gefesselt nach Hamburg davongeführt, um dort auf dem Grasbrook gleicherweise wie ihre Vorgänger durch das Richtschwert des ›Meisters Rosenfeld‹ um ihre Köpfe verkürzt zu werden. Vom letzterem Vorgang wußte Arnold Lohmer, erhaltene Volkslieder sprachen davon, wie die Frauen und Jungfrauen Hamburgs mit vielem Wehklagen und Beileid der ungeschreckt-trotzigen, stattlich in ihre reichsten Gewänder gekleideten Seeräuberschaar das Geleit zur Richtstatt gegeben. Ein Reimspruch berichtete, der Meister Rosenfeld habe ›in geschnürten Schuhen bis an die Enkel im Blut gestanden‹, und dran knüpfte sich die Sage, von Einem aus dem ehrbaren Rath sei nach Vollendung der ›Arbeit‹ an ihn die theilnahmvolle Frage gestellt worden, ob er schwer an Erschöpfung leide. Da jedoch habe der Befragte grimmig gelacht und erwidert, ihm sei's nie im Leben wohler zu Muth gewesen und er spüre genug Kraft in sich, um noch den ganzen Ehrbaren Rath ebenfalls um seine Köpfe kürzer zu machen. Das sei diesem aber mit Grausen in die Glieder gefahren, so daß er augenblicklich Auftrag gegeben, einen Kopf, der so gefährliche Gedanken und Gelüste beherberge, gleichfalls vom Rumpf abzuschlagen. Doch daß Neuwerk der Schauplatz des blutig-ingrimmigen Kampfes zwischen den Hamburgern und den Likedeelern, sowie der Niederwerfung Claus Störtebekers gewesen, war Arnold unbekannt, und gespannten Ohres horchte er auf das, was Age Terwisga ihm darüber mittheilte. Ihr Wissen stammte von alten Fortüberlieferungen auf der Insel her, aber sie hatte diese aus eigenem Vermögen zu einer eigenthümlichen Anschaulichkeit der Schilderungen zusammengefaßt, fraglos würde kein Andrer es so gekonnt haben. Mehrfach rührte es den Hörer an, in ihrer Darstellungsweise liege etwas von homerischer Art; mit außerordentlicher Kraft der Phantasie gestaltete sie alles wie Selbstgesehenes und -Vernommenes vor die Sinne, und als sie von der Einschüttung des geschmolzenen Blei's in die Steuer durch den Blankeneser Schiffer gesprochen, hatte es nicht nur den Eindruck geregt, als ob sie zuschauend daneben gestanden, sondern auch, wie wenn der kluge Odysseus von einer seiner listigen Thaten erzählt habe. Eine seltsame, staunenweckende Naturbegabung sprach aus dem Mädchen, dem das Begreifen dessen, was jedes kleine Kind sich spielend zu eigen machte, das Erlernen und Nachschreiben des Alphabetes so schwer fiel; sie vermochte gewissermaßen alles aus sich selbst zu schöpfen, doch nichts ihrem Wesen Fremdes von außen in sich aufzunehmen; dem gegenüber lag eine Schranke vor ihrem Verständniß. Uebrigens, obgleich sie's mit keinem Wort kundgab, wandte merklich ihre Antheilnahme sich mehr den Seeräubern zu, weil diese nicht in gleichgestellt-offenem Zweikampf, sondern durch Anwendung von List ihrer Gegner überwältigt worden; ein Gerechtigkeitsdrang schien sich in ihr gegen das nächtlich-heimliche Festmachen der Steuerrohre aufzulehnen, und Arnold Lohmer konnte sich nicht erwehren, daß diese von ihr ausgehende menschliche Empfindung auch über ihn Macht gewann, obwohl die Anschauung seines Verstandes sich auf die Seite der Hamburger stellen mußte. Sie standen während der Erzählung Ages auf dem trocknen Wattengrund an einer Stelle, bis zu der sich damals der westliche Inselrand erstreckt und wo nach der Meinung des Mädchens die tosende Seeschlacht stattgefunden hatte; nun lag hier ringsum todte Leere und Stille, nur fernher vom Westhorizont kündigte ein dumpftöniges Gemurre die rückkehrende Flut an. So wandelten sich Menschengeschlechter und Dinge auf der Erde, waren auch an diesem einsamen Eiland gekommen und vorübergeschwunden, und die grauen Sande überdeckten wie eine riesenhafte stumme Gruftplatte die Vergangenheit; nur Wind und Welle und die schwebende Möwe blieben immer dieselben, die stets gleiche Gegenwart. Nirgendwo anders konnte die Erkenntniß der Vergänglichkeit des Menschendaseins, das Gefühl dessen, was dies flüchtige Leben als seinen Zweck zu erreichen suchen müsse, so in's Innerste eindringend, überkommen; der junge Arzt blickte ein Weilchen schweigsam in die Ferne hinaus. Dann gerieth ihm eine Frage auf die Zunge: »Sagt die Ueberlieferung nichts davon, ob die junge Frau des Störtebeker mit hier bei dem Untergang ihres Mannes zugegen war und was aus ihr geworden ist?« Age Terwisga, die gleichfalls verstummt gestanden, hob den Kopf und antwortete: »Die wird Ran zu sich heruntergenommen haben, oder sie ist zu ihr gegangen.« Das verstand der Hörer nicht gleich und fragte: »Was meinst Du damit?« Nun versetzte das Mädchen nur kurz: »Sie war eine Friesin«, und bewegte den Fuß zum Weitergehen vor. Arnold aber wachte dabei das Gedächtniß an die Herfahrt von Cuxhaven in der Sturmnacht auf, während der seine Bootführerin ihm von der weißhaarigen Ran erzählt hatte, um ihn über den in jedem Augenblick drohenden Untergang wegzutäuschen, und anknüpfend entgegnete er: »Du sagtest mir im Boot, als wir uns noch fremd waren, Ran strecke ihre Hand nur nach dem, für den es die Stunde sei. Seitdem hast Du mir nicht wieder von ihr gesprochen; thu's jetzt, hier paßt der Ort dazu, und ich höre gern noch mehr, welcher Art sie in der Vorstellung der Leute ist. Denn Du selbst glaubst ebensowenig an sie, als an die Wunderkraft Deiner Bernsteinschnur.« Doch Age schüttelte nur den Kopf und erwiederte: »Weiter kann ich Dir nichts sagen, ich weiß nichts von ihr, meine Stunde war noch nicht.« Merkbar wollte sie heut' von Ran nicht sprechen und hören, fügte ausschreitend hinterdrein: »Wir müssen zurück, die Flut kommt,« und sie wandte sich schweigend vorauf dem Inselufer zu. Nur an seltenen Tagen im Jahr trug die Himmelskuppel über der Nordsee auch bei völliger Wolkenlosigkeit tiefblaue Farbe, meistens mischte sich ein weißlicher Ton hinein und den Horizontrand umgab ein verschleiernder Streifen bläulichen Dunstes oder Duftes, der den Fernblick beschränkte, oft selbst die Festlandsküste nicht mehr wahrnehmen ließ. So zeigte der Junihimmel sich jetzt und verhieß nach langer Erfahrung durch sein Aussehen eine Beständigkeit der guten Witterung; unbeständig dagegen, immer sich ändernd, waren Ebbe und Flut. Die letztere trat täglich beinah um eine Stunde später als am Vortage ein, wie der Mond, ihr Urheber, nach vierundzwanzig Stunden ungefähr mit gleicher Verspätung über den Horizont zurückkam. Dadurch verschoben sich stetig, die ›Gezeiten‹, wie Flut und Ebbe mit einem Sammelnamen benannt wurden; wo vor vier Tagen die Sande am Vormittag vom Wasser überdeckt gewesen, lagen sie nun um diese Zeit trocken, zeigten sich dafür am Nachmittag unzugänglich; jeder Tag brachte im Kleineren solchen Wechsel, nach dem Age Terwisga und ihr Begleiter sich mit ihrem Hinauswandern auf die Watten und Einsammeln in den Korb richten mußten. Gegenwärtig begann die Ebbe schon ziemlich früh am Morgen und erreichte gegen Mittag ihren tiefsten, nur kurz andauernden Stand, so brachen die beiden jetzt alsbald, nachdem Arnold seinen Frühimbiß eingenommen, auf und folgten dem absinkenden Wasser nach, während der Unterricht und das Lesen der Odyssee auf den abendlichen Wiedereintritt der Ebbe verlegt worden. Der Himmel bot seine, Sicherung verbürgende Erscheinung dar, nur im Westen begrenzte ihn ein ganz feiner grauer Strich, so schmal, daß er für den Blick kaum auffaßbar war; weich kam der leise Wind von ihm her, die nur leicht verhängte Sonne überfloß alles mit heitrem Licht und erfüllte auch die Gemüther der beiden nebeneinander Ausschreitenden mit Frohsinn. Ihre Schatten bewegten sich gleichfalls über die Sandfläche fort, trennten sich auseinander und stießen dann einmal plötzlich mit den Köpfen zusammen; darüber scherzten und lachten sie. Rundum blinkten auf den Watten von der See zurückgelassene Dinge, zuweilen mit geheimnißvollem Glanzschein, wie kostbare Schätze; denen liefen sie, jeder nach seiner Seite zu, kehrten wieder, zeigten ihre Funde und verspotteten sich wechselseitig über die Herrlichkeiten, die sie zu entdecken gemeint. Dann blieb Arnold Lohmer einmal wie festgebannt stehn und stieß, mit der Hand deutend, hocherstaunt aus: »Was ist das? Ist da über Nacht eine Insel aus der See aufgewachsen?« Die Umgebung von Neuwerk war ihm nach allen Richtungen schon genau vertraut, und er wußte, daß sich nach Norden wie nach Westen nirgendwo eine Landküste gewahren lasse; doch deutlich hob sich heute vor seinen Augen über dem bläulichen Duftstreifen am Himmelsrand nordwärts ein kleines Eiland auf, länglich hingestreckt und in der Mitte wurftartig erhöht, so klar ausgeprägt, daß man auf der Anwölbung ein Gebäude zu unterscheiden glaubte. Auch Age sah jetzt, der Deutung folgend, hin, hielt den Blick kurz drauf verwandt, aber sagte dann: »Das ist nichts, nur Trug, er wird gleich wieder fort sein.« Dazu hob sie den Arm, machte mit der Hand eine wie wegscheuchende Bewegung, und merkwürdig war's, als ob die Inselerscheinung dadurch in der That zum Fortschwinden gebracht werde, denn sie begann zu verblassen und zerrinnen. Das Mädchen drehte den Kopf davon ab und ging weiter, doch wortlos, wie's den Eindruck machte, durch den flüchtigen Anblick verstimmt und der bisherigen fröhlichen Scherzlust beraubt. Dann indeß brachte sie vom Mund: »Die Ebbe wird heut' so niedrig, daß wir bis nach Scharhörn kommen und sehn können, ob Seehunde dort liegen; aber wir dürfen uns nicht aufhalten.« Und sie gesellte dieser Mahnung ein eilfertiges Fortschreiten hinzu. Unweit gen Norden zog an Neuwerk die breite und tiefe Elbausmündung vorüber, doch im Westen wie im Osten lag es von Watten umgeben, dem Steilsand, Ribbel- und Bottsand, am weitesten westwärts dehnte sich der größte, ›Scharhörn‹ benannte Sand hinaus, mit dem ›Scharhörner Riff‹ endend, das die See beständig mit einem weißen Brandungsgürtel umlagerte. Dort kamen hauptsächlich, um sich zu sonnen, die Robben herauf, von denen dem jungen Arzt trotz seinem Wunsch noch keine zu Gesicht gerathen, da sie in scheuer Vorsicht die der Insel näher belegenen Wattenränder nicht aufsuchten. Ihn erfreute es, heut' vielleicht sein Verlangen, das Age bekannt war, erfüllt sehn zu können, und er beschleunigte mit ihr den Schritt; was sie bei dem Anblick des so sonderbar über dem Dunststreif aufgetauchten kleinen Eilands gesagt und gethan hatte, sowie ihre danach merkbar verwandelte Stimmung war ihm nicht verständlich geworden, und rasch schwand ihm auch beides aus dem Gedanken. Denn die Fortsetzung des weglosen Weg's erheischte Aufmerksamkeit; wenngleich nur selten ein breiteres Priel die Fläche durchzog, enthielt sie doch vielfältig ein feines Geäder von kleinen Tiefrinnen und dazwischen senkten sich Mulden, mit zurückgebliebenem Wasser angefüllt, ein. Auch die Beschaffenheit des Bodens wechselte, der fester war, wo er aus reinem Meersand oder einer Thonschicht bestand; zuweilen indeß bildete eine schwanke Torflage den Untergrund oder Strecken wurden von einem breiigen Schlick überlagert. Rathsam war's, solche brüchig-schlüpfrige Stellen zu umgehn, und das Mädchen, das sie untrügbar sofort mit dem Blick unterschied, gab in öfteren Zickzackwendungen die am günstigsten einzuschlagende Richtung an. Ueberall zeigte sich der Scharhörner Sand gleichmäßig von laufenden und aufflatternden Wattenvögeln bedeckt, die vielfach sich mit Gezänk und Geschrei ihre Beute abzujagen suchten; weiter draußen, der See zu, umschloß ein dichter Kranz größerer dunkler Punkte den Rand des trocken gelegten Sandes, unablässiges rohrendes Geschnatter ließ sie als ein Durcheinander Tausender von Wildgänsen und -Enten erkennen. Neben dieser lärmend-lebendigen Gegenwart redeten todte Reste mit stummer Sprache von einer fernen Vergangenheit, ›Rollholz‹, schwarzfarbige Holzstücke in kuglich oder eiförmig abgerundeter Gestalt, Wäldern entstammt, die in grauer Vorzeit hier gestanden, als noch gesichertes Festland sich weit in das jetzige Gebiet der See hinauserstreckt. Auch ähnlich von rastlosen Wellen rundgeschliffenes und heraufgerolltes Gestein sah hin und wieder aus dem Schlamm, legte letztes Zeugniß von Wohnstätten ab, die einmal Menschenhände in der heutigen weiten Oede erbaut gehabt. Vermuthlich durch Senkung des Bodens waren diese ehemals höher ragenden Landstriche dem zerstörenden Angriff der Wogen preisgegeben worden; indeß hatte sich hier sogar eine Welt mit tropischem Wachsthum befunden, ab und zu bückte Age Terwisga sich, ein Stückchen Bernstein, das ausgeschwitzte Harz eines vorzeitlichen Palmenbaumes aufzuheben; nichts Geringstes entging dem möwenartigen Scharfblick ihrer Augen. So wanderten die Beiden dem Scharhörner Riff entgegen, an dem große dunkle Flecken die Anwesenheit der gesuchten Seehunde kundgaben. Einige lagen unbeweglich, offenbar schlafend, auf dem Sand hingestreckt, doch hinter ihnen tauchten andre im Wasser auf und nieder, schnellten sich, auf dem Rücken oder Bauch schwimmend, hurtig wie in tanzendem Spiel durcheinander. Ein fesselnd unbekannter Anblick war's für Arnold Lohmer, der von der Seite seiner Gefährtin fort sich schnell den nächsten zuwandte, um sie genauer betrachten zu können. Doch hatte er nicht mit der Vorsicht der stets eine Wache ausstellenden Robben gerechnet, denn auf einmal fuhren alle ruhig ausgestreckt liegenden gleichzeitig mit einem jähen Ruck empor, eine schwärzliche Masse drängte sich augenblicklang zusammen, stürzte in's aufplatschende Wasser, und im Nu war die gesammte Schaar spurlos verschwunden. Fast zugleich aber begab sich noch etwas Andres, von dem enttäuschten Zuschauer ebenso Unvorhergesehenes. Er stand plötzlich ganz in eine vollkommen undurchsichtige, feuchtweiche Masse eingehüllt; der Westwind hatte den dünnen grauen Strich vom Horizont heranbewegt, und eine eigenthümliche Nebelschicht war's, die sich offenbar nur niedrig über dem Boden hinzog, denn von obenher schimmerte die blaßblaue Himmelsfarbe erkennbar hindurch. Nach den Seiten dagegen ließ sich auf doppelte Schrittweite nichts mehr wahrnehmen, und Arnold fand keinerlei Anhalt dafür, wo seine Begleiterin geblieben sei. Er glaubte zwar, die Richtung einschlagen zu können, aus der er von ihr gegangen, doch mußte nach wenigen Schritten einsehn, sie aufzufinden sei im wörtlichen Sinne aussichtslos, jede leiseste Abbiegung müsse ihn an ihr vorbeiirren lassen. So blieb er stehn und rief laut: »Age!« Dann nochmals, aber es kam keine Antwort. Erst nach mehrfacher Wiederholung klang's von der entgegengesetzten Seite her, aus der er eine Entgegnung erwartete: »Arnold!« Nun wechselten die Rufe hin und wieder, kamen sich näher, und dann tauchte plötzlich ein sonderbares Bild vor ihm auf. Der Nebel lag, jetzt nach oben scharf abgeschnitten, so niedrig, daß der Kopf des herzukommenden Mädchens bis an den Hals aus ihm hervorragte, von der Gestalt dagegen war kein Schimmer zu gewahren. So nahte sich auf dem grauen Gemenge allein ihr vom dunklen Haar umrahmtes Gesicht, gleich dem aus einer Wasserfläche hervortauchenden einer Schwimmerin, und durch Gegensatzwirkung erschienen ihre Augen, über der Nebeldecke wie zwei blauleuchtende Edelsteine. Auch Arnold befand sich mit dem Kopf ebenso im Freien, ohne daß ihm zur Vorstellung gerieth, er müsse den nämlichen absonderen Anblick bieten; seine Phantasie gestaltete sich im ersten Augenblick das körperlos schwebende oder schwimmende Antlitz zu dem einer Wila, einem in nordischen Sagen umgehenden Meerjungfrauen-Wunder, so daß ihm unbewußt vom Munde flog: »Wer bist Du?« Darauf klang die Antwort zurück: »Wer sollte ich denn sein? kennst Du mich nicht mehr?« und zweifellos war's die Stimme Ages Terwisga, die jetzt rasch dicht zu ihm herankam, und die Lippen beider umspielte gleichzeitig ein lachender Ausdruck, ohne daß sich eigentlich ein Anlaß dazu geboten. Obwohl sie so im gleichen Fall war, fragte sie: »Warum lachst Du?« und er versetzte: »Warum thust Du's?« Doch nach flüchtigem Anhalten fuhr er fort: »Noth, scheint es, lehrt nicht nur beten, sondern auch rufen; ich glaube, wir haben uns durch sie zum erstenmal mit unsern Namen genannt.« Sie erwiderte nichts darauf, ihrem Gesicht ließ sich indeß mit ziemlicher Deutlichkeit entnehmen, derselbe Grund habe auch ihr Lachen veranlaßt; nun sprachen sie einiges hin und her über den jähen Einfall des wunderlichen Nebels, der jedoch für Age nichts Fremdes war. Nach ihrer Erfahrung bedeutete er nicht Uebles, sondern Gutes, sie kannte ihn seit langem, hatte nur früher als Kind nicht mit dem Kopf aus ihm hervorgeragt, und so war's ihr ein paarmal geschehen, daß sie, obwohl in der Nähe der Insel, kaum nach dieser zurückfinden gekonnt. Beim letzten aber brach sie ab und setzte schnell hinzu: »Heute sind wir weit von ihr und dürfen nicht länger warten.« Es schien, daß ihr Ohr einen Augenblick scharf aufhorchte, dann fügte sie nach: »Komm! Halte Dich dicht neben mir, damit wir uns nicht wieder aus dem Gesicht verlieren,« und merklich zur Eile drängend, schlug sie den Rückweg ein. Von diesem, seiner Richtung hatte Arnold nicht die leiseste Ahnung berührt; ringshin war nichts vorhanden, als die fast eben geglättete Nebeldecke, der weißbläuliche Himmel drüber und an diesem ein hellerer Fleck der verhängten Sonne. Nach dem allein richtete sich augenscheinlich das Mädchen, das jetzt auf die Bodenbeschaffenheit nicht Acht gab, keine Zickzackumwege einschlug, sondern ständig gradausgehend, nach jedem Schritt den Blick wieder gegen den lichteren Sonnenfleck aufhob. Manchmal ging's so über klebrige Schlickstrecken, die den Fuß hemmten, oder er sank an Stellen, wo eine Torfschicht den Untergrund bildete, bis über die Knöchel ein, auch Wasserrinnen nöthigten öfter zum Uebersprung. Der junge Arzt sagte einmal: »Wir thun, glaube ich, besser, hier ein Stück nach rechts oder links auszubiegen,« doch seine Begleiterin hielt ohne Erwiderung die grade Richtung weiter inne. Dabei beschleunigte ihr Gang sich immer mehr, sogar breiteren Prielen wich sie nicht aus, verschwand ab und zu auch mit dem Kopf unter dem Nebel, als sei sie in den Boden niedergesunken. Dann hatte sie, ihren Rock fest um die Knie zusammenraffend, ein tieferes Rinnsal durchschritten, Arnold erkannte es nur daran, daß er, ihr nachfolgend, bis zu den Hüften in Wasser eingetaucht war. Wenn sein Kopf wieder frei über die Nebelschicht hinaufgelangte, lag in der Luft ein leises, dumpfes Murren, fernher aus Westen kommend, das ihm den Gehöreindruck regte, sich zu verstärken. Seit wie lange sie schon gegangen seien, wußte er nicht zu bemessen, eine Stunde konnt's gedauert haben, oder auch erst eine halbe; für die Zeit gab's so wenig ein Maß, wie für den Raum umher. Vor seinen Augen war nichts als der Kopf Ages Terwisga und ebenso für seine Empfindung; ihn bedünkte es, als gehe er in einem Traum, der jeden Versuch, über diesen nachzudenken, unter einem nebelnden Gefühlswallen auslösche. Dann schlug einmal ein Ausruf des Mädchens an sein Ohr: »Da sind sie schon!« – »Wer?« fragte er zurück. »Ihre Boten.« Ein kreischendes Gelärm erscholl gleichzeitig über ihm, Tausende von Möwen und Seeschwalben durchschossen und erfüllten auf einmal die Luft, und plötzlich faßte ihn Besinnung und Erkenntniß an, wessen Vorboten sie seien; sie meldeten die Flut, jagten ihr kurz voraus. Darum eilte Age in solcher Hast, mit dem mannigfachen Aufenthalt auf dem Hinweg war's zu weit bis zum Scharhörner Riff gewesen, sie mußte, ihrer sonstigen unfehlbaren Sicherheit entgegen, heute Morgen auch kein Zeitgefühl in sich getragen, den Wiedereintritt der Flut nicht richtig bemessen haben. Doch ihr Ohr hatte offenbar schon länger die Ankündigung derselben aufgefaßt, und sie war sich der durch den Nebel zum äußersten Maß angesteigerten Gefahr bewußt. Arnold fragte jetzt: »Wie weit sind wir noch von der Insel?« Ihre Antwort lautete: »Ich weiß es nicht, wann wir auf sie treffen.« Er suchte möglichst ruhige Gelassenheit in seine Wiederholung ihrer Worte zu legen: »Und wenn wir nicht auf sie treffen, was dann?« »Dann – dann finden wir sie nicht. Es wird schlimmer –« Das letzte bezog sich auf den Nebel, der jetzt in wallende Unruhe zu gerathen und höher aufzusteigen begann, so daß er auch die Köpfe der Beiden umhüllte. Nur der Grund vor dem Fuß ließ sich noch matt unterscheiden, und das Mädchen sagte nun: »Da ist ein breites Priel, mir müssen durch. Aber ich konnte Dir dabei aus den Augen gerathen – komm!« Sie griff nach seiner Hand, zog ihn mit sich durch die Wasserrinne, die unverkennbar von der nahenden Flut sich schon stärker anfüllte, dann liefen sie, so Hand in Hand bleibend, eiligst vorwärts. Doch nur einige Minuten mochten vergangen sein, da kam's ihnen von hinten nach, noch hurtiger laufend als sie. Zuerst fast unmerklich, eine leis huschende, ganz kleine, kaum fühlbar anrührende Welle; rasch aber folgten schon andre um ein wenig höher drein, und wieder neue spülten bereits leicht über die Füße herauf. Mit dem Himmel waren auch die droben wildjagenden Wasservögel unsichtbar geworden, nur ihr unablässiges Gekreisch schlug, wie ein Hohngelächter klingend, herunter, tönte, als ob sie zuharrend auf das Wehrloswerden einer Beute lauerten. Arnold Lohmer kam's klar in's Bewußtsein, zum andernmal greife die Nordsee nach seinem Leben, diesmal mit scheinbar spielender Hand, doch in Wirklichkeit mit Fängen, aus denen, wenn es ihnen zu packen gelang, kein Entrinnen möglich fiel. Aber mit keinem Gedanken dachte er heut' an seine eigene Bedrohung, sondern einzig an die seiner Gefährtin. Wie eine erdrückende Last legte sich's ihm auf, er trage die Verschuldung an ihrem Untergang; zu den Kniekehlen schlugen ihm jetzt die Flutwellen hinan, und im athemlosen Lauf stieß er durch den rauschenden, brausenden Ton des Wassers hervor: »Age, zürnst Du mir?« Sie vernahm's noch und fragte, den Kopf zurückwendend: »Ich Dir? Warum?« – »Daß Du durch mich – weil ich zu den Seehunden wollte –« Was ihr durch seine Schuld bevorstehe, sprach er nicht aus; sonderbar schien sie's zugleich zu bejahen und verneinen, denn ihr Mund erwiderte nochmals, doch ohne einen Klang des Vorwurfs: »Ja, durch Dich kam's, ich gab nicht Acht.« Nun mit Gedankenschnelligkeit stieg das Wasser ihnen zu den Hüften auf, begann die Füße schwanken zu lassen; ihre Hand klammerte sich fester um die seinige. Da verschwand sie, war ausgeglitten und vornübergestürzt. Er bückte sich ihr nach, sie aufzuraffen, auf seine Arme zu heben, doch blitzschnell richtete sie sich selbst empor, von ihren Lippen flog ein unverständlicher Laut – nun noch einer, deutlicher: »Wir haben's« – im Fall hatte ihre Hand ihn nicht losgelassen, riß ihn gewaltsam mit, in halber Besinnungslosigkeit fühlte er, aufwärts. Dann stand er plötzlich auf festem Boden, nicht mehr im Wasser, ihr Fuß war gestrauchelt, weil er unversehens gegen etwas angestoßen, und dies war der erhöhte Rand der Insel gewesen. Fast im letzten Augenblick hatten sie noch, statt an dem kleinen Eiland in's Leere vorbeizuirren, unter der genau richtigen Führung des Mädchens das rettende Ufer erreicht; hinter ihnen, wie in Wuth über die ihr entronnene Beute schäumend, schnob wild die Nordsee an der Küste empor. Wie Arnold Lohmer diese Erkenntniß aufgegangen, brachte er als erstes vom Mund: »Der Himmel hat gewollt, daß wir noch beisammen bleiben sollten – freilich nicht mehr als die, die wir vorher gewesen, denn eigentlich gehörten wir schon zu den Todten und fangen hier in diesem Augenblick ein neues Leben an.« Unwillkürlich flog's ihm heraus, wie es sich seiner Vorstellung aufgedrängt; halb ernsthaft empfunden klang's und halb übermüthig. Age erwiderte: »Ja, es wollte uns nur äffen,« ihre Hand deutete dabei, und in der That zerging jetzt das, was für sie die Hauptgefahr ausgemacht. Der mit der Flut stärker angeschwollene Wind stieß in den Nebel, trieb ihn in die Luft empor, und aus seinen zerrissen umherwogenden Ballen tauchte dicht vor dem Blick der bisher unsichtbare Leuchtthurm auf. Nun sagte Arnold vollernsten Tones: »Schön ist's, daß wir noch auf der Düne die Odyssee weiter lesen können – ich danke Dir für Deine gute Führung, denn ohne sie wäre ich nicht wieder hier.« Seine Hand streckte sich dazu nach der ihrigen aus; sie versetzte: »Nein, von mir war's kein Verdienst, nur ein guter Zufall, aber von Deiner Braut habe ich doch den Dank verdient.