Friedrich Maximilian Klinger Der Faust der Morgenländer Der Herausgeber dieses Buches setzt voraus, daß der Leser desselben die Reisen vor der Sündfluth entweder schon gelesen hat, oder vorher noch lesen wird. Die Ursache des Kontrastes dieser morgenländischen Behandlung mit der abendländischen desselben Gegenstandes wird dem Leser ohne Erinnern auffallen, da er schneidend genug ist. Auch schmeichelt sich der Herausgeber, man werde leicht den Faden wahrnehmen, welcher dieses Werk mit Faust, Giafar, Raphael und Mahals Reisen u. s. w. zu einem Ganzen und zu einem Zweck verbindet. Mohammed Ebn Fadhul sagt: die Reinheit der Absicht macht, daß gleichgültige Handlungen gut sind, denn ohne sie werden selbst die guten schlecht. Im November 1793. Einleitung nach Ben Hafi's Handschrift und der Tradition. Der Großvizir berührte alle Saiten des Herzens des Khalifen, versuchte alle Schleichwege zu seinem Geiste, um den armen, weisen Narren Ben Hafi zu stürzen. Da er nun diese Saiten gestimmt und alle die Schleichwege selbst gegraben hatte, so glaubte er das sicherste Spiel zu spielen; gleichwohl betrog er sich. Ein Beweis, daß Erhabenheit des Geistes und Güte des Herzens solche himmlische und unzerstörbare Geschenke sind, daß selbst die abgefeimtesten Hofleute sie zwar niederdrücken und irre leiten, aber nie ganz ersticken können. Darum glaube ich, der Herausgeber dieses Buchs, daß der Sieg eines Monarchen über die listigen Verführungen, die gefährlichen Anfechtungen, die blendenden Vorspieglungen, die leidenschaftlichen Reizungen zum Mißbrauch der Gewalt, zur Befriedigung der Begierden, womit ihn seine Großen und Höflinge von der Wiege an empfangen und durch das ganze Leben bis zum Grabe begleiten, wenn auch nur halb, wenn auch nur zum Theil erfochten, doch immer noch der schönste Triumph der Menschheit über das Böse ist. Rasche Tadler, gutmeinende Träumer, kühne Vernünftler, anmaßende Weisen sollten bedenken, daß der Khalife hier mehr gethan hat, als vielleicht Mancher von ihnen in seiner Lage würde gethan haben, oder zu thun fähig sein. Er antwortete gutmüthig: »Was hat dir der Mann gethan? Wem an meinem Hofe, in meinem Lande hat er geschadet?« Der Großvizir meinte: »Der Mann sei einmal gefährlich, dies erkenne Jedermann, und wenn er bisher nichts Böses gethan hätte, so geschehe es bloß darum, um das Böse in Zukunft mit größerer Sicherheit zu thun. Seine Pflicht sei, dem Bösen, das dieser Gefährliche gewiß thun würde, zuvorzukommen, den Khalifen davor zu warnen, und sollte er sich auch der Gefahr aussetzen, seinem erhabenen und großmüthigen Herrn zu mißfallen.« Der Khalife erwiderte: »Gott weiß es allein, was er thun wird, was er thun soll und muß; er kennt Ben Hafi's, dein und mein Herz, und der Engel, der unsere Gedanken und Thaten aufzeichnet, zeichnet sie auf, wie wir sie denken und thun, nicht wie wir sie aussprechen und mit dem Schleier der Heuchelei verhüllen. »Ein gewisser Tag wird kommen, und Gott wird Alle zum Leben auferwecken und ihnen Alles erklären, was sie gethan und gedacht haben. Er hält genaue Rechnung darüber; aber sie haben es vergessen. Gott ist Zeuge über alle Dinge. Weißt du nicht, daß ihm Alles bekannt ist, in dem Himmel und auf der Erde? Es gibt keine geheime Unterredung zwischen Drei, oder er ist der Vierte; keine zwischen Vieren, oder er ist der Fünfte; keine zwischen mehreren oder wenigern als diese, oder er ist mit ihnen, wo sie auch immer sein mögen.« Aus dem Koran, wie alle die folgenden, auf diese Weise gedruckten Stellen »So richtet ihn nun Gott, wie mich und dich, nach seinem Wirken und Denken, nicht nach seinem Urtheil. Mir scheint Ben Hafi ein ganz guter Mensch zu sein, und ich lese in seinen Blicken, auf seiner Stirne, daß er es ehrlich mit mir meint, und glaube darum seinen Blicken, seiner Stirne, weil er so wenig von seiner Treue spricht. Auch hat er mir bisher noch nicht geschmeichelt, er muß also mir und sich doch trauen. Und sage mir, Vizir, warum sollte es Ben Hafi nicht ehrlich mit mir meinen? Könnte er durch Falschheit wohl mehr gewinnen? Ich begreife wenig: aber von allen den dunkeln und geheimnißvollen Dingen ist mir das allerunbegreiflichste, daß der Mensch treulos und falsch sein mag, da er durch Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit viel leichter zu seinen Zwecken kommen müßte und mit seinen Zwecken der Menschen Herzen zugleich gewänne.« Großvizir.  Aber wenn nun seine Zwecke selbst nicht ehrlich sind? Khalife.  Mißgönnst du ihm dann den Gewinnst desselben, Vizir? Großvizir.  Nicht ich! doch die Erfahrung lehrt uns leider, daß der Böse ohne Reue verschlingt, was er durch Trug erwirbt, der von ihm Betrognen lacht und auf neue Ränke sinnt. Khalife.  Bis er sich selbst in dem Netze seiner Ränke fängt. Vizir! Wenn die Erde durch Erbeben erschüttert werden wird, und sie ihre Lasten auswerfen wird und ein Mann rufen wird: was schmerzt sie doch? An diesem Tage soll die Erde Neuigkeiten verkündigen, denn der Herr wird sie begeistern. An diesem Tage werden die Menschen hervorgehen nach verschiedner Ordnung: und wer Gutes gethan hat, nach dem Gewichte einer Ameise, der soll dasselbe wieder sehen: und wer Böses gethan hat, nach dem Gewichte einer Ameise, der soll dasselbe wieder sehen.« »Ben Hafi gleicht dem letztern nicht. Mein treuer, tauber Masul liebt ihn, und Derjenige, den mein treuer Masul liebt, der muß, beim erhabenen Propheten, ein ehrlicher Mann sein; denn meinem treuen Masul sitzet der Geist der Wahrheit in dem Herzen und der Geist der Erfahrung in den Augen, und darum kann er des Gehörs entbehren. Gott nahm ihm hier und legte ihm dort zu. Er erräth den Menschen an den Blicken, den uns unsichtbaren Bewegungen der Lippen, dem leisen Spiele der Gedanken um den Mund, entziffert jedes Fältchen der Stirne, jedes Senken und Erheben der Augenbraunen und sieht mit seiner Seele des Menschen Seele durch das Fleisch, so weit es Gott dem Sterblichen erlaubt. Hast du nicht selbst bemerkt, wie richtig und genau er Ben Hafi's Märchen verstanden hat? Hätte ich nur immer dem Rathe meines treuen Masuls gefolgt, so wäre nun Vieles anders! Der edle Abdallah, mein Bruder, lebte an meinem Hofe, und ich hätte einen Freund in ihm. Nur Masul sprach für ihn; aber ich hörte die Stimme des Treuen nicht; der Glanz, die Sorge der neuen Würde, das Geräusche der lärmenden Feste und, mehr als Dieses alles, die glatten, gesprächigen Zungen seiner listigen Feinde hatten mein Gehör betäubt und mein Herz durch Furcht verhärtet.« Großvizir.  Der edle Abdallah! Er, der nach dem Thron und Leben seines Herrn und großmüthigen Bruders strebte! Khalife.  So sagtet ihr: vielleicht that er's auch, wenigstens gebiete ich oft dadurch der Rührung meines Herzens für ihn; aber wenn ich wiederum gedenke, welch ein liebender Bruder, welch ein muntrer, aufrichtiger, geistreicher Gefährte er mir während des Lebens unsers Vaters war, und wie ich ihn, von dem Augenblick, da ich den Thron bestieg, durch allzu viele Kälte, die ihr Klugheit nanntet, von mir entfernte, ihn endlich gar verdammte, ohne ihn zu hören, so wünsche ich, er wäre an meiner Stelle auf den Thron der Khalifen gestiegen. Ich hätte dabei gewonnen, für diese und jene Welt, und, Großvizir, bei dem Glanze des Ewigen! Abdallah hätte seinen Bruder nicht ungehört verdammt, denn er war so stark, als er weise und gut war. Großvizir.  Herr, wer verdammte ihn? Sprach er sich nicht selbst das Urtheil durch seine Flucht? Khalife.  Du hast Balsam für jede meiner Wunden, Linderung für jeden Stich durch mein Herz, dies habe ich längst erfahren; doch deine Heilart gelingt nicht ganz, die Narben bleiben, und jede kleine Erschütterung reißt die Wunde wieder auf. Großvizir.  Deine allzu große Güte, deine zu sanfte Milde waren immer die Plagen deines Herzens, und selbst die traurige Erfahrung, welche du täglich machst, wie wenig ihrer die Menschen werth sind, wie selten sie ihnen entsprechen – Khalife.  Und wenn sie die Menschen so ganz verdienten, was thäte ich wohl, das des Redens werth wäre? Der Thron der Khalifen wäre mir ein ganz bequemer Sitz, wenn ich nur so gut sein dürfte, als ich es gerne wäre; doch ihr polstert ihn mir mit Dornen, denn ihr beweist mir ohne Unterlaß, man müßte hart und streng sein, und da ihr mir die Härte und Strenge immer zur Pflicht zu machen wißt, was bleibt mir übrig, als es eurem eigenen Gewissen zu überlassen? So dachte ich auch, da mein Bruder fliehen mußte! Großvizir.  Leider ist es nun nicht anders, und Alles kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Scepter regieren und zum Guten peitschen. Dein Bruder floh, weil er kein Zutrauen mehr in sich fühlte, vor dich zu treten! Khalife.  Er hatte keins zu mir, und darum floh er. Er mußte fliehen, vor seinem Bruder fliehen, um sein Leben zu erretten, um seinem Bruder vielleicht ein Verbrechen zu ersparen. Wo mag er sein? In welcher elenden Hütte dürftig schmachten, während ich im Ueberfluß hier sitze und Asiens Schätze ausspende? Vielleicht steht er längst als Ankläger gegen mich vor Gott und mein Vater zu seiner Seite. Er ist gerecht! Besser, ich hätte erlitten, was er erlitten hat; denn dem unschuldig Verfolgten öffnen sich vor allen die blühenden Gärten des Propheten, und der höchste Sitz ist sein ewiges Lager. Der Großvizir hatte dieses so oft gehört und umsonst bestritten, daß er endlich die weise Regel wählte, den Khalifen über diesen Gegenstand so lange ohne allen Widerspruch reden zu lassen, als er es für gut hielt. Das Aeußerste, was er sich hierbei merken ließ, war ein kaltes, bedauerndes Mienenspiel, ein stiller Seufzer, von einem frommen Blick zum Himmel begleitet, wodurch er dem Khalifen bedeuten wollte, es sei traurig, daß Abdallah so vieler Zärtlichkeit nicht würdiger gewesen sei, und daß man Alles, was er und seine Gehülfen dabei gethan hätten, als ein Opfer der Nothwendigkeit ansehen müßte. Der Khalife fuhr fort: »Nun muß ich einen Freund in Jedem suchen, zu dem mein Herz mich hinzieht; warum ich keinen Freund an meinem Hofe suchen kann und soll, dies weißt du am besten. Du hast mir erwiesen, und meine Erfahrung hat mich davon überzeugt, daß Jeder den Khalifen nur um der Macht und der Vortheile willen liebt, die er ertheilen kann. Ich kann es nicht ändern und muß es geschehen lassen; Alles, was ich dabei denke, ist: mögen sie diese Macht zum Besten meines Volks gebrauchen und nicht vergessen, daß der Diener, dem der Herr vertraut, der gleich ihm doch nur ein Mensch ist, zwiefach strafbar vor Gott und Menschen wird, wenn er diese Macht mißbraucht.« Auch dieses war dem Großvizir nichts Neues; er wußte ja wohl, daß, wenn er dem Khalifen eine Sache durch öfteres Anliegen und Wiederholen recht schwer und lästig machte, er es am Ende noch für Gewinn halten mußte, sich der Bürde durch Bewilligung Dessen, was man ihm so gewaltsam abdrang, zu entledigen. Dabei schonte ihn freilich der Großvizir in so weit, daß der Herr der Gläubigen entweder glauben mußte, er habe ohne allen Zwang aus eignem Willen gehandelt, oder der Tugend und Güte seines Herzens ein Opfer dargebracht. In diesem Sinne fuhr er einige Tage fort, an dem Khalifen zu nagen und zu quälen; aber trotz aller seiner List, seiner feinen Wendungen und versteckten Drohungen, scheiterte er hier zum erstenmal. Selbst die Langeweile, die er ihm damit verursachte (das fürchterlichste Uebel für den Khalifen), beförderte diesmal seine Absicht nicht. Er fragte ihn mit ganz ungewöhnlichem Ernste: »Fürchtest du den armen, guten Narren?« Der Großvizir lächelte verächtlich. Khalife . Nun, wenn du ihn nicht fürchtest, was macht dich zu seinem Feinde? Großvizir . Muß ich darum der Feind eines Mannes sein, weil ich ihn erkenne, wie er ist, und mich seine listigen Absichten nicht verblenden. Mir kann er nicht gefährlich werden; wodurch vermöchte er's? Gib ihm Gold, so schwer er selber ist, ich wünsche es ihm; aber in dem Augenblick, da ich dieses wünsche, muß ich dir sagen, der Mann taugt an dem Hofe des Khalifen zu nichts, taugt in Bagdad zu nichts, taugt in deinem ganzen Lande zu nichts. Er hält nichts von der Ordnung, nichts von meinem durch die Erfahrung bewährten Spruche. Seine nur ihm eigne Verwegenheit, dir gewisse Dinge ins Angesicht zu sagen, die nie einer deiner Unterthanen zu denken wagte – Gedanken laut werden zu lassen, die, wenn sie in den Köpfen deiner treuen Unterthanen erwachten, deinen festen Thron, dein und ihr Glück erschüttern könnten. – Khalife . Davon weiß ich nichts, und was kümmert es mich, was er von den Bösen und von den Thoren spricht? In mir erweckt er Gedanken, mit denen ich ganz zufrieden bin, die ich wohl in jüngern kräftigem Jahren und zu bessern Zeiten selbst gedacht habe. Du weißt, warum diese Gedanken nicht zu Thaten reiften. Auch fürchte ich für mich und für mein Volk gar nichts von diesem Manne; denn der Khalife, der so fürchtete, wie du zu fürchten scheinst, müßte des Bösen viel gethan haben, oder zu thun noch Willens sein, und das Volk müßte noch thörichter und böser sein, als du es mir zu malen ohne Unterlaß beflissen bist. Ben Hafi soll heute anfangen, seine mir versprochenen Wanderungen zu erzählen, und ich lade dich dazu ein. Großvizir.  Verzeih mir, Herr, die einzig kühne Frage: Was hast du an dem Menschen? Was glaubst du an ihm zu haben? Khalife.  Was ich an ihm habe? Wenn ich Alles wüßte, was ich an ihm hätte, so könnte es mich vielleicht der Freude des Suchens, vielleicht gar des Gewinnstes des Funds verlustig machen. Der Taucher muß nicht wissen, auf welcher Stelle die edelste Perle in dem Grunde des Meers verborgen liegt, sonst läßt er die minder edlen liegen, und dies wäre doch Verlust für ihn, da viele minder edlen selbst den Werth der reinsten und größten aufwiegen können. So sagt ein weiser Ausleger des Korans, indem er von der Menschenliebe spricht und uns damit eine kluge Warnung gibt. Ich will nicht wissen, was ich Alles an Ben Hafi habe, damit ich länger etwas an ihm haben mag. Großvizir.  Nachfolger des Propheten, dein Gleichniß ist schön; aber ich verstehe es nicht. Khalife.  Du verstehst es nicht, weil du in dem Menschen keine Schätze suchst. Großvizir.  Und das darum, Herr, weil keiner deiner Diener die Zeit erübrigen kann, sich vergebens zu bemühen. Erster Abend Ben Hafi erschien mit dem Glockenschlag, die kleine Gesellschaft hatte sich versammelt und Jeder derselben den ihm angewiesenen Platz eingenommen. Der Großvizir, ergrimmt, daß es ihm nicht gelungen war, den ihm verhaßten Menschen zu entfernen, und nun noch ergrimmter, daß er seinen Erzählungen von Neuem beiwohnen mußte, sah Ben Hafi sehr liebreich an, wandte sich darauf demüthig gegen den Khalifen und schien mit seinen Blicken um das Wort zu bitten. Der Khalife winkte ihm gütig zu. Großvizir.  Ich schmeichle mir, Nachfolger des Propheten, unser guter Ben Hafi wird die weisen Lehren, welche wir alle hier aus »Mahals Reisen vor der Sündfluth« gezogen haben, durch die Erzählung seiner eigenen Wanderungen, die nach seiner Versicherung weit unterhaltender für den Herrn der Gläubigen sein soll, noch weit mehr ins Licht setzen. Khalife.  Unterhaltend wünsche ich sie; aber was die weisen Lehren betrifft, von welchen du sprichst, da weißt du wahrlich mehr davon als ich. Doch laß nur immer hören; es soll mir lieb sein, wenn du etwas zu deinem Besten daraus genommen hast. Großvizir.  Ich nahm für mich daraus, daß der Mann, welcher über Menschen herrscht, durch und auf Menschen wirken will, Alles mit kaltem Sinne, ohne den mindesten gefährlichen Einfluß des blendenden und verführerischen Enthusiasmus thun müsse, weil nur Das gelingt und dem Ganzen nützt – dem Ganzen, Beherrscher der Kinder des Propheten – was man mit kluger Berechnung der Erfahrung auf die Bosheit, Schlechtigkeit, Selbstigkeit, Unzulänglichkeit der Menschen unternimmt, und alles Das verzerrt und verschoben herauskommt, was man in Begeisterung hoher, eingebildeter Tugend und warmer trüglicher Hoffnung auf die Billigkeit, Gerechtigkeit und Einsicht unserer Zwecke von den Menschen thut. Daß man demnach den Menschen bloß als ein Thier betrachten muß, das man durch seinen angebornen Instinkt zu Dem zwingt, was ihm nützt, und von dem abhält, was diesen durch Erkünstelung verdorbnen Instinkt irre führen könnte. Zu dem ersten gehören: Arbeit, Fraß, Hervorbringung seines Gleichen, der ganze sinnliche Genuß des Lebens, welcher, man sage und heuchele, was und wie man will, doch immer noch das einzige wirkliche ist, was der Mensch in diesem Leben davon trägt, und wodurch er sich und, so fern er gut und großmüthig sein will, auch Andern gütlich thut. Zum zweiten gehören: Zuschärfen der Vernunft, Aufklärung des Geistes, Zuspitzen des Verstandes und das allzu gefährliche Spiel mit dem Gifte der Wissenschaften, welches Langeweile, Kitzel, Stolz und Vermessenheit erzeugt und erfunden haben. Dieses nun alles lehrt uns Ben Hafi recht anschaulich und beweiset damit, daß ein Herrscher der Menschen nichts aus warmem täuschendem Gefühl des Herzens, sondern Alles bloß nach kalten Regeln der Vernunft thun müsse, weil er alsdann seines Vortheils immer sicher ist. Khalife.  Und wozu, Vizir, hätte denn Gott dem Herrscher ein Herz gegeben, wie dem Bettler, und die Liebe und das Mitleiden, nach den Worten des Propheten, wie zwei erhaltende schützende Engel zwischen das Menschengeschlecht gestellt? Großvizir.  Der Herrscher hat andere Pflichten, als der Mensch. Khalife.  Dies ist mir leid um Beider willen. Großvizir.  Dieses alles fließt aus unsers ehrlichen Ben Hafis Lehren, wie daraus fließt, daß mein Spruch: man muß die Menschen, wegen des in ihnen eingewurzelten Bösen mit einem eisernen Scepter beherrschen, und zum Guten, das heißt zum Gehorsam peitschen – die erprobteste Wahrheit vor und nach der Sündfluth sei, welches gewiß seine eignen Wanderungen nach der Sündfluth, wie Mahals Reisen vor der Sündfluth, beweisen werden. Dieses eingewurzelte Böse ist nun der schwarze Flecken oder das berühmte schwarze Korn, welches jeder Sohn Adams, von diesem seinem Urvater her ererbt, in der Mitte des Herzens trägt. Khalife.  Und das der Engel Gabriel aus dem Herzen des Propheten riß, damit er nicht mehr sündigte. Ben Hafi.  Schade, daß wir dieses schwarze Korn nicht auf der Stirne tragen, wenigstens würdest du auf der meinigen, ich auf der deinigen sehen können, wer von uns beiden das größte geerbt hat. Doch sage mir, wie liegen alle diese Lehren in des starrsinnigen Mahals Reisen? Großvizir.  Nach deines Mahals Berichten waren alle Sultane vor der Sündfluth gar erbärmliche Wichte, nur zum Bösen und Unterdrücken geneigt, das selbst auszuüben sie nicht einmal die Kraft hatten; und die Menschen, mit denen sie dieses schöne Spiel trieben oder treiben ließen, verdienten gar kein beßres Schicksal, weil sie selbst ihre Sultane zu Dem machten, was sie waren, und wenn sie dieselben dazu gemacht hatten, in aller Geduld ertrugen. Nach Mahals Berichten dienen die Wissenschaften, welche doch die Menschen aufklären sollten, nur dazu, sie schlechter, üppiger, kühner, Gottes und des Glücks der Menschen vergeßner zu machen. Khalife.  Aber, Vizir, was in aller Welt kann doch der arme Ben Hafi dafür, daß er nichts Besseres von diesen Sultanen in seiner Handschrift zu erzählen vorfand? Ist es doch nicht seine Schuld, wenn sie nur böse und thöricht waren? So viel ich ihn kenne, wünscht er sie so gut und weise, als ich sie nebst allen Menschen gerne sehen möchte. Gesetzt nun, ich gliche einem von jenen, und Einer sagte es laut, so würde ich vielleicht darüber ungehalten werden, vielleicht auf eure Vorstellung gar ihn strafen; doch was thäte ich wohl hierbei, als eine bös That mehr, da es doch im Grunde dieser Mensch nicht schlimmer mit mir meinte, als mein eigenes Gewissen, das mir immer zuruft: ich sollte nicht thöricht und böse, sondern weise, klug und gerecht handeln. Ben Hafi.  Goldne Worte! merke sie doch, Großvizir! Khalife.  Was eure Wissenschaften betrifft, so ist der um so strafbarer, wenn er Das zu Gift für sich und Andere macht, was ihm als Gabe zur Weisheit für ihn und Andere gegeben ward. Und wozu braucht sie der Mensch? Vor Gott ist der Gelehrteste und der Unwissendste einer wie der andere; und nur die Erfüllung der Pflichten macht Einen größer als den Andern. »Der Barmherzige hat seinen Diener den Koran gelehrt. Er hat Menschen geschaffen und sie verschiedne Sprachen gelehrt. Die Sonne und der Mond verrichten ihren Lauf nach fester Ordnung, und die Pflanzen, welche an der Erde kriechen, und die Bäume, welche ihre Wipfel gen Himmel erheben, sind seiner Ordnung unterworfen. Er erhub die Himmel und stellte eine Wage auf der Gerechtigkeit und Billigkeit!« »Wahrlich, die Muselmanen beiderlei Geschlechts und die wahren Gläubigen beiderlei Geschlechts und die frommen Männer und die frommen Weiber, und die wahrhaften Männer und die wahrhaften Weiber, und die geduldigen Männer und die geduldigen Weiber, und die demüthigen Männer und die demüthigen Weiber, und die Almosen spendenden Männer, und die Almosen spendenden Weiber, und die Männer, welche fasten, und die Weiber, welche fasten, und die keuschen Männer und die keuschen Weiber, und die beiderlei Geschlechts, welche Gottes immer eingedenk sind, für diese hat er Vergebung und Belohnung vorbereitet.« Ben Hafi.  Erlaube mir nun, Herr, deinem Großvizir noch eine Frage zu thun! – Und alles Dieses hörtest du aus Mahals Reisen heraus? Großvizir.  Ich bin zufrieden damit, weil es meinen Spruch beweist und den Herrn der Gläubigen dadurch von meinen Regierungsgrundsätzen immer mehr überzeugt. Ben Hafi.  Das thut es bei dem Glanze seines Thrones und noch mehr bei der menschenfreundlichen Güte seines Herzens nicht! Daß du Dieses alles darin finden konntest, begreife ich gar wohl; du hörtest Mahals Reisen mit deinem Geiste und Herzen, nicht mit dem Geiste und Herzen des Khalifen an. So sieht der Gelbsüchtige selbst die Rose gelb. Du hörtest Mahals Reisen als Großvizir an, als ein Mann von Grundsätzen, die aus deinem Spruche fließen; denn hättest du sie als Mensch gehört, so würdest du höchstens daraus geschlossen haben: der Mensch mißbrauche leider oft, was ihm zu seinem Glück gegeben ist, Religion, Regierung und die Wissenschaften. Großvizir.  Ich hörte es recht gerne. Ben Hafi.  Daß sie die Großen und Hofleute, die Priester und die Denklinge mehr zu diesem Mißbrauch verleiten, als ihre Herrscher, weil ihre Herrscher dabei gewinnen, wenn Religion, Regierung und Wissenschaften den hohen Zweck erfüllen, wozu sie Gott gegeben hat. Du würdest ferner aus Mahals Reisen geschlossen haben, daß die Sultane vor der Sündfluth, ohne genannte Herren, ganz gute Leute gewesen sein würden (es nach der Sündfluth wohl alle wären), weil sie ihren Vortheil dabei gefunden haben würden und noch jetzo fänden; denn der Mensch ist von Natur lieber billig, gut und ruhig, als grausam, hart und unruhig, und der Herrscher erlangt durch Gerechtigkeit und Milde seinen Zweck viel sichrer. Du würdest gesehen haben, daß dies Böse nicht in der Natur der Sultane liegt, denen doch beim erhabenen Propheten das härteste Loos zufiel, welches das Schicksal über einen Sterblichen werfen konnte. – Großvizir.  Und in wem läge es? Ben Hafi.  In Denen, die sie umgeben, in ihren Hofleuten, Großen und Dienern, die ihnen ihren Verstand verdächtig machen und dann beweisen, Das, was ihnen ihr Herz zum Besten der Menschen sagt, sei Thorheit; die Begeisterung fürs Gute und die daraus entspringenden Tugenden seien für den Herrscher gefährlicher Wahnsinn, fruchtloses Bemühen; die Menschen seien sammt und sonders eine bösartige Heerde, nur immer tückisch gegen ihren Hirten gesinnt, er meine es auch noch so gut mit ihr, und darum müsse man sie, nach deinem Spruche, mit einem eisernen Scepter beherrschen und zum Guten, das heißt zum Gehorsam, peitschen. Sieh, dieses lehren Mahals Reisen. Warum nun die Hofleute, Großen und Staatsbeamten den Sultanen so viel Böses von den Menschen sagen, brauche ich einem Manne nicht vorzuerzählen, der so lange Großvizir gewesen ist. Khalife.  Beim Propheten, Das, was du da sagst, ist wahr, und ich erfuhr es von dem Augenblick, da sie mir sagten, ein Thron erwarte mich. Noch toller ward es, da ich mich endlich darauf setzte. Immer war nur Der der ehrliche Mann, der den Andern bei mir verläumdete, und da diesem Schicksal Keiner von ihnen entging, so magst du leicht erachten, wie mir zu Muthe gewesen ist. Doch wenn nun einmal die Herrscher selber Menschen sind und ohne Hofleute und Diener weder leben noch bestehen können? – Soll es mir genügen, daß sie täglich meine Schwelle in Demuth mit ihrer Stirne begrüßen? Werde ich dadurch, was ich sein soll? Bin ich darum ein Riese, weil das Volk das aus meinem Fenster, zur Verehrung der Hofleute, herunterhängende zwanzig Ellen lange Stück schwarzen Sammet den Aermel des Khalifen nennt? Ach, wohl ist Alles eitel: der Mensch ist böse, dies habe ich erfahren, und hängt es der Rolle an, die wir spielen, daß er es wird, so bald er sich uns naht, so ist es wahrlich das schrecklichste Loos, auf einem Thron zu sitzen. Keinem zu trauen, seine warmen Empfindungen, sein Wohlwollen, seine Liebe und Freundschaft in der Brust zu verschließen und immer zu drohen, immer zu strafen und zu schrecken, für alles Böse angeklagt zu werden, alles Gute sich von fremden Händen entreißen zu lassen, das Gute herzlich zu wollen und es fremden Händen anvertrauen zu müssen – (Feierlich) . Herr, wenn du uns den guten Willen nicht anrechnest, wie soll einst dein Knecht vor dir bestehen! Ben Hafi.  Zum Verdienst rechnet er nur den Willen an, der That geworden ist, sagt ein Ausleger des Buchs. Dieses muß geschehen, oder das noch schwerere – die Besserung Derer, welche die Sultane zur Ausführung ihres Willens brauchen; doch leider rechnet man dieses unter die unmöglichen Dinge. Khalife.  Ben Hafi, Gott ist nichts unmöglich, und wenn er will, so kann er sogar die Hofleute zu ehrlichen aufrichtigen Leuten und die Vizire und Kadi zu gerechten Männern machen. »Bei dem Gebirge Sinai, bei dem Buche geschrieben auf einer ausgedehnten Rolle, und bei dem besuchten Hause und bei dem erhabenen Dache des Himmels und dem schwellenden Weltmeer, die Strafe des Herrn wird gewiß herunter kommen. An diesem Tage soll der Himmel zusammengefaltet werden wie ein Segel nach der Reise, und die Gebirge vorübergehen.« Ben Hafi.  Wer zweifelt hieran? doch indessen thue jeder Sultan sein Bestes. Sieh, Großvizir, dieses fließt ungefähr aus Mahals Reisen, es sei dann, daß du die darin versteckte Lehre noch merken wolltest: Derjenige sei der glücklichste, der in stiller unschuldiger Ruhe, fern von den Höfen und der rauschenden Thätigkeit der Menschen, seine Tage hinlebt, ohne zu wissen, wie die Menschen regiert werden, und ohne nachzuforschen, warum Gott vor unsern Augen Dinge geschehen läßt, wie wir täglich geschehen sehen. Khalife.  Da aber die Menschen nun einmal regiert werden müssen, was bleibt uns übrig, als auf dem Posten zu bleiben, auf den das Schicksal uns gestellt hat, und Das zu thun, was wir vermögen? Darin hast du übrigens ganz recht, daß die Sultane der Erde gute Leute sein würden, wenn nur andre Leute nicht ihren Vortheil dabei fänden, daß sie böse wären. Wenn ich über Das, was ich erfahren, gehört und gesehen habe, nur einen Augenblick nachsinne, so begreife ich nicht, wie es zuging, daß ich so gut geblieben bin, da man sich alle Mühe gab, mich mißtrauisch, feig und bös zu machen, und, Ben Hafi, was das Allerschlimmste des Schlimmen ist, da die Menschen unser Einem so viele Ursache geben, über sie böse zu werden. Gewiß muß mir Gott etwas in das Herz gelegt haben, das diesem gefährlichen Gifte immer widerstand; was es ist, das weiß ich nicht; aber mitten im Zorn und Mißmuth regt es sich warm und lebendig in meiner Brust. Bin ich nun nicht besser, so ist es meine Schuld nicht. Uebrigens glaube ich gerne, daß du die Hofleute und die Menschen kennst; aber um sie recht zu kennen, guter Ben Hafi, muß man eine Zeitlang selbst auf einem Thron gesessen haben; da sieht man erst, wie schwer es hält, gut zu bleiben und sie zu lieben. Freilich bin ich nun wohl zufrieden, daß ein Thron mein Sitz ist; ob ich gleich begreife, daß man vor den Augen Gottes und der Menschen eben so würdig, glücklich und gut in einer Hütte sein kann, doch will ich auch damit nicht gesagt haben, daß ich meinen Thron mit einer Hütte vertauschen möchte. Weißt du warum? Ben Hafi.  Ich bin begierig, es zu vernehmen. Khalife.  Weil der Thron der Khalifen doch ein ganz bequemer Sitz ist, wenn man ein gutes Gewissen hat, und weil es vor Gott und den Menschen mehr Verdienst erwirbt, auf dem Throne, als in der Hütte gut, mild und gerecht zu sein. Gewiß wird Gott die Rechtschaffenheit und Tugend nach dem Maße der Schwierigkeiten belohnen, die ihre Ausübung erfordert. Wären wir sonst nicht zu beklagen? Du weißt nicht, guter Ben Hafi, was die Menschen von uns verlangen und fordern, und glaube mir nur, es ist nichts weniger als Das, was kein Sterblicher erfüllen kann; denn um so zu sein, wie sie von uns wollen, müßten wir eigentlich keine Menschen von ihrer Gattung sein. Nur wir sollen keine Leidenschaften haben, damit sie desto ungehinderter dem Zuge der ihrigen folgen können. Frei sollen wir von Begierden sein, damit sie desto ungestörter ihre Habsucht und Wollust befriedigen mögen. Wir sollen wachen, denken und sorgen, damit sie ruhig und sorgenlos bei ihren Weibern liegen können. Und alles Dieses fordern sie von Männern, die von den Reizen der Wollust, der Macht und Gewalt bei dem Eintritt in das Leben begrüßt werden. Wir sollen kalt und weise an dem reichen Mahl der Genüsse der Erde sitzen und entweder gar nicht zugreifen, oder uns doch mit einem Maße zumessen, das sie für sich selbst zerschlagen. Gott, gib mir Stärke, Weisheit und Geduld! Man sage von mir, was man will. Keiner kann mir den Geist der Ordnung, die Güte des Herzens und das unbestechliche Gefühl der Gerechtigkeit absprechen. Ich thue Keinem mit Willen weh, mein Thun und meine Tagezeit ist regelmäßig abgetheilt und geht so sicher und gewiß wie der Lauf der Sonne. Ben Hafi.  Vortrefflich, Herr, wenn deine Bestimmung wäre, um dein Reich herumzulaufen, wie sie um die Erde läuft, und sich die menschlichen Dinge eben so in eine gewisse Ordnung fügen ließen, wie sie Gott der Sonne vorgeschrieben hat. Khalife . Davon ein ander Mal. Nun sage mir, ohne Rücksicht auf mich und deinen Widersprecher hier: ob es heilsamer für den Menschen ist – du siehst, Ben Hafi, ich sage Mensch und nicht Regent, weil ich denke, es sei doch im Grunde einerlei – ob es besser für den Menschen ist, will ich sagen, den warmen (versteht sich und auch guten) Eingebungen des Herzens im Leben und Wirken zu folgen; oder bloß dem kalten Verstande, der, wie der Vizir sagt, immer weislich den Nutzen voraus berechnet. Auf welcher Seite liegt wohl der größte Gewinn für den Menschen und die Menschen, und durch welches wird er glücklicher? Antworte mir nicht: durch den rechten Gebrauch der beiden; wer weiß dies nicht? Ich will wissen, was ich nicht weiß, und was mir zu wissen noth thut, weil man immer widerspricht, wenn ich etwas warm und feurig unternehmen will. Großvizir.  Beherrscher der Gläubigen, du hast, mit deiner hohen Erlaubniß, die Frage nicht so gestellt, wie sie der Herr Asiens stellen müßte. Ben Hafi.  Mit der deinigen, Großvizir, der Herr der Gläubigen hat sie menschlich schön gestellt. Er dachte einen Augenblick nach. Sanfte Begeisterung schwebte auf seiner Stirne, spielte in seinen Augen, und er sprach: Herr der Gläubigen, ich beginne nun meine Wanderungen, vielleicht, daß im Lauf derselben etwas vorkommt, das auf deine Fragen Bezug hat. Ben Hafi würde zu viel wagen, durch sich selbst zu reden, und das Beispiel eines Mannes mag es jetzt für ihn thun. Khalife.  Wie du willst: doch lieb wär mir's, wenn Genien und Geister in deinen Wanderungen erschienen, vorausgesetzt, es seien keine Lügen. Ben Hafi.  Ueber dem Kaukasus, Beherrscher der Kinder des Apostels, erhebt sich auf Wolkensäulen ein Gezelt, gewebt aus Aether, den Strahlen der Sonne und des Monds, dem Ausfluß der Gestirne, den Düften der Blumen und den Wohlgerüchen der Pflanzen unsrer Erde. Dieses Gezelt schwebt außer dem dicken Dunstkreis unsrer Erde und ist die Wohnung reiner Genien! die Wohnung der Geister der Edeln, welche einst diese Erde durch ihre Tugend erleuchteten und sich unter den reinen Genien durch schöne Thaten, Aufopferungen für ihre Brüder, selige Sitze erwarben. Ein Obergenius, mit dem Lichte und der Wahrheit zugleich erschaffen, ist der glückliche Beherrscher dieser Genien und Geister. Seliges, ruhiges Beschauen ist ihr Genuß. An den ätherischen Wänden des Gezelts (um sinnlich auszudrücken, was die Einbildungskraft geistig sieht) spiegeln sich in Gemälden die schöne Erde, ihre schattigten Haine, ihre wallenden Meere, nebst ihren Gärten, den Inseln, und Das, was die Menschen Schönes mit ihren Händen erschufen und erschaffen. Aber höheres Entzücken gewährt den Geistern Das, was die Menschen durch die moralische Kraft ihres Geistes und Herzens hervorbringen und schaffen; denn an den ätherischen Wänden malen sich die Thaten guter, edler Menschen, von dem Augenblicke an, da sie in ihrer Brust aufkeimen, bis zur Vollendung, in sanft schimmernden Bildern, und verlöschen nur, wenn Schwäche, Furcht, Selbstsucht, Eigennutz und Zweifel über den Werth der Handlungen und Derer, für die sie unternommen wurden, die schöne Begeisterung verfinstern. Bleibt aber ein Sterblicher dieser schönen Begeisterung bis an sein Ende getreu und verlischt auf dieser Erde, die das Andenken seiner Thaten in der späten Zukunft noch erleuchtet und erwärmt, so erglüht das ganze Gezelt, der Abglanz der feierlich prächtigen Glut strahlt durch unfern dicken Dunstkreis, erleuchtet in zitterndem, sanftem Lichte den Horizont, der Wandrer staunt das erhabene Wunder entzückt an, der unwissende Klügling benennt mit einem nichtssagenden Wort das prächtige Schauspiel, und der Forscher der Natur sinnt vergebens seiner Ursache nach. Khalife.  Ob nun gleich deine Wanderungen wie Märchen anfangen, und deine Märchen wie Geschichte klangen, so gefällt mir gleichwohl der Anfang, und dieses prächtige Gezelt hat meinen ganzen Beifall. Auch möchte ich gerne wissen, ob wohl dein Gezelt erglühen wird, wenn ich einst zu meinen Vätern wandere. Ich befehle euch allen, genau darauf zu achten. Seit meiner Regierung erinnere ich mich nicht, dieses schöne Schauspiel am Himmel gesehen zu haben, und vermuthlich kommt dieses daher, daß meine Großen nichts an die Wände dieses Gezelts gemalt haben, oder daß sich die Bilder ihrer Thaten aus gewissen Ursachen nicht daran erhalten konnten. Großvizir.  Mit Erlaubniß des Herrn der Gläubigen möchte ich wohl fragen, ob sich die bösen Thaten der Menschen auch an diesen ätherischen Wänden zeigen? Ben Hafi.  Würde ich alsdann die Bewohner dieses Gezelts glücklich und selig genannt haben? Khalife.  Ach leider! Und ich glaube, selbst das unendliche Gewölbe des Himmels würde zu klein sein, wenn sich Alles darauf abspiegeln sollte, was die Menschen Böses und Thörichtes thun. Doch möchte ich gar zu gerne nur ein einziges Mal in dieses wunderbare Gezelt blicken, um zu sehen, ob sich denn gar nichts von den Thaten meiner Großen und Staatsbeamten dort findet. Glaubst du, Vizir, daß ich einige deiner Thaten abgebildet sehen würde? Der Großvizir lächelte, und der Khalife fuhr fort: Ich will es hoffen, will hoffen, deine Frage an Ben Hafi entsprang mehr aus der Neugierde, als Regung des Gewissens. – Indessen, Ben Hafi, sehe ich gar nicht ein, was dieses Gezelt, so schön es immer ist, mit deinen Wanderungen gemein hat; wenigstens fängst du sie von den Wolken an. Ben Hafi.  Und werde geschwinder, als es mir lieb ist, auf die Erde zurückkehren. Khalife.  Nu kannst es mit deinen Wanderungen machen, wie du willst, und sind sie unterhaltend, so gebe ich dir nicht nur die Erde, sondern obendrein alle Gestirne, Sonne und Mond nicht ausgenommen, zum Schauplatz. Ben Hafi.  Du gibst nie wenig, und ich danke dir. Das Abendroth glühte durch die Wolkensäulen, vergoldete den Boden des Gezelts und erleuchtete mit seinem rosenfarbnen Abglanze die Bilder der Wände. Bald erfüllte Dämmerung das Gezelt, und durch die Dämmerung spielte von den feinen Sonnen und Gestirnen ein Licht, wie es nie das Auge der Sterblichen erblickt hat. Nur Der, dem ein Strahl der Wahrheit in die Seele geblitzt hat, vermag es, dieses Licht zu ahnen. Die Genien und Geister genossen stilles Entzücken über die schönen Thaten der Menschen, die in dem sanften Lichte schimmerten. Plötzlich erzitterte leise das luftige, schwebende Gezelt. Eine heulende Stimme erscholl durch den dicken Dunstkreis der Erde herauf. Die Genien und Geister verhüllten ihr Angesicht, denn in demselben Augenblick färbten sich die Gemälde der Thaten eines der edelsten Sterblichen trübe an den schimmernden Wänden. Einer der Genien schwebte leise herein und stellte sich traurig vor den Oberherrn. Mit einem Winke gebot ihm dieser, zu reden. Der Genius sprach: »Einer der Geister der kalten und düstern Inseln, die bald in dem Dunstkreise schweben, der die Erde umfließt und trägt, bald tief sich tauchen in die unruhige, wirbelnde Luft, der Sterblichen Thun zu beobachten, die sie weder lieben noch hassen, sauste eilends herauf, und schwebend auf der Spitze einer der Wolken, welche unser reines Gezelt tragen, rief mir der finster Ernste zu: »Abdallah hat mich gerufen, und ich muß seinem Rufe gehorchen, denn er zwingt mich im Namen Salomo's, des Gewaltigen.« Der oberste Genius.  Wir haben seine widrige Stimme vernommen, das reine Gezelt erzitterte, Abdallahs Thaten färbten sich dunkel, und wir verhüllten unser Angesicht aus Schmerz über ihn. Abdallah, fuhr der Genius fort – Khalife.  Ben Hafi, könntest du dem Manne, den du uns da aufführst, keinen andern Namen geben? Ben Hafi.  Wodurch mißfällt dir dieser schöne Name, Herr? Khalife.  Wenn er mir nur mißfiele! Da er mir aber nicht mißfällt, und doch auch nicht gefällt, so wäre es mir lieb, wenn du mir zu Gefallen diesen Mann anders nenntest. Ich sehe schon voraus, daß ich ihn oft werde hören müssen, und mein Ohr hört ihn nicht allein. Ben Hafi.  Ich kann dir hierin nicht willfahren, so gern ich es auch wollte, und am Ende der Geschichte wirst du mir es vielleicht verzeihen. Trug diesen Namen einer deiner Feinde, so kann es dieser Mann nicht sein, da er nie in Bagdad, noch in einem deiner Länder war. Khalife.  Kann es nicht anders sein, so fahre nur fort: warum soll ich nicht hören können, woran ich ohne Unterlaß denke? Der Großvizir blickte Ben Hafi voll Ingrimm und Verdruß an; Ben Hafi schien es nicht zu merken und gehorchte dem Befehl des Khalifen. »Aus den Worten des Geistes der kalten, düstern Inseln,« fuhr der Genius fort, »vernahm ich folgendes: ›Abdallah, der bisher so gerade, kühn und stark auf dem schlüpfrigen, steilen, engen Pfade der Tugend einherging, Abdallah, der Freund, Günstling und Großvizir des Sultans von Giuzurat in dem reichen, schönen Indostan, ist verwundet von der Bosheit, der Falschheit und dem Truge der Menschen, mit denen er lebt, für die er lebt und arbeitet. Aus seiner Seele ist der Gedanke, die Stütze der hohen Tugend, verschwunden: daß der Edle der Tugend um so mehr anhängen muß, als seine Brüder sich von ihr entfernen, weil nur die Edeln durch ihr Wirken und ihr Beispiel das Band wiederum befestigen, welches das Menschengeschlecht zum moralischen Zwecke verbindet. – Er, der diese Wahrheit bisher für seine einzige Leiterin erhielt, jede gute That nur darum unternahm, weil sein Herz ihm sagte, daß sie gut sei, will nun seiner Thaten Ursprung und Folgen bloß nach dem kalten, sparsamen, vor und hinter sich blickenden Verstande abwägen. Maß, Regel und Gewicht sollen über die Wärme seines Herzens bestimmen, und er fühlt in seinem Wahne nicht, daß sie ihm Das sein werden, was der Frost der Blüthe ist. Er betrog sich in seinen Freunden und Dienern, einige Mal in seinem Herrn: Mißbehagen und Zweifel zernagten seine Kraft, und er erlag der Probe, die der Mann bestehen muß, der für die Menschen und mit den Menschen wirken soll und muß. Einer der Wäger und Forscher der Kräfte des Menschen, welche die ihnen verliehenen weder zu ihrem, noch anderer Besten zu nutzen wissen oder benutzen wollen, spannte seinen Geist auf die dunkeln Geheimnisse, die den Menschen umgeben müssen, wenn sein Wirken ihm verdienstlich werden und er selbständig bleiben soll. Von ihm unterrichtet erfuhr er, daß der Sterbliche sich die Geister jener kalten, düstern Inseln unterwerfen könnte, und von ihm lernte er die gewaltigen Worte, eines dieser Wesen in seinen Dienst zu zwingen. »So eben beschwor ihn der edle Thor, ihm zu erscheinen und ihn zu warnen, wenn der Enthusiasmus der Tugend, Freundschaft und Liebe ihn hinrissen. Ihn zu warnen vor der Falschheit, der Heuchelei und dem Betrug seiner Brüder, den Schein von der Wahrheit zu trennen, vor seinen Augen das Herz der Sterblichen zu zerspalten, ihn in ihr Innerstes blicken zu lassen, ihm die Folgen seiner und ihrer Thaten im Voraus zu zeigen und Alles vor seinen Sinnen wegzuhauchen, wodurch und womit die Täuschung die Sterblichen blendet und irre führt! In dem Augenblick, da ihm das gefährliche Werk gelungen war, schwang sich der Geist herauf, den er gerufen hatte.« Oberster Genius.  Abdallah sollte einer der unsern werden, und oft sagte ich euch, er wird einer der unsern werden. Nun hüllt schon trüber Nebel die Bilder seiner Thaten ein, und schwer wird er diesen Kampf mit seinem Geiste und Herzen, mit dem Geiste und Herzen seiner Brüder bestehen. Mit Recht nennst du ihn einen edeln Thoren, denn ihn verblendet der Schimmer eines erhabenen Gedankens. Er wähnt, wenn die Täuschung vor seinen Sinnen verschwände und er die Herzen seiner Brüder geöffnet sähe, so würde die Wahrheit seine Führerin allein sein, und er würde mit unbestochenem Verstande berechnen können, was aus seinem Wirken erfolge. Er will Herr des Guten werden und die Früchte seiner Tugend sichern. Dieser Wunsch konnte nur in seinem Herzen entstehen, und wir müssen ihn in dem Augenblick bewundern, in welchem wir ihn bedauern. So laßt ihn nun diese traurige Erfahrung machen und seinen Brüdern zum Beispiel werden. Der Sterbliche, welcher durch die kalte Vernunft die Wärme seines Heizens auslöscht, seinen Kräften und seiner Selbstständigkeit nicht mehr vertraut, wagt mit dem schönsten Genuß des Lebens seinen eigenen Werth. Wir wissen es, und er war so lange als uns seine Thaten ergötzten, überzeugt, daß nur allein dieses edle Feuer der Schöpfer schöner, großer, uneigennütziger Thaten ist und wird; daß nur von ihm belebt der Mensch kühn und groß handelt und in der Ausführung seiner edeln Zwecke sich selbst vergißt. Daß er nur von ihm begeistert sich für Tugend und Vaterland aufopfert, seine Brüder glücklich macht, durch sein Thun und Beispiel zu höherer Veredlung bildet und in den von der thierischen Sinnlichkeit unterdrückten Geistern die Verwandtschaft mit dem Erhabenen wiederum erweckt, den wir hier tief schweigend denken. Als der Erhabene die Stirne des von seiner Hand gebildeten Sterblichen berührte, floß dieses Feuer von seinem geistigen Finger in die Brust des Neugeschaffenen, und er weihte ihn dadurch zu dem hohen Zwecke, da er ihm die Ahnung davon hinterließ. Deutlicher durfte ihm dieses Geheimnis nicht werden, damit das Geschöpf des Erhabenen nicht sklavisches Werkzeug würde. Dieses Feuer ist es, das die Welt mit Wundern füllt, die wilden, zerstreuten Söhne der Erde zu geselligen, geistigen Wesen bildet und die ätherischen Wände unsres Gezelts ausschmückt. Verkältete es der erkünstelte Verstand, die Mutter der Selbstsucht und Gleichgültigkeit, so würden bald die schimmernden Bilder hier verlöschen und wir dann nichts mehr sehen, als die farbelose Abspiegelung der beschneiten Gipfel dieses Gebirges, auf dessen Wolkensäulen der Tempel schöner, großer Thaten ruht. Dieses göttliche Feuer begeisterte einst Abdallah und machte ihn vor allen seinen Brüdern glücklich. Was er nun wird, entziehe ich eurem Blick. Der Geist jener kalten, düstern Wohnungen erscheine ihm und heiße ihm Namenlos, bis er ihm einen Namen gibt. Bald wird die schöne Blüthe des Lebens, die nur durch die Wärme des Herzens zur Frucht sich bildet, vor seinem Verstand erstarren – traurig hört ihr mich an – der Gedanke tröste euch: das Elend, welches sich der Sterbliche zubereitet, dient seinen Brüdern zur Warnung. So wollte die ewige Gerechtigkeit, daß weder der Thor noch der Bösewicht ohne Nutzen für seine Brüder leide und falle. Morgen, Herr der Gläubigen, werde ich dir nun diesen Abdallah und seinen Geist vorführen. Khalife.  Thue es immer, sie sollen mir Beide willkommen sein, und ob ich gleich nicht begreife, was deine Wanderungen mit diesem Geiste da gemein haben, so habe ich doch nichts dawider. Alles, was ich wünsche, wäre: ein einziger Blick in dieses luftige Gezelt, und wäre ich nicht ein Muselmann (vergib mir Gott, was kann der Mensch bessers sein!), so wünschte ich mir einen solchen Geist; denn da wir leisten sollen, was über des Menschen Kräfte geht, so bedürfen wir vor Allem eines solchen Wesens, um etwas tiefer blicken zu können, als den Sterblichen verliehen ist. Doch was da ist, das ist, und wer, aus Staube geschaffen, wagt zu sagen, wie es sein soll! Auch glaube ich nicht, daß dein Held da darum besser fahren wird. Friede sei mit dir und euch! Zweiter Abend. Ben Hafi erschien mit dem Glockenschlag und begann: Abdallah, Beherrscher der Gläubigen, der Großvizir, der Freund und Günstling des Sultans von Giuzurat, in dem schönen und reichen Indostan, war ein Mann, wie Großvizire es selten sind; er war mehr Freund des Staats, dadurch der Giuzurater, als des Sultans, seines Herrn, und was noch sonderbarer ist, er hielt sich als Großvizir noch mehr im Dienste der Giuzurater, als des Sultans, von dem er doch als Großvizir seine Bestallung erhalten hatte und durch welchen allein nur er sie behaupten konnte. Khalife.  