Adolph Freiherr Knigge Geschichte Peter Clausens Inhalt des ersten Theils Vorbericht [zur ersten Auflage] Vorrede zu dieser neuen Ausgabe Erstes Capitel Peters Herkunft und erste Erziehung. Zweytes Capitel Er wird Bedienter bey einer adeligen Dame. Was er dort erlebt, und warum er diesen Dienst verlassen muß. Drittes Capitel Was Peter Clausen in der *** Garnison begegnet; wen er dort antrifft, und wie er lebt. Viertes Capitel Bild des französischen Commissairs, mit welchem der Herr von Redmer in Streit geräth. Peter desertiert nebst zwey Cameraden. Fünftes Capitel Peter Claus und seine Gehilfen wandern nach Braunschweig. Wie sie sich unterwegens und dort auf eine ehrliche Art durchhelfen. Sechstes Capitel Schleunige Abwechselung von Peters Glücksumständen. Haudritzens Schicksal. Siebentes Capitel Peter wird Bedienter bey verschiednen Herrschaften. Achtes Capitel Peter wird in höherer Weisheit eingeweyht und bekömmt einen andern Führer. Neuntes Capitel Die Welt weiß ihre Philosophen und Propheten nicht zu schätzen. Zehntes Capitel Peter und sein Freund suchen Civil- oder Militairdienste, müssen aber einen andern Glücksweg einschlagen. Elftes Capitel Peter wird Schriftsteller. Zwölftes Capitel Wie es Petern unterwegens bis Hamburg geht, und welche alte Bekanntschaften er antrifft. Dreyzehntes Capitel Wie es in Hamburg mit der Ausgabe der Operum omnium geht. Vierzehntes Capitel Beschreibung des edeln Schauspielerlebens. Fünfzehntes Capitel Auf welche Art Peter wieder erlöst wird. Inhalt des zweyten Theils An die Leser Erstes Capitel Woher die Irrung entstanden ist, welche dem armen Peter das neue Abentheuer zugezogen hat. Zweytes Capitel Peter Claus hat das unvermuthete Glück, in den Stand der heiligen Ehe zu gerathen. Drittes Capitel Seereise. Er erinnert sich seines Manuscripts, findet es in der Rocktasche, erbricht es und fängt an zu lesen. Viertes Capitel Anfang des Manuscripts. Sturm auf der See. Sie werden nach Dänemark verschlagen. Fünftes Capitel Erneuerte alte Bekanntschaft. Entdeckung durch dieselbe. Fortsetzung des Manuscripts. Sechstes Capitel Er schreibt an Reyerberg. Ein kleines Abentheuer. Abreise nach Holland. Siebentes Capitel Auf der Reise wird das Manuscript wieder hervorgesucht. Achtes Capitel Fortsetzung des Manuscripts. Ankunft in Amsterdam. Neuntes Capitel Aufenthalt in Amsterdam. Unerwartete Zusammenkunft. Bekanntschaften im Gasthofe. Zehntes Capitel Abreise von Amsterdam. Rest des Manuscripts. Rückkunft nach Hamburg. Elftes Capitel Was unterdessen dem armen Ludwig von Reyerberg widerfahren ist. Signor Clozetti läßt sich in einigen Städten Teutschlands hören. Was ihm dort begegnet, bis er Secretair wird. Zwölftes Capitel Der Secretair Clozetti reiset mit seinem Herrn Gesandten, sieht die teutschen Höfe und kömmt an einem derselben zu hohen Ehren. Dreyzehntes Capitel Signor Clozetti macht herrliche Fortschritte im bürgerlichen Leben, wird mit einem Adelsbrief versehn und dirigiert die Finanzen. Inhalt des dritten Theils Vorrede zu der ersten Auflage Nachricht an das Publicum Erstes Capitel Etwas von Heyrathsangelegenheiten. Zweytes Capitel Claus von Clausbach holt seine Frau Gemahlin aus Riga ab. Unvermuthete Zusammenkunft auf der Reise. Drittes Capitel Wie sie bey ihrer Rückkunft von Hof- und Stadtleuten empfangen werden. Reyerberg kömmt in den Dienst. Politische Lage des Herrn Cammerdirectors. Sein Glanz. Viertes Capitel Fortsetzung. Der Fürst hat gute Entschlüsse. Des Herrn Ministers von Clausbach Excellenz bekommen einen Orden und gehen mit Serenissimo auf Reisen. Fünftes Capitel Bemerkungen und Begebenheiten auf der Reise. Sechstes Capitel Fortsetzung. Allerley Abentheuer. Siebentes Capitel Zurückkunft von der Reise. Hofcabalen. Gespräch darüber. Achtes Capitel Das Ding fängt an, schief auszusehn. Neuntes Capitel Unsers Herrn Ministers Actien fallen merklich. Wie man gegen ihn wirkt. Zehntes Capitel Des Fräuleins von Mehlfeld Concerte thun sonderbare Wirkung. Elftes Capitel Clausbach trägt nicht wenig dazu bey, seinen Sturz zu beschleunigen. Zwölftes Capitel Er verreist, um eine reiche Erbschaft in Besitz zu nehmen, besieht unterwegens ein Landgut bey Urfstädt, woselbst er sich ankauft. Beschreibung desselben und der Leute, die dort leben. Dreyzehntes Capitel Das Ungewitter bricht los, und das Fräulein von Mehlfeld erscheint in einer neuen Rolle. Vierzehntes Capitel Ein sonderbarer Casus, wie zuweilen alte Bekannte zur ungelegenen Zeit auftreten können. Fünfzehntes Capitel Des Herrn von Clausbach Excellenz kommen noch mit halbem Ohre davon und halten ihren Einzug in Ruhethal. Sechzehntes Capitel Brief an den Fürsten. Schluß. Erster Theil Vorbericht Dieser ziemlich leichtfertige Roman ist eine meiner Jugendarbeiten. Ich fand ihn beynahe fertig unter meinen Papieren liegen, las ihn durch und dachte, er verdiene nicht, ganz unterdrückt zu werden. Er ist mit einiger Laune geschrieben, und da man jetzt im Geschmack von Romanen ist, so wird auch diesen das Publicum vielleicht nicht ohne Vergnügen lesen. Viel Zeit an die Ausfeilung zu wenden, dazu habe ich weder Muße noch Lust gehabt. Bey Schriften von der Art, die flüchtig gelesen und leicht vergessen werden, erwartet man auch das nicht. Genug, wenn das Ganze nicht ganz leer von Interesse, wenn die Schreibart nicht schlecht, die Ausführung nicht langweilig ist, und wenn man hier getreue Bilder aus dem gemeinen Leben findet. Vorrede zu dieser neuen Ausgabe Die gütige Nachsicht, womit das Publicum seit mehr als zehn Jahren meine literarischen Arbeiten aufgenommen hat, ist vorzüglich auch diesem im Jahre 1783 zuerst gedruckten Roman, wovon hier eine neue Ausgabe erscheint, zu Statten gekommen. Er ist in Teutschland mit Beyfall gelesen worden, und es würde schon früher eine neue Auflage davon erschienen seyn, wenn nicht die Nachdrucker dafür gesorgt hätten, daß es nie an Exemplaren fehlte. Eine Übersetzung dieses Buchs, welche unter dem Titel: le Gil Blas allemand, ou avantures de Pierre Claus, à Paris, hôtel de Bouthillier, rue des Poitevins, 1789 , herauskam, machte auch in Frankreich ihr Glück, obgleich, wie es mir scheint, die mehrsten Züge in Peter Clausens Geschichte einem Franzosen, der nicht sehr bekannt mit teutschen Sitten ist, wenn nicht ganz unverständlich, doch wenig interessant vorkommen müssen. In das Holländische ist dieser Roman erst neuerlich übersetzt und der erste Theil in einem Jahre dreymal aufgelegt worden (Pieter Klaus, te Haarlem, by François Bohn, 1792.) Die Übersetzung ist aber auch vorzüglich gut gerathen, und die holländische Sprache hat, soviel ich davon verstehe, besondre Kraft im Ausdrucke zu Darstellung comischer Scenen von der Art, wie man sie hier antrifft. Auch eine englische Übersetzung ist kürzlich von diesem Roman erschienen. Sie führt den Titel: The German Gil Blas; or the Adventures of Peter Claus. Translated from the German of Baron Kniegge. London 1793. 12. 3 voll. Kearsley . Fast sollte man glauben, sie sey nach dem Französischen verfaßt, weil auch hier dem Buche der Titel des »teutschen Gil Blas« beygelegt ist. Da nun dies Buch schon in so viel Händen ist, habe ich es nicht für schicklich gehalten, bey der neuen Ausgabe wesentliche Veränderungen damit vorzunehmen, obgleich ich wohl fühle, daß sich viel daran verbessern ließe. Nur hier und da ist an Styl und Rechtschreibung ein wenig gefeilt worden. Das ist alles, was ich dem geneigten Leser bey der neuen Auflage dieses Werks zu sagen habe. Über Plan und Zweck bey Verfertigung dieses Romans und zweyer andrer, die demselben gleichsam zu Gegenstücken dienen, habe ich mich in der Vorrede zu dem dritten Theile der Geschichte des armen Herrn von Mildenburg erklärt. Geschrieben in Bremen   am 20. August 1793 Adolph, Freyherr Knigge Erstes Capitel Peters Herkunft und erste Erziehung. Mein Vater hieß Joachim Claus und war ein ehrlicher Schuster in Eldagsen, einem kleinen Städtchen unweit Hannover. Er war durch seine Heyrath mit meiner Mutter, Leonoren Dromeyer, den vornehmsten Familien in Eldagsen verwandt geworden; denn mein Oheim, der Herr Apotheker und Bürgermeister Johann Valentin Dromeyer, trug des Sonntags und wenn er nach Hannover reiste, eine große runde Perücke, einen braunen Rock mit gelben Knöpfen und eine rothe plüschene Weste. Auch würde dieser Magnat schwerlich seine Schwester je einem Schuster gegeben haben, wenn nicht gewisse Umstände vorhergegangen wären, die mir hernach das Vergnügen verschafften, meiner Eltern Hochzeit beyzuwohnen. Kaum war dies Hochzeitfest vorbey, auf welchem die Ärmsten von meiner Mutter Verwandten Ehren halber erschienen, der Oncle Valentin aber sich mit einer leichten Unpäßlichkeit entschuldigte, als unsre vornehmen Verwandten sich fernerhin nicht mehr um uns bekümmerten, ihre Schuhe bey einem andern Meister machen ließen und dem lieben Gotte, der so manchen Taugenichts zu ernähren hat, anheimstellten, weiter für uns zu sorgen. Ich war sechs Jahr alt, als meine Mutter im Kindbette, zugleich mit einem kleinen Mädchen, das sie zur Welt brachte, starb; und so war ich nun fernerhin der Obhut meines Vaters überlassen, der nicht wieder heyrathen wollte, weil er außer mir keine Kinder hatte, folglich seinem Hauswesen leicht ohne Weib vorstehn konnte, übrigens auch schon in den fünfzig Jahren, die er alt geworden, ziemlich von seiner Neigung zum schönen Geschlechte zurückgekommen war. Er theilte also seine Sorgen unter der Vertreibung seines Handwerks und der Abrichtung einiger Blutfinken, die er das Trompeterstückchen und Nun ruhen alle Wälder pfeifen lehrte, um sie sodann zu verkaufen. Den kleinen Haushalt führte seine alte Schwester, und ich wurde in die Schule geschickt, woselbst der Cantor Klingenheim sich beschäftigte, einem Haufen Knaben allerley nützliche Kenntnisse einzuprügeln. Ich bekam meinen Antheil an Unterricht und Schlägen täglich zugemessen, aber ich bekenne gern, daß es mir immer mehr von letztern als ersterm trug, und dies um so mehr, da meines Vaters Vermögensumstände ihn außer Stand setzten, dem Herrn Cantor durch seine Geschenke eine andre unschuldige Gemüthsergötzung auf unsre Kosten zu verschaffen. Es wohnte in Eldagsen ein verabschiedeter Hauptmann, von Reyerberg, der zwei Söhne hatte, die er in eben dieselbe Schule schickte, weil er nicht reich genug war, einen Hauslehrer zu besolden, oder vielmehr, weil er lieber für das Geld, das er diesem hätte geben müssen, zwey Reitpferde hielt, die er auch zuweilen an einen kleinen offnen Wagen spannte, wenn er nach Hannover fuhr, um seine Pension selbst abzuholen und einen Theil davon in dem Wirthshause zu den drey Cronen, in der Beckerstraße, zu verzehren. Der älteste Reyerberg hieß David, der jüngste Ludwig. David war sehr sittsam, führte sich immer still und anständig auf, schmeichelte dem Herrn Cantor, hielt sich gern zu alten Leuten, ermahnte oft seinen Bruder, wenn Dieser ungezogen war: doch seines Standes nicht zu vergessen, lernte alles wohl auswendig, was ihm aufgegeben wurde, und war also bey jedermann beliebt. Dabey wußte er sich durch Klatschereyen bey dem Herrn Vater in Gunst und den armen Ludwig herabzusetzen. Übrigens war er sehr reinlich in Kleidung; und da er gar kein Geschick zu Leibesübungen hatte, gab er sich auch damit nicht ab, fiel also nie und zerriß selten etwas. Ludwig hingegen war voll Feuers, balgte sich immer mit andern Jungen herum, lachte über alles, was ihm lächerlich vorkam, sagte immer, was er dachte, spielte seinem Lehrer und allen ernsthaften Personen, die ihm unerträglich waren, unzählige böse Streiche, wollte nichts lernen, sprach über alles, was ihm vorkam, mit Witz und grader gesunder Vernunft. Nichts war ihm unangenehmer, als geputzt zu seyn. Seine Kleider waren mehrentheils übel zugerichtet, denn er wollte jeden Sprung, jede körperliche Übung, die er sah, nachmachen, war auch sehr leicht und geschwind, fiel aber doch oft jämmerlich und wurde vom Hauptmanne und allen seinen Freunden für einen Jungen gehalten, aus dem nichts werden würde als ein liederlicher Fähndrich. Was mich betrifft, so liebte ich den jüngsten Bruder mehr wie den hochgepriesenen David. Indessen kann ich doch nicht sagen, daß ich ganz so wild gewesen wäre wie Ludwig. Mein geringrer Stand, die Armuth und Unterdrückung meines Vaters, welches alles auf mich bey der Begegnung, die ich von Andern erfuhr, wirkte, gab meinem Geiste nicht so viel Schwung und Unabhängigkeit.   Bis in mein vierzehntes Jahr widerfuhr mir eben nichts Außerordentliches. Mein Vater hatte sein mäßiges Auskommen, war aber, wie es oft geschieht, so unzufrieden mit seinem Stande, daß er darauf fluchte und schwur, ich solle ein ganz andrer Kerl werden als er. Zu diesem Endzwecke mußte ich Musik, Rechnen, Schreiben, Lateinisch und noch überdies ein wenig Geschichte und Erdbeschreibung lernen, wofür eine adelige Dame in der Nachbarschaft, für welche mein Vater arbeitete und die sich Meiner annahm, besonders bezahlte. Meines Vaters Pläne gingen auch so hoch mit mir hinaus, daß er einen braven Schulmeister aus mir zu ziehn dachte. Aber der gute Mann erlebte es nicht, mich in einer so glänzenden Laufbahn zu sehn, denn er starb, als ich eben das fünfzehnte Jahr erreicht hatte. Seine Schwester war ihm kurz vorher vorausgegangen. Es war an einem schwülen Sommertage, als er aus Galenberg, wohin er Schuhe gebracht hatte, erhitzt nach Hause kam, zu voreilig kalt trank und augenblicklich krank wurde. Er lag nur neun Tage, während welcher Zeit ich einstmals Arbeit zu der gnädigen Frau, welche für mich einen Theil des Schulgeldes bezahlte, tragen mußte. Sie erkundigte sich nach meinem Vater, und als ich ihr die mißlichen Umstände meldete, in welchen er war, versprach sie mir, sich Meiner anzunehmen, im Fall mein Vater etwa sterben sollte. Sobald dieser nun tot war, ließ mein Herr Vetter Valentin von Magistrats wegen alles im Hause versiegeln. Er kündigte mir dabey in harten Ausdrücken an, daß die Umstände so wären, daß die Schulden für geliefertes Leder und dergleichen den Werth der Verlassenschaft weit überschritten. »Nun Peter!« rief er trotzig aus. »Siehe zu, wie Du durch die Welt kommst! Der hochlöbliche Magistrat wird Dir einen Vormund setzen. Aber wo nichts ist, da hat gleichsam der Kaiser sein Recht verloren; und wenn die Büchsen leer sind, kann ich nichts herausnehmen. Hätte Dein Vater, Gott habe ihn selig! nicht einen dummen Hochmuth im Kopfe gehabt und hätte Dich ein ehrliches Handwerk lernen lassen, so wüßtest Du, wo aus oder ein, statt daß Du jetzt dem Stadt- Aerario zur Last fallen mußt.« Ich stellte dem Herrn Bürgermeister vor, daß ich schon selbst für mich sorgen würde, indem die Frau von Lathausen sich Meiner anzunehmen versprochen hätte – darauf ließ ich meine Verlassenschaft im Stiche und ging gradeswegs zu meiner Gönnerin. Zweytes Capitel Er wird Bedienter bey einer adeligen Dame. Was er dort erlebt, und warum er diesen Dienst verlassen muß. Meine ganze Habseligkeit bestand, außer der Kleidung, welche ich am Leibe, und einigem kleinen Hausrathe, den ich in der Tasche hatte, in einem Bündelchen, darin ich zwey Hemden führte, nebst einem Paar schwarzen wollenen Strümpfen, zwey Kämmen und einem Viertel-Lotterie-Lose, das mein Vater kurz vor seinem Tode an sich gekauft und der hochlöbliche Magistrat nicht mit in Arrest genommen hatte. Ich nahm Abschied von dem Herrn Bürgermeister, der mir drey Mariengroschen und eine Vermahnung, welche ungefähr ebensoviel werth seyn mochte, auf den Weg gab, und ging mit diesem Reichthume sorglos zu der Frau von Lathausen. Diese nahm mich, ihrem Versprechen gemäß, sehr gütig auf, ließ mir wenig Tage nachher aus einem alten Überrocke eine neue Livree machen. Der Jäger mußte mich unterrichten, wie ich mich bey der Aufwartung zu verhalten hätte, wie ich die gnädige Frau und alle übrigen Leute im Hause nennen müßte, und so wurde ich dann ein Stück von einem Bedienten. Die Schöpferin meines Glücks war eine Dame von etwa vierzig Jahren, sehr tugendhaft – ob aus Mangel an Temperament und Gelegenheit, aus Furcht oder weil sie nie sehr schön gewesen war, immer auf dem Lande gelebt und weil kein Verführer ihr die Ehre erwiesen hatte, Pläne auf sie zu machen – wer kann von allen unsern Tugenden die Quelle entdecken? – Genug, sie war eine sehr tugendhafte Witwe, sprach viel von Zucht und Sitten, war äußerst strenge in ihren Urtheilen über Andre und konnte besonders nicht leiden, wenn unter ihrem Hausgesinde kleine Liebschaften vorfielen. Doch gab es zwey Leute, denen sie alle Schwachheiten nachsah, und diese zwey Leute waren: ein junger hübscher Vetter, Herr von Redmer, und ihr Kammermädchen, die Jungfer Nagelborn.   Der Herr von Redmer war Lieutenant in *** Diensten. Es hätte vielleicht ein guter Mensch aus ihm werden können, wenn er nicht in der Jugend von seinen Eltern und nachher, seiner schönen Figur wegen, von Frauenzimmern zu sehr wäre verzogen worden. Man sagt es den armen Weibern nach, daß sie viel dazu beytragen sollen, hübsche Jünglinge eitel und thöricht zu machen, welche dann hernach, wann die Frühlingsjahre vorbey sind, langweilige kraftlose Männer und zuletzt kindische lächerliche Greise werden. Ich habe in der Folge der Zeit wirklich oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß dieser Vorwurf einigen Grund haben könnte. Auch kluge Frauen, bey denen der Körper mitspricht, sind sehr geneigt, einen jungen Laffen, und wäre er ein noch so leerer Kopf, einem Paar rother Wangen und runder Waden wegen recht artig zu finden. Ihr erster Lobspruch auf einen Menschen, der ihnen gefällt, lautet gewöhnlich: »Das ist ein hübscher Mann«, indes wir Männer, auch da, wo uns weibliche Schönheit rührt, unser Urtheil aus einer Art Schamhaftigkeit damit zu rechtfertigen pflegen, daß wir hinzusetzen: »Die Frau scheint viel Güte, Verstand oder dgl. zu haben.« Doch das gehört nicht hierher – Genug, der Herr von Redmer war ausnehmend zufrieden mit seiner Person, äußerst vorlaut, von der hohen Würde seiner innern und äußern Vorzüge überzeugt, von der Wichtigkeit seines Officierstandes eingenommen und so geschwätzig, daß er das Wasser seiner Beredsamkeit nicht halten konnte, wenn irgend dazu gepfiffen wurde, obgleich er mehrentheils die schalsten Dinge sagte. Da er ein wenig in einer Postkutsche herumgereist war, folglich viel Postmeister hatte kennengelernt, bildete er sich ein, er habe die Welt gesehn und beobachtet; und weil er einige Höfe besucht hatte, meinte er, er habe Menschenkenntnis, feine Welt, französische Lebensart. Das machte ihn, wenigstens in solchen Gesellschaften, wo man auf Character, Bescheidenheit, Talente und Kenntnisse sah, unerträglich. Aber wer das nicht merkte, war mein Herr von Redmer; Seine Eigenliebe ließ das nicht zu. Voll Selbstgenügsamkeit schob er seine lange Figur aller Orten hervor, mischte sich in alles und übersah in seinem Sinne alle Leute – Kurz! er war so, wie ich nachher manche junge Officiere gesehn habe. Nicht selten sprach er Zweydeutigkeiten, die seine gnädige Frau Base, bey welcher er zuweilen und grade damals, als ich in ihren Dienst trat, seinen Urlaub aushielt, gewiß von keinem Andern ohne Entsetzen würde angehört haben. Aber was soll man machen? Sie mußte wohl wissen, daß er es so böse damit nicht meinte, und so pflegte sie denn gewöhnlich nichts weiter zu sagen, als: »Pfuy! böser Mensch!« oder so etwas. Jungfer Nagelborn war ein volljähriges Frauenzimmer, etwas lang, mager und bräunlich, übrigens nicht übel gewachsen. Ein halbes Dutzend Zähne mochten ihr wohl an derjenigen Anzahl fehlen, welche in des Ritters Linné Systeme stehen, allein da sie den Mund sehr behutsam öffnete und, wenn sie lachte, die Hand vorhielt, fiel dies nicht besonders in die Augen. Ad vocem Augen dient zur Nachricht, daß die ihrigen ungefähr wie geschmolzenes Calphonium aussahen und viel zu fordern schienen; Ihr Haar aber war pechrabenschwarz – So viel von ihrer Person! Dies züchtige Frauenzimmer hatte viel Gewalt über ihre gnädige Frau, welche sich so sehr an dieselbe gewöhnt hatte, daß sie kein Geheimnis vor ihr verbarg. Sie führte den Haushalt, war zugleich Kammermädchen, und alles was sie that war wohlgethan. Auch war sie von gar guter, plauderhafter Gemüthsart, lobte immer den Herrn Lieutenant von Redmer, wußte alle kleinen Geschichtchen aus der Nachbarschaft zu erzählen und schimpfte tapfer auf alle Mädchen, die so dumm gewesen waren, Kinder zu bekommen. Jungfer Nagelborn hatte übrigens ein zärtliches Herz, und, ich kann es ihr nicht anders nachsagen, sie nahm sich vom ersten Augenblicke meines Eintritts in das Haus sehr gütig Meiner an. Sie sprach freundlich mit mir, nannte mich »mein lieber Peter!«, steckte mir zuweilen einen bessern Bissen vom herrschaftlichen Tische zu und kniff mich wohl gar dabey in den Arm oder in die Backe. Zuweilen rief sie mich des Morgens mit einer Art von Heimlichkeit in ihr Zimmer, um mir ein Schälchen Caffee zu geben, und wenn dann das Halstuch, das ihre platte Brust deckte, von ungefähr aus seiner Richtung gekommen war und ich dies in meiner Unschuld nicht bemerkte, schob sie es doch bey dem geringsten Geräusche, das etwa draußen entstand, zurecht und sagte wohl dabey: »Ey Du Himmel! Das ist nicht, wie es seyn sollte. Wenn mich jemand so bey einem hübschen jungen Purschen sitzen sähe, so sollte er wohl etwas Böses davon denken.« – Unglücklicherweise war ich noch so neu in der Welt, daß Caffee, Pasteten, Wein, Nuditäten und schöne Worte vergebens an mir verschwendet wurden. Aber meine Blödigkeit dauerte nicht lange. An einem Morgen kam der Jude aus Eldagsen eilig geritten und verkündigte mir, das Lotterielos, wovon ich den vierten Theil besaß, habe zweyhundert Thaler gewonnen. Wer war froher wie ich! Ich fand es billig, dem Juden ein Geschenk zu machen, allein weil ich kein bares Geld hatte, rechneten wir zusammen ab; und nach Vergütung seiner Reisekosten, dem Geschenke für ihn und den kleinen, höchst billigen Procenten zu Bestreitung der Unkosten an die landesväterliche Lotteriedirection (die überhaupt nur für das Beste der Menschheit arbeiten und, wie die Bilanz am Ende der gedruckten Pläne bezeugt, gar keinen Vortheil für sich verlangen); nach Abzug alles dessen bekam ich noch siebenundzwanzig Thaler, ein grünes lackiertes Zahnstocher-Etui, eine schwarze Schnupftabaksdose und eine Halsbindenschnalle von Glassteinen heraus. Der Jude bat mich, ich weiß nicht warum, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that und das Geld in der Stille behielt. Aber ich glaube, der Teufel, salva venia! fährt in uns, wenn wir reich werden. Wenigstens hat man alsdann gleich eine solche Zuversicht zu seiner werthen Person, daß uns kein Rock mehr weit genug ist; es geht alles oben hinaus. Doch daran sind oft andre Leute Schuld, und ich habe, wie ich nachher in der Fremde herumgekommen bin, die elendesten, an Leib und Seele hospitalsfähigen Menschen angetroffen, die, wenn sie nur viel Geld hatten und täglich Gäste füttern konnten, von einem Haufen Schmarotzer so geschmeichelt wurden, daß sie sich für gar außerordentliche Leute hielten. Es gab zwar unter diesem Haufen auch Personen, welche solchen Mäcenaten nur aus Spott also begegneten, sie genug fühlen ließen, daß sie mehr der guten Gesellschaft, die sie bey ihnen antrafen, als des Wirths wegen dahin kämen, und solche Häuser wie einen Gasthof betrachteten. Aber glücklicherweise merken das solche Menschen nicht, und man befindet sich indessen recht wohl bey ihnen, scherzt, schmaust, lacht auf ihre Unkosten, und sie sind Könige in ihrer Einbildung. Mein Reichthum war freylich nicht ganz außerordentlich; unterdessen schienen mir dreyßig Thaler immer ebensoviel wie einem Banquier seine tausende, und da ich hie und da nicht unterlassen konnte, meine blanken Thaler vorzuzeigen, fand ich auch (ich kann es ohne mich zu rühmen sagen) viel Freunde im Dorfe. Die Leute fingen an zu finden, daß ich ein hübscher artiger Junge wäre. Ein Barbier, der auch zugleich Musik trieb und neben der Klistierspritze noch ein andres Instrument, die Violine, cultiviert hatte, auch bey allen Kirchenmusiken an hohen Festtagen gebraucht wurde, da er dann zugleich geigte und sehr fistulös sang, machte sich bekannt mit mir. Er fand, daß ich Genie zu allem hatte, wie es der Fall bey allen Leuten ist, die Geld haben, und bat mich um Gotteswillen, doch ja die Musik nicht liegen zu lassen. Wir übten uns also fleißig miteinander, und die Jungfer Nagelborn fand ein nicht geringes Vergnügen an unsern Bogenstrichen. Dabey nahm sie oft mein grünes Etui in die Hand, bewunderte es, und in einem Anfalle von Freygebigkeit (wie denn überhaupt die Musik sehr weich macht) schenkte ich ihr dasselbe. Hierdurch und durch meine immerwährende Aufmerksamkeit für sie wurde sie mir täglich mehr zugethan. Die alten Jungfern nehmen sich gern, wie man sagt, der Knaben, die mannbar werden, an, um sie vor Verführungen zu warnen. Indessen lockte mich, ihrer Aufsicht ungeachtet, Herr Haber, der Barbier, zuweilen mit sich in das Wirthshaus. Es fügte sich dann gewöhnlich, daß er grade kein Geld bey sich hatte; also bezahlte ich für uns beyde, und wenn ich nach Hause kam, waren meine Lebensgeister so herrlich in Bewegung gesetzt, daß Jungfer Nagelborn keinen Beruf fand, mich von der Gesellschaft dieses musikalischen Wundarztes abzuhalten. Weil sie aber nichts dagegen hatte, daß ich in das Wirthshaus ging, erfuhr es auch die gnädige Frau nicht, bey welcher sie mich überhaupt sehr in Gunst setzte. Die vielen leichtfertigen Reden, welche ich im Wirthshaus hörte, und von der andern Seite die menschenfreundlichen Zuvorkommungen der Kammerjungfer siegten endlich über meine Blödigkeit. Ich wagte allerley Freyheiten, und da meine erfahrne Schöne meinem ersten Angriffe nicht sehr tapfer widerstand, vielmehr immer mehr Blöße gab, wurden wir bald im höchsten Grade vertraulich. Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich einst in der gnädigen Frau Zimmer ein Buch voll muthwilliger Gedichte von einem unsrer neuen teutschen Schriftsteller fand, daß ich glaubte, was eine so züchtige Dame wie die Frau von Lathausen lesen dürfte, das werde auch mir nicht schaden können, daß ich aber nachher wohl fühlte, wie leicht solche Bücher die wachsenden Begierden junger Leute entzünden und wie gut es wäre, wenn auch Witwen dergleichen ungelesen ließen. Drittehalb Jahre waren seit meinem Eintritte in das adelige Haus verstrichen, und der Herr von Redmer hatte wiederum einen Winter bey uns hingebracht, als die Zeit herannahete, da er zurück in die Garnison mußte. Den Tag vor seiner Abreise fuhr die Herrschaft zu einem benachbarten Edelmanne nach Pattensen, wo der Herr Vetter Abschied nehmen wollte. Der Jäger ging mit, und ich blieb mit der liebenswürdigen Jungfer Nagelborn allein zu Hause. Wir ließen es uns gut seyn, hatten eine Bouteille Wein, Kuchen u.d.gl. vor uns stehn und führten uns dabey nicht ganz in allen Ehren auf. Da wir also nur mit uns selber beschäftigt waren, hörten wir nicht, daß unterdessen die Kutsche wieder zurückkam (denn die benachbarte Familie war nicht zu Hause gewesen), und wie groß war unser Schrecken, als sich die Thür öffnete, die gnädige Frau und der Herr Lieutenant hereintraten und uns in einer nicht sehr consistorialrechten Beschäftigung antrafen. Herr von Redmer schlug ein so gewaltiges Gelächter auf und ließ seinen Witz auf Unkosten der armen Jungfer so beißend heraus, daß ich nicht weiß, ob uns mehr dieser Spott oder der Dame Schimpfworte demüthigten. Allein diese brach in ein fürchterliches Toben aus – Es war auch wahrlich kein Spaß, sich bey solchen Gelegenheiten nicht besser vorzusehn. – Ich stand da wie ein armer Sünder und erwartete mein Urtheil. Dies blieb nicht lange aus. War es aber, weil die gnädige Frau geheime Ursachen hatte, der Kammerjungfer ihre Sünden zu verzeihn, oder damit es nicht ruchbar werden sollte, daß ihre Vertraute sich so weit vergessen hatte, oder war Diese ihr so unentbehrlich geworden, daß sie darüber wider ihre Natur tolerant gegen weibliche Gebrechen war, oder ging es nach dem gewöhnlichen Laufe der Welt, daß die kleinern Unschuldigen für die vornehmen Sünder büßen müssen – Genug! die bejahrte Schöne wurde begnadigt und ich zum Hause hinausgejagt. Doch fand ich an dem viel nachsichtigern Herrn Lieutenant einen Beschützer. Er versprach mir heimlich, mich in seine Dienste zu nehmen, und als er des folgenden Morgens wegfuhr, mußte ich ein Stück Weges vorausgehn, da er mich dann mit aufsitzen ließ und also zum Regiment führte. Drittes Capitel Was Peter Clausen in der *** Garnison begegnet; wen er dort antrifft und wie er lebt. Die Übereinkunft, welche der Herr von Redmer mit mir wegen meiner künftigen Versorgung getroffen hatte, war, wie ich schon erwähnt habe, ich sollte bey ihm Bedienter werden. Allein sein Eifer für seines Herrn Dienst schien ihm heiliger wie sein gegebnes Wort. Er fand an mir einen wohlgebaueten Jüngling im besten Wachsthume. Kaum waren wir daher an den Ort unsrer Bestimmung gekommen, als ich unter eine hölzerne Maschine gestellt wurde, an welcher man die Verdienste Derer nach Zollen abmißt, die für das Vaterland streiten sollen. Man fand mich sehr tüchtig, für die gerechte Sache und um das Gleichgewicht von Europa mit erhalten zu helfen, meine graden Glieder daran zu wagen, und ließ mich also, ohne sich um meine Neigung zu bekümmern, Soldat werden. Vergebens reclamierte ich die Freyheitsrechte der Menschheit, die Rechte meines hannoverschen, noch nicht an Sclaverey gewöhnten Vaterlandes, das Ehrenwort eines Cavaliers – Es hieß immer: »Der Herr braucht Leute; Du kannst da Ehre einernten, und wenn Du Dich gut aufführst, einmal Unterofficier, vielleicht gar Officier werden.« Ich versicherte, es fehle mir durchaus an Muth und Tapferkeit; aber man bedeutete mich, diese hohen Tugenden würden theils gar nicht mehr zum Krieg führen erfordert, theils durch gewisse fühlbare Mittel den Helden niedrer Classe eingeprägt. Die Officiere aber würden durch Ehrgeiz festgehalten, daß sie stehnbleiben müßten; doch habe man Beyspiele, daß Leute, die es hernach bis zum Obersten gebracht, in der ersten Schlacht, der sie beygewohnt hätten, fortgelaufen wären. Die Tapferkeit sey heut zu Tage ein Ding, das man lernen könne wie die Regula de Tri. Was war also zu thun? Ich faßte mich in Geduld, und nachdem ich nur erst die schwere Kunst, meine Brüder von der Erde zu vertilgen, systematisch im Kopfe oder vielmehr im Griffe hatte, wobey es zuweilen einige Schläge setzte, fing mein Zustand an, mir leidlicher vorzukommen, wie man sich überhaupt an alles gewöhnen kann. Ich aß mein grobes Brot mit frohem Sinne, trank so klares Wasser dazu, als ich bekommen konnte, ließ meinen Körper in ein enges Röckchen spannen, meine Waden in Gamaschen einzwängen und fühlte zuletzt diese Grade der Tortur nicht mehr. Während dies mit mir vorging, hatten meine ehemaligen Gespielen, die jungen Herrn von Reyerberg, auch ihren Geburthsort verlassen. Sie waren beyde zuerst nach Closter Bergen auf das Gymnasium gekommen. Die Art, wie dort die jungen Leute damals gebildet wurden, trug alles dazu bey, die Anlage des ältesten Bruders zu einem sittsamen, heuchlerischen, nur nach der äußern Form und der Meinung andrer Menschen gerichteten Tugendwandel auszubilden. David wurde also bald allen Mitschülern zum Muster dargestellt. Er war in Gesellschaften erwachsener Personen gern gesehn, kramte da seine affenmäßige Weisheit aus, lernte bald den Ton der sogenannten großen Welt, spielte Kartenspiele mit Feinheit und Begierde, sah, wenn er konnte, seinem Nachbar in die Karte, gab, wenn er gewann, von dem Gewinnste dem ersten Armen, der ihm in Gegenwart andrer Leute begegnete, seinen Antheil, ließ sich von dem Reste ein Gebethbuch in schönen Saffian einbinden und war allgemein geehrt und geliebt. Ludwig hingegen konnte sich durchaus nicht an den Schulzwang und an die falsche Frömmigkeit gewöhnen; und als er einmal bey einer Gelegenheit die Lehrer und seinen Bruder ein Pack Scheinheilige genannt hatte und deswegen gezüchtigt werden sollte, entwischte er, nahm seinen Hut, ließ alle seine Sachen zurück und lief, ohne einen Heller Geld zu haben, fort in Gottes weite Welt hinein. Nachdem er, ohne sich umzusehn, lange so fortgegangen war, wendete er sich, ermüdet vom Gehn und hungrig, an einen Dorfpfarrer, sechs Stunden von Closter Bergen, und erzählte ihm, voll Zutrauen zu seiner Redlichkeit und Menschenliebe, seine Geschichte. Der Herr Pastor zuckte die Achseln, erkundigte sich nach des Vaters Vermögensumständen und schickte darauf zu dem Herrn Amtmann, welcher den armen Jungen in Verhaft nehmen ließ, an den alten Reyerberg schrieb und, nach Erstattung aller Unkosten, demselben seinen Sohn auslieferte. Der Herr Hauptmann wüthete wie ein Türke, fragte alle Geistlichen der Nachbarschaft um Rath, was nun zu thun sey, und der allgemeine Schluß fiel dahin aus, den ungerathenen Buben zur Züchtigung eine Zeitlang die Muskete tragen zu lassen. Hiervon wurde kaum meinem gestrengen Herrn Lieutenant ein Wink gegeben, als er den jungen Menschen durch einen Unterofficier abholen ließ, für ihn bestens zu sorgen versprach; und so hatte mich denn auf einmal das Schicksal wieder mit meinem Jugendfreunde vereinigt. Es ist gewiß eine sehr falsche Curart, einen Jüngling, der unsittlich lebt, zur Strafe mit Menschen umgehn zu lassen, die noch schlechtere Sitten haben. Viel besser ist es, dem Ehrgeize eines Solchen dadurch einen neuen Sporn zu geben, daß man ihn mit Leuten in Verbindung bringe, die gleiche Talente, gleiche Erziehung mit ihm genossen haben, ihn aber an Tugend, Klugheit im Umgange und Aufmerksamkeit auf sich selbst übertreffen. Von dieser Behandlungsart habe ich oft, von jener aber noch nie gute Folgen gesehn, welches denn auch bey dem jungen Reyerberg eintraf. Er fing nun an, aus einer Art von Verzweiflung so liederlich zu werden, daß er täglich tiefer in seinen und andrer Leute Augen sank. Da meine Gesellschaft sein einziger Trost war, erweckte mich bald sein Mißmuth aus meiner Schlafsucht; zugleich zog er mich aber auch in diejenige Lebensart mit hin, welcher er sich ergeben hatte, um sich gegen sein Schicksal durch Übertäubung zu waffnen. Ich hatte noch einige Louisd'or von meinem Lotteriegewinnste und dem mir aufgedrungnen Handgelde übrig, und Ludwig bekam theils zuweilen etwas von unserm Herrn Lieutenant vorgestreckt, theils, weil man seine Geschichte wußte und glauben mochte, sein Vater werde ihn nicht lange in diesem Zustande lassen, fand er auch Leute, die ihm Credit gaben. Bey demselben Regimente diente ein Mann von etwa vierunddreyßig Jahren, der elf Jahre des Studierens wegen auf Universitäten gewesen, seiner wilden Aufführung und Schlägereyen halber aber aus Göttingen, Jena und Halle fortgeschickt worden, hernach in österreichsche Dienste gegangen, dort desertiert und nun zu den *** übergegangen war. Dieser hieß Haudritz, war der ungerathne Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Kleve, ein Mensch voll Talente, voll Genie, aber ein durchtriebner Bösewicht, von Grund aus verderbt, ohne Gefühl und also beynahe keiner Besserung fähig. In dieses gefährlichen Menschen Klauen geriethen wir. Er merkte, daß wir ein bißchen Geld hatten, und zehrte also mit uns. Die Annehmlichkeit seines Umgangs, der durch die Erfahrungen aus den mannigfaltigen Lagen, darin er gelebt hatte, interessant wurde, zog uns in seine Schlinge. Unser Kleeblatt schloß sich nun fest aneinander; wir begingen so viel böse Streiche und lebten (insofern es die militairische Zucht zuließ) so lange ausschweifend und wild, bis keiner mehr weder Geld noch Credit hatte. Herr von Redmer hätte bessere Aufsicht auf uns haben sollen, allein der war mit andern Dingen beschäftigt, lief zu den Damen, spielte den Stutzer, trug seine Weisheit in alle Gesellschaften umher, wo er sie an den Mann bringen konnte, und bekümmerte sich wenig um uns, bis wir endlich, wegen kleiner, kürzlich verübten Bubenstücke an einem Commissair, alle Drey auf acht Tage in Arrest kamen. Viertes Capitel Bild des französischen Commissairs, mit welchem der Herr von Redmer in Streit geräth. Peter desertiert nebst zwey Cameraden. Der Commissair, auf dessen Ansuchen wir gefangen gesetzt und täglich ein paar Stunden krummgeschlossen wurden, war einer von den ausländischen verdienstvollen Männern, welche, wenn sie in Frankreich als Perückenmacher, Kuppler, Finanz-Unterbedienten, Beutelschneider oder dergleichen ihr Glück nicht höher haben bringen können, als daß sie etwa im Begriff stehen, in einer geschlossenen Gesellschaft mit braunen Wämsern auf den Ruderbänken sich zur See hervorzuthun, und ihnen diese Lebensart nicht gefällt, alsdann ihr undankbares Vaterland verlassen, um an irgendeinem teutschen Hofe als Marquis aufzutreten, die Sitten zu verfeinern, für die menus plaisirs der kleinen Potentaten zu sorgen oder ihnen das Recht abzupachten, ihre Unterthanen zu mißhandeln und die Fremden zu chicanieren. Dieser war vor etwa sechs Jahren nach *** gekommen, in einem abgeschabten verbleichten grünen Rocke, an dem man nirgends die rechte Farbe erkennen konnte als da, wo ihn der Riemen, an welchem sein Bündelchen gehangen, gegen die Sonnenstrahlen geschützt hatte. An den Falten seiner herunterhängenden Strümpfe konnte man das Journal seiner Fußreisen lesen, und ein kleines Hütchen, das schon mancher Stutzer als Chapeau bas getragen hatte, bedeckte den windvollen Kopf, hinter welchem an siebenzehn Haaren ein kleiner zerrissener Haarbeutel angeknüpft war. In diesem Aufzuge, sage ich, war er nach *** gekommen und hatte mitleidige Seelen oft um eine petitte charité gebeten – Ayés pitié, Monseigneur, d'un pauvre financier de France, qui vient s'établir ici, et se faire fermier de douane, mais qui n'a pas le sol, ayant mangé tout son bien en voyage dans ce fouttu païs de l'Allemagne – So war sein bescheidner Einzug gewesen, jetzt rollte er in einer lackierten Kutsche durch die Gassen.   Ich und meine lustige Gesellschaft, wir konnten den Kerl durchaus nicht leiden. Es ärgerte uns, daß dieser Taugenichts eine so glänzende Rolle spielte, indes wir schildern mußten. Abgerechnet, daß aus uns also Neid sprach, weil wir selbst gern in der lackierten Kutsche gefahren wären, waren wir auch nicht Politiker genug, um zu fühlen, mit welcher Feinheit der Monarch jedes auch noch so verächtliche Subject da anzustellen weiß, wo er es als Maschine brauchen kann, seinen tief durchgedachten Plan auszuführen. Wir waren daher längst entschlossen, dem Franzmanne einen Possen zu spielen, hatten schon alle Vorbereitungen dazu gemacht, und eines Abends, als wir aus dem Wirthshause kamen, schritten wir zum Werke. Wir wußten nämlich, daß seine schöne Carosse, an welche er das selbst erfundne Wappen seines Marquisats hatte malen lassen, des Nachts, wenn es trocknes Wetter war, vor dem Hause auf der Gasse stehn blieb. Da hatten wir nun schwarze und gelbe Ölfarbe gekauft, in der Absicht, den ganzen Kasten damit anzustreichen und sodann Galgen und Rad darauf zu pinseln. Zugleich wollten wir lange Rinderdärme, mit denen wir uns auch versehn hatten, an einen nahegelegenen Springbrunnen binden und von da über die Gasse in seinen Keller leiten, damit die Nacht hindurch sein ganzes Unterhaus unter Wasser gesetzt würde. Hätten wir die Zeit abgewartet und, welches wir schon oft gethan hatten, uns um Mitternacht aus den Casernen geschlichen, so wäre unser Bubenstück ungestraft verübt worden. Allein wir waren zu begierig darauf, hatten auch ein bißchen zu viel getrunken, um vorsichtig zu seyn, und legten also eben Hand an das Werk, als wir überrascht, erkannt, verklagt und verurtheilt wurden. Weil indessen der vorgehabte Frevel nicht vollführt worden war, kam der Commissair nach einem paar Tagen selbst auf die Wache, um die Officiere zu vermögen, für uns um Milderung der Strafe zu bitten. Herr von Redmer hatte grade nebst einem Capitain die Hauptwache, als das ausländische Thier hereintrat. Die beyden Officiere spielten nebst zwey jungen fremden Reisenden, welche Vettern des Hauptmanns waren, in Garten. Wir wurden hereingerufen; man eröffnete uns die gute Absicht des Commissairs, und es wurde beschlossen, den folgenden Tag auf der Parade dem Gouverneur Bericht davon zu erstatten. Unterdessen hatte der Herr von Redmer den Franzosen gebeten, diesen Abend mit der Gesellschaft auf der Wache zuzubringen und zu speisen, vermuthlich um seinen Spaß mit ihm zu haben. Bey der Mahlzeit wurde tapfer getrunken; es wurden feine Weine und Liqueurs hergegeben, und mein Commissair fing an, beredt zu werden. Redmer, dem auch der Rebensaft die Zunge gelöset hatte, wie er denn überhaupt nicht ungern schwatzte, fing an, vom hochseligen Herrn zu reden. Der Herr Lieutenant fing an, kreuz und quer über die *** Verfassung zu raisonnieren, behauptete: der vorige Herr habe einen wahren Geist von Würde und Selbständigkeit unter seine Unterthanen gebracht und durch eignes Beyspiel von strenger Tugend, häuslicher Pflichterfüllung und Gottesfurcht die Richtigkeit seiner Theorie bewiesen. Seine Militairverfassung habe nicht auf Willkür und Despotismus, sondern auf Muth, Unerschrockenheit und darauf beruht, daß wenn nur jeder Einzelne seine Schuldigkeit gethan, er, der Monarch selbst, ihn nicht habe antasten können, ohne das ganze Corps gegen sich aufzubringen. Da er auf diese Art seinen eignen Leidenschaften einen Riegel vorgeschoben und jedem, der seinen Platz recht erfüllte, den Preis seiner Arbeit selbst zu erringen in die Hände gegeben hätte, sey dies wohl das höchste Ideal eines militairischen Staats gewesen, in welchem der Herr grade das vorgestellt habe, was Fürsten billig vorstellen sollen, nämlich Vorsteher des Volks – Ein Staat, der, wenn er zweyhundert Jahre also gestanden, im Kleinen mächtiger wie der römische geworden wäre. Der jetzige Herr habe dies alles zu zerstören und nur nach Willkür zu leiten getrachtet – Der arme Redmer! Vermuthlich hat man in seiner Einbildung seine Verdienste noch nicht genug belohnt. Er bedachte nicht, daß ein großer Herr, der alles aus sich selbst nimmt, alles mit eignen Augen sieht, dem nicht das Geringste entwischt, der das Gleichgewicht in allen Ständen, in allen noch so entfernten Ecken zu erhalten weiß – daß ein solcher Herr ein Phänomen ist, dessen Glanz ein junger Mensch nicht einmal durch ein geblendetes Glas anschauen darf. Je mehr er aber sprach und ihm widersprochen wurde, um desto mehr erhitzte er sich. Er redete auch gegen die Zolldirection, gegen die Franzosen, bediente sich unehrerbiethiger Worte und wurde endlich sogar gegen den Capitain, der ihm das Gegentheil hielt, beleidigend grob – Die Gesellschaft ging stürmisch auseinander, und am folgenden Tage wurde der ganze Vorfall gehörigen Orts angebracht. Was die Sache schlimmer machte, war, daß sie auf der Wache vorgefallen war. Der Herr von Redmer kam auf einige Zeit nach *** und wurde sodann zur Strafe bey einem Garnisonsregimente angesetzt, wo er vielleicht noch jetzt steht. Unterdessen kamen wir den zweyten Morgen aus unsrem Arreste los. Allein bey der Compagnie wurde ein Lieutenant angesetzt, der äußerst grob und ungeschliffen mit uns umging. Wir verloren auch den geringsten Schatten von Freyheit, setzten aber nichtsdestoweniger, so viel es die Umstände litten, unsre vorige Lebensart fort, und da wir kein Geld mehr hatten, erlaubten wir uns allerley Mittel, auf andrer Leute Unkosten zu zehren. Wir hatten uns einen heimlichen Eingang in den Keller eines reichen Weinhändlers gemacht. Dieser Keller lag abgelegen von der Wohnung des Eigenthümers, und wir schlichen, als Bänderknechte gekleidet, des Nachts hin, zogen durch Strohhalme flaschenweise den Wein aus den Fässern, aus Furcht, er möchte zu alt darin werden, und tranken ihn auf die Gesundheit des braven Kaufmanns hinunter. Hernach, wenn wir unsre Ladung hatten, fingen wir gewöhnlich allerley Lärm auf der Gasse an.   Einstmals, als Haudritz und ich (denn Reyerberg war an einem Thore auf der Wache) ziemlich benebelt wieder durch das Fenster in die Caserne steigen wollten, rief uns ein Camerad zu: Man habe uns vermißt, gesucht, und es werde böse Händel geben. Wir kannten die Strenge unsrer Officiere, fürchteten, man möchte uns eine militairische Schröpfcur verordnen, welche wir für unsre Gesundheitsumstände nicht nöthig hielten. Da wir uns nun längst vorgenommen hatten, aus der Sclaverey zu entwischen, wurden wir itzt gleich darüber einig, noch in dieser Nacht zu desertieren. Wir liefen daher augenblicklich an das Thor, wo Reyerberg war. Er stand, zu unserm Glücke, auf dem Walle Schildwache. Wir stiegen über eine Mauer, krochen hinauf zu unserm Freunde und beredeten ihn, Gefahr und Freyheit mit uns zu theilen. Er war bereit dazu, nur kam es darauf an, auf welche Art wir den steilen Wall und die noch steilere Grundmauer hinunter in den Graben kommen sollten, welcher eben abgelassen, folglich ziemlich trocken war. Hier kam uns Haudritzens Erfindungsgeist zu Hilfe. Wir rissen drey Pfähle aus, an welche junge Bäume gebunden waren, und spitzten dieselben unten zu wie Besenstiele – Es war keine Zeit zu verlieren, denn die Runde würde uns ertappt haben, wenn wir noch eine halbe Viertelstunde länger verzogen hätten. Wir nahmen daher, wie die Caminfeger zu thun pflegen, wenn sie in einen Schornstein hinunterfahren, unsre Besenstiele zwischen die Beine, die Spitzen hinten in die Wand gedrückt, hielten das Vordertheil mit den Händen fest, setzten uns darauf und rutschten also ohne Schaden zu nehmen hinunter, kamen glücklich durch den Graben, waren aber auch kaum am andern Ende, als wir schon oben die Runde kommen und den Lärm hörten, welchen Reyerbergs Vermissung verursachte. Wir liefen nun durch Hecken, Gärten, Graben und Bäche immer fort. Man schoß eine Canone ab, um den benachbarten Dorfschaften ein Zeichen zu geben – Wir waren in Todesängsten – doch beflügelte die Furcht unsre Beine. Wir liefen die ganze Nacht durch und kamen, unter tausend Schwierigkeiten und Gefahren, deren Erzählung vermuthlich den Leser ermüden würde, glücklich über die Grenze. Fünftes Capitel Peter Claus und seine Gehilfen wandern nach Braunschweig. Wie sie sich unterwegens und dort auf eine ehrliche Art durchhelfen. Jetzt war die Frage, wohin wir unsre Schritte leiten und was wir anfangen sollten, Unterhalt zu finden. Unsre Entweichung war so eilig zugegangen, daß keiner von uns Zeit gehabt hatte, sich mit eigenem oder fremdem Gelde zu versehn. Als indes der Morgen herankam und wir uns außer den *** Staaten sahen, fingen Hunger und Durst an, sich bey uns zu melden. Es wurde deswegen ein Kriegsrath gehalten, in welchem der erfahrne, an Einfällen unerschöpfliche Haudritz den Vorsitz hatte. Man untersuchte den Cassenbestand und entdeckte, daß derselbe sich nicht höher als auf einen Groschen und vier Pfennige belief, welche Reyerberg bey sich führte. Bey diesen traurigen Umständen wurde beschlossen, wir wollten zuerst die Mildthätigkeit guter Menschen um Hilfe ansprechen, und wenn wir eine kleine Summe würden erbettelt haben, unsre Röcke gegen andre Kleider vertauschen, sodann, weil eben die Zeit der braunschweigschen Messe herannahete, diese große Stadt besuchen, um bey der Menge dahin kommender Fremden unser Heil zu versuchen, entweder als Bediente oder, wenn es gar nicht anders seyn könnte, in herzoglichen Diensten als Soldaten anzukommen. Als wir eben hierüber einig geworden waren, hörten wir in einem nahe gelegnen Dorfe zur Kirche läuten, denn es war Sonntag. Wir wendeten desfalls unsre Schritte dahin und dachten, an einem Tage, der zum Gottesdienst bestimmt ist, würden die Menschen auch zum höchsten Gottesdienste, zu der Erfüllung ihrer Pflichten, zur Wohlthätigkeit, am besten vorbereitet seyn. Der Pfarrer stand schon auf der Canzel, als wir in das Bethhaus traten. Es war gegen die Mitte des Augustmonats und das Evangelium Math. Cap. VII. v. 15. Dies gab dem Redner Gelegenheit, von guten Werken zu predigen. Er ermahnte auch seine Zuhörer mit so viel Salbung, gute, wohlthätige Früchte zu bringen, daß er selbst gegen das Ende der Predigt wie ein Schloßhund heulte. Der dicke Mann schimpfte dermaßen gegen die Hartherzigkeit, daß er pechbraun dabey wurde – Eine solche Predigt, meinten wir, gehöre dazu, das ganze Dorf zu der edlen christlichen Freygebigkeit vorzubereiten, welche wir nach der Kirche auf die Probe zu setzen beschlossen hatten. Sobald also der geistliche Mann etwa zu Hause seyn und Mantel und Kragen abgelegt haben konnte, gingen wir demüthig seinem Hause zu. Wir sahen ihn im Hofe vor der Thür stehen, wo er, mit einer Pfeife im Munde, gegen einen Bauern stritt, welcher ihn in den kläglichsten Ausdrücken beschwur, sein achtes Kind, in Betracht seiner großen Dürftigkeit, unentgeltlich zu taufen, aber der Pharisäer überhäufte den armen Mann mit Schmähungen und jagte den weinenden Vater, ohne ihm seine Bitte zu gewähren, fort. Dies war nun freylich keine Ermunterung, ihm unser Anliegen vorzutragen; dennoch wagten wir es und erzählten ihm mit aller Offenherzigkeit, wie man uns betrogen und gezwungen habe, Soldaten zu werden (dies paßte eigentlich auf Haudritz nicht mit) und wie wir endlich, um das Joch der Sclaverey abzuschütteln, entwischt wären, in der Absicht, auf andre ehrliche Art unser Brot zu verdienen. – Aber da hätten Ew. Hochwürden den heiligen Mann, der von der Wohlthätigkeit gepredigt hatte, ja! mein Herr! da hätten Sie ihn sollen toben hören. Er nannte uns Landläufer, drohete uns festsetzen und ausliefern zu lassen; allein wir eilten von ihm weg, nachdem wir ihm einige beißende Dinge gesagt hatten, die er vielleicht nicht einmal verstand, weil sein Geist schon mit der Mahlzeit beschäftigt war, zu welcher ihn seine Frau rief. In der Hoffnung, daß indessen die Predigt eine bessere Wirkung auf das Herz der Zuhörer als auf den Redner selbst gemacht haben würde, gingen wir von Haus zu Haus – Traurige Erfahrung! Von den Leuten, bey denen irgend einiger Wohlstand zu herrschen schien, bekamen wir nicht nur kein Geld, sondern noch böse Worte obendrein, die Armen aber hatten selbst nichts. Der einzige Bauer, den wir bey dem Pfarrer angetroffen hatten, rief uns von freyen Stücken zu sich herein. Er war noch ganz traurig, setzte uns ein bißchen Brot und ein Glas Branntwein vor und entschuldigte sich, daß er nicht mehr zu geben habe. Der gute Reyerberg wollte, in einer Aufwallung von Großmuth, unsre ganze Barschaft zur Vergeltung dieser wahrhaftig edeln Gastfreundschaft hingeben, aber der arme Bauer nahm durchaus nichts. Indes biß Haudritz, voll Unwillen über das Menschengeschlecht, die Zähne zusammen, und da er sich im Stillen einen Plan entworfen hatte, kaufte er für vier Pfennige einen Topf und ging mit uns zum Dorfe hinaus. Wir schritten, ohne miteinander zu reden, ein Stück Weges fort, bis wir einen grünen Rasenplatz am Ufer eines Bachs antrafen, woselbst wir uns hinsetzten, da dann Haudritz also zu reden anfing: »Da seht Ihr nun, wie die Schelme, die Menschen, sind! Der Bösewicht lebt im Überflusse, der Redliche von Noth und Armuth zu Boden gedrückt. Die Lehrer der Religion sind Heuchler, begnügen sich zu predigen, was sie selbst nicht Lust haben auszuüben, und von den Zuhörern nimmt jeder so viel für sich heraus, als mit seinem Eigennutze bestehn kann. Der aufrichtige Mann ist nirgends an seinem Platze, und der Bösewicht erlangt, was er will. Ist es ein Wunder, wenn zuletzt niemand mehr auf seine eignen Unkosten ehrlich seyn will? Ist es Wunder, daß, wenn dann Betrug täglich allgemeiner wird, auch die Besten nicht mehr trauen und glauben wollen? Ist es Wunder, daß endlich, sobald alles Zutraun wegfällt, niemand mehr sich die Mühe gibt, als ein redlicher Kerl zu verhungern, wenn er auch nicht einmal mehr durch äußere Achtung belohnt wird? Die Welt will betrogen seyn; so laßt sie uns dann betrügen! Ich habe mir allerley Pläne ausgesonnen, bey denen wir wahrlich nicht verhungern werden, und wenn Ihr folgen wollt, so sollen unsre Umstände bald anders aussehn.« Ich sah wohl die große Lücke in diesem Systeme, fühlte wohl, daß hier auf die innere Beruhigung, welche Rechtschaffenheit und Religion der Seele gewähren und sie mit stillem Frieden erfüllen, gar nicht gerechnet war; aber ich ersuche Sie, lieber Herr Geheimrath! dabey zu überlegen, daß man die Stärke dieser Gründe viel besser empfindet, wenn man reichlich besoldet wird; wenn die Augen des Publicums auf uns gerichtet sind; wenn kein Reiz da ist, anders zu handeln; viel besser, als wenn man in seinen besten Jahren, unsicher und ohne Namen in der Welt umherirrend, von den mächtigen Buben gedrückt, mit Mangel, Noth, Hunger und Durst kämpft – Kurz! wir versprachen zu folgen, und wer in denselben Umständen, mit denselben Leidenschaften und Anlagen, anders handeln würde, der – nun! der ist besser wie wir – Wir fingen nunmehr sogleich unsre Unternehmungen an. Haudritz lief mit seinem Topfe in ein nahgelegnes Dorf. Daselbst weinte er bittre Thränen, in allen Häusern, klagte: er sey ein armer verabschiedeter Soldat; seine Frau und vier unmündige Kinder lägen in der Nähe krank, kümmerlich, elend. Er bat nicht um Geld, nur um ein bißchen Suppe und um ein altes Hemd. Die Art, wie er dies den theils mitleidigen, theils eiteln Seelen vorbrachte, rührte Weiber und Männer. Man gab keine Suppe, man gab Geld, und als er abends an einen von uns verabredeten Ort kam, brachte er, nebst einem vollen Magen, noch einen Thaler und sieben gute Groschen mit. Ich hatte mir zwey Krücken im Walde geschnitten, die Füße mit unsern Schnupftüchern umwunden, und in dieser Verfassung hinkte ich in ein benachbartes Städtchen, erzählte, nicht ohne innern Widerwillen, eine Fabel, welche Haudritz mich gelehrt hatte, und bewegte das Mitleid der Leute dahin, daß sie mir, besonders die alten Jungfern, so viel Brot, klingende Münze und Segenswünsche auf den Weg gaben, daß, wenn die letztern mich nicht in den Himmel brachten, ich doch von dem ersten sehr viel an andre Bettler gegen Heller vertauschen und meinen Gefährten noch einen Gulden bar mitbringen konnte. Reyerberg, welcher Seitengewehr mit sich führte, gab sich für einen beurlaubten preußischen Soldaten aus, dem die österreichschen Werber schelmischerweise seinen Paß und sein Geld des Nachts im Wirthshause abgenommen hätten. Durch diese Erzählung erpreßte er auf den benachbarten adeligen Gütern etwas über einen französischen Laubthaler. Bey diesen herrlichen Fortschritten unsrer Schelmereyen und der reichlichen Einnahme, welche wir dadurch erhielten, ist es leicht zu denken, daß wir dies edle Handwerk so lange forttrieben, bis wir die ganze Gegend in Contribution gesetzt hatten, welches alles glücklich von Statten ging. Wir spielten nicht allzeit dieselbe Comödie, und Haudritz besonders wußte seine Erzählungen nach den Physiognomien und dem Rufe der Leute, mit denen er zu thun hatte, einzurichten. Wo er nicht glaubte, es mit Klagliedern durchsetzen zu können, da machte er den lustigen, sich auf Gott und gute Leute verlassenden Bettler, sang in den Bierhäusern ein fröhliches Stückchen und bey alten Weibern ein geistliches Lied; die Heuchler schmeichelte er durch die Versicherung, man spreche in der ganzen Gegend von ihrer Wohlthätigkeit und Gottesfurcht, und bey alten Edelleuten gab er sich für einen Cavalier aus, der das Unglück gehabt habe, jemand im Duell zu erstechen, und nun in einem Soldatenkleide auf der Flucht sey. Mit unwissenden Pfarrern sprach er lateinisch und mit Leuten, die schlecht französisch redeten, französisch; kurz! er log sich mit unverschämter Frechheit durch, wurde freylich, wie sich jeder Betrug bestraft, zuweilen, wenn er dieselben Leute an einem dritten Orte antraf und er indessen vergessen hatte, welchen Namen er sich das erstemal gegeben, sehr beschämt, entriß sich mit genauer Noth der Ahndung, wurde auch wohl durch die übermäßige Höflichkeit eines Gerichtsdieners über die Grenze gebracht – Aber unterdessen stiegen doch unsre Fonds, und als wir nach Helmstedt im Braunschweigschen kamen, hatten wir drey Louisd'or und ein Paar Thaler Barschaften. Wir verkauften aber erst in Schöppenstedt unsre Röcke, die von der letzten Revue und also noch ziemlich neu waren. Da Haudritz und ich den Abend der Entweichung aus der Garnison über unsre Montierungen her noch alte geliehene Überröcke gezogen hatten, um uns bey unsern Bubenstücken unkenntlich zu machen, diese Überröcke aber zu schwer fortzubringen gewesen waren, hatten wir dieselben schon vorher verhandelt. In Schöppenstedt nun veränderten wir unsre ganze Garderobe, schrieben uns selbst allerley falsche Attestate und gingen dann nach Helmstedt, wo wir uns für Studenten ausgaben, die, mitten in ihren Studien, in ihr Vaterland zurück müßten, weil ihre Eltern durch Brandschaden unglücklich geworden wären. Diese neue Practik brachte uns dort viel freye Mahlzeiten und zwölf Thaler an Gelde ein, wodurch dann unsre Gasse auf dreyunddreyßig und einen halben Thaler stieg, und nun setzten wir unsre Reise über Schöningen nach Braunschweig fort. Wären wir noch keine Bösewichte gewesen, so hätten wir es durch die Erfahrungen, welche wir auf diesen verschiednen Wegen machten, werden müssen. Wir sahen so mancherley Arten von Menschen und hatten Gelegenheit, sie in der Stille zu beobachten, weil man sich gegen Bettler nicht so in Acht nimmt, und da erblickten wir dann aller Orten, in allen Ständen, Betrug und Verstellung in verschiednen Gestalten und Kleidern. Am genauesten hatten wir Gelegenheit, die Schelmereyen der Gastwirthe und Fuhrleute kennenzulernen. In Schöningen schliefen zugleich mit uns im Wirthshause einige Karrenführer, welche Wein nach Braunschweig bringen sollten. Die Fässer waren versiegelt, und dennoch wußten sie den Wein herauszubringen, schoben leise einen Reif zurück, bohrten ein kleines Loch darunter in das Faß, zogen durch einen Federkiel einige Flaschen heraus, indem sie durch ein andres Loch Luft hineinbliesen. Alsdann wurde das Fehlende durch Wasser und etwas Branntwein ersetzt; in die Löcher steckte man kleine hölzerne Pfropfe, welche oben gleichgeschnitten wurden. Darauf schlugen sie den Reif wieder fest und verkauften dem Wirthe die einzelnen Bouteillen um eine Kleinigkeit. Ich würde nicht fertig werden, wenn ich alle die verschiednen Betrügereyen erzählen wollte, welche wir aller Orten wahrnahmen, wodurch wir täglich in der bösen Meinung, die wir von den Menschen hatten, bestärkt und von unsrer Seite gleichfalls schlecht zu handeln angereizt wurden, ja! uns, nach unsrer falschen Philosophie, dazu berechtigt glaubten. Endlich kamen wir nach Braunschweig. Die Messe war kaum angegangen, und es kam nun darauf an, hier, wo so viel Menschen des Gewinnstes wegen sich versammelt hatten, auch für uns ein Stück Brot zu finden; unsre bessern Geldumstände hatten uns aber schon so übermüthig gemacht, daß vom Betteln gar nicht mehr die Rede war. Da nun die Schelmereyen so gut und glücklich abgingen, vergaßen wir auch darüber unsern Endzweck, Dienste zu suchen, und dachten nur daran, zu mausen, wo eine Gelegenheit zu machen war. Dies edle Handwerk aber trieben wir ordentlich methodisch, durchstrichen zuerst des Abends die ganze Stadt, um uns zu orientieren, quartierten uns sodann auf die Nacht in ein ziemlich berüchtigtes Wirthshaus vor dem Augustthore ein. Der Wirth hieß Danehl; das Haus lag an der Straße, welche nach Wolfenbüttel führt, und von da durchsuchte täglich Jeder besonders einen Theil der Stadt, damit unsre Gesichtszüge in den übrigen Quartieren nicht bekannt werden möchten. Des Morgens eines Ziehungstags der Zahlenlotterie ging ich vor dem Hause eines Gewürzkrämers vorbey, da eben dieser aus seinem Fenster mit einem gegenüber wohnenden Schneidermeister sprach: »Lat Hey sek vertellen, Herr Naber!« hörte ich ihn sagen. »In twey Stunnen is min Schicksal entscheden. Komt mine Lottonummern herut; so bin ek up Tit-Lebens en glücklichen Kerel.« Er fügte noch hinzu: Er wolle Demjenigen zehn Thaler schenken, welcher ihm diese Nachricht brächte. Der Herr Nachbar fragte, welche Nummern er besetzt hätte; der Krämer nannte sie, und ich schrieb sie auf, ohne mich nur einmal umzusehn, ging augenblicklich von da zu einem Collecteur und nahm für eine Kleinigkeit ein Zettel auf dieselben Zahlen. Sobald das Lotto gezogen wurde, ging ich hin, auf den Platz vor Lutterlohs Hause, und als drey Nummern aus dem Rade heraus waren, lief ich schnell in die Gasse, wo der Gewürzkrämer wohnte, hielt immer mein Lottozettel in die Luft, rief und jauchzte laut, und stellte mich fast rasend von Freude. Der Mann stand voll Erwartung vor seiner Hausthür. Unmöglich konnte er bemerkt haben, daß unter der Menge Vorübergehender grade ich diesen Morgen sein Gespräch mit angehört hatte: »Was hat Er? guter Freund!« rief er mir zu. »Weswegen freuet Er Sich so sehr?« Ich antwortete nur flüchtig, als wenn mir nichts daran gelegen wäre, ihm diesen Bescheid zu geben: ich sey so glücklich gewesen, durch eine Terne drey Reichsthaler zu gewinnen. »Was ist denn herausgekommen? Lasse Er doch sein Zettel sehn!« fiel mir der ungeduldige Krämer in die Rede. Ich zeigte es ihm; er fand drey seiner Zahlen – »Ists möglich?« schrie er, »das ist gezogen worden, und Er hat nur drey Thaler dabey gewonnen? Armer Mann! Komme Er her! Ich habe dieselben Nummern; Sie bringen mir einige tausend ein. Für Seine gute Nachricht soll Er zwey Pistolen geschenkt haben. Darauf habe ich mich verheißen.« Und so zog er mich in den Laden, verkündigte dem ganzen Hause seine Freude, drückte mir das Geld in die Hand. Ich bedankte mich, lief fort, und nicht Eine seiner Zahlen war herausgekommen. Haudritz und Reyerberg hatten Fuhrmannskittel angezogen und einen falschen Frachtbrief geschrieben, als wenn sie einem Speditionshändler sechs große Fässer voll Caffee brächten, mit der Bitte, diese Ware bis zur Abforderung bey sich stehn zu lassen. »Ich kann Euch die Last nicht vor das Haus bringen«, sagte Haudritz, »und muß auch noch heute wieder fort. Bezahlet mir nur die Fracht! Mein Knecht soll hier bleiben und mit Euch in die Herberge gehn, wo Ihr die Fässer nach Gefallen abholen lassen könnt. Die Abgaben sind berichtigt.« Der Kaufmann bezahlte die laut Frachtzettel accordierten zwanzig Thaler, Haudritz ging fort, und Reyerberg blieb. Der Kaufmann ging indessen in sein Hinterstübchen, um sich anzukleiden, und Reyerberg blieb im Laden stehn, ging von Zeit zu Zeit an die Hausthür, wischte endlich, da die Leute im Comtoir zu beschäftigt waren, um genau auf ihn Acht zu geben, hinaus auf die Gasse, sodann um die Ecke herum, zog geschwind sein Fuhrmannshemd über den Kopf her aus, warf es von sich und ging, als wenn ihn nichts anfechten könnte, langsam weiter. Ehe Lärm in und vor dem Hause über seine Verschwindung entstand, war nirgends kein Fuhrmann mehr zu sehn. Vielleicht würde dieser Schelmstreich nicht so gut gerathen seyn, wenn meine Gefährten nicht gewußt hätten, daß der Mann, mit dem sie es zu thun hatten, schon früh morgens sich in Branntwein zu betrinken pflegte, wodurch nicht nur er zu vorsichtiger Behandlung seiner Geschäfte untüchtig wurde, sondern auch unter seinen Handlungsbedienten eine unverzeyhliche Sorglosigkeit herrschte. Zu einiger Entschuldigung der Lebensart, welche wir itzt führten, muß ich sagen, daß wir (wenigstens Reyerberg und ich) anfingen, uns für Werkzeuge der Vorsehung anzusehn, um die Thorheiten und Betrügereyen der Menschen zu bestrafen, daß wir desfalls keinen Mann kränkten, von dem der Ruf uns sagte, er sey redlich und weise. Dies rechtfertigt freylich unsre Diebstähle nicht, ich führe es aber nur an, um dem Leser zu zeigen, wie die Menschen so leicht für jedes ihrer Verbrechen eine Beruhigung zu finden wissen. Unsre Capitalien waren durch diese und unzählige andre dergleichen Cameraloperationen bis auf neunzig Thaler angewachsen. Dabey waren wir ziemlich gut in Kleidung und Wäsche und zehrten mehrentheils unentgeltlich: denn wenn junge unerfahrne Leute auf Angotts Keller oder sonst in die Wirthshäuser kamen, ließen wir uns mit denselben in ein Gespräch ein, schmeichelten ihre Eitelkeit, lobten ihre Feinheit in Billard- und Kartenspielen, gewannen ihnen dann das Geld ab oder ließen uns wenigstens von ihnen frey halten. Endlich bekamen wir einmal Lust, auf die Mascarade zu gehn, um an der Pharaobank unser Glück zu versuchen; und wie das leichtfertige Glück mehrentheils solche Menschen sucht, welche keine dauerhafteren Freuden verdienen, hingegen diejenigen durch Widerwärtigkeiten warnet, welche in der Rechtschaffenheit sich ohne den Besitz eitler Schätze entschädigen können, so gewannen wir, im Müßiggange und in Schelmerey versunkene Jünglinge, in kurzer Zeit beynahe achthundert Thaler. Solange wir wenig gehabt hatten, war Einer von uns tageweise abwechselnd Schatzmeister gewesen. Jetzt, da wir viel besaßen, fingen wir an, gegen einander mißtrauisch zu werden. Wir theilten daher unsern Mammon, und jeder sollte mit seinem Antheile wuchern, so gut er könnte. – Wie wollten auch Menschen, die andre Leute betrügen, unter sich ein dauerhaftes, auf gegenseitiges Vertrauen gestütztes Bündnis errichten können? Indessen hatten wir uns im goldenen Engel zwey Zimmer gemiethet und, wie es sich versteht, andre Namen angenommen. Ich spielte täglich, und fast immer mit Glück, hatte dabey die Eitelkeit, mir allerley Ringe, Federhüte, Spitzenmanschetten, seidne Westen, Strümpfe, Schnallen und dergleichen zu kaufen und in den Gesellschaften andrer müßigen Leute für einen jungen Edelmann zu gelten. Zuweilen machten wir Lustreisen auf das Land, und da trieben wir dann allerley Muthwillen, neckten die Leute und prahlten entsetzlich. Unter anderm waren wir einmal mit einer lustigen Gesellschaft nach einem benachbarten Städtchen gefahren. Der Wirth im Gasthofe, wo wir den Nachmittag zubrachten, war ein langweiliger Schwätzer, der sein Haus mit allem, was darin war, erhob und empfahl: Vorgestern hatten zwey Grafen bey ihm logiert. In jenem Bette hatte noch diese Nacht ein Geheimerrath geschlafen. Sein Wein war, wie er sagte, besser wie der, welchen man am Hofe in Braunschweig tränke. Haudritz nahm sich vor, den Mann zum Besten zu haben. Nachdem wir nun eine unbescheiden große Zeche bezahlt hatten und bald wieder fort wollten, fragte ich, ob man bey ihm auch Braten portionsweise haben könne? »Ey! freylich«, antwortete der Wirth, »ich schneide Ihnen ein Stück ab, so groß Sie Appetit dazu haben, sogar für einen Groschen.« Nach einigen Augenblicken lobte Haudritz einen Canarienvogel, der in der Stube im Bauer unaufhörlich pfiff und uns bey unserm Kartenspiele die Ohren betäubte. »Einen solchen Vogel möchte ich gebraten essen!« fügte er hinzu, »nur aus Neugier, ob das Fleisch sehr zart schmeckte.« »Ey potz Stern!« erwiderte der Wirth, »das möchte ein kostspieliges Gericht werden. Ew. Gnaden mögen es mir nun glauben oder nicht, der Vogel kostet mich an die vier Reichsthaler« – »Das kann wohl seyn«, sagte Haudritz. »Indessen habe ich Appetit dazu, er sey auch noch so theuer« – Der Wirth lächelte boshaft – »und wenn Sie ihn braten wollen, so werden wir, so theuer auch der Vogel ist, doch für unser Geld unsre Neugier befriedigen« – »Je nun! warum nicht? Alles in meinem Hause ist Ew. Gnaden feil. Aber, wie gesagt, er kostet vier Thaler, der kleine Vogel, aus Freundschaft für Sie mag er denn herhalten« – Und damit wurde der arme Vogel geschlachtet, in Butter gebraten und hereingetragen. »Nun, meine Herrn! da ist der theure Braten!« – »Wohlan Herr Wirth!« rief Haudritz. »Jetzt schneiden Sie jedem von uns für einen guten Groschen ab!« Der Wirth sah, daß er betrogen war. Er bat, sträubte sich, wollte grob werden; nichts half. Voll Ärger warf er den ganzen Braten zum Fenster hinaus, und wir fuhren, gerächt wegen der theuren Zehrung, wieder nach Braunschweig. So verstrich ein großer Theil der Messe. Das Spiel gab uns Gelegenheit, mit manchen angesehenen Männern vertraut umzugehn, wie denn überhaupt dies edle Handwerk oft die erbärmlichsten Menschen in Gesellschaften emporhebt und allerley Arten Originale durch das lose Band des Interesses vereinigt. Auf einer der letzten Mascaraden ging Reyerberg mit seinem gefüllten Geldbeutel an den Pharaotisch. Der Glanz des ausgekramten Goldes blendete, reizte ihn. Er zog seinen Schatz hervor, verlor etwas weniges, welches ihn nur noch mehr erhitzte. Er wagte einen Louisd'or nach dem andern – In kurzer Zeit war alles fort und sein ganzer Reichthum bis auf zwey Harzgulden geschmolzen. »So geh dann hin, Lumpenware! eben so liederlich zerronnen, wie sie erworben war – Geh hin!« rief er aus, fluchte ein wenig und kehrte zu uns in den goldnen Engel zurück. Da saßen wir noch und hatten einen holländischen Grafen in der Cur, dem wir in 1'ombre seine gerändeten Ducaten abnahmen. Ein junger Engländer, ein äußerst ausschweifender, hitziger, aber sonst gutmüthiger und dabey reicher Mensch, saß neben uns, bey Punsch. Er hieß Southerland und hatte immer vorzügliches Vergnügen an Reyerbergs Umgange gefunden. Auch war dieser wirklich ein angenehmer, kühner, edler Junge, der bey allen Ausschweifungen und Betrügereyen, wozu uns Noth und Verführung verleitet hatten, doch bey weitem der Beste unter uns Dreyen blieb. Es verging fast kein Tag, ohne daß er irgendeine Handlung beging, welche ihm ernsthaftere, tugendhaftere Menschen nicht nachthun würden, und wenn er einem armen Schelm in der Stille etwas Geld in die Hand gedrückt, einen Traurigen getröstet oder sich eines Gekränkten, selbst gegen uns, angenommen hatte, dann verwünschte er allzeit die Lebensart, welche wir führten, und fühlte recht gut den Vorwurf, daß er die Freude, edel zu handeln, nur halb und selten verdiente. Als wir nun also da versammelt waren, bemerkten wir in der Ecke des Saals einen einfach grau gekleideten Mann, der auch schon seit acht Tagen im goldenen Engel logiert und itzt die Wirthsrechnung vor sich liegen hatte. Er blickte mit sichtbaren Zeichen von Verlegenheit und Betrübnis auf das Blatt hin, seufzte tief, und eine Thräne stahl sich aus seinen Augen hervor. Reyerberg, der in der Stimmung, darin er war, mit bessern Plänen und Vorsätzen für sein künftiges Leben beschäftigt, still und ruhig den Fremden beobachtete, empfand Mitleiden und beschloß, ihn zu bewegen, daß er ihm seine Noth klagen möchte. Er setzte sich neben den betrübten Mann und ließ sich in ein Gespräch ein. Bald hatte er ihn dahin vermocht, sein Herz zu öffnen, und nachdem er von demselben die Ursachen, warum er so niedergeschlagen war, erfahren hatte, bewog er ihn, der übrigen Gesellschaft die Hauptbegebenheiten seines Lebens zu erzählen. Er sagte ungefähr Folgendes, obgleich in einem nicht so lustigen Tone: Geschichte des Mannes im grauen Rocke »Ich heiße Brick und bin der Sohn eines Tuchmachers aus dem Württembergischen. Hätte mich mein Vater, seiner Neigung gemäß, in seinem Stande und zu seinem Handwerke auferzogen, so wäre ich vielleicht jetzt ein nützlicher Bürger, ein wohlhabender Mann und ein glücklicher Hausvater. Aber meine Mutter, die in Stuttgart geboren und durch die Stadterziehung an den falschen Glanz und das Geräusch gewöhnt war, wodurch die Leute am Hofe und in den Residenzen ihre Armuth, ihre Langeweile, ihren Müßiggang und ihren Mangel an nützlichen Kenntnissen vergessen zu machen suchen, hatte sich in den Kopf gesetzt, ich sollte studieren, um einst auch an dem herrlichen Elende der müßigen Städter Theil zu nehmen. Ich wurde daher nach Ulm geschickt und ging von da nach Göttingen, um ein Gelehrter zu werden. Ich muß mir selbst das Zeugnis geben, daß ich sehr fleißig meine juristischen Hörsäle besuchte, daß ich mehr nachschrieb wie irgendein Andrer und daß ich auch wirklich in drey Jahren von der allertrockensten Wissenschaft der Rechtsgelehrsamkeit, ungeachtet alles Ekels, den sie mir verursachte, so viel in das Gedächtnis pfropfte, daß, wenn ich also fortgefahren, ich gewiß zu allen übrigen Dingen untüchtig geworden wäre, wozu man graden Menschensinn braucht. Mein römisches Recht aber hatte ich sehr gut inne, dabey ein ungeheures Gedächtnis, und da mir die Natur noch obendrein ein bißchen spitzfindigen Witz gegeben hatte, war ich im Stande, die auf unsre deutsche Verfassung am wenigsten passenden Gesetze und Verordnungen des Kaisers Justinian so herumzuzerren, so zu drehn, daß niemand, der die gesunde Vernunft brauchte, mit mir fertig werden konnte, wenn ich in mein Fach kam. Allein mein Widerwillen gegen diese Wissenschaft wurde dadurch nicht geringer. Ich hatte ein fühlbares Herz, einen offnen Kopf und einigen Geschmack an Literatur. Es empörte mich, als ich in meine Vaterstadt zurückkehrte, dort Sachwalter wurde und nun Processe unter die Hände bekam, daß ich sehn mußte, wie unbarmherzig man mit dem Vermögen und den natürlichen Rechten der Menschen, mit verschuldeten Gütern, mit dem Eigenthume der Unmündigen umgeht; wie die Advocaten, um sich zu bereichern, was sie auf einer Quartseite sagen könnten, in dem unnatürlichsten, langweiligsten Styl auf zehn Bogen vortragen; wie die Richter zu diesem allen schweigen, weil sie auch ihren Vortheil dabey finden; wie also der Reiche, an der Hand eines verschmitzten Sachwalters, fast immer Mittel findet, seine Sache durchzusetzen oder wenigstens seine ärmere Gegenparthey lahm und müde zu machen; wie fast jede Sache so zwey Seiten hat, daß auch der klügste Mann, weil er nicht nach Überzeugung, grader Vernunft und Billigkeit sprechen darf, sondern nach einer elenden Form richten muß, nicht sicher ist, ob er nicht den Unschuldigen gekränkt und dem Unterdrücker die Hand gereicht hat; daß eben deswegen dies traurige Handwerk mehrentheils von Leuten ergriffen wird, die entweder die schalsten Köpfe sind oder doch mit der Zeit alles Genie, allen bon sens weginterpretieren – Das alles, sage ich, empörte mein Gefühl für Tugend und Wahrheit. Ich wies eine Menge Processe, welche mir meine Verwandten zuführten, wieder von mir, weil ich sie für unbillig hielt, verfaßte meine Schriften in einer natürlichen Form und Schreibart, half dem redlichen Armen unentgeltlich gegen den reiche Schurken und blieb also ohne Vermögen, ohne Ansehn und ohne Ruf. Unterdessen starb mein Vater und hinterließ ein ziemlich ansehnliches Vermögen, welches aber in meiner Mutter Händen blieb. Diese beging bald nachher die Thorheit, ihr Gewerbe aufzugeben und sich an einen verschuldeten jungen Regierungsrath zu verheyrathen, der an ihrer Seite die schönen Thaler, welche mein Vater durch Fleiß und manche Sorge gesammelt hatte, nach und nach verzehrte und dabey mit seiner Frau so schlecht umging, daß Diese nach wenig Jahren an der Auszehrung starb. Ich hatte also kein anders Einkommen, als welches ich mir durch meine Arbeit erwarb, und das war, wie ich schon gesagt habe, sehr wenig. Unzufrieden mit dieser Lage, machte ich unzählige Pläne, wie ich etwa meine Aussichten verbessern könnte; aber es war alles vergebens. Dort sah ich jemand auf den Gipfel des Glücks erhoben, weil er die Haushälterin des Ministers geheyrathet hatte; hier einen Andern zum Secretair oder gar zum Rath bey einem Collegio angesetzt, damit er die Partie des Präsidenten gegen einen Feind, der sich seinen Schelmereyen entgegensetzte, verstärken und diesen beschwerlichen Mann zu Schande zu machen helfen sollte. Hier wurde ein Betrüger mit einer einträglichen Beamtenstelle bekleidet, damit er die Küche des Cammerdirectors stets gefüllt erhalten sollte; dort wurde ein höchst unwissender Mensch durch das Vorwort eines Weibes Stadtrichter, weil er seinem Wohlthäter Hörner aufsetzte – Nur ich allein, der ich meinen graden Weg ging, konnte nie zu etwas gelangen. Der Mißmuth über diese verkehrte Einrichtung in der Welt fing endlich an, meine Moral wankend zu machen. Wenn denn, dachte ich, der Schelm aller Orten den Meister spielt, und Du, alles Kämpfens ungeachtet, weder für Andre etwas Gutes stiften noch Dich selber gegen Mangel und Verachtung schützen kannst, so stimme denn auch Deine Saiten hinunter und sieh zu, ob Du aus dem allgemeinen Raubschatze Dein Theil mit zugetheilt bekommen könnest. Ich fing an, die Armen von meiner Thür wegzuweisen, nahm eine vornehme Miene an, that, als wenn ich mit den wichtigsten Geschäften überladen wäre, machte Libelle, woran zwey Menschen zu tragen hatten, zog die unbeträchtlichsten Processe unverantwortlich in die Länge und erregte dadurch bald die Aufmerksamkeit der Gerichte, erwarb mir den Beyfall der eigennützigen Richter, gewann Geld, lebte wollüstig, trug besetzte Kleider und mußte meine Camisöler weiter machen lassen. Es fügte sich, daß der Minister, theils aus Privathaß, theils um sich bey seinem Herrn in Gunst zu setzen, einen höchst ungerechten Proceß gegen einen Edelmann mit Ernst treiben und Diesen von Haus und Hofe verjagen wollte, weil sein Rittergut einem angrenzenden Amte recht bequem lag, um damit vereinigt zu werden. Es waren einige sehr ungültige Ansprüche hervorgesucht worden, aber der Advocatus principis hatte dem Dinge keine Glaubwürdigkeit geben können. Da ich nun anfing für einen Mann zu gelten, der, wenn es darauf ankam, Jedem den Rock vom Leibe procedieren könnte, ließen mich Ihro Excellenz zu sich rufen und trugen mir die Führung dieser Sache auf, mit dem Versprechen einer großen Belohnung, wenn ich sie durchsetzte – Wie stolz würde ich vor einem paar Jahren einen solchen Antrag von mir gewiesen haben! Auch hätte man es damals nicht gewagt, mir dergleichen anzuvertraun. Jetzt nahm ich sogleich den Handel über mich. Ich trieb den armen Edelmann so in die Enge, gewann die Sache in possessorio und spielte den Proceß an die Reichsgerichte, fest überzeugt, daß er daselbst vor dem Jüngsten Gerichte nicht würde entschieden werden – Aber es nahm eine andre Wendung. Die Frau und die unmündige Familie des Cavaliers warfen sich dem Fürsten zu Füßen, klagten über Gewalt, und Dieser, welcher von guter Gemüthsart war und keinen andern Fehler hatte, als daß er, in Zerstreuungen ersäuft, sich wenig um Regierungsgeschäfte bekümmerte, nicht mit eignen Augen sah, folglich nicht wußte, wie viel Unrecht in seinem Namen geschah, wie mancher Gedrückte über ihn seufzte und Gott um Rache anflehete, indes der Landesvater in eiteln Freuden herumtaumelte; dieser Fürst, sich seines guten Willens bewußt, erschrak, daß so etwas in seinem Lande vorgehn könne. Er ließ sich die Sache vortragen; aber der Minister wußte sich fein herauszuziehn und schob alle Schuld auf den schelmischen Advocaten, welcher ihm diesen Handel von einer unrechten Seite vorgestellt hätte; ihm, der zu sehr mit Geschäften überhäuft sey, um alles so genau selbst zu durchlesen. Der gerechte Prinz, um ein Beyspiel zu geben, hob den Proceß auf, untersagte mir alle Praxin und jagte mich sogar aus dem Lande. Mein Vermögen wurde zum Besten des Waisenhauses confisciert, und jetzt, da diese Lection mir den Vorsatz eingab, wieder ein ehrlicher Kerl zu werden, fehlten mir leider! die Mittel, es der Welt zu zeigen, und wenn mir es auch darauf nicht angekommen wäre, wenigstens nicht zu verhungern. Ein verlaufener Advocat ist weder zum Holzhacker noch sonst irgendwozu gut. Indessen kam ich mit dem Restchen meiner Barschaft hierher, um eine Stelle in einem Kaufmannscomtoir zu suchen; aber auch diese Hoffnung ist mir fehlgeschlagen. Nun habe ich hier im Wirthshause auf gute Hoffnung gezehrt, und da ich soeben die Rechnung bekomme, übersteigt dieselbe um einen Gulden das bißchen, das ich noch habe, und so bin ich denn ohne Aussichten, bald vierzig Jahr alt, dahin gebracht, zu stehlen oder mich zu ersäufen.« – So weit des armen Bricks Erzählung –   »Das sollst Du beydes nicht thun«, rief Reyerberg. »Ich habe heute alles, was ich besaß, im Spiele verloren, bis auf diese zwey Gulden noch – Da hast Du sie! Ersäufe Dich nicht! Stehle nicht ferner! Bezahle Deine Schuld mit der einen Hälfte, für den andern Gulden wollen wir Punsch trinken, uns dann ruhig zu Bette legen, schlafen, wie Bettler, nicht Fürsten schlafen, und morgen sehn, wie wir uns weiter durch die Welt helfen. Ich denke immer, man steht sich vielleicht besser dabey, wenn man kein Schelm ist, und halb und halb bin ich der Meinung auch, eine andre Lebensart anzufangen. Wohlauf! Es soll schon gehn. Die Erde ist rund, breit und groß, und der liebe Gott braucht allerley Leute.« Er sagte noch manches, das seine gute Laune und seinen großmüthigen, freyen, zu etwas Besserm bestimmten Character entwickelte. Wir hörten mit Vergnügen zu, gaben unser Spiel auf – Unsre Herzen öffneten sich gegenseitig – Der Engländer war von Reyerbergs edler Gemüthsart bezaubert. Er schlug ihm vor, ihn mit sich auf Reisen zu nehmen – Alles wurde richtig gemacht, und Ludwig fiel ihm mit dankbar gerührter Zärtlichkeit um den Hals. Brick beschloß, mit einem teutschen Schauspieler, der auch gegenwärtig war, den folgenden Morgen zu dem Directeur zu gehn und ihn um einen Platz in der Gesellschaft zu bitten – »Er wird die Mantelrollen herrlich machen», sagte Haudritz – Um Mitternacht schieden wir fröhlich auseinander, und wenn Haudritz und ich nicht mit ebenso guten Entschließungen wie unser Freund zu Bette gingen, so war vielleicht der Anblick der klingenden Münze, welche uns unsre Schelmenstücke eingebracht hatten, daran Schuld. Sechstes Capitel Schleunige Abwechselung von Peters Glücksumständen. Haudritzens Schicksal. Während unsres Aufenthalts in Braunschweig hatte ich in dem Circel von Abentheurern und Spielern, mit denen wir umgingen, auch einen vorgeblich italienischen Grafen, den Conte di Tondini , kennengelernt. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, klein, bräunlich von Gesichte, schielte ein wenig, hatte die Narbe von einem Hiebe auf der linken Backe und trug gewöhnlich eine spanische Officiersuniform. Dieser führte oft in die Comödie ein junges, sehr schönes Frauenzimmer, das aber so sittsam schien, daß es sich selten ohne Schleyer sehn ließ, auch mit niemand weder umging noch redete. Im Schauspielhause aber saß sie ein paarmal in einer der untern Logen so nahe bey dem Platze, den ich im Parquett eingenommen hatte, daß ich sie genau beobachten konnte. Sie schien etwas Leidendes und Furchtsames in ihren Gesichtszügen zu verrathen. Ich glaubte zugleich zu bemerken, daß sie sich vor der Eifersucht des Grafen fürchtete, denn wenn Dieser einen Augenblick hinausging, sah sie mich gleich freyer und freundlicher an. Mehr brauchte es nicht für einen solchen Neuling, wie ich war (denn außer der sehr materiellen, unglücklich abgelaufenen Liebe zu der verdorrten Jungfer Nagelborn hatte ich während meines unruhigen Lebens kein Herzensabentheuer mit irgendeinem Frauenzimmer gehabt), mehr brauchte es nicht, sage ich, um mich für diese schöne Italienerin zu interessieren. Ich fing an, mit meinen Augen ganze Sonette und Elegien durch die Luft zu ihr zu schicken, glaubte dann bald eine grausame abschlägige Antwort, bald eine Ausrufung, welche so viel sagen wollte als: »Ach! ich darf ja nicht, werde zu genau bewacht«, bald einige hoffnungsvolle Theilnehmung in ihren Augen zu lesen. Ich nahm einen italienischen Sprachmeister an und lernte, mitten in meiner zerstreueten Lebensart, binnen vier Wochen so viel von dieser Sprache, als nöthig war, ein gewöhnliches Gespräch zu führen. In der Comödie zeichnete ich meine Schöne, so gut ich konnte, ab, schnitt zu Hause diese Silhouette aus, ließ sie einfassen und trug dieselbe auf meiner Brust. Auch meine musicalischen Talente gewannen dabey. Ich spielte ganze Nächte durch die zärtlichsten Adagios – Es war rührend zu sehn und zu hören. Unterdessen erkundigte ich mich nach der Wohnung des Grafen, erfuhr, daß er in der Rose logierte und daß das Frauenzimmer für seine Frau gelte. Nun creuzte ich den ganzen Tag vor der Hauptwache herum, sah sie zuweilen am Fenster stehn, und wenn sie mich dann freundlich grüßte – ach! dann war ich wie im Himmel. Gewöhnlich, wenn ich sie da stehn sah, hustete ich laut und wiederholte nachher dies Zeichen, wenn sie einmal nicht sichtbar war – Wie groß war meine Wonne, wenn sie dann, sobald sie mich husten hörte, hinter dem Fenster erschien! Nunmehr fing ich an zu glauben, sie habe auch für mich einige Leidenschaft gefaßt, und ich dachte nur auf Mittel, sie zu sprechen. Aber jetzt begann des Grafen Aufmerksamkeit, sich sichtbar zu verdoppeln. Er wich fast nicht von ihrer Seite, und wenn er in Gesellschaft ausgegangen war, ließ er sie durch einen alten Bedienten bewachen. Dieser begleitete meine Schöne auch zuweilen allein in die Messe und Vesper und schien so dumm zu seyn, daß ich wohl Hoffnung haben konnte, ihn zu bestechen. Ich suchte also Gelegenheit, mit ihm zu reden, aber dieser Kerl (ein geborner Franzose) kam mir so ganz entsetzlich tölpelhaft und seinem Herrn so treu vor, daß ich Mühe hatte, ihn durch Geschenke nur dahin zu bringen, daß er mir erlaubte, in dem Vorhause der catholischen Kirche ein paar Worte mit seiner Gebietherin allein zu reden, wobey, wie bey unsern folgenden Zusammenkünften, ich ihn immer versichern mußte, ich habe von Familienangelegenheiten mit ihr zu reden – Was soll ich die Leser lange mit einer Alltagsgeschichte ermüden? Also kurz! Meine Schöne ging alle Weiberkünste durch, that spröde, gewissenhaft, seufzte, gab Hoffnung, sprach davon, daß sie ihre eigne Schwachheit fürchtete, sich gegen ihr zu weiches Herz waffnen müßte, ließ eine Thräne fallen, ließ mich zuweilen vergebens auf sie warten, drückte mir einmal die Hand, fuhr dann wieder zurück, äußerte Mißtrauen, klagte über die Unbeständigkeit der Männer, wünschte den Händen ihres Tyrannen entrissen zu werden, beschied mich zu einer unbequemen Stunde in ihr Haus, und wenn das Gespräch am interessantesten werden wollte, lief auf einmal die Nachricht ein, der Mann käme zu Hause, und ich mußte fort – Mit Einem Worte! sie hatte mich am Stricke, und ich dachte an nichts anders, als sie zu entführen. Nur die äußersten Betheuerungen über die Redlichkeit und Treue meiner Empfindungen konnten sie bewegen, meinen dringenden Bitten nachzugeben. Sie willigte endlich in diesen Plan ein, und ich suchte meinen erfahrnern Freund Haudritz auf, um mit ihm die Sache zu überlegen und das Nöthige zu verabreden; Reyerberg war schon mit seinem Engländer abgereist. Da ich also verliebt bis über die Ohren war, hatte indes die ganze übrige Welt kein Interesse mehr für mich gehabt. Ich besuchte zuweilen noch meine alten Spielgesellschaften, aber da war ich zerstreut und verlor mehrentheils, zwar nur kleine, unbeträchtliche Summen, die mich jedoch nach und nach ziemlich von der Spielsucht heilten. In dieser Stimmung meines Gemüths war es mir nicht sehr aufgefallen, daß Haudritz schon seit einigen Tagen nirgends zu sehn gewesen. Itzt da ich ihn aufsuchte, machte ich zuerst diese Bemerkung. Ich ging in Haudritzens Quartier, der nicht mehr im goldenen Engel wohnte, und fragte nach ihm – Aber wie erschrak ich, als ich sein Schicksal erfuhr! – Sein Vater hatte einen seiner Handlungsbedienten, zu Betreibung seiner Geschäfte, auf die Messe geschickt. Haudritz, der dies auskundschaftete, malte seines Vaters Hand nach, schrieb einen falschen Wechsel auf seinen Namen und wollte sich denselben hier auszahlen lassen. Zu seinem Unglücke aber mußte der alte Mann wenig Tage nach Vorzeigung des Wechsels eilig nach Braunschweig kommen, und als der Sohn zum zweytenmal wiederkam, das Geld abzuholen, traf er zu seinem größten Schrecken den Vater selber an, der ihn augenblicklich erkannte, festsetzen und von da nach Hamburg in das Zuchthaus bringen ließ – Welchen Eindruck diese Nachricht auf mich machte, mögen meine Leser selbst beurtheilen. Doch verdrängte der Gedanke an mein bevorstehendes Abentheuer alle andre Überlegung, und da nun einmal Haudritz nicht mehr da war und ich mich keinem Andern vertrauen konnte, mußte ich für alles selbst sorgen. Ich versuchte also nochmals mein Möglichstes, den alten Bedienten des Grafen auf meine Seite zu bekommen. Durch Hilfe eines ansehnlichen Geschenks und noch größerer Versprechungen gelang es mir denn auch endlich. Er versprach mitzugehn, übernahm sogar die Mühe, einen Kutscher zu bestellen, von welchem er behauptete, daß er ihn genau kennte und auf seine Verschwiegenheit rechnen könne. Dieser sollte uns vorerst über Wolfenbüttel in ein catholisches Kloster unweit Goslar bringen, von da wir weiter über den Harz nach dem Eichsfelde zu flüchten wollten. Dort dachten wir eine Zeitlang versteckt zu bleiben und dann gradeswegs nach Graubünden zu gehn, wo meine Schöne mächtige, reiche Eltern und Verwandte zu haben vorgab, von denen sie sehr geliebt sey und die umso mehr mit Freuden in unsre Verbindung willigen würden, da der Graf sie, wider ihrer Aller Willen, als ein unerfahrnes Mädchen aus dem Kloster entführt, aber sich nie habe mit ihr trauen lassen. Der Tag der Ausführung wurde nun festgesetzt, und zwar ein solcher, an welchem der Graf des Abends zu einer geschlossenen Spielgesellschaft zu gehn pflegte. Ich packte meine Habseligkeit, meinen ganzen Reichthum, in einen großen Koffer; der bestimmte Abend kam heran; meine Schöne, begleitet von ihrem Waffenträger, fand sich vor dem Augustthore ein; dort wartete schon die bepackte Kutsche; wir stiegen geschwind ein und fuhren schnell davon. Bis zum Weghause, anderthalb Stunden von Braunschweig, kam ich mit meiner Beute glücklich und dankte unterwegs mehr als tausendmal dem geliebten Gegenstand meiner Zärtlichkeit für ihr Vertrauen zu mir. Ich glaubte, der glücklichste Mensch auf Erden zu seyn, und sah mich schon in Gedanken in Graubünden, im Schoße der reichen und angesehenen Familie, der ich ihre einzige, geliebte, verlorne Tochter wiederbrächte. Wie mich die Eltern an ihr Herz drücken, wie sie Alle mir danken würden – Aber kaum waren wir etwas weiter ins Lächlener Holz gekommen, als auf einmal der Kutscher seitwärts in den dicken Wald fuhr und gleich nachher auch der Graf zu Pferde herangesprengt kam. Jetzt wäre es zu spät gewesen, zu bedenken, wie unklug ich mich bey diesem ersten Handel von der Art betragen, daß ich mich gänzlich auf einen fremden Landläufer verlassen und auch nicht einmal Pistolen mitgenommen hatte. Der Kutscher hielt still, stieg nebst dem alten vermaledeyeten Schelm von Bedienten ab, dessen Dummheit nichts wie Verstellung gewesen war, der Conte di Tondini sprang vom Pferde, und alle drey fielen über mich her, prügelten mich recht methodisch ab, ohne irgendein Wort dabey zu verlieren, lachten zu meiner größten Demüthigung so hämisch wie möglich über die Figur, welche ich machte, der ich bald schimpfte, bald bat, bald rufen wollte, bald um mich schlug, nicht laut schreyen durfte, weil ich selbst auf unrechten Wegen gewesen war, nicht Ohnmacht gegen Gewalt setzen konnte, weil ich allein und wehrlos da lag. Nachdem sie also ihren Muth an mir abgekühlt hatten, zogen sie mich bis aufs Hemd aus, hingen mir andre Kleidungsstücke an, stellten sich nebst meiner liebenswürdigen Gebietherin noch einmal mir gegenüber, lachten aus vollem Halse mir ins Gesicht hinein und fuhren sodann mit meinem Koffer und allem, was ich so rechtmäßig, wie ein Fürst seine eroberten Länder, auf dieser Welt besaß, unter tausend spöttischen Reden davon. »Nun, mein lieber Peter!