« Er fühlte bei den Worten an ihrer Hand, daß sie von einem Frostschauer durchlaufen ward, so daß er, jetzt erst ihrer völligen Durchnässung gedenk werdend, hastig einfiel: »Dich friert, Du mußt Dich rasch umkleiden.« Kurz antwortete sie: »Du auch,« und sie gingen über die Insel dem Gehöft zu. Das dunkle Haar Ages war vollständig aufgelöst, hing ihr wasserschwer bis über die Hüften herab, denn nun schritt sie wieder in ganzer Gestalt sichtbar neben ihm; eigen rührte ihn an, daß ihm lieber gewesen wäre, ihr Kopf schwimme oder schwebe noch körperlos allein über der der Nebelschicht, das grobe graue Kleid stand nicht im Einklang zu jenem wilaartigen Bild. Als sie an's Haus gelangten, ward etwas in seinem Gedächtniß wach, das ihn fragen ließ: »Wo ist Dein Korb geblieben?« sie sah stumm auf ihre leeren Hände nieder, und er beantwortete selbst die Frage: »Den hast Du wohl fallen lassen, als Du nach meiner Hand griffst, damit ich Dir nicht verloren ginge. So bin ich auch daran schuld, daß Du all' Deine gefundenen Schätze eingebüßt hast.« Ueber die hatten sie auf dem Hinweg viel gespaßt und gelacht, und dazu hätte jetzt diese Erinnerung dran wieder Anlaß geboten, denn der Verlust des Korbes mit seinem Inhalt stand in keinem Verhältniß zu dem geretteten Leben. Doch das Mädchen entgegnete nur, ohne die Lippen zu einem Lächeln zu regen: »Ja, er ist weg,« und sie begab sich schnell in ihre Kammer. Hier setzte sie sich auf eine Bank, blieb eine geraume Zeitlang so sitzen, ohne daß ihr der Gedanke an die Nothwendigkeit des Umkleidens kam; fast konnt' es den Eindruck regen, als verharre sie absichtlich in der kalten, triefenden Nässe fort. Aber dann warfen ihre Hände einmal mit plötzlicher Regung die Kleider ab, und eh' sie trockene wieder angelegt, nahm die Kammer augenblick-flüchtig eine Gestalt wahr, die in vollendetem Ebenmaß und wundersamer Uebereinstimmung zu dem Antlitz, das allein über der Nebeldecke geschwebt hatte, stand. Einen halbdrolligen Anblick dagegen bot um eine Stunde später am Mittagstisch der junge Arzt, den Hadlef Terwisga mit Bekleidungsstücken aus seinem Wandschrank versehen; Durchnässung gehörte auf der Insel zu häufigen Vorkommnissen, und die beiden Wattengänger hatten im Hause nichts davon mitgetheilt, daß sie nur mit genauester Noth der Gefahr entronnen seien, von der Flut überholt zu werden. Draußen lag wieder ungetrübte Helligkeit, und der Alte that des vorübergeflogenen Nebels, als eines öfter unerwartet so auftretenden Vorganges keine Erwähnung. Dagegen fragte er, ob Arnold die Luftspiegelung von Süderoog wahrgenommen habe, die, wenn sich auch hin und wieder einmal ereignend, doch zu den seltenen, seit Jahren nicht mehr vorgekommenen Erscheinungen gehöre. Aus dem Sprechen ergab sich, das seltsam im Norden über dem bläulichen Duftstreifen am Himmelsrand aufgetauchte kleine Eiland sei die südlichste der Halligen mit dem Namen Süderoog gewesen, die mehr als sieben Meilen entfernt, in Wirklichkeit unter dem Horizont außer dem Gesichtsbereich liege. Doch bei einer gewissen Beschaffenheit der Luft hebe diese zuweilen, besonders um die Mitte des Vormittags, solche weitentlegenen Dinge, Dörfer, Kirchthürme, auch ferne Schiffe auf der See höher und zum Sichtbarwerden herauf, häufig in umgedrehter Lage, manchmal indeß in der richtigen, zumeist nur für kurze Andauer. Dann und wann geschehe es auch mit einer der ostfriesischen Inseln im Westen so; bewirkt werde der täuschende Vorgang muthmaßlich durch übereinander gelagerte Luftschichten von verschiedener Dichtigkeit, doch eine sichere Erklärung gebe es für die ›Kimmung‹, wie man es heiße, nicht. Deshalb gehe im Mund der Leute um, diese werde von einer Wasserfee, des Namens Einbet oder Morgana, verursacht, und bei den Schiffern trage die Kimmung auch die Benennung Seegesicht. Aus der letzten Mittheilung ging Arnold Lohmer auf, es handle sich um etwas, ihm aus geographischen Büchern Bekanntes, die › Fata Morgana ‹ am mittelländischen Meer und in der afrikanischen Wüste, von welcher dem Reisenden zuweilen derartige Spiegelbilder weitentlegener Gegenden als nah vorgetäuscht werden solle. Daß dies aber gleicherweise an der Nordsee stattfinden könne, hatte er bisher nicht geahnt und vernahm davon mit lebhaft gewecktem Interesse. Uebrigens schien auch Hadlef von diesem Auftauchen der Hallig Süderoog eigenthümlich berührt worden zu sein, ihm etwas Besonderes zuzumessen; er tauschte einmal beim Sprechen einen längeren Blick mit seiner Frau aus, dessen stumme Sprache sie sichtlich verstand und wie zustimmend erwiderte. Age nahm an dem Gespräch keinen Antheil, die Sache war ihr offenbar altbekannt, ließ sie gleichgültig; bevor noch die Unterhaltung drüber zum Schluß gekommen, stand sie auf, einer häuslichen Besorgung nachzugehn, und kehrte nicht mehr an den Tisch zurück. Im Verlauf des späteren Nachmittags traf Arnold, in die Wohnstube tretend, Belke Terwisga bei ihrer gewohnten Beschäftigung an; er hatte nur flüchtig hineinblicken wollen, doch sie fragte, ob er komme, um ihr wieder beim Weben zuzusehen, und es klang eine Aufforderung und ein Wunsch daraus, daß er bleiben möge. So setzte er sich neben sie, und nach Kurzem begann die Alte von der vormittägigen Luftspiegelung zu sprechen, sowie eine Schilderung von Süderoog daran zu knüpfen. Eine der kleinsten Halligen war's, nur ein einziges Wurftgehöft drauf vorhanden, in dem ein Friese, Follrich Folkarts mit Frau und Kindern wohnte. Sie standen, wenn auch etwas entfernt, zu Hadlef in Verwandtschaft, waren deshalb früher hie und da mit ihrem Segelboot zum Besuch hierhergefahren, doch im letzten Jahre nicht mehr. Ihr Auskommen hatten sie, indeß nur ziemlich karg, ihr bischen Weidegrund ernährte nur wenig Vieh, so daß sie ohne Unterlaß arbeitsam sein mußten. Redlichere und bessere Leute aber gab's kaum und dazu bescheidenere, denn sehr wahrscheinlich kamen sie in letzter Zeit um ihrer geringen Umstände willen nicht mehr nach Neuwerk, keinen Verdacht auf sich laden, sie hofften von ihren wohlhabenderen Verwandten eine Beihülfe zu erhalten. Das erzählte Belke, schwieg ungewiß ein bischen, doch hob nach dem Verstummen wieder an, die heutige Erscheinung von Süderoog über dem Himmelrand sei ihr, wie ebenso ihrem Mann, als eine Mahnung und gute Verheißung vorgekommen. Follrich Folkarts hatte neben einer Tochter einen jetzt zwanzigjährigen Sohn, Namens Anlof, und schon seit Jahren hätten sie beide gedacht, aus ihm werde vielleicht der beste und einzige junge Mann für Age zum Heirathen. Denn auf Neuwerk wären keine andre Friesen, und ein solcher müsse er für sie doch sein, damit sie zusammenpaßten, in Freud' und Leid zu einander hielten. Hab' und Gut bekomme sie ja bald einmal als Erbtheil reichlich genug, darauf brauche nicht gesehn zu werden, nur daß der Mann rechtschaffen und tüchtig sei. Das stehe bei Anlof Follrichs nicht in Zweifel, auch hübsch von Gesicht und stattlich wär' er; die beiden hätten als Kinder schon, wenn sie zusammengekommen, miteinander gespielt und sich immer gut vertragen. Darum setzten Belke und Hadlef die alleinige Hoffnung, noch zu erleben, daß sie ihre Enkelin in Sicherheit zurückließen, auf eine eheliche Verbindung zwischen ihr und Anlof, und durch das Auftauchen von Süderoog heut' seien sie gemeinsam mit der Zuversicht erfüllt worden, es habe bedeuten wollen, daß ein Verlöbniß der beiden zu stande kommen werde, wenn sie sich jetzt nur wieder beisammen befänden. Die Alte schwieg abermals ein wenig, eh' ihr weiter vom Munde kam, deshalb halte sie einmüthig mit Hadlef für das Beste, daß Age in den nächsten Tagen, wenn günstiger Wind werde, nach der Hallig hinübersegle, um allerhand Vorräthe als Geschenk und Nachbargruß dorthin zu bringen, denn sie selbst dürfe von dem eigentlichen Zweck der Fahrt nichts ahnen, sonst wehre sich von vornherein ein Mädchentrotz in ihr dagegen; Hadlef aber wolle ein paar geschriebene Worte an Follrich Folkarts mitgeben, damit dieser wisse, was die Verwandten wünschten und hofften. Und nun brachte Belke ein Anliegen an Arnold Lohmer hervor; er sei für sie als Arzt auf die Insel gekommen, doch Age bedürfe weit mehr eines Beihelfers für ihr noch so junges und langes Leben, und so wär's ihr nicht anders, als hätte der Himmel ihn dazu hierhergeschickt. Nämlich, das Mädchen nach Süderoog zu begleiten und mitzuhelfen, daß die Fahrt zum guten Ende führe. Sagen dürfe natürlich auch er ihr nichts von seinem Vorhaben, nicht etwa gradwegs zureden, aber sicherlich könne er unvermerkt einen Einfluß auf sie üben, denn sie gäbe ihm williger als sonst jemand Gehör, weil er ein vornehmer Herr sei, der sich ihrer Unwissenheit so freundlich angenommen, und weil sie wisse, daß er es gut mit ihr meine. Zudem habe er selbst ja eine Braut und könne drum aus eignem Fühlen am besten begreifen, wie nothwendig es für Age wäre, auch solch' einen sicheren Anhalt zu finden, damit ihr Leben, wenn sie allein zurückbleibe, nicht seinen Zweck verfehle. Aus den Aeußerungen und dem Bittwunsch der Sprecherin ging hervor, wenngleich ihr alter Mann bei weitem für sie das Wichtigste auf der Erde ausmachte, sei sie doch auch mit einer innerlichen Herzenssorge für die Zukunft der ihrem Wesen halbfremden Enkelin bedacht, und die Hand ausstreckend, bat sie zum Schluß: »Sag's mir zu, Doctor, und versprich's, daß Du dabei helfen willst, so gut Du's kannst. Denk' an Deine eigne Braut und wie Ihr zueinander haltet, da wirst Du's schon so fertig bringen, wie wir's in der Hoffnung haben, denn sie hört auf Dich.« Arnold Lohmer saß überrascht, wußte nicht gleich, was er darauf erwidern solle. Er nahm lebhaft Antheil an einer guten Gestaltung der Lebenszukunft Ages Terwisga und mußte der Alten beipflichten, daß es dringend nöthig für das Mädchen sei, nicht nach einem Weggang der Großeltern unter der blutfremden Inselbevölkerung ohne einen festen Halt vereinsamt zurückbleiben. So versetzte er nach kurzem Schweigen rasch: »Ja, Mutter Belke, ich will thun, was ich kann,« und nahm ihre Hand dazu. Dieser Zusage kam am Abendtisch Hadlef behülflich durch die Mittheilung entgegen, er wolle in den nächsten Tagen, sobald der Wind es gut möglich mache, Age mit dem Boot einmal nach der Hallig Süderoog hinüberschicken, um seinen Verwandten dort allerhand Dinge zur Nahrung bringen zu lassen, denn die Luftspiegelung am Vormittag habe ihn beunruhigt, als ob sich ein Zeichen drin kundgethan, daß sie an Noth litten. Dem fügte der Alte die Frage an seinen Hausgast nach: »Hast Du nicht Lust, Doctor, die Fahrt mitzumachen? Bei richtigem Wind geht's schnell hin, und Du bekämst die Eidermündung und Pellworm zu Gesicht, bei heller Luft kann man von der Süderooger Wurft auch nach den Amrumer Dünen hinübersehn. Sorge wegen Deiner Braut brauchst Du nicht zu haben, Age bringt Dich sicher wieder her, als ob sie Schifferhosen anhätt'«. Arnold entgegnete rasch darauf: »Wenn sie mich mitnehmen will, thät' ich's gern; bei meinem Fortgehn von Hamburg lag's mir im Sinn, vielleicht nach den nordfriesischen Inseln zu kommen; so ginge das doch in Erfüllung.« Die Fahrt hatte sich in der That seiner Vorstellung als etwas Neues und eigenartig Schönes bemächtigt; ein kurzer Blick Hadlefs drückte ihm Dank für seine Bereitwilligkeit aus. Age entgegnete auf die bedingende Frage, die seine Betheiligung von ihrer Zustimmung abhängig gemacht, mit keinem Wort, doch setzte auch dem Vorhaben ihres Großvaters keinerlei Einwand entgegen. Wie am Mittag begab sie sich bald zur Verrichtung einer häuslichen Obliegenheit vom Tisch fort und kam erst zum Gutnachtwunsch zurück, als Arnold gleich den andern, dem Inselbrauch gemäß, frühzeitig nach seiner Schlafstube davonzugehn im Begriff stand. Das geschah im Juni unter der nordischen Breite noch bei klarer Tageshelle, und er blickte nach eine Weile aus dem offenen Fenster seines Giebelgemachs über die See hinaus. Ein seltsamer Tag war's gewesen, der besonderste seit seiner Ankunft hier. Draußen lag jetzt die Ebbe wieder, und wie um Haaresbreite, bei der leisesten Irrung seiner Führerin im Nebel hätte er gegenwärtig mit Aga Terwisga leblos auf dem Wattensand gelegen, wie ein von der absinkenden Flut zurückgelassenes Rollholz. Er suchte sich eine Vorstellung davon zu machen, wann und wie diese Botschaft nach Hamburg gelangt sein und mit welchem Ausdruck des Gesichtes seine Braut sie empfangen haben würde. Doch ward's ihm nicht möglich, sich dies deutlich vor Augen zu bringen, sie waren von dem langen Tag zu stark ermüdet und wollten zusinken. Seine Lider hoben sich nur beim Auskleiden noch einmal auf und ließen noch einen Blick auf den buntschillernden Riesenmuscheln haften, die der Vater Ages von tropischen Küsten hierher mitgebracht hatte. Dann fühlte er, sich auf's Bett hinstreckend, er sei nicht mehr völlig wach, sondern sein Bewußtsein schwinde bereits in einen Traumzustand hinüber. Denn ein Rauschen war um ihn, er empfand seine Hand fest von einer andern gehalten, und eine Stimme sagte neben ihm: »Ja, durch Dich kam's, ich gab nicht Acht auf die Flut, aber von Deiner Braut hab' ich doch Dank verdient.« * Am nächsten Tage stand der Wind ungünstig aus Norden, doch gab Anzeichen, daß er vorhabe, nach Osten umzulaufen; so trat's auch schon am Abend ein, und der kehrende Morgen sah das Boot mit dem in ihm untergebrachten, durch Linnenbedeckung gegen Kippwellen verwahrten Inhalt an allerhand Nahrungsmitteln zur Abfahrt bereit. Hadlef hatte dem Begleiter seiner Enkelin unter vier Augen ein kurzes, nicht ohne einige Mühsal zu stande gebrachtes Schreiben an Follrich Folkarts eingehändigt, während Belke einen Versuch gemacht, Age zum Anlegen ihrer Sonntagstracht für den Besuch auf Süderoog zu veranlassen. Doch war dies erfolglos gewesen, da das Mädchen den Kopf geschüttelt und erwidert, es würde nicht gut bedacht sein, die hellfarbige Kleidung einer leicht möglichen Schädigung durch Wasser auszusetzen, davon abgesehn, daß sie auch bei etwaiger Nöthigung zum Rudern hinderlich wäre. Beides mußte die Alte, ob auch wider ihr heimliches Wünschen zugeben; so saß Age Terwisga mit ihrem gewöhnlichen blaugrauen Friesrock angethan, im Boot, ihr Haar, wie bei der Nachtfahrt von Cuxhaven her, durch ein umgeknotetes rothes Tuch gefesselt haltend. Dicht ostwärts von Neuwerk führte zwischen dem Ribbel- und Steilsand, eine breite, stets gefüllte Tiefrinne, die ›Kinderbalje‹, gen Norden schnell in das Hauptstrombett der Elbe; die Flut ging ihrer Höhe entgegen, doch war nicht für lange erforderlich. Bei dem frischen Wind gelangte das Boot voraussichtlich vor dem Ebbeeintritt über den breiten Sand der dem Ufer Süddithmarschens weit vorgelagerten ›Norderbank‹ hinweg und erreichte dahinter die offene, kein Hemmniß mehr entgegenstellende See. So konnte das Fahrzeug sich ohne Kreuzschlag gradaus nach Norden halten, das Mädchen nahm den Steuersitz ein, Arnold die Bank ihr gegenüber. Darin glich alles ihrem damaligen nächtlichen Beisammensein, sonst aber stand das sie Umgebende in stärkstem Gegensatz dazu. Nicht der Mond ging auf und warf Lichtblitze durch jagend zerreißendes Gewölk, sondern die Sonne stieg an wolkenlosem Himmel höher über der Elbe empor; kein Gewoge überschlug sich mit zischend weißen Kämmen und kein Sturm fuhr mit plötzlichen Stößen in die Segelleinwand, sie hielt sich unterschiedlos leicht im gleichmäßigen Wind gebauscht. Eine besser begünstigte, muthigere Fahrt ließ sich nicht wünschen, gleich einer in ruhiger Geschwindigkeit ihrem Ziel zuschwebenden Möwe zog das Boot durch die weite besonnte Einsamkeit dahin. Nach Osten begrenzte ein feiner dunkler Strich, nun auftauchend, nun wieder zergehend, den Horizont, die Deichlinie der bald etwas vorspringenden, bald mehr zurücktretenden Westküste des holsteinischen Landes. Sonst war nichts als Luft und Wasser. Der Steuernden nah gegenübersitzend, traf Arnold beim Aufsehen mit dem Blick in ihr Gesicht, sah ihre Augen ihm zugerichtet. Doch die seinigen vermieden heut' ein Begegnen mit ihnen; er fühlte sich bedrückt, daß er etwas heimlich in sich trug und es ihr verschweigen mußte, wie's seine Hand der alten Belke zugelobt. Drum hielt sein Kopf sich zur Seite gewandt, als ob er vorüberfliegenden Wasservögeln nachschaue, und er dachte über das ihm Widerstrebende des seinem Mund auferlegten Verhehlens. Doch war dies nach dem Dafürhalten der beiden Alten nothwendig und geschah zum Besten des Mädchens, deshalb mußte es auch für ihn ein unverbrüchliches Gebot sein. Denn gewiß wollte er nicht minder ihr Bestes, als die Großeltern, trug ein ihn erfüllendes Verlangen in sich, mitzuwirken, daß ihr Leben so festgesichert und beglückend als möglich werde. Das schuldete er ihr aus Dankespflicht, zweimal hatte ihre Umsicht und Hülfe ihm das Leben gerettet, freilich wäre er ohne sie beidemal auch nicht in die Todesgefahr gerathen. So war's nicht eigentlich Dankesschuld, mehr noch der Trieb einer menschlich-warmen Antheilnahme an ihr, der in ihm von Tag zu Tag angewachsen war. Niemals hatte er zu jemandem in einem nahen, wirklichen Freundschaftsverhältnis gestanden, seine Natur zu solchem engen Anschluß nicht veranlagt geglaubt. Doch zum erstenmal erkannte er, sich darin irrthümlich beurtheilt zu haben, denn zweifellos war ein Gefühl, von dem er nach und nach auf Neuwerk stärker überkommen worden, das einer echten Freundschaft. Zwar nicht, wie's sonst meistens stattfand, zu einem Manne, sondern zu einem Mädchen, aber dieser Unterschied barg offenbar keine Bedeutung in sich, das Wesentliche ruhte darauf, daß ein Mensch zu einem anderen Menschen in derartige Beziehung trat. Dann galt das übrige gleich, die Uebereinstimmung im Gemüth machte die Grundlage der Befreundung aus, erzeugte diese. Sie erforderte auch nicht die nämliche Bildungsstufe, nur die gleiche Eigenart des Empfindens, vor allem der großen Naturwelt gegenüber. Die besaß Age Terwisga, im Einklang mit seiner eigenen, wie niemand, den er sonst kannte; ob sie nicht zu lesen und schreiben verstand, es auch nicht mehr erlernen zu können schien, war sie unverkennbar im Innern von einem dichterischen Vermögen der Anschauung und des Verständnisses erfüllt, gewissermaßen selbst ein belebtes Stück Poesie. Aus dem Vorrath seiner Kenntnisse mochte er ihr mancherlei geben, aber nach anderer Richtung empfing er auch von ihr, und ihn bedünkte, seine Gabe sei die geringere. Wohl entfloß die ihrige im Wesentlichen der Inselumwelt, doch dadurch, daß sie selbst ein Theil von dieser war; er fühlte, ohne sie würde ihm das Verständniß dafür nicht derartig aufgegangen, er darin nicht heimisch geworden sein. Denn so empfand er sich auf Neuwerk; eine Nachrechnung ergab, noch nicht volle vier Wochen befinde er sich dort, dagegen war's ihm innerlich, wie wenn er bereits eine unermeßbare Zeit im Gehöft Hadlefs Terwisga zugebracht, Theilnehmer an dem Leben der Bewohner drin gewesen sei. Seine Sinne umfing's mit einer traumähnlichen Täuschung, als ob er das vor ihm am Steuer sitzende große Mädchen schon als ein Kind über die einsamen Watten laufen gesehn und im summenden Wind ihre Stimme sprechen gehört habe. In diese vorüberwechselnden Gedanken und Vorstellungen hinein, klang ihm jetzt einmal wirklich ihre Stimme mit der Frage an's Ohr: »Hast Du heute keine Lust, zu sprechen?« Das brachte ihn zur Besinnung, seine Schweigsamkeit sei etwas Ungewöhnliches, müsse ihr befremdlich erscheinen, und er antwortete mit einer gewissen Hastigkeit: »Die Fahrt ist so schön und macht schweigen, wie in wundervollen Träumen, darin redet man auch nicht, sieht und hört nur. Aber ich habe Dir noch nicht dafür gedankt, daß Du mich mitgenommen hast, das konntest Du wohl mit Recht erwarten.« Um ihre Lippen ging ein leichter Zug, als ob sie lachen wollten, doch schwand gleich wieder von ihnen ab, und sie versetzte: »Mein Großvater hat's ja gewollt, nicht ich; willst Du Einem danken, mußt Du's ihm und Dir selbst, ich thue nur, was er mich geheißen hat, ob mir's auch nicht glaublich vorkommt, daß die Kimmung von Süderoog hat anzeigen sollen, sie litten Noth dort. Aber Mutter Belke meint's auch so, und mir kommt's nicht zu, klüger sein zu wollen, als sie.« Kurz hielt die Sprechende an, setzte dann hinzu: »Ja, beim Träumen spricht man auch selten, hört nur drauf, was Andre sagen. Das ist sonderbar, aber vielleicht ist's darum manchmal so schön, zu träumen. Und daß sie alle Stimmen zum Sprechen haben, die Vögel, der Wind und die Wellen; man glaubt's ihnen auch nicht mit der Vernunft, aber hört doch gern zu, bis man die Augen aufmacht und wach wird.« Die Augen Ages sahen gradaus in das Gesicht ihres Begleiters, er suchte jetzt, ihnen stand zu halten und über seine bisherige Befangenheit Herr zu werden, denn die Verheimlichung der Aufgabe seiner Theilnahme an der Fahrt war ja nichts Schlechtes, sollte vielmehr zum Besten des Mädchens dienen, doch trotzdem wich sein Blick bald noch wieder an der ruhigen Sicherheit des ihrigen vorbei, und er wußte nichts, um ein Gespräch darüber weiterzuführen. Oder ihm lag wohl etwas auf der Zunge, zu fragen, von welcher Art und Aussehen der Sohn Follrichs Folkarts auf Süderoog sei, aber diese Wißbegier durfte er nicht lautwerden lassen, denn sie hätte bei der Befragten einen Verdacht erwecken können. Doch einem Wiedereintritt des vorherigen Schweigens wollte er vorbeugen, ihm kam ein hülfreiches Mittel dazu in den Sinn, und die Hand nach seiner Brusttasche streckend, sagte er: »Ich habe das Buch mitgenommen, vielleicht, dacht' ich, könnte es uns unterwegs zu statten kommen. Hast Du Lust, hier zu hören, wie auf der Düne? So still ist's auch, und nicht einmal Geert Grawander kann zu uns heruntersteigen, um zu fragen, ob Du wieder Deine Zeit verspillst.« Das rief den Nachmittag in's Gedächtniß, an dem sie nach dem Rückgang des alten Leuchtthurmwärters fröhlich beisammen über die drollige Kundgabe seiner Anschauung von Zeitbenutzung gelacht hatten, doch wiederholte Arnold dies gegenwärtig bei seiner Erinnerung dran nicht, und auch das Mädchen that's ebensowenig. Sie hatten überhaupt seit ihrem gemeinsamen Entrinnen aus den Fängen der Flut nicht mehr, wie vordem so häufig, miteinander gelacht; es war, als habe jene nahe Todesgefahr auf sie beide eine ernstmachende Wirkung geübt, ihnen die Lippen von übermüthiger Anwandlung entwöhnt. Age nickte nur bejahend zu seinem Anerbieten und, die Odyssee aufschlagend, begann er vorzulesen. Der Gesang, an dessen Schluß Odysseus durch die Beihülfe der Leukothea vor dem Grimm Poseidons an das Ufer der Phäakeninsel Scheria gerettet worden und dort auf dem Waldlaub in tiefen Schlaf gefallen, war der letzte gewesen, und kurz noch einmal darauf zurückgreifend, fragte Arnold: »Ist's Dir im Gedächtniß wie Leukothea ihm beigestanden, daß er glücklich nach Scheria gelangte, so wie Du mich durch den Sturm nach Neuwerk brachtest?« Unwillkürlich gestaltete sich ihm gegenwärtig dieser Vergleich, das Mädchen nickte abermals bejahend, und er hob den nächsten Gesang an, drin Pallas Athene an das Lager der Nausikaa in der Erscheinung einer Jugendgespielin derselben trat und sie im Traum ermahnte, mit dem Frühmorgen die angesammelte Wäsche zum Strand hinunter zu schaffen: »Welch' ein lässiges Mädchen, Nausikaa, bist du der Mutter! Alles Gewand, so werth der Bewunderung, liegt dir verwahrlost –« Doch bei dem letzten Vers hielt der Lesende, dessen Blick zum nächsten voraufgegangen, stockend an, so daß Age Terwisga, den Kopf aufhebend, fragte: »Willst Du eine Stelle auslassen? Ist's wieder etwas, was ich zu verstehen zu einfältig bin?« Das traf hier nicht in der vorgegebenen Art, wie sonst dann und wann, zu, oder vielmehr überhaupt nicht, ein völlig andersartiger Grund hatte sein Anhalten verursacht. Eigentlich thörichter Weise, denn bei gleichmäßigem Fortfahren hätte in den nachfolgenden Versen nichts zu einem Ausschalten Anlaß Gebendes gelegen, nur durch das Zaudern nahmen sie etwas Besonderes an. Außerdem konnten sie ohne Zerstörung des Zusammenhanges nicht wegfallen, so äußerte er ein paar Worte von Undeutlichkeit des Drucks auf der Seite und las danach rasch weiter: »Und bald steht dir Vermählung bevor, wo Schönes du selber Anziehn mußt und reichen den Jünglingen, wenn man dich heimführt, Denn aus solchem ja geht ein Gerücht aus unter die Menschen, Das uns ehrt; auch den Vater erfreut's und die liebende Mutter. Ich als deine Gehülfin begleite dich, daß du geschwinder Fertig sei'st; denn wahrlich du bleibst nicht lange noch Jungfrau.