Einen Augenblick, Ben Hafi; angenommen, daß Das, was du von diesem Großvizir erzählst, sich wirklich so verhalte, welches gleichwohl ein starkes Zutrauen zu deiner Glaubwürdigkeit erfordert, so bin ich dem ungeachtet nicht besser daran, und das darum, weil ich mich auf einmal in einem innern Streit über diesen seltenen Mann befinde. Mein Verstand sagt mir geradezu, daß, wenn ein solcher Mann auch mehr wäre, als Auszierung eines Märchens, dessen Grenzen der mächtigste Herrscher weder beschränken noch bestimmen kann, so tauge doch ein solcher Mann eigentlich nicht zum Großvizir. Dagegen aber wünscht mein Herz, ein solcher Mann möchte keine dichterische Lüge sein, und ein Großvizir sollte so denken und handeln, weil er, meine ich, das Gute, welches er für das Volk thut, doch im Grunde für seinen Herrn mit thut. Bei allen Dem liegt aber doch immer etwas Besonderes in dem Dinge; und ob ich's an der Stelle dieses Sultans da vertragen könnte, daß mein Großvizir hier mehr der Großvizir des Volks als der meinige sei, kann ich nicht so ganz bestimmt sagen, wenigstens müßte ich, um es ertragen zu können, bei recht guter Laune sein. Damit will ich nun diesen Sultan von Giuzurat nicht tadeln, im Gegentheil, er gewinnt dadurch meine Achtung, und Alles, was ich dabei denke, ist: er müsse muthiger und beherzter gewesen sein, als ich, wenn er ohne Verdruß und Aerger einen solchen Großvizir ertragen konnte. Großvizir.  Ja, ja, in einem Märchen läßt sich so etwas recht gut hören. Khalife.  Und warum ließe sich's nicht eben so gut außer einem Märchen thun? Ich setzte immer dabei voraus, der Herr sei ein Mann, wie dieser Sultan in Giuzurat. Auch hätte ich gar nichts dagegen, wenn du so dächtest und handeltest, und die einzige Bedingung, die ich in diesem Falle machen würde, wäre: du möchtest keinen Augenblick vergessen, daß du von mir allein abhängig bist, daß ich dich, den ich zum Großvizir erhoben habe, wieder zum niedrigsten meiner Unterthanen machen kann. Ben Hafi.  Selbst davor fürchtete sich mein Abdallah nicht. Khalife.  Und wovor fürchtete er sich denn? Ben Hafi.  Unrecht zu thun. Khalife. . Wahrlich, dies kommt nur daher, weil du ihm den Namen Abdallah gabst – ich kannte einen, der ihn trug und eben so dachte. Der Großvizir, dem diese Wendung der Unterredung nicht gefiel, sprach rasch dazwischen: Dein Großvizir, Herr der Gläubigen, handelt so, daß deine hohen Vorrechte und der Nutzen deines Volks immer gleichen Schritt halten. Khalife.  Gleichen Schritt! Der Nutzen meines Volks und meine Vorrechte? – Vizir, Gott stärke dich bei diesem schweren und seltenen Werke. Nur er vermag es. »Ihm, der alle Dinge verschiedener Art erschaffen hat, gebührt der Preis. Er hat dem Monde seine verschiedenen Wohnungen angewiesen, damit er sich nicht verändere und verirre und dem alten Aste des Palmbaums ähnlich werde. Es ist nicht gut, daß der Mond die Sonne überlaufe; auch soll die Nacht dem Tage nicht überlegen sein, sondern jedes der Lichter soll in seinem festen Kreise laufen.« Und so soll der Herrscher unerschüttert auf der Bahn der Gerechtigkeit einhergehen, von der Milde an der Hand geleitet. Dieses setze ich zu den Worten des erhabenen Propheten aus meinem eignen Herzen. – Doch, was meinst du von meinem Vizire und seinem Werke? Ben Hafi.  Daß dein Großvizir noch ein größeres Wunder thut, als der Großvizir des Sultans von Giuzurat; denn sonst war ich immer so einfältig Zu denken, es sei eben so leicht und sicher, den Tiger und das Schaf vor einen Pflug zu spannen. Khalife.  An Wunder von seiner Seite glaube ich so eigentlich nicht; aber – Großvizir.  Doch an meine Pflicht, an den Eid, den ich dir geschworen habe, an die Wirkung, die deine Güte auf mein dir ganz hingegebenes Herz gethan hat, an die Ruhe und Zufriedenheit, welche in deinen Ländern herrschen, seitdem es dir gefallen hat, mich auf diesen wichtigen, gefährlichen und wie ich sehe, auch beneideten Posten, zu erheben. Vielleicht um so besser, Herr, daß ich keiner der Vizire bin, wie man sie in Märchen aufstellt – Ich – Ich – arbeite für die Geschichte. Khalife.  So soll sie Ben Hafi schreiben; er ist wahr, ehrlich und uneigennützig – gerade die Eigenschaften, welche ihn dazu geschickt machen. Indessen fahr er in Abdallahs Geschichte fort; ich nehme nun viel Antheil daran. Ben Hafi.  Abdallah, Herr, war einer jener Geister, welche kalte Leute Thoren nennen, Schurken gern an einem hohen Posten sehen, mittelmäßige Köpfe für gefährlich halten, Dummköpfe anstaunen, Hofleute verspotten und die selten von den mit ihnen lebenden Geschlechtern für Das gehalten werden, was sie wirklich sind: Männer, welche, begeistert von dem Schönen und Guten, Thaten unternehmen und ausführen, die das Werk eines Jahrhunderts zu sein scheinen. Die oft allein einen gesunknen Staat emporheben und uns mit der Menschheit, an der wir lange verzweifelten, wiederum aussöhnen. So wie die Kometen (nur durch Unwissenheit in übeln Ruf gebracht) durch ihren unregelmäßig scheinenden Lauf die Bahnen der Welten reinigen, so führen diese Männer durch rasches, kühnes Wirken das Menschengeschlecht in die Bahn zurück, welcher es, von Leidenschaften verblendet, von seinen Führern irre geleitet, so gern und schnell entspringt. Und so wie jene, wenn sie in die Sonne fallen, ihrer glühenden Zerstörerin noch Stoff zu ihrer glänzenden Fortdauer geben, so leuchten und nützen diese den nachkommenden Geschlechtern Derer noch, für die sie sich aufgeopfert haben, die nicht selten selbst ihre Opferer gewesen sind. Khalife.  Ben Hafi, dies ist ein schönes Bild. Großvizir   (murmelnd). – Und sonst auch nichts. Ben Hafi.  Aber selten, Nachfolger des Propheten, ist ein solcher Mann sehr glücklich, es sei denn, daß er den Menschen, für die er arbeitet, Alles verzeihen, Alles von ihnen ertragen könne, sich aber selbst nichts verzeihe, nichts an sich vertrage. Das Herz eines solchen Mannes muß von seinem Zwecke so ganz durchdrungen sein, daß die Erfahrung an Denen, für die er arbeitet und durch die er arbeitet, nicht mehr Wirkung auf ihn macht, als der Dunst auf die Sonne, der weiter nichts gegen sie vermag, als sich zwischen ihrem Glanz und unserm Auge zu Wolken auszubilden, um in fruchtbarem Regen auf das Land zu fallen. Wer nun das Gute immer will, ob gleich er so viel Böses sieht, und sich doch dafür noch aufopfern kann, der muß ein Mann sein, wie ich freilich gern einen sehen möchte. Khalife.  Ich spreche nicht gern von mir, dies wirst du schon bemerkt haben, aber bei Gott! läge es an mir allein, du solltest deinen Wunsch erfüllt sehen. Ben Hafi.  Und was hindert den Herrn der Gläubigen daran, da er doch nur zu wollen braucht? Khalife.  Daß ich es nicht früher bedacht habe, und wenn ich es auch bedacht hätte, man mich gewiß daran verhindert haben würde. Ben Hafi.   (für sich). Es soll schon dahin kommen. Dieser Abdallah nun war ein solcher Mann, von theilnehmendem, feurigem Heizen, hohem Muthe, rastloser Thätigkeit, der das Gute eben so rasch und schnell wollte und betrieb, als sein Herz es auffaßte. Wer aber das Gute gar zu rasch und schnell will, befindet sich sehr oft in der Gefahr, ein ganz anderes Ding hervorzubringen, als er Willens war; weil die Menschen, welche man zu diesem Zwecke braucht, oft diesen Zweck nicht fassen und, wenn sie ihn auch fassen, ihn wenigstens für sich nicht so ersprießlich halten und sogar noch öfter glauben, es ließe sich für sie durchs Böse weit mehr gewinnen. Auch arbeiten selbst die bessern Menschen selten mit der Wärme, die den Urheber desselben während seines Entwurfs begeisterte, und die dazu gehört, das Gute zu befördern. Aber Abdallah war der Mann nicht, der sich von den ersten unangenehmen Entdeckungen, die er Gelegenheit genug hatte in den menschlichen Herzen zu machen, abschrecken ließ. Der Widerstand und diese unangenehmen Entdeckungen feuerten seinen Enthusiasmus nur um so mehr an; und da der Sultan von Giuzurat sich selbst davon anstecken ließ, so sah man an seinem Hofe eine Erscheinung, die auf unserer kalten Erde und an unsern noch kältern Höfen gewiß unter die allerseltensten zu zählen ist. Glaube darum nicht, Herr, daß Abdallah in Giuzurat wie ein wilder, brausender Schwärmer verfuhr. Er hatte Verstand genug, um früh einzusehen, daß kein Geschäft der Welt weniger Schwärmerei verträgt, als das Geschäft, Menschen zu beherrschen, oder – zweckmäßiger zu reden – Menschen zu leiten. Er irrte sich nur darin, daß er die Menschen etwas besser dachte, als sie vielleicht sind, und wenn auch nicht immer besser, wenigstens doch klüger. Er stand nämlich in dem Wahne: das Gute, welches er ihnen zudachte und aus welchem so sichtbar ihr eigner Vortheil entspringen müßte, erschiene auch ihnen so, und verrechnete sich hierbei nur in dem einzigen kleinen Umstand: daß die Menschen zwar herzlich gern ihr eignes, persönliches Beste mit allem Feuer und aller Betriebsamkeit befördern, aber für das Allgemeine, für Das, was Allen nützen kann, keinen oder sehr wenig Sinn haben. Doch noch mehr irrte er sich darin, daß er die Leute, welche er zur Ausführung seiner Pläne wählte, für so willig als fähig hielt, Das anzuführen, was er zum Besten Derer ersonnen hatte, denen sie vorgesetzt waren. Das, was er selbst ausführen, oder wozu er einige wenige ihm von fern ähnelnde Geister entzünden konnte, glänzte in lieblichem Abdruck in dem erhabenen Gezelt; aber Vieles, das er warm, schön, kräftig und groß in seinem Busen entworfen hatte und in dieser Gestalt Andern anvertrauen mußte, erschien ihm später so entstellt, mißgestaltet, verzerrt und verkrüppelt, daß er sich vor seinem Werke entsetzte und da Böses erntete, wo er so sorgfältig zum Guten ausgesäet zu haben glaubte. Aus diesem letzten Grunde ist es nun freilich nicht zu verwundern, daß er zu Zeiten dem Sultan von Giuzurat als ein Mann erschien, der zwar Alles besäße, was zu einem großen Manne erforderlich wäre, dem aber doch Das abginge, was den großen Mann eigentlich zum Vizir geschickt macht. Großvizir.  Ich glaube es gern, und es war nicht schwer, sich davon zu überzeugen. Khalife.  Und was war es denn? Ben Hafi.  Der Sultan wußte es eigentlich selbst noch nicht; aber ihn däuchte, ein Großvizir müsse die Geschäfte des Staats so betreiben, daß der Sultan nicht allzusehr in seiner Ruhe gestört würde, und wenn man ein Reich mit allem Guten und Bösen, das es in sich fassen mag, fortrollen lassen will, so ist dieses ohne allen Widerspruch, wo nicht die beste, doch die allerbequemste Art zu regieren. Großvizir.  Sage nur immer, auch die allerersprießlichste. Die Natur dient uns hier zum Muster; Alles geht bei ihr in gleicher Ordnung, und wir sehen keine das Alte zerstörende Erscheinung. Ben Hafi. . Und für was rechnest du die Stürme und Gewitter, welche die Erde und die Luft reinigen, und die Erdbeben, die unsere alte Mutter oft so schrecklich erschüttern? Khalife.  Dies alles ist das Werk des Herrn; »Er ist es, der den Regen von dem Himmel sendet, euch zu tränken, und die Pflanzen, wovon eure Thiere leben. Durch seinen Regen wächset euer Korn, eure Oel- und Palmbäume, eure Weintrauben und allerlei Art von Früchten, die für euch aus der Erde hervortreiben. Und er hat die Nacht und den Tag eurem Dienste unterworfen und die Sonne, den Mond und die Gestirne gezwungen, auf seinen Befehl euch zu dienen. Wahrlich dies sind Zeichen dem Verständigen. Er hat euch Macht über Alles gegeben, was er in der Erde für euch erschaffen hat, unterschieden durch mancherlei Farben. Wahrlich dies sind Zeichen dem Nachsinnenden. Er ist es, der euch das Meer unterthan gemacht hat, daß ihr die Fische desselben essen und Schmuck für euch herausziehen möchtet. In dem Schiffe, das die Wogen durchpflügt, sitzest du, daß der Handel dich bereichere. Er hat die Erde dahin geworfen, Gebirge fest darauf eingewurzelt, damit ihr euch nicht mit ihr bewegtet. Flüsse und Wege zog er auf ihr, und die Gestirne stellte er am Himmel auf, damit der Mensch auf seinem Wege von ihnen begleitet werde.« Wer ist der Kühne, der da fragt, was thust du, Herr? Hat er nicht eine vortreffliche Rede offenbart, ein Buch nur sich gleich? Die Haut Derer, die Gott fürchten, schrumpft darüber zusammen, aus Furcht, und dann wird ihre Haut sanfter und gleicherweise ihr Herz, bei dem Erinnern an Gott.« Ben Hafi.  Dieser Sultan von Giuzurat nun, Herr, war ein sehr guter Mann: und bei seinem Guten war nur dies das kleine Uebel, daß er mehr von Denen abhing, die sein Vertrauen hatten, als von ihm selbst. Da er zu Allem Anlagen, für Alles Empfänglichkeit, ein weiches Herz, eine leicht zu entzündende Phantasie und eine erstaunende Neigung berühmt zu werden hatte, so konnte Abdallah in ihm erwecken, was er nur wünschen mochte. Ja, er konnte ihn für das Schöne und Gute so sehr begeistern, daß der Sultan Augenblicke des Enthusiasmus hatte, in welchen ihn Abdallah, um der Tugend willen, in die Zelle eines Derwisches hätte treiben können, wenn es ihm darum zu thun gewesen wäre. Das aber, was ihm Abdallah weder geben noch einreden konnte und was allem Guten Kraft, Dauer und Zuverlässigkeit zusichert, war Das, was man Charakter nennt. Khalife.  Und wer den nicht hat, pflegte mein Vater zu sagen, ist der beste Regent von der Welt, doch nur für seine Hofleute. Darum, Ben Hafi, habe ich so fest auf den meinigen gehalten. Ich weiß, daß ein solcher Regent für gewisse Leute seinen Hof zum Paradiese macht; wer aber außer diesem Paradiese lebt, schmeckt, wie sie sagen, hier die Holle schon im Voraus. Ben Hafi . Du hast es so stark gesagt, als ich es zu denken wagte. Der Sultan von Giuzurat gefiel sich in allen Empfindungen Abdallahs, ohne daß doch eine einzige die seinige ausschließlich ward. Er redete sogar seine Sprache mit der Zunge, den Augen und Geberden, und wenn ein Mann, sei er auch der weiseste, sich so in einem Sultan wieder siebt und hört, so schleicht sich bei ihm sehr natürlich der Glaube sehr leicht an Das ein, was er sieht und hört. Unter den Hofleuten, die dieser Sultan von Giuzurat gern um sich sah, hatte er schon von lange her den Sohn seines verstorbenen Kanzlers ausgezeichnet. Er liebte und achtete ihn so eigentlich nicht; aber er mochte ihn leiden, und sehr erfahrene Hofleute versichern, diese Lage sei für einen ihres Gleichen weit sicherer und dauerhafter, als die Lage des Freundes oder des Günstlings. Sie meinen, dem Freund und Günstling ständen nur noch Ueberdruß und Fall bevor, da der Wohlgelittne noch täglich in Glück und Gunst aufwärts steigen könnte. Ebu Amru muß sehr fest von dieser Meinung überzeugt gewesen sein, denn er hielt sich sorgfältig in den ihm angewiesenen Schranken, zeigte die demüthigste Ehrfurcht für die erhabene Person des Sultans, sprach klein von sich und strebte vorzüglich dadurch, daß er sich so gar klein machte, den Sultan recht groß zu machen. Bisher gewann er freilich hiermit weiter nichts, als daß ihm der Sultan viel Verstand und noch mehr Anhänglichkeit, Bewunderung und Ehrfurcht an und für seine hohe Person zutraute. Khalife . Wie, und dieses hältst du für nichts? Ben Hafi, glaube mir, einem solchen Menschen widersteht es sich am schwersten, und der Herrscher, welcher dieser gefährlichen Schlinge entgehen will, muß stärker sein, als ich mich zu gewissen Zeiten fühle: denn ich versichere dich, unser Herz hat gewisse heimliche Schwächen, die der Verstand wohl kennt; aber ihre Berührung von geschickter und geübter Hand thut uns so wohl, daß sich unser Verstand am Ende gar mit dem Spiele so weit aussöhnt, es für allen Ernst zu nehmen. Ich habe Leute kennen gelernt, die dieses Spiel so meisterhaft und trefflich mit mir zu spielen wußten, daß ich ihnen, wenn sie endlich mit einem dummen oder bösen Streich endigten, der von ihnen immer am ersten zu erwarten ist, wegen des Vergnügens, das sie mir so lange gemacht hatten, kaum recht zürnen konnte. Ich bin begierig, zu erfahren, wie es deinem Sultan mit Diesem da ergeht. Ben Hafi.  Du siehst scharf, und ergötzlich ist's, dir zu erzählen. Dieser Ebu Amru, Herr, war, wie du nun selbst absiehst, ganz das Gegentheil von Abdallah. Dieses wußte er aber so geschickt zu verbergen, daß der Sultan und selbst Abdallah nicht das Geringste davon ahneten: denn er hatte ihre Sprache sehr geflissentlich erlernt und seine Blicke sehr genau nach den ihrigen geübt. Ja, er übertrieb's in beiden, wie es Nachahmer immer zu thun pflegen. Nur dann, wann der Sultan zu Zeiten leise über Abdallahs feuriges Betreiben seiner Lieblingsentwürfe zu klagen anfing, ließ er etwas Weniges von seinem kältern Sinne, von seiner vom Vater ihm hinterlassenen geprüftem Weltklugheit merken. Damit konnte er nun Abdallah bisher keinen andern Schaden thun, als hin und wieder den Sultan zum Widerspruch gegen ihn zu reizen; daraus entstand aber nach und nach ein stiller unsichtbarer Kampf zwischen diesem Ebu Amru und Abdallah, der für diesen gefährlicher als für jenen werden mußte. Und dies darum, Beherrscher der Gläubigen, weil der Böse (ich nenne ihn so wider den Gebrauch des Hofes) durch Widerstreben an Argwohn und Gewandtheit gewinnt, was er an Festigkeit und Kraft verliert, so wie der Rechtschaffene durch das zu öftere Reizen der Galle und des Unmuths an Herzensgüte verlieren kann, was er an Festigkeit und Kraft gewinnt. Auf diesem Wege wird Bosheit leicht gefährliche Feigheit und Rechtschaffenheit leicht Starr- und Steifsinn; welches nun von diesen am Hofe die besten und zuverlässigsten Waffen sind, wage ich nicht zu entscheiden. Khalife.  Wozu? Sprichst du doch nicht zu Neulingen? Gleichwohl gestehe ich dir, daß ich den Steifsinn auch nicht leiden kann, und dies darum, weil man mir dadurch so Vieles abgedrungen hat. Ben Hafi.  Der Sultan von Giuzurat liebte noch immer Abdallah leidenschaftlich, sah ihn noch immer als die Stütze seines Throns, die Zierde seines Hofes, den Beförderer des Glücks seines Volks und dadurch des seinigen an: auch kränkte noch jetzo nichts sein Herz mehr, als wenn er gezwungen war, ihm Unrecht zu geben, oder einem von seinem feurigen Geiste entworfenen Unternehmen die Einwilligung zu versagen. Dieses that er einige Mal bei Fällen, welche Abdallah für zu wichtig hielt, als daß er gleichgültig dabei bleiben konnte, und da er den geheimen Urheber dieser Widersprüche entdeckt zu haben glaubte, so umzogen bald Gram und Mißmuth seine heitere Stirne. Gram und Mißmuth, Herr, empfehlen selten den Günstling dem Herrscher und halten eben so selten Maß. Die Gunst und Freundschaft bestanden immer noch zwischen dem Herrn und dem Diener; aber sie hatten nun den Grad erreicht, worauf sie stehen blieben, und dieses soll so wenig bei der Gunst der Großen, wie bei der Liebe taugen, weil beide nur ihren vollen Genuß und Glück und die Sicherheit ihres Genusses und Glücks im Unermeßlichen und Unausdrückbaren finden. Um eben diese Zeit entdeckte Abdallah so viel Empörendes und Widriges an Menschen, die er emporgehoben und zur Ausführung seiner edlen Zwecke angestellt hatte, daß er sich, ohne es vorherzusehen, ohne es nur zu ahnen, plötzlich in dem angstvollen, gefährlichen Labyrinthe befand, in welchem Mißtrauen diejenigen Großen fängt und umhertreibt, welche als Große edle, gute Menschen bleiben wollen. Khalife . Höre, Ben Hafi, Alles, was du mir da sagst, mag ganz wahr und sogar auch nützlich sein; aber ich finde es entsetzlich langweilig, und es wäre mir sehr angenehm, wenn du weniger wahr und desto unterhaltender wärst. Wozu alle die Bemerkungen, die Seitenblicke? Wer weiß besser als ich, daß das Mißtrauen ein sehr häßliches, abscheuliches Ding und der gefährlichste Vergifter ist; doch so ganz umsonst muß man auch nicht unumschränkter Herr der Menschen sein wollen. Uebrigens entspringt dieses Mißtrauen eben so oft aus dem Stolze und der Schwäche unsers Herzens und Verstandes, als aus der Erfahrung, die wir wirklich an den Menschen machen. Wozu brauche ich mißtrauisch zu sein, da ich mit Klugheit, Vorsicht und Muth ganz gemächlich durch das Leben kommen kann. Der Mann, welcher mit Gift handelt, muß es sich zuschreiben, wenn ihm dadurch etwas Arges widerfährt. Ich traue mir, und so lange ich mir traue, traue ich auch Andern und kann dabei nur gewinnen. Also nur kurz; es wäre Zeit, daß du mir den Div, Gin, Geist oder Genius aus den kalten, düstern Inseln vorführtest. Ein neues Gesicht erweckt wenigstens die Aufmerksamkeit auf einen Augenblick. Ben Hafi . Herr, wenn der Erzähler wirken will, so muß er den Schlag vorbereiten, der den Zuhörer treffen oder rühren soll. Der Geist soll erscheinen, so bald es Zeit ist, beliebe dich nur hierbei unsers alten Vertrags zu erinnern. In dieser trüben Stimmung ward Abdallah ein Magus aus Egypten vorgeführt, welcher sich in Doltabad, der Hauptstadt Giuzurats, verdächtig gemacht hatte. Abdallah unterhielt sich mit ihm über seine geheime Wissenschaft, und der Magus, der sich auf Gesichter, Blicke und Geberden verstand, las schnell etwas zu Gunsten seiner Wissenschaft in Abdallahs Augen. Dieses war nun hier nicht schwer, denn kaum fing der Magus an, von der Gewalt zu reden, welche er besäße, Genien und Geister der höhern Welt in seinen Dienst zu zwingen, als der Gedanke wie ein Lichtstrahl durch die unruhige Seele seines Zuhörers fuhr: »Der Herr eines solchen Wesens zu sein, wäre das einzige und sicherste Mittel, das ihm helfen und seine großen Zwecke befördern könnte.« Sein von dem Guten und Edeln ganz durchdrungenes Herz jauchzte dem flüchtigen Gedanken Beifall zu, hielt ihn fest und durchglühte ihn. Er ward der Schüler des Magus, und je weiter er in dieser geheimen Wissenschaft kam, je mehr überzeugten sich sein Herz und sein Verstand von der Größe, Schönheit, Erhabenheit, Sicherheit und Nützlichkeit seines Unternehmens. Und zu seinem Ruhme muß ich dir sagen, Herr, daß er, wenigstens in diesem Augenblick, nicht an sich und seinen Vortheil, sondern bloß an den Vortheil der Giuzurater und das Glück seines Herrn dachte. Als er die Beschwörungsformeln erlernt hatte, verschwand der Magus, und in dieser Sekunde steht Abdallah mitten unter seinen Zauberrollen – er hat den Ruf vollendet, der Teppich seines Gemachs rauscht zischend auseinander, ein dünner, kalter Nebel rollt gegen ihn, und aus dem Nebel tritt die Gestalt eines Jünglings hervor, wie Abdallahs Augen nie gesehen, seine Einbildungskraft unter menschlicher Form nie geträumt hatte. Seine erhabene Gestalt entsprach dem wunderbar schönen Angesicht – ein Ideal, nach allen Regeln der im Geiste abgezogenen Schönheit gebildet; aber dabei so kalt, gleichgültig, ernst, empfindungslos, daß das Verwundern und Bewundern des vor ihm Stehenden plötzlich in ein erstarrendes, ängstliches Gefühl überging. Auf seinem wunderschönen Gesichte war kein Zug, keine Miene, keine Spur eines Zugs oder einer Miene zu finden, welche dem ihm gegenüber Stehenden den Weg zu dem Herzen oder innern Sinn desselben anzeigte. Seine hoch und schön gewölbte Stirne war so glatt und fest, wie gediegenes und hell geglättetes Silber. Seine großen rabenschwarzen Augen sahen grade und starr vor sich hin und glichen dem Krystall, den man gegen das farbelose Wasser hält. Fest und unbeweglich standen seine in sanftesten, zierlichsten Bogen gezogenen Augenbraunen über ihnen. Seine schön gebildete, sich sanft nach der Oberlippe senkende Nase schien so wenig von dem Athem, als dem feurigern Hauche der Begierden belebt zu werden. Seine vollen Lippen schienen nie die Freude oder den Kummer ausgedrückt, und um seinen lieblichen Mund, auf seinen blühenden Wangen sich nie das Lächeln des Wohlwollens oder des geistvollen Spotts gebildet und gezeigt zu haben. Ein langer, grauer, schwebender Talar, der wie ein sich kräuselnder Nebel um seine Gestalt floß, war seine Bekleidung. Sein Haupt deckte ein rückwärts flatternder Schleier, der aus dem Reife gewebt schien, den eine kalte Frühlingsnacht leise auf die aufgeblühte Rose streut. Er hielt seine Hände fest über der Brust gefaltet und stand unbeweglich vor Abdallah. Nachdem dieser lange die durch Kälte tödtende Erhabenheit dieses Wesens angestarrt hatte und vergebens in seinem Angesicht Dem nachspürte, was uns bei einem Unbekannten zum Wort verhelfen kann, fragte er ihn endlich mit einem beklommenen Tone: Wer bist du? Geist.  Der Geist, den du riefest, und dessen du bedarfst. Sagt dir nicht mein Angesicht, daß ich der Rechte bin? Abdallah.  Der Rechte! – Vielleicht! Jugendliche, blühende, erhabene Gestalt und eine Kälte, vor der mein Herz erstarrt, als erkalte der Strom des Lebens in meinen Adern. Du bist eine wunderbar schöne, aber eine fürchterlichere Erscheinung, als wenn du empörend häßlich wärest: denn Häßlichkeit hat Ausdruck und bestimmte Bedeutung durch ihren Ausdruck. Geist.  Eben darum bin ich der Rechte – der, dessen du bedarfst. Abdallah.  Wozu die Larve, die dieser Jugend und Schönheit zu spotten scheint? Geist.  Untrüglichkeit, Schnelligkeit der Gedanken, eiserne, mitleidslose Kraft, eiskalte Klugheit, Unbestechlichkeit, Gewißheit und Furchtlosigkeit, sind diese Eigenschaften dir nichts, so hast du bei meiner Erscheinung deines Zwecks vergessen. Abdallah.  Das Meiste, dessen ich bedarf: doch wollte ich, du sähest anders aus. So wirkest du auf mein Herz, wie der kalte Marmor auf die erhitzte Hand. Geist.  Eben darum bin ich der Rechte. Doch wenn du meiner, so wie ich bin und sein muß, nicht bedarfst, so entlaß mich nur. Mir ist gleich, wo ich bin, hier oder dort. Ob ich mich in den Strahlen der Sonne, oder den feuchten, kalten Dünsten bade, ist einerlei für mich: denn mir sind die Strahlen der Sonne nicht warm, und der Nebel nicht kalt. Ich diene dir, wenn du willst und weil ich muß, und diene dir nicht, wenn du es nicht heischest. Abdallah.  Vernahmst du, warum ich dich gerufen habe? Geist.  Wohl vernahm ich es, doch du magst es immer sagen. Abdallah.  Weißt du, frostiges Wesen, was die Tugend ist? Geist.  Ich habe wohl davon reden gehört, doch es kümmert mich nicht. Abdallah.  Es kümmert dich nicht? Die Tugend kümmert dich nicht? Und das Laster? Geist.  Auch davon habe ich gehört, und noch viel mehr; aber auch dieses kümmert mich nicht, und darum eben bin ich Der, dessen du bedarfst. Am Hofe Salomo's sprach man auch sehr viel von den Dingen, nach denen du mich fragst. Abdallah.  Am Hofe Salomo's? – des Weisen? Geist.  Ja, des Weisen, wie sie ihn nannten. Ich war sein Diener und am Abend seines Lebens sein liebster Gefährte. In meiner Gesellschaft überzeugte er sich endlich, Alles sei eitel. Abdallah.  Außer Das, was er sich selbst zu gute gethan hatte? Geist.  Vielleicht. Abdallah.  Dies ist es nicht, was ich von dir lernen will; denn ich, der ich nicht so weise wie Salomo bin, glaube gleichwohl, daß nur Dies eitel sei, was wir aus Selbstsucht zu unsrer eignen Befriedigung thun. Geist.  Vielleicht! Mir ist es ganz gleichgültig. Als Salomo so weit gekommen war, entließ er mich, und die alte Nothwendigkeit, mit der Welt zugleich geboren, ward wiederum ganz mein Meister. Sie ist auch der deinige. Seitdem verweilte ich in den düstern, kalten Inseln, welche die Dünste eurer Erde und des Meers umhüllen, bis auf den Augenblick, da du mich gerufen hast. Abdallah.  So muß es dir denn doch gefallen, daß ich dich aus diesem langweiligen, düstern Orte gerufen habe? Geist.  Langweilig? – Gefallen? Was ist langweilig? Was ist gefallen? Mir gefällt und mißfällt nichts. Wenn du befiehlst, so gehorche ich dir, weil es dein und mein Meister so haben will. Abdallah.  Und du fühlst weder Willen noch Widerwillen, weder Liebe noch Haß? Geist.  Ich weiß nichts davon, und darum bin ich Der, dessen du bedarfst. Abdallah.  So ist es dir gleichviel, was du bewirkest, was ich durch dich bewirke, und wenn ich dich in meinen Dienst zwinge, so thust du das Gute wie das Böse, das Böse wie das Gute? Geist.  Ich weiß nicht, wovon du sprichst, und dies ist deine Sache, nicht die meine. Ich kann weder verlieren noch gewinnen, nicht größer und nicht glücklicher, nicht kleiner und nicht unglücklicher werden. Ich rede jetzo in eurer Sprache, nicht in der meinen, wie du wohl hörst. Abdallah.  Wozu habe ich dich berufen? Geist.  Dies will ich von dir hören und dir dann sagen, ob ich es leisten kann. Abdallah.  Da du meinen Ruf vernahmst, auf meinen Ruf erschienst, so weißt du, was mein Herz bekümmert, kennest meine Leiden und ihre Quellen. Geist.  Wohl vernahm ich Dieses alles: da mich aber die Leiden deines Herzens nicht kümmern, so achtete ich auch nicht darauf. – Was betrübt dich nun so plötzlich? – Wie wunderbar doch ihr Menschen seid! Da du nun in mir Den gefunden hast, dessen du bedarfst, erschrickst du vor der Erfüllung deines eignen heißen Wunsches. Ich sehe wohl, die Söhne der Erde haben sich seit Salomo's Zeiten nicht verändert. Abdallah.  Und was ist der Mensch? Geist.  Der Mensch? – Was er ist, der Mensch? – Frage mich lieber, was er nicht ist. Abdallah.  Und wenn ich dich nun frage! Geist.  So antworte ich dir: er ist alles Das nicht, was er gern sein wollte, und wäre er alles Dies, so wollte er wieder sein, was er vorher gewesen ist. Streben und Wünschen ist sein Erbtheil, und vielleicht ist es nur dieses, was ihn verhindert, so glücklich zu werden, als Der ist, welcher hier vor dir steht. Abdallah.  Glücklich! Du! Du Fühlloser! – Doch deine Antwort sagt sehr viel, indem sie nichts zu sagen scheint. Geist.  Vielleicht: was weiß ich? Du magst aus meiner Antwort nehmen, was du dabei denkst. Indessen ist es Zeit, daß du mir sagst, was du von mir forderst. Abdallah.  Ich will nur das Gute, das Glück der Menschen, will es mit Eifer, Feuer und Begeisterung und achte nicht, was daraus für mich entsteht, wenn es mir nur gelingt. Geist.  So! Und was bist du unter den Söhnen der Erde? Ich will sagen, welche Rolle spielst du unter deinen sterblichen Brüdern, die, wie du sagst, dir noch lieber sind, als du dir selber bist. Abdallah.  Das Schicksal hat mich zum Freund, zum Günstling und Großvizir des Sultans von Giuzurat gemacht. Geist.  Und doch willst du alles Das, was du so eben gesagt hast? Abdallah.  Oder lieber es nicht mehr sein, lieber ganz zu sein aufhören. Geist.  Weiser, gewaltiger Salomo! So ist doch einer deiner klugen Sprüche falsch! Abdallah.  Und welcher? Geist.  Dieser: Nichts Neues geschieht unter der Sonne. – Doch ich habe nichts dagegen. Abdallah.  Treffe dein frostiger Spott die Menschen, mich trifft er nicht, und hätte ich die schwarze Erfahrung nicht an ihnen gemacht, du kaltes, seelenloses Wesen ständest nicht vor mir. Geist.  Laß mich sein, wie ich will, denn so bedarfst du meiner. Abdallah.  Rastlose Thätigkeit spornte meinen Geist und mein Herz! Nur erwärmt und begeistert von dem Guten, trieb ich vorwärts, Alles kühn zu unternehmen, was das Glück der Millionen, die mir der Sultan anvertraut hatte, befördern konnte. Ich glaubte und glaube es noch, nur darum sei ich da, nur darum von dem mächtigen Schicksal auserlesen, diesen hohen Posten zu bekleiden. Vieles ist mir gelungen, noch Mehreres mißlungen, weil ich es Andern anvertrauen mußte, weil ich, hingerissen von der Wichtigkeit der Sache, dem Zutrauen, der Freundschaft und Liebe, Jeden von den Empfindungen begeistert dachte, die mich begeisterten. So erntete ich oft Vorwurf und Flüche, wo ich so sorgfältig auf Dank und Segen ausgesäet hatte. Da ich nun meinen Enthusiasmus den eigennützigen Sterblichen nicht mittheilen kann, da mich dieser Enthusiasmus in Ansehung ihrer und der Unternehmungen zu ihrem Besten so oft irre führte und blendete, so dachte ich endlich, es sei vielleicht besser und klüger, diese Begeisterung durch den kalten Verstand und die widrige Erfahrung zu leiten. Aber das Feuer meines Herzens überglühte beide in dem Augenblick, da es darauf ankam, etwas zu bewirken, das es als gut empfand. So rief ich dich nun, daß du mich warntest, wenn die Begeisterung mich hinreißt. Du sollst mich bewahren vor der Falschheit, der Heuchelei und dem Betruge der Menschen. Du sollst vor meinen Augen den Schein von der Wahrheit scheiden, mir das Herz der Sterblichen zerspalten, mir die Folgen meiner Unternehmungen und der ihrigen im Voraus anzeigen und alle Täuschung vor meinen Sinnen weghauchen. Geist.  Du hast deinen Mann an mir gefunden. Vor meinem kalten Athem, meinem ernsten Blick verschwindet alle euch blendende Täuschung. Ich sehe die Dinge, wie sie wirklich sind, blicke durch das Fleisch, welches Das verhüllt, was ihr in eurem trugvollen Innern denkt und fühlt. So sollst auch du durch mich sehen und erkennen. Mich besticht nichts. Weder die feurige, augenblickliche Aufwallung des unbeständigen Herzens, noch das erkünstelte oder natürliche Zauberlächeln des Mundes, nicht der lügenhafte oder aufrichtige Blick des Wohlwollens, nicht die verstellte oder wahre Demuth, nicht die süße Schmeichelei, welche selbst das Ohr des Weisesten und Stärksten deines Geschlechts bezaubert. Der bunte Regenbogen, der euer Auge entzückt, ist mir ein blendendes Gaukelspiel, aus Dünsten gewebt, in denen sich die Sonne bricht: der Schmelz der Wiesen ein kurzes Blendwerk, hinter welcher die Fäulniß lauert; das Murmeln des Baches ein Stück der Nothwendigkeit und Alles, was die Natur und ihr durch sie macht, ein Flickwerk und mühsames Zusammensetzen, das bei seinem Keimen und Entspringen den Samen der Vernichtung mit seiner Entstehung zeugt. Was aufblüht, sehe ich schon verwelkt, und Das, was ihr Großes ersinnt und ausführt, sehe ich schon von den Händen Derer verzerrt und verunstaltet, zu deren Besten ihr es ersannt und ausführtet. Für mich ist nichts groß und klein, und selbst der Enthusiasmus, der euch zu erhabenen Thaten antreibt, ist für mich nichts als eine Aufwallung des Bluts, welches in den Adern Dieses oder Jenes üppiger und feuriger rauscht, und in das ein unruhiger, kühner, stolzer Geist etwas ungestümer hinein bläst. Befiehl, und dich soll nichts mehr täuschen, die Menschen und Dinge sollen dir erscheinen, was sie wirklich sind. Abdallah.  Ich nehme dich beim Wort; so dachte ich dich mir, so wollte ich dich haben. Von diesem Augenblicke an bin ich vor Wahn und Betrug gesichert. Kühn kann ich nun auf meine hohen Zwecke zusteuern, da du mir Die enthüllen wirst, welche ich dazu brauchen muß, da du mich selbst vor dem Blendwerk bewahren wirst, womit die Begeisterung mich so oft getäuscht hat. Giuzurats, meines Herrn und Freundes, Glück ist gesichert, gesichert gegen Alle, die es untergruben oder untergraben wollen. Geist.  Dies kümmert mich nichts. Abdallah.  Frostiges Wesen, an was nimmst du denn Antheil, wenn dich die Freude, meine Freude nicht rührt? Geist.  Freude! Rühren! Antheil! Was ist Antheil? Abdallah.  Wenigstens nimmst du Antheil an dir selbst, und um so mehr, je weniger du etwas außer deinem kalten Selbst liebst. Geist.  Liebst! Mich! Ich! Mein Selbst! Was ist mein Selbst? Was ist dein Selbst? Ich weiß von allem Diesem nichts. Was sollte der Sklave der Nothwendigkeit wohl an sich lieben? Abdallah.  So bist du alles Glücks unfähig, da du den Genuß entbehrest, den wir Sterblichen erwerben, wenn wir etwas zu unserm Besten und dem Besten unsrer Brüder ausführen. Geist.  Glück! Genuß! Ich habe Beides wohl nennen hören – aber ich – ich lache und weine nicht – und außer diesen sah ich nichts – denn Das, was dazwischen liegt, führt ja doch am Ende zu dem einen oder zu dem andern. Vielleicht ist dieses aber euer Glück, Beides zu können. Abdallah.  Tief wahr, aber ich bin auf dem Wege eines höhern, reinern, unvermischtern Glücks. Geist.  Vielleicht; doch was kümmert mich's. Wäre ich ein Mensch, ein Ding, das etwas wollte, um es wiederum nicht zu wollen, das etwas begehrte, um es hernach zu bereuen, das etwas aufbaute, um es hernach zu zerstören: so möchte ich wohl sein, wie du gewesen bist. Abdallah.  Und nun? Geist.  Nun möchte ich es nicht mehr sein. Abdallah.  Warum? Geist.  Erfahre es selbst. Abdallah.  Ich gebiete dir, es zu sagen. Geist.  Wer hindert dich daran: aber ich werde schweigen. Abdallah.  Ich weiß, daß ich dich zu reden zwingen kann. Geist.  So müßte ich fürchten, doch ich fürchte und hoffe nichts. Abdallah.  Und darum taugest du auch nichts dazu, der Gefährte eines Menschen zu sein. Geist.  Aber doch zu dem deinigen, wenn du deines Zweckes, aus Furcht und Feigheit, nicht schon vergessen hast. Abdallah.  Mir ist nicht wohl in deiner Gesellschaft. Geist.  Was liegt mir daran, mir ist in der deinigen nicht wohl, nicht weh. Ich muß dir nun einmal den Knäuel abwinden helfen, den das Schicksal für dich zusammengewickelt hat. Auch ist mir dein künftiges Geschick ganz wohl bekannt; aber ich schlage dir langsam die Blätter der geheimen Rollen auf. Hätte ich das letzte lesen dürfen, so wüßte ich auch, wie lange ich um dich sein müßte, doch endet ja Alles, das Gute und das Böse, wie Ihr Eure Ereignisse zu nennen pflegt. – Abdallah.  Deine Gegenwart, dein Anblick, deine Worte, dein kalter, starrer Blick, deine wunderbare Schönheit, die weder die Seele noch das Herz beleben, zermalmen mich, und doch muß ich dich haben, muß dich so nehmen, wie du dich mir vorstellst. Ich wage es um eines großen, erhabenen Zwecks willen, und ich hoffe, so kalt und empfindungslos du auch erscheinst, so bist du doch ein gutes Wesen. Geist.  Ich weiß es nicht, ich bin, was ich bin, weil ich sein und so sein muß. Abdallah.  Verschwinde, bis ich mich gesammelt habe, bis sich mein Herz wiederum so weit erwärmt, daß ich dich ertragen kann. – Doch wie nennt man dich? Geist.  Ich erscheine dir, und ohne deinen Ruf, wenn du meiner bedarfst, nur deinen Augen sichtbar; darauf verlasse dich, denn mein und dein Meister gebot es mir. Abdallah.  Ich will deinen Namen wissen. Geist.  Ich heiße Namenlos, bis du mir selbst einen Namen gibst. Abdallah.  Verschwinde: du gefällst mir nicht. Mein Feuer und deine Kälte können sich nicht vertragen. Geist.  Du mußt die Probe machen. Abdallah.  Ich möchte dich noch Vieles fragen, aber mein Herz ist vor dir Eis geworden. Genug! Der Geist verschwand. Khalife.  So wie das meine, Ben Hafi. Jeden Augenblick wollte ich dich unterbrechen, und gewiß hätte ich es gethan, wenn ich nicht so begierig gewesen wäre, mehr zu hören. In der Gesellschaft dieses Geistes könnte ich's nicht aushalten, und sein Frost, seine Gleichgültigkeit haben mich für immer von dem Wunsche geheilt, ein Wesen dieser Art zu sehen. Nutzen mag er deinem Abdallah, das kann wohl sein. – Großvizir.  Ganz gewiß; denn da eben diese Kälte und Gleichgültigkeit die nothwendigsten Eigenschaften eines Herrschers der Menschen sind, so kann dieser Großvizir, wenn er anders klüger als bisher sich aufführt, nur gut mit ihm fahren, und Giuzurat, der Sultan von Giuzurat, wollt' ich sagen, muß dabei gewinnen. Wenigstens kann Abdallah durch die Hülfe dieses Geistes die Tiefe der Heuchelei ergründen, die sich unsern Augen so gern in blendenden Masken zeigt. Er sah bei diesen Worten Ben Hafi sehr scharf an. Ben Hafi.  Wenn wir, Vizir, mit unserm Bewußtsein nur auf dem Reinen sind, so kommen wir auch wohl mit unsern Augen ohne Hülfe eines Geistes aus. Werden wir doch sehen, wie es diesem Abdallah bekommt, so gar helle zu sehen. Großvizir.  Wie es ihm ergehe, ist mir gleichviel, meinen Spruch wird er immer erweisen. Khalife.  Desto schlimmer! – Friede sei mit dir und euch. Dritter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: Nach dem Verschwinden des Geistes, Herr der Gläubigen, stand Abdallah noch lange auf derselben Stelle. Der Frost, der von diesem Wesen zu ihm übergegangen war, schien alles Feuer seines Herzens erkaltet, alle Kraft seines Geistes erstarrt zu haben. Nur nach und nach erglühte wiederum sein Herz durch das Erinnern seiner edeln Zwecke, erwärmte seine erstarrten Geister und rüstete sie mit Muth und festem Zutrauen aus. Nun schossen die Gedanken lange zurückgehaltener großer Entwürfe, im strahlenden Glanze der Vollendung, durch seine Seele. Vor ihnen verschwanden Eifersucht, Selbstigkeit, Treulosigkeit, Neid und Mißgunst seiner und des Guten Feinde. Gleich einem Wesen höherer Art erhob er sich siegend über den unreinen Haufen, sein Blick übersah die Höflinge. In ihrer Nacktheit standen sie um ihn her, und ihre gefährlichen Ränke, ihre Bosheit und Heuchelei vermochten nichts mehr gegen ihn. Khalife.  Ich wünsche es von Herzen; aber ich fürchte, ich fürchte, er betrügt sich in diesen, trotz seinem Geiste. Sie sind so schlau, Ben Hafi, daß sie es sogar, dem Scheine nach, mit der Tugend halten, wenn sie auf keine andere Weise ihre Tücke mehr ausüben können. Und dann sind sie Dem erst recht gefährlich, der sie nicht kennt, wie ich sie kenne. Großvizir.  Nachfolger des Propheten, du hast ja eine schreckliche Meinung von den Hofleuten. Ich schmeichele mir indessen, daß die deinigen unschuldig daran sind; es sei denn, daß du in allem Ernste von ihnen forderst, sie sollten etwas mehr als Menschen sein, in einem gewissen Verstande gar aufhören, es zu sein, welches mir der Fall des erhabenen, wunderbaren Helden unsers guten Ben Hafi ein wenig zu sein scheint. Khalife.  Vizir, du thust ganz wohl daran, daß du dich meiner Hofleute annimmst, ich verarge dir es auch ganz und gar nicht; wer sollte es sonst thun? Ich sage nicht, daß meine Hofleute mehr als Menschen sein sollen, denn wer kann das Unmögliche möglich machen? Ich klage nur, daß sie bloß Hofleute, und nicht im Geringsten Menschen sind; ich meine Menschen, die an dem Schicksal ihres Gleichen Antheil nehmen. Für sich selbst sind sie, beim erhabenen Propheten! Mensch genug, denn nie hat einer noch von ihnen sein eigenes liebes Ich vergessen. Ich versichre dich, der Hofmann soll noch vor mich treten, der zum Besten eines Andern gesprochen, oder ein Wagstück unternommen hätte, es sei denn, daß er ihm etwas Böses zudachte, oder selbst dabei gewann, indem er dem Andern zu helfen schien. Zu ihrem eignen Besten sah ich sie wohl Dinge wagen und ausführen, die mir klar genug bewiesen, sie seien der frechsten Kühnheit, der geschmeidigsten Gewandtheit, der tiefsten List, der feigsten, schwärzesten Bosheit, des wärmsten Eifers, des furchtlosesten Muths, der rastlosesten Thätigkeit fähig. Zugleich bemerkte ich an ihnen, Gold-, Ehr-, Rach-, Gewalt- und Herrschsucht bewirkten in ihnen eben Das, was der Enthusiasmus der Tugend in Ben Hafis, Helden bewirkt, nämlich: Selbst Das, was man besitzt, um Das zu wagen, was man nicht besitzt und heiß zu besitzen wünscht; doch mit dem Unterschied, daß sie es, wie gesagt, immer für sich selbst gethan haben. Woran übrigens meine Hofleute schuldig sind, mag ich gar nicht wissen. Gott weiß es! »Sage ihnen, Gott ist schneller in der Ausführung einer List, als sie. Wahrlich, seine Boten schreiben nieder, was ihr betrügerisch ersinnet.« »Das gegenwärtige Leben gleichet dem Wasser, das wir vom Himmel herab gießen; die Früchte der Erde, von welchen Menschen und Thiere essen, mischen sich damit, und es schmücket und bekleidet die Erde mit verschiednen Pflanzen. »Die Bewohner der Erde glauben, sie hätten Macht über die Erde, aber unser Befehl kommt zu ihr bei Tag oder Nacht, und wir verunstalten sie, als habe man sie gestern abgemäht, und von dem reichen Ueberfluß, der sie schmückte, ist keine Spur zu sehen.« Ben Hafi, der Mann, welcher so lange auf einem Throne sitzt, als ich, mag vielleicht eben so leicht die Blätter der Bäume in seinem Reiche zählen, als die verborgenen Sünden und Verbrechen seiner Diener und Hofleute. Und ich schwöre dir, dies ist ein höchst trauriger Gedanke für einen Mann, welcher auf dem Thron sitzt und es gut mit allen Menschen meint. Fahre fort, daß ich es schnell vergesse. Ben Hafi.  So schön begeistert schlief Abdallah ein und setzte schlafend den schönen Traum noch fort, den er wachend zu träumen angefangen hatte. Morgens begab er sich zu dem Sultan, um mit ihm zu berathen, wer dem in der Provinz Buglana verstorbenen Statthalter in diesem wichtigen Posten folgen sollte. Der Sultan von Giuzurat war heitern Muths, er hatte sehr gut geschlafen, denn Ebu Amru hatte ihn sehr lieblich und sanft eingeschläfert. Khalife.  Womit? Ben Hafi.  Mit dem Inhalt eines Liedes, den Groß und Klein nie ermüden anzuhören, und der in jedem Munde gefällt. Der Inhalt war der Sultan selbst. Khalife.  Ich glaube es gern. Es war eine Zeit, wo ich so begierig nach solchen Liedern war, wie der Durstige nach Wasser, der Ermüdete nach Ruhe und der Erhitzte nach Kühle. Und sieh, Ben Hafi, ob ich gleich weiß, daß Diejenigen, welche uns diese Lieder vorsingen, es sehr selten ehrlich und gut mit uns meinen, so gefällt doch noch immer ihr Gesang meinen Ohren. Darum sagt der Weise mit allem Recht: »Der gefährlichste Beschwörer ist der Schmeichler, und nur der taube Heilige hört nicht mehr auf seinen Ruf.« Unser Herz, Ben Hafi, liegt unserm Ohr viel näher, als wir glauben, und der Athem des Schmeichlers ist ein viel gefährlicherer Hauch, als der tödtende giftige Wind Samiel, der in der Wüste die Karavanen überfällt. Wenn die Wanderer, Menschen und Thiere diesen Wind wittern, so werfen sie sich auf die Erde nieder und entgehen so dem Tode; aber wenn jener sanfte Hauch unser Ohr liebkost, so richten wir uns in die Höhe auf, neigen uns zu ihm hin, genießen mit immer wachsendem Verlangen die Wollust dieses weit gefährlichern Gifts und reizen doch nur den nie zu sättigenden Hunger nach der losen Speise. Der starke Löwe selbst schont des Schmeichlers, und sollte auch sein junger Sohn vor Hunger heulen. Der taube Masul soll euch eine seiner Fabeln davon erzählen. Der Khalife machte Masuln einige Zeichen, dieser stand auf, stellte sich in die Mitte des Zimmers und erhob seine Stimme: Der Löwe, sein Sohn und der Fuchs. Nach einer schlechten, nächtlichen Jagd stieß der Löwe bei anbrechendem Tage mit seinem jungen Sohne auf einen wohlgenährten Fuchs. Schnell sah der Fuchs, für ihn sei keine Rettung mehr. Er seufzte in seinem Herzen: »Armer, deine letzte Stunde ist nun gekommen, wenn dir dein Verstand nicht aus der Gefahr hilft. Die Flucht kann dich nicht mehr retten; doch deine Feinde verschlingen dich, du magst nun vor dem Tod beben, oder ihm muthig entgegen gehen.