Jean Paul Levana oder Erziehlehre (1. Auflage 1807, 2. Auflage 1813) Inhalt: Erstes Bändchen Widmung an Ihre Königliche Majestät, die Königin Caroline von Bayern Vorrede zur zweiten Auflage Vorrede zur ersten Auflage Erstes Bruchstück Erstes Kapitel (§ 1-3): Wichtigkeit der Erziehung Zweites Kapitel (§ 4-15): Antrittrede im Johanneum-Paulinum; oder Erweis, daß Erziehung wenig wirke Drittes Kapitel (§ 16-21): Wichtigkeit der Erziehung Zweites Bruchstück Erstes Kapitel (§ 22-26): Geist und Grundsatz der Erziehung Zweites Kapitel (§ 27-32): Die Individualität des Idealmenschen Drittes Kapitel (§ 33-37): Über den Geist der Zeit Viertes Kapitel (§ 38-40): Bildung zur Religion Drittes Bruchstück Erstes Kapitel (§ 41-44): Abschweifung über den Anfang des Menschen und der Erziehung Zweites Kapitel (§ 45-47): Freudigkeit der Kinder Drittes Kapitel (§ 48-56): Spiele der Kinder Viertes Kapitel (§ 57-59): Tanzen der Kinder Fünftes Kapitel (§ 60-62): Musik Sechstes Kapitel (§ 63-65): Gebieten, Verbieten Siebentes Kapitel (§ 66-67): Strafen Achtes Kapitel (§ 68-72): Schrei-Weinen der Kinder Neuntes Kapitel (§ 73-74): Über den Kinderglauben Zweites Bändchen Anhang zum dritten Bruchstücke Über die physische Erziehung Komischer Anhang und Epilog des ersten Bändchens Geträumtes Schreiben an den sel. Prof. Gellert , worin der Verfasser um einen Hofmeister bittet Viertes Bruchstück: Weibliche Erziehung Erstes Kapitel (§ 75-77): Jaquelinens Beichte ihres Erziehens Zweites Kapitel (§ 78-80): Bestimmung des weiblichen Geschlechts Drittes Kapitel (§ 81-88): Natur der Mädchen Viertes Kapitel (§ 89-100): Erziehung der Mädchen Fünftes Kapitel (§ 101): Geheime Instruktion eines Fürsten an die Oberhofmeisterin seiner Tochter Fünftes Bruchstück Erstes Kapitel (§ 102): Bildung eines Fürsten. (Brief an den Prinzenhofmeister Herrn Hofrat Adelhard über Fürstenerziehung.) Drittes Bändchen Sechstes Bruchstück. Sittliche Bildung des Knaben Erstes Kapitel (§ 103-110): Sittliche und körperliche Stärke Zweites Kapitel (§ 111-115): Wahrhaftigkeit Drittes Kapitel (§ 116-121): Bildung zur Liebe Viertes Kapitel (§ 122-129): Ergänzung-Anhang zur sittlichen Bildung Siebentes Bruchstück: Entwickelung des geistigen Bildungtriebes Erstes Kapitel (§ 130): Nähere Bestimmung des Bildungtriebes Zweites Kapitel (§ 131-132): Sprache und Schrift Drittes Kapitel (§ 133-135): Aufmerksamkeit und Vorbildungkraft Viertes Kapitel (§ 136-138): Bildung zum Witz Fünftes Kapitel (§ 139-140): Bildung zu Reflexion, Abstraktion, Selbstbewußtsein nebst einem Anhang-Paragraphen über Tat- oder Welt-Sinn Sechstes Kapitel (§ 141-144): Über die Ausbildung der Erinnerung, nicht des Gedächtnisses Achtes Bruchstück: Ausbildung des Schönheit-Sinnes Erstes Kapitel (§ 145-148): Die durch den äußern und innern Sinn bedingten Schönheiten Zweites Kapitel (§ 149-150): Klassische Bildung Neuntes Bruchstückchen oder Schlußstein (§ 151-157) Erstes Bändchen Ihrer Königlichen Majestät der Königin CAROLINE von Bayern in tiefster Ehrfurcht gewidmet von dem Verfasser Allergnädigste Königin!   Durch den hohen Namen Eurer Königlichen Majestät will der Verfasser die Levana für die Mütter einweihen, wie die Fahnen des Vaterlandes durch eine Fürstin, welche sie mit ihrer Arbeit ausschmückt, eine neu begeisternde Macht gewinnen. Verzeihen Eure Majestät die Zueignung eines Werkes, das Deutschland selber, insofern seine Zustimme die verbesserte Auflage veranlaßte, einer Fürstin zueignet, für welche die besseren und wärmeren Stellen darin nichts sein können als Ihre eigenen Erinnerungen. Wenn schon in jedem tiefen Stande das Mutterherz der weibliche Ordensstern und die Sonne ist, welche den Morgentau der ersten Tränen sanft erwärmt und trocknet: so erfreut den Zuschauer noch inniger diese Sonne, je höher sie steht und eine weite Zukunft erwärmt; und wenn eine hohe Mutter Ihr Herz gleich Ihrer Schönheit vervielfältigt und durch Ihr Ebenbild ferne Zeiten und Länder beglückt. Noch höher wird diese Freude, wenn die Mutter zugleich die Mutter ihres Landes ist und den Zepter zum Zauberstabe erhebt, welcher die Trauerträne vor Ihr, noch ehe sie abgetrocknet ist, zu einer Freudenträne erhellt. Sollte die tiefe Ehrfurcht eines Untertans verbieten, diese Freude in einer Zueignung auszusprechen?   Mit tiefster Ehrfurcht Eurer Königlichen Majestät untertänigstgehorsamster Jean Paul Fr. Richter Vorrede zur zweiten Auflage Man gibt mit Liebe und Achtung den Lesern und Leserinnen die zweite Auflage einer Erziehlehre, wenn man das Vergreifen der ersten als einen Beweis ansieht, daß, während die kriegerischen Vesuve und Ätna ihre Feuer und Donner ineinanderspielten, doch das deutsche Vater- und Mutterherz Ruhe, Sorgfalt und Liebe genug behalten, um sich mit den geistigen Angelegenheiten der Kinderwelt abzugeben, so wie die Eltern diese zuerst etwan aus Feuer und Wasser rettend auf die Arme nehmen. Möge nur die Levana dieser Teilnahme der elterlichen Liebe recht würdig gewesen sein! Diese Auflage enthält außer den kleinen Verbesserungen und außer den großen ortmäßigen Einschaltungen einiger in zwei Zeitschriften verstreueten und anderer, auch ungedruckter Erziehbeiträge noch manche nähere Bestimmungen, zu welchen ich mich durch die Urteile eines und des andern freundlichen Richters, besonders des jenaischen und hallischen, aufgefodert fand. Denn kein Tadel ist wohl mehr zu erwägen als der von Freundlichgesinnten und Gleichgestimmten; nicht einmal das Lob der Feinde wiegt so entschieden vor – da es ebensooft Falle als Fallschirm sein kann –; auch will man vor einem wohlwollenden Tadler weder eignes Ja noch Nein, sondern nur die Sache beschützen. Nur einem kritischen Urteilverfasser hab' ich nichts zu sagen, weil er selber nichts gesagt; wiewohl schon die Äußerung ihm zu viel ehrend sagen würde, hätt' er sein Urteil nicht unter die Göttingschen gelehrten Anzeigen gemischt, welche noch immer durch gelehrte den Ruhm ihres Reichtums ebenso fortbewähren, als sie durch ästhetische und philosophische die Anhänge der nach langem Einschläfern eingeschlafnen Nicolais-Bibliothek so täuschend fortliefern, daß sogar ein eingeschränkter Kopf mit diesen allgemein-deutsch-bibliothekarischen Nachzüglern schon zufrieden sein kann. Übrigens reift der Verfasser dieses weniger an fremden Verfassern als an eignen Kindern weiter. Leben belebt Leben, und Kinder erziehen besser zu Erziehern als alle Erzieher. Lange vor der ersten Levana waren überhaupt Kinder (d. h. also Erfahrungen) dessen Lehrer und die Bücher zuweilen die Repetenten. Indes Erfahrungen können, da ihre Anzahl nie bis zur Kraft beweisender Allgemeinheit zu erschöpfen ist, etwas nur durch ein Gemüt aussagen, das ihnen das Geistige und Allgemeine aus sich selber unterlegt und ablernt. Daher können Erziehlehren bei der Unerschöpflichkeit der Regeln und der Schwierigkeiten ihrer jedesmaligen Auswahl nur durch Anregung und Erwärmen elterlicher Liebe und eigentümlicher Kraft beglückend und schaffend helfen. Jede wahre Kraft, es sei des Herzens oder des Kopfes, kann bei Kinderliebe, auch in der Ferne gewöhnlicher Methoden, mit Segen erziehen. Die Menge und der Abgang der Erziehschriften erklären sich aus dem Umstande, daß unter allen Ämtern das erziehende am stärksten mit Amtinhabern besetzt ist, unter allen von beiden Geschlechtern zugleich, von den Eltern, ja sogar von denen, welche keine gewesen, so daß folglich der Erziehlehrer nicht etwan wie ein Gottes-, Rechts- und sonstiger Gelehrter für sein Fach, sondern für alle Fächer aller Leute schreibt. – Wir Deutschen aber besonders tun teils aus Überfluß an Menschenliebe, teils aus Mangel an Geld, teils aus Mangel an zusammenhaltenden Mitgliedern für Kinder schreibend auf dem Papier eben das geistig, was körperlich in Paris das Kinderspital les enfants malades und in Madrid der Hülf-Klub für die auf den Gassen verlaufenen Kinder versuchen: wir wollen ihre Seelen heilen und belehren. Der Verfasser erlaubt sich hier nur die Anführung von vier bedeutenden Erziehwerken, die er seit der Herausgabe des seinigen gelesen. – Die Lehre des Allgemeinen ohne die des Besonderen ist so gut wie die Lehre des Besonderen ohne Allgemeines ein Abweg von der richtigen Lehre, die beides verbindet; diese fruchtbringende Verbindung findet man aber in Schwarzens »Erziehungslehre«, besonders in den reichen Absonder-Reihen der Gemütarten (in der 1sten Abt. des 3ten Bandes). Solcher Blumenkatalogen von Kinderseelen kann man nicht zu viele bekommen; es sind gleichsam die kleinen linnéischen Nummernzettel an den Gewächsen einer Baum- und Blumenschule. Alle unsere Fachwerke der kindlichen Charaktere aber sind so geräumig und dadurch so wenig abteilend, als etwan ein hohes Büchergestell mit bloßen zwei Brettern wäre. Knospen-Zeichnungen künftiger Genies z. B. haben wir fast nicht, außer erst von diesen selber, wenn sie schon Blüten und Früchte getragen; allein ein fremdes frühes Beobachten derselben würde reicher und reiner darreichen als ihr eignes spätes Erinnern; nur schade, daß die Erzieher selten vorauswissen, welches Kind mehr wird als sie selber. Zwar werden durch diese Unwissenheit der Erzieher nicht eben an einem Genie die Kräfte des Geistes verwildern, verwachsen, erschlaffen – denn dasselbe (z. B. Winckelmann) bricht wie der Nachtschmetterling bei der Entpuppung durch die harte Erde aller Einengungen ohne Abnützung der zarten Flügel hindurch –; aber die Kräfte des Herzens , die es selber oft wenig zu regeln weiß, können von ungelenken Händen leicht in ewige Fehler umgebogen werden. Das Beste also wäre, daß ein Vater immer seine Kinder, wo nur möglich (und dies ist leicht, da er solche zu sehr wünscht), für genial ansähe und deshalb auf geradewohl Ernteregister ihrer Entwicklungen hielte. Wie nun Schwarz in seiner Erziehlehre durch Vereinzelung in das Besondere und durch edle Gemütlichkeit mehr die Mütter anspricht: so wendet sich Niethammer im Streite des Philanthropinismus und Humanismus mehr den Vätern zu, indem er die formelle Bildung durch Sprache als die Bildung des Ganzen mit Recht der materiellen durch Sachen als der teilweisen vorschickt und vorzieht und den innern Menschen mehr durch geistiges Arbeiten als durch geistiges Füttern stärken und stählen will. Seiner schönen Feindschaft gegen die jetzige Zeit, welche durch Naturgeschichten, Bertuchische Bilderbücher und andere Sachregister des Auges die Lehrstuben zu Alpen macht, wo die Pflanze mager und klein und deren Blume übergroß getrieben wird, stimmte ich zu meiner Freude schon früher im 1sten und 2ten Kapitel des 7ten Bruchstücks vor und jetzo nach. Die Bildkraft der Philologie wird ihr eigner Beweis durch seine logischmeisterhafte Darstellung. Nur schließet er mit Unrecht, wie es scheint, von den Mitarbeitern am Weinberge formeller Bildung den tiefpflanzenden Pestalozzi aus, der vielleicht sogar unter die Vorarbeiter gehört. Da Pestalozzis anfängliche Ernten unscheinbar, nämlich nur Wurzeln sind, die man nicht zum Vorzeigen aufdecken kann: so unterscheidet sich sein formelles Bilden durch Mathematik von dem des Humanismus durch Philologie ja nur im Werkzeug. Beide Lehrer fahren in ihrem Erntewagen demselben Ziele zu, nur aber sehen beide, einander entgegensitzend, sich und entgegengesetzte Wege an. Graser stellt in seinem Werke »Divinität der Menschenbildung« die vier großen Hinanbildungen zur Gottheit, gleichsam die vier Evangelien Gerechtigkeit, Liebe, Wahrheit und Kunst oder Schönheit, als die vier Erziehelemente auf. Freilich hätt' er statt der ebenso ausländischen als außerirdischen »Divinität« sprach- und lebenrichtiger »Gottähnlichkeit« gesagt, zumal da die beste Erziehung, als ein zweites Nachschaffen des göttlichen Ebenbildes im Menschen, uns alle doch nur als dunstige kalte Nebensonnen der ur-lebendigen Welt-Sonne zurücklassen kann, die nicht höher stehen als die Erdenwolken. Der Erziehgrundsatz der Divinität zwar lag schon in dem frühern der Humanität, da wir ja die Gottheit nur im Menschen als Gottmensch finden und kennen; aber der Glanz des in der reinen Ewigkeit wohnenden Ideals wirft uns das Licht auf unseren Richtsteig heller als die von der Zeit getrübte Menschen-Realität. – Übrigens überrascht der Verfasser, der dem Allgemeinsten das Bestimmte weniger ein- als anwebt, am Schlusse angenehm mit bestimmten Verkörperungen, nämlich mit so praktischen Anweisungen, daß man gern noch recht vielen durch Ausleeren früherer Transzendental-Bogen Platz und Spielraum gegeben hätte. Kann er aber nicht viele gewöhnliche weiße Bogen nehmen und uns auf ihnen eine so lange Fortsetzung seiner Unterricht-Praxis geben, als wir jetzo schon in Händen zu haben wünschten? In der »allgemeinen Pädagogik« von Herbart kann die schöne, mit Lichtern und Reizen bestechende Sprache gleichwohl nicht den Wunsch abwenden, daß er das Titel-Vorrecht »allgemeine« nicht möchte so allgemein genutzt haben und durchgeführt, so daß der Leser die zu weiten Formen mit ergänzendem Inhalt füllen muß. An einem Philosophen findet man freilich, wenn er Erziehlehrer ist, oft genug nur den Polarstern, welcher zwar zu einer langen Reise um die Welt, aber zu keiner kurzen in der Welt gut anweiset; wie denn überhaupt Philosophen den jüdischen Propheten (oder auch den Wetterpropheten) gleichen, welche leichter ein Jahrhundert als ihren nächsten Todes-Tag wahrsagen, so wie – wenn ich mir ein zu starkes Gleichnis erlaube – in der Geschichte sich auch die Vorsehung nicht an Jahren, sondern an Jahrhunderten entschleiert, und an diesen kaum, da das enthüllende Jahrhundert wieder der Schleier des nächsten wird. – Wo aber Herbart die Muskel- und Bogen-Sehne des Charakters stärken und spannen will: da tritt er kräftig in das Besondere und Bestimmte hinein – und mit schönem Rechte, da sein Wort- und sein Gedankengang ihm selber einen zusprechen. Gewiß bleibt für die Erziehung der Charakter das wahre Elementarfeuer; hab' ihn nur der Erzieher, so wird dasselbe, wenn nicht anzünden, doch wärmen und Kräfte treiben. Das jetzige Jahrhundert – eine vulkanische Insel, welche glüht, treibt, zittert und erschüttert – sollte endlich vom politischen Kolosse, der jetzo auf den Ufern zweier Jahrhunderte steht, aus den Siegen über seine hin- und hertreibenden Walfischfahrer den Inhalt und Gehalt eines Charakters gelernt und ersehen haben; denn ein Charakter ist ein Fels, an welchem gestrandete Schiffer landen, und anstürmende scheitern. Keine glückliche Völker-Zukunft war überhaupt von jeher anders aufzubauen als von Händen, die aus Zeig- und Schreibfingern sich geistig zu Fäusten ballten. Dies spricht jetzo schon die steinalte Geschichte, sagt aber als eine geschwätzige Frau und Sibylle Jahr für Jahr immer mehr, und sie weiß gar nicht aufzuhören. – – Dieser neueste, sogar mit Auslassung mancher anderer Einnahmen berechnete Reichtum an Erziehwerken erhebt unter den europäischen Völkern das deutsche zum erziehenden; und deutsche Schulen sollten, wie mehre Städte in Frankreich, den Ehrennamen »die guten« führen. Ja man könnte, so wie Lessing die unscheinbaren Juden die Erzieher des Menschengeschlechts nannte, an den Deutschen uns vielleicht die Erzieher der Zukunft versprechen. Liebe und Kraft, oder innere Harmonie und Tapferkeit sind die Pole der Erziehung; so erlernte Achilles vom Zentaur zugleich das Lyra-Spielen und das Bogen-Schießen. Möchten wir doch überhaupt bedenken, ehe wir die Verwechslung der Seefahrer, welche oft Eisfelder für das Land ansahen, umkehren und das Land der Zukunft für ein Eisfeld halten, daß allen Völkern der Erde, sogar den knechtischen, geschweige freiern, die Kinderstube der Erziehung als ein Sonnenlehn und eine Freistatt der Freiheit verblieb, von Zeit und Verhältnis unerobert. Unter allen geheimen Gesellschaften und Klubs, welche der Staat oft in bedenklichen Zeiten untersagt, werden doch die Familienklubs von so vielen Kindern, als man taufen ließ, unbedenklich geduldet. So laßt uns denn mit dem kurzen Kinderarm, d. h. mit dem langen Hebelarm die Zukunft bauen und bewegen und unverdrossen und tapfer das Gute der Zeit erhöhen helfen, und das Schlechte unterhöhlen. Ja sogar der, für dessen Kinder die Frucht-Lese zu lange ausbliebe, sage zu sich: »meine Engel sind ja auch Menschen« und säe fort. Baireuth, den 21. Nov. 1811. Jean Paul Fr. Richter Vorrede zur ersten Auflage Noverre foderte von einem guten Ballettmeister außer der Tanzkunst bloß noch Meß-, Ton- und Dichtkunst, Malerei und Anatomie. Hingegen über die Erziehung schreiben, heißt beinahe über alles auf einmal schreiben, da sie die Entwickelungen einer ganzen, obwohl verkleinerten Welt im kleinen (eines Mikrokosmus des Mikrokosmus) zu besorgen und zu bewachen hat. Alle Kräfte, womit die Völker arbeiten oder glänzen, waren früher als Keime unter der Hand des Erziehers dagewesen. Ginge man noch weiter, so begehrte jedes Jahrhundert, jedes Volk, zuletzt jeder Knabe und jedes Mädchen seine eigne Erziehlehre, Fibel, Hausfranzösin usw. Wenn folglich über eine Sache wie diese nur acta sanctorum, eigentlich sanctificandorum (Akten weniger der Heiligen als der zu Heiligenden) geschrieben werden können – noch sind die pädagogischen so wenig als die Bollandischen im letzten Monat – und wenn ein Foliant nichts ist als ein Bruchstück: so gibt es eben darum über einen so unerschöpflichen Gegenstand kein Buch zu viel, selber hinter dem besten, ausgenommen das schlechteste; und da, wo nur Bruchstücke möglich sind, machen nur alle mögliche das Ganze aus. Damit glaubt der Verfasser sowohl seine Kühnheit als seine Armut entschuldigt; denn beide grenzen, wie im Staate, gern zusammen. Er hat nicht alles gelesen, was über die Erziehung geschrieben worden, sondern etwa nur eines und das andere. Rousseaus Emil nennt er zuerst und zuletzt. Kein vorhergehendes Werk ist seinem zu vergleichen; die nachfolgenden Ab- und Zuschreiber erscheinen ihm ähnlicher. Nicht Rousseaus einzelne Regeln, wovon viele unrichtig sein können ohne Schaden des Ganzen, sondern der Geist der Erziehung , der dasselbe durchzieht und beseelt, erschütterte und reinigte in Europa die Schulgebäude bis zu den Kinderstuben herab. In keinem Erziehwerke vorher war Ideal und Beobachtung so reich und schön verbunden als in dem seinigen; er wurde ein Mensch, dann leicht ein Kind, und so rettete und deutete er die kindliche Natur. Basedow wurde geistiger Verleger und Übersetzer in Deutschland – diesem Lande der Pädagogopädien (der Erziehung zu kindlichen Erziehern) und der Kinderliebe –, und Pestalozzi ist nun der stärkende Rousseau des Volks. Einzelne Regeln ohne den Geist der Erziehung sind ein Wörterbuch ohne Sprachlehre; nicht nur kann kein bloßes Regelnbuch die Unendlichkeit der Einzelwesen und der Verhältnisse erschöpfen und aussondern, sondern dasselbe würde, gesetzt es wäre vollendet und vollendend, doch einer Heillehre ähnlich sein, welche nur gegen die einzelnen Zeichen einer Krankheit stritte und z. B. vor einer Ohnmacht gegen Ohrenbrausen und Augenfunkeln etwas Schwächendes, gegen Blässe und Kälte des Gesichts etwas Stärkendes, gegen Übelkeit etwas Abführendes verordnete. Aber dies taugt nicht! Ungleich dem gewöhnlichen Erzieher begieße nicht die einzelnen Zweige , sondern die Wurzel , die jene schon wässern und entfalten wird. Weisheit, Sittlichkeit sind kein Ameisenhaufen abgetrennter zusammentragender Tätigkeiten, sondern organische Eltern der geistigen Nachwelt, welche bloß der weckenden Nahrung bedürfen. Wir kehren die Unwissenheit der Wilden, welche Schießpulver säeten , anstatt es zu machen , bloß um, wenn wir etwas zusammensetzen wollen, was sich nur entfalten läßt. Allein obgleich der Geist der Erziehung – überall das Ganze meinend – nichts ist als das Bestreben, den Idealmenschen, der in jedem Kinde umhüllt liegt, frei zu machen durch einen Freigewordenen; und ob er gleich bei der Anwendung des Göttlichen aufs Kindliche einzelne Brauchbarkeiten, zeitige, individuelle oder nächste Zwecke verschmähen muß: so muß er sich doch, um zu erscheinen, in die bestimmtesten Anwendungen verkörpern. Hier unterscheidet sich der Verfasser – aber zu seinem philosophischen Nachteile – von den neuern übersinnigen Vorstehern an Erziehschultafeln, welche darauf mit so runder Kreide schreiben, daß man alles in den breiten Strichen finden kann, was man – vorher mitbringt, welche einen vollständigen Erzieh-Brownianismus mit den zwei Worten liefern: 1) stärke, 2) schwäche; wiewohl der Brownianer Schmidt gar nur ein Wort sagte: stärke. Doktor Tamponet behauptete, auch im Vaterunser woll' er Ketzereien aussparen, sobald man es begehre; die jetzige Zeit weiß umgekehrt in jeder Ketzerei ein Vaterunser zu finden. Der Gewinn freilich aus solchem philosophischen Indifferenzieren (Gleichsetzen) ist für eine Mutter, die ein gegebnes Kind zu entwickeln hat, unerheblich, obschon dergleichen hoch- und wohlklingende, zusammengetragene Werke durch Klingeln und Stehlen immer von Kunstsinn zeugen; daher Gall diesem Sinne ganz recht mitten zwischen dem Ton - und dem Dieb -Sinn das Lager anwies. – Doch diese Sprache gehört nicht einmal in die Vorrede; dem Werke selber verbot sie ohnehin der Gegenstand, weswegen dieses in der Form als mein ernsthaftestes angesehen werden mag, dem nur selten ein kurzer komischer Anhang mitzugeben war. Der Leser nehm' es gelinde auf, wenn er einiges Gedruckte hier im Wiederdrucke findet; das Gedruckte ist als Bindmittel und Bast des Ungedruckten unentbehrlich – nur muß die Bastpflanze nicht den ganzen Garten besetzen, anstatt die Bäume bloß zu verbinden. Doch gibts noch zwei bessere Entschuldigungen. Bekannte Erziehungregeln gewinnen neu, wenn neue Erfahrung sie wieder bewährt; der Verfasser aber war im Falle, dreimal an fremden Kindern jedes Alters und Talents sie zu machen; und jetzo genießt er von seinen eigenen das pädagogische jus trium liberorum (das Dreikinderrecht); und jede fremde Erfahrung in diesem Buche ist vorher die seinige geworden. Zweitens wird jetzo die Büchertinte oder Druckschwärze, wie sympathetische Dinte, so schnell bleich – so wie sichtbar –, daß es gut ist, in den neuesten Büchern alte Gedanken zu sagen, weil man die alten Werke, worin sie stehen, nicht liest; von manchen Wahrheiten müssen, wie von fremden Musterwerken, in jedem Jahrfunfzig neue Übersetzungen gegeben werden. Ja ich wünschte, man trüge sogar altdeutsche Muster von Zeit zu Zeit ins Neudeutsche und mithin in die Lesebibliotheken über. Warum gibt es von allem Blumen- und Unkrautlese, nur aber noch keine Wein- und Fruchtlese aus den unzähligen Erziehbüchern? Warum darf auch nur eine einzige gute Beobachtung und Regel verloren gehen, bloß weil sie etwa in einem zu dickschweren Werke eingekerkert niedersinket, oder in einem einblättrigen verflattert, z. B. in einer Einladungschrift? Denn Zwerge und Riesen leben, auch als Bücher, nicht lange. – Unser Zeitalter, dieses Luft- und Ätherschiff, welches zugleich durch Anzünden neuer Lämpchen und durch Auswerfen alten Ballastes immer höher stieg, könnte, dächt' ich, nun mit dem Auswerfen nachlassen und Altes lieber einsammeln als herabschleudern. So wenig zwar eine solche uneinige Gedankenkollekte die Regel selber lehren könnte: so würde sie den Erziehsinn, der diese anweiset, doch wecken und schärfen. Daher sollte jede Mutter – noch besser aber jede Braut – auch vielbändige und vielseitige anderer Art, z. B. das große Revisionswerk der Erziehung, dem kein Volk etwas Ähnliches entgegenzustellen hat, lesen und sich daran, wie ein Juwel, allseitig zubilden und zuschleifen, damit die mütterliche Individualität leichter die dunkle kindliche ausfinde, schone, achte und hebe. Etwas anders als ein solches Stufenkabinett edler Gedanken, oder gar meine schwache Levana mit ihren Bruchstücken auf dem Arme, bleibt stets ein ordentliches vollständiges System der Erziehung, welches teils schon einer und der andere geschrieben hat, teils schreiben wird. Es ist schwer, ich meine das Ziel, nicht das Mittel. Denn leicht ists, dem Buchbinderkleister den Buchmacherkleister vorauszuschicken und tausend überlieferte Gedanken mit fünf eigenen zusammenzuleimen, sobald man nur in der Vorrede aufrichtig anmerkt, man habe seine Vorgänger benutzt, aber im Werke selber keinen einzigen anführt, sondern dem Leser eine solche verkleinerte Leihbibliothek in einem Bande für ein geistiges Faksimile verkauft. Wie viel besser wäre hier ein Lückenmacher als ein Lückenbüßer! Wie viel besser wäre es, wenn gesellige (nämlich freundlich zu Hunderten den nämlichen Weg mit einerlei Naturgetön ziehende) Schriftsteller ganz aussterben, so wie es in den tropischen Ländern (nach Humboldt) keine gesellschaftlichlebende Pflanzen, die unsere Wälder einförmig machen, gibt, sondern neben jedem Baum ein neuer prangt. – Ein Tagebuch über ein gewöhnliches Kind wäre besser als ein Buch über Kinder von einem gewöhnlichen Verfasser, ja die Erziehlehre jedes Menschen wäre bedeutend, sobald er nur schriebe, was er nicht abschriebe. Ungleich dem Gesellschafter, sollte der Verfasser nur immer sagen: ich , und kein Wort mehr. Das erste Bändchen dieses Werks behandelt weitläufiger die Knospenzeit des Kindes als das zweite und dritte die Blütenzeit. In der ersten wird gleichsam das akademische Triennium (Dreijahr), nach welchem sich erst das Seelentor, die Sprache, auftut, der Gegenstand der Sorge und des Blicks. Hier sind Erzieher die Horen, welche die Himmelstüren öffnen oder schließen. Hier ist noch die rechte Erziehung möglich, die entfaltende ; durch welche die lange zweite, die heilende , oder Gegenerziehung zu ersparen wäre. Für das Kind – noch in angeborner Unschuld, bevor die Eltern ihre Baumschlangen geworden – sprachlos noch unzugänglich der mündlichen Vergiftung – nur von Gewohnheiten, nicht von Worten und Gründen gezogen – auf dem engen dünnen Gipfel der Sinnlichkeit desto leichter und weiter bewegt – für das Kind wird auf dieser Grenzscheidung des Menschen und Affen, in diesen Jahren, wo der Mensch, nach dem finstern Austerleben eines einsamen Fötus, zum ersten Male in Gesellschaft kommt und an ihr sich bildet und färbt, das Wichtigste entschieden. Die elterliche Hand kann den aufkeimenden Kern, nicht aber den aufblühenden Baum bedecken und beschatten. Alle erste Fehler sind folglich die größten; und die geistigen Krankheiten werden, ungleich den Pocken, desto gefährlicher, je jünger man sie bekommt. Jeder neue Erzieher wirkt weniger ein als der vorige, bis zuletzt, wenn man das ganze Leben für eine Erziehanstalt nimmt, ein Weltumsegler von allen Völkern zusammengenommen nicht so viele Bildung bekommt als von seiner Amme. Wenigstens mit innigster Liebe für die kleinen Wesen, die leichten Blumengötterchen in einem bald verwelkten Eden, ist dieses Buch geschrieben; Levana , die mütterliche Göttin, welche sonst den Vätern Vaterherzen zu verleihen angeflehet wurde, möge die Bitte, die der Titel des Buchs an sie tut, erhören und dadurch ihn und dieses rechtfertigen. Leider raubt entweder der Staat oder die Wissenschaft dem Vater die Kinder über die Hälfte; die Erziehung der meisten ist nur ein System von Regeln, sich das Kind ein paar Schreibtische weit vom Leibe zu halten und es mehr für ihre Ruhe als für seine Kraft zu formen; höchstens wöchentlich einige Male ihm unter dem Sturmwinde des Zornes so viel Mehl der Lehren zuzumessen, als er verstäuben kann. Aber ich möchte die Geschäftmänner fragen, welche Bildung der Seelen mehr auf der Stelle erfreuend belohne als die der unschuldigen, die dem Rosenholze ähnlich sind, das Blumenduft ausstreuet, wenn man es formt und zimmert. Oder was jetzo der fallenden Welt – unter so vielen Ruinen des Edelsten und Altertums – noch übrig bleibe als Kinder, die Reinen, noch von keiner Zeit und Stadt Verfälschten. – Nur sie können in einem höhern Sinn, als wozu man sonst Kinder gebrauchte, in dem Zauberkristall die Zukunft und Wahrheit schauen und noch mit verbundenen Augen aus dem Glückrade das reichere Schicksal ziehen. Das heimliche häusliche Wort, das der Vater seinen Kindern sagt, wird nicht vernommen von der Zeit; aber wie in Schallgewölben wird es an dem fernen Ende laut und von der Nachwelt gehört. Es wäre daher mein größter Lohn, wenn nach zwanzig Jahren ein Leser von ebenso vielen Jahren mir Dank sagte, daß das Buch, das er lieset, von seinen Eltern gelesen worden. Baireuth, den 2ten Mai 1806. Jean Paul Fr. Richter Erstes Bruchstück Kap. I. Wichtigkeit der Erziehung § 1-3. Kap. II. Schulrede gegen ihren Einfluß § 4-15. Kap. III. Schulrede für denselben § 16-21 Erstes Kapitel § 1 Als Antipater von den Spartern funfzig Kinder als Geiseln begehrte: so boten sie ihm an deren Statt hundert vornehme Männer an, ungleich den gewöhnlichen Erziehern, welche gerade das Opfer umkehren. Die Sparter dachten recht und groß. In der Kinderwelt steht die ganze Nachwelt vor uns, in die wir, wie Moses ins gelobte Land, nur schauen, nicht kommen; und zugleich erneuert sie uns die verjüngte Vorwelt , hinter welcher wir erscheinen mußten; denn das Kind der feinsten Hauptstadt ist ein geborner Otaheiter, und der einjährige Sanskulotte ein erster Christ, und die letzten Kinder der Erde kamen mit dem Paradiese der ersten Eltern auf die Welt. So sind (nach Bruyn) physisch die Kinder der Samojeden schön, und nur die Eltern häßlich. Gäb' es eine vollendete und allmächtige Erziehkunst und eine Einigkeit der Erzieher mit sich und mit Erziehern: so stände – da jede Kinderwelt die Weltgeschichte von neuem anfängt – die nächste und durch diese die fernere Zukunft, in welche wir jetzo so wenig sehen und greifen können, viel schöner in unserer Gewalt. Denn womit wir sonst noch auf die Welt – mit Taten und Büchern – wirken können, dies findet immer schon eine bestimmte und erhärtete und schon unsersgleichen; nur aber mit dem Erziehen säen wir auf einen reinen weichen Boden entweder Gift- oder Honigkelche; und wie die Götter zu den ersten Menschen, so steigen wir (physisch und geistig den Kindern Riesen) zu den Kleinen herab und ziehen sie groß oder – klein. Es ist rührend und erhaben, daß jetzo vor dem Erzieher die großen Geister und Lehrer der nächsten Nachwelt als Säuglinge seines Milchglases kriechen – daß er künftige Sonnen als Wandelsternchen an seinem Laufband führt; – es ist aber auch desto wichtiger, da er weder wissen, ob er nicht einen künftigen Höllengott der Menschheit, oder einen Schutz- und Lichtengel derselben vor sich habe und entwickle oder verwickle, noch voraussehen kann, an welchen gefährlichen Stellen der Zukunft der Zauberer, der, in ein kleines Kind verwandelt, vor ihm spielt, sich aufrichte als Riese. § 2 Die jetzige Zukunft ist bedenklich – die Erdkugel ist mit Kriegpulver gefüllt – ähnlich der Zeit der Völkerwanderungen, rüstet sich unsere zu Geister- und Staatenwanderungen, und unter allen Staatgebäuden, Lehrstühlen und Tempeln bebt die Erde. – Wißt ihr, ob der kleine Knabe, der neben euch Blumen zerreißet, nicht einst aus seinem Korsika-Eiland als ein Krieggott in einem stürmischen Weltteil aussteigen werde, um mit den Stürmen zu spielen, oder umzureißen, oder zu reinigen und zu säen? War es denn gleichgültig, ob ihr erziehend sein Fenelon, seine Cornelia oder sein Dubois gewesen seid? Denn wiewohl ihr die Kraft des Genius nicht brechen und richten könnt – je tiefer das Meer, desto steiler ist uns die Küste –: so könnt ihr doch im einweihenden wichtigsten Jahrzehend des Lebens, im ersten, unter diesem Erstgeburttore aller Gefühle, die gelagerte Löwenkraft mit allen zarten Gewohnheiten des schönen Herzens, mit allen Banden der Liebe umgeben und überstricken. Ob denselben festen Genius entweder ein Engel oder ein Teufel ausbilde, ist weit weniger einerlei, als ob ihm entweder ein gelehrter Fakultist oder ein Karl der Einfältige vorlehre. Wiewohl eine Erziehlehre zuerst genialer Wesen gedenken muß, da diese, so selten sie auch aufgehen, doch allein die Weltgeschichte regieren, als Heerführer entweder der Seelen oder der Körper oder beider: so würde jene gleichwohl einer praktischen Anweisung, wie man sich zu verhalten habe, falls man das große Los gewinne, zu ähnlich lauten, wenn sie nicht die Mehrheit der Mittelgeister, welche ja die Zukunft bilden, auf die ein großer wirken kann, extensiv ebenso wichtig finden wollte als einen genialen intensiv. – Und darum, da ihr teils der Zukunft, wie einer Bettlerin das Almosen, durch Kinder geben lasset, und teils letzte selber als Unbewaffnete in eine bedeckte Zeit versenden müßt, deren giftige Lüfte ihr gar nicht kennt: so ist ja auf der Seite der Nachwelt nichts Wichtigeres als: ob ihr euern Zögling als das Fruchtkorn einer Ernte, oder ob ihr ihn als das Pulverkorn einer Mine zuschickt, das sich und alles entwickelt, – und auf der Seite des Kindes: ob ihr ihm einen oder keinen Zauber- und Edelstein mitgegeben, der es bewahrt und unversehrt durchführt. Ein Kind sei euch heiliger als die Gegenwart, die aus Sachen und Erwachsenen besteht. Durch das Kind setzt ihr, wiewohl mit Mühe, durch den kurzen Hebelarm der Menschheit den langen in Bewegung, dessen weiten Bogen ihr in der Höhe und Tiefe einer solchen Zeit schwer bestimmen könnt. – Aber etwas anders wißt ihr gewiß, daß nämlich die moralische Entwickelung – welches die Erziehung ist, so wie die intellektuelle der Unterricht – keine Zeit und Zukunft kennt und scheuet. In dieser gebt ihr dem Kinde einen Himmel mit einem Polstern mit, der es immer leitet, vor welche neue Länder es auch später komme. § 3 Ein vollendetes Kind wäre eine himmlische Seelen-Aurora; wenigstens wäre seine Erscheinung nicht so vielfach bedingt und schwierig als die eines vollendeten Mannes. An diesem formt alles, vom Staate an bis auf ihn selber; – am frischen Kinde aber wiederholen Eltern Lykurgs und Moses' gesetzgebende bildende Rolle mit völliger Gewalt, ihren Zögling (Bildling) besser als einen spanischen oder jüdischen Staat rein abzuscheiden und ohne Berührung auszuformen. Folglich sollte man von der uneingeschränkten Monarchie der Eltern sich mehr versprechen – Kinder, in diesem Erbreiche ohne salisches Gesetz und in einem solchen Überfluß von Gesetzen und Gesetzgebern lebend, daß der Regenten oft sogar mehre sind als der Untertanen, und das regierende Haus größer als das regierte – überall Kabinettordres und beleidigte Majestäten und schnellste mandata sine clausula vor sich, und hinter dem Spiegel den Hoheitpfahl der Rute – in ihrem Landvater ihren Brotherrn besitzend, so wie ihren Zucht- und Freudenmeister – gegen ihn durch keine fremde Macht beschützt, da man wohl Mißhandlungen an Sklaven (in manchen Ländern), auch am Vieh (in England), aber nirgends die an Kindern bestraft – Kinder also, so ohne Oppositionpartei und Antiministerial-Zeitung – ohne Repräsentanten und so uneingeschränkt beherrscht, sollten aus dem kleinsten Staate im Staate, dächte man, weit mehr gebildet hervorgehen, als Erwachsene von der größten Erziehanstalt, vom Staate selber erzogen, geliefert werden. Gleichwohl scheinen beide Erziehanstalten oder Staaten so gleichförmig zu wirken, daß es der Mühe wert ist, nach der Wichtigkeit der Erziehung auch ihre Möglichkeit zu überlegen in folgenden zwei Reden. Zweites Kapitel Antrittrede im Johanneum-Paulinum; oder Erweis, daß Erziehung wenig wirke § 4 Verehrtestes Scholarchat, Rektorat, Kon- und Subrektorat, Tertiat! Werteste Lehrer der untern Klassen und Kollaboratores! Ich drücke, hoff' ich, mein Vergnügen, als letzter Lehrer in unserer Erziehanstalt angestellt zu sein, nach meinen Kräften aus, wenn ich meinen Ehrenposten mit dem Erweise antrete, daß Schulerziehung so wie Hauserziehung weder üble Folgen habe, noch andere. Bin ich so glücklich, daß ich uns allen eine ruhige Überzeugung von dieser Folgenlosigkeit zuführe: so trage ich vielleicht dazu bei, daß wir alle unsere schweren Ämter leicht und heiter bekleiden – ohne Aufblähen – mit einer gewissen Zuversicht, die nichts zu fürchten braucht; – täglich gehen wir hinter den Zöglingen aus und ein und sitzen auf dem Lehrstuhl als unserem Sorgestuhl, und jede Sache geht ihren Gang. Zuerst, glaub' ich, muß ich darstellen, wer erzieht und weiterbildet – denn gebildet, so oder so, ist doch alles neben und in uns –; darauf kommen wir von selber auf uns, und ich weise die leichte Verwechslung nach. § 5 Woher kommt es, daß noch kein Zeitalter so viel über die Erziehung sprach und riet und tat als unseres, und unter den Ländern wieder keines so viel als Deutschland, in welches Rousseaus geflügelte Samenkörner aus Frankreich verweht und eingeackert wurden? – Die Alten schrieben und taten wenig dafür; ihre Schulen waren mehr für Jünglinge als Kinder, und in Athens philosophischen Schulen war oder wurde der Zuhörer oft so alt als der Lehrer. Sparta war eine Stoa oder Garnisonschule für Eltern und Kinder zugleich. Die Römer hatten griechische Sklaven zu Schullehrern, ohne daß die Kinder weder Griechen noch Sklaven wurden. In den Zeiten, wo große glänzende Taten des Christentums und des Rittertums und der Freiheit wie Sterne am dunkeln Horizont Europas aufgingen, lagen die Schulgebäude nur als dumpfe, kleine, düstere Wilden-Hütten oder Mönchzellen verstreuet umher. Und was haben die politischen Selbstlauter Europens, die Engländer, deren Eiland eine Bürgerschule und deren Wahl nach sieben Jahren eine wandernde siebentägige Sonntagschule ist, noch jetzo Besseres als bloße Verziehanstalten? – Wo schlagen die Kinder den Eltern ähnlicher nach – und zu etwas anderm als seinem Spiegel, es sei zu einem platten, hohlen oder hohen, kann doch der Lehrer den Zögling nicht gießen und schleifen wollen – als eben da, wo die Erzieher schweigen, bei den Wilden, Grönländern und Quäkern? Und je weiter man in die Zeiten hinab, zu den eisgrauen Völkern hinein sieht, desto weniger Lehrbücher und Cyropädien – schon aus Mangel aller Bücher – gab es; desto mehr war der Mann in den Staat verloren; desto weniger wurde das Weib, das hätte erziehen können, dazu gebildet: dennoch wurde jedes Kind das Ebenbild der Eltern, was mehr ist, als die besten begehren dürfen, da Gott selber das seinige an den Menschen als Zerrbild sehen muß. Und sind nicht unsere jetzigen bessern Erziehanstalten ein Beweis, daß man sich aus schlechtern frei und eigenhändig zu höhern heben kann und folglich zu allen andern Anstalten desfalls? § 6 Wer erzieht denn aber in Völkern und Zeiten? – Beide! – Die lebendige Zeit, die mit so vielen tausend Menschen, durch Taten und Meinungen, und zwanzig, dreißig Jahre unaufhörlich, den Menschen wie mit einem Meere von Wellen anstrebt, ab- und zuführend, muß bald den Niederschlag der kurzen Erziehjahre, wo nur ein Mensch und nur Worte sprachen, wegspülen oder überdecken. Das Jahrhundert ist das geistige Klima des Menschen; die bloße Erziehung ist das Treibhaus und der Treibscherben, woraus man ihn in jenes auf immer hinausstellt. Unter Jahrhundert wird hier das reale Jahrhundert verstanden, das oft so gut aus Jahrzehenden als aus Jahrtausenden bestehen kann, und das sich, wie die Religion-Zeitrechnungen, nur von großen Menschen datiert. Was vermögen abgeschiedene Worte gegen lebendig dastehende Tat! Die Gegenwart hat zu den neuen Taten auch neue Worte; der Erzieher hatte nur tote Sprachen für die Schein-Leichen seiner Muster. Der Erzieher wurde ja selber erzogen, und von dem Geiste der Zeit, den er etwa aus der Jugend austreiben will (so wie sich eine ganze Stadt über den Geist der ganzen Stadt aufhält), ist er ohne sein Wissen früher besessen. Nur leider glaubt jeder so gerade und winkelrecht im Zenit des Weltall zu stehen, daß nach seiner Berechnung über seinem Kopfe Sonnen und Geschlechter kulminieren müssen, und er selber wie ein Gleicher-Länder keinen andern Schatten werfe als in sich hinein. Denn wäre dies nicht: wie können so viele – wie auch ich künftig vorhabe – über einen Geist der Zeit sprechen, da jedes Wort die Erlösung und Erhebung daraus voraussetzt, so wie man Ebbe und Flut nicht auf dem Meere spüren kann, sondern erst an seinen Grenzen, den Küsten? So wird ein Wilder sich einen Wilden nicht so klar entwerfen als ein Gebildeter. Aber, in Wahrheit, die Maler des Zeitgeistes schilderten meistens den nächstvergangnen ab, mehr nicht. Wie nicht einmal der große Mensch, Dichter und Denker sich ganz seiner so durchsichtig bewußt ist, daß der Kristalleuchter und das Licht eins würden: so noch weniger andere Menschen; jeder liegt, so leicht blühend er sich nach oben auftue, noch belastet mit einer Wurzel in der finstern festen Erde. § 7 Volk- und Zeit-Geist entscheidet und ist der Schulmeister und das Schulmeisterseminar zugleich; denn er greift den Zögling mit zwei mächtigen Händen und Kräften formend an: mit lebendiger Tatlehre und mit unausgesetzter Einheit derselben. Wenn – um von der Einheit anzufangen – die Erziehung gleich dem Testament ein fortdauernder Akt (actus continuus) sein muß, dem unterbrechende Einmengungen die Kraft entziehen: so erbauet nichts so fest als die Gegenwart, die keine Minute aufhört und sich ewig wiederholt, und die mit Not, mit Freude, mit Städten, Büchern, Freunden, Feinden, kurz mit tausendhändigem Leben auf uns eindringt und zugreift. Kein Volklehrer bleibt sich so gleich als das lehrende Volk. Die Geister, zu Massen eingeschmolzen, büßen von freier Bewegung – welche Körper gerade durch Masse zu gewinnen scheinen, z. B. die Weltkörper, vielleicht das Körper-All – etwas ein und rücken nur als schwerfällige Kolosse auf alten, eisern überlegten Gleisen besser fort. Denn so sehr auch Heiraten, Alter, Töten und Hassen sich bei dem Einzelwesen dem Gesetze der Freiheit unterwerfen: so kann man doch über ein ganzes Volk Geburt- und Sterblisten machen, und man kann herausbringen, daß im Kanton Bern (nach Mad. Stael) die Zahl der Ehescheidungen, wie in Italien die der Ermordungen, von Jahrzehend zu Jahrzehend dieselbe ist. – Muß nun nicht auf einer solchen immer und gleich wirkenden Lebenwelt der kleine Mensch wie auf einer fliegenden Erde fortgetragen werden, wo die einzelnen Richtungen, die der Erzieher geben kann, nichts vermögen, weil sie noch dazu selber erst auf ihr den Richtwinkel unbewußt empfangen? – Daher säen eben, trotz aller verschiedenen Re- und Informatoren, Völker wie Wiesen sich selber aus zu gleichem Schmelz; daher behauptet sogar in Residenzen, wohin sich alle Lehrbücher und Lehrmeister und selber Eltern aller Arten ziehen, der Geist sich unverändert fest. Die Wiederholung ist die Mutter – nicht bloß des Studierens, auch der Bildung. Wie der Freskomaler, so gibt der Erzieher dem nassen Kalke Farben, die immer versiegen, und die er von neuen aufträgt, bis sie bleiben und lebendig blühen: wer trägt dann z. B. in Neapel die Farben am öftersten an einer Geistestafel auf, ein Hofmeister, oder die Zahl von 30 000 Advokaten, 30 000 Lazzaronis und 30 000 Mönchen, eine Parzen-Drei oder Neuntöter-Neune, wogegen der Vesuvius ein stiller Mann ist, der vom heiligen Januar Bekanntlich der Schutzheilige der Neapler gegen den Vesuv. (obwohl nicht im Januar) mit sich reden läßt? Freilich könnte man sagen, auch in Familien erziehe neben der Volkmenge eine pädagogische Menge Volks, wenigstens z. B. Tanten, Großväter, Großmütter, Vater, Mutter, Gevatter, Hausfreunde, jährliche Dienerschaft, und an der Spitze winke der Informator mit Zeigefingern, so daß sich – könnte man fortfahren, weil man recht behalten wollte – ein Kind unter diesen Vielherren wirklich einem indischen Sklaven viel ähnlicher, als man dächte, ausprägte, welcher mit den eingebrannten Stempeln seiner Wechselherren umhergeht; aber wie schwindet die Menge dahin gegen die höhere, von der sie selber gefärbt wurde, so wie alle heiße Marken des Sklaven doch die heiße schwarze Färbung der Sonne nicht überwinden, sondern vielmehr sie einnehmen als ein Wappen in schwarzem Feld! § 8 Die zweite Überkraft, womit der Zeit- und Volkgeist erzieht und siegt, ist die lebendige Tat. Nicht das Geschrei, sagt ein sinesischer Autor, sondern der Aufflug einer wilden Ente treibt die Herde zur Folge und zum Nachsteigen. Ein erlebter Krieg gegen einen Xerxes glühet das Herz ganz anders, reiner und stärker an, als dreimal ihn exportieren im Cornel, Plutarch und Herodot; denn letztes und die ganze Schulphrasen-Erziehung ist nur eine geistige Korknachbildnerei (Phelloplastik nach Böttigers Zurückübersetzung ins Griechische), um antike Tempel und Prachtgebäude in leichten Korkformen gäng und gäbe zu machen. Ja, die bloßen Ahnenbilder von Taten in Plutarchs Westmünsterabtei werfen die Aussaat des göttlichen Worts tiefer ins Herz als ein oder ein paar tausend Predigtbände voll wahrer Kanzelberedsamkeit. Himmel, wären Worte zu Taten dicht zu schlagen, nur tausend zu einer : könnt' es dann auf einer Erde, wo von Kanzeln, Lehrstühlen, Bücherschränken aller Zeiten unaufhörlich die Flocken der reinsten kalten Ermahnungen schneien, noch eine einzige Leidenschaft geben, die vulkanisches Feuer auswürfe? Wäre die Geschichte rund herum dann nicht mit lauter Schneekratern und Eisbergen besetzt? – Ach! verehrteste Schullehrer, wenn wir selber nicht einmal von starken Gymnasium-Bibliotheken, welche jahrzehendelang predigen können, dahin gebracht werden, daß wir Monatheilige, ja nur Wochenheilige werden: was dürfen wir uns viel von den wenigen Bänden von Worten versprechen, die wir in der Schulstunde fallen lassen? – Oder auch mehr die Eltern sich zu Hause? – Die pädagogische Unmacht der Worte beichtet sich leider selber in einem besondern Falle, der sich in jedem von uns täglich erneuert. Jedes Ich zerteilt sich nämlich in einen Lehrer und in dessen Schüler, oder zerspällt sich in den Lehrstuhl und in die Schulbank. Sollten Sie nun aber glauben, daß dieser ewige Hauslehrer in den vier Gehirnkammern – der seinem Stubenkameraden und Philanthropisten und Pensionär tägliche Privatissima liest – der ein Früh- und Spätprediger und Nachtprediger ist – der mit dem conversatorium und repetitorium wohl nie nachläßt – der den Zögling, den er liebt wie sich, und umgekehrt, überall mir Lehrnoten begleitet als Hofmeister auf Reisen, als Hofmeister auf Lotterbetten, auf Weinbänken, auf Thron- und andern Sitzen, auf Lehr- und Nachtstühlen – der als das unumschränkteste Oberschulkollegium, das unter der Hirnschale zu finden ist, mit dem Scholaren, wie ein Werber mit einem Rekruten, stets in einem Bette schläft und von Zeit zu Zeit manches erinnert, wenn der Mensch sich vergessen hat – – kurz, sollten Sie es wohl glauben, daß ein so äußerst seltner Mentor , der von der Zirbeldrüse, als der Loge zum hohen Licht, ewig herunter lehrt, gleichwohl nach funfzig und mehr Dezisionen und Jahren nichts Besseres an seinem Telemach erlebt, als was die reine Minerva (der sehr bekannte und anonyme Mentor im Telemach) mit allen ihren Keuschheiten im größten Kopfe von der Welt, in Jovis seinem, auch erleben mußte, nämlich, daß sie ihrem Schüler keine einzige seiner tierischen Verwandlungen ersparen konnte? – Schwerlich wäre dergleichen glaublich, wenn wir nicht täglich die kläglichsten Fälle davon sähen – in uns selber. So ist es z. B. in der Gelehrtengeschichte etwas sehr Gewöhnliches und Erbärmliches, daß treffliche Männer sich mehre Jahrzehende hindurch vorsetzten, morgens früher aufzustehen, ohne daß – wenn sie es nicht etwa am jüngsten Tage durchtreiben – viel daraus geworden. § 10 Lassen Sie uns zurückkommen; und wenn wir leicht gefragt haben, ob der Mensch durch tausend äußere fremde Worte glücklicher zu bekehren sei als durch Billionen innere eigne, uns gar nicht sehr verwundern, daß der Wortstrom, den man der Jugend mitgibt ins Weltmeer, damit er sie darin trage und lenke, vor den allseitigen Wogen und Winden zerlaufe. Sondern lassen Sie uns bemerken, daß man auf Rechnung der Schulstuben, d. h. der Worte, so manche Sachen schreibt, welche bloß auf dem organisierenden Gemeinboden der Taten sich erhalten, sowie man sonst allgemeine Pestvergiftungen zu zufälligen Brunnenvergiftungen der Juden machen wollte. Das Schulgebäude der jungen Seele besteht nicht aus bloßen Hör- und Lehrzimmern, sondern auch aus dem Schulhof, der Schlafkammer, der Gesindestube, dem Spielplatze, der Treppe und aus jedem Platze. Himmel! welche Verwechslungen anderer Einflüsse immer zum Vorteil und Vorurteil der Erziehung! Der körperliche Wachstum des Zöglings nährt und treibt einen geistigen hervor! Dennoch wird dieser dem pädagogischen Lohbeete zugeschrieben, gleich als ob man nicht klüger und länger zugleich werden müßte! Ebenso richtig könnte man den Laufbändern das Verdienst der Muskelbänder anrechnen. – Eltern halten so oft bei eigenen Kindern für Wirkung der Geistespflege und Anlage, was sie bei fremden nur für Folgen menschlicher Entfaltung nehmen würden. Der Täuschungen sind noch so viele! War ein großer Mann durch eine Erziehanstalt gegangen, so wird er immer daraus erklärt; entweder wurde er ihr ungleichartig, so wird sie als bildender Gegenreiz angerechnet; oder wurde ers nicht, so gilt sie als Lebenreiz. So könnte man freilich die blaue Bibliothek, deren Umschlag den Bibliothekar Duval die ersten Rechenexempel lehrte, für ein Rechenbuch und eine Rechenschule nehmen. Wenn Eltern – oder der Mensch überhaupt – doch mit aller Erziehung nichts suchen können, als ihr körperliches Ebenbild immer schöner zu ihrem geistigen zu machen und folglich dieses Abbild mit dem verschossenen Glanze des Urbilds zu überfirnissen: so müssen sie ja äußerst leicht in den Irrtum fallen, die angeborne Ähnlichkeit für eine anerzogne zu halten und körperliche Väter für geistige, Natur für Freiheit. Es gilt aber für Kinder in dieser und voriger Rücksicht, was für Völker gilt: man fand in der neuen Welt zehn Gebräuche der alten wieder – sechs sinesische in Peru, vier hottentottische im westlichen Afrika Zimmermanns Geschichte der Menschheit. B. 3.  –, ohne daß gleichwohl irgendeine nähere andere Abstammung diese Ähnlichkeiten vermittelte als die allgemeine von Adam oder der Menschheit. § 11 Wird dürfen uns, treffliche Mitarbeiter, überhaupt mit Verdiensten um die Menschheit schmeicheln, sobald der Satz wahr ist, daß wir wenig oder nichts durch Erziehen wirken. Wie in der mechanischen Welt jede Bewegung, sobald der Widerstand der Reibung fehlte, sich unaufhörlich fortpflanzte und jede Veränderung eine ewige wäre: so würde in der geistigen, sobald der Zögling weniger tapfer dem Erzieher widerstände und obsiegte, ein so abgeschabtes Leben sich ewig wiederkäuen, als wir noch gar nicht kennen. Ich meine dies: sollten einmal alle Gassen und Zeiten des armen Erdbodens mit matten steifen Ebenbildern aus pädagogischen Fürsten- und Schwabenspiegeln angefüllt werden, nämlich mit Konterfeien von Schulleuten, so daß folglich jede Zeit von der andern Männchen auf Männchen So nennt man an einer zweiten Auflage den gleichen Abdruck von der ersten; welcher freilich, wie schon dieser Nachsatz beweiset, bei dieser zweiten nicht so ist. abgedruckt würde: was braucht' es dazu, zu diesem langweiligen Jammer, anders weiter, als daß die Erziehung über Erwarten gelänge und ein Hof- und Schulmeister seinen Kopf wie einen gefürsteten könnte abgeprägt umlaufen lassen in allen Händen und Ecken? – Und daß eine ganze Ritterbank zu einer Sitzung von turnierfähigen Kandidaten würde, weil sie vorher von stillen bürgerlichen wäre rein und gut nachgeformt worden? – Aber wir dürfen das Gegenteil hoffen; noch immer verhält sich der Schulmann und Hofmeister später zum Edelmann wie Gott zur Natur, von welchem Seneka richtig schreibt: semel jussit, semper paret; d. h. die Hofmeisterstube wird sehr bald gesperrt, und das Vorzimmer und der Audienzsaal aufgetan. Um nicht in den Fehler derer zu fallen, welche den Vogel Phönix und den Mann im Monde unbeweibt vorführen, gedenk' ich hier auch der Mädchen, denen, wie den Tauben und Kanarienvögeln, fremde Farben, welche der erste Regen- und Mausermonat ausstreicht, angemalet werden sowohl von Hofweibern als von Hofmeistern. Aber, wie gesagt, später wird jede Frau etwas Besonderes, ein schönes Idiotikon ihrer vielen Sprachprovinzen. § 12 Durch langes Belehren, dem kein Schritt des Schülers abgemessen genug ist, können Schulleute von Verstand auf die Frage kommen: »Wie will der arme Scholar einmal ohne unser Lenken rechtgehen, da er schon bei demselben irreläuft?« – und auf den Wunsch: »Gott, könnten wir ihn doch wie eine astronomische Jahrhundertuhr genau so aufstellen und aufziehen, daß er seine Stunden und Planetenstellungen und alles richtig zeigte lange nach unserem Absterben!« – und folglich auf die Meinung: »sie wären eigentlich die Seele seines innern Menschen und hätten jedes Gliedmaß aufzuheben, oder doch seine Bänderlehre, indem er nicht bloß den zerbrochenen Arm im leichten Bande tragen sollte, sondern auch die Schenkel, den Kopf, das Gedärm, um ganz befestigst zu bleiben.« Begleitet aber der Schulherr seinen jungen Herrn auf Universitäten: so geht dieser schon ohne jenen in manche gute Gesellschaft; – und ziehen beide vollends auf Reisen: so geht der junge Herr in manche verdächtige, und der Schulherr beendigt seine Furcht. Sie ist der ähnlich, die eine Mutter darüber hätte, wie wohl der kahle nackte Fötus, wenn er in die kaltwehende Welt kommt und mit nichts mehr von ihrem Blute ernähret wird, sich doch fortfriste. Freilich pfeift euch euer Singvogel von Zögling noch in der Nacht fort, weil ihr ihm durch ein Nachtlicht, d. h. durch eine Ausbildung außerhalb der Zeit, künstliches Taglicht weismacht; aber fliegt er einmal ins Freie, so wird er seine Töne bloß nach dem allgemeinen Tage richten und stimmen. Stellt man sich noch auf eine andere Anhöhe zur Ansicht des lehrenden Treibens, Fürchtens und Foderns: so kann man sich beinahe versucht fühlen, sie von da herab anzufahren, besonders darüber, daß sie, die Erzieher, sich viel anmaßen und zutrauen – nämlich daß sie den weiten Weltplan nicht ihrem Schulplan, den All-Erzieher nicht dem tiefen Winkelschulmeister, dem Menschen, voraus- und voransetzen, sondern daß sie dem unendlichen Pädagogiarchen (Erzieherfürsten), welcher Sonne um Sonne und Kind um Vater ziehen läßt und also Kindes- und Vaters-Vater zugleich ist, so ängstlich mit ihren kleinen Ansichten nachhelfen wollen, als wäre ihnen Winkelschöpfern eine seit Jahrtausenden vernachlässigte Menschheit nur als warmer Lack vorgelegt, in welchem sie ihre individuellen Verhärtungen zu spätern Verhärtungen einzudrücken hätten, um als Wiederschöpfer den Schöpfer mit einem lebendigen Siegel- und Pasten-Kabinett ihrer Wappen und Köpfe gelegentlich zu überraschen. – – – Ein langer Periode, aber eben wider eine lange Periode! § 13 Niemand von allen meinen Zuhörern – worunter ich der nächste bin – kann vergessen haben, daß ich anfangs gefragt, warum man gleichwohl jetzo in Deutschland so viel über die Erziehung schreibe und auf sie baue, wie ich denn selber dem Publikum einige Ideen darüber gedruckt vorzulegen gedenke. Ich antworte: darum, weil durch die Kultur der ganze Mensch jetzo Sprachwerkzeug geworden und das Fleisch wieder Wort. Je mehr Ausbildung, desto mehr Begriffe; je weniger Tat, desto mehr Sprache; der Mensch wird, wie man sonst Maulchristen hatte, ein Maulmensch; und das Ohr sein sensorium commune. Vor dem Großstädter gehe z. B. der Bettler vorbei: nicht bloß zur Sache, sondern aus ihr zum Worte ist jenem dieser verflüchtigt, so wie Schlachten, Pest u. s. w. nur als leichte Töne vorüberfliegen. Die Poesie ist daher als Gegengewicht der Kultur so wirksam, indem sie wieder ein künstliches Leben um die dünnen Schatten zieht und auf der Walstatt der sinnlichen Anschauungen ihre verklärten aufrichtet. Da aber der Deutsche keine Zeit so gern erlebt als Bedenkzeit – zu seinem größten Schritt, den er tat, nämlich ins Leben, nahm er sich gar eine Bedenkewigkeit –: so gibt er dem festen langsamen Schreiben den Preis vor dem leichten her- und wegrauschenden Sprechen ; ungleich dem Süden ist er weniger ein redseliges als ein schreibseliges Volk, wie seine Registraturen und Bücherschränke ansagen. Ein Wort ein Mann, heißt jetzo: Schwarz auf Weiß ein Mann. Schrift und Sache, oder Kleid und Leib sind nur so voneinander verschieden wie Schuh und Fuß, welche als Längenmesser bei uns einerlei bedeuten. Es kommt auf ein Strichlein an, ob Christus Gott sein soll oder nicht, nämlich in der bekannten Stelle I. Tim. 3, 16. im alexandrinischen Kodex, wo ein Strichlein der Kehrseite OC in ΘC ( Θεος ) verwandelt; und auf ein Oder in der Karolina Art. 159. , ob ein Mensch gehangen werden soll oder nicht. Wenn nun aber der innere Mensch der Ausgebildeten, wie einige Zeichnungen, bloß aus Buchstaben und Worten zusammengesetzt ist: so kann gar nicht genug von Erziehen und in demselben gesprochen werden, da das Bewußtsein, das innere Leben in Begriffe, folglich in Worte aufgelöst zu haben, die Gewißheit zusichert, es durch die aufgelösten Bestandteile wieder mitteilen zu können, d. h. durch Worte; kurz, zu erziehen durch Sprechen, mit Feder und Zunge. » Zeichnet ,« sagte Donatello zu den Bildhauern , »so vermögt ihr den Rest.« - » Sprecht ,« sagt man zu den Erziehern, »so lehrt ihr gestalten.« Da sich jedes Leben durch nichts fortpflanzt als durch sich selber, z. B. nur Taten durch Taten, Worte durch Worte, Erziehen durch Erziehen. so wollen wir, vortreffliche Mitarbeiter, uns durch die Hoffnung ermuntern und befestigen, daß auch unser Erziehen uns durch die Veredlung der Zöglinge in Erzieher geistig belohne, welche hernach weitersprechen mit andern, und daß unser Johanneum-Paulinum zu einer Erziehanstalt mehrer Erziehanstalten gedeihe, indem wir aus unserer Schulpforte Hauslehrer, Schulhalter, Katecheten gereift ausschicken, damit sie ihresgleichen in guten Schulgebäuden zeugen, nicht Cyrusse, sondern Cyropädien und Cyropädagogiarchen. § 14 Ich wende mich noch an die verehrtesten Väter der Stadt, unsere Nutritoren und Scholarchate, nicht nur mit Dank, auch mit Bitten. Es bleibt nämlich den unreellsten Menschen und Sprechern etwas Rohes, Reelles festsitzen – Magen nennt mans rauh genug –, was an der Zunge aus Eigennutz nicht die Ausfuhr, sondern die Einfuhr schätzen will. Genug das Gliedmaß hat jeder; dies aber lässet uns so sehr wünschen, daß unsere Schule mehr zu einer Kameral- oder Erwerbschule für alle, die man darin besoldet, gesteigert werde, damit jeder, der als Schüler darin zahlte, gern wieder hineingehe, um als Lehrer da bezahlt zu werde Auch unsere Schulbuchhandlung (weniger die Schulbibliothek) und unsere Schulkasse, ja die Schulwitwenkasse könnten stark unterstützet werden; und so alles; denn die einzige Schulkrankheit, welche Lehrer haben, ist Heißhunger, ein Übel, dem doch der Staat gemeine Hausmittel oder sogenannte Hausmannkost verordne. Da wir aber alle, besonders als Erzieher der Jugend, auch für etwas Schöneres und Längeres leben wollen als für unser Mittagstück von schwarzer Suppe, wofür wir erst tagelange aktive Prügelsuppen auszuteilen haben: so wag' ich ungescheuet die stolze Bitte, daß man den Katheder, worauf sowohl der Tertiat und Kantorat als ich das Nötige vorzutragen habe, neu anstreichen lasse, bloß wie ein Buch oder ein preußisches Schilderhaus, Schwarz auf Weiß, und daß man das Lyzeum, wenn nicht mit dem Namen eines Gymnasiums, doch mit dem Namen: illustre, und womöglich uns alle mit dem Titel Professoren belege. Vielleicht dehnte sich dann die Schulfreundschaft, die sich sonst nur auf Schüler einschränkt, auch auf Lehrer aus. Fiat! – Dixi! § 15 Kaum hatte der Verfasser seine Antrittrede gehalten und früher verfaßt, als man so vieles von einer Abtrittrede darin fand, daß man ihm wirklich eine schöne Gelegenheit schenkte, letzte zu halten und sich mehr auszusprechen, indem man ein Paar Tage darauf ihn absetzte und abdankte. Dadurch wurde er instand gesetzt, von seinen Mitlehrern den Abschied, den er öffentlich bekommen, ebenso zu nehmen und dabei die Wichtigkeit des Lehrstuhls, den er zum zweiten und letzten Male bestieg, so eindringlich, als anging, zum Texte seiner kurzen Abschiedrede zu machen. Drittes Kapitel Wichtigkeit der Erziehung § 16 Verehrteste Amtbrüder! Indem ich mein kurzes Amt mit einem gewissen tröstenden Bewußtsein niederlege, daß keiner meiner Untergebnen mit Vorwürfen irriger Lehrart oder geschwänzter Stunden gegen mich auftreten werde: so find' ich wohl für einen Abschiedgruß kein Thema, das mehr damit zusammenhängt, als eben die Betrachtung: wie stark eine gute Erziehung eingreife ins Herz der Zeit, um so mehr, da ich dadurch Anlaß erhalte, manches, was mein Vorfahr auf diesem Rednerstuhl, der Antrittredner – denn anders wag' ich nach meiner Absetzung mich nicht hier aufzuführen –, ehegestern vorgebracht, heute in ein zweites Licht zu stellen. Es soll bloß bewiesen werden, daß er lauter Sophismen vorgebracht, welche ursprünglich, nach Leibniz, bloß Übungen in der Weisheit bedeutet haben. »Warum (fragt er) schreibt man jetzo so viel über Erziehung als darum (antwortet er), weil unser ganzes Tun in Worte überging, Worte aber leicht in Seelen, bloß durch Zungen und Ohren.« Allein ist denn das etwas anderes, als was ich selber auch behaupte? So jedoch: § 17 Kein voriges Alter und Volk ist seit der Erfindung der Buchdruckerei zu vergleichen mit einem jetzigen; denn seit derselben gibts keinen abgeschlossenen Staat mehr, folglich keine abgeschlossene Einwirkung eines Staats in seine Bestandteile. Die Fremdlinge und die Zurückreisenden, welche Lykurg als Episoden und Maschinen-Götter aus den dramatischen Einheiten seiner Republik ausschloß, durchlaufen jetzo unter dem Namen Meßbücher und Makulatur jeden Staat. Nun ist keiner mehr allein, ja nicht einmal eine Insel im fernsten Meer; daher auch nur jetzo das politische Gleichgewicht mehrer Staaten, das sie folglich unter einem Waagbalken versammelt, zur Anregung kam. Europa ist ein durcheinander verwachsener Lianen-Wald, woran die andern Weltteile als Wucherpflanzen sich aufschlängeln und ausgesogen sich ansaugen. Die Bücher stiften eine Universalrepublik, einen Völkerverein oder eine Gesellschaft Jesu im schönem Sinne oder humane society, wodurch ein zweites oder doppeltes Europa entsteht, das, wie London, in mehren Grafschaften und Gerichtbarkeiten liegt. Wie nun auf der einen Seite der überall umherfliegende Bücherblumenstaub den Nachteil bringt, daß kein Volk einen unverfälschten, mit keinen fremden Farben besprengten Blumenflor mehr ziehen kann; – wie jetzo kein Staat sich aus sich so rein, langsam, stufenweise wie sonst mehr ausformen kann, sondern wie ihm, gleich einem indischen, aus Tierleibern zusammengereiheten Götterbilde, die verschiedenen Glieder der Nachbarstaaten in seine Bildung hinein verwachsen: so ist auf der andern Seite durch das ökumenische Konzilium der Bücherwelt kein Geist mehr der Provinzialversammlung seines Volks knechtisch angekettet – und ihn führet eine unsichtbare Kirche aus der sichtbaren heraus. – Und darum nun wird jetzo mit einiger Hoffnung gegen die Zeit erzogen, weil man weiß, das gesprochne Wort des deutschen Lehrers klinge von dem gedruckten wieder und der Weltbürger gehe unter der Aufsicht der Universalrepublik nicht im Bürger eines verderbenden Staats zugrunde, um so mehr, da, wenn Bücher verstorbne, aber verklärte Menschen sind, ihr Lehrling sich immer zu ihren lebendigen Seitenverwandten halten wird. Daß das Zeitalter so viel über Erziehung schreibt, setzt gleich sehr ihren Verlust und das Gefühl ihrer Wichtigkeit voraus. Nur verlorne Sachen werden auf der Gasse ausgerufen. Der deutsche Staat selber nämlich erzieht nicht mehr genug, folglich tu' es der Lehrer in der Kinderstube, auf dem Katheder und vor dem Schreibpult. Die Treibhäuser in Rom und in Sparta sind abgebrochen – in Sina und in der arabischen Wüste stehen einige noch –; der alte Zirkel, daß der Staat die Erziehung voraussetze und bilde, diese wiederum jenen, ist nun durch die Buchdruckerei sehr rektifiziert oder auch quadriert, da nämlich Menschen über alle Staaten die Staaten erziehen, z. B. Tote wie Platon, so wie in der tiefen alten Morgenwelt unserer Erde der Sage nach Engel mit Schimmern gingen und die neu auf Ruinen entsproßnen Menschen als Kinder führten und nach der Lehrstunde entschwunden in ihren Himmel zurück. Die Erde hat sich – nach Zachs genialer Idee – aus herabgezognen Monden geballet; ein auf die amerikanische Kehrseite einstürzender Mond trieb die Sündflut gegen die alte Welt herauf; die zackige, wild aufgetürmte, ausgeschluchtete Schweiz ist nichts als ein sichtbarer Mond, der einst aus seinem leichten Äther auf die Erde sich stürzte – aber ebenso ist im geistigen Europa, weit mehr als in jedem andern nichts in Druck gebenden Weltteil und Zeitteil, nur eine Zusammenbildung aufgehäufter, vom Himmel gesandter oder gefallner Seelen-Welten oder Weltseelen. Jetzo hat der große Mensch einen höhern Thron, und seine Krone schimmert über eine breitere Ebene – denn er wirkt nicht bloß durch Tat, sondern durch Schrift, nicht bloß durch sein Wort, sondern wie ein Donner durch Nachhall. So ändert ein Geist die Nebengeister und mit ihnen die Menge; wie viele kleine Schiffe ein großes in den Hafen ziehen, so führen die untergeordneten Geister den großen ans Ufer, damit er ausgeladen werde. § 18 Indes könnte mein Vorfahr vieles gern zugeben oder zusetzen, daß, wenn an die Stelle des lebendigen abgezäunten Partialvolks die große Nation der Autoren bildend getreten sei, sich folglich nur die forterziehende Menge verändere und vergrößere, welche den kleinen Einfluß, den predigende Kinderjahre hinterlassen haben, so leicht in ihrem Meer überwältige. »Büchersäle und zwei jährliche Büchermessen – die nachdruckerische in Frankfurt nicht einmal gezählt – überschreien doch, denk' ich, ein paar Schulbücher mit ihren Lehrern,« könnte der Antrittredner sagen und sagts wahrscheinlich. Aber hier ist ein Hauptpunkt nicht zu übersehen. Nämlich so entschieden es ist, daß alles auf den Menschen bildend oder ausbildend eindrücke – daß, mein' ich, nicht bloß eine Volks- und Büchermasse und große elektrische Ergießungen an seinem Äquator-Himmel ihn zersetzen, sondern auch feuchtes Wetter ihn erweiche – so gewiß es folglich ist, daß kein Mensch einen Spaziergang machen kann, ohne davon eine Wirkung auf seine Ewigkeit nach Hause zu bringen – so gewiß jedes Spornrad, jeder Himmels- und Orden-Stern, Käfer, Fußstoß, Handschlag sich in uns so gut eingräbt als in den Granitgipfel ein leiser Taufall und das Bestreifen einer Nebelwolke – so gewiß ist wieder auf der andern Seite die Behauptung nötig: »jedes nur so und so stark, nach gestrigem, heutigem und morgendem Verhältnis.« Denn der Mensch nimmt desto mehr Geistiges an, je weniger er noch bekommen, so wie er nie so ungeheuer wächst und ohne Verhältnis zur Kost denn als Fötus; aber später, nach dem Sättigunggrade, schlägt er so viel immer nieder, daß es ein Glück ist, daß die Jugend des Einzelwesens sich durch die ewige Jugend des Gemeinwesens oder der Menschheit erstattet, deren Sättigunggrade sich doch auf einer Leiter bezeichnen, die nur Jahrhunderte und Völker zu Linienteilern nimmt. Daher gibt man der Erziehung den Rat, im ersten Lebenjahre am meisten zu tun, weil sie hier mit halben Kräften mehr bewegt als im achten mit doppelten bei schon entfesselter Freiheit und bei der Vervielfältigung aller Verhältnisse; und wie Wirtschafter im Nebel am fruchtbarsten zu säen glauben, so fällt ja die erste Aussaat in den ersten und dicksten Nebel des Lebens. Erwägt zuerst die Sittlichkeit! Der innere Mensch wird, wie der Neger, weiß geboren, und vom Leben zum schwarzen gefärbt. Wenn in den alten Jahren die größten Beispiele moralischer Momente vor uns vorübergehen, ohne unser Leben mehr aus seiner Bahn zu rücken als ein vorbeifliegender Bartstern die Erde: so wirft im tiefen Stande der Kindheit der erste innerliche oder äußerliche Gegenstand der Liebe, der Ungerechtigkeit u. s. w. Schatten oder Licht unabsehlich in die Jahre hinein; und wie nach den ältern Theologen nur die erste Sünde Adams, nicht seine andern Sünden auf uns forterbten, da wir mit einem Falle schon jeden andern Fall nachtaten: so bewegt der erste Fall und der erste Flug das ganze lange Leben. Denn in dieser Frühe tut der Unendliche das zweite Wunder; Beleben war das erste. Es wird nämlich von der menschlichen Natur der Gottmensch empfangen und geboren; so nenne man kühn jenes Selberbewußtsein, wodurch zuerst ein Ich erscheint, ein Gewissen und ein Gott – und unselig ist die Stunde, wo diese Menschwerdung keine unbefleckte Empfängnis findet, sondern wo in derselben Geburtminute der Heiland und sein Judas zusammentreffen. Man hat auf diese einzige Zeit, auf die Umgebungen und Früchte derselben noch zu wenig gemerkt. Es gibt Menschen, die sich tief bis an die Grenzstunde hinein besinnen, wo ihnen zum erstenmal das Ich plötzlich aus dem Gewölke wie eine Sonne vorbrach und wunderbar eine bestrahlte Welt aufdeckte. Das Leben, besonders das sittliche, hat Flug, dann Sprung, dann Schritt, endlich Stand; jedes Jahr läßt sich der Mensch weniger bekehren, und einem bösen Sechziger dient weniger ein Missionär als ein Autodafé. § 19 Was vom Herzen des innern Menschen, gilt auch vom Auge desselben. Wenn jenes wie eine alte christliche Kirche nach dem Morgen der Kindheit gerichtet sein mußte, so bekommt dieses wie ein griechischer Tempel sein größtes Licht nur durch den Eingang und von oben . Denn in Hinsicht der intellektuellen Ausbildung geht das Kind mit einer Natur entgegen, die später nicht mehr wiederkommt; diese Natur ist noch eine Winter-Wüste voll Frühlingkeime; wohin ein Strahl trifft (denn alles Lehren ist mehr Wärmen als Säen), da grünt es hervor, und der ganze kindliche Tag besteht aus heißen Schöpfungtagen. Zwei Kräfte wirken; erstlich der Kinderglaube , dieses einsaugende Vermögen, ohne welchen es keine Erziehung und Sprache gäbe, sondern das Kind einem jungen, zu spät aus dem Neste gehobnen Vogel gliche, der verhungern muß, weil er den Schnabel der fütternden Hand nicht öffnet. Aber dieser Glaube setzt, wie jeder, die Minderzahl voraus und erschlafft an der Menge der Menschen und Jahre. – Die zweite Kraft ist die Erregbarkeit . Sie steht, wie im physischen, so im geistigen Kinde, an dem leiblichen wie an dem geistigen Morgen am höchsten und nimmt mit dem Leben ab, bis endlich den aufgeriebenen Menschen nichts mehr auf der leeren Welt erregt als die künftige. Folglich setzet der Mensch, der anfangs, gleich jedem Weltkörper und seinem eignen, im flüssigen Zustande ist, seine Hauptformen am frühesten an, und später ründet er sich nur ab. Es wirke und drücke dann künftig die ganze Weltmasse mit ihren Stempeln auf den Menschen: der erkältenden Materie gehen nur matte Abdrücke ein. Unaufhörlich wirke und nage der Zeit- und Völkergeist am Kinde: anfangs sind ihm doch nur seine Erzieher Zeit und Staat. Herrnhuter, Quäker, am meisten Juden bekräftigen die Übergewalt der Erziehung über umgebende ungleichartige Zeiten und Völker; und obgleich auch in sie der alles umringende Zeit- und Viel-Geist einfloß, so ging er doch in sie geschwächter ein als in die anders erzognen Massen. Und wie auch der Zeitgeist das Herz, diese kleinere Weltkugel bewege und drehe, so behält es doch wie jede in sich kreisende Kugel zwei angeborne unbewegliche Pole fest, den guten und den bösen. § 20 Auch rauschet nicht eben die ganze Volkmenge – wie doch mein Vorfahr zu behaupten scheint – auf den Menschen ein. Nur einzelne rühren uns im späten Leben, wie im frühesten, formend an, die Menge geht als fernes Heer vorüber. Ein Freund, ein Lehrer, eine Geliebte, ein Klub, eine Wirttafel, ein Sitzungtisch, ein Haus in unsern Zeiten sind dem Einzelwesen die einwirkende Nation und der Nationalgeist, indes die übrige Menge an ihm spurlos abgleitet. Allein wo greifen nun eben einzelne kräftiger zu und in uns als eben in den Kinderjahren? Oder wo so lange – denn lange heißet in der Erziehung, wie in der Rechtlehre Longum tempus est decem annorum. Homm. prompt. , zehen Jahre – als eben in dem ersten Zehend? – Auch vor dem Kinde brechen sich die Wellen des Weltmeers an vier Mauern, die sein Bildung- oder Kristallisationwasser einfassen: Vater, Mutter, Geschwister und ein paar Zu-Menschen sind seine fortbildende Welt und Form. Sogar dies alles abgerechnet, sollten wir noch bei der Erziehung berechnen, daß ihre Gewalt, wie des Zeitgeistes seine, nicht an Einzelwesen, sondern an der gedrängten Masse oder Vielheit zu messen sei, so wie nicht an der Gegenwart, sondern an der Zukunft; ein auf einerlei Weise erzognes Volk oder Jahrhundert drückt in der Waagschale ganz anders als ein flüchtiges Wesen. Aber wir verlangen, wie immer, das Schicksal oder der Zeitgeist soll uns auf unsere Frage mit umgehender Post antworten. § 21 Auf diese Weise hab' ich nun vielleicht – ich hoff' es – meinem Gegner und Vorfahr mit einer Achtung, die im gelehrten Wesen nicht so häufig ist, als mancher Gegner eines Gegners glaubt, sowohl seine als meine Meinung gesagt. Denn das wenige, was er noch vorbringt über das Verschlungenwerden der Einzelwesen ins Ganze, verdient keine Widerlegung, sondern nur Bejahung. Die Gleichheit der Massen läßt sehr viele Ungleichheiten der Einzelwesen zu; und obgleich die Sterbelisten recht haben, so fürchtet und hofft doch jeder Einzelne nicht nach ihnen allein. Am Weltkörper verschwinden die Berge, an diesen in der Ferne der steinige Weg; wer ihn aber geht, bemerkt ihn sehr gut. Und wenn vollends der gute teuere Mann neben seinen Klagen über Unwirksamkeit der guten Erziehung doch die Klagen über Wirksamkeit der schlechten beilaufen läßt: so setzt er ja durch die Verbildsamkeit die Bildsamkeit offen voraus, und es wäre also der Erziehung kein Mangel vorzuwerfen als der Mangel an scharfen Rechentafeln über die Perturbationen (Störungen) eines laufenden Wandelsternchens durch die Umläufe der nachbarlichen Wandelsterne; gibt man denn dies aber nicht willig zu? Und jetzo wünscht' ich zu wissen, was ich nun auf dieser ehrwürdigen Stelle noch zu sagen hätte, verehrtes Scholarchat! Zweites Bruchstück Kap. I. Geist und Grundsatz der Erziehung § 22-26. Kap. II. Die Individualität des Idealmenschen § 27-32. Kap. III. Über den Geist der Zeit § 33-37. Kap. IV. Bildung zur Religion § 38-40. Erstes Kapitel § 22 Das Ziel muß man früher kennen als die Bahn. Alle Mittel und Künste der Erziehung werden erst von dem Ideale oder Urbilde derselben bestimmt. Gewöhnlichen Eltern schwebt aber statt eines Urbildes ein ganzes Bilderkabinett von Idealen vor, die sie stückweise dem Kinde auftragen und tätuierend einätzen. Wenn man die heimliche Uneinigkeit, z. B. eines gewöhnlichen Vaters, als einen Studienplan und Lektionkatalog der sittlichen Ausbildung ans Licht zöge und auseinanderbreitete, so würde er etwa so lauten: in der ersten Stunde muß dem Kinde reine Moral gelesen werden, von mir oder dem Hofmeister – in der zweiten mehr unreine oder angewandte auf eigenen Nutzen – in der dritten: »siehst du, daß es dein Vater so macht?« – in der vierten: »du bist noch klein; dies aber schickt sich nur für Erwachsene« – in der fünften: »die Hauptsache ist, daß du einmal in der Welt fortkommst und etwas wirst im Staate« – in der sechsten: »nicht das Zeitliche, sondern das Ewige bestimmt die Würde des Menschen« – in der siebenten: »darum erdulde lieber Unrecht und liebe« – in der achten. »wehre dich aber tapfer, wenn dich einer angreift« – in der neunten: »tobe nicht so sehr, lieber Junge« – in der zehnten: »ein Knabe muß nicht so still sitzen« – in der elften: »du mußt deinen Eltern mehr folgen« – in der zwölften: »und dich selber erziehen.« So versteckt sich der Vater durch den Stunden- und Post-Wechsel seiner Grundsätze die Unhaltbarkeit und Einseitigkeit derselben. Was seine Frau anlangt, so ist diese weder ihm, noch jenem Harlekine ähnlich, welcher, mit einem Aktenbündel unter jedem Arme aufs Hoftheater tretend, auf die Frage, was er unter dem rechten trage, antwortete: Befehle – und auf die, was er unter dem linken, versetzte: Gegenbefehle – sondern die Mutter dürfte wohl mehr einem Riesen Briareus ähnlichen, der hundert Arme hätte und unter jedem sein Papier. Diese so oft und schnell wechselnden Regentschaften der Halbgötter machen nicht nur die Abwesenheit, sondern auch die Notwendigkeit und das Recht eines höchsten Gottes klar; denn in den gewöhnlichen Seelen offenbart sich das Ideal, ohne welches der Mensch auf vier Tier-Klauen niedersänke, mehr durch innere Uneinigkeit als Einigkeit und mehr in Urteilen über andere als über sich. Was daraus aber bei Kindern werden kann – ist schon oft daraus geworden, bunt- und halbfarbige Zöglinge, welche (wenn nicht seltene Eigentümlichkeit sie hart und unverletzlich macht) der Zeitgeist oder der Zufall der Not und Lust gelenksam mit seinem Rade brechen oder gar auf dasselbe flechten kann. Die meisten Kulturmenschen sind daher jetzo ein Feuerwerk, das unter einem Regen abbrennt, unverbunden, mit zerrissenen Gestalten glänzend, halbe Namenzüge malend. Doch die bösen und unreinen Geister der Erziehungen sind noch in andere Abteilungen zu bringen. Viele Eltern erziehen die Kinder nur für die Eltern, nämlich zu schönen Steh-Maschinen, zu Seelen-Weckern, welche man so lange nicht auf das Rollen und Tönen stellet, als man Ruhe begehrt. Das Kind soll bloß jede Minute das sein, auf welchem der Erzieher entweder am weichsten schläft, oder am lautesten trommelt; und ihm folglich jede Minute die Mühe an der Erziehung, weil er mehr zu tun und zu genießen hat, ersparen durch Früchte derselben. Daher ärgern sich diese stillen Faulen so häufig, daß das Kind nicht klüger, folgerechter und sanfter schon voraus ist als sie selber. Sogar kräftige Kinderfreunde gleichen oft, wie Staatmänner, der brennbaren Luft, welche selber ein Licht gibt, dabei jedes andere auslöscht; wenigstens soll ihnen das Kind, wie oft einem Minister sein Arbeit-Schoßjünger, bald ganz Hand, die nur nachschreibt, sein, bald ein vorausarbeitender Kopf. Verwandt den Lehrmeistern, welche Maschinenmeister zu sein wünschten, sind die Erzieher nach außen und zu Staatbrauchbarkeit; eine Maxime, die, rein durchgeführt, nur Zöglinge oder Säuglinge gäbe, allfolgsam, knochenlos, abgerichtet, alltragend – der dichte harte Menschenkern ginge der weichen süßlichen Fruchthülle ab – und der Kindes-Erdenkloß, dem das wachsende Leben einen göttlichen Atem einblasen soll, würde als bloßer Fruchtacker niedergehalten und gedüngt – das Staatgebäude würde von toten Spinnmaschinen, Rechenmaschinen, Druck- und Saugwerken, Ölmühlen und Modellen zu Mühlen, zu Saugwerken, zu Spinnmaschinen u. s. w. bewohnt. Anstatt daß jedes Kind, ohne Vergangenheit und Zukunft geboren, stets anno Eins anfängt und ein erstes Neujahr mitbringt, muß nun der Staat an der Stelle einer Nachwelt, die ihn geistig so gut verjüngen könnte als leiblich, sich eine geben lassen, welche seine Räder aufhält und versteinernd als Eis sich um diese legt. Gleichwohl ist der Mensch früher als der Bürger, und unsere Zukunft hinter der Welt und in uns größer als beides; wodurch haben sich denn Eltern, die im Kinde den Menschen sofort zum Diener einkleiden und umschnüren, z. B. zum Zollbedienten, Küchenmeister, Rechtsgelehrten etc., das Recht gewonnen, sich anders fortzupflanzen als körperlich, anstatt geistige Embryonen zu zeugen? Kann die Fürsorge für den Körper ein Recht auf geistige Einklemmung erteilen und für Wohlleben wie dem Teufel eine Seele verschrieben werden, da doch kein Leib einen Geist aufwiegt oder nur anwiegt? – Die altdeutsche und spanische Sitte, körperschwache Kinder umzubringen, ist nicht viel härter als die, seelenschwache fortzupflanzen. § 23 Von der Brauchbarkeit für andere ist die bloße für sich selber nur wie Ehrlosigkeit von Lieblosigkeit verschieden; beide schmelzen zusammen in der Selbersucht. – Auch tadelhaft sind sogar Grenzbäume und Herkules-Säulen besserer Art, sobald sie die freie Welt eines künftigen Menschen verkleinern. Wenn Mengs seinen Sohn Raphael Mengs durch Seelen- und Leib-Eigenschaft zum Maler schlug – indes sich nach Winckelmann griechische Staaten nur durch und für Freiheit zur Kunst hinauffochten –: so übte er die ägyptische Sitte, daß der Sohn das Handwerk seines Vaters treiben mußte, bloß an edlern Teilen aus. Viel davon gilt sogar gegen die häuslichen Waisenhausprediger, welche die ganze Kinderzucht in eine Kirchenzucht und Bibelanstalt verwandeln und die frei- und frohgebornen Kinderseelen in gebückte Kloster-Novizen. Denn der Mensch soll weder bloß nach oben wachsen, wie Pflanzen und Hirschgeweihe, noch bloß nach unten, wie Federn und Zähne, sondern wie Muskeln an beiden Enden zugleich; so daß Bakons Doppel-Vorschrift für Könige: erinnere dich, daß du ein Mensch, erinnere dich, daß du ein Gott oder Vize-Gott bist, auch für Kinder gälte! Die Erziehung kann weder in bloßer Entwicklung oder, wie man jetzo besser sagt, Erregung überhaupt – denn jedes Fortleben entwickelt, und jede schlimme Erziehung erregt, so wie auch der Sauerstoff absolut reizet –, noch in der Entwicklung aller Kräfte bestehen, weil sich nicht auf einmal die ganze Summe potenzieren läßt, so wenig als im Körper sich Empfänglichkeit und Spontaneität, oder das Nerven- und Muskelsystem zu gleicher Zeit verstärken. § 25 Eine rein-negative Erziehung, wie die Rousseausche nur zu sein scheint, widerspräche sich und der Wirklichkeit zugleich so sehr als ein organisches Leben voll Wachstum ohne Reizmittel; sogar die wenigen eingegangenen wilden Waldkinder genossen positive Erziehung von den reißenden und fliegenden Tieren um sich her. Nur der Kinder-Sarg könnte eine negative Winkel- und Fürstenschule und Schulpforte vorstellen. Der reine Natur-Mensch – den Rousseau zuweilen oder öfter mit dem Ideal-Menschen vermengt, weil beide rein und gleichförmig vom Säkular-Menschen abliegen – – wächset ganz an Reizen empor, nur daß Rousseau das Kind erstlich lieber mit Sachen als mit Menschen, lieber mit Eindrücken als Einreden weckt und potenziert, und zweitens eine gesündere, gedeihlichere Stufenfolge der Reizmittel verordnet, indes seine Lehr-Vorfahren immer bei der so erregbaren Kindernatur mit dem höchsten Reize vorausgeeilet waren, z. B. mit Gott, Hölle – und Stock. Gebt nur rechte Freilassung der Kinder-Seelen aus dem limbus Der Ort, wohin nach dem alten Katholizismus ungetaufte Unschuldige nach dem Leben kamen. patrum et infantum: so entwickelt (dies scheint er zu denken) die Natur schon sich selber. Dies tut sie auch, überall, immerdar, aber nur in Naturen, d. h. in der Individualität der Zeiten, Länder und Seelen. § 26 Vielleicht treffen wir den Mittel-, Schwer- und Brennpunkt dieser kreuzenden Linien und Strahlen auf diesem Standpunkt an: Wenn ein jetziger Grieche, ohne alle Kenntnis der großen Vergangenheit, die Gegenwart seines unterjochten Volkes abmalte: so würd' er dasselbe nahe an der höchsten Stufe der Ausbildung, der Sittlichkeit und anderer Vorzüge finden – bis ihm ein Zauberschlag das Griechenland im persischen Kriege oder das blühende Athen oder das fruchttragende Sparta wie ein Totenreich, wie elysische Felder aufdeckte und vor das starre Auge brächte – welcher Unterschied desselben Volks, einer wie von Göttern zu Menschen! Gleichwohl sind jene Götter nicht Genies oder sonst Ausnahmen, sondern ein Volk, folglich die Mehr- und Mittelzahl der Anlagen. Wenn man in der Geschichte rund auf die Höhen und Bergrücken hinaufsiehet, wo verklärte Völker wohnen, und alsdann in die Abgründe hinunter, wo angeschlossene liegen, so sagt man sich: wohinauf eine Menge kam, dahin kannst du auch, wenn auch nicht wohinab. Der innere Mensch, welchen ein Volk, eine Mehrzahl entkörperte und in seiner Verklärung zeigte, muß in jedem Einzelwesen wohnen und atmen, das ihn sonst nicht einmal als einen Verwandten anerkennen würde. Und so ist es auch. Jeder von uns hat seinen idealen Preismenschen in sich, den er heimlich von Jugend auf frei oder ruhig zu machen strebt. Am hellesten schauet jeder diesen heiligen Seelen-Geist an in der Blütezeit aller Kräfte, im Jüngling-Alter. Wenn nur jeder sich es recht klar bewußt wäre, was er damals hatte werden wollen und zu welchen andern und höhern Wegen und Zielen das eben aufgeblühte Auge hinaufgesehen als später das einwelkende! Denn sobald wir an irgendein gleichzeitiges In- und Umeinander-Wachsen des leiblichen und des geistigen Menschen glauben: so müssen wir auch die Blütezeiten beider zusammenfallen lassen. Folglich wird dem Menschen sein individueller Idealmensch am hellsten (wenn auch nur hinter Wünschen und Träumen) gerade in der Vollblüte des Jugendalters erscheinen. Und zeigt sich dies nicht in der gemeinsten Seele. welche z. B. während dieses Durchgangs, vorher und nachher in sinnliche und habsüchtige Liebe gesunken, einmal in edler kulminierte und mitten am Himmel stand? – Später verwelkt bei der Menge der Idealmensch von Tage zu Tage – und der Mensch wird, fallend und überwältigt, lauter Gegenwart, Geburt der Not und Nachbarschaft. Aber die Klage eines jeden: »Was hätt' ich nicht werden können!