Gottfried Kinkel Der Domschatz Erzählungen Inhalt Der Hauskrieg. Margret Ein Traum im Spessart Die Heimatlosen. Nachwort Der Hauskrieg. Eine Geschichte vom Niederrhein. Friede ernährt, Unfriede verzehrt! Das ist ein altes, wahres Wort! aber manche Leute mögen nicht dran glauben. Am Niederrhein liegt ein kleines Dorf, hübsch und reinlich, und wohnen wohlhäb'ge Leute darinnen, denn Äcker und Wiesen sind ergiebig und das Volk ist fleißig und ordentlich. Der reichste Bauer aber war der alte Andres, dessen Haus und Stallungen zunächst beim Strome liegen, vorn wo der Leinpfad am Dorfe vorbeizieht. Als der zu sterben kam, ging all sein Gut bloß auf zwei Söhne über: der älteste hieß Kaspar, der jüngste Sebulon. Der Kaspar war von Jugend auf ein gesunder baumstarker Kerl gewesen, der mit fünfzehn Jahren seinen Pflug leitete und seine Sense führte wie ein Alter; und wenn er abends nach Hause kam, verstand er's gleichfalls, in Kartoffeln und Klötze einzuhauen wie der beste Meisterknecht. Der Sebulon aber hatte in seiner Jugend die englische Krankheit gehabt und Lebertran drei Jahre trinken müssen statt Bier. Auch alle andern Kinderkrankheiten machten ihm's Leben sauer. Zwar erkriegte er sich nach dem vierzehnten Jahr, aber krumme Wackelbeine behielt er, und der Barbier hat nie viel von ihm verdient, weil er keinen Bart bekam. Zum Vieh und Ackergerät hatte er kein Gemüt; am liebsten lag er hinterm Ofen, spielte mit Nachbarskindern, die viel jünger waren als er und tüftelte ihnen allerhand Spielzeug zusammen, setzte den Tierchen aus der Arche Noä abgebrochene Köpfe und Beine vom Wachs wieder an und nähte Puppenkleidchen. Der alte Andres sah, daß er im Felde nichts taugte, und gab ihn zu einem Schneider in die Lehre. Er lernte auch sein Handwerk rechtschaffen und kam noch eh' der Vater starb in gute Kundschaft herein. Nur die Mädchen wollten nichts von ihm wissen, auch die nicht, denen er ehemals Puppenhemdchen gemacht hatte; sie spotteten eher über ihn und ärgerten ihn mit dem Spitznamen Meister Scherenbein, den sie ihm wegen seiner kreuzweis gewachsenen Untertanen anhängten. Dadurch verlor er ordentlich den Mut, sich zu verlieben und hing sich desto mehr an seinen Bruder Kaspar. Der aber nahm sich schon früh, wie's gute Sitte ist auf dem Lande, eine Frau und kriegte mit der richtig alle Jahr ein Kind. Als nun der alte Andres Todes verblichen war, da einigten sich die Brüder ganz leicht und gutwillig wegen der Erbschaft. Der Kaspar übernahm alle Ackergüter, der Sebulon das Haus mit dem großen Gemüsegarten und die Wiesen, die dabei liegen. Seinem Bruder räumte er das Erdgeschoß ein und ging dafür bei der Schwägerin in die Kost. Er selber wohnte im Oberstock; dort hatte er eine große nette Stube, deren Fenster über einen Wiesenfleck nach dem Rhein und der Hauptstraße des Dorfes gingen. Hier saß er auf seinem Tisch und nähte tapfer zu; alles was in der Nachbarschaft geschah, konnte er gut sehen, und mit jedem Schiffer, der unten am Wasser anlegte, sprach er und fragte ihn, was es Neues gäbe zu Mainz oder zu Emmerich. So führte er ein ganz vergnügtes Leben und wurde, ohne daß er's recht merkte, ein alter Junggeselle dabei. Zwanzig volle Jahre hatten die Brüder einträchtig miteinander gewohnt. Am besten fuhren dabei die Kinder des Kaspar; die lagen dem Ohm den ganzen Tag auf der Stube, lauerten zu den großen Fenstern heraus und ließen sich von ihm zwischen Tag und Dunkel Puppen und Lappenmäuschen schneidern. Erst wenn wieder eins von ihnen in die Jahre kam, daß es in die Schule gehen mußte, wurde es gegen Ohm Sebulon unartig, weil es von den Mitschülern über ihn spotten hörte. Dann wurde jedes vor und nach rebellisch wider ihn, bis er's endlich einmal beim Flügel nahm und die Treppe hinabjagte. Dies war er schon bei allen seinen Neffen und Nichtchen gewöhnt. Da legte auf einmal der Teufel ein Ei in die Wirtschaft. Der Kaspar hatte jetzt zwölf Kinder, klein und groß wie die Orgelpfeifen. Da er gut gewirtschaftet und das Erbgut durch Ankauf neuer Ländereien vergrößert hatte, mußte er mehr Dienstvolk halten als vorher und so wurde seiner Frau das Untergeschoß des elterlichen Hauses zu klein. Sie lag ihrem Mann in den Ohren, daß er sich ein neues Haus neben das alte bauen möchte, und das sollte von Ziegelsteinen sein und nicht von Lehmfachwerk und sollte sogar eine gemalte Stube darin sein. Der Kaspar wollte lange Zeit nicht dran, denn er meinte: für das neue Haus kann ich mir ein Dutzend Kühe einstellen und einen Morgen Land noch obenein kaufen, aber die Frau wollte ein blankes Haus und keine Kühe. Lieber Leser, wenn du Kühe haben willst und deine Frau ein neues Haus, so werden zwar die Kühe nicht gekauft, allein das neue Haus wird sicherlich gebaut. Aber der Bauplatz? Den mußte der Bruder Sebulon ja erst hergeben. Denn ihm gehörte das Land um das ganze Stammhaus herum, und er hatte im Garten prächtiges Gemüse, in den Wiesen aber feines Obst stehen; das schickte er mit dem Marktnachen zweimal die Woche nach Rees oder Kleve hinunter und hatte manchen harten Taler daraus gelöst und als Kapitälchen ausgetan. Der Garten besonders war seine beste Freude: es tat ihm wohl, wenn er so vom Schneidertisch aufstehen und die leichte Gartenarbeit, als Säen, Pflanzen, Okulieren und Einsammeln, vornehmen konnte. Der Kaspar hatte zwar draußen in der Flur Land die Hülle und Fülle, aber hier beim Dorfe gehörte ihm nur ein schmaler schlechter Strich, der grade zwischen dem Stammhaus und dem Leinpfad lag: den hatte sich bei der Teilung die Frau ausbedungen, um da zwischen die Bäume ihre Trockengarne anzubinden. Es war ein ungleicher schlechter Sandboden und schoß so stark gegen den Fluß ab, daß er beinahe jedes Jahr vom Wasser überschwemmt wurde. Am allerbesten wäre nun das Haus in den Gemüsegarten Sebulons zu stehen gekommen; der lag hoch und trocken, hatte eine nette Aussicht auf den Fluß und bot festen, guten Grund für die Anlegung des Kellers. Das war auch von Anfang die Meinung der Frau gewesen, und nun rückte sie damit heraus. Ihr Mann kratzte sich hinter den Ohren, als er's hörte, und meinte: sie solle doch selber einmal mit dem Bruder Sebulon zu reden anfangen. Das geschah beim nächsten Abendessen, als die Danksagung gesprochen und die Kinder nach Bett gejagt waren. Die Frau nahm das Ding wie etwas, das sich ja ganz von selber verstünde, meinte auch sogar, der Bruder Sebulon werde doch brüderlich handeln und ihnen den Garten hübsch wohlfeil überlassen. Sebulon erwiderte nichts, sondern stand auf, reichte dem Kaspar, wie alle Abend geschah, eine Prise aus seiner Dose, und als der nieste, sagte er: Profiziat und gute Nacht miteinander. Hierauf stieg er die Treppe hinauf in sein Quartier. Aber schlafen konnte er in dieser Nacht nicht. In der ersten Stunde dachte er über die schönen Pfirsich- und Aprikosenspaliere nach, die er vor drei Jahren mit der allergrößten Mühe endlich in gutes Wachstum gebracht hatte, nachdem er sechsmal vergebens Schößlinge eingesetzt. In der zweiten Stunde kamen ihm die Ranunkeln in den Sinn, für die er das schönste, sonnigste Beet des Gartens bestimmt hatte; sein Ranunkelnflor war sein Stolz, keiner in der Nachbarschaft, auch kein Kunstgärtner in den nächsten Städten konnte an Zahl der Arten mit ihm wetteifern. Nach Mitternacht fielen ihm die schönen, saubern Kieswege ein, für die er selber den Grand, wohl zweihundert Schubkarren voll, mit Schweiß und Mühe vom Rheinufer heraufgefahren hatte, und das nette Rondellchen in der Mitte, mit Seemüschelchen ausgelegt, die extra von Scheveningen herbestellt waren. Als der Nachtwächter ein Uhr blies, fuhren ihm die herrlichen dicken Spargel durch die Seele, die er jährlich von dem Hauptbeet an der Hecke zu Markt schickte, um zwei Uhr die mächtigen Kappesköpfe, um drei Uhr die grünen Erbsen – und gegen Morgen sprangen und schwirrten alle diese Gedanken, die Aprikosen und die Seemuscheln, der Kappes und die Ranunkeln, die Erbsen und die Spargel durcheinander in seinem Kopfe herum. Das alles sollte nun ausgerissen, niedergehauen, geebnet werden, bloß um ein Haus dahinzusetzen, das ebensogut anderswo Platz hatte. Noch einmal auf seinen alten Tag sollte er sich einen ganz neuen Garten anlegen und dessen Früchte vielleicht nicht mehr genießen! Am Morgen faßte er sich ein Herz, griff zu einem andern Entschluß und ging gesetzt und fröhlich zum Mittagessen hinunter. Die Frau machte ihm gleich kein so gutes Gesicht wie sonst, denn es verdroß sie, daß er nicht gestern alsbald gutwillig ja gesagt hatte. Aber sie verkniff sich, denn sie meinte, er sollte selber von dem Dinge zu reden anfangen. Das geschah nicht: sie wurde ungeduldig und fuhr am Ende derb mit der Frage heraus: »Nu, Herr Schwager, habt Ihr's diese Nacht gehörig beschlafen? Wie teuer laßt Ihr uns den Garten?« Da sagte Sebulon: »Schickt erst die Kinder fort, dann bespricht sich's besser.« Als die fort waren, redete er weiter: »Liebe Frau Schwägerin, den Garten kann ich nicht missen; ich profitiere so viel daraus, daß ich ihn nicht billig ablassen kann, wie sich's doch unter Brüdern schickt. Der Wiesengrund taugt nicht für Blumen und Kappes, da kann ich keinen neuen Garten machen, auch dauert's mir zu lang. Aber euch kann's eins sein, ob ihr ein paar Schritte rechts oder links bauet. Sucht euch also in der Wiese einen Platz fürs Haus und für einen stattlichen Hof obenein. Seid nicht blöde, ihr könnt frisch einen halben Morgen Land dazu nehmen. Was ich habe, kriegen ja doch eure Kinder, und mir kommt's nicht drauf an: den halben Morgen schenk' ich euch.« Das war brüderlich gesprochen, und der Kaspar hob schon die Hand auf, um in Sebulons Hand einzuschlagen und sich fröhlichen Mutes zu bedanken. Aber die Frau war's nicht zufrieden, weil sie's nun einmal so gewollt hatte und nicht anders. »Nein,« sagte sie, »in Eure Sumpflöcher bau ich nicht; lieber bleib ich im Stammhaus sitzen.« »Wie es Euch beliebt,« sagte Sebulon, »und wünsche allerseits wohl gespeist zu haben.« Damit ging er ganz freundlich aus der Stube und stieg in seine Werkstatt hinauf. Nun brach der Zorn der Frau los. Wenn der Sebulon ihr grob antwortete, so konnte sie gegen ihn ihre Galle loslassen, und nach einem herzhaften Zank möchten sich beide vielleicht vereinigt haben. Nun aber mußte der Mann es ausbaden. »Du bist mir auch der Rechte,« fuhr sie ihn an, »läßt deine Frau allein reden: der Schwager soll wohl denken, ich wäre wunder wie böse. So geht's den armen Weibern: ihr Männer laßt Gottes Wasser über Gottes Land laufen, und wenn wir hernach auf unser Eigentum und aufs Gut unserer armen Würmer denken, da müssen wir böse Zungen sein.« »Frau,« sagte der Kaspar, »die Wiese ist eben gut zum Bauen, und wir kriegen sie geschenkt.« »Ich will aber die Wiese nicht«, schrie sie. »Lieber bau' ich auf den Fleck am Wasser, der uns gehört, daß der krumme Scheerenbein sich ärgern soll, wenn er nicht mehr auf den Rhein sehen und mit dem Schiffervolk schwätzen kann, das alte Weib der– « »Der müßt' auch ein Narr sein, der dahin baute,« sagte der Kaspar, »da stände das Haus keine zehn Jahre wegen des Eisgangs. Jetzt muß ich ins Feld.« Damit ging auch er zur Stube hinaus. Derweil saß der Sebulon auf seinem Schneidertisch und nähte kleine Läppchen zusammen für eine Jacke, die er seinem jüngsten Neffen, dem Hanspeter, für seinen neuen Hanswurst versprochen hatte. Der Junge war schon dreimal dagewesen; nun hatte er sie ihm auf drei Uhr zugesagt, da wollte der Hanspeter sie holen kommen. Es schlug drei Uhr: die Jacke war fertig, aber der Hanspeter kam nicht. Meister Sebulon fing eine andere Arbeit an: er wird wohl fischen sein, meinte er. Es schlug vier Uhr: das Kind blieb aus, auch die andern kamen nicht, die sonst immer nach der Schule ihre Schnitte Brot mit Barkäs bei ihm aufaßen. Sebulon sagte für sich: sicher machen sie sich ein Kartoffelfeuer auf dem Acker, oder sollt' ihnen gar was zugestoßen sein? Als es aber fünf schlug, hörte er das kleine Gesindel unten im Vorhause sich jagen und schreien. Er trat an die Treppe und rief hinunter: »Hanspeter, bring den Hanswurst, die Jacke ist fertig!« »Nein, Oheim,« rief der kleine Junge herauf, »ich mag die Jacke gar nicht.« Sebulon ging an den Schneidertisch, holte die prächtige bunte Jacke, zeigte sie den Kindern und sprach: »Wer will sie jetzt, wenn der Hanspeter sie nicht mag?« Der zweitletzte Bube, der Michel, rief: »Ich,« und hatte schon den Fuß auf die unterste Treppenstufe gesetzt; da sprang ein älteres Mädchen, die schnippische Anna, hinzu, riß den Michel heftig am Arm herunter, daß er auf die Erde fiel, und sprach: »Halt du deine Jacke, Ohm. Die Mutter hat gesagt, du wärest ein böser Ohm, der seinen Bruderskindern nichts Gutes gönnt, und da wollen wir gar nichts mehr von dir haben. Und die Mutter sagt auch, wir sollen gar nicht mehr zu dir auf die Werkstube gehen.« »Ja,« rief einer der Buben, »ich komme auch nicht mehr zu dir, du Ohm Scherenbein. Hoho, Ohm Scherenbein.« Und die ganze Rotte, klein und groß, der Michel mit, brüllte laut auf: »Hoho, Ohm Scherenbein, Ohm Scherenbein!« Sebulon wurde kreideweiß vor Zorn und dachte an die Elle, um das ganze Gesindel durchzuhauen, aber er fühlte seine Beine wanken und ging langsam in die Stube zurück. Die Hanswurstjacke zerriß er in kleine Fetzen und warf sie am Fenster hinaus. Dann kletterte er auf den Schneidertisch und fing wütend an einem Wams zu nähen an. Als er fertig war, sah er, daß er den Ärmel verkehrt angesetzt hatte: er schmiß das Wams hin, fuhr in den Rock, nahm sein spanisch Röhrchen und ging hinaus – ins Wirtshaus. Dem Kaspar, als er seine Feldarbeit fertig hatte, war's auch nicht recht heimlich zumute. Er mochte nicht nach Haus gehen und dachte: die Frau hat's eingebrockt mit dem Bruder Sebulon, mag sie's heut abend beim Essen mit ihm richtigmachen: ich geh' ins Wirtshaus. Also weil beide diesen Abend sich nicht sehen wollten, kamen sie nun erst recht zusammen, und obenein vor andern Leuten. Als Kaspar in die Schenke trat, saß der Sebulon in der Ecke und las im niederrheinischen Volkskalender. Er sah schlecht aus und trank wider seine Gewohnheit ein Schöppchen Ahrwein. Sonst hatten sie allezeit dasselbe getrunken und aus einer Flasche; jetzt aber fing der Kaspar, wie er seinen Bruder sah, gleich mit Rum an. Rundherum saß ein Dutzend Leute aus dem Dorf. »Nun, Kaspar,« sagte der Schöffe, »Ihr wollt bauen, hör' ich?« »Wißt Ihr das schon,« war die Antwort. »Ja, so Gott will im Frühjahr.« »Und wohin?« »Weiß noch nicht, bin mit meinem nächsten Nachbar noch nicht eins geworden.« Sebulon sah einen Augenblick vom Volkskalender auf, die Augen der Brüder trafen sich. Kaspar fuhr fort: »Nicht alle Leut' sind gefällig.« Sebulon legte den Kalender hin, nahm die Brille ab, sagte aber kein Wort. »Ich meine,« sprach der Schöffe, »auf der Wiese Eures Bruders wär's am bequemsten.« »Ja,« sagte Kaspar, »so wird's auch wohl werden.« Jetzt fragte der Sebulon über den Tisch herüber: »Auf welcher Wiese meinst du, Kaspar?« »Nun, wie wir's heut abgesprochen haben, auf deiner!« »Von der Absprach weiß ich nichts,« erwiderte Sebulon. »Seit heut' abend fünf Uhr wird von meiner Wiese kein Daumenbreit verkauft noch verschenkt.« »So,« sagte der Kaspar, »das wußt' ich nicht. Ich denk', morgen bei Tisch reden wir noch einmal darüber.« »Ich esse nicht mehr bei deiner Frau,« antwortete Sebulon. »Ich hab' mich zum Essen hier beim Wirt verakkordiert, bis aufs Frühjahr.« »Und im Frühjahr?« »Dann fang' ich eine eigene Wirtschaft an und halte mir eine Köchin, ich wohne oben und die unten.« »Unten wohnen ja wir,« sagte der Kaspar. »Nein,« antwortete Sebulon, »unten wohnt ihr im Frühjahr nicht mehr. Ich habe eben den Schöffen gebeten, daß er Euch auf halben Mai kündigen soll.« »Sebulon«, rief Kaspar und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Bau' ich auf deine Wiese oder nicht?« »Nein.« »Oder in deinen Garten?« »Nein.« »Und soll auch nicht im Haus meines Vaters wohnen bleiben?« »Nein.« »Dann bau' ich auf dem Fleck' zwischen dem Haus und dem Rhein, oder alle Teufel sollen mich zerschlagen und der Schnaps im Glas soll mir Feuer und Flamm' im Magen werden. Gute Nacht, ihr Leute!« Damit stürzte er seinen Rum hinunter und stürmte nach Haus. Am andern Morgen früh kam richtig der Schöffe und kündigte im Namen des Sebulon dem Kaspar und seiner Frau die Wohnung auf. Der Frau wurde es schwül, nun es Ernst geworden war, und gern hätte sie jetzt den Wiesenfleck angenommen. Sie meinte, Kaspar sollte doch einmal hinaufgehen und ein gut Wort an den Bruder wenden. Aber nun hatte Kaspar seinen Kopf darauf gesetzt und war zu stolz, den untersten Weg zu gehen. Mit seinen zwei ältesten Jungen wanderte er an den Fluß und hieb alsbald die Bäume nieder, welche daselbst standen. Sebulon steckte einmal oben aus dem Fenster den Kopf in der Nachtmütze heraus und sagte ganz ruhig: »Guten Morgen, und wünsche gute Verrichtung.« Es war ein erbärmlicher Bauplatz. Zwischen dem Stammhaus und dem Leinpfad eingekeilt, bot er nur für eine Reihe Zimmer Platz. Desto besser, dachte Kaspar, da bau' ich drei Stöcke übereinander und nehme dem Sebulon dabei das beste Licht weg. Aber es mußte auch gegen den Fluß hin eine mächtige steinerne Brüstungsmauer aufgerichtet werden, und das war kein Spaß. Für die Stallungen blieb so wenig Raum, daß man im alten Quartier gar ein halb Dutzend Ochsen mehr stellen konnte. Aber den Stall rückte dafür der Kaspar so, daß er dem Sebulon just auch das Fenster der andern Seite verdeckte, welches auf die Straße des Dorfes hinausging. So nahm er ihm die beste Freude, welche er bei der Arbeit hatte. Unter Fluch und Verdruß wurde das Haus noch vor dem Winter unter Dach gebracht. Die Brüder grüßten sich nicht mehr, wenn sie sich begegneten, das Dorf lachte sie aus und stocherte dadurch ihren Eigensinn auf. Wenn der Kaspar etwas Neues zu machen hatte, nahm er einen andern Schneider vom nächsten Dorfe in die Kost. Seine Kinder aber taten dem Ohm Schaden, wo sie mochten und konnten, und verschonten ihm sogar die Blumen und Früchte in seinem Garten nicht mehr. Ein wenig besser wurde es, als im Frühjahr der Kaspar wirklich ins neue Haus einzog, aber viel besser doch nicht. Schon wenn man in der Stadt wohnt, ist's hart, einen Feind zu haben; auf dem Lande ist es noch härter. Denn in der Stadt kann man sich ausweichen, wenn man's anders will. Aber auf dem Lande trifft man sich alle Tage, im Wirtshaus, in der Gemeindeversammlung, im Handel und Wandel, zumal Nachbarn; und dann schmeckt einem nachher das Essen schlecht. Einmal hatte der Kaspar dem Wirt gesagt: Ich wohne doch schön, kann rings um mich blicken und Euch recht ins Dorf sehen; das freut auch meine Frau, sie hat doch etwas Unterhaltung. Der Wirt sagte das dem Sebulon wieder, und am folgenden Tage kamen Maurer, bauten auf drei Seiten um Kaspars Haus auf dem Grund und Boden des Bruders zwei mannshohe Mauern und versahen sie oben aufs trefflichste mit eingekitteten Glasscherben. Zwischen diese Mauern setzte Sebulon eigenhändig junge Pappeln, besah und begoß sie alle Tage und gab dem Nachtwächter ein schweres Trinkgeld dafür, daß er jede Stunde der Nacht zusehen sollte, ob Baumfrevel an ihnen geschähe. Die Kinder des Kaspar holten sich an den bösen Mauern nur zerschnittene Hände und Knie, die Pappeln aber wuchsen lustig und hatten im folgenden Frühjahre das Haus des Kaspar schon dermaßen eingesponnen, daß man um vier Uhr nachmittags Licht anstecken mußte. Da nahm es mit der schönen Aussicht für die Frau gleichfalls ein Ende. Und was noch schlimmer war, die Kinder wurden durch die Mauer von allen ihren alten Spielplätzen abgesperrt und lagen nun den ganzen Tag am Wasser; die Frau konnte sie nicht wegschlagen, und wenn gar hoch Wasser war, hatte sie den ganzen Tag Sorgen und Not. Am Ende mußte der Kaspar eine eigne Person ins Haus nehmen, bloß um auf die Kinder zu passen. Einmal im Herbst, kurz nach der Grummetmahd saß der Sebulon bei der Arbeit. Da trat ohne anzuklopfen der älteste Sohn seines Bruders in die Stube, stellte sich vor den Schneidertisch hin und fing an: »Ohm Sebulon, der Vater läßt Euch sagen – « »Tu' deine Kapp vom Kopf,« sagte Sebulon, »wenn du mit deines Vaters Bruder sprichst.« »Davon hat mir mein Vater nichts befohlen,« antwortete der Bursche und ließ die Mütze sitzen. »Er läßt Euch aber sagen, daß oben, wo Eure Wiesen anfangen, die Krippen nichts mehr taugen. Der Vater meint, das ginge Euch so gut an, wie ihn, und ob Ihr helfen und Geld beisteuern wollt, daß wir einen ganz neuen Steindamm machen und Weiden darauf stecken. Dann will er auch dazutun.« Da sprach Sebulon: »Er hat's nötiger als ich; wenn im Frühjahre hoch Wasser kommt und nicht gekrippt ist diesen Herbst, geht ihm's Haus treiben. Sag' übrigens deinem Vater: ich hätte doch mitgehalten, wenn er mir keinen Flegel, wie du bist, geschickt hätte.« Der Bursch' machte kehrt und trollte ohne Gruß ab. Als er seinem Vater die Antwort brachte, sagte der: »Allein leg' ich's Geld nicht aus, um dem geizigen Satan seine Wiesen zu schützen. Gott sei Dank, reich bin ich, und mein Ackerfeld liegt hoch; geht mir auch das Haus flöten, ich kann's aushalten.« Also wurde gar nicht gekrippt. Der Rhein aber stieg schon diesen Herbst höher als gewöhnlich, und als er wieder gefallen war, spazierte Sebulon mit bangem Gemüt auf seine Wiesen hinaus. Richtig: da waren die letzten Reste der alten Krippe weggespült, ein großer Grasfleck abgedeckt, daß der blanke Boden da lag, und wohl anderthalb Morgen mit unfruchtbarem Grand und Sand verschüttet. Sebulon überschlug leicht, daß er, die unvermeidliche Anlage einer neuen Krippe eingerechnet, um tausend Taler ärmer war. Einen Augenblick dachte er bei sich: es wäre nun doch besser, wenn mein Bruder den halben Morgen Wiese für sein Haus hätte, und ich den ganzen, der jetzt noch dazu ruiniert ist. Aber er schlug sich den Gedanken aus dem Sinn, als er an Kaspars Haus auf dem noch nassen Leinpfad vorbeiging; denn da war alles, Klein und Groß dabei, mit Eimern das Wasser aus dem Keller zu tragen, und die Frau rang die Hände, weil ihr die frisch eingemachten Bohnen und das Sauerkraut in den Fässern verdorben waren. Dieser Anblick war dem Sebulon wie ein Schmalzpflaster auf eine spanische Fliege. Aber bald sollte ihm gar ein Haarseil unter die Haut gelegt werden. Noch im selben Herbst hörte er in der Kirche von der Kanzel die Heirat seiner ältesten Nichte Liese mit einem jungen Bauern aus der Nachbarschaft verkündigen. Das hatten sie also richtig gemacht, ohne ihn, den nächsten Verwandten, darum zu fragen; das hatten sie von der Kanzel ablesen lassen, ehe sie ihm ein Wort darüber gönnten! Die Liese war sein Patchen, er hatte sie allezeit ganz besonders liebgehabt und seit Jahren eine schwere goldene Kette mit Henkeldukaten für sie aufgehoben, die ihm aus der Erbschaft der Mutter zugefallen war. Und nun – Die Hochzeit kam bald; man bat ihn nicht dazu, aber weil der Herbst noch ein paar warme Tage brachte, schlug man die Tische hart neben seiner Haustür an der Straße auf. Sebulon sah von oben das lustige Leben und verschluckte seinen Verdruß; als er aber die Braut selber in dem schönen neuen Kleid erblickte, das er nicht zugeschnitten und genäht hatte und das ihr, so meinte er, recht schlecht saß, da brachen ihm zwei dicke, bittre Tränen aus den alten Augen. Er konnte es dem Jubel gegenüber nicht aushalten, der zu ihm durch die Wipfel der Pappeln heraufscholl; leise zog er sich an, steckte die ehemals für Liese bestimmte goldene Kette mit den klirrenden, flirrenden Dukaten in die Hosentasche und stieg die Treppe hinunter. Wäre nun die böse Mauer nicht gewesen, so konnte er durch die Hintertür am Fluß her sich heimlich vorbeischleichen; jetzt mußte er vorn heraus und mitten durch die Hochzeitstische hindurch. Mit leisem Schritt und gesenktem Haupte ging er seines Weges. Die Liese sah ihn und wurde blutrot, ihre Mutter sah ihn und wurde leichenblaß; ein bösartiges Spottgelächter lief über die Gesichter der Gäste bei dieser unerhörten, so hart sich hervordrängenden Kränkung alles Familienbrauchs und aller Familienliebe. Der Kaspar sprang auf: ich glaube, er wollte seinem Bruder das Glas zubringen, und ich glaube auch, der Sebulon wäre dann geblieben, und die Hochzeitsfreude hätte den langen Schmerz ausgeheilt. Da schrien aber die kleinsten unter Kaspars Kindern dem großen Haushunde, den sie heut' in der allgemeinen Freude von der Kette losgemacht hatten, unten am Tische zu: Tiras, Tiras, da ist der Ohm Scheerenbein! Der Hund war sonst ein gutes Tier, das keinem Kinde etwas zuleide tat, aber die kleinen Bösewichter hatten ihn ein paarmal, wenn er an der Kette lag, auf den Ohm gehetzt, um diesen zu erschrecken, und so fuhr er dem jetzt wütend nach den Beinen. Sebulon, der sich auf alles gefaßt hatte, zog ihm mit dem spanischen Rohr einen kräftigen Hieb über die Zähne, und Kaspar gab ihm zu gleicher Zeit einen furchtbaren Fußtritt in die Flanke, so daß das Tier heulend unter den Tisch zurückrollte. Aber zornig sah Sebulon die Familie an und sagte: »Ich gehe ja schon, was braucht ihr denn den nächsten Verwandten eures Hauses von seiner Nichte Hochzeit mit Hunden wegzujagen?