« Hierauf ging er ganz munter auf die Schrecklichen los, ließ sich demüthig vor ihm nieder und sprach vernehmlich: »Beherrscher aller Thiere! Wie glücklich bin ich doch, daß ich dich endlich finde. Schon lange treibt mich edle Ruhmbegierde in Wäldern und Wüsten herum, um durch dich eines ehrenvollen Todes zu sterben. Verachte mich nicht, weil ich so klein, schwach, mager und furchtsam bin: erzeige mir die Gnade und friß mich auf. Ach, besser ist es, unter den gewaltigen Zähnen eines so berühmten Helden zu sterben, als sich langsam von dem bösen, verachteten Alter auftrocknen zu lassen. Vorher gewähre mir nur eine einzige Gnade! Erlaube mir, dich einmal recht nahe betrachten und nach Herzenslust bewundern zu dürfen. – Welch ein herrlicher Bau! Welche Kraft und Gewandtheit! Wahrlich, die Stärke und die Großmuth sind dem stolzen Menschen und allen Thieren der Erde bildlich in dir dargestellt! Du bist der König der Erde, sie ward nur für dich erschaffen. Wer dich sieht, wer dich nur von fern hört, erkennt in dir ihren und seinen Herrscher und beugt sich in Demuth und Furcht vor dir. Wie fürchterlich schön die goldenen Mähnen um den vollen, kräftigen Nacken schweben! Welch ein königlicher Blick! Welcher Ausdruck des hohen Selbstgefühls, der unüberwindlichen Stärke und der hohen Großmuth in dem schönen, furchtbaren, erhabenen, ernsthaften Angesicht. Bei deiner zermalmenden Hoheit! Auf dieser großen Erde gibt es kein prächtigeres, ruhmvolleres Grab für einen armen, feigen Fuchs, als dieser schlanke Leib. Demüthig bitte ich dich, laß ihn das meine werden, damit sich mein feiges Blut mit deinem tapfern vermische. Ja, man muß dich sehen, um zu begreifen, was Elephant und Tiger, Stier und Pferd, Adler und Geier, Menschen und Affe Großes und Herrliches von dir erzählen. So du mich noch ein klein wenig willst leben lassen, will ich dir Alles gern erzählen, was sie täglich von dir sagen. Dort sehe ich einen Felsen, an dessen Fuße dir die Blätter der Bäume ein weiches Lager zubereitet haben, nicht weit davon fließt ein Bächlein, das die Gazellen zum Morgentrunk einladet.« Ohne eine Antwort abzuwarten, fing nun der Fuchs schon im Gehen an, der Großthaten aller verstorbenen und lebenden Löwen zu erzählen. Er erzählte sie alle als die Thaten seines ernsthaften Zuhörers, nannte bei jeder einen wichtigen Gewährsmann, und ob sich gleich der Löwe nichts davon bewußt war, so hörte er ihm doch aufmerksam zu. Der junge, hungrige Sohn, welcher den Schwätzer lieber gefressen hätte, als daß er den Ruhm seines Vaters anhörte, hob einigemal die Tatze auf und rüstete sich zum Schmause. Der Fuchs sah sich keck um und sagte zum Vater: »Schon ermüdet dein edler Sohn, den Ruhm seines großen Vaters anzuhören. Es ist mir leid, denn ich dachte, meine Erzählung sollte ihn zu gleichen Thaten entflammen. Nun fürchte ich, um deinetwillen, er frißt mich auf, bevor ich geendet habe.« Der Vater blickte den Sohn grimmig an und sagte: »Laß ihn reden und friß ihn auf, wenn er genug geschwatzt hat.« – Indessen waren sie alle Drei dem Felsen nahe gekommen. Der Fuchs lagerte sich neben dem jungen Löwen und erzählte dem Vater mit noch feinern Wendungen, noch blühenderem Rednerschmucke die großen Thaten, womit sich die Bewohner der Erde von ihm unterhielten. Auf einmal hielt er inne und sprach im Klageton: »Alles das Große, was ich von dir gehört habe, finde ich bestätigt. Das Einzige nur, was die Thiere fälschlich von dir rühmen, ist deine hochgepriesene Kinderzucht. Ob du gleich deinem Sohne befohlen hast, meiner noch zu schonen, so hat er mir doch schon das Blut aus der Seite gezogen, und ich vermag aus Schmerz und Schwäche nicht, die letzte und schönste Geschichte zu vollenden.« Bei diesen Worten wandte er die blutige Seite gegen ihn. Der grimmige Vater zerschlug dem Sohn die Hüfte, daß er fürchterlich brüllte. Der Fuchs schlich sich durch einen engen Ritz des Felsen und rief heraus: Löwe, wenn dein Sohn vor dir herhinkt, so erinnere dich des Schmeichlers. Der Fuchs hat sich selbst den Balg zerkratzt, um durch diesen Felsen davon zu tragen, was der Balg bedeckt. Ben Hafi.  Vortrefflich! Der Khalife streichelte freundlich Masuls Wangen und winkte Ben Hafi, fortzufahren. Ben Hafi.  Die freundliche Miene Abdallahs heiterte den Sultan noch mehr auf. Er empfing ihn als Jugendfreund und Günstling. Ihr Gespräch ward bald wärmer, inniger und vertrauter, als es seit langer Zeit gewesen war. Abdallahs Herz dehnte sich aus, seine Augen schwammen in wonnevollem Entzücken, und strömende Begeisterung floß von seinen Lippen, Der Sultan faßte ihn bei der Hand und sah ihm freundlich bittend ins Angesicht. Auf Abdallahs Lippen schwebte Zusicherung alles Dessen, was der Sultan fordern würde. Plötzlich sah er im Grund des Saals den Geist, in seinem frostigen, zermalmenden Ernste – er deutete auf den Sultan und legte warnend den Zeigefinger auf seine Lippen. Abdallah sah starr vor sich hin, die blühende Röthe flog von seinen Wangen, die Begeisterung verlosch in seinen Augen, das Zusichernde verschwand von den Lippen, die das innere Gefühl so schön und einladend aufgeschwellt hatte. Der Sultan zog seine Hand aus Abdallahs Hand, sah ihn erstaunt an und versank bald in die Stimmung, die Abdallah so frostig angab. Nach einer Pause fragte er ihn: Ahnet dir, was ich von dir begehren wollte? Und mißfällt dir, was ich von dir begehren wollte? Abdallah.  Mir ahnet nichts, und wie könnte mir mißfallen, was du von mir begehrest, da du zu befehlen hast. Sultan.  Ich war in diesem Augenblick nicht Herr, und du warst nicht Diener. Wenn ich zum Vizir rede, so befehle ich; spreche ich zu meinem Freunde, so wünsche ich und wünsche, daß ihm gefalle, was ich von ihm fordere. Abdallah.  So fordere vom Freunde! Soll dir Abdallah noch heute sagen, daß er gerne mit seinem Dasein deine Zufriedenheit erkauft? Sultan.  Ein ander Mal – wenn du wiederum bist, wie du zu mir hereintratst. – Was verwandelte dich so plötzlich? – Wahrlich, dir ahnete, was ich sagen wollte. Abdallah.  Nein. Sultan.  So kurz! Abdallah.  Zur Bestätigung der Wahrheit war dir bisher ein Wort von mir genug. Sultan.  Nun, so ist vielleicht Das, was dir widerfuhr und mir durch dich widerfuhr, eine Vermahnung, Dem reifer nachzudenken, was ich dir mittheilen wollte. Ich will ihr folgen. Ein gleichgültiges Gespräch erfolgte. Abdallah konnte seine Wärme nicht wiederfinden, der Sultan entließ ihn endlich, und kaum war er allein, so rief er mit heftiger Stimme den Geist. Indem er vor ihn trat, rief dieser: »Bemühe dich in Zukunft nicht. Thut es noth, so stehe ich ohne deinen Zuruf vor dir.« Abdallah.  Was bedeutete dein plötzliches Erscheinen? Geist.  Meine Pflicht zu erfüllen, den Verblendeten zu warnen. Begeistert von dem Gefühl der Freundschaft, den Liebkosungen, dem Händedruck deines Herren, hättest du ihm in diesem Augenblick gegen die Einsprache deines Verstandes bewilligt, was er im Begriff war, von dir zu fordern, als ich erschien. Du schriebst seiner Liebe zu, was doch aus einer ganz andern Quelle floß. Abdallah.  Aus welcher? Ist der Sultan mein Freund nicht mehr? Verstellt er sich? Geist.  Freilich ist er's noch, sonst würde er dir geradezu befohlen haben, was er zu erschleichen suchte. Ob nun gleich etwas erschleichen wollen, eben kein Merkmal eines sehr zuverlässigen und männlichen Herzens ist, so beweist es doch, daß man des Freundes noch schont, des Günstlings noch achtet. Abdallah.  Und was wollte er? Nur dieses frage ich dich jetzt. Geist.  Der Sultan wollte deine freundliche Einwilligung erschleichen, einem gewissen Ebu Amru die Stelle des Kanzlers, welche sein Vater einst bekleidet hat, geben zu dürfen. Abdallah.  Und du erschienst, um mich daran zu hindern? Geist.  Um durch den Frost, den ich dir einflößte, deinen Enthusiasmus abzukühlen und durch dein plötzliches Erstarren die Bitte des Sultans in sein Herz zurückzudrängen. Abdallah.  Frostiger! Du hast mich durch deine Erscheinung um einen der schönsten Augenblicke meines Lebens gebracht. Geist.  Das kann wohl sein; aber ich that meine Pflicht, weil ich sie thun mußte. Abdallah. . Hätte mich der Sultan um meine Stelle für diesen Ebu Amru gebeten, ich wollte sie ihm lieber abgetreten haben, als mich ihm so zu zeigen, wie ich that. Weg, ich hasse dich! Geist.  So schnell! Doch, wie du willst. Von dem Menschen, dem ich dienen muß, erwarte ich diesen Lohn. Aber kennst du diesen Ebu Amru, dem du durch Abtretung deiner Stelle das Glück von Giuzurat so leichtsinnig vertrauen wolltest? Ist sein Zweck der deinige? Haßt er dich nicht? Glaubst du, daß dem Sultan seine Gesinnungen gegen dich fremde sind? Würde er sonst da zu erschleichen gesucht haben, wo er nur befehlen konnte. Sieh, wie nun bei dir eine Begeisterung die andere austreibt; doch, ich sehe in dem Menschen die kalte Betrachtung folgen, bevor er sie gemacht hat. Mit der Abtretung deiner Stelle an ihn brauchst du gar nicht zu eilen – erhält er, was er jetzo sucht, so ist sie ihm so gewiß, wie dir dein Sturz durch ihn! Abdallah.  Mein Sturz – und durch ihn? Geist.  Durch ihn, wenn du ihm nicht als Hofmann vorzukommen suchst? Abdallah.  Geschieht dieses, so habe ich des Sultans Herz nicht mehr, und was kann ich dann noch verlieren? Von dem Augenblick, da der Sultan Abdallahs Freund nicht mehr ist, entsagt er dem Zwecke, der uns verband, und ich bin schon unglücklich. Geist.  Das kann sein; aber warum solltest du sein Herz verlieren? du hast es noch, wirst es dann noch haben, wenn selbst deine jetzige Rolle endiget. Der Sultan wird es gewiß sehr bedauern, daß er dich fallen lassen muß, er wird sogar deinen Fall beklagen. Abdallah.  Du sprichst Unsinn! Geist.  So scheint dem Menschen oft Das, was man ihm von den Künftigen sagt; doch der Weg bis dahin wird sein Lehrmeister. Abdallah.  Wie kann mich Ebu Amru um die Gunst des Sultans bringen, dessen Herz ich, wie du sagst, besitze und besitzen werde? Wie kann er mir eine Gunst rauben, die sich auf meine Liebe und Treue zu ihm, meinen Eifer für sein Glück, und noch mehr das Glück seines Volks gründet? Geist.  Vielleicht ist es eben dieses! Ebu Amru besitzt nicht des Sultans Herz, wird es nie gewinnen; aber er hat sich zum Meister eines gewissen Etwas gemacht, das oft in einem Herrscher mehr wirkt, als das Herz, wenigstens dieses nach sich zieht. Dieses Etwas ist der Schlüssel zu seiner Phantasie. Er versteht die Kunst, den Sultan dem Sultan in einem Lichte zu zeigen, worin er größer, verständiger und herrlicher erscheint, als er es wirklich ist, es je werden wird. Einen solchen Mann achtet nun eigentlich der Herrscher nicht, wie ich am Hofe Salomos gesehen habe; aber ehe er sich's versieht, wird er ihm unentbehrlich. Abdallah.  Dieses sollte ihm der kalte, ränkevolle, fühllose Ebu Amru, der keine seiner Empfindungen erwiedern kann, werden? Ist es an Dem, so ist er der Mann nicht mehr, den ich in ihm liebte, und ich verliere nichts. Geist.  Hier spricht ein Mensch aus eben dem Gefühl, aus welchem dort ein anderer handelt. Abdallah.  Du irrst geflissentlich in dieser deiner Deutung, oder du versprachst mehr, als du zu halten fähig bist. Wenn dein eiskalter Blick in das Herz des Menschen dringt, so nimmst du wahr, was jetzt das meine quält. Geist.  Ich höre seine geheimen Seufzer darüber, daß du deinen Lieblingstraum nicht austräumen kannst – doch der Mann beweist im Wachen, was er ist. Abdallah.  Zeige mir Mitgefühl, und mein Herz fließt über. Geist.  Mitgefühl! Was ist Mitgefühl? Ich höre und antworte auf Das, was ich höre – was soll, was kann ich mehr? Abdallah.  Wahrlich, Das, was mich nun durchglüht, sollte selbst ein Wesen deiner Art erwärmen können; aber du hast von dem Menschen nichts, als diese erstarrende Maske. Nur zwei Dinge wünsche ich zu erhalten, das Herz des Sultans und das Vermögen, ihn durch sein Volk und sein Volk durch ihn glücklich zu machen. Der Verlust dieses Vermögens kann nur dann für mich schrecklich werden, wenn Giuzurat und Er durch meinen Nachfolger verlieren, was sie durch mich gewannen und noch ferner gewinnen können. Geist.  Mögen sie gewinnen oder verlieren, was kümmert's mich. Und was liegt daran, ob Das, was da kommen soll, früher oder später geschieht, da es einmal geschehen soll und muß. Der, den ihr Gut nennet, fällt und macht Dem, den ihr Bös oder Thöricht nennet, Platz, und die Guten wechseln mit den Bösen, damit das Schauspiel mannigfaltiger wird und eure Kräfte nicht einschlafen. Frage Die, denen mehr daran liegt als mir, warum es so und nicht anders ist. Entweder mußt du diesen Ebu Amru, deinen Feind und den Feind deiner Zwecke, die du schön und edel nennst, stürzen, oder ihn selbst emporheben und das Uebrige dem Sultan überlassen. Du weißt nun, woran du bist, und ich that, wozu ich verpflichtet bin. Der Geist verschwand. Khalife.  Dieser Abdallah befindet sich für einen Großvizir und Günstling in einer so kitzlichen und mißlichen Lage, daß ich an seiner Stelle wirklich nicht wüßte, wie ich mich benehmen sollte. Laß darum nur geschwind hören, wie er sich herauszieht. Ben Hafi.  Abdallah saß lange gleich einem Leblosen auf seinem Sopha und brütete über Dem, was er vernommen hatte. Welcher Günstling, welcher Große, welcher Vizir kann ohne innern Schauder den Gedanken denken, seine Rolle laufe zu Ende? Der Gedanke der gänzlichen physischen Auflösung ist vielleicht einigen derselben weniger schrecklich, als dieser, und obgleich Abdallah ein Günstling und Vizir war, wie es auf dieser Erde wenige sind, so hatten sich doch durch die Gewohnheit beide Rollen so mit seinem Dasein vermischt, daß er jetzt nicht leicht eins ohne das andere denken konnte. Außerdem war er, wie du weißt, von einem Gefühl oder Traum begeistert, von welchem selten Vizire und Günstlinge begeistert sind, und natürlich mußte er in dieser Begeisterung immer stärker und schmerzlicher empfinden, daß, wenn ihm auch sein eigner persönlicher Verlust mit der Zeit gleichgültig werden möchte, er sich doch niemals über den Verlust Giuzurats würde trösten können. Und dieser Verlust schien ihm unvermeidlich, so bald Ebu Amru als Kanzler die Macht mit ihm theilen, oder gar sein Nachfolger in seinem Amte würde. Er betrachtete diesen Gegenstand so lange, bis er endlich den Entschluß faßte, Alles dem Zufall zu überlassen, und zu diesem Entschlusse trug der Gedanke, man könnte den Zufall durch immer zunehmendes Verdienst um den Sultan leiten, das Seinige auch mit bei. Doch auch dieser Entschluß hielt nicht lange Stich; denn wie sollte er sich benehmen, da der Sultan nun einmal Ebu Amru zum Kanzler erheben wollte? Sollte er seinen Befehl darüber ruhig abwarten? Sollte er selbst den Sultan mit dem Antrag auf eine angenehme Art überraschen und sich dadurch zugleich den gefährlichen Mann so verpflichten, daß der Undankbare, durch feindliche Aeußerungen gegen ihn, den Sultan empören müßte? Sein Verstand lächelte einen Augenblick diesem Entschlusse zu; aber sein Herz verwarf ihn mit Verachtung. Scham röthete seine Wange, das Selbstgefühl rauschte durch sein Blut, er stand auf und rief: »Wolltest du die Gunst des Sultans durch das Unglück Unschuldiger erkaufen? Willst du heute auf einem Seitenwege den ersten Schritt zu deiner Erniedrigung thun, um einst bei deinem Falle sagen zu müssen, du habest ihn dadurch verdient, daß du von dem Pfade abtratest, auf welchem du bisher so fest und kühn einhergegangen bist!« Kaum hatte Abdallah diese Worte ausgesprochen, so fiel ein sanfter Lichtstrahl auf die Bilder seiner Thaten in dem erhabenen Gezelte, und die Genien und Geister bemerkten es mit Wohlgefallen. Herr der Gläubigen, du siehst abermals hieraus, daß dies kein Vizir war, wie man sie zu sehen gewohnt ist. Khalife.  Du hast Recht, und ich sehe es mit Vergnügen. Die Miene des meinigen nennt ihn zwar einen Thoren, und im Zwitterlichte des Hofes betrachtet, mag er auch wohl diese Benennung verdienen; aber ich, Ben Hafi, betrachte den Mann in dem Lichte meines Herzens und lobe ihn und glaube, er habe jetzt eine große That gethan, so wenig sie ihn auch zu kosten schien. Denn mich däucht, es sei sehr schwer in Fällen, wobei so viel von unserm Glücke auf dem Spiel steht, sich gleich zu bleiben, besonders wenn man ohne Zeugen auf seinem Sopha sitzt. Bei großen, öffentlichen Ereignissen, oder bei Thaten, wozu man sich feierlich vorbereitet, ist es schon viel leichter. Daher mag es wohl auch kommen, daß ich oft da größer bin, wo es Keiner sieht und hört, als da, wo Alle auf mich blicken und mich gleichsam zwingen und anfeuern, mich meiner würdig zu zeigen. So ist der Mann, der geschmückt in seinem Feierkleide vor den Augen Aller in der Moschee betet, vielleicht weniger andächtig, als Der, welcher in dem Winkel seines Hauses in seinem Alltagskleid ohne Zeugen betet, weil nur sein Herz ihn dazu antreibt. Doch dieses ist Gottes Sache! Er sagt durch seinen Apostel: »darum seid ihr nicht gerecht, daß ihr euch wendet im Gebet gegen Mittag und Abend: denn Der ist gerecht, welcher glaubet an Gott, den letzten Tag, die Engel und die Schriften der Propheten; der Gold gibt um Gottes willen, seinen Verwandten, den Dürftigen, für die Erlösung der Gefangenen, und Dem, der ihn um Hülfe bittet; der beständig ist im Gebet und Almosen spendet; und Die sind gerecht, welche den Vertrag erfüllen, den sie gemacht haben, und die geduldig das Unglück ertragen und das Elend in schweren Zeiten.« Dein Abdallah, Ben Hafi, wäre mir, so weit ich ihn jetzt kenne, zum Vizir willkommen, und es ist ein Glück für den meinigen, daß ich bisher Leute dieser Art vergebens suchte. Ben Hafi.  Doch können wir zur Ehre der Menschheit ihre Möglichkeit glauben und sogar denken, ein Vizir müßte eigentlich so sein, und ein Mensch könnte es sein. Großvizir.  Ich glaube nun einmal nicht an solche Wundermänner, an solche erhabene Tugendhelden und weiß, daß solche hochgespannte Leute für den gewöhnlichen und natürlichen Gang des menschlichen Lebens ganz und gar nichts taugen. Die Menschen können nicht zu ihnen hinauf und sie nicht zu ihnen herunter, darum kommt nichts dabei heraus, als Verwirrung und Verzerrung. Und so schaden sie am Ende immer mehr, als sie anfangs zu nutzen scheinen. Der mag freilich an sie glauben, dem darum zu thun ist, ein trocknes langweiliges Märchen auszuschmücken; aber so blendend für Manchen auch ein solcher Glaube sein mag, so gefährlich ist er zu gleicher Zeit für gewisse Personen. Denn eben dieser unselige Glaube ist es, welcher die Forderungen der nie zu befriedigenden Menschenheerde über alle Gebühr hinaus reizt, ja sogar über das Maß ihres eignen Verdienstes und Werths. Das Gift der offenen Satire ist nicht gefährlicher, als solche Gemälde von geträumten Herrschern und ihren eben so geträumten Dienern. Während nur Weisheit und Menschenliebe dem Maler den Pinsel zu führen scheinen, bereiten und mischen Galle, Mißgunst, Unzufriedenheit und Neid die Farben. Das Auge lächelt schwärmerisch, und das Herz kocht Bosheit aus. So beweist dieses wieder, wie alles Vorige meinen Spruch: Alles kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Scepter beherrschen und zum Guten peitschen. Ben Hafi . Ich wollte dem Herrn der Gläubigen erzählen, womit Ebu Amru den Sultan von Giuzurat den Abend vorher unterhalten hatte, und das vielleicht Vieles zu der ihm so schnell zugedachten Beförderung beitrug; aber du hast mir vorgegriffen, und ich kann mich, da du es so geschickt gethan hast, gleich zu einem andern Gegenstand wenden. Khalife . Was hat mein Vizir denn eigentlich gesagt? Ben Hafi . Er meint nur, daß Derjenige, der laut von Tugend und Gerechtigkeit spräche, eine Satire auf die Sultane und ihre Vizire mache, für welche Schmeichelei ihm die Sultane und Vizire nach eigenem Gutbefinden danken mögen. Denn entweder will er damit sagen, Tugend und Gerechtigkeit seien in politischen Verhältnissen die überflüssigsten und unnöthigsten Dinge von der Welt, oder ein Sultan und Großvizir laufe mit keinen Begleitern größere Gefahr, als mit diesen beiden. Darum sei nun eines weisen und treuen Vizirs vorzügliche Pflicht, seinen Herrn tagtäglich vor diesen höchst gefährlichen Dämonen zu warnen, weil er durch jede gute und großmüthige That die Ansprüche seines Volks auf noch beßre, noch uneigennützigere reizte, das nach seiner, durch Erfahrung bewährten Meinung, nichts weniger als Hochverrath gegen den Regenten ist. Der Regent, meint der Großvizir, habe sehr viel, ja alles Mögliche nach göttlichen und menschlichen Rechten an sein Volk zu fordern, aber Forderungen des Volks an seinen Regenten seien in keinem Rechte gegründet, weil das Volk bloß von dem guten oder bösen Willen seines Herrn abhinge und abhängen müsse. So habe ich deinen Vizir verstanden, und so will er, däucht mich, verstanden sein. Khalife.  Glaube mir, guter Ben Hafi, von allen Meinungen, die man uns von frühster Jugend an beizubringen sucht und die, so zu sagen, das Hauptstück unsrer Erziehung ausmachten, gefällt uns keine besser, als gerade diese hier, die dir nicht zu gefallen scheint. Und wenn ich nicht irre, so ist es eben diese, die uns so recht auf den Punkt unsrer eignen Schwere stellt und aus welcher alle andern Meinungen wie aus einer reichen Quelle entspringen. So viel diese Meinung nun auch in der strengern Betrachtung gegen sich haben mag, so hat sie doch in der wirklichen Ausübung viel für sich, denn sie macht das Regieren sehr leicht und faßlich und den Gang der Welt höchst einfach. Ben Hafi.  Wie das? Khalife.  Dein Erstaunen wundert mich. Weiß nicht Ein Einziger gewisser, bestimmter und schneller, was er an Millionen fordern soll, als die Millionen wissen, was sie an Einen Einzigen fordern sollen. Die Forderungen eines Einzigen (wenn er anders bei Sinnen ist) widersprechen sich sehr selten; aber der Eine Einzige soll noch geboren werden, der die Forderungen vieler Millionen, ja nur einiger Hunderte, erfüllen oder vereinigen könnte. Großvizir.  So ist es, Herr; ein scheußliches, ungeheures, sinnloses Gewühl! Ben Hafi.  Und was fordert nun der Herrscher? Khalife.  Weiter nichts, als die leicht zu erfüllende, Allen nützliche Kleinigkeit – Gehorsam! Großvizir.  Und zwar blinden, unbedingten! Denn, bei deinem erhabenen Throne! nur er hält die Reiche und Menschen zusammen. Und nur nach diesem einfachen und herrlichen Grundsatze habe ich die Unterthanen meines erhabenen Herrn eingeschult. Zieh ihnen die Haut ab, laß sie gerben, auf eine Trommel spannen, locke darauf, ich stehe dir dafür, die Geschundenen werden hinten drein marschiren. Der Khalife horchte auf, lächelte und schien dann nachzusinnen. Ben Hafi.  Herr! du hast, wie ich jetzt vernehme, in deinem Großvizir einen Trommelschläger, dessen Musik die Himmel zerreißen und die harte Kruste der alten fühllosen Erde zersprengen könnte. Selbst um den ersten Sitz der Gläubigen möchte ich diesen Gedanken an seiner Stelle nicht gedacht haben, und hätte er auch das auf unsre Gedanken und Werke lauschende Ohr des schreibenden Engels nicht erreicht. Khalife.  Gott vergebe mir mein Lächeln! Vizir, bei dem Glanze des Ewigen! wüßte ich, daß du diese Musik in meinem Lande machtest, ich wollte dir die Haut abziehen lassen, das Recht meines Volks, das Er ihm durch seinen Apostel und mich den unwürdigen Nachfolger seines Apostels zusichert, eigenhändig mit großen goldnen Buchstaben darauf schreiben und an der Hauptpforte meines Palasts aufhängen. Großvizir.  Ereifre dich nicht, Herr, es war nur eine figürliche Redensart, womit man gewöhnlich mehr sagt, als man zu sagen Willens ist. Khalife.  Ich will es hoffen; doch Gott hat deinen Gedanken gehört, bevor du ihn mit Worten bekleidetest. Ben Hafi.  Wenigstens bezeichnet eine solche Redensart den Mann, der sie braucht. Wie weit aber diese Redensart bloß figürlich ist, darüber müßte der Herr der Gläubigen seine Unterthanen fragen. Großvizir.  Man fragt Die nicht, denen man keine Antwort verstattet. Ben Hafi.  Und was verstattet man ihnen? Großvizir.  Gehorsam! Bist du anderer Meinung, so laß sie hören und uns von dir lernen. Ben Hafi.  Mit Nichten; auch ich halte ihn für die Stütze der Gesellschaft und des Throns, der nur von Denen zusammengehalten und getragen wird, die den Gehorsam leisten sollen; aber damit sie dieses immer freudig und willig thun, es am Ende nicht müde werden, was hat Der zu leisten, der darauf sitzt? Darf ich dieses wohl ohne Gefahr des Hochverraths fragen? Großvizir.  Warum nicht! Khalife.  So antworte ihm; doch, Ben Hafi, noch lieber hörte ich's aus deinem Munde, denn ich fürchte, er möchte wiederum figürlich reden. Ben Hafi.  Du befiehlst. Das, Herr, wofür sie so Vieles thun, und das so leicht zu spenden ist, dem Spender so wenig kostet, ihm so viel Gewinn abwirft und was gleichwohl von allen Dingen der Erde so schwer von den Herrschern, ihren Dienern und Großen zu erhalten ist – Gerechtigkeit, Sicherheit und ungehinderte Betriebsamkeit, ein Leben zu befördern, das doch nur dem Ganzen wuchert, dessen Herr du bist. Khalife.  Ich dachte Wunder, was du alles in ihrem Namen fordern würdest, und ich würde mich in mein eignes Herz schämen, wenn Einer ernstlich mit dieser Forderung vor mich träte. Welch ein erbärmlicher Regent muß der Mann sein, welcher seinem Volke nicht mehr als dieses leistet! Ben Hafi.  Herr der Gläubigen, du siehst daraus, wie bescheiden das Volk in seinen Forderungen an den Herrscher ist, und könnten sie nur diese immer erhalten, man würde selten von andern hören. Die Miene deines Großvizirs bedeutet mir, daß er anderer Meinung ist. – Doch findest du, daß diese Forderung des Volks weniger einfach ist, als deine Forderung ans Volk? Großvizir.  Gewiß ist sie es weniger. Mir ist es ganz deutlich, was ich unter Gehorsam verstehe; aber dem Volke ist es nicht so klar, was es unter Gerechtigkeit verstehet. Jeder nennt nur Das Gerechtigkeit, was ihm nützlich ist, und da sie nie anders, als mit dem Schaden Eines oder des Andern ausgeübt werden kann, so findet sich immer Einer oder der Andere, der über Unrecht schreit. Ben Hafi.  Ist er schuldig, so fürchte seine Stimme nicht, sein innerer Richter überführt ihn noch stärker, als der äußere, welcher ihm das Urtheil sprach. Großvizir.  Du hältst heute die Menschen für billiger, als sie wirklich sind. Ohne die Gerechtigkeit antasten zu wollen, die der Ruhm meines glorreichen Herrn ist, sage ich gleichwohl: daß selbst unter seiner vortrefflichen Regierung der Fall noch eintreten soll, worüber alle Stimmen einig gewesen wären. Daraus folgere ich nun, und man sage auch dagegen, was man wolle: daß die Gerechtigkeit der Menschen sich nach ihrem eigenen Vortheil, nach den Ständen modelt, in welche sie abgetheilt sind, und daß in jedem Falle die Forderung an sie, die in Gehorsam besteht, einfacher ist, als die Forderung an uns, die in der zweideutigen Gerechtigkeit besteht. Der Gehorsam ist ein gerades, faßliches, sinnliches und festes Ding, das Alles immerfort in ebenem Gleichgewicht erhält; aber oft erfordern Umstände, Bedürfniß des Staats, auf die Zukunft berechnete, nützliche Unternehmungen, augenblickliche Gefahr, unvorgesehene Zufälle, Sicherheit des Throns und des Regenten, der darauf sitzt, daß man auch wider Willen Das verletzen muß, was man Gerechtigkeit zu nennen beliebt. Und so wie die höchste Gerechtigkeit das höchste Unrecht werden kann, so kann das höchste Unrecht oft die höchste Gerechtigkeit werden. Gefällt dir dieser Grundsatz nicht, so klage die Menschen an, nicht mich. Die Verabsäumung desselben hat manchen sichern Staat erschüttert, so wie seine Befolgung manchen wankenden erhalten hat. Ben Hafi.  Du verdrehst die Frage, und ich begreife, warum. Ich rede nicht von den seltnen Fällen, der Noth des Staats, noch von allem Dem, was du daran gehängt hast. Und untersuchten wir auch diese einzelnen Fälle, so würden wir beinahe immer finden, daß vorhergegangene Beleidigung der Gerechtigkeit, Leidenschaften der Mächtigen, Vergehen der Richter, Nachlässigkeiten der Untergeordneten in kleinen Pflichten, welche darum die größte Wirkung haben, weil sie weniger sichtbar und auffallend sind, diese einzelnen Fälle hervorbringen, und um es mit einem Worte zu sagen, daß man nur in einem verdorbenen und tiefgesunkenen Staate sich gezwungen sehen und gezwungen glauben kann, ein Heil- und Hülfsmittel in der Verletzung dieses Heiligthums zu suchen. Befindet sich aber ein Staat in einer so traurigen Lage, wen klagst du mit Recht an: das Volk oder Die, welche ihm vorgesetzt sind und es dahin gebracht haben? Ich sprach nicht allein von der Gerechtigkeit, welche die Verbrechen straft, ich sprach zugleich von jener erhabenen Tochter des Himmels, der Mutter des Gewissens, die auch der unter dem Schwerte des Henkers bebende Verbrecher anerkennt. Großvizir.  Eine Tochter des Himmels mag sie wohl sein, diese deine Gerechtigkeit, und vermuthlich sieht man sie darum auf Erden nicht. Ben Hafi.  Ueberall ist sie fühl- und sichtbar. Sie zog die Bindungsfessel zum Wohl der Menschen durch alle Herzen und knüpfte sie fest an die Brust der Herrscher. Ihnen trug sie auf, durch Weisheit und Vorsicht den Verirrungen so weit vorzukommen, als menschliche Weisheit und Vorsicht es zu thun vermögen, und Jeden zu ergreifen, der sich diesem Bande entziehen will. Gleich ihr sollen sie mit fester, unbiegsamer Hand das Schwert über den Häuptern der Großen und der Kleinen halten und dabei fühlen, daß das ihrige über ihren eigenen Häuptern schwebt und dräut. Von einer Gerechtigkeit spreche ich nun, deren Ruf, so stark und donnernd er auch in dem Busen aller Menschen erschallt, freilich der Mann nicht vernehmen kann, der sein Gehör mit einer Musik betäubt, bei deren scheußlichem Laut mein Herz zerspringen möchte. Großvizir.  Ich habe nichts dagegen und kann es nicht hindern, daß mir meine erprobte Erfahrung klarer beweist: Gehorsam sei ein viel einfacher Ding. Ben Hafi.  Er schlug Wurzel in dem Herzen der Menschen von dem Augenblick, da sie sich in Gesellschaft sammelten. Die wechselseitige Noth, die häusliche Verbindung, die natürliche, kindliche und eheliche Liebe, die Furcht vor dem Schlimmem erschufen ihn ohne dein Zuthun. Wenn Der, welcher ihn durch gewaltsame und unnatürliche Mittel zu erzwingen sucht, die stillen Thränen sähe, das Winseln und Seufzen hörte – wenn er bemerkte, wie dieses in dem Busen lange eingekerkerte Leiden nach und nach in Knirschen und Verwünschung, dann in Tücke, Haß und endlich schnell wie der Blitz in thätige Rache übergeht, er würde vor der Wirkung und den Folgen seines fürchterlichen Werks erbeben, und sollte er auch den Sklaven auf ihrem abgeschundenen Felle mit eigner Faust gelockt haben. Blicke grimmig! sollte auch dein Blick mich tödten, der Herr der Gläubigen mich mit seinem Unwillen strafen, so sage ich doch laut: Es gibt auf Erden keinen scheußlichern Sitz, als ein Thron, den Seufzen, Winseln und Klaggeheul umzischen und umsausen. Khalife.  Ich höre es nicht auf dem meinigen, Ben Haft, und hörte ich's ein einzig Mal, bei dem Allmächtigen! ich zerschlüge meinen goldnen Thron und bereitete selbst aus seinen Trümmern meinen Sarg. Ben Hafi.  Laß den armen Ben Hafi für dieses schöne Gefühl deine Hand küssen. Khalife.  Nimm sie hin, und Friede sei zwischen uns. Sieh, die Augen meines Masuls glänzen vor Freude. Großvizir.  Herr, sitze ruhig und unbekümmert auf deinem Thron. Khalife.  Wessen ist der Thron? Er, der Erhabene, der Ewige, ist Besitzer des Throns! Er sendet seinen Geist herunter, zu solchen von seinen Dienern, die ihm gefallen, daß er die Menschen warne vor dem Tage der Zusammenkunft, dem Tage, an welchem sie aus ihren Gräbern hervorgehen sollen, an dem Tage, an welchem Gott nichts, was sie betrifft, verborgen sein wird. Wem gehört das Königreich dieses Tags? Ihm allein, dem Allmächtigen! An diesem Tage soll eines Jeden Seele nach Verdienst belohnt werden, und an diesem Tage wird keine Ungerechtigkeit geschehen. Wahrlich, Gott wird schnell sein mit der Rechenschaft, er wird das trugvolle Auge erkennen und Das, was die Brust verbirgt.« Großvizir.  Dieses wird geschehen. Ich sage nur, mir ist Ben Hafis Sprache gar nichts Neues; er meint es gut, und des Guten kann man nicht zu viel thun, und kann man es auch nicht wirklich ausführen, so kann man doch nicht genug davon reden. Jeder thut, was er vermag; aber wenn man es gar zu weit treibt, so setzt man sich oft der Gefahr aus, anderer Absichten bezichtigt zu werden, als man wirklich hat. Dein Vizir weiß, Herr, was dir dein Volk schuldig ist, und nichts, auch nicht die frechsten Aeußerungen, auch nicht die spitzfindigsten Sophismen sollen mich von meinem bewahrten Spruche abbringen: Das alles kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Scepter beherrschen und zum Guten, das ist zum Gehorsam, peitschen. Sollte ich ihn je ändern, so müßte mir der weise Ben Hafi vorher klar beweisen, die Menschen seien, was sie einmal nicht sind – gute, treue, ehrliche, verträgliche, zuverlässige, das allgemeine Beste besorgende, verständige Geschöpfe, die man mit bloßer Ehrlichkeit, Güte und Vernunft zusammen halten kann. Bis dahin wollen wir auf dem Wege, auf dem wir bisher uns so ziemlich leidlich befunden haben, ganz stille fortgehen. Uebrigens irrt sich Freund Ben Hafi sehr, wenn er glaubt, mein Blick zürne ihm; er zürnte den wahnsinnigen Regenten und Viziren, die er uns mit so schwarzen Farben malte, und an deren Dasein ich, mit seiner Erlaubniß, zur Ehre der Menschheit zweifele. Zweifele ich nun an den Ueberbösen, so wird er mir es auch zu gute halten, wenn ich nicht so festen Glaubens an die Ueberguten bin. So wenig ich an das Dasein solcher Ungeheuer glaube, wie er uns vormals in seiner bittern Galle aufstellte, eben so wenig glaube ich nun, daß Leute, wie sein Abdallah, dazu taugen, das Ruder eines Staats zu führen. Khalife.  Ich sehe es gerne, wenn ihr verschiedener Meinung seid und Jeder von euch in der Hitze des Streits mich Dinge hören läßt, womit man unser Einen so selten unterhält. Doch Alles hat sein Maß. Es wäre nun Zeit, daß du uns deinen Helden wiederum vorführtest. Ben Hafi.  Herr der Gläubigen, für heute ist mir's nicht möglich. Ich habe schwache Nerven, ein leises Gehör und ein kindisches Herz. Die Trommelschläge deines Vizirs donnern immer schaudervoller in meinem Gehirne. Ich sehe die Geschundenen in langem Zuge hinter ihm einhertreten und fürchte mich vor dem fürchterlichen Gesichte in meinen Träumen. Khalife.  Friede sei mit dir, und Friede sei in deinem Schlafe! Ich sehe wohl, du bist des Hofes nicht gewohnt, und darum denke ich nicht schlechter von dir. Glaubst du, ich könnte ruhig schlafen, wenn mein Vizir alles Das thäte, von dem er spricht? Weißt du denn nicht, daß es Leute gibt, die sich fürchterlicher machen, als sie in der That sind? Du reiztest seine Galle, und der Fuchs möchte gerne vor dir den Löwen spielen. Fürchte ihn darum nicht! Vierter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: Abdallah erhielt einen Eilboten von seinem Vater, der seit langer Zeit krank darnieder lag. Er fand ihn schwach; sein Bruder Mansur saß düster an dem Haupte des Alten. Bei seinem Antritt richtete sich der Greis auf, ergriff seine Hand und sagte: »Ich habe dich rufen lassen, mein Sohn Abdallah, um Abschied von dir zu nehmen und die letzte, einzige Bitte vor meinem Ende an dich zu thun!« Abdallah drückte gerührt seines Vaters Hand, Thränen drangen in seine Augen. Der Alte fühlte die Antwort des Herzens, sah ihn freundlich an und fuhr nach einer Weile fort: »Du warst mir immer ein guter, freundlicher Sohn, bliebst gut und freundlich in einer Lage, in welcher es so Wenige bleiben. Heute sage ich dir zum ersten Mal, ob ich gleich weiß, es sei dir unvergeßlich, daß es meine Verdienste um den verstorbenen Sultan allein waren, die dich mit seinem Sohne, unserm Herrn, in Verhältniß gesetzt und dich zu Dem gemacht haben, was du bist – der Glücklichste, der Mächtigste in Giuzurat. Rechtschaffenheit, Bescheidenheit und Weisheit machen dich des Glücks würdig, das ich dir zubereitet habe, und ich für meine Person würde mich dadurch reichlicher belohnt finden, als es je ein Vater ward. Gerne würde ich mich mit diesem schönen Lohn begnügen, wenn nicht noch ein Mann lebte, dessen Ansprüche auf glänzende Versorgung eben so billig und gerecht sind, als es die deinen waren. Fühlte ich mich bei Kraft, so würde ich die Erfüllung meines stillen Wunsches noch ferner mit eben der Geduld abwarten, als ich bisher gethan habe. Auch mache ich dir keine Vorwürfe darüber, daß du weder deinen Bruder hier, noch einen deiner Verwandten emporgehoben hast; müßte ich dich nicht zugleich fragen, ob du keinen derselben dazu würdig fändest? Es ist keine bedeutende Familie in Giuzurat, die dir nicht für einen der ihrigen gedankt hat, nur die deinige konnte dieses Glücks nicht theilhaftig werden.« Abdallah.  Mein Vater! Vater.  Du kannst sagen, wir alle seien dir schon genug verpflichtet, daß du uns durch deinen Ruhm verherrlichest; aber sie können antworten: warum du allein? Gib uns Gelegenheit, daß auch wir zeigen mögen, wir seien deines Namens würdig. Sieh hier deinen Bruder Mansur! ein Mann voll Muth, Feuer und kühnen Geistes. Er hat den Feinden Giuzurats bewiesen, von welchem Stamm er ist, und ihm kommt die Statthalterschaft in Baglana an den Grenzen unseres Reichs zu, als meinem Sohne, als deinem Bruder, als einem Manne, dessen Namen den Feinden furchtbar geworden ist. Dadurch wird nun Giuzurat erfahren, daß Abdallah nicht allein mein Sohn ist, daß er noch einen würdigen Bruder hat. Mansur stand auf, umarmte seinen Bruder und sprach: »Abdallah, es geschieht wider meinen Willen, daß unser guter Vater so in dich dringt. Nur seiner Liebe schreibe seine Bitte zu, so wie Alles, was er zu meinem Lobe sagt. Jeder meines Alters und meiner Ansprüche, den du emporgehoben hast, beugte meinen einst kühnen Stolz, weil ich fühlte, wie wenig geltend meine Ansprüche vor deinen Augen sein müßten. Ich gestehe, daß diese Ueberzeugung mein Gemüth erbittert hat. Das Einzige, was mich beruhigte, war der Gedanke, dir und dem Sultan endlich, durch Verdienst und That, Belohnung abzuzwingen. Doch, wenn es mein Vater will und Trost für sich darin findet, so nehme ich diese Statthalterschaft mit Dank von der brüderlichen Freundschaft an, vorausgesetzt, daß du mich ihrer für würdig hältst.« Vater.  Hörst du, welcher Geist aus Mansur spricht? Abdallah.  Ich hörte lieber einen sanftern; doch es ist des jungen Kriegers Art. Mein Vater, du siehst mich über Das, was du mir gesagt hast, tief gerührt. Wenn ich weder meinen Bruder, noch einen unsrer Verwandten emporgehoben habe, so hatte ich Gründe, die du einst selbst gebilligt, mir selbst eingeflößt hast. Sollte ich die hohen Stellen mit ihnen besetzen, damit ganz Giuzurat sagen möchte, ich wollte meine Macht durch sie furchtbar machen? Sollte man dem Sultan zuflüstern können, ich befestigte die von ihm mir übertragene Gewalt gegen ihn selbst, indem ich ihm auf jedem bedeutenden Posten Leute entgegen stellte, die durch Blut, Nothwendigkeit und Gefühl der Selbsterhaltung so innig mit mir verbunden wären, daß er Keinen antasten, beleidigen und bestrafen dürfte, ohne sie alle in Einem anzutasten, zu beleidigen und zu strafen? Sollte ich mich und ihn dadurch in ein Netz verstricken, das der Mächtigste nicht ohne Gefahr zerreißt, wenn es ihn umfangen hat? Dein Sohn mußte nur seine Fehler zu verantworten haben und darum frei von jeder Rücksicht auf Andere sein. Ich kann für die gute Sache als Opfer fallen; aber weiß ich, ob ich in meinem Bruder oder meinem Verwandten der guten Sache ein Opfer bringe oder bringen darf? Wahrlich, mein Vater, wer einen wichtigen Posten im Staate nur um der Vortheile, der Macht und des Glanzes willen sucht und antritt, ist desselben selten werth. Kann, will sich Jeder vergessen? Du weißt, mein Vater, daß ich nicht Vizir um meinetwillen bin. Wie ich es sein sollte, lernte ich in deiner Schule. Es ist genug, wenn Einer deines Hauses für alles Böse, das in einem so großen Staate geschieht, das oft keine menschliche Vorsicht hindern kann, sich zu verantworten hat. Laß Einem allein die traurige Last, die gewissen Vorwürfe, und sieh ihn als ein Opferthier an, das sich für sein Haus, sein Volk dem unausbleiblichen Schicksal geweiht hat, mit Undank belohnt zu werden oder unverdient zu fallen. Nur dadurch, daß ich diesem Grundsatz getreu verblieb, bekämpfte ich bisher den Neid; soll ich ihn nun erwecken und mich mit dem Vorwurf stechen lassen, ich gösse Giuzurats Macht und Schätze über unser Haus allein aus? Khalife.  Großvizir, wie viele deiner Verwandten dienen mir? Großvizir.  Die, welche dir dienen, Herr, sind alle rechtschaffene Leute und arbeiten mit mir in gleichem Geiste. Khalife.  Ich wünschte, ein Anderer sagte mir dies. Ben Hafi.  Der Vater Abdallahs antwortete: Diese Grundsätze waren anfangs gut und nöthig; aber nun, da du die Höhe der Macht erstiegen hast, mußt du alle Mittel anwenden, dich darauf zu erhalten. Abdallah.  Alle? Vater.  Oder du bist nur für dich allein weise. Abdallah.  Ich muß es hören und schweigen. Vater.  Du hast nur einen Bruder, dein sterbender Vater bittet dich für ihn allein, nicht für deine übrigen Verwandten. Abdallah.  Und eben dieses würde die Forderungen aller reizen, die ich bisher nur dadurch zurückgehalten habe. Vater.  Um der Gegenstand ihres Hasses zu werden. Abdallah.  Auch dieses muß ich leiden und kann es nicht ändern. Mansur.  Und wie, wenn auch deines Bruders – Abdallah.  Von ihm hoffe ich besser – Vater.  Und der Unwille deines Vaters – Abdallah.  Ich fühle nun erst schrecklich die Last, die ich, sicher deines Beifalls, bisher so leicht und freudig trug. Alles verliere ich und gewinne nichts als Haß und Neid. Vater.  Der verdiente Lohn aller Derer, die nur für sich besorgt sind. Gut, ich wollte dir's zu danken haben. Da du nun meinen Dank verwirfst, so will ich mich an den Sultan selber wenden. Wirst du mir entgegen sein? Abdallah.  Ich werde dem Sultan sagen, was meine Pflicht erfordert und ihn dann handeln lassen. Vater.  Wer ist der Mann, der nach deiner Meinung diese Stelle haben soll? Abdallah.  Khaled, der einmal schon Giuzurat errettet hat, es zum zweiten Mal erretten wird, wenn es die Noth erfordert. Vater.  Dies kann auch dein Bruder; half er nicht Khaled den letzten Sieg erfechten? Mansur.  Mein Vater, tief erniedrigest du deinen Sohn! Vater.  Laß mich nun immer sterben. Ich habe einen kalten, nur um seine Macht besorgten Staatsmann gezeugt und keinen Sohn. Wenn er etwas wagt, so geschieht es bloß um seiner Träume willen. Er, der Ohren für die Bitten aller Unglücklichen hat, verschließt sie der letzten, der einzigen Bitte seines sterbenden Vaters, dem er sein Dasein und, mehr als dies, sein Glück zu danken hat. Er, der Alles wagt, um das Wildfremden angethane Unrecht wieder herzustellen, der um das Heil eines elenden Bettlers mit dem Reichsten und Größten kämpft, kann seinen Vater über die Schmach, die er ihm selbst anthut, kalt und gleichgültig leiden sehen! Vor meinen Augen, die ihn vielleicht zum letzten Mal anblicken, verwirft er meinen tapfern Sohn, seinen Bruder, und in ihm einen Mann, dessen Tugenden, ohne seinen Neid, so hell wie die seinigen strahlen würden. Abdallah.  Du verkennst mich gänzlich, mein Vater. Von dir gezwungen, von deinen Vorwürfen überwältigt, soll ich einen meiner weisen und festen Grundsätze aufgeben, um in Zukunft keines einzigen mehr Herr zu sein? Aber du willst es, und dein letzter stechender Vorwurf verwundet mein Herz zu tief; bin doch auch ich ein Mensch! Gut, mag Mansur steigen und einst Abdallahs Schicksal theilen. Der Geist erschien und warnte ihn mit finsterm Ernste; er fuhr fort: Mein Vater, wenn unser Haus zusammenstürzt, so erinnere er sich, daß ich ihn retten und mich den Schlägen des Schicksals allein aussetzen wollte. Vater.  Furchtsame Ahnungen eines um seine Macht zu ängstlich besorgten Großen! Ihr Beide seid Männer, die es mit der Welt aufnehmen können, da Weisheit und Muth euer Erbtheil sind. Abdallah.  Sind sie das seine, so kann er es beweisen, wenn der Sultan hier nichts einzuwenden hat. Mansur.  Bruder, ich würde dir wärmer danken, wenn dir unser Vater mein Glück nicht abgedrungen hätte. Abdallah.  Um so wärmer müßte dein Dank sein, wenn ich des Danks bedürfte. Doch laß uns zuvor abwarten, ob das ein Glück ist, was du so nennst. Als Abdallah, bekümmert über das Vorgefallene, in sein Zimmer trat, stand der Geist in seinem düstern, kalten Ernste vor ihm. Abdallah fuhr zurück: »Abermals! Düstrer, wenn du zu meinem Schatten werden willst, so nimm etwas Menschliches an, damit mir deine Erscheinung erträglich werde.« Geist.  Erträglich oder nicht, dies ist mir gleich. Abdallah.  Und was wolltest du dort? – Geist.  Dort? – Mußte ich nicht? Bin ich nicht von dir gedungen, dich vor jeder Thorheit deines Herzens zu warnen und dir zu sagen, was aus deinen Thorheiten erfolgen wird? Abdallah.  Beging ich eine, da ich auf die letzte Bitte eines sterbenden Vaters horchte? Geist.  Die Menschen, um deren willen du da zu sein glaubst, leben fort. Was liegt mir an ihm, an dir, an ihnen; ich würde schweigen, wäre ich nicht gezwungen, dir zu sagen, daß du diese Bitte nicht erfüllen darfst, weil ihre Erfüllung Folgen haben soll, die Giuzurat erschüttern werden – doch die Nichterfüllung desselben wird dein eignes Herz zerreißen. – Abdallah.  Willst du mich mit dieser Zweideutigkeit tödten? Geist.  Was kümmert mich die Wirkung meiner Worte, die du zweideutig nennst? Ich thue meine Pflicht, gleichviel für mich, ob sie dich tödtet oder ergötzt. Kennst du den Mann, den du nach Baglana als Statthalter senden willst, oder verblendet dich brüderliche Liebe? Weißt du, daß es Ebu Amru ist, der im Bunde mit deinem Bruder an deinem schwachen Vater so lange arbeitete, bis er dir abdrang, was du nun eben zu bewilligen so thöricht warst? Abdallah.  Wiederum Ebu Amru? Geist.  Er ist überall, wird überall sein. In deines Bruders Masur Busen glüht längst ein stilles, eingeschloßnes, wildes Feuer der grenzenlosen Herrschbegierde. Ebu Amru blies es nun zu Flammen auf. So lange dein Bruder auf deinen Beistand hoffte, beneidete er dich nur. Von dem Augenblick, da er zu hoffen aufhörte, mischte sich Haß in seinen Neid, und diese beiden schwarzen Empfindungen haben nun sein Herz so vergiftet, daß ihm jedes Mittel gleich ist, Macht zu erhalten und sich an dir und dem Sultan zu rächen. Selbst deinen alten Vater hat er mit diesem Gifte angesteckt. Setze nun Mansur als Statthalter ein, und er macht bei der ersten sich schon nahenden Gelegenheit einen Bund mit den Feinden Giuzurats, reißt die ihm vertraute Grenzprovinz von seinem Vaterlande und überzieht das Land, das ihn genährt hat, mit verheerendem Kriege. Folge nun der Bruderliebe und sende diese Pest den Baglanaren. Ebu Amru hat dir schon fleißig vorgearbeitet, und der Sultan fordert für seine Einwilligung weiter nichts – als daß Ebu Amru Kanzler werde. Verdient meine Weissagung keinen andern Dank, als diesen Blick des Unwillens? Abdallah.  Fürchterlicher Wahrsager, dessen frostige Blicke noch mehr zermalmen als seine Worte – schütte deine ganze Weissagung in mein zerrißnes Herz und sage, was geschieht, wenn ich der Pflicht gehorche? Geist.  