« bekennt das Dasein oder Dagewesensein eines ältesten paradiesischen Adams neben und vor dem alten Adam. Aber in einem Anthropolithen (versteinerten Menschen) kommt der Idealmensch auf der Erde an; ihm nun von so vielen Gliedern die Steinrinde wegzubrechen, daß sich die übrigen selber befreien können, dies ist oder sei Erziehung. Derselbe Normalmensch, der in jeder bessern Seele der stehende Hauslehrer bleibt und schweigend fortlehrt, bilde außen die kindliche stellvertretend und mache ihren eignen los, frei und stark; nur aber muß er vorher erraten werden. Der Idealmensch Fenelons – so voll Liebe und voll Stärke –, der Idealmensch Katos II. – so voll Stärke und voll Liebe – könnten gleichwohl sich nie gegeneinander ohne Geisterselbstmord auswechseln oder seelenwandern. Folglich hat die Erziehung im... Zweiten Kapitel die Individualität des Idealmenschen § 27 auszuforschen und hochzuachten. Es sei hier ein nötiges Ausholen erlaubt! Gleichsam als Sinnbild gehen in den meisten Sprachen die Prim- und Markwörter Gut und Sein unregelmäßig. Schon die physische Kraft drückt ihren Überfluß in der Mannigfaltigkeit der Gattungen aus; daher die gemäßigte Zone nur 130 verschiedene Vierfüßer trägt, die heiße aber 220. Das feinere Leben zergliedert sich (nach Zimmermann) in mehre Arten; hinter den 500 Arten des mineralischen Reichs liegt das tierische mit sieben Millionen. Ebenso nun die Geister. Statt der Gleichheit der wilden Völker in verschiedenen Zeiten und Ländern – z. B. des Amerikaners und der alten Deutschen – zeigt sich die vielzweigige Auseinanderbildung der verfeinerten Völker in einem Klima und Zeitraum; so wie der Gartenbau die Blumensorten vielfarbig verdoppelt, oder die Zeit ein langes Land im Weltmeer zu Inseln auseinanderrückt. Insofern wäre sogar ein Sinn in den Ausspruch der Scholastiker zu bringen, daß jeder Engel seine eigene Gattung sei. § 28 Auch gibt dies jeder Erzieher zu, sogar der matteste, und flößet diese Achtung für Eigentümlichkeit, z. B. für seine eigene, den Zöglingen ein; nur arbeitet er in derselben Stunde wieder stark darauf hin, daß jeder nichts als sein Stief- und Kebs-Ich werde. Sich selber läßt er so viel Individualität hingehen, als er braucht, um fremde auszutilgen und seine einzupflanzen. Wenn überhaupt jeder Mensch heimlich seine eigne Kopiermaschine ist, die er an andere ansetzt, und wenn er gern alles in seine geistliche und geistige Verwandtschaft als Seelen-Vettern hineinzieht, z. B. Homer gern die Weltteile in Homeriden und Homeristen verwandelt, oder Luther in Lutheraner: so wird der Erzieher noch mehr streben, in den wehr- und gestaltlosen weichen Kindergeistern sich ab- und nachzudrucken, und der Vater des Kindes trachten, auch der Vater des Geistes zu werden. Gott gebe, daß es selten gelinge! Und zum Glücke glückt es auch nicht! Bloß die Mittelmäßigkeit verdrängt fremde durch eigne, d. h. eine unmerkliche Individualität durch eine unmerkliche; daher die Menge Nachahmer der Nachahmer. Von einem Holzschnitte lassen sich leicht einige tausend Abdrücke machen; von einer Kupferplatte aber nur ein Zehnteil. Es wäre auch zu erbärmlich für Europa, wenn es mit lauter Titiis – wie jeder Titius heimlich will – oder mit lauter Semproniis – wie Semprone begehren – angesäet würde! Welches dicke tote Meer schwämme zusammen aus fortwuchernder Ähnlichkeit der Erzieher und Zöglinge! – § 29 Allein da selber der steifste Erzieher gesteht, daß er zweifache und stärkste Individualität sehr schätze, nämlich vorsündflutliche, die seine eigene bildete, und diese selber – und zwar als die beiden Armgebirge, welche Flüsse und ein Tempe heruntergehen; und da ohnehin jeder Selbstzögling und Selbsterzieher behauptet, daß alles Bedeutende in der Welt nur durch an- und ab-, nicht aber durch fort-setzende Individualitäten erschaffen worden: so muß der Vernachlässigung fremder Eigentümlichkeit noch eine andere Täuschung als die bloße eigenliebige zum Grunde liegen. § 30 Es ist eben die verzeihliche, die das Ideal mit den Idealen vermengt, und die, wenn sie in der Schöpfungwoche gelebt hätte, entweder lauter Engel würde erschaffen haben, oder lauter Evas, oder lauter Adams. Wie es aber, obwohl nur einen dichterischen Geist, doch ganz verschiedene Formen gibt, worein er sich verkörpern kann, Lustspiel, Trauerspiel, Ode und der dünne Bienenleib des Epigramms: so kann dieselbe moralische Genialität hier als Sokrates, dort als Luther, hier als Phocion, dort als Johannes Mensch werden. Da kein Endliches die unendliche Idealität wiederholen, sondern nur eingeschränkt zu Teilen zurückspiegeln kann: so dürfen solche Teile unendlich verschiedene sein; weder der Tautropfe, noch der Spiegel, noch das Meer gibt die Sonne in ihrer Größe, aber alle geben sie rund und licht zurück. § 31 Ich ist – Gott ausgenommen, dieses Ur-Ich und Ur-Du zugleich – das Höchste so wie Unbegreiflichste, was die Sprache ausspricht und wir anschauen. Es ist da auf einmal, wie das ganze Reich der Wahrheit und des Gewissens, das ohne Ich nichts ist. Wir müssen dasselbe Gott, so wie den bewußtlosen Wesen zuschreiben, wenn wir das Sein des einen , das Dasein der andern denken wollen. Gleichwohl ist ein zweites Ich, in anderer Rücksicht, uns noch unfaßlicher als ein erstes. Jedes Ich ist Persönlichkeit, folglich geistige Individualität – denn körperliche ist eine so weite, daß zu ihr Himmelsstrich und Boden und Stadt ja ebensowohl gehören würden als Leib –; jene Persönlichkeit besteht nicht im Fichtischen Ob-Subjektivieren des Ich, d. h. im Wechsel des Zurückspiegelns des Vorspiegelns, und welches, überall wiederkehrend, jede Zahl und Zeit ausschließt, so wie sich nichts dadurch, kein Spiegel aus seinem Gegenspiegel, erklärt. – Sie besteht ferner nicht in einem zufälligen Weg- und Zuwägen einzelner Kräfte; denn erstens jedem aufgestellten Kraftheer selber ist ein anderer regierender zusammenhaltender Obergeist vonnöten, und zweitens fallen und steigen alle in organische Verhältnisse eingescheidete Kräfte mit Wetterglas, Alter u. s. w., neben der festbestehenden Individualität. Sondern sie ist ein innerer Sinn aller Sinne, so wie das Gefühl der Gemeinsinn der vier äußern ist. Sie ist das am andern, worauf unser Vertrauen, Befreunden oder Anfeinden ruht, und entweder eine ewige Untauglichkeit zu Dicht- und Denkkunst, oder die Macht dazu. – Wie dieselbe unfaßliche organische Einheit, der sich die zerstreute Materie unterwirft, anders in der Pflanze, anders im Tiere und anders in allen Abarten regiert und läutert und sich zu organischer Persönlichkeit vervielfacht, so die höhere geistige Einheit. Die scholastische Frage, ob der Gottmensch nicht auch als Weib, Tier, Kürbis hätte erscheinen können, wird symbolisch von der Mannigfaltigkeit der Individualitäten bejaht, worin sich das Göttliche ausdrückt. – Sie ist das was alle ästhetische, sittliche und intellektuelle Kräfte zu einer Seele bindet und, gleich der Lichtmaterie, unsichtbar die vielfarbige Sichtbarkeit gibt und bestimmt, und wodurch erst jedes philosophische Pol-Wort, »praktische Vernunft, reines Ich«, aufhört, bloß im Scheitelpunkte am Himmel als ein Polarstern zu stehen, der keinen Norden und folglich keine Weltgegend angäbe. Wir würden diesen Lebengeist, diese Individualität mehr zu achten und zu schonen wissen, träte er überall so stark vor als im Genie! – Denn hier sehen wir alle ein, welche Geisterniederlage in einem passiven Riesenkrieg entstände, wenn z. B. Kant – Raffael – Mozart – Kato – Friederich II. – Karl XII. – Aristophanes – Swift – Tasso u. s. w. in gleiche Modellier- und Quetschformen eingezwungen würden. Sogar ein Genie könnte für ein anderes durch Auswechslung oder Ausgleichung der Individualitäten nur ein gewaltsames Ineinanderstecken zweier Polypen werden. Wird aber einer Mittelnatur die Urkraft gebrochen: was kann da kommen und bleiben als ewiges Irren in sich selber umher – halbe Nachahmung wider sich, nicht aus sich, ein schmarotzend auf einem fremden Wesen lebender Wurm, das Nachspiel jedes neuen Vorspiels, der Knecht jedes nahen Befehls? – Ist der Mensch einmal aus seiner Individualität herausgeworfen in eine fremde: so ist der zusammenhaltende Schwerpunkt seiner innern Welt beweglich gemacht und irret darin umher, und eine Schwankung gehet in die andere über. Indes hat der Erzieher von der Individualität, die er wachsen läßt, eine andere zu trennen, die er beugen oder lenken muß; jene ist die des Kopfes, diese ist die des Herzens. Jede intellektuelle Eigentümlichkeit – z. B. mathematische, künstlerische, philosophische – ist ein schlagendes Herz, welchem alle Lehren und Gaben nur als zuführende Adern dienen, die es mit Stoffen zum Verarbeiten und Bewegen anfüllen. Gerade hier kann dem Übergewichte der Anlage noch Gewicht nachgelegt werden, und der Erzieher darf z. B. einer künstlerischen Individualität nicht den Schlaftrunk schon am Morgen des Lebens geben. – Aber ganz anders ist die sittliche zu behandeln; denn ist jene Melodie, so ist diese Harmonie; einen Euler darfst du nicht durch einen eingeimpften Petrarca entkräften oder diesen durch jenen; denn keine intellektuelle Kraft kann zu groß werden und kein Maler ein zu großer Maler – aber jede sittliche Eigentümlichkeit bedarf ihrer Grenzberichtigung durch Ausbildung des entgegengesetzten Kraftpols; und Friedrich der Einzige soll die Flöte nehmen und Napoleon den Ossian. Hier darf die Erziehung z. B. an den Helden-Charakter Friedenpredigten halten, so wie den Siegwarts-Charakter mit ein paar elektrischen Donnerwettern laden. So könnte man – da bei Mädchen Kopf und Herz wechselseitige Kapseln sind – den genialen öfters den Kochlöffel in die Hand geben, und den Köchinnen von Geburt eine oder die andere romantische Feder aus einem Dichter-Flügel. Übrigens bleib' es Gesetz, da jede Kraft heilig ist, keine an sich zu schwächen, sondern nur ihr gegenüber die andere zu erwecken, durch welche sie sich harmonisch dem Ganzen zufügt. So werde zum Beispiel eine überweich liebende Seele nicht etwan ausgehärtet, sondern nur die Macht der Ehre und der Klarheit werd' in ihr verstärkt; so werde der kühne Charakter nicht furchtsam gemacht, sondern nur liebend und klug gebildet. – – Jetzo könnte man mir auch die Bedingung abfodern, unter welcher der Kindes-Charakter und als der Preis- oder Hochmensch, in welchen jener auszuformen ist, gefunden werden kann; aber dazu würden bei der unendlichen Mannigfaltigkeit Bücher, nicht ein Buch gehören, und zu den Büchern müßte wieder die seltene Gabe kommen, Traum- und Zeichendeuter der kindlich eingehüllten Charaktere zu sein, welche am Kinde, das nicht wie der Erwachsene alles gereift, sondern nur knospend vorzeigt, so schwer auszugliedern sind als im Puppenbrei der Schmetterling, sobald man kein Swammerdam ist. Aber leider sind drei Dinge schwer zu finden und zu geben: einen Charakter haben – einen zeichnen – einen erraten; und vor dem gewöhnlichen Erzieher scheint eine Unart schon eine Unnatur – ein Höcker ein Leib und Pockengruben feste Teile des Gesichts. Sollte man übrigens den Preis- und Ideal-Menschen in Worte übersetzen: so könnte man etwan sagen, er sei das harmonische Maximum aller individuellen Anlagen zusammengenommen, welches daher ungeachtet aller Ähnlichkeit des Wohllautes doch bei Einzelwesen zu Einzelwesen sich wie Tonart zu Tonart verhält. Wer nun ein aus dem musikalischen a b c – d e f g h, z. B. ein in a gesetztes Stück in b übertrüge, nähme dem Stücke viel, aber doch nicht so viel als ein Erzieher, der alle verschieden gesetzte Kinder-Naturen in dieselbe Tonart übersetzte. § 32 Zum Ziele der Erziehungkunst, das uns vorher klar und groß vorstehen muß, ehe wir die bestimmten Wege dazu messen, gehört die Erhebung über den Zeitgeist. Nicht für die Gegenwart ist das Kind zu erziehen – denn diese tut es ohnehin unaufhörlich und gewaltsam –, sondern für die Zukunft, ja oft noch wider die nächste. Man muß aber den Geist kennen, den man fliehen will; daher erlaube man mir das... Drittes Kapitel Über den Geist der Zeit § 33 Leicht und kühn zitiert ihr den Geist der Zeit, aber lasset ihn uns doch recht in eurer Rede erscheinen und antwortet! Da die Zeit in Zeiten zerspringt, wie der Regenbogen in fallende Tropfen: so gebt die Größe der Zeit an, von deren inwohnendem Geist ihr sprecht! Ist sein Zeitkörper ein Jahrhundert lange, und zwar nach welcher Zeitrechnung angefangen, nach jüdischer, türkischer, christlicher oder französischer? Entwischt nicht der Ausdruck »Geist des Jahrhunderts« dem Menschen leicht, weil er, in einem Jahrhundert geboren, eines mit seinem Leben zum Teil ausmessend, eigentlich unter der Zeit nichts meint als den kleinen Tagbogen, den die ewige Sonne von seinem Lebenmorgen bis zu seinem Abend umschreibt? – Oder streckt sich ein Zeitkörper von einer großen Begebenheit (z. B. der Reformation) bis zu einer zweiten großen aus, so daß sein Geist entflieht, so bald die zweite gebiert? Aber welche Umwälzung wird für euch zur zeit-beseelenden, eine philosophische oder sittliche oder poetische oder politische? – Ferner: ist nicht jeder Zeitgeist weniger ein flüchtiger als ein fliehender, ja ein entflohener, den man lieber Geist der nächsten Vorzeit hieße? Denn seine Spuren setzen ja voraus, daß er eben gegangen, folglich weiter gegangen. Und nur auf Anhöhen kann zurückgelegter Weg beschauet werden, wie künftiger berechnet. Aber da dieselbe Zeit einen andern Geist heute entwickelt im Saturn – in seinen Trabanten – in seinen Ringen – auf allen zahllosen Welten der Gegenwart – und dann in London – Paris – Warschau – – und da folgt, daß dieselbe unausmeßbare Jetzo-Zeit Millionen verschiedene Zeit-Geister haben muß: so frag' ich: wo erscheint euch denn der zitierte Zeitgeist deutlich, in Deutschland, Frankreich oder wo? Wie vorhin sein Zeitkörper, so wird euch jetzo sein Raumkörper schwer abzumessen fallen. Mit der großen Frage, die jeden, also euch mittrifft, wie ihr, wie alle in derselben Zeit befangen, euch so hoch aus ihren Wellen hebt, daß ihr ihren Gang sehen könnt, nicht bloß ihren dunkeln Zug fühlet, verschon' ich euch halb. Und geht nicht der Strom, der euch führt, in einem Meere, worin ihr, aus Mangel an Ufer, seine Bewegung nicht messen könnt? – § 34 Was wir Geist der Zeit nennen, hießen unsere Alten Weltlaut, letzte Zeiten, Zeichen vor dem Jüngsten Tage, Reich des Teufels, des Antichrists. Lauter trübe Namen! Kein goldnes oder unschuldiges Zeitalter nannte sich ein goldenes, sondern erwartete bloß eines; und ein bleiernes erwartete ein arsenikalisches; bloß die Vergangenheit glänzt nach, wie die Schiffe zuweilen auf dem Meere hinter sich eine leuchtende Straße ziehen. Aber die vormaligen Traumdeutereien und Anschauungen der Gegenwart – möchte man uns ein solches Traumbuch voriger großer Geister sammeln! – lehren uns Mißtrauen in unsere jetzigen. Konnte der Mensch aus der Anschauung von drei Weltteilen nicht einmal den vierten weissagend konstruieren, so kann er – noch weniger als mit den Kombinationen der Körper – mit den vielfachern der Geister eine Zukunft auswittern. Denn der Mensch ist eng und arm; seine Sterndeuterei der Zukunft – ein bloßes entweder Potenzieren oder Depotenzieren der Gegenwart – sieht bloß ein Mondviertel am Himmel, das mit ihm ab- oder zunimmt, keine Sonne. Jeder hält sein Leben für die Neujahrnacht der Zeit und mithin, wie der Abergläubige, seine – aus Erinnerungen zusammengehefteten – Träume darin für Prophezeiungen aufs ganze Jahr. Daher trifft stets – nicht etwa das prophezeiete Gut und Böse, oder das Gegenteil davon, sondern – etwas Anderes ein, das die Weissagungen und ihre Gegenstände, wie ein Meer die Ströme, aufnimmt und auflöset in den Wogen-Kreis. Denn in der Minute, wo du in deiner Wüste weissagest, fliegt der feine Samenstaub einer Eiche auf die Erde und wird nach einem Jahrhundert ein Hain. Wie könnt' auch der Mensch irgendeine nahe Zeit erraten, ohne alle spätere Zeiten mitzuwissen und mitzugeben? Wer z. B. aus einem gegenwärtigen Wind-, Wolken- und Planeten-Zug und Standort auf ein akademisches Halbjahr die zweite Witterung rein erraten hätte: dieser würde und müßte aus dem geweissagten Stande wieder die dritte Witterung und so aus dieser jede weiterfolgende entziffern können – falls nämlich nichts dazwischen käme; – aber es kommen eben dazwischen unberechnete Bartsterne, Erdbeben, Wälderlichtungen oder -anwüchse und der übrige Reichtum der Allmacht. Gleicherweise müßte vor dem Auge des Sehers sich ein Jahrhundert nach dem andern folgerecht vor uns gebären, folglich Jahrtausende und endlich die ganze Zeit, die auf einer Erde wohnen kann, falls nämlich, wie gedacht, nichts dazwischen käme. Aber, Himmel! was kommt nicht noch weit mehr dazwischen! Der Prophet ja selber – und die Freiheit des Geisterreichs – und die Allmacht, welche hier Geister und Sonnen zurückzieht, und dort ausschickt. Daher lebt jeder so sehr im geistigen Zwielicht (ein schönes Wort für Dämmerung), daß, welches von beiden Streit-Lichtern überwinde, der Gott des Himmels entscheidet durch ein neues von Sonne oder Mond, welche beide der Mensch so oft verwechselt. § 35 Gleichwohl wie wäre nur der vorige 34ste Paragraph zu schreiben oder zu fassen, wenn es nicht noch etwas darüber hinausgäbe, nämlich einen 35sten, der darauf folgt? – Je älter die Erde wird, desto leichter kann sie als Alte prophezeien, und wird prophezeien. Aus der Vorwelt spricht ein Geist eine alte Sprache zu uns, die wir nicht verstehen würden, wenn sie uns nicht angeboren wäre. Es ist der Geist der Ewigkeit, der jeden Geist der Zeit richtet und überschauet. Und was sagt er über die jetzige? Sehr harte Worte. – Er sagt, daß die Zeit jetzo leichter ein großes Volk als einen großen Mann aufstellt, weil die Kultur und die Gewalt die Menschen wie Dunsttropfen ungeheuerer Dampfmaschinen eines Geistes zusammenfügt, so daß sogar der Krieg jetzo nur ein Kriegspiel bloß zwischen zwei Lebendigen ist. Etwas, sagt er, müsse in unserer Zeit untergegangen sein, weil sogar das gewaltige Erdbeben der Revolution, vor welchem jahrhundertelang – wie bei physischen Erdbeben – unendlich viel Gewürm aus der Erde kroch und sie bedeckte, nichts Großes hervorbrachte und nachließ als am gedachten Gewürme schöne Flügel. Der Geist der Ewigkeit, der das Herz und die Welt richtet, spricht strenge aus, welcher Geist den jetzigen Begeisterten der Sinne und den Feueranbetern der Leidenschaften fehle: der heilige des Überirdischen. Die Ruinen seines Tempels senken sich immer tiefer in die jetzige Erde. Beten, glaubt man, zieht die Irrlichter des Wahns an sich. Der Sinn und Glaube für das Außerweltliche, der sonst unter den schmutzigsten Zeiten seine Wurzeln forttrieb, gewinnt in reiner Luft keine Früchte. Wenn sonst Religion im Kriege war, so ist jetzo nicht einmal in der Religion mehr Krieg – – aus der Welt wurde uns ein Weltgebäude, aus dem Äther ein Gas, aus Gott eine Kraft, aus der zweiten Welt ein Sarg. Endlich hält noch der Geist der Ewigkeit uns unsere Schamlosigkeit vor, womit wir die leidenschaftliche Brunst des Zorn-, des Liebe- und des Gierfeuers, deren sich alle Religionen und die alten Völker und die großen Menschen enthielten oder schämten, als ein Ehrenfeuerwerk in unserem Dunkel spielen lassen; und sagt, daß wir, nur in Haß und Hunger noch lebendig, wie andere zerfallende Leichen eben nur die Zähne unverweslich behalten, die Werkzeuge beides, der Rache und des Genusses. Leidenschaftlichkeit gehört eben recht zum Siechtum der Zeit; nirgends wohnt so viel Aufbrausung, Nachlaß, Weichheit gegen sich und unerbittliche Selbstsucht gegen andere als auf dem Krankenbette. – Auf diesem liegt aber dieses Jahrhundert. Wenn unter den Spartern die Männer sich eine hohe volle Brust als etwas Weibisches wegschnitten Vor einigen Jahren entstand in Rußland die Mode, daß Männer ihre Brustkleidung zu hohen falschen Brüsten ausstopften. : so geschieht jetzo dasselbe unter demselben Vorwand an der geistigen; und das Herz soll so hart sein als die Brusthöhle darüber. Endlich gibts noch sehr gebildete Menschen, welche sich in entgegengesetzte Richtungen, nach Himmel und nach Hölle zerspalten, wie ein entzweigeschnittener Salamander mit der vordern Hälfte vor-, mit der andern rückwärts läuft. § 36 So spricht der strenge Geist in uns, der ewige; aber er mildert, wenn wir ihn aushören. Jede hohe Klage und Träne über irgendeine Zeit sagt, wie eine Quelle auf einem Berge, einen höhern Berg oder Gipfel an. Nur Völker, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert sumpfig fortstehen, klagen nicht über sich, sondern über andere und bleiben eingesunken; und die geistigen Fallsüchtigen der französischen Philosophie haben, wie körperliche, kein Bewußtsein ihres Übels, sondern nur Stolz auf Kraft. Die geistige Trauer ist, wie nach den Griechen die Nacht, eine Göttermutter, wenn die leibliche ein dunkler Nebel ist, der Gift und Leichen bringt. Der kühne und überfliegende Gedanke der Talmudisten, daß auch Gott bete, – ähnlich dem griechischen, daß Jupiter unter dem Schicksale stehe – erhält durch die hohen, oft besiegten Geisterwünsche, die der Unendliche doch selber in uns gelegt, einen Verstand. Eine Religion nach der andern lischt aus, aber der religiöse Sinn, der sie alle erschuf, kann der Menschheit nie getötet werden; folglich wird er sein künftiges Leben nur in mehr geläuterten Formen beweisen und führen. Wenn Tyräus Tyraeus de apparitione dei. c. 17. sagt, Gott sei den Menschen anfangs in ihrer Gestalt erschienen, dann als Stimme, später nur im Traume und durch Erleuchtung: so nimmt dies eine schöne Deutung für unsere und die späten Zeiten an, wenn man unter Traum Poesie und unter Erleuchtung die Philosophie versteht. Solange das Wort Gott in einer Sprache noch dauert und tönt: so richtet es das Menschenauge nach oben auf. Es ist mit dem Überirdischen wie mit der Sonne, welche in einer Verfinsterung, sobald auch nur der kleinste Rand von ihr noch unbedeckt leuchten kann, stets den Tag forterhält und sich selber geründet in der dunkeln Kammer abmalt. Sogar in Frankreich, welches eine gänzliche Sonnenfinsternis eine kurze Zeit beobachten konnte, entstanden ein Chateaubriand, St. Martin und seine Verehrer und ähnliche Verhältnisse. Unsere jetzige Zeit ist zwar eine kritisierende und kritische – schwebend zwischen dem Wunsche und dem Unvermögen zu glauben – ein Chaos widereinander arbeitender Zeiten; – aber auch eine chaotische Welt muß einen Punkt und Umlauf um den Punkt und Äther dazu haben; es gibt keine reine bloße Unordnung und Streitigkeit, sondern jede setzt ihr Gegenteil voraus, um nur anzufangen. Die jetzigen Religionkriege auf dem Papier und im Kopfe – verschieden von den vorigen, welche Gewitter voll Glut, Sturm, Verheerung und Befruchtung waren – sind mehr den Nordscheinen (Gewitter höherer, kälterer Himmelgegenden) ähnlich, voll lärmender Lichter ohne Schläge, voll Gestaltungen und voll Frost, ohne Regen und in der Nacht. Bildet denn nämlich nicht das kecke Selberbewußtsein – das Sein dieser Zeit – den ursprünglichen Menschen- und Geistescharakter nur weiter und kühner fort und aus? Und könnte der Menschencharakter, das geistige Wachen je zu wach werden? – Bloß nicht genug wird es jetzo; denn da zur Besonnenheit ein Gegenstand derselben gehört, wie zur Unbesonnenheit dessen Entbehrung: so sind die gemeinen Herzen der Zeit viel zu verarmt, um der Besinnung ein reiches Feld zu geben. – Aber eine seltsame, immer wiederkommende Erscheinung ists, daß jede Zeit einen neuen Lichtanbruch für Schadenfeuer der Sittlichkeit gehalten, indes jede selber um eine Lichtstufe sich über die vorige, dem Herzen unbeschadet, erhoben findet. Sollte vielleicht, da das Licht schneller geht als die Wärme, und die Umarbeitung des Kopfes schneller als die des Herzens, der Lichteinbruch immer durch seine Plötzlichkeit dem unvorbereiteten Herzen feindlich erscheinen? – Der jetzigen Zeit wird Fruchtbarkeit und Veränderlichkeit der Meinungen und zugleich doch Gleichgültigkeit gegen Meinungen zugeschrieben. Aber jene kann nicht aus dieser kommen; kein Mensch im ganzen verdorbnen Europa kann gleichgültig sein gegen die Wahrheit als solche, weil diese ja doch in letzter Instanz über sein Leben entscheidet; nur ist jeder gegen die unzähligen Irrlehrer und Irrprediger derselben endlich kalt und scheu geworden. Nehmet das dürreste Herz und Gehirn, das in irgendeiner Hauptstadt einwelkt, und gebt ihm nur Gewißheit, daß der Geist, der auftritt, uns aus der Ewigkeit den Schlüssel zu und aus so wichtigen Pforten der Lebenkerker, des Todes, des Himmels herunterbringe: so muß der ausgetrocknete Mensch wohl, solange er noch Angst und Wunsch hat, eine Wahrheit suchen, die ihn doch auffindet. Die jetzigen Lichtprozesse verstatten wenigstens alles andere eher als Stillstand; nur dieser aber erzeugt und verewigt Gift, so wie auf stille Luft Gewitter und Stürme einbrechen. Freilich, auf welche Weise aus diesen trüben Gärungen eine hellere Zeit, als wir kennen, sich bereite, können wir wenig bestimmen. Denn jede veränderte Zeit, also unsere, ist nur ein neues Geisterklima für kommende Geisteraussaat; wir wissen aber nicht, welchen ausländischen Samen der Himmel in dasselbe herunterwirft. Jede Sünde erscheint uns neu und nahe, so wie in der Malerei das Schwarze am meisten vor- und naherückt; der Mensch gewöhnt sich an wiederholte Liebe, nicht an wiederholte Ungerechtigkeit. Daher erscheint jedem seine Zeit moralisch schlechter, so wie die intellektuelle besser, als sie ist; denn in der Wissenschaft ist das Neue ein Fortschritt, in der Moral ist das Neue, als ein Widerspruch mit unsern innern Idealen und mit den historischen Idolen, stets der Rückschritt. So wie in der Vergangenheit die Irrtümer der Völker, ungleich den Dekorationgemälden, verzerrter und unförmlicher sich ausdehnen, weil die Ferne uns ihre feinern und wahren Ausfüllungen entzieht: so stellen sich umgekehrt die schwarzen Schandflecken der Vergangenheit, z. B. der römischen, spanischen, gemildert und geründet dar, und wie an einen Mond fällt an die Gegenwart der höckerige Erdschatte der Vorzeit rund und durchsichtig hinauf. – Z. B. schätzet man nach dem Kriege – diesem ältesten Barbarismus der Menschheit – die Zeit, und besonders nach den schlimmen Neuerungen darin: so steigt der Zeitgeist vor dieser Mordfackel in greulicher Beleuchtung und Verzerrung vor uns auf. Aber der Krieg, als der Generalsturm auf die Moral, als das sprach- und herzverwirrende Babel des Körperreichs, hatte in allen Zeiten nur Ungerechtigkeiten wiederholt, die jedesmal neu geschienen, weil jede Zeit von der andern nur die Zahl der hingerichteten Heere und Städte, an sich aber die der Foltern erfährt. Hingegen eben die unsrige hat vor jeder vorigen, außer einer gewissen Humanität des Kriegs in Rücksicht des Lebens, noch die wachsende Einsicht in dessen Unrechtmäßigkeit voraus. Von jeher aber ging bei Völkern der Kopf dem Herzen oft um Jahrhunderte voraus, wie bei dem Negerhandel; ja um Jahrtausende, wie vielleicht bei dem Kriege. § 37 Da Lebenarten Denkweisen, und umgekehrt Meinungen Handlungen erzeugen – und Kopf und Herz, wie körperlich, so geistig, gegenseitig einander entweder befruchten oder lähmen: – so hat das Schicksal, sobald beide zugleich zu heilen sind, nur eine , aber lange Kur, die Ekel- und Vipernkur der Qual. Wenn Unglück Menschen läutert, warum nicht Völker? Freilich – und darum sieht man es weniger ein – wenn dort Wunden und Schalttage bessern, so hier erst Schlachtfelder und Schaltjahrhunderte, und Geschlechter müssen trüb und blaß zu Unterlagen froher hinuntersinken. Nicht durch eine vornehme Kriegerleiche mit Schüssen, sondern durch eine Schlacht wird der Himmel blau und die Erde fruchtbar gemacht. Indes ist doch in der Geschichte, wie im Kalender, der trübe dumpfe Thomastag kürzer als der helle warme Johannistag, wiewohl beide in neue Jahrzeiten überführen. Bis und daß aber unsere Kinder und Kindeskinder durch die Winterjahrhunderte durchkommen – dies geht uns und die Erziehung näher an. Den großen Verwickelungen müssen wir mit partiellen Entwickelungen begegnen. Gegen die Zukunft, ja gegen die eindringende Zeit ist das Kind mit einem Gegengewichte dreier Kräfte auszurüsten, wider die drei Entkräftungen des Willens , der Liebe , der Religion . Unsere Zeit hat nur leidenschaftliche Begehrkraft – wie das Tier, der Tolle und der Kranke und jeder Schwächste –, nicht aber jene Wollkraft, die sich in Sparta und Rom, in der Stoa und ersten Kirche am herrlichsten auftat. Nun so härte die Kunst, wie sonst der Staat, den jungen Geist und Willen. Den gemeinen Ruhm bunter Tigerflecken und Schlangenspiegel der leidenschaftlichen Wallungen tilge die Einfarbigkeit einer stoischen Einheit aus; das Mädchen und der Knabe lerne, daß es etwas Höheres gebe im Meere als seine Wogen, nämlich einen Christus, der sie beschwört. Ist die stoische Wollkraft ausgebildet, so ist schon zweitens die liebende freier gemacht. Furcht ist egoistischer als der Mut, denn sie ist bedürftiger; das aussaugende Schmarotzer- und Moosgeschlecht der Selbstigkeit hängt sich nur morschen Stämmen ein. Aber die Kraft tötet das Kleinliche – wie die stärkende Quassia die Fliegen –; der Mensch, mehr zur Liebe als zum Widerstande geschaffen, bekomme nur freien leeren Raum, so hat er Liebe, und jene stärkste, die auf den Felsen, nicht auf den Wogen bauet. Das körperliche Herz sei das Muster des geistigen: verletzbar, empfindlich, rege und warm, aber ein derber freifortschlagender Muskel hinter dem Knochengitter, und seine zarten Nerven sind schwer zu finden. Da es nun über Kraft und Liebe keinen Streit des Gehalts, sondern nur der Wege dahin gibt – diese aber tiefer ins Werk hineinlaufen; – über Religion hingegen der Zweifel, ob es nur eine und Hinführungen dazu geben dürfe, erst bei vielen aufzulösen ist: so muß der dritte Punkt, worin das Kind gegen die Zeit zu bilden ist, vorher statt des Mittels erst das Recht, religiös zu erziehen, näher vor die Seele zu stellen suchen. Kraft und Liebe sind zwei Gegensätze des innern Menschen; aber Religion ist die göttliche Gleichsetzung beider und der Mensch im Menschen. Viertes Kapitel Bildung zur Religion § 38 Die Religion ist jetzo keine Nationalgöttin mehr, sondern eine Hausgöttin. Unsere kleine Zeit ist ein Vergrößerglas, durch welches, wie bekannt, das Erhabne als flach und platt erscheint. Da wir nun alle unsere Kinder in eine städtische Nachzeit hinausschicken, wo die geborstenen Kirchenglocken nur noch dumpf den Volk-Markt zur Kirchenstille rufen: so müssen wir ihnen eifriger als sonst ein Herz mit einem Bethause mitzugeben suchen und gefaltete Hände und die Demut vor der unsichtbaren Welt, wenn wir eine Religion glauben und sie unterscheiden von der Sittlichkeit. Die Geschichte der Völker entscheidet für diese Absonderung. Es gab viele Religionen, aber es gibt nur ein Sittengesetz; in jenen wird immer ein Gott ein Mensch und also mannigfach umhüllt, in diesem ein Mensch Gott und entkleidet. Das Mittelalter hatte neben dem moralischen Kirchhof voll Leichen und Unkraut, voll Grausamkeit und Wollust doch Kirche und Turm für den Religionsinn. Umgekehrt sind in unserm Zeitalter die heiligen Haine der Religion gelichtet und abgetrieben, die Landstraßen der Sittlichkeit aber gerader und sicherer geführt. Ach eine Gleichzeitigkeit des sittlichen und des religiösen Verfalls wär' auch zu hart! Die Zeit will sogar den Abgang des Sinnes für das Überirdische durch größere Schärfe und Härte des sittlichen decken und sich wenigstens durch kleine zarte (und darum häufigere) Seiten eine sittliche Breite geben. Wie man in Städten, wo man nicht breit bauen kann, hoch bauet: so bauen wir umgekehrt in die Weite statt in die Höhe; weiter über die Erde als in den Äther. Man kann zwar sagen, daß Frankreich im ganzen unter seinen chemischen, physischen, mathematischen und kriegerischen Mittaglichtern den Sternenhimmel der Religion schwieriger erblicke, bis auf ein letztes dünnes Mondviertel, mehr Wölkchen als Stern, indes in Deutschland und England die Religion wenigstens noch als ferne Milchstraße gesehen wird und auf dem Papier als Sternkarte – aber man könnte den religiösen Unterschied dieser Länder nicht ohne Ungerechtigkeit auch für einen sittlichen derselben ausgeben. – Und war und ist der Stoizismus, dieser herrliche Sohn der Sittlichkeit – wie die Liebe die Tochter –, an und für sich Religion? Wäre dieser Unterschied zwischen Religion und Sittlichkeit nicht auf etwas Wahres gebaut: so wär' es unbegreiflich, wie mehre Schwarmsekten der ersten und der späteren Jahrhunderte, z. B. die Quietisten, hätten zu dem Wahnglauben kommen können, daß in innigster heißester Liebe Gottes wirkliche fortdauernde Sündhaftigkeit sich selber verzehre und nicht mehr, wie in Weltmenschen, eine bleibe. Freilich wird Religiosität auf dem höchsten Grade zu Sittlichkeit und diese zu jener; aber dasselbe gilt für den höchsten Grad einer jeden Kraft, und jede Sonne wandelt nur durch Himmeläther; alles Göttliche muß ja wohl der Sittlichkeit so gut vermählend begegnen als der Wissenschaft und der Kunst; so daß es daher sogar in einem von der Sünde ausgehöhlten Genius sowohl religiöse Tabors geben muß, als man Berge in Ätnas -Kratern findet. Es versteht sich, daß hier überall nicht die Rede ist von jener Bettler-Religion, die so lange vor der Himmelpforte betet und singt, bis ihr der Petruspfennig herausgelangt wird. § 39 Was ist nun Religion? – Sprecht die Antwort betend aus: der Glaube an Gott; denn sie ist nicht nur der Sinn für das Überirdische und das Heilige und der Glaube ans Unsichtbare, sondern die Ahnung dessen, ohne welchen kein Reich des Unfaßlichen und Überirdischen, kurz kein zweites All nur denkbar wäre. Tilgt Gott aus der Brust, so ist alles, was über und hinter der Erde liegt, nur eine wiederholende Vergrößerung derselben; das Überirdische wäre nur eine höhere Zahlenstufe des Mechanismus und folglich ein Irdisches. Wenn die Frage geschieht: was meinst du mit dem Laute Gott? so lass' ich einen alten Deutschen, Sebastian Frank Zinkgrefs Der Teutschen scharpfsinnige kluge Sprüche 1639. , antworten: »Gott ist ein unaussprechlicher Seufzer, im Grunde der Seelen gelegen.« Ein schönes tiefes Wort! – Da aber das Unaussprechliche in jeder Seele wohnt: so ist es auch jeder fremden zu bedeuten durch Worte. Lasset mich irgendeinem gottesfürchtigen Gemüte alter Zeiten Worte unserer Tage geben und höret es an über Religion: »Religion ist anfangs Gottlehre, daher der hohe Name Gottgelehrter – recht ist sie Gottseligkeit. Ohne Gott ist das Ich einsam durch die Ewigkeiten hindurch; hat es aber seinen Gott, so ist es wärmer, inniger, fester vereinigt als durch Freundschaft und Liebe. Ich bin dann nicht mehr mit meinem Ich allein. Sein Urfreund, der Unendliche, den es erkennt, der eingeborne Blutfreund des Innersten, verläßt es so wenig als das Ich sich selber; und mitten im unreinen oder leeren Gewühl der Kleinigkeiten und der Sünden, auf Marktplatz und Schlachtfeld steh' ich mit zugeschloßner Brust, worin der Allhöchste und Allheiligste mit mir spricht und vor mir als nahe Sonne ruht, hinter welcher die Außenwelt im Dunkel liegt. Ich bin in seine Kirche, in das Weltgebäude, gegangen und bleibe darin selig-andächtig fromm, werde auch der Tempel dunkel oder kalt oder von Gräbern untergraben. Was ich tue oder leide, ist kein Opfer für Ihn, so wenig, als ich mir selber eines bringen kann; ich liebe Ihn bloß, Ich mag entweder leiden oder nicht. Vom Himmel fällt die Flamme auf den Opfer-Altar und verzehrt das Tier, aber die Flamme und der Priester bleiben. Wenn mein Urfreund etwas von mir verlangt, so glänzt mir Himmel und Erde, und ich bin selig wie er; wenn er verweigert, so ist Sturm auf dem Meer, aber es ist mit Regenbogen überdeckt, und ich kenne wohl die gute Sonne darüber, welche keine Wetter-, nur lauter Sonnenseiten hat. Nur bösen lieblosen Geistern gebietet ein Sittengesetz, damit sie nur erst besser werden, und darauf gut. Aber das liebevolle Anschauen des Urfreundes der Seele, der jenes Gesetz erst beseelt und unüberschwenglich macht, verbannt nicht bloß den bösen Gedanken, der siegt, sondern auch den andern, der nur versucht. Wie doch über dem höchsten Gebirge noch hoch der Adler schwebt, so über der schwer ersteigbaren Pflicht die rechte Liebe. Wo Religion ist, werden Menschen geliebt und Tiere und alles All. Jedes Leben ist ja ein beweglicher Tempel des Unendlichen. Alles Irdische selber verklärt und sonnt sich in dem Gedanken an Ihn; nur ein Irdisches bleibt finster übrig, die Sünde, das wahre Seelen-Nichts, oder der unaufhörliche Tantalus, der Satan. Man darf mit einigem Recht zu andern von dem sprechen, wovon man in und mit sich gar nicht spricht; denn in mir ist er mir so nahe, daß ich Sein und Mein Wort schwer trennen kann; aber am zweiten Ich bricht sich meines zurück, und ich finde nur jenen widerglänzend wieder, der mich und den Tautropfen erleuchtet. Sobald es aber kein Irrtum ist, dies alles zu denken: wie wirst du, o Gott, denen, die das vieltönige Leben überwanden, erst in der eintönigen stummen Stunde des Sterbens erschienen sein, da wo Welt nach Welt, Mensch nach Mensch hinschwand, und nichts blieb neben dem Sterblich-Unsterblichen als der Ewige! – Wer Gott in die letzte dunkelste Nacht hineinbringt, kann nicht erfahren, was Sterben ist, weil er auf den ewigen Stern im Abgrund blickt.« – – Glaubt ihr nicht, daß Religion die Poesie der Moral, der hohe Stil des Lebens, nämlich der höchste sei, so denkt weniger an die Mystischen Schwärmer, welche als Verächter der Glückseligkeitlehre gern verdammt sein wollten, sobald ihnen nur die Liebe Gottes bliebe, als an Fenelon; könnt ihr reiner, fester, reicher, opfernder sein oder seliger als er, ein Kind, Weib, Mann und Engel zugleich? § 40 Wie ist nun das Kind in die neue Welt der Religion hineinzuführen? Durch Beweise nicht. Jede Sprosse der endlichen Erkenntnis wird durch Lehre und Allmählichkeit erstiegen; aber das Unendliche, welches selber die Enden jener Sprossenleiter trägt, kann nur auf einmal angeschauet werden, statt zugezählt; nur auf Flügeln, nicht auf Stufen kommt man dahin. Das Dasein Gottes beweisen, so wie bezweifeln, heißt das Dasein des Daseins beweisen oder bezweifeln. Das Ich sucht ein Ur-Ich – nicht etwa bloß eine Ur-Welt neben der jetzigen –, jene Freiheit, von welcher die Endlichkeit die Gesetze bekam; aber es könnte nicht suchen, wenn es nicht kennte und wenn es nicht hätte. Die Großheit der Religion schränkt sich nicht auf irgendeine Meinung ein, sondern dehnt sich über den ganzen Menschen aus; wie überhaupt das Große den Fels-Bergen gleicht, wovon nie einer allein in platter Ebene, sondern nur unter nachbarlichen aufsteht und sich zum Gebirge auszieht. Wie keine Körperwelt ohne Ich (oder keine Auferstehasche ohne Phönix), so ist keine Ich- oder Geisterwelt ohne Gott, so wie gleichermaßen kein Schicksal ohne Vorsehung. Der reinste Unterschied des Menschen vom Tiere ist weder Besonnenheit noch Sittlichkeit – denn von diesen Sternen spielen wenigstens Sternschnuppen im niedrigem Tierkreise –, sondern Religion, welche weder Meinung noch bloße Stimmung ist, sondern das Herz des innern Menschen und daher jede erst grundierend. In jenem für andere Kenntnisse finstern Mittelalter stand die Religion, wie in der Nacht der Himmel, näher der Erde und glänzend darüber gebreitet, indes uns Gott, wie an dem Tage die Sonne, nur einmal als Schlußstein des Himmelgewölbes erscheint. Der alte Chronikenschreiber führt den Blutregen – die Mißgeburt – Vögelkämpfe – Kinderspiele – den Heuschreckenflügel – ja den plötzlichen Todesfall mitten unter die großen Weltbegebenheiten ein, als höhere Zeichen, z. B. als Rauchwolken einer ausbrechenden Kriegfeuerbrunst; und der Krieg, ein noch höheres Zeichen, hatte wieder als Strafgericht so gut seinen überirdischen als seinen weltlichen Ursprung. Indes war dieser Parallelismus, oder vielmehr diese vorherbestimmte Harmonie zwischen Erde und Himmel wenigstens folgerechter als der neuere physische Einfluß , welcher von einem Gott, wie von einem theatralischen, nur keine Nebensonne, aber eine Sonne, nicht die Taguhr eines Menschen, aber die Jahrtausenduhr der Weltgeschichte stellen läßt, als ob die Entgegensetzung des Irdischen und Überirdischen auf bloßem Grade der Größe beruhe, und als ob nicht für die ganze Endlichkeit und deren kleinstes Endchen die gleiche Ein- oder Ausschließung des Unendlichen gelte. Wer aber Religion hat, findet eine Vorsehung mit nicht mehr Recht in der Weltgeschichte als in seiner Familiengeschichte; den Regenbogen, der sich auf Höhen als blühender Zirkel in den Himmel hängt, schafft dieselbe Sonne im Tautropfen einer niedrigen Blume nach. Die bescheidene jetzige Scham der Einzelwesen, welche lieber das blinde Schicksal als die schauende Vorsehung für sich sorgen läßt, bezeugt weniger Unglauben und Bescheidenheit als Bewußtsein, nicht fromm zu glauben und zu handeln. Herder beweiset, daß alle Völker von der Religion Sprache, Schrift und jede früheste Bildung überkommen haben; aber beweiset er damit nicht noch etwas? Nämlich nicht dieses, daß in Völkern, wie folglich in Menschen, das Ideal älter ist als die Wirklichkeit? – daß also dem Kinde das Höchste näher als das Niedrigste liege, zumal da jenes in ihm liegt, und daß man früher nach der Sternenzeit und Sonnenuhr rechne als nach der Stadtuhr, und daß die Gottheit dem Menschen, wie sonst ins Paradies, jetzo in die Wüste ihr Ebenbild früher mitgebe, bevor er es entfärbt, ohne es je entraten und verlieren zu können? Alles Heilige ist früher als das Unheilige; Schuld setzt Unschuld voraus, nicht umgekehrt; es werden Engel, aber nicht gefallne geschaffen. Daher kommt eigentlich der Mensch nicht zum Höchsten hinauf, sondern immer von da herab und erst dann zurück empor; und nie kann ein Kind für zu unschuldig und gut gehalten werden. So nun erscheint eben darum den Völkern und Einzelwesen der Unendliche früher als das Endliche, ja als das Unendliche, so wie die Allmacht der jungen Natur (nach Schelling) früher die festen Sonnen gebar als die Erden, die um sie laufen. Schliefe nicht eine ganze religiöse Metaphysik träumend schon im Kinde: wie wären ihm denn überhaupt die innern Anschauungen von Unendlichkeit, Gott, Ewigkeit, Heiligkeit u. s. w. zu geben, da wir sie durch keine äußern vermitteln können und nichts zu jenen haben als das leere Wort, das aber nur erwecken, nicht erschaffen kann? Wie Sterbende und Ohnmächtige innere Musik hören, welche kein Außen gibt: so sind Ideen solche innere Töne. So die Geisterfurcht, diese unendliche Furcht, welche ohne ein Außen, wo es nur Körperfurcht geben kann, gleichwohl waltet und starr und kalt macht. Überhaupt sogar die Fragen, d. h. die Gegenstände der eigentlichen Metaphysik sind in Kindern wie in ungelehrten Ständen, nur unter andern Wortleitern, lebendiger und gewöhnlicher, als man voraussetzt; und das vierjährige Kind fragt schon nach dem, was hinter den Brettern der umschloßnen Welt liegt, und nach dem Entstehen Gottes etc. So hörte der Verfasser in einem Kinder-Gespräch z. B. seinen fünfjährigen Knaben philosophieren und sagen: »der liebe Gott hat alles gemacht wenn man ihm etwas schenkt, so hat er es gemacht«; worauf die vierjährige Schwester sagte: »er macht nichts«, und er antwortete: »er macht nichts, weil ers gemacht hat.« – Oder: die siebenjährige Schwester behauptete: wenn die Seele im Kopfe wieder Arme und Beine und einen Kopf hätte, so müßte in diesem wieder eine Seele wohnen, und diese hätte wieder einen Kopf und so immer fort. Eben jetzo unter dem Schreiben sagte die obige vier-, jetzo sechsjährige: Die Zahl hat eine Eins und fängt an, und was anfängt, muß auch aufhören. Zuletzt zeigte sie mir einen Stock und fragte: hört der nicht auf allen Seiten auf? Wenn Rousseau Gott, und folglich Religion, erst als die späte Erbschaft eines mündigen Alters aushändigt: so kann er – ausgenommen bei großen Seelen – sonst nicht mehr religiöse Begeisterung und Liebe davon erwarten als ein Pariser Vater kindliche, der nach der Sitte einiger Völker einem Sohne nicht eher erscheint, als bis er keinen Vater mehr braucht. Wenigstens nach Mercier sehen die vornehmen Pariser, sogar die Pariserinnen ihre auf dem Lande erzognen Kinder erst, wenn diese herangewachsen. Wann könnte denn schöner das Heiligste einwurzeln als in der heiligsten Zeit der Unschuld, oder wann das, was ewig wirken soll, als in der nämlichen, die nie vergißt? Nicht die Wolken des Vor- oder Nachmittags, sondern entweder das Gewölke oder die Bläue des Morgens entscheiden über den Wert des Tags. Da aber die erste Regel für jeden, der etwas geben will, diese ist, daß ers selber habe: so kann niemand Religion lehren, als wer sie besitzt; erwachsene Heuchelei hingegen oder Maul-Religion erzeugt nichts als unerwachsene; eine solche Nebensonne kann weder wärmen noch leuchten; und jeden optischen Betrug erwidert ein akustischer. Wer keinen Gott im Himmel und im Herzen hat, kann sich ohne Unsittlichkeit durch keine Sittlichkeit gebunden glauben, in seine Kinder (etwan Nutzens halber) ein Nichts zu impfen, das er aus sich schon ausgerissen hat, und das er später selber wieder auszureuten gedenkt. Eigentlich aber wirft weder der Glaube an die Sittlichkeit einer Religionlüge noch an den Staatnutzen derselben den Trug in das glaubend-offne Kinderherz, sondern nur jene eigennützige Schwäche tuts, welche gern mit Gott und dem Teufel zugleich kapitulierte; jenes argumentum a tuto Der Sicherheit- und Notfall-Glaube. (ein Offenhalten einer göttlichen Hintertür, aber für seine Verletzung der Vernunft und der Sittlichkeit eines entgegengesetzten Namens wert) gehört gottlob! nicht unter die Sünden unserer Zeit. Je jünger das Kind ist, desto weniger hör' es das Unaussprechliche nennen, das ihm durch ein Wort nur zum Aussprechlichen wird; aber es sehe dessen Symbole. Das Erhabene ist die Tempelstufe zur Religion, wie die Sterne zur Unermeßlichkeit. Wenn in die Natur das Große hineintritt, der Sturm, der Donner, der Sternenhimmel, der Tod: so sprecht das Wort Gott vor dem Kinde aus. Ein hohes Unglück, ein hohes Glück, eine große Übeltat, eine Edeltat sind Baustätten einer wandernden Kinderkirche. – Zeigt überall, auch an den Grenzen des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und heilige Empfindungen; diese gehen über und entschleiern ihm zuletzt den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne noch zu wissen wovor. Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Namen genannt wurde, wäre ohne Worte ein Religionlehrer von Kindern geworden. – Nicht mit ihnen, sondern nur vor ihnen dürft ihr euere Gebete beten, d. h. Gott laut denken; aber wohl mit ihnen ihre eigenen . Eine verordnete Erhebung und Rührung ist eine entweihete; – Kindergebete sind leer und kalt und eigentlich nur Überreste des jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige statt durch Unschuld versöhnen und gewinnen will; und heimlich behandelt das Kind den Gott, den ihr ihm mündlich gebt, gerade so wie der Kamtschadale und jeder Wilde den seinigen. Ein Tischgebet vor dem Essen muß jedes Kind verfälschen. Auch später sei der Bettag und jeder Religiontag ein seltener, aber darum feierlicher; was das ergreifende erste Abendmahl für das Kind ist, das lasset jede Stunde sein, worin ihr sein Herz zur Religion heiligt. Nur selten lasset Kinder in die Kirche gehen; denn ihr könnt ihnen ebensogut ein Klopstocks- oder Händels-Oratorium zu hören geben als das kirchliche; aber wenn ihrs tut, so weihet sie in die Würde einer Teilnahme an den Erhebungen ihrer Eltern ein. Ja ich wollte lieber, – da es noch keinen besondern Gottesdienst bloß für Kinder gibt und keine Kinderprediger –, ihr führtet sie an großen Tagen der Natur oder des Menschenlebens bloß in den leeren Tempel und zeigtet ihnen die heilige Stätte der Erwachsenen. Wollt ihr Dämmerung, Nacht, Orgel, Lied, Vaters Predigt dazusetzen: so werdet ihr wenigstens durch einen Kirchgang mehr religiöse Einweihung in jungen Herzen zurücklassen als ein ganzes Kirchenjahr in alten. Wehe tut dem Herzen nach diesen Ansichten die schon ziemlich abgewöhnte Gewohnheit, welche man jetzo gutmütig zurückwünscht Professor Petri in der neuen Bibliothek für Pädagogik etc., Jul. 1811, welcher sich dabei auf Reinhards Jugend-Beispiel beruft. , nämlich die, daß die Kindheit und Jugend die Predigten, d. h. deren Entwürfe im Tempel nachschreibe und zu Hause oder im Gymnasium richtig vorlege. Obwohl hier dem Scherze sehr nahe, wollen wir bloß im Ernste fragen: wird denn hier die religiöse Innigkeit des Zusammenfühlens nicht in ein logisches Abfleischen und Verknöchern entnervt und das Heilige und der Herzens-Zweck nicht zu einem Mittel der Kopf-Übung herabgezogen und jede Rührung entfernt gehalten, weil diese etwan durch das Nachfühlen das Nachschreiben verdunkeln könnte? Etwas ebenso Gutes wär' es vielleicht, wenn eine Jungfrau von der Lieberklärung ihres Geliebten sich einen kurzen pragmatischen Auszug machte, oder ein Soldat von der Feuerrede seines Anführers vor der Schlacht, oder ein Evangelist von Christi Bergpredigt eine nette Disposition mit allen Unterabteilungen. – Wenn so die Lehrer alle höchsten Ziele in neue Mittel und Wege, nämlich Rückwege verwandeln: gehen sie da nicht geistig so mit dem Geistigen um wie die neuen Römer leiblich mit Triumphbogen und Jupiters-Tempeln, welche sie zu Wäschstangen vernützten? Für die armen Volkkinder, deren Eltern selber noch Zöglinge des Sonntags sind, und denen gegen den tiefen Wochen-Wust unter ihrem niedrigen Wolkenhimmel eine daraus emporziehende Hand nicht fehlen darf, gilt mehr als für Kinder höherer Stände äußerlicher Kirchdienst; die Kirchenmauern, die Kanzel, die Orgel sind ihnen Symbole des Göttlichen; es ist aber als Symbol einerlei, obs eine Dorfkirche oder der Natur-Tempel ist; und wissen denn wir selber, ob und wo der Unausforschliche die Steigerung seiner Symbole endigen kann? Braucht nicht der höhere Geist wieder ein höheres? – Lasset in das Allerheiligste der Religion – welches der Kirchengänger erst in die Kirche als den Tempelvorhof des Herzens mitbringt – das Auge des Zöglings überall blicken, wo er nur äußere Mauern und Formen erblickt – jede fremde Religionübung sei ihm so heilig wie die eigne, und jedes äußere Gerüste dazu. Das protestantische Kind halte das katholische Heiligenbild am Wege für so ehrwürdig wie einen alten Eichenhain seiner Voreltern; es nehme die verschiedenen Religionen so liebend wie die verschiedenen Sprachen auf, worin doch nur ein Menschen-Gemüt sich ausdrückt. Jedes Genie aber ist in seiner Sprache, jedes Herz in seiner Religion allmächtig. Nur keine Furcht erschaffe den Gott der Kindheit; sie selber ist vom bösen Geiste geschaffen; soll der Teufel der Großvater Gottes werden? Wer etwas Höheres im Wesen, nicht bloß im Grade sucht, als das Leben geben oder nehmen kann, der hat Religion; glaub' er dabei immerhin nur ans Unendliche, nicht an den Unendlichen, nur an Ewigkeit ohne Ewigen, gleichsam, als Widerspiel anderer Maler, die Sonne zu keinem Menschenantlitz ausmalend, sondern dieses zu jener abrundend. Denn wer alles Leben für heilig und wundersam hält, es wohne bis ins Tier und in die Blume hinab; wer, wie Spinoza, durch sein edles Gemüt weniger auf der Stufe und Höhe als auf Flügeln schwebt und bleibt, von wo aus das All rings umher – das stehende und das geschichtlich bewegliche – sich in ein ungeheueres Licht und Leben und Wesen verwandelt und ihn umfließt, so daß er sich selber in das große Licht aufgelöset fühlt und nun nichts sein will als ein Strahl im unermeßlichen Glanze: der hat und gibt folglich Religion, da das Höchste stets den Höchsten, wenn auch formlos, spiegelt und zeigt hinter dem Auge. Der rechte Unglaube bezieht sich auf keine einzelnen Sätze und Gegensätze, sondern auf die Erblindung gegen das Ganze. Macht im Kinde den allmächtigen Sinn des Ganzen rege gegen selbstischen Sinn der Teile: so erhebt sich der Mensch über die Welt, die ewige über die wechselhafte. Gebt dem Kinde unser Religionbuch in die Hand; aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach , sondern voraus , damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe. Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes sein? – Ohne Wunder gibts keinen Glauben; und der Wunderglaube selber ist ein innres. Allem Großen, was euch vorkommt, müßt ihr einen Sonnenblitz des Ursprungs zugestehen, dem Genius, der Liebe, jeder Kraft; nur die Schwäche und Ründe entstehen auf Stufen, Treppen und Folterleitern; die rechte Himmelleiter hat keine Sprossen. Wenigstens zwei Wunder oder Offenbarungen bleiben euch in diesem die Töne mit dumpfen Materien erstickenden Zeit-Alter unbestritten, gleichsam ein ältestes und ein neuestes Testament, nämlich die Geburt der Endlichkeit und die Geburt des Lebens mitten ins dürre Holz der Materie hinein; dann aber ist mit einer Unerklärlichkeit jede andere gesetzt, und ein Wunder vernichtet die ganze Philosophie; folglich heuchelt ihr nicht, wenn ihr das Kind aus dem Religionbuche und aus dem Geheimbuche der Natur alles ziehen lasset, was ihr nicht erklären könnt. Nicht durch die Lehrsätze, sondern durch die Geschichten der Bibel keimet lebendige Religion auf; die beste christliche Religionlehre ist das Leben Christi und dann das Leiden und Sterben seiner Anhänger, auch außerhalb der heiligen Schrift erzählt. In der schönen Frühlingzeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter Erwachsene – eine so wichtige, da es vor dem Altare zum ersten Male öffentlich und mit allen Rechten eines Ich auftritt und forthandelt –, in dieser einzigen Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein Morgenrot aufbricht und dadurch das neue der Liebe und der Natur verkündigt, gibts keinen schönern Priester für die junge Seele, der sie vor den Hoch-Altar der Religion gleichsam unter Tänzen und Entzückungen führe und geleite, als der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt einäschert, um auf ihr eine unsterbliche zu bauen, damit das Erdenleben gleich bleibe den Polar-Ländern, welche, so tier- und blumenleer, so kalt und ohne Farben, doch über sich nach dürftigen Tagen reiche Nächte tragen, worin der Himmel die Erde aussteuert, und wo der Nord- oder Polar-Schein das ganze Blau mit Feuer-Garben, Edelsteinen, Donnern, üppigen Gleicher-Gewittern füllet und den Menschen des kalten Bodens an das erinnert, was über ihm lebt. Drittes Bruchstück Kap. I. Abschweifung über den Anfang des Menschen und der Erziehung § 41-44. Kap. II. Freudigkeit der Kinder § 45-47. Kap. III. Spiele § 48-56. Kap. IV. Tanzen § 57-59. Kap. V. Musik § 60-62. Kap. VI. Gebieten, Verbieten § 63-65. Kap. VII. Strafen § 66-67. Kap. VIII. Schrei-Weinen der Kinder § 68-72. Kap. IX. Über den Kinderglauben § 73-74. Erstes Kapitel § 41 Wann fängt die geistige Erziehung ihr Werk an? Bei dem ersten Atemzuge des Kindes, aber nicht früher. Der Seelenblitz, den wir Leben nennen, und von welchem wir nicht wissen, aus welcher Sonnenwolke er fährt, schlägt ein in die Körperwelt und schmelzt die spröde Masse zu seinem Gehäuse um, das fortglüht, bis der Tod ihn durch die Nähe einer andern Welt wieder entlockt. In diesem Ur-Nu – wenn anders schon Zeit ist, da erst hinter ihm der Puls die erste Sekunde anschlägt – hat sich der unsichtbare Ich-Strahl zum Farbenspektrum seiner körperlichen Erscheinung auf einmal gebrochen; die Anlagen, das Geschlecht, sogar das Abbild des mütterlichen und väterlichen Gesichts sind mit unsichtbaren Strichen entschieden. Denn die Einheit des Organismus, dieses Staats im Weltstaate, d. h. das verkörperte System von Gesetzen, kann nicht allmählich, wie die einzelnen Teile, die es regiert, sich aufhäufen; z. B. der Bildungtrieb, der das durchsichtige Kind-Antlitz nach dem väterlichen oder großväterlichen abformt, kann nicht in den neunmonatlichen Phantasien der Mutter, sondern muß im Kinde selber wohnen. Etwas anderes sind die beiden Lebensketten der Eltern und besonders der letzte Ring, worüber und woraus der Funke des neuen Menschen lief und absprang, um den körperlichen Erdenkloß zu einem Adam zu beseelen. Wenn man bedenkt, wie wenig hier für die Aussaat der Nachwelt (Pferde, Schafe, Kanarienvögel ausgenommen) noch gemacht worden, nicht einmal Beobachtungen, geschweige Anstalten, bloß für eine Wiege mehr als für das Wiegenkind – wie die Verhältnisse der Geschlechter, der Jahre, der Monate, der Stunden so gesetz- und sorglos eben da vergessen und beleidigt werden, wo sie die Grundsteine zu Jahrhunderten eingraben – wie hier der gaukelnde, schwelgerische Mensch mehr Gesetze als das feste Tier bedarf, das an den Leitseilen des Instinktes und der Gesundheit richtig geht – und wenn man bedenkt, daß die mit der Kultur fortwachsende Abweichung von Wilden und Ur-Deutschen, welche noch die Vorteile des Tiers hatten, die Gesetzlosigkeit neben der Gesetzunwissenheit täglich verdoppelt, und wie die Welt für die Begierde zwar immer unverschämter, aber für die Wissenschaft immer verschämter wird: so muß man aus einer Sorglosigkeit, die sich mitten in der Verfeinerung des Gefühls für sittliche Foderungen nur mit der Erfüllung bloßer zehn Gebote für Rohe befriedigt, den Schluß machen, daß man sich mit der Moral nur wie mit einer Gläubigerin abzufinden sucht. Zwar will der edelherzige Erziehlehrer Schwarz Desselben Erziehungslehre II. S. 31 etc. jede Rücksicht auf die Zukunft für Sünde am heiligen Geiste der höchsten Liebe genommen wissen; aber er hat nur bei der höchsten ersten Liebe und nur bei Abwesenheit der Besonnenheit und Kenntnis recht. Einem Arzte zum Beispiele hingegen fehlt diese Abwesenheit. Und kann nicht wenigstens ein Staat – wie so mancher alte – mit seiner kalten ewigen Hand allen Gesetze vorschreiben, die ein liebendes Einzelwesen nie zu machen gedacht hätte und doch zu erfüllen gezwungen ist, so wie nur das Gesetzbuch, nicht ein Paar Liebende, Eheverträge ersinnt? Übrigens dürfen wir wohl klagen, daß die Natur es durch die zwölf heiligen Nächte, worin sie als Schöpferin mit ihren jüngsten Geschöpfen allein umhergeht, auch dem Gewissenhaften zu schwer mache, nicht im Dunkeln zu rauben und zu morden. Auf allen Stufen, die tiefe finstere Treppe der Zukunft hinunter, worauf Menschen und Zeiten emporsteigen, ruft das Gewissen: »hier geht ein Mensch, dort vielleicht ein Genius, ein Völkerhimmel herauf«; – aber wie Nachtwandler müssen wir, das Bekannte schonend, das Ungekannte verletzen. – – Wenn Eltern so viel zur Schöpfunggeschichte des kindlichen Leibes mitspielen, so kann man sich der schweren Frage nicht enthalten: wie viel tragen sie zur Theogonie (Götterzeugung) des kindlichen Geistes bei? Muß man sich einmal eine dunkle Aufgabe denken: so ist auch erlaubt und notwendig, sich etwas bei ihr, irgendeine Auflösung zu denken. Die geistige Ungleichheit der Wesen ist kein bloßes Produkt der körperlichen, da beide einander gegenseitig in einem organischen Nu voraussetzen. Es wird uns zwar leichter, Verschiedenheit in Körpern als in Geistern zu begreifen; aber eigentlich wird in jenen nur eine scheinbare durch Quantität angeschauet, und nur in diesen eine wahre durch Qualität, so wie nur Geister wahrhaft wachsen oder sich angewöhnen. Will man nun nicht annehmen, daß jener Ich-Funke unter der Empfängnis aus den Sternen durch Wolken herabfliege: so muß er entweder gerade in der Sekunde, wo er die menschliche Hülle anzog, eine vom Lebenlaufe des Vaters oder der Mutter gesponnene Vorhülle abwerfen, oder er wurde, wie Gedanke und Bewegung, von Seelen erzeugt. Erschaffung der Geister wäre nicht schwerer zu begreifen als Erschaffung der Gedanken durch Geister oder irgendeine Veränderung überhaupt. In beiden Fällen, besonders im zweiten, wiegt nicht nur das körperliche Leben der Eltern der Zukunft Leiber zu, sondern auch ihr geistiges ihr Geister. Aber dann wie furchtsam sollte diese Waage gehalten werden! Wenn du wüßtest, daß ein schwarzer Gedanke von dir oder ein glänzender selbstständig sich losrisse aus deiner Seele und außer dir anwurzelte und ein halbes Jahrhundert lang seine Giftblüten oder seine Heilwurzeln triebe und trüge: o wie würdest du frömmer wählen und denken! – Aber weißt du denn das Gegenteil so gewiß? § 42 Ich komme zu meiner Meinung zurück, daß die geistige Erziehung erst mit der Geburt anfängt, wenn die gemeine Meinung sie schon neun Monate früher angehen lassen will. Da die Mutter – wie oft später im schlimmern Sinne – nur eine Blutverwandtschaft, aber keine Nervenverwandtschaft mit dem an der Weltpforte schlafenden Kinde hat: so ist ja alles falsch, was man sonst von der elektrischen Ladekette sagte, woran der Eingehüllte hängen soll, und welche ihn mit den Strömen und Funken der mütterlichen Leidenschaften und Gefühle laden soll. Da nämlich, nach den besten Zergliederern, die Mutter das Kind nicht unmittelbar mit ihrem Blute ernährt und berührt, sondern mittelbar: so können die mütterlichen Leidenschaften, die mit dem Blute dasselbe treffen sollen, doch nur auf zweierlei Weise damit wirken: entweder durch mechanische Veränderung, Schnelle oder Träge, oder durch chemische, oxydiert oder desoxydiert. Die mechanische teilt der Fötusseele nichts mit, weil das Mutterblut ebenso schnell im Tanzsaale der Liebe als in der Gesindestube des Zornes wallen kann, oder ebenso gut schleichen vor dem Stickrahmen voll ruhiger Hoffnung als vor einer Leichenbahre voll Verzweiflung. Die chemische Veränderung des Bluts durch Leidenschaft oder äußere Reize ist ja erst selber eine Geburt und Fabrikware des Geistes und der Nerven, die ihm dienen, entweder unmittelbar oder mittelbar. Der Nervenrausch gibt den vollen Pulsschlag, aber nicht dieser jenen; denn sonst wirkte ein Wettlauf so stark als ein Trunk über den Durst. Wie sonst noch das oxydierte oder desoxydierte Blut der Mutter den kindlichen Geist mehr berühren könnte als ihren eignen, müßte aus dem Einflusse des Blutes als Nahrung dargetan werden; denn da der Einfluß des mütterlichen, der nicht die Umkehrung der stets schädlichen Überflößung von Tierblut in Menschenblut ist, erst zugeeignet und angeglichen wird durch das fremde Körperchen, so wirkt das Blut nur ähnlich jeder andern Nahrung und pflanzt seine Verschiedenheit ernährend so wenig fort als Schaf- und Löwenblut die seinige. – Der Einwand von Ammen hergenommen kommt weiter unten bei der Rechtfertigung derselben vor. Der größte Beweis für diese physiologische Schlußkette ist ihre Entbehrlichkeit; denn die Erfahrung führt ihn. Wär' es nämlich wahr, daß die Mutter noch einen geistigern Einfluß in wehrlose nackte Menschen hätte als den ernährenden: was für eine traurige Menschheit würde aus der neunmonatlichen Verziehanstalt in die Welt geschickt werden, da auf mütterlicher Seite sich alle geistigen und körperlichen Mängel der weiblichen Natur in neun Monate und deren Geburt zusammenhäufen, und auf kindlicher Seite das Gehirn und die Erregbarkeit am größten ist, und mithin jede Einbildung der Mutter sich als Bildung des Kindes, jeder Schmerz sich als Verzerrung fortsetzen müßte im Vergrößerspiegel des Opferwesens! Himmel! wenn der Ekel an Speisen und Menschen, die Gier nach Unnatürlichkeiten, die Furcht, die Weinerlichkeiten und Schwächlichkeiten so geistig einflössen, daß der Mutterleib die erste Adoptionloge und Taubstummenanstalt der Geister und die Weiblichkeit das Geschlechtkuratorium der Männer wäre: welche sieche, scheue, weiche Nachwelt fortgepflanzter Schwangerer! – Es gäbe keinen Mann mehr – jeder lebte und tränte und gelüstete, und wäre nichts. – So aber ist es eben nicht; das Weib gibt Männer, wie die weiche Wolke den Donner und Hagel; die Erstgeburten und die natürlichen Kinder, wofür die Mütter am meisten leiden, sind gerade am stärksten; die Kinder der Missetäterinnen, der Nerven-, der Schwindsüchtigen, der trauernden Witwen oder auch der künstlichen, welche der Ehescheidung entgegenleben, erweisen sich ebenso geistigkräftig als die Kinder anderer, von Freude zu Freude tanzender Mütter. Drängte sich die Mutter so allmächtig und geistig, sich selber geistig kopierend, in die Kindseele hinein: so weiß ich nicht, woher die Charakter-Verschiedenheit der Kinder derselben Mutter abstamme – jedes Kind müßte ein geistiger Supernumerarkopist seiner Geschwister sein und die ganze Kinderstube ein geistiger Abgußsaal der Mutter. Was den Körper sonst anlangt, so bildet sich der kindliche in demselben Mutterleibe und zu gleicher Zeit und bei aller Gleichbleibung der Mutter, z. B. der männliche Zwilling zu größern Kräften aus, und der weibliche zu kleinern. Wer körperliche Mißgeburten für vulkanische Auswürfe erhitzter Phantasien der Schwangern nimmt, bedenkt nicht, daß der große Haller die ganze Sache leugnete, und daß er die Mißgeburten der Tiere und Pflanzen einwendet, von welchen, besonders von den Pflanzen, wenig erhitzte Phantasien zu besorgen sind; wozu ich noch setze: daß unter 10 000 Gebärenden, wovon jede in neun Monaten vor ebenso vielen Zerrbildern erschaudern könnte, kaum eine etwas zur Welt bringt, was in die Welt nicht einpaßt. Belehrt mich nicht, daß man die lebendigen Madonnen-Gesichter in katholischen Ländern als Nachstiche der gemalten in ihren Kirchen angesehen, oder daß die Griechen schöne Bilder in die Zimmer der Gesegneten gehängt, um von diesen lebendige Urbilder zu bekommen; denn ich antworte: setzen denn nicht alle jene Verhältnisse schon die Erzeugnisse schöner Länder und schöner Menschen voraus; und prägt ferner das lebenlange Eindrücken vieler Reiz-Gestalten nicht stärker den in der Welt herausgetretenen Menschen als ein neunmonatliches? Gleichwohl läßt der Unglaube, daß die Neun-Monat-Mutter über Geistes- und Körper-Gestalt entscheide, doch dem wahren Glauben Raum, daß ihre Gesundheit so wie Kränklichkeit sich im kleinen zweiten Wesen wiederhole; und eben daher ist der Aberglaube an Versehen, Mißgeburten u. dergl. so sehr zu bekriegen, nicht weil sich erfüllt, was er befürchtet, sondern weil er leicht mit den Übeln, welche jedes Vor-Fürchten und Nach-Zagen aussäet, den Körper entkräftet und entkörpert, den Träger schwerer Jahre. § 43 Endlich kann das Kind zum Vater sagen. bilde höher, denn ich atme. – Der erste Atemzug schließet, gleich dem letzten, eine alte Welt mit einer neuen zu. Die neue ist hier die Luft- und die Farbenwelt; – das Erdenleben fängt, wie der Zeichner, mit dem Auge an. Das Ohr ging ihm zwar voraus – so daß es der erste Sinn des Lebenden, wie der letzte des Sterbenden ist –, aber noch ins Reich des Gefühls gehörig; daher Vögel in Eiern und die weichen viellöcherigen Seidenraupen am Knalle sterben. Das erste Tönen fällt mit einem dunklern Chaos in die eingewindelte Seele als das erste Leuchten. So hebt denn der Lebenmorgen mit zwei Sinnen der Ferne im losgelassenen Gefangnen an, wie der tägliche Morgen mit Licht und Gesang oder Getöse. Indes bleibt Licht der erste Schmelz der Erde, das erste schöne Wort des Lebens. Der Schall, der ins fortschlummernde Ohr eingreift, kann nur ein starker sein – diesen erregt aber niemand neben der Gebärerin als ihre Geburt selber, das Kind, und so fängt die Tonwelt mit einem Mißton an, aber die Schauwelt mit Glanz und Reiz. Alles Erste bleibt ewig im Kinde, die erste Farbe, die erste Musik, die erste Blume malen den Vorgrund seines Lebens aus; noch aber kennen wir dabei kein Gesetz als dieses: beschirmt das Kind vor allem Heftigen und Starken, sogar süßer Empfindungen! Die so weiche, wehrlose und so erregbare Natur kann von einem Mißgriff verrenkt und zu einer wachsenden Mißgestalt verknöchert werden. Aus diesem Grunde ist sogar das Schreien der Kinder, sobald es sich aus Mißton, Heftigkeit, Befehl und Zorn zugleich zusammenflicht, durch alle männliche Gegenmittel zu verhüten, obwohl nicht durch weibliche, die es vermehren. § 44 Soll man im Meer einer menschlichen Seele Abschnitte, und auf ihm Grade der Breite und Länge angeben: so muß man beim Kinde einen ersten Abschnitt der drei ersten Jahre machen, innerhalb welcher es, aus Mangel an Kunstsprache, noch im tierischen Kloster lebt und nur hinter dem Sprachgitter der Naturzeichen mit uns zusammenkommt. In dieser sprachlosen Periode, wovon jetzo gehandelt werden soll, fallen die Zöglinge noch ganz den Redekünsten der Weiber anheim; wie diese freilich jetzo zu erziehen hätten, kann erst später unten bei der Untersuchung vorkommen, wie sie selber zu erziehen wären. In dieser Dämmerperiode, in diesem ersten Mondviertel oder -achtel des Lebens lasse man das Licht nur selber wachsen, ohne eines anzuzünden. Hier sind noch die Geschlechter ungeteilt und weder vom platonischen Aristophanes noch vom Schneider getrennt. – Der ganze Mensch ist noch eine dicke feste Knospe, deren Blume oder Blüte sich bedeckt. – Wie die Eier der Sing- und der Raubvögel und wie das neugeborne Küchlein der Taube und des Taubengeiers, so verlangen anfangs alle nur Wärme , keine Nahrung , die nur verschieden ausfallen könnte. Und was ist Wärme für das Menschenküchlein? - Freudigkeit . Man mache nur Spielraum – indem man die Unlust wegnimmt –, so fahren von selber alle Kräfte empor. Die neue Welt, die der Säugling mitbringt, und die neue, die er vorfindet, wickeln sich an ihm als Lehren ab, oder als Kenntnisse auf; und beide Welten bedürfen noch nicht fremder Ackerpflüge und Aussaaten. Sogar jene köstliche Gymnastik der Sinne, die ein Jahrkind will sehen und hören und greifen lehren, ist nicht viel nötiger als die Laufbänder, die im Gehen unterweisen; und kann es denn der Vorteil, irgendeine Sinnen-Kunst etwa drei Monate früher einzuschulen, als der vierte sie von selber zuführt, belohnen, daß man in den ersten Jahren und über das erste Kind sich zum Nachteil der späten Jahre und der folgenden Kinder über ein Etwas abmüde und versäume, das den Wilden und Landleuten und jedem ungehemmten Leben sich von selber aufnötigt? Der treffliche Schwarz in seiner Erziehlehre fodert durch seinen Entwurf eines Früh-Gymnasiums aller Sinne zu einem Zusatze für diesen Paragraphen auf. Was den materialen Vorteil dieser fünf Sinnen-Schulklassen betrifft, so erzieht und übt das reiche vielgestaltige Leben die Sinne durch Unaufhörlichkeit mit einer Macht, welche der Armut einiger Übanstalten nicht bedarf, bloß den Fall ausgenommen, wenn ihr das ganze Kind in einen einzigen Sinn verwandeln wollt, z. B. in ein Maler-Auge, in ein Kunstohr. Hingegen formelle Nützlichkeit haben diese Übungen, insofern sie den Geist anhalten, sich seiner Empfindungen in feinern Abteilungen bewußt zu sein, und anstatt die Welt mit Ellen, besser mit Linienteilern auszumessen. Indes bietet sich die innere Welt zu einer feinern und höhern Schule dazu an als die äußere. Besonders die Exerzitien des Geschmacksinnes lasse man weg, für dessen haut-goût ohnehin die Küchen die hohen Schulen sind; zumal da wir jetzo nicht erst durch ihn zwischen Gift und Kost zu richten brauchen, sondern vielmehr durch seine Übung an großen Tafeln beide verwechseln lernen, so daß wir, ungleich den Tieren, welche nur jung aus ungeübtem Geschmack auf der Weide zu schädlichen Kräutern fehlgreifen, alt aus versteinertem gerade nach Giftschüsseln und Giftkelchen langen. Hier sei nicht sowohl eine Aus- als eine Vorausschweifung über die Entfaltreihe der Sinne. Schwarz setzt in seiner Erziehlehre die Geburtzeit des Schmeck- und des Riechsinnes zu spät an und fast über das Kindalter hinaus. Er scheint aber die Verfeinerung dieser Sinne, welche allerdings in ein erwachsenes Alter fällt, mit der Innigkeit und Kraft derselben zu vermengen, welche mit ihrer größten Stärke gerade im kindlichen blüht. Es erinnere sich doch jeder, wie er als Kind, gleich dem Tiere (auf dessen oberster Stufe wohnhaft) und gleich dem Wilden, das Schmackhafte, Früchte, Zucker, süßen Wein, Fett, mit einer Wollust und Innigkeit in sich gezogen, welche mit jedem Jahre der späteren Sinnverfeinerung sich verwässerte, daher eben die zu sehr beklagte Naschhaftigkeit aller Kinder Wovon später unten. , daher die Erfahrung so vieler Erwachsenen, die sich Lieblingspeisen ihrer Kinderzeit nachkochen ließen, daß sie ihnen nicht geschmeckt. Kleine Kinder nehmen allerdings bittere Arzeneien ohne Widerwillen; aber dies ist kein Einwand gegen ihren Geschmack: das reine Bittere suchen wir ja selber später als höhern Reiz in bitteren Bieren, Wassern und Mandeln. Frißt ein junges Tier Giftkräuter, vor denen sich ein altes hütet: so ist damit weniger Mangel an Zunge als Überfluß an Magen bewiesen, nämlich Hungergier, die leicht so den Instinkt besiegt wie bei uns leider dieser die Vernunft. Der Geruch , dessen Stumpfheit so wenig für als die Augen- oder Ohren-Stumpfheit Haller mit seinen stumpfen Augen; Pope und Swift mit musiklosen Ohren. gegen geistige Feinheit spricht, erwacht mit dem Bewußtsein, also zuletzt im Kinde. Nun wird man seine Ankunft weniger gewahr, weil er wenig den Bedürfnissen zu dienen hat, und weil seine umfangende Fortdauer, z. B. in Gewürzinseln oder in Augiasstall-Gassen, das Bewußtsein desselben erschwert. Kinder haben Riechwärzchen sogar für die nächsten Personen, z. B. für die Eltern, und unterscheiden sie von seltener gesehenen Menschen. Und gerade der Geruch stirbt unter allen Sinnen zuerst ab, so selten ihn auch, ungleich anderen Sinnen, Überreize abnützen. Und wer hat nicht an sich meine Erfahrung gemacht, daß oft ein ländlicher Blumenstrauß, welcher uns als Kindern im Dorf ein Lustwald gewesen, in späten Mannjahren und in der Stadt durch seine alten Düfte unnennbare Zurückentzückungen in die göttliche Kindheit gegeben, und wie er, gleich einer Blumengöttin, uns in das erste umfassende Autorengewölke der ersten dunkeln Gefühle hineingehoben! – Aber wie könnte eine solche Erinnerung so stark an uns selber berauschen, wäre nicht die kindliche Blumen-Empfindung so stark und innig gewesen! – Mithin schreibe man dem spätern Alter nichts weiter zu als die Verfeinerung einer solchen Innigkeit. Zweites Kapitel Freudigkeit der Kinder § 45 Sollen sie etwas anders haben? – Einen traurigen Mann erduld' ich, aber kein trauriges Kind; denn jener kann, in welchen Sumpf er auch einsinke, die Augen entweder in das Reich der Vernunft, oder in das der Hoffnung erheben; das kleine Kind aber wird von einem schwarzen Gifttropfen der Gegenwart ganz umzogen und erdrückt. Denkt euch ein Kind, das zum Blutgerüste geführet würde – denkt euch Amor in einem deutschen Särglein – oder seht einen Schmetterling nach dem Ausreißen seiner Vierflügel kriechen als Raupe: so fühlt ihr, was ich meine. Aber warum? Die erste Ursache ist schon angegeben: das Kind, wie das Tier, kennt nur reinsten Schmerz, obwohl kürzesten, nämlich einen ohne Vergangenheit und Zukunft; ferner einen, wie ihn der Kranke von außen, und der Träumer von sich empfängt, ins asthenische Gehirn hinein; endlich einen mit Bewußtsein nicht der Schuld, sondern der Unschuld. Freilich sind alle Schmerzen der Kinder nur kürzeste Nächte, wie ihre Freuden nur heißeste Tage; und zwar beides so sehr, daß in der spätern, oft wolken- und sternlosen Lebenzeit sich der aufgerichtete Mensch mir alter Kinderfreuden sehnsüchtig erinnert, indes er der Kinderschmerzen ganz vergessen zu haben scheint. Sonderbar sticht gegen die wache Erinnerung die entgegengesetzte in Traum und Fieber dadurch ab, daß in letzten beiden immer nur der graue Schmerz der Kindheit umkehrt; der Traum – diese Nebensonne der Kindheit – und das Fieber – dieser Verzerrspiegel derselben –, beide ziehen gerade die Schrecken der unbewehrten Kindheit aus düstern Eulenwinkeln hervor, welche mit Eisenschnäbeln auf die liegende Seele dringen und hacken. Die schönen Szenen des Traums spielen meistens auf späterem Schauplatz; indes die fürchterlichen die Wiege und Kinderstube dazu wählen. Vollends im Fieber strecken die Eishände der Geisterfurcht, die schlagenden der Lehrer und Eltern und jede Tatze, womit das Schicksal ein blutjunges Herz eindrückte, sich alle nach dem irren Menschen aus. Eltern, bedenkt also, daß jeder Kindheit-Ruprecht, wenn er Jahrzehende lange an der Kette gelegen, davon sich losreißet und über den Menschen herwirft, sobald er ihn auf dem Krankenlager findet. Der erste Schreck ist desto gefährlicher, je jünger er fällt; später erschrickt der Mensch immer weniger; der kleine Wiegen- und Betthimmel des Kindes wird leichter ganz verfinstert als der Sternenhimmel des Mannes. § 46 Heiterkeit oder Freudigkeit ist der Himmel, unter dem alles gedeihet, Gift ausgenommen. Nur werde sie nicht mit dem Genusse vermengt. Jeder Genuß, und wär' es der feine eines Kunstwerks, gibt dem Menschen eine selbstische Gebärde und entzieht ihm Teilnahme; daher ist er nur Bedingung des Bedürfnisses, nicht der Tugend. Hingegen Heiterkeit – der Gegensatz des Verdrusses und Trübsinns ist zugleich Boden und Blume der Tugend und ihr Kranz. Denn Tiere können genießen, aber nur Menschen können heiter sein. Der heilige Vater heißt zugleich der selige; und Gott ist der Allselige. Ein verdrießlicher Gott ist ein Widerspruch oder der Teufel. Der stoische Weise muß Verschmähung des Genusses mit Bewahrung der Heiterkeit vermählen. Der christliche Himmel verspricht keine Genüsse, wie etwa der türkische, aber den klaren, reinen, unendlichen Äther der himmlischen Freude, die aus dem Anschauen des Ewigen quillt. Der Vorhimmel, das Paradies – welchem die ältern Theologen die Genüsse absprachen, nicht aber die Heiterkeit –, beherbergte die Unschuld. Der erfreuete Mensch gewinnt unser Auge und Herz, so wie beide der verdrießliche abstößt, indes bei Genüssen umgekehrt wir dem schwelgenden den Rücken, und dem darbenden das Herz zuwenden. Wenn der Genuß eine sich selber verzehrende Rakete ist: so ist die Heiterkeit ein wiederkehrendes lichtes Gestirn, ein Zustand, der sich, ungleich dem Genusse, durch die Dauer nicht abnützt, sondern wiedergebiert. § 47 Laßt uns nun wieder zu den lieben Kindern kommen. Ich meine nämlich eben, sie sollen ihr Paradies bewohnen, wie die ersten Eltern, diese wahren ersten Kinder. Aber Genüsse geben keines, sondern helfen es nur verscherzen. Spiele, d. h. Tätigkeit, nicht Genüsse erhalten Kinder heiter. Unter Genuß versteh' ich jeden ersten angenehmen Eindruck, nicht nur des Geschmackes, auch des Ohres und Auges; ein Spielzeug gibt zuerst Genuß durch seine Erscheinung, und erst Heiterkeit durch seinen Gebrauch. Der Genuß aber ist ein stechender Brennpunkt, keine umfließende Wärme; vollends auf der erregbaren Kindeshaut. Ferner, wenn gebildete Lebenzecher und Verschlucker ihren Genuß durch Zukunft und Vergangenheit einfassen und ausdehnen: so können die Kinder, aus Mangel an beiden, nur kürzeste und folglich stärkste Genüsse zugleich haben, ihr Augenblick ist, wie ihr Auge, kleiner als unserer; der Brennspiegel der Lust soll sie mithin nicht im Brennpunkt-Abstande, sondern breiter und milder treffen. Mit andern Worten: zerteilt die dichte Lust in Lustbarkeiten, einen Pfefferkuchen in Pfeffernüßchen, Weihnachten in ein Kirchen-Jahr. In einem Monat von neunundzwanzig Tagen wäre ein Kind geistig zu zersetzen, wenn man jeden Tag davon zu einem ersten Weihnachttage machen könnte. Nicht einmal ein erwachsener Kopf hielte es aus, jeden Tag von einem andern Lande gekrönt zu werden, den ersten in Paris, den zweiten in Rom, den dritten in London, den vierten in Wien. Aber kleinere Genüsse wirken wie Riechfläschchen auf die jungen Seelen und stärken von Tätigkeit zu Tätigkeit. Gleichwohl gilt diese Freudenverästung nur für die frühesten Jahre; später wird umgekehrt ein Johannisfest, eine Weinlese, eine Fastnacht, worauf die Kinder lange warten, mit der Nachlese einer vollen reichen Erinnerung ihnen in den darbenden Zwischenräumen desto stärker schimmern. Hier werde ein Wort über die Naschhaftigkeit der Kinder verloren, gegen welche Schwarz vielleicht zu eifrig eitert. Noch hab' ich kein Kind gekannt, für welches nicht Süße, Fett und Backwerk die meisterhaftesten Küchenstücke und Altarblätter gewesen wären, und dies schon bloß darum, weil ein Kind halb Tier, halb Wilder, also der Geschmack selber ist. Die Biene hat zugleich einen Honig- und einen Wachs-Magen; aber bei Menschen hat jenen nur das Kind, diesen der Erwachsene. Wenn Schwarz Naschhaftigkeit und Unkeuschheit immer gepaart gefunden: so kann er dies nur für das Alter der Mannbarkeit aussprechen, aber dann war Eß-Liebhaberei nur die Folge und Begleitung der tiefern Geschlecht-Liebhaberei, nicht aber die Ursache derselben. Allerdings wird der zuchtlose Lüstling mit Speisen wechseln, also auch mit Geschmäcken, wie der Eß-Schwelger, aber aus andern Gründen; hingegen wie könnte die von jedem Jüngling-Jahre mehr entkräftete Geschmacklust sich in niedere Geschlechtlust auflösen, da sogar gemeine Seelen in Rücksicht der Liebe Ägypten gleichen, wo die Götter früher regierten als die irdischen Menschen! – Die Väter hüpfen nicht, aber die Kinder; nun so lasse man diesen auch ihre andern ägyptischen Fleischtöpfchen vor der Ausreise in die Wüste. – Verfasser dieses machte oft die Zuckerinseln der Zunge, auf welchen an und für sich kein paphischer Hain nachwächst, zu einer Art von Palästra der Entsagung; indes erzählt er die Sache, sich mißtrauend, nur als Frage, nicht als Antwort. Er gab z. B. den zwei- und dreijährigen Kindern kandiertes Marzipan (das gesündeste) unter dem Befehle, bloß an einer bestimmten Stelle und nur so lange zu lecken, als er erlaubte. Die Kinder lernten Wort achten und Wort halten. Ebenso setzte er Zucker- oder Honig-Preise für das Ertragen der meisten Handschmerzen aus; doch tat ers selten. Die meisten Fürstenkinder können die Untersuchung abkürzen durch ihren Ausspruch. Denn was Genüsse angeht, so bekommen sie alles, von Spiel-, Trink- und Eßwaren an bis zum Wagensitz und Bettpolster; was Erheiterung anlangt, so werden sie bloß gequält von Hofmeistern an bis zum Hofe, so daß man der Fürstenkrone schon früh die Dornenkrone unterbettet, oder, anders zu sprechen, den schwarzen Trauerrand im Verhältnis des hohen Ranges breiter macht. Denn in der Tat, wenn man bedenkt, wie gewöhnlich ein Prinz, essen- und trinkensatt, erzogen wird, daß er keinen Schritt ohne Hofmeister und Predigt tun kann, keinen Sprung ohne Tanzmeister, keinen frischen Luftzug ohne vier Pferde: so müßte man fast glauben, der alte Irrlehrer Basilides habe bei den Fürsten von neuem recht, wenn er behauptete, daß die ersten Christen oft Märterer geworden wegen künftiger Sünden, träten nicht die Nachwehen noch zu den Vorwehen der Zukunft. Freudigkeit – dieses Gefühl des ganzen freigemachten Wesens und Lebens, dieser Selbstgenuß der innern Welt, nicht eines äußern Weltteilchens – öffnet das Kind dem eindringenden All, sie empfängt die Natur nicht lieb-, nicht wehrlos, sondern gerüstet und liebend und lässet alle jungen Kräfte wie Morgenstrahlen aufgehen und der Welt und sich entgegenspielen, und sie gibt Stärke, wie die Trübseligkeit sie nimmt. Die frühern Freudenblumen sind nicht Kornblumen zwischen der Saat, sondern jüngere kleinere Ähren. Es ist eine liebliche Sage, daß die Jungfrau Maria Pertschens Kirchenhistorie. und der Dichter Tasso als Kinder nie geweinet. Aber nur ist die Frage nach den Mitteln und Gestirnen, die diese Heiterkeit gewähren! – Wenn es auf bloße verneinende Bedingungen und auf körperliche ankäme: so wäre – wenigstens für das lehrreichste Halbjahr des Lebens, nämlich für das erste – alles herbeigeschafft bei einem Kinde, das im Frühling geboren worden. Warum fangen nicht die Menschen das Leben, wie orientalische Völker das Jahr, mit dem Frühling an? Ein Kind, in dieser Zeit geboren, – könnte ohne Lüge ein Kalender sagen – geht langsam von Reiz zu Reiz, von Grün zu Blumen, von Stuben- zu Himmelwärme – die Luft ist noch nicht sein Feind – statt der Stürme wehen Melodien in den Zweigen – wie zu einem halbjährigen Feste der Erde geboren, muß es glauben, so bleibe das Leben – es sieht die reiche Erde, später nur deren Decke aufgedeckt – und die Lebenlust, womit die säugende Mutter sich tränkt, quillt heiß durch das kleine Herz. Drittes Kapitel Spiele der Kinder § 48 Was heiter und selig macht und erhält, ist bloß Tätigkeit. Die gewöhnlichen Spiele der Kinder sind – ungleich den unsrigen – nichts als die Äußerungen ernster Tätigkeit, aber in leichtesten Flügelkleidern; wiewohl auch die Kinder ein Spiel haben, das ihnen eines ist, z. B. das Scherzen, sinnloses Sprechen, um sich selber etwas vorzusprechen etc. Schriebe nun ein Deutscher ein Werkchen über die Kinderspiele – welches wenigstens nützlicher und später wäre als eines über die Kartenspiele –, so würde er sie sehr scharf und mit Recht – dünkt mich – nur in zwei Klassen teilen: 1) in Spiele oder Anstrengungen der empfangenden, auffassenden, lernenden Kraft; 2) in Spiele der handelnden, gestaltenden Kraft. Die eine Klasse würde die Tätigkeit von außen hinein begreifen, gleich den Sinn-Nerven; die andere die von innen hinaus, gleich den Beweg-Nerven. Folglich würde der Verfasser, wenn er sonst tief ginge, in die erste Klasse, die er die theoretische nennt – die zweite hingegen die praktische –, die meisten Spiele bringen, die eigentlich nur eine kindliche Experimental-Physik, –Optik-, –Mechanik sind. Die Kinder haben z. B. große Freude, etwas zu drehen, zu heben – Schlüssel in Schlösser oder sonst eine Sache in die andere zu stecken – Türen auf- und zuzumachen, wozu aber noch die dramatische Phantasie, den Raum bald eng, bald weit, sich bald einsam, bald gesellig zu sehen, eingreift – einem elterlichen Geschäfte zuzuschauen, ist ihnen ein solches Spiel – desgleichen Sprechen-Hören. – In die zweite oder praktische Abteilung würde der gedachte Verfasser alle Spiele setzen müssen, worin sich das Kind seines geistigen Überflusses durch dramatisches Phantasieren, und seines körperlichen durch Bewegungen zu entladen sucht. Die Beispiele werden in den nächsten Paragraphen kommen. Doch müßte, glaub' ich, ein so wissenschaftlicher Mann noch eine dritte, schon angedeutete Spielklasse errichten, die nämlich, worin das Kind das Spiel nur spielt, nicht treibt, noch fühlt, nämlich die, wo es behaglich Gestalt und Ton nimmt und gibt – z. B. aus dem Fenster schauet, auf dem Grase liegt, die Amme und andere Kinder hört. – § 49 Das Spielen ist anfangs der verarbeitete Überschuß der geistigen und der körperlichen Kräfte zugleich; später, wenn der Schulzepter die geistigen alles Feuers bis zum Regnen entladen hat, leiten nur noch die Glieder durch Laufen, Werfen, Tragen die Lebenfülle ab. Das Spiel ist die erste Poesie des Menschen (Essen und Trinken ist seine Prose und das Streben darnach sein erstes solides Brotstudium und Geschäftleben); folglich bildet das Spiel alle Kräfte, ohne einer eine siegende Richtung anzuweisen. Viele Kinderspiele sind zwar Nachahmungen – aber geistige, so wie die der Affen körperliche sind – nämlich nicht etwan aus besonderer Teilnahme an der Sache, sondern bloß weil dem geistigen Lebentriebe das Nachahmen am bequemsten fällt. Wahrscheinlich tut der Affe, wie jener Nervenkranke des Doktor Monro, alle fremde Bewegungen gezwungen und nur aus Schwäche nach. Wollte ein Erzieher grausam genug sein, einen ganzen Menschen zu einem bloßen Gliede auszubilden, z. B. zu einem vergrößerten Ohre: so müßt' er ihm schon im ersten Jahre alle Spielkarten so durch Volten mischen, daß immer nichts gewonnen würde als Tonspiel. Wollte er etwa Besseres sein bei den Spielen – als grausam –: so wär' ers vielleicht, wenn er sie, da der Zufall sie wählt und mischt, allseitig und allentwickelnd mit leiser Hand herbeizuführen suchte. Ich fürchte mich aber vor jeder erwachsenen, behaarten Hand und Faust, welche in dieses zarte Befruchtstäuben der Kinderblumen hineintappt und bald hier eine Farbe abschüttelt, bald dort, damit sich die rechte vielgefleckte Nelke erzeuge. Wir glauben oft den äußern, aber breiten Zufall durch Mittel zu regeln, die bloß ein innerer, aber enger, in uns selber zusammenwürfelte. § 50 Wir wollen aber weiter in den Spielplatz der Kleinen hineintreten, um, wenn nicht Gesetzgeber, doch Spielmarkeure zu sein. In den allerersten Monaten kennt das Kind noch kein schaffendes Spielen oder Anstrengen, sondern ein empfindendes. In dem schleunigst wachsenden Körper und unter der einströmenden Sinnenwelt richtet sich die überschüttete Seele noch nicht zu den selbsttätigen Spielen auf, in welchen sich später die überschießende Kraft bewegt. Sie will nur blicken, horchen, greifen, tappen. So beladen, die Arme voll, die Händchen voll, kann sie mit ihnen wenig machen und gestalten. Erst später, wenn in den fünf Akten der fünf Sinne die Erkennung der Welt geschehen ist und allmählich ein Wort um das andere den Geist freispricht, hebt die größere Freiheit des Selbstspiels an. Es regt sich die Phantasie, deren Flügelknochen erst die Sprache befiedert. Nur mit Worten erobert das Kind gegen die Außenwelt eine innere Welt, auf der es die äußere in Bewegung setzen kann. Es hat zweierlei Spiele, sehr verschieden in Zweck und Zeit – 1) die mit Spielsachen und 2) die mit und unter Spiel-Menschen. § 51 Zuerst spielt der Kindgeist mit Sachen, folglich mit sich. Eine Puppe ist mit ihm ein Volk oder eine Schauspielergesellschaft; und er ist der Theaterdichter und Regisseur. Jedes Stückchen Holz ist ein lackierter Blumenstab, an welchen die Phantasie hundertblätterige Rosen aufstengeln kann. Denn nicht bloß für Erwachsene ist an und für sich, sobald bloßes Einbildglück entscheidet, das Spielzeug gleichgültig, ob mit Kaiser- oder mit Lorbeerkronen, mit Schäfer- oder Marschallstäben, Streit- oder Dreschflegeln; sondern sogar für Kinder. Vor der wunderkräftigen Phantasie treibt jeder Aaronsstecken Blüten. Wenn die elysäischen Felder der Alten ohnweit Neapel (nach Marcard) auf nichts hinauslaufen als auf einen Busch in einer Höhle, so ist ja für Kinder ein Busch ein Wald; und sie haben jenen Himmel, den Luther in seinen Tischreden den Seligen verspricht, wo die Wanzen wohlriechend, die Schlangen spielend, die Hunde goldhäutig sind und Luther ein Lamm; ich meine, im kindlichen Himmel ist der Vater Gott der Vater, die Mutter die Mutter Gottes, die Amme eine Titanide, der alte Diener ein Engel der Gemeine, der Puterhahn ein Edencherub, und Eden wiederholt. Wißt ihr denn nicht, daß es eine Zeit gibt, wo die Phantasie noch stärker als im Jünglingalter schafft, nämlich in der Kindheit, worin auch Völker ihre Götter schaffen und nur durch Dichtkunst reden? – Vergeßt es doch nie, daß Spiele der Kinder mit toten Spielsachen darum so wichtig sind, weil es für sie nur lebendige gibt und einem Kinde eine Puppe so sehr ein Mensch ist als einem Weibe eine erwachsene, und weil ihm jedes Wort ein Ernst ist. Im Tiere spielt nur der Körper, im Kinde die Seele. Diesem begegnet nur Leben – keines begreift überhaupt einen Tod oder etwas Totes –; und daher umringt sich das frohe Wesen belebend nur mit Leben und sagt z. B.: »die Lichter haben sich zugedeckt und sind zu Bette gegangen – der Frühling hat sich angezogen – das Wasser kriecht am Glase herab – da wohnt sein Haus – der Wind tanzt Das Mädchen unterschob aus Sachwohllaut vor Angst dem Stürmen des Windes den Tanz. « – oder von einer leeren räderlosen Uhr: »sie ist nicht lebendig.« Aber an reicher Wirklichkeit verwelkt und verarmt die Phantasie; mithin sei jede Spielpuppe und Spielwelt nur ein Flachsrocken, von welchem die Seele ein buntes Gewand abspinnt. Wie der Roche im Schach bei den verschiedenen Völkern bald ein Kamel war, bald ein Elefant – eine Krähe – ein Kahn – ein Turm: so spielt vor den Kindern ein Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen, wie den Juden das Manna, gerade so, wie sie es jedesmal begehren. Der Verfasser erinnert sich hier eines zweijährigen Mädchens, das, nachdem es lange mit einer alten, bis aufs Holz heruntergekommenen Puppe sich getragen, endlich eine sehr artig und täuschend gekleidete – eine Milchschwester der schönsten in Bertuchs Modejournal, die sie an optischer Schönheit ebenso erreichte als an Größe noch übertraf – in die Hände und Arme bekam: – bald darauf knüpfte das Kind nicht nur den alten Umgang mit dem hölzernen Aschenbrödel wieder an, sondern ging auch so weit, daß es einen schlechten Stiefelknecht des Vaters in die Arme und gleichsam an Kindes- oder Puppen-Statt aufnahm und ihn ganz so liebreich behandelte und einschläferte als das gedachte Urbild Bertuchischer Abbilder. So sehr hängt die Phantasie leichter einer unscheinbaren Adamrippe Menschenglieder und Putzgewänder um als beide einer Puppe, die sich nur durch die Größe von einer Dame unterscheidet, welche wieder ihrerseits vollends der Phantasie beim nächsten Tee so fertig vorgestellt wird, daß nichts an ihr zu bessern ist. So schrieb dasselbe Mädchen mit einer bloß in Luft eingetunkten Feder auf ihrem leer bleibenden Papiere lange neben dem Verfasser fort, der dadurch fast auf Satiren gegen sich selber geriet. Folglich umringt eure Kinder nicht, wie Fürsten-Kinder, mit einer Klein-Welt des Drechslers; reicht ihnen nicht die Eier bunt und mit Gestalten übermalt, sondern weiß; sie werden sich aus dem Innern das bunte Gefieder schon ausbrüten. Hingegen je älter der Mensch wird, desto reichere Wirklichkeit erscheine; die Steppe, auf welcher der Jüngling wenigstens den Morgentau des Liebe-Schimmers erntet, erkältet mit trübem Abendtau den halbblinden Greis, und zuletzt braucht der Mensch eine ganze Welt, um nur zu leben, nämlich die zweite. § 52 Aber von derselben Phantasie, welche, gleich der Sonne, den Blättern die Farbe aufträgt, wird sie ihnen auch ausgezogen. Dieselbe Putzjungfer kleidet an, aber auch aus; folglich gibts für Kinder kein ewiges Spiel und Spielzeug. Darum lasset ein entkleidetes Spielzeug nicht lange vor dem sinnlichen Auge – sperrt es ein – Nach langer Zeit wird die Abgeschiedene wieder gefreiet. Dasselbe gilt auch vom Bilderbuche; denn dem Bilderbuche ist das poetische Beseelen ebenso nötig als dem Spielschranke. – Darüber ein Nebenwort. Die rechten Bilderbücher für Abc-Kinder bestehen nicht in einer Folge unbekannter Tiere und Pflanzen, denen nur das gelehrte Auge die Unterschiede abgewinnt, sondern in historischen Stücken, welche eine Handlung von Tieren oder Menschen aus dem Kinderkreise geben; dann mag sich die Lebengalerie, in deren Weltgeschichte das Kind noch stärker das Individuellste hineinfärbt als in die Allgemeinheit der Poesie der Leser oder der Verfasser, zu geschichtlichen Gruppen erheben, z. B. zu einem Joseph unter seinen verkaufenden oder wiedererkennenden Brüdern, zu einem Hektors-Abschied von Kind und Weib und zu ähnlichen. Kinder haben – ausgenommen ein- und zweijährige, welche noch den Farben-Stachel bedürfen – nur Zeichnungen, nicht Gemälde vonnöten; Farben gleichen den obigen Reichtümern des Spielzeugs und erschöpfen durch Wirklichkeit die Schöpfungkraft. Daher komme kein Spielzeug schon durch Anschauen vollendet an, sondern jedes tauge zu einem Arbeitzeuge. Z. B. wenn ein fertiges (kleines) Bergwerk nach wenigen Stunden vor den Augen des Kindes befahren ist und jede Erzgrube erschöpft: so wird es hingegen durch einen Baukasten (eine Sammlung von losen Häuserchen, Bögen, Bäumchen) im ewigen Umgestalten so glücklich und reich wie ein Erbprinz seine geistigen Anlagen durch das Umbauen der väterlichen im Parke kundtut. – Auch Kleinheit der Bilder ist besser als Größe. Was für uns fast unsichtbar, ist für Kinder nur klein; sie sind auch physisch-kurzsichtig, folglich gewachsen der Nähe; und mit ihrer kurzen Elle, mit ihrem Leibchen, messen sie ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir diesen kleinen Verjüngten auch die Welt im verjüngten Maßstabe vorzuführen haben. § 53 Vor neuen Philosophen, welche in der Erziehung leichter das All als Etwas anbieten und schenken, schämt man sich eines Paragraphen, wie dieser wird, so sehr, daß man kaum weiß, wie man ihn versüßen und verkleiden soll. Ich kenne nämlich für Kinder in den ersten Jahren kein wohlfeileres, mehr nachhaltendes, beiden Geschlechten angemessenes, reines Spielzeug als das, welches jeder in der Zirbeldrüse (einige in der Blase) und die Vögel im Magen haben – Sand . Stundenlang sah ich oft spiel-ekle Kinde, ihn als Bausteine – als Wurfmaschine – als Kaskade – Waschwasser – Saat – Mehl – Finger-Kitzel – als eingelegte Arbeit und erhobnes Füllwerk – als Schreib- und Maler-Grund verwenden. Den Knaben ist er das Wasser der Mädchen. Philosophen! streuet Sand weniger in als vor die Augen in den Vogelbauer eurer Kinder. Nur eines ist dabei zu verhüten: daß sie ihr Spielzeug nicht fressen! § 54 Die zweite Spielgattung ist Spielen der Kinder mit Kindern. Sind einmal Menschen für Menschen gemacht, so sinds folglich auch Kinder für Kinder, nur aber viel schöner. In den ersten Jahren sind Kinder einander nur Ergänzungen der Phantasie über ein Spielding; – zwei Phantasien spielen, wie zwei Flammen, neben- und ineinander unverknüpft. Auch nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Aber in den spätern Jahren wird das erste Bändchen der Gesellschaft aus Blumenketten gesponnen; spielende Kinder sind europäische kleine Wilden im gesellschaftlichen Vertrag zu einem Spiel-Zweck. Erst auf dem Spielplatz kommen sie aus dem Vokabeln- und Hörsaal in die rechte Expeditionstube und fangen die menschliche Praxis an. Denn Eltern und Lehrer sind ihnen immer jene fremden Himmelgötter, welche, nach dem Glauben vieler Völker, den neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinderzwergen die körperlichen Titanen; – folglich ist ihnen in dieser Theokratie und Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine Milde, kurz jede Blüte und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und zeitigen als im Freistaate unter seinesgleichen?