« Arnold hatte sich bemüht, jetzt möglichst gleichmüthig-achtlos drüber hinzulesen, und fuhr so fort; sein niedergesenkter Blick ruhte auf dem Buch, während die Augen der Zuhörenden sich großgeöffnet auf ihn gerichtet hielten. In ihrem Hintergrunde ging etwas vor, als ob sie auch mit ihnen, aufmerksamer noch als mit dem Ohr, horche und auffasse; ihre Hand ließ einmal flüchtig das Steuerruder außer Acht, das Segel drohte dadurch aus dem Wind zu fallen, und sie mußte mit schneller Drehung das Boot in den richtigen Lauf zurückbringen. Dann zog dies wieder gradaus gen Norden, und Arnold Lohmer las den Gesang der Odyssee weiter. Nausikaa traf nach Pallas Athenes Planung am Ufer mit dem sturmverschlagenen Fremdling zusammen, half seiner Erschöpfung durch Speise und Trank ab und beschloß, ihn in die Wohnung ihrer Eltern zu führen. Doch hieß sie ihn, auf dem Weg dorthin voranzugehn und in einem Hain zu warten, bis das Dunkel einbreche, denn sie scheute davor zurück, daß sonst ein ihnen Begegnender sagen könne: »Was der Nausikaa doch dort folgt so ein schöner und großer Fremdling? Wo fand sie jenen? Der wird ihr Ehegemahl noch; Einen Verirrten vielleicht empfing sie freundlich vom Schiffe Fern entlegener Männer; denn nah uns wohnen ja keine. Oder der Betenden kam ein vielerfleheter Gott nun Hoch vom Himmel herab, und sie wird ihn haben auf immer. Besser war's, wenn sie selber hinausging, einen Gemahl sich Anderswoher zu finden, denn hier verachtet sie wahrlich Alle phäakischen Freier umher, so viel und so edle!« Eigen klang's zum leisen Wellengeräusch in die sonnige Seeweite hinaus, die wohl etwas Derartiges noch niemals vernommen, und noch besser als die Düne war dem Lesen der Odyssee das fortschwebende Fahrzeug angepaßt. Im Hain der Pallas saß am Ausgang des Gesanges der wartende Odysseus und flehte zu ihr: »Höre mich endlich einmal, da zuvor du nimmer mich hörtest, Als mich Verfolgten schlug der gewaltige Länderumstürmer! Gieb, daß im Volk der Phäaken ich Lieb' antreff' und Erbarmung!« Mit der Beendigung des Gesang's schloß Arnold das Buch, und ein Weilchen lag Schweigen über dem weitergleitenden Boot. Dann sagte Age Terwisga: »So beteten die Menschen auch damals schon, daß ihnen vom Himmel her Wünsche erfüllt werden sollten. Glaubst Du, daß da oben ein Ohr drauf hört? Ich glaub's nicht, hab' es schon als Kind nicht gethan. Was man selbst sich nicht geben kann, ich meine, nicht durch sich selbst erhalten kann, das bekommt man nicht.« Solche Gedanken mochte sie schon früher in sich getragen haben, doch es rührte den Hörer an, derartig Ausdruck hätte sie ihnen vor Wochen nicht geben können, ihm war's, als ob die Worte eben vom Mund einer gebildeten Dame gekommen seien. Die Sprechweise des Mädchens hatte sich verändert, nahm wie von Tag zu Tage etwas Feineres an; das war nichts, was sie von außen erlernen mußte, gehörte zu dem, was sie aus sich selbst schöpfte, als keimfähig in ihr gelegen. Aber auch diese Welt- und Lebensanschauung, mit der des jungen Arztes übereinstimmend, war ihr aus dem eignen Innern aufgegangen, zu dem die großen Stimmen der Natur ihrer Heimath von frühauf gesprochen. Eine solche Unabhängigkeit von überliefertem fremdem Denken wäre bei einem weiblichen Wesen in Hamburg kaum vorstellbar gewesen; dort versäumten die jungen Damen niemals den sonntäglichen Kirchenbesuch, auch Lucinde Eschenhagen selbstverständlich nicht, zum Theil damit der Vorschrift des gesellschaftlichen Anstandes nachkommend, doch zum größeren aus Unfähigkeit, sich eigene Gedanken über ihr Dasein auf der Erde zu bilden. Das entsprang ihrer ›Bildung‹, die im Grunde ein lucus a non lucendo war – eigentümlich berührte im letzteren der Anklang an den Namen Lucinde – sich auf äußere Manieren und ein paar oberflächliche Kenntnisse, hauptsächlich das Conversationführen in französischer Sprache beschränkte. Gleichgültig war's, was gesagt und gedacht wurde; geschähe es auf deutsch, so gäbe es zumeist der Armseligkeit einer Unterhaltung von Leuten der untersten Stände kaum etwas nach. Diese Vorstellungen und Empfindungen drängten sich Arnold heut' mit besonderer Deutlichkeit auf, und die endlose Nordseeweite mit dem unermeßlichen Himmelsdom drüber verstärkte ihm das Gefühl des Gegensatzes. Die Frage seiner Gefährtin beantwortend, sagte er: Du weißt schon, ich glaube auch nicht daran, daß die Bitte eines Menschen irgendwo außerhalb unsrer Erde Gehör findet, jeder muß selbst fürsorgen, seine Wünsche in Erfüllung gehn zu lassen, sich das zu gewinnen, was sie ihm als Glück vorhalten. Aber das Gebet des Odysseus erhörte damals Pallas Athene, ließ ihm auf Scheria zu theil werden, was er von ihr erflehte. Freilich that's sie's nicht wirklich, sondern der Dichter mißt es nur ihr zu, daß der vom Sturm Verschlagene die erhoffte Beihülfe und Liebe fand weil Nausikaa ihm diese entgegenbrachte und er in gleicher Weise von Liebe zu ihr erfaßt wurde.« Age fragte: »Kommt das nachher in dem Gedicht?« und Arnold erwiderte: »Es wird nicht gradezu gesagt, aber man fühlt, es muß so geschehen sein.« Doch dazu schüttelte das Mädchen den Kopf und versetzte: »Daraus sieht man, es ist, was Du ein Gedicht heißt. Denn in der Wirklichkeit konnt' es nicht so geschehen, weil Odysseus schon eine Frau hatte, die auf seine Rückkehr wartete. Das wußte doch sicherlich auch Nausikaa und durfte nicht daran denken, daß er seiner Frau ungetreu werden könnte.« Davon abbrechend, setzte sie hinzu: »Aber Odysseus hatte, als sie ihn am Ufer antraf, Speise und Trank nöthig, dafür ist's auch hier wohl Zeit, denn die Sonne geht schon bald gegen den Mittag.« Sich bückend, hob sie aus einem ihr zu Füßen stehenden Korb mitgenommene Eßvorräthe an belegten Broden, hartgesottenen Eiern und einen mit Meth gefüllten Krug hervor; das Boot hatte bereits seit längerem noch bei abnehmender Flut den breiten Sand der Norderbank überquert und, nicht weiter vom Wasserstand abhängig, die untiefenlos freie See erreicht. Zur Rechten machte sich schon die Strombewegung der Eiderausmündung bemerkbar; der herannahende Mittag hatte den Ostwind nicht abgeschwächt, vielmehr nach häufigem Verhalten an wolkenlosen Tagen noch kräftiger aufgefrischt, so daß mit vollgebauschtem Segel das kleine Fahrzeug hurtiger als zuvor dahinlief. Age reichte ihrem Begleiter eine der Brodschnitten, die er nahm und zu verzehren begann, doch langsam und nach einigen Bissen innehaltend, und gleicherweise that's das Mädchen. Das ließ ihn sagen: »Du hast auch noch keinen Hunger, scheint's, die See macht heute nur durstig.« Daraufhin bot sie ihm den Krug und er streckte die Hand danach, hielt diese indeß halbwegs zu den Worten an: »Trinke Du zuerst. Du mußt durstiger sein, als ich.« Dafür war eigentlich kein Grund, und sie fragte: »Warum sollt' ich's?« Er antwortete: »Weil« – doch wußte merklich selbst seine Annahme nicht zu begründen und fügte nach: »Du hast gesteuert und ich nichts gethan, nur ruhig gesessen.« – »Du hast vorgelesen, das macht doch noch eher Durst,« entgegnete sie; dabei blickten beide sich ins Gesicht, und um ihre Lippen ging ein leichtes Zucken über die von ihnen angeführten Gründe, aber ein Lachen ward nicht daraus, doch setzte sie jetzt den Methkrug zum Trinken an den Mund. Danach nahm er ihn, ungeschickt mit der Hand fassend, so daß er erst das Gefäß drehen mußte, um das gleiche zu thun. Wie er's in den Korb zurückstellte, kam ihr vom Mund: »Da ist's.« Er verstand nicht, was gemeint sei, und fragte; sie hob deutend die Hand voraus gegen Norden und erwiderte: »Süderoog.« Da sein Rücken dorthin gewandt war, mußte er sich umdrehen und sah jetzt, noch in weiter Ferne, über der Wasserfläche sich einen kleinen dunklen, in der Mitte etwas erhöhten Strich aufheben. Der also war das Fahrtziel, die winzige Heimathscholle Follrichs Folkarts, für den seine Brusttasche das Schreiben verborgen hielt; eine Zeitlang blieben seine Augen dorthin gerichtet, und bald gestaltete sich's ihm deutlicher, der nämliche Anblick sei's, den er als Luftspiegelungsbild über den Horizont heraufgehoben wahrgenommen habe. Age hatte damals neben ihm gesagt: »Das ist nichts, nur Trug, er wird gleich wieder fort sein,« und dazu eine scheuchende Handbewegung gemacht, als bringe sie mit ihr die Erscheinung wieder zum Wegschwinden. Als Arnold von der Betrachtung der Hallig sich wieder zu seiner vorherigen Haltung umkehrte, fiel ihm eine Veränderung im Aussehen Age's auf, ohne daß seinem ersten Blick klar wurde, was es sei. Aber dann bemerkte er, sie trage etwas um den Hals, und halb über die Brust herabhängend, was bisher nicht dort gewesen, darin er bei genauerem Hinblick eine Schnur mit aneinander gereihten, größeren und kleineren Bernsteinstücken von hellerer gelber und dunklerer brauner Färbung erkannte. Augenscheinlich waren das ihre seit langem angesammelten, zur Herstellung eines Halsbandes benutzten Wattenfunde; sie hatte dies auf die Fahrt mitgenommen und jetzt bei der Annäherung an Süderoog als Schmuck umgelegt. So trachtete sie doch danach, dort durch einen Zierrath Gefallen einzuflößen, wenngleich die Kette aus ungeschliffenen Rohstücken um den Nacken einer Hamburger Dame schwerlich den Eindruck eines Putzes erregt hätte. Das überraschte den stumm draufhin Schauenden und nicht in angenehmer Weise, sondern befremdend, stand ihm mit dem Wesen des Mädchens oder seiner Vorstellung davon nicht im Einklang. Sein Empfinden wuchs zu einer Mißstimmung an, er fühlte, diese müsse sich ihm im Gesicht ablesen lassen, und wandte, um sie zu verbergen, den Kopf wieder gegen Norden zurück. Einen Vorwand gab dazu, daß jetzt zur Rechten die schleswigsche Halbinsel Eiderstedt mit einem weißen Dünengürtel weit in die See vorsprang; die Fahrt ging ihr so unfern entlang, daß die Gliederung der Sandhügel und hinter ihnen der Thurm des Kirchdorfs Sanct Peter klar erkennbar wurden. Hier begannen indeß wieder breite, bei der vorgeschrittenen Ebbe schon fast trocken werdende Wattenbänke sich herauszustrecken und erforderten ihre Umkreisung; das Boot lenkte etwas von seiner bisherigen graden Richtung ab, bog dann wieder um, merklich einer Tiefrinne zwischen den Sanden nachfolgend, von Age Terwisga, wie's Hadlef gesagt, mit der Kundigkeit eines alterfahrenen Schiffers geleitet. Arnold saß in Gedanken, die sich durch seinen Kopf drängten und vorübertrieben, ohne eine deutliche Gestaltung anzunehmen; zur Seite gewahrte er einmal wieder ein breites, eigenthümlich in raschem Fluß sich westwärts bewegendes Wasser. Der Heverstrom, aus dem schleswigschen Innenland her hier ausmündend, war's, gegenwärtig nicht durch Gegendrang der Flut gehemmt, vielmehr von der Ebbe verstärkt. Quer ging's drüber fort, die nördliche umdeichte Küste von Eiderstedt schwand zurück, und nun sah der Aufblickende Süderoog schon über Erwarten nah herangerückt, er mußte länger als eine Stunde ohne Achtgabe drauf in sein Nachsinnen vertieft gesessen haben. Länglich hingestreckt lag die kleine Hallig da, in der Mitte hob sich auf der Wurft das einzige Gehöft empor, Watten, nicht sandig sondern mit einem grauen, weichen Schlick bedeckt, dehnten sich um das winzige Landstückchen. Doch zweigte nicht weit an diesem vorüber gegen Nordwest von der Hever ein schmales, Wasser enthaltendes Priel ab, darin zog das Boot noch eine Strecke weiter. Aber dann ließ seine Führerin das Segel fallen, näher hinan war zur Zeit nicht zu gelangen. Ob auch die Wurft nicht viel höher als ein Dutzend Fuß über dem grünen Weidegrund des Eilandes aufragte, bildete doch das Haus eine Warte, von der sich in stundenweitem Umkreis jedes Fahrzeug gewahren ließ, unbemerkt vermochte keines heranzukommen. So war dies auch jetzt nicht geschehen, ein kräftig gewachsener junger Mann hatte sich bereits seit einer Viertelstunde von droben herunterbegeben, die Hosen bis zu den Knien aufschiebend den schlüpfrigen Wattenboden überwatet und stand wartend an der Stelle, wo das Boot, als an der nächsterreichbaren, sich festlegen mußte. Wohl sechs Schuh' hoch, als eine unverkennbare Friesengestalt blickte er den Ankömmlingen entgegen, baarhäuptig, der Wind blies ihm das hellblonde Haar um Stirn und Schläfen. Ein ungefähr Zwanzigjähriger war's mit hübschgebildeten Zügen und ungemein offenem, treuherzigem Gesichtsausdruck; zwischen dem lose am Hals klaffenden Hemd aus derbem Linnen sah ein Stück der kraftvoll gewölbten, bräunlich verwetterten Brust hervor. Seine wasserblauen Augen überlief's mit einem flüchtig aufglimmernden Schein, als das Boot so nah herangekommen, die Insassen drin von Gesicht erkennen zu lassen, und ihm fuhr vom Mund: »Büst Du dat. Age Terwisga? Dat harr ick mi hüt Morgen nich dacht.« Die Angerufene erwiderte zunächst nicht drauf, erst als sie das Segel eingerafft und festgemacht: »Vater Hadlef schickt etwas für euch im Korb, Anlof Follrichs, er glaubt, es käm' euch zu paß.« Beim Sprechen hob sie den schwer vollgepackten Korb auf die Bank, der junge Friese antwortete: »Ick will vörst Di röwer drägen.« Doch sie versetzte: »Thut bei mir nicht nöthig, ich bin barfuß, aber der Herr braucht's.« Sie hatte Schuhe und Strümpfe ausgezogen, nahm beide in die Hand, glitt behend über den Bootrand, und ging, ihren Rock leicht aufraffend, rasch durch den weichen Schlick dem steinwurfweit entfernten Landsaum der Hallig zu; hier spülte sie in einer kleinen Wassermulde hurtig den grauen Schlamm von den Füßen ab und legte ihnen die Bekleidung wieder an, so daß sie fertig dastand, als Anlof Arnold Lohmer rittlings auf den Schultern herzutrug. Das war auf den Halligen zur Ebbezeit selbstverständlich bei beschuht ankommenden Gästen; der junge Friese begab sich noch einmal zurück, um den Korb zu holen und das Boot bis zum Fluteintritt fester vom Priel auf den Sandrand heraufzuziehn; neben dem Mädchen auf seine Wiederkehr wartend, fragte Arnold, dem ihre Benennung Anlofs aufgefallen war: »Ist er denn nicht der Sohn des Besitzers der Insel? Der heißt doch Folkarts?« Das verstand die Befragte nicht gleich und entgegnete: »Ja, Anlof Follrichs ist's;« erst dann ging ihr auf, was er nicht begriffen, und sie erklärte ihm, daß bei den Nordfriesen der Sohn als Geschlechtsnamen nicht den seines Vaters, sondern dessen Rufnamen trage. Follrich Folkarts Vater habe Folkart Rutgers geheißen und sein Sohn nun Anlof Follrichs; darüber kehrte dieser mit dem Korb zurück, hörte das letzte mit an und sagte, den Mund zu einem Lachen verziehend: »Jo, un wenn ick mal en Söhn heff, denn heet he Anlofs, as mit Vörnam weet ich noch nich. Mi dücht, Du büst noch höger upwussen, Age.« Von der Wurft kamen jetzt drei Leute herabgegangen, zwei schon mehr bejahrte, ein junges Mädchen hinter ihnen. Follrich Folkarts und seine Ehefrau Banke Jaspers waren's mit ihrer Tochter Mitje, mehr an Bewohnern gab's auf der Hallig nicht. Gleichmäßig wiesen sie gute, derbe Gesichtszüge und Gliedmaßen auf, denen man tägliche harte Arbeit ansah, besonders die rauhen, knochigen Hände des ungefähr Age Terwisga gleichaltrigen Mädchens bildeten einen stark augenfälligen Gegensatz zu den schlank ebenmäßigen Fingern jener. Alle zeigten sich über die unerwartete Ankunft Ages erfreut, während sie ihren unbekannten Begleiter merklich mit einiger Verwundrung anblickten, doch wortlos; zu fragen, wer er sei, war nicht Friesenbrauch, noch Gehörigkeit. Nur Banke Jaspers kam nach einigem Zuwarten vom Mund: »Is dat de Brüdigam?« Darauf erwiderte Age: »Ja, er ist ein Bräutigam, seine Braut wohnt in Hamburg, und ein Doctor ist er, der wegen Mutter Belke zu uns nach Neuwerk gekommen.« Die Antwort erleichterte wahrnehmbar der Frau die Brust, sie stieß aus: »Dat is jo godt!« fuhr danach in einer Arnold unverständlichen Sprache, der friesischen, die sie unter sich redeten, fort. Das Mädchen versetzte drauf: »Das weiß ich nicht, Banke,« und fügte, sich zu dem jungen Arzt umwendend, hinzu: »Sie hat eine kranke Kuh und fragt, ob Du die auch wieder besser machen kannst.« Mitje Follrichs stand neben ihr, faßte mit den Fingern nach ihrer Bernsteinschnur und sagte: »Dat sünd jo grote Stücken, hest Du de sülbn funn'n? Wenn Du de verköffst, kriggst Du wat davör.« Die Angesprochene erwiderte, kurz mit dem Kopf schüttelnd: »Dafür hab' ich sie nicht gesucht,« und Anlof fiel ein: »Nee, de sünd godt umtohangen, dat een nix Böses ankam kann.« Banke Jaspers sagte nun: »Ji mögt wul Kaffee drinken, farrig is he nich, ick wuss' jo nich, wer do keem, awers dat Kaken duert nich lang. Denn wüllt wi rup gahn.« Herausfühlen ließ sich, daß Age Terwisga für die Frau ein besonderer Gast sei, dem Zurüstung vom Besten im Hause gebühre; Arnold Lohmer wandte sich an ihren Mann mit dem Wunsch, vorher einen Rundgang zur Besichtigung der kleinen Insel zu machen. Ihm war's, als erzeuge das Schreiben Hadlefs in seiner Tasche ihm ein körperlich peinigendes Empfinden auf der Brust, und er trug Verlangen, das Papierblatt so rasch als möglich nach seiner Bestimmung abzugeben. Der Angesprochene erwies sich sofort willfährig; vielleicht nirgendwo sonst mehr in der Welt hatte sich aus ältesten Tagen der Begriff und das Pflichtgeheiß der Gastfreundschaft so forterhalten, wie auf den Halligen; in ihrer schlichten, selbstverständlichen Uebung lag etwas noch an die homerische Zeit Erinnerndes, auch für den wildfremd Angelandeten, doch als Gast Empfangenen bedurfte es nur des Aussprechens eines Wunsches, um diesen seinem Wirth zum Gebot zu machen. So schritten die Beiden miteinander davon, während die übrigen zur Wurft hinanstiegen; im Ganzen erregte Süderoog dem Umschauenden ähnlichen Eindruck wie Neuwerk, doch mochte sein Umfang nur den vierten Theil von dem des letztern betragen, und sein mit Graswuchs bedeckter Boden hob sich kaum über den ringsumgebenden Wattengrund empor; zwei weidende Kühe und ein Dutzend von Schafen machten den ganzen Viehbesitz aus. An Stellen ward erkennbar, wie Neuwerk sei auch dies Eiland ehemals größer gewesen; Follrich Folkarts wies ab und zu mit der breiten Hand, dort habe in seiner Kindheit noch seitdem vom Wasser weggefressenes Weideland bestanden. Anderes wußte er nur aus seines Großvaters Mund; am Westrand der Hallig, wo jetzt sich grauer Schlick dehnte, hatte vor Zeiten ein gemauerter Leuchtthurm in die Höh' geragt, der aber in einer schweren Flutnacht spurlos weggeschwunden war, nur dann und wann redete ein aus dem Schlamm herausgespülter Ziegelstein von ihm. Damals war auch noch eine zweite Wurft auf der Hallig gewesen, deren Gehöft von der nämlichen Flut in Stücke geschlagen worden; sie sollte das festgeflochtene Schilfdach, auf das die Bewohner sich zuletzt hinaufgeflüchtet, vom Haus losgerissen und mit ihnen in die See hinausgeschwemmt haben; weitere Kunde von ihrem Verbleiben gab's nicht. Follrich erzählte davon nicht als etwas Besonderem, vielmehr in gleichmüthigstem Ton und fügte ebenso nach: »Jo, wi gaht all mal so weg.« Er, wie seine Angehörigen, sprachen außer dem Friesischen nur plattdeutsch, waren des Hochdeutschen nicht weiter mächtig, als daß sie's verstehen konnten; Süderoog lag von allem Verkehr mit andren Menschen noch weit einsamer, stiller und unbeachteter ab, als Neuwerk. Doch klang vom Nordende der Insel her, wo sie in eine spitze Zunge auslief, ein unterlaßloses Gelärm, und man sah dort eine kleine Anzahl von möwenartigen, beständig auf und niederschießenden Vögeln mit weißblitzendem Brustgefieder die Luft erfüllen. Arnold fragte, was es sei, und erhielt die Antwort: »De sünd sit dree Johrn vun Sylt röwer kamen, do hebbt se ehnder bröd, nu doht se dat hier, warum weet ick nich. Wimmerswulken gifft se de Vagelmann in Husum den Nam un seggt, dat is wat Rares hiertoland. Awers se schüllt man bliwen, wi könt se god bruken un hebbt keen anner Eier nödig. Hest Du Lust, se neeger antosehn?« Auf eine Bejahung wandte der Sprecher sich der Landzunge zu und sagte nach einer Wegstrecke nur noch einmal: »Verfehr Di awers nich.« Doch im selben Augenblick fuhr der junge Arzt in der That zusammen, denn gleichzeitig stob es dicht vor ihm wie eine tosende Wolke vom Boden in die Höh', Tausend über Tausende von großen, schwarzköpfigen Vögeln mit blaugrauen Flügeln und korallenrothen langen Spitzschnäbeln. Unter ohrbetäubendem Gekreisch jagten sie wild, wie eine sich auflösende und wieder zusammendrängende Masse durcheinander, einer aus der Luft brandenden See glich das weiße Flattergewoge, und die vordersten stießen hart bis auf die Köpfe der beiden Herangekommenen herunter, vor deren Füßen sich jetzt weitum der Sandboden mit unzählbaren, in kleinen Ausmuldungen liegenden, schwärzlich gesprenkelten Eiern übersäet zeigte. Raubseeschwalben waren's, seltene Sommergäste an den Nordseeufern, doch wo sie sich an einer Stelle zum Brüten niederließen, in ungeheurem Schwarm auftretend; dreist und wüthig schossen die von den Nestern aufgefahrenen Weibchen mit rauhschrillendem ›Kräik!‹ wider das Gesicht Arnold Lohmers nieder, der unwillkürlich seine Augen gegen sie mit den Händen deckte. Ihn überlief's, aus dem jähen Angriff packte ihn etwas, der Flut ähnelnd, Naturwildes an, das nicht, wie die Natur sonst, schön und erhebend wirkte, sondern feindlich erschreckte, ihm ein Gefühl wachrief, Tausenden von ingrimmigen Raubthieren gegenüber zu stehn, denen nur die Stärke von Tiger- oder Bärenkrallen und Gebissen fehle, Menschen als Beute zu zerfleischen. Follrich Folkarts dagegen hatte seine Mütze vom Kopf genommen, sammelte in sie, unbekümmert um das gellende Toben dicht über ihm, ein paar Dutzend von Eiern ein, und sagte, sich aufrichtend: »Se beert man so un rohrt as de Flod; awers wenn dat Water een dat so bet an'n Kopp makt, denn ist dat leeger und mutt een sick wahren, so lang as dat noch geiht.« Arnold war's erwünscht, den Rückweg anzutreten, als sie sich um etwa hundert Schritte von der Brutstatt entfernt hatten, auf die jetzt das Gewimmel der aufgescheuchten Vögel wieder herabsank, zog er das Blatt aus der Tasche und gab's seinem Begleiter, ein Schreiben Hadlefs Terwisga sei's für ihn. Follrich nahm das Papierstück, sah draufhin und sagte: »Schrewen hett he? Jo, awers lesen kann ick dat nich, dat lehrt wi nich up Süderoog. Kannst Du mi seggn, wat do schrewen steiht?« Der Brief war mit etwas Wachs von einer Kerze zugeklebt, sein Ueberbringer öffnete ihn, der Aufforderung Folge leistend, und es dauerte ein bischen, eh' er den schwer leserlichen, nur aus ein paar Reihen bestehenden Inhalt, der offenbar den Schreiber viel Mühe gekostet, herausbrachte; halb hoch- und halb plattdeutsch abgefaßt, lautete er: »Mi und Belke würde das freuen, Follrich Folkarts, wenn Din Söhn sich mit Age verspreken würr, darum haben wir sie zu euch hingeschickt.« Nach der Vorlesung blieb der Zuhörer ein paar Augenblicke still, eh' ihm vom Mund kam: »So, so, jo dat weer jo vör em ok godt, wi muchen jo blot nich davun anfangen. Awers se paßt jo richti tosam un sünd beid in dat Oller; ick will min Olsche dat seggn.