« Rascher als vorher schritt er sodann durch die Reihen und bog um die Ecke des Nachbarhauses. Still ging er durch die Stoppelfelder und Wiesen in die nächste Stadt zum Goldschmied, ließ die Kette schätzen und steckte die Louisd'or, die er dafür bekam, gleichmütig in dieselbe Hosentasche, wo die Kette gewesen war. Dann wandte er sich auf dem Markte zum Hause des Notars, sprach mit ihm eine Stunde und bestellte ihn auf morgen früh in seine Wohnung aufs Dorf hinaus. Hierauf kehrte er heim, setzte sich im Wirtshause zu den andern Gästen und lud den Barbier und den Hufschmied, weil das die beiden ärgsten Plaudermäuler in der Gemeinde waren, ebenfalls auf morgen früh als Zeugen zu sich ein. Hierauf traktierte er sie mit dem besten Wein und spielte bis tief in die Nacht mit ihnen Sibbeschröm zum höchsten Satz. Dabei gingen ihm zwei von den Louisd'or springen, die er für die Kette gelöst hatte: das wollte er eben. Um Mitternacht, als der Hochzeitslärm vorüber war, ging er nach Haus und legte sich aufs Ohr. Der Notarius kam, die Zeugen auch. Sebulon hatte noch eine Verwandte im Oberlande, die er nicht leiden konnte, weil sie als Mädchen sich schlecht aufgeführt hatte und dann mit aller Mühe unter die Haube gekommen war. Der und ihren Kindern vermachte er nun ganz rechtskräftig das Stammhaus und sein Land, wie auch alle seine fahrende Habe, mit der Klausel, daß der Besitz erlösche, sobald die Erben die Mauer und die Pappelallee verkommen ließen oder seinem Bruder Kaspar oder dessen Nachkommen ein Stück des Grundeigentums verkauften. Der Notar erhielt an Gebühren gerade den Rest der Louisd'or; ein letztes Zehngroschenstück, das noch davon übrigblieb, warf Sebulon den Sonntag darauf in den Klingelbeutel. Den beiden Zeugen aber verbot er zum Überfluß noch, von der Sache zu reden. Natürlich hingen die es jetzt sogleich an die große Glocke, und abends im Wirtshaus meldeten zwanzig Zungen dem Kaspar im Vertrauen die erbauliche Geschichte. Geld wiegt überall schwer, am allermeisten aber auf dem Lande, wo man den Mann schätzt nach dem, was er hat, und das Mädchen manchmal auch. Kaspar merkte bald, daß er jetzt nicht mehr für halb so reich galt als vorher. Man wußte recht gut, daß Sebulon aus seinem Garten, aus den schönen Wiesen und daneben mit seiner Schneiderei ungefähr ebensoviel jährlich erwarb wie Kaspar aus seinen großen Ackergütern, daß er aber, kinderlos wie er war, nicht den zehnten Teil seines Erwerbs verbrauchen konnte. Obenein besaß er das solid und gut gebaute Stammhaus, Kaspar aber den unsichern, stets feuchten Neubau am Wasser; bei zwölf Kindern mußte sein Vermögen ein starkes Exempel in der vierten Spezies hergeben, und der Quotient wurde garstig klein. Dieses Rechenexempel stellten alsbald die alten und jungen Bauern rundherum in der Nachbarschaft an. Um das schnippische Annchen, die zweite Tochter Kaspars (das war dieselbe, die damals den Michel von der Treppe des Ohms zurückriß), hatte sich schon lange Zeit ein Schulzensohn vom nächsten Hofe Mühe gegeben und bei Liesens Hochzeit die Sache bei ihr ungefähr in Richtigkeit gebracht; jetzt kam der nicht mehr, und die Anne sah lang nicht so spitzig mehr aus wie vorher. Kaspar selbst hatte Hoffnung gehabt, Schöffe zu werden, an des alten Statt. Aber als es im Gemeindehaus wirklich zur Wahl kam, meinten nunmehr alle, es schicke sich nicht, einen zum Schöffen zu nehmen, der mit jemand im Dorf unfreund sei, und so fielen die Stimmen auf einen reicheren Bauer, obwohl der statt eines ein halb Dutzend Feinde hatte. Auch im eigenen Hause bekam Kaspar, da er älter wurde, alle Tage mehr Verdruß. Die Frau warf ihm vor, sie hätte ja auf den schlechten Platz gar nicht ernstlich bauen wollen, er mit seinem Eigensinne sei an allem Übel schuld. Die Kinder, in deren Herz früh der giftige Same des Hasses gestreut war, hatten in ihren Streichen gegen den Ohm, welche die Eltern ihnen stets durchgehen ließen, Verachtung gegen das Alter gelernt und gaben diese Verachtung jetzt auch reichlich dem Vater zu schmecken. Die ältern Söhne und Töchter aber sahen ihre Eltern als die Ursache an, daß ihnen das reiche Erbe des Ohms entging, und Annchen, um welche sich jetzt kein reicher Junge mehr bewarb, gab dem Vater und der Mutter kein gutes Wort mehr zu hören. Der Fluch des Hasses lag auf allen Stirnen, und Kaspar, wenn er allein auf dem Felde hinter den Ochsen herging, dachte jetzt doch oft: wären wir drei Jahr jünger, ich wüßte wohl was ich täte. Nun's aber einmal drei Jahr gedauert hat, soll's auch so bleiben bis an meinen Tod! Und dabei schlug er mit dem Stecken so hart auf die Ochsen, daß sie aufsprangen und die Furche schief ging. Ein harter Winter kam. Im Januar und Februar schneite es unablässig, des Nachts fror es und der Schnee blieb liegen. Bange sah man am Niederrhein dem Hochwasser entgegen. So blieb es bis tief in den März: da sprang der Nordwind nach Südwest um, und in einem Tage trat überall das schwarze Feld aus der Schneedecke hervor. Der Rhein stieg, es mußte schrecklich werden, wenn auch im Oberland das Tauwetter so plötzlich eintrat und wenn es dauerte. Wäre nur die Krippe im Herbst ordentlich gemacht worden! Aber jetzt war es zu spät, man mußte auf einen Notbehelf denken. Kaspar lernte in der Todesangst um Weib und Kind und Herd seinen harten Mut beugen. Ohne diesmal seines Bruders Hilfe zu erbitten oder abzuwarten, rammte er an der Stelle der Krippe ein Dutzend der stärksten Tannenstämme in schräger Reihe ein, um den Stoß der Flut sanft abzulenken, und verband sie mit dickem Weidenflechtwerk. So sicherte er sich die Zeit, um seine beste Habe wenigstens flüchten zu können. Höher und höher schwoll die Flut: Weib und Kind mußte er schon im Nachen wegschaffen, das Wasser stand in seinem zweiten Geschoß. Er selbst blieb noch in dem gefährlichen Bau, wie ein Schiffskapitän, der ein Wrack nicht verlassen mag, solange es nicht untersinkt. Es gelang ihm sogar, unter dem Schutze der eingeschlagenen Tannenbäume, die vortrefflich widerhielten, ein großes starkes Scheunentor an diese seine Verschanzung heranzubugsieren und zur Verstärkung derselben vor dem Weidengeflechte zu befestigen. Dadurch bekam das Haus noch mehr Schutz. Zwar wie die Strudel heranschossen, bogen sich die Tannen und krachten, aber weil sie nachgaben, richteten sie sich auch allemal wieder auf. Wenn jetzt die Flut nicht mehr wuchs, wie sie denn wirklich stillzustehen schien, dann war das Haus gerettet. Aber an einem Abende verdunkelte sich der Himmel. Der Wind sprang spitz nach Westen um und jagte die bäumenden Wellen gerade auf das Dorf zu. Ein Platzregen wie ein Wolkenbruch fiel nieder, die Flut wuchs in jeder Stunde zwei Fuß, und kletterte nun auch schon an Sebulons Hause empor. Dieser legte sich in Kleidern aufs Bett in der Oberstube. Weil sein Haus sonst immer verschont blieb, war er nicht geflüchtet und hatte nicht einmal für einen Nachen gesorgt; dem Bruder aber, der auch in seiner Festung blockiert war und einen Nachen da hatte, mochte er darum jetzt kein gut Wort geben. Auch ängstigte er sich nicht sonderlich, weil er sich auf die Festigkeit des Hauses verlassen konnte. Die Lampe hatte er brennend neben sich stehen und las in der Postille. Auf einmal aber sah er das Wasser durch den Fußboden heraufquellen wie ein klares Waldbrünnlein im Frühjahre. Seine Haare sträubten sich: siehe, da kam es auch schon lustig über die Türschwelle gerieselt. Er sprang empor und riß die Tür auf: ein voller Schwall brach ihm entgegen, und kaum war er auf den Schneidertisch geflüchtet, so stand das Wasser den Fenstern gleich. Da trat ihm der entsetzlichste Tod vor die Augen; wenn es jetzt noch stieg bis es das Fenster gefüllt hatte, so wurde er unter der Decke erdrückt oder mußte ersticken. Er lief ans Fenster, das nach dem Dorfe ging und schrie um Hilfe, aber das Rauschen der Flut und der scharfe Pfiff des Windes schnitt ihm den Ton lautlos von den Lippen weg; die Flut spielte innen und außen bis an seine Brust. Nach dieser Seite war keine Rettung, aber nach dem Flusse zu blieb eine kleine Hoffnung. Dort stand dicht vor dem Fensterladen eine der Pappeln, welche er aus Haß hingepflanzt hatte. Er watete zum Bette, schlug eine wollene Decke, die noch trocken war, eng zusammen und band sie sich an den Hals. Dann kletterte er vorsichtig in den Fensterrahmen: richtig, die Pappel stand noch und reckte seiner Hand einen starken Ast entgegen; dicht hinter ihr schien auch das Dach vom Hause seines Bruders noch aus der Flut hervor. Er sah den Kaspar mit einer Laterne aus dem obersten Stockwerk in den Nachen steigen; er schrie ihn an, aber hören war unmöglich. Kaspar zwang den Kahn mit aller Mühe auf die Tannenbäume oben bei der Krippe zu; Sebulon aber kletterte auf seiner Pappel so hoch hinauf als er starke Äste fand, setzte sich oben zurecht und erwartete, daß der Tag und die Hilfe kommen sollten. Bald überzeugte er sich, daß das Wasser eben so rasch fiel als es gewachsen war: schon wich es von dem Fenster, aus dem er sich geflüchtet hatte, und schon dachte er dorthin zurückzukehren. Da, es war eben der Morgen am Grauen, erhob sich noch einmal mit kurzen, starken Stößen der Wind. Die Flut rauschte wilder, die Pappel schwankte stark. Eben wollte Sebulon seinen Rückzug antreten, da hörte er oben an der Krippe einen entsetzlichen Krach, das Hausdach vor ihm sank mit furchtbarem Rauschen in die Flut, und in den Strudel, der dadurch entstand, senkte sich der Pappelbaum mit hinein. Krampfhaft hielt er sich fest: der mächtige Stamm wurde von den Wellen im Kreise gedreht, unter und über gestürzt, und Sebulon mußte den Tanz mithalten; bald war er ein paar Klafter unter dem Wasserspiegel, bald drüber. Plötzlich empfand er einen Stoß, der Ast, den er hielt, schleuderte ihn von sich und warf ihn unsanft auf etwas Hartes hin. Der Verstand verging ihm, er fühlte, daß ihm das Blut aus der Nase strömte und daß er mit dem, worauf er lag, rasch stromabwärts trieb. Langsam sammelte er seine fünf Sinne; als er sein Lager befühlte und besah, war's ein großes Scheunentor, und am andern Ende desselben saß ein Mann – und der Mann war sein Bruder Kaspar. Der Kaspar hatte am Wanken seines Hauses gemerkt, daß es drinnen nicht mehr geheuer sei. Deshalb bestieg er den Nachen, wagte aber nicht, nach dem Dorfe zu fahren, wo er in der schwarzen Nacht und bei dem wilden Wellenschlage leicht an einen Baumwipfel stoßen und umschlagen konnte, sondern arbeitete sich durch das stillere Fahrwasser zu seinem Bollwerke hin, dessen Baumstämme am Abend vorher noch prächtig gehalten hatten. Dort lag er vor Sturm und Strömung geschützt vor Anker und merkte ebenso vergnügt wie Sebulon auf das Abnehmen der Flut. Aber jene Windstöße gegen Morgen trieben ihm die Wellen gerade gegen die Schutzwand, vier Tannenstämme wichen endlich aus dem zerwühlten Boden und die andern brachen in demselben Augenblicke in Splitter. Das schwere Scheunentor stürzte dem Kaspar beinahe auf den Kopf und schlug ihm die Spitze des Nachens glatt weg. So blieb ihm nichts übrig, als von dem versinkenden Fahrzeug auf das Scheunentor selbst zu springen. Die losgeketteten Fluten heulten nun auf sein Haus zu, er sah es zusammenbrechen wie Sebulon, und Tor und Pappel schossen in denselben Strudel hinein, der sie dicht aneinanderwirbelte und den Sebulon gleichfalls auf das bessere Rettungsboot absetzte. Als Kaspar einen Menschen auf das Tor geschleudert sah, war seine erste Meinung, ihn herabzuwerfen, damit die Last nicht zu groß würde, aber sein gutes Gemüt verwarf den Gedanken. Beim schwachen Morgengrauen erkannte er den verhaßten Bruder, begnügte sich aber, soweit als möglich von ihm fortzurücken. So saßen sich denn die Brüder gegenüber, jeder auf einer Ecke des Tors, das reißend schnell mit ihnen abwärts trieb. Als der Morgen hell anbrach, hatten sie einen trostlosen Anblick. Das Gewölk verzog sich, der Sturm hörte auf; aber unermeßlich dehnte sich die trübe Flut, Bäume, Hausgerät und Leichen von Tieren mit sich wirbelnd, vor ihrem Auge aus. Fahrzeuge wagten sich in den Strudel nicht hinein; schoß ihr Tor wohl einmal dichter an einem Ufer hin, wo Menschen sie hätten sehen können, so waren die doch zu feig oder zu sehr mit dem eigenen Unglück beschäftigt, um an die Rettung der Brüder zu denken. Jeden Augenblick drohte ihnen der Tod, wenn ihr Fahrzeug dicht an überschwemmten Baumwipfeln vorbeischoß oder mit Balken und anderm Holzwerk in der Strömung zusammenstieß. Dazu lief der Wind wieder nach Norden, und fuhr ihnen eisig durch die nassen Kleider. Sebulon nahm die Decke, die er sich an den Hals gebunden hatte, schlug sie auseinander, und als er sie noch ziemlich trocken fand, wickelte er sich hinein. Aber auch so klapperten ihm die Zähne aneinander. Da fielen ihm denn in seiner Seelenangst allerlei gute Sprüche von der Bruderliebe und Vergebung ein, und die lagen ihm schwer auf dem Gewissen. Aber wenn er eben weich werden wollte, so dachte er recht absichtlich an die verbaute Aussicht aus seiner Oberstube, und an die Frau Schwägerin, vor allem aber an die Hochzeit der Liese, und dann wurde ihm sein Herz wieder so kalt wie seine Hände. Dem Kaspar seinerseits war's noch banger in seinem Gewissen, und er betete leis für sich ein Vaterunser nach dem andern. Auch ihn fror jeden Augenblick ärger. Da blitzte es ihm auf einmal durch die Seele, daß er vor dem letzten Einsteigen in den Nachen eine Flasche Kornbranntwein zu sich gesteckt hatte für alle Fälle. Er griff danach – und schau', sie war ganz geblieben; er zog einen tapfern Schluck, und die Augen wurden ihm munterer. Bei diesem Anblick klapperten dem armen Sebulon die Zähne noch ärger. Kaspar sah es, und ganz langsam, als wollt' er die Worte zählen, preßte er die Frage heraus: »Sebulon, willst du auch einen Schluck?« Über das Antlitz des Schneiders floß es wie glättendes Öl; die Not war zu groß, sein Herz war gebrochen. Leise zitterte ein Ja ihm zwischen den zusammengedrückten Zähnen durch. Da kroch Kaspar vorsichtig in die Mitte der Scheunentür und Sebulon ebenso vorsichtig ihm entgegen, denn aufrecht gehen durften sie nicht, sonst wäre ihr Fahrzeug umgekippt; der eine gab die Flasche, der andere nahm sie und tat einen tiefen Zug. Aber mit der Wärme, die jetzt in ihre Adern floß, erwachte auch wieder der Trotz. Sebulon gab die Flasche zurück, sagte: »ich danke«, und wendete dem Kaspar den Rücken, um auf seinen Platz zurückzukriechen. Abermals schwammen sie wohl eine Stunde; die Sonne kam hell herauf, die Natur wurde ruhiger. Kaspar, von den Anstrengungen der letzten Tage und Nächte erschöpft, konnte dem Schlaf nicht widerstehen und nickte vorwärts und rückwärts. Sebulon sah die Gefahr seines Bruders, und nun war das Sprechen an ihm. »Kaspar,« sagte er, »streck' dich und schlaf, du versäufst mir sonst; ich will wachen und dir zurufen, wenn sich eine Rettung zeigt.« Das ließ sich der andere nicht zweimal sagen, sondern fiel vornüber auf den Bauch, legte die Arme unter den Kopf und fing an zu schnarchen. Sebulon kroch leise zu ihm, nahm die wollene Decke, die nun ganz trocken war von seinen Schultern und legte sie vorsichtig über den Bruder hin. Noch eine Stunde verfloß: da meinte Sebulon, es gehe langsamer. Er sah sich um und hätte beinahe laut aufgeschrien vor innerem Jubel. Denn er bemerkte deutlich, daß die Hauptströmung jetzt rechts von ihnen sich hinabwälzte, während sie selber in ruhigerem Wasser auf einen schwarzen Strich zutrieben, der ein Ufer zu sein schien. Als er dies alles überschaut hatte, weckte er den Kaspar. Dieser richtete sich auf, reckte sich und sagte: »Ja, die Gegend kenn' ich. Das Schwarze ist ein Damm, vor welchem stilles Wasser sein wird. Erreichen wir den, dann können wir auf ihm fortgehen bis aufs höher liegende Land.« Sie tranken in der Freude noch einmal miteinander, und Kaspar gab dem Bruder die Decke wieder. Auf einmal aber rief er: »Wie kommt's denn, daß wir so schnell treiben, wenn doch ein Damm vor uns ist?« Er erhob sich auf seine Füße und sah scharf vor sich. »Nun sind wir verloren,« sprach er leise, »der Damm hat einen Riß und wir sind gerade in der Strömung, die auf den Riß zugeht. Merkst du, wie es schnell reißt und immer schneller? Dort schäumt schon die wütende Flut: wir stoßen an und sind hin!« Und so war es. Rascher als ein Dampfboot schoß das Tor auf die schmale Dammöffnung zu. »Noch fünf Minuten,« sagte Kaspar und kniete nieder wie ein Verdammter vor dem Henkerbeil – »noch vier – nun keine drei mehr.« Aber Sebulon sah nicht mehr auf das Loch im Damme, sondern auf den Kaspar, und sagte laut und fest: »Bruder, sollen wir denn als Feinde vor Gottes Richterstuhl treten?« Da brach dem Kaspar das Herz, und mit dem Ruf: »Bruder vergib mir«, sank er in Sebulons offene Arme. Der aber rief: »So wollen wir sterben!« Zum erstenmal seit vier vollen Jahren fühlte jeder sein Blut wieder warm durch die Glieder rollen, zum erstenmal wieder Tränen der Wonne aus den Augen rinnen. Dicht vor dem Tode waren sie glücklicher als je, weil jeder wieder ein liebend Herz an dem seinigen schlagen spürte. Ein heftiges Schaukeln riß ihre Lippen auseinander. Beide sahen nach dem Damme zu und erwarteten den Tod – aber da war kein Damm mehr. Staunend blickte Kaspar rückwärts – siehe da lag der Damm schon hinter ihnen: im Augenblick ihrer Versöhnung war der Tod an ihnen vorbeigegangen und ihr Fahrzeug wie durch ein Wunder recht mitten durch die Öffnung hingeschossen, ohne rechts und links anzustoßen. Sie waren gerettet: vor ihnen lag das höhere Land, auf welches die immer mehr sich stillenden Wellen sie langsam hinspülten. Da umarmten sie sich vor Freude noch einmal und ließen sich nun nicht mehr los, bis das Tor unter ihnen sich sacht auf ein weiches Ackerland heraufschob. Arm in Arm gingen sie ins nächste Dorf, trockneten daselbst ihre Kleider und stärkten sich mit Speis' und Trank. Gerne hätten sie die Nacht da geruht, aber sie dachten an die Angst von Kaspars Frau und Kindern. Kaspar verkaufte sein Scheunentor, Sebulon die wollene Decke, etwas Geld hatte jeder außerdem bei sich, und so machten sie sich auf die Beine. Alle Landstraßen waren überschwemmt, sie mußten Umwege über die Gebirge suchen, und aus der Strecke, die sie in acht Stunden durchfahren hatten, wurden drei Tagemärsche. Aber sie kamen ihnen nicht so lang vor als die acht Stunden; denn in diesen drei Tagen, die ihnen so recht einsam geschenkt waren, tauschten sie nun alles und jedes aus, was beide in vollen vier Jahren durchlebt hatten; die Herzen wuchsen fest wie ehemals zusammen, und sie machten Pläne, wie sie's nun daheim einrichten wollten zu gegenseitigem Glück. In der letzten Stadt vor ihrer Heimat aber gingen sie zum Notarius, und Sebulon vernichtete das dort niedergelegte Testament. So kamen sie spät am dritten Abend im Dorf an und schritten auf ihr Erbgut zu. Das Wasser war im Ablaufen; die Pappeln mit ihrer Mauereinfassung und das neue Haus, also gerade die Zankäpfel, waren ohne alle Spur verschwunden; nur das Elternhaus stand noch fest und unerschüttert. Kaspar blieb ein wenig zurück; Sebulon aber schlich sich an die Ecke des Hauses und sah die Schwägerin mit den Kindern verzweifelnd auf der Stelle ihres früheren Übermutes sitzen, die soeben von der Flut ihr wieder eingeräumt wurde. »Betet«, sagte sie zu den Kleinen, »für den Vater, denn hier riß ihn die Flut fort; betet aber auch«, fuhr sie zu den ältesten Kindern fort, »für die Mutter, denn ich habe den Vater getötet und den armen Schwager Sebulon auch.« »Mich nicht«, rief der Sebulon, und trat vor. Die Kinder, alles Haders vergessend, hingen sich an ihn. »Und weil Ihr, liebe Schwägerin, Reu' und Leid tragt, so schenkt Euch Gott noch mehr wieder, und weil Ihr auch an den Sebulon denkt, bringt der Euch den Mann wieder nach Haus.« Da kam auch der Kaspar hinter der Ecke her, und die Frau schloß ihn in den einen und den Sebulon in den andern Arm. Der aber sagte: »Kinder, wir haben eine gute Lehre bekommen diese vier Jahre her, und hätte es noch einmal vier Jahre gewährt, so konnten wir den Bettelstab in die Hand nehmen. Jetzt aber zwingen wir's noch. Morgen fangen wir zusammen die neue Krippe zu machen an. Ein neues Haus braucht ihr nicht, kommt nur wieder zu mir: was mein ist, ist euer und eurer Kinder!« Margret Geschichte vom Lande Am obern Schlusse des schönen Ahrtales, wo das Flüßchen dem Fuße eines stark ansteigenden Berges entspringt, liegt in die grüne Schlucht zurückgezogen das Städtchen Blankenheim, ein Schutz und Schirm der jetzt zertrümmerten Grafenburg, der es seinen Ursprung dankt. Mancher Wanderer wird sich mit Vergnügen des lieben Örtchens erinnern, wo er nach den rauhen Pfaden der obern Ahr oder nach beschwerlicher Eifelfahrt zum erstenmal wieder städtisches Behagen in reizender ländlicher Umgebung fand. Zumeist, wer etwa im ersten Frühling das Tal besuchte, gedenkt sicher mit Entzücken des weiten weißen Blütenschleiers, mit dem die ganze Schlucht wie übersponnen liegt, ein blühend Idyll mitten unter den wilden Eifelhöhen, deren teils kahle, teils bewaldete Rücken die Stadt rings umziehen. Im Schirm dieser Höhen ruht sie und genießt infolge dieser Lage eines rheinischen Sommers, während eine Viertelstunde Weges die Berge hinauf genügt, uns in eine rauhe, nur der Fichte noch günstige Luft zu versetzen. Freilich sieht's dann im Winter ganz anders aus. Sein über die endlosen Schneeflächen ringsumher sausender Hauch schont auch das Tal nicht. Die Wiese dorrt vor ihm, durch welche in der mildern Jahreszeit die junge Ahr so munter herabtanzt, tiefer Schnee sperrt die Stadt von dem gebildeten Leben entfernterer Gegenden und selbst von dem Verkehr mit den benachbarten Ortschaften ab. Da ziehen sich dann die Honoratioren abends ins Kasino zusammen, spielen Karten und trinken Wein; draußen aber vor den Mauern ist's nimmer gut hausen. Am wenigsten erwünscht kommt dann in solchen Zeiten der Besuch der Wölfe, welche durch den hinter Blankenheim endlos sich ausdehnenden Zitterwald aus den Ardennen vorrücken und ihren räuberischen Hunger bis dicht vor die Stadttore tragen. Unser ungründlicher Nachbar, der Franzose, hat die Singvögel aus seinen Laubhainen, die Hasen aus seinen Feldern weggeschossen, aber nicht Ausdauer genug gehabt, jenes widrig gemeine Raubtier zu tilgen; an seiner Süd- und Nordgrenze, in Pyrenäen und Ardennen, höhnt es noch den zivilisierten Zustand des Landes. Was von diesen grauen und bösen Gästen nach Deutschland herüberkommt, findet jetzt meist rasch seine Kugel, aber so lange ist's noch nicht her, daß man sie sogar in der Rheinebene und, wenn das Eis ihnen eine Brücke über den großen Strom gab, selbst auf dem rechten Ufer antraf. Die ganze Eifel bildet noch bis heute ihre Domäne, der sie einen Winterbesuch abzustatten niemals verfehlen. Nachts gehen sie am liebsten auf die Hunde an der Kette aus, am Tage holen sie vor den Augen der Hirten Schafe von den Weideplätzen. Selten werden sie dem Menschen gefährlich; doch geht die unheimliche Sage im Volk, daß ein Wolf, der einmal aus grimmigem Mangel an Nahrung Menschenfleisch gekostet habe, hernach an keinem Tier sich mehr vergreifen möge. Jener Wald nun, der ihren Zug gegen Blankenheim hin deckt, zieht sich fast von der Stadt an, nämlich von dem Tiergarten der alten Grafen bei den Schloßtrümmern über einen hohen Bergrücken fort, der die Stromscheide zwischen Ahr und Kyll bildet. Beiderseits liegen spärliche Dörfer meilenweit auseinander, hie und da trifft man einen Bauernhof, und wo in tiefen bebuschten Rinnen Bäche jenen größeren Flüßchen zulaufen, hat sich wohl eine einsame Mühle auf einem Stück mühsam gerodeten Wiesen- oder Ackerlandes angesiedelt. Solch ein Fleck in der tiefen lautlosen Stille einer flimmerkalten Winternacht liegt vor uns; nicht einmal das Rauschen des Wassers oder der leis plätschernde Umschwung des Mühlrades regt sich, alles starrt im Eise. An den Menschen und sein Dasein mahnt nur ein schwaches Licht in einem Fenster des kleinen an die Mühle angelehnten Nebenbaus das gegen den kalten, blauen, östlich über die schneeigen Baum- und Bergspitzen heraufkommenden Mond mit warmem Rot sich absetzt. Sonst herrscht allwärts der ernste, grausige, allem Leben feindliche Todesschlaf einer herben Wild- und Waldnatur. Bei jener Lampe aber wacht und klopft ein armes Menschenherz – ein junges Weib beim Sterbebett ihres Kindes. Sie ist nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Witwe, aber dennoch ist sie Mutter. Ganz einsam und verlassen übt sie ihre Pflicht, über die fiebernde Stirn des Kindes, das in tiefem, starrem Gehirnschlaf mit gespenstig halb geöffneten Augen teilnahmlos ihre Mühe hinnimmt, schlägt sie rasch wechselnd die nassen kühlenden Tücher – und zwischen jedem Aufschlag kniet sie vor der Mutter Gottes hin, die zwischen den Fenstern unter der Lampe hängt, und spricht ein stilles, ringendes Gebet. Gott und seine Heiligen sind furchtbar stumm in solchen Nächten! Die einsame Mutter erfuhr es. Kein Engel kam herab, seine heilende Hand auf die Stirn des kranken Knaben zu legen, das heiße Fieber stieg gegen die Mitternacht hin, immer schneller mußte sie das kühlende Linnen erneuern. Über die dunkle Ecke, wo das Kind vor dem Lampenschein geschützt lag, fiel jetzt mit blassem blauem Licht der Mondschein, wob einen Glanz um das blonde müde Köpfchen und schlich nach kurzer Frist wieder darüber hinweg, als hätte er das Sterbende noch einmal mit dem Strahl des Lebens umleuchten wollen und dann der ewigen Nacht geweiht. Die Stunden rannen hin, die Mutter, stumpf von Leid und Ermattung, empfand ihren Gang nicht mehr und hörte gleichgültig den Schlag der Wanduhr, der ihren Wandel verkündigte. Gegen Morgen ging der Odemzug des Kindes ruhiger, die Händchen wurden kühler, die Adern der Stirne begannen leiser zu schlagen und die Augdeckel zogen sich fester zu. Sie wußte jetzt aus der Erfahrung dreier schrecklichen Wochen, daß ihr das Kind wieder auf einen Tag geschenkt sei. Noch einmal legte sie, das Köpfchen sanft aufhebend, ein feuchtes Linnen unter. Dann setzte sie sich beiseits ans Fenster, lehnte den Kopf auf die aufgestützten Hände, hielt die heiße schmerzende Stirn an die gefrorenen Scheiben und sah mit den verwachten verweinten Augen in die trostlose Schneenacht hinaus, die der Mond in ihrer ganzen lautlosen Erstorbenheit noch blasser und leichenhafter malte. Und nun, da keine äußere Tätigkeit und Sorge sie mehr zerstreute, erwachte ihr inneres Auge. Ihre ganze Vergangenheit lief in raschen Bildern vor ihr vorüber, jede frühere Lust, jeder vergangene Schmerz bohrte sich tief und wühlend in ihre müde Seele ein, und alle diese kämpfenden Erinnerungen führten sie zuletzt wieder zu ihrer Gegenwart, zu ihrer gräßlichen Verlassenheit, zum Sterbebett ihres schönen Kindes. Margret war das Kind begüterter Eltern aus einem benachbarten großen Dorfe. Ihr Vater hatte unter Napoleon gedient, viele Länder gesehen, und mit dem verständigen Blicke, der dem rheinfränkischen Stamme eigen ist, Menschen und Sitten beobachtet. Überall fand er, daß Kenntnis Macht gibt, und als er mit einem zerschossenen Arme, aber sonst noch rüstig in sein väterliches Dorf zurückkehrte, ein Weib nahm und sein kleines Erbgut zu bewirtschaften anfing, da wandte er alles, was er gesehen und in achtsamem Herzen bewahrt hatte, auf sein Arbeiten an, nicht in dem neuernden Geiste halber Bauernbildung, der alles versucht und gleich wieder aufgibt, bevor es sich als nützlich hat bewähren können, sondern mit besonnener und geduldiger Prüfung. Zum Staunen des Dorfes trat er, der schlichte Mann vom Pfluge, in einen benachbarten Verein reicher und gebildeter Grundbesitzer ein, der eben damals zur Aufbesserung der schmählich vernachlässigten Landwirtschaft jener Gebirge zusammentrat; gern nahmen ihn die Theoretiker auf, die von seinem sichern Blick und seiner verständigen Erfahrung vieles lernten, während dagegen er von ihnen die Resultate der neuern Wissenschaft für den Landbau empfing und sogleich benutzte. In fünfzehn Jahren stand der Mann, der so klein angefangen hatte, bloß durch die Macht des Verstandes unter den wohlhabendsten Leuten seiner Gemeinde da, und die erst über seine neuen Bebauungsweisen und die wunderlichen Besserungen und Futterkräuter lachend den Kopf geschüttelt, beeiferten sich jetzt von ihm zu lernen. Man wählte ihn zum Schöffen, und wenn er seine Meinung über eine gemeinschaftliche Maßregel im Gemeinderat oder auch im Wirtshause vortrug, so war alles still, dem klaren, scharfen Auge, den ruhig hingestellten Gründen, der beredten praktischen Ausführung seiner Vorschläge vermochte auch kein Gegner zu widerstehen, und er war im Geiste der Fürst seines Kreises, obwohl an äußerer Stellung und an Reichtum der alte Schultheiß noch über ihm stand. Jenen Schatz von Kenntnissen nun, dem er sein Lebensglück dankte, wollte er um jeden Preis auch seiner ganzen Familie ins Leben mitgeben. Er hatte neun Kinder und sah also voraus, daß von seinem Erbe auf jedes doch nur ein kleines Teil fallen werde, daß sie also gleich ihm wieder unten anfangen müßten, wenn sie es in der Welt zu etwas Rechtem bringen wollten. Die Söhne nahm er selbst in seine Schule, gewöhnte sie von früh auf an eigenes kräftiges Zugreifen bei der Feldarbeit, führte sie schon als Knaben mit auf die Jagd und teilte ihnen alle Vorteile mit, die sich dem Landleben und der allnährenden Erde abgewinnen lassen. Dann mußten sie, die Kinder eines wohlbegüterten Landmannes, dennoch ohne Ausnahme für ein paar Jahre als Knecht auf großen Gütern bei tüchtigen Gutsbesitzern eintreten: denn beim Militär hatte der Alte gelernt, daß nur wer vortrefflich gehorchen gelernt hat, hernach vortrefflich zu befehlen versteht. Dann aber, mit klugem Blicke die zu große Zahl der Bevölkerung in einem rauhen, wenig ergiebigen Lande wägend, schloß er sich, einer der ersten, mit Rat und Tat an die große Auswanderung nach Amerika an, welche noch jetzt von jenen Gegenden abströmt. Die beiden ältesten Söhne gingen, trotz den Tränen der Mutter, mit einer mäßigen Geldsumme nach Michigan, die beiden nächsten in der Reihe folgten zwei Jahre später mit der ältern Schwester und einem bedeutenden Nachschuß von Geld. Hierfür mußte er einen ansehnlichen Teil seiner Ländereien veräußern, aber er ließ sich auch von den Abziehenden, deren Schicksal er so gesichert hatte, einen schriftlichen Revers ausstellen, daß sie nach seinem Tode keinen weitern Anspruch ans Erbgut machen wollten. Wirklich ging es den jungen Leuten in Amerika vortrefflich, da sie Fleiß, praktischen Blick und ein Betriebskapital vom Vater mitgebracht hatten. Die Söhne konnten in jedem Briefe Besseres von ihrem Haus- und Viehstand melden, das Mädchen, durch Schönheit und eine in Amerika seltene Bildung ausgezeichnet, hatte einen der reichsten Pflanzer aus dem Süden geheiratet und gebot über achtzig Sklaven und Sklavinnen. Und so gelang es ihm auch mit den zu Hause gebliebenen Kindern trefflich. Zwei Söhne verheirateten sich in reiche Häuser, dem letzten, jüngsten wurde das väterliche Haus und Gut bestimmt. So blieb nur noch die kleine Margret übrig; sie war noch ein Kind, als nun ihre Mutter nach kurzem Krankenlager starb. Hier fühlte nun der Vater, daß sein Wissen nicht ausreiche für alles Feinere, was Frauen lernen können und lernen sollten. Ihm selbst war seine Jugend vernachlässigt worden; der Mann, der mit seinem Geiste die amerikanischen Verhältnisse überblickte und seine ganze Umgebung beherrschte, hatte als Kind nicht schreiben gelernt und später nur mühsam die Fähigkeit sich erworben, Geschriebenes zu lesen und seinen Namen mit steifer Hand hinzumalen. Und doch liebte er, und so auch die verstorbene Mutter, diese Margret vor allen Kindern, zuletzt im Alter, nachdem das vorhergehende Kind schon acht Jahre alt, war dies Nesthäkchen wie eine ungehoffte Weihnachtsfreude den Eltern noch geschenkt worden. Früh schon anstellig und dem Vater nachschlagend zeigte sie auch für anderes als Spinnen und Nähen Sinn, und der alte Schulmagister fand, als sie zehn Jahre alt war, daß sie von ihm nichts mehr lernen könne, obwohl er sich wohlweislich hütete davon ein Wort zu sagen. Trotzdem sah der kluge Schöffe sehr bald ein wie es damit stand: es verdroß ihn, daß sein Mädchen noch bis zur ersten Kommunion auf den Schulbänken sitzen sollte, ohne davon etwas im späteren Leben Förderliches zu gewinnen. Er sann sich einen Plan aus und griff zur Ausführung. Teils beim Wein im Wirtshaus, teils im Gespräch mit den Frauen der reichern Gemeindeleute verfolgte er ihn: er wußte ein Dutzend Familien für ihn zu gewinnen. Es sollte nämlich ein studierter Mann auf ein paar Jahre ins Dorf gezogen werden, um etwa zwanzig Kinder in demjenigen zu unterrichten, was die