- Schulet Kinder durch Kinder! – Der Eintritt in den Kinderspielplatz ist für sie einer in ihre große Welt – und ihre geistige Erwerbschule ist im kinderlichen Spiel- und Gesellschaft-Zimmer. Es trägt z. B. oft einem Knaben mehr ein, Prügel selber auszuteilen, als sie zu erhalten vom Hofmeister, desgleichen mehr, sie von seinesgleichen als sie von oben herab aufzufangen. – Wollt ihr einen Leben-Knecht schmieden: so lötet einen Knaben funfzehn Jahre lang an die Arme und Fersen seines Hofmeisters, der zugleich Schauspielerdirektor und zuweilen mitspielendes Mitglied der zweigliedrigen Truppe sein soll. Wie alle Sklaven wird das Kind zwar vielleicht gegen eine Individualität ein gewaffnetes Auge und Herz sich zulegen; aber verloren wird es künftig der Allseitigkeit der Individualitäten gegenüber stehen, nur an ein Klima gewohnt, nur mit einem Winde segelnd. § 55 Der Lehr- und Brotherr der Kleinen handelt immer, als sei das ordentliche Leben des Kindes als Menschen gar noch nicht recht angegangen, sondern warte erst darauf, daß er selber abgegangen sei und so den Schlußstein seinem Gewölbe einsetze. Sogar der Reisehofmeister glaubt, es sei, solange er noch in der Furche gehe und säe, Grün- und Blütezeit nicht an ihrer Stelle. Denn der Mensch, eines äußern Ganzen bedürftig, da ihn ein inneres beseelt, setzt jenes äußere, wie die Abründung des Wolkengewölbes und die Annäherung des Himmels zur Erde, in die Ferne und an den Horizont, obgleich dieser Himmel von jedem Gebirge, das man weiter ersteigt, immer wieder auf ein fernes blaues fliehet; und so kommt der Mensch in das Alter, und auf dem Grabhügel liegt zum letztenmal der Himmel an der Erde. Ein Ganzes des Lebens ist also entweder nirgends, oder überall. Himmel! wo ein Mensch ist, da fängt ja die Ewigkeit an, nicht einmal die Zeit. Folglich ist das Spielen und Treiben der Kinder so ernst- und gehaltvoll an sich und in Beziehung auf ihre Zukunft als unseres auf unsere. Das frühe Spiel wird ja später Ernst, obgleich auch oft die Kinder in dem Spiele wieder eines treiben als Nachhall frühern Ernstes, wie die Neapler unter dem Schauspiel Kartenspiel. Möser diktierte seine Werke bei dem Ombre-Spiel; vielleicht wurden manchem Verfasser die seinigen von seinen frühern Kindes-Spielen heimlich eingegeben. Wie das Schachbrett Krieg- und Regierunterricht auftischen soll: so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntnis-Baum. Der Bischof Alexander hielt Kinder, die Athanasius als ein Kind im Spiele mit der Taufe versehen, für wirklich getauft. Wenn (wie Archenholz erzählt) die Schulknaben im Winchester-Kollegium einmal gegen die Lehrer aufstanden, das Haupttor des Schulgebäudes besetzten und sich so gut mit Munition und Gewehr versahen, daß ihnen der Ober-Sheriff der Grafschaft, ob er gleich 150 Konstabel und 80 Mann Miliz stark gegen sie vorgerückt war, doch eine ehrenhafte Kapitulation bewilligen mußte. so seh' ich in diesem Zorn-Spiel nichts weiter als die Jugend der jetzigen (wenn auch ungerechten) Männlichkeit, welche Flüsse und Häfen und ihre Insel zusperrt und in den Meeren die Länder besiegt; so sehr sinkt der Schaum des kindlichen Spiels zu wahrem Wein zusammen; und ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen. § 56 Wollte man Vorschläge tun, nämlich Wünsche, so könnte man noch diesen äußern, daß man dem Kinde einen Spiel- oder Wirkung-Kreis von so verschiedenen Individualitäten, Ständen und Jahren auftun sollte, als nur findlich wäre, um es im orbis pictus einer verjüngten Spiel-Welt für die vergrößerte auszurüsten. Aber die Milch- und Gesellschaftrechnung dieser drei Spiel-Landsmannschaften zu geben, erfoderte ein Buch im Buch. – Noch wollt' ich Freuden- und Spielmeister als Vor- und Flügelmänner der Schulmeister vorschlagen – ferner Spielzimmer, leer wie die Zimmer, an deren Spalierwänden Raffaels ewige Blüten glühen – ferner Spielgärten. – Und eben les' ich, daß Grabner in seiner Reisebeschreibung von den Niederlanden Nachricht von Spielschulen gibt, wohin der Niederländer seine Kinder früher als in die Lehr-Schulen gehen läßt. Wahrlich, müßte eine von beiden einfallen, so sollte die erste feststehen. Noch einige vermischte Bemerkungen! Die Kinder lieben keine Spiele so stark als die, worin sie zu erwarten oder gar zu befürchten haben; so früh spielt schon der Dichter mit seinem Knoten-Knüpfen und –Lösen im Menschen. – Von Zeit zu Zeit fodern sie, wie hohe und unglückliche Spieler, neue Spielkarten. Diese Veränderlichkeit ist aber nicht die bloße des Luxus, sondern auch die Folge der schnellen Entfalt-Reihen – denn das so eilig reifende Kind sucht in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue – und vielleicht noch die Überfüll-Folge jenes Mangels an Zukunft und Vergangenheit, womit ein Kind desto stärker von der Gegenwart getroffen und erschöpft wird, gleichsam als sei es in einem Monde vor Sonnenstrahlen ohne Morgen- und Abendrot ansässig; und endlich müssen dem Kinde, vor dessen Kleinheit sich nicht bloß der Raum Bekanntlich findet man, erwachsen zu kindlichen Gegenständen wiederkommend, alle kleiner und kürzer, weil die Elle, aber nicht die Sachen länger gewachsen. , auch die Zeit ausdehnt, Spielstunden zu Spieljahren auswachsen und darum ihm, dem engsichtigen Wesen, der Wunsch und Wechsel neuer Spiele nachzusehen sein. Die einstündige Beständigkeit eines Kindes gilt der einmonatlichen seiner Eltern gleich, ja vor. Juden verboten, zwei Freudenfeste zusammen zu feiern, z. B. einen Hochzeittag an einem Festtage oder zwei Hochzeiten auf einmal; sollt' es nicht ebenso Kindern abzuschlagen sein, wenn sie z. B. nach einem Spaziergang am Sommerabende wieder die Erlaubnis begehren, im Garten zu spielen, und dann die dritte, noch vor dem Essen nur eine Viertelstunde die Spielgenossen in den Saal heraufzuholen? Denn hierin sind Kinder vorausdatierte Erwachsene und dürsten kaum in der Arbeit so sehr nach Genuß als hinter einem Genuß – von der Zuckerinsel wollen sie sogleich nach einer zweiten überschiffen und Himmel auf Himmel wölben. Erlaubt man dieses Frequentativum von Genießen auch unschuldiger Freuden: so wird das Kind, teuerste Mutter, Hof- und Residenz-fähig und macht Anspruch auf Wonnemonate von 32 Tagen und auf Freudentage von 25 Stunden, deren jede gut ihre 61 Minuten mißt. So ist dann das kleine Wesen schon in den Honig jetziger Lust-Überfülle eingetaucht, womit die Zeit den Bienenflügeln der Psyche jeden Flug verklebt. Was Gutes (wenn es eines ist) aus einem so erzognen Mädchen werden kann, ist höchstens eine Frau, welche an demselben Tage nach einigen erhaltenen und nach einigen gegebenen Besuchen sich darauf im Schauspielhause noch auf einige Karten und Tänze freuet und spitzt. Wie die Natur die Freuden-Steigerung unseres immer etwas Stärkeres begehrenden Wesens durch die zurückspannende kühle Nacht abbricht (denn wahrlich wie müßte sich ohne diese vom Geistigen zum Geistigern der Trinker hinauftrinken, oder der Dichter sich hinaufdichten): so gebe man diese gesunde Nachtkühle den Kindern auch im geistigen Sinne, um sie künftig nicht dem Schmerze der Welt- und Freuden-Leute auszusetzen, welche, wie Seefahrer in Norden, vom monatelangen unaufhörlichen Tage übersättigt, Gott um ein Stückchen Nacht und Talglicht bitten und danken. Doch immer, wenn auch viele Spiele, doch weniges Spielzeug – und unscheinbares – und jeden Abend in einen Stall eingetriebenes – und für Zwillinge dasselbe Stück doppelt, so wie für Drillinge dreifach, um Prozesse zu verhüten! Dagegen macht ein scharfsinniger Freund die wichtige Einwendung, daß den Kindern dadurch der Genuß des Mitteilens und Annehmens entzogen werde. Er rät daher für jedes ein anderes Spielzeug zur Freude des Tauschens an. Die frühern Spiele sollen der geistigen Entwickelung nachhelfen, da die körperliche ohnehin riesenhaft schreitet; die spätern aber sollen der geistigen, die durch Schule und Jahre vorläuft, die körperliche nachziehen. Das Kind tändle, singe, schaue, höre; aber der Knabe, das Mädchen laufe, steige, werfe, baue, schwitze und friere. Das Schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre nicht zu wenig. Unmittelbar nach dem Ausschlafen bedarf das Kind, bei seiner geistigen und leiblichen Erregbarkeit, fast nichts, euer noch weniger; kurz vor dem Einschlafen ist gleichfalls ein Ausbrennen des Spiel-Feuers, ein wenig Langweile, dienlich. Für reifere Kinder, welche die Arbeit übt und zwingt, ist schon deren Ende (die Freiheit) ein Spiel, und dann die freie Luft. Freie Luft – ein Ausdruck, den nun Europa, wie der Tod, bald gegen den richtigern: freier Äther, vertauschen muß. – Es regle und ordne der Lehrer nur nicht nach den Arbeiten wieder auch die Spiele! – Überhaupt ists besser, gar keine Spielordnung zu kennen und zu machen – nicht einmal die meinige –, als sie ängstlich zu halten und die Zephyretten der Freude durch künstliches Gebläse und durch Luftpumpen den kleinen Blumen zuzuschicken. – Tiere und Wilde haben nie Langweile; Kinder würden auch von keiner angefallen, wenn man nicht so sehr daran dächte, jede abzuwehren. – Das Kind probiere oder versuche sich spielend sein künftiges Leben an; da nun aus diesem der Alp- und Gewitterdruck der Langweile nie wegbleibt: so mag es auch zuweilen einige erleben, um künftig nicht daran zu sterben. Viertes Kapitel Tanzen der Kinder § 57 Ich weiß nicht: soll ich Kinderbälle mehr hassen, oder Kindertänze mehr loben? Jene – vor dem Tanzmeister – in Zuschauer- oder Mittänzer-Gesellschaft – im heißen Klima des Tanzsaals, unter dessen heißen Produkten – sind höchstens die Vorreihen und Hauptpas zum Totentanz. Hingegen Kindertänze sind, was ich jetzo weitläufiger loben will. Wie die erste Sprache lange der Grammatik, so sollte der Tanz lange der Tanzkunst vorgehen und vorarbeiten. Welcher Vater ein altes Klavier oder eine alte Geige oder Flöte hätte, oder eine improvisierende Singstimme: der sollte seine und fremde Kinder zusammenrufen und sie täglich stundenlange nach seinem Orchester hüpfen und wirbeln lassen – paarweise – in Ketten – in Ringen – recht oft einzeln – sie selber mitsingend, als Selbst-Drehorgeln- und wie sie nur wollten. Im Kinde tanzt noch die Freude, im Manne lächelt oder weint sie höchstens. Der reife Mensch darf durch den Tanz nur die Schönheit der Kunst, nicht sich und seine Empfindung ausdrücken; Liebe würde sich dadurch zu roh, Freude zu laut und zu keck vor der ernsten Nemesis gebärden. – Im Kinde leben noch Leib und Seele in den Flitterwochen einträchtig, und der freudigen Seele hüpfet noch der lustige Körper nach, bis später beide von Tisch und Bett sich scheiden und endlich ganz verlassen; der leise Zephyr der Zufriedenheit dreht später die schwere metallne Fahne nicht mehr zu seinem Zeiger um. § 58 Kinder sind Taschenuhren von Forrer, die sich selber aufziehen, wenn man bloß mit ihnen geht. Wie in der alten Astronomie sind elf ihrer Himmel bewegliche , und nur einer unbeweglich (der des Schlafs). Allein nur der runde Tanz ist leicht genug für das Kind; bloß für den Vor-Jüngling ist der gerade Lauf nicht zu schwer; wie den himmlischen Körpern, so gehört den kindlichen die Sphären-Bewegung und die Musik dazu, indes der ältere Körper, wie das Wasser, die gerade nimmt und ein Strand- und Sturmläufer sein soll. Deutlicher! Weiber können bekanntlich nicht laufen, sondern nur tanzen, und eine Poststation, zu welcher statt einer Pappelallee eine ähnliche, zu einer Anglaise angepflanzte Herrn-Baumschnur führte, legte jede leichter tanzend als fahrend zurück. Kinder sind nun verkleinerte Weiber, wenigstens sinds die Knaben, wenn auch die Mädchen oft nur verkleinerte Knaben sind. Tanz ist unter allen Bewegungen die leichteste, weil sie die engste und die vielseitigste ist; daher der Jubel nicht ein Renner, sondern ein Tänzer wird; daher der träge Wilde tanzt und der müde Negersklave, um sich nach und durch Bewegen wieder zum Bewegen anzufachen; daher fiel der Läufer – sonst alles gleich gesetzt – öfter tot nieder als der Tänzer. Daher gehen die Kamele und die Heere und die orientalischen Arbeiter leichter und länger ihre Arbeitsbahn unter Musik, nicht hauptsächlich, weil die Musik froher macht – dies wäre durch andere Genüsse leicht zu erstatten –, sondern weil die Musik sogar die gerade Bewegung zum Kreis-Tanze und zu dessen wiederkehrendem Rhythmus ründet; denn nur in der Kreislinie kommt alles in jeder Terzie wieder, und nur in der geraden Linie nichts. Wie eine Schluß-Kette oder auch eine Geschicht-Kette (System oder Historie) uns durch jede Anspannung zur stärkern zeitigt, indes ein Epigrammen-Zickzack uns jede Minute zu einem neuen Anfang und Sprung antreibt: so ist körperlich derselbe Fall im Lauf und Gang, worin bergab und bergauf keine Anstrengung die folgende motiviert, sondern die große der kleinen oder auch die stärkste der stärksten folget; indes hingegen der Tanz ohne Ziel und Zwang dieselbe Bewegung aus derselben wiedergebiert und nicht das Fortsetzen schwer macht, sondern höchstens das Aufhören. Jeder Lauf will schließen, aber kein Tanz. Welche bessere Bewegung gäb' es dann für Kinder als diese umkehrende, zumal da sie noch erregbarer und erschöpfbarer eben sind als Weiber? – Die Gymnastik des Laufens, Stelzengehens, Kletterns stählet und härtet einzelne Kräfte und Muskeln; indes hingegen der Tanz, als eine körperliche Poesie, alle Muskeln schonet, übt und ausgleicht. § 59 Ferner teilt dabei die Tonkunst Leibe und Geiste die metrische Ordnung zu, die das Höchste weiter entfaltet und Pulsschläge, Tritte und Gedanken anordnet. Die Musik ist das Metrum dieser poetischen Bewegung und ein unsichtbarer Tanz, wie dieser eine stumme Musik. Endlich gehört es noch zu den Vorteilen dieser Augen- und Fersenlust, daß die Kinder mit Kindern durch keinen härtern Kanon als den musikalischen leicht wie Töne verbunden werden zu einem Rosenknospenfeste ohne Zankdornen. – Kurz der Tanz kann nicht früh genug kommen; »aber der Tanzmeister leichter zu früh als zu spät.« Letztes steht in der ersten Ausgabe. Richtiger hätt' ich vielleicht statt Tanzmeister Singmeister geschrieben, weil Kunstverständige frühes Üben der Stimme für ein Verstimmen derselben erklären. Die erste Ausgabe hat nur insofern recht, wenn sie die in vornehmer Gefallsucht erzognen Kinder dem Tanzmeister, der die körperliche vollends in System und Regel bringt, so weit als möglich entrückt. Dagegen hat wieder die zweite Auflage recht, wenn sie dazusetzt, daß besser erzogne, welche noch im 8ten, 9ten Jahre statt der Eitelkeit nur das Gesetz des Guten und Schönen kennen, dem aus Kleinlichkeiten zusammengesetzten Marschreglement und Kommando-Geiglein des Tanzmeisters mit weniger Gefahr ihres höhern Ich gerade in den frühern Jahren zugeführt werden, wo sie Tanzen ebenso ohne Gefallsucht lernen als Gehen und Lesen. Noch kann die Tanzstunde solchen Marterkindern, welchen man, wie den Ziegen, wider das Springen die Sehnen abschnitt, zur Frei- und Spielstunde werden. Fünftes Kapitel Musik § 60 Musik, die einzige schöne Kunst, wo die Menschen und alle Tierklassen – Spinnen, Mäuse, Elefanten, Fische, Amphibien, Vögel – Gütergemeinschaft haben, muß in das Kind, das Mensch und Tier vereint, unaufhaltsam eingreifen. Daher könnte man dem Leben-Neuling mit der Trompete das Herz, mit Schrei- und Mißtönen das Ohr zerreißen. Darum ist es wahrscheinlich, daß die erste Musik, vielleicht als unsterbliches Echo im Kinde, den geheimen Generalbaß, in den Gehirnkammern eines künftigen Tonkünstlers das melodische Thema bilde, welches die spätern Sätze nur harmonisch umspielen. Musik sollte man lieber als die Poesie die fröhliche Kunst heißen. Sie teilt Kindern nichts als Himmel aus, denn sie haben noch keinen verloren und setzen noch keine Erinnerungen als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählt schmelzende Tongänge und weiche Tonarten: ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Wilde, kräftige Völker und lustige, wie Griechen, Russen, Neapler, haben ihre Volklieder in lauter Molltönen gesetzt. Einige Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber nur jenes vor Überlust, da noch nicht unsere Erinnerung den tönenden Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. § 61 Doch dient der Erziehmusik unter allen den Instrumenten, die in Haydns Kinderkonzert lärmen, das am besten, welches dem Spieler selber angeboren wird, die Stimme. In der Kindheit der Völker war das Reden Singen; dies werde für die Kindheit der Einzelwesen wiederholt. Im Gesange fällt Mensch und Ton und Herz in eins zusammen, gleichsam in eine Brust – indes Instrumente ihm ihre Stimmen nur zu leihen scheinen –; mit welchen Armen kann er nun die kleinen Wesen näher und milder an sich ziehen als mit seinen geistigen, mit den Tönen des eignen Herzens, mit derselben Stimme, die immer zu ihnen spricht, auf einmal aber sich in der musikalischen Himmelfahrt verklärt? – Dabei haben sie den Vorteil und das Bewußtsein, daß sie selber auf der Stelle nachmachen können. Singen erstattet das Schreien, das die Ärzte als Lungen-Palästra und erste Rede-Waffenübung so loben. Gibt es etwas Schöneres als ein frohsingendes Kind? – Und wie pflegt es unermüdet zu wiederholen, was sonst gerade diesem Seelchen in allen andern Spielen so widersteht! Wie das spätere Alter, der Alpenhirt, der angekettete Arbeiter die Leere und den Sitzzwang versingen: so versingt das Kind die Kindheit und singt fort und hört nur sich. Denn Tonkunst, als die angeborne Dichtkunst der Empfindungen, will eben, wie jede Empfindung, nichts sagen als dieselbe Sache unersättlich im Wiederholen, unerschöpft durch Laute. Der Vater, ähnlich den Friesländern – dem Sprichworte zufolge: Frisia non cantat –, singt nicht oder selten; ich wollte, er tät' es für seine Kinder; und die Mutter für ihn und sie. § 62 Wie man sich durch inneres Singen-Hören einschläfert: so könnte man wenigstens in den Fällen, wo schnelles (sonst immer bedenkliches) Aufwecken nötig ist, es nach dem Beispiele von Montaignes Vater musikalisch tun. Eine Flötenuhr wäre ein guter Wecker. – Und wie wäre nicht sonst noch die Tonkunst als Seelenheilmittel gegen die Kinderkrankheiten des Verdrusses, Starrsinns, Zürnens anzuwenden! Sechstes Kapitel Gebieten, Verbieten § 63 Diesen Paragraphen könnte Rousseau nicht schreiben; denn er war anderer Meinung. Ich bin aber der Basedowschen und glaube nicht, wie jener, daß der elterliche Wille je den Schein eines bloßen Geschicks annehmen könne und dürfe. Belohnen und bestrafen bloß durch physische Folgen und Anstalten und so überhaupt die ganze Erziehung Rousseaus würde einen erwachsenen Menschen für einen wachsenden Menschen verbrauchen; aber zu bloßem Erziehen wieder zum Erziehen ist das Leben nicht geschaffen. Auch erkennt Rousseau selber nur Annäherung für möglich; allein dann ist man überall vom Ziele gleichweit entfernt, da es hier nicht auf Vernichtung eines Grades, sondern einer Art ankommt. Zum Glück ist dem kindlichen Geiste selber diese Lauf- oder Irrbahn verbauet. Wie käme denn das Kind zum Nachgefühle der Notwendigkeit ohne das Vorgefühl der Freiheit, die es aber in andern oder seinesgleichen so stark sehen muß als in sich? Vielmehr muß das Kind – von sich ausgehend – alles für drei ansehen, sogar die tote Materie, und sich über jeden Widerstand, als sei er ein geistiger, erbittern. Je tiefer hinab die Seelenkette hängt, desto breiter läuft das Frei-Meer auseinander. Der Hund beißt in den Stein – das Kind schlägt beide – der Wilde sieht im Gewitter einen Krieg, von Geistern entzündet und gelenkt. – Erst vor dem hellern Auge steht jene eiserne lichtlose Masse mitten im Universum als schwarze Sonne, die wir Notwendigkeit nennen. Sogar diese holt der freie Geist, der mit Freiheit anfängt und aufhört, erst aus dem Verstande in die Vernunft, aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit ab. Das Kind vollends, das alles zum Ich macht, folglich eueres am ersten, findet in jeder Begebenheit eine Handlung und im Hindernis einen Feind. Erfahren wir Alten denn nicht durch ein ganzes Leben die eiserne Allmacht der Natur, ohne gleichwohl, wenn sie dasselbe unwiderruflich beschließt, z. B. den Tod, oder verbittert, z. B. das Alter, uns sanft und ohne Klage in sie zu ergeben? – Und wovon holen denn die physischen Folgen ihren Erziehruhm als von der Unabänderlichkeit der Natur? Nun so erscheine denn der freie Wille dem Kinde ebenso folgerecht und unaufhaltsam! Dann erschauet es eine höhere Notwendigkeit als die stockblinde. – Ferner: gibt es denn eine, die mehr zum Erdulden übte als die geistige der fremden Willkür? Und wenn es für das Tier, diesen Abcschützen und Lehrsklaven des Menschen, nur unmittelbare Folgen und Belehrungen gibt: soll darauf der Mensch keine mittelbaren, keine menschlichen kennen dürfen? – Und zuletzt, wie soll im Kinde der Glaube an Menschen – dieses herrliche Bundeszeichen menschlicher und höherer Einheit Über den Kinderglauben siehe das letzte Kapitel dieses Bruchstücks . – zum Leben kommen ohne Gegenstand, ohne elterliche Worte, denen es zu vertrauen hat? § 64 Es kommen folglich bloß die Weisen des Ge- und Verbietens in Betracht. – Man verzeihe hier die wilde Anordnung der bloßen Erfahrunglehre. Habt keine Freude am Ge- und Verbieten, sondern am kindlichen Freihandeln. Zu häufiges Befehlen ist mehr auf die elterlichen Vorteile als auf die kindlichen bedacht. An euer Wort sei zwar das Kind unzerreißlich gebunden, aber nicht ihr selber; ihr braucht keine edicta perpetua zu geben, sondern eure gesetzgebende Macht kann jeden Tag neue Dekretal- und Hirtenbriefe erlassen. Verbietet seltener durch Tat als durch Worte; reißet dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber auf Worte es weglegen; im ersten Falle folgt es dem Drucke fremder Kraft, im zweiten dem Zuge eigner. Eure Gesetztafel sei unzerbrochen und mit erhabner Schrift. Verbietet lieber das Ganze, wenn euch die Teile schwer auszuheben werden, z. B. das Anrühren des ganzen Tisches, ob ihr gleich nur einzelne Gefäße darauf beschirmen wollt. Das Kind erlerne und erfahre an sich selber das Recht, das es von andern einfodert. Folglich werde ihm die Achtung des Eigentums entschieden und ohne Schonung angemutet. Was gehört denn dem Kinde? Vater und Mutter, mehr nicht; alles andere gehört dem Vater. Da aber jeder Mensch eine Erde für sich, ja ein Universum für sich begehrt, als Erblehen: so miß dem Kleinen das Kleine zu und sage: »Mehr nicht!« Das Kindsohr unterscheidet sehr den starken Ton vom zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem Vater nachzumachen denkt. Seine Verbote werden aus drei Gründen besser erfüllt als ihre; der erste, seine stärkere und doch weit vom Zorne entlegene Stimme, ist schon angesagt. Der zweite ist, daß der Mann meistens, wie der Krieger, immer nur ein und folglich dasselbe Schlag- und Wurzelwort und Kaiser-Nein sagt, indes Weiber schwerlich ohne Semikolon und Kolon und nötigste Frag- und Ausrufzeichen zum Kinde sagen: laß! Gibt es in der Geschichte ein Beispiel, daß eine Frau je einen Jagdhund abgerichtet? – Oder drückte eine Flügelmännin, wenn sie ihrem marschierenden Heere befahl: Halt! , sich anders aus als so: »Ihr Leute insgesamt, sobald ich ausgeredet habe, so befehl' ich euch allen, daß ihr auf der Stelle stille stehen bleibt; halt, sag' ich euch!«? Der dritte Grund ist, daß der Mann das Neinwort seltener zurücknimmt. Die feinste Politik, sagt man, sei pas trop gouverner; es gilt auch für die Erziehung. Aber um nur immer zu reden und lieber klingendes Silber als stummes Gold zu sein, predigen einige Erzieher so oft gegen Fehler, die mit der Kindheit sterben, und für Tugenden, die mit den Jahren kommen, als gegen Fehler und für Tugenden, die mit dem Alter wachsen. Wozu z. B. die voreilige Eile mit Gehen-Lehren, Stricken-Lehren, Lesen-Lehren, als ob diese Künste nicht endlich von selber anlangten? Aber etwas ganz anders ist z. B. reine Aussprache, rechtes Schreiben und Körper- und Feder-Halten dabei, Ordnung-Sinn etc., lauter an den Jahren wachsende Fertigkeiten. Da leider ohnehin Ziehen und Lehren so viele Worte fodert: so spare man doch die gegen verwelkliche Fehler lieber für fortblühende auf. Karge Sprache bereichert und spannt wie mit Rätseln das auslegende Kind. Tun dasselbe doch Erwachsene gegeneinander; z. B. ein großer Mann meiner Bekanntschaft sagt zumal anfangs im Fremden-Zirkel wenig mehr als etwan hem hum, doch sehr leise; aber so wie (nach der indischen Mythe) die schweigende Gottheit ihre Ewigkeit unterbrach und die Schöpfung anfing, bloß daß sie ähnlicherweise sagte: oum Görres' Mythengeschichte. , so gibt der gedachte Mann bloß durch sein hum jedem viel zu denken. Ja, ich kenne noch eine größere und nützlichere Einsilbigkeit als selber die sinesische, nämlich die Kein-Silbigkeit oder das Schweigen. Junge Ärzte, welche über gewöhnliche ärztliche Wissenschaften nicht die Naturphilosophie vergessen wollten, sondern umgekehrt über diese jene, bedienen sich desselben in Prüfungen vor dem collegium medicum sehr oft auf ganz gemeine Fragen –, wie Sokrates schwieg, wenn er zürnte, so wollen sie ebenso ihre Entrüstung über Fragen nach elenden Kenntnissen, die vor ihnen und gegen die sie immer fremd geblieben, durch Schweigen ausdrücken. Doch zurück von der Abschweifung, die wohl sich weniger unter die Verbesserungen als unter die Vermehrungen der zweiten Auflage stellen darf. Manche von uns Lehrern geben ferner sittlichen Ver- und Geboten Gründe auf den Weg zum Herzen mit, welche eben Ungründlichkeit sind, da den allerstärksten Beweis schon das Gewissen des Kindes selber führt; aber den medizinischen, gymnastischen und ähnlichen Befehlen ist, da sie im Kinde an der Stelle eines Fürsprechers bloß Begierde und Unwissenheit finden, ein Gefolge von Gründen nützlich. – Ferner: wir Erwachsene haben und bekennen alle (aber ohne sonderlichen Nutzen fahren wir sogar uns selber an) den Fehler, daß wir jeden Kindes-Unterschied von uns für einen Mangel, unser Tadeln für Lehren, kindliche Fehler für größer als eigne halten und daher bei solcher Gewißheit unser Erziehleitseil und Gängelband ohne Bedenken zum seidnen Erdroßlung-Stricke drehen und gern das Kind zu einer netten korkenen Schweiz unserer Alpen (wie Pfyffer die höhern) ausschneiden; daher wir denn auch, da dergleichen schwer geht, in einem fort reden, wie die Muschel-Seetrompete unaufhörlich tönt, und wir mit unserer Schulkreide immer von dem Schnabel des festgehaltenen niedergedrückten Huhns den breiten Strich hinzeichnen und verlängern, damit das Huhn immer nach demselben Gedankenstriche und Treppenstricke hinstarre, ohne aufzukönnen. Sogar ein Erwachsener, welchem ein anderer tagelange mit tragbaren Kanzeln und Beichtstühlen nachsetzte und dem er daraus Predigten und Verdammungen nachspritzte, würde zu keiner echten Tätigkeit und sittlichen Freiheit gelangen, geschweige aber ein schwaches Kind, das mit jedem Leben-Schritte sich in ein: »Halt – Lauf – Laß – Mach!« verstricken muß. Es ist derselbe Fehler wie das Ausfüllen und Ausstopfen eines Tages mit lauter Lehrstunden, unter welchem Wolkenbruche von Lehren besonders die Fürstenkinder stehen, gleichsam um durch die Lehr-Flut die künftige Lern-Ebbe gut zu machen. Was heißt aber dies anders als in einem fort einen Acker mit Samen auf Samen voll säen? Daraus kann wohl ein toter Kornspeicher, aber kein lebendiges Erntefeld werden. Oder – in einer andern Gleichung – euere Uhr steht so lange, als ihr sie aufzieht; und ihr zieht Kinder ewig auf und laßt sie nicht gehen. Dieselbe Ursache, warum die Kinder mehr das Feuer fürchten, weil es jedesmal verbrennt, und weniger das Messer, weil es nicht immer verwundet, gilt für das verschiedne Fürchten vor Vater und vor Mutter: jener ist das Feuer, diese das Messer. Der Unterschied liegt nicht in der Strenge – denn eine aufgebrachte Mutter ist die Strenge selber –, sondern in der Unabänderlichkeit. – Je jünger das Kind, desto mehr ist Einsilbigkeit notwendig; ja sie ist nicht einmal nötig: schüttle den Kopf, und damit gut. Höchstens sagt: Pst! – Später sagt mit sanfter Stimme Gründe, bloß um durch die schönen Zeichen der Liebe den Gehorsam sanfter herbeiführen. Denn heftiges Abschlagen wiederholt sich im Kinde als heftiges Abfodern. Verbietet mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter der Verstärkung freistehe, – und nur einmal . Das letzte kostet Arbeit. Schon im Kinde herrscht jenes Verzugsystem des Menschen, der zu jedem schnellen Entschluß drei Marschbefehle und drei Vorladungen samt einigen Respekt-Stunden Zeit haben will. Kommt daher nicht vor Wut stärker außer euch, als sich schickt, wenn ein Kind z. B. ein verbotenes Lärmschlagen mit einem so fein berechneten Allegro ma non troppo und mancando schließt, daß ihr selber zuletzt das Widerstreben vom Gehorchen nicht recht mehr sondern könnt. Hier bleibt keine Wahl als: entweder Strafe für den unendlich kleinsten Ungehorsam, oder nach dem ersten Gehorsam Nichtachten auf den Rest; jene aber scheint mir besser. Es gibt aber ein schöneres Zögern – das elterliche. Das erste und schnellste Wort, das ein Vater einem erbittenden Kinde oder Weibe oder Diener antwortet, ist: Nein ; darauf sucht er zu bejahen und sagt am Ende Ja , anstatt am Anfange. Die Mutter machts noch ärger. Aber könnt ihr denn euch für das Kind – oder wers sonst ist – keine Rüst-Frist, keine Vorzeit vor dem Ausspruche bloß dadurch erringen, daß ihr auf jedes Begehren nur antwortet. »Komme wieder, oder hernach, oder in drei sächsischen Minutenfristen«? Weiber, bloß dieses Verzuggesetz böte euch ein Mittel an, mit euch und mit andern seltner in Widerspruch zu kommen. Ein zweites elterliches Verschieben – das der Strafe – gilt für Kinder der zweiten Fünfjährigkeit (Quinquennium). Eltern und Lehrer würden öfter nach dem Lineal der feinsten Gesetzmäßigkeit abstrafen – ohne jedes hölzerne –, wenn sie nur nach jedem Kindsverbrechen vierundzwanzig zählen wollten, oder ihre Knöpfe, oder ihre Finger. Sie ließen dadurch die betäubende Gegenwart um sich – so wie die um das Kind – verlaufen, das kalte stille Reich der Klarheit bliebe zurück, und sowohl das Kind als der Vater würden – (gesetzt z. B. Zorn wäre sonst sowohl der Gegenstand als der Vermittler der Strafe gewesen, oder die Züchtigung zugleich die Wiederholung des Fehlers) – am zurückgespiegelten Wechselschmerz den fremden achten lernen. Beccaria heftet die Strafe oder den Knutenmeister dicht an die Ferse des Verbrechers mit Recht, weil sonst Mitleid und Vergessenheit nur wider, nicht für den Todesrichter wirken; – aber die vorausgesetzte weite Willkür der elterlichen Rüge hat vor Zuschauern wie vor dem Kinde und in den Machthabern selber den mildernden Anstrich der Zeit vonnöten. Nur bei deinen jüngsten Kindern kette die Strafe sich in den Fehler ein, gleichsam als physische Wirkung in die Ursache. § 65 Man sollte den Eltern, nach den unabänderlichen Ge- und Verboten, auch noch einige Wünsche sagen, deren Erfüllung nur auf der Liebe und Willkür der Kinder beruhten, um diese in Freiheit und Liebe und Verdienst vorzuüben. Ich will es tun. Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit seinem Motiv , keinen andern Wert haben, als daß den Eltern vieles dadurch leichter wird. Oder gält' es euch für Seelenwuchs, wenn euer Kind nun überall so vor allen Menschen wie vor euch seinen Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geruderte Gliedermensch, aufs Rad des Glücks geflochten, wäre das Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern dessen Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagkraft, die dankende Verehrung des Besten (nämlich des Eltern-Paars)! – Und dann habt ihr recht. Aber um so mehr gebietet nirgends, wo euch das höhere Motiv nicht selber aufruft und gebeut. Das Verbieten wird das Kind, das alles nur für unabhängiges Eigentum der Eltern ansieht, weniger irren und empören als das Gebieten, da der junge Geist doch weiß, daß er wenigstens ein Eigentum habe, sich selber und das Recht. Die Mütter rufen zum Ge- und Verbot, das sie geben, gern die Zerstreumethode zur Hülfe, welche dem Kinde auf lustigen Umwegen das Befehl-Ziel verbirgt. Aber durch dieses schmeichelnde Vermummen lernt das Kind keine Zucht und keine Regel kennen, sondern alles Rechte und Feste verwandelt sich vor seinem kurzsichtigen Auge in ein frohes Zufall-Spiel, das an nichts gewöhnt und härtet. Ferner: die Kinder, immer nur die Kostgänger der elterlichen Gaben, sind so gerne einmal die Wirte ihrer Wirte und tun freudiger die Werke der Liebe als der Not, so wie die Eltern lieber beschenken als bezahlen. Mit dem sanftesten Stimm-Tone werde denn also (aber ohne Gründe) die Gefälligkeit begehrt und mit der Freudigkeit über ihre Erfüllung belohnt; doch aber ihr Versagen nicht bestraft. Nur den Sklaven peitscht man zum Überverdienst; aber selber das Kamel trabt nicht vor der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte schneller. – Kinder, hat man bemerkt, hegen eine besondere Neigung für den Stand ihrer Großeltern; aber warum dieses, als weil eben diese wenig aufdringen und anbefehlen, und folglich von ihnen die Enkel desto lieber annehmen. – Endlich: könnt ihr eine Strafe schöner mildernd auslöschen, als wenn ihr nach derselben das Kind mit eurem Wunsch einer Gefälligkeit für irgend jemand beglückt? – Das weitere im Kapitel von der Bildung zur Liebe. Siebentes Kapitel Strafen § 66 Kaum will mir dieses unkindliche Wort aus der Feder; Schmerzen oder Nachwehen möcht' ich lieber schreiben. Strafe falle nur auf das schuldige Bewußtsein – und Kinder haben anfangs, wie Tiere, nur ein unschuldiges. Sie sollten, gleich Fixsternen auf den Gebirgen, nie zittern; und die Erde müßte, wie auf einem Stern, ihnen nur leuchtend erscheinen, nie erdfarbig-schwarz. Oder, wenn man sie doch zum Aufopfern und Wegleihen ihrer unwiederbringlichen Maizeit nötigt, damit sie diese in irgendeinem spätern Donner- oder Wolfmonat des Lebens recht ausgenießen und auskennen: rät man etwas anders, als der Indier tut, welcher sein Gold begräbt, um es zu genießen in der andern Welt, wenn er selber begraben ist? Große Belohnungen, sagt Montesquieu, bezeichnen ein verfallendes Staatgebäude; dasselbe gilt von großen Bestrafungen im Erziehhause, ja von Staaten selber. Nicht große , aber unausbleibliche Strafen sind mächtig und allmächtig. Daher sind sowohl die meisten Polizeistrafen Wucher – welche da um Taler strafen, wo Groschen hinreichten – als die meisten peinlichen Grausamkeiten, weil niemand das Rad fürchtet, der dem Galgen trotzt. Aber im Menschen liegt eine furchtbare Grausamkeit; so wie das Mitleiden bis zum Schmerze, so kann das strafende Leiden-Machen bis zur Süßigkeit anwachsen. Es ist sonderbar, aber durch Schulmeister, Kriegleute, Landleute, Jäger, Sklavenaufseher und Mörder und durch die Pariser Revolution zu beweisen, daß sich die zornige Grausamkeit leicht zu einer sich selber genießenden entzünde, für welche der Schrei, die Träne und die quellende Wunde ordentlich eine erfrischende Quelle dem Blutdurst wird. Unter dem Volke erzeugen die Schläge des Schicksals auf die Eltern gewöhnlich, wie am Gewitterhimmel, Gegenschläge auf die Kinder. – Die gemeine Mutter schlägt die ihrigen stärker, weil sie eine fremde es tun sehen – oder weil sie zu sehr jammern – oder weil sie zu sehr verstummen. – Sollte wohl mehr unsere Unterjochung unter das juristische Rom – das Kinder, so wie Weiber, Sklaven und das Außen-Rom, nur für Sachen, nicht für Menschen ansah – oder mehr unsere Achtung für das häusliche Heiligtum die Gleichgültigkeit erklären, womit der Staat dem langsamen Kindermorde, den peinlichen Gerichten der Eltern und Lehrer, den Peinigungen der wehrlosen Unschuld zusieht? – § 67 Wenn die alten Goten, die Grönländer, Quäker, die meisten Wilden stille und starke Kinder-Seelen, wie Waldbäume, ohne den Stock erziehen, an welchem sich unsere, wie zahme Schlangen, aufringeln sollen: so sieht man, wie schlecht wir die Rute anwenden, wenn wir sie nachher zum Stock verdichten müssen. Jene sollte diesen entbehrlich gemacht haben. Sogar die Rute sollte nur einige Male als Paradigma und Thema der Zukunft gebraucht werden, wonach die bloße Drohung predigt und zurückweiset. – Gleichwohl ist der Einwurf der Wilden und Goten, daß Schläge den Mut im Knaben zerstören, teils zu viel beweisend – weil er gegen den Gebrauch eines jeden verhütenden Lehr-Schmerzes, z. B. des Fingerbrennens, gölte –, teils durch den gemeinen deutschen Soldaten zurückgeschlagen, welcher im Kriege vielleicht so viele Schläge austeilt, als er im Frieden bekam, wie teils sogar durch dessen Obern, bei denen zuweilen der umgekehrte Fall eintritt. Ein Kind aber, das schlägt, werde geschlagen, und am besten vom Gegenstande selber, wenn er erwachsen ist, z. B. also vom Bedienten. Ist ein Kind das geschlagene, z. B. ein Mädchen, so mag der Vater dessen curator sexus (Geschlecht-Vormund) sein; ists hingegen ein Knabe, den ein Knabe schlug: so verdiente er den künftigen Mannhut nicht, wenn er lieber seine Stimme als seine Hand entgegensetzte und zum väterlichen Aktenstocke flöhe. Nie habe der Wettstreit zwischen elterlicher und zwischen kindlicher Hartnäckigkeit statt, jener im strafenden Ertrotzen, dieser im leidenden Trotzen. Nach einer gewissen ausgeübten Strenge lasset dem wunden Kinde den Sieg des Nein; ihr seid gewiß, es flieht einen so aufreibenden das nächstemal. Furchtsam wag' ich den Vorschlag der Suggestiv- oder Voraussetzfragen – den Richtern sind diese bekanntlich verboten, weil sie damit schon in die fremde Antwort legen würden, was sie erst aus ihr zu holen hätten, und weil sie durch dieses Einschwärzen der verbotenen Ware leicht zum Anschwärzen des bestürzt gemachten Angeklagten gelangten. – Gleichwohl möchte ich solche Fragen zuweilen dem Erzieher erlauben. Sobald er mit Wahrscheinlichkeit weiß, daß das Kind wider sein Gebot z. B. auf dem Eisteich gewesen, so kann er durch die erste Frage, die nur straflose Nebenumstände betrifft: wie lange er auf dem Teiche und wer mit ihm herumgefahren, ihm sogleich den Wunsch und den Versuch abschneiden, den Frager mit dem Katzensilber der Lüge zu bezahlen; ein Wunsch und Versuch, welchem sonst die nackte Frage, ob er zu Hause geblieben, viel Raum und Reiz gegeben hätte. Unmöglich kann Verdorbenheit und Besonnenheit in einem Kinde so groß sein, daß es in dieser verwirrenden Überstürmung die anscheinende Allwissenheit des elterlichen Fragens durch ein keckes Lügen-Nein der Tatsache selber für eine Lüge erklärte. Kinder haben wie Wilde einen Hang zur Lüge, die sich mehr auf Vergangenheit bezieht, und hinter welcher, wie Rousseaus Bandlüge beweiset, sich doch die Wahrhaftigkeit des reifern Alters entwickelt. Seltener und gefährlicher als Ablügen ist bei ihnen Vorlügen , nämlich der Zukunft, bei welchem das Kind, sonst das Natur-Echo der Gegenwart, sich selber vernichtend mit Bewußtsein den Vorsatz eines langen entgegengesetzten Schlechthandelns ausspricht; die Vergangenheit-Lüge stiehlt wahres Geld, die Zukunft-Lüge münzt falsches. Wenigstens erschwert die behutsam-sittlich gebrauchte Zuführfrage das so gefährliche Glück der Titular-Wahrheit, der Lüge; denn eine gelungene Lüge wird die Mutter der Lügen; und aus jedem Wind-Ei brütet der Teufel seine Basilisken aus. Ein Wort über das Nachzürnen! Kaum ist eine bedeutende Strafe des Kindes so wichtig als die nächste Viertelstunde nach ihr und der Übergang ins Vergeben. Nach der Gewitterstunde findet jedes Saatwort den aufgeweichten warmen Boden; Furcht und Haß der Strafe, die anfangs gegen die Rede verhärteten und sträubten, sind nun vorüber, und die linde Lehre dringt ein und heilt zu; wie Bienenstich der Honig lindert und Wunden das Öl. In dieser Stunde kann man viel reden, wenn die mildeste Stimme dazu geliehen wird, und durch das Zeigen eigner Schmerzen die fremden mildern. Giftig aber ist jeder Nachwinter des Nachzürnens; höchstens ein Nachleiden, nicht ein Nachquälen ist erlaubt. Die Mütter, alles auf den Fuß der Liebe und also ihre Kinder wie ihre Gatten behandelnd, geraten leicht in dieses Nachstrafen hinein, »schon weil dieses ihrer sich gern ins Kleine zerteilenden Tätigkeit mehr zusagt und sie gern nicht, wie der Mann, mit Stacheln den Stamm besetzen, sondern mit Stechspzitzen die Blätter . Ich habe, teuerste Leserinnen, die sanftesten mildesten Blondinen an öffentlichen Orten gefunden, welche denn doch in der Kinderstube (in der Bedientenstube ohnehin) schönen weißen Rosen glichen, die ebenso stark stechen als die voll- und rotblütigsten Rosen. Leider kommt es mit davon her, daß Weiber, wie so viele Schriftsteller (z. B. ich), nicht aufzuhören und nicht zu sagen wissen: halt! Ein Wort, das ich bisher noch in jedem weiblichen Wörterbuch und in weiblichem Gassen-Gezänke umsonst gesucht. Dieses Nachzürnen nun, dieser strafen-sollende Schein, weniger zu lieben, geht dem nur in die Gegenwart getauchten Kinde (das dem Tiere gleicht, welches nach größter Angst und Wut sogleich ruhig wieder genießt) entweder unverstanden und unwirksam vorüber; oder es verträgt sich aus demselben Gegenwart-Sinne mit der Verarmung an Liebezeichen und lernt Lieben entbehren; oder es wird durch die beständige Fortstrafe einer schon begrabenen Sünde erbittert; – dabei geht durch dieses Nachgrollen der schöne, so ergreifende Übersprung ins Verzeihen verloren, das alsdann mit langsamer Allmählichkeit nur entkräftet wirkt. Doch später möchte diese den Weibern so liebe Straf-Nachsteuer gelten und frommen, wenn etwan das Mädchen 13 Jahre alt wäre, und der Knabe 14; dieses spätere reifere Alter rechnet schon viel Vergangenheit in seine Gegenwart herüber, so daß der lange Trauer-Ernst eines Vaters oder einer Mutter einen Jüngling und eine Jungfrau, zumal in deren liebe-durstigen Herzens-Zeit, fassen und regen muß; so wird auch hier Kälte die Frucht reifen und süßen, indes sie früher die Blüte nur knickt. Gibt es etwas Schöneres als eine Mutter, die nach dem Strafen weich-ernst und trübliebend mit dem Kinde spricht? – Und doch gibt es etwas Schöneres: einen Vater, der dasselbe tut. Was schon als Klugheit-, ja Gerechtigkeit-Regel gegen Erwachsene zu befolgen ist, dies gilt noch mehr als eine gegen Kinder, die nämlich, daß man niemals richtend ausspreche, z. B.: du bist ein Lügner, oder (gar) ein böser Mensch, anstatt zu sagen: du hast gelogen, oder böse gehandelt. Denn da die Allmacht, sich zu befehlen, zugleich die Allmacht, sich zu gehorchen, einschließt: so fühlt der Mensch sich eine Minute nach dem Fehler so frei wie Sokrates, und das glühende Stempeln nicht seiner Tat, sondern seiner Natur muß ihm eine strafwürdige Strafe dünken. Dazu kommt noch dies, daß jedem seine Unsittlichkeiten eben durch das unvertilgbare Gefühl sittlicher Richtung und Hoffnung nur als kurze abgezwungene Zwischenreiche des Teufels, als Schwanzsterne im regelrechten Himmels-System erscheinen. Das Kind fühlt also unter der sittlichen Vernichtung mehr fremdes Unrecht als eignes – und dies um so mehr, da ihm der Mangel an Reflexion und die Glut der Gefühle überhaupt fremde Ungerechtigkeit verzerrter vormalen als jede eigne. Wenn schon der Staat nur Handlungen, nicht Menschen ehrlos erklären soll – außer da, wo er mit der Ehre zugleich das Leben abspricht –, weil Ehrlosigkeit Vertilgung der Menschheit ist, jedes aber noch so sehr zerrüttete Herz den Lebenkeim zur Herstellung des Menschen unverwüstlich aufbewahrt: so ist es noch sündlicher, im unbesonnenen Kinde diesen Lebenkern, der jetzo erst unreife und wachsende Glieder treibt, mit dem grimmigen Froste der Schandstrafen anzutasten. Ihr mögt zum Lohne ihm Wappenbriefe, Ordenketten und -sterne und Doktorhüte geben – oder zur Strafe alles dieses nehmen; – aber nur nicht größer, nämlich nicht positiv werde die Ehrenstrafe, wie doch die Schandkappen, hölzerne Esel etc. mancher Schulen sind. Schande ist der kalte Orkus des innern Menschen, eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin der Verdammte nichts mehr werden kann als höchstens ein Teufel mehr. Daher ist sogar Gedikens Rat, ein strafbares Kind zu einem Aufsatze über seinen Fehler zu zwingen, verwerflich (ausgenommen etwa spät nachher); denn was kann dieses Durchwühlen des innern Sumpfes hervorbringen als entweder schmutziges Einsinken und Einbauen des gesunkenen Kindes, oder giftiges Betäuben des bessern durch Sumpfluft! Und härtet und richtet dadurch das zarte Wesen sich nicht ab zum Widerspruche zwischen Wort und Gefühl? Etwas Ähnliches ist auch die Strafe des Handkusses für eine empfangene Züchtigung. Allein Staat und Erziehung arbeiten und arten einander ebenso wechselseitig nach; ich nenne als Beispiel nur den verwerflichen Widerruf einer Injurie. Denn da keine bürgerliche Macht dem Injurianten seine Meinung nehmen kann: so ist das Gebot ihres Widerrufs nur das Gebot einer Lüge, und jede andere Strafe wäre gerechter und annehmbarer als diese diktierte Selbstentheiligung, wodurch der Mensch sich – gegen sonstige Rechtsregeln – zum Hauszeugen eigener Schande aufstellen soll. Nur der Richter, nicht aber eine Partei kann rechtlich (nicht sittlich) der andern Ehre geben; denn sonst könnte jene auch nehmen, was sie wieder gäbe. Aber damit wird oder werde oben nichts gegen (vielmehr für) die altdeutsche Druckweise gesagt, welche ohne richterliche Vermittlung bloß beiden Parteien (da ein Ehrenräuber zugleich ein Ehren-Irus vor Ausgang der Sache war) die Entscheidung der Ehrenrettung ihren Wechselkräften überließ. Noch sonderbarer ists, daß in den geschärftem Graden des Widerrufs der Beklagte an eigner Ehre verliert, was er von fremder an den Kläger zurückstellt; gleichsam ein Münzmeister, der zu zahlen aufhört. – Aber zurück zum gemißhandelten Kinde! Wird also noch seine Wunde – die ein ruhmerbeutender Krieger kaum fühlt – heiß und tief gemacht durch Ehrlosigkeit: so hängt das ehr- und hülflose Wesen, von zwei Schmerzen angefallen, zwischen Himmel und Erde, von und an Geist und Leib gestäupt, und verschmachtet öde. Aber ihr Eltern und Lehrer, im kleineren Grade tut ihr ja auf dieselbe Weise den schwächern Herzen innere und äußere Qualen an; wenn ihr je – wie so oft – die Leibes- oder andere Strafen mit Spott der Miene oder Benennung (wovon noch die barbarischen Namen: Kopfnüsse, Katzenpfötchen zeugen) umgebt und bedornet. Nie werde auch der kleinste Schmerz spottend auferlegt, sondern ernst, öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen. Hatte z. B. der königliche Zögling Fenelons sich zu zornigen Aufwallungen vergessen: so ließ dieser Bischof von Cambrai – eigentlich von Patmos, da er Christi zweiter Schoßjünger sein könnte – alle Diener nur ernst und schweigend den Königssohn bedienen und ließ die Stille predigen. Achtes Kapitel Schrei-Weinen der Kinder § 68 Das Beste darüber ist schon geschrieben und sogar die Ährenlese vorbei. Alles, was man noch zu tun hat, ist, daß man das tue, was geschrieben ist; und dieses erwart' ich von den Weibern am ersten, wenn sie in der zweiten Welt sollten Kinder gebären oder wenigstens in der dritten. Nur jetzo wird ihr weiches und fünfsinnliches Herz vom Weinen und Schreien der Kinder, als von Welle und von Wind, überall hingetrieben; und da sie oft selber mit dem flüssigen heiligen Januars-Blute, mit der Träne, gute Wunder tun: so ist es natürlich, daß sie leicht in fremde zerfließende zerfließen. Nur für den Mann, welchem Augenwasser zu leicht versteinerndes Wasser wird, stehe hier eine und die andere Milderung voraus, damit ihn nicht jedes Schrei-Weinen eines Kindes zu wild mache, zu einem Tier und Untier. Wenn Rubens durch einen Strich ein lachendes Kind in ein weinendes verkehrte: so tut die Natur diesen Strich ebensooft an dem Urbilde; nie zieht ein Kindauge, wie die Sonne, leichter Wasser als in dem heißen Wetter der Lust, z. B. nach der Rückkehr aus einem spielenden Kinder-Klub. Ihre Freude erfliegt sehr bald das Äußerste, das durch Erschöpfung an das zweite führt. – Bedenkt ferner, daß Kinder so gut hypochondrische Marter- und Regentage und Regenstunden haben als die Eltern – daß die vier großen Jahrzeiten-Räder an den vier Quatembern auch in junge Nerven einschneiden, und daß das kindliche Quecksilber mit dem in der Glasröhre leicht falle und springe, z. B. vor Gewittern und Kälte. Das Parallellineal oder vielmehr der Parallel-Zickzack zwischen unserer Leib-Welt und der äußern Körperwelt wäre längst richtig angelegt worden, wenn nicht die großen Veränderungen des Wetters in die unseres Leibes bei dem schwächern Teile vor ihrem Eintritt, bei einigen mit , bei starken Naturen nach demselben eingreifend erschienen, so daß der eine durch dasselbe Wetter erkrankt, das einen andern, den schon das künftige behandelt, herzustellen scheint. Aus einem ähnlichen Grunde wurde der Vater der ähnlichen Ebbe und Flut, der Mond, so lange verkannt, weil sie stunden- und tagelang hinter ihm nachblieben. Ihr sollt es aber nicht bedenken, um etwa mehr nachzugeben oder mehr abzuwehren, sondern um nichts daraus zu machen, weder Sorgen noch Predigten. – Da Weiber so gern ihre Empfindungen in Worte übersetzen und durch Vielberedsamkeit mehr als wir uns sich von den Papageien unterscheiden, worunter die weiblichen wenig reden – daher nur männliche nach Europa kommen –: so halte man kleinen Mädchen das Vorreden zu Reden, nämlich einiges Weinen und Schreien, als Überfließungen des künftigen Stroms zugute. Ein Knabe muß seinen Schmerz trocken verdauen, ein Mädchen mag einige Tropfen nachtrinken. Kinder haben mit schwachen Menschen das Unvermögen, aufzuhören, gemein. Oft stillt keine Drohung ihr Lachen; erwägt die Umkehrung bei ihrem Weinen, um die Schwäche mehr als Arzt denn als Richter zu behandeln. § 69 Man kann die Kinderschmerzen oder die Schmerzenschreie vierfach abteilen, gleichsam die vier Schneckenfühlfäden, womit sie an die Welt stoßen. Erstlich: das Schrei-Weinen über äußern Schmerz, z. B. des Fallens. – Hier ist nichts schädlicher als – was bei Foderungen ans Kind so nützlich ist – die weiche mitleidende Mutterstimme; fremdes Mitleiden flößt ihm eines mit sich selber ein, und es weint fort zur Lust. Entweder sagt trocken, fest, ruhig: es tut nichts; oder sagt noch viel besser ein lustiges altes Dakapo-Wort, z. B. Hoppas! – Die Kraft oder Schwäche des Kindes entscheidet, ob und daß man im ersten Falle den Schmerz durch ein einsilbiges Verbot seines Ausbruchs ersticke – da der Sieg über die Zeichen durch Zerstreuen und Verteilen ein Sieg über die Sache wird –, oder daß man im zweiten die Natur sich mit jenen innersten Hausmitteln heilen lasse, welche bei Erwachsenen die Ausrufzeichen und Flüche sind, und bei Kindern Träne und Laut. – Man erwidere mir nicht: »ganz gewöhnliche Ratgebungen«; denn ich antworte: »eben für seltene Erfüllungen.« Die unveränderte Auflage der alten Ratgeber soll bloß eine verbesserte der Hörer veranstalten. § 70 Hingegen bei dem zweiten Schrei-Weinen, dem über Krankheit, ist die milde und mildernde Mutterstimme am rechten Orte, nämlich am Krankenlager. Allein warum anders als darum, weil von Krankheiten das kleine geistige Ich oder Ichlein selber angefallen und ausgeplündert wird, das über das leibliche zu walten und zu herrschen hat und vorhat, und weil folglich der in eisernen Ketten liegende Geist nicht den Orden der eisernen Krone zu tragen weiß. – Hier verstattet die Klage, ohne sie darum mehr zu erhören als sonst. – Behaltet auch die Seelendiätetik bei, wenn ihr die körperliche ändern müßt. Kinder werden von Krankheiten, wie Weiber von Schwangerschaften, moralisch verdreht; das Krankenbette verbessert, die Krankenwiege verschlimmert. Kein krankes Kind starb noch an guter Erziehung. Aber warum ist man hier so bedenklich als bloß, weil man im stillen doch die ganze Ausbildung der kindlichen Menschheit nur zur Amme des körperlichen Fortkommens machen, gleichsam (ist diese Sprache anders erlaubt) die heilige Lebensluft zum Treiben von Windmühlenflügeln gebrauchen will und die zweite Weltkugel zur Schwimmblase auf unserer Kugel. Schlecht genug! Alles Unheilige setzt sich (und andern) eine Zeit vor, von wannen es erst in die Ewigkeit des Heiligen hinübergedenkt, als sei die Humanität an irgendein folgendes Jahr, an das 20ste, 30ste, 70ste, gebunden, anstatt an jedes jetzo. – Wo und in welcher Zeit und Lage könnte die Furcht, durch Folgerichtigkeit der Bildung dem Leben zu schaden, je vorüber sein? – Denkt doch überall nur ans Beste; das Gute wird sich schon geben. § 71 Das dritte Schrei-Weinen ist das fodernde. Hier bleib' es bei Rousseaus Rate, nie das Kind mit diesem Krieggeschrei auch nur einen Zoll Land erfechten zu lassen; nur ist das Unglück: die Weiber sind nie zu diesem leidenden Ungehorsam gegen einen Schreihals zu bewegen. Indes sagen sie doch zu ihnen: »Nein, du bekommst nichts, da du so unartig bist; sobald du aber nicht mehr weinen wirst, so sollst du sehen, was ich dir gebe.« Begehrt aber das kleine Despotchen denn mehr? – Das Höchste, was den Müttern in der Angst noch zu tun verstattet ist, wäre etwa, ihrem Unterköniglein, im Falle es noch klein genug wäre, statt der außerordentlichen Kriegsteuer die ordentlichen Abgaben und Kammer-Zieler abzutragen und unterzuschieben, d. h. statt der anbefohlnen Gabe eine andere zu gewähren. – Aber, Himmel! hat denn noch keine gesehen, wie selig ein Kind ist, das kein Beordern kennt und folglich keine fremde Widerspenstigkeit – das vom Nein so lachend davonhüpft als vom Ja – das noch an keiner Wechsel-Willkür zwischen Erlauben und Verbieten, zwischen Ja und Nein, zu welcher ein unterjochender Schreihals am Ende stets hintreibt, die erste bittere Erfahrung der Ungerechtigkeit gemacht – und das folglich keine andere und tiefere Wunden empfängt, als die der Körper schlagen kann? – Habt ihr Mütter dieses Freudenkind noch nicht gesehen? – So schafft es wenigstens euch zur Probe in irgendeinem Punkte nach, z. B. befehlt scharf eurem Kinde von etwa 2¾ Jahren, es solle etwa eure Repetieruhr, obgleich mehr ein Brust- als Ohrgehänge, niemals anfassen, liege die Uhr auch täglich auf dem Nähtisch frei, und handelt nur drei Tage so darnach, als widerriefet ihr euch nie: – ihr werdet eure bisherigen Reukaufgelder verwünschen. § 72 Gegen das vierte Schrei-Weinen – über Verlust, aus Furcht, aus Verdruß – hilft das Auftragen eines Geschäftes. Oder auch: ihr fodert das Kind wichtig zum Aufmerken vor und fangt eine lange Rede an; es ist gleichgültig, wohin sie zuletzt sich zuspitzt; genug das Kind hat sich angestrengt und vergessen. – Sehr gut ist der Donner-Funke eines starken Worts, z. B. still! Nie lasset die Seelen-Gelb- und Bleichsucht des Unmuts sich über das ganze Wesen ausbreiten. Daher ist es besonders bei kleinern Kindern sehr wichtig, daß man niemals den vollen Ausbruch des Trübsinns abwarte, sondern schon das erste kleinste Zeichen bemerke und unterdrücke. – Übrigens bringe man nur niemals Unarten, die mit den Jahren vergehen, durch solche in die Flucht, die mit den Jahren wachsen; die Kinder-Tränen versiegen noch früher, als Menschen-Seufzer anfangen. Neuntes Kapitel Über den Kinderglauben § 73 Lange vorher, eh' das Kind sprechen kann, versteht es die fremde Sprache, auch ohne Gebärde und Tonfall, so wie wir etwa eine fremde Sprache verstehen, ohne sie reden zu können. Darum findet dieses Kapitel schon hier Platz. Man braucht dem Kinderglauben (fides implicita) der ältern Theologen Welche darunter den von Gott den Kindern und Heiden in der Sterbestunde geschenkten verstanden. nur nähere Gegenstände zu leihen, so ist ihr Wort wichtig und wahr. Wenn das Kind einen heiligen Vater an seinem Vater hat mit allen Vorteilen der Unfehlbarkeit und mit dem Überschusse einer heiligen Mutter; – wenn es die Aussage eines Fremden, sowohl mit Glauben als Unglauben innenhaltend, zu den Eltern trägt und fragt: ists wahr? – wenn ihm gleichsam, nach den Ur-Sätzen der wolffischen Philosophie, der Vater der Satz des zureichenden Grundes ist, die Mutter der Satz des Widerspruchs und der Lehrer der Satz des Nichtzuunterscheidenden; – wenn es, ohne Beweis glaubend, folglich ein Paar Menschen der ganzen äußern Welt entgegen und seiner innern gleich setzt; – wenn es sich bedroht in die elterlichen Arme körperlicher Stärke nicht zutrauender wirft als in die der geistigen: so tut dieses einen so kostbaren Schatz der Menschheit vor uns auf, daß wir, um seinen Wert genug auszuschätzen, ihn bloß in ältern Herzen wiederzufinden und zu beschauen brauchen. Was ruht denn auf dem noch so wenig ausgemessenen Glauben an Menschen? In der gelehrten Welt beinahe alles, folglich sie selber; und in der sittlichen wenigstens ebensoviel. Die gelehrte wird es zwar am wenigsten zugeben von sich. Aber was wissen wir von der ersten besten Insel, die ein Reisebeschreiber entdeckt, als was unser Glaube von ihm annimmt? Oder was von ganzen Weltteilen? Ein roher Seefahrer beherrscht an der gelehrten Welt mit seinem Zeugnis den geographischen Weltteil. Wendet man die Zeugen-Menge ein – wiewohl wenige ferne Länder so viele Zeugen haben als ein Testament –, so antwort' ich: auch aus der Menge der Zeugen würde sich kein Wahrscheinlichkeit-Gewicht ergeben, wenn nicht jener große Glaube an ein Ich sich durch die Vervielfältigung der Ich verstärkte. Der Mensch glaubt dem Menschen leichter über das Ferne und Breite, über Vorzeiten und Weltteile, als über das Nahe und Enge, und er läßt bei dem fremden Ich die Wahrscheinlichkeit, zu lügen, nicht mit der Leichtigkeit und Straflosigkeit, es zu können, wachsen, sondern sich umkehren. So schöpfen wir unsere griechische und römische Geschichte meist aus einigen Hauszeugen derselben – denn den Persern, welche dem Herodot widersprechen, widersprechen wir selber –, und wir machen bei diesen Rückbürgen tausend anderer Zeugen, da kein Historiker alles erlebt, was er belebt und beschreibt, über eine Verlassenschaft von Millionen Tatsachen nicht einmal nur die halbe Schwierigkeit, welche Juristen über eine Tatsache machen, wozu sie zwei Zeugen fodern. Was gibt uns diese Gewißheit? Der Glaube an Menschheit, mithin an Menschen, folglich an einen . So ist ferner die Arzneilehre, Sternkunde, die Naturgeschichte, die Scheidekunst früher und breiter auf fremde als auf eigne Erfahrungen gebauet, folglich auf Glauben. Selber unsere Überzeugung aus philosophischen Rechnungen nimmt zur Wahrscheinlichkeit, daß wir uns nicht verrechnet haben, den Glauben an andere zu Hülfe. Und warum treibt uns eine unaufhaltsame Sehnsucht so heftig zu den Meinungen großer Menschen über die Schlußsteine unseres Daseins, über Gott und Ich, als weil wir ihren Versicherungen mehr glauben als fremden oder eignen Beweisen. Und wie hängt nicht die trunkne Jugend trinkend – wie Bienen am blühenden Lindenbaum – am Geiste eines berühmten Lehrers! Am reichsten aber offenbart dieser Glaube seinen glänzenden Gehalt, wenn zugleich sein Gegenstand sittlich ist. Hier erquickt sich das Herz am wahren seligmachenden Glauben. Denn im gelehrten Reiche glaubt man mehr dir, im sittlichen aber mehr an dich. Wie Liebende an einander glauben, wie der Freund an den Freund glaubt, und der edle Geist an die Menschheit, und der Gläubige an die Gottheit – dies ist der Petrusfels und feste Platz der Menschenwürde. Alexander, der die verdächtige Arznei trank, war größer als der Arzt, der sie bloß heilsam anstatt giftig machte; es ist erhabener, ein gefährliches Vertrauen zu hegen, als es zu verdienen; aber worin liegt das Göttliche dieses Vertrauens? Nicht etwa bloß darin, daß du im fremden Ich keine Kraft mit Leben-Gefahr voraussetzen kannst, ohne sie im eignen lebendig zu haben und zu kennen – denn du kannst sogar haben und kennen, und doch nicht voraussetzen; und dann wird in Gefahren, wie von Alexander, nur vom Gläubigen gewagt, nicht von dem Beglaubten –, sondern darin bestehen die Siegzeichen des Glaubens der Menschheit und der Himmel-Bürgerkranz, daß der Gläubige unterlassen und stillhalten muß – was, wie im Kriege, überall schwerer ist als Handeln und kämpfen –, und daß der Glaube, indes die Handlung nur ein Fall ist, alle Fälle, ein ganzes Leben voll, anschauet und umfaßt. Wer recht vertrauet, zeigt, daß er die sittliche Gottheit von Angesicht zu Angesicht gesehen; und es gibt vielleicht auf der Erde keinen höhern sittlichen Genuß, als der ist, wenn Sinne und Zeugen über den Freund in deinem Herzen herfallen, um ihn herauszuwerfen, dann ihm beizustehen mit dem Gott in dir, um zu behalten und ihn zu lieben, nicht wie sonst, sondern stärker. Darum ist, wenn dieses Glauben der heilige Geist im Menschen ist, die Lüge die Sünde gegen diesen Geist, da wir fremdes Wort so hoch stellen – über unser inneres sogar –, daß (nach Pascal) ein Mensch, dem jeder Verrückung zuschriebe, sie zuletzt glauben und realisieren würde. Platner behauptet, je schwächer das Gehirn, desto leichter werde geglaubt, z. B. von Trunknen, kranken Weibern, Kindern; aber hier ist die Frage, ob diese (nur physische) Schwäche, die so vielen zarten Entwickelungen des Herzens Raum gibt, z. B. der Liebe, der Religion, der Begeisterung, der Poesie, nicht gerade eben dem Heiligsten Sinne, dem für fremde Heiligkeit – wiewohl auf Kosten anderer Kräfte –, die rechte reine Einsamkeit zubereite. – Der Engländer ist leichtgläubiger als jedes andere Volk, aber weder schwächer, noch schwach; er haßt die Lüge zu sehr, um sie oft vorauszusetzen. § 74 Ich kehre zum Kinderglauben zurück. Gleichsam bildlich hat die Natur sich schon für das Aufnehmen reicher ausgerüstet: die Gehörknochen sind (nach Haller) die einzigen, die das Kind so groß hat als der Erwachsene; oder in einem andern Bilde: je jünger (nach Darwin), desto voller sind die Einsaug-Adern. Heilig bewahre den Kinderglauben, ohne welchen es gar keine Erziehung gäbe. Vergiß nie, daß das kleine dunkle Kind zu dir als zu einem hohen Genius und Apostel voll Offenbarungen hinaufschauet, dem es ganz hingegebener glaubt als seinesgleichen, und daß die Lüge eines Apostels eine ganze moralische Welt verheert. Untergrabt also eure Unfehlbarkeit weder durch unnütze Beweise , noch durch Bekenntnisse des Irrtums . Das Bekenntnis eurer Unwissenheit verträgt sich leichter mit ihr. Kraft und Skepsis kann das Kind ohne eure Kosten schon genug an fremden Aussprüchen polemisch und protestantisch üben und stärken. Am wenigsten stützt Religion und Sittlichkeit auf Gründe; eben die Menge der Pfeiler verfinstert und verengt die Kirchen. Das Heilige in euch wende sich (ohne Schluß- und Schließer-Mittler) an das Heilige im Kinde. Der Glaube – gleichsam die Vor-Moral, der vom Himmel mitgebrachte Adelsbrief der Menschheit – tut die kleine Brust dem alten großen Herzen auf. Diesen Glauben beschädigen heißt dem Calvin ähnlichen, welcher die Tonkunst aus den Kirchen verwies; denn Glauben ist Nachtönen der überirdischen Sphärenmusik. Wenn in euerer letzten Stunde, bedenkt es, alles im gebrochenen Geiste abblüht und herabstirbt, Dichten, Denken, Streben, Freuen: so grünt endlich nur noch die Nachtblume des Glaubens fort und stärkt mit Duft im letzten Dunkel. Ende des ersten Bändchens Zweites Bändchen Anhang zum dritten Bruchstücke Über die physische Erziehung Der Ausdruck ist eigentlich falsch; denn als die Pflege-Lehre des Leibes gälte sie auch für Tiere, Männer und Greise, die Köchin wäre eine Labonne und die Küche eine Schulbuchhandlung. – Es werde mir erlaubt, einiges über die Leibpflege der Kinder hier aus einem Briefe mitzuteilen, den ich an einen Neuverehlichten drei Monate vor der Niederkunft der Frau geschrieben. (Diesem Briefe wollten einige Leser nicht in allen Punkten so theoretisch zustimmen, als es meine drei Kinder, welche während des Abdrucks und Vergriffs der ersten Auflage darnach erzogen wurden, praktisch durch Fortblühen tun.) * – Sie dürfen es ihrer lieben Gattin frei eröffnen, warum ich schon jetzo – und nicht ein halbes Jahr später – darüber schreibe; jetzo ist sie nämlich noch gläubig, künftig aber so ungehorsam als möglich. Ich kannte die geistreichsten Weiber, die ihren geistreichsten Männern wirklich in der körperlichen Pflege ihres Kindes so lange beitraten und nachfolgten, als das zweite noch nicht gekommen war; dann aber, oder vollends bei dem vierten, hob das diätetische Küchen-Latein und medizinische Patois der Weiber die Regierung an, und nichts war weiter zu machen als eine und die andere Vorstellung ohne Erfolg. Hufelands guten Rat an Mütter könnte wohl eine erste Schwangere in neun Monaten, da im Auszuge auf jeden nur 3½ Seiten kämen, auswendig lernen. Der Himmel bewahre aber jede vor jener bangen Übersorge, welche der Natur mißtrauet und jeden Zahn eines Kindes von Arzt und Apotheker heben läßt. Wagt man nichts an Kindern, so wagt man sie selber, den Leib wahrscheinlich, den Geist gewiß. Man halte doch die blühenden Kinder auf einsamen Dörfchen, wo die ganze brownische Apotheke in ihren Gläsern nichts zu geben hat als Branntwein, oder gar die stämmigen der Wilden gegen die welke Flora vornehmer Häuser, welche täglich aus allen möglichen Gläsern begossen wird. Indes wird nirgends so wenig Hufelands guter Rat an Mütter gehört als in Bauern- und Armen-Hütten. Daher sehen kleine bleiche Wesen genug aus den engen Fenstern heraus, wenn man auf dem Schlitten vorüberfährt. Aber mit der Erde blühen sie wieder auf; die freie Luft rötet sie früher als die Sonne den Apfel. Jäger, Wilde, Älpler, Soldaten fechten alle mit ihrer Kraft für die Vorteile der freien Luft; alle die, welche anderthalb Jahrhunderte durchlebet haben, waren Bettler – und in der Tat, wenn ein Mensch nichts werden will als alt, und nichts bleiben will als gesund, so gibts keine zuträglichere, mit frischer Luft tränkende Bewegung als Betteln – dennoch glauben die Mütter, ein dreißig Minuten lang ins offne Fenster gestelltes Kind hole aus der Stadt, die selber nur ein größeres Zimmer ist und für die Stubenluft bloß Gassenluft gewährt, schon so viel ätherischen Atem, als es nötig hat, 23½ Stunden voll Grubenluft abzuschlämmen und zu seihen. Erinnert denn keine sich oder eine andere bei ihrer Luft-Scheu, daß sie im elenden Herbstwetter, des Krieges wegen, drei Tage lang mit ihrem Wochenkinde im Wagen durch lauter freie Luft gefahren, ohne sonderlichen andern Schaden als den, hier angeführt zu werden? – Könnte denn kein Scheidekünstler den Müttern einer Stadt durch sichtbare Darstellungen der Giftluftarten Sinn für die Himmelluft beibringen, um sie von der Sorglosigkeit über das einzige unsichtbare und immerwirkende Element zu entwöhnen? Warum schreiben Sie: »Ich fürchte nichts mehr als die Ammen-Prokuratel«? – Zwei meiner Kinder, gerade die kräftigsten, wurden ohne Menschen-Milch auferzogen. Ist sonst eine Amme nur gemein gesund, und läßt man sie nicht viel weniger arbeiten und nicht viel mehr genießen, als sie in ihrer dürftigen Einsamkeit getan: so mag sie heute noch ihren Dienst antreten. Freilich gegen geistige Vergiftung durch ihre Sitten und ihre Pflege verbürg' ich mich bei ihr nicht, so wenig als – bei allen weiblichen Dienstboten, von der Hebamme an; ein ehrlicher alter, aber frohlauniger Bedienter, z. B. Ihr Johann, wäre einem Kinderherzen gesünder als jede Wart- und Kinderfrau; so wie aus demselben Grunde später Kinder in den freundlichen lobenden nachsichtigen Weiber-Zirkeln mehr verdreht und entkräftet werden als in den kalten trocknen Herren-Gelagen. – Was aber die körperliche Vergiftung der Milch durch Gemütbewegungen anbelangt – so zieh' ich die Amme der Dame vor. Man sieht oft eine gemeine Mutter als Bombardierschiff oder Bombardierkäfer mit einer andern stundenlang jene Unterredung pflegen, welche die einzige ist, die noch niemals in der Welt langweilig ausgefallen, und die man Zanken und Schimpfen nennt; aber der Säugling verspürt und beweint wenig davon. Hingegen eine Dame, die schon der Fehlstich der Kammerjungfer, wie ein Tarantelstich, in Waffen-Tanz setzt, kann des Tags drei- bis viermal vergiften. Was eine andere, geistige Giftmischung für das Kind betrifft: so leugne ich sie ganz. Wenn, wie ich glaube beweisen zu können, schon von der Mutter in das neugeborne Kind keine teilweise Seelenwanderung möglich ist: wie viel weniger kann auf einem Nährmittel, das erst der Magen umarbeitet, Geist zu Geist überschiffen! Ebensogut könnte man mit den Karaiben glauben, daß Schweinefleisch kleine Augen, oder mit den Brasiliern, daß Entenfleisch trägen Entengang fortpflanze. Homes Geschichte der Menschheit, 2ter Band. Auf diese Weise müßte Ziegenmilch und vielleicht die meiste Ammenmilch so einfließen, als die von Jupiters Amme den Gott wirklich so umgewandelt hat, daß er bei manchem der zehn Gebote gar nicht zu gebrauchen ist als Muster. Bechstein bemerkt zwar, daß Fischottern durch Menschenmilch zahm geworden; aber die Ursache davon könnte man wohl näher und richtiger in dem zähmenden Umgange finden, den eine solche Milchspeise voraussetzt. Über die Verwandtschaft der Muttermilch mit dem Kindkörper ließe sich viel streiten. Wenn der gesunde Magen, wie der Tod, alles gleichmacht (nämlich zu Milchsaft), Kartoffeln, Milchbrötchen, Hirschkolben, Schiffzwieback, Aale, Insekten (Krebse), Würmer (Schnecken) und zuletzt Menschenfleisch: sollte der Kindmagen nicht Milch der Menschen gleich machen können? – Und ist denn der kindliche Körper nicht ebensooft dem väterlichen in allen organischen Eigenheiten als dem mütterlichen verwandt? – Warum werden nicht, wenn die Milch (anstatt der Organisation) so viel entschiede, die meisten Großen Riesen, da meist bäurische Milch dem adeligen Blute, wie Wein dem Wasser, zugegossen wird? – Ja aus dem Grundsatze der mütterlichen Wahlanziehung wäre eben mehr für als wider eine Amme zu schließen. Der Körper polarisiert sich unaufhörlich; folglich müßte z. B. dem oxydierenden Sauerstoff der Dame der Stickstoff der Amme entgegenarbeiten, und umgekehrt würde eine Stadtdame die offizinelle Amme eines Bauernknaben abgeben. – Ein kosmopolitischer Hof- und Speisemeister könnte noch weiter gehen, um schon ein Wickelkind – Mumien sind Wickeltote, und Ruderknechte Wickelmänner – allseitig einzuüben und einzufahren, darauf bestehen, daß es heute Eselmilch (Thesis, Vorpol), morgen Hundmilch (Antithesis, Gegenpol), übermorgen Menschenmilch (Synthesis, Indifferenz) genösse. So früh als möglich bestimme die Uhr die Eß- und folglich die Schlafzeiten, nur freilich in den ersten Jahren mit häufigern kleinern Abteilungen. Der Magen ist ein solches Gewohnheittier, eine solche Journalière, daß, wenn man bei Hunger um einige Stunden den Termin (fatalis) versäumt, er nichts tut, sondern ausschließt (präkludiert). Sind ihm aber die Fronstunden anberaumt, so arbeitet er über Vermögen. Nur in spätern Jahren, wo der Umriß und die Farbengebung des kleinen Menschen sich stärker ausgezogen haben, wage man sich mit Mitteltinten und Halbschatten daran: das Kind werde, wie der Wilde, im Schlaf und Essen öfters frei und irre gemacht; die leibliche Natur wird dann entweder geübt oder besiegt, und die geistige krönt sich in beiden Fällen. Lassen Sie nicht vom Wochenkinde, als wäre es ein vornehmer Patient, das Tagesgeräusch verbieten. Wenn sich nur nicht gerade die Feuertrommel oder das Schießgewehr neben seiner Wiege hören läßt: so wird sein langes tiefes Hereinschlafen in die Welt dasselbe gegen jeden Lärm so abhärten, daß es später darunter auch bei dem leisern Ohre und, was das Beste ist und das verderbliche nächtliche Säugen aufhebt, in der abstechenden Nachtstille desto fester schläft. Ich eifere gegen das Nacht-Säugen; denn Ihre Frau soll schlafen, und es ist genug, wenn sie kurz vor dem Einschlummern und sogleich nach Aufwachen das Geliebte tränkt. – Es ist eine Kleinigkeit, aber eine Zeile ist auch eine; warum will ich nicht beide einander geben? Ich meine, warum legt man den neugebornen Kopf höher als den Rumpf? In den letzten Monaten vor der Geburt stand der Rumpf gar auf dem Kopf. Ich dächte, waagrechte Lage nach der steilrechten wäre schon genug; wozu die Erschaffung eines neuen Bedürfnisses oder das schwächende Vorwegnehmen einer Arznei, welche die höhere Kopflage in den Kinder-Steckflüssen ist? Mit Fleischspeisen – sagen die meisten zu Ihnen – werde gewartet bis aufs Gebiß dazu. Warum? Fleischbrühe und den stärksten honigdicken Fleischextrakt, den ich kenne, den Eidotter, nehmen zahnlose Kinder mit Vorteil. Auch Fleischspeisen haben weniger ihre Größe, da man ebenso klein schneiden als käuen kann, als das Verschlucken ohne Käuen, nämlich ohne Speichel, wider sich. Aber die Kinder genießen und vertragen ja Milch und Brei fast ohne allen Vor-Magensaft, den Speichel, wie die Raubvögel die Fleischstücke. Wahrscheinlich schaden auch große Bissen am meisten darum, weil man ihrer mehre und schneller in gleicher Zeit nimmt als kleine; denn das Sattwerden berechnet der Magen – im Hunger wie Durste – nicht nach Maßen (denn ein halbes Maß Wasser stillt oft nicht so sehr den Durst als eine Zitronenscheibe), sondern nach organischer Aneignung; daher isset man von keinen Speisen leichter so viel als von unverdaulichen, bloß weil die schwierige und spätere Aneignung das Gefühl des Sättigunggrades verschiebt und verbirgt. – Was Verdauen ist, weiß ohnehin noch kein Physiolog. Der Magensaft, der Hunger erregen oder erzeugen soll (gibts denn aber für den Durst einen Durstsaft?), reicht mit seinem Paar Eßlöffeln voll nicht hin, von einer Flasche Wein und einem Teller Suppe verdünnt und umwickelt, wie von Öl eine Arsenikspitze, nur einen steyerischen Hahnenkamm aufzulösen, geschweige ein Früh- oder gar Spätstück. Die laue Tierwärme, welche, wie der August der Weinkoch ist, umgekehrt der Kochwein für das Essen werden soll, wird durch kalte Getränke sogar mit weniger Nach- als Vorteil des Verdauens erkältet und ersäuft. Soll der Magen des Menschen, wie überall dessen Wesen, als eine Ellipse mit zwei Brennpunkten, also nicht nur als ein häutiger Geiermagen, sondern auch als fleischiger Hühnermagen arbeiten, mithin neben der Chemie zugleich durch Mechanik: so begreife ichs eben nicht, wie ein Pressen, z. B. der Fleischbrühe oder des Breies, diese verdauen helfe. Doch nun geht nur die Sache, nicht ihre Erklärung an. Die Fleischspeise scheint überhaupt gegen die Schwäche der Kindheit und gegen das Übergewicht der Säure heilsam; da sogar die Jungen des körnerfressenden Gevögels sich vorteilhaft mit Eiern, Würmern und Insekten nähren. – Eine kleine, aber seltene Überfracht wird die Tragkräfte des Magens üben und stärken; nur werde das Lasttier nicht mit leicht verderblichen Waren (z. B. Eier, Fleisch), sondern mit ziemlich dauerhaften (wie Hülsenfrüchte, Kartoffeln) überladen. Warum gibt man den Kindern nicht in Zeiten, wo sie nichts genießen wollen, wenigstens Zucker (von Konfekt wie Kost von Gift verschieden), mit dessen Nahrungstoff der Neger sich und sein Pferd auf tagelangen Reisen abspeiset? – In den ersten Jahren – – so wollt' ich wieder anfangen, aber ohne allen Grund; denn die strenge Lebensordnung versteht sich ohnehin eben nur so lange, bis das Sparrwerk des Lebens befestigt und eingefuget ist. Wie aber die Sterblichkeit mit jedem Tage abnimmt – die bekanntlich in den ersten am größten ist –, so muß wachsende Freiheit und kräftige Vielseitigkeit das Kind gegen alle zweiunddreißig Winde und Stürme des Lebens zurüsten. Tee und Kaffee so wie Kuchen und Obst ließ man sonst den Kindern lieber und reichlicher zu (anstatt besser. beide Getränke gar nicht, Kuchen nur wenig, und das Obst nur reichlich in den anglühenden Jahren) als den heilsamen Wein zur Stärkung und das heilsame Hopfenbier zum Getränke. Den Kaiser Joseph II., welcher durch einen Befehl von 1785 Wein den Kindern zu geben verbot Kein Gesetz des Kaisers wurde wohl weniger gehalten als dieses in – Schottland, wo die kleinsten Kinder, ehe sie stärkste Schotten werden, Branntwein bekommen. Humphry Klinkers Reise B. 3. S. 19. – etwa wie man früher Tabak, Hopfen und Chinarinde untersagte –, schlag' ich mit den Kindern der häufigern Weinländer in die Flucht, welche nicht daran gestorben sind, indem es ja sonst kein rechtes Weinufer mehr gäbe, geschweige ein linkes. Allerdings reiche man ihnen den Wein (alten und spanischen und ungarischen ohnehin nicht) aus keinem Punsch-, sondern aus einem Eßlöffel, und mehr häufiger als reichlich, und jedes Jahr weniger, und in der mannbaren Glutzeit gar nicht. Bitteres Bier, doch in rechter Entfernung von zwei Mahlzeiten, ist Reiz und Nahrung zugleich. Später im achten, zehnten Jahr aber muß Wasser der Trank und Bier die Stärkung werden. Den Mädchen würd' ich nicht nur länger als den Knaben Bier vergönnen, sondern auch immer; wenn nicht die Mütter, als wahre Lykurge, das Fettwerden verböten. – Danken Sie Gott, Freund, im Namen Ihrer Nachkommenschaft, daß Sie, wie ich, nicht in Sachsen oder im sächsischen Voigtlande, sondern in Baireuth und dem besten Biere, dem Champagner-Biere, am nächsten wohnen. Weiße Biere ohne Hopfen sind Schleimgifte für Kinder; und ungehopftes Braunes nicht viel besser. Überstarke, wie z. B. Mumme, müßten sie, wie die Griechen den Wein, nur in Wasser einnehmen. In den frühern Zeiten Deutschlands, ehe Kaffee, Tee und Ausweine regierten und schwächten, wurde viermal stärkeres Bier gebrauet; damals grub man den Riesenknochen nicht erst aus der Erde heraus, höchstens in sie hinein, indes uns unter der Regierung des verstärkten Tee- und Kaffee-Giftes das einzige Gegengift, das Bier, entkräftet wird. Über einen Punkt, Freund, – vergeben Sie aber, daß ich hier keinen andern Zusammenhang habe als mit Ihnen und Ihrem Wunsche – werden Sie wohl künftig oft warm oder kalt gegen Ihre so sanfte Gattin werden, nämlich über Wärme und Kälte selber – sollt' ich wenigstens meinen. Es ist etwas Bekanntes, daß schon mehr als ein guter Autor die Dauer der Flitterwochen sehr lange, gleichsam zu Danielschen Jahrwochen angenommen, und ihr Ende erst nach der Geburt oder ersten Niederkunft als gewiß angesetzt; darauf aber wird freilich gezankt, teils vom Manne mit medizinischen Gründen, teils vom Weibe mit eigenen; ich meine, wenn das Kind gesund ist; ist es gar krank, so wird mehr getobt. Darüber schreib' ich gewiß einst einen Paragraphen, falls ich nur endlich das Glück erlebe, mich an meine Erziehlehre zu machen. Da Weiber schon an sich, als gebornes Stubengeschlecht, als Hausgötter – indes wir bloße Meer- und Land- und Luftgötter sind, oder gegen jene Haustauben nur sanft-wilde Feldtauben –, die Wärme lieben, wie den Kaffee, und daher neben den Schleiern Erwärmhüllen suchen, nur aber der letzten zu viel für einen Leib, und ging' es, lieber neun Akzessit-Schleier und Shawls als einen längsten – und da sie eben daher den so warmen Pelz erheben, wiewohl er ebenso schön und kostbar ist: so leihen diese geistigtropischen Wesen gern ihre Vorliebhabereien und Bedürfnisse ihren geliebtesten Wesen, den Kindern. Aber tut nicht selber die Natur mit dem Kinde den stärksten Sprung bei der Geburt, wenn sie es aus einem organischen Bette, das sich selber auswärmte, durch die Luft hindurch nackt in ein totes warf, für das erst das Kind der Bettwärmer werden muß? – Dazu kommt noch die bloße teilweise, mithin nachteilige Entblößung, die des Gesichts und Kopfes nach dem gleichförmigen neunmonatlichen Warmhalten des Ganzen. Es würde daher die Frage sein, ob nicht der Kopf des Neugebornen – so unbehaart, dünnschalig und ungeschlossen – vor dem ersten kalten Anwehen der Erde noch mehr oder ebensogut als andere Glieder durch warme Decke zu schützen wäre, wenn nicht mehre Menschen, wozu wir sämtliche ganze Nachwelt der Vorwelt gehören, noch lebten, die es dennoch bis jetzo ausgehalten; so reich springt die Natur aus neuen Quellen fort, wenn ihr auch eine oder hunderte zugetreten werden. Indes empfängt sie das Kind nach dieser Überfahrt aus dem heißen Erdgürtel in den kalten mit zwei stärkenden Reizen, mit Nahrung der Lunge und Nahrung des Magens, zweier bisher müßigen Glieder. Gut! so ahme die Mutter darin die Allmutter nach und lasse die Kinder äußere Kälte nicht fliehen, sondern bekämpfen mit innern Wärm-Reizen. Das beste Pelzwerk für Kinder wächset an Weinbergen. Freude ist die warme Sonnenseite des Geistes und Leibes. Bewegung ist der dritte Frostableiter. Die neuern Lobredner des Warmhaltens behalten nur recht, wenn man dasselbe unterbricht. In kalter Zimmerluft würde zwar das Kind, wie das Gewächs auf Bergspitzen, einschrumpfen; in ewiger Wärme aber auch; die stärksten Menschen liefert weder der Gleicher, noch die Pol-Nachbarschaft, sondern die gemäßigten Länder, welche zwischen Frost und Wärme, doch mit Übergewicht der letzten, wechseln. Kein Kinderzimmer sei kalt, ausgenommen das Schlafkämmerchen; denn das Bette ist ohnehin ein äußerer Pelz, und der Schlaf ein innerer; und welche Steigerung der Wärmgrade bleibt denn der Krankheit offen, wenn die erlaubten voraus überstiegen sind? Haben Sie z. B. Ihren künftigen Paul (wenn ich anders früher als Sie einen Gevatter wählen darf wie ich) ohne Schuhe gehen lassen (was zwar Ihnen nur Leder, ihm aber einen Leichenzug von Übeln erspart); oder haben Sie Ihre künftige Pauline (der er wahrscheinlich nach männlicher Artigkeit den Vortritt in das Leben läßt, da die meisten Erstgeburten weibliche sind) ohne Strümpfe , obwohl besohlet oder angeschuhet, verordnet: so werden Sie in jeder Krankheit, die ein laues Fußbad fordert, das längste geben können, bloß durch ein Paar Strümpfe und Schuhe. Ich hatte meine Gründe, Freund, daß ich sogleich und bloß Ihrer Pauline Schuhe, gleichsam Brautschuhe, anmaß, wiewohl freilich auch alle die Hühneraugen, Fußerkältungen und zartesten dünnsten Fußblätter oder Fersenhäute mit, die ein Schuh umschließt. Denn ich kenne den Jammer darüber von weiten, nämlich die weibliche Ängstigung, daß Füße ohne Schuhe sehr leicht so groß wachsen könnten, als die Natur nur haben wollte, und mithin weit über den Konventionfuß hinaus. Unsere sinesische Podolatrie (Fuß-Anbeterei) verstattet daher leichter jede höhere Nacktheit, z. B. des Busens, des Rückens, als die Barfüßerei. Zum Glück – in diesem Falle – ist ein Knabe kein Mädchen. Der springe denn barfuß durch seine Morgenwelt, ähnlich den antiken Helden, die man nur mit nackten Füßen darstellte. Fährt ihm der Fuß zum Säulenfuße aus: was geht es uns zwei Männer an, die wir so wenig darnach fragen, und sogar verständige Weiber! – Warum sprechen die Mütter hundertmal von Erkältung, und kaum einmal von Erhitzung, welche, zumal im Winter, so leicht in Todeskälte ausgeht? – Ich beantworte dies sehr unerwartet, wenn ich sage: weil ihnen eben der Winter mehr am Herzen und daher mehr im Auge liegt. Der Winter ist eigentlich der Bleicher und Schönfärber ihres Gesichts, und zum Schnee kommen sie als neues Weißzeug; daher ist ihnen der Sommer viel zu warm, als daß sie darin Hals und Rücken so entblößen sollten wie im Winter, der nichts schwärzt. Daher kommen auch aus dem Norden jene zarten Stubendecken-Zöglinge, lilienweiß und lilienzart, den weißen Gräsern ähnlich, welche man mitten im grünen Frühling unter Brettern findet. Freilich trägt dieser blendende Winterschnee nicht die Früchte des echten Blütenschnees, für welchen man oft jenen, oder Glanz für Kraft ansieht. Ein schöner Zufall für Töchter ist die griechische Kleidermode der jetzigen Gymnosophistinnen (Nacktläuferinnen), welche die Mütter vergiftet, aber die Töchter abhärtet; denn wenn das Alter und die Gewohnheit jede neue Erkältung scheuen soll, so übt sich an ihr, wie an allen Abhärtungen, die Jugend zu größern. Die Unalaschker tauchen das weinende Kind (hört es, ihr Feindinnen der Abhärtung!) so lange in die kalte See, bis es ruhig' wird; kräftig wird es davon später ohnehin. (S. Kants phys. Geogr. von Vollmer, 3. B. 1te Abteilung.) So ist gleichnisweise die jetzige nackte Kleidermode eine kalte See, in welche man die Töchter steckt, die sich darin ordentlich erheitern. Immer ein Arzt sollte Moden erfinden, da er keine neuen anders zerstören kann als eben mit neuesten. Körperliche Abhärtung ist, da der Körper der Ankerplatz des Mutes ist, schon geistig nötig. Ihr Zweck und Erfolg ist nicht sowohl Gesundheit-Anstalt und Verlängerung des Lebens – denn Weichlinge und Wollüstlinge wurden öfters alt, so wie Nonnen und Hofdamen noch öfter – als die Aus - und Zurüstung desselben wider das Ungemach und für Heiterkeit und Tätigkeit. Da der weibliche Geist durch Verweichlichung nicht eben ein weibischer wird, wohl aber der männliche: so kann es in den höhern Ständen, ,wo verhältnismäßig die männliche größer wird und ist als die weibliche, wohl noch dahin kommen, daß das schwache Geschlecht über das geschwächte hinausrückt; und die Weiber und die Männer haben die schöne Aussicht, den Dattelbäumen zu gleichen, wovon bloß die weiblichen die Früchte tragen, und die männlichen nur die Blumen. Mit der jetzigen Kleidung, als einer Luft-Badanstalt, wäre bei Kindern noch mehr das Ziel zu erreichen, wenn man jene zuweilen gar wegwürfe. Ich meine: warum macht man sich und noch mehr den Kindern nicht das Vergnügen, daß sie halbe Tage bei milder Luft und Sonnenschein, wie Adam, nackt in ihrem Paradiese der Unschuld spielen dürfen? Im alten Deutschland, wo die Eltern selber später von der verbotenen Frucht aßen, folglich später die Blätter derselben umhingen, konnten die Kinder, wie in Ägypten, zehn Jahre länger in dieser Nacktheit bleiben; welche körperliche Kraftgenies traten nicht aus ihren kalten Wäldern, so daß achtzehn Jahrhunderte voll Wärme und Schwelgerei nicht hinreichten, Ururenkel schwächer zu machen, als einer von uns beiden ist! – So trägt Bauholz von abgeschälten Bäumen weit mehr als von berindeten. Man schaue doch nur, wie leicht, behend und erquickt ein entkleidetes Kind sich fühlt, Luft durchschwimmend und trinkend, Muskeln und Adern frei bewegend und vor der Sonne als eine Frucht reifend, der man die Blätter weggebrochen. – So viele kindliche Spiele sind olympische und gymnastische; so lasse man wenigstens die Kinder Griechen sein, nämlich unbekleidet. Unmittelbar nach dem Luftbade ginge man am besten ins kalte Wasserbad, wenn es anders Kindern unter vier Jahren unbedingt zu raten wäre. Es gibt aber einen Ersatz desselben, nämlich von der Taufe an tägliches kälteres Waschen des ganzen Körpers, den man jedoch nur gliederweise benetzt und eilig abtrocknet. Ich ließ diese anabaptistische (wiedertäuferische) Sünde gegen Brown und seine Nachfolger jeden Tag an meinen Kindern einmal begehen; der Erfolg war nicht sowohl Erkältung, Schnupfen und Schwächung als das Gegenteil davon. Über den Nutzen der Kälte ohne Verweilen, wie es solche Sonnenfinsternisse gibt, s.  