« sagte ich zu mir selbst, »das ist sehr hart. O! die verwünschten Weiber! Das ist das zweytemal, daß sie Dich in die traurigste Lage bringen – Was ist nun zu thun? Lärm machen? klagen? den Räubern nachsetzen lassen? – Wer bist Du denn? was für einen Namen willst Du bey den Gerichten angeben? was für Rechenschaft von dem Besitze des Geldes geben, womit diese Bande jetzt dahinfährt? Wenn man sich nach Deiner Lebensart erkundigt – wenn man« – Ein Strom von Thränen unterbrach hier mein Selbstgespräch. Ich warf mich verzweiflungsvoll auf den Boden nieder und lag da, bis nach und nach mein Schmerz der Überlegung Raum machte, daß ich mich doch zu etwas entschließen müsse; da ich dann aufstand und mit gesenktem Haupte zurück nach dem Weghause zu ging, ungewiß, welchen Plan ich nun ferner einschlagen sollte. Ich fand in meinen schwarzen Beinkleidern, welche mir die Schelme nicht ausgezogen, noch etwas kleine Münze, die ich neben dem Geldbeutel (welchen il Conte di Tondini , verfluchten Andenkens, nicht verschont) besonders gesteckt hatte, um damit das Wegegeld zu bestreiten. Hiervon dachte ich ein Nachtlager zu bekommen, um welches ich den Wirth dieses Hauses anzusprechen mir vornahm.   Aber das Schicksal wollte, daß ich noch in dieser Nacht freyes Logis erhielt. Denn als ich in der Gaststube an einem Tische saß, bemerkte ich, daß ein dicker Mann, dem die Justiz aus den Augen blickte, mich sehr aufmerksam betrachtete. Er zog sodann ein Zeitungsblatt aus der Tasche und fing an mit einem andern Herrn, mezza voce , ein treues Bild meiner Kleidung herzulesen. Da war: »der leberfarbene Rock, mit kleinen gelben Knöpfen und steifen Schößen, die grüne Weste, von wollenem Damaste, mit Schnüren, der kleine spitze Hut mit der ausgezackten goldenen Tresse« – Kurz! der ganze lächerliche Aufzug beschrieben, womit mich die italienische Bande ausstaffiert hatte und welcher vermuthlich die Garderobe eines Mannes gewesen war, dem sie, so wie mir, die Verwaltung seiner zeitlichen Güter abgenommen hatten. Die ehrwürdigen Gerichtspersonen hatten kaum gefunden, daß dies Bild auf meinen Anzug paßte, als Einer von ihnen aufstand, dem Andern einen Wink gab und sodann ein paar Ceremonienmeister der Gerechtigkeit hereinkommen ließ, die mich, alles Flehens und Sträubens ungeachtet, noch in dieser Nacht nach Wolfenbüttel führten, woselbst ich eingekerkert und des folgenden Tags vor dem Residenzamte verhört wurde. Es fand sich nun zwar in den ersten vierzehn Tagen der Untersuchung (während welcher man auf die gewissenhafteste Art für meine Gesundheit sorgte und mich die strengste Diät halten ließ), daß meine Figur und die Aussagen, welche ich zu Protocoll gab, gar nicht zu dem Bilde paßten, das man von dem Menschen, den man suchte, in den Steckbrief gesetzt hatte. Weil sich aber doch in der Erzählung meiner Geschichte manche Lücke darthat, würde ich schwerlich so früh losgekommen seyn, wenn nicht die Gerichte aller Orten viel Mitleid mit armen Leuten hätten und deswegen die kostbaren Inquisitionsprocesse, wo es irgend möglich ist, abkürzen. Ich entwischte also mit der geringen Strafe, aus der Stadt verwiesen zu werden, mußte meine Kleider, als das corpus delicti , im Stiche lassen und eilte in einem alten grauen Überrocke, den mir ein Secretair schenkte, zum Thore hinaus. Siebentes Capitel Peter wird Bedienter bey verschiednen Herrschaften. Es war ein kühler Herbstmorgen; die Luft schnitt gewaltig durch mein dünnes Röckchen. Mein Körper war von Hunger und den bösen Dünsten des Kerkers angegriffen; mein Gemüth durch die Vorstellung meines Schicksals niedergeschlagen: So wankte ich auf der Landstraße immer fort, ohne zu wissen, wohin ich meinen Weg lenken sollte. Nach einem paar Stunden kam ich endlich nach Stetterburg, wo ein adeliges Fräuleinstift ist. Ich hoffte nicht ohne Grund, hier das weibliche Mitleid der guten Damen für mich zu gewinnen, und es gelang mir. Ich erzählte meine Geschichte, aber freylich nicht eben mit aller historischen Gewissenhaftigkeit – Genug, ich erzählte eine Geschichte, worin Räuber, Kerker, Hunger, Armuth u.d.gl. zum öftern vorkamen, und erweichte dadurch die Herzen das ganzen Stifts dergestalt, daß eine jede von den geistlichen Seelen etwas zu meiner Erquickung beytragen wollte. Die Eine kaufte dem Stiftsdiener ein dickes Nachtcamisol ab; die Andre ließ mir eine wollene Mütze reichen. Auch Strümpfe, ein Hemd und etwas an Gelde wurde für mich herbeygeschafft, und die Kammerjungfern bewirtheten mich mit Caffee, Zwieback und Wurst. Nun! der Himmel segne sie dafür! und wenn noch eine von ihnen dort lebt und dies liest, so lasse sie es sich nicht reuen, einen dankbaren Menschen im Elende gelabt zu haben! Eins von den Fräulein gab mir zugleich einen Brief an einen drey Meilen von da wohnenden Beamten zu bestellen, worin sie mich demselben bestens empfahl. Damit machte ich mich dann auf den Weg, kam auch glücklich an und übergab mein Beglaubigungsschreiben. Der Herr Amtmann war einer von den wohlhabenden Männern, die zu Hause wie Prinzen leben, wenn sie aber vor dem herrschaftlichen Cammercollegio erscheinen müssen, am Thore der Residenz zwey von ihren Pferden ausspannen, ganz demüthig mit einem grünen Rocke angefahren kommen und gewaltig über böse Zeiten, Mißwachs und wohlfeile Fruchtpreise klagen. Es ging sehr groß bey diesem Vierfürsten her. Die Frau Amtmannin war mit Juwelen behängt. Wenn sie Gastereyen gaben, pflegte man vier Stunden am Tische zu sitzen, ärger wie bey weyland Sardanapals Hofe zu schmausen, und der Informator und die Schreiber mußten, wenn der Braten kam, aufstehn. Ob die Bauern sich ebenso wohl befanden, weiß ich nicht. Ich glaube auch nicht, daß jemand darnach fragte; wenigstens pflegt es in manchen Ländern so zu gehn, wo die Cammerräthe Nepoten der Minister sind, die das Land nicht kennen und überhaupt von ihrem Fache nichts verstehen, kaum ihre Namen schreiben können, die Subalternen aber von den Beamten bestochen und geschmeichelt werden. Als ich mich dieser Herrschaft vorgestellt und meinen Empfehlungsbrief übergeben hatte, wurden mir zuerst einige Fragen über mein voriges Leben gethan. Ich half mir so gut ich konnte heraus, fand Glauben und Beyfall, und es kam nur darauf an, wozu man mich würde brauchen können. Der Herr Amtmann suchte einen Bedienten an die Stelle eines kürzlich außer Dienst gegangenen; und als ich versicherte, ich könne schreiben und frisieren, verstünde auch Musik, wurde ich sogleich angenommen, bekam die graue Livree mit grünen Aufschlägen, welche der vorige Laquaie, der freylich um einige Zolle kleiner wie ich gewesen war, getragen hatte, und trat meinen Dienst an. Es ging mir ganz gut in diesem Hause. Es ist wahr, daß ich vielerley Arbeit versah, bald des Herrn Amtmanns apocryphische Perücke in Ordnung bringen, bald der Frau Amtmannin die schwarze Haartour aufsetzen, bald den Söhnen auf der Violine Unterricht geben, bald Obstbäume pflanzen helfen, bald Berichte an die Cammer abschreiben mußte; doch ließ sich das alles bey guter Kost ertragen, und ich fing an, mit meinem Schicksale zufrieden zu werden. Allein, wie kein Glück in dieser Welt von Dauer ist, wie Rollin schreibt (oder wenn er es nicht gethan, doch leicht hätte schreiben können, weil er viel sehr gemeine Dinge sagt), so blieb ich auch hier nicht lange, sonst würde ich wahrscheinlich einmal eine gute Bedienung erhalten, mich verheyrathet, Kinder gezeugt, und meine Leser würden nicht die überschwengliche Freude haben, noch so viel Bände von meiner lehrreichen Geschichte zu lesen, als ich (wenn nicht die Kunst, Papier zu machen, wie die Glasmalerey in diesen Zeiten verloren geht) noch zu liefern gedenke. Die Frau Amtmannin hatte einen kleinen schäbigen Mops, der mit allen Gebrechlichkeiten des hohen Alters und einer vornehmen Erziehung kämpfte. Aus den Fleischtöpfen der immer rauchenden Küche hatte er das Gift geschöpft, das itzt seinem Körper so übel mitspielte, und die Leckerbissen der herrlichen Tafel hatten ihn mehr zu einem lehrreichen Beyspiel für alte Hofleute als zu einem angenehmen Gegenstand des geselligen Umgangs gemacht. Dennoch war die Zärtlichkeit der dicken Dame für dieses halb lebendige Aas so groß, daß sie mir zumuthete, das Thier zu warten und zu pflegen, ja mit ihm zu wachen, wenn der arme Hund des Nachts vor Schmerz und Husten keine Ruhe hatte. Nun fügte es sich, daß, nachdem ich schon lange dieser Arbeit und Unruhe überdrüssig war, meine Gebietherin mich rufen ließ, um den Mops, der ihr ein paar Stunden Gesellschaft geleistet hatte, aus dem Zimmer zu tragen, damit er die Verdauung der genossenen Zuckerbrezel gehörig abwarten möchte. Als ich ihn nun auf den Arm nehmen wollte, schien die Bestie noch nicht geneigt, das Zimmer zu verlassen, sondern biß mich, zur Dankbarkeit für meine Sorgfalt, in den Finger. Eine Aufwallung von Schmerz und zugleich von Verdruß über dies Thier bewog mich, ihm einen derben Schlag zu geben, und da ich unglücklicherweise ein sehr empfindliches Fleckchen am Kopfe treffen mochte, fiel der arme Hund tot zur Erde. Da hätte ich mich nun gern hundert Meilen weit von dort weggewünscht; denn nicht ärger klagte Niobe um ihre erschlagenen Kinder; nicht kläglicher jammerte Jacob um seinen Sohn Joseph; nicht fürchterlicher brüllt die Löwin, der man ihre Jungen geraubt – Doch was helfen die poetischen Ausrufungen? Die Frau Amtmannin klagte nicht, jammerte nicht, brüllte nicht, sie fuhr mir vielmehr mit zehn ziemlich geschmeidigen Fingern ins Gesicht und in die Haare, kratzte, ohrfeigte, riß, und schimpfte dabey wie ein Dragoner – Es war eine gräßlich erschütternde Scene! – Nachdem dies sanfte weibliche Geschöpf also eine Zeitlang die pii manes des nun im Tode schlummernden Mopses versöhnt hatte, lief sie voll Raserey zu ihrem Ehegatten und verlangte, ich solle von Stunde an aus dem Hause gejagt werden. Ich muß dem Herrn Amtmann die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er nichts unversucht ließ, den Zorn seiner geliebten Medea zu besänftigen. Aber es war alles umsonst, und er, der von ihr an Schweigen und Dulden gewöhnt war, mußte endlich nachgeben; doch beschenkte er mich noch reichlich und gab mir einen ehrenvollen Abschied, worauf ich das Haus und viel Leute, die mir wohlwollten, verließ. Ich hatte in diesem Hause zuweilen einen Herrn gesehn, der in der Nachbarschaft wohnte. Er hieß Marcelius, hatte ehemals in einem herzoglich sächsischen Orchester die Bratsche gespielt, da aber die linke Hand durch einen Schlagfluß gelähmt worden, wurde er vom Herzoge als Rath in das Cammercollegium gesetzt. Ob er auch in diesem Fache Virtuoso war, weiß ich nicht, aber immer schien es eine gute Versorgung, auch wußte er das Finanzsystem so obligat zu behandeln, daß er fast alles Solo in seinen Beutel spielte. Als aber ein andrer Herzog zur Regierung kam, der zugleich gerecht und gütig war, gab man dem Herrn Cammerrath zu verstehn: er möchte baldmöglichst auswandern. Dies that er dann auch, forderte seinen Abschied und kaufte sich ein Gut in dieser Gegend, wo er nun von seinen Renten lebte. Zu diesem Manne, der noch immer Musik liebte, beschloß ich zu gehn und ihm meine Dienste anzubiethen. Ich fand ihn in seinem Garten, wo er beschäftigt war, allerley Veränderungen vornehmen zu lassen, erzählte ihm mein Schicksal, trug ihm mein Anliegen vor, und er war sogleich geneigt, mir zu willfahren. »Daß Er Musik versteht«, sagte er, »mein Freund! das nimmt mich sehr für Ihn ein. Ein guter Musikus ist zu allem zu gebrauchen. Ich bedarf eines Gärtners. Hätte Er wohl Lust zu dieser Stelle? Er darf nicht eben ein gelernter seyn. Ich verstehe das alles selbst und werde Ihm schon Anweisung geben, wenn Er nur folgsam ist. Ein musikalischer Kopf kann alles lernen.« Es ist leicht zu denken, daß ich diesem Antrage willig Gehör gab; also waren wir bald über die Bedingungen einig, es wurde mir mein Wirkungscreis angewiesen und mir der Garten gezeigt. Nicht leicht habe ich eine geschmacklosere Anlage gesehn wie diesen quasi Garten. Der Besitzer schien recht darauf studiert zu haben, alles Widersinnige und Unnatürliche hier zu vereinigen. Die holländische Manier, nach welcher der Grundriß des Ganzen eingerichtet war, trug das Ihrige dazu bey, die Natur in der steifsten, lächerlichsten Maske darzustellen. Die Blumenbetten waren, statt der Blumen, mit Porcelainscherben und Glasstücken von allerley Farben ausgelegt, und zwar in Gestalt von geschlungenen Namen; für Schatten war gar nicht gesorgt; vier ins Creuz gegen einanderüber in die Erde gesteckte, oben zusammenschließende Walfischrippen stellten eine Laube vor. Die Stämme der Obstbäume waren weiß angemalt. Eine Menge Taxuspyramiden, die in der Form von Kegel, Scepter, Säulen mit Pferdeköpfen und dergleichen geschnitten waren, begrenzten zu beyden Seiten die Gänge. Dazu waren viel Statuen, mit Fleischfarbe angepinselt, da zu sehn, worunter sich unter andern ein Hercules mit einem Stutzbarte auszeichnete. Eine Grotte lag mit der offnen Seite der Mittagssonne grade gegenüber, und in dieser Grotte waren theils Erzstufen, theils gemeine Steine eingemauert, die in der Form von Krebsen, Katzen, gebratnen und gespickten Hasen, Scorpionen, gekochten Schinken und andern Seltenheiten gehauen und alle mit natürlichen Farben bemalt waren. An der Landstraße, die neben dem Garten vorbeyging, war eine Einsiedeley angebracht; das Haus davon lag hart am Wege, und inwendig saß ein hölzerner, bemalter und angekleideter Socrates, der ein Schachspiel und eine Portion Caffee vor sich auf dem Tische stehn hatte und aus dessen Munde ein Zettel hing, worauf geschrieben war: »Salomon spricht: es ist alles eitel.« Über der Thür las man: »Dies ist des weisen Socrates Retirade.« Ebenso abgeschmackt war das Haus des Herrn Cammerraths meubliert. Er hatte von einem herumziehenden Gipsfigurenhändler allerley nach alten Mustern abgegossene Statuen gekauft, dieselben aber theils mit lebhaften Farben anstreichen, theils die Hälse in Gelenken von Draht henken lassen, so daß z.B. auf dem Ofen im Wohnzimmer eine Venus von Medicis stand, die beständig, wenn man hart auf den Boden trat, mit dem Kopfe wackelte. Im Besuchzimmer, wo der Fußboden grün gefärbt war, befand sich an der Thür ein Zug angebracht, der, wenn ein Fremder hereintrat, ihm einen großen Fuchsschwanz entgegenfahren machte. Die elendesten Kupferstiche hingen aller Orten in blauen Rahmen umher, der König von Preußen und Heinrich der Vierte, Voltaire und Rousseau, Cartouche und Washington, die Gegend von Basel und die Bataille bey Collin. Auf dem Abtritte aber stand seine kleine Büchersammlung – So war des Mannes Geschmack beschaffen, dessen Kunstgärtner ich jetzt wurde. Das erste Jahr hindurch waren wir die besten Freunde. Meinem neuen Herrn gefiel meine Sorgfalt für seinen Garten unbeschreiblich. Da ich nun bald gewahr wurde, mit welchem Manne ich es zu thun hatte, schmeichelte ich seinem Geschmacke zum Abentheuerlichen und machte solche Verbesserungen in seinen Anlagen, daß wirklich kein Mensch im Tollhause contrastierendere Gegenstände hätte verbinden können, wie wir da hinpflanzten. In den Erholungsstunden machten wir Musik, und da Herr Marcelius eine Haushälterin hatte, die noch vor zehn Jahren Chorsängerin in der französischen Oper gewesen war, auch trotz einer [Solo-Rolle] in Paris schrie, mein Herr selbst aber, ungeachtet der Lähmung, noch auf der Bratsche herumarbeiten konnte und über dieselbe her zugleich einen etwas fettigen Tenor sang, waren wir mit Hilfe des Schulmeisters und einem Paar Bierfiedlern im Stande, ganze Oratorien aufzuführen. Auf diese Art beschimpften wir das Stabat mater von Pergolese und andre Meisterstücke der besten Tonkünstler. Was nun die Haushälterin betrifft, so hatte sich dieselbe der besondern Vertraulichkeit des Herrn Cammerraths zu erfreun. Sie waren alte Bekannte. Es schien aber, als wenn seine Beständigkeit nach und nach anfinge, sie zu ermüden, ja, als wenn sie sich noch werth fühlte, einen jüngeren Liebhaber zu fesseln. Ich war unglücklich genug, ihr zu gefallen; sie machte also Plan auf mich, und da sie sich gleich anfangs erbothen hatte, mich in der französischen Sprache zu unterrichten, damit ich im Stande seyn möchte, in den Chören aus les talens lyriques und andern herrlichen Opern dieser Art, woraus man zuweilen Stücke sang, mitzutrillern, so hatten diese Unterweisungsstunden uns öfters die Gelegenheit verschafft, miteinander allein zu seyn, welche Gelegenheit sie dann nützte, die entscheidendsten Angriffe auf meine geringe Person zu machen. Es wurde hier nichts unversucht gelassen, Schminke, Reste von Theatergarderobe, Pantomime und sogar sehr unzweydeutige wörtliche und thätige Anträge. Aber waren es die traurigen Erfahrungen, welche ich in der Liebe gemacht hatte, oder mein freundschaftlicher Umgang mit einer jungen Küchenmagd oder das abgeschliffene Gepräge von Alterthum, das die französischen Reize der Dame Gangrelle (das war ihr Name) trugen – Mit Einem Worte! Tugend war es nicht, was mich bewog, allen ihren Nachstellungen auszuweichen, und gewiß, wenn Potiphars Weib nicht hübscher gewesen ist wie diese verjährte Haushälterin, so wundert es mich gar nicht, daß Joseph seinen Mantel bey ihr im Stiche gelassen haben soll. Denn abgerechnet, daß sie hohle, eingefallene Augen, ein etwas auf die Seite gezognes Maul, unter der in die Höhe stehenden Nase fünf falsche Zähne, dürre, dissonierend klappernde Knochen und eine gelbe runzlige Haut hatte; so war auch ihr Odem, ungeachtet der bonbons , welche sie unaufhörlich im Munde führte, nicht so lieblich wie der, wovon im hohen Liede Salomons eine so poetische Beschreibung steht. Zu meinem größten Elende aber hielt die gute Person meinen Widerstand für eine Art seltner Blödigkeit, und das reizte sie um desto mehr, das Äußerste zu wagen, sich genauer zu überzeugen, ob diese Blödigkeit aus physischen oder moralischen Gründen herrührte. Das Küchenmädchen, von welcher ich vorher Erwähnung gethan habe, schlief in einem Kämmerchen allein, und ich hatte unter der Treppe gleichfalls ein einzelnes Bette. Der Mensch ist aber zur Geselligkeit geschaffen, wie man zu sagen pflegt, und es ist etwas Fürchterliches, so ganz einsam die lange Nacht hinzubringen. Deswegen hatten wir die freundschaftliche Abrede genommen, uns zuweilen in unsern Zellen zu besuchen, ohne daß weiter im Hause etwas davon erfahren würde. Es fügte sich aber, daß in einer Winternacht, nachdem die Herrschaft und das übrige Gesinde zur Ruhe gebracht war, Charlotte, nach vollendeter Küchenarbeit, um nicht ein Stockwerk höher steigen zu dürfen, sich in mein Treppenstübchen verfügt hatte. Ich war indes etwas später wie gewöhnlich auf den Hof gegangen, wo ich im Stalle mit dem Knechte, der erst eben aus der Stadt nach Hause gekommen war, etwas zu reden hatte. Das Mädchen wußte dies und erwartete mich in meinem Bette. Mademoiselle Gangrelle ließ sich von dieser Einrichtung nichts träumen, und da sie beschlossen hatte, die Dunkelheit der Nacht (das Einzige, wobey sie freylich hätte etwas gewinnen können) zu ihrer Vertraueten zu machen, kam sie aus ihrem Kämmerlein nach der Treppe zu geschlichen, öffnete sanft meine Thür und rief mich zärtlich bey meinem Namen. Charlotte fuhr zusammen, als sie diese Stimme hörte, hielt sich aber so ruhig wie möglich, um nicht erkannt zu werden. Jetzt glaubte die menschenfreundliche Französin, ich schliefe so hart, und um näher mit mir reden zu können, legte sie sich leise neben die Person, welche sie im Bette fand. Allein bald kam es zu der Entdeckung ihres Irrthums, womit sich zugleich die ganze Geschichte auf eine höchst tragicomische Art entwickelte. In dem interessantesten Augenblicke kam ich dazu, hörte einen gespensterähnlichen Lärm in meinem Schlafcabinette, und als ich hineinblickte (ich hatte eine Laterne in der Hand), sah ich, wie die beyden Vestalen, unter denen es indessen zu einem sehr gewürzten Wortwechsel gekommen war, sich itzt einander bey den Haaren ergriffen hatten und dabey gewaltig schrien und schimpften. Diesem Greuel nun wehren zu wollen, würde verlorne Mühe gewesen seyn, und vielleicht wären dann beyde Theile über mich hergefallen. Also dachte ich mich eilend wieder davonzumachen. Aber zum Unglück kam mir Herr Marcelius mit einem Lichte in der Hand in den Wurf. Ihn hatte das Poltern und Toben aus seinen Federn gejagt. Er glaubte, es seyen Diebe im Hause, und da er nun zu seiner treuen Dame Gangrelle seine Zuflucht nehmen wollte und quer über den Vorsaal ging, durchcreuzte er meinen Weg – Ich bemerkte ihn in der Eil nicht, rannte ihn um, das Licht ging aus, und er lag auf den Boden hingestreckt. Er mochte wohl hart gefallen seyn, denn er klagte und fluchte entsetzlich – Nun, glaubte ich, sey für mich keine Zeit zu verlieren. Wenn auch der Herr Cammerrath nicht etwa ein paar Rippen zerbrochen haben konnte, so mußte doch die Sache auf alle Weise einen schlimmen Ausgang für mich nehmen. Daher nützte ich den Augenblick der Verwirrung, ging in das Bedientenzimmer, packte meine besten Sachen, mein Geld und so viel ich tragen konnte auf (doch nahm ich kein fremdes Eigenthum mit), floh aus dem Hause, aus dem Dorfe und war, ehe es Tag wurde, über die Grenze. »So hat doch der böse Feind sein Spiel mit den Haushälterinnen!« rief ich aus, »ich mag es gut oder übel mit ihnen meinen, so jagen sie mich fort. Wohl mir indessen, daß ich so glücklich davongekommen bin!« Wirklich war ich des Herrn Cammerraths Hauses, seiner babylonischen Gärten und pierischen Concerte so überdrüssig, hatte einen, nach meiner gegenwärtigen Lage, ziemlich bespickten Geldbeutel, dabey guten Muth, Lust, wieder in Bewegung und Wirksamkeit zu kommen, und festes Vertrauen auf das Schicksal, das mich nun schon so oft in bessere Umstände versetzt hatte. Es fiel mir ein, so viel Gutes von Frankfurt am Main und der umliegenden Gegend gehört zu haben; also beschloß ich dahin zu gehn, um in dieser großen Stadt irgendeine Gelegenheit zu fernerm Fortkommen zu suchen. Der Weg war weit, allein ich verließ mich auf die Gutwilligkeit der deutschen Postknechte, welche, gegen ein geringes Trinkgeld, trotz aller Postordnungen, so viel blinde Passagiers aufzunehmen pflegen, daß Diejenigen, welche ihre Plätze bezahlt haben, von dem Gepresse, Gestanke, von der Unreinlichkeit und dem Ungeziefer dieser unbefugten Gäste so wie von dem unerhörten Gepacke, das für Frachtkarrn, nicht für Postwagen bestimmt scheinen möchte, so viel Ungemach leiden müssen, daß, wenn sie irgend hinreichendes Geld auftreiben können, sie lieber Extrapost nehmen, und wenn sie nicht in solchen Umständen sind, entweder zu Fuß gehen oder gleichfalls blind fahren, weil doch einmal ein solcher Reisender dieselbe Bequemlichkeit um weniger Geld wie ein rechtmäßiger hat, man zu Fuße aber geschwinder fortkömmt, welches freylich ein unerhörtes Ding ist. Ich trog mich nicht in meiner Hoffnung. Durchs Hannoverische, Hessische und durch die Wetterau kam ich um einige Gulden glücklich nach Frankfurt. Dabey hatte ich noch die Freude, von den Postillons besser wie die wirklichen Passagiers behandelt zu werden; denn da Diese schon die Ausgabe des Postgeldes hatten, ich aber vor wenig Groschen dieselben Vortheile genoß, war ich mit Hilfe der übrigen blinden Gäste im Stande, etwas mehr an die Zehrung des Schwagers zu wenden, welches mich zu einer der wichtigsten Personen im Wagen machte und mir die Freyheit gab, die übrige Gesellschaft, so sehr sie auch dagegen klagte, von einem Morgen zum andern mit meiner Tobakspfeife nach Gefallen einzuräuchern. Nun saß in der Ecke ein Mensch, in einer, wie es schien, französischen Uniform, der jedesmal, wenn wir durch eine Stadt fuhren, vor dem Thore ausstieg, mit einem Worte, der sich zu schämen schien, mit dem gewöhnlichen Postwagen zu reisen. Er sprach wenig; wenn er aber redete, war es in sehr entscheidendem Tone. Wir Alle hielten ihn für einen sehr vornehmen Mann, der incognito reisete, und weil der Mensch in dieser Welt gewöhnlich das gilt, wozu er sich selbst macht, so bewiesen wir diesem Herrn eine Art von Ehrerbiethung, reichten ihm die Hand, so oft er heraussteigen wollte, und man hätte glauben sollen, er bezahlte für uns sämtlich. Das that er aber nicht. Im Gegentheil! sobald wir irgendwo ein paar Stunden liegen blieben, pflegte er den obersten Platz am Tische, das bequemste Lager, den weichsten Sessel, das wärmste Eckchen hinter dem Ofen für sich zu wählen, und wenn vom Bezahlen die Rede war, gingen wir Alle zu gleichen Theilen. Weil nun aber dies die gewöhnliche Weise vornehmer Leute ist, hielt ich ihn doch für eine Person von Wichtigkeit und suchte mir, in den Umständen, darin ich war, seine Zuneigung zu erwerben. Ich nahm Gelegenheit, ihm einen Theil meiner Geschichte zu erzählen, zu sagen, daß ich Dienste suchte, und mich seinem Schutze zu empfehlen. Er nahm diesen Antrag mit derjenigen Miene von Würde an, die Leuten von Gewicht eigen ist, und versprach mir, noch ehe wir uns trennen würden, Vorschläge zu einer künftigen Lebensart zu thun. Als wir nun nach Friedberg kamen, sagte er: »Mein Freund! hier nehme ich Extrapost. Wenn Er mit mir kommen will, kann ich Ihn nicht nur mit nach Frankfurt nehmen, sondern auch eine Zeitlang als Bedienten bey mir behalten, bis Er sonst irgendwo unterkömmt. Ich bedarf zwar jetzt wirklich keines Laquaien, kann Ihn auch nicht so reichlich besolden, wie ich wohl unter andern Umständen und vielleicht in der Folge thun möchte, aber Er gefällt mir. Lasse Er sich also immer diesen Plan vorerst gefallen!« Mit Freuden nahm ich das Anerbiethen an und fuhr mit nach Frankfurt, wo wir im goldenen Löwen abtraten. Damit die Leser indessen mit meiner neuen Herrschaft etwas genauer bekannt werden mögen, will ich hier kurz sagen, wer und wie der Mann war und welche Aussichten ich mir durch ihn versprechen durfte. Herr von Lippeville (so hieß dies Subject) war etwa fünfundvierzig Jahr alt. Sein Vater, ein Prediger im Hessischen, hatte Lippstadt geheißen. Nicht weit von ihnen wohnte ein Edelmann, der Hauptmann unter den französischen Husaren war. Dieser nahm den jungen Lippstadt als Knaben mit sich, kleidete und erzog ihn zum Laquaien. Der Junge wuchs heran, ging mit ins Feld, kam unter mancherley Leute und nahm französische Sitten an. Nach einigen Jahren wurde er bey dem dänischen Gesandten in Paris Kammerdiener und sodann Secretair bey einem Prälaten, der selbst nicht schreiben konnte, wie man deren zuweilen antrifft. Da schmeichelte er sich bey dessen Vetter ein, der ihn als Gesellschafter mit sich auf Reisen nahm und ihm einen Titel als Capitain kaufte. Als aber Derselbe in Aachen an dem mal de Naple starb, blieb Herr Lippstadt, der sich unterdessen Monsieur de Lippeville getauft hatte, sich selber überlassen. Doch hatte er sich ein bißchen Geld erworben, das er in Leibrenthen verwandelte, welche zu einem Theil seiner Bedürfnisse hinreichten. Den Rest bestritt er von einem sichrem Capitale, nämlich von der Schmeicheley. Er reisete (und wie wir gehört haben, mit großer Sparsamkeit) von einem kleinen Hofe zum andern, wo solche Männerchen eine wichtige Rolle spielen, und von einer Reichsstadt zur andern. Wenn es ihm nun leider! nicht gelingen wollte, irgendwo in Dienste zu kommen oder eine reiche Frau zu nehmen (obgleich er um ein paar anhielt, die ein Auge zu wenig und dreißig Jahre zu viel hatten), so zehrte er doch aller Orten frey. Er wußte sich in eines Jeden Launen zu schicken, Jedem zu sagen, was er gern hörte, sich selbst aber ein Ansehn von Wichtigkeit zu geben. Von abwesenden Fürsten sprach er, als wenn sie seine vertrauetesten Freunde wären. Man hielt es für ein Glück, mit einem solchen Manne in Verbindung zu stehn. Er that sehr geheimnisvoll, lebte sehr mäßig und züchtig, sagte nie über etwas gradezu seine Meinung, verdarb es also mit niemand und erregte aller Menschen unbedeutende Aufmerksamkeit. In Damengesellschaften war er ein willkommner Gast. Er wußte vierhundertfünfundsiebenzig Histörchen zu erzählen, unzählige Räthsel aus dem Mercure de France , Taschenspielerkünste, Anecdoten von Personen, die man nicht kannte u.d.gl., klammerte sich immer an diejenigen Leute an, welche am mehrsten du bon ton waren, und wurde also täglich zu Gaste geladen, um Rath gefragt, wenn parties de plaisir vorgeschlagen wurden, und wo kein Andrer Zutritt hatte, da vertrauete man ihm Weiber und Töchter an, denn er galt für einen homme sans consequence . Zu Hause behalf er sich kläglich, und da er den ganzen Tag außer demselben war, ließ er fast nie sein Zimmer heizen. Frankfurt scheint ein Ort zu seyn, wo solche müßige Menschen wie Fische im Wasser leben. Auch ziehen sie wie Heringe dahin. Allein ich kann nicht sagen, daß die Bedienten dieser Herrn ein ebenso beneidenswürdiges Leben führen. Monsieur de Lippeville gab mir wenig Geld, und ich fing an, mich nach einem andern Herrn umzusehn, als eines Abends, da ich eben in der Thür des Gasthofs stand, ein kleiner französischer Desobligeant, mit zwey Pferden bespannt, im goldenen Löwen ankam. Es war kein Bedienter vorausgeritten, und weil grade keiner von den Kellnern bey der Hand war, als der darin sitzende Herr ausstieg, reichte ich Diesem den Arm und sah einen magern, langen Mann in einer Gensd'armesuniform mit viel Anstande und ausländischer Artigkeit hervortreten. Er redete französisch, und es schien ihn zu freuen, daß ich ihm in eben der Sprache antworten konnte. Nachdem ich ihn nun auf sein Zimmer begleitet hatte (mein Herr war zu einer Indigestionsparthie in den römischen Kaiser geladen), sagte er mir, daß er einen Bedienten suchte. Ich both ihm meine Dienste an; wir wurden unsers Handels einig, und am folgenden Morgen sagte ich dem Herrn von Lippstadt auf, der mir auch erlaubte, sogleich fortzugehn. Also hatte ich nun einen andern Herrn, von dem ich freylich nicht wußte, wer er war, aber doch dachte, er möchte leicht mehr seyn und besser bezahlen wie der Sieur Lippeville . Auch hielt ich es länger bey ihm aus und blieb zwey volle Jahre in seinem Dienste. Es ist Zeit, daß ich meine Leser nun auch mit diesem Geschöpfe näher bekannt mache. Er nannte sich den Chevalier de Ventaulair und gab sich, bey seinen beständigen Reisen, das Ansehn von geheimen großen Aufträgen, ohne sich näher über die Natur derselben zu erklären. Aber wenn er irgendwo ankam, kramte er einen Theil seines Koffers aus, stellte und legte gewöhnlich vor die Fenster hin allerley Gläser mit Essenzen, Flaschen mit Spiritus, Pulver und mystische Bücher, in welchen die Operationen der schaffenden Natur, die bis itzt den größten Philosophen so ehrwürdig dunkel und unbegreiflich gewesen, durch allerley lächerlich scheinende, aber ihrem Sinn nach höchst wichtige Figuren zu Papier gebracht waren, also daß jeder auch noch so einfältige Mensch es fassen konnte, und wenn er es nicht verstand, es dem Mangel eines innern Lichts zuschreiben mußte. Auch habe ich in der Folge wahrgenommen, daß dies innere Licht mehrentheils in den allerdümmsten Leuten wohnte und daß selten ein Mann, der so frech war, seine gesunde Vernunft gebrauchen zu wollen, diese Bücher für etwas anders hielt als für erborgten Unsinn, theils aus gewissen alten philosophischen Schulen, deren falsche Theorien längst der Welt entwickelt und durch neuere Erfahrungen widerlegt sind, theils aus den Schriften schwärmerischer, unwissender Thoren in barbarischen Zeitaltern. Allein mein Chevalier war listig genug, zu wissen, wie leicht man die Menschen durch das Wunderbare fesseln kann, daß sich sogar unter ihnen eine falsche Scham einführen läßt, so daß niemand dem Andern bekennen mag, er verstehe eine Sache nicht, damit er nicht für unempfänglich gehalten werde, und daß also ein solcher Betrug schwer aufzudecken ist. Was mich betrifft, der ich nur ein gemeiner Mensch bin, so habe ich nicht nöthig zu leugnen, daß ich nie etwas von diesem Zeuge habe begreifen noch davon den wirksamen Nutzen für die Welt entdecken können. Auch machte, als ich erst meines neuen Herrn Zutrauen erworben hatte, dieser mir kein Geheimnis daraus, daß das alles bloß eine Finanzoperation gewisser Leute sey und er mich in den Stand setzen wolle, in der Folge an den herrlichen Früchten Theil zu nehmen, welches er auch treulich hielt, wie man zu seiner Zeit sehn wird. Ich muß dem Ritter die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er die Kunst, von den Narrheiten der Menschen Vortheil zu ziehn, meisterhaft studiert hatte. Er wußte zu rechter Zeit ein Wort hinzuwerfen oder etwas wie von ungefähr zu zeigen, das die Neugier der Leute auf ihn zog, und dann ließ er sich bitten und soviel abfragen, wie er nöthig fand, herzugeben. Hiermit verband er zugleich eine gewisse Art Freymaurerey, behauptete, das Privilegium aus Frankreich zu haben, für Geld fünfundvierzig Grade in Deutschland austheilen zu dürfen. Es war lustig anzusehn, wie stark der Menschen Glauben an so etwas und wie leicht es ist, die Leute zu überzeugen, daß man Wahrheit verkaufen und ein Monopolium dieses Handels von unbekannten Weltweisen bekommen könne. Unsre Ernte in dortigen Gegenden war auf diese Art herrlich. Ich spielte auch meine Rolle dabey, mußte einen Theil des weitläufigen Briefwechsels übernehmen und wurde zuweilen an einen in der Nähe von Mannheim wohnenden Exjesuiten abgeschickt, der, wie es schien, die Schritte des Herrn von Ventaulair dirigierte und ihm die nöthigen Verhaltungsbefehle gab. Um zu zeigen, welche unerhörte Frechheit mein Herr hatte, will ich doch eine kleine Anecdote von ihm erzählen. Er wurde mit einem Arzte bekannt, der, vermuthlich um ihn auszuforschen, seinen Umgang suchte und ihn einstmals des Abends nach Tische, da sie allein waren, bat, ihm die Geschichte seines Lebens und wo er zu diesen himmlischen Kenntnissen gekommen sey, zu erzählen. Mein Abentheurer, der seinen Mann nicht für vollwichtig ansah, glaubte, er könne ihm schon etwas vorlügen, und fing daher, nach einigem Widerstande, folgendermaßen an: »Ich will Ihnen, mein Freund! nichts verhehlen und Sie von meinen Schicksalen unterrichten. Ich bin aus Madrid, und dies ist meine Abkunft. Ein Officier der teutschen Garde, der Baron von Steinbach genannt, wurde, als er einst des Abends zu Hause kam, am Fuß der Treppe ein Päcklein gewahr« – »Etwa in weißes Leinwand gewickelt?« fiel ihm hier der Doctor in die Rede – »Ey! Du Erzlügner! das ist ja eine Geschichte aus dem Gil Blas de Santillana!« Mein Chevalier wollte das Wort nehmen, aber der Arzt überschrie ihn, goß ihm eine so heiße Lauge von Spottreden und Schimpfwörtern über den Kopf, daß ihm der Odem stehnblieb. »Und Du elender Landläufer!« sagte er, »willst hier ehrliche Leute anführen, allgemeine Arzeneyen und den Stein der Weisen bereiten lehren? Erfahre, schändlicher Betrüger, daß ich Dich längst beobachtet und entlarvt habe. Wenn es dergleichen Kenntnisse gibt, wie die sind, deren Du Dich rühmst, so sind sie gewiß nicht in den Händen solcher verworfnen Windbeutel und Geldschneider, und die wenigen Menschen, welche sie besitzen, prahlen nicht nur nicht damit, werben keine Proselyten, geben nicht Unterricht in Dingen, die nicht aus Menschenhänden empfangen werden können, sondern halten es sogar für Pflicht, das Publicum von solchen Ideen abzulenken, ihm dieselben wie Speculationen und Hirngespinste abzuschildern, damit Keiner mit vergeblichen Erwartungen von Gütern, die er nicht erreichen kann, getäuscht, ein müßiger Weltbürger werde, indem er Gegenständen nachjagt, die für ihn Träume bleiben. Die Wenigen aber, die von der weisen Vorsehung zu gewissen Dingen bestimmt sind, erhalten, was sie haben sollen, zu seiner Zeit, ohne solche Werbungsanstalten. Hüte Dich aber, noch Ein Wort von der Art hier fallenzulassen, packe Deine Essenzen ein, reise fort und erspare Dir den Schimpf, den ich Dir zubereiten will, wenn Du meiner Warnung nicht folgst.« Hierauf nahm der Doctor seinen Hut und Stock, warf noch einen verächtlichen Blick auf meinen Herrn und ging fort. Der Chevalier de Ventaulair saß eine Zeitlang wie versteinert da, knirschte mit den Zähnen – » Que la peste t'étouffe! « rief er darauf – » Pierre! nous partons demain pour Ratisbonne .« Damit ging er zu Bette, ohne weiter etwas zu sagen, und am folgenden Morgen machten wir uns auf den Weg nach Regensburg. Achtes Capitel Peter wird in höherer Weisheit eingeweiht und bekömmt einen andern Führer. Unterwegens war unser Philosoph sehr übler Laune. Indessen suchte ich ihn aufzuheitern und ihm die Verlegenheit zu benehmen, in welcher er gegen mich zu seyn schien, weil ich das Gespräch zwischen ihm und dem ungläubigen Arzte mit angehört hatte. »Nicht wahr, gnädiger Herr!« sagte ich daher, als wir den ersten Tag Mittag hielten, »die Menschen sind es nicht werth, daß man für sie sorgt? Es ist uns nicht gut in Frankfurt gegangen. Aber was schadet es? Verlieren Sie den Muth nicht! Unsre Theorien sind gut, wenn sie auch nicht aller Orten anwendbar sind; die hochwürdigen Obern werden uns schon schützen. Das war, meiner Seele! ein grober Kerl, der Doctor!« »Sey nur ruhig, mein lieber Peter!« rief mir hier der redliche Chevalier mit getroster Miene entgegen – »Er wird seiner Strafe nicht entgehn. Ehe die nächste Messe herankömmt, muß Einer unsrer Leute eine solche Schandschrift gegen ihn drucken lassen, ihn dem Publicum so verdächtig machen (und das alles von hintenher), daß er nicht wissen soll, an wen er sich zu halten habe, und daß Andre ein Beyspiel an ihm nehmen können. Zugleich wollen wir aller Orten schimpfliche Gerüchte von ihm ausstreun – Es soll ihn schon reuen, daß er uns das Handwerk hat legen wollen. Und wenn nichts helfen will – Tithymalum, Ancoram, et aquam tofanam semper aestima, nam sedant sitim persecutorum veritatis (vide reflectionem primae noctis) – Kurz! es soll ihn schon reuen! Sey nur indessen treu und verschwiegen! Das wird Dein Schaden nicht seyn, und ich will Dich in Regensburg mit Männern bekannt machen, die weiter für Dich sorgen werden.« So fuhren wir dann getrost Tag und Nacht fort und kamen des Nachmittags in dieser Stadt an, worauf sich mein Herr sogleich umkleidete und seine Bundesgenossen aufsuchte, mit denen er vierzehn Tage hindurch viel geheime Conferenzen hatte. Ich muß es offenherzig gestehn, daß die Lehrer dieser höhern Weisheit, die ich dort und andrer Orten kennenlernte, in der That von Seiten ihrer Sittlichkeit nicht eben in einem sehr apostolischen Rufe standen. Der Eine hatte seiner Magd ein Kind angemessen, der Andre war nach Tische nie nüchtern, der Dritte unterhielt vor aller Welt Augen neben seiner gesunden Ehefrau noch eine Comödiantin als Maitresse. Dies möchte wirklich manchem Schwachen Mißtrauen gegen eine Philosophie einflößen, welche ihre Bekenner nicht zu bessern Menschen macht, aber das war auch eigentlich das Fach der hochwürdigen Obern nicht. Man stoße sich auch nicht an die Erbärmlichkeit des Styls, der in den Schriften herrscht, welche sie damals herausgaben. Es war theils nicht möglich, auch ihrem Interesse gar nicht gemäß, viel vernünftige, grade denkende Männer, die sie als Schriftsteller hätten gebrauchen können, in ihre Gewalt zu bekommen, theils ist es eine feine Politik, einen solchen barbarischen Styl zu schreiben, um zu zeigen, wie sehr man über alles hinaus sey, was die leichtfertige Welt verständig, fein und witzig nennt. Unter allen dortigen Freunden meines Herrn zeichnete sich vorzüglich ein Apotheker aus, der kürzlich aus Rußland gekommen und eben derselbe war, zu welchem, als er noch in Petersburg wohnte, ein Mann reisete, um mit ihm den Betrug zu verabreden, durch den er und seine Gesellen sich hernach für gewisse geistliche Personen ausgaben – Doch das gehört nicht hierher. Peter Claus mag niemand öffentlich beschämen, obgleich ihm manches Anecdötchen von der Art bekannt ist, womit man Menschen entzaubern könnte. Genug! dieser Neunundneunziger war ein durchtriebner Schalk, bey den Jesuiten erzogen, von ihnen geleitet, ein würdiger Schüler würdiger Lehrer. Da itzt mein Herr ernstlich daran dachte, mir eine bessere Versorgung zu verschaffen, und sich zugleich, weil er im Begriff war, eine größere Reise zu machen, eine Zeitlang ohne Bedienten zu behelfen, so empfahl er mich diesem berühmten Apotheker, der grade eines Gehilfen bedurfte. Das war für mich ein sehr glücklicher Umstand, denn es ging herrlich in dieses Mannes Hause her, und da ich nun mit den feinsten Grundsätzen ihrer mystischen Wissenschaft bekannt werden sollte, konnte ich mir auch die sichern Früchte einer so einträglichen Kunst versprechen. Ich trat also mit Vergnügen mein Ämtchen an, arbeitete mit in der Officin und brachte es in kurzer Zeit, durch meines Patrons fleißigen Unterricht und seine Hilfe, dahin, daß ich für seinen Provisor gelten konnte. In den Nebenstunden machten wir Proben von allgemeinen Arzeneyen, aus Recepten und chymischen Processen, die wir hie und da auftrieben. Wenn nun eine solche Panacäe fertig war, theilten wir davon eine Menge unter unsre Schüler aus, welche damit die Probe an kranken Profanen machen und uns berichten mußten, wie Viele den Versuch überlebt hatten. Auf diese Weise jagten wir manche gute Seele aus ihrer irdischen Hülle, doch schoben wir alsdann immer die Schuld auf den Mangel an Glauben, Reinigkeit und Vorsichtigkeit Derer, welche die Cur übernommen hatten. Mit dem Allen aber fanden sich sogar Ärzte, welche schwankend genug in ihrer Kunst waren, die Wirkung unsrer Arzeneyen an ihren Patienten zu versuchen. Überhaupt hatte ich in meiner itzigen Laufbahn Gelegenheit, die traurigsten Erfahrungen von der Unwissenheit dieser Söhne Aesculaps zu machen. Ich sah, daß die Mode, auf Unkosten der armen Kranken, auch in dieser Wissenschaft das Menschengeschlecht tyrannisiert. Was in diesem Jahr in einer Krankheit als höchst gefährlich anerkannt wurde, das verschrieb man im folgenden Jahre, unter eben den Umständen, als das einzige sichre Hilfsmittel dagegen. Wenn ein englischer oder französischer Arzt ein Buch in die Welt schickte, worin er irgendeinen neuen auffallenden Satz behauptete, so machten unsre jungen teutschen Doctorn sogleich den Versuch damit an ihren Leidenden. Die Medicin, welche die Quacksalber auf Märkten durch gedruckte Zettel ausbiethen, z.B. die Alliudschen Pulver u.d.gl., wurde von der Facultät zwar laut verschrien, weil sie selbst nicht wußte, woraus sie zusammengesetzt war, aber dennoch heimlich aufgekauft und den Kranken gegeben. Kurz! ich überzeugte mich täglich mehr, daß Mäßigkeit und Ordnung im Moralischen und Physischen die einzige sichre Universalarzeney sey und daß man dem Grabe um eine Stufe näher trete, sobald man anfange, die Natur in die Hände der Ärzte zu liefern (einige wenige Fälle ausgenommen, wo unschädliche Mittel derselben zu Hilfe kommen können). Um meinen Lesern einen Begriff von der Art des Unterrichts zu machen, den mir mein Apotheker ertheilte, so will ich Ihnen nur noch zuletzt Rechenschaft von einem Gespräche geben, das er einst mit mir über diese Gegenstände hielt. Ich hatte ihm meine Verwunderung bezeigt, wie man es doch anfangen möchte, manche vernünftige Männer so lange bey der Nase herumzuführen, ohne je entdeckt zu werden. Seine Antwort hierauf war folgende: »Ohne mich darauf einzulassen, welche Mittel wir wählen, Jedem etwas zu geben, was ihm gefällt; wie wir aller Orten die seltensten Kenntnisse aufspüren und einem Ungläubigen einen solchen Brocken vorwerfen; wie wir durch unsre Spione alles erfahren, was andrer Orten vorgeht, und dadurch uns in eine Art von Allwissenheitsruf setzen; wie wir Leute, welche es wagen, gegen uns zu reden oder zu schreiben, Andern zum Beyspiel, tödlich verfolgen; wie wir geistlich schwache, aber sonst mächtige Menschen an uns ziehen; wie wir uns in so manches Kleid zu werfen verstehen und da, wo unser Betrug entdeckt wird, selbst gegen unsre Leute zu Felde ziehen, also immer im Hinterhalte bleiben; wie wir aller Orten mehrere Parthien erwecken, wovon die eine auf uns schimpfen muß, dadurch wir dann nicht nur alles erfahren, was gegen uns unternommen wird, sondern auch die ganze Welt in Rotten theilen, welche alle heimlich von uns zu unsern Zwecken geleitet werden; wie wir alle Fehler, welche vorgehen, auf die Schuld der Mittelobern schieben; wie wir von gewissen allgemeinen Volkssagen Nutzen zu ziehen wissen – Von dem Allen will ich itzt schweigen, und ich versichre Sie, es braucht wahrlich nicht so künstlicher Anstalten, um aus der Welt zu machen, was man will. Es gibt zwey Dinge, die für jedermann höchst wichtig seyn müssen, und diese sind Vernunft und Religion. Wenn beyde gehörig verbunden würden, so würden die Menschen an moralischer Glückseligkeit unendlich gewinnen (was man auch dagegen einwenden mag). Wenn wir mit den Augen der Vernunft, die uns der Schöpfer zur Leiterin gegeben hat, den ganzen Wirkungskreis, der uns hier angewiesen ist, überschaun, dies Leben mit Mäßigkeit genießen, unsre Pflichten gegen das höchste Wesen, gegen unsre Mitmenschen und gegen uns selbst gehörig überdenken und die Winke nützen wollten, welche uns die geoffenbarte Weisheit dazu gegeben hat, so würde jeder einzelne Mensch seinen Platz in der großen Kette ausfüllen und keines weitern Schutzes als seiner Rechtschaffenheit bedürfen, würde frey und ruhig seyn und sich also zu jener Zukunft, durch Veredlung seiner Selbst, vorbereiten. Aber dabey würden sich diejenigen Menschen sehr übel befinden, die auf Unkosten Andrer sich mächtig, reich und wichtig machen wollen. Solcher Menschen aber gibt es immer, weil nicht Jeder das einzige wahre Interesse, seine Wünsche zweckmäßig zu dirigieren, versteht, sondern von Leidenschaften irregeführt wird. Da es also stets eine unterdrückende herrschende und eine leidende Parthie in der Welt gibt, so befindet man sich am besten dabey, wenn man sich auf jene, nicht diese Seite schlägt. Hierzu ist also nöthig, die feinsten Mittel zu studieren, wie man auf die beyden großen Ressorts, auf Vernunft und Religion also wirken könne, daß man die Freyheit und das Gewissen der Leute in seiner Hand habe. Dann sind sie unser, wir theilen uns in ihre vergänglichen Güter und nützen sie, wozu wir wollen. Der erste Schritt dazu ist, daß man die Aufklärung soviel möglich hindre, damit die Leute nie lernen, wie man es anzufangen habe, frey und unabhängig zu werden, welches nur allein das Eigenthum des Weisen ist. Man umwölke also ihren Kopf, erfülle denselben mit Schwärmereyen, mit Träumen, erschwere ihnen die Mittel, den Grund der Dinge zu untersuchen, und wenn man es dahin gebracht hat, dann kann man sich durch Gaukeleyen (die jeder verschrobne Kopf gern glaubt, ja sich vor dem Andern schämen würde, nicht daran zu glauben) in den Ruf setzen, allein in dem Besitze gewisser Geheimnisse zu seyn, welche alle diese von uns selbst erregten Zweifel heben. Dies gibt uns ein solches überirdisches Gewicht, daß es uns leicht wird, die Menschen glauben zu machen, wir stünden mit höhern Wesen in unmittelbarer Verbindung, welches dann der erste Schritt ist, auch die Religion des Volks in unsre Gewalt zu bekommen. Hat man es dahin gebracht, so wird es nicht viel Schwierigkeit haben, die Sittlichkeit nach unsern Zwecken zu lenken und die Welt durch ein süßes Band an uns zu knüpfen. Da nur der weise Mann der mäßige und redliche Mann seyn und nur Dieser Ruhe, Frieden und Freyheit in der Welt finden kann, wir aber die Menschen nicht frey wissen wollen, so müssen wir, nachdem wir die Aufklärung verhindert haben, auch die Moralität zerstören und in der Religion Mittel ausfindig machen, das Gewissen der Leute, das innere Gefühl der Richtigkeit, zu übertäuben, folglich Schlupfwinkel ausfindig machen, wo man, unter unserm Schutze, seine Leidenschaften befriedigen und sich dabey beruhigen kann. Wer wollte dann nicht in unsre Arme eilen? – Und wer mit lebhafterem Vergnügen, wie die Großen der Erde? Diese lenken wir, wenn wir Meister über Kopf und Herz sind, nach unsern Zwecken, und wer widersteht uns dann? Auch ist diese Practik nicht neu. Sie ist so alt wie die Welt und stets von Fürsten, Pfaffen, Gesetzgebern und Philosophen mehr oder weniger ausgeübt worden.« Es ist eine leichte Sache, ein solches System teufelisch boshaft zu finden, wenn uns kein Interesse daran knüpft, aber nicht so leicht, wenn wir dabey zu gewinnen glauben. Dennoch bekenne ich, daß ich nicht verderbt genug war, diese vermaledeyeten Grundsätze ohne Schauer anzuhören – Was für eine unerhörte Verblendung! bey so feinen Kenntnissen ein studierter Bösewicht seyn zu können! – Aber ich wurde wieder eingeschläfert, durch Geschenke, Versprechungen, Schmeicheleyen gefesselt – Kurz! ich überließ mich vor wie nach meinem edeln Führer. Neuntes Capitel Die Welt weiß ihre Philosophen und Propheten nicht zu schätzen. Ein halbes Jahr hindurch genoß ich noch diesen herrlichen Unterricht. Unterdessen war der Chevalier de Ventaulair weiter auf Werbung gegangen, nachdem ihm vorher mein Apotheker tausendfältig dafür dankte, daß er mich zu ihm geführt hatte. Mein Patron und ich, wir waren itzt ein Herz und eine Seele, und die Practik ging vortrefflich von Statten. Auch seine Terminologie hatte ich meisterhaft inne und konnte stundenlang mit der heiligsten Wärme von Dingen reden, wobey ich weder etwas dachte noch fühlte und die ich so untereinander zu werfen verstand, daß meine Zuhörer nicht das Leere und Widersprechende in meinem Systeme fassen, ja! nicht einmal, bey so viel Winde, wenn ich alle Segel spannte, mir in meinem Gedankenfluge folgen konnten. Auch schien ich nun bestimmt, das Handwerk bald ohne Führer treiben zu sollen; denn, als in Regensburg ein ansteckendes Fieber wüthete und wir manchen davon befallnen Kranken durch unsre chymischen Mittel von diesen und allen übrigen Leiden der Welt befreyet hatten, befiel es endlich auch meinen Herrn Apotheker, und ungeachtet wir sieben verschiedne Universalmittel bey ihm versuchten, starb doch der gute Mann den dreyzehnten Tag seiner Krankheit unter heftigen Zuckungen. Er schien noch viel auf dem schweren Herzen zu haben, das er mir gern gesagt hätte und das ihn sehr drücken mochte, aber er verlor die Sprache und hinterließ uns Alle neugierig, verwaiset und traurig. Herr Noldmann (ich hätte schon längst den Namen dieses Propheten nennen sollen) hatte keine Kinder, aber doch eine kleine dicke Frau, von etwa vierzig Jahren, die sich nur insoweit um den heiligen Beruf ihres Mannes bekümmerte, wie ihr derselbe Geld einbrachte. Sie lebte gern gut und bequem, doch wendete sie wenig an Kleidung, und auf ihre Sitten war nichts zu sagen. Häßlich war sie eben nicht, nur hatte sie etwas Sommerflecke und kleine smaragdene Augen. Die arme Frau schien nun verlegen zu seyn, wie sie es künftighin mit der Apotheke halten sollte; da sie aber viel Zutrauen zu ihrem unwürdigen Provisor bezeugte, war sie auch nicht abgeneigt, das Werk unter meiner Anleitung fortzuführen, wozu ich gern die Hände both. Dies brachte eine Art von Vertraulichkeit unter uns, die sich damit endigte, daß nach und nach von beyden Theilen entfernterweise Heyrathsanträge auf die Bahn kamen, die dann auch nicht weit weggeworfen wurden. Endlich reifte dieser Plan zu einer förmlichen Erklärung, und wir versprachen uns in der Stille; die Hochzeit sollte, sobald das Trauerjahr zu Ende seyn würde, vor sich gehn. Es fügte sich aber zum Unglücke, daß in Regensburg eine Gesellschaft menschenliebender, edler Männer war, die sich mit dem echten reinen Studium der Natur beschäftigten und sichs angelegen seyn ließen, jeden Betrug zu entlarven, den Quacksalbern das Handwerk zu legen und unter höherem Schutze einen sicherern, einfachen Weg der Erkenntnis zu eröffnen. Diese Männer waren seit langer Zeit aufmerksam auf die Schritte der Afterphilosophen gewesen und hatten nur die Gelegenheit abgewartet, uns unser bezügliches Handwerk zu legen. Solange mein Apotheker lebte, war dies nicht so leicht zu bewerkstelligen gewesen. Er hatte viel Anhang unter großen und kleinen Leuten, und die verschiednen Schriften, in welchen man das Publicum aufmerksam auf unsern Schleichhandel gemacht hatte, halfen nur dazu, den Verfassern Verfolgung zuzuziehn und die guten Menschen, die es redlich mit ihren Mitbürgern meinten, wie Verleumder zu brandmarken. Aber jetzt war der Zeitpunct, wo man kräftiger wirken konnte, und leider! mußte die ganze Schande auf mich fallen. Ich fuhr fort, ad modum Noldmanni Kranke zu heilen, und das müßte ein schlechter Schüler seyn, der es nicht weiter wie sein Meister brächte. Mein Ruf fing an, groß zu werden, doch Eine unglückliche Cur, die ich an einem armen Tagelöhner vornahm, der von der rothen Ruhr befallen war und leicht hätte geheilt werden können, wenn er nicht in meine alchymischen Hände gerathen wäre, machte Allem ein Ende und gab meinen Feinden das Zeichen zum Angriffe. Man sprach laut davon, daß ich den Mann umgebracht hätte und daß es der Mühe werth sey, den Magistrat, ja! den ganzen Reichstag aufmerksam auf eine Rotte von Giftmischern und Beutelschneidern zu machen (Stellen Sie Sich vor! so wagte man es, uns zu nennen!), welche so lange ihr Handwerk ungestraft fortgeführt hätten. Ich versuchte nebst meinen treuen Gehilfen alle jesuitischen Mittel, dieses drohende Ungewitter zu zertheilen – Aber vergebens! Zum Glück erfuhr ich früh genug, daß man uns sämtlich in Verhaft nehmen und unsre Papiere untersuchen würde. Weil ich es nun nicht rathsam fand, eine solche Catastrophe abzuwarten, packte ich mein bares Geld, etwa fünfhundert Thaler, und meine besten Sachen in der Eil zusammen, schlich mich damit aus dem Thore, sah zuweilen hinter mich zurück und verließ Braut, Ehre, Officin, Philosophie und Praxis.   Nun war ich dann dem Staupbesen glücklich entwischt und kaum über die Grenze; so setzte ich mich auf die Post und fuhr, Tag und Nacht durch, nach Straßburg zu, woselbst ich meinen ehemaligen Herrn, den Ritter Ventaulair zu finden und ihm mein Schicksal klagen zu können hoffte. Allein ich verfehlte dieses Zwecks, und als ich, nach achttägigen verlornen Nachforschungen, schon entschlossen war, nach Paris, dem Tummelplatze aller Windbeutel Europens, zu reisen, ging ich noch den letzten Abend, nachdem ich den ganzen Tag umhergelaufen war, die herrlichen Seltenheiten von Straßburg in Augenschein zu nehmen, in das französische Schauspiel, um mit Leib und Seele zu ruhn und mich abzukühlen. Es war kaum der erste Aufzug eines Trauerspiels voll schöner Sentiments überstanden, so daß ich nunmehro an den Fingern erzählen konnte, was folgen würde, als auf einmal ein Mann von meinen Jahren (Im Vorbeygehn gesagt! ich war deren jetzt einundreißig alt) sich durch den Haufen der Zuschauer drängte und mir mit allen Zeichen der lebhaftesten Freude um den Hals fiel. Ich erschrak – Aber, wie groß war meine Überraschung, als ich gewahr wurde, daß mein Jugendfreund, Ludwig von Reyerberg, mich in seinen Armen hielt! Nun ließen wir die Comödie Comödie seyn, gingen hinaus und gradeswegs in den Raben, wo Reyerberg abgetreten war, da ich dann kaum erwarten konnte, daß wir uns allein befanden, um mir seine Geschichte, von der Zeit an, da er mit seinem Engländer Braunschweig verließ, erzählen zu lassen. Er war bereit dazu und befriedigte, bey einer Flasche Elsässer Wein und einem leichten, fröhlichen Abendessen, folgendermaßen meine Neugier: »Du weißt, mein lieber Claus! daß die Absicht meines Engländers war, zuerst die teutschen Höfe in ihrem armseligen Glanze zu sehn, dann eine Curzeit in Spa hinzubringen und von da durch Holland und Frankreich nach Italien zu gehn. Der erste Theil dieses Plans wurde ins Werk gesetzt, und weil ich vermuthete, daß ich irgendwo meinen altern Bruder David oder einen andern Bekannten antreffen würde, so fand ich es nöthig, meinen Namen zu verändern und Reyerberg in Falkenthal umzutaufen. An den Gesichtszügen war ich gewiß, von meinem Bruder nicht erkannt werden zu können. Ich will Dich, mein lieber Peter! nicht mit der Beschreibung der Höfe, die wir besuchten, ermüden. Nur so viel davon! Wer einen gesehn hat, der kennt sie, im Größern oder Kleinern, alle. Betteley im Öconomischen und Intellectuellen, mit der Maske einer armseligen Pracht bedeckt, Neid, Bosheit, Unwissenheit, Selbstgenügsamkeit, bey der entschiedensten Dummheit, Langeweile, Schmeicheley, Ränke, Schlaffigkeit, Verderbnis der Sitten, Frivolität, Inconsequenz, Krankheit der Seele und des Leibes, Vorurtheile aller Art in dem Gewande der Aufklärung, empörender Despotismus – Kurz! hospitalsmäßige Herabwürdigung des Menschengeschlechts – weiter habe ich an ihnen nichts wahrgenommen (ich nehme ein paar Höfe aus). Auch waren wir so ermüdet von diesem allen, daß wir, da ohnehin die Brunnenzeit herannahete, uns auf den Weg nach Spa begaben. Was mich noch vorzüglich wünschen machte, bald aus diesen Hofverbindungen zu kommen, war, daß ich in ***, wo wir aber nur drey Tage verweilten, meinen ältern Bruder antraf. Du kannst es nicht glauben, welchen Eindruck diese unvermuthete Zusammenkunft auf mich machte. Er kannte mich nicht, und ich sah ihn also ganz in seiner eignen Brühe. Dort ist er Hofrath und Cammerjunker, und sein unglücklicher Hang, zur Schmeicheley, zur Verstellung und zu kleinen kriechenden Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, hat sich leider! immer deutlicher entwickelt, und weil er damit die äußerste Vorsichtigkeit im Umgange verbindet, den Großen und deren Creaturen Weyrauch streuet, auch äußerst fleißig in seinem Dienste ist, so wird er es gewiß weit bringen. Dabey steht er in dem Gerüche von Heiligkeit, weil er mit verstellter Gottesfurcht fleißig die Kirche besucht, auf seinem Schreibtische Bibeln, Gesang- und Gebethbücher liegen hat, indes ich, ungeachtet ich mir wahrlich Mühe darum gegeben, doch auch nicht einen einzigen edeln Zug aus seinem Privatleben erfahren und nicht Einen Menschen gefunden habe, der sein warmer Freund oder Feind gewesen wäre. Wie gern hätte ich mich ihm entdeckt! Aber sein Character stieß mich zurück. Ich erfuhr von ungefähr durch ihn den Tod meines alten Vaters, der mich einige kindliche Thränen gekostet hat. Mein Bruder trauerte noch um ihn, und als er mir das erzählte, fügte er hinzu: Wir sind Alle in Gottes Händen; der alte Vater war ein guter, frommer Mann. Vermögen hat er nicht hinterlassen, aber mir, dem Himmel sey Dank! eine christliche Erziehung gegeben. Ich bin sein einziger Sohn und muß mir meinen Unterhalt durch das Wenige, was ich gelernt habe und woraus die Leute mehr Werks machen, wie ich verdiene, erwerben. – Der Schalk! Wir wollen nicht weiter an ihn denken. Auch war ich froh, daß wir nicht länger an dem Orte blieben. Gegen Anfang des Junius kamen wir nach Spa. Es war eine ungeheure Menge von Fremden aus allen Nationen daselbst versammelt. Es schien eben nicht, als wenn sie hingereist wären, um Gesundheit zu holen, denn außer daß sie sich Nacht und Tag in Ausschweifungen und Wollüsten herumtummelten, war auch keine Leidenschaft zu erdenken, welche hier nicht gereizt wurde, wozu Trunk, Spiel und Weiber Gelegenheit gaben. Es befanden sich viel Engländer daselbst und so viel teutsche Prinzen, daß es erbärmlich anzusehn war. Diese Letztern affectierten dann den großen Ton der Pariser und Londoner Welt, der sie freylich sehr schlecht kleidete, welches sie aber, wie sichs versteht, nicht merkten, sondern immer fortwatschelten, den reichen und feinen Fremden zum Gespötte dienten und mehrentheils nach vier Wochen mit leeren Beuteln und noch mit Schulden obendrein abzogen. Es wurde stark gespielt, Southerland nahm sich aber sehr in Acht. Indessen gerieth er einst in eine Gesellschaft, in welcher ein Franzose, Monsieur de Saintouche , eine Quinze-Partie vorschlug, welche mein Freund annahm. Ich war eben damals unpäßlich und also zu Hause geblieben. Mein Engländer hatte den Franzosen gleich anfangs nicht leiden können, und da dies Spiel ohnehin leicht zu Streit Anlaß gibt und Saintouche ein paarmal fluchte, wenn Southerland ihn mit elf Augen gegen dreyzehn nach Hause jagte, wurde unser Freund hitzig und gerieth mit Jenem in so heftigen Wortwechsel, daß sie sich endlich auf Pistolen herausforderten. Die Sache wurde so ernstlich getrieben, daß man von beyden Seiten sich den Tod schwur und alle Vorkehrungen zur Sicherheit des übrigbleibenden Theils machte. Southerland vertrauete mir seine Börse, Wechsel und Schriften an, mit der Bitte, sein Secundant zu seyn und, wenn er umkommen sollte, nach seinem Tode das Geld zu behalten und zu seinem Bruder nach England zu reisen, der weiter für mich sorgen würde. Wir ritten am folgenden Morgen hinaus. Der Engländer war sehr hitzig, der Franzose hingegen sah heimtückisch und prahlerisch aus. Er hatte noch einen Aventurier, einen Italiener, bey sich. Der Kampf fing an; sie schossen beyde zweymal vorbey, außer daß mein Freund mit einer Kugel seines Gegners linken Arm streifte. Nunmehr griffen sie zu den Degen. Saintouche focht meisterhaft gut, obgleich mit allen seiner Nation eignen Windbeuteleyen, machte Gebärden, als wenn er Zuckungen bekäme, und schrie, als wenn er rasend wäre. Southerland aber stach blindlings auf ihn zu, sah im Affect nicht die Blößen, die er gab, und rannte sich selbst den Degen durch das Herz, wodurch mein Freund und Wohlthäter augenblicklich tot zur Erde gestreckt wurde. Nun blieb mir nichts übrig, als mich eilig über die Grenze zu machen und die traurige Nachricht nach England zu bringen. Ich reiste mit schwerem Herzen ab; das Bild des sterbenden Southerlands, der so manche edle, schätzbare Seite hatte, der mein Retter gewesen zu einer Zeit, wo ich arm, verlassen und auf sehr schlüpfrigen Wegen war – Dies Bild folgte mir überall. Ich fand, als ich nach England kam, den Bruder meines Freundes auf seinem Landgute. Er war ein stolzer Mann, empfing mich äußerst kalt, hörte die Nachricht von dem unglücklichen Vorfalle ziemlich gleichgültig an, oder wenn er einige Empfindung dabey äußerte, so war es mehr Unwillen wie Betrübnis, und er schien selbst mir Vorwürfe darüber machen zu wollen, daß ich den Zweykampf nicht verhindert hätte. Unterdessen bat er mich doch, einige Zeit bey ihm zu bleiben, wurde nach und nach vertraulicher gegen mich, ich schien ihm zu gefallen, und endlich both er mir sogar an, mich als Gesellschafter bey sich zu behalten. Allein nicht nur mißfiel mir der stolze Mann sehr, so daß ich weder Wohlthaten von ihm annehmen noch in einem dauerhaften Bündnisse mit ihm stehn zu können glaubte, sondern ich erfuhr auch bald, daß er, wider die Gewohnheit seiner Nation, so eifersüchtig gegen seine Frau wäre, daß ich fürchten mußte, er möchte einst auch mir von dieser Seite nicht trauen. Also beschloß ich, wieder nach Teutschland zurückzukehren, und nahm Abschied. Dem Engländer war dies wirklich empfindlich, aber er wollte es nicht merken lassen, folglich empfahl er sich mir höflich, drang mir noch Geschenke auf, mit denen ich dann nach Calais und von da durch Frankreich hierher reiste. Jetzt, mein Bester! befriedige aber auch das Verlangen, das ich habe, Deine weitern Begebenheiten zu hören.« Ich hatte meinem Freunde mit inniger Theilnehmung zugehört, und da jetzt die Reihe an mich kam, von meinen Schicksalen Rechenschaft zu geben, erzählte ich kurz alles, was die Leser schon wissen, und so brachten wir dann den Rest des Abends bis Mitternacht im Genusse der Freundschaft und in Fröhlichkeit hin. Zehntes Capitel Peter und sein Freund suchen Civil- oder Militairdienste, müssen aber einen andern Glücksweg einschlagen. Meine Leser sehen mich nunmehro wieder an der Seite meines Jugendfreundes. Nach einem paar Tagen, die wir noch in Straßburg miteinander verlebten und während welcher so manche kleine Anecdote aus unsrer Lebensgeschichte nachzuholen war, fingen wir jedoch endlich an, ernstlich darauf zu denken, was wir nun wohl in der Zukunft treiben wollten. Es mußte doch ein Plan darüber gemacht werden, und desfalls wurde zuerst der Zustand unsers Oeconomicums untersucht. Wir waren beyde bereit, den ganzen Bettel von Barschaft zusammenzuwerfen, und als das geschehn war, schritten wir zum Werke, zählten, und siehe da! es fand sich, außer einigen Ringen, Tabatieren und andern Kostbarkeiten, eine Summe von zweytausend Gulden an klingender Münze. Hiermit nun beschlossen wir zusammen eine Reise zu machen, welche zugleich Gelegenheit zu künftigem Unterkommen geben sollte. Wir ließen uns Beyde eine Art von Officiersuniform machen, nahmen einen Bedienten an und dachten uns in diesem Aufzuge einem Fürsten Teutschlands als Cavaliere zu verkaufen, die wohlhabend wären und welche man in den Dienst zu ziehn suchen müßte. Unsre Figuren waren (ohne uns zu rühmen) nicht unangenehm. An Welt fehlte es uns auch so wenig wie an einem in Teutschland so sehr geliebten ausländischen Ton; und so zweifelten wir dann nicht, irgendwo zu Hauptleuten bey der Garde oder dergleichen angestellt zu werden. Wir reisten also von Straßburg ab, wirtschafteten mit dem Gelde so sparsam, wie es sich unter Leuten von Stande thun ließ, und besuchten zuerst unter den Namen des Baron Clausfeld und Herrn von Falkenthals die benachbarten teutschen Höfe. Unterwegens gab mir Ludwig Unterricht im Englischen, und der Fleiß dieses Freundes ließ mich in kurzer Zeit viel größere Fortschritte darin machen, wie ich je bey einem Sprachmeister würde gethan haben.   Indessen wurde unsre Erwartung nicht so bald erfüllt, wie wir gehofft hatten. Lag es an den schwachen Einsichten der Prinzen, die unsre Verdienste nicht nach Würden zu schätzen verstanden, oder gaben wir uns nicht Mühe genug, solange unsre Cassen gut standen – Genug! wir reisten durch das Badensche, Darmstädtische, die Pfalz, die Wetterau und Fulda nach Sachsen, ohne etwas anderes zu erlangen, als daß unser Geldkasten täglich leichter wurde, so daß uns, als wir nach Leipzig kamen, nur noch hundert Pistoletten übrigblieben. Zum Unglück war auch hier die Zeit der Messe nahe, folglich vielfache Gelegenheit, sich zu vergnügen und Geld auszugeben. Wir geriethen in die Bekanntschaft eines Mannes, der sich für einen Major ausgab und den Ruf haben wollte, bey viel Höfen in großem Ansehn zu stehn, vermuthlich aber, nicht weniger wie wir, auf gutes Glück lauerte. Wir vertraueten uns ihm (doch, wie sichs versteht, nur dahin, daß wir als fremde Cavaliere Dienste suchten), und er versprach, sich für uns zu verwenden. Doch darüber ging eine Woche nach der andern hin, ohne daß Antwort kam, und unser Schatz wurde sichtbar kleiner. Um das Maß widriger Vorfälle vollzumachen, befiel mich ein hitziges Fieber, das mich nicht nur drey Wochen lang im Bette gefesselt hielt, sondern auch den Geldbeutel gänzlich ausleerte. Mein guter Reyerberg wich nicht von meiner Seite, pflegte Meiner, verkaufte seine kleinen Kostbarkeiten, damit mir nichts abgehn möchte, und das bekümmerte mich dann am mehrsten, daß mein Freund sich von dem Einzigen, was ihm übrigblieb, entblößte, um mir zu helfen, indes er alle Gelegenheit, sonst irgendwo sein Glück zu machen, versäumte. Als ich nun ungefähr so weit wieder hergestellt war, daß ich im Zimmer auf- und abgehn konnte, fingen wir an, wieder von künftigen Plänen zu reden. Officierstellen zu erhalten, daran war theils nicht zu denken, theils würden wir von dem geringen Gehalte eines Fähndrichs nicht haben leben können. In dieser Zeit aber hatte Ludwig mit einigen von den in jeder Messe nach Leipzig kommenden fünfhundert Buchhändlern Umgang bekommen und sich den Ruf erworben, daß es ihm nicht an Talenten, an Sprach- und Sachkenntnis fehlte. Ein würdiger Mann unter ihnen aus Mannheim hatte ihn kennengelernt, gewann ihn lieb und schlug ihm vor, als er den Zustand erfuhr, darin mein Freund war, ihn mit sich zu nehmen, um ihn zum Übersetzen und zu andern Fabrikgeschäften dieser Art zu brauchen. Reyerberg wollte mir das Opfer machen, da er sich von mir trennen sollte, lieber meine Armuth mit mir zu theilen, als diesen Antrag anzunehmen. Allein ich bestand darauf, daß er mit fortreisen sollte, welches ich dann endlich mit Mühe von ihm erlangte, unter der Bedingung, daß, sobald er an Ort und Stelle seyn, er sich bemühn würde, auch mir eine Aussicht zu eröffnen. Den kleinen Rest dessen, was wir aus unsern Ringen und dergleichen gelöst hatten, behielt ich, behalf mich, so sehr es angehn wollte, und war in wenig Tagen im Stande, wieder auszugehn. Der Gedanke, in einem so fruchtbaren Felde, wie die teutsche Literatur ist, mein Glück zu machen (wäre es auch nur als Handlanger), fing an, mir zu gefallen, und da ich nicht daran verzweifelte, auch hier in Leipzig einen Buchhändler zu finden, der meine geringen Talente in Cours bringen könnte, trug ich mich Einigen an und fand endlich einen Mann, der grade eines Correctors bedurfte. Wir schlossen einen Contract zusammen, und wenngleich die Einnahme, welche mir dies neue Handwerk verschaffte, nicht groß war, so reichte sie doch hin, ein Dachstübchen, ein leichtes Mittagsmahl und ein braunes Röckchen zu bezahlen. Nach und nach, als ich bekannter mit meinem Patron wurde, bekam ich auch etwas einträglichere Arbeiten. Ich mußte Vorreden machen, Pläne zu Vignetten erfinden und in Büchern, welche nachgedruckt oder neu aufgelegt werden sollten, sehr unnöthige Verbesserungen machen, damit man davorsetzen konnte: »Neue und verbesserte Auflage«. Zuletzt wurde ich sogar durch seine Vorsprache ein Critiker und Mitarbeiter an einer schlechten periodischen Schrift. Da schickten mir nun die Buchhändler die Werke zu, welche in ihrem Verlage herauskamen, legten gewöhnlich einen Gulden und ein freyes Exemplar bey und schrieben mir vor, wie und was ich loben, tadeln, verdächtig machen sollte. Zuweilen mußte ich es dahin zu bringen suchen, daß ein Buch in irgendeiner Gegend verbothen wurde, damit es im Preise steigen möchte. Bey dieser Gelegenheit las ich dann viel und wurde recht eingeweyhet in die neueste Literatur. Wenn meinem Schutzherrn Manuscripte geschickt wurden, so mußte ich erst beurtheilen, ob sie des Drucks würdig waren oder nicht – Aber wohl zu verstehn! nicht nach ihrem innern Werthe, sondern nach dem Gepräge, das ihnen die Mode gab. Ernsthafte, der Welt nützliche Werke, die den Verfasser Aufwand von Genie, Studium, Fleiß, manche Nachtwache gekostet hatten und die das Resultat tiefer Nachforschungen, beschwerlicher, kostbarer Reisen und langjähriger Anstrengung waren, wurden schlecht bezahlt oder die armen Schriftsteller wohl gar mit dem Bescheide abgefertigt: »Dieser Artikel geht nicht.« Aber kleine Romane, wie die Geschichte Peter Clausens, Jeremias Bocksprünge, Bücher über den Zweck der Freymaurerey, rosencreuzerische Schriften, Punctierbücher, über alte und neue Mysterien, Vademecums, Blumenlesen und dergleichen – das waren Bücher, die wir gut bezahlten. Bogenweise geschrieben und in die Druckerey geliefert, fand sich oft der erste Theil schon vergriffen, ehe der Plan zu dem zweyten zusammengelogen war –ja! sie wurden ohne Plan geschrieben, und indes der erste Bogen aushing, hing der zweyte noch nicht in des Verfassers Kopfe. Wenn wir uns aber auch noch so viel von einem Buche zu versprechen hatten, so durfte doch das der Verfasser nicht gewahr werden. Wir zuckten die Achseln, klagten, das Papier sey theuer, der Druckerlohn kostbar, der guten Werke dieser Gattung zu viel – Kurz! wir machten uns die besten Talente zinsbar und lebten von dem sauern Verdienste Andrer, die indes bey aller Anstrengung ihrer Kräfte kaum das Brot hatten und zuletzt, wenn sie merkten, wie wir mit ihnen umgingen, auch aus Verzweiflung, um nicht zu verhungern, zu etwas Besserm geboren, handwerksmäßig arbeiteten. Auf diese Art töteten wir manches große Genie und hemmten jeden Fortschritt in großen nützlichen Kenntnissen, weil wir den schätzbarsten Fleiß niederschlugen und nur den Pfuscher belohnten, der nach unsern eigennützigen Absichten arbeitete. Wollte ein Schriftsteller sich dieser Tyranney entziehn und auf seine Kosten ein Buch herausgeben, so verschworen sich alle Buchhändler, Freunde und Feinde, gegen ihn, das Werk nicht zu debitieren, und hätte er fünfzig Procent schwinden lassen. Übrigens, da wir einmal im Besitze waren, den Ton anzugeben, mußten uns alle kleinere Buchhändler huldigen. Da mochte einer von ihnen das herrlichste Werk verlegt haben, wenn nicht wir uns Seiner annahmen, insofern er uns diese Protection bezahlte, so blieb sein Buch Maculatur in alle Ewigkeit, es müßte denn unerwartet so viel Aufsehen gemacht haben, daß wir es nachdrucken und wohlfeiler wie der rechtmäßige Besitzer verkaufen konnten. Reyerberg hatte inzwischen oft geschrieben. Er war in einer ähnlichen Lage, und wir dachten nur daran, wie wir den Zeitpunct treffen wollten, wiederum an Einem Orte zusammenzuleben, welches aber itzt schwerer wie jemals war, da der Brotneid uns vielleicht, wie es unter Menschen und vorzüglich in der gelehrten Welt gewöhnlich ist, leicht würde getrennt haben, wenn wir auf demselben Schauplatze gestanden wären. Elftes Capitel Peter wird Schriftsteller. Des Menschen Ehrgeiz begnügt sich nicht mit kleinen Befriedigungen. Als ich daher eine Zeitlang Corrector gewesen war, fing diese subalterne Rolle an, mir zu mißfallen. Ich hatte einen so hohen Begriff von meinen Talenten und glaubte, so gut das Bedürfnis des Publicums zu kennen, daß mich nichts abhalten konnte, selbst ein Schriftsteller zu werden. In Gedanken sah ich schon die Unsterblichkeit einen Kranz um meine Schläfe winden, im Geiste zählte ich schon die Louisd'ors, welche wie Hagel in meinen Beutel regnen sollten. Also schritt ich zum Werke. Da das nonum prematur in annum jetzt gar nicht mehr Mode ist, war zwischen meinem Entschlüsse, ein Autor zu werden, und der Herausgabe meines ersten Werks kaum ein Zwischenraum von vier Wochen – Und nun erschien dies erhabene Werk. Es war ein Trauerspiel in sieben Aufzügen, ganz nach teutsch-englischem Geschmacke gearbeitet, ließ aber, meiner geringen Meinung nach, alle ähnlichen Stücke dieser Art weit hinter sich – Nichts wie Handlung, ja! gewaltsame Handlung, unerhörte Verwicklung, erschütternde Scenen – Die Haare standen mir schon zu Berge, als ich es abschrieb. Dies Trauerspiel umfaßte einen Zeitraum von etwa fünfundneunzig Jahren. Der erste Aufzug handelte von Dingen, die in Quedlinburg vorgingen. Im zweyten wußte ich meine Zuschauer nach London zu versetzen, und am Ende starb die ganze Gesellschaft auf der Küste von Grönland. Da sah man einmal allerley Charactere, ey! und wahrhaftig Charactere, wie man sie in dieser Lumpenwelt nie antrifft. Der Held meines Stücks war, sobald er reden konnte, schon ein so eingefleischter Teufel, daß die ersten Worte, welche er stammelte, Gotteslästerungen waren, und im sechsten Jahre seines Lebens erfand er das Mittel, durch gestoßenes Glas seine Mutter zu vergiften. Menschen aus allen Ständen sprachen da durcheinander, jeder auf seine Weise. Waren es Bauern, so traten sie nie ab, ohne sich entweder derbe geprügelt oder doch entsetzlich geschimpft und zu Gaste gebethen zu haben, und kein Fürst durfte auftreten, ohne von mir wie ein wollüstiger Wüthrich abgemalt zu werden. Kurz! was man im gemeinen Leben nur einzeln antrifft, das sah man hier wie entscheidend allgemein dargestellt. Dabey sprachen meine Leute Alle eine Sprache, die, wenn sie nicht eigentlich teutsch, doch ganz besonders naiv war, wie etwa die Mundart ist, welche die Kindermägde mit den kleinen Kindern reden: »'s is doch warlich 'n lieber Junge! Nit wahr? Hast 'n ja auch gsehn« u. s. f. Viel witzige Einfälle und Wortspiele, trotz den Zeiten Jacob des Ersten in England, kamen auch vor und kühne poetische Bilder, als: »der Gedanke an einen Hauch, der Schatten eines Spinnengewebes« und mehr dergleichen. Im dritten Aufzuge ließ ich den Satan mit zweyundsiebenzig seiner Cameraden und Hofleute erscheinen und vor aller Leute Augen einen Pfaffen lebendig zerreißen, dessen Geist aber im vierten Aufzuge wieder auftrat, so daß das ganze Parterre bey diesem Anblicke mit den Zähnen klapperte. In dem zweyten Act hatte dieser Pfaffe auf dem Theater ein unschuldiges Mädchen mit Gewalt entehrt, wobey immer die Musik ging, welche ich selbst componiert hatte. Siebenundzwanzig Personen kamen überhaupt in diesem Stücke ums Leben, wovon Viele verhungerten, den Hals brachen, zerfleischt wurden (Alles abwechselnd und höchst interessant), Einer aber über eine halbe Stunde im Todeskampfe lag – Allein Dieser war auch ein erzböser Kerl gewesen und hatte im ersten Aufzuge, öffentlich vor den Zuschauern, seine Eltern und einen alten Großvater aufgefressen. Es gehörten wenigstens fünf Stunden Zeit dazu, um dies Stück mit allen Aufzügen, Seeschlachten, Verheerungen von Städten und solchen großen Maschinerien, welche darin vorkamen, aufzuführen. Wenn ich nun wirklich eine Menge Ungeheuer hier zur Schau ausgestellt hatte, so war doch dafür gesorgt, daß ich auch dem elendesten Bösewichte, welcher Gott, der Natur und den Gesetzen trotzte, Eine so glänzende Seite gegeben hatte, daß junge Leute fast hätten versucht werden mögen, ihm zu folgen, und die guten Menschen meines Stücks wurden so sehr das Opfer ihrer edlen Denkungsart, daß man sie nur bedauern konnte – Das ist Natur! aber so etwas verliert bey der Erzählung; man muß es gesehn haben. Auch machte es in der Aufführung ungeheuren Effect. Sobald dies große Werk fertig war, lief ich damit zu dem Buchhändler. Mein Name war zu bekannt, mein Ruf zu festgesetzt, als daß ein Trauerspiel, wovon ich mich als Verfasser angab, nicht hätte sollen gut bezahlt werden. Ich bekam acht Louisd'or dafür, und bald nachher wurde es auf einem Nationaltheater aufgeführt. Es ist wahr, der Neid einiger gemeiner Schriftsteller wußte es durch Cabalen dahin zu bringen, daß bey der zweyten Vorstellung gewaltig gepfiffen wurde, und einige, nicht boshafte, aber schwache Menschen hatten so wenig Sinn für das Erhabne in diesem Trauerspiele, daß sie glaubten, das Ganze sey nur eine Parodie und aus Satyre gegen die unbändigen Nachahmer des englischen Geschmacks also verfertigt. Dennoch fühlten die edlern Jünglinge, voll Kraft und Drang, den Werth davon und gaben mir Muth, da ich in diesem Fache so viel Ehre eingeerntet hatte, mich auch in den andern Zweigen der Literatur sehn zu lassen. Um indessen ein wenig auszuruhn, gab ich allerley kleine Schriften heraus. Niedliche, süße Gedichte, auf ein Blümchen, an den Mond, an eine Silberquelle, und solche Sächelchen, die überaus empfindsam machten und manchem holden Mädchen Thränen ablockten, so wenig ich auch dabey gefühlt hatte, als ich sie schrieb. Die Sylbenmaße erfand ich zum Theil selbst, und wo ein langer Fuß mir Zwang verursacht haben würde, da nahm ich statt dessen ein halbes Dutzend kurze. Niemand wagte es, dies für eine unpoetische Freyheit zu halten, und da die Kenntnis der griechischen und lateinischen Literatur und der Geschmack an Regeln und Wohlklang immer seltener werden, so dachte man, ich hätte irgendein Sylbenmaß aus einem alten Dichter entlehnt. Man schämte sich, zu bekennen, daß meine Verse Gefühl und Ohren beleidigten, und man setzte sogar Musik dazu. Ich bearbeitete auch mythologische Gegenstände, beschrieb, ungeachtet ich selbst nur schlechte Kost aus der Garküche aß (Leipzig ist ein theures Pflaster), die Mahlzeiten der Götter, als wenn ich wöchentlich zweymal bey ihnen speiste, und wußte durch die Erzählung von genossenen Paradiesvögeln mit Nectarsaucen manchem hungrigen Schlucker das Maul wäßrig zu machen. Kurz nachher gab ich ein altes Manuscript heraus, welches ich in der Vorrede für ein schätzbares Überbleibsel von der kraftvollen Poesie der alten teutschen Dichter des mittlern Jahrhunderts gelten ließ, obgleich es nichts mehr und nichts weniger war als ein verworfnes Buch, das ich bey einem Verwalter auf dem Lande erhascht hatte und die Jugendversuche eines Großvaters enthielt, welcher Schulmeister gewesen war, diese jämmerlichen Verse aber zu Papier gebracht hatte, als er noch in Secunda ging, von da sie dann in die Spinnstuben gekommen waren. Hierauf kam die Reyhe an Idyllen. Ich ließ Schäfer reden, wie kein Schäfer je geredet hat, und wußte den Leuten eine so idealische Welt vorzumalen, daß ihnen die gegenwärtige unerträglich und sie wiederum der Welt unnütz wurden. Die Ware ging aber schlecht ab. Sie wurde nebst dem Briefwechsel zwischen Gleim und Jacobi kurz nach der Herausgabe um den halben Preis ausgebothen; ich warf mich also in ein anders Fach und schrieb Satyren. Zuerst allgemeine, über den Verfall der Sitten und des Geschmacks, welches eigentlich darauf zielen sollte, daß man meine Schriften nicht nach Würden schätzte. Ich fand alle neuern Werke (die meinigen ausgenommen) kalt und wäßrig und schrieb einen Tractat: »Über Verkältung der Seele, und die daher rührende Seelenkolik –«. Aber niemand wollte dies Büchelchen kaufen. Deswegen fing ich an, gegen die Fürsten Teutschlands zu Felde zu ziehn. Da diese aber mit der Muttersprache nicht recht fertig werden konnten, lasen sie mein Buch nicht, und mein Zweck, sie zu verbessern, scheiterte. Dieser letzte unglückliche Versuch schwächte ein wenig meinen Credit, und ich konnte beynahe keinen Verleger mehr finden, als auf einmal mein Kopf mir ein neues Hilfsmittel angab. Ich schrieb nämlich über die Freymaurerey. Meine Leser werden vielleicht hier fragen, warum ich denn, bey Erzählung meiner Begebenheiten, von meiner Aufnahme in diesen Orden Nachricht zu geben vergessen hätte? Nein, meine Herrn! vergessen habe ich das nicht; ich hätte Ihnen aber eine Lüge erzählen müssen, wenn ich mich für einen Freymaurer ausgegeben hätte. Ich bin nie dazu aufgenommen, aber deswegen läßt sich doch schon allerley darüber sagen, besonders wenn man in einer so guten Mysterienschule gewesen ist wie ich bey dem Herrn Noldmann in Regensburg. Der größte Theil der Bücher, die über den Orden erscheinen, hat Leute zu Verfassern, die mit eben demselben Rechte eine Beschreibung von dem Hofe des Kaisers von Marocco liefern könnten. Ich muß immer lächeln, wenn ich sehe, daß sogenannte Profane dumm genug sind, Bücher über die Freymaurerey zu lesen. Denn, sehen Sie nur! Der, welcher wirklich etwas von einem Geheimnisse weiß, darf ja nicht reden, und wenn er redet, so sagt er gewiß nur ein Märchen, das er hinwirft, um des Publicums Aufmerksamkeit von dem wahren Gesichtspuncte ab auf Irrwege zu leiten. Wer aber nichts weiß, von dem kann man nichts lernen. Wenn ein Solcher also schreibt, so geschieht es, weil er Geld nöthig hat – Und das war auch mein Fall. Ich schrieb ein großes Buch, mit einem Aufmerksamkeit erregenden Titel und allerley Kupferstichen. Darin entwickelte ich die ganze Geschichte, den Zweck und die Bedeutung der Hieroglyphen des Ordens. Ich bewies, daß die wahren Obern eigentlich im Oriente wohnten, und nannte Einen von ihnen, mit dem ich im Briefwechsel zu stehn vorgab. Er hieß mit dem Ordensnamen Abracadremis. Seinen wahren weltlichen Namen aber erfuhr man erst (meiner Aussage nach), wenn er tot wäre. Den Ursprung des äußern Ordens setzte ich unter die Regierung Seiner Majestät des Königs Nimrod und producierte ein von ihm der Loge in Babylon ertheiltes Privilegium. Was den Zweck betraf, so begnügte ich mich zu erzählen, was er nicht sey, und überließ den Lesern, wenn sie sich durch mein mystisches Gewäsche hindurchgearbeitet hätten, wieder bey der Frage anzufangen: welches nun eigentlich der Zweck des Ordens seyn möchte. Dabey verketzerte ich alle übrigen bekannten Secten der Freymaurer und hatte die Frechheit, von einem Manne, der kürzlich aus gewissen Gründen etwas über diesen Gegenstand geschrieben hatte, gradehin zu behaupten, er sey gar nicht Freymaurer. Sodann zeigte ich den Zusammenhang zwischen den alten und neuen Mysterien und bewies durch Kupferstiche, daß man schon lange vor Christi Geburth Triangel mit drey Ecken gezeichnet, und nachdem ich dargethan, daß die alten philosophischen Schulen ähnliche Hieroglyphen gehabt hätten, zog ich daraus die Folgerung – nicht, daß von den Freymaurern daher die verschiednen Bilder entlehnt, sondern, im Gegentheil, daß jene Philosophen Freymaurer gewesen wären – Mit Einem Worte! es war ein herrliches Buch voll Weisheit, welches ich schrieb. In dem Anhange lieferte ich ein Recept, wie man aus Menschenblut, Brotrinden und Weintrauben Gold machen könne.   