Dorfschule nicht leistete. Manche Bauern hatten Söhne zum Studieren bestimmt, mehrere Frauen wünschten ihren Kindern städtische Erziehung zu geben. Der Schöffe erbot sich den künftigen Lehrer in Kost und Wohnung zu nehmen, schon weil er sich freute dadurch manche Stunde Gespräch mit einem gebildeten Manne zu gewinnen: die andern Familien sollten ein kleines Schulgeld erlegen, das, als man hernach die Köpfe der angemeldeten Schüler zählte, dreimal so groß war, als das Salär, womit der Adel sich seinen ersten Bedienten unter dem Namen eines Hauslehrers ins Haus zu mieten pflegt. Als dies feststand, ging der Schöffe selbst in die nahe Universitätsstadt, fragte einen zufällig begegnenden Studenten nach dem allerbesten Professor, den sie an der Universität für die Sprachen hatten, und ging frischweg auf dessen Haus zu. Der berühmte Philolog, zu dem er dort geführt wurde, sah den Mann im Linnenkittel erst erstaunt an bei der Bitte, ihm den wackersten seiner Studenten als Bauernhauslehrer zu empfehlen; als er ihn aber seinen verständigen Plan in klarer, einfacher Rede darlegen hörte und zuletzt mit Staunen den Betrag des angebotenen Einkommens vernahm, da nannte er sogleich einen höchst tüchtigen Jüngling, der eben bei Beendigung seiner Studien noch unversorgt war, und schon am Abend wanderte der Schöffe mit dem neuen Lehrer seiner Heimat zu. Die Wahl war gut getroffen. Der Lehrer war auf der Universität ein kräftiger Demagog und Turner gewesen, neigte nicht zur städtischen Überfeinerung, und, selbst Bauernsohn, fand er sich in das schlichte aber reichliche Leben beim Schöffen leicht und gern hinein. Den Knaben gab er Latein und sonstige Gymnasialfächer, brachte sie auch so weit, daß die meisten beim späteren Eintritt in öffentliche Schulen ein paar Klassen übersprangen. Die Mädchen aber unterrichtete er mit den Knaben zusammen im Deutschen, in Erdbeschreibung, Vaterlands- und Völkerkunde und in Geschichte. Vom nächsten Quellchen und Mühlbach, von den überall sichtbaren Nachbarhöfen beginnend führte er die Einbildungskraft und die Begriffe seiner kleinen Schüler in das Ahrtal, an den Rhein, an die See, und so weiter in allen Ländern und Herrlichkeiten umher; dann erst begann er die Geschicke der Menschen auf unserm Balle zu berichten. Er war eine der herrlichen Naturen, bei denen jedes Wissen augenblicks ins Praktische, jedes Ferne ins Nächste übergeht, und der stürmische Freiheitsmut, mit dem er die Gegenwart umgestalten wollte, gab seinen Erzählungen aus der Geschichte eine Glut, die als zündende Menschen- und Vaterlandsliebe in die jungen Herzen schlug. Alles Fremdländische, alles Charakterlose, alle Verirrungen der modernen Kultur hielt er von ihnen fern, schon weil ihm selbst das alles fernlag. Mit leuchtendem Auge hing selbst der alte Schöffe in diesen Unterrichtsstunden an dem Munde des männlichen Jünglings, mit noch leuchtenderem die kleine Margret. Der Sinn des Mädchens ist weich und auf alles Milde gewendet, solang es jung bleibt. Schwindet dieser frühe Duft von ihm, erwacht der schärfer sondernde Verstand, so wird das Weib, weil sein Denken meist keine edeln und großen Stoffe ergreift, kleinlich, persönlich-beobachtend, und leicht herb, bösartig oder gemein. Ist aber jener anfänglichen Wärme ein Gedanke geboten, ist dem Kinde eine Zahl mächtiger Persönlichkeiten bekannt geworden, dann erhält sich an diesen Erinnerungen die Jugend des Geistes und des Gemütes, das reifende Denken sinkt nicht ins Kleine, Alltägliche hinunter, und die ganze Hingabe, die in der weiblichen Natur liegt, wird zur Nachahmung jener großen Menschen und ihrer reinen Taten. Solch ein Weib wird stärker in seinem festen Willen, aufopferungsfähiger für die erkannte Pflicht und ausdauernder in seiner Lebensaufgabe, als der kräftigste Mann. Margret lernte aus der Geschichte, was zu allen Zeiten wenig Weiber begreifen, daß die Pflicht mehr ist als das Gefühl, der Beruf wichtiger als die Neigung. Das gab ihr in allem, was sie tat, auch im Kleinsten, eine Macht des Willens, die bei andern Frauen zum widrigen Eigensinn geworden wäre. Sie aber hatte Erkenntnis genug, nur an das ihren Willen zu setzen, was eines Willens wert war. In allem übrigen blieb Margret ein Kind vom Lande gleich allen andern Dorfmädchen. Zwei Frauen des Dorfes, die Küsterin und die Wundärztin, gaben ihren Töchtern, als diese ins Jungfernalter traten, städtische Hüte, Umschlagtücher und Tonnenschirme, und eine reiche Bäuerin schickte die ihren gar auf ein Jahr in eine Pension zu Professoren- und Kaufmannstöchtern: »damit sie doch sich unterhalten lernen«, wie die Mutter sagte. Das hätte der Schöffe nie gelitten und Margret hätte es nie gewollt. Im Sommer führte sie mit den Mägden die Sichel und den Melkeimer, im Winter spann sie. Obwohl sie Sonntags unsere besten Schriftsteller las und sie besser verstand als die städtischen Nähmädchen, redete sie doch mit jedermann den derben Dialekt, an welchem die Rheinländer so fest halten. Auch ihre Tracht blieb die ländliche; nur auf den Reihen und am Festtag trug sie den kostbaren aber immer der Dorfsitte gemäßen Putz, wie man ihn am Rhein bei reichen Halfenstöchtern sieht. Es ist eine kleidsame Tracht: das Haar wird vorne schlicht gescheitelt, nach hinten aber heruntergekämmt, und dann über den Kopf in rundem, auf dem Nacken liegenden Wulst wieder heraufgeschlagen. Eine große eckig gebogene Goldspange sitzt auf beiden Schläfen auf und trägt auf dem obern Bügel die weiße, nur das Hinterhaupt bedeckende Haube von klarem Stoff, mit der kostbaren Spitze, welche handbreit um Stirn und Wangen flattert. Das Kleid fällt lang und faltig an den Hüften herunter, ein Spitzentuch liegt über Schultern und Brust; lange Handschuhe decken den untern Teil des vollen, vom Sommerbrand geröteten Arms. Man findet in diesem Stande zuweilen die schönsten, schlanksten Gestalten: mit großen festen Schritten sieht man sie wohl am Arme ihrer Burschen auf den Jahrmärkten herumziehen, das Körbchen am Arme, mit klugen braunen Augen, voll von Selbstgefühl auf ihre Jugendfülle und auf den Respekt, den ihnen der Reichtum ihres Vaters unter ihren Umgebungen erwirbt. Solch ein Mädchen wurde Margret, nicht eben fein oder besonders hübsch, aber kräftig an Leib und Seele, klar und frisch wie ein blühender Schlehdorn; weil sie ernster und männlicher war als die meisten andern Dirnen, hielten die Burschen des Dorfes sie für stolz, und vielleicht war sie das auch. Aber fremde Manieren hatte sie nicht an sich, und auf dem Tanzboden wußte sie zwischen reichen und armen Burschen keinen Unterschied. Mit ihr war als Spielgenoß und später auch als Mitschüler in jenen Unterrichtsstunden bei dem neuen Lehrer der einzige Sohn des Schultheißen aufgewachsen, nicht allein der reichste Erbe im Dorfe, sondern auch der schmuckste und tüchtigste Junge von allen, strebsam, verständig und kühn. Trefflich führte Nikola seine Büchse, auf die Jagd nahmen ihn auch die benachbarten herrschaftlichen Jäger gerne mit, und wer mit dem alten, gebrechlichen Schultheißen ein Geschäft hatte, verhandelte lieber mit dem raschen Sohne. Daß er hübsch war, hätte niemand abstreiten dürfen, und er selbst wußte es am besten, auch wenn's ihm die Mädchen nicht zu verstehen gegeben hätten. Gegen eine starke Neigung zur Eitelkeit hatte schon bei dem Knaben der Student, der jenen Unterricht gab, vergebens angekämpft; er trug sich städtischer und modischer als die andern Burschen, und auf seinen Betrieb hatte der Schultheiß die Hauptstütze seines Hauses, als sie einer Auffrischung bedurfte, nicht neu mit Wasserfarbe malen, sondern mit Tapeten auskleiden lassen. Das Gefühl beiderseitig anerkannter Tüchtigkeit hatte Nikola und Margret von früh auf zusammengeführt und vertraut gemacht, und als sie älter wurden, zweifelte niemand daran, daß aus ihnen ein Paar werden sollte: wer hätte auch im ganzen Dorfe besser zusammengepaßt? Aber zu einer Erklärung war es zwischen ihnen beiden noch nicht gekommen. Das jährliche Dorffest des Vogelschießens kam heran. Frühmorgens zogen Trommler und Pfeifer durch alle Straßen, Buben und kleine Mädchen jubelnd hinter ihnen her. Die Burschen, welche durch Zahlung eines mäßigen Geldes am Rechte des Königsschusses sich beteiligt hatten, putzten ihre Büchsen und Stutzer und bürsteten die grünwollenen Schützenhüte aus, die nur an diesem Feste getragen werden; die Herzen der Mädchen aber pochten voller Erwartung, ob ihr Schatz oder ein anderer diesmal den Vogel abschießen möchte. Um elf Uhr, nach dem Hochamte, begann der Fahnenschwenk. Paarweis zogen die Schützen zur Kirche, und holten die seidene Fahne mit dem Bilde der Maria ab. Der Fähnrich trat gleich hinter die Musikanten, dann folgte der Schützenkönig des vorigen Jahres, dessen Ehrenregiment nun zu Ende ging, und hinter ihm die andern Schützen, deren jeder insgeheim hoffte heut an seine Stelle zu treten. Auf dem Hauptplatz unter der Linde angekommen, stellten sich die Jünglinge in einen Kreis, um welchen die Masse der übrigen Dorfbewohner wogte. Der Fähnrich trat in die Mitte: es war ein stattlicher Bursch mit hübschgekräuseltem Schnurrbart; er trug das blaue Barett mit drei Federn und die breite weißseidene Schärpe. Trommel und Pfeife spielten eine alte muntere Weise: nach ihrem Rhythmus erhob er die Fahne in die Luft, schwang sie über dem Haupte, dann stemmte er den Schaft in die Seite und ließ das flatternde Banner mitten um seinen Leib in weitem Kreise rauschen, dreimal rechts, dreimal links herum. Hierauf erhob er den einen Fuß, und um das Knie des andern beschrieb die Fahne, dicht am Boden herwehend ohne ihn zu berühren, ihre raschen rauschenden Kreise; auch um den rechten Fuß führte sie sodann die andere Hand, während der linke sich erhob sie durchzulassen. Zuletzt noch einmal wogte das Banner, unter dem jauchzenden Zuruf der Massen, in fester Faust hoch in die Lüfte über dem Haupte des Starken, der stolz auf die gelungene Schaustellung mit flammendem Antlitz aufgerichtet stand. Nun ging's wieder in feierlichem Zuge, aber hastiger und ungeduldiger, zur Vogelstange oben am Wald. Die Schützen zogen ihre Lose, während man im Dorf eilfertig die Suppe und das Sonntagsrindfleisch aß, und noch stand die Sonne mitten am Himmel, als gegen den monströsen hölzernen Vogel, dessen Gleichen auch Raffs Naturgeschichte nicht kennt, das muntere Pfeifen der Büchsenkugeln begann. Glückliche Schüsse fegten den Schwanz, die Flügel und zuletzt auch den Kopf weg; ein lautes Triumphgeschrei der Jugend folgte jedem herabsplitternden Teile, und die kleinen Jungen balgten sich um die Holzspäne. Aber der Rumpf, obwohl am Ende klein wie eine Hand und ganz ungestalt von Streifschüssen, haftete noch auf dem letzten starken Nagel. Die Entscheidung konnte jetzt jeder nächste Schuß bringen, die heiße Spannung der Schützen gab ihnen eine vorher seltene Sicherheit im Zielen, und oft zitterte der Vogel, wenn die Kugeln dicht unter ihm gegen den eisenbeschlagenen Mast prallten. Dem Nikola bebte die Büchse in der Hand; krampfhaft zählte er die Schützen, die noch vor ihm an der Reihe waren, der letzte hatte den Nagel krumm geschossen, an welchem das kleine Holzstück jetzt wie an einem einzigen Splitter im Winde schwankte. Da spannte Nikola den Hahn, trank ein großes Glas des besten Ahrweins, drückte den Hut fester in die Stirne und warf unter der Krempe einen Blick auf Margret herüber, die gerade vor ihm am Waldabhang unter andern Mädchen stand. Alsdann schritt er zum Schützenstand, legte an und wartete einen Augenblick ab, als der Abendwind den Vogel nicht mehr schaukelte. Jetzt schoß er, der Nagel fuhr zerbrochen aus der Spitze des Mastes und in weitem Bogen sprangen die Trümmer des Vogels zerspellt auf die Köpfe der Zuschauer herab. Wenn bis dahin die Herzen der Männer in Spannung gewesen, so kam nun das Zittern an die Mädchen. Keines hatte mit Nikola ein heimliches Verständnis, keines durfte sich Hoffnung machen, und doch konnte kein Zweifel sein, daß die, welche er zur Königin nähme, auch die Erwählte seines Herzens sei. Aber als wäre das eine längst beschlossene und abgemachte Sache, ging Nikola, die Büchse über die Achsel hängend, drüben zum Waldraum hinauf, umfaßte Margret, gab ihr einen herzhaften Kuß und führte sie als Königin auf den Schützenplatz. Die andern Burschen wählten ebenso rasch ihre Dirnen, die Musikanten setzten sich in Marsch, und man zog zu dem eine gute halbe Stunde weiter auf einem schönen Berge aufgeschlagenen Schützenzelt, wo alles zum Reihentanz eingerichtet war. Margret ging selig und stolz an der Hand ihres Nikola, und ehe man noch oben anlangte, wurde auch bereits ein festerer Bund zwischen beiden jungen Herzen geschlossen, die ja schon von der Wiege an still miteinander verwachsen waren. Den Meisten kam es ganz gelegen, daß eben Nikola den Königsschuß getan hatte. Er war so reich, daß er nicht zu sparen brauchte, und übernahm alsbald die Zeche für die ganze Gesellschaft der Schützen und ihrer Mädchen. Die blanken Taler, die er in die Mützen der Musikanten springen ließ, der feurige Wein von Altenahr, den er preisgab, und die frische sommerliche Lebensluft des Gebirges entzündeten bald den wildesten Tanz. Nach dem ersten Walzer zog Nikola seine Margret aus dem Zelt, sie gingen unter die Kirschbäume beim Saume des Waldes, umfaßten sich mit Inbrunst und wechselten ihre Küsse. Es waren die ersten Küsse, die sie gaben und empfingen – die ersten, welche verdienen, Küsse zu heißen. Sie sind gefährlich und verhängnisvoll. Margret fühlte ein leises Beben in allen Gliedern, sie spürte ihr Blut rasch und heiß aus dem Herzen in die Wangen strömen; sie faßte Nikola an der Hand und führte ihn wie im Spiele unter Plaudern und Kosen zu dem Tanzreihen zurück. Dort unter dem Zelt fanden sie ein wildes Leben: die Mädchen glühten wie Pfingstrosen, die Burschen atmeten tief vom Tanze auf. Als das Paar wieder eintrat, bliesen die Musikanten, wie es verabredet war, Tusch, und alles rief laut und fröhlich mit erhobenen Gläsern: Unser Herr Bräutigam, des Schultheißen Nikola, soll leben, und sein Bräutchen, des Schöffen Margret, auch daneben! Errötend nahm Margret, lachend Nikola den Glückwunsch an. Die Burschen wollten ihm ihre Gläser zubringen, er aber rief: Wartet ein wenig, mein Verlöbnis muß in Walporzheimer getrunken werden! Der dunkelglühende, starke Sohn der Ahrtraube, wie er auf den heißesten schwarzen Schieferfelsen des Tales reift, rann in die Kelchgläser. Nikola trank mit allen, und auch Margret mußte stärker Bescheid tun als sie wünschte. Die Mädchen brachten ihr einen Kranz, die Burschen dem Nikola einen Rosenstrauß mit Bändern ins Knopfloch. Der Walzer begann von neuem, von den beiden schlanken, stolzen Gestalten eröffnet. Und nun ergoß sich auch durch ihre Adern die ungebändigte Lebenslust; bis über die Mitternacht hinaus wurden Nikola und Margret nicht müde, in jedem neuen Tanz sich wieder zu umschlingen und Herz an Herz schlagen zu hören. Als die Hähne aus den Tälern die Mitternacht anzeigten, gingen die meisten Burschen mit ihren Mädchen heim. Nikola, weil er den Wirt machte, mußte der letzte sein, und suchte manches Paar durch Zutrinken noch festzuhalten. Als die Musikanten ihre Geigen in die Ecke gestellt und sich auf die Streu gelegt hatten, als nur der Wirt noch schlaftrunken hinter dem Schenktisch saß, brach auch er mit seiner Braut auf. Vor das Zelt getreten, sahen sie den Himmel von einer plötzlich aufziehenden Wetterwolke dunkel, ein paar schwere Tropfen fielen herab, eine matte Schwüle lag über dem Walde. Nikola meinte, sie sollten den Regen noch unterm Zelt abwarten. Aber Margret war bange wegen des späten Ausbleibens und mochte sich keinem Gerede aussetzen, da man wußte, daß sie mit Nikola allein zurückgeblieben war. Sie drängte also zum Fortgehen; vielleicht, sagte sie, erreichen wir noch vor dem Dorf die letzten Paare, und kommen gar vor Anbruch des Wetters heim. Dann laß uns den nächsten Weg gehen durch den Busch, antwortete Nikola, dort haben wir auch eher Schutz als auf dem Felde. Sie schlugen den kleinen Waldweg ein; er ging steil abwärts, und Nikola hielt stützend den Busen Margrets an sein wildes Herz gepreßt, während seine Wange auf ihrer heißen vollen Schulter ruhte. Es war eine furchtbar schwüle Juninacht, Johannisfünkchen gaukelten zwischen den dunkeln Sträuchern, kein Laut klang in diese träumende Stille herüber. Aber die Wetterwolke zog schwarz und schwärzer über ihr Haupt, und fern überm Walde hörten sie schon das laute Platschen des Regens, der auch ihnen rasch näher drang. Es ist unmöglich, sagte Nikola, wir zwingen's nicht bis nach Hause. Komm in das Mooshüttchen auf dem Vogelherd, das liegt ganz nahe hierbei in meinem Busch. Damit zog er sie durchs pfadlose Gebüsch, sie zitterte, als sie ihm folgte, und wußte nicht, warum. Die Hütte nahm sie auf: Moos, Wald und Wetter woben eine dichte undurchdringliche Nacht um sie her. Im Holunder vor dem Pförtchen saß die Nachtigall und schlug, wie bange vor dem Wetter, ihre tiefsten, bebendsten, erschreckendsten Klänge; durch die kleinen Fenster streckte üppiges Geißblatt seine Blütensträuße herein und füllte die Hütte mit berauschendem, sinnverwirrendem Duft; ein Johannisfünkchen schwebte hindurch und zeigte mit seinem flüchtigen Glanz dem Mädchen das lodernde Auge des Geliebten. Dazwischen entlud sich der Regen und durchbrach mit wildem Rauschen die stille Nachtschwüle. Müde von Tanz, Glück und Sehnsucht saßen sie auf der weichen Moosbank, die Welt mit all ihren Gedanken lag fern von ihnen, nur ihre Herzen wachten, ihre Lippen fanden sich, ihre Arme umwanden sich. Östlich über dem Walde dämmerte ein grauer Schein, im West verzückte das Gewitter mit rotem Wetterleuchten. Da trat das Paar aus der Hütte. Margret nahm weinend den Kranz aus ihren Haaren und streute seine welken Blumen in den Holunderbusch, weich und innig an den Geliebten geschmiegt stieg sie durchs Gebüsch zum Dorfe hernieder und achtete es nicht, daß die Tropfen ihr Kleid durchnäßten. Mit Schrecken sah sie in der Stube des Vaters ein Licht brennen; Nikola aber umfaßte sie unter der Hoftür noch einmal mit voller Inbrunst und jauchzender Seligkeit, und ging dann die Gassen des Dorfes hinunter nach dem Schultheißenhause. Der jüngste Bruder machte der Margret die Haustür auf. »Aber du bleibst lange,« sagte er, »der Vater liegt oben auf dem Bett; es ist ihm seit gestern abend nicht recht, und wir haben soeben den Großknecht auf dem Falben nach dem Doktor geschickt. Geh herauf zu ihm, ich mache jetzt in der Küche geschwind Feuer und dann kochst du ihm einen Holundertee.« Margret flog die Treppe hinauf: blutrot trat sie vor den Vater, denn sie meinte, jeder müsse ihre Schuld auf ihrer Stirne lesen, und erwartete vom Vater heftigen Tadel, der aber war weich wie man ihn selten sah, bot ihr die Hand und sagte: »Ich habe es schon gestern abend von den jungen Gesellen gehört, du bist Braut und hast, das muß ich sagen, einen wackern Burschen mitgekriegt. Sieh, Margret, das freut mich, denn nun hab' ich auch dich versorgt, mein letztes Kind – und mein liebstes,« setzte er leise hinzu, »nun es mit mir auch einmal zu Ende geht.« Weinend über die Güte des Vaters stürzte Margret an seine Brust und suchte ihm die Todesgedanken auszureden. »Nein,« sagte der Alte, »laß das: mein Lebtage bin ich gesund gewesen, und die starken Bäume brechen am ersten: so wie heut war mir's noch nie zumut.« Nach neun Tagen kniete Margret am Sarg des Vaters: er war an einem hitzigen Fieber verschieden. Neben ihr ging Nikola zum Kirchhof, da er sich nun als zur Familie gehörig ansah. Die beiden Brautleute beschlossen nach der Sitte ein Jahr zu warten, und kamen von jetzt an, da Margret ohnehin wegen ihrer Trauer keinen Tanz besuchte, nur noch in andrer Leute Gesellschaft zusammen, wo sie denn ganz unverhohlen sich als Braut und Bräutigam küßten und vertraulich untereinander plauderten. Bei der Freiheit, die auf dem Lande im Verkehr der jungen Leute herrscht, dachte über jenen nächtlichen Heimgang aus dem Schützenzelt keine Seele etwas Arges. Margret selbst glaubte ihr Vergehen (denn so erschien es ihrer reinen Seele) abgebüßt durch den Schmerz, daß ihr Vater ins Grab gegangen war mit einer bessern Meinung von ihr als sie es verdiente. An Nikolas Treue zu zweifeln kam ihr gar nicht in den Sinn. Aber auch die kleine Schuld fordert oft eine große Buße ein. Nach zwei Monaten wurde Nikola vor die Untersuchungskommission gefordert, um sich zum preußischen Militärdienst zu stellen. Als einziger Sohn und Stütze seines alten Vaters war er bereits zweimal zurückgestellt worden und hatte auch jetzt die allersicherste Aussicht vollständig freizukommen. Lustig zog er eines Morgens mit den übrigen Burschen seines Zuges nach einer nahen Stadt aus und nahm lachend von Margret Abschied. Nun aber war von den höhern militärischen Behörden vor kurzem Unterschleif bei den Aushebungen bemerkt worden. Einige Regimentsärzte, welche, der Bestechung zugänglich, begüterten Bauernsöhnen unredliche Untauglichkeitsscheine ausgestellt hatten, mußten ihre Stellen räumen, größere Strenge und Gleichmäßigkeit des Verfahrens gegen Arm und Reich wurde den Untersuchungskommissionen von neuem eingeschärft. Nikola hatte die Sache zu leicht genommen; die frühern Gründe der Zurückstellung ließ man nicht mehr gelten, man fand, daß er zwar keinen Bruder, aber zwei tüchtige gesunde, junge Schwäger habe, die dem alten Schultheißen mittlerweile schon in der Wirtschaft durchhelfen könnten. Auch stach der schöne schlanke Junge den Offizieren sehr in die Augen; man fand unter dem Meßstock, daß er die gehörige Größe habe um unter die Garde zu treten, und das Endurteil war, daß er einem Regiment zugewiesen wurde, das in der großen Hauptstadt des Staates garnisonierte: binnen Monatsfrist mußte er sich, da seine Zurückstellungstermine abgelaufen waren, zum Eintritt stellen. Das war ihm verdrießlich um Margrets willen, aber es reizte ihn auch die Uniform des Gardisten und der Aufenthalt in einer so fernen und so schönen Stadt. Da er doch mit seiner Heirat noch ein Jahr warten sollte und bei guter Aufführung gewiß war, mit höchstens zwei Jahren loszukommen, so kehrte er nicht eigentlich mißvergnügt zu seiner Braut zurück. Als aber diese den Zettel an seiner Mütze sah und die Sache vernahm, wurde sie leichenblaß und fiel rücklings in den Stuhl zurück. Vergebens tröstete er sie; sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Baumgarten hinter dem Hause, wo sie allein waren. Dort fiel sie wie verzweifelnd an seine Brust und wilde, unerschöpfliche Tränen rannen nieder. Nikola ahnte endlich, was sie so erschüttere, er hob ihren Kopf auf und sah in ihre Augen; sie waren müde und glanzlos. Ist's denn wahr? fragte er, sie antwortete nicht, sie umarmte ihn nur so fest wie noch nie. Nikola wurde blaß, und auch seine Augen flossen; aber mit der innigsten Herzlichkeit küßte er ihr die Tränen weg und sagte: »Dann gehören wir ja erst recht zusammen; sei munter mein Mädchen, nun heiraten wir in vierzehn Tagen.« »Ach,« sagte Margret, »du willst als Soldat eine Frau haben?« »Hab' ich ein Kind,« antwortete Nikola, »so will ich auch die Mutter dazu haben.« »Aber was werden die Leute sagen, wenn ich im Trauerjahr meines Vaters heirate?« »Die laß du reden, was sie wollen«, erwiderte der junge Mann. »Besser gegen die Sitte anstoßen als die Ehre verlieren. Und wenn du erst meine Frau bist, so möcht' ich doch den sehen, der über des Schultheißen Nikola Frau zu mucken wagte. Und nun dürfen wir keine Zeit verlieren. Du mußt deine Papiere schaffen und ich muß meines Vaters Einwilligung haben. Komm!« Die Papiere! Dies Wort ist schon manchem jungen Brautpaar ein Schrecken geworden. Die französische Gesetzgebung, welche am Rheine herrscht, hat mit großem Verstande den Eigensinn der Eltern bei Verheiratung ihrer Kinder beschränkt, indem sie dem Volljährigen nach gewissen Formalitäten das Recht gibt auch ohne Einwilligung der Eltern die Ehe zu schließen. Aber auf einem Punkt schleppt jene Gesetzgebung eine unleidliche und lächerliche Freiheitsbeschränkung nach: sie rückt, wenn die Eltern tot sind, in deren Rechte die Großeltern ein, und fordert, ehe die Trauung gestattet wird, deren Einwilligung oder ihren Totenschein. In diesem Falle befand sich Margret. Beide Eltern waren tot; drei Großeltern ruhten auf dem Kirchhof des Dorfes, nur die Großmutter mütterlicher Seite war hochbetagt einer verheirateten Tochter in ein kleines hessisches Dorf nachgezogen, dessen Namen Margret nicht einmal deutlich mehr wußte. Der Bürgermeister eröffnete dem Nikola, als er zur bürgerlichen Trauung sich meldete, daß er wenigstens ein Attest vom Vorstand jenes Dörfchens beibringen müsse, welches dartue, daß man dort den Namen der Gestorbenen nicht auffinden könne. Noch an demselben Tage ging der Brief dorthin ab: es verflossen zwei angstvolle Wochen, dann kam er uneröffnet zurück mit der Aufschrift auf der Adresse, daß ein Ort dieses Namens in beiden Hessen nicht aufzufinden sei. Augenblicklich machte Nikola sich auf die Reise, sparte Geld und Mühe nicht und fand endlich den Ort. Der alte halbblinde Pfarrer suchte in den nachlässig geschriebenen Sterbelisten wieder mehrere Tage lang, und Nikola half ihm. Endlich fanden sie in einem noch im vorigen Jahrhundert angelegten Register den Namen und den Todestag der alten Frau auf, Nikola erhielt das Attest und flog auf dem Dampfboot den Rhein hinunter zu seiner Geliebten. Noch war eben Zeit die gesetzlichen Ankündigungen und die Trauung vor dem Tage des Abmarsches vorzunehmen: da aber fand er Margret in Fieberphantasien wieder; die raschen Schicksalsschläge, welche sie seit jener Nacht betroffen hatten, die Angst um das Bekanntwerden ihres Zustandes, die fürchterliche Spannung der letzten Wochen hatten ihr eine heftige Krankheit zugezogen. Der Doktor versicherte: es werde ihr Tod sein, wenn man sie jetzt aufrege, und der Pfarrer, der die Kranke besuchte, mußte auch mit Schmerz erklären, daß weder der Bürgermeister noch er jetzt die Trauung vornehmen dürften, da Margret offenbar ihrer Sinne nicht mächtig und daher unfähig sei eine gerichtlich gültige Erklärung abzugeben. Nikola meinte rasend zu werden: der Doktor aber zog ihn beiseite und sagte: Halten Sie den Kopf oben, junger Mann. Ich weiß leider warum Sie so eilig sind, und ich verspreche Ihnen unserer Kranken auch nach der Genesung zur Seite zu stehen. Jetzt können Sie nichts tun; reisen Sie ruhig ab, und bleiben Sie dem armen Mädchen treu. Der Abschiedstag kam, Nikola faßte die heiße Hand seiner Braut, die im Fieber ihn laut anlachte und ausrief: Sei lustig, Nikola, morgen heiraten wir ja. Der Brautkranz ist schon fertig, im Fliederbusch liegt er, weißt du, beim Mooshäuschen oben im Wald. Gestern hab' ich auch die Nachtigall gehört; der Bruder sagt, ich wär' närrisch, denn im Herbst schlügen die Nachtigallen nicht. Es ist aber doch wahr, schau da fliegen ja auch die Johannisfünkchen, sieh hier, dort, und da mir dicht vor der Stirn. Ihre verzehrenden Augen starrten weitgeöffnet in die leere Luft hinaus. Nikola riß sich in Verzweiflung von ihrem schauerlichen Anblick los, drückte noch einen Kuß auf ihre Stirn, und hörte auf der Treppe einen lauten Jammerschrei, den sie ihm nachsandte. Margrets Krankheit dauerte bei ihrer kräftigen Jugend nicht lange, nach wenigen Wochen konnte sie schon wieder die freie Luft ertragen. Man hatte ihr anfangs Nikolas Abreise verborgen, und ihr eignes Unglück entschwand ihrem Bewußtsein vor der Schwäche ihres Gehirns. Nun aber, wie sie wieder auf dem Stuhle vors Haus getragen wurde, wie sie über die Nachbardächer im Glanz der warmen Herbstsonne den bräunlichen Wald und durchs fallende Laub das Mooshüttchen vorscheinen sah – da legte sich auch die Erinnerung wieder wie eine Zentnerlast auf ihr armes Herz. Und als sie nun endlich doch erfahren mußte, daß Nikola nicht ihr Mann vor der Welt geworden sei ehe er abreiste, als sie nun ihre Schmach nahe und näher herankommen sah, da gingen fürchterliche Gedanken und Ratschläge durch ihre Seele. Aber es kam ihrem bessern Gewissen der Doktor zu Hilfe, als er der Genesenden den letzten Besuch machte; er wollte sein Wort halten, das er dem Nikola gegeben hatte. Schonend lockte er ein Bekenntnis von Margret heraus dessen Inhalt er längst wußte, und bewog sie, um ihrer Seele Ruhe wieder zu geben, gleich in den nächsten Tagen auch dem Pfarrer ihre Beichte abzulegen. Der letztere übernahm es der Familie das Geheimnis zu eröffnen. Von jetzt kamen schwere Tage über Margret. Zwar sie selbst, als sie mit Gott sich wieder versöhnt wußte und bei dem sonst fremden Manne, dem Doktor, menschliche Liebe und Teilnahme gefunden hatte, gewann ihre alte Kraft und Entschlossenheit wieder; aber sie brauchte sie auch in dem Kampf mit der Außenwelt, der nun begann. Die ältern, außer dem Hause verheirateten Brüder, aufgereizt von ihren Weibern, waren über die Unehre