Vorschule der Ästhetik III. S. 578 . Schwarz wendet in seiner Erziehlehre dagegen den Abscheu des Kindes davor als einen Naturwink ein, aber derselbe gälte dann nicht nur gegen viele Arzeneien, sondern auch gegen das laue Bad, wogegen und worin anfangs die Kinder sich sträuben, weil zu viele ungewohnte Reize sie auf einmal umfangen. – Wenn das kalte Wasser Arzeneikräfte für den Magen hat, die dem gekochten abgehen, so hat es sie auch für die einsaugende Haut. Auf Luft-, Frost- und Laubäder ist Schlafen gut. Noch gibt es ein Bad, welches Kindern und Eltern so nützlich wäre, und ungenutzt bleibt, nämlich das Donnerwetterbad. Die Ärzte setzten als Arbeitzeug den elektrischen Wind – das elektrische Plätten – das elektrische Bad an Nervenschwachen an; aber den Donner, oder vielmehr das Donnerwasser, verschrieben sie noch wenig. Haben Sie es noch nie erfahren, daß man sich nie frischer, heiterer, elastischer verspürt, als wenn ein warmer oder lauer Regen bis auf die Haut gegangen? – Da der Mensch schon trocken nach dem Gewitter sich kräftiger fühlt, und die beregnete Blumenwelt sich noch mehr: warum will er nicht diese vereinigte Feuer- und Wassertaufe von oben herab einsaugen und sich vom wundertätigen Arm aus der Wetterwolke heilen und heben lassen? – Man sollte besondere Regen- oder Badekleider als ein Badgast der Frühlingwolken haben; dann, wenn einige Hoffnung schlechten Wetters ist, eine Regenpartie verabreden und tropfend nach Hause kommen. Leider muß die Badegesellschaft die Kleider wechseln – das einzige, was mir weniger gefällt. Der Hirtenknabe läßt sich an kaltregnerischen Novembertagen keinen Kleiderschrank aufs Feld nachfahren – auch kein französischer Soldat, der den ganzen Tag sich warm im Regen marschiert, und Nachts sich auf die kalte Erde legt – der Fischer steht mit den Füßen im Wasser und mit dem Kopfe unter der Sonne und kehrt und stürzt gerade die ärztliche Regel um – der einzige 170jährige Mann in England war ein Fischer, doch aber auch früher ein Soldat und Bettler – – Himmel! mit welchem schönen Spielraum und Freistaat ist ursprünglich vom Körper unser Geist umschrieben! Und wie lange muß dieser erst der Sklave der Sünde und der Meinung gewesen sein, ehe er zum Ruderknecht oder Schiffzieher des Körpers verurteilt wird! – Geistige Allseitigkeit, nämlich Allkräftigkeit, ist uns nicht vergönnt, aber wohl leibliche; nun so werde dieser wenigstens die Kindheit zugebildet und der Körper, der alle Länder bewohnen kann, auch alle zu vereinigen geübt, wie es der Russe tut, der seinem eignen Reich, dem klimatischen Klein-Europa, nachschlägt und Schwitz- und Eis-Bad und Hunger und Überfälle aushält. Ists nicht genug, wenn man so verzärtelt ist, daß man einen Schneeballen zum Kopfkissen macht? Und nun vollends einen Mantelsack oder gar ein Federbett! In Homes Geschichte der Menschheit steht S. 384 nämlich folgendes: eine Gesellschaft Hochländer wurde von der Nacht überrascht und nahm ihr Lager auf dem platten Schnee. Ein etwas verzärtelter Jüngling von Geburt wollte sichs bequemer machen und ballete aus Schnee sich ein kleines Kopfkissen. »Was?« (sagte sein Vater, Sir Evan Cameron) »so weibisch willst du werden?« und stieß ihm das Schneefederbette mit den Füßen unter dem Kopf weg. – Ach! unser Ideal wäre, nur den Sohn von Sir Evan Cameron zu erreichen. Ich setze noch zum vorigen: die Eltern sollen im Physischen – leider geschiehts im Moralischen – von Kindern mehr fodern als von sich; mithin lasse man zu gewählten Zeiten die Regenkleider an den Kindern selber abtrocknen. Möchte doch jede Mutter bedenken, daß sie, wie sonst gegen die Natur-Pocken die Impf-Pocken, aus denselben Gründen gegen den Windstoß der zufälligen, unberechneten, wehrlos findenden Gefahr die langsamer von der beweglichen Kindheit so schön begünstigte Abhärtung, und bei so leichter Wahl des Schlachtfelds, vorzukehren habe! – In jedem Punkte könnten die jetzigen Weiber den alten Deutschinnen leichter nacharten als darin, daß sie Heilkünstlerinnen sein wollen und dadurch die Hebammen für die zweite Welt. Wär' ich ein Arzt oder ein bedeutender Lehrer in einer weiblichen Pensionanstalt: so würd' ich es für mein nützlichstes Werk ansehen, wenn ich eine medizinische Zweifellehre für Weiber lieferte; ich würde darin lauter Fragen tun und auf eine hundert Antworten geben und dann zu wählen bitten; ich würde darin unentscheidend z. B. die Fieberlehre in ihrer Unendlichkeit darstellen, ja bloß die tausend Ursachen des Kopfschmerzens, deren Verwechslung ihn vergrößert. Auch wer nur erst in der Wiege der Arzneiwissenschaft antichambriert – einer Wissenschaft, worin mehr als in einer andern der Genius und der Gelehrte ein unteilbares Gemeinwesen bilden müssen –, der erstaunt über die Keckheit, womit der erste beste Nichtarzt, und vollends seine Frau, jeder Krankheit Vater und Namen und Abhülfe zuerkennt. Himmel, Freund, die Weiber wollen in der schwersten aller angewandten Wissenschaften, der angewandten auf die vielförmige, geistig und körperlich ineinandergewundne organische Natur, etwas verstehen, z. B. das Allergeringste, indes ganze Städte Gott dankten, wäre in jeder von ihnen wenigstens ein graduierter Mann zu haben, oder Kreisphysikus, Medizinalrat, Protomedikus, welcher weniger in den Himmel als auf die Beine hälfe, und der nicht, wie ein Papst, jeden Erdenpilger für einen Kreuz-Pilger hielte, den er fortzuschicken habe, um sein heiligen Grab (wenn er eines verdient) zu erobern? – Ein bester Arzt ist ein Gewinn im Lotto, eine beste Arznei von ihm ein Gewinn in der Lotterie. Gleichwohl hält doch jede Frau sich für Lotterie und Lotto, für großes Los und Quinterne zugleich. Woher kommt diese Unart der Heilsucht den Weibern und – lassen Sie uns dazusetzen – den andern Menschen, z. B. mir (mein ganzer Brief bezeug' es), und den vorigen Menschen, wie ein langes lateinisches Sprichwort Fingunt se medicos quivis idiota, sacerdos, Judaeus, monachus, histrio, rasor, anus; d. h. jeder Laie glaubt ein Arzt zu sein, der Pfarrer, der Jude, der Mönch, der Hanswurst, der Bartscherer, die Alte. und Eulenspiegel beweisen, dem jeder Vorbeigehende gegen sein Vexier-Zahnweh ein Mittel verschrieb? – Sie kommt, die Unart, aus hundert Gründen zwar, z. B. von der Verwechslung der Heillehre und Wundarznei-Kunde, von der Verschiedenheit der Ärzte, von Angst und Menschenliebe u. s. w.; – doch glaub' ich, aus dem Satze des zureichenden Grundes am ersten. Der Mensch, ebensosehr ein Ursach- als ein Gewohnheittier, kann – so sehr er bescheiden still dasitzt zu allen wissenschaftlichen Sachen, die sich mit Geschichte oder Kunde enden, zu Welt- und Natur- Geschichte , Meß-, Münz-, Sprach-, Wappen-, Altertum-, Geschicht- Kunde – dieser kann durchaus vor Kraft und Einsicht nicht mehr an sich halten, sobald er eine Wissenschaft- Lehre vor sich bekömmt, z. B. diese selber, Naturlehre, Sitten-, Geschmack-, Krankheitlehre. Der Bauer sagt über die Ursache der Welt, eines Gewitters, Lasters, Orgelstücks und Körperwehs seine Gründe; denn überall hier schöpft er seine Lehre bloß aus seinem Ich. Wünschten die Weiber doch etwas zu heilen, so schlüg' ich ihnen außer den Seelen – für welche sie bessere Seelensorgerinnen wären als die Seelensorger – noch die Wunden vor; wie sie in einigen spanischen Provinzen den Bart, so sollten sie auch Bein und Arm abnehmen; ihre feinere, zärtere, anstelligere Hand, ihr scharfer Blick auf die Wirklichkeit und ihr schonendes Herz würden gewiß gemeine Wunden so süß heilen, als sie die des Herzens machen. Mancher Krieger würde, wenn seine Bataillonfeldschererin reizend wäre, schon darum Wunden entgegengehen, um nur verbunden zu werden von ihr und dadurch etwa mit ihr, oder sich von ihr den Arm abnehmen lassen, um ihr die Hand zu geben. Das blutscheue Auge der Weiber würde sich so gut abhärten – obwohl nicht so sehr – als das männliche; wie es die Pariser Fischweiber beweisen durch Wunden-Schlagen. Auch macht ja die Erde jetzo überall Härt-Anstalten des Gefühls, nämlich Kriege. – Ich will meinem überlangen Briefe nur noch einige Bogen anschließen und dann abschnappen. Obgleich jede Mutter immer den Arzt spielt, so fodert sie doch überall noch einen für das Kind. – Dann fodert sie recht viele Mittel, um jedes nur einmal einzugeben, folglich nicht zur falschen Zeit. – Dann fodert sie viele Ärzte, um viel zu hören und zu sagen. Auch glauben manche, den Arzt zu einem eifrigern Feldzuge gegen die Krankheit anzufeuern, wenn sie ihm sie ein wenig stärker malen, als sie ist, und die mildernden Zeichen unterschlagen, als ob man sich aus der Wassernot hälfe, wenn man Feuer schreit, oder aus dem Feuer durch Notschüsse auf der See. Indes, da keine weibliche Seele sich den Arzneifinger samt Doktorring daran oder das Köpfchen samt dem Doktorhütchen darunter nehmen läßt: so möchte man, z. B. ich, der Hauspraxis einer Kreisphysika des Familienkreises den ersten Gift benehmen durch einige allgemeine Regeln, wie folgende wären: – z. B. da überhaupt die meisten Kranken asthenische oder abkräftige sind – nach Brown über 8 / 9 , nach Schmidt gar 9 / 9  –, die Kinder aber, je jünger , desto asthenischer, und daher leichter an schneller Abschwächung als an schneller Überreizung sterben: so greife man in jedem Falle zu stärkenden Haus-, nämlich Nährmitteln am unschädlichsten – Fieberhitze sei folglich mit nichts zu kühlen, was das Kind nicht eben begehre – Noch weniger sei es mit Arzneimitteln anstatt mit Lebenmitteln, am wenigsten mit Essen anstatt mit Getränk zu stärken – Doch darüber könnte sogar der Laie etwas sagen: der Vorzug des Weinglases vor dem Arzneiglase in Krankheiten der Schwäche bestätigt sich auch an Erwachsenen, in welchen nach allen Apotheker-Essenzen oft aus einer Verstärkflasche voll Wein der elektrische Lebenfunke wieder zurücksprang, wovon ich fremde Entscheid-Beispiele erfuhr. Und manches an letzten wäre leicht herzuleiten: die Weinflasche hat den Vorteil der längern, langsamern, stetern Fortwirkung für sich, indes die Stärk-Essenzen der Apotheken den Namen Aquavit (daher sie mit Recht wahren verkaufen) schwer vermeiden und, wie Erdbeben, in heftigen Stößen, folglich nur in kleinen Gaben und in großen Zwischenräumen wirken. Ich würde aber nach jenem guten Rate den Weibern noch einen geben, einen besten, nämlich den, bei der Krankheit eines Kindes gar nichts zu tun – besonders nichts Neues – die mäßige Temperatur nicht zu ändern – ihm zu geben, wornach es hungert und dürstet – nichts darnach zu fragen, wenn es einige Tage fastet – und selber die Hausmittel zu scheuen. Ein Fehlgriff in den Hausmitteln, z. B. Wein anstatt Weinessig, oder umgekehrt Obst anstatt Eier, kann ja ebensogut umbringen als einer in den Rezepten. Das Einzige, was man noch dabei empfehlen könnte, wäre der vortreffliche Haus- und Reise-Arzt von Doktor Kilian für die Frau – nicht um darnach zu heilen, sondern um, wenn ein Arzt ihr die Krankheit genannt hätte, darnach die Pflege richtiger zu treffen –; für den Mann würd' ich Kilians klinisches Handbuch empfehlen, eine neue, aber vermehrte und mit Rezepten bereicherte Auflage der ersten. Beide Ausgaben kommen diesem Briefe zu Ihrer Einsicht mit der fahrenden Post nach. Über die Gymnastik Ihres Pauls ein andermal, nach sechs oder acht Jahren, wenn er geboren ist und diese Jahre hat. In jedem Falle würd' ich den meinigen zwar wochenlang klettern, voltigieren, schwimmen, wettlaufen, ballspielen und kegeln lassen; aber ebensogut wochenlang einschrauben wie eine Bohrmuschel und einsperren wie einen Genesenden vom Scharlachfieber; nicht etwa, damit er gesund werde, sondern damit ers bleibe und in ein mehr Sitz als Stimme habendes Jahrhundert sogleich so viel Sitzfleisch mitbringe, daß er nicht über die Sessionen (Sitzungen) die Sedes (Stühle) einbüße. Wenigstens würd' ich den Starken ebensowohl im Sitzen als den Schwächling im Bewegen üben. Auch würd' ich ihn mehr abends als morgens in Schweiß setzen und folglich die körperlichen Anstrengungen den geistigen nach-, nicht vorschicken; Denken und Sitzen nach heftiger Bewegung ist nicht halb so gesund und lustig als das Umgekehrte. Starke Morgen-Bewegung erschöpft als reizende Potenz bei dem langsamen Früh-Puls und bei der größern Erregbarkeit oft für den ganzen Tag. Auch zeigen die Sprünge, worin die Knaben auf dem Wege aus der Schule sich üben, den Wink der Natur. – Ungeachtet aller dieser Gründe werd' ich das Gegenteil tun – nicht immer, aber doch – zuweilen, um den Körper auch hiezu abzurichten. Ich schließe meinen Brief, der fast aus lauter Postskripten besteht, weil ich immer aufhören wollte, und immer nachtrug. Leben Sie wohl und Ihre Frau noch besser! J. P. F. R.   N. S. Sollten Sie Doktor Marschalls Unterricht zur Pflege der Ledigen, Schwangern, Mütter und Kinder in ihren besondern Krankheiten, zwei Teile, dritte Auflage, gekauft haben: so sein Sie gegen diesen Unterricht etwas harthörig und ungehorsam, oder lassen Sie ihn wenigstens von einem brownischen Arzte erst filtrieren und raffinieren. Wenn er z. B. der Gebärerin in den ersten neun Tagen nichts reicht als Obstsäuren, Salpeter und andere abschwächende Kost: so ist dies so viel, als wenn man einen Schein-Erfrornen, welcher der Wärme nur in leise steigenden Graden, obwohl freilich vom kleinsten an, zu nähern ist, einige Tage lang in ein Gefrierzimmer einsperrte, damit er sich langsam von der Kälte erholte. Langsam genug tät' ers auch, da er schwerlich eher warm würde als bei der – Auferstehung. Komischer Anhang und Epilog des ersten Bändchens Geträumtes Schreiben an den sel. Prof. Gellert, worin der Verfasser um einen Hofmeister bittet. Zur Erholung des Lesers und Schriftstellers stehe ein Traum-Schreiben hier an seinem Orte. Wenige Menschen haben noch so ein besonnenes Träumen – wovon künftig in einer Umarbeitung meiner Abhandlung darüber mehr In Jean Pauls Briefen S. 125 . – erlebt als ich; das besonnene Wachen müssen andere schätzen. Dem gegenwärtigen Traume mußte ich sogar mit einigen Unordnungen wachend nachhelfen, damit er – durch das Föderativ-System entgegengesetzter Zeiten und Zwecke, so wie von Erinnerung und Vergeßlichkeit – das wirklich scheine, was er ist. Übrigens hoff' ich ihn ziemlich echt zu geben, da ich die bekannte Traum-Gedächtnis-Kunst gebrauchte, sobald er aus war, die Augen geschlossen und jedes Glied ungeregt zu erhalten. Leider haben nur alle Einfälle oder Findelkinder des Traumes – die enfants perdus der Einbildung, um so mehr, da er durch sein gewöhnliches Zurückführen in die Kindheit-Zeit ein limbus infantum (Kinderhimmel) ist – den Fehler an sich, daß sie so lange glänzen, bis man erwacht, worauf man denn wenig oder nichts an ihnen findet. Wenigstens ist es mein Fall; und ich hoffe, der Leser fällt bei. * Bester, seliger Gellert! Ich brauche einen Hofmeister für meinen Max; denn ich schreibe gegenwärtig über die Erziehung und behalte folglich keine Minute für sie übrig, so wie Montesquieu seine Präsidentenstelle niederlegen mußte, um den Geist der Gesetze aufzusetzen. Da es auf jeder Universität pädagogische Grossierer und Lieferanten von Lehren weniger als ganzen Lehrern gibt, und Sie ohnehin dieses Patronat-Recht, Hofmeisterstuben zu besetzen, schon vor Ihrem Tode ausübten: so wüßt' ich nicht, warum es jetzo nicht besser abliefe, nicht nur, weil Sie mit der Zeit seitdem fortgegangen, sondern auch mit der Ewigkeit. Bei einer so ausgebreiteten Bekanntschaft, als Ihnen Ihre posthuma auf mehren Planeten erwerben mußten – da, wie Tugend künftig Lohn der Tugend ist, so auch himmlische Schriftstellerei der Preis der irdischen werden muß –, kann es Ihnen in unseren Sonnensystem zur Wahl an Leuten und Kandidaten nicht fehlen. Nur kein damaliges geschniegeltes, gebügeltes, ganz in Schönpflästerchen gekleidetes Leipziger Subjekt sollen Sie mir verschreiben, nicht einmal den vorigen Gellert selber (ausgenommen seine liebende Milde und seine naive Leichtigkeit); ein recht derbes Stück – Geist begehr' ich. Es gibt ohnehin schon so viele geborne Maroden; soll es noch erzogne geben, oder gar beide verbunden, beschnittene Katzen-Goldstücke, zugleich kriechende und gekrümmte Raupen? – Himmel, warum find' ich in Erziehbüchern stets etwas Gutes, und an Erziehern selten dergleichen? Was hab' ich von letzten nicht gesehen, Gellert, und kann es noch sehen, in welcher Stadt ich will! Ich denke gar nicht (weil ich nicht will) an jene Sauertöpfe voll Kinder-Beize, an jene lebendigen Ekelkuren für Kleine – denn männliche Folgerechtlichkeit macht sogar einen falschen Erziehsatz gut, und nichts ist daher z. B. an Eisbergen gefährlich als die Spalten oder Lücken –, sondern an jene süßlichen, honigtauigen, bleizuckernen Immer-Lehrer – welche alles einweihen wollen für den Jungen, bis auf die Windeln, wie ein Papst die leiblichen – und die ihm gern eine Sperrordnung des Sphinkters aufsetzen möchten, und zwar ziemlich unerwartet mit folgenden Worten: »Wißt ihr denn nicht, welche Umstände bei diesem Falle, den wir nicht deutlicher nennen, schon auf dem Marsche eines Heeres gemacht werden, so daß nämlich, sobald einer die Sache begehrt, es dem nächsten Unteroffizier angesagt wird, der es dem Offizier des Zuges rapportiert, damit dieser einen Unteroffizier ernenne, der den Menschen nicht nur hin-, sondern auch herbegleite vom Sedes zurück? – Und Kinder sollen gleichwohl eines oder das andere Notdürftige verrichten dürfen, wie sie nur wollen? – Wie abgeschmackt!« O ich versteh' ganz den Hofmeister; hinter jedem Schritte und Sprunge des Jungen will er etwas säen und noch dazu dabei in Angst sein, ob wohl die geistigen Kirschkerne, mit deren süßen Hülle er sie ihm beigebracht, im Magen so aufgehen und wurzeln, als er verhofft, oder in der zweiten andern Lebensmetapher des Genusses: ob wohl die Froscheier, die er ihm in einem Trunk Teichwasser eingegeben, sich entwickeln. »Im Physischen«, sagt er, »ist dergleichen gemeiner, aber schädlich« und bezieht sich kurz auf die Stunden, wo ers ohnedies gelehrt. Der Hofmeister hält sich für das U, ohne welches das Q des Kindes gar nicht auszusprechen ist. – Jeder Tat gehe mein Sermon voraus, sagt er – der Mann unterstützt nämlich im Kinde jede kindliche Handlung mit männlichen Gründen und balbiert es mit der Sense. Wer diesen Mann, wenn nicht überall, doch oft gesehen, weiß vieles; in Sina gibts ein Gesetzbuch, desgleichen Lehrer für die bessere Weise, Tee anständig zu trinken; aber gedachter Mann würde die Sache nicht nur uneigentlich tun und wünschen, sondern auch eigentlich dazu, weil er einen zu großen Mangel an Anweisungen für Kinder fände, Kaffee, Wasser, Tabak, Steine (zum Werfen), Hände (zum Küssen) und Kuchen (zum Stehlen) zu nehmen. Es ist derselbe Mann, welcher die zehn Gebote an die Stubentür als an eine Gedächtnissäule ankreidet, damit der Junge sie stets vor Augen habe – welches das kräftigste Mittel ist, sie aus den Augen zu verlieren. Die meisten elterlichen und hofmeisterlichen Gebote gleichen der Inschrift auf gewissen Türen: »Tür zu «, welche dann gerade nicht zu lesen ist, wenn man die Tür offen gelassen und an die Wand gelehnet hat. Schauen Sie von oben herab einen Hofmeister an, der sich mit seinem Gefangnen zusammenkettet; der sich zu einem geistigen Vater adoptieren lässet, was eigentlich der leibliche sein sollte, da man wohl Unterricht einem fremden Kinde geben kann, Erziehung aber nur einem eignen, weil jener abbrechen darf, diese fortwähren muß: – so dürft' er Ihnen (auch ohne die Vogelperspektive der zweiten Welt) weniger in jenem ernsthaften Lichte, das oben gewöhnlich ist, als im andern erscheinen, wenn er z. B. spazieren ginge mit seinem Hörknechtchen und nun jeden Berg und Fluß und vorbeiziehenden Menschenhaufen (für sich zu nichts) bloß zu einem Fahrzeug zu machen strebte, womit er ins Knechtchen Lehren einbrächte. Denn solange es nicht schläft, entwickelt ers fort; obgleich der Traum es vielleicht noch reiner entwickelt. Wenn jede morgenländische Perle das Leben eines Sklaven kostet, so kostet ein abendländischer Zögling einen Erzieher und noch etwas mehr. Der Lehrer, der sich nicht leben kann, läßt den Schüler ebensowenig sich leben, und so begaben sie sich gegenseitig mit Sünden der Schwäche, etwa wie die neue Welt und die alte einander mit einer neuen Krankheit begabten, mit der doppelten Vérole. Um in Bildern zu reden, Seliger, so verstümmeln Hofmeister und Bettler Kinder, um sich zu beköstigen, nur daß jene die Verrenkungen als Schönheit-Schnörkel, diese sie als Wunden und Spalten an lebendigen Almosenbüchsen ausstellen. Oder sie scheuern durch langes Zuschleifen des Kindes sich selber die reine Form weg, wie die Glasschüssel, worin man mühsam Kunstgläser erhebt, zuletzt selber ihre abgemessene Tiefe verschleißen. Darf aber dies sein, bester Verewigter? Soll mein guter Max, dessen Blick und Griff nach Kraft dringt, so öde herabermatten? Soll vollends für das neunzehnte Jahrhundert ein Knabe so dünn und zart und brechlich vom Hofmeister geblasen werden, daß er – so wie nach Lusitanus ein Mann seinen Steiß für eine Glaskugel ansah und daher sich stets nur auf den Beinen erhielt – nicht bloß etwas, sondern alles an sich für moralisch-, ästhetisch-, intellektuell-gläsern hielte und mithin weder wagte zu sitzen, noch zu stehen, noch zu liegen, noch zu sein? – Wie gesagt, Lieber, dies wollt' ich in einigem Bilderstil sagen, indem ich in die Fußstapfen des Ihrigen zu treten versuchte. Wie alle Nachahmer aber – das weiß ich zu gut – werd' ich mit langer Nase und nicht viel kürzern Ohren abziehen müssen, da Ihr jetziger Bilderstil, seitdem Sie im Himmel oder Uranus die größten Gegenstände und Welten ganz nahe, z. B. den Jupiter und die Hölle, zum Befeuern vor sich haben, sich allerdings von jedem andern Stile, auch Ihrem hiesigen, morgenländisch unterscheiden muß durch kecke Pracht, und Sie sagen werden: im Himmel schreiben ansässige Gellerte etwas blitzender und bildernder, und niemand spricht da matt. Übrigens weiß ich sehr gut, was Sie mir gegen den Einfluß hofmeisterlicher Verglasung einwerfen, bis sogar auf Ihre Wendungen. Denn Sie finden eine Anekdote, die Sie in Marville Melanges d'histoire de Vigneul-Marville T. II. gelesen, hier applikabel. Ich will solche zum Beweise, wie leicht ich errate, Ihnen selber erzählen. »Ein Jungmeister von Prediger, nämlich voll schöner Gebärde, Tönung und sonst, bestieg die Kanzel und begann die Predigt; – hatte sie aber vergessen und wußte noch weniger als vorher, was er sagen wollen. Indes faßte er sich, erhob seine Stimme (und dadurch, wie er hoffte, sich selber) und trug mit seltenem Feuer den Zuhörern eine Verbindpartikel nach der andern: enfin, car, donc, si, or vor und murmelte mit zurücksinkender Stimme allerlei Unhörbares den Partikeln hinterdrein. Die Pfarrkinder-Gemeinde horchte gespitzt und gespannt, ohne doch viel zu fangen; mußte also, wie natürlich und vernünftig, das Taubsein auf das Absitzen von der Kanzel schieben, welches der eine Teil für ein zu nahes hielt, der andere für ein zu fernes. So mochte der Seelsorger mit seinen Auftakt- und Heft- und Griffwörtern etwa dreiviertel Stunden angehalten haben und sich und seinen Schafstall in Feuer und Schweiß gesetzt, als er endlich Amen sagte und sich von der Kanzel mit dem Ruhm eines wahren Kanzelredners herabbegab. Sämtliche Zuhörer aber entschlossen sich fest, künftig die Plätze verständiger zu wählen und sich teils näher, teils ferner zu setzen, um nichts zu verlieren.« Was predigen denn die meisten Erzielter den Kindern, so wie die Philosophen den Musensöhnen und Lesern, nun anders als ein Paar tausend si's, donc's, car's, und kein vernünftiges Wort darüber? Was sind die meisten Lehren für Kinder – wie die meisten Männergespräche für Weiber – als angewöhnende Anweisungen, nicht aufzumerken? – Sie wissen nun, welchen geistigen Vater ich als leiblicher adoptieren will für den Jungen. Ich spreche ganz natürlich nur von des Hofmeisters Seele. Denn sein Leib mag ebensogut aus Uranus-, Saturns-, Monds- oder Sonnen-Erde als aus Erden-Erde geknetet sein. – Die Seele wünscht' ich nun, daß Sie solche aus den jetzigen zehn Planeten, wie Sie sonst aus zehn deutschen Kreisen Kandidaten auslasen – welche Kreise, bester Gellert, seit Ihrer Entfernung fast zehn Christen-Verfolgungen und Wisthnus-Verwandlungen ausgestanden haben –, ebenso gewählt aus den Wandelsternen aussuchten für mich. Mit einem Subjekt aus dem bleischweren, bleitrüben, selbstischen Saturnus, der mit aller Breite und Hülle und Fülle von Monden und Ringen langweilige Jahre und schlechtes Licht hat und gibt, werden Sie mich ebenso verschonen als mit einem Springkäfer aus dem lustigen, um die Sonne hüpfenden Merkur , dem Hausfranzosen des Planetensystems, der sich immer in Sonnenglanz ertränkt und doch da, wo er recht vor und in die Sonne kommt, nur als schwarzes Punktum erscheint. Bester Professor, Sie kennen alles, und manches jetzo viel früher als wir, wovon ich nur die Pallas, Ceres, Juno und die künftigen entdeckbaren Planeten hier nenne. Aus der Pallas – einem abgesprengten Drittelstück von Erde, und noch dazu in solcher Licht- und Feuerweite von Sonnen-Apollo – will ich keinen Informator; ich gedenke absichtlich dieses Zwerg-Planeten namentlich, da Ihre Vorliebe für Pleiß-Athen, wessen Schirmvögtin Pallas gewesen, Sie vielleicht bestäche. Sie sollen für nichts parteiisch sein als für die zweite Welt und für meinen ersten Jungen. Mit einem Worte, ich wüßte keinen so ausgezeichneten Stern, worauf ich mir meinen Hauslehrer aussuchen möchte, als den Abend- und Morgenstern; und der bleibts, Gellert! – Vom Sterne wäre ohnehin viel zu sagen – und schon sein Doppelname sagt zwei Dinge – ferner ist er auf die Göttin der Schönheit getauft, dann auf einen gewissen Lichtträger (Luzifer), nicht Lichttöter – überhaupt hat der Stern das Gute an sich (und sonst manches), daß er recht geschickt am Himmel steht, weder der Sonne zu fern, noch der Erde zu nahe, und daß er sich nicht so auffallend (für Kinder) leert und füllt als z. B. der nähere Mond. Kurz, ich halte die Venus für die beste Bonne. Mithin begehr' ich meinen Hauslehrer ans dem Hesperus. Denn Ihr Hesperide wird gewiß mit dem Jungen ganz gut umspringen, denk' ich. Er wird – da Liberalität überall unschätzbar ist, folglich – warum nicht in der Erziehung zuerst – ihn mit gewandter Freiheit und Kraft behandeln und ihm die eigne lassen. Gegen das Kindische wird er wenig haben. Das Innere und das Äußere schnell und heimlich aufgreifend, wird er nirgend viel Worte und Zurüstungen machen, nur im Großen und Ganzen, nicht im Kleinen entwickeln und mehr Arzt der Schwäche als der Dämpfer der Stärke sein. Nachhelfen und nach- und vorleuchten wird er dem Erdensohn allerdings, wie es der Erde sein Wohnplanet, der Hesperus, auch tut, also nur dann, wenn die Sonne entweder noch nicht da ist, oder schon hinunter; am Tage will ein so kluger Hesperide gewiß der Sonne nicht beistehen; ich kenn' ihn zu gut. Sogar im Physischen wird er nicht mit weibischer Bangigkeit überall besorgen, der Junge breche auf jedem Zweige das Bein – wiewohl ein Beinbruch doch besser ist als die Angst davor und auf der andern Seite Kinder schon die Neuheit der Versuche und die bei der kurzen Körper-Elle natürliche Überschätzung der Fall-Räume behutsam macht –, oder er werde von Bleisoldaten und Kindertrompeten vergiftet, von Schaukelpferden entmannt, von Hosen verdorben. Wer im Namen des andern so viel fürchtet, ist selber der Furcht verdächtig, und der Feige bildet einen Feigen, wie ein Einsiedler einen Einsiedler. Unsere Vorfahren, alter Gellert, sind doch bei allen Hosen, Federbetten, Sätteln und Gewürzen stark und keusch ausgefallen. Es ist mir noch aus einem andern Grunde besonders lieb, von Ihnen meinen Hofmeister aus der Venus verschrieben zu sehen, weil da, nach den besten Gläsern und Sternsehern, die höchsten Berge – gegen welche in Vergleich mit den unserigen nur eine Maulwurf-Schnauze den Chimborasso aufgeworfen hätte – und mithin die reinste Bergluft neben der wärmsten Tal-Schwüle (auch denk' ich mir die Hitze des Luzifers oder der Venus leicht) sich aufhalten. Welche kräftige männliche Alpen-Brust samt einem warmen Welschland im Herzen muß der Phosphorus-Bewohner zu mir nach Baireuth herabbringen, ordentlich als ein recht sorgfältiger auserlesener Hofmeister, welcher einem Feldherrn gleichen muß, voll entgegengesetzter Kräfte, in unwiderruflicher Strenge und Anordnung, ernster Freundlichkeit, Genossenschaft und Zuredsamkeit. Ich bin überzeugt, der Informator versteht mich, wenn ich sage: »Da der Mann den Gelehrten entbehren kann, aber nicht der Gelehrte den Mann: so impfen Sie mir vor allen Dingen (nicht aber umgekehrt) auf den Mann den Gelehrten. – Unser neunzehntes Jahrhundert (so könnt' ich mit ihm noch heller aus der Sache sprechen, abends unter dem warmen Regen des Punsches) wird, welches Jahrtausend Sie auch auf Ihrem kleinern Wandelsterne zählen, nicht das beste, wenigstens nicht das stärkste, ob es gleich, wie Ihrer, den Namen Phosphorus und Luzifer verdienen mag. Worauf wir groß tun, ist auf die Pariser Revolution oder Umwälzung von etwas Kleinem. Aus den Steinen, welche sonst die Giganten warfen, wurden Inseln; jetzo werden aus Wurf-Inseln Steine, Zwicksteine, Leichensteine, Abziehsteine. Die Revolution brachte, wie ein Erdbeben, in die Gerippe eines Zergliederhauses einige Bewegung. – Hofmeister suchen, wie der Anatom Walter in Berlin, ihren Ruhm darin, Gerippe zu präparieren durch Entfleischen und sie dann zu bleichen . Venus- oder vielmehr Erden-Bruder! könnten Sie so denken? Dann würd' ich mein Schreiben an Gellert bereuen! Kräftigen und Kraft lassen wird, hoff' ich, Ihr erstes und letztes Erziehwort sein. Was für die Zeit erzogen wird, das wird schlechter als die Zeit.« Der Hesperide antwortet mir darauf: »In die Frühlingplätze der Kindheit schauen ohnehin so oft die Väter als ferne schneeweiße Berghäupter hinein und zeigen dem Frühling den Winter. Lieber den Windbruch der Frühlingstürme als den Schneebruch des Alters!« – »So wahr als schön, Kandidat!« versetz' ich darauf. »Lavoisier machte einen Eisapparat zum calorimetre, zum Wärmmesser: – so wird so oft das Feuer vom Eise gemessen, der Knabe vom Greise.« Der Kandidat will viel am mündlichen Stile seines Brotherrns finden; ich fahr' aber wenig bestochen fort: »Wie ich mich auch ausdrücke, so ists gewiß, daß die künstliche Doppelfraktur, worin die Schreib- und die Hofmeister die Seelen wie Buchstaben brechen, von den Doppelfrakturen der Wundärzte in nichts als im Witze verschieden sind, der freilich Verschiedenheit fodert, wenn er die fernsten Ähnlichkeiten unbefangen finden will.« – »Man gebe«, versetzt der Kandidat, »nur der Grundkraft eines Kindes Entfaltung und Lebensaft, so braucht man nicht an den einzelnen Ästen zu impfen oder die Blätter auszukerben und die Blüten anzufärben; wie ein Fürst muß man das Ganze lenken, ohne das Einzelne zu betasten.« »Sie sind mein Mann,« sagt' ich, »wenn nicht mehr. Ständen die Hofmeisterstellen, die ich sonst bekleidete, noch offen: so sollten Sie in ihnen vikarieren für mich – – Doch Sie tuns ja bei der letzten, die ich selber versehe und vergebe als Vater und Patron. Die leichten Bedingungen brauchen kaum gesagt zu werden. Sie quälen den Jungen nicht mit tausend Sprachen – denn bloße Sprachen lernen, heißt sein Geld in Anschaffen schöner Beutel vertun, oder das Vaterunser in allen Sprachen lernen, ohne es zu beten –« »Ich schlage ein, freier Kopf!« sagte er kühn – »Sondern Sie lehren ihn bloß französisch, englisch, spanisch, welsch; – griechisch und lateinisch und deutsch ohnehin; doch letztes gründlicher. – Was Wissenschaften anlangt, so werde der Junge von Ihnen, wie von der Rauchschwalbe das Junge, nur im Fluge geätzt – an keine lange Bestimmung der Lehrstunden geknüpft – –« »Sie kennen das menschliche Herz und zeigen das schönste«, unterbrach er mich und trank – »Sondern, wenn Ihre gewöhnlichen acht Lehrstunden vorbei sind, und der Junge oder Sie noch neue Schullust spüren, so greifen Sie ohne Bedenken noch aus dem Tage so viel vom zweiten, ja dritten Drittel, als Sie wollen, heraus und dozieren es durch. Was nun Wissenschaft selber anlangt – denn Fecht-, Tanz-, Schwimm-, Reit,- Voltigier-, Geig-, Sing-, Blas-, Klavierkunst bleibe Ihrer beider Erholung –, so soll es mir genug sein, wenn der arme Junge nur Geschichte lernt – so viel nämlich von Vergangenheit schon da ist, wiewohl ich doch in die neueste ein wenig pikante Zukunft eingetröpfelt wünsche – samt den andern nicht weniger nötigen Geschichten: Natur-, Bücher-, Ketzer-, Götter-, Kirchengeschichte etc. – desgleichen die nötigsten Kunden : Sternkunde, Münz-, Altertum-, Wappenkunde etc. – und die Lehren : Naturlehre, Recht-, Arznei-, Größen-, Sittenlehre etc. – und die Beschreibungen : wie Erdbeschreibung etc. – einige Iken , wie Ästhetik, Diätetik, Phelloplastik etc., denn wozu, Henker, sagt' ich häufig, soll ein armer unbärtiger dünner Kindskopf unmäßig befrachtet werden mit dem gelehrten Fett und Wust? Wozu sein Leben durchschossen, nicht von weißen Blättern, sondern von ganzen vollen Büchern? Und er selber ein Pack- und Bagage-Pegasus? Wozu, sag' ich? – – Sie haben und vermögen viel zu tun; denn Sie sind ein paar tausend Hofmeister auf einmal. Oft begriff ich gar nicht, warum man nicht ein ganzes Regiment von Hofmeistern und Hofmeisterinnen auf einmal anwirbt, wenn ich ernst bedenke, wie viele Halbgötter und Halbgöttinnen die Römer bei den Kindern anstellten und anbeten, z. B. die Nascio oder Natio, vorstehend der Geburt – die Rumina, vorstehend dem Säugen – die Edusa dem Essen – die Potina dem Trinken – die Levana ohnehin – den Statilinus und die Statana dem Stehen beider Geschlechter – den Fabulinus dem Sprechen, wobei ich absichtlich aus Haß fremder Langweile noch Halb-Gottheiten wie Vagitanus, Ossilago, Nundina, Paventia, Carnea Augustin. de civit. dei l. 4 et 9. vergesse. Könnte man es daher machen und bezahlen, so sollte man fast für jede besondere Seelenkraft des Kindes einen eignen Lehrer besolden, der sie abrichtete; ja Unterlehrer für die besonderen Unterabteilungen derselben Kraft wären wenigstens – fromme Wünsche. Es sollte mir lieb sein (es wird aber nichts daraus), wenn ich die verschiedenen Lehrer-Heere hätte und z. B. in der Ästhetik einen Sohn nach den verschiedenen Einteilungen von Krug könnte exerzieren lassen und der eine ihn dessen Hypseologie, der andere die Kalleologie, der dritte die Krimatologie dozierte und so der Junge bald seinen erhabnen Lehrer hätte, bald seinen weichen, bald seinen naiven. Auch in Tugenden wünscht' ich, Bester, daß Sie besondere Privatübungen und Stunden für jede Tugend gäben, damit nicht das Ganze ineinanderflösse und ein armes Kind nicht wie ein dummer Engel dastände, der nicht weiß rechts oder links, sondern nur was rechts ist. Wenn Franklin sich in jeder Woche in einer andern Tugend übte und schulte: könnten nicht die verschiedenen Sonn- und Festtage, welche ohnehin als Ferien zu wenigem Reellen anzulegen sind, zum Einkäuen mehrer Tugenden vernützt werden? An jedem Feste nähme man eine andere vor, oder an den drei Feiertagen die drei Teile der Buße, und an jedem Aposteltage schaffte man ein Laster fort. Ja ich kann mir lange Trinitatis gedenken, an welchen man von Stunde zu Stunde alle Tugenden den Kleinen durchmachen lassen könnte, so daß er bei dem Gebetläuten als ein Monatheiliger und Heiligenbild dastände. – Um desto eher könnte ein so trefflicher Hauslehrer meines Jungen sich von mir versichert halten, daß ich ihn, lebte anders der gute Gellert noch, am Ende seiner Laufbahn (wenn Max ihn nicht mehr nötig hätte) mit Vergnügen und mit allem Gewichte, was ich etwa als Autor bei Gellerten haben möchte, diesem empfehlen würde, bloß damit er den jungen Mann weiter empföhle und so nach Verdienst unterbrächte. Aber Gellert ist freilich entschlafen.« * Hier erwachte ich selber und wollte wissen, was ich geträumt hätte, und sann zurück. Ich fand aber bald, daß ich aus dem geträumten Bittschreiben an Gellert – ganz und gar so recht der tollen Traum-Ordnung gemäß – verschlagen worden in ein fremdes Gespräch mit einem Informator, der schon vor mir sitze. Indes ist ein solches Umhergleiten insofern gut, als dasselbe, wenn man es drucken läßt, beweisen kann, man habe nicht, wie leider sehr gewöhnlich, zum Scherze und Drucke geträumt, sondern in der Tat. Viertes Bruchstück Weibliche Erziehung Kap. I. Jaquelinens Beichte ihres Erziehens § 75-77. Kap. II. Bestimmung des weiblichen Geschlechts, für Gatten weniger als für Kinder § 78-80. Kap. III. Natur der Mädchen; Erweis ihrer überwiegenden Herzens-Reinheit § 81-88. Kap. IV. Bildung der Mädchen – in Rücksicht der Vernünftigkeit § 89-90. – der Herzens-Reinheit und der Liebe gegen ihr Geschlecht § 91. – der Milde und bei Anlage zu weiblicher Heftigkeit § 92. – der Lebens- und Hauswirtschaft § 93-95. – der Kenntnisse und Fertigkeiten § 96-97. – des Anzugs, Putzes etc. § 98. – der Heiterkeit § 99. – Erziehung genialer Mädchen § 100. Kap. V. Geheime Instruktion eines Fürsten an die Oberhofmeisterin seiner Tochter § 101. Erstes Kapitel § 75 Unter weiblicher Erziehung versteh' ich dreierlei Sachen auf einmal, die sich widersprechen. erstlich die Erziehung, die gewöhnlich Weiber geben; – zweitens ihren ausschließenden Beruf zur rechten, im Verhältnis gegen die Männer; – drittens die Erziehung der Mädchen. Dem ersten und zweiten hätte eine frühere Stelle gebührt, wenn nicht mit beiden die Charakteristik des weiblichen Geschlechts, nach welcher doch die Bildung desselben sich regeln muß, wieder zusammenfiele – und wenn es überhaupt in diesem Erfahrung-Werkchen darauf ankäme, die Stellen der Materien nach strenger Rangordnung zu vergeben. Ein Leser, vor welchem so viele neue Systeme vorüberziehen, muß selber mit einem geschlossenen und bewaffneten am Wege halten, wenn nicht eines um das andere sein Inneres besetzen soll. § 76 Das Heil der Erziehung können den verzognen und verziehenden Staaten und den beschäftigten Vätern nur die Mütter bringen, wie das zweite Kapitel sagen soll; das Unheil aber, das die Mütter vermeiden könnten, mag dieser Paragraph leichthin nennen. Wär' es übrigens sonst dem Tone dieses Werks zustimmend, so würd' ich, gern bekenn' ichs, das kleine Sündenregister oder die Verlusttabelle von diesen Spiel- und Ehrenschulden fast mehr scherzhaft vor der Welt aufschlagen; um so mehr, da mir in diesem Falle eine gewisse sonst vortreffliche Mutter von fünf Kindern, Mad. Jaqueline, welche mich glücklicherweise unter dem Feilen der Levana besuchte, die leichteste Einkleidung in die Hände reichen würde. Damen kleiden gern ein und an und aus. – Denn da ich die Treffliche schon längst gekannt habe: so wäre so manches vorbereitet und erleichtert; ich könnte sogar mir denken, daß die liebe Jaqueline als Schwester-Rednerin ihres ganzen Geschlechts – ohne ein anderes Kommissoriale aufzuweisen als ihre Schönheit – vor meinen Schreibstuhl, als sei er ein Beichtstuhl, träte und vorbrächte, sie wünschte herzlich, von mir absolviert zu werden, nur aber könnte sie die Ohrenbeichte vor Scham unmöglich selber ablegen, sondern sie woll' es vergnügt annehmen, wenn ich sie – wie sonst Beichtväter im Namen taub -stummer Beichttöchter deren Beichte über ihrem Kopfe aussprechen – für eine Hör -stumme nehmen und mithin als Stellvertreter und geistiger Vater der Beichttochter folgende Beichte für sie ablegen wollte: § 77 »Ehrwürdiger lieber Herr!« – (so wäre nämlich, falls der Scherz fortgehen soll, die Anrede an mich selber ihr in den Mund zu legen) – »Ich bekenne vor Gott und Ihnen, daß ich eine arme pädagogische Sünderin bin und viele Gebote Rousseaus und Campens übertreten habe. Ich bekenne, daß ich nie einen Grundsatz einen Monat lang treu befolgt, sondern nur ein paar Stunden; daß ich oft meinen Kindern halb in Gedanken und also halb ohne Gedanken etwas verboten habe, ohne nachher nur hinzusehen, ob sie gehorchten; daß ich ihnen, wenn ich und sie recht mitten in gegenseitiger Freude obenauf schwammen, nichts von dem abzuschlagen vermochte, was ich sonst aus kalter Vernunft leicht verweigerte, und daß gerade in zwei Stunden, in den sonnenhellsten und in den bewölktesten – es mochten sie nun ich oder die Kinder haben –, diese am meisten verdarben. – Hab' ich nicht noch sonst viel Böses getan? Hab' ich nicht vor Freuden zu meiner Bella so gut wie zu meinem Charmanten (letztes ist aber nur der Mops) gesagt: faites la belle? – Hab' ich nicht jedesmal Erzieh-Meßferien während fremder Besuche, vorzüglich wegen der vielen vornehmen Meßfremden, die zu meinem Manne kamen, angeordnet und einen Gast höher als fünf Kinder geschätzt, so daß ich jener deutschen Frau wenig ähnlich war, von der mein Mann im zwölften Bande der geistlichen Fama gelesen, daß sie zwei Königen an einem Abende den Tanz abzuschlagen den Mut gehabt, weil sie ihn für unchristlich gehalten? – Hab' ich nicht meine zwei jüngsten Kinder, die Josephine und den Peter, voriges Jahr des Tags nur einmal beim Frühstück gesehen, bloß weil ich einen Roman und eine Stickerei zu vollenden hatte, und weil eben meine Freundin, die herrliche Fürstin, für welche ich sticke, hier sich aufgehalten? Nur dies kann mein Herz beruhigen, daß ich mir alle Mühe gegeben, für meine guten Kleinen eine gewissenhafte Kinderwärterin aufzutreiben, die als eine wahre Mutter an ihnen zu handeln schwur, und der Himmel möge sie heimsuchen, wenn sie eine so teuere Pflicht an meinen armen Würmern je außer acht und diese nur eine Minute aus dem Gesicht und in fremde Hände gelassen. Gott, wenn ich mir dies denke! – Aber ach, was wissen solche Wesen von den Sorgen eines zärteren Mutterherzens! Sonst hab' ich wohl (was mich tröstet) zweimal jeden Tag, nämlich nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen, alle meine Kinder vor mich kommen lassen und oft stundenlang abgeherzt und erzogen. Aber ich bekenne, daß ich mich leider nach meiner Heftigkeit zu wenig satt an ihnen küssen kann und dadurch den Tadel meines Gemahls auflade, der vielerlei dagegen hat und sagt, z. B.: Kinder könnten (wenn auch nicht die meinigen) wohl mit der Prinzessin von Condé klagen: ihr Unstern sei, von Alten geliebt zu werden – das heilige Siegel des Herzens, der Kuß, sei den Kindern noch ein plattes und leeres – ein heftiger sei ihnen beschwerlich und vielleicht durch das fünfte Nervenpaar der Lippen sogar schädlich – besser sei ein sanftes Streicheln und ein sanftes Liebe-Sprechen und ein Kuß, den sie geben, und ein leiser, den sie bekommen. Ich bekenne, daß ich, wie im Pfänderspiel, wenn ich mich fragte: was soll das Pfand (der Liebe) tun, das ich in meiner Hand habe? mir allezeit antwortete: mich ungeheuer lieben. Dadurch macht' ich, da ich so viele Liebe-Zeichen begehrte, Josephine zu weich, Sophie heuchlerisch und Petern sehr verdrüßlich. – Nach einer strafenden Strenge, die ich an ihnen geübt, ließ ich, anstatt mit der ganzen vorigen Liebe warm zu glänzen (ein abstechender Wechsel, der allein, wie mein Gemahl sagt, das Kind wenigstens in den ersten sieben oder zehn Jahren berichtigt und versöhnt), da ließ ich noch das lange Gewölke des Schmollens stehen, als ob die jungen Herzen versagte Liebe spürten, oder lange fort empfänden, oder im besten Falle das Schmollen nicht nachmachten. – Ich bekenne, daß ich, wiewohl ruhig gegen jeden, zumal außer dem Hause, bloß gegen meine geliebten Kinder in nichts gelassen sein kann, so sehr auch die kleinste Heftigkeit, und bestände sie in einem Sprunge zur Hülfe, ihnen schadet und einerbt. – Und ich bekenne, daß ich ihnen meinen Zorn zu leicht zeige, z. B. gegen meine weibliche Dienerschaft, ungeachtet ich recht wohl weiß, was mein Gemahl so schön sagt: Kindern, auch nur den jüngsten, ein zorniges Gesicht oder gar Geschrei vor die Sinne bringen, heißt ihnen Unterricht in der Wut geben. Denn wie die ganze Seele mit dem ganzen Leibe, folglich jeder geistige Teil mit einem körperlichen, von oben herab aneinander gekettet und gegossen ist, so erweckt sich beides gegenseitig, die Gebärde geistigen Grimm, so wie umgekehrt. Mein Mann behauptete und befolgte den Grundsatz, daß ein Eheherr zu keiner Zeit eine bessere Schulmeisterinnen-Pflanzschule für seine Frau (ich spreche als gute Ehefrau ihm seine eigentümliche Sprache nach) errichten könnte als in den ersten neun Monaten der Ehe; hier möchte, hofft er, eine Gattin mit allen männlichen Erziehlehren geistig zu befruchten sein, welche sie, wenn auch nachher überträte, doch vorher sehr aufsuchte und pflegte in erster Liebe gegen ihr erstes Kind und gegen das Vorkind, den Mann; denn später verfalbe, fuhr er fort, etwas von der blühenden Liebe-Dienerei gegen den Gemahl und etwas von ängstlicher Pflege gegen die Kinder; daher die Erziehung mit der Menge der Kinder, fährt er noch fort, nicht besser werde, wenigstens nicht sorgfältiger; aber ich freue mich, daß ich ihn diesmal, wie sonst noch oft, widerlegt und sogar das dritte bei aller guten Hoffnung des vierten mehre Monate so erzogen habe, als es mein Schul- und Eheherr in den Schulwochen der Flitterwochen angeordnet. Aber Ehrwürdiger Vater, Sie wissen freilich nicht aus Erfahrung, mit welchen Grillen oft die Eheväter nach 9 oder 10 Flittermonaten auftreten. Verlangt meiner nicht ganz ernsthaft, daß ich, wenn ich zuweilen die Kleinen wasche, nicht heftig im Gesicht hinauf und hinab fahre und bügle, weil diese Heftigkeit, sagt er, ihnen mißfalle (und er reibt doch sein eignes so), sondern daß ich glatt vorn herab und quer herum gleite? Lächerliche Pedanterei! Eine Frau muß doch wissen, wie man wäscht; aber ich scheuere fort wie sonst, die Kleinen und der Große mögen dagegen schreien, wie sie wollen. Übrigens bekenn' und beicht' ich gern, daß ich nie leichter zornig werde, als wenn ich mich ankleide oder sonst ein großes Geschäft abtue; die schöne große Ruhe des Erziehens ist mir dann entflohen. Mein Gemahl will mir, zum Büßen und Bessern der Zorn-Runzeln, neben dem Nachttischspiegel einen Vergrößerspiegel anbringen; aber ich brauche, Gott sei Dank, ein solches Verkleinerglas noch nicht; und auch wechselte ich weniger die Züge als die Farbe. Vielleicht bin ich entschuldigt, daß ich meine drei ältesten Mädchen gerade an meinem Nachttische (auch Lucien oft) zulasse, erstlich weil sie so freudig und still zuschauen (zumal wenn ich ihnen weismache, daß sie vielleicht mitgehen dürfen), und zweitens, weil doch das junge weibliche Auge in der Geschmacklehre jedes Putzes am besten sich an Erwachsenen übt. Ich habe aber zu meinem Troste niemals meinen Töchtern oder auch mir ein gutes neues Kleidungsstück anversucht, ohne jeder Putzliebe durch die Vorstellung entgegenzuarbeiten, wie wenig der weibliche Wert im Tragen der Kleider bestehe, und wie der Anzug nur darum rein ausfalle, weil der Stand sich nicht anders trage. Gleichwohl bekenn' ich, daß alle meine Töchter eitel sind; ich mag mit meiner Toilette zugleich noch so viele Predigten dagegen machen, ich werde von ihnen weniger angehört als angeschauet. Wie oft dreh' ich mich, wenn meine (wirklich schöne) Maximiliane hinter mir steht und in den Spiegel guckt, mit Verweisen um und sage: da beschauet sie einmal wieder ihr schönes rotes blauäugiges Lärvchen und sieht und schielt sich nicht satt daran! Ich bekenne ferner, Ehrwürdiger Herr, daß ich mich weit mehr entrüstete, da mein Peter die Veritas (freilich mir eine liebe sinnbildliche Figur aus Bertuchs Industriecomtoir) neulich zum Fenster hinauswarf, als wenn er zehnmal gelogen hätte; indes bleib' ich auch wieder, hoff' ich, in Fällen gelassen, wo mein Mann zuweilen Lärmen schlägt, z. B. bei kleinen Lügen der Kinder oder bei ihrem oft gerechten Ausfilzen der Dienstboten; dann sagt er, in Bezug auf meinen Zorn, die Römer hätten recht gehabt, den Anfangbuchstaben, der einen Mann benannte, umgekehrt zu schreiben, damit er eine Frau bedeutete. Gott vergebe mir nur die Sünden, mit denen ich es gut meinte; für die andern bin ich gern verdammt. Ich habe allerdings viel gesündigt und zeitliche Strafe und böse Kinder verdient. Ich will aber mein pädagogisches Leben hinfort bessern und immer frommer werden; und bitte Euch,- Ehrwürdiger lieber Herr, mir an Gottes Statt meine Sünden zu vergeben.« – –   – In welchem Falle ich allerdings die Hand auf Jaquelinens runde Schnee-Stirn legen und leicht von den vergangnen Sünden absolvieren würde, aber wohl nicht von den zukünftigen. § 78 Allein der ernste Gegenstand fodert, daß ein Zweites Kapitel über Bestimmung des weiblichen Geschlechts ihm sein Recht der Würde wiedergebe. Überhaupt muß ein Vater, der seine Kinder nur stundenlang sieht und bildet, an die Mutter, die sich tagelang mit ihnen ermüdet, nicht die Foderung seiner stündlichen Anstrengung und Haltung machen. – Dieses längere Zusammenleben entschuldigt auch manches mütterliche Überwallen in Liebe und in Zorn. So findet auch ein Fremder die elterlichen Rügen immer zu hart, weil ihm ein Fehler nur zum erstenmal und außerhalb der Kette erscheint, welchen Eltern zum tausendsten Male und in wachsender Verbindung sehen. – Überschätzung der Kinder wird Müttern noch darum leicht, weil sie, nahe genug an der Entfaltung ihrer Seelen stehend, um jedes neue Blatt aufzuzählen, eine allgemeine menschliche Entwickelung für eine besondere individuelle nehmen und daraus auf ein oder ein paar Wunder schließen. – Und wie muß nicht schon die körperliche Pflege, die im Mittelstande bloß der Mutter auflastet, diese – im Gegensatz des freien Vaters – abstumpfen und abmatten gegen die geistige! § 79 Die Erziehung der ersten Hälfte des ersten Leben-Jahrzehends ist – schon durch den Körper – in Mutterhand gelegt. Dem Vater läßt der Staat oder die Wissenschaft oder die Kunst nur Zwischenstunden und mehr Unterricht als Erziehung zu, zwei glückliche Väter ausgenommen. Der erste ist ein Landedelmann, der in einer so goldnen Mitte aller Verhältnisse ruht, daß er sein Schloß zum Philanthropin seiner Kinder machen kann, wenn ihm anders seine Nach-Ahnen lieber sind als Karten, Hasen und Pachtgeld. Der zweite ist der, den er beruft, ein Landprediger – die sechstägige Muße, die ländliche Einzäunung gegen städtisches Umwühlen, die freie Luft, das Amt selber, das eine höhere Erziehanstalt ist, und am Ende der siebente Tag, welcher den Kindern den leiblichen Vater auf eine verklärende Höhe als einen geistlichen und heiligen stellt und auf die Lehren der Woche das Amtsiegel drückt – alles dies tut dem Prediger einen Erzieh-Spielraum auf, in welchen er sogar fremde Kinder hineinziehen kann; daher er stets besser sein Pfarrhaus in ein Erziehhaus verwandelt als die Hofmeisterstube in eine Pfarrei. Ich würde meinen Sohn viel lieber einem Geistlichen als einem Hofmeister überlassen, auch schon darum, weil jener freier ist und auf Füßen, nicht auf Krücken steht. In den mittlern Ständen erziehen die Männer besser (denn da sind die Weiber weniger gebildet); in den höhern, wo die Weiber zärter ausgebildet sind als die Männer, meistens die Weiber, oder auch Teufels-Großmütter. Was kann nun der Mann tun, z. B. der Philosoph, der Minister, der Soldat, der Präsident, der Dichter, der Künstler? – Zu allererst: seine Frau mehr lieben und belohnen, damit sie die schwerste Erziehung, die erste, durch doppelte Unterstützung leichter durchführe, durch Kindes- und durch Gattenliebe. – Auf diese Weise wird der Mann für die feinste oder erste Ausbildung durch die Mutter, welche keine spätere Hofmeister, Pensionanstalten, väterliche Belob- oder Absagschreiben ersetzen können, sowohl Achtung als Sorge tragen; das heißt, er wird die gesetzgebende Gewalt des Erziehens, wie die Frau die ausübende, behaupten. Der Mann bleibe nur der Liebhaber seiner Gattin: so hört sie ihn schon über das Erziehen, wenigstens des Geistes, an. Wie horcht nicht ein edles mannbares Mädchen oder gar eine Braut, von weiten und auf ihre Arbeit blickend, Erziehregeln zu, die etwa ein Jüngling gibt! Und sogar in der Ehe nimmt eine Frau willig über Kinderbildung manches Gute auf, das ein – Fremder vorbringt. Nur durch Vereinigung männlicher Schärfe und Bestimmtheit mit weiblicher Milde ruht und schifft das Kind, wie am Zusammenflusse zweier Ströme; – oder anders gedacht: der Sonnengott hebt die Flut, und auch die Mondgöttin hebt, aber jener nur um einen Fuß, diese um drei, beide verknüpft um vier. – Der Mann macht nur Punkte im Kindesleben, die Frau Kommata und Duopunkta und alles Öftere. Mütter, seid Väter! möchte man zurufen, und: Väter, seid Mütter! – Denn nur beide Geschlechter vollenden das Menschengeschlecht, wie Mars und Venus die Harmonia erzeugten. Der Mann tuts, indem er die Kräfte aufregt, die Frau, indem sie Maß und Harmonie unter ihnen erhält. Der Mann, in welchem der Staat oder sein Genie das Gleichgewicht der Kräfte zum Vorteil einer einzigen aufhebt, wird immer diese überwiegende in die Erziehung mitbringen: der Soldat wird kriegerisch, der Dichter dichterisch, der Gottesgelehrte fromm erziehen – und nur die Mutter wird menschlich bilden. Denn nur das Weib bedarf an sich nichts zu entwickeln als den reinen Menschen, und wie an einer Äolsharfe herrschet keine Saite über die andere, sondern die Melodie ihrer Töne geht vom Einklang aus und in ihn zurück. § 80 Aber ihr Mütter, und besonders ihr in den höhern und freiern Ständen, denen das Geschick das Lasttragen der Haushaltung erspart, die es mit einem heitern grünen Erziehgarten für eure Kinder umgibt, wie könnt ihr lieber die Langweile der Einsamkeit und die Geselligkeit erwählen als den ewigen Reiz der Kinderliebe, das Schauspiel schöner Entfaltung, die Spiele geliebtester Wesen, das Verdienst schönsten und längster Wirkung? Verächtlich ist eine Frau, die Langweile haben kann, wenn sie Kinder hat. – Schöngebildete Völker waren nach Herder die Erzieher der Menschheit; so sei eure Schönheit nicht nur die Einkleidung, sondern auch das Organ der Lehre und Bildung. Länder und Städte werden weiblich genannt und abgebildet; und wahrlich die Mütter, welche der Zukunft die ersten fünf Jahre der Kinder erziehen, gründen Länder und Städte. Wer kann eine Mutter ersetzen? Nicht einmal ein Vater eine Frau; denn diese, ans Kind festgeknüpft durch tägliche und nächtliche Bande der Körperpflege, muß und kann auf diese zarten Bande die geistigen Lehren schimmernd sticken und weben. – Wollt ihr denn die schönste Zeit versäumen, rein und tief auf die Nachwelt zu wirken, da bald das stärkere Geschlecht und der Staat eingreift und statt euerer Laufbänder und Führ-Hände Hebebäume, Flaschenzüge und Schiffzieher bringt und damit hart und roh bewegt? Fürsten-Mutter, hältst du es für schöner, die Kabinetts-Intrige als den kleinen künftigen Erbfürsten zu leiten? – Ihr habt die größere neunmonatliche Last und den höchsten Schmerz, als sie euch abgenommen wurde, getragen bloß für ein körperliches Leben, und wollt das Kleinere von beiden, womit ihr erst um diesen Sieg den geistigen Heiligenschein zieht, zu unternehmen scheuen? Wie oft werden euch die Nachtwachen mit einem Kindersarge belohnt, hingegen die Tagwache über den Geist mit täglicher Ausbeute! Sobald ihr daran glaubt, daß überhaupt Erziehung wirke: welchen Namen verdient ihr, wenn ihr gerade, je höher euer Stand ist, von einem desto niedrigern erziehen laßt, und wenn die Kinder des mittlern ihre Eltern, die des adeligen aber Mägde und Ammen zu Wegweisern des Lebens bekommen! Die ganze alte Welt erhebt die mütterliche Liebe über die väterliche; – und sie muß groß sein, die mütterliche, da ein liebender Vater sich keine größere denken kann als seine; – warum gleichwohl seid ihr, neben den Vätern, die um die Erziehung so besorgt sind und sogar Bücherballen darüber schreiben, gerade gegen die Ausführung so lau? – Für den Geliebten gebt ihr Gut und Blut; warum für die hilflosen Geliebten kaum Stunden? Für jenen besiegtet ihr Meinungen und Neigungen; warum für diese weniger? Ihr, an deren geistig und körperlich nährende Brust die Natur die Waisen der Erde angewiesen, lasset sie an einer gemieteten kalten darben und welken? Ihr, mit Geduld, Reiz, Milde, Rede und Liebe von der Natur ausgerüstet für die Wesen, die sogar vom Vater zu euch flüchten, für diese vermöget ihr nicht zu wachen – ich meine nicht etwa eine Nacht lang, sondern nur einen Tag lang? – Seht, die, welche unter eurem Herzen waren, und jetzo nicht in demselben sind, strecken die Arme nach dem verwandtesten aus und bitten zum zweiten Male um Nahrung. Wie bei manchen alten Völkern keine Bitte abgeschlagen wurde, wenn man sie mit einem Kinde im Arme tat: so tun an euch jetzo Kinder, die auf euren Armen oder denen der Ammen liegen, Bitten für sich selber. Zwar, was ihr opfert für die Welt, wird wenig von ihr gekannt – die Männer regieren und ernten – und die tausend Nachtwachen und Opfer, um welche eine Mutter dem Staate einen Helden oder Dichter erkauft, sind vergessen, nicht einmal gezählt; denn die Mutter selber zählet nicht – und so schicken einem Jahrhundert nach dem andern die Weiber unbenannt und unbelohnt die Pfeiler, die Sonnen, die Sturmvögel, die Nachtigallen der Zeit! Nur selten findet eine Cornelia ihren Plutarch, der ihrer mit den Gracchen gedenkt. Sondern wie jene zwei Söhne, die ihre Mutter zum delphischen Tempel führten, durch Sterben belohnt wurden, so wird für euer Führen eurer Kinder euch nur das Sterben ganzer Lohn. Aber zweimal werdet ihr nicht vergessen. Glaubt ihr eine unsichtbare Welt, worin die Freudenträne des dankbaren Herzens mehr wiegt und glänzt als die hiesigen Kronen, die mit versteinerten Qualzähren besetzt werden: so wißt ihr eure Zukunft. Habt ihr recht erzogen: so kennt ihr euer Kind. Nie, nie hat eines je seiner rein- und rechterziehenden Mutter vergessen. Auf den blauen Bergen der dunkeln Kinderzeit, nach welchen wir uns ewig umwenden und hinblicken, stehen die Mütter auch, die uns von da herab das Leben gewiesen; und nur mit der seligsten Zeit zugleich könnte das wärmste Herz vergessen werden. Ihr wollt recht stark geliebt sein, Weiber, und recht lange und bis in den Tod: nun so seid Mütter eurer Kinder. Ihr aber, die ihr nicht erzieht, Mütter, wie müßt ihr euch eures Undanks für ein unverdientes Glück schämen vor jeder kinderlosen Mutter und kinderlosen Gattin und erröten, daß eine würdige nach dem Himmel seufzet, den ihr wie gefallene Engel verlassen. O warum schlägt das Schicksal, das oft einem Jahrhundert-Wüterich Millionen Seelen zum Foltern hinleiht, einer schönsten einige, ja ein einziges Kindes-Herz zum Beglücken ab? – Warum muß sich die Liebe nach dem Gegenstand sehnen, nur der Haß nicht? – Ach, Ernestine , wie würdest du geliebt haben und beglückt! Aber du durftest nicht; die Todeswolke hob dich weg mit allen Rosen deiner Jugend, und dein warmes Mutterherz wurde kinderlos in die fremde Geisterwelt gerufen. O wie würdest du geliebt und erzogen haben mit deiner Klarheit, deiner Stärke, deiner ewig quellenden Liebe, deiner opfernden Seele, du, mit allen Tugenden eines altdeutschen Weibes geschmückt! Drittes Kapitel Natur der Mädchen § 81 Die Erziehung der Töchter bleibt den Müttern die erste und wichtigste, weil sie unvermischt und so lange dauern kann, daß die Hand der Tochter aus der mütterlichen unmittelbar in die mit Eheringen gleitet. Den Knaben erzieht eine vieltönige Welt, die Schulklassen, Universitäten, die Reisen, die Landsmannschaften und die Bibliotheken; die Tochter bildet der Muttergeist. Eben darum bleibt er unabhängiger von den Stößen fremder Einwirkung als seine Schwester; denn der äußere Widerspruch nötigt ihn zu innerer Einheit der Ausgleichung, indes dem Mädchen leicht eine Weltseite zum Weltteil wird, ja zur Welt. Vor der Ausbildung des Geschlechts muß erst die Rede von dessen Charakter sein. Nach bekannten Grundsätzen ist die männliche Natur mehr episch und Reflexion, die weibliche mehr lyrisch und Empfindung. Campe bemerkte richtig, daß die Franzosen alle Mängel und Vorzüge der Kinder haben – daher sie, wie ich glaube, sich gern Athener nennen, welche der alte ägyptische Priester gleichfalls sehr kindlich und kindisch befand –; ich habe an andern Orten ferner die große Ähnlichkeit zwischen Franzosen und Weibern dargetan. Aus beiden Behauptungen würde die dritte von der Ähnlichkeit zwischen Weibern und Kindern folgen, wenigstens von der schmeichelhaften. Dieselbe unzersplitterte Einheit der Natur – dasselbe volle Anschauen und Auffassen der Gegenwart – dieselbe Schnelligkeit des Witzes – der scharfe Beobachtung-Geist – die Heftigkeit und Ruhe – die Reizbarkeit und Beweglichkeit – das gutmütige schnelle Übergehen vom Innern zum Äußern und umgekehrt, von Göttern zu Bändern, von Sonnenstäubchen zu Sonnensystemen – die Vorliebe für Gestalten und Farben und die Erregbarkeit setzen die körperliche Nähe beider Wesen mit einer geistigen fort. Gleichsam zum Gleichnis werden daher die Kinder anfangs weiblich gekleidet. Wer Gegensätze der neuesten Manier lieb hätte, könnte die Weiber noch antike oder griechische, ja orientalische Naturen nennen, die Männer moderne, nordische, europäische; jene poetische, diese philosophische. Ein Mann hat zwei Ich, eine Frau nur eines und bedarf des fremden, um ihres zu sehen. Aus diesem weiblichen Mangel an Selbstgesprächen und an Selbstverdopplung erklären sich die meisten Nach- und Vorteile der weiblichen Natur. Daher können sie, da ihr nahes Echo leicht Resonanz wird und mit dem Urschall verschmilzt, weder poetisch noch philosophisch sich zersetzen und sich selber setzen; sie sind mehr Poesie und Philosophie als Poeten und Philosophen. Frauen zeigen mehr Geschmack, wenn sie eine andere, als wenn sie sich anzukleiden haben; aber eben weil es ihnen mit ihrem Körper geht wie mit ihrem Herzen: im fremden lesen sie besser als im eignen. § 82 Wir wollen die Einheit und Innigkeit der weiblichen Natur auf mehren Wegen verfolgen. Eben weil keine Kraft in ihnen vorherrscht und überhaupt ihre Kräfte mehr aufnehmende als bildende sind, weil sie, treue Spiegel der veränderlichen Gegenwart, jede äußere Veränderung mit einer innern begleiten, eben darum erscheinen sie uns so rätselhaft. Ihre Seelen erraten, heißt ihre Körper und ihre äußern Verhältnisse erraten; daher der Weltmann sie so liebt und so nennt wie jene langen dünnen Weingläser, die man impossibles heißt, weil man sie nicht austrinkt, so hoch man sie auch aufhebt. Gleich dem Piano-Forte möchte man sie Pianissimo-Fortissimi nennen; so unverfälscht und stark geben sie die Extreme des Zufalls wieder; indes eben darum ihr natürlicher Zustand der ruhende sein muß, der gleichwiegende; ähnlich der Vesta, deren heiliges Feuer nur Weiber bewachten, welches überall in Stadt, Tempel und Zimmer, nach dem Gesetz, den mittlern Platz einnahm. Den Mann treibt Leidenschaft, die Frau Leidenschaften, jenen ein Strom, diese die Winde; jener erklärt irgendeine Kraft für monarchisch und läßt sich regieren von ihr, diese, mehr demokratisch, läßt umgehend befehlen. – Der Mann ist öfter ernst, das Weib meist nur selig oder verdammt, lustig oder traurig; was dem vorigen Lobe der abgewognen ruhenden Verfassung nicht widerspricht: denn bei der einen Frau bleibt den ganzen Tag Lustigkeit feststehend, bei der andern Trübsinn; erst die Leidenschaft stürzt beide. § 83 Liebe ist der Lebengeist ihres Geistes, ihr Geist der Gesetze, die Springfeder ihrer Nerven. Wie sehr sie lieben ohne Gründe und Erwiderung, das würde man, wenn man es nicht an ihrer Kinder-Liebe sähe, aus ihrem Hassen merken, das ebenso stark und ohne Gründe fortfrißt, wie jene fortnährt. Gleich den Otaheitern, die so sanft und kindlich sind, und doch den Feind lebendig fressen, haben diese zarten Seelen wenigstens zu Feindinnen einen ähnlichen Appetit. Oft spannen sie einem Donnerwagen Tauben vor. Die etwas zänkische Juno begehrte und bekam vom Altertum die sanften Lämmer zum Lieblingopfer. – Die Weiber lieben, und unendlich, und recht; die feurigsten Mystiker waren Weiber; noch kein Mann, aber eine Nonne starb aus sehnsüchtiger Liebe gegen Jesus. Allein nur ein Mann, kein Weib konnte dem stoischen Weisen Gleichgültigkeit gegen Freundschaft zumuten. Mit diesem Brautschatz der Liebe schickte die Natur die Frauen ins Leben, nicht etwa, wie Männer oft glauben, damit sie selber von jenen so recht durch und durch, von der Sohle bis zur Glatze, liebgehabt würden, sondern darum, damit sie – was ihre Bestimmung ist Der § 85 zeigts. – Mütter wären und die Kinder, denen Opfer nur zu bringen, nicht abzugewinnen sind, lieben könnten. Die Frau verliert – ihrer ungeteilten, anschauenden Natur zufolge – sich, und was sie hat von Herz und Glück, in den Gegenstand hinein, den sie liebt. Für sie gibts nur Gegenwart, und diese Gegenwart ist nur wieder eine bestimmte, ein und ein Mensch. Wie Swift nicht die Menschheit, sondern nur Einzelwesen daraus liebte, so sind sie auch mit dem wärmsten Herzen keine Weltbürgerinnen, kaum Stadt- und Dorfbürgerinnen, sondern die Hausbürgerinnen; keine Frau kann zu gleicher Zeit ihr Kind und die vier Weltteile lieben, aber der Mann kann es. Er liebt den Begriff, das Weib die Erscheinung, das Einzige; wie Gott – wenn diese kühne Vergleichung nicht zu kühn ist – nur eine einzige Geliebte kennt, seine Welt. Noch auf andere Weise stellt sich diese Eigentümlichkeit dar. Die Männer lieben mehr Sachen , z. B. Wahrheiten, Güter, Länder; die Weiber mehr Personen ; jene machen sogar leicht Personen zu dem, was sie lieben; so wie, was Wissenschaft für einen Mann ist, wieder leicht für eine Frau ein Mann wird, der Wissenschaft hat. Schon als Kind liebt die Frau einen Vexier-Menschen, die Puppe, und arbeitet für diese; der Knabe hält sich ein Steckenpferd und eine Bleimiliz und arbeitet mit dieser. Aus jenem entspringt vielleicht, daß Mädchen und Knaben, zugleich in die Schule gesandt, jene, obwohl diesen vorreifend, dennoch länger mit ihren Spiel- Puppen spielen als diese mit ihren Spiel- Sachen . Wenn indes sogar erwachsene gemeine Weiber einer von einem Kinde vorbeigetragnen Gala-Puppe von Stand inbrünstig nachschauen: so mag hier weniger die Personen- als die Kleider-Liebe vorwalten. – Ferner die Mädchen grüßen öfter als die Knaben; sie sehen mehr den Personen nach, diese etwa dem Gaul; jene fragen nach Erscheinungen, diese nach Gründen, jene nach Kindern, diese nach Tieren. § 84 Je verdorbner ein Zeitalter, desto mehr Verachtung der Weiber. Je mehr Sklaverei der Regierungform oder -unform, desto mehr werden jene zu Mägden der Knechte. Im alten freien Deutschland galten Weiber für heilig und gaben, gleich ihrem Ebenbilde, den Tauben des Jupiters zu Dodona, Orakel; in Sparta und England und in der schönen Ritterzeit trug das Weib den Ordenstern der männlichen Hochachtung. Da nun die Weiber stets mit den Regierungformen steigen und fallen, sich veredeln und sich verschlimmern, diese aber stets von den Männern geschaffen und erhalten werden: so ist ja offenbar, daß die Weiber sich den Männern nach- und zubilden, daß erst Verführer die Verführerinnen erschaffen, und daß jede weibliche Verschlimmerung nur der Nachwinter einer männlichen ist. Stellt sittliche Helden ins Feld, so ziehen Heldinnen als Bräute nach; nur umgekehrt gilts nicht, und eine Heldin kann durch Liebe keinen Helden bilden, obwohl gebären. Desto verächtlicher ist der enge, ekle Pariser, der über oder gegen Pariserinnen und folglich gegen alle Weiber Klage führen will, indes er selber nur seine eignen ältern Sünden einimpft und mit seinem Weibischen die Weiblichkeit vergiftet. Wie würde ein solches Aufgußtierchen der Zeit vor einer Sparterin und Altdeutschen stehen und zerfließen und vertrocknen! Folglich klagt die jetzige Zeit in der weiblichen Sinnlichkeit nur die männliche an. Indes lassen die Teufels-Advokaten wider die Weiblichkeit und die Heiligsprecher für dieselbe sich ausgleichen, aber zum Vorteile der Weiber. Es gibt allerdings verschiedne Scherzvögel, die etwas drucken lassen, und welche bloß darum, weil sie, ohne andern bedeutenden Aufwand von Blick und Welt und Geist und Herz, jedes Weib in nichts als einen fünften oder sechsten Sinn und alle Wünsche plump in einen einzigen verwandelt haben, von den deutschen Rezensenten als große Menschenkenner angestaunt und angeschrieben werden; besonders da Rezensent (es ist ein Schullehrer) Gott und dem Verfasser dankt, daß er nun den Schlüssel des weiblichen französischen und Kombination-Schlosses auf einmal für wenige Groschen, die er noch dazu als Ehrensold nur einzunehmen, nicht zu bezahlen hat, in die Hand bekommen. Diese Weiber-Denunzianten haben allerdings zur Hälfte Recht, aber auch zur Hälfte Unrecht; jenes, wenn sie von physiologischer Sinnlichkeit, dieses, wenn sie von moralischer sprechen. An jener – aber ohne Beitritt des Herzens ganz unschuldigen – ist niemand schuld als Gott der Vater; und ebensogut könnte man ihnen die größere Schönheit des Busens als moralische Last und Ausschweifung aufbürden. Wenn aber der Himmel sie hauptsächlich für Kinder geschaffen: so ist ja offenbar die physiologische Sinnlichkeit vom All- und Vorvater der Kinder zum Besten der nachkeimenden Nachwelt angeordnet. Die erste Erde, die der Mensch bewohnt, und neun Monate lang, ist eine organisierte; kann diese aber für die erste und ursprüngliche Bildung zu üppig und kräftig sein? Kann Mangel an Reiz und Leben je etwas bilden, ein organisches Geschöpf voll Reiz und Leben?- Und welche Sekunde ist die wichtigste im ganzen Leben? Gewiß nicht die letzte, wie Theologen sonst sagten, sondern wahrscheinlich die erste, wie Ärzte bewiesen. Dagegen ist den Sinnen des Weibes ein reineres Herz, als das männliche ist, das mit jenen Gemeinschaft macht, zum Gegengewichte beschieden; und die Anklage des Körpers schließet hier eine Lobrede des Geistes in sich ein. Aber diese guten Wesen verteidigen sich selber nicht, außer durch Anwalde; ja bei ihrer Glaubens-Fertigkeit kann ihnen das mißtrauende Geschwätz zuletzt die Zuversicht auf ihr Inneres entwenden; so kommen jetzo manche um ihre Religion oder doch Religionmeinungen, ohne zu wissen wie, bloß weil sie teils den Gesprächen darüber zuhören, teils wenige mehr hören. § 85 Die Natur hat das Weib unmittelbar zur Mutter bestimmt; zur Gattin bloß mittelbar; so ist der Mann umgekehrt mehr zum Gatten als zum Vater gemacht. Es wäre auch etwas sonderbar, wenn sich das stärkere Geschlecht auf das schwächere lehnen und die Blume den Blumenstab und der Efeu den Baum unterstützen müßte; wiewohl solches eben als das stärkere wirklich etwas Ähnliches erzwingt und die Frau zu seiner Waffen- und Geschäftträgerin, Marketenderin und Proviantbäckerin macht und der Ehemann das Eheweib als sein Wirtschaftgebäude und Beiwerk ansieht. Er ist weit mehr für sie als sie für ihn geschaffen; sie ists für die körperliche Nachwelt, wie er für die geistige. Schiffe und Heere beweisen die weibliche Entbehrlichkeit; hingegen Weiberschaften, z. B. Klöster, bestehen nicht ohne einen männlichen Bewindheber als primum mobile. Die Natur, welche liebend-grausam zu ihren Welt-Zwecken hindringt, hat die Weiber – die Pupillenkollegien und Zeughäuser der Nachwelt – dafür geistig und physisch, raubend und gebend, ausgerüstet; von den Reizen und Schwächen ihres Körpers an bis zu den geistigen. Daher deren Sorge und Achtung für ihren Körper – mit welchem ihre Seele mehr ein Stück ausmacht als unsere –, daher ihre Furcht vor Wunden, weil diese ein doppeltes Leben treffen, und ihre Gleichgültigkeit gegen Krankheiten, deren einige die Schwangerschaft sogar unterbricht, so wie der Mann weniger Wunden als Krankheiten scheuet, weil jene mehr den Körper, diese mehr den Geist aufhalten. – Damit steht ihre Nüchternheit, ihre Liebe für Reinlichkeit, sogar die Schamhaftigkeit und ihre Neigung für Häuslichkeit und Ruhe in Bund. Die Mädchen-Seelen sind schneller ausgebildet als die Knabengeister – so wie nach Zach die Monde schneller laufen als die Planeten, oder wie in Tälern die Blumen früher blühen als auf Bergen –, bloß weil die Natur der funfzehnjährigen Reife des Körpers, folglich der Mutter, auch eine geistige geben will. Hat endlich die üppige Blume einen zweiten Frühling stäubend ausgesäet: so bricht ihr die Natur hart alle Farbenreize ab und überläßt sie dem geistigern Reiche und Herbst. Hingegen dem Manne bewahrt sie den Körper, der auf der längern Taten- und Ideen-Bahn mit zu dienen hat, rüstig in tiefe Jahre hinein und weit über die der weiblichen Blüte hinaus. – Hieher gehört noch die Bemerkung aus dem Tierreich, daß die Männchen den höchsten Mut und Kraftdrang in der Liebezeit, die Weibchen hingegen nach der Geburtzeit beweisen. Man könnte die bisherige Behauptung in die kleinern Züge ausmalen; z. B. den weiblichen Geiz, der nicht selbstisch, sondern für Kinder sparet – die Liebe für Kleinigkeiten – die Sprechseligkeit – die sanfte Stimme und vieles, was wir tadeln. § 86 Wir kehren zur vorigen Anklage der Weiber zurück. Aber warum sprechen die Männer dieses Wort so oft aus über Wesen, denen sie den ersten Dank des Lebens schuldig sind, und die von der Natur selber geopfert werden, damit Leben nach Leben erscheine? Warum werden die Fruchtspeicher der Menschheit, die Nachschöpferinnen Gottes, nicht höher gehalten und bekommen den Ährenkranz nur zu tragen, weil er stachlicht ist? – Gäb' es nur einen Vater auf der Erde, wir beteten ihn an; gäb' es aber nur eine Mutter, wir würden sie verehren und lieben und auch anbeten. Das Höchste und Schönste, womit die Natur das Weib ausstatten konnte und mußte für die Vorteile einer Nachwelt, war die Liebe, aber die stärkste, eine ohne Erwiderung, eine des Unähnlichen. Das Kind empfängt Liebe und Küsse und Nächte, aber es antwortet anfangs zurückstoßend; und das schwache, das am meisten fodert, bezahlt am wenigsten. Aber die Mutter gibt fort; ja ihre Liebe wird nur größer mit fremder Not und Undankbarkeit, und sie hegt die größere für das gebrechlichste Kind, wie der Vater für das stärkste. »Aber« – könnte man der vorigen Ansicht der weiblichen Bestimmung entgegensetzen – »das Weib sucht und ehrt überall jede geistige und leibliche Vorkraft – es liebt sein eignes Geschlecht wenig und richtet dessen Schwächen härter als die Roheiten des männlichen. – So zornig auch ein Herr gegen seinen Bedienten werde, so wirds doch eine Herrin gegen ihre Sklavin in den Kolonien oder in Deutschland noch mehr, und die Römerin ließ sich von Kammerjungfern mit entblößtem Busen ankleiden, um in denselben bei dem geringsten Putzverstoß einige Nadeln zu drücken zur Strafe. – Mütter feuern, gleich Höfen, bei der Geburt einer Prinzessin einige Kanonen weniger ab als bei der eines Prinzen. – Eine Frau erwählt, wenn der Kartenkünstler sie eine Karte im Sinne zu behalten bittet, stets den König oder den Wenzel oder den Buben, kurz keine Königin; und Schauspielerinnen spielen auf der Bühne nichts lieber als verkleidete Jünglinge. Man braucht aber nicht lange in Paris oder in der Weit, ja nur auf der Welt gewesen zu sein, um zu erraten, was die Weiber damit wollen« – – Nichts Böses, sondern einen Schutzherrn ihrer Kinder. Mit Achtung für den Mann hat, wie Herder schön auseinanderlegt, die Natur das weibliche Herz begabt; aber aus dieser Achtung erblüht zwar anfangs die Liebe für den Mann, allein diese geht nachher in Liebe für die Kinder über. Wenn sogar die Männer, weit mehr mit Phantasie und nach Begriffen als mit den Herzen liebend, den Bühnen-Weibern nachjagen, weil sie diese oft hohe romantische Rollen von Königinnen, Göttinnen, Heldinnen, sogar Tugendheldinnen haben spielen sehen: wie sollten sich die Weiber nicht aus Achtung verlieben, da sie uns die größten Rollen nicht etwa wie eine Schauspielerin die Lukrezia und Desdemona und Iphigenia zum kurzen Abendscherze, sondern mit Jahres-Ernste auf dem Welt- und Staattheater machen sehen, den einen den Helden, den andern den Präsidenten, den dritten den Fürsten, den vierten den Weltlehrer, nämlich den Schriftsteller! – Die Kinder fodern der Mutter dann diese Liebe für den Vater als Erbschaft oder geliehene Schuld wieder ab, und ihr bleiben nur die Zinsen, bis erst im höhern Alter, wenn die Kinder selber Eltern geworden, eine Greisin als Silberbraut ordentlich wieder in eine Art Liebschaft für den alten Silberbräutigam hineingerät. In einer kinderlosen Ehe sieht eine Frau ihren Mann für ihren einzigen und erstgebornen Sohn von Gaben an, der ihr wahre Ehre macht und sie zeitlebens ernährt; und sie liebt den jungen Menschen unglaublich. § 87 Hegt nun die Jungfrau die in die Knospe der Achtung gepreßte Liebe: so wird sie ja für den Geliebten kaum weniger tun als alles, oder als eine Mutter für ihr Kind. Sie vergißt sich mit ihm, weil sie nur durch ihn sich erinnert; und ihr Genußhimmel gilt ihr nur als Bedingung und Vorhimmel des seinigen, und eine Hölle nähme sie um denselben Preis an. Ihr Herz ist die Festung, alles übrige um dasselbe herum nur Land und Vorstadt; und nur mit jenem wird das andere übergeben. Wenn man behaupten darf, daß sogar die Verlorne im Gebärhause des Jammers gern für den süßen Rausch des innern innigern Liebens die giftigen Lockspeisen hingäbe, womit sie sich erhalten und betäuben muß: o wie soll da das frische jungfräuliche Herz für den Sonnenaufgang des Lebens, für die erste unüberschwengliche Liebe, und zwar je reiner, folglich je stärker es ist, und je ärmer es war, nicht alles einem Gott-Mann hingeben, der dem auf ein Weltteilchen bisher gehefteten Wesen plötzlich eine ganze neue Welt auftut, die für die Jungfrau eine erste Welt ist, mit der zweiten dazu? Wer soll dann der Liebedankbarkeit Einhalt tun gegen den, der vor einem von der Gegenwart eng umketteten Gemüte auf einmal Glück und Freiheit weit ausbreitet, und der alle Träume verkörpert, die bisher die uneigennützige Seele in Sterne, in Frühlinge, in Freundinnen und kindliche Pflichten eingekleidet hatte? – Ich kenne den wohl, der Einhalt tun soll; es ist der eben, der das Gegenteil fodert, der Geliebte. Wahrlich eine kräftige und rein erzogene Jungfrau ist eine so poetische Blume der matten Welt, daß jedem der Anblick, diese Prunkblüte einige Jahre nach den Flitterwochen mit welkgelben gekrümmten Blättern im unbegoßnen Blumenscherben niederhängen zu sehen, wehe tun müßte, sobald er nur darauf als ein Dichter hinschaute, wenn er folglich im Schmerze über die Dienstbarkeit und Knechtgestalt des menschgewordenen Lebens, über den Unterschied der Frau von Jungfrau lieber das tödlichste wünschte; so daß er die Jungfrau lieber noch mit ihrem Knospenkranze von Rosen, mit ihrer Zärte, ihrer Unkunde der Lebens-Schärfen, ihrem Traum-Abrisse eines heiligen Edens lieber, sag' ich, in die Gottesacker-Erde als in die Lebens-Heide schicken würde. – Tu es doch nicht, Dichter; die Jungfrau wird ja Mutter und gebärt die Jugend und das Eden wieder, das ihr entflogen ist; auch zur Mutter fliegt einstmals eines zurück. aber ein schöneres; und so lasse, was ist! – § 88 Woher kommts, daß sogar im sittlich wie architektonisch Bekanntlich ist Paris aus den Steingruben unter ihm erbauet. unterhöhlten Paris die Weiber eine Heloise, eine Attala, eine Valerie, worin nur Liebe des Herzens spielt und flammt, so begierig wie Liebebriefe lasen? Weiber, sogar alte, und Jünglinge verschlingen solche Werke; indes ältere Männer sich lieber von Werken entgegengesetzter Art verschlingen lassen. Warum verwundern Männer und Weiber sich über eine weibliche Niederlage, aber nicht über eine männliche? Der letzten scheint demnach der Reiz der Überraschung abzugehen? – Ferner: wie im streng gespielten Schach der, welcher den ersten Zug tut, oder im Kriege der, welcher angreift, gewinnt, so müssen wohl die Weiber, als der angefallene Teil, erliegen. Aber wer greift uns an als wir uns selber? Und wer ist schuldiger, die Schlange auf dem Baum, oder Eva unter dem Baum? – Und wie klein und vergänglich ist der Preis, um welchen wir oft das ganze Glück eines weiblichen Lebens verkaufen, so wie etwa Xerxes Griechenland mit Krieg überzog, weil er gern attische Feigen käuen wollte. Ferner: die weibliche Phantasie, nicht wie die männliche durch Getränke und Anstrengungen abgenutzt, muß an unserer desto leichter zu hohen Flammen aufgehen, die das Glück verzehren. Hippel bemerkt – und mit Recht –, daß ein Mann, im Unrechte ertappt, mut- und sprachlos ist, eine Frau aber desto kecker bis zur Zorn-Wut. Allein die Ursache ist: der Mann, aber nicht die Frau schauet sich an; sie macht daher andern und sich selber leicht ihre Unschuld weis. Kurz ihre Sünden sind, wenn unsere öfter besonnene sind, meistens unbesonnene, also verzeihlicher. Und endlich: es gibt überall mehr keusche Jungfrauen als Jünglinge, keusche Weiber als Männer, alte Jungfern als alte Junggesellen. – Doch kann der Mann mit zweierlei sich loben. Erstlich: seine Lebens- und Weltverhältnisse und sein Mut setzen ihn den Versuchungen häufiger aus – und zweitens: der Mann, der mit Grundsätzen seine Keuschheit bewacht, besitzt daran eine prätorianische Kohorte; die Frau aber, welche mit Herz und Sitte sie beschirmt, hat daran einen Schutzheiligen und eine Ehrenwache. Die Kohorte ist aber stärker als der Heilige und die Wache. Viertes Kapitel Erziehung der Mädchen § 89 Nach dem vorigen Kapitel würde dieses kurz ausfallen; weil jenem zufolge die Mädchen zu nichts als zu Müttern, d. h. zu Erzieherinnen, zu erziehen wären. Alles, was man dabei zu tun hätte, bestände in großen Erziehlehren, die man ihnen mündlich und gedruckt gäbe Warum gab man statt aus andern Schriftstellern, nicht lieber aus Hermes' vielen Romanen eine Fruchtlese, zumal für das weibliche Geschlecht, heraus, da sie so viele feine, scharfe, strenge, wichtige Blicke und Winke enthalten? – und dazu stehen für die Eltern keine empfänglichern Jahre als die der Hoffnung und das Halbjahr der Verlobung, und für den Mann das erste der Ehe offen –; und dann, daß man die ältern Töchter die jüngern Kinder erziehen ließe. Letztes ist vielleicht die geistigste Erwerbschule der Klarheit, Geduld und Umsicht, in welche man seine Tochter nur schicken kann; nur bleibt sie dem jüngsten Kinde verschlossen. Allein bevor und nachdem man Mutter ist, ist man ein Mensch; die mütterliche Bestimmung aber oder gar die eheliche kann nicht die menschliche überwiegen oder ersetzen, sondern sie muß das Mittel, nicht der Zweck derselben sein. So wie über dem Künstler, über dem Dichter, über dem Helden u. s. w., so steht über der Mutter der Mensch, und so wie z. B. mit dem Kunstwerk der Künstler zugleich noch etwas Höheres bildet, den Schöpfer desselben, sich: so bildet die Mutter mit dem Kinde zugleich ihr heiligeres Ich. Überall wird von der Natur alles Göttlich-Menschliche in der Bedingung des Örtlichen gegeben und das Ideale dem Körperlichen, der Blumenduft einem Kelche einverleibt; an gemeine Bande und Fäden sind die köstlichsten verlierbaren Perlen gereiht, und sie werden durchbohrt, um bewahrt zu werden. Wenn nun die Natur die Weiblichkeit zur Mütterlichkeit bestimmt: so ordnet sie schon selber die Entwickelungen dazu an, und wir brauchen bloß ihr nicht zuwider und vorzugreifen. Aber da sie überall blind und stark nur auf ihren einseitigen Zweck und auf Enden und Ende hinarbeitet: so muß das Erziehen sie, obwohl nicht bestreiten – denn jede Naturkraft ist heilig –, doch ergänzen, indem es die unterdrückende Kraft durch die waagehaltenden Kräfte mildert, reinigt und einstimmt. § 90 Die Frau fühlt sich, aber sieht sich nicht; sie ist ganz Herz, und ihre Ohren sind Herz-Ohren. Sich selber und was dazu gehört, nämlich Gründe anzuschauen, wird ihr zu sauer. Vielleicht ließ deswegen die alte Rechtsgelehrsamkeit den Schwur früher einem Manne als einer Frau abnehmen, hingegen die Folter früher dieser als jenem antun. Gründe verändern und bewegen den festen Mann leichter als die weiche bewegliche Frau, so wie der Blitz leichter durch feste Körper geht als durch die leichte Luft. Was soll nun geschehen? Gefühle als leichte Truppen fliehen und kommen, dem Siege der Gegenwart folgend; Begriffe aber bleiben als Linientruppen unverrückt und stehen bei. Soll man dem Herzen die schöne innige Lebens-Fülle rauben durch Zergliederung? – Es wäre schlimm, wenn man es könnte; aber Sömmering empfindet nach tausend Ohren, die er zerlegt hat, doch mit seinen noch den Ton-Reiz, und der Philosoph fühlt nach dem Abdruck seiner Sitten- und seiner Geschmacklehre doch noch die Gewalt des Gewissens und der Schönheit. Aber nicht das Gefühl, sondern den Gegenstand desselben lerne das Mädchen prüfen, auflösen, erhellen; und dann, wenn es selber den Irrtum des Gegenstandes gefunden, so werd' es gezwungen, bei aller Fortdauer der Empfindung nur der Einsicht zu folgen. – Nicht die Gefühle, sondern die Phantasie bestreitet. Diese drängt, z. B. im Bilde des Kriegs, die Schmerzen eines Volks in ein Herz, die eines Tags oder Jahrs in einen Augenblick, die verschiedenen Möglichkeiten in eine Wirklichkeit zusammen; legt man aber nun diesen phantastischen Brennpunkt durch das zerstreuende Hohlglas des Verstandes in die einzelnen Strahlen auseinander, so ist das Gefühl nicht verwüstet, sondern nur verschoben. Doch, liebe Mutter, schone und erwarte jedes zarte und warme Gefühl, das die Jahre von selber bringen und bilden, und wolle nicht an der Empfindsamkeit deiner jüngsten Töchter schwelgen und an Liebetränen dich berauschen, indem du etwa weinerliche Geschichten erzählst oder ähnliche Empfindungen nackt gibst. Denn entweder gehen die Wesen künftig am Gefühle zu Grunde, oder dieses an ihnen. Gefühle, Blumen und Schmetterlinge leben desto länger, je später sie sich entwickeln. Etwas, das einmal, entweder geistig oder körperlich, gewiß in die Wirklichkeit eintritt, kann ohne Schaden wohl zu spät, aber nicht zu früh anlangen, und die Deutschen des Tacitus bewahrten ohne Nachteil das Herz vollkräftig auf, das sie einem, auch nicht jungen jungfräulichen, das lange unter vielen Schlachten für sie geschlagen, auf ewig hingaben. Versündigt euch nicht an den Töchtern, daß ihr ihnen das, was Wert an sich hat, die Kunst, die Wissenschaft oder gar das Heilige des Herzens, auch nur von weitem als Männer-Köder, als Jagd-Zeug zum Gattenfange geist- und gott-lästernd zeigt und anempfehlt; es so gebrauchen, heißt mit Diamanten nach Wild schießen, oder mit Zeptern nach Früchten werfen. Anstatt den Himmel zum Mittel und Henkel der Erde zu machen, sollte man höchstens diese zur Vermittlung von jenem steigern. Nur der gemeine Haus- und Palast-Verstand, die Ordnung, die Wirtschaft-Kenntnisse und Ähnliches können als künftiges Bindewerk des ehelichen Bandes vorgepriesen werden. Überhaupt sind die sogenannten weiblichen Talente zwar Blumenketten, an welche man den Amor legen kann; aber der Hymen, der diese und sogar Fruchtschnüre ab- und durchnützt, wird am besten von der goldenen Erbs-Kette wirtschaftender Anstelligkeit gehalten und gelenkt. Verleiht Grundsätzen durch die Beredsamkeit die Klarheit und durch Wiederholung die Gewalt der Anschauung – und lasset es besonders so wenig als möglich zum Genusse jenes Mitleidens mit sich selber kommen, das, um nur den Überschmerz zu behalten, vor allem erfreuenden Lichte flieht. Haß und Strafe jeder Laune, Krieg gegen jede gegenstandlose Stimmung sind Übungen. Auch im kleinsten gehe der Tochter nichts Willkürliches straflos hin. Zu allem diesem gehört wenigstens irgendein Mann, an dessen Holze sich diese flatternden weichen Blumensträuche stengeln. Ein Liebhaber sieht vor der Ehe vielmehr gern ins Regenbogenspiel regnerischer Empfindungen, bunter Launen und weicher Schwächen; dafür will er aber in der Ehe, wo der Regenbogen zu schlechtem Wetter wird – weil er an Launen, als den häufigern Wiederkömmlingen, stärker leidet als an Lastern –, desto mehr Vernunft und Gründlichkeit erleben, und erwacht im Gegenfall aus besondern Träumen, aber ohne daß sie sich erfüllen. Es sind diese: er hatte nämlich als Geliebter in verschiedenen Schäfer- und Schafstunden des Herzens die Liebende auf andere Entschlüsse gebracht, für welche er seine guten Gründe angeführt hatte; deshalb sah er steif einer Ehe voll regierender Gründe entgegen: »Folgt sie jetzo in der Wärme und Jugend schon Gründen,« sagte er, »was wird erst geschehen, wenn sie kälter und älter wird!