Kaum war mein Werkchen erschienen, von dem Verleger gut bezahlt und von dem Publico brav gekauft, als von allen Ecken her Freymaurer zu mir kamen, um sich nähere Erläuterungen über meine versteckten Winke auszubitten. Aber wer da geheimnisvoll that, das war ich. Vielleicht hätte ich indessen Vortheil davon ziehen können und mich zum Haupt einer neuen Secte aufwerfen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, meine Geschichte mit dem Apotheker möchte bey genauerer Nachforschung ruchbar werden. Also gab ich dies Fach ganz auf. Unterdessen bat mich ein Buchhändler aus Halle, etwas zu schreiben, das confisciert werden könnte. Desfalls gab ich Scenen aus Davids Geschichte, theatralisch verarbeitet, heraus – Allein zu meinem Unglücke machten diese Blätter gar kein Aufsehn, worauf ich dann Zweifel gegen die Echtheit der Evangelisten drucken ließ. Dies veranlaßte einen gewaltigen Streit unter einem paar Predigern, wovon der Eine dem Andern vorwarf, er habe durch seine heterodoxen Predigten Gelegenheit zu meinen gefährlichen Sätzen gegeben (obgleich ich nie in seine Kirche ging). Während nun diese beyden ehrwürdigen Männer sich vor der Welt schimpften und preisgaben, wurde mein Buch, als der Stein des Anstoßes, fleißig mitgekauft. Bald nachher fing ich an, Schriften über die Reformation der Mönchsorden herauszugeben. Ich suchte darin zu beweisen, daß die Domstifter eigentlich das wären, mit deren Einziehung man den Anfang machen müßte. »Ein armer unschädlicher Mönch«, sagte ich, »lebt still, niemand zur Last, von so wenig Gelde, da indes ein Domherr, in Wollüsten ersäuft, jährlich so viel verpraßt, wie vielleicht der Unterhalt eines ganzen Klosters beträgt. Sagt man, daß die große Anzahl der Mönche dem Staate nicht nützt, so antworte ich: wenn man das Heer von Advocaten, Räthen, Hofleuten, Officieren u. s. f. ausmustern wollte, wie viel würden übrigbleiben, die dem gemeinen Wesen wahrhaftig Vortheil bringen? Das gebe ich gern zu«, fuhr ich fort, »daß unerhörte Mißbräuche bey der Verfassung der Klöster eingeschlichen sind. Aber muß man desfalls das Ganze zerstören? Wie herrlich, wenn die Klöster Zufluchtsörter wären, in welchen der Mann, der den Frühling und Sommer seiner Jahre dem Staate treu und nützlich gewidmet hätte, am Ende seiner Laufbahn ausruhn könnte von seiner Arbeit, sich den Wissenschaften widmen, die Resultate seiner Erfahrungen sammeln, der Welt mittheilen, die Jugend bilden, ohne Nahrungssorgen heiter und friedvoll leben und sterben, Trost und Rath um sich her verbreiten« – Ich sagte viel schöne Sachen über diesen Gegenstand sowie über die gewissenhafte gemeinnützige Verwendung des jetzt eingezogenen Privateigenthums der Klostergüter. Fast glaube ich, dies war das beste meiner Werke, und doch, weiß der Himmel warum! fand es sehr wenig Beyfall. Noch ein Versuch dieser Art lief ebenso unglücklich ab. Es wurde nämlich aus einem benachbarten Lande von dem Fürsten ein Preis Demjenigen ausgesetzt, welcher die beste Schrift über die Frage einliefern würde: »Wie man es anzufangen habe, der einreißenden Betteley Einhalt zu thun?« Da machte ich mich nun an das Werk; schrieb und that Vorschläge. Ich behauptete: Betteley käme von Müßiggang und Luxus, und Müßiggang und Luxus müßten nicht theoretisch, sondern practisch bekämpft werden. Was hülfe alles Raisonnieren darüber? Am Hofe, von woher die Corruption sich in das Land ausbreitete, müsse der Fürst ein Beyspiel von Thätigkeit und Mäßigkeit geben, nicht, umringt von leeren, schalen Köpfen, beschäftigt mit unnützen Kleinigkeiten, sorglos sich in Üppigkeit und Faulheit herumwälzen, nicht den Erwerb einer ganzen Familie, wie ein unwürdiger Prasser, mit Einem Bissen verschlucken. Er müsse Gelegenheit geben, daß jeder fleißige Mann in seinem Lande Brot und Freyheit finden könne, und wenn er durch sein eigenes Beyspiel den Müßiggang in Verachtung brächte, folglich Wirksamkeit und Fleiß hier in allen Ständen zu Hause wären, so würden auch nicht so viel ausländische Faulenzer in das Land ziehen, noch ihren Unterhalt in einer Provinz suchen, wo die Zucht- und Arbeitshäuser den gemeinen Pöbel und die allgemeine Verachtung den vornehmen Müßiggänger abschrecken würden, dem Staate zur Last zu fallen. Sie können Sichs leicht einbilden, meine Herrn und Damen! daß ich mit dieser Schrift den gehofften Preis nicht erlangte. Aber was ärger wie das war, mein schriftstellerischer Ruf sank immer tiefer. Wenn ich mich nur von weitem her in den Straßen, wo Buchhändler wohnten, blicken ließ, sahen sie mir, wenn sie eben vor der Thür standen, schon nach den Taschen, ob ich etwa einige fünfzig Bogen Manuscript bey mir haben möchte; und wenn ich dann in den Laden trat, lächelten sie mir spöttisch mitleidig entgegen, winkten sich untereinander, deuteten auf mich, wiesen mich an einen andern Glaubensgenossen, weil sie eben mit Arbeit überladen wären, und ich fing an, vorauszusehn, daß in Leipzig nichts mehr für mich zu thun seyn würde. Um jedoch mit meinem Pfunde unter der Hand noch zu wuchern, schrieb ich kleine elende Romane, die ein Chorschüler, gegen eine Erkenntlichkeit, für seine Arbeit verkaufen mußte. Da bekam ich für den Bogen zwey Gulden, wenn es auch noch so elendes Zeug war, und da ich täglich wenigstens anderthalb Bogen von dergleichen Ware schreiben konnte, lebte ich doch ganz gut dabey. Ich verstellte dann meinen Styl und mußte mich oft selbst wundern, wie es möglich war, daß solches Gewäsche gekauft werden konnte. Zum Beweise schreibe ich nur den Anfang eines Romans ab, den ich in vier Bänden herausgab und welchem ich den Titel gegeben hatte: »Anne Marie, oder Beyträge zur Aufklärung der Liebe, in einer rührenden Geschichte.« Hören Sie nur! »Ein unverheyratheter Cavalier von Meriten ging einstmals mit einer scharmanten Frauensperson, gleichfalls von guter Familie, in einem anmuthigen Garten promenieren. Die liebe Morgenröthe war, wie die heidnischen Poeten fälschlicherweise vorgeben, schon zu ihrem alten Gemahl in das Ehebett zurückgekehrt, und die wohlbeschnittenen Hecken und Taxuspyramiden, zwischen denen dies adelige Paar spazierenging, warfen längere Schatten auf die Erde, als der Cavalier folgendergestalt seine Anrede an die Dame begann, indem er sprach: Meine schöne gnädige Frölen! Es kann Ihnen nicht verborgen geblieben seyn, von welchen Sentiments mein Herz seit langer Zeit für Sie erfüllt ist und wie gleichsam das Licht Ihrer hellen Augen mein Herz in Feuer und Flamme gesetzt hat. Der Cavalier wollte noch fortfahren, diese seine verliebte Anrede zu prosequieren, als plötzlich sich in dem nahegelegnen Orangeriehause ein gräßliches Geheule hören ließ. Der Cavalier und die Dame erschraken heftiglich und kamen, wie der Franzose zu sagen pflegt, ganz außer sich. Aber wie groß war ihre Verwunderung, als auf einmal ein junger Officier von guter Leibesgestalt mit bloßem Säbel aus dem Hause hervorsprang!« – Doch genug zur Probe! Alle diese Erbärmlichkeiten wurden indessen, zugleich mit Emilie Sommer, Carl von Hellberg, Ludwig Freudenthal und andern Meisterstücken dieser Art, frisch weggelesen, und ich trank wahrlich kein Wasser dabey. Wie sich aber auch das größte Genie am Ende erschöpft, so wußte ich zuletzt, so wahr ich lebe! nichts Neues mehr zu Papier zu bringen, welche Armuth mich dann zu der Verzweiflung brachte, nunmehro meine opera omnia herauszugeben. Allein in Leipzig war dazu keine Hoffnung. Weil ich mich indessen vortrefflich bey Cassa befand, entschloß ich mich, nach Hamburg zu reisen, um dort mit einem Buchhändler einen leidlichen Accord zu treffen – »So lebe dann wohl, undankbares Leipzig! unbequemer Musensitz! stiefmütterliches Dichterland! – Am Ufer der Elbe gibt es auch noch Menschen, die Talente und Verdienste zu schätzen wissen. Ich eile weg von Dir.« So sprach ich und reiste ab. Zwölftes Capitel Wie es Petern unterwegens bis Hamburg geht, und welche alten Bekannten er antrifft. So wenig ich jetzt eigentlich von Mangel gedrückt wurde, so hatte ich doch aus Erfahrung gelernt, auch in guten Tagen sparsam mit meinem Gelde Rath zu halten; also fuhr ich sehr bescheiden mit dem gewöhnlichen Postwagen. Es war eine ganz angenehme Reise. Ich lernte allerley Menschen kennen und blieb hin und wieder in einer Stadt von einem Posttage zum andern liegen, um das Merkwürdigste in Augenschein zu nehmen. Als ich nun aus eben dieser Absicht mich ein paar Tage in Gotha verweilte und daselbst im Mohren in der Vorstadt an der Wirthstafel speiste, trat ein Mann mit einer Violine, begleitet von einem alten Weibe mit der Zither, in den Saal. Sie sangen herzbrechende Lieder, und zu den Ritornellos wußte der Violinist mit dem Munde die Waldhornstimme nachzuahmen, so natürlich und noch natürlicher wie der Ritter Esser. Ich sah diese Leute mit einiger Aufmerksamkeit an; sie betrachteten mich wiederum nicht ohne dunkle Ahnung – Wir meinten, wir müßten einander irgendwo gesehn haben, und wir irrten nicht. Aber kaum hatte ich sie recht erkannt, als ich mich wohl hütete, mich näher zu entdecken. Wer, glauben Sie nun, meine Herrn! wer dies Pärchen war? Niemand anders wie der Herr Chirurgus Haber mit meiner ehemals vielgeliebten Jungfer Nagelborn. Ich kann nicht sagen, daß sich diese würdigen Leute im geringsten verändert hätten, außer daß beyde etwas kupfrig aussahen, welches vielleicht daher rühren mochte, daß sie zuweilen ein Gläschen doppelten Kümmel mehr nahmen, wie andere Leute, die keine Musici sind, zu thun pflegen. Cantores amant humores , sagt, glaube ich, irgendein Kirchenvater, und das ist sehr richtig und wohl gesagt. Was mich betrifft, so hatte ich mich in zwanzig Jahren freylich so umgebildet, daß, sobald ich meine ihnen anfangs auffallend gewesene Aufmerksamkeit von ihnen ablenkte, sie weiter nicht daran dachten, daß ihr ehemaliger Mitgenosse itzt so nahe bey ihnen sitzen könnte, und, wie gesagt, ich fühlte keinen Beruf, mich ihnen zu erkennen zu geben. Weil ich jedoch neugierig war, etwas von ihrer Geschichte zu erfahren, so stimmte ich einen unter den Gästen, ihnen diese Erzählung abzufragen: »Es möchte doch interessant seyn«, fügte ich hinzu, »zu erfahren, auf welche Art dergleichen Leute an ein so elendes Handwerk geriethen.« Dieser Wunsch wurde erfüllt, und Herr Haber fing an, Folgendes zu erzählen: »Ich war Gerichtschirurgus bey einer adeligen Dame im Hannoverschen, und diese meine Ehefrau, sozusagen, war Kammerjungfer bey derselben. Wir liebten beyde sehr die Musik und vergnügten uns zuweilen damit, kleine Concerte, sozusagen, zu halten, in denen auch ein junger Pursche, ein böser Junge, ich versichre Sie, dem ich aus bloßer Güte einige Information auf der Violine gab, mitzuspielen pflegte. Dieser Knabe war aber ein verteufelt liederlicher Vogel, sozusagen, und wurde von unsrer gnädigen Frau fortgejagt, worauf er in *** Dienste trat und, dem Verlauten nach, desertiert seyn soll. Inzwischen hatte diese meine jetzige Ehefrau bey solcher Gelegenheit so viel Geschmack an unsern Concerten gefunden, daß sie mich bat, ihr auch einigen Unterricht sowohl in Vocal- als Instrumentalmusik zu geben. Ich fand mich ziemlich bereit dazu, aber, wie es zu gehn pflegt, Hercules, oder wie der heidnische Liebesgott heißt, spielte uns einen Streich. Ihro Gnaden wollen erlauben, man hat denn auch Fleisch und Blut – – Kurz! meine dermalige Eheliebste befand sich bald in gesegneten Umständen. Das Ding schien gefährlich, obgleich naturalia non sunt turpis – Die gnädige Frau war, ich kanns wohl sagen, ein bißchen zu punctillös in dergleichen Affairen. Zwar hatte man, mit allem Respect gegen hohe Standespersonen zu erwähnen, den Herrn Vetter, in *** Diensten, einmal mit der Dame so allein angetroffen – – Meine Frau kam unerwartet ins Zimmer. Nun! ich schließe gern meinen Mund – exempel sunt odiosel – Aber was wollte ich doch sagen? Die gnädige Frau nahm die Sache zu hoch. Sie merkte es bald, als meine Eheliebste sozusagen schwanger war – Wie es dann geht, die Domestiken schweigen nicht – Gleich hieß es: marsch! zum Hause hinaus! und damit, was war nun zu thun? Sie nahm aber einen tüchtigen Heller Geld mit – In allen Ehren, versteht sich – Nun lebten wir dann so im Dorfe, und ich trieb meine Kunst fort, aber die Frau von Lathausen that uns allen Dampf an. Sie brachte von uns aus, wir wären beyde versoffene Leute und ich verstünde nichts von der Chirurgie. Denken Ihro Gnaden an, welche Bosheit! Nun! wir sind Alle Menschen. Man trinkt, wenn man Durst hat, sozusagen, und was die Kunst betrifft, so pflegt man zu reden: ars longus, vita breva . Es war am Ende nicht mehr auszuhalten. Wir kamen sehr zurück und mußten endlich fort. Da kam ich dann auf den Einfall, also auf Reisen, sozusagen, zu gehn. Unterdessen ist der gnädigen Frau ihr Recht geschehn, Gott behüte! Sie ist elendiglich gestorben; die Leute sprechen von Krämpfen, aber wer weiß, was das für Krämpfe gewesen sind! Wir ziehen dann so herum, und ich kann Ihro Gnaden versichern, in Hessen, da haben wir was Rechtliches verdient. Viel Geld haben die Leute da nicht, aber dagegen verstehen sie auch nichts von Musik, und wir, obgleich wir nicht so ganz vortrefflich spielen wie des Grafen von Werthheim seine Musicanten (ich bin daher gebürtig), fanden doch aller Orten applausum . Hier in Sachsen will es nicht recht gehn. Der Henker weiß, die Leute haben Ohren, wie Postpapier so fein. Aber was wollte ich doch sagen?« »Laß Er es nur gut seyn, theurer Herr Haber!« fiel ich ihm hier ins Wort, »laß Er es gut seyn! Er spielt gut, recht gut, und erzählt noch besser. Aber wir wollen doch den Rest Seiner Geschichte lieber auf ein andermal versparen.« Wir gaben also dem holden Paare etwas Geld, und ich war froh, unerkannt loszukommen. In Kassel logierte ich im Posthause am Königsplatze. In dem Zimmer neben mir an war ein alter fremder Geheimerrath abgetreten. Die Stadt gefiel mir so gut, daß ich acht Tage dort blieb. Wenn ich nun des Abends zu Hause kam, so hörte ich meinen Nachbar immer sehr laut, und das zuweilen bis Mitternacht, reden, ohne daß ich gewahr wurde, daß ihm jemand geantwortet hätte. Da mir dies ein sonderbarer Umstand schien, erkundigte ich mich eines Tages bey Tisch nach den genauern Umständen dieses Geheimenraths und erfuhr dann durch einen Hofjunker, der eben auch an der Wirthstafel speisete, Folgendes: »Der Herr von Erbschall ist ein herzlich guter Mann, hat aber die Schwachheit, immer allein reden zu wollen. Er hat eine kleine Anzahl Histörchen im Vorrathe, die er während seiner Kriegsdienstjahre gesammlet hat und welche alle sich damit anfangen: ›Als ich in Schlesien bey der Armee war, da hatte ich einen Wachtmeister, das war ein verfluchter Kerl‹ u. s. f. Dieser verfluchte Kerl, dieser Wachtmeister, hat dann so viel närrische Streiche in seinem Leben gemacht, daß man unter zwey Stunden nicht fertig wird, wenn der gute Geheimerath jemand in die Ecke klemmt, um ihn mit seinen Erzählungen in Transpiration zu setzen. Allein man kennt ihn, und wenn er bey Hof kömmt (Er ist seit drey Wochen als Fremder hier), so geht man ihm aus dem Wege oder sucht wenigstens den Rücken frey zu haben. Weil diese Zurückhaltung ihm nun einen unleidlichen Zwang auflegt, so erholt er sich des Abends, wenn er zu Hause kömmt, und fängt an, seinem Bedienten vorzuerzählen: ›Hört einmal Christian! dabey fällt mir ein, als ich noch in Schlesien bey der Armee‹ u. s. f. Der Geduldigste wird es müde, bey einem solchen Herrn Bedienter zu seyn und jeden Abend, stehendes Fußes, bis Mitternacht zu Boden erzählt zu werden. Also bleiben auch selten die Laquaien länger wie ein halbes Jahr bey ihm. Glücklicherweise aber hat er itzt einen stocktauben Menschen bekommen, der mit der größten Gleichgültigkeit jedes Histörchen anhört. Seit zwey Monaten ist er bey ihm in Diensten, und da der Geheimerath nichts weniger wie Antwort und Unterbrechung bey seinem Vortrage verlangt, so passen sich diese Leute sehr gut zusammen. Der Herr von Erbschall merkt gar nicht, daß sein Christian taub ist, und was er sonst seinem Reisecoffer erzählen müßte, erzählt er nun seinem ohrenfesten Bedienten.« – Was es für Menschen in der Welt gibt! Von Kassel aus ging ich über Braunschweig. Eine Erinnerung an die Lebensart, die ich einst in dieser Stadt geführt hatte, wie meine Leser wissen, erregte allerley Empfindungen in meiner Seele. Ich sah wieder den Gasthof zum goldenen Engel, wo wir so manche Stunde bey nicht sehr edlen Beschäftigungen hingebracht hatten. Ich sah die Rose und noch mehr Gegenstände dieser Art und bekenne es, ich war in Verlegenheit, wenn ich mich selbst fragte: »Bist Du wohl jetzt besser, obgleich Deine gegenwärtigen Umstände Dich nicht nöthigen, so niederträchtig wie damals zu handeln?« Dann wußte ich nicht recht, was ich mir antworten sollte. Man handelt, so wahr ich Peter Claus heiße! mit einem gefüllten Beutel ganz anders wie mit einem leeren und raisonniert, wenn man allein sich selber überlassen ist, ganz anders, als wenn man in einer Gesellschaft liederlicher junger Leute herumschwärmt. Nun kamen wohl eigentlich die Jahre bey mir heran, wo man nicht mehr so leichtsinnig über die Folgen seiner Handlungen hinwegzudenken pflegt. Ich glaube auch, wenn ich damals auf einmal in irgendeinen ansehnlichen Posten wäre verpflanzt worden, wo, bey gutem Gehalte, die Augen der Leute auf mich geheftet gewesen wären, so hätte ich für einen gar angesehenen, artigen, bescheidnen Mann gelten können. Aber ich war durch meine sonderbare Lage, wie es schien, zum Abentheurer bestimmt, und da hat dann das Aventurierwesen etwas so Anziehendes, daß man mit dem Strome des Zufalls fortschwimmt, ohne weiter an die künftigen Zeiten zu denken. Daher verschwanden dann auch die ernsthaften Gedanken über mein ehemals in Braunschweig geführtes Leben, über Haudritzens Schicksal, über Reyerbergs und des Mannes im grauen Rocke, des Herrn Bricks, Begebenheiten und über meine Liebesintrigue mit der würdigen Contezza di Tondini bald aus meinem Gedächtnisse. Es war übrigens sonderbar, daß Braunschweig grade der Ort seyn sollte, wo mir immer höchst unerwartete Begebenheiten aufstießen. Ich war wirklich diesmal nur auf ein paar Tage als ein Durchreisender hier, ging zuweilen durch die Gassen, besuchte die Kaffeehäuser, das Schauspiel und wollte schon eines Morgens weiterreisen, als ich des Abends vorher auf dem Burgplatze einen alten Bekannten aus Leipzig, auch von der Autorzunft, antraf. Es regnete stark. Er hatte einen seidenen Schirm, und ich trug meinen weißen Mantel. Wir schienen beyde gleich betroffen über diese unerwartete Zusammenkunft. »Nun, in aller Welt«, rief er aus, »wie treffen wir uns denn hier an?« Erläuterungen von beyden Seiten folgten hierauf, und dann war die Rede von unsern unsterblichen Schriften. Es regnete immer noch fort; aber wenn zwey Schriftsteller zusammen in ein gelehrtes Gespräch gerathen, dann mögen alle Elemente um sie her kämpfen! sie sind taub dafür. Bald hieß es: »Haben Sie mein letztes Schauspiel gelesen?« Bald: »Hören Sie einmal diese Idylle, welche ich kürzlich gemacht habe« u. s. f. In dem Feuer unsres Gesprächs hatte ich nur obenhin bemerkt, daß nicht weit von uns, an der Burgkirche her, ein Mann ungeduldig auf und ab schritt. Er war ungefähr so gekleidet wie ich, und sooft er auf seinem Wege umkehrte und uns noch da stehn sah, sooft murmelte er etwas in den Bart. Dieses erinnerte ich mich nachher erst recht genau, als die Begebenheit vorbey war. Mein Dichterling hatte indes eine so große Menge neuer Sinngedichte bey sich, die er eins nach dem andern hervorzog und unter seinem Regenschirm, bey dem Schein einer Laterne am Musthofe, las (aber er wußte seine Werke auch ziemlich aus dem Gedächtnisse herzusagen), daß der Mann, von welchem ich eben geredet habe und der vermuthlich da allein seyn wollte, endlich die Geduld verlor und fortging. Er hatte kaum den Platz verlassen, als eine ältliche Dienstmagd von der Brücke her gelaufen kam, und wie sie mich da im Mantel stehn sah, mich vermuthlich für jenen Mann halten mochte, folglich grade auf mich zuging, sobald sie aber fand, daß ich nicht allein war, etwa zehn Schritte von mir stehnblieb und ein Zeichen durch Husten und Winken gab, daß ich doch kommen möchte. Mein Schriftsteller war eben in der Mitte einer Romanze, in welcher er die Mordgeschichte von einer Frau besang, die, nachdem ihr Mann sie übel behandelt und ins Grab hinein geärgert hatte, nach dem Tode, mit den Geistern von sechs andern Weibern, Alle auf Katzenseelen reitend, zurückkam, um ihrem gewesenen Gatten die Augen auszukratzen. Es war rührend zu hören, obgleich damals schon der Regen, wie ich es fühlen konnte, bis auf mein Camisol gedrungen war. Die Dichter haben, wie bekannt, eine große Verehrung für Liebeshändel. Als daher mein Freund sah, daß ein Frauenzimmer mir zuwinkte, brach er plötzlich, mitten in der interessantesten Stelle seiner Romanze, ab, steckte sein Manuscript bey sich und sagte leise zu mir: »Ich sehe, Sie haben bestellte Arbeit – Ich will Sie nicht stören – Gutes Glück, mein Freund! Morgen, ehe Sie abfahren, besuche ich Sie auf einen Augenblick und lese Ihnen den Rest vor« – Damit eilte er fort. Ich war eben nicht böse darüber, daß, obgleich ich mir wohl bewußt war, daß das Frauenzimmer mich für einen Andern ansah, dieser Irrthum mich dennoch von dem beschwerlichen Vorleser befreyete. Allein, was noch mehr ist, ich gerieth auf den Einfall, mich für die gehabte Langeweile dadurch zu entschädigen, daß ich es versuchen wollte, dies Abentheuer weiter zu treiben. Daher verhüllte ich mein Gesicht in den Mantel und erwartete, was die Magd mir vortragen würde. Diese kam nun augenblicklich auf mich zu: »Ojemine! nehmen Sie es doch ja nicht übel, lieber Herr Löser!« sagte sie, »daß wir Sie so lange haben warten lassen! Meine Madam hat unmöglich eher abkommen können. Der Herr ist eben erst ausgegangen, wird aber auch nun vor Mitternacht nicht zu Hause kommen. Sie sind gewiß bis aufs Hemd naß. Aber es schadet nichts. Sie sollen Sich gleich ausziehn und unsres Herrn Schlafrock anthun, indes ich Ihre Kleider trocknen will.« Während sie so sprach und mich weiter nicht zu Worte kommen ließ, ging sie vor mir her, und ich folgte ihr. Wir waren einige Straßen durchgegangen, als meine Führerin bey einem hübschen Hause stehnblieb, die Thür leise öffnete, mir dann einen Wink gab, daß ich folgen sollte, und als ich dies gethan, mich linker Hand in ein Kämmerchen hinten hinaus, im Erdgeschosse, führte, worauf sie die Thür hinter mir verschloß, nachdem sie mir zugeflüstert hatte: »Ich komme gleich wieder.« Ein paar Minuten nachher erschien sie wieder und sagte: »Hier ist der Schlafrock, ein Camisol und eine Mütze! Jetzt machen Sie Sich commode! Meine Madam wird gleich kommen und Licht bringen. Ich will vor der Hausthür Achtung geben.« »Nun, das geht gut, Peter!« sagte ich zu mir selber, als ich mich wieder allein befand. »Frisch an das Werk! Du bis naß, ziehe Dich herzhaft aus! Wirf Dich in diesen Schlafrock! Wenn auch die Schöne auf einen Andern wartet, was thut es? Der Andre ist nicht da, der Mann kömmt vor Mitternacht nicht wieder, und Du bist einmal hier – Frisch daran!« Hierauf warf ich meinen Mantel ab, zog meinen nassen Rock aus und griff im Dunkeln nach dem mir bestimmten Schlafrocke. Kaum hatte ich mich in des würdigen Ehegatten Nachtgeschirr geworfen, als die Thür der Kammer sich öffnete und eine schöne junge Frau mit einem Wachslichte in der Hand hereintrat. Sie wollte mit offnen Armen mir entgegeneilen, und ich kam ihr zuvor, als, sobald sie mein Gesicht erblickte, sie einen lauten Schrey that, den Leuchter fallen ließ, wieder zur Thür hinausfliehn wollte, aber über einen Stuhl, der hinter ihr stand, stolperte und auf die Erde fiel. Zu gleicher Zeit entstand draußen ein noch größerer Lärm. »Ihr wollt mich zum Narren haben«, rief eine Mannsstimme. »Ich habe über eine Stunde lang im Platzregen bey der Burgkirche gewartet, aber da war keine Catharine zu sehn noch zu hören.« »Um des Himmels Willen«, erwiderte die Magd. »Sind Sie der böse Feind, oder sind Sie zweymal in der Welt? Dort in der Kammer ist schon ein Herr, den ich« – »Was, ein Andrer«, schrie darauf die männliche Stimme. »Warte, Du Betrügerin!« – Und damit brach er mit Gewalt in das Kämmerlein, in welchem eben die Dame sich von der Erde aufgerafft hatte – Die Magd folgte, aber wir hatten kein Licht, und niemand hatte Lust, eins zu holen. Herr Löser nicht, weil er fürchtete, sein vermeinter Nebenbuhler möchte ihm entwischen, auch hätte er nicht leicht im Hause Licht schaffen können, und wir Andern hatten gute Gründe, um diese Geschichte nicht aufgeklärt sehn zu wollen. Es gab also ein lautes Gespräch durcheinander, in welchem Jeder seine Sache auf der besten Seite vorstellte (wie in einem Final-Quartetto am Ende eines Opera Buffa -Acts), als auf einmal ein fünfter Mann mit einer Laterne dazukam, der uns Allen nichts weniger wie willkommen war, und dieser fünfte Mann war, wie ich aus der zärtlichen Anrede merkte, mit welcher er uns empfing, niemand anders wie der theure Ehegemahl und Hausherr. Vermuthlich hatte er etwas zu Hause vergessen oder vielleicht auch seine Frau überraschen wollen – Kurz! er kam unerwartet, und als er in das Haus getreten war und wahrscheinlich sich hatte von einer fremden Magd leuchten lassen (denn es stand ein solches Geschöpf vor der Thür, als ich mich nachher empfohl), war ihm der heterodoxe Lärm im Hinterstübchen so verdächtig vorgekommen, daß er im Eifer seiner Begleiterin die Laterne aus der Hand genommen hatte, womit er dann zu uns eindrang. Ich wußte nun wahrlich nicht, wie ich mich bey diesem Handel betragen sollte. Ludwig Reyerberg wäre stehngeblieben und hätte sich der armen Frau angenommen, aber Peter Claus war kein so gutherziger Narr. Ich hatte Gegenwart des Geistes genug, einzusehn, daß ich, in Betracht meines nächtlichen Anzugs, bey dieser Scene die gefährlichste Rolle spielen würde. Sobald daher die Laterne erschien, hatte ich mich weislich hinter ein Bette versteckt, das nahe bey der Thür stand, und als die beyden Herrn sich tapfer schimpften, indes Alle zugleich riefen, die Weiber aber heulten und baten, fuhr ich wie ein deus ex machina hinter dem Bette hervor, riß dem Manne die Laterne aus der Hand, und indem der gute Herr an nichts weniger dachte, als daß noch ein Kobold erscheinen würde, gerieth er in einen solchen Schrecken, daß er wie versteinert dastand und mir Zeit ließ, in seinem Schlafrocke zum Hause hinaus zu entwischen, denn glücklicherweise hatte er den Eingang nicht verschlossen. Kaum war ich auf der Gasse, so lief ich, als wenn mir der Kopf brennte, bis ich meinen Gasthof erreichte, woselbst mich der Hausknecht, nicht ohne die größte Verwunderung, in meinem sonderbaren Aufzuge ankommen sah. Ich ließ mich aber hier auf keine Erläuterungen ein, sondern schlich auf mein Zimmer, wohin ich mir ein paar Scheiben Butterbrot und eine Flasche Wein bringen ließ. Wie ich nun so allein da saß, da wußte ich wahrlich nicht recht, ob die ganze Geschichte ein Traum oder eine wahre Begebenheit gewesen. Endlich konnte ich mich nicht enthalten, recht herzlich über den ganzen Vorfall zu lachen. Ich war einer derben Prügelsuppe von zwey Seiten glücklich entwischt, und wenn der rothe wollene Schlafrock mit gelben Streifen freylich nicht so viel werth war wie Mantel und Rock, so war doch der Spaß unschätzbar; auch überließ ich mich ganz meiner lustigen Laune und sah nur die lächerliche Seite von der Sache. Sooft mir bey meinem Abendbrote der Gedanke einfiel, was nun wohl weiter aus den Leuten geworden seyn und welche Verwirrung nach meiner Entweichung möchte geherrscht haben, so oft konnte ich mich nicht enthalten, laut auszulachen. Dies war ein zu schöner Gegenstand zu einer Romanze, als daß ich nicht das ganze Histörchen hätte meinem Dichterlinge erzählen sollen, welcher des folgenden Morgens früh zu mir kam und mich mit seinen Versen bis auf den Postwagen hinauflas, worauf ich abfuhr und nach Hamburg zu eilte. Dreizehntes Capitel Wie es in Hamburg mit der Ausgabe der ›Operum omnium‹ geht. »Der Schlafrock ist doch nicht übel«, sagte ich zu mir selber und sah dabey auf die gelben Streifen hinunter, als ich des Abends in Hamburg ankam und mich auskleidete, um von den Ermüdungen der Reise auszuruhn. »Der Schlafrock ist doch wahrlich so übel nicht. Zwar ist der Stoff nicht nach der neuesten Mode, aber das Ding hält doch warm, und wenn ich auch erst werde meine opera omnia herausgegeben und des Geldes die Fülle haben, will ich doch diesen Schlafrock nicht verstoßen – Nein! ich will ihn zum Andenken an den herrlichen Spaß aufheben – Er hat auch Taschen«, sagte ich weiter und griff in eine derselben. Aber was für Augen machte ich, als – Doch ich muß erst, bevor ich diese höchst unerwartete Begebenheit erzähle, meine Leser wieder zurückführen und Sie bitten, einen Blick auf den Zustand meiner Finanzen zu werfen. Die Gewohnheit, meine unreifen literarischen Arbeiten, wie warme Semmel, frisch weg verkaufen zu können, es sey auch um einen schimpflichen Preis oder nicht, hatte mich anfangs so sicher gemacht, daß ich nicht lange im Voraus sorgte, sondern, wenn ich den letzten Conventionsthaler wechseln ließ, gewöhnlich ein Heft Papier zusammennähete und einen Roman anfing, wovon ich das Titelblatt offenließ, bis mir während des Schreibens der Gedanke einkam, wovon das Buch eigentlich handeln sollte. Doch erinnere ich mich, meinen Lesern gesagt zu haben, daß ich zuletzt sorgsamer wurde, und als ich die Reise nach Hamburg antrat, einen ziemlich bespickten Beutel mitnahm. Reisen kosten aber Geld, und die feste Zuversicht, daß meine Verdienste in Hamburg besser geschätzt und meine opera omnia reichlich bezahlt werden würden, diese Zuversicht ließ mich eben nicht an Sparsamkeit denken. Es ist wahr, die hohe Meinung von der Gerechtigkeit, welche man hier meinen Talenten erweisen würde, minderte sich sehr, als ich, den Tag nach meiner Ankunft, incognito in einen Buchladen ging und nach den Werken des berühmten Dichters Claus fragte: »Sie meynen vielleicht«, erwiderte der Buchhändler, »den guten, liebenswürdigen Claudius, oder Asmus.« »Ey was! was geht mich Der an!« rief ich ungeduldig. »Ich rede von dem großen Manne, von Peter Claus, der den Roman Anne Marie und viel andre vortreffliche Werke dieser Art geschrieben hat.« »Ha! jetzt sehe ich«, sagte der Buchhändler lächelnd. »Ich sehe, Sie scherzen über den armen Peter Claus. Nun ja, mein Herr! freylich ist das ein elender Tropf, ein jämmerlicher Schriftsteller, ein hungriger Poet, ein schiefer Kopf. Aber, denken Sie nur an! so ein armer Schlucker will doch auch leben, hat vielleicht körperliche Gebrechen, so daß er nicht Holz hacken kann, und so schreibt er dann. Am Ende ist es doch besser, schlechte Bücher zu machen, als zu stehlen. Ich habe freylich noch viel Maculatur von seiner Arbeit liegen. Allein es findet sich doch hie und da noch ein Müßiggänger, der dies Zeug kauft und liest. Jetzt lasse ich eine Menge solcher Ware an die Meistbiethenden verhandeln. Es sind auch drey Jahrgänge vom teutschen Mercur dabey. Apropos! Haben Sie die . . . sche Blumenlese gesehn? Das ist auch so ein Werkchen! Doch, lieber Gott! was kann auch von daher Gutes hervortreten? Aber freylich aus Sachsen solche Clausische Producte zu bekommen! – Das ist zu arg.«   Hier konnte ich mich nicht länger halten. Voll Unwillen über diese Lästerung nahm ich meinen Hut und Stock und ging, ohne Abschied zu nehmen, zum Hause hinaus. Was mich indessen am empfindlichsten kränkte, war, daß ich, wohin ich auch in Hamburg kam, allgemein dasselbe Urtheil über meine Schriften hören mußte, folglich bald merkte, daß auch hier wenig wahrer Geschmack herrschte, und daß alle Hoffnung, meine opera omnia herauszugeben, so gut wie verschwunden war. Freylich wußte ich dies Unglück noch nicht zum Voraus, als ich mich so herzlich meines neuen Schlafrocks freuete. Aber das Schicksal wußte es, und eben, da ich wirklich kaum noch drey Thaler in Barschaft hatte und nur auf den nahen Erwerb, den ich aus meinen Schriften ziehn würde, rechnete, führte mir die Vorsehung eine Hilfe zu – Denn, daß Sie es nur wissen, meine Herrn! als ich in die Tasche griff, fand ich einen Geldbeutel darin, den der gehörnte Ehemann in Braunschweig vermuthlich vergessen hatte, vielleicht auch eben deswegen zurückgekehrt war, um ihn wiederzuholen. – Kurz! ich fand einen Geldbeutel voll Gold und Silber – Als ich es zählte – o Du Welt! es waren vierundachtzig, schreibe 84 Reichsthaler, sieben gute Groschen, vier Pfennige darin – Wohl Dir, lieber Peter! Der Himmel verläßt die Seinen nicht. Jetzt laß die Schriftstellerey eine Zeitlang ruhn und sey lustig und guten Muths! Es lebe der Burgplatz in Braunschweig!   Als ich mich noch also der Freude über meinen gefundnen Schatz überließ, bekam ich einen Brief von meinem Freunde Reyerberg, darin er mir den Verfolg seiner Begebenheiten meldete. Er hatte in Mannheim eine Zeitlang mit der größten Geduld als Corrector und Übersetzer kümmerlich sein Brot verdient, war es aber am Ende auch müde geworden, so abhängig von Andern, nur ein Werkzeug zu Beförderung der Gewinnsucht eigennütziger Leute zu seyn. Zu stolz, um wie ein schlechter Schriftsteller das Publicum in Contribution zu setzen; zu wenig von seinem Berufe überzeugt, um mit Ehren in diese Laufbahn zu treten, faßte er endlich einen Entschluß, wozu ihm die Liebe den ersten Anschlag gegeben hatte. Er verliebte sich nämlich in eine Schauspielerin, und da er selbst eine sehr warme Einbildungskraft, Geschmack, viel Äußerliches, feines Gefühl, Lectüre, Sprachkenntnis und Wissenschaften besaß, dabey auch beynahe täglich mit den Schauspielern umging und ihm Derselben freye Lebensart gefiel, ließ er sich bey der Gesellschaft in Leipzig unter einem fremden Namen als Acteur annehmen und entschloß sich bald darauf, nebst seiner Geliebten nach Hamburg zu reisen, wohin ihn Herr Schröder berief, der ihn schon, dem Rufe nach, als einen Schauspieler voll Talente und guter Anlagen kannte. Also sollte ich dann das Vergnügen haben, meinen Jugendfreund auch hier wieder an meiner Seite zu sehn. Nun überließ ich mich ganz der Freude, ging aus einem Caffeehause in das andre, machte allerley lustige Bekanntschaften und legte es recht darauf an, mein bißchen Geld bald loszuwerden. Wenn man aber auch den Autorgeist, wie, glaube ich, Horaz sagt, mit der Ofengabel austreiben wollte, so würde er doch zu gewissen Zeiten wieder in den Menschen fahren, in welchem er einmal gewohnt hat. Es konnte also nicht fehlen, daß ich hin und wieder in Gesellschaften ein Wort von meinen Schriften hätte fallen lassen, und das machte dann, daß die feinern, einsichtsvollern Leute und Kenner der Literatur, wie ich nachher wohl merkte, aus Spott, die Schwächern aber, die jeden Menschen, dessen Gedanken irgend einmal gedruckt worden, wie ein höheres Wesen ansehen, aus wahrer Devotion, mir gewaltig viel ausgezeichnete Höflichkeit bewiesen. Ich nahm inzwischen diesen Weyhrauch, der mir gar lieblich roch, mit einer anständigen, stolzen Bescheidenheit an und spielte indessen immer den wohlhabenden, von seinen Renten lebenden Mann, als einstmals des Abends, da ich mich in meinem Gasthofe zu Tisch setzen wollte, ein Mann mit einem getigerten Rocke, geglänzten Stiefeln und großem Hute auf mich zuging, mich auf die ehrerbiethigste Weise begrüßte und ausrief: »O Gott! So bin ich doch endlich so glücklich, dem seelenvollen Schriftsteller, dem Herrn Claus, hier persönlich zu huldigen, dessen unvergeßliche Schriften mir so manche wonnevolle Stunde gemacht haben! Gesegnet sey der Tag, der mich diese Zierde unsres Vaterlandes von Angesicht zu Angesicht sehn läßt.« In diesem Tone, bey welchem ich vor Freude einen Fieberfrost bekam, fuhr er noch ein Weilchen fort und fügte dann hinzu: »Aber wollen Sie denn so in dieser großen, unausgesuchten, Ihrer so wenig würdigen Gesellschaft speisen? Ich dächte, Sie ließen Sich lieber das Essen auf Ihr Zimmer bringen, und wenn Sie, vortrefflicher Mann! mir dann erlauben wollten, Sie zu begleiten und Sie wenigstens dies einzige Stündchen zu genießen – Welches Glück für mich!« – Es war natürlich, daß ich einen so artigen Herrn, einen so feinen Kenner der Literatur, und der so herrlich räucherte, mit Vergnügen auf mein Zimmer nahm, daß ich sogleich zwey besondre Portionen Essen bestellte, daß ich dem Wirth anbefohl, das Beste herzugeben, was er im Hause hätte, daß ich französische feine Weine bestellte, daß ich – daß ich vor Freuden kaum wußte, was ich that – »Aber sollten Sie es denken«, fing ich während der Mahlzeit an, auszurufen, »sollten Sie es denken, daß es hier Leute gibt, die mich für einen platten Schriftsteller, für einen schiefen Kopf halten?« – »Schiefer Kopf?« rief hier mein Schmeichler aus. »Ha ha ha! ich muß lachen! Sie, ein schiefer Kopf! Nun wahrhaftig! das sind Kenner, die Leute! Sie ein platter Schriftsteller? ein schiefer Kopf? Wenn noch von mir die Rede wäre! – Meine kleinen Schriften« – »In aller Welt!« unterbrach ich ihn. »So sind Sie auch Schriftsteller? Verzeyhen Sie mir! ich sollte Sie darum nicht fragen. Ich sollte das schon wissen, sollte aus Ihren Reden wissen, welchen Mann ich vor mir habe. Auch war eine Ahnung dessen« – »Beunruhigen Sie Sich nicht!« sagte mein Gast. »Es hat nichts auf sich. Ich mache keinen Anspruch auf Ruhm. Ich habe nur bis jetzt noch unbedeutende Kleinigkeiten herausgegeben. Das Letzte, was ich geschrieben habe, war ein Plan zu einem protestantischen Inquisitionsgerichte. Ich habe es dem Hauptpastor Götze zugeeignet, und es ist von ihm gütig aufgenommen worden. Sonst habe ich nichts Erhebliches drucken lassen.« Ich nahm nun Gelegenheit, meinem neuen Freunde die Idee wegen Herausgabe meiner sämtlichen Werke zu eröffnen. Er that mir den Vorschlag: ich sollte ihm nur das Manuscript anvertraun; es sey meiner Würde zuwider, meine Ware selbst auszubiethen. Er habe Bekanntschaft mit Buchhändlern, die sich darum reißen würden, einen solchen Schatz zu erkaufen. Voll Freude über dies Anerbiethen lief ich in die Cammer und holte meine Schriften hervor. Es waren dreyzehn gedruckte Bände, mit Papier durchschossen, worauf meine Verbesserungen geschrieben waren. Dabey befanden sich noch außerdem vier Bände Manuscript. Das alles lieferte ich mit großem Vergnügen in die Hände meines dienstfertigen Gastes. Er zeichnete mir seinen Namen auf, nannte mir seine Wohnung, bey dem Sattler Preller, am Mönke-Damm, und eilte darauf, unter tausend Danksagungen, beladen mit allen meinen Producten, davon. Er war kaum fort, als ich meinen kleinern Geldbeutel suchte, der auf dem Tische gelegen hatte, denn ich wollte ausgehn, und es waren etwa fünfzehn Thaler darin gewesen. Aber wie erschrak ich, als dieser Geldbeutel und meine silberne Uhr, welche dabey gelegen, fort waren! Nun gingen mir die Augen auf. Ich dummer Mensch! Ja! wenn ich erst eben in die Welt geblickt hätte, dann wäre es kein Wunder gewesen; aber daß ein Mann, den man so vielfältig betrogen, der so viel Betrug gesehn und selbst betrogen hatte, daß sich Der noch durch die elende Schmeicheley eines solchen Taugenichts also bey der Nase herumführen ließ – das war nie, nie zu vergessen noch zu verzeyhn – O Peter Claus! Wo war da Deine Feinheit? – Unwürdiger Schüler des großen Haudritz, des größern Ventaulair und des noch größern Noldmanns! So mußt Du denn hier vor dem Leser in dem elendesten Lichte erscheinen! »Wenn ich nur wenigstens meine opera omnia retten könnte!« rief ich aus, als der erste Taumel vorüber war – Und dann fort zu dem Sattler Preller auf den Mönke-Damm! Aber, o ihr Elemente! und Du ganzer verdammter Haufe von heidnischen Musen und Gottheiten! Wer von Euch wird mir die Ausdrücke eingeben, um den seelenkrampfartigen Schmerz zu beschreiben, der mich durchwühlte, als ich auf dem Mönke-Damme nach dem Sattler Preller fragte und erfuhr, daß ein solcher Mann gar nicht dort lebte noch webte, auch nirgends zu erfragen wäre? – Es war alles hin – o unglückliches Schicksal! Verflucht sey dann alle Schriftstellerey! – Ich hatte kaum noch drey alte Louisd'or im Vermögen – Und meine Werke – Was sollte ich nun anfangen? Vierzehntes Capitel Beschreibung des edlen Schauspielerlebens. Es ist eine gar herrliche Sache um den lieben Leichtsinn. Was hilft es auch, sich über geschehene Dinge zu ängstigen, die nicht zu ändern sind? Die ganze Philosophie eines Aventuriers beruht auf diesem Leichtsinn, und eine bessere Philosophie läßt sich nicht denken. Sie ist practisch, beruhigend, auf Erfahrung gegründet und höchst balsamisch für den Mann, der nur Genuß des Augenblicks verlangt, von Alexander dem Großen bis auf Cartouche den Großen, für jedes Zeitalter passend. Auch kam sie mir, bey meinen jetzigen schweren Leiden, kräftig zu Hilfe. »Wie wäre es dann«, sagte ich zu mir selber, »wenn auch ich Schauspieler würde? Ich bin ein Mann von großen Talenten; ich werde mich in jedes Fach zu schicken wissen. Dazu kömmt, daß ich Violine spiele; ich könnte zugleich eine Stimme im Orchester mit übernehmen – Und welche Überraschung für den ehrlichen Freund Ludwig, wenn er mich hier schon in demselben Stande fände, den er seit kurzer Zeit ergriffen hat!« Die eiligen Entschlüsse sind mehrentheils die besten. Ich ging also, nachdem ich noch ein paar Tage um meinen Verlust getrauert hatte, zu dem Herrn Schröder und bat denselben, mir zu erlauben, als Clavigo aufzutreten. Gern bekenne ich es, es schlug meine Eitelkeit sehr nieder, als dieser Mann, von dem ich glaubte, er würde es für eine große Ehre schätzen, einen Menschen von meinen Verdiensten dem vaterländischen Theater zuzuführen, mir allerley Fragen über meine Abkunft, über mein moralisches Leben und über meine Kenntnisse aufwarf. »Traurig genug«, sagte der einsichtsvolle Mann, »daß eine Menge Directorn, theils aus eigner Unwissenheit, theils durch die geschmacklose Inconsequenz des Publicums gezwungen, so wenig Sorge für die Auswahl ihrer Mitglieder haben! Wenn jeder elende, gewinnsüchtige, ungebildete Mensch, der etwa als Bierwirth nicht zurechtkommen kann, die Freyheit hat, unter einem Haufen verlaufner Bedienten, liederlicher Studenten und verunglückter Kammermädchen sich eine Gesellschaft zu wählen, die nachher den Geschmack einer Stadt bilden, Gefühl für die Tugend erregen und den Bürgern eine sittliche, vernünftige Seelenfreude zur Erholung von ernstern, nothdürftigen Geschäften gewähren soll. Wenn jeder, der nicht lahm und bucklig ist, indes er nicht einmal seine Muttersprache reden kann, nicht fühlt, was er sagt, in keiner Wissenschaft zu Hause ist, fremd mit den Sitten der verschiednen Stände und Völker, die Werke der Ausländer nie studiert, keine Idee von Poesie und Wohlklang hat, ohne Achtsamkeit auf seinen Körper, ohne Menschenkenntnis, ohne einige Erfahrung, nie die Leidenschaften empfunden hat, die er malen, an die Tugend nicht glaubt, die er liebenswürdig darstellen soll, von Branntwein trunken den Seneca, voll Haß gegen das Menschengeschlecht den großmüthigen Wohlthäter spielen soll und, nachdem er den Odoardo vorgestellt, gleich vom Theater aus hingeht, seine Frau einem reichen Engländer zu verhandeln – Ja! dann können wir wohl nicht viel Wirkung für die sittliche Bildung von unsern Schauspielern erwarten – Aber wehe Denen, die dergleichen Unternehmungen machen und begünstigen! Ich weiß, was ich mir und dem Publico schuldig bin, und will lieber sechs Schauspieler haben, welche die Wichtigkeit ihres Berufs fühlen, als um die Hälfte der Kosten eine Rotte von vierzig, die also zusammengesetzt ist. Allein ich habe eine gute Meinung von Ihnen. Ihr Gesicht redet zu Ihrem Vortheile, wenngleich Ihre Schriften mehr der Noth wie dem Genie ihre Entstehung zu danken haben. Bedenken Sie Sich aber wohl, ehe Sie eine so undankbare Lebensart ergreifen! Sie kennen nicht die Schwierigkeiten alle, mit denen Sie zu kämpfen haben werden, die Demüthigungen, welche man Sie wird empfinden lassen. Seyen Sie auch der beste Mann und der vortrefflichste Schauspieler, so werden Sie da auf den unglücklichen Brettern jedermann preisgegeben, dem Urtheil der seichtesten Köpfe ausgesetzt, wie ein bezahlter Spaßmacher betrachtet, im gemeinen Leben zurückgesetzt oder wenn ja geachtet, von eingebildeten Kennern zu den Tafeln gezogen, um ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, doch schwerlich bey uns die Freude finden, welche Sie erwarten.« In diesem Tone fuhr er fort, und ich verstummte. Wie man aber zu jedem Entschlusse doppelt gereizt wird, sobald man uns Bedenklichkeiten in den Weg legt, so fuhr auch ich fort, den Herrn Schröder dringend zu bitten, mir den Debüt zu gestatten, und er that es endlich, nicht ohne einigen Widerwillen.   Der Tag zu Aufführung des Clavigo erschien. Ich hatte meine Rolle bestmöglich studiert, und nun merkte ich erst, welche schwere Arbeit ich übernommen hatte. Ich sah bey den Proben, wie viel mir fehlte, wie manche nothwendige Überlegung ich wie eine Kleinigkeit übersehn hatte. Allein Herr Schröder half mir treulich, und das Publicum war ziemlich mit mir zufrieden. Ich wurde angenommen, jedoch, wie sichs versteht, angewiesen, vorerst mich an kleinere Rollen zu halten; denn das hamburgsche Publicum hat einen feinen Sinn für die Kunst, und wirklich wurde mir bange für Reyerberg, der, wie bekannt, bis itzt in Mannheim gespielt hatte, woselbst, wie man das überhaupt von dortigen Gegenden weiß, der Geschmack noch weit zurück ist. Die erste Rolle, welche ich nächstdem übernehmen mußte, war die vom Minister im Hamlet. Solche Rollen schienen meinem Alter und meinen Fähigkeiten angemessener, obgleich sie auch nicht ohne Schwierigkeiten sind. Man kann in eine Rolle sehr viel hineinlegen, so wie man sie auch, bey dem besten Spiel, ganz verderben kann, wenn man nicht vorher den Character, mit allen seinen Grundtriebfedern und feinern Nuancen, ganz ins Auge gefaßt und durchstudiert hat. Es ist vielleicht manchem meiner Leser nicht unangenehm, wenn ich zum Beweis davon hier etwas über diesen sonderbaren Character von Shakespearescher Schöpfung sage. Es muß Vielen auffallen, daß der alte Geheimerath, der bey jeder Gelegenheit von Hamlet so lächerlich gemacht wird, der, wenn er anfängt mit dem Könige und der Königin über des Prinzen Gemüthskrankheit zu reden, das allerplatteste, ungereimteste Zeug sagt und überhaupt wie der steifste, dümmste Pedant auftritt, daß derselbe Mann seinem Sohne Laertes die vortrefflichsten, tief durchgedachten, wahrhaftig aphorismischen Lehren auf den Weg gibt und von seinen Kindern so geliebt und betrauert wird. Dieser anscheinende Widerspruch wird aber nur durch das ungeschickte Spiel mancher Acteurs erweckt. Man läßt nämlich gewöhnlich den alten Mann allen diesen Unsinn so gradeweg, mit der steifsten Ernsthaftigkeit hersagen – Das ist höchst unklug. Er ist ein äußerst zugespitzter, feiner Hofmann, der seinen niederträchtigen, falschen König recht gut kennt und die Gefahr der Situation, in welcher er ist, lebhaft fühlt. Um sich hier durch Spaß herauszuziehn, macht er in Gegenwart der Herrschaft den Hanswurst, ermüdet sie durch seinen langweiligen Witz und vermeidet also die Gelegenheit, das Ding ernsthaft angreifen zu müssen. Man soll ihn für einen kurzsichtigen Schwätzer halten, und wenn etwa die Sache zwischen dem Könige, Hamlet und Orphelien nicht ginge, wie es gehn sollte, so möchte er sich gern mit seinem wohlgemeinten Unverstande entschuldigen. Wenn er daher am Hofe redet, so darf es nur immer in einem lächerlichen Ton geschehn. Es muß der Spaßmacher durchschimmern; allein man soll es ihm auch ansehn, daß ihm dies nicht natürlich ist. Sobald er aber im Hause zu seiner Familie spricht, muß er mit natürlicher Würde, Feinheit und Wärme reden. Diese Behandlung des erwähnten Characters ist um so nöthiger, da sich sonst das Mitleiden empört, wenn man sieht, daß der Dichter, ohne Ursache, sich die Mühe gegeben hat, einen so schwachen, unbedeutenden Menschen umbringen zu lassen – Nein! für seine Verstellung, für die zweydeutige Person, die er spielte, dafür und für seinen Vorwitz bestrafte ihn das Schicksal – Einem dummen Menschen würde das nicht begegnet seyn –   Ich habe dies nur zum Beyspiel anführen mögen, daß man doch wahrlich keine Rolle für klein halten solle. Große, bedeutende, mit starken Farben gezeichnete Charactere sind oft nicht so schwer darzustellen wie kleine, unbedeutend scheinende Vertrauete. In jenen wird ein gefühlvoller Mensch nicht nur, während der Handlung, nach und nach hingerissen und in Feuer gesetzt, sondern da der Zuschauer selbst nicht kalt bleibt, so mißt er nicht so genau das zu Viel oder zu Wenig ab. Aber ein Vertraueter, der nicht bloß horchender Zuhörer, sondern theilnehmender Freund seyn soll, muß dastehn, sich selbst, der Himmel weiß wie! in Feuer setzen, um, wenn es Zeit ist, zu zeigen, wie nahe ihm das Schicksal seines Helden am Herzen liegt; und das Parterre verzeyht es ihm nicht, wenn er, der mithandelt, weniger gerührt scheint, als Der, welcher nur schauet, und man bedenkt dann nicht, wie schwer es ist, nachdem man das Stück so oft gesehn und gelesen, auswendig gelernt und probiert hat, noch ebenso warm mitzuspielen, wenn noch dazu der Geiz nach Beyfall nicht einmal ein Sporn werden kann; denn wer lobt je einen Confident? Seyd achtsam, o Ihr Schauspieler und Critiker, auf diese kleinen Winke! Sie sind nicht aus meinem Gehirne, nein! sie sind aus der Natur entlehnt, und wie oft habe ich mich geärgert, wenn ich so zuweilen die kenntnislosen Urtheile eines eingebildeten Kenners über diese und jene Scene habe anhören müssen! Da glauben sie dann, für ihren Gulden das Recht erkauft zu haben, frischweg Dichter und Künstler zu tadeln und zu loben – O Du süßes, glattes, feines geputztes Männlein am Hofe! Solltest Du nur einmal Eine Scene aus diesem Stücke dem Herrn Schröder laut vorlesen, wie würdest Du in die Schule geschickt werden!   Ich war ungefähr zwey Monate in Hamburg, als ich einst in Gesellschaft einiger Freunde eine kleine Wasserfahrt auf der Alster machte – Ein herrliches Vergnügen – Der Abend war schön – In unsrer und in zwey andern Jachten hatte man Musicanten. Da saßen dann muntre Gäste bey einem fröhlichen Mahle – Der Mond spiegelte sich in dem Wasser, auf welchem sich die kleinen Fahrzeuge durchkreuzten. Nun steckte bald hier ein Bekannter den Kopf zum Fenster hinaus und begrüßte seine vorüberfahrenden Freunde. Bald rief dort ein Andrer seinem Bruder einen freundlichen guten Abend zu. Als es etwa eine Stunde vor Mitternacht seyn mochte, legten sich unsre Schiffchen in der Mitte der See zusammen. Jetzt formte sich eine kleine schwimmende, lustige Republik. Wir stiegen von einem Nachen in den andern und machten manche interessante Bekanntschaft unter Einheimischen und Fremden. Es befand sich unter Andern ein Hofrath aus Hannover in einem der Schiffe, ein wackrer Mann, der eben zum Besuche bey seinem Schwager hier war. Wir sprachen viel miteinander, und er schien Geschmack an meinen Gesprächen zu finden. »Wollen Sie«, sagte er mir, »morgen, nach der Comödie, meinem Schwager die Ehre erweisen, bey ihm zu Nacht zu speisen, so soll die Kutsche vor der Thür des Schauspielhauses bereitstehn.« Ich nahm mit Freuden die Einladung an, und kaum war am folgenden Abend der Vorhang gefallen, so eilte ich dem Ausgange zu, um unter der Menge Kutschen nach der mir bestimmten zu fragen. Aber ein eiliger Bedienter zog mich im Gedränge beym Ärmel und sagte: »Hier, hier mein Herr! hier ist die Kutsche!« Natürlicherweise glaubte ich ganz recht gefunden zu haben und stieg ein, worauf der Kutscher eilig fortfuhr. Ich kam vor ein Haus; man ließ mich aussteigen, führte mich die Treppe hinauf in eine Art von Vorzimmer. »Das ist doch hübsch«, dachte ich. »Hier behandelt man dich wie einen Freund. Da sind keine große, prächtige Zubereitungen, keine kostbare Erleuchtungen. Ich werde einen vergnügten Abend zubringen.« Kaum war eine halbe viertel Stunde verstrichen, als ein Mann hereintrat und mir entgegenrief: »O mein Herr! Wir haben Ihnen wohl sehr viel Verbindlichkeit. Der große Ruf Ihrer Kunst hat uns bewogen, zu Ihnen unsre Zuflucht zu nehmen. Verzeyhen Sie nur, daß wir Sie so aus der Comödie haben holen lassen.« Bey dieser Anrede mußte ich nothwendig den Mann für den Herrn vom Hause und seinen freundlichen Willkomm für ein höfliches Compliment halten. Aber er fuhr fort: »Ist es Ihnen nun gefällig, meine Frau zu sehn? Ich hoffe, es soll nichts zu bedeuten haben.« Er öffnete die Thür. Es lag eine Frau im Bette. »Ist die Frau Gemahlin krank?« sprach ich verwundert. »So sehr krank ist sie bis jetzt noch nicht gewesen«, antwortete mein Begleiter, »aber nun werden doch wohl bald stärkere Wehen kommen. Sind Sie so gütig gewesen, für einen Accouchierstuhl zu sorgen?« »Hier muß«, dachte ich, »ein Irrthum seyn. Der Mann hält mich für einen Geburtshelfer.« Es kam also zu gegenseitigen Erklärungen, wie meine Leser denken können. Da wies es sich dann aus, daß der gute Mann einen geschickten Accoucheur aus Altona verschrieben hatte, der auch angekommen und, weil er den Fall nicht für so eilig gehalten, in das Schauspiel gegangen war. Die Frau fühlte aber gegen Abend Schmerzen, und der Herr schickte den Wagen mit einem Bedienten vor das Comödienhaus, um ihn abrufen zu lassen. Der Laquaie hatte den Doctor gesprochen, aber im Gedränge nicht so genau auf sein Gesicht Achtung gegeben. Weil ich nun auch dastand und mich erkundigte, ob nicht eine Equipage auf einen einzelnen Mann wartete, so glaubte der Bediente, der indes hatte vorfahren lassen, noch immer seinen Mann vor sich zu sehn, und so war dann das qui pro quo entstanden, von welchem beyde Theile nicht sehr zufrieden schienen, denn der Geburtshelfer war nicht gekommen, sondern statt dessen ein Schauspieler, der hier nicht nützen konnte, und ich hatte ein angenehmes Abendessen verscherzt, indes vielleicht Kutsche und Mahlzeit Meiner erwarteten. Nachdem ich mich höflich empfohlen hatte, glaubte ich nichts Bessers thun zu können, als in meinen Gasthof zurückzukehren, denn ich wußte nicht den Namen der Gasse, worin das Haus des Mannes lag, der mich zum Essen gebeten hatte. Hamburg ist groß, und ich war in diesem Quartiere der Stadt ganz fremd. Das Ungefähr führte mich in allerley unbekannte kleine Winkel, bis ich endlich einen Mann fand, der mich zurechtzuweisen versprach. Er ging vor mir her und stand zuletzt vor einem alten schmutzigen Hause still. »Hier«, sagte er, »ist ein Durchgang in eine andre Gasse! Wir strecken viel zu, wenn wir da durchgehn.« Und damit öffnete er die Hausthür, worauf ein dicker Mann in einem braunen Wamse mir entgegenkam und stillschweigend mit uns bis in den Hof und von da in einen Stall ging, dessen Thür er, nachdem wir hineingetreten waren, hinter uns zuwarf. Es war ganz dunkel in diesem Stalle. Mir fing an, bange zu werden, und meine Angst stieg aufs Höchste, als ich mich von einigen starken Kerln ergriffen fühlte, die mir Hände und Füße banden und mich durch eine Fallthür eine kleine Treppe hinunter in ein Kellergefängnis brachten. Ehe ich in der Erzählung meiner traurigen Begebenheit fortfahre, muß ich doch meinen Lesern Nachricht geben, wie es mit dem Entbindungsfalle, zu welchem ich unschuldigerweise berufen wurde, und mit dem Abendessen, das ich im Stiche lassen mußte, ferner ging, welches alles mir nachher der Hofrath aus Hannover erzählt hat. Der Accoucheur trat gravitätisch vor die Thür des Comödienhauses und rief: »Wo ist denn mein Wagen?« Eine Zeitlang antwortete niemand, als aber alle übrigen Fahrzeuge fort waren, auch von den Fußgängern niemand da stand, blieb dem Bedienten des Hofraths, der mich auch nicht so genau kannte, nichts übrig, als den Herrn Doctor für meine Person zu halten und ihn in den Wagen zu heben. Die Gesellschaft war unterdessen versammelt und erwartete mit Verlangen den Schauspieler Claus, der ihr einen fröhlichen Abend machen sollte. Endlich kam die Kutsche; die Flügelthüren öffneten sich, und ein langer hagrer Mann mit einer weißen Perücke von Stukkaturarbeit, in einem grünen Rocke mit goldenen Schleifen, rothen gestrickten Hosen und schwarzen seidenen Strümpfen schritt langsam herein. »Seyen Sie allerseits willkommen«, sagte er, ohne der Versammlung Zeit zu lassen, sich von ihrer Verwundrung zu erholen, »seyen Sie allerseits willkommen! In welcher Person habe ich denn das Glück, den Herrn vom Hause zu verehren?« Man zeigte ihm denselben. »Ich bin Ihnen obligiert für Ihr gütiges Zutrauen, mein Herr!« fuhr er fort, »und werde mich bestreben, dessen würdig zu seyn. Ihre Frau Gemahlin ist, wie ich höre, jung. Da soll es, ich zweifle nicht, bald überstanden seyn. Und könnten sich Schwierigkeiten äußern, so bin ich mit vortrefflichen Instrumenten versehn. Doch ist mein Wunsch, es möge ohne alle Gewalt zugehn. Ja, ja! ich denke, morgen um diese Zeit sollen Sie Ihren kleinen lächelnden Erben auf dem Schoße wiegen.« Nun war unglücklicherweise die Frau vom Hause zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt, und wenn Sara bey einer ähnlichen Prophezeyung lachte, so wurde diese hingegen über eine solche Impertinenz gewaltig aufgebracht. Sie glaubte, man habe ihr einen Possen spielen wollen, weil sie nie Kinder gehabt, und es kostete Mühe, die Sache ins Klare zu bringen, den Doctor unbeschimpft wiederum in den Wagen zu packen und ihn an den rechten Ort seiner Bestimmung zu bringen. Die Dame kam glücklich nieder, und die Gesellschaft, am andern Ende der Stadt, scherzte und lachte, indes ich armer Schelm in meinem Kerker, mit noch zwey andern Unglücklichen, die auch von den Seelenverkäufern durch List hierhergelockt waren, unser Schicksal verwünschte. Fünfzehntes Capitel Auf welche Art Peter wieder erlöst wird. Dies Unglück hatte mich doch nun wahrlich ganz ohne meine Schuld betroffen, auch war es nicht von langer Dauer. Doch, wir haben den ehrlichen Ludwig von Reyerberg so lange aus den Augen verloren, daß ich Ihnen erst Nachricht von demselben geben muß, ehe ich zu der Entwicklung meines Schicksals kommen kann. Als er des Herrn Schröders Brief bekam, hatte der gute Junge einige Schulden; er schrieb also wiederum nach Hamburg, bat um Vorschuß und erlangte die Gewährung seiner Bitte. Da dieser Umstand einen Aufenthalt machte, kam er erst im August an den Ort seiner Bestimmung, und zwar grade auf den Tag nach meiner unglücklichen Begebenheit. Sein erster Weg war in mein Quartier, wo er die Nachricht hörte: ich sey die Nacht nicht nach Hause gekommen. Sonderbar! Man war das an mir nicht gewohnt. Denselben Tag sollte ich in dem Hausvater von Diderot die Rolle des Commandeurs machen, aber ich kam nicht zur Probe. Herr Schröder ließ mich suchen; niemand wußte, wo ich war. Seit der gestrigen Comödie war ich gänzlich vermißt worden, und mein Jugendfreund wurde innigst betrübt und verlegen um mich. Da ich nun vergessen hatte, irgend jemand etwas von der Einladung des Hofraths zu erzählen, würde vielleicht nie wieder sich einige Spur von mir gefunden haben, wenn mir nicht die Vorsehung ein unvermuthetes Rettungsmittel zugeschickt hätte, wie man nachher hören wird. Sobald mich die Seelenverkäufer in das unterirdische Gefängnis geworfen hatten, banden sie mich los, und Einer von ihnen brachte ein Lämpchen. Nun sah ich erst, daß dieser höllische Aufenthalt ein großes Zimmer, aber durch eisernes Gitterwerk in vier Theile getheilt war, und daß außer meinem Käfige noch zwey andre bewohnt waren. Jedes dieser Behältnisse hatte etwa acht Fuß ins Gevierte. Ein Lager von Stroh und eine kleine Bank, sonst war nichts darin, und den ganzen Tag über drang kein Licht in diesen Abgrund als des Mittags und Abends, wenn man den armen Unglücklichen das Essen brachte. Mit den ärgsten Drohungen, uns umzubringen, wenn wir Lärm machten, wurden wir zum Stillschweigen verdammt und uns angezeigt, daß man uns in drey Tagen zu Schiffe führen würde. Es ist leicht zu begreifen, daß ich diese Nacht ohne Schlaf in dem erschrecklichsten Gemüthszustande zubrachte, aber ich seufzte nur und jammerte in der Stille. Mein nächster Nachbar hingegen ertrug sein Schicksal nicht so ruhig. Er fluchte und tobte in einem Odem fort, allein ich war zu sehr mit meinem eignen Schmerze beschäftigt, um so genau auf das, was er sprach, Acht zu geben. Zwischendurch machte mich doch ein einzelnes Wort aufmerksam. Er sagte einmal: »O! warum blieb ich nicht lieber im Zuchthause!« Ein andermal rief er: »Nun bist Du gerächt, böser Vater!« und sprach noch manche andre Dinge, die mir sehr bedeutend vorkamen. Ich glaubte an diesen Zügen meinen alten Cameraden zu erkennen. Auch der Ton der Stimme begründete meine Vermuthung; ich rief also: »Haudritz!« »Wer kennt mich hier? Wer nennt meinen Namen?« antwortete der Unglückliche. »So bist Du es dann wirklich. So hat uns dann das Elend hier wieder vereinigt?« fuhr ich fort: »Ach Haudritz! fluche nicht auf das Schicksal! Hier begegnet uns, was wir längst, schon in Braunschweig, verdient hatten. Aber durch welchen Zufall bist Du in die Klauen dieser Ungeheuer gerathen?« »Schweig«, fiel mir hier Haudritz in die Rede, »Feiger! Es ist weder Zeit zu moralisieren, noch Histörchen zu erzählen. Laß uns vielmehr an ein Befreyungsmittel denken! Wenn Du noch der Kerl bist, der Du sonst warst, so laß uns mit vereinten Kräften etwas ersinnen und ausführen! Gut, daß Du hier bist! Mit dem Pinsel dort ist nichts anzufangen. Er antwortet nicht einmal, wenn man mit ihm reden will.« Wirklich war auch dieser unser dritter Unglücksgefährte ganz still, gab keinen Laut von sich. Man hörte ihn nicht einmal seufzen. Gemeinschaftliches Elend bindet, wie bekannt, die Menschen fester aneinander, und man trägt geduldiger, wenn man nicht allein trägt. Wir fingen nun an, ernstlich an einem Plane zu unsrer Befreyung zu arbeiten, und verschworen uns, aus Verzweiflung uns lieber bis auf den Tod mit Händen und Füßen zu wehren, wenn alles fehlschlagen sollte, als uns aufs neue binden und zu Schiffe bringen zu lassen – Doch ich will die Leser nicht mit unsern Träumereyen ermüden, denn die gütige Vorsehung zernichtete zum Glück diese alle und half mir, da ich es am wenigsten erwarten konnte, so daß ich nur eine einzige Nacht in dieser Höhle zubrachte. Dies ging also zu: Der dritte Mensch, welcher in unserm Kerker saß, war ein reicher junger Kaufmannssohn aus Bremen. Als er nach Hamburg reiste, gab ihm sein Vater einen alten treuen Diener mit, welcher insgeheim angewiesen wurde, jedem seiner Schritte genau nachzuspüren. Sobald nun der Jüngling in diese Stadt kam, suchte ein Mensch seine Bekanntschaft, der sich für einen Hauptmann in Diensten der ostindischen Compagnie ausgab, französisch sprach und den jungen Teutschen in allerley Gesellschaften zog, wozu der ehrliche Johann den Kopf schüttelte. Der Herr Hauptmann gefiel ihm gar nicht, kam ihm ein wenig verdächtig vor, und er versäumte nicht, sooft die Herrn zusammen ausgingen, von Weitem hinterherzuschleichen. Dieser Officier war nun der eigentliche Anführer der Seelenverkäuferbande. Eines Abends lockte er den fremden Bremer unter irgendeinem Vorwande in dies Haus, und bald nachher sah der alte Bediente, in der Entfernung lauernd, in seinen Mantel gehüllt den Franzosen allein wieder herauskommen. Er merkte sich also das Haus, wartete mit Ungeduld zwey Tage lang auf die Wiederkunft seines jungen Herrn, und als dieser immer nicht erschien, zeigte er bey der Policey die Sache an. Monsieur de Ventaulair (denn, wenn Sie es noch nicht errathen haben, so will ich es Ihnen gleich sagen, Er war es, der nun das mystische Fach aufgegeben und, auf einer Reise durch Holland, sich dort von einem Seelenverkäufer zum Missionair nach Hamburg hatte annehmen lassen, worauf er dann auch hier eine solche Mördergrube anlegte), Monsieur de Ventaulair wurde unerwartet überfallen, in Verhaft genommen, und der gute Johann, den der Himmel segnen wolle, wenn er noch lebt! führte die Policeybedienten vor das abscheuliche Haus. Es wurde gepocht, und als die Thür geöffnet war, augenblicklich Wache davorgestellt. Nun vertheilten sich gleich die Policeyofficianten in alle Theile des Hauses, nachdem vorher die Hausgenossen sämtlich, bis auf den Wirth noch, der mitgehn mußte, in einem Zimmer festgehalten wurden. Wir hörten unten aus unserm Abgrunde den Lärm, der im Hofe gemacht wurde, als daselbst die Nachsuchung anging. Jetzt, glaubten wir, sey es Zeit zu schreyen. Ungeachtet der Drohung also hielten wir nun nicht länger das auferlegte Stillschweigen, sondern riefen Beyde, Haudritz und ich, so gewaltig laut, daß man es oben hörte, den Stall aufbrach, die Fallthür fand und uns hervorzog. Ich eile kurz zum Schlusse dieser für uns so erwünschten Catastrophe. Die ganze Rotte der Seelenverkäufer wurde eingezogen, verhört und verurtheilt, zeitlebens in den Eisen, doppelt geschlossen, zu arbeiten. Als ich ein paar Jahre nachher meinen ehemaligen Herrn und Lehrer in diesem traurigen Zustande durch die Straßen ziehn sah, konnte ich mich der Thränen nicht enthalten und wendete meine Blicke von ihm weg. Wie froh, gleichsam zu einem neuen Leben erweckt, wir aus dem Kerker hervorstiegen, das bedarf wohl keiner Beschreibung. Wäre es möglich gewesen, in Haudritzens Herz ein Gefühl für die Tugend wiederzuerwecken, so hätte diese letzte Züchtigung ihn auf ernsthafte Gedanken bringen müssen. Mir wenigstens flößte dieser Wink der Vorsehung aufs Neue den festen Entschluß ein, künftighin wie ein ehrlicher Kerl zu handeln. Sie werden, meine Herrn und Damen! in der Folge sehn, inwiefern ich meinem Vorsatze treu blieb. Aber Haudritz war nun einmal so verwildert, so erbittert gegen das Menschengeschlecht, daß jede Strafe, die ihm Gott zuschickte, ihn doppelt im Laster verhärtete und gegen alle guten Eindrücke taub machte. Nachdem ich mich bey meinem lieben Herrn Schröder gemeldet und ihm mein Schicksal erzählt hatte, brachten wir, Reyerberg, Haudritz und ich, vertraulich den Abend miteinander hin. Wir hatten Alle so viel aus unsern Geschichten nachzuholen, daß wir bis Mitternacht zusammenblieben, ehe wir mit den Erzählungen unsrer indes gemachten Erfahrungen fertig wurden. Zuerst kam an mich die Reyhe, und dann sollte Haudritz unsre Neugier befriedigen. Er that es in folgenden Worten: »Ihr wißt, daß mein Vater die Grobheit beging, mich wegen einer kleinen unbedeutenden Ursache gefangennehmen zu lassen. Er ist ein steifer, ernsthafter Mann, der keinen Spaß leiden mag. Ich hatte in Braunschweig in seinem Namen ein Wechselchen geschrieben; das nahm er gewaltig übel auf. Ich dachte eben, das Geld darauf abzuholen, als die Wache kam, die er hatte rufen lassen. Sie brachte mich ins Kühle, ohne mich um Erlaubnis zu fragen, und wenige Tage nachher wies man mir eine freye Wohnung im Zuchthause an. Ihr könnt Euch leicht einbilden, daß die geschlossene Gesellschaft, welche ich dort antraf, gar nicht nach meinem Geschmacke war, und doch fühlte ich mich in der ersten Zeit zu stolz, um gute Worte zu geben. Ich hielt meisterhaft aus, bis endlich die schlechte Kost, der Verdruß und die eingesperrte Luft mich gefährlich krank machten. Ich lag einige Tage ohne Hoffnung, während welcher Zeit der gutwillige Arzt, den man zu mir gerufen hatte, an meinen Vater schrieb. Dieser bekam nun einen Anfall von Zärtlichkeit, setzte sich in den Wagen und kam zu mir gefahren. Er sagte allerley rührendes Zeug, sprach von Verzeyhung und dergleichen und ließ mich in ein anders Haus bringen, wo ich dann bald außer Gefahr kam. Nun nöthigten den alten Mann seine Geschäfte, wieder abzureisen. Da ich nun zu schwach war, um das Bett zu verlassen, mußte ich noch zuletzt eine ungeheure Portion väterlicher Vermahnungen hinunterschlucken, die sich mit den Worten endigten: ›Ich denke, Du sollst nun durch Schaden klug geworden seyn, und in dieser Hoffnung will ich Dich nicht wieder ins Zuchthaus bringen, sondern Dich in vierzehn Tagen abholen lassen. Ich habe Dir in Gedanken eine Lebensart ausgewählt, in welcher Du brav arbeiten sollst. So verfällst Du nicht auf böse Gedanken. Müßiggang ist aller Laster Anfang‹, und wie die Predigt weiterging. Ich war indessen fest entschlossen, diese vierzehn Tage nicht abzuwarten, noch mich in eine neue Sclaverey zu begeben. Kaum war ich daher so weit hergestellt, daß ich wieder herumgehn konnte, so packte ich ganz in der Stille meine Sächelchen zusammen und schlich mich zum Thore hinaus. Ich war noch schwach, ging also langsam fort, täglich etwa vier Stunden. Viel Geld hatte ich freylich nicht; desfalls gab ich mich für einen Mann aus, der als Secretair hätte nach Kopenhagen gehn sollen, aber das Unglück gehabt hätte, bestohlen zu werden. Nachher sey ich von einer schweren Krankheit befallen u. s. f. Ihr wißt ja, wie ich das Ding anzufangen weiß, wenn ich das Mitleid der Leute in Bewegung setzen will. Ein Cammerherr nahm mich zu sich, um seine Correspondenz zu führen. Der hatte nun eine hübsche, schlanke, junge Frau, die aber gewaltig empfindsam und coquet war. Ich glaube eben nicht, daß sie bey der ersten Gelegenheit ihrem Manne untreu geworden seyn würde, auch hatte sie wirklich, wie es schien, nicht viel Temperament, aber aus bloßer Eitelkeit, welche mehrentheils bey den Weibern im Hintergrunde steht, wenn sie einen Roman spielen, vergaffte sie sich in jeden Mann, der ein bißchen mit ihr sympathisierte. Da liebäugelte sie dann gewaltig, sah schmachtend aus, verdrehete auf diese Art manchem Narren den Kopf und machte sich bey Klügern lächerlich. Der arme Mann war hiebey am mehrsten zu bedauern, denn da er wenig Kenntnis vom weiblichen Herzen hatte, wurde ihm warm vor der Stirne, sooft ein artiger junger Herr ins Haus kam. Der gute Herr hätte dazu lächeln sollen, denn grade weil die Frau Gemahlin merkte, daß ihn das beunruhigte, versäumte sie keine Gelegenheit, wie es alle Weiber machen, diese Empfindlichkeit zu reizen, denn auf diese Art hatte sie ihn immer am Stricke. Hätte er sie aber durch angenommene Verachtung oder durch Repressalien gestraft; hätte er gewußt, daß solche Schmelzende selten dauerhafte Leidenschaften erregen, daß überhaupt die Weiber fast nie wahrhaftig lieben, daß sie aber, aus Hang zur Abwechslung, stets so ein Herzensspielwerk haben müssen und daß dies freylich oft weit führen kann, wenn man nicht die Politik beobachtet, sich ganz gleichgültig und kalt zu stellen, unter der Hand aber die Gelegenheit zu einer größern Thorheit abzuschneiden: Hätte er das alles gewußt, so würde er nicht so viel unruhige Stunden gehabt haben. Mich hielt er indessen für einen Menschen ohne Bedeutung, aber er wich dennoch dem Schicksal nicht aus, auch meinetwegen in Unruhe gesetzt zu werden. Die gnädige Frau hatte etwas Lectüre; besonders waren die italienischen süßen Dichter ihr Steckenpferd, oder vielmehr ihre Puppe. Ich mußte ihr vorlesen, und wenn sie dann mit verdreheten Augen meinen Vortrag lobte und nachher bey Tische mit Enthusiasmus von unserm gleichgestimmten Geschmacke redete, umwölkte sich des Herrn Gemahls Gesicht, und das um so mehr, da er gar keinen Geschmack am Lesen fand. Mir war das Ding höchst zuwider (Ihr wißt, daß ich ohnehin keine Weiber leiden kann Peter Claus mag sie wohl leiden, das versichre ich Sie, und billigt diese Lästerungen keineswegs. ), und da der Edelmann nur auf eine bequeme Gelegenheit zu warten schien, Meiner mit Ehren loszuwerden, kam ich ihm zuvor und bat um meine Entlassung. Mit einigem Gelde, das er mir schenkte, arbeitete ich mich durch bis wieder hierher nach Hamburg in der Absicht, wo möglich auf einem Schiffe, das nach Ostindien gehn würde, eine kleine Bedienung zu erhalten. Da hat mich nun ein Lumpenkerl in jenes verfluchte Haus gebracht – Das Übrige wißt Ihr.« »Ich sehe«, fing hier Reyerberg an, »daß Du ein Mensch bist, der nie einen graden, ehrlichen Weg in der Welt gehn wird, und also rathe ich Dir immer, Deinen Plan nach Ostindien nicht fahren zu lassen. Dort findest Du Deines Gleichen.« »Was nennst Du Meines Gleichen?« rief Haudritz – »Daß ich mich darüber mit Dir zanken sollte!« antwortete jener. »Genug! wir wollen Dir schon eine annehmliche Stelle bey einem Schiffscapitain ausmachen.« Wirklich waren wir auch so glücklich, diesen Welttheil von einer so unnützen Last zu befreyn, und noch in eben der Woche fuhr Haudritz aus Hamburg in die See hinein. Vielleicht sehn wir ihn noch einmal irgendwo wieder. »Aber nun sage mir, mein lieber Ludwig!« sprach ich, »wo ist denn Deine schöne Schauspielerin, Dein Engel, Dein Abgott? Verschaffe mir doch die Bekanntschaft dieses Gegenstandes Deiner Zärtlichkeit!« »Ach!« erwiderte er, »erinnere mich daran nicht! Die Ungetreue, die Falsche, der zu gefallen ich diesen Stand ergriffen, der ich alles aufgeopfert habe, die Undankbare ist mit einem holländischen Officier davongelaufen. Laß uns nicht mehr hiervon reden! Aber eine alte Bekanntschaft mußt Du erneuern, und die ist unser Herr Brick, den wir einst im goldenen Engel in Braunschweig im grauen Rocke sitzen und trauern sahen. Er wurde, wie Du weißt, Schauspieler, war nachher mit mir in Leipzig, bey der Gesellschaft, die er gleichfalls verlassen hat, um bey dem Herrn Schröder Engagement zu suchen. Aber kaum kam er hier an, als er tödlich krank wurde, und ich zweifle sehr, daß er davonkommen wird.« Wir gingen des folgenden Tags zu ihm hin. Er hatte ein hitziges Fieber, das ihm gewaltig zusetzte, so daß er oft seiner Sinne nicht mächtig war. Wir wachten des Nachts abwechselnd bey ihm und verpflegten ihn, so gut wir konnten. Es wurde aber täglich schlimmer mit ihm. In der letzten Nacht, als es bald zu Ende gehn wollte, deutete er auf ein versiegeltes Paquet, das auf seinem Tische lag, und sagte mir dann mit schwacher Stimme: In diesem Umschlage befänden sich so höchst wichtige Papiere, daß er mich nicht besser für meine ihm bezeigte Sorgfalt belohnen könnte, als indem er mir diesen Schatz anvertrauete. Ich würde erstaunen, wenn ich es nach seinem Tode eröffnete – Bald darauf starb er – Es war den 27sten August morgens um 3 Uhr, als ich dem Herrn Brick die Augen zudrückte, das Paquet in die Tasche steckte und zu Reyerberg eilte, um ihm von allem Bericht zu erstatten. Aber was mir da begegnete, ist so außerordentlich, daß ich die Erzählung davon bis auf den zweyten Theil meiner Geschichte versparen muß. Ich scheue mich fast, den Lesern mit dieser ganz wunderbaren Begebenheit unter die Augen zu treten. Sie möchten das Ding für eine Fabel halten. Sonderbar ist es, daß ich immer das Schicksal hatte, für einen Andern angesehn zu werden, und es klingt sehr unwahrscheinlich, weil es so oft in meinem Lebenslaufe vorkömmt. Aber doch – ich will ein Zeitungsschreiber seyn, wenn ich Ihnen etwas erzähle, was nicht Wahrheit ist – Gibt es Menschen, die zu ganz außerordentlichen Abentheuern bestimmt sind, oder hat mein Gesicht etwas so Apocalyptisches, daß ein Jeder darin die Physiognomie sieht, die er sucht? Ich weiß es nicht – Kurz! als ich kaum die Hälfte der Gasse hinuntergegangen war, hielt eine Kutsche plötzlich neben mir still – Zwey Herrn stiegen schnell heraus, ein Bedienter sprang hinten herunter – Alle riefen: »Da haben wir ihn endlich!« Darauf packten sie mich an, schoben mich gewaltsam in den Wagen und fuhren mit mir fort.   Ende des ersten Theils. Zweyter Theil An die Leser Um Mißverständnissen vorzubeugen, die zuweilen aus meinen Schriften und andern dieser Art geschöpft werden, muß ich Sie, meine Leser! daran erinnern, daß ich keinen persönlichen Antheil an denjenigen Sätzen nehme, daß es also nicht meine Grundsätze sind, welche die Personen in meinen Romanen vortragen. Es sollte sich das billig von selber verstehn. Man läßt in Schauspielen und Romanen die Personen nach ihrem Character reden und von den Dingen so urtheilen – nicht wie man sie selbst würde beurtheilt haben, sondern wie man glaubt, daß jene, nach dem Character, den man ihnen gegeben hat, darüber raisonnieren müßten. Das hat dann den Nutzen, daß man dem Leser Gelegenheit gibt, einen Gegenstand aus verschiednen Gesichtspuncten anzusehn und zu bemerken, wie nicht alle Menschen über diese oder jene Sache einerley Meinung sind. Ich sage, das sollte Jeder von selber verstehn. Aber aus Bosheit oder Unverstand sieht das nicht Jeder, will das nicht Jeder sehn, und noch kürzlich habe ich erfahren, daß jemand einem Schriftsteller hat einen Proceß anhängen wollen, weil Derselbe für den Verfasser eines Buchs gehalten wurde, in welchem eine erdichtete Person etwas sagte, das der würdige Herr auf sich und seines Gleichen zog. Das ist in der That erbärmlich! Ich bitte Sie gehorsamst, machen Sie es nicht also mit mir, besonders was den Inhalt des Manuscripts des Herrn Bricks betrifft – Es ist ein Traum, und nichts weiter; und Herr Brick träumt, nicht ich. Erstes Capitel Woher die Irrung entstanden ist, welche dem armen Peter das neue Abentheuer zugezogen hat. Die Leser des ersten Theils meiner Geschichte (Ich hoffe, ihr Name heißt Legio) werden so gnädig seyn, Sich zu erinnern, daß ich Ihnen am Ende des fünfzehnten Capitels ein gräßliches Abentheuer erzählt habe, das mir begegnete, als ich den 27sten August 1776, morgens 3 Uhr, von dem Totenbette des Herrn Brick weg mit meinem versiegelten wichtigen Manuscripte in der Tasche zu Reyerberg eilte. Ich zweifle nicht, Ihr gutes Herz wird indes meinetwegen in Sorgen gewesen seyn; ja! Sie werden für mich gezittert haben und Sich nicht eher beruhigen können, bis Sie erfahren werden, was wohl die Männer, welche mich mit Gewalt in die Kutsche schleppten, mit mir angefangen haben. Wenigstens müßte ich ein elender Schriftsteller seyn, wenn ich mich nicht mit der Hoffnung schmeichelte, mein Buch habe bey Ihnen großes, warmes Interesse für meine Person erweckt. In dieser Zuversicht fange ich auch gleich wieder frisch die Fortsetzung meiner Geschichte an, ohne eine bescheidne Vorrede vorauszuschicken und darin um Verzeyhung zu bitten, daß der vorige Theil nicht besser gerathen ist. So etwas ist mir in den Tod zuwider, und ich pflege ein Buch, worin ich dergleichen finde, wegzuwerfen, ohne weiterzulesen. Denn ich denke, wenn der Verfasser mit solchen erzdummen Erklärungen sein Werk in die Welt schickt, so sieht man es, er hat nicht einmal die einzige Entschuldigung für sich, daß wenigstens Er es für gut hielt. Diesemnach erkläre ich feyerlich, daß ich die Geschichte Peter Clausens als ein sehr lehrreiches und angenehmes Buch, als ein classisches Werk empfehle, hoffe und wünsche, Sie sämtlich, meine werthesten Damen und Herrn! werden ebenso davon denken und einer Fortsetzung begierig entgegensehn, weswegen ich dann nunmehr zur Sache eilen will. Zu besserer Entwickelung und Erläuterung der Begebenheit, welche mich so plötzlich traf, muß ich aber mit meiner Erzählung wieder um ein paar Schritte zurückgehn. Als ich abends den 26sten August zu dem Herrn Brick gehn wollte, um die Nacht bey seinem Bette zuzubringen, trat ich vorher in einen nahegelegnen Gasthof und ließ mir daselbst ein Butterbrot und eine Flasche Wein geben, um mehr Kräfte zum Wachen zu haben. Es war außer mir niemand im Tafelzimmer als ein Mann, ungefähr von meinen Jahren, das heißt etwa 36 bis 37 Jahre alt. Wie ich nun immer sehr gesellig gewesen bin, so war ich dann auch hier gleich bereit, ein Gespräch anzufangen. Er sah ganz rechtlich aus, trug ein gelblich seidnes Kleid mit gestickten silbernen Knöpfen, eine Weste von Silberstoff, einen hübschen großen Castorhut, große Schnallen, die auch auf Kutschpferdegeschirren ihren Platz erfüllt haben würden – Mit Einem Worte, er war ein Mann, vor dem Jeder den Hut abgezogen haben würde, der nicht Chapeaux bas gegangen wäre. Ich fing vom Wetter, von Krieg und Frieden, vom Schauspiele, vom Hauptpastor Götz, von Toleranz und von manchen andern gemeinen Dingen ein Gespräch mit ihm an, aber seine Antworten waren kurz, zerstreuet, und er spazierte dabey mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, rang die Hände und schien von einer großen Gemüthsunruhe gequält, welche er vor mir zu verbergen suchte. Es mochte etwa eine halbe Stunde also vorübergegangen seyn, als der Hausknecht hereintrat, diesem Herrn ganz in der Stille ein Billet zusteckte und dann wieder fortging. Kaum hatte es der Fremde gelesen, als sich seine Unruhe sichtbar vermehrte. Er schlug sich mit der dicken Faust vor die Stirne, kehrte oft schnell auf seinem Wege um, näherte sich der Thür, kehrte wieder um, ging auf mich zu, entfernte sich wieder – Mir ging das durch die Seele – Ich bin wirklich von jeher ein guter, mitleidiger Narr gewesen, und wenn ich besonders meine Neugier, eine sonderbare Begebenheit zu erfahren, zugleich mit dem Triebe, einem Leidenden zu dienen, vereinigen konnte, war ich gern bereit, mich dem Unglücklichen aufzudringen. Ich stand daher vom Stuhle auf, ging auf den Fremden zu, ergriff ihn bey der Hand und sagte: »Mein Herr! Sie scheinen in Verlegenheit zu seyn. Kann ich Ihnen helfen, so eröffnen Sie Sich mir, ohne Scheu! Ich bin nicht unempfindlich bey dem Elende Anderer und diene gern, wo ich kann.« Er blieb plötzlich stehn, sah mir starr in die Augen, vielleicht um in meinen Blicken zu lesen, ob ich es redlich meinte – Dann schwieg er eine Zeitlang – Endlich fing er an: »Ja wohl bin ich in Verlegenheit, und das in sehr großer. Helfen können Sie mir auch, aber ich wage es nicht, Sie um eine kleine Gefälligkeit zu bitten, da ich Ihnen ganz fremd bin, obgleich diese Gefälligkeit Sie weder Mühe noch Geld kosten würde.« – »Und wenn das auch!« fiel ich ihm in die Rede. »Nur heraus damit!« – Er fuhr fort: »Meine Geschichte ist zu weitläufig, zu verwickelt. Auch bin ich jetzt nicht in der Gemüthsverfassung, sie Ihnen zu erzählen. Nur so viel: Ich werde ohne meine Schuld verfolgt. Man lauert mir auf. Ich habe keinen Freund, keinen Bekannten hier und muß eilig Hamburg verlassen, wenn ich nicht meinen Feinden in die Hände fallen will, wovor mich eben dieser Brief ohne Namen warnet. Es ist noch hell auf der Gasse. Man wird mich an meiner Kleidung kennen – Wenn Sie aber mit mir die Kleider vertauschen wollten« – »Mein Herr!« sagte ich bedächtlich, indem mir der Conte di Tondini und das Wäldchen bey Wolfenbüttel einfielen. »Mein Herr! das ist eine verteufelt kitzlige Sache« – »Wieso? bester Mann!« rief er dringend. »Wenn jemand käme und Sie anredete – Man wird Ihrer Person kein Leid zufügen. Ich habe kein Verbrechen begangen – Dann wird sichs gleich ausweisen, daß Sie der rechte Mann nicht sind. Zudem können Sie ja, bis es dunkel wird, hier verweilen, und ich schleiche mich indes in Ihrem braunen Rocke und grauen Überrocke zum Hause hinaus, auf ein Schiff, dessen Besitzer mich schon verbergen wird, bis ich morgen ganz frühe die Stadt verlassen kann, um nach Holland zu reisen. An der Kleidung haben Sie keinen Verlust – Edler Menschenfreund! (denn dafür sehe ich Sie an) Helfen Sie einem Unglücklichen, der Ihnen ewig dankbar seyn wird!« – Was soll man machen? »Ey nun!« dachte ich, »was ist es dann auch weiter? Ich bleibe bis gegen zehn Uhr hier, gehe dann getrost die wenigen Schritte zu Brick und lasse mir dahin morgen andre Kleider bringen.« Gedacht, gethan! Wir wechselten die Kleider. Er umarmte mich mit den Ausdrücken der wärmsten Dankbarkeit, hüllte sich ein, drückte meinen runden Hut tief in die Augen und schlich davon. »Das war wieder ein dummer Streich, Peter Claus!« rief ich, als er fort war. »Wer weiß, wie das Ding zusammenhängt! – Doch was thut es? – Noch eine Flasche Wein, Friedrich! – Der Rock sitzt, hol mich der Henker! als wenn er mir an den Leib gemessen wäre.« – Das Abentheuer fing an, mir zu gefallen. Ich ging sorgenlos im Zimmer auf und ab, setzte den schönen Castorhut auf – Es traten zwey Fremde herein, sahen mich von der Seite an und entfernten sich wieder – Vermuthlich waren es dieselben, welche mich nachher spazierenfahren ließen (obgleich nicht acht Jahre lang, wie einst der Herzog von Curland seinen Feind durch das ganze russische Reich fahren ließ). Nach zehn Uhr verfügte ich mich zu dem kranken Brick, und als Dieser seinen Geist aufgegeben hatte, war ich wirklich zu sehr mit andern Empfindungen erfüllt, als daß ich hatte an meinen Rock denken sollen. Man hatte mich wahrscheinlich die ganze Nacht durch bewacht, und als ich aus dem Hause trat, fiel ich auch gleich den Feinden des Mannes, dessen Kleider ich trug, in die Hände. Zweytes Capitel Peter Claus hatte das unerwartete Glück, in den Stand der heiligen Ehe zu gerathen. Man wird sich leicht vorstellen, daß ich nicht so gutwillig in den Wagen gestiegen seyn, sondern mich mächtig gesperrt haben würde, wenn ich irgend hätte vermuthen können, daß mir das etwas helfen möchte. Allein, sobald meine erste Überraschung vorbey war und ich mich nun zur Wehr setzen wollte, hielt mir der eine meiner Führer seinen Degen auf die Brust und drohete mir, mich augenblicklich zu erstechen, wenn ich einen Finger zu meiner Vertheydigung rühren oder einen Laut von mir geben würde. Was war also zu thun? Es schlief noch jedermann in der Nachbarschaft; die Gasse war ohnehin abgelegen – »Und dann, was ist es auch mehr?« dachte ich. »Man wird bald den Irrthum einsehn. Sie werden ja den Mann kennen, den sie suchen, und wenn Diese auch fremde Personen sind, so kostet es mich doch nur eine Erklärung, wie ich zu den fremden Kleidern gekommen bin, um wieder befreyet zu werden.« Doch nahm ich mir vor, das Letztere nicht eher zu thun, als bis die Noth am größten wäre, damit der arme Mensch, welcher mich so flehentlich um meinen Schutz gebeten hatte, unterdessen Zeit gewönne, sobald die Thore geöffnet seyn würden, aus der Stadt zu kommen. Als wir in der Kutsche saßen, fuhr der Kutscher fort. Ich fing nun an, meine Entführer genauer zu beobachten. Der Eine schien ein holländischer Officier, der Andre ein Kaufmann zu seyn. »Mein Herr!« sagte Dieser. »Sie hofften wohl nicht, daß die Familie, welche Sie beschimpft und entehrt haben, Ihnen aus Livland her nachspüren und hier in Hamburg Freunde finden würde, welche sich dieser Sache annähmen, als wenn es ihre eigne wäre? Ist es erlaubt, ein unschuldiges Mädchen aus einem der angesehensten und reichsten Häuser zu verführen, unglücklich zu machen, dann wie ein Dieb in der Nacht davonzugehn und das entehrte Frauenzimmer bey einem trostlosen, kranken Vater zurückzulassen?« »Mein Herr!« antwortete ich, »sehen Sie mich doch an! Halten Sie mich einer solchen Schandthat fähig? Hätte ich vermuthen können, daß Sie einen solchen Menschen suchten, nimmermehr hätte ich diese Kleider« – »Hier hilft kein Geschwätz«, fiel mir der Officier in die Rede. »Können Sie die That leugnen?« »Freylich kann ich das«, erwiderte ich. »Ich bin gar nicht der Mann, dem Sie nachstellen« – »Unverschämtheit ohne Beyspiel!