« Gleichmüthig-ruhig wie alles brachte Follrich es hervor, doch ließ es merken, eine verschwiegen auf der Hallig genährte Hoffnung sei in ihm von der Mittheilung Hadlefs verstärkt, der Erfüllung nahgerückt worden, und augenblicklich der Rücksicht auf den Gast nicht eingedenk, beschleunigte er mit weiter ausholenden Schritten seinen Gang, ließ außer Acht, daß Arnold hinter ihm zurückblieb. Dieser that jedoch nichts, ihn einzuholen, ihm war's erwünscht, eine Weile allein gelassen zu sein. Er hatte seine übernommene Aufgabe vollführt, wenigstens ihre Hauptsache, und fühlte sich von dem Druck der Verheimlichung, der während der Fahrt auf ihm gelegen, befreit. Age Terwisga fiel jetzt das weitere zu, sich zu entscheiden, was sie wollte; wie dies ihr im Sinn liege, schien sie durch die Mitnahme und Umhängung ihres Halsschmuckes kundgegeben zu haben. Doch bei der Erinnerung daran klangen seinem Ohr die Worte Anlofs Follrichs von vorhin wieder auf, die Bernsteinstücke seien gut zum Umhängen, daß Einen nichts Böses ankommen könne, und daraus ward ihm plötzlich eine Aeußerung des Mädchens im Gedächtniß wach, die damit übereinstimmte. Während der Wandrung nach dem Scharhörner Riff hatte sie das nämliche gesagt, dem ›Glesum‹ den einstmals die große Göttermutter als Halsband getragen, wohne noch die alte Kraft inne, vor bösen Geistern zu beschützen. Halb, als ob sie nicht wirklich dran glaube, und doch auch halb wie ernsthaft gemeint, war's ihr über die Lippen gekommen; Arnold Lohmer fiel's gegenwärtig erst wieder ein, und es diente dazu, auch die Mißstimmung von ihm abzuscheuchen, die im Boot über ihn gerathen. So hatte sie die Schnur doch wohl nicht mit dem rohen Geschmack eines Wilden als Zierrath angesehen, sondern als eine Art Amulet angelegt. Wogegen, ließ sich nicht sagen; vielleicht waren die wüthigen Vögel auf der Inselzunge ihr bekannt, und sie wollte sich, wenn sie dort Eier einsammle, eines Schutzmittels wider ihre scharfen Schnäbel dersichern. Er wußte nicht, warum ihn diese Erkenntniß seiner fälschlichen Auffassung freudig umstimmte, oder doch, weil er mit Unrecht eine irrthümliche Meinung von der Plumpheit ihres Geschmacks gehegt hatte, und nun auch rascher ausschreitend, stieg er bald zur Halligwurft hinan. Hier saßen alle auf der geräumigen Hausdiele um einen Tisch beim Kaffeetrinken versammelt, ein erst seit dem letzten Jahrzehnt allgemeiner auf den friesischen Inseln bräuchlich gewordenes, noch als kostbar angesehenes und nur zu festlichen Anlässen bereitetes Getränk war's. Banke's Miene und Behaben ließ sich anmerken, daß ihr Mann ihr bereits Mittheilung von dem Schreiben Hadlefs Terwisga gemacht habe; sie lachte ab und zu ohne einen Grund halblaut vor sich hin und war sichtlich beflissen, Age etwaige Wünsche an den Augen abzulesen. Doch gab diese dazu kaum eine Gelegenheit, sprach selten etwas aus eignem Antrieb, sondern antwortete nur kurz auf die an sie gerichteten Fragen; dann klang ihre hochdeutsche Ausdrucksweise, sonderbar von der plattdeutschen um sie her abstechend, hier dem vom ersten Tag her auf Neuwerk dran gewöhnten Ohre Arnolds auffällig, wie die eines völlig andersgearteten Wesens. Dem Brauch gemäß ward er nach der Einnahme des Kaffees durch das Haus, einen sogenannten friesischen ›Heuberg‹ herumgeführt, der alte Name stammte von der Form des Gebäudes her, das aus der Ferne einem aufgethürmten großen Heuhaufen ähnelte; die niedrigen Räume waren äußerst einfach, nur für den nöthigsten Bedarf ausgestattet, erschienen im Vergleich mit denen des Neuwerker Gehöfts von ärmlicher Dürftigkeit. Alles aber blickte sorgfältig sauber gehalten an; nach andrer Richtung trat aus dem ganzen Bau unverkennbar hervor, die Hauptbedachtnahme bei ihm habe sich drauf gerichtet, ihn zu möglichst langem Standhalten gegen eine heraufschlagende Sturmflut zu festigen. Das zu erreichen, waren tief in den Boden der Wurft mächtige Eichenbalken eingerammt, deren Zwischenräume die Ziegelsteinmauern ausfüllten; falls diese von Wellengewalt durchstoßen und umgestürzt wurden, erhielt sich das Dachgebälk noch auf den Stützpfählen, bot den hinaufflüchtenden Bewohnern einen letzten Rettungshort; »De Köh un Scheep awers könt nich mit rup un möt versupen,« fügte Follrich Folkarts ruhig dem Schluß seiner Erklärung nach. So war die Bauart der Häuser auf allen Halligen und das Schilfdach wie über dem Hadlefs Terwisga unzerreißbar fest verflochten; im Windschutz des Gehöfts gegen Osten lag ein kleines wallumfaßtes Gärtchen, mit Kohl und Möhren bestellt. Fast wie ein tropischer Fremdling erscheinend, reckte sich an einer Stelle ein kümmerlicher Fliederstrauch bis zum Rand des Walles in die Höh', von hier an ließ der Wind sein Gezweig nicht weiter aufwärts gedeihen, sondern strich es verkrüppelt wagrecht zur Seite; doch sagte Banke Jaspers mit einem gewissen Stolz: »To'n Harwst gifft he Beeren to Fleedersupp.« Von der Wurft ging der Blick unermeßlich in die Runde; gegen Norden erhob sich verhältnißmäßig unfern über dem Wattengrund die umdeichte Küste der Insel Pellworm, westwärts ihr gegenüber schwamm nur undeutlich als eine niedrig-winzige Erdscholle die unbewohnte Nachbarhallig Norderoog, einem leicht auftauchenden Walfischrücken ähnelnd. Dagegen blinkten, noch eben sichtbar, drüberhin im Sonnenauffall gegen Nordwest mit weißlichem Schimmer die Dünen der Insel Amrum; sonst bestand ringshin die Umgebung Süderoogs aus See und Sanden. Die letzteren verschwanden indeß jetzt mehr und mehr, denn die Flut begann wieder zu kehren; der Junitag blieb wohl noch lange hell, aber die Sonne stieg schräg gegen den nordwestlichen Himmelsrand hinunter. Nach der Beschauung des Gärtchens drehte sich Banke zu Age Terwisga und sagte: »Muchst Du nich ok mal de Wimmerswulken ansehn? Anlof geiht wiß mit Di, dat se nich up Di stöten könt, bi em büst Du seeker vör se.« Doch die Aufgeforderte antwortete, kurz mit der Hand deutend: »Dazu ist keine Zeit mehr, das Wasser kommt wieder und unser Boot muß an's Land; danach müssen auch eure Kühe und Schafe herauf.« Beides traf als richtig zu, das Vieh durfte nicht der Möglichkeit eines Heraufschwellens der Flut bis über den Weidegrund ausgesetzt werden, und Banke vermurmelte, wenn auch von der Erwiderung des Mädchens enttäuscht, in sich hinein: »Se denkt doch an allens – dat is jo ok godt – mi is dat rein ut'n Kopp weggahn.« Anlof Follrichs stieg daraufhin nieder, watete durch das ihm schon über die Füße plätschernde Wasser nach dem Boot und zog dies, sobald es sich, flott geworden, aufhob, an den Halligrand in Sicherheit: danach trieben er und Mitje das Vieh zur Hürde neben dem Haus auf die Wurft. Währenddessen sagte Age einmal, bei Arnold Lohmer stehend: »Morgen Vormittag um neun bringt die Flut unser Boot wieder los, daß wir abfahren können. Oder willst Du länger bleiben und noch einmal zu den Seeschwalben?« Der Angesprochene erwiderte: »Wenn Du's nicht willst; nach den Vögeln scheint's, hast Du kein Verlangen.« Das Mädchen antwortete: »Ich habe hier ja nichts mehr zu thun;« es klang draus, als ob sie einen leichten Ton auf das erste Wort gelegt und dadurch in gewisser Weise nochmals zur Wiederholung gebracht, die Zeitbestimmung der Rückfahrt hänge davon ab, ob er noch etwas auf Süderoog vorhabe. Banke Jaspers kam herzu, ihm war eine Röthe in's Gesicht gestiegen, und er versetzte nur rasch: »Ich auch nicht;« es fing jetzt doch an, abendlich zu werden, die niedergegangene Sonne umspann weithin den Horizont mit rother Glut, die sich wie ein Purpurvorhang vor der Ferne ausdehnte. Sich ebenfalls hinzugesellend, sagte Follrich Folkarts: »De Maan is ok all do und versöcht dat lik mit de rode Farw, awers dogegen kann he nich up.« Dorther, wo unsichtbar die schleswigsche Festlandsküste lag, schob sich aus einem Dunststrich über ihr wie ein Brandgeloder die ungefähr zu drei Vierteln ausgerundete Mondscheibe herauf und rief dem jungen Arzt die Erinnerung wach, daß er sie bei der Nachtfahrt von Cuxhaven nach Neuwerk ebenso emporsteigen gesehn habe. Demnach mußte er sich seit vier Wochen in dieser Nordseewelt befinden, noch nicht länger, fast unglaublich wollt's ihm vorkommen. Follrich setzte, einmal mit den Nasenflügeln vor sich hinauswitternd, hinzu: »Mit de Ostluft warrd dat wull gau wedder ut sin, de hölt sick to düsse Tid nich lang. Awers vör us, warrd dat wul Tid, Banke, dat wi us an'n Disch sett.« Auf dem hatten die Frau und Mitje bereits die Abendkost hergerichtet, Anlof war mittlerweile auch mit seinen Obliegenheiten fertig geworden, kam herbei, und bald saßen alle wieder auf der Diele um den Tisch versammelt. Der enthielt außer dunklem Roggenbrod und Butter hauptsächlich Ausbeute der See, kalte, gebratene Flunder, Garneelen und neben gesottenen Miesmuscheln, etwas auf Neuwerk nicht Vorhandenes, frische Austern, einen in Hamburg von Feinschmeckern theuer bezahlten Leckerbissen. Doch hier gehörten sie zum Täglichen; an den Rändern der tieferen, die großen, Süderoog umgebenden Sande durchziehenden Priele befanden sich mehrfach Austernbänke, von denen man zur Ebbezeit die Schalthiere mit der Hand ›pflücken‹ konnte; eine einträgliche Versendung derselben an's Festland ließ die Entlegenheit der kleinen Hallig nicht zu, wenigstens war noch keiner ihrer Besitzer auf solchen Gedanken gerathen, und so machte die in der Großstadt nur Wohlhabenden zugängliche Gaumenkostbarkeit hier einen Bestandtheil der gewöhnlichen Nahrung aus. Doch auch sonst erwies sich alles, wenngleich in billigstem groben Geschirr aufgetragen, schmackhaft, zumal für den Hunger, den die lange Bootfahrt naturgemäß erwecken gemußt. Zwar hatte Arnold Lohmer am Mittag von dem mitgeführten Vorrath nur ein Geringes über die Lippen gebracht, aber seitdem auf dem Rückweg von den Raubseeschwalben plötzlich die Mißstimmung, die ihn in ihrem Bann gehalten, von ihm abgefallen, fühlte er rege, gesunde Eßlust in sich, und Age Terwisga erschien jetzt gleicherweise vom Nahrungsbedürfniß erfaßt. Gesprochen ward während des Essens kaum, das war nicht friesischer Brauch; eigenthümlich drängte sich dabei wieder ein Unterschied zwischen dem Behaben Anlofs und Mitjes Follrichs und dem Ages auf, die Gräten und Schalen in ein von ihr herbeigeholtes Gefäß legte, während jene ihren Abfall durcheinander neben sich auf den Tisch warfen. Nach der Mahlzeit begaben alle sich vor die Thür hinaus und nahmen hier auf den zwei Bänken an der Hauswand Platz. Banke Jaspers sagte zu ihrem Sohn: »Sett Du Di to Age, Ji hebbt lang nich mehr tosam snackt un wul wat to vertelln; as Kinners leept Ji jo geern tosam up't Watt.« Anlof Follrichs kam dem mütterlichen Geheiß nach, setzte sich an die Seite des Mädchens mit den Worten: »Jo, wenn Di dat rech is – nee, hüt Morgen harr' ick dat nich dacht.« Doch weiteres zu sagen wußte er nicht, nur nach einer geraumen Zeit kam ihm noch einmal vom Mund: »Glövst Du, dat Din Boot godt fast liggt, oder wullt Du sülbn mal nakieken?« Dazu stand er auf, doch Age antwortete: »Du hast's ja festgemacht, da liegt's gewiß sicher,« und er setzte sich stumm wieder hin. Allmählich mischte sich etwas Dämmerndes in die Abendhelle ein, kam leise durch die Luft, wie das erste, kaum sichtbare Hinhuschen rückkehrender Flutwellen über die Sande; die Purpurröthe im Westen ward blasser, dagegen stieg ostwärts der Mond jetzt mit silbernem Glanz höher auf. Ein weites feierliches Schweigen umgab die einsame Hallig, vom einzigen Laut des rauschenden Gemurmels der stärker zunehmenden Flut fast mehr erhöht, als unterbrochen. Arnold sah stumm in die verdämmernde Weite hinaus, allein mit Age Terwisga hätte er gern noch länger gesessen und gesprochen, doch ihre Umgebung hielt ihm die Lippen geschlossen, er fühlte sich von Müdigkeit überkommen und gab dies kund. Follrich Folkarts begriff's und sagte: »Jo, wenn een dat nich wennt is, tona sleit em sun Dag in't Boot uppe Oogen, un denn is slapen dat best.« Dem stimmte Age bei, ihr ginge es auch so, die Fahrt von Neuwerk hierher wäre doch lang. So begaben die beiden Gäste sich nach der allseitigen Gutnachtwünschung in ihre kleinen Kammern; solche enthielt jedes Hallighaus für Besucher, die durch den Eintritt der Ebbe fast immer zum Uebernachtbleiben genöthigt wurden. Follrich verharrte noch ein bischen mit Frau und Kindern auf der Bank; sie redeten einiges über Dinge, die morgen geschehen sollten, hin und her, aber nichts von dem, was der Tag unverhofft gebracht hatte; nur Banke Jaspers sagte einmal: »Jo, smuck is se un hett wat vun ehr Moder kregen; de heff ick blot eenmal sehn, kort vör se verdrunk. Awers Anlof kann sick ok sehn laten, dat gifft wat Rechts.« Offenbar waren alle von dem Verlauf des Nachmittags und Abends voll befriedigt, und alles war in Richtigkeit. Der alte Hadlef hatte seine jetzt mannbar großgewachsene Enkelin zur Anschau hergeschickt, ob sie dem, den er für sie zum Bräutigam ausgesucht, noch wie vordem zusage. Ein großes Glück war's für die Süderooger und damit die Sache in Ordnung gebracht, denn Anlof hatte erkennen lassen, er sei gewillt. Von Age durfte man natürlich nicht erwarten, daß sie das erste Wort gab, das kam ihr nicht zu, und ein Mädchen mußte sich ›schamig‹ gehaben. Ueberhaupt kam's brauchgemäß nicht gleich so beim erstenmal zu einer Versprechung, gut Ding wollte Weile haben, es gehörte noch zuvörderst ein hergebracht förmliches Einverständniß-Kundgeben von Seiten des Vaters und Sohnes auf Neuwerk, eine Werbung durch den letzteren dazu, danach machte sich dann auch das Einvernehmen zwischen den beiden füreinander Bestimmten bei einer passenden Gelegenheit. So kennzeichnete sich die Sachlage auch den andern Morgen, als ungefähr um die neunte Stunde nach der Voraussicht die Flut so weit angestiegen, daß der Antritt der Rückfahrt ermöglicht ward. Die vier Halligbewohner begleiteten ihre Gäste zum Boot hinunter, wo unter kurzer Handreichung der Abschied stattfand, bei dem Arnold seinen Dank für die Aufnahme aussprach. Banke sagte als letztes zu Age: »Dank ok Vadder Hadlef un Moder Belke vör den Korf. Harrst Du mi vellich noch wat seggn wullt?« Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Nein, ich weiß nichts,« und Banke Jaspers fiel ein: »Na, wenn wat vergeten is, Anlof kümmt wul bald mal to Jüm röwer.« Das bestätigte dieser mit den nämlichen Worten: »Jo, ick kam bald mal to Jüm röwer; ick harr güstern jo nich dacht, dat Du hierherkamen würrst.« Das Boot schaukelte bereits mit dem Kiel frei im Wasser und zog bei leichtem Ostwind jetzt gradaus über den Sand gegen Süden. Ein nochmaliges Zuwinken zwischen den Abfahrenden und den Zurückbleibenden fand nicht statt, das entsprach nicht friesischem Wesen; die letzteren wandten alsbald den Rücken und stiegen zu ihrem Tagesgeschäft wieder die Wurft hinauf. * Nun schwand vor dem Blick Süderoog im Norden wieder zurück, doch erst nach und nach sein Bild ein wenig an Größe verringernd, denn der Wind ging leise und brachte das Fahrzeug nur langsam vorwärts. Der Unterschied gegen die Geschwindigkeit von gestern war beträchtlich, machte sich Arnold Lohmer fühlbar und ließ ihn fragen: »Kommen wir, wenn's so weiter geht, heut bis nach Neuwerk hin?« Das Mädchen gab Antwort: »Vielleicht steift der Ost zu Mittag noch wieder etwas auf, dann können wir am Abend da sein.« – »Glaubst Du, daß er's thut?« – »Das sagt er niemand voraus, ich glaub's nicht.« – »Da, scheint mir, muß es dunkle Nacht werden, eh' wir zu Haus sind.« – »Mag sein, daß es Nacht wird, aber dunkle nicht. Du vergißt, daß wir Mond haben. Wär' Dir bange, wenn's finster würde, fänd' ich den Weg nicht?« – »Ich weiß, wenn ich mit Dir bin, brauch' ich vor nichts bange zu sein, Du führst mich sicher an's Ziel.« – »Meinst Du's so, wie Du es sagst?« – »Ich meine immer, was ich sage.« – »Thust Du das immer?« Wort und Antwort klangen leicht, in halb scherzendem Ton, wechselseitig zugeworfenen Bällen ähnlich, her und hin, die Beiden saßen sich gleicherweise gegenüber wie am Tag zuvor, doch seine Augen wichen heut' den ihrigen nicht aus, sondern blickten ihr beim Sprechen ohne Scheu grad' in's Gesicht; unumwölkter Frohsinn erhellte dazu seine Züge. Nur auf ihre letzte Frage erwiderte er nicht gleich, so daß sie nach kurzem Anhalten hinzusetzen konnte: »Mir kommt's vor, Du denkst immer, was Du sagst, aber sagst nicht immer, was Du denkst. Das darf ja auch keiner vom andern verlangen und wäre zuweilen unklug. Nur muß der, welcher etwas verschweigen will, dies nicht allein mit der Zunge, sondern auch mit den Augen können, sonst sagt er's doch.« »Was sollt' ich – ich weiß nicht, was Du meinst.« Ein wenig befangen wieder und unsicher kam's ihm vom Mund, sie entgegnete gleichmüthig: »Nun sagst Du, was Du nicht denkst, denn Du weißt doch wohl noch, was Du gestern hier im Boot dachtest und verschwiegst.« Einen Augenblick machte ihn die Kundgabe ihres Wissens betroffen; er hätte nicht von dem, was seine Brusttasche verborgen gehalten, zu sprechen begonnen, doch da sie's in so unvorhergesehener Weise that, überkam's ihn nochmals mit einem Drang, sich ihr selbst gegenüber völlig von jedem Druck der Verheimlichung frei zu machen, und unwillkürlich entflog ihm: »Du hast's gewußt, daß ich ein Schreiben von Deinem Großvater an Follrich Folkarts bei mir trug?« Sie wiederholte: »Ein Schreiben? Davon hab' ich nicht gewußt, das muß Vater Hadlef Mühe gemacht haben.« Leise Anwandlung zu einem Lächeln spielte um den Mund der Sprechenden, doch ohne Klang, ein Lachen ward nicht draus, und sie fügte drein: »Warum sie mich mit dem Korb nach der Hallig schickten, wußt' ich, seit mehr als einem Jahr steht's ihnen drauf, und daß sie's Dir gesagt hatten, konnt' mir gestern nicht Zweifel bleiben, als Du beim Lesen auslassen wolltest, was die Athene in der Nacht zur Nausikaa sprach. Du kannst wohl für das Ohr schweigen, aber bist nicht dazu angethan, vor den Augen zu verbergen, was in Dir ist und Dich bedrückt.« Arnold entflog: »So wußtest Du auch, daß mich's bedrückte?« Sie erwiderte nur mit einem Nicken, und er fuhr schnell fort: »Dir sagen durft' ich's nicht, ich hatt' es Mutter Belke mit der Hand versprochen.« »Was hattest Du ihr versprochen?« »Wenn ich's könnte, bei Dir mit zu verhelfen, daß Du den Wunsch Deiner Großeltern erfülltest.« »Du wolltest mir zureden?« »Ja, sie hatte mich drum gebeten, es wäre am besten für Dich.« »Aber Du hast's nicht gethan. Willst Du nicht, was für mich am besten ist?« Kurz schwieg der Befragte, dann gab er Antwort: »Ich hatte nur versprochen, wenn ich's könnte, doch ich konnt' es nicht.« »Warum konntest Du's nicht? Wir waren ein paarmal allein beisammen, da hättest Du's doch können.« »Weil mir's deutlich geworden, es würde nicht das beste für Dich sein, nicht gut, vielmehr ein großes Unglück. Anlof Follrichs mag wohl ein guter Mensch sein, aber daß Du Dein Leben mit ihm verbinden solltest, dafür ist er nicht der rechte.« »Weshalb meinst Du das?« »Weil Du von andrer, höherer Art bist, als er. Ihm fehlt alles, was Dir nothwendig wäre, um mit ihm zu leben. Nicht bösartig ist er, doch sonst gleich den wilden Vögeln auf seiner Insel, so aufgewachsen wie sie, hat nichts gedacht und gelernt, nicht lesen noch schreiben, trägt nicht das in sich, ohne was eine Lebensgemeinschaft mit ihm für Dich sich nicht denken läßt.« Dem Sprecher war das letzte bedachtlos vom Mund gekommen, und ihm gerieth auch nicht zum Bewußtwerden, daß sich in die Begründungsabsicht seiner Worte ein Widerspruch eingemischt habe. Doch Age Terwisga schien dies gleichfalls nicht aufzufassen, denn beistimmend versetzte sie jetzt: »Darum, meinst Du, würd' es ein großes Unglück werden? So halt' ich's auch und habe deshalb mein Halsband mit mir genommen, daß es schweres Unheil verhüten solle. Du glaubtest, als Schmuck hätt' ich's umgethan und drum gefiel's Dir nicht.« Auch das hatte sie gestern erkannt, in einem halben Erschrecken fühlte er, ihre Augen läsen mit wunderbarem Sehvermögen ihm am Gesicht seine Gedanken und Empfindungen ab. Ein paar Athemzüge lang blieb sie jetzt stumm, doch fragte dann in heiter umgewandeltem Ton: »Willst Du nicht weiter lesen? Du kannst es heut' länger als sonst, denn mich däucht, wir werden viel Zeit haben.« Willkommen war's ihm, durch Niederbeugen des Kopfes unauffällig ihrem Blick ausweichen zu können, so folgte er schnell der Aufforderung, zog das Buch hervor und begann. Als er den Gesang zu Ende gebracht, in dem Odysseus, zum Palast des Alkinoos geführt, dort von seinem Aufenthalt auf Ortygia bei der Kalypso erzählt, las er diesmal noch den folgenden weiter, doch gerieth bei diesem in Verwirrung, da ihm zu spät einfiel, daß er drin mehrere Seiten überschlagen mußte, auf denen der blinde Sänger Demodokos zum Harfenspiel die List des Hephästos vortrug, der Ares und Aphrodite mit dem kunstvoll geschmiedeten Netz zur Hülflosigkeit fesselte. Abbrechend suchte Arnold eine ziemliche Weile lang, wo er fortfahren könne, Röthe stieg ihm in die Schläfen, denn er fürchtete eine Frage des Mädchens, auf die er nicht zu erwidern wüßte; ihm war's, sie würde wieder seinem Gesicht ablesen, wenn er Unwahres vorgäbe. Doch sie wartete ohne einen Laut, bis er auf die Auskunft verfallen, in einigen Sätzen zu berichten, daß Odysseus von der Königin Arete und den Phäaken mit herrlichen Geschenken begabt worden – im Gedächtniß lag ihm der ›prächtige Mantel und Leibrock‹, diese Worte trafen seine umsuchenden Augen an und auf's Gerathewohl fuhr er bei ihnen fort, zu lesen: »Dann mit dem prächtigen Mantel umhüllt und dem Leibrock Stieg er hervor aus der Wann, und schnell zu den trinkenden Männern Ging er. Nausikaa jetzt, mit göttlicher Schöne geschmücket, Stand dort neben der Pfoste des wohlgebühneten Saales, Mit anstaunendem Blick den Odysseus lange betrachtend; Und sie begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte: Freude dir, Gast! Doch daß du hinfort auch im Lande der Väter Meiner gedenkst, da du mir ja zuerst dein Leben verdankest! Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus: Edle Nausikaa, du, des erhabnen Alkinoos Tochter, Also gewähre mir Zeus, der donnernde Gatte der Hexe, Hinzukommen nach Haus und der Heimkehr Tag zu erblicken. Stets dann werd' ich auch dort, wie der Göttinnen Eine, dich anflehn Jeglichen Tag, weil du das Leben mir rettetest, Jungfrau!« Arnold Lohmer hielt nach dem letzten Vers an und sagte, den Kopf emporhebend: »Das sind die letzten Worte, die der Dichter den Odysseus und die Nausikaa miteinander sprechen läßt; weiteres berichtet er nicht. Aber man hört aus ihnen hervor, daß es so geschehen muß und Odysseus, nach Ithaka heimgelangt, jeglichen Tag an die gedenken wird, der er seine Rettung und ein neues Leben verdankt.« »Glaubst Du, daß er es wird?« Die Augen Ages hielten sich bei der Erwiderung dem ihr gegenüber Sitzenden zugewandt, und da er gleichzeitig aufgeschaut, begegneten sich ihre Blicke. Doch kurz nur, dann, den Kopf nach links drehend, setzte das Mädchen hinzu: »Mit unsrer Rückkehr wird es nicht so rasch gehn; wir sind erst unter den Dünen und weiter bringt der Wind uns nicht.« Der Lesende hatte nicht drauf Acht gegeben und sah's überrascht jetzt erst. Das Boot lag unbewegt, sein Segel hing völlig schlaff herab, und reglos dehnte sich die Wasserfläche umher, denn kein leisester Hauch des Windes ging mehr. Unsern zur Linken aber warf eine langgestreckte Kette weißer Sandhügel fast blendend die mittägigen Sonnenstrahlen zurück, und Arnold erkannte in ihnen die bei der Hinfahrt rechts belassenen Dünen der Halbinsel Eiderstedt wieder. Unwillkürlich kam ihm vom Mund: »So müssen wir wohl rudern? Wie lange brauchen wir dazu?« »Vor morgen Mittag wären wir nicht da.« »Glaubst Du nicht, daß der Wind wieder kommt?« Sie schüttelte den Kopf. »Wenn der Ostwind am Tag einschläft, wacht er nicht mehr auf. Ueber Nacht geht er wahrscheinlich nach West um; Follrich Folkarts hielt's schon gestern dafür.« »Was können wir denn thun?« »Warten.« »So im Boot vielleicht bis zum Morgen hin?« Der Antwortende blickte nach dem nahen Ufer und fügte nach: »Wär's nicht klüger, wir ruderten an's Land und warteten dort?« »Wenn Du's meinst, aber vor dem Morgen wird der Westwind schwerlich aufstehn.« »Da bringen wir die Nacht doch besser im Dünensand zu, als auf der Bank hier. Oder wir können nach dem Kirchthurm drüben hinübergehn dort wird ein Dorf sein.« Age Terwisga wiederholte: »Ja, wir können nach dem Kirchthurm hinübergehn, da ist das Dorf Sanct Peter.« Sie stand auf und machte das Segel fest, dann setzte sie sich, ein Ruder erfassend, neben ihn, und er nahm das andere. Nur kurze Fahrt brachte sie an's Ziel doch war's Zeit, um auf dem festen Strand anlegen zu können, denn sie befanden sich über einem Sand, und die Flut begann zurückzugehn. Mit kundigem Umblick machte das Mädchen die beste Stelle zur Sicherung des Bootes ausfindig und fragte danach: »Die Sonne ist über Mittag hinaus, wollen wir zusehen, was Banke Jaspers uns in den Korb gethan hat?« Der war auf Süderoog wieder mit Nahrungsvorrath für die Rückfahrt ausgerüstet worden, auch der Methkrug neu gefüllt; sie nahmen ihn mit an's Land, setzten sich dort zwischen den Sandhafer an den Dünenrand. Lautlos still und einsam lag alles um sie her, eine von den Dorfbewohnern drüben nicht aufgesuchte, leblos abgeschiedene Welt, doch nicht kalt wie Tod, vielmehr von der Sonne warm und freudig überstrahlt. Arnold nahm eine Brodschnitte und sagte: »Heute bin ich dankbar dafür, denn ich habe Hunger.