« Bloß das Gegenteil. Denn sie hatte nur seinen Willen, nicht seine Schlußketten gehört und alles nur aus Liebe getan. Erhaltet euch daher, ihr Ehemänner, die Liebe eurer Frauen, so seid ihr der Vernunft-Predigten überhoben. Sollt' es schwerer oder unergiebiger sein, mit der eignen Frau und Hauskönigin in Gesellschaft zu leben und zu handeln, als mit der heiligen Maria und Himmelkönigin in Compagnie zu treten, wie ein Handelsmann in Messina getan, der an sie den Teil seines Gewinstes redlich abtrug? Neue Sammlung der Reisebeschreibungen. B. 7. Man bewahre Mädchen vor der Furcht, dem Affekte, der am meisten zur Ausschließung der Vernunft gewöhnt. Schon früh könnt ihr ja manches Phantasie-Übel mit bunten Schleiern bedecken; z. B. dem Kinde den ersten Donner das Rollen des Wagens nennen, worauf der so lange erwartete Frühling ankommt; oder ihr könnt mit Tieren, die durch Schnelle, wie Mäuse, erschrecken, oder durch Größe, wie Pferde, oder durch Un- und Widerform, wie Spinnen und Frösche, zuerst selber unbefangen umgehen, dann das kindliche Auge vom Ganzen auf einzelne gefällige Glieder wenden und Kind und Tiere ohne Zwang und langsam einander nähern; denn Kinder haben beinahe keine andere Furcht – ungleich dem Instinkt-Tiere – als die fremde – ein Angst-Schrei der Mutter kann in ihrer Tochter durch das ganze Leben nachzittern; denn die Rede löscht keinen Schrei der Mutter aus. Macht also vor euern Kindern zwar Punkta, Kolon, Semikolon, Kommata – aber nur keine Ausrufzeichen des Lebens! § 91 Die Sittlichkeit der Mädchen ist Sitte, nicht Grundsatz. Den Knaben könnte man durch das böse Beispiel trunkener Heloten bessern, das Mädchen nur durch ein gutes. Nur Knaben kommen aus dem Augiasstall des Welttreibens mit ein wenig Stallgeruch davon. Jene aber sind zarte weiße Paris-Äpfelblüten, Stubenblumen, von welchen man den Schimmel nicht mit der Hand, sondern mit feinen Pinseln kehren muß. Sie sollten, wie die Priesterinnen des Altertums, nur in heiligen Orten erzogen werden; und nicht einmal das Rohe, Unsittliche, Gewalttätige hören, geschweige sehen. Magdalena Pazzi sagte auf ihrem Totenbette, sie wisse nicht, was eine Sünde gegen die Keuschheit sei; wenigstens eifre die Erziehung diesem Vorbilde nach; Mädchen, wie Perlen und Pfauen, schätzt man nach keiner andern Farbe als der weißesten . – Ein verdorbener Jüngling kann ein herrliches Buch aus der Hand legen, im Zimmer mit feurigen Tränen auf- und abgehen und sagen: ich ändere mich; und es – halten. Rousseau setzte sich einst nach vierzig Jahren vom Raupenstande eine Verwandlung vor, in welcher er blieb, bis ihn daraus der Tod durch eine zweite zog. Ich habe noch von wenig Weibern gelesen, die sich anders geändert hätten als höchstens durch einen Mann; und was einige Magdalenen-Klöster großer Magdalenen-Städte anbelangt, so wird wohl kein Ehelustiger sich daraus von einem Heirat-Bureau seine Ehehälfte, eigentlich einen gebrochenen Bruch, verschreiben lassen. Vielleicht entschuldigt sich daraus das Betragen der Welt, nach welchem männliche Fehltritte Masern sind, die wenig oder keine Narben lassen, weibliche aber Blattern, die ihre Spur in die Wiedergenesene, wenigstens in das öffentliche Gedächtnis graben. Je reiner das Goldgefäß, desto leichter wird es verbogen; der höhere weibliche Wert ist leichter einzubüßen als der männliche. Nach der altdeutschen Sitte auf dem Lande gehen auf dem Wege zur Kirche die Söhne hinter dem Vater, die Töchter aber vor der Mutter; wahrscheinlich weil man die letzten weniger aus den Augen zu lassen hat. – Die Natur selber umgab diese verletzbaren Seelen mit einer angebornen Wache, mit der Sprech- und Hör-Scheu; die Frau gebraucht keine andere beredte Figur- höchstens ihre ausgenommen – so oft als die des Akzismus. So nennen die Redekünstler die rednerische Wendung, von Sachen ohne alles Verlangen zu sprechen, nach welchen man das stärkste trägt. Über diese Wache halte man wieder Wache und nehme nach diesem Fingerzeige der Natur den Weg zur Bildung. Mütter, Väter, Männer und selber Jünglinge sind für sie darum die bessere Gesellschaft; Mädchen hingegen mit gleichjährigen Mädchen verbunden – z. B. in Pensionen – stehen miteinander in einem Tauschhandel weniger ihrer Vorzüge als Schwächen, von der Putz- und Gefall- und Schmähsucht an bis zum Vergessen des Akzismus. Schon ungleichjährige Schwestern schaden einander, wie viel mehr gleichjährige Gespielinnen; man höre nur in einer weiblichen Erziehanstalt die gegenseitigem Neckereien, wenn eben ein Jüngling darin vor oder hinter das Sprachgitter gekommen war. Im Vaterhause würde aus einem solchen Besuche weniger gemacht, schon weil er öfter, ernster und zwischen weniger Nebenbuhlerinnen abgelegt würde. Und was ließe sich noch sagen über diese willkürlichen Interims-Klöster! Männer sind zur Gesellschaft gemacht, aber Weiber nur zur mütterlichen Einsamkeit; eine männliche Pensionanstalt ist recht, aber keine weibliche, so wie ein Kriegschiff voll Weiber, schon durch die Aufforderung zur Einigkeit, Schnelle, Pünktlichkeit und Folgsamkeit, ein spanisches Luftschloß wäre. Mädchen hängen an einem Herzen, Knaben an vielen Köpfen; das Höchste, was ein Mädchen in einer Pension wiederfinden könnte, wäre eine Mutter; aber doch würde der Vater mangeln. Noch etwas, welches eine Mutter sehr zu fliehen hat, ist in weiblichen Erziehanstalten kaum zu meiden. Da nämlich eine Lehrfrau herrscht und spricht – denn ein Mann spräche anders – und da rohe, heiße, stumpfe Mädchenseelen unter feine, zarte, bewegliche eingemischt sind: so müssen die schlimmen mit manchen Straflehren geheilet werden, welche den schönsten zu Giften werden; ich meine dies: nichts wischt den zarten Aurikelnpuder oder Blumenstaub so hart von der Mädchenseele als jenes altjungferliche Lärmschlagen gegen unser Geschlecht, jenes prüde Gebell gegen ein Geschlecht, wovon doch jede die doppelte Ausnehme eines Vaters und Bräutigams machen soll. Es gibt eine böse ungeistige Schamhaftigkeit, welche dem steinernen Schleier ähnlich ist, der an einer Bildsäule der Schamhaftigkeit von A. Coradini (nach Volkmann) plump, einzeln und als ein zweiter Körper sich von ihr weghängt. Über gewissen Abgründen dürfen weibliche Seelen, wie die Maultiere über den schweizerischen, nicht gelenkt werden, wenn sie nicht fallen sollen. Gewisse Abmahnungen wiegen Zureden und Lockspeisen gleich. Glänzen die Eltern mit reinem Beispiel: so brauchen sie nicht die Schamhaftigkeit, diese Flügeldecken der Psyches-Flügel, mit neuen Überdecken zu verstärken. Durch Lehren wird dem Kinde anfangs der unschuldige Mangel an Scham, später das stille Dasein derselben geraubt. Das Folgende gilt, obwohl im kleinern Grade, auch für andere Erziehanstalten als weibliche. Wenn nämlich im Eltern-Hause sich das Erziehen ins Erleben verbirgt und das Kind zum Vorteil seines Freiheitgefühls und seiner leichtern Empfänglichkeit alle Moral nur neben- und hinterher als Beigabe seiner Lebensfabel bekommt: so fühlt umgekehrt in der Erziehanstalt das Kind, daß das Leben da nur dem Lehren diene und daß es selber nur als Marmorblock vorliege (Meißel und Hammer umfahren es überall in der Luft), damit so viel von ihm weggehauen werde, als bis sich ein Erwachsener aus dem Blocke aufrichtet. Das geheime elterliche Bilden, unter welchem sich das Kind als selbstwachsend erschien, steht hier als nackte Absicht enthüllt; es fühlt seine Nelkenknospen mit dem Federmesser aufgeschnitten, nicht nach lauem Begusse weich von eignem Treiben aufgetan. Schwerlich würde – eben darum – ein junges Wesen über die bestimmte Zeit-Grenze in einem Schulung-Hause verweilen wollen, aber leicht auf immer im Eltern-Hause. Etwas Besseres als weibliche Erzieh- sind weibliche Unterrichtanstalten. Zu wünschen wäre, in jenen und diesen und in jeder Töchterstube möchte man zu mehr weiblichem Gemein-Geist, mehr Achtung und Liebe für das eigne Geschlecht begeistern und den weiblichen Wert mehr im Glanze des menschlichen zeigen. Dies führt mich auf eine in der weiblichen Erziehung zu wenig bekämpfte Abneigung, nämlich die der Weiber von Weibern. Als nämlich Richardson seinem Weiberteufel Lovelace gegen den Engel Clarissa alle mögliche Marter- oder Passionwerkzeuge in den Kopf gesetzt hatte, welche ein solcher raubender Hecht wider Märtyrerinnen unter der Hirnschale verbirgt; – und als er wirklich von ihm diese Maria kreuzigen lassen: so konnt' er sich natürlich nichts anders denken, als daß sich die Weiber mehr des Opfers als des Raubtiers annehmen würden; aber posttäglich liefen zu seinem Erstaunen weibliche Bittbriefe für das Spät-Wohl des guten Lovelace ein, so wie bei Klopstock für des bessern Abbadonas seines. In denselben Fall geriet ein Heidenbekehrer in Grönland, welcher, nachdem er mit aller aufgebotenen Rede-Macht den Zuhörern die Hölle recht heiß gemacht zu haben hoffte, zu seinem Staunen immer größere Heiterkeit auf den grönländischen Gesichtern entstellen sah, bis er endlich außerhalb der Kanzel erfuhr, daß er in sämtlichen Kirchengängern durch sein so warmes Gemälde der Hölle ein besonderes Sehnen erregt, in diese zu fahren, gleichsam in ein milderes Klima als ihres. Diese Reiz-Hölle war nun Lovelace den Weibern, obwohl als Fegfeuer Clarissens. Es klingt fast wie Satire, wenn man sagt: daß die Weiber einander nicht sehr lieben und leiden können, und daß sie mit ihren freundlichen Worten gegeneinander oft mehr der Nachtigall nachahmen, welche nach Bechsteins Vermutung Dessen Anweisung, Vögel zu fangen. 1796. durch ihre Locktöne eben Nachtigallen zu verscheuchen sucht, so daß die Behauptung der Scholastiker Locor. theolog. a Gerhard. T. VIII. p. 1170. , nach welcher sie am Jüngsten Tage als Männer auferstehen, sich in etwas mit der Natur des Himmels unterstützen ließe, in welchem, als dem Wohnorte ewigen Liebens, Weiber, zu Männern umgegossen, natürlich leichter in einem fort lieben bei gänzlicher Abwesenheit ihres Geschlechts. Indes hat man doch die Tatsachen, daß die Römerinnen gegen ihre Sklavinnen (nach Böttigers Sabina), ferner die europäischen Weiber in Indien gegen die ihrigen und die älteste regierende Schwester auf der Insel Lesbos gegen ihre andern Schwestern und gegen die Mutter selber und am Ende Hausweiber gegen ihre weibliche Dienerschaft eine Härte beweisen, mit welcher unsere gegen die männliche einen schönen Abstich macht, der uns zu unserem Erstaunen (da wir doch manchen Bedienten prügeln) den Ehrennamen des sanftern Geschlechts zuwegebringt. Verleumden oder den sogenannten Zungentotschlag, wodurch ein Besuchzimmer eine Walstatt und Herzen- und Schädelstätte erlegter solcher Weiber wird, die nicht Tee mit getrunken, bring' ich nur flüchtig in Anschlag. Aber sollte man hier nicht ernst zurufen: Mutter! wecke und pflege doch vor allem in deiner Tochter Achtung und Liebe gegen ihr eignes Geschlecht? Sollt' es dir denn nicht damit gelingen, wenn du ihr die aus der dunkeln Vergangenheit durchglänzenden Kronen großer Weiber zeigtest – und die erhebenden Beispiele herzverbundner Freundinnen – und die Verwandtschaft aller ihrer Geschlechtschwestern mit ihr in Wert und Not – und den Gedanken, daß jede in ihrem Geschlecht das Geschlecht ihrer Mutter entweder verehre oder verachte – und die Gewißheit, daß, wie Menschenfeindschaft sich am Menschenfeinde, so auch die halbe gegen eine Menschenhälfte sich an der Weiberfeindin bestrafe? – Sogar der Vater könnte etwas beitragen, und zwar das Meiste, wenn er der Tochter mehr die Achtung gegen die Mitschwestern sowohl predigte als zeigte, sowie die Mutter mehr die Liebe gegen sie. Da keiner Lehre die Ausübung derselben schadet: so wär' es sogar dienlich, wenn man die Tochter an der weiblichen Dienerschaft nicht bloß die Menschheit, sondern sogar das Geschlecht zu schonen angewöhnte. § 92 Einige neuere ästhetische Lithologen (Steinkundige) sähen gern die weiblichen Blumen-Gewächse in Phytolithen (versteinerte) verkehrt; sie sollen sich mehr auf die Rechte des Stärkern legen. Gebt aber erst lieber dem jetzigen schwammigen Manns-Charakter mehr Stamm und Kern; der weibliche wird daran schon als Efeubaum aufsteigen und den zweiten Gipfel bilden. Wie stark die Weiber im Wollen sind, muß man nur nicht die Liebhaber, sondern solche Ehemänner fragen, welche auf ihrem ehelichen Armensünderstuhl zu sokratischen Gesprächen mit einer Sokratessin angehalten werden, oder auch zu hiobischen. In der Liebe, vor der Ehe, erscheint das Mädchen zu weich- und charakterlos-nachgiebig; aber die Ehe bricht zufolge ihrer Bestimmung für Kinder – wie eine nordische Sonne – plötzlich alle Blüten auf, es sei nun an einer Aloe oder an einem Distelkopf. Sollten wohl darum die meisten Slawen die Braut Antons Versuch über die alten Slawen, 1ster Band. (so wie die Polen eine Frau überhaupt) die Ungewisse nennen? Kurz das Mädchen erstarkt zur Mutter; und der Mann, der an seiner Frau gern eine Sklavin und Göttin zugleich hätte, steht halb verdutzt vor der Sache; das wenige, was er dabei vorbringt, besteht mehr in folgenden Einfällen als in andern: »er habe viel von seiner Selbstständigkeit auf sie zu pfropfen sich aus Liebe vorgesetzt; sie habe aber so viele eigne sogleich mitgebracht und ausgepackt, daß an Mann und Frau später, wie an Vögeln früher, das Geschlecht so schwer zu unterscheiden sei, was, z. B. in seinem eignen Falle, ein Gott und eine Göttin sei, als an den ersten griechischen Götterbildern; ja die Gleichförmigkeit wäre kleiner zu wünschen.« – Folglich ist der Mädchen-Wille weniger zu stählen als zu biegen und zu glätten. Wie die plastischen Gottheiten, so müssen die weiblichen jede Empfindung nur ruhig und mild ausdrücken. Jedes äußere oder innere Übermaß ist ein Rädern ihrer Reize und ein Vergiften ihrer Kinder. Sogar der Mann wählt zum ersten Ausdruck seines Willens und Wesens die Milde, wenn auch nicht zum zweiten . Kein Starker zieht gegen weibliche Milde in Krieg; so wie der sanfte Mondschein nach der Regel keine Gewitter zuläßt, wohl aber der glühende Sonnenschein. Wenn von jeher der tapferste Mann am sanftesten sprach: so dürfte ja der kräftigern Frau um so mehr Gelindigkeit und Nachgeben anstehen; sie bleibe eine Pyramide; aber in den Pyramiden wohnt ein sanftes Echo. Wenn indes gerade die jetzige kriegerische und die jetzige deutsch-poetische Zeit die Frauen weniger in die Flötenschule der Milde als in die Fechtschule des Ausfallens schickt: so ist wenigstens für Töchter, welche in die jetzigen Sturmmonate vollends ihren Charakter als eine weibliche Wasserhose noch mitbringen, ein Zusatz zum zweiundneunzigsten Paragraphen nicht unnütz, welcher, wenn nicht Heil bringend, doch vielleicht Unheil abwehrend ist. Heftigkeit einer weiblichen Seele verträgt sich oft mit aller Überfülle eines edeln hohen Herzens, sogar mit vorherrschender Milde und Liebe – und doch kann eine solche harte Beilage der Natur das Wesen selber und alles Liebende und Geliebte desselben in unheilbares Unglück ziehen. Schon von Natur neigt sich der übrigens stille weibliche Charakter so sehr zu Windstößen der Leidenschaftlichkeit, daß sogar die Gesetze (z. B. die preußischen), an den sonst milden Engeln die Würgengelein fürchtend, den Apothekern untersagen, irgendeiner Frau Gift abzulassen, indes sie solches den stürmischen Männern abzuholen erlauben; die Gesetze scheinen sie ordentlich für schnee-weiße, schneeblendende, schneekalte – Heklas voll Feuer zu nehmen. Wird nun gar die Geschlecht-Überwallung durch individuelle erhöht: so sehen wir die Donnergöttin, welche mit einem Schlagregen ihre kleinen Blumenkinder erschlägt, nicht zu gedenken des begoßnen Mannes und des verschwemmten Hauswesens und der ersäuften Liebe. Eine stürmende Mutter ist ein Widerspruch in der Erziehung und gleicht den Gleicher-Stürmen, welche den Dunstkreis erhitzend verderben, indes ein stürmender Vater ihn kühlend reinigt. Dem Kinde, noch auf seiner reinen heitern Höhe stehend, klingt vielleicht die Heftigkeit so schwach wie auf hohen Bergen dem Ersteiger ein Knall; aber in den Tälern des künftigen Lebens wird es ein Donner, und jede mütterliche Heftigkeit kehrt in den töchterlichen Ehejahren als siebenfaches Echo um. Ich gedenke, wie gesagt, der ehelichen Liebe gar nicht, in welcher vor weiblichen Orkänchen die dünne Achse an Aphroditens schönem Wagen bricht, oder die Zugtauben desselben sich abreißen; denn die Leser verlangen hier nicht die Giftigkeit dargestellt, sondern die Mittel dagegen. Diese sind nicht so leicht bei der Hand, insofern schon von fünf-, siebenjährigen Mädchen die Rede ist. Bloß Heftigkeit entgegen setzen der Heftigkeit oder das Auffahren anfahren, hieße ohnehin nur mit brennendem Öle brennendes ausgießen wollen; Strafe überhaupt kann hier im jüngern Alter nur mehr verderben als ein Ersticken der Flammen gewähren; wozu aber noch kommt, daß die Strafe die Heftigkeit, wie natürlich, erst trifft, wenn sie schon den Zunder einer künftigen größern vorbereitet hat. Jede Wiederholung des Fehlers wird hier Verdoppelung, zu welcher Rüge-Schmerz sogar als Reiz erhitzen kann. Körperlich könnte man dagegen mehr Pflanzen- als Fleisch-Genuß und jeden kühlenden verordnen, wenn nicht später die Jahre mit dem feurigen Blute wieder einheizten. Aber das beste Mittel in früherer Zeit bleibt die Verhütung aller, auch der kleinsten Anlässe oder Funken für diesen Zunder; dagegen werde jede Kraft der Liebe, der Duldung, des Friedens gepflegt und gezeigt und damit jenem Lohfeuer entgegen geübt. Verbote wirken nichts, aber Beispiele der Milde tun alles, entweder erzählte oder gegebne, Ton und Tat. Die Kinder der Quäker sind ohne Strafe mild, sie sehen die Eltern immer durch die Sturmwolken fremder Umgebung als stillweiße Sterne hindurchblicken. Hingegen in den späteren Jahren der Überlegung und der Schamröte werde die Strafe erlaubt, ja veranstaltet, daß ein solcher weiblicher Boreas von 15 Jahren so mitten unter dem Sturm-Blasen recht öffentlich und derb den metaphorischen Wangen-Streich auf die blasend geschwollnen Wangen bekomme, welcher früher, unfigürlich gegeben, nur, wie schon gesagt, die ganze Geschwulst erhöhet würde haben. § 93 Sonst hieß die Frau eines Edelmannes Hauswirtin. – Die alten Briten wurden öfters von tapfern Weibern in Schlachten geführt. – Mehre skandinavische Weiber waren nach Home Seeräuberinnen. – Eine Nordamerikanerin tut auf dem Felde und eine Pariserin im Kaufladen alles, was bei uns der Mann. – Sollte es sonach genug sein, wenn ein Mädchen bloß stickt, strickt und flickt? – Als Schweden unter Karl XII. alle Männer nach Ruhm ausgeschickt hatte, wurden Weiber die Postmeister, die Landbauern und die Vorsteher öffentlicher Anstalten. Mémoires secrets sur les règnes de Louis XIV., par Duclos. Da aber allmählich durch die Zeit sämtliche Männer auf den Kriegs- und Friedensfuß gesetzt werden: so sollte man, dächt' ich, mehr darauf denken, die Mädchen vor der Hand zu Geschäft- und Lehnträgerinnen derselben zu erziehen; denn später dürfte auch von Weibern, wenn die Männer tot geschossen worden, ein anderes Konskribieren und Enrollieren als das unter Ehegatten gefodert werden. Lebens- und Arbeit-Gymnastik ist, wenn irgend zwei vorige Paragraphen recht hatten, das dritte Gebot weiblicher Erziehung. Doch besteht sie nicht in sogenannter Frauenzimmerarbeit. Nähen, Stricken oder Spinnen an einem Pariser Taschenspinnrad ist Erholung und Arbeitlohn, keine Arbeit und Übung, man müßte denn das Spinnen wie die Moldawerinnen Sumarokoffs Reise durch die Krim. gehend verrichten. Das Sticken, diese weibliche Musaik, mehr den höhern Ständen zuständig, welche von Nichtstun sich durch Wenigtun erholen müssen, gibt leicht das Stickmuster zu einer siechen trüben Dächsin. Lykurg schickte seine Sparterinnen (nach Xenophon) in die öffentlichen Übungplätze, und nur die Sklavinnen vor den Webstuhl und Spinnrocken. Ich rechne nicht die körperlichen Nachteile am meisten, z. B. die Sklaven-Haltung des Leibes, welche von der Tanzschule erst an der Nähschule verbessert werden muß – denn eine fortbewachende Mutter könnte ebensogut bei dem Sticken als ein Schreibmeister bei dem Schreiben gerade Haltung bewahren –; ich rechne auch nicht den nervenschwächenden, prickelnden Fingerspitzen-Reiz des Strickens; und der körperliche Nachteil des Sitzlebens mag erst nachher mehr vortreten. Aber die meisten Finger-Arbeiten, womit man das weibliche Quecksilber fixiert, führen den Schaden mit sich, daß der müßiggelassene Geist entweder dumpf verrostet, oder den Wogen der Kreise nach Kreisen ziehenden Phantasie übergeben ist. Strick- und Näh-Nadel halten z. B. die Wunden einer unglücklichen Liebe länger offen als alle Romane; es sind Dornen, welche die sinkende Rose selber durchstechen. Es habe hingegen die Jungfrau, wie meistens der Jüngling, ein Geschäft, das jede Minute einen neuen Gedanken befiehlt: so kann der alte nicht immer durchsagen und vorglänzen. Überhaupt schlägt der Wechsel der Geschäfte mehr der weiblichen Seele zu, festes Forttreiben eines einzigen der männlichen. Zerstreuung, Vergeßlichkeit, Mangel an Besonnenheit und an Geistes-Gegenwart sind die ersten und schlimmsten Folgen dieses süßen innern und äußern far niente; mehr aber braucht eine Frau nicht, um die Ehe-Dreifaltigkeit zu vergiften, Kind, Mann und sich. Himmel, wie muß der Jüngling jeden Tag seinen Lebensfaden aus neuen Flocken ziehen, oder seinen Plan auf weitem Wege dem Ziele näher führen, indes eine Jungfrau im Heute das Gestern wiederholt als Spiegel des Morgen. Er freilich schreitet, und sie sitzt; jenen läßt man stehen, diese sitzen. Das weibliche Geschlecht hat eine solche Vorliebe für ankernde Lebensart, daß es gern, wie (nach Gerning) die Griechinnen, sich Einlegstühle nachtragen ließe, um nach jedem Schritte einen Sitz bei der Hand zu haben. Sie könnten sich aber, dächt' ich, begnügen, der Sonne nur darin ähnlich zu sein, daß sie glänzen und erwärmen, ohne auch, wie sie, unbeweglich zu sein. Sie haben mit den sitzenden Professionen, den Schneidern und Schustern, Milzsucht und Schwärmerei gemein. Dieses Sitzleben voll Mittagruhe, Morgen- und Vormittagruhe und Vesperruhe, das besonders die höhern Damen bei vollen Tischen und Mägen führen, setzt die Ärzte so in Angst, in Lauf und Umlauf, daß am Ende ein Chevalier d'honneur und Kammerherr ebensogut Arzneikunde verstehen sollte als Französisch. In diesem Kreise dürfte man freilich wenige Schweizerinnen, geschweige jene Szeklerin aus dem Gyergyoer Stuhle suchen Ergänzungsblätter der Allg. Literatur-Zeitung 1803. Nr. 19. , welche im Gefechte gegen die Moldauer sieben davon mit einem Spieß niedermachte und abends wieder- und sogleich niederkam mit einem Sohn. Der Vorfall trug sich zu den siebenten September – 1685. Ein gewisser Quoddeusvult glaubt im (noch ungedruckten) 23ten Bändchen der Flegeljahre einiges zu entschuldigen, wenn er sich, nachdem er so lange von weiblicher Sitz- und Tanzlust gesprochen, bis er auf die Schwebfliegen geraten, die unverrückt schweben, und pfeilschnell schießen, darüber so ausläßt: »Wie die weibliche Natur lieber ruht als die männliche, dies seh' ich weniger an den Krebsen – wovon der weibliche viel weniger Afterfüße unter dem Schwanze hat – als am menschlichen Fötus selber: der Knabe setzt sich schon im dritten Monat in Bewegung, das Mädchen im vierten. Auch durch die Culs de Paris spricht sich sitzende Lebensart genug aus. Aber die Natur mildert hier so stark; wie sie dem Fieberkranken Hunger nach Sauerkraut und Hering als Heilspeisen gibt: so pflanzte sie der bett- und sophalägerigen Frau den Kunsttrieb nach Tanzen ein, so wie dem faulen Wilden. Wie im Konzert kommt nach dem Adagio bei ihr das Prestissimo. Ich wüßte aber auch nicht, was dem jetzigen Sitz-Largo di molto nötiger wäre als das Hops-Furioso. Ein Ball ist eine stärkende Schnecken- und Austerkur schleichender Schnecken und sitzender Austern; ein tanzender Tee ist das beste Gegengift gegen getrunkenen – die beiden Arzneifinger treten an den Füßen als zehn Arznei-Zehen auf – und auf einem Maskenball hat die offne Dame den Pestilenziarius an der Hand, da der Pestarzt sonst in Wachs-Masken ging. – Wenn ihr wollt, daß Damen schneller gehen als Posten und Läufer, so stellt nur eine englische Kolonne von Leipzig nach Dessau und lasset das Mädchen chassieren: und seht nach, wer zuerst ankommt, die Post oder die Tänzerin« – – und so weiter. Denn so vieles auch wahr davon ist, so bleibt es doch besser an seinen Ort gestellt, nämlich in den dreiundzwanzigsten Band. Diese Seßsucht oder Sitzsamkeit greift auch in die kleinern Zweige der Kinder- und Haushalt-Zucht, indem Weiber oft bloß erlauben und versäumen, um nur nicht – aufzustehen, oder ungern die Bewegung des Kindes durch die eigne erkaufen, oder gern das Physische verzögern, wie das Geistige übereilen. In London ruft zweimaliges Klingeln den Kammerdiener, dreimaliges aber die Kammerjungfer, wahrscheinlich um dem Geschlechte Zeit zu lassen. § 94 Wie ist nun diesem abzuhelfen? – So wie ihm in den niedern Ständen abgeholfen wird. Das Mädchen treibe statt der träumerischen einseitigen Dreifingerarbeiten die vielseitigen Geschäfte des Hauswesens, welche das Träumen und Selbst-Verlieren jede Minute durch neue Aufgaben und Fragen aufhalten; in den ersten Jahren von der Kochkunst an bis zur Gärtnerei; in den spätern von der Statthalterschaft über die Bedienten an bis zur Rechnenkammer des Hauses. Was ein Minister im kleinen Staate ist, dies ist eine Frau in ihrem kleinern; nämlich der Minister aller Departements auf einmal – der Mann hat das der auswärtigen Affären –; und besonders ist sie der Finanzminister, der im Staate, nach Goethe, zuletzt den Frieden entscheidet, so wie, nach Archenholz, die Magazine den Krieg. Auch die vornehme Frau würde gesünder und glücklicher werden und machen, wenn sie mehr der maître d'hôtel, ja die femme de charge sein wollte – für das Haus, mein' ich; denn dem Manne ist sie oft beides. Im ganzen zwar bleibt das Weib der höhern Klassen durch Nichtstun zärter-schön; aber diese Venus gleicht der römischen, die zugleich die Göttin der Leichen war; man verstehe unter letzten nun ihre Kinder, oder ihren Mann, oder sie selber. Doch sprech' ich nicht von der Kochkunst, um nicht so lächerlich zu werden als Kant, welcher begehrt, daß man darin so gut ordentliche Stunden (wie in Schottland) geben sollte als im Tanz; vielmehr wird der schöne Spruch Senekas für Opfernde: puras deus, non plenas adspicit manus (Gott sieht auf reine Hände, nicht auf volle) auch für die höhere Frau Bedeutung gewinnen, und sie wird erwägen, daß der Mann reine, weiße Hände mehr ansieht als das, was volle etwa Gutes auftischen. Sonst aber, warum ist denn in der weiblichen Rangliste der Realtitel »Hauswirtin« kein großer? Bereitet sie nicht als solche den Kindern – so wie sonst physisch – so kameralistisch eine freiere Zukunft zu? Und kann eine Frau etwas im einzelnen unter ihrer Würde finden, worin die größten Männer im ganzen die ihrige gesucht, ein Kato von Utika, ein Sully u. s. w.? Verwaltet muß doch einmal das Hauswesen werden; soll denn lieber der Mann noch gar diese Überfracht zu seinen äußern Frachten laden? Alsdann aber geriete ich bloß in Erstaunen, daß die Frauen – denn tulich ists, da Humboldt und andere die Beispiele an Männern in Süd-Amerika gesehen – nicht das so billige und wichtige Säugen der Kinder uns auftragen. Nach einiger erregender Übung hätte man, statt der Still-Ammen, Still-Männer; die Minister, Präsidenten und andere Chefs (die Kinder würden in die Sessionen nachgetragen) hielten es besser aus als ihre Weiber u. s. w. Übrigens sage nur keine mehr luftige als ätherische Frau, Haushalten sei als mechanisch unter der Geistwürde, und sie wolle lieber so geistig-glücklich sein wie ein Mann. Gibts denn irgendein Geistwerk ohne ein Handwerk? Setzen die Rechnenkammern, die Schreibkammern, die Paradeplätze des Staats weniger oder anders als Küche und Haus die Hände in Bewegung? Kann denn der Geist früher und anders erscheinen als hinter dem mühsamen Körper; z. B. das Ideal des Bildhauers anders als nach Millionen gemeiner Stöße und Schläge auf den Marmor? Oder kann gegenwärtige Levana anders in die Welt und den Druck gelangen, als daß ich Federn schneide, eintunke und hin- und herziehe? Ihr heiligen Weiber deutscher Vorzeit! ihr wußtet von einem idealen Herzen so wenig als vom Umlaufe des reinen Bluts, das euch rötete und wärmte, wenn ihr sagtet: »ich tu' es für meinen Mann, für meine Kinder«, euch mit euren Sorgen und Zielen nur unterordnend und prosaisch erscheinend! Aber das heilige Ideal kam durch euch, wie das Himmelfeuer durch Wolken, auf die Erde nieder. Die mystische Guyon, welche im Hospital einer eklen Magd die Dienste abnimmt und nachtut, hat einen höhern Seelenthron als der Feldherr, der mit fremden, ja eignen Waffen die Wunden schlägt, die er nicht schließt. – Alle Stärke liegt innen, nicht außen; und ob ein Dichter auf dem Druckpapier, oder ob ein Eroberer auf dem Gesandten- und Traktatenpapier die Länder stellt und mischt, ist an und für sich nur äußerlich so verschieden als Nichts und Alles; ich meine für den Pöbel. § 95 Von Natur sind die Frauen geborne Geschäftleute; berufen dazu vom Gleichgewichte ihrer Kräfte und von ihrer sinnlichen Aufmerksamkeit. Die Kinder fodern ein immer offenes Auge, obwohl keinen immer offnen Mund; claude os, aperi oculos. Aber welcher Sprechzirkel, der immer nur kleine und leichte Verhältnisse umschließt, könnte jenen allgegenwärtigen Blick so üben als ein häuslicher Handelkreis? – Knaben von gewisser Bestimmung, z. B. zu Künstlern, zu Gelehrten, zu Mathematikern, können den Geschäftgeist entraten, aber nie ein Mädchen, das heiraten will, besonders einen von den obigen Knaben. Überhaupt müßte man viel stärker wider das Zerstreuetsein eifern, das keine Schuld der Natur, sondern eigne ist und nie die entscheidende Bedingung einer überragenden Kraft. Jedes Zerstreuetsein ist teilige (partielle) Schwäche. Würde z. B. der Dichter und Philosoph, der in der äußern , seiner Tätigkeit aber fremden Welt zerstreuet fortschreitet, ebenso zerstreuet auch in seiner innern Welt arbeiten, die er allein zu beschauen und zu beherrschen hat, so wäre er ja eben toll oder unnütz. Dasselbe gilt für den umgekehrten Fall, wenn die zerstreuete Frau die äußere, worin sie zu tun hat, über die innere versäumt. – Soll nun ein Mädchen um- und vielsichtig werden – soll sie nicht in Gesellschaft ihre vielen Augen, wie Argus die seinigen, bloß zu bunten Augen in einen Pfauenschweif versetzen – oder soll sie nicht wie der Seefisch, die Butte, auf der rechten Seite zweiäugig sein, blind aber dafür auf der linken: so werde sie vom wirtschaftlichen Leben vielseitig geübt; und die Eltern müssen nichts daraus machen, daß etwa ein Liebhaber dergleichen der Äther-Braut verdenkt, so wie Plato dem Eudoxus vorwirft, er habe die reine Meßkunst durch Anwendung auf die Mechanik entheiligt; – denn heute oder morgen tritt doch die Ehe ein, und der Ehemann, der gesetzte Flitter-Wöchner, küßt alsdann die mütterliche Hand für alles, was gegen sein Erwarten die töchterliche tut. § 96 Alles, was die sinnliche Aufmerksamkeit und das Augenmaß bildet und übt, werde das Mädchen gelehrt. Folglich Kräuterlehre – diese unerschöpfliche, ruhige, ewiggebende, mit weichen Blütenketten an die Natur knüpfende Wissenschaft –; dann Sternkunde, nicht die eigentlich mathematische, sondern die Lichtenbergische und religiöse, welche mit der Erweiterung der Welt den Geist erweitert, wobei es auch nicht schadet, daß ein Mädchen erfährt, woher eine längste Nacht zum Schlafen oder ein Vollmond zum Lieben komme. – Sogar Mathematik rat' ich an; aber nur fehlt den Weibern, die schon einen astronomischen Fontenelle haben, noch ein mathematischer; denn es ist hier nur von den einfachsten Grundsätzen der reinsten und angewandten Mathematik, zu welchen Knaben Kräfte haben, bei Jungfrauen die Rede. Ja die Geometrie als ein zweites Auge oder Diopterlineal, das in die Körperwelt so bestimmte Sonderungen bringt wie Kant ins Geisterreich durch die Kategorien, kann früh begonnen werden, da nie die geometrische Anschauung (obwohl die philosophische) den Geist auf körperliche Kosten anspannt, so wenig als den äußern Gesicht-Sinn. Studierten doch Bildhauer und Maler die Mathematik als das Knochengebäude der schönen Sichtbarkeit ohne Nachteil ihres Schönheitgefühles. Ich kenne ein drittehalbjähriges Mädchen, welches das trockne Blätterskelett der mathematischen Figuren, die es spielend zeichnen gelernt, im vollen Laubwerk der Natur wiedererkennt. Ebenso haben diese Wesen für die Rechnenkunst, besonders für die wichtige aus dem Kopfe, frühzeitige Kräfte. Warum lässet man dazu nicht ein Einmaleins der Reduktion der verschiedenen Münzsorten und Ellenmaßen auswendig lernen? Etwas anderes, nämlich Entgegengesetztes, ist Philosophie. Wozu diesen Liebhaberinnen der Weisheit und der Weisen eine lehren? Aus diesem Geschlecht wurde zwar zuweilen ein großes Los mit Prämien gezogen, eine geborne Dichterin; aber eine geborne Philosophin hätte die Lotterie gesprengt. Eine geniale Frau kann Newton englisch verstehen und französisch geben – z. B. Mad. Chatelet –, aber keine einen Kant oder Schelling deutsch. Die seelenvollsten und geistreichsten Weiber haben eine eigne Weise und Gewißheit, den tiefsten Weltweisen zu verstehen, dem selber dessen Schüler zagend nachtasten – sie finden nämlich alles leicht, überall ihre eignen Gedanken, d. h. Gefühle. Am ewig wechselnden Wolkenhimmel ihrer Phantasie treffen sie jedes feinste abgezogenste Gerippe der Philosophen an; wie ja viele poetische Anhänger der neuern Philosophen-Schulen selber, die uns statt eines scharfen Kreises den phantastischen Dunstkreis geben. Erdbeschreibung, als bloßes Örter-Register, ist ohne Wert für die geistige Entwickelung und von geringer Brauchbarkeit für weibliche Bestimmung; hingegen ist das unentbehrlich, was an ihr stehende, lebendige Geschichte – im Gegensatz der ablaufenden und abgelaufenen –, sowohl die der Menschheit, die sich in Völker, gleichsam wie in gleichzeitige Geschicht-Perioden zerteilt, als die des Erdballs ist, der zwölf Monate in zwölf gleichzeitige Räume verwandelt. Den Geist des an Sessel und Geburtort angeketteten Mädchens, einer in ein Schloß verwünschten Prinzessin, müssen die Reisebeschreiber erlösen und vor freie Aussichten führen. Ich wollte, man gäbe uns eine den Erdball umfassende Auswahl von den besten, aber für Mädchen umgearbeiteten und verkürzten Reisebeschreibungen; – und stattete der Herausgeber sie vollends mit Herders Duldung und Ansicht der unähnlichsten Völker aus: ich wüßte kein reicheres Geschenk für das Geschlecht. Örterbeschreibungen anlangend, so hätte jeder Stand andere nötig, eine Kaufmannstochter eine ganz andere als eine Prinzessin. Fast alles dieses gilt von der versteinerten Geschichte, die nur aus einer Vergangenheit in die andere führt. Sie kann für ein Mädchen nicht dürftig genug an Jahrzahlen und Namen sein – wie viele Kaiser aus der deutschen Kaiserhistorie sind denn für ein Mädchen? –, hingegen nicht reich genug an großen Männern und Begebenheiten, welche die Seele über Stadt- und Vorstadt-Geschichten erheben. Musik – die singende und die spielende – gehört der weiblichen Seele zu und ist der Orpheusklang, der sie vor manchen Sirenentönen unbezwungen vorüberführt, und der sie mit einem Jugend-Echo tief in den Ehe-Herbst hinein begleitet. Zeichnen hingegen stiehlt – sobald es über die Anfanggründe hinausgeht, welche das Auge und den Putzgeschmack höher bilden, – den Kindern und der Ehe zu viel Zeit; gewöhnlich wirds daher eine verlorne Kunst. Eine fremde Sprache ist schon als wissenschaftliche Beleuchtung der eignen nötig, aber auch genug. Leider drängt sich die französische auf und voran, weil eine Frau sie schon lernen muß, um nur französische Einquartierung zu fassen und zu füllen. Ich wünschte – warum soll man nicht wünschen, d. h. das an jedem Tage des Jahres tun, was man am ersten tat? –, eine Sammlung englischer, italienischer, lateinischer Wörter würde den Mädchen als Leseübung vorgelegt, damit sie verständen, wenn sie hörten. Die Schreib- und Sprech-Welt hat einen solchen fremden Kunst-Sprachschatz aus allen Wissenschaften in Umlauf gesetzt, daß man die Mädchen, welche die Kunstwörter nicht wie die Knaben mit den Wissenschaften selber lernen, durchaus wöchentlich aus einem Kunstwörterbuch auswendig lernen und Erzählungen, worin solche Wider-Campesche Wörter aufgehäuft wären, ins Deutsche und Verstandene sollte übertragen lassen. Ich wünschte, es würde absichtlich ein deutsches Oktavbändchen voll fremder Wörter samt einem Sachwörterbuch dazu geschrieben. Die besten Weiber lesen träumend (die andern freilich schlafend) – sie kommen über die Gebirge eines Geistwerks so gleitend weich hinüber als ein Seefahrer über die Bergrücken unten im Meer – keine fragt den Reichanzeiger, was irgendein Wort bedeute, nicht einmal den Mann; – – aber eben diesem Gelübde des Stillschweigens, welches das Fragespiel als ein verbotenes ansieht, dieser Zufriedenheit mit Nachtgedanken, welche erst allmählich im zwanzigsten Buche die Bedeutung eines Kunstworts des zweiten ablernt, soll vorgebogen werden. Sonst werden von ihnen die Bücher so gelesen, wie die Männer gehört. Es gibt einen Sinnen-Reiz, den alle Mädchen haben könnten, und den oft in einer Mittelstadt kein einziges besitzt, – welcher den bezaubert, der ihn hat, und der ihn nicht hat, – welcher die Gestalt und jedes Wort ausschmückt – und der so lange unverwelklich bleibt (länger kann nichts dauern), als ein weibliches Wesen spricht, – – ich meine nämlich die Aussprache selber, die reine deutsche, gar keinem Geburtorte dienende. Ich bitte euch, Mütter, laßt euch Stunden in der allemandischen Prononciation geben und wiederholt sie dann wie ein Korrepetitor Töchtern. Ich sag' euch – um die Sache auf einer wichtigeren Seite zu zeigen –: Volkaussprache erinnert immer ein wenig an Volkstand; weil im ganzen, je höher hinauf, je besser ausgesprochen (nicht eben gesprochen) wird. Die höhern Stände sind (gegen Adelungs Verwechslung) zwar nicht die besten setzenden Tonkünstler der Sprache (Kompositeurs), aber doch die besten vortragenden (Virtuosen). Mädchen können, ungleich den Schriftstellerinnen, nicht zu viel schreiben. Es ist, als ob sie auf dem Papiere – dieser letzten Verwandlung ihres lieben Flachses – selber eine mit erführen und in dem Zurücktreten der leichten und lauten Außenwelt Raum und Ruhe für ihre Innenwelt gewännen; so oft findet man in Briefen und Tagebüchern der alltäglichsten Sprecherinnen einen unerwarteten geistigen Himmel aufgetan. Worüber aber und wozu Sie schreiben, dies muß kein von der Lehr-Willkür, sondern ein vom Lebensaugenblicke aufgedrungenes Thema sein – denn ihre Empfindungen und Gedanken sind klimatisch und es mehr als des Knaben seine –; mithin wirkliche Briefe und eigne Tagbücher , keine Abhandlungen. Aus dieser Ursache wurden – weil bestimmtes Ziel drängte und anwies – so manche sprachkräftige tiefherausholende glanzvolle Briefe von weiblichen Geistern, ja sogar von männlichen dem Verfasser dieses zuteil, daß er oft im Verdrusse ausrief: schrieben nur fünf Schriftstellerinnen so gut wie zwanzig Briefstellerinnen, oder zwanzig Autoren so gut wie vierzig Briefwechsler: so wäre doch die Buchhändlermesse etwas wert. § 97 Der größte Teil des vorigen will die weibliche Kraft neben dem weiblichen Sinne , die Tätigkeit neben Milde bilden helfen; nicht bloß in der Ehe, sondern im Weibe selber soll ein Nachbild des himmlischen Tierkreises sein, wo der Löwe neben der Jungfrau schimmert. Der Begriff wirkt republikanisch im Geiste; das Gefühl monarchisch. Irgendein Gegenstand – z. B. der Anzug für einen Ball – erfaßt die Frau, wie ein Römer die Sabinerin, und entreißt sie ihrer Innen-Welt. Eine, die vor dem Nachttische des Balls an etwas besseres denken kann, mißt viele geistige Zolle mehr. Über niemand regiert aber die Gegenwart mit einer einzigen Idee stärker als über Seelen, die aus der innern Traum-Kammer wie geblendet ins helle Taglicht treten. Daher kommt die bekannte Erfahrung, daß sie nie fertig werden als zu spät, und daß sie immer etwas vergessen haben. Wie leicht aber wäre eine Tochter in die Kampfschule der Besserung zu schicken, jede Woche einmal! Der Vater sage: »Liebe Line, oder Bine, Pine, stehst du in einer Stunde geputzt da, so tanzest du heute.«- So könnte er mit Lustfahrten, als Bedingungen des Lohns durch schnelles Aufbrechen und reiches Einpacken, von Vergeßlichkeit und Verspätung entwöhnen. § 98 Gegen weibliche Eitelkeit habe man fast ebensoviel wie gegen männlichen Stolz, nämlich so wenig. Vorzüge, welche wie Blumen auf der Oberfläche liegen und immer prangen, machen leicht eitel; daher Weiber, Witzköpfe, Schauspieler, Soldaten durch Gegenwart, Gestalt und Anzug es sind; indes andere Vorzüge, die wie Gold in der Tiefe ruhen und sich nur mühsam offenbaren, Stärke, Tiefsinn, Sittlichkeit, bescheiden lassen und stolz. Nelson konnte durch Ordensbänder und den Verlust von Auge und Arm ebenso eitel werden als durch kalte Tapferkeit stolz. Kein Mann setzt sich lebhaft genug in die Stelle einer schönen Frau, die, ihre Nase, ihre Augen, ihre Gestalt, ihre Farbe als funkelnde Juwelen durch die Gassen tragend, mit ihrem stehenden Glanze ein Auge ums andere blendet und mit ihren Verdiensten gar nicht aussetzt. Hingegen gleichsam vergittert und eingefangen schleicht der sehr verständige und gelehrte Rektor hinter ihr – seine innern Perlen mit zwei dicken Muschelschalen zudeckend –, und niemand weiß, was er weiß, sondern der Mann muß sich selber einsam bewundern und blenden. Der Wunsch, mit einem Werte zu gefallen, der bloß im sichtbaren oder äußerlichen Reiche herrscht, ist so unschuldig und recht, daß der entgegengesetzte eben unrecht wäre, dem Auge und Ohre bedeutunglos oder mißfällig zu werden. Warum dürfte ein Maler für das Auge sorgen und kleiden, aber nicht seine Frau? – Freilich gibts eine vergiftende Eitelkeit und Gefallsucht, die nämlich, welche das innerliche Reich zu einem äußern herabsetzt, Gefühle zu Zug-Netzen der Augen und Ohren ausbreitet und mit dem, was eigentümlichen Wert hat, sich abgeleiteten kauft und bezahlt. Immerhin wolle ein Mädchen mit Leib und Putz gefallen, nur nie etwa mit heiligen Empfindungen; und eine sogenannte schöne Beterin, welche es wüßte und darum kniete, würde niemand anbeten als sich und den Teufel und einen Anbeter. Jede Mutter und jeder Hausfreund bewache daher die eigne Lobsucht – oft so gefährlich als Tadelsucht –, welche so leicht eine bewußtlose Grazie des Seelen-Tons, der Miene, der Empfindung benennt und belobt und sie dadurch auf immer zur bewußten, d. h. zur getöteten macht. Das Zählen der Untertanen nahm diese dem David. Das von Geisterhänden emporgehobene Gold stürzt wieder zurück, sobald gesprochen wird. Wenn der Mann lauter Kothurnen hat, worauf er sich der Welt höher und leichter zeigt, Richterstuhl, Parnaß, Lehrstuhl, Siegwagen u. s. w.: so hat die Frau nichts, um ihren innern Menschen darauf zu stellen und zu zeigen, als ihren äußern; warum ihr dieses niedliche Fußgestelle der Venus wegziehen? Und wenn der Mann immer in einem Kollegium und Corps gleichsam in einer Assekuranzgesellschaft seines Ehrengehaltes steht, die Frau aber nur den einsamen Wert ihrer Persönlichkeit behauptet: so muß sie desto schärfer darauf halten. – Vielleicht ist dies eine zweite Ursache, warum Weiber kein bedingtes Lob vertragen; denn die erste bleibt wohl die, daß ihnen aus Mangel der Selbst-Teilung und in ihrer ewigen Niederlage vor der Gegenwart, die immer das Bittere stärker als das Süße aufdringt, mehr die Schranke des Lobes als das Lob empfindbar wird. Wir gehen nun zum Kleider-Teufel über, wie sonst die alten Theologen das Toilette-Machen nannten. Was bedeutet denn das weibliche Toilettenzimmer anders als die theatralische Anziehstube? Und warum gibts denn so viele Kanzeln gegen jene? – Die Kanzelredner auf ihnen bedenken folgendes nicht genug: der Frau ist das Kleid das dritte Seelenorgan (denn der Leib ist das zweite, und das Gehirn das erste); und jedes Überkleid ist ein Organ mehr. Warum? Ihr Körper, ihre wahre Morgengabe, fällt mit ihrer Bestimmung mehr in eins zusammen als der unsrige mit unserer; und ihrer ist, wenn unserer mehr als Pilger- und Grubenkleid mit der Bergschürze ist, ein Krönungskleid, ein Courhabit. Er ist die heilige Reliquie einer unsichtbaren Heiligen, die nicht genug kann geehrt und bekleidet werden; und das Anrühren dieses heiligen Leibes tut allerlei Wunder. Eine männliche Hand abzuhauen, war in frühern Zeiten nicht viel gefährlicher, als eine weibliche zu drücken, auf welchen Druck das salische Gesetz 15 Goldschillinge Strafe legt; ein gewalttätiger Kuß begründete sonst eine Injurienklage, und noch wird man in Hamburg für jeden Kuß um zwei gute Groschen bestraft, den man da aufdruckt in einer Werkstatt. Daher aber müssen den Frauen Kleider und Putz, als Firnis des Gemäldes als Vervielfältigung ihrer Außenseiten und Facetten, wichtig gelten. Meistens besuchen daher Weiber ein Paradebette, um zu sehen, wie man sich unter der Erde bei den Toten trägt. Vielleicht gehört Lust an Gewändern unter die Ursachen, daß wir große Malerinnen, aber keine großen Tonkünstlerinnen haben, weil doch den größern Raum der weiblichen Malerei Gewänder füllen; mit den Tönen aber, denken sie, kann man sich zu wenig sehen lassen, wenn man nicht singt. Dadurch fällt auch auf die weibliche Shawl-Wurf-Kunst einer Hamilton und anderer Licht. Noch im Alter und auf dem Krankenlager – welche beide der Mann so gern benutzt, um sich bequem in Schlafmützen und Schlafröcke zu werfen – legen sie Putzwerk an, nicht um Männern zu gefallen, sondern sich; ja noch im zugesperrten Sarge, der einsamsten La-Trappe-Kartause, die es gibt, weil nicht einmal ein Einsamer da ist, wollen sie nicht hinter den aus Pompeji gegrabenen Gerippen nachbleiben, welche sich daselbst mit Putz und Ohrenringen der Nachwelt vorteilhaft zeigen. Auf einer Insel würde eine Miß Robinson, wäre auch niemand da als ihr Bild im Wasser, täglich die neuesten Moden machen und tragen. – Wie wenig sie der Männer wegen sich zu getriebener Arbeit und zu dreigehäusigen Uhren machen, erschaue man daraus, daß sie sich nie sorgfältiger schmücken als für bloße Weiberzirkel, wo jede die andere studiert und ärgert. Unbefangen vor Zeugen stellet sich jede vor ihre Idealwelt, vor den Spiegel, und schmückt das Bräute-Paar . In Frankreich trug die Frau sonst einen Spiegel auf dem Leibe, wahrscheinlich um den Freundinnen süßer zu werden und diese an ihren eignen Bildern für die Trägerin derselben zu entschädigen. In Deutschland war sonst den Gesangbüchern vorn ein Spiegel eingelegt – warum nicht noch? Schade für diesen Verlust des göttlichen Ebenbildes einer jeden aus Mangel an Spiegel. Aus demselben Grunde der Naturbestimmung verzeiht auch die Klügste einen Tadel ihres Körpers nicht; so wie sie ein Lob desselben höher schätzt als ein Lob des Geistes. Von Louis XIV. an schwuren die französischen Könige, bloß zwei Verbrechen nicht zu vergeben, beide nur zwischen Mann und Mann begehlich, den Zweikampf und ein schlimmeres. Die Weiber wollen gern alle verzeihen, ausgenommen eines : nicht etwa das Verneinen ihrer Reize, sondern das laute Bejahen eines körperlichen Wider- und Un-Reizes. Und jede Manns-Zunge ist unmoralisch grausam, über welche dieses Ja gehen könnte. Die Frau, der sinnlichen Gegenwart mehr untertan und mehr dem Scheinen und Meinen als wir, muß, so wie ihre Schönheit, so ihre bejahte Unscheinbarkeit als eine umhergetragene Fortwirkung schmerzlich empfinden. Doch selber dieses Sprechen darüber würd' ich für hart halten, wenn ich nicht aus meiner und fremder Erfahrung dazusetzen könnte, daß ein schönweibliches Herz äußere Flecken so auslösche wie ein schwarzweibliches äußere Reize, und daß die schöne Seele höchstens den ersten Augenblick, die verdorbene aber die Zukunft zu fürchten habe. Der weibliche Leib ist die Perlenmutter; – diese sei nun glänzend und bunt, oder von Geburtsboden rauh und grau, so macht doch die helle weiße Perle darin allein den Wert. Ich meine damit dein Herz, du gutes Mädchen, die du nur das Verkennen, nicht das Erkennen errätst! – Aus der weiblichen Bestimmung ist vielleicht die größere Kälte und Strenge abzuleiten, womit Weiber von Stande ihre weibliche Dienerschaft behandeln – sie können sich manche Ähnlichkeit und manche Möglichkeit der Verwechslungen nicht ableugnen; worin auch Ehe-Männer, denen mehr an dem Satze des Nichtzuunterscheidenden als des Widerspruchs gelegen ist, sie leicht bestärken. Den Unterschied der geistigen Bildung schlagen die Weiber, zumal schöne, weniger an, – die Männer aber nur diesen im Betracht ihrer Diener, und Pompejus fragte, seiner Siege gewiß, nichts darnach, daß sein Koch so aussah wie er. Die weibliche Kleider-Liebe hat samt der Reinlichkeit, welche gleichsam auf der Grenzscheide zwischen Leib und Sittlichkeit wohnt, eine Wand- und Tür-Nachbarin, nämlich Herzens-Reinheit. Warum werden alle Mädchen, welche Fürsten mit Reden und Blumen entgegenziehen, weiß gekleidet? – Die Hauptfarbe der geistig- und körperlich-reinen Engländerinnen ist die weiße. Heß fand weiße Wäsche in freien Staaten am meisten; – und ich finde die Staaten desto keuscher, je freier sie sind. – Für eine Frau, welche – als Widerspiel der Dominikaner, die im Kloster weiß, und außerhalb schwarz gekleidet gehen – die Farbe der Reinheit nur auf der Gasse trägt, will ich kein Bürge ihrer innern Reinheit werden. Ich könnte noch von dem Wäschschrank sprechen, dem weiblichen Bücherschrank – denn unser Weißzeug besteht in Schwarz auf Weiß. – Ich könnte noch fragen, ob nicht die Mädchen die Kleider darum auch mehr lieben, weil sie viele selber machen und folglich ein Gewächs schmackhafter genießen, das sie im eigenen Garten gezogen. Aber näher liegt die Frage, wie die Wasserschößlinge eines von der Natur eingeimpften Blütenzweiges zu unterdrücken oder zu beschneiden sind. Beseelt das Herz: so dürstet es nicht mehr nach Luft, sondern nach Äther. Niemand ist weniger eitel als eine Braut. Gebt der Tochter irgendeine lange Laufbahn zu einem bedeutenden Geschäfte: so schauet sie sich seltener um. Ein rechtes Werk verschlingt den Verfasser, wie später den Leser, beide denken nicht mehr an sich. Im Seetreffen ist kein Nelson eitel, im Landtreffen kein Alcibiades, im Staatsrat kein Kaunitz. Den Kunst-Reiz des Anzugs lerne eine Tochter kennen und schaffen, aber an andern Körpern. Behandelt sie als eine malerische Gliedermännin und legt den Wert auf die Gestalt an und für sich – sie halte sich für eine Schauspielerin, die sich nicht mit ihrem Putze einer Königin verwechselt. Reiche Kleider machen eitler als schöne. Lasset nicht Ammen, Kammerjungfern und ähnliches Heuschreckenvolk das bekleidete Mädchen schätzen und verklären; ja habt sogar auf die Gespielinnen, zumal die des niedern Standes, ein scharfes Auge, weil diese das Anstaunen des Hoch-Schmuckes leicht in ein Bewundern der Trägerin verkehren. Weiset der Reinheit, dem Ebenmaße, der Kleider-Sitte und der ästhetischen Schönheit-Foderung ihren glänzenden und dichten Wert zu: so vergißt die Tochter, wie ein Dichter, sich über die Kunst und Idee; und über die Schönheit die Schöne. Sie werde ein Künstler, der sich selber malt, und den nicht das Urbild am meisten reizt, sondern das Abbild. Endlich sei nur nicht die Mutter selber ihre eigne Tapeziermeisterin, oder ein unfruchtbares Tulpenbeet der Mode-Farben; dann ist genug getan für die Töchter, wenn nicht alles. § 99 Ich möchte einen ganzen Paragraphen bloß über und für die Heiterkeit und Scherzhaftigkeit der Mädchen schreiben und ihn den Müttern zueignen, da sie jene so oft verbieten. Denn etwa den Mädchen selber ernsthaft vorzuschlagen, sie möchten gelegentlich lachen, hieße fast ihnen den Gegenstand sogleich mitbringen. Hingegen Mütter murren gern (sollten sie auch oft innerlich lachen, wie umgekehrt die Töchter häufig nur äußerlich). Sie sind von der triumphierenden Kirche der Jungfrauen in die streitende der Frauen übergetreten – die wachsenden Pflichten haben den Ernst verdoppelt – der Bräutigam ist aus einem Honigkuckuck, der zur Süße der Honigwochen einlud, ein gesetzter Honig-Bär geworden, der den Honig selber haben will. – Nun, um desto mehr, ihr Mütter, gönnt den lieben leichten Wesen das Spielen um die Blumen, die Flatter-Minute vor langen Ernst-Jahren. Warum soll nicht bei ihnen, wie bei den Römern, das Lustspiel früher da sein als das Harm-Spiel? Darf der Jüngling ein Zephyr sein, warum nicht die Jungfrau eine Zephyrette? – Gibt es etwas so Schönes und Poetisches im Leben als das Lachen und Scherzen einer Jungfrau, welche, noch in der Harmonie aller Kräfte, mit und auf allen in üppiger Freiheit spielt, und die weder höhnt noch haßt, wenn sie scherzt? Denn den echten, weder der Satire noch dem männlichen Humor ähnlichen und den Autoren doch so schweren Scherz der Poesie haben und lehren Mädchen, z. B. Leipziger, oder andere schöne Gegenfüßlerinnen der Fische, welche, wie bekannt, sowohl stumm sind als das Zwerchfell entbehren. Ihr Ernst ist selten so unschuldig als ihr Scherz: noch weniger ists jener übermütige Mißmut, der die jungfräuliche Psyche zu einem schweren, dicken, summenden, flügelhängenden Nachtschmetterling macht, z. B. zum Totenkopfvogel. – Dem Liebe-Anfänger mag vielleicht der Nachtfalter gefallen; aber ein Ehe-Mann verlangt seine Tag-Psyche; denn die Ehe fodert Heiterkeit. Bei einem libyschen Volke Alex. ab Alex. L. I. c. 24. heiratete der Jüngling unter den Gast-Mädchen das, welches zu seinem Spaße lachte; vielleicht steckt meine Meinung in dieser Sitte. Lachende Heiterkeit wirft auf alle Leben-Bahnen Tages-Licht; der Mißmut weht seinen bösen Nebel in jede Ferne; der Schmerz macht zerstreuter und verworrener als der sogenannte Leichtsinn. Kann hingegen eine Frau diese Komödie aus dem Stegreif in die Ehe hineinspielen und zuweilen das starre Epos des Mannes oder Helden durch ihr komisches Heldengedicht anleuchten, oder gegen Unglücksfälle, wie Römer taten, ein lustiges Spiel anordnen: so hat sie Freude und Mann und Kinder bestochen und gewonnen. Man fürchte doch nie, daß weibliches Scherzen die Seelen-Tiefe und das Gefühl ausschließe. Tut es denn das männliche? Und bauete nicht der Gesetzgeber Lykurg in seinem Hause dem Lachen einen Altar, und seine Sparter überall? Gerade unter dem äußern Scherze wuchert die stille Kraft des Herzens fort, und es füllt sich selber an; wie himmlisch alsdann, wenn endlich das lächelnde Gesicht zum ersten Male vor Liebe weint, und die übermächtige Träne die ganze weiche Seele spiegelt! Die Mutter erduld' es also nicht nur – daß ihre Tochter außen eine Französin, innen eine Deutsche ist und sich das Leben in ein komisches Gedicht verwandelt, das die tiefe Bedeutung mit einem lustigen Spiele umgibt –, sondern sie beförder' es selber. Bücher dazu – denn wir Männer denken zuerst an diese, wenn Rat zu geben ist – wüßt' ich, außer den Brieftaschen der einzigen Sevigné, wenige zu empfehlen. Aber Witz, bloßer Witz ist – zuwider der Ästhetik – den Weibern Komus und Humor; ein Sinngedicht ist ihnen ein humoristisches Kapitel, und Haug oder Martial ihnen ein Sterne oder Aristophanes; über die witzige Hochzeit des Großen und Kleinen (welche nur der von der langen verwandten Wesenkette herunterschauende Mann für keine Mißheirat nimmt) wollen sie sich krank lachen, oder eigentlich gesund. Himmel, lacht nur! Und es mögen euch die Mütter recht viele Sinngedichte vorlesen! Ich wollte überhaupt, es gäbe eine reine Auslese davon bloß für Mädchen und etwa ein oder ein paar komische Werke für sie, welche sehr französisch lauten würden! – Lasset denn die lieblich-neckenden Kinder sich recht untereinander und besonders den ersten besten Schwergewicht-Mann auslachen, der unter sie kommt, und gehörte er zu Verfassern neunundneunzigster Paragraphen. § 100 Man könnte noch über die Erziehung genialer Weiber nachforschen; und für sie noch eine besondere erfodern. Ich aber will für sie noch stärker auf der gewöhnlichen, die ein Ballast und Gegengewicht ihrer Phantasie ist, bestehen. Der Genius, der mit Wunderwerken wie mit heiligen Festtagen mitten in den Wochenlauf einbricht, ist, wie nicht zu lehren und wenig zu belehren, so nicht zu besiegen; und er wird der Zeit, dem Geschlechte und jeder Enge rüstig die Stirne bieten. Talent, nicht Genie, ist zu unterdrücken, d. h. zu entseelen; so wie wohl das Zusammengesetzte zu töten, nämlich zu trennen ist, aber nicht die einfache Kraft. – Und in der Tat, wäre sie möglich, die Unterdrückung des Genies durch Lagen: so hätte man noch kein einziges erlebt, da es, immer nur als ein Schalttag mehrer Jahre erscheinend, nur als ein Tag gegen eine Stimmen-Mehrheit von 1460 Tagen auftretend und abstimmend, ja den entgegengesetzten Entwickelungen, d. h. den Einwickelungen, die noch dazu, von der frühesten Zeit an einkerkernd, bis in die späteste fortbinden wollen, hätte erliegen müssen, wie ein Roß unter Bienenstichen. Dennoch gabs – denn das Wort ist da – Genies; sie schlossen anfangs, wie andere Feld- und Weltherren, Separatfrieden mit der Nachbarschaft, und erst nach dem Tode den allgemeinen mit der Welt. Aber muß gleichwohl ein genialer Mann auch ein Mensch und ein Bürger, und soll er womöglich ein Vater sein: so kann eine Frau sich nicht durch Genialität über ihr noch bestimmteres Lebens-Tagwerk erhoben dünken. Wenn ein Jean Jaques für die Erziehung schreibt, so kann eine geistvolle Jeannette Jaqueline sich nicht des Geschäftes geistvoller Männer schämen; vielmehr müßte das so seltene Übermaß des weiblichen Talents mehr den Beruf zur Erziehung geben als einen Freibrief davon. Wenn sie aber sich der Taten schämen, und doch der Ideen rühmen: so rächt sich ihre Bestimmung gerecht und strenge an ihnen. Erstlich gerecht . Denn die Frau ist zur Vesta oder Vestalin des Hauses, nicht zur Ozeanide des Weltmeers bestimmt; je voller des Ideals sie ist, desto mehr muß sie streben, sich in der Wirklichkeit, wie das Ideal der Ideale, Gott, sich in der Welt, auszudrücken; und etwa eine Tochter, wie dieser ein Menschengeschlecht, zu erziehen. Kann ein Dichter ebensogut in der Enge der niederländischen Schule als im Horizonte der italienischen sein Ideal aussprechen: warum sie nicht ihres in der Küche, Keller und Kinderstube? Aber strenge zweitens ist die Rüge des versäumten Verhältnisses. Nie kann eine Frau vergessen zu lieben, sie möge dichten oder herrschen. Statt der Kinder suchen dann die genialen die Männer. Sie wollen von diesen geliebt sein wie Weiber, lieben aber selber wie Männer. So werden sie denn als fliegende Fische zwischen zwei Elementen, zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, von beiden verwundet und in zwei Reichen verfolgt. Sie werden alsdann desto unglücklicher, je weiter ihr geistiger Umkreis sich auszieht; z. B. eine Dichterin wirds mehr als eine Malerin. Vereinigen sie aber die weibliche Bestimmung mit der genialen: so kömmt ein hohes seltenes Glück in ihr Herz; an ihrer Höhe schmelzen, wie an Bergen, alle die Wolken, welche in den Tälern regnen. Was solchen Köpfen am meisten zu wünschen ist, dies ist eine Krone, oder ein Herzogs-, ein Fürstenhut; und dies führt auf das nächste Kapitel. Fünftes Kapitel Geheime Instruktion eines Fürsten an die Oberhofmeisterin seiner Tochter § 101 Es sei mir verstattet, das wenige, was ich über Fürstinnen-Erziehung denke, einem Traume mitzugeben. Der Traum, wovon ich rede, erhob mich über alle Mittelstufen hinweg auf einmal in den Fürstenstand; eine Erhebung, die man weniger geheimer Ehrsucht als einer unmäßigen Zeitungleserei zuschreibe. Es kam darin mir nun vor, ich hieße Fürst Justinian und meine Gemahlin, mit der ich die Prinzessin Theoda erzeugt hätte, Theodosia , die Hofmeisterin aber Pomponne , wahrscheinlich ein französischer Geschlechtsname. Meine geheime Instruktion, die ich, mit dem Fürstenhute auf dem Kopfe, an Madame de Pomponne aufsetzte, mag ungefähr folgender Gestalt träumerisch genug lauten. * Liebe Pomponne, ich gehe gern offen zu Werk; was gestern meine Gemahlin mit Ihnen über Theodas Erziehung festgestellt, ratifizier' ich mit Vergnügen, da sie es so will; doch auf einige geheime Abänderungen der tätigen Konduitenliste, die man Ihnen vorgeschrieben, mach' ich mir Hoffnung, sobald Sie meine Wünsche gelesen. Denn ich gebe freilich meine Gesetze so gut als ein anderer; nehme aber auch aus Absicht einige an; man kann nicht immer die Krone in der Tasche bei sich haben, wie sonst die deutschen Kaiser ihr Krönung-Zeug auf Reisen mitnahmen; nur hüte man sich, meinen Fürstlichen Herren Vettern zu gleichen, welche – wenn die altpersischen Könige an ihrem Geburtstage ihrer Gemahlin nichts abschlagen dürfen – aus ihrem Wiegenfeste fast gar nicht herauskommen. Ich bekenn' es Ihnen, acht Tage nach meinem Beilager war ich in Umständen und in Hoffnung – die aber nicht so gesegnet wie die meiner Gemahlin wurden –, daß nämlich die letzte, wie untere Stände tun, vielleicht selber die Oberhofmeisterin einer künftigen Prinzessin werden würde; Sie sollten bloß den Titel führen. In der Tat, ziele' ich auch nur die Langweile des Hofs – der am besten weiß, was ein längster Tag und eine längste Nacht in 24 Stunden auf einmal vorstellen – in Erwägung: so sollt' ich glauben, eine Fürstin, die jene noch härter fühlt als ihr Fürst, würde schon deshalb mit der Erziehung ihrer Tochter sich die Zeit und die Grillen vertreiben. Hat man die Hofleute, die immer auf dem Hofboden, wie Leute in Kähnen und Steigbügeln, mit gebognen Knien am festesten zu stehen glauben, so satt, daß man ordentlich nach Hunden, Papageien und Affen hinlangt, weil diese, gleichgültig gegen den Stand, sich immer frei und neu und interessant äußern: so muß ja mein Kind, das am Hofe unter die wenigen meinesgleichen gehört und folglich sehr frei ausdrückt, was es denkt, mir noch interessanter sein. Und sollte denn eine vortreffliche Fürsten-Mutter, welche ganze Jahre einem Gemälde oder einer Stickerei opfern kann, nicht lieber sich selber sitzen und sich malen in der Nachbildung ihrer Tochter? Und warum flehen die einfältigen Geistlichen auf den Kanzeln nur, daß die Fürstin glücklich Mutter werde, nicht aber auch, daß sie eine bleibe erziehend? – Doch dies sind nur Fragen. Meine geliebte Theodosia konnte manche Schwierigkeiten nicht so leicht überwinden, als sichs eine väterliche Phantasie vormalt; sie ist übrigens eine so warme zarte Mutter, und Sie werden selber erfahren, daß sie selten oder nie eine Woche verstreichen läßt, ohne Theodan einmal rufen zu lassen. Liebe Pomponne, viel oder das Meiste ruht denn doch auf ihrer Liebe und Sorge für das Kind. – Gestern hab' ich das lange Kapitel über äußere Dezenz, fürstlich-weibliche Würde und Zurückhaltung angehört und untersiegelt; meinetwegen sei dies; und ich will der Prinzessin gern noch zu seiner Zeit den Tanzmeister aus Paris verschreiben, der sie im Heben und Werfen der Schleppe unterweiset. Doch nicht gar zu weit werden Sie, hoff' ich, Gute, diese Sie selber bindenden Einhegungen jedes Schrittes, diese Sperren jeder wörtlichen Ausfuhr, dieses Quetsch-Formen und Krumm- und Gerade-Schließen des Körpers zu treiben trachten. O die gute Theoda! – Muß es denn sein? – Der Hof ist zwar ein pays coutumier – nur das Land ein pays du droit civil –; aber das regierende Haus ist immer jenes weniger. Mehre Attitüden und Lebhaftigkeiten, die ich meinen Kavalieren als Unschicklichkeiten und Verstöße gegen die Ehrerbietung anschreiben müßte, werden mir, dem Herrn, als originelle Züge, als pikante liebenswürdige Eigenheiten (vielleicht aus Schmeichelei) unter manchen Wünschen angerechnet, sie öfter zu erblicken. Auf diese Rechnung der Auslegung hin lassen Sie immer der Prinzessin einiges durchlaufen. Ich lernte nach meiner Vermählung eine der liebwürdigsten schönsten Fürstinnen nach der ihrigen kennen, welche die artige Unart hatte – eine andere war bei ihr nicht denkbar –, in einen vollen Konzert- oder andern Saal nie anders zu laufen als rennend mit vollen Segeln; was tat der Hof und fremde Herrschaften, z. B. ich, dabei? Wir priesen sämtlich ihr Feuer. Indes wäre sie zwölf Jahre alt gewesen und ihre Oberhofmeisterin dabei, so möchte wohl das himmlische Feuer ein ganz anderes entzündet haben. Müssen denn die armen Prinzessinnen zu Anstand-Maschinen entseelt werden und in Säle gleichsam als Eis-Ofen hingesetzt, in welchen das kleine Naphtha-Flämmchen nicht durch kann? – Soll denn eine Fürstin so weit eingekerkert werden, daß sie nie zu Fuße über eine Brücke gehen darf, ausgenommen über die bunten Park-Stege? – Sind Tränen das beste Prinzessin-Waschwasser? – Es ist wenigstens gut, daß man von uns Prinzen etwas Härteres den Namen borgen läßt, das Prinzmetall. – Werden nicht später die armen Kinder ohnehin in Förmlichkeit golden eingeschmiedet, auf Leben-Dürre und Liebe-Verzicht angewiesen und unter dem polarischen Thron-Himmel festgebannt, der ebenso viel Nebel und Kälte schickt als irgendeiner? – Erliegt darunter doch selber ein regierender Herr, der sehr ändern könnte und donnern. Allerdings auf den Bahnen der öffentlichen Erscheinungen und Festen sei alles abgemessen und trocken; aber nicht in Ihrer und ihrer Einsamkeit; weißer Kies liege auf den Gartenwegen glänzend und glatt; aber in die Blumenbeete taugt keiner. Der Herzog von Lauzun sagte: damit man Prinzessinnen zu Liebhaberinnen behalte, so halte man sie hart und schelte sie brav. Sie werden gewiß diesen Herzogweg, geliebt zu werden, nicht mit dem einer Erzieherin verwechseln. Sie lieben, wie ich am Sonntage hörte, die nordische Götterlehre; wollen Sie nun nur die Nossa meiner Tochter, oder auch die Gefione Die Göttin Nossa gab den Jungfrauen Schönheit, Gefione Schutz. derselben sein? Die Gesundheit ist die rechte Gefione; und diese Göttin führe doch ja Theoda so gut am linken Arme als Nossa sie am rechten. Freilich hat eine schöne Fürstin mehr Untertanen als ihr Fürst; freilich prangt nirgend die weibliche Schönheit in vollern Blüten als auf den Thron-Alpen; nur werde meine Aussaat der Nachwelt nicht einer gefüllten Blume überlassen. Der Fürstensaal, in welchen die deutsche Zukunft wie in ein Festungwerk ihr Heil und ihre Freiheit niederlegt, werde von zwar zarten, schönen, doch starken Händen erbauet. Ist jede Mutter wichtig, so, dächt' ich, wäre eine fürstliche die wichtigste. Kann ichs nur im künftigen Juli machen: so begleitet mich Theoda, und ich habe die Freude, Sie zu begleiten. Dann will ich manches durchsetzen. In des alten Mandelslohs indischen Reisen steht, nur der König unter den Paradiesvögeln habe Füße – wahrscheinlich sind wir Fürsten nur Paradiesvögel, und irgendein gemeines Geschöpf ist unser König; – meine Königin Theoda aber soll da zu Fuße gehen; ferner soll sie dürfen, was kein römischer Diktator durfte: zu Pferde sitzen. Ich mag gar nicht daran denken, wie fürstliche Gesundheiten von denen untergraben werden, die sie vielleicht täglich trinken; hätt' ich schon einen Erbprinzen, ich wäre außer mir vor Angst. Lassen Sie mir Theoda mehr englische als französische Werke, und mehr deutsche als beide lesen. Ich weiß nicht, welcher witzige Schriftsteller die Ähnlichkeit des Hof- und Welttons mit dem Tone der französischen Literatur gezeigt Dies war ich selber im 3ten Bande der Ästhetik ; aber im Traume ist das Bekannteste verwischt. ; indes der Gedanke ist treffend. In einem französischen Buche lebt man immer in der großen Welt und am Hofe; in einem deutschen oft auf Dörfern und Marktflecken. Die Prinzessin soll mir aber etwas von der greulichen Unwissenheit über das Volk aufgeben, das sie sich nur als eine Vervielfältigung des fetten Bedienten denkt, der hinter ihrem Stuhle ihr den Teller abnimmt und ableert; sie soll mir nicht glauben, daß einem Bettler nicht mit Talern gedient sei, bloß weil sie selber wegen des leichten Gewichts und Rechnens nur Gold bei sich führt oder führen läßt. Dies ist aber das Wenigste. In den deutschen Werken herrscht im ganzen sehr derbe Kräftigkeit des Herzens – Kühnheit der Rede – Sitten- und Religion-Vorliebe – abwägender Verstand – gesunder Menschensinn – parteilose Allseitigkeit des Blicks – herzliche Liebe für alles Menschenglück – und ein Paar Augen, die gen Himmel sehen. Wird nun diese deutsche Kraft und Reinheit auf eine von Geschlecht und Stand zart ausgebildete Seele geimpft: so muß sie ja schönste Blumen und Früchte zugleich tragen. Ein französischer Büchersaal ist hingegen – wenn ich anders nicht ungerecht anschaue, erbittert von den gallischen Zeitungschreibern und von meinen altfürstlichen Erziehern – nichts besser als ein Vorzimmer oder ein Coursaal. Theoda lieset dann nur, was sie täglich hört; – dieselbe Sprech-Weiche bei Denk-Härte (so wie gerade die Mineralogen ihr neues Gestein ›it‹, z. B. Hyalit, Cyanit, oder sonst griechisch weich benennen), dieselbe Persiflage entgegengesetzter Begebenheiten, weil der Weltmann dem Epikur gleicht, welcher leugnete, daß ein Satz entweder wahr oder falsch sei – dieselbe andere Ähnlichkeit der Weltleute und Franzosen mit der epikurischen Schule, welche, ungleich jeder philosophischen, keine Sekten hatte, weil die ganze Schule über Wein, Essen, Mädchen und Gott übereinkam. – – – Nein, meine Theoda lese ihren Herder (die Voltaires wird sie schon als Kammerherrn hören) und Klopstock und Goethe und Schiller. Sie, liebe Kinder- und Franzosen-Freundin, sind ihr ohnehin eine ganze französische Bibliothek. An deutschen Höfen – nicht bloß an meinem – waren von jeher Ihre Landsleute und deren Werke gleich willkommen und wirksam; ordentlich als ob das, was die Römer im Ernst so befanden, daß die gallischen Sklaven die besten Hirten Meiners Geschichte des Verfalls der Sitten der Römer, aus dem Varro. waren, figürlich so gelten sollte, daß Ihr Volk die besten Hirten der Völkerhirten (nämlich Prinzenhofmeister) und der Völker, nämlich Prinzen, liefern könnte. Nur Rousseau und Fenelon vergessen Sie nicht; und ebensowenig Mad. de Necker mit ihren Mémoires. Zärter, feiner, blühender, religiöser und doch interessanter ist schwerlich ein anderes Buch für hochgebildete Frauenseelen geschrieben als von dieser Mad. Necker, deren Edelsteine ebenso viel Arzneikräfte als Schimmer und Farben haben. Ihre Tochter aber, Mad. Stael, mag ihre Karten bei der meinigen so lange abzugeben verschieben, bis das Mädchen alt genug ist, einen so geistreichen Besuch anzunehmen. Deutsche Fürstinnen bewohnen und verbinden jetzo fast alle europäische Thronen, wie – wenn ich so preziös sprechen darf – Aurorens Rosenketten die Bergspitzen. Sonst wurden die heidnischen Fürsten, nach Thomas' Bemerkung, durch Vermählung mit christlichen Prinzessinnen zur bessern Religion bekehrt. Dieses Kunststück ist jetzo zwar von keiner Prinzessin zu verlangen; wohl aber, daß sie nur selber zu einer erzogen werde. Wer keinen höhern und festern Himmel über seinem Auge hat als den Thronhimmel aus Samt und Holz, ist sehr beengt und hat über seinem Kopfe wenig Aussicht. Wer auf den blumigen Höhen der Menschheit doch kein Glück erreicht, der ist, wenn er ohne Gott im Innern ist, hilfloser als der Niedrige, der wenigstens in der Anklage seiner tiefen Stellung die Hoffnung der Verbesserung sucht. Nur die Religion kann Fürstinnen, die vielleicht oft, so wie die Narzissen dem Höllengotte, ebenso einem ähnlichen gewidmet sind, mit Kraft, Ruhe, Stille und Leben waffnen und lohnen. Wodurch anders konnten in vorigen Zeiten die Weiber bei weniger Bildung die größere Roheit und Härte der Männer ertragen und verschmerzen als durch Religion, die ihnen die weinende Stunde in eine betende auflösete! – Eine Frau, der so viel abstirbt, ehe sie stirbt, braucht mehr als ein Mann etwas, das sie von der Jugend bis ins Alter wie ein hoher Stern begleitet. Und wie heißt der Stern? Am Morgen des Lebens Stern der Liebe, später selber nur der Abendstern. Heinrich VIII. von England verbot den Weibern, das Neue Testament zu lesen; jetzo tuts leider das Zeitalter. Zum Glück für meine Wünsche kenn' ich Sie und Ihr Geschlecht. Eine ungläubige Fürstin ist fast so selten als ein gläubiger Fürst; und Sie geben vielleicht beides zu. In frühern Jahrhunderten findet man freilich Gustave, Bernharde, Ernste u. s. w. mit Religion, so wie auf Gebirgen Anker. Z. B. auf den Bergen von Lachwa in Novogrod. Hubes Physik I. Vermutlich leitet mich die Lage irre; aber ich bekenn' Ihnen, wollt' ich mir ein Ideal weiblicher Schönheit bilden, so war immer der Thron sein Fußgestell – worüber mich meine Reisen entschuldigen –; allein es ging mir mit dem Ideale weiblicher Geistes-Schönheit ebenso, und ich sah es immer gekrönt. »Mit Dornen?« fragen Sie; »wahrscheinlich,« (antwort' ich) »aber noch mit Gold dazu.« Kurz, ich glaube fest, daß eine gewisse ideale Zartheit und Reinheit der weiblichen Seele sich auf keiner Stelle so schön entwickeln könne als auf der höchsten, dem Throne, so wie auf Bergen die schönsten Blumen blühen, von Gebirgen der feinste Honig kommt; zwei Ähnlichkeiten, welche die dritte versprechen. Wenn die weibliche Natur zu ihren feinsten Blüten mehr der Form und Sitte, gleichsam der Blumen-Vase und Blumenerde, bedarf, indes die Manns-Wurzeln den weiten rohen Boden und Felsen durchgreifen und sprengen: so findet jene, was sie nur braucht, am Hofe, der bekanntlich ganz Form und Sitte ist, und zwar engste und sittlichste – ohne Selbstlob des meinigen gesprochen; denn schon die bloße höhere Ausbildung überhaupt, so wie die Darstellung einer höhern Höflichkeit, diese Formen und Widerscheine der Sittlichkeit, wollen da nicht als umgekehrte Nebenregenbogen, sondern als starkgefärbte Regenbogen aufgetragen werden. Ich könnte noch Dezenz, Ehre, Würde (sowohl männliche als weibliche), Delikatesse, Schonung anführen, welches sämtlich an allen Höfen nicht nur vom äußern körperlichen Anstand gefodert, so wie beobachtet wird, sondern auch vom innern körperlichen, ich meine von jedem Worte, womit der Hofmann nicht sich ausspricht, sondern etwas Besseres, sittlichen Schein. Weibliche Tugend ist zwar Saitenmusik, die im Zimmer, männliche aber Blasmusik, die im Freien sich am besten ausnimmt; da nun die Menschen stets öffentlich am sittlichsten handeln – an der Spitze eines Heers oder Volks ist eine solche Feigheit wie etwa in einem Kabinett oder Walde unmöglich –; und da wir fürstliche Märterer mit unsern Zimmern nur zu sehr den griechischen Schauspielern gleichen, welche der Chor keinen Augenblick auf ihrer Bühne verlassen durfte; und da vollends Weiber die Augen-Menge scheuend achten durch schönstes Tun: so ist mein Satz natürlich. Ich kann aber noch beifügen: Die Fürstin – ohne das verwirrende Abarbeiten im rohen Dienst des hungrigen Lebens – im milden Klima der äußern, dem Herzen wie der Schönheit gedeihlichen Ruhe – an und für sich mehr ins Anschauen als Mithandeln gezogen – wenigstens, falls sie nicht selber will, nicht hineingezwungen in jene schwarze Höhle der Staatspraxis, an deren Schwelle der Fürst und der Minister den Mantel der Liebe wie einen wollenen den untern Bedienten aufzuheben geben – – Ich weiß nicht mehr, wie und wozu ich angefangen; aber dies weiß ich, daß die höhern Frauen auch noch hinter einem langen schwarzen Leichenzuge menschenfeindlicher Erfahrungen immer ihr liebendes Herz und ihre Innigkeit lebendig bewahren, indes Männer in diesen Fällen, ja zuweilen bei einem einzigen Trauerfall des verwaiset hingeworfnen Herzens in ewigen Menschenhaß versinken. Leichter verschlösse eine Frau ihren Mund auf immer als ihr Herz. Wozu viele Worte? Ich habe beste Fürstinnen gesehen. Ohne die Vorteile des Throns hätte ihnen viel gefehlt, ohne die Nachteile desselben der Rest. In der Tat Geduld, ein wenig Leiden – und zwar geistiges, z. B. wenn die Jahre den Ring der Ehe zur Ringkette fortsetzen – und mehr dergleichen bildet in der Blüte die Frucht, und in dieser den Kern eines himmlischen Lebens. Dazu gehört sogar die Geduld mit der festlichen Langweile unsers Standes. Der Sonntag wurde von Moses hauptsächlich zum Ausruhen des Sklaven eingesetzt; aber gerade dieser Ruhetag ist ein Unruhetag des Hofs; und sooft mein Volk mich unter den rauschenden Festen beneidet, so komm' ich mir vor wie die spartischen Heloten, die man unter lieblichem Flötenspiele durchstäupte. – Meine liebe Theodosia hätte gern ihre Tochter so genial, als sie selber ist, und empfahl daher Ihnen freilich die Ausbildung der Phantasie sehr stark. Vielleicht ist indes, weil ich selber etwas trockener und dürrer Natur bin und mit meinen Federn mich mehr warm halten als in den kalten Äther versteigen will, mir am gesunden Menschenverstand meiner Tochter fast unendlich gelegen. Ich untergrübe sogar ein wenig, wenn ich könnte, ihre Einbildungkraft. Phantasie in einer Fürstin gebiert häufig fürstliche Phantasien – und Sturmlaufen gegen den Himmel – und allerlei vulkanische Produkte – und Verkalkungen der Schatzkammer und Verflüchtigen der Kron-Juwelen und sonst manches, was ich weiß. Kann eine phantastische Frau das Landes-Grün in Wiesen und Wälder zusammengezogen und verdichtet an einem Ringfinger tragen in Gestalt des größten Smaragds: sie tuts, Pomponne, bei Gott! – Ich bäte mir daher lieber gesunden Verstand dafür aus, wenn ich keinen hätte. Freilich, glänzen kann man wenig mit ihm; aber desto mehr ausrichten. Letztes weiß ich gewiß; manche Fürstin, welche unter der Regierung ihres Gatten bloß als eine verständige, liebende Mutter und Gattin bescheiden dagestanden war, konnte nach seinem Tode (denken Sie nur an die Witwe meines alten Herzbruders in M-g-n) den Landesvater ersetzen durch die Landesmutter und mit klarem Auge und lehrbegierigem Ohre die Fahrt des Landes richtig steuern. Phantasie und Phantasien sind auf dem Throne, um welchen wie um andere Höhen mehr Winde wehen als hinter dem Staatsschiffe, nur aufgespannte Segel im Sturm, in welchem sie gerade der Schiffer oder der Verstand einzuziehen hat. Heiterkeit habe Theoda so viel als möglich; Witz inzwischen in Maße; jene (verbunden mit folgerechtem Verstande und unwandelbarem Herzen) mag einen Ehe-Fürsten vielleicht lenken, wenigstens zwingen, wie ja die schwache Zauberin sonst dem Teufel gebot; aber Witz allein ohne Herz, Salz ohne Kost, verwandelt eine Frau in Loths Frau, welche zur Salzsäule wurde, und wovon der alte Loth sich schied, indem er weiterging. Auf das Phantastische zurückzukommen, so sollt' es mir lieb sein, Gute, wenn Sie an meiner Tochter irgendein Talent zur Musik oder zum Zeichnen ausfindig oder rege und herrschend machten. Musik lässet nur gehört, aber nicht getrieben, den Gefühlen und der Phantasie zu viel Lauf; die Schwierigkeiten der Kunst erschöpfen die Seele. Daher rät ein gewisser Pfarrer Hermes in Berlin Er ist Konsistorialrat in Breslau. Fürstliche und träumerische Verwechslung zugleich! Mädchen den Generalbaß an. Auch Zeichnen ist gut, ob es gleich den Fehler hat, das weibliche Auge für Körperformen überwiegend einzunehmen. Eins oder das andere, z. B. ein Gemälde, woran eine Fürstin etwa ein Halbjahr lang arbeitete, wenn sie es nicht mit dem Hofmaler, als heimlichen Mitmeister und Vater, erzeugt, würde ihr, die wie eine Biene in die bunte Hof-Tulpe eingekerkert ist, solche lüften; denn in diesem Falle bleibt ihr doch etwas, was sie täglich wachsen sieht und läßt, worin eben das Lebens-Glück besteht. Die alte sächsische Fürstin, welche, wie ich gelesen, das rechte und das linke Rheinufer auf eine Robe stickte, war gewiß unter dem Sticken so glücklich, ja glücklicher als nachher in der Robe selber; jetzo wäre ihr schon die Hälfte des Himmels gestohlen, da wir, wie ich höre, das linke Ufer nicht mehr haben. In Hinsicht der weiblichen Eitelkeit haben Sie nichts zu tun, d. h. zu sagen; denn jedes Wort in Ihrem Appartement ist vergeblich, wenn Theoda abends bei dem Tee oder im Konzert das Entgegengesetzte von ernsten Männern und Weibern hört, welche Stand und Geschlecht zugleich bekränzen und eben durch Verwechslung von beiden dem armen Kinde die zweite anbieten oder aufdringen. Wird sie älter oder gar alt: so ist ohnehin ein sehr starkes Bewundern die Pflicht eines jeden Hofmanns, da leider die dummen gedruckten genealogischen Verzeichnisse in jedem Jahre das Alter einer Fürstin ausschreien; wiewohl man in London noch einfältiger ist und die Alter-Zahl gar mit Kanonen in die Ohren schießt. Dann braucht sie es nicht wie die jetzigen, keine Wohlgerüche vertragenden Römerinnen zu machen, welche vom Meßaltar so weit als möglich wegtreten, aus Scheu des Weihrauchs, sondern sie kann, da jener und dieser für sie selber gehören, schon stehen bleiben. Hier gerat' ich auf den wichtigsten Punkt: alles nämlich, was ich vorhin von Religion und von Menschenglück gewünscht aus Ihrer Hand für Theoda, soll ihrer fürstlichen Bestimmung zwar dienen und helfen, aber nicht entgegenbauen; Tröstungen und Erquickungen soll sie daraus holen, aber keine Gegen-Waffen wider Eltern. Ich meine nämlich (unter uns), ich stehe (seit der letzten Reise) nicht dafür, daß nicht nach zehn oder acht Jahren meine Theoda als ein Länder-Mörtel oder Kronen-Nietnagel an einen Prinzen kommt, den sie (was der Himmel verhüte!) von Herzen verabscheuet. Diese Furcht müssen sich fürstliche Eltern gefallen lassen. Ich bin Reichsstand und brauche auf dem Reichstage mehr Sitze und Stimmen, als mein Land gleich meinem Körper hat. In der Tat hab' ich auf den Glanz meines Hauses zu sehen; von jeher hab' ich mir Kinder als Hoheitpfähle gedacht, die ich bloß recht weit von mir einzustecken habe, um mehr Land zu gewinnen. Also hierüber, Madame, gibts für meine Tochter nichts als eine Ja-Schule. Werden doch die Bräutigame oft ebensogut als die Bräute von der Diplomatik gewählt! Auch läßt sich vieles gutmachen im schlimmsten Falle; und an Thron-Klippen, wo andere scheitern, kann man nur bluten. – Eine Frau, vorher so unbestimmt und der ganzen Windrose männlicher Zephyre folgsam, wird vom bestimmten und bestimmenden Manne zum steten Passatwind. – Oft der Häßlichste wird am Altare – oder bald darauf – der Schönste, so wie umgekehrt; und das priesterliche Wort kehrt, wie am Magnete der Blitz, wegstoßende und anziehende Pole leicht in entgegengesetzte um. Doch viel zu viel davon! Ich achte mein künftiges Schwiegersöhnchen aufrichtig; und noch niemand weiß, was für ein Mann aus dem lustigen Männchen wird; aber gesetzt auch, die priesterliche Einsegnung wäre für Prinzeß eine priesterliche Verwünschung, so daß ihre Flitterwochen erst in die Hoftrauer um ihn einfielen: so kann ich ihr wenigstens vor der Hand nicht helfen. In Loango darf zwar eine Prinzessin – und zwar nur sie – welchen sie will, zum Mann erlesen; und in Homer hatte Penelope hundertundacht Freier um sich stehen (den auswärtigen Mann nicht einmal gerechnet); aber damit können wir (es sind weder unsere Zeiten, noch unsere Länder) unsern Prinzessinnen, zumal vor ihrer Vermählung, nicht dienen; Gesandten-Ehen müssen so wie englische Soldaten-Ehen sein, wenn anders nicht bloße Herzen und Hände, anstatt ganzer Länder, sollen verbunden werden. Träfe sich also wirklich der Fall, daß irgendein Thron zu einer Goldküste würde, wo eine Tochter in ein Sklavenschiff verkauft würde: so kann ihr keine schönere Prinzessinsteuer und Morgengabe mitgegeben werden als ein Mutterherz; dieses vergüte ihr jedes andere, das ihr entgeht; die Kindes-Liebe ist gewisser als die eheliche. – Von Ihnen begehr' ich nach einem solchen Vertrauen keine andere Antwort als Zukunft, welche die Erzieherin einer Fürstin schöner und gewisser in der Hand hat als ein Prinzenhofmeister die seines Zöglings; denn dieser wird abgelöset und abgesetzt, und seine Nachfolger gleichen weniger Päpsten, von welchen jeder den Bau der Peters-Kirche fortsetzte, als den Fürsten selber, die die Bauten des Vorgängers meist unvollendet lassen. Sie hingegen führen allein an Ihrer Hand Theoda lange, und vielleicht bis in die eheliche. – Mögen Sie gut führen! Justinian.   Mit dem Briefe endigte ich den Traum und stand auf. Da ich aber mit der Nachtmütze auch die Krone ablegte und wie gewöhnlich privatisierte: so würde ein Kunstrichter, der etwas tadeln wollte, weiter nichts beweisen, als wie unbekannt oder gleichgültig ihm Kants Grundsatz ist: daß man einen entthronten Souverän durchaus wegen keiner von ihm auf dem Throne begangenen Fehler bestrafen könne. Etwas anders ist, wenn ich wach bin und fehle. Fünftes Bruchstück Erstes Kapitel Bildung eines Fürsten § 102 Mehre Leser, zumal richtende, werden zwar vielleicht ohne mich die Bemerkung und den Vorwurf machen, daß in den vorigen Kapiteln das Besondere früher als das Allgemeine, die weibliche Erziehung früher als die männliche, welche sich in die sittliche, intellektuelle, ästhetische Bildung allgemeiner ausbreitet, abgehandelt werde, und daß in diesem Kapitel wieder die bestimmtere fürstliche der männlichen voranstehe; ja im Bruchstück über Mädchen könnte man noch systematische Ordnung vermissen und nur eine für Weiber systematische Unordnung antreffen; sollte indes einer oder der andere diese Bemerkungen und Vorwürfe zu machen vergessen: so stehen sie hier. Auch bei der Bildung eines Fürsten muß der Verfasser die vorige Erlaubnis des Lesers benutzen, sich in einen Briefsteller zu verkleiden; doch diesmal träumte er keinen Brief im Bette, sondern schickte folgenden wirklich auf die Post. * Brief an den Prinzenhofmeister Herrn Hofrat Adelhard aber Fürstenerziehung Baireuth, den 1sten Oktob. 1805. Ihre Einladung, lieber Hofrat, Sie und Ihren Prinzen auf Ihrem Landgute zu besuchen, könnte mir ja nicht herrlicher kommen als jetzo, da ich eben zum Glücke einpacken und flüchten will, weil die Kriegs-Lava die Richtung nach unserm Lande zu nehmen scheint. Ja, was noch besser ist, ich arbeite an einer Erziehlehre in Bruchstücken, worunter in jedem Falle auch eins mit einem Wort über Fürstenkinder kommen muß; ich müßte mich aber sehr irren, oder ich treffe bei Ihnen jene Magna Charta und Wahlkapitulation an, welche die vor-erste für einen Fürsten ist, nämlich die; welche der Hofmeister dem kleinen Prinzen vorlegt und vorschreibt. In der Tat, ich erwarte von Ihnen zwei Muster, das eines Erziehers und das eines Zöglings. Wenn Sie es, lieber Adelhard, nicht für Scherz ansehen: so schreib' ich hier einen dicken Brief an Sie, worin ich alles weis- und wahrsage, was Sie mit Ihrem Zögling anfangen und vollenden, bloß um den Brief unter meinen Bruchstücken als einen Taschenspiegel für Fürstenhofmeister zu reihen. Mich dünkt, sobald ich Sie einigermaßen prophezeite: so sind meine Weissagungen zugleich Regeln. Denn ich scheue mich halb, selber letzte zu machen. Wenn man sich in die Seele des Zöglings setzen muß, um von da aus ihn zu bilden: so ist diese Aufgabe für einen bloßen Nebenmenschen und also für jeden Prinzenlehrer äußerst schwer, da die äußerlichen Verhältnisse einen Fürsten nicht durch Stufen, sondern durch die Art über alle unsrige erheben. Das fürstliche Herrschen ist von jedem andern unterschieden: wir kennen nur Befehle über Teile, nicht über das Ganze; wir sehen überall Annäherungen zu uns herab und herauf, der Fürst sieht keine; sondern der höchste Staatsdiener und der niedrigste sind ihm gleich thron-fern und zepter-unfähig. Der Fürst fodert, indes die häufigern Pflanzen sich mit einem gemeinsamen Erd- und Himmelstrich begnügen, gleich einem ausländischen Gewächse zum Gedeihen seine besondere Blumenerde, Morgenseite und Treibscherbe. Desto wichtiger ist die Wahl des Hofgärtners. Zum Glück ist wenigstens das Erzieh-Reich ein Wahlreich. Sogar der Hof, der sonst den Gelehrten, wie die Spanierin abends das Johanniswürmchen, nur zum glänzenden Edelsteine, nicht aber, wie die Indier den Laternenträger, zum Leuchten gebraucht, hält die Wahl eines Prinzen-Lehrers für so wichtig, daß er darüber sich in die größten Sekten zerschneidet. Erinnern Sie sich noch der Schismatiker und Separatisten am Flachsenfinger Hofe über die Gnadenwahl des Prinzenhofmeisters? – Ich zählte sie Ihnen einst aus sehr guten Gründen im Beisein der Oberhofmeisterin auf. Sie, lieber Adelhard, wurden bloß von Vater und Mutter für ein Kind erwählt, damit man nicht wüßte, wer von den vier Menschen der glücklichste sei. Aber in Flachsenfingen bestand die Fürstin-Mutter und ihre Partei auf dem flachen mattgoldnen Hofprediger – der Fürst und die ihm gefällige Partei wünschten durchaus, mich zu erobern – die dritte, des Hofmarschalls und seiner abgelebten Geliebten, der alten Oberhofmeisterin, alle meine erklärten Feinde, stimmten sämtlich für jenen feinen Menschen, den wir alle ziemlich kennen, jenes böse Pulver ohne Knall, das man sonst verbeut. So schön weiß ein Hof ans Landesglück sein eignes Verwandten- und Freundenglück zu knüpfen, um sich für jenes durch dieses anzufeuern. Dies ist oft so die Ursache, daß die Hofleute bei weiten nicht so uneigennützig und offen erscheinen, als sie es sind. Gerade wie der Bankier an großen Spielplätzen die Karte am Hute aufgesteckt umherträgt, auf und wider welche er nie spielen will, es sei z. B. Coeur -Aß: so zeigte ja der Marschall durch einen aufgesteckten goldnen Stern und die alte Oberhofmeisterin durch ein goldenes Herz , daß beide, als Symbole des Lichts und des Liebens, eben das Kartenpaar ausmachten, worauf sie nie setzen oder zahlen würden. Dies nennen manche nun Intrigen bei Hofmeister-Wahlen. Karl der Große wurde seiner physischen Stärke wegen ein Heer genannt; ein Fürst ist durch politische ein geistiges; und dieses Heer hat anfangs keinen andern Generalissimus als den Hofmeister. Er allein darf den Geist, der künftig kaum leisen Widerspruch verträgt oder erfährt, frei behandeln und belehren – leichter und vielseitiger als irgendein künftiger Günstling hat er an ihm nur Wachs, nicht Marmor zu gestalten. – Er darf keck genug sein, die Leidenschaften des kleinen Fürsten zu bekriegen und zu bestrafen, welche das spätere Gefolge bloß benützt und verkehrt. – Ja er kann es ausführen (was noch kein Minister und kein Günstling vermochte), daß er so viel wie Fenelon ersiegt, der einen übelgearteten Herzog von Bourgogne in einen reinen schönen Menschen verwandelte, dessen vorfrühes Grab vielleicht der Eingang in die große Katakombe des vorigen Jahrhunderts wurde. – Die Kenntnisse, die Gewohnheiten, die Ansichten, die Liebhabereien, die er dem Zögling gegeben oder gelassen, arbeiten allen künftigen Einflüssen entweder vor oder entgegen. – Er darf, wie man sonst den römischen Kaisern am Tage Fackeln voraustrug, mit geistigen es nachtun. – Kurz er kann, wenn er das Seinige ist, jenem Dionysius, der in Sizilien Fürst, darauf in Korinth Schullehrer war, beinahe auf einmal beides in einem Amte nachbilden. Wenigstens such' ers! Denn zur Ausprägung eines politischen Fürsten ist ein geistiger vonnöten; man nennt ihn zwar Prinzenhofmeister; aber er schenkt als ein geistiger Vater – wie der Papst als heiliger Vater dem Jesuiten Johann III. von Portugal – erst die Erlaubnis, die Krone zu behalten. Freund, gibt es denn für die Menschheit, nicht bloß für gekrönte Eltern, ein höheres Seelen-Amt, das wie das des Heilands aus drei Ämtern besteht, als das eines Fürstenerziehers, der im Fürstenkinde vielleicht die Zukunft eines halben Jahrhunderts vor sich und unter sich hat, vielleicht den Fruchtkeim eines ganzen Eichenhains, oder das Pulverkorn einer Länder-Mine? – Gibt man zu, daß die erste Bildunglage eines Menschen, als die tiefste und reichste, alle andern trägt, welche die Zeit auf ihm absetzt: so finde ich den Wunsch nicht zu kühn, sondern natürlich, daß man, wie Schulmeister-Pflanzschulen, so Fürstenhofmeister-Schulen, wenigstens eine haben möchte. Jetzo will ich aber einmal – um nur etwas für mein Buch zu haben – der Vergangenheit und Gegenwart die Nativität stellen und voraussagen, was Sie getan und tun. Sie werden (aus dem Landsitze vermut' ichs so leicht) Ihrem Friedanot (ein wohlklingender und bedeutsamer Name!), sooft Sie nur dürfen, den Hof verbieten und die Eltern bereden, ihn meistens ohne Zuschauer zu sehen. Wenn für einen Fürsten die Weihrauchwolke ein fallender Nebel sein kann, so ist sie für ein Fürstenkind nur ein steigender , welchem böse dunkle Tage folgen. Wie könnten Sie Ihren Friedanot auch anders als durch Entfernung vor den Hofweibern schirmen, welche auf ihn eindringen müssen, von seinen drei Grazien angelockt, daß er nämlich zugleich ein Fürst, ein Kind und ein Knabe ist! Etwas Höheres als diesen Bund gibts für kein Weib. Wie nun (nach Agrell) der Kaiser von Marokko ein Gespann von zwölf Hofwagenziehern zum Spazierenfahren hält, so kann hier der kleine Koronand zwölf Kinder-Wagen-Zieherinnen am Dutzend Damen bekommen, das da ist. Zählt er vollends gar so viele Jahre als Jüngerinnen, nämlich zwölf: so wird er schon voraus angebetet, damit er nachher anbete und nachbete; – Charakter und Kindheit zugleich werden zersetzt durch vorzeitige Galanterien, die zu Galanterien wecken. Gegen dieses Alter hin heben auch die Weltmänner ihren Einfluß an. Wenn etwas dem großen Ernste eines Fürstenerziehers – ja eines jeden Erziehers – auflösend entgegenstrebt, wie Gift den Nerven: so ists die Weltansicht der Weltleute, sogar der rechtlichen und parteilosen. Wie ihr Ordensstifter Helvetius können diese letzten Helvetier , an welchen kein Cäsar einen Feind bekommt, gutmütig, Künste liebend, verschenkend, Generalpächter und alles Gute sein, nur nicht ihre eignen Blutzeugen und Worthalter. Sonst sind diese Helvetier ganz gut: gleich den geographischen, Freunde der Kälte – und Sennenhirten auf den Höhen , wornach ihr Heimweh seufzet – kein Geld, kein Helvetier – eidgenossisch – aufrichtig in Taten, wenn auch nicht in Worten – ohne vieles Geld – und lebend von Fremden weniger als vom Fremden – wie andere Schweizer laute Türsteher vor leisen Palastzimmern – überhaupt Männer, welche gern am Hofe eines Louis XIV. als Türhüter (Portiers) und als Söldlinge stehen und sich gern von ihm befehlen lassen; – – nur für Erbprinzen taugen sie nicht sonderlich, Adelhard! – Wenn Sie Ihren Zögling zwischen zwei ganz verschiedenen Welten hin- und herzuführen haben, aus der einen in die andere, aus jener echtgroßen, auf welcher nur Seelen-Adel, Charakter, große Zwecke und große Blicke und Verächter der Zeit und Lust und Menschen der Ewigkeit standen und galten, und wo ein Epaminondas, Sokrates, Kato in ihren Katakomben, als aus ewigen delphischen Höhlen, sprachen und rieten, wo der Ernst und der Mensch und Gott alles wog, – aus dieser heraus in jene scheingroße Welt, worin alles Große und Vergangne leicht, alles Leichte und Gegenwärtige bedeutend genommen wird, wo alles Sitte, nichts Pflicht ist, geschweige Fürstenpflicht, wo das Land vielleicht als ein Landgut, alle Ämter als Kronämter und Begeisterung als eine flüchtige Liebschaft oder als ein Künstler-Talent erscheint: müssen nicht da so viele glänzende Einflüsse den hofmeisterlichen wegschwemmen? Wird nicht das gute Kind wenigstens eine Doublette werden, ein Doppelstein, halb Diamant und halb gemeiner Hofkristall, den man später bloß in Hitze zu bringen hat, damit der Schul-Zusatz abfalle vom Hof-Ansatz, so wie man auch andere Doppelsteine durch Erwärmen prüft und – spaltet? Sie haben daher schon recht, daß Ihnen gegen diese Einbuße unter Weltleuten die leichte Ausbeute einer glänzend zugeschliffenen Außenseite wenig wiegt. Verbringt er nicht ohnehin sein ganzes Leben unter diesen Dekorateurs und Kosmetikern, gleichsam unter Rändelmaschinen fürstlicher Köpfe? Und wird dem, bei der Freiheit der aufrechten Stellung, welcher Bücklinge nur zu erwidern braucht, die Leichtigkeit des Anstands jemals schwer? – Doch sie werd' es sogar; Fürsten steht, das Laster ausgenommen, alles schön; ihnen wird, wie großen Künstlern, manche äußere Eigenheit erlaubt, ja sogar nachgeahmt, und was tiefer unten Mangel an Welt ist, erscheint höher als ein Überfluß daran, oder als eine Mosis-Decke des Kronen-Glanzes. Steife Spießbürgerschaft ist nur in die Mitte gelagert; die Enden laufen hier wieder so nahe sich zu, daß im höchsten Anstand sich leicht die Freiheit des Wilden erneuert. »Nur aber freilich«, werden Sie in Ihrem nächsten mir antworten und klagen, »kann ich meinen lieben Friedanot nirgends hinführen, ohne daß ein Hof ihm nachsetzte – wo ein Fürst den Fuß hinstellt, stößt er einen Hofzirkel, wie Pompejus ein Heer, empor, und die Rauchaltäre dampfen umher; – denn wahrlich das mittlere und gemeine Volk umschmeichelt seinen Erbfürsten noch schädlicher, nämlich noch gröber und gebückter.