entrüstet, welche die Schwester über die Familie brachte, und wandten sich mit ganz kaltem Herzen von ihr ab. Der jüngste Bruder war ihr wohl gut und blieb es auch, aber er hatte ein schwaches Gemüt und es wurde ihm doch lästig sie im Hause zu behalten. Man nahm die Erbteilung vor, und die Geschwister glaubten sich völlig berechtigt, bei dieser die Schwester für ihr Vergehen zu bestrafen. Der Vermögensstand fand sich nicht ganz so glänzend wie man erwartet hatte. Der jüngste Sohn, der nach der Anordnung des Vaters das Hauptgut übernahm, mußte doch große Schulden darauf machen, um die andern Brüder abzufinden, und suchte dafür Margrets Anteil, der ihm ja ebenfalls zur Last fiel, möglichst gering anzusetzen. Da die andern Geschwister nicht für sie sprachen, wurde sie hierbei bedeutend verkürzt, und es fiel ihr nur eine Summe zu, die zu ihrer und des Kindes Erhaltung allenfalls hinreichte, aber weit von der Aussteuer abstach, auf die sie bei Lebzeiten ihres Vaters rechnen durfte. Der Doktor riet ihr dringend Einsprache zu tun, die Sache an die Gerichte zu bringen. Aber dann hätte sie öffentlich vor den Leuten auftreten müssen, und das wurde ihr jetzt zu hart, da ohnehin die unbarmherzigen Zungen der Schwägerinnen bereits alles an die große Glocke gebracht hatten. So fügte sie sich dem Unrecht, das stets den Unglücklichen verfolgt; aber mit Blutsverwandten, die so unbrüderlich an ihr gehandelt hatten, vermochte sie nicht mehr zu leben, und die Vorstellung war ihr unerträglich, daß eine boshafte Hand vielleicht auf derselben Schwelle des Vaterhauses ihr Häcksel streuen könnte, wo einst an jedem ersten Maitag grünes Mailaub für sie geprangt hatte. An einem frühen, schon kühlen Morgen des Spätherbstes, als noch irgendwo von den Tennen der Taktschlag der Drescher herklang, schlich sie durch die Gassen des Dorfes, welche sie monatlang vermieden hatte, in den Wald und schlug einen kleinen rauh ansteigenden Buschpfad ein. Nach dem Marsch einer guten Stunde senkte sich der Weg in das kleine Bachtal zu einer Mühle hinab. Die alte Müllersfrau war ihre Tante und Pate zugleich: eine gutmütige Seele gleich ihrem Bruder, dem toten Vater Margrets, wenn auch ohne dessen klaren Verstand. Sie traf die Alte noch beim Kaffee, und es tat ihr so wohl, als diese, obwohl ebenfalls mit allem Vorgefallenen bekannt, ihr mit herzlicher Freude entgegenkam und sie gleich zum Essen und Trinken nötigte. Die Pate erzählte ihr dabei aus ihrer langen Lebenserfahrung ein Dutzend Fälle, wo solche Dinge am Ende doch noch gut abgelaufen und mit einer Hochzeit beschlossen worden seien; die drei Dutzend, welche ein betrübteres Ende genommen hatten, verschwieg sie. Nun rückte Margret mit ihrem Plan hervor. Sie wollte bei der Tante als Magd eintreten ohne Lohn, Garten, Küche und Näharbeit besorgen; dafür sollte ihr dann ein kleiner Nebenbau der Mühle eingeräumt werden, und für die Pflege des Kindes Zeit bleiben. So hoffte Margret durch ihrer Hände Arbeit ihrem Kinde wenigstens das kleine Vermögen als Erbe zu sichern das sie gerettet hatte. Die Tante, der Margrets Tüchtigkeit und Fleiß wohl bewußt war, ging mit Freuden darauf ein und versprach ihr, daß sie wie ein Kind vom Hause gehalten sein sollte. Schon am folgenden Morgen zog Margret ein, nachdem sie vorher an Nikola einen Brief geschrieben und ihm ihren neuen Wohnort angezeigt hatte. Bis jetzt war sie unter allen diesen Beschäftigungen nur noch wenig ans Grübeln darüber gekommen, daß Nikola von Berlin aus noch immer nichts von sich hören ließ; auf dem Lande ist man ohnehin der Briefe nicht so bedürftig als in der Stadt. Jetzt aber bei dem stillen und gleichmäßigen Arbeiten auf der Mühle stiegen ihr allerlei Gedanken auf, die sie jedoch tapfer abwehrte. Daß er in der Hauptstadt angekommen sei, wußte sie durch seine Verwandten, und ein aus dem Dienst entlassener Kamerad hatte ihr einmal einen Gruß von ihm mitgebracht. Damit beruhigte sie ihr Gemüt, nachdem sie die Welt hinter sich gelassen, erwachte statt der Trauer die süßeste Hoffnung der Mutterfreude, und mit klarem Blicke sah sie wieder ihr Geschick an stark in Mut und Vertrauen. So kam ihre Stunde. Die Wehmutter trug das Kind, ehe sie die Fensterläden schloß, noch einmal ans Licht und sagte tröstlich zur Mutter: »Freut Euch Margret, Ihr habt einen hübschen Jungen, und blaue Augen kriegt er wie sein Vater, der Nikola kann ihn Euch nicht ableugnen.« Dann aber winkte sie die alte Müllerin hinter dem Rücken der Mutter zu sich und zeigte im Antlitz des Kindes verstohlen auf eine kleine blaue Ader, die dicht unter der Stirn herlief. Ängstlich neigte die Tante ihr Gesicht über das Köpfchen des Neugeborenen, und als ihre Blicke dann der Hebamme begegneten, verrieten die Augen ein stilles bekümmertes Einverständnis; die Hebamme nickte ein Ja, die Tante schüttelte traurig das Haupt; dann legten sie das Kind in den Arm der Mutter. Am folgenden Sonntag wurde es auf den Namen Nikolaus getauft. Margret aber schrieb voller Mutterseligkeit, mit überströmendem Herzen und mit noch zitternden Händen dem Vater einen Brief, der ihm den glücklichen Ausgang meldete, und nun erst, da sie das Gefühl einer unerhörten Freude mit ihm auszutauschen hatte, sah sie mit brennender Sehnsucht einer Antwort von ihm entgegen. Eines Abends brachte der Mühlknecht, der von Blankenheim Getreide herausgefahren hatte, einen Brief von dem Postamt daselbst mit. Die Tante hatte eben der Margret ein Geschäft in der Küche zugewiesen und schickte ihr den Knecht dorthin. Über eine Weile rief sie nach ihr: Margret antwortete nicht und kam nicht. Die Tante eilte zur Küche, das Feuer schlug hoch aus dem Ofen herauf, Margret sah es nicht: sie saß bewußtlos neben der Glut auf der Erde, der Brief lag in ihrem Schoß. Die Alte nahm ihn auf, las ihn und vermochte Margrets Erschrecken nicht zu deuten. Er klang ja so freundlich, er sagte ja, daß Nikola seine Hand von dem Kinde nicht abziehen wolle, er fragte an ob er schon jetzt für Margret etwas tun könne. Aber Margret hatte mit tieferem Empfinden zwischen den Zeilen gelesen, und schon die ersten Worte lauteten so, daß sie keinen Widerhall gaben zu ihrer unermeßlichen Mutterfreude: von jener Innigkeit, die einst Nikolas gleichgültigstes Gespräch durchwehte, war in diesem Briefe kein Hauch mehr. In einem Augenblick war es ihr klar geworden, daß sie eine Verlassene und ihr Knabe ein Waisenkind sei. Diesmal weinte sie nicht, sie nahm den Brief schweigend aus der Hand der Tante, ging mit festem Schritt über den Hof in ihren Nebenbau und hob ihr Kind aus der Wiege, das eben erwachte und die Händchen nach ihr streckte. Mit ihm warf sie sich vor dem Bilde der Maria nieder und in lautlosem Gebete tat sie Gott und seiner Mutter ein hohes Gelübde, daß sie hinfort dem Kinde Vater und Mutter zugleich sein wolle. Erst als sie dann den Knaben an ihre Brust legte und er mit den herrlichen blauen Augen seines Vaters zu ihr heraufsah, rannen ihre Tränen über seine Stirn, und sie empfand sein warmes Leben wie ein stillendes Heilkraut, das unmerklich aus der Wunde ihres Herzens den Schmerz hinwegsog. Seit diesem Tage kam Nikolas Name nicht mehr über ihre Lippen, auch schrieb sie ihm nicht wieder: aber ihre Geschäfte vollzog sie wie sonst, das Kind gedieh unter ihren Händen, und die Tante hatte Segen in allem ihrem Hauswesen. Wie scharf hatte doch der Blick der Liebe in jenem Briefe gelesen! Als Nikola nach Berlin kam, wurde er anfangs von allen den Mühseligkeiten des ersten Eingewöhnens weggenommen, die keinem Rekruten erspart sind. Seine Eitelkeit auf äußeres Erscheinen und Ansehen machte ihn zum tüchtigsten Soldaten seines Zuges: das viele Geld, das er verschwenden konnte, überhob ihn mancher Belästigung, und er genoß, obwohl er nicht als Freiwilliger eingetreten war, durch die Nachsicht der nächsten Vorgesetzten beinahe die Freiheit eines solchen. Er fühlte sich stolz in der schmucken, knappen Uniform, in der er merklich durch seine männliche Schönheit alle Offiziere überbot. Ihm, der bisher nur einfaches Landleben kannte, taten sich nun plötzlich die mannigfachen Reizungen einer der glänzendsten Städte auf, und die wirklich tüchtigen Kenntnisse, die jene Privatschule ihm gegeben hatte, führten ihn leicht auch in die Kreise des höhern Geisteslebens ein. Er besuchte Theater und bürgerliche Bälle und zog durch reichliches Leben und Lebenlassen junge Kaufmannssöhne in seine Bekanntschaft. Diese fanden es bald nicht ungeraten, den reichen jungen Landbesitzer in ihre Familien einzuführen. Der Rheinländer hat in der Berliner Gesellschaft einen Vorteil voraus. Man kommt ihm mit günstigem Urteil entgegen, man liebt das sorglose leichte Blut seines Stammes, man verzeiht ihm seinen Dialekt und manchmal sogar den Mangel feinerer Bildung. Nikola war nicht ungebildet: er sang schön und fertig, er hielt etwas auf sich und besaß auch Empfindung genug, um sich rasch in die Bücher hineinzulesen die eben Mode waren; in politischen Gesprächen wie man sie dort liebt, gab er sogar durch seine genaue Kenntnis der heimatlichen Sachlage einen erwünschten Beitrag zur Unterhaltung her. Schon nach sechs Wochen hatte sich ihm am Wirtstisch wie am Teetisch eine Menge von Kreisen eröffnet, die ihn bezauberten und hinrissen. Ihnen widmete er alle freie Zeit: sonst nahm ihn die Pünktlichkeit des Militärdienstes hin, welche doch auch den Kräftigsten ermüdet, und so blieb ihm kaum Zeit an die arme Margret zu denken, viel weniger an sie zu schreiben. Auf jenen Brief, der die Geburt des Knaben meldete, hatte Margret in der Freude ihres Herzens ein Eilig zur Adresse gesetzt. Als er dem Kameraden Niklas ausgehändigt wurde, den dieser als Burschen zum Putzen brauchte, meinte der, wegen jenes Wörtchens den Brief rasch abliefern zu müssen; und brachte ihn daher in das Haus eines kleinen Kaufmanns, bei dessen Frau und Töchtern Nikola diesen Abend zu Tee und Musik eingeladen war. Nikola saß eben mit der schönen, vornehm blassen Adelaide im lebhaftesten Gespräch, als das Kammermädchen ihm den Brief übergab. Wohl erkannte er die zitternden Züge der Aufschrift, aber er schämte sich in dieser Gesellschaft an ein Bauernmädchen erinnert zu werden, sein Blick flog über Adelaidens weiße Stirn, über ihre feinen Züge, über das glänzende modisch geschnittene Kleid – und wider seinen Willen trat diesem Bilde gegenüber Margrets verhärmte Gestalt mit dem wirren Blick und zerwühlten Haar, wie er zuletzt auf dem Krankenbette sie gesehen hatte. Adelaidens Mutter bat ihn höflich sich nicht zu genieren und den Brief gleich zu lesen; er aber antwortete frei und leicht, es habe keine Eile, und der Brief, der ihm verkündigte, daß ein Sprosse seines Blutes ihm geboren sei, wurde uneröffnet unter die Uniform geknöpft. Heiter führte er sodann seine Nachbarin zum Klavier, heiter sang er zu ihrer Begleitung ihr rheinisches Lieblingslied von dem Mädchen, das um den gestorbenen Geliebten sich im Kloster zu Tode trauert – und selbst bis zur Adelaide von Beethoven verstieg er sich. Die wirkliche Aldelaide vernahm diese Huldigung nicht ungern; einer Berlinerin, deren Vater unglücklich in Eisenbahnaktien spekuliert, kommt es sehr romantisch vor, mit einem wohlhabenden Landwirt in ein rheinisches Dorf zu ziehen und eine Idylle mit dem Schäferhut durchzuspielen. Adelaide war sehr gütig an diesem Abend – Nikola küßte beim Abschied mit Feuer ihre schlanke kühle Hand. Erst als er daheim sich auskleidete und Margrets Brief aus der aufgeknöpften Uniform zu Boden fiel, dachte er wieder an diesen. Im Bette brach er das Siegel auf, las den Brief, legte sich auf die Seite und schlief ein. Als er erwachte ging sein erster Gedanke zu Adelaide, der zweite in die Heimat. Er war nicht verhärtet: zu seinem Kinde fühlte er einen starken Zug, die Mutter war ihm nicht unlieb, aber doch gleichgültig. In dieser Laune schrieb er jenen Brief an sie; zu dem Entschluß sie zu verlassen war er noch nicht gekommen, aber er hatte auch nicht den Mut sie als seine geliebte Frau anzuerkennen. Diese Feigheit gab dem Briefe den Ton; da konnte er freilich nicht so herzlich werden wie vormals. Und als darauf Margret nicht schrieb, legte Nikola es sich so aus als habe nun sie die Schuld des Bruchs: ihr Bild wurde seiner Seele fremd, und wenn es ja sich noch einmal heraufhob, drängte er es höchstens mit einem Seufzer wieder auf die Seite. Leider wurde er auch Adelaidens und seines ganzen hauptstädtischen Lebens überdrüssig. Das Soldatenleben, nachdem er seine Lehrzeit daran durchgemacht hatte, kam ihm, der an rüstige Arbeit, an Zweck und Erwerb gewöhnt war, wie eine glänzende Spielerei vor. Seine jungen kaufmännischen Freunde waren ihm durch ihre kleinlichen Geldgespräche und teils auch durch die Gemeinheit ihres Lebens und Genießens geradezu widerlich. Mit Adelaide aber hatte er nun etwa hundertmal die rheinischen Volkslieder und ebensooft die Adelaide abgesungen und den Thomas Thyrnau durchgesprochen. In diesem Hause lieh er der Unterhaltung seine eigne Wärme, daher war seine Seele jetzt immer kalt und müde, wenn er abends wegging. Er mißte fast überall neben dem Reiz die Kraft, und wenigstens in keinem der Kreise, die ihm offenstanden, fand er die Tiefe und Unendlichkeit des Gemütes, ohne welche ein kraftvolles Jünglingsherz sich unglücklich fühlt. Die schweren Steinmassen der prächtigen Stadt im scharfen Strahl der heißern nordischen Sommersonne lagen wie Felsblöcke auf ihm, und schon jetzt am Ende des ersten Jahres dehnte sich das zweite, das er hier noch zu verleben hatte, farblos und gestaltlos vor ihm aus. Hatte er früher zu hastig den Kelch der ihm so neuen gesellschaftlichen Genüsse geleert, so versank er jetzt in ein einsames Verzehren seiner Kraft. Liebe war nicht in sein Herz gekommen, und mit seinem ernüchterten Blicke erkannte er, daß kein unter diesen Umgebungen erwachsenes Weib ihm und sich selber zum Frieden in ein rheinisches Dorf ihm folgen könne. Eine zierlich gestochene Karte meldete ihm endlich Adelaidens Verlobung: als er immer und immer eine Erklärung zurückhielt, hatte sie endlich in halbem Verdruß den Antrag eines Witwers aus Schlesien angenommen, der in ihr nicht eine Frau, sondern eine städtisch gebildete Gouvernante für seine Töchter heiratete. Aus dieser Gleichgültigkeit, die Nikolas Jugendmut langsam untergrub, riß ihn denn im Herbst seines ersten Dienstjahres ein starkes Briefpaket von seinem Dorfe heraus. Der alte Schultheiß, sein Vater, war gestorben; ihm fiel ein schuldenfreier großer Landbesitz zu, und seine Gegenwart daheim wurde jetzt, wo er gleich für die Bestellung seines Erbgutes sorgen mußte, ganz unerläßlich. Die Bescheinigungen von seiten der Behörden lagen gleich bei dem Briefe, und in zwei Tagen hatte er seinen Urlaub, der einer völligen Dienstentlassung gleichstand. Seinen Unteroffizieren und dem modischen Pöbel, mit dem er anfangs zusammengekommen war, gönnte er noch an einem Abende die Freude, für sein Geld in Rheinwein sich zu baden; an Adelaidens Wohnung gab er, da er sie selbst nicht zu Hause fand, sehr ruhig eine Abschiedskarte ab, und warf dann die Visitenkarten (selbst diese Mode hatte er mitgemacht) von der Königsbrücke in die Spree, samt dem gestickten Täschchen, das er irgendwo als Vielliebchen geschenkt bekommen hatte; mit ihm schwamm sein ganzer städtischer Modetraum auf der schwarzen schlammigen Flut hinunter. Im blauen Kittel setzte er sich auf die Eisenbahn und fuhr seinem Rheine zu. Und als er ihn nun bei Köln zuerst wieder sah, den grünwogigen stillen Strom, als er, den Stab in der Hand, von Bonn hinaufwanderte und durchs Felsentor schritt zwischen Drachenfels und Rolandsbogen hindurch, da brach aus seiner befreiten Brust ein lauter heller Jubelschrei; so schön hatte er nie sich das Land, so lieb und traut nicht die klangvolle Sprache der Heimat gedacht. An der Ahr lasen sie Trauben wie damals, als er mit zagem Herzen von Hause auszog; Schlucht und Fels hallten wider' von den langgezogenen Melodien der Volkslieder, und heute sang er sie, unten auf der Straße daherschreitend, aus ganz anderem Herzen mit, als an Adelaidens Klavier. Wie dem Wandervogel war ihm zumute; wenn er zur Zeit, wo der mächtige Zug nach dem Süden ihn ergreift, in Haft gehalten wird und dann entschlüpft, um mit weit gebreiteten Schwingen die Brüder noch über dem Spiegel des Meeres einzuholen. Aber ganz rein war doch sein Herz noch nicht; Margrets Platz darin blieb leer. Als er nach Hause kam, wurde sein Fehltritt mit ihr als eine leichte Sache genommen; das Mädchen, wie immer, traf die ganze Ungunst der herrschenden Meinung. Ihre eigene Familie redete schlecht von Margret, um den Gedanken an das Unrecht nicht aufkommen zu lassen, das man ihr angetan hatte; die Brüder wünschten nicht einmal, daß ein so kräftiger und entschlossener Mann, wie Nikola, ihrer sich annähme, denn sie mußten besorgen, daß alsdann jene Erbteilung noch einmal in Frage genommen und ihnen ein sehr böses Spiel bereitet würde. Seit beinahe einem Jahre hatte man Margret im Dorfe nicht mehr gesehen; daß sie kein Wort von Nikola mehr redete, erfuhr er bald, und schloß daraus, daß sie die Hoffnung auf endliche Heirat aufgegeben habe. Wäre Margret ihm auf der Schwelle des elterlichen Hauses wie vor Zeiten sehnsüchtig und liebevoll begegnet, hätte er sie im Walde auf einsamem Stege getroffen, wer weiß, was jetzt noch geschehen wäre. Aber ihrem Stolze sich aufzudringen, war er selber zu stolz, denn er sah nicht ein, daß sie ihm mit Ehren nicht entgegenkommen durfte. So schlug er sich die ganze Sache aus dem Sinne, warf sich in seine neue Tätigkeit für Verwaltung des großen Gutes hinein, das ihm alle Hände voll zu tun gab, und beschloß, in späterer Zeit, wenn der erste Schmerz und Groll verwunden wäre, der Verlassenen Anträge wegen Versorgung des Kindes stellen zu lassen. So kam der Winter heran, ein langer, grimmig kalter Winter. Margrets Knabe war nun bald ein Jahr alt und lief schon an einer Hand; es war ein blühendes schönes Kind und der Stolz der Mutter, die der alten Tante manchmal recht böse wurde, wenn diese allerhand Bedenken über sein Aufkommen kundgab. Als nun aber der Winter recht auf seiner Höhe stand, als die Mühle in Schnee und Eis begraben und fast unzugänglich war, da schien doch die Tante mit ihren Besorgnissen Recht zu behalten. Eines Abends wurde das Kind mitten unter seinen Spielsachen unruhig, schrie heftig und bekam in der Nacht starkes Fieber. Reißend nahm in den nächsten Tagen Kraft und Fülle ab, und als der treue Freund Margrets, der Doktor, über gefährliche Pfade voll Glatteis doch zur Mühle durchdrang, fand er schon das Gehirn leidend, die Gefahr bedeutend. Margret zitterte, den letzten und einzigen Zweck zu verlieren, für den sie ihr Leben noch ertrug; mit unerhörter Anstrengung und Pünktlichkeit schaffte sie alles herbei, was der Arzt zweckdienlich fand; viele Wochen lang kam kein Schlaf in ihre Augen. Draußen im Wald stieg die Kälte und schauerliche Trostlosigkeit des Winters; drinnen sank die Hoffnung der Mutter von Tag zu Tag mehr. Keine Arznei gab dem Kinde Lebenskraft wieder; es war erschreckend hager und leichenhaft anzusehen, und ohne Bewußtsein, ohne Lächeln oder Weinen nahm es die zärtliche Pflege der Mutter hin. Sein Seelchen schien bereits gestorben vor dem Leibe. So fanden wir Margret an jenem Morgen, als sie endlich, stumpf von Weinen und Jammer, matt von monatlanger Anstrengung und Schlaflosigkeit, Gebet und Pflege aufgab, und an der Grenze des Verzweifelns angelangt, zerwühlt von den Erinnerungen verlornen Glücks, durch die Scheiben ihres Fensters in den Wintermorgen hinausstarrte, der trostlos bleich und trübe über den Schneebergen anbrach. Im Hof scholl der Huf eines Pferdes, es war der Doktor, der jetzt vor Frost zitternd in ihre Stube trat; die Tante kam mit ihm. Er setzte sich ans Bettchen des Kindes, nahm das Händchen und befühlte Puls und Stirn; mit weitem scharfen Auge blickte die Mutter auf ihn. Es geht endlich auf eine Entscheidung los, sagte er. Margret erbebte. Noch ist nicht alles verloren, fuhr er fort, an Lebenskraft haben wir nichts verloren seit vorgestern, aber es ist leicht möglich, daß das Fieber in der nächsten Nacht stärker wird. Geschieht dies, so müssen wir mit einem sehr kräftigen Mittel durchgreifen. Ich will neue Tropfen aufschreiben, merken Sie wohl auf, liebe Margret. Der Tag wird ruhig bleiben, vor Abend tun Sie ja nichts, sondern schlafen heute selbst ein Stündchen. Aber um zehn Uhr in der Nacht richten Sie ein scharfes Auge auf das Kind. Bleibt es wie in den vorigen Nächten, so geben Sie die neue Arznei nicht; spüren Sie aber größere Unruhe und Hitze an ihm, dann rasch zehn Tropfen jede Viertelstunde; ich glaube, daran hängt das Leben des Kindes. Morgen früh komme ich wieder. Während der Doktor das Rezept aufschrieb, sagte die Tante: Das trifft sich gut, unser Paul fährt heut mit dem zweispännigen Wagen nach Blankenheim und bringt hernach Frucht mit herauf, da kann er gleich die Tropfen in der Apotheke holen. Der Doktor sah vom Papier auf und sagte: Er wird doch ja vor Abend wiederkommen? Ich sage Ihnen, es hängt viel daran. Sicher, sagte die Alte, er ist treu und gut. Der Doktor stand auf, bot Margret herzlich die Hand und reichte der Tante das Rezept hin. Zu gleicher Zeit, als sein Klepper höher ins Gebirg zu einem andern Kranken trabte, zogen die beiden tüchtigen Braunen den Wagen Pauls durchs große Hoftor auf die Straße nach dem Ahrtal hinaus. Die Tante versprach, in der Stube zu bleiben, und da der Knabe jetzt ganz erquicklich und fest schlief, legte sich auch Margret aufs Bette. Ein gesunder Schlummer ward ihr zuteil, und sie erwachte erst, als bereits die Sonne ihren kurzen Winterlauf vollendet hatte. Ist Paul zurück? war ihre erste Frage. Noch nicht, antwortete die alte Frau, aber wir haben auch noch fünf Stunden bis zehn Uhr. Mach' dir keine Sorge, der kommt sicher. Die beiden Frauen stärkten sich jetzt mit Speise und Trank. Margret, vom Schlafen wie neugeboren, war voller Hoffnung, und in traulichem Plaudern gingen ein paar Stunden beim Spinnrad vorüber. Die Wanduhr schlug acht, draußen wehte pfeifend ein scharfer Nordwind. Die Alte stand auf und sagte: Nun aber begreife ich's doch selber nicht mehr. Ob dem Paul mit den Pferden ein Unglück zugestoßen ist? Jetzt müßte und müßte er hier sein, wenn alles recht stünde. Ich will einmal in die Mühle hinüber und hören, ob sie da noch nichts von ihm wissen. Mit diesen Worten ging sie fort. Margret blieb mit bösen Ahnungen allein. Das Kind lag noch immer ruhig. Gegen neun Uhr kam die Tante zurück. Der Michel von der obern Mühle ist eben vorbeigekommen, sagte sie. Es ist ein bös Wetter draußen im Wald, der Nordwind hat den Fahrweg mit Schnee verweht so hoch, daß drei Männer übereinander stehen könnten und sähen doch nicht drüber weg. Unser Paul ist bis an die Enge gefahren, da ist ihm der Wagen im Schnee sitzengeblieben; der Michel hat ihn da stecken sehen, der Paul aber muß die Pferde ausgespannt haben und nach Blankenheim in die Herberge zurückgeritten sein. Margret rang die Hände. Also die Tropfen bekomme ich nicht vor der Nacht? Konnte er denn die nicht durch jemand zu Fuß heraufschicken? Ja, sagte die Tante, wenn er einen fände. Aber Michel hat erzählt, daß sie drunten zu Blankenheim von nichts reden, als von den Wölfen. Es ist ein Menschenwolf im Zitterwald, oder gar viele; gestern morgen in der Frühe haben sie ein Jüngelchen zerrissen, das nach dem Kylltal in die Schule ging. Die Dörfer haben sich zusammengetan und wollen nächster Tage eine große Jagd halten. Während die Alte diesen Bericht gab, zuckte das Kind in seiner Wiege zusammen und schrie laut auf. Margret sprang zu ihm und nahm es auf ihren Schoß, es war heiß und fieberte schon. Mit heftigem Krampf und Gestöhn wand es sich in ihren Armen; die Krisis trat ein, die der Arzt vorausgesehen hatte. Margret mußte es wieder ins Bettchen legen, und die so tröstlich gemeinten Worte des Arztes: Ich sage Ihnen, es hängt viel von dieser Arznei ab, schnitten ihr jetzt wie scharfe Messer durch die Brust. Jede Minute Schlafs, die sie während des Tages im Vertrauen auf Pauls Wiederkehr sich gegönnt hatte, wurde ihr zum innern Vorwurf. Wär' ich doch selber heut am Tage gegangen! sprach sie leise, und plötzlich rief sie laut aus: Aber warum kann ich jetzt nicht noch gehen? Sie sprang auf und band sich ein großes Tuch um den Kopf. Die Tante griff sie besorgt bei der Hand und sagte: Mädchen, du bist von Sinnen! Du allein in solcher Nacht durch den Zitterwald? Und du hast ja das Rezept nicht einmal. Margret stand einen Augenblick überlegend. Doch, sagte sie, das Rezept muß ja in der Apotheke liegen, sonst hat es der Paul noch und dessen Herberge weiß ich zu finden. Zwei Stunden sinds nach Blankenheim auf dem Fußpfad, die laufe ich in anderthalb, um Mitternacht bin ich wieder hier und vielleicht rette ich dann noch mein Kind. Höre, Margret, sagte jetzt die Alte, darauf darfst du nicht rechnen. Setz dich wenigstens noch einen Augenblick her zu mir; ich muß dir eine Sache eröffnen, die ich bisher verschwiegen habe. Margret sah erstaunt ihre Tante an. Sieh, sagte diese, ich und die Hebamme haben es gleich bei der Geburt gesehen, daß du das Kind nicht aufbringen kannst. Leise setzte sie hinzu: Es hat ja ein Todesäderchen. Bei diesem Worte ergriff sie die Lampe und ließ deren stärksten Schein auf das Antlitz des Kindes fallen. Schau her, sagte sie und wies auf die Stelle unter der Stirn. Wirklich lief dort der dunkelblaue Streif, stark von dem wachsblauen Krankengesicht abgehoben, von einem Auge zum andern hinüber. Margret erstarrte; sie besann sich erst jetzt auf den allgemein herrschenden Aberglauben, daß diese Ader ein Todesbote sei, der kein mit ihm behaftetes Kind über die ersten Jahre hinüberkommen lasse. Solange der Knabe gesund war, bemerkte man dies Zeichen wenig, jetzt trat es unverkennbar hervor. Es mag in der Tat bei manchen Kindern auf Schwäche deuten, und da es im reifen Alter ganz verschwindet, so ist es freilich richtig, daß kein gesunder und erwachsener Mensch dasselbe an sich trägt. Aber nur einen Augenblick siegte der Aberglaube über das Mutterherz. Tante, sagte sie, es kann sein, daß Ihr Recht habt. Aber ein Jahr hat mein Kind gelebt trotz dem Todesäderchen, und wenn es diese Nacht stirbt, so stirbt es nicht an der Ader, sondern daran, daß ihm das rettende Heilmittel fehlt. Und nun haltet mich nicht mehr, ich gehe. Sie nahm eine Laterne vom Wandbrett, weil der Mond erst spät aufging, schlug eine Decke um Schultern und Brust und band sie, damit die Arme frei blieben, auf den Rücken zusammen. Dann nahm sie das Kind aus dem Bettchen – ach, sie wußte ja nicht, ob sie es lebend wiederfand! – küßte es und übergab es der Obhut der alten Frau, die gleich wieder mit kalten Umschlägen anzufangen versprach. So trat Margret vor die Türe auf den Hof hinaus. Ein leiser Schauder sträubte ihr Haar, als sie zuerst in die furchtbar kalte Sturmnacht hinausblickte. In der Ecke des Hofes sah sie eine große Holzaxt stehen; die ergriff sie, um eine Stütze und zugleich für alle möglichen Fälle eine Waffe zu haben. Am Mühlbach verließ sie den Fahrweg durchs Tal, weil sie ihn vom verwehten Schnee ungangbar wußte, und stieg durch den sausenden Forst auf dem kleinen nähern Fußweg empor. Erst schlug ihr Herz hörbar, aber an alles Grausen gewöhnt sich der Mensch, und oben auf der Bergesplatte angelangt, wo der Weg, von Gebüsch nicht mehr so eng umschlossen, ebener und breiter hinlief, schritt sie zwar langsam und in schwerem Kampfe gegen den Sturm, aber mit mutvoller Seele vorwärts. Der gefrorene Schnee, vom Winde aus allen Sträuchern und kleinen Schluchten aufgefegt, rieselte bis um ihre Füße und füllte mählich die Spuren ihrer Tritte hinter ihr aus. So kam sie ungefähr in der Mitte ihres Weges auf einer weiten Hochfläche an, wo nur ein einzelner Baum sich erhob, während fern die dunkeln Ränder des Forstes ringsum die weiße Ebene einschlossen. Plötzlich stand Margret hier still, und ihre Knie zitterten. Bei dem flackernden Scheine, den ihre Laterne im Windzug auf den Schnee vor ihr warf, sah sie eine Spur, die schon halb zugeweht war. Gern hätte sie sich überredet, daß sie von Jagdhunden herkäme; aber zu oft hatten alte Leute ihr im Forst diese Stapfen gezeigt und erklärt. Sie sah es mit Grausen, hier waren, es mochte vor einer halben Stunde gewesen sein, die Wölfe gelaufen; ein großer in weiten mächtigen Sätzen, dem dann kleinere in einer Zahl, die sich in den undeutlichen Spuren nicht mehr bestimmen ließ, nachfolgten. Sie mußten nach dem Dorfe ihrer Kindheit auf den Raub gegangen sein, denn dorthin, rechts ins Tal hinunter, liefen die Stapfen quer über Margrets Pfad hinüber. Es war also zu vermuten, daß sie noch in dieser Nacht auf demselben Wege in ihr gewöhnliches Lager zurückkehren würden. Das mutige Mädchen ließ durch diese furchtbare Überlegung ihren Gang nicht verzögern, und ein kleiner Trost