« rief hier der Kaufmann. »Glauben Sie, daß, weil wir Ihnen fremde Gesichter sind, wir Sie deswegen nicht kennen? Man hat Sie uns zu genau beschrieben und wir haben Ihnen seit einigen Tagen zu sorgfältig nachgespürt, um uns in der Person irren zu können. Waren Sie nicht gestern abend im Gasthofe, in eben dieser Kleidung? Haben wir Sie nicht mit unsern eignen Augen dort gesehen? Haben Sie nicht die Nacht in einem Eckhause, welches einem Seifensieder gehört, zugebracht? Leugnen Sie das, wenn Sie können! – Doch was bedarf ich so vieler Worte? Bald werden Sie eine dritte Person sehn, gegen welche Sie, wenn noch ein Funken von Ehre in Ihrem Herzen ist, schwerlich die Frechheit haben werden, die Augen aufzuschlagen.« Und nun hielt die Kutsche vor einem wohlgebaueten Hause still. Wir stiegen aus. Man ließ mich in das erste Stockwerk hinaufsteigen, und wir traten sodann in eine Art von Vorzimmer, in welchem ein Mann im pfirsichblüthenfarbenen Rocke uns bewillkommte. »Freude, Freude! Glücklich gefangen!« rief der Officier. »Nun wird, hoffe ich, alles gutgehn. Aber was macht die arme Demoiselle, lieber Herr Doctor?« »Sie ist der Stunde ihrer Entbindung nahe«, antwortete der Aesculap, »aber sie ist äußerst schwach. Gott weiß, ob sie es überlebt! Wenn nicht das Vergnügen, ihre Ehre auf diese Art gerettet zu sehn, ihr neue Kräfte gibt, so ist mir bange. Sie hat die ganze Nacht durch phantasiert.« »Sehen Sie«, sprach hier der Kaufmann zu mir, »sehen Sie, Unbesonnener! das ist Ihr Werk! Herr Doctor! Ist denn ein Geistlicher bestellt?« »Ja!« antwortete derselbe. »Er ist wirklich bey der Kranken und redet ihr Trost zu.« – Ich stand wie versteinert da – Der Arzt rieth, man solle, um die Gebärende nicht auf einmal zu sehr zu erschrecken, erst leise den Herrn Pastor herausrufen und durch denselben das Frauenzimmer benachrichtigen lassen, daß man ihren Liebhaber hierhergeführt habe – Das geschah. Ich spielte eine elende Rolle dabey – »Herr Magister!« sagte der Kaufmann, als Sr. Ehrwürden erschienen. »Lesen Sie diese Papiere! Hier ist eine Einwilligung von dem Vater des Frauenzimmers, die uns bevollmächtigt, seine Tochter, sobald wir sie finden würden, dem jungen Manne, dem sie nachgereiset war, antrauen zu lassen. Und hier ist die Vollmacht von dem Vater des Verführers, aus Holland, die uns berechtigt, im Fall er sich weigern würde, durch priesterliche Einsegnung die Schande, welche er der Meinhardtschen Familie zugefügt, auszulöschen, ihn sogleich nach Ostindien zu schicken.« (Er gab ihm zwey Schriften.) »Es kömmt nur jetzt darauf an, Herr Magister! daß Sie die Unglückliche auf gute Art zu dem Schritte vorbereiten. Übrigens haben Sie doch kein Bedenken, die Trauung vorzunehmen?« »Im mindesten nicht«, erwiderte der geistliche Herr, »und wie wird sich das arme Kind freuen! Aber Sie, ruchloser Mann!« (Er wendete sich zu mir.) »Greifen Sie in Ihr strafbares Gewissen! Das Maß Ihrer Sünden ist voll. Wäre es Wunder, wenn der Allerhöchste dies unzüchtige Herz nicht wieder zu Gnaden annähme, wenn er über Sie den Fluch verhängte, den er über Sodom und Gomorrha und über die Rotte Coran, Datan und Abiram ergehn ließ? Doch, ich überlasse alles seiner unendlichen Barmherzigkeit, welcher Sie Sich jetzt in die Arme werfen müssen, und eile zu der unglücklichen verführten Kreuzträgerin zurück.« Er ging in das Zimmer. Jetzt konnte ich nicht länger schweigen. »Ich bitte Sie um Gottes willen, meine Herrn!« rief ich. »Hören Sie mich! Ich bin nicht der Mann, den Sie suchen.« – »Still! guter Freund!« fuhr mich der Officier an. »Nicht raisonniert! Nach Ostindien, oder getrauet!« »Nun, wenn es dann seyn muß«, sagte ich. »Aber Sie werden sehn, was das Frauenzimmer dazu sagen wird, wenn man sie mit einem Fremden, den sie gar nicht kennt, einsegnen will.« – Und damit schwieg ich – Der Pastor hatte indes seinen Auftrag vollzogen, und nun öffnete er die Thür des Zimmers. Die Vorhänge des Bettes, darin meine schwangre Braut lag, waren halb und die Fenstergardinen gänzlich zugezogen; doch war es noch hell genug, daß sie mich hätte erkennen können, wenn sie nicht, wie ich fest überzeugt bin, phantasiert hätte. Denn ihre Nerven waren hoch gespannt: »Ungetreuer!« rief sie mir entgegen. »Konntest Du mich verlassen! Doch nein! Du warst mir nie untreu. Die Furcht, daß unsre Eltern nicht in unsre Verbindung einwilligen würden, bewog Dich zur Flucht. O Carl! welchen Kummer hast Du aber Deiner Julie gemacht! Komm zurück in ihre Arme!« Nun fing sie an ohne Zusammenhang zu reden. »Sie erschöpfen Ihre Lebensgeister«, unterbrach sie der Arzt, »und bedürfen noch dieser Kräfte zu größerer Anstrengung. Lassen Sie uns den Trauungs-Actus vornehmen!« »Nun, mein Herr van Haftendonk!« sagte hierauf der Kaufmann spöttisch zu mir. »Irrt sich dies Frauenzimmer auch in der Person? Wollen Sie Sich itzt trauen lassen oder lieber eine Lustreise nach Indien machen?« »Ich verstumme beynahe«, war meine Antwort. »Nie hat ein Mensch sich in so viel verwickelten Lagen befunden wie ich seit meiner zartesten Jugend. Aus jeder derselben hat mich das Schicksal glücklich geführt. Es wird mich auch hier nicht steckenlassen. Machen Sie mit mir, was Sie wollen! Ich bin in Ihrer Gewalt. Aber wenn es Sie je reuet, wozu Sie mich heute zwingen, so denken Sie, daß ich alles angewendet habe, Ihnen die Augen zu öffnen.« Und nun ging ich getrost an das Werk und ließ mich frischweg als Herr Carl van Haftendonk mit der Demoiselle Julie Meinhardt trauen. Wer von meinen Freunden mich hier erblickt hätte, in einem geborgten Rocke, einer der Geburtsstunde nahen Person im Bette, einer Person, die ich nie in meinem Leben gesehen hatte, als Ehemann die Hand geben und ohne mein Zuthun zugleich Gatte und Vater werden, der hätte wahrlich nicht gewußt, ob er das Ding hätte tragisch oder comisch finden sollen. Es war ein so possierlich betrübter Anblick – Man hätte vor Lachen – weinen mögen. Kaum war die Ceremonie vorbey, als meine Frau Gemahlin anfing, ganz erschrecklich zu phantasieren. Zugleich kamen die heftigen Geburtsschmerzen. Mein Stiefkind war im Begriff zu erscheinen, aber man erlaubte mir nicht, diesen zarten Sprößling, die neue Frucht meiner viertelstündigen Ehe zu sehn, sondern führte mich wieder in das Vorzimmer. Hier redete der Officier viel freundlicher wie vorher mit mir: »Mein Herr!« sagte er, »die beyden Familien sind itzt befriedigt, und ich hoffe, Sie werden inskünftige die Ehre derselben als die Ihrige ansehn. Jetzt müssen Sie sogleich mit mir nach Holland zu Ihrem Herrn Vater. Ihre Frau Gemahlin ist dazu vorbereitet und wird uns, sobald sie hergestellt ist, folgen. Indessen will Ihr Herr Vater Ihnen einen Plan zu künftiger Versorgung vorlegen. Kehren Sie reuevoll zu ihm zurück, so verzeyhet er Ihnen gewiß.« Nun versuchte ich nochmals, zu bitten, man möchte mir wenigstens erlauben, erst meine Sachen einzupacken; eigentlich aber war meine Absicht, meine Freunde um Rath und Hilfe anzusprechen – Allein alles vergebens – »Ich habe mehr Geld, wie Sie brauchen, von Ihrem Herrn Vater bekommen«, sagte der Officier. »An Kleidern und Wäsche soll es Ihnen auch nicht fehlen. Also hält uns nichts auf.« – »So sey es dann! Es geht bunt in der Welt her«, erwiderte ich in einem halb lustigen, halb verzweiflenden Tone – »Es wird sich alles zu seiner Zeit aufklären. Kommen Sie! – Es ist unvernünftig, zu bellen, wenn man an der Kette liegt.« Wir gingen fort, bestiegen ein Schiff und fuhren gegen neun Uhr des Morgens nach Holland zu. Drittes Capitel Seereise. Er erinnert sich seines Manuscripts, findet es in der Tasche, erbricht es und fängt an zu lesen. Der Officier, dessen Gefangner ich itzt zu seyn die Ehre hatte, war im Grunde ein herzlich guter Mann, ein bißchen rauh von Sitten, wie es zuweilen dieser Stand mit sich bringt, aber übrigens dienstfertig, von hellem, graden Kopfe, gesellig, fröhlich und menschenliebend, ohne es scheinen zu wollen. Viel gelesen schien er nicht zu haben, aber ich denke, man kann auch ein sehr kluger Mann seyn und selbst denken, ohne zu wissen, was andre Leute gedacht haben. Ich hörte ihn nie von einem Buche reden, außer von einem paar Reisebeschreibungen, womit er dann jedesmal aufgezogen kam, sooft von Literatur die Rede war. Er sagte sein unmaßgebliches Urtheil darüber, und ich bekenne es, meiner geringfügigen Schätzung nach oft sehr richtig. So glaubte er zum Beyspiel, daß Sherlock, gegen die Gewohnheit seiner Nation, ein niedriger Schmeichler wäre, der alle diejenigen Häuser und Personen lobte, wo er frey gefressen hätte, und jedem Fürsten, der ihm freundlich begegnet sey, ein ausschweifendes Compliment an den Hals würfe. Von Moor's sittenschildernder Reisebeschreibung behauptete er, daß sie, außer den unbedeutenden, oft gänzlich falschen, zum Theil sehr giftigen, in Wirthshäusern und Weibergesellschaften aufgesammleten Anecdoten, eine Menge Geschwätz enthalte, das weder philosophischen Beobachtungsgeist noch feine Kenntnisse verrathe. Er meinte, dieser dicke Mentor hätte lieber das Bücherschreiben unterlassen sollen. »Da lobe ich mir«, rief er aus, »meinen herrlichen Brydon – das ist ein Mann!« Unsre übrige Schiffsgesellschaft war sehr vermischt. Ein junger Arzt, der in Leiden seine Studien fortsetzen sollte und unterwegens den ganzen Tag hindurch Verse machte; eine Sängerin, die in Holland auf irgendeine privilegierte Art Geld verdienen wollte; ein reformierter Candidat des Predigtamts, der vom Morgen bis in die Nacht Tabac rauchte und von Politik sprach; ein paar junge Kaufleute, unerträgliche, unbescheidene Laffen, aus teutschen Reichsstädten gebürtig, eingebildet von ihren Personen so wie von ihrer Eltern Geldsäcken; ein protestantischer Geistlicher aus Teutschland, der nach Holland reiste, um mitleidige, ehrgeizige, fromme und dumme Seelen zu beschwatzen, daß sie ihm ihre Kasten eröffneten, damit man ihm in seinem elenden Dörfchen ein Haus bauen könnte, in welchem er ungestraft Unsinn lehren dürfte, nachdem er die Hälfte des erbettelten Geldes auf der Reise verzehrt hätte – und viel andre Menschen mehr. Wir lebten indessen ganz freundschaftlich zusammen und hatten am ersten Tage, den wir zubrachten, Bekanntschaft untereinander zu machen, herrliches Wetter. Es war die erste Seereise, welche ich machte, und ich nahm mir vor, alle unangenehmen Ideen zu entfernen und das Vergnügen, welches mir diese neue Scene gewähren würde, ganz rein zu schmecken. Es fiel mir gar nicht ein, jetzt weiter in meinen Officier zu dringen, um ihn zu überführen, daß ich nicht myn Heer van Haftendonk sey. »Warum sollte ich mir nicht«, dachte ich bey mir selbst, »diesen Irrthum zu Nutz machen, um bey der Gelegenheit ohne Unkosten Holland zu sehn? Wenn ich an Ort und Stelle komme, wird der alte Herr schon gewahr werden, daß ich sein Sohn nicht bin, und mir, nebst tausend Entschuldigungen und einer freyen Rückreise, noch ein Geschenk machen. Dann trete ich dem rechten Besitzer die Frau ab und habe, wie es bey großen Herrn üblich ist, nur als Gesandter mich trauen lassen.« Diese Überlegungen machten mir frohen Muth, wozu noch die Vermuthung kam, daß wohl der junge Haftendonk früher wie wir in Amsterdam ankommen würde, denn er war, aller Vermuthung nach, viel eher ausgefahren. Auch sahen wir in der That mit unsern Fernrohren ein Schiff weit vor uns her und geschwinder wie das unsrige segeln. Indes ich den ersten Tag mir also mein System gemacht hatte, stieg ich ruhig in meine Hängematte und schlief bis an den Morgen. Die Sonne war von Wolken verdunkelt, als ich aufstand. Der Wind blies stark und war uns durchaus entgegen. Wir kamen gar nicht weiter. Die ganze Gesellschaft war verdrießlich, kränklich – Es war ein trüber, unangenehmer Tag. »Wenn ich nur wenigstens ein Buch hätte! Die Menschen da unten machen mir Langeweile. Ich möchte lieber lesen.« – »Lesen?« antwortete ich mir selbst. »Was hindert mich, zu lesen? Habe ich nicht das kostbare Manuscript, das theure Unterpfand des sterbenden Bricks in meiner Tasche?« Bemerken Sie wohl, ich hatte, als ich die Kleider wechselte, wie sichs versteht, nicht vergessen, meine Taschen auszuräumen; aber die Verwirrung, in der ich mich nachher befunden, hatte mich mein Manuscript gänzlich vergessen gemacht. Es war noch unerbrochen in dem versiegelten Umschlage. »Goldnes Manuscript! Welche neue Dinge wirst Du mich lehren!« – Ich hatte kaum so viel Geduld, das Siegel zu lösen, und als es offen da lag, verschlang ich es fast, zitterte aus freudigem Verlangen und fing an emsig zu lesen, was im folgenden Capitel steht. Viertes Capitel Anfang des Manuscripts. Sturm auf der See. Sie werden nach Dänemark verschlagen. »Erzählung derjenigen Begebenheiten, welche mir, Christoph Heinrich Brick, seit meiner Abreise aus Braunschweig begegnet sind. Ich will die wenigen Augenblicke, welche ich vielleicht noch zu leben habe, zum Besten meiner lieben Freunde, welche mich in meiner Krankheit so treulich verpflegt haben, anwenden, indem ich Euch eine höchstwichtige Nachricht melden will, welche, wenn Ihr sie in gute Hände liefert, Euch und ganz Europa beträchtliche Vortheile bringen kann. Es ist dies nämlich die Beschreibung einiger, durch sonderbare Zufälle von mir ganz allein entdeckten unbekannten Länder unter dem Südpol. Kein Europäer außer mir weiß die Lage noch den Weg dahin. Am Ende dieser Handschrift aber werdet Ihr beydes auf das genaueste bezeichnet finden. Wenn Ihr irgendeiner Seemacht diese Entdeckungen mittheilet, so lasset Euch gut dafür bezahlen! Versichert Euch der Bedingungen vorher, ehe Ihr die Reise antretet, denn Ihr wißt, daß die großen Herrn oft treulos und eidbrüchig handeln und daß selbst die englische Nation zuweilen unedel mit Denen umgeht, die sie durch große Versprechungen angelockt hat, ihr Kräfte und Gesundheit zu widmen, um in fremden, wilden Gegenden Leben, Gut und Blut zum Besten der Nation daranzuwagen. Höret nun meine Erzählung! Es sind, wie Ihr wißt, ungefähr vierzehn Jahre, nämlich in der Mitte von 1766, als der edle Reyerberg in Braunschweig im goldenen Engel Erster Theil, Seite 50 bis 55. mein niedergeschlagenes Herz mit Trost erfüllte und dadurch, daß er mich einem Schauspieldirector empfahl, mir Mittel verschaffte, einen ehrlichen Unterhalt zu haben. Ich blieb eine Zeitlang bey dieser Gesellschaft, bis ich Gelegenheit fand, von dem Herrn Abt, welcher in Holland eine Gesellschaft führte, einen Ruf zu erhalten. Ich ging hin und hielt mich zwey Jahre dort auf, wo ich, nicht ohne Beyfall des Publicums, die größten Rollen übernahm. Allein ich hatte immer Lust gehabt, fremde Länder zu sehn, und in der That überlegte ich auch, daß man doch bey dem Schauspielerleben nur ungewisse Aussichten für sein hohes Alter hat. Da ich nun mit einem Kaufmanne bekannt geworden war, der viel Wohlwollen für mich zeigte und überhaupt ein gutthätiger Mann war, eröffnete ich Diesem von Zeit zu Zeit den Wunsch, bald eine andre Aussicht zu meinem Glücke ausfindig machen zu können, ›und wäre es auch‹, fügte ich hinzu, ›in einem fernen Welttheile‹ – ›Wenn das Ihr Ernst ist‹, antwortete der Kaufmann, ›so kann ich Ihnen, da Sie der Feder mächtig sind, vielleicht in kurzer Zeit eine gute Stelle auf einem Schiffe, das nach Cap de bonne espérance und weiter geht, verschaffen.‹ Ich bat ihn, diese Güte für mich zu haben. Er hielt Wort, und ich reiste bald nachher in Diensten eines reichen Negotianten ab. Wir hatten die glücklichste Fahrt, die man sich nur wünschen kann, und ich war beynahe der Einzige von der Equipage, welcher die ganze lange Reise hindurch fast immer frisch und gesund blieb. Allein kaum kamen wir von dem Vorgebirge der guten Hoffnung nach Batavia, als ich anfing zu kränkeln. Die große Hitze, die ungesunden Dünste, die schlechten Nahrungsmittel, der Mangel an frischem Wasser, die hitzigen Getränke – Kurz! die ganze ungewohnte Lebensart zog mir eine hitzige Brustkrankheit zu, an welcher ich lange in Batavia schwer krank lag, welche mir ein schleichendes Fieber und eine Mattigkeit zurückließ, die mich zu allen Geschäften unlustig machte und mir den Wunsch einflößte, wieder nach Europa zurückkehren zu können. Ich war indes nach dem Cap zurückgekehrt, wo die Luft gesünder ist, und erwartete hier eine schickliche Gelegenheit, als der Capitain Cook im Jahre 1772 bey seiner großen Reise um die Welt dort ankam. Da wurde ich dann durch die Lust, ferne, unbekannte Länder zu sehn, durch die Hoffnung, daß die gemildertere Luft im Süden, wohin Cooks Fahrt gerichtet war, meine in Batavia zerrüttete Gesundheit wieder herstellen würde, und endlich die Ungewißheit, wie bald ich ein Schiff finden würde, das mich nach Europa brächte (wo ich im Grunde doch auch nichts zu erwarten hatte, wenn ich auch die lange und heiße Reise aushielte) – durch dies alles, sage ich, wurde ich bewogen, den Capitain Cook zu bitten, mir einen Platz in seinem Gefolge zu geben, welches er willig that und mir eine Schreibersstelle anwies, worauf ich um meinen Abschied bat und mit dem berühmten Seefahrer am 27sten November 1772 vom Vorgebirge der guten Hoffnung wegfuhr. Wir stachen frisch in die See, und der Zweck der Reise war, wie bekannt, zu untersuchen, ob unter dem Südpol nicht ein großes festes Land befindlich sey. Wir kreuzten hin und her, stießen aber immer auf große Eisflächen, durch welche es unmöglich war, hindurchzukommen. Am 9ten März 1773 trennten sich die beyden Schiffe, und mich traf die Wahl, auf demjenigen zu bleiben, wovon der Capitain Furneaux Befehlshaber war. In Neu-Zeeland trafen wir wieder zusammen, ohne weiter sehr wichtige Entdeckungen gemacht zu haben, und fuhren dann miteinander auf Tahiti zu. In dieser schönen Insel wurde meine Gesundheit, welche schon auf der Reise sich merklich gebessert hatte, gänzlich hergestellt. Ich erinnere mich, nie vorher so frohe, sorgenlose Tage verlebt zu haben wie hier, glaubte auch damals nicht, daß es ein glücklichers Volk geben könne wie die guten Tahitier. So wie indessen mein Körper an Gesundheit und Stärke zunahm, wurde er dann auch empfänglicher für die sinnlichen Eindrücke. Eine junge Tahitierin, welche uns oft besuchte und sich durch Sittsamkeit, Unschuld und Naivität von den Übrigen ihres Geschlechts sehr unterschied, gefiel mir unbeschreiblich wohl. Ich war fünfunddreyßig Jahre alt und hatte noch nie in meinem Leben mit ganzem Herzen geliebt, auch waren mir immer die gezierten Manieren der Europäerinnen, ihre grobe und feine Coketterie, ihr Mangel an wahrhaftem reinen, innigen Gefühle, die stets durchschimmernde Eitelkeit oder Sinnlichkeit an der Stelle der Liebe, die conventionelle Tugend, die studierte Sprödigkeit und die bedächtliche Ergebung nach Zeit und Umständen in den Tod zuwider gewesen. War es daher Wunder, wenn hier Schönheit und Einfalt Eindruck auf mich machten? Meine junge Schöne schien auch bald für mich mehr wie gemeine Zuneigung zu fühlen, und diese stieg endlich bis zur größten Zärtlichkeit. Sie lebte nur für mich, brachte mir die schönsten Früchte und war besorgt um mich, sooft ich nur einen trüben Blick auf sie warf. Und das kam nun freylich oft, denn wenn ich dachte, welche selige Tage ich hier verlebte und wie das alles auf einmal vorbey, auf ewig vorbey seyn würde, wenn unsre Schiffe wieder abführen, wie ich dann wieder in den gezwungnen europäischen Circeln eingesperrt, von Sorgen, Leidenschaften, Vorurtheilen und unnützen Bedürfnissen in einem Wirbel umhergetrieben werden würde, dann konnte ich mich wahrlich oft der Thränen nicht enthalten. Meine Geliebte, deren Sprache ich in kurzer Zeit gelernt hatte (die Liebe ist eine herrliche Lehrmeisterin), lockte mir endlich mein Geheimnis ab, und ich bekannte es ihr, wie sehr mein Herz von dem Gedanken, sie bald zu verlieren, zerrissen würde. ›O! wenn Du sonst keinen Kummer hast‹, rief sie da aus und umschlang mich mit ihren schönen Armen, ›so sey ruhig! Nichts soll uns trennen; ich folge Dir durch die ganze Welt.‹ ›Armes Mädchen!‹ rief ich. ›Nein! so unglücklich will ich Dich und mich nicht machen. Du kennst diese glänzenden, geputzten Europäer noch nicht. Ich sollte Dich aus dem Schoße Deiner Eltern, aus diesen glücklichen, schönen Gefilden fortreißen, um Deine Ruhe und Unschuld meinen verderbten Landesleuten preiszugeben? – Nimmermehr! Ach! Könnte ich doch hier bey Dir bleiben!‹ – ›Und was hindert Dich, das zu thun?‹ sagte sie – ›O! bester, liebster Bricki!‹ (so nannte sie mich) ›o! bleibe hier!‹ – Sie bat und flehete so dringend, führte mich zu ihrem Vater, der ein guter alter Mann war und seine Bitten mit den ihrigen vereinigte – Kurz! ich gab nach, verschwieg meinen Entschluß vor unsern Leuten und ging in der letzten Nacht vor Abfahrt der Schiffe in das Haus des alten Vaters, der mir seinen ältesten Sohn mitgab, welcher nebst meiner Geliebten mich tief in das Land hineinführte, dort in einem Walde versteckte – und so war ich dann nun ein Einwohner von Tahiti, im Besitz eines lieben Weibes, vergaß Vaterland und Landesleute. Dem Capitain Cook aber schickte ich durch einen Wilden einen Brief, darin ich ihm meinen Entschluß meldete und ihn bat, sich die verlorne Mühe zu ersparen, mich aufzusuchen. Ich dankte ihm für seine mir bezeigte Güte und ließ den größten Theil meiner elenden Habseligkeiten auf dem Schiffe. Nie habe ich lebhafter empfunden wie damals, welches Elend wir uns selbst durch Vervielfältigung unsrer Bedürfnisse aufladen. Glücklich in dem Besitze eines lieben Weibes; an ihrer Seite, unter dem Schatten eines Baums ruhend, dessen wohlschmeckende Frucht mir zugleich die herrlichste und gesundeste Nahrung gab; in einer einfachen Hütte gegen die Launen des Wetters geschützt; bezaubert von dem schönen Anblicke der reichen, immer neuen, unterhaltenden Natur; gekleidet und bedeckt mit einem Stoffe, dessen Zubereitung mir sowohl gesunde Bewegung wie Zeitvertreib verschaffte; unverfolgt von dem Neide, der Hinterlist und der Habsucht, ungekränkt von dem Stolze der feinen Europäer; da wo kein wollüstiger Fürst meinem treuen Weibe nachstellen, kein dummer Tyrann meine gesunden Glieder an auswärtige Potentaten verkaufen noch mein Vieh aus dem Stalle holen konnte, um eine Arie trillern zu hören, eine Pastete zu fressen, einen Dieb mehr zu besolden, einen Hirsch mehr totzumartern oder ein rares unnützes Thier mehr in der Menagerie zu füttern – Wer hätte nicht sagen sollen, daß man in diesem seligen Zustande Ewigkeiten lang vergnügt, ohne mehr zu wünschen noch zu fürchten, fortleben könnte? – Aber die Mängel einer unzweckmäßigen Erziehung drückten mich auch hier. Sobald der erste Reiz der Neuheit (leider! das Einzige, womit man den verwöhnten Kunstmenschen fesseln kann) vorüber war, da fing ich an, mehr zu wünschen. Bald erzählte ich meinem Weibe von europäischen Künsten und Wissenschaften, damit ich Gelegenheit haben möchte, durch ihre Fragen und Gespräche wieder an jene glänzende Armseligkeiten erinnert zu werden. Dann wollte ich mich bemühn, sie unsre rauhen unbiegsamen Sprachen reden und schreiben zu lehren. Ein andermal schnitt ich mir eine Flöte aus Schilf und begleitete den einfachen Herzensgesang der Natur mit meinen erkünstelten Tönen. Ich wünschte mir Bücher und hatte doch das große Buch des Schöpfers, das man nie auswendig lernt, vor mir. Ich war nicht gewöhnt, wenn ich aß, meinen Hunger, sondern meinen Appetit zu fragen, aß mehr, trank mehr, wie ich nöthig gehabt hätte; dann war mir die Speise zuwider geworden und ich suchte Abwechselung. Oder ich empfand Kopfschmerzen und wünschte mir, aus der Apotheke ein schmerzstillendes Gift holen zu können. Meine Schnupftabaksdose war leer, ich suchte Kräuter, die mir das Gehirn kitzeln und mich betäuben könnten. Ich legte künstliche, nach der Schnur gezogene Gärten an, da, wo der Schöpfer Mannigfaltigkeit verordnet hatte, und pflanzte auf einem Fleck zusammen, was die Natur in so herrlicher Schattierung vertheilt. Dann hätte ich gern die Eingeweide der mütterlichen Erde durchwühlen und das unglückliche Metall herausholen mögen. Auch fing ich an, die Jugend zu cultivieren. Sie mußten die Füße auswärts setzen, welche Gott gradehin hat wachsen lassen, und wenn sie die Heiterkeit ihres frohen Herzens in ungezwungnen Sprüngen entfalten wollten, lehrte ich sie, nach einer schalen Weise, in der Figur von gothischen Zahlen, von Schneckenlinien und Ketten, sich gleichförmig durcheinander hindurchzwängen – Ja! soll ich es bekennen? Wenn dann mein Geblüt erhitzt war und ich sah, mit welcher natürlichen Grazie ein junges blühendes Mädchen dahinhüpfte, dann erwachten strafbare Begierden in meiner Seele – Pfui! sagte ich zu mir selbst, schändlicher Europäer! Wie wenig verdienst Du, unter unverderbten Menschen zu leben, und doch bist Du keiner der Schlechtesten unter Deinen Landesleuten. Auf diese Art nagte das Gefühl meiner eignen Unwürdigkeit, die unruhige Thätigkeit und das gewöhnte Verlangen nach immerwährendem Wechsel (Welch ein Widerspruch!) an meinem Gemüthe. Mein Weib sah es, sie war im fünften Monate schwanger und härmte sich darüber, daß ich nicht mehr so heiter wie ehemals aussah. Eines Morgens, nachdem ich ungefähr dreyundzwanzig Wochen in Tahiti gelebt hatte, ergriff mich auf einmal ein verzweifelter Gedanke. Ich saß einsam am Ufer des unruhigen Meers und machte mir selbst Vorwürfe, daß ich im Begriff wäre, ein ruhiges Völkchen durch meine armselige Cultur um Glück und Frieden zu bringen – Flieh, weil es noch Zeit ist, und sollte es Dich das Leben kosten! rief ich aus und sprang plötzlich auf. – Es stand ein Nachen, ein kleiner unsichrer Nachen am Strande. Ich schwang mich hinein – Wohin willst Du, Elender? Du wirst den Tod in den Wellen finden – Bleib – Was wird Dein treues Weib sagen? Es war zu spät. Eine Welle hob das leichte Fahrzeug und trieb mich schnell vom Lande weg. Außer einem kleinen Ruder und einigen Nahrungsmitteln, welche von ungefähr in dem Nachen lagen, fand ich nichts darin. Ich mußte der Gewalt des starken Elements weichen und erwartete ruhig, wohin ich verschlagen werden könnte. Umsonst würde ich es versuchen, Euch die Gemüthsverfassung zu schildern, in der ich drey Tage hindurch zubrachte, während welchen ich so schnell fortgetrieben wurde, daß ich zuweilen in Ströme gerieth, welche mich geschwinder wie ein Pfeil fortschossen. Der Nachen war federleicht. Es gelang mir, mit meinem alten Hute das einschlagende Wasser auszuschöpfen – Die Hand der Vorsehung erhielt mein Leben, um mich größere Erfahrungen machen und dann hier in meinem Vaterlande auf dem Bette meinen Geist aufgeben zu lassen. Nachdem gegen den vierten Tag meine Nahrungsmittel beynahe aufgezehrt waren und ich schon den nahen Tod vor Augen zu sehn glaubte, stieß ich grade auf die große Eisfläche, durch welche Cooks Schiffe nicht kommen konnten. Schon war ich im Begriff, mich aus Verzweiflung in die See zu stürzen, als ein reißender Strom, mitten durch die ungeheuren Eisschollen hindurch, mir einen Weg bahnte. Mein kleines Fahrzeug wurde mit ungeheurer Schnelligkeit auf diesem schmalen Canal fortgetrieben, und – o! überschwengliches Wunder! nach acht Stunden kam ich durch alle diese Berge von Eis hindurch in ein stilles Meer, das, je näher ich dem Südpol rückte, um desto wärmer und lieblicher schien. Nun wurde mein Herz von einer nie zuvor gefühlten Wonne durchströmt. Ich bekam Muth, Hoffnung, das unter dem Pol liegende Land zu erreichen, und diese Hoffnung trog mich nicht. Nachdem ich mein Ruder ergriffen und, soviel die durch Freudigkeit gestärkten Kräfte erlaubten, gearbeitet hatte, sah ich gegen Abend das flache Ufer eines schönen Landes voll herrlicher Gewächse und Bäume vor mir hingebreitet. Ich verdoppelte meine Mühe, kam glücklich hin, stieg an das Land, warf mich auf die mütterliche Erde nieder und dankte mit heißen Thränen meinem Schöpfer und Erretter.«   So weit hatte ich Bricks Manuscript gelesen, indes das Wetter jeden Augenblick stürmischer wurde und uns immer mehr rechter Hand von unserm Wege abtrieb. Aber so emsig las ich, daß ich kaum merkte, in welcher Gefahr wir schwebten. Allein gegen Abend erhob sich ein so fürchterlicher Sturm, daß ich Ihnen Allen, meine schönen Damen und Herrn! nimmermehr wünsche, dergleichen zu erleben. Seit einer Stunde schlage ich alle alten und neuen, poetischen und prosaischen Schriftsteller, die ich in meiner kleinen Büchersammlung habe, nach, um für Sie ein recht dichterisches Gemälde eines Seesturms abzuschreiben. Aber sie gefallen mir alle nicht. Man sieht es ihnen vielmehr an, daß sie beym warmen Ofen geschrieben sind und daß der Mann sich seinen eigenen Wind geschaffen hat – Mich soll der Henker holen, wenn Sie Sich nur einen Begriff davon machen können, ohne das Schauspiel selbst erlebt zu haben. Denn, sehen Sie, das Meer wird so schwarz, ja! wie soll ich nun gleich sagen? so schwarz, wie – meine manschesternen Beinkleider, und schäumt, schäumt, wie – wie Bartseife, und noch ärger. Dann thürmt sich auf einmal alles in die Höhe und kocht wie – aber im Großen – wie wenn ein Topf voll Erbsen überkocht, und wirft dann das Schiff, das große schwere Schiff – ja! denken Sie nur! – als wenn es ein Ball wäre, meiner Seele! so hoch in die Höhe, daß man meint, man müßte sich den Kopf am Monde einstoßen. Die Wolken hängen pechbraun, couleur de puce und in allerley Farben dicht über dem Scheitel und werden fortgewälzt, als wenn der böse Feind hinter ihnen wäre. Aus Bosheit halten sie dann nicht fest, sondern gießen ganze Fässer voll trübes Wasser auf die armen Reisenden hinab, die doch wahrhaftig nichts dafür können und schon da unten der Plage genug haben, denn in dem Schiffe selbst, Mord, Pestilenz! da geht es erst recht bunt her. Krick, krack! und immer hin und wider. Dort stürzt Einer über den Andern und bittet nicht einmal um Verzeyhung, und dann ist ein Lärm, ein Rufen, ein Toben, ein Bethen – Man meint, man müßte toll und rasend werden. So natürlich, wie ich Ihnen das Ding beschrieben habe, ja! grade so ging es bey uns zu. Es dauerte die ganze Nacht durch, und als der Tag herankam, sahen wir, daß wir nahe bey Dänemark waren. »Was ist nun zu thun?« sagten die Schiffsleute. »Das Schiff ist schadhaft an allen Ecken, ein Mast ist geborsten. Gott Lob! daß wir nur Alle noch leben! Wir müssen nach Dänemark und dort erst das Schiff ausbessern.« Es blieb keine Wahl übrig. Ich war, scheint es, bestimmt, ein Stück dieses Reichs zu sehn. Wir segelten darauf los und kamen um zwölf Uhr mittags in Kopenhagen, dem Zollhaus gegenüber, bey Christianhafen vor Anker. Fünftes Capitel Erneuerte alte Bekanntschaft. Entdeckung dadurch. Fortsetzung des Manuscripts. Abreise nach Holland. »Es ist eine herrliche Sache um das Reisen, mein Herr Officier!« sagte ich, als wir am Hafen auf und nieder gingen, »und ich komme jetzt so dazu und weiß nicht wie.« »Übel genug!« antwortete der Kriegsmann, »daß wir hier nach Dänemark gerathen sind und wissen nicht wie! Ihr Herr Vater wird in großen Sorgen unsertwegen seyn.« »Das glaube ich schwerlich«, erwiderte ich mit Lächeln. (Er hörte es aber nicht, sondern fuhr fort) »Und was machen wir hier? Ich habe von jeher die Dänen nicht gut leiden können. Es ist nichts wie Körper an ihnen. Wir sind alle Erdenklöße, aber diese Menschen scheinen aus bloßer schwerer Thonerde zusammengesetzt zu seyn.« Er machte noch einige solche unbillige Anmerkungen über diese Nation, als eben ein Mann, mit Büchern unter dem Arm, eilig durch die Quergasse gestrichen kam. »Das ist gewiß ein Franzose oder so ein Ding«, sagte mein Gefährte – Ich sah nun die Figur genauer an und meinte, ich müßte das Wesen schon irgendwo gesehn haben. Als er näher kam, durfte ich nicht länger zweifeln: » Ah cäreste Clausen! Wo gord ed? « rief er in gebrochenem Dänischen aus und fiel mir um den Hals. » Est-ce bien Vous, man ami? Nun! wer hätte denn denken sollen, daß wir uns hier in Dänemark antreffen würden? Und zu urtheilen nach meines alten Peters Ansehn und Anzuge, so muß es Ihnen, mein Freund! wohlgehn.« »Mein Herr!« sagte ich. »Zu dienen! So! So! Vielleicht sind Sie aber irre. Zwar heiße ich wirklich, wie Sie mich genannt haben; allein dürfte ich fragen, mit wem ich die Ehre habe« – » Ah mon chèr! « rief er aus. »Die Umstände verändern sich, und das Schicksal verändert die Menschen, mais ne Vous souvient-il plus du Sieur Lippeville? Par Dieu! pour moi, je Vous ai d'abord reconnu « – Ja! er war es leibhaftig. »Und wie, in aller Welt!« fragte ich, »kommen Sie denn hierher?« »Nun, das will ich Ihnen erzählen«, war seine Antwort. »Es hat mir nicht recht glücken wollen in meinem Vaterlande, und so bin ich endlich sogar Hofmeister bey einem teutschen Grafen geworden, mit dem ich auf Reisen ging. Der junge Mensch besaß hübsches Vermögen; aber, wie es dann geht, er verspielte alles, und zuletzt hatten wir Beyde nichts mehr; denn was mich betrifft, so verlor ich auch meine rente viagère durch einen unglücklichen Bankerott, den die Casse machte. Der junge Graf sah sich genöthigt, in kaiserliche Dienste als Officier zu treten. Nun war für mich weiter keine Ressource übrig, als von meinen geringen Talenten Partie zu ziehn. Ich war damals grade in Schleswig, wo ich meine Lage einem guten Manne entdeckte, der mir dann Adressen hierher gab. Es wollte aber anfangs nicht recht gehn. Ich mußte allerley Wege einschlagen. Endlich ergriff ich den Entschluß, der Jugend Unterricht im Französischen und Teutschen zu geben, und da finde ich nun als Sprachmeister mein ziemlich bequemes Auskommen. Ich habe eine Witwe geheyrathet, die einiges Vermögen hat, so daß ich nicht übermäßig viel Stunden zu übernehmen brauche. Aber freylich fällt mir oft mein ehemaliger Glanz ein. Doch wie kommen Sie, mein lieber Claus! denn hierher?« »Das ist«, antwortete ich ihm, »jetzt zu weitläufig zu erzählen. Nur Eine Bitte habe ich an Sie, und die besteht darin, daß Sie diesem Herrn Officier hier sagen mögen, wer ich bin und unter welchen Umständen Sie mich gekannt haben.« Lippeville war sogleich bereit, meinem Gesuche zu willfahren. Wir Drey gingen zusammen in einen nahegelegenen Gasthof. Dort versicherte mein ehemaliger Herr den Officier, daß ich Peter Claus hieße, entholländerte mich also durch sein unverdächtiges Zeugnis. Es wurde alles aufgeklärt, ich erzählte die Veranlassung der Irrung, die Austauschung der Kleider, einen Theil meiner übrigen Schicksale und setzte freylich dadurch den Officier, der mich unzählige Male um Verzeyhung bat, in nicht geringe Verlegenheit. Jetzt war es schwer, einen Entschluß zu fassen, was nun bey den Umständen zu thun seyn würde. Doch fiel endlich die Entscheidung dahin aus, daß ich die Güte haben möchte, mit nach Holland zu schiffen. Der Herr Vetter des Hauptmanns, der alte Herr van Haftendonk, dem zur Freundschaft er nach Hamburg gereiset sey, den Sohn aufzusuchen, werde freylich nicht wissen, ob er ihm danken solle oder nicht. Doch sey ja der Sohn, meiner Versicherung nach, auch nach Holland abgegangen – »Kurz! Wir müssen sehn, wie es geht, mein lieber Herr Claus«, sagte der Officier. »Auf jeden Fall wird Sie mein Vetter reichlich entschädigen, und Sie reisen ja ohnehin gern. Das Unglück ist nicht so groß, einer reichen Frau angetrauet zu werden, wenn Sie sie auch behalten müßten. Nur mit dem Kinde wäre es so ein Umstand – Doch was hilft es, vor der Zeit sich mit Grillen plagen? Nur so viel muß ich bitten, daß wir uns nicht länger wie einen Tag hier aufhalten. Wir können ja morgen die Hauptmerkwürdigkeiten der Stadt besehn, und indes wird auch unser Schiff wieder im Stande seyn abzufahren.«   Monsieur de Lippeville erboth sich, unser Cicerone zu seyn, hielt auch am folgenden Tage sein Wort und wies uns, was man Fremden zu zeigen pflegt. Allein ich würde es für Mißbrauch Ihrer Geduld halten, meine lieben Leser! wenn ich Sie hier mit einer Beschreibung von Kopenhagen ermüden wollte. Ich mag Ihnen lieber die Fortsetzung meines Brickischen Manuscripts abschreiben, wovon ich noch den Abend unsrer Ankunft ein Stück las, als mein Herr Hauptmann ausgegangen war, mit den Schiffern Abrede zu nehmen. Übrigens war ich mit diesem Manuscripte sehr geheim, steckte es weg, sobald der Officier wiederkam, und weil derselbe diesmal nicht lange ausblieb, so verzeyhen Sie gnädigst, wenn Sie in diesem Capitel nur ein kurzes Stück davon zu sehn bekommen! Fortsetzung des Manuscripts »Ich weiß wohl, meine werthesten Freunde! daß es Euch unglaublich vorkommen wird, wenn ich Euch erzähle, daß grade unter dem Pole ein so liebliches Clima herrscht, da es, nach der gemeinen Meinung, nirgends kälter seyn müßte wie da. Allein ich ersuche Euch, gewöhnt Euch, an keinem Dinge zu zweifeln, das Ihr nicht gesehn habt, und da ich gewiß der einzige Europäer bin, der bis dahin gedrungen ist, so glaubt mir vorerst – Es ist ein Glauben, der auf Eure Sittlichkeit keinen Einfluß hat. – Epicur behauptete, man könne nicht beweisen, daß die Sonne größer sey, wie sie unsern Augen schiene. Alte und neue Persifleurs fanden diesen Satz sehr dumm. Ich finde ihn nicht also. Wer weiß denn, ob dieselben Regeln der Meßkunst, die unsern groben Sinnen einen Körper in dieser oder jener Größe darstellen und ihn anders darstellen würden, wenn wir anders organisierte Sinne hätten, wer weiß, ob diese uns so heilig wahr scheinenden mathematischen Gesetze in andern Regionen anwendbar sind? Wer weiß, ob dort nicht ein Körper größer scheint, je weiter er entfernt ist? Ihr seht in einiger Entfernung einen Baum stehn. Ihr nennt das Entfernung und was dazwischen ist, Raum, weil Eure zwey groben Sinne, Gesicht und Gefühl, nicht eher anstoßen, sondern den Zwischenraum für Luft halten, bis zu diesem Baume. Aber wer sagt Euch, daß, wenn Ihr feinere Sinne hättet, Ihr nicht alles voll von Körpern und zwischen Euch und einem Baume eine solche Kette von materiellen Wesen finden würdet, daß ihr den Baum und Euch selbst nicht als zwey abgesonderte Stücke, sondern als ein zusammenhängendes Wesen ansehn müßtet? Wenn nun so viel Unsicherheit in der Erkenntnis der Dinge hier unten ist, mit welcher Gewißheit wollt Ihr von den fernen Wesen dort oben reden? Also gehet gnädig um mit Geistersehern und speculativen Köpfen! Bauet nicht Eure Glückseligkeit auf Dinge, die außer Eurer sinnlichen Empfänglichkeit sind, aber disputiert nicht weg, was Ihr nicht sehet oder fühlet. Cest une singulière tête que ce Monsieur Brick! Doch verdient, was er hier sagt, einige Aufmerksamkeit. Nach seinem Systeme wäre aller Begriff von Größe, Form, Gestalt, Farbe, Entfernung u. s. f. Täuschung. Die mathematischen Wahrheiten wären also, gegen die gemeine Meinung, von allen die unsichersten, die moralischen Gesetze hingegen unwandelbar, theils weil sie die Harmonie des ganzen Sichtbaren und Unsichtbaren befördern, theils weil das, was wir thun sollen , sich nur nach demjenigen bestimmen läßt, was wir kennen . Es könnten also eine Menge Dinge theoretisch wahr seyn, ohne daß wir sie einsähen; umgekehrt aber, practisch wahr für uns könnte nur das seyn, was für uns theoretisch begreifbar wäre. Ein weiser Mann wäre also Derjenige, der nichts fest behauptete, als was er klar einsähe, dennoch aber an nichts zweifelte, was er nicht einsähe, und der in seinen Handlungen nur nach dem Maßstabe seiner Erkenntnis consequent handelte; einen Schwärmer und Thoren müßte man Denjenigen nennen, der seine Handlungen nach möglichen Wahrheiten, die er nicht einsähe, bestimmte, einen Bösewicht aber nur Den, welcher wider seine Einsicht handelte. Peter Clausens Anmerkung. Doch ich entferne mich von meinem Zwecke. Genug! unter dem Pole hören die Gesetze der Natur, wie sie in den übrigen Erdgürteln herrschen, auf, und sobald man durch die Eisburg, welche diesen Pol von den andern Welttheilen absondert, hindurch ist, ruht ewiger Frühling, unbeschreiblich sanftes Clima auf den glücklichen Gefilden, die ich Euch beschreiben will. Vermuthlich wird es unter dem Nordpol ebenso seyn. So ungewiß es auch war, welches mein Schicksal seyn, ob ich hier lebendige Wesen antreffen, ja! ob ich je wieder Geschöpfe meiner Art erblicken oder nicht vielleicht einsam eines traurigen Todes sterben würde, von keinem Freunde, der mir die Augen zudrücken könnte, mit einem Labetrunke erquickt, ohne Trost, ohne Pflege, ohne Schmerzenslindrung, so fiel mir doch ein solcher Gedanke gar nicht ein. Nur das einzige Gefühl, mich von den Gefahren der See errettet und Gottes schönen Erdboden, die herrlichsten, reichsten Gefilde vor mir ausgebreitet zu sehn, erfüllte meine Seele mit überströmender Wonne. Ich bemerkte keine Spur von Fleiß und Arbeit der Einwohner, kein Fahrzeug am weiten Ufer hinunter, keine Pflanzungen, keine Hütten, aber doch war rings umher das ganze Land, so weit ich sehn konnte, mit den schönsten Bäumen und Gewächsen bedeckt. Allein alle diese Erdproducte waren mir ihrer Gestalt nach völlig fremd, ja! ich erinnerte mich nicht einmal, in Tahiti einige derselben gesehn zu haben. Nachdem ich eine Stunde lang freudetrunken diesen schönen Anblick genossen hatte, fing nagender Hunger an, sich bey mir zu melden. Schöne Früchte, von denen die Bäume vollhingen, schienen mich einzuladen, Erquickung bey ihnen zu suchen. Ich brach einige ab – Und ach! welch ein Geschmack! Ich fühlte neues Leben durch mein Wesen hingegossen. Eine Quelle, hell, lieblich und von Geschmack so süß, reichte mir den Trank dar. Vögel aller Art und kleine freundliche vierfüßige Thiere hüpften um mich herum und schienen mich gar nicht zu scheuen, sondern mich vielmehr als ihren ältern Bruder oder Beschützer zu betrachten. Ein kleines Thier, das viel Ähnlichkeit mit unserm Eichhörnchen hatte, kratzte mit seinem Pfötchen in der Erde und brachte endlich einige Wurzeln hervor, die es begierig verschlang. Mich wandelte die Lust an, diese Wurzeln auch zu versuchen; ich zog einige heraus und fand sie wohlschmeckend und sättigend. Nachdem ich nun also eine gar erquickende Mahlzeit gehalten hatte, ergriff der Schlaf meine müden Glieder. Eine grüne Aue, voll schöner duftender Kräuter, war mein Lager. Ich schlief ein und erwachte erst, nachdem ich vielleicht zwölf Stunden lang geschlafen haben mochte. Sobald ich die Augen öffnete, sah ich mit Verwundrung zwey menschliche Geschöpfe neben mir stehn, die mich aufmerksam betrachteten und wahrscheinlich schon lange, während meines Schlafs, mich beobachtet hatten. Es war ein Mann und ein Weib, meiner Beurtheilung nach die höchsten Ideale von Schönheit, weiß von Haut, geschmückt mit langen gelben Haaren; schöne schlanke Glieder, die kein unnatürliches Gewand bedeckte, denn sie waren, bis auf einen Schurz noch, gänzlich bloß; Gestalt und Blicke voll Milde, Hoheit und Güte, von keiner ängstlichen noch sträflichen Leidenschaft verzerrt, durch keine Kränklichkeit erschlafft – Das strahlende Ebenbild des großen Schöpfers glänzend auf der heitern Stirne – Gern bekenne ich es, ich konnte den Anblick so vieler edler Größe kaum ertragen. Ich raffte mich von meinem Lager auf und verneigte mich vor ihnen, indem ich zugleich ein Zeichen machte, welches so viel ausdrücken sollte, als daß ich sie um Schutz und Schonung bäte, daß ich unglücklich und ohne meinen Willen vom Meere hierhergetrieben wäre. Der junge Mann verstand mich, reichte mir die Hand und führte mich nebst seiner Frau leutselig mit sich fort. Unterwegens sprachen Beyde viel miteinander. Ich verstand wenig davon, doch hörte ich zu meiner größten Befremdung, daß es eine Art von hebräischer Mundart war. Ich hatte, als ich noch als Sachwalter Erster Theil, Seite 53 . viel Processe für Juden führte, einige Unterweisung in dieser Sprache genommen, um Handlungsbücher und andre jüdische Documente verstehn zu können, aber freylich war mir theils viel davon wieder aus dem Gedächnisse gekommen, theils schien mir das, was diese Wilden redeten, eine viel reichere Sprache zu seyn wie das gewöhnliche Hebräische, so wie wir es itzt aus den Büchern des alten Testaments lernen – Doch, wie kann ich diese sanften, einfachen Naturmenschen Wilde nennen? Zehnmal richtiger verdienten wir verderbte, verwilderte Europäer den Namen. Meine Führer betrachteten meinen Anzug, der halb europäisch, halb tahitisch war, mit Mitleiden. Sie zeigten mit Fingern auf die vielfachen unnöthigen Stücke, aus denen er zusammengesetzt war, und überhaupt schienen sie mehr Bedauern wie Verwundrung zu empfinden, sooft sie ihre Augen auf mich hefteten – Nie ist mein europäischer Stolz so sehr gedemüthigt worden wie hier, da ich bemerkte, wie gering die Achtung war, mit welcher diese ungezierten Geschöpfe auf ein Männlein herabblickten, das zu einer Nation gehört, die sich rühmt, die Herrschaft des Erdbodens zu Wasser und zu Lande zu besitzen und alle übrigen Völker zu cultivieren, wenn sie sich die Freyheit nehmen darf, in bretternen Kästen sich von Wind und Wasser umhertreiben zu lassen, dann auf fremden Küsten einen Rosenkranz zu bethen oder eine Fahne mit einem Wappen aufzupflanzen, das dort niemand kennt, und unschuldige Geschöpfe ungestraft zu morden, wenn sie uns nicht erlauben wollen, was die Erde für Alle trägt, allein uns Einwohnern eines kleinen, unbeträchtlichen Erdfleckens zuzueignen, oder wenn sie nicht als unentbehrlich zu ihrer zeitlichen und ewigen Glückseligkeit ansehn wollen, was ein paar schiefe Köpfe erfunden und dann der übrigen Welt zu glauben aufgedrungen haben. Wir kamen bald in ein reizendes Thal, in welchem weit umher eine Menge Hütten zerstreuet lagen – Ein herrlicher, lachender Anblick! Die Hütten waren äußerst einfach gebauet – Doch, was sage ich, gebauet? – gepflanzt, von den schönsten blüthevollen Bäumen, deren Zweige dicht ineinander geflochten und verwachsen waren. Vor den Eingängen dieser Hütten saßen alte Leute und erquickten sich an dem Anblicke der schönen Natur und an der Freude ihrer Kinder und Enkel, deren Einige fröhlich herumsprangen und sich mit allerley körperlichen Übungen ergötzten, indes kleinere Knaben und Mädchen im bunten Grase spielten – Gesundheit, Freude und Unschuld auf den Gesichtern Aller, mit Gottes Finger lesbar gezeichnet. So wie wir nach und nach vor einigen Hütten vorbeygingen, kamen die Kinder herangesprungen, zupften mich verwundrungsvoll, nicht unbescheiden, an den Kleidern, sahen sich dann einander mit einer Art von Besorgnis an und machten Zeichen, als wenn sie mich für einen kranken, halbtoten Menschen hielten. Die Älteren aber redeten mit meinen Begleitern und kehrten dann, ohne übermäßige Neugier zu zeigen, zu ihren Spielen und Arbeiten zurück. Aber diese Arbeiten waren nicht saure Anstrengungen, im Schweiße des Angesichts unnütze Bedürfnisse zu schaffen – Nein! Einer bereitete seinem alten Vater ein kleines Mahl aus Früchten, die er von den reichen Bäumen abpflückte und, ohne den besten Saft am Feuer auszutrocknen, auf großen Blättern frisch dem Greise, der ihm dankbar entgegenlächelte, hinreichte. Ein Andrer bauete an seiner kleinen Wohnung, ein Dritter flocht sich einen Schurz. Endlich näherten wir uns einer Hütte, an deren Eingang ein alter ehrwürdiger Greis mit seinem Weibe saß. Es waren die Eltern meines Führers und seiner Gattin. Freundlich nahm mich der Hausvater auf, und indes die jungen Leute ihm erzählten, auf welche Art sie zu meiner Gesellschaft gekommen wären, brachten mir die jüngern Kinder Obst, Wurzeln und, in großen Schalen von Nüssen, den ausgepreßten Saft einer Frucht, den köstlichsten, erquickendsten Trank, den ich jemals genossen habe. Ich werde Euch nicht damit aufhalten, hier ein ordentliches Tagebuch von der obgleich kurzen Zeit fortzuführen, welche ich in diesen seligen Gefilden des Friedens zubrachte. Nur im Allgemeinen will ich Euch sagen, was ich dort gesehn und erfahren habe. Es wird selten Nacht daselbst, und da ich mich nie recht in der dortigen Zeitrechnung habe finden können, kann ich nicht zuverlässig bestimmen, wie lange ich mich hier aufgehalten habe, aber so viel ist gewiß, daß es kein voller Monat gewesen ist. Und hierüber werdet ihr Euch nicht wundern, wenn ich fortfahre, Euch zu erzählen, wie sehr die dortige Lebensart gegen die unsrige absticht. Es gelang mir in kurzer Zeit, mit Hilfe der geringen hebräischen Sprachkenntnis, die ich hatte, und ihrer natürlichen, über die Vorstellung einförmigen, laut redenden Pantomime fast alles zu verstehn, was mir die Einwohner von ihrer Geschichte, Sitte und Einrichtung erzählten. Ob diese Geschichte und Mythologie wahrhaft und echt oder nur, wie die mündlichen Überlieferungen mancher Völker, fromme Fabel gewesen, darüber gebührt mir nicht zu urtheilen. Ich kann nur erzählen, was ich gehört habe. Sie glaubten nämlich, ihrer Tradition nach (denn von Schreibekunst sah ich auch nicht Eine Spur bey ihnen) unmittelbar von einem Sohne Adams abzustammen, der, als Verderbnis und Sünde unter den übrigen Kindern einriß, mit seiner Schwester, die sein Weib war, von einem Engel geleitet zu Lande hierherflüchtete. Wie das möglich gewesen, überlasse ich den klugen Naturkündigern auszuforschen, und ob etwa damals ein Theil des Meers Erde gewesen, nachher aber durch die Sündfluth überschwemmt worden, oder auf welche andre Art der Sohn Adams hierhergekommen. Genug, er gründete eine Colonie unverderbter Menschen, welche von der großen Überschwemmung verschont blieben, das patriarchalische Regiment, Reinigkeit der Sitten und den wahren Gottesdienst behielten, also sich der traurigen Verkündigung entzogen, die Gott auf den übrigen Theil des menschlichen Geschlechts, der Sünden wegen, legen mußte. Jeder Hausvater blieb König in seiner Familie und Priester vor Gott, dem sich nur der von Verderbnis und Laster freye Mensch, welcher das heilige Ebenbild nicht entweyhet hat, nähern darf. Zwar hatten sie die Unsterblichkeit verloren, aber doch nie Krankheit noch Gebrechen gelitten. Ein sanfter Schlaf nahm jeden zu einer bessern Sphäre Vorbereiteten nach einer langen Reyhe glücklich und sorgenlos verlebter Jahre aus der sichtbaren Welt hinweg. Indes war auf dieser Erde Studium und Anschaun der schönen Natur und Verfeinerung, Hinaufschwingen des geistigen Theils zu höhern Wesen, Umgang und Gemeinschaft mit Diesen die selige Beschäftigung der von allen übrigen Sorgen und Bedürfnissen freyen Menschen. Welchen reichen mannigfaltigen Genuß diese höhere Glückseligkeit, keinem Wechsel und keinem Ekel unterworfen, ihnen gewähren mußte, davon können freylich wir, mit unsern gröbern Sinnen, keinen Begriff haben. Aber ich sah es und fühlte es, was ich nie wiedererzählen kann, auf welcher Stufe von Erhabenheit diese Geschöpfe Gottes über mir standen, wie ihr Geist in die Zukunft hineinschauete und tiefe Blicke in mein innerstes verderbtes Wesen that, wie der Allgegenwärtige unmittelbar in und um ihnen war – Allein ich schweige – unwürdig – mißmüthig – zu seyn, was und wie ich bin – Die einfache Kost von den Früchten der reichen Erde, welche keines künstlichen Salzes bedurfte, um fruchtbar zu werden, erhielt den gesunden, mit aller Schnellkraft und Stärke ausgerüsteteten Körper (das Meisterstück des höchsten Baumeisters) stets unzerrüttet. Sie aßen nie von dem Fleische ihrer Mitgeschöpfe. Ein kurzer, ruhiger Schlaf war hinreichend, den Gliedern neue Geschmeidigkeit zu geben; ein gelinder Regen und der süße Thau des schaffenden Himmels erhielt die wohlthätige, von keiner dürren Hitze getrennte noch von herbem Froste verschlossene Erde stets bereit, aus ihrer Fülle ihren Kindern gesunde Säfte darzureichen. – Welch ein Leben! – Keine Krankheiten – Kein Eigenthum – Kein Luxus –Keine Leidenschaften – Keine Fürsten – – Keine Pfaffen! – Der Trieb der Fortpflanzung wurde nicht durch reizbare, widernatürliche Speisen gekitzelt, und der mäßige Ruf der Natur ließ, wenn er befriedigt war, keine mißklingende, matte Stimmung zurück. Also hatte der Patriarch das Glück, seine Nachkommen bis in das vierte Glied um sich her sich ihrer Existenz freuen und ihren Schöpfer preisen zu sehn, den sie in harmonischen Gesängen, welche meinen Ohren so lieblich wie ein Sphärenklang vorkamen, erhoben. Dieser glückliche Zustand aber würde nicht lange gedauert haben, wenn nicht der Allgewaltige nach der Sündfluth das Gleichgewicht der Erde verändert und um dieses geweyhete Paradies eine Burg von Eis gelegt hätte, welche seine frommen Kinder von einer andern Insel, welche ich leider! bald nachher auch sehn mußte, getrennt hätte. Sie bedurften der geschriebnen Offenbarung nicht, doch wußten sie, was Gott für den übrigen tiefer gefallnen Theil der Menschen gethan hatte, und sie, die sich näher der größern Erlösung fühlten, nahmen innigen, liebevollen Antheil an dem Schicksale der Brüder, welche weiter vom Ziele waren. Für mich war gar kein Bleibens hier in diesen seligen Wohnungen. Die Höhe zu erreichen, auf welcher jene edleren Wesen standen, dazu fühlte ich mich bald zu schwach. Von Jugend an im Verderbnisse aufgewachsen, von einem Heere unruhiger Leidenschaften bestürmt – Wie hätte ich da je den göttlichen Frieden finden können, wozu Körper, Seele und Geist in vollkommnen Einklange stimmen müssen? An einem schönen heitern Abende rief mich ein alter Greis zu sich vor die Thür seiner Hütte, ergriff mich väterlich bey der Hand und sprach, theils in Worten, theils durch Zeichen also zu mir: ›Armer Fremdling! Ich sehe es, Du trauerst, weil Du nicht ganz bist, wie wir sind. Allein verzage nicht, guter Mensch! Einst in einer andern Welt wirst auch Du zu einer größern Stufe von Vollkommenheit gelangen, wenn Du hier Deine Bestimmung treu und fleißig erfüllst. In unsern Gefilden aber darfst Du nicht länger bleiben. So will es der weise Schöpfer, daß Du noch andre ferne Länder sehest und endlich in Deinem Vaterlande Deine irdische Hülle ablegest, daß Deine Gebeine gesammlet werden zu den Gebeinen Derer, die Du kanntest, und die von Deinem Stamme und Geschlechte sind. Genieße von dieser Frucht, und Du wirst in einen Schlummer fallen, und wenn Du erwachst, dann werden Deine Augen mehr sehn, wie Du erwartest.‹ Der ehrwürdige Mann gab mir eine röthliche Traube, die ich auf sein Geheiß verzehrte, und kaum hatte ich die letzte Beere genossen, als ein unwiderstehlicher Schlaf mich ergriff – Wie ich endlich aufwachte« –   So weit hatte ich in der Handschrift gelesen, als der Hauptmann wieder in die Thür trat, worauf ich dann sogleich meine Papiere zusammenpackte. Sechstes Capitel Peter schreibt an Reyerberg. Ein kleines Abentheuer. Abreise nach Holland. »Nun, mein lieber Herr Claus!« rief der Officier. »Alles ist in Ordnung. Wir können übermorgen in See stechen. Morgen laufen wir in der Stadt herum, und diesen Abend wollen wir, denke ich, recht fröhlich hinbringen. Lassen Sie uns den Windbeutel, den Lippeville, oder wie der alte Kerl heißt, hier in den Gasthof zum Abendessen bitten! Er soll uns Geschichtchen erzählen. Der Mann ist weit in der Welt gewesen, mag allerley erfahren haben – Kommen Sie!« »Herzlich gern!« erwiderte ich. »Nur lassen Sie mich vorher einen Brief schreiben!« Ich setzte mich hin, schrieb an meinen lieben Reyerberg nach Hamburg und gab ihm Nachricht von dem, was mir begegnet war. Der gute Ludwig mochte wohl in die größte Verlegenheit meinetwegen gerathen seyn, als er des Morgens Brick tot im Bette gefunden hatte und ich verschwunden war. Jetzt meldete ich ihm den ganzen Zusammenhang, versprach, sobald mein Geschäft in Holland geendigt seyn und ich meine Frau an den rechten Mann gebracht haben würde, zu ihm nach Hamburg zurückzukehren. Dabey berichtete ich ihm, daß ich eine kostbare Handschrift besäße, die vielleicht unser Beyder Glück machen würde, aber in der That war, was ich bis itzt mit Ihnen, meine lieben Herrn! davon gelesen hatte, nicht von der Art, daß wir damit bey Fürsten etwas zu gewinnen hoffen durften. Wenn auch das Ganze nicht vielleicht ein politischer Roman war, wie ich es noch dafür anzusehn Ursache fand, so konnte doch die Entdeckung eines Landes, wo weder Luxus noch Laster, sondern Unschuld und Freyheit herrschen, wenig Reiz für unsre Regenten haben – Das ist kein Land für europäische Tyrannen! Bey welchem Zipfel soll es der Despotismus angreifen? Wie soll man Menschen unterjochen, sie mit der närrischen Grille erfüllen können, daß ihrer hunderttausend Kluge Einem Mittelmäßigen gehorchen müssen, wenn dieser Einzige sich Jenen nicht nothwendig zu machen versteht? Und wie kann er das, wenn sie keine solche Bedürfnisse haben, deren Befriedigung in seiner Macht ist, wenn sie nichts brauchen, als was ihnen die mütterliche Erde liefert, und, sobald ihnen ein Theil davon entzogen wird, sich ein anders wählen? Die noch dazu durch undurchdringliche Festungswerke von der übrigen Welt abgesondert sind und endlich unter einem höhern Schutze stehen, der sie vor Cultur und Corruption bewahrt? Wenn sie ohne Rauchtabak und Schnupftabak, ohne Gold, Silber, Brot, Bier, Branntwein, Priester u.d.gl. leben können? – Mein Brief war eben fertig, so daß ich Licht bestellen wollte, um ihn zu versiegeln, und dann meinen Officier im Wirthszimmer aufzusuchen, da er unterdessen ausgegangen war, den alten Sieur Lippeville zu uns zu bitten, als leise an meine Thür gepocht wurde. Ich rief »herein!« und siehe da! es trat ein junges liebliches Mädchen mit schönen braunen Augen und schwarzen Haaren in das Zimmer. Sie redete mich französisch an: »Verzeyhen Sie«, sagte sie. »Ich glaube fast, unrecht zu kommen.« »O! nichts weniger, mein Kind!« antwortete ich und stand von meinem Stuhle auf, ihr entgegenzugehn. »Ein so hübsches Frauenzimmer kömmt nie unrecht bey mir. Treten Sie ja näher!« »Um Verzeyhung!« erwiderte sie. »Ich suchte meinen Stiefvater hier« – »Und der ist?« – » C'est le Sieur de Lippeville, Monsieur, pour Vous servir. Je le croyois ici, mais voyant que Vous ètes seul, Vous m'excuserés, Monsieur « – Sie wollte fort – »Ey! wohin so eilig?« – »Um des Himmels willen, lassen Sie mich ja fort!« rief sie. »Mein Vater ist gar strenge. Wenn er mich hier allein bey einem hübschen Herrn fände, was würde er sagen?« Ich merkte nun wohl, was für Art Frauenzimmer ich vor mir hatte, und ich glaube dem edlen Herrn von Lippeville nicht zu viel Unrecht zu thun, wenn ich vermuthe, daß dies Stieftöchterchen von ihm abgeschickt war, den fremden Herrn die Zeit zu vertreiben und dagegen einige holländische Ducaten mit nach Haus zu bringen. Einem Manne von seiner Art konnte man schon zutrauen, daß er bey seinen jetzigen Umständen nebenher einen kleinen Handel von dieser Art triebe und daß, als er mir erzählt hatte, er habe eine Witwe mit einigem Vermögen geheyrathet, das Capital einer jungen Stieftochter mit in Anschlag gebracht war.   Peter Claus war aber nicht so neu in der Welt, um sich in einer solchen Schlinge fangen zu lassen. Zehn oder zwölf Jahre früher möchte es freylich wohl ganz anders ausgefallen seyn. Der Herr von Lippeville wäre dann zu rechter Zeit in das Zimmer getreten, um den gekränkten Vater, den Rächer der entehrten Tochter zu spielen und den armen Peter die Thorheit theuer bezahlen zu lassen. Bey meiner vielfachen Erfahrung aber (und ich war ja auch ein verheyratheter Mann) hielt ich mich mit diesem jungen Frauenzimmer gar bescheiden in den Schranken der Ehrbarkeit. Weil indessen, wie der Apostel Paulus und Yorick (ich weiß nicht, ob bey einerley Veranlassung, genug! sie erzählen es Beyde) versichern, daß der Teufel ein Widersacher ist, der nur Gelegenheit sucht, uns Schelmstreiche zu spielen, so fand ich nöthig, ein wenig auf meiner Hut zu seyn. Man hat doch im siebenunddreyßigsten Jahre (man müßte denn gar zu arg bey Höfen sich durchgelebt haben) auch noch Fleisch und Blut, wovon bekanntlich ersteres zu den drey geistlichen Feinden gehört und letzteres, wenn es anfangt, recht heftig zu laufen, leicht mit unsern Grundsätzen davonrennt. Desfalls versäumte ich nicht, aus Vorsicht die Stubenthür, welche das hübsche Frauenzimmer noch in der Hand hielt, nachdem ich sie davon weggeführt hatte, sorgfältig – halb offenstehn zu lassen. »Setzen Sie Sich nur einen Augenblick wenigstens, mein schönes Kind!« sagte ich – Sie that es, nach einiger verstellten Weigerung. Ich habe es schon oft bemerkt, beste Leser! daß, wenn uns Liebe zum Guten, oder Eigensinn, oder Nothwendigkeit, oder Furcht treibt, unser sinnliches Vergnügen gewissen Grundsätzen aufzuopfern, wir uns ungern begnügen, bloß das stille Bewußtseyn zu schmecken, das Böse nicht gethan, sondern überwunden zu haben – Nein! wir wollen mehr, wir möchten herzlich gern zugleich etwas Gutes ausführen, so etwas Erhabnes, um durch den Kitzel, den uns eine große That macht, den Verlust zu ersetzen, den die bezwungne Sinnlichkeit an jenem entbehrten Genusse gelitten hat – so spielt bey uns immer eine Leidenschaft der andern einen Possen, und dreymal glücklich ist noch Der, welcher die Kunst versteht, dies Satanspack auf solche unschädliche Art aneinander zu hetzen. Hätte ich die Demoiselle ganz trocken mit dem Bescheide abgewiesen, daß ihr lieber Papa nicht bey mir sey, und dann freundlich hinzugesetzt: »Ich bedaure also recht sehr und empfehle mich gehorsamst«, so hätte ich genug gethan. Aber sobald ich merkte, welches Handwerk sie triebe, und ich nun wohl einsah, daß ich mich aus Vorsicht in einiger Entfernung von ihr halten müßte, wollte ich mich für diese Verleugnung dadurch schadlos halten, daß ich mir den Ruhm erwürbe, etwas zur Besserung einer Verirrten beyzutragen. Ich faßte sie aus dieser Ursache freundlich bey der Hand, fragte sie, wie alt sie sey, womit sie sich beschäftigte, wie ihre Vermögensumstände wären, ob sie keinen Liebhaber hätte, ob ich ihr in irgendeiner Sache dienen könnte? u.d.gl. Sie drückte mir bey der letzten Frage dankbar die Hand, erzählte: sie sey neunzehn Jahre alt, lebe bey ihrer Mutter, die freylich nicht so reich wäre, daß sie sich auf den Fuß comme les autres filles de mon état kleiden und dadurch einem Manne gefallen könne. Zudem wolle sie nicht heyrathen, liebe die Freyheit , und, setzte sie hinzu, wenn sie jetzt einen Bräutigam hätte, so würde sie es ja nicht wagen, bey einem so wackern Herrn allein im Zimmer zu seyn; dabey würde wenigstens sie ein Vergnügen entbehren, wenngleich mir daran wenig gelegen seyn möchte – Ich fühlte, daß ich bald mit meiner Predigt hervorkommen müßte, wenn ich nicht das Concept aus dem Gedächtnisse verlieren sollte; also fing ich herzhaft an: »Mein gutes Kind!« sagte ich etwas vertraulicher. »Ich verstehe Sie vollkommen und bin zu sehr mit der Welt bekannt, um nicht zu begreifen, daß es nicht eben Männerhaß ist, der Sie bewegt, gegen den Ehestand eingenommen zu seyn. Es ist wahr, die Freyheit ist ein herrliches Gut, aber um gänzlich frey und unabhängig zu leben, muß man sich in bessern Glücksumständen befinden, wie Sie mir die Ihrigen schildern, sonst zwingen uns Mangel und Nothwendigkeit oft, von dem Willen reichrer Leute abzuhängen, und wenn Diese alsdann für ihr Geld das Recht zu haben glauben, etwas zu fordern, das der Rechtschaffenheit entgegen ist, so können wir nicht widerstehn. Reue nach der That, ein zerrütteter Körper, ein unmuthsvoller Geist und im Alter Krankheit, Elend, Verachtung und Verzweiflung sind dann gewöhnlich die Folgen einer solchen gefälligen Lebensart. Sehen Sie, meine Schöne! so weit kann Mangel führen, wenn nicht Fleiß und Wachsamkeit dabey sind, und hat schon manche ebenso blühende Wange« – Ich klopfte sanft an die ihrige, denn nun hatte ich nichts mehr zu fürchten. Ich glühete von Bekehrungsfeuer, die Sinnlichkeit wurde durch den Stolz glücklich überschrien – Ich fuhr fort – »hat schon manche ebenso blühende Wange bleich gemacht.« Sie schlug beschämt die Augen nieder, und eine Thräne, auf welcher halb Scham, halb Verdruß schwamm, fiel auf ihre rechte Hand, die ich in meiner linken hielt. »Lassen Sie sich«, sagte ich ferner, »durch dies Bild nicht ängstigen! Wie könnte ein so hübsches, gutes Frauenzimmer je Mangel zu fürchten haben, wenn Tugend und Arbeitsamkeit Ihre Schritte leiten? Der Ruf Ihrer Sittsamkeit wird von Ihrer kleinen Wohnung aus in die Nachbarschaft und von da weit umher in die Stadt verbreitet werden. Bey jetziger Zeit, wo es der tugendhaften, häuslichen, edeln Weiber so wenig gibt, wird es Ihnen, wenn Sie zu diesen Wenigen gehören, gewiß nicht an reichen, braven und hübschen Freyern fehlen. Sie werden dann als Frau und Mutter das Glück einer ganzen Familie ausmachen, und wenn diese Reize verblüht sind, wird die Achtung und Ehrerbiethung Ihrer Freunde und Verwandten Ihnen eine neue Bahn von Glückseligkeit eröffnen, die, von keinen Gewissensbissen noch körperlichen Leiden unterbrochen, bis an Ihr Ende Sie begleiten und noch nach Ihrem Tode Ihnen aus dem Munde Derer nachlallen wird, die Ihr Andenken segnen werden« – » Ah, Monsieur «, rief sie aus: » Vous me percés le coeur! Plût au Ciel « – Sie konnte vor Rührung nicht weiterreden – »Nun, mein gutes Kind!« sagte ich, »statt dieser augenblicklichen heftigen Empfindung wünschte ich lieber, daß meine Worte bleibenden, wirksamen Eindruck auf Sie machen möchten. Nehmen Sie« – Ich hatte einen kleinen Ring mit einem grünen Steine am Finger. Er war nicht von großem Werthe. Auf der inwendigen Seite stand mein Namenszug P. C. eingegraben. Gern bekenne ich es, daß, als ich ihn kaufte, ich halb und halb die Absicht hatte, ihn einst als den Preis einer schlechtern Handlung, wie die war, welche ich heute beging, hinzugeben – »Nehmen Sie diesen Ring als ein kleines Andenken von mir an, und wenn Sie je in Gefahr und Versuchung kommen sollten, etwas zu thun, das den Grundsätzen entgegen wäre, von deren Wahrheit Sie itzt gerührt scheinen, so betrachten Sie den Ring und erinnern Sich der Ermahnungen des Mannes, der es wahrhaftig gut mit Ihnen meinte. Und nun, mein Töchterchen! gehen Sie hübsch nach Haus, an Ihre Arbeit!« – Ich führte sie bis vor die Stubenthür, küßte sie auf die Backe und machte die Thür hinter ihr her zu.   » Bravo! Peter Claus! Nun! da hast Du doch einmal eine gute Handlung begangen, und das macht Dich so froh, daß es wohl der Mühe werth wäre, mehr dergleichen zu thun, um ein so reines Vergnügen öfter zu empfinden. Es ist wahr, wenn nicht die Furcht gewesen wäre, Du könntest in Verlegenheit gerathen, wenn das Mädchen nicht des verteufelten Kerls Tochter – Doch, sollte man die Quellen aller edeln Handlungen, aller Aufopferungen untersuchen – Genug! es ist geschehn, es ist überstanden« – Ich siegelte meinen Brief zu, schickte ihn fort, fand den Hauptmann unten und sah etwa eine halbe Stunde nachher den Sieur Lippeville herankommen. Unsre Mahlzeit war recht fröhlich. Das Bewußtseyn, eine gute That gethan zu haben, macht doch wahrlich so heiter wie sonst nichts in der Welt. Unser Gast zeigte anfangs ein ziemlich zusammengesetztes Gesicht. Es schien, als wenn das Töchterlein ihm etwas von unsrer Unterredung erzählt haben mochte. Ich schwieg sorgfältig darüber. Nach und nach klärte sich indessen bey einer Flasche Wein die Miene des alten Sünders auf, und er fing an, als er ein bißchen im Kopfe hatte, auf unser Bitten allerley Scenen aus seinem Leben zu erzählen. Da kam nun in Wahrheit tolles Zeug zum Vorschein. Er hatte sich, wie es schien, von Jugend auf um des leidigen Geldes willen zu allem mißbrauchen lassen. Als er Bedienter bey dem französischen Husarenofficier war, Man sehe im ersten Theil! Seite 74 . da hatte er im Felde tapfer fouragieren helfen. Der Officier warb hernach um eine reiche Kaufmannstochter, und da mußte Lippeville seinem Herrn helfen, den wohlhabenden französischen Marquis zu spielen. Er wurde nebst einigen andern losen Buben verkleidet, die Rolle von Kammerdienern, Leibjägern u. s. f. zu machen. Dann schrieb er falsche Briefe im Namen der Verwalter von den Gütern des Officiers (die aber im Monde lagen), in welchen sie ihm meldeten, wieviel sie in diesem Jahre eingenommen, verbauet, an Pensionen ausgezahlt und bar überschickt hätten. Der alte Schwiegervater ließ sich dadurch täuschen und gab die Tochter, welche indes schon im Voraus für die Fortpflanzung der Familie gesorgt hatte, dem windigen Husaren, der nichts mehr und nichts weniger war wie ein Aventurier und Spieler. Lippeville fing während dieser Zeit an, mit seiner gnädigen Frau vertrauet zu werden, wurde mit ihr ertappt, herzhaft abgeprügelt und fortgejagt. Darauf half er sich als Kammerdiener an bey dem dänischen Gesandten in Paris, lernte dazumal das bißchen Dänisch reden, welches ihm jetzt so großen Vortheil bringt, führte dem Herrn Gesandten Maitressen zu, welches herrliche Talent ihm die Secretairsstelle bey einem Cardinal verschaffte, bey einem Herrn, der weder recht lesen noch schreiben konnte und außer den Stunden, die er im Schlafe, am Tische und in dem liebreichen Umgange mit einigen siebenzehnjährigen Knaben zubrachte (vermuthlich um ihren Geist zu bilden) seine Hauptbeschäftigung seyn ließ, Fliegen zu fangen, denselben die Flügel auszureißen und papierne Figuren auf ihren Rücken zu kleben, mit denen die armen geplagten Thiere zur größten Freude Seiner Eminenz herumwackeln mußten. Hiebey stand sich Lippeville vortrefflich, ging mit dem Cardinal nach Italien, sah dort alles, was nur zu sehn war, rutschte die Scala santa auf den Knien hinauf und ging endlich, als compagnon de voyage et de débauche , mit dem Vetter Seiner Eminenz unter dem Namen des Capitaine de Lippeville auf Reisen. Nach dem Tode dieses jungen Herrn, der in Aachen an einer sehr galanten Krankheit starb, theilte er mit den Domestiken desselben die besten Sachen des Verstorbnen und ging sodann nach Spa, wo er am Pharaotische seine ganze Barschaft sitzen ließ, bis auf die Leibrente nach, von der wir aber gehört haben, daß er auch diese in der Folge verlor. Auf welche Art er sich unterdessen durch die Welt half, das haben wir im siebenten Capitel des ersten Theils gehört. Es war schon beynahe Mitternacht, als wir auseinandergingen, und den folgenden Tag wendeten wir an, mit Lippeville durch die wahrhaftig schöne Stadt Kopenhagen zu spazieren. Auch hier fand ich die Erfahrung bestätigt, daß man weit in der Welt umhergefahren seyn kann, ohne desfalls den geringsten Nutzen von diesen Reisen zu ziehn. Hätten wir einen Mann von Kenntnissen bey uns gehabt, so würde uns derselbe, obgleich die Zeit so kurz war, dennoch auf manches aufmerksam gemacht haben, das uns einen Begriff von dem Nationalcharacter, den Sitten und dem Grade der Aufklärung der Einwohner hätte geben können. So aber, mit den Augen, womit der alte Landläufer alle Dinge ansah, war uns seine Führung nicht mehr wie die eines Lehnlakayen werth. Da sahen wir das Wahrzeichen der Stadt, die Bildsäule der Leda, welche zwischen Kopenhagen und Christianshaven, auf der Insel Amac, im Wasser steht, beschaueten die Citadelle Friedrichshaven, gafften das prächtige, wahrhaftig sehenswerthe Schloß in der Altstadt, wie die Kuh das neue Thor, von außen an, betrachteten die Schandsäule auf dem Uhlefeldsplatze, die ich lieber nicht gesehn hätte, und würden nicht einmal das berühmte Hospital Wartow besucht haben, wenn nicht ich, der ich gern mich meiner Menschlichkeit erinnere, die Gewohnheit hätte, in jeder Stadt nach den Hospitälern und Tollhäusern zu fragen. Das, wovon ich hier rede, verdient vorzüglich Aufmerksamkeit. In mehr als dreyhundert Betten – Doch, ich habe Ihnen ja schon im vorigen Capitel versprochen, daß ich Sie mit einer genauen Beschreibung von Kopenhagen verschonen wollte, und ein ehrlicher Mann hält Wort – Nachdem wir ziemlich ermüdet des Abends zu Hause kamen, nahmen wir Abschied von unserm Führer und bestiegen des folgenden Morgens früh um fünf Uhr das Schiff, um nach Holland zu segeln. Siebentes Capitel Auf der Reise wird das Manuscript wieder hervorgesucht. Es thut mir in der Seele weh, daß ich bey dieser Seefahrt meinen Lesern nicht wiederum mit einer so poetischen Beschreibung eines Sturms andienen kann, als diejenige war, womit ich Ihnen vor meiner Ankunft in Kopenhagen aufgewartet habe. Aber es ist wahrlich meine Schuld nicht, daß es diesmal so schönes Wetter war; daß am Tage die glänzende, majestätische Sonne über die unermeßliche Fläche des Meers hin ihre weiten durchdringenden Blicke warf, indes die kleinen Wellen voll Wonne, ihre Strahlen auffangen zu dürfen, erquickt sich fortwälzten und einander im unschuldig muthwilligen Spiele zu jagen schienen; die stillen Bewohner des nassen Abgrundes aber, durch die Anmuth der wärmenden Luft gereizt, um unser schwimmendes Haus herum scherzten, das mit kühnem Ernst dahinflog und lange Furchen schnitt, welche von dem geschäftigen Wasser schnell wieder ebengemacht wurden, bis der bescheidne Abend herankam, aus welchem die ermüdete Natur neue Federkraft und labende Kühlung einsog, indem er mit sanfter Feuchtigkeit das Feuer des strengen Elements dämpfte, wie das gefällige Zureden eines Freundes die Hitze des heftigern lebhaftern Bruders mäßigt; da dann der halbe Erdball, von der Arbeit und den Freuden des Tages auszuruhn, eine Pause machte, und die heitern Sterne mit funkelnden Augen bey dem Bette der schlummernden Hemisphäre wachten. – Nun, bey meiner Seele! Das war doch vortrefflich gesagt! Nicht wahr? Nun schenken Sie mir doch den Sturm? Finden Sie wohl solche herrliche Bilder, seitdem die asiatische Banise nicht mehr gelesen wird, in irgendeinem unsrer teutschen Romane? O! und wenn ich Verse machen wollte, da sollten Sie erst Wunder sehn. A propos! Ich denke nächstens ein Bändchen voll von solcher Ware auf Pränumeration herauszugeben – Allein wir kommen von meinem Roman ab, der wohl verdient, daß man noch etwas darüber sage. Bey so mannigfaltigen Schönheiten wollten Sie ihn nicht allen andern Büchern vorziehn, nicht glauben, daß es der Mühe werth sey, diesen Roman mit einem kaiserlichen Privilegio in der Karlsruher Sammlung nachdrucken zu lassen, wenn auch tausendmal mein Verleger, der mich gut bezahlt hat, dagegen schrie, eine solche Operation für Diebstahl und das Privilegium für erschlichen hielte? – O! dann hätten Sie wahrlich weder Geschmack noch Begriffe von Billigkeit! – Doch, ich ereifre mich. Fahren wir in unsrer Geschichte fort! –   Auf der vorigen Seite habe ich soviel sagen wollen, daß wir hübsches Wetter hatten und daß uns also nichts abhielt, glücklich nach Holland zu kommen. Da mir aber unterwegens die Zeit im Schiffe ein wenig lang vorkam, obgleich wir Punsch tranken, à l'hombre spielten und Tabak rauchten, zog ich gegen Abend wieder mein Manuscript hervor und las, was folgt: Weitre Erzählung des Herrn Bricks »Als ich endlich aufwachte, befand ich mich an eben dem Orte, wo ich zuerst aus meinem Nachen gestiegen war, und zwar so hungrig wie möglich. Jetzt schien mir alles, was ich gesehn und gehört hatte, ein Traum zu seyn. Sollte es, dachte ich, möglich seyn, daß ich aus Ermattung und Müdigkeit in einen so heftigen Schlaf verfallen wäre, daß die beyden Personen, von denen es mir vorkam, als wenn sie bey meinem Erwachen vor mir gestanden wären, mir nur der geschäftigen Phantasie nach erschienen wären, und daß Morpheus mir den häßlichen Streich gespielt hätte, das ganze Bild eines unschuldigen Volks nur im Schlafe vor meine Augen zu stellen? – Wer wird es wagen, meine Freunde! zu entscheiden, ob es wirklich also gewesen ist oder nicht? Ihr wißt, wie wenig Gewißheit in unsern Vorstellungen, selbst bey offnen Augen, im Sinnlichen und Intellectuellen herrscht. Und wie soll man es anfangen, Andre zu überzeugen, daß das wirklich existiere, was wir gesehn zu haben vorgeben, da Ihr täglich wahrnehmen könnt, wie die klügsten Menschen sich einander Dinge abstreiten, die Viele von ihnen genau bemerkt und geprüft zu haben vorgeben? Sieht Der, dessen Augen weit in die Ferne tragen, nicht wirklich Dinge, welche für den Blödsichtigen gar nicht existieren? Sieht der Mann mit dem Fernrohre nicht noch eine andre Welt? Soll hier die Übereinkunft Mehrerer entscheiden? Ja, dann muß das Heer der Geisterseher und Geisterglauber gegen die Armee Derer, die dergleichen leugnen, entscheiden. Soll das Urtheil der Scharfsichtigern das Übergewicht geben? Wer wird sich dann nicht dafür halten wollen? Genug! ich glaube noch immer, das alles erlebt zu haben, und wer es nicht mit mir glauben will, der reise selbst hin, auf Gefahr, gleichfalls, wenn er zurückkömmt, für einen Windbeutel gehalten zu werden. Mir wäre es wahrlich fast lieber, wenn es nur ein Traum gewesen wäre; denn einen so seligen Wohnort gefunden zu haben und ihn gleich wieder verlassen zu müssen – Das ist keine angenehme Sache! Höret indessen weiter! –   Ich befand mich auf demselben Platze wieder, auf der Erde liegend und vor Hunger schmachtend. Sobald ich mich aber von meinem Lager erhoben hatte, um die Gegend umher zu durchschauen, sah ich zu meinem größten Erstaunen, daß das Land nicht, wie es mir vorher geschienen, unbebauet, sondern, von allen Seiten her weit hinaus, an Flüssen, Bergen, Wäldern und Thälern eine Aussicht voll großer Städte und Dörfer in Menge darstellte: – Wie, in aller Welt, kömmt denn das? Sollte man doch meynen, ich sey an der Küste von Europa! Aber was geht es mich an? Frisch darauflosgegangen! –   Mein Hunger trieb mich ohnehin, Nahrung zu suchen. Ich schlich etwa hundert Schritte fort, als ich an einen umzäunten Garten kam, der voll von Obstbäumen stand. Nun konnte ich der Begierde nicht widerstehn, etwas davon zu genießen, um der Stimme meines bellenden Magens zu gehorchen. Ich stieg also über den Zaun und brach einen großen Apfel ab, in welchen ich begierig hineinbiß. Aber kaum hatte ich das gethan, als hinter mir eine fürchterliche Stimme erscholl: ›He! Du verwünschter Dieb!‹ rief es in der gewöhnlichen Sprache der südlichen Inselbewohner. ›Dich soll ja die böse Krankheit befallen, Du Himmelhund, Du! Was machst Du in meinem Garten?‹ Ich sah mich schnell um; da stand hinter mir ein Mann, vom Kopfe bis zu den Füßen bekleidet, und das auf eine so unnatürliche Art, daß ich mich zum höchsten darüber verwunderte; denn sein Anzug bestand nicht nur aus unzähligen kleinen Stücken, so daß fast jedes Glied des Körpers mit einem einzelnen Fetzen bedeckt war, welcher besonders angeheftet werden mußte, sondern das Ganze machte auch ein so widriges Ansehn, daß dadurch alle Schönheit des Körpers, alle Form, aller Wuchs verunstaltet wurde. ›Lieber Mann!‹ sagte ich, ›verzeyhet mir! Ich habe in so langer Zeit nichts gegessen. Nagender Hunger trieb mich, in Euer Eigenthum zu greifen. Zudem bin ich fremd hier, wußte nicht, wem dieser Fleck gehörte, da ich gewöhnt bin, unter Menschen zu leben, die, was Gott wachsen läßt, wie ein gemeinschaftliches Gut seiner Creaturen ansehen.‹   Der Mann : ›Ja! da hat sich was zu gemeinschaftlich! Wir müssen schwere Abgaben entrichten. Wovon wollte sonst unser Erif‹ (so nennen die Einwohner ihre Fürsten) ›die raren ausländischen Thiere füttern, die er weit herkommen läßt, um damit zu spielen und sie tanzen zu lassen?‹ Ich : ›Ist das möglich? Und desfalls müßt Ihr Alle vielleicht darben, arbeiten, schwitzen und einem hungrigen Fremden einen Bissen zur Labung versagen, damit Euer Erif in seinem kindischen Vergnügen nicht gestört werde?‹ Der Mann : ›Nun gemach! Herr Fremder! Diesmals halte ich's Euch zu Gute; aber redet ein andermal mit mehr Ehrerbietung von unserm gnädigen Herrn! Was hilft auch das alles? Es ist wohl wahr, ein Knabe ist ein Knabe, und unser Herr ist erst zehn Jahr alt – Aber kommt nur mit herein, wenn Ihr wirklich in langer Zeit nichts genossen habt! Es wird sich ja noch wohl etwas finden, um Euch zu erquicken.‹ Wir gingen zusammen in seine Hütte, wo es nun in der That armselig genug aussah. Schlechter Hausrath, ein Weib mit sechs Kindern in zerrissene Lumpen gekleidet; in der Ecke ein Lager für sie Alle, von dürrem Laube. Der Mann : ›Wundert Euch nicht, daß es hier so kümmerlich aussieht! Wir waren auch einmal in bessern Umständen, aber die Menge der Auflagen, die wir bezahlen müssen, hat gemacht, daß wir ein Stück Hausrath nach dem andern haben für herrschaftliche Abgaben hingeben müssen. Ich bediene mich hier und in der Folge der europäischen Terminologie und werde, um verständlich zu seyn, die Namen: Fürsten, Minister, Beamte u. s. f. brauchen. Hier habt Ihr ein Stück von unserm gewöhnlichen Nahrungsmitteln (Es war ein Teig, aus kleingeriebenen Körnern eines Staudengewächses mit Wasser zusammengeknetet und dann in einem Ofen gedörrt.) ›Esset, so viel Euch schmeckt! Die Götter werden es uns ersetzen. Ihr glaubt doch an die Götter?‹ Ich : ›An Einen wenigstens! Wie könnt Ihr das fragen?‹ Der Mann : ›Ja! ich meinte nur so. In der Stadt glaubt kein Mensch mehr daran, und deswegen werden wir auch so gedrückt, denn wenn die Leute dort bedächten, daß die Götter die Bosheit bestrafen, so würden sie nicht so grausam mit uns umgehen. Sehet nur an! Diesen Teig, den Ihr da genießt, habe ich selbst gemacht, denn ich ziehe die Körner dazu auf meinem eignen Acker, aber von jedem Gefäß voll, das ich abpflücke, muß ich einen kleinen Stein Abgabe entrichten.‹ Eine gewisse Art seltener Steine, die tief in der Erde lagen und welche die Sclaven mit Gefahr ihres Lebens aus den Gruben herausholen mußten, vertraten die Stelle des Geldes. Wenn aber ein Unterthan dergleichen fand, mußte er sie abliefern, denn alle gefundenen und nicht gefundenen Steine gehörten dem Fürsten, obgleich er selbst keinen einzigen suchte und mancher Sclave, welcher die Gruben durchwühlte, darin umkam. Ich : ›Aber, wie in aller Welt könnt Ihr das leiden? Ihr sagtet vorher, Euer Herr sey ein Knabe. Es ist ja aber wider die Natur, daß man einem Kinde gehorche und daß so viel tausend Menschen sich quälen, um einem Jungen sein närrisches Spielwerk zu bezahlen. Gebet doch dem Lümmel die Ruthe und wählt Euch einen alten verständigen Mann zum Oberhaupte.‹ Der Mann : ›Ach! das versteht Ihr nicht! Man sieht wohl, daß Ihr ein Fremdling seyd. Sobald der alte Fürst tot ist, ist der kleine Sohn gleich wieder Herr.‹ Ich : ›O! ich kenne das; aber es bleibt immer eine närrische Einrichtung. Wenn Ihr davon zufrieden seyd, so kann ich es leiden. Wenn aber die Mehrsten darüber klagen, so muß der größere Theil aufheben dürfen, was sich nur durch seine Nachsicht hat einschleichen können. Welche Unvernunft, einem Kinde zu gehorchen, das vielleicht noch nicht reden kann!‹ Der Mann : ›Ey nun! reden kann der Unsrige schon, aber er regiert auch nicht eigentlich, sondern da ist die Mutter, ein Priester und der oberste Mundkoch. Diese Drey machen alles, was sie gutdünkt, in des armen unmündigen Fürsten Namen. Da müssen wir dann freylich immer Haar lassen, bezahlen, was wir nur aufbringen können, und das alles unter dem Vorwande, des Prinzen rare Thierchen zu ernähren, im Grunde aber lebte die alte Mutter mit ihrem Priester und obersten Koche davon.‹ Ich : ›Nun! da lobe ich mir doch mein liebes Vaterland. Das sind ja unerhörte Dinge, die Ihr mir da erzählt.‹ Der Mann : ›O! das ist noch nichts. Wenn Ihr weiter ins Land geht, da werdet Ihr noch ganz andre Sachen hören.‹ Ich : ›Behüte Gott! Lebet wohl! Seyd herzlich gedankt für Eure Gastfreundschaft! Der Himmel vergelte es Euch! – Ich kann es nicht – Wollt Ihr aber jetzt das Maß Eurer Wohlthaten vollmachen, so führt mich baldmöglichst über die Grenze!‹ Der Mann : ›Dazu braucht Ihr nicht weit zu gehn, und wenn Ihr recht schnell fortwandert, so könnt Ihr vor abends noch die Länder von vier Herrn durchreist seyn, die alle das Recht haben, Euch ungestraft den Kopf abschneiden zu lassen, wenn Ihr etwas redet, das ihnen nicht gefällt.‹ Ich : ›Schon gut! Also vier Länder? Da werde ich doch eines antreffen, worin glückliche Menschen leben – Auf Wiedersehn, guter Freund!‹   Ich ging nun grade fort und war in wenig Augenblicken in einem fremden Lande. ›Aber sagt mir doch‹, rief ich einem Bauern zu, der traurig auf dem Felde stand, ›sagt mir doch, mein Freund! Warum sieht denn dies Feld so verwüstet, so leer aus? Habt Ihr Krieg?‹ ›Ach nein!‹ erwiderte der Bauer, ›das haben die großen wilden Mäuse in dieser Nacht gethan.‹ – ›Ist denn kein Mittel‹, fragte ich, ›diese auszurotten?‹ – ›Bey Leibe nicht‹, erwiderte er, ›das ist des Fürsten größtes Vergnügen. Er läßt sie aus allen Gegenden hier zusammentreiben. Keiner von uns darf einer derselben Leid zufügen. Morgen aber wird eine große Jagd gehalten. Da kömmt der Fürst selbst. Ein schöner und freundlicher Herr! Und dann müssen eine Menge Sclaven auf unsern Feldern hinter den Mäusen herlaufen, um einige zu fangen. Wer drey fängt, der ist frey. Wer aber diese Zahl nicht bringt, der muß so lange laufen, bis er tot dahin fällt; da lacht dann der gute Herr so herzlich; Ihr könnt es gar nicht glauben‹ – ›So hol ihn der Henker mit seinem Lachen!‹ schrie ich. ›Geschwind zeiget mir, wo ich am nächsten über die Grenze komme!‹ Er wies mich zurecht, und ich ging weiter. Sobald ich in das benachbarte Land kam, sah ich auf der Grenze einen Mann stehn, welcher in der Hand Bogen und Pfeile hielt und mir mit fürchterlicher Stimme zurief: ›He! halt! Wer bist Du? Hilfe, Cameraden! Der Feind ist da! Tod, Verderben, Pestilenz! Gleich sage an, wer bist Du?‹ – ›Ich bin ein unschuldiger, wehrloser Reisender‹, gab ich ihm zum Bescheide – ›Nun, so gehe Er dann nur hin, mein Freund! guten Tag!‹ Ich ging lächelnd fort. ›Aber sage Er mir doch‹, sprach ich und kehrte wieder um, ›was macht er dann da für einen höllischen Lärm? Ist der Feind hier im Lande?‹ ›Ey nicht doch‹, antwortete der grimmige Bewaffnete, ›Er sieht ja wohl, daß keine Sehne an meinem Bogen ist. Das geschieht nur so, um nicht aus der Übung zu kommen, wenn es einmal Krieg geben sollte. Der Fürst ist ein Liebhaber davon. Es thut ihm zwar kein Mensch nichts zu Leide. Aber das ist nun so seine Freude. Des Nachts springt er vom Lager auf und schreyet: He da! Feinde! Mordbrenner! schießet und hauet alles tot! Und so müssen wir's denn auch machen‹ – ›Und dafür werdet Ihr wohl gut bezahlt?‹ – ›So So! Einen Tag um den andern bekommen wir ein großes Stück Teig, davon müssen wir aber die Hälfte anwenden, kleine Kügelchen daraus zu kneten, womit wir uns des Morgens eine Stunde lang zum Zeitvertreibe werfen müssen. Versteht Er? das sollen Steine vorstellen, so einen kleinen Krieg. Der Fürst macht es selbst mit. Den folgenden Tag hungern wir dann; dagegen aber haben wir an demselben auch nichts zu thun. Hätte Er wohl nicht Lust, auch so ein Mann zu werden, als ich bin?‹ – ›Bewahre der Himmel, mein guter Mensch! Gott befohlen! Ist's noch weit bis in das Nachbarland?‹ ›Nein! gleich hier.‹ Als ich fortging, rief er noch einmal: ›He Cameraden! paßt auf! Der Feind! Tod! Verderben! Pestilenz!‹ – ›Adieu! mein Freund!‹ ›So sollte man doch meynen‹, sagte ich zu mir selbst, ›ich sey in ein Land voll von Narren gerathen? Doch hier wird es vielleicht besser hergehn. Aber wer winselt denn da?