« Age erwiderte: »Gestern war's ebenso späte Zeit, warum hattest Du ihn da nicht?« – »Das könnte ich Dich auch fragen; ich denke mir, die Gegend hier hat's an sich, auf der Hinfahrt nach Süderoog läßt sie nicht hungrig werden, doch dafür doppelt auf der Rückfahrt.« Heiter klang's, während sie die Mittagskost verzehrten, von Mund zu Mund weiter; an beiden zeigte sich keinerlei Mißmuth über die Verhindrung ihrer Weiterfahrt durch das launenhafte Verstummen des Windes, sie waren in fröhlichster Stimmung, und zwischen ihren Händen wechselte mehrfach der Methkrug hin und her, aus dem das Mädchen heut' unaufgefordert zuerst trank, ihn ihrem Genossen reichte und nachdem er gleichfalls getrunken, nochmals an die Lippen setzte. Sie erzählte ihm, die Dünenwand an der sie beisammen saßen, habe den sonderbaren Namen ›die Hitze‹ und auf dem weiten Sand davor, nach dem ihre Hand deutete, hätten einstmals in grauer Vorzeit die Wellen so vielen und großen Bernstein angetrieben, daß Leute zu Schiff aus fernen Südländern hierhergefahren sein sollten, um ihn zu sammeln; das möge wohl um die Zeit geschehen sein, als Odysseus nach der Phäakeninsel gekommen. Dem lag eine alte Ueberlieferung zu Grunde, daraus entsprungen, daß in der That schon vor Jahrtausenden fremde Seefahrer aus dem Mittelmeer, vermuthlich Phönizier, an der Küste Eiderstedts einen Reichthum an ›Elektron‹ entdeckt und ausgebeutet hatten; Arnold entgegnete, seine Hand neben sich auf die besonnte Düne streckend: »Heut' begreift man den heißen Namen, denn der Sand brennt beinah. Vielleicht hat die Windstille es gut mit uns im Sinn, daß wir hier einen großen Fund machen sollen; wie der Bernstein seinen alten Ruf, vor Ueblem zu behüten, noch verdient, haben wir ja erfahren.« Er blickte dabei auf die halb über die Brust niederhängende Halsschnur Ages, die zurückgab: »Wenn die Nacht kommt, wird der Sand kühl werden. Mit dem Suchen müssen wir noch ein paar Stunden warten, so lang dauert's, bis das Watt trocken liegt. Willst Du nicht lesen derweil? Du hast aufgehört, wie Odysseus sagte, daß er jeden Tag in seiner Heimath an Nausikaa gedenken werde.« Der Rath die Wartezeit zum Weiterlesen zu benutzen, war gut, Arnold nahm die Odyssee wieder hervor und fuhr an jener Stelle fort. Nichts regte sich neben ihm, nur seine Stimme klang durch die Lautlosigkeit; als er den Gesang zu Ende gebracht und anhaltend die Stirn hob, lag Age Terwisga in der Entfernung von ein paar Armlängen ausgestreckt auf dem Dünensand. Sie hatte die Hände unter ihrem von der Sonne weggewendeten Kopf zusammengelegt, dessen Haar sich tiefdunkel vom weißen Bodengrund abhob; neben den Schläfen standen graugrüne Halme des Strandhafers in die Höh', das Gesicht halb wie mit einem Gitterwerk verdeckend, doch waren die weitaufgeschlagenen Augen deutlich unterscheidbar, denn sie sahen mit einer traumhaften Glanzfülle zum Himmel empor, leuchtend, als ob ein Stück seines Blau's sich zwischen ihre Lider heruntergesenkt habe. So lag das Mädchen, kaum ein Athmen der Brust wahrnehmen lassend, unbeweglich dem Lesen zuhörend, oder vielmehr – Arnold kam's jetzt bei seinem Anhalten zur Erkenntniß – hörte nicht zu, denn offenbar gerieth ihr seine Unterbrechung nicht zum Bewußtwerden. Wenigstens eine geraume Zeitlang nicht, während der sie ebenso verblieb; dann mußte einmal das Aufhören des Stimmenklanges etwas in ihr anrühren, sie fuhr mit einem plötzlichen Ruck zu sitzender Stellung empor, sah verwirrt um sich, ihre Augen wichen den ihr zugewandten Arnolds aus, und es dauerte noch etwas, eh' sie vom Mund brachte: »Du hast gelesen – warum liest Du nicht weiter?« Ihn durchlief ein Gefühl, von dem er nicht wußte, was es sei, wie ein Schauer war's, der aus der heißen Sonnenstille aufwachend, ihm in's Blut fließe und sein Herz zu schnellerem Klopfen bringe. Auch zu antworten wußte er nichts, blickte sie nur stumm an, und erst nach längerem Schweigen kam ihm über die Lippen: »Willst Du etwas ausruhen? Du bist müde, glaub' ich.« Sie saß und ihre Augen gingen westwärts über die uferlose See hinaus, an deren Himmelsrand klein ein einzelnes schattenhaftes Wölkchen nur eben für das Gesicht auffaßbar entlangzog. Darauf hielt ihr Blick sich gerichtet, ein Weilchen stumm, dann sagte sie unverständlicher Art: »Bist Du's?« Doch der Ton ihrer Stimme schien sie aus einem Zustand halber Sinnverlorenheit zu sich zu bringen, ihr Gesicht wandte sich danach gegen Arnold Lohmer und sie sprach zu ihm: »Verzeih' mir's, ich hörte nicht, was Du gelesen hast. Ich dachte – nein, ich dachte nichts – mir war's vor den Augen als fahre das Schiff mit meiner Mutter draußen über die See; dort irgendwo ist sie untergegangen und schläft, ihre Stunde war's. Einmal als Kind sah ich's deutlich, da stand sie auf dem Deck am Steuer und winkte mir mit der Hand, ich sollte nachkommen, dort, wo sie hinfahre, wär' es gut. Aber dann war es ein Wölkchen, wie das da – nein, müde bin ich nicht, meinst Du, ich möchte schon schlafen? Wir wollen erst noch Glesum suchen, wie's die fremden Leute hier einmal gethan, damals als Odysseus nach Scheria kam. Der Sand fängt an, trocken zu werden, wir können gemach dem Ebbwasser nachgehen und sehen, was die Flut uns bescheert hat.« Sie war bei den letzten Worten aufgestanden und der Ausdruck traumhafter Sinnesabwesenheit völlig zwischen ihren Lidern weggeschwunden, ein Glanz wie von verlangendem Trieb nach einem reichen Bernsteinfund füllte ihr die Augen. »Wir lassen unsre Schuhe hier,« setzte sie hinzu, »die Möwen holen sie uns nicht weg,« und sich kurz abkehrend streifte sie eilig ihre Fußbekleidung ab; Arnold that das gleiche, dann gingen sie zum Strand hinunter, um den sich schon ein entwässerter Wattengrundstreifen, die beginnende Ebbe ankündigend, hinzog. Anfänglich nahm dieser nur langsam an Breite zu, doch allmählich wölbte der Sand sich weiter hinaus trocken gelegt auf; ›ertrunkenes Land‹ war's auch hier, das alte ›Utholm‹, die ehmalige Westküste Eiderstedts; unablässig im Wind fortwandernd, hatten die Dünen jetzt ihren Schutzwall wohl um die Breite einer Meile weiter gegen Osten verlegt. Nun stellte sich auf dem Sand auch das tausendfältig flatternde und trippelnde Leben ein, Möwen und Seeschwalben, Austernfischer, Kampfhähne und Regenpfeifer waren da, sich ihrer zappelnd zurückgelassenen Ernte zu bemächtigen, am Rand der zahlreichen tieferen und seichteren Wasserrinnen, den Prielen und Deepen, Gaaten und Leien ihre langen Spitzschnäbel nach Beute hinunterzuschnellen. Dazwischen wanderten Arnold und Age, bald nebeneinander, bald getrennt, nach dem alten Palmenharz umblickend; weit und weiter dehnte sich vor ihnen das bläulichgraue ›Haff‹, der vom abgewichenen Wasser entblößte Meerboden. Doch vom Gesuchten entdeckten sie gleicherweise nichts, als hie und da ein winziges Stückchen; der ehmals so reich gewesene Fundplatz lag verarmt, vielleicht weil sich eine Strömung in der See verändert hatte, oder es mochte nur eine Vorzeitssage sein, die vom Umfahren der Phönizier hierher berichtete. Die Beiden aber ließen in ihrem Wetteifer nicht nach, und wenn sie wieder zusammenkamen, sprach aus ihren Augen keine Enttäuschung; es regte den Eindruck, für sie liege das Schöne nicht im Finden, sondern im Suchen, wie in einem Rausch von Luft und Licht durchklangen ihre Stimmen die Einsamkeit, drin sie das einzige Menschenleben waren. So gelangten sie, seitwärts hin- und herschweifend, bis an die Grenze des alten Utholm, wo die See auch bei der Tiefebbe ihr Reich behauptete und trotz der Windstille mit dünenden weißen Kippwellen auf den Sand schlug. Arnold entflog: »So lockend ist's, man möchte hineinspringen. Wenn Du nicht bei mir wär'st –.« Stockend verstummte er, bedachtlos war's ihm vom Mund gerathen, und er stand befangen, wie ein zu schreckhafter Besinnung kommender Knabe. Doch das Mädchen entgegnete ohne Acht drauf: »Da ist's gut, daß ich bei Dir bin, sonst würdest Du heut' Nacht in nassen Kleidern schlafen und kämest wahrscheinlich obendrein wieder in die Flut, denn es wird Zeit zurück für uns, die Sonnenuhr zeigt's immer richtig.« Wie mußten Stunden seit ihrem Fortgang von der Düne verflogen sein, erstaunt sah er's, die Sonne stand schon ziemlich schräg gen Westen hinüber. Er hätte nach ihr die Wiederkehr der Flut nicht zu bemessen gewußt, doch Age trug die tägliche Wechselzeit des Eintritts derselben mit sicherer Rechnung im Kopf; allein an dem Tag der Wandrung nach dem Scharhörner Riff hatte eine Vergeßlichkeit sie überkommen. An den erinnerte ihn sonst der heutige genau durch die ganze Umgebung, nur fehlte der damalige, sonderbar niedrig über dem Boden hinziehende Nebel, in ganzer Gestalt sichtbar schritt seine Begleiterin neben ihm nach dem Ufer zurück. Ihm kam plötzlich einmal der Wunsch, ihre Kleidung möge sich verwandeln, daß sie in ihrer Sonntagstracht dahergehe, und bei diesem Verlangen fiel vor seiner Einbildung wie durch eine Zauberwirkung der graue Friesrock von ihr ab, doch trat nicht das farbige Gewand an seine Stelle, sondern wie eine weiße Marmorgestalt bildete sich's vor seinem Blick heraus. Sein Fuß stockte und ebenso sein Athemzug, aus weitgeöffneten Lidern sah er reglos draufhin. Sie empfand's, wandte ihm den Kopf zu und fragte verwundert: »Habe ich etwas an mir, daß Du mich so merkwürdig ansiehst?« Da war das Täuschungsbild seiner Phantasie verschwunden, sie stand wieder im grauen Fries, doch ihm schlug eine hohe Röthe über's Gesicht bis zum Stirnrand hinauf. Er antwortete hastig: »Nein, Du hast nichts, bist wie immer, so wie Du sein mußt.« Das erklärte weder den seltsamen Ausdruck seiner Augen, noch war's im Sinn verständlich, und sie erwiderte: »Ich verstehe Dich nicht – wie muß ich sein?« Doch war's, als überziehe bei der Antwort ein leiser Widerschein der rothen Färbung seines Gesichtes das ihrige, sie drehte den Kopf seitwärts zurück, setzte stumm den Weg fort, und eine Zeitlang gingen beide schweigend nebeneinander. Als sie sich der Küste näherten, warf die Sonne ihre Schatten schon lang über den Sand vorauf, doch lag dieser noch völlig trocken und fein geebnet, so daß Arnold der Gedanke kam, zu fragen: »Wollen wir hier eine Schreibstunde halten? Nur fehlt uns der Griffel für die Tafel – aber da –« Sein Blick fiel auf ein angeschwemmt halb aus dem Grund sehendes rundlängliches Rollholzstück, das er hervorzog und hinzusetzte: »Mit dem Messer läßt sich's wohl zuspitzen.« Doch Age entgegnete, den Kopf schüttelnd: »Du hättest mir gestern mit Anlof Follrichs zusammen Unterricht geben können, heute möcht' ich nicht Deine Schülerin sein, mich dünkt, hier ist's schöner, auf der Düne zu sitzen und sehen, wie die Sonne in die See hinunteisteigt. Wer kann wissen, ob sie's morgen noch so thut; man muß festhalten was noch ist, so lang sich's halten läßt.« Auf den Sonnenuntergang bezüglich und ganz einfach gesagt, klang's doch zugleich eigen auch wie eine von reifer Erfahrung eingesammelte Weisheit aus dem jungen Munde, und der Hörer mußte ihr beistimmen, was sie anrieth, sei schöner und klüger, als das von ihm Beabsichtigte; er sprach nicht aus, daß eine Fortsetzung des Schreibunterrichts doch kein Weiterkommen bei ihr erwarten lasse. Darin hatte sie nicht unzutreffend Anlof Follrichs mit sich zusammen genannt; wie solche Belehrung bei ihm erfolglos bleiben würde, stand hier auch eine Schranke vor ihrer Aufnahmefähigkeit. Sie setzten sich wieder auf die Düne, Abend ward's, das lange Umherschweifen hatte ihnen neuen Hunger eingebracht, dem der Vorrathskorb jetzt abermals willkommen war. Die Luft regte noch kein leisester Hauch, zweifellos mußten sie die Nacht auf dem Lande zubringen, doch beiden schien aus dem Gedächtniß entfallen zu sein, daß sie am Mittag sich damit beruhigt, für solchen Fall zum Uebernachten nach dem Dorf Sanct Peter hinübergehn zu können; keiner erinnerte dran, daß es dafür Zeit werde, denn die Sonne war unter den Horizont weggeschwunden, hielt, unsichtbar geworden, ihn nur noch mit einem Lichtvorhang umspannt, doch keinem purpurfarbigen, wie gestern, sondern goldgelb hob er sich heute am Himmel auf. Nebeneinander saßen die beiden Abendgäste der einsamen Dünenwelt, manchmal ein Weilchen schweigsam, dann fröhlich rasch hin und her redend zumeist begann nach einem Verstummen das Mädchen wieder damit. Sie sprachen von dem, was die Natur um sie her ihnen eingab, von der See, den Sternen, dem Wunderbaren, daß auf der Erde Menschen mit Augen zum Himmel aufsähen; Arnold erzählte von dem ihr unbekannten Festland, der Größe und Reichthumspracht Hamburgs, dem Leben dort; sie müsse nicht nur davon hören, sondern es selbst kennen lernen, dafür werde er Anstalt treffen. Und doch sei alles nur gering und arm gegen das, was er hier und auf Neuwerk gefunden, wohin ihn der Zufall, nein, das Glück, eine Bestimmung durch die Begegnung mit Age gebracht habe, nicht allein um ihn körperlich wieder voll gesund werden zu lassen, vielmehr ihm den Geist und das Gemüth mit neuem, köstlichen Lebensblut zu erfüllen. Hörbar entfloß es aus einem innersten Dankgefühl über seine Lippen, das Mädchen saß jetzt lautlos, nichts mehr darauf entgegnend, nur leise murmelnd plätscherte die rückkehrende Flut drunten zu den Füßen der Beiden. Dann geschah's einmal überraschend, daß plötzlich ihre Schatten vor ihnen auf den Strand hinunterfielen, unvermerkt war hinter ihren Rücken der Mond über den Dünenkamm heraufgekommen, beglänzte die aufglimmernden Wellen. Ein zauberhaftes Lichtspiel war's, am westlichen Himmelsrande stand noch der goldene Schein, die Gestirne des Tages und der Nacht schienen sich leuchtende Strahlenarme entgegen zu strecken. Doch Age Terwisga sagte nun: »Das Gelb nach der Sonne hat's angezeigt, der Westwind wird mit dem Morgen aufstehn, und bevor die Ebbe den Glesumsand trocken macht, muß unser Boot von ihm los sein. Da ist's Zeit, daß wir die Augen zuthun, um uns nicht zu verschlafen; ich will Dir Dein Bett herrichten; Du verständest Dich nicht drauf, es Dir geschickt zu machen.« Das verstand er auch mit dem Ohr nicht und fragte: »Ein Bett? Willst Du Möwendaunen dazu aus der Luft herzaubern? Aber wozu brauchen wir's auf dem weichen, warmen Sand?« Doch aufstehend antwortete sie: »Der wird kühl während der Nacht und vom klaren Himmel fällt der Thau. Im Schlaf schlägt das Herz weniger rasch, da wird's Dich frostig anrühren.« Sie trat einige Schritte zur Seite, kniete nieder und höhlte auf einer ebnen Fläche der Düne mit den Händen eine langgestreckte Mulde von ungefähr doppelter Fußbreite in den Boden, häufte an ihrem Rande den Sand zu einem kleinen Wall auf, so gut die locker rieselnden Körner es ermöglichten, und sagte: »Das ist Deine Decke, Du brauchst sie nicht über Dich zu ziehen, das thut sie schon von selbst, wenn Du Dich zu Bett legst.« Jetzt begriff er, was sie herstellte, und erwiderte, zu ihr hintretend: »Das lernt sich nicht allzuschwer, da kommt's dem Schüler zu, für seine Lehrmeisterin das Gleiche nachzumachen.« Er kniete ebenfalls nieder und begann neben der Höhlung eine zweite von nämlicher Art auszuschürfen. Doch das Mädchen wies ihn an: »Das ist zu nah, Du mußt weiter fortrücken, sonst fällt die Wand dazwischen ein.« Eifrig weiterarbeitend aber versetzte er: »Nein, sie hält, ich gebe schon Acht.« – »Du wirst sehen, der Sand kommt in's Rollen.« – »Du wirst sehen, daß er fest bleibt.« Im nun hell auf sie niederfallenden Mondlicht setzten beide ihr Thun fort, sie ward vor ihm fertig und richtete sich empor, während er noch an seinem Werk besserte. Doch seine letzte Handanlegung fiel nicht glücklich aus, denn das von ihr Vorhergesagte trat ein, zwischen den Mulden floß die lose Scheidewand nach beiden Seiten auseinander, und Age kam vom Mund: »Wer hat recht gehabt? Da ist Deine Mühe umsonst gewesen.« – »Du hast Schuld dran, von Deinem Aufstehen kam's.« – »Das ist billig, einem Andern die Schuld zuzuschieben, wenn man etwas unrichtig angefangen und nicht auf guten Rath gehört hat.« Rechthaberisch stritten sie mit Rede und Widerrede noch weiter hin und her, jeder bestand auf seiner Behauptung. Zum erstenmal hatte sich zwischen ihnen ein Zwist entsponnen, der zu einer ernstlichen Veruneinigung auszuwachsen drohte; Arnold brach endlich zuerst ab: »Ich mag nicht mehr streiten, wenn Du noch weiter Lust dazu hast, so thu's allein.« Er ging davon, während sie ihm nachsprach: »Du bist zanksüchtig, ich habe mich nur gewehrt.« Damit wandte sie sich nach der andern Seite fort, Entzweiung ließ jeden dem andern den Rücken drehen, nicht begreifbar war's eigentlich, was sie derartig zu lauthastigem Sprechen gegeneinander aufgebracht habe. Doch wunderlich war's so geschehen, ihnen gleicherweise eine Reizbarkeit angeflogen, und sie verschwanden sich aus den Augen oder erschienen im weißen Mondglanz wechselseitig dem Blick nur als ungewisse dunklere Schatten auf der hellfarbigen Düne, die nun in tonloser Nachtruhe dalag. Die aber übte offenbar eine Beschwichtigung auf die Gemüther der Erzürnten, denn nach einer Weile standen sie, von hier und dort zurückgekommen, sich wieder gegenüber und Arnold sagte: »Ich hatte unrecht, verzeih's mir.« Das Mädchen antwortete ebenso: »Nein ich, verzeih' Du's mir«, und er fiel ein: »Mir scheint, wir haben uns um nichts ereifert, ich weiß garnicht mehr, warum.« – »Ich auch nicht, Banke Jaspers Meth war wohl stark und uns zu Kopf gestiegen.« Bereitwillig kam sich Versöhnlichkeit von beiden Seiten entgegen, der Streit war beigelegt und niemand berührte weiter seine nichtige und närrische Entstehung, deren Anfangsursache ihnen über seiner Fortsetzung in Vergessenheit gerathen. Froh und freundlich wie vor ihm sprachen sie noch einiges hin und her, dann sagte Age: »Wir sollten schon schlafen, damit wir rechtzeitig aufwachen.« Er versetzte: »Ja, eh' die Ebbe kommt, Du sagtest's vorhin,« und um ein paar Augenblicke später lagen beide in den Höhlungen, deren bis auf ein Geringes niedergerollte Scheidewand den vergessenen Anlaß ihres Zwistes gebildet hatte. Der weiche Sand strahlte noch Sonnenwärme aus, eine Ruhstatt war's die nach keiner andern verlangen ließ, kein Ton ringsum, als das Anrauschen der steigenden Flutwellen drunten, ab und zu aus der Luft der Ruf einer vorüberziehenden Möwe, und ihre eigenen Stimmen klangen noch, nur auf Armeslänge-Entfernung, nah von Mund zu Mund. Arnold hatte von Süderoog zu sprechen begonnen: »Dort lärmen jetzt die wilden Vögel noch wie gestern, und mir schien's, Anlof Follrichs glaubt, wenn er nach Neuwerk kommt, da wird's so werden, wie er und alle es wünschen. Willst Du's denn nicht noch bedenken?« Zurück klang's: »Du weißt's ja, warum fragst Du das?« »Weil ich Mutter Belke versprochen hatte, Dir zuzurathen.« »Warum hast Du das gestern nicht gethan? Dann könnt'st Du ihr sagen, Du hättest Dein Versprechen erfüllt.« »Du weißt auch, daß ich's nicht konnte.« »Daran hatt' ich nicht mehr gedacht. Ich bin müde. Gute Nacht, Arnold.« »Gute Nacht, Age.« Nun ward's still, nur leis dem Ohr vernehmbar klang der nahe Athemzug hier und dort. Eine Zeitlang, und es war, als bemühe jeder sich, kaum hörbar sacht zu athmen, um den andern nicht zu stören; das mochte Age Terwisga vorher bedacht, sie deshalb gesagt haben, er richte ihr die Lagerstatt zu dicht neben der seinigen her. Doch über dem Zank hatte sie's vergessen. Dann kam noch einmal leis eine Frage von seinem Mund: »Schläfst Du schon?« »Nein, doch beinah.« »Wird's Dir schon kühl?« Eine seiner Hände bewegte sich hinüber nach der ihrigen, sich durch das Gefühl die Frage zu beantworten. Die Hand war warm, und er legte die Finger um ihr Gelenk; nun sagte das Mädchen, wie aus einem Halbschlaf zu sich kommend: »Was willst Du?« »Deinen Puls fühlen – nein, Dich friert's nicht, Dein Herz schlägt noch schnell.« Durch eine Bewegung zog sie ihre Hand jetzt von der seinigen fort und sprach dabei: »Ich muß mich anders legen – Du bist ja ein Arzt, das vergaß ich – schlafe gut!« »Thu' du's auch – es ist schön hier unter dem Himmel und dem Mond – solche Nacht war in meinem Leben noch nie –« Als letzter Stimmenlaut erscholl's auf der Düne, über deren Einsamkeit nun stumm die Mondnacht ihren weißen Strahlenmantel hinbreitete, und ihr alter Gefährte, der Schlaf, kam und schloß die Augenlider der dicht nebeneinander Ruhenden herab. Reglos ausgestreckt lagen sie mit den Gesichtern, deren Farbe sich kaum von der des Sandes neben ihnen abhob, wie zwei in die Gewalt Ran's Gefallene, von ihr zur Tiefe niedergezogen und von den Wellen der Nordsee entseelt wieder an's Ufer heraufgetragen. Nur der Athemzug sprach vom Leben, gleichmäßig hob er hier und dort die Brust, als sei's kein verschiedener, zwiefacher, sondern einer einzigen entstammend, sich zu Einem vereinigend; nun ging er leise, dann manchmal ebenso gleichzeitig eine Dauer lang rascher, zu lauterer Vernehmbarkeit anschwellend, ein Traum mußte ihn beschleunigen, seltsamer Weise, als sei auch er nur Einer, beiden gemeinsamer. Ab und zu glitt der Schatten einer nächtlich umschwebenden großen Silbermöwe über sie hin, wie wenn sich ein Arm rege und über die abgeflachte Scheidewand fortbewege. Doch nur Täuschung eines Augenblicks war es, flüchtig schwand er vorbei, und das weiße Licht zeigte die Lage der Schlafenden unverändert. Allmählich dagegen im Gange von Stunden wandelte sich etwas an der Beschaffenheit der Sommernacht. Der ausstrahlende Sand verlor seine zurückverbliebene Sonnenwärme und auch die Luft ward kühl; ab und zu flirrten einmal die bisher unbeweglichen Halmblätter des Strandhafers leicht hin und her, nur kurz, dann standen sie wieder ruhig, doch öfter und rascher erneuerte sich's. Langsam nahm die Glanzhelle der beinah gerundeten Mondscheibe ab, ein weißliches Luftgespinnst wob, vom westlichen Horizont heraufkommend, einen Schleier bis zu ihr empor, überzog nach und nach das dunkelblaue Aethergewölbe. Wo die Sonne untergegangen, war der letzte Rest des Goldscheins verschwunden, der Juni begann schon wieder im Osten den Himmelrand mit einem Schimmer, dem Vorboten des neuen Tag's zu umgürten. Mit stählerner Farbe stieg er eine Zeitlang aufwärts, dann vertiefte sie sich, hob an, zu erglühen, und eine feurige Morgenröthe schoß lodernde Garben gegen den Zenith in die Höh'. Da öffneten einmal Arnold Lohmer und Age Terwisga, vom schrillen Ruf einer dicht vorbeijagenden Sturmmöwe geweckt, zugleich die Augen und sahen auf. Das Himmelsblau war zu einer einförmig grauen Decke geworden, frostig durchschauernd strich ein kalter Wind über ihre Gesichter. Die hatten sich im Schlaf einander nah zugewandt und ein bewußtloser Traum beiden die Arme bewegt, gegen das Kältegefühl bei dem andern Wärme zu suchen oder ihm solche zu verleihn. Wie er's vor dem Einschlafen ein paar Augenblicke lang gethan, um nach ihrem Pulsschlag zu fühlen, hielt seine Rechte die auf der Brust des Mädchens liegende Hand umfaßt, und die ihrige hatte sich ihm über die Schulter halb um seinen Nacken gelegt. So blieben sie nach dem Erwachen während einiger Athemzüge, ihnen fehlte noch die Besinnung, wo sie seien und welche Verwandlung seit ihren letzten Worten vorgegangen. Dann fuhr Age plötzlich, von einem jähen Ruck emporgeschnellt, auf, stand, abgewendeten Kopfes, mit schreckhaft verstörtem Ausdruck über die See blickend, und ihr flog hastig hervorgestoßen vom Mund: »Der Morgen ist da und der Westwind – die Flut fällt, wir müssen geschwind sein!