« – Daher muß es vielleicht kommen, daß mehre Romanenschreiber uns die feinsten Münzstempel-Formen zu Fürstenköpfen zu schneiden glauben, bloß dadurch, daß sie den kleinen Dauphin, Prinz von Kalabrien, Prinz von Brasilien, Protektor von England in gänzlicher Unwissenheit seines künftigen Standes erhalten und erziehen lassen. Wahrscheinlich soll hier der Dauphin den Mameluken Bolingbrokes politische Briefe über Europa. nachfolgen, bei welchen nach ihren Reichsgesetzen gerade nur einer den Thron besteigen darf, der nicht auf ihm geboren worden. Was diese wenigen Romanenschreiber gegen sich haben, sind sämtliche Geschichtschreiber. Denn wenn auch Machiavell bemerkt, daß unter den römischen Kaisern gerade die adoptierten immer die besten gewesen: so steht doch der römischen Geschichte – außer dem August, der sich selber zur Regierung adoptierte, und außer vielen vom Senate und Prätorianern erwählten Kaisern – die übrige entgegen, z. B. die orientalische, welche die im Sklavenschiffe erzognen und dann zu Schiffpatronen und Steuermännern angestellten Wesire, Beys und Sultane nicht als bessere Fürsten malt. Regierten ferner die Päpste besser, weil sie nicht zu Päpsten geboren wurden? Und wenn, wie an der feindlichen Schachbrett-Grenze ein Bauer eine Königin, so einer ein König ward, z. B. Masaniello: unterschied sich darum seine Regierung so sehr von andern, die sie zwanzig Jahre voraus gewußt? Und war in der alten Zeit nicht jeder erste Usurpator und Giftmischer der Freiheit immer ein Mensch, der in der Kindheit keinen Prinzenhofmeister und keinen Hof und fürstlichen Vater besessen? – Ein Fürst kann vielmehr nicht früh genug den Thron-Tabor erblicken, damit er einst sich darauf selber verkläre, nicht aber den Berg umwölke, den Sinai, wo er betend Gesetze empfangen soll, um widerglänzend sie in die Wüste herabzutragen. Zur Flucht vor antizipierten Höfen wüßt' ich freilich für einen einzigen Erbprinzen kein Mittel als etwa ein fremdes Land, wo der eingeborne dem eingewanderten schon die Schmeichler abfangen würde. Doch ließe sich von der unentbehrlichen Aussicht seiner künftigen Hoch-Würde durch manches der Nebenschade abwenden. Vor dem Kinde werden immer die Lebens-Ansichten sich verwirren, wenn dessen Gebieter zugleich dessen Diener ist, oder gar, wie ein schlechter Prinzenhofmeister, eine Doppel-Hälfte von Tyrann und Knecht. Ungleichheit sei, aber hinaufwärts. Bei uns unten ist jeder Vater zu Zeiten der Mitarbeiter und Korrepetitor des Hof- und Schulmeisters; sollte ein Landesvater nicht auch zuweilen der Vater seines Sohnes und Nachfolgers sein können? – Das Altertum erhebt schon Fürsten, welche Mitspieler ihrer Kinder gewesen; wie viel mehr Lob würde Mitlehrern derselben gebühren! – Ich wüßte keine ehrwürdigere Gruppe als einen fürstlichen Vater unter seinen Söhnen, ihnen die hohen Kron-Gesetze strenge einprägend, die er selber erfüllte. Nähme aber dem Vater das Regieren, und dem Regieren wieder das Erholen zu viele Zeit hinweg: so ist ja noch die fürstliche Mutter mächtig mit ihrem Herzen und mit ihrer Muße. Der Schauspieler Baron sagte: einen Schauspieler (nämlich einen tragischen französischen) müsse man auf dem Schoße der Königinnen erziehen. Mich dünkt, dahin gehöre noch früher der Dauphin, den er vorspielt und voräfft; und eine hohe Mutter wird immer nützlicher dem Sohne als dem Vater desselben regieren lehren. »Gekrönte Mutter, was die ungekrönte der Gracchen tat, tue für deinen Sohn, damit er so edel werde als einer von ihnen, und glücklicher als beide!« So möcht' ich, lieber Adelhard, fast öffentlich sagen, um vielleicht die eine und die andere Fürstin zu erfreuen, die es schon getan. Gut wär' es auch, wenn Fürstenkinder auch ihresgleichen in dem Erziehzimmer haben könnten – ich meine, wenn es eine Fürsten-Schule im höhern Sinne gäbe als die bei Naumburg. Wir alle hinauf und hinab wurden immer, an Kinder-Gemeinschaft verknüpft, zusammenwirkend erzogen; der Erbprinz sitzt allein im Zimmer beim Hofmeister. Nur Kriegskunst treiben die Fürsten mit einem Kommilitonen-Heer; vielleicht ist dies eine Ursache mehr, daß sie diese am meistern lieben und verstehen. Es ist mir gar nicht unerwartet, wenn Sie Ihren Friedanot – ob er gleich schon über 11 Jahre zählt – vor dem Gifte des kindlichen Geistes dadurch zu bewahren glauben, daß sie ihn zwingen, sich dem Alter und dem Verdienst unterzuordnen. Er ist jetzo bloß noch ein Untertan, wie sein Lehrer und selber seine Mutter. Noch wichtiger ist, daß ein Kind, welches Erwachsene nicht als solche achtet, auf den Weg zu Menschenverachtung gerät, die ohnehin so oft auf Thronen regiert. Überwiegt der Rang, noch dazu ein künftiger, den Menschen, welchem allein eigentlich jener zu dienen hat: so wird die größere Zahl der Staatsbürger künftig in dem Fürsten-Auge bald den Hirschköpfen in Fontainebleau ähnlich, worunter stand: »Ludwig der und der erwies mir die Ehre, mich zu erschießen«, und die kleinere Zahl wird einem und dem andern königlichen Jagdhund aus derselben Gegend gleich, welchen ein Hofmann gern Vous, Monsieur Chien, benannte, obgleich Monsieur früher sogar nur den Heiligen gegeben, und später sogar den fünf Direktoren in Paris abgeschlagen wurde. Da überhaupt vor dem Fürsten, wie vor einem Gesetze, oder besser vor beider Bunde, die Individualitäten in Geister zergehen, und diese in eine Geister-Masse: so wird für einen gekrönten Menschen-Verächter leicht aus dieser nur eine Körpermasse des Kriegs und Friedens; bloß ein Mensch bleibt übrig, er . Darum messe ein Fürst das Verdienst stets nach Zollen – solange er ein Kind ist; – da sind noch Zolle Jahre, und Jahre Gaben. Es ist freilich eine Kleinigkeit, daß Sie – gegen die Sitte – Ihrem Prinzen, wenn Sie erwachsene Gäste an der Tafel haben, nicht zuerst vom Bedienten dienen lassen, so viel ich vermute; aber das Gegenteil wäre gar keine. Immer gebe ein Louis XV. in seinen Kinder-Jahren andern Mitkindern (so sehr hatte dieser Monarch sogar schon in seiner Unschuld Kinder lieb) einen Orden mit blau und weißem Band Fragmens de lettres orig. de Mad. Elizabeth de Bavière etc.T. I.p. 253. und einem Medaillon mit dem Bilde des Pavillons, worin sie spielten; nur empfange das Kind kein Ordenband des reifen Alters als Wickelband; noch weniger halt' es, wie jenes und sein Vorgänger Louis XIV., ein lit de justice beinahe in der Wiege, oder bekomme, wie andere Fürstenkinder, in Händchen, die noch die Rute füllt, schon den Kommandostab gelegt. Warum sitzen auf dem Fürsten-Kinder-Stuhle nicht ebensogut kleine Minister und Präsidenten, oder fahren im Kinderwagen kleine Gesandte vom ersten Range?- Diese Herabwürdigung des Staats und der Menschheit wirkt in der erregbaren Kindes-Seele wie auflösender Gifttrank nach. Daher auf den Gesichtern so mancher Fürsten-Kinder jene überreife, abgelebte, listig-schale, kühle Miene, aus Übermut des Standes und der Vorjugend und aus Schwäche des Alters gemischt. – – Sonderbar, eben da ich dieses schreibe, kommt Ihr vorletzter Brief erst an, auf den Sie sich in Ihrem letzten schon bezogen, doch ohne recht von mir gefaßt zu werden. Jetzo versteh' ich vieles. Ihr neuliches Friedanots-Fest aber wurde ordentlich dazu als ein Bundes-Fest zwischen meinen Weissagungen und Ihren Maßregeln gefeiert, oder als ein Übergang vom vorigen zum Folgenden, von der negativen Erziehung zur positiven. Ich schreibe denn fort: nur Fürsten und Weiber allein werden für eine bestimmte Zukunft erzogen, die übrigen Menschen für unbestimmte, für den Reichtum des Schicksals an Richtungen und Ständen. – Dies ist der Lebensgeist Ihres Lebens und des Ihnen anvertrauten. Die Erziehung eines Fürsten ist die einzige ihrer Art, wie der Gegenstand selber der einzige des Staats. Ihr Zögling kann, wie nicht zu bescheiden genug über sich, so nicht stolz genug von seiner Würde denken: die Umkehrung von beidem ist überall Unglück. Sein Amt, ein Hoch-Amt am Altare des Staats, fodert einer zerbrechlichen Menschen-Form die Wirkungen eines Gottes ab. Er ist nicht bloß der erste Diener, sondern das Herz des Staats, das seine Blut- und Lebenströme wechselnd aufnimmt und aussendet, der Schwerpunkt desselben, der den mannigfachen Kräften Form aufnötigt. So zeig' ihm deutsche Philosophie etwas anders in seiner Hochwürde, als die persiflierende französische Philosophie und die der Weltleute tut, welche den Thron als eine höchste geerbte Hofstelle oder eine Regentschaft mit hübschen Einkünften, oder das Land als das größte Regiment gleich lächerlich und nutzbar vorzustellen sucht. O, der alte Irrtum, sie für Gesandte und Gesalbte Gottes zu halten (was am Ende jeder Mensch, nur in verschiedenen Graden ist, z. B. das Genie, oder jeder gegen die Tiere), ist viel edler und wirkender als der spätere, sie für Gesandte des eigensinnigen Erpressens, d. h. des Teufels auszugeben. Sondern der deutsche Herzens-Ernst zeige dem jungen Fürsten-Adler seine Flügel und seine Berghöhe und seine Sonne. – Als irgendein guter, warmer, aber zu rascher Genius der Erde das irre Auseinanderbilden der Menschheit sah, die, in Einzelwesen zerlaufend, wie ein Meer nur Wellen ohne Richtung erhob, und als er dem Meere ein Ufer und schnellen Stromzug geben wollte: so schuf er den ersten großen Fürsten, der die zerstreueten Kräfte zu einem Ziele sammelte und triebe. Auch würde der Genius das Glück, die Völker wie glänzende Venus- und Erdengürtel um unsere Kugel geschlungen zu sehen, erlebt haben, wenn er etwas nicht vergessen hätte, was doch ein anderer Genius besser bedachte, der immer mehre Genies als Geister-Fürsten zu gleicher Zeit erscheinen ließ – ich meine, wenn er dafür gesorgt hätte, daß eine Raum- und eine Zeitreihe guter Fürsten, ein heiliger Familien -zirkel über die Kugel und eine regierende Schönheit-, Glück- und Ehrenlinie durch die Zeit wäre gezogen und beschrieben worden. O was könnte nicht die verarmte Menschheit geworden sein, wenn, so wie dreißig Päpste hintereinander an der großen Doppelkirche Roms den Bau fortgeschaffen, ein gleich- und nachzeitiger Fürsten-Bund ebenso den großen Tempelbau der Menschheit, Tempel auf Tempel türmend, fortgeführet hätte! – Kann die Menschheit das Schicksal anklagen, daß es ihr durch einen Einzigen die Wege der schnellsten Erhebung (so wie Vertiefung) auftat, wenn man die Anzahl der Fürsten mit der freien Macht, Chorführer der Zeiten und Länder zu sein, überrechnet und sie, wie viele ebene Spiegel vor der Sonne auf einmal, zu einem Himmelfeuer zusammengestellt sich denkt? Nicht himmlische, sondern menschliche Schuld ist es, wenn sie leichter sich zu Kriegs- und Plagegöttern der Staaten als zu Schutzgöttern verbanden. – So würd' ich, um Sie nachzuahmen, meinem Prinzen seine Würde malen, weil nur der die seinige ziert, der sich von ihr gezieret glaubt. Fürsten denken leicht von Fürsten klein, wie auf Bergen Berge sich verkleinern. Ich würde sogar, als Ihr Kollaborator, meinen Kronerben jährlich ein Einweihfest, ein Vorfest der Krönung (z. B. an seinem Geburttage) begehen lassen, wo ihm die Heiligkeit seiner Zukunft, die Unverletzbarkeit seiner Seele, wie eines jungfräulichen, für ein Wesen bestimmten Leibes, in den Siegesbogen aufgerichteter Völker vor den Fahnen und Wappen großer Vorahnen oder doch Vorzeiten feurig und nahe vor das junge tugenddurstige Auge träte. An einem solchen Tage könnt' er auch in die Abgründe untergesunkener Völker schauen. Er lerne Plutarchs Größen-Geschichte auswendig, ihm nützlicher als die neuere, und bete aus Antonins Betrachtungen auf alle Tage. Der Adlerorden, der Name Landesvater, den der edle Camillus zuerst als Ordenstifter trug, und darauf der antikatilinische Cicero als Mitglied – bis er sank und an einen Cäsar, August u. s. w. geriet –, glänze ihn wie ein Feuerwerk auf sieben Freiheit-Bergen an. Er lerne sich nicht als einen Generalissimus oder als einen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, als einen Präsidenten der Gerichtsstube oder der Kammer oder als einen Rektor magnifikus der Wissenschaften sehen, sondern als einen Land-Pfleger im höhern Sinn, der für und über alle Zweige des Staats den Blick hat, wie der Kunstrichter für alle Schönheiten den Geschmack . Er sei ein Jupiter, der seine Nebenerden und Hof-Ringe zugleich um sich und die allgemeine Sonne führt. »Nach den gewöhnlichen Forderungen der Gelehrten« – schreiben Sie – »müßte ein Fürst, der selbst regieren will, die Wissenschaften aller Staatsdiener in sich vereinigen, um darüber entscheidend zu stimmen. Aber weniger die Kenntnis der Sachen, die nicht zu umfassen sind, als die Kenntnis der Menschen, welche vortragen und vollstrecken, ist nötig und möglich; folglich habe ein Fürst nur Charakter, und wenn nur dieser fest und rein vor dem Lehrer erwachsen, so wird er ebensogut durchschauen als durchgreifen.« Sie haben dies aus meiner Seele geschrieben. Wenn Menschen uns zu leicht und stark verblendeten, so hatte hundertmal eine Schwäche unsers Herzens, nicht eine Schwäche unsers Auges die frühere Schuld. Besonders gehört ein rein-fester Charakter beim Fürsten zum Sehen und Handeln (denn auf dem Throne wird der Sehnerve leicht zum Bewegnerven des Muskels). Güte ohne Charakter wird (oder kanns) von allen Volk-Feinden, hingegen ein Charakter ohne Güte höchstens von einem Volk-Feinde, von sich selber, beherrscht oder benützt. Die ganze jetzige Zeit ist eine Königmörderin des Charakters, besonders der Gesundheit vorher, die seinen Wurzeln Flugerde gibt; überdem werden vergiftende Hostien Leibern und Geistern gereicht und zum Meßopfer eines Gottes ein Mensch dazu geopfert. Daher so viele marklose, aber zepterhaltige Armknochen, daher manches Fürstenleben ein passiver Rat von 500 ist,- und sogar das Gute wird mit Erlaubnis der – Untern getan und gedruckt. Desto besser, lieber Adelhard, daß Sie so strenge für einen festen Körper Ihres Zöglings sorgen; nur bewachen Sie ihn so lange, bis die gewöhnlichen Sukzessionpulver der Fürstenjugend vor ihm vorübergegangen sind, z. B. die Hauptstädte der großen Tour, ein paar Weiber mittlern Alters und die Volljährigkeit. Aus Ihrem Briefe erklär' ich mir leicht die Vermutungen – die ich hege –, daß Sie Ihren Friedanot zu keiner tätigen Lieblingkunst, z. B. Malerei, Musik, Baukunst, reizen und raten, damit er nicht, sagen Sie, das Regieren zur Nebenkunst mache. Nero war wirklich ein Kunstgenie (wie Friedrich II. ein Regierunggenie); sein ganzes Leben, von seiner Unterwerfung unter die Kunstgesetze an Er befolgte die Bühnenmusik-Ordnung, sich nie zu setzen, kein Schnupftuch und kein Spuckkästchen nötig zu haben etc. Tac. Ann. XIV. 15. , sogar durch einige Grausamkeiten hindurch, bis zum letzten Todes-Seufzer kündiget so viel Gefühl für Kunst an, als ihm für Menschheit abging. Ein Fürst lege sich nun z. B. – ältere Beispiele gar nicht anzuführen, geschweige neuere – mit dem mazedonischen König Europus aufs Leuchter-Machen (metaphorisch gält' es wohl) – oder mit den parthischen Königen aufs Schärfen der Spieße (gälte gleichfalls anders) – oder mit Attalus Philometor auf den Anbau von Giftpflanzen Alex. ab Alex. L. III. c. 21. (nur dies nimmt keinen guten Metaphern-Bei-Sinn an): so verkehrt sich der ganze Hof, z. B. der des Attalus in einen Garten, und jeder fällt und greift den guten Hofgärtner bei der schwachen Seite an, bei der botanischen. Alle Hofleute wollen eben, daß der Regent noch etwas anders liebe als Regieren und Land. Jeder Großherr muß zwar nach dem Gesetz ein Handwerk treiben; allein bloß weil jeder Muselmann eins verstehen muß, wie bei den Juden jeder Rabbine; nicht aber, wie Montesquieu und andere vermuten, damit er nicht etwa zum Zeitvertreibe manche Leute erwürge; denn vierzehn davon Des Fürsten Kantemirs Geschichte des osmanischen Reichs, in Struves Nebenstunden. B. 5. werden ihm als einem Begeisterten sogar jeden Tag zum Niedermachen von seiner Religion nach- und freigelassen; ich dächte, mehr könnt' er für das Faustrecht des Handwerks, für seinen Säbel, nicht fodern. Bin ich denn hier nicht einerlei Meinung mit Ihrer vorigen, wenn ich eben sage, daß Fürsten mit keinen Nebenkünsten, so wie die alten Statuen mit keinen Farben, geschmückt zu sein bedürfen? Wie viel leere Vollständigkeit in Geschichte, Sprachen und Künsten könnte und sollte ihnen nicht erspart werden! – Nur Vorliebe für Wissenschaft überhaupt wird, wie bei Friedrich dem Einzigen, als ein Wechselgang zwischen zwei Höhen erquicken und bereichern; vom Parnasse kann man noch weiter umhergehen als vom Throne; ich wollte, man nennte auch da, wie auf hohen Schulen, Lesen und Lehren Regieren. Und was wäre weiter davon zu besorgen, wenn ein Fürst Präsident in der großen Akademie aller Wissenschaften wäre, als daß Günstlinge und Hofleute zu Mitgliedern würden und sehr viel verständen? – Und ist es nicht besser, daß er wie Louis XIV. den Gelehrten 66300 Livr. Pensionen auswirft, als daß er, wie derselbe Louis, 32 Millionen für bloßes Blei am Versailles-Schloß und Wasserwerk vergeudet? Pièces intéressantes et peu connues par M. D. L. P., t. I. 1785. – Sagen Sie nur frei Ihrem Friedanot, daß es in jedem Lande, sowohl in dem zensurfreien als in dem zensurbedrückten, für niemand so viele verbotene Bücher gibt als für den Fürsten selber; die Zensur erlaubt ihm selten ein Blatt. – Dennoch muß der Fürst, ob er gleich weder so viel von Rechtsgelehrsamkeit zu wissen braucht als sein Justizminister, noch so viel von Staatswirtschaft als sein Finanzminister, doch so viel und mehr Kriegskunst selber verstehen als sein bester General. Diese Anlötung des Zepters an das Kriegsschwert tritt unverkennbar hervor; schon der Fürstenknabe wird mit keinen andern Inaugural-Ehrenämtern eingeweiht als mit kriegerischen; seinem Leben geht eine gehelmte Vorrede vor (praefatio galeata); er antichambriert im Zeughause. Kein Fürst bedenkt sich, der Kriegsdiener unter den Kriegsknechten eines fremden größern zu sein und für ihn so unbedingt zu kämpfen und zu bluten als dessen kleinster Untertan, indes ers für Unwürde halten müßte, dessen erster Minister, Präsident oder gar Generalsuperintendent zu werden. Woher, warum diese Gleichsetzung fürstlicher und kriegerischer Ehre in diesen und noch andern Punkten, als wäre der Fürst ein erster Diener des Staats bloß als erster Verfechter desselben? Voltaires Wort: der erste König war ein glücklicher Soldat und ein Schluß daraus: ein glücklicher König ist der erste Soldat – erklärt nicht genug einen Zustand in Staaten aus einem Zustande vor Staaten. Auch ist der Krieg jetzo nur die Ausnahme, und der Friede die Regel; und so sehr man das Staatsgebäude zum Zeughause ausbauet, und den Thron zur Festung. so dauern doch die Friedenanstalten wenigstens so lange und eifrig fort als die Kriegsanstalten. Allein der thronfähige Vortritt der Kriegskunst vor allen Friedenkünsten wird von zwei ganz andern Gründen und Gefühlen gerechnet und erklärt. Erstlich bauete die Notwehr der Einzelnen den Staat; da aber noch die Notwehr der Völker gegen Völker fortdauert, so tut der Fürst seine Staatspflicht, scheint es, am besten als Küstenbewahrer gegen außen, nicht als Bau-, Brot-, Pacht- und Münz-Herr des Innern, mehr mit äußerer Waffen-Faust als mit innerem Adern-Herz. Nur findet sich dabei das Übel ein, daß die Völker, die überall aus Einzelwesen bestehen, durch die Kriegssucht der Staaten wieder in das Verhältnis sinken, woraus sich eben das Einzelwesen durch den Staat hat ziehen wollen. So wenig geht bisher der Mensch noch den Menschen an; geheftet auf die Scholle, wie das Kerbtier auf das Blatt, sieht er – wie Büchernachdruck, so Mord zwischen Völkern sittlich verzeihend – noch nicht, daß jeder Erdenkrieg ein Bürgerkrieg ist; und ein finsteres Meer gibt, wie physisch, so geistig, durch sein Bedenken dem um die Erde laufenden Gürtel-Gebirge den Schein gefälliger, auseinandergeworfener Inseln. Doch hat ein Fürst noch einen wichtigern Grund seiner Liebe für Kriegs-Kunst, das Gefühl: daß alle Würde nur eine moralische sei; und der Vorgrund der männlichen nur Mut oder Ehre. Der tapfere Fürst krönt sich selber und den innern Menschen mit einer andern Krone, als auf dem äußern ruht. Tapferkeit oder Ehre wird jedem zugemutet, nicht aber Talent. Der Fürst, gleichsam der höchste Adel des hohen Adels, der Flügel-Edelmann, muß mit dem Ehrenpunkte des Muts als mit einem lichten Brennpunkte dem Feinde entgegenstehen. – Über Mut gibt es keinen zweifelhaften Schein, so wie keine Entzweiung oder Auswahl der Urteile. – Ein Fürst, der seinen lange bewahrten, vom Staate geheiligten Körper wie einen gemeinen der unebenbürtigen Kugel bloßstellt, gegen welche seine Krone auf fremden Boden kein Helm, sondern ein Ziel ist, pflückt vor tausend Augen mit eignen Händen den Lorbeerzweig; – hingegen die Ehre der Friedentalente fällt ihm nicht so unbestritten heim, weil mancher Fürst oft eine Sonne Nach Herschel gibt nur das Sonnengewölke Licht, und nur der Sonnenboden Flecken. war, welche erst der Minister mit seinem Gewölke umziehen mußte, damit sie Strahlen warf. Freilich hat der Krieg noch Nebenreize; und es ist gut, sie vor dem zu zergliedern, dem man sie verleiden will. Da ein Regent gern regiert, besonders leicht und stark: so findet er auf der Trommel einen tragbaren Thron; denn die Kriegskunst ist eine verdichtete, mehr bestimmte und mehr vortretende Regierkunst, und die Bewegungen des Kommandostabs fallen stärker in die Augen als des Zepters seine. Die Pulvermühle des Kriegs treiben Glückräder; wie das Kap wird hier das Vorgebirge der Stürme das Vorgebirge der guten Hoffnung genannt. In welche Lotterie soll ein Regent lieber setzen als in die des Kriegs, – zumal da er auswärtige verbeut, und in der inwärtigen darum nichts gewinnt, weil er sie selber gewinnt? – Ferner, nichts quält einen Jüngling mehr, als wenn er volljährig den Thron besteigen muß und nun von da aus sein ganzes Leben bis an den Gesichtkreis schon ausgebreitet und beschlossen übersieht. Der Fürst-Jüngling will doch erstlich etwas tun im Leben, und zweitens hinlänglich unsterblich sein hinter demselben; was gibt es dann aber für den ersten Wunsch Näheres und mehr Phantastisches als Krieg, der ihm eine Laufbahn in fremde Länder hinaus aufreißet, und für den zweiten Leichteres, da auf dem Schlachtfelde die kostbare Fackeldistel der Unsterblichkeit in einem Tage aufbricht, welche auf dem Throngestelle ein ganzes Leben begehrt? – Der edle Heinrich IV. von Frankreich sagte: lieber nehm' ich den Harnisch, als mach' ich Gesetze. Aus einem ähnlichen Grunde fangen daher Jünglinge in der Poesie und Jünglinge in der Schauspielkunst gern mit dem Fürchterlichen an, dessen Ruhm leicht und schnell und hastig erworben wird. Sie sagen, dünkt mich, in einem Ihrer Briefe, die Sättigung der Fürsten an Lobe und Wettstreite untergeordneter Menschen werde leicht zur kriegerischen Sehnsucht nach einem Wettkampfe mit Fürsten, Feinden und vor Europa. Recht wahr! mit dem Gähnfieber, woran im siebenten Jahrhundert so viele in Italien starben, steckt die böse Hofluft leicht an; durch Schießpulver will man die Luft wieder erfrischen. Aber wie soll nun ein junger Fürst die glänzende Gestalt des Kriegs – dieses Höllenflusses, der die lebendige Erde umgürtet, und die tote innere bevölkert – auf der schwarzen Seite zu sehen bekommen? Denn wahrlich nötig ists, besonders für Deutschland, das immer mehr der Hyde-Park und das Holz von Boulogne wird, wohin Europa sich bestellt, wenn es sich schlagen will. Werden Sie ihm den Chorfluch aller Weisen und Dichter auf den Krieg, das letzte Gespenst und wilde Heer aus der Barbarei, hören lassen? Werden Sie gleich mir eine Friedenpredigt vor dem Kriege an den Fürsten, der eben den Brandbrief zum Kriegsfeuer hinwerfen will, etwa so halten: »Bedenk es, ein Schritt über dein Grenzwappen verwandelt zwei Reiche, hinter dir verzerrt sich deines – vor dir das fremde. – Ein Erdbeben wohnt und arbeitet dann unter beiden fort – alle alte Rechtsgebäude, alle Richterstühle stürzen, Höhen und Tiefen werden ineinander verkehrt. – Ein jüngster Tag voll auferstehender Sünder und voll fallender Sterne, ein Weltgericht des Teufels, wo die Leiber die Geister richten, die Faustkraft das Herz. Bedenk es, Fürst! Jeder Soldat wird in diesem Reich der Gesetzlosigkeit dein gekrönter Bruder auf fremdem Boden mit Richtschwert, aber ohne Waage und gebeut unumschränkter als du; jeder feindliche Packknecht ist dein Fürst und Richter, mit Kette und Beil für dich in der Hand! – Nur die Willkür der Faust und des Zufalls sitzt auf dem Doppel-Throne des Gewissens und Lichts. – Zwei Völker sind halb in Sklavenhändler, halb in Sklaven verkehrt, unordentlich durcheinander gemischt. – Für höhere Wesen ist das Menschenreich ein gesetz- und gewissenloses, taubblindes Tier- und Maschinenreich geworden, das raubt, frißt, schlägt, blutet und stirbt. – Immerhin sei du gerecht, du lässest doch durch die erste Manifestzeile wie durch ein Erdbeben die gefesselte Ungerechtigkeit aus ihren Kerkern los! Auch ist ja die Willkür so hergebracht groß, daß dir kleinere Mißhandlungen gar nicht, und große nur durch ihre Wiederholung vor die Ohren kommen. Denn die Erlaubnis, zugleich zu töten und zu beerben, schließt jede kleinere in sich. Sogar der waffenlose Bürger tönt in die Miß- und Schrei-Töne ein, vertauschend alle Lebens-Plane gegen Minuten-Genuß und ungesetzliche Freiheit und von den befreundeten Kriegern als ein halber, von den anfeindenden als ein ganzer Feind behandelt und aufgereizt. Dies bedenke, Fürst, bevor du in die Heuschreckenwolke des Kriegs alles dein Licht verhüllst und in dein bisher so treu verwaltetes Land alle Krieger eines fremden zu Obrigkeiten und Henkern einsetzest, oder deine Krieger ebenso ins fremde!« – Wenigstens ließe sich noch manches tun. Man löse doch in der Geschichte und Zeitung die so kurz und leicht hinschwindenden Laute: »Schlachtfeld, Belagerung-Not, hundert Wagen Verwundete«, welche durch ihr ewiges historisches Wiederkommen aus Gebilden zu Gemälden und dann zu Getöne geworden, einmal recht in ihre entsetzlichen Bestandteile auf, in die Schmerzen, die ein Wagen trägt und tiefer reißet, in einen Jammertag eines Verschmachtenden. Nicht nur die Geschichte, in welcher ganze Zeiten und Länder verbluten, sogar die gemeine Zeitung und Sprechart und die wissenschaftliche Ansicht der Kriegs- und der Wundarznei-Anleitungen verwandeln Wunden in Worte, das ungeheure All-Weh in einen Buchstaben. Daher denselben Minister, welcher die Regentabelle des kriegerischen Blut- und Aschenregens ruhig liniert und heiter zweien Ländern ein Blutbad verordnet, eine Bühnen-Wunde und –Träne erschüttert, bloß weil die Dichtkunst das Wort wieder rückwärts in die lebendige Gegenwart verwandelt. Auch könnte man einen Prinzen von bedenklichen Anlagen mit demselben Warn-Vorteil auf ein blutiges Schlachtfeld führen als Kinder von ganz andern in ein verwesendes Krankenhaus; aber mög' es stets der Menschheit an solchen Schul- und Heil-Anstalten fehlen! – Eigentlich sollte nur das Volk – dies könnte man wenigstens einem Erbprinzen erziehend sagen – über den Krieg mit einem andern, d. h. über die Rückkehr in den ersten Naturstand, besonders da nur dessen harte Früchte, nicht dessen süße auf dasselbe fallen, abzustimmen haben, ob es sich als Totenopfer dem Gewitter und Sturm des Krieges weihe, oder nicht. Es ist schreiend gen Himmel, der noch nicht hört: daß ein Fürst für den Witzstich eines andern Fürsten zwei Völker unter die Streitaxt treiben darf. Man schaudert in der neuern Geschichte über die kleinen Zündruten der Kriegsminen; wie eine Weiber-Stecknadel, ein Gesandten-Finger oft der Leiter eines länderbreiten Gewitters geworden. Wenigstens sollte der Krieg der neuern Zeiten nur die Krieger treffen, nicht die entwaffneten Stände. Sobald der tätigere Anteil der letzten jene beeinträchtigt, z. B. Schießen aus Häusern: so berufen sie sich gern auf das Recht einer Absonderung und bestrafen und bekriegen zugleich; warum soll dann aber der wehrlose Stand ohne die Vorteile doch alle Leiden des bewehrten, die der Plünderung, Gefangennehmung u. s. w., teilen? – Von drei Zeiten muß einmal nach dieser schlechten vierten eine oder jede kommen, damit die Zukunft die Vergangenheit entsündige: daß es entweder Seekriege ohne Kaperbriefe gibt, und zum Landkrieg man sich, als zu einem vielstimmigen und vielhändigen Zweikampfe, in eine Wüste bestellt – oder daß wieder, wie in eingesunknen oder aufgeflognen Republiken, jeder Bürger Soldat, folglich jeder Soldat auch Bürger ist – oder endlich, daß vom Himmel die ewige Frieden-Fahne herunterflattert und über die Erde im Äther weht. – Mir ist, als wenn Sie oder einer Ihrer Freunde einmal die Geschichte – diesen langen Kriegsbericht und Bulletin der Menschheit – für eine Kriegs-Ansteckung junger Fürsten erklärt hätten. Fast aber wollt' ich ihr die Heilung von der Kriegslust anvertrauen. Karl XII. von Schweden wurde schwerlich bloß durch Curtius' Leben des Alexanders ruhm- und länderdurstig, da Alexander selber es gewesen, ohne seinen Biographen gelesen zu haben; wie auch Cäsar, der von Curtius nichts gekannt als dessen Helden. An der Geschichte läßt sich eben die Anker- und Klingenprobe des See- und Land-Kriegschwertes machen. Sie allein zeigt dem ruhmdürstigen Prinzen, wie wenig bloße Tapferkeit auslange zum Ruhm. Denn auf der Erde ist ein feiges Volk noch seltener als ein kühner Mann; welche Völker der alten und neuen Zeit waren nicht tapfer? Jetzo z. B. fast ganz Europa, die Russen, Dänen, Schweden, Österreicher, Sachsen, Engländer, Hessen, Franzosen, Bayern und Preußen. – Je tiefer Roms freier Geist einsank, desto wilder und kräftiger hob sich der tapfere empor; Katilina, Cäsar, August hatten siegende Knechte. Die häufige Bewaffnung der alten Sklaven (wie in der neuern die der Bettler) beweiset gegen den Wert der gemeinen Faust- und Wunden-Tapferkeit. Der Athener Iphikrates sagte: raub- und lustgierige Soldaten sind die besten; und der General Fischer setzte dazu: Landstreicher. – Kann ein Fürst in die Nachwelt mit nichts als mit den schönen Tigerflecken der Eroberer strahlen wollen, womit ihn die Timurs, Attilas, Dessalines und andere Geißeln Gottes oder Knuten des Teufels überbieten? – Wie kalt geht man in der Geschichte über die unzähligen Schlachtfelder, welche die Erde mit Todes-Beeten umziehen! Und mit welchen Flüchen eilt man vor der Krone vorüber, welche, wie sogenannte Ajüstagen oder Blechaufsätze nur auf dem fortsprützenden Wasserstrahl der Fontänen, ebenso nur auf emporspringenden Blutströmen in der Höhe sich erhalten! Wo aber einige Helden davon ein ewiger Nachschimmer überschwebet, wie Marathons Ebene, Thermopyläs Tiefe: da kämpften und opferten andere Geister; – himmlische Erscheinungen, der Freiheit-Mut. Und welcher Einzelne in der Geschichte groß dasteht und ihre Räume erfüllt, der tut es nicht auf einer Pyramide von Totenköpfen aus Schlachten, sondern eine große Seele schwebet, wie die Gestalt einer überirdischen Welt, verklärt in der Nacht und berührt Sterne und Erde. Denn es gibt eine höhere Tapferkeit, welche einmal, obwohl nicht lange, Sparta, Athen und Rom besaßen, die Tapferkeit des Friedens und der Freiheit, der Mut zu Hause . Wenn manches andere Volk, im Vaterland ein feigduldender Knecht, außer demselben ein kühnfassender Held, dem Falken gleicht (nur weniger durch Schlaflosigkeit, wie er, als durch Einschläfern zahm geworden), welcher vom Falkenmeister so lange verkappt auf der Faust getragen wird, bis er, als augenblicklicher Freier des Äthers in alte Wildheit losgelassen, kühn und klug einen neuen Vogel überwältigt und mit ihm auf die Sklaven-Erde niederstürzt: so führt das recht- und frei-mutige Volk zu Hause seinen Freiheit-Krieg, folglich den längsten und kühnsten, gegen jede Hand, die den Flug und Blick einschränkt; der einzige Krieg, der keinen Waffenstillstand haben soll. Ebenso tapfer im höhern Sinne kann der einzelne Fürst sein. Das Ideal in der Kunst, Größe in Ruhe darzustellen, sei das Ideal auf dem Throne. Das Kriegsfeuer zu besprechen, ist eines Fürstens würdiger, so wie schwerer, als es anzuzünden. Ist aber diese Tapferkeit des Friedens vorhanden – womit man allein sich vor der Geschichte noch auszeichnen kann –, so ist die zweite des Kriegs, sobald er nötig ist, die leichtere, und jede Wunde ein Glück und ein Spiel. Daher sind die Großen der alten Geschichte mehr durch Charakter als Taten, mehr durch Friedens- als Kriegs-Züge bezeichnet, und die Pflughelden der Schlachtfelder durch eine Liebe-Größe, welche, wie ein Phocion, die steile Felsenklippe gegen das Volksmeer oben voll Würzblumen für einzelne säet – welche wie Kato II. den Bruder weiblich liebt und weiblich beweint, wie Epaminondas auf dem Schlachtblocke ein Gastfreund ist, wie Brutus ein zartliebender Gatte, wie Alexander ein vertrauender Freund, wie Gustav ein Christ. Von dieser Geschicht-Seite und Öffnung müßte, dünkt mich, ein junger Fürst in die Zukunft schauen, die er bauen und füllen hilft; auf diese Weise müßte er der schönern Tapferkeit die niedere unterordnen. Freilich wäre ein Fürst, der den Krieg aus Unmut flöhe, gefährlicher – zumal der deutschen Zeit – als einer, der ihn aus Übermut suchte; denn er wäre unheilbarer dazu. Der Zepter gleiche Saturns Sense, welche ebensowohl das Sinnbild der Erntezeit als der Sterbezeit ist. Was mich freilich bei einer Erziehung von solchem Werte wie die Ihrige betrübt, das ist, lieber Adelhard, daß sie wenig oder nichts hilft, wenn Sie nicht geadelt werden, es müßte denn sein, daß der Prinz zu Hause bliebe. Ich meine nämlich meine Klage, daß er den Wanderstab früher als den Zepter zu nehmen und durch die drei Naturreiche oder drei Instanzen der großen Tour, Welsch-, Eng- und Franzland, zu gehen hat, damit er anders wiederkomme, als er gegangen ist! – Man kann nicht genug für das Reisen sagen, nur nicht für das frühe. Der Mann reise, nicht der Jüngling; sein Pilgerhut sei die Krone. Geht er ungekrönt, als Eilgut auf die Pariser Messe versandt, so wissen wir – schon aus dem Beispiele seiner adeligen Begleiter –, was er, den Körper nicht gerechnet, meistens mitbringt, nämlich eine Seele voll Verschmähung seines kleinern Inlands, voll Plane von Miniatur-Nachahmungen und voll Eingebrachtes, dessen Einfuhr eben der preußische Lykurg und der spanische Friedrich II., jener bei dem Adel, dieser bei dem Volke, abschnitt durch Reise-Verbot. Wenn wir vom Ausland, das genug tut, wenn es in Friedenschlüssen – im westfälischen, im Luneviller – die deutsche Staatsverfassung ändert und regelt, vollends noch die In - und Machthaber derselben umgebildet verlangen: so bürden wir uns, glaub' ich, eine zu schwere Last der Dankbarkeit auf, bei so seltener Gelegenheit der Wiedervergeltung. – Ist ausländisches Reisen der innern Bildung unentbehrlich: warum sieht man denn so wenige Dauphins, Wallis-, Asturien-, Brasilien-Prinzen auf dem Nachtzettel und im Gasthof? – Ist der Anstrich mit Welt-Firnis durch Fremde nicht zu entraten: so wird ja sein Hof von ihnen zum Glück so oft besucht und so gern und lange bewohnt, daß er leicht zu Hause bleiben kann. So brauchen bei den Handwerkern Meistersöhne in Berlin, Königsberg u. a. O. nicht zu wandern wie andere Gesellen. Doch ein Land mag ein Erbprinz wirklich bereisen, sein eignes, je tiefer in die untern Stände hinein, desto ergiebiger; wie ein Äneas und Dante wird er aus dieser Unterwelt belehrt in die Oberwelt seines Thrones zurückkommen. Ein Fürst kann sich den Hunger nicht anders vorstellen als wie eine seltene Gabe Gottes und des Magens, und die Arbeit wie eine artige Falkenbeize, die solchen erjagt, und das Volk, das beide sattsam hat, wie sein fettes Hofbedienten-Volk. Wenn in Korea das Volk vor dem kommenden König Türen und Fenster verschließen muß: so wird er gewiß ebenso die seinigen vor jenem zusperren; und so gebiert eine Unsichtbarkeit die andere. Ist er aber gekrönt und vermählt und etwa so alt oder noch älter als Joseph II. – oder als Peter der Große – oder als Päpste auf Reisen – oder als alte Römer, deren Prokonsulate gleichfalls Reisen waren: – so tut er sie gewiß mit noch höherm Nutzen, als wär' er sein eigner Gesandte; denn von sich erfährt er alles richtiger, schneller und portofreier. Wie man (nach Bolingbroke) im 40sten Jahre in einem Jugendbuche, so findet man ebenso alt in einem Jugendlande eine neue, vorher übersehene Welt. Ein junger Fürst bringt aus dem fremden Lande vielleicht einen welken Gedenk-Strauß seltner Freuden-Blumen nach Hause, ein älterer aber den Blumensamen dazu. Als der warmherzige, mannfeste, kerndeutsche Herzog von Meinungen ein Jahr vor seinem Tode nach einer südlichen Hauptstadt Deutschlands reisete: so sah er Höfe, Bälle, Prinzen, Weiber – nicht, sondern Maschinen, Fabriken, Suppenanstalten, Schachte, Künstler und ihre Werke, Finanz-Reformatoren und ihre Tabellen; – warum mußte er darauf so früh die längste Reise nach dem fernsten Lande machen? Auch diese kann ein edler Fürst, der seines liebt, nie zu spät antreten. Geht aber Ihr Friedanot doch früher auf Reisen als auf den Thron: so wollt' ich, Sie würden geadelt und gingen mit. Jeder Prinzenhofmeister sollte durch den Umgang mit den Fürsten den Adel, wie Eisen vom Magnet den Magnetismus, annehmen, damit man denselben Mann fortgebrauchen könnte an Speise- und Spieltischen, an welche man jetzo statt seiner einen tafelfähigen von Adel setzen muß. Wie glücklich ist eine Prinzessin, deren Orbilia und La plus Bonne gleich anfangs von so gutem Adel ist, daß sie bleiben kann. Turba medicorum perdidit Caesarem; diese Hadrians-Grabschrift gilt auch von der Seelen-Ärzte-Schar. Manche Ihrer Fürsten-Orden-Regeln lassen sich freilich leicht weissagen, weil sie auch in der Erziehung jedes Kindes vorkommen; nur daß Sie Eigenschaften, die jeder wie kleines Geld zum Leben bedarf, vom Fürsten wie Gold als Schlagschatz und Hausschmuck fodern. Zuerst nenn' ich Worthalten . Fürsten brechen selten ihr Wort anders als gegen ganze Länder, eigne und fremde. Einem Menschen halten sie, sich etwa ausgenommen, immer alles. Chamfort bemerkt, daß man von Heinrich IV. bis zum Ministerium des Kardinals von Loménie sechsundfunfzig Brüche des öffentlichen Worts aufzähle. Erklären läßt sichs leicht aus der verdünnenden Kraft des Raums, der weit mehr als die Zeit die stärksten Kräfte auf der Stelle zersetzt, z. B. die Elektrizität, Anziehkraft, Menschenliebe, Freiheit und ein gegebenes Wort. So löset der weite Raum z. B. die britische Freiheit schon in Irland unglaublich auf, wie sonst in Nordamerika; aber auf den Meeren und in den Kolonien ist sie durch die Entfernung bis zu einem Grade weggedünstet, den nur noch das scharfe Auge eines Kapitäns und Nabobs von gänzlicher Knechtschaft unterscheiden kann. Auf dieselbe Weise nun wird ein Versprechen durch den Raum dermaßen entkräftet, daß sogar vor einigen Jahrhunderten ein Frieden, den Seemächte zwischen sich in Europa geschlossen, in Indien dem Kriege nicht wehren konnte; den Grund zeigt, wie gesagt, die Physik. Um desto nötiger ist vielleicht einem Erbprinzen für die Sprache der Wahrheit ein Sprachmeister und Sprachzimmer; ja diese Sprache ist ebenso wichtig als die wendische und italienische, welche nach der goldenen Bulle Aur. Bull. c. 30. § 2. ein künftiger Kurfürst, König von Böheim und Rhein-Pfalzgraf schon im siebenten Jahre zu erlernen hat; oder als die gallische, welche die Bulle gar nicht fodert. Fürsten-Wahrhaftigkeit gegen zwei Lande, In- und Ausland, ist nicht nur, wie schon andere gesagt, die höchste Politik, sondern auch (und eben darum) die schwerste . Gerade Seelen scheinen, wie gerade Alleen, dem Auge nur die halbe Größe zu haben in Vergleich mit denen, die sich künstlich winden; aber die ganze findet man durch näheres Eingehen in sie. Nur ein Fürst, der edle und bedachte Wünsche hebt, darf sie entdecken; so wie man nur geschliffne Glanz-Diamanten à jour fassen kann. Allen Kriegs- und Frieden-Schlüssen liegt durchaus noch ein höheres Bind-Mittel als die Gewalt – weil sie sonst gar nicht zu machen nötig waren – unter, nämlich Vertrauen auf irgendein abgewonnenes Wort, auf eine Charakter-, nicht See- oder Land-Macht. Aber bei der Geschichte, welche sonst von Monat zu Monat die Baukosten neuer Siegbogen für frische Sieger der Nachwelt herzugeben hat, wird nichts Selteners als eine Ehrenpforte für eine über die Gegenwart wahrsprechende, über die Zukunft wahrsagende Fürstenseele bestellt. Fürstliche Wahrhaftigkeit setzt jede Kraft des Charakters, den einsamen Mut und das Recht des Willens voraus. Wo endlich aber dieser Eichenhain um einen Thron steht und wächst: da ist altdeutsches Heiligtum, der Thron darin ist wundertätig, und die Völker beten unter dem Gipfel zu den Göttern um Schutz. Ich und Sie hören ja einen solchen Hain so nahe in unsere Arbeitzimmer rauschen, daß wir die Blätter zählen können. * Baireuth, im Jänner 1806. – Ich habe wieder ausgepackt, weil Friede bleibt. Unser Wiedersehen hebe denn, so wie das Rekognoszieren und Ratifizieren meiner Weissagungen, sich einer frohen Jahrzeit auf. Zum Schlusse und zum Scherze setz' ich einige Stammbuch-Lehrsprüche her, welche ich von Zeit zu Zeit für die verschiedenen Prinzen- und Reichsritterschaft-Hofmeister, die etwa durch meine Schreibstube passieren, voraus verfertige, um immer einen brauchbaren Impromptu-Gedanken bei der Hand zu haben, den ich ihnen mitgeben kann, wenn sie mir ein Album überreichen. Folgende Gedanken erwarten ihre Stammbücher: * Um den Kühnsten zu bilden, bilde kühn! Nur kühne Maler, sagt Lavater, treffen ein kühnes Gesicht. * Nicht umsonst borgen die seltensten Blumen ihre Namen von Fürsten. Die Macht kann nicht milde genug aussehen. Ein Fürsten-Blick ist schon eine Tat; ein Fürst hat also die Wahl, ob er den ganzen Tag ermorden oder beloben will. – Der Zepter sei kein Hoheitpfahl, sondern er habe, wie die Magnetnadel, die Gestalt einer Lilie. – Es ist leichter, wie der tragische Crebillon den Namen des Schrecklichen zu erwerben als wie Virgil den Namen des jungfräulichen. – Neben Friedrichs II. Kommandostabe im Zelte lag stets eine Quanzische Flöte; ein Fürst halte dies für eine Allegorie. Da diese vier Gedanken nur den nämlichen fünften aussagen: so werden sie in vier verschiedene Stammbücher verlegt. * Der Ungläubige an die Menschheit wird ebensooft betrogen als der Gläubige an die Menschen . Der schlimme und alleinherrische Günstling rät stets dem Fürsten an, recht selber zu herrschen, nie herrschen zu lassen, selber zu sehen und zu hören (wenigstens den Günstling); nicht etwa eine Repetieruhrglocke zu sein, auf welcher ein äußerer Hammer die Zeit ausspricht, sondern eine Kirchenglocke, die mit eigner Zunge (dem Klöppel) redet, und welche der Günstling – läutet, es sei zu Sturm oder zur Hochzeit. * Hofmeister! Keine Arbeit deines Zöglings sei dir so angelegen als Arbeitsamkeit selber; nur diese lern' er durch jene ein. Sonst hält er sich später, wie der Kaiser Carinus (nach Vopiscus), einen Unterschreib-Lakai; oder unterschreibt selber, aber wie der Selbst-Knecht seiner Diener, Philipp V. von Spanien. * Auf dem Thron will man gern alles, sogar die Zeit – wie in Basel – um eine Stunde früher haben; folglich den Gedanken oft lange vor dem Nachdenken. Fürstliche Impromptus sind als Flugsamen von Handlungen stets gefährlich, sie machen lange Land- und Reichstage oft nötig und zahlen statt der Verzug-Zinsen Eilzinsen. Wie mancher Untertan starb an einem Bonmot! Wie mancher Verbrecher empfing ein Urteil für ein Urtel! Wie manche Vorbitte der Un-Heiligen wurde von der Eile erhört! – Wer noch mehr verlangt, befrage nur die Justiz- und die Kammer-Präsidenten in der Geschichte. – Was kann dann aber ein Lehrer, ich bitte Sie, Größeres versuchen, als seinen Zögling zu gewöhnen, daß er nie ein bedeutendes Ja oder Nein, seine Wider- oder seine Lieberede sagt, außer nach einer Respekt- oder Respit-Stunde auf die Frage, Bitte, Sünde? Mit einem solchen Anstand-Billett (Anstand-Brief, moratorium) kann er sich ein Breve der Unfehlbarkeit schreiben. Warum sprech' ich von Fürsten? Jeder ist in diesem Fall; nur daß der hohe Stand der Fürsten die rollenden Lawinen-Folgen jedes Lautes fürchterlich anhäuft. Und gerade in der Höhe oben und darneben bereitet man sich umgekehrt mehr auf Wort-Taten (Bonmots, Impromptus) als auf Tat-Worte (Dekrete, Entschlüsse) vor und nimmt sich zu einem Scherze Zeit, nicht zu einem Ernste. Diese Umkehrung kehre wieder der Lehrer um...... In dieser Minute hab' ich selber improvisiert, lieber Adelhard; so schwer ist das Meiden. Denn den letzten Artikel für das Stammbuch macht' ich für den Brief – für jenes muß er enger zusammengezogen werden. So wirkt die Allmacht des Augenblickes, man vermengt Brief, Stamm- und jedes Buch. Es gehe Ihnen wohl und hierin besser als mir, Freund Adelhard! Ich wollte oben noch den Gedenkspruch beifügen: »man bringe einem Prinzen vor allen Dingen großen Geschmack am Lesen – nicht sowohl der Inschriften von Ehrenbogen und Feuerwerken als – der Bücher und der Akten bei«; aber wenn ich nicht irre, so steht der Spruch schon in Ihrem Stammbuche. Die Kabinettsgeheimnisse kommen, wie das Licht der Fixsterne, erst nach Jahren des Ausflusses herunter zu uns; aber Studierstuben-Geheimnisse steigen, wie Planetenlicht, gar nicht zu den Fixsonnen hinauf. Ihr J. P. F. R. Nachschrift . Aus Mangel an Fußpost, bester Prinzenhofmeister, blieb leider mein fertiger Brief an Sie die ganze erste Auflage der Levana hindurch liegen und wurde zwar abgedruckt, aber nicht abgeschickt, bis zum Glücke bei der zweiten ein junger, aber abgesetzter Prinzenhofmeister einiger Höfe mich besuchte, der Ihnen das Schreiben bringen will. Übrigens flucht er jeden Tag anderthalb Stunden über die Sache und beschwört frei, er wolle fast noch lieber ein Prinz sein als ein Prinzenhofmeister, denn jener verderbe selber, dieser verderbe andere mit. Meinen langen Brief an Sie lacht er offen aus als eine Dinten-Makulatur und sagt, ich hätte nur etwas, aber die Hauptsache vergessen – den sogenannten Gouverneur des Prinzen und des Prinzenhofmeisters zugleich. Er bat mich, ihn zu belehren, »was denn der beste Prinzenhofmeister helfe, sobald er der erbärmlichste sein müsse, wenn der Prinzen-Gouverneur es haben wolle; welcher als eigentliches Oberhaus des hofmeisterlichen Unterhäuschens, als der Scholarch dieser Sekondärschule allein vorstehe«. Anstatt meine Belehrung abzuwarten, fuhr er grimmig fort: »die Gouverneurs, die ihn niemals nur hätten zum Vicegouverneur des Prinzen werden lassen, wären so alt von Adel als an Körper und tafel- und stiftfähig gewesen, er hingegen nur fähig schlechtweg; und der zeitige Prinz hätte ihn als den nachgesetzten nur für den Schulfuchs gehalten, dessen Meister Reinecke der Gouverneur wäre. Das Wort eines Mannes, der mit dem Prinzen an einer Hoftafel sitze, habe diesem wie dem Hofe mehr gegolten als die Predigten dessen, der nur an der Lehrtafel mit ihm ansässig sei.« »Hierüber«, sagt' ich, »wollt' ich wohl die Partei der Weltleute verfechten. Der Schulmann verhält sich zum Hofmann wie z. B. der Abt Vogler zu einem Vogel. Wie man nämlich nach Kants feiner Bemerkung darum an Wiederholungen des regelrechten Menschengesanges sich bald müde hört, aber nicht am ewigen Vogelgesang, weil in diesem keine Regel und nur unbestimmter Wechsel herrscht: so muß der Schulgelehrte bei der eintönigen Einheit seiner Gedankenketten und seiner zielsichtigen Reden, die immer zu etwas führen sollen, bald einschläfern, indes der Weltmann, überall abirrend und zuirrend, jeden munter erhält, weil er nichts Bestimmtes sagt, und weil Verschiedenheit des Nichts mehr ergötzt als Einerleiheit des Etwas.« »Ein solcher Gouverneur«, fuhr er fort, »der nur Fürst, Hof und Adel achte und für diese zu erziehen gebiete, sperre mit seiner Ordenkette jeden Hafen, in welchen ein Hofmeister mit Silberflotten für den Zögling einlaufen wolle – Er entwerfe jenem die eigentliche ›Revision des Erziehwesens› (nur keine so gute wie die gedruckte); denke nun der gehofmeisterte Hofmeister anders, so hab' er nur die Wahl, sich zu fürchten oder sich zu erzürnen.« – »Nicht übel!« sagt' ich, »denn dies kann den Hofmeister zärter, geschmackvoller bilden, als er selber bildet; auf gleiche Weise machen Köche Geflügel mürbe und schmackhaft, indem sie vor dem Schlachten Hühner in einen Teich oder einen kalekutischen Hahn von einem Turme werfen – welches zur Furcht dient –, oder indem sie diesen durch Pfeifen und rote Kleider recht erbosen – was zum Zorne dient.« – »Wir erleben denn auch«, schloß der Hofmeister, »was daraus wird, wenn der Gouverneur den Zepter als einen guten Schulbakel an den bürgerlichen Vorlehrer selber legen kann – was nämlich nicht aus diesem wird (denn der zieht fort wie ich), sondern aus dem unschuldigen Fürstensohne, welchem als einem jungen Gebieter zwischen einem streichelnden Ober- und einem knienden Unterknechte kein männliches Markgebein ganz bleiben kann.« – – »Dann seh' ich aber«, sagt' ich, »das Böse dabei nicht ab. Auch ich kenne mehre Leute von Stand, deren ganzer innerer Mensch keinen ganzen Knochen hatte, die aber gerade den vom Donner Erschlagnen glichen, in welchen der Blitz meist nur die Gebeine rädert, ohne das Geringste an der schönen Außengestalt zu versehren und zu stören: so ists, Freund!« Da wir beide nicht ganz einig und ich nicht ganz ernsthaft werden konnte: so ist es gewiß verständig, daß ich ihm diese Nachschrift an Sie mitgebe, damit er von Ihnen entweder bekehrt werde oder bestätigt. Sie müssen es wissen, ob unter Gouverneurs kein Unterschied sei, und ob doch nicht zuweilen die Umlaufbahn des kleinen Fürsten eine Ellipse mit zwei Brennpunkten rein beschreibe. Der Himmel geb' es, und mehr dazu. Ende des zweiten Bändchens Drittes Bändchen Sechstes Bruchstück Sittliche Bildung des Knaben Kap. I. Sittliche Stärke – körperliche – Verwundspiel – Schädlichkeit der Furcht und des Schrecks – Lebenlust – Unzulänglichkeit der Leidenschaft – Notwendigkeit der Jugend-Ideale § 103-110. Kap. II. Wahrhaftigkeit – Sprichwörterspiele und Kinderkomödien § 111-115. Kap. III. Bildung zur Liebe – Erregmittel – Liebe gegen Tiere § 116-121. Kap. IV. Ergänz-Anhang zur sittlichen Bildung – vermischte tröstende Regeln – Geschichte der Eltern für ihre eignen Kinder – über Kinderreisen – Mißlichkeit voreiliger Schamlehre und über Kinderkeuschheit § 122-129. Erstes Kapitel § 103 Ehre, Redlichkeit, festes Wollen, Wahrhaftigkeit, Angehen wider drohende Wunden, Ertragen der geschlagnen, Offenheit, Selberachtung, Selbergleichheit, Verachtung der Meinung, Gerechtigkeit und Fortdringen – alles dies und ähnliche Worte bezeichnen doch nur die eine Hälfte der sittlichen Natur, die sittliche Stärke und Erhabenheit. Die zweite Hälfte umfasset alles, was sich auf fremdes Leben bezieht, das Reich der Liebe, Milde, Wohltätigkeit – man kann sie die sittliche Schönheit nennen. Wenn sich jene nach innen oder dem eignen, diese nach außen oder dem fremden Ich zu kehren scheint, jene als ein abstoßender Pol, diese als ein anziehender, und wenn jene mehr eine Idee, diese ein Leben heilig hält: so bleibt doch beiden dieselbe Erhabenheit über das Ich, auf das sich nur die Begierde und die Sünde gegen jenes Zwillinggestirn des Herzens beziehen; denn die Ehre opfert so gut als die Liebe die Selbstsucht auf. Auch die Liebe sucht und schauet im fremden Ich nicht, was sie am eignen flieht, sondern sie schauet und ergreift daran die Darstellung des Göttlichen. Wir finden Gott zweimal, einmal in, einmal außer uns; in uns als Auge, außer uns als Licht. Indes ist es überall dasselbe ätherische Feuer, gleichgültig ob es positiv aus- oder negativ einspringe, und das eine setzt das andere voraus, und folglich ein Drittes, das beide erzeugt und verknüpft. Nennt es das Heilige. Im geistigen Reiche gibt es eigentlich kein Außen und kein Innen. An wahrer sittlicher Stärke hängt ohnehin die Liebe, wie immer am dickern Aste die süße Frucht; und die Schwäche zittert nur wie ein Vesuv, um zu verwüsten. Ebenso vermag reine Liebe nicht nur alles, sondern sie ist alles. § 104 Allein wir haben uns hier bloß auf den Unterschied der Erscheinungen einzulassen, nicht auf ihre Ergründung. Jene zeigen uns den Mann mehr zur sittlichen Stärke oder Ehre, das Weib mehr zur sittlichen Schönheit oder Liebe geboren und ausgerüstet. Schon aus dem oben ausgestellten Satze, daß die Frau nicht, wie der Mann, sich zerteile und beschaue, könnte man die Verteilung beider sittlichen Pole mit wechselndem Übergewicht an beide Geschlechter, also der Liebe an das weibliche, der Stärke an das männliche, folgern, weil jene mehr außer sich, diese mehr in sich blickend handelt. Aber wozu ein Folgern der Tatsachen? Diese geistige Geschlecht-Trennung wiederholet sich, obwohl kleiner, in jedem Einzelwesen, wovon nachher. Jetzo wollen wir die Erziehwege überschauen, den Knaben durch Entwickelung der sittlichen Stärke für seine Bestimmung zu bilden. § 105 Die eine Zeit braucht Männer, um zu entstehen, die andere, um zu bestehen; die unsrige hat sie zu beidem nötig; dennoch fürchtet die Erziehung nichts mehr als die Bemannung der Knaben, die sie entmannt, wo sie nur kann. Kinder- und Schulstuben sind nur Sakristeien zu jenen Tempeln, die die Römer dem Pavor und Pallor (dem bleichen Schrecken) gebauet. Ordentlich als wenn die Welt jetzo des Mutes zu viel hätte, wird von Erziehern Furcht durch Strafen oder Taten eingeimpft, Mut nur durch Worte empfohlen; kein Unternehmen, nur das Unterlassen wird gekrönt. Die Furchtsamen hatten in Nestors Schlachtordnung Hom. Il. IV. 297. den mittlern Stand; – so auch in unsern Staaten; und im höchsten und tiefsten Stande wohnt mehr äußerer Mut, als der Gelehrte, der Schulmeister gewöhnlich hat. Daher sinnt dieser den Knaben an, Irokesen zu sein, welche den Hasen für eine Gottheit halten, und will selber sie in diesen Götterstand erheben. Die Alten vergaßen über das Stärken die Menschenliebe, wir über diese jenes. Allerdings kann der entmannende Lehrstand sich mit einer Täuschung entschuldigen; der Kindheit-Mut schlägt nämlich wegen des mangelnden Gegengewichts von Besonnenheit leicht zum Übermut aus und bekämpft Lehrer und Glück. Aber man bedenke, daß die Jahre zwar das Licht vermehren, aber nicht Kraft, und daß man leichter dem Leben-Pilger einen Wegweiser besoldet und mitgibt, als ihm die Beine und Flügel, die man ihm wider das Verlaufen und Verfliegen abgesägt, wie einer Statue wieder restauriert. Wir wollen, wie Krieger, von dem gemeinen Mute anfangen, und zur Ehre kommen. § 106 Der Körper ist der Panzer und Küraß der Seele. Nun so werde dieser vorerst zu Stahl gehärtet, geglüht und gekältet. Jeder Vater erbaue, so gut er kann, um sein Haus ein kleines gymnastisches Schnepfenthal; die Gasse, worin der Knabe tobt, rennt, stürzt, klettert, trotzt, ist schon etwas. Gassenwunden sind heilbarer und gesünder als Schulwunden und lehren schöner verschmerzen. Aus der wilden englischen Jugend wird ein besonnenes Parlamentglied, wie aus den anfänglichen Räuber-Römern ein tugendhafter sich dem Ganzen opfernder Senat. Dem übermäßig Kühnen ließen die Römer zur Ader; die Lehr-Rute lässet auch Blut, und die Erkältung-Methode, die Einsperrung u. s. w. verbleicht das bleibende. Nie ist eine Kraft zu schwächen – kann man nicht oft genug wiederholen –, sondern nur ihr Gegenmuskel ist zu stärken; an Eichhörnchen wächset oft die obere Zahnreihe bis zu Schmerzen lang, aber bloß wenn die untere ausgefallen ist. Einen zwölfjährigen übermütigen Wagehals könnte man leicht besonnen machen: man ginge nur mit ihm ein anatomisches Buch, oder gar ein chirurgisches durch; indes ist dieses Heilmittel nur wie Arsenik in den seltensten Fällen und kleinsten Gaben anwendbar. Körperliche Entkräftung macht geistige; aber alles Geistige lässet festere, ja ewige Spuren nach, und ein zerbrochener Arm am Kinde heilet leichter aus als ein gebrochnes Herz. Übrigens werden in der kindlichen Krankenstube zweierlei Kinder verdorben, die gesunden durch Härte, die kranken durch Weichheit und Weichlichkeit, indes den Kranken statt aller, sogar physischer Weichlichkeiten bloßes geistiges Anregen durch Bilder, Spiele auf Deckkissen und Märchen besser heilend diente. Ist die Gesundheit die erste Stufe zum Mut: so ist die körperliche Übung gegen Schmerzen die zweite. Dies wird neuerer Zeit nicht nur unterlassen, sondern sogar bekämpft, und der Knabe wird bei uns gegeißelt, nicht sowohl etwa, daß er es aushalten, als daß ers nicht aushalten lerne, sondern zu beichten anfange. Häßlich! – Wie kann die Verwechslung der Folter-Kunde der strafenden Polizei mit der Erziehlehre euch so weit verwirren, daß ihr die Kraft des Geistig-Stärkern gegen die Kraft des Körperlich-Stärkern nicht achtet, sondern Standhaftigkeit für Wiederholung des verleugneten Verbrechens anseht? – Es ist ebenso verrechnet als Lockens Rat, Kindern das Kartenspielen zu verekeln durch Antreiben dazu; da diese offizinelle Veränderlichkeit aus Ekel des Befehlens und Wiederholens ja eine schlimmere Krankheit wäre als die geheilte. Muß uns nicht dabei die widrige und doch von der Gewohnheit ausgeschminkte Erziehsünde hart auffallen, Kinder vor Kindern stark zu züchtigen und ein sogenanntes Exempel zu statuieren? Denn entweder teilt das Kind schon als kalter Zuschauer die Gesinnung des warmen und empfindet kein Mitleiden mit dem Martergeschrei seinesgleichen, keinen Abscheu vor dem widerlichen Anblick der Übermacht der Stärke über die Schwäche – und dann weiß ich nicht, was sein Herz noch zu verlieren hat –; oder das Kind fühlt alle Schmerzen nach, welche das in der Kinderstube eingerückte Hochgericht austeilt, und findet also, wie das erwachsene Volk bei Hinrichtungen, die Strafe schlimmer als die Sünde – und dann geht der Gewinn des quälenden Anblicks verloren –; oder endlich hat es zugleich Mitgefühl und Einsicht der Strafe und nur gräßliche Schmerzen-Scheu – und dann habt ihr wohl den Gehorsam, aber auch die Furcht vermehrt. Kurz große Strafen gebt nicht vor den Augen der Kinder und begnügt euch, daß deren angekündigte Unsichtbarkeit euch die Vorteile ohne die Nachteile gewährt. Man sollte vielmehr Übungen im Ertragen des Schmerzes, Kreuzschulen im stoischen Sinne erfinden ; wie denn die Knaben selber schon ähnliche Spiele haben. In Mexiko band sonst ein Kind seinen Arm an den Arm eines andern und legte eine glühende Kohle dazwischen; beide wetteiferten im längsten Erdulden des Brennens. In Montaignes Kindheit hielt der Adel die Fecht-Schule für schimpflich, weil sie den Sieg nicht mehr von bloßer Tapferkeit entscheiden ließ. Die alten Dänen winkten nicht einmal mit dem Auge vor Wunden ins Gesicht. Bibliothèque universelle. T. XV. p. 385. Was aber früher ganze Völker vermochten, und was folglich nicht Gabe der Geburt, sondern der Bildung war: dies muß im einzelnen zu wiederholen leicht gehen. Zeigt nur nie Mitleid mit Schmerzen, sondern treibt Scherz damit. – Läuft das kleinere Kind mit dem Berichte seiner Wunde zu euch, so lasset es auf euer Gehör und euere Besichtigung erst ein wenig harren, indem ihr ruhig sagt: »Ich muß erst ausschreiben, oder diese Masche aufstricken.« – Oder gebt ihm den Befehl, irgend etwas zu tun, zu holen; nichts zieht so leicht den Stachel des Schmerzes heraus als Tätigkeit, so wie der Krieger die Wunden vor lauter Fechten nicht spürt. – »Meine Nase blutet«, sagt die Kleinere erbärmlich. »Ei, sieh das hübsche, rote Blut, und wie es tropft; und wo kommts denn her? Vorher war in deinen Nasenlöchern ja gar keins«, sagt ihr und zerlegt die Qual in Untersuchung, das Innere ins Äußere. – Ferner: bewacht fleißiger das Ohr des Kindes als dessen Auge. Das Ohr ist der Sinn der Furcht, daher leis'-hörige Tiere furchtsamer sind. Wie die Tonkunst im Entzücken, so hat der Schall und Schrei im Entsetzen unser Herz unmittelbar in der Gewalt. Der unergründliche Ton ist die rechte Nacht für die Furcht. Jede ungeheuere Gestalt ordnet sich endlich, wenn sie stehen bleibt; aber der Abgrund des Tons wird nicht heller, sondern nur grausender durch Fortdauern. Ein Mädchen, dem die Farbe des Kaminfegers bloß bedeutend war, hatte die erste Furcht seines Lebens, da es das unauflösliche Geräusch seines Fegens hörte. Erteilt daher sogleich jedem fremden Getöne, z. B. des Windes, einen alten frohen Namen. Unsere Zeit macht Regeln gegen die Furcht, die den ganzen Menschen entwaffnet und bindet, am ersten zur Pflicht. In jedem Kinde wohnt neben der romantischen Hoffnung eines unendlichen Himmels ebenso der romantische Schauder vor einem unendlichen Orkus. Aber diesen Orkus haltet ihr ihnen greulich offen, sobald ihr der romantischen Furcht den allmächtigen Gegenstand dadurch gebt, daß ihr irgendeinen benennt. Diesen Fehler beging der Verfasser, indem er seinen Kindern, um sie vom Hassen und Fürchten der Krieger oder anderer Menschen abzulenken, sagte: nur der böse Kerl ist zu fürchten. Dadurch aber zog sich ihnen die bisher über wechselnde und sichtbare Gegenstände zerstreuete Furcht in den festen Brennpunkt eines einzigen unsichtbaren Gegenstandes zusammen, und sie brachten diesen tragbaren Schreck-Gegenstand überall mit und blickten ihn an. Übrigens treibt die Phantasie in keiner Seelenbewegung – nicht einmal in der Liebe – ihre Schaff- und Herrschkraft so weit als in der Furcht; Kinder, sonst alles fromm ihren Eltern glaubend, begehren zwar eifrig das aufrichtende bewaffnende Wort wider das Gespenst, erliegen aber mit dem Worte im Herzen doch der Phantasie. – Ferner: Kinder, welche den Gegenstand der Furcht, z. B. einen Mantel mit Hut auf einem Stocke, längst durchsucht und selber zusammengebauet, laufen doch vor ihm mit Grausen davon. – So fürchten sie weniger das, was sie schon verwundet hat, als was ihnen durch Mienen oder Worte von den Eltern furchtbar benannt worden, z. B. eine Maus. Daher vermeidet und verhütet vorzüglich jede Plötzlichkeit des Worts – z. B. in der Nacht: Schau! oder gar Horch! , welches noch mehr erschreckt – oder die der Erscheinung – denn hier können die Sinne die überflammende Phantasie nur befeuern, nicht bezwingen, und die Wirklichkeit verzerrt sich wild vor der schleunigen Beleuchtung. So entsteht die Gewitterfurcht größtenteils von der Plötzlichkeit des Blitzes, womit er vor dem gespannten Blicke den finstern Himmel aufreißet. Bliebe der Himmel ein langer Blitz, wir fürchteten ihn weniger. Nicht bloß mit Jammerblättern, dergleichen sich einige aus der peinlichen Theresiana in Basedows Elementarwerk verlaufen haben, verschone man die Kleinen, sondern auch mit jedem wörtlichen Gemälde unbekannter Körper-Schrecken – da in Kindern von Phantasie aus Körperfurcht leicht Geisterfurcht wird, und zwar – woran man nicht denkt – durch den Traum . Dieser chaotische riesenhafte Seelen- und Geistermaler bildet aus den kleinen Schrecken des Tages jene ungeheuern Furienmasken, welche die in jedem Menschen schlafende Geisterfurcht wecken und nähren. Überhaupt sollte man auf die Träume der Kinder merken, mehr als auf die der Erwachsenen, besonders schon des Unterschiedes wegen, daß in unsern immer die Kindheit wiederklingt, was aber in ihren? Wen haben nicht oft schnelle Ahnungen, ein unerklärliches unerwartetes Anwehen von Wohl- oder Weh-Sein wie ein Wehen aus tiefen Gebirgschluchten überfallen und angehaucht – oder wer hat bei neuen Landschaften, Begebenheiten, Menschen nicht zuweilen tief in sich einen Spiegel gefunden, in welchem seit alter Zeit dasselbe dunkel gestanden und geblickt, und wem ist in seinen spätern Träumen und Fiebern nicht dasselbe Schlangengewürm und Mißgeburtengewinde wiedergekehrt, wozu in seinem ganzen erinnerlichen Leben kein Urbild dagewesen? – Wie, könnten diese Geburten nicht unterirdische Reste alter Kinderträume sein, welche wie Seeungeheuer in der Nacht aus der Tiefe aufsteigen? – Besonders verbergt euer eignes Gewimmer, es sei über fremde oder eigne Nöten. Nichts steckt leichter an als Furcht und Mut; nur daß elterliche Furcht sich im Kinde gar verdoppelt; denn wo schon der Riese zittert, da muß ja der Zwerg niederfallen. Überhaupt nie stelle sich der Vater mit einem Karenz- und Pönitenz-Gesicht oder leidtragendem Anstand vor das Kind, als sei in einem Leben so viel zu verlieren, das man doch selber verliert; er zeige höchstens irgendeine böse Zukunft, aber nie die Angst davor; wenigstens veranstalte er von seinen Klagliedern und libris tristium keine Auflage weiter als auf einige Exemplare für Frau und Freund. Gleichwohl ist gerade das Umgekehrte das Gewöhnlichste; eben zu Hause (ordentlich als mache jede Einhegung und Stadtmauer feige) wirft der auswärts gepanzerte Hummer in seinem Uferloch die Schale ab, und im Neste mausert sich der kecke Adler vor den armen Jungen, die auf diese Weise nur die häusliche Feigheit, nicht die öffentliche Keckheit zu sehen bekommen. Jeder sei doch lieber ein Pastor Seider , der sich in verschiedenen Intelligenzblättern darüber beklagte, daß seine von andern gedruckten Leiden keine wahren gewesen. § 107 Da das Verschmerzen der geschlagenen Wunden und das Verachten der kommenden sich wechselseitig stärken Wiewohl nicht ebenso voraussetzen; ein Knabe habe nur viel Phantasie, so wird er die Wunden der Zukunft sehr fürchten, indes er die der Gegenwart leicht verbeißt. : so fahr' ich hoffentlich ohne Vorwurf ihrer Verwechslung fort. Mut besteht nicht darin, daß man die Gefahr blind übersieht, sondern daß man sie sehend überwindet. Man stärke folglich den Knaben, nicht aber etwa mit der Rede: »es tut nicht weh« – denn in diesem Falle würde das Schaf so tapfer anrücken als der Löwe –, sondern mit der bessern: »was tuts? Nur weh.« Denn in jeder Menschenbrust dürft' ihr auf etwas rechnen, das keine Wunden erreichen, auf eine feste Himmelachse mitten unter geschwungenen Erdenachsen, insofern er ja, ungleich dem Tiere, noch mehr zu fliehen hat als den Schmerz. Es gibt einen Mut gegen die Zukunft und Phantasie; aber auch einen gegen die Gegenwart und Phantasie zugleich; jenem ist Furcht , diesem Schrecken entgegengesetzt. – Muß eins von beiden sein, lieber Furcht als Schrecken, für Kinder, obwohl nicht für Männer! Wenn Furcht (nach dem Kardinal von Retz) unter allen Gemütbewegungen den Verstand am meisten schwächt und lähmt: so raubt ihn der Schreck gar und setzt Wahnsinn dafür. Die Furcht kann in kleinen Gaben so langsam und so berechnet gegeben werden, daß sie immer mehr ein Reiz des Entschlusses und des Denkens wird als ein Gift beider. Hingegen der Schreck – es sei vor Ton oder Gestalt – ist ein einäschernder Blitz des ganzen Menschen, eine Entwaffnung und Ermordung zugleich. Chiarugi Chiarugi über den Wahnsinn B. I. § 282. führt aus Giasone an, daß Kinder, die rauh und von erzieherischen Schreckbildern erzogen worden, leicht dem Wahnsinn anheimfallen. Ein Schreck kann wohl langes Fürchten erzeugen, aber die Furcht keinen Schreck gebären; denn ihre Phantasie der Zukunft findet jede Gegenwart unter der Zukunft. – Gegen den Schreck gibts, außer der Gesundheit, kein Mittel als Bekanntschaft mit dem Gegenstande; nur das Neue bringt ihn. Der Mutigste kann erschrecken, wie die Römer vor Elefanten, oder wie der tapferste Europäer erschaudern würde vor einer fremdartigen tierischen Massengestalt, z. B. aus dem Jupiter, deren Gifte und Angriffe er nicht kennte. So waffnet denn den Jungen gegen das Wetterleuchten des Zufalls durch elektrische Gewitter, die ihr selber macht. Leider führt die jetzige Sitz-Loge der europäischen Sitzungen in Kollegien und Gelehrten-Vereinen ihre sitzende Lebens- oder Sterbensart, ohne dadurch sonderlich keck zu werden. Bedeutend genug werden alle wichtige Ämter durch Stühle, Schöppen-, Predigt-, Bet-, Lehr-Stühle, bezeichnet, und ihr Lohn durch Abrahams Schoß oder der Apostel zwölf Sessel. Stühle sind, wie, nach dem ärztlichen Ausdrucke, Folgen der Furcht, so leicht deren Ursache. Wer sitzt, wenn der Feind anrennt, verzagt, wie jedes den Anlauf abwartende Regiment beweiset; und mit der Ferse, worin allein des homerischen Achilles Verwundbarkeit lag, entfliehen wir eben den Wunden am besten. Auch in neuern Zeiten bliebe Laufen tapfer, folgte ihm nur kein feindliches Nachlaufen nach. Für die goldenen Brücken, die man fliehenden Feinden bauen soll, erschwänge freilich kein Napoleon Gold genug. Wenn man über jede Sache eigentlich nur einmal erschrickt, nicht zweimal: so glaub' ich, könnte man ja durch scherzhafte Vorspiele den Kindern den Ernst ersparen. Zum Beispiel: Ich gehe mit meinem neunjährigen Paul in einem dicken Wald spazieren. Plötzlich fallen drei geschwärzte und gewaffnete Kerle hervor und uns an, weil ich mit ihnen Tages vorher gegen eine kleine Diebs-Prämie den Überfall abgekartet habe. Wir beide sind nur mit Stöcken gerüstet, die Räuberhorde aber mit Stechgewehr und einer blindgeladenen Pistole. Hier gilt nun nichts als Gegenwart des Geistes und Entschlossenheit. Einer ficht gegen drei – (Paul ist für nichts zu rechnen, ob ich ihm gleich zurufe, einzuhauen) – aber dadurch, daß ich dem einen Schnapphahn die abgedrückte Pistole seitwärts schlage, damit sie mich verfehlt, dem andern mit dem Stocke den Degen aus der Hand legiere, den ich dann selber aufheben um damit auf den dritten loszudringen, dadurch, hoff' ich, soll das Gauner-Gesindel geworfen und in die Flucht gejagt werden von einem einzigen rechten Manne und dessen Föderativ-Sohn. Wir setzen dem zerstreueten Heere noch ein wenig nach, kehren aber, da es ein lebendiges Lauf -Feuer ist, bald um; und ich lasse unter fortwährendem Gespötte über die feindliche Marschsäule – die wie ein wohlgeordneter Büchersaal nichts zeigt als den Rücken – nun meinen Verbündeten selber schließen, wie viel bloße Tapferkeit gegen Überzahl ausrichte, besonders gegen Spitzbuben, welche nach allen Erfahrungen selten Mut besitzen. Allerdings (setz' ich hier in der zweiten Auflage dazu) sind solche Spiele schon ihrer Unwahrheit wegen bedenklich; auch könnten sie nur durch Wiederholung den Nachteil verwischen, welchen immer ein auch nachher in nichts aufgelöstes Erschrecken eindrückt. Recht viele Erzählungen von siegendem Mut sind vielleicht bessere Stärkmittel. Andere Degen- und Mantelstücke – wie die Spanier (nach Bouterwek) ihre Intrigenstücke nennen – wären mit Vorteil in der Nacht aufzuführen, um die Phantasien des Gespensterglaubens zu platter Alltäglichkeit zu entkleiden, ob ich gleich gestehe, daß immer eine Grund-Furcht fest wurzelt, welche nur Gott oder die zweite Welt ausreißen kann. Sogar Gewitterfurcht ist nicht ganz (am wenigsten durch Gründe) auszuwurzeln; besser wirkt ihr noch Ruhe und am besten Lustigkeit der Erwachsenen entgegen. Da das Ungewöhnliche am leichtesten das Fürchterliche wird, so gehört es vielleicht unter die wenigen Vorteile einer städtischen Erziehung, daß die Stadt das Auge und das Ohr eines Kindes gegen mehre Gegenstände abhärtet als ein Dorf. – In Nichts, kaum die Furcht ausgenommen, wächset ein Mensch so schnell als im Mute. Noch würden Nacht-Züge – ferner eine Eidgenossenschaft von mehren Knaben – da die Gesellschaft Mut wie Furcht vermehrt – endlich Geschichten von Überhelden wie der schwedische Karl XII. den Panzer um die Brust immer härter schmieden. § 108 Man erlaube mir noch einige Bestandteile zur Stahlarzenei der Männlichkeit anzugeben, eh' ich zum geistigsten Stärkmittel komme. Folgende Absätze mögen denn wie Zweige dem Gipfel voranstehen. Was überwand vom Fakir an bis zu den Märterinnen des Christentums und der Liebe und der Kinderpflicht und bis zu den Blutzeugen der Freiheit den Körper, die Meinung, den Wunsch, die Folter? Eine das Herz durchwurzelnde Idee. – Nun so gebt dem Knaben irgendeine lebendige, und wär' es die der Ehre: so ist er fähig, ein Mann zu werden. Durch Vorstellung derselben wird jede Furcht bezwinglich. Jedes Kind malt sich irgendeinen Stand, ein Handwerk u. s. w. zum Arbeit- und Trauerhause des Lebens aus, so wie einen andern (gewöhnlich den väterlichen) zum Siehdichum (Belvedère) der Hoffnung. Zerreißet ihm diese irrigen Himmel- und Höllenkarten, die wie Haftbefehle es zu einem Gefangnen der Furcht und des Wunsches entwaffnen. Bringt es – aber nicht durch totes Hören, sondern lebendiges Schauen – in Bekanntschaft mit den Freuden der verschiedensten Stände, damit es auf das Leben als auf die Ebene eines Lustlagers hinschaue, wo sogar der Bediente sein Zeltchen aufgeschlagen hat. Doch ist mehr daran gelegen, daß das Kind keinen dunkeln Stand wehrlos schaue und fliehe, als daß es keinen glänzenden hoffend begehre und erstrebe. Denn die Hoffnung läßt uns mehr Verstand und Glück übrig als die Furcht. Um durch die Tränen-Kelter des Mitleidens einige Groschen und Gefühle für einen Bettler abzupressen, zerquetscht ihr lieber eine Kraft, die sich sogar auf dem Bettler-Lager erhielte. Was gewinnt ihr, als daß der Gescheuchte künftig gern ein paar hundert Bettler macht, um nur keiner zu werden und etwa einem zu geben. Stets lasset Einheit im Knaben regieren; er habe z. B. etwas tun oder haben wollen: zwingt ihn, es zu nehmen und zu tun. Ebenso bietet ihm nichts zweimal an. Überall erbauet in ihm dem Begriffe einen höhern Thron als der Empfindung; begehrt er einen untersagten Gegenstand: so rückt diesen nicht hinweg, sondern höchstens näher, damit er die Empfindung durch Vorstellen besiege. – Euer Gebot stehe daher nackt vor ihm, ohne Nebenzüge oder Nebenreize, die es für ein leichteres ausgeben – durch dieses mildernde Verbergen der Regel wird ja nur der Zufall zum Herrn gemacht, der zu nichts gewöhnt; denn es ist wenig daran gelegen, daß etwas, sondern wie es geschehe. – Ebensowenig verschleiert (wie Mütter tun) ein Versagen; fortdauernde Verschleierungen sind unmöglich; warum wollt ihr nicht durch ein nacktes Nein sie euch ersparen und dem Knaben die Übung des leichten Entsagens geben? Stille Unterordnung unter Willkür schwächt, stille unter Notwendigkeit stärkt – seid denn eine Notwendigkeit! – Gehorsam der Kinder an und für sich hat keinen Wert für sie selber – denn wie, wenn sie nun aller Welt gehorchten? –, sondern nur das Motiv desselben, als verehrender, liebender Glaube und als Ansicht der Notwendigkeit, adelt ihn. Freilich bloß die der Furcht Gehorsamen werden geräderte Gliedermänner, Heuchler, Schmeichler und Ausgelaßne hinter dem Rücken des Treibers. Ihr beugt (oder knickt) die junge Seele, wenn ihr sie (vor dem Alter der Einsicht in politische Unebenheiten) vor jemand anders höflich sein laßt als vor dem bloßen Menschen und Alter; ungebunden von Ordenbändern, blind gegen Sterne und Gold, fasse und schaue sie den Diener und Gebieter des Vaters auf gleichehrende Weise an. Von Natur ist ein Kind gegen jeden Alexander ein Diogenes, und gegen Diogenes ein sanfter Alexander; es bleibe dabei; und jene entnervende Blödigkeit gegen Stände bleibe weg. Nur Größen spannen das Knabenherz gesund; welche aber dehnt, außer der Wissenschaft, es besser aus als ein Vaterland, die Liebe dafür, zumal im Demantmörser der jetzigen Zeit! – Man sollte folglich in Schulen dieses heilige Feuer anblasen; aber wahrlich nicht durch das Exportieren des Tyrtäus, d. h. durch Begeistern für ein altes unter- oder eingesunknes Land, sondern durch das Einführen in Klopstocks Hermanns-Schlacht und Feuer-Oden, ob ich gleich dies wenig von alten Humanisten erwarte, für welche an großen Kunstwerken das Genießbarste ist, was an Elefanten das Schmackhafteste, die Füße . Keine Lehre findet so viele Lehrer als die Glückseligkeit- oder Lustlehre; als ob diese nicht schon in jedem Katzen-, Geier- und anderem Tier-Herzen ihren Lehr- und Thronsitz aufgeschlagen hätte. Wollt ihr lehren, was das Vieh weiß? Soll der Menschgeist als ein Zentaur mit gesporntem Leibe in die geistige Welt einreiten? – Aus welchem Grunde (außer einem schlechten) wird Kindern mehr eigennützige Übertreibung nachgesehen als widerstehende, mehr die Eß- als Streitsucht, als wären Stoßzähne nicht ebenso wichtig als Kauzähne? – Wenn ihr für die reine Würde, Gerechtigkeit und Religion mit etwas anderm begeistert als mit der Gestalt dieser Himmelkinder selber, wär' es auch nur, daß ihr den Vorteil der Brot- oder Magenstudien bloß nebenher als Anhang sehen ließet, anstatt die Lustgüter höchstens als Opfer jenen Göttinnen näher zu bringen: so habt ihr den reinen Geist besudelt und heuchlerisch und klein gemacht; ihr ließt, wie der kalte Norden, den Löwen des Südens zur Katze einschrumpfen, das Krokodil zur Eidechse. Ist das Leben ein Krieg, so sei der Lehrer ein Dichter, der den Knaben dazu mit nötigen Gesängen begeistert; daher gewöhn' er ihn, seine Zukunft nicht für einen Gang von (obwohl schuldlosen) Genüssen zu andern Genüssen, oder gar für eine Lese vom Frühling zum Herbste, von Blumen zu Früchten, sondern für eine Zeit anzusetzen, in der er irgendeinen langen Plan durchtreibt. Kurz, er setze sich den Zweck einer langen Tätigkeit, nicht des Genusses vor. Das Genießen erschöpft sich und uns bald; nie aber das Streben. Ein Mann ist glücklich, der sein Leben z. B. auf die Urbarmachung einer Insel, oder auf die Entdeckung einer verlornen, oder auf die der Meerlänge wendet. In London tötet sich der Reich-Geborne, nicht der Reich-Werdende, so wie umgekehrt nicht der Arme, sondern der, ders wird. Der Geizhals wird alt und weniger lebensatt als lebenfroh, indes der genießende Erbe seines tätigen Sammelns ekel verfalbt. So wollt' ich lieber der Hofgärtner sein, der 15 Jahre eine Aloe pflegt und ausbrütet, bis sie ihm endlich den Himmel ihrer Blüte aufschließt, als sein Fürst, der zum Sehen des offenen Himmels eiligst hergerufen wird. – Ein Lexikonmacher geht, schön wie eine Sonne, täglich auf, um vor ein neues Sternchen seines Tierkreises zu rücken; ein neuer Buchstabe ist ihm ein Neujahrfest (der Abschluß des alten ein Erntefest), und da hinter dem Hauptbuchstaben der zweite des Alphabets, hinter diesem wieder der dritte es wiederholt: so feiert der Mann auf dem Papier oft in einem Tage vielleicht Sonn-, Marien- und blaue Montage. Fürchtet euch nicht vor dem Aufwecken des Ehrtriebes, der doch nichts Schlimmeres ist als die rohe Hülse der Selbst-Achtung, oder die aufgespannten lauten Flügeldecken der zarten Flügel, die von der Erde und ihren Blumen erheben. Um aber die Ehre des Einzelwesens zur Ehre des Geschlechts und diese zur Würde der Geister zu steigern und zu adeln: so teilt euer Lob, zumal an die jüngern, nie an einen Preiswerber, sondern wenigstens an einige zugleich aus; gebt den Ehren-Orden nicht als eine Auszeichnung vor der überstiegenen Stufe, sondern als eine Andeutung und Nachbarschaft der höhern; und endlich gebe das Lob ihnen mehr die Freude über die eurige als den Genuß der Auszeichnung. § 109 Wenn der Mann dem Eisen durch Stärke gleicht, so ist er ihm auch in der Verwandtschaft mit dem Schwefel, bei dessen Berühren die heiße Eisenstange in Tropfen herabfällt, nämlich in der leidenschaftlichen Brennbarkeit ähnlich. Gibt bloße Leidenschaft Stärke? – So gewiß als eine Pariser Revolution Freiheit, oder als Kometen kometenhelle Nächte; nur aber entfliehen sie wieder. Die kräftigsten Menschen der alten Zeit, die Regenten oder Richter ihres Zeitalters und die Muster jedes andern, kamen stets aus der stoischen Schule; und die Leidenschaften dienten ihnen nur als Sturmbalken, nicht als Wäg- oder Tragbalken! Wie mit der Stärke, so ists mit dem Licht, welches Leidenschaften, nach Helvetius' Behauptung, auf ihre Gegenstände werfen sollen; es ist nämlich so, wie (nach Chateaubriand) im Sturme die Klippen vom Wellen-Schaume leuchten und dadurch die Schiffe warnen; – sehr teuere, sehr bewegliche Leuchttürme! Lasset also den Knaben so viel als möglich in die stoische Schule hineinhören – weniger durch Ermahnungen als durch die Beispiele echter Stoiker aller Zeiten; – damit er aber nicht den Stoiker für einen Holländer oder gar für einen stumpfen Wilden halte, so lasset ihn sehen, daß das echte Kernfeuer der Brust gerade in jenen Männern glühe, welche ein durch das ganze Leben reichende Wollen, nicht aber, wie der leidenschaftliche, einzelne Wollungen und Wallungen haben; und nennt z. B. Sokrates und Kato II., die eine ewige, aber darum stille Begeisterung hatten. § 110 Dieses lange Wollen, das jeden innern Aufruhr bändigt, setzt nicht einen bloßen Zweck, sondern End-Zweck – gleichsam eine Zentralsonne aller Umläufe – die Idee voraus. Es kann daher nur ein starkes oder großes Leben geben, nicht aber eine einzelne große oder starke Tat, wie jeder Schwächling eine auch vermag; so wie es nirgends einsam stehende Fels-Berge (obwohl dergleichen Erd-Berge) gibt, sondern nur verbundne stehen als ein Gebirgrücken in den Wolken. Ein ausgesetzter Wille kann nur das Allgemeinste meinen, das Göttliche, es sei die Freiheit, oder die Wissenschaft, oder die Religion, oder die Kunst; je besonderer der Wille angeht, desto öfter bricht ihn die Außenwelt ab. Wie der Mensch im Gegensatz des Tiers, das nur enge Einzelheiten treffen, die empfundne Welt in Gattungen, die gedachte in Kategorien ausbreitet und auf löset: so die Idee die Begehrungen in ein allgemeines umfassendes Streben. Diese Idealität ist von keiner Erziehung zu lehren – denn sie ist das innerste Ich selber –, aber von jeder vorauszusetzen und folglich zu beleben. Leben zündet sich nur an Leben an; mithin das Höchste im Kinde sich nur durch Beispiel, entweder gegenwärtiges, oder geschichtliches, oder (was beides vereint) durch Dichtkunst. Das Gegenwärtige, d. h. das Lebende, hat Großmenschen nicht so leicht bei der Hand und zu Kauf als hallische Zinnfiguren für Kinder. Im weiten und ganzen haben wir sie allerdings – man denke nur an die herzerhebenden Leben-Verachtungen im Freiheit-Kriege, womit Plutarch sich ebensogut als mit den antiken hätte verewigen können; – aber der Plutarch fehlt uns eben; das Große wird, wenn nicht verkannt, doch vergessen; und wir brauchen daher, auch bei der besten Gegenwart, immer die große Vergangenheit, wie Strichvögel den Mondschein, um ins warme Land zu fliegen. Vor dem Halbjüngling richtet man leider! die Eltern und den Hauslehrer und einige Ortangesehene als die Heiligenbilder des Ideals auf: – – schlimm und unnütz! Ein Gebote-Geber und ein Mensch, der vor dem Kinde täglich mit Schlaf- und Gala-Rock wechselt, kann nie jene reinste Empfindung (wofür Chateaubriand die Bewunderung hält) erwecken, in deren Höhe eben alle Sternbilder der kindlichen Ideale gehen und glänzen. Wenn Kinder hinter dem Lichte schöner Muster herzugehen haben: warum lieset man lieber dunklere als glänzende aus? Aber Klio, die Muse der Vergangenheit, steht euch bei, der wieder ihr Vater, Apollo, mit hilft. Erfüllt nur den Knaben mit der verklärten Heldenwelt, mit liebend ausgemalten Großmenschen der verschiedensten Art: so wird sein angebornes, nie erst zu erwerbendes Ideal (denn in jedem schläft eines) rege und munter werden. Ebenso glänze ihm frei jedes poetische Ideal ins Angesicht; sein Auge ist ja vor zwei größern Idealen nicht erblindet, vor dem, das ihm sein Gewissen zu sein befiehlt, und vor der Idee Gott. Campe dringt mit Recht für Kinder auf das Vorkehren der erleuchteten Halbkugel der gegenwärtigen Menschheit; aber gewiß nicht, damit sie dadurch Duldung der Mittelmäßigkeit erlernen – Unduldung wäre besser –, sondern damit der fremde Weltglanz, gesetzt er komme mehr aus Tautropfen als Edelsteinen, ihren Morgen durchleuchte. Was ich für gefährlich halte – ja für gefährlicher als die Vorhaltung Doch aber nur eine seltene; denn es ist gefährlich, das höhere Laster nur zu denken; indes so: ohne Schaden erfährt das Kind z. B. den höchsten, aber ihm bekannten Grad des Hassens, Mords etc.; aber mit Schaden unerhörte Weisen des Mordens, welche dann, je fremder sie es angrausen, es desto mehr mit den kleinen Ausbrüchen der Leidenschaft gemein machen. von Mensch-Teufeln, da jedes Kind ja ohne Schaden von deren Höllen-Oberhaupte täglich hörte –, dies ist das Vorlegen der gemischten Charaktere zur Auslese des Musterhaften an ihnen, indem ihr mit gleichem Rechte ihm seine eigne, ebenfalls gemischte Natur zur Nacheiferung vorführen könntet. Was lernt der Knabe aus jener vielgöttischen Konföderation-Moral anders, als die bequeme Ausgleichung zwischen Siegen und Niederlagen auch auf sich anwenden? Zur Evangeliums-Predigt der Duldung menschlicher Schwächen könnt ihr ja den Text viel näher nehmen – seine eignen. Gegen dieses Idealisieren der Jugend wird nun von pädagogischen Elefantenjägern – die das Große jagen, um es zahm, lastbar und zahnlos im Stalle zu haben – sehr scheinbar und weitläuftig eingewandt: »dies alles sei ganz vortrefflich, aber nur für Romanwelten. – Was könne aus dergleichen Überspannung des jungen Menschen weiter kommen als ein unsinniges Anstarren und Anfallen der Wirklichkeit-Welt, von der er einmal leben müsse und die sich schwerlich nach den Träumen eines Unmündigen und Unbärtigen richten dürfte. – Es gebe, um so zu reden wie Romanenschreiber, weder Phönixe, noch Basilisken, aber doch sonst ordentliches Land- und Wasser-Gevögel. – Kurz, der junge Mensch habe sich in die Zeit und Welt zu schicken, da es ja der alte auch tue, und seine leeren Riesenbilder abzudanken. – Auch hier führe der Mittelweg recht: nämlich der Jugend werde gesagt, so und so könnten vielleicht die Menschen sein; aber da sie nicht so wären, müsse man es nicht genau nehmen, sondern für den Staat leben, worin man lebe – und jenes Idealistische erhalte eben nur Wert und Nutzen, insofern es einen für die benützende und benützte Wirklichkeit erweise; daher, ordentlich allegorisch, in Zürch jeder Gelehrte, der Gottes-, der Rechts-, der Schulgelehrte, stets in eine Zunft, in die Schusterschaft, Weberschaft oder andere, eingeschrieben sein müsse. – Und nur so, aber nicht anders werde man dem Vaterlande immer Bürger ziehen, die ihrer Eltern und Erzieher würdig seien.« – Letztes nehm' ich an! Aber o Himmel, also was Welt und Zeit ohnehin entkräften, dies wollt ihr schon gleich kraftlos ins Feld stellen? Und ordentlich handelt ihr, als ob von den spätern Jahren, von den Niederungen des Lebens allmähliche Erhebung zu erwarten wäre, anstatt Versenkung, und man nicht zuvorzukommen und zu übereilen habe? – Solltet ihr nicht wenigstens mit den geistigen Augen umgehen wie mit leiblichen, vor die man anfangs nur Hohlgläser vorlegt, die am wenigsten verkleinern, weil ohnehin deren Gebrauch immer hohlere und mehr verkleinernde abzwingt? – Das Schlimmste, was ihr zu meiden sucht, ist nur, daß ein Jüngling etwa ein Wirkliches zu seinem Ideal verkläre; aber das Schlimmere, was ihr erstreben wollt, ist, daß er das Ideale zum Wirklichen verdunkelt und beleibt? – O es geschieht genug, davon ohne euch; die reife Sonnenblume wendet sich nach der Sonne nicht mehr mit ihrer dicken Körner-Scheibe. – Der Rhein findet seine Ebene bald, durch die er ohne glänzende Wasserfälle sich schiebt und seine Lasten nach Holland schleppt. – – Was ist aller Gewinn, den die junge Seele aus der Vermeidung einiger Fehltritte und Fehlblicke zieht, gegen den entsetzlichen Verlust, daß sie ohne das heilige Feuer der Jugend, ohne Flügel, ohne große Plane, kurz so nackt in das kalte enge Leben hineinkriecht als die meisten aus demselben heraus? – Wie soll ohne die ideale Jugend-Glut das Leben reifen, oder der Wein ohne August? – Das Schönste, was die Menschen taten, fiel' es auch in ihre kältere Jahrszeit, was nur spät aufgehender Samen, den der Lebenbaum des kindlichen Paradieses getragen hatte; gleichsam realisierte Jugend-Träume. Oder saht ihr nie, wie ein Mensch von einem einzigen Götterbilde seiner Frühzeit durch das ganze Leben regiert und geleitet wurde? Und wodurch wollt ihr dieses führende Wagengestirn ersetzen als etwa durch den Brotwagen des klugen Eigennutzes? – Endlich: was tut denn dem Menschen eigentlich not? Wahrlich nicht etwa die Kraft der Opfer für das Beste – denn es erscheine nur einmal in der Wirklichkeit ein Gott, oder wie im waagrechten Frankreich eine Göttin (die Freiheit), so entäußert der Mensch sich gern alles Menschlichen, wessen die Göttlichkeit nicht bedarf –, sondern etwas anders als Stärke hat er nötig: Glauben und Schauen einer Gottheit, die die Menschenopfer besserer Art verdient. Hinter einem voranziehenden Gott würden alle Menschen Götter. Tilgt ihr aber das Ideal aus der Brust, so verschwindet damit Tempel, Opferaltar und Alles. Zweites Kapitel Wahrhaftigkeit § 111 Wahrhaftigkeit – nämlich die absichtliche und die opfernde – ist weniger ein Zweig als eine Blüte der sittlichen Mann-Stärke. Schwächlinge müssen lügen, sie mögen es hassen, wie sie wollen. Ein Droh-Blick treibt sie mitten ins Sündengarn. So besteht der Unterschied unsers Zeitalters vom Mittelalter weniger im Dasein von Frevel, Härte und Wollust – denn diese, besonders letzte, hatte vor Amerikas Fund die Mittelzeit gewiß reichlich – als im Mangel an Wahrhaftigkeit; man sagt aber nur darum nicht mehr: ein Wort ein Mann, weil man sagen muß. ein Mann (ist nur) ein Wort. Die erste Sünde auf der Erde – zum Glücke beging sie der Teufel auf dem Erkenntnisbaum – war eine Lüge; und die letzte wird auch eine sein; und den Wachstum an Wahrheiten büßet die Welt durch Verarmung an Wahrhaftigkeit. § 112 Die Lüge, der fressende Lippenkrebs des innern Menschen, wird vom Gefühle der Völker schärfer gerichtet und bestimmt als von den Philosophen. Die Griechen, die ihren Göttern so viel ungestraft erlaubten als sich jetzo deren Ebenbilder, die Erdengötter, verurteilen jene für einen Meineid – diese Wurzel- und potenzierte Lüge –, ein Jahr im Tartarus leblos unter Schimmel fest zu liegen, und neun Jahre Qualen zu dulden. Der alte Perser lehrte sein Kind aus der ganzen Sittenlehre nichts als die Warhaftigkeit; so schön setzt sich die grammatische Ähnlichkeit seiner Sprache mit der deutschen auch als moralische fort. Das alte Stammwort von Lügen ist nach Anton Dessen Geschichte der deutschen Nation, I. S. 66. liegen; wahrscheinlich in Bezug auf den unterwürfigen Knecht, der weder Geist noch Leib aufrichten darf. Lüge und Diebstahl – der als eine handelnde Lüge ehrlos macht, nicht aber der Mord – und die Ohrfeige, welche der Altdeutsche mehr floh als die Wunde, werden von diesem in seinen Spruchwörtern einander nahe gebracht; und sein Anverwandter, der Engländer, kennt noch kein größeres Schimpfwort als Lügen. Das deutsche Turnier war dem Lügner Schmidts Geschichte der Deutschen. B. 4. so gut versperrt als dem Mörder; was freilich das größte Turnier anlangt, den Krieg, so öffnet die größte Lügenhaftigkeit einem Fürsten, mit welchem kein wahrer Vertrag und Friede zu machen ist, die Schranken zur ritterlichen Übung des Kriegs. Kann sich dieser Haß falscher Hauche bloß auf die Verletzung gegenseitigen Rechts und Vertrauens oder auf den Schaden gebrochner Verträge gründen? – Dann widerspricht jene andere Erscheinung, daß wir lügendes Handeln viel leichter verzeihen, ja wählen als lügendes Sprechen. Die Tat, die Mimik, das Schweigen lügen öfter als die Zunge, welche der Mensch, solange er nur kann, vom häßlichen Belegen der Lüge – als ein Krankheitzeichen des innern Menschen – rein zu bewahren sucht. Himmel! sind wir nicht, ohne es zu wissen, schon an so viele Fiktionen utriusque (des Rechts und der Dichtkunst) an politische geheime Artikel – Afterlehne – Vice-Menschen – Zeremonienmeister – Komödien und Komödienproben – falsche Adern, Zähne, Waden u. s. w. duldend gewöhnt, ohne daß wir darum weniger erschrecken, wenn ein Mensch eine reine Lüge ausspricht? – Welche Verfälschungen überall, von dem sonst so lügenscheuen London an, wo dreiviertel falsches Geld Colquhoun. umläuft, bis nach Peking, wo die bekannten hölzernen Schinken feil stehen, in Schweinhaut eingebunden! Grosier. – Wenn der vornehme Krieg- und Hofmann sich weniger eines Betrugs, eines Bankerutts schämt als einer Lüge, über deren Vorwurf er sich immer schießt und sticht; – und wenn Weltleute, ja selbst Moralisten sich lieber lügende Vieldeutigkeit ihrer Handlungen als eine scharfe Lüge verstatten; – wenn endlich keine Schamröte über eine Sünde so brennend ist als über eine lügende: so muß das Wort etwas Höheres sein als die Tat, die Zunge mehr als die Hand? – Aus der bloßen mimischen Vieldeutigkeit der Handlung – im Gegensatz der wörtlichen Eindeutigkeit – beantworten sich die Fragen nicht ganz, da jene der Tat oft mangelt, und da man sich bei aller Entschiedenheit des Tuns oft über die des Aussprechens bedenkt. – Man schämt sich nicht, dem andern Wesen Anfeindung und Untergraben, aber wohl ihm eine Lüge ins Gesicht geständig zu sein. § 113 Was macht sie nun so unheilig? Es ist dieses: zwei Ich sind einander wie auf Inseln entrückt und versperrt im Knochen-Gitter und hinter dem Haut-Vorhang. Bloße Bewegung zeigt mir nur Leben, nicht dessen Inneres. Selber das beseelte Auge spricht oft aus einer bloßen Raffaels-Madonna, die keinen Geist behauset, und das Wachsfigurenkabinett ist hohl und das Affen-Ich taubstumm. Durch welchen verklärten Leib wird nun das Menschen-Ich eigentlich sichtbar? – Bloß durch die Sprache, diese menschgewordne Vernunft, diese hörbare Freiheit. Ich rede von der allgemeinen angebornen Sprache, ohne welche alle besondere, als deren Mundarten, weder verständlich wären, noch möglich. In ihr allein tut sich – indes Instinkt und Maschine alle übrigen Zeichen des Lebens nachspielen können – die Freiheit eines Gedanken-Schöpfers durch eine freie Gedanken-Welt einem andern kund, und dieser Herold und Gesandte (Bathkol) der Freiheit begründet die Sittlichkeit, indem er die Ich wie Fürsten einander ankündigt. Das Zungenband ist das Seelenband, und es gibt keinen andern Gebrauch als Sprachgebrauch. Mit dem Munde wird zugleich das Geister-Testament geöffnet und der letzte Wille eingesehen. Nur durch das jetzige Übertragen des beweglichen Redens ins ruhende Schreiben oder Malen, durch dieses festmachende Kreuzigen der Seelen-Hauche hat die Gewalt der Rede und die Schwärze der Lüge scheinbar verloren; denn da alles nur Zeichen ist, so kann jedes Zeichen ins Unendliche wieder bezeichnet werden. Nun aber trete ein Mit-Ich daher und sage mir die reine Lüge! Wie vernichtend! Sein Ich ist mir verflogen, nur die Fleisch-Bildsäule dageblieben; was sie spreche, ist, da sie das Ich nicht ausspricht, so bedeutunglos als der Wind, der mit allem Geheul doch keinen Schmerz anmeldet. Ein Wort vertilgt oder entziffert oft eine Tat, aber schwerer umgekehrt; und nur eine Taten-Reihe nimmt einem Worte den Stachel ab, oder gibt ihn der Zunge wieder. Der ganze Zauberpalast der Gedanken eines Menschen ist mir durch einen einzigen Laut der Lüge unsichtbar geworden, da eine alle gebiert. – Was hätt' ich noch mit dem zu reden, der seine eigne Kempelsche Sprachmaschine ist oder herumführt, indem er als Kempele andere Gedanken hat, als er eben auf der Maschine vororgelt? – Außerdem gibt er mir (eine Verletzung nicht über die Hälfte, sondern über das Ganze) für mein Ich eine Maschine, für meine Wahrheiten Irrtümer und bricht die Geisterbrücke ab, oder macht sie zu seiner Fall- und zur Aufziehbrücke gegen andere. § 114 Jetzo zu unsern lieben Kindern zurück! In den ersten fünf Jahren sagen sie kein wahres Wort und kein lügendes, sondern sie reden nur. Ihr Reden ist ein lautes Denken; da aber oft die eine Hälfte des Gedankens ein Ja, die andere ein Nein ist, und ihnen (ungleich uns) beide entfahren, so scheinen sie zu lügen, indem sie bloß mit sich reden. – Ferner: sie spielen anfangs gern mit der ihnen neuen Kunst der Rede; so sprechen sie oft Unsinn, um nur ihrer eignen Sprachkunde zuzuhören. – Oft verstehen sie ein Wort eurer Frage nicht (z. B. die Kleinern verwechseln heute, morgen, gestern; so die Zahlen und Vergleichgrade) und geben mehr eine irrige als lügenhafte Antwort. – Wie sie überhaupt ihre Zunge mehr zum Spiele als Ernste verbrauchen, z. B. ihrem Puppenhelden, wie ein Minister oder ein Geschichtschreiber dem seinigen, lange Reden vor- und einsagen: so wendet dieses Spielsprechen sich leicht an lebendige Menschen. – Kinder fliegen überall auf die warme Morgenseite der Hoffnung zu; sie sagen, wenn der Vogel oder Hund entflohen ist, ohne weitere Gründe: er wird schon wiederkommen. Da sie aber Hoffnungen, d. h. Einbildungen durchaus nicht von Nachbildungen oder Wahrheiten ablösen können: so nimmt wieder ihr Selbsttrug eine Lug-Gestalt an. So malte mir z. B. ein auf Fragen wahrhaftiges Mädchen häufig Erscheinungen des Christkindchen aus, und was dieses gesagt, getan u. s. w. Dabei muß man noch fragen, ob nicht Kinder oft erinnerte Träume, die ihnen notwendig mit erlebten Geschichtchen verschmelzen, erzählen, wenn sie dichten und lügen. Hierher gehört noch das sprechende Necken aus Überfülle der Kraft im achten, zehnten Jahre der Knaben. Denn der echte Lügner scherzt wenig; und der echte Scherztreiber lügt nicht, vom scharf-offnen Swift an bis zum Erasmus zurück, der sogar eine körperliche Antipathie gegen Lügner empfand, so wie gegen Fische. Paravicini Singularia de viris claris. Cent. II. 38. In allen diesen Fällen, wo dem Kinde in keinem rechten schwarzen Spiegel die Gestalt der Lüge vorzuhalten ist, sage man daher bloß: mache keinen Spaß, sondern Ernst. Endlich noch wird gewöhnlich eine Unwahrheit über zukünftige Tatsachen mit einer über vergangne verwechselt. Wenn wir bei Erwachsenen den Bruch der Amteide, welche eine Zukunft versprechen, nicht jenen schwärzern Meineiden gleichstellen, welche eine Vergangenheit aussprechen: so sollten wir doch noch mehr bei Kindern, vor deren kleinem Blicke sich die Zeit, so wie der Raum, größer ausdehnt, und für welche schon ein Tag so undurchsichtig ist als für uns ein Jahr, Unwahrheit der Versprechungen weit von der Unwahrhaftigkeit der Aussagen absondern. Etwas anderes oder Schlimmeres ist freilich die Geschichtlüge, die sich eine Zukunft erst erlügen will. Wahrhaftigkeit, welche für das Wort als Wort sogar blutige Meßopfer bringt, ist die göttliche Blüte auf irdischen Wurzeln; darum ist sie nicht die zeit-erste, sondern die letzte Tugend. Schon der einfache Wilde ist voll Trug, mündlich und handelnd; der Bauer braucht zu einer Ablüge Ablüge könnte Vergangenheit, Vorlüge Zukunft bezeichnen. nichts als die kleinste Gefahr; nur Vorlüge nimmt er für nicht ehrlich genug und will Wort halten . Und gleichwohl fodert ihr vom Kinde, dem ihr Erziehung erst geben wollt, schon die letzte feinste Frucht derselben? – Wie sehr ihr irrt, seht ihr daraus, daß die zuweilen lügenden Kinder wahrhafte Menschen geworden (war sonst alles gleich), und ich berufe mich auf die Rousseauschen Bandgeschichten jedes Gewissens. Indes gibts zwei entschiedene Lügen nach den zwei Zeiten, da nicht anders als entweder in die Zukunft hinein, oder in die Vergangenheit zurück zu lügen ist, – nämlich die erste erscheint, wenn das Kind durch trügendes Tun und Wort auf irgendeine Beute losgeht, die zweite, wenn es fürchtend seine eigne Handlung abschwört. Was ist hinter beiden zu tun? – § 115 Was ist aber vor beiden zu tun? Dies ist die Frage. – Das Kind, vom engen heißen Glanze seines Ich geblendet und wie vergittert, macht den Anfang der Erkennung der Sittlichkeit nur an fremden Ich; und erkennt nur die Häßlichkeit einer gehörten Lüge , nicht einer gesagten. Nun so zeigt ihm den Thron fremder Wahrheit neben dem Abgrunde fremden Trugs; seid, was ihr ihm befehlt, und wiederholt oft, daß ihr auch das Gleichgültigste bloß tut, weil ihr es vorausgesagt. Es wirkt gewaltig auf sein kleines Herz, wenn es den Vater, der ihm eine Art freier Universalmonarch zu sein scheint, zuweilen klagen hört (freilich in Fällen der Wahrheit, denn die kindliche werde nicht auf Kosten der elterlichen angebauet): er gehe jetzo z. B. ungern mit ihm aus, aber er hab' es versprochen und müsse es nun ungern halten. – Hat das Kind etwas versprochen , so erinnert es auf dem Wege dahin öfters daran, ohne weiteres Wort als: du hasts gesagt; und zwingt es zuletzt. Hat es aber etwas begangen : so kann eure Frage darnach, die so leicht eine peinliche wird, nicht genug schonen. Je jünger es ist, desto weniger fragt, desto mehr scheint allwissend, oder bleibt unwissend. Bedenkt ihr denn nicht, daß ihr Kinder auf eine Feuerprobe setzt, welche ein Huß und andere Märterer bestanden, wenn ihr solche enge Wesen – für welche der drohende Vater ein peinlicher Richter, ein Fürst und ein Schicksal ist, seine Zornrute ein Jupiter-Keil wird, die nächste Qualminute eine Ewigkeit der Höllenstrafen – mit bedecktem Zorne und durch die Aussicht einer Folter nach dem Bekenntnis in den Wechselfall versetzt, entweder dem Instinkt, oder einer Idee zu gehorchen? – Zur Wahrheit gehört, wenigstens jünger, Freiheit; unter dem Verhöre steht der Verbrecher ohne Bande da, und als Widerspiel des Proteus steht der Mensch nur ungebunden zu Rede. Je freier lassend die Erziehung, desto wahrer das Kind; so waren alle wahrheitliebenden Völker und Zeiten, von den deutschen bis zu den britischen, freie; das lügende Sina ist ein Kerker, und romanizare (römern) hieß lügen, als die Römer Sklaven waren. Gleichwohl sei nicht der Erlaß der Strafe – wenigstens nicht der wiederholte – der Reiz und Preis der Wahrheit; ein act of indemnity (Erlaß der Verantwortlichkeit), welcher das Kind so wenig gut und wahr machen würde als überstandene Folter den ungestraften Dieb. – Müßt ihr ausfragen: so tut es mit Liebe-Worten und kündigt überall der Lüge gerade die Verdoppelung des Schmerzens an, den sie verhüten wollen. Ist aber eine Lüge dem Kinde erwiesen: so sprecht das Urteil »schuldig«, nämlich »gelogen« mit erschrockenem Tone und Blick, mit dem ganzen Abscheu vor dieser Sünde gegen die Natur und den heiligen Geist feierlich aus und legt die Strafe auf. Nur für die Lüge würd' ich eine Ehrenstrafe zulassen, welche jedoch ebenso feierlich, plötzlich und bestimmt aufgehoben werden muß – um nicht durch allmähliche Verkleinerung anzugewöhnen – als aufgelegt. Die Irokesen schwärzen das Gesicht dessen, der lügend einen Helden besingt. Die Siamer nähen lügende Weiber-Lippen – gleichsam als Wunden, wenn sie offen ständen – zu. Ich habe nichts gegen das Schwärzen – vielmehr hab' ich selber die Lüge vielleicht etwas hart zuweilen mit einem Dintenfleck auf der Stirne bestraft, der bloß nach Erlaubnis durfte abgewaschen werden, und der sich tief ins Bewußtsein ätzte –, aber ich habe noch mehr für die siamische Lippen-Sperre, nämlich für das Verbot, zu sprechen , wenn man schlecht gesprochen. Wie die ersten Deutschen den römischen Advokaten die Zungen ausschnitten, aus demselben Grunde schickt das gemißbrauchte Glied, das dem Geiste schlechter als dem Magen dient, ins La Trappe-Kloster. Ich glaube, diese Strafe, die der Schlange, wie ein Paulus auf Malta, die Zunge versteinert, ist gerechter, leichter und bestimmter als die andere, womit Rousseau und Kant ein Lügenkind belegen, daß man nämlich ihm eine Zeitlang nichts glaube, d. h. nichts zu glauben scheine . Hier lügt ja aber der Richter selber unter dem Strafen des Lügens; und wird nicht der kleine Züchtling dieser Verstellung durch das Bewußtsein, eben wahr zu sein, nicht näher kommen? Wo und wie endlich wollt ihr den einmal unentbehrlichen Rücksprung vom Unglauben zum Wiederglauben tun und motivieren? Indes mag Kants Strafe doch zuweilen für erwachsene ausgebildete Töchter gelten und wirken. Befehlt keinem Kinde in den ersten sechs Jahren, etwas zu verschweigen, und wär' es eine Freude, die ihr einem geliebten Wesen heimlich zubereitet; den offnen Himmel der kindlichen Offenherzigkeit darf nichts verschließen, nicht einmal die Morgenröte der Scham; an euren Geheimnissen werden sie sonst bald eigne verstecken lernen. Die Heldentugend der Verschwiegenheit fodert zu ihre Übzeit die Kraft der anreifenden Vernunft; nur die Vernunft lehrt schweigen, das Herz lehrt reden. Daher und aus andern Gründen find' ich, wenigstens im ersten Jahrfünf, das Verbot, zu fodern, falsch; besonders wenn es die Mutter mit dem Bleizucker des Versprechens, alsdann zu geben, versetzt. – Sind denn Wünsche Sünden, oder ist das Bekennen derselben eine? Wird nicht, während das Schweigen dem Geben auflauert, eine lange Genuß- und Lohnsucht und eine lange Verstellung unterhalten und genährt? Und ist nicht das ganze Abschlagen viel leichter nach der kurzen Bitte auszusprechen als nach dem langen Warten? Aber das Fehlgebot kommt eben aus dem mütterlichen Unvermögen, ein schnelles, leichtes, allmächtiges Nein zu sagen. Verschmäht allerlei kleine Hülfen nicht. Dringt z. B. dem Kinde nicht eine schnelle Antwort ab; vor Eile fährt leicht eine Lüge heraus, die es dann mit einer neuen verficht. Gebt ihm einige Besinnzeit zur Rede. – Ferner: bedenkt auch bei euern gleichgültigsten Versicherungen und Behauptungen – und zwar eben, weil es euch gleichgültige sind –, daß Kinder überhaupt ein besseres Gedächtnis besitzen als ihr, aber besonders für und wider euch, und daß ihr sie also mit jedem gefährlichen Scheine euerer schuldlosen oder voreiligen Unwahrhaftigkeit zu verschonen habt. – Verf. dies hat sich zuweilen gefragt, ob nicht der Wahrheit-Sinn der Kinder sich an Sprichwörterspielen und an Kinderkomödien verletze. Für kindliche Sprichwörterspiele spricht – außer dem Zwang-Reize zu augenblicklichem Schöpfungen – mehr als für Kinderkomödien noch dieses: daß eigentlich Sprichwörterspiele nur fortgesetzte und höhere Nachspiele der Marionetten- und Puppenspiele sind, welche ja früher die Kinder mit ihren Puppen- und Mitgespielen ohne Einbuße der Wahrhaftigkeit extemporierten, als ob sie schon hinter das nachgespielte Leben sich vor der rauhen Luft des wirklichen flüchten wollten. Im Sprichwörterspiel lebt das Kind, zugleich Dichter und Spieler, zwar in einem fremden Charakter, aber zugleich mit ungeborgter, von der warmen Minute eingegebnen Sprache. Im Kinderschauspiel lernt es kalt die Vorspieglung (simulatio) des Charakters und der Sprache auswendig für eine warme Vorspieglung beider. Auch gewinnt die Wahrhaftigkeit noch dies bei dem Sprichwörterspiele, daß das Kind wenigstens der veränderlichen Gegenwart aus eigner Brust zu antworten hat, indes bei der gelernten Komödie jede Antwort schon seit Wochen ausgefertigt, mitgebracht wird. Da übrigens noch die innere allgemein-menschliche Ausbeute, ungeachtet aller künstlerischen, sogar bei großen Schauspielern nicht bedeutend ins Gewicht fällt: so sollte man daher eine Übung, worin der Gewinn noch zweifelhafter ist als der Verlust, Kindern – erlassen. Unsere Voreltern erhöhten jede Lüge zu einem Meineide, indem sie die Kinder immer auf Gottes Allgegenwart hinwiesen; und warum soll diese Eides-Verwarnung, welche die Sünde durch das aufgeregte Bewußtsein des Göttlichen erschwert, so wie verdoppelt, nicht noch Kindern gehalten werden? Endlich: da Wahrhaftigkeit als Bewußtsein und Opfer die Blüte, ja der Blütenduft des ganzen sittlichen Gewächses ist: so entfaltet nur mit und auf diesem jene. Bloß abzuwehren habt ihr das Unkraut, indem ihr Freiheit gebt, sieghafte Versuchungen erspart und seelenkrümmende Gewohnheiten (z. B. den Kinder-Dank für Prügel, Kinderkomplimente vor Fremden) verbietet. Drittes Kapitel Bildung zur Liebe § 116 Liebe, sagt' ich § 103 , sei die zweite Halbkugel des sittlichen Himmels, sie wende sich nach außen, wie die Würde nach innen u. s. w. Noch aber ist das heilige Wesen der Liebe wenig ergründet, weder von der Romanen-Schreiberschaft, die, wie selbsüchtige Weiber, sie mit der verliebten vermengt, noch von den bloß begreifenden Philosophen, für welche ihre Tiefe teils ein Trieb, der außerhalb und unterhalb des kategorischen Imperativs (Sittengesetzes) belegen ist, teils bloße Gerechtigkeit, d. h. Vernunft-Liebe wird, und denen Liebe und Poesie als ein Paar überflüssige, hinter den brauchbaren Armen zur Entstellung eingesetzte Flügel vorkommen. Nur Plato, Hemsterhuis, Jacobi, Herder – und wenige Ebenbilder – brachten in die Weisheitliebe (Philosophie) Liebeweisheit. Wer Liebe die eigentliche positive Sittenlehre nennte, würde wenigstens von einem großen Menschen nicht verdammt – von Jesus Christus, dem Schöpfer der ersten Liebe-Religion mitten in einem völkerfeindlichen Judentum und menschenfeindlichen Zeitalter. Doch das Wesen der Liebe – dieser alles zusammenhaltenden Gottheit, der eigentlichen göttlichen Einheit des All, und in welcher das Ich viel mehr meint, als es versteht – fodert einen andern Ort der Untersuchung. § 117 Die Liebe ist eine angeborne, aber verschieden ausgeteilte Kraft und Blutwärme des Herzens; es gibt kalt- und warmblütige Seelen, wie Tiere. Manche sind geborne Ritter von der Liebe des Nächsten Der Orden, worauf ich anspiele, wurde von der Gemahlin Karls III. von Spanien gestiftet. , wie Montaigne; manche bewaffnete Neutralen gegen die Menschheit. Für diese Kraft aber, sei sie nun als ein heiliger brennender Busch, oder nur als Zunder-Funke da, hat die Erziehung auf zwei Weisen zu sorgen, durch die abwehrende und durch die entfaltende. Unter der abwehrenden mein' ich folgendes. Das Kind fängt mit Selbsucht an, die uns so wenig beleidigt als die tierische, weil das noch vom Bedürfnis überhüllte, verfinsterte Ich bis zu keinem zweiten sich durchfühlen kann, sondern die Ich-Welten als eine eigne sich ankörpert. Insofern findet das Kind außer sich so wenig etwas Lebloses als an sich; es verlegt seine Seele als Weltseele in alles. Ein zweijähriges Mädchen – und dies tun alle Kinder – personifizierte außer dem, was ich schon im ersten Teile angegeben, z. B.: »die Türe (die aufging) will hinausgehen – ich will dem Frühling einen Kuß zuwerfen – ist der Mond gut, und weint er nicht?« – – Diese den Kindern eigentümliche Belebung alles Unbelebten gibt einen neuen Grund, warum man ihnen verwehren muß, etwas Lebloses feindlich zu behandeln. § 118 Gleichsam ist die Liebe beim Kinde, wie beim Tiere, schon als Trieb lebendig, und dieses Zentralfeuer durchbricht in der Gestalt des Mitleids oft seine Erdrinde, aber nicht immer. Ein Kind ist nicht nur gegen Schmerzen der Tiere, ferner gegen sonst unverwandte (außer wo das leidende Herz einen Qual-Schrei in seines tut), sondern sogar gegen verwandte oft kalt. Mit Gefallen stellen sich tadellose Kinder oft um den Richtplatz, wo ein anderes soll gezüchtigt werden. Eine zweite Erfahrung ist, daß Knaben, der glühenden Mannbarkeit näher wachsend, gerade die wenigste Liebe, die meiste Neckerei, Schadenlust und Eigensucht und Herzens-Kälte zeigen, so wie sich kurz vor Aufgang der Sonne die Nachtkälte verdoppelt. – Aber die Sonne kommt und erwärmt die Welt; – die Überfülle der Kraft geht in Liebe über; der feste Stamm beschließt und ernährt das Mark – der neckende Halbjüngling wird ein liebender Jüngling. – Die zweite oben gedachte Erfahrung von kindlicher Herzlosigkeit löset sich gleichfalls in die entgegengesetzte der Herzlichkeit auf, sobald nur die angeschaueten Schmerzen des Züchtlings sich dem Kinde durch die Vergrößerung nähern; d. h. keiner neuen Wunde fehlt ein zuweinendes Auge. Folglich habt ihr nicht sowohl die Blütenknospe der Liebe einzuimpfen, als das Moos und Gestrüppe des Ich wegzunehmen, das ihr die Sonne verdeckt. Jeder will gern lieben, falls er nur dazu könnte und dürfte. Wo eine Ader schlägt, ruht ein Herz im Hintergrunde; wo irgendein Liebetrieb, dahinter die ganze Liebe. Das eigensüchtige Unkraut pflanzt ihr aber, anstatt es auszuziehen, wenn ihr vor Kindern über eure Nachbarschaft, oder gar eure Stadt, verachtende (wenn auch gerechte) Urteile fället. Woran soll sonst das Kind die Welt lieben lernen als am Nächsten und Täglichen? Und liebt man, was man verachtet? Oder wollt ihr zur Liebe gegen verachtete Gegenstände durch Predigten erhitzen? – Da jede Auszeichnung eurer Kinder vor der Nachbarschaft, sie bestehe in Stand, im Betragen, sogar im glänzenden Ausbilden, sie an ihr Ich auf Kosten fremder Ich erinnert: so kommt leicht noch die Auszeichnung im – Hassen dazu. Sagt nie zu euern Kindern, daß fremde schlecht erzogen werden. Ich sah oft ganze Familien durch solche Verkehrtheit in Beobacht- und Berenn-Truppen des Hasses verwandelt, ganze Häuser mit Schmollwinkeln ausgebauet, wo man, seiner selber voll, nur die eignen Foderungen zum Gewicht, die fremden zur Ware machte und allgemein geliebt sein wollte. Wird den Kinder-Herzen eine Großstadt dadurch nachteilig, daß sie die vornehme Menschen-Neutralität annehmen müssen, weil zu viele Unbekannte, mithin Gleichgültige ihnen vorüberziehen; so muß ihnen eine Kleinstadt mehr schaden, wenn sie so viele verachten und hassen, als sie kennen, nämlich jeden. Der platte Befehl: vergebt dem Sünder, heißt den Kindern nur: haltet ihn für keinen; besser trefft ihrs, wenn ihr – zumal selber als Gegenstände der Ungerechtigkeit – sie das schuldige Mit-Ich von dessen Flecken scheiden, die Tat und nicht den Täter richten lehrt, besonders um durch die Vergleichung der Sachen und Rechte die der Personen zu hindern oder zu adeln. Ebenso werde nur die Tat, nicht das Kind gelobt. Die Eltern nennen die Kinder zu oft beim Namen. Sagt doch nicht: »ei die artige Louise«, sondern sagt:»dies ist artig« – höchstens noch: »du bist ja so artig wie Friederike.« § 119 Indem man aber das bloße Niederdrücken des Selbstes, dieser Kühlanstalt, schon als eine Erwärmunganstalt für das fremde voraussetzt. nimmt man an – was richtig ist –, daß wir nichts zur Liebe brauchen als bloß, daß sie nicht gehindert werde. Dies führt uns auf das zweite Erhalt- und Erreg-Mittel derselben, nämlich: bringe nur deinem Kinde das fremde Leben und Ich lebendig genug vor das seinige, so wird es lieben, weil der Mensch so gut ist, daß sozusagen der Teufel nur einen schwarzen Rahmen um das göttliche Ebenbild geschnitzt und gespannt hat. Der Stamm des Ich nährt mit demselben Safte eigne Fruchtzweige und eingeimpfte. Das Erregmittel besteht in Versetzung in fremdes Leben – und in Achtung für Leben überhaupt. Über die Übersetzung ins fremde Leben, durch welche die Gutartigkeit unserer Natur allein alle Liebe entwickeln kann, sind nach den schon gedruckten Worten Siebenkäs' Leben B. I. die Abhandlung über die Liebe . hier wenige beizudrucken. Einzelwesen, ja Völker sterben oft, ohne je sich an eine andere Stelle gedacht zu haben als an die ihrige; wie schwer ist mithin ein Kind aus der seinigen zu rücken in die fremde! Der Mensch breitet gewöhnlich sein Ich zu dieser Annahme einer fremden Natur nur dann aus, wenn er bei dem Kriege zweier fremder Ich sich aus dem einen ins andere, nicht aber, wenn er, im eignen Kriege, sich aus seinem ins feindliche zu setzen hat. Auch ist dieses repräsentative System des Nächsten eine Anschauung, und folglich nicht immer in unserer Gewalt. Ich entscheide nicht, ob nicht vielleicht die reifern Kindern durch gewisse Spiele, wo ein Kind des andern Namen und Wesen nachspielte, oder durch farbig ausgemalte Erinnerung an ähnliche Lagen früher zu jener Anschauung zu bilden sind; aber etwas anders läßt sich mit schönerer Hoffnung des Glücks dafür tun. § 120 Nämlich das Kind lerne alles tierische Leben heilig halten – kurz man gebe ihm das Herz eines Hindus, statt des Herzens eines kartesischen Philosophen. Es ist hier von etwas Höherem als Mitleiden mit Tieren die Rede; wiewohl auch von diesem. Warum hat man längst bemerkt, daß Kinder-Grausamkeit gegen Tiere eine gegen Menschen weissage, wie die alttestamentlichen Opfer der Tiere das neutestamentliche Opfer eines Menschen bedeuteten? – An und für sich kann der kleine Mensch nur die Schmerzen nachempfinden, die ihn mit den angebornen Tönen der seinigen anreden. Folglich kommt ihm das unförmliche Krieg-Geschrei des gemarterten Tiers nur wie ein seltsames unterhaltendes totes Wind-Getöne vor; aber da er doch Leben, Selbstbewegung sieht, ja beide dem Unbelebten eindichtet: – so versündigt er sich am Leben, indem ers auseinanderhebt wie ein Räderwerk. Leben an sich sei heilig, jedes, auch das unvernünftige; und kennt denn das Kind überhaupt ein anderes? Oder soll das schlagende Herz unter Borsten, Federn, Flügeldecken darum keines sein? – Man vergönne mir einige Worte über Tierliebe und Lebenachtung! Einst, als der Mensch noch neuer und frischer lebte in der vollen Welt, worin eine Quelle in die andere quillt, da erkannte er noch ein allgemeines Leben der Gottheit an, gleichsam einen unendlichen Lebenbaum, der niedriges Gewürm wie Wurzeln in Meer und Erde senkt, mit einem Stamm aus ungeheuren kräftigen Tieren feststeht und in die Lüfte mit Zweigen voll flatternder Blätter emporgeht und endlich Menschen als zarte Blüten dem Himmel aufschließt. Da war jener dumme Menschen-Egoismus, der sich von Gott alle Tierreiche und alle bevölkerte Meere und Wüsten mit allen ihren mannigfachen Lebenfreuden bloß als Zins- und Deputat-Tiere, Martins-Gänse und Rauchhennen seines Magens liefern läßt, noch nicht geboren; die Erde, das Keplersche Tier, war noch nicht des kleinen Menschen eisernes Vieh und Bileams Esel. Sondern die alte untergesunkene Welt – wovon noch einige Spitzen in Ostindien vorragen –, findend mehr Leben und Gottheit in der mit Wurzeln angeketteten Blume als wir jetzo in freifliegendem Tiere, betete eben in den tierischen Arabesken, in den lebendig umhergehenden Zerrbildern oder Zerrleibern der Menschengestalt den unendlichen Raffael an, der den Menschen vollendete. Die uns zurückstoßende Widerform des Tiers zeigte ihnen den seltsamen Isisschleier oder die Mosesdecke einer Gottheit. Daher das niedrige, aber wunderbare Tier nach Meiners. viel früher angebetet wurde als der Mensch; so wie Ägypten Menschenleiber mit Tierköpfen krönte. – Je jünger, einfacher und frömmer die Völker, desto mehr Tierliebe. – In Surate ist ein Krankenhaus für Tiere. – Ninive wurde mit der Zerstörung aus einer Ursache verschont, weswegen ein Kriegheld sie eingenommen hätte, der Tiermenge wegen. – Mit langem Leben wurde der Juden Mitleiden gegen die Tiere Michaelis' mosaisches Recht. V. III. belohnt. – Selber das Bestrafen derselben, wenn sie ein Verbrechen mit Menschen geteilt hatten, und die Bannstrahlen gegen sie und die Erwägung der tierischen Absicht bei der Strafe Ein Ochs, der bei den Juden (nach der Gemara) getötet wurde nach dem Mord eines Juden, und lebendig gelassen nach dem Morde dreier Heiden, kam gleichwohl ungestraft davon, wenn er auf einen Heiden stoßen wollte, aber einen Juden erlegt hatte. Mischna 6. Baba kama K. 4. zeigen die frühere Achtung für diese Achtels- und After-Menschen an. – Und die indische Anbetung sogar des Blumen-Lebens ging nach Griechenland über als Belebung durch Hamadryaden und durch andere Götter, und nach dem Norden als Bestrafung der Baum-Schänder. Ich entwarf mir oft Einkleidungen, durch welche die Alltäglichkeit des Blicks auf Tiere, welche wie verzogne Menschenleiber aus fremden, anders gebärenden Erdkugeln auf unsere gesunken sind, weggenommen wird. Ich dachte mir z. B. eine leere Insel, auf welcher ein nur von Brotbaum ernährter Mensch nichts Lebendes gesehen als Welle und Wolke und sein Wasserbild, und woraus er plötzlich an ein tier-bevölkertes Eiland angetrieben wird und ausgesetzt. Welche Zauberinsel voll verkörperter Feen und Geisterchen! Wie ein böser Geist oder eine Mensch-Mißgeburt grinst den Eiländer, der nur seine eigne Spiegelgestalt kennt, ein behaarter Affe mit seinen Zähnen auf einem Baum an – Ein unförmliches Leben, eine aneinandergeschmolzene Familie, aber bloß zweiäugig, schreitet ein Elefant daher, eine wandelnde Fleisch-Insel – Der Löwe kommt wie ein Zorn – Das Roß fliegt wie Siegerstolz – Kleine tolle Geisterchen, rote, grüne, gelbe, mit sechs Füßen durchflattern die Insel – Aus der Wolke fällt ein glänzendes Wundergeschöpf, dem die zwei guten Menschenarme in goldgrüne Haare oder Federn zerblättert sind, und die Lippe in Horn zerzogen – Im Wasser schwimmen graue unförmliche Rümpfe und Glieder-Stücke – Gelbe Furienmasken kriechen aus dem Sumpf – Ein einziges glattes langes Glied schlängelt und ringelt sich dahin und sticht den bösen Geist auf dem Aste, und er sinkt herab. – Und wenn nun diese seltsamen Traumfiguren zu sprechen anfangen, jede die Sprache einer unbekannten Welt, wie etwa auf dem Marktplatz einer Sonne die versammelten Völkerschaften ihrer Planeten, hier summend, dort quäkend, da heulend, da lachend, dort auf dem Zweige ein wie aus dem Himmel schmachtendes Tönen, unten auf der Wurzel ein wie aus der Hölle zorniges – – Und darauf das Kämpfen und Ringen dieser Wesen, ihr Vergehen durch einander, und doch ihr Fortbestehen – Und endlich, wie dies durch einander webende, flatternde, schießende, ermordende, liebkosende, wiedergebärende Leben zu einer unendlichen Lebenluft wird, worin das eigne Leben als atmendes Lüftchen verfliegt.... Das Menschen-Ich vergißt über sich sogar die Menschen-Ich der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und stellt sich als erste Ziffer allen andern voran – wie viel mehr vergißts die After-Ich der Tiere, die mouches volantes vor eines Engels Auge! – – Der sogenannte Instinkt der Tiere, diese Eselin, die den Engel früher sieht als der Prophet, sollte als das größte Wunder der Schöpfung und wieder als der Schlüssel und Inhalt aller andern Wunder angesehen werden, insofern das Welt-Rätsel gewissen Rätseln gleicht, welche das Rätsel selber beschreiben und meinen. – Das Tier werde auf jede Weise dem Kinde nahe gebracht, z. B. durch Darstellung als eines Anagramms des Menschen; wie etwa der arme Hund ein alter haariger Mann sei, den Mund geschwärzt und lang gereckt, die Ohren hinaufgezerrt, an den zottigen Vorderarmen zugespitzte lange Nägel etc. Das kleine Tier werde vom Vergrößerglase an das Auge und Herz gerückt. Dadurch wird man ein Hausfreund des Blatt-Insassen; das Vorurteil, das nach dem Rekrutenmaße das Leben schätzt – warum wird alsdann aber nicht der Elefant und Walfisch höher gestellt als wir? –, verschwindet durch die Unendlichkeit, welche in jedem Leben dieselbe ist, so daß sie, wie in der Rechnung des Unendlichen, durch einen endlichen Zusatz – z. B. durch den der Überzahl von zwei Millionen Gelenken im Vielfuß oder mehren tausend Muskeln in der Weidenraupe – nicht einmal etwas gewinnt. – »Wie würdest du einen Schmetterling pflegen, der so groß wäre als ein Adler, oder wie ein Heupferd, das so groß als ein Pferd! Und bist du nicht auch klein?« So sprecht! – Leibniz setzte ein Tierchen, das er lange angesehen, ungetötet auf sein Blatt zurück; dies sei Gebot für das Kind. Die stoische Schule sprach aus: wer einen Hahn ohne allen Anlaß tötet, bringe ebensogut seinen Vater um: und der ägyptische Priester hielt es für unheilig, ein Tier zu töten, ausgenommen zum Opfern. Hierin liegen alle Gebote der Leben-Achtung. Alles Tier-Töten geschehe nur notwendig, wie Opfern – zufällig – eilig – unwillkürlich – verteidigend – – Ist hingegen dem Kinde durch ein längeres Beschauen, z. B. eines Frosches, seines Atmens, seiner Sprünge, seiner Lebenweise und Todesangst, das vorher gleichgültige Tierstück in reines Leben verwandelt: so mordet es mit diesem Leben seine Achtung für Leben. Daher sollte ein lange gepflegtes Haustier, ein Schaf, eine Kuh, nie vor Kinder-Augen geschlachtet werden; wenigstens müßte, wenn nicht gerade die geweckte Achtung für Tierleben bei dem notwendigen Zerfleischen desselben, anstatt milder, nur noch grausamer (wie Affen-Braten manche Völker zur Menschenfresserei) gewöhnen soll, es müßte, mein' ich, die bittere Notwendigkeit, die bessere Pflege vorher, der leichte Tieres-Tod nachher und Ähnliches als Nacht und Schleier über die tötende Hand geworfen werden. – Nicht einmal Hunde sollte ein Jäger mit seiner jagd-gerechten Grausamkeit vor den Kinder-Ohren züchtigen, zumal da jene ihr Weh so hell darein schreien. Wenn Köchinnen verbieten, unter dem Töten eines Tieres Mitleid zu haben, weil es sonst schwerer sterbe: so verrät und verbirgt dieser Aberglaube echt-weiblich gerade das Mitleiden, das er verbietet. Zieht nur vor dem Kinde jedes Leben ins Menschenreich herein: so entdeckt ihm das Größere das Kleinere. Belebt und beseelt alles; und sogar die Lilie, die es unnütz aus dem organischen Dasein ausreißt, malt ihm als die Tochter einer schlanken Mutter vor, die im Beete steht und das kleine weiße Kind mit Saft und Tau aufzieht. Denn nicht auf leere lose Mitleid-Übung, auf eine Impf-Schule fremder Schmerzen ists angesehen, sondern auf eine Religionübung der Heilighaltung des Lebens, des allwaltenden Gottes im Baumgipfel und im Menschengehirn. Tier-Liebe hat, wie die Mutter-Liebe, noch den Vorzug, daß sie für keinen Vorteil der Erwiderung, und noch weniger des Eigennutzes, entsteht, und zweitens, daß sie jede Minute einen Gegenstand und eine Übungminute findet. O! es werden, es müssen schon Zeiten kommen, wo die tierfreundlichen Brahminen auch den Norden warm bewohnen; wo das Herz, nachdem es die raschesten Sünden abgetan, auch leise giftige ausstößt; – wo der Mensch, der jetzo die vielgestaltige Vergangenheit der Menschheit ehret, auch anfängt, in der Gegenwart die belebte, ab- und aufsteigende Tierwelt zu schonen und (später) zu pflegen, um einst dem Ur-Genius den häßlichen Anblick des zwar dickdunkeln, aber weitesten Tier-Schmerzens nicht mehr zu geben. Und warum müssen solche Zeiten kommen? Darum, weil schlechtere gegangen sind: die Nationalschulden der Menschheit (meistens Blutschulden) trägt die Zeit ab, das Strandrecht ist nun ein Strandunrecht, der Negerhandel allmählich verbotene Ware; nur der herbste zäheste Barbarismus der Vorzeit, der Krieg, bleibt noch dem uns angebornen Antibarbarus zuletzt zu überwinden übrig. § 121 Der dritte Liebetrank, gleichsam der dritte letzte Vergleichgrad, der keinen mehr zuläßt, ist Liebe um Liebe. Wenn Liebe das Höchste ist, was kann sie weiter suchen als selber das Höchste? Und ein Herz ist nur von einem Herzen zu fassen, dieser schönsten Fassung des schönsten Juwels. Nur das Verwirren und Verstricken ins Gesträuch und Nest des Ich kann uns so verdunkeln, daß wir die hohe reine Liebe für fremdes Ich weniger achten als eine für unseres. Nur nicht durch Rührungen, diese Hungerquellen der Liebe, wollet in Kindern diese gründen. Jene erkälten und erkalten leicht. Ich sah oft Kinder, zumal jüngere, von der Liebe-Rührung plötzlich auf die ruhigste Bemerkung einer Kleinigkeit abspringen, wie die epischen Dichter der alten Jugend-Völker in ihren Darstellungen. Im Erwachsenen verriete dies ein verwelktes Herz, was in Kindern nur die geschloßne Knospe verrät. Ihr entdeckt dem Kinde die Gestalt der Liebe weniger durch Taten-Opfer – diese hält es, unverständig und eigensüchtig, noch für keine – als durch die Muttersprache der Liebe, durch liebkosende Worte und Mienen. Liebe werde, damit sie ungetrübt erscheine, in nichts verkörpert als in die zarte, von der Natur selber mitgegebene Mimik; ein Blick, ein Ton spricht sie unmittelbar aus, eine Gabe nur mittelbar durch Übersetzung; so wie in der Ehe sich die Liebe nicht durch Gaben, Freuden-Geschenke, Opfer, deren Spuren nach kurzer Macht verschwinden, sondern durch Liebe-Worte und Liebe-Mienen ernährt. – Übrigens enthüllen den Kindern nicht gebende Eltern, sondern gebende Fremde mehr Liebe; so wie umgekehrt nicht liebkosende Fremde, sondern liebkosende Eltern. Das Kind sehe ferner zuweilen die Feuersäule der Liebe vor Fremden ziehen. Der Anblick fremder Wechsel-Liebe heiligt den Zuschauer, weil er keine Ich-Foderung dazu mitbringen kann. Nur ist eine Störung dabei, – daß nämlich diese unentfalteten Seelen in das Opferfeuer fremder Liebe entweder gleichgültig, oder oft, wenn die Eltern es anzünden, wie eifersüchtig schauen; allein dies lehret bloß, daß man überhaupt in der Erziehung, wie in der Kunst, jeden heftigen Ausdruck, sogar des Besten, zu fliehen habe – da das Übermaß, die Mißform, wie eisern zurückbleibt, indes der schöne flüchtige Inhalt versiegt –, und daß Ruhe und Milde das liebende Herz am schönsten abspiegeln. Übrigens versichere ich die Bräute, noch gewisser die Bräutigame, daß sie nur von liebenden Eltern liebende Kinder erheiraten können; und daß besonders ein hassender oder liebender Vater kindliches Hassen oder Lieben fortpflanze. Hätten wir keine angeborne Liebe: so könnten wir nicht einmal hassen. Zwar erscheint der Haß an uns, wie an Tieren, anfangs stärker und früher als die Liebe; aber in der Anziehung oder Ähnlichkeit muß ein Teil des fremden Werts durch die Vermischung mit unserem unsichtbar werden, indes die Abstoßung des Unähnlichen unsern Wert von fremdem Unwert schroff ohne Vermengung absondert; das Ich, voll des idealen Lichts, empfindet den kalten Schatten fremder Unsittlichkeit stärker als das fremde, sich ins eigne Licht verlierende Leuchten. – Ist nun Liebe ursprünglich, und ist das Herz, wie nach Descartes die Erde, eine überrindete Sonne (soleil encrouté): so brecht nur die Rinde weg, dann ist die Glanzwärme da. Mit andern Worten: lasset das Kind durch eignes Tun die Liebe kennen (wie umgekehrt durch Liebe euer Tun); d. h. veranstaltet, daß es etwas für euch tue, damit es etwas liebe; denn in Kindern erweckt die Tat den Trieb, wie im Manne dieser jene. Ohne irgendeine auserlesene Zeit könnt ihr die höhere als ovidische Kunst zu lieben lehren, wenn ihr vom Kinde Handlungen begehrt, ohne sie zu befehlen, oder sie zu belohnen, oder deren Unterlassung zu bestrafen; malt bloß vorher (ists für andere), oder nachher (ists für euch) die Freude aus, womit der kleine Täter eures Wortes das zweite Herz erquicken wird. Die Mildtätigkeit der Kinder z. B. facht ihr weniger durch Gemälde fremder Not als durch die fremder Freude an. Denn einen so reichen Schatz von Liebe verbirgt auch das kleinere Herz, daß ihm mehr die Anschauung oder Gewißheit, zu erfreuen, als die Willigkeit, dafür zu opfern, fehlt; daher Kinder, im Geben begriffen, mit Geben gar nicht aufhören wollen. Den Lohn der assekurierten Freude teilen ihnen Eltern durch frohe lobende Billigung zu, ein Erziehunghebel, dessen Gewalt-Bogen nicht genug gemessen wird. Denn sie, nur gewöhnt an elterliches Bieten, Gebieten und Verbieten, werden selig erwärmt durch die Freiheit, ein Über-Werk zu tun, durch die Anerkennung, daß sie es getan; dieses liebende Geständnis der Freude macht sie nicht eitel oder leer, sondern voll; nicht stolz, sondern warm. »Es tut dem armen Menschen, Hunde etc. weh, oder wohl!« Dies ist mit rechter Stimme eine Predigt wert; so wie ein » Pfui! « bei Mädchen einen halben Band von Ehrenbergs Vorlesungen für das weibliche Geschlecht ganz gut vertritt. Auch will Verf. dieses den Polizeianstalten nicht verhehlen, daß er in Gegenwart seiner Kinder häufig dem Bettler gab, erstlich weil der unvermeidliche Schein der Härte durch keine Gründe der Polizeianstalten, die jene ja nicht fassen, zu umgehen ist, und zweitens weil sie nicht ein vom Mitschmerze bewegtes Kinderherz erkälten sollen. Noch einige Bruchstückchen ins Bruchstück! Besorgt von Kinder-Gezänke nicht zu große Gefahr der Liebe. Das enge Ich der Kinder, ihre Unfähigkeit zum Versetzen ins fremde und ihr adamitischer Unschuldglaube, daß die ganze Welt mehr ihnen gehöre als sie ihr, alles dies wirft die brausenden Blasen derselben auf, welche bald zerfallen. Sie mögen gegeneinander auf- und anfahren, nur nicht fortfahren! – Es gehören mehre Handlungen dazu, von Kindern gehaßt, als von ihnen geliebt zu werden; gehaßte Eltern mußten lange Zeit hassende sein. – Einer unterdrückten oder nicht aufkeimenden Liebe helfen selten die Jahre nach; die eigne Selbstsucht verdoppelt die fremde, diese wieder jene; und so gefriert Eis an Eis. – Ihr verfälscht die Liebe, wenn ihr deren äußerliche Zeichen gebietet (z. B. Handkuß); diese sind nicht, wie Taten, Ursachen derselben, sondern nur Wirkungen; und gebietet überhaupt nicht Liebe; wie würde denn bei Erwachsenen die anbefohlne, höchsten Orts verordnete Liebe-Erklärung ausfallen? – Man kann es ohne Tadel wiederholen, daß der schnellste Wechsel zwischen Strafe oder Verbot und voriger Liebe die rechte, aber Weibern schwere Kunst der Liebe-Erziehung sei; keine Liebe ist süßer als die nach der Strenge; so wird aus der bittern Olive das milde, weiche Öl gedrückt. Und endlich, ihr Eltern, lehrt lieben, so braucht ihr keine zehn Gebote – lehrt lieben, so hat euer Kind ein reiches gewinnendes Leben; denn der Mensch gewinnt (ist diese Vergleichung hier erlaubt) wie Österreich seine Länder nur durch Vermählen, und büßet sie ein durch Kriege – lehrt lieben im Jahrhundert, das der Eismonat der Zeit ist, und das leichter alles andere erobert als ein Herz durch ein Herz – lehrt lieben, damit ihr selber einst, wenn eure Augen alt sind und die Blicke halb erloschen, um euern Krankenstuhl und euer Sterbebette statt des gierigen Eis- und Erb-Blickes ängstliche verweinte Augen antrefft, die das erkaltende Leben anwärmen und euch das Dunkel eurer letzten Stunde mit dem Danke für ihre erste erleuchten – Lehrt lieben, sagt' ich, das heißt: liebt! – Viertes Kapitel Ergänzung-Anhang zur sittlichen Bildung § 122 Welches Dritte verknüpft Liebe und Würde, was macht, daß in der Liebe nicht das Ich weich zerrinnt, und daß in der Würde das fremde nicht verschwindet, und das eigne erstarrt? – Die Religion. Da alles Teilende wieder ein Geteiltes wird: so kommt die Geschlechterabteilung in Naturen, die sich mehr der Würde, und in die, welche sich nahe der Liebe zuwiegen, in demselben Geschlechte wieder; und der weiblichen Erziehung ist sie sehr wichtig. Das eine Mädchen ist voll Schärfe des Blicks und der Tat – voll Wahrhaftigkeit und Unduldsamkeit – ihre persönliche und ihre allgemeine Würde immer vor Augen – nur eigne Härten, nicht fremde vergebend, und doch diese leichter als einen ihrer Ehre unwürdigen Anfall und Antrag – ihre Würde mehr erwägend als wägend – das Recht über die Liebe stellend u. s. w. – Das andere Mädchen ist voll Liebe, oft auf Kosten der Würde – mehr gefallsüchtig als stolz – weniger dem Anstande als der Neigung folgsam – dem Innern die Form opfernd – hilfreich – weniger wahrhaft als duldsam u. s. w. – Nur die vollendete Seelenform ist aus beiden zusammengeschmolzen. – Weibliche Härte ist leichter zu heilen als männliche Unwürde; weibliche Unwürde so schwer als männliche Härte. Ein rein ehrloser Knabe und ein rein liebloses Mädchen verdienen weiter nichts nach zehn Jahren als ihre wechselseitige – Heirat. Das weibliche Geschlecht bleibt indes dem Meere oder Wasser gleich, das zugleich größere und kleinere Tiere trägt als das feste Land. Da eine Erziehlehre eine sittliche Ernährkunde (Diätetik) ist, aber keine Heilkunde: so gehören Rezepte gegen Zorn, Eigensinn u. s. w. nicht in die meinige, wiewohl sie schon im vorigen liegen. Überhaupt, welch ein Werk auf Royalbogen müßte geschrieben werden, um eine Krankheit- und Heilmittel-Lehre für die Millionen Krankheit-Nuancen aufzufassen, welche das Verbindungspiel der verschiedenen Charaktere, Jahre, Tätigkeiten und äußern Verhältnisse gebären kann! Die sittliche Technik, wie Ordnung, Reinlichkeit, Höflichkeit, hat in größern Werken schon ihre Lehrer gefunden. Es ist sehr gut, wenn zuweilen eine Erziehlehre geschrieben wird, welche man broschiert ausgibt, und die nur in drei Bändchen besteht – langes Sprechen erzeugt abgekürztes Hören, denn man geht davon; – eine Erziehbibliothek bewirkt leicht (falls man nicht Taschenbibliotheken erfindet), daß man lieber den ersten besten anhört, als ein Heer durchliest. § 123 Doch mögen noch einige Sätze oder Absätze hinlaufen, ohne der Dünnheit des Werks oder der leichten Leselust zu sehr zu schaden. Moralstunden gebt ihr? Ich dächte, lieber Moraljahre, und ihr hörtet nie auf. Keine Lehre hilft als im lebendigen Falle, und jede ist nur eine aus einer Zufall-Fabel; das fortgehende Leben ist ein stehender Prediger, das Haus ein Hauskaplan, und statt der Morgen- und Abend-Andachten müssen Leben-Andachten eingreifen. Wissenschaften könnt ihr lehren, folglich nach Stunden; Genie nur wecken, folglich mit Anlässen. Kann ein skelettiertes Herz Blut treiben? – Das Herz ist das Genie der Tugend; die Moral dessen Geschmacklehre. – Wollt ihr etwas vergessen, so schreibts nur an die Innenseite der Stubentür; wollt ihr das Heilige verwüsten, so hängt eine Gebotentabelle euch vor das Auge. – Lavater sagte. Jeder Mensch habe seine Teufels-Augenblicke. Folglich werdet nicht irre, wenn das Kind auch seine Satans-Terzien hat, so wie seine Engelminuten. Ja ihr dürft leichter an Erwachsenen verzagen als an Kindern. Denn diese verwirren euch durch ihre schöne Aufdeckung aller Gefühle und Wünsche und durch ihr svstemloses Nachzittern aller Anklänge so sehr, daß euch ihr Grundakkord verloren geht. Hingegen bei jenen setzt ein entflohener Drei-Mißklang schon ein ganzes verstimmtes Werkzeug voraus. Noch mehr: ist der Erwachsene dem Erwachsenen so unergründlich, wie viel mehr ihm seines Ungleichen, das Kind; welches nicht die Früchte in Blätter, sondern diese selber in Knospen, und die Blüten wieder in jene verhüllt. Klagt euch daher bei neuen notwendigen Entfaltungen, sogar bei den ins Schlimme ausgehenden, nicht unschuldig früherer Fehlschritte auf dem Bildungwege an; so wird z. B. der so lange stumme Geschlechttrieb, ihr möget davon weggezeigt und weggeleitet haben wie ihr wollt, doch endlich als eine fertige Minerva aus einem Jupiters-Kopfe, wo ihr dergleichen nicht gesucht hättet, bewaffnet vor euch treten. Wir Eltern, glaub' ich, oder überhaupt wir Neuern, halten mit zu großer Bangigkeit unsere Kinder von andern Kindern abgeschieden, wie Gärtner Blumen von fremdartigen Blumen, um reinen Blütenstaub zu behalten. Kann man etwas Gutes und Schönes sehr achten, das an der nächsten Berührung verwelkt? Haben wir hingegen unsere Kinder nur ungestört bis ins sechste Jahr rein-erzogen und festgegründet: so löschen ein paar böse Beispiele in ihnen nicht mehr Gutes aus, als sie vielleicht anfachen; ist das Teewasser einmal durch Feuer in Kochwärme gebracht, so erhält ein Äther-Flämmchen es in der ganzen Teestunde darin. Nicht die Schwärze, sondern die Dauer der Beispiele vergiftet Kinder; und wiederum tun dieses weniger die Beispiele fremder Kinder und gleichgültiger Menschen als die der geachtetsten, der Eltern und Lehrer, weil diese als ein äußeres Gewissen der Kinder deren inneres zum Vorteile des Teufels entzweien oder verfinstern. – – Ja ich gehe noch weiter und nehme das Übergewicht des fortdauernden guten Beispiels über ein fortdatierndes schlechtes, oder den Sieg des Engel Michaels über den Teufel, für so entschieden an, daß ich sogar von einer uneinigen, wahrhaft unehlichen Ehe, worin entweder nur der Vater oder nur die Mutter als Bundgenosse des Bösen ficht, erwarte, daß der andere Eheteil, der Verbündete des Engels, die armen Kinder zwar schwerer und teuerer, aber dann desto sicherer unter die weiße Fahne werbe. Je jünger die Kinder, desto eher darf man vor ihnen schnell zwischen Ernst und Scherz hinüber- und herüberfliegen, eben weil sie selber so überflattern. So sind auch ihre anderen Übergänge immer Übersprünge; wie schnell vergeben und vergessen sie! Macht es denn ebenso mit ihnen, besonders mit euern Strafen und Nachwehen, und gebt nur kurze, damit sie ihnen nicht als unbegründete und ungerechte erscheinen. Gott sei Dank für dieses Kindergedächtnis, das schwächer für die Leiden als die Freuden ist! Welche Distelkette würde sich sonst durch ein festes Aneinanderreihen unserer Strafen um die kleinen Wesen hängen und winden! So aber sind Kinder fähig, auch am schlimmsten Tage zwanzigmal entzückt zu werden. Sie sind aus ihrem süßen Götterschlummer durch Haus- und Europa-Kriege so schwer zu wecken als die Blumen aus ihrem Schlafe durch Lärmen und Bewegung. So mögen die Lieben denn auch erwachen wie die Blumen, durch eine Sonne und zum Tage! Es gibt ungelenke, verworrene Stunden, wo das Kind durchaus gewisse Worte nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag; aber wohl in der Stunde darauf. Haltet dies nicht für Starrsinn. – Ich kenne Männer, die auf die Ausrottung eines angewöhnten Gesichtzugs oder Schriftzugs oder Schalt-Worts jahrelange losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dies auf die Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal abzudanken befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist. Die Früchte rechter Erziehung der ersten drei Jahre (ein höheres triennium als das akademische) könnt ihr nicht unter dem Säen ernten; – und ihr werdet oft gar nicht begreifen, warum nach so vielem Tun noch so viel zu tun verbleibe; – aber nach einigen Jahren wird euch der hervorkeimende Reichtum überraschen und belohnen; denn die vielfachen Erd-Rinden, die den Keimen-Flor bedeckten, und nicht erdrückten, sind von ihm durchbrochen worden. § 124 Die physische Natur macht viele kleine Schritte, um einen Sprung zu tun, und dann wieder von vornen an; das Gesetz der Stetigkeit wird ewig vom Gesetze des Ab- und Aufsprungs beseelt. Wir finden das letzte Gesetz am stärksten im Sprunge zur Geschlecht-Kraft ausgedrückt; aber dieser Sprünge, gleichsam der Schüsse- oder Knoten-Absätze des schoßenden Halms, sind viel mehre – und dicht am Embryo drängen sie sich am meisten; so wie das ermattende Alter sie in weite Räume auseinanderlegt. Der Sprung vom Graafischen Bläschen in den Uterus – das Stellen auf den Kopf vor der Geburt – das Eintreten in die Erden-Luft – die erste Milch – das Zahnen – die Wachstum-Fieber u. s. w. sind meine Belege. Sogar in dem hohen Alter, dem bösen Nachdruck der Kindheit, hob diese zuweilen wieder ihre Gewalt-Sprünge durch Vorstoßen von Zähnen, Haaren u. s. w. an. Aber dem Körper kann nie die Begleitung des Geistes fehlen, er ist die Antistrophe, jener die Strophe; auch zuweilen umgekehrt. Jene überfüllten Körper-Wolken müssen sich in Platzregen auflösen; der körperliche Auf- und Vorschuß muß einen geistigen Aufschuß geben, nachholen und überholen; dieser jenen. Dann aber steht der Erzieher erstarrt vor einer neuen feindlichen (eigentlich freundlichen) Division des Wesens und glaubt seine vorige Welt verloren, bloß weil eine neue aufgetreten – er, ans Alte verwöhnt, will das kindliche Wachsen lieber nur als ein Altern sehen, kurz, immer dasselbe haben, nur höchstens den Kupferstich zum Gemälde gefärbt – das Kind soll die alten Herzblätter am Strahle der schärfer treffenden Welt nicht fallen lassen, und doch immer neue Blätter vorstoßen. – Da nun dies nie sein und bleiben kann; da jeder leibliche Ansatz an der Flöte einen neuen geistigen Ton erzeugt: so sollte der Erzieher gutes Muts sein und nur sagen: »Die Nachglieder bestehen und wachsen ja nur auf den Vorgliedern, und jene formen, nicht diese; und was hab' ich dann zu fürchten, wenn ich nichts zu widerrufen habe?« § 125 Die Eltern haben ein leichtes, reines Mittel, den Kindern zugleich sehr zu predigen, zu erzählen und wohlzutun, nämlich durch Erzählung ihres Kindheit-Lebens unter den eigenen Eltern. Schon an und für sich ist dem Kinde, dem Kleinen, das Kleine das Liebste, und sie baten den Verfasser zuweilen um ein kleines Meer, einen kleinen lieben Gott. Vielleicht ist dies noch außer der Liebe, welche sich gern mit sanften Verkleinerwörtern ausspricht, eine Ursache mehr, daß Kinderfrauen etc. den Kindern alle Namen bis zum Übermaß verkleinern; sogar gegen alle Sprache z. B. schönele statt schön, sogar so'chen statt so. Tritt ihnen nun vollends Vater oder Mutter von den hohen Wuchsstufen auf ihre herab, so können sie es kaum begreifen, daß Eltern sonst Kinder gewesen, und sehen lern-durstig in dem Verkleiner-Spiegel ihre jetzigen Riesen-Eltern sich nur als Kinder bewegen. Groß -Eltern befehlen nun den Klein-Eltern, und Menschen gehorchen, denen das Kind zu gehorchen hat. Hier findet dieses in der Erzählung nur jetzige Fortsetzung des vorigen Rechts; und keine Willkür – – hier findet es, daß der Vater nur jetzo befehle, was er sonst als Kind befolgte; – und daß er seinen Eltern recht viel Liebe zuwandte und abgewann, denen sich wieder der Enkel desto wärmer aus Nachliebe und Freiheit an die Brust wirft. – Wenn für das Kind die elterliche Kindgeschichte ein frohes, noch unberechnetes Interesse haben muß, wie ist nicht durch dieses Interesse jedem Worte, jeder Lehre und allem, was man ins Erzählen legen will, Gewicht und Reiz zu geben! Trifft es sich, daß die selbst-leben-beschreibenden Eltern in andern Verhältnissen, Wohn-Orten etc. als Kinder auferwachsen, so breitet sich das Ernte- oder Säefeld der Lehre noch länger aus. Kurz, in jede eigne Kindheit-Lage können die Eltern, erzählend bloß und wahr bleibend, alles legen, was die wärmere Kinder-Natur begeistert und befruchtet. Sogar kleine Fehler der Eltern und also Strafen der Großeltern erschüttern in der Erzählung das elterliche Ansehen nicht, oder es wäre gar zu locker und luftig gebauet. Wir sind hier der Frage über die Inhalt-Wahl der Kinder-Erzählungen so nahe, daß eine Antwort verstattet sein mag. Orientalische, romantische scheinen die angemessensten zu sein; viele Märchen aus 1001 Nacht, Geschichten aus Herders Palmblättern und Krummachers Parabeln. Kinder sind kleine Morgenländer. Blendet sie mit einem weiten Morgenlande, mit Taublitzen und Blumen-Farben. Setzt ihnen wenigstens im Erzählen die Schwingen an, die sie über unsere Nord-Klippen und Nord-Kaps wegführen in warme Gärten hinein. Euer erstes Wunder sei bei euch, wie bei Christus das erste, die Verwandlung des Wassers in Wein, der Wirklichkeit in Dichtung. Daher sargt nicht jedes Wesen, das ihr auftreten laßt, in eine Kanzel ein, aus welcher dasselbe die Kinder anpredigt, eine abmattende Sucht nach Moralien, mit welcher die meisten gedruckten Kindergeschichten anstecken und plagen, und wodurch sie gerade auf dem Wege nach dem Höchsten dieses verfehlen, wie etwan Karl XII. von Schweden gewöhnlich sein Schachspiel verlor, weil er immer mit dem – König ausrückte. Jede gute Erzählung, so wie gute Dichtung, umgibt sich von selber mit Lehren. Aber die Hauptsache ist, daß wir ein romantisches Morgenrot in diesen erdnahen Himmel malen, welches einmal um das Alter sich als tiefe Abendröte lagert. Erzählt von schreckenden, aber besiegten wilden Tieren – (aber am häufigsten Kinder stellt auf euerer Bühne an) – von langen Höhlen, welche in himmlische Gärten führten – von Seligwerden und Seligmachen – von großen Gefahren und noch schönern Errettungen – sogar von närrischen Kinder-Käuzen (wiewohl Kinder leichter ins Weinen als ins Lachen hineinzuerzählen sind). Verf. dieses trieb es z. B. mit dem Christkindchen oft weit (denn von einem Ruprecht sprach er nie), er setzte es auf den Mond und dahin unzählige, lauter beste Kinder, und das Abendrot des Dezembers konnt' er für nichts erklären als für den Widerglanz der aufgetürmten Wagen voll Christgeschenke u. s. w. In späten Jahren, wenn die Kinder in Mond- und Abendglanz schauen, wird ein wunderbares Entzücken in ihnen weich aufwallen, und sie werden nicht wissen, welcher fremde Äther sie anwehe und hebe – – es flattert die Morgenluft euerer Kindheit, meine Kinder! – Diese Dichtung wird bei ihrer Auflösung in die Wirklichkeit doch zu keiner Anklage elterlicher Unwahrhaftigkeit, wie uns die eigenen Beispiele Dem Verf. dieses blühen noch immer die Rosen-Bilder nach, die ihm sein Vater, als er aus der Studierstube in der Dezember-Dämmerung herabkam, mit den unbedeutenden Worten in die Seele malte, er habe durch die trüben Abend-Wolken das Christkindchen mit roten goldnen Streifen ziehen sehen. Wer könnte ihm jetzo dieses Rosen- und Freudenfeuer, diesen überirdischen, in den Wolken nachglühenden Schatz ersetzen! und die Beispiele unserer sonst in der Wahrhaftigkeit felsen- und eisenfesten Vorfahren belehren. Sollte nach allem diesen das Bürgerrecht, das den Kindern in der Gottes-Stadt des Romantischen gebührt, ihnen nicht das Schauspielhaus öffnen dürfen, nämlich aber nicht jenes der Lust- und der Trauerspiele, welche sie nur betäuben, aufreizen oder verfälschen, noch das Schauspielhäuschen, wo sie selber spielen, sondern das Opernhaus? Gibt nicht die Oper ihrem Auge die romantische Feenwelt, und verschonet ihr Ohr durch die Sing-Unverständlichkeit, wodurch wieder eine wohltätige halbe Nacht auf Prose und Intrige fällt, mit sittlicher Verunreinigung? Und wirkt nicht selber das grelle krasse Gemeine in seinem Nebenstehen zwischen dem Edeln (z. B. in der Zauberflöte), gleichsam das Brautpaar eines Affen und einer Nonne, mehr für die Erhabenheit und mehr wider die Versunkenheit? – Mich dünkt, die Oper, dieses handelnde lebendige Märchen, worin die Musik metrisch und die Schau-Glanzwelt romantisch liebt, könne das schwere Kärrner-Fahren und Knarren der Gegenwart in das leisere Fliegen verwandeln, zumal und um so notwendiger, da zwar Prose, aber nicht Poesie zu erlernen, und Flügel leichter Füße finden als Füße Flügel. Gleichwohl wird hier mehr gefragt als behauptet, besonders da leichter alles zu wagen und zu ersetzen als Kindes-Unschuld. § 126 Über lange Kinderreisen wünscht' ich ein Wort zu sagen. Kurze von einigen Wochen hält man mit Recht für ein Geist und Leib reifendes Versetzen dieser zarten Bäumchen, weil der Tausch der alten düstern Ecken-Enge gegen die luftige Landschaft von Menschen- und Sitten-Wechsel erheitern und befruchten muß. Etwas anderes aber sind Kinderreisen mit Städte-Hausierern und Länderrennern, wenn kleine Wesen die große Tour (durch die Stadt ist schon eine für sie) durch halb Europa machen, auf welcher das jeden Tag versetzte Bäumchen sich übertreibt und erschöpft. Wenn schon Erwachsene von ihrem Länder-Umsegeln gefüllte Köpfe und geleerte Herzen mitbringen, weil das tägliche Laufen durch Kompagnie-Gassen von Menschen mit Spießruten oder doch ohne Bruderküsse zuletzt so erkälten muß, wie das Hofleben tut, worin, wie in einem englischen Tanze, der Tänzer die Kolonne auf- und niederspringt und seine Hand kalt einer jeden gibt: wie muß erst langes Reisen – dem Erwachsenen nur Herbstreif – als Frühlingreif das Kind verwüsten! Langes Zusammenleben mit verbundnen Menschen entwickelt in diesem die Liebewärme; das Einerlei der Menschen, Häuser, Kindheitplätze, ja der Gerätschaften hängt sich geliebt an das Kind und verstärkt, wie eine magnetisch gehaltene Last, das magnetische Anziehen; und so wird in dieser Frühzeit der reiche Magnetbruch künftigen Liebens aufgetan, weil das Kind beinahe alles liebgewinnt, was es täglich sieht – im Dorfe eine leichte Sache –, den Holzhacker der Eltern, die Botenfrau, den alten Peter, der jeden Sonnabend um einen Sonntag bettelt, ja sogar ferne, stundenweit entlegne Honoratiores von Bekanntschaft. Mit einer Kindheit voll Liebe aber kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten. – Nun soll aber statt dergleichen ein Kind auf Reisen gehen – z. B. etwa durch halb Europa – und soll, da man dessen Wohn-Marktflecken samt Einwohnern nicht hinter dem Wagen aufpacken, noch in den Gastzimmern der großen Städte abpacken kann, jeden Tag auf neue Menschen, Stuben, Kellner, Gäste stoßen, an welchen allen das junge Herz aus Zeitmangel nicht zum reifen Ausbruche der Teilnahme kommen kann: – was kann dann aus dem kleinen Wesen werden? Ein Hofmännchen oder Hofweibchen ohne Hof, kühl, hell, fein, matt, satt, süß und schön. § 127 Da man in Anhängen, wie in Vorreden, Dinge sagen kann, die man im Buche schon gesagt, so sag' ich wieder: nur Regel für Kinder, gleichgültig welche, als einen Mittelpunkt für unzählige Radien! Regel ist Einheit, und Einheit ist Gottheit. Nur der Teufel ist veränderlich. Das überzart nachfühlende Mädchen und der roh auflebende Knabe, beide bändigt und besänftigt die Einheit der Regel; eben aus demselben Grunde, warum wir im Winter das Ungemach des Frostes und das Einerlei der Erden-Öde ruhig erdulden, indes uns im Frühling ein paar Schneewolken erzürnen und verfinstern; bloß weil im Winter Schnee-Schmelz, im Frühling Blumen-Schmelz Regel ist. Kein Befehl fällt schwerer als ein neuer; und keine Notwendigkeit schwerer als die neue. Will man sich das unglücklichste, verschobenste und verschiebbarste Kind vorstellen: so denke man sich eines ohne Regel, nur vom Wechsel erzogen, hin und her ohne Grund erbittert und besänftigt – ohne Bestand der Zukunft – jeder Augenblick ihm ein treibender Sturm – nichts wollend als die Begierde der Terzie – ein Ballspiel zwischen Liebe und Haß – mit Schmerzen, die nicht kräftiger, mit Freuden, die nicht liebender machen – – Zum Glücke seh' ich kein solches Wesen neben mir. Wird denn nicht sogar die ungerechte Regel regelnd? – Als auf unwillkürliches Hutverlieren oder gar Stürzen in der Reiterei eines Staates Strafen standen: so fiel beides seltener vor; – und in den Brüder- und Schwesterhäusern, wo man jeden aufweckt, der schnarcht, wird nicht geschnarcht; und wo man für unwillkürliches Zerbrechen des Geschirrs den Kindern Strafe androht, wird weniger zerbrochen. Nur sei, sonst fehlt die Regel, die Drohung ein Jahr älter als Sünde und Strafe. § 128 Gebt lieber – zumal früher – euern Foderungen als euern Behauptungen Gründe mit; erstlich das Tun ist leichter als das Verstehen zu begründen – zweitens ist nie der Kinder-Glaube durch Gründe, die bloß zu Zweifeln ausarten, zu schwächen – drittens das Handeln befiehlt äußere Schnelle, Glauben gestattet aber Zeit – und viertens, jenes stößt mehr als dieser gegen alte Wünsche an (denn Kinder sind selten Orthodoxen); mithin mildert, wie die französischen Könige, eure Bescheide durch sanfte Vorgründe; besteht aber, wie diese, aufs Geschehen, sobald die Gründe nicht siegen. Und doch ist in einer zweiten Auflage dieser Regeln sogar bei dem Gründe-Angeben für Befehle einschränkend nachzutragen: die Mütter geben teils aus Milde, teils aus Sitz-Liebe einer gesunden Zungen-Motion einem Befehle so lange Gründe mit, als diese über die Gegengründe des Kindes siegen; können sie endlich nicht mehr widerlegen, so endigen sie mit dem Machtgebot. Aber damit hätten sie besser sogleich angefangen. Höchstens mehr nach der Befolgung desselben finden Gründe ihre Stelle in den unparteiisch-offnern Ohren. Allerdings gilt dies am stärksten für die jüngsten Jahre, und jedes ältere fodert einen Grund mehr. Die verbündete Pflege kindlicher Festigkeit und Freiheit zugleich gehört unter die schweren Aufgaben der Erziehung: der elterliche Atem soll nur die Zweige zum Frucht-Stäuben bewegen, aber nicht den Stamm beugen und krümmen. § 129 Von Erziehlehren wird zum Kapitel der sittlichen Bildung gewöhnlich ein Absatz über die Verhütung der Wollustsünden gefodert. Warum findet man bei den Alten und im Mittelalter diese Klagen und Heilmittel nicht? Die damaligen Erwachsenen waren doch von den jetzigen nur darin verschieden, daß diese unter dem Tragen ihres Rüge-Strohkranzes früher kahl werden als grau, jene aber umgekehrt – – die heidnische und katholische Priesterschaft war eine Unkeuschheitkommission; – und bei den Römern mußten die reinen Vestalinnen dem Priap so gut Opfer bringen als der Vesta, gleichsam Vorgängerinnen der sich selber opfernden Nonnen vor der Reformation. War demnach etwa die damalige Vorjugend viel besser? – Schwerlich viel. Vogel führt unter den Anreizen zu heimlichen Sünden Fleischspeisen, harte Speisen, Gewürze, warme Stuben, Betten und Kleider und Kinder-Windeln an; – aber nahm diese Reizmittel denn nicht das Mittelalter in noch größern Gaben, z. B. die Gewürze, das vierfach stärkere Bier, die dickern Betten u. s. w.? – Sogar derbe Gesundheit und rohe Arbeit waffnen (wie, wenn nicht der Volklehrer, doch der Volkkenner weiß) nicht die Dorfkinder gegen diesen Jugendkrebs. Wenn man also jetzo mehr darüber klagt und lehrt als sonst: so kann die Ursache – außer dem, daß man jetzo über jede Handlung eine doppelte Buchhaltung und sie in eine Buchhandlung führt – nur darin liegen, daß sonst der gesündern Vorzeit, wie jetzo noch dem tüchtigen Volke oder dem unmäßigen Tier, manche Unmäßigkeit ungestraft hinging, weil die Festungwerke dieser Ungeschliffnen nicht so leicht zu schleifen waren. Allerdings ist hier die der Kultur anhängende Kränklichkeit und Phantasie ebensogut Ursache als Wirkung; wohin noch die Beschleunigung der Mannbarkeit durch größere Städte und gewärmtere Länder gehört. Luther sagt: contemptus frangit diabolum, observatio inflat Wörtlich: Verachtung schlägt den Teufel nieder, Beobachtung bläht ihn auf. , d. h. das Böse bekämpfen zwingt, es zu beschauen; und der Krieg selber ist ein Stück Niederlage. Allzufrüh gelehrte Schamhaftigkeit fängt die gefährliche Aufmerksamkeit früher an, als die Natur täte; das vorzeitige Umhängen der Feigenblätter leitet den Fall herbei, welchen es in Eden nur verdeckte. Wenn ganze Völker, wie Wilde und Sparter bei aller Sinnen-Fülle, mit mehr Gewinn als Verlust wenig von pedantischer Anzug-Prüderie und körperlicher Verschämtheit wissen; warum nicht noch mehr das ungereizte unmannbare Kind? – Man könnte die Schamhaftigkeit der schamhaften Sinnpflanze (Mimosa pudica) vergleichen, deren Blätter Gift haben, und deren Wurzel nur das Gegengift trägt. Die spätere unbefohlne, zumal weibliche Schamhaftigkeit gleicht dem Feigenbaume selber, welcher mit seinen Feigenblättern nur erlaubte süße Blüten und Früchte vor dem Reifen, nicht verbotnes Gift zudeckt. Manche raten sogar, das Kind soll sich schämen lernen, sich selber zu sehen; sich selber? – Himmel, mit welchen giftigen Nebenbegriffen müßte die junge Gestalt sich schon beschauen, damit sie vor sich selber – etwas anders ists vor andern – über das Unveränderliche und Unwillkürliche errötete, d. h. über den Schöpfer desselben! – Auch in spätern Jahren sind Knaben unter sich allein, oder Mädchen unter sich, fast unverschämt; nur die Geschlechter gegen einander sind verschämt, ja dasselbe Geschlecht gegen das erwachsene. Doch geht hieraus für die geistige Stufenzeit des zwölften oder funfzehnten Jahres voll Revolution und Evolution die Regel hervor: mischt die Geschlechter, um sie aufzuheben; denn zwei Knaben werden zwölf Mädchen, oder zwei Mädchen werden zwölf Knaben recht gut gegen alle Winke, Reden und Unschicklichkeiten gerade durch die verlaufende Morgenröte des erwachenden Triebes, durch die Schamröte, beschirmen und beschränken. – Hingegen eine Mädchenschule ganz allein beisammen, oder so eine Knabenschule – – ich stehe für nichts. Doch schaden Knaben Knaben mehr als Mädchen Mädchen; denn jene sind kecker, zutraulicher, roher, wissenschaftlicher, in Sachen wißlustiger, so wie diese in Personen etc. Zur erzieherischen Verführ-Schamlehre gehören die spanischen Wände und Bettschirme aus Glas, die man vor das geistige Auge der Kinder stellt; nämlich das unverständige Zudecken einer Decke, d. h. die Schafkleider eines – Schafs. Wer verrät, er verwahre ein Geheimnis, hat schon dessen Hälfte ausgeliefert; und die zweite wird er nicht lange behalten. Die Fragen der Kinder über Schwangerschaft, über das Woher eines neuen Kindes tut bloß die unbescholtene Wiß- und Fragsucht, aber kein Instinkt oder Trieb; denn dieser gibt Antworten, aber keine Fragen. Im Kinde ist die Frage über die Niederkunft der Mutter so weit vom Geschlechttriebe entlegen als etwa die, warum die Sonne, die doch in Westen niedergehet, am Morgen wieder in Osten stehe. Es gebe ihm aber nur die erzieherische Geheimniskrämerei eine gesuchte Größe in dieser Dreiheit-Regel. so wird der Instinkt, der ins Ferne wittert, in Verbindung mit einigen Erläuterungen des Zufalls vorgreifen und das Dunkle seinem Reiche einverleiben. In diese Krämerei gehört z. B. das Wort: »dies gehört für Erwachsene, oder wenn du größer bist« und das ganze ministerielle wichtige Fehlbetragen der Weiblichkeit im Hause einer Gebärerin. Geheime Artikel geben immer Krieg; und die heimliche Verlobung mit der Sünde ist von verheimlichenden Instruktionen dieser Art nicht fern. Womit ist aber dem fragenden Kinde zu antworten? – Mit so viel Wahrheit, als es begehrt: »Wie das Käfer-Würmchen in der Nuß, so wächst das Mensch-Würmchen in der Mutter Leib von ihrem Blut und Fleisch; daher wird sie krank etc.« Da Kinder uns zehnmal weniger verstehen, als wir glauben, und, gleich den Erwachsenen, tausendmal weniger nach der letzten Ursache, sobald sie die vor-vorletzte wissen, umfragen, als einige bei beiden voraussetzen: so wird das Kind vielleicht erst nach Jahren wieder vortragen: woher aber das kleine Menschlein? Antwortet: »vom lieben Gott, wenn die Menschen einander geheiratet haben und nebeneinander schlafen.« Mehr wissen auch wir erwachsenen Philosophen von der ganzen Sache nicht; und ihr sagt mit vollem Rechte zum Kinde: der Mensch kann wohl eine Bildsäule machen, eine gestickte Blume u. s. w., aber nichts Lebendiges, das wächst. Und so wird auch durch das reine Wort Schlaf Z. B. Heidegger, Bürgermeister in Zürich, hielt, da er von der Sünde gehört, bei einem Weibe zu schlafen, als Knabe neben seiner Amme liegend die ganze Nacht die Augen offen. Baurs Galerie historischer Gemälde. Band 2. den Kindern von der größten Unbegreiflichkeit nicht mehr verunreinigt oder ausgelegt, als uns die bisherigen Zeugung-Lehrgebäude gewiesen haben, an welche jedoch der scharf-, tief- und vielsinnige Oken »Die Zeugung von Dr. Oken , 1805«. Unter Sakristei mein' ich, daß er das Leben als Unbegreifliches annimmt und voraussetzt in seinen »Ur-Tieren der Infusorien«; wodurch er freilich weniger das Zeugen oder Leben als das Wachsen oder Fortleben erklärt. Auch mein' ich seine genial-kühne Annahme, daß im infusorischen Chaos (dem einzigen des Universums) mehre Leben eines werden, und diese Einheit von Mehrheiten wieder zu einer hellern Mehr-Einheit sich in höhern Lebens-Klassen verdichte. Übrigens les' ich alles über die Aufguß-Schöpfungen Geschriebene mit einem alten Schauder, so wie die Stufenfolge der aus dem großen Infusoriurn der ganzen Erde erwachsenen Belebungen; auch bin ich des vollen Glaubens, daß, da es zwischen Mechanismus und Belebung keine Brücke der Stufen gibt, das Rätsel des weiten Auf- und Belebens irgendwo anders wird aufgelöset werden als in der Scheidekunst. eine schöne Sakristei angestoßen. Wie leicht man Kinder abfertigt, abhält und befriedigt, – dafür hab' ich einen schon jahrhunderte-alten Beweispfeiler, der zugleich der alte feste Pranger der Religion-Unterweisung ist: nämlich seit dem 16ten, im 17ten, im 18ten Jahrhundert starben gewiß Millionen Christen und noch mehre Christinnen, welche von Kindheit auf und jeden Sonntag angehört, daß die Taufe das jüdische Sakrament der Beschneidung vertrieben habe, – und welche nie nachgedacht oder nur nachgefragt, was Beschneidung denn ist. So lernen und fragen Kinder. Der Verfasser dieses erhielt Belehrung über diesen christlichen Artikel erst nach 18 Jahren von jüdischen Werken. Ihr Religionlehrer, Schul-, Hof- und Kanzelmeister, denkt an die Beschneidung, damit ihr die paulinische der Lippen und der Herzen-Vorhaut an euch selber vollzieht. Auf der andern Seite mögen diese Worte, so wie die: Gebären, Hochzeitnacht u. a., beweisen, wie gleichgültig und rein, ja heilig überall das Bezeichnete sei und erscheine, sobald nur das Zeichen es eben gleichfalls ist. – Fragt freilich ein älteres Kind: so fang' ich ruhig eine ordentliche Zergliederung-Vorlesung, z. B. vom Herzen, an (wie etwa eine Französin im andern Sinne täte) und gehe weiter; ich geb' ihm Ernst, Ruhe und Langweile, und dann eine Antwort. Zur Beruhigung der Eltern diene noch eine Bemerkung: die Kinder in der unmannbaren und Flegelzeit haben, eben aus Unverdorbenheit und Unwissenheit, ja Unbekümmernis um alle Geschlecht-Rätsel, eine besondere Neigung – welche gerade bei eingetretner Belehrung und Umkehrung sich verbirgt –, gewisse Unartigkeiten zu begehen und auszusprechen, und zwar diese Neigung oft so befremdend, daß ich mich ganz reine gute Kinder, als der Vater ihnen garstige Worte (wiewohl ebensosehr auf Sprech-Roheit als Geschlecht sich beziehende) vorwarf und verbot, den Vater bitten hörte, diese Worte zu wiederholen, weil sie solche, sagten sie, gerne hörten. Freilich arbeitet hier schon aus dunkler Tiefe der Instinkt an seinem Maulwurf-Hügel; aber er wohnt noch tief in der Erde; und niemand befürchte. Am meisten hoffe in dieser Beziehung vom gesunden Kinde; das körperkranke wird zu leicht zum sittlichkranken. Nur über einen Punkt müßte man bei aller möglichen Freimütigkeit der Erklärung behutsam und fast mit den ängstlichen Erziehungpredigern einverstanden sein: nämlich über die äußere Tat-Ähnlichkeit der Menschen mit Tieren. Zum Glücke ist sie nur eine Unähnlichkeit. Lasset denn nie den schamhaften Halbjüngling irgendeine Ähnlichkeit seiner Verehrten mit den Tieren des Feldes erträumen und ergrübeln. Die reine, kindliche, obwohl weissagende Natur erbebt vor dieser Ähnlichkeit. Ist sie ihm freilich erwiesen, und der heilige Schauer besiegt: so ist das Kind zu viele Jahre auf einmal alt geworden; – das Denken arbeitet hier dem Tun vor, wie sonst entgegen – außer der Wahrheit und der Wiederholung ihrer Ansicht mildert ihm noch der Trieb die brennende Farbe – und die Stürme seines Frühlings wehen und drängen. In der Tat, gibt es irgendeine Zeit, worin ein zweiter Mensch erziehend einem ersten nötig ist: so ist es die, wo der Halb- und Drittel-Jüngling (oder das Mädchen) seine neue Amerikas-Welt des Geschlechts entdeckt, und wo auf dem welkenden Kinde ein blühender Mensch aufschießt. Zum Glücke gesellte die Natur selber dieser Zeit der geistigen Frühlingstürme ein Gegengewicht, die Stunden der schönsten Träume, der Ideale, der höchsten Begeisterung für alles Große zu. Nur noch ein Gegengewicht hat der erziehende Wächter dem Herzen zuzufügen, nämlich den Kopf; d. h. er spare auf dahin irgendeine neue Wissenschaft, irgendein Ziel ergreifender Tätigkeit, irgendeine neue Lebenbahn auf. Zwar wird dies den Vulkan nicht ersäufen, aber seine Lava wird in diesem Meere mir zum Vorgebirge erkalten, und das Übel kleiner ausfallen als die Angst. Denn ist nicht aus allen offnen und geahneten Abgründen dieser Zeit eine Mehrheit gegenwärtiger gesunder Stimmen aufgestiegen, welche nicht verstummen und nicht jammern? – Nur die kleinste Zahl ist freilich stumm – ohne Kehldeckel – ohne Lungenflügel – ohne Flügel jeder Art – ohne Geist – ohne Leib – unbegrabne Leichname umherflatternder Gespensterseelen.... Der Himmel schenke ihnen ihr Grab! – Siebentes Bruchstück Entwicklung des geistigen Bildungtriebes Kap. I. Nähere Bestimmung des Bildungtriebes § 130. Kap. II. Sprache, Schrift § 131-132. Kap. III. Aufmerksamkeit und Vorbildungkraft, Pestalozzi, Unterschied der Mathematik von der Philosophie § 133-135. Kap. IV. Bildung zum Witze § 136-138. Kap. V. Bildung zur Reflexion, Abstraktion, Selberbewußtsein nebst einem Anhang-Paragraphen über Tat- oder Welt-Sinn § 139-140. Kap. VI. Über die Ausbildung der Erinnerung, nicht des Gedächtnisses § 141-144. Erstes Kapitel § 130 Andere Erziehschreiber nennen den geistigen Bildungtrieb das Erkenntnisvermögen – d. h. sie nennen Malen Sehen; – oder die intellektuellen Kräfte – gedenken aber der Sinne und des Gedächtnisses erziehend mit; – oder sprechen von der Bildung zur Selbsttätigkeit – als wäre der Wille nicht auch eine. Die meisten (vor Pestalozzi) schlugen vor, nur recht viele Kenntnisse aller Art einzuschütten: so bilde sich ein tüchtiger Mensch, denn Geist komme (nach Klopstock) von Gießen. Gelähmte Allwisser, ohne Gegenwart des Geistes und ohne Zukunft desselben, die (wie in anderem Sinne die endlichen Wesen) ewig fortgeschaffen werden, und die nie selber schaffen, Erben aller Ideen, aber keine Erblasser, sind Probemuster jener Erziehung, obwohl keine Musterproben derselben. Wir wollen den geraden Weg, den nach dem Mittelpunkte nehmen, anstatt auf dem Kreise umherzugleiten. Der Wille wiedererzeugt nur sich und nur in sich, nicht außer sich; denn die äußere Tat ist so wenig das Neue des besondern Wollens als der Zeichen-Laut das Neue des besondern Denkens. Der Bildungtrieb hingegen vergrößert seine Welt mit neuen Geschöpfen und ist so abhängig von Gegenständen als der reine Wille unabhängig. Der Wille könnte sein Ideal erreichen, findet aber einen wunderbaren Gegensatz wider sich (Kants Radikal-Böses), indes dem Denken keine entgegengesetzte Macht (wie Laster der Tugend) entgegensieht, sondern nur der Unterschied der Stufenfolge und die Unabsehlichkeit der Reihe. Nichts-Wissen ist nicht so schlimm als Nichts-Tun; und Irrtum ist weniger das Gegenstück als das Seitenstück der Wahrheit – denn verrechnen heißt nur etwas anderes , als man wollte, aber recht berechnen ; hingegen Unsittlichkeit steht der Sittlichkeit rein entgegen. Der geistige Bildungtrieb, der höher als der körperliche nach und durch Willen schafft, nämlich die neue Idee aus den alten Ideen, ist das Abzeichen des Menschen. Kein Wollen bedingt die Vorstell-Reihe des Tiers; im Wachen denken wir selber, im Traume werden wir gedacht, dort sind , hier werden wir unserer bewußt; im Genie erscheint dieses Ideen-Schaffen als schöpferisch, im Mittel-Menschen nur als besonnen und notwendig; wiewohl der Unterschied nur so klein ist als der im Zeugen, das oft Riesen und Zwerge gibt. Die Entwickelungen der Bildungkraft sind 1) die Sprache und 2) die Aufmerksamkeit, welche beide durch Eingrenzen und Abmarken eine Idee näher vor die Seele bringen – 3) die Ein- oder Vorbildungkraft, welche eine ganze Ideenreihe festzuhalten vermag, damit aus ihr die unbekannte, aber gesuchte und folglich geahnete Größe vorspringt, als Teil, Folge, Grund, Symbol, Bild – 4) der Witz – 5) die Reflexion – 6) die Erinnerung. Aus dieser beinahe genetischen Stufenordnung ergibt sich leicht die Absonderung in zwei Lehrklassen, wovon die eine dem Bildungtriebe organische Stoffe zuführt, z. B. Mathematik, die andere nur tote, z. B. die Naturgeschichte. Denn alles anhäufende Vorlehren naturhistorischer, erdbeschreibender, geschichtlicher, antiquarischer Kenntnisse gibt dem Bildungtriebe nur Stoffe, nicht Reize und Kräfte. Die alte Einteilung in Sprach- und in Sachkenntnisse ist zwar richtig, aber das Inventarium dessen, was zu jener und was zu dieser gehört, ist gerade so falsch als das ähnliche von Krankheiten vor Brown, welche man zwar auch, wie er, in sthenische und asthenische einteilte, nur aber Ruhr und Pest in jene Klasse und den athenischen Husten und Katarrh etc. in diese warf. Denn z. B. Sprache rechnete man zu den Sprachkenntnissen, hingegen Natur-, Völkergeschichte zu den Sachkenntnissen; anstatt es umzukehren. Hier nur ein Wort über den Miß- oder Vielbrauch der Naturgeschichte! Diese scheint für manche Lehrer das Wünschhütlein, wenn sie wenig von dem haben, worauf das Hütchen zu setzen ist, oder die Proviantmeisterin derer zu sein, die an Kenntnissen darben. Der Verfasser dieses fand zu seiner Freude in Goethens Wahlverwandtschaften Übereinstimmung mit einem Gedanken, den er selber schon im Tagebuche über seine Kinder im Jänner 1808 für sich niedergeschrieben: nämlich, welche Kraft wird denn an Kindern durch die Naturgeschichte ausländischer Tiere weiter gebildet oder mehr als durch die Erzählung von der ersten besten Mißgeburt? Höchstens gelte die ausländische als Honig auf dem nahrhaften Brot, oder als Anschlag-Zettel eines eben zu sehenden Tiers; und übrigens als Hausleserei in Funk. Hingegen an einheimischen Tieren müßte die genaueste Familiengeschichte und das lebengroße Tierstück gegeben werden. Ja, wie sehr würde, nicht sowohl Anschauung übend als mit der Gegenwart wuchernd, Pflanzenlehre und Mineralogie die kleinen Vorteile der ausländischen Tiergeschichten überwiegen! Ebenso wären die teuern jetzigen gemalten Welten (orbis pictus) recht gut durch die Werkstätten zu ersetzen, in welchen ein Handwerker nach dem andern den hospitierenden Kindern sein Gewerbe lebendig vorlegte. Zweites Kapitel Sprache und Schrift § 131 Sprache-Lernen ist etwas Höheres als Sprachen-Lernen; und alles Lob, das man den alten Sprachen als Bildungmitteln erteilt, fällt doppelt der Mutter-Sprache anheim, welche noch richtiger die Sprach-Mutter hieße; und jede neue wird nur durch Verhältnis und Ausgleichung mit der ersten verstanden, das Ur-Zeichen wird nur wieder bezeichnet; und so bildet sich die neuere Nachsprache nicht der neuen und eine der andern, sondern alle sich der ersten Vor-Sprache nach. Nennt dem Kinde jeden Gegenstand, jede Empfindung, jede Handlung, in der Not sogar mit einem ausländischen Worte (denn für das Kind gibt es noch keines); und überhaupt gebt dem Kinde, das euern Handlungen zuschauet, da, wo es möglich, durch Beinamen aller einzelnen Handlung-Teile Klarheit und Aufmerksamkeit. Hat doch das Kind überhaupt eine solche Hörlust, daß es euch oft über eine ihm bewußte Sache nur befragt, damit es euch höre; oder daß es euch eine Geschichte erzählt, damit ihr sie ihm wiedererzählt! Durch Benennung wird das Äußere wie eine Insel erobert und vorher dazu gemacht, wie durch Namengeben Tiere bezähmt. Ohne das Zeige-Wort – den geistigen Zeigefinger, die Rand-Hand (in margine) – stehet die weite Natur vor dem Kinde wie eine Quecksilbersäule ohne Barometer-Skala (vor dem Tiere gar ohne Quecksilber-Kugel), und kein Bewegen ist zu bemerken. Die Sprache ist der feinste Linienteiler der Unendlichkeit, das Scheidewasser des Chaos, und die Wichtigkeit dieser Zerfällung zeigen die Wilden, bei denen oft ein Wort einen ganzen Satz enthält. Das Dorfkind stehet dem Stadtkinde bloß durch seine spracharme Einsamkeit nach. Dem stummen Tiere ist die Welt ein Eindruck, und es zählt aus Mangel der Zwei nicht bis zur Eins. Alles Körperliche werde, geistig wie leiblich, zerteilt und analysiert vor dem Kinde im ersten Jahrzehend, aber nur nichts Geistiges; dieses, das nur einmal da ist, nämlich im Kinde selber, stirbt leicht ohne Auferstehung unter dem Zertrennmesser; die Körper aber kommen jeden Tag auferstanden und neugeboren zurück. Die Muttersprache ist die unschuldigste Philosophie und Besonnenheit-Übung für Kinder. Sprecht recht viel und recht bestimmt; und haltet sie selber im gemeinen Leben zur Bestimmtheit an. Warum wollt ihr die Bildung durch Sprache erst einer ausländischen aufheben? Versucht zuweilen längere Sätze, als die kurzen Kindersätze mancher Erziehlehrer oder die zerhackten vieler französischen Schriftsteller sind; eine Undeutlichkeit, die durch ihre bloße unveränderte Wiederholung sich aufhellt, spannt und stärkt. Sogar kleine Kinder strengt zuweilen durch Widerspruch-Rätsel der Rede an, z. B.: dies hört' ich mit meinen Augen, dies ist recht schön häßlich. Fürchtet keine Unverständlichkeit, sogar ganzer Sätze; eure Miene und euer Akzent und der ahnende Drang, zu verstehen, hellet die eine Hälfte, und mit dieser und der Zeit die andere auf. Der Akzent ist bei Kindern, wie bei den Sinesen und den Weltleuten, die halbe Sprache. – Bedenkt, daß sie ihre Sprache, so gut wie wir die griechische oder irgendeine fremde, früher verstehen als reden lernen. – Vertrauet auf die Entzifferkanzelei der Zeit und des Zusammenhangs. Ein Kind von fünf Jahren versteht die Wörter » doch, zwar, nun, hingegen, freilich «; versucht aber einmal von ihnen eine Erklärung zu geben, nicht dem Kinde, sondern dem Vater! – Im einzigen zwar steckt ein kleiner Philosoph. Wenn das achtjährige Kind mit seiner ausgebildetern Sprache vom dreijährigen verstanden wird: warum wollt ihr eure zu seinem Lallen einengen? Sprecht immer einige Jahre voraus (sprechen doch Genies in Büchern mit uns Jahrhunderte voraus); mit dem einjährigen sprecht, als sei es ein zweijähriges, mit diesem, als sei es ein sechsjähriges, da die Unterschiede des Wachstums in umgekehrtem Verhältnis der Jahre abnehmen. Bedenke doch der Erzieher, welcher überhaupt zu sehr alles Lernen den Lehren zuschreibt, daß das Kind seine halbe Welt, nämlich die geistige (z. B. die sittlichen und metaphysischen Anschau-Gegenstände) ja schon fertig und belehrt in sich trage, und daß ebendaher die nur mit körperlichen Ebenbildern gerüstete Sprache die geistigen nicht geben, bloß erleuchten könne. Freude wie Bestimmtheit bei Sprechen mit Kindern sollte uns schon von ihrer eignen Freude und Bestimmtheit gegeben werden. Man kann von ihnen Sprache lernen, so wie durch Sprache sie lehren; kühne und doch richtige Wort-Bildungen, z. B. solche, wie ich von drei- und vierjährigen Kindern gehört: der Bierfässer, Saiter, Fläscher (der Verfertiger von Fässern, Saiten, Flaschen) – die Luftmaus (gewiß besser als unser Fledermaus) – die Musik geigt – das Licht ausscheren (wegen der Lichtschere) – dreschflegeln, drescheln – ich bin der Durchsehmann (hinter dem Fernrohr stehend) – ich wollte, ich wäre als Pfeffernüßchenesser angestellt, oder als Pfeffernüßler – am Ende werd' ich gar zu klüger – er hat mich vom Stuhle heruntergespaßt – sieh, wie Eins (auf der Uhr) es schon ist – etc. Zur Sprechbildung gehört noch, daß man, wenigstens später, die farblosen Alltagsprechbilder zur lebendigen Anschauung zurückleite. Ein junger Mensch sagt lange: »alles über einen Leisten schlagen« oder »im Trüben fischen«, bis er endlich die Wirklichkeit, den