‹ Es war ein armes Weib, das jämmerlich klagte: man habe ihren einzigen Sohn aus ihren Armen gerissen, um ihn dem Fürsten zu schicken. Dieser Sohn sey ihr süßer Trost gewesen, habe für sie und zwey unmündige Schwestern seit des Vaters, ihres Mannes, Tode so treulich gearbeitet, daß Alle ihren Unterhalt davon gehabt hätten; jetzt müsse sie mit ihren schwachen Händen das Feld selbst bauen, da sie nicht in den Umständen sey, einen Sclaven anschaffen noch ernähren zu können. Dennoch dauerten die schweren Abgaben fort, welche auf die Felder vertheilt wären, obgleich man sie des Mittels beraubt habe, das ihrige zu bauen. Ich frage die Frau, wozu dann der Erif ihres Sohns so nothwendig bedürfte? Sie wunderte sich, daß mir das unbekannt seyn könnte – Und wozu meinet Ihr wohl, meine Freunde! daß er ihn gebraucht hätte? Es ist schwer zu rathen. Ich will es Euch sagen: Er hielt sich zwanzigtausend Leyerspieler, die Alle von einerley Größe und Ansehn seyn mußten. Da nun sein Ländchen klein war, so kostete es freylich Mühe, so viel ähnliche Leute zusammenzutreiben. Fremde hätte er in Menge bekommen können; aber die hätte er bezahlen müssen, statt daß diese umsonst leyern mußten. Nun sah freylich in seiner Stadt alles lebhaft und prächtig aus, und die Gassen wimmelten von – Leyerspielern. Aber desto ärmer und kläglicher war der Zustand auf dem Lande. Weiber mußten das Feld bauen, obendrein schwere Abgaben bezahlen; und wenn Eine einen guten Bissen hatte, so entzog sie sich's lieber und trug ihn zu ihrem Sohne, Bruder oder Vetter in die Stadt, damit der arme Leyerspieler nicht verhungerte – Ja! da seht Ihr, wie die Fürsten dort so ihre eignen Grillen haben! Bey uns in Europa ist es gottlob! ganz anders. Indem nun also der Kern der nützlichsten Menschen mit Gewalt zu elendem Spielwerke abgerichtet wurde, fiel bey dem kleinen Völkchen aller Muth, aller Erwerb, aller Fleiß weg. Sie wurden nach und nach an das Elend gewöhnt und waren oft froh, wenn sie nur noch leyern konnten. Denn wenn ein unglücklicher Zufall ihnen ihre Gesundheit raubte oder der Erif das Gesicht irgendeines seiner Leyermänner nicht mehr leiden konnte, jagte er Diesen fort und überließ ihm die Wahl, auf seine Gefahr zu stehlen oder zu verhungern. Ihr werdet mich fragen, ob denn dieser mächtige Leyerbeschützer ein so großer Tonkünstler gewesen? Gar nicht, meine Freunde! Er verstand nichts von Musik, und niemand konnte begreifen, zu welchem Endzwecke er diese Leute um sich her dudeln ließ.   Ihr könnt Euch leicht vorstellen, daß auch in diesem Lande meines Bleibens nicht lange war. Ich ließ mich baldmöglichst hinausleyern. Allein es ging mir sehr schlimm, denn obgleich die Regierung dafür sorgte, daß es nicht an armen Leuten, wohl aber an Mitteln fehlte, etwas durch Fleiß und Arbeit zu erwerben, so hatte sie doch zugleich die weise Einrichtung getroffen, daß gar keine Bettelleute geduldet wurden. Sobald sich ein Mensch blicken ließ, der Andre um Hilfe ansprach, wurde derselbe durch eine Wache von Ort zu Ort bis über die Grenze begleitet – Gewiß eine herrliche Einrichtung, sich so viel Impunität zu verschaffen, daß, wenn man jemand den Geldbeutel gestohlen hat, er es nicht einmal wagen darf, sich die Rückgabe eines kleinen Theils zu erbitten! – Zum Glück war, wie ich schon gesagt habe, das Land nicht groß, denn sonst hätte man einen Menschen so lange spazieren führen können, bis er aus Hunger und Ermattung tot hingefallen wäre. Beynahe wäre es mir also gegangen. Ich hatte mich ein wenig zu heftig im Gehn angegriffen, so daß ich in einem Orte krank vor der Thür eines Hauses niedersank, in welchem ich Ruhe und Hilfe suchen wollte. Die Obrigkeit ließ mich sogleich auf ein Fahrzeug packen und, meines Bittens ungeachtet, bis an das nächste Dorf bringen, woselbst man mich ebenso behandelte, und dies so fort, bis ich in eines andern Herrn Lande war, da man mich dann ganz sanft auf Gottes Erdboden im freyen Felde hinlegte. Kraftlos und mißmuthig lag ich hier eine Stunde, unfähig, mich bis zum nahegelegnen Orte zu schleppen, als endlich ein freundlicher, ziemlich gut gekleideter alter Mann vorbeyging, mich da liegen sah, sich Meiner erbarmte, mich fort und in seine Wohnung führte. Dieser redliche Mann verpflegte mich auf das Beste, und in vierundzwanzig Stunden war ich wieder ziemlich bey Kräften. Ich fing nun an, meinem Wohlthäter herzlich für meine Errettung zu danken. Ohne ihn wäre ich das Opfer der guten Policey des obersten Leyerbeschützers geworden. Nun muß ich Euch doch auch den Mann beschreiben, der mich so menschenfreundlich errettet hatte. Er war, was man bey uns Schulmeister nennt. Er unterwies die Jugend auf dem Lande, und das that er mit seltner Geschicklichkeit, Treue und Einfalt. Er lehrte die Kinder früh ihre Pflichten kennen und die Beruhigung lebhaft empfinden, welche man hat, wenn man recht und gut und edel handelt. Zugleich gewöhnte er sie an Fleiß und Genügsamkeit und bildete auf diese Art den wichtigsten Stand, der alles erwerben, alles tragen muß, auf dem die ganze Wohlfahrt des Staats beruht, das Landvolk, zu guten, mit ihrem Zustande zufriednen Menschen. Also war dieser Mann eine der wichtigsten Personen im Staate, und es fiel mir auch nicht anders ein, als daß, vom Fürsten bis zum Bettler, Jeder ihn also behandeln und mit Ehrerbiethung sich gegen einen Menschen betragen würde, der den Grund zu einer bessern, glücklichern Generation legte – Aber wie sehr irrte ich mich! – Der Fürst, welcher, in rauschenden Freuden und Wollüsten ersäuft, sorglos über seine heilige Pflicht, nur darauf bedacht war, alles von sich zu entfernen, was ihm hätte ernsthafte, vernünftige Gedanken erwecken können, unterhielt einen Haufen von Luftspringern, die täglich vor ihm ihre Kunststücke wiederholen mußten. Diese Leute wurden reichlich besoldet und geehrt, ja! die erste Luftspringerin bekam fünfundneunzigmal mehr zum Unterhalte gereicht als der Lehrer des Landvolks. Dabey war dieser Schulmeisterstand ein so verachtetes Amt, daß ich offenbar sehn konnte, als mich mein Wohlthäter, wie Ihr nachher hören werdet, mit in die Stadt nahm, wie geringe man diesen würdigen Mann behandelte, wie er nirgends in vornehme Häuser Zutritt hatte, wie er aller Orten unter dem Pöbel mit fortgedrängt wurde und wie überhaupt in diesem großen Lande die Bedienungen und Stände nicht nach dem Grade der Nützlichkeit, welchen sie für den Staat hatten, sondern nach gewissen Vorurtheilen geschätzt und belohnt wurden. Da war es dann sehr natürlich, daß sich wenig Männer von Talenten zu Besetzung der höchst wichtigen, aber verachteten Stände fanden und daß man desfalls gewöhnlich zu einem Schulmeister Denjenigen nahm, der dies Amt um den geringsten Preis annehmen wollte. Es wurden dann solche Stellen mit Unwissenden, Nichtswürdigen besetzt, oder wenn ja ein geschickter Mann, durch sein gutes Herz, durch seinen Hang zu diesem edlen Geschäfte oder durch Armuth getrieben, sich entschloß, ein Lehrer des Landvolks zu werden, so schnitt ihm seine Lage die Mittel ab, seine Talente weiterzuentwickeln, und er mußte wohl gar, um leben zu können, nebenher irgendeine rauhe, niedrige Handarbeit treiben. Zu Abschaffung dieses Unwesens wurde nun so wenig Anstalt gemacht, daß die Lehrer des Volks gar nicht unter genauerer Aufsicht der Regierung standen, welche sich mit solchen Kleinigkeiten nicht abgab. Sie waren dagegen einer Classe von Leuten untergeordnet, die sich mit Gewalt in den Besitz gesetzt hatten, für die wahren Priester der Gottheit zu gelten. Da Diesen nun daran gelegen war, das Volk dumm und voll von Vorurtheilen zu erhalten, so läßt sich leicht begreifen, daß sie die Aufklärung und weise Erziehung so viel möglich hinderten. Sie setzten daher zu den Lehrern des Landvolks mehrentheils ihre Creaturen, welche ihre Pläne bey dem Unterrichte der Kinder befördern mußten, oder die allerdümmsten Menschen an. Auch war eine Form vorgeschrieben, nach welcher der Unterricht eingeleitet werden mußte, und statt die guten Kinder auf die Süßigkeit der gesellschaftlichen Pflichten und auf die Schönheiten der wohlthätigen Natur aufmerksam zu machen, mußten sie fünfzehn Jahre lang gewisse, von eigennützigen und listigen Menschen zum einträglichen Betruge zusammengeflickte, unverständliche Systeme auswendiglernen. Und wehe dem Knaben, der hier seine Vernunft gebrauchen wollte! Wehe dem Lehrer, der nach einer andern Methode verfuhr! Er wurde im Namen der barmherzigen, gütigen, duldenden Gottheit bis in den Tod verfolgt. Wirklich war auch mein Hauswirth schon in das schwarze Register dieser Bonzen eingeschrieben und mußte allen Ruf seiner Rechtschaffenheit, alle seine Klugheit aufbiethen, den Schlingen zu entgehn, welche man seiner Heterodoxie (das heißt dort so viel wie gesunde Vernunft) legte. Die Vorschriften, nach denen das ganze große Land leben mußte und welche jene Bonzen erfunden und dem Erif selbst zur Befolgung aufgezwungen hatten, gingen so weit, daß man an gewissen Tagen nicht einmal allerley genießen noch sich mit nützlichen Dingen beschäftigen durfte. Ein Stamm der Unterthanen allein sonderte sich von diesen Gebräuchen ab. Die Glieder desselben waren einmal in dem Besitze, ihre eigne Überzeugung bey Regierung ihrer Handlungen zu Rathe ziehn zu dürfen. Aber dafür wurden sie auch auf die grausamste Weise gedrückt, mußten beynahe von der freyen Luft, welche sie einathmeten, eine Abgabe entrichten, wurden allgemein verächtlich, niedrig behandelt und unfähig gehalten, irgendeinen Stand ergreifen zu dürfen. Man würde sie, glaube ich, Alle ausgerottet haben, wenn nicht der Eigennutz seine Rechnung bey diesen Leuten gefunden hätte, denn, so sehr man sie auch drückte, so blieben sie doch im Lande, lebten still, in den Sitten ihrer Väter, mischten sich in keine Staatshändel; ertrugen alles geduldig, waren höchst arbeitsam, fleißig, mäßig, und es gab feine, witzige und tiefdenkende Köpfe unter ihnen. Es war natürlich, daß sie keine große Liebe zu dem übrigen, größern Theil des Volks bekommen konnten, indem sie so unedel gemißhandelt wurden. Ich habe selbst gesehen, daß, als einst Reisende von diesem Stamme, welche in einem andern Lande so unglücklich gewesen, ihr ganzes Vermögen zu verlieren und desfalls fortgegangen waren, eine andre Heymath zu suchen, daß, als Diese durch dies Land nur durchreisen wollten, man ihnen für diese Erlaubnis eine große Abgabe abforderte. Die armen Leute hatten kein Geld, baten daher um Erbarmen; aber nein! Wenn sie kein Geld hatten, so hatten sie doch Kleider auf dem Leibe. Man zog ihnen das Unterkleid aus, um sich wegen der verordneten Abgabe bezahlt zu machen, und ließ sie mit bloßem Oberkleide, halb nackend, weiter wandern. Ein Andrer von diesen Leuten gerieth einst auf der Gasse einer kleinen Stadt mit einem Knaben, der Seiner spottete, in Streit. Der arme Mann ertrug allen Hohn und wollte dem Buben ausweichen. Allein dieser ergriff einen Stein und zielte nach des Menschen Kopfe. Was war natürlicher, als daß der Arme sein Haupt niederbeugte, um dem tödlichen Wurfe zu entgehn? Aber nun flog zum Unglück der Stein in das Haus eines reichen Bürgers und zerbrach daselbst ein kostbares Gefäß. Der Eigenthümer stürzte sogleich heraus, ergriff – nicht den Knaben, sondern den gekränkten Mann, schleppte ihn vor Gericht, und dies verurtheilte denselben unerhörter Weise, das zerbrochne Gefäß zu bezahlen. Nun war es wohl begreiflich, warum diese unbrüderliche Behandlung eines Völkchens, das einerley Ursprung mit dem übrigen Theile der Nation, ja! aus dessen Mitte diese ihre größten Helden aufzuweisen hatte, daß eine solche Behandlung die Unglücklichen aufbringen und erbittern und sie oft zu gegenseitigen, unedlen Handlungen verleiten mußte. Es ist wahr, daß fast kein Diebstahl geschah, woran nicht jemand aus diesem gedrückten Stamme Antheil gehabt hätte, und daß sich diese Leute mehrentheils vom Wucher nährten; das war aber gar nicht zu verwundern, nachdem man ihnen alle Mittel zu ehrlichem Erwerbe und alle öffentliche Achtung geraubt hatte. Ich habe Euch vorhin erzählt, daß die Bedienungen und Stände nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit, sondern nach gewissen Vorurtheilen und Meinungen geschätzt wurden. So gab es zum Beyspiel eine Absonderung eines Standes, welcher nächst dem Fürsten der vornehmste war und welchen man den Stand der Schiefnasigen nannte. Es gab nämlich gewisse Familien und Stämme, die sich darauf etwas zu gut thaten, schiefe Nasen zu haben und beweisen zu können, daß ihre Vorfahren seit einigen Jahrhunderten in ununterbrochener Reyhe fort schiefe Nasen gehabt und nur schiefnasige Mädchen geheyrathet hätten. Vermuthlich hatten irgendein paar Stammväter dieser Familien, denen von Ungefähr die Nase ein wenig auf die Seite gebogen war, große Verdienste um den Staat gehabt, und hatte man sie vorzugsweise die edlen Schiefnasigen genannt. Das Ansehn, in welchem sie bey dem Volke gestanden, die gute Erziehung, welche sie ihren Kindern gaben, vielleicht auch der Reichthum, den Fleiß und Tapferkeit ihnen erworben hatte, dies alles machte, daß die Achtung für sie sich auch auf ihre Nachkommen vererbte, und die Mütter versäumten nicht, um das Bild der großen Ahnherrn in ihren Kindern wieder aufleben zu sehn, ihnen gleich bey der Geburth die Nase schief zu drücken. Aber bald artete dieser Vorzug aus. Die spätern Enkel, stolz auf die geerbte öffentliche Achtung, glaubten der Verdienste nicht zu bedürfen, wenn sie nur ihre schiefnasige Abkunft beweisen konnten; und durch eine unbegreifliche Verblendung ließ man diesen unwürdigen Nachkömmlingen nicht nur die den Vätern eingeräumten ökonomischen Vorrechte (das hätte sich noch vernünftig erklären lassen), sondern man räumte ihnen auch solche politische und moralische Vorzüge ein, die offenbar nur dem wahren Verdienste und Talente gebühren. Zu den ersten, einträglichsten und wichtigsten Stellen im Staate, ja! selbst zu denen, welche offenbar handwerksmäßige oder tiefe Kenntnis einer einzelnen Wissenschaft oder Kunst voraussetzten, wurde man nur vermittelst einer schiefen Nase erhoben, und der verdienstvollste, gelehrteste alte Mann mit grader Nase mußte, bey kümmerlichem Auskommen, oft einem unwissenden Schiefnasigen gehorchen, welcher reichlich für das bezahlt wurde, was er – nicht that. Da nun diese Classe von Menschen sich über die Andern so sehr erhoben hielt, so glaubten sie auch, sich durch einen äußern Glanz auszeichnen zu müssen; und da kam es dann mehrentheils, daß der größte Theil dieser Leute, ungeachtet aller ihnen eingeräumten Vortheile, in sehr zerrütteten Vermögensumständen war. Aber so groß blieb das Vorurtheil und die Verblendung, daß dennoch der reichste und klügste Mann mit grader Nase sich vor einem höchst unwissenden armen Schiefnasigen bis auf die Erde bückte. Es herrschte aber auch ein solcher auf gegenseitige Vertheidigung ihrer Albernheit gestützter esprit de corps unter ihnen, daß sie in ihren Gesellschaften nur ihres Gleichen duldeten, und eitle Leute waren schwach genug, sich oft noch in ihren alten Tagen die Nase schief schlagen zu lassen, um nur in diese leeren Gesellschaften, in welchen mehrentheils Unwissenheit, Hochmuth und prahlerische Betteley herrschten, Zutritt zu erlangen. Andre sahen sich der Wohlfahrt ihrer Familien wegen zu diesem Schritte gezwungen, obgleich sie selbst die ganze Albernheit davon fühlten – Die Fürsten hatten seit Jahrhunderten dies Vorurtheil unterstützt, Einige, weil sie selbst fühlten, wie wenig die Natur sie durch wahre Verdienste zu dem Posten berechtigte, den sie bekleideten, weswegen sie dann Leute um sich her versammelten, die auch nicht klüger noch besser waren, weil ihnen die Gesellschaft der wahrhaftig Edlern ein beständiger stillschweigender Vorwurf gewesen seyn würde. Die schlauen Regenten aber wollten deswegen das Vorurtheil nicht abschaffen, weil ihnen eine nichts kostende Operation an der Nase eines Menschen Gelegenheit gab, die listigsten Köpfe zu gewinnen und zu Ausführung ihrer despotischen Pläne zu nützen. Indessen muß man doch bekennen, daß es auch sehr würdige Männer mit schiefen Nasen gab, und Diese wurden dann, als Ausnahmen von der Regel, eben ihrer Nase wegen, doppelt geachtet. Ihr wißt, meine Freunde! daß auch mir die Natur zufälligerweise ein schiefes Riechwerkzeug gegeben hat, und ich konnte anfangs, ehe ich die Verfassung kannte, nicht begreifen, weswegen jedermann mir mit so vorzüglicher Höflichkeit begegnete. Als ich aber mit meinem ehrlichen Schulmeister durch die Straßen der Stadt zog, da schien man mich zu bedauern oder vielmehr es mir zum Vorwurf zu machen, daß ich mich nicht mehr zu meines Gleichen hielte. Man fing an, meine echte Abstammung zu bezweifeln – So mächtig war das eingewurzelte Vorurtheil, daß man verlangte, ich sollte den wahren Genuß des Lebens, den Nutzen, den man aus dem Umgange mit weisen und guten Menschen zieht, und die edle Anwendung einer Zeit, über welche man einst Rechenschaft geben soll, dem beständigen Anblicke schiefer Nasen aufopfern – Ja! meine Freunde! uns Europäern kömmt so etwas unglaublich vor; aber es ist nun einmal nicht anders, und ich kann Euch noch ganz andre Thorheiten erzählen. So herrschte z. B. hier ein sonderbarer Contrast zwischen gewissen Nationalgefühlen und Nationalgewohnheiten. Nahe an das große Land, in welchem ich itzt war, grenzte ein andres, welches Vent-i-ti hieß und von einem Volke bewohnt wurde, das in seinen Sitten und seinem eigenthümlichen Character sehr weit von jenem unterschieden war. Hierzu kam noch, daß das fremde Volk schon sehr oft, mit Beleidigung aller natürlichen und vertragsmäßigen Rechte, in dies Land eingebrochen war, es verheert und beraubt hatte. Folglich herrschte ein sehr gegründeter Widerwille zwischen den Si-mi-schi-räs (So hieß das Volk, unter dem ich lebte) und den Vent-i-tihern; und von der andern Seite waren die Vent-i-tiher eine so übermüthige Nation, daß sie alle andren, und vorzüglich ihre Nachbarn, sehr verachteten. Wenn sie einen Tölpel beschreiben wollten, so sagten sie, er sey ein rechter Si-mi-schi-rä. Dennoch waren diese Si-mi-schi-räs so sclavisch gesinnt, daß sie alles gutfanden, alles nachahmten, was nur die Vent-i-tiher unternahmen, sprachen, trieben. Diese, welchen ein solcher Nachahmungsgeist viel Spaß machte, versäumten nicht, jeden Tag neue Thorheiten zu erfinden und dann herzlich zu lachen, wenn die si-mi-schi-räischen Fürsten und Vornehmen sich augenblicklich beeiferten, dieselbe Thorheit zu begehn. Das ging so weit, daß der verworfenste Vent-i-tiher in Si-mi-schi-rä immer sicher war, wenn er nur dahin wanderte, eine große Rolle zu spielen. Die Fürsten und Schiefnasigen hier redeten nicht anders als in vent-i-tischer Sprache, ja! sie lernten nicht einmal ihre Muttersprache, durften dieselbe von Jugend auf nicht reden. Die Vent-i-tiher hatten die Gewohnheit, ihre kleinen Kinder in Tücher zu wickeln. Nun war kürzlich in Vent-i-ti ein kleiner Erif geboren worden. Da nun Fürsten sowohl wie andre Menschen ihre natürlichen Ausleerungen haben, so konnte es nicht fehlen, daß der Knabe seine Tücher täglich beschmutzte. Da ließ nun der Erif von Vent-i-ti einen Befehl ergehn, jedermann sollte Kleider tragen, welche die Farbe von diesen beschmutzten Tüchern hätten – ›Gebt Acht‹, sagte er und lachte herzlich, als er den Befehl unterschrieb. ›Gebt Acht! die Si-mi-schi-räs werden bald Alle in meines Sohns Unflath gekleidet seyn.‹ Gesagt, geschehn! Es dauerte nicht acht Tage, so ließ sich die Fürstin von Si-mi-schi-rä die nassen Tücher des kleinen Prinzen ganz frisch ausbitten, sie durch einen eignen Gesandten abholen und sich ein Mäntelchen daraus machen. Ein andermal sang die Amme des Prinzen ein Wiegenlied, das so elend wie möglich war. Der alte Erif hörte es und befahl sogleich, es solle ein Gesandter nach Si-mi-schi-rä gehn und das Lied dort am Hofe singen. Seit dieser Zeit wurde es eingeführt, daß niemand in Si-mi-schi-rä den Andern begrüßte, ohne dabey dies Liedchen zu trillern. Auch hatte der alte Fürst von Vent-i-ti ein Hausthier, welches einst, als er es auf seinem Schoße streicheln wollte, ihn gewaltig beschmutzte. Sogleich zog er sein Gewand aus und verkaufte es an den Fürsten von Si-mi-schi-rä, der Befehl ertheilte: wer eine Bedienung haben wollte, der sollte sich in diese Farbe kleiden – O, meine Freunde! und was für andre Thorheiten mußte ich nicht erleben! Wie oft seufzte ich nach Europa zurück und rief dann aus: Wäre ich doch erst wieder in meinem lieben teutschen Vaterlande! Da geht es doch anders her.« Achtes Capitel Fortsetzung des Manuscripts. Ankunft in Holland. Ich muß Sie, meine hochgeehrtesten Leser! gehorsamst um Verzeyhung bitten, wenn Ihnen etwa des Herrn Brick Handschrift ein wenig zu lang scheinen sollte, und Sie noch um einige Nachsicht ersuchen, im Fall Sie es lieber sähen, daß ich in Erzählung meiner eignen Begebenheiten fortführe. Vom zehnten Capitel an (das verspreche ich wie ein ehrlicher Schriftsteller) soll nie wieder von dem Herrn Brick noch von seinem Manuscripte die Rede seyn, und indessen erlauben Sie immer, daß hier auf dem Schiffe, wo Sie mich ohne alles Abentheuer ruhig mit einer Pfeife Tabac haben sitzen gesehn, daß hier meines verstorbnen Freundes sonderbare Begebenheiten den leeren Raum ausfüllen dürfen. Zudem steht so närrisches Zeug in diesem Aufsatze, daß, wenn ich auch bey der kurzen Schiffahrt das sonderbarste Schicksal gehabt hätte, mir doch nimmermehr so viel hätte aufstoßen können. Sie wissen, daß wir herrliches Wetter hatten. Aber wäre auch Sturm gewesen, an welche Küste hätten wir verschlagen werden können, wo es so bunt wie in des Herrn Brick südlichen Ländern hergegangen wäre? Oder wären wir gescheitert und Alle ertrunken, ja! so hätte ja die ganze Music ein Ende; oder wären wir auf eine wüste Insel gekommen, hätten Hunger und Noth gelitten, hätten losen müssen, wer von uns geschlachtet werden sollte, und ich wäre dann per plurima vota gegessen worden – Nun! das könnte doch wahrlich auch keine Lust für Sie seyn – Genug! ich denke, Sie erlauben mir, nach meinem eignen Plane fortzufahren. Also frisch an das Werk! Fortsetzung des Manuscripts »Die Erzählungen meines wohlthätigen Schulmeisters wären mir aus jedes Andern Munde verdächtig gewesen. Indessen bat ich denselben: er möchte mich doch in den Stand setzen, einige dieser sonderbaren Gebräuche und Sitten mit eignen Augen zu sehn. Er war sogleich willig dazu, und da er ohnehin in die Residenz mußte, wohin er vor den Rath der Priester vorgeladen war, um sich wegen einer Anklage zu rechtfertigen (Man gab ihm nämlich Schuld, er habe einst seinen Schülern gesagt: Ein gutes häusliches Beyspiel sey mehr werth wie die öffentlichen Reden von hundert Priestern), so machte ich mich mit ihm auf den Weg dahin. Wir mußten durch ein paar kleinere Städte gehn, und da nahm ich wahr, wie auch bis hierher schon die unvernünftige Nachahmungssucht der vent-i-tischen Sitten gedrungen war. Die Bürger waren scharenweise in die Hauptstadt gelaufen, hatten dort ihre besten, von gutem, schönen, dicken Stoffe gewirkten Kleider um den halben Preis verkauft und leichtes, elendes Zeug dafür erhandelt, welches die neumodische Farbe von des vent-i-tischen Knaben Unflathe hatte. Der oberste Richter in einer kleinen Stadt, dessen eigentliche Besoldung sehr geringe war, der dagegen aber auf die ungerechteste Weise große Summen erpreßte, um einen unzweckmäßigen Aufwand zu treiben, hatte sich kürzlich eine vent-i-tische Köchin angeschafft, und in seinem Hause durfte keine andre Sprache geredet werden. Weil nun der Erif eine ausländische Beyschläferin hatte und öffentlich über Treue, häusliche Pflichten und eheliche Bande spottete, so waren auch aus jedem kleinen Bürgerhause Friede, Eintracht, Religiosität und Tugend verbannt. Ich erfuhr nachher, daß fast alle Fürsten in diesem Welttheile den Luxus, das Verderbnis der Sitten, die Ungewissenhaftigkeit und den Hang zu sinnlichen Freuden unterstützten, weil sie dann um desto despotischer über ein Volk regieren könnten, das durch so lose Bande aneinander hält, so leicht zu trennen, so leicht von ernsthaften Gedanken ab, auf Spielwerke aufmerksam zu machen ist, das ferner durch ein Heer schwer zu befriedigender Bedürfnisse, welche der Tyrann zu seinem Vortheile lenken kann, leicht unter sich uneinig und von Fürsten abhängig zu machen ist; das endlich, wenn es durch Luxus und Laster arm und entnervt wird, nie Muth hat, ein ungerechtes Joch abzuschütteln. Ich habe vergessen, Euch zu sagen, daß in den großen und kleinen südlichen Staaten, welche ich damals durchreiste, eine so sonderbare Verschiedenheit in Münzsorten, Maß und Gewicht herrschte, daß man fast bey jeder Meile Weges eine andre Rechnung lernen mußte, folglich ein Fremder nicht nur oft betrogen wurde, sondern auch die Geschäfte der Einwohner dieser kleinen, aufeinander eifersüchtigen Staaten dadurch ungemein erschwert wurden. Es war gegen Mittag, als wir in der Residenz ankamen. Vor einem großen Gebäude sahen wir einen gewaltigen Zulauf des Volks. Ich fragte, was das zu bedeuten hätte, und da erfuhr ich, daß hier etwas getrieben wurde, das mir auch unerhört fremd schien. Dem Landesherrn war durch böse Rathgeber eingeblasen worden, eine neue unmerkliche Art von Auflage, zu Vermehrung seiner der Befriedigung unmäßiger Leidenschaften gewidmeten Cassa, zu gründen. Zu diesem Endzwecke hatte man eine Art von Spiel eröffnet und Einheimische und Fremde eingeladen, daran Theil zu nehmen. Man rechnete nämlich, wie ich schon gesagt habe, in den dortigen Ländern statt unsres Geldes nach Steinen. Nun war ein großes verschlossenes Behältnis gemacht, welches sich ungefähr wie ein Rad umdrehn ließ. Darin war eine kleine Öffnung. Man konnte durch dasselbe einen Stein hineinwerfen, auf welchen man vorher seinen Namen schrieb. Wenn eine Anzahl Steine hineingeworfen waren, wurde die Maschine schnell herumgedreht, und das Loch blieb offen. Fiel nun im Drehn von ungefähr ein Stein heraus, so bekam Derjenige, dessen Name auf dem Steine stand, die ganze Sammlung, welche grade darin war. Geschah dies aber in einer festgesetzten Frist nicht, so gehörte das Ganze der Regierung. Nun kann man sich leicht vorstellen, wie selten sich bey der schnellen Bewegung der erste Fall zutrug. Folglich stand sich der Landesherr bey diesem Spiele, welches er mit seinen Unterthanen trieb, sehr gut. Allein die Hoffnung des Gewinnstes verleitete Arme und Reiche täglich, eine Menge Steine daran zu wagen; und nicht selten sah man einen Unglücklichen, der hier sein letztes Steinchen verloren hatte, mit gesenktem Haupte traurig davonkriechen. Soll ich es bekennen? Auch ich war närrisch genug, den einzigen Stein, den ich hatte, daran zu wenden. So sehr verblendete mich diese prächtige Anstalt, die Ankündigung, welche ein Herold ausrief: Hier könne Jeder in einem Augenblicke reich werden, und endlich das Gepränge, welches hierbey herrschte. Ich warf meinen Stein hinein, und – o Wunder! – Man hatte vielleicht nicht schnell genug gedreht – Genug! er kam bald wieder herausgeflogen, und ich erhielt (obgleich man allerley Einwendungen versuchen wollte, mir meinen Gewinnst vorzuenthalten) hundert Stück Steine, vielleicht den Ruin von zwanzig Familien, zur Beute. Wer war in solchen Umständen froher wie ich? Nun wollte ich meinen Reichthum mit meinem Wohlthäter theilen; allein, zu meiner Verwundrung wollte er von diesem Sündengelde nichts annehmen, und alles, was ich von ihm erlangen konnte, war, daß er mir erlaubte, ihn ein paar Tage lang in einem guten Gasthofe freyzuhalten. Da mein redlicher Begleiter etwas lange durch die Chicanen der Priester aufgehalten wurde, hatte er volle Zeit, mir alle Merkwürdigkeiten der Stadt zu zeigen – Und was für Inconsequenzen sah ich da nicht, sah, wie die Menschen sich untereinander durcharbeiteten, rieben, quälten, jagten, verfolgten, vorzogen und unterdrückten um – Nichts! sah, wie ihnen alles so wichtig schien, was so klein war, wie zu ihren Festen, Verzierungen und Feyerlichkeiten, Armuth im Öconomischen, Politischen und Intellectuellen, Geschmacklosigkeit und Langeweile, [sie] das Gewand der Pracht, des guten Tons, der Weisheit und des Vergnügens borgen wollten. Ich kaufte mir ein gutes Kleid und ließ mich, durch Hilfe meiner schiefen Nase, an den Hof führen. Dort erwartete ich, um den Fürsten, um den Ersten und Besten seines Volks her die Edelsten der Nation versammelt zu finden. Aber was für Geschöpfe liefen hier herum? Ein Haufen leerer, müßiger, unwissender Männlein, von zwey oder drey ausstudierten Schelmen bey ihren schiefen Nasen herumgeführt, durcheinander gehetzt und in beständigem pudelnärrischen Kreislaufe erhalten, um dem Erif ein Spielwerk zu verschaffen, worüber er vergessen mußte, auf jener Herrn Schleichwege Acht zu haben. Bey einem großen Feste am Hofe nahm ich etwas wahr, das mir sehr characteristisch vorkam. Der Erif saß auf einer hohen Bühne und hatte zum Zeichen seiner Würde einen Stock in der Hand, auf welchem oben die fein in Stein ausgearbeitete Figur eines Raubvogels befestigt war – Es schien der Talisman der landesväterlichen Gewalt zu seyn. Ich bemerkte in allen Palästen Bildnisse und Statuen – nicht der Größten, sondern der Vornehmsten im Staate ausgestellt – – nicht wie sie aussahen, sondern – wie sie gern ausgesehn hätten; und der treue Künstler blieb unberühmt, unbelohnt, indes der Meißel des Schmeichlers bis in den Himmel erhoben wurde. Ihr werdet nachher hören, daß ich mich nicht begnügte, nur allein diese Stadt, dieses Land kennenzulernen, sondern daß ich auch, in Gesellschaft eines weisen Mannes, eine Reise in die kleinen, umliegenden Staaten machte. Folglich gilt, was ich hier sagen werde, nicht alles von dieser einzigen Provinz, sondern ist aufgesammelt von der ganzen Nation. Menschenfurcht, Muthlosigkeit, Verehrung Dessen, den das Glück zufälligerweise erhoben, durch ein verjährtes Vorurtheil geheiligt – Das alles erhielt das arme Volk in einer beständigen Unthätigkeit, und indes man die Menschen einschläferte und sie selbst sich täglich mehr an das Joch gewöhnten, webten, von allen Seiten, Eigennutz, Priester- und Erifsdespotismus ihr Gewebe fester aneinander und verschlungen darin Jeden, der sich noch rühren konnte oder wollte. Diese drey großen Ressorts spielten höchst künstlich, sooft sie es nöthig fanden, gegeneinander oder miteinander, je nachdem es die Convenienz erforderte. Wann die Priester des weltlichen Arms bedurften oder einen ehrlichen Mann durch die dritte Hand stürzen wollten, predigten sie Gehorsam gegen die Obrigkeit, schrien über Empörung und verfolgten Den, der zu frey redete. Kam aber ihr Eigennutz mit dem Interesse des Staats in Gegensatz, so lehrten sie, daß die Pflichten gegen die Götter weit über die Verbindlichkeiten gegen die Regenten gingen. Von einer andern Seite wußten die Erifs, sooft sie der Volksreligion wie eines Zaums und Gebisses bedurften, die herrlichsten Vorschriften zu geben, was in ihren Ländern über die Natur der Götter geglaubt und gesprochen werden durfte. Auch zeigten sie dann selbst ein öffentliches Beyspiel von Anhänglichkeit an ihren Glauben. Sobald sie aber Gelegenheit fanden, gewissere Vortheile zu erlangen, bekannten sie ebenso öffentlich das Gegentheil. Waren die Vorschriften der Volksreligion zu strenge für ihre Sitten, so schlugen sie sich zur Parthey der Irreligiösen. War ihnen aber der Aberglaube bequemer zu Reinigung ihrer Gewissen, zu Versöhnung ihrer Unthaten, dann glaubten sie die allerlächerlichsten Fratzen. Alle diese Beyspiele verbreiteten sich aus der Residenz in die kleinern Städte und von da unter das Landvolk – Und schon waren diese südlichen Völker so tief gefallen, hatten so sehr im Intellectuellen und Physischen abgenommen, daß es ein Jammer anzusehn war. Von ernsthaften, erhabenen Wissenschaften, dem Studium der Natur, nützlichen Bemerkungen, Nachforschungen über das Wesen und den Zweck aller Dinge und Creaturen ab, war ihr Geschmack auf nichtswürdige, oft sehr gefährliche, erniedrigende Kleinigkeiten gefallen. Durch die abscheulichsten, unnatürlichsten Laster sowie durch Druck, Armuth, Weichlichkeit und Faulheit war die ganze Generation so schwach und entnervt geworden, daß itzt kaum unter Hunderten Einer das gewöhnliche Menschenalter erreichte. Doch waren sie ehemals ein so starkes, männliches Volk gewesen. Alle diese Vorwürfe treffen aber nur den größten Theil der mehr oder weniger kleinen Staaten dieses Welttheils, denn außer daß einige liebenswürdige, väterlich für ihre Unterthanen gesinnte Erifs die Wohlfahrt ihrer Kinder mit unermüdeter Sorgfalt beförderten, folglich eine Ausnahme vom Ganzen machten, so gab es auch noch mitten unter diesen zwey große Reiche, von weisen, mäßigen und edlen Erifs beherrscht. Diese sahen in ruhiger Stille dem Unwesen zu, machten ihre Unterthanen (wenigstens nach ihrer Überzeugung; und das ist für Menschen genug gethan) so glücklich wie möglich, wachten, arbeiteten, kämpften für sie und hielten sich für die ersten Diener im Staate. Freylich machte die höchst verworrene Staatsverfassung dieses ganzen Welttheils, dessen einzelne Provinzen unabhängig und eingeschränkt, in Verbindung und getrennt, nach ausländischen, vor zwölfhundert Jahren ersonnenen, jetzt nicht mehr passenden Gesetzen und dann wieder zwischendurch nach einer ungeheuren Menge specieller, sich oft widersprechender Landesverordnungen regiert, diese verwickelte Verfassung, dies höchst abentheuerliche Gemische, sage ich, machte, daß beyde große Männer, welche immer Rücksicht darauf nehmen mußten, unmöglich ihre Provinzen gänzlich nach einem einförmigen Plane regieren konnten, und doch war es ohne offenbar gewaltsame Ungerechtigkeit nicht möglich, die kleinen Länder gradeswegs unter sich zu vertheilen. Man ließ diese also, wie billig, in Ruhe. Allein die kleinen Herrschaften arbeiten sich dennoch selbst ihrem Untergange entgegen, und ich bin überzeugt, daß in hundert Jahren ein großer Theil derselben eingeschmolzen und die ganze, so sehr zusammengesetzte Verfassung ohne alle Gewalt über den Haufen gefallen seyn wird. Denn erstlich bekommen die jungen Erifs die elendeste Erziehung von der Welt, werden von Jugend an mit dem lächerlichen Vorurtheile von natürlichem Rechte zur Oberherrschaft erfüllt, mitten unter Schmeichlern aufgefüttert und entweder den Händen eigennütziger Priester oder unwissender, selbst nicht erzogner, oft nur politische und ökonomische Vortheile suchender Schiefnasen übergeben. Da werden ihnen dann, wie es leicht zu denken ist, keine vernünftigen Grundsätze der Regierungskunst, keine klaren Begriffe von den gegenseitigen Verhältnissen der Fürsten und Unterthanen gegeneinander, kurz! es wird ihnen nichts Zweckmäßiges beygebracht, sondern, indem man ihnen in den wenig Stunden, worin man von dergleichen redet, nur obenhin allerley schwankende, verfälschte Ideen beybringt, ohne sie auf ihr wahres Interesse aufmerksam zu machen, wird der übrige Theil der Zeit mit elenden Spielwerken, Zerstreuungen und solchen Vergnügungen, welche allerley heftige Begierden erregen, verschleudert. Auf diese Art wächst der neue Landesvater heran, und es ist ein Werk des Schicksals, ob er wollüstig, grausam, hartherzig, weichlich, verschwenderisch, schwach, unthätig oder das Gegentheil wird. Sodann zerrüttet der Hang zur leeren Pracht, die hochmüthige Nachahmung der größern Erifs (welche oft die armseligsten Schauspiele liefert) bald, in den ersten Jahren der Regierung, den Zustand der Finanzen. Alsdann bleibt nichts übrig, als die Unterthanen auf die ungerechteste Art zu schinden. Diese verarmen, erholen sich wohl einmal wieder, verarmen noch einmal, können nichts mehr geben, nicht wieder zu Kräften kommen, wandern aus oder thun einst einen kühnern Schritt, aus Verzweiflung, um des Jochs loszuwerden. So frißt ein kleines Land nach dem andern sich auf, und es ist leicht abzusehn, worauf das endlich hinausgehn wird, da indes die größern Staaten durch weise Anordnungen, durch Gerechtigkeit, durch Frieden und durch den Ruin der andern immer mächtiger und blühender werden. Wie es bey den einzelnen Provinzial- und allgemeinen Nationalgerichtshöfen herging, mag ich gar nicht erzählen. Nur so viel will ich sagen, daß dort der Mächtigre und Reichre, wenn er auch seine ungerechte Sache nicht gewinnen kann, die herrlichsten, gesetzmäßigsten Mittel in Händen hat, der ärmern Gegenparthey hundert Jahre lang das Ihrige vorzuenthalten, bis diese, muthlos und gänzlich verarmt, in den Händen des Räubers läßt, was sie nicht wiederbekommen kann. Es gibt auch sogenannte freye Staaten mitten in diesem großen Welttheile. Aber diese führen nur den Namen davon, indem ein kleiner Haufe von Verschwornen das Volk unter dem Privilegium der Freyheit durch Cabale, Klatscherey, Bestechung, Überstimmung, Aberglauben, Intoleranz, Verhindrung der Aufklärung, schlechte Schulanstalten u.d.gl. in einer noch ärgern Tyranney hält. Mehrentheils ist dann das Volk stolz darauf, reden zu dürfen, was es will, und die Vornehmern haben die Freude zu thun , was ihnen beliebt. Das, meine lieben Freunde! waren die traurigen Bemerkungen, welche ich in diesen fremden Ländern machte und die mir tausendmal eine warme Sehnsucht nach meinem Vaterlande einflößten. Den alten Mann, von dem ich Euch geredet habe, traf ich in einem Gasthofe an, wo ich zu Mittage speisete. Es saß da eine große Gesellschaft von allerley Leuten, die durcheinander sprachen und über Politik, Religion, schöne Wissenschaften und Gott weiß über was alles mit herzlichem Wohlgefallen an sich selber urtheilten. Nur mein alter Nachbar hörte alles mit Lächeln an und – redete nichts dazu. Das Gespräch fiel auch auf die verschiednen Mißbräuche in der Regierung, auf die Bedrückungen der Unterthanen, auf Ungerechtigkeit, Bestechung, Inconsequenz, Planlosigkeit u. s. f. Dies dauerte so bis zu Ende der Mahlzeit fort, da dann der alte Mann, sobald er satt war, aufstand und in einen nahegelegenen Garten ging, wie er immer nach Tische zu thun pflegte. Ich sah ihn einsam auf- und niederwandeln und beschloß, mich wo möglich zu ihm zu gesellen. Sobald ich auf ihn zuging, blieb er freundlich stehn, und nach einigen gemeinen Höflichkeitsbezeugungen wurde ich bald in ein sehr interessantes Gespräch mit ihm verwickelt, welches ich Euch in der Hoffnung, daß Ihr Vergnügen daran finden werdet, hier, soviel ich mich dessen noch erinnere, herschreiben will.   Ich : ›Aber wie in aller Welt kömmt es denn, daß alle diese ungeheuren Mißbräuche gar nicht abgeschafft werden, wenn doch Jeder darüber redet, Jeder dagegen schreyet? Ich dächte, auf diese Art müßte doch die Wahrheit bis zu den Ohren Ihrer Erifs und Großen des Reichs kommen.‹ Der Mann : ›Zuverlässig!‹ Ich : ›Und dann würden Diese doch wohl Anstalten zu Verbesserungen machen.‹ Der Mann : ›Das ist eine andre Frage.‹ Ich : ›Warum? Lassen Sie mich immer zur Ehre der Menschheit glauben, daß es ihnen nur an Einsicht, nicht an gutem Willen fehlt!‹ Der Mann : ›Es fehlt wohl hie und da an beydem. Im Ganzen aber fehlt es auch an Gewalt.‹ Ich : ›Wie das? Ist denn Ihr Erif nicht unumschränkter Herr? Der Mann : ›Das ist er. Aber er ist es nicht über den Strom der Cultur, der unaufhaltsam seinen Weg geht, den nichts hemmen kann, ist nicht Herr über das große Grundgesetz, nach welchem diese Erde regiert wird, nämlich den beständigen Circel des Irdischen.‹ Ich : ›Also glauben Sie, daß auch diese Verderbnis der heiligsten Dinge, die Verderbnisse der Staatsverfassungen, der Religionssysteme und das Herabsinken der Sittlichkeit mit zu dem Plane der Gottheit in dieser besten Welt gehören?‹ Der Mann : ›Gewiß! denn sie hängen in der Kettenreyhe zusammen. Alles auf dieser Erde kann nur einen gewissen Grad von Vollkommenheit erlangen. Würde es darüber hinaussteigen, so hörte es auf, sich für diesen Planeten zu passen. Wenn es also diesen höchsten irdischen Grad erlangt hat, so fällt es wieder, und die Maschine muß aufs Neue aufgezogen werden. Der Mensch steigt von Einfalt der Sitten durch stufenweise Cultur bis zu dem höchstmöglichen Grade der Verfeinerung hinauf, und mit diesem Samen wächst zu gleicher Zeit der Keim des Verderbnisses mit auf. Die Früchte werden zugleich reif, und wo die höchste Cultur ist, da war noch immer bis itzt (wenigstens bey uns; wie es bey Ihnen in Europa ist, weiß ich nicht) zugleich die ärgste Corruption. So geht es auch im Politischen. Von der Freyheit an, durch Errichtung der Staaten, bis zum äußersten Mißbrauche des Despotismus und endlich im Religiösen vom dümmsten Aberglauben, durch die Aufklärung, bis zur höchsten Freygeisterey – Und dann grenzt gleich wieder das andre äußerste Ende daran. Von der Freygeisterey geht es unmittelbar wieder zum Aberglauben über. Wenn der Mensch sich überzeugt hat, daß es Wahrheiten gibt, welche sein Verstand nie ergründen kann, so wird er muthlos, länger zu forschen, und glaubt nun lieber alles gradehin, was ihn nur einschläfern kann. Der Despotismus zerstört sich selbst, indem er sich entweder entkräftet und die Beute des Nachbars wird oder die Wunde so arg macht, daß endlich der Kranke vor Schmerz aufspringt. Der von Wollüsten entnervte Staat muß wie ein alter Sünder wieder anfangen, sich an leichte Speisen zu halten, wenn entweder der Magen nichts mehr vertragen kann oder der übermäßige Genuß Ekel macht – So geht alles auf dieser Erde seinen Circel fort, und wer etwas Höheres oder Tieferes sehn will, muß es in andern Planeten aufsuchen. Alle Reformationsanstalten, die dahin abzielten, einen andern Plan zu Erziehung des Menschengeschlechts zu entwerfen, waren Hirngespinste, Mißgeburten, in dem Kopfe eines Mannes entstanden, der die Welt nicht wahrhaftig kannte, Mißgeburten, erzeugt aus der Hurerey der gesunden Vernunft mit der Fantasie. Solchen Systemen bin ich seit Kurzem sehr feind geworden. Da sucht sich Einer ein Plätzchen aus und bauet sich ein Häuschen, ein hohes, hohes Häuschen darauf. Er meint, es sey ein fester Boden, weil er und seines Gleichen darauf herumspringen können. Er guckt auch wohl aus dem obersten Dachfenster seines Thurms mit seinen Freunden heraus und lacht herzlich der armen Leute, die da unten sind. Auf einmal kömmt aber ein dicker Mann, klemmt sich durch die kleine Hausthür hinein – Siehe! da bleibt ihm das ganze Haus auf den Schultern hängen, und er rennt damit fort – Oder ein schwerer Lümmel tanzt rechtschaffen auf dem Boden herum, und der ganze Bettel stürzt übereinander.‹ Ich : ›Das wäre ja sehr betrübend! Es wird doch noch in jedem Zeitalter einige bessere Männer geben, die von dem Verderbnisse des Jahrhunderts nicht angesteckt sind?‹ Der Mann : ›Vielleicht! und wenn Diese‹ – Ich : ›Nun ja! und wenn Diese sich verhindern – Der Mann : ›So können sie miteinander klagen, sich trösten, helfen, gewisse Wahrheiten fortpflanzen, lehren‹ – Ich : ›Nicht nur lehren , dächte ich, sondern auch handeln , auf das Ganze wirken, den Strom wenigstens aufhalten.‹ Der Mann : ›Unmöglich! Das ist eine Grille!‹ Ich : ›Ich weiß es wohl, man wird ihnen von allen Seiten entgegenarbeiten. Aber sie müssen sich ins Geheim verbinden.‹ Der Mann : ›Da habe ich Sie, wo ich Sie gern sehn wollte. Also geheime Verbindungen? Das ist ein süßer Traum, den ich auch oft und unter verschiednen Gesichtspuncten geträumt habe. Allein die Erfahrung hat mich gelehrt, und das noch kürzlich, daß man nur viel Zeit damit verliert, die man auf ganz einfache Art, in seinem gewöhnlichen häuslichen und politischen Circel, viel nützlicher hinbringen könnte, indes man eine Menge Leute nach einem gemeiniglich sehr componierten Plane zu einer unbestimmten Thätigkeit in Bewegung setzt und endlich einen kleinen Circel von Menschen, die man in seinem oft falschen Enthusiasmus für die edelsten hält, begünstigt, um gegen alle Übrigen ungerecht zu seyn.‹ Ich : ›Also sind Sie gegen alle geheime Verbindungen?‹ Der Mann : ›Gegen alle nach studierten Plänen handelnde, auf Reformation abzielende geheime Verbindungen. Sie bleiben nicht lange geheime Verbindungen, weil nichts in der Welt geheim bleibt; und dann fällt aller Nutzen weg. Sie bleiben nicht lange unentweyht , weil nichts in der Welt unverändert bleibt; und dann haben wir das alte Lied. Die Staaten, die Religionssysteme, die öffentlichen Anstalten zu Bildung der Jugend, alle diese Dinge waren auch herrliche Anstalten zum Besten der Menschheit; was sind sie aber jetzt?‹ Ich : ›Das kömmt daher, weil man in der Grundlage gefehlt hat. Jetzt sehen wir die Fehler ein und können also in der Stille, mit bessern Menschen, einen festern Plan ausführen.‹ Der Mann : ›Und wie werden Sie einen Plan erfinden, der in jedes Zeitalter, in jede Staatsverfassung hineinpaßt? Was in diesen zehn Jahren das kräftigste Mittel ist, kann vielleicht in den folgenden zehn Jahren Gift seyn, welches Sie selbst, in menschlicher Kurzsichtigkeit, den Nachkommen zubereiten. Es hat doch vor unsrer Zeit auch kluge Männer gegeben, auch sind von denselben zuweilen Bündnisse von der Art errichtet, aber auch jedesmal nach einer kurzen Reyhe von Jahren zerstört, entweyht oder zum Bösen gemißbraucht worden. Glauben Sie mir! gewöhnlich werden solche Anstalten zu Reformationen der Staaten, Religionen und Sitten von Malcontenten gemacht, die bey der jetzigen Einrichtung ihr Conto nicht finden. Privatleidenschaft, gekränkte Eitelkeit oder so etwas wird dann die Triebfeder, und diese Menschen sind, wenn sie Macht erhalten, ebenso intolerant gegen Leute, welche nicht ihrer Meinung sind, wie die Tyrannen, welche sie stürzen wollen. Glauben Sie mir! wer nur auf dem Platze, worauf er steht, mit vernünftiger Rücksicht und Duldung der allen menschlichen Unternehmungen anklebenden Unvollkommenheit die möglichste Summe des Guten thut, soviel er kann, ohne sich um Andre zu bekümmern, außer daß er gute Grundsätze ausbreite, wo er nur darf – Mit Einem Worte! wer so edel handelt, wie er vermag, und die Gelegenheit dazu nicht entwischen läßt, aber auch nicht ängstlich sucht, der thut, ohne geheime Verbindung, vollkommen genug.‹ Ich : ›Aber vereinte Kräfte wirken doch mehr. Wenn nun die zerstreueten Edlern sich einander aufsuchen, sich vereinigen, jüngere Leute in ihr geheimes Bündnis ziehen, Diese bilden, sich einander beystehn, befördern, dem Bösen sich widersetzen und so nach und nach eine neue, glücklichre Generation bilden, die dann allgemeine Aufklärung verbreitet, welche der Grund aller Tugend und Weisheit ist, so, daß auf dem ganzen Erdboden ein auf reife Erfahrung von Jahrhunderten gestütztes Vernunft- und Sittenregiment herrschen würde; wenn‹ – Der Mann : ›O! schweigen Sie! Das ist ein schöner Jünglingsplan, mit dem ich mich auch berauscht gehabt habe, der aber so viel Widersprüche in sich faßt, wie er Worte enthält. Ich schäme mich nicht zu bekennen, daß ich einst mit Leib und Seele an einem ähnlichen Projecte krank gelegen bin, daß ich aber itzt meinen Irrthum einsehe. Lassen Sie Sich nur in der Kürze zeigen, was aus Ihrem Plane in wenig Zeit werden wird und nach aller Erfahrung aus Geschichtskunde werden muß. Sie wollen allgemeine Aufklärung der ganzen Welt? – Welch ein Widerspruch! Bey der ungeheuren Verschiedenheit der Organisation, der Lagen, der Schicksale, der Leidenschaften, da verlangen Sie, daß alle Menschen nach einem einzigen, weisen und redlichen Zwecke streben sollen? Das ist nur da möglich, wo noch keine Staaten je gewesen sind, wie in jenem glücklichen Lande, wovon Sie mir neulich erzählt haben; aber nicht bey uns, wo der Samen der sogenannten Cultur so feste Wurzel geschlagen hat. So viel im Allgemeinen! Nun zu den einzelnen Theilen Ihres Plans! Sie wollen die Edlern aufsuchen und also auf Vermehrung der Zahl der Verbündeten denken? Jede Gesellschaft, die auf Vermehrung ihrer Mitglieder bedacht ist, muß nothwendig ausarten. Wenn Sie auch die feinsten Prüfungen vorschreiben, so wird doch, wo nicht gleich, doch in der Folge, Privatleidenschaft, Nachgiebigkeit, Gefälligkeit, menschliche Kurzsichtigkeit und manche andre Rücksicht mit Einfluß auf die Wahl der Mitglieder haben. Und hat sich ein einziges zweydeutiges Subject eingeschlichen und hinaufgearbeitet, so folgen Mehrere nach, und Ihr ganzer schöner Plan ist zerstört. Sie wollen junge Leute bilden? Verstehen Sie darunter Ihre eignen Kinder, so können Sie das ohne geheime Verbindung bewirken. Denken Sie aber dabey an andrer Leute Kinder, so frage ich Sie: Wer gibt Ihnen Macht, Diese so unter Ihren Augen zu haben, daß sie nicht zehnmal mehr falsche Eindrücke anderwärts bekommen, als sie von Ihnen gute erhalten? Geheime Anstalten zu Bildung der Jugend haben schon an sich etwas Verdächtiges und werden leicht gemißbraucht, bilden nur mittelmäßige Menschen und unterdrücken das wahre Genie. Sie werden Sich nicht für so weise und unbefangen halten, daß es Ihnen nicht begegnen könnte, Ihre Privatmeinungen den jungen Leuten für Weisheit zu verkaufen. Irgendein sich einschleichender listiger Bösewicht voll Verstellung wird noch mehr thun, er wird ebenso bald gefährliche Grundsätze unmerklich bey diesen Alltagsmenschen mit unterlaufen lassen – Und was für Unheil kann ein Solcher dann nicht durch Hilfe einer so geheimen Anstalt stiften? Sie wollen Menschen im Politischen befördern? O! zittern Sie vor den Folgen! Dadurch öffnen Sie dem Geiste der Intrigue und Cabale Thor und Thür. Abgerechnet, daß Sie dabey ohne Befugnis Sich in den Fall setzen, aus Vorliebe zu Ihren Zöglingen gegen viel würdigre Menschen ungerecht zu verfahren, so kann auch dieser Zweck in den Händen böser Männer schreckliche Folgen haben. In den ersten Jahren wird Ihre Gesellschaft sehr viel Gutes thun oder vielmehr: das Gute, das vielleicht jeder Einzelne ohnedies würde gethan haben , wird Ihnen sichtbarer werden, weil Sie es erfahren, und das wird Sie täuschen, zu glauben, Sie hätten Wunder verrichtet. Ich räume auch ein, daß in dieser ersten Zeit, wenn die Gesellschaft noch klein ist, der esprit de corps etwas thue – Nun aber werden in den folgenden Jahren schon unter Ihren Zöglingen einige weniger Gute sich eingeschlichen haben. Wenn diese heranwachsen, wird wohl hie oder da Einer darunter die Direction in irgendeiner Gegend erhalten und also natürlicherweise seines Gleichen bilden – Und nun halten Sie einmal den reißenden Strom auf, wenn Sie können! Sie werden Zeit und Mühe verloren und vielleicht über Ihre weiten Aussichten die nahe vorliegende Gelegenheit, der existierenden Welt wahrhaftig nützlich zu seyn, versäumt haben. Doch, hören Sie ferner! Sie wollen das Böse hindern? Wissen Sie auch immer, was böse ist? Wird nicht hier die Beschränktheit Ihrer Einsichten und die Leidenschaft gegen die gute Sache und gegen den guten Mann Sie blenden und mitreden? – Nicht? – So sind Sie dann mehr wie Mensch. Sie wollen aus der Erfahrung von Jahrhunderten die Regeln abstrahieren, nach welchen Ihre Leute handeln sollen? Es bedarf keines so langen Zeitspiegels. Wenn Erfahrung hätte helfen können, so wären wir schon längst Alle weise. Die Quantität der Erfahrungen thut hier nichts. Sie werden dadurch nicht mehr Gewalt gegen die Leidenschaften bekommen, welche sich nicht wegphilosophieren lassen, sondern mehrentheils alle unsre frommen Pläne vereiteln. Sie wollen Aufklärung befördern? Sehen Sie selbst ganz klar? Haben Sie auch genug abgewogen, welchen Grad von Aufklärung jeder Mensch vertragen kann? Meinen Sie, das alles hätten andre Menschen nicht schon vor Ihnen durchgedacht und Diejenigen wären so gänzlich für Narren zu halten, welche die bloß speculativen Wissenschaften zu der Schale ihrer geheimen Verbindung zu machen und aller Thätigkeit im Weltlichen zu entsagen scheinen? – Armer, gutherziger Mann! Wie weit sind Sie noch zurück! Und endlich, wenn auch alle diese Zwecke zu erlangen wären, so würde doch die Maschine, mit welcher man dies große Werk regierte, so compliciert seyn müssen, daß selbst in dieser Composition der Keim der Vergänglichkeit liegen würde – Können Sie nun, bey allen diesen Schwierigkeiten, dennoch eine Anstalt von der Art fest gründen, so können Sie mehr wie der Schöpfer aller Dinge.‹ Ich : ›Sie machen mich traurig. Also sind Sie so ganz gegen alle Verbindungen von der Art eingenommen?‹ Der Mann : ›Nichts weniger! Aber ich kann nur dreyerley Arten derselben gelten lassen. Die erste ist eine Verbindung von Männern, die in ihrem Schoße gewisse Überlieferungen bewahren, gewisse Wissenschaften treiben und gewisse Pläne ausführen wollen (welche aber keinesweges weder mittel- noch unmittelbar in die Rechte der Staaten greifen), die sich aber auf eine nie zu vermehrende festgesetzte Anzahl eingeschränkt haben. Wenn dann unter Diesen sich einmal ein Mittelmäßiger einschleicht, so kann derselbe wenigstens nicht viel schaden, und wenn er stirbt, wählt man einen Bessern an seine Stelle. Diese Verbindung existiert, lächelt herzlich der übrigen Spielwerke, spielt zuweilen eine Zeitlang mit und bleibt unentheiligt. Die zweyte Art von Verbindung, die ich gutheiße, ist eine solche, die nach einem Plane arbeitet, der einfach und so geordnet ist, daß man ihn jedem Mittheilnehmer vollständig zur Übersicht vorlegen kann, und in welchem sich alle Arten Menschen passen und mehr oder weniger an der Vollkommenheit desselben Theil nehmen können, wo Gute und Schlechte gleichsam durch einen allmächtigen Trieb zu Einem Zwecke hingezogen werden – Und auch eine solche Verbindung existiert hier, wirkt das sichtbar Gute sehr langsam, aber sicher an der Hand der Natur, dreht die Ordnung der Dinge nicht um und wird von jener geheimen Verbindung – nicht regiert, aber geleitet, gestimmt. Die dritte Verbindung, die ich gelten lasse, ist, wenn eine Anzahl guter, in Eintracht lebender Familien sich zu einem neuen Staatskörper absondert und eine Einrichtung macht, die wenigstens so lange Stich hält, wie der Gang der menschlichen Dinge es erlaubt. Aber dann muß sich eine solche Colonie, wenn sie nicht den herrschenden Ton des Zeitalters annehmen will, gänzlich von der übrigen Welt absondern – Und auch dergleichen Colonie gibt es. Ich will Sie sogar mit einer bekanntmachen. Sie wohnt auf einer Insel, wozu nur die Mitglieder des geheimen Bundes, welche die Rathgeber dieses neuen Staats sind, den Zugang wissen. Ich war eben im Begriff, morgen hinzureisen. Wollen Sie mich begleiten? Sie sind der erste Fremde, dem diese Gunst widerfährt. Auch dürfen Sie, nach den Gesetzen, nicht länger wie drey Tage dort bleiben und indes nie von meiner Seite weichen. Sind Sie dazu erböthig?‹ Ich nahm mit Freuden sein Anerbiethen an. Wir reiseten durch mancherley Wege in der Nacht ab, kamen an eine See, fuhren in einem Fahrzeuge von sonderbarer Bauart hinüber, und was ich da in drey Tagen sehn konnte, will ich Euch nun kürzlich erzählen.«   So weit war ich wieder mit Lesung der Handschrift des Herrn Brick gekommen, als wir bey Amsterdam die Anker warfen, da ich dann meine Papiere in die Tasche steckte und mit meiner Reisegesellschaft an das Land stieg. Neuntes Capitel Aufenthalt in Amsterdam. Unerwartete Zusammenkunft. Bekanntschaften im Gasthofe. »Es war doch wahrlich ein herrlicher Anblick, mein Herr Hauptmann!« sagte ich und knöpfte die Taschen zu, denn es war ein großes Gedränge da, wo wir ausstiegen. »Ein herrlicher Anblick da draußen auf de Laag , so einen ganzen Wald von Schiffmasten zu sehn. Mich reuet die Reise in der That nicht. Ach! und das Gewimmle von kleinen Fahrzeugen zwischen der Stadt und der innern Reyhe von Pfählen. Was vermag nicht der menschliche Erfindungs- und Erwerbungsgeist!« Indem ich noch so fortredete, zupfte mich ganz leise ein Mann von hinten her am Rocke, winkte mir, zeigte mir einen Brief und gab mir zu verstehn, er habe mir etwas zu sagen. Zu gleicher Zeit wurde der Hauptmann, welcher in einem grünen Rocke vor mir herging, von einem andern Menschen auf das Zärtlichste umarmt und sollte dadurch abgehalten werden, im Gedränge sich nach mir umzusehn. Aber ich war zu sehr mit den Künsten der Seelenverkäufer theoretisch und practisch bekannt geworden, um mich in diese Falle führen zu lassen. Ich gab meinem zudringlichen Winker einen derben Rippenstoß und arbeitete mich zu dem Officier hindurch, der indessen seinen zärtlichen Umarmer bey beyden Ohren gefaßt hatte und nach einer kräftigen Maulschelle laufen ließ. So kamen wir dann ohne weitres Abentheuer durch einen Schwarm von Menschen, wie ich ihn noch nie gesehn hatte, bis in die Stadt Lion, einen Gasthof, wo mein Führer sehr bekannt war, obgleich er eigentlich in Haarlem die letzten Jahre im Quartier gelegen hatte. Es war heute zu spät, zu dem alten Herrn van Haftendonk zu gehn, denn er wohnte weit in dem Theile der Stadt, den man die alte Seite nennt, und unser Gasthof lag auf der neuen Seite , und doch verlangte uns sehr nach einiger Nachricht, ob der Sohn angekommen wäre oder nicht. Der Hauptmann beschloß daher, einen guten Freund aufzusuchen, um von Diesem genaue Erkundigung einzuziehn, ehe wir uns in Haftendonks Hause sehn ließen. Unterdessen ging ich in das große Wirthszimmer, ließ mir Thee geben, rauchte ein Pfeifchen und machte meine kleinen Bemerkungen über die fremden und einländischen Gäste, welche da durcheinander saßen, gingen, spielten, schwatzten u. s. f. Es war eine seltsame Sammlung von Leuten und, ich gestehe es, noch ganz voll von den ernsthaften Bemerkungen über das Dichten und Trachten der Menschen, die ich in Bricks Manuscripte gelesen hatte, fiel mir oft ein, wie doch Jeder sich seine eigene Welt in dieser Welt schafft. Der Verliebte ist in einer Gesellschaft seiner Meinung nach der Erste, wenn ihn nur seine Geliebte vorzieht, und zeigt sich in allen Stücken von einer schiefen Seite, sobald er sich etwa mit ihr gezankt hat und ihm diejenige Selbstzufriedenheit fehlt, die nur die Gunst seiner Schönen ihm gewähren kann – Er sieht sonst niemand. Der Edelmann sieht mehrentheils nur Adelige, unbekümmert um die wahre Achtung Anderer, der Musiker nur Virtuosen als seinen Kreis an. Der Fürstenknecht lebt von den Blicken des Prinzen und wundert sich gewaltig, wenn dies nicht für jedermann gültige Münze, wichtiges Interesse ist. Der Kaufmann denkt, wenn er Credit und Geld hätte, so wäre er ein Mann, den Jeder beneiden müßte – Wie wenig Menschen gibt es! Sie vergessen alle ihre Menschheit über ihre Personalität. Das sieht man dann auch in allen ihren Gesprächen hervorleuchten, möchte auch Einer noch so sehr den allgemeinen Weltbürger spielen wollen; und wenn von großen Weltbegebenheiten die Rede ist, so denkt Jeder nur zuerst an die wichtigen Folgen, welche daraus für seinen Stand, für sein Gewerbe entstehen. Es wäre wirklich der Mühe werth, zuweilen ein Protocoll über solche Wirthshausgespräche zu führen. Es pflegt sich dann das Ganze gewöhnlich in gewisse Parthien, in gewisse Chöre zu theilen, deren jedes einen Stimmführer hat, und zwischendurch hört man dann einmal ein schwaches Instrument mit unter, das wie eine Bratschenstimme in einer gewöhnlichen Symphonie immer nur Mittelstimme bleibt und nie allein klingt. Es gibt Menschen, die wirklich bloß dazu geboren sind, zeitlebens solche Ripien-Bratschenstimmen zu machen, nichts obligat zu spielen, so wie Andre, die zwar auch keine Hauptmelodie führen können, dennoch wie die Waldhörner hie und da durch einzelne Töne größern Nachdruck geben. Mit diesen und ähnlichen Bemerkungen hatte ich mich vergnügt, als meine Aufmerksamkeit durch das Gespräch an einem kleinen Nebentische auf einen andern Gegenstand gelenkt wurde. Es saß da ein teutscher Arzt, ein junger Candidatus theologiae und ein Kaufmann, wie ich nachher erfuhr.   Der Arzt : »Ja! Er ist gestern gestorben. Schade um den jungen Menschen! Ein gesunder Körper! Keine Anzeichen eines morbi chronici . Die innern Theile alle frisch und unverletzt. So können aber dergleichen Inflammationskrankheiten in wenig Tagen dem robustesten Jünglinge das Garaus machen. Der Doctor Labberhuis hat gewiß nichts versäumt; ich habe alle seine Recepte gesehn.« Der Kaufmann : »Es ist traurig! Der einzige Sohn! Und der Vater steht sehr fest, macht gute Geschäfte.« Der Candidat : »Und wird nun schwerlich wieder heyrathen, denn er ist ein alter Mann. Um desto mehr Gutes kann er aber künftig den Armen thun. Der Domine So nennt man in Holland die Prediger. Lummeldick rühmt dieses Haus ungemein und versichert, der Jüngling sey in den christlichsten Gesinnungen verschieden und habe aufrichtigst den Kummer bereuet, welchen er seinem Herrn Vater verursacht.« Der Kaufmann : »Kummer hat er dem Vater eben nicht verursacht. Es war ein bloßes Mißverständnis. Das Frauenzimmer, mit dem er sich in Riga versprochen hatte, ist aus einem guten Hause und auch reich. Aber böse Leute hatten dem alten Haftendonk die Sache von einer unrechten Seite vorgestellt, und, nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Candidat! Man gibt Ihrem Domine hier auch nicht ohne Wahrscheinlichkeit viel Schuld.« Der Candidat : »Erlauben Sie, mein Herr! Da thut man ihm, wie nur leider! gar zu gern dem geistlichen Stande, höchst Unrecht. Er hat nach Gewissen geredet, und der junge Mensch hätte doch den väterlichen Willen, wenn er damals christliche Gesinnungen gehabt hätte, ehren müssen.« Der Kaufmann : »Er hatte anfangs nicht an der Einwilligung seines Vaters gezweifelt. Die Antwort blieb etwas lange aus, und da hatte er sich ein wenig zu weit eingelassen.« Der Arzt : »Ich verstehe. O! das ist sehr zu verzeyhn. Wir hängen von der Organisation unsres Körpers ab, und denken Sie Sich zwey junge Leute! Fleisch und Blut!« Der Kaufmann : »Unterdessen war dem alten Haftendonk, vermuthlich durch Ihren würdigen Domine  –« Der Candidat : »Erlauben Sie!« Der Kaufmann : »Nun! ich lasse es dahin gestellt seyn. Genug! es war ihm gesagt worden: Sein Sohn vernachlässige in Riga die Handlungsgeschäfte des Hauses, habe sich mit einer schlechten Person eingelassen, lebe liederlich, mache Schulden –« Der Arzt : »War denn das nicht also?« Der Kaufmann : »Nichts weniger! Er lebte sehr ordentlich. Man hatte vermuthlich die Briefe an den Vater aufgefangen, worin er um die Einwilligung zu seiner Heyrath gebeten hatte. Kurz! der Vater schrieb auf einmal: er solle augenblicklich nach Holland kommen und nimmermehr an die vorhabende Verbindung denken.« Der Arzt : »Der arme Mensch! Das war ja, um ein Fieber zu bekommen.« Der Kaufmann : »Nun wußte er sich nicht zu helfen. Er ließ nur ein paar Zeilen an seine unglückliche schwangre Braut zurück, eilte in der Nacht fort und hoffte, bey seiner Ankunft hier alles gut zu machen.« Der Arzt : »Er muß auf der Reise sein Blut fürchterlich erhitzt haben. Es kann nicht anders seyn.« Der Kaufmann : »Unterdessen befand sich ein Officier, der hier in Diensten, aber ein Livländer von Geburt ist, eben in Riga, als dies vorging. Er war ein Freund des Meinhardtschen Hauses und kannte auch den alten Haftendonk. Da er eben im Begriff stand, hierher nach Holland zurückzugehn, übernahm er es, unterwegens in allen großen Städten dem Flüchtlinge nachzuspüren. Natürlicherweise konnte er die Sache nur einseitig ansehn. Er schickte also eine Estafette voraus, hierher an den Vater, erzählte Diesem, sein Sohn habe ein ehrliches Mädchen von gutem Hause verführt und verlassen, er bäte daher um Vollmacht, ihn auffangen und anhalten zu dürfen.« Der Candidat : »Ich meinte aber, das geschwächte Frauenzimmer wäre mitgereist?« Der Kaufmann : »Nein! Sie folgte mit einem andern Freunde nach.« Der Arzt : »Das ist ein recht verwickelter Handel! Aber was sagte denn der Vater, als er den Brief bekam?« Der Kaufmann : »Er wußte freylich nicht, was er sagen sollte. Er sah wohl, daß hier ein Irrthum vorgehen müßte, und der Sohn war ja auf seinen Befehl abgereiset. Indessen gab er doch Vollmacht, den jungen Mann anzuhalten, ihm das Frauenzimmer mit Gutem oder Bösem antraun zu lassen und Beyde hierherzuführen.« Der Candidat : »Ohne Sie zu unterbrechen, mein hochgeehrtester Herr! Nicht wahr, sie haben den Sohn nicht unterwegens angetroffen? Er kam früher hier an.« Der Arzt : »Ja! und wurde sogleich von einer heftigen Pleuritide befallen, an welcher er auch gestorben ist.« Der Kaufmann : »Man weiß nun noch nicht, was aus dem Frauenzimmer geworden ist. Der Officier ist auch noch nicht angekommen.«   Die Leser können sich leicht vorstellen, mit welchem Interesse ich diese Geschichte anhörte, was für Ideen in mir erweckt wurden – Also war der eigentliche Ehemann tot, und wenn die Frau noch lebte, so war ich so unbezweifelt gültig verheyrathet wie irgend ein Mensch in der Welt – Aber in den Umständen, darin ich mich befand, ohne Vermögen, ohne Stand! – Ich erwartete mit großer Ungeduld die Zurückkunft des Hauptmanns, hütete mich aber wohl, gegen die Fremden mir etwas von dem Antheile merken zu lassen, den ich an der Geschichte nahm. Kaufmann und Candidat waren inzwischen fortgegangen, und der Doctor saß allein da. Sogleich gesellte er sich zu mir, überhäufte mich mit unzähligen Fragen und schien überhaupt ein zudringlicher Mensch zu seyn. In weniger wie einer halben Stunde hatte er schon eine Menge Anecdoten ausgekramt, die ich nicht zu wissen verlangte, erboth sich, mich in Amsterdam herumzuführen, und fragte endlich auf einmal: ob ich schon das Theatrum anatomicum gesehn hätte? »Wir haben«, sagte er, »heute einen Körper aus dem Raspelhause bekommen, der morgen angefangen wird, seciert zu werden. Ich will Sie um neun Uhr vormittags abholen.« Alle meine Einwendungen, daß ich nichts von Anatomie verstünde, waren vergebens, und ich mußte, um des Mannes loszuwerden, versprechen, ihn zur bestimmten Stunde zu erwarten, worauf er fortging. Nun war ich des Tumultes müde und wollte mich eben in ein Nebenzimmer zurückziehn, um den Rest meiner Handschrift zu lesen, als mein Hauptmann eilig hereintrat. »Kommen Sie!« sagte er. »Ich muß Sie allein sprechen. Lassen Sie uns einen kleinen Spaziergang vornehmen!« Wir gingen der Nieuwen Plantagie zu, an welcher das Heeren Logement der neuen Seite liegt, und wandelten da auf und ab, wo er mir, wie Sie leicht denken können, erzählte, was ich schon wußte. Jetzt berathschlagten wir uns, was bey den Umständen anzufangen seyn möchte, und nach langem Hin- und Herreden fiel der Entschluß dahin aus: Der Hauptmann sollte am folgenden Morgen zu dem alten Haftendonk gehn, ihm alles erzählen und, da doch nun sein Sohn gestorben war, ihn zu einiger Freygebigkeit gegen mich ermuntern, so daß er mir wenigstens (denn er war sehr geizig) ein Geschenk und die Unkosten der Rückreise nach Hamburg zugut kommen ließe. Dem Frauenzimmer, das mir angetrauet war, sollte ein Freund den Tod ihres Geliebten auf eine vorsichtige Art vorbringen, ihr und der Meinhardtschen Familie vorerst aber verschweigen, daß nicht er, sondern ich ihr angetrauet worden. Indes sollte man sie aber bewegen, gleich nach überstandnem Kindbette nach Riga mit dem Kinde zurückzukehren. Der alte Haftendonk sollte sogleich an die Eltern schreiben und sich zu einer jährlichen Summe verstehn, welche er seiner quasi -Schwiegertochter und dem kleinen unglücklichen Bastarde als ein Zeichen, daß sie zur Familie gehörten, billigerweise geben mußte. Dabey sollte sich derselbe bemühn, mir baldmöglichst eine meinen geringen Talenten angemessene Stelle oder Bedienung zu verschaffen, und wann auch dies in Ordnung gebracht wäre, dann sollte ich wieder auftreten, meiner angetraueten Frau und ihren Eltern das Geheimnis entdecken, da sie mich dann, in Betracht der Umstände, gern zum Schwiegersohne annehmen und ihre reiche und artige Tochter mir zum Eigenthume lassen würden. Bey dieser Verabredung blieben freylich drey Dinge noch ungewiß, nämlich zuerst, ob nicht vielleicht die Kindbetterin unterdessen gestorben wäre (denn wir hatten sie in sehr schwachen Umständen verlassen), ferner, wie es alsdann und überhaupt um das Erbschaftsrecht des kleinen wilden Zweiges der Haftendonkschen und Meinhardtschen Familie aussehn und ob die beyderseitigen Großeltern ihn legitimieren würden, und endlich, ob überhaupt unser ganzer Vorschlag von dem alten Haftendonk würde gutgefunden werden. Immer aber war das Ding gut ausgedacht, und wir hielten alle diese Vorschläge für so natürlich und billig, daß wir voll Zuversicht, es werde auf diese Art zu Stande kommen, einen vergnügten Abend und eine ruhige Nacht zubrachten. Des folgenden Morgens machte sich grade mein Hauptmann auf den Weg zu dem Alten, als der Doctor seinem Versprechen gemäß bey mir vortrat und mich mit höflicher Gewalt in das Collegium anatomicum schleppte. Es war noch früh, als wir dahinkamen, und außer uns beyden nur der Prosector gegenwärtig. Der Körper lag zugedeckt da. »Ein starker, nervöser Körper!« rief der Doctor. »Wollen Sie ihn einmal sehn?« und damit deckte er ihn auf – Ich sah hin – Sollte ich meinen Augen trauen? – Ich sah noch einmal hin – Ja! er war es – Und wer, meinen Sie? – Haudritz! niemand anders wie mein ehemaliger Verführer, Haudritz – Dieser Anblick machte einen gewaltigen Eindruck auf mich. Die beyden Ärzte bemerkten es und fragten mich um die Ursache. – »Und wie, in aller Welt«, rief ich aus, »kommen Sie zu diesem Körper, oder wie kam diese Creatur in das Raspelhaus?« Mein Führer erzählte mir die genauen Umstände, die ich dann meinen Lesern hier kürzlich mittheilen will. Haudritz war, wie Sie Sich's aus dem ersten Theile meiner Geschichte Seite 143 . erinnern werden, von uns einem Schiffscapitain anvertrauet worden, der ihn nach Ostindien bringen sollte. Da sich unterdessen das Schiff noch einige Zeit in Amsterdam aufhalten mußte, erweckte diese Muße in dem bösen Haudritz den alten Hang zu schlechten Streichen aufs Neue. Er bestahl den Capitain, welcher ihn als Schreiber zu sich genommen hatte, wurde ertappt und kam diesmal mit allerley Schlägen und dem Verluste seines Dienstes davon. Nun hatte er nichts zu leben und fing daher sein edles Handwerk um so eifriger wieder an: Zur Sicherheit der Handlung haben die Kaufleute in Amsterdam das Recht, wenn sie auf der Börse, wo oft ein Mann seine ganze zeitliche Glückseligkeit in der Tasche stecken hat, einen Dieb in dem Augenblicke des Diebstahls haschen, sich sodann jede Art von Genugthuung an ihm nehmen zu dürfen. Haudritz ließ sich verleiten, jemand auf der Börse nach der Uhr zu greifen, wurde aber erwischt und, da bekanntlich die holländischen Kaufleute auf dergleichen keinen Spaß verstehen, von dem Haufen zusammentretender Kaufleute halb tot geprügelt und in den Canal geworfen. Da fischte ihn ein Jude auf, rettete ihm das Leben und nahm ihn in sein Haus. Zur Dankbarkeit bestahl er denselben und wollte auch die Tochter verkuppeln. Da brach dem Israeliten die Geduld. Er wirkte ihm ein Plätzchen im Raspelhause aus, woselbst er aber an einem hitzigen Fieber starb – Das war dann das Ende eines Menschen, mit dem ich einst auf gleicher Bahn zum Laster fortschritt. Wer weiß, ob nicht unter andern Umständen, bey anderm Körperbaue, bey andern Schicksalen, auch ich ein ebenso durchtriebener Bösewicht geworden wäre? – Traurig, daß es solche Geschöpfe geben kann! – Was ist der Mensch? – Man hat schon oft gesagt, er sey ein unbeschriebnes Blatt, wenn er aus der Hand des Schöpfers kömmt, ein Blatt, worauf Schicksale und Erziehung alles zu schreiben vermöchten. Ach! aber möchte man nicht versucht werden zu glauben, es käme mancher schon als ein defectes, vielleicht gar vom Satanas verfälschtes Manuscript auf die Welt? – Wenn ich meine jetzige Denkungsart untersuchte, so fand ich freylich noch nicht in mir jene Fertigkeit, Festigkeit im Guten, die den Namen von Tugend verdient; aber doch Empfänglichkeit, Gefühl für das Edle, und wenn etwas mich in meinem Vorsatze, zu meinem Glücke gut zu handeln, befestigen konnte, so war es dergleichen bestätigte Erfahrung, daß auch in dieser Welt jede Verirrung vom graden Wege eine verhältnismäßige Strafe nach sich zieht. Solche Gedanken beschäftigten mich ernstlich, und ich konnte nicht länger den Anblick dieser Leiche ertragen. Ich beurlaubte mich daher von meinem Gefährten und wollte nach Hause gehn. Indessen verirrte ich mich in der großen fremden Stadt, und da mir bange war, ich möchte in enge gefährliche Winkel gerathen (obgleich man wahrlich weniger in Amsterdam zu befürchten hat als in manchen kleinern Städten), und sich's eben traf, daß ich die Kalver-Straat erreichte, in welcher eine große Anzahl Kaffeehäuser sind, trat ich in das französische Kaffeehaus . Der erste Mann, welcher mir in den Weg kam, war ein .....er Officier. Da er grade zur Thür hinauswollte, als ich hineinging, blieben wir beyde stehn, um uns einander Raum zu machen, und das gab mir Zeit, ihn genauer zu betrachten. Ein kleines Muttermal, das er am Kinne hatte und das mir von Ungefähr gleich in die Augen fiel, machte mich aufmerksam. Der Vetter der Frau von Lathausen, welcher mich in den . . . Dienst brachte, hatte eben ein solches Mal, und an Figur und Anstande waren sich beyde vollkommen gleich, nur daß der Officier, den ich hier sah, freylich viel älter schien. Sobald mich nun diese Ähnlichkeit überraschte, wozu vielleicht der Umstand kam, daß mein Kopf noch von dem Anblicke des toten Haudritz eingenommen war und mir nun um desto lebhafter alle Erinnerungen der ehemals in seiner Gesellschaft erlebten Schicksale und der dabey interessierten Personen ins Gedächtnis zurückkehrten – Kurz! ich war, sobald ich den Officier genau angesehn hatte, fest überzeugt, daß es der Herr von Redmer war; und wie ich in der Folge erfuhr, hatte auch er, vermuthlich durch den Ausdruck von Verwunderung, den er auf meinem Gesichte las, aufmerksam gemacht, eine Ahnung bekommen, daß ich sein ehemaliger Recrut seyn könnte. Nun war ich ein .....scher Deserteur und hatte also in der That viel von List oder Gewalt zu befürchten, wenn ich erkannt würde. Da aber der Herr von Redmer selbst damals Verdruß im Regimente gehabt hatte, wie wir gehört haben Im ersten Theile, Seite 35 . , ließ ich mir gar nicht einfallen, daß er noch so eifrig auf seinen Dienst seyn würde, mir weiter nachzuspüren. Ich erholte mich daher bald von meinem Schrecken, blieb noch eine kleine Weile auf dem Kaffeehause und ließ mich dann durch einen sichern Mann zurück nach der Stadt Lion begleiten. Gegen Mittag kam der Hauptmann zurück und brachte nicht die tröstlichste Nachricht mit. Der alte Haftendonk war, wie es schien, geneigt gewesen, statt dem Officier zu danken, wie er es wohl verdient gehabt, ihm die Schuld des unglücklichen Erfolgs aufzuladen. Von mir hatte der alte Geizhals nichts wissen wollen. Doch sagte der Officier: er sey gegen das Ende ihrer Unterredung nachgebender geworden; ich solle mich nur auf ihn verlassen, und dafür hafte er, daß ich frey nach Hamburg zurückgeliefert werden sollte; immer möchte ich mir's indessen gefallen lassen, noch einige Wochen hier in Amsterdam mich umzusehn. Der gute Mann gab mir auch Geld und versprach, unterdessen weiter für unsern Plan zu arbeiten. Ich wendete also die folgende Zeit an, in dieser großen Stadt allerley Merkwürdigkeiten zu sehn; und in der That, wohin ich nur blickte, da stieß mir etwas Sonderbares auf. In Amsterdam ist eine starke Auflage auf die Kutschenräder gelegt. Wer daher nicht sehr reich ist, der fährt mit zwey Rädern, und die gewöhnlichsten Fuhrwerke haben gar keine Räder, sondern bestehen aus Kasten, die man auf Schleifen gesetzt hat und wobey der Kutscher nebenher zu Fuß geht, welches dann freylich einem Fremden sehr auffällt. Die Begräbnisse werden bey Tage vorgenommen, aber nichtsdestoweniger gehen Leute mit brennenden Laternen voraus und nebenher. Ich machte nach und nach angenehme Bekanntschaften unter Fremden, in deren Begleitung ich, wenn der Hauptmann nicht Zeit hatte, mit mir zu gehn, die Stadt durchlief. Eben fällt mir ein, daß ich vergessen habe, Ihnen den Namen meines ehrlichen Hauptmanns zu melden; er hieß von Dobelmayer. Endlich gelang es diesem Freunde, den Herrn van Haftendonk zu bewegen, mich wenigstens zu sehn. Ich ging hin, hatte aber unglücklicherweise meine Füße nicht genug auf den unzähligen Decken, Kratzern, Matten u.d.gl. abgestrichen, welche vor und in dem Hause herumlagen. Als ich nun eine schöne Treppe hinaufgestiegen, die zur Bequemlichkeit so glatt wie ein Spiegel gerieben und gewachst war, entdeckte eine dicke Magd, welche mir entgegenkam, zu ihrem größten Schrecken noch etwas Schmutz an meinen Schuhen. Sogleich nahm sie mich wie ein Kind auf den Arm, trug mich wieder hinunter und ließ mich nicht eher wieder hinauf, bis meine Schuhe ganz sauber waren. Dieser comische Auftritt brachte mich ein wenig aus meiner Fassung, indessen besann ich mich doch bald wieder und brachte mein Anliegen dem phlegmatischen, ernsthaften, dicken Herrn van Haftendonk aufs beste in französischer Sprache vor, wobey er ungefähr aussah als Einer, der sich etwas erzählen läßt, um einschlafen zu können. Wenn sein seelenloser Blick auf mich fiel, so glänzte nicht das geringste Interesse aus seinen Augen hervor, sondern er hatte das Ansehn eines Menschen, der auf einen leeren Platz hinstarrt. Als ich lange und mit allem Feuer der Beredsamkeit geredet hatte, fragte er mich ganz kaltblütig: was Myn Heer eigentlich für Geschäfte machte? Dies setzte mich in die Unkosten, meine Erzählung von Neuem wieder anzufangen. Er hätte sie, glaube ich, auf dieselbe Art noch zehnmal angehört, wenn nicht sein Buchhalter gekommen wäre, ihm etwas zu melden, worauf er mir ganz trocken Adieu sagte. Als ich meinem Freunde diesen Ausgang der Sache erzählte, rieth er mir Geduld an, versprach, nochmals das Seinige zu versuchen, und um meine Leser nicht länger aufzuhalten, will ich Ihnen nur kurz sagen, was wir nach drey Wochen erlangten. Der Alte setzte der Halbwitwe seines Sohns eine kleine Summe zum Unterhalte aus und war davon zufrieden, daß man ihr vorerst verschwiege, wie es mit der Trauung gewesen sey; wie es aber mit dem Kinde gehalten werden sollte, darüber wollte er sich noch nicht bestimmen. Mir gestand er nichts zu wie das Reisegeld und ein kleines Geschenk von zwanzig Ducaten, wovon ich dem Hauptmanne die mir vorgestreckte Summe erstattete und das Übrige in Amsterdam verzehrte. Zugleich erlangte ich noch mit genauer Noth, daß man eine Acte verfassen ließ, in welcher man mir bescheinigte, daß ich wirklich der Mann wäre, mit welchem man das kranke Frauenzimmer in Hamburg getrauet hatte. Übrigens überließ man es mir, davon Gebrauch zu machen oder nicht und mir selbst eine Laufbahn zu eröffnen. Der Herr von Dobelmayer aber versprach, im folgenden Jahre, da er wieder nach Riga gehn würde, für mich bey der Meinhardtschen Familie zu reden, und wir verabredeten desfalls einen fortdauernden Briefwechsel. Es war nun mein fester Entschluß, baldmöglichst nach Hamburg zurückzugehn, aber ich fand keinen Beruf, länger Schauspieler zu seyn. Da wälzte ich nun eine Menge Pläne in meinem Kopfe umher, und endlich fiel mir ein, daß, weil ich doch ein guter Tonkünstler wäre, ich mich auf diese Art vielleicht nicht nur zu einem reichen Manne, sondern auch vielleicht einmal zu einem Concertmeister bey einem großen Fürsten erheben könnte. Ich schrieb diesen meinen Plan an Reyerberg nach Hamburg, versprach, ihm bey meiner baldigen Hinkunft daselbst meine übrigen Schicksale weitläufig zu erzählen, und gab indes zur Probe in Amsterdam ein öffentliches Concert, in welchem ich großen Beyfall fand und auch ziemlich viel Geld verdiente. Zu meiner äußersten Beunruhigung aber erschien auch in diesem Concerte der Herr von Redmer, und da ich nicht die Vorsicht gebraucht hatte, meinen Namen auf dem Ankündigungszettel zu verschweigen, sah ich nun gar deutlich, daß er seit diesem Tage jeden meiner Schritte beobachtete, mich an allen öffentlichen Örtern aufsuchte und sich doch stellte, als hätte er mich nie gesehn. Nun fing ich an, sehr ängstlich zu werden, und beschloß, mich baldigst aus Amsterdam zu entfernen, in welchem Vorsatze ich durch einen sonderbaren Zufall noch denselben Tag bestärkt wurde. Ich ging nämlich mit zwey meiner Bekannten durch eine kleine Gasse, welche der Servet-Steeg heißt und in welcher nur liederliche Weibsbilder und Kupplerinnen wohnen. Sie pflegen mehrentheils vor den Thüren zu sitzen und den Durchgehenden die Hüte wegzunehmen, die man dann mit einem Trinkgelde einlösen muß. Des Abends ziehen sich diese Weiber an und gehen in die sogenannten Musicos oder Speel-Huiser , wo sie mit ausschweifenden Leuten Bekanntschaft machen und von denselben entweder zurück in die Häuser der Kupplerinnen oder in ein oberes Zimmer ( boven ) geführt werden. Denn in den untern Zimmern der Musicos geht nichts Unrechtes vor, und diese werden von sehr gesitteten Leuten besucht. Nachdem meine Begleiter mir dies erklärt hatten, indem wir über den Servet-Steeg gingen, bekam ich Lust, doch auch einmal ein solches Speel-Huis zu sehn. Wir besuchten also noch an dem Abend eines derselben. Es wurde da getanzt, getrunken, gespielt, und es ging ziemlich laut darin her. Der Lärm war mir aber zu groß, und wir beschlossen fortzugehn, verließen auch wirklich das große Zimmer und mußten, um aus dem Hause zu kommen, vor einer Thür vorbey, durch welche ich so heftig lachen hörte, als wenn – ja! wie soll ich sagen, als wenn darin – einem Frauenzimmer Gewalt angethan würde. Da ich zugleich des Herrn von Redmer Stimme erkannte, war ich neugierig genug, an der Thür zu horchen, und das zu meinem Glücke, denn ich hörte, wie der Bösewicht ein Mädchen beredete und sie eine Rolle auswendiglernen ließ, durch welche sie mich einnehmen sollte. Vermuthlich hatte er mich in das Haus treten gesehn. Die ganze Absicht der Verhandlung aber war, soviel ich verstehn konnte, dies Weibsbild sollte mich in ihr Garn zu locken suchen und mich ihm dann in die Hände liefern. Dieser Zufall, wie ich schon gesagt habe, bestärkte mich in meinem Vorsatze, baldmöglichst Amsterdam zu verlassen. Ich nahm zärtlichen Abschied von meinem Wohlthäter, dem Hauptmanne von Dobelmayer, der mir nicht nur sein Versprechen, fleißig Briefe mit mir zu wechseln und für mich zu arbeiten, erneuerte, sondern mir auch Empfehlungsschreiben nach Hamburg, Lübeck und Bremen verschaffte, in welchen Briefen mich die Amsterdamer Kaufleute als einen der größten Virtuosen auf der Violine beschrieben. Zur Sicherheit sowie des Wohlklangs wegen hatte ich meinen Namen Peter Claus in Signor Pedro Clozetti umgeschaffen, wonach dann auch die Briefe eingerichtet waren. Ich fand ein abgehendes Schiff, bestieg dasselbe, und meine Leser sehen mich also jetzt in einer neuen Laufbahn, als reisender Musiker, mein Glück suchen. Zehntes Capitel Abreise von Amsterdam. Rest des Manuscripts. Rückkunft nach Hamburg. Die Gesellschaft, welche ich auf dem Schiffe antraf, war nicht die ausgesuchteste. Ein alter holländischer Officier mit einer schwarzen Perücke und seiner ganzen Familie, die, um eine Erbschaft in Hildesheim zu holen, sich auf den Weg gemacht hatten – lauter elende Caricaturen! Sodann junge Kaufleute, ein Professor aus Leiden, eingenommen von seinen Kenntnissen in orientalischen Sprachen, in welchen es ihm auf unserm Schiffe niemand leicht zuvorthun konnte; ein junger Jurist, gleichfalls aus Leiden, ein französischer Comödiant und endlich außer viel andern unbedeutenden Personen noch ein junger teutscher Edelmann mit seinem Hofmeister. Dieser schien ein unerträglicher Egoist zu seyn, sprach mit beleidigender Selbstgenügsamkeit nur immer von seiner eignen Person, so daß jede seiner groben Reden von den Ausdrücken durchflochten war: »Sehen Sie, mein Herr! Mich kennen Sie nicht. Ich bin ein solcher Mann, der strenge auf Wahrheit und Gerechtigkeit hält.« oder: »Ich sehe alles von der graden Seite an. Mich kann nichts verblenden. Ich bin über alle Vorurtheile hinaus, so fest, so ohne Ansehn der Person.