« Sie lief davon, an den Strand hinunter; Arnold war noch nicht so klar zum Bewußtsein gelangt, wie sie, folgte ihr in noch halb traumhaftem Zustande nach. An das Mitnehmen des Korbes dachten beide nicht, er blieb vergessen, wie ein Gedenkzeichen, daß sich Menschen hier auf der öden Düne befunden, zurück, oder gleich einem angetriebenen, stumm von Schiffbrüchigen redenden Ueberrest. Mit fliegenden Händen machte Age Terwisga das Segel los und stieß das Boot vom Ufer ab; die Zeit drängte in der That, denn die begonnene Ebbe drohte, den Kiel vor dem Hinwegkommen über den Bernsteinsand festzulegen. Das erkannte auch Arnold jetzt und ergriff, um die Fahrt zu beschleunigen, die Ruder; das Mädchen gab scharf Acht, durch die Steuerung beim Innehalten der nächsten Richtung zur freien See dem Winde jeden möglichen Vortheil abzugewinnen. So lag's in der Sache, daß beide sich schweigend ihrem Thun hingaben, ungefähr eine halbe Stunde lang; ihr Betreiben brachte mit sich, daß ihre Gesichter gegeneinander gerichtet waren, doch sie blickten sich nicht an. Dann sagte Age einmal: »Wir sind los, Du kannst die Ruder einziehn;« der Sand lag überwunden hinter ihnen, das Boot hatte noch eben rechtzeitig das untiefenlose Wasser erreicht. Die ersten gesprochenen Worte waren's gewesen und sie blieben für Stunden weiterhin die einzigen. Beim Einlegen der Ruder hatte Arnold sich, eigentlich ohne Nöthigung aufstehend, umgekehrt, setzte sich in der gleichen Haltung auf die Bank zurück und verblieb so. Mit dem Vorschreiten des Tag's verdunkelte er sich immer mehr, das glühende Morgenroth, das für den Kundigen zweifellos völligen Umschlag der Witterung angekündigt, war nach kurzer Pracht spurlos erloschen; auch an seine Stelle trat düstere Verhängung des Himmels, ließ Vorbereitung zum Regen erkennen. Doch als das Nothwendige und Wichtigste hatte der Westwind sich, günstig für die Fahrtrichtung, eingestellt; er kam nicht in Stößen, sondern gleichmäßig und trieb das Boot rasch vorwärts, das in wiegendem Flug über lange Dünwellen hinglitt. Luft und See befanden sich in keinem Aufruhr, nur ein unterweltlich trübes Licht regte den Eindruck, als wolle sich schon an den Morgen der Abend anschließen. Alles lag in schwerem Grau, dunklere Wolken überdrängten die vorherige bleierne Himmelsdecke, und Tropfen begannen zu fallen. Nichts von einer Entzweiung, wie am Abend bei dem Herrichten der Lagerstätten im Sand, war zwischen den beiden Insassen des Fahrzeugs vorgegangen, kein Mißton hatte das Ohr berührt. Doch sie verhielten sich seit dem hastigen Aufbruch von der Düne gegeneinander wie zwei Fremde, die nichts zusammen theilten, keinen Grund und Antrieb zu einem Gespräch besaßen. Er und sie in gleicher Weise; es war, als habe eine Nachtmar sie im Traum bedrückt, ihnen wechselseitig eine Abneigung eingeflößt und beim Erwachen noch verstärkt hinterlassen. So auch athmeten sie, kaum wahrnehmbar, wie aus verengter Brust, reglos mit den weit offenen Augen, die sich nicht mehr begegnen konnten, gradaus in's Weite sehend. Stunden vergingen wohl, der anfänglich leichte Tropfenfall verdichtete sich nach und nach zu wirklichem Regen. Er breitete ringshin einen Vorhang um das Boot, sein Rauschen vermischte sich mit dem des von unten aufschlagenden Wassers. Nach langer Zeit machte die Schulter Arnold Lohmers ein paarmal eine kurze Bewegung, als ob er sich umwenden wolle, doch er führte die Absicht nicht aus. Wohl eine halbe Stunde verrann wieder, eh' er dazu gelangte und den Kopf nicht voll zurück, nur halb zur Seite drehend, fragte: »Kannst Du in der undurchsichtigen Luft die Richtung halten?« Eine Befürchtung schien aus seiner Stimme zu klingen; das Mädchen erwiderte: »Ich hoffe es,« und er versetzte: »Du glaubst, daß wir heute nach Neuwerk kommen?« »Wenn der Wind so bleibt, bis zum Nachmittag.« Kurz schwieg er, dann brachte sein Mund noch einige Worte hervor: »Ich muß morgen nach Hamburg zurück, meine Braut wartet darauf.« »Ja, das mußt Du wohl.« Ihre Entgegnung verklang im Wind, und danach blieb's still im Boot wie vor der flüchtigen Wechselrede; er kehrte sein halb umgewendetes Gesicht wieder völlig ab, nur Rauschen und Brausen war rundum. Jetzt schoß der Regen, auf das Segel prasselnd, wie in Strömen herunter, es ließ sich kein trüberer Gegensatz zu der sonnigen Hinfahrt nach Süderoog mit der leuchtenden Weite umher erdenken. War das erst vorgestern gewesen? Durch den Kopf Arnolds ging ein verworrenes Treiben, er sah nur Bilder vor sich, hastig hin und her wechselnd, sich verdrängend, die Straßen von Hamburg und reich ausgestattete Räume vornehmer Häuser dort, plötzlich in endlose Wattensande mit flatternden Vogelschwärmen verwandelt, nun zu weißem, mondbeglänztem Dünenhang. Da trat Lucinde Eschenhagen in ihrer siegreichen Schönheit durch eine Thür herein, alle Blicke staunten sie an, die jungen Herren umdrängten sie mit auserlesenen Complimenten, doch zerrannen, und statt ihrer stand allein Anlof Follrichs da, ein flüchtig aufglimmender Schein lief ihm durch die wasserblauen Augen, und er sagte: »Dat harr ick mi hüt' Morgen nich dacht.« So kam's und schwand's vor dem Gesicht Arnolds, nur von der Erinnerung wie greifbar heraufgeholte Bilder, ohne Zusammenhang und ohne daß sich ihm Gedanken mit ihnen verbanden. Die Fahrt war lang und bot etwas Ungewöhnliches, denn nach manchen Stunden auf der freien See behielt Age Terwisga trotz der Ebbezeit gradaus über die breite ›Norderbank‹ die Richtung nach Süden bei; der stärker angewachsene Westwind ließ das Wasser nicht vom Sand absinken, so viel über ihm bleiben, daß dem Boot keine Gefahr, sich festzulaufen, drohte. Ohne Aufstoß gelangte es graden Wegs zur Elbmündung hinüber und diese überquerend weiter; Arnold Lohmer fiel nichts dran auf, er trug keine Zeit in sich und am wenigsten ein Denken an einen vom Regelmäßigen abweichenden Stand des Wassers wahrend der Ebbezeit. Aber dann erschrak er einmal, vor seinem Blick hob sich plötzlich aus der trüben Luft, weißlich schimmernd, etwas schon früher Gesehenes hervor; doch mußte er seine Sinne erst zusammenraffen, um den Leuchtthurm Geert Grawanders zu erkennen. Sie hatten Neuwerk erreicht und das Boot legte am Landungsplatz unterhalb des Gehöftes an; erst um weniges nach Mittag mocht' es sein, aber über der Insel lag das Tageslicht wie bei einfallender Abenddämmerung. Die beiden Heimgekehrten waren schon seit langem völlig durchnäßt, und im Haus eintreffend, stieg Arnold ohne Anhalten sogleich zu seiner Giebelkammer hinan; im Gefühl war's ihm, als seien Wochen vergangen, seitdem er den Fuß zum letztenmal auf die Stufen gesetzt. Unten hörte er das Mädchen sagen: »Das Wasser läuft heut' nicht ab bei der Ebbe,« und die Stimme des alten Hadlef antwortete: »Ich hab's auch gesehn, das Vieh muß herauf.« Oben warf der Durchnäßte rasch seine triefenden Kleider ab und legte sich in's Bett; ein Frostschauder durchrüttelte ihn, an dessen Stelle indeß bald das Gegentheil, Erwärmung, fast ein heißes Durchflutetwerden trat. Sein Mund sprach halblaut vor sich hin: »Der Sand ist noch warm von der Sonne«, denn das Bewußtsein zerging ihm zu einer Traumvorstellung. Todesmüde fiel er in reglos tiefen Schlaf, nur sein rechter Arm hob sich einmal auf, legte weitgestreckt die Hand nach der andern Seite in's Leere hinüber, und ihre Finger schlossen sich halb zusammen, als ob sie etwas umfaßt hielten. * Der Juni hatte seinen guten Ruf an der Nordsee, daß er andauernd heitere Tage bringe, bewährt, doch unterließ nicht, heut' zu zeigen, er stehe keineswegs unter der Botmäßigkeit des höchsten Sonnenstandes, sondern sei unabhängig, nach eignem Belieben seine Sommertracht zu wechseln und sich auch in völlig andrer darzustellen. So lag er jetzt düster gewandet über der Insel, durchzog schon am frühen Nachmittag mit Schattenfäden die Luft, daß der Blick auf Neuwerk kaum von einem Gehöft zum andern hinüberreichte, nur dämmernd noch den Umriß der Wurften unterschied. Aus Westen trieb der Wind lückenlos unermeßliche Wolkenmassen daher; zu dem grauen Regenvorhang, mit dem sie das kleine Eiland umbreiteten, gesellten sich von ihnen abgelöste, große, tief heruntersinkende Nebelfetzen, gleich flatternden Laken das Oberstück des Leuchtthurms umschlingend, sich drum verwickelnd und losgerissen wieder weiter treibend. Keinen Zweifel erlitt's, nicht die Nordsee erzeuge dies übergewaltige Gedränge am Himmel, es entstamme von weiter her einer unerschöpflichen Vorrathsansammlung des atlantischen Oceans, das Gefühl regend, Tage, vielleicht Wochen müßten vergehn, bis der Wanderzug der dunklen Kühe Wodans, als welche die ersten Ansiedler an diesen Küsten die Wolken aufgefaßt, sein Ende erreiche. Schon einmal, noch im Mai, hatte Arnold Lohmer auf der Insel solchen Umschlag der Lichtfreudigkeit zu halbnächtlicher Trübseligkeit erlebt, doch als er, nach einer Anzahl von Stunden aus dem Schlaf erwachend, aufstand und seine inzwischen leidlich getrockneten Kleider wieder anlegte, stellte sich seinem durch's Fenster hinausgehenden Blick das draußen Sichtbare noch anders als damals vor Augen. Keine braunen Rinder hoben sich belebend von dem grünen Weideland ab, aber auch dieses selbst lag um mehr als die Hälfte verschmälert; die Flut war wieder eingetreten und hatte, vom Wind gejagt, das Wasser bis etwa auf hundert Schritt vom Unterrand der Wurft heraufgehoben. Mit rohrendem Gemurr wälzten sich die Wellen, da und dort weißgelben Schaum aussprühend, über die verschwundenen Grasflächen; dem Beschauer kam's aus der Odyssee, so schilderte die alte Dichtung das Schattenlicht um das stygische Gewässer, ›ganz von Nebel umwölkt und Finsterniß‹, über das Odysseus auf den Befehl der Kirke zum Reich des Aïdes hinuntergefahren. Doch kurz nur verweilte die Vorstellung des Angekleideten bei dieser Vergleichung; in ihm selbst trieben Gedanken und Empfindungen wie eine wogende Flut, ließen ihn auf die der See als auf Gleichgültiges nicht achten. Der Schlaf hatte ihm etwas gebracht, von dem er sich zwar nicht mit klarer Auffassung angeben konnte, was es sei, aber es war da, unveränderlich, und eine Befreiung seiner Brust ging davon aus. Sie athmete nicht mehr mühsam, wie während der Heimfahrt von der Düne her, sondern leicht; ein sonderbares Gefühl erfüllte ihn, über dem schweren Wolkengetriebe ständen die Sterne in leuchtend Pracht, wohl gegenwärtig für seine Augen noch nicht wahrnehmbar, doch sie seien vorhanden, er müsse nur warten, bis sie strahlend vom geklärten Himmel herabgrüßten. Eine Weile blieb er noch am Fenster stehn, stieg dann die kurze Treppe hinab. Die Diele unten lag schon beinah in völligem Dunkel, auch aus der Küche her fiel kein Lichtschein; bei starkem Wind wurde nach altem Brauch in allen Häusern das Herdfeuer ausgelöscht, und so war's heute geschehn. Nur auf dem Tisch der Wohnstube brannte in einem schüsselartig breitausgebauchten Messingleuchter eine Talgkerze, deren am röthlich schwälenden Docht aufzüngelnde Flamme kaum ihren Flackerschein bis an die Wände hinwarf. In der Hochsommerzeit war's ein winterliches Bild, wie der Gast es hier noch nicht vor Augen gehabt, die Weltabgeschiedenheit der kleinen Erdscholle im Meer sah ihn draus an. Bei seinem Eintritt saßen Hadlef und Belke nebeneinander auf einer Bank, wohin sie sich zum Besprechen einer Sache zusammengesetzt zu haben schienen; der Alte stand jetzt auf, begrüßte den jungen Arzt, ihm die Hand reichend, und sagte: »Hast Du die Augen eine Zeit zugemacht? auf dem Wasser macht's sie müde. Zurück habt ihr's nicht gut gehabt und seid unnöthig in den Regen gekommen. Se will em nich, denn is dato jo nix mehr to seggn.« Offenbar hatte Age, wohl auf ein Befragen von ihren Großeltern, kundgegeben, daß sie nicht Anlof Follrichs Frau werden wolle; ihr mocht's mit Vorbedacht herausgekommen sein, um von vornherein seiner angekündigten Hierherkunft und Werbung einen festen Riegel vorzuschieben. Augenblicklich trat sie selbst zur Herrichtung des Abendtisches ein, so daß Hadlef vom Gegenstand seines letzten Sprechens abließ und dranknüpfte: »Du willst morgen wieder nach Hamburg, Doctor, hab' ich gehört. Bei der schlechten Witterung giebt's hier für Dich natürlich lange Zeit. Awers röwer kümmst Du wul nich, wie kriegt öwer Nach Storm, dat keen Seil rut kann.« »Glaubst Du, daß der Wind noch stärker wird?« Arnold wandte nach der Frage seinen Blick dem Mädchen zu und fügte drein: »Mir wär's nicht bange davor, wenn Age mich hinüberbringen will. Sie muß den Entscheid thun.« »Du sagtest's mir, daß Deine Braut auf Dich wartet. Da gieb nur an, wann Du fahren willst; ich habe Dich hergebracht und bringe Dich auch wieder zurück.« Sie erwiderte es gleichmüthig, schien nicht an eine gefahrdrohende Verstärkung des Windes zu glauben, doch der Alte sagte bedachtsam: »Da kommst Du wieder durchnaß nach Cuxhaven, Docter, der Regen hört vor morgen Abend nicht auf.« Der Kopf des Mädchens machte eine unwillkürlich stutzende Bewegung. Arnold Lohmer flog mit einem lachenden Ton vom Mund: »Davon hab' ich freilich heute genug gehabt! Meinst Du, daß er nicht eher aufhört? Dann will ich's mir doch noch bedenken.« Länger als eine Woche war vergangen, seitdem im Gegensatz zu der Zeit vorher kein Lachen mehr über die Lippen des Sprechers gekommen, zum erstenmal klang's wieder fröhlich von ihnen auf und überraschte sichtlich Age Terwisga als etwas Unerwartetes, fast wie Unverständliches nach seiner schweigsamen Wortkargheit während der langen Heimfahrtstunden. Sie verließ die Stube wieder, ihrer Obliegenheit weiter nachzugehn, doch dauerte es ungewöhnlich lange, eh ihr Zurückkehren die abendliche Kost fertig herrichtete. Dann indeß saßen alle um den Tisch, und die heitre Gemüthsstimmung Arnolds offenbarte sich gleicherweise in seinem Sprechen und Thun. Den Speisen zugreifend, sagte er: »Ich spür's, daß ich gestern Abend zuletzt gegessen habe. Du ebenso, Age – ich glaube, unser Korb ist auf der Düne stehn geblieben, wir hatten's zu eilig – hast Du nicht auch Hunger?« Die Befragte antwortete kurz: »Ja,« doch entsprach diesem nur wenig durch ihre Betheiligung an der Mahlzeit, regte bei dem geringfügig von ihr über die Lippen Gebrachten den Eindruck, daß sie sich Zwang anthue. Die Talglichtflamme schweifte in der unablässig durch die Fensterfugen dringenden Zugluft, und auch kaum unterbrochen knarrte und knackte das Gebälk von rasch sich folgenden Windstößen; ab und zu scholl dumpf aus dem Stall ein unruhiges Aufbrüllen der Rinder herüber. Nach der Beendigung des Essens ging Hadlef einmal vor die Thür hinaus und sagte zurückkommend: »Die Nacht ist wie eine Krähenfeder, man sieht nicht die Hand vor'm Gesicht.« Halb ohne Wissen entflog Arnold drauf, was er seit seinem Aufwachen seltsam im Gefühl trug: »Aber die Sterne sind drüber und warten, daß der Wind die Wolken verjagt.« Das verstand der Alte nicht, sondern versetzte: »Nee, de Wind däh dat nich, wenn nich de Vullmaan ok weer. To sehn is nix vun em, awers he is da.« Welchen Sinn dies habe, begriff jetzt der Hörer seinerseits nicht und achtete auch nicht drauf, daß Hadlef hinzusetzte: »Na, wi sünd jo nich in'n Harvst, üm de Sünnwendtid geiht dat wul vörbi.« Arnold hatte nichts draus entnommen, als das Wort ›Vollmond‹, das ihm die Erinnerung an den gestrigen Abend aufweckte und die weißbeglänzte Düne wieder wie leibhaft vor die Augen stellte. Dazu hörte er das Sprechen von zwei Stimmen, seiner eignen und der seiner nächtlichen Gefährtin; sie redeten laut und schnell gegeneinander, denn eigenthümlicher Weise brachte ihm das Gedächtniß grade den Zwist, der sich zwischen ihnen entsponnen, zurück. Den thörichten Streit, als ob plötzlich aus der Luft eine Zanksucht über sie gekommen, um ein Nichts, um sein von ihr behauptetes Ungeschick bei dem Herstellen der Schlafstätte für sie. Darüber hatten sie sich wie zwei rechthaberische Kinder ereifert, sie den Anfang damit gemacht und er ebenso nicht abgelassen; deutlich klang's ihm wieder im Ohr, wie wenn sie beide von etwas gestachelt worden seien, den Hader immer weiter und immer lauter bis zur Entzweiung und zum Auseinandergehn fortzusetzen. So überaus sinnlos-närrisch war's gewesen und deshalb auch der Anlaß dem Mädchen nachher, als sie sich wieder zusammengefunden, völlig aus dem Gedächtniß entfallen. Arnold Lohmer mußte bei der Erinnerung dran plötzlich einmal lachen, denn seit heut' Nachmittag hatte er die verlorene Fähigkeit dazu zurückgewonnen. Dann stand er wieder allein am offnen Fenster seiner Kammer und blickte hinaus; die beiden Alten waren nach ihrem Brauch bald zur Ruh gegangen und ihre Enkelin, die sich nach der Rückkunft nicht zum Schlafen gelegt, wohl ebenso, da sie nach dem Abtragen des Eßgeräths nicht mehr in die Stube zurückgekommen. Der volle Mond, wenn auch fast um eine Stunde später heut aufgehend, mußte schon über dem Horizont sein, doch kein leisester Schimmer deutete die Stelle an. Ringsum lag schwarze Nacht, einer mit ungeheuren düstren Schwingen alles zur Unsichtbarkeit überdeckenden, fauchenden Rieseneule vergleichbar; ineinander mischten sich das stoßweise Schnauben des Westwindes und ein unterlaßloses rohrendes Gemurr des Flutwassers, das jetzt bis an den Fuß der Wurft heraufgeschwollen zu sein schien, die Nothwendigkeit der Erderhöhungen für die Häuser erkennen ließ. Arnold fühlte noch keine Müdigkeit wieder, doch wie mit erblindeten Augen dazustehn, war zwecklos; so schloß er das Fenster und legte sich, im Finstern bis in's Kleinste mit seinem Stübchen vertraut, zu Bett. Der Schlaf kam ihm nicht, aber er verlangte auch nicht danach; in vollstem Maß anders war's, hier in der Lichtlosigkeit wachend zu liegen, als im Mondglanz auf der Düne, doch nicht minder eigenschön, Vorstellungen heraufgestaltend und belebend. Wechselnd kamen sie und flossen, wie von wandernden Flußwellen weiter getragen, vorbei; er ging wieder unter den blühenden Kirschbäumen durch's Alte Land, die Bienen summten über ihm, und nun sagte Johann Heinrich Voß von diesen: »Mit den Bienen hatte Haining es viel in seinen Liedern.« Denn er war in das Otterndorfer Schulhaus gekommen, saß dort am Tisch, und der jugendliche Rector knüpfte dran: »Auch der Odenhaining hätte gern ebenso mit seinem Röschen am eignen Tisch gesessen; schön hat er seine Sehnsucht danach kundgethan: Unter Blüthen des Mai's spielt ich mit ihrer Hand, Koste liebend mit ihr, schaute mein schwebendes Bild im Auge des Mädchens, Raubt' ihr bebend den ersten Kuß.« Dazu bückte Voß sich, küßte seine Frau Ernestine auf die Lippen und begab sich davon, um seine Pfeife zu holen. Aber er kam nicht zurück, sondern Arnold trat zu Cuxhaven in Timm Stade's Krämerladen, dessen Thür sich gleich danach wiederum aufthat, eine weibliche Gestalt mit rothem Kopftuch über dunklem Haar hereinzulassen. Die blieb jetzt überall, ob um sie her auch ein häufiger Wechsel vorging; ein Bild war's, dessen Rahmen sich nur veränderte. Im Mondlicht hob es sich vom Steuersitz eines Bootes auf, wie aus weißgemähnten Wellen emporsteigend; dann schritt's in der Sonne auf endlos einsam umhergedehnten Sanden dahin; ein sonderbarer Nebel kam, verdeckte es bis zu den Schultern hinan und ließ, wie in einem Märchenvorgang, allein ein körperloses Antlitz durch die Luft schweben – Weiter und weiter, sich aneinander reihend, zogen so kommende und zergehende Gesichte vor den offnen Augen des schlaflos Liegenden vorüber. Dazwischen hörte er den um's Haus tobenden Aufruhr, das Rütteln an den Pfosten und Schüttern des Mauerwerks, doch nicht wie nah um ihn her, sondern als sei's in einer weiten Ferne, habe mit seiner Lagerstätte nichts zu thun, vielmehr erhöhte es ihm das schöne Gefühl einer ruhevollen Beschwichtigung. Dann und wann nur sagte er sich, draußen auf der See nähme der Wind zu und hohes Flutgewoge überdecke jetzt strudelnd und schäumend alle Watten. Aber um etwas später ging er trotzdem auf diesen, nach Bernstein suchend, mit Age Terwisga; um sie rauschte das Wasser, ihnen bis weit über die Hüften hinauf, doch bekümmerte sie nicht, denn sie hatten an der Düne ihre Kleider abgelegt, und das Mädchen sagte: »Wenn's zu hoch wird, so schwimmen wir.« Beiden erschien's so naturgemäß, von dem Hochstand des Wassers geboten, wie sie sonst barfuß über die Sande wanderten, doch es bekundete, daß er schließlich nicht mehr bei wacher Besinnung verblieben, sondern von einer Traumtäuschung überkommen sei. Daraus gelangte er noch einmal durch einen heulend seine Giebelkammer anpackenden Windstoß zu halbem Bewußtsein und sprach vor sich hinaus: Ja morgen fahre ich nach Cuxhaven zurück.« Doch um ein paar Augenblicke später klang's nochmals von seinem Mund in's Dunkel: »Ich kann's ja nicht – der Sturm hat ja das Boot weggerissen.« Und die letzten Worte begleitete er mit einem lachenden Ton, denn ein Traum hielt ihn wieder im Bann. Als er vom Schlaf aufwachte, durchgraute ein mattes Licht seine Stube, der schon seit Stunden angebrochene Tag glich dem vorigen, brachte statt der Morgenhelle nur graue Dämmerung. Sturmgepeitscht jagten am Himmel die Wolken, der Inselboden war vollständig verschwunden, das Wasser schlug rundum bis zum Unterrand der Wurft hinan; in eine kleine Aushöhlung an ihr heraufgezogen, lag schaukelnd das Boot, offenbar noch gestern von achtsamer Hand geholt und festgemacht, doch der Segelmast und die Ruder fehlten drin. Auch in einen Frühtraum Arnolds mußte es sich nochmals eingemischt haben, denn er nahm's mit einem verwunderten Blick gewahr und murmelte vor sich hin: »Ich meinte, es wäre weggetrieben und käme nicht mehr wieder.« Nun ging er hinunter, der Morgen war schon bedeutend weiter vorgerückt, als es schien; Belke Terwisga saß allein in der Wohnstube, doch nicht an ihrem Webstuhl, das trübe Licht reichte zur Arbeit dran nicht aus. Sie hatte durch's Fenster hinausgesehn, drehte bei seinem Eintritt den weißen Kopf um und fragte: »Bist Du's, Docter? Bei dem Wetter woll'n die Augen nicht recht mehr.« Er antwortete mit einem Scherz drauf, daß sie noch viel zu jung sei, um an eine Abnahme ihrer Sehkraft denken zu können, und fügte nach: »Die Flut geht hoch heute, so hab' ich sie noch nicht gesehn.« Dazu schüttelte indeß die Alte den Kopf: »Das ist nicht Flut, die kommt erst; das ist Ebbe, aber der Sturm läßt das Wasser nicht ablaufen und der Mond thut's auch mit.« Auf außergewöhnliche Vorkommnisse bei den ›Gezeiten‹ erstreckte die Kundigkeit des jungen Arztes sich noch nicht recht, und er erhielt auf sein Fragen jetzt Auskunft, daß zweimal im Verlauf des Monats, zur Zeit des Neu- und Vollmondes die Flut regelmäßig höher ansteige, am meisten um die Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr und Herbst. Dann heiße sie Springflut, weil es aussehe, als ob die Wellen in Sprüngen herankämen, und während des Winters bleibe das Wasser dann öfter auch bei der Ebbe über dem Weideland stehn; das thue dem Graswuchs durch die Wirkung des Salzwassers wohl Schaden an, bringe aber sonst für gewöhnlich keine Gefahr mit sich, wenn nicht zu der Springflut grad' noch eine Sturmflut hinzukomme. Merklich indeß lag Belke daran, mit Arnold von anderem als Ebbe und Flut zu sprechen, und sie ging bald auf das, was ihr die Gedanken erfüllte, den Mißerfolg der Fahrt nach Süderoog über. Darauf hätte er sich lieber nicht eingelassen, aber da es nicht zu vermeiden war, sprach er gradezu offen aus, auch nach seinem Dafürhalten sei's unmöglich, daß Age Anlof Follrichs heirathe. Wenn der auch ein braver Mensch sein möge, passe er doch in allem nicht zu ihr, die von der Natur feinere Art im Kopf und Herzen bekommen habe. Einer, der die nicht begreife und ihr darin nicht gleich wäre, dürfe nicht ihr Mann werden; um das zu können, müsse ihr Lebensgenosse einem andern Stand angehören, der die Anlagen in ihr zu höherer Ausbildung brächte. Darüber jedoch kennzeichnete sich ein Erschrecken im Gesicht der Alten, und in's Plattdeutsche verfallend, stieß sie aus: »Wahr' de Hewen se davör, Du meenst doch nich, Docter, dat se en Herrn inne Stadt heuern schull? Dat gaw jo nix as Unglück vör em un ehr – nee, dato kennst Du se doch nich lang nog, se is vun unsen Slag un mutt bi em bliwen. Dat weet se ok sülbn un is to klok, höger ut to wulln. Awers wenn se Anlof Follrichs nich will, weet ick keen mehr.« Das Zwiegespräch nahm ein Ende, denn die Beredete trat herein; sie mußte das Herabkommen des Hausgastes von oben vernommen haben und brachte das Frühstück für ihn, ordnete es auf dem Tisch und fragte: »Wann willst Du fahren? Der Regen ist nicht mehr stark, in einem Oelrock kommst Du trocken nach Cuxhaven hin.« Doch Belke fiel ein: »Du büst jo wul snaksch, Deern, und mit dem linken Fuß aus dem Bett gekommen? Bei dem Sturm sollt' der Docter über's Wasser?« Das Mädchen antwortete kurz: »Seine Braut wartet auf ihn,« und die Alte murmelte: »Brud her, Brud hin – sie will ihren Bräutigam doch lebendig wieder haben, da muß sie bei dem Wind noch warten.« Nun sagte Arnold lachend: »Ich glaube, Mutter Belke hat recht, warten lassen ist besser, als nicht am Leben zu bleiben; morgen wird der Sturm wohl vorbei sein.