wurde ihr gegönnt als sie ein paar Schritte weiter gekommen war. Hier stieß sie nämlich auf die ganz frischen Spuren eines menschlichen Fußes, welche der Wolfsfährte offenbar folgten: erst vor wenigen Minuten mußte hier ein Mann den Bestien nachgegangen sein. Dieser unbewußte Gruß eines menschlichen Wesens mitten unter den Schrecken der Natur richtete ihren Geist auf. Bald senkte sich nun ihr Pfad, aber er wurde auch immer mühsamer je tiefer sie kam, weil der Flugschnee vom ganzen Gebirg in die Täler hinabwehte. Manchmal mußte sie durch knietiefe Massen sich Bahn brechen; immer langsamer drang ihr ermüdender Fuß vorwärts, und als sie endlich die bequeme Landstraße erreichte, die von Trier an der Hülchrather Kapelle vorbei nach Blankenheim führt, hörte sie in dem nun ganz nahen Städtchen schon die Mitternachtsstunde schlagen. Die Apotheke war erreicht: sie klingelte mehrmals an der verschlossenen Türe, und nach einer Viertelstunde öffnete der Provisor. Das Rezept fand sich vor, Paul hatte es richtig abgegeben und die Arznei erhalten. Indessen war der Provisor, sobald Margret berichtete, warum das Fläschchen nicht in ihre Hände gekommen, gerne willig das Rezept neu zu bereiten. Er zündete Feuer an und lud Margret ein mit ins Laboratorium zu kommen und sich zu wärmen. Als er erfuhr, daß sie noch in dieser Nacht zurückwollte, bereitete er ihr, durch solche Muttertreue gerührt, ein heißes stärkendes Getränk und drang ihr auch einen Bissen Brot auf, während er seine Arbeit vollendete. Sie empfing von ihm ein schwarzes Fläschchen, welches sie unter ihr Busentuch steckte, und er empfahl ihr noch, die Tropfen nicht dem Licht auszusetzen, weil das ihre Kraft schwäche. Es schlug zu ihrem Schrecken schon ein Uhr, als sie, auf die Axt gestützt, von der großen Landstraße wieder in den schmalen Waldpfad einbog. Die Wärme und Kraft, welche nach der kurzen Ruhe jetzt ihre Glieder durchdrang, gab ihr eine wunderbare Freudigkeit und die Anstrengung des Körpers milderte ihren Seelenschmerz. Die Laterne war erloschen, aber sie konnte ihrer jetzt entbehren, denn das letzte Mondviertel ging auf und warf sein helles Licht auf ihren Pfad. Noch war es bitter kalt, aber der Nordwind hatte sich gelegt, der Himmel wurde wolkenfrei, und die glitzernden Sterne schauten tröstlich herab. Mit der Einsamkeit der Nacht nun schon vertraut, dachte sie an Gefahren nicht, und erst als sie die Hochebene erstieg, fiel ihr plötzlich wieder ein, daß sie die furchtbare Stelle der Wolfsspur noch zu überschreiten habe. Sie kam jetzt an der Öffnung einer Talschlucht vorbei, die nach ihrem Heimatdorf sich öffnete: plötzlich vernahm sie hier, obwohl von Schnee und Wald gedämpft, doch deutlich genug aus dem fernen Grunde herauf das wilde Gebell aller Dorfhunde; es klang heftiger und wütiger als das Geheul, das diesen Tieren sonst in Winternächten die Kälte auspreßt. Sie ahnte nichts Gutes; mit stürmendem Fuß, mit pochenden Adern flog sie die letzte Höhe hinauf, um so rasch als möglich über die gefahrvolle Ebene hinwegzukommen, die sich in glänzendem Licht vor ihr hinstreckte. Schnee und Mond ließen jeden fernen Busch in scharfem Umriß erscheinen; den einzigen dunklen Fleck bildete mitten auf der Fläche jener einzeln stehende Baum mit dem kargen Schatten seiner laublosen Äste. Margret, nachdem sie am Waldsaum eine Minute Rast gemacht und mit scharfem Blicke sich überzeugt hatte, daß der Weg noch sicher sei, flog einem Renntier gleich über die Schneefläche auf den Baum zu, der wohl drei Büchsenschüsse von ihr entfernt war. Hier angelangt blickte sie von neuem nach allen Seiten sorglich um, und – war es Täuschung? Nein, jetzt sah sie links aus dem Walde, noch weit von sich entfernt, einen schwarzen Fleck auf die Schneefläche vorrücken. Sie sprang in den Schatten des Baumes, stemmte sich, um nicht in die Knie zu sinken, mit dem Rücken gegen den breiten Stamm und faßte mit beiden Händen den Stiel der Axt. Da mehrten sich die schwarzen Flecke auf dem Schnee und wurden größer. Deutlich erkannte sie jetzt eine große Wölfin mit zwei noch kleinen Jungen: lodernden Auges, mit weiten kühnen Sprüngen und hochgehobenem Schweif, jagten sie genau auf der Fährte zurück, die Margret auf ihrem ersten Gange entdeckt hatte und die ganz nahe an dem Baume vorbeiführte. Margrets Herz stand still in ihrer Brust, sie hielt den Odem an, als könnte sein leiser Zug sie verraten. Die Tiere liefen nebeneinander, das eine Junge blieb etwas zurück, alle schienen in banger Eile dem sichernden Walde gegenüber zuzustreben. Jetzt waren sie ganz nahe; Margret hörte das Keuchen ihres Odems. Die alte Wölfin und das eine Junge, das sich dicht an sie hielt, sausten vorüber, das andere suchte winselnd nachzukommen. Plötzlich aber blieb es stehen, schnupperte, schwang den Schweif und bog auf Margret ab, wie neugierig zu sehen, was unter dem Baume stecke. Das Mädchen spannte alle seine Sehnen, kämpfte ihre Finger um die Waffe, und in dem Augenblicke, als das Tier mit schleichendem Schritt und hochgehobener spürender Nase unter den Hieb kam, ließ sie mit Riesenstärke die mordende Schneide recht mitten zwischen seine Funkelaugen niedersausen. Der furchtbare Schlag schnitt durch den Kopf und das Eisen schlug noch auf den gefrornen Boden auf; das Tier aber stieß einen markdurchschneidenden Schrei aus und verzückte dann röchelnd zu ihren Füßen. Margret streckte sich rasch in die Höhe und hub die Axt von neuem über ihr Haupt. Es war nötig, denn die alte Wölfin, die schon nahe am Waldsaum angekommen war, wandte bei dem Schrei ihres Jungen das Haupt und kehrte mit dem zweiten Wölfchen in wenigen Sprüngen zurück. Als sie das tote Junge am Boden und sein Blut den Schnee berieseln fand, heulte sie laut auf und wollte Margret anspringen; aber da sah sie in des Mädchens weit aufgerissenes Auge, sah die blanke Axt über ihrem Haupte in den Strahlen des Mondes glitzernd, die einzeln durch die Zweige herabfielen. Feig sprang sie zurück, aber bald näherte sie sich wieder, langsam Fuß vor Fuß voransetzend, um den Augenblick des Sprunges abzusehen. Das noch lebende Junge kroch ihr bange nach. So rückte das Untier bis dicht vor das Mädchen vor, aber ehe es in den Bereich der Waffe kam, blieb es stehen, hockte auf die Hinterfüße nieder und peitschte den Schnee mit seinem wedelnden Schweif, geduldig den Augenblick abwartend, wo Margret mit dem Auge blinzeln oder vor Müdigkeit die Arme niedersenken mußte. So standen sie sich entgegen, die beiden Todfeindinnen; die wölfische Mutter um den Mord ihres Kindes zu rächen, die menschliche um dem ihrigen den Heiltrank des Lebens zu sichern. Wie lange diese gräßlichen Augenblicke dauerten, wußte Margret nicht. Ihr Denken stand still, und nur den Willen hielt sie in ihrer tiefsten Seele fest, den rechten Augenblick des Hiebes nicht zu versäumen. Aber schon trat der kalte Schweiß der Mattigkeit vor ihre Stirn, die Füße zitterten unter der Last des Körpers, die Arme wurden starr durch die Anspannung, mit der sie die schwere Axt emporhielt, und vor den Augen flirrten ihr auf dem blendenden Schnee schon alle Farben des Regenbogens. Sie gab sich verloren. Da schlug an der Stelle, wo der Waldsaum am nächsten bei ihr in die Schneefläche verlief, im dunklen Gebüsch ein Blitz auf – ein Pfeifen zischte durch die Luft – dann rollte über das Schneefeld, an der Waldgrenze prächtig widerhallend, der helle Knall der Büchse. Die Wölfin heulte wild auf, das Junge winselte; beide wandten sich zur Flucht und verschwanden im Walde. Über den Schnee kam ein rascher, leichter Schritt. Der Jäger, der jenen Schuß getan hatte, trat aus dem Versteck, zog vom Monde beleuchtet, den Hahn des zweiten Laufes auf und schritt vorsichtig dem Baum zu, um zu sehen was dort die Wölfe festgehalten und ihm so trefflich zum Schuß gebracht hatte. Da sah er, vom Monde halb erhellt, die herrliche Gestalt des bleichen Mädchens noch in der Haltung, die sie dem Untier gegenüber behauptet hatte. Noch war der eine Fuß vorgeschoben und trug die Last des übergebeugten Körpers, die runden nervigen Arme hüben sich, zum Schwunge ausholend, über das Haupt herauf. Ihr Busen wogte, ihr Mund war mit festem Trotz zusammengepreßt, und das Auge, noch zornfunkelnd und weitgeöffnet, sah den flüchtigen Raubtieren nach. So muß das Weib gewesen sein in jenen ersten Tagen der Welt, als es noch mit dem Manne Haß und Kampf teilte und auf Jagd und Walstatt ihm nachschritt. Jetzt aber wandte auch sie ihr Auge auf ihren Retter, ein lauter Schrei entfuhr ihr – es war Nikola. Diesen Anblick ertrug sie nicht; vornüber stürzte sie mit der Axt zu Boden und fiel in Ohnmacht über das erschlagene Tier nieder. Nikola hatte anfangs beinahe gemeint eine Erscheinung zu sehen, jetzt sprang er hinzu, legte ihren Kopf auf seinen Schoß und rieb ihr die Schläfe mit Rum aus seiner Jagdflasche. Sie schlug die Augen auf und sah seine Blicke, besorgt und hold wie ehemals, über ihrem Antlitz schweben. Aber auch jetzt wachte nur ein Gedanke in ihrer Seele; sie zog das Arzneifläschchen aus ihrem Busen, drückte es in seine Hand und sagte matt und leise; Nikola, dein Kind drunten in der Mühle will sterben, aber diese Tropfen können es vielleicht noch wenden. Bis hierher habe ich sie ihm geholt, ich kann nicht mehr. Gehe um Gottes Barmherzigkeit willen und trage du sie jetzt ins Mühlental; mich laß hier. Nikola umfaßte sie mit nassem Blick und sagte: Ist das wahr, Margret? Diese Nacht hast du überstanden um meines Kindes willen? Nun, so sollen alle guten Engel von mir weichen in meiner Todesstunde, wenn ich dich hier verlasse! Er nahm die Weigernde auf beide Arme und trug sie über das Schneefeld. In Margrets Adern begann das Blut wieder seinen vollen warmen Lauf. Nach wenigen Schritten sagte sie: Laß mich auf die Füße, ich kann wieder auftreten. Sie lehnte sich auf seinen Arm, und ging anfangs schwer, dann immer flinker der Heimat zu. Nur sprechen konnte sie nicht: je näher sie dem Lager ihres Kindes kam, desto ängstlicher drückte sie die neue Entscheidung über Leben und Tod, der sie nun entgegenging. Nikola erzählte ihr unterwegs mit freundlichen Worten, was ihrer wunderbaren Rettung Ursache gewesen sei. Er hatte, da auch schon in der vorigen Nacht die Wölfe bei seinem Heimatsorte sich blicken ließen, einige gute Schützen bewogen mit ihm Wache zu halten. Er selbst ging nur mit einem Gefährten in den Forst, entdeckte jene Wolfsspur und schloß daraus, daß die Tiere denselben Weg zurückkommen würden. Seine Tritte waren es, welche Margret neben der Fährte im Schnee angetroffen hatte. Während nun sein Genosse nach der entgegengesetzten Seite der Spur folgte und einen guten Posten zum Schießen aufsuchte, hatte sich Nikola unweit der Ebene über einer engen Schlucht auf die Lauer gelegt. Hier vernahm er nach zwei Stunden Büchsenschüsse aus der Nähe seines Dorfes, die ihm anzeigten, daß man auch unten die bösen Gäste entdeckt und übel empfangen habe. Allein die flüchtigen Wölfe mochten ihn in seinem Versteck gewittert haben, sie waren in einem Bogen an ihm vorbeigeschlüpft und erst der Todesschrei des einen ganz in seiner Nähe verriet ihm die Richtung ihrer Flucht. Rasch machte er die paar Schritte durch den Busch hinauf und kam eben zu rechter Zeit auf die Hochebene, um der auf Margret lauernden Alten eine Kugel zuzuschicken. Kurz vor der Mühle begegnete ihnen jetzt auch mit dem Spürhund jener Jagdgenosse Nikolas, der noch etwas tiefer in den Forst hinein auf dem Anstand gelegen hatte, und meldete, daß die große Wölfin, von Nikolas Schusse wirklich getroffen, nahe bei seinem Posten gestürzt sei. Ihr Junges war allein entwischt. Mit beflügeltem Fuße stürmte Margret den letzten Abhang zur Mühle herunter, schon sahen sie die brennende Lampe im Krankenzimmer; Nikola konnte kaum folgen, Margret klopfte heftig, die Tante öffnete. Du hättest den Gang nicht nötig gehabt, sagte sie freundlich, dein Kind lebt und ist glücklich durch. Ich habe eben nachgefühlt, es sind ihm zwischen Vorgestern und heute zwei Augenzähnchen durchgebrochen, die haben es so mitgenommen. Sieh hier. Margret schob die Tante bei Seite und sprang durch die Tür ins Gemach, da saß wieder mit hellen klaren Augen der kleine Junge im Bett und hielt sich, schwach wie er war, aber lustig, aufrecht, um der Mutter die Ärmchen entgegenstrecken zu können. Das kleine Gesichtchen war noch blaß, aber die dunkelblaue Ader sah man schon nicht mehr. Jetzt schritt auch Nikola durch die Stubentür, gebeugt und wie eines schweren Frevels schuldig. Er kniete an der Wiege nieder und sah seinem Kinde in das große schöne, blaue Auge, das ein so treuer Spiegel des seinigen war. Dann lehnte er sein Haupt an die Knie der Mutter und sagte leise: Margret, ich habe gesündigt an dir vor Gottes Angesicht, und wäre dies keine Glücksstunde, ich dürfte ja nicht meine Augen aufschlagen zu dir. Jetzt aber habe ich erkannt was für ein goldnes Herz du bist, und weiß, du kannst auch mir vergeben. Sieh, meine Hände lege ich auf die Stirn deines und meines Kindes, und nun frage ich dich: Willst du verzeihen, willst du noch jetzt meine Frau werden in alter rechter Liebe? Er wagte nicht sie anzuschauen bei dieser Frage, aber er fühlte ihre heißen Tränen auf sein Haupt rinnen und empfand den Druck ihrer Hände, die ihn an das geliebte Herz emporzogen. Noch immer blieb er auf den Knien, da nahm Margret das Kind aus der Wiege und legte es in seine Arme. Jauchzend sprang er auf, und inniger als in dem glühendsten Rausch der Leidenschaft, fester als je in den Stunden ihres tiefsten Wehes, hielt Margret ihn in ihren Armen umschlossen. Ein Augenblick hatte ihrer Treue das Leben ihres Kindes und den verlornen Gatten wiedergeschenkt. Ein Traum im Spessart Das sind nun bald an die tausend Jahr, da stand das Deutsche Reich gar übel. Denn der große Kaiser Karl, der mit männlicher Hand gegen die Heiden an den Marken stand und drinnen im Lande Frieden und Ruhe schirmte, war lange schon zu seinen Vätern versammelt, und der Tod hatte ihm einen ewigen Stuhl gebaut in der Kaisergruft zu Aachen. Auch die zwölf Pairs, die einst Recht und Unschuld geschützt, hatten sich zum langen Schlaf gestreckt, ein Teil auf dem Schlachtfelde, der andere auf hohen Burgen im friedlichen Alter. Da haderten die Enkel und Enkelsöhne des gewaltigen Kaisers und zertrennten das mächtige Reich, das zwischen den vier Meeren lag. Deutschland aber stand am betrübtesten: denn seine Könige waren Kinder und wie Kinder schwach. Also brachen überall die Heiden ins Land und wüteten mit Brand und Mord. Jungfrauen und Knaben führten sie in Gefangenschaft und verkauften sie fern übers Meer; die Saaten schnitten sie ab vor der Reife, und wo eine Kirche oder ein Kloster stand, die wurden vertilgt. Nicht minder aber raste drinnen die Zwietracht: denn das Gesetz schaffte kein Recht mehr, darum trat die Faust in ihr Recht, und es geschah wie geschrieben steht: daß jedermanns Hand war wider seinen Nächsten. Dazumal wurde der Fromme und Gerechte unterdrückt; wer aber stark war und des Gebotes spottete, der übermochte sie alle. Nun liegt inmitten Deutschlands, da wo man von Aschaffenburg hinübergeht nach Wertheim oder Würzburg, ein fürchterlicher Wald, den die alten Lieder den Spechteshart heißen. Der hat Holz aller Art. Aus den tiefen Tälern streben gewaltige Eichen zum Licht, und zwischen ihnen lacht das hellere Laub der Buchen und die weißen Stämme der Birken. Oben aber auf den Gipfeln hat sich die Tochter der Luft, die liebe Buhle des Windes, die Tanne, ihre Wohnung in tiefgeklüftetem Gestein gegründet, oder dichter Föhrenwald deckt sich, wie eine Haube von dunkelgrünem Samt, auf den kahlen roten Felsenscheitel. Wer da hindurchwandert am hellen Sommermittag, wenn der Wald still wird und Mittagschlaf hält, der empfindet auch jetzt noch das leise Rauschen des Geistes der Natur durchs dürre und durchs grüne Laub, und fühlt sich mit seligem Schauer einer fremden und doch wunderguten Macht hingegeben, die ihm den irren Geist mit Ruhe und die lebensmüde Seele mit Frieden erfüllt, und seinen kranken Leib erfrischt mit ewig jugendlichem Duft aus Wald und Moos und Quell, bis sie ihn endlich geheilt von allen Wunden wieder hinaus entläßt in das arbeitsam dahinrollende Leben in Dorf und Stadt, auf Markt und Acker. Und doch ist jetzt der Wald gelichtet und ohne Wildnis: einst aber war's anders, da gehörte er nur den Geistern, und kein menschlicher Fuß drang in seinen innersten Kern. Nur an den Säumen des Forstes, da, wo er ins flache Land des Mainstromes sich senkt, arbeitete ihm das Beil des einsamen Siedlers entgegen, oder ein Klausner baute im Bachtale seine Hütte, oder emsige Klostermönche gewannen der übermächtigen Natur mit rastloser Mühe den Boden ab, auf welchem hinfort die Aussaat des Geistes beginnen sollte. Damals stand, wo der Wald von Esselbach aus sich in einem engen Bachtal zum Main hinabzieht und auf Kreuzwertheim niederschaut, eine starke Ritterburg, einst ein Schirm der Gegend, wenn etwa Normannen von Mainz und Frankfurt aus in ihren flachen Böten den Fluß hinauffuhren und nach dem Gut der Klöster trachteten, oft auch ein gastliches Haus für den einsamen Wanderer auf der stillen Straße am Fluß hin, jetzt aber, in der argen Zeit der wilden Gärung, ein Raubschloß und eine Zwingburg für alles Land ringsumher. Von Anfang wohnte dort ein wackerer Ritter des großen Karl, der ihn als Pfleger und Grafen der Landschaft dorthin gesetzt und ihm selber die starke Burg gebaut hatte. Er und seine Söhne regierten meisterlich, und das Land blühte im Schatten des gesegneten Stammes. Wie aber die Kaiserkrone ihre Macht verlor, da sammelte ein Knecht des Schlosses aus dem ganzen Lande einen Schwarm von Bösewichtern, Räubern und Mördern, erhob sich in Fehde wider den letzten Grafen und drang durch Verrat in tiefer Nacht ins Schloß ein. Ohne Panzer stürzte der greise Mann dem Schwarme entgegen: da traf der Morgenstern des Verräters sein Haupt, und er fiel als getreuer Ritter im Kampfe wider Frevel auf der Stelle, die sein Kaiser ihm anvertraut. Nun brach fürchterliches Getümmel im Schlosse hervor, die Dienstmannen des erschlagenen Grafen fochten bis auf den letzten vom mittlern Turm, aber die Mörder legten Feuer an die Pforten, und die Tapfern starben im Dampfe. Robert aber, der sündige Führer der Räuber, suchte überall nach den beiden Kindern des Grafen, um sie zu töten und später Rache zu entfliehen; doch sie waren in Brand und Getöse entkommen, niemand wußte wohin. Da schlug er sich im Taumel des Sieges die Sorgen aus der Seele, und saß hinfort als Raubritter auf der hohen Burg, von wo er mit Falkenaugen auf das Schiff des Kaufmanns im Strome und auf den Wanderer am Strande hinabsah und mit Falkenschnelle auf die Unglücklichen niederstürzte. Das Land wurde bald öde, die Bauern zogen sich von ihren alten Hufen Landes zurück, der Fremde mied die gefahrvolle Straße: aber weit ringsum zogen die beutelustigen Scharen, und selbst Würzburg und Aschaffenburg zitterten hinter ihren starken Toren. In jener schrecklichen Nacht erstiegen zwei Männer eilfertig die sanften Abhänge des Spechtwaldes, die hinter der Burg aufstiegen. Es war der Burgkaplan und ein alter Diener des Grafen. Jener hatte die Heiligtümer samt dem Kelch, dieser die Grafenkrone und das Schwert des Ahnherrn gerettet. Der Diener trug einen kleinen Knaben auf dem Arm, einen andern größern führte der Kaplan an der Hand. Sie sahen den Brand des Turmes unter sich, nach welchem das jüngste Kind seine Ärmchen lautlachend ausstreckte, sie hörten das Todesächzen der erstickenden Getreuen und dann das wilde Jauchzen der schwelgenden Sieger. Oben am Walde aber hielten sie still und boten sich die Hand und sahen sich beim Sternenlicht ernst ins Auge. Dann reichte der Diener das kleine Brüderchen dem ältern Knaben herunter; das schlug die Arme um den Nacken des Bruders und küßte ihn auf den Mund. In zehn Jahren! sagte der Diener; Dominus tecum! erwiderte der Geistliche. Damit schieden sie; der Diener ging vorwärts in den Wald, wo man jetzt nach Würzburg wandert; der Kaplan wandte sich links, wo ein leisegetretener Pfad in der Richtung von Aschaffenburg fortlief. Konrad, so hieß der ältere Sohn des Grafen, erwachte am folgenden Morgen in einem engen, grünen Tal, eine Hängebirke neigte ihre Zweige über ihn hinab, ein Reh stand neugierig auf ihn gebeugt und sah ihn mit den treuen, braunen Augen an; als er sich regte, setzte es mit kurzen Sprüngen über den Bach, der unten durch niederes Erlengehölz floß. Reife Beeren in Masse wuchsen rings an den Abhängen, wo die Sonne ihre mächtigen Strahlen auf baumlose Felsen senkrecht hinabschoß. Konrad staunte über die ihm noch unbekannte Einsamkeit; bald aber trat der Kaplan zu ihm, der bereits die Stelle zu einer Hütte ausgesucht hatte, da wo der Wald ins Wiesental hinabglitt und gegen die Mittagssonne Schatten bot. Viele Tage arbeiteten sie daran, gefallene oder durch Windbruch geknickte Stämme von den Nachbarhöhen herbeizutragen und mittels einer Streitaxt zuzuhauen, welche der Geistliche auf den Fall eines Angriffs durch Menschen oder wilde Tiere mitgebracht hatte. Denn zu jener Zeit, wo jedermann das Schwert führte zu Schutz oder Trutz, waren auch die Priester wohlgeübte kriegerische Leute, und lebte gar mancher Bischof, der unter dem violblauen Mantel den Panzer trug, und erst den Feind erlegte, bevor er seine Beichte hörte und ihm die Wegzehrung spendete. Also war auch dieser Burgkaplan vor Zeiten ein starker Dienstmann des alten Grafen gewesen, und verstand alle Reiterkünste und Waffenwerk gar trefflich. Nun aber wuchs ihm da mitten im tiefen Wald die alte Kraft jugendlich wieder auf, und er zimmerte mit Hilfe des Knaben ein stattliches Haus von rohen Stämmen, zog auch einen Zaun von Blanken um das ganze Wiesental, damit das Wild nicht ihre künftigen Werte zerstören möchte. Darauf befahl er dem Knaben die Hütte und zog hinunter zum Ufer des Flusses; dort holte er Grabscheit und allerlei Gewaffen, Samen zu Korn und guten Kräutern, auch etliche Bücher: damit kehrte er durchs Bachtal zu seinem Schützling zurück. Also lebten da die beiden viele Jahre lang, und die Tage rauschten ihnen rasch vorüber. Der Alte lehrte den Jungen Jagd und Fischerei, doch jagten sie nur auf wilde Tiere, auf Bär und Wolf, die das milde, liebe Reh ängsten und des Menschen stille Wohnung und friedliches Leben gefährden. Speise gab ihnen reichlich das Korn, das ihrer Hände Arbeit gewann, Labsal der Bach und die Beere des Waldes. Aber im Winter lasen sie in alten Schriften von heiligen Männern und Frauen, doch nicht minder von Rittertum und Minne, denn der Greis erzog den Jüngling zum Rächer, nicht zum lammfrommen Mönche. Nun las der Knabe viel von Frauen und Frauenschöne, und wußte doch nicht, was ein Weib sei. Denn die Erinnerungen seiner Kindheit waren von der Flammennacht seiner Flucht hinweggebrannt, und in die Waldgründe kam kein fremder Mann, viel minder ein Weib. Da faßte ihn ein heißes Gelüsten, das zu schauen, was Lieder und Sagen als das Allervollkommenste und Schönste priesen, und aus diesem Sehnen quoll ihm die Lust des eignen Liedes. An einem kühlen Abend war's, als der Bach im Schweigen des Sonnenuntergangs lauter hinabrauschte in die bunte Welt draußen über dem Gebirg, und der Jüngling sich mit der fliehenden Welle gezogen fühlte in den roten Abendschein, der mächtig über dem Walde hinaufflutete – da auf einmal sprang aus seiner Brust, er wußte nicht wie, das allererste Lied, Wort und Sangesweise zugleich. Denn im Rauschen des Bachs vernahm er abwechselnde Töne, die sang er nach in Höhe und Tiefe; auch schlugen zwei Nachtigallen mit gleich endendem Wechselschlag, das gab ihm den Reim; dicht bei ihm aber pochte der Specht auf einem harten Stamme seine gleichen Schläge, darnach maß er den Wechsel von Hebung und Senkung: das alles klang aus ihm hervor wie ein längst Fertiges und er sang in den Widerhall hinein das Lied: Welle darfst du nimmer weilen, Nie zu mir in Liebe glühn? Sprich, was zwingt dich, fortzueilen Aus des Waldes trautem Grün? Laß in Liebe ungemessen An die heiße Brust dich pressen! Fass' ich dich, lass' ich dich nimmer von hier – Wehe, du fliehst und ich lodre nach dir! Hindin, braune, holde, schlanke, Lockt dich so die Waldesnacht? Warum meidest du die Schranke, Drin mein lieber Garten lacht? Laß mit holdem Wort dir schmeicheln, Laß dich kosen, laß dich streicheln! Wehe, du fliehst in geflügelter Zier, Ach und du lässest mich Einsamen hier! Keine Wellen, keine Hinden Gleichen doch dem holden Bild, Das ich nie vermocht zu finden, Doch im Herzen steht es mild. Oft wohl mein' ich, aus den weiten Wäldern müßt' es grüßend schreiten – Selige Schönheit, enthülle dich mir! Weh, du zerrinnst und ich lodre nach dir! Es rauschte hinter Konrad; der Kaplan stand da und schaute mit leuchtendem Auge seinen Schüler an. Ich habe dich gehört, sprach er, du bist ein Sänger geworden, und weißt es selber nicht. In deutscher Zunge kannte noch niemand die Kunst des weltlichen Liedes, welche dir Gott in deinen Mund gelegt hat. Du bist reif, ich halte dich nicht länger. Morgen soll das Werk deines Lebens beginnen, morgen dies Sehnen den Weg finden, der es zum Ziele bringt. Folge mir in die Hütte, in der du zum letzten Male ruhen wirst. Der Jüngling schauderte, das Tal war seine Welt, die Hütte sein Königreich; er faßte es nicht, daß es draußen noch ein Leben gebe und ein anderes Wirken und Schaffen. Aber um Mitternacht, bei trüber Lampe, hatte der Alte die Geister der Ahnen schon aufgeweckt, die in der Brust des Rittersohnes begraben lagen: Rache an dem Mörder seines Vaters, Kampf um Recht und Ehre, holder Gruß der Frauen spiegelten sich mit irdischem Edelsteinglanz im Kristall seiner himmlischreinen Seele. Er wußte, was ihm auferlegt war; er wollte den Bruder und bei ihm Schwert und Krone suchen, dann den Feind angreifen, und zu dem Kaplan zurückkehrend die Heiligtümer in ihr Tabernakel heimführen. Mehr wußte er nicht; er ahnte nicht Gefahr, denn er kannte sie kaum – so weniges war genug ihn zum Mann zu machen. Es war Morgen. Der Kapellan führte Konrad tief in den Wald auf einen Fleck, wo der Wintersturm eine Lichtung gebrochen hatte. Weit, wohl eine Tagereise entfernt sah ein Berghaupt über die Baumtrümmer herein; das wies der Alte seinem Schüler. Drei Tannen stehen droben, so sprach er: kommst du näher, so wirst du sie erkennen. Dorthin geht dein Pfad. Oben stürzt ein Bach aus dem Gestein, nach Mittag, abwärts; dem folge unablässig, bis er in Felsen verschwindet; dann wirst du den Bruder finden. Weinend entließ er den Geliebten, aber Konrads Augen glänzten vor Freude, nach Abenteuern ausschauend, glühend in Tatenlust. Er ging in die Waldesnacht hinein; im Tal braute noch der Nebel, aber die Berghäupter glommen im Morgenrot, und hinter ihnen tat sich blau und glänzend wie eine wunderbare Zukunft das Tor des Äthers auf. Mit der Streitaxt hieb er sich Bahn, die junge Eiche barst vor seinem Fußtritt, das Wild aber spielte ruhig fort auf den Weideplätzen. Er rastete unter Brombeersträuchern, Kühlung, Ruhe und Speise zugleich genießend; der Bach gab ihm die schäumende Milch seiner donnernden Fälle. Wohl hätte ein andres Herz gebangt in der schauerlichen Einsamkeit, aber Konrad ging sorglos seinen Weg und grüßte Blumen und Tiere an denen er vorbeikam. Als der Mond aufging, sah er die drei Tannen auf dem Berge, mit sinkender Kraft strebte er hinauf und ruhte da zu Nacht; ihn wiegte auf weichem Moose der aus den Tälern dumpfrauschende Wald in festen Schlaf. Doch ließ die Tatkraft ihn nicht gar lange feiern; als die Sonne kam, hatte er schon die Quelle des Baches gefunden, und stieg auf dessen abgewaschenen Felsquadern hinab, immer der Sonne entgegen, die nach dem Mittag hin ihren Lauf hub. Aber der Weg wurde beschwerlicher. Oft brauste neben ihm die hüpfende Flut, oft auch bot nur das Bette des Gießbachs ihm den Weg durch enges Felsengeklüft; er lief mit der Welle um die Wette, aber sie kannte ihren alten Weg besser und ließ ihn spottend zurück. Mattigkeit faßte ihn, oft und öfter mußte er rasten; und so heiß die Sehnsucht nach den neuen Menschen ihn vorwärts trieb, es wurde wiederum Nacht, ehe er das tiefste Tal erreichte. Da trat ein mächtiger Fels ihm entgegen, vor dem der Bach in einen tiefen, klaren See sich zusammendämmte; aber unter dem Spiegel des Sees gohr es donnertönig, Schaum quoll empor, und Konrad sah, daß durch einen dunklen Riß in grauser Tiefe der Bach sich fortwühlte. Das also war der Ort; hier ging der Bach in Felsen verloren, hier mußte der Bruder weilen. Der Mond kam – ach, er beschien nur Bäume und Felsblöcke. Nirgends eine Spur der tilgenden Menschenhand; in unberührter Jungfräulichkeit, streng und herbe schaute die Waldlandschaft den Sehnenden an. Ein mächtiger Schmerz zerwühlte seine Brust; es war die erste Täuschung, die erste Ahnung eines unermeßlichen Verlustes, die dies junge Leben durchschnitt. Er drückte die heiße Stirn