« Und so ging dann sein Lob gewöhnlich auf aller übrigen Leute Unkosten hinaus. »Ich bin nicht wie die mehrsten andern schwachen, elenden Menschen, welche die Sachen nur halb, nur durch Blendgläser betrachten« u. s. f. Da er sich auf diese Art als den Mittelpunct aller Weisheit und Unfehlbarkeit ansah, ließen wir ihm die Freude, sich selbst allein zu genießen. Natürlicherweise mußten ihm auch so mittelmäßige Leute, wie wir waren, zur Last seyn. Einer nach dem Andern schlich sich neben ihm fort, und ich, da ich von der ganzen Gesellschaft nicht sehr erbauet war, stieg auf das Verdeck, setzte mich da hin, zog meine Handschrift wieder hervor und las den Rest von Bricks Erzählung, der also lautete: Rest des Manuscripts »Die ganze Insel hatte eigentlich keine durch schriftliche Gesetze gegründete Regierungsform; aber dagegen die allernatürlichste, die man haben kann, und diese beruhete ungefähr auf folgenden Grundsätzen: Die sechzig Familien, welche sich gleich anfangs dort festgesetzt, hatten die Hälfte der Insel in ebensoviel gleiche Theile getheilt. Auf jedes dieser Theile wurde sogleich ein kleines Haus gebauet, das für eine Familie von vier erwachsenen Personen groß genug war. Felder, Wald, Gärten, kurz! alles auf dieser Hälfte war also in gleiche Theile getheilt und jedem Hause ein solches Stück angewiesen. Ehe die Familien hingezogen waren, hatte man sich zuerst davon versichert, daß nicht eine einzige Person darunter wäre, die nicht irgendein dem gemeinen Wesen nützliches Gewerbe treiben könnte und gern triebe. Auch hatte man sich vorher zu gewissen vorläufigen Puncten auf das Heiligste verbunden. Ich will einige derselben hersetzen, die mir itzt grade noch in Gedanken schweben: Jeder Stand, jedes Gewerbe, das etwas zum gemeinen Besten beytrug, wurde ohne Unterschied gleich hochgeschätzt. Alle Einwohner der Insel hatten sich eine gleiche, vernünftige, bequeme, dem Körperbaue und dem Clima angemessene Kleidung vorgeschrieben. Keine Bücher, keine Schriften durften mit auf die Insel genommen, ebensowenig durfte dort irgend etwas geschrieben werden, und alle wissenschaftliche Kenntnisse wurden durch mündliche Überlieferungen fortgepflanzt, so wie auch Jeder, der etwas zu wissen glaubte, seine Feyerstunden dazu anwenden konnte, diese Kenntnisse seinen Kindern und Freunden vorzuerzählen. War die Sache der Mühe werth, so pflanzte sie sich fort, die Thorheiten hingegen vergaß man. Also gab es keine gelehrten Zünfte, und die Wahrheit war ein freyes Capital, wovon jeder nach Gefallen so viel besitzen und wieder ausspenden durfte, wie er konnte, wollte und Andre von ihm annehmen mochten. Zwanzig Häuser hatten immer vier gemeinschaftliche öffentliche Gebäude: Das eine zu Erziehung der Kinder beyder Geschlechter, die vom sechsten Jahre an bis in das vierzehnte Alle dem Staate gehörten und eine gleiche Erziehung genossen. Alsdann aber wurde bestimmt, zu welcher Lebensart sie Geschick und Lust hatten: ob zum Unterrichte der Jugend? und dann blieben sie in diesem öffentlichen Gebäude, oder bloß zum Landbaue oder zu einem der wenigen Handwerke, deren man bedurfte, und dann wurden sie in die Wohnhäuser vertheilt, wo grade ein Platz offen war, denn Alle machten nur Eine Familie aus, und gelegentlich ohne Zwang, aber nach gutem Rathe und Überlegung, verheyrathet, wobey Rücksicht auf die Gemüthsart genommen wurde. Von heftigen und winselnden Leidenschaften hörte man nichts. Wer zur Arzeneykunde und Wartung der Kranken Geschick hatte, kam in das zweyte öffentliche Gebäude, wo Diese, deren es bey so einfacher Lebensart wenige gab, verpflegt wurden. Vermehrte sich die Bevölkerung also, daß in jedem Hause mehr wie vier erwachsene Menschen oder zwey Paar wohnten, so nahm man von der andern unbebaueten Hälfte der Insel neue Landportionen von gleicher Größe dazu. Niemand aber durfte mehr bebauen wie sein dem Hause angewiesenes Stück, und dies Stück mußten die Bewohner jedes Hauses selbst bebauen, unbeschadet ihrer übrigen Gewerbe. Wald und Wiesen waren gemeinschaftlich, standen unter der Aufsicht der Ältesten. Man aß Eyer und Milch der Thiere, aber nie das Fleisch, überhaupt wurde kein Thier getötet, in der sichern Überzeugung, daß der Schöpfer dafür gesorgt hat, daß sich jede Gattung nur verhältnismäßig vermehrt. Man hatte Mittel ersonnen, die Fluren gegen die Verheerung der Thiere zu bewahren. Gern gab man aber andern Creaturen einen Theil seines Überflusses. Wilde reißende Thiere sah man dort nicht. Sobald jemand sechzig Jahre alt war, wurde er von der gewöhnlichen Arbeit freygesprochen und kam dann in das dritte öffentliche Gebäude, um entweder Richter des Volks zu seyn oder Aufsicht über die Erzieher oder über die Krankenverpfleger zu haben. Die alten Frauen aber besorgten die Küche in den öffentlichen Gebäuden oder machten sich ein anders freywilliges Geschäft, denn vom sechzigsten Jahre an war Jedem Muße und Ruhe vergönnt. Wer aber so lange thätig gelebt hat, pflegt dann nicht gern müßig zu seyn. In dem vierten öffentlichen Gebäude wurden die achtzig Personen, aus welchen die zwanzig Familien bestanden, täglich zweymal gespeist. Die Stunden, welche den Mahlzeiten gewidmet waren, die Anzahl und die Art der höchst einfachen Speisen, alles war bestimmt. Die Menschen wurden auf dieser Insel sehr alt. Die Leute, welche über achtzig Jahr erlebt hatten, machten den engern Ausschuß Derer aus, welche über die ganze Insel die Aufsicht hatten und sich jedes Jahr einmal an dem großen Festtage versammelten, wo sie, mit Zuziehung der Ältesten jedes Stamms, berathschlagten, was im Allgemeinen zu thun wäre. Diese Greise waren die einzigen Priester auf der Insel, wie wir nachher hören werden. Zwanzig Familien machten also eigentlich einen Stamm aus; aber die ganze Insel war nur wie ein einziges Haus zu betrachten, bewohnt von Menschen, bey denen kein Luxus, keine Unmäßigkeit und kein Unterschied der Stände herrschte. Das Interesse eines jeden war das Interesse des Ganzen, und niemand hatte Reiz oder Veranlassung, anders zu handeln, wie es die gesunde Vernunft mit sich brachte, wobey sich Jeder sehr wohlbefand, worin Jeder erzogen war und welches ihm zum Bedürfnisse geworden war. Er kannte nichts andres, sah nichts andres, fühlte nichts andres; seine Lebensgeister waren immer in gehörigem Gleichgewichte und sein Körper nicht zu reizbar und nicht abgestumpft. Dabey hatte niemand Nahrungssorgen, denn auch von dem Unterschiede der Vermögensumstände wußte man nichts. Es war hier kein Eigenthum; jeder Handwerker mußte wöchentlich sein festgesetztes Stück Arbeit in das Haus liefern, wo die alten Männer wohnten; jeder Landbauer den Ertrag seines Feldes auf den gemeinschaftlichen Boden tragen, und von daher wurde Jeder mit Nahrung und Kleidung versehn. Der von Natur Thätige half dem Trägern, denn ihm nützte seine größere Thätigkeit übrigens nichts, weil er nichts weiter damit erwerben konnte. Täglich wurden von den Richtern alle Häuser und Felder besucht und nachgesehn, ob Jeder die Verträge der Gesellschaft erfüllte. Artete Einer aus (doch hatte man, bey dem guten Beyspiele und dem Mangel an falschem Interesse, in hundertundzwanzig Jahren nur Ein Beyspiel davon gehabt), so wurde Derselbe mit verbundnen Augen zu Schiffe gebracht und bey den Si-mi-schi-räs ans Land gesetzt. Der Rückweg war nicht zu finden; niemand kannte die Insel wie die Mitglieder des geheimen Bundes in Si-mi-schi-rä, und kein Fremder durfte oder vielmehr konnte die Insel betreten, so wie auch kein Einwohner derselben je reisen durfte noch mochte. Ebensowenig kamen auch ausländische Producte in das Land, und die Stifter dieses Staats, welche sehr wohl einsahen, daß nichts so viel Einfluß auf die ganze Form eines Staats und die Sittlichkeit der Unterthanen hat als der Gang, den die Handelschaft im Großen nimmt, wollten keine Art von Handel einführen, um wenigstens so lange Meister über ihr Werk zu seyn, wie die Natur der Dinge es erlaubte. Landesverweisung war, wie schon gesagt ist, die einzige Strafe für die, welche die Ordnung des Staats störten. Dies ging um so leichter an, da die Insel gänzlich unbekannt blieb. Aber wenn auch das nicht gewesen wäre, so würde man doch nie Todesstrafen eingeführt haben, denn die Richter waren sehr überzeugt, daß ein Mensch dem andern nichts nehmen darf, was er ihm nicht geben kann. Nun kann keine Regierung auf der Welt den Unterthanen das Leben weder geben noch zusichern; folglich darf sie auch Keinem das Leben nehmen. Jedem in der Welt muß es erlaubt seyn, sich sein System von Moralität zu machen und andre Systeme anzuerkennen oder nicht – Das ist seine Sache – Aber der größere Theil hat das Recht, sich zu verwahren, daß der Mangel an Grundsätzen bey Einzelnen nicht die Ruhe des Ganzen störe. Folglich darf man durch die Mehrheit der Stimmen jemand zwingen, gewisse vernünftige Gesetze anzuerkennen, und ihn, wenn er dies nicht halten will, verweisen, binden, zwingen, fesseln, ihn aus der Reyhe der Bürger , aber nie aus der Reyhe der Menschen ausstreichen; denn er war Mensch, ehe er Bürger war. Die bürgerliche Existenz gibt ihm der Staat und kann sie ihm nehmen; aber die natürliche Existenz kann ihm nur Der nehmen, der sie ihm gegeben hat. Also beruhete die ganze Verfassung auf Natur. Die Sache selbst regierte, der gemeinschaftliche Vertrag und nicht die Person. Leidenschaft und Interesse hatten keinen Einfluß auf Geschäfte, und alles erhielt sich selbst. Der Umgang zwischen beyden Geschlechtern war so unschuldig wie möglich, und dies ohne alle Kunst. Man hatte kein Beyspiel von unregelmäßigen Verbindungen, denn die einfache Lebensart erweckte nicht unzeitige Begierden, und eine Menge andrer Dinge, welche bey uns Gelegenheit zu Ausschweifungen geben, fielen auch weg. Sobald jemand zu reifen Jahren gekommen war und der allen Geschöpfen eingepflanzte Trieb zur Begattung sich bey ihm regte, suchte er sich eine Gattin und fand sie leicht. Alle waren gleich reich, fast Keine gebrechlich noch entstellt, und beständige Geschäftigkeit und Aufsicht verhinderte die Entstehung sträflicher Begierden. Nie durfte (das war ein allgemein anerkanntes Gewohnheitsgesetz) ein Frauenzimmer mit einer Mannsperson allein reden, sie müßten denn Mann und Weib gewesen seyn. Überhaupt sprach auf der ganzen Insel kein Mensch, unter sechzig Jahren alt, nie das Geringste heimlich mit einem Andern, den man begriff nicht, was sie hätten zu sagen haben können, das nicht Jeder hätte hören dürfen, da Alle gemeinschaftliches Interesse hatten, Jeder frey thun durfte, was recht war, und bey völlig gleicher Erziehung nie, so wie bey uns, der Fall eintrat, daß man mit gewissen Leuten von gewissen Dingen gar nicht hätte reden können. Der Unterricht der Kinder war sehr einfach. Kenntnis der Natur und der Pflichten, das war es, was man sie lehrte. Man machte sie aufmerksam auf den majestätischen Bau des ganzen Weltgebäudes und zeigte ihnen, wie auch in den kleinsten Theilen dieser großen Maschine die höchste Ordnung und Harmonie herrschen, wie hier nichts unnütz noch unthätig sey, die Vollkommenheit des Ganzen zu befördern. Man stellte ihnen ein lebhaftes Bild ihrer gegenwärtigen Bestimmung auf dieser Welt vor Augen und bewies ihnen, daß, um darin Glück und Ruhe zu finden, sie jene Harmonie der Natur nachahmen müßten. Aus diesem Gesichtspuncte zeigte man ihnen die Wichtigkeit aller häuslichen und geselligen Pflichten, nämlich so, daß sie sehn mußten, wie nur die vollkommenste Ausübung der Tugend allein den höchsten Grad von Glückseligkeit gewähren könne und wie Derjenige seinem Interesse am mehrsten schadete, am mehrsten sich selbst beleidigte, der Andre kränkte. Dies war die Art des theoretischen Unterrichts, den sie erhielten. Der practische bestand in guten Beyspielen, in strenger Aufsicht auf ihre Sitten, in Rührung ihrer Herzen durch seelenerhebende Gespräche – Aber hier durfte nur Wahrheit rühren, und gegen alle Eindrücke fantastischer Gegenstände wurden sie stumpf gemacht. Sie durften nichts glauben, als was sie fassen konnten, aber auch an keinem Dinge gradehin zweifeln, das sie nicht einsahen. Von dem Wesen Gottes wurde ihnen in diesen jungen Jahren nichts gesagt, als daß dies Wesen, welches alles schaffe, erfülle und erhalte, über unsre Begriffe [gehe], und daß der einzige Weg, es näher kennenzulernen, der sey, uns selbst, nach dem Muster des ganzen Weltgebäudes, vollkommner zu machen, daß endlich, wenn sie auf diese Art ihr irdisches Leben nützlich hingebracht hätten, die Priester (die Greise) am Ende ihrer Tage sie, aus eigner Erfahrung, von dem unterrichten würden, was sie als Preis ihrer Arbeit zu erwarten hätten. Kein Mensch auf der Insel erhielt daher eher Unterricht in der höhern Weisheit, in den Geheimnissen der Religion, als nachdem er sechzig Jahre lang nützlich und redlich in der Welt gelebt hatte, und man fand nicht Einen, der, wenn er die Tugend ausübte, unruhig gewesen wäre und gefragt hätte: warum er sie ausüben müsse? Jedermann glaubte gern, daß diese Vorschriften wirkliche Offenbarungen Gottes wären, weil jedermann fühlte, daß es Resultate der höchsten Weisheit und Güte waren, und sie verlangten keinen andern Beweis von der Wohlthat der Gottheit, als daß sie die Früchte derselben genossen. Um aber die Herzen der Einwohner von Zeit zu Zeit mit neuem göttlichen Feuer für die Tugend zu erwärmen, sie fester aneinanderzuknüpfen, sie einen Grad von Enthusiasmus fühlen zu lassen, der die Sinne rührte, ohne sie zu betäuben, und der zugleich dem ganzen Volke Gelegenheit gäbe, sich wie eine einzige glückliche Familie zu gemeinschaftlicher Freude versammelt zu sehn, war jährlich ein großer religiöser Festtag angesetzt. Hier wurde mit majestätischen, aber höchst einfachen Ceremonien die Gottheit durch Gesänge, Tänze, bey mäßigen, fröhlichen Mahlzeiten von den besten Früchten der Insel gepriesen, und außer diesem Tage, auf welchen sich jeder Redliche das ganze Jahr hindurch freuete, war kein Tag zum äußern Gottesdienste bestimmt, damit diese wohlthuende Herzensergießung durch Gewohnheit nicht ihre Kraft verlöre. Jedem einzelnen Menschen aber blieb es überlassen, und es wurde ihm Bedürfnis der Seele, in einsamen Augenblicken, wenn das Herz durch eine Reyhe guter Handlungen veredelt war, dies Herz vor dem Schöpfer aller Dinge zu entfalten, und der höchste Genuß des Tugendgefühls war also ihr Gebeth und brachte die Menschen der Gottheit näher. An jenem großen Feyertage aber, der eigentlich drey Tage lang dauerte, wurden zugleich alle Hauptangelegenheiten des Volks entschieden, Gerichte gehalten, neue Vertheilungen vorgenommen, Ehen geschlossen, die Sechzigjährigen losgesprochen u.d.gl. Ich wohnte grade einem solchen Tage bey. Wir standen des Morgens« –   Wo Henker! war denn der Rest des Manuscripts? Ich hatte doch wahrlich nichts davon verloren; die Bogenzahl war noch dieselbe wie damals, als ich es zuerst auf meiner Reise von Hamburg nach Kopenhagen erbrach – Ich unglücklicher Mensch! Da fehlte ja das Hauptstück, die Nachricht, wo diese Länder lägen, welche Brick gleich anfangs versprach. Wer wird mir nun glauben, daß das Ganze nicht ein Traum gewesen? Ach! ich dachte es gleich, daß es wohl nur ein ipse fecit vom Herrn Brick, Gott hab ihn selig! seyn möchte. Ich trauete gleich nicht viel auf die Reichthümer, welche Reyerberg und ich mit dieser Handschrift verdienen würden. Doch habe ich es für meine Pflicht geachtet, Ihnen, wertheste Leser! dies Bruchstück so mitzutheilen, wie ich es empfangen habe. Machen Sie nun damit, was Sie wollen! Ich dächte, das beste wäre, so unwahrscheinlich die Erzählung Ihnen auch vorkommen mag, sie vorerst für wahr anzunehmen und, wie die Juristen zu sagen pflegen, dem Vater in favorem partus zu glauben. Reiset aber einer von Ihnen hin, diese Länder zu suchen, so – reise ich nicht mit. Der Wind war uns bey dieser Schiffahrt wiederum sehr günstig, und es begegnete mir nicht der geringste Unfall (weswegen ich abermals gehorsamst um Verzeyhung bitten muß), als daß ich gegen Abend eine heftige Colik bekam. Der französische Comödiant war der Einzige von der Gesellschaft, welcher aufrichtiges Mitleiden mit mir zu haben schien und mir treulich zur Hand ging. Er war au désespoir , mir nicht helfen zu können, doch wärmte er mir Servietten, wollte mir durchaus ein Lavement geben, und seine Dienstfertigkeit fing beynahe an, mir zur Last zu werden, als er auf einmal freudig in die Cajüte sprang, in welcher ich lag, und ein Buch in der Hand hielt: »Mein Herr!« sagte er. »Hier habe ich bey dem jungen Juristen, der oben auf dem Verdecke ist, ein Buch gefunden, ein goldenes Buch, in welchem Sie gewiß Mittel gegen Ihre Indigestion finden werden. Verstünde ich nur Latein! Aber Sie sind ja ein Gelehrter. Suchen Sie Sich selbst ein Recept aus!« Ich mußte, um Seiner loszuwerden, das Buch aufschlagen; da sah ich dann, daß es eine Introductio in jus digestorum war, und der Franzose hatte geglaubt, es sey darin von einer jus de digestion (Verdauungssuppe) die Rede. Ich konnte, so krank ich auch war, mich nicht enthalten, über die Unwissenheit des guten Narren zu lächeln. Indessen wurde der Schmerz nach und nach leidlicher, und als wir durch den Niederbaum in Hamburg einfuhren, war ich völlig hergestellt und stieg gesund an das Land. Elftes Capitel Was unterdessen dem armen Ludwig von Reyerberg widerfahren ist. ›Signor Clozetti‹ läßt sich in einigen Städten Teutschlands hören. Was ihm dort begegnet, bis er Secretair wird. Mein erster Gang, als ich in Hamburg aus dem Schiffe trat, war, wie man sich vorstellen kann, meinen Freund Reyerberg aufzusuchen. Aber niemand wird sich so leicht eine Idee von dem Schrecken machen, der mich befiel, als ich hörte, er sey schon seit acht Tagen unsichtbar geworden, ohne daß man die geringste Spur von ihm entdecken könnte. Nur so viel wußte man, daß ein vornehmer fremder Herr ihn habe zu sich bitten lassen, daß Dieser gleich nachher fortgereist sey und daß man seit dieser Zeit auch nichts wieder von Reyerberg gehört habe. Ich ging zu meinem Herrn Schröder, und auch Dieser bestätigte die Nachricht. Was sollte ich davon denken? Hätte der gute Ludwig Gelegenheit gefunden, auf vortheilhafte Art bey einem reichen Herrn angestellt zu werden, so würde er doch seine Kleider, seine Wäsche, seine Schriften mitgenommen und nicht alles so verworren in seinem Zimmer haben stehnlassen, wie ich es fand. Er würde Abschied von seinen Freunden genommen haben – Aber so hatte ich alle Ursache, einen für ihn unglücklichen Vorfall zu vermuthen. Da ich dies Geheimnis nicht entwickeln konnte, tröstete ich mich mit der Hoffnung, daß die Zeit alles aufklären und das Schicksal, welches uns schon ein paarmal so unerwartet wieder zusammengeführt hatte, auch diesmal uns nicht auf immer würde haben trennen wollen. Für mich war nun weiter nichts zu thun, als daß ich von dem Herrn Schröder, der mein Fach ohnehin schon wieder besetzt hatte, meine Entlassung erbat, um meine musikalische Laufbahn anzutreten. Vorher aber erkundigte ich mich, wie man denken kann, nach meiner Frau Gemahlin. Sie war mit dem Leben davongekommen und hatte auch das Kind glücklich zur Welt gebracht. Unterdessen war ihr Bruder, der Herr Meinhardt, aus Riga angekommen, und das grade zu der Zeit, als von Amsterdam die Nachricht einlief, der junge Haftendonk sey gestorben. Hierüber war sie nun freylich äußerst betrübt gewesen, doch richtete der Gedanke, wie eine ehrliche Frau in ihre Vaterstadt zurückkehren zu dürfen, sie wieder auf. Sie reiste, sobald sie sich ein wenig erholt hatte, mit ihrem kleinen Sohne, von dem Bruder begleitet, nach Riga ab, und das zwar des Tages vorher, ehe ich nach Hamburg kam. Wenige Tage darauf verließ auch ich diese Stadt.   Zuerst fuhr ich mit meinen Empfehlungsschreiben nach Bremen. Aber ich würde die Geduld der Leser ermüden, wenn ich Ihnen eine ausführliche Beschreibung meiner Reise liefern wollte. Deswegen will ich mich begnügen, Ihnen nur das Merkwürdigste zu erzählen, was ich während derselben erfahren und bemerkt habe. Ein Virtuose, der reist, um sich hören zu lassen, baue nur ja nicht auf die Größe seines Talents. Wenn er in einem einfachen Rocke mit dem gewöhnlichen Postwagen ankömmt, sich bescheiden ankündigt, ohne daß ein Herold ihn unter das müßige Publicum ausschreyet, so mag er immerhin besser wie der selige Generalfeldmusicus Orpheus spielen; er wird wenig Bewundrer finden und eine kärgliche Einnahme haben. Selbst die wahren Kenner, deren es in einer Stadt immer wenige gibt, werden entweder von dem Modeton hingerissen werden oder ihrer eignen Empfindung nicht trauen oder nicht den Muth haben, den Mann zu loben. Aber der elendeste musicalische Luftspringer, der keine Note rein greift, aber zuweilen mit der linken Hand bis zu dem Stege hinaufrennt, komme mit Extrapost vor den besten Gasthof gefahren, kündige sich prahlerisch an, erscheine in sammetnen und seidnen Kleidern, bringe Empfehlungsbriefe von vornehmen Halbkennern an vornehme Halbkenner mit, besuche Diese des Morgens, sage ihnen, wieviel Gutes er von ihren Talenten gehört habe, lasse sich von ihnen etwas auf einem elenden verstimmten Claviere vorrappeln und rufe dann aus: » bravissimo! Wie glücklich ist die Kunst, an Ihnen, gnädiger Herr! einen so einsichtsvollen, selbst so geschickten Gönner zu haben!« – o! dann sorge er nicht; er wird (und vorzüglich, wenn er etwa eine hübsche Sängerin bey sich hat) von einer teutschen Stadt zur andern wie der erste Virtuose seines Zeitalters ausposaunt werden und ganze Säcke voll Ducaten verdienen, die er so liederlich, wie ihm gefällt und es die Kunst mit sich bringt, verthun kann. Was mich betrifft, so hatte ich diese Rolle herrlich auswendig gelernt, und durch Hilfe meiner Empfehlungsschreiben galt bald in ganz Teutschland der Signor Pedro Clozetti für den ersten Geiger in Europa – Ich hoffe, Sie werden Alle von mir gehört haben – Was soll man machen? Ich hatte mir fest vorgenommen, wie ein ehrlicher, grader Kerl zu handeln; aber der Hunger ist etwas sehr Unangenehmes, und von den Thorheiten der Menschen in solchen Kleinigkeiten Vortheil zu ziehn, das hielt ich nicht für Sünde. Ich componierte meine Violinconcerte selbst, das heißt: ich nahm aus den Werken besserer Tonkünstler die besten Gedanken heraus, verstümmelte dieselben, verbrämte sie mit meinen zwölf bis vierzehn Lieblings-Passagen (die einzigen, die mir geläufig waren), nahm ein altes Gassenlied, schuf es zu einem Rondeau um oder vielmehr, ich wiederkäuete dasselbe Thema sechs- oder achtmal in verschiednen Modulationen mit Veränderungen, und wenn ich dann durch ein paar halbe Töne, ohne alle Kunst, wieder zu meinem Haupttone hinunterschlich – ach! da erscholl bey diesem Übergange ein allgemeines: » bravissimo! « und » superieurement bien! « und »ganz vortrefflich! Welch ein Ausdruck! Welch ein Ton! Welche Fertigkeit!« In Stade erwarb ich mir die Gunst einer artigen bemittelten Witwe von etwa dreyßig Jahren, welche sehr die Music liebte. Sie ließ mirs nicht undeutlich merken, daß sie es nicht verschworen hätte, zum zweytenmal sich in das sanfte Joch der Ehe zu spannen, wenn sie einen Mann fände, der ihr sonst gefiele und der zugleich Music verstünde. So groß auch diese Versuchung war, eine solche Entschließung zu meinem Vortheile zu lenken, so gab mir doch mein guter Genius ein: ich dürfe die Sache nicht weiter treiben, weil ich schon verheyrathet wäre, und ich lehnte also den Antrag ab. In Lübeck ließen mich, sobald ich mich hatte ankündigen lassen, ein italienischer Tenorist und seine Frau bitten, gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen und miteinander unsre Concerte zu geben. Ich ging hin, die Leute kennenzulernen. Stellen Sie Sich vor, wie betroffen ich war, als ich in diesem edeln Paare den berühmten Conte di Tondini und seine keusche würdige Gattin wiedererkannte; Man lese das sechste Capitel des ersten Theils . es schien aber nicht, als wenn sie sich Meiner erinnerten. Ich empfand in dem ersten Augenblicke einen Trieb, diesem betrügerischen Gesindel in die Haare zu fahren, denn auf einmal fiel mir die grausame Behandlung und der teufelische Spott ganz lebhaft wieder ein, mit welchen sie mir einst in dem Hölzchen bey Wolfenbüttel so grausam mitgespielt hatten. Wenn ich aber bedachte, wie wenig meine damalige Denkungsart und Aufführung ein anders Schicksal verdiente, so besänftigte ich mich wieder, dankte dem Himmel, daß ich jetzt ein besserer Mensch war, überließ demselben, sie zu bestrafen, und ging voll Verachtung von ihnen. Allein ich bekenne es, daß es mir einen neuen Widerwillen gegen die Lebensart beybrachte, welche ich jetzt aus Noth trieb, sooft ich überlegte, daß ich dieselbe in Gemeinschaft mit solchen nichtswürdigen Menschen führte. Ich sehnte mich daher ernstlich nach einer Art von Versorgung, machte nicht gemeinschaftliche Sache mit den Italienern, gab allein zwey Concerte und reisete dann ab. Ein redlicher Kaufmann, der auch nebenher ein bißchen Kennerschaft und Mäcenatenhandwerk trieb, gab mir einen Brief an den preußischen Gesandten in . . . mit und empfahl mich demselben wie einen in Sprachen, schönen Künsten und Wissenschaften, Music, Malerey und allerley Art nützlicher Geschäfte, besonders im Cameralwesen, erfahrnen und geschickten Mann. Woher er wußte, daß ich in diesem allen bewandert wäre, weiß ich nicht. Ich hatte freylich mit ihm zuweilen über solche Gegenstände geredet, aber wovon redet man nicht in der Welt? Im Ganzen kann man nur daraus sehn, wie es gemeiniglich mit Empfehlungen zu gehn pflegt. Genug! es stand also auf dem Papiere, und ich befand mich wohl dabey. Den Gesandten traf ich bey seiner Durchreise in Stettin an. Er schien sogleich Wohlgefallen an meiner Person zu finden, hatte auch vielleicht einige Verbindlichkeiten gegen den Kaufmann, der mich ihm empfohl – Kurz! er nahm mich unter vortheilhaften Bedingungen als Secretair in seine Dienste. Zwölftes Capitel ›Clozetti‹ reist mit seinem Herrn Gesandten, sieht die teutschen Höfe und kömmt an einem derselben zu hohen Ehren. Mein Herr Gesandter war ein sehr würdiger, rechtschaffner und kluger Mann, gewandt in Geschäften, angenehm im Umgange, kurz! so wie sie der große Friedrich zu wählen weiß. Seine Gemahlin war nicht weniger liebenswürdig und gut. Beyde verbanden mit dem feinsten Ton der großen Welt den gradesten Character und wahren Adel des Herzens. Auch waren sie an allen kleinen und größern teutschen Höfen sehr wohl angeschrieben und hatten durch ihr Vorwort mächtigen Einfluß, den sie aber stets zum Guten anwendeten. Sie mischten sich überhaupt nur dann in solche Händel, wenn es zum Beyspiel darauf ankam, einen Redlichen, der (wie es an den kleinen Höfen hergeht) von irgendeinem Kammerdiener oder dergleichen bey dem Fürsten angeschwärzt war, zu rechtfertigen, sich Seiner anzunehmen und der Cabale das Gegengewicht zu halten. Ich habe einen Fall gesehn, wo dies edle Paar sich eines durch schändliche Ränke gestürzten Mannes öffentlich annahm, zu einer Zeit, wo Dieser von jedermann verlassen und wirklich aller Schein gegen ihn war, voll Zuversicht auf die Unschuld dieses Mannes, wenig bekümmert, was der Hof dazu sagen würde. Solche großmüthige Handlungen hätten ihnen die Achtung selbst von Dem erwerben müssen, der sie vielleicht ehemals mißkannt hätte. Auch geschah dies, und selbst der Hof, welcher unzufrieden darüber seyn mußte, konnte doch der Festigkeit und Herzensgüte seine Bewunderung nicht versagen. Die Leser mögen mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeyhn. Ich denke aber, es tröstet und ermuntert den kleinen Haufen der Bessern, wenn sie sehen, daß solche Handlungen auch von Menschen in dieser Welt nicht unbemerkt noch ungeschätzt bleiben, und wenn der gute Gesandte noch lebt, von ungefähr in diesem unbedeutenden Buche blättert und liest, was ich hier von ihm gesagt habe, muß es ihn doch freuen; Peter Clausens Lob, wenn es auch nicht sehr wichtig seyn mag, ist doch gewiß unbestechbar – Nun weiter! Ich reiste mit meinem Gesandten an die teutschen Höfe herum. Gern erspare ich Ihnen aber die Langeweile, welche eine genaue Schildrung derselben Ihnen verursachen würde. Sie werden Sich aus dem ersten Theile meiner Geschichte Seite 96 . noch erinnern, daß ich einst, nebst meinem Freunde Reyerberg, unter dem Namen von Baron Clausfeld und Herrn von Falkenthal an diesen Höfen mich umhergetrieben hatte. Das Personal an denselben hatte sich nun freylich indessen sehr verändert, aber im Ganzen waren sie ungefähr noch wie damals zusammengesetzt und werden auch wohl vorerst noch also bleiben. Allein ich sah nun die Residenz von einer andern Seite; denn da ich sie diesmal als Secretair besuchte, kam ich in andre Circel und lernte mehr den Ton kennen, der in den Privathäusern herrschte. Niemand erkannte mich wieder, selbst nicht in den Städten, wo ich mich vor Zeiten am längsten aufgehalten hatte. So waren wir zum Beyspiel vierzehn Tage lang in Regensburg, wo ich einst als Universalarzt practiciert hatte, und Keiner fand sich ein, der mich wegen meiner ehemaligen Wundercuren zur Rechenschaft gezogen hätte. Zwar hatte ich auch dafür gesorgt, und wenn sich jemand meinen Händen anvertrauete, so richtete ich es in der That immer so ein, daß er von dem Effect der Arzeney, welche ich ihm gab, erst in jener Welt etwas erzählen konnte. Doch versäumte ich nicht, mich nach meiner lieben Witwe Noldmann zu erkundigen. Sie war gleich nach meiner Entweichung krank, und da sie meiner Hilfe beraubt war, von einem andren Freunde ihres seligen Mannes methodisch ins Grab curiert worden. Die Manuscripte, welche noch in ihrem Hause gelegen hatten, waren nun in fremde Hände gerathen, und mir gelang es, einen Theil davon durch einen sonderbaren Zufall in die meinigen zu bekommen. Wirklich besitze ich diesen alchymisch-magischen Schatz noch und werde vielleicht einmal einen Theil desselben zu Erbauung des Publicums herausgeben. In Pyrmont brachten wir eine Curzeit zu. Eine Menge Fürsten, Grafen, Gesandte und andre Männer mit und ohne Ordensbänder kreuzten da durcheinander. Ein Holländer, der zum erstenmal in seinem Leben aus seinem Vaterlande kam, sah, daß so viel Menschen da herumgingen, welche Sterne auf der Brust und farbige Bänder um den Hals trugen. Er fand diese Mode hübsch und meinte, ihm würde so etwas auch nicht übel stehn. Er ließ sich daher einen großen bunten Stern sticken, in welchem sein Wappen und eine lateinische Devise stand, die ihm ein muthwilliger Mensch, den er um Rath gefragt, comisch genug gewählt hatte. Dazu kaufte er sich ein breites Band und hing daran eine Schaumünze, die er besaß und welche auf einen Erbstatthalter geschlagen war. Sie können Sich vorstellen, welch ein Lärm unter den müßigen Brunnengästen entstand, als er in diesem Aufzuge die Allee besuchte. Doch hatte man alle Mühe, dem guten Manne verständlich zu machen, daß nur Fürsten das Recht hätten, solche Bänder auszutheilen, daß sich dergleichen gar nicht kaufen ließe, sondern nur den verdienstvollsten, weisesten Leuten gegeben würde. In . . . erlebte ich eine sonderbare Begebenheit. Eine geheime Gesellschaft von Leuten, die sich mit Geisterbannen abgaben, versammelte sich in einem Hause neben unsrer Wohnung an. Sie hatten das Haus gemiethet und trieben ihre Thorheiten in dem Keller desselben. Da sie die Geister mit Worten hervorzurufen hofften (Ein abentheuerlicher Gedanke!), hatten sie gewisse Formeln, welche sie laut riefen, und dabey gab es allerley fürchterliche Anstalten, Klopfen u.d.gl., so daß man von Außen den Tumult der Leute, welche Alle vermummt in das Haus zu gehn pflegten, aus dem Keller hervorschallen hören konnte. Ein reiches altes Weib, zwischen deren Wohnung und unserm Hotel das Haus lag, fing an, unruhig über diese Zusammenkünfte zu werden, und glaubte, man wolle bis in ihren Keller durchgraben, um sie zu bestehlen. Eines Abends nun, als die geheime Gesellschaft auch ihr Wesen da unten trieb, zeigte die Nachbarin den gefährlichen Umstand der Obrigkeit an, und diese schickte einen Policeydiener mit Wache hin. Man bricht das Haus auf, durchsucht die leeren Zimmer, kömmt endlich unten in das Gewölbe. Die versammelten Männer hören in ihrer Begeisterung nichts. Endlich kömmt der Policeydiener bis an den Ort, wo die Schwärmer sämtlich in einem Kreise stehen – Wer hätte nicht denken sollen, daß hier Jeder aus Scham über seine Thorheit sich verkrochen haben würde? – Allein nichts weniger! So weit geht die Verblendung der Leute, daß Diese glaubten, der Mann, welcher hereintrat, sey nicht wirklich der Policeydiener, sondern der Satan, der seine Gestalt angenommen hätte. Sie fingen daher die fürchterlichsten Beschwörungen an, die aber der Policeydiener eben sehr materiell beantworten wollte, als einige der Anwesenden sich enthüllten, da er dann sehr vornehme Männer, zur Schande ihres Kopfes, unter diesen Schwärmern erkannte, welche ihm mit einem guten Trinkgelde die Zunge banden, worauf die ganze Sache so ziemlich verschwiegen blieb. Ich reiste auf diese Art anderthalb Jahre mit meinem Herrn Gesandten umher und hatte alle Ursache, zufrieden von meinem Zustande zu seyn, nur daß ich mich nicht recht mit dem Haushofmeister vertragen konnte. Er war ein unleidlicher Kerl von Innen und Außen; ein agréable debauché , der täglich seine zwölf Flaschen Wein soff. Der Kopf steckte ihm so zwischen den Schultern, daß er aussah wie ein Hase, der im Lager sitzt. Phlegmatisch und unentschlossen im höchsten Grade, übereilte er sich fast immer aus übergroßer Bedächtlichkeit. Dabey war er ein Erzschalk und betrog unsern Herrn, wo er nur konnte. Ich hatte indessen das Glück, einige seiner Schelmereyen zu entdecken, dem Herrn Gesandten davon einen Wink zu geben (aus Güte des Herzens hatte Dieser immer Geduld mit ihm) und durch bessere, genauere Aufsicht jährlich eine ansehnliche Summe zu ersparen. Dabey führte ich seinen Briefwechsel und war in müßigen Stunden sein Gesellschafter, mußte, wenn wir in und außer Teutschland reisten, mit ihm in derselben Kutsche sitzen, ging mit ihm spazieren, las ihm vor und gewann täglich mehr seine Zuneigung. Wir waren eben an dem Hofe des Fürsten von . . ., als ein kleiner unbedeutender Vorfall (dergleichen mehrentheils in der Welt zu den Haupt- und Staatsactionen Gelegenheit zu geben pflegt) diesen Fürsten aufmerksam auf meine geringe Person machte. Er war ein junger, großer, breitschultriger Gesalbter des Herrn, eifriger Liebhaber von aller Art Wohlleben und Gemächlichkeit, übrigens aber gewiß nicht daran Schuld, wenn es in Europa bunt herging. Er drückte seine Unterthanen nicht besonders, aber Andre thaten es in seinem Namen; und da das fast auf eins hinausläuft, war wirklich das Land in schlechten Umständen. Doch sorgten die Herrn Geheimenräthe dafür, daß der Fürst diesen Mangel bey Tisch und Bette nicht gewahr wurde, und so blieb alles auf dem alten Fuße, nur daß die treuen Rathgeber von Jahr zu Jahr reicher und die Unterthanen ärmer wurden. Bey aller Vorsicht nun, welche die Geheimenräthe anwendeten, diese Lage der Sache vor ihrem Sultan zu verbergen, konnte es doch nicht fehlen, daß hie und da durch unvorsichtig überreichte, nicht früh genug aufgefangne Suppliken der Fürst nicht wäre von mancher Klage über Unterdrückung und Armuth belästigt worden. Nun war er nicht eigentlich böse, sondern vielmehr, was man im gemeinen Leben einen guten Mann nennt, das heißt: ein Mann, der kein Schuhwachs speist, nichts Böses thut, wenn er Lust hat zu schlafen, an keiner Unthat Gefallen findet, die seine Ruhe stört, aber auch nichts Gutes unternimmt, wozu Anstrengung gehört. Wenn daher solche Klagen häufig eingereicht wurden und die Leute jammerten und flehten, war der Fürst immer in der größten Verlegenheit. »Aber mein Gott!« sagte er dann. »Was heißt denn das? Die Leute sind doch niemals ruhig. Herr Geheimerrath! sorgen Sie doch, daß dieser Mann befriedigt werde! Er behelligte mich immer, und ich weiß nicht, wie die Sache zusammenhängt.« »Gnädiger Herr!« hieß es dann, »der Kerl ist ein unruhiger Kopf. Er glaubt, man hätte sonst nichts zu thun, als immer an ihn zu denken« u. s. f. Hiermit ließ sich zwar der durchlauchtige Landesvater abspeisen, aber wenn es zu oft kam, pflegte er doch wohl mit dem Kopfe zu schütteln und zuweilen meinem Herrn Gesandten zu sagen: »Ich weiß nicht, wie es mit meinen Finanzen ist. Der Präsident ist ein ehrlicher Mann, wie ich glaube, aber er muß wohl das Ding nicht recht verstehn; denn ich mache nicht mehr Aufwand wie mein hochseliger Herr Vater, und doch fehlt es immer in allen Ecken. Im Preußischen (ja! das muß man ihnen lassen) verstehn sie besser, damit umzugehn. Ich wollte, ich könnte gelegentlich einmal so einen Mann, einen Rath oder so etwas, aus dem Preußischen bekommen, der mir das Ding in Ordnung brächte.« Der Gesandte antwortete selten etwas darauf, bis endlich ein kleiner Vorfall, wie ich vorher gesagt habe, Gelegenheit gab, daß der Fürst ein aufmerksames Auge auf mich warf. Es hatte nämlich der gnädige Herr eine Maitresse, die ehemals Tänzerin gewesen war, bey welcher er die Nachmittagsstunden hinzubringen pflegte. Sie war ein gutherziges, lustiges Geschöpf, mischte sich in keine Staatshändel und sorgte nur für ihren Geldbeutel. Deswegen war sie von allen Partheyen als unschädlich in Ruhe gelassen worden, bis endlich der erste Minister, ein gewisser Herr von Mehlfeld, mit ihr wegen einer Kutsche in Streit gerieth, welche Beyde kaufen wollten, bey welcher Gelegenheit aber der Minister nachgeben mußte. Verschiedne grobe Ausdrücke über die Maitresse, die sich Derselbe darauf gegen die Domestiken erlaubt und welche sie wiedererfahren hatte, verstimmten Beyde sehr gegeneinander, und man fing an, von beyden Theilen Minen zu legen. Gewiß würde die Dame, welche im Grunde wenig Weiberlist besaß und nur bis itzt eine Existenz aus Zulassung gehabt hatte, den Kürzesten gezogen haben, wenn nicht ein dritter Mann dazwischen gekommen wäre, und dieser dritte Mann war ich. Ich besaß zu der Zeit einen kleinen Bologneser Hund, der in der That in seiner häßlichen Gattung ein schönes Thier war. Wenn ich spazierenging, pflegte ich ihn mitzunehmen, und da geschah es, daß, wenn ich vor dem Hause der Madam Novanelle vorbeykam und diese grade am Fenster stand, sie ihr Kammermädchen herbeyrief und mit den fröhlichsten Zeichen der Bewundrung dem kleinen Thierchen nachsah. Einst, als ich im herrschaftlichen Garten mit meinem Hündchen wandelte, begegnete mir die Maitresse. Sie blieb stehn, redete mich an, lockte meinen Lindor zu sich, wurde von ihm geliebkost, und ich merkte wohl, daß ich nicht übel thun würde, wenn ich ihr ein Geschenk mit diesem Thiere machte. Nun bin ich von jeher sehr galant gegen das schöne Geschlecht gewesen, folglich war ich auch hier nicht saumselig: »Madam!« sagte ich, »wenn Ihnen dies Hündchen gefällt, so darf ich diese Gelegenheit nicht vorbeylassen, für sein und seines Herrn Glück zu sorgen. Wollen Sie meinen Lindor in Ihre Dienste nehmen, so ist einer von uns versorgt, und vielleicht gibt Ihnen das Gelegenheit, auch einmal an den Andern zu denken.« Sie nahm mein Geschenk mit sichtbarer Freude an; allein daran dachte ich nicht, daß dasjenige, was ich hier von meiner Versorgung gesagt hatte, etwas mehr wie ein leeres Compliment seyn sollte; Madam Fortuna hatte es aber anders beschlossen. Wenig Tage nachher empfahl mir der Herr Gesandte, aus Ursachen, die mein künftiges Glück beträfen, fleißig Bücher über Cameralwissenschaften zu lesen. Er schlug mir die unschädlichsten vor, und ich folgte seinem Befehle, ohne die Ursache zu ergründen. So vergingen etwa vier Wochen, binnen welcher Zeit ich so viel Zeug im ökonomischen und politischen Fache gelesen hatte, daß ich mit der Ausführung desselben zehn Länder hätte in Verwirrung bringen können, als mein gütiger Herr mir endlich seinen Plan für mich eröffnete. Es hatte nämlich die Maitresse, bey Gelegenheit meines Hundes, dem Fürsten sehr viel Gutes von meiner Person gesagt. Dieser, welcher, wie wir gehört haben, längst gern einen Mann aus dem preußischen Dienste in die seinigen berufen hätte, wurde dadurch aufmerksam gemacht. Er redete mit dem Gesandten von mir, und der gab mir das beste Zeugnis. Sobald mein Gönner merkte, daß Se. Durchlaucht mich in ihre Dienste zu haben wünschte, rieth er mir an, mich auf das Cameralwesen ernstlich zu legen, und zugleich reizte er auf seine feine Art immer mehr die Begierde des Prinzen, meine persönliche Bekanntschaft zu machen. Als er aber merkte, daß es jetzt Zeit wäre, wurde ich endlich dem Herrn vorgestellt, redete mit ihm, zwischen Wachen und Träumen, einigemal über Finanzen und Öconomie und bekam, da ich an nichts weniger dachte, eines Morgens das Rescript als wirklicher Cammerrath zugeschickt. Die Privatrache der Maitresse hatte dafür gesorgt, daß der Herr Präsident von Mehlfeld bey diesem Schritte weder um Rath gefragt noch davon unterrichtet worden war, und so bekam er sehr unerwartet einen Mann in sein Collegium eingeschoben und einen Befehl, demselben den Gehalt auszahlen zu lassen. Dem Herrn von Mehlfeld mußte freylich dieser Umstand empfindlich seyn. Allein er war fein genug, sich zu verstellen. Einen größern Heuchler habe ich nie gesehen. Immer hatte er die christliche Religion im Munde, war aber sehr weit von Ausübung der christlichen Moral entfernt. Als ich mich bey ihm meldete, empfing er mich mit demüthiger Güte, versicherte: Er habe Gott gestern auf den Knien gedankt, daß er ihm einen so würdigen und frommen Mann, wie ich zu seyn schiene, zu Erleichterung seiner schweren Last zugeschickt habe, empfehle sich meiner Gewogenheit und meiner Fürbitte und bäte mich, mit seinen Fehlern, die jeder Christ zu bekennen sich nicht schämen dürfe, brüderlich Geduld zu haben. Als ich dies meinem Herrn Gesandten erzählte, warnete er mich vor diesem Schalk, und hätte ich seinem Rathe gefolgt, da er die Höfe aus Erfahrung kannte, würde ich gewiß nie erlebt haben, was mir nachher begegnete. Aber ich war nicht so glücklich, lange seine Zurechtweisung zu genießen, denn ehe noch ein halbes Jahr nach meinem Eintritt in diese Dienste verstrichen war, wurde er aus Teutschland abgerufen und bekam einen wichtigern Gesandtschaftsposten. Dreizehntes Capitel ›Signor Clozetti‹ macht herrliche Fortschritte im bürgerlichen Leben, wird mit einem Adelsbriefe versehn und dirigiert die Finanzen. Ich war nunmehr mir selbst überlassen, erinnerte mich zwar oft der Lehren, welche mir mein Wohlthäter gegeben hatte, kam aber in so manche verwickelte unvorhergesehene Lagen, daß ich mir mehrentheils mit meiner eignen Vernunft helfen mußte, so gut ich konnte. Wozu nützt aber aller Mutterwitz auf dem stürmischen Ocean der großen Welt, wenn nicht der sichre Compaß der Erfahrung unsre Fahrt leitet? Die Leser erinnern sich, daß ich Ihnen gesagt habe, die Finanzen des Fürsten seyen in schlechten Umständen gewesen. Es ließ sich voraussehn, daß früh oder spät der Herr Präsident von Mehlfeld desfalls wenn nicht Verantwortung, doch Verdruß haben würde. Was konnte ihm also willkommner seyn, als grade in dieser Crisis einen Deus ex machina erscheinen zu sehn, der ihm aus dieser Verlegenheit hülfe. Es kam nur darauf an, mich, der ich vom Finanzwesen nichts verstand, als was ich aus des Herrn von Justi und andern Schriften gelernt hatte, so in dies Fach zu verwickeln, daß ich freye Hand bekäme, neue Pläne zu machen. Wenn diese dann nicht glückten, wie es gewöhnlich mit den Plänen zu geschehn pflegt, die man ohne Kenntnis des Landes aus Büchern schöpft, fiel hernach die ganze Schuld von Unordnung der Geschäfte und Armuth des Landes auf den neuen Finanzier, und der alte Minister erschien in neuem Lichte, konnte, rein von aller Schuld, seine Rolle von obenher wieder anfangen. Diesem Entwurfe gemäß ertrug Mehlfeld mit der größten Geduld den Verdruß, sich ohne sein Wissen einen Cammerrath aufgedrungen zu sehn, und nahm nicht seinen Abschied, wie man gehofft hatte. Da nun der Fürst, welcher nicht das Herz hatte, einen Mann ernstlich anzugreifen, sobald er den Schritt that, mich in seine Dienste zu nehmen, dem Präsidenten doppelt höflich begegnete, fing der schlaue Fuchs an, bey jeder Gelegenheit die Kenntnisse des neuen Cammerraths bis in den Himmel zu erheben. Dabey affectierte er, kränklich zu werden, und ließ die kitzlichsten Geschäfte, wobey am mehrsten Verantwortung zu tragen war, liegen, damit zuweilen Klage entstünde, wovon dann immer die Folge war, daß man ihm mit aller Schonung den Vorschlag that, seinem neuen Gehilfen diese Dinge, zu Erleichterung seiner Arbeit, zu übergeben. Auf diese Art hatte er bald alle Gefahr auf mich geladen, da ich theils zu thätig, um irgendeine Arbeit von mir zu weisen, theils zu wenig mit dem Gange der Geschäfte bekannt war, um, ehe ich dergleichen übernahm, mir vorher vollkommnes Licht über die Lage der Sache zu verschaffen und mich außer Verantwortung zu setzen. Indessen hatte ich mehr Glück wie Verstand, und manches gerieth mir besser, wie mein Feind erwarten konnte. Ich brachte an einem Salzwerke eine Maschine an, welche ich nur im Aufriß gesehn hatte, die aber herrliche Wirkung that und dem Fürsten eine ansehnliche Ersparung verschaffte. Nun schien es aber dem Herrn von Mehlfeld Zeit zu seyn, seinen Kopf gänzlich aus der Schlinge zu ziehn und zugleich den Neid der übrigen Dienerschaft seinem Gegner auf den Hals zu laden. Zu diesem Endzwecke mußten Kammerdiener und andre Menschen von der Art dem Fürsten den Anschlag an die Hand geben, den Herrn Cammerrath Clozetti zum Cammerdirector zu machen, den Präsidenten von Mehlfeld aber mit Beybehaltung seines Gehalts in Ruhe zu setzen. Dies geschah dann, als ich kaum sieben Vierteljahre bey der Cammer gedient hatte, und alle alten Räthe schüttelten die Köpfe darüber. Allein noch etwas fehlte zu dem Plane, etwas, das zugleich Adel und Bürgerschaft gegen mich aufbringen sollte, und dies Etwas war ein Adelsbrief. Der Fürst war so sehr von meinen Verdiensten eingenommen, daß es keine Mühe kostete, ihn zu bewegen, mir ein solches Ding zu kaufen, und ich war Narr genug, der Eitelkeit nicht widerstehn zu können, es anzunehmen. Es wurde daher von dem Kaiser ein Adelsbrief für mich verschrieben. Ich stellte mich, als wüßte ich nichts davon, und da erschien dann auf einmal ein großes Buch, in Samt eingebunden, an welchem ein kaiserliches Siegel von Metall hing. In diesem Documente war der Herr Cammerdirector Clozetti sowohl wegen seiner persönlichen Vorzüge als wegen der treuen Dienste, die seine Vorfahren im Kriege dem teutschen Reiche geleistet hätten, in den Reichs-Adelstand erhoben und ihm der Name Claus von Clausbach gegeben, dabey demselben ein Petschaft ertheilt, bestehend in einem von oben hinunter getheilten, halb weißen, halb rothen Schilde, und sowohl in diesem Schilde als oben auf dem Helm ein schwarzer Bär mit einem Schwerte in der Hand zu sehn. Was die Tapferkeit meiner Vorfahren betraf, so wußte ich mich eigentlich auf nichts weiter zu besinnen (denn mein Vater war, wie bekannt, Schuster gewesen), als daß mein Oheim väterlicher Seits in der Bataille bey Roßbach als Corporal bey der Reichsarmee gedient hatte, nach derselben aber vermißt worden war. Ich darf meine Schwachheit, wertheste Herrn und Damen! als ein ehrlicher Geschichtschreiber nicht verbergen, sondern gestehe frey, daß mein Adelsbrief mir unerhört viel Freude machte, daß ich mein Petschaft vier- bis fünfmal auf verschiedne Art stechen ließ und daß ich herzlich schmunzelte, als ich den ersten Brief unter meiner hochadligen Aufschrift bekam. Ich bedankte mich ehrerbiethigst bey dem Fürsten für seine Gnade, ließ meinen Adelsbrief den Collegien in Abschrift einreichen, empfing die Glückwünsche von der ganzen Stadt und werde, was dem Cammerdirector Claus von Clausbach ferner widerfahren ist, wenn Sie es erlauben, im dritten Theile erzählen.   Ende des zweythen Theils. Dritter Theil Vorrede zu der ersten Auflage Der allgemeine Beyfall, mit welchem das Publicum die ersten beyden Theile dieses Romans aufgenommen – Doch nein! liebe Leser! Ich kann unmöglich mit einer so unverschämten Lüge zuerst wieder vor Ihre Augen treten – Also offenherzig geredet! Von einem so allgemeinen Beyfall ist mir nichts zu Ohren gekommen, obgleich mir das ungemein angenehm seyn würde. Was mich aber bewogen hat, diesen dritten Theil herauszugeben? Ey nun! was andre ehrliche Schriftsteller und Schriftstellerinnen bewegt, Bücher zu schreiben. Die ersten beyden Theile waren einmal da, und jedes Ding muß doch einen Anfang und ein Ende haben. Der Herbst ist vor der Thür; die Kinder wollen gekleidet seyn; die Frau spricht von einem neuen Pelzmantel; man will sich auch sein Holzvorräthchen auf den Winter machen; stehlen darf man nicht; zu betteln oder etwas auf Pränumeration herauszugeben und dabey seine Freunde und Gönner zu mißbrauchen, schämt man sich – Und doch braucht man Geld – Also sucht man einen Verleger, und wenn Dieser gut bezahlt und die Finger nicht lahm sind, so schreibt man ein Bändchen voll und streicht dafür ein billiges Honorarium ein – Kaufe und lese dann, wer lesen kann und will! Indessen mögen Sie immer froh seyn, meine Herrn und Damen! daß Sie so gut davonkommen. Die Zeit Ihrer Prüfung ist nun zu Ende, und dies ist wirklich der letzte Theil, wie der Titel besagt. Herr Peter Claus hatte es, laut der 65sten Seite im ersten Theile , viel ärger mit Ihnen im Sinne. Allein ich habe das Ding abgekürzt. Man muß leben und leben lassen. Übrigens, und ganz im Ernst gesprochen, danke ich Ihnen dann doch herzlich, daß Sie diesen kleinen Roman nicht verschmäht haben. Allen schriftstellerischen Dünkel bey Seite gesetzt, darf ich aus dem geschwinden Absätze der ersten beyden Theile schließen, daß Sie noch immer einiges Vergnügen an meinen Arbeiten finden. Seyen Sie versichert, daß ich diese gütige Stimmung des Publicums nie mißbrauchen werde. Endlich bitte ich Sie noch, wenn Einigen von Ihnen dieser Theil weniger wie einer der vorigen gefallen sollte, nicht zu vergessen, daß wenn man für allerley Leser schreiben will, man jeder Classe von Menschen etwas darbiethen muß, das sie interessiert. Verschiedne Leute haben mit Widerwillen die Scenen aus den niedrigen Ständen, welche im ersten Theile vorkommen, betrachtet, den darin herrschenden lustigen Ton, der Manche ergötzt hat, nicht gebilligt und dagegen dem zweyten Theile den Vorzug gegeben, der Einigen langweilig schien. Andre, denen die philosophisch-politischen Träume des Herrn Brick wohlschmeckende Nahrung gewesen sind, werden vielleicht bey den Schilderungen der Hofcabalen, die sie in diesem dritten Theile finden, wenig Vergnügen haben, da indes noch Andern, die sich in ähnlichen Lagen befunden, solche Bilder unterhaltend vorkommen werden. Nehmen Sie also gütigst Rücksicht auf die Verschiedenheit des Geschmacks und verachten, wenn Sie die rembrandtschen Gemälde lieben, nicht deswegen eine Galerie, weil Sie darin auch holländische Landschaften antreffen. Nachricht an das Publicum In Bezeugung meiner Dankbarkeit für die Ehre, welche man mir erwiesen hat, einige meiner Schriften nachzudrucken, bin ich entschlossen, ein Werk auf Pränumeration herauszugeben, das den Titel führen soll: » Diebeschronic, oder Sammlung von Lebensbeschreibungen und Bildnissen der berühmtesten teutschen Nachdrucker. « Der Text der Biographien soll auf schönes graues Löschpapier, ungefähr nach dem Muster desjenigen, auf welchem kürzlich ein Nachdruck vom ersten Theile der Geschichte Peter Clausens in Leipzig erschienen ist, gedruckt werden, und die Kupferstiche werden ebenfalls nach denen vor besagtem Nachdrucke befindlichen eingerichtet, folglich dem Titelkupfer vor dem hinkenden Bothen und dem Bildnisse des Präsidenten Lars in Claudius Werken nichts nachgeben. Wenn es der Raum erlaubt, werde ich auch noch die Lebensbeschreibungen einiger andern Spitzbuben, deren Fach nicht eigentlich das Nachdrucken, sondern Straßenrauben, Einbrechen und dergleichen war, hinzufügen. Sobald ich einen Verleger zu diesem kostbaren Werke werde gefunden haben, kann Derselbe das Publicum mit den Bedingungen der Pränumeration näher bekannt machen. Erstes Capitel Etwas von Heyrathsangelegenheiten. »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey«, dachte ich, und da das Schicksal wirklich schon mir eine Gehilfin zugeführt hatte, ich mich auch nunmehr in den Umständen befand, Diese mit Anstand ernähren zu können, so war mein erster Vorsatz, sobald mir der Gedanke an ein eheliches Leben durch den Kopf lief, an meinen alten Freund, den Hauptmann von Dobelmayer, zu schreiben und ihn zu bitten, die Sache mit dem Meinhardtschen Hause in Ordnung zu bringen. Um offenherzig zu seyn, gestehe ich, daß meine jetzige glänzende Lage mir eine solche Sicherheit und Selbstgenügsamkeit einflößte, daß es mir gar nicht anders einfiel, als daß die Eltern meiner angetraueten Frau sich eine Ehre daraus machen würden, ihre Tochter an einen so angesehenen und vornehmen Cavalier verheyrathet zu sehn – So sehr hatten sich die Umstände verändert – Ja! es kamen Augenblicke, wo ich wankte, ob ich nicht besser thäte, mit einer altadeligen Familie in Bündnis zu treten und Jene im Stiche zu lassen. War es aber aus Gefühl von Pflicht oder aus Furcht, ich könne heut oder morgen böse Händel wegen der wirklich in Hamburg vollzognen priesterlichen Einsegnung bekommen, oder floß noch zu viel bürgerliches Blut in meinen Adern, das mit dem Blute, worauf der Geist von sechzehn Ahnen schwamm, nicht sympathisieren konnte? – Ich weiß es nicht, aber das ist gewiß, daß mir alle Fräulein in der Stadt mißfielen. Wenn ich so des Morgens um zehn Uhr in das Cammercollegium fuhr und dann die blassen Gesichter, eben erst mit Mühe aus den Betten hervorgekrochen, am offnen Fenster standen, des lieben Müßiggangs zu pflegen und die vergiftete Stadtluft einzuathmen, bis die Stunde herankäme, wo der Friseur die dünnen Haare über Kissen ziehn sollte, die mit allerley heterogenen Producten ausgestopft wären; wenn ich mir vorstellte, wie er, was auf fremdem Boden gewachsen war, hier wurzellos einpflanzte, um ein ungeheures gothisches Gebäude aufzuführen, welches auf den Abend am Hofe prangen sollte; wie dann die Schönen die rothen Wangen aus ihren Büchsen hervorholten oder wohl gar die Zähne mit Draht befestigten, die an die Stelle derer kämen, welche ihnen gewürzte Speisen und warme Getränke weggenagt hatten; oder wie sie die großen Füße schmerzenvoll in kleine Schuhe zwängten; wie sie vielleicht mit allerley Polstern die Fehler ins Gleiche brächten, welche sie einer verwahrloseten, höchst unnatürlichen Wartung zu verdanken hatten, damit nach und nach gegen Mittag eine Art von menschenähnlicher Puppenfigur zum Vorschein käme, die dem reichen fremden Reisenden, den der Herr Vater zu einer noch nicht bezahlten Mahlzeit eingeladen hatte, das Herz fesseln sollte; wenn ich des Abends auf dem Schlosse im Vorzimmer den Circel dieser armen Dingerchen in Kleidern, welche auf Credit ausgenommen waren, um Geld spielen sah, das man eine Stunde vorher auf eine versetzte goldne Dose geliehn hatte; wenn ich ihren unwichtigen, seelenlosen Gesprächen über Putz, unbedeutende Bücher und ärgerliche Anecdoten zuhörte; wenn ich sah, wie so alles, was Gepräge, Natur und edle Einfalt hinreißend Bezauberndes hat, aus ihren Seelen vertilgt war; wie die unglücklichen Geschöpfe nicht fühlten, welche traurige, genußleere Zukunft, welches elende Alter, welche reuevolle letzte Stunde sie sich zubereiteten; so konnte ich mir unmöglich einbilden, daß ein ehrlicher, grader Mann mit einem solchen weiblichen Wesen ein glückliches häusliches Leben führen könnte. Dann kam ich zuweilen auf den Gedanken, um ein gutes, wackres Landfräulein anzuhalten. Ich hätte hoffen dürfen, daß mein Rang und mein Ansehn schon einen armen Edelmann mit verschuldeten Gütern bewegen haben würden, über meinen Mangel an geerbten Verdiensten hinwegzusehn. Allein wenn mir wieder der Dünkel in den Kopf kam, ich müsse eine Frau haben, welche die Ehre meines Hauses machen, meine Gäste unterhalten und uns eine gewisse Würde geben könnte, die meiner Lage angemessen und fähig wäre, die Fremden zu bewegen, auswärts zu erzählen, des Herrn Cammerdirectors Claus von Clausbach Haus sey eines der glänzendsten in . . . – Mein Gott! dann fürchtete ich wieder, ein Provinzialfräulein möchte mir Schande machen, sie möchte etwa einmal, wenn sie sich um die Küche bekümmerte, nach Rauch riechen, oder eine schiefe Verbeugung machen oder nicht Französisch reden können oder, wenn sie ihren Gästen ein Spiel anbiethen sollte, vielleicht das Blindekuhspiel vorschlagen, oder im Gespräche, wenn von dem procès des trois rois Eine kleine pasquillartige Schrift, die mehr Aufsehn gemacht hat, wie sie verdiente. Erwähnung geschähe, glauben, es sey von den heiligen drey Königen die Rede, und mich auf diese Art oft in Verlegenheit setzen. Ich gab also auch diesen Plan auf. Endlich schien mir also der erste Gedanke, meine rigaische Schöne aufzusuchen, der Vernunft und Rechtschaffenheit am gemäßesten. Zwar kannte ich auch Diese nicht weiter als von dem kurzen Augenblicke her, da ich sie in Kindesnöthen gesehn hatte. Allein nicht zu erwähnen, daß es wirklich eine Schickung des Himmels schien, die mich mit ihr verbunden hatte, so ließen auch die Gespräche des Hauptmanns über die Vermögensumstände, die Lebensart der Meinhardtschen Familie und über den sanften Character der Tochter mich muthmaßen, daß sie eine so gute Erziehung genossen und sich so gebildet haben würde, daß sie vollkommen der Ehre würdig wäre, zur gnädigen Frau Cammerdirectorin Claus von Clausbach erhoben zu werden. Ich schrieb also so ziemlich im Cavalierstone einen Brief an meinen ehrlichen Dobelmayer, von dem ich wußte, daß er in Riga war, erzählte ihm, wie das Glück mich auf eine so wunderbare Weise auf den Leuchter gestellt hätte und daß ich nun im Stande wäre, eine Frau glücklich zu machen; daß ich dabey weniger auf Geburt wie auf gute Eigenschaften des Herzens Rücksicht zu nehmen entschlossen sey; daß ich zwar Gelegenheit genug hätte, unter den Fräulein aus den ersten Häusern zu wählen, daß ich aber dennoch den Winken des Schicksals folgen wolle, welches mir einst durch seine Vermittlung eine Ehehälfte zugeführt hätte. Er möchte also nun der Familie die ganze Lage der Sache entdecken und veranlassen, daß einer von den Verwandten meiner künftigen Frau, welche ich hier als die Witwe des jungen Haftendonk ankündigen würde, herbegleitete, da wir uns dann noch einmal einsegnen lassen wollten – Und was des adeligen, vornehmen Unsinns mehr war –   Indes ich mir nun im Geiste vorstellte, wie das Meinhardtsche Haus mit beyden Händen diesen vorteilhaften Antrag ergreifen würde, fing ich an, ohne in der Stadt etwas von meinen Absichten kund werden zu lassen, mich zu einer vollständigen Haushaltung einzurichten. Es wurde allerley neumodischer Hausrath gekauft, für zwey schöne seidne Betten gesorgt, ein Kammermädchen mit einer großen Haube im Vorrath gemiethet und ein Bedienter angenommen, der Damen frisieren konnte. Die Domestiken und der Kutscher bekamen Haarbeutel und neue Livreen, nach meinem Wappen eingerichtet und mit Schnüren besetzt, auf welchen mehr als fünfzigmal der Bär aus meinem Petschafte mit dem Schwerte zu sehn war. Riga ist weit, und während die Posten hin- und herreiten, habe ich Zeit genug, meinen Lesern zu erzählen, was für Wirkung diese Vorkehrungen auf das Publicum machten und wie es mit meiner politischen Lage aussah. Die geneigten Leser werden sich erinnern oder, wenn sie sichs nicht erinnern, so können sie es unmaßgeblich im zweyten Theile, Seite 267 , nachschlagen, daß ich ziemlich glücklich in meinen Plänen zu Verbesserung der fürstlichen Finanzen war. Jetzt will ich ihnen auch sagen, wie das zuging. Der Fürst hatte die Gewohnheit, die manche Fürsten haben sollen, gern mehr auszugeben, wie er einzunehmen hatte. Der Aufwand am Hofe war groß, und die Cammer sollte immer Geld schaffen. Von Einschränkung der Pracht durfte nicht geredet werden, und da unter des Herrn Präsidenten von Mehlfeld Regierung Bestechung und Betrug auch ihr Theil ziehen, Jeder sich bestmöglich bereichern und, solange Jener mit der Maitresse gut stand, auch Diese auf den allgemeinen Schatz loswirthschaften durfte, war in der That das Land von allen Seiten gewaltsam ausgesogen worden. Sobald ich nun an das Ruder kam, war ich ernstlich darauf bedacht, den Betrügereyen der Räthe und Beamten zu steuern, wodurch wohl viel gewonnen wurde, ich aber auch eine mächtige Parthey gegen mich bekam, die, wenn sie jetzt nicht offenbar auftreten konnte, doch auf eine schickliche Gelegenheit lauerte, mir den Stuhl zu rücken. Um aber die Schulden des Fürsten zu tilgen und auf einmal eine große Summe Geldes in die Gasse zu liefern, erfand ich das Mittel, die Ämter, welche bis itzt sehr ungewissenhaft administriert worden waren, zu verpachten. Die Pächter mußten Bürgschaft an barem Gelde leisten, und wenn auf diese Art zwar eigentlich die Schulden des Herrn nicht getilgt wurden, weil doch früh oder spät die Cautionssummen wieder herausgegeben werden mußten, so leuchtete es doch dem Fürsten, der so weit nicht dachte, sehr in die Augen, auf einmal so große Capitalien in die Hände zu bekommen. Mein Credit bey ihm wuchs dadurch sehr, und man konnte nicht begreifen, wie der alte Mehlfeld nicht einmal so viel Geschick gehabt hatte, dergleichen Hilfsquellen zu finden. Sobald die Maitresse Wittrung von der Silberflotte hatte, welche aus den Ämtern in die Residenz ankam, machte sie Plan darauf, ihren Antheil davon zu ziehn, und es fiel ihr gar nicht ein, daran zu zweifeln, ob ich, der ihr oder vielmehr ihrem Bologneserhunde sein ganzes Glück zu verdanken hatte, zu diesem Unternehmen die Hände biethen würde. Allein diesmal irrte die gute Person, und der Eifer für meine Pflicht und für den Dienst meines Herrn erlaubte mir nicht, aus Dankbarkeit eine Schelmerey zu begehn. Ich lehnte daher ehrerbiethig alle Anträge von der Art ab, Madame Novanelle (so hieß sie) bekam vor wie nach ihre Pension, und nichts weiter. Dieser Umstand aber zog einen bitterkalten Nebel zwischen uns, den das aufmerksame Hofgesindel nur zu bald merkte und der unfehlbar meinen Sturz würde nach sich gezogen haben, wenn nicht ein andrer unvermutheter Vorfall dazwischengekommen wäre, der mich diesmal noch über Wasser hielt. Hier ist die Erzählung davon: Wenn ein unverheyratheter Mann an irgendeinem Hofe sein Glück macht und zu hohen Ehren kömmt, pflegen die alten Damen, welche erwachsene Töchter haben, nebst diesen lieben Kindern so lange ziemlich gut auf ihn zu sprechen zu seyn, bis er sich unglücklicherweise bestimmt, entschieden erklärt oder durch actus concludentes gezeigt hat, daß er nicht gewillt sey, eine von ihnen zu seiner Ehefrau zu nehmen – Dann sey der Himmel ihm und seiner künftigen Gattin gnädig! – Diese Erfahrung machte auch ich. Kaum hatte ich meinen Adelsbrief in der Tasche, als ich, wider mein Vermuthen, in allen Häusern der Noblesse ( Nota bene , wo große Töchter waren) vorgezogen und mit Liebe und Güte aufgenommen wurde. Man scherzte dann zuweilen über die Hagestolzen, man neckte mich, warf mir vor, ich sey in das Fräulein B. oder in das Fräulein C. oder in das Fräulein D. verliebt, und wenn ich mich dessen wehrte, hieß es: »Nun! was wäre es dann mehr? Sie sind ein junger Mann, und wer würde Ihnen nicht gern seine Tochter geben?« und was dergleichen mehr war, wobey ich gewöhnlich verzweifelt albern aussah. Die etwas coketten Dämchen schossen auch wohl schmachtende, in Empfindsamkeit und Mondschein getauchte Pfeile aus ihren holden Äugelein auf mich ab, aber sie streiften kaum meine Haut, und ich schüttelte sie von mir, aus Rücksichten, die ich oben entwickelt habe. Man kundschaftete meine Geburtstage und Namenstage aus, und da ich nur einen Vornamen, Peter , hatte, mußte sogar Petri Kettenfeyer mit herhalten, da ich dann eine reiche Ernte von Stockbändern und Geldbeuteln, auch wohl ein Verslein dazu bekam, in welchem gar artig auf die Ketten, welche Petrus getragen hatte, im Gegensatze mit denen, welche man mir wünschte, angespielt wurde – Die lieben Kinderchen! Der Cammerdirector Claus von Clausbach wollte von dem allen nichts merken. Diese Angriffe verdoppelten sich indessen, sobald man erfuhr, daß ich Miene machte, meinen Hauhalt zu erweitern, ohne daß man etwas von meiner Braut wußte. So unentschieden blieben die Sachen, als von einer andern Seite das Ding noch viel feiner angelegt wurde. Der Präsident nämlich, der nie verheyrathet gewesen war, hatte eine Nichte, gleiches Namens mit ihm und etwa zweyundzwanzig Jahre alt, ein bißchen verbuhlt, aber hübsch, artig, angenehm und mit einem Paar funkelnden schwarzen Augen versehn, ach! mit einem Paar Augen, die so kerzenhell brannten, daß die Fliegen und Mücken darnach wie in ein Licht flogen und die Stutzer wie Fledermäuse daran herumschwärmten. Sobald der Herr Präsident sah: primo , daß meine Cameraloperationen mich immer fester in die Gunst des Fürsten setzten; secundo , daß ich nicht Miene machte, eines von den Stadtfräulein zu ehlichen; tertio , daß ich dennoch nicht abgeneigt seyn möchte, zu heyrathen, und quarto , daß ich itzt mit der Maitresse, gegen welche sein Haß unauslöschlich blieb, über den Fuß gespannt war, veränderte er seinen Plan und beschloß, mit mir in eine Of- und Defensivallianz zu treten. Der Vereinigungspunct aber sollte das Fräulein von Mehlfeld seyn. Die Präliminairartikel fingen damit an, daß man mich ein paarmal zum Mittagsessen einladete. Hier sagte man mir dann allerley verbindliche Sachen, wünschte dem Fürsten und dem Lande Glück, daß ein so thätiger und geschickter Mann ein Geschäft übernommen hätte, welches des Herrn Präsidenten Kräfte bey seinem hohen Alter nicht mehr zu ertragen vermöchten. »Und wenn Ihnen, mein lieber Freund!« hieß es, »in irgendeiner Sache eine Nachricht fehlt, die ich vielleicht noch im Kopfe habe, da ich so lange Zeit mit diesen Geschäften umgegangen bin, so bitte ich Sie, disponieren Sie über mich! Überhaupt möchte ich, daß Sie mein Haus wie das Ihrige ansähen, daß wir nur Eine Familie ausmachten. Sie haben hier niemand von den Ihrigen, und an einem fremden Orte weiß man wohl, wie es geht. Man kann es nicht Jedem recht machen, und es thut wohl, wenn man dann wenigstens Ein Haus hat, das es gewiß gut mit uns meint. Auf mich und meine Nichte können Sie sicher rechnen, mehr als Sie vielleicht glauben – Nicht wahr, Caroline? – Nun! du brauchst nicht roth zu werden – Das Mädchen ist jetzt meine einzige treue Gesellschaft. Ehemals habe ich oft bedauert, daß ich unverheyrathet geblieben bin; aber seit der Zeit, daß sie bey mir ist, denke ich daran nicht. Sie ist ein gar gutes Kind, auch soll sie einst mein bißchen Habe und Gut erben. Ich würde, glaube ich, sterben, wenn ich mich ganz von ihr trennen sollte. Um alles in der Welt möchte ich sie nicht auswärts verheyrathet sehn.« u. s. f. Ich war wirklich fein genug, um zu merken, wohin das hinauswollte, und dies um so mehr, da auf einmal die ganze Parthey des Präsidenten öffentlich zu meinem Lobe redete, ja! Einer oder der Andre von seinen Anhängern mich fragte, ob man mir Glück wünschen dürfte. Nun hielt ich es, in dem Verhältnisse, darin ich mit der Maitresse stand, der Klugheit gemäß, mich nicht bestimmt gegen die Sache zu erklären. So blieb es dann, und da der Herr von Mehlfeld noch immer hoffte, seinen Zweck zu erreichen, hatte ich an ihm und seinem Anhange die mächtigste Stütze in der Zeit, da Madame Novanelle ungnädig auf mich war. Weil ich indessen täglich auf Antwort von Riga wartete, welche alles entscheiden und, sobald das Ding bekannt würde, den Herrn Präsidenten und Consorten gegen mich aufbringen mußte, war ich so politisch, unter der Hand an meiner Versöhnung mit der Maitresse zu arbeiten, und dazu fand ich bald eine Gelegenheit, die mit meiner Gewissenhaftigkeit bestehn konnte. Sie wollte nämlich gern ein Gut außer Landes kaufen. Ich verschaffte ihr eines um sehr billigen Preis, rieth auch dem Fürsten, ihr ein Geschenk zu machen, um ihr den Kauf zu erleichtern, wodurch dann bald der Friede unter uns geschlossen wurde. Ich habe schon oben gesagt, daß sie kein boshaftes Geschöpf war; da dachte ich nun bey mir: »immer besser Diese wie eine Schlimmere!« und die Folge überzeugte mich, daß ich Recht gehabt hatte. Endlich kam die Antwort des Hauptmanns von Dobelmayer an, die mir freylich nicht ganz gefiel, weil sie meiner Eitelkeit eben nicht schmeichelte. Er schrieb nämlich, der alte Meinhardt sey sehr betroffen über die Entdeckung gewesen, daß man nicht den jungen Haftendonk, sondern mich seiner Tochter in Hamburg angetrauet hätte. Er sey ein Feind aller Unwahrheit und Verheimlichung. Indessen wäre die Sache nun geschehn, aber er wolle dennoch lieber seine Tochter mit einem unehelichen Kinde bei sich behalten, möchte auch die ganze Welt die Sache wissen, als sie einem Manne hingeben, den sie Alle nicht kennten. Recht und Ansprüche auf sein Kind gestünde er mir gar nicht ein. Er hielte nicht viel auf solche neugebackne Edelleute, die ohne weitre Ursache, bloß aus Titelsucht, sich ein von hätten anhängen lassen. Noch weniger hielte er von Cammerdirectorn kleiner teutscher Fürsten, weil Diese gewöhnlich ein sehr unsichres Stück Brot hätten und heute oder morgen, wenn ihren Duodezdespoten einmal der Kopf schief stünde (vorausgesetzt, daß sie einen hätten), wieder fortgejagt würden. Also sähe er es eben nicht für ein Glück an, seine Tochter an einen frisch geadelten fürstlichen Plusmacher zu überlassen. Wenn aber der Herr von Clausbach übrigens ein guter Mann sey, so wäre ihm das Ding schon recht und ließe sich davon reden. Aber ich müsse kommen und mich zeigen. Er sey nicht gewillt, seine Tochter aufs Markt zu bringen. Offenherzig zu gestehn, so schlug diese Antwort meinen Stolz sehr nieder. Doch flößte sie mir von einer andern Seite wieder Achtung für den braven alten Kaufmann ein, und die Sache war einmal angefangen, folglich nicht gut zurückzugehn. Ich verschwieg gegen jedermann meinen Vorsatz, vertrauete nur dem Fürsten, man habe mir eine reiche Witwe zur Frau vorgeschlagen (welches ihm sehr gefiel in Betracht des fremden, ins Land kommenden Geldes), bat um Urlaub nach Riga, reiste ab und erfuhr nachher, was ich vorher hätte wissen können, wenn ich Prinzen gekannt hätte, daß, ehe ich die erste Post erreicht hatte, mein Geheimnis aus des Fürsten Munde in die ganze Stadt ausgeflossen war. Zweytes Capitel Herr Claus von Clausbach holt seine Frau Gemahlin aus Riga ab. Unvermuthete Zusammenkunft auf der Reise. Vor meiner Abreise schrieb ich an meinen großmüthigen Wohlthäter, den Herrn Gesandten, und unterrichtete ihn von der Lage, darin ich mich itzt befand. Ich hätte wohl früher schreiben und seinen Rath bey manchen Vorfällen nützen können, wie er mir die Erlaubnis dazu gegeben hatte; allein der glückliche Erfolg meiner Unternehmungen fing schon an, mir so viel Zuversicht auf meine eignen Einsichten einzuflößen, daß, wenn ich darüber nicht gänzlich vergaß, was ich jenem würdigen Manne zu verdanken hatte, ich doch von Zeit zu Zeit einen Hang verspürte, zu glauben, meine persönlichen Verdienste möchten nicht weniger wie sein Vorwort dazu beygetragen haben, mich auf den Gipfel des Glücks zu erheben. Die Antwort des Gesandten fand ich erst bey meiner Rückkunft, und ich weiß nicht, hatte ihm der Styl meines Briefes nicht gefallen, oder was war sonst die Ursache davon – genug, er schrieb ein wenig kalt, wünschte: mein Glück möchte von Dauer seyn, und warnte mich nochmals, dem alten Mehlfeld nicht zu trauen. Ich reiste so geschwind wie möglich und wie es vornehmen Leuten zukömmt, rollte durch Städte, Dörfer und Provinzen hindurch, ohne mich weder rechts noch links umzusehn, bis nach Lübeck, wo ich mich zu Schiffe setzen und mit gutem Winde nach Riga fahren wollte. Ehe ich nun Lübeck verließ, trieb mich theils Dankbarkeit, theils die Eitelkeit, mich in meinem Glanze zu zeigen, zu dem Kaufmanne, der mir einst durch seine Empfehlung zu der Secretairsstelle verholfen hatte. Zweyter Theil, Seite 256 . Doch der gute Mann war indes gestorben und hatte durch Unglücksfälle im Handel seine Geschäfte in einiger Verwirrung zurückgelassen. Die Witwe lebte sehr klein, empfing mich aber recht freundlich, und ich ging nicht ohne Rührung noch ohne Anmerkungen über die Veränderlichkeit der menschlichen Schicksale zu machen, von ihr weg. Auch das Haus, wo ich als Signor Clozetti Concerte gegeben hatte, sah ich noch einmal und kehrte dann in den Gasthof zurück, um am folgenden Morgen zu Schiffe zu gehn. Als mich der Wirth auf mein Zimmer begleitet hatte, fragte er mich, ob ich etwas speisen wollte. Ich bestellte eine leichte Mahlzeit, und indes hierzu die Anstalten gemacht und die übriggebliebenen Bissen vom Mittagswirthstische zu Ragouts und dergleichen zubereitet wurden, nahm ich ein Buch in die Hand und las. Es war neben meinem Zimmer ein kleines Kämmerchen, in welchem ich einen Mann auf und ab spazieren und von Zeit zu Zeit seufzen hörte, wodurch bey mir Mitleid und Neugier erregt wurden, die mich trieben, mein Ohr näher an die dünne Wand zu legen, die uns schied. So hatte ich eine Zeitlang den Fremden belauscht, als ich seine Thür öffnen hörte und der Wirth zu ihm hereintrat: »Mein Herr!« sagte Dieser, »die Post ist wiederum gekommen, ohne daß sie Geld für Sie mitgebracht hat. Ich bin des Wartens müde und lasse mich nicht gern bey der Nase herumziehn. Kurz und gut! binnen heute und morgen früh bezahlen Sie mich, oder ich lasse Sie arretieren.« Der Fremde fing an, soviel ich hören konnte, zu bitten, der Wirth aber war nicht zu bewegen. Endlich kam Jener, wie es schien, in eine Art von Verzweiflung und mochte wohl, als der Wirth grob wurde, Diesen bey den Ohren ergreifen, da dann ein höllischer Lärm entstand, worüber ich aus meinem Zimmer sprang und ohne weiters Anmelden da hinging, wo die Scene vorfiel: »Was gibt es hier, Herr Wirth?« sagte ich, doch ehe ich weiter fragen oder Antwort erhalten konnte, fiel mir sogleich des Fremden Gesichtsbildung auf – »Mein Gott!« rief ich, »Reyerberg!« – »Und Du Claus?« antwortete Jener – Wir standen Alle sprachlos da – Der Wirth nahm die Mütze unter den Arm und ging fort, den Vorfall vorerst seiner Frau zu erzählen. Wer je die Wonne empfunden hat, zu einer Zeit, wo man, auf dem Meere der großen Weltgeschäfte umherfahrend, getrieben durch allerley Winde, als da sind: Ehrgeiz, Eitelkeit, Herrschsucht und dergleichen, mißtrauisch gegen jedes Schiff, das neben uns herfährt, voll Sorge, es möchte uns den Wind abgewinnen oder gar ein Caperschiff seyn – Doch was helfen die poetischen Bilder? Ich sehe ein, daß es mir verzweifelt schwer werden würde, in dieser Construction oder Wortfügung mit fortgesetzter Metapher (welches man, glaube ich, eine Allegorie nennt) zu sagen, was ich eigentlich sagen wollte; also will ich anders anfangen. In der Lage, darin mich die Vorsehung itzt versetzt hatte, bedurfte ich wohl sehr eines Freundes. Aber wo sollte ich Diesen suchen? Unter den Hofleuten? – Vertraue einer Diebesbande Deine Wechsel an! – Unter meinen Schmeichlern? – Bitte Deinen Schuldner, daß er Dir Geld borge! – Unter Denen, die mich beneideten? – Nimm Deinen Erben zu Deinem Arzte an! – Kurz! der Herr Cammerdirector konnte wohl in der Residenz keinem Menschen sich ganz anvertraun, sich auf niemand ganz verlassen. Auch fällt der Wunsch nach einem treuen Freunde nur selten Dem ein, dessen Handlungen durch das unselige Spiel der Politik bestimmt werden. Aber dennoch muß ich mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß mein Herz noch nicht unempfindlich für das süße Glück der Freundschaft geworden war. Vielleicht würde es in der Folge noch so weit mit mir gekommen seyn; denn ich muß auch ebenso offenherzig gestehn, daß ich schon im Taumel meines Glücks nur selten an meinen verlornen Freund Ludwig gedacht und nicht eifrig genug mich bemühet hatte, etwas von seinem Schicksale zu erfahren. Dies vorausgesetzt, denke sich doch jeder gefühlvolle Leser, welche Freude ich genoß, als ich den Gespielen meiner Jugend, den Gefährten so mancher von meinen Abentheuern, mit einem Worte! den edlen, guten Mann, den ich immer so geliebt hatte, hier wiederfand. Daß ich die Rechnung im Wirthshause für ihn bezahlte, daß wir uns voll freundschaftlicher Neugier den Verfolg unsrer Begebenheiten abfragten und daß ich nunmehr fest beschloß, ihn nicht wieder von mir zu lassen, sondern ihn mit nach Riga zu nehmen und dann mit mir an demselben Orte in den Dienst zu bringen, das versteht sich wohl von selber. Aber Sie möchten vielleicht gern auch etwas von dem erfahren, was unserm armen Ludwig von Reyerberg unterdessen begegnet war. Ich will mich kurz fassen, um Sie nicht mit einer Reyhe von Begebenheiten, die Ihnen unwahrscheinlich vorkommen könnten, aufzuhalten. Also nur so viel: Sie erinnern Sich, Erster Theil, Seite 91 . Zweyter Theil, Seite 252 . daß der ältere Bruder, David, in . . . Hofrath und Cammerjunker geworden war. Durch seine schändliche Heucheley und Schmeicheley hatte er es endlich dahin gebracht, daß er als Cammerherr und geheimer Regierungsrath angesetzt wurde. Unterdessen hatte er nicht versäumt, nach dem Aufenthalte seines jüngern Bruders zu forschen, und dies um so mehr, da er kürzlich unvermuthet von einer alten Tante ein beträchtliches Vermögen ererbt hatte, woran natürlicherweise Ludwig auch Anspruch machen konnte. Er erfuhr endlich, wo Dieser war, reisete selbst nach Hamburg, lockte ihn zu sich und spielte ihn sodann einem schelmischen Hauptmanne in Diensten der ostindischen Compagnie in die Hände, der ihn zu Schiff brachte, worauf er gezwungen wurde, als Unterofficier zur See zu dienen, bis er von ungefähr erfuhr, daß sein Bruder auf die elendeste Art an einem Beinbruche gestorben sey und eine Frau mit zwey Kindern hinterlassen habe. Jetzt hielt es dem armen Ludwig nicht schwer, seinen Abschied zu erhalten, worauf er mit ein wenig erspartem Gelde nach Lübeck reiste. Unterwegens lag er einmal sorglos im Schiffe in seiner Hängematte und schlief, hatte also nicht wahrgenommen, daß in der Nacht ein Boot mit Menschen, worunter sich unter andern ein Jude befand, von einem andern Schiffe hergekommen war, etwas hier am Bord zu bestellen. Vermuthlich hatte der Jude sich in die Cajüte geschlichen, in welcher Reyerberg lag, und sich seinen Schlaf zu Nutz gemacht; mit einem Worte! als er erwachte und aufstand, war sein ganzer kleiner Mammon fort. Niemand wollte das geringste davon wissen. Der Schiffscapitain war ein grober Mann, mein Freund ohne Schutz, und so kam er dann arm in Lübeck an und schrieb an mich, von dessen Aufenthalte er zufälligerweise Nachricht erhalten hatte, um Geld, bekam aber keine Antwort, weil ich schon abgereist war, bis er mich endlich hier persönlich antraf. Wir reisten mit recht fröhlichen Herzen ab, versüßten uns die Stunden noch mehr durch freundschaftsvolle Gespräche bey einem Glase alten teutschen Weins und kamen gesund, wohlbehalten und voll Erwartung, wie es mit meiner Heyrath gehn würde, in Riga an. Reyerberg war von so lustiger Laune, daß er sich des Lachens nicht enthalten konnte, als meine beyden Bedienten die Koffer auspackten, ein schönes Kleid nach dem andern dahinlegten, und ich, so wenig mir auch der Putz am Herzen lag, doch anfing, zu berathschlagen, welcher von diesen Anzügen mich wohl am besten kleiden würde. Es war eine Haupt- und Staatsaction, und man zeigt sich doch gern in seinem vollen Glanze, wenn man auf die Freyerey ausgeht. Barbier, Friseur und Marchand parfumeur , alles wurde in Bewegung gesetzt, um dies zu bewirken, und darüber hätte ich bald vergessen, daß mein Gesellschaftscavalier außer einer Unterofficiersuniform und einem grünen Kleidchen keinen Rock in seiner Garderobe hatte, der würdig gewesen wäre, neben dem meinigen in der Kutsche zu erscheinen. Ich wollte ihn anfangs bewegen, erstere in eine Officiersmontierung umzutaufen, aber Ludwig war zu keiner solchen Lüge fähig. Lieber, sagte er, wollte er im Wirthshause sitzen bleiben, als sich für etwas ausgeben, das er nicht wäre. Da man indessen nicht sogleich Anstalt zu einem neuen Kleide für ihn machen konnte und in Riga nicht die Einrichtung wie in Paris ist, daß man bey jedem Schneider fertige Röcke, in welchen schon irgendein Comte ou Baron allemand den Narren gespielt hat, kaufen kann, wurde beschlossen, er solle so lange ein schwarzes Kleid von mir anziehn – Vornehme Leute haben ja oft Familientrauer, auch ist es nichts ungewöhnliches bey Höfen, daß, wenn ein armer, schlecht bezahlter Cammerjunker seine ganze bunte Garderobe versetzt hat, er, bis das Quartal zu Ende ist, ein wenig um einen alten Vetter trauert, der nie gelebt hat. Sobald dieser Punct in Ordnung gebracht war, ließ ich meine Ankunft bey dem Herrn Hauptmanne von Dobelmayer melden. Er kam sogleich selbst und begegnete mir mit derjenigen treuherzigen Güte, die seinem Character so eigen war und der ich so viel zu verdanken habe. Da ich vielleicht in der Folge nicht mehr Gelegenheit finden werde, meinen Lesern etwas von diesem lieben Manne zu sagen, will ich itzt voraus erzählen, daß er noch in Riga lebt, nachdem er seinen Abschied in Holland genommen hat, und daß ich bis auf diese Stunde in beständigem Briefwechsel mit ihm stehe. Nichts ist langweiliger für den müßigen Zuschauer, als Zeuge zu seyn bey den kleinen Verhandlungen unter Leuten, die sich heyrathen wollen; zu sehn, wie so jeder von ihnen seine beste Seite hervorschiebt und seine Talente auskramt, um sich vortheilhaft zu zeigen; zu hören, welche Artigkeiten sie sich einander sagen, wenn es erst weiter mit ihnen kömmt, und dann gar, wenn sie anfangen, verliebt in einander zu werden – Es ist ein gar närrisches Ding damit – Noch viel langweiliger aber ist wohl die Erzählung von einem solchen Casu, weswegen ich dann auch fest entschlossen bin, Sie, meine hochgeehrtesten Leser und Leserinnen! mit einem dito nicht heimzusuchen. – Kurz und gut also! Ich war drey Wochen lang in Riga, die Sache wurde richtig, und ich bekam ein redliches, liebes Weib, das mir bis heute dato den Pfad durch dies Leben mit Rosen bestreuet, mir das Ungemach hat tragen geholfen und die glücklichen Stunden doppelt schmackhaft gemacht. »Aber, mein lieber Cammerdirector!« sprach eines Abends, als wir im Gasthofe zusammensaßen, mein Freund Ludwig zu mir, »ich hoffe doch nicht, daß Du Deiner Braut auch nur die kleinsten zweydeutigen Scenen aus Deinem vergangnen Leben verschweigen wirst. Jetzt ist noch die Zeit, wo Dir alles verziehn wird; aber wenn man mit größern Meinungen Einer von dem Andern zur Ehe schreitet, dann hin und wieder eine unbedeutende Kleinigkeit, wie es wohl vorfällt, uns verstimmt, und ein ungefährer Zufall oder böse Leute bringen einmal so ein altes Anecdötchen an den Tag, dann gibt es Vorwürfe, Kälte und nicht selten Zwist. Nein! mein lieber Cammerdirector Peter! wenn ich heyrathete, würde ich meiner künftigen Frau alles haarklein erzählen, was ich je Böses gethan hätte, und daraufsagen: Nun! mein Herzensengelchen! Jetzt kennen Sie mich ganz. Wollen Sie mich nun, wie ich da bin, haben? Ich denke ja, Sie hätten auch wohl so manches auf dem Herzen. Vielleicht können wir miteinander aufheben oder abrechnen, wer dem Andern Verzeyhung herausgeben sollte. Dazu kömmt, mein lieber Freund! daß Du schon ein Langes und Breites erzählen kannst, ehe es mit dem Jungfernkindlein, das Deine Braut gehabt hat, ins Gleiche kömmt« – »Still! das sind Odiosa , mein ehrlicher Ludwig!« rief ich. »Aber Du hast meiner Seele Recht, und morgen will ich dem ganzen Meinhardtschen Hause meinen Lebenslauf erzählen.« Ich that es und hatte die Freude zu sehn, daß diese Offenherzigkeit viel dazu beytrug, die gute Meinung zu befestigen, welche ich so glücklich gewesen war, von mir zu erwecken. Ein paar Worte muß ich doch von dem Character der Personen sagen, aus welchen diese liebe Familie bestand. Den alten Vater haben Sie schon einigermaßen aus seinem Briefe an den Hauptmann kennengelernt. Er war ein biedrer, grader, hellsehender Mann, der seinem Fleiße, seiner Ordnung und der guten bürgerlichen Zucht, die in seinem Hause herrschte, das große Vermögen zu verdanken hatte, welches er besaß. Wenig Tage vor unsrer Hochzeit sagte er mir: »Mein Freund! ich bin itzt überzeugt, daß Sie ein Mann sind, der Rechtschaffenheit liebt; um desto mehr Grund habe ich zu vermuthen, daß Sie nicht lange den Posten behalten werden, den Sie itzt bekleiden. Ich kenne so ziemlich die kleinen teutschen Höfe und was ein ehrlicher Mann dort zu erwarten hat. Vielleicht wäre es besser, Sie zögen Sich beyzeiten freywillig zurück – Doch, wie Sie wollen, Erfahrungen aller Art sind gut. Also immerhin! Es wird mich nicht erschrecken, wenn ich höre, daß man Sie abgesetzt hat; und was den elenden Quark, das Geld, betrifft, so wissen Sie ja, daß mich der Himmel gesegnet hat, und meine Kinder sind haushälterisch erzogen.« So dachte mein Schwiegervater und denkt noch so, denn er lebt noch. Übrigens setzte er seiner Tochter eine ansehnliche jährliche Summe zu unserm Unterhalte aus, behielt aber die Capitalien in der Handlung. Meine Schwiegermutter, welche in vorigem Jahre gestorben ist, war auch ein braves häusliches Weib – de mortuis non nisi bene – doch, wie es dann zuweilen der Fall bey dem Geschlechte ist, ein bißchen eitel und geschwätzig. Es gefiel ihr gar nicht übel, daß ihre Tochter nun gnädige Frau heißen sollte, und sie rief mehr als einmal aus: »Wer hätte sich das träumen lassen?« Sie hörte mich gern vom Hofleben erzählen und fragte nach jedem kleinen Umstand, der dort vorfiele. Wenn sie uns einmal besuchte, meinte sie, da müßte sie wohl gar auch an den Hof gehn. Der einzige Bruder meiner Frau ist ein edler junger Mann, ein wenig heftig und rasch, aber geschickt in Handlungsgeschäften, thätig, ein guter Tonkünstler und noch unverheyrathet. Aber, daß wir die Hauptperson nicht vergessen! Meine ehrliche Frau ist – ich kann es wohl sagen – ein schönes Weib, mit castanienbraunen Haaren, blauen Augen, lebhaft, gefühlvoll, war damals noch ein bißchen romanhaft gestimmt, übrigens sehr verständig und dabey voll von Witz und guter Laune. Meine Leser werden noch in der Folge sehn, von welcher herrlichen Seite sie alle menschlichen Dinge und alles, was uns begegnete, ansah, wie sie sich in ihre Lage so vortrefflich zu schicken wußte – Mit Einem Worte! Sie ist ein Muster von einem Weibe – Alle übrigen nicht zu verachten, versteht sich – Ich will auch nicht schweigen von dem kleinen Knäblein, dem Pfande ihrer ersten treuen Liebe, das sie mir noch einen Augenblick vor unsrer zweyten Einsegnung mit Thränen in den Augen in meine Arme legte und mich beschwor, Seiner zu pflegen, sein Vater, sein Schutzengel, sein Freund zu seyn. Und ich versprach ihr, ihn wie mein eignes Kind zu lieben, und dies Versprechen hat mich seitdem noch nie gereuet. Es ging recht herzig und fröhlich auf unsrer Hochzeit her, und wenige Tage darauf reisten wir, meine Gattin, Reyerberg und ich, ab. Man weinte auf beyden Seiten nicht wenig beym Abschiede. Unsre Reise war glücklich, und wir kamen wohlbehalten in die prächtige Residenz meines Sultans zurück. Drittes Capitel Wie sie bey ihrer Rückkunft von Hof- und Stadtleuten empfangen werden. Reyerberg kömmt in den Dienst. Politische Lage des Herrn Cammerdirectors. Sein Glanz. Mein erster Gang, sobald ich meiner Frau mein Haus gezeigt und das Gesinde ihr vorgestellt hatte, führte mich zu dem Fürsten, der mich auf das gnädigste empfing. Wir geriethen bald in ein vertrauliches Gespräch, und er bekannte mir, daß man während meiner Abwesenheit nichts unversucht gelassen hätte, mich aus seiner Gunst zu verdrängen. Er wußte sich aber etwas mit seiner Festigkeit, indem er allen diesen Ohrenbläsern kein Gehör gegeben hätte. Dabey war er schwach genug, mir meine Feinde zu nennen, wie es dann überhaupt seinem fürstlichen Character angemessen schien, die Leute gern zusammenzuhetzen – Eine Art zu handeln, die schwachen Menschen eigen ist, welche dabey zu gewinnen glauben und es gern sehen, wenn vernünftige Menschen uneinig untereinander sind und sich also nicht miteinander gegen sie vereinigen können, sondern jede Parthey sie aufsuchen muß, um sich zu verstärken. Im Grunde hatte mein Monarch auch kein großes Verdienst von dem Schutze, den er mir angedeyhen ließ; denn nicht zu rechnen, daß man mir wirklich mit Grunde nichts vorwerfen konnte und der Fürst Meiner noch bedurfte, hatte ich auch an Madame Novanelle eine mächtige Vorsprecherin gehabt, und diese haßte jene Leute, welche mich stürzen wollten. Ich nützte die gute Stimmung des Fürsten, um für meinen Freund Reyerberg etwas auszuwirken, und erlangte ohne Mühe, daß Derselbe als Rath bey der Cammer und zugleich als Stallmeister angesetzt wurde. Meine Frau stellte ich des Tags darauf bey Hofe vor, und sie betrug sich mit so viel Klugheit und Anstande, als wenn sie von ihrer ersten Jugend an auf diesem schlüpfrigen Boden gewandelt wäre. Sehr unterschieden aber von der Güte, mit welcher mich mein Herr empfing, war die Begegnung des hohen Stadtadels gegen mich. War ich vorher von demselben auf den Händen getragen worden, solange man Hoffnung haben konnte, mein Ehebette mit einem von den kränklichen Fräulein zu schmücken, so fiel jetzt seine Begegnung um so gröber aus. Man ließ mich, und vorzüglich meine Gattin, diejenige Art von Verachtung fühlen, mit welcher gewöhnlich Leute von vornehmer Geburt auf solche herabzublicken pflegen, die sie parvenus nennen, das heißt: Menschen, die ihrem eignen verdienstvollen Bestreben zu verdanken haben, was dem Edelmanne ohne Verdienst schon in der Wiege angeboren ist. Indessen ließen wir uns durch dies alles nicht irremachen, und indem ich nur meine Vorsicht und meinen Eifer für des Herrn Dienst verdoppelte, stieg ich von Tage zu Tage merklich höher in seiner Gunst. Zu meiner größten Verwunderung waren der Präsident von Mehlfeld und seine Nichte beynahe die einzigen Personen, die itzt wo möglich noch freundschaftlicher als vorher gegen mich schienen. Da ich aber selbst aus des Fürsten Munde erfahren hatte, daß eben jener äußerst falsche Mann mich während meiner Abwesenheit am ärgsten verleumdet hatte, wußte ich schon, was ich davon denken sollte. Es versteht sich übrigens von selber, daß ein ganzes Heer von adeligen und unadeligen Menschen, die Meiner bedurften, mir schmeichelten und daß selbst die hohe Noblesse, wenn ich Gastereyen, Bälle oder dergleichen gab, wie ich zuweilen die Thorheit beging, um meinem Hause Ehre zu machen, es sich ganz vortrefflich bey mir schmecken ließ und nichtsdestoweniger hinter meinem Rücken her über mich lästerte. Meine Frau rieth mir daher immer, diese Leute gänzlich laufen zu lassen und meine Höflichkeit nicht an Undankbare zu verschwenden, aber meine rasende Eitelkeit ließ das nicht zu. Dabey war ich ein Mäcenat und Beförderer aller Wissenschaften und Künste, hatte die Schwachheit, von meinen ehemals herausgegebnen Schriften mit Gelehrten zu reden, die mich mit ihrem Lobe zum Besten hatten. Man dedicierte mir allerley Schriften. Unter meinen Auspiciis wurden zwey Academien, nach dem Beyspiele größerer teutscher Höfe, errichtet, die jährlich die lächerlichsten Preisfragen aufgaben: z. B. »Ob bey uns nicht die Schiffahrt in Aufnahme zu bringen seyn möchte?« da doch jedermann wußte, daß außer einem paar kleinen Flüssen, die im August beynahe trocken wurden, auch nicht ein einziges beträchtliches Wässerchen im ganzen Lande war. Ferner: »Wie man es anfangen könnte, alle Menschen dauerhaft zum Guten zu vereinigen?