Ich spreche Leben und Tod, Vergnügen und Schmerz, Glück und Unglück mit gleichem Tone aus, und mein Blick wird weder von deiner Freude erwärmt, noch von deinem Unwillen betrübt. Was alsdann geschehen wird? Willst du von nun an beginnen, das Böse mit dem Bösen abzuwägen – abwägen, was dich treffen kann, mit Dem, was andern widerfahren mag? Soll aus dem Fall, dem Sturz, dem Leiden und Unglück Anderer deine Erhaltung, deine Größe, dein Glück aufblühen? Sprich ein Ja und sage: der Großvizir und Günstling des Sultans handelt von nun an um seiner Größe und Erhaltung willen, und ich will dir eine Bahn andeuten, auf welcher du Alles niedertreten kannst, was dich in deinem Laufe hindert. Fürchterlich erhaben, gleich einem Gedächtnißhügel, den die Menschen aus prächtigen Trümmern verwüsteter Paläste und Tempel zusammen getragen haben, um die Nachkommen an ihren wilden Zerstörer zu erinnern, sollst du am Ende derselben stehen. Sprich dies Wort, mir ist Alles gleich – ich rathe und führe dich, wie du wünschest, und lasse dich das Gute aus dem Bösen, das Böse aus dem Guten nach deinem eigenen Wohlgefallen machen, oder es so mischen, daß deine blinden Brüder es nicht mehr begreifen werden, wie sie dein Wirken nennen sollen. Für mich ist nichts böse und nichts gut, und wenn du dieses Wort einmal gesprochen hast, so wird dein innerer Mensch das Weitere schon besorgen. Abdallah.  Durchsiehst du das Herz des Menschen, so hast du deine Antwort schon in dem meinen gelesen. Geist.  Mich kümmert's nicht. Freilich sehe ich, wie der Bund deines Bruders mit diesem Ebu Amru in die Begeistrung der Pflicht einbläst. Abdallah.  Siehst du dieses, so siehst du auch die tiefe, blutende Wunde, die deine Weissagung hier geschlagen hat. Ich soll meines Vaters Herz in dem Augenblick, da es kaum noch das Leben bewegt, mit Kummer füllen – seine letzte, einzige Bitte verwerfen – vielleicht seine Todesstunde dadurch schneller befördern? Geh, verschwinde, du bist kein Mensch; und ich wollte, ich hätte dich nie gesehen. Was habe ich durch dich gewonnen, als Furcht und Beben vor jedem Unternehmen? Geist.  Vortrefflich! Der Mann, welcher ein Wesen meiner Art zwang, ihm die Folgen seiner Thaten zu enthüllen, möchte nun des gegenwärtigen Augenblicks ruhig genießen, unbekümmert, was die Zukunft mit seinen Thaten zeugt. Wo bleibt dein Zweck? Wo der Vertrag mit mir? Mir zürnst du vergebens; die dichte dunkle Wolke, die dort am Horizont schwebt, ist eben so in deiner Gewalt, als ich. Sie kommt herauf, wenn die Dünste der Eide sie gebildet haben: ich komme herauf, wenn dein Geist Gedanken gebärt, die dem Zweck widerstreben, zu welchem du mich gedungen hast. Jene Wolke hat keinen Willen, dein Diener hat keinen Willen, auf ihr und ihm liegt das Joch der Nothwendigkeit. Wer wird es zerschlagen? – Von dir erwarte ich nichts als Undank, den Lohn, der Jedem gewiß ist, der euch wohlthut. Freilich würdest du nun ohne meine Warnung eine sehr vergnügte Stunde leben. Deines Vaters schwacher Lebensfaden würde sich fester an sein Herz knüpfen, er würde dich mit stammelnder Zunge, nassen Augen segnen, dein Bruder dich mit falschen Küssen liebkosen, der Sultan dir schmeicheln, und du würdest in süßer Täuschung hinträumen, bis der Sturm dich überfiele und die Gespenster an das Licht sprängen, welche die rastlose Kabale, der verbündete Neid und Haß im Finstern zeugen. Thue nun, was du willst. Hast du vergessen, warum du mich aus meiner düstern Wohnung gerufen hast, so habe ich's nicht vergessen, weil ich nicht vergessen darf. Abdallah.  Ich habe es nicht vergessen; doch, wann und wo du mir auch immer erscheinest, so erstarren meine Kräfte, und du bist mir nur ein Unglücksbote. Geist.  Beschuldigst du mich Dessen, was doch nur aus deiner Rolle und deinem Zweck entspringt! Habe ich dich zu einem Vizir, zu einem Günstling, zu einem Manne von einem Wirkungskreise gemacht, den des Menschen Kräfte nicht umspannen können? Abdallah.  Du weißt es, was mich dieser Last unterwirft. Geist.  So trage sie und sei deiner Tugend Sklav; Keiner verbleibt es lange, der nicht des Leidens fähig, zum Leiden ausgerüstet ist. Abdallah.  Ich soll, ich muß meines Vaters Herz brechen. Geist.  Was liegt mir daran! Abdallah.  Ungeheuer, das weder Mitleid noch Achtung fühlt. Geist.  Nun sprichst du Unsinn, das Einzige, was der Mensch vermag, wenn er sich selbst quält, oder Andere ihn plagen; und darum entfliehe ich. Thue, was du willst – Verbrechen oder edle That – beides seh' ich mit den Blicken an, die dich so sehr empören. Was daraus entsteht, sage ich dir voraus – du selbst gibst dem Entstandnen Namen und Bedeutung. Khalife.  Mich däucht, Ben Hafi, dein Abdallah weiß nicht recht, so klug er auch sonst sein mag, was er will. Sein Geist da, der mir übrigens gar nicht gefällt und bei dessen Erscheinung mich immer ein Frost anwandelt, handelt doch gerade so, wie er es von ihm verlangte, wie er es wirklich zu bedürfen scheint. Und wenn ein Mann, der am Ruder des menschlichen Wesens und Lebens sitzt, das Glück oder Unglück hätte, voraus zu wissen, was auf sein Thun erfolgte, so würde doch des Bösen sehr wenig geschehen. Ben Hafi.  Und des Guten vermuthlich eben so wenig. Irre ich nicht, so fühlte Abdallah dies schon dunkel. Den Blick in die Zukunft kann nur Gott ertragen; er übersieht die Reihe der Dinge, von ihrer ersten Entstehung bis zu ihrer letzten Entwicklung, und führt jede zu dem Zwecke, dem er Alles unterworfen hat. Khalife.  Und vom Anfange bis zu dieser Sekunde war ihm Alles so gegenwärtig, wie ihm das Künftige von dieser Sekunde bis zum letzten freudigen und schrecklichen Tage ist. Er hat Alles angeordnet, trägt Alles, und die Welten sind ihm nicht schwerer, als der Flügel einer Mücke. »Er weiß alle Geheimnisse des Himmels und der Erde. Das Geschäft der letzten Stunde soll sein wie der Wink des Auges. Gott hat euch aus eurer Mutter Leibe hervorgebracht; Ihr wußtet nichts, und Er gab euch die Sinne des Hörens und Sehens, und des Verstandes, daß ihr denken möchtet. Seht ihr nicht die Vögel, die begabt sind, an dem Gewölke des Himmels zu fliegen! Keiner unterstützt sie als Gott. Und Er hat für euch gesorgt und für euch aus Dem, was Er erschaffen hat, Bequemlichkeiten vorbereitet, daß ihr euch schützen könnt gegen die Hitze der Sonne. Er hat euch Kleider gegeben gegen die Kälte und Panzer, euch im Kriege zu vertheidigen. So füllte er das Maß seiner Gnade für euch, damit ihr euch ihm allein ergebet.« Ben Hafi.  Nach dem Verschwinden des Geistes fühlte Abdallah gleichwohl den Werth des Dienstes, den er ihm jetzt geleistet hatte, und schauderte vor dem Bösen, das sein Bruder thun sollte, das er durch ihn zu befördern auf dem Wege war. Seufzend unter der Last der Vorstellung des Schmerzes seines Vaters, begab er sich zum Sultan. Kaum betrat er die Treppe des Palastes, so fühlte er abermals den kalten Athem des Geistes an seinen Wangen. Dieser lispelte ihm zu: »Ergrimme, erstarre, und doch mußt du hören, was Ebu Amru diesen Augenblick dem Sultan sagt. »Mit geheucheltem Kummer beklagt er: daß der erhabene Sultan, der so viel Gutes und Großes, zum Glück für seine Unterthanen, durch seinen sehr edlen und mächtigen Diener Abdallah wirkte, im Grunde nur für den Ruhm und die Macht seines sehr edlen Dieners Abdallah arbeitete, weil dieser vortreffliche Mann die Kunst verstände, Alles so zu thun, als sei es sein Werk allein. Noch leiser gibt er ihm zu verstehen, das gefährliche Vorurtheil sei so tief in den Köpfen der Giuzurater eingewurzelt (die Ursache davon möge nun List oder Zufall sein), daß Alles noch viel besser gehen würde, wenn man diesem edlen Manne nicht so viele Hindernisse in den Weg legte. Und da man diese Hindernisse dem Sultan selbst zuschriebe, so geschähe hier das Unerhörte, Empörende und Beispiellose: daß dieser edle Mann den Ruhm alles Guten erntete, während man den Sultan als den Urheber alles Bösen anklagte. So meint nun Ebu Amru, die Weisheit eines Monarchen von so vielem Geiste und Willen, wie derjenige, zu welchem er das Glück zu reden hätte, müßte darin bestehen: die Macht unter seine Diener zu vertheilen und sie dann so zu leiten, daß jeder nur für des Herrn Ruhm arbeitete und jeder nicht allein bloß Werkzeug seines Geistes sei, sondern es auch zu sein schiene. Geschähe dieses nicht bald, so liefe er Gefahr, von seinen Unterthanen, wo nicht ganz vergessen, doch wenigstens verkannt zu werden.« Khalife.  Bei Dem, was der Mensch da sagt, kommt Alles auf die Absicht an, die er dabei hat. Meint es dieser Ebu Amru gut, woran ich doch zweifle, so sagt er sehr kluge Dinge, und daß es so herzugehen pflegt, davon habe ich Beweise genug. Hatte ich zum Beispiel dieses verwegene Spiel nicht sehr früh bemerkt, meine Diener, unter welchen doch kein Abdallah war und ist, das den Fall etwas zu verändern scheint, würden es gerade so mit mir gemacht haben. Wenn dein Sultan ein weiser Mann ist, das ich gerne von jedem Sultan glaube, so merkt er sich, was ihm dieser Ebu Amru da sagt; denn so vortrefflich auch sein Vizir sein mag, so ist er doch nur ein Mensch. Sollte es aber der Sultan ertragen können, daß die Vortrefflichkeit des Vizirs ihn ganz verdunkelte, oder er nur vortrefflich durch die Vortrefflichkeit des Vizirs zu sein schiene, so muß der Sultan selbst ein wenig mehr als Mensch sein, und so etwas, Ben Hafi, erwartet man billiger Weise weder von einem Sultan, noch von einem Großvizir. Fahre nun fort. Ben Hafi.  Obgleich die Worte des Geistes stechend durch das Herz Abdallahs fahren mußten, weil er sich einer solchen Absicht nicht bewußt war und wirklich so unwahrscheinlich, eigen und sonderbar in seiner Lage fühlte, daß er mehr an den Ruhm des Sultans, seines Herrn, als den seinen dachte, oder vielmehr an dies gar nicht dachte und nur bloß auf den Vortheil sah, der durch seine Thaten den Giuzuratern und durch sie dem Sultan zuflösse, so faßte er sich doch schnell genug. Denn noch trug er in seinem Busen Das, was den Menschen in jeder Lage des Lebens in festem Gleichgewicht erhalten kann – edles Bewußtsein reiner Zwecke. Und damit, Herr, geht ein Mann sogar am Hofe sehr weit, und fällt er auch, so scheint er doch mehr zu fallen, als er wirklich fällt. Khalife.  Wie verstehst du dies? Ben Hafi.  Weil Das, was andern Fallen scheint, für ihn kein Fallen ist, so lange er auf dieser festen Säule ruht. Khalife.  Nun verstehe ich dich; du meinst, der Vizir könnte fallen, und der innre Mensch noch größer aufstehen. Ben Hafi.  So meine ich. Großvizir.  Die Einbildungskraft, mit Stolz vermählt, thut Wunder. Ben Hafi.  Mit denen – ich meine dieser Art – du uns wohl schwerlich überraschen wirst. Khalife.  Gewiß nicht, Ben Hafi, er ist nur Vizir! Großvizir.  Und will bei deinem Glanze, so lange ich das Glück habe, dir als Großvizir zu dienen, nichts anders sein. Die Pfuschereien des innern Menschen, wie du ihn nennst, in das Amt des Großvizirs, wirken selten etwas Gutes. Dieses Amt hat seine strengen, fest bestimmten Pflichten, in die sich nichts Fremdartiges mischen muß. Ben Hafi.  Ich beneide dich um diese Meinung nicht. Großvizir.  Ich antworte wie dein kluger frostiger Geist: was kümmert's mich! Ben Hafi.  Abdallah stand nun vor dem Sultan frei und gerade und wartete lange auf den Wink zu reden. Jeder andere Günstling, Großvizir oder Höfling, der die mißmuthige Verlegenheit, die vornehme Kälte des Sultans bemerkt, der vernommen hätte, was Abdallah so eben vernahm, würde auf Feuer gestanden, oder doch wenigstens gesonnen haben, wie er die bösen Geister beschwören möchte, welche ihm jetzt so furchtbar drohten. Der unsre stand so fest auf seiner Säule, wie die Pyramiden des Nils auf dem Punkte ihrer Schwere. Sogar das Spiel des Sultans mit seinem Lieblingsaffen, seine kalten Spöttereien mit seinem Verschnittnen über Dinge, die er vorher nie bespöttelt hatte, brachten ihn nicht aus dieser Fassung. – Sieh, Herr, so sicher ruht der Mann, der auf sich selber ruht. Als nun ein giftiger versteckter Spott gegen Abdallah von des Sultans Lippen flog und der Sultan nach ihm schielte, die Wirkung seines Witzes wahrzunehmen und sich vielleicht seines großen Siegs zu erfreuen, so sah ihm Abdallah so treu und aufrichtig in die Augen, daß sein Blick in das Herz des Spötters schlug, das verkaltete Gefühl plötzlich erweckte, er auf ihn zutrat und mit bewegtem Athem fragte: »Was bringt mein Freund Abdallah?« Du glaubst vielleicht, Herr der Gläubigen, die plötzliche Veränderung des Sultans hätte die gewöhnliche Wirkung hervorgebracht, und Abdallah hätte sein Entzücken darüber in einem Strom von Worten ausgedrückt; auch dies geschah nicht. Seine Worte, wie der Ausdruck seines Gefühls, blieben männlich, fest und bieder. Khalife.  Schaffe mir den Mann, wenn er zu haben ist. Ben Hafi.  Er fühlte tief den Zug der alten Freundschaft in dem Herzen des Sultans; aber er fühlte auch Bedauern mit dem Sultan, in das sich natürlich einiges Mißbehagen mischte. In dem Gefühl dieses Mißbehagens rechnete er dem Herzen des Sultans als Gewinn an, was er seinem Verstand als Verlust aufmerkte, und Das, was nun erfolgt, bestätigte ihm, was er geahnet hatte, was ihn der Geist so deutlich merken ließ – mit einem Wort, er sah, daß er nur noch Großvizir war. Khalife.  Wie das? Wodurch? Ben Hafi.  Abdallah dachte: wäre der Sultan noch mein Freund, so würde er mir die Ursache seiner Kälte oder seines Unwillens geradezu gesagt haben; da er aber sein Mißvergnügen durch erkünstelte Mittel zeigt und mir die Quelle davon verschweigt, so muß ich schließen: nur die zufällige Erinnerung der alten Freundschaft unterstützt den Großvizir, nicht mehr sein Wirken, die Anerkennung seines Werths und seiner Treue. Und war Abdallah nun gerührt, so war er es über Das, was er für verloren ansah. Khalife.  Ich verstehe nicht, was du mit dieser Spitzfindigkeit sagen willst – Nein! Nein! Laß es nur genug sein. Ich merke wohl, Alles läuft dahin aus: es tauge nichts, daß ein Monarch mit seinem Vizir auf dem Fuß einer solchen Freundschaft stehe. Auch war ich immer davon überzeugt; denn gesetzt, ich stände mit dem meinigen in diesem Verhältnisse – Großvizir.  Herr, der Großvizir, der es wagte, der Freund seines Herren sein zu wollen, beginge Hochverrath. Im Stillen mag er ihn verehren, anbeten, in der Tiefe seines Herzens als seinen erhabenen Wohlthäter und Erhalter – gar lieben, wenn ich dieses vertrauliche Wort hier zu brauchen wagen darf; aber öffentlich, vor Aller Augen sein Freund sein und heißen zu wollen, das wage er nur nicht! Davor hüte er sich! Khalife.  Halte ein, Vizir, du gehst zu weit; doch es mag leicht sein, daß du hierin nicht zu viel thun kannst. Ben Hafi lächelte und fuhr fort: Abdallah antwortete dem Sultan: Ich komme, Herr, dir vorzutragen, daß die Besetzung der Statthalterschaft an den Grenzen deines Reichs keinen weitern Verzug erlaubt. Geruhe einen Mann für diesen wichtigen Posten zu ernennen. Sultan.  Ich trug dir auf, unter den verdienstvollen Großen den Mann zu wählen. Wen hast du gefunden, der sich besonders empfohlen hätte? Abdallah.  Empfohlen haben sich Viele! Du weißt, Herr, daß da des Empfehlens sehr viel ist, wo des Verdienstes wenig ist. Nach meiner Meinung habe ich einen gefunden, dem man ohne Gefahr diesen höchst wichtigen Posten anvertrauen kann. Treue, Tapferkeit und Klugheit sind in ihm vereint. Der Sultan, welcher, wie du weißt, an Mansur, Abdallahs Bruder, und mehr noch an Ebu Amru dachte, antwortete freudig: »Ich kann mir zu dem Manne nur Glück wünschen, den du mir empfiehlst – nenn' ihn schnell.« Abdallah.  Es ist Khaled, der Held Giuzurats. Sultan.  Khaled? Er? Abdallah.  Sollt' ich mich in ihm irren? Hast du Entdeckungen gemacht, die Dem widersprechen, was ich mit dir und den Giuzuratern von ihm sage, so laß mich sie gefälligst hören. Alles, was ich bis jetzt von ihm weiß, macht ihn zum trefflichsten Unterthan deines Reichs. Sultan.  Allerdings, und selbst mein Vater hielt ihn dafür, auch hat mich sein letzter Dienst völlig davon überzeugt. Aber mich deucht gleichwohl, er sei nicht der Einzige, den du zu diesem Posten vorzuschlagen übernommen hast. Besonders weiß ich Einen, den ich um deinetwillen gern befördert hätte. Abdallah.  Warum um meinetwillen, Herr; was der Vizir um seinetwillen thut, ist selten wohl gethan. War dies nicht immer deine Meinung? Sultan.  Und ist es noch, auch selbst in Ansehung meiner, und ich sage mit dir: Das, was der Sultan um seinetwillen thut, ist selten wohl gethan. Doch der Mann, von dem ich rede, verdient diesen Posten auch um seinetwillen, und kann ich auch dir keinen Theil meiner Schuld dadurch abtragen, so kann ich's doch einem alten treuen Diener meines Vaters. Errathst du nicht, von wem ich spreche? Abdallah.  Ich errathe es, ohne zu begreifen, wie diese Bitte oder Forderung schon an dich gekommen ist. Sultan.  Ist sie nicht an dich geschehen? Abdallah.  Sie ist es. Sultan.  Und gleichwohl verschweigst du mir die letzte Bitte eines Vaters für einen Bruder, der deiner so würdig ist. Abdallah.  Dieses that ich. Sultan.  Warum? Abdallah.  Ich denke, daß ich darum Vizir bin, um auf Das zu sehen, was deinem Dienste, nicht, was meinem Hause nützt. Außerdem habe ich Gründe dazu, die dir nicht fremde sind, die du so schnell nicht vergessen kannst. Dein weiser Vater hatte es so eingerichtet, daß sich nie eine der großen Familien in die mächtigen Posten allein theilen möchte. Er befand sich gut dabei, verpflichtete sich Alle, blieb Aller Herr und konnte ohne Furcht und Rücksicht den Einzelnen strafen und belohnen. Auf deinen eigenen Befehl befolgte ich diese kluge Regel in Ansehung Anderer, soll ich sie nun um meiner Familie willen verletzen und die Forderungen Aller reizen? Der Sultan liebkoste Abdallah und sprach: Du bleibst dir immer gleich und treu – Abdallah . Dir treu! Sultan . Grundsätze der Pflicht verstatten keine Ausnahme. Du hast Recht. Die kleinste Abweichung zerrüttet das Vergangene und übergibt dem Zufall das Zukünftige; aber wie wirst du den Kummer deines Vaters lindern, den Unwillen deines Bruders besänftigen? Die dir am liebsten sind, werden dich nun hassen? Abdallah . Ich werde es ertragen und schweigen, bis meine Liebe und Geduld sie wiederum mit mir aussöhnen. Außerdem sind nur dieses die gewissen Früchte meiner Ernte, und ihr Samen schlug von dem Augenblick Wurzel, da du mich emporhobst. Sultan . Meine Freundschaft sei dein Ersatz. Abdallah . Darum kämpfe ich, finde nur darin meinen Lohn. Ja, mein Vater wird mich hassen, und was das Peinlichste für mich ist, man hat diesen Wunsch durch Vorspiegelung in ihm erzeugt, hat ihn dahin gebracht, daß er vergaß, was er mir einst selbst als Pflicht auflegte. Sultan. . Wer that dies? Abdallah . Der Mann, welcher dir seine Bitte für meinen Bruder Mansur vorgebracht hat – Ebu Amru. Sultan . Ebu Amru? – Ja, mich däucht, er war es. Nun, er meint es gut mit deinem Bruder; verdient er darüber Vorwürfe? Abdallah . Ich mache sie ihm nicht. Sultan . Er ist der Einzige, der mit mir von deinem Bruder Mansur sprach, wie er es mir zu verdienen scheint, und darum möchte ich hier nach Neigung handeln können, darum und um deinetwillen, so wenig du auch dieses gelten lassen willst. Ich weiß es, daß ich dich dadurch dem Neid und Haß noch mehr aussetzte, daß man deinem Verfahren eine deiner unwürdige Deutung geben wird, und ich möchte dich geliebt und nicht gehaßt wissen, weil der Haß mich in eben dem Grade in dir trifft, in welchem mich die Liebe meines Volks zu dir in dir beglückt. Jetzt sagt ganz Giuzurat: Abdallahs Tugend verherrlicht den Thron des Sultans, und ich höre es gerne. Abdallah . Weil du fühlst, daß der Ruhm des Herrschers über Giuzurat nie reiner glänzt, als in der Tugend seines Dieners, und weil der Giuzurater von dem Diener auf den Herrn schließt, der so durch seinen Diener wirkt, ihn so zu wirken durch seine eigne Tugend und Weisheit antreibt. Sultan . Es sei so; ich beneide den Glanz nicht, der dich umstrahlt, und sollte selbst der meinige dadurch verdunkelt werden. Abdallah . Kann er dies? Dein Ruhm, Herr, kann nur durch schlechte Thaten deiner Diener verdunkelt werden, jede gute wird zwiefacher Gewinn für dich, sie verbreitet Wohlsein und verherrlicht deinen Namen. Du bist der einzige Erbe aller guten, schönen, großen Thaten, und dein Name verschlingt in der Geschichte die Namen Aller, die unter deiner Leitung wirkten. Doch was du jetzt gesagt hast, hat einen andern, einen tiefern Grund – und ich weiß, was du mit diesen versteckten, dir bisher ungewöhnlichen Anspielungen sagen willst – Sultan . Sprich! Abdallah . Ich möchte vorher von unsrer jugendlichen Verbindung reden – dann von den glücklichen hoffnungsvollen Tagen, da du mir, begeistert von deinem erhabenen Berufe, den Plan vorzeichnetest, nach welchem du dein Volk beherrschen wolltest. Von den Thaten, die dir – und durch mich dir gelungen sind – die du damals nicht mir, sondern dem Geiste zuschriebst, der uns Beide verbunden hatte. Du nanntest meine Tugenden die deinigen, ich durfte es wagen, deine Tugenden die meinigen zu nennen. Alles, was mir Gutes gelang, sah ich als Gewinn für dich an: du als Gewinn für Die, welche dir das Schicksal zur Leitung übergeben hatte. Ich suchte keinen andern Lohn, als die Gewißheit, deiner würdig zu handeln, und damals schmeichelte ich mir, dein künftiger Geschichtsschreiber würde unter deinen vielen, menschlich schönen Thaten auch diese nicht vergessen aufzuzeichnen. Sultan . Und nun? – Und jetzt, Abdallah! Abdallah wollte dem Sultan sein ganzes Gefühl darlegen, ihm Alles sagen, was er von Ebu Amru für den Sultan und sich befürchtete; aber in dem Augenblick, da die Reinheit und Aufrichtigkeit seines Herzens in allen Zügen seines Angesichts strahlten, seine Lippen sich eben zu reden öffnen wollten, fühlte er den kalten, erstarrenden Athem des Geistes an seinem Ohr: »Wohin verleitet dich die Täuschung? Du verkennst den Mann, der vor dir steht!« Sein Herz zog sich während des frostigen Lispelns des Geistes zusammen, die Begeisterung verlosch in seinen Augen, seine Züge wurden düster, kalt – er fuhr fort: »Du kannst mich verkennen, Herr, aber ich werde immer Derselbe bleiben, den du einst in mir geliebt hast, dem du einst getraut hast.« Die plötzliche Veränderung Abdallahs beleidigte den Sultan tief. Er sah den warmen Ausdruck der Empfindung in dem Augenblick verschwinden, da sich sein eignes Herz ihr öffnete, und schrieb die ihm unbegreifliche und unerwartete Zurückhaltung einer unzeitigen Aufwallung des Stolzes, eines finstern Trotzes zu. Nach einer Weile sagte er: »Traut mir Abdallah nicht mehr?« Abdallah . Ich traue mir und traue mir um so mehr, je eifriger Haß und Neid das Bündniß zu zernagen streben, welches uns, von frühster Jugend an, so schön umschlossen hat. Sultan. . Abdallah! Deinem Mißtrauen allein könnte es gelingen, was du diesen widrigen Empfindungen zuschreibst. Du hast dich gegen mich verändert, ich nicht gegen dich: wenn dir dies der Herrscher vergeben und zum Besten auslegen kann, so kann es doch der Freund nicht, ohne aufzuhören, es zu sein. Was trat zwischen uns, das uns jetzt von einander scheidet? Warum erkalten deine Blicke? Warum ersterben die Worte auf deinen Lippen, deren Sinn und Geist doch so lebendig aus deinen Augen spricht? Was tödtet die Empfindung in eben der Sekunde, in welcher sie lebendiger Ausdruck werden will? Ist Das, was du denkst, Beleidigung, so beleidige grad und frei; kalte, zweideutige Beleidigungen lassen einen Stachel zurück, welcher Freundschaft am gefährlichsten ist. Mit dir ist etwas vorgegangen, das ich nicht begreife. Wozu nun diese feierliche Miene? Mein Herz spricht dich frei; aber mir ist nicht mehr so wohl in deiner Gesellschaft, als mir sonst war, und daß es anders werde, hängt noch von dir allein ab. Abdallah.  Herr, mache diese Stunde zu einer meiner glücklichsten – was hast du gegen mich? Sultan. . Du wendest meine Frage gegen mich – wohl, ich beantworte sie – Nichts! Abdallah.  Nichts. Sultan. . Nichts; und hätte ich auch etwas gegen dich, wer öffnet sich dem Verschloßnen? – Fertige die Bestallung für Khaled zum Statthalter aus; ich bewundere dich und wollte, ich könnte in diesem Augenblicke noch mehr thun. Khalife.  Ben Hafi, so schön Dies alles sein mag, so ist doch deine Geschichte für ein Märchen etwas zu ernsthaft und langweilig, und verständest du die Kunst nicht, Einen mit der Hoffnung auf das Bessere hinzuhalten, du würdest bald dir allein erzählen. Aber ich muß nun einmal wissen, wie sich dein Abdallah aus dieser Lage zieht, die er, wie mich däucht, selbst erzwungen hat, und wundern soll es mich, wenn er sich lange der Bekanntschaft dieses kalten Geistes erfreut. Freilich kann ich mir, wenn ich nur will, ganz deutlich vorstellen, was es für ein Ende mit ihm nehmen wird; aber ich will dir die Freude nicht verderben. Uebrigens ist dein Abdallah für einen Vizir ein ganz rechtschaffner Mann, und gut hätte er gethan, bloß dabei zu bleiben. Fünfter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: Abdallah lebte seit der letzten Unterredung mit dem Sultan in einer düstern, melancholischen Stimmung, die, so peinlich er sie auch fühlte, gleichwohl nicht ohne allen Genuß für ihn war. Denn da er den Kummer, den man ihm machte, unschuldig zu leiden glaubte, so erhob sich sein eigner Werth vor seinem Geiste um so höher, je tiefer der Werth Derer heruntersank, die ihm diesen Kummer verursachten. Aber so sehr auch sein beleidigtes Herz, sein stolzes Bewußtsein, seine durch Verdruß erhitzte Einbildungskraft sein eignes Ich verherrlichten, so stand er doch mehr als je in Gefahr, daß sich die innere Kraft seiner Thätigkeit auflöste; oder wenigstens eine Richtung nähme, die ihn von dem glänzenden Ziel abführte, das er bisher so fest ins Auge gefaßt hatte, das er zu Zeiten schon erreicht zu haben glaubte. Schon wehten leise Ahnungen in seinem Geiste: »Ist es dieser mißtrauische, auf meine Feinde horchende Sultan wohl werth, daß ich mich ihm aufopfere und so aufopfere? Er, der nach der Versicherung des Geistes im Bunde mit meinem Feinde steht? Kann Ebu Amru Abdallahs Feind sein, ohne zugleich der Feind des Guten zu sein, das ich gewirkt habe und noch wirken kann? Muß nicht endlich der Sultan selbst durch diesen Bund diesem gefährlichen Ebu Amru ähnlich werden?« Bestätigung dieser Furcht fand er in der erkünstelten Verstellung und Zurückhaltung des Sultans, in der er verblieben, so nah er ihm auch seine Zweifel, Furcht und Ahnung gelegt hatte. Abdallah bedachte nicht, daß er es selbst war, der zuerst der Regung seines Herzens, bei der Erscheinung des Geistes, widerstanden hatte, oder widerstehen mußte. Daß er dadurch die erwachte Wärme, die aufkeimende Vertraulichkeit verkältet und die wechselseitige Erklärung, nebst dem Einverständnis, das nothwendig darauf folgen mußte, vernichtet hatte. Er vergaß in seiner düstern Stimmung, daß der Sultan dasselbe Recht hatte, über ihn zu klagen, und bedachte nicht, daß die leisesten Klagen des Herrn durch das Gefühl des mächtigen Herrschers und den Mund Derer, denen er sie vertraut, zu furchtbaren, verwüstenden Stürmen geblasen werden können, da die Klagen des mißvergnügten Dieners entweder in der Luft verhallen, oder die Stürme noch schneller und schrecklicher zusammen treiben. Noch fühlte, noch ahnete er nicht deutlich, daß er, seiner Kraft, seiner Erkenntniß des Guten mißtrauend, zwischen sich und die Menschen ein Wesen gestellt hatte, das durch jede neue Erscheinung die Kluft zwischen ihm und ihnen weiter aus einander sprengte. So gestimmt, aber noch immer von dem reinen Bewußtsein, diesem Eindruck des Fingers der Gottheit in der Brust des Menschen, empor gehalten; stieg er eines Morgens auf den hohen Berg unfern der Stadt, an dessen Abendseite sein Landhaus lag. Ein Wald von Cypressen, Cedern, Pappeln, Citronen und Granatbäumen schmückte den Berg bis zu seiner Spitze. Die Gazellen lebten ruhig unter ihrem Schatten, frische, sprudelnde Quellen tränkten sie, duftende Kräuter nährten sie. – Hier verstummte nie das Chor der Sänger vor dem Tritte des Jägers. An dem Fuße des Bergs lag eine alte, prächtige, berühmte Pagode. Die von derselben ausgehende Ebene war mit Grabmälern aus der grauen Vorzeit bedeckt und lud zum Nachsinnen über Vergangenheit und Zukunft ein. Die Luft war heiter, kühle Winde säuselten um das sorgerfüllte Haupt Abdallahs und trugen ihm die Wohlgerüche zu, die sie mit ihren sanften Fittigen von den Blumen und Kräutern des Thals abstreiften. Die Wohnungen der Menschen, jetzt noch so still wie die alten Grabmäler, die blühenden Wiesen und Gärten, Strom und Bach, glühten und glänzten in dem rosenfarbenen Schimmer der aufgegangenen Sonne. Tiefe Stille lag vor ihm, über ihm, um ihn, und nur die Chöre der jetzt erwachenden Sänger schienen der erhabenen, neu erwachten, sich immer mehr belebenden Schöpfung entgegen zu jauchzen. Lange sah Abdallah in stillem Entzücken diesem erhabenen Schauspiele zu. Nun begann das Leben in den Wohnungen der Menschen; sein Herz erglühte, sein Geist ergötzte sich an den wohlthätigen Gedanken, die aus jenem sich empor hoben. Er fühlte in diesem Augenblick, wie glücklich alle diese neu erwachten Menschen unter ihm, durch ihn geworden seien, wie sein Wirken von dem beschränkten Umrisse, den sein Auge umspannte, bis an die entferntesten Grenzen des Reichs, alle darin Lebenden umfaßte und ihr Fortkommen, Erhalten und ihre Sicherheit beförderte. Wie sein Name unter Begleitung des Segens von allen Lippen ertönte, der Säugling ihn schon der Mutter nachlallte und der Greis seinem Enkel Glück wünschte, daß er die harten Zeiten seiner Jugend nicht gesehen und unter Abdallah nicht zu fürchten habe. Sein Geist erhob sich noch freier und kühner bei dem Gedanken: »Was ein Einziger vermöchte, der es mit den Menschen redlich meinte und ihr Glück allein zu seinem Endzweck machte.« In dieser Sekunde sah er ganz Giuzurat durch seine Verbindung mit dem Sultan glücklich, und kühner als jemals faßte er den Entschluß: ihr von seiner Seite treu zu bleiben, auf seinen Zweck fest zu halten, nichts zu thun, das ihm zuwider wäre, und, wenn es sein müßte, sich für die Millionen aufzuopfern, die ferne und nah den glücklichen Kreis um ihn her schlössen, den er jetzt mit seinen begeisterten Augen durchmaß. Mit bebendem Lispeln rief er in das Thal hinab: »Der laute Schrei der Zufriedenheit, der Segen der Tausende seien meine Verteidigung und mein Trost, wenn ich um ihretwillen einst als Opfer falle!« Khalife.  Höre, Ben Hafi, dein Abdallah gefällt mir, und ich möchte wohl diesen Augenblick auf einem Berge meines Reiches stehen und dieses von mir sagen können. Ich frage, wie kann wohl ein Mensch glücklicher sein, als er es nun eben sein muß, vorausgesetzt, er macht sich selbst nichts weiß, und Alles verhält sich grade so, wie du uns erzählest. In diesem Falle sage ich dir: ein Mann, der Dieses ein einziges Mal in seinem Leben, mit aller Gewißheit und Zuverlässigkeit, von sich sagen kann, ist über alles mögliche Unglück erhaben – denn selbst das Unglück, wenn ich anders jetzt keinen Unsinn sage, das dem Gescheidtesten, der ein Herz wie ich hat, in solch einem Augenblick begegnen kann – setzt seinem Glück die Krone auf. Ein rechtschaffener Mann, meine ich, der immer glücklich war, ist es nur noch halb und gleicht der Ceder, die der Sturm noch nicht geschüttelt hat. »Ich schwöre bei diesem Lande! Du Apostel wohnest in diesem Lande! (Mecca) und bei Dem, den er geschaffen hat, wahrlich, wir haben den Menschen im Elend erschaffen. Glaubt ihr, daß ihn keines erreichen soll? Er sagt: ich habe die Fülle der Reichthümer verschwendet. Glaubt ihr, daß ihn Keiner sieht? Haben wir ihm nicht gegeben zwei Augen und eine Zunge und zwei Lippen, und ihm zwei Straßen gezeigt, die Straße des Guten und die Straße des Bösen. Und doch versucht er nicht, die Klippe zu ersteigen. Wer soll ihn verständigen, was die Klippe sei? Die Gefangenen zu befreien, den Weisen zu nähren in den Tagen des Hungers und den Armen, der auf der Erde liegt, dieses ist die Klippe. Wer dieses thut und glaubt und Andern empfiehlt die Geduld und Mitleid und selbst geduldig und mitleidig ist, der soll zur Rechten sitzen.« (Zum Großvizir.) Kannst du von dir sagen, was Abdallah von sich rühmt, so sollst du mir willkommen sein, als hättest du mir die ganze Erde erobert, und ob ich es gleich am liebsten von mir selbst sagen mochte, so will ich dir doch diesen Ruhm verzeihen, weil, wie Abdallah sehr richtig spricht, die Tugend des Dieners die noch größere Tugend des Herrn beweist. Der Großvizir verbeugte sich tief. Ben Hafi.  Kaum, Herr der Gläubigen, kaum hatte Abdallah die letzten Worte ausgesprochen, als der Geist vor ihm stand. Abdallah sprach: Unermüdeter Verfolger! Was führt dich in diesem Augenblicke hierher! Es ist der erste glückliche, den ich lebe, seitdem ich dich gerufen habe. Geist.  So muß es auch der thörichtste sein, der, in welchem du dich am meisten täuschest, denn nur dadurch könnt ihr euch für Augenblicke glücklich machen. Abdallah.  Erstarre nicht mein Herz mit deiner Kälte! Laß nur einen Strahl seines Gefühls in dich hinüber gehen, die frostigen Züge deiner wunderbaren Schönheit zu erwärmen und zu beleben. Laß deine Schönheit, die Alles übertrifft, was Menschen je gesehen haben, nur eine Sekunde wohlthätig für mich werden. Warum trägst du die Bildung der Liebe und machst sie durch deinen frostigen, zermalmenden Ernst zu der schrecklichsten Larve, die je die zitternde Phantasie des Fieberkranken aus scheußlichen Zügen zusammengesetzt hat. Sieh in mein Angesicht, in mein Herz, um dich her – kann dir dieses, das im Thal blühende schöne Leben kein Lächeln ablocken? Geist.  Ein Lächeln! Mir? Könnte ich lächeln, deine Zumuthung würde mich dazu reizen, nicht die Dinge, worauf du hinweisest. Das blühende schöne Leben! Ich sehe die Zeit, die mit ihrer schneidenden Sense abmähet, was du Leben nennst, was du Leben siehst. Der Tod tritt hinter ihr her und sammelt in Garben, was unter der schneidenden Sense hinfällt, wirft sie der Verwesung zu, die darüber brütet und dem unermüdeten Schnitter neue Ernte aus sich selbst erzeugt. Nie endet die Ernte; das ewige Lied: »Alles ist eitel! Alles Trug und Tand!« saust durch den Bart des furchtbaren Schnitters. Abdallah.  Der Augenblick der That und des Wirkens ist Leben – Genuß darüber Reiz und Stärkung zu neuem Wirken. – Die Täuschung selbst ist Leben, sie treibt unsere Kräfte an, und die Zeit, die du mit der Alles niederreißenden Sense einher treten siehst, sehe auch ich; aber ich sehe auch, daß sie nur das Gereifte wegmäht. Laß mir meine Täuschung! Geist.  Dies forderst du nun vergebens. Du hast mich gedungen, sie vor deinen Augen wegzuhauchen, und ich thue meine Pflicht, muß sie thun und achte weder deiner Bitte, deiner Klagen, deines Zorns, noch deines Jammers. Mein Ohr ist taub, wie das Ohr des ernsten Schnitters: er mäht das Leben weg und hört nicht das Wimmern und Seufzen Derer, die er mit der Sense zerschneidet. Aber bevor ich deine jetzige Täuschung mit dem kalten Hauche der Wahrheit wegblase, will ich dir sagen, womit Ebu Amru den Sultan unterhält. Während du hier schwärmerisch träumst, beweist er ihm: »die strenge Tugend, der du dich opferst, und zu der du ihn zwingen willst, sei oft für den Regenten nachtheiliger und gefährlicher, als die durch Verstand und Berechnung des Menschen geleitete Ausübung Dessen, was ihr Laster oder Böses thun zu nennen pflegt. Die zu strenge Tugend mache den Geist einseitig, unverträglich, erfülle ihn mit Vorurtheilen, spanne das Herz des Herrschers über seine natürlichen Kräfte; reize ihn zu übertriebenen Forderungen an die Menschen und raube ihm das feste unterscheidende Ueberschauen der Ursachen des Thuns und Wirkens der Menschen, welches weder bestimmtes Maß, noch feste Regel vertrüge. Oft verwerfe ein solcher Regent Männer um eines Fehlers oder sogenannten Lasters willen, ob sie gleich zu den ihnen aufgetragenen Geschäften die gehörigen Eigenschaften und Fähigkeiten besäßen; zöge ihnen Leute seiner Denkart vor, die aus allzu großer Strenge, Starrsinn und Ungewandtheit, welches sie mit dem Namen Pflicht und Gewissenhaftigkeit zu Tugenden stempelten, den Gang der Geschäfte schwerer machten, ihn oft bis zum Stillstehen brächten, oder so sehr übereilten, daß noch öfter hin ganz anderes Ding zum Vorschein käme, als sie hervorzubringen stiebten. Diese allzu strenge Tugend, in welcher sich ihre Verehrer nicht selten, als in einem, in sich selbst geschaffnen und gebildeten Götzen, anbeteten, mache die Herrscher und die Vizire zu moralischen Pedanten, und Jeder wisse doch, daß nichts in der Welt Pedanterei weniger vertrüge, als das Herrschen über die unzuverlässigen Menschen. Der Geist eines Herrschers und seines Vizirs müssen frei und von keinem der Vorurtheile der Sterblichen gefesselt sein. Ihre einzige und wahre Bestimmung sei, die Menschen fest zusammen zu halten, ihren Kräften freies Spiel zu verschaffen und zu lassen, ihren Nutzen und durch denselben den seinigen zu befördern. Geschähe nur dieses, so sei jedes dazu taugliche Mittel gerecht und gut.« Zum Beispiel seiner Lehre führt er das empörende, widernatürliche Betragen Abdallahs an, der aus allzu strenger Pflicht (wenn dieses anders der wahre Beweggrund sei) die Bitte seines Vaters dem Sultan verschwiegen hätte und nun durch den Bruch seines gegebenen Wortes, durch Meineid an dem edeln Greise und seinem gleich edeln Bruder den Greis der Gefahr des Todes, den Bruder der Schmach und Schande, ohne alle Schonung, mit kaltem Blut aussetzte. Durch diese rauhe Art zu handeln, habe eben dieser Abdallah schon längst die Menschen von sich gestoßen und durch seine übertriebene Strenge selbst den Namen des Sultans schrecklicher und furchtbarer gemacht, als dieser mit der wildesten, unsinnigsten Tyrannei hatte thun können. Ein Herrscher müsse die Liebe und das Zutrauen seiner Unterthanen und der ihn Umgebenden durch Nachsicht, Geduld, Langmuth mit der Schwäche des Menschen gewinnen und Gott nachahmen, der das Böse und das Gute in seiner großen Haushaltung zu einem Zweck zu brauchen wüßte. Und Ebu Amru schließt: »Ueberhaupt hätten Diejenigen, welche ihr böse nennt, mehr Fähigkeiten des Geistes, und seien geschickter, über Menschen zu herrschen, als die sogenannten Guten, weil sie besser wüßten, wie das Menschenthier eigentlich beschaffen wäre, was von ihm zu fürchten und zu hoffen sei.« Der Großvizir horchte während dieser langen Rede sehr aufmerksam zu und wollte eben reden, als ihm der Khalife schnell das Wort nahm. Schweige, Vizir, ich und Ben Hafi wissen, was du sagen willst: selbst mein tauber, guter Masul liest es in deinen Augen. Ben Hafi, wärst du in Bagdad geboren und dein Lebenlang kein armer, herumschweifender, armer Narr gewesen, ich würde schwören, du habest mich von dem Augenblicke, da ich den Thron bestieg, umschwebt, wie dieser kalte, mir widerliche Geist den armen, tugendhaften Abdallah. Großvizir.  Warum nennst du ihn arm, Herr? Khalife.  Nannte ich ihn so? O, er wird es gewiß. Laß du mich nun reden und schweige! – Was dieser Ebu Amru dem Sultane von Giuzurat vorgesungen hat, sangen sie mir Alle ohne Unterlaß vor; und es muß wohl noch an andern Höfen, als dem seinen und dem meinen, gebräuchlich sein. Ob sie mich nun gleich nicht so böse und unbesorgt machen konnten, als sie wollten, so ist es ihnen doch gelungen, viele meiner festen Entschlüsse kraftlos zu machen. Denn sieh, Ben Hafi, so sehr auch Dies, was dein Ebu Amru dem Sultan von Giuzurat sagt und das sie mir gerade so, wie er, gesagt haben, die Vernunft und das Herz empört; so läßt sich doch leider, durch Beweise aus dem wirklichen Leben, so viel dafür vorbringen, daß man ihr Gesagtes wider seinen Willen nicht ganz Unsinn nennen kann. Du glaubst gar nicht, was dieses für unser Einen für eine peinliche Lage ist, wenn man die Neigung seines Herzens und seinen besten Willen einem Gespenste unterwerfen muß, das Einem bei jedem Schritt in den Weg tritt. Ben Hafi.  Welchem Gespenste, Herr? Khalife.  Dem Einverständnisse Vieler gegen einen Einzigen, der, so mächtig er auch ist, doch nicht mehr vermag als ein Einziger und Verantwortungen übernimmt, die über die Kräfte eines Wesens gehen, das wie andere geboren wird und nur fünf Sinne hat. Gott stärke mich und gehe nach meinem Willen und nach meiner Neigung mit mir ins Gericht. Ich schuf mich und die Menschen nicht, die er mit mir zu gleicher Zeit geboren werden ließ, und an dem letzten Tag, an dem Tage, an welchem er die Himmel aufrollen wird, wie der Engel Al Sijil das Buch aufrollen wird, in dem jedes Sterblichen Thun, Gedanken und Worte aufgezeichnet sind,« will ich mich vor seinen erhabenen Thron, an der Spitze meiner mit mir auferstandnen Vizire, Hofleute und Unterthanen stellen und sagen: Herr, richte mich und Diese da nach Verdienst und Recht! Ich wollte das Gute; aber ich mußte es den Händen Dieser hier anvertrauen, weil ich ein Mensch und wie sie beschänkt war; weil ich glaubte und hoffte, sie als Menschen würden für diese ihre Brüder auf Erden menschlich sorgen und sie nach deinem Willen, nach deinem und durch deinen Apostel gegebenen Gesetze behandeln! Bei den Engeln, die von Gott gesandt werden, einer dem andern folgend, und bei denen, die schnell daher schweben, und bei denen, welche die Befehle ausstreuen, und bei denen, welche die Wahrheit von der Falschheit scheiden, und bei denen, welche die göttlichen Vermahnungen mittheilen, zum Trost oder zum Warnen! Wahrlich, was euch versprochen ward, ist unvermeidlich. Wenn dann die Steine ausgelöscht und die Himmel gespaltet und die Berge gesichtet werden sollen, und die Zeit da ist, die den Aposteln bestimmt ist, gegen ihre Genossen als Zeugen aufzutreten,« an diesem unvermeidlichen Tage werde ich mich als Zeuge und Ankläger für und wider euch, für und wider mich vor den Richter der Menschen stellen! An diesem Tage werden wir uns gewiß alle erkennen und sich Keiner mehr in dem Andern irren. Während der Khalife die Hände über der Brust zusammen schlug und seine Augen zum Himmel empor hob, betete der taube Masul inbrünstig. Sanft lächelnd winkte ihm der Khalife zu und sagte: »Du sollst der Nächste an jenem Tage neben mir stehen und von meinem Herzen zeugen, denn nur du kennst es!« Seufzend fuhr er leise fort: »Der Ankläger, den ich dort fürchte, ist mein edler Bruder! Sein Zeugniß wird mir fehlen!« Ben Hafi blickte tief gerührt auf den Khalifen – sah nieder, und einige Thränen rollten in seinen Bart. Der Khalife sprach ihn in dem mildesten Tone seines Herzens an, er sah freundlich um sich und fuhr fort: Abdallah rief mit einer Stimme, aus welcher der bitterste, peinvollste Schmerz hallte: »Der Sultan ist verloren, und alles Gute, das er noch wirken konnte!« Der Geist erwiederte: Dieses kann sein, wird sein, weil es wohl sein muß; darum nun will ich die Täuschung vor deinen geblendeten Sinnen weghauchen, die doch nur befördern würde, was du gerne verhindern möchtest. Greife alsdann hindurch, wenn du dazu Muth hast. Ich ziehe den geschmückten Vorhang vor dem Schauspiel weg, das so herrlich und täuschend um dich her glänzt. Umsonst verhüllst du jetzt dein Haupt; der Ton meiner Stimme dringt in dein Herz, und wenn es mit dem Grundfelsen dieses Gebirges umwachsen wäre. Du hast mich gerufen, und ich bin von der eisernen, unwiderstehlichen Nothwendigkeit, deiner und meiner Herrscherin, sklavisch gezwungen, dem Schicksal mit dir und durch dich zu entwickeln. Die Pfeile liegen auf der Werkstätte des Schicksals, die Menschen, die dich umgeben, bringen sie zur Gluth, und du selbst schleifest ihre schneidende Spitze. Labe dich indessen an dieser Luft, die jetzt noch so wollüstig deine reizbare Haut fächelt, dein heißes Blut kühlet und es kräftiger um dein Herz bewegt. Ich sehe in dem fernen Norden einen Wirbel von dem Schneegebirge herfahren, er sauset in diese Stille, bläst sie zum wüthenden Sturme auf, von ihr genährt, rast er über die blühenden Thäler her, überfällt ein Volk im Schlummer, hinterläßt die Spuren der Verwüstung, und am Morgen erstarren die Erwachten bei dem Anblick. Die Sonne, die diese Thäler vergoldet und deinen Augen alle diese entzückenden Gemälde sichtbar macht, zieht aus den Wohlgerüchen, die deine Nase kitzeln, Stoff zu Blitzen, die an dem Bösen vorüberfahren und den Redlichen zerschmettern. Abdallah . Wozu dieser Unsinn, der nichts anders sagt, als daß größere Wohlthaten aus kleinen Nebeln entspringen? Geist . Tröste Den mit diesem Spruche, welchen das kleinere Uebel trifft, und handele nach diesem Gesetze, wenn du es für so weise und wohlthätig hältst. Von deinen Lippen hörte ich Unsinn, da ich deine letzten Worte vernahm und du dich mit dem schmeichelhaften Gedanken süß einschläfertest: »Der Schrei der Zufriedenheit, der Segen der Millionen, deren Glück du machtest, seien deine Sicherheit gegen deine Feinde.« Nie betrog dich die Täuschung mehr. Glück und Zufriedenheit einiger Millionen, da das Glück des Einzelnen nur aus dem Unglück des Andern entspringt! Du hast gethan, was der Mensch vermag, und wähnest nun Alle darum glücklich, weil es der Wunsch deines Herzens ist und du dir einbildest, dein Wirken verdiene diesen Lohn. Wenn ich plötzlich den Schrei aller Unglücklichen, Verfolgten und Bedrängten in deine Ohren ertönen, alle das Elend, das in diesem dir vertrauten Reiche wüthet, alle die Bosheit, die deine Entwürfe zum Guten vergiftet und verunstaltet, alle die Ungerechtigkeit, welche Die in deinem Namen begehen, welche deine Weisheit gewählt hat, vor deinen Augen in ihren scheußlichen Gestalten aufsteigen ließe, das Bewußtsein deiner Unschuld würde vor dem schrecklichen Anblick verlöschen, dein Herz zerfallen und dein Dasein ohne einen Seufzer, ohne eine Thräne hinfließen. Welcher Herrscher eines großen oder kleinen Reichs könnte den Blick über das aufgethürmte Scheusal von Elend und Unglück ertragen, das sie in sich fassen? Khalife.  Keiner, Ben Hafi! Ich bitte dich, laß diesen Geist schweigen, er verwildert mein Gehirn und drückt mein Herz zusammen, ob ich gleich weiß, ich sei von Gott zum Herrscher gesetzt, die Menschen für das Gute zu belohnen und für das Böse zu bestrafen, aber nicht, die ewige Anordnung der Dinge zu ändern, die allein in seiner Macht steht. Ben Hafi.  Beinahe in diesem Sinne antwortete Abdallah; aber der düstre Geist erwiederte: »Um so weniger wird er sich trösten, doch ihm verbirgt die Täuschung diesen Anblick, die dich von der Sekunde an nicht mehr blenden darf, in welcher du mich aus meiner einsamen Wohnung gerufen hast. Du hast um größrer, erhabenerer Zwecke willen diesem nur schimmernden Glücke entsagt, und ich bin ein Wesen, das Wort hält, seiner ihm aufgedrungenen Pflicht getreu bleibt, ohne sich um die Folgen zu kümmern. »Sieh dort in jener einsamen Wohnung, die der Tamarindenbaum beschattet – dein Auge erreichte sie – stirbt ein redlicher Hausvater auf einem zerlumpten Bette, und das Geheul seiner verzweifelnden Kinder tönet durch sein schweres Röcheln, zerbricht sein Herz, bevor der ihm nahe stehende Würger des Lebens es sanfter löst. »Einer der Richter, die du eingesetzt, hat ihn in dieses Elend gebracht, seine ganze Familie vernichtet und diese und ihre künftigen Nachkommen als Bettler auf die harte Erde hingestreut.