Leisten bei dem Schuster oder das Trüb-Fischen am Ufer an einem Regentage, findet und sich ordentlich verwundert, daß dem durchsichtigen Bilde eine bestandfeste Wirklichkeit als Folie unterliegt. Pestalozzi fängt die Zerfällung der Weltmasse in Massen, der Glieder in Gliederchen am Leibe an, weil dieser dem Kinde am nächsten, wichtigsten und reichsten vorliegt und überall mit ähnlichen Teilen wiederkommt, was bei Geräten, Bäumen nicht ist. Ein wichtiger Vorteil ist noch, daß stets zwei Exemplare davon in der Lehrstube dastehen, und daß das Kind zwischen Ich und Du, zwischen fremden sichtbaren und größern Gliedern und zwischen eignen, nur fühlbaren und kleinern hin- und herzugehen und zu vergleichen hat. Indessen will Pestalozzi nicht nur mit diesen hellen Namen-Punkten wie mit Sternen den wüsten Äther abteilen und beleuchten, sondern, indem er rückwärts das Kind die Teilchen unter den Teil, die kleinern Ganze unter das größere sammeln läßt, bildet er das Vermögen, Reihen festzuhalten, oder – wovon nachher – die Vorbildungkraft. Fichte legt in seinen »Reden an die deutsche Nation« zu wenig Wert auf das Benennen und Abc äußerer Anschauungen oder Gegenstände und verlangt es bloß für die innern (für Empfindungen), weil dem Kinde, meint er, das Benennen der ersten nur zum Mitteilen, nicht zum bessern Ergreifen diene. Aber mich dünkt, der Mensch würde (so wie das sprachlose Tier in der äußern Welt wie in einem dunkeln betäubenden Wellen-Meere schwimmt) ebenfalls sich in den vollgestirnten Himmel der äußeren Anschauungen dumpf verlieren, wenn er das verworrene Leuchten nicht durch Sprache in Sternbilder abteilte und sich durch diese das Ganze in Teile für das Bewußtsein auflösete. Nur die Sprache illuminiert die weite einfarbige Weltkarte. Unsere Voreltern stellten, obwohl aus pedantischen und ökonomischen Gründen, doch mit Vorteil für die geistige Gymnastik und Erregung eine sehr fremde Sprache (die italienische) unter den Erziehung-Mächten voran. Freilich bildet das Wörterbuch fremder Wörter wenig; ausgenommen insofern sich daran die eignen schärfer abschatten; aber die Grammatik – als die Logik der Zunge, als die erste Philosophie der Reflexion – entscheidet; denn sie erhebt die Zeichen der Sachen selber wieder zu Sachen und zwingt den Geist, auf sich zurückgewendet, seine eigne Geschäftigkeit des Anschauens anzuschauen, d. h. zu reflektieren; wenigstens das (Sprach-)Zeichen fester zu nehmen und es nicht, wie eine Ausrufung, in die Empfindung selber zu verschmelzen. Dem unreifen Alter wird aber dieses Zurück-Erkennen leichter durch die Grammatik einer fremden Sprache als durch die der eignen, in die Empfindung tiefer verschmolzen – daher logisch-kultivierte Völker erst an einer fremden Sprache die eigne konstruieren lernten und Cicero früher in die griechische Schule ging als in die lateinische; daher in den Jahrhunderten, wo nur die lateinische und griechische Sprache fast als Stoff des Wissens galten, die Köpfe mehr formell sich bildeten und stofflose Logik (wie die ganze scholastische Philosophie beweiset) den Menschen ausfüllte. Wenn gleichwohl Huart behauptet, daß ein guter Kopf am schwersten Grammatik erlerne: so kann er darunter, wenn er sie nicht mit dem Wörterbuche verwechselt, nur einen mehr zu Geschäften oder zu Künsten als einen zum Denken gebildeten Kopf verstehen; jeder gute Grammatiker, z. B. der grammatische hebräische Tacitus Danz, ist ein partieller Philosoph; und nur ein Philosoph würde die beste Grammatik schreiben. – So ist auch das grammatische Analysieren der alten Schulen nur im Gegenstand von Pestalozzis Schau-Reihen verschieden. – Folglich bleibt eine fremde Sprache, besonders die lateinische, unter den frühern Übungen der Denkkraft die gesündeste. § 132 Da das Schreiben die Zeichen der Sachen wieder bezeichnet und dadurch selber zu Sachen erhebt; so ist dasselbe ein noch engerer Isolator und Lichtsammler der Ideen als das Sprechen. Das Schlagewerk der Töne lehrt ruckweise und kurz; das Zifferblatt des Schreibens weiset unausgesetzt und feiner geteilt. Schreiben erhellt, vom Schreiben an, das der Schreibmeister lehrt, bis zu jenem, das an den Autor grenzt. Es soll nicht zu viel daraus gemacht werden, daß, wie man angemerkt, unter den Briefen der Sevigné die von ihr geschriebenen schöner ausgefallen als die diktierten, oder daß Montesquieu, der nicht selber schreiben konnte, oft drei Stunden nötig gehabt, bis ihm etwas eingefallen, woraus daher manche seine abgeschnittene Schreibart erklären wollen; aber da es gewiß ist, daß unser Vorstellen mehr ein inneres Sehen als ein inneres Hören ist und selber unsere Metaphern davon mehr auf einem Farben- als einem Ton-Klaviere spielen: so muß das vor dem Auge verharrende Schreiben weiter und länger dem Ideenschaffen dienen als der Flug des Tons. Der Gelehrte treibt es so weit, daß, wenn er nachsinnt, er eigentlich eine Druckseite herunterlieset, und wenn er spricht, andern ein kleines Deklamatorium aus einem gut und eilig geschriebenen Werkchen gibt. Laßt mithin den Knaben noch früher eigne Gedanken aufschreiben als eure nachschreiben, damit er die schwere, klingende Münze der Töne in bequemes Papier -Geld umsetze. Nur werd' er von Schulherren mit Schreib-Texten verschont, wie sie sie zu geben pflegen – z. B. mit Lob des Fleißes, des Schreibens, der Schulherren, irgendeines alten Landherrn etc.; – kurz mit Texten, worüber der Schulherr selber nichts Bessers vorbrächte als seine Schul-Knechtchen. Gift jeder Darstellung ist eine ohne lebendigen Gegenstand und Drang. Wenn vielen genialen Männern, z. B. einem Lessing, Rousseau u. a., immer irgendein lebendiger Vorfall den Text ihrer im höhern Sinne geschaffnen Gelegenheit-Dichtung aufgab und aufdrang; wie wollt ihr vom Knaben begehren, daß er ins Himmelblau der Unbestimmtheit eintunke und damit die Himmelwölbung so male, daß die unsichtbare Dinte als Berlinerblau zuletzt erscheine? Ich begreife die Schulherren nicht. Soll denn der Mensch schon in der Kindheit über Perikopen (sonntägliche Texte) predigen, und nie sie in der Natur-Bibel selber wählen? Etwas Ähnliches gilt von den Selberträgerinnen offner Briefe (ein ungesiegelter ist schon halb ein unwahrer), zu welchen Lehrer oft in Schulen Mädchen bestellen, um sie im Epistolar-Stil zu exerzieren. An ein Nichts schreibt ein Nichts; der ganze vom Lehrer, nicht vom Herzens-Drange aufgegebene Brief wird ein Totenschein der Gedanken, ein Brandbrief des Stoffs; – dabei ists noch ein Glück, wenn eine solche aus dem Kalten ins Leere kommandierte Geschwätzigkeit das Kind nicht zu Unlauterkeit gewöhnt. Sollen Briefe vorkommen: nun so werde an einen bestimmten Menschen über eine bestimmte Wirklichkeit geschrieben. Aber warum doch diese Silberschaumschlägerei, da man unter allen Sachen – nicht einmal Zeitungen ausgenommen, politische und gelehrte – nichts so leicht schreiben lernt als Briefe, sobald Drang und Fülle der Wirklichkeit befruchtet? – Ein Blatt schreiben regt den Bildungtrieb lebendiger auf als ein Buch lesen. Mehre Leser ausgewählter Schulbibliotheken sind schwer vermögend, eine gute und erfreuende Anzeige eines Todesfalls und das Verbitten des Beileids für das Wochenblatt aufzusetzen. Freilich sind viele Schreiber ebensowenig Redner; sie gleichen großen Kaufleuten in Amsterdam, welche statt eines Warenlagers nur eine Schreibstube haben – Gebt ihnen aber nur Zeit, so verschreiben sie die Waren. – Corneille sprach schlecht und lahm, ließ aber seine Helden desto besser reden. Haltet daher jeden Examinandus für einen stummen stammelnden Corneille; und gebt ihm ein Zimmer und eine Stunde und Feder: so wird er schon reden durch diese und sozusagen sich selber ganz gut examinieren. Ich schließe dieses Kapitel, wie jeder Indier sein Buch anfängt: gesegnet sei, wer die Schrift erfand. Drittes Kapitel Aufmerksamkeit und Vorbildungkraft § 133 Bonnet nennt die Aufmerksamkeit die Mutter des Genies; sie ist aber dessen Tochter; denn woher entstände sie sonst als aus der vorher im Himmel geschloßnen Ehe zwischen dem Gegenstande und dem dafür ausgerüsteten Triebe? – Daher ist eigentliche Aufmerksamkeit so wenig einzupredigen und einzuprügeln als ein Trieb. Swift in einer musikalischen Akademie – Mozart in einem philosophischen Hörsaale – Raffael in einem Redner-Klub – Friedrich der Einzige in einem Cour d'amour – vermöget ihr diesen sämtlichen Männern, welche doch Genies und bei Jahren sind und ihre Überlegung haben, auf so wichtige Dinge, als Künste, Wissenschaft, Staat und Liebe sind, ein aufmerkendes Ohr anzusetzen? – Gleichwohl verspreche und verhofft ihrs an Kindern, Mittelkräften und Unreifen für viel kleinere Gegenstände? Eigentlich aber begehrt ihr meistens, daß eure individuelle Aufmerksamkeit, welche doch wie eine geniale den Eigensinn der Gegenstände hat, zur kindlichen werde, und eure Enge zur mitgeteilten. Behängt ihr für das Kind den Gegenstand der Aufmerksamkeit mit Lohn oder Strafe, so habt ihr mehr einen andern, den des Eigennutzes, an die Stelle gesetzt als dem geistigen ein Gewicht oder dem Bildungtriebe einen Reiz gegeben; höchstens für das Gedächtnis habt ihr gearbeitet. Kein sinnlicher Genuß oder Flieh-Zweck bahnet den Weg ins geistige Reich; daher das Brotstudium den Steinen gleicht, mit deren Angebinde der Taucher schneller untersinkt, um Perlen für seinen Herrn zu suchen, und welche ganz anders der Luftschiffer nur aufnimmt, um mehr Himmel zu gewinnen, wenn er sie wegwirft. Was ist aber zu tun? So fragen die Lehrer immer, anstatt früher zu fragen: was ist zu meiden? – Den Jesuiten verbieten die Ordenregeln, länger als zwei Stunden zu studieren; – eure Schulordenregeln aber gebieten den Kleinen, so lange zu studieren, d. h. aufmerksam zu sein, als ihr Alten dozieren könnt; es ist gar zu viel, zumal wenn man den jungen, der Welt offnen Sinn, das lustige Lebengeräusche auf dem Markt, die bewegten Blütenäste an den Schulfenstern und den scharfen Sonnenstreif auf dem dumpfen Schulboden und die Gewißheit Sonnabends bedenkt, daß nachmittags keine Schule ist. – Es gab viele Fälle, worin z. B. der Levana-Verfasser sich entschieden vornahm, irgendeiner viertelstündigen Erzählung sein ganzes Ohr zu schenken, bloß um solche weiterzugeben; – er tat innerlich, was er vermochte, und arbeitete an der stärksten Aufmerksamkeit – das Arbeiten verschlug ihn auf Neben-Gedanken – er mußte wieder zurückhorchen, um den Faden zu fassen – und so brachte ers mit bestimmter Angst, Willkür und Absicht doch nicht weiter, als daß er bloße Kapitel-Summarien der Erzählung, wovon einige sogar lügenhaft klangen, an Orten, wo er treffen wollte, verbreiten konnte. Glaubt ihr aber, einem Kinde werde leichter Aufmerksamkeit und schwerer Langweile gegeben als einem, der für dasselbe schreibt? – Ein Kind kann das höchste Interesse für eure Lehren haben; nur aber heute eben nicht – oder an diesem und jenem Fenster oder weil es eben etwas Neues gesehen oder gegessen – oder weil der Vater eine Lustreise angekündigt oder eine Einsperrung – oder weil die vorige Gehörlosigkeit ihre Strafe bekommen und das Kind nun so lebhafter an die Strafe als an deren Vermeidung denkt. – Es gibt nämlich überhaupt keine unausgesetzte Aufmerksamkeit für den Menschen (ewiges Sehnen läßt sich leichter schwören als ewiges Lieben); und nicht immer trifft die kindliche mit der elterlichen zusammen. – – Wenn Neuheit bekanntlich der schärfste Reiz des innern Ohrs – das Treibhaus jeder Pflanze – die Polsonne und der Polmond ist: warum fodern doch Erzieher desto mehr die erste Hörkraft, je öfter sie wiederholen, vollends von der jungen, mit lauter neuen Welten umrungnen Seele? Ist denn ihr Ruhekissen ein vergoldetes Kissen, woran sich die Scheibe elektrisch reibt? – Freilich wenn es uns schwer wird, uns an die Stelle ähnlicher Menschen zu setzen, wie vielmehr uns das Versetzen an die Stellen unähnlicher, hinunter oder hinauf! Aus Kindern werden leichter Leute als aus Leuten Kinder. Wie viele Jahre lang macht oft ein Lehrer am Schulofen warm, ohne nur, wenn er wegtritt, von ihm einen Gedanken zu einer Beckerschen Augusteums-Darstellung von den erhabnen Figuren mitzunehmen, wodurch der Töpfer sich auf dem Ofen zeigen wollte, und an deren Gliedern sich jahrelang der Schulherr die Hände wärmte, ohne von ihnen das Geringste zu bemerken und zu behalten. Schaue doch jeder nach dieser Zeile in seiner Stube nach, ob er seitdem nicht darin zwanzig neue Gegenstände gewahr nehme, die bisher unbekannt mit ihm da zusammen gewohnt! Ginge man noch kleiner ins Abteilende ein: so könnte man z. B. die verschiedenen Schreibmuster der Kinder in ihren verschiedenen Wirkungen auf die Aufmerksamkeit anführen. Ein Kind wird stets eine einzige waagrechte Vorschrift einer Zeile schlechter und immer schlechter gegen das Ende zu nachschreiben als eine steilrechte Vorschrift, welche auf jeder Linie ein neues Wort vorlegt; es wird sich dann von einer Zeile zur andern freuen; und sogar hier wird die Neuheit ihre Rechte an die Aufmerksamkeit noch einmal erneuern, daß immer das erste Wort am besten geschrieben wird, wie in der waagrechten Vorschrift die erste Zeile. Wiederholung, sonst die Hauptwinde des Unterrichts, ist die Gegenfeder und keine Spiralfeder der Aufmerksamkeit ; denn um für einen wiederkommenden Gegenstand Aufmerksamkeit zu haben, muß man ihn schon früher einer ersten und größern wert gefunden haben. Ein wichtiger Unterschied ist zu machen: der zwischen allgemein-menschlicher und zwischen genialer Aufmerksamkeit. Letzte kann nur erkannt, geschont und gepflegt werden, obwohl nicht erschaffen. Habt nur Aufmerksamkeit auf die kindliche, ihr Erzieher, damit ihr nicht, alle Zukunft verwirrend, dem Genie, das euch mit Kräften und Blitzen überrascht, die entgegengesetzte abfodert, einem Haydn ein Maler-Auge, einem Aristoteles ein Gedicht, und damit ihr nicht dem Bildungtrieb und Übertrieb statt seiner Psyche eine Äffin zum Zeugen zuführt. Diese instinktartige, ihres Gegenstandes wartende Aufmerksamkeit erklärt Erscheinungen wie solche, daß der tiefsinnige Thomas von Aquino in seiner Jugend ein Vieh hieß, der Mathematiker Schmidt aus Unfähigkeit zum Studieren und zum Handel achtunddreißig Jahre lang ein Handwerker blieb u. s. w. Gute Bäume tragen anfangs nur Holzäste statt der Früchte. Das gediegne Silber bricht nur schwarz – Später fliegt dann um so schneller und leichter das Geschäft; und indes Kenntnis und Talent ihre Gaben nur wie Gold schwer aus Tiefen heben, so holt und gibt das Genie die seinigen wie Juwelen leicht aus losem Sand. Hingegen die zweite, die allgemein-menschliche Aufmerksamkeit ist weniger zu wecken als zu teilen und zu verdichten; auch zerstreuete Kinder haben eine, nur aber allseitig-offne. Das Kind in der neuen Welt überhaupt ist ein Deutscher in Rom, ein Pilger in Palästina. Es gibt keine Aufmerksamkeit auf alles, keine Kugel ist ganz zu sehen. Jene leidende, wovor die Welt nur spurlos vorüberstreicht, steigert ihr zur tätigen durch die Heraushebung eines Gegenstandes, indem ihr ihn zum Rätsel und dadurch reizend macht. Man frage ewig die Kinder warum ; das Fragen der Lehrer findet offnere Ohren als ihre Antworten. Zweitens hebt ihr ihn wie Pestalozzi heraus durch den Vergrößerspiegel der Auseinanderlegung; und drittens macht es wieder wie er: so wie, nach den Scholastikern, Gott alles erkennt, weil er es erschafft, so bringt das Kind nur ins geistige Erschaffen hinein; die Fertigkeit des erkennenden Aufmerkens folgt dann von selber. Und dies führt zum folgenden Paragraphen über die Vorbildungkraft. § 134 Das alte Vorurteil, daß Mathematik den philosophischen Scharf- und Tiefsinn übe und fodere, und daß sie und die Philosophie Schwestern sein, hat sich, hoff' ich, fortgeschlichen. Mit Ausnahme des überall gewaltigen Leibniz waren große Mathematiker, wie Euler, d'Alembert, ja Newton, schwache Philosophen. – Die Franzosen haben sich mehre und höhere mathematische als philosophische Kränze errungen; – große Rechnenmeister und große Mechaniker fand man oft unter dem Volke, ähnliche Philosophen nicht; – umgekehrt blieben oft kräftige tiefe Philosophen bei aller Anstrengung nur ungelenke Meßkünstler; – und unter Kindern sind einige dem philosophischen Unterricht weit aufgetan, andere nur dem mathematischen. Diese Entscheidung der Erfahrung wird noch von Kants Kritik entziffert und besiegelt. Der Mathematiker schauet Größen an, wenn der Philosoph über sie reflektiert und von ihnen abstrahiert und die Gewißheit des erstern ist, wie die der äußern Welt, eine ohne Schluß vermittelte Gegenwart; er kann nichts beweisen, nur zeigen; übersteigt aber die Größe (wie meistens der Fall ist von der gemeinsten Rechnenkunst an) seine Anschaukraft, so beweiset er nur mechanisch 2 × 2 = 4 schau' ich an; aber 319 × 5011 = 1 598 509 nehm' ich nur auf Treu und Glauben der Methode an. durch die Methode. In der Philosophie gibt es keine solche Überzeugung durch die Wahrhaftigkeit der Methode, sondern stets nur eine durch die Einsicht der Idee. Malebranche sagte mit Recht: der Geometer liebt nicht die Wahrheit, sondern das Erkennen derselben (L. I. ch. 2.); oder bestimmter: nicht das Dasein, sondern Verhältnisse. Die Philosophie hingegen will Dasein erforschen und zieht daher sich und den Mathematiker selber – was dieser nicht erwidern kann –, die In-, Aus- und Oberwelt vor sein Auge. Daher Religion und Poesie lebendig und weit in die Philosophie eingrenzen, aber nicht die tote Meßkunst; daher konnte der große Kant die Möglichkeit zulassen, daß die Zahl- und Meßlehre als Exponent der irdischen Zeit und Anschauung hinter dem Leben keine Wahrheit mehr habe, indes er diese Möglichkeit von den Ideen der Vernunft, der Sittlichkeit nirgends annahm. § 135 Der vorige Paragraph soll mit seiner Absonderung der Mathematik von der Philosophie gleichwohl nichts einleiten als das Lob der Pestalozzischen Lehrweise, welche eben zwischen dem Parallellineal der Zahlen und Linien die Kinderseele gerade zieht. Über Pestalozzi hab' ich nichts gelesen als ihn selber; ausgenommen das wenige, was die rezensierenden Richter aus seinen Richtern ausgezogen; doch kündigte schon sein »Lienhard und Gertrud« den Gegengift-Mischer seines Zeitalters an; – und der bleib' er lange und finde Gesellen genug, dieser Meister! – In der unsichtbaren Loge I. S. 181. 182. wurde schon vor Pestalozzi der Erziehvorzug des Mathematisierens vor dem Philosophieren anerkannt. Denn womit anders vermöget ihr den geistigen Bildungtrieb zu reizen? – Die Stöße und Schläge der Sinne regen an, stumpfen ab, helfen aber nicht zeugen – Überschüttung mit Lehren, d. h. mit bloßen Summarien der Rechnung, heißt wie in Siberien den Wiegenkindern das heilige Abendmahl erteilen – Reflektieren und Abstrahieren lehren heißt den Leib giftig zersetzen, Herz und Glauben auflösen, um die kindlichen Herzblätter und Blüten zu zerrupfen – Auch fängt Philosophieren nur vom Höchsten, d. h. vom Schwersten an, Mathesis vom Nächsten und Leichtesten – Was bleibt? – Die Metaphysik des Auges – die Grenzwissenschaft zwischen Erfahrung und Abstraktion – jene ruhige kalte Maß-Rechnung, welche sich noch nicht nach den drei Riesen und Herrschern des Wissens, nach Gott, Welt und Ich erkundigt; welche jede Säe-Minute mit einer sichtbaren Ernte belohnt; welche keine Begierden und Wünsche aufreizt oder niederschlägt, und doch auf jeder Erdenstelle, wie in einem Exempelbuch, ihre Beispiele und Fortübungen antrifft – und welche, ungleich der Denk- und der Dicht-Kunst, von keiner Verschiedenheit der Herzen und Geister Verschiedenheit der Resultate zu besorgen hat – und für welche kein Kind zu jung ist, da sie wie dasselbe vom Kleinsten aufwächst. Es ist also Pestalozzis langsames lichtstetiges Anhäufen und Verlängern arithmetischer und geometrischer Verhältnisse recht das Tragenlehren der wachsenden Last, wie eines milonischen Kalbes Bekanntlich lernte der Athlet Milon durch tägliches Tragen eines wachsenden Kalbes allmählich zum Träger des ausgewachsenen reifen Tiers erstarken. , das zum Dank Opfertiere eines Archimedes reift. Was der Papst Sixtus V. roh aussprach: Zahlenlehre sei am Ende auch Eseln beizubringen; – und die bekannte Beobachtung in der französischen Enzyklopädie, daß einige Blödsinnige gut Schach spielen gelernt – da Schachspiel eine mathematische Kombination ist und das Schachbrett zum Probiertiegel oder Kredenztisch mathematischer Kräfte dienen könnte –: dies alles bewährt und belobt es, daß Pestalozzi über das Leben, wie Plato über seinen Hörsaal, geschrieben: nur der Meß-Kundige trete ein. Folglich sind die Einwürfe gegen den Schweizer – daß seine Schule keine Propheten-, Dichter- und Philosophen-Schule sei – bloß Lobsprüche auf ihn; und es wäre schlimm, wenn er die Einwürfe widerlegen könnte. Gerade unserem nebligen, stützen- und bestandlosen, mehr träumenden als dichtenden, mehr phantasierenden als phantastischen Zeitalter ist das scharfe Augenmaß der Mathematik so nötig, der feste Halt ans Feste. Indes, was wird denn damit für den geistigen Bildungtrieb getan? Etwas Großes in der Kindheit: die Vorbildungkraft wird entfaltet.... Da man den Strahl der einfachen Geistestätigkeit schon in die Farben mehrer Seelenkräfte gebrochen hat: so wird ja noch eine mehr zu benennen verstattet sein, nämlich jene Kraft, welche sowohl von der Einbildungkraft, die nur stückweise auffaßt, als von der Phantasie, die erzeugt, verschieden ist, und welche dem Philosophen in seinen Kettenschlüssen, dem Mathematiker in seinen Kettenrechnungen und jedem Erfinder in seinen Planen beisteht, indem sie ihnen lange Reihen in täglich wachsenden Massen von Ideen, Zahlen, Linien, Bildern nebeneinander schwebend vorhält und anzuschauen gibt. An den langen Zahlen-Gleichungen übt der Pestalozzische Zögling keine schaffende Kraft (diese wendet in der Mathematik nur der Erfinder der Methode an), sondern eine vorbildende und überschauende. Diese aber ist eben eines unbegrenzten Wachstums fähig; was müßte ein Newton, dieser mathematische Polstern, in Buchsee geworden sein! Wahrscheinlich andern in ihren Jahren so unfaßbar, als er sichs selber in seinen alten geworden. – Wenn manche den Lauf und Flug der Ideen an Sekundenuhren messen – denn Bonnet verlangt für eine klare eine halbe Sekunde, Chladen für eine alte nur drei Terzien (nach Hallers Physiologie) –, so scheinen sie dabei nur ein inneres Ablesen vorgedruckter Gedanken zu berechnen; aber könnt ihr denn Denken abmarken, den wehenden Himmelsäther in Wellen einteilen? Und ist nicht die reichste Idee, Gott oder Weltall, so gut ein zeitloser Blitz als die ärmste, das Nichts? – Die Stärkung der Vorbildungkraft ließe sich später noch vorteilhaft für manche Wissenschaft erneuern. Z. B. welchen Gewinn langer Ideen-Meßketten könnte man nicht aus Uhren ziehen, wenn man die Zerlegung und Verständlichung von Kuckucks-Uhren an bis zu Repetier-Uhren mit halben Vierteln – diesem meisterhaften Echo der Zeit – forttriebe und vollendete. – So läßt sich durch zwei ganz verschiedene Wissenschaften die Vorbildungkraft zu entgegengesetzten Anstrengungen ausrüsten, durch die Stern- oder Weltengrößen-Kunde zum Erfassen des Raum-Größten, durch die Zerglieder-Lehre zum Erfassen des Raum-Kleinsten; denn das letzte fodert eine unerwartete Anstrengung, so wie auch physisch das Kleinste so schwer zu ergreifen ist wie das Größte, sowohl dem Finger als dem Auge. Noch eine Verstärkung der Vorbildungkraft gewänne man, wenn man eine lange philosophische oder historische Reihe immer kürzer bis zum Epigramm zusammenzieht und das Nacheinander in einen Blitz und Blick verkehrt. Z. B. wenn ihr den Satz: »populäre Schriftsteller wählen nicht erst unter den Gedanken, sondern schreiben sie so nieder, wie sie entstehen, so wie in den meisten Staaten die Fürsten nicht gewählt werden, sondern nach der Geburtfolge herrschen« – mehr so ineinander gedrängt habt »populäre Autoren lassen ihre Ideen nicht nach dem Wahlreich der Vernunft regieren, sondern nach der natürlichen Sukzession der Entstehung«, so könnt ihr den Auspruch so beschließen: »im populären Kopf ist mehr ein Erb- als Wahlreich der Ideen« – ich meine für manche zu bildende Knaben; denn gebildeten Lesern fiele eine solche Kürze wohl lästig. Viertes Kapitel Bildung und Witz § 136 »Eh der Körper des Menschen entwickelt ist, schadet ihm jede künstliche Entwickelung der Seele – philosophische Anstrengung des Verstandes, dichterische der Phantasie zerrütten die junge Kraft selber und andere dazu. Bloß die Entwickelung des Witzes, an die man bei Kindern so selten denkt, ist die unschädlichste – weil er nur in leichten, flüchtigen Anstrengungen arbeitet; – die nützlichste – weil er das neue Ideen-Räderwerk immer schneller zu gehen zwingt – weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft über die Ideen gibt – weil fremder und eigner uns in diesen frühen Jahren am meisten mit seinem Glanze entzückt. Warum haben wir so wenige Erfinder, und dafür so viele Gelehrte, in deren Kopfe lauter unbewegliche Güter liegen, worin die Begriffe jeder Wissenschaft klubweise auseinandergesperrt in Kartausen wohnen, so daß, wenn der Mann über eine Wissenschaft schreibt, er sich auf nichts besinnt, was er in der andern weiß? – Warum? Darum bloß, weil man die Kinder mehr Ideen als die Handhabung der Ideen lehrt, und weil ihre Gedanken in der Schule so unbeweglich fixiert sein sollen als ihr Steiß. Man sollte Schlözers Hand in der Geschichte auch in andern Wissenschaften nachahmen. Ich gewöhnte meinem Gustav an, die Ähnlichkeiten aus entlegnen Wissenschaften anzuhören, zu verstehen und dadurch – selber zu erfinden. Z. B. alles Große oder Wichtige bewegt sich langsam – also gehen gar nicht: die orientalischen Fürsten – der Dalai Lama – die Sonne – der Seekrabben; weise Griechen gingen (nach Winckelmann) langsam, ferner geht langsam das Stundenrad, der Ozean, die Wolken bei schönem Wetter. – Oder: im Winter gehen Menschen, die Erde und Pendule schneller. – Oder: verhehlt wurde der Name Jehovas, der orientalischen Fürsten, Roms Schutzgottes, die sibyllinischen Bücher, die erste altchristliche Bibel, die katholische, der Vedam etc. Es ist unbeschreiblich, welche Gelenkigkeit aller Ideen dadurch in die Kinderköpfe kömmt. Freilich müssen die Kenntnisse schon vorher da sein, die man mischen will. Aber genug! der Pedant versteht und billigt mich nicht; und der bessere Lehrer sagt eben: genug!« – Diese Stelle steht hinter einigen einleitenden Beweisen in der unsichtbaren Loge , I. S. 200 etc. § 137 Nach der strengen Notfrist und Lehrstunde der Mathematik folgt am besten die Freilassung durch den Sanskulottentag und die Spielstunde des Witzes; und wenn jene, wie der Neptunist, nur kalt und langsam bildet, so dieser, wie der Vulkanist, schnell und feurig. Indes durchschweift auch der Witz-Blick lange, obwohl dunklere Reihen der Vorbildungkraft, um zu schaffen. – Die Erstgeburten des Bildungtriebes sind witzige. Auch ist der Übergang von der Meßkunst zu den elektrischen Kunststücken des Witzes – wie Lichtenberg, Kästner, d'Alembert und überhaupt die Franzosen beweisen – mehr ein Nebenschritt als ein Übersprung. Die Sparter, Kato, Seneka, Tacitus, Bako, Young, Lessing, Lichtenberg sind Beispiele, wie die kraftschwere, volle, beleuchtende Gewitterwolke des Wissens ins Wetterleuchten des Witzes ausbricht. Jede Erfindung ist anfangs ein Einfall – aus diesem hüpfenden Punkte (pointe) entwickelt sich eine schreitende Leben-Gestalt. Der Bildungtrieb paart und verdreifältigt; eine witzige Idee hilft wie die neugeborne Diana der Mutter zur Entbindung ihres Zwilling-Bruders Apollos. § 138 Daß der Witz in der Kinder- und Schulstube anfangs, wie in Vorzimmern und Nähsälen, den Vortritt vor Reflexion und Phantasie erhalte, ist leichter einzusehen als die Mittel, wie es zu machen. Die größere Lehrer-Zahl wirft ein, er fehle ihr selber, und es sei schwer, einem französischen Sprachmeister nachzuahmen, der dem Deutschen aus dem Deutschen heraushelfe, und selber keines verstehe. Niemeyer schlägt dazu Scharaden und Anagrammen vor – die aber nur zur Reflexion über die Sprache dienen – und Rätsel – die, obwohl besser, doch mehr sinnliche Definitionen sind – und Gesellschaftspiele, von welchen, außer dem Ähnlichkeitspiel, die meisten mehr den besonnenen Geschäftgeist als den Witz entfalten. Gibt es denn aber keine Sinngedichte, keine Witzgeschichtchen und keine Wortspiele zum Vortragen? – Und ist es nicht ein leichtes, Kinder anfangs im Physischen moralische Ähnlichkeiten aufsuchen zu lassen, bis ihnen die Schwingen so gewachsen sind, daß sie vom Geistigen zur körperlichen Ähnlichkeit gelangen? (S.  Vorschule der Ästhetik II. S. 296ff. ) Der Verfasser dieses stand einmal einer Winkelschule von zehn Kindern seiner Freunde drei Jahre lang vor; unter seiner Schuljugend, verschiedenen Alters und Geschlechts, hatte der beste Kopf nichts mitgebracht als den Cornelius Nepos. Es wurde nun, nebst der lateinischen Sprache, angefangen die deutsche, französische, englische, samt allen sogenannten Realwissenschaften. Doch die Jahrbücher dieser exzentrischen Barockschule, in deren Ferien-Stunden die unsichtbare Loge und der Hesperus entstanden, gehören mit der Beichte aller Fehlgriffe in des Verfassers erscheinende Jahrbücher seines Lebens; hierher gehört aber bloß folgendes: nach einem halben Jahre täglichen fünfstündigen Unterrichts, in dessen Wiederholungen, wie es der Zufall gab, witzige Ähnlichkeiten gesucht wurden, und während desselben die Kinder die spartische Erlaubnis hatten, aufeinander Einfälle zu haben – wodurch sie auch außer der Schule der deutschen Unart, empfindlich zu werden, entwöhnt blieben –, machte der Verfasser, um aufzumuntern und aufzubewahren, ein Schreibbuch, betitelt: » Bonmots-Anthologie meiner Eleven«, in welches er vor ihren Augen jeden, nicht lokalen, Einfall eintrug. Einige Beispiele mögen bezeugen: ein Knabe G. von zwölf Jahren, der beste Kopf, mit mathematischen und satirischen Anlagen, sagte folgendes: Der Mensch wird von vier Dingen nachgemacht, vom Echo, Schatten, Affen und Spiegel – Die Luftröhre, die intoleranten Spanier und die Ameisen dulden nichts Fremdes, sondern stoßen es aus – Des Walfisches Luftsack, woraus er unter dem Wasser atmet, ist der Wassermagen des Kamels, woraus es im Wassermangel trinkt – Das Kriechen der Griechen ins trojanische Pferd war eine lebendige Seelenwanderung – Cäsar war das, was bei uns ein römischer König ist, August war der erste römische Kaiser – Die Dummen sollte man nicht Esel nennen, sondern Maultiere, weil nur ihr Verstand nicht menschlich ist – Wenn die Rechnungen länger werden, sollte man Logarithmen von Logarithmen machen – Die Alten brauchten einen Gott, um nur alle ihre Götter zu merken – Die Weiber sind Männerlehn – Merkurius ist Gift; und der mythologische Merkur brachte die Seelen auch in den Himmel und die Hölle u. s. w. – Dessen schwächerer Bruder S. von zehn und einem halben Jahre sagte: Gott ist das einzige perpetuum mobile – Die Ungarn heben zugleich ihren Wein und ihre Bienenstöcke in der Erde auf – Die Freimäuerei ist überall wie der oberrheinische Kreis in alle Kreise verstreuet; und er selber sei mit seinen Einfällen ebenso in das Einfall-Buch verstreuet – Konstantinopel sieht von weitem schön aus und in der Nähe häßlich und ist auf sieben Hügeln; so ist der Venusstern von weitem glänzend und in der Nähe höckerig und voll spitziger Berge u. s. w. - Dessen Schwester  W. von sieben Jahren sagte: Jede Nacht trifft uns ein Schlagfluß, am Morgen sind wir heil – Der Fensterschweiß ist im Grunde Menschenschweiß – Die Welt ist der Leib Gottes – Wenn der Puls schnell geht, so ist man krank, wenn er langsam geht, ist man gesund; so bedeuten die Wolken, wenn sie schnell gehen, schlechtes Wetter, und wenn sie langsam gehen, gutes Wetter – Die Sparter trugen im Kriege rote Röcke, damit man das Blut nicht sehe, und gewisse Italiener tragen schwarze, damit man die Flöhe nicht sehe – Meine Schule sei eine Quäkerkirche, wo jeder reden darf – Die Dümmsten putzen sich am meisten; so sind die dümmsten Tiere, die Insekten, am buntesten etc. – Zuweilen gab es mehre Väter und Mütter desselben Einfalls zugleich; ein Funke lockte zu schnell den andern – und man drang mit Recht auf Gütergemeinschaft der Ehre, in der Bonmots-Anthologie zu stehen. Sklaverei trübt und verscharrt alle Salzquellen des Witzes; daher Erzieher, die wie schwache Fürsten sich nur durch Zensur und Preßzwang auf ihrem Thron- und Lehrsitze erhalten, vielleicht besser Spaziergänge erwählen, um die Kleinen freizulassen und witzig zu machen. Der Verfasser der Bonmots-Anthologie erlaubte der Schule sogar Einfälle auf (nicht gern) ihn selber. Von diesen Waffenübungen des Witzes will ein Mann Es ist der göttingische gelehrte Anzeiger der Levana. , so wenig er selber über sie zu klagen hat, Gefahr für den Wahrheit-Sinn befahren; aber dann hat er für noch etwas Besseres, für Empfindungen – die Stellvertreterin der Wahrheiten in unserer dunkeln und verdunkelnden Welt –, Verfälschung von allen Redekünsten zu befürchten, welche deren Ausdruck und Erweckung lehren und zergliedern. – Und aus welchem Grunde schiebt man denn den witzigen Gleichungen geradezu Ungleichsein mit der Wahrheit unter, als ob sie diese nicht auch, obwohl nur auf andere Weise, darstellten? Dabei werden ja hier keinen anderen Kindern olympische Witz-Spiele angeraten als – deutschen, welchen schon die nordische Natur ein so gutes Gegengewicht gegen Überreiz mitgegeben, daß sogar eine deutsche Universität gut dem gewaltigen und schweren Witze zweier Männer wie Kästner und Lichtenberg das Gleichgewicht zu halten vermag und ihnen in gelehrten Anzeigen die gelehrte Spitze bietet. Fünftes Kapitel Bildung zu Reflexion, Abstraktion, Selbstbewußtsein nebst einem Anhang-Paragraphen über Tat- oder Welt-Sinn § 139 Über das Wichtigste kann ich am kürzesten sein – denn Zeit und Bibliotheken sind darüber weitläuftig genug. Das reflektierende Selbstanschauen, das dem Menschen die äußere oberirdische Welt verbirgt und vernichtet durch das Einsenken und Einfahren in die innere, findet jetzo in jedem Buchladen seine Grubenleitern. Auch das jetzige, in Genüsse zerstückte Leben, ohne feurige, große Tatzwecke, die das Innere ins Äußere einketten, bringt ohnehin bald zuwege, daß jeder sich, als sein eigner Bandwurm, selber bewohnen möchte; und daß sich ihm das Universum, wenn nicht verluftigt, doch verglaset, bis ein Anstoß der Fühlfäden ihn schmerzlich ans Dasein erinnert. Sind jetzige Menschen dichterischer Natur, so wird ihnen das Leben leicht eine Wüste, in welcher, wie in andern Wüsten, in der wallenden Luft alle Gegenstände zugleich schwankend und riesenhaft erscheinen. Sind sie vollends philosophischer Natur, so halten sie die idealistische Gartenleiter, weil sie auf sich selber lehnt, für den Obstbaum, die toten Sprossen für lebendige Zweige, und Steigen für Pflücken. Daher folgt jetzo leicht Selbstmord auf den philosophischen Weltmord. Daher gibt es jetzo mehr Tolle und weniger Dichter als sonst; der Philosoph und der Tolle zeigen unaufhörlich mit dem linken Zeigefinger auf den rechten und rufen: Ob-Subjekt! Folglich schiebe man immer bei philosophisch- und bei poetisch-genialen Naturen die reflektierende Einkehr in sich bis in die glühende Zeit der Leidenschaften hinaus, damit das Kind ein frisches, festes, dichtes Leben einernte und aufbewahre. Bloß Kinder gemeiner und nur tätiger Anlagen, denen die Außenwerke der Welt nicht so leicht zu schleifen sind, diese möget ihr fünf Jahre früher durch Sprache, Logik, Physiologie und Transzendieren in die Festunghöhe ihres Ichs hinauftreiben, damit sie von da herab ihr Leben überschauen lernen. Die Innen-Welt ist das Heilmittel oder Gegengift des Geschäftmannes; wie die Außenwelt das des Philosophen. Die Dichtkunst ist als eine Verschmelzung beider Welten für beide das höhere Heilmittel; so wie durch sie jene gesündere Reflexion und Abstraktion gewonnen wird, welche den Menschen über Not und Zeit auf die höhere Ansicht des Lebens erhebt. § 140 Hier wäre ein Neben-Ort, von der Entwickelung des Geschäft- oder Welt-Sinns zu sprechen, welcher gegenüber der Reflexion ein Mittler zwischen außen und innen ist; ob er gleich weniger verschmilzt als nur vermischt. Dieser Sinn für Sinne (Sinnen-Sinn), diese Gegenwart des Geistes für die äußerliche Gegenwart, welche im Helden sich so glänzend vollendet, erschafft oder vernichtet, durch die schnellste Verschmelzung so ungleichartiger Massen, als äußere und innere Anschauung, oder Empfindungen und Ideen sind, durch ein Anschauen, Vorausschauen und Eingreifen zugleich. Gleich dem zweiköpfigen Fabel-Adler mit einem Kopfe umherblickend, und mit dem andern Nahrung auffassend, muß der Welt-Sinnige zugleich hinein- und hinaussehen, ungeblendet von innen, unerschüttert von außen, auf einem Standpunkt, der nicht, indem er sich hin- und herbewegt, immer den Umkreis verändert und verrückt. Nur ists für die Entwickelung dieser Kraft schwer, eine Palästra schon für den Knaben anzulegen; er würde mit der einzigen Welt, die er vor sich hat, kämpfen, mit der erziehenden. Nicht eine Kriegschule also – da er noch keinen Feind haben soll –, sondern übende Handgriffe gegen Anstände mag er durchlaufen; und Sachen, nicht Menschen bekriegen. Es ist zu wünschen, daß der Erzieher die nötigen Verlegenheiten dazu für ihn erfinde. Sechstes Kapitel Über die Ausbildung der Erinnerung, nicht des Gedächtnisses § 141 Der Unterschied der Erinnerung vom Gedächtnis wird mehr von den Sittenlehrern als von den Erziehlehrern erwogen. Das Gedächtnis , ein nur aufnehmendes, nicht schaffendes Vermögen, unter allen geistigen Erscheinungen am meisten körperlichen Bedingungen untertan, da alle Entkräftungen (unmittelbare und mittelbare, Verblutung und Trunkenheit) es vertilgen, und Träume es unterbrechen, ist, als unwillkürlich und auch Tieren In der Mause (eine Tier-Asthenie) vergißt der Dompfaffe seinen Gesang, der Falke seine Kunst, wie vorher durch die schwächende Schlaflosigkeit seine Natur. gemein, nur vom Arzte zu erhöhen; eine bittere Magenarznei stärkt es besser als ein auswendig gelerntes Wörterbuch. Denn gewänne es Kraft durch Aufnehmen: so müßte es ja mit den Jahren, d. h. mit dem Reichtume aufgespeicherter Namen wachsen; da es doch die stärksten Lasten gerade im leeren ungeübten Alter am besten und so sicher trägt, daß es solche, als Wintergrün der Kindheit, noch unter die grauen Haare hinüberbringt. § 142 Hingegen die Erinnerung , die schaffende Kraft, aus gegebnen Gedächtnis-Ideen eine folgende so frei zu wecken und zu erfinden oder zu finden als Witz und Phantasie die ihrigen, – diese dem Tiere versagte Willkür, und mehr dem Geiste gehorchend und daher mit dessen Ausbildung wachsend, – diese gehört ins Reich des Erziehers. Daher kann wohl das Gedächtnis eisern sein, aber die Erinnerung nur quecksilbern; und nur in jenes gräbt die Wiege als Ätz-Wiege ein. – Die Einteilung in Wort- und Sachgedächtnis ist daher falsch ausgedrückt; wer einen Bogen hottentottischer Wörter behält, dem bleibt gewiß noch leichter z. B. ein Band von Kant im Kopf; denn entweder versteht er ihn: so erweckt jede Idee leichter verwandte als ein Wort ein ganz unähnliches; oder er versteht ihn nicht: so behält er eben bloß ein philosophisches Vokabularium und behilft sich mit ihm so gut in jeder Disputation und zu jeder Kombination, als bedeutende Schüler der Kritik bisher bewiesen. Hingegen Sachgedächtnis setzt das Namengedächtnis nicht voraus; aber nur darum; weil man statt Sachgedächtnis Erinnerung sagen müßte. Erinnerung schaffet, wie jede geistige Kraft nur nach und aus Zusammenhang, den aber nicht Laute, sondern Sachen, d. h. Gedanken bilden. Leset einem Knaben einen historischen Folioband vor und vergleicht den dicken Auszug, den er davon liefern kann, gegen die dünnen Überbleibseln aus einem vorgelesenen Bogen mexikanischer Wörter von Humboldt! Platner bemerkt in seiner Anthropologie: Dinge neben einander werden schwerer behalten als Dinge nach einander; mich dünkt aber darum, weshalb ein Tier gerade die umgekehrte Erfahrung machen würde; das Gedächtnis ist für das Neben , die Erinnerung für das Nach , weil dieses, nicht jenes durch ursächlichen oder andern Zusammenhang zur Tätigkeit des Schaffens reizt. Pythagoras ließ seine Schüler jeden Abend ihre Tagsgeschichte zurückdenken, nicht bloß zur Selbst-Beichte, sondern auch zur Erinnerung-Stärkung. Kalov wußte die Bibel auswendig – Barthius im neunten Jahre den Terenz – ein Scaliger in einundzwanzig Tagen den Homer – Sallust den Demosthenes – u. s. w., aber es sind Bücher voll zusammenhängender Wörter, keine Wörterbücher; die Allg. Deutsche Bibliothek ist mit allen ihren Bänden leichter zu behalten – denn der Zusammenhang beseelt die Erinnerung – als ihr kleineres Register. Wenn d'Alembert das leichtere Behalten eines Gedichts als Beweis von dessen Vorzüglichkeit aufstellt – wiewohl der Satz durch die versus memoriales, die Denkreime und die in Versen-»Gesetzen« gegebenen Verordnungen der alten Gesetzgeber an Neuheit verliert, und an Wahrheit gewinnt –, so ist das Erinnern auf die schärfere Aufeinanderfolge gebauet, die gerade dem bessern Gedichte zuerst zukommt. Daher der Abbé Delille mit Recht seine Gedichte für besser hält als z. B. seine übersetzten Urbilder, da er nicht nur jene sogar noch früher behält als aufschreibt und daher dem Buchhändler eine Handschrift voll Reim-Enden verkauft, an welche er später den Vers-Rest gar stößt, sondern da er aus dem Milton und Virgil, sooft er beide auch gelesen, vieles nicht behalten konnte. – Um die Verbindkraft der Erinnerung zu üben, so lasset folglich euern Knaben schon von frühesten Jahren an Geschichten, z. B. die seines Tages, oder eine fremde oder ein Märchen wiederholen; daher früher der Verflechtungen wegen die weitläuftigste erzählte Geschichte die beste ist. Ferner: wenn er recht schnell in einer fremden Sprache und zugleich im Erinnern wachsen soll, so lern' er nicht Wörter, sondern ein ausländisches Kapitel, das er einigemal durchgegangen, auswendig; die Erinnerung steht dem Gedächtnis bei; Worte werden durch Wortfügung gemerkt, und das beste Wörterbuch ist ein Liebling-Buch. Einer einzigen Sache erinnert man sich schwerer als vieler verknüpfter auf einmal. – Lessings Beispiel, der immer eine Zeitlang sich ausschließend einem und demselben Wissenszweige ergab, bewährt Lockes Bemerkung, daß der Kunstgriff der Gelehrsamkeit sei, nur einerlei auf einmal lange zu treiben. Der Grund liegt im systematischen Geist der Erinnerung, da in ihrem Boden natürlich dieselbe Wissenschaft sich mit ihren Wurzeln fester verflicht. Daher entkräftet nichts so sehr die Erinnerung als die Sprünge von einem gelehrten Zweige zum andern; so wie Männer durch Verwaltung mehrer fremdartiger Ämter vergeßlich werden. Eine und dieselbe Wissenschaft einen Monat lange mit dem Kinde unausgesetzt getrieben: – welcher wahrscheinliche Wachstum von zwölf Wissenschaften in einem Jahre! Der Ekel am Einerlei würde sich bald in den Genuß des Fortschrittes verlieren; und die immer gründlicher und weiter auseinandergehende Wissenschaft würde auf ihrem eignen Felde die Blumen des Wechsels anbieten. Wenigstens sollten die Anfanggründe (beinahe ein Pleonasmus) in jeder Wissenschaft unvermischt Sogar für das mechanische Schreiben wäre eine monatliche Übung im langsamen zu wünschen, von keinem schnellen unterbrochen, damit der fester eingeübte Handzug den spätern Verzerrungen der Eile widerstände. mit den Anfängen einer andern eine Zeit lange gelehrt und festgelegt – erst dann eine neue begründet und jene zum Wechsel nur wiederholt und so fortgefahren werden, bis man endlich durch Fortbauen von Gerüsten sich zu Gebäuden höbe, welche als Menge erst zu einer Gasse zusammenstoßen dürfen; denn nicht dem frühern Alter, das nur Einzelnes faßt, sondern dem spätern, das vergleichen kann, gebührt und taugt die gleichzeitige Mehrheit der Wissenschaften. Die Erinnerung durch Ort-Zusammenhang – die man falsch memoria localis nennt –, dieser Spielraum der sogenannten Gedächtnis-Künste, erweiset – wie die in Wäldern gefundnen Kinder und die Wilden, welche durch den Sprung-Tausch unverknüpfter Zustände die Erinnerung einbüßen – die Notwendigkeit der Verknüpfung; Reisen schwächt eben daher örtliche Erinnerung. Ein Kerker, sagte ein Franzose, ist eine memoria localis; und mehre, z. B. Bassompierre, schrieben darin ihre Mémoires bloß an die – Gehirn-Wände an. § 143 Doch gibt es auch für das Gedächtnis einen geistigen Talisman, nämlich den Reiz des Gegenstandes; die Frau behält ebenso schwer Büchertitel als ihr gelehrter Mann die Namen der Modezeuge; ein alter, schon vergeßlicher Sprachforscher lässet doch ein ungehörtes Wort, das die Zulage zu seinem Sprachschatze ist, nicht fahren. Daher hat kein Mensch für alles ein Gedächtnis, weil keiner für alles ein Interesse hat. Aber auch dem Gedächtnis stärkenden Einflusse des Reizes – bedenkts bei Kindern – setzt der Körper Grenzen; z. B. einen hebräischen Wechselbrief auf eine Million, unter der Bedingung des Auswendig-Behaltens zu ziehen, geschenkt, wird jeder zu behalten streben, aber wenn er kein Jude ist, werden ihm doch die Kopf- und Handgedenkzettel dazu fehlen. Wenn Erwachsene durch Schwabacher und Fraktur für ihr Merken sorgen: so, dächt' ich, dürfen die Kleinen auch dergleichen fodern. Die Erzieher aber muten ihnen unausgesetztes Merken zu und werfen, wenn sie ganze Bücher (oder Lehrstunden) mit Schwabacher und Fraktur gedruckt, die Frage auf: »Ists möglich, und kann man eine Sache mit anderem oder großem Druck übersehen?« Erlaubt, etwas zu vergessen, wenn ihr befehlt, vieles zu behalten. Ähnlichkeiten – die Ruder der Erinnerung – sind die Klippen des Gedächtnisses. Unter verwandten Gegenständen kann nur einer den Reiz der Neuheit und Erstgeburt behaupten. So wird z. B. die Rechtschreibung ähnlicher Wörter: ahnen, ahnden; malen, mahlen; das und daß; Katheder und Katheter (wiewohl letzte beide zuweilen beisammen sind) schwerer behalten als die der unähnlichen. So wird es wenige Menschen von Jahren geben, welche zu Hause bleiben und doch fähig sind, nur 14 Tage ihres sich wiederkäuenden Alltag-Lebens zu behalten und zu erzählen; durch die Wiederkehr des täglichen Echo wird die Lebengeschichte so verkürzt, als sich das Leben verlängert; das vierte oder fünfte Jahrzehend schrumpft zu einer Note unter dem Geschicht-Kapitel des vierten oder fünften Jahres ein; eine Ewigkeit könnte zuletzt kürzer werden als ein Augenblick. Desto unbegreiflicher ist es, wie man Kinder die Buchstaben leichter lesen und schreiben zu lehren glaubt, wenn man diese ihnen auf der Ahnentafel der Verwandtschaft nach dem Satze des Nichtzuunterscheidenden (der eigentlich principium discernibilium heißen sollte) so vorführt, z. B. im Deutschen: i, r, y, ö, e etc., oder lateinisch: i, y, x, c, e – oder schreibend: i, r, x etc. – Umgekehrt stelle man i neben g, v neben z, o neben r; die Kontraste heben einander wie Licht und Schlagschatten heraus; bis Widerscheine und Halbschatten wieder einander von neuem abteilen. Die festgewurzelten Unähnlichkeiten halten endlich auch das Ähnliche fest, das sich um sie legt. Daher wird die Lehrweise einiger alter Schullehrer, die Wörter nach dem Alphabete auswendig lernen zu lassen, durch die Schwierigkeit, die Ähnlich-Laute zu trennen, verwerflich; so wie bekanntlich umgekehrt die in einigen alten griechischen und hebräischen Wörterbüchern aus einem Urworte ableitenden Sippschafttafeln dem Behalten helfen, weil das Wurzelwort sich nicht verändert, sondern nur verzweigt. – Gehörte der Unterricht und also die Gedächtniskünste in die Levana: so könnte man zu diesen folgende spielende mit vorschlagen: z. B. tägliche Ziehungen aus einer Vokabeln-Lotterie; und jeder würde nicht nur sein gezogenes Wort, wohl auch die fremde Ziehung merken. – Man könnte täglich jedem Schüler ein fremdes Wort als Parole ausgeben, als Morgengruß an den Lehrer – Man könnte aus einer Taschendruckerei oder auch mit bloßen gemalten Buchstaben den Schüler einen kurzen Satz lateinisch und verdeutschet setzen lassen – Man könnte dasselbe Wort einmal in kleinster Perlenschrift, dann wieder in Fraktur-Buchstaben schreiben heißen – Man könnte, besonders bei Jahrzahlen, für welche überhaupt alle diese Künste noch nötiger wären als für Vokabeln, eine Sache bloß mit Mitlautern ohne Selblauter aufgeschrieben mitgeben, weil das Erinnern der vorgesetzten Selblauter die ganze Zeile einprägte – Man könnte schlechte Landkarten in Städte und Flüsse zerschneiden, die Schnitte nach Hause mitgeben und dann nach Art der Spielbaukästen wieder ihr Aneinanderreihen verlangen. Und so weiter; denn es wäre schlimm, wenn einem Lehrer nicht dergleichen Künste zu Hunderten einfielen – Ich indes würde, statt aller von mir vorgeschlagenen Jägerkünste und Vorspannschaften der Aufmerksamkeit, keine einzige wählen, sondern sogleich einen derben Stoß und Fleiß. Wahrlich eine Rute wäre besser, um das kriechende Kind zum Schreiten aufzutreiben, als unter den Armen zwei Krücken, welche es anfangs tragen sollen, und die es später selber trägt. Jaja und Neinnein, oder Wärmen und Feuern sei euere Doppel-Parole an Kinder. § 144 Artemidor, der Grammatiker, vergaß alles, da er erschrak. Furcht oder gar Schreck macht körperlich als Asthenie, geistig als Vor-Reiz das Gedächtnis lahm, und das Eis der kalten Furcht sperrt sich gegen alles Lebendige, das einlaufen will. Werden doch dem Verbrecher die Banden abgenommen zum Verhören und Sprechen! Gleichwohl legen so viele Erzieher neue an zum Hören und drohen, eh' sie lehren, und setzen voraus, die bestürmte Seele bemerke und behalte etwas Besseres als die Wunden der Angst und des – Stocks! Ist freies Umherwenden des geistigen Blickes bei verworrner Knechtschaft des Herzens erwerblich? Wird oben auf der Richtstätte der arme Sünder den Umkreis der Landschaft erfassen und darüber das versteckte Schwert vergessen? Achtes Bruchstück Ausbildung des Schönheit-Sinnes Kap. I. Die durch den äußern Sinn bedingten Schönheiten § 145-146. – die durch den innern Sinn § 147-148. Kap. II. Klassische Bildung § 149-150 Erstes Kapitel § 145 Ich sage statt Geschmack Sinn; Geschmack z. B. für das Erhabene klingt so arg als Geruch für das Erhabne. Eine der bessern Geschmack-Lehren liefern neuere Franzosen unter dem Titel: Almanac des Gourmands. – Ferner: Sinn für Schönheit ist nicht Bildungstrieb derselben; des letzten Entwickelung und Stärkung gehört in die Kunstschule für die Kunstgabe. Soll euer Knabe, anstatt Schönheiten nachzufühlen und nachzublicken, solche schon in der Schulstube zeugen: so verderbt ihr ihn so, als wenn er früher ein Vater als ein Liebhaber sein und die Töchter den Geliebten vorsenden sollte. Nichts ist gefährlicher für Kunst und Herz, als Gefühle zu früh auszudrücken; manches Dichter-Genie erkältete sich tödlich durch den frühzeitigen Leckertrunk aus der Hippokrene mitten in der heißen Zeit. Gerade dem Dichter bleibe jede Empfindung kühl überbauet, wie mit Herzblättern, und die magersten kältesten Wissenschaften halten das vorschießende Blütentreiben schön bis in die rechte warme Jahrzeit zurück. Pope machte als Knabe empfindsam Gedichte, aber als Mann nur Sinn-Gedichte. Jeder gute Kopf, sagt man, muß einmal in seiner Jugend Verse gemacht haben, wie z. B. Leibniz, Kant etc.; – dies gilt mit Recht für den, der im Alter keine macht; der Weltweise, der Meßkünstler, der Staatsmann beginne, womit der Dichter beschließt, und umgekehrt! Ist der Dichter der einzige, der das Geheimnis, Heiligste, Zärteste der Menschheit ausspricht: so muß er dasselbe ebenso zart wie die heilige Jungfrau der Psyche bewachen und bewahren vor jedem Zimmermann, bis der heilige Geist ihr den Sohn gibt. – Der Dichter erwachse erst zu seinem Modell, eh' ers kopiert. Wie der schöne Lilienvogel leb' er anfangs von Blättern der Schule, und erst entfaltet vom Honig der Blumen. § 146 Kinder, gleich Weibern unendlich gut gelaunt gegen Pedanten, nähmen es nicht ganz lächerlich, wenn man z. B. versuchte, dem Knaben Gesichter-Sinn beizubringen für schöne Mädchen, indem man ihm Zeichnungen erbärmlicher Nasen, Lippen, Hälse etc. hinlegte, aber daneben die andern der besten samt den kolorierten davon, so daß der Junge, wenn er aus der Zeichnenschule herauskäme, sich so richtig in ein schönes Mädchen verlieben könnte als – ein Tropf, der noch gar in keine hineingekommen wäre. Etwas dem Ähnliches verüben die erziehenden Bildner des Sinnes für das Erhabene, welchen die vorgetriebenen Erhabenheiten nicht stärken, sondern stumpfen; der Weltumsegler findet das Meer nicht so erhaben als seine hinüberblickende Frau an der Küste; die Astronomen sehen zuletzt die Sterne mit bloßen Augen kleiner als wir. Die Menschen wollen folglich (sich ausgenommen) alles erziehen, was sich von selber erzieht – und dies gerade am liebsten, weil der Erfolg erreichbar und unausbleiblich ist, z. B. Gehen, Sehen, Schmecken etc. – ; nur für den Sinn der Kunstschönheit , welcher eben der Schule bedarf, wird selten eine gebauet. In das Kunst-Reich der durch äußere Sinnen bedingten Schönheiten, der Malerei, Musik, Baukunst, ist das Kind früher zu führen als in das Reich der durch den innern Sinn bedingten, die der Dichtkunst. Vor allem erzieht das deutsche Auge, das so weit dem deutschen Ohre nachbleibt. Bedeckt jenes gegen jedes Zerrbild der Miene, der Zeichenfeder – und der Gasse, möchte man beifügen, wenn die Grotesken-Herrschaft unserer Häuser, Kleider und Verzierungen oder Verzerrungen zu brechen wäre – und fasset das selber schöne Alter wieder mit den Blumen des Schönen ein. Das Beispiel der fein richtenden Italiener beweiset euch, daß eben nicht eine Künstler-Hand einem Kunstrichter-Auge vonnöten ist. – Für die strahlenden Schönheiten der Natur öffnet dem Kinde mehr das Auge als das Herz – letztes tut sich schon zu seiner Zeit auf und weiter und für mehr Schönheiten , als ihr ihm vorstellt. Leider ist hier einsam wenig zu tun; nur der Staat – der aber sein Holz lieber zum Paradebette als zur Parade-Wiege der Kunst auszimmert – kann die rechte Erziehung des Auges, welche Gassen, Tempel, Gärten geben müssen, am besten besorgen. Möge der freie und edle Plan einer Kunstschule des kraftreichen Verfassers der reisenden Maler bald in die Hand eines Fürsten gelangen, welcher mit einem Kronschatz die höhern Reichskleinodien der Kunst nicht zu teuer zu erkaufen glaubt! – Liegen denn Thron und Kunst überhaupt so weit auseinander als Sonne und Venus , deren Ferne eine Kugel erst in 17 Jahren durchfliegt? Die Zeit zwang leider zum Jaja der Frage. Die Kunstschule wohnt noch im überirdischen Reiche des Schönen; und ihr ist ihr Baumeister auch nachgeflogen, der großherzige Mensch, der fromme Mensch, der reiche Dichter.  – Übrigens schließt schon der vorige Paragraph aus der entworfenen Kunstschule jeden Dichter aus. Eine große dichterische volière oder ein Apollosaal von lauter zum Dichten zusammengesperrten Lehrlingen könnte höchstens Gedichte über Dichten und Dichter liefern, kurz, lauter scheinheilige Nachdichter; eine Einbuße, welche der Gewinn des Technischen, der die Schule nur für die bildenden Künste wichtiger macht, nicht vergütet. Den Dichter muß das Leben, wie einen Cervantes und Shakespeare, gerade mit prosaischen Verhältnissen recht durchgenommen und überarbeitet haben: dann nehm' er Farben und male damit nicht Farben ab, sondern sein Innen auf sein Außen hin. Bildete bloßer Umgang mit Gedichten mehr zum Dichter hin als von ihm weg: so müßten die Schauspieler von jeher die besten Schauspiele gedichtet haben. Eine Kunstschule für Ohren tut uns weniger aus Mangel an Lehrern, Mustern und an Eifer not als aus Überfluß daran, weil zumal die Muster einander überstimmen wollen, sogar auf Kosten eigner Verstimmung. Zum Glücke ist einfacher Geschmack schwerer der Hörwelt zu rauben und zu verleiden als der Seh- und Leswelt; unter dem überreizten Ohre bleibt immer ein Herz den einfachsten Melodien offen – und nur Virtuosen sind ihre Selbergiftmischer. § 147 Wenn man (und mit Recht) die Dichtkunst für das Zusammenfassen des ganzen Menschen, für den Venusgürtel erklärte, der die widerspenstigen Kräfte reizend verknüpft – für die heiterste wechselseitige Umkleidung der Form in Stoff, dieses in jene, dem Lichte gleich, dessen Flamme Gestalt annimmt, und doch durch diese hindurch ihren Stoff und Docht durchzeigt: so hat man sich zu verwundern, daß man das Studium einer solchen Einheit im Mannigfaltigen schon in die Jahre verlegt, worin das Mannigfaltige ärmlich und die Kraft, es zu vereinen, schwächlich oder irrig ist. Kann es bei Kindern anders sein als bei Völkern, wo erst über die Windstille des Bedarfs die Sonne der Schönheit aufging? Und fodert die Dichtkunst, als Brautschmuck der Psyche, nicht eine volljährige und eine Braut? Vor dem dreizehnten und vierzehnten Jahre, also vor der knospenden Mannbarkeit, welcher erst Sonne und Mond und Frühling und Geschlecht und Dichtkunst im romantischen Glanze aufgehen, sind dem Kinde die poetischen Blumen so sehr getrocknete Arzneipflanzen, daß der Irrtum des Voreilens nur aus dem ästhetischen Irrsinn kommen könnte, welcher, den Dichtergeist weniger ins Ganze als in die ausgestreueten blinkenden Reize der Klänge, Bilder, Einfälle, Empfindungen legend, für letzte natürlicherweise schon offne Kinderohren annimmt. Etwas könnte man allerdings für diese verbrauchen schon vor der Mannbarkeit, die Reimer und Versesetzer. Der Reim erquickt das roheste wie das jüngste Ohr. Ihr könnt noch für Wohlklang der Prose sorgen und dazu die daktylische von Haller im Usong nehmen, dann die von Schiller, dann die von Spalding. Auch der Liederschatz von Gellert, Hagedorn etc. wird die kleine Seele schön berühren. Lehrgedichte, als runde Licht-Einfassungen und Mond-Höfe, sind gut. Heulieder, Kartoffellieder, Volklieder, Freimäurerlieder passen. Märchen, und besonders orientalische, die tausend und eine Nacht (diese romantische kürzeste Johannisnacht für Männer und Kinder) werden das dichtend-träumende Herz mit leisen Reizen wecken, bis es später genug erstarkt, um die lyrische Oden-Höhe, die weite Epos-Ebene, das tragische Gedränge zu fassen. Hat also an der Zeit die Mann- und Weibbarkeit, dieses vergängliche Freudenfeuer des Lebens, sich entzündet, und suchen alle Kräfte Einheit und Zukunft: dann trete der Dichter auf und sei der Orpheus, der tote Körper so gut belebt, als wilde Tiere bezähmt. Aber welche Dichter soll der Erzieher einführen? § 148 Unsere! – Weder griechische, noch römische, noch hebräische, noch indische, noch französische, sondern deutsche. Der Brite wähle wieder die britischen vor u. s. w., und so jedes Volk. Nur aus der Armut des finstern Alters, dessen Schattenreich oder Scheinleiche durch die Wunderkraft der Griechen und Römer auflebte, ist der noch rege Widersinn begreiflich, daß man, anstatt an einheimischen, verwandten, jungen Schönheiten den Sinn für fremde alte hinauf zu bilden und zu zeitigen, es umgekehrt und im Auslande früher als im Mutterlande erzogen werden und von oben herunter dienen läßt. Die schnelleste Auffassung und Überschauung aller Halbfarben eines Dichterwerks, die lebendigste Empfindung für dessen Stoffe, das weiteste Ahnen, das freieste Spieltreiben – dies ist doch nur dem An- und Zuschauer seines eignen Landmannes, nicht irgendeines ausländischen Wunderwesens möglich; und wenn die vaterländische Wirklichkeit dem Dichter kolorieren hilft, so hilft sie ja dem Leser sehen; sie ist gleichsam eine Römerin, welche als Geliebte einen Raffael, und als dessen Madonna einen Römer zugleich begeistert. Sollen wir im Norden denn alle Schönheiten, wie Hoffnungen, gleich Vasen und Urnen aus Gräbern holen? Wir können es aber mit Recht tun, wenn eben von Vasen u. s. w. die Rede ist, d. h. von der künstlerischen Erziehung des Auges (der Ohren weniger); das Schönste werde dem Auge zuerst gegeben, also sogar einem Sinesen eine griechische Venus; wie Schwangere verschonet die schwangern Kinderseelen mit Mißgestalten und Mißgetön. Aber ist von Erziehung des innern Sinnes die Rede, so werde das Nächste zuerst gereicht. Der äußere Sinn verwöhnet sich (wie alle Modejournale beweisen) leichter und tiefer herab zur Ungestalt; und gewinnt sie gerade durch die Zeitlänge lieb, wodurch der innere Sinn sich an kindischen Schönheiten für innere entwickelt. Fangt an mit Raffael und Gluck, allein nicht mit Sophokles. Aber dann werde im Vater- und im Schulhause zuerst den inländischen Dichtern als Haus- und Vaterlandgöttern der Altar gegeben; von den kleinern Göttern (dii minorum gentium) steige das minorenne Kind zu den größern auf (majorum). – Welche Vaterlandsliebe müßte das kindliche Hängen an den Lippen verwandter Menschen entflammen! – – Und welches schöne langsame Lesen würde – da der Deutsche alles schnell lieset, was nicht nach Breiten, Jahrhunderten und Sprachen weit her ist – uns angewöhnt, wenn z. B. eine Klopstockische Ode so fein und weit zerlegt würde als eine Horazische! Welche Gewalt der eignen Sprache würde sich zubilden, wenn man schon zur Zeit, wo die Schullehrer sonst Pindare und Aristophanesse traktieren, in Klopstockische und Vossische Klang-Odeen, in einen Goethischen Antiken-Tempel, in ein Schillersches Sprachgewölbe führte! Denn eben die eigne Sprache muß in Mustern anreden, wenn sie ergreifen soll; daher schrieben alte (ja nachherige) Humanisten bestes Latein und alte, ja neue Weltleute bestes Französisch, und doch schrieben beide Brüderschaften oft erbärmlichstes Deutsch; Leibniz und die Rektoren sprechen dort, und Friedrich II. hie, für mich. Zweites Kapitel Klassische Bildung § 149 Der Kürze wegen fang' ich dieses Kapitel mit der Bitte an, vor demselben in der unsichtbaren Loge  I. S. 190 etc. das Extrablatt: »warum ich meinem Gustav Witz und verdorbene Autores zulasse und klassische verbiete, ich meine griechische und römische« – zu lesen, damit man mir sowohl das Abschreiben und Nachdrucken als auch den bösen Versuch erspare, denselben Gedanken oder Geist in einem zweiten Leibe zu verschicken. Noch ist mir über jenen Aufsatz keine Widerlegung vorgekommen und folglich der Zweifel geblieben, ob er einer ganz unwürdig gewesen, oder nur unfähig; zumal da ich selber in einem Zeitraum von 20 Jahren (so lange ist er abgedruckt) nicht vermochte, mich zu widerlegen. Noch folgendes könnte etwan einer zweiten oder dritten Auflage zu- und eingeschoben werden. Sind wohl, frag' ich, aus der lateinischen Stadt – welche Maupertuis anzulegen angeraten, die aber längst schon dagewesen mit ihrem quai Gronovius, quai Manutius, quai Scioppius etc. – jene Männer gekommen, die uns mit Wielands Erklärung der Horazischen Sermonen, mit Vossens Übersetzungen des Homer, mit Schleiermachers einleitenden Übersetzungen von Platons Gesprächen beschenkt haben? Nur Männer von Sinn, von Kraft, von Ausbildung durch höhere und mehre Studien als Sprach-Studien, nur Sonntagkinder wie Goethe, Herder haben den Geist des Altertums gesehen; die Montagkinder erblickten dafür den Sprachschatz und die Blumenlesen. Ist es aber denn nicht Unsinn, es nur für möglich zu halten, daß ein Überknabe von vierzehn, sechzehn Jahren, sogar bei großen Kräften – da diese selber das Genie erst lange nach der jugendlichen Tobsucht auf die reinen alten Höhen führen –, den Einklang von Poesie und Tiefsinn in einem platonischen Gespräche oder die weltmännische Persiflage eines Horazischen Sermons ergreifen werde? Warum muten die Lehrer etwas zu, was sie selber so selten vermögen? Ich bitte jene, teils an die Kälte zu denken, womit sie und die welschen Humanisten selber auf die Entrollung der achthundert Handschriften im Herkulanum warten – teils an den Stumpfsinn, womit sie das Neu-Griechische, z. B. die Elegien an der Antike zu Weimar, an Goethe, verfehlen und nachher rezensieren – teils an die unzähligen Fehlgriffe, womit sie manchem Flach-Werk oder mancher eingetieften Arbeit, bloß einiger deutscher Langweile, einiger französischer Form wegen Z. B. manchem Wielandischen, worin oft nichts griechisch ist als die Bühne und der Monatname. , so viel Lob griechischer Ähnlichkeit zuteilen, als sie reinern, aber kräftigern Werken, z. B. Herders, absprechen. – Und tut nicht die Vorliebe, welche die reifere Universitätjugend für neueres Schwanz- und Haargestirn und Sternschneuzen hat, am besten dar, was es eigentlich mit dem alten Sternendienste der Gymnasiumjugend gewesen sei? – Und kann, wäre auch alles Übrige anders, die zarte unauflösliche Schönheitgestalt genossen werden, wenn das grammatische Zerteilen sie, gleich der mediceischen Venus, in dreizehn Bruchstücke und dreißig Trümmer zerbröckelt? Was hier die Jünglinge etwa noch mit dem Genuß des Ganzen und der Blumengöttin erfreuet vermengen, ist der Genuß einer Nebenblume auf der Sandwüste der Sprachübung; und ihr gemeiner Lehrer verwechselt wieder mit der Blumengöttin gar sein Sandbad. Diese Verkehrung macht eben, daß das Studium der Alten, die bei der Knaben-Toilette ein Phrasen-Schmuckkästchen liefern müssen, dem Italiener seine Concettis, dem Briten seinen Beiwörter-Wulst und dem Deutschen jeden Geschmack, den er erfindet, lässet. Und so wird die neue Zeit, wie von Cäsar Pompejus' Ritter, besiegt durch Verwundung der Schönheit. § 150 Gleichwohl bleib' uns das Altertum der Venus- und Morgenstern, der über dem Abend des Nordens steht. – Nur kommt es auf unsere Stellung gegen den Schönheitstern an, ob er uns mit vollem oder Viertel-Lichte treffen soll. Etwas anderes ist Sprache der Alten – etwas zweites der Geist ihrer Geschichte oder Materie – etwas drittes der Geist ihrer Form oder Poesie. Voß scheint in seiner neuerlichen Empfehlung des Rats der alten Alten mit mehr Schärfe des Gemüts als des Gesichts diese drei Einheiten wechselnd vermischt und wechselnd vereinzelt vorgezeigt zu haben, um täuschend zu siegen. Das Einlernen der alten Sprachen und ihrer Klangschönheiten hat keine Übereilzeit zu befürchten; aber warum entheiligt man diese kanonischen Schriften des Geistes zu Buchstabier- und Lesebüchern? Begreift man denn nicht, daß kein Geist, am wenigsten der kindische, zugleich nach so entgegengesetzten Richtungen, als Sprache und Stoff oder gar Dichter-Stoff begehren, sich wenden könne? – Sogar Esmarchs mit einem Sachlexikon vollgestopfter Speccius kann nur leere vereinzelte Nachsprecherei nachlassen; und nur nachteilige Aufhebung der künftig so nötigen Reize der Neuheit. – Vorübergehend ließe sich gegen dieses Buch noch anmerken, daß die langen geschichtlichen und erdbeschreibenden Ausland-Wörter dem Knaben die eigentliche grammatische Ansicht erschweren. Überhaupt soll nie eine Tatsache zur Folie einer Wortsetzung niedersinken, zumal da das Erinnern alles Einzelne, Unverbundene als unverdaut ausstößt. Wiegt hingegen die Tatsache vor, so sinkt Wort oder Name unter; daher ich oft bemerkte, daß Knaben oder Hörlinge gerade desto schwerer die Heldennamen alter griechisch-römischen Geschichte behielten, je feuriger und erfassender diese ihnen in die Seele gespiegelt wurde. So setzt in Romanen der Reiz der Darstellung und des Helden zuweilen junge Damen instand, sie auszulesen, ohne des Helden oder der Heldin Namen zu wissen, der auf jedem Blatte steht; und über beider Leben sie so zu vergessen, wie etwan (nach Lessing) die Griechen Schauspiele nach Personen benannten, die gar nicht darin vorkamen. Welche römische und griechische Werke taugen denn aber zu Sprachemeistern? – Nur teils nachgeahmte, die man erst macht oder machen kann, wie Gedikes Lesebuch, um einst keinen taubstummen Geist, sondern einen mit Ohr und Zunge ausgestatteten vor die Göttersprüche der Alten zu führen – teils alte selber, die mehr dem Zeit- und Jugend-Sinne zusagen, z. B. der jüngere Plinius (als vor-gallischer Briefschreiber), sogar der ältere Plinius (wenigstens er mehr als der gift-, welt- und lebenreiche Tacitus) – so Lukan, Seneka, Ovid, Martial, Quinctilian, Ciceros Jugend-Reden u. s. w. Bloß im Griechischen dürfte etwa die romantische Odyssee, ihres Gewichtes ungeachtet, so frühzeitig einfliegen, dann aber Plutarch, Älian, sogar der Philosophen-Plutarch Diogenes Laertius. Die eisernen, erzenen Zeitalter sollten, ihren Metallen ähnlich, sogleich auf der Fläche liegen, und die edlern Metalle sich später emporheben. Kurz, damit Kraft anlange, so werde das griechische Gesetz gehalten, welches Athleten verbot, Schönheiten anzuschauen. Die Festungwerke um die Stadt Gottes sind von den Alten angelegt für jedes Zeitalter, durch die Geschichte des ihrigen. Die jetzige Menschheit versänke unergründlich tief, wenn nicht die Jugend vorher durch den stillen Tempel der großen alten Zeiten und Menschen den Durchgang zum Jahrmarkts des spätern Lebens nähme. Die Namen Sokrates, Kato, Epaminondas etc. sind Pyramiden der Willen-Kraft; Rom, Athen, Sparta sind drei Krönungstädte des Riesen Geryons, und auf die Jugend der Menschheit hefte, gleichsam auf das Urgebirge der Menschheit, die spätere das Auge. Die Alten nicht kennen, heißt eine Ephemere sein, welche die Sonne nicht aufgehen sieht, nur untergehn. Nur werde dieser Antikentempel nicht als eine Trödelbude abgebrauchter Gebräuche und Phrasen gelüftet und die heiligen Reliquien, anstatt angebetet, nur verarbeitet, wie die Kriegerknochen im Beinhaus zu Murten zu Messerheften und dergleichen geglättet werden. Die Geschichte der Alten kann nur der Mann aus ihnen selber schöpfen; aus diesem Manne aber schöpfe wieder der Knabe; und nur ein Alter ist auszunehmen, Plutarch, aus dessen Hand die Jugend selber den Begeisterung-Palmenwein der hohen Vergangenheit empfange. Aber die Schulherrn opfern einem reinen Griechisch gern alt-geschichtliche Seelen-Reinigung. So wird der köstliche verlorne und blumenketten-arme und schlußkettenreiche und Und -reiche Demosthenes dem blumigen klingenden Cicero geopfert. Erst dann wäre Bildung und Alter genug gewonnen, um auf – Akademien mit leichtern Klassikern, z. B. Cicero, Virgil, Livius, Herodot, Anakreon, Tyrtäus, Euripides, anzufangen und endlich zu den schweren und schwersten aufzuschreiten, zu Horaz, Cäsar, Lukrez, Sophokles, Platon, Aristophanes. Hier wird natürlicherweise die häßliche Rang-Unordnung verachtet, nach welcher Rektores die Schwierigkeit des Verstehens mehr in Phrasen als in den höhern Geist verlegen; so daß gleichergestalt in einem französischen Gymnasium z. B. Goethe von Tertianern, Schiller von Sekundanern, Haller von Primanern getrieben würde, und ich von niemand. Ich nenne einen leichten Klassiker den Virgil, einen schweren den Cäsar; leicht Horazens Oden; schwer Horazens Satiren; Klopstock öfter leicht als Goethe – weil Sprachschwierigkeiten durch Fleiß und Lehre zu besiegen sind, aber Fassungschwierigkeiten nur durch geistiges Reifen an den Jahren. Fragt man, woher aber Zeit erübrigen für die sogenannten Sachkenntnisse und Brotstudien, da mit den Jahrhunderten der Stoff anschwelle und es hier wie mit Heeren sei, wo die im Hintertreffen und Nachtrabe gerade am schnellsten zu marschieren haben, so antwort' ich ruhig: gebt der Naturlehre und Naturgeschichte, der Stern-, der Meßkunde u. s. w. und ganzen großen Stücken der Brotstudien nur Hör- und Lehrstellen in den Gymnasien – folglich den Knaben zehnmal mehr Freude, als sie an der Aufwicklung der verschleiernden Mumienbinden der antiken Grazien haben – und mithin der künftigen Abteilung in Musen- und in Arbeit-Söhne gemeinsame Nahrung: – dann bleiben die hohen Schulen den hohen Lehrern schon übrig, den Alten. Neuntes Bruchstückchen oder Schlußstein § 151 Eine Erziehlehre schließt weder die Unterrichtlehre in sich, deren weites Gebiet die Felder aller Wissenschaften und Künste umfaßt, noch die Heilmittellehre, welche für die Ineinanderverdoppelung von Fehlern, Jahren, Anlagen, Verhältnissen statt der Bändchen Bände begehrt. Indes keine Wissenschaft bewegt sich ganz ohne Mitregung der andern, so wie die Füße sich nicht ohne Hände. § 152 Lavater malte in einer Stufenfolge von vierundzwanzig Gesichtern einen Froschkopf zu einem Apollons-Kopfe um; ich wünschte, daß irgendeine Dichtung ebenso die Zurechtrückung irgendeines verschobenen Kraftkindes in die reinen Linien der Menschheit darstellte, anstatt, wie Xenophon und Rousseau, bloß ein Sonnengötterchen in die Schule zu nehmen. Ja man könnte eine Erzieh-Geschichte mehrer falscher Heilungen an demselben Glieder-Männchen zeigen und es wäre nichts als nützlich und – schwer. Wie oft wird nicht der falsch vom Bruch geheilte Arm der Menschheit wieder gebrochen, um recht eingerichtet zu werden! § 153 Rein durchgeführte Erziehung – dies sollten gleichfalls romantische Cyropädagogen eines Einzigen bedenken – erweise nicht an einem Kinde, nur an einer ineinander wurzelnden Kinder-Zahl die rechte Kraft; ein Gesetzgeber wirkt nur durch Menge auf Menge; einen Juden allein formet kein Moses. Aber eben dieses mosaische Volk – das, wie die Seepflanzen in allen Zonen des Welt-Meers, so des Zeit-Meers unverändert gedieh und die mosaische Farbengebung behielt, wenn ihm die körperliche im schwarzen Afrika ausging – ist um so mehr der Zeuge der Erzieh-Macht, da es die mosaische Volk-Erziehung während seiner Umherverstreuung nur in Privat-Erziehungen festhalten kann. Dies verleihe allen jetzigen Vätern Mut gegen jede feindselige Zukunft, in welche sie ihre Kinder schicken müssen. § 154 Dieser Mut werde eben darum durch eine bekannte Gegen-Erscheinung nicht schwächer, daß nämlich Kinder, gleichsam klimatische Gewächse der Kinder- und der Schulstube, oft kaum mehr zu erkennen sind in einem fremden Zimmer, im Reisewagen, im Freien, in der Mitternacht u. s. w. »Es war Treibscherbenfrucht,« sagt dann der gute erhitzte Vater, »und ich habe meine Mühe und Hoffnung verloren.« Setzt sich indes der erhitzte Mann nieder und bedenkt, daß er, ein ebenso klimatisches Gewächs seiner Nachbarschaft, oft in der Fremde von Ort und Verhältnis sich plötzlich selber fremd geworden, aber doch nur mit kurzer Innehaltung seiner Kraft: so kann er sich kühlen, indem er dasselbe noch stärker auf seine Kinder anwendet, die, als empfänglicher, schwächer, unbekannter, natürlich jeder neuen Gegenwart unterliegen und gehorchen müssen. § 155 Man kann in einem Falle dem Kinde nicht weitläuftig genug sein, in einem andern nicht kurz genug. Die lange Breite sei bei Erzählungen, bei Abkühlungen der Leidenschaft, zuweilen als rednerisches Signal kommender Wichtigkeit. Die schmalste Kürze sei bei Gegeneinanderstellung der Vernunftsätze zur Übung – ferner bei Verbot – ferner in der unerläßlichen Strafe, hinter welcher nach dem Legen der Wogen gut die Redseligkeit wieder beginnt. § 156 Wenn man der richtigen Regel kühn gehorsam ist, einen Knaben, zumal den der Gelehrsamkeit gewidmeten, im ersten Jahrfünf ohne Lernzwang, bloß der Selbbelehrung und geistig brach zu lassen, damit der Körper zum Träger der künftigen geistigen Schätze erstarke: so halte man sich bei seinem Eintritte in die ersten Schulstunden auf eine vielleicht monatelang dauernde Not gefaßt, daß nämlich der bisher immer gegen innen und inneres Selbstlehren zugewandte Knabe sich schwer den Lehren von außen zukehrt und nur wie mit einem zerstreuenden Hohl-Glase die fremden Strahlen auffängt. Doch bald werden diese von einem erhabenen gesammelt und verdichtet. Da ich einmal wieder auf das Unterrichten, welches überhaupt in spätern Jahren immer mehr mit dem Erziehen zusammenfällt, verschlagen werde: so weiß ich diese Abschweifung durch nichts Besseres gut zu machen als durch Fortsetzung derselben, indem ich den Grundsatz eines vortrefflichen herz-, lehr- und geistreichen Schulmannes meiner Bekanntschaft Professor L. H. Wagner in Baireuth, durch seine Logik, Physiologie und seine reichen Programmen schon dem gelehrten Publikum vorteilhaft bekannt. hereinstelle, daß der Knabe nach dem ersten Jahrfünf in keine bessere Vorschule gelehrter Bildung (obwohl täglich nur auf einige Stunden) gehen könne als in die aus drei Klassen bestehende, die lateinische , die mathematische , die geschichtliche . In der Tat stimmen diese drei Weisen von Wissenschaften das Innere in den Dreiklang der Bildung. Erstlich: die lateinische Sprache übt durch ihre Kürze und durch ihre scharfe Gegenform der deutschen dem kindlichen Geiste Logik und also eine philosophische Vorschule ein. Sprachkürze gibt Denkweite. – Zweitens die Meßkunst als Vermittlerin zwischen sinnlicher und intellektueller Anschauung regt und bauet eine andere, von der Philosophie abgelegene, aber nicht genug erwogene Kraft für das sinnliche Universum an, welche durch die Scheidekunst des Raums von außen und Zeit von innen, in der Zahlenlehre das letzte in die Denkgewalt bringt. – Drittens die Geschichte vermählt ja als eine Religion alle Lehren und Kräfte; nämlich die alte Geschichte, d. h. die Geschichte der Jugendvölker, besonders die griechische und römische und erstjüdische und erstchristliche. Wie das Epos und der Roman zum schwimmenden Fahrzeuge aller Kenntnisse, so ist ja deren Mutter, die Geschichte, noch leichter zur festen Kanzel jeder sittlichen religiösen Ansicht zu machen; und jede Sittenlehre, Moraltheologie, Moralphilosophie und jede Kasuistik, alle finden in der alten Geschichte nicht nur ihre Flügelmänner, sondern ihre Flügelgeister. Das jugendliche Herz lebt der hohen jugendlichen Vergangenheit nach, und durch diese handelnde Dichtkunst glühen vor ihm die begrabnen Jahrhunderte in wenigen Schulstunden wieder auf. Die Teufel, in die historische Ferne gerückt, erbittern weniger und verführen noch viel weniger als vor uns stehende; die Engel hingegen, durch dieselbe Ferne von ihren Verdunkelungen entkleidet, glänzen und entflammen zugleich stärker und sie sagen uns an, was in der Zukunft zu tun sei, das würdig wäre der Vergangenheit. Die Geschichte ist – wenn ihr sie nicht zur Biographie des Teufels machen wollt – die dritte Bibel; denn das Buch der Natur ist die zweite, und nur die alte Geschichte kann die neue bekehren. Der Vater der Levana – wiewohl dieser Name bei einer Göttin bescheidner mit dem eines Anbeters derselben vertauscht wird – hat (jetzo darf er sich zurückberufen) das Versprechen der Vorrede gehalten, sich wenig auf Scherze einzulassen, drei Bändchen hindurch. Mehr eigentlich der Ort – den ein anderes Buch geben wird – als der Anlaß zu zwei Stachelschriften hat ihm gemangelt; welche beide bloß ein Leiden angreifen, das der Kinder, das der Lehrer. Bloß ein ernster Auszug möchte hier zu entschuldigen sein. Denn allerdings, was erstlich die Kinder-Leiden (ein Pein-Recht, eine Theresiana, Karolina derselben) betrifft, so geht die Natur uns hierin vor, welche sie früher weinen als lachen läßt. Nicht der Mensch, nur das Bienen-Ei wird auf Honig gelegt. Unter allen Eintritten in neue Verhältnisse gibt es keinen wichtigern als den ins Leben, und mithin ist der Lehrpursche in etwas zu hänseln – oder, als ein Epopt der Leben-Mysterien, wie ein griechischer notdürftig zu geißeln – oder er soll das, was man in Zuchthäusern (wofür Plato die Erde nimmt) einen Willkommen benennt, empfangen, der nicht bloß in einem altdeutschen gefüllten Becher (diesen reicht die Mutterbrust), sondern in dem besteht, was der große Haufe sich als ausprügeln denkt. Nach der katholischen Kirche waren die Kinder (in Bethlehem unter Herodes) die ersten Märterer oder Blutzeugen; – was sich doch auch noch annehmen läßt als Nachbild. Zufolge derselben Kirche kamen die ungetauften entweder ins Höllen- oder ins Fegefeuer; zwischen zwei Feuer geraten sie aber stets auf der Erde, wenn sie den Weg vom ersten Sakrament zum zweiten machen. Ist Taufe unentbehrlich zum Seligsein, so ists auch das Liebe- und Abendmahl; folglich regiert vor dem Liebemahl mit einigem Recht alles, was mehr dem Hasse ähnlich sieht. Daher die Tränen, welche Garrick durch die bloße Hersagung des Abc zu erregen wußte, das Kind bei ihr selber leicht vergießen lernt. Nur möchte unter allen Schullehrern, welche den Verfasser und die Leser desselben geprügelt haben, und welche mit dem Stocke als mit einer pädagogischen Stocklaterne und einem Laternenpfahl zu erleuchten gewußt, oder welche mit ihrer Faust so zu wuchern verstanden wie Waldhornisten, die ihre an den Becher, die weite Öffnung des Waldhorns, legen und damit die zarten Halbtöne vorrufen, nur möchte, sag' ich, unter allen Schullehrern selten ein Johann Jakob Häuberle aufzutreiben sein. Wer unter uns will sich rühmen, wie Häuberle in 51 Jahren und 7 Monaten Schulamts 911 527 Stock- und 124 000 Ruten-Schläge ausgeteilt zu haben Diese und die folgenden Zahlen stehen im 4ten Quartal des 3ten Jahrganges der pädagogischen Unterhandlungen für Erzieher. – dann 20 989 Pfötchen mit dem Lineal – nicht bloß 10 235 Maulschellen, sondern dabei noch 7905 Ohrfeigen Nachschuß – und an den Kopf im ganzen 1 Million und 115 800 Kopfnüsse? Wer hat 22 763 Notabenens bald mit Bibel, bald mit Katechismus, bald mit Gesangbuch, bald mit Grammatik, gleichsam mit 4 syllogistischen Beweis-Figuren oder einer sonate à quatre mains, gegeben als Jakob Häuberle? Und ließ er nicht 1707 Kinder die Rute, die sie nicht empfingen, doch emporhalten, wieder 777 auf runde Erbsen und 631 auf einem scharfen Holz-Prisma knien, wozu noch ein Pagencorps von 5001 Esel-Trägern stößt? Denn wenn es einer getan hätte, warum hätte er diese Wundenzettel nicht ebensogut als Häuberle, von welchem allein es ja nur zu erfahren war, in einem Prügel-Diarium oder Martyrologium oder Schul-Prügel-Reichs-Tags-Journal eingetragen? – Ich fürchte aber sehr, die meisten Lehrer verdienen bloß den Ekel-Namen des Cäsarius Siehe die sehr gelehrten Anmerkungen zum Schauspiel Fust von Stromberg, von Maier. , welcher der Milde hieß, weil er keiner Nonne über sechsunddreißig Streiche geben ließ. Ist aber der Nutzen dieser Vorhöllen des Lebens mehr als Schein: so müssen gute Höllenmaschinen – die uns immer besser geraten als die Himmelmaschinen – dazu angesetzt und Leute da sein, die plagen. Niemand plagt aber besser als einer, der selber gepeinigt wird, so z. B. die Mönche; soll ich weinen, sagt Horaz, so weine zuerst. Und letztes kann der Schulmann; einem Albrecht Dürer, der gern Kreuzigungen malte, hätte niemand besser sitzen können als der Schulstand, nämlich der deutsche; und wenn auf das vierjährige Lehramt Christi die Kreuzigung erfolgte, so begleiten sogleich beide einander bei uns. England, das einem Subrektor eine jährliche Einnahme von sechstausend Talern gibt, wird wahrscheinlich diesen Zweck, durch Kreuzträger zu kreuzigen, – so sehr es auch in allen seinen Schulen die Rute zum erziehenden Hoheitpfahle und Perpendikel erheben will – viel weniger erreichen als solche Länder, wo, wie z. B. im Preußischen, das ganze Maximum der Schulmeisterstellen nur zweihundertundfunfzig Taler beträgt, wobei wir (da doch die Summe noch immer beträchtlich ausfällt) billig mit anschlagen müssen, daß hundertundvierundachtzig Stellen aufzuweisen sind, welche gar nur zehn bis fünf Taler hergeben. Allg. Lit. Zeitung Nr. 267. 1805. Fünf Taler? – Freilich könnt' es weniger sein; aber im Baireuthischen fällts auch schmäler aus, indem da ein Dorfschulmeister von jedem Kinde für sämtliche Monate November, Dezember, Januar, Februar, März und April nur vierundzwanzig leichte Kreuzer, folglich eine Monatgage von vier Kreuzern erhält. Nur setzt unerwartet der Schulmann in den Sommerferien wieder Fett an, weil er mit dem Viehe (nur im Winter ist er Seelen-Hirt) sich selber weidet; – und die bösen Folgen davon brechen auch schnell an ihm aus, indem er das Vieh schon weniger mit dem Stecken von unrechten Wegen abtreibt als die Jugend. Gleichwohl das Vierkreuzer-Gehalt und Schmerzengeld! Sollte hier nicht, wenn Isokrates bei der ersten Annahme des Kollegiumgeldes von dreitausend Pfund von seinen hundert Zuhörern darüber weinte aus Scham, Weinen und Schämen noch leichter statthaben? – Genug, nur auf diese Weise und auf keine andre arbeitet der kürzere Stock auf der dienstfähigen Kanton-Jugend dem längern vor. Glücklich greift dem Staate, welcher Schulen zu Erwerb schulen der Schüler mehr als der Lehrer errichtet, der Umstand unter die Arme, daß überhaupt bloß die Gottesgelehrten als Schullehrer und nur Kandidaten als Hauslehrer der vornehmsten Zöglinge (wie dem Dalai Lama nur Priester) aufwarten, indem gerade Theologen aktive Theopaschisten sind und leichter jede andere Bibel als biblia in nummis in die Hand bekommen, weil es bisher immer protestantischer Grundsatz geblieben, um von den katholischen Geistlichen nicht ganz abzuspringen, die lutherischen unter den drei Gelübden wenigstens bei dem der Armut festzuhalten. Kurz, sie haben wenig; desto mehr ist ihnen zu nehmen, wenn man ihnen Schulstellen gibt. Geht man zu höhern Schulstellen hinauf, so sind da, wo die schon zur Gymnasium-Würde geschlagenen Knappen weniger Mortifikationen (Abtötungen) bedürfen, diese freilich auch bei Lehrern weniger nötig; daher ein Rektor stets einige Groschen mehr erhebt als sein Quintus. Und dazu kommt noch der zweite Grund, daß letzter mehr Arbeit auf sich und folglich mehr Anspornung oder Gelenksaft und Räderöl zu seiner schweren Bewegung nötig hat, nämlich mehr unverbrauchten anspornenden Magensaft. Denn nach einem alten Staatengesetz wächst Taglast und Mühe des Postens im umgekehrten Verhältnis mit dessen Sold: und wo in einem jede fehlt, so wird nach dem Gebrauche der Handwerker verfahren, wornach ein einwandernder Geselle überall, wo er keine Arbeit bekommt, ein Geschenk erhält. Indes sind auch in den obersten Schulposten Verfügungen getroffen, daß, so wie im fruchtbaren Hindostan jährlich drei Ernten und eine Hungernot ist, die vier Quatemberernten immer einige Hunger-Nöten nicht ausschließen. Was Trinken anlangt, so weiß man aus Langens geistlichem Recht, daß Carpzov als ein Privilegium aller Schuldiener Befreiung von Tranksteuer aufgestellt. Hierbei hat der Staat wohl nicht so sehr (als es scheint) auf Wunsch und Durst des Standes Rücksicht genommen, als nur sich dem alten Herkommen gefügt, das noch wichtigere Privilegien der Schulleute festsetzt, z. B. Tokaier-Steuerfreiheit, Fasanenfleisch-Akzisefreiheit oder die Erlaubnis, daß alle ihre Juwelen und Perlen die Rechte des Studentengutes genießen. § 157 Genug darüber! Ich sprach oben von einer feindseligen Zukunft für unsere Kinder; jeder Vater setzt diese Ansicht fort, die ihm wieder der seinige vererbte. Welcher wäre auch so glücklich, beim letzten Schlusse seiner Augen auf zwei schöne Welten zugleich zu rechnen, auf seine verdeckte und auf eine seinen Kindern zurückgelassene? Immer wird uns das Ganze der Menschheit als ein salziges Meer erscheinen, das süße Flüsse und Regenwolken der Einzelwesen nicht versüßen; aber doch versiegt auf der Erde das reine Wasser so wenig als das Salz-Meer; denn aus diesem sogar steigt jenes wieder auf. Je höher du dich also, Vater, mit Recht oder Unrecht, über deine Zeit erhoben glaubst, folglich über die Tochter derselben, der du wider Willen alle deine Kinder anheimgeben mußt: desto mehr Dankopfer für die Vorzeit, welche dich edler gebildet, hast du abzutragen; und wie kannst du sie deinen Eltern anders darbringen als auf den Händen deiner Kinder? – Was sind denn eigentlich Kinder? Nur die Angewöhnung an sie und ihre uns oft bedrängenden Bedürfnisse verhüllen den Reiz dieser Seelengestalten, welche man nicht weiß schön genug zu benennen, Blüten, Tautropfen, Sternchen, Schmetterlinge. – Aber wenn ihr sie küßt und liebt, gebt und fühlt ihr alle Namen. – Ein erstes Kind auf der Erde würde uns als ein wunderbarer ausländischer Engel erscheinen, der, ungewohnt unserer fremden Sprache, Miene und Luft, uns sprachlos und scharf, aber himmlischrein anblickte, wie ein Raffaelisches Jesuskind –, und daher können wir jedes neue Kind auf ewig an Kindes Statt erwählen, nicht aber jeden fremden Freund an Freundes Statt. So werden täglich aus der stummen unbekannten Welt diese reinen Wesen auf die wilde Erde geschickt, und sie landen bald auf Sklavenküsten, Schlachtfeldern, in Gefängnissen zur Hinrichtung, bald in Blütentälern und auf reinen Alpenhöhen an, bald im giftigsten, bald im heiligsten Jahrhundert; und suchen nach dem Verlust des einzigen Vaters den adoptierenden hier unten. Ich dachte mir einmal eine Dichtung vom Jüngsten Tage und den zwei letzten Kindern; – das Ende davon mag hier stehen und wieder beschließen. »– Und so geht denn hinunter zur Erde«, sagte der Geist zu zwei kleinen nackten Seelen, »und werdet geboren als Schwester und Bruder!« – »Es wird aber sehr schön drunten seine« sagten beide und flogen Hand in Hand zur Erde, welche schon im Brand des Jüngsten Tages stand, und aus der die Toten traten. »Schau doch,« sagte der Bruder, »dies sind sehr lange, große Kinder, und die Blumen sind gegen sie ganz kurz; sie werden uns viel herumtragen und das Meiste erzählen; es sind wohl sehr große Engel, Schwester!« – »Schau doch,« antwortete sie, »wie der große Engel ganz und gar Kleider an hat, und jeder – Und wie überall das Morgenrot auf dem Erdboden läuft.« – »Schau doch,« sagte er, »es ist die Sonne auf den Erd-Boden gefallen und brennt so umher – Und dort macht ein entsetzlich breiter Tautropfe feurige Wellen, und wie darin die langen Engel sich herumtauchen.« – »Sie strecken die Hände herauf,« sagte sie, »sie wollen uns eine Kußhand geben.« – »Und schau doch,« sagte er, »wie der Donner singt und die Sterne unter die großen Kinder hüpfen.« – »Wo sind denn aber«, sagte sie, »die großen Kinder, die unsere zwei Eltern werden sollen?« – »Schaust du nicht,« sagte er, »wie diese Engel unter der Erde schlafen und dann herauskommen? – Fliege nur schnell!« – »Nun so seht uns freundlich an, ihr zwei Eltern,« sagten beide näher an der flammenden Erde, »und tut uns nicht wehe und spielet mit uns, aber lange, und erzählt uns viel und gebt uns einen Kuß!« Sie wurden geboren, als eben die Welt voll Sünden unterging, und blieben allein; sie griffen mit spielenden Händen nach den Flammen, und endlich wurden sie auch davon, wie Adam und Eva, ausgetrieben, und mit dem kindlichen Paradiese beschloß die Welt.