« welches ebensoviel hieß als, wie man es angreifen müßte, sie von allen Leidenschaften zu befreyn; oder Jeden einzeln einzusperren; oder Jedem denselben Grad von Verstandskräften zu geben; oder alles Eigenthum, alles Privatinteresse aufzuheben; oder neue, kräftigre, moralische und vernünftige Bewegungsgründe zu erfinden, als alle Weise ältrer und neuerer Zeit bis itzt zur Besserung des Menschengeschlechts vorgetragen hätten. Mein gnädigster Herr fand aber ein inniges Vergnügen an diesen Academien, wohnte selbst den Versammlungen bey und ließ sich nicht selten von mir Reden aufsetzen, die er darin herlas. Es wurden einheimische und auswärtige Mitglieder aufgenommen, unter denen Einige kaum ihren Namen schreiben konnten. Auch wurde eine teutsche Gesellschaft errichtet, welche zu Vervollkommnung der Sprache Schriften herausgab, die auf jeder Seite von grammaticalischen Fehlern wimmelten. Mitten unter diesen Thorheiten (die Gerechtigkeit muß ich mir widerfahren lassen) veranlaßte ich doch auch manche nützliche Anstalt. Ich verbesserte den erzdummen Canzleystyl und die Curialien, in welchen Serenissimus von Sich selbst sagten: »daß Sie Sich etwas hätten allerunterthänigst vortragen lassen, allergnädigst gewillet wären« u. s. f., auch oft einen Mann ihren »Lieben«, »Getreuen«, » Festen « nannten, der im Grunde ein loser Lumpenkerl war. Diese Stylsverbesserung suchte ich in allen Departements durchzusetzen. So war z.B. das gewöhnliche Formular der Postkarten folgendes: » Hochedler, sonders Hochgeehrter Herr. Den Samstag war mit der Ordinari mein Jüngstes, hoffe guten Empfang und Bestellung. Seithero ist M. Hrn. Ordinari und Schreiben vom . . . mir den . . . wol zukommen, und sind alle dabey gewesene an ihr Gehör bestellet worden. Was jetzo hieneben gehet, und unten verzeichnet ist, wolle man ebenfalls sicher abgeben, und mich des Erfolgs unschwer nächstens berichten lassen. Womit Gott alles ergebend . . . den . . . Anno . . . Meines Hochgeehrten Herrns dienstwilliger Diener N. N. « Welch ein barbarisches Gewäsche! Und doch ist dies die getreue Abschrift einer noch jetzt in . . . gebräuchlichen Postkarte. Ich veränderte es. Überhaupt setzte ich die Posten auf einen andern Fuß und hatte den Grundsatz, daß sie so wie die Münze weniger eine Revenüe für den Herrn als eine Wohlthat für das Publicum seyn sollten, und daß es Jedem freystehen müßte, sich dieses Vortheils nach Gefallen zu bedienen oder nicht. Vormals hatte der Fürst auf seinen Reisen sich Bauerpferde vorspannen lassen, und wenn, bey dem übernatürlichen Jagen, eines davon fiel, dem armen Eigenthümer zwey Pistolen bezahlt; dieser Tyranney half ich ab. In der Hofküche und Kellerey waren vor meiner Zeit die ärgsten Betrügereyen eingerissen. Ich vermehrte die Besoldungen der Officianten und hemmte dagegen alles Stehlen und Abschleppen. Auch schränkte ich den Aufwand für die Tafel ein, und statt daß man mit übermäßigen, unnützen Kosten aus Treibhäusern und Mistbeeten dem Fürsten im Februar Kirschen, im September Spargel und im December grüne Erbsen geliefert hatte, ließ ich ihn nun, fest überzeugt, daß jeder Monat seinen ihm von der Natur bestimmten Reichthum hätte, im Mai, Junius und Julius Kirschen, Spargel und grüne Erbsen essen. Von einer andern und viel wichtigern Seite erleichterte ich die Unterthanen, soviel ich irgend konnte, suchte Viehzucht und Ackerbau bey ihnen emporzubringen, befreyete sie von den Erpressungen schelmischer Beamten und hätte wohl verdient, daß ich allgemein im Lande geliebt gewesen wäre. Aber auch dies Glück genoß ich nicht; denn da der Bauer oft sehr unsichre Nachrichten von dem hat, was in der Residenz vorgeht; da ich nicht allmächtig war, folglich nicht alles Böse hindern konnte und man doch unbillig genug verfuhr, alles von mir zu fordern; da ich viel Neuerungen zum Besten des Landvolks einführen mußte, welches gewöhnlich gegen alle Neuerungen eingenommen ist; da des Fürsten Hang zur Pracht manche meiner guten Absichten vereitelte; da endlich viele meiner Vorschläge, die ich nur aus Büchern geschöpft hatte, nicht anwendbar waren, folglich mißlangen, und niemand so viel Drang von Redlichkeit fühlte, mich zu warnen, weil mich, als einen Ausländer, beynahe Jeder beneidete und meinen Sturz wünschte, erlangte ich mit dem besten Willen nicht, was ich so sehnlichst wünschte, nämlich das Glück, im Lande geliebt zu seyn. Dazu kam, daß, als ich nachher wirklicher Staatsminister meines Fürsten wurde, welcher Unfall mir zu Ende des 1783sten Jahrs begegnete, und nun mehr Gewalt in meine Hände kam, ich zuweilen wider den Rath meiner sanften Frau etwas strenge und rasch durchfuhr, welches, sowohl als meine so schnelle Standeserhöhung, mich noch immer mehr dem Neide und der Critic aussetzte. Zwar handelte ich wissentlich nie ungerecht, aber oft hätte ich mit mehr Nachsicht zu Werke gehn können. So ließ ich unter andern einen Pfaffen, welcher sich in politische Händel mischte und wider seinen in der duldenden Lehre Jesu bestimmten Beruf Fürsten und Minister lästerte, zuerst zur Ruhe verweisen und ihm befehlen, daß, da Jeder im Staate seinen angewiesenen Gesichtspunct haben müßte, worauf er arbeiten sollte, er den seinigen nicht aus den Augen verlieren möchte, welcher darin bestünde, gute Grundsätze von Religion und Tugend zu lehren , übrigens aber den Vorstehern der Gesetze zu überlassen, die Übertretung zu ahnden . Da aber diese Vermahnung nicht helfen wollte und er immer fortfuhr, zu schmähen, veranlaßte ich, daß ihm angedeutet wurde: Weil es schiene, als wenn er mehr Beruf zu Regierungs- als geistlichen Geschäften hätte, habe ihn Serenissimus seines Predigeramts entsetzt und ihn dagegen – zum Pedellen bey der Regierung ernannt. Meinen Herrn aber suchte ich auf alle Art zur Liebe und Güte gegen sein Volk zu stimmen und sagte ihm bey jeder Gelegenheit: daß ihn Gott nur als Verwalter der ihm anvertraueten Provinzen auf den Fürstenstuhl gesetzt hätte; daß das Vermögen, die Ruhe und das Glück seiner Unterthanen Pfänder wären, von welchen er einst Rechnung ablegen müßte; daß er nicht das geringste Eigenthumsrecht darauf hätte und daß, wenn ihn itzt Impunität, Gewohnheit des Volks an Sclaverey und das Beyspiel größerer Tyrannen gegen alle Empörung und Rechenschaftsforderung sicherten, er doch einmal vor einem Gerichte würde erscheinen müssen, vor welchem nur die Unschuld seines Herzens, das Zeugnis seines Gewissens und das Register seiner edlen Thaten, deren keine unaufgezeichnet bliebe, dem Urtheile über ihn eine günstige Wendung geben könnten. Außer diesen Bewegungsgründen malte ich ihm noch mit Wärme ein Bild von der Glückseligkeit vor, die man durch Wohlthun erlangt; zeigte ihm dagegen das Nichtige, Ekelerweckende derjenigen Freuden, in welchen er sich bis dahin berauscht gehabt hatte; munterte ihn auf, die Wonne zu schmecken, mit der man am Abend eines Tages die Augen schließen könne, wenn dieser Tag dem Wohl von so viel Tausenden gewidmet gewesen wäre; redete mit Enthusiasmus von der Seligkeit eines Mannes, der Gelegenheit hätte, seine Kräfte so nützlich zu verwenden, indem er an dem Heile seiner Brüder arbeitete, und sagte ihm, wie ruhig Derjenige schliefe, für den die segenvollen Gebethe getrösteter Unglücklichen, erquickter Armen und gerechtfertigter Unterdrückten dankbar zum Himmel aufstiegen. Ich bemühete mich, ihn mit dem Elende vertraueter zu machen. »Sie sind der Arzt«, sagte ich ihm oft, »und der Arzt, dem es ein Ernst ist, zu helfen, muß den Schaden mit eignen Augen sehn.« Mit innigster Freude nahm ich wahr, daß alle solche Lehren von ihm gut aufgenommen wurden. Noch nie hatte man mit ihm aus diesem Ton geredet; aber er fühlte die Kraft der Wahrheit. Wenn ich dann bey einer häuslichen Mahlzeit im vertraueten Familiencircel mit meiner Frau und mit Reyerberg von meinen Bemühungen, den Fürsten menschlicher zu machen, sprach, umarmte mich oft meine Gattin mit Thränen in den Augen und dankte dem Allmächtigen, daß er mich in die Lage versetzt hätte, so viel Gutes zu wirken. Nur Ludwig schüttelte den Kopf und pflegte zu sagen: »Herr Minister! Herr Minister! das Ding hat gewiß keinen Bestand.« Viertes Capitel Fortsetzung. Der Fürst hat gute Entschlüsse. Des Herrn Ministers von Clausbach Excellenz bekommen einen Orden und gehen mit ›Serenissimo‹ auf Reisen. »Das Gute wirkt langsam«, dachte ich, »und wie ist es möglich, daß ein Mensch, der von seiner ersten Jugend an, bey so fehlerhafter Erziehung, von Schmeichlern und bösen Buben umgeben, nichts wie schlechte Grundsätze eingesogen hat, bey dem endlich diese Grundsätze durch Gewohnheit in der Ausübung zum Bedürfnisse geworden sind, sich nun auf einmal so umschaffen ließe? Aber es wird schon mit der Zeit Wurzel fassen – Also nicht verzweifelt, mein lieber Peter!« In der That bemerkte ich oft bey meinem Herrn unwillkürliche Aufwallungen, die mir viel Gutes versprachen. Einst, als ich mit ihm vor einem neuen Canzleygebäude, das wir aufführen ließen, vorbeyging, verweilte er und sah das Wappen, welches über dem Haupteingange stand, aufmerksam an. Endlich sagte er: »Ich wollte, daß die Vorfahren der Fürsten ihren Raubthieren statt Donnerkeilen und Schwertern Herzen und Waagschalen in die Klauen gegeben hätten.« Ein andermal fanden wir bey einem Spaziergange einen kranken, lahmen Menschen, dem seine Krücke zerbrochen war, ohnmächtig vom Falle, hilflos vor der Thür eines herrschaftlichen Gartens liegen. Es regnete ein wenig, und wir hatten Überröcke an. Der Fürst warf seinen Mantel ab und bedeckte damit den Leidenden, indes er seinen Läufer fortschickte, Hilfe herbeyzuschaffen. Freylich würde jeder andre gute Mann, nach Verhältnis seines Vermögens, ebensoviel gethan haben; aber von einem Prinzen war das immer viel Menschlichkeit, auch erschien die Erzählung dieser That in mancher Zeitung. Es wurde ferner ein großes Theil des unnützen Militairs abgedankt, damit dem Lande nicht so viel gesunde Arme entzogen würden, welche in der Residenz zweckloses Spielwerk trieben. Ja! der Fürst war einmal im Begriff, meinem Vorschlage zu folgen, die Kleidung der noch übrigen Regimenter natürlicher und bequemer einzurichten und über die Thorheit, geputzte Maschinen herumlaufen zu haben, hinauszugehn. Sie sollten nämlich Alle die Haare rund und kurz abgeschnitten tragen, welches sowohl wegen der Reinlichkeit als Geschwindigkeit beym Ankleiden bequem gewesen seyn würde. Sodann wollte man ihnen kleine Stiefel, lange Hosen, kurze Camisöler, Mäntel, runde Hüte, vorn mit einer Sonnenklappe und an den Seiten mit einem umlaufenden Kranze, geben, den man bey schlechtem Wetter hätte hinunter und über die Ohren ziehn können. Die Sache kam dennoch nicht zu Stande, sowie es überhaupt nicht an Leuten fehlte, die manche gute Zwecke durch eine lächerliche Wendung, welche sie der Sache gaben, oder auf andre Art vereitelten. Der Dame Novanelle aber muß ich das Zeugnis geben, daß sie mir zu Ausführung dergleichen edler Absichten behilflich war, wenn ich übrigens nur dafür sorgte, daß ihr Oeconomicum nicht bey solchen Reformen litt. Allein das Haupthindernis bey allen guten Entwürfen war der nie dauerhaft auszulöschende Hang des Fürsten zur Pracht, zum Glanze und zu rauschenden Freuden, wobey ich dann zu meiner Schande bekennen muß, daß bey Unternehmungen, welche dahin abzielten, sobald ein Theil dieses Glanzes mit auf meine wertheste Person zurückfiel, ich nicht Stärke genug hatte, mich diesen Thorheiten zu widersetzen. So fiel es unter andern meinem Monarchen zu Anfang dieses 1784sten Jahrs, kurz nachher, als ich Minister geworden war, ein, einen Ritterorden zu stiften, wobey er behauptete, vorzüglich darauf Rücksicht zu nehmen, daß er wünschte, ich möchte ein öffentliches Zeichen seiner Freundschaft zu mir auf der Brust tragen. Ich weiß nicht, welcher tolle Dämon ihm den Gedanken eingegeben hatte, zu dem Zeichen dieses Ordens ein so sonderbares Medaillon zu wählen – Genug! es wurde der Orden vom blauen Hering errichtet, und ich war der Erste, der ihn bekam. Meine Frau pflegte in ihrer scherzhaften Laune zu sagen, sie begreife nicht, welche Analogie zwischen einem blauen Heringe und den Verdiensten eines Cammerpräsidenten wäre, oder wie ein eingesalzener Seefisch typus seyn könnte, das Verdienst eines Ministers zu bezeichnen. Ich trug indessen nicht ohne heimlichen Kitzel meinen Stern und mein Band, obgleich Freund Ludwig sich des Lachens nicht enthalten konnte, als ich zum erstenmal damit erschien. Zugleich zeigte ich mich aber auch bey dieser Gelegenheit in einem ziemlich vortheilhaften Lichte, welchen Umstand ich meinen Lesern als ein treuer Geschichtschreiber auch nicht verschweigen will. Es war nämlich des Fürsten Absicht, den Präsidenten bey Ernennung der Ritter zu übergehn, denn Dieser war seit einiger Zeit noch mehr aus seiner Gunst verdrängt worden. Nun hätte ich, wenn ich der Rachsucht Gehör gegeben hätte, wohl nicht Ursache gehabt, mich des Herrn von Mehlfeld anzunehmen. Aber es ist doch süß, seine Widersacher in warme Freunde umzuschaffen oder, wenn das nicht angeht, sich wenigstens durch Wohlthaten an ihnen zu rächen. Ich habe zwar von jeher in mir einen kleinen Hang zu unedler Rachsucht gefühlt, allein zwey Dinge haben mich immer sogleich wieder entwaffnen und jede solche Aufwallung in mir ersticken können, nämlich: wenn entweder mein Beleidiger nur Einen ersten Schritt zur Versöhnung that oder wenn er unglücklich und verlassen war und meines Schutzes bedurfte – Dann litt ich nie, daß Andre seine unangenehme Lage zu seinem Schaden nützten. Er fand an mir immer einen Vertheydiger, und das war itzt der Fall mit meinem Feinde. Ich wirkte also dem Herrn Präsidenten von Mehlfeld bey dem Fürsten nicht ohne Mühe die Erhaltung des Ordens aus, und Jener erfuhr vielleicht nicht einmal, wem er dies zu danken hatte. Während ich nun auf der höchsten Staffel nichtigen Glücks stand, hatte mein Herr den Gedanken gefaßt, eine Reise in fremde Länder zu machen. Er beschloß, mich mit sich zu nehmen, und außer mir waren noch der Oberschenk, ein leerer, windvoller Hofmann, sodann ein gewisser Cammerherr und Obristlieutenant von Reifenstrauch, ein gutes, unschädliches Geschöpf, und endlich ein junger Mensch, der Graf Löhfeld, den ich als Cammerjunker in den Dienst gebracht hatte und von dem wir hernach noch mehr hören werden, von der Gesellschaft. Ich hätte es leicht veranstalten können, daß man auch Reyerberg mitgenommen hätte; allein theils schien ihm selbst nicht sehr damit gedient zu seyn, denn er war des Reisens müde und unterwarf sich auch ungern dem Zwange, der im Gefolge eines Fürsten unvermeidlich ist, theils mochte ich nicht, daß man mir Schuld gäbe, ich packte, wie man es in der Hofsprache nennt, alle meine Creaturen mit auf. Auch war mir viel daran gelegen, während meiner Abwesenheit einen treuen Freund in der Cammer zurückzulassen, und der zugleich meiner lieben Gattin ein Gesellschafter und Rathgeber wäre. Der Endzweck der Reise schien sehr nützlich. Der Fürst wollte die Einrichtungen in fremden Provinzen und Ländern kennenlernen, um daraus Kenntnisse für sich zu sammeln. Wir sollten erst durch einen großen Strich von Teutschland fahren, sodann nach Frankreich gehn und zuletzt durch den Elsaß und die Rheingegenden zurückkehren. Allein wer je Prinzen hat reisen gesehn, dem wird es nicht einfallen zu glauben, daß sie in der That mit der Innern Verfassung der Länder, welche sie durchstreifen, bekannt werden könnten. Wenn man in drey Kutschen durch die Städte und Dörfer hinrollt, sich den Namen irgendeines Grafen oder Edelmanns gibt, indes die Lakayen den Wirthen im Vertrauen sagen, ihr Herr sey der Fürst, Herzog oder König von . . ., welcher incognito reise, und sich dann ein Haufen müßiger, angaffender Menschen vor die Posthäuser drängt und den großen Herrn wie ein Wunderthier aller Orten verfolgt, so daß er nirgends unbekannt hinschleichen und ruhig beobachten kann; wenn man in den Hauptstädten nur die Cabinette, Galerien, Kirchen, Schauspielhäuser und Gärten durchrennt und wenn man Gesellschaften besucht, sich nicht unter diejenigen Stände mischt, die eigentlich noch National- oder Provinzialgepräge haben, sondern in den Circeln der Noblesse sich herumtreibt, die beynahe in einem Lande wie in dem andern aussehen – Wie sollte es da möglich seyn, Kenntnisse, wahre Kenntnisse von den innern Landesverfassungen einzusammeln? Überhaupt bin ich sehr davon zurückgekommen, mich auf die Nachrichten zu verlassen, welche Reisende aufzeichnen. Auf welche Art sollen diese die Wahrheit der Erzählungen prüfen, welche ihnen von den Einheimischen zukommen? Nicht immer haben sie das Glück, an unpartheyische Leute zu gerathen, und diese unpartheyischen Leute haben nicht immer die genauesten Kenntnisse, sind nicht immer feine Beobachter, können auch nicht beobachten, wenn sie nicht selbst in Staatsgeschäften verwickelt sind. Sind sie aber das, so bleiben sie selten unbefangen, sondern gehören entweder zu der herrschenden oder zu der gedrückten Parthey, deren es fast in jedem Lande gibt. Ist das Erstere, so werden sie für alle Schritte der Regierung eingenommen seyn; ist aber das Letztre, so hüte man sich noch mehr vor ihren Nachrichten. Fast aller Orten findet man eine solche Rotte von Malcontenten, die, weil sie eine hohe Meinung von sich haben, welche nicht immer den Ministern einleuchten will, sich gedrückt glauben, und weil sie unvorsichtig handeln und desfalls zuweilen auf die Finger geklopft werden, sich Kämpfer für die gute Sache nennen. Dem sey nun, wie ihm wolle! Wir zogen mit dem festen Entschlüsse ab, hundertmal klüger zurück nach Hause zu kommen, wie wir ausgereiset wären, und verließen im März dieses Jahrs die Residenz. Fünftes Capitel Bemerkungen und Begebenheiten auf der Reise. Nach dem, was ich eben über die Bemerkungen, welche Reisende machen, gesagt habe, werden meine Leser, hoffe ich, mir zutrauen, daß ich sie nicht mit denen, welche wir einzeln aufsammelten, heimzusuchen und überhaupt hier keine weitläufige Beschreibung unsers Zuges zu liefern die Absicht hege. Da wir übrigens gleich anfangs ausgemacht hatten, daß Jeder von uns ein Journal führen sollte, auch vom Fürsten bis auf den Cammerdiener Jeder in seinem Departement angewiesen war, welche Gegenstände ihm vorzüglich zu beobachten oblägen, und endlich dieser ganze Schatz von Beobachtungen gegenwärtig in meinen Händen ist, so könnte es leicht noch kommen, daß, wenn mich einmal wieder die Autormanie befiele, ich den ganzen Bettel auf Pränumeration herausgäbe. So viel kann ich Sie indessen versichern, daß wir die Menschen aller Orten gleich fanden – Ein narrisches Volk, wahrhaftig! In ewigem Streite um Kleinigkeiten; miteinander, gegeneinander, durcheinander wirkend; in unbestimmter Thätigkeit; in unaufhörlichem Widerspruche mit sich selber; Tugend wollend und Bosheit ausübend; Wahrheit suchend, Wahrheit verwerfend; die Stecknadel aufhebend und den Ducaten mit Füßen tretend; bauend, um niederstürzen zu dürfen; sich einander zerreißend, um dann die Stücke wieder zusammensuchen zu können; wie die Kinder von erdichteten Begebenheiten gerührt und bey wahrhaften Unglücksfällen kalt; weinend bey einem Roman, aber gleichgültig den Jammer von Messina im Calender lesend; Herr seines Schicksals und doch murrend über das Werk seiner Hände; nie zufrieden mit seinem Zustande; suchend, was es hier unten nie finden kann; begehrend, was es nicht hat; seyn wollend, was es nicht ist; strebend nach dem, was ihm nicht nützen kann. Da will der kleine Graf den Kaiser spielen, und Kaiser und König möchten lieber leben wie Bürger; der Gelehrte trägt gern einen Rock, der einer Uniform ähnlich sieht, und der Officier Cavalierskleider, der Geistliche bunt und der Weltmann ein clericalisches Gewand; der Pfarrer sammelt Insecten, und der Arzt liest Kirchenväter. Der Eine speist bey Tische die besten Brocken zuerst vom Teller weg, der Andre sucht die Kastanien aus dem braunen Kohl heraus, legt sie auf die Seite und spart sich den Genuß auf; und Jeder raisonniert darüber und behauptet, daß Er Recht habe. »Ich verlängre meine Freuden«, sagt Hans, »indem ich die Kastanien erst lange vorher mit Vergnügen anschaue und endlich speise.« »Ich nütze den Augenblick«, sagt Fritz, »weil ich noch Hunger habe und noch lebe.« – »Meinetwegen thut, was Ihr wollt, nur schlaget Euch nicht um die Meinungen«, sagt der Minister, Peter Claus von Clausbach. – Arme Narren! Lasset uns doch Geduld haben Einer mit dem Andern! Ich trage meine Kappe mit Freuden, mag sie keinem Andern abreißen, auch die meinige niemand aufhängen. Doch wohin gerathe ich? Das alles wissen Sie ja ebensogut. Es ist nun einmal unter dem Monde nicht anders. Wir wollen es in Gottes Namen also seyn lassen. Zur Abwechselung will ich Ihnen aber noch allerley erzählen, was uns unterwegens begegnete. Wir reisten durch mein hannoversches Vaterland und kamen bey dem Thore des Städtchens Pattensen vorbey. An der Kutsche, darin ich mit dem Fürsten saß, zerbrach etwas, und wir mußten über sechs Stunden lang liegen bleiben. Ich nützte diesen Zwischenraum, um den Fürsten zu bitten, mir zu erlauben, nach Eldagsen zu fahren. Warum? darüber erklärte ich mich gegen ihn nicht deutlich. Doch Sie wissen, meine Herrn und Damen, es war mein Geburtsort, und der Geburtsort hat so etwas Anziehendes, das sich nun freylich besser empfinden wie beschreiben läßt. Wenn man sich da zurückdenkt, in jene unschuldig glücklichen Jahre der Kindheit, wo das harmlose Gemüth noch von keinen Nahrungssorgen gedrückt, von keiner der unzähligen Leidenschaften, Begierden, Bedürfnisse und Wünsche, die nachher unser Elend bauen, in Aufruhr gebracht wurde; wo noch kein mißlungner Plan, keine betrogne Hoffnung, kein untreuer Freund, kein schelmischer Bube, kein leichtsinniges Mädchen unsre Ruhe untergraben hatte; wo noch nicht das Andenken an so manche ausgestandne Leiden noch die Furcht vor künftigem Gram uns den Genuß der Lebensgüter verbitterte; wo noch nicht Abnahme der geistigen und körperlichen Kräfte uns jeden Augenblick an die Vergänglichkeit und Nichtigkeit der irdischen Freuden erinnerte und keiner dieser traurigen Eindrücke den glücklichen Unwissenden mit Sehnsucht nach einer bessern Welt erfüllte – Nein! wo, versunken in den Genuß des Gegenwärtigen, noch eine weite lachende Aussicht von freudenvoller Zukunft, in dem herrlichsten Lichte, mit lebhaften Farben vor unsern Augen dastand – Wenn man sich da herumtummelte auf seinem Steckenpferdchen, das keinen willkürlichen Sprung machte, sondern treulich folgte, durch Dick und Dünn, ohne hintenauszuschlagen, wohin man es auch zog – Ach! lachen Sie nicht, Monsieur! Sie werden ja das auch wohl schon einmal in Ihrem Leben empfunden haben. Oder fehlt Ihnen der Sinn dafür – Was hilft es dann, daß ich viel davon schwatze? – Also zur Sache! Ich kam nach Eldagsen und sah nicht ohne Rührung die Hütte und das Gärtchen meines Vaters – jetzt in fremden Händen – Ich sah, wie sich hier alles in dreyßig Jahren verfeinert, cultiviert und corrumpiert hatte, wie der Luxus gestiegen war; wie die Mädchen nicht mehr freundlich und treuherzig mit dem Kopfe nickten, sondern, als ich mit meinem Orden vom blauen Heringe vorüberging, mir eine französisch-teutsche Verbeugung machten. Es lebte von meinen Verwandten noch der einzige Sohn meines Oheims, des Bürgermeisters und Apothekers Dromeyer, aber er war gänzlich verarmt. So wenig Beruf ich nun fühlte, mich ihm und Andern zu erkennen zu geben, so hätte ich ihm doch gern etwas zugut gethan, nur wußte ich es nicht recht anzugreifen. Als ich noch darüber nachdachte, ging ich vor dem Rathhause vorbey (das in Amsterdam ist schöner, auch größer). Es fiel mir ein, die Anschlagzettel am schwarzen Brette zu lesen, und da fand ich dann, daß: Peter Claus, von mittlerer Größe, mager von Statur, mit etwas einwärts gebognen Knien und röthlich blonden Haaren (das Lumpengesindel! wie sie mich da abmalten!), gebogner Nase, großen blauen Augen u. s. f., vor etwa dreyßig Jahren das Land verlassen und sich seit dieser Zeit nicht wieder in demselben habe betreten, auch nichts von sich hören lassen, nach dreymaliger Citation nunmehro zum letztenmal vorgeladen werde, eine gewisse Erbschaft von der alten verstorbnen Jungfer Catharina Tütgenmüller, welche deductis deducendis und nach Bezahlung der clausischen väterlichen Schulden 125 Rthlr., 17 Mariengroschen und 3 Pfenninge betrüge, in Empfang zu nehmen oder aber zu gewärtigen, daß besagter Nachlaß seinem Vetter, Jost Heinrich Dromeyer, als nächstem Erben verabfolgt werden würde – »Desto besser!« rief ich aus. »Ich will mich gewiß nicht melden; so hat doch der arme Schlucker auch einmal einen fröhlichen Tag.« Wie konnte auch der Ritter vom blauen Heringe sich um die geringe Erbschaft einer alten Jungfer melden? – Als ich gegen Abend nach Pattensen zurückkam, fand ich, daß indes der Kammerdiener des Fürsten eine comische Beschreibung dieses Städtchens, in welchem mein gnädigster Herr und sein Gefolge, ich bekenne es, die Stunden nicht eben sehr kurz gefunden, aufgesetzt hatte. Hier ist zur Probe der Anfang dieses Manuscripts: »Pattensen soll, wie Büsching versichert, ehemals Pattenhusen geheißen haben. Da der alte Name weit länger wie der jetzige ist, so steht zu vermuthen, daß diese in der That gegenwärtig nicht sehr glänzende Stadt ehemals viel größer gewesen seyn müsse und man den Namen abgekürzt habe, als der Ort kleiner geworden, aus Bescheidenheit, um keine großen Erwartungen bey Reisenden zu erregen. Die Unsrigen wurden wirklich äußerst mäßig, sobald meines gnädigsten Herrn Durchlaucht nebst Suite in den besten Gasthof zur Leuchte eintraten und denselben nicht allerdings mit den größten Bequemlichkeiten versehn fanden. Da für das Gefolge des Fürsten außer dem ziemlich sauren weißen Bier und dem in Lübeck verfertigten Franzweine sich kein genießbares Getränk fand, eilte ich nebst dem Friseur Jaques la Marque in die Apotheke, und ließen wir uns daselbst zwey Gläser voll einfachen Kümmelaquavit reichen (vom doppelten war grade damals nichts vorräthig). Besagte Apotheke liegt an einem etwas unfreundlichen Platze, welcher aber, wenn er von schönen Häusern umgeben (das Rathhaus ist doch eines der ansehnlichsten darunter), sehr viel größer, gut gepflastert und etwa mit einem Springbrunnen oder dergleichen versehn wäre, gewiß einer der vorzüglichsten in Teutschland seyn würde. Wir besahen gleich darauf die naheliegende Kirche. Wäre diese von beträchtlich größerm Umfange und besser gebauet, so würde sie den berühmtesten Domkirchen nichts nachgeben. An dem Thurme, welcher in ganz eignem Geschmacke aufgeführt, mit keiner Spitze geziert ist und fast zu niedrig scheint, fiel uns der Mechanismus von zwey Wetterhähnen in die Augen, die, welches gar curios anzusehn ist, sich jedesmal umdrehen, sooft der Wind sich verändert. Es fügte sich grade, daß der Stadtmusicus ein geistliches Lied vom Thurme herabposaunte, und es gereichte uns nicht zu geringer Freude, zu bemerken, daß, da er vermuthlich gegenwärtig mit keinem Gehilfen versehn ist, er sein Amt auf das treueste allein in seiner Person versah, so daß wirklich seine Backen, wie man es gar eigentlich wahrnehmen konnte, vor Diensteifer pechbraun wurden. Nachdem wir auch die Parade hatten stellen gesehn, welches im Grunde nicht viel Zeit wegnahm, trieb mich die Neugier, die in Büschings Erdbeschreibung angezeigten fünf adligen Güter in Augenschein zu nehmen. Hier muß ich aber sagen, daß es uns sehr leid that, die schönen Schlösser der Gutsherrn nebst den Haushaltungsgebäuden nicht bewundern zu können, welches hauptsächlich von dem Umstände herrührte, daß dergleichen zur Zeit nicht vorhanden, sondern in den leidigen heillosen Kriegsjahren verbrannt und verwüstet sind, doch ließen sich noch die Plätze bemerken, wo besagte Gebäude gestanden haben sollten. Nur Ein Gut fanden wir in vollkommnem Stande, und wenn die Wohn- und ökonomischen Häuser auf selbigem nicht massiv gebauet waren, so mag dies daher rühren, daß etwa die Steine daselbst rar sind, welches ich schon in mehr Gegenden von Teutschland bemerkt zu haben glaube. Der Besitzer dieses Guts sowie einiger andern, welche in der Nachbarschaft liegen sollen, hatte, wie es unter Cavalieren Sitte ist, von seinen Vorfahren beträchtliche darauf haftende Schulden geerbt, welche aber in seiner Abwesenheit, seit neunzehn Jahren, unter der strengsten Aufsicht der Justitz von den Revenüen abbezahlt werden. Er selbst soll, wie ich hörte, die freudenvollen Aussichten, welche ihm diese Einrichtung eröffnet, in fremden Provinzen abwarten, woselbst er aber auf einen gar zu bürgerlichen, einfachen Fuß mit seiner Familie, fern von seinem Vaterlande, als ein Fremdling, mäßig, ein wenig kränklich, aber zufrieden lebt, dabey allerley unnützes Zeug treibt, seine Kinder selbst unterrichtet, Bücher schreibt, viel reist und sich um seine Güter gar nicht bekümmert, welches manchen Leuten sonderbar scheint, doch aber wohl seine Ursachen haben mag.« Nur getrost, liebe Leser! Wir wollen es zwar bey dieser Probe bewenden lassen; wenn ich aber erst unsre vollständigen Reisejournale herausgebe, dann sollen Sie den ganzen Aufsatz über Pattensen in extenso haben nebst einem saubern, in Kupfer gestochenen Plane der ganzen Gegend, um welchen ich wirklich an jemand aus dem dortigen Magistrate geschrieben habe. Übrigens reisten wir, sobald der Wagen hergestellt war, weiter. Sechstes Capitel Fortsetzung. Allerley Abentheuer. Soviel ich konnte, suchte ich den Fürsten während der Reise auf solche Dinge aufmerksam zu machen, welche sonst große Herrn selten sehen. Solange wir Teutschland durchstreiften, ließ ich ihn bemerken, welche Verschiedenheiten unter den Regierungsarten unsrer Prinzen herrschen; wie so manche unter ihnen in einem kleinen unbedeutenden Ländchen durch weise, väterliche und haushälterische Anordnungen sich den Wirkungskreis ihrer Wohlthaten erweitern, bey ihren Unterthanen Segen und Liebe und auswärts Ruhm erwerben, indes andre, weit Größere, durch Faulheit, Sorglosigkeit, Inconsequenz ihrer Handlungen, schlechte Auswahl ihrer Freunde, Mangel an Grundsätzen und elende Öconomie trotz ihres Ehrfurcht erzwingenden Despotismus wie schwache Menschen verachtet, ausgeschrien und in Büchern der Nachwelt preisgegeben werden. Ich spottete über den falschen Flitterglanz der Hofhoheit aller Orten, wo wir dergleichen antrafen. Er hörte alles an, lachte mit, sah den Splitter in seiner Herrn Collegen Augen und sagte mit dem Pharisäer: »Ich danke Dir, Gott! daß ich nicht bin wie andre Leute« – Es war verlorne Mühe; ich wurde am Ende des Predigens müde und auch nach und nach an den Anblick aller dieser Thorheiten gewöhnt. Dazu kam, daß keiner von den übrigen Reisegefährten mich in meinen Bemühungen unterstützte. Wir zogen daher durch manche Stadt, ohne etwas anders wie Schauspiele, Wachtparaden, Bälle und Processionen gesehen zu haben, und in des Fürsten Journal, wovon er mir zuweilen etwas vorzulesen die Gnade hatte, standen gewöhnlich nur Bemerkungen über Gebäude, Theatereinrichtungen, Parforcejagduniformen, englische Gärten und dergleichen notiert, die er bey seiner Zurückkunft zu Hause einführen und nachahmen wollte – Mir standen die Haare zu Berge, wenn ich dachte, was das kosten würde. Weil wir eben von englischen Gärten reden, so kann ich nicht verschweigen, welche närrische Anlagen von der Art ich in Teutschland antraf. Ich sah deren einige, wo man die Natur gemißhandelt hatte, um auf kleine Plätze ganze Landcharten in nuce aufzutragen. Berge, zwischen denen, wenn man nicht die Rockschöße fest an sich drückte, man Gefahr lief, steckenzubleiben, und Flüsse, in welchen ein großer Hecht, den man hineingesetzt hätte, durch einen ausdrücklich dazu besoldeten Menschen jedesmal bey dem Schwanze wieder hätte zurückgezogen werden müssen, wenn er am Ende gewesen wäre, und sich nun nicht hätte umdrehn können, ohne die am Ufer stehenden indianischen Paläste über den Haufen zu stürzen. Meine Bemerkungen gingen aber mehrentheils nur auf Beobachtungen der Sitten und Character der Menschen. Dies ist immer mein Lieblingsstudium gewesen. Der Anblick des kostbarsten Edelgesteins, des ausländischen Gewächses, das Lesen des unterrichtendsten Buchs oder die Bewunderung des herrlichsten Kunstwerks sind mir nie halb soviel werth gewesen wie das Leben mit Menschen; und aus Einer Stunde, mit einem Thoren oder Pinsel hingebracht, habe ich doch oft mehr Nutzen geschöpft wie aus zwanzig Bogen, von einem Weisen geschrieben. Wehe Dir, wenn je ein Mann von Dir ging, ohne daß Du etwas von ihm gelernt hattest! Als wir in . . . waren, wo wir acht Tage lang blieben, ging ich gewöhnlich des Morgens gegen sieben Uhr spazieren und oft vor einem Hause vorbey, in welchem ich jedesmal um eben dieselbe Zeit ein klägliches Gewinsle hörte. Dies machte mich äußerst neugierig, und ich wendete mich desfalls an jemand, der sehr bekannt in der Stadt war, beschrieb demselben das Haus und bat ihn, sich zu erkundigen, was für eine Art Leiden hier so periodisch herrschte. Der Mann lächelte und half mir sogleich aus dem Traume. »Dort wohnt«, sagte er, »der Legationsrath Sanderstein, ein Mann, der ein Jahr in England zugebracht hat und dabey ein großer Verehrer von Rousseaus Erziehungsmethode ist. Diese will er dann auch mit Gewalt in seinem Hause einführen. Unglücklicherweise aber sind seine Kinder von sehr schwächlicher Leibesbeschaffenheit; doch nimmt er darauf keine Rücksicht. Des Morgens, wenn Sie die armen Dingerchen haben klagen gehört, war grade die Stunde, wo das ganze Haus gewaltsam in kaltes Wasser gesteckt und gebadet wurde. Man hört im Winter oft bis in das dritte Haus das Geschrey und Zähneklappern der Frierenden, und das ganze Jahr hindurch ist die Familie enrhümiert« – Sonderbar genug! Was man nicht alles auf Reisen zu sehn und zu hören bekömmt! In allen großen und kleinen Städten, durch welche wir reisten, glaubte der Adel, ein Recht zu haben, uns Langeweile zu machen. Er drängte sich, sobald er unsre Ankunft erfuhr, um den Fürsten herum und belagerte denselben dermaßen, daß es nicht möglich war, andre verdienstvolle Männer, z.B. große Kaufleute, Fabricanten, Künstler u.d.gl., von denen wir hätten etwas lernen können, aufzusuchen. Dies gefiel mir gar nicht. Wir bemerkten, daß auch in den kleinsten Provinzialstädten sich die Stände auf eine so lächerliche Weise absonderten und drey Häuser von der sogenannten Noblesse lieber täglich zusammen gähnten und spielten, als daß sie sich in dem angenehmen Umgange schätzbarer bürgerlicher Personen unterrichtet hätten. Diese Erbärmlichkeit fiel uns auch in den Reichsstädten auf. Hier, wo in der That mehrentheils in den Häusern der Kaufleute nicht nur der größte Reichthum, sondern auch die feinste Cultur, der beste Geschmack und die edelste Gastfreundschaft herrschten, rissen sich doch die adligen, oft sehr dürftigen Familien von jenen Verbindungen los und machten einen Circel vor sich aus, in welchen sie alle angesehenen Fremden hineinzuziehn trachteten, um sie an ihrer Langenweile Theil nehmen zu lassen. Ja! wenn man es genau untersuchte, bestand der größte Theil dieser Noblesse aus Leuten, die entweder, wie der Minister Claus von Clausbach, erst seit kurzer Zeit das Recht erkauft hatten, drey Buchstaben mehr vor ihre Namen zu setzen, oder deren Mütter vielleicht grade aus einer der Handlung treibenden Familien waren und durch ihren reichen Brautschatz ihre hochadligen Gatten in den Stand gesetzt hatten, mit einigem Anstände zu leben. Da mein gnädigster Herr seine neu errichteten Academien nie aus den Augen verlor, versäumten wir auch nicht, in den verschiednen Örtern die Gelehrten und Schriftsteller zu besuchen. Aber mein Gott! was für Leute lernten wir da zuweilen kennen! Ich weiß wohl, daß es eine unbillige Forderung ist, zu verlangen, daß ein Mann, der sich durch seine Schriften Ruhm erworben hat, wenn man ihn vielleicht zu einer Stunde spricht, wo er kränklich, zerstreuet oder voll böser, hypochondrischer Laune ist, welches alles wohl Gelehrten öfter wie anderen Menschen widerfährt, daß, sage ich, die Leute alsdann von einem solchen Manne fordern, daß er nichts wie Sentenzen und erhabne, neue, außerordentliche Sachen reden soll. Überhaupt erheischt man von einem großen Manne zuviel, wenn man verlangt, er solle alles, auch die gemeinsten Dinge, auf eine ausgezeichnete Weise thun. Man erwartet ja von einem Ballettmeister nicht, daß, wenn er auf der Gasse geht, er immer pas de bourré, glissades, tortiliers, pirouettes u.d.gl. mache. Dazu kömmt, daß wirklich ein Schriftsteller von einigem Rufe täglich der Ungemächlichkeit ausgesetzt ist, von allerley Menschen überlaufen zu werden, die ihn nicht immer sehr interessieren, mit denen oft nicht ein gescheites Wort zu reden ist, die ihn wohl recht zu ehren glauben, wenn sie ihm platte Schmeicheleyen an den Hals werfen, oder die sich selbst in vortheilhaftem Lichte zeigen wollen, damit er ihnen etwas Verbindliches sage und sie sich hernach der Freundschaft eines großen Mannes rühmen dürfen. Von einer andern Seite aber gibt es dann auch leider! Gelehrte, welche im Privatleben unerträgliche Geschöpfe sind, und deren trafen wir eine ziemliche Anzahl auf unserm Wege an. Einige waren in ihrem häuslichen Wesen entweder so unsittlich oder so unordentlich, zwecklos, schmutzig oder böse Wirthe, schlechte Hausväter, daß man versucht wurde, sehr wenig von der Wissenschaft eines Mannes zu halten, der noch nicht gelernt hatte, ein Mensch zu seyn. Andre waren nur auf ihr Fach abgerichtet, verachteten alles Übrige und alle andre fremde Weisheit, wußten von nichts zu reden als von dem, was ihnen der Mittelpunct aller menschlichen Erkenntnis schien, und wunderten sich höchlich, wenn man darin ganz fremd war. Noch Andre hatten über ihre Speculationen jede Anständigkeit im äußern Betragen vergessen. Ihr pöbelhaftes Äußerliche, ihre groben Manieren, ihr unerträglicher Egoismus scheuchten Jeden zurück – Kurz! wir fanden nur sehr Wenige, welche Gelehrsamkeit, Geschmack, Gradheit des Kopfs und Herzens mit einer gesitteten Aufführung, mit nützlicher Thätigkeit für die Welt, mit Ausübung der häuslichen und geselligen Pflichten, mit Bescheidenheit, Heiterkeit, Weltkenntnis und feiner Lebensart verbanden. Von Bonn aus nahmen wir unsern Weg über Trier, Luxemburg, durch einen Theil von Champagne, über Verdun, Chalons ( sur Marne ) und Meaux. Von da gingen wir über Charenton nach Paris. Es war so die Fantasie meines Herrn, diesen Weg zu nehmen. Jenseits Meaux ließen wir den Kammerdiener nebst dem Friseur in einem kleinen zweysitzigen Wagen vorausfahren. Der Postknecht, welcher sie führte, warf sie auf eine höchst ungeschickte Weise um; doch bekam niemand Schaden. Als er nun die Pferde losgeknüpft hatte, rief er: » Sortés, sortés toujours, Messieurs! Il n'y a plus rien à craindr e« (Sie lagen schon) Und als sie ausgestiegen waren: » Dieu merci! Vous voilà saufs et sains « – und dann: » Mais je Vous défie par exemple, de renverser avec plus d'adresse. Le Diable m'emporte! Si Vous seriés tombé ici sous la conduite d'un chien d'Allemand, Vous en auriés eu pour le reste de Vos jours. « Wir reisten ziemlich geschwind. Es war sehr warmes Wetter, und der Fürst hatte schon in Meaux ein wenig Kopfschmerzen gehabt. Deswegen wurde beschlossen, in das unruhige Paris erst am folgenden Morgen einzuziehn und dagegen die Nacht in Vincennes hinzubringen. Es war noch ziemlich früh, als wir hierherkamen, und ich hatte Lust, mit dem Grafen Löhfeld die Porcelainfabrik zu besehn. Wir gingen also hin. Als wir vor einem schlechten Wirthshause vorbeywanderten, bemerkten wir einen großen Zulauf des Pöbels. Ich war neugierig, die Ursache davon zu erfahren, und fragte daher jemand aus dem Haufen darnach. Es hieß: Ein Weibsbild, von der niedrigsten Art, deren es leider! in Paris eine so ungeheure Menge gibt, sey gestern abend aus der Hauptstadt nach Vincennes gekommen, habe weitergewollt, sey aber hier krank an einem gräßlichen Übel, welches die Folge ihrer ausschweifenden Lebensart gewesen, vor der Thür dieses Wirthshauses liegengeblieben. Sie habe darauf den Wirth um Gottes und aller Heiligen Willen beschworen, sie doch nur zwey Tage lang zu beherbergen, wobey sie einen kleinen Ring vom Finger gezogen und ihn gebeten habe, denselben wie eine Bezahlung der letzten menschenfreundlichen Dienste, die er ihr leisten würde, anzunehmen. »Ich bin das unglücklichste Geschöpf auf Erden«, hatte sie ausgerufen. »Vielleicht werde ich in wenig Stunden das Ende meines Lebens erreicht haben, eines Lebens, das von dem ersten Fehltritte an, den ich beging, aus einer Reyhe von Verirrungen bestand, deren eine die andre herbeyführte, und ich nun zu spät bereue. Vom Schicksale, von allen Menschen, von mir selbst, von meinem Gewissen und von der Vorsehung verlassen, bleibt mir nichts übrig als dieser Ring, der mich aber nur noch lebhafter an meine Vergehn erinnert, sooft ich ihn ansehe, und die Hoffnung, bald von meiner Qual erlöst zu werden; aber auch diese Hoffnung wird durch die schrecklichsten Blicke in die ewige Zukunft erstickt.« Der Wirth war vorwitzig genug gewesen, von der Unglücklichen in dieser schrecklichen Lage noch die Erzählung ihrer Geschichte zu erpressen. Dann wurde doch sein Herz von menschlichem Gefühle des Mitleidens bewegt; er nahm den Ring an und – schleppte das Mädchen in einen alten feuchten Stall, wo sie an diesem Nachmittage nach fürchterlichen Todeskämpfen verschieden war. Da nun der Wirth den Leichnam in die Erde senken lassen wollte, hatte, wie sichs versteht, die Geistlichkeit ihm das Begräbnis verweigert. Man war daher im Begriff, das Mädchen auf eine unehrliche Art (wenn es möglich ist, noch nach dem Tode einen entseelten Körper zu verunehren) wegführen und irgendwo einscharren zu lassen, welches dann den Zulauf des Volks veranlaßt hatte. Da ich gern menschliche Geschichte höre, bat ich den Gastwirth, mir von Erzählung der Elenden Bericht zu erstatten. Er that es mit aller französischen Geschwätzigkeit; Ihnen aber, meine Leser! will ich nur soviel daraus mittheilen: daß dies Mädchen von einem Verführer als Maitresse mit von Kopenhagen nach Paris geführt und, nachdem Dieser ihrer müde gewesen, von demselben verlassen und in die Nothwendigkeit war versetzt worden, das schändliche Handwerk, welches sie schon ergriffen hatte, öffentlich zu treiben. Von dieser abscheulichen Lebensart war dann ihre Gesundheit das Opfer gewesen, und als sie, um der Ahndung der Policey auszuweichen, Paris verließ, hatte sie kaum noch so viel Kräfte, bis nach Vincennes zu kriechen. Was ich aber empfand, als ich den Ring, den der Wirth in Händen hatte, betrachtete und ihn für denselben erkannte, den ich einst in Kopenhagen der Tochter des Sieur Lippeville , Man lese im zweyten Theile die 188ste Seite . begleitet von guten Vermahnungen, geschenkt hatte; was ich empfand, wenn ich bedachte, wie schlecht das arme Mädchen meinem Rathe gefolgt war, wie großen Antheil vielleicht ihr eigner Vater an ihrem grenzenlosen Elende haben mochte; wenn ich einen Blick auf den Leichnam warf, wie er da lag, entstellt, verwüstet durch das schreckliche Gift des Lasters – Gottes Ebenbild vertilgt, ausgelöscht aus ihren Zügen – Gottes Siegel weggerissen von ihrer Stirne; und wenn ich dann überlegte, wie es so eine Zeit gibt bey jedem Menschen, wo die heilige Unschuld in unentweyheter Würde in dem reinen Herzen wohnt, Friede, Glück und Ruhe durch das ganze Wesen hingießt, und wie Ein Augenblick, ein einziger kleiner Augenblick nur, oft nur Ein zu sinnlicher Wunsch, Ein freyer Blick voll Sünde, das Thor eröffnet zu namenlosem Jammer, Verderben, Elend, Reue, Zerknirschung und Hölle – und was Wachsamkeit und Gebeth nicht vermögen, die so oft vergebens gepredigt werden – Ach! ich kann es nicht beschreiben, wie mir zu Muthe wurde – Ich kaufte den Ring um hohen Preis. Er war mir seit dieser Zeit viel werth. Ich werde meine Kinder erziehn mit diesem Ringe. Er ist meine letzte Appellation, sooft ich von guten Vorsätzen, von treu gemeintem Rathe, den Müßiggang zu fliehn, von Gefahren des Lebens, von Mißbräuchen der Leidenschaften, von Verführbarkeit der Jugend, von Empfänglichkeit zum Guten rede – Doch genug hiervon! Löhfeld war es nicht werth, daß ich ihm die Ursache meiner Rührung erzählt hätte. Der Körper wurde beygescharrt – Mochte er doch liegen, wo sie ihn eingraben wollten! – Die Porcelainfabrik blieb unbesehn. Siebentes Capitel Zurückkunft von der Reise. Hofcabalen. Gespräch darüber. Es fällt mir eben noch zur rechten Zeit ein, daß ich Ihnen zu viel von unsrer Reise erzähle. Sie möchten nachher auf das ganze Werk nicht pränumerieren wollen, wenn ich fortführe, die besten Stellen aus meinem Journale voraus herzugeben. Also wollen wir das Ding dabey bewenden lassen und uns begnügen zu sagen, daß ich im Junius dieses Jahrs glücklich mit meinem Herrn in die Residenz zurückkam. »Nun, mein lieber Peter!« sprach kurz nachher Reyerberg eines Abends zu mir, als wir in dem Zimmer meiner Frau beysammensaßen. »Ist es wohl erlaubt, Ihrer Excellenz einmal die Wahrheit zu sagen?« »Warum nicht, mein guter Ludwig«, antwortete ich, »Du weißt, daß ich gern den Rath eines Freundes annehme.«   Reyerberg : »Das weiß ich nun wohl eben nicht, denn ich habe Dich doch oft sagen gehört: Man solle einem klugen Manne nie seine Fehler zeigen, sondern ihm so viel Selbsterkenntnis zutrauen, daß er sie unerinnert einsehn und zu verbessern suchen würde, wenn er das könnte.« Ich : »Du verdrehest meine Worte. Wenn ich das gesagt habe, so war von Hauptfehlern die Rede, von herrschenden Leidenschaften, deren jeder Mensch einige hat; und da habe ich dann mit Recht, wie ich denke, behauptet, daß es unvernünftig seyn würde, einen Verständigen auf Dinge aufmerksam machen zu wollen, die er längst an sich selbst bemerkt haben und wohl unübersteigliche Hindernisse bey seinem Kampfe dagegen gefunden haben müßte, wenn er sich noch immer nicht davon hätte losmachen können. Aber bey kleinen Verirrungen, Unvorsichtigkeiten in der Aufführung und dergleichen, wer würde da nicht gern sich liebreich zurechtweisen lassen?« Reyerberg : »Hast Du aber nicht auch oft gesagt: Man solle sich gänzlich enthalten, über die Handlungen eines weisen Mannes zu urtheilen? und wenn man ihn auch auf Einem Beine herumspringen sähe, indes andre Biedermänner auf zweyen einhergingen, so solle man doch schweigen und denken: Ey nun! Er wird schon wissen, was er thut.« Ich : »Ich sehe, daß man sich in Acht nehmen muß, paradox scheinende Sätze in Deiner Gegenwart vorzutragen. Du schnappst alles auf, verstehst es halb, reißest mir die Scheide aus der Hand und meinst, Du hättest mir mein Schwert entwunden, das Du nun gegen mich selbst brauchen könntest.« Reyerberg : »Wenn Du aus dem Tone redest, mein Lieber! so wollen wir davon abbrechen – Doch nein! Magst Du immerhin ein wenig ungehalten auf mich werden! Ich will es darauf wagen. Dein gutes Herz wird Dir schon einst zuflüstern, daß ich es wenigstens gut gemeint habe, sollte ich auch hie und da im Irrthum gewesen seyn – Also zur Sache!«   Und nun, meine lieben Leser! erlauben Sie mir, dies ganze Gespräch zwischen Reyerberg, meiner Frau und mir, soviel ich mich dessen noch erinnere, hier abzuschreiben. Da ich bald nachher die Wahrheit von allem erfuhr, was mir mein Freund damals sagte, so wenig ich es auch zu der Zeit glaubte, kann dieser Dialog besser wie meine trockne Erzählung dazu dienen, Sie von der Lage, darin ich mich befand, zu unterrichten.   Reyerberg : »Also zur Sache! Ohne ein Prophet zu seyn, kann ich Dir voraussagen, daß Du hier nicht lange mehr Dein Ministerwesen treiben wirst.« Meine Frau und ich zugleich : »Nun! das klingt ja gefährlich.« Reyerberg : »Es ist gewiß, und wäre es nicht also: desto schlimmer für Dich! Dann möchte ich nicht Ein Wort darüber verlieren. Kurz! Du bleibst entweder der redliche Peter, der Du bist, und dann wird man Dich bald fortzuschaffen wissen, oder Du gehst selbst zu Grunde, lassest Dich von dem Strome des Verderbnisses hinreißen.« Meine Frau : »Für das Letztere hafte ich.« Reyerberg : »So zuversichtlich, meine gnädige Frau?« Meine Frau : »Sehr zuversichtlich.« Ich : »Und das Erste beunruhigt mich wenig. Wenn ich, bey den treuesten Absichten, verkannt, gemißbraucht, mit Undanke belohnt werde, so soll es mich doch nie reuen, Gutes gewollt und Gutes gethan zu haben, so viel ich nämlich konnte.« Reyerberg : »Ihr bringet mich aus meinem Concepte, Ihr Leutchen! Lasset mich ausreden, und fallet mir nicht in die Rede!« Ich : »Nun! so laß denn einmal hören!« Reyerberg : »Du hast schon herrlich die äußern Hofsitten angenommen, siehest immer freundlich, liebreich und süßlich aus; sagst den Leuten handgreifliche verbindliche Artigkeiten, die niemand für Ernst halten kann; kannst zur rechten Zeit zerstreuet scheinen, wenn Du etwas nicht hören, auf etwas nicht antworten willst; fragst sechserley in einem Odem fort und erwartest die Antworten nicht, damit ja nicht Dein Herz Antheil an etwas zu nehmen das Ansehn habe. Du sagst mit Kälte die wärmsten Verbindlichkeiten und mit Wärme die unbedeutendsten Kleinigkeiten. Du scheinst an Staatssachen zu denken, wenn Du überrechnest, wieviel Schüsseln auf dem Tische stehen, und machst Pläne zum Besten des Landes, wenn Du mit dem Papageyen der Dame Novanelle spielst. So weit wären wir also schon gekommen, und wenn Du ein junger Mensch und nicht mein alter geprüfter, redlicher, erfahrungsvoller Peter wärst, möchten wohl die gnädige Frau nicht so ganz gewiß behaupten dürfen, daß es nun gar nicht möglich wäre, am Ende durch lange Gewohnheit sich zu verstellen, den edeln, offnen Character einzubüßen und Geschmack daran zu finden, die Menschen am Narrenseile herumzuführen, auf ihre Unkosten zu lachen, damit sie nicht mit uns ihr Spielwerk treiben. Doch das hat nun freylich bey Dir keine Gefahr, und zwar aus zwey Ursachen: zuerst wegen Deiner wahrhaften Rechtschaffenheit und thätigen Tugendliebe, und dann, weil ich sehr überzeugt bin und gewiß weiß, daß man Dir eher den Stuhl rücken wird, ehe Du Zeit haben kannst, zu Grunde zu gehn.« Ich : »Sollte man nicht meinen, Du seyest auf die Spur von einer fürchterlichen Verschwörung gegen mich gekommen?« Reyerberg : »Alle Schelme stehen in einer ewigen großen Hauptverschwörung gegen die Bessern, und Diese sind noch von jeher das Opfer davon gewesen. Dazu kömmt, daß ich wie ein müßiger Zuschauer mehr sehe, wie Du gewahr werden kannst, und während Deiner Abwesenheit noch manches bemerkt habe, was mir sehr auffiel. Glaube mir, meine theure Excellenz! Du thust am besten, wenn Du bey Zeiten und mit Ehren den Kopf aus der Schlinge ziehst. Entsage der elenden Eitelkeit, hier als ein Sclave zu glänzen! Wirf Deinen blauen Hering zum Teufel! Ihr seyd ja reiche Leute. Kaufet Euch doch ein Landgut und lebet dort sorgenlos, glücklich, von niemand gekränkt! So wehe mir's thun würde, mich von Euch zu trennen, so muß ich Dir doch als ein Freund diesen Rath geben. Ich will mich dann schon hier durchschlagen, mein lieber Claus! Über die kleinen Gesträuche geht der Sturm hinweg.« Ich : » Et saevius ventis agitatur ingens pinus – Ich weiß es wohl. Aber sieh nur, mein Bester! Gern will ich diesen Sturm aushalten in Betracht des vielfachen Guten, das ich hier zu wirken Gelegenheit habe.« Reyerberg : »O mein Gott! als wenn Du nicht auf dem Lande zehnmal mehr zuverlässig sichers, individuelles Gutes thun könntest! Rechne doch einmal die Summe dessen, was Du hier nicht auszurichten vermagst, trotz Deiner Mühe, gegen das, was du wirklich thust! Rechne von diesem ab, was jeder andre Mittelmäßige, der an Deinem Platze stünde, auch vollbringen würde, da er jetzt vielleicht Böses oder gar nichts thut! Rechne ferner ab dasjenige, wovon die Wirkung noch ungewiß ist – Was bleibt übrig?« Ich : »Ja! wenn man also calculieren will.« Reyerberg : »Und glaube mir: Die Menschen, denen Du Wohlthaten erzeigst, verdanken es Dir wenig und lachen noch in ihrem Herzen und halten Dich für einen Pinsel, der das nicht merkt. Der Graf Löhfeld, den Du in den Dienst gebracht hast, ist der niederträchtigste Pursche, den ich kenne. Er spürt jedem Deiner Schritte nach, hat Dich auf der ganzen Reise beobachten müssen, ist des alten Mehlfelds Spion und des schwarzäugigen Fräuleins Buhler. Wie konntest Du auch dem Jungen trauen? Mann voll Menschenkenntnis! Wie konntest Du ihm trauen? Ich hatte kaum die ersten Aushängebogen von diesem Buben gesehn, als er hierher kam, da bemerkte ich schon eine Menge Druckfehler in seinem Herzen. Die Leute, welche durch Dich bey der Cammer sind angesetzt und befördert worden – Ich denke, mich wirst Du ausnehmen – sind Dir nicht treuer. Sie tragen den Mantel auf beyden Schultern. Heute sind sie Deine unterthänigen Knechte; laß aber morgen Deine Parthey schwächer werden, so suchen sie alles gegen Dich hervor, was Deinen Sturz beschleunigen kann, um einem neuen Wesir zu gefallen.« Ich : »Da sagst Du mir nichts Neues. Glaubst Du denn wirklich, ich trauete diesen Leuten? Sey versichert, mein lieber Ludwig! daß ich so wenig auf Dankbarkeit rechne, daß es mir gar nicht anders einfällt, als gewiß zu erwarten, daß mich Jeder hintergehe. Allein das bekümmert mich sehr wenig. Die Menschen sind Narren; ich weiß es.« Reyerberg : »Und Du lassest Dich also von Narren mißbrauchen?« Ich : »Von meines Gleichen – Und doch nicht mißbrauchen – Jeder handelt in der Welt um sein Selbst willen, befördert sein idealisches Glück, seine Freude, wo er kann. Meine Neigung geht dahin, wohlzuthun. Dies ist mein Augenmerk, mein Interesse, meine Freude. Um die Personen ist mirs gar nicht zu thun. Wenn mich jemand betrügt, so lache ich herzlich und lasse ihn laufen. Wenn er dann Meiner bedarf, kömmt er wieder herangeschlichen, macht allerley lustige Entschuldigungen und Bemäntelungen über seine Undankbarkeit daher, und da thue ich, als glaubte ich das alles, und meine Frau seufzt oder weint über meine anscheinende Verblendung. Allein ich lasse mich nicht irremachen und höre alle Schmeicheleyen an, und Jener geht, freuet sich, daß er mich noch einmal angeführt hat, und ich diene ihm noch einmal, und wenn er Meiner entbehren kann, betrügt er mich auch noch einmal. Das ist denn ein gar herrlicher Spaß.« Meine Frau : »Ja ja! so macht er es, und ich habe dann die Unruhe davon und möchte zuweilen toll werden, wenn ich sehe, wie er sich Jedem aufopfert, für Jeden arbeitet und von Jedem mit schändlichem Undanke belohnt, verkannt, verleumdet wird.« Ich : »Pah! das geht nun nicht anders her.« Reyerberg : »Und Du glaubst nicht, daß zuletzt Dein Herz entweder hart, wie der Rücken eines Postgauls, werden wird, wenn so jedermann darauf herumjuckert, oder daß auf einmal dies gefühlvolle Herz erwachen wird aus seiner Betäubung und dann doppelt bluten von den vielfachen harten Schlägen? Daß Du allen Glauben an Menschheit verlieren, in Dich selbst gekehrt, feindselig, zu keiner guten That mehr in Bewegung zu setzen seyn wirst?« Ich : »Hat nichts auf sich.« Reyerberg : »O! gewiß, mein Lieber! Und rechnest Du deine Gesundheit, die Du aufopferst, für nichts? Die Du aufopferst, um Geschäfte zu treiben, die jeder elende Tropf ebensogut versehn könnte?« Ich : »So thue ich doch wenigstens das Böse nicht, das er hineinmischen würde.« Reyerberg : »Das ist der Mühe werth! So mag dann ein Mann, der zum Feldmarschall geboren wurde, Musketier werden, wenn er glaubt, er würde im Felde stehnbleiben, wo vielleicht ein Andrer wegliefe.« Ich : »Deine Gleichnisse hinken. Dazu kömmt, ich bekenne es Dir, daß mein jetziger Glanz meine Eitelkeit kitzelt. Ich mag vor mein Leben gern gelobt werden.« Reyerberg : »Aber ist es nicht noch einmal so süß, geliebt zu seyn?« Ich : »Und bin ich das nicht? Habe ich nicht einen Freund an Dir, der mich mit der Menschheit aussöhnt? Habe ich nicht ein Weib, das mir jedes Ungemach des Lebens versüßt? Habe ich nicht einen Knaben, bey dessen Erziehung mir meine Erfahrungen zu Statten kommen?« Reyerberg : »Und wirst Du nicht zuletzt auch uns nicht mehr trauen?« Ich : »Daß ich es Euch grade heraus sage! Auch Euch würde ich nicht trauen, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß Ihr weder Interesse noch Hang haben könntet, mich zu hintergehn.« Meine Frau : »Böser Mann! Siehst Du? das ist schon wahrlich ein Anfang von Feindseligkeit.« Reyerberg : »Es ist nicht so ernstlich damit gemeint; wir wissen es besser. Er ist in sein System verliebt und möchte gern, daß es aller Orten hinpaßte. Aber wie, wenn Du nun durch die Cabalen Deiner Feinde fortgetrieben würdest von hier, mit Schimpf, Verdruß und Undanke belohnt, und nun in einer viertel Stunde die ganze Frucht verlorner Mühe, verwendeter Gesundheit und verschwendeter schöner Jahre verloren ginge?« Ich : »Das ist vorerst nicht zu befürchten. Der Fürst bedarf Meiner noch.« Reyerberg : »Sollte er das immer einsehn? Du wirst es nicht merken, wenn das Ungewitter losbrechen will. Die Prinzen lernen früh, sich verstellen. Auch der dümmste Despot versteht diese Kunst, lernt sie an seinem Hofe. Und wenn es nun also käme – Ach! mein liebster Freund! wie würde mein Herz bluten! Und Du selbst müßtest dann gewiß Dir Vorwürfe machen, müßtest innigst betrauren die schönen entflohnen Stunden, in welchen Du in einem kleinen unbeneideten Wirkungscreise so viel Gutes hättest stiften können.« Ich : »Wo in dieser Welt findest Du einen unbeneideten Wirkungscreis? Du vergissest in Deinem rednerischen Durchfalle, daß Du unmögliche Dinge forderst. Sage mir: wo findest Du ein Leben, das nicht durch den Neid der Menschen verbittert würde, wenn man sich dadurch irremachen lassen will?« Reyerberg : »Bey dem stillen Landleben, da finde ich es. Wenn man unter dem Schutze der holden Mutter Natur seine einfache Kost, die uns Feld und Garten freundlich darbiethen, ohne Kummer und ohne Reue verzehrt, seinen Überfluß mit dem Armen brüderlich theilt, durch keine der unzähligen Leidenschaften in Fieber gebracht wird; wenn man in der Stille und unbemerkt seinem ehrlichen Nachbar mit Rath und That an die Hand geht, die Jugend zweckmäßig bildet , nicht cultiviert , den Körper durch Mäßigkeit, Ordnung und Bewegung gesund und stark erhält, den Schöpfer aller Dinge bey jeder aufgehenden Sonne dankbar preist und in seiner Seele erhebt; Arm in Arm an der Seite seines treuen Weibes die Fluren durchwandelt, die der liebe Gott so herrlich ausschmückt mit Reichthum und Schönheit aller Art; und dann, nach einem ruhigen Tage voll seligen Genusses, die matten Glieder aufsein Lager hinstreckt, die Augen schließt, seine Seele der Obhut des liebreichsten Wesens anvertrauet und dann in ungestörtem Schlafe neue Kräfte für den folgenden frohen Tag sammelt.« Ich : »O! schweige, bester Ludwig! Gewiß will ich einst dies Glück schmecken. Aber noch kann ich nicht. Ich kann unmöglich, habe noch so manchen guten Vorsatz vorher auszuführen, habe so manches angefangen, was ich vollenden muß – Man soll ja nichts halb thun – Nur noch ein paar Jahre Geduld!« Reyerberg : »So schlaf denn wohl, mein lieber Minister! Gutes Glück! Wir sprechen uns bald wieder.«   Er ging fort. Meine Frau saß tiefsinnig da. »Wir wollen davon mit Ludwig nicht mehr reden«, sagte ich. »Er setzt uns nur allerley in den Kopf. Laß uns zu Bette gehn!« Achtes Capitel Das Ding fängt an, schief auszusehn. Diejenigen unter meinen Lesern, denen es nicht bloß darum zu thun ist, die Erzählung von allerley lustigen Abentheuern zu hören, sie mögen wahrscheinlich seyn oder nicht, sondern welche fähig sind, mit Vernunft und Theilnehmung den Gängen nachzuspüren, auf welchen Leidenschaften und Schicksale den Menschen fortstoßen und ihn zu den verschiednen guten und bösen, weisen und unweisen Handlungen bestimmen, solche Leser werden mir es gern verzeyhn, wenn ich hier einige Augenblicke die Geschichte abbreche, um ein paar Bemerkungen über das vorhergehende Gespräch zu machen. Es könnte Ihnen nämlich sonderbar vorkommen, daß Ludwig Reyerberg, den ich, von seiner ersten Jugend an, wie einen äußerst lebhaften, unternehmenden Kopf geschildert habe, der schon als Knabe allerley kühne Sprünge machte, keinen Zwang ertragen konnte und gern gegen Unverstand und Tücke kämpfte, daß Dieser mich itzt aus dem Circel meiner Wirksamkeit heraus zu einem ruhigen Landleben stimmen wollte, da hingegen bey mir, der ich wirklich von Kindes Beinen an nur eine Art von subalterner Rolle spielte, mich mehr von Menschen und Schicksalen treiben ließ, als daß ich mich selbst und Andre getrieben hätte, daß, sage ich, jetzt mein Character sich gänzlich umgeformt und eine Art von Kraft und Unternehmungssucht angenommen zu haben schien. Dies möchte Ihnen nun freylich unnatürlich vorkommen, doch hoffe ich, Sie überzeugen zu können, daß wir in Betracht der Lagen, darin wir Beyde uns befunden hatten und itzt befanden, gar nicht anders zu handeln im Stande waren. Wirklich hatte Reyerberg von Natur mehr Anlage zu einem unruhigen und thätigen Leben wie ich, aber seine Schicksale hatten ihn mürbe gemacht und seine Lebhaftigkeit merklich herabgestimmt. Ihm war alles mißlungen, was er unternommen hatte, dagegen ich, den sonderbare Verhältnisse und unerwartete Begebenheiten in einen Wirbel von Abentheuern hineingezogen hatten, fast immer, einige kleine Widerwärtigkeiten ausgenommen, glücklich davongekommen und stufenweise bis zu einer glänzenden Laufbahn hingetrieben worden war, welches dann meinen Glauben an das Glück meiner Unternehmungen sehr vermehrt haben mußte. Sehr lebhafte Leute sind durch langwierigen Widerstand müde zu machen, da hingegen bey gemäßigten Temperamenten, wenn diese durch vortheilhafte Umstände oder durch Nothwendigkeit in wirksame Thätigkeit gesetzt werden, diese Geschäftigkeit zu einem Bedürfnisse, zu einem Theile ihres Wesens wird, das man ihnen so leicht nicht wieder entreißt. Reyerberg Erster Theil, Seite 29  f., 93 , 122  f., 143 . Zweyter Theil, Seite 252 . entwischt seinem Schullehrer und sucht das freye Feld. Man erhascht ihn und zwängt ihn, der wie ein Edelmann erzogen war, in das Joch des gemeinen Soldatenlebens. Er theilt nachher alle Ungemächlichkeiten meines Vagabundenzugs mit mir, wird endlich von einem Engländer mit auf Reisen genommen, aber auch dies Glück dauerte nicht lange. Er geht nach England und findet dort seines Bleibens nicht. Er kömmt zurück, sucht in Teutschland Dienste an Höfen und verfehlt seinen Zweck. In der literarischen Welt geht es ihm nicht besser. In der Liebe ist er unglücklich. Kaum hat er als Schauspieler ein beschwerliches Einkommen, so wird er von seinem schelmischen Bruder wieder entführt und an die ostindische Compagnie verkauft. Wenn eine solche Reyhe von Widerwärtigkeiten einem sinnlichen Menschen von sanguinischem Temperamente nicht den Kopf brechen und ihn ruhiger machen will, so wüßte ich nicht, wie es zugehn sollte. Dagegen durchlaufe man meine Geschichte: Als eines Schusters Sohn, unter dem Schutze einer adligen Dame über meinen Stand erzogen, von ihr aus meiner Armuth gerissen und zum Lakayen erhoben, mitten in meinen Abentheuern noch immer glücklicher, wie ich es in der Hütte meines dürftigen Vaters hätte seyn können; oft sehr reich; aus allen Gefahren wunderbar gerettet; als Bedienter, als pseudo-hermetischer Arzt, als Schriftsteller, als Schauspieler jedesmal vom Schicksale leidlich behandelt; wie mit den Haaren herbeygezogen zu der Verbindung mit einer reichen, hübschen, guten Frau gezwungen; ohne Unkosten auf Reisen in der Welt umhergeführt; als reisender Musiker bewundert und beklatscht; bey einem guten, würdigen Herrn als Secretair angesetzt; durch einen Bologneser Hund zum Cammerdirector ernannt, nachher geadelt, excellenziert, mit einem schönen bunten Orden behängt; im Besitz eines großen Vermögens, wahrer häuslicher Glückseligkeit und politischer Herrlichkeit – Wer, zum Henker! wird nicht da anfangen, dem Glücke und seinem savoir faire alles zuzutraun?   Sehen Sie, meine holden Damen und Herrn! Dies sind keine unnütze Winke, wenn man so aufmerksam gemacht wird auf den Einfluß, den das Schicksal auf unsre Denkungsart und auf unsre Handlungen hat, wie es uns umarbeiten kann, so daß man wahrlich recht vernünftig thut, wenn man nicht eher über die Handlungen und Grundsätze seiner Brüder urtheilt, als bis man alle diese Umstände in Erwägung gezogen hat, und wenn man das nicht kann, lieber schweigt, duldet und nicht urtheilt. Ich bin auch sehr überzeugt, daß, wenn Reyerberg an meinem Platze gestanden wäre, er ebenso voll politischer Schwärmerey wie ich gewesen seyn, und daß, wenn ich meine Lage ohne Leidenschaft hätte betrachten können, ich seinen Vorstellungen vollkommen Recht gegeben haben würde – Doch genug hiervon! Ich fahre in meiner Geschichte fort. Leider! fing bald nach unsrem letzten Familiengespräche die Prophezeyung meines Freundes an, nach und nach einzutreffen, und zwar kamen hier folgende Umstände meinen Feinden zu Hilfe. Wenn ich den Tag über im Gewirre meiner Geschäfte gesteckt und nun mein Tagewerk fleißig vollbracht hatte, war ich des Abends gegen sechs Uhr immer heiter und zur Geselligkeit aufgelegt. Der Fürst, welcher vom Morgen an im Zwange des Hoflebens zugebracht hatte, pflegte um eben diese Stunde zu Madame Novanelle zu gehn und mich zu bitten, ebenfalls dahin zu kommen. Dort saßen wir dann im vertrauten Circel, hatten manchen lustigen Einfall, ich gestehe es, zuweilen auf Unkosten andrer Leute, und da der Fürst hier gänzlich seine Hoheit vergaß und aus unsern freundschaftlichen Gesprächen alle Zurückhaltung verbannt war, wog auch ich, ungeachtet der mir von Ludwig vorgeworfnen Politic, meine Worte nicht sehr ab, denn ich dachte: das bliebe so alles unter uns und werde kein Mißbrauch davon gemacht werden. Nun bestand das sogenannte Ministerium, in welchem Serenissimus in höchsteigner Person präsidierte, außer mir, nachdem den Herrn von Mehlfeld seine ihm aufgedrungene Schwächlichkeit abhielt, den Sitzungen beyzuwohnen, nur noch aus zwey Personen, nämlich aus dem Justizpräsidenten von Schwarzhelm und dem Geheimenrathe von Lämmersdorf. Beyde waren ein Paar äußerst schwache Menschen und ehemals von dem alten Präsidenten nur wie negative Größen betrachtet oder besser als Nullen hinter seine Zahl gesetzt und in das Ministerium gezogen worden, damit keine Andre hineinkämen, die weniger geneigt wären, zu allem ja zu sagen. Schwarzhelm war ein langweiliger steifer Jurist und dabey filzig geizig. Er hatte eine alte Schwester bey sich, welche ihm die Haushaltung führte, und mit Dieser hatte er ausgemacht, daß wer von ihnen beyden den Andern überleben würde, dessen Erbe seyn, aber dagegen auch den Leichnam waschen und ankleiden sollte, damit der Gulden, welchen sonst die Totenfrau dafür bekömmt, erspart würde. Lämmersdorf mochte noch wohl um ein Köpfchen größer seyn wie Jener, denn Schwarzhelm hatte eigentlich gar keinen Kopf. Doch war er auch ein lächerliches Original. Er hatte den Fürsten erzogen und war, wie es alten Hofmeistern geht, nachher mit kalter Ehre, so kühl wie Mondschein, belohnt und umstrahlt worden, denn er saß im Ministerio, durfte aber den Mund nicht aufthun. In seiner Jugend hatte er flink gelebt, gegenwärtig war er ein alter Sünder, hatte daher zur Andächteley seine Zuflucht genommen und wohnte den Betstunden bey, die der Herr von Mehlfeld des Abends in seiner Haushälterin Zimmer hielt. Daß es solcher lächerlichen Originale unter den Geheimeräthen gibt, hat wohl keinen Zweifel; daß ich die hier geschilderten nicht von mir namentlich bekannten Personen entlehnt habe, versichre ich auf Ehre; daß ich nicht weiß, ob grade jetzt an irgendeinem teutschen Hofe eine Sammlung solcher Narren auf einem Brette zusammen anzutreffen ist, betheure ich gleichfalls; daß ich, wenn ich es wüßte, nicht so dumm seyn würde, auf diese Menschen ein Pasquill zu schreiben und sogar die Jahrszahl 1784 dabey zu setzen, kann man mir zutrauen. Also verbitte ich gehorsamst alle Auslegungen. Anmerkung des Verfassers . Sobald ich es mit diesen Leuten zu thun bekam, setzte ich mich freylich bey ihnen in das gehörige Ansehn. Da ich indessen keine gefährlichen Pläne hatte und ich mich zuweilen ihrer zum Guten bedienen zu können hoffte, betrug ich mich doch mehrentheils ganz freundlich gegen sie. Ich kann wohl zu erlaubten Zwecken auch schlechten Leuten ein wenig schmeicheln, aber lange gelingt es mir nie, mich in ihrer Gunst zu erhalten, denn wenn mir einmal der Kopf nicht recht steht und ein solcher Pinsel kömmt mir in den Wurf, verderbe ich dann oft in einem Augenblicke alles, was ich ein Jahr lang gut gemacht hatte. Auch rede ich gern ein wenig frey über Thoren und Schelme. Freylich könnte ich das bleibenlassen, aber es ist nun so meine Weise, und ich habe keine Tücke dabey. Doch nehmen es die Leute zuweilen übel auf. Sobald indessen nur der Schalk anfängt, sich zu bessern, widerrufe ich gern alle Üble, das ich von ihm geredet habe. Es geschieht eigentlich nur, um Ew. Hochwohlgeboren aufmerksam auf Sich selber zu machen. Auch bessern sich die Leute wahrlich oft durch Hilfe eines kleinen Spottes, wenn sie es auch nicht gestehen. Seyen Sie immer aufgebracht über mich! Sie haben ja volle Freyheit, es mir eben also zu machen. In der That geschieht das zuweilen, und dergleichen Demüthigungen haben mich schon sehr gebessert. Dies im Vorbeygehn! – Daß wir nun wieder zu unsern beyden Geheimenräthen zurückkommen! Sie waren an nichts wie schiefe Wege gewöhnt, und da ich sah, wie sie auf keine Art zum Guten in Bewegung zu setzen waren, konnte ich sie gar nicht mehr ohne Ekel vor Augen dulden. Ich machte daher mich oft lustig über sie, erzählte Anecdötchen von ihnen, und das besonders in unsern Abendgesellschaften bey der Dame Novanelle . Die saubern Herrn von ihrer Seite hatten auch nicht eben die größte Zärtlichkeit für einen Mann, der, so wie ich, auf einmal da in das Ministerium hineingesetzt wurde und wenigstens zehn Jahre jünger war wie Einer von ihnen. Hatten sie nun wohl nicht den Muth, sich öffentlich wie meine Feinde zu zeigen, so schüttelten sie doch zu rechter Zeit bedeutungsvoll die Köpfe und wurden unter der Hand von dem würdigen Mehlfeld in dieser Stimmung erhalten, wozu die Abendbetstunden nicht ungenützt blieben. Also sah es im Ministerio aus. Das Hofgeschmeiße hatte ich von Anfang meiner Laufbahn an, mehr wie die Klugheit es erforderte, verachtet. Ich war mir bewußt, dem Fürsten ein nützlicher Mann zu seyn, da ich hingegen jenes Gesindel wie elende Müßiggänger betrachtete, an ihrem leeren, geistlosen Geschwätze einen gewaltigen Widerwillen hatte und diese Empfindung besonders alsdann hervorblicken ließ, wenn sie meinem Herrn allerley kostspielige, zwecklose und närrische Tändeleyen in den Kopf setzten. Der Hofmarschall war ein kleines, liebliches, glattes, süßes Männlein. Das Schelmchen sah immer gar zu freundlich und artig aus, hätte indessen doch gern Jeden fortgeschafft, der bey dem Fürsten in einigem Ansehn stand, wenn Derselbe etwa den Herrn Hofmarschall übersah, hetzte zur Abwechselung die Leute ein wenig aneinander und ging übrigens immer recht zierlich und wacker gekleidet, gekämmt, gewaschen und parfümiert einher. Unwissender, leerer und superficieller aber wie er kann man in der Welt nicht seyn. Dagegen erzählte er auch gewöhnlich nur des Mittags aus den Zeitungen, berichtete, wie ihn alle Spiele nun schon seit vier Wochen so übel behandelten, was für Saucen ihm gestern wohlgeschmeckt hätten, zog Muster von Stickereyen und neuen Kleidern, die er aus Lyon kommen ließ, aus der Tasche, und machte hie und da ein wäßrichtes Späßchen dazwischen, über welches er unter Allen zuerst, zuweilen auch nur ganz allein lachte. Ich sagte einmal: wenn seine schönen Kleider einst als Lumpen durch die Papiermühlen gelaufen wären, müßten nichts anders als Blätter von dem Courier du bas Rhin , Kochbücher, Anweisung zum Whistspiele und Vademecums daraufgedruckt werden. Wenn er sich in seinem Geschwätze höher verstieg und ich grade gegenwärtig war, pflegte ich ihn ein wenig zurechtzuschütteln. Der Oberschenk, ein Herr von Gerlüb, war ein dickes Mastvieh, an jedem Nachmittage betrunken, und ein Lügner wie ich je einen gesehn habe. Übrigens schlich er gewöhnlich von der Tafel nach Hause, um dort Nachmittagsruhe zu halten, alsdann zu seiner Maitresse, einer französischen Sängerin, wohin er aus dem fürstlichen Keller ein paar Flaschen voll alten Weins bringen ließ. Wenn diese ausgeleert waren, ließ er sich entweder mit seiner Schönen in das Schauspielhaus oder allein zu dem Herrn Präsidenten in die Betstunde fahren. Von da ging es zur Abendtafel bey Hofe und dann zu seiner Frau, die sich indes ihre Zeit mit jungen Officieren verkürzt hatte. Da ich diesem Ehrenmanne zuweilen Monita über den Aufwand am Hofe in Weinen aller Art machte, stand ich auch bey Diesem nicht sehr in Gnaden. Von dem jungen Grafen Löhfeld habe ich schon erwähnt, daß er mir seine ganze politische Existenz zu danken hatte. Er war ein armer Schlucker, der Jüngste von acht hochgräflichen Kindern. Sein verschuldeter Vater wendete sich an mich und bat mich, diesen Buben in den Dienst zu bringen. War es Güte des Herzens oder die kleine Eitelkeit, gern den Gönner eines Reichsgrafen zu spielen – Ich war damals eben erst geadelt worden und hatte noch wenig Gelegenheit gehabt, vornehmen Leuten meine Protection angedeyhen zu lassen – Kurz! ich verschaffte seinem Sohne Dienst und Gehalt. Aber dieser Knabe belohnte mich sehr undankbar. Er hatte, was man leider! Genie nennt, Lebhaftigkeit, einen Hang zur Klatscherey und zu kleinen Ränken, unbestimmte Thätigkeit, Drang, eine Rolle zu spielen, und Sie werden bald sehn, wie er unter Anführung des würdigen Präsidenten von Mehlfeld von diesen herrlichen Talenten gegen mich Gebrauch machte. Es gibt wenig Menschen, die irgendeine Art von Übergewicht Andrer über sie vertragen können, wäre es auch das Übergewicht des Wohlthäters über den, welcher Wohlthaten empfangt. Ich habe einen Mann gekannt, der zu sagen pflegte: »Heute habe ich mir wieder einen Feind mehr gemacht, denn ich habe einem ehrgeizigen Menschen einen Dienst geleistet.« Das war dann der Fall mit dem jungen Grafen. Bey den Übrigen mochte wohl das innere Bewußtseyn ihrer Erbärmlichkeit der Grund zur Feindschaft gegen einen Mann seyn, der sie zuweilen demüthigte. Mit Einem Worte! Diese ganze Rotte, vereinigt mit einigen noch geringern Geschöpfen, hatte gegen mich eine Ligue geschlossen, welche Reyerberg von Weitem witterte, ehe ich das geringste davon ahnte, weil ich zu stolz war, auf die Handlungen dieser subalternen Menschen Acht zu geben. Neuntes Capitel Unsers Herrn Ministers Actien fallen merklich. Wie man gegen ihn wirkt. Die Leser würden der ganzen Dienerschaft meines gnädigsten Fürsten und Herrn sehr großes Unrecht thun, wenn sie glauben wollten, es sey auch darunter nicht ein einziger ehrlicher Mann gewesen, der zu edel gedacht hätte, sich in eine so schändliche Cabale gegen einen Unschuldigen einzulassen. Gewiß waren dergleichen dort, allein sie hielten sich ruhig und sahen das Ding von Weitem mit an. Einige von ihnen, durch langjährige Erfahrung mit den Ränken bekannt, welche an kleinen Höfen herrschen, wollten nicht thätig seyn, weil sie wohl wußten, daß, wenn einmal die Bosheit einen durchgedachten Plan gegen die unbefangne, sorgenlose Redlichkeit ersonnen hat, alles Bestreben der Bessern, den Verfolgten zu retten, vergebens ist. Sie wußten, daß, wenn man sich in solche Händel mischt, man entweder selbst das Schlachtopfer wird oder doch den Zustand Dessen, dem man helfen will, dadurch noch ärger und die Feinde erbitterter macht. Diese vorsichtigen Leute also thaten, als sähen und hörten sie nichts, aber ihre Aufführung gegen mich war immer gleich achtungsvoll und freundschaftlich, mein Ansehn mochte steigen oder fallen. Andre, die den Zusammenhang dessen, was vorging, nicht wußten, nicht nahe, nicht hoch genug standen, um zu sehn, ob Cabale von Seiten meiner Feinde oder Unrecht von der meinigen gegen mich arbeitete, oder die nur mit sich selbst zu thun hatten, um festzustehn, oder die zu phlegmatisch waren, sich in verwickelte Händel einzulassen, ließen die Sache ihren Gang gehn und dachten: »Ein Jeder fege vor seiner Thür rein!«. Noch Andre, die weder Glücksgüter noch entschiedne Verdienste hatten, hingen natürlicherweise mit ihrer ganzen Existenz von der herrschenden Parthey ab, mußten, um ihren Weg zu machen und nicht bey etwa erfolgendem Sturze mitzupoltern, bald clausisch, bald mehlfeldisch seyn, je nachdem Dieser oder Jener der Schutzpatron war, der am Staatsruder stand. Eine vierte Parthey war vielleicht gegen mich eingenommen, weil ihr entweder mein Betragen unvorsichtig vorkam oder weil ich hie und da ihre Wünsche und Erwartungen nicht befriedigt hatte. Da nun die schwachen Menschen fast alle Dinge durch die Brille der Vorurtheile und Leidenschaften ansehen, so würde es höchst unbillig seyn, Diesen Vorwürfe darüber zu machen, daß sie sich Meiner nicht annahmen. Endlich verdarb eine fünfte Parthey durch ihr unvernünftiges Schreyen zu meinem Lobe und durch Schmähen auf meine Feinde meinen Handel noch mehr; denn obgleich es diesen unruhigen Köpfen mehr um das Vergnügen zu thun war, ihr Mäulchen spazieren zu lassen, als um den Eifer, mir wahrhaftig zu dienen, setzte man doch voraus, ich, der ich nicht den geringsten Antheil an ihrem Geschrey hatte, habe sie aufgehetzt. Nur ein paar Männer unter den Unterbedienten bey der Cammer gab es, die, als nachher das Gewitter gegen mich losbrach, obgleich sie mir nicht die geringste Verbindlichkeit hatten, bloß aus Wärme für die Rechtschaffenheit, auf Unkosten ihres eignen Glücks, großmüthig, öffentlich für mich auftreten wollten. Allein Diese bat ich, sich ruhig zu verhalten und nicht ihre eignen Aussichten mir, den sie doch nicht retten konnten, aufzuopfern. Nachdem ich Ihnen nun gesagt habe, wie die Personen gestimmt waren, so will ich itzt zu der Erzählung des ganzen Vorgangs schreiten. Ich habe vorhin erzählt, daß ich mir gar nicht die Mühe gab, darüber nachzusinnen, ob ich Feinde hätte oder nicht, weil ich mir bewußt war, muthwilligerweise mir keine gemacht zu haben. So unbekümmert war ich von der Reise zurückgekommen, und wenn auch Reyerbergs Gespräch mich ein wenig nachdenkend gemacht hatte, so schlug ich mir doch seine Prophezeyung bald aus dem Sinne, glaubte, er sähe die Sache nicht recht ein, und wurde täglich fester in meine Ruhe eingewiegt, da der Fürst itzt beynahe noch freundschaftlicher und vertraulicher wie zuvor gegen mich schien. Unterdessen trat ein Umstand ein, welcher verursachte, daß ich nicht mehr so oft wie ehemals meinen Herrn in kleinern Circeln sehn und sprechen konnte. Madame Novanelle nämlich war schon kurz vor unsrer Reise zuweilen schwächlich gewesen, doch ging sie noch immer aus und sah auch Leute bey sich. Während unsrer Abwesenheit aber war ihre Unpäßlichkeit zu einer Art von Auszehrung hinangestiegen, so daß, als wir am 2ten Junius dieses Jahrs in die Residenz zurückkamen, die arme Person fast immer das Bette hüten mußte. Jetzt hörten freylich unsre Abendgesellschaften bey ihr auf; der Fürst schien aber in den ersten acht Tagen sehr besorgt um ihren Zustand, ging täglich hin und opferte ihr manche Stunde auf, fuhr nicht in das Schauspiel (besonders wenn Stücke gegeben wurden, die er nicht sehr liebte) und brachte dagegen die Zeit vor dem Bette seiner Freundin zu. In den folgenden acht Tagen ging er nur zweymal zu ihr, weil der Leibarzt, der zugleich des Herrn Präsidenten Hausmedicus war, ihm gerathen hatte, seine hohe Person nicht den gefährlichen Dünsten bey dem Krankenbette einer Schwindsüchtigen auszusetzen. Die Woche daraufkam er gar nicht mehr selbst, sondern schickte täglich einmal seinen Läufer hin, den er hernach aber um die kleinsten Umstände, welche die Kammerfrau zur Antwort gemeldet hatte, befragte, und wie dann so nach und nach die Menschen, besonders Fürsten, in der Lebhaftigkeit ihrer Theilnehmung an Gegenständen, die ihnen kein Vergnügen gewähren , nachlassen, so war es gegen Ende des Junius-Monats schon dahin gekommen, daß ein Generalbefehl in der Garderobe ertheilt war, täglich sich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen, ohne daß man jedoch weiter als etwa gelegentlich einmal nachfragte, wie es um sie stünde. Diesen Augenblick nun wußte das Hofgesindel vortrefflich zu nützen. Man mußte etwas erfinden, um die leeren Stunden des gnädigsten Herrn auszufüllen, und das wurde auf folgende Art bewerkstelligt: Unter den Vergnügungen, welche der Fürst in dem Hause seiner Maitresse genoß, war auch die Music nicht vergessen. Novanelle sang recht schön. Unser Herr spielte eine fürstliche Flöte. Ich war, wie Sie wissen, ein Virtuoso auf der Violine, und ein paar Männer aus der Capelle wurden von Zeit zu Zeit zur Begleitung dazugenommen. Auf diese Art hatten wir oft kleine Privatconcerte, die unserm Sultane unbeschreiblich viel Freude machten, und außer diesen wurden noch zuweilen an Courtagen bey Hofe musicalische Academien gehalten, in welchen aber, wie sichs versteht, der Fürst nicht selbst mitspielte. Seitdem nun die Maitresse so krank war, daß der Herr nicht mehr hinging, hörten jene kleineren Concerte auf und wurden dagegen die Academien mehrentheils zweymal in der Woche auf dem Schlosse gehalten, wobey der Stadtadel freyen Zutritt hatte und also auch das Fräulein von Mehlfeld erschien. Diese besaß selbst eine sehr reizende Stimme zum Singen und dabey ziemlich viel Geschicklichkeit im Clavierspielen, ja! sie gab sich sogar mit der Tonsetzung ab. Ich will nicht leugnen, daß es mit ihren Compositionen so ging, wie es gewöhnlich der Fall bey vornehmen Leuten ist, nämlich, daß sie irgendeinen aufgeschnappten Gedanken ihrem Lehrmeister, dem Herrn Capelldirector, dahertrillerte, er denselben dann zu Papier brachte, ausführte, und wenn das Ganze mit allen Stimmen aufgesetzt war, es für ihre Arbeit ausgeben, spielen und bewundern ließ. Genug! die Signora Mehlfeldina schrieb Arien, Concerte, Sinfonien, sei quartetti per Cembalo obligato , und schickte diese unehelichen Kinder frisch weg in die Welt. Der Herr Capelldirector war ein geschickter und artiger Mann, hatte dem Herrn Präsidenten viel zu danken, auch unter anderm eine ehemalige Haushälterin von ihm geheyrathet, speiste alle Donnerstage zu Mittage bey ihm und ließ sich dann aus Dankbarkeit also mißbrauchen. Kürzlich hatte dies musicalische Paar eine schöne Bravourarie, nicht ohne Ursache, wie man nachher sehn wird, mit einer obligaten Flöte componiert. Der Text war aus Metastasios Demetrio (erster Aufzug, 14ter Auftritt) genommen und fängt sich an: Dal suo gentil sembiante Nacque il mio primo amore. Sobald dies Stück fertig war, wurde es in der Academie bey Hofe aufgeführt; und wie jeden Tonkünstler die Sachen vorzüglich interessieren, in welchen das Instrument, das er spielt, am mehrsten zu thun hat, so wurde auch der Fürst durch die obligate Flöte sehr aufmerksam gemacht. Sie war mit Fleiß brillant und doch nicht sehr schwer gesetzt, und bey dem Worte sembia-a-a-a-ante machte sie tausend italienische Schnörkel. Serenissimus fanden ein großes Wohlgefallen an dieser Arie, lobten sie ungemein und hätten, wenn sie die Stimme exerciert gehabt und es für schicklich gehalten hätten, sich gern gleich an den Platz des Flötenspielers hingestellt und mitgetrillert. »Von wem ist dann diese Composition?« fragte der Fürst den Capellmeister. Hier trat der saubere junge Graf Löhfeld hervor, der überhaupt diesen ganzen Plan ersonnen hatte: »Wir haben«, sprach er, »diese herrliche Arie den Talenten des Fräuleins von Mehlfeld zu danken, von deren Erfindung schon so manche schöne Stücke hier aufgeführt worden sind.« Der Fürst hatte im Grunde dieses schwarzäugige Mädchen nie recht leiden können, auch fast nie mit ihr geredet. Aber oft können kleine Umstände den Menschen umstimmen. Er erfuhr hier zum erstenmal, daß sie sehr musicalisch wäre. Ihr Oheim stand freylich nicht in Gnaden, aber doch wurde er noch immer mit einiger Schonung behandelt. Dazu kam, daß, da der Herr nun einmal gefragt hatte: von wem die Composition sey, es anständigerweise gar nicht zu andern war, der anwesenden Verfasserin ein Compliment darüber zu machen. Dies that er dann mit aller fürstlichen Artigkeit, und sie hatte eine so bescheidne Antwort auf diese zu erwartende Anrede auswendig gelernt (es fehlte ihr aber überhaupt nicht an Verstand), daß der Fürst zuerst den Gedanken faßte: »Ey! die Person ist doch wahrlich nicht so übel, wie mir Novanelle sie immer beschrieben hatte. Und was kann das arme Mädchen dafür, daß der alte Mehlfeld ihr Oheim ist?« Er sprach noch ein paar Augenblicke mit ihr über diese Arie, als sie hinzusetzte: »Möchte ich nur ein einzigmal so glücklich seyn, Ihro Durchlaucht die Flötenstimme spielen zu hören, und ich dürfte dann die Singestimme übernehmen! – Allein das ist freylich ein Wunsch, den ich nicht einmal so kühn seyn sollte, zu hegen; auch würde ich zu furchtsam seyn, mich vor den Ohren eines so hohen und feinen Kenners hören zu lassen.« – »Mein Gott! also singen Sie auch?« rief der Fürst erstaunt (Fürsten erstaunen dann leicht) – » et cela supérieurement bien, sur mon honneur «, setzte der Hofmarschall, welcher dabeystand, hinzu. Es wurde noch allerley hin und her gesprochen, aber der Circel von verschwornen Hofleuten suchte immer wieder auf den Punct zurückzukommen, wie sehr es zu wünschen wäre, man möchte Ihro Durchlaucht nebst dem Fräulein diese Arie executieren hören. Dem Fürsten selbst war der Gedanke schon genug durch den Kopf gelaufen. Er wußte es nur nicht recht anzugreifen. Man wollte nicht öffentlich spielen; das Fräulein an einem andern Tage auf das Schloß holen zu lassen, ging doch auch nicht – Der Hofmarschall schnitt den Knoten mit der ihm eignen Unverschämtheit durch – »Wenn Sie, gnädigster Herr! es befehlen, so wird das Fräulein, wie ich glaube, mit tausendfachem, unendlichem Vergnügen un de ces jours in ihres Oheims Hause ein kleines Privatconcert veranstalten.« Das Fräulein, welches dabeystand, nahm die Sache, als wenn der Prinz schon ja gesagt hätte – Es ließ sich daher höhern Orts ohne Unhöflichkeit die Sache nicht abschlagen. Der nächste Sonntag wurde dazu festgesetzt, und auf den Gesichtern der ganzen Parthey war Freude und planreiche Hoffnung ausgedrückt. Ich pflegte gewöhnlich spät an den Hof zu gehn, um zu Hause noch ein wenig arbeiten zu können. Als ich diesmal gegen Ende des Concerts erschien, schlich der Fürst wie ein Mann, der kein gutes Gewissen hat, auf mich zu, zog mich auf die Seite und sagte: »Sie werden Sich wundern, Clausbach! wenn Sie hören, daß ich auf künftigen Sonntag bey dem alten Präsidenten ein Concert veranstalten lasse. Es war nicht zu ändern, und man kann ja auch dem alten Manne einmal die kleine Freude gönnen. Nicht wahr? Was? Es scheint, als wenn die Leute das für etwas recht Großes rechnen. Nun! Sie werden doch auch erscheinen, Clausbach! und ihre Geige hinschicken?