« Khalife.  Gott stehe ihnen bei und leite sie zu mir, daß ich sie speise und tränke! Ben Hafi.  Abdallah sprach: Nenne ihn mir! Geist.  Was wird es dir nützen? Der Allmächtige selbst kann das nagende Gift nicht mehr aus einer Welt herausziehen, das mit ihrem Gange, ihrer Dauer und Erhaltung darum verschmolzen zu sein scheint, um die Erscheinungen hervorzubringen, die dich zu Zeiten entzücken, aber noch öfter empören. Darum mischt der Weise, auch wider Willen und Wissen, das Böse mit dem Guten, um mit dem Plan des Ganzen fortzugehen. Derjenige, der anders handelt, gleicht dem Manne, welcher den Ganges gegen seine Quelle zurückführen will. Khalife.  Er spricht Lästerung, so sehr er auch Geist sein mag. Gott sagt: »Eines Jeden Seele soll den Tod schmecken, und wir wollen euch mit dem Bösen und dem Guten versuchen, und dies soll eure Probe sein!« Ben Hafi.  Und der Geist fuhr fort: Starre mich an und schüttele dein zweifelndes Haupt – der Stachel dringt tief ins Herz. Sieh auf den in der Sonne glänzenden, durch das beblümte Grüne sich windenden Fluß! – seine leuchtende Fluth erquickt dein Auge – tauche deinen Blick mit mir hinein – sie treibt den entseelten Körper eines blühenden Jünglings nach dem Weltmeer, den seine nächsten Verwandten heimlich ermordeten, um ihn zu beerben. Umsonst forschest du nach, und nennte ich dir sie auch; Dunkelheit deckt das Verbrechen, der Ankläger wird zu Schande, das Schweigen ist erkauft, und Der, welcher es verkauft hat, sitzt unter den Beschützern der Waisen dieses Landes. Bemerke jenes alte Weib, die an dem Gesträuche langsam hinschleicht und die blühenden, durch ihre bezaubernden Farben anlockenden Blumen bricht! Diese schön geschmückten Kinder der Erde verbergen Gift in ihrem Kelche; sie sammelt es zu einem künftigen, gedungenen Verbrechen, dem deine Weisheit nicht zuvorkommen wird, und tritt die schmucklosen Heilkräuter, die um die schimmernden Vergifterinnen stehen, mit Füßen. Abgerissen, stückweise, einzeln werfe ich dir hin, was ich mit einem Blick übersehe. So weit mein Auge reicht, so weit dein Geist fleucht, der vor einem Augenblick dieses glückliche Land umschaute und durchdrang und sich ergötzte, sehe ich Thorheit und Wahnsinn und Bosheit zu Verbrechen reifen – verschwinden – und den Samen zu neuen Keimen empor wachsen. Sei stolz auf deine Tugend! Euer Herrschen und Regieren ist nur ein Kampf mit einer ungeheuren, unwiderstehlichen Macht, die aus dem Menschen und durch den Menschen und auf den Menschen wirkt; die, weil ihr sie nicht besiegen könnt, euern Kampf zu Spiegelfechterei macht, den ihr nur so lange fruchtlos fortsetzt, als Stolz und Täuschung euch dazu Kräfte borgen. Abdallah wollte reden: aber mit grellem, schneidendem Tone rief der Geist: Schweige jetzt! Ich wollte dich in den Palast führen, aber schon höre ich den lauernden Mörder den Bogen spannen – die Sehne ertönt – der unschuldige Wanderer hört ihren Klang nicht. Nun zieht der Meuchelmörder behutsam den giftigen Pfeil aus dem Köcher – sein Auge mißt scharf und kalt den Weg bis zu dem Herzen des Sorglosen – des Mörders Herz schlägt nicht – die Begierde zu morden hält den Athem fest in der Brust – das Blut in seinen Adern steht still – so viel vermag die Neigung zum Bösen über die schnellen Triebräder des Lebens, wenn der Mensch die böse That vollbringen will. – Der giftige Pfeil zischt durch die Luft – mein Ohr vernimmt sein Zischen – vernimmt das Aechzen Khaleds – das Röcheln Khaleds – und mein Auge sieht das Lächeln der Zufriedenheit des verborgenen Mörders. Der Geist verschwand. Abdallah erblaßte, bebte, erstarrte, und als seine Glieder sich wieder lösten von der Erstarrung, sein Bewußtsein zurückkehrte und die schreckliche Ankündigung abermals durch sein Herz fuhr, stürzten Thränen aus seinen Augen, und vor seinem Gesichte breitete sich ein dicker, schwarzer Flor aus, auf dem die Bilder und Gestalten, welche der Geist in sein entstammtes Gehirn geschleudert hatte, in blutrothen Zügen schwebten und auf ihn einzudringen drohten. Herr der Gläubigen, und wenn du diesen Abdallah durch Unglück willst geprüft sehen, so bist du nun nahe daran. Khalife.  Ben Hafi, meinetwegen mache ihn nicht unglücklich: du weißt wohl, ich wünsche, daß es Jedem auf Erden wohl ergehe. Ich habe selbst für Den Thränen und Mitleid, der sein Unglück verdient oder zu verdienen scheint; was meinst du, was ich für den Redlichen, für einen Mann, wie dein Abdallah ist, thun würde? Ben Hafi.  Ich danke dir für ihn; doch gewissenhaft gebe ich dir die Wahrheit. Großvizir.   (murmelnd dazwischen) . Ich habe für Keinen Thränen und Mitleid, weder für den Bösen noch für den stolzen Thoren. (Laut.) Herr der Gläubigen, beliebe doch zu bemerken, daß Das, was der Geist vorhin sagte, ganz genau mit meinem durch die Erfahrung bewährten Spruche übereinkommt! Khalife.  Was zögst du nicht auf ihn! Doch, was sagte er? Großvizir.  Mein Spruch ist, wie du weißt – Khalife.  O, möchtest du ihn vergessen und ich ihn nicht mehr hören. Großvizir.  Dieser sehr kluge und sehr erfahrne Geist sagt: »Euer Herrschen und Regieren ist nur ein Kampf mit einer ungeheuern, unwiderstehlichen Macht, die aus dem Menschen und durch den Menschen und auf den Menschen wirkt: die, weil ihr sie nicht besiegen könnt, euren Kampf zu Spiegelfechterei macht, den ihr nur so lange fruchtlos – fruchtlos, Herr! – fortsetzt, als Stolz und Täuschung euch Kräfte dazu borgen.« Dieses beweist nun, daß ich in Allem Recht habe, und daß dieser Geist die Menschen, für ein Wesen einer andern Welt recht gut kennt. Ben Hafi.  Gerade so wie der Mann, der die Menschen auf ihrem abgeschundenen Felle zum Gehorsam lockt. Großvizir.  Dies ist, wie vorhin gesagt, nur eine Redensart, und wenn dein Abdallah nichts von diesem Geiste lernt, so ist alle Mühe an ihm verloren. Uebrigens freut es mich herzlich, guter Ben Hafi, daß du meinen Regierungsgrundsätzen immer näher kommst. Ben Hafi schien nicht auf den Vizir zu hören. Der Khalife lächelte und sagte: Vizir, du betrügst dich, wie es scheint; doch wir werden es ja erfahren. Wer weiß des Menschen Gedanken, außer Gott. – Er sagt: »Wir schufen den Menschen, und wir wissen, was seine Seele in ihm lispelt, und wir sind ihm näher, als ihm die Drosselader ist. Wenn die zwei Engel, gesandt Rechnung zu führen über den Menschen, ihren Auftrag ausrichten, und einer ihm sitzet zur Rechten und der andere zur Linken, so denkt er keinen Gedanken und spricht kein Wort, das sein schreibender Wächter nicht aufmerket.« O Vizir! denke an die Rechnung des künftigen, unvermeidlichen Tages und sorge nicht für die Rechnung deines Nächsten! Sechster Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: Abdallah, Herr der Gläubigen, eilte bebend nach Dolt-Abad zurück. Die schreckliche Verkündigung des Mords des edeln Khaleds gab den wilden, peinlichen und widrigen Vorstellungen, die der Geist in seine Seele geworfen hatte und die immer blutrother auf dem vor seinen Augen schwimmenden, düstern Flore schwebten und in sein Gehirn zu steigen schienen, einen tiefen, schaudervollen Sinn. Selbst das heitre Licht der nun im Mittag glühenden Sonne schien ihm dicke Finsterniß, gefüllt mit Werkzeugen des Todes und des Mords, welche um ihn herblitzten und das Gefühl seines edeln Selbsts zerstückten. In dem Lispeln des Windes hörte er das Zischen des giftigen Pfeils, in jedem leisen Geräusche das Aechzen Khaleds. Sobald er seinen Palast erreichte, sandte er nach der Wohnung Khaleds. Man ließ ihm zurück sagen, er sei den vorigen Abend auf sein Landhaus geritten. Abdallahs Eilboten flogen hinaus, und nach einigen angstvollen Stunden, zwischen dem wachsenden Entsetzen der Gewißheit und einem zitternden Strahl der Hoffnung, trat der Oberkadi vor ihn und kündigte ihm den Mord des edeln Khaleds an. Abdallah erblaßte, Thränen füllten seine Augen und erstarrten, als ihn das Erinnern des furchtbaren, ernsten Weissagers überfiel. Mit zitternden Lippen fragte er: Wie fiel er? Der Oberkadi antwortete: »durch einen vergifteten Pfeil in der Morgenstunde. Die Wunde über dem Herzen ist kaum sichtbar: aber das Gift der spitzigen Stachel des Pfeils drang in die Quelle des Lebens.« Bei diesen Worten drückte sich das schwere, zermalmende Siegel der Gewißheit allem Dem auf, was der düstre Geist mit glühenden Zügen in Abdallahs Phantasie gegraben hatte, und gab seinen übrigen Weissagungen einen Nachdruck, vor dem er nun erbebte. Der Oberkadi fuhr in seinem Berichte fort und meldete: »der Thäter des Mords sei schon ergriffen und verhaftet, es sei Kasem, Khaleds bekannter Feind, den man, bewaffnet mit Schwert, Bogen und Köcher, in der Gegend, wo das Verbrechen geschehen, gefunden hätte. Er leugne zwar die schreckliche That; aber sein allgemeiner Haß gegen Khaled, der immer vergebens gestrebt hätte, sich mit ihm auszusöhnen, mache ihn nur zu verdächtig.« Abdallah ging mit dem Oberkadi zu dem Sultan, den er in Ebu Amru's Gesellschaft fand. Mit bebender Stimme und nassen Augen trug er dem Sultan den traurigen Bericht vor. Der Sultan antwortete kalt: »Ich war noch früher unterrichtet wie du und sitze morgen über den Schuldigen zu Gericht.« Die Kälte des Sultans bei der Ermordung eines Mannes, welchen er als den zuverlässigsten, treuesten und tapfersten Vertheidiger seines Throns kannte, dessen Schwert ihm und seinem Volke so oft Sicherheit und Ruhe erkämpft hatte, sank schwer in die Schale des schon empfangenen Schmerzes und machte das Gewicht der männlichen Kraft Abdallahs auf einige Augenblicke so leicht, daß nun die Thränen aus seinen Augen träufelten, wie aus den Augen der Mutter, die heute den Säugling zur Leiche werden sieht, der noch gestern wie eine blühende Blume des Lebens an ihrem ihn nährenden Busen lag. Khalife.  Ich bitte dich, Ben Hafi, lege den Kummer dieses Mannes meinem Herzen nicht gar zu nahe, da ich ihm doch, wie du weißt, nicht helfen kann. Könnte ich dies, so möchtest du ihn immer noch quälender schildern, denn in seiner Heilung fände ich ja wiederum Linderung. Großvizir.  Laß dich dies nicht so sehr rühren, Herr der Gläubigen; Abdallah weint hier vor dem Sultan nicht über die Kälte des Sultans gegen Khaled, er weint schon im Voraus über die, welche einst seinen eignen Fall begleiten soll, begleiten wird und muß. Khalife.  Ich glaube es nicht; doch sage mir, Ben Hafi, ist es so? Ben Hafi.  Mischte sich auch dies Gefühl dunkel in seinen Schmerz, so bezeugte es ihm nur um so herber die schreckliche Wahrheit: daß Das, was er hier sehe und wahrnehme, der gewöhnliche Lohn der Tugend sei. Ich wünschte, dein Großvizir möchte einst in ähnlichem Falle Dasselbe fühlen und von sich sagen können. Doch, ich erzähle ja die Geschichte eines Menschen, leider eines seltenen Mannes, nicht die Geschichte eines Großvizirs – eines Mannes, der, wenn er auch fallen sollte, gewiß größer fällt, als gewisse Großvizire jetzt auf ihren Füßen zu stehen scheinen. Uebrigens erzähle ich seine Geschichte dir, Herr, weil in deinem Herzen ein reiner Geist wohnt und kein feindliches Wesen, welches, wenn es recht höflich ist, das Gute nur zur Thorheit macht. Meine Geschichten erfordern Zuhörer, die ausgedehnte Menschheit und moralische Kraft in ihrem Busen tragen, und keine Großvizire. Der Großvizir lächelte, Ben Hafi sah darüber weg und fuhr fort: Abdallah wankte aus der Gegenwart des Sultans, überließ Ebu Amru das Feld, der bei dem Sultan Das schon zu Ende gebracht zu haben scheint, was, wie man glauben könnte, der frostige Geist mit unserm Helden selbst beabsichtiget. Der Schlaf besucht einen Mann nicht wie Abdallah, wenn er einen solchen Tag gelebt hat. Die widrigen, verworrenen Bilder des Geschehenen, des geweissagten Künftigen zogen in ununterbrochener Reihe vor seinem Geiste auf und ab. Vergebens war das Streben und Kämpfen seiner Vernunft, diese schreckliche, feste Ordnung zu brechen und mit ihrem Lichte zu verscheuchen. Aus jeder Betrachtung, jeder Erinnerung des Vergangenen, jedem zaghaften Blick auf die Zukunft sprang ein neues Gewühl finstrer Bilder, die vor seinem Geiste hinzogen und sich an die vorigen anschlossen. In dieser ängstlichen Verwirrung wollte er den Geist heraufrufen, aber sein Herz erstarrte bei dem Gedanken, und die dunkle Ahnung fing nun an, sich deutlicher und peinvoller zu entwickeln. Er sah endlich die Sonne herauf steigen, um noch unglücklicher zu werden. Der Sultan saß auf seinem Throne, die Großen des Reichs standen um ihn herum. Abdallah wunderte sich, seinen Bruder Mansur prächtig gekleidet, nicht weit von dem Throne neben Ebu Amru stehen zu sehen; aber er erstaunte, als er auch seinen Vater erblickte, der dem Tode schon so nahe war, sich nun hier befand und finster auf ihn sah. Auf den Wink des Sultans ward Kasem, der Mörder Khaleds, vorgeführt und ihm sein Verbrechen von dem Ober-Kadi vorgelesen. Er leugnete die That mit einer Art, die von einem reinen Gewissen zu zeugen schien. Als man ihm sein feindliches Verhältniß mit Khaled vorhielt und die Zeugen auftraten, welche ihn in der Nähe des Ermordeten mit Bogen und Köcher gefunden hatten, antwortete er gelassen: »Ich leugne nicht, daß ich ein Feind Khaleds war. Mein Haß war offen und Jedem bekannt, so wie seine Ursache. Er hat mir einst aus Eifer für deinen Dienst, Herr, das bitterste Unrecht angethan und mich unverschuldet vor den Augen meiner Waffenbrüder mit dem Namen eines Feigen beschimpft. Gibt es für einen Krieger etwas Schrecklichers, als den Vorwurf der Feigheit, von einem Manne, der, als der Tapferste, mit einem solchen Worte auf immer tödtet? Der Schein war gegen mich; aber auch nur der Schein, denn ich war tapfer, da ich feige schien, da ich durch Zurückweichen wirkte, was Andere in diesem Augenblick nicht mehr durch ihren Muth vermochten. Ich schwieg, weil ich von dem kalten Verstande und der strengen Gerechtigkeit Khaleds, von seinem Hasse gegen alle Verleumdung hoffte, er würde sich in einem Falle, wobei die Ehre eines alten erprobten Kriegers auf dem Spiel stände, nicht von dem Scheine blenden lassen. Und doch geschah es, und um so mehr haßte ich ihn, weil ich der Erste war, gegen den er sich ungerecht bewies, und weil ich glaubte, persönlicher Widerwille oder Neid trieben ihn zu einem, ihm so fremden Betragen. Ich trat entehrt aus der Zahl der Krieger, lebte hier verborgen, niedergedrückt von der Schande. Nun suchte schon seit langer Zeit Khaled mich wieder zu gewinnen. Oft klopfte er an die Thüre meiner Hütte: mein Haß kochte fort, ich wies ihn rauh zurück. Vor einigen Tagen drang er gewaltsam ein und rief mir auf der Schwelle stehend zu: »Hasse mich, Kasem, nur höre mich! Mache mir Vorwürfe, nur laß mich gerecht gegen dich sein. Der Sultan hat mich zum Statthalter von Baglana ernannt, und wenn mich dieses erfreut, so geschieht es darum, daß ich dich zu dem mir Nächsten in Rang und Würde wählen darf. Der edle Abdallah hat schon eingewilligt. Nur dadurch kann ich unsern Waffenbrüdern zeigen, welches Unrecht ich dir einst gethan habe und wie ich mein Unrecht zu erkennen weiß.« »Mein Haß schmolz mehr vor seinem Blick und durch seinen sanften Händedruck als durch das Glück, das er mir zeigte. Doch sprach ich nicht, denn er kam mir diesen Augenblick gar zu groß und gut vor. Er bestellte mich als einen wieder gefundenen und wieder gewonnenen Freund auf seinen Landsitz, um sich mit mir über das Weitere zu bereden. Einsam zog ich die Straße hin. Nahe an seinem Landsitze hörte ich das Zetergeschrei des Mords, und ehe ich mich erkannte, umringte man mich als seinen Mörder.« Man forderte Beweise seines Vorgebens. Da er nun keine andern als die Worte des Ermordeten vorbringen konnte, und einer der Zeugen den Pfeil vorzeigte, womit Khaled getödtet worden, und dieser Pfeil den übrigen ganz ähnlich war, die Kasem in seinem Köcher führte, er ihn auch selbst für den seinigen erkannte, so fiel der Todesspruch auf sein Haupt. Kasem rief: »O Khaled! Khaled! Tapferster der Giuzurater! In deinem Leben thatest du mir Einzigem schrecklich weh! Dein Tod von der Hand des verborgenen Meuchelmörders tödtet mich nun heute! Der Unschuldige, welcher unter der schmählichen Last der Schande, von dir ihm aufgelegt, so viele Jahre geschmachtet hat, muß nun in dem Augenblick als dein Mörder sterben, da du ihn davon reinigen wolltest. Unbegreifliches Schicksal! Den, welchen du zerschlagen willst, wählst du frühe zu deinem Raube aus. Du triffst ihn, gehst schweigend, verhüllt vorüber, und das stille Grab verschlingt dein gewähltes Opfer ohne Rechtfertigung und Genugthuung!« Der Sultan erklärte von seinem Throne Mansur zum Statthalter in Baglana. Mansur und sein Vater fielen vor ihm nieder, zu danken. Abdallah erstarrte; die schwarze Weissagung des Geistes über seinen Bruder schauderte durch seine Seele – er bebte – erblaßte – und schon schoß, in gewaltigem Strome, die hohe Kraft seiner innern Tugend durch seine noch bebenden Glieder und unterjochte alle Verhältnisse, die ihn so drohend, so sprechend umgaben. Er öffnete die Lippen zu reden, und plötzlich erblickte er alle Anwesenden, den Sultan selbst auf seinem Throne, bebend, erstarrt, als zerschmetterte sie eine erhabene Macht. Aller Blicke waren starr auf einen einzigen Gegenstand geheftet. Abdallah sah sich um, und der Geist trat herein mit seinem kalten, ernsten, zermalmenden Wesen, gekleidet in sein wunderbares, rollendes und rauschendes Gewand, bewaffnet mit einem straff gespannten Bogen von Ebenholz, auf welchem ein gefiederter Pfeil zum Abflug fertig lag. Mit sausendem Gange, in das sein schwebendes Gewand lispelte, mit fester, unerschütterlicher, fürchterlich schön erhabener Miene, schritt er in die Mitte des Saals vor den Thron des Sultan, und Keiner seines Hofs, Keiner seiner Wache fühlte die Kraft, sich dem Zermalmenden mit That oder Rede entgegen zu stellen und den erstaunten Herrn gegen den drohenden Pfeil zu schützen. Der Geist sprach, und langsam und schwer und schallend, wie der am fernen Gebirge hinziehende Donner, fielen seine Worte durch das Gehör in die Herzen der erstarrten Zuhörer. »Söhne des Staubes, welche Schein, Wahn und Trug verblenden! Ich, der Rächer der ewigen Gerechtigkeit, trete unter euch, bewaffnet mit dem nie fehlenden Bogen der Rache, den Verbrecher zu strafen, den Unschuldigen zu retten und euch vor Mord zu bewahren. Dieser Krieger hier hat Wahrheit geredet. Euer Herz würde das seine aus seinen Worten erkannt haben, wäre euch der blendende Schein nicht willkommner als die nackte Wahrheit. Der Pfeil, den jener bestochene Zeuge vorwies, ward vorsätzlich mit dem vergifteten verwechselt, um den wirklichen Verbrecher zu retten. Hier liegt er auf meinem gespannten Bogen, den meine nie fehlende Hand umfaßt. Nun bewege ich langsam das nie irrende Geschoß durch euern Kreis, von Dem an, der auf dem Throne sitzt, nach seiner Linken, dann zu seiner Rechten – an allen hier Versammelten vorüber. Der Unschuldige fürchte das giftige Geschoß nicht, nur der Meuchelmörder bebe. – So wie der weit treffende, nie fehlende Bogen der Rache sich gegen seine Brust wendet, fährt der von ihm vergiftete, aus Khaleds Wunde gezogene Pfeil in sein Herz und zeigt euch Khaleds Mörder, ohne daß meine Hand die sausende Saite berührt!« Während der Geist so sprach, bewegte er sich mit langsamen Schritten und wandte den gespannten Bogen, mit ernstem, forschendem, durchdringendem Blicke, von dem Sultan nach seiner Linken herunter, von seiner Rechten herunter – Bebend sah Jeder den Bogen gegen seine Brust gekehrt, doch stand der Unschuldige, obgleich mit zitternden Knieen. Da aber der Geist den Bogen langsam gegen Mansur wandte und sein kalter, zermalmender Blick in seine Seele drang – und die Sehne erklang, erblaßte Mansur und fiel zu Boden, als stürzte ein Felsen des Gebirges auf sein Haupt. Der Geist rief in seinem kalten, düstern Tone: »Hier liegt Khaleds Mörder, verblendeter Richter!« Die Decke der Verblendung fiel vor den Augen der Anwesenden herunter, und die Angst des Todes ergriff das Herz Abdallahs. Sein Vater lag zu den Füßen des Sultans, eine starre Leiche, und Mansur erhob das Haupt, erblickte den Geist und rief: »Verflucht sei mein Bruder! Verflucht sein Meineid! Verflucht sein Haß! Ja, ich vollzog die blutige That, um durch Mord zu erwerben, was sein Neid mir versagte!« Der Geist wandte sich zu Abdallah: »Laß sehen, ob deine Tugend diese Probe besteht, ob du Muth hast, den Verbrecher dem Gesetze zu opfern, der aus gleichem Blute mit dir gebildet ist, dessen Verbrechen das deinige wird, wenn er der rächenden Vergeltung nicht abbezahlt. Ich zog die Decke der Täuschung vor euren Sinnen weg, Söhne der Erde, und überlasse euch der ernsten Betrachtung über Das, was ihr gesehen und vernommen habt!« Der Geist verschwand; der Pfeil war hinter Mansur tief in die Wand des Saals gedrungen. Der Sultan winkte Abdallah, dieser der Wache, und der bestürzte, bebende Sultan entfloh. Nun drangen die Verwünschungen des erwachenden Vaters, des gefesselten Bruders in die Ohren Abdallahs und zerrissen sein Herz. Er warf sich vor seinem Vater nieder und wollte seinen Fuß umfassen. In knirschender Wuth entzog er ihm denselben und stieß ihn damit gegen die Stirne. Aechzend küßte Abdallah den Fuß, der ihn so schmählich zertrat, und ein noch schrecklicherer Fluch fiel von den Lippen des wüthenden Greises auf sein Haupt. Aber in dem erhabenen Gezelte fiel ein hell leuchtender Blitz auf die Bilder des Lebens Abdallahs. In seinem Herzen erwachte der Geist, der mächtiger als das Schicksal ist; er richtete sich auf und sagte zu seinem Vater: »Ich zürne dir nicht, mein Vater, daß dein Fuß meine Stirne trat – hätte er auch mein Leben zertreten, so würde dich doch mein fliehender Geist noch segnen. Hier stehe ich, von dir gehaßt, von Allen verkannt, und habe keinen Vertheidiger als die Stimme meines Herzens, der sich das Ohr der Menschen verschließt. Vernähmest du sie, du würdest deinen Sohn bedauern und deinen raschen Fluch bereuen. Dein Fuß stieß mich weg – es ist der Fuß eines Vaters, aber doch eines Menschen – die Tugend nimmt mich auf, sie ist ewig. Der Mensch vergeht, aber nicht Das, was seine moralische Kraft gewirkt hat, und was mich nun über das Elend emporhebt. »Ihr alle hier, die ihr Zeugen Dessen wart, was mir geschah, verdammt mich; denn was mich frei spricht, ist euch fremd, und Das, was meine Zunge bindet, euch unfaßlich. Werft das Loos über Abdallah, er fürchtet es nicht.« Er entfernte sich, sein Angesicht voll Mitleid, Milde und Freundlichkeit gegen seinen Vater gekehrt. Die Wache führte Mansur ab. Das Gerücht von der wunderbaren Erscheinung des Rächers, der Entdeckung des Mörders Khaleds, mit den Abdallah belastenden Zusätzen, flog vom Hofe nach der Stadt, aus der Stadt nach dem flachen Lande – jeder heimliche Verbrecher bebte, staunte – und keiner der Horcher begriff. Der Sultan saß stumm und zerrüttet vor Ebu Amru und sann der furchtbaren Erscheinung nach. Endlich hob er seine Augen zum Himmel empor und sagte bewegt: »Wer und was dieses wunderbare Wesen auch sei, es hat mich vor Vergießung unschuldigen Blutes bewahrt, mich auf mein ganzes Leben durch seine Erscheinung erschüttert und gewarnt. Ich danke ihm; der Mörder sterbe und versöhne die Schuld, die er über uns gebracht hat!« Ebu Amru schwieg. Einem Manne wie ihm dringt sich eine solche Erscheinung um so fürchterlicher auf, je kürzer die Dauer der Wirkung auf ihn ist. Als Abdallah vor den Sultan trat, umarmte ihn dieser, indem er gerührt sagte: »Unglücklicher! Verbleibe dir getreu, ich verbleib' es dir!« Abdallah verbarg sein glühendes, benetztes Angesicht und stammelte: »Beladen mit den Flüchen meines Vaters, trete ich nun vor dich, und keiner der Lebenden erkennt meine Unschuld, wenn du es nicht thust.« Kalife. Deine Geschichte da, Ben Hafi, hat mich erschüttert, gerührt und überrascht, und dafür, daß dieser unschuldige Kasem errettet worden ist und du diesem Sultan das Schrecklichste erspart hast, was einem Monarchen widerfahren kann, laß ich dir zweihundert goldne Derhem ausbezahlen. Um dieser That willen bin ich selbst mit deinem frostigen Geist zufrieden, ob ich ihn gleich nicht leiden kann und noch immer seine Tücke fürchte. Hier war er wenigstens zu Etwas gut, und der Gerechte, Ben Hafi, dankt selbst dem Teufel für das Böse, das er unterläßt: der Muselmann thut mehr, er hofft und wünschet seine Besserung. Dein Abdallah gefällt mir immer mehr; aber ich fürchte, ich werde um seinetwillen viel zu leiden haben. »Doch bei dem Schlage! Was ist der Schlag? Wer soll dir begreiflich machen, wie schrecklich der Schlag sein wird? An diesem Tage sollen die Menschen zerstreut werden, und die Gebirge sollen werden wie gekrämpelte Wolle von verschiedner Farbe, die der Wind vor sich her treibt. Aber Dessen Wage schwer von guten Werken sein wird, soll ein entzückendes Leben führen.« Dieses wird das Loos der Gerechten sein. Friede sei mit dir und euch! Siebenter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: Der Sultan von Giuzurat, Herr der Gläubigen, fühlte zwar Mitleid mit Abdallah: aber dieses Mitleid war mehr ängstlich als rein. Vor seinem erschütterten Geiste zog sich ein dunkles, zweideutiges Gebilde um Abdallahs That und Schicksal, und ohne daß er ihn beschuldigen konnte oder wollte, sah er ihn doch unvermerkt als die entfernte Ursache des Mords Khaleds und des schrecklichen Verbrechens Mansurs, seines Bruders, an. Von diesen Empfindungen gequält, blickte er von nun an auf ihn, als auf einen Mann, der, so uneigennützig, großmüthig und gerecht er auch wäre, doch etwas Unerklärbares, Drückendes an sich trüge: der vielleicht darum zu solchen schauderhaften Ereignissen Anlaß gäbe, weil ihn entweder das Glück gänzlich verlassen hätte, oder weil er aus Stolz, Starrsinn und allzu schonungsloser Strenge die Tugend übertriebe. Ebu Amru, der diese noch dunkeln Empfindungen leicht klar machen konnte, weil er sie selbst nach und nach erzeugt hatte, spielte auf diesen düstern Saiten fort, und ehe es sich der Sultan versah, so theilte er die Blutschuld zwischen Abdallah und seinem Bruder. Ebu Amru konnte ihm nun leicht beweisen, daß, wenn Abdallah seinem unglücklichen, um den Staat so sehr verdienten Vater Wort gehalten und die großmüthigen Gesinnungen des erhabenen Sultans für seinen einst edeln Bruder benutzt hätte, so würde Khaled noch für den Dienst des Vaterlandes leben, Mansur von Verbrechen rein sein und dem Sultan durch seine entschiednen großen Eigenschaften nützen können. Ja, selbst der große und tugendhafte Abdallah würde nun nicht als ein Mann dastehen, der aus Grundsätzen, die Jedem verdächtig schienen, weil sie Keiner faßte, Unglück um sich her verbreitete und dadurch das traurige, niederdrückende Vorurtheil erweckte, es müsse von nun an jedem seiner Schritte folgen, da er es selbst über Die gezogen, deren Glück und Wohlfahrt ihm die Natur als Hauptpflicht auferlegt hätte. Doch war Ebu Amru weit entfernt, die Tugend Abdallahs, die auch selbst in der Übertreibung noch Tugend bliebe, anzutasten. Er bedauerte nur, daß Hof und Volk den seltnen Mann als die Ursache des Unglücks seiner Nächsten ansehen und nach ihrer Art ihn laut beschuldigen würden, er habe seinen Bruder aus Neid zurückgedrängt. So habe man ihn auch schon längst, zwar unverdienter Weise, beschuldigt, er gäbe darum nicht zu, daß der Sultan die ledige Kanzlerstelle besetzte, damit Keiner den Ruhm mit ihm theilen möchte, die Giuzurater so glücklich zu machen, als er sie unter seiner unbeschränkten Alleinherrschaft zu sein glaubte. Seufzend setzte er hinzu: »Gehören zu der Ausübung der Pflicht und zu der Beförderung dieses Glücks solche schreckliche Ereignisse, so mißgönne ich ihm seinen zweideutigen Ruhm nicht, und lieber wünschte ich, wenn ich einmal wählen müßte, daß man ein Verbrechen gegen mich beginge, als daß einer der unbedeutendsten deiner Unterthanen mir die Veranlassung zu einem Verbrechen gegen ihn zuschriebe. Dies kommt daher, Herr, daß der Flug, den Abdallahs Geist genommen hat, für den meinen viel zu hoch ist: daß ich, ein ganz gewöhnlicher Mensch, nur den gewöhnlichen Gang der Menschen gehen kann, das Gute zwar willig und mit Freuden bewirke, ohne es doch von Andern und selbst von mir strenger zu erzwingen, als es ihr und mein Bedürfniß erfordert.« Du siehst, Herr der Gläubigen, daß Ebu Amru mit deinem Großvizir so ziemlich aus einem Tone singt. Großvizir.  Da es der rechte ist, so wird er damit nicht übel fahren, das versichre ich dich. Khalife.  Aber sein Herr? Großvizir.  Wird sein Dienst dadurch befördert, so kann er nur gewinnen, und Ebu Amru scheint mir der Mann dazu. Träumer, wie dieser Abdallah, zerstören nur durch ihr wildes Feuer, bis sie sich endlich selbst aufbrennen. Alsdann muß ein Mann auftreten, der die Menschen kennt, sie für Das nimmt, was sie wirklich sind und sein können, um den Staat wiederum aus den Trümmern aufzubauen. Der edle Bruder meines erhabenen Herrn, des Nachfolgers des Apostels, war gerade ein solcher Mann wie dieser Abdallah, und auch er hatte das Schicksal – Khalife.  Kühner! wagst du die tiefe Wunde meines Herzens so frech anzutasten? Einen Mann mit einem Seitenblick zu nennen, den ich so stark beleidigt – durch euer Einblasen beleidigt habe – in dessen Armen ich nun sicher ruhen würde, und der des Thrones würdiger war als ich! Laß mich noch einmal diesen Mißklanq von deinen verwegenen Lippen hören, bei dem erhabenen Propheten! – ich halte meinen Schwur zurück! aber, bei dem Regen des Himmels, der das trockne Land erquickt! ich will dich in die weite Welt senden, und du sollst mir nickt eher wiederkehren, bis du ihn in Meine Arme zurückgeführt hast. Ben Hafis und des Khalifen Augen begegneten sich in einem Punkte des Gefühls, und der Großvizir wußte, wann er durch Schweigen gewann. Ben Hafi fuhr fort: Während man Abdallah und sein Unglück so schonungslos beurtheilte, fühlte er die schwere Last desselben, und nicht das Bewußtsein seiner Unschuld, nicht die Ueberzeugung, nach Pflicht gehandelt zu haben, konnten seine Leiden lindern. Er sah seinen mit Ketten belasteten Bruder zum Tode des Verbrechers verurtheilt – sein Vater stand vor ihm – die weißen Haare, die über seine vor Wuth funkelnden Augen stürzten, bewegten sich unter dem Schrei der Verwünschung, die seine Seele zerriß. Er fühlte den Tritt des Verwerfenden an seiner glühenden Stirne. Gepeinigt von diesen Vorstellungen, traten ihm die Bilder des Todes des Greises, des Bruders näher, und die ungerechte Anklage der Giuzurater sauste durch seine empörten Geister: »Du bist Schuld an dem Falle, der Schmach deines Hauses und verdienst deines Vaters Fluch!« Er empfand, daß sogar der innre Beweggrund seiner Handlungen, und wenn er ihn auch laut bekennte, von den Verblendeten würde mißdeutet und verspottet werden. Zum ersten Mal sah er nun mit Schauder auf die eingegangene Verbindung mit einem Wesen, das ihn durch seine Weissagung gegen seinen Bruder so gestimmt, das bisher alle seine Schritte so geleitet hatte. Schon jetzt würde er es als die einzige Ursache seines Elends angesehen haben, wenn seine letzte rächende Erscheinung seinen Geist nicht unterjocht und ihm das Geständniß abgedrungen hätte, seine Weissagung sei durch die blutige That seines Bruders bestätigt, und er habe durch die Erfüllung seiner Pflicht sein Vaterland vor noch schrecklichern Verbrechen bewahrt. Eben so empörend fühlte er, daß der Sultan einen Schuldlosen verdammen wollte, und daß diesen nur die Erscheinung des furchtbaren Geistes gerettet hatte. An diesen Gedanken schloß sich die Betrachtung des unmenschlichen Betragens seines Bruders, der durch sein Schweigen, da ein Unschuldiger vor seinen Augen um eines Verbrechens zum Tode verdammt ward, das er selbst begangen hatte, seine entsetzliche That so ungeheuer machte, daß sich selbst das brüderliche Herz dem Mitleid verschließen mußte. Schaudernd rief er: »Und diesen mit einem Morde befleckten Mann erklärte der Sultan zum Statthalter seines Volks, und dieser Mann dankt ihm vor den Augen Dessen, den er für sein Verbrechen so eben zum Tode verurtheilen hörte – und ich sollte über sein Schicksal klagen – es bereuen, daß es sich so entwickelt hat!« Sein Herz ermannte sich, dankend blickte er auf den ernsten, furchtbaren Geist, der durch Enthüllung der verborgenen That die verletzte Gerechtigkeit so erschütternd gerächt, das Vergeltungsrecht so schaudernd ausgeführt und den Verblendeten eine unauslöschliche Warnung hinterlassen hatte. Diese That unterjochte jetzt sein Herz und seinen Verstand, so unbegreiflich ihm auch dieses Wesen nach seinen zweideutigen Aeußerungen vorkam. Trotz der allgemeinen Anklage, den Verwünschungen, dem Hasse seines Vaters, den ihn umheulenden Vorwürfen seiner Verwandten, dem kalten Blick der Hofleute würde er sich doch durch seine innre Kraft und sein reines Bewußtsein empor gearbeitet und dem rächenden Gesetze seinen Lauf gelassen haben, wenn ihn sein Vater, den er auf seinen Befehl bis hieher fliehen mußte, nicht plötzlich in seinem Kampfe gestört hätte. Er ließ ihn rufen. Die Erschütterung des Geschehenen, der Todesspruch des Sultans über seinen Sohn Mansur hatten den Greis wiederum an den Rand des Grabes getrieben, von welchem ihn die Hoffnung der glänzenden Versorgung desselben auf einige Augenblicke entfernte. Der Greis lag ringend mit dem Tode, seine Stirne benetzt von dem kalten Schweiße des letzten schweren Kampfes. Er winkte Abdallah, faßte seine Hand und sprach mit schwacher Stimme: »Rette deinen Bruder von dem schmählichen Tode des Verbrechers, und ich will vergessen, was du ihm und mir gethan hast. Laß mir nur diesen Gedanken nicht das Herz brechen: er sterbe als Mörder, weil sein Bruder ihn verwarf. Rette den Unglücklichen, ich will meinen Fluch zurücknehmen und dich segnend sterben. Eile schnell, das schwache Leben zittert nur noch in meinem bangen Herzen, ich will es fest halten, bis du zurückkommst und mir Nachricht von seiner Flucht bringst – dann will ich an der letzten, traurigen Freude sterben!« Abdallah zitterte beim Eintritt vor Vorwürfen und Verwünschungen; aber mächtiger als Vorwürfe und Verwünschungen wirkten die mit dem letzten Hauche des Lebens ausgesprochenen, kaum vernehmlichen Worte des milden, stehenden, sterbenden Vaters. Der Blick, der sie begleitete aus den verlöschenden, düster funkelnden Augen, aus denen der sich lösende Geist, nur noch von dem letzten Wunsche, der einzigen Hoffnung gefesselt, strahlte – der schwache Druck der erkalteten Hand, entschieden über Abdallahs Schicksal. Alles versank um ihn her, das Geschehene, das Zukünftige, das zu Befürchtende – Pflicht, Tugend, Vaterland verloschen – er drückte die kalte Hand an seine Lippen, netzte sie mit seinen herabrollenden Thränen und eilte davon, entschlossen, sich, Alles, den Gewinnst seines vergangenen und künftigen Lebens hinzugeben, kaum denkend des Zwecks seines Lebens. Der Abend war eingebrochen. Auf dem Wege nach dem Staatsgefängnisse fühlte er den Athem des Geistes an seinen Wangen: »Du eilst, Verblendeter, dein Schicksal zu entscheiden, deine Zwecke zu vernichten, deinen Fall zu befördern, Ebu Amru zu erheben, einen Verbrecher dem Gesetze zu entziehen, um ihn zu künftigen Freveln auszurüsten!« Abdallah.  Laß Ebu Amru steigen und mich fallen! Laß Alles geschehen! Näher dem Staatsgefängnisse vernahm er abermals den Geist: »Unsinniger! um die letzten unnützen Stunden eines Sterbenden zu erheitern, der morgen in Verwesung sinkt, vergißst du deine Pflicht.« Es ist mein Vater, seufzte Abdallah, dessen Segen allein mein Leiden lindern und heilen kann. Geist.  Soll der Mörder nicht büßen? Abdallah.  Das Bewußtsein eines Verbrechens folgt ihm. Geist.  Umsonst, sein Herz ist verhärtet, und du greifst gewaltsam durch die Gesetze, die ich gerächt habe. Du öffnest dem Verbrecher das Gefängniß, um ihm zu neuen schrecklichen Freveln Muth zu machen. Befreie ihn, und er wird unter Ebu Amru's Schutz, mit Elm Amru's Hülfe vollziehen, was ich dir geweissagt habe. Abdallah ächzte, und der Blick des sterbenden Vaters drang in sein Herz, und seine letzten Worte drangen in sein Herz und verdunkelten das Licht seines Herzens und seines Geistes. Als er in den Vorhof des Gefängnisses trat, vernahm er nochmals das Lispeln des Geistes: »Erfahre nun, was du gewinnst, wenn du deiner Neigung und nicht meiner Warnung folgest.« In der nämlichen Sekunde hörte Abdallah Getöse und Geschrei. Das Licht vieler Fackeln erleuchtete plötzlich den Vorhof. Die Wächter des Gefängnisses umringten, erkannten ihn und traten ehrerbietig zurück. Der Oberaufseher eilte hinzu und berichtete ihm: »Mansur sei entflohen, und er tröste sich in seinem großen Unglück, daß er sehe, die Flucht desselben sei ihm nicht fremd, da er sich selbst an diesem Ort befinde.« Abdallah floh betäubt zurück, eilte zu seinem Vater und rief ihm zu: »Dein Sohn Mansur war vor meiner Ankunft entflohen und ist gerettet!« Der Greis hob die starren Hände langsam empor, blickte gen Himmel, und der letzte glühende, zitternde Funke der Freude schimmerte in den schon brechenden Augen; dann sagte er zu Abdallah: »Nahe, mein Sohn, daß ich dich segne und den Fluch von deinem Haupte nehme, bevor ich sterbe. Du wirft nun nicht mehr ganz unglücklich werden können.« Er segnete ihn. Der schreckliche Gedanke, sein Vater segne ihn, weil er wähnte, er habe seinen mit Mord besteckten Bruder in Freiheit gesetzt und ihm nach der Weissagung des Geistes zu neuen Verbrechen den Weg geöffnet, schauderte, während des Segens des Alten, durch Abdallahs Herz. Er hörte ihn nicht, er glaubte nicht an die Wirkung des Segens des sterbenden Vaters. Das Loos der verblendeten, über ihr Dasein, Entstehen und Wirken unsichern, zweifelnden und immer forschenden Menschen drückte mit zermalmendem Gewichte auf ihn. Als der Greis ihn gesegnet hatte, horchte er erst auf das Nähere, und er sprach: »Abdallah, du sollst doch gesegnet bleiben, denn du wolltest ihn retten! Und gesegnet sei auch Der, der ihn gerettet hat!« Bald darauf versank der Greis in einen sanften Schlummer, Abdallah wachte an seinem Bette, empfahl ihn Morgens den Dienern und begab sich in seinen Palast. Der Ober-Kadi stattete ihm Bericht von der Flucht seines Bruders ab und setzte hinzu: »Sie war dir vor mir bekannt, da du dich selbst im Augenblick seiner Flucht in dem Vorhofe des Gefängnisses befandest!« Abdallah begab sich mit ihm zum Sultan und meldete die Flucht seines Bruders. Entrüstet fuhr ihn der Sultan an: »Mag der Mörder unstät irren und das Gewissen an seinem Herzen zehren, bis er sterbe! Aber daß du, Abdallah, deine Pflicht so weit vergessen hast, die Gesetze, deren Rächer du sein sollst, aus Liebe zu einem Bruder zu verletzen, den du doch zum Verbrechen gereizt hast, dies nebst der Rache der unbefriedigten Vergeltung lege ich zu meiner und meines Volkes Rechtfertigung deinem Gewissen heim. Trage die Blutschuld! Und was wirst du dem künftigen Verbrecher antworten, wenn er dich an diesen Fall erinnert?« Abdallah.  Ich habe die Flucht meines Bruders nicht befördert. Sultan.  Fand man dich nicht im Vorhofe des Gefängnisses? Ließ nicht der Oberaufseher von der Verfolgung des flüchtigen Verbrechers ab, da er dich erkannte und aus deiner Gegenwart sehr richtig schloß, nur der Mann, der mir an Macht der Nächste ist, könnte die Kette seines Gefangenen gelöst haben. Abdallah.  So scheint es. Sultan.  Und ist es nicht so? Abdallah.  Nein! Sultan.  Was führte dich nach dem Gefängniß? Abdallah.  Eben Das, dessen du mich beschuldigest; das ich zwar thun wollte, aber nicht gethan habe. Sultan.  Absicht und That – straft nicht beide das Gesetz? Dem Gesetze soll genug geschehen und Khaleds Blut versöhnt werden. Abdallah wollte nun dem Sultan die ganze Veranlassung des Geschehenen erklären, als er das leise Lispeln des Geistes vernahm: »Greife in deinen Gürtel über der rechten Hüfte, ziehe das beschriebene Blatt hervor und überreiche es dem Sultan.« Abdallah that es. Es war ein handschriftlicher Befehl des Sultans an den Ober-Kadi: Mansur heimlich entfliehen zu lassen, auszustreuen, er habe sich selbst gerettet, man wisse nicht wie, und über diesen Befehl bei Todesstrafe zu schweigen. Abdallah küßte das Blatt und überreichte es dem Sultan. Die Stirne des Sultans ward dunkeler, und er sprach: »Abdallah ist rein von der Ausführung der That, nicht von dem Willen, sie zu begehen, wie er selbst gestanden hat. Die Anklage mag fallen, das Gesetz mag schweigen. Könnte ich nur vergessen, daß ein Fall möglich war, in welchem Abdallah Pflicht und Gerechtigkeit verletzen konnte. Aber wie kommst du zu diesem Blatt?« Abdallah.  Es rechtfertigt mich von der That, mehr sollt' es nicht; laß dir dieses genug sein, Herr, und erlaube mir, mich zu entfernen, die Augen meines Vaters zu schließen und seine Leiche der Erde zu geben. Der Sultan hatte wirklich diesen Befehl an den Ober-Kadi gesandt; denn Ebu Amru stellte ihm Abdallahs Neid so lange als die Ursache des Verbrechens Mansurs vor, bis er sein Mitleid für den Mörder rege machte. Sobald er diese Wirkung wahrnahm, malte er ihm das bevorstehende, alle Herzen empörende Elend des Vaters vor, da gewiß Abdallah seinen Bruder der Rache der Gesetze hingeben und in der Verdammung desselben einen Ruhm, nach Pflicht und Recht zu handeln, suchen würde, wovor die Menschheit erbeben müßte. Um Abdallah ein noch größres gesetzliches Verbrechen zu ersparen, setzte er hinzu, müßte der Sultan die Tafeln des Vergeltungsgesetzes in diesem Falle verhüllen. Als nun der Sultan die Gegenwart Abdallahs in dem Gefängnisse nebst der Deutung derselben vernahm, so wollte er die Gelegenheit nutzen, ihn dadurch zu verwirren und zu demüthigen, daß er ihn zu einem Geständnisse zwänge: er habe hier seine Pflicht der Neigung aufgeopfert. Diesmal hoffte er gewiß das Vergnügen zu genießen, dem Mann einen gegründeten Vorwurf machen zu können, der sich bisher gegen Alle decken konnte. Da sich aber nun das Spiel gegen ihn selbst wandte, so fühlte er sich durch das Mißlingen seiner Absicht um so mehr beleidigt, und sein Herz, das die Junge Ebu Amru's schon lange vergiftet hatte, machte Abdallah den vermeinten Sieg über ihn zu einem größern Verbrechen, als die That, der er ihn überführen wollte, vor seinen Augen gewesen war. In diesem finstern Augenblick entschied er in seinem Geiste: Ebu Amru zum Kanzler zu machen, und sei es auch bloß darum, den Stolz Abdallahs zu demüthigen. Sieh, Herr der Gläubigen, so handelt selbst der sonst gerechte Herrscher, wenn er einmal dem gefährlichen Beschwörer sein Ohr geöffnet hat. Dieser spielt dann so lange auf der Saite seiner Schwäche, bis er ihn in dem Netze seiner eignen Thorheit verstrickt hat, das er mit eignen Händen weben mußte. Der Ober-Kadi, welcher des Sultans Fragen nicht zu beantworten wußte, wurde aus Verdacht, er habe Abdallah den Befehl des Sultans überliefert, in Mansurs Gefängniß geworfen. Khalife.  Ich fürchte für diesen guten Abdallah, er steht zwischen zwei gleich gefährlichen Wesen; doch scheint mir der Mensch Ebu Amru noch weit gefährlicher, als der frostige Geist. Gott helfe ihm und bewahre mein Ohr vor dem Gifte des Beschwörers und lasse mich, wenn er lispelt, so taub wie mein treuer Masul sein! Wahrlich wir wollen die Tobten zum Leben auferwecken, und wir wollen die Werke niederschreiben, die sie vor sich her gesandt haben, und die Fußtapfen, die sie hinter sich gelassen haben.« Ich hoffe, dein Abdallah wird sich in seiner Lage dieser Worte erinnert und in ihnen Trost gefunden haben. – Friede sei mit dir und euch. Achter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: Indessen Abdallah bei der Leiche seines Vaters trauerte und sie der Erde übergab, ward Ebu Amru von dem Sultan in den Divan als Kanzler eingefühlt. Mit Kühnheit, Gewandtheit und rascher, schonungsloser Thätigkeit trat er seine Geschäfte an. Er verstand die Kunst, sich und dem Sultan Alles leicht zu machen und jedes Ding so zu drehen, daß es das Werk des Herrn und nicht das seinige zu sein schien. Eben so leicht gelang es ihm, den Sultan zu überzeugen, daß er nun erst wirklich regiere und den Ruhm genöße, dessen ihn bisher so frevelhaft beraubt hätte. Gleichwohl bemerkte Ebu Amru, daß tiefe Achtung, Mitleid und Erinnerung der jugendlichen Verbindung, des schönen, ruhig genossenen Glücks der blühenden Jahre noch immer zur Gunst Abdallahs in dem Herzen des Sultans sprachen; daß er sogar in seinem Mißbehagen über ihn fühlte, er handelte nicht gerecht. Darum fürchtete Ebu Amru, wenn Abdallah von seinem Stolze und Starrsinn, denen er sein Betragen allein zuschrieb, nur etwas nachließe und dem Sultan mit Zutrauen und frohem Sinn nahte, könnte er sehr leicht das lockere Band der alten Freundschaft wiederum fester knüpfen. Er verließ sich indessen auf die Macht, welche ihm seine Stelle verlieh und wodurch Abdallahs Macht beschränkt ward, auf Abdallahs allzu strenge Tugend, die das Mißbehagen des Sultans mehr reizen als besänftigen mußte, auf die düstre Stimmung, welche ihm das Unglück seines Hauses eingeflößt zu haben schien, und vorzüglich auf seinen eigenen Einfluß auf den Sultan. Bald fand er Gelegenheit, alle diese Hülfsmittel auf einmal in Bewegung zu setzen, denn der Sultan trug ihm das Gericht über den Ober-Kadi auf. Abdallah vernahm Ebu Amru's Erhebung zum Kanzler, die ihn mit demselben in einen unaufhörlichen Kampf setzen mußte, mit dem tiefsten Kummer. Großvizir.  Ich glaube es wohl, dein Geist hat uns ja gesagt, warum. Ben Hafi.  Und gleichwohl fühlte er diesen Kummer mehr um des Sultans, als um seinetwillen. Denn da ihm der Geist auch die obige geheime Veranlassung zu Ebu Amru's Erhebung zutrug, so sah er nach seinen jetzt gespannten Sinnen den Sultan noch viel tiefer gesunken, als er es vielleicht wirklich war. Dies kam daher, daß er sich von der Einbildung noch nicht heilen konnte, in dem Sultan einen Freund zu sehen und zu lieben, sich noch immer mit ihm in einem Verhältnisse zu träumen oder zu denken, wovon man wohl aus der alten Vorwelt einige Beispiele hat, die aber weder Sultane noch Vizire gegeben haben. Von dieser Einbildung konnte ihn weder sein langer Aufenthalt am Hofe, das letzte falsche, hämische und tückische Betragen und Benehmen des Sultans in Ansehung der Flucht seines Bruders, noch die Erfahrung heilen, die wir ihn machen sahen und machen sehen werden. Er rechnete also mit dem Sultan bloß nach seinem eigenen Herzen in diesem idealistischen Sinn ab und vergaß ganz die Lage, in welcher er sich nothwendig von dem Augenblick an gegen ihn befand und befinden mußte, da ihm dieser nur den Herrn und Herrscher zeigte. Schuldlos, Beherrscher der Kinder des Apostels, wenn du ihm seine Verbindung mit jenem frostigen Wesen nicht zum Vorwurf machst und dabei mehr auf seine irrigen und doch edlen Absichten siehst, stand nun Abdallah, durch das Verbrechen seines Bruders, den Tod seines Vaters, die Kälte des Sultans vor den Augen der Hofleute und seines Herrn als ein zu fürchtender Gegenstand verhaßten Unglücks da. Man sorgte dafür, daß sich dieses düstre Vorurtheil immer mehr unter dem Volke verbreitete. Und das Volk, das empfangene Wohlthaten so schnell vergißt, weil es sie, wie dein Großvizir zum Verwahrungsmittel dagegen sagt, nur als einen Vertrag zu neuen Wohlthaten ansieht, sah Abdallah bald als einen Mann an, der es unmöglich gut mit ihm meinen könnte, da er es mit seinen eignen Nächsten so schlimm meinte, daß er lieber seinen Bruder zum Morde reizte und seinen Vater ins Grab stürzte, als Das erfüllte, was doch Pflicht, Achtung und Neigung unbedingt für sein Haus von ihm forderten. Diese Vorurtheile gegen ihn wurden durch seine Untätigkeit noch mehr und schneller bestärkt. Abdallah befand sich nun in der Lage, in welcher man, ohne es zu merken, von Mißmuth zur Bitterkeit, von Bitterkeit zum Stolze, vom Stolze zur kalten Gleichgültigkeit, von der kalten Gleichgültigkeit zur Selbstsucht und von der Selbstsucht zur Verachtung und Geringschätzung der Menschen, seines und ihres Werths, seiner und ihrer Bestimmung übergeht. Ein Uebergang, der bei Menschen, die in der Luft des Hofes leben, wo man bald überkühlt, bald überhitzt wird, so leicht geschieht, als er sie wenig kostet. Da aber Abdallah das gefährliche Gift der spekulativen Philosophie nie gekostet und sich dem Kitzel des Forschens über unbegreifliche Dinge nie überlassen hatte, so siegte er, trotz allen Vorspiegelungen des Geistes, trotz den Neigungen, die seine durch das gefahrdrohende Glück Ebu Amru's noch mehr gereizten Leidenschaften seinem Herzen unaufhörlich aufdrangen, über diese finstren Dämonen. Aber alle seine Thätigkeit, ja selbst der Trieb dazu, mußte ihm zu Marter werden. Jede That, die sein Geist entwarf, jeden Wunsch, den sein Herz schuf, jede Aeußerung des Willens, dieses oder jenes zu unternehmen oder auszuführen, zernichtete und zerblies der kalte Athem seines unermüdeten Verfolgers durch die Aufzählung ihrer widrigen Folgen. Er tödtete selbst den Genuß seiner Sinne, da er die Täuschung vor ihnen wegzog und von jedem Gegenstande die anlockenden Farben abstreifte, die unsern Blick und durch den Blick unsre Phantasie und unser Herz anziehen. Streckte Abdallah seine Hand zu einer wohlthätigen Handlung aus, so lähmte sie der Geist durch die trockene und schneidende Zergliederung des Bedürftigen. Unternahm er Geschäfte, wollte er etwas in dem Divan oder dem Sultan allein vortragen, so lispelte er ihm die Folgen zu, und da nun Menschen nichts unternehmen können, dessen Erfolg nicht zweideutig sei; oder da das Beste selten ohne Mischung und ohne seinen nachhinkenden Begleiter, das Schlimme oder Böse, geschehen kann, und wir nun einmal glücklicher Weise keinen warnenden Geist zur Seite haben, noch haben sollen, als den, welchen uns der Erhabene zum Wächter in das Herz gesetzt hat, so mußte Abdallah, der sich an diesem sichern Warner allein, nicht genügen ließ, zu der furchtsamen, düstern Unthätigkeit herabsinken, zu welcher vermuthlich Jeder von uns herabsinken würde, der die fernen und nahen Folgen seiner Handlungen vor Augen sähe. Herr der Gläubigen, die Folgen jeder That sind vermischt und außer unsrer Macht. Nur der reine Zweck, die lautere Absicht, die innre Stimmung des Handelnden, die durch das Herz gefühlte, durch den Verstand geleitete Anerkennung des Guten drücken dem Werthe unsers Wirkens oder Nichtwirkens das Siegel auf. Den Erfolg müssen wir der ewigen Anordnung unbedingt überlassen, die unserm Geiste immer dunkler wird, je mehr wir Erfahrung machen und über das Erfahrne nachsinnen. In Abdallah verlosch zwar, durch den Einfluß seines frostigen Warners, der ihn einst oft blendende und irre führende Enthusiasmus; aber dafür schwebte er nun zwischen dem unablässigen Drange seines Herzens, zu wirken, seinem noch immer lockenden, glänzenden Zwecke, und der Furcht der unvermeidlichen, vorhergesagten Folge jeder That, deren Gewißheit ihm alles Geschehene schaudernd bewies. Sein Dasein ward ihm zur Qual; die Erscheinungen des Geistes, dem er nicht entfliehen konnte, tödteten die Kraft seines Herzens und verdunkelten sein innres Licht. Flehend bat er ihn, er möge von ihm lassen. Der kalte Düstre erwiederte: »Fliehe – durchwandre den ganzen Erdboden: wo du gehest, wo du weilest, wo du dein müdes Haupt zur Ruhe niederlegest, überall ist des mächtigen Schicksals Herberge!« Khalife.  Und ich sage euch, diese Erde ist nichts anders für uns. Gott spricht: »Nichts geschieht euch auf Erden, was nicht aufgezeichnet ist in dem Buche unsrer Rathschlüsse, bevor wir die Erde und euch geschaffen haben. Es ist aufgezeichnet, wenn ihr jammert über das Gute, das euch entging, und euch freut über das Gute, das euch zu Theil ward. Das Leben gleichet dem Wasser, das wir von dem Himmel senden. Das Gras der Erde ist damit gemischet, und nachdem es grün war und blühte, wird es zu Stoppeln, die der Wind wegweht. Reichthum und Kinder sind Zierden des Lebens, aber gute Werke sind durch ihre Dauer besser vor dem Auge des Herrn, ersprießlicher in Rücksicht auf Belohnung und Hoffnung.« Ben Hafi.  So ist es, Herr!« Der Geist antwortete Abdallah kalt: Das Schicksal mag dich zerschlagen oder heilen, was kümmert es mich? Mich knüpft nun einmal die Notwendigkeit an dich, ich kann ihr Joch nicht von deinem, nicht von meinem Nacken lösen, das du mir und dir aufgelegt hast, da du mich aus meiner düstern Wohnung riefest. Du hast mich dir verpflichtet, dich vor aller Täuschung deiner Sinne, der Menschen, die dich umgeben, durch die du wirken mußt, zu bewahren: dir die Früchte deines Wirkens in dem Augenblick, da du den Samen dazu auswirfst, reif zu zeigen: was liegt nun mir daran, ob du dadurch leidest, dahin sinkest, oder dich empor schwingest! Du bist mir nichts, kannst mir nie durch einen Punkt deines Seins etwas werden, und ich kann dir nie etwas anders sein und werden, als ich dir nun sein muß. An dir liegt es, zu handeln wie du willst, deinem Zwecke nachzujagen, oder ihn fahren zu lassen, und in dem Geiste zu wirken, der die Sterblichen um dich her forttreibt und sie nach der Neigung ihrer Begierden immer vorwärts stößt. Werde eine glänzende augenblickliche Erscheinung oder ein Wirbel in dem wilden Chaos der Welt, die ihr die moralische nennt, wie Jeder es sein muß, der darin gefangen oder eingeschlossen ist. Streite mit eben den Waffen, mit welchen man dich bekämpfet, versinke in nichts, oder schmachte hin in der Qual deines Herzens; in mir hast du nur einen kalten Zuschauer. Ich rechne weder auf deinen Dank, noch auf deine Liebe, noch auf deine Achtung, ich bedarf ihrer nicht, Wie ihrer der Sohn des Staubes bedarf, und sehe in deine mit Thränen gefüllten Augen, wie auf deine entzückten Blicke der täuschenden Freude, ohne daß mich jene rühren, oder diese ergötzen. Jetzt erst empfand Abdallah die schrecklichen Folgen des Bundes, den er mit diesem fühllosen, mit ihm durch nichts verwandten Wesen eingegangen war, den zu zerreißen er kein Mittel vor sich sah. Der schöne Zweck seines Lebens verschwand durch eben die Verbindung, welche ihn nach seinen Träumen sichern sollte. Er fühlte sich vor dem rastlosen Verfolger wie ein aufgejagtes Wild, dessen Spur der gierige Jäger verfolgt, dem er weder Ruhe noch Athemholen verstattet, bis er seine Lebenskräfte ganz erschöpft hat. In melancholischer Düsternheit wanderte er herum, und während er bei jedem Schritte zagte, bei jeder That bebte, bei jedem Schritte zur That das kalte, tödtende Flüstern des Geistes an seinen Wangen fühlte, ging Ebu Amru in den Geschäften kühn vorwärts. Alles gelang ihm, denn er that das Böse ohne Furcht, Scheu und Schonung, das Gute ohne Wahl und Vorliebe und nur darum, weil es der Fall so mit sich brachte und vertrug. Diese Art zu handeln mußte Ebu Amru nun natürlich zu einem der Vizire machen, wie wir sie täglich vor uns sehen und deren eifriger Lobredner der deinige ist. Großvizir.  Giuzurat wird unter ihm darum nicht schlechter fahren. Khalife.  Woran ich noch zweifle, Vizir! Ich sehe nun ganz deutlich, wo Ben Hafi mit seinem Abdallah hinaus will, und hätte sich der Unglückliche mit diesem frostigen Wesen nicht eingelassen, so wäre er der Mann, dessen ich bedarf. Könnte er sich von diesem lästigen Gesellschafter noch befreien, du solltest ihn mir aufsuchen, so wenig dir auch dieses Geschäft, aus gewissen Ursachen, gefallen möchte. Großvizir.  Herr, Alles was du mir aufzutragen geruhest, gefällt mir, und ich würde mich zur Stelle aufmachen, diesen seltenen Mann aufzusuchen, wenn er anderswo als in einem langweiligen Märchen zu finden wäre. Khalife.  Langweilig oder nicht, sinnreich bleibt es immer, und ich glaube daran. Dir kann es leicht aus Gründen, die du wohl verschweigen wirst, langweiliger vorkommen als mir. So viel scheint mir aber ausgemacht: das Märchen ist wahr, denn es ist viel zu ernsthaft für eine dichterische Lüge, und überdem sind die Umstände darin so wahrscheinlich, besonders diejenigen, die sich am Hofe ereignen und ferner, wie ich voraussehe, ereignen werden, daß man deine Gründe haben muß, um daran zu zweifeln. Ich, der ich den Glauben für das Beste halte, was Gott den Menschen gegeben hat, nehme, was ich erzählen höre, gerne für Wahrheit an, so bald es nur das Glück hat, mich zu rühren oder zu ergötzen, und kann dieses Ben Hafi hervorbringen, so fahre er nur getrost fort. Ben Hafi.  In dem Maße Abdallah nun zur Unthätigkeit heruntersank, riß Ebu Amru alle Macht an sich, und Abdallah war nur noch Großvizir dem Namen nach. Großvizir.  Wer wird sich darüber wundern: ich wahrlich nicht. Ben Hafi.  Dem Sultan mußte er darum bald als ein unglücklicher Träumer vorkommen; wenigstens als ein Mann, der sich von ihm beleidigt glaubte, ihm trotzte, ihm vielleicht gar darum zu trotzen wagte, daß er den thätigen Ebu Amru zum Kanzler erhoben hatte. Je tiefer also Abdallah sank, je höher mußte Ebu Amru steigen, und Ebu Amru, der den Sultan aus seinen eigenen Empfindungen das Netz weben ließ, worin er ihn und Gjuzurat fangen wollte, wußte diese Gefühle mit aller Klugheit zu benutzen. Khalife.  Guter Ben Hafi, du berührst hier eigentlich, vielleicht ohne daran zu denken, unsre ärgste Thorheit und die Quelle unsers Unglücks. Wahrlich, dein Vorwurf würde ganz unerträglich sein, wenn er die Menschen, die uns umgeben und denen wir trauen müssen, nicht noch viel mehr als uns selbst träfe. Darum sage so viel Böses von uns, als du willst, du machst immer mehr die Satire der Menschen überhaupt, als die unsre. Ben Hafi.  Leider, Herr; doch habe ich diese Absicht nicht. Khalife.  Und hatte ein Mann von meinem Herzen diesen Trost nicht, was bliebe ihm übrig, als von dem Throne herunterzusteigen, in die Zelle eines Derwisches zu kriechen und da in Einsamkeit Gott zu bitten, daß er ihm die verlebten Tage vergessen möchte. O Herr! Verleihe mir Weisheit! Mein Name stehe unter den Namen der Gerechten! Gewahre, daß die spätesten Nachkommen mit Ehre von mir sprechen!« Ben Hafi.  Abdallah saß einsam unter den dichten Bäumen seines Gartens und sann, eingewiegt von dem leisen Lispeln in ihren Wipfeln und dem sanften melodischen Rauschen eines nahen Baches, über sein Schicksal nach. Die Sonne war im Sinken, und die nahende Dämmerung umzog nach und nach alle Gegenstände um ihn her mit der Farbe seiner Seele. Sein Nachsinnen war mehr sanftwehmüthig als herbe und quälend. Plötzlich stand der Geist vor ihm, und sein marterndes Weh erwachte. Geist.  Erschrick, bebe, zürne oder freue dich über meinen Anblick, du mußt mich ertragen, wie ich dich ertragen muß, dein und mein unerbittlicher Meister gebietet mir und dir und treibt mich jetzt hierher. Während du hier träumest, seufzest und in feiger Unthätigkeit deine Kraft aufzehrest, bereitet Ebu Amru den Schlag, der dich mit allen deinen schönen Träumen, deinen stolzen, glänzenden Zwecken noch heute zerschmettern soll. Er sah zum letzten Mal über den Ober-Kadi, dem ich des Sultans Befehl zu deiner Rettung entwandte, zu Gerichte. Dieser Mann soll sterben, weil er sich mit nichts als Leugnen gegen die Anklage rechtfertigen kann: ich habe dir jenes Blatt überliefert. In der Todesangst beruft er sich auf dich, und sein Leben und sein Tod stehen in deiner Gewalt. Was wirst du thun? Abdallah.  Wie, zweifelst du an Dem, was ich thun werde, da du doch sagst, du läsest in meinem Herzen? Glaubest du, ich würde den Unschuldigen um meinetwillen fallen lassen? Geist.  Mir ist es gleich, er lebe oder sterbe. Sage du nur laut, was ich in deinem Herzen lese, denn das ausgesprochene Wort allein bindet den trugvollen Menschen. Abdallah.  Wenn ich ihn nicht anders retten kann, so werde ich sagen, wie ich zu diesem Blatt gekommen bin. Geist.  Und dadurch deine Verbindung mit mir offenbaren? Abdallah.  Dieses werde ich thun, wenn es sein muß. Geist.  Thue es immer; doch vergiß nicht, daß ich dich vor den Folgen warnte. Abdallah.  In diesem Augenblicke fühle ich noch schrecklicher die Thorheit, mich mit dir verbunden zu haben. Geist.  Dies ist deine, nicht meine Sache; ich drang mich dir nicht auf. Abdallah.  Kann ich dadurch den Unschuldigen retten? Geist.  Du kannst es und nur dadurch. Abdallah.  So folge ich meiner Neigung einmal wieder und ohne Furcht. Geist.  Thue es nur und laß es dich schneller an die Klippe der Verzweiflung treiben. Die Errettung dieses Unschuldigen wird die Wage deines Elends nicht erleichtern. Sprich noch einmal dieses Wort und werde dann Allen ein Gegenstand der Furcht und des Abscheues, wie du es schon des drohenden Unglücks bist. Abdallah.  Dies verdanke ich dir, und seitdem ich dieses weiß, bin ich auf das Aergste vorbereitet. Nur einen Wunsch habe ich noch – dich nicht mehr sehen. Geist.  Dessen Erfüllung von mir und dir nicht mehr abhängt. Ich verliere und gewinne übrigens hierbei nichts. Schwebe ich unter den Menschen, so höre ich Seufzen, Wehklagen, Jammergeschrei und die achtlose Zufriedenheit Derer, die es veranlassen. Ich sehe den Wahnsinn sich drehen in blendenden Farben, das Lächeln grundloser Freude und die Thränen unnützer Traurigkeit. Ueber meiner düstern Insel sausen und kämpfen bald rasende Winde; bald umhüllt sie finsterer Nebel, durch den die Sonne nur zittert, mit der dicken Finsternis; streitend. Siegt sie, so durchglüht sie die Sümpfe; feurige, schwere Dämpfe steigen empor – dann rasselt der Hagel, dann heulet der Donner, dann brauset und toset das Meer, und ich bin in den Wellen des Meers, dem Wirbeln des Nebels, dem Sausen des Windes, dem Heulen des Donners und labe mich in den kalten Strahlen des Mondes, der nach den Stürmen hervortritt und sich in den brechenden Wellen der Fluthen spiegelt. Sage, ist dieses euer Stöhnen, euer Seufzen, euer Winseln, euer theuer erkauftes Lachen nicht werth? Und wie lange glaubst du, daß ich mich dort deiner erinnern werde? Abdallah.  O, daß ich mich deiner erinnern muß! Du, du hast mich um Alles gebracht, nur durch dich bin ich ein Gegenstand des Elends, des Hasses, der Verachtung geworden. Geist.  Du sprichst, wie ich an den Menschen gewohnt bin, und Salomo, trotz seiner unter euch berühmten Weisheit, machte es nicht besser; doch du magst immer reden, ich muß es hören. Abdallah.  Alles Dieses wollte ich ertragen und besiegen, könnte ich nur der Qual entfliehen, dich Fürchterlichen zu sehen, der du mir immer diese einzige, kalte, fühl- und trostlose Larve der Schönheit zeigest. Verlaß, verlaß mich, oder laß menschliches Gefühl in diesen erhabenen Zügen lebendig werden – gaukle mir wenigstens vor, was du nicht bist, damit ich deinen Anblick ertragen kann! Geist.  Der Mensch spricht Unsinn und erröthet nicht, spricht Lügen und erblasset nicht, dieses hat er vor dem Thier voraus. Ich sollte dich mit Täuschung betrügen; ich, den du gerufen und gedungen hast, dich vor jeder Täuschung zu bewahren und zu warnen? Abdallah.  Spreche ich Unsinn, so beweist dir der Unsinn selbst mein Elend. Verlaß mich! Zu deinen Füßen wollte ich dich mit meinen heißen Thränen darum bitten, wenn Flehen und Thränen auf dich wirken könnten. O, ich wollte dich so lange anflehen, bis ich dich erweicht hätte, wenn ich in deinem Gesicht nur eine Spur entdeckte, in welche der Mensch sich flüchten könnte. Geist.  Mein Angesicht ist licht und schön, wie der schimmernde Mond und eben so kalt für dich. Meine mir Verwandten gefallen sich darin, wie der von Eitelkeit verblendete Sterbliche in dem Spiegel. Kann ich dafür, daß es nicht für deinen Genuß geschaffen ward? Dein Reden, dein Klagen, dein Bitten sind vergebens. Ich bin auf Befehl meines mächtigen Meisters deine Sklave – und fühle, was ich sage, Mensch: du bist mein Herr, so lange er es gebietet. Du hast die unauflöslichen Ketten selbst geschmiedet, ich muß dir folgen, dir gehorchen, dich umschweben, wie der Tod, der sich zu Jedem von euch von dem Augenblicke des Eintritts ins Leben gestellt. Ich bin um dich, bis sich dein Schicksal entwickelt. Abdallah.  Wann endet es? Wie endet es? Geist.  Ich habe das letzte Blatt nicht gelesen – dein Herz soll vielleicht den Inhalt bestimmen. Fühlst du dein Glück nicht? Wie, wenn ich auch dieses dir vorzeigen könnte? Abdallah.  Stunde des Elends und der Qual, in welcher ich dich rief, begeistert von dem trugvollen, täuschenden Traume: der Blick in das Herz der Menschen, das Voraussehen der Folgen ihres und meines Wirkens, sichre meine Tugend! – Grausamer, mit dem ich allein von meinem Elende reden kann, sei nur der Theilnahme, des Mitleids fähig, und ich bin weniger unglücklich. Geist.  Und was bist du mir? Was ist mir dein Elend? Was dein Glück? Deine Worte sind mir Schall, dein Seufzen Hauch, deine Thränen Wasser, dein Unglück die alte Fabel, die ich immer wiederholt höre und sehe, wenn mich die Uebermacht unter die Menschen treibt. Warum wolltest du zwei widersprechende, sich wechselseitig zerstörende Dinge vereinigen: die Begeisterung zu edeln Thaten und den ihre Wirkung berechnenden, kalten Verstand? Warum wolltest du gegen die ewige Anordnung kämpfen und auf einem Felde nur Gutes ernten, worauf des Samens zum Bösen so viel ausgesäet ward? Doch was wirst du thun? Der Bote des Sultans an dich ist schon auf dem Wege. Abdallah.  Weiß ich es? Bin ich? Meine Thätigkeit ist erstorben, deine Erscheinungen und deine Vorspiegelungen haben sie vertilgt. Ich gleiche nun dem Manne, dessen Verstand durch Aufklärung und Erfahrung so ausgebildet ist, daß er jeden zu Zeiten erwachenden Reiz seines Herzens zu einer guten, uneigennützigen That durch einen klugen und gegründeten Einspruch niederschlägt. Dem Geizigen gleiche ich, der bei dem Anblick des Elenden Thränen weint, während er das Gold in seinem Gürtel mit krampfigten Fingern fester zusammendrückt. Geist.  Glaubst du, daß du darum schlimmer daran bist. Abdallah.  Ich weiß nur, daß ich höchst elend bin, daß ich es durch dich bin. Du hast mir Alles genommen; meine Ruhe, meine Tugend, meine schönen Hoffnungen, den Gewinn meines Lebens, meine schönen Träume. – Geist.  Du wolltest nicht mehr träumen und vergaßt vielleicht damals, daß eben von diesem Träumen alles Das abhing, dessen Verlust du nun betrauerst. Abdallah.  Schrecklich, wenn dieses Wahrheit wäre! Geist.  Mensch! Warum nun schrecklich, wenn es Wahrheit ist? Du solltest früher deine Kraft geprüft haben, ob du sie nackend sehen könntest. Gereicht es mir zum Vorwurf, daß du die Wahrheit, die ich dir zeigen und sagen muß, nicht ertragen kannst? Abdallah.  Wer kann sie von diesen Lippen ertragen, ohne Licht und Wärme! Geist.  So wolltest du Das, was eure Kraft, eure Genüsse, eure Phantasie und Einbildungskraft tödtet, was euch auftrocknet, so bald es euch vor die Augen tritt. Die Wahrheit, Thor, ist ein nacktes, hagres, trocknes, zermalmendes, Alles in seinen Ursprung und Ende zerlegendes und auflösendes Gespenst, ohne Licht und Wärme. Wirft das Licht nicht Schatten? Täuscht die Wärme nicht die Sinne? Der Sterbliche, der dieses Gespenst einmal sieht, hört auf es zu sein, oder es ergeht ihm wie dir. Der Bote des Sultans naht; noch einmal, was willst du thun? Abdallah.  Zu seinem Herzen reden. Du nahmst mir Alles; doch das Gefühl unsrer jugendlichen Verbindung, der seligen Stunden, die wir zusammen lebten, die Erinnerung Dessen, was ich mit ihm und für ihn gethan habe, konntest du mir und ihm nicht nehmen. Geist.  Könnte ich lächeln, so würde ich's nun thun. Geh und erprobe es. Dein Schicksal hier entwickelt sich heute – noch in dieser Stunde. Abdallah.  Befreit es mich von dir, so treffe es immer mein Haupt. Geist.  Der Erdboden, seine Tiefe, die Höhe der darauf fest gewurzelten Gebirge, das Meer, das ihn umschließt, verbergen dich nicht vor mir. So lange du fühlst und bist, umschwebe ich dich, bis mich mein mächtiger Meister abruft. Der Bote des Sultans erschien und forderte Abdallah auf. Der Sultan empfing ihn mit gebieterischem Ernste, den aber Abdallahs freundlich trauriger Blick und sanftes Betragen bald milderten. Sultan.  Abdallah, es war eine Zeit, in welcher ich nicht benöthigt war, dich zur Rechtfertigung eines Unschuldigen aufzurufen. Warum schmachtet der Ober-Kadi in Ketten durch deine Schuld? Warum verschweigest du ein Geheimniß, von dem das Leben und der Tod dieses Mannes abhängt? Sage: er habe dir meinen Befehl überliefert: er stirbt, und du bist gerechtfertigt. Kannst du dieses sagen? Abdallah.  Nein, Herr, und ich schwöre dir, bei deinem Leben, bei der Freundschaft, die uns einst verband, der Mann ist unschuldig. Dein Befehl kam ihm aus den Händen, er weiß nicht wie, und keine Vorsicht hätte ihn vor dem Verlust desselben sichern können. Sultan. . Und wie bist du dazu gekommen? Abdallah.  Wenn ich dir noch einer Wohlthat würdig scheine, so laß sie darin bestehen, daß du meinem traurigen Herzen ein Geheimniß überlassest, dessen Enthüllung nichts nützen und vielleicht Vieles schaden kann. Sultan. . Wem kann es schaden? Abdallah.  Mir, vielleicht auch dir – könnte es dir nicht schaden, würde ich dir es nicht längst enthüllt haben? Sultan. . Der Rücksicht auf mich entlass' ich dich, ich fürchte nichts; weder Zweideutigkeit noch Dunkelheit begleiten meine Handlungen. Ich gehe noch immer den geraden Weg, den wir einst zusammen gingen, und den du nun verlassen zu haben scheinst. Die eigennützige Rücksicht auf dich selbst bezahlt der Unglückliche mit seinem Leben, und wenn ich ihm das Loos des Todes zuwerfe, so schütte ich sein Blut auf dein Haupt und entsündige mein Volk. Abdallah.  Vermag ich hier gar nichts mehr? Kann die Erinnerung des Vergangenen nicht mehr so viel Zutrauen zu mir erwecken? Sultan. . Wo ist das deine? Können dein tiefes Schweigen, dein verschloßnes Wesen, deine Vernachlässigungen, deine unbegreifliche Unthätigkeit, dein Zurückziehen mein Zutrauen Wohl reizen? Ist der Mann mein Freund, wagt er sich so zu nennen, der ein Geheimniß verschweigen kann, bei dessen Enthüllung er nichts zu fürchten hat, wodurch er das Leben eines Unglücklichen retten kann? Und wenn du für dich wagest, wenn du dieses unglückliche Blatt durch ein Mittel erhalten hast, das deinem vorigen Leben und Thun widerspricht, so bist du durch dein Schweigen zwiefach strafbar. Und du schweigest noch? Abdallah! Du bist der Mann nicht mehr, den ich in dir liebte, du warst nie der, den ich in dir liebte. Abdallah.  Ich war es und bin es, und darum schweige ich und schweige, weil düstre Ahnung meine Zunge fesselt. Sultan. . Ausflüchte, welche List oder Schwäche ersinnen. Beweise mir, daß du Der bist, der du warst, den ich in dir liebte? Abdallah.  Wenn dir dein eignes Herz nicht sagt, wenn mein vergangenes Wirken und Leben, wenn Das, was diesen Augenblick aus meiner Stimme zu dir spricht, dir es nicht beweisen, womit konnte ich es? Haben diese Beweise ihre Kraft verloren, so kann ihnen die Aufzählung derselben keine mehr verleihen. Ich halte sie zurück, und kann einst mein Herz zur Ruhe kommen, so kann es nur durch sie geschehen. Noch schweige ich, Herr, und ertrage deinen Unwillen, deinen mir so schrecklichen Haß, selbst mein Unglück, bis es mich erdrückt. Ich kann dir und mir nichts mehr sein: alle meine Thätigkeit, selbst der Wille dazu ist in mir erstorben. Laß mich nach diesem Geständniß, mit der Erfüllung eines einzigen Wunsches in die Einsamkeit ziehen. Gib diesem Unschuldigen die Freiheit und deine Gnade wieder und erlaube mir, ein Geheimniß zu verschweigen, das mich an dir rächt, wenn du Rache an mir wünschest. Sultan. . So ziehe mit dem Gedanken in deine Einsamkeit, daß mir durch dein jetziges Betragen deine Tugend, deine ehemalige Tugend selbst verdächtig ist – ziehe hin, und der Ober-Kadi sterbe. Abdallah.  Ich verliere Alles – gebe Alles hin – Nimm nur dies Wort – dies letzte Wort zurück! Sultan.  Nimmer! Von diesem Augenblicke an fühle, daß du nur vor deinem Herrn und Richter stehest. Abdallah.  Herr, es ist die furchtbarste, qualvollste Stunde, die ich lebte. Sultan.  Wer gab Anlaß dazu? Fragt der Richter darnach, was der Schuldige leidet? Er sucht die Wahrheit an den Tag zu bringen, und sollte auch das Herz des Angeklagten darüber brechen. Abdallah.  Schicksal, dem ich unterliege, laß dich erstehen und die widrige Wirkung eines Geheimnisses, das ich enthüllen muß, einen Unschuldigen zu retten, nur mich allein treffen! Du befiehlst, so höre! Hier entwickelte Abdallah dem Sultan seine Verbindung mit dem Geiste, nebst den Bewegungsgründen dazu; und eben wollte er ihm die Folgen derselben, alle Vorfälle, die sich zugetragen, nebst den Weissagungen des Geistes ohne allen Rückhalt mittheilen, als der Sultan, der ihm mit Verwunderung, Erstaunen, Verwirrung und Angst zuhörte, rasch und schreiend rief, indem er sich von ihm entfernte: »War es dasselbe furchtbare Wesen, das mit Bogen und Pfeil bewaffnet, drohend vor meinen Thron trat und den verborgenen Mörder Khaleds offenbarte?« Abdallah.  Er war es. Zweideutige Gefühle, plagende Zweifel, Schrecken und Furcht, Mißtrauen über den Mann, der ihm erst jetzt ein solches unerwartetes Geheimniß mittheilte, wechselten in dem Herzen des Sultans. Er zog sich noch weiter von ihm zurück und rief abermals: »Abdallah! Und eine solche gefährliche Verbindung konntest du ohne mein Wissen eingehen – an meiner Seite in der Gesellschaft eines Wesens leben, bei dessen Erinnerung mein Herz erstarrt? Und du nanntest dich meinen Freund?« – Abdallah.  Verwirf mich, verabscheue mich, nur höre, was dir nützen kann. Sultan.  Weg mit allen diesen gefährlichen Gaukeleien, die mich mit Angst und Abscheu erfüllen! Entfliehe und nahe mir nicht, bevor du dieses schrecklichen Gefährten los bist. Ich sah ihn einmal, und sein Bild ängstete mich noch im Traume und Wachen. Du hast mir, dir und den Menschen nicht mehr getraut; wer kann dir trauen, wer den Mann ertragen, dem ein solches Wesen zur Seite steht? Dieses war es, das sich zwischen dich und mich so frostig stellte und unsre Herzen trennte. Dein Unglück ist unheilbar! Fliehe; dem du nahest, den machst du so unglücklich, wie du es zu sein scheinst. Könnte ich vergessen, was ich gehört habe! Der Sultan entfernte sich schnell, Abdallah eilte nach Hause, um diese Nacht noch die Stadt zu verlassen. Sieh, Herr der Gläubigen, so endete Abdallah, durch diese Verbindung, an dem Hofe des Sultans von Giuzurat, so ward er schuldlos, nach seiner Absicht wenigstens, durch sein gefährliches Wagestück ein Gegenstand des Abscheues und zum unglücklichsten Menschen, der jetzt auf der Erde herumirrt. Gefällt es dir, so wollen wir ihn morgen auf seiner Flucht begleiten. Khalife.  Es geschehe! Ich bedaure deinen Abdallah herzlich; aber so sehr ich ihn auch bedaure, so kann ich diesem Sultan gleichwohl nicht ganz Unrecht geben; denn ich, der ich Vieles weiß, was dem Sultan von Giuzurat unbekannt ist, der ich diesen Ebu Amru wie meinen Großvezier hier kenne und diesen Ebu Amru für weit gefährlicher für den Sultan halte, als diesen Geist für Abdallah, möchte deinen Abdallah doch nicht um mich haben. Es thut mir leid; aber ein Mensch, der sich auf fremde Kräfte verläßt und solchen gefährlichen Kräften gebieten kann, taugt nichts mehr für den Menschen, weil unsre Tugend, wenn sie etwas werth sein soll, ihren Stoff in unserm eignen Herzen finden muß. Dies ist meine Meinung, und dein Abdallah beweist sie mir. Großvizir.  Mich wundert gar nicht, was ich gehört habe: denn Das, was diesem Abdallah widerfahren ist, hat er wohl verdient. Warum nützte er seinen Verstand und den Geist nicht besser? Ben Hafi.  Weil er nicht wie du dachte. Khalife.  Dies meine ich auch, Vizir. – Friede sei mit dir und euch! Neunter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: Abdallah, Herr der Gläubigen, verließ noch vor Sonnenaufgang Dolt-Abad, ohne Plan und Zweck. Diener, mit seinen Schätzen und nöthigen Geräthschaften beladne Thiere folgten ihm. Es war ihm jetzt gleichviel, wohin ihn das Schicksal trieb, da er einmal seinem unermüdeten, furchtbaren Verfolger nicht entfliehen und ihn weder der Erdboden noch seine Tiefe, noch das ihn umgürtende Meer vor ihm verbergen konnte. Er ritt in Dämmerung gehüllt über die Erde hin. Die aufgehende Sonne, welche sie mit goldnem Licht erleuchtete und die mannigfaltigen, herrlichen Gegenstände seinen Augen entschleierte, Alles um ihn her belebte und erheiterte, strahlte nun auf ihn, wie auf das stille Grab, dessen aufgeworfene lockere Erde ihre Gluth erwärmt, ohne daß sie der darin Schlummernde empfindet. Schwer lag das Vergangene auf ihm, noch schwerer das Zukünftige. Selbst die Erinnerung seiner schönen, uneigennützigen Handlungen erwärmte sein Herz nicht mehr, und nur schwach erleuchtete der, dem schuldlosen Unglücklichen so wohlthätige sanfte Schein des reinen Bewußtseins die schwarze Finsterniß, welche der Kummer vor seine Seele gezogen hatte. Der frostige, zerknirschende, in seiner Seele fest eingedrückte Blick des Geistes verkältete diese wohlthätigen Strahlen in dem Augenblick, da sie sein Herz berühren wollten. Doch würde dieses reine Bewußtsein ihm endlich Stärke zum Siege verliehen haben, wenn ihn die düstre Weissagung nicht unablässig umtönt hätte. Er sah und hörte ihn im Wachen, im bangen Schweben zwischen Wachen und Träumen und fühlte sein Leben abgeblüht, seine Kraft zerschlagen, seines Wirkens Ziel und Ende und in jedem neuen Verhältnisse mit den Menschen eine Quelle neuen Elendes. So fiel der edle Abdallah von seiner Höhe, und Keiner der vielen Taufende, die durch ihn glücklich geworden waren, seufzte oder klagte über seinen Fall Er war der einzige Trauernde an der Gruft, die er sich selbst gegraben hatte. Khalife . Ben Hafi, du würdest mich dir sehr verbinden, wenn du diesen guten Menschen, doch unbeschadet deines Märchens, wiederum glücklich machtest. Mich däucht, er hat schon genug gelitten, und er könnte sich jetzt viel leichter wieder zusammen nehmen, da er dem Hofe, der freilich kein Platz für ihn war, entgangen ist. Großvizir . Eben darum kann er's nimmer. Khalife . Wie so? Großvizir . Kann er wohl vergessen, daß er Großvizir gewesen ist? daß er es nun nicht mehr ist? daß ihn sein Herr verstoßen hat; und, was wohl kein Mensch von Fleisch, Bein und Blut ertragen kann, daß sein Feind, wie ich immer als gewiß voraussah, an seiner Stelle Großvizir geworden ist? Der Geist hatte es ihm vorhergesagt, und wie ich ihn kenne, so mußte es auch ohne den Geist so ergehen. Und, Herr, der Mann, der einen solchen Verlust ertragen, die Ungnade seines Herrn überleben kann, ist seiner Gnade niemals werth gewesen. Khalife.  In Dem, was du da sagst, liegt etwas Wahres, und ich glaube beinah selbst, daß die Traurigkeit Abdallahs ein wenig aus dieser Quelle fließt; denn so selten uns Ben Hast auch den Mann vorstellt, so war er doch ein Mensch und, wie du sehr richtig bemerkst, ein Großvizir. Ben Hafi.  War Abdallah hierüber traurig, so war er's wenigstens aus einem andern Gründe. Dein Vizir, Herr, hat sich übrigens in diesem Augenblicke die Inschrift auf seinen Leichenstein selbst entworfen. – Großvizir.  Gott entferne von mir jede böse Ahnung, jeden bösen Wunsch – und erfülle ihn Dem, der mir Böses wünschet oder weissagt. Khalife.  »Gehe nicht stolz im Lande einher, denn du kannst die Erde nicht zerspalten, noch die Gebirge eben machen.« Sei ruhig, Vizir: Das, was dir widerfahren soll, schläft unter dem Kissen, auf dem dein Haupt ruht, und kommt der Augenblick, daß ich sagen muß: der Mann ist reif! und geschieht dir dann, was du fürchtest und ich nicht wünsche, so will ich deinen Fall so leicht und gelinde machen, als ich die Strafe jedem Sünder mache, doch vorausgesetzt, daß du nur gegen mich gesündigt hast. Fahre fort, Ben Hafi, du hast meinen Großvizir erschreckt, und doch muß er es gut mit dir meinen, so wenig er auch Gefallen daran finden mag: dafür stehe ich dir! Ben Hafi.  Abdallah wanderte weiter und immer weiter, und jeder Ort, wo er sein Haupt niederlegte, war ihm gleich. Nur als er den Namen der Provinz Baglana vernahm, erinnerte er sich eines Freundes, den er, wegen seiner Fähigkeiten und guten Eigenschaften, von den geringsten Dienern des Sultans zu einem wichtigen Amte an der Grenze dieser Provinz befördert hatte. Er rechnete auf seinen Dank, und der Wunsch, ihn zu sehen, von ihm aufgenommen zu werden, erwachte in seinem Heizen. Er betrog sich nicht in ihm. Obgleich sein Fall und das Unglück seines Hauses ihm auch hier schon vorgegangen war, so wurde er doch mit Treue und Ergebenheit aufgenommen. Er erbat sich nichts von seinem Freunde, als einen Aufenthalt ungestörter Ruhe; um diesen Wunsch schnell zu befriedigen, führte ihn dieser einige Parasangen weit von der Stadt nach einem einsamen Orte, den er sich, nach seiner Aussage, erwählt hatte, um daselbst zu Zeiten die Kräfte seiner Seele wiederum aufzuwinden. Mit dieser Aeußerung übergab er ihm einen Strich Landes, den die Natur in einem Augenblick melancholischer Erhabenheit über ihre ewigblühende und ewighinwelkende Schöpfung für Wesen von Abdallahs Stimmung hervorgebracht zu haben schien. Denke dir, Nachfolger des Propheten, Wälder, Felsen, Thäler, Quellen, Wiesen, Wasserfälle, in der wildesten, regellosesten Verbindung, der kühnsten Zusammenstellung. Denke hinzu, daß die Hand des staunenden Menschen, gefesselt von der Uebermacht des großen, hier gewaltig herrschenden Meisters, nie gewagt hat, sein in Schutz genommenes Werk zu stören, und daß ein Geist aus diesen großen Gegenständen wehte, welcher der gerührten Seele zulispelte: »Alles Das, was du um dich her siehst, war vor Jahrtausenden schon da. Diese zum Himmel steigenden Bäume sind die Söhne der Väter, die einst hier, wie sie, ihre Riesenarme ausbreiteten und nun an dem Fuße ihrer grünenden Söhne Staub geworden sind. Die zerstörende und künstelnde Hand eines Geschlechts zerstörte hier nicht, schuf nicht im Kleinen meine erhabenen Werke nach. Alles, was hier blüht, blüht durch eigne ungestörte, ungeleitete Kraft, und Alles, was stirbt, stirbt ohne fremde Gewalt und löst sich nur nach meinen Gesetzen auf. Die Oberfläche eines Felsen verwittert hier, der Thau des Himmels befruchtet den lockern Staub, bildet ihn zur fruchtbaren Erde, der Wind führt ihr den Samen von der Ebene zu, und das Haupt des undurchdringlichen wird mit einer blühenden Krone geschmückt. Dort löst sich der grünende Garten von einem andern, rollt in das Thal, und der uralte Sohn der Erde, mit ihr entsprungen, hebt sein nackendes Haupt empor und blickt zum ersten Mal in die Schöpfung, um nach Jahrhunderten wiederum mit Blüthe bekleidet zu werden. Suchest du Ruhe, so verweile hier. Kein Seufzen, kein Aechzen und Jammern des Menschen stört dich, wenn dich das deinige nicht stört. Die Menschen fliehen diesen Ort, den auch du fliehen wirst, wenn du dein Innres, das bei meinem Anblick erwacht, zu fürchten hast!« Khalife.  »Gott ist es, der die Gebirge fest in die Erde gewurzelt hat: sie erheben sich über die Erde, und er segnete die ganze Erde und sorgte für die Nahrung Derer, die sie bewohnen sollen. Dann dachte er an die Schöpfung des Himmels, und es war dunkel, und er sagte zu dem Himmel und zu der Erde: Komm hervor, mit Willen oder Widerwillen. Der Himmel und die Erde antworteten: Wir kommen hervor auf deinen Befehl. Und er theilte den Himmel in sieben Himmel und offenbarte jedem derselben sein Amt. Und die untersten zierte er mit Lichtern und setzte Engel zur Wache in die Lichter.« Ben Hafi . Abdallah fühlte das Lispeln dieses erhabenen Geistes, seine düstre Seele verlor sich in der tiefen, schaudernden Beschauung der Gegenstände um ihn her, sein Herz gab ihnen die hohe Deutung, die ihnen aufgedrückt war, in dem wahren Sinne ihres mächtigen Urhebers. Er bezog bald ein kleines Haus, das erste, welches hier die Erde drückte, und das sein Freund in dem Mittelpunkt dieses erhabenen Tempels der Natur gebauet hatte. In dieser Einsamkeit, getrennt von allen Menschen, los von allen Verhältnissen mit ihnen, glaubte er vor dem furchtbaren Geiste , seinem Verfolger, sicher zu sein. Sein Freund besuchte ihn oft, die Stürme legten sich in seiner Brust unter ihren weisen, vertraulichen Gesprächen. Sein Bewußtsein konnte nur nach und nach erwachen und seinen Trübsinn aufheitern. Seine ehemalige Erhabenheit im Denken und Empfinden richtete sich wieder an den mächtigen, kraftvollen Gegenständen um ihn her empor. Schon konnte er mit seinem Freunde von seinen überstandnen Leiden wie von einem dunkeln, qualvollen Traume sprechen, aus dem er hier erst erwacht wäre. Er schmeichelte sich bereits, seinem Verfolger entflohen zu sein, als er eines Abends in eben dem Augenblick vor ihm stand, da er sich in diesem seligen Traume wiegte und, von dem Gedanken entzückt, daß dieses schreckliche Wesen die Verbindung mit seinem Freunde ungestört ließ, über die in sanfte Dämmerung sinkenden, erhabenen Gegenstände hinblicke. Ein Schrei des schmerzvollsten Entsetzens entriß sich der Brust Abdallahs, als er den frostigen, ernsten Geist erblickte. Der Schrei tönte in dem Echo der nahen Felsen wieder. Der Geist sprach: »Dein Schrei wirkt auf mich, wie auf diese Felsen, deren Echo dir den Laut zurückgibt, damit du den Ausdruck deines Schmerzes wieder hörest und zwiefach leidest. Entzückt über die bunten, mannigfaltigen Gegenstände, sitzest du hier, die ein Ding, dich zu täuschen, um dich her ausgebreitet hat, das du Natur nennst, ohne zu wissen, was du unter diesem nichts- und vielsagenden Worte denkest und denken sollst. Das Lispeln des kühlen Abendwindes küßt deine Wangen, deine Augen erfreuen sich an dem dunkeln Blau des Himmels, an welchem einzelne goldne Sterne hervorschießen, und deine Ohren ergötzen sich an dem melodischen Gesumse des Geschmeißes über deinem träumenden Haupte, das dich gerne in Schlaf sumste, um seinen giftigen Stachel in deine Haut zu drücken, um dein Blut zu trinken. Ich sehe schon den Sturm, den Hagel und Donner in der Luft, die dich entzückt, sich sammeln, bilden, um dich in der fernen Wüste zu geißeln, wo du keine Höhle finden wirst, dich vor ihrer Wuth zu schützen. Aechze! Ich, dein gedungener Sklave, muß dich warnen, ich mag wollen oder nicht, und ich sehe dich in eben dem Augenblicke mit neuem Elend kämpfen, in welchem du hier in täuschender Ruhe schwärmst. Du mußt diesen Ort verlassen – zu dieser Stunde fliehen.« Abdallah..  Rastloser Zerstörer meines Glücks, vergebens sind nun deine drohenden Weissagungen. Ich erwarte hier den Schlag des Schicksals, hier will ich sterben, umgeben von diesen erhabenen Gegenständen, bedeckt von diesem sich erleuchtenden Himmel, meine Augen gegen ihn empor gehoben, ohne daß ich um Hülfe flehe; denn ich entfliehe dir. Meine letzten Seufzer sollen an diesen Felsen verhallen, und überlebt mich das Gefühl, das einst mein Dasein so wichtig, merkbar, wunderbar, elend und glücklich machte, so wandelt vielleicht mein Geist in diesen Gefilden und umschwebt die Glücklichen, die hier suchen, was ich gefunden habe, was du mir nun raubest. Geist.  Du wirst hier weder verweilen noch hier sterben. Von mir aufgejagt, mußt du den Pfeilen entgegeneilen, die dort dein Herz verwunden sollen. Abdallah.  Was wird mich dazu zwingen? Geist.  Das, was ich dir sagen muß, sagen werde. Abdallah.  Nein! Geist.  Ich sage Ja! Abdallah.  Ich weiß, worauf ich mein Wort gründe; worauf gründest du das deine? Geist.  Auf Das, was dich bis hierher getrieben hat, dem du dich, trotz meiner Warnung, geopfert hast – die Täuschung, ob du ihr gleich einen stolzern, erhabenern Namen beilegst. Verleugne sie hier, was kümmert es mich. Ich diene dir, in welches Gewand du dich auch hüllen magst, bis mich der Ruf des Mächtigern von dir trennt, oder bis dein eigenes Herz dein Schicksal entscheidet. Abdallah.  So soll es hier sein. Geist.  Blicke in mein Angesicht und sage, du könntest wollen. Höre! Der Sultan vertraute Ebu Amru nach deiner Flucht das Geheimniß deiner Verbindung mit mir. – Ich warnte dich. Von den Folgen schweige ich, weil du leben, neues Elend fühlen sollst und mußt. Der Großvizir Ebu Amru – Wie, dieses Wort erschüttert dich? – fiel eins von meinen Lippen, das nicht in Erfüllung ging? Khalife.  Ben Hafi, nun da ich dieses weiß, so fällt mir schwer zu entscheiden, wer am meisten zu beklagen ist, der Sultan oder Abdallah; aber aus gewissen Ursachen bin ich beinahe geneigt zu glauben, der Sultan sei es noch mehr. Großvizir.  Ich müßte mich sehr in dem Manne irren, Herr, wenn nicht Alles gut unter seiner Regierung gehen sollte. So viel ich von diesem erhabenen Sultan aufgemerkt habe, so ist Ebu Amru eben der Mann, der ihm fehlte. Auch scheint er es mit meinem Spruche zu halten, und wie kann er wohl anders als gut damit fahren? Khalife.  Werden wir doch hören, wie der Sultan mit ihm fährt. Ben Hafi.  Der Geist fuhr fort: Ebu Amru der Vizir, der keines Geistes bedarf, wie du, um sich gegen Täuschung zu sichern, konnte dich leicht dem bebenden Sultan als einen der gefährlichsten Verbrecher darstellen und ihm Strafe und Rache an dir zur Nothwendigkeit machen. So sollst du nun als ein Magus, als ein Hochverräther sterben; als ein Mann, der den Sultan von jeher mit Vorspiegelungen und Gaukeleien verblendet und durch eine übernatürliche Macht alle die Schreckensscenen erzwungen hat, die ihn, seinen Hof und sein Volk erschüttert haben. In dieser Sekunde sind seine bewaffneten Abgesandten auf dem Wege, um dich von deinem Freunde zu fordern. Dein Leben, sein Leben, das Leben seiner Kinder, das ihm einst von dir ertheilte Glück, hängen von deiner Entschließung ab. Ueberliefert er dich, so werden bis zum Grabe Reue und Verzweiflung seine quälenden Begleiter sein; verbirgt er dich, so fällt er mit Allen, die durch ihn leben, als ein Opfer des Hirngespinstes, das er gleich dir liebkoset. Er wird leugnen – wanken – beben – Soll die Selbsterhaltung ihn zum Verbrecher machen? Soll er der Nothwendigkeit erliegen, die aus dem Munde der Unmündigen in seinen Ohren ertönt? Fliehe von hinnen, bevor die Abgesandten ankommen; oder stirb hier und laß das Wehklagen der Waisen deines Freundes dein Leichengesang sein, bis ihm das Schwert ein Ende macht. Ich sehe den Dank in deinen Augen; doch dieses Danks bin ich gewohnt. Der Geist verschwand, und der Sinn seiner Worte drang schmerzlich in Abdallahs Herz. Die Gedanken drängten sich in seiner Seele: »Ebu Amru soll das Loos des Todes über mich werfen, und der Sultan will mich als Verbrecher tödten! Er, um deßwillen ich eine Verbindung wagte, die mich mit langsamer Marter tödtet, von welcher nur er den Vortheil ernten sollte, da ich mich lieber aufopferte, als daß ich die Erfüllung der fürchterlichen Weissagung dieses schrecklichen Wesens verstattete. Er treibt mich aus diesem Bezirke, wo ich mich noch einmal des Guten mit Freuden erinnern konnte, das ich ausgeführt habe, so lange er meiner Tugend traute. Von ihm verjagt, verfolgt von diesem frostigen, unglückweissagenden Wesen, wie die Antilope von dem Tiger, soll ich abermals über die Erde hinfliehen! Den einzigen, treuen Menschen, der mir nach meinem Unglück geblieben ist, verlassen! Kein menschliches Herz soll ich mehr mein nennen, Keinem angehören, als Dem, dessen elender Sklave ich bin, der alle meine Kraft zermalmt und alle Quellen des Genusses und des Lebens in mir auftrocknet, mit kaltem Athem den Himmel und die Erde von ihren Reizen entkleidet, die Menschen und alles Geschaffene in Gerippe und Verzerrungen vor meine Seele hin stellt, davon fliegt und wiederkehrt, um die zerschlagenen Wunden tiefer aufzureißen. Sein Alles vertrocknender Athem berührt mein Auge, und mich däucht, die erhabenen Gegenstände um mich her zerfallen vor meinem Blick in die rauhen gestaltlosen Theile, aus denen sie zusammengesetzt sind. So zerfällt Alles vor meinen Augen, und ich wandle umher wie eine Leiche über ein ödes Todtenfeld.« Er eilte mit seinem Diener nach der Stadt, ließ aufpacken, nahm einen schmerzvollen Abschied von seinem Freunde und zog davon. Indem er durch Baglana hinzog, seufzte er: »In diesem Lande sollte mein Bruder Mansur die Mittel finden, seinen Verrath gegen den Mann, der mich verfolgt, auszuführen. Von hier aus sollte er ihn bekriegen, das Vaterland verwüsten, und ich, der ich, um diesem Frevel zuvorzukommen, mein Haus zerrüttet, meines Vaters Tod befördert, mein ganzes Glück und Dasein aufgeopfert habe und die schrecklichste Qual mir zuzog, die je einen Sterblichen getroffen, muß vor dem Manne fliehen, um deßwillen ich Dieses alles that und leide, damit er nicht an mir zum Mörder werde!« Eine Tagreise von der Grenze des Reichs Giuzurat erblickte er nahe an einem Hügel einen kleinen Haufen von Menschen, die, überfallen von Räubern, sich eben noch mit der äußersten Anstrengung vertheidigten. Abdallah rief: »O wenn ich um der Rettung eines Menschen willen sterben könnte!« Er befahl seinen Leuten, die Schwerter zu ziehen und ihm zu folgen. Er trieb sein Pferd an, und als er dahin sprengte, den Hügel zu umreiten, dann unvermuthet hervorzubrechen und den Räubern in den Rücken zu fallen, sah er den Geist neben sich herschweben. »Rette ihn,« schrie er ihm zu, »damit Der, den du rettest, an dir zum Räuber werde und meine Weissagung erfülle. Es ist Mansur, der Mörder! Mansur, dein Bruder!« Abdallah antwortete: »Er werde es an mir und befreie mich von dir.« Heißer trieb er sein Pferd an, brach mit seinem Gefolge hinter dem Hügel hervor, überfiel plötzlich die Räuber und entschied den Streit. Ein Theil der Räuber entfloh, die übrigen wurden gebunden. Abdallah wollte seinem Bruder nahen; aber von dem Augenblick, da ihn dieser erkannte, erfüllte wilder Groll sein Herz. Mit wüthender Gebärde und drohendem Schwerte gebot er ihm, nicht näher zu treten. Abdallah wollte reden, und noch fürchterlicher drohte Mansur. Abdallah ließ einige seiner beladenen Thiere vorführen und sagte zu dem Wüthenden: »Ich theile mit dir, was ich gerettet habe, laß mich in Frieden ziehen!« Mansur antwortete nicht, und Abdallah entfernte sich. Kaum aber verlor ihn Khaleds Mörder aus dem Gesichte, so erwachten die Rache und die Begierde nach den übrigen Schätzen seines Bruders in seiner Brust. Er theilte seinen Gefährten sein Vorhaben mit, warb die gebundenen Räuber für seine Rotte, zu diesem und großem Zwecken, löste ihre Fesseln, und sie schwuren ihm Treue. Er brach mit ihnen auf, überfiel seinen Bruder in der Wüste und erfüllte die Drohung des Geistes. Nachdem er ihm Alles genommen hatte, Schätze, Diener und Thiere, rief er ihm zu: »Reich an erhabener Tugend, bedarfst du des Irdischen nicht. Mich machte deine Tugend zum Verbrecher; laß sehen, was sie nun aus dir macht. Wie du jetzt vor mir stehst, so stand ich da, als ich mein Leben durch die Flucht erretten mußte. Das Glück lächelt mir wieder, und ich will ihm durch mein Schwert, durch diese meine Gefährten hier abdringen und durch Raub ersetzen, was du mir genommen hast. Das Leben lass' ich dir darum, weil ich hoffe, daß seine Qual mich an dir rächen wird! Abdallah sank nieder und verhüllte stumm sein Haupt in sein Gewand. Die Sonne goß bald ihr glühendes, sengendes Feuer über die unabsehbare Sandwüste, auf welcher das Auge keinen Busch, keinen Grashalm entdeckte. Abdallah wanderte fort in dem durchglühten, seine Sohlen brennenden Sande, und die einzige Feuchtigkeit, die den heißen, unter seinen Füßen weichenden Boden benetzte, waren die Thränen, die jetzt zu Zeiten in dicken Tropfen aus seinen Augen stürzten. Bald umzog sich der Himmel – die Winde rasten – Finsterniß deckte die Wüste – die Staubwolken wirbelten über die Fläche hin, die sich wie ein Meer bewegte – der Donner rollte über Abdallahs Haupt, und er fand und sah keine Höhle, sich zu bergen. Die Wirbel umschlangen ihn und rissen ihn nieder. Er wühlte sich in den Sand, mit dem dumpfen Gefühle, er wühle sein Grab auf. Voll dieses Wunsches, drückte er seine Brust fest gegen den fühllosen Staub, der ihn nun vor allen fernern Schlägen und seinem schrecklichen Verfolger bergen und schützen sollte. Khalife.  Ben Hafi, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, Gott würde sich des Mannes um seines guten Willens annehmen und erbarmen, mein Herz würde die Vorstellung seiner Leiden nicht ertragen können. Gott spricht: »Ich schwöre bei dem Roth der Wolken nach Sonnenuntergang und bei der Nacht und bei dem Vollmonde – wahrlich, ihr sollt aus einem Zustande in den andern versetzt werden.« Doch sage mir schnell: ist ihm die Hülfe noch in diesem Leben nah? Ben Hafi.  Sie ist es. Großvizir.  Wie sollte sie nicht, da der gute Ben Hafi noch so lange auf deine Geduld zu rechnen scheint. Khalife.  Er kann es sicher thun, Vizir, und Das darum, weil ich auch in einem Märchen nicht leiden kann, daß man einen Menschen im Elend sitzen lasse, sei er auch ein Bösewicht. Ist er nicht von unserm Fleische, Blut und Gebeine? Hat er nicht ein Herz, ein Gehirn und Fibern, fühlbar, wie wir? Des Erzählers Pflicht ist, ihn besser zu machen, oder es sonst so einzurichten, daß man mit dem Ausgange zufrieden sei. Und der Erzähler, Vizir, der seine Zuhörer durch Täuschung bis zu Qual lockt und sie dann sitzen läßt, muß ein Herz von Stein haben, besonders da der Heilbalsam ihn so wenig kostet und sein Märchen noch obendrein verlängert. Darum sei Friede mit dir und euch! Zehnter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag und begann: In diesem traurigen Zustande, Beherrscher der Kinder des Propheten, fand am folgenden Tage eine vorüberziehende Karawane unsern Abdallah. Ein junger Mann, der seine Kameele den Kaufleuten verdungen hatte, war der Erste, der ihn wahrnahm. Er eilte mit seinen Treibern auf ihn zu und richtete ihn behutsam auf. Der menschenfreundliche Blick des jungen Mannes, seine milde, ungekünstelte Zusprache wirkten auf die erstarrten Lebensgeister Abdallahs. Der Anblick eines guten menschlichen Geschöpfes durchdrang sein Herz mit der süßesten Wehmuth. Er beantwortete die Fragen, die man über seinen Zustand an ihn that, mit Dem, was ihm wirklich widerfahren war, ohne doch seines Bruders zu erwähnen und ohne sich zu erkennen zu geben. Der junge Mann ließ ihm Speise reichen, setzte ihn auf ein Thier – Khalife.  Ehe du weiter gehest: wie heißt der junge Mann? Ben Hafi.  Mazar, Herr! – Er setzte ihn, wie gesagt, auf ein Thier, und in einigen Wochen kamen sie in Meliopour, der Hauptstadt des Reiches Karnateks, an. Der junge Mann führte Abdallah, unweit der Stadt, nach seiner Heimath, wo die Triften seiner Kameele lagen. Hier übte nun Mazar die Gastfreiheit gegen Abdallah aus, ohne weiter nach seinen Umständen und Angelegenheiten zu fragen. Auch trat bald ein vertrauliches Verhältniß zwischen Wirth und Gast ein, Abdallah genoß abermals der stillen Ruhe und erheiterte sich an dem sanften Widerscheine des beschränkten Glücks einer durch Liebe, Vertrauen und Einfalt verbundenen Familie. Hier verglich er nun seinen vormaligen Zustand mit der Lage dieser durch Beschränktheit Glücklichen; seinen Kampf, seine Anstrengungen, das zweideutige Gute zu bewirken, mit der gleichmüthigen, ruhigen Erfüllung der natürlichern und reinern Pflichten dieses Paars, ihres sichern Erfolgs, und seufzte über das Schicksal, das ihm das Loos seines unheilbaren Unglücks zugeworfen hatte, eine Zeitlang Günstling, Freund und Großvizir eines Sultans zu sein. Großvizir.  Es nicht mehr zu sein! Ben Hafi! Es nicht mehr zu sein! Khalife.  Warum nicht, es gewesen zu sein, Vizir! Die Zeit kann kommen, wenn auch nicht in diesem Leben, daß du, wie dieser Abdallah, darüber seufzest. Ein Vizir muß, wie sein Herr, du weißt es am besten, gar viele Dinge thun, die der Mensch entweder sehr schwer oder vielleicht gar nicht an Ort und Stelle verantworten kann. Und da der Kleine mit dem Größten in jener Welt auf einer und derselben Linie steht, dort gar keine Rangordnung mehr gilt, so wird vielleicht Mancher von uns wünschen, hier klein gewesen zu sein, um dort, wo man nach einem andern, aber einem gerechten Maße mißt, groß zu werden. Vizir, je weniger des Gepäcks, je leichter die Reise. Tritt uns einst der Engel des Todes vor die Augen, so glaube ich immer, dieser gute Kameelhirte da wird ihn unerschrockener nahen sehen, als ich und du. Auch wollte ich das beste Kleinod meines Schatzes wetten, er ist besser mit seiner Heerde umgegangen, als ich und du mit der uns anvertrauten. Ben Hafi.  So dachte Abdallah. Das Loos dieser Menschen, tugendhaft zu sein ohne Anstrengung und ohne es zu wissen, daß sie es seien; die das Schicksal von der Verkettung der Gesellschaft und dadurch von ihren Thorheiten, Lastern und Verbrechen schied, schien ihm jetzt allein beneidenswerth. Und für so thöricht ihn auch dein Großvizir halten mag, so wünschte er doch nun aufrichtig, er wäre wie sie geboren worden und nie Vizir gewesen. Großvizir.  Der Geist mag bei diesem Wunsche das Seinige wohl auch gethan haben, und darum beweiset sein Beispiel nichts. Khalife.  Vizir! Ist dieser Abdallah wohl weiser, als Locman, der Sklave aus Nubien? Wer ist weiser als Locman, von dem der Prophet durch Gott spricht: »Wir haben Locman die Weisheit gegeben!« Sieh eines Tages, zur Stunde der Mittagsruhe, traten leise die Engel in Locmans Kammer, ohne sich von ihm sehen zu lassen. Locman, der eine Stimme hörte, ohne Jemand zu sehen, beantwortete den Gruß der Engel nicht. Da sagten die Engel zu ihm: »Wir sind die Boten Gottes! Dein Schöpfer ist auch unser Schöpfer, er hat uns zu dir gesandt, dir zu verkündigen, daß er dich zu einem Herrscher, zu seinem Stellvertreter auf Erden machen will!« Locman antwortete den Engeln: »Ist Das, was ihr mir verkündiget, ein fest bestimmter Rathschluß Gottes, so muß sein Wille hier, wie in allen Dingen geschehen. Und geschieht es, so hoffe ich, daß er mir auch die nöthige Hülfe und Gnade verleihen wird, seinen Befehl mit Treue zu vollziehen. Verstattet mir aber der Herr die Freiheit der Wahl, so wünschte ich lieber, in der Lage zu verbleiben, in welcher ich mich jetzt befinde. Doch sein Wille geschehe; die einzige Gnade, um die ich ihn zu bitten wage, ist: daß er seinen Diener vor aller Beleidigung gegen ihn schütze und bewahre; denn auch die kleinste würde ihm alle Herrlichkeit der Erde zur schwersten Bürde machen.« Diese Antwort Locmans war Gott so angenehm, daß er ihm auf der Stelle die Gabe der Weisheit in einem so hohen Grade verlieh, daß er fähig ward, alle Menschen durch seine Sprüche, Meinungen und Parabeln zu unterrichten, und jede derselben ist mehr werth als die irdischen Schätze der Welt. Vizir, dieses sage ich dir und frage noch einmal: »Bist du weiser als Locman, der Sklave aus Nubien, von dem der Prophet und Gott durch den Propheten im Buche der Bücher zu reden gewürdigt hat?« Der Großvizir verbeugte sich tief, berührte mit seiner linken Hand den Fußteppich des Khalifen, schlug dann seine beiden Hände demüthig über seiner Brust zusammen, ohne doch von Locmans Weisheit überzeugt zu werden; denn er dachte in seinem Herzen: »Locman hatte nicht empfunden, was es heißt, Khalife oder Großvizir zu sein!« Ben Hafi.  Herr der Gläubigen, so fühlte nun Abdallah und fühlte sich glücklicher, wenn er die Kameele auf die Weide oder zum Wasser führte, als er sich selbst damals fühlte, da er noch in Sicherheit und Vertrauen die Unterthanen des Sultans von Giuzurat beherrschte. Aber noch sollte er die Folgen seines Wagestücks tiefer empfinden, noch sollten die Pfeile, die er im Wahn selbst zugespitzt und vergiftet hatte, viel schmerzlicher in seine Seele dringen. Das junge blühende Weib des Kameelhirten Mazars saß eines Morgens unter dem Schatten der Pappeln vor der Flur des Hauses und stillte ihren Säugling. Die reinste, innigste mütterliche Zärtlichkeit regnete aus ihren Blicken, aus ihrem holden, seligen Lächeln um ihren Mund auf den Säugling nieder. Jede Bewegung seiner Händchen, jedes Lallen seiner Lippen, jedes stumme Anblicken schien ein Genuß für sie, den kein Glück der Erde aufwiegt. Bei jeder seiner Aeußerungen drückte sie ihr Entzücken in einzelnen süßen Tönen oder der melodischen Strophe eines einschlummernden Liedes aus. Abdallah, der gegen ihr über saß, versank in ein so sanftes, wohlthätiges Gefühl, wie er noch nie empfunden hatte. Er pries sich und die ganze Menschheit selig, welcher Augenblicke zu Theil wurden, deren Genuß alles Leiden übertrifft, für jedes Leiden belohnt und dessen Anblick schon das erhabenste, reinste Glück ist, womit die Natur ihre Söhne und Töchter auf Erden belohnt. Sein Herz fühlte die seligste Ruhe bei der Betrachtung des glücklichen Schicksals der einfachen, ruhigen Bestimmung des Säuglings, der an dem freundlichen, nährenden Busen der zärtlichen Mutter einem Stande entgegen reifte, der schon jetzt sein Glück und seine Tugend auf die Zukunft zu verbürgen schien. Das junge Weib trug den eingeschlummerten Säugling, mit der behutsamsten Sorgfalt, nach der nahen Wohnung: er sah ihr nach, sanft erglühten seine Wangen, und in seinen Augen schimmerte seliges Entzücken, als plötzlich die Erscheinung des Geistes sein Angesicht mit Todesblässe deckte und seine Augen mit starrem Entsetzen füllte. Der Geist sprach: »Du siehst, ich vergesse meine Pflicht nicht; ich erfülle sie, und zerflögst du auch in Staub vor meinem Angesichte. Dich täuscht der Anblick dieser zärtlichen Mutter und des unschuldigen Säuglings; wen würde er nicht täuschen? Doch Jeden mag diese süße Täuschung verblenden, dich darf sie es nicht; denn hast du mich nicht gedungen, dich vor aller Täuschung zu warnen? »In diesem Augenblicke war und ist dieses junge, blühende Weib, was sie dir schien. Auch würde sie und der Knabe die glücklichsten Wesen unter den Sterblichen sein, bliebe nur sie, was sie jetzt ist. »Hier auf dieser Stelle wird dieser Säugling, nach einem Mondenjahr, in eben dieser Sekunde, in welcher er dich an dem Busen seiner Mutter entzückte, der Fraß der ungeheuren Schlange Anaconda werden, bei deren Name schon alle lebende Wesen erstarren. »Sagst du nun diese meine Weissagung der Mutter, so wird auch sie jetzt erstarren, wie du vor meiner Erscheinung erstarrest, und doch wird sie den Tag und die Sekunde vergessen; denn zu jener Zeit wird sie die Ehe schon gebrochen haben, und ein einziger lüsterner Blick des Mannes, den sie jetzt hasset, in einem für die Töchter des Staubs gefährlichen Augenblick, wird das Leben dieses geliebten Kindes und dieses blühenden Hauses vernichten!« Dieses schreckliche Erwachen aus dem schönsten und reinsten menschlichen Gefühle war der qualvollste Augenblick des Lebens Abdallahs. Mit einer Stimme voll Wuth und Schmerz rief er dem finstern Geiste entgegen: »Würger meines Glücks! Geist der Verzweiflung« – Geist.  Du hast meinen Namen genannt; dieses mußte ich dir werden, und in dem Augenblicke, da dieses Wort aus deiner bebenden Seele flog, schlug die Zeit an die Keule des tiefsinnenden, ewig wachenden Schicksals. Nun muß ich das Maß deines Leidens durch Enthüllung deiner Thorheit füllen, damit geschehe, was der Tiefsinnende gesprochen hat. Abdallah.  Ich entfliehe dir! Geist.  Fliehe nur; du fliehest auf eben die Stelle, welche mein Auge gewählt hat. Was verbirgt dich mir? Nicht die Erde, nicht die Luft, nicht das Meer – Du schwebest in den Banden des Schicksals und ich mit dir. Fliehe, ich bin dir nah! Abdallah floh. Die Verzweiflung trieb ihn vor dem Geiste her, der sausend hinter ihm her schwebte. Sein Gewand rauschte wie fallender Hagel auf die dürre Saat. Als Abdallah die Klippe an dem Meere keuchend erstiegen hatte, stand der Geist vor ihm, in seiner kalten, feierlichen, zermalmenden Erhabenheit, und sprach: »Hier stehe und vernimm, was du durch die Verbindung mit mir gewonnen hast; dann folge deinem Wahnsinn und erfülle den herabgefallnen Spruch des Tiefsinnenden und Fernesehenden.« Abdallah.  Deine Gewalt fesselt mich, meine Glieder erstarren – Frost zieht durch meine Glieder, mein Herz ächzet – sprich, daß ich schnell sterbe. Es ist der Schauder des nahen Todes, der von dir zu mir übergeht. Geist.  Lebe oder stirb, wenn du gehört hast, was dein gedungener Sklave dir sagen muß. Alles, was du von mir gefordert hast, habe ich treu erfüllt, weil es die mich zwingende Nothwendigkeit gebot; aber eben Das, was du von mir gefordert hast, was ich aus Zwang erfüllen mußte, zerschlug dich, dein Haus, vernichtete deine, deines Herrn Tugend und trieb zur Reife das Elend, das nun dein Vaterland fühlt, das es in der Zukunft noch schrecklicher fühlen wird. Meine Erscheinungen und Warnungen sollten dich hindern, das Böse zu thun; sie thaten es – aber sie nahmen dir dafür die Kraft, das Gute zu wirken, das du noch wirken konntest. Dadurch ward alles gegenwärtige, das mit schnellen Schritten herbei stürzende künftige Elend deines Vaterlandes dein Werk, und alles Bösen, das geschehen ist und noch geschehen wird, deß klagen dich der Sultan und sein Volk allein an. Ich sollte dir den bunten Zauberschleier der Täuschung, in den euch das Schicksal einhüllt, um euch das Böse, das aus eurem Wirken entspringt, zu verbergen und das ferne Gute schöner zu verklären, vor deinen Sinnen wegziehen; die Begeisterung, wodurch ihr allein aufhört, Söhne dieser drückenden, euch nie genügenden Erde zu sein, in deiner Seele mit meinem kalten Athem verkälten – ich that es, ich tödtete den Geist deines höhern Daseins auf deinen Befehl, und dein Beben, deine Furcht, deine Todesangst bei dieser und jeder meiner Erscheinungen beweisen, was du dadurch gewonnen hast. Erfahre nun alle die Folgen deiner Thorheit; ich zähle sie dir langsam zu, denn Der, welcher mir und dir gebietet, will, daß sie schwer auf dein Haupt fallen sollen. Du wolltest ein Wesen einer andern Welt, es sollte deine Schritte in dieser hier leiten. Ich erschien dir und war dir ein Wesen, wie ich es sein mußte, durch nichts mit dir verwandt, das eben so kalt auf deine Freude wie auf dein Leiden blickte. Was konnte ich dir, was konntest du mir sein und werden, da deine Bedürfnisse mir fremde sind und du die meinen, gehüllt in Fleisch, nicht ahnen kannst? Von dem Augenblick an, da du in mein Angesicht geblickt hast, mußte das Gefühl erkalten, das dich durch Liebe und Kummer an die durch Liebe und Kummer mit dir verwandten Sterblichen knüpfte. Dieses Gefühl allein reizt eure Kräfte, euren Brüdern diesen zu erleichtern und sie durch jene glücklicher zu machen. Dieser Trieb erstarb in dir. Der Mann, der durch seine Thätigkeit Glück befördern sollte, hielt sich an das traurige, unnütze Geschäft, Unglück abzuwenden. So wardst du der Sklave deines Sklaven, wardst durch mich unter deinen Brüdern, was ich dir war – als Mensch ein einzelnes, abgerißnes, zitterndes, bebendes Wesen, das sich und Keinem mehr traute, das entweder zu der kalten Gleichgültigkeit und der noch kältern Selbstsucht übergehen, wie es eigentlich deine Rolle zu erfordern schien, oder endlich dahin gelangen mußte, wohin du dich gebracht fühlst. Abdallah.  Tödte mich, nur laß mir die Täuschung: ich sei um eines edeln Zwecks gefallen. Geist.  Dein Leben und dein Tod sind beide außer meiner Macht; und geböte ich darüber, warum sollte ich dich tödten, da mir dein Sein oder Nichtsein gleichgültig ist? Stütze deinen bebenden Leib an den Stamm der jungen Cypresse, die sich aus dem Risse des Felsen herausdrängt, damit du nicht hin sinkest, bevor du vernommen hast, was du hören mußt. Verblendet von der kühnsten und der glänzendsten Schwärmerei, wolltest du durch den kalten Verstand allein das zweideutige Spiel des menschlichen Lebens befördern, dein Wirken sollte auf ihn allein gegründet sein und jede seiner Folgen fest von ihm bestimmt werden. Gleich einem Wesen erhabenerer und besondrer Art, wolltest du dich mit kaltem Stolze in die Mitte des bloß von Leidenschaften und Begierden, durch den Durst nach Genuß und Glück, durch die Schläge des Schicksals und die Pein der Leiden zu seinem dunkeln Zwecke getriebenen Menschengeschlechts hinsetzen, die euch unsichtbaren Zügel mit den Händen des Fleisches fassen und die Sterblichen ohne alles Unheil leiten, da doch dieses nur ihre Kraft und ihren Werth entwickelt. Der in ewiger Täuschung wandernde und träumende Mensch lechzte nach der kalten, trostlosen und erstarrenden Wahrheit; Thor, was wärt ihr ohne diese Täuschung, die Zauderquelle eures Daseins, ohne die Begeisterung, den idealischen Sinn, durch die ihr allein hervorgebracht habt, was Großes und Herrliches durch euch geschehen ist! Da du mich riefst, verschwanden diese deine Seele tragenden Flügel. Da du mich riefst, war schon in dir das Zutrauen an dich und deine Brüder verloschen – schon damals hattest du deiner Kraft entsagt, mein Anblick löste sie völlig auf. Abdallah.  Grausames Wesen, um mich langsamer zu tödten, vergißt du meines Zwecks. Geist.  Indem ich dir zeige, daß er Wahnsinn war? Was kümmert Giuzurat dem Zweck; deines Wirkens bedurfte es. Tröste nun die Unglücklichen damit und sage ihnen: ich wollte und suchte euer Gutes. Meine Erscheinung benahm dir Alles, was dir in deiner Lage zu deinem Zwecke nöthig war; zu einem klügern wolltest du mich nicht nützen. Da ich dir deinen Fall und Ebu Amru's Steigen weissagte, weissagte ich dir Das, was ich in deinem, durch die mit mir eingegangene Verbindung erzeugten künftigen Betragen las; was deine daraus keimende Zagheit, Furcht, Laune und Unthätigkeit erzeugen mußten. In deinem von mir so gestimmten, von den herzuströmenden Ereignissen betäubten Herzen sah ich schon das Zukünftige. Ebu Amru würde emporgestiegen sein; aber ausgerüstet mit Muth und Kraft, hättest du ihn mit That bekämpft und durch deine wirkende Tugend Ereignisse hervorgebracht, denen endlich die feige List Ebu Amru's, die Bosheit aller deiner Feinde und die stille Tücke deines eifersüchtigen, mehr von dir als deinen Feinden gereizten Herren unterliegen sollten. Doch du wolltest von nun an ohne alle Täuschung, ohne den Einspruch des Herzens, ohne Vorliebe und Neigung, nach den kalten Regeln des Verstandes handeln, wolltest mehr als Mensch sein, wolltest es nicht mehr dadurch sein, wodurch allein ihr glücklich werden könnt. Du suchtest da das Glück, wo es nie Blüthe getrieben hat, nie treiben wird. Hättest du deinen Bruder, auf die Bitte deines Vaters, und nach dem Wunsche des Sultans, zum Statthalter gemacht, das ohne meine Erscheinung geschehen wäre, so hättest du ihm den Mord Khaleds erspart, und der Schmerz würde deinen Vater nicht so früh erwürgt haben. Dein Bruder mußte den Spruch des Schicksals erfüllen; aber er sollte dir zugleich Gelegenheit geben, deinen Muth, deine Vaterlandsliebe und die Stärke deines Geistes zu zeigen. Deine Weisheit sollte den kühnen Verräther mehr besiegen, als Khaleds Schwert, und die schöne That für das Vaterland sollte dein Glück, das Glück des Sultans, der Giuzurater gründen und den gefährlichen, verborgenen Theilnehmer des Mords und Verraths deines Bruders, Ebu Amru, zerschmettern. Dann erst konnte aus dem Sultan der Mann werden, den du einst in ihm geträumet hast. Du entsagtest dir selbst, fühle nun, was du gewonnen hast. Abdallah.  Zweizüngiger! Warst du es nicht, der meine Kraft durch seine Weissagung, deren Erfüllung ich bebend sah, auflöste? Geist.  Ich weissagte dir, was geschehen würde – es ist geschehen und mußte geschehen; aber an dir lag es, ob es dein Mitwirken hindern oder befördern sollte. Du riefst mich, ich bedurfte deiner nicht, und ich erfüllte die mir aufgezwungene Pflicht, da ich dich vor jeder Täuschung warnte. Warum ließ sich der Sohn des Staubs mit einem Wesen ein, das durch nichts mit ihm verwandt ist? Ich sagte dir jedes Ereigniß voraus, gleichgültig, ob du dabei gewannst oder verlorst. Freilich tödtete meine Erscheinung das aufkeimende Vertrauen in des Sultans Brust, da du dich gegen ihn erklären und ihm dein Herz ohne allen Rückhalt öffnen wolltest? Eure jugendliche Verbindung wollte euch wieder umschließen; aber mußtest du nicht durch meine Erscheinung erstarren? Solltest du nicht deine Einwilligung zur Erhebung Ebu Amru's geben? Sollte nicht die erste warme Sekunde den Verrath deines Bruders zum Gedeihen bringen? Nun wüthet er gleichwohl in Verbindung mit Ebu Amru in Baglana, aber die Schätze, die er dir geraubt hat, und die Räuber, die ihn tödten sollten, brachten das Unternehmen zu schnellerer Reife. Ich warnte dich, den Mörder zu retten, doch du folgtest der Neigung deines Herzens und zogst das Elend über dein Vaterland. Warnte ich dich nicht, als du auf dem Wege zum Gefängnisse warst, den Verbrecher zu befreien? Hast du nicht durch diesen Schritt dein Schicksal dort entwickelt? Entsprang nicht aus diesem Schritte das gefährliche Bekenntniß deiner Verbindung mit mir? Ward nicht Alles durch diese That entschieden? Schon fließt das Blut der Unschuldigen, schon breitet sich die Verwüstung aus, und der Sultan, der dir ein Mensch zu sein schien, da er nichts, als ein durch deine Sprüche und die Gewohnheit deines Umgangs aufgewundener Herrscher war, wird der Sklave der Verräther und klagt nicht sie als die Ursache seines und der Giuzurater Unglücks an, sondern dich. Deine vorigen Thaten, deine Tugend, die er einst für untrüglich hielt, sind ihm durch die Enthüllung deines Verhältnisses mit mir so verdächtig geworden, daß er von diesem Augenblicke an keine Tugend mehr glaubte, in diesem Sinne herrschte, Ebu Amru herrschen ließ und alle das Unglück beförderte, das seinen Thron umspann, da ich auf deinen Ruf erschien und du so schnell in Trübsinn, Mißmuth und Unthätigkeit versankst. Abdallah ächzte unter der Last dieser Vorstellungen, und der Geist rief: Alle Täuschungen sollten vor deinen Sinnen verschwinden. Ich, dein und der Nothwendigkeit Sklave, vollende nun deinen Willen. Er berührte leise seine Augen. Durch diese leise Berührung zog nun der Geist den letzten Schleier der Täuschung vor den Sinnen Abdallahs weg. Und Himmel und Erde und Licht und Luft und Raum schienen ihm ein fürchterliches, düstres Leere – gefüllt mit gestaltlosen Wesen – ein blutgefärbtes Nichts, in dem ein grausendes, neblichtes Etwas schwimmt – das sich trennet – verbindet – sich selbst verschlingt – sich dann wieder selbst erzeugt. Die Sonne, das Maß der Zeit der Sterblichen, hing gleich einer Scheibe geronnenen Bluts in dem Nebel, und ihr schaudervoller Widerschein zuckte durch das düstre Gewühl – so drang plötzlich und ohne Theile die ganze Schöpfung auf den Bebenden ein und füllte zuckend, strebend, kämpfend, wirbelnd, sich auflösend und wieder schaffend seine Seele. Nichts war jetzt mehr außer ihm – er ward Alles selbst – und das verworrene, ungeheure Gewühl dehnte sein Haupt ins Ungeheure aus – er konnte sich nicht mehr von ihm trennen – sich nicht mehr von ihm unterscheiden – und jetzt schwebte er wirbelnd in dem ungeheuern All, das mit ihm ohne Stütze und Haltung dahin sauste. Der Geist   rief durch das Gewühle: Nun siehst du Das, was außer dir ist, wie es euch ohne den wohlthätigen Schleier der Täuschung erscheinen würde. Ich zog ihn weg; du hast deinen Wunsch erreicht, meine Pflicht ist erfüllt. Abdallah.  Ist Das todt, wodurch ich war? Ist Alles todt? – Bin ich im rauschenden Meere? Stoße mich tiefer hinunter – ich kann nicht ertragen, was ich bin – mein Haupt dehnt sich immer mehr aus – o zersprenge es! Vernichte mich! Geist.  Thu es selbst! Ich halte dich nicht ab, ich rathe dir nicht. Du nanntest mich den Geist der Verzweiflung, und der mußte ich dir werden. An dem Fuße des Felsen rauschet das Meer – du stehst auf seiner äußersten Spitze – Ich sehe deinen Sturz von dem Felsen mit eben der Ruhe an, wie den Fall des Blatts, das der Wind hinunter trägt. Abdallah wankte betäubt gegen die äußerste Spitze des Felsen und stürzte in die sausende Fluth. Khalife.  Ach, grausamer Ben Hafi, und der Unglückliche endet sein Leben so? Es wäre schrecklich; aber wenn ihn nichts anders von diesem furchtbaren Verfolger retten kann, was bleibt ihm übrig? Gott erbarme sich seiner! »Sage, ich flehe um Rettung zu dem Herrn der Menschen, zu dem Könige der Menschen, zu dem Gott der Menschen, daß er mich bewahre vor der Bosheit des Flüstrers, der sich schlau entfernt, wenn er böse Gedanken dem Herzen des Menschen zugelispelt hat!« Großvizir.  Fürchte nichts, Herr! Ben Hafi wird schon Mittel finden, den Thoren wieder aus der Fluth zu ziehen. Khalife.  Ich werde ihm herzlich dafür danken! Doch, Vizir, Thor, so viel du willst, er ist unglücklich, und dieser frostige, gefährliche Geist mag reden, was ihm beliebt, mein tiefes Mitleiden hat er und meine Achtung noch oben drein. Ich würde gewiß meine Thränen über sein Schicksal nicht zurückhalten, wenn ich nicht auf Hülfe rechnete. Gott ist den Unglücklichen nah! Uebrigens hat Ben Hafi bewiesen, was er uns beweisen wollte, und was das eigentlich war, davon wollen wir am Ende reden. So viel erinnere ich mich noch, daß wir, um Gutes zu thun, weder mit uns, noch mit Andern rechnen müssen. Was ich sonst noch darüber denke, laß ich gern dunkel vor mir schweben, damit es mir im Fall der Noch recht helle werde. Friede sei mit dir und euch! Elfter Abend. Ben Hafi erschien auf den Glockenschlag, und begann: Abdallah, Herr der Gläubigen, erwachte aus der unaussprechlichen Angst, in die ihn der Geist versetzt hatte, an dem Ufer des Meers, unter der Sorge eines Fischers, der, als er die Augen öffnete, seine Rückkehr in das Leben mit einem treuherzigen und freudigen Lächeln begrüßte. Noch wußte er nicht, was mit ihm vorgegangen war, wie er hierher gekommen sei; aber als er den Himmel wieder in seinem Glanze erblickte und das wogigte Meer und die grünende Erde übersah, und ihn die ganze Schöpfung in ihrem ursprünglichen, stillen und erhabenen Schmucke zu bewillkommen schien, goß sich sanfte Gluth des Lebens in sein Herz, strahlte aus seinen Augen in des Fischers Nasers Augen, der mit ruhiger Zufriedenheit den Bewegungen seiner Seele zusah. Abdallah fragte ihn in dem mildesten, dankbarsten Tone: »Wo bin ich? Wie bin ich hierher gekommen?« Der Fischer antwortete: »Er habe hier in der Nähe sein Netz ausgeworfen, ihn auf der Klippe mit einem Menschen von sonderbarer Art, Gestalt und Kleidung gesehen und darauf bemerkt, wie er von der Klippe taumelnd ins Meer gefallen sei. Er habe sein Netz fahren lassen, sei in das Meer gesprungen, habe ihn gerettet und an das Ufer gebracht, wo er ihn nun mit großer Freude wieder leben sehe!« Abdallah dankte seinem Retter mit der tiefsten Rührung und setzte seufzend hinzu: »Guter, mein Dank ist Alles, was ich dir dafür geben kann, daß du dein Leben um meinetwillen gewagt hast.« Naser, der Fischer, erwiederte: »Und was wolltest du mir wohl noch mehr geben? Ist doch schon dies zuviel. Sieh, das Schicksal meinte es mit uns Beiden gut, wie ich nun gewahr werde. Ich habe heute, wie es mir vorkommt, den reichsten Fang meines Lebens gethan. Mein Netz ist so voll, daß ich mich lange vergebens bemühte, es an den Strand zu ziehen. Ich mußte mir erst in dir einen Gehülfen an das Ufer tragen, das mir viel leichter war. Gefällt dir es nun, so hilfst du mir meinen Gewinn in Sicherheit bringen, wofür ich dir herzlich gern einen Theil zum Lohne überlassen will.« Die Worte, der Ton, mit dem sie gesprochen wurden, die treuen Gebärden, welche sie begleiteten, träufelten wie Balsam in Abdallahs Wunden. Er drückte des Fischers Hand und sagte: Du hast dir ein Recht auf mein Leben erworben, gebiete mir, und traust du mir, so gewähre Dem, der keine Stätte der Ruhe auf Erden hat, Gastfreundschaft. Gerne will ich dir alle die Dienste leisten, deren ich fähig bin und die du mich lehren wirst; aber du wirst einen ungeschickten Gehülfen in mir finden, einen willigen und eifrigen gewiß. Der Fischer Naser.  Bedarf es doch nicht mehr. Er führte Abdallah nach der Stelle, wo er sein Netz ausgeworfen hatte, theilte sein Frühstück mit ihm und lehrte ihn dann die Handgriffe des Zugs. Abdallah arbeitete aus allen Kräften, der Zug war reich, sie füllten die Barke, ruderten den Kahn, an den sie befestigt war, dem Ufer hin nach der Stadt Meliopour und landeten bei einer geräumigen und reinlichen Hütte. Auf einen Schrei des Fischers, der das Glück seines heutigen Tags bezeichnete, sah seine Tochter aus dem Fenster und sang ihm eine Strophe des Willkomms und der Freude über das angekündigte Glück entgegen. Die untergehende Sonne vergoldete die wogende, in der Ferne schon dämmernde Fluth, und ihr Widerschein glänzte in dem zartesten Rosenschleier auf dem freudigen Gesichte des Mädchens. – Abdallahs Herz strahlte in diesem Glanze, welcher die bald in Finsterniß sinkende Schöpfung vor ihrer Verhüllung so schön und feierlich erleuchtete. – Das Mädchen verhüllte sich, kam mit der alten Amme aus dem Hause, und Alle legten Hand an, den begrüßten und bewunderten Schatz nach den frischen Behältern ins Innere des Hofes zu bringen. Nach geendigter Arbeit führte der Fischer Abdallah in die Hütte und stellte ihn seiner Tochter und der Amme als einen Gastfreund vor, erzählte, welchen Dienst er ihm beim Zuge des Netzes geleistet hätte, und wie es ihm ohne seinen Beistand unmöglich würde gewesen sein, den reichen Fang nach Hause zu bringen. Abdallah verwies ihm freundlich das Gesagte und erzählte mit Wärme, wie ihn der Vater, mit Gefahr seines Lebens, vom Tode gerettet hätte. Das Mädchen sagte: »Und doch hat der Vater recht. Was er für dich gethan hat, mußte er wohl thun, es war nur Pflicht; aber Das, was du für ihn gethan hast, war Gefälligkeit von dir.« Abdallah erstaunte über diese Worte und bat das Mädchen, sich zu erklären. Sie sprach: »Weil du mir nach deiner Sprache und deiner Art kein Mann zu sein scheinst, der zu solchen Geschäften geboren ist und darum gewiß etwas gethan hast, das dich viel kosten mußte. Denn entweder mußtest du dich dadurch erniedrigt fühlen, oder dich deines Unglücks dabei recht tief erinnern.« Der Fischer sah nun Abdallah aufmerksam an und entdeckte erst jetzt, was des Mädchens Auge auf den ersten Blick wahrnahm. Mit einiger Verlegenheit fragte er Abdallah, wer er sei, und bat ihn, ohne seine Antwort abzuwarten, um Vergebung, wenn er sich nicht so gegen ihn betragen hätte, wie er wohl nach Dem, was er jetzt merkte, hätte thun müssen. Die Worte des Mädchens und des Alten schmerzten Abdallah. Er sprach: »Freund, ich bin ein Unglücklicher! Ein schuldloser Unglücklicher, wenn Der sich schuldlos nennen kann, der es wagt, das Schicksal zu versuchen. Sieh, ich habe keine Ruhe, keine Stätte auf Erden, mein Haupt niederzulegen, ich suchte sie bei dir, und doch – wäre ich dir nicht so verpflichtet, wie ich es bin, deine Worte und deine Entschuldigungen würden mich von deiner Schwelle treiben, bevor ich an deinem Tische das Brod der Gastfreundschaft genossen hätte.« Das Mädchen eilte schnell nach dem Tische, brach das Brod, füllte einen Becher mit Wasser und reichte ihm beides mit furchtsamer Freundlichkeit dar. Abdallah nahm es aus ihren Händen und sagte gerührt: »Ich nehme das Brod und den Trank des Freundschaftsbundes aus deinen Händen!« Und als er das Brod und das Wasser genossen hatte, fuhr er fort: »Frage nicht, wer ich bin. Nimm meine Dienste an, und haben wir uns wechselseitig geprüft, so sollst du vernehmen, wem du das Gastrecht so freundlich verliehen hast.« Das Mädchen sagte schüchtern: »Wir werden deines Geheimnisses achten – doch meinen Vater nennt man Naser – die Amme Fatme, und mich Selahmeh –« Abdallah . Nenne mich Hafi – denn so heiße ich. Khalife . Hafi! Hafi! Ben Hafi und Hafi! Führt dies nicht zu etwas? Ben Hafi . Vielleicht, Herr! Die Amme Fatme trug die Abendmahlzeit auf, und nach dem Essen sprach Selahmeh: »Sieh, Gast, jeden Abend singe ich meinem Vater eines meiner Lieder. Hat er einen guten Fang gethan, so besinge ich das Glück des Fischers, kommt er unbelohnt zurück, so singe ich ihm das Lied der Hoffnung: aber heute singe ich zuerst das Lied des Willkomms dem neuen Gaste, wie es bei uns gewöhnlich ist. Während der Lieder des Mädchens fühlte Abdallah den Stachel seines Kummers nicht. Nach einem glücklichen Abend ging er in das Kämmerchen, das ihm der Fischer Naser in dem Hofe anwies, und als ihn dieser verließ, und er den gestirnten Himmel über sich sah, rief er: »Furchtbarer Verfolger! laß ab von mir, und ich bin gerettet. Noch fühle ich schaudernd den Schrecken, den du in meine Seele geschleudert hast; aber unter dieser erhabenen Decke, die du mir verfinstert hast und die ich nun in ihrem Glanze wieder sehe, will ich die Kraft sammeln, allen Schrecken zu besiegen. Mein Bewußtsein soll erwachen unter dem Erkennen meiner Thorheit. Vielleicht gewährt mir das Schicksal noch eine gute That, und will es, daß ich noch schrecklicher büßen soll, so gehe ich willig ihm entgegen. O mein unglückliches Vaterland, nur bei deinem Andenken verlöscht alle meine Hoffnung!« Morgens ging Abdallah mit Naser auf den Markt, um den Fang des vorigen Tags zu verkaufen. Nach einigen Tagen fragte er diesen: »Willst du mich für den nöthigen Unterhalt des Lebens zu deinem Gehülfen annehmen, so sage es nun frei heraus. Meinen guten Willen und Eifer hast du gesehen, sie werden nicht erkalten.« Naser antwortete: »Hafi, wir Armen sagen: je mehr der Kinder, je mehr der Arme und je reicher der Vater. Ich habe keinen Sohn; willst du der meine sein?« Der Bund der Vereinigung ward zwischen den beiden schnell und leicht geschlossen, da Treue, Güte des Herzens, wechselseitiges Bedürfnis und Armuth den Grund des Vertrags ausmachten. Abdallah würde nun ganz glücklich gewesen sein, wären die Erinnerung des Elends seines Vaterlandes und die Furcht vor seinem schrecklichen Verfolger nicht seine unablässigen Begleiter gewesen. Seine Stirne verfinsterte sich, sein Herz füllte sich mit Wehmuth, und nur selten gelang es der muntern Selahmeh, durch Gesang und Erzählungen, ihren traurigen Bruder, wie sie ihn dann nannte, aufzuheitern. Das Geschäfte des Erwerbes ging indessen so glücklich von statten, daß Naser eines Abends sagte: »Der Segen ist mit Hafi in unser Haus gekommen.« Dieser Glaube des Fischers erweckte die angenehmste Empfindung in dem Herzen Abdallahs, denn er sah sich bis auf diesen Augenblick, nach allem Geschehenen, als ein Wesen an, das das Schicksal verdammt hatte, überall Unglück zu erfahren, oder zu veranlassen. So lebte er nun viele Monate, als Naser, durch eine Verkältung, die er sich durch einen nächtlichen Schlaf am Ufer des Meeres zuzog, erkrankte und sich von seinem Lager nicht mehr erhob. Eine unheilbare Lähmung lag auf seinen Gliedern. Abdallah tröstete ihn in seinen Leiden, übernahm die Nahrungssorge nun allein und wandte jeden ersparten Augenblick an, ihm zu dienen, ihn mit Hoffnung und Zusprache aufzumuntern und die Pflege mit der treuen Tochter zu theilen. Täglich trug er den Lahmen auf dem Rücken nach einem mit Bäumen besetzten Platze vor der Stadt, daß er da des Schattens, des Gesangs der Vogel, der Kühle und der frischen Luft genösse. Die Nachbarn, die den Fremdling mit seiner Last vorübergehen sahen, priesen, gerührt von Abdallahs Treue, Liebe und Fleiße, Naser glücklich und stellten Abdallah ihren Söhnen als ein Muster der kindlichen Ergebenheit vor. So ward Abdallah bald der Gegenstand der Achtung, Liebe und Bewundrung aller der Menschen, die von dem Schweiße ihres Angesichts leben und die Den nur für den Besten, Weisesten und Glücklichsten halten, der die Pflichten erfüllet, welche das Herz uns lohnt. Oft hörte Abdallah sein Lob mit eigenen Ohren, und es war ihm so wenig von dem Günstlinge eines Sultans und dem Großvizir zurückgeblieben, daß ihn dieses Lob mehr ergötzte, als ihn einst der Beifall und die Bewunderung des Hofes von Giuzurat über Thaten ergötzt hatte, die ihm jetzt so zweideutig schienen. Als er eines Tages nach der Arbeit Naser an den gewöhnlichen Ort der Erfrischung getragen und ihm da einen weichen Sitz zurecht gemacht hatte, sah dieser, von der kühlenden Luft des Meeres erquickt, Abdallah gerührt an und sprach: »Freund, was wäre der arme Naser nun ohne dich? Ein elender Krüppel, der mit seinem einzigen guten Kinde Hungers sterben, oder von dem Mitleiden der Armen kümmerlich und schmählich leben müßte. Ach, wohl war dies der glücklichste und reichste Zug, den ich mein Lebenlang aus dem Meere gethan habe, da ich dich auffischte. Das Schicksal sandte mich jenen Morgen dahin und verordnete Alles so, daß ich einen Retter für die Zeit finden sollte, in welcher mich seine schwersten Schläge treffen würden. Ich fühle sie nun nicht, beklage mich auch nicht; denn Das, was du für mich thust, macht mir oft sogar mein Leiden angenehm. Nur dies, daß du allein, für Zwei – für Drei arbeiten mußt, ist eine schwere Last für mich.« Abdallah sprach ihm Muth zu, erinnerte ihn an seine Schuld, aber Naser antwortete: »Könnte ich mich auch hierüber trösten, so bleibt mir doch eine Sorge, und diese werde ich wohl mit in das Grab nehmen müssen.« Abdallah.  Das wirst du nicht, wenn du nicht vergißt, daß du einen Freund und Sohn hast. Naser.  Einen Sohn! Ach, Hafi, wärst du meines Standes, ich würde dir längst meine Sorge anvertraut haben; aber du bist nicht meines Standes, du bist zu uns heruntergestiegen, wie meine Tochter sagt, theilst jetzt Armuth und Erniedrigung mit uns; doch das Glück und die Gerechtigkeit lassen einen Mann, wie du bist, nicht immer im Elende, sagt meine Tochter, und darum kannst du dich nicht mit uns auf das Leben verbinden. Ich meinte, es könnte doch wohl sein; aber meine Tochter bewies mir das Gegentheil zu klar; und darum muß ich meine Sorge mit mir in das Grab nehmen. Abdallah.  Mein Bund mit dir war auf das Leben, von dem Augenblicke an, da du es errettet hast, da ich aus deiner Tochter Hand das Brod und Wasser empfing und du dem Unbekannten trautest, ihn als Gastfreund, darauf als Sohn aufnahmst. Naser.  Ich forsche gar nicht, wer du bist, und wenn auch das neugierige Mädchen und die noch neugierigere Amme in mich dringen, so antworte ich ihnen: »Was kümmert uns Das, was er war! Ist er nicht ein guter Mensch, muß er nicht einer der Besten sein, da er an mir thut, was Söhne so selten an ihren Eltern thun?« und darum, Hafi, darum wollte ich dir gerne den einzigen und kostbarsten Schatz geben, den ich besitze, und dann ruhig einschlummern, wann der Engel des Todes vor mein Angesicht tritt, mich abzurufen. Abdallah.  Ist dieses deine einzige Sorge, so gib sie auf. Ich nehme den kostbaren Schatz an, dem ich mehr schuldig bin, als du glaubst. Ist es nicht deine Tochter? Naser.  So trage mich schnell nach Hause, der Wind würde mich nun doch nicht mehr kühlen. Selahmeh stand auf der Schwelle und wunderte sich, daß der Vater heute so geschwind zurückkam. Der Vater sagte ihr, was geschehen war, das Mädchen erröthete, wie an jenem ersten Abend, da der Rosenschleier der Abenddämmerung ihr Angesicht erleuchtete. Abdallah legte sein Versprechen in ihre sanft bebende Hand. In dem nämlichen Augenblick erinnerte er sich seines furchtbaren Verfolgers, und Entzücken glänzte in seinen Augen, da er den Schrecklichen nicht wahrnahm. Großvizir.  Warum sollte er ihm auch jetzt erscheinen, da er den dümmsten Streich macht und des Geistes Absicht zu sein scheint, daß er das Maß seiner Thorheit recht anfülle. Der Mensch ist unheilbar! Wahrlich ein schöner Glückwechsel für den Vizir des Sultans von Giuzurat, und die Erfindung macht dem Erzähler Ehre. Ben Hafi.  Dieses beiseite gesetzt, Vizir, so entschloß sich Abdallah hierzu, weil er des Glückes Wechsel müde war und anders über Glück zu denken scheint, als du! Khalife.  Vizir! Unterbrich Ben Hafi nicht. Ich habe schon lange vergessen, daß der Mann Vizir war, und dachte nur, er sei ein guter Mensch. Bloß darum fürchtete ich jeden Augenblick, der finstre Geist würde wiederum auftreten und ihm sein Glück verderben, das, so arm er auch ist, doch immer Glück ist und vielleicht ein glücklicheres Glück, als das meine und das deine. Ich sehe nun wohl, wo Ben Hafi hinaus will, und leicht kann es noch geschehen, daß du eine Reise zu diesem armen Fischer machen mußt. Fahre fort, Ben Hafi, ob ich gleich weiß, was du erzählen willst, so will ich mir es doch von dir erzählen lassen, weil dir's Vergnügen macht und ich noch mehr daran glauben werde. Scheue dich übrigens nicht; bringe Fischer, Krüppel, Arme und Waisen in dein Märchen, sie sind mir alle willkommen, und wenn ich dabei über etwas klage, so ist es nur darüber, daß ich sie nicht alle zufrieden, gesund und glücklich machen kann. Gott ist ihr Vater, und er hat den Khalifen um ihretwillen zu seinem Stellvertreter auf Erden gesetzt. Ben Hafi.  Gott höret dich! Khalife.  Und sieht in mein Herz, sieht, daß meine Lippen Wahrheit reden. Er weiß, sieht und hört Alles, ihm ist Alles bekannt. Euer Gott ist ein Gott, außer ihm ist keiner; er ist barmherzig, gütig, groß und mächtig. In der Schöpfung des Himmels und der Erde, in dem Wechsel der Nacht mit dem Tage, in dem Schiffe, das über die Fluthen des Meers dahinfährt zum Nutzen der Menschen, in dem Regen, den er vom Himmel sendet, die trockne Erde zu erquicken, und in der Veränderung des Windes und in den Wolken, die gezwungen sind, zwischen dem Himmel und der Erde ohne Lohn zu dienen, sieht der Verständige hohe Zeichen seiner Güte und Barmherzigkeit. Gläubige! Vergeßt nicht, daß er die erhaltenden Engel, die Liebe und das Mitleiden zwischen die Menschen gestellt hat;« dieses ist eines seiner höchsten Zeichen! Ben Hafi.  Um Mitternacht setzte sich Abdallah heitern Muths in seinen Kahn, ruderte an dem Strande des Meers hin, hoffte auf einen glücklichen Fang, um von dessen Ertrag seine Hochzeit zu besorgen. Er fuhr gegen die Klippe, und als er sein Netz ausgeworfen, seinen Kahn und seine Barke hinter dem Gesträuche befestigt hatte, stieg er zum ersten Mal ohne Schauder auf den Felsen, auf welchem er die Todesangst erlitten hatte. Hier wollte er den Aufgang der Sonne abwarten. Das Rudern hatte ihn ermüdet, die sich erhebenden Morgenwinde bliesen scharf und schneidend. Um sich vor ihnen zu schützen, lagerte er sich in der engen Kluft des Felsens, aus welcher die junge Cypresse, an der er sich einst bebend hielt, hervordrang. Er entschlief und träumte so leicht, wie die Winde, die in der Cypresse über seinem Haupte säuselten und seine Stirne umspielten. Bald weckten ihn Stimmen tief im Felsen unter ihm Redender auf. Er lauschte und vernahm Berathschlagungen über die Ausführung einer Verschwörung gegen den Sultan von Karnatek, deren Mittel, Ausbrechung und Zweck bestimmt wurden. Aus dem Reden und Tone vermerkte er, daß die Sprechenden Leute von Wichtigkeit und selbst vom Hofe des Sultans waren. Jeder beklagte sich über die Strenge und den Geiz des Sultans, über sein Hervorziehen geringer Leute, und Jeder suchte das schwarze Unternehmen mit der Farbe der Gerechtigkeit zu schmücken. Besonders hörte er den Sohn des Sultans von Jedem beklagen, den der Geiz und die Eifersucht des Vaters, nach ihrer Meinung, in der schimpflichsten Erniedrigung und Beschränktheit hielte, und der sich von dieser Sklaverei nicht anders, als durch den Sturz des Mannes, der sich so wenig gegen ihn als Vater bezeigte, befreien könnte. Jeder schloß, die Ausführung dieses Unternehmens sei die schönste That, da sie dem jungen, kraftvollen und großmüthigen Prinzen den Weg öffnete, durch seine Tugenden und große Eigenschaften die Karnateker zu beglücken und dem ganzen Lande wiederum zu seiner vorigen Blüthe zu verhelfen. Zuletzt sprach eine sanfte, mehr klagende, als Empörung hauchende Stimme, die endlich bis zum Ton des Bittens heruntersank, aber Abdallah konnte den Sinn der Worte nicht durch den Felsen vernehmen. Die Verschwörer beeidigten ihr Vorhaben, die Sonne glitt über das Meer herauf, und Abdallah hörte die Redenden sich in dem Felsen bewegen. Leise hob er das Haupt über dem Felsen empor und sah sie, vierzehn an der Zahl, sich auf Pferde werfen, welche Sklaven in weiter Entfernung hielten. Als Abdallah sie nun aus den Augen verloren, stieg er von der Klippe herab, umging sie und entdeckte endlich eine Oeffnung, die in eine geräumige Höhle führte. Ueber Das, was er gehört hatte, stand er lange in bangem Erstaunen da. Er wußte von dem Sultan weiter nichts, als was das Volk von ihm erzählte. Dieses pries einmüthig seine Strenge, Enthaltsamkeit und Gerechtigkeit und konnte nach Abdallahs Meinung nichts Besseres von ihm sagen, als daß er, streng gegen sich selbst, Andern keinen Fehler nachsehe und kein Verbrechen ungestraft lasse, der Fehlende oder Verbrecher möge ein Rath seines Divans, ein Großer seines Hofs, oder ein armer Lastträger sein. Um so mehr fühlte Abdallah die ihm obliegende Pflicht, diese Verschwörung dem Sultan zu entdecken; aber ein kalter Schauder überfiel ihn bei dem Gedanken, daß er sich dadurch abermals in das gefährliche Wesen der Herrscher der Menschen und ihrer Diener mischen und seine kaum errungene Ruhe, sein noch nicht mit Sicherheit genossenes Glück aufs Spiel setzen müßte. Noch größer ward seine Verlegenheit, da er bedachte, wie wenig ihn sein jetziger Stand und seine jetzige Lage zu einer solchen Entdeckung geschickt machte, und wie es Leuten von der Bedeutung und Wichtigkeit der Verschwornen leicht sein würde, bei dem geringsten Argwohn entweder seine Entdeckung zu unterdrücken, zur Fabel zu machen, oder ihn aus der Welt zu schaffen, bevor er bis zu dem Sultan gelangen könnte. Plötzlich hörte er das sausende Geräusche des Gewands des Geistes; er stand in derselben Sekunde vor ihm, und die Sonne, die durch den Riß des Felsen fiel, erleuchtete sein kaltes, ernstes, furchtbar erhabenes Angesicht. Ein tiefes Aechzen entriß sich der Brust Abdallahs, und alle seine Hoffnungen, seine Wünsche, sein Glück schienen sich in diesem Augenblick von seinem Herzen zu lösen. Der Geist sprach in seinem festen, zermalmenden Tone: »Abdallah! Vor Kurzem stand über diesem Felsen dein Sklave, der Sklave der Nothwendigkeit, deines und seines Meisters, vor dir. Du entflohst mir und hofftest, das ungeheure Meer sollte dich vor mir schützen. Das ungeheure Meer durfte dich nicht aufnehmen, es stieß dich aus, warf dich den Menschen zu, und nun stehe ich abermals vor dir, unter demselben Felsen. Und stiegst du auch durch diese Höhle zu dem Mittelpunkt der Erde, ich müßte dir folgen, bis der Zwang zwischen mir und dir von dem Mächtigern gelöst ist. Ich sah so kalt in deinen Tod, wie ich in dein Erwachen am Strande blickte: doch dieses ahnete ich nicht und glaubte mich von deinem Joche befreit; aber aus deiner Rettung merke ich, daß das tiefsinnende und fernsehende Schicksal das Blatt aufgeschlagen hat, dessen Inhalt mir verborgen ist, weil ihn dein eignes Herz bestimmen soll. Darum warne ich dich nicht über die That, die sich jetzt unruhig in deinem Busen wälzt. Sieh hin zu deinen Füßen und nimm diesen vor dir liegenden Siegelring auf. Einst werden die Menschen sagen, der Zufall habe ihn von dem Finger des Besitzers gestreift; vielleicht denkst du es selbst: denn so nennt ihr die Begebenheiten, deren verborgene Ursache ihr nicht faßt. Nach eurem Sinn entscheidet ja wohl auch der Fall eines Ringes von dem Finger eines eures Gleichen über das gegenwärtige und künftige Glück eines Landes, das Millionen Lebender trägt und nährt. Verwahre den Ring wohl und schalte über die reifenden Ereignisse nach freiem Sinne. Nochmals blüht dein Glück, und Abdallah kann erhalten, was er verloren hat, Größe, Glück und Macht!« Abdallah.  Bewahre mich vor ihnen und gib mir Ruhe und Weisheit. Geist.  Ich gebe und nehme dir nichts, und du bist für mich in Macht, Größe, Glück, Reichthum, Armuth, Elend und Erniedrigung ein Wesen, das mich weder erfreuen noch betrüben kann. Der Geist verschwand. Abdallah wickelte den Siegelring fest in einen Zipfel seines Gürtels und ging beklommen an die Arbeit, ruderte in düstrer Stimmung heim, und weder die Freude des Vaters noch die Munterkeit der Tochter konnten ihn jetzt aufheitern. Die Erscheinung des Geistes hatte seine Lebensgeister so durchbebt, daß ihm selbst der Sinn seiner Worte dunkel blieb. Als er am folgenden Nachmittag den lahmen Naser über den Markt nach Hause trug, hörte er den Herold des Sultans ausrufen: »Der Sohn des Sultans habe seinen Siegelring auf der Jagd verloren und verspreche dem Ueberbringer desselben zweihundert Derhem, nebst einem Feierkleide.« Der Herold beschrieb den Ring, und als Abdallah an der Beschreibung den in seinem Gürtel verborgenen erkannte, lief kalter Frost seinen Rücken herunter. Er bebte, und der lahme Naser wankte auf dem Bebenden. Die schwankende Bewegung Nasers brachte Abdallah zu sich, er trug ihn heim, der Abend verfloß ihm traurig, und die Nacht brachte er in ängstlichem Nachsinnen zu, durch welches Mittel er Wohl sicher das gefährliche Geheimniß an den Sultan bringen möchte. Auf jeder Seite war Gefahr, und er konnte zu keinem festen Entschluß kommen. Morgens begab er sich in die Moschee, da es der Ruhetag der Gläubigen war. Er sah den Sultan mit seinem jungen, blühenden Sohne durch die Vorhalle schreiten, und sein Geheimniß drückte ihn noch schwerer bei ihrem Anblick. Der Gottesdienst ging an, und auf einmal rief eine Stimme von der Erhöhung: »Gläubige! Der Khatib (Redner) hat eine Leiche im Hause, und darf heute nicht zu euch reden. Wer von euch fühlt den Beruf, seine Stelle zu vertreten und zu dem Volke zu sprechen!« Kaum vernahm Abdallah diese Worte, so sah er Licht. Begeistert drang er durch das Volk, stieg auf die Erhöhung, blickte über die Versammlung hin und hielt eine Rede voll Weisheit, Erfahrung und Gefühl, über die Pflichten des Volks gegen seine Regenten, der Regenten gegen das Volk. Darauf betete er für das Leben des Sultans, zeigte im Gebete die Verschwörung im kühnen, prophetischen Tone an und forderte das versammelte Volk auf, ihren gerechten, von Verräthern bedrohten Herrn zu schützen. Das Volk und der Sultan, sammt seinem Hofe, hörten Abdallahs Rede mit Erstaunen an. Da er aber das Gebet hersagte und grade auf den Sultan hinsah, indem er von der Verschwörung redete, blickte die ganze Versammlung mit ihm auf den bestürzten Sultan. Der Sultan faßte sich schnell und ließ Abdallah durch einen Vertrauten, der seinen Wink verstand, nach dem Palaste rufen. Abdallah gehorchte mit freudigem Herzen. Als ihn der Sultan erblicke, fragte er ihn mit strenger Miene: »Mensch, was berechtigt dich zu diesen kühnen und gefährlichen Aeußerungen vor den Ohren meines Volks?« Abdallah.  Die Wahrheit, Herr, dein und deines Volkes Heil. Doch lasse, bevor ich dir mein Geheimniß eröffne, schnell deinen Sohn von einigen deiner Getreusten beobachten; deine Feinde sind seine noch weit gefährlicheren Feinde. Irre dich nicht an meinem Stande, auch der Kleine kann oft dem Großen nützlich werden. Ich habe nichts als mein Leben, mit diesem steh' ich dir für Das, was ich von dir fordere und was ich dir sagen werde. Der Sultan gab einem seiner Vertrauten diesen Auftrag, und Abdallah erzählte ihm darauf, mit allen Umständen, was er gehört und gesehen hatte. Sultan. . Sei behutsam, denke, vor wem du stehst, und wen deine Anklage treffen kann. So wahrscheinlich auch Das ist, was du mir da erzählest, so macht mich gleichwohl meine Erfahrung an den Menschen zweifelhaft. Du bist nicht der Erste, der mir durch Vorspieglung ähnlicher Geschichten eine Belohnung abzulocken suchte; aber Mancher empfing dafür, was die gefährliche List verdient. Abdallah.  Ich weiß, Herr, welcher Gefahr ich mich aussetze, und hätte ich der Gefahr mehr geachtet, als der Pflicht, so stände ich nicht vor dir; dich weckten dann die Verschwörer aus deiner Sicherheit, nicht ich! Gib mir den gedrohten Lohn, wenn ich ihn verdiene, doch vorher prüfe! Auf Das, was du sonst noch Belohnung nennst, thue ich Verzicht. Sultan.  Kannst du einen der Verschworenen nennen? Abdallah.  Wie sollt' ich, ein armer Fischer, ein Fremdling in deinem Lande, die Großen deines Hofes an ihrer Stimme oder in der Entfernung kennen? Unter Herrschern, die dir gleichen, Herr, fühlt selten unser Einer ihr Dasein: denn wenn sie sich durch böse Thaten keinen Namen machen können, so bleiben sie uns zu unserm Glücke unbekannt. Sultan. . Du bist ein sonderbarer Fischer! Abdallah.  Jeder Stand trägt Menschen sondrer Art. – Gefällt es dir, so will ich dir ein Mittel sagen, die Verschwornen noch heute – noch vor Untergang der Sonne – in zwei kurzen Stunden zu erkennen. Findest du mich als Lügner, so bin ich in deiner Gewalt; rechtfertigt mich der Ausgang, so entlaß ich dich des Danks und Lohns im Voraus. Sultan. . Deine Worte und deine Mienen, so sehr sie auch mit deinem Aeußern abstechen – ich meine mit deinem Gewande – sind von einem Geiste beseelt, der Zutrauen einflößt. – Rede! welches Mittel soll diese Entdeckung bewirken? Abdallah.  Laß diesen Augenblick deine Großen und Räthe durch einen Herold zum Divan versammeln; in allen Straßen der Stadt laut ausrufen, du bedürftest schleunigst ihres Raths über die Entdeckung einer gefährlichen Verschwörung gegen dich. Keiner der Verschworenen wird erscheinen, jeder von ihnen wird sich auf die Flucht begeben, und diese, Herr – doch, was sinnest du nach? Sultan. . Rede – ich erstaune – über dich – über Das, was ich höre. Abdallah.  Ich wette, das Gerücht von meinem heutigen Gebete in der Moschee hat sie alle schon im Voraus in Schrecken versetzt. Darum verkündigte ich an heiliger Stätte laut, was ich nicht anders vor dich zu bringen wußte. Denn entweder hättest du mich abgewiesen, oder das Schlimmste für dich wäre mir begegnet. Sultan. . Weise, fest und klug gedacht ist Alles, was du gethan hast, was du mir nun rächst: doch noch Eins – wie viel zähltest du ihrer? Abdallah.  Vierzehn habe ich gezählt, wie gesagt, und erscheint der Vierzehnte nicht, so ist es Der, welcher sich für sicher hält und es doch am wenigsten ist. Mache indessen nur diese Probe und lasse mich bis dahin bewachen. Alles Dieses geschah. Der Herold rief den Divan nach Abdallahs Anweisung zusammen: dreizehn Große fehlten, und als man Boten nach ihnen sandte, erfuhr man, daß sie vor einigen Stunden entflohen waren. Der Sultan theilte dem Divan die Verschwörung mit, klagte die Flüchtigen an, entfernte sich und ließ Abdallah rufen. Zu Diesem sprach er: »Du hast die Wahrheit gesagt, und der Lohn meines Retters soll dir werden. Doch sieh, der Vierzehnte ist nicht entflohen, und vielleicht ist eben dieser der Gefährlichste von allen.« Abdallah.  Dieses wird von dir abhängen, und darum, weil du selbst so Vieles dabei thun kannst, wage ich, dir ein Geheimnis, zu offenbaren, das dein Herz durchbohren wird. In diesem Siegelring erkennst du ihn. Er überreichte dem Sultan den Ring, erzählte ihm, wo er ihn gefunden, wie er ihn durch die Beschreibung des Herolds auf dem Markte erkannt hätte. Der Sultan erblaßte und sagte mit bebender Stimme: »Mein Sohn! mein eigner Sohn!« Abdallah.  Ja, dein Sohn; ich fühle mit dir deinen tiefen Schmerz. Sultan. . Er unter Verschworenen gegen mich! Was that ich ihm? Was konnte ihn zu einem so schwarzen Unternehmen bewegen? Abdallah.  Darf ich dir sagen, was ich vernommen habe? Sultan. . Rede, ich will dich anhören, bevor ich ihn verwerfe und als Richter sein Urtheil spreche. Wüßtest du, wie ich ihn liebe, was ich Alles für ihn gethan habe! – Abdallah.  Und doch hast du nicht Alles für ihn gethan – ich meine für den jungen, leidenschaftlichen Mann in seiner Lage. Deine Strenge, deine Gerechtigkeit, deine Enthaltsamkeit, wofür dein Volk dich segnet, machten die Flüchtigen zu Verschwornen gegen dich, deinen Sohn gesellte ihnen deine vielleicht kluge, doch zu weit getriebene Sparsamkeit zu. Du wolltest ihn früh gewöhnen, mit Dem hauszuhalten, was das Volk ihm anvertraut: aber auch dieses hat seine Grenzen, denn leicht artet Sparsamkeit in Geiz aus. Verzeih, wenn ich dir eine Wahrheit sage, die ich aus dem Munde dieser Männer hörte, die ihn dadurch zum Werkzeuge deines Sturzes zu machen strebten, um in ihm einen von ihnen abhängigen Sklaven auf den Thron zu setzen. Konnte dein Sohn etwas anders werden, wenn er durch Hülfe Verschworener den Thron bestieg? Sultan. . Es ist so wahr als schrecklich! aber warum nanntest du ihn nicht gleich? Abdallah.  Herr, sollte dein Volk in deinem Sohne, in seinem künftigen Herrscher einen Verschwornen gegen dich erkennen und es nie vergessen? Sollte sich die schreckliche Geschichte bis auf die spätesten Nachkommen deines Geschlechts fortpflanzen? Hätte ich dir ihn vor der Versammlung des Divans genannt, du würdest ihn als Richter vorgefordert, ihm die Namen der Verschwornen angedrungen haben, und dann mußte seinem Bekenntnisse die Strafe des Verbrechens folgen. Dieses wollte ich dir ersparen und dir einen Sohn erhalten. Konntest du ihm dann verzeihen, in ihm ferner einen Sohn, er in dir einen Vater erblicken? Nun ist sein und dein Schicksal noch in deiner Gewalt, und du kannst als Vater oder Richter handeln. Dieses Geheimniß verschwieg ich dir, damit seine dir nur bekannten bösen Rathgeber entfliehen möchten, dein Sohn vor den Augen deiner Hofleute und deines Volkes unverdächtig bliebe und du ihn durch Verzeihung, durch weise Ermahnungen, durch Enthüllung der schändlichen, für ihn so gefährlichen Absichten der Verschwornen der Pflicht wieder zuführen möchtest. Ich vernahm den sanften, nur klagenden Ton seiner Stimme durch den Felsen, und diese Stimme kann nicht aus einem harten Herzen kommen. Sieh, Herr, mit diesem Siegelring übergab ich dir das Mittel, ihn zu erproben, ihn nach deiner fernern Erfahrung als Vater oder Richter zu behandeln. Doch bemerke, daß allzu sparsame Väter oft ihre Söhne zur Undankbarkeit reizen und noch öfter verschwenderische Erben in ihnen hinterlassen. Ich setzte mich als Vater an deine Stelle, fühlte als Vater für dich, und darum handelte ich, wie ich gehandelt habe. Sultan. . Deine Entdeckung fuhr wie ein Dolch durch meine Seele. Doch früher hätte sie mich getödtet, da der Vater über den Sohn das Todesurtheil sprechen mußte. So hast du mein und sein Leben gerettet, und ich will suchen, den Verirrten zur Selbsterkenntniß zu bringen. Aber wer bist du? Was habe ich in dir, was soll ich in dir haben? Deine Weisheit, deine Erfahrung an den Menschen, deine geprüfte Klugheit setzen mich bei jedem Worte, bei jeder Miene, jedem der Blicke, die sie begleiten, immer mehr in Erstaunen. Wie soll ich dieses mit deinem Stand ausgleichen? Abdallah.  Ich bin ein armer Fischer. Sultan. . Bist du es jetzt, so warst du es doch nicht immer. Abdallah.  Dies ist mein Geheimniß, Herr, dessen Entdeckung dir nicht nützen kann und das ich mir zum Lohne vorbehalten muß. Sultan. . Du wirst die Zeichen meines Danks nicht abweisen, wirst nicht so hart gegen mich sein und mir die schwere Last einer solchen Wohlthat auf dem Herzen lassen! Ich bedarf eines Mannes, wie du bist, mein Sohn bedarf seiner, wie du siehst, noch mehr. Ein Wort von mir erhebt dich zu ihm und mir. In dir habe ich zwei seltne Dinge vereint gefunden, Verdienst und Bescheidenheit, und ich kann dir geben, was nur deinem Aeußern fehlt, was dein Innres wirksamer machen kann. Ich gebe dir eine Stelle an meinem Hofe – Reichthum und die schönste Jungfrau meines Harems. Abdallah.  Du beliebtest mich weise zu nennen; würde ich diesen Namen länger verdienen, wenn ich einen Schauplatz beträte, auf welchem sich Dinge ereignen, wie ich dir heute mittheilen mußte? Vergib mir, Herr, ich habe mich mit der Tochter meines Gastfreundes und Wohlthäters verlobt, und die Hütte, die wir bewohnen, ist viel zu klein, ein Weib deines Harems zu beherbergen. Das Glück, das du mir anbietest, habe ich versucht und begebe mich nicht zum zweiten Mal in die Gefahr, daran zu scheitern. Ich bin ein Fischer und bleibe es. Sultan. . Und was kann, was soll ich für dich thun? Abdallah.  Mich vergessen, und kannst du dies so geschwind nicht, dich meiner bis dahin nicht laut erinnern. Sultan. . Bei Gott, du bist weiser, als wir alle, und beweisest mit jedem deiner Worte tiefe Erfahrung. Sei glücklich auf deine Weise, doch sei nicht so eigennützig glücklich, laß auch mich es dadurch werden, daß du meinen Dank nicht ganz verschmähst. Laß mich nur etwas für dich thun! Bin ich dir nicht die Belohnung schuldig, die der Herold dem Finder dieses unglücklichen Rings versprach? Abdallah.  Du gibst sie mir, wenn du mich jetzt schnell entlassest; ich muß eilen, meinen Vater und seine Tochter über meine lange Abwesenheit zu beruhigen. Auch naht schon die Stunde, zu welcher ich gewohnt bin, den Lahmen in die erquickende Luft zu tragen. Sultan. . Der Glücklichste in meinem Lande bist du, denn du bist der Weiseste. Geh größer von mir weg, als ich je auf meinem Throne saß. Wenn du meiner bedarfst – wenn ich deiner bedarf – wie soll ich dich nennen, wo dich suchen lassen? Abdallah.  Ich heiße Hafi, wohne in der Hütte des Fischers Naser, am Strande des Meers. Sultan. . Hafi, auch in mir hast du einen Vater! – Und nichts? Nichts willst du von deinem Vater? Abdallah.  Einen Druck der Hand, die das Schwert der Gerechtigkeit so feste hält – und Milde für den nur verirrten Jüngling, deinen Sohn! Sultan. . Ich schließe dich in meine Arme, umfasse einen edlen, uneigennützigen Mann, ein Glück, das uns so selten, den Wenigsten – ja fast Keinem von uns wird. Großvizir.  Dein Abdallah ist ganz wahnsinnig, und dieses ist noch das Mildeste, was man von ihm sagen kann. Khalife.  Dies kann wohl sein, Vizir; aber es ist etwas so Schönes und Weises in seinem Wahnsinn, daß ich wohl wünschte, dich und Andere deines Gleichen zu Zeiten in diesem Wahnsinn rasen zu sehen. Ihr seid freilich alle zusammen gar vernünftige Leute und haltet das Herz, das Gott dem Menschen gegeben hat, für das überflüssigste Ding; und fühltet ihr sein Dasein nicht durch eure unersättlichen Begierden, die euch immer foltern, je mehr ihr empfangt, ihr würdet kaum ahnen, daß ihr: so etwas unter eurer Brust tragt. Mache dich indessen immer zu der Reise fertig, denn auch ich will, bevor ich Wandere, einen Mann wie diesen da umarmen; bisher ist mir, wie du wohl weißt, dieses Glück noch nicht geworden. An meinem Hofe soll er leben. Großvizir.  Du hörtest ja, Herr, daß der Stolze dem Sultan Alles, sogar dieses abschlug. Khalife.  Vizir, das kann wohl sein; aber ich bin der Khalife, er der Mann für mich, ich der Mann für ihn, und wenn er dies recht einsehen, empfinden und begreifen wird, so müßte ich mich sehr in ihm irren, schlüge er es mir ab. Demnach mache dich nur immer zu der Reise fertig. Ben Hafi.  Abdallah eilte nach Hause und erfreute die ängstlich auf ihn Wartenden durch seine Gegenwart. Er erzählte ihnen die Ursache seines Außenbleibens, sie priesen ihn glücklich, daß er dem Sultan diesen Dienst erweisen konnte, und weder der Vater noch die Tochter fragte, ob der Sultan ihn belohnt hätte. Abdallah genoß seines Glücks den Tag über, bestimmte seine Hochzeit auf den folgenden, und als er sich Abends in seine Kammer begab, trat der finstre, kalte Geist vor ihn und sprach: »Da du mich einstens riefest, dachte ich einen kühnen, großen, unternehmenden Mann in dir zu sehen; es ging mir wie Jedem, der einem Menschen näher tritt, dessen Namen das Gerücht verherrlicht. Es sei! Klein oder groß, feig oder unternehmend, glücklich oder elend, bist du nicht mehr, nicht weniger für mich. »Du hast nun dein Schicksal aus deinem eignen Herzen entschieden, ich trenne mich auf Befehl meines mächtigen Meisters von dir, schwinge mich in den düstern Nebel meines Eilands, wo ich weder das Lachen noch das Weinen der Thoren höre, die nur leben, um verkehrt zu handeln, und dann zu verwelken. »Ob du in meiner Gesellschaft etwas gelernt hast, weiß ich nicht, auch kümmert es mich nicht. Ich zeigte dir die Wahrheit, du konntest sie nicht ertragen und seufztest bald nach Täuschung, wie du einstens nach Wahrheit seufztest. Um Das zu werden, was du geworden bist, bedurftest du meiner nicht. Doch was liegt mir daran, was aus dir geworden ist, was aus dir werden wird. Ein Mächtiger trieb mich zu dir, der Unwiderstehliche zieht mich weg.« Abdallah.  Seligster Augenblick meines Lebens – einmal kann ich ohne Schauder in dein wunderbar schönes, furchtbar erhabenes Angesicht blicken! Sage mir nur Eins – und ich will dir danken – mein Herz wird dir zulächeln können – mein Vaterland? – Geist.  So vernimm meine letzten Worte und danke nicht. Das blutige, herrschsüchtige Spiel des Verraths läuft in Giuzurat zu Ende; schon streckt das Schicksal seinen den Erdball umfassenden Arm aus und greift nach den Schuldigen, das Vergeltungsrecht auszuüben; der Sultan ist und wird sein, was die Meisten seines Gleichen sind. Hierauf berührte der Geist Abdallahs Stirne und verschwand. Abdallah entschlief und hatte ein Gesicht. Er stand in dem erhabenen Gezelte, über den Höhen des Kaukasus, sah die Versammlung der Geister und Genien, vernahm den Sinn der wichtigen Geheimnisse. Der oberste Genius deutete auf die luftige Wand, und Abdallah erblickte im sanften Schimmer der Morgenröthe die edeln Thaten der Heroen der Tugend. Die Bilder der seinigen erglühten, und der Dienst, den er dem lahmen Naser täglich erwies, schimmerte vor allen hervor. Der oberste Genius rief mit einer Stimme, die in die Seele Abdallahs wie ein reiner, harmonischer und erhabener Gedanke floß: »Dein Herz hat die Blüthe des Lebens, welche der kalte Verstand vertrocknen wollte, wiederum belebt. Die schöne Blüthe wird nun reifen zur Frucht, in einsamen, stillen Thaten des menschlichen Lebens. Das Herz erschaffe die That, der Verstand überlege und rathe, Güte und Weisheit umschließen beide, dann geht der Sterbliche sichern und festen Tritts einher, das übrige ist des Schicksals!« Abdallah erwachte; der rosenfarbene Duft des Gesichts umschwebte seine Stirne, und die Stimme des Genius tönte sanft fort in seiner Seele. Sein Herz und sein Verstand flößen, in der Harmonie der schönen Gemälde des Gezelts und der melodischen Töne, zur Vereinigung. Die Natur zog vor seinen Augen wiederum ihr liebliches Gewand an, er sah sich und die Welt in dem rosenfarbenen Schimmer seines erhabenen Gesichts, und die widrigen, düstern Laute seines Herzens verhallten vor dem Klange der Stimme des Genius. Khalife.  Das düstre, frostige Wesen hat ihn verlassen. – Ich sage dir, Vizir, mache dich zur Reise fertig. Großvizir.  Dein Wille, 0 Herr, geschehe! Ben Hafi.  Der Sultan ließ Abdallah noch einmal rufen und sagte ihm: »Diesen Ring, Hafi, will ich meinem Sohne auf meinem Todbette erst geben und ihm dann sagen, wie, wann und wo man ihn gefunden hat, zu welcher Stunde ich ihn erhalten habe. Er soll in meiner Familie forterben und jeder Erbe dieses Thrones ihn tragen. Diesen Entschluß verdanke ich dir und deiner Weisheit. »Nun höre mich weiter an und entscheide zwischen mir und dir. »Du hast mir deine Tugend so fühlbar und achtungswerth gemacht, daß ich ganz wohl begreife, du könntest allein durch sie glücklich sein. Doch bedenke, ob in diesem Falle deine Tugend nicht allzuviel auf die Kosten der meinigen, vielleicht der Tugend selbst, glänzen würde. Dir kann es genügen, von mir unbelohnt zu bleiben: aber kann es mir genügen? Wird nicht Jeder meines Volks, das den Beweggrund deines Weigerns nicht weiß und, wüßte es ihn, ihn kaum fassen würde, mich des schwärzesten Undanks gegen dich anklagen? Brauche ich dir zu sagen, was dieser so gerechte Vorwurf für Folgen für mich haben kann, haben muß? Wer wird dem Manne ferner, mit einiger Gefahr, einen Dienst erweisen wollen, der einen solchen unbelohnt läßt? Wird es mir nicht alle Achtung rauben? und doch sind Achtung und Liebe meines Volks die Reichthümer, nach denen allein ich geize. Willst du mich ärmer an meinen wahren Schätzen machen? Die Stadt ist voll von Dem, was du für mich gethan hast. Das Gerücht wird von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorfe, bis in die entfernteste, einsamste Hütte laufen, und Jeder wird hinzusetzen: der arme Fischer errettete des Sultans Leben, und der geizige Sultan ließ den Fischer arm. »Darum nimm von mir, was mehr Schein, als Werth hat, weil du so reich nicht werden willst, als ich dich gern machen möchte. »Auf jenem Platze, wohin du deinen lahmen Vater zu tragen pflegest, steht ein bequemes Haus, das Pappelwäldchen ganz nah dabei. Einige Hufen Landes und Garten drum herum. Nimm dies und Leute, die dir das Land bebauen, und du bleibst mein Freund und beweist mir's nun, da du mich vor dem Vorwurf des Undanks schützest.« Abdallah.  Deine Gründe sind billig und gerecht, ich gehorche. Sultan. . So halte deine Hochzeit dort, es ist schon dazu eingerichtet. Abdallah trug Naser in die neue Wohnung, die Braut ward Abends dahin abgeholt, und kaum ein Jahr darauf legte mich, den armen Ben Hafi, die blühende Mutter, als Sohn der Liebe, in die Arme des glücklichen, weisen Abdallah. Khalife.  Ben Hafi, ob ich dies gleich erwartete, so hast du mich doch überrascht. Was? dieser Abdallah, dessen Geschichte du erzähltest, war dein Vater? Nun, um so wahrer muß dein Märchen sein. Beim erhabenen Propheten! es freut mich herzlich, daß du der Sohn eines solchen Mannes bist, und kann ich den Vater auch nicht haben, so hab' ich doch nun den Sohn gewiß. Großvizir.  Ich dachte es wohl, daß so etwas am Ende herauskommen würde, und das aus gewissen Ursachen. Wahrlich, es ist so fein, als grob. – Man hörte Ben Hafi doch immer an, daß ein solcher Mann sein Vater war. Khalife.  Vizir, hätte es Gott gewollt, er könnte der Sohn eines Khalifen sein! Ben Hafi.  Herr der Gläubigen, dein Vizir spricht nur darum so, weil ich von dem Geiste des Hauptschmuckes nichts an mir habe, den einst mein Vater trug. Khalife.  Um so besser! Um so besser – Friede sei mit dir, euch und allen Menschen! Zwölfter Abend. Ben Haft erschien auf den Glockenschlag und begann: Ach, Herr der Gläubigen, ich könnte dir ein ganzes Mondenjahr von dem Glücke meiner Kindheit erzählen und vor Freude weinen und lachen und wieder weinen; denn nie ist wohl einem menschlichen Wesen eine seligere Jugend zu Theil geworden, als mir, und wäre ich beim Eintritt in das männliche Alter gestorben, so hätte ich den süßesten Traum von diesem Erdenleben geträumt. Liebe, Unschuld, Vertrauen! selige, blühende Gefährten der Jugend, was ersetzt euch uns? Das Schicksal gab mir die munterste, beste, gesundeste Mutter, den weisesten, edelsten Vater, die Alles thaten, den kleinen Hafi so weise, glücklich und munter zu machen, als sie selbst waren, sie, die, um dieses recht zu können, mit ihm selbst zu Kindern wurden, es gar so einrichteten, daß der Aufwachsende mit ihnen immer ein Kind verblieb, weil sie ein so großes Vergnügen darin fanden, es immer fort zu verbleiben. Der Vater lehrte mich den Fischfang und den Feldbau und das Uebrige nur darum, damit ich früh einsehen möchte, daß, den Acker zu bauen und Fische zu fangen, weit glücklicher, als gewisse andere Fischereien und Brauereien machten. Die Mutter lehrte mich ihre Lieder und ihre schönen Märchen. Als ich aufgewachsen war, erzählte mir der Vater auf jenem Felsen die Geschichte, mit welcher ich dich unterhalten habe, und erwies mir, was du, Herr, nach deiner Aeußerung darin gefunden hast, ohne es uns zu sagen. Dadurch ward ich so unbesorgt um alle meine Handlungen und Worte, folgte dem Triebe meines Herzens so unbekümmert um die Folgen derselben, als wenn es damit genug wäre, wenn mein Herz mir sagte: das Ding, das ich thäte, und das Wort, das ich spräche, sei gut und wahr. Von diesem Augenblicke an nistete sich in meinem Herzen jener schöne Dämon ein, der uns für die verstattete Herberge so herrlich belohnt und dessen Belohnung darum die allersicherste und allerzuverlässigste ist, weil sie den Augen der Menschen unsichtbar, ganz unabhängig von ihnen genossen werden kann. Diesem Gaste ließ ich so freies Spiel, daß er bald aufhörte, bloß Gast zu sein, und wirklicher Besitzer und Eigenthümer des armen, durch ihn so reichen Hast ward. Und daher kommt es nun, Beherrscher der Kinder des Apostels, daß ich deinem und allen Großviziren so sehr mißfalle, aber, dir zu Gefallen, das schöne Glück erworben habe. Khalife.  Darauf kannst du rechnen, Ben Hafi, doch wie nennst du diesen Gast? Ben Hafi.  Ach, Herr, es ist eben Der, den mein Vater einst mißkannte, den er nach schwerer Prüfung erst recht kennen lernte – der Enthusiasmus für alles Gute und Wahre, die Begeisterung von allem Schönen und Edeln, der heftigste Haß und Widerwillen gegen alles Böse, Schlechte und Niederträchtige, alle Menschenverächter, Menschenschinder und Menschenunterdrücker, Die nicht ausgenommen, welche auf ihrer Haut die Trommel schlagen und sich dessen rühmen. Auch begreife ich wahrlich nicht, besonders wenn ich deinen Großvizir anblicke, wie man mich, der ich doch eine lange Zeit auf dieser Erde hin und her gelaufen bin und, wohl zu merken, meinem Gaste nicht untreu ward, so lange auf dieser Erde hat laufen lassen, bis mir das seltenste Glück zu Theil ward, bei dir, der du selbst diesen Gast in deinem Busen trägst und meinen und deinen Gast gegen seine grimmigen Verfolger vertheidigest, Schutz zu finden. Dafür danke ich dir nun und hoffe unter deinen Flügeln des schönen Dämons, an Gestalt ein frischer, kühner, ewigblühender Jüngling, recht zu pflegen und so selig zu werden, als es die von ihm Begeisterten gewöhnlich sind, wenn sie freien Spielraum haben. Der Khalife lächelte ihm freundlich zu, und er fuhr fort: Es ist nun Zeit, daß ich mich dir male, und da ich dies nicht anders, als durch meine Wanderungen kann, wobei ich aber mehr sah, als that, so muß ich dir voraus erzählen, durch welche Veranlassung ich das glückliche, väterliche Haus verlassen habe. Eines Tags ging ich mit dem Vater auf den Markt. Da stand ein junger Mann von so trauriger und doch so harmloser, feiner, guter Miene, daß mein Vater beim ersten Blick aufmerksam auf ihn ward. Er zeigte mir den jungen Mann. Ich sah nach ihm, und in eben dem Augenblicke sah er auch auf mich. Sein Blick aber drang aus einem so feurigen, dabei so milden und freundlichen Auge, daß der Dämon in meiner Brust plötzlich lebendig ward, mein Herz durchglühte und in den Augen des traurigen Fremdlings zu lesen schien: auch in seiner Brust wohne ein ihm verwandter Dämon. Mein Vater bemerkte unsre Blicke auf das Zucken des Dämons meiner Brust. Er trat mit mir zu dem Fremdling und bot ihm, wie Leute, die sich lange kennen, das Gastrecht an. Er nahm es an, als ein Freund, der erwartet ist. Die Mutter wusch ihm die Füße, der Tisch ward gedeckt, eine Kammer für ihn zugerichtet, und wir fragten ihn weiter nicht, denn wir waren ja durch den schönen Dämon mit ihm verwandt, der uns beim ersten Blick und Gruß so freundlich und vertraulich umschloß. Ei selbst redete nicht viel, aber seine Aufmerksamkeit und die Blicke auf Das, was wir thaten und sagten, zeigte, daß er den Sinn unsers Handelns und Redens recht gut verstand und, so traurig er auch übrigens schien, recht sehr damit zufrieden war. Dieser Fremdling, Herr, lebte lange in unserm Hause und vermehrte um eines die Zahl der Kinder, die es bewohnten, und von welchen, wie du dich zu erinnern belieben wirst, Vater und Mutter sich nicht ausschlossen; ja, selbst der Großvater nicht, so lange er lebte. Da ereignete es sich nun eines Abends, daß die Mutter von dem ersten Eindrucke sprach, den mein Vater auf sie gemacht, als er mit Naser in das Haus gekommen, und der Vater erzählte ihm viel aus seiner Geschichte, bis zu seiner Verheirathung, ohne doch von seinem Verhältnisse mit dem Geiste zu reden. Der Fremdling horchte sehr gerührt zu. Endlich öffnete er die Lippen und sprach: »Ihr verzeiht mir wohl mein bisheriges Schweigen; doch länger kann ich es nicht halten. Bisher trennt mich ein Schatten von euch, und der Mensch, der uns ganz lieb werden soll, muß uns gleichwohl deutlich sein. Wir müssen wissen, wo und wie er entstanden, wie und durch welche Verhältnisse er gegangen ist, wie er sich durch sie gebildet hat, sonst liegt immer eine weite, kalte Kluft zwischen seinem vorigen und jetzigen Dasein, die wir nicht ausfüllen, und darum ihn uns nie ganz zueignen können. Ich will nun alle diese Hindernisse wegräumen, Kluft und Schatten. »Traurig ist freilich, was ich euch von mir zu erzählen habe; aber unter so guten Menschen, wie ihr seid, verliert selbst das Traurige seine düstre Farbe und nimmt den sanften Schimmer der Herzen an, denen man es anvertraut. Was ich verloren habe, kann ich zwar nie wieder finden, doch ihr knüpfet mich abermals an das Leben und zeiget mir in eben der Quelle Ersatz, aus welcher all mein Unglück entsprang. »Eure glückliche Einfalt, eure ungeschminkte Liebe zu einander, eure herzliche Vertraulichkeit, erinnerten mich oft an meine glückliche Jugend, die ich in einem Stande und in einem Hause verlebte, wo man Glück dieser Art so selten genießt, wo man es kaum ahnet. Ich bin in dem Glanze des Palastes geboren, und meinem Vater fiel das schwere Loos, Menschen zu beherrschen. »Ich wuchs unter Schmeicheleien, Liebkosungen, Vergötterung auf, wie Alle meines Standes, und gewiß würde ich durch sie geworden sein, was die Meisten meines Standes dadurch werden, wenn nicht ein gewisses Gefühl, so selten in dieser Lage, dieses gefährliche Gift für mich unschädlich gemacht hätte. »Ich hatte einen altern Bruder – nie hatte die Natur einen Sterblichen aus milderm Thone gebildet, nie einem ein reineres, liebenderes, unschuldigeres Herz gegeben, und dieser Bruder liebte mich, wie nie ein Bruder geliebt hat, und ich liebte diesen Bruder, wie nie ein Jüngling geliebt hat. Unser Leben war ein Gedanke, ein Geist, eine Beschäftigung. Wie die durch die Liebe allein getrauten Turteltauben, flogen wir sorglos und unbekümmert über die blühende Wiese des jugendlichen Lebens hin und sahen und ahneten keinen andern Zweck des Lebens, als das Glück, das wir jetzt empfanden. Ach, daß diese Zeit nicht dauern kann, daß das zu schnelle Reifen zum Manne diese Blüthe des Lebens vertrocknet und aus ihren lieblichen Knospen oft eine so bittre Frucht hervortreibt! Noch ahneten wir nichts davon. Wir standen auf diesem entscheidenden Punkte des Lebens, ohne daran zu denken. Meines Bruders Leidenschaft war, Märchen zu hören, die meinige, Märchen zu erzählen. Wir sollten bald aus diesem süßen Wahne erwachen, und die schön gefärbten Fäden der Phantasie sollten plötzlich von unsern Herzen abgelöst werden.« Der Khalife hörte mit der äußersten Aufmerksamkeit und mit einer beklommenen Theilnahme zu. Als Ben Hafi von den Märchen sprach und seine letzten Worte endigte, färbten sich des Khalifen Wangen mit einem sanften Roth, und ein Seufzer schwellte leise seine Lippen. Ben Hafi fuhr fort: »Unser Vater, ein weiser Mann, der anfangs unsre jugendliche Verbindung wie jedes kindische Verhältniß ansah, bemerkte nun erst, daß meinen Bruder und mich ein ganz eigner Geist der Liebe vereinigt hatte. Von diesem Augenblicke betrachtete er unsre Vertraulichkeit als Regent und fürchtete, der jüngere Bruder möchte durch sie an dem nöthigen Gehorsam und der Achtung verlieren, die er einst seinem künftigen Herrn zu leisten schuldig sein würde, und sah von nun an dieses Verhältnis; für Beide als höchst gefährlich an.« Khalife.  Ben Hafi – doch fahre nur fort – nur geschwinde fort! Ben Hafi.  »Dieses sagte uns der Vater mit ernster Miene und befahl mir, dem Jüngern, meinem Herrn von nun an mit Ehrfurcht zu begegnen und mich zu dem Gehorsam zu gewöhnen, den ich ihm einst, zum Beispiel aller Andern, vorzüglich zeigen müßte. Bedenkt, setzte er hinzu, daß die Sicherheit des Throns, des Reichs, oft die Nächsten unsers Bluts als Opfer fordern muß, wenn wir nicht frühe weise sind; bedenkt, daß dieses schreckliche Opfer durch unsre Schuld zur Nothwendigkeit werden kann. »Wir Beide standen vor ihm stumm und leblos, und Keiner von uns fühlte den Schlag seines Herzens. »Der Vater verließ uns, nachdem er uns unser künftiges Betragen sehr streng und drohend anempfohlen hatte. »Ich sah meinen Bruder an – aus seinen Augen drangen zuerst die Thränen.« Sie stürzten aus den Augen des Khalifen. Ben Hafi fuhr fort: »Ich fiel um seinen Hals und schluchzte: Sei mein Herr, mein strenger, gefürchteter Herr, so strenge, als es unser Vater ist – nur liebe mich! »Mein Bruder antwortete: »Sei du mein Herr und bleibe mein Bruder! »Wir verloren uns in unsern Klagen, in unserer Zärtlichkeit, bis die Worte meines Vaters, denen das Lesen der Geschichte Nachdruck gab, in meine Seele zurückkehrten. Ich wiederholte sie meinem Bruder und sagte: »Die Erfahrung und die Weisheit unsers Vaters geben seinen Worten ein schweres Gewicht; denn so wenig ich auch an deiner Liebe zweifle, so können doch die bösen Leute, vor denen uns der Vater so oft warnt, wenn du einst herrschest, durch ihre Kunstgriffe zwischen zwei Unschuldigen und Unerfahrenen, wie wir Beide sind, leicht Zwietracht stiften, diese Zwietracht durch Argwohn immer gefährlicher und mich endlich zum Unglücklichsten der Erde machen. Erinnerst du dich der Lehre, womit unser Vater gewöhnlich seine Vermahnungen schließt? Sagt er nicht: daß die Hofleute an den Regenten nichts ärger haßten, als ihre Tugenden, nichts mehr liebten, als ihre Gebrechen und Laster, und daß der Kampf mit ihnen der gefährlichste von allen wäre, die ein Regent zu bestehen hätte? »Mein milder Bruder erglühte über meine Rede, strafte mich mit zärtlichen Verweisen und drückte unter seinen Verweisen Küsse auf meine Lippen. Seine Thränen netzten meine Augen unter seinem Schmollen – er verwünschte wegen meines Verdachts sein Loos, der Erstgeborene zu sein, und wünschte mir den Thron, um mir zeigen zu können, wie er mir mehr traute, als ich ihm, und folglich mich mehr liebte. »Der Eindruck, den die Worte unsers Vaters auf mich gemacht hatten, die Erinnerung ähnlicher Fälle aus der Geschichte, verloschen nicht aus meiner Seele. Mein Bruder, um mich von meiner Schwermuth zu heilen, sagte: »Das Schicksal will, daß ich herrschen und daß du glücklicher, als ich, sein sollst. Doch höre, laß uns jetzt ein unverletzliches Bündniß machen und es durch ein unauslöschliches Zeichen versiegeln. »Nach diesem Worte führte er mich eilend in unsre Zimmer, nahm unvertilgbare Farbe, rieb die Stelle über meinem Puls der Hand und drückte das Siegel mit seinem Namenzug, an seinem Herzen erwärmt, auf die Stelle, wo, wie er sagte, das Leben schlägt. Meinen Namenzug mußte ich eben so auf seinen Puls ausdrücken. »Nun sprach er: bei dem geringsten Argwohn, der kleinsten Mißhelligkeit, zeige mir Dies, und eher müßte der Thron unsers Vaters unter mir zerfallen, als daß, nach diesem Anblick, noch einen Zeigerschlag Argwohn oder Mißtrauen zwischen uns herrschen sollte. »Aber man trennte von nun an unsre Erziehung – ihm gab man andere Lehrer, andere Führer – und diese Lehrer und diese Führer sollten ihn bloß zum Fürsten bilden. »Mein Vater starb, mein Bruder bestieg den Thron« – Hier schwieg unser Gastfreund einen Augenblick – die Thränen träufelten über seine Wangen – dann fuhr er fort: »Ich klage ihn nicht an, auch beklage ich mich nicht darüber, daß ich als ein herumwandelnder Bettler auf der Erde irren und meinen Namen verbergen muß! daß ich ihn nicht mehr lieben darf, ihn unter seinen Verführern traurig und unglücklich denken muß, daß die Güte seines Herzens, sein schöner Verstand von den Elenden mißbraucht und verworren wird« – Der taube Masul sprang plötzlich auf und rief schreiend und tief gerührt: »Mann, du sprichst von Abdallah, dem Bruder meines Herrn; nichts anders könnte ihn so erschüttern, wie ich ihn jetzt erschüttert sehe!« Der Khalife stammelte: »Ja, von ihm – er ist's – der Fremdling« – Er neigte sein Haupt auf die Schulter Masuls und weinte. Ben Hafi trat hinter den Vorhang des Seitengemachs, und als er wieder hervor kam, rief er: »Bruder!« Der Khalife bebend: »Ich höre meines Abdallahs Stimme!« Er schlug die Augen auf und sah in Ben Hafi seinen Bruder. Dieser hatte sein Oberkleid abgeworfen und erschien in der Farbe des Gewands, in welchem ihn der Khalife zum letzten Mal gesehen hatte. Sein grauer Bart war nun schwarz, und die Farbe, welche seine Gesichtszüge verbarg, verschwunden. In frohem, starrem Erstaunen saß der Khalife noch einen Augenblick auf dem Sopha, sich fest an Masul haltend. Dann drangen die Freudenthränen aus seinen Augen, er konnte die Arme ausstrecken, den Geliebten umfassen, und seine Zunge konnte sich lösen: »Abdallah! mein Freund! mein Bruder! meine wiedergefundene Glückseligkeit, Starke, Kraft und Weisheit!« Masul lag zu ihren Füßen und umschloß ihre Kniee. Der Khalife stammelte unter Schluchzen: »Weine doch, Masul, und sei glücklich! Du siehst ja, daß ich nicht weinen, noch nicht glücklich sein kann!« »Ach, Abdallah, vergibst du mir?« Abdallah.  Vergibst du mir, daß ich entfloh, nicht vor dich drang und dir dieses Zeichen vorhielt? Der Khalife küßte die Stelle des entblößten Arms Abdallahs. »Ach, Bruder, du durftest es nicht wagen, und ein Glück ist es, daß du es damals nicht gewagt hast, denn dieser Verworfene, Bebende hier – (auf den Vizir deutend) – Nein, der Verworfene und Strafbare bin ich – aber ich habe dafür gebüßt – Wollte Gott, ich hätte nur allein gebüßt – dann hätte mir mein Abdallah leichter vergeben können – Er hätte mir vergeben müssen!« Abdallah.  Bruder, du hast mich noch nicht umarmt. Khalife.  Dieser Augenblick! und der Augenblick der Auferstehung an jenem großen, fürchterlichen Tage! – O mein Bruder! mein Bruder! wie konntest du so lange um mich sein, ohne dich mir zu entdecken – wie mein Glück so lange aufsparen! Abdallah   Das Gerücht von dir lautete, durch die Sorge dieses Mannes und seines Gleichen, so übel, und ich fand dieses Gerücht durch meine Wanderungen in deinem Reiche so bestätigt, daß ich dich erst unter dieser Verhüllung sehen und beobachten mußte, ehe ich mich dir entdecken konnte. Ich erkannte dich beim ersten Blick, ich fühlte deine Unschuld, deine grenzenlose Güte, deinen gesunden Verstand, ich fand den Jüngling in dem Manne wieder, und mein Herz sprach das deinige von dem Bösen frei, das ich in deinem Namen begehen sah. Khalife.  Um meine Schwäche anzuklagen! – O, mit dir verschwanden mein Muth und meine Stärke – dieses wußten Diejenigen wohl, die uns von einander rissen. Das Gewissen, so gegen dich gehandelt zu haben, machte mich schwach, furchtsam und feige – dieses wollten sie. Aber nun bist du mir wiedergekehrt und mit dir meine Stärke, die Kraft meines Willens. – Was mußt du indessen gelitten haben – Dies alles wirst du mir erzählen – und ich will bei jedem deiner Unfälle weinen, mich anklagen, dich um Vergebung bitten, sie erhalten und wieder erbitten. Abdallah.  Beruhige dich über Das, was ich gelitten habe. Ganz unglücklich konnte dein Bruder nie werden. Erinnere dich des Dämons! – Das Schicksal wollte, ich sollte wandern, um Erfahrung zu deinem Dienste zu sammeln. Vielleicht habe ich dir es durch meine Erzählungen bewiesen, daß ich auf das menschliche Leben und Wesen aufmerksam gewesen bin. Meine Wanderungen erzähle ich dir allein, zum Theil hast du sie schon vernommen. Khalife.  Was soll ich mit diesem Menschen hier anfangen, der mein Herz so lange mit Argwohn gegen dich vergiftete und dann – Abdallah.  Er liegt zu deinen Füßen! Ein Mann, der einen Wahlspruch führt, wie er, und der sich bei solchen Trommelschlägen einst gefiel, ist das unglücklichste Wesen der Erde, wenn er jenen nicht mehr ausüben und dieses nicht mehr wagen darf. Großvizir.  Prinz Abdallah, gegen dich habe ich ein unverzeihliches Verbrechen begangen, dieses erkenne ich; aber es gehe mir, wie es wolle, was das Regieren betrifft, da verbleibe ich bei meinem Spruche: »Alles kommt von dem in den Menschen eingewurzelten Bösen her, und darum muß man sie mit einem eisernen Scepter beherrschen und zum Guten, das heißt, zum Gehorsam peitschen.« Abdallah.  Jene Trommelschläge ertönen in deinem Gewissen und begleiten dich ins Grab und erwachen mit dir an jenem Tage! Khalife.  Dort sehen wir uns wieder! Entferne dich. Ihr alle geht. Verkündiget ganz Bagdad, was ihr hier gesehen und gehört habt. Es erschalle durch mein ganzes Land, und bald soll die Wirkung davon dem Gerüchte nachfolgen. – Und du – du liebst mich, wie du mich geliebt hast? Abdallah.  Noch mehr, wenn es möglich ist. Bist du nicht so gut, so milde, so geboren für das Glück der Menschen, die dir anvertraut sind! Khalife.  Dies ist meines Abdallahs sanfte Stimme. Dies der Klang seines Herzens! – Wo war deine Stimme? Wie verkannte ich sie? War sie in meinem Gehöre verklungen, und erwachte sie mir jetzt erst? Abdallah.  Ein silbernes, dünnes Blättchen auf der Zunge machte sie schärfer und schnarrender. Khalife.  Armer Masul, daß du nun taub bist und diese Stimme nie mehr hören sollst! Er war es nicht, da du mich verlassen mußtest – er war dein einziger Freund und blieb mein einziger Freund. Als er sah, wie sehr ich durch deine Entfernung litt, nannte er dich nicht mehr. Aber wohl wußte ich, daß er deiner immer dachte, wenn ich deiner dachte. – Doch, Bruder, das Märchen von jenem Abdallah ist doch wahr, ob er gleich dein Vater nicht mehr ist? Abdallah.  Durch den innern Sinn, so wahr wie die Reisen Mahals vor der Sündfluth und alle Märchen, die ich dir je erzählt habe. Und sieh! Im späten Alter küßte jenem Abdallah der Engel des Todes die Seele sanft von den Lippen weg, und er trat unter jene Geister und Genien, und der Himmel schimmerte in dem Abglanze des erhabenen Gezelts. Dies werde einst dein und mein Loos! Khalife.  An deiner Hand, Bruder, kann es mir min werden. Komm, laß uns umschlungen die Stätten durchwandeln, die wir als glückliche Jünglinge durchsprungen haben, und uns bei jeder erinnern, was wir damals thaten und sagten. Unsre Herzen haben nicht gealtert. Abdallah.  Und werden es nie, denn uns umschlingt der immer junge, ewig blühende Dämon, und zu ihm gesellen sich seine Ernährerinnen, die Liebe, die Freundschaft, das Vertrauen und die Güte. Khalife.  Und sie sterben nicht mit uns, sie begleiten uns in die Gärten des Propheten; sie sind die süßesten Früchte der Garten Gottes. Und dort sitzest du an meiner Seite, und der treue Masul zu meinen Füßen, und freundlich lächelt Gott seinen Kindern zu.