« Aus der Erwiderung sprach, daß er den Entscheid gefaßt habe, seine Wegfahrt von Neuwerk noch zu verschieben; Age versetzte nichts mehr, sondern ging wieder hinaus. Er blieb jetzt allein, denn gleich danach veranlaßte das jähheftige Schlagen einer Thür die Alte, ebenfalls davonzugehn, um nach dem Rechten zu sehen. Das Frühstück mundete ihm vortrefflich, er befand sich in freudiger Gemüthsstimmung, die wohl schon seit gestern Abend über ihn gekommen, doch deren Ursprungsgrund sich ihm erst während seines Gesprächs mit Belke klar erhellt hatte. Dabei war er ganz von der Erkenntniß und dem Gefühl durchdrungen worden, für das Lebensglück Ages Terwisga sei ihre Verbindung mit einem Manne aus gebildetem Stande unerläßlich und sein Hierhergerathen nach der Insel habe ihm als eine wichtigste Lebensaufgabe bestimmt, dies zur Ausführung zu bringen. Er mußte noch bleiben und rathschlagen, durch welche Vorgabe er die Großeltern bereden könne, das Mädchen mit ihm nach Hamburg fahren zu lassen; wenn das geschah, mußte der Plan vermittelst kluger Bedachtsamkeit seinen Fortgang zum Ziel nehmen. Im Geist ging er die Zahl seiner näheren jüngeren Bekannten durch; es ließ nicht Zweifel, die Schönheit und Eigenart Ages werde sie alle als etwas Neues, Unbekanntes anziehen, fesseln, sie ihnen über die lediglich zu einigen gewandten äußerlichen Manieren erzogenen, doch inhaltsleeren jungen Damen ihrer Gesellschaftskreise emporheben. Nur vermochte er sich nicht darüber schlüssig zu werden, wer von den in's Auge gefaßten ihm als der Wünschenswertheste erscheine, am sichersten die Erfüllung der Absicht, das wahrhafte Glück des Mädchens verbürge; seiner Vorstellung heftete sich nach verschiedenen Richtungen an jeden mehr oder minder ein Bedenken, keiner entsprach voll den vom Werth Ages bedingten Anforderungen. Doch war der Kopf Arnolds ganz von der ihm neu aufgegangenen Idee eingenommen, und er stieg wieder zu seiner Kammer hinan, um ungestört reiflicher über sie nachzudenken. Hier indeß ließ er zunächst von dem bisher Erwogenen ab, wandte sein Nachsinnen dem zuerst in Betracht Kommenden zu, durch welches Mittel er erzielen könne, daß Age Terwisga ihn nach Hamburg begleite. Daran schlossen sich unmittelbar andre Fragen, wo sie dort eine Unterkunft finden solle, und ihre Kleidung war für die Stadt nicht geeignet. In Bezug auf das letztere bedünkte ihn am rathsamsten, Ernestine Voß um Beihülfe anzugehn, das Nöthige in Otterndorf beschaffen zu lassen, und was die Wohnung betraf, so stellte sich ihm zunächst das Eschenhagen'sche Haus als das dafür bestgeeignete dar. Allein diesen Gedanken verwarf er ziemlich rasch wieder; das Wesen Lucindes paßte nicht zu dem des Mädchens, im Grunde waren beide völlig entgegengesetzte Naturen und würden schwerlich zu einer Annäherung aneinander gelangen. Auch er selbst würde nicht recht wissen, wie er sich im Hause seiner künftigen Schwiegereltern zu der von ihm dorthin Gebrachten verhalten solle; alles drin, das Benehmen, die Umgebung und Lebensführung, war so anders, als hier auf der Insel. Age mußte von Heimweh nach dieser befallen werden. Uebte er denn aber auf sie selbst die Macht aus, ihre Zustimmung zu seinem Vorhaben, natürlich ohne Mittheilung des Zwecks, zu erreichen? Das bildete jedenfalls die Hauptfrage, der die übrigen erst nachfolgten. Ihren Eigenwillen hatte sie manchmal mit fester Entschiedenheit gezeigt und behauptet, hin und wieder sogar in einer fast schroffen Art; sie war im Innern zur Selbständigkeit veranlagt und in solcher aufgewachsen. Aber doch auch lag Biegsames in ihr, wo sie ein Vertrauen gefaßt, und Arnold trug als Gefühl in sich, zu ihm hege sie dies, wie zu Keinem sonst. Er hatte auf Süderoog bewiesen, daß er mit besserem Verständniß ihres Wesens und Werthes als die Großeltern für ihr Bestes bedacht sei, und beim Nachsinnen zerging seiner Empfindung alle Besorgniß, von ihrer Seite könne ihm ein unbezwinglicher Widerstand entgegengesetzt werden. So galt es also, auf ein Mittel zu denken, durch das er die Einwilligung der beiden Alten zu seinem Plan gewinne. Unvermerkt gingen Stunden vorüber, während er dergestalt mit den Gedanken hin- und herschweifend am Fenster stand; wechselnde Bilder trieben vor seinen geistigen Augen vorbei, und er nahm erst zufällig einmal mit einem Niederblick der leiblichen gewahr, daß sich der Stand des Wassers unter ihm verändert habe. Offenbar hatte die Flut eingesetzt und hob jenes wallend und quirlend jetzt bis zur Mitte der Wurft hinan; von der Seite der Windrichtung her kamen kurze, wie aus aufgewühlten Löchern plötzlich in die Höh' wachsende Wellen, schlugen, sich überstürzend, noch weiter empor und schleuderten ein gelbliches Gischtgekröse fast bis zu der Hauswand auf. Mit Ausnahme des kleinen Dünenkernes in der Mitte war die Insel vollständig verschwunden, nur da und dort schwamm noch die Oberhälfte einer Wurft gleich einem dunklen umgeschlagenen Ewer über dem grauen Gewoge; der Regen hatte sich etwas abgeschwächt, so daß die Luft ein wenig heller geworden, dagegen wuchs unverkennbar der Sturm noch an Gewalt, einzelne seiner Stöße ließen fühlbar das Haus zittern, als ob er die tief in den Grund gerammten Pfosten zum Schwanken bringe. Aber flüchtig nur verharrte Arnold Lohmer bei dieser umschauenden Betrachtung, dann kehrte er zu seinen Ueberlegen und Planausarbeiten zurück. Alles Andre erschien ihm daneben bedeutungslos, doch durchschoß gegenwärtig plötzlich einmal etwas Neues seinen Kopf, die Erinnerung daran, daß er gestern während der Fahrt gesprochen habe, er müsse heut' nach Hamburg zurück, seine Braut erwarte ihn. Wie war er dazu gerathen, das zu sagen? Er begriff's nicht; in ihrem letzten Brief war von solcher Erwartung nicht die Rede gewesen, sie hatte ihn im Gegentheil ermahnt, Neuwerk nicht eher zu verlassen, als bis er zweifellos zum erfolgreichen Antreten seiner ärztlichen Praxis wiederhergestellt sei. Durch den regnerischen Witterungsumschlag verursachte üble Laune mußte ihm sinnlos die Worte vom Mund gebracht haben; vielleicht hatte auch die ungewohnte Nacht im Dünensand durch eine körperliche Nachwirkung dazu beigetragen und erst das Ausruhen bei der Heimkunft ihn von der Mißstimmung befreit. Jedenfalls war's ihm heute durchaus unverständlich, warum jene Aeußerung ihm entfahren sei. Da erscholl von drunten der bekannte, den Zugehörigen des Gehöfts die Mittagstunde ankündigende Hausglockenton, und Arnold stieg zum Essen hinunter, er wußte nicht, ob ihm der Vormittag lang geworden oder verflogen sei. Weil des Sturm's halber kein Feuer angezündet werden durfte, bot der Tisch nur kalte Speisen; wie üblich, ward bei ihrem Verzehren wenig gesprochen. Hadlef sagte einmal: »Das sind fünfzehn Jahre, daß es nicht mehr so gewesen. Age weer dree Johr old, aber Du kannst Dich wohl nicht drauf besinnen.« Die Angeredete schüttelte den Kopf und versetzte: »Bin ich schon so lang auf der Welt? Mir kommt's erst viel kürzer vor. Glaubst Du, das Wasser geht noch höher, Vater?« – »Das weiß keiner; wenn's bei der Ebbe fällt, darauf kommt's an.« Der Alte fuhr gegen den jungen Arzt gerichtet fort: »In Hamburg am Hafen spüren sie's jetzt auch, das Elbwasser kann nicht dagegen auf.« Arnold erwiderte: »Woher weißt Du's? Bist Du einmal in Hamburg gewesen?« – »Ja, als ich noch als Junge zur See fuhr, da schossen sie mit Kanonen, als es bei ihnen so ankam und in die Straßen lief. Dat is sößtig Johr her und noch wat dato.« Dem Hörer schoß der Gedanke auf, dran anzuknüpfen und sein Vorhaben zur Rede zu bringen, doch er schloß den halbgeöffneten Mund wieder, ihm erschien's besser, zuerst mit dem Mädchen allein drüber zu sprechen. Bald stand Hadlef auch auf, trat an's Fenster und sagte: »Dat Boot mutt höger up;« dies anzuordnen, ging er hinaus. Belke begab sich zum Pesel hinüber, wo sie in ihrem alten Linnenschrank zu kramen anfing, Leintücher von einer Seite auf die andre legte; es machte den Eindruck, als suche jeder nach einer Beschäftigung, um sich über eine Wartezeit hinwegzubringen. So blieb Arnold, allein gelassen, in der Stube, denn Age hatte sich ebenfalls zu einer häuslichen Thätigkeit entfernt. Er hing wieder seinen Entwürfen nach, um ihn war ein unablässiges Geknatter wie von zerspringenden Holzfasern des Balkenwerks der Wände. Dann kam er zu dem Entscheid, nach ihr zu suchen, doch vermochte sie im Hause nirgendwo zu finden, öffnete schließlich die Ebberthür, wozu er seine ganze Kraft aufbieten mußte denn der Wind drückte mit voller Gewalt gegen sie. Da stand unvermuthet Aqe Terwisga draußen nah vor ihm am Wurftrand mit umgeknotetem Kopftuch, ihr Rock flatterte wild im Sturm, und Schaumgerinnsel flog ihr bis zur Brust empor. Abgewandt sah sie auf das Wogenschwellen dicht vor ihren Füßen nieder; er rief sie bei Namen, doch sie hörte es nicht. Erst als er seine Hand ihr auf die Schulter legte, drehte sie das Gesicht herum, blickte ihn wie ungläubig an und sagte: »Bist Du noch hier? Ich glaubte, Du wärest unterwegs.« Vielleicht hatte sie auch anderes gesprochen, unverständlich nach doppelter Richtung war's, der Wind riß ihr die Worte von den Lippen fort. Er fragte, so laut er konnte: »Ist's immer noch Flut? Wann kommt die Ebbe?« und sie entgegnete ebenso: »Um vier muß sie anfangen.« – »So viel ist's wohl bald.« – »Ja, man merkt's noch nicht.« Aus ihrem Stimmenton klang's, als mache der Wasserstand, den sie noch nie so hoch erlebt, ihr ein Vergnügen, doch fiel's kaum möglich, gegen die Stöße des Windes standzuhalten; beide bewegten sich nicht freiwillig, sondern wurden in's Haus zurückgeworfen, mit einem Donnerschlag ähnlichen Krachen schlug die Thür hinter ihnen zu. Arnold war jetzt zu dem erwünschten Beisammensein mit Age gelangt und beschloß, es für seinen Zweck zu nutzen, nur fand er nicht gleich einen passenden Uebergang und sagte deshalb: »Wollen wir uns setzen und soll ich weiterlesen, wo wir auf der Düne stehn geblieben? Da hörtest Du beim Letzten nicht zu – weißt Du's noch? – und wir gingen auf den Bernsteinsand hinaus, und als wir zurückkamen, zankten und entzweiten wir uns. Das war närrisch, ich weiß nicht, wie's über uns gerieth. Sie wiederholte: »Ja, das war närrisch – aber wär's auch, wenn Du jetzt lesen wolltest. Du könntest die Buchstaben nicht sehn, und ich würde wieder nichts hören vor dem Lärm von draußen. Laß uns Acht geben, ob das Wasser fällt.« Er hatte, um zu seiner Absicht überzugehn, einen bedachtlosen Vorschlag gemacht; zum Lesen war's zu trüblichtig, und gleicherweise traf der andre von ihr angeführte Gegengrund zu. Auch hier im Innern mußten sie lauter als sonst sprechen, um ihre Worte verstehn zu lassen, die von einer Ineinandermischung pfeifender, heulender und knatternder Töne umbraust wurden. Arnold trug auf der Zunge, zu erwidern: »Laß uns zu meiner Kammer hinaufgehn, dort sieht man's am besten,« doch die Antwort blieb ihm ungesprochen im Munde stocken, er wußte nicht, warum er sie nicht hervorbrachte. Oder hätt' er's doch gethan und ward durch einen dumpfdröhnenden, wie ein kurzer Donnerschlag klingenden Schall angehalten? Aus verworrenem Sinn entflog ihm: »Was war das?« Darauf entgegnete eine andre Stimme als die des Mädchens: »Do mutt en Schipp vör de Elb in Nod sin und löst sin Kanon.« Hadlef Terwisga war ungehört hereingekommen, an's Fenster tretend und ausblickend setzte er hinzu: »De Vageln kamt ok un wüllt rin, dat is nix Godes.« Auffälliger Weise kämpfte draußen wohl ein Dutzend von Möwen und Sturmvögeln sich mühsam durch den ungeheuren Luftaufruhr gegen das Hausdach heran und schien an diesem kreischend nach einer bergenden Zuflucht zu suchen; ihre sonstige Scheu vor menschlichen Wohnungen war verschwunden. Der Alte wandte sich wieder der Thür zu und sagte im Vorbeigehn: »Wi wüllt dat Veh anne Tüder nehm, Age; wokeen kann weeten, as dat warrd.« Da war Arnold Lohmer wieder allein; was das letzte bedeutete, hatte er nicht verstanden. Der dumpfe Hall des Kanonenschusses wiederholte sich nochmals und versetzte ihn in eine unbekannte körperliche Erregung. Vor seine Phantasie stellte sich das muthmaßlich auf der tobenden See vom Untergang bedrohte Schiff, mit gerefften Segeln sah er es haltlos wie ein Stück Rollholz hin und her geschleudert, krampfhaft klammerte sich die Bemannung an Masten und Tauen fest, nicht von den überstürzenden Wellen fortgerissen zu werden. Zum erstenmal überkam ihn ein deutliches Gefühl der Wildheit, mit der die Naturmächte auch auf die kleine Erdscholle um ihn her eindrangen, und daß jetzt nicht die Stunde sei, seinen Zukunftsplan weiter zu durchdenken. Im Hause ging alles ruhig zu, aber er empfand, wortlos warte jeder auf etwas, das Nämliche. Er saß horchend, ohne zu wissen, worauf; schnell nahm die karge Tageshelle ab, die Gegenstände in der Stube wurden unsichtbar, nur vor dem Fenster erhielt sich ein bleicher Dämmerschein. Für ihn gab es nichts zu thun, so blieb er auf der Bank sitzen, in einer Zeitlosigkeit, sonder Anhalt, ob Viertelstunden oder ganze vergingen. Einmal hörte er einen kurzen Ruf: »Dat Water löppt nich af,« und ihm ging auf, die Ebbezeit müsse gekommen sein, ohne daß sich das Erwartete, Erhoffte eingestellt habe. Dann nach einer Weile rührte ihn an, als klinge das ständige Brüllen der Rinder von einer anderen Seite her; das ließ ihn unwillkürlich aufstehn und der Richtung zu, gegen Osten in's Freie hinaustreten. Hier, windab, war's verhältnißmäßig ruhig, eine mit Grassoden belegte Erdböschung dachte sich von der Wurft zum Bodengeschoß des Gehöfts hinan, und das Zwitterlicht reichte noch aus, zu unterscheiden, daß Mägde an Halftern das widerstrebende Vieh nach oben in den Heuraum emporführten. Auch Hadlef und Age bethätigten sich mit dabei, es dauerte ziemlich lange, bis das Sträuben der Thiere bewältigt und sämmtliche droben hinter dem wieder geschlossenen Scheunenthor untergebracht worden. Im letzten schwindenden Tagesschimmer hatte der Vorgang etwas die Sinne sonderbar Anfassendes, er entsprang unverkennbar einer vorsorgenden Befürchtung, das Wasser könne bis zum Stall hinaufsteigen. Nun war das schattenhafte, nur dunkle Umrisse zeigende Bild vor den Augen Arnolds weggelöscht, der weißköpfige Alte und das Mädchen kamen von der Böschung herunter, und er ging mit ihnen in's Haus zurück. Der Regen hatte, die gestrige Voraussicht Hadlefs bewährend, beinah völlig aufgehört, und es regte den Anschein, auch der Sturm beginne sich etwas abzuschwächen, wenigstens verlängerten sich die Zwischenräume seiner tobend stoßenden Anfälle. Drinnen äußerte Arnold diese Wahrnehmung, doch der Alte versetzte nur: »Dat is to lat un helpt nich mehr;« er schloß ein kleines Gefach in der Wand auf, nahm zwei mit Silberstücken gefüllte Beutel draus hervor und bewahrte sie in den Taschen seines Friesrocks. Alles, was gethan ward, ging mit friesisch bedachtsamer Ruhe vor, doch wies gleichmäßig auf ein sich Bereiten Unabänderlichem gegenüber hin. Im Pesel und der Wohnstube waren ein paar Talglichter angezündet, deren Dochte Age Terwisga dann und wann, wenn sie lang glösten, mit einer breiten Putzscheere abschnitt. Das that sie mit sichrer Hand, nur an ihren Augen ließ sich bei genauerer Beobachtung ein Zeichen innerlicher Erregung erkennen, doch keiner von Bangniß verursachten; eher schien's auf eine in ihr sich vorausrichtende Erwartung von etwas ungewiß geheimnißvoll und großartig herannahendem hinzudeuten. Ihre bisher seit dem gestrigen Morgen fortgedauerte Schweigsamkeit wandelte sich fast zum Gegensatz um; beim Vorüberkommen an dem Sitzplatz Arnolds trieb sie's, mit ihm zu sprechen. Wechselnd von diesem und jenem, was sie beide während seines Hierseins auf der Insel zusammen gethan; es war, als trachte sie danach, ihn und sich selbst durch laute Gesprächigkeit über den langsamen Weitergang der Zeit wegzubringen. Nun gedachte sie der Odyssee, fragte, was Nausikaa jetzt denke und thue, da Odysseus wohl von Scheria abgesegelt sei; ob sie wieder mit den Mägden zum Strand hinunterfahre, die Gewänder ihrer Eltern und Brüder dort zu waschen. Davongehend, putzte sie die flackernde Kerze, kam zurück und sagte: »Jetzt reicht das Wasser auch an der Düne bis zu dem Platz, wo wir gesessen, und hebt Banke Jaspers Korb auf, den wir vergessen haben. Ich sehe ihn schwimmen und schaukeln – auf und nieder – auf und nieder – da sinkt er weg und kommt nicht wieder in die Höh. Das ist nicht schlimm, wir brauchen ihn ja nicht mehr – aber unser Boot ist auch weg, der Sturm hat's losgerissen, und es treibt wohl kieloben auf der See. Das ist schlimm, denn wie sollst Du nun morgen nach Cuxhaven hinüberkommen?« Bei der letzten Frage that Age Terwisga etwas den Worten Widersprechendes, was sie außerdem seit bald zwei Wochen nicht mehr gethan. Denn ein Lachen flog ihr vom Mund, und hastig aufspringend, lief sie zum anstoßenden Pesel hinüber, um nachzusehen, ob das Talglicht dort des Putzens bedürfe. Arnold Lohmer saß, auf ihre Rückkehr wartend; ihre Stimme klang ihm eigentümlich zwiefach geartet im Ohr, zugleich wie altvertraut und wie neu, so hatte er sie seit der Mondnacht auf der Düne nicht mehr vernommen. Doch vorderhand harrte er umsonst, nebenan fragte Hadlef, ob das Abendessen noch nicht gerichtet sei. Daran hatte Age offenbar heute nicht gedacht, denn sie antwortete verneinend, und der Alte erwiderte: »Da bring's geschwind her, die Flutzeit fängt bald an, und es kann sein, daß wir tagelang nichts haben.« So leistete das Mädchen dem Geheiß Folge, nach kurzem saßen sie zuviert am Tisch; beim Anblick der Speisen empfand der junge Arzt, daß sich schon wieder Eßlust in ihm rege, und sprach die mit halber Verwundrung aus. Hadlef entgegnete drauf: »De Wind un de Soltluft makt Hunger, lang' man godt to!« sorglich gab er Acht, daß auch Belke nicht zu wenig esse. Unverkennbar minderte sich draußen die Wucht des Sturmes, doch wie Arnold dies einmal zur Rede brachte, versetzte der Alte: »Awers de Dünung kümmt na. Wi könnt nix dohn, as töben. Hebbt de Deerns ok orrig eeten? Lat mi en Korf kriegen, Age.« Diese holte das Verlangte herbei, und er legte die Ueberreste von der Mahlzeit, Brod, Käse, Rauchfleisch und gebackenen Flunder hinein, wie wenn er drin Nahrungsvorrath für eine Fahrt zusammenthue. Der junge Arzt wollte fragen, zu welchem Zweck dies dienen solle, doch ein sonderbar klitschender Ton, anders als die mannigfachen Geräusche bisher seit dem Morgen, lenkte ihn davon ab; es hatte geklungen, als habe der Wind draußen ein vor dem Fenster hängendes nasses Tuch gegen die Scheiben geschlagen, und er drehte den Kopf dorthin. Seinen Blick wahrnehmend, sagte Hadlef: »Jo, se kümmt;« da wiederholte sich's noch einmal gleicherweise, und der Lichtschein ließ ein glimmerndes Herabrieseln von Wasser am Glas erkennen. Da der Regen aufgehört hatte, konnte es nicht aus der Luft stammen, mußte von untenher bis zum Fenster heraufkommen; Arnold begriff plötzlich, die wiedereinsetzende Flut war's, deren Wellen über das während der Ebbe in gleicher Höhe stehen gebliebene Wasser heranzurollen begannen und beim Branden am Wurftrand Schaummähnen hoch emporwarfen; ein weißliches Geflacker tauchte vor den Scheiben auf und verschwand. Nun sagte der Alte, von der Bank aufstehend: »Dat is beter, Belke, wi tövt nich länger un gaht bi Tid rup. Kumm! Nimm Du den Korf, Age. De Deerns schüllt ok kamen.« Er nahm den Leuchter, faßte seine Frau an der Hand und zog sie nach der Thür. Ihr kam vom Mund: »Dat hefft wi noch nich tosam belevt, Hadlef; glövft Du, wi kamt noch wedder dal?« Kurz antwortete er nur: »Jo, wenn't sin schall;« sie warf von der Schwelle noch einen Blick nach ihrem Webstuhl zurück, dann verschwand sie durch die Thür. Age ergriff den Korb, ging gleichfalls hinaus und rief nach den Mägden; jedoch rasch wiederkehrend, fragte sie in die dunkel gewordene Stube hinein: »Bist Du noch hier?« Aus dem Ton ihrer Stimme klang, daß es Arnold gelte, und er entgegnete: »Ja.« – »So komm, mir müssen hinauf – nein, warte – im Pesel brennt das Licht noch, das muß ich erst ausblasen.« Gleichmüthig sagte sie's, fast als liege in ihrer Vergeßlichkeit etwas Spaßhaftes. Erst jetzt ging ihm zu deutlichem Verständniß auf, es drohe eine Gefahr des Hereindringens der steigenden Flut in's Erdgeschoß des Hauses, darum habe Hadlef das Hinaufsteigen Aller nach oben angeordnet und sei mit der Alten voraufgegangen. Auch im Nebenraum losch nun der Lichtschein aus, wiederkehrend klang der Fußtritt Ages, und sie sagte: »Im Pesel läuft schon Wasser auf den Boden. Wo bist Du? Kannst Du im Dunkel die Treppe finden. Viel schlafen werden wir wohl in der Nacht nicht, aber danach ist ja Zeit, um es einzuholen. Stoß' Dich hier nicht am Balken und geh' hinter mir drein. Ich will fest auftreten, damit Du hörst, daß ich vor Dir bin.« Alles, was sie sprach, hatte einen sorglosen, beinah fröhlichen Klang, und wie ein Kind, dem ein neuartiges Erlebniß Vergnügen machte, gab sie sich Mühe, beim Aufwärtssteigen die Stufen unter ihrem Fuß knacken zu lassen. Arnold folgte ihr, an der Treppenumbiegung kam von droben Helle entgegen; in der Giebelkammer hatte Hadlef den Leuchter auf den Tisch gestellt, neben dem er mit Belke wartend stand. Wie die Nachgefolgten sich zu ihnen gesellten, fragte er: »Sünd de Deerns ok da?« und auf eine bejahende Antwort trat er durch die Thür seitwärts in den anstoßenden Bodenraum hinüber, wo unter seinen Händen kurz ein hölzerner Gegenstand klapperte. Zurückgekommen, sagte er, seine Frau an der Hand fassend: »Denn wüllt wi röwer gahn;« Arnold äußerte verwundert: »Warum? Können wir hier nicht bleiben?« Der Alte versetzte: »De Stuv is uppe Muer utbut, nich up de Posten. Blas Du dat Licht ut, Age! Kumm us na, Docter.« Belke führend, ging er voran; das Mädchen blieb allein zurück und ließ die weitgeöffneten Augen noch ein paarmal durch ihre, dem Gast abgetretene Kammer rundgehn. Langsam hob der Athemzug dabei ihre Brust hoch auf; dann blies sie die Talgkerze aus, stand noch daneben, bis der rothe Docht verglüht war, und ging den Andern nach. Vollständige Finsterniß erfüllte nun den großen Bodenraum, der bei regnerischem Wetter auch am Tage fast lichtlos lag; nur wenn die Sonne schien, stand eine Luke im Schilfdach offen, ließ dann etwas Helligkeit ein. Davonher kannte Arnold den niedrigen, doch weitausgedehnten Platz, beim täglichen Vorübergehn war sein Blick hineingefallen, in's Innere getreten war er nie. Ungefähr aber konnte er sich jetzt im Dunkel eine Vorstellung von dem machen, was er nicht sah; drüben an der Seite des Thorzugangs mußten die Rinder im Heu hingestreckt liegen, murrende Laute und Geräusch ihrer Gliederregungen schollen von dort her. Sonst herrschte tiefes Schweigen in dem Raum, kein Stimmenton klang, der die Stellen andeutete, wo die Hausbewohner sich niedergelassen, nur aus einer Ecke ward ab und zu leis ein Getuschel der Hofmägde vernehmbar. Arnold hatte sich ebenfalls auf eine Heulagerung gesetzt; ihm war zu Sinn, als halte ihn ein wunderlicher Traum umsponnen. Darin befand er sich inmitten der schäumenden, schnaubenden Nordsee zwischen Leuten, die unsichtbar und stumm warteten, ob etwas schreckvoll Herandrohendes geschehe oder an ihnen vorübergehe. Aber er wußte, eine wirkliche Gefahr sei nicht vorhanden, sondern nur ein tolllärmendes Spiel kreise in der Runde umher, ein Nachtspuk, den die leuchtend aufgehende, mit köstlicher Wärme durchfließende Sonne verscheuchen werde. Die war das in Wirklichkeit Kommende, sie zu erharren, saß er hier in der todten Finsterniß, und ihre Erwartung ließ ihm kein bangendes, vielmehr ein freudiges Gefühl in der Brust schwellen. Unter sich vernahm er ein Klirren wie von zersplitternden Gläsern, doch ihm war's, ein Ton aus weiter Ferne sei's, und ein andrer ging, ihn auslöschend, drüber hin. Sein Ohr spannte sich an; wie ein leiser Athemzug unweit von ihm klang's; er horchte, und eine Täuschung schien's. Aber dann war es wieder da, ob auch kaum hörbar, nur von einem Empfinden aufgefaßt, und den Kopf in die Richtung wendend, flüsterte er: »Bist Du hier neben mir, Age?« Doch es kam keine Antwort, sie mußte irgendwo weiter entfernt sitzen, die leise Frage nicht vernehmen, und der einen Athemzug vortäuschende Ton kehrte auch nicht wieder. Oder ein jähes, donnergleiches Getöse übertäubte plötzlich alles, das Windgeheul und Rohren der See, krachend, schmetternd. Ein erschütternder Stoß durchfuhr das Gebäude und es schwankte, als sei's, vom Grund losgerissen, im Begriff seitwärts überzustürzen, angstvoll schrilles Aufkreischen der Mägde schlug hinterdrein. Danach durchklang kurz die Stimme Hadlefs Terwisga das Dunkel: »De Muer is weg.« Weiter sprach er nichts, doch für Arnold bedurfte es auch keiner Erläuterung mehr. Gehör und Gefühl sagten ihm, daß etwas geschehen sei, woran er nicht gedacht, was er für unmöglich gehalten. Die Flutwellen hatten das Steinmauerwerk des Hauses eingedrückt, zerschlagen und niedergebrochen, unter seinen Füßen hörte er das wogende Wasser durch die wandlosen Stubenräume klatschen. Nur die festgerammten Pfosten des Gebäudes waren geblieben und trugen noch das auf ihnen ruhende Balkengerüst; seit vielen Jahrhunderten wußten die Anwohner der Nordsee, gegen diese, wenn sie bis über die Wurft anschwelle, schütze keine Steinmauer, nur der Bodenraum biete dann noch eine letzte Rettungszuflucht für Menschen und Vieh. So geschah's jetzt, denn das Schlimmste, am meisten Gefürchtete war hereingebrochen, Zusammentreffen einer Sturmflut mit der Mondflut; darauf hatten seit gestern Hadlefs und Belkes kurze Aeußerungen, von Arnold Lohmer nicht verstanden, vorausgewiesen. Doch in diesem Augenblick stand's zum erstenmal erkannt vor ihm, kein blinder Schreck eines Traumspiels sei es, sondern Wirklichkeit, in der sich 's um Leben und Tod handle. Mit dem aber hatte die Flut ihn schon einmal bedroht, daß er geglaubt, in der nächsten Minute werde alles vorüber sein, und trotz seiner plötzlichen Erkenntniß sprang er nicht entsetzt auf, blieb in seltsam ruhiger Gelassenheit sitzen. Ein klares Gefühl war in ihm, daß er ein Andrer geworden sei, als der, welcher vor einem Monat nach Neuwerk gekommen; sein Vorleben jenseits jenes Tags lag wie abgesunken, als stehe er in keinem Zusammenhang mehr damit. Und kein Bereuen regte sich in ihm, hierher und in diese Todesgefahr gerathen zu sein; wenn er's noch einmal zu entscheiden habe und wisse, was ihm auf der Insel bevorstehe, so thue er es doch ebenso wieder. Nicht Gleichgültigkeit war's, was diese Nacht bringen werde, Weiterdauer oder ein jähes Ende seines Daseins; im Gegentheil, ein Lebensdrang durchklopfte ihm die Brust, stärker, verlangender, als je zuvor. Aber wenn der Untergang kommen mußte, so mocht' es hier geschehen; leichter, fast schöner war's, hier zu sterben, als irgendwo sonst auf der Erde. So verharrte er ruhig auf seinem Platz; ein Widersetzen gegen die Uebergewalt der Natur war unmöglich. Hadlef Terwisga hatte gesagt, man konnte nichts thun, als warten – warten, ob die Flut noch höher, bis zum Bodenraum ansteige, auch in ihm das Leben verschlinge. Springflut und Sturmflut – Zwar der Sturm schwieg jetzt beinah völlig, doch mit dumpfem Donner dröhnte es unablässig gegen das Gehöft heran, kollerte polternd Gestein, das noch standgehalten, auf die umgestürzten Massen herunter. Das vom Wind draußen aus der See aufgewühlte Wasser war's, die Dünungswellen, von denen der Alte gesagt, daß sie nachkämen. Hochemporgewölbt rollten sie daher, eine die andre drängend, und jede um etwas höher als die vorige. Drüben hatten sie auch die Düne überwogt, umbrandeten, sich haushoch aufbäumend, das Gemäuer des Leuchtthurms. Kein Auge konnte dies Weitersteigen wahrnehmen, nur vom angespannten Ohr ließ sich's hören, oder eigentlich mehr nur vom Instinct eines Kundigen empfinden. Arnold war kein solcher, ihm ward bei dem unterlaßlos gleichmäßig rohrenden Getöse keine Veränderung merkbar. Doch nach Ablauf einer Zeit klang wieder einmal ein einsilbiges Wort vom Munde Hadlefs: »Kumm!« Er hatte, die Hand seiner alten Lebensgefährtin gefaßt haltend, gesessen, zog sie jetzt dran auf und mit sich durch's Dunkel. Warum und wohin, sagte er nicht, und sie fragte nicht danach, war seit länger als einem halben Jahrhundert gewöhnt, seinem Geheiß zu folgen. Tastend fand er sich zurecht, und bald knarrte sein Stiefel auf einem Holz; vor dem Verlassen der Giebelkammer hatte er die kleine, zum Oeffnen der Dachluke bestimmte Leiter nach jener aufgerichtet, stieg nun rückwärts die Sprossen hinan und hob an beiden Händen Belke hinter sich drein. Gegenwärtig dachte er einzig an sie, das ihm allein Unentbehrliche auf der Welt, vergaß, daß noch andres Leben auf dem Bodenraum zurückbleibe. Ein Ohr in diesem aber hatte den eigenthümlichen Vorgang aufgefaßt, und plötzlich fühlte jetzt auch Arnold Lohmer seine Hand von einer anderen ergriffen, aus der Richtung her, wo er zuvor den Athemzug zu hören geglaubt. Eine Stimme sprach gleichfalls dabei: »Komm. Wenn's der Vater thut, muß es sein,« und Age Terwisga zog ihn ebenso nach der kurzen Leiter hin und hieß ihn an dieser aufsteigen. Sie mußte während der letzten Stunde, oder wie lang es gedauert, in der Finsterniß regungslos kaum auf Armeslänge von ihm entfernt gesessen haben und ihr Athmen das gewesen sein, was er vernommen. Ihm ging jetzt auch auf, daß er's gewußt habe und deshalb unbeweglich sitzen geblieben sei; willenlos folgte er dem Zug ihrer Hand, doch begriff nicht, was er thun solle, fragte, die Leiter mit den Fingern umfassend: »Wohin willst Du mich bringen? Kommst Du mir nach?« Sie antwortete: »Ja. sei vorsichtig oben. Klammre Dich sicher an und setze Dich rittlings auf den First. Jetzt rasch!« Nur ein halbes Dutzend von Sprossen ging's aufwärts, da umfing seinen durch eine Oeffnung in's Freie tauchenden Kopf frische Luft, und zugleich wich das todte Dunkel um ihn ab. Ein matter Schimmer überhellte vor seinem Blick das nur sanft abgeschrägte Schilfdach des Hauses, ließ dieses und an einer Seite auf dem First die dunklen Umrisse und das weiße Haar Hadlefs und Belkes unterscheiden. Engzusammengedrückt saßen sie, sein linker Arm hielt sich fest um ihren Leib geschlungen, mit der andern Hand klammerte er sich zum eignen Halt in's Rieddach hinein. Doch die Augen Arnolds gingen nur flüchtig über sie hin, und auch das Ueberraschende, daß er etwas mit ihnen wahrzunehmen vermochte, gelangte ihm nicht zum Bewußtwerden. Sein Kopf bückte sich wieder durch die Luke zurück und er fragte: »Kommst Du?« Schon dicht unter ihm klang's zurück: »Ja, ich bin hier;« das Mädchen war unmittelbar hinter seinem Fuß nachgestiegen; auch sie dachte nicht dran, daß noch Leben auf dem Boden zurückbleibe. Das also bildete eine allerletzte Zuflucht vor der Flut, das Dach. Aber warum? War sie denn nöthig? Arnold saß jetzt nach dem Geheiß rittlings auf dem First, und sich an diesem zwischen den zusammengedrückten Knien haltend, hockte neben ihm Age Terwisga. Rundum unter ihnen wälzte sich in nicht bemeßbarem Abstand ein gährendes Gewoge auf und nieder. Da erscholl mit herzstockendem Klang die Antwort auf die ungesprochene Frage nach dem Warum. Ein plötzliches wildes Aufbrüllen der Rinder und Stampfen ihrer Hufe, ein markdurchschneidender Schrei aus den Kehlen der Mägde. Die Wellen hatten das Zugangsthor über der Böschung erreicht, seine Bohlen gleich dünnen Kartenblättern aufgesprengt, und mit breiter Wucht stürzte das Wasser in den Bodenraum. Wie ein gieriges Raubthier schnob es nach dem Leben drin, überschwoll alles im Nu, riß nieder, erstickte und verschlang. Fast nur augenblickkurz noch ein Ringen, ein stöhnender Todeskampf, dann ward's still, die See hielt ihre Beute gepackt und schleppte sie mit sich fort. Denn zugleich war auch die Giebelkammer verschwunden, ungehemmt schoß die eingedrungene Flut als ein Strom an der entgegengesetzten Seite wieder in's Freie hinaus. Noch andres aber war geschehen oder geschah beinah unmittelbar danach; doch verging etwas an Zeit, eh' es Arnold Lohmer zur Erkenntniß kam. Dann indeß fühlte er, der First, auf dem er ruhte, verändre seine Lage, bewege sich, und nun sah er es mit den Augen. Der ungeheure Aufdruck des Wasserschwalls von untenher hatte das Dach vom Gebälk abgehoben, die festverflochtene Schilfmasse hielt zusammen, doch sie trieb, hin und hergeworfen, gleich einem großen umgestürzten Boot, das statt eines Kiels den Dachfirst nach oben wandte. Ja, mit Augen erkannte er's jetzt auch, denn der matte Schimmer, der ihm durch die offne Luke entgegengefallen, verwandelte sich, ungemein schnell anwachsend, zu einem Dämmerungslicht. Von einer hellgewordenen Stelle am Osthimmel ging dies aus, dort zerfaserte seine Wolkendecke, als öffne sich in ihr ein weißes Thor. Draus flog's wie ein Funken hervor und erlosch wieder, aber der gelichtete Fleck dehnte seine Größe ringsum nach allen Seiten weiter aus. Der schon ziemlich hoch aufgestiegene Mond that's, der Urheber der Springflut; es war, als verjage er die Wolken, um sein nächtliches Werk zu beschauen. Das Dach aber trieb als ein Spielzeug des Wassers dahin, nun im Kreis umhergedreht, nun von einer sich höher emporreckenden Woge gepackt und eine Strecke weit wie ein Korkstück fortgeschleudert. Mit Anspannung aller Kraft trachteten die vier Gestalten auf dem Schilfkiel sich festzuhalten, der Instinct des Lebens grub ihre Hände in das Riedgeflecht ein; ein Gischtmantel umsprühte sie, stob ihnen manchmal bis hoch über die Köpfe auf und fiel wieder herab. Dann waren sie noch deutlicher sichtbar geworden und jetzt einmal fast taghell von weißem Glanz übergossen. Groß und rund trat der Mond in eine Lücke, um die alles Gewölk wie fliehend wegsank. Er beleuchtete ringsum nichts als die See, dunkle, hohlklaffende Wellenthäler und schaumgekrönt glitzernd nachdrängende Wellenberge. Wenn die an den Dachrand trafen, bäumten sie auf und leckten, sich überschlagend, bis zu den Knien der oben Sitzenden empor; ein geisterhafter Anblick war's, als umwallten hundert Leichengewänder den treibenden Ueberrest des zertrümmerten Gehöfts. So hatte seit grauer Vorzeit die Nordsee mit nie gestilltem Hunger an diesen Ufern gefressen, wo sie Meilen um Meilen weit jetzt über dem ›ertrunkenen Land‹ rauschte, Felder und Wälder, Dörfer, Herden und unzählbare Menschenleben verschlungen. Kein seit Gedenken nicht mehr erlebtes Geschehniß war das heutige, nicht die gesammte Westküste mit dem Untergang bedrohend. Am Festland hielten die Deiche muthmaßlich stand, und ebenso boten die größeren, durch Dünen geschützten friesischen Inseln dem Verderben Trotz. Nur die Halligen standen ohne ein Bollwerk der Gefahr gegenüber, auf ihnen reichte die Höhe der Wurften nicht mehr aus, und ihr Geschick theilte Neuwerk. Von diesem ragte ein einziger Bau noch aus der gährenden Wasserwüste auf, klar jetzt mit seinem hellfarbigen Kalkbewurf sichtbar, der Leuchtthurm. Er allein gewährte einen Richtungsanhalt, ließ erkennen, das Dach werde gegen Nordost fortgetragen. Ueber allem aber, silberne Flammenpfeile niederschießend, thronte nun unumwölkt der Vollmond, wie er in der Nacht über den Dünen von Sanct Peter gestanden. Vorgestern erst, doch war's, als liege ein Leben dazwischen, und wie eine aus diesem her anrührende Erinnerung kam's jetzt einmal Arnold Lohmer zur Blickerkenntniß, Age Terwisga trage ihre Bernsteinschnur wieder um den Nacken gelegt, als sei sie bedacht gewesen, damit ihr kostbarstes Besitzthum zu retten. Sie erhielt sich dicht an seiner Seite, ihm das Gesicht zuwendend, unverändert in ihrer hockenden Stellung, fast wie wenn sie keines Anhaltens der Hände bedürfe; ihr Gesicht zeigte keine leiseste Anwandlung von Furcht, in dem Mondlicht besaßen der Schnitt und der ruhvolle Ausdruck ihrer Züge etwas, als sei eine wundervolle Veredlung an ihrem Antlitz vorgegangen. Ab und zu fragte sie: »Hältst Du Dich noch sicher?« Er antwortete: »Ja,« und setzte einmal hinzu: »Glaubst Du, daß noch eine Rettung für uns möglich ist?« Sie erwiderte: »Vielleicht treiben wir an die Düne und finden unsern Korb noch wieder.« Beinah wie ein fröhliches Scherzwort klang's ihr vom Mund, von Bangniß wußte zweifellos ihr Inneres nichts. Eine Zeitlang verblieb's so in gleicher Art, nur augenscheinlich vergrößerte sich die Entfernung vom Leuchtthurm, er zerrann zu ungewissem Schimmer und schwand dem Blick weg. Dann aber ging etwas vor, eine Wandlung, die sich durch veränderte Bewegung des Daches kundgab. Es ward plötzlich einmal wirbelnd im Kreis gedreht, schaukelte und schwankte stärker als bisher, tauchte bald auf der einen, bald auf der andern Seite tiefer hinunter, als drohe es, sich zu überschlagen. Dadurch wurde der Abfall des Firstes steiler, der Halt auf ihm mühsamer; das Mädchen sagte kurz: »Wir sind über den Sand weg im Fluß.« Das gab die richtige Begründung des Wechsels an; sie waren nordwärts in die offene Elbmündung hineingetrieben. Hier griff aus der Tiefe die Unterströmung nach dem Dach, während oben die Flut es gegen sie drängte. Das ließ ihre Wellen sich höher aufbäumen, manchmal rollten sie bis über den First hin. Und nun kam's einmal von den Lippen Belkes: »Ick kann nich mehr, Hadlef.« Ihre Hände waren von der Kälte des Wassers erstarrt, vermochten sich nicht länger anzuklammern, nur der Arm ihres Mannes hielt nach ihren Leib umfaßt, doch auch ihm verging die Kraft, zu hoch waren die Jahre der Beiden gestiegen. Ueber länger oder kürzer mußte eine Woge kommen und sie von seiner Seite wegreißen; er antwortete: »Eenmal mutt dat jo sin, Belke, wi hebbt godt tosamholln.« – »Jo, Hadlef, dat hebbt wi, awers nu is dat ut mit mi, denk' noch an mi, Du kümmst vellich dör.« – »Jo, wi blivt tosam, Belke.« Sein Arm hob sich dabei höher auf und umschlang ihren Nacken; mit Worten nahmen die beiden alten Lebensgenossen keinen weiteren Abschied voneinander. Sie hatten seit Jugendtagen zusammengehalten und so thaten sie's in der letzten Stunde; sie wußte auch, er werde sie nicht allein lassen, um vielleich selbst noch Rettung zu finden und ihrer zu gedenken. Ihr war's nur vom Mund gekommen, noch einmal von ihm zu hören, daß er bei ihr bleibe, wie sie ihn nicht allein gelassen hätte. Einzig an sich wechselseitig dachten die beiden Alten gegenwärtig, den gemeinsamen Schluß ihres Erdentags, nicht an ihr Kindeskind, das mit ihnen dem Untergang entgegentrieb. Sie waren sich der Inhalt ihres Lebens gewesen und das ihrer Enkelin ein fremdes von andrer Art, für dessen Zukunft sie wohl Sorge getragen, doch mit Pflichttreue, nicht mit einem Vollgefühl ihrer Herzen. Das hatte sie mit schlichter unschwächbarer Kraft nur für einander erfüllt, und an die Tochter der fremdländischen Frau ihres Sohnes dachten sie in diesen Augenblicken nicht mehr. In das feste Geflecht des Schilfdaches aber sog sich jetzt allmählich das Wasser hinein, so daß es schwerer wurde, tiefer herabzusinken begann und die Wellen sich immer häufiger bis über den First herüberwälzten. Und nun kam einmal eine, mächtig aufgethürmt; wie ein dichter Rauchqualm umstob ihr Gesprühe das Dach, und als es zerflog, war die Stelle, wo die beiden Alten gewesen, leer. An Arnold Lohmer vorbei sah's Age Terwisga und sagte: »Sie sind fort und wir allein noch übrig. Miteinander sind sie fortgegangen.« Kein Leid sprach daraus, vielmehr ein Aufklang des Gefühls, daß ihnen nichts Besseres habe zu theil werden können, und zugleich wie eine freudige Bereitschaft, den Beiden nachzufolgen, klang's aus den Worten. Das Mädchen faßte bei diesen nach einer Hand Arnolds und sprach weiter: »Im Schlaf auf der Düne hieltest Du mich so – da riß ich mich los von Deiner Hand und sprang auf. Denn ein Traum war's damals – aber nun halte ich sie fest, jetzt ist es Wirklichkeit. Hättest Du mich an dem Abend nicht angetroffen, so wärst Du nicht zu uns auf die Insel gekommen – und nicht – Du wärest nicht bis heute auf ihr geblieben. Ich weiß, meine Schuld war's, daß wir so hier beisammen sind – vergiebst Du's mir in unsrer letzten Stunde – oder wird's Dir zu schwer, zu sterben?« Seltsam ineinandergemischt, halb geflüstert und halb wie ein Jubelton kam's ihr von den Lippen. Sich nur noch mit der einen Hand auf den First stützend, hatte sie ihren Halt geschwächt, oder wenigstens erschien's Arnold Lohmer so. Eine hohe Woge schwoll heran, und mit Schreck durchfuhr's ihn. Ihm war's, seine Todesgefährtin schwanke, werde jählings von seiner Seite weggerissen, und sie zu halten, schlang er plötzlich den freien Arm um ihren Nacken, wie's Hadlef Terwisga bei seiner Belke gethan. Und danach erwiderte er: »Ja, wir gehen auch miteinander, Age – nein, ich segne den Abend, der mich zu Dir und mit hierhergebracht.« Dicht entgegen blickten sich ihre Augen, nah, mit jeder Minute näher rückend, vor ihnen lag das Unabwendbare, denn das Dach sank tiefer ein, doch aus keinem ihrer Gesichter sprach ein leisestes Anzeichen von Bangen; als gewahrten sie ein Glück vor sich, durchfloß sie freudig-rothe Lebensfarbe, und enger drängten die beiden sich, gleich den Alten zuvor, aneinander. Da geschah Unvorgesehenes, im ersten Augenblick nicht Begriffenes. Geisterhaft tauchte durch den Mondglanz unweit von ihnen etwas Weißes auf, groß, fast blendend. Doch rasch sich nähernd und nun klar erkennbar. Ein Schooner mit gebauschten Segeln war's, von der Flut gegen die Elbströmung aufgetragen; dunkle Gestalten drängten sich an der Brüstung. Das Fahrzeug hielt auf das treibende Dach zu, es regte den Eindruck, daß Augen auf dem Schiff die nah vom Untergang Bedrohten wahrgenommen und sich Hände bereiteten, ihnen Hülfe zu leisten. Plötzlich flog's Arnold Lohmer jauchzend vom Mund: »Nein, wir gehen nicht miteinander hinab, Age, wir bleiben beisammen. Das ist nicht der Tod, ist Rettung, das Leben! Es war uns nicht bestimmt, den Alten schon nachzufolgen – wir sind jung und werden noch leben –« Mit einem hastigen Ruck hatte sie aus seinem haltenden Arm ihren Kopf weggezogen, richtete ihn auf, und ihre Augen hielten sich gleichfalls nach dem Segel gewandt. Sonderbar reglos-starren Blicks, und von ihrem Gesicht fiel die rothe Lebensfarbe ab, als wandle sich's zu weißem Gestein um. Unverkennbar ward's jetzt, auf dem Schooner sei ihre Noth bemerkt, man setze dort alles in Bereitschaft, sie zu retten. Wie in einem Glückrausch aber sprach Arnold weiter: »Noch nicht zu spät war's – und der Retter ist bei uns und hat uns aufgenommen. Und wir spotten der Flut – und ich nehme Dich mit mir nach Hamburg – seitdem wir von der Düne zurückgekommen, trug ich's im Sinn, doch ich wußte nicht, wie – nun hat's der Wille des Schicksals bestimmt und führt es aus –« Mächtig kam eine weißgemähnte Welle heran, der Age Terwisga den Blick entgegenrichtete. Ein irrer Glanz ging zwischen ihren weitoffenen Lidern hin und her, und sie stieß vom Mund: »Da – siehst Du's? Meine Mutter ist's, sie winkt mir. Ran hat sie vom Grund heraufgehoben und ist bei ihr und streckt die Hand. Ja, mit Dir – aber ich darf's nicht – sie ruft, meine Stunde ist's –« Die verworren Sprechende griff plötzlich nach ihrer Bernsteinschnur, die sie von sich riß und über den Kopf Arnolds warf. Dazu sagte sie: »Bringe Deiner Braut den Gruß von mir!« Fast zugleich aber umschlang ihr Arm wie eine Klammer seinen Nacken, und ihre Lippen preßten sich auf die seinigen. Mit krampfhafter Gewalt, athemraubend, als wollten sie mit der Luft die Seele ihm aus der Brust trinken. Dauerte es einen Augenblick oder eine Ewigkeit? Er wußte es nicht und wußte nicht, was danach geschehen war. Hatte die hochheraufgerollte weiße Welle sie von seiner Seite weggerissen? Einzig das sah und fühlte er noch, daß er allein sei. Nur um ein Bruchtheil einer Minute vor dem Herankommen des Schooners war's vorgegangen. Enterhaken flogen von seinem Deck nach dem sinkenden Dach, zogen es an den Schiffsrumpf; mehrere, von geschickten Seemannshänden ausgeworfene Seile umfaßten mit Schlingen den Körper Arnolds, hoben ihn, besinnungsverlassen, der Fallreeptreppe entgegen, wo ausgestreckte Arme ihn empfingen. Als sie ihn weiter empor an Bord gebracht und wie leblos auf den Boden gelegt, versank hinter ihm das mit Wasser vollgesogene Dach des Gehöfts Hadlefs Terwisga in der schäumend drüber hinwogenden See. * Erst nach acht Tagen ungefähr landete Arnold Lohmer im Hafen seiner Vaterstadt an, und andre Tage vergingen noch, ehe er leibliche Kraft genug fühlte, das Haus seiner zukünftigen Schwiegereltern aufzusuchen. Am Vormittag war's und er traf seine Braut allein in einem reich ausgestatteten, von heller Sommersonne vergoldeten Gemach an; bei seinem Erscheinen über der Thürschwelle stand sie auf, trat ihm in ihrer stadtberühmten Schönheit entgegen und sagte mit bezauberndem Lächeln: »Kommen Sie endlich zurück, mein lieber Bräutigam, ich habe Sie schon früher erwartet, denn nach Ihrer correspondance mit mir durfte ich mich der Versicherung überlassen, daß Ihre Gesundheit sich heureusement völlig retablirt hat, und ich befürchte nur, daß Sie sich unter den Halbwilden Ihres Domicils schlimm ennuyirt haben müssen.« Der Angesprochene blickte stumm in das Gesicht Lucinde Eschenhagens, wie abwesenden Geistes; er konnte sich plötzlich nicht besinnen; weshalb er hierhergekommen sei und was er wolle. Aber dann gerieth ihm vom Mund: »Ich habe Dir etwas zu überbringen.« Verwundert sah sie ihn bei der unfeinen Anrede an, doch erwiderte: »Von wem und was?« Nun sagte er: »Einen Kuß –« und sie fiel lächelnd ein: »Da wir unter vier Augen sind, verstößt solche salutation zwischen Verlobten wohl nicht gegen die conduite .« Ihr Gesicht neigte sich ihm leicht entgegen, aber jetzt durchfuhr ihn ein Schauder, und verworren stieß er aus: »Nein, ein Todeskuß war's, – nicht für Dich – er gehört mir allein –« Da stand sie wieder allein im Zimmer und blickte begrifflos auf die Thür, durch die ihr Bräutigam zurückverschwunden war. Ihre Züge sprachen von einem heftigen Unwillen, der sich jedoch allmählich zum Ausdruck eines sich ihr erschließenden Verständnisses umänderte, er sei doch nicht gesund heimgekehrt, vielmehr habe während seiner Abwesenheit die Vernunft in seinem Kopf einen Stoß erlitten. Das verwandelte ihre erste Unmuthsregung zu einem theilnehmenden Bedauern, dem sich indeß wahrnehmbar eine tröstliche Beschwichtigung beigesellte, daß diese Erkenntniß ihr sogleich nach seiner Rückkunft zweifellos aufgegangen sei, und sie begab sich zur Mittheilung des traurigen Vorfalls zu ihren Eltern hinüber. Er war in seine Wohnung zurückgekehrt, stand dort eine Zeitlang und sah mit leeren Augen um sich. Dann streckte er die Hand nach einem kleinen Bändchen auf dem Büchergestell aus, nahm es herab und schlug in den Gedichten des frühabgeschiedenen Hainbunddichters Christoph Hölty eine Seite auf, wo sein Blick sich auf zwei Strophen niederheftete. Ueber ihnen stand: ›Der Kuß‹, und die Lippen bewegend, als ob er jemandem vorläse, las er, doch ohne Ton: »Unter Blüthen des Mai's spielt ich mit ihrer Hand Koste liebelnd mit ihr, schaute mein schwebendes Bild im Auge des Mädchens, Raubt' ihr bebend den ersten Kuß. Zuckend fliegt nun der Kuß, wie ein versengend Feu'r Mir durch Mark und Gebein. Du, die Unsterblichkeit Durch die Lippen mir sprühte, Wehe, wehe mir Kühlung zu!« Nun griff er nach einer Feder, durchstrich die Ueberschrift über dem Gedicht und schrieb an die Stelle: »Der Todeskuß.« – Arnold Lohmer ist in seiner Vaterstadt ein hochangesehener Arzt geworden und zu hohem Alter gelangt, doch unvermählt geblieben, ohne Nachkommen gegen den Schluß des vierten Jahrzehnts im l9. Jahrhundert gestorben. Er hat mannigfache, für seine Zeit noch ungewöhnliche, weite Reisen unternommen, sich eine Kenntniß- und Geistesausbildung mit seltener Umfassung vielfältiger Wissensgebiete zu eigen gemacht, von der manche hinterlassene Schriften noch Zeugniß ablegen; aus einigen Stellen derselben geht hervor daß er als jugendlicher Zeitgenosse des Hainbundes während seiner einsamen Lebensführung oftmals auch zu einer Bethätigung seiner poetischen Begabungsmitgift gebracht worden, aber er scheint die Gedichte nur für sich selbst verfaßt und vor seinem Tode sämtlich verbrannt zu haben. Nach der Nordsee sind seine Reisen nicht mehr gerichtet gewesen, so daß er sie niemals wieder gesehn; die Niederschrift seines letzten Willens jedoch bestimmte, das von ihm hinterbleibende Vermögen solle, da er ohne Erben abscheide, als Beitrag zu einer sicheren Umdeichung der Insel Neuwerk verwendet werden, wie solche im Gang des letzten Jahrhunderts, um das schwerbedrohte kleine Eiland vor dem Untergang zu bewahren, durch die Fürsorge des hamburgischen Staates zur Ausführung gelangt ist.