« – »Wenn ich eingeladen werde«, fiel ich ihm lächelnd in die Rede – Wir wurden aufmerksam beobachtet, und ich bin sehr überzeugt, daß die auf jede Miene so ausstudierten Hofleute getreulich übersetzt hatten, was unsre Gebärden sagten; denn kaum verließ mich der Fürst, als das Fräulein von Mehlfeld nach einem kurzen Gespräche mit ihrem jungen Grafen voll falscher Freundlichkeit auf mich zukam und mich auf den Sonntag zu sich einladete, da ich dann zu erscheinen versprach. Sollten Sie es aber glauben? Der einzige kleine Umstand, daß der Fürst mit dem Fräulein gesprochen und eingewilligt hatte, in Mehlfelds Haus zu gehn, brachte auf einmal dem Hofgeschmeiße eine solche Steifigkeit in seine Reverenzknochen, daß es sich um drey bis vier Zoll weniger tief vor meiner Excellenz verneigte. Dies hatte ich nicht bemerkt, aber meinem Freunde Reyerberg, der auch zugegen war, entwischte dergleichen nicht, und nachdem er mich noch denselben Abend aufmerksam darauf gemacht hatte, wurde auch ich, mehr mit Verdruß als Unruhe, die folgenden Tage hindurch bis zum Sonntage gewahr, wie viel wirklich meine Feinde schon gewonnen zu haben glaubten – Sie kannten den Fürsten vielleicht besser wie ich, und der Hofmarschall betrachtete mich von diesem Augenblicke an schon wie einen verlornen Menschen. Zehntes Capitel Des Fräuleins von Mehlfeld Concerte thun sonderbare Wirkung. Der gewünschte Tag erschien, und alles in Mehlfelds Hause wurde zum Empfange des Fürsten zubereitet. Man richtete sich auf das Pünctlichste nach seinem Geschmacke; es wurde eine ausgesuchte Gesellschaft von Leuten gebeten, die er gern hatte, und alles sah heiter, geschmackvoll, einfach, zwangslos und doch ehrerbiethig aus. Der alte Mehlfeld ersparte dem Fürsten jede kleine Verlegenheit, in welche er leicht durch diese erste Zusammenkunft hätte gesetzt werden können. Er ließ sich (so stark er auch war, wie sein gesunder Appetit bey Tische und sein ganzes Aussehn es deutlich genug zeigten) dennoch durch zwey Domestiken die Treppe hinunterführen, um seinen gnädigsten Herrn an der Hausthür zu empfangen, da er ihm dann, mit Thränen in den Augen, die Hand küßte und den Tag segnete, wo er noch einmal so glücklich seyn sollte, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehn. Sodann ließ der alte schwache Mann den Fürsten vorausgehn, folgte nebst mir, vor welchem er sich bis zur Erde bückte, hintennach und sprach, laut genug, um vom Fürsten gehört zu werden (der Schalk!), er habe gewiß mir die Verbindlichkeit wegen der Ehre, die ihm heute widerführe. Wenn es der Fürst gehört hatte, wie ich nicht daran zweifle, mußte es nothwendig sehr widrigen Eindruck für mich auf ihn machen, daß man gleichsam sagte: »Dir, Herr Claus! der Du Dir hier das Ansehn gibst, alles zu vermögen, muß man es wohl danken, wenn einmal der Fürst sich zu einem von uns Andern herabläßt oder etwas thut, das uns freuet.« Nun mögen bekanntlich auch die schwächsten Potentaten nicht, daß man einen von ihren Leuten für so allmächtig, für so unentbehrlich halte, und ich erfuhr bald nachher, daß dieser und andre Züge von der Art die gehoffte Wirkung gethan hatten.   Das Concert ging an. Mit des gnädigsten Herrn Leibsinfonie wurde es eröffnet. Sodann übertraf sich das Fräulein von Mehlfeld in einem Clavierconcerte, und darauf bat man Serenissimum demüthig, die Flöte zu ergreifen, mit welcher der Präsident auf ihn zugehinkt kam. Der Fürst ließ sich erbitten, und die Arie wurde angefangen. Ich stand bey der ersten Violine mit meinem blauen Heringsorden, und wenn der Fürst, wie es wohl so unter großen Herrn Weise ist, eben nicht sehr genau Tact hielt, gab jedermann im Tempo nach, nur ich konnte mich nicht immer zu dieser Schmeicheley herablassen, sondern gab zuweilen etwas hart den Tact mit dem Fuße an. Diese Freyheit war ich bey unsern kleinen Privatconcerten mir zu nehmen gewöhnt gewesen. Allein hier, wo sich der durchlauchtige Virtuose in seinem Glanze wollte hören lassen, runzelte Derselbe einigemal die Stirne, und die Hofleute sahen mich verstört an, als wenn ich ein entsetzliches Verbrechen begangen hätte. Indessen ging alles seinen Gang fort, und es wurde bis um neun Uhr abends geleyert und gepfiffen, wobey in den kleinen Zwischenräumen das Fräulein Caroline mit unnachahmlicher Artigkeit den gnädigsten Herrn mit Erfrischungen bediente und ihn dabey angenehm unterhielt. Dieser war in der That so heiter und fröhlich, wie ich ihn in langer Zeit nicht gesehn hatte, und als er wegging, sagte er mir (vielleicht, um mich ein wenig für das Tacttreten zu bestrafen): »Das war ein angenehmer Abend, sehr angenehm, Herr von Clausbach! und dergleichen Parthien könnten wir ja oft haben. Nicht wahr? Was?« – »Warum nicht, gnädigster Herr?« antwortete ich in einem vielleicht spöttisch scheinenden Ton, und wir schieden auseinander. Der Hofmarschall, der Graf Löhfeld und ihr Anhang ließen, wie sichs versteht, diese Stimmung unsers Herrn nicht ungenützt, und man fand wenige Tage nachher einen neuen Vorwand zu einer ähnlichen Parthie in dem Landhause des Erstern. Da den Leuten nun daran gelegen war, mich nach und nach zu entfernen, so brauchten sie einen Kunstgriff, von dessen Erfolge sie gewiß seyn konnten, weil sie meinen Ehrgeiz kannten. Man sagte nämlich dem Fürsten: er möchte so gnädig seyn, es denjenigen von seinen Leuten, welche Musicverständige wären und die er dort sehn wollte, zu befehlen, sich einzufinden, und sich also sein Accompagnement selbst wählen. Da nun der Minister von Clausbach zu stolz war, sich wie ein andrer Geiger bestellen zu lassen, dem Fürsten dies auch nicht einfiel, weil er glaubte, ich sey gewiß insbesondere eingeladen worden, welches aber nicht geschehn war, erschien ich nicht. Der Sultan aber, gewöhnt an meine musicalische Begleitung, nahm dies ein wenig übel auf, die Hofcabale goß Öl zum Feuer, und diese Kleinigkeit warf den ersten Funken von Kaltsinn zwischen meinen Herrn und mich. Ich bin mit Vorsatz ein wenig weitläufig bey Auseinandersetzung dieser wichtigen Kleinigkeit gewesen, um zu zeigen, wie geringe oft die Veranlassung zu Zwist und Uneinigkeit ist, woraus nachher sehr große Folgen entspringen können. Wer nun erfahren hat, wie schwer es hält, wenn sich dergleichen unter Freunden gleiches Standes einschleicht, solche Mißhelligkeiten wieder ins Gleiche zu bringen, und wie mit jeder untergehenden Sonne die Wege zur Versöhnung neue Schwierigkeiten bekommen; wer ferner die unbilligen Forderungen und Einbildungen der mehrsten Prinzen kennt, die jeden ersten Schritt von ihrer Seite, auch wenn sie noch so sehr Unrecht haben, für entehrend halten; und wer endlich meinen Stolz, die Überzeugung, welche ich hatte, dem ganzen Lande ein nützlicher Mann zu seyn, die Zuversicht auf meine gute häusliche Lage, die mich außer der Nothwendigkeit setzte, dienen zu müssen; wer dies alles in Anschlag bringt, dem wird es nicht schwer seyn zu begreifen, warum von diesem zweyten Concerte an mein Ansehn am Hofe merklich von Tage zu Tage abnahm. Ich will daher nur kurz die Thatsachen erzählen, welche die Entwicklung der ganzen Catastrophe ziemlich schnell herbeyführten. Die musicalischen Zusammenkünfte bey dem Herrn Präsidenten wurden fleißig fortgesetzt. Der Prinz gewöhnte sich an diese Art von Vergnügen, wie solche Gewohnheitsmenschen sich an alles gewöhnen. Ich aber erschien nicht ein einzigmal mehr dabey. Anfangs machte mir mein Herr verblümte Vorwürfe darüber; ich entschuldigte mich mit meinen Geschäften. Er war zu stolz, weiter in mich zu dringen, und zuletzt fiel es ihm nicht mehr ein, mich zu vermissen, und da fing diese Vergessenheit an, mich zu verdrießen. Ich hätte mich nun gern erbitten lassen, aber man bat mich nicht mehr. Sobald diese Concerte eine Art von Bedürfnis für unsern Sultan geworden waren, wagten es die Hofleute, ihm begreiflich zu machen, daß der Aufwand dabey, so klein er auch scheinen möchte, doch für den armen alten, in Schulden steckenden, itzt durch den Herrn von Clausbach auf eine mäßige Pension herabgesetzten Präsidenten zu schwer zu tragen wäre – Er bekam dadurch Zulage – Wenn von Madam Novanelle die Rede war, sprach man mit einer Art von Ekel über ihre auszehrende Krankheit, so daß der Herr, welcher nicht gern unangenehme Bilder vor Augen gestellt haben mochte, sehr selten diese Saite berührte. Zwischendurch hieß es auch: Die Person schont sich gar nicht. Wenn sie des Abends Gesellschaft zu Tische hat (Sehr selten kam außer meiner Frau jemand zu ihr), so ißt sie zu viel. Man stellte Leute an, die, wenn ich einmal irgendeinen Secretair auf ein Stück Rindfleisch zum Gaste gehabt oder irgendeinen Strich auf der Violine gethan hatte, erzählen mußten: »Haben Sie gehört? In Clausbachs Hause war heute ein allerliebstes Concert.« oder: »Es ist heute wieder ein großes Diner bey Clausbach – Das ist wahr! Man speist vortrefflich bey ihm. Aber er kann es auch wohl thun.« Was für Eindrücke nun dergleichen Dinge machten, das kann man ohne Hexerey errathen. Die Gesellschaft in des Präsidenten Hause wurde immer lebhafter und vertraulicher und der alte Mann von Tage zu Tage gesunder – Es schien, als wenn die Freude, seinen Herrn so oft bey sich zu sehn, ihm neue Kräfte, neues Leben gäbe. Zuweilen, wenn man recht aufgeheitert und die Unterredung am zwanglosesten war, brachte der Fürst einige meiner lustigen Einfälle über die Geheimenräthe von Lämmersdorf und von Schwarzhelm und über andre Personen zu Markte, nannte dann auch, mit aller manchen Gesalbten des Herrn so eignen Indiscretion, den Namen des Verfassers eines solchen Epigramms, und da verfehlten dann meine Feinde nicht, den Personen, welche auf diese Art lächerlich gemacht waren, den Vorfall mit Zusätzen wiederzuerzählen, wodurch diese meine unversöhnlichen Widersacher wurden und sich an den Haufen der oben erwähnten zerstreueten Malcontenten schlossen. Sooft es möglich war, ließ man ein Wort fallen, das Verdacht gegen einige meiner Schritte erregen sollte. Freylich mußte man es fein damit anfangen, denn man konnte keine Schelmereyen auf mich bringen. Indessen ist es nicht schwer, dergleichen Schein gegen einen Cammerpräsidenten zu finden, wenn es einmal darauf angesehn ist. Es hatten ein paar Amtspächter mit der Bezahlung nicht Wort gehalten, und bey dem Cautionspuncte des Einen war ein kleiner Umstand übersehn worden. Eine angelegte Fabric war aus Mangel an Absatz eingegangen und eine neue Maschine bey einem Bergwerke mißlungen. Es ist wahr, daß die Vorfälle mit den Amtspächtern sich während meiner Reise nach Paris zugetragen hatten, daß die Fabric wider mein Anrathen, aus Eigensinn des Fürsten, der von aller Art etwas haben wollte, angelegt und daß die Maschine wie eine Probe mit geringen Kosten nach der Angabe eines berühmten Schriftstellers verfertigt worden war. Man nahm aber darauf keine Rücksicht, stichelte oft dahin und erlangte wenigstens so viel, daß mein Herr kälter und zurückhaltender gegen mich wurde. Es sollte dann auch frisch auf das Bauen losgehn, um alle die Thorheiten nachzuahmen, die man in fremden Provinzen gesehn hatte. Ich wagte es, den Zustand der erschöpften Cassen zu schildern, und bekam einst die bittre Antwort: »Wenn man keine Schelme zu Amtspächtern nähme, so würde auch mehr Geld daseyn.« Die öftern feinen Spöttereyen, die man, so daß es der Fürst mit halbem Ohre hören konnte, über des Herrn von Clausbach Allmacht hinwarf, erweckten den sultanischen Hochmuth meines kleinen Despoten. Er unternahm desfalls täglich unüberlegte Sachen ohne mein Wissen, ließ Befehle ausfertigen, wovon ich nichts vorher erfahren hatte und die meine sichern Pläne durchkreuzten, warf dennoch die Schuld auf mich, wenn das Ding nicht gutging, welches er selbst verdorben hatte, und sprach sehr oft an der Tafel von Ministern, die sich einbildeten, große Herrn zu seyn, und von Prinzen, die schwach genug wären, sich bey der Nase herumführen zu lassen. Mein Verdruß und meine Indignation stiegen nun auf das Höchste, und als ich einst des Abends zu Hause kam und meinen Ludwig da fand, rief ich: »Es ist beschlossen. Ich will fort! Ich will meinen Abschied nehmen! Ich will meinen undankbaren Tyrannen verlassen! – O! wäre ich Dir gefolgt!« –   Reyerberg : »Davon ist itzt nicht Zeit zu reden. Aber das ist gewiß, daß, wenn Du unter den gegenwärtigen Umständen den Abschied nimmst, Du sehr närrisch handeln wirst. Dazu ist es nun zu spät. Das ganze Publicum würde sagen, daß Du keine reine Sache gehabt hättest. Erwartest Du aber ruhig und mit Würde die letzte Entwicklung, und man jagt Dich dann, wie es gewiß bald der Fall seyn wird, durch schändliche Cabale fort, so wirst Du außer dem Beyfalle Deines Gewissens das Urtheil aller Rechtschaffnen, die beschämende innere Überzeugung selbst Deiner Feinde, die bey aller Mühe dennoch nichts Pflichtswidriges gegen Dich werden zu finden wissen, mit Dir nehmen, und nach einiger Zeit wird durch Reue und Bestrafung Deiner Verleumder der gewiß im Grunde nur schwache, nicht böse Fürst Dich an ihnen öffentlich rächen« – »So sey es dann!« – sprach ich, »aber es ist hart zu ertragen; doch will ich den teufelischen Spaß abwarten.« Ich waffnete mich, soviel ich konnte, mit Geduld und arbeitete meinen Gang fort. Elftes Capitel Clausbach trägt nicht wenig dazu bey, seinen Sturz zu beschleunigen. Es ist schon oft gesagt worden, daß, wenn man den Muth verliert, man alles verloren habe und daß alsdann jede Sache krebsgängig gehn müsse, da hingegen der Mann, den Verstand, Gegenwart des Geistes, Hoffnung und Zuversicht in entscheidenden Augenblicken nicht verlassen, sich auch aus den verwickeltsten Lagen mit Ehren herausziehen könne. Ferner will man bemerkt haben, daß auch die größten Minister mehrentheils den Kopf verlieren, wenn ihr Ansehn zu wanken anfängt, und daß sie dadurch ihren Sturz beschleunigen. Wenn man Unruhe und Furcht an der Stelle der vorigen Selbstgenügsamkeit und Sicherheit auf dem Gesichte eines großen Mannes liest, so gibt das den Feinden Muth und den Unpartheyischen Argwohn. Wenn er anfängt, ängstlicher, zudringlicher um die Person des Fürsten herumzugehn, so fällt auch bey Diesem jene Ehrerbiethung gegen das wahre Verdienst weg, die vielleicht bis dahin noch die Waagschale des Mannes, den man anzutasten sich nicht erkühnt hätte, gegen die Verleumdung niederhielt; und wenn er endlich in seinem äußern Betragen höflicher, herablassender wie vorher gegen das kleine Hofvolk und vertraulicher mit niederträchtigen Subalternen wird – ja! wenn er gar sich so weit vergißt, über Feinde und Verfolgung zu klagen – so ist er verloren! Bleibt er hingegen sich immer gleich, verbeißt jeden Kummer, jeden Unwillen, bis er in sein Kämmerlein oder in den Schoß seiner Familie zurückkömmt ( Nota bene! wenn er ein kluges Weib hat, denn sonst wollte ich bitten, auch da zu schweigen), thut er ohne Affectation, als wenn er freywillig wenig mit dem Fürsten redete – Man weiß ja nicht, ob er nicht schon im Cabinette bey ihm gewesen ist – Scheint er nicht nachdenkender, nicht ernsthafter, nicht mißtrauischer, nicht gefälliger, nicht höflicher, nicht kränklicher, aber auch nicht gezwungen lustiger noch gröber, noch hochmüthiger, noch erheischender wie vorher, so merkt die große Anzahl derer, die den Zusammenhang nicht wissen, weiter nichts, forscht auch nicht, und die dii minorum gentium wagen nichts, sondern denken: » Ma foi! der Mann muß seiner Sache sehr gewiß seyn! Vielleicht hat er geheimen Schutz. Fürsten sind falsch. Vielleicht hält selbst der Herr es im Grunde mit ihm und will uns nur auf die Probe setzen.« Dann werden auch die Hauptfeinde irre, können wenigstens nicht alle ihre Maschinen in Bewegung setzen, fallen zuweilen in ihre eigenen Schlingen, oder die Sache wird dergestalt in die Länge gezogen, daß der erste Eifer verraucht oder indes eine neue Revolution in den Gemüthern und Begebenheiten zum Vortheile des Verfolgten vom Schicksale herbeygeführt wird. Überhaupt, meine werthen Leser! wage ich es, Ihnen aus eigner Erfahrung mit dem Rathe unter die Arme zu greifen, jeden Unfall Ihres Lebens soviel möglich vor allen andern Menschen zu verbergen. Wenn Sie diesem meinem Rathe folgen, so stehe ich dafür ein, daß Sie eine Menge Ihrer Brüder von Einer schlechten Seite weniger kennenlernen und Sich manche noch trübere Stunde ersparen werden. Da es übrigens sehr gewöhnlich ist, daß man andre Leute zu Tugenden ermahnt, die man selbst nicht hat, so brauche ich mich wohl nicht zu scheuen, Ihnen zu bekennen, daß ich mich in meiner vorher beschriebnen critischen Lage gar nicht so aufführte, wie es die Ihnen eben angepriesene Klugheit erfordert hätte, denn, so wie ich von Tage zu Tage mein Ansehn sinken sah, wich auch aller Schein von Ruhe, Würde, Zufriedenheit und Gesetztheit von mir. Alles Zureden meines Freundes und meiner Frau half nichts. Meine Launen waren unerträglich, und diese meine unweise Aufführung machte, daß von den erbärmlichsten Hofschranzen an bis zu dem Fürsten hinauf alle Schonung, alles äußere Zeichen von Achtung und Ehrerbiethung und alle Dankbarkeitsbezeugungen für meine wahrhaftig uneigennützigen Dienste sehr merklich gegen mich nachließen. Der alte Mehlfeld warf nun auch öffentlich seine Larve ab. Er und seine Nichte begegneten mir mit ausgezeichneter Verachtung. Der alte Heuchler fing an, wieder auszugehn, zuckte die Achseln, wenn von mir die Rede war, versicherte: es sey ihm leid, zu hören, daß sich so sehr böse Dinge gegen den Herrn Geheimenrath von Clausbach hervorthäten; auf gewisse Weise mache er sich selbst Vorwürfe deshalb, da er im Grunde mit die Veranlassung gegeben hätte, diesen Fremden in einem so ansehnlichen Posten zu placieren. Auch fehle es dem Herrn von Clausbach nicht an Verstande und Fähigkeiten; aber das Herz, das Herz! Und das sey doch die Hauptsache. Ein Mann ohne Christenthum sey ein gefährlicher Mann; Gott wisse alles an den Tag zu bringen. Auf dergleichen Art hetzte er unaufhörlich, reizte Jeden an, aufzusuchen, was man mir etwa zur Last legen könnte, und brachte es endlich dahin, daß der Fürst ihm, als einem unpartheyischen, der Sache aus alter Erfahrung kundigen Manne , auftrug, mit Hilfe von einem paar andern Leuten, die er selbst wählen möchte, in der Stille die gegen mich angebrachten Gravamina unter der Hand zu untersuchen. Kaum hatten es meine Feinde dahin gebracht, so präsentierte sich mein Sultan in einem Lichte, in welchem ich ihn lieber nicht möchte erblickt haben, obgleich böse Menschen behaupten, daß Viele seiner Collegen sich gern darin zu zeigen pflegen; ich meine nämlich mit der schändlichsten Verstellung ausgerüstet. Er war immer gleich freundlich und artig gegen mich. Man sah ihm auch nicht im Mindesten an, daß es ihn betrübt hätte, sich von einem Freunde hintergangen zu glauben, und vorzüglich galant und verbindlich war er gegen meine Frau, der er, sooft sie bey Hof erschien, tausend Schmeicheleyen sagte. Hier muß ich einen Augenblick abbrechen, um Ihnen etwas von der Lebensart dieses guten Weibes und von unsrer häuslichen Lage zu erzählen. Ich denke, ich habe zu lange davon geschwiegen; allein daran sind die verzweifelten Hofcabalen Schuld. Sie wissen, daß, als ich meine Frau nach . . . brachte, der hohe Adel uns zum Theil von oben herab mit stiftsmäßiger Verachtung behandeln und uns persiflieren wollte. Ein paar kräftige Scenen aber, die meine Gattin mit Einigen von diesen noblen Damen spielte und in welchen von ihrer Seite Witz, gute Laune und Gegenwart des Geistes, sehr auf Unkosten dieser armen Geschöpfe, hervorglänzten, machten auf einmal dem Dinge also ein Ende, daß Keine es fernerhin wagte, ihr anders wie mit Huldigung zu begegnen. Weil sie indessen nicht den geringsten Beruf fühlte, sich mit solchen Menschen enger zu verbinden, wählte sie sich ein paar gute, mit ihr sympathisierende Weiber zu ihrem Umgange und enthielt sich übrigens, soviel es ohne Verletzung der höflichen Anständigkeit geschehn konnte, aller leeren, unbedeutenden Gesellschaften. Bey Hofe erschien sie grade so oft, wie es Klugheit und Gefälligkeit für unsern Despoten forderten, und sie wurde daselbst mit derjenigen ausgezeichneten Aufmerksamkeit bewillkommt, welche der Rang ihres Mannes, noch mehr aber die Würde und Feinheit ihres untadelhaften Betragens mit Recht erwarten konnten. Den übrigen, größten Theil ihrer Zeit widmete sie ihren häuslichen Pflichten. Es schien nicht, als wenn wir mehr Kinder bekommen sollten. Unterdessen wuchs aber unser Albert heran (Er ist jetzt acht Jahre alt und verspricht ein redlicher teutscher, grader, gesunder Kerl an Leib und Seele zu werden), und seine Erziehung war ihr wichtigstes und liebstes Geschäfte. Madame Novanelle war, wie bekannt, die Schöpferin meines Glücks. Nicht nur also verbanden mich Gefühle der Dankbarkeit, sie mit Güte und Schonung zu behandeln, sondern, wenn ich auch, solange sie in Ansehn stand, nicht hätte auf politische Klugheit Rücksicht nehmen wollen, so war sie doch, wie wir gesehn haben, weder eine gefährliche Person von schlechter Gemüthsart noch auch unangenehm im Umgange. Ihre Verbindung mit dem Fürsten war freylich nicht sehr canonisch, aber Dieser hatte ja keine Gemahlin, und am Ende war ich nicht Richter über ihre Handlungen. – Man geht ja auch in der großen Welt oft mit vornehmen Damen um, die ein weit ärgerlichers Leben führen, ohne daß weiter jemand darüber spricht. Desfalls nun hielt es meine Frau nicht für schimpflich, die Dame Novanelle zuweilen freundschaftlich zu besuchen; und als ihre Gesundheit zugleich mit ihrem Glanze zu sinken anfing, wurde es ein Gewissenspunct für uns, sie nicht zu verlassen. Meine Gattin ging daher auch jetzt noch fast täglich an der Hand unsres Söhnchens mit ihrer Arbeit zu ihr, setzte sich dann vor das Bette der Kranken und plauderte ihr etwas vor – Es war Trost für die Leidende, denn das Heer von Schmeichlern und Schmeichlerinnen floh nun weit von ihr, seitdem es Ihrer nicht mehr bedurfte. So standen dann überhaupt die Sachen, als ich die unerwartete Nachricht bekam, daß der alte Haftendonk in Amsterdam ohne alle rechtmäßige Erben gestorben wäre, auf seinem Totenbette zwar den größten Theil seines Vermögens den Armen hinterlassen, aber auch ein Capital von achtzigtausend holländischen Gulden dem kleinen Albert menschenfreundlich vermacht hätte. Gott segne ihn noch dafür in der Ewigkeit! Es war doch wahrlich recht edel gehandelt, und wir hatten nun ansehnlich an Reichthum gewonnen. Soll ich es indessen zu meiner Schande bekennen? Ich war noch so voll falschen Vorurtheils über die elende Ehre der Welt, daß ich gern alles Geld hingegeben hätte, wenn es möglich gewesen wäre, mich dadurch aus meiner unangenehmen Lage zu reißen. Unterdessen wurde alles folgendermaßen verabredet: Die Erbschaft sollte ein Geheimnis vor der ganzen Stadt bleiben. Das Geld war schon in Hamburg deponiert; dahin mußte ich also nothwendig reisen. Unterwegens sollte ich ein gewisses Landgut beschaun, das wir uns zu unsrer Retirade ausersehn hatten, deren wir, wie es klar am Tage lag, nun bald nöthig haben würden und wovon wir im folgenden Capitel mehr reden werden. Ich nahm unter einem scheinbaren Vorwande auf vierzehn Tage Urlaub von meinem Herrn, welcher mir denselben mit der falschesten Freundlichkeit zugestand, und so beging ich dann auch den letzten erzdummen Streich, mich in einer so kitzligen Situation zu entfernen und meinen Feinden das freye Feld zu lassen. Aber es war nun einmal von der Vorsehung zu meinem Besten beschlossen. Ich reiste also am zwölften August ab. Zwölftes Capitel Er verreist, um eine reiche Erbschaft in Besitz zu nehmen, besieht unterwegens ein Landgut bey Urfstädt, woselbst er sich ankauft. Beschreibung desselben und der Leute, die dort leben. Schon vor längrer Zeit und ehe ich glaubte, daß die Cabalen meiner Feinde gegen mich losbrechen würden, hatten wir uns nach einem Landgute umgesehn. Ich wollte durch den Ankauf desselben einen Theil des Vermögens meiner Gattin sicher anlegen und mir zugleich einen angenehmen Sommeraufenthalt zubereiten, wohin ich, um mich von Geschäften zu erholen, zuweilen reisen könnte. Jetzt schien ich nun ein solches Ding zu meinen Zufluchtsorte nöthig zu haben, im Fall es mit meiner Ministerschaft schiefgehn möchte. Man hatte uns ein sehr beträchtliches Rittergut in Vorschlag gebracht, welches mir aber bis dahin zu kostbar gewesen war; allein die Erbschaft, die unser Kind itzt gethan hatte, hob diese Bedenklichkeit. Da nun das Landgut, wovon ich rede, nicht weit außer meinem Wege nach Hamburg lag, reisete ich grade hin, um es zu besehn und, wenn es mir gefallen würde, den Kauf richtig zu machen. Daß es mir aber gefallen würde, davon war ich schon im Voraus gewiß. Ich hatte nämlich im vorigen Jahre die Bekanntschaft eines gewissen Hauptmanns von Weckel Hier finden die Leser also einige Nachrichten von dem jetzigen Zustande der Personen in Urfstädt, deren Geschichte wir im vierten Theile des Romans meines Lebens nur bis zum Junius 1772 verfolgt haben. gemacht, der zuweilen des Winters an den Höfen herumzureisen und was er sah, mit lustiger, hie und da ein wenig zu satyrischer Laune zu beobachten pflegte. Dieser Mann schien, als er sich vierzehn Tage an unserm Hofe aufhielt, mich vorzüglich seiner Aufmerksamkeit und Güte zu würdigen. Ich war in der That stolz hierauf, denn, wenngleich er gern über Thorheiten lachte und spottete, hatte er doch ein sehr gefühlvolles, für Freundschaft edler Menschen empfängliches Herz. Ich würde Jeden bedauern, der glauben möchte, dies könne nicht miteinander bestehn und man könne nicht zugleich Menschen lieben und doch nicht blind gegen ihre Fehler seyn, auch zuweilen lachen über ihre Narrheiten und Verkehrtheiten. Ich weiß es wohl, die Schelme, die kein reines Gewissen haben, pflegen einem Manne, der ihre Heucheleyen auf eine lustige Art zu entlarven versteht, gern einen bösen Leumund zu machen, damit man ihm nicht glauben soll, wenn er einmal ihren Casum an das Tageslicht bringt – Doch das gehört ja nicht hierher. Dieser Herr von Weckel nun sprach einst ungefähr aus eben dem Tone wie mein Freund Reyerberg mit mir. »Mein Herr!« sagte er, »ich sehe Ihre Excellenz für eine sehr redliche Excellenz an, und ich habe daher Ursache zu vermuthen, daß Sie bald einmal hier das Wesirshandwerk werden aufgeben wollen oder müssen. Sollten Sie Sich alsdann, wie es doch wahrhaftig am weisesten gethan ist, auf das Land in Ruhe setzen und pflanzen und säen wollen, da, wo der Samen nicht, wie in diesem häßlichen Hofboden, von Dornen und Disteln erstickt wird, so kommen Sie zu uns, in die Nachbarschaft von Urfstädt. Dort leben wir so glücklich, wie man es sich auf dieser bunten Weltkugel wünschen darf. Es ist wohl grade kein Paradies von unschuldigen Menschen, aber doch eine recht angenehme Gegend, deren Bewohner, theils aus natürlichem Instinct, theils aus Klugheit und Erfahrung und theils durch unser Beyspiel gestimmt, wie ehrliche, einfache und muntre Leute leben. Ein alter Greis, der Baron von Leidthal, sitzt da in Urfstädt wie unser Aller Patriarch. Seine langjährige Erfahrung und seine von Leidenschaften nie irregeführte Philosophie ist unser Codex. Sein Pflegsohn, der Herr von Hohenau, wohnt mit einem jungen wackern, artigen Weibe seit zehn Jahren ebendaselbst, beschäftigt mit der Landwirtschaft und vorzüglich mit der Erziehung von drey liebenswürdigen Kindern, wovon das älteste, ein Sohn, zehn Jahre alt ist. Sein ehemaliger Mentor, ein gewisser Secretair Meyer, ist zugleich Finanzminster und Curator des ganzen Schul-, Buchstabier- und Studierwesens. Ich bin, nebst einem ehrlichen Weibe und einer Tochter, der nächste Nachbar, und wir leben in ununterbrochnem Freundschaftsbunde, führen nie Krieg miteinander, sondern haben vielmehr, um das Gleichgewicht unter den Landedelleuten zu erhalten, eine Off- und Defensivallianz geschlossen, die wohl weit unschuldiger und uneigennütziger ist wie das Bündnis großer Höfe zu Befestigung des Gleichgewichts von Europa; denn wir sichern uns nicht unsre Ungerechtigkeiten zu, sondern unsre Ruhe und die Erlaubnis, Gutes zu thun. Ich bekenne aber auch, daß wir sehr liebe Menschen um uns her wohnen haben, die mit uns ziemlich Einen Strang ziehen. Wir halten zuweilen große Reichstage, auf welchen wahrhaftig keine solche – – wie in Regensburg vorkommen, sondern wo über Erziehungswesen, Luxus, Baumschulen, Armenanstalten, Aufklärung, Scheibenschießen, Bienenzucht, Cultur, Futterkräuter, Lesebibliotheken, Schweizervieh, Stutereyen, Besetzung der Pfarrerdienste, Erntefeste und dergleichen Abreden genommen und Schlüsse gefaßt werden. Gewöhnlich macht ein Ausschuß von uns, welche wir die Missionarien nennen, obgleich sie niemand bekehren, jährlich eine Reise von zwey bis drey Monaten umher, zuweilen auf das Land, zuweilen, um Höfe, und noch öfter, um andre Arten von Hospitälern, Tollhäusern und Krankenhäusern zu sehn. Jedesmal werden ein paar von den jungen Leutchen mitgenommen. Daß alsdann Reisejournale geführt und diese im Winter bey dem warmen Ofen hergelesen und commentiert werden, das versteht sich von selber. An auswärtigen Freunden und Correspondenten fehlt es auch nicht, und ich habe das département des affaires étrangères . Nun fügt sich's aber, daß eine Stunde von Urfstädt ein großes Gut zu verkaufen ist; wir möchten nicht gern einen Mann dahin haben, der unser System von Gleichgewicht erschütterte. Wie wäre es also, wenn Sie dies Gut kauften? Ihr häusliches Leben gefällt mir, und darnach pflege ich die Menschen zu beurtheilen. Ich glaube, wir würden uns sehr wohl vertragen.« Dieser Vorschlag nun schien mir ungemein anständig. Ich fing desfalls gleich nach des Herrn von Weckels Zuhausekunft einen Briefwechsel mit ihm an, und, wie gesagt, da nur der zu hohe Werth des Guts Anstoß gemacht hatte und diese Rücksicht jetzt wegfiel, reisete ich nun grade nach Urfstädt, um das Ding richtig zu machen. Wie herzlich gastfreundschaftlich ich empfangen wurde, wie sehr die Leute und der Ton der Leute, ihre Lebensart und ihre Sitten mit meinem Geschmacke übereinstimmten, das kann ich gar nicht beschreiben. Ich entwarf in einem Briefe an meine Frau ein so enthusiastisches Bild davon, daß Diese, die unterdessen manchen Verdruß hatte und die Aussicht zu vielfachem Kummer für mich immer näher erblickte, gern gleich die Residenz verlassen und Besitz von dem ländlichen Aufenthalte genommen hätte. Ich kam gegen Abend in Urfstädt an. Der alte brave Leidthal saß (welche Wonne!) im Cirkel der Menschen, die durch ihn glücklich waren. Jeder von ihnen erstattete Bericht von seinem Tagewerke. Sie hatten sich ihre Stunden eingetheilt und bemerkt, daß eine solche Ordnung in Geschäften, so pedantisch sie auch scheint, viel dazu beyträgt, das Gemüth an Regelmäßigkeit im Denken und Handeln zu gewöhnen; daß man sich leichter Rechenschaft geben kann, ob man seine Pflicht gethan hat, wenn man weiß, was man hätte thun sollen, als wenn man ohne Plan, in das Wilde hinein, mit unbestimmter Thätigkeit fortarbeitet und seinen Launen folgt, die uns bald zu diesem, bald zu jenem Geschäfte treiben. Die ganze Familie bewillkommte mich freundlich und brüderlich, und da ich den alten Leidthal bat, sich in seinem Geschäfte nicht stören zu lassen, und ihn versicherte, daß ich den Werth der Ordnung zu schätzen und an den Amtsverrichtungen eines Hausvaters warmen Antheil zu nehmen wüßte, vollendete er sein Geschäft, das schon beynahe zu Ende war, und ich wurde ein aufmerksamer und bewundernder Zeuge dabey. Jedes der Kinder des Herrn von Hohenau trug, nach den Fähigkeiten seines Alters, die vollbrachten Arbeiten des Tages hervor. Das Eine zeigte sein Schreibebuch, das Andre eine Übersetzung oder erzählte etwas Neues aus der Geschichte, Erdbeschreibung und Naturgeschichte. Ein freundliches Lächeln von dem alten Patriarchen oder ein ernsthafter Blick von demselben, je nach Verdienst und Unverdienst, war Aufmunterung zu neuem Fleiße und Beschämung für den Nachlässigen. Es kamen auch Verwalter, Haushälterin, Förster, Jäger, Gärtner, ja! Hohenau und Meyer selbst statteten Bericht von dem Geschehenen ab und empfingen Anweisung auf den morgenden Tag. Und als nun das alles in Richtigkeit war, da folgte die Stunde zur Ruhe und zur geselligen Fröhlichkeit, in welche auch ich bald so hineingezogen wurde, daß ich glaubte, zu dieser liebenswürdigen Familie zu gehören. Hohenaus ältester Knabe spielte das Clavier; die jüngere Schwester sang dazu; der Hofmeister, kein steifer Pedant ohne Welt und Lebensart, sondern ein bescheidner, muntrer und feiner Mann, nahm die Geige von der Wand und begleitete den Gesang. Der jüngste Knabe hatte sich indes an mich geschlossen. Er schien Zuneigung zu mir zu fühlen, und da mir diese wahrhafte Ehre oft von Kindern widerfährt, bin ich versucht, mich für keinen übeln Menschen zu halten. Er fing auch an, mit meinem Orden zu spielen, und setzte mich durch die Frage in Verlegenheit: Was das Band zu bedeuten habe? Da ich nicht gleich darauf antwortete, lief er hinaus und plagte die Haushälterin, ihm auch einen Orden zu machen. Man schlug, um ihn zu befriedigen, ein seidenes Tuch zusammen, hing ihm dies um und band unten einen Hasenfuß daran, mit welcher Parodie eines Ritterordens dann der kleine muntre Knabe wieder zur Gesellschaft kam. So ging der Abend innigst fröhlich hin, und schon am folgenden Tage ritt ich in Gesellschaft des Herrn Meyers zuerst zu Weckel und von da mit ihm nach Ruhethal (so heißt das Gut). Eine grade Allee von Lindenbäumen läuft bis Urfstädt und scheint gleichsam bestimmt, beyde Güter freundschaftlich und gesellig zusammenzuknüpfen. Die Gebäude des Guts selbst waren wohl nicht ganz nach meinem Geschmacke angelegt; denn um das Schloß herum geht ein breiter Graben mit einer Zugbrücke und gibt dem ganzen Wesen ein mißtrauisches, unfreundliches Festungsansehn, das mir gleich nicht gefiel. »Aber ich kann ja den Graben ausfüllen lassen«, sagte ich zu dem Herrn Meyer, »und die kleinen Veränderungen, welche ich an Häusern und Gärten vornehmen will, werden mich gleich anfangs so beschäftigen, daß mein jetzt an Thätigkeit, an Bauen und Einreißen gewöhnter Geist nicht auf einmal in eine Ruhe versinken kann, für die ich noch nicht empfänglich genug bin.« Bey dieser kauflustigen Stimmung des Gemüths und dem Zureden meiner neuen Freunde, mit welchen ich Äcker, Wiesen, den Wald voll rieselnder Quellen, und kurz! alles besah und alles angenehm fand, endlich bey meiner stündlich zunehmenden Sehnsucht, dem Verdrusse und dem Gewirre des Residenzlebens zu entweichen, war der Handel schon am folgenden Tage geschlossen und alles unterschrieben. Während einer fröhlichen ländlichen Mahlzeit in dem Hause meines neuen Beamten, der ein guter teutscher Biedermann ist, wurde mit einem Glase edeln, alten, vaterländischen Weins aus Leidthals Keller der Kauf nach der Weise unsrer Vorfahren besiegelt; man trank auf die Gesundheit meiner lieben Frau und unsres Kindes – Ich vergaß Fürsten, Präsidenten, Hofmarschälle und schwarzäugige Sängerinnen. Der redliche Pfarrer des Orts war auch gegenwärtig, ein tugendhafter, bescheidner, sanftmüthiger und vernünftiger Mann, gelehrt ohne Pedanterey, aufgeklärt ohne Dünkel, anhänglich an das System seiner Kirche ohne Intoleranz und Aberglauben, voll stiller Würde ohne Egoismus und geistlichen Stolz, gegen Laster eifernd, nie auf Menschen schimpfend, endlich angenehm im Umgange, ohne vorlaut oder frech zu seyn noch Andre zu überschreyen. Meinen Bauern gab ich ein ländliches Fest. Unsre Urfstädter Freunde und Weckel nebst den Seinigen waren auch dabey, und die vereinigten Familien tanzten frisch mit – Welch ein Tag! Der erste unschuldig, unverstellt frohe Tag seit vielen Jahren! – Durch Anweisung auf ein Handelshaus in Hamburg wurde der Kaufschilling bezahlt. Ich selbst reiste zu Ende der Woche dahin ab, brachte das Übrige bald genug in Ordnung und eilte dann zu meinem Despoten zurück, als wenn es zur Hochzeit ginge – »Gehe es doch nun, wie es wolle!« rief ich. »Ich weiß, wo mich Freude und Ruhe erwarten.« Dreyzehntes Capitel Das Ungewitter bricht los, und das Fräulein von Mehlfeld erscheint in einer neuen Rolle. Meine Gegenfüßler waren während meiner Abreise unermüdlich gewesen, Klagen aufzusuchen, die meinen Untergang befördern sollten. Man brachte alle Leute zusammen, die ich je etwa konnte beleidigt haben, und bat dieselben, offenherzig zu sagen, was ihnen an mir anstößig wäre und sie mir zur Last legten. »Sie brauchen Sich nicht zu scheuen«, hieß es. »Es soll Ihnen gewiß Gerechtigkeit widerfahren. Die Zeiten der clausischen Tyranney sind aus, wo man Prediger zu Pedellen bey der Regierung machen wollte. Man lese, was oben im dritten Capitel steht. Sagen Sie nur dreist, was Sie wissen! Es ist Pflicht gegen Land und Landesvater, hier aufzutreten. Unser gnädigster Herr hat endlich die Augen geöffnet und gesehn, wie unchristlich man ihn hintergangen und seine Huld und Gunst gemißbraucht hat. Also reden Sie ohne Furcht! Verlangen Sie es aber, so soll auch Ihr Name verschwiegen bleiben« u. s. f. Mit allen diesem Bestreben, mich zum Schelm zu machen, fand sich doch nicht eine einzige Klage gegen mich, die von der Art gewesen wäre, daß die Untersuchungscommission ihren Zweck vollständig erreichen zu können hätte hoffen dürfen, und desfalls machte man einen andern Versuch. Man schrieb mir nämlich nach Hamburg einen sehr übel stylisierten verstellten französischen Brief, in welchem ein Mann, den sie – Gott weiß, aus welcher schiefen Idee? – Condillac genannt hatten, mich warnete: ja nicht wieder nach . . . zurückzukommen, sondern lieber gleich den Abschied zu fordern, da dann alles unterdrückt werden sollte, was man im andern Falle gegen mich strenge zu untersuchen im Begriff sey. Ich hatte auf meiner kleinen Reise, wo ich aller Orten so edel aufgenommen und behandelt wurde, allen Kleinmuth abgelegt, nahm daher sogleich den erhaltnen Brief (an welchem wahrscheinlicher Weise der schwache Fürst selbst Antheil haben mochte) und legte denselben in einen andern, den ich meinem Herrn schrieb und worin ich erklärte, daß ich den namenlosen Verfasser dieser Zeilen für einen niederträchtigen Schurken hielte; daß ich ein gutes Gewissen hätte; daß ich ihn bäte, wenn Anzeigen gegen mich eingelaufen wären, dieselben strenge untersuchen zu lassen, und daß ich zu diesem Zwecke früher wie mein Urlaub zu Ende wäre zurückkehren würde.   Diese Festigkeit hatte man nach meiner ängstlichen Aufführung beym ersten Anfange des Handels nicht erwartet, und nun sahen meine Feinde wohl, daß sie alle ihre Kunst in die Art der Untersuchung setzen müßten, nachdem weder aus der Sache selbst noch aus meinem Betragen Mittel zu Erreichung ihres Zwecks zu schöpfen waren. Dennoch hatte man dreyundvierzig Gravamina gegen mich zusammengestoppelt, welche aber sämtlich von eben der Gattung waren wie die, von denen ich oben ein paar angeführt habe. Man legte diese dem Fürsten vor, und Er, welcher im Gedränge, wie er sich betragen sollte, da man ihm beständig in den Ohren lag, wirklich nicht den Muth hatte, mich vor Augen zu sehn, reiste wenig Tage vor meiner Zurückkunft auf ein Lustschloß, ernannte den Präsidenten von Mehlfeld und die Geheimenräthe von Lämmersdorf und von Schwarzhelm zu Commissarien über mich und ließ mir andeuten, daß ich mich ruhig verhalten und bis zu ausgemachter Sache weder die Stadt verlassen noch mich schriftlich an ihn wenden sollte. Unterdessen war Madame Novanelle immer schwächer geworden. Meine Frau verließ sie bis zu ihrem letzten Augenblicke nicht, und dies gab dann den Hofleuten einen herrlichen Vorwand, auch Diese während meiner Abwesenheit vom Hofe zu entfernen. Man ließ ihr nämlich in den artigsten Ausdrücken sagen: da der gnädigste Herr sehr fürchtete, der Dame Novanelle Krankheit möchte ansteckend seyn, so bäte er die Frau von Clausbach, welche täglich zu dem Krankenbette ginge, lieber vorerst nicht in das Schloß zu kommen. Meine Gattin ließ in ihrer lustigen Laune dem Herrn Hofmarschall sagen: obgleich die Hofluft wohl ansteckender seyn möchte wie die Luft in dem Hause der armen verlassenen Kranken, so wolle sie doch dem Winke gehorchen. Den Tag vor meiner Rückkunft nun starb Novanelle, welche in ihren letzten Stunden die ganze Heiterkeit ihres Gemüths wiederbekam. Sie ließ ihren Beichtvater vor ihr Bette kommen und gab ihm, nachdem er sie mit den Sacramenten versehn hatte, folgenden Auftrag an den Fürsten: Er solle ihm sagen: obwohl ihr sträflicher Umgang mit ihm ein Verbrechen wäre, dessen Verzeyhung sie kaum von der allgütigen Barmherzigkeit hoffen dürfte, so sterbe sie dennoch mit dem zuversichtlichen Bewußtseyn, daß sie während ihrer Verbindung mit ihm nie seine Schwäche zum Nachtheile irgendeines seiner Unterthanen genützt hätte. Das Einzige, was sie sich vorwerfen könnte, möchte seyn, daß sie sich bereichert hätte. Sie habe aber die Unbeständigkeit ihres durchlauchtigen Liebhabers gekannt und sich desfalls für ihr Alter, wenn er sie einst verlassen würde, sicherstellen wollen. Um indessen auch diesen Fehler gutzumachen, setze sie ihn zum Erben ihres Vermögens ein und gäbe also dadurch alles in die Hände Dessen zurück, von dem sie es empfangen hätte. Wenn er übrigens den Rath einer Sterbenden nicht verachten wolle, so möchte sie ihn wohl bitten, ein wenig vorsichtiger in der Wahl Derer zu seyn, denen er sein Ohr liehe. Er sollte doch ja mit eignen Augen zu sehen sich angewöhnen, seine Freunde prüfen und gegen geprüfte Freunde keinem Mißtrauen Raum geben. Bald darauf starb sie. Meine Frau drückte ihr die Augen zu, und ich gestehe es, wenn ihre moralische Aufführung freylich nicht die exemplarischste gewesen war, so schien sie mir doch immer eine bessere Person zu seyn wie eine Menge Derer, die in der Stadt in äußerlicher Zucht und Ehrbarkeit lebten. Ich weiß nicht, ob der Beichtvater seinen Auftrag in seiner ganzen Ausdehnung ausgerichtet hat; aber das weiß jedermann, daß die Wirkung davon nicht groß war, daß der Fürst sehr bald die Dame Novanelle vergessen hatte und daß das Hofgesindel alles dazu beytrug, jeden ernsthaften Gedanken, welcher den Herrn hätte anwehn können, zu verscheuchen.   Zu diesem Endzwecke wurden wöchentlich Concerte, Bälle und Mascaraden auf dem Lustschlosse gegeben. Es war zu Anfange des Monats August dieses Jahrs; die Abende waren schön, und man pflegte bey dem Scheine vieler Lampen, bey welchen vielleicht hundert Arme der Stadt den ganzen Winter hindurch hätten arbeiten und ihr Brot verdienen können, in Gartensälen zu tanzen, zu prassen und sich allen Ausschweifungen rauschender Freuden zu übergeben. Jetzt war der Zeitpunct, wo der niederträchtige junge Graf Löhfeld seinen letzten Plan ausführen wollte, und es gelang ihm. Um den Casum kurz zu erzählen! er hätte längst gern seine eigne Buhlerin, das Fräulein von Mehlfeld, seinem Herrn zur Maitresse gegeben, um dadurch sein Glück zu machen, und dies erlangte er gegenwärtig mit Hilfe jener nächtlichen Bacchanale. Sobald die wichtige Begebenheit von der Standeserhöhung des Fräuleins von Mehlfeld ruchbar wurde, trat Reyerberg mit den Worten zu mir in das Zimmer: »Jetzt, mein Lieber! mache nur Dein Bündelchen! Die schwarzen Augen, die Du verschmäht hast, haben unsern gnädigsten Herrn gefangen, und diese schwarze Augen werden auch sehr vermuthlich die Untersuchungsacten über Deine Verbrechen durchschauen.« – Er hatte sehr Recht, denn schon am folgenden Tage, wo meine Commission zum drittenmal zu mir kam, bemerkte ich an dem Präsidenten einen solchen Übermuth, daß ich alle Gegenwart des Geistes nöthig hatte, um nicht grob gegen ihn zu werden. Nie hat vielleicht irgendein fürstliches Kebsweib so übermüthig stolz gethan auf den Stand ihrer moralischen Erniedrigung wie das Fräulein von Mehlfeld. Das Bewußtseyn des wahren Verdienstes, die Überzeugung, auf einem wichtigen Platze in einer ehrenvollen Laufbahn, Land und Leuten durch Fleiß und Rechtschaffenheit nützlich zu werden, kann keine solche Selbstzufriedenheit erzeugen, wie man itzt auf der Stirne dieses herabgewürdigten Weibes erblickte. Sie empfing mit schamloser Frechheit die schändlichen Schmeicheleyen und Verbeugungen niederträchtiger Höflinge, die elend genug dachten, in der Hoffnung, ihr Glück zu machen, der lasterhaften Dirne mit einer Ehrerbietung zu huldigen, welche sie der stillen Tugend zu versagen gewöhnt waren. Das Vorzimmer des Präsidenten wimmelte nun von solchen Creaturen, die dem alten Sünder Hände und Füße küßten. Reyerberg war beynahe der Einzige, der seine Knie nicht beugte vor dem Götzen. Aber dafür mußte er denn auch manchen Blick von Verachtung aushalten, worauf er jedoch stolz war, und im Grunde wurde er auch von Einer Seite wegen seiner beißenden Satyre gefürchtet, von einer andern aber für nicht wichtig genug gehalten, um verfolgt zu werden. Der Herr Graf von Löhfeld vertauschte die Rolle eines bisherigen Liebhabers, wenigstens öffentlich vor der Welt, mit dem Amte eines Gesellschaftscavaliers der neuen Maitresse. Er war aller Orten neben ihr, führte sie, begleitete sie, trug ihr das Mäntelchen nach, hatte ihre Katze auf dem Arm und wurde zur Vergeltung dieser edlen treuen Dienste zum Reisemarschall des Fürsten ernannt. Das Fräulein hatte die Unverschämtheit, sich auf dem Lustschlosse des Fürsten Zimmer anweisen und meublieren zu lassen. Ihr Aufwand in Kleidern, Juwelen und dergleichen war unerhört, und der Hang des Herrn zur Verschwendung wurde bestmöglich auf die Probe gesetzt. Sie war unersättlich, Geschenke zu nehmen und sich und ihren Liebhaber in allen Arten von rauschenden und kostbaren Lustbarkeiten herumzutummeln; der Prinz aber ließ das Wohl seiner Unterthanen von den raubgierigen Händen feiler Bösewichte abwiegen, indes er seine Aufmerksamkeit dem Tanze, dem Putze, den Schauspielen, der Music und der Wollust widmete, und der Herr Präsident von Mehlfeld nahm wieder ad interim , bis meine Sache entschieden seyn würde, den Vorsitz in dem Cammercollegio. Es ist Zeit, daß wir über diese Feste und Galatage meine Angelegenheiten nicht vergessen; meine Feinde vergaßen sie gewiß nicht, und die Untersuchung wurde mit so redlichem Ernst, als man ihn von dergleichen unpartheyischen Commissarien erwarten konnte, eifrig fortgesetzt. Ich mußte es noch als eine Wohlthat ansehn, daß man mich in meinem eignen Hause befragte, und vielleicht hätte ich diesen Vorzug nicht einmal erlangt, wenn ich nicht, größtentheils aus Verdruß, wirklich unpäßlich geworden und also genöthigt gewesen wäre, das Zimmer zu hüten. Den ersten Besuch der Herrn Commissarien eröffnete der Herr Präsident mit einer heuchlerischen Rede, in welcher er mir erzählte, wie sehr es sein christlich brüderliches Herz kränkte, zu einem so unangenehmen Geschäfte von Serenissimo bevollmächtigt zu seyn; und darauf ging dann nach und nach das Fragen und Untersuchen an, wobey besonders die andern beyden Geheimenräthe, theils aus eigner Galle gegen mich, theils den geheimen Instructionen gemäß, welche ihnen Mehlfeld gab, mit aller ersinnlichen Bosheit die Sachen dunkel und verwirrt zu machen bemüht waren. Dies gelang ihnen nun freylich nicht, denn meine Papiere, die ich ihnen übergab, waren in der besten Ordnung, und ich hatte alle Belege aufgehoben; daß ich mich nicht bereichert, sondern im Gegentheil einen großen Theil meiner Ausgaben von dem Vermögen meiner Frau bestritten hatte, das konnte ich auch beweisen. Allein, wie ich schon oben gesagt habe, was ist leichter, als durch Verdrehung mancher Umstände, Verschweigung dessen, was diese Dinge aufklären könnte, und durch falsche Darstellungsart der Thatsachen ein böses Licht auf die Handlungen eines Beklagten zu werfen? Ich sah wohl nach der ganzen Wendung, welche die Untersuchung nahm, daß ich noch von Glück zu sagen haben würde, wenn ich mit einem stillen Abschiede davonkäme – – Wem dies unglaublich scheint, der hat es noch nie erlebt, wie wenig bey schwachen Regierungen Unschuld und Gradheit gegen Hofcabale und Bosheit vermögen. Unterdessen erfuhr ich doch auch bey dieser Gelegenheit, daß es aller Orten eine kleine Anzahl edler Menschen gibt, die uns abhalten, allen Glauben an Tugend und Treue in der Welt zu verlieren. Schon zu Anfange des neunten Capitels habe ich Ihnen gesagt, daß ich einige sehr warme Anhänger und Vertheydiger hatte, obgleich Diese durch zu unvorsichtiges Partheynehmen meine und ihre Sache mehr verdarben als gutmachten. Meinen Freund Ludwig brauche ich hier nicht einmal zu nennen – Er blieb mir, wie sichs versteht, standhaft treu, aber ich hatte es mit ihm verabredet (weil wir es der Klugheit gemäß hielten, da schon der Haß der neuen Maitresse auf ihm ruhete), daß er nie wieder, weder im Guten noch Bösen, von mir reden sollte. Allein jene zu lebhaften Vertheydiger meiner Unschuld, wovon Einige mich täglich besuchten, nahmen sich Meiner so warm an, daß ich mich endlich gezwungen sah, sie ernstlich zu bitten, nicht ferner sich um mich zu bekümmern. »Was hilft es, meine Freunde! Euch und mir«, sagte ich ihnen, »wenn Ihr durch unüberlegtes Reden mit in mein Verderben rennet? Mich hat die Vorsehung in so gute Vermögensumstände gesetzt, daß ich, wenn mich Cabale und Neid von hier wegtreiben, in einem stillen, gemächlichen Privatleben alle diese elenden Verfolgungen vergessen kann; Ihr aber müßt noch in diesem trüben Elemente leben; Eure Beförderung und Eure Ruhe sind in den Händen meiner Feinde; retten könnet Ihr mich doch nicht; also stellet Eure Besuche bey mir ein, die keine andre Wirkung haben als die, Euch verdächtig zu machen. Höret auf, von mir zu reden und mich zu vertheidigen! Die Güte meiner Sache und die alles aufklärende Zeit werden schon einst meinen Ruf retten und meine Unschuld an den hellen Tag bringen.« Diese Gründe waren vernünftig und wurden befolgt, also daß ich doch nun ruhig die Catastrophe abwarten konnte, ohne fürchten zu müssen, meine Freunde mit in mein Verderben zu ziehn. Was ich aber am wenigsten erwartet hätte, war die Anhänglichkeit, welche mir eine gewisse Gattung von Leuten zeigte, von denen man sonst, unbillig genug, wenig edle Gefühle zu erwarten pflegt – ich meine die Juden. Dies arme Volk, welches wir so unbrüderlich drücken und verachten, ungeachtet wir theils von ihnen abstammen, theils ihnen unsre Religion zu danken haben, theils an Sittlichkeit und Industrie und nicht selten auch an Mutterwitz von ihnen oft so sehr übertroffen werden, dies arme Volk, sage ich, war in dem . . . Lande, vor meiner glänzenden Zeit, unverantwortlich chicaniert und mit Abgaben aller Art belästigt gewesen. Empfindung von Billigkeit und Pflicht hatte mich bewogen, sie während meiner Administration sehr zu erleichtern, und sie liebten mich deshalb, sahen mich wie ihren Wohlthäter an und betrübten sich, als sie hörten, daß man meine bürgerliche Ehre kränkte. Um mir dies zu erkennen zu geben, schickten sie mir eine eigne Deputation, welche mir kürzlich ungefähr Folgendes sagen sollte: Sie hätten mit Leidwesen vernommen, welche unverdiente Behandlung ich erfahren müßte. Sie hielten es nach ihrem schlechten Verstande zwar überhaupt einem Fürsten sehr unanständig, wenn er einen wichtigen Mann, dem er sein ganzes Zutrauen und seine Freundschaft öffentlich geschenkt hätte, nachher ebenso öffentlich beschimpfen wollte. Noch abscheulicher aber wäre es, wenn ein solches Unglück unschuldigerweise einen so würdigen Herrn, als ich wäre und den sie wie ihren Vater verehrten, treffen müßte. Wenn sie mir in etwas dienen könnten, so möchte ich auf sie rechnen können u. s. f. So wenig ich von diesem Anerbiethen Gebrauch machen konnte und wollte, so rührte es mich dennoch und bestätigte mich in dem Glauben: daß wir mehrentheils selbst daran Schuld sind , wenn es unter den Juden weniger edle Menschen gibt, indem wir sie durch Verachtung, Druck und Abschneidung aller bürgerlichen Vortheile zwingen, zum Wucher und zum Betruge ihre Zuflucht zu nehmen. Nachdem man mich bis gegen die Mitte des Augustmonats täglich ein paarmal befragt und alles zu Protocoll genommen hatte, fing ich an, das Resultat vorauszusehn, welches darauf hinauslaufen würde, daß der Fürst aus Clemenz die Sache niederschlüge und mir in Gnaden den Abschied ertheilte. Schon hatte ich mich geduldig in diese zu erwartende Gnade gefunden; schon fing meine Gattin an, mit ziemlich ruhigem Herzen unsre besten Sachen einzupacken, als auf einmal ein höchst sonderbarer Vorfall, den ich im folgenden Capitel erzählen will, meinen Feinden neue Waffen gegen mich in die Hände gab, um den Streit ärger wie jemals wieder anzufangen. Vierzehntes Capitel Ein sonderbarer ›Casus‹, wie zuweilen alte Bekannte zu ungelegner Zeit auftreten können. Da ich, wie schon erwähnt worden, nun gar nicht ausging und auch fast niemand außer Ludwig zu mir kam, wendete ich, um mich zu zerstreun, manche Stunde an, diese Geschichte meines Lebens, welche ich schon längst angefangen hatte, aufzusetzen. Es heiterte mich in der That auf, wenn ich so einen Blick auf die mancherley höchst sonderbaren Scenen aus meinem vergangnen Leben warf. Das aber hätte ich nimmermehr vermuthet, daß ich um eben diese Zeit auf eine viel unangenehmere Art an einige derselben sollte erinnert werden – Folgendes ist der ganze Verlauf der Sache. Sie erinnern Sich vermuthlich aus dem ersten Theile meiner Geschichte, Seite 88 . daß ich einst in Regensburg als alchymischer Arzt den Leuten Pässe in die Ewigkeit ausgefertigt hatte und daß ich dieses Handwerk in Gesellschaft einiger andern Wunderthäter trieb. Unter Diesen befand sich dann auch ein gewisser elender Magister, Otterhof mit Namen. Dieser Kerl hatte sich auf Universitäten in nichts wie im Müßiggange, in Unverschämtheit und in allen Arten von Ausschweifungen geübt, war von da aus Informator bey einem Beamten geworden, mit dessen ältester Jungfer Tochter aber er sich zu gemein machte und desfalls fortgejagt wurde. Nach einigen andern Schicksalen ähnlicher Art war er nach Regensburg gerathen, woselbst er als Schreib- und Rechenmeister Unterweisung gab und nebenher zu der Gesellschaft mystischer Kohlenbläser gehörte, wovon ich oben geredet habe. Er ging also viel in dem Hause des Herrn Apothekers Noldmann aus und ein, und als Dieser starb, hatte er einen kleinen Plan auf dessen Witwe gemacht, die aber meine geringe Person ihm vorzog. Dies reizte ihn zuerst zum Hasse gegen mich, welcher dadurch nicht geringer wurde, daß, als mich meine Wundercuren zwangen, Praxin, Stadt und Witwe mit dem Rücken anzusehn, der Herr Magister Otterhof auch fortmußte und daher meine Unvorsichtigkeit in Behandlung meiner Kranken wie die Ursache des Schicksals ansah, das unsre ganze Gesellschaft traf. Ich weiß nicht recht, was nach dieser Zeit aus ihm geworden; als ich aber, wie ich schon Cammerdirector war, einst in Cameralgeschäften auf das Land kam, fand ich, Gott weiß durch welchen Zufall! meinen Herrn Magister als Schulmeister in einem Dorfe wieder. Ich hatte ihn gleich erkannt und er mich gleichfalls. Indessen waren wir aus mancherley Ursachen von beyden Seiten nicht sehr gedrängt gewesen, unsre alte Bekanntschaft zu erneuern. Doch mußte der Niederträchtige (vielleicht im betrunkenen Muthe) einmal ein Wort haben fallen lassen, welches so lautete: als wenn er den Herrn Cammerdirector recht wohl kennte – und daß, wenn er reden wollte und erzählen, was er von mir wüßte, mir das übel bekommen dürfte u.d.gl. Meine sehr aufmerksamen Feinde hatten diese Worte nicht ganz verlorengehn lassen, vielleicht auch nähere Erkundigung bey ihm eingezogen und die Wahrheit seiner Angaben durch Hilfe des Grafen Löhfeld auf unsrer Reise zu bestätigen gesucht; wenigstens kamen mir von Zeit zu Zeit manche Ausdrücke, die dem Präsidenten entfuhren und die auf mein ehemaliges Leben anspielten, zu Ohren. Dennoch war alles ruhig, vielleicht auch vergessen worden, als grade während der Untersuchung meiner angeblichen Verbrechen der Schulmeister Otterhof wegen Ehebruch gefänglich eingezogen wurde. War es nun bey seinem Verhöre meinen Widersachern auf einmal wieder eingefallen, daß dieser Kerl ehemals Winke über meine Chronique scandaleuse gegeben hatte, oder wurde er durch sein eignes schadenfrohes Herz und ein Gefühl von alter Rache getrieben – Kurz! er hatte alles, was er von meinem Curriculo vitae wußte, erzählt, man hatte weiter geforscht, geschrieben, verglichen, und mein Schrecken war nicht geringe, als zu einer Zeit, wo ich mich am Ende meiner Leiden glaubte, der Herr Präsident mit satanischer Wonne mir ankündigte: daß Serenissimus , aus Ursachen, weil sich ganz neue Dinge hervorthäten, die meinen ruhmvollen Lebenslauf beträfen und welche höchst vermuthlich eine ordentliche Inquisition veranlassen würden, mein freywilliges Zuhausebleiben in einen wirklichen Arrest verwandelt hätten. – Ein Wort von Landläuferey , das der alte Schelm bey dieser Gelegenheit fallen ließ, brachte mich dermaßen in Hitze, daß ich ihn bey der Gurgel ergriff, worauf er schrie, als wenn er am Spieße steckte, und Gewalt und Mord rief, mein gutes Weib aber und meine Domestiken herzusprangen und uns trennten, da dann der schändliche Mehlfeld ein Papier aus der Tasche zog, dasselbe auf den Tisch warf und forteilte. Ich schlug den Zettel auseinander und fand darauf, soviel ich, zitternd vor Zorn, lesen konnte, mit großen Buchstaben geschrieben: » Herr Peter Claus, der Schuster, desertiert als Soldat, wird in Regensburg Giftmischer und entweicht von da, um sich hier zum Minister machen zu lassen « – Was ich empfand, als ich dies las – wer wird das beschreiben? Ich bekam noch an demselben Abend eine Wache, und der Präsident hatte, wie ich nachher erfuhr, in seinem Berichte ad Serenissimum gesagt: ich hätte ihn mit meinen Leuten in meinem Hause erdrosseln wollen, als er die Person seines Herrn vorgestellt hätte. Nun war freylich guter Rath theuer; Reyerberg wurde gerufen und die Sache von allen Seiten überlegt – Meine Frau schwamm in Thränen – Im Grunde hatte wohl der Fürst nicht das geringste Recht, zumal kein eigentlicher Ankläger da war, über mein vergangnes Leben mich zu richten, und mit der Erdrosselung des Präsidenten hatte es so viel nicht auf sich. Aber was bekümmert man sich um Recht, wenn einmal ein Mann zu Boden gestürzt werden soll? Wie leicht war nicht auch eine Desertionsklage von Seiten des . . . schen Regiments, das ich verlassen hatte, herbeyzuschaffen! – Und welch ein Schimpf für einen Minister, solcher Dinge wegen inquisitionsmäßig verhört zu werden! – Wir Alle fanden nur Ein Mittel, aus dieser übergroßen Verlegenheit zu kommen, aber das Mittel schien uns fast entehrender wie die Untersuchung selbst – Und doch – Die Noth läßt uns über manche Bedenklichkeiten hinausgehn – Es kam nämlich in Vorschlag, meine Frau sollte sich persönlich an die schändliche Maitresse wenden, um dieselbe zu Anwendung ihres Vorworts für mich zu bereden, damit die Untersuchung aufgehoben und uns erlaubt würde, ruhig abzuziehn. Der Schritt war erschrecklich! Es ließ sich voraussehn, daß dies Weib, geschmeichelt von dem Triumphe, ihre Feinde bittend zu den Füßen ihres Throns zu sehn, und um dem Publico die erste Probe ihrer Gewalt und Großmuth zu geben, gewiß die Bitte erfüllen würde. Es ließ sich aber auch ebenso sicher voraussehn, daß man die beleidigend erniedrigendesten Begegnungen zu erdulden sich gefaßt machen müßte. Dennoch ging meine liebe Gattin über alle diese Bedenklichkeiten aus treuer Liebe zu mir hinweg – Ja! es fiel ihr nicht einmal ein, daran zu denken, und am folgenden Morgen, ehe ich aufgewacht war (Unruhe und Verdruß hatten mir die Nacht hindurch die Ruhe geraubt, und erst gegen Morgen war ich recht fest eingeschlafen), hatte sie sich aus ihrem Bette geschlichen, angekleidet, in den Wagen gesetzt, war nach dem Lustschlosse gefahren und wieder zurück bey mir, ehe ich erwachte – Welch ein Weib! »Es ist alles in Ordnung, mein Bester!« das waren die Worte, womit sie mich aufweckte. »Es ist alles in Ordnung, und wir sind so frey wie die Vögel in der Luft.« Fünfzehntes Capitel Des Herrn von Clausbach Excellenz kommen noch mit halbem Ohre davon und halten ihren Einzug in Ruhethal. »Redest Du im Traume?« sagte ich und rieb mir die Augen – »Aber Du bist ja gänzlich angekleidet.« Meine Frau : »Ich rede nicht im Traume. Soeben komme ich von der Mehlfeld; Du kannst vollkommen ruhig seyn. Wir dürfen reisen, wenn wir wollen.« Ich : »O! liebstes Weib! Was hast Du gethan? Was wirst Du haben leiden müssen?« Meine Frau : »Schweig davon! Es ist schon vergessen. Laß uns nie wieder davon reden! Was ist denn ein Augenblick von Demüthigung gegen eine weite heitre Aussicht voll Ruhe und Wonnegenuß?« Ich : »Gott! welch ein Glück, ein kluges und treues Weib zu haben! Ich will auch nicht weiter fragen. Es würde mir das Herz brechen, wenn ich erfahren müßte, daß die schändliche Dirne Dir unehrerbiethig und verächtlich begegnet wäre. Möchte ich Dir es je vergelten können, was Du heute an mir gethan hast!«   Bald nachher trat Reyerberg in das Zimmer, begleitet von einem würdigen alten Manne, Brinkmann mit Namen, einem Gelehrten, der aber jetzt auf dem Lande wohnt und diesmal in die Stadt gekommen war, um sich nach meinem Schicksale zu erkundigen; denn er liebte mich und pflegte uns zuweilen zu besuchen. Ich war indes aus dem Bette gestiegen, und mein Frühstück stand vor mir. Meine Frau saß an meiner Seite und hatte ihren Arm um mich geschlungen; den kleinen Albert aber hatte ich auf meinen Schoß genommen und sprach von unsern künftigen zwanglosen, kummerfreyen Aussichten, als unsre Freunde hereintraten: »Von heute an, mein Sohn!« rief ich eben voll Rührung aus, »von heute an soll meine ganze Sorgfalt Dir gewidmet seyn. Wir werden hinfort nur für Dich leben, und Du wirst gewiß unsre Arbeit nicht mit Undank belohnen.«   Reyerberg : »Nun! Das ist ja eine recht empfindsame Gruppe. Ihr sehet so ruhig aus, daß ich wohl errathe, was vorgegangen ist. Was gilt es, die gnädige Frau hat es so gemacht, wie wir es gestern verabredet hatten, und alles ist glücklich überstanden?«   Wir bejaheten es. Das Gespräch wurde lebhaft – Unsre Herzen öffneten sich gegenseitig; in das meinige senkte sich Ruhe und Friede, indem wir von unsern Plänen zu künftiger stiller Glückseligkeit redeten. Es wurde beschlossen, daß wir noch an diesem Abende abreisen und den Transport unsrer Sachen durch unser Gesinde, unter Reyerbergs Aufsicht, wollten besorgen lassen.   Reyerberg : »Es freuet mich in der Seele, daß ich Dich so heiter sehe. Vergiß nun auch alle diese Lumpereyen; Du bist das Deiner wahrhaftig sehr schwächlich gewordnen Gesundheit und Deiner Familie schuldig. Vergiß alles – Aber das sage ich Dir, ich vergesse es nicht. Du weißt, daß ich durch die Erbschaft von meiner Tante jetzt für mich ein mäßiges Einkommen habe und mich also auch zurückziehn könnte aus dieser pestilenzialischen Hofluft. Allein ich bin weit entfernt, daran zu denken. Die niederträchtige Behandlung, die man Dich hat erfahren lassen, erweckt wieder meine ganze Thätigkeit zur Rache. Ich habe nichts zu verlieren, habe keine Gattin, keine Kinder und bin Gottlob! auch so empfindlich nicht, daß ich mir die Sachen so sehr zu Gemüthe ziehn sollte. Also will ich hierbleiben und will es dem ganzen Pack eindrängen, was sie an Dir gethan haben. Mit aller nur ersinnlichen Geschmeidigkeit will ich von nun an mich hinauf in die Gunst unsers schwachen Fürsten arbeiten, und wenn mir das gelingt, dann adieu Mehlfeld, Hofmarschall, Maitresse und Löhfeld! Ich will dies Volk so durcheinanderjagen, daß sie sich wundern sollen, und das ohne Leidenschaft, mit kaltem Blute – Und wenn ich hier mein Tagewerk vollbracht habe, dann und nicht eher ziehe ich zu Euch nach Ruhethal.«   Es war ein sonderbarer Plan von Ludwig. Wir sprachen noch ein Weilchen darüber, dann kamen wir auf allerley zu reden und blieben den ganzen Tag beyeinander. »Es wundert mich im mindesten nicht«, sagte Brinkmann, »daß man Ihnen also mitgespielt hat. Wer andern Menschen glückliche und frohe Stunden machen will, der muß auch erwarten und den Muth haben, für sich selbst saure und bittre Tage ertragen zu können . Es wäre wohl die höchste Vermessenheit, wenn Sie ein besseres Schicksal hätten erwarten wollen, wie noch bis itzt alle Wohlthäter der Menschen älterer und neuerer Zeit erlebt haben. Auf die Dankbarkeit seiner Zeitgenossen und Mitbürger und auf die Hilfe treuer und verbundner Freunde zu rechnen, das heißt auf seichtem Grunde bauen. Man kann in dieser Welt froh seyn, wenn es die Herrn nur nicht übelnehmen, daß man ihnen Gutes gethan, und wenn man aus einem Hause, in welchem man dem Bewohner einen Sack voll Geld gebracht hat, ohne Stockschläge herauskömmt. Da findet sich etwa ein leichter Louisd'or unter dem geschenkten Gelde, um dessenwillen sie den Zank mit uns anfangen und uns mißhandeln zu dürfen glauben.« Ich fühlte mich sehr gestimmt, diese Bemerkungen für Wahrheit zu halten. Vor einem paar Tagen hatte ich in Sturzens (dieses edlen, geist-, seelen-, gefühl- und kenntnisvollen Mannes) Schriften gelesen, da war mir hauptsächlich eine Stelle aus den Denkwürdigkeiten von J. J. Rousseau aufgefallen und fiel mir itzt wieder ein, weil sie nicht nur anwendbar auf mein Schicksal war, sondern auch vollkommen zu dem paßte, was Brinkmann hier sagte. Diese Stelle steht in einer Anmerkung, und es sey mir erlaubt, sie hier abzuschreiben. Sie lautet also: »Wer in einer goldnen Mittelmäßigkeit unbemerkt durch das Leben schleicht, begreift Rousseaus Menschenfeindschaft nicht oder findet sie übertrieben; aber lernet Eure Nebenbuhler im Amte, im Verstande, im Glücke kennen, erhebet Euch durch irgendein Verdienst und glaubet in der Unschuld Eures Herzens, daß man Euch liebe und schätze, weil man Euch umlächelt und umarmt. Wenn endlich unter Euch der Boden wegsinkt, durch freundliche Mörder untergraben – Dann sehet, wie sich Eure Freunde retten, als vergiftetet Ihr die Luft, wie Eure Klienten Euch für genossene Wohlthaten anspeyen; ertraget der Glücklichen stolzes, niedertretendes, erwürgendes Mitleid und liebet die Menschen, wenn Ihr könnt!« Sehr wahr, alles sehr wahr! – O! möchte es nicht also seyn! Aber leider! ist es so. Der Dummkopf und der mittelmäßige unthätige Mann sind ihres bißchen bürgerlicher Ehre und ihres Einkommens so sicher, wie der Mann, der irgendein wenig hervorsticht, gewiß seyn kann, verleumdet und verfolgt zu werden, und oft sind die gutmüthigsten Menschen so unverantwortlich unbillig, daß es ihnen gar nicht einfällt, wenn ein solcher Mann in ihrer Gegenwart gelästert und verschrieen wird, duldender zu seyn und zu denken, daß eben dies Schmähen daher rührt, weil man die Flecken an einem reinen, weißen, glänzenden Körper deutlicher sieht wie an einem finstern und schmutzigen – Doch das ist ja schon so oft gesagt worden! – Ich bin sehr weit entfernt zu glauben, Verfolgung sey der sicherste Stempel des entschiedensten Verdienstes – Und doch, das bekenne ich, habe ich zwar schon manchen unruhigen, gemeinen Kerl gehaßt und verachtet, aber auch noch nicht Einen wirklich verfolgt gesehn, an dem nicht etwas Vorzügliches gewesen wäre, das den Neid der Schlechteren auf ihn gezogen hätte. Ich sage: ich habe das noch nicht gesehn, aber ich kann irren, und wenigstens soll dies keine Lobrede auf mich seyn. Lenken wir wieder ein! Es war auch von meinen Entschlüssen und Vorsätzen bey Erziehung meines Alberts die Rede. »Die beste Erziehung«, sagte ich, »ist wohl die, welche Erfahrung und Schicksale geben; aber sie kostet gar zu viel. Ich habe sie genossen und kann, wenn mir Gott Leben und Gesundheit verleyht, aus den Resultaten meiner Erfahrungen unsern Sohn so weit unterrichten und führen, daß, wenn er einst in die große Welt kömmt, er fast da anfangen kann, wo ich itzt in meinem vierundvierzigsten Jahre aufgehört habe, es müßten dann Leidenschaften böse Commentarien zu meinem Texte machen. Doch werde ich zuerst noch ein wenig an mir selber arbeiten müssen, um die unglücklichen Eindrücke, welche mein Character von meiner bisherigen Lage angenommen hat, wieder auszuwetzen. Es ist schwer, an Höfen nicht flach zu werden, sondern Eigenheit und Gepräge zu behalten. Wenn man beständig jede leere, conventionelle Höflichkeits- und Falschheitssprache hört, alle seine Worte nach dem Maßstabe schlauer, lauernder Vorsichtigkeit abmessen und jede Handlungen nach politischen Rücksichten modeln muß – Wer wird da nicht zuletzt zu Grunde gehn? Und doch ist es, wenn man einmal in solchen Verhältnissen lebt, höchst nothwendig, auf seiner Hut zu seyn, sich nie vollständig zu entwickeln. Es gibt in der großen Welt wenig Menschen, die nicht Mißbrauch davon machen, wenn sie uns ganz kennen, uns irgendeine Schwäche abgejagt haben. Indem man nun also zurückhalten muß, um sich niemand in die Hände zu liefern, und so manche gute, treuherzige Aufwallung unterdrücken, wird nicht nur Heucheley und Verstellung bey uns zur andern Natur, sondern man entbehrt auch die seligsten Freuden reiner Hingebung, Herzensergießung und Entwicklung wahrhaftig characteristischer Züge. Von diesem Allen nun will ich mich unter dem Schutze des glücklichen freyen Landlebens losreißen; will natürlich, grade und ungekünstelt handeln gegen jedermann; jede kleine Freude unversalzen zu genießen suchen; mich zeigen, wie ich bin, mit allen meinen Fehlern, und meinem Sohne, sooft er mich über irgendeine Schwachheit erwischt, nichts zu bemänteln suchen, sondern ihm mit treuer Offenherzigkeit sagen: Siehe, mein Kind! diese böse Eigenschaft, welche Du an mir bemerkst, hat für mich in meinem unruhigen Leben diese oder jene üble Folge gehabt. Suche daher, sie zu vermeiden, wenn Du besser und glücklicher wie ich werden willst.« Herr Brinkmann meinte, ich würde Mühe haben, mich an das einsame Landleben und an die Ruhe von bestimmten Geschäften zu gewöhnen. Er rieth mir desfalls sehr vernünftigerweise an, mir gleich eine Hauptarbeit zu wählen, an welche ich meine übrigen Geschäfte anbinden könnte. »Ich habe es oft bemerkt«, sagte er, »daß es höchst nützlich ist, seiner Thätigkeit einen einfachen Vereinigungspunct zu geben, und daß auch der fleißigste Mensch, welcher dies nicht thut, viel weniger ausrichtet wie ein etwas Trägerer, der aber das beobachtet. Wenn ich zum Beyspiel mir vorgenommen hatte: diesen Winter will ich hauptsächlich nur die englische Sprache treiben, so irrte ich dann nie im Zweifel und in der Wahl herum, was ich diesen Augenblick vornehmen wollte. In den Erholungsstunden aber that ich wahrlich nebenher mehr Nützliches und war aufgelegter zu Allem wie zu einer andern Zeit, wo ich meinem Fleiße keine bestimmte Richtung gegeben hatte, sondern bloß dachte: Du willst recht viel beschicken. Denn da war ich immer in der Wahl mit mir selbst uneins, ergriff Dieses, ergriff Jenes, verwarf das wieder, glaubte zu etwas Anderm aufgelegt zu seyn, fand aber, daß ich keine Laune hatte, und wenn der Tag herum war und ich mir Rechenschaft geben wollte, war nichts geschehn, nichts fertig geworden und ich verdrießlich und mürrisch.« Vielleicht sind es die Leser müde, uns über allerley Gegenstände plaudern zu hören. Ich begnüge mich daher, Ihnen zu sagen, daß wir es nicht so leicht müde wurden, sondern daß unter solchen Gesprächen, einer häuslichen Mahlzeit und dem Einpacken unsrer Koffer der Tag schnell vorüberging, bis gegen Abend unsre Kutsche bereit vor der Thür stand. Es war ein herzlicher, stummer Abschied – Allerley Ideen drängten sich in meinen Kopf und preßten mir das Herz. Ein Haufen von schamhaften Armen, denen wir zuweilen brüderlich mitgetheilt hatten, was Gott den Reichen zu diesem Endzwecke gibt, hatten es erfahren, daß wir abreisen würden. Sie drängten sich herzu, als wir in den Wagen steigen wollten. Wenige sprachen etwas, aber Alle weinten, drückten uns die Hände und wollten von Segen und Dank reden; aber die Worte erstickten auf ihren Lippen. Ich schwamm im Gefühle von wonnevollem Scherze – Meine Augen wurden trübe – Ich riß mich los, sprang in die Kutsche, und wir fuhren fort – Das war dann nun das Ende meines Traums von irdischer Hoheit. Wohl dem, der gesund erwacht von einem solchen Traume, ohne Schmerzen und Erschlaffung an Leib und Seele! Es war grade noch zu rechter Zeit, daß ich mich losgerissen hatte, oder vielmehr, daß mich meine Feinde fortgeschoben hatten aus dem Gedränge des aufrührerischen, hinreißenden Hofpöbels. Ich bin noch jung genug, um in der letzten Periode meines Lebens das Glück der Freyheit, des häuslichen Friedens und des ländlichen Reichthums zu schmecken; auch danke ich Gott aus ganzer Seele, daß er mir Sinn dafür gegeben hat. Wir sprachen eine Stunde lang kein einziges Wort. Als wir aber die Residenz aus den Augen verloren hatten und nun in das Freye kamen, da ergossen sich die Herzen voll heitrer Freudensempfindung. Nichts in der Welt vergißt sich so leicht und so gern wie überstandner Schmerz . Der Anblick der schönen Natur, welcher wir in die Arme eilten, das schöne windstille Wetter – alles ladete uns friedlich ein und jagte jede Rückerinnerung an das vergangne Leiden aus dem Gedächtnisse. Wir beschlossen, ein wenig zu Fuße zu gehn, stiegen aus, ließen das Fuhrwerk langsam folgen und schlenderten so durch die reifen Ährenfelder hin. Mein kleiner Albert hatte meinen Stock zwischen die Beine genommen und ritt vor uns her, und mein treues Weib hing an meinem Arme. »Wie komme ich dann zu der Ehre«, sagte der ehrliche Pfarrer, bey dem wir die erste Nacht einkehrten und den ich sehr gut kannte, »wie komme ich zu der Ehre, Ihre Excellenz in meiner schlechten Hütte zu sehn?« – »Ich habe ausexcellenziert, mein Freund!« antwortete ich, »und will nun mein eigner Geheimerrath werden. Beherbergen Sie nur diese Nacht den vertriebenen Exminister. Es soll Ihnen bey Hofe keinen Schaden tun.« Gestern von acht Tagen, das heißt: Dienstags, den 21sten September, war dann der glückliche Augenblick, wo wir unsern kleinen Einzug in Ruhethal hielten. Ich dachte, unsre Freunde in Urfstädt und die Weckelsche Familie zu überraschen; allein sie hatten sich, wie es scheint, auf Kundschaft gelegt und erfahren, daß wir unterwegens wären; denn als wir vor meinem Hause ausstiegen, fanden wir uns auf einmal von einer Menge lieber Arme umschlungen – Arme redlicher, warmer, treuer Freunde, die nun seit acht Tagen meinen neuen Aufenthalt zu einem Paradiese für mich machen. Ich habe die übrigen Tage der vorigen Woche angewendet, die letzten Hefte zu der Geschichte meines Lebens zusammenzusuchen. Die ersten beyden Theile hatte schon der Hauptmann von Dobelmeyer ohne mein Bitten herausgegeben, und diesen dritten und (zum Trost der Leser) letzten Theil hatte ich während meiner Inquisition stückweise aufgeschrieben. Jetzt will ich auch dies Paquet Demselben zuschicken. Ich hoffe, daß mein Leben von nun an so einförmig seyn wird, daß mehr dabey zu empfinden als darüber zu schreiben seyn soll. Wenn indessen das eigensinnige Schicksal durch irgend etwas, es sey gut oder böse, Variationen zu jener stillen sanften Melodie setzen sollte, so will ich Sie, die Sie bis itzt Freude und Leid mit mir ertragen haben, redlich auch daran Theil nehmen lassen. Außer einem Geschäfte, wovon ich im folgenden letzten Capitel Rechenschaft geben werde, habe ich noch ein paar Tage angewendet, den ersten Entwurf zu machen, wie ich die Gebäude auf meinem Gute theils anlegen, theils verbessern und das Ganze ordnen will. Schon in künftigem Monate soll angefangen werden zu bauen, und den Winter hindurch, wo diese Arbeit ruht, wird der Unterricht meines Sohns die größte Summe meiner Stunden wegnehmen. Ich habe gestern meiner Frau etwas vorgeschlagen, das sie gleich gut fand und meine Leser auch billigen werden. Der Himmel hat mich in gute Vermögensumstände gesetzt, und ich habe da noch den armen Vetter in Eldagsen; den will ich zu mir nehmen – Ich schäme mich armer und niedriger Verwandten nicht; das wäre auch sehr schlecht, obgleich wohl Manche dies thun. Gestern kamen die Wagen mit unserm Hausrathe an, begleitet mit einem Briefe meines lieben Freundes Ludwig. Noch muß ich erinnern, daß ich meinen blauen Heringsorden gleich zu Anfange der Untersuchung in die Hände des Fürsten zurückgeliefert habe. Sechzehntes Capitel Ein Brief an den Fürsten. Schluß. Das Geschäft, worauf ich vorher anspielte und das eines der ersten gleich nach meiner Ankunft in Ruhethal war, bestand darin, daß ich dem Fürsten einen Brief schrieb, von dessen Wirkung ich zwar wenig erwartete, der doch aber, wie ich mir schmeichelte, Wahrheiten enthielt, deren Bekenntnis ich mir und Andern schuldig zu seyn glaubte. Zudem war ich, wie ein Dieb in der Nacht, mit einer nicht aufgeklärten Sache aus der Residenz eines Prinzen fortgegangen, der, durch Schelme verblendet, mich, seinen ehemaligen Freund, itzt für einen Bösewicht hielt. Der größte Theil des nicht unterrichteten Publicums mußte wohl dieselbe Parthey ergreifen, wenn ich keinen Schritt that, um den wahren Zusammenhang bekanntzumachen. Zu diesem Endzwecke nun erlauben mir meine Leser, jenen Brief hier mit einzurücken. Ich weiß es wohl, der freye Mann, dessen Gewissen rein ist, kann sehr gleichgültig seyn bey dem Urtheile des großen Haufens, und er hat sehr viel weniger Verbindlichkeit bey jeder Verleumdung, die man ihm aufhängt, die Documente seiner Unschuld vorzuzeigen, wie vielmehr jeder Einzelne, der über ihn ein Urtheil wagen will, billigerweise verbunden seyn sollte, mit eignen Augen alle Beweise der Anklage durchzusehn, bevor er sich unterstünde, die Schmähung nachzuplaudern. Es wäre eine böse Sache, wenn man den ruhigen Weisen zwingen könnte, beständig in einem solchen Stande des Streitens und Kämpfens zu leben und seine theure Zeit damit zu verschleudern, daß, wenn es wöchentlich ein paarmal einem losen Buben einfiele, seine Redlichkeit für bankerott auszuschreyen, er wöchentlich ein paarmal jedem Narren seine Handlungsbücher, ja sogar seine Privatrechnungen, die niemand nichts angehen, aufschlagen müßte; und hierzu ist er um so weniger verpflichtet, wenn er, um bey dem Gleichnisse der Kaufmannschaft zu bleiben, sein Wesen so für sich treibt, niemand zwingt, Geschäfte mit ihm zu machen, und nicht mehr Credit verlangt, als wofür er Geldeswerth vorzeigen kann. Allein damit begnügen sich die Menschen nicht. Jeder glaubt, Rechenschaft fordern zu können, wo er selbst keine geben kann; und doch sollte in der Welt kein Gesetz natürlicher scheinen, als daß nur Derjenige fordern darf, an dem man Gegenforderungen machen und Regreß nehmen darf und will, niemand aber Richter seyn soll, als wer Schutz zu verleyhen im Stande ist. Wenn indessen ein freyer Mann sich die Mühe geben will, über unerwiesene Verleumdungen, womit man ihn zu beschimpfen gesucht hat, sich zu erklären, so kann ihm das auch freystehn, und in diesem Falle bin ich itzt – Hier ist der Brief!   » Gnädigster Herr! Es gereicht mir zu einer nicht geringen Beruhigung, daß, indem ich mit Schande und Verachtung von Ihrer Durchlaucht beladen Ihre Residenz verlasse, mein Herz mir nicht die geringsten Vorwürfe macht, ja! daß, wenn ich ohne Heucheley mein Gewissen frage, ob ich in diesem Augenblicke lieber an der Stelle Desjenigen, der mich auf diese Art verstoßen hat, als an meiner eignen seyn möchte, jener innere unbestechbare Richter mir antwortet, daß ich um alle Güter der Welt meinen Platz nicht vertauschen möchte. Ich wünsche, daß Höchstdieselben es weder als Hochmuth noch Trotz, noch Rachgier ansehn wollen, wenn ich es wage, etwas weitläufiger von diesen unsern sehr verschiednen Verhältnissen zu reden. Auch geschieht es nicht, um meine Unschuld zu vertheidigen, sondern Sie zu bewegen, in andern ähnlichen Fällen vorher alles behutsamer zu überlegen, ehe Sie, dem die Vorsehung diese Macht verliehn hat, durch ein paar Worte die ganze bürgerliche Existenz eines ehrlichen Mannes zerstören, denn die moralische können Sie mir freylich nicht rauben. Die Unschuld eines freyen, rechtschaffnen Mannes ist sehr über beweislose Verleumdung sowie über Fürstengewaltthätigkeit erhaben, und da Ihrer Durchlaucht es gnädig nicht gefällig gewesen ist, meine ersten Beschuldigungen bewahrheiten zu lassen, so glaube auch ich mich nicht eigentlich berechtigt, einen Gegenbeweis zu führen, ehe meine Ankläger ihre Gründe bestätigt haben. Nur der letzte hervorgesuchte Vorwurf, den man mir in Ansehung meines ehemaligen Lebens machte, scheint durch meine Bitte um Unterdrückung der weitern Inquisition und durch meine schnelle Entfernung ein schiefes Licht auf mich zu werfen. Allein ich bitte unterthänig, dies nur wie einen Schritt zur Appellation anzusehn, und diese Appellation kündige ich hiermit ehrerbiethigst an. Sie wird, da ich in meinem in einem fremden Gebiethe liegenden ländlichen Aufenthalte sehr sicher bin, von meinen unbilligen Richtern an das Publicum ergehn. Ich werde nämlich die ausführliche Geschichte meines Lebens bis auf den heutigen Tag durch öffentlichen Druck bekanntmachen. Es würde wohl sonderbar genug seyn, wenn man dies Verfahren eine Rache von meiner Seite nennen wollte. Wenn ein an seiner bürgerlichen Ehre gekränkter Mann gegen öffentliche Verleumdung sich öffentlich vertheidigt; wenn er seine Würger nicht wieder würgt, sondern nur entlarvt; wenn er also einen wirklich ihm zugefügten Schaden nur durch Darstellung, Erzählung erwidert; so rächt er sich nicht, sondern er thut, was er sich selber und seinen Freunden schuldig ist. Warum soll er den Ruf solcher Leute schonen, die seiner ganzen bürgerlichen Existenz nicht geschont haben? Soviel aber kann ich Ihre Durchlaucht heilig versichern, daß ich gegen Hochdero Person nicht den geringsten Haß in meinem Herzen hege, und es ist der Endzweck dieses Briefes, Ihnen das nebst einem paar guten Rathschlägen zu sagen, welche ich hinzuzufügen wage. Wenn Ihre Durchlaucht das Erste für vermessen und das Zweyte für unnöthig halten, so bitte ich unterthänig, in Erwägung zu ziehn, daß, wenn das Verhältnis vom Herrn und Diener aufhört, doch die Verhältnisse des Menschen gegen den Menschen übrigbleiben, und wenn nicht ganz gewiß bewiesen werden kann (welches in dieser Welt sehr schwer ist), daß Leidenschaft von beyden Theilen nicht den geringsten Antheil an unserm Urtheile hat, auch der Privatmann zuweilen eine Sache ebensogut wie ein Fürst einzusehn im Stande ist – Also zur Sache! Gnädigster Herr! Sie haben alle nöthige Anlage, um ein vortrefflicher Mann an Kopf und Herzen zu seyn – Dies ist viel gesagt – Ein Lob, welches ich nicht zu verschwenden pflege – Dabey sind Sie in einem Stande geboren und in eine Lage versetzt, die durch die Gelegenheit, so viel Menschen wohlzuthun, und durch die Gewißheit, daß keine Ihrer guten Thaten unbemerkt bleibt, den Antrieb, den der innere Hang zur schönen Tugend jedem gefühlvollen Redlichen gibt, unbeschreiblich vermehren muß – Welch ein Reiz für einen Herrn von Ihrem Verstande und glücklichen Temperamente, Sich von so Vielen Ihres Standes und Amts durch gerechte und weise Handlungen auszuzeichnen! Gerechtigkeit, Durchlauchtigster Fürst! ist die erste aller Tugenden, die uns der Gottheit am nächsten bringt, weil sie in ihrer höchsten Würde alle Vortrefflichkeiten des Kopfes und Herzens voraussetzt und jede Erschlaffung des Geistes sowie jede leidenschaftliche Schwäche ausschließt. Wie kann aber der Mann gerecht handeln, der, wenn ihn Temperamentsschwäche und Weichlichkeit zu wohlthätigen Aufwallungen treibt, diese momentane Ergießung für wahre Güte hält? Der, wenn Eigensinn, böse Laune und Aufstiftung andrer Menschen zu irgendeiner raschen, nicht kaltblütig durchgedachten That ihn hinreißen, sich seiner Thätigkeit, Festigkeit und Entschlossenheit rühmen zu dürfen glaubt? Der, wenn zwanzig niedrige Schmeichler sich vor ihm beugen und zwanzigtausend arme Sclaven zittern, sobald er den Mund öffnet, zu regieren glaubt, indes er von einem schwachen Weibe beherrscht wird? Der, wenn er an unnütze Müßiggänger Gaben ausspendet, die nicht sein Erbe, sondern das Eigenthum seiner Unterthanen sind, sich seiner Wohlthätigkeit und Großmuth rühmt, indes tausend Unglückliche im Schweiße ihres Angesichts darben müssen, um Einem Taugenichts das Vermögen zu sybaritischem Aufwande herbeyzuschaffen? Und doch, gnädiger Herr! Werfen Sie nur einen Blick auf manche Ihrer gesalbten Nachbarn, um wahrzunehmen, daß dies Bild nicht aus der Luft geschöpft ist – Allein dahin darf es mit meinem Fürsten nicht kommen, oder ich würde die theuren Stunden bedauern, wo ich mit Ihnen, in welchem ich mehr den Menschen wie den Fürsten liebte, verlorne Worte über landesväterliche Pflichten und Beförderung menschlicher Glückseligkeit wechselte. Es war nicht Täuschung, wenn ich damals glaubte, Ihre Durchlaucht wären empfänglich für solche heilige Gegenstände, wenngleich die Ungerechtigkeit, welche Sie kürzlich an mir bewiesen haben, das Gegentheil anzudeuten scheint – Es war nicht Täuschung! Noch sind Sie nicht zu der Classe jener Tyrannen hinabgesunken. Aber der erste Schritt dazu ist geschehn. Verblendung hat Sie einen Augenblick Sich selbst vergessen gemacht; noch ist es Zeit zurückzukehren.«   So weit war meine Vermahnungsepistel fertig, und ich bildete mir recht etwas darauf ein, daß ich dem kleinen Despoten also den Kopf gewaschen hätte, als der würdige alte Baron Leidthal zu mir in das Zimmer trat. Ich las ihm meine Arbeit vor in der Hoffnung, er würde den Schritt sehr vernünftig und gut finden, aber ich irrte mich.   »Wenn ich Ihnen rathen soll, mein Lieber!« sagte er, »so lassen Sie es dabey bewenden und schicken diesen Brief nicht ab. So sehr Sie darin vermieden haben, Leidenschaft zu zeigen, so leuchtet sie doch hie und da mit einiger Bitterkeit hervor, und das beleidigt, bessert aber nicht, wie Sie wohl wissen. Zudem ist diese Art von Menschen nicht zu bessern, Ihr Fürst aber gewiß am wenigsten, nach allem, was Sie mir von ihm erzählt haben. Denn wenn einmal ein Mann, der über die flüchtigen Jugendjahre hinaus ist, an der Hand eines treuen und vernünftigen Freundes schon die Wonne geschmeckt hatte, edel und gerecht zu handeln, wie er denn unter Ihrer Leitung dies Glück genoß, und er dennoch wieder fähig ist, sich elenden Menschen preiszugeben, so ist wohl billig an seiner Bekehrung zu verzweifeln. Seine Schwäche wird ihn nie verlassen. Vielleicht kann er durch Schaden einmal wieder auf Augenblicke klug werden – Aber was hilft das? Itzt, in dem Taumel der Wollust und üppigen Freuden, würde er ohnehin Ihren Brief kaum lesen. Die Zeit muß Ihnen öffentliche Rechtfertigung verschaffen, und wenn Sie wollen, können Sie allenfalls diesen Brief Ihrer gedruckten Lebensbeschreibung beyfügen, da Sie doch einmal angefangen haben, dieselbe herauszugeben.«   Ich fand diesen Rath vernünftig und habe ihn befolgt. Hier, theuerste Leser und Leserinnen! empfangen Sie also den Schluß meiner Geschichte! Finden Sie etwas darin, das zu Ihrem Frieden und zu Ihrer Freude dient, so soll es mir sehr angenehm seyn. Ich habe mich nicht gescheuet, Ihnen jede Thorheit, jede Verirrung meines Lebens, deren ich mich erinnern konnte, offenherzig zu erzählen. Möchten Sie Alle weiser, reiner von dergleichen Fehlern wie ich seyn! Darf ich aber eine kleine Bitte wagen, so wäre es folgende: Wenn es Ihnen einfallen sollte, den armen Peter Claus und Consorten oder irgendeinen andern Ihrer Brüder in Ihrem Herzen zu tadeln oder zu verachten, wenn Sie sehen, daß er während seiner Laufbahn so oft strauchelt oder gar fällt, so unterdrücken Sie duldend und menschenfreundlich diesen Tadel und danken vielmehr der Vorsehung, daß Sie nicht in ähnliche Lagen versetzt worden und daß Erziehung, Schicksale, Temperament und Leidenschaften mit Ihnen einen andern Weg gegangen sind; denn ich fürchte sehr, wir Erdenklöße kommen mehrentheils Alle so auf die Welt, daß, wenn jene Triebfedern auf einerley Art bey uns angelegt, wir Alle uns in unsern Handlungen ziemlich ähnlich seyn würden – Aber ich preise den Schöpfer aller Dinge, und es ist doch wahrlich schön, daß es ihm nicht gefallen hat, es also zu verordnen.   Ende des dritten und letzten Theils.