an den Fels, und zog sie zurück, als er die feuchte Steinkälte empfand; er preßte sich mit dem pochenden Herzen an einen Baum, und mußte ihn fahren lassen, denn ein abgebrochener Zweig drückte sich rauh und schmerzend wider seine Brust. Der Fels aber zeigte ihm im scharfen Nordlicht sein Riesenhaupt wie die Züge eines verzerrten, hohnlachenden Angesichts. Da fiel ihm ein, daß besser, als er, der Bach den Weg wisse, der aus dem Gebirg zu Menschen führe. Denn er gedachte, wie auch der alte Kapellan immer dem Bache, der sein Tal durchfloß, gefolgt sei und ihm dann von der großen Stadt erzählt habe mit den vielen Menschen und Häusern und Kirchen darin, und von dem Flusse, der den Bach dort unten aufnehme. Ach der Arme, er wußte nicht, daß noch viele Tage lang der Bach zu fließen hatte, ehe er den Rand des unermeßlichen Waldes erreichte; sein Sinnen ging dahin, den Bach hinter dem Felsen wiederzufinden. Das Gestein war unersteiglich; schon auf den ersten Stufen glitt ihm der Fuß aus. Also wollte er den Felsen umgehen und wandte sich ins tiefere Tal durch eine weite Kluft hinab. Nicht weit kam er, da hörte er schon zur Seite abwärts lautes Rauschen, und sah tief unter sich eine uralte Eiche ihre saftigen Wipfel hoch über das niedere Holz ins Mondlicht strecken. Der gewaltige Wuchs des Baumes, wie er noch keinen gesehen, bekundete die Nähe des Wassers; dorthin stürzte der ersehnte Bach aus dem verschlossenen Felsen hinab. Hochwald nahm den Jüngling auf, unter den mächtigen Bäumen kam kein junges Reisholz fort. Also ging er mit unbehindertem Schritte voran, und begann sein Lied zu singen: Oft wohl mein' ich, aus den weiten Wäldern müßt' es grüßend schreiten – Selige Schönheit, enthülle dich mir! Da faßte es ihn mit einem wunderbaren Schauder, als würde alles Wahrheit, was er oft überschwenglich sich geträumt. Aus den Bäumen schimmerte ihm ein Wasserspiegel entgegen, der ungeheure unten geborstene Eichbaum nahm ihn in seinen Schatten, er trat auf einen weiten grünen Rasenfleck. Aber vor ihm, wo der Bach in schäumendem Sturz sich brach, stand grell vom Mondlicht beleuchtet im Fall der Tropfen eine Gestalt. Sein Blut starrte, sein Herzschlag stockte, er meinte zu sterben, aber sein Geist jubelte durch alle seine Schrecken hindurch – es war, was er ersehnte, es war ein Weib. Ihr nasses Haar lag um die regungslose marmorweiße Gestalt, es war ihre einzige Hülle; ihre herzverzehrenden Augen ruhten wandellos auf dem Jüngling. Der Staubbach übergoß den wundervollen Leib mit einzelnen Tropfen und schlang um das Haupt als Diadem einen Mondregenbogen; um den schönen Fuß schmiegte sich die langsam verrinnende Welle. Kein Schimmer der Röte durchflutete das zauberhafte Bild, als der Jüngling vortrat und nun selbst sichtbar im Scheine des Mondes dastand; nur ein Lächeln schwebte zwischen den braunen Schlangen des prächtigen Haares über das weiße Gesicht. Kaum fand der Jüngling seine Sprache; er rief mit zitterndem Tone: Wer bist du? Das Weib erbebte und neigte sich, also daß ihr Haar die ganze Gestalt verbarg. Wer hat dein Auge geöffnet, Sterblicher, daß du mich zu schauen vermagst? Geh deinen Pfad ungefragt, und laß mich meinen Brüdern Mond und Bach; es tut dir und deiner Sippe nicht gut uns zu schauen. Du stößest mich von dir, rief Konrad mit bitterm Schmerz. Du redest menschlich, und bist doch so kalt wie Wasser und Fels! Ich habe eine Frage an dich doch sage nur zuvor wer du bist, denn du lebst und ich lebe auch, wir zwei allein im tiefsten Forst, in grauser Nacht. Tor! rief sie stolz, weil keiner von Adams Blut dir hier begegnet, wähnst du allein zu sein? Lebt nicht dieser Bach und umspinnt er nicht mit süßer Lust meine Schönheit? Lebt nicht der Baum, den deine Axt frevelnd fällt? Schau jene Eiche, sie lebt wie du, denn ich bin ihr lebendiges Herz. Und wie nenn' ich dich? Meinen Namen weiß, der mich schuf. Ihr Menschen nennt uns, wie wir es euch offenbaren, darum wechselt unser Name mit den Zungen der Völker. Eiche bin ich jetzt genannt; einst war ich im Süden, und ein großer König hat mit Egeria selig geschwärmt. Also bist du frei vom Tode? Ewig wie du, aber unwandelbar. Doch kenne ich Todesweh. Wenn eure rohe Hand meinen Baum mordet, und seine saftige Krone zum Fall sich neigt, dann verdorrt mit ihm auch mein Herz, und ich schlafe unter Schmerzen ein. Doch o Lust, wenn dann ein junger Frühling meine Brust mit mildem Hauche küßt und das Eis des Herzens löst, wenn ich dann in einem neuen kraftvoll emporstrebenden Baume wieder auferstehe, und tausend Lebensjahre uns aufs neue sich ausdehnen! Und was wird dein Ende sein? Leben im Born des Lebens, aus dem ich hervorgesprungen bin. So kennst du den Einen, Ewigen, und nennst ihn auch deinen Gott? Vor Zeiten hieß ich selber eine Göttin, und Roms Jungfrauen brachten mir Trankopfer, denn ich hatte ihrem Könige Weisheit und Gesetz gelehrt. Sie ahnten was wahr ist: ich bin ein Hauch aus Ihm, ein Laut im Donnerchor des Wortes, das er sprach: Es werde! Er liebt uns wie euch, er sendet seinen Tau und seinen Sturmwind, uns zu erquicken, und naht er im Gewitter, so rauschen wir ihm jauchzend entgegen aus allen Zweigen. Aber weißt du auch von des Himmels Seligkeit? Schwacher Tor, rief sie, der mehr Seligkeit braucht als er schon hat! Ich bin selig von Anbeginn. Aber wie möchtest du das fassen? O wenn im Lenz alle Knospen springen und die leise Blüte sich erschließt, wenn dann in die wollustzitternden Kelche der Duft des Nachbarbaums schwelgend eindringt und der lange Sommer eine einzige Brautnacht wird, wenn ich drinnen im Marke die Flammenlust jeder einzelnen Blüte mitempfinde und rastlos aus dem Felsenschoße die feuchte Lebenskraft sauge und in die Wipfel hinauftreibe mit wilder Leidenschaft, wenn dann im Mutterschutz jeglicher Blüte die Frucht reift und die Eichel sich dem Taglicht entgegenrundet, wenn der ganze Baum bebt in tausendfacher Mutterwonne – armer Sterblicher, geh' und freie dein Weib zum kurzen Genuß, aber rede nicht von Seligkeit zur Jungfrau des Baumes! Und wie sie so sprach, da wuchs ihre Gestalt wieder hoch empor, und der Mond fiel heller auf Stirn und Busen. Der Jüngling schwindelte in Grausen und Lust, doch wuchs ihm der Mut in der Nähe der Gewaltigen. Er fühlte, daß auch in ihm eine Lebensflamme glühte, würdig ein Geisterleben als gleichgeboren zu umspielen. Ein wildes Sehnen zog ihn zu dem schönen Weibe: herrlicher als alle seine Träume stand eine lebendig gewordene Wahrheit vor ihm, er ahnte, daß unter allen Weltgestalten, die wie Schattenbilder in seiner jungen Seele schlummerten, keine diesem Bilde gleichzukommen vermöge. Alles was er von Minne gelesen, Schmerz und Jubel, Tod und Leben, Heldenmut und Verzweiflung, tobte in ihm, ein entsetzliches Hoffen bäumte sich in seiner Seele empor. Er trat nahe zu der Elfin und sprach: Kannst du lieben? Da zitterte sie zusammen und flüsterte: Ich habe es gekonnt. Weißt du von dem Manne, der zweimal gelebt hat, von dem schönen Jüngling aus Athen? Seine Rosse zerrissen ihn, ich fing seine totstöhnenden Odemzüge auf und hauchte sie ihm küssend wieder ein im Haine Aricias; er lebte auf, und meine kalten Arme röteten sich von der Glut seiner Leidenschaft. Dann fand mich Numa in kühler Grotte; ein Wassersturz ergoß sich vor dem Eingang, und durch ihn schimmerte mit gebrochenen spiegelnden Lichtern der Tag. Weisheit suchend war er in die Wildnis gegangen, und er fand Weisheit, indem er sich zum Gott umschuf an meiner Brust. Aber auch Hippolytus starb und Numa – nur wir sind ewig. Ich beschloß, einsam zu bleiben, und wuchs in diesem Walde neu auf, wohin kein lockendes Menschenantlitz dringt. So hat das Schicksal deinen Entschluß bezwungen, rief der Jüngling wildbegeistert. Ich bin da, ich lebe, und mein Herz schlägt stark, wie das Herz derer, die du vor mir geliebt. Sei mein! Niemals, sagte sie trübe. Wer uns angehört, der ist in seiner Welt nicht mehr heimisch. Du würdest nicht froh mehr werden draußen unter den Menschen. Wir, die Kinder der Natur, sind ohne Lüge wie ohne Gram, euch geziemt halbes, gedämpftes Licht und die Wehmut, die zwischen Lust und Schmerz schwankt. Nur wen die Welt grausam betrog, der kann bei uns heimisch werden; wer draußen nichts mehr besitzt, kein Herz, kein Haus, kein geliebtes Grab mehr, den nimmt die Natur an ihr Herz, den läßt sie aber auch nie wieder fort aus ihrer Stille. Du hast ein ander Ziel, du ringst noch nach Tat und Abenteuer – gehe hin zu deinen Brüdern! Er antwortete: Ich habe sie gesucht und nicht gefunden. Hast du nie Menschen in diesem Forste gesehen? Ja, einen Greis und einen Knaben. Sie wohnten dort im Tal unter dem schwebenden Felsen. Nun aber sah ich sie lang nicht mehr. Die Bäume sagen, der Knabe sei fortgezogen ins offene Land hinein. Und wo find' ich ihn? Frage die Geister, die seinen wandernden Fuß belauscht haben. In der kommenden Nacht, wenn der Mond voll wird, treffen sich die Kinder des Waldes auf der Elfenwiese. Dein Auge ist geöffnet, dein Herz mutig: Du magst uns dort fragen. Wie find' ich den Ort? Am Kreuz des Toten geht der Weg, es steht am Bache, dort zieht er rechts durch den Wald nach dem steinernen Mönch, seine Hand weiset dich zur spinnenden Jungfrau. Wo sie sitzt, da ist die Elfenwiese. Aber eile, denn für einen Sterblichen ist der Pfad weit und wird deine Kraft lähmen. Werd' ich auch dich wiedersehen? Eiche fehlt nie am Throne der Königin. Aber sprich, ob du schon gefeit bist? Wo nicht, wehe dir, wenn du unter die Geister trittst. Sinnverwirrend blicken aus dunkeln Locken die Tannenjungfrauen dich an, und wer die Nymphen der Quellen schaut, erblindet. Nur der Sänger mag es ungefährdet, doch nicht ohne die Weihe. Ich bin Sänger, sprach der Jüngling, aber von welcher Weihe sprichst du? Tritt zu mir und schaue mir scharf ins Auge. Ihm war, wie dem Wanderer, der plötzlich auf einen Felsengipfel vorschreitend, tief im Waldgrunde einen lichtblauen See erblickt, wie sie wohl in ausgebrannten Feuerschlünden sich finden. Da schwindelt ihn; die Tiefe lockt ihn mächtig, als wäre sie ein neuer, schönerer Himmel, er möchte hinabstürzen in den unermeßlichen Abgrund und drunten ein neues Leben suchen. Also auch Konrad, als er in ihr Auge sah: seine Sinne lösten sich, es war ihm, als würden die Bande seines Denkens gesprengt und eine selige träumerische Verwirrung begänne in seinem Haupte. Da warf die Elfin den Lockenschleier zurück, ihr Busen preßte sich an ihn, sie umfaßte seinen Hals mit den blendenden Armen. Er fühlte den wunderbaren Leib, dessen Formen sich ihm weich anschmiegten, er empfand einen Flammenkuß auf seinen Lippen, sein Auge verschwamm und schloß sich im Rausche niegeahnter Seligkeit – da rann es ihm aus den Armen wie ein Nebelbild, er vermochte die sich Loswindende nicht zu halten, er blickte auf: ein weißer Lichtstrahl schwebte im dunkeln Schatten des Eichbaums und umblitzte den düstern Schlund seines Risses. Die Elfin war verschwunden; der tief im Westen niederschwebende Mond umzog sich mit blutiger Röte, am Nordhimmel zuckte ein Wetterleuchten. Konrad sank auf den Rasen, seine Gedanken verdämmerten in Wonne und in Schmerz: aber keine Angst war mehr in ihm vor den Schauern der Nacht und dem Halbdunkel des Geisterreiches, in welchem er ja nun heimisch war. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht. Er vernahm leise, girrende Töne im Walde, es waren die Morgenlaute der Vögel, welche noch halb im Traum ihre Weisen einübten. Mit lautem Rauschen weckten die Bäume einander, um nicht den ersten Sonnengruß zu versäumen. Das Wild sprang über den grünen Wiesenplatz, um am Sturzbache seinen Durst zu löschen, die Rehkälbchen tranken gierig, denn sie hielten den weißen Schaum für Milch. Die Sonne kam: in sieben Farben glühte der Bogen des Wassersturzes, der im Mondlicht als bleicher Kranz Eiches Haupt umzogen hatte. Die Gegend war so wohlbekannt und doch wieder so ganz verändert, daß Konrad nur mit Mühe seine Erinnerungen ordnen konnte: fast brannte die helle Morgensonne sie aus seiner Seele weg. Nur die drei Worte standen noch lebhaft vor ihm, an denen er den Weg finden sollte: das Kreuz des Toten, der steinerne Mönch, die spinnende Jungfrau. Er raffte sich auf, dem Bache nachzugehen. Bald sah er einen überhangenden Felsen, vor ihm eine Waldlichtung und einen Plankenzaun, ähnlich wie sein eigener früherer Wohnsitz gewesen war. Hier also hatte der Bruder gewohnt. Nun aber war das Gehege öd' und wüst, durch eine vermorschte Planke gingen die Edelhirsche aus und ein und weideten die grünen Kornhalme ab. In der Felshöhle lag mancherlei Gerät, mit Kohle waren fromme Lieder und kecke Reitersprüche an die Wand angeschrieben. Konrad stellte sich vor, wie schmerzlich sein Schicksal sei, das ihn so nah am Ziele vom Gefährten seines Racheamtes schied, aber er vermochte dennoch keinen Schmerz zu empfinden. Er dachte daran, wie sein Bruder ihn vielleicht suche in weiter Welt oder gar im öden Forst, aber es tat ihm nicht leid um ihn. So heiß er gestern nach ihm sich gesehnt, so tot war heute diese Empfindung. Auch die Welt lockte ihn nicht mehr, er war wie abgestorben gegen alle Gefühle und Ahnungen von Glück und Ruhm, die gestern in ihm gestrudelt. Nur dem Walde und dessen Geistergewalten fühlte er sich hingegeben und verfemt. Mit seiner eignen Kälte grollend, verließ er den Ort und trat seine Wanderung den Bach entlang an. Das Kreuz des Toten schimmerte ihm entgegen, er las die uralte Schrift: sie besagte, daß lange vor Kaiser Karl Heiden hier einen Mönch ermordet und ein späterer Einsiedler dem Glaubensbruder dies Zeichen gesetzt hatte. Der Jüngling jauchzte bei dieser schauerlichen Erinnerung, denn sie sagte ihm, daß er auf rechtem Wege sei. Vom Kreuze zog sich ein Felsgrund, auf dem kein Grün Wurzel fassen konnte, rechts am Berge aufwärts, dem folgte er. Da schwebte hoch über ihm eine fürchterliche Steinmasse, braun von Moos und Wetterschlag, die Sonne lag mit vollem Glanze darauf, und ihre scharfen Schatten malten menschliche Züge auf das rauhe Gebild. Es war der steinerne Mönch. Seine Augen starrten in die Ferne; ein Mooskranz umzog, einer Tonsur gleich, seine Scheitel; oben unter dem Blocke, der das Haupt bildete, hatte sich eine Eiche zwischen Nacken und Rumpf eingewurzelt; sie war verdorrt, und ihre fünf Äste ragten als knöcherne Fingerspitzen des Riesenarmes in die öde Felsgegend hinaus. Sie wiesen Konrad die Richtung: es ging steil bergabwärts von dem kahlen Felsenhaupte hinunter in lachende Täler. Auf einmal sah er rings um sich Kreise niedergetretenen Grases, die sich alle nach einer Richtung hin verschlangen und zierliche Windungen um die Bäume machten: daran erkannte er, daß er ins Gebiet der Elfen und auf ihren Tanzplatz eingetreten sei. Da rastete er nach langem Marsch unter Buchen und Strauchbeeren; noch war es lange bis zum Aufgang des Mondes, auf ferner Höhe strahlte der steinerne Mönch noch im schaurigen Purpurglanz, von der Abendsonne umflutet. Dunkler und saftiger war hier im tiefen Tal das Grün der Bäume, mächtiger dufteten die Waldblumen, tief im Busch lockte eine Nachtigall. Er raffte sich von neuem auf, noch wenige Schritte durch den Wald und er sah im Dämmer des abendlichen Talgrundes die spinnende Jungfrau vor sich. Er wollte sie anreden: da erst sah er, daß es eine Täuschung war. Keine Lebendige begrüßte ihn: eine Tanne war es nur, die der Sturm so seltsam geknickt, daß sie ein lebendes Bild schien. Auf dem Stumpfe saß mit lodernden Augen eine entsetzliche Wildkatze, von den Elfen hierher gebannt, um den Platz bei Tageshelle zu hüten. Das Tier sträubte seinen gelben Bart dem Jüngling entgegen und blies ihn an; er trat zurück, weil er sich scheute, das den Geistern geweihte Tier auf der heiligen Stelle zu beschädigen. Nun zog die Nacht herauf und mit ihr der Mond. Die Stunde erfüllte sich, welche Eiche ihm angesagt hatte. Alle Zeichen waren eingetroffen, er hatte an ihnen die Bestätigung, daß kein Traum ihn geäfft. Die Schatten wurden dunkler, schärfer, das Mondlicht silberner, kein Vogel schlug mehr. Aber fern aus dem Wald klangen Glöckchen her, die eine lustige Tanzweise anschlugen. Bei diesem Tone sprang die Wildkatz vom Stamme herunter und lief in den Wald, denn sie wußte, daß ihr Amt nun vollendet sei. Das fröhlichste Schauspiel bot sich dem Jüngling dar. Der ganze Wald funkelte von kleinen Lichtern, die durchs Moos gehüpft kamen. Die kleinen Mooselfen waren die ersten auf dem Platze, weil sie den großen Waldgeistern das Haus in Ordnung halten und zierlich aufputzen. Spinnweb war ihr Kleid, das hatten sie mit Blumensäften bunt gefärbt; die Weibchen trugen Königskerzen, deren gelbe Blumen ihre Lichtspiegel waren, in die Blütenstengel hatten sie Leuchtkäferchen festgeknebelt, die mit unwilligem Freiheitszorn doppelt hell leuchteten; die kleinen Männer aber hatten Wachskerzen gemacht aus Wachshöschen, die sie nach tapferm Kampfe den Bienen von den Beinen abgezogen, oder auch düstere Pechfackeln von dem Harz, das sie aus Ameisenhaufen zu mausen pflegen. Das funkelte nun wunderprächtig, blau die Johannisfünkchen, weiß die Wachsflammen, und das Harz glutrot. Damit tanzten sie nach ihren Glöcklein durcheinander, daß sich rote und blaue Kränze verschlangen und weiße Sterne dazwischen aufblitzten und schlängelnd sich wieder auflösten, oder Kornblumen künstlich sich bildeten und weiße Rosen oder rote Mohnkelche dazwischen gaukelten. Mit diesem bunten ewig wechselnden Farbentanz bedeckte sich wohl die Hälfte des offnen Wiesenplatzes. Denn dieser kleinen Elfen sind gar viele, und warum? Sie haben so manche Geschäfte, daß man's kaum glaubt. Wenn eine Blume zu schwach ist, ihre Knospe zu sprengen, da kommen sie mit den kleinen Fingerchen und helfen ihr. Wenn ein Räupchen in den Bach fällt, Gott was gibt das für Arbeit! Dann rudern sie auf Ästchen hin und stoßen es mit Binsenhacken ans Ufer. Wenn ein Käfer auf dem Rücken liegt und nicht mehr auf kann, da hebeln und rücken sie nach Leibeskräften, hernach hängen sie sich auch wohl zu zweien, dreien an so einen recht dicken Schröter, und er muß sie brummend hoch in die Luft mitschleppen. Aber so lustig ist die Arbeit nicht immer. Da steckt vielleicht ein Keimchen unterm Moos, das nicht aufkommt, weil es keine Sonne hat. Ach da müssen sie oft zu Dutzenden tagelang auf einem Strauch sitzen und die Blätter zurückgebogen halten, daß der Sonnenstrahl durch kann. Freilich zu diesem anstrengenden und mühsamen Dienst werden nur die verbraucht, welche sich ein Vergehen haben zu Schulden kommen lassen, als zum Beispiel wenn einer bei einem Rettungsaufruf zu spät kommt, oder im Gasthof zur Rose eingekehrt ist und sich im süßen Dufte so stark berauscht hat, daß die andern kommen müssen, ihn herauszuschütteln und zu Hause ordentlich ins Moosbettchen legen. Das sind aber nur die außerordentlichen Geschäfte; ihre tägliche Arbeit ist, daß sie das Wasser des Regens und Taues in alle die kleinen Blumen- und Mooskelche tragen, die unten am Boden stehen; da bleibt denn das Wasser länger stehen und duftet kühl hinauf. Ohne dies könnten ja all' die schönen Eichen und Buchen nicht wachsen und müßten in der Sommerhitze verdorren. Deshalb werden sie auch, so klein sie sind, von dem großen Baumeister sehr geehrt und haben überall den Vortritt, und weil sie doch am Tage so fleißig sind, kann man ihnen wohl das Tanzen des Nachts vergönnen, denn wir Menschen wollen auch einmal im Jahr Kirmes haben und Sonntag abend unsern Hopser tanzen, und sind doch lange nicht so fleißig wie sie. Nur die Tannenjungfrauen und Fichtenmädchen machen sich wenig aus dem kleinen Gesindel, denn sie brauchen das Wasser nicht so nötig und sind zu ernst und düster, um an den Spielen der Zwerglein Gefallen zu haben. Auch streuen sie ihre Nadeln unter sich und legen also den Elfchen Fußangeln; darum wirst du selten im Tannenwald blühendes Moos und feuchten Grund und grünes Laubwerk am Boden finden. Wie nun diese Elfen allmiteinander auf den grünen Platz gekommen waren, da bildeten sie zwei große gebogene Reihen, welche wie ein Regenbogen vielfarbig im Grase schimmerten. Und durch die Reihen zogen die Scharen der größeren und mächtigeren Geister herein. Die Bachkönige rauschten im silberweißen Gewand daher, eine blitzende Krone von Kieseln ums Haupt; hinter ihnen die schwarzen, roten und braunen Felsriesen mit steinernen Hämmern; damit schlagen sie die Felsen auseinander, daß ihre Geliebten, die Baumjungfrauen, ihre Wurzeln in die Spalten treiben können. Nun aber kam das Allerschönste. Die Baumweibchen schritten herbei. Zuerst hellblond mit schlankem Wuchs und weißem Silbergewand die Birkenelfinnen, holdseligen aufblühenden Kindern gleich; neben ihnen noch viel schlanker die Pappeln, welche ihr Plaudern und Flüstern auch jetzt im feierlichen Aufzuge nicht lassen konnten. Dann kam die Königin des Forstes, die Rieseneiche, die Bewohnerin eines Baumes, den nie ein Menschenauge geschaut hatte; denn er stand mitten im Walde auf unzugänglichem, von Bachgeistern streng bewachtem Felsen. Neben ihr sah Konrad das geliebte Bild wandeln, das ihn gestern an den schwellenden Busen gedrückt. Auch heute wallte das braune Haar bis zum Knie nieder, aber es war in schmucke Zöpfe geflochten; ein dünkelgrünes Kleid umrauschte die Glieder, welche ihm gestern die Wonne eines kurzen Augenblicks geschenkt hatten. Konrad merkte wohl, daß sie eine der adligsten Frauen unter allen war, denn die andern neigten sich scheu vor ihr, und als die Königin sich inmitten des Platzes auf den Thron setzte, den vorher das Waldungetüm bewacht hatte, da trat Eiche ihr zunächst. Aber noch war der Schwarm nicht zu Ende. Die Tannenjungfrauen und Fichtenmädchen erschienen; ihr Anblick war grausig und doch zauberschön. Im schwarzen Gewand zogen jene, leicht in Biegung und zierlich, schlank und gelenk; ihre Augen loderten von wilder klagender Glut, das schwarze Haar glänzte wie Metall im Mondlicht. Aber im roten Brustpanzer hüpften die Fichtenmädchen daher, Fackeln vom Harz ihrer Bäume in der Hand, welche ihr Antlitz mit loderndem Rot übergossen, das Haar dunkel, doch von lichtem Purpurschein durchblitzt. Vor ihnen schauderte der Jüngling im tiefsten Innern zusammen; wenn sie lachten, blitzten Flämmchen aus ihren Augen; wenn sie sich berührten, so loderten ihre Nadelkronen, und aus allen ihren Spitzen glommen Funken hervor. Diese können auch niemals einen Menschen lieben; er würde, von dem ersten Kusse versengt, in ihren Armen verstöhnen. Man sagt aber, daß sie gern unter den Bergriesen sich die Geliebten wählen und so wild ihre Wurzeln in deren Brust schlagen, daß selbst diese Starken in ihren Fugen sich lösen und zusammenbrechen. Zuletzt von allen kamen aber als Hausmütterchen gar nett und zierlich angetan die Linden hergetrippelt; die hatten weite helle Kleidchen an und taten ganz vertraulich. Eine aber nickte gar dem Jüngling einen freundlichen Gruß im Vorüberziehen zu; denn das sind sehr leutselige Bäume und wohnen gern, wo Menschen und zahme Bienen sind, am liebsten auf Marktplätzen und an Dorfbrunnen. Da geben sie den Liebenden einen dunkeln heimlichen Platz zu Nacht, der Schultheiß ruft da des Morgens die Bauern und der Hirt das Vieh zusammen, auch ruhen in dem Schatten die Schnitter gerne zu Mittag. Das lieben die guten Linden, denen es da besser zumute ist als im wüsten kalten Forst; aber die Schwestern, welche die andern stolzern Bäume bewohnen, spotten sie oft dafür aus. Wie nun alles sich um den Thron der Königin gestellt hatte, da rauschte aus der Waldnacht ein Schwarm Nachtigallen herbei, die setzten sich auf einen Baum, wo man sie nicht sah. Hoch aus der Luft kam eine ganze Wolke von Maikäfern, die brummten einen tiefen Baß, als wenn sie verdrießlich wären, daß die Geister sie zu ihrem Dienste zwängen mitten in der Nacht, wo Menschen und Maikäfer am liebsten schlafen. Im nassen Moose hörte man Unken und Glockenfröschchen ihre Stimmen einüben. Die Elfchen aber schlugen auf ihre Glöcklein; das klang in den Maikäferbaß und die klagenden Altos der Nachtigallen wie ein heller lustiger Bubendiskant. Alles war in Stimmung; da trat ein großer Specht mit ehrsamen Schritten hervor und stellte sich vor einen glatten Eichenblock, der da lag. Zuerst hub er den Schweif auf und machte eine zierliche Reverenz vor der Königin; dann schaute er sehr stolz und herrisch zum Orchester hinauf, rechts und links, erhub seinen Kopf, nickte dreimal, und schlug zum viertenmal kräftig mit dem Schnabel auf den Klotz, also daß man wohl sah, er müsse ein ausgelernter Kapellmeister sein, weil er so viel Spektakel und Wesens beim Dirigieren machte. Da ging alsbald die Musik los, daß Konrads Herz jubelte; denn wir Menschen hören immer nur, wie die Tiere solch Konzert einstudieren, jeder für sich, die Nachtigallen ihre Soli, die Maikäfer ihre Chorstimmen, aber so recht zusammen vernehmen es nur die Geister, und zu Zeiten die Sänger unter den Menschen, welche gefeit sind wie Konrad; und die können's denn den Waldsängern auch nachtun. Da nun die Geister das vernahmen, traten sie an den Tanz; die Felsriesen schwangen sich mit den Tannenjungfern, die Bachkönige mit den Eichenmädchen und Pappeldirnen. Leise ging anfangs der Tanz, aber der Specht schlug stärker und schleuniger, die Nachtigallen nahmen ihre blitzenden Gänge hinauf und sprangen dann in ihre tiefsten Brusttöne hinunter, die Gewänder der Mädchen rauschten, lockender läuteten die Elfenglocken, und durch alles lichte Tönen und Klingen wogten tiefe markverzehrende Laute ungewiß und bebend aus der Höhe, die der Nachthauch auf scharfgezackten Felsen orgelte. Konrad schwindelte, ihm war, als klinge drinnen seine ganze Seele in zitternder Wollust mit und müsse zerspringen. Da trat mitten aus dem wogenden Reigen ein Lindenmütterchen auf ihn zu, dasselbe, das ihn vorher so freundlich gegrüßt hatte, und streichelte ihm Haar und Kinn. Schau, mein Sohn Konrad, sprach sie, was du hübsch geworden bist! Hab' dich wohl gekannt als Wickelkind, bin ja die Linde im Schloßhof deiner Väter, hast oft unter mir gespielt, gelt, und mich lieb gehabt; bist ja ein Sonntagskind und fühlst, wo Geister sind. Hab' dich aber auch lieb, mein Goldjunge, bin oft nachts aus meiner Rinde geschlüpft und habe den süßen Duft aus meinen Blüten über die Wiege gesandt, davon bist du auch so gesund und hold und hast Wangen wie Milch und Blut. Und wart nur, die alte Linda vergißt ihre Schützlinge nicht, wart nur, wart nur. Ehe aber der erstaunte Jüngling antworten konnte, trippelte sie schon wieder fort, und er sah sie in freundlichem Geplauder mit der Königin reden, die in ernster Pracht auf dem Throne saß und auf das Getümmel schaute; auch Eiche stand bei ihr und tanzte nicht. Das Antlitz der Königin ward dunkel wie Nacht, ihre Augen flammten auf Konrad hinüber; sie gab dem Specht einen Wink. Der schlug leiser auf seinen Block; im Girren erstarb Klage und Jauchzen der Nachtigallen; die Käfer flogen einer nach dem andern davon, so daß der Chor immer schwächer wurde; ein Glockenfrosch ließ die Tanzweise in eine langatmige Fermate auslaufen. Die Geister traten an ihren Platz zurück, die Königin winkte Konrad vorzutreten und sprach: Ihr Getreuen, unsre liebe Vasallin Linda hat uns unerhörten Frevel aufgedeckt, der im Bereich unsrer Herrschaft geschehen ist und täglich geschieht. Dieses Jünglings Schloß hat ein Räuber in seiner Faust: das Schloß steht in unserm Bann. Wir weichen dem Geiste des gerechten Mannes, der in Weisheit die Welt beherrscht; aber wenn der Frevler in unsre Grenzen eindringt – Wild brausten die verworrenen Stimmen der Waldgeister hervor; wie ferner zürnender Donner scholl ihr unwilliges Murren. Ihr kennt das Gesetz, fuhr die Königin fort. Wo die Schuld wohnt, da üben die Geister der Natur das Zerstörungsrecht, das uralte, heilige, und auf den Trümmern des Hauses, in dem der Fluch gewohnt, webt der Wald seinen sühnenden, blutbedeckenden Teppich. Jüngling, du wirst die Rache schauen am Mörder deines Vaters! Konrad neigte sich tief. Ihr Mächtigen, sprach er, verkündet mir noch eines. Wo ist mein Bruder? Er ging unter meinen Rippen durch nach Osten, antwortete ein Felsenriese. Ich sah ihn über die Wiese gehen, weit von hier, am Waldsaum, flüsterte eine Pappel. Das weiß ich am besten, sagte Linda: er kam abends als Bettler gekleidet in Roberts Schloß und weinte auf meinen Wurzeln. Mit Hunden ward er von seinem väterlichen Erbe gehetzt. Er ging knirschend ins Land, hinauf am Mainstrom. Ich weiß auch wohin, sagte eine Birke aus dem fernen ebnen Lande. Unter mir ruhte er und rief mit Tränen: Ich will zum Herzog Konrad im Frankenlande, daß er mir Recht schaffe. Wohlan, rief die Königin, so ist nicht Zeit zu verlieren, damit kein Sterblicher der Rache der Geister zuvorkomme. Wann tanzen wir in Wolken und sausen im Sturmwind? fragte eine Stimme. Morgen, wenn der Mond erlischt, gab die Königin zur Antwort. Jüngling, laß alsdann dein Auge wacker sein. Linda, sei Mutter über ihn. Da faßte die Linde den Jüngling freundlich in ihren Arm und rauschte mit ihrem Gewand ihm sanften Schlummer zu. Seine Kraft sank zusammen: vergebens spornte er sein Auge so lang als möglich, um Eiche nicht aus den Blicken zu verlieren, zu mächtig war der Wille des Geistes, in dessen Arm er ruhte. Vor seiner Seele verschwammen die bunten Bilder der Nacht; er hörte fern und ferner die Elfenglocken verklingen, das Morgenrauschen ging sonnenverkündend durch den Wald. Noch einmal zwang er seine Wimpern: der Platz war leer, die Wildkatze schlich wieder auf ihren Wachtposten, er selbst fühlte sich in die Luft gehoben und vom Zugwinde kühl umspielt; der Schlaf fiel bleiern auf seine Sinne. Wohl ist es selig im Arm der Geister zu rasten! Wir ahnen's oft, wenn wir zu Mittag in Feld oder Forst unter einem kühlen Baume ruhen, und das wache Leben mit seinem arbeitenden Gebrause vor dem geschlossenen Auge verdämmert, drinnen aber die Zauberwelt des Traumes sich erschließt! Die Geister der Fluren und Bäume umgaukeln uns dann, und malen sich in blassen Bildern des Traumes in unsrer Seele. Wenn wir erwachen, haben wir ihrer vergessen; doch in ahnender Erinnerung lächelt noch das innerste Gemüt, und wir gehen neugestärkt dem tauigen Abend entgegen. So fühlte sich der Jüngling, als er in der folgenden Mitternacht die Augen aufschlug: in dem langen Schlafe waren die Mühen der vorigen Wandertage so ganz hinweggebannt worden, daß es ihm schwer wurde, sich aufs Vergangene zu besinnen. Er fand sich auf einem Abhang, von wo ein weiter Blick ins ebene, baumlose Land sich auftat: unten wand sich ein glänzender Strom, es war der Main. Zu seinen Füßen lag auf sanftem Abhang die Burg, ihre festen, zinnengekrönten Türme standen dunkel gegen den mondhellen Nachthimmel, auf den höchsten schimmerte wie ein roter Stern die Laterne des Türmers. Wie ein Blitz durchfuhr den Jüngling die Erinnerung: er stand an derselben Stelle, von wo er vor zehn Jahren den Brand seines Erbes geschaut hatte. In lautes Weinen ergoß sich sein Gefühl; mit den Tränen quoll ihm jeder Groll fort, er hätte die Stätte segnen mögen, welche doch das Blut seines Vaters getrunken hatte. Ach er empfand es, daß dies Schloß und das schöne Tal drunten nicht mehr seine Heimat sei, seit der Wald sein Herz gefangen hielt und Eiches Zauberkuß ihn gefangen hatte. Er hätte gewünscht, daß die Mondnacht friedlich fortdämmern möge über Burg und Land und allen, die darin schliefen; alle Rachegedanken waren in ihm erloschen. Aber die Geister sind nicht so wankelmütig wie die Sterblichen. Vom Walde her, der über ihm in schwarzem Schatten dalag, kam ein Rauschen wie ein leiser Windstoß; es umpfiff die Zinnen der Burg, und tief unten plätscherte der Strom lauter unter seinem Stoß. Wie Nachtvögel flogen schwarze Wolken auf und deckten, erst für Augenblicke, dann nicht mehr weichend, die Mondscheibe: nur ein unheimliches, schwefliges Leuchten, das in ihnen zuckte, ließ manchmal die Landschaft in grellem Licht erscheinen und nur hoffnungsloser in Finsternis versinken. Lauter, wilder wurde Sturm und Waldesrauschen; die Geister nahten. Über Konrads Haupt schwebte eine düstere Tannenjungfrau mit leuchtender Harzfackel dahin, neben ihr Eiche. Furchtbar sah die Geliebte aus. Ihr Antlitz glomm von dem Scheine der roten Fackelglut, ihr Auge war groß und streng vorwärts gerichtet, die vollen Lippen zusammengepreßt, in ihrem wellenschlagenden Haare spielte der Sturmwind. Das weite Gewand umflog sie, von seinem Zuge wurde der Jüngling fast niedergeworfen. Das grause Paar kreiste über der Burg, die Tannenjungfrau schleuderte ihre Fackel auf das Holzdach des obersten Turmes. Ihnen nach schwebten die Schwestern, Harzblöcke fielen auf die Fackel nieder, Eiche fächelte den Brand in sausendem Fluge. Die Geister verschwebten in dem dunkeln, blutigen Feuerqualm, der wirbelnd in die Höhe schlug. In der Burg regt' es sich, das Horn des Türmers klang, verworrener Weheruf tönte herauf; aber der Sturm kam immer tobender vom Walde herab und verschlang höhnend die schwache Menschenstimme in sein entsetzliches Lied. Ein Jauchzen scholl im tiefen Forst – dann ein Krach, als börste die Erde – und abermals Jauchzen. Bebend blickte Konrad empor. Im Schein der Flamme sah er ein lachend verzerrtes Riesenhaupt und zwei eherne Arme auf dem höchsten Gipfel: es war der Berggeist, der einen ungeheuern Felsblock aus der Brust der Erde gerissen hatte. Leicht wie einen Ball warf er ihn die Höhe herab, von Zacken zu Zacken hüpfte zerstörungslustig die gewaltige Masse und sprang vom letzten Felshaupte in weitem Schwung gegen den brennenden Turm herab. Vor dem Wurf des Geistes brach das feste Werk des sterblichen Armes donnernd zusammen; der Block hüpfte fort und schlug platschend in den Strom, der Turm aber brach über den weiten Burghof nieder und goß sein Flammenmeer über die tieferen Gebäude aus. Durch das Prasseln der Flamme scholl Wehegeheul – es verhallte in Todesröcheln. Nur ein Mann lebte noch; er riß die Pforte des Zwingers auf und klomm mit dem Sturme kämpfend den Pfad zum Berge empor, wo Konrad stand. Da trat Eiche neben den Jüngling. Dein Werk beginnt, sprach sie, dieser Mann ist Robert. Und bei dem Worte kochte es auf in Konrads Brust; Robert war ihm schon nahe und suchte den Schutz des Waldes gegen den Wind, der ihn ins Tal hinabzuschleudern drohte. Donnernd rief er in die Nacht hinein: Wer widersteht dem Element? Gebt mir einen Mann von Fleisch und Blut! Da sprang Konrad vor, die Streitaxt in der Hand. Du hast deinen Wunsch, rief er, zieh dein Schwert, ich bin der Sohn deines gemordeten Herrn. Da jauchzte der wilde Räuber auf und sprang wider den Jüngling. Dem aber quoll das Blut lustig in den Adern, da er nun zum erstenmal einem Feinde gegenüber stand. Durch die Nacht zischten die Hiebe; aber der stärkere Mann war in seinen Sinnen verstört, der Unbewaffnete wich ihm aus und traf ihn mit der Streitaxt aufs Haupt: er taumelte zurück und rollte den Abhang hinab. Die Burg lag in Trümmern, nur die äußere Ringmauer stand noch und ein Rest des Turmes. Da schrie es laut aus den Lüften: Hilfe, Rettung! Unsere Schwester Linda leidet Not vom Feuer, zu Hilfe, Bach und Wind! Fern im Gebirg dröhnte es abermals; der kleine Bach, der friedlich zu Conrads Füßen floß, wurde größer und schäumte wild in seinem Gleise herunter. Bald folgten haushohe Wogen, alle Bachgeister des Waldes schüttelten von ihren Flügeln Wasser in ihn herab. Plötzlich erschien ein neues Wunder. Auf einem Wogenroß, rot und wild, seine Mähnen gekräuselter Schaum, ritt der König des Bachs vorbei, vor ihm her Stein und Felsgeröll, sein Bart wallte in die Flut hinein, eine entwurzelte Tanne hielt er als Lanze eingelegt und spornte das Roß gerade gegen das obere Tor des Zwingers. Vom ungeheuren Stoß brach das Tor und ein Teil der Mauer, triumphierend hielt der König seinen Einzug. Eine Dampfwolke erhub sich im Kampfe von Glut und Flut, die Wellen schoben die zischenden Balken, die rauchenden Mauerstücke zum Abhang und stürzten mit ihnen siegesfroh zum Main hinunter. Der Sturm ließ nach, vom Osten begegnet' ihm ein himmelentfaltender scharfer Hauch, der Mond tat seinen Wolkenschleier ab, gegen Morgen dämmerte es. Die Geister waren verschwunden; auf der Stelle, wo das Schloß gestanden, ragte nur noch die Linde zum Lichte empor, und kühlte sich mit leisem Rauschen von den Gefahren und dem Qualme der Nacht: der Bachkönig hatte nur sie in seinem grimmigen Angriff verschont. Zum Jüngling aber, wie er so schmerzlich träumend über das Vatererbe hinsah, das nicht mehr war, trat Eiche; sie umfaßte ihn und sprach: Sieh mich noch einmal an, wie ich dich ansehe, damit ich sagen kann: so sah er aus. Das wache Leben ruft dich. Gehe dort hinab, da liegt Frankenland; dein Bruder wird dir begegnen. Du wirst mich vergessen, denn nun sehen wir uns nie wieder. Sie küßte ihn auf den Mund, und er stand verlassen und einsam auf dem Felsgipfel, vom Morgenrot umflossen. Hörnerklang und Harnischgerassel, Rossestrab und gebietender Ruf der Führer bei den Fähnlein! Das stille Maintal belebte sich, und als der Morgen die Decke der Nacht emporhub, da schimmerte über dem Strome der reisige Zug. Auf dem Berge, wo jetzt das Schloß von Wertheim steht, flatterte ein goldner Aar über einem bunten Zelt, und an dem Zelt zog eine blanke Heerschar von Fußknechten den Bergpfad herunter, anzuschauen wie ein gewaltiger Schuppendrache, der durch eine Felsschlucht sich hinabwindet. Ihm begegnet durchs Tal der Tauber, die allda mit wildem Rauschen in den Mainstrom hineinstürzt, der Schwarm der Reiter, und wie beide Züge unten im Grunde zusammengekommen waren, da lüfteten sie ihre Helme und schlugen Zelte auf und machten allwärts ihre Feuer an; die Rosse aber gingen weiden in dem Gras und Schilf, das dort am Ufer wuchs. Ich sage dir, hätte dich der Traum einmal aus unsrer friedlichen Zeit hinausgehoben in jene Tage und oben auf den Felsen gestellt, und du hättest all die altertümliche Waffenpracht gesehen und die starken Rosse und die herrlichen Männer, du hättest gestaunt, wie Konrad staunte, und jeden neuen Gepanzerten mit Jubelruf gegrüßt. Ja, da lag sie nun vor ihm, die ersehnte, die reiche, farbige Welt, dicht unter ihm das lustige Treiben, von dem er nur durch den Strom geschieden wurde, weit dahinter aber ein nebelndes, sonnenbeleuchtetes Land, einsame Kirchlein auf ragenden Höhen, in allen Tälern aber Mühlen und Dörfer: das weite blühende Gefild, das man Frankenland heißt, geglättet und geschmückt durch die arbeitsame Menschenhand, nicht einfarbig und düster, wie der Spessart, der ernste Hüter seiner Jugend. Es war alles, alles, wie der Kaplan es ihm erzählt hatte, wie er selbst aus seinen Kindestagen sich der Gegend erinnerte – ach, und doch alles wieder so ganz anders, als er's in seiner Seele trug! Doch bald war sein Staunen gebrochen durch ein tiefes, sehnsüchtiges Schmachten in seinem Innersten: es waren ja Menschen, seine Brüder, die er dort unten sah. Wären sie nicht gekommen grade an jenem Morgen, wer weiß, ob er nicht in seinen Wald zurückgegangen wäre zu Eiche oder zu seiner Siedelei: nun aber zog eine freudige Angst seinen Fuß von der öden Höhe ins Tal hinab. Drunten traf er mehrere Knappen: die waren auf einem hohlen Baumstamm über den Fluß gerudert, um für ihre Wachtfeuer ein paar Balken zu holen, die noch von dem zerstörten Schlosse da herumlagen. Er redete sie an – sie lachten, denn er sprach zu ihnen so wunderlich und hochtönend, wie er es in den alten Geschichten bei seinem Kaplan gefunden hatte, und dabei wählte er so seltsame Dinge zusammen von dem zerstörten Schloß und von den Waldfrauen und von Frau Linda insbesondere, die allein noch übriggeblieben sei, daß sie meinten, er sei wahnwitzig. Aber weil er ihnen verständlich machte, daß er mit hinüber wolle und die Menschen besehen, setzten sie ihn vorn auf ihren Baumstamm und ruderten gar bald über den Strom zurück. Hatte aber Konrad sich gewundert über den Heereszug da mitten im friedlichen Tal, so war unter den Kriegern des Verwunderns noch viel mehr, zumal dort oben im Zelt, wo der Feldherr mit seinen Gewaltigen saß und kopfschüttelnd auf den Felsen am andern Stromufer hinüberschaute. Dieser Feldherr war ein hoher, stolzer Held mit düstern Falten auf der Stirn, und sein goldner Helmbusch funkelte prächtig in der roten Morgensonne. Vor ihm aber neigten sich auch all' die mächtigen Gestalten, die ihn umgaben, und schwiegen bescheidentlich, wenn er seinen Mund zum Reden auftat. Und daß ich's euch sage: der hohe Herr war Konrad, nach Gottes Ratschluß und der Fürsten Wahl König aller Deutschen. Denn als das Geschlecht des großen Karl zart und schwächlich geworden war, da mochten die trotzigen Fürsten in den deutschen Herzogtümern ihm nicht mehr dienstbar sein, und begannen jeder für sich zu stehen und den König zu verraten. Darüber kam aber große Gefahr für das Reich und für den Glauben. Denn einer der Könige, um sich Rache an einem abtrünnigen Markgrafen zu schaffen, rief die wilden Heiden, die man Hunnen oder Ungarn heißt, ins Land und tat ihnen die Pforten im hohen Gebirg auf, die sie vorher nie erstürmen konnten. Da stürzten die entsetzlichen Räuber auf blitzgeschwinden Rossen alljährlich über das arme Land her, und ehe noch ein Herzog seine Macht gesammelt hatte, waren sie lange wieder mit der Beute in ihre Diebshöhlen zurückgekehrt. Das Volk aber half sich nicht selber wider sie, denn ihre Rache war gräßlich, und ihre Weiber schnitten den eignen Kindern, wenn die noch an der Brust lagen, tiefe Wunden ins Angesicht, damit sie sich frühe an Schmerz und Blut gewöhnen sollten. Da sahen am Ende die Herzöge ein, was sie mit ihrer Trennung vom Reiche ausgerichtet hatten; und darum kamen sie eines Tages alle zusammen und setzten sich vor, einen neuen König zu wählen und ihm unwandelbar treu zu sein, mehr denn vorher. Aber keinen vom Hause Karls, so sprachen sie alle einmütig, sondern aus uns selber den stärksten und tüchtigsten Mann. Also wählten sie den Herzog Konrad von Franken, und hatten wohlgewählt. Denn Konrad schaffte alsbald Ordnung im Reich und tat Raub und Fehden ab, die vorher alle Einigkeit gestört hatten. Die Räuberburgen brach er, und dabei mußten ihm alle Fürsten helfen. So waren auch jetzt die Fürsten um ihn versammelt, und droben vor dem Zelte standen die stolzen Helden bei ihm. Nur einer fehlte, das war der starke Heinrich, Herzog in Sachsen und Thüringen. Der hatte sich Konrad noch nicht unterworfen; hernach aber, da Konrad gestorben war, hat er das Reich gewonnen und ist derselbige Heinrich, welcher all die Städte in den Marken bis an die Oder gebaut und zuerst mit seinem eisernen Arme am Flusse Unstrut die wilden Ungarn in Staub gelegt hat. Konrad hatte aber damals den Zug angefangen, um Roberts Burg zu brechen, die unter allen Raubschlössern am ganzen Mainstrom die stärkste und für Kaufleute die gefährlichste war. Nun hatte er noch am Tage zuvor Nachricht von einem Raube bekommen, den Robert bei Würzburg verübt: heute aber, als der Tag heraufstieg, sah sein Auge keinen Stein des Schlosses mehr auf dem andern stehen, und niemand wußte zu sagen, wie solches Wunder sich ereignet habe. Indem nun die Fürsten miteinander darüber stritten, und der eine das sagte, der andere jenes, keiner aber das Rechte, da scholl von unten aus dem Lager ein lautes Lachen herauf. Das rohe Kriegsvolk hatte sich um den jungen Konrad gesammelt, und wie sie seine wunderlichen Reden hörten, dazu auch sein Kleid ansahen, das von dem vielen Wandern im Waldgestrüpp ganz zerrissen war, so trieben sie Spott und Possen mit ihm. Im Anfang lachte er dazu, bald aber zupfte ihm einer einen Lappen vom Gewand weg, dann kam der zweite und der dritte, und jeder zerfetzte ihn stärker als der vorige. Zuletzt kam gar ein Hauptmann und riß ihn an den Haaren. Da mit einem Male wurde der Jüngling zornig und drohte mit seiner Streitaxt dem Hauptmann. Wie das die wilden Gesellen sahen, zogen sie alsbald ihre Schwerter und wollten aus dem Spaße blutigen Ernst machen. Aber Konrad schwang seine Axt in furchtbaren Kreisen ums Haupt und zog sich von der Masse gedrängt, Schritt vor Schritt den Hügel hinauf, auf dem die Fürsten Rat hielten. Die sahen mit Staunen, wie einer sich den ganzen Schwarm vom Leibe hielt, und einer der Herzöge ging eilends hin, trieb mit scheltenden Worten die Krieger auseinander und führte dem Könige den Jüngling zu. Der sah gar herrlich aus. Vor Zorn und Kraftanstrengung war ihm all sein Blut in die Wangen geschossen, seine Brust schwoll von starken Odemzügen, wild funkelte sein Auge, und das prächtige blonde Haar umringte wie ein kriegerischer Helmbusch das stolz in den Nacken geworfene Haupt. Wie er aber dem König Konrad in das ruhige, klare, braune Männerantlitz sah, da wurde er alsbald stille und sagte zu dem Herzoge freundlich: Ich danke dir, Bruder Mensch, daß du die andern Brüder fortgejagt hast; du hättest es aber nicht nötig gehabt, ich wäre doch mit ihnen fertiggeworden, denn in voriger Nacht hab' ich auch einen erlegt, der drüben aus dem Schlosse herkam und meinen Vater erschlagen hatte. Da lachten sie alle über seinen kecken Mut, der König aber wurde aufmerksam, und fragte ihn nach dem Schlosse und nach dem Mörder seines Vaters. Konrad erzählte in seiner Sprache alles, wie er's wußte, nur von Eiche schwieg er stille. Die Fürsten konnten zwar das nicht begreifen, was er von den Geistern sagte, denn sie waren ja nicht, wie er, gefeite Sänger; aber so viel brachten sie doch heraus, daß ihr Rachewerk unnötig sei, weil ein Windbruch und Wassersturz die Räuberburg vernichtet habe. Plötzlich sprang aus dem Geleite des Königs ein junger Ritter hervor, der umfaßte Konrad mit heißer Liebe, zog sein Schwert, gab es ihm in die Hand und sprach: Das Schwert ist dein, denn du bist der Erstgeborne unsres Vaters, ich bin dein Bruder Adelhart und wollte, nachdem ich Rache geübt, dich suchen gehen im ganzen Spessart, und wenn ich dich da nicht träfe, in der weiten, weiten Welt. Und hast mich so bange nach dir forschen lassen! sagte Konrad. Ja, antwortete Adelhart, vor sechs Wochen starb der alte Burgvogt, der mich aufgezogen hatte; da konnte ich's bei den wilden Tieren nicht mehr aushalten und ging auf gut Glück in den Wald hinein. Also kam ich am Ende ins Frankenland hinab, und bin nun ein freier und fröhlicher Rittersmann in meines Königs Dienst. Jetzt aber, Herr König, gestattet mir und meinem Bruder in mein Gezelt hinabzugehn, da hab' ich die alte Grafenkrone wohl verwahrt für ihn; die soll er tragen und ich will ihm zeigen, wie man die Waffen führt. Das gewährte der König Konrad gerne, aber der ältere Bruder sagte: Mitnichten, erst muß ich doch sehen, ob der Hauptmann, der mich am Haar gezaust hat, wirklich so stark ist, daß er sich das hat unterstehen dürfen. Du bist gerade so groß wie ich, Adelhart, gib mir einmal deinen Panzer; ich habe die Waffen wohlgelernt, Schwert und Lanze, bei meinem alten Kapellan. Da habt ihr auch große Tiere, auf die ihr euch setzt; gebt mir so eins, und der Hauptmann soll auch auf einem sitzen, daß die Hiebe frisch von oben herunter fallen, und dann wollen wir's einmal versuchen miteinander; laßt ihn doch kommen. Nun meinten die Fürsten zuerst, Konrad könne unmöglich reiten, da er noch nie ein Roß beschritten; wie aber alle nicht dran wollten, da stand zuletzt Arnulf von Bayern, den man den bösen Herzog nannte, auf, um ihm eine tüchtige Lehre zu geben, und brachte ihm sein eigenes wildes Roß. Ehe aber Adelhart ihn warnen konnte, saß er schon oben; der Hengst bäumte, aber Konrad preßte ihm die Weichen zusammen, daß er stöhnte, und schlug ihn mit der Faust aufs Kreuz, daß er im rasenden Galopp den Berg hinabsetzte und erst am Ufer des Flusses schnaubend stille stand. Da riß er ihn an den Haupthaaren herum, ritt lächelnd den Berg wieder hinauf und gab das schaumbedeckte Tier seinem Herrn zurück. Nun faßte Adelhart guten Mut und waffnete seinen Bruder mit eigner Hand, lehrte ihn auch Zügel und Sporen gebrauchen und gab ihm sein zu allem Ritterspiel wohlgeübtes Roß. Derweil hatten sie auch dem Hauptmann die Ausforderung gebracht, und er kam wohlgerüstet heran. Dreimal rannten sie widereinander, beim dritten Stoß warf ihn der Jüngling in den Sand, sprang alsbald ab und zog das Schwert. Aber der König gebot sie zu trennen, da der Sieg in Ehren entschieden war. Da war Konrad zufrieden und sprach: Mein Waffenmeister hat mir geboten, daß man dem König gehorchen soll; hub also den Hauptmann auf und sagte zu ihm: Lieber Bruder Mensch, merke dir's, man soll keinen am Haar ziehen; denn er könnte dabei leicht böse werden. Darauf verneigte er sich vor den Fürsten und ging mit Adelhart in dessen Gezelt. Der König aber sprach zu den Fürsten: Wir müssen hierher ins Maintal einen starken Pfleger des Rechtes setzen, damit nicht Räuberei sich erneuere; was dünkt Euch? Ich will auf dem Hügel, wo wir stehen, eine starke Burg bauen, und weil dieser Jüngling hier seine werte Heimat wiedergefunden hat, soll sie Wertheim heißen auf alle Zeiten. Ihm will ich sie geben, denn er dünkt mich männlich und hochgemut; dazu ist er ein mächtiger Graf und das Land von Rechtes wegen sein altes Erbteil. Drüben aber, wo die Räuberburg war, soll eine Kapelle stehen zum Trost der Schiffer auf dem Flusse und zu Ehren des heiligen Kreuzes, drum will ich den Ort fortan Kreuzwertheim heißen. Das alles lobten die Fürsten; der König aber gedachte noch ein mehreres zu tun, davon er jetzt noch stille schwieg. Was nun ferner geschehen, davon ist wenig zu sagen. Konrad zog im Geleite seines Königs und lernte bald der Welt Brauch, obwohl derselbe ihm selten gefiel. Am wenigsten konnte er begreifen, was die Dichter und was auch sein eigner Bruder Adelhart von der Minne rühmten. Denn die weltlichen Frauen, die sie priesen, kamen ihm alle so kalt und schwach vor, wenn er an seine herrliche Waldminne gedachte. Darum redete er auch von Eiche nie zu seinem Bruder noch zu sonst einem, denn niemand wußte seine hohe Glut zu fassen. Oft aber saß er nachts und blickte zum düstern Spessart hinauf, und wenn dort der Nachtwind herüberrauschte, glaubte er den Odemzug der Geliebten zu spüren; dann bot er seine heiße nackte Brust ihrem schwellenden Sturmkusse und sang seine dunkeln, rätselhaften Lieder dem Walde zu. Adelhart aber wuchs zu einem herrlichen Ritter herauf; bei Spiel und Rennen war er allemal der Früheste und manchmal der Glücklichste; auch erzählte er dem Bruder oft von einer hohen Jungfrau, die er im Herzen trage; aber den Namen wollte er niemals sagen und meinte, sie sei zu hoch und herrlich für ihn, den armen Ritter, der als zweiter Sohn kein Grafenerbe ihr bieten könne. In allen Dingen, wo es Besitz und Ehre zu gewinnen gab, war Adelhart rascher und glücklicher als Konrad, weil ihm mehr an weltlichem Ruhm und Frauendank lag. Aber der König und alle Männer hielten Konrad höher als den Weiseren, und wenn es Großes galt, war er noch tapferer und stärker als Adelhart. Also geschah es, daß die Kapelle und das Wertheimer Schloß nahezu vollendet waren; da zogen die beiden Brüder in den Spessart, um den alten Kapellan aufzusuchen. Mühsam zwang Konrad seinen Schritt, daß er nicht nach der Gegend ausbog, wo Eiche wohnte; aber er glaubte dem weltlichen Leben nun einmal anzugehören, und überwand sein klopfendes Herz. Sie fanden den Alten rüstig, wie Konrad ihn verlassen. Sorglich verschloß er die Türe des Plankenzauns, um irgendeinem spätern Ansiedler die Pflanzung zu erhalten, und kehrte dann mit den Brüdern zu den Menschen zurück. Die Heiligtümer nahm er mit. Ihm schenkte Konrad die Kapelle, die als ein Bild des Friedens an der Stelle alter räuberischer Untat sich erhub, und gab ihm Acker genug dazu, um selber reichlich leben und dem Pilger oder Schiffer ein gastlich Obdach gewähren zu können. Heiter und in Gott vergnügt, wie er einst von der Welt geschieden, lebte er fortan in der Welt, und erfreute sich an dem neugrünenden Ehrenkranze des alten Grafenhauses, dem er sein Lebenlang treu gedient. Das Schloß war vollendet; Konrad wohnte darin und wartete seines Königs, um die Belehnung für seine Erblande zu empfangen. So wenig ihm an der Welt lag, er war männlich entschlossen, mit Kraft und Treue des Landes zu pflegen, Recht und Gesetz zu schirmen. Am folgenden Tage sollte sein Lehensherr kommen. Da stand er zu Nacht auf dem höchsten Turm, der Schlaf mied ihn; dunkel kochte es in seinem Herzen. Was soll ich hier? so sprach er. Ein voller Mann, ein Mann für diese Welt werd' ich nie, mein Herz ist nicht bei meinem Haupte, es wohnt drüben im dichten Walde, und solange ich den Wald anschaue, wird mir nimmer wohl. Da ist mein Bruder Adelhart, er sieht so frisch in die schöne Welt hinein, als wenn sie ihm gehörte mit all ihrer Luft – und er hat nichts was er sein nennt! Ständ' er, wo ich stehe – der Graf von Wertheim dürfte um die erste Jungfrau der Welt werben. Aber ich – Eiche fragt nicht nach Grafenkronen, ach und sie wird ja doch niemals mein! Wär' ich nur weit, weit fort, daß ich den Spessart nimmer rauschen hörte, so würde vielleicht mein Herz in mir stille! Darüber war es Morgen geworden. Der König ritt in die Burg, Adelhart in seinem Gefolge, aber neben ihm Gerberga, sein wunderschönes Kind. Die Jungfrau beschaute staunend die Pracht des Schlosses; doch waren ihre Augen trübe, wie Sterne die aus Regenwolken schauen. Da sprach der König: Du, Konrad, bist ein reicher und mächtiger Graf. Ich bin aus einem Herzog, nicht größer als du, ein König worden; wer weiß, was dir noch blüht. Um eine Königstochter darf kein Vasall werben, aber der König darf seine Tochter frei bieten, wem er will. Sieh da mein Kind; willst du sie? Da bebte Konrad sein Herz in der Brust; hold und zart stand die Erdenbraut vor ihm, er fühlte, daß, wenn er je im Leben heimisch werden solle, ein solches Weib ihn an den Herd leiten müsse; er empfand es, daß dieser Augenblick ein Leben entscheide, und in ihm quoll ein seliges Hoffen, daß in Gerbergas Armen vielleicht jenes bange Schmachten nach der Ferne verschwinden möchte. Da flog von einem leichten Windstoß das Fenster des Saales auf, Konrads Haar wallte um sein Haupt, seine Stirn kühlte sich im Geisterkusse des Waldhauchs – er sah in Gerbergas Augen eine Träne, und Adelhart war totenbleich geworden. Erst jetzt blitzte es in ihm auf, daß die hohe Jungfrau, von welcher der geliebte Bruder ihm geredet, keine andere sei, als die Königstochter. Sein Herz wurde minder fest, und er sprach: Edler Herr, der Graf von Wertheim soll Euer Kind haben, aber der Graf bin ich nicht und will's nicht werden. Ich spür' es, mein einsam Leben in den Wäldern hat mir Kraft und Lust geraubt ein weltlich Lehen mit Verstand zu regieren. Ich lasse Land und Leute aus meiner Hand; da steht Adelhart, mein tapfrer und getreuer Bruder, dem gebt alles! – Da fiel die schöne Gerberga zu ihres Vaters Füßen, Adelhart aber flog in die Arme seines Bruders, und der König sah, daß wider Minne keine Königsgewalt etwas vermag; Adelhart gewann die Braut und das Lehen. Konrad aber sprach: Ich will in einem fernen Land wider die Heiden streiten, wo ich sie finde; gebt mir Urlaub, mein hoher Fürst. Darauf ritt er von Wertheim fort, vorher aber küßte er seinen Bruder und sagte zu ihm heimlich: Adelhart, nun sehen wir uns nimmer wieder; sei du ein getreuer Graf und milder Herr, Vater eines glücklichen Geschlechts. – Und das ist auch geschehen. Denn Adelhart hat Gerbergen heimgeführt und lang in Frieden mit ihr gelebt, und auf der Burg zu Wertheim hat es nie gefehlt an lustigem Ritterspiel, Tanz und Minnesang. Auch lebt ihr Geschlecht und ist blühend geblieben bis auf diesen Tag. Konrad aber ritt am Main hinab, denn er wollte nach dem Mittelmeer ziehen, wo dazumal die Araber die Christen hart bedrängten. Also kam er in die Stadt Mainz. Da traf er einen Juden aus dem mittäglichen Frankreich, der ihm einen gefangenen Araber zum Kauf anbot. Der Araber verstand wohl die hispanische Zunge und wußte viel zu erzählen, wie allda christliche Ritter viele heldige Taten gegen sein Volk verübten. Da beschloß Konrad, diesen zu kaufen und brauchte ihn als Wegweiser und Dolmetsch, bis er von ihm die hispanische Sprache gelernt hatte und über das große Pyrenäengebirg gekommen war. Daselbst ließ er den Araber frei und gestattete ihm, daß er zu seinem Volk zurückkehrte. Er selbst aber ritt in die gallizischen Gebirge hinauf, wo ein paar tapfere Grafen, abgestammt von den edlen Gothen, die vor Zeiten in dem ganzen hispanischen Lande herrschten, kleine christliche Königreiche gegründet hatten und den Heiden täglich mehr Land abgewannen. Deren einem bot er Arm und Schwert an, und sammelte bald eine kühne Reiterschar um sich, mit der er große Taten vollführte. Von den Kriegen singen auch die Spanier noch viel in ihren alten Liedern; aber weil dies Volk immer nur sich selbst achtet aus großem Stolz, so wissen sie von dem tapfern deutschen Krieger nichts mehr, der ihnen doch redlich geholfen hat. Was aber Konrad dazumal für Schlachten gewonnen und wie viele schöne alte Römerstädte er erobert hat, davon wollen wir schweigen. Denn man findet solche Dinge in den alten Ritterbüchern gar viele erzählt, und mag sich ein jeder das selber denken. Auch manches schöne Weib hat er geschaut, denn die heiße Sonne des Landes färbt die Locken dunkler und gibt den Augen einen wildern, lockenderen Glanz als unsere Frauen haben, besonders aber den Mohrinnen, die von allen Frauen der Erde die schönsten und heißesten genannt werden. Aber Konrad wurde von keinem Pfeil getroffen, den die brennenden Augen auf den starken blonden Helden schossen. Ihm war nur wohl im Schlachtgewühl, wenn das Blut des Feindes noch heißer als sein eigenes aus weiter Wunde hervorschoß, wenn klirrender Schwerterschlag, rauschende arabische Schlachtweisen den stillen Ruf seines Herzens übertönten. Wohl schauten ihn, wenn er nachts durch die südlichen Wälder ritt, die schlanken Pinien stolz und zierlich an, wohl grüßte ihn der Ölbaum mild mit silbernem Licht, wohl angelte die Aloe mit ihren scharfen Blättern nach seinem Herzen. Auch in ihnen wohnten Geister voll Minnesehnsucht, und Konrads Herz empfand ihre Nähe und ihre leise Lockung. Aber Eiche blieb seine Minne, und vergebens suchte er im südlichen Lande auch nur nach einem nordischen Eichbaum, der ihm wenigstens die Wohnung seiner Geliebten hätte abbilden können. Eine schwere Schlacht war geschlagen. Hoch oben auf wilder Gebirgskette, im Passe, der aus den Christenlanden ins maurische Gebiet hinüberführte, saß Konrad todmüde vor seinem Zelte. Unter ihm lag das blutige Schlachtfeld, dahinter weit ausgebreitet das Mohrenland, zu dessen grünen Ebenen er den Christen den Zugang erstürmt hatte. Der Mond spiegelte sich im Blute der Erschlagenen, sein weißes Licht fiel auf die Leichen und ließ die Blässe des Todes noch grauenvoller aus ihrem Antlitz leuchten. Fern aus den Schluchten tönte noch der Hufschlag der fliehenden Feinde, der mörderische Schlachtjubel der verfolgenden Christen, der Todesschrei einzelner Gefallenen zu ihm herauf, während droben die Nacht schon alles in schweigenden Frieden einhüllte. Da faßte ihn mit ungeheurer Macht der Gedanke, wie die Menschen so voll von Haß und Sturm, und wie die Natur und das Reich ihrer Geister so friedlich und selig sei. Hatte er sich schon in den Armen seines Bruders und vor dem Angesicht seines edlen Königs Konrad kalt und fremd gefühlt, wieviel weniger konnte er unter diesem mordlustigen Geschlechte des Südens heimisch sein? Sein Bart begann weiß zu werden vom Mühsal des Lebens, vom Frost des Nordens, von der Mittagsglut des Südens, obwohl sein Leib stark blieb und seine Seele ewig jung wie allezeit. Er hatte, obwohl nur mit halbem Herzen, dennoch tapfer und getreu in der Not des Lebens gestanden; die blühende Ebene zu seinen Füßen kam ihm vor wie ein gelobtes Land, in das er wohl hinabschauen, aber nicht eintreten dürfe. Allen Glanz der südlichen Mondnacht hätte er gegen des Spessarts nebelverhangene Finsternis gerne hingegeben. Am Abendhimmel düsterte Gewölk, noch schimmernd vom matten Widerschein der längst versunkenen Sonne; seine Sehnsucht weckte heimatliche Bilder aus den Wolken. Über den hohen Sierren, deren weiße Schneekuppen zu ihm herüberglänzten, bauten sich die langgestreckten dunkelroten Höhenzüge des Spessart auf; über ihnen schwebten kleinere Wolkenmassen hin, bald das Bild des steinernen Mönchs, bald auch die Gestalt des mächtigen Baumes heraufzaubernd, dessen Seele seine Geliebte war. Da leuchtete es mit einem Male in seinem Innern auf, was Eiche bei der ersten Begegnung zu ihm gesprochen: Nur wer draußen nichts mehr besitzt, kein Herz, kein Haus, kein geliebtes Grab mehr, den nimmt die Natur an ihre Brust, den läßt sie aber auch nie mehr fort aus ihrer Stille. Konrad prüfte sein Herz und sein Leben; ja er war los, ganz los von der Welt, nach Tat und Abenteuer rang seine Seele nicht mehr; ohne es zu ahnen, hatte er ja schon lange die Bedingung erfüllt, nichts mehr zu besitzen. Da sank sein Erdentraum hinter ihm in die Nacht hinab, und wie ein rosiges Morgenlicht ging ihm die Hoffnung auf, nun der Waldesbraut in die Arme sinken zu können. Sein Entschluß war fest; er berief die Führer seiner Reiterschar, dem Tapfersten überantwortete er die Fahne. Alle weinten, nur Konrad nicht, er bestieg sein Roß und ritt durch die Schlucht nach Norden hinunter und so immer fort, durch das ganze Land Burgund, bis er abends in der Herberge auf einmal mit deutschen Worten vom Wirte gegrüßt wurde. Der erzählte ihm, daß König Konrad schon gestorben sei, und daß ein König, den der Ritter nicht kannte, Heinrich aus sächsischem Blut, das Land in gutem Frieden regiere. Damit löste sich das letzte Band von Konrads Herzen; auch sein Vaterland konnte ihn missen. Er tat sich des letzten Besitzes ab: Helm und Harnisch gab er einem mutigen jungen Bauer, der mit ihm eine Tagereise weit gewandert war; im Odenwald zäumte er sein getreues Roß ab; drückte noch einmal seine Stirn in die stolzen Mähnen und ließ es mit sanftem Handschlag in den freien grünen Wald laufen. Er aber zog einen Pilgerrock an und wanderte durchs Tal der Tauber dem Spessart zu. Als das Flüßchen ihn an den Main geführt hatte, sah er im Sternenschein am Fuß des Schloßberges ein aufblühendes Städtchen liegen, droben auf der Burg scholl Tanzreigen und frohes Zecherlied; schweigend lag gegenüber die Kapelle, wo er Eiche zum letzten Male gesehen. Er erkannte, daß er auch hier überflüssig sei, denn daß Adelhart Land und Leute wohl regierte, sah er der Gegend an, auch sagte es ihm der alte Wertheimer Schiffer, der ihn nach dem andern Ufer hinüberfuhr. Dort erstieg Konrad den Berg und trat in das Kirchlein ein; beim Schein der ewigen Lampe kniete der eisgraue Kapellan am Hochaltar, er war über dem Beten eingeschlafen, und milder Friede lag über dem greisen Haupte. Konrad weckte ihn nicht; dem Alten hätte sein Entschluß, zum Walde heimzukehren, nur ein Rätsel oder seine Geisterminne gar ein Frevel erscheinen müssen. Leise küßte er die väterliche Hand, die seiner Jugend gepflegt, und kniete vor dem Altar neben dem Greise nieder, um zu dem großen Vater des Alls zu beten, der all seine Kinder, Geister wie Menschen, mit gleicher Liebe umfaßt und dereinst in seinem Schoße versammelt; in ihm wußte er sich auch mit Eiche selig vereint, obwohl sie vom heiligen Wasser und vom Himmelsbrot nichts wußte. Dann stand er auf, und an jenem Hügel, von wo er einst die Zerstörung seines väterlichen Schlosses angeschaut, hielt er seinen ersten tiefberuhigten Nachtschlummer; war er doch nun ins Reich seiner Geliebten eingetreten, wo einst ihr Gewand gerauscht und ihr Kuß ihn angeweht hatte. Als er erwachte, lag der Nebel im Maintal; nur die oberste Zinne der Burg und das goldne Kreuz der Kapelle schimmerten über die grauen Massen hervor. Es war das letztem«!, daß er sein Erbland überschaute; ohne Gram und Träne nahm er da oben von der Welt Abschied, von wo er einst an jenem sonnigen Morgen sie zuerst begrüßt hatte. Aber auf der ersten Tagereise fand er noch viele Menschen. Seit Frieden im Lande war, hatten sie sich aus den Tälern in den Wald hinaufgezogen und sich Hütten gebaut; die hohen Stämme waren zu Balken und Schwellen zerfällt worden, und überall, wo noch Wald stand, klang die lichtende Art. Mit Schmerz sah Konrad die geliebten Bäume fallen; bald aber verstummte jeder Menschenlaut, er kam wieder in die noch unbetretene, noch ganz jungfräuliche Wildnis. Aber statt der Menschen umbrauste ihn das Leben des Forstes, die Hirsche nickten ihm zu als einem der Ihrigen, der Specht, als er ihn sah, hämmerte noch eins so lustig auf die Stämme, die Nachtigallen sangen ihm ihre Freudenlieder entgegen, und wo ein Buchfink flog, der rief ihm mit schmetterndem Schlage zu: Liebster, willst du mit zu der Liebsten gehn? Auch die Bäume surrten mit lustigem Mädchengeflüster, als ob sie seine Ankunft weiter meldeten. Schon ragte fern der Berg, auf dem die drei Tannen standen, und wo Konrad ihn zuerst sah, da rastete er die zweite Nacht. Es war ja alles, alles, wie sonst, er hatte den freudigsten Mut, daß er auch Eiche finden werde wie vor Zeiten; darum gönnte er sich die Ruhe und schlief abermals so selig, wie ein Kind dem Weihnachtstraum entgegenschlummert. Konrad stand an dem Felsen, in den der Bach sich verlor. Der Mond warf hell wie vor Jahren sein Licht auf den Hochwald zu seinen Füßen, unten grüßte ihn mit rauschendem Wipfel der Eichbaum, den die Geliebte bewohnte. Er trat auf den mondhellen Wiesenfleck – er wagte nicht nach dem Bachsturz hinzusehen, denn dieser Augenblick entschied ja, ob er das Ziel seines ganzen Lebens auf ewig verliere oder gewinne. Wie beschwörend sang er sein altes Lied, und wie er an die Worte kam: Oft wohl mein' ich, aus den weiten Wäldern müßt' es grüßend schreiten – Selige Schönheit, enthülle dich mir! da erst schaute er auf – sie war's! sie stand da im schäumigen Bade des Wassersturzes, die nackte übermenschliche Gestalt. Ihr Auge lachte ihn mit williger Gewährung an, sie duldete seinen Kuß, sie wühlte ihren Busen durch die Falten des Pilgerrockes an seine Brust heran, zitternd von Wonne und Liebesweh. Worte sprachen die Seligen nicht, die Lippen fanden eine heißere Sprache, die Geister einen mächtigern hingebendern Austausch. Wie die Blume, die den langen Sommer hindurch in schwelgender Luft die Kraft der benachbarten Blüte einzieht, so vollkommen glücklich war der Mann, denn er sog Elches ewigselige, von keinem Schmerz je getrübte Geisterseele im Kuß in sich herüber; aber das Weib war von wonnigem Schmerz durchbebt, weil der Geliebte seine Seele ihr einhauchte, die menschliche, von Weh und Sehnsucht zerrissene. Beide genossen, was jedem zur Ergänzung gefehlt, sie den süßen Schmerz der Erde, er die Wonne des Geisterhimmels. Berauschend dufteten die Maienglocken, die unter ihrer Umarmung starben, der Gießbach rauschte wie Silberglöckchen in seinem Sturze, die Nachtigallen fernab im Laubwald schmetterten die schwellenden Jubeltöne erfüllter Minne. In Einen Augenblick drängten sich alle Jahrs Konrads zusammen – sein Leben war erfüllt. Aber da rauschte, krachte, donnerte es fern, fern im Walde, wie von beginnendem Orkan. Eiche schauderte in seinen Armen, sie fuhr auf und lauschte, dann sprach sie rasch und bang: Nun wirst du sterben! Lächelnd fragte er: Doch an deiner Brust? Ja, rief sie, an meiner Brust, von milden Armen gehalten, und ich sterbe mit dir. Wisse: als die mordende Menschenhand immer tiefer in den heiligen Forst eindrang, da erwachte der Haß in der Geisterbrust, und es ward beschlossen auf der Elfenwiese, daß keine von uns, solange der Spessart grünt, hinfort Einem eures Geschlechts sich in Minne ergeben, noch in ihrer Schöne sich enthüllen soll. Tod ihr und ihrem Buhlen! Das war der Spruch. Ich wußte, daß du wiederkamst, ich hatte deiner Treue nichts mehr zu versagen, seitdem du um meinetwillen die Hand des Königstöchterleins hinwegstießest. Ich bat für dich als Einen, der nie einen Baum getötet, weil du unser heimlich Leben schon längst gekannt. Aber Geisterbeschluß ist unbeweglich – hörst du, sie kommen! Ein Felsblock schlug hart neben den Glücklichen nieder. Komm in mein Haus, sagte Eiche, in meinen geliebten Baum; er schützt dich bis er bricht, und vor ihm sterbe auch ich nicht. Er soll all' seine tausendjährige Kraft in dich ergießen, und in dieser Lebensfülle sollst du sterben. Und wo bleiben wir darnach? fragte er. Eiche weinte. Du gehst, ich weiß nicht wohin: ich muß auf der schönen Erde bleiben, so lange sie auf ihrem Felsenkerne fest steht, und in einem neuen Baume wieder aufblühen. Aber der Tag kommt, nach welchem kein Baum mehr wachsen, kein Menschenleib mehr im Mutterschoß reifen wird; dann wird in Einen Ozean, aus dem es floß, unser Leben auch wieder ausmünden, dein's wie mein's. Darum laß deine Seele meiner gedenken, wo sie auch verweile; ich aber gelobe dir, daß ich keinen der Sterblichen noch Unsterblichen mehr lieben will nach dir; diese unsre Sehnsucht nacheinander wird uns wieder zusammenführen. Deinen Leib aber will ich hüten in meinem zerfallenden Schoß, darum komm in mein Haus! Sie erhoben sich. Der Eichbaum tat sich wie eine Pforte vor ihnen auf, tief in seine Wurzeln hinein klaffte ein Spalt, Brautbett und Grab zugleich, in das sie sich hineinlegten. Drinnen umgab sie feuchte schwellende Lebenswärme; in Konrads Adern drang die übergewaltige Kraft des riesigen Baumes, in niegeahntem Genusse rang er mit dem Weibe in wilder Umarmung; dann entschliefen beide in wollustvollem Ermatten. Sie haben es nicht gehört, wie draußen entsetzliches Brausen sich erhub, wie in schrecklicher Schönheit das Geisterreich seine vertilgenden Elementarkräfte entfaltete: nur wie eine leise Wunde riß durch ihr träumendes Leben der Todesschmerz hindurch, als nun der mächtigste der Luftgeister die Krone ihres Baumes in seine Faust faßte und dreimal herumwirbelnd sie vom Stamme losbrach, als darauf der ragende Stumpf von den Felsriesen mit steinernen Keulen zerschlagen wurde, und der schwellende Bach die Trümmer in den Schatten des Hochwaldes zerstreute. In ihrem festen, knorrigen Wurzelbette hielt die gestorbene Eiche den Leichnam des geliebten Mannes umfaßt; traulich und feurig, wie die Liebenden, hatten sich Minne und Tod umarmt. Auch ich zog durch den Spessart. Am einsamen Waldplätzchen, müde und verirrt, bin ich entschlummert unter einer Eiche, die aus dem uralten Rumpfe einer gebrochenen hervorgeschossen war. Keine Elfin hat sich mir enthüllt, denn die Geister halten ihr Wort, und auch mein Herz war an ein fernes süßes Lieb gefesselt, ehe ich den Zaubergrund des Forstes betrat. Aber in meinen Schlaf rauschte mir das Eichlaub die freudige Mär von der Minne, die gegen des Geschickes Beschluß einen sterblichen Mann mit einem unvergänglich lebendigen Geiste gepaart und in beiden die Schrecken des Todes überwunden hatte durch selbstvergessenen Genuß. Getreu, wie Eiche durch ihr Laubflüstern sie der Sängerbrust zugeweht, hab' ich die Mähr' des Waldes euch wiedergebracht. Wem die Geister noch leben, der glaubt es, daß sie dem Geweihten durch Offenbarung kund ward; wem aber nie das schauende Auge geöffnet war für eine andere als die Welt der Menschen, der mag sagen: Es war eines Dichters Traum im Spessart . Die Heimatlosen. Erzählung aus einer armen Hütte. Il faut que Lazare quitte son fumier, afin que le pauvre ne se réjouisse plus de la mort du riche. Il faut que tous soient heureux, afin que le bonheurde quelques-uns ne soit pas criminel et maudit de Dieu. Georges Sand, la mare au diable Auf dem südlichen Abhang des Odenwaldes, da wo dieser ins Neckartal abfällt, liegen mehrere ansehnliche Dörfer, die nicht wie das übrige Gebirge zu Hessen, sondern zur ehemaligen ostrheinischen Pfalz gehörten und gegenwärtig dem badischen Lande einverleibt sind. Die Gegend ist gesund, fruchtbar und schön; von den Höhen dehnen sich weite Aussichten über die Rheinebene bis zu den scharfgezeichneten Bergformen des Hardtgebirges hin, und da alle Bodenerzeugnisse in den kleinern und großem Städten am Neckar und an der Bergstraße guten Absatz finden, so fehlt es den Bauern dort nicht an Wohlstand und sogar an Reichtum. Selbst der Arme gewinnt, wie in der ganzen auch in dieser Hinsicht gesegneten Pfalz, für redliche Arbeit meist noch sein ausreichendes Brot. In einer der größten unter diesen Ortschaften, wenig über eine Meile von Heidelberg entfernt, hatte sich nach den letzten Franzosenkriegen eine auswärtige Familie angesiedelt, welche ursprünglich aus Böhmen stammte. Der Mann war Hornist bei einem österreichischen Regiment gewesen, das vor der Schlacht bei Austerlitz in der Gegend von Phillippsburg gestanden hatte; die Frau diente bei seiner Kompanie als Marketenderin. Joseph Jelinecz, so hieß der Hausvater, war, wie so viele Böhmen, ein wohlkundiger Musiker, der neben seinem Blasinstrument auch die Geige vortrefflich spielte; das Land gefiel ihm, und er sah, daß bei der Fröhlichkeit und Lebenslust des pfälzischen Volks ein Musikant, der bei den Kirmessen kräftig aufzuspielen verstünde, bessern Erwerb machen würde, als ein Hornist bei einem Linienregiment. Sobald also seine Dienstzeit abgelaufen war, machte er der Marketenderin, die ihm wegen ihres rüstigen Wesens gefiel, einen Heiratsantrag. Beide warfen ihre Kriegsersparnisse in eine gemeinsame Kasse zusammen und hatten genug daran, um sich ein großes Familienbett und einen genügenden Hausrat anzuschaffen. Sie wohnten erst über der Grenze im Hessischen, dann aber pachteten sie in dem erwähnten pfälzischen Dorfe, das rings um sich einen Kranz der berühmtesten Jahrmärkte und Kirmessen hatte, ein kleines Häuschen mit einem Gemüsegarten und einem Fleckchen Kartoffelfeld. Auf diesem Grundstück zog die Frau, der die Besorgung desselben zufiel, einen guten Teil der täglichen Nahrung, während der Mann wenigstens den Sommer über fast immer aus dem Hause fort war und als wandernder Musikant seinem Unterhalt nachging. So lebten die Leute glücklich und hatten ihr Auskommen. Nacheinander hatten sie schon im Hessischen drei Töchter bekommen, die sie mit in die Pfalz brachten; ein Knabe blieb ihnen versagt. Das erste Spielzeug, das der Vater den Kindern schenkte, war bei der ältesten Tochter eine Kindergeige, wie man sie für wenige Kreuzer auf Jahrmärkten kauft, bei der zweiten eine Schellentrommel. Als sie diese nach Kinderart zerstört hatten und nach neuen Instrumenten fragten, lehrte er sie auf seiner eigenen Geige und auf einem guten Tamburin spielen, das er eigens hierfür anschaffte. Außerdem sang er ihnen in den langen Wintertagen Volkslieder, Opernarien und Tiroler Schnaderhüpferl so lange vor, bis sie dieselben mit den glockenhellen Kinderstimmchen ganz genau, richtig und taktfest nachsangen. Das mit wunderbarem Auffassungstalent für Musik begabte tschechische Blut half dem Unterrichte nach, und ehe die drei Mädchen lesen und schreiben konnten, sangen und spielten sie bereits als kleine Virtuosinnen. Sobald ihr junges Alter die Anstrengungen des Wanderns ertrug, mußten die beiden Ältesten den Vater begleiten und die Jahrmärkte mit ihm besuchen: durch diese ländlichen Wunderkinder steigerte sein Erwerb sich ansehnlich. Aber ein Stein, der rollt, setzt kein Moos an. Das Leben des fahrenden Musikanten ist aufregend und nutzt sich rasch ab. Große, Tag und Nacht ohn Unterbrechung fortdauernde Anstrengung wechselt mit Müßiggang. Um auf der heißen, staubigen und dunstvollen Tanzbühne bis zum lichten Morgen aushalten zu können, muß er durch geistige Getränke sich aufregen, und in müßigen Tagen trinkt er aus Langeweile. Dieses Laster, das den Mann so leise und so unwiderstehlich beschleicht, führte auch unsern Böhmen in Gestalt des herrlichen und wohlfeilen Pfalzweines nur zu oft in Versuchung. Außerdem war Jelinecz ein überaus gutherziger Vater, der den Kindern auf der Wanderschaft zu essen gab so oft sie verlangten, und ihnen lieber ein neues Kleidchen anschaffte als der arbeitsamen Mutter den Gulden dafür mit nach Hause brachte. Dies alles wurde Ursach, daß die Familie trotz reichem Verdienst doch auf keinen grünen Zweig kam, und als der Hausvater an einem Stickflusse schon mit fünfundvierzig Jahren starb, hinterließ er den Seinigen weniger Eigentum, als er beim Eintritt in den Ehestand besessen hatte. Schon fürchtete die Gemeinde, daß die drei Waisenkinder und bald auch die Mutter ihr zur Last fallen würden; allein die Witwe Jelinecz ließ es dazu nicht kommen. Es war eine sonderbare Frau, über welche im Dorfe die wunderlichsten Reden liefen. Schon der Name war auffallend; sie hieß Wlaska, ihre Patronin war also jenes furchtbare Weib, auf welches die Sage den Ursprung des in Böhmen märchenhaft berühmten Mägdekriegs zurückführt. Die Odenwälder vermochten den Namen nicht zu erlernen und nannten sie daher nie anders als die böhmische Mutter. Man wußte, daß sie ganz tief in Ungarn, nahe bei der türkischen Grenze, ihre Heimat habe; aber ihr körperliches Aussehen ließ ihren Stammbaum noch tiefer im Orient wurzeln. Eine dunkelgelbe Haut, olivenfarbiger als die Ernteglut unsere Bäuerinnen brennt; verbunden mit einer hagern, knochenstarken Gestalt und den brennendsten Augen, hätte vielleicht auf eine Jüdin schließen lassen; allein ihr Haar, dessen Schwärze so tief war, daß sie ins Blaue spielte, trug sie stets ohne Stirnband, was den jüdischen Frauen Sitte und Gesetz verbietet. Kein Alter schien über ihre ehernen, tiefgefurchten Züge Macht zu haben; noch lange nachher, als die Töchter erwachsene Mädchen waren, glänzte ihr Auge in unwandelbarem Feuer, und in ihre Zöpfe flocht sich kein weißes Härchen. Ein dunkelrotes Kopftuch, das sie fast wie einen Turban umband und nie ablegte, vollendete den morgenländischen Ausdruck dieses merkwürdigen Kopfes, und wer je im Osten gereist war, mußte augenblicklich in ihr das Blut der Zigeuner erkennen, wie dieses Volk sich in den Ostländern unseres Weltteils noch zahlreich herumtreibt. Sie selbst leugnete auch diese Abstammung keineswegs; ganz im Gegenteil, mit dem vollen Stolze einer Baronin, die ihre sechzehn Ahnen an den Fingern herrechnet, rühmte sie sich die Tochter eines großen Häuptlings zu sein, der um die Zeit der französischen Revolution ihre Horde aus Armenien durch die Kaukasusländer und die Türkei bis in die Grenzwälder Bosniens und Kroatiens geführt hatte. Die dem deutschen Ohr ungewohnte Häufung scharfer Zischlaute, an welchen man die in Slawenländern Aufgewachsenen erkennt, herrschte in ihrem Munde mit dem allerschneidendsten Akzent, und wenn sie heftig redete oder schalt, so pfiff es aus ihren feinen, schmalen Lippen unheimlich wie Schlangengezisch. Auch auf die Töchter ging dieser Sprachfehler über, obwohl in minderem Grade; aus ihren roten Mündlein tönten die Zischlaute lieblich wie das leise Zwitschern der Schwalben, wenn sie abends im Nestchen ihre Jungen in den Schlaf flüstern. Oft genug in Winterabenden erzählte die Zigeunerin den Kindern die rührende Legende von der Missetat, die ihr Volk gleich Juden und Armeniern zu rastlosem Wandern verdamme; wie die Mutter Maria mit dem kleinen Christuskindlein flüchtig nach Ägypten gekommen, und vor dem wahren Gott, wo sie durchgezogen, alle Götzenbilder von den Säulen zu Boden niedergestürzt seien; wie aber aus Ingrimm darüber der Stamm der Zigeuner sie als eine landstreichende Dirne aus seinen Grenzen gejagt habe. Da erhob sich, fuhr sie fort, das Wochenkindchen auf dem Arm der Gebenedeiten, und sein Auge leuchtete wie Feuer, und durch ein Wunder begann es zu reden mit einer Stimme wie die Posaunen der Ewigkeit, und gebot diesen argen Heiden flüchtig und elend zu sein auf der ganzen Erde, weil sie dem Herrn der Welt keinen Raum bei sich gegönnt. Und nachher, da die großen Zeichen und Wunder Ihn beglaubigten, da zog wehklagend und heulend der ganze Stamm aus und teilte sich gegen Ost und West. Und da nun Ägypten als ihr geglaubtes Stammland ihr teuer war, so hatte die Zigeunerin noch im Felde mit heißer Gier den Erzählungen eines von ihrem Regiment gefangenen französischen Soldaten gelauscht, der mit Bonaparte, Kleber und Menou unter den Pyramiden gewesen und als Eskorte mit den französischen Ingenieuren und Forschern nach Theben hinaufgegangen war. Dieser berichtete vom Nil und von des Landes Fruchtbarkeit, von den Pharaonen und den Mumiensärgen in den Pyramiden – und das Herz der heimatlosen Frau schauderte vor wilder Freude über die Herrlichkeit ihrer Heimat, die sie doch niemals wiedersehen sollte. So mischten sich die Hirngespinste altägyptischer Königspracht, christlicher Legende und bonapartistischer Abenteuer in ihrem heißen Kopfe, und in den bunten Teppich derselben hüllte sich früh die Einbildungskraft ihrer Töchter ein, die sich dadurch ebenfalls höher und stolzer empfanden als die deutschen flachshaarigen Bauernmädchen ihrer Nachbarschaft. Ohnehin übersahen sie diese schon als Kinder weit, weil sie mit dem Vater im ganzen Lande herumgezogen waren und vieles konnten, was jenen wie spanische Schlösser erschien. Allerdings baute diese ausländische Abstammung auch noch eine andere Scheidewand zwischen die Familie Jelinecz und ihre ländliche Umgebung. Die Mutter hatte in Österreich die katholische Taufe angenommen und war eine inbrünstige Verehrerin der Jungfrau Maria; denn sie behauptete, diese sei ganz insbesondere die Beschützerin ihres Stammes, der ja nur, um ihre Ehre wieder herzustellen, zu einem so harten Gericht verurteilt worden sei. Die Fürsprache der Mutter beim Sohne war ihr das sicherste Mittel, für das zerstreute Volk das Ende des langen Elends herbeizuführen. Zu diesem inbrünstigen Glauben erzog sie nun auch ihre Kinder, und die ganze Familie wanderte Sonntags, es mochte wettern wie es wollte, zur Messe in ein entferntes katholisches Dorf. Nun aber waren sie die einzigen Katholiken in ihrem Orte; die Pfalz ist in dem Jahrhundert der Reformation von harten Glaubensbedrückern erst lutherisch, dann streng reformiert gemacht worden, und in dem dort verfaßten Katechismus ist bis heute der beklagenswürdige Satz stehengeblieben, daß die katholische Messe nichts als eine abscheuliche Abgötterei sei. Ein Anhänger dieses Glaubens erschien also dem dortigen Landvolk wie ein von Gott Ausgestoßener, Verblendeter, der gleichsam einer niederem Verstandesstufe als andere Menschen angehören müsse. Der Name des Abgöttischen macht ganz besonders auf Kinder, die noch nicht wissen, daß jeder Mensch Götzen in seinem Herzen umzustürzen hat, einen fast schauerlichen Eindruck; ja dieses unklare Gefühl entfremdete den heranwachsenden Mädchen sogar die Zuneigung der jungen Leute. Endlich kam etwas noch mehr Verfinsterndes hinzu: Mutter Wlaska galt für eine Zauberin und halbweg noch für etwas Schlimmeres. Aus diesem Grunde war sie im Dorfe zwar oft geliebt und gesucht, aber doch noch viel mehr gefürchtet. Etwas wußte man gewiß, und Wlaska selber leugnete es nicht, daß sie Kenntnis heilsamer Kräuter hatte, das Blut stillen konnte und eine Salbe verfertigte, die Wunden auffallend schnell schloß und heilte. Dabei war nichts Unheimliches, wenn auch schon Wlaska ihre Kräuter gerne im Mondschein auf den stillen Hochflächen des Odenwaldes suchte, ihnen fremdländische wunderliche Namen gab und auf bestimmte Tage des Einsammelns, wie namentlich auf Johannistag, viel hielt. Gar mancher hatte bei ihr sich Heilung geholt; auch bei harten Geburten wurde sie mehr als einmal Retterin der Mutter und des Kindes; in ihrem eignen Hause war nie eine Krankheit, und was ihre Kuren am meisten empfahl, sie nahm kein Geld dafür. Auch sagte sie nach der Weise der Frauen ihres Volkes aus der Hand und andern Zeichen wahr. Allein wer einigermaßen im Hexenfache bewandert ist, der weiß, daß Heilen, Besprechen und Wahrsagen nur grobe Buchstaben in dieser edlen Kunst sind, und daß man erst dann ein Hexenmeister zu heißen verdient, wenn man erstens den Teufel wirklich in sichtbarer Gestalt zu zitieren und zweitens einen Dieb zu stellen versteht. Ob nun das auch in den Kräften Wlaskas liege, darüber herrschten im Dorfe Zweifel. Aus ihrem Garten hätte gewiß niemand einen Apfel gebrochen, aus Furcht gestellt zu werden: aber als einmal eine Nachbarsfrau, der jedes Jahr regelmäßig die Trauben vom Spalier gestohlen wurden, sie wie um eine kleine nachbarliche Gefälligkeit bat, ihr den Dieb zu binden, da hatte Wlaska ein Kreuz geschlagen und heftig gesagt: »Lasse Sie das, daraus wird nichts!« Die Bäurin aber ließ nicht nach: »Warum nicht, böhmische Mutter?« fragte sie. »Ihr weissagt, Ihr gießt den jungen Mädchen das Blei, Ihr besprecht das Blut, Ihr zeiget verlorene Sachen an, Ihr macht Johannisöl und Palmtags-Krautwische; weswegen wollt Ihr mir denn in dem Stück die Freundschaft nicht antun?« Da sprach die Böhmin überaus ernst, daß es der andern durch die Seele schnitt: »Das will ich Ihr sagen, Frau Nachbarin. Zum Diebesverbannen braucht der Mensch die Kraft von unten und nicht die Kraft von oben; wenn ich den Dieb vor Sonnenaufgang nicht erlöse, so kommt im Zwielicht der Teufel und erwürgt ihn; stürbe ich also zuvor des jähen Todes, so wäre meine Seele dahin um die seinige. Aber weissagen und alles was dem Menschen zum Heil von Leib und Leben dient, das ist von Gott und ist die weiße Kunst, die viele fromme und heilige Männer getrieben haben; aber was die abgeschiedenen Seelen angeht und die bösen Geister, das ist Schwarzkunst, und die ist jedem getauften Haupt verboten. Unser Volk im Osten versteht sie, aber nur die unter uns nicht katholisch geworden sind, treiben diese Dinge; wer das Taufwasser und den heiligen Chrisam empfängt, der entsagt dem Teufel und allen seinen Künsten. Ich bin ein Christenmensch, Frau Nachbarin, und darum soll Sie mich nicht in Versuchung führen.« – Nach diesem Bescheide ging die Nachbarin bedenklich fort, aber in ihrem Herzen blieb nicht die Weigerung Wlaskas, sondern nur die Versicherung stehen, daß sie eigentlich recht gut solche Dinge könnte wenn sie nur wolle, und der Glaube an ihre Hexenschaft stellte sich nur um so fester, je eifriger sie mit den deutlichsten Worten sich dagegen verwahrte. Eine alte Geschichte kam hinzu. Eines Abends waren Nachbarskinder bei Jelineczs und spielten mit den Mädchen, welche damals etwa sechs bis acht Jahre alt sein mochten. Da es im Hof sehr schwül wurde, gingen sie allzusammen in das düstere Hinterstübchen. Dort fragte ein vorwitziges Kind das älteste Töchterchen, ob denn wirklich die Zigeuner Wetter machen und Geister beschwören könnten. Das Kind, welches wie seine Mutter Wlaska hieß, lachte laut auf, sah zum Fenster hinaus und sagte leichtfertig: Das kann ich selber schon und will's euch einmal zeigen. Mit diesen Worten schloß es den Laden, holte ein brennendes Licht und begann wohl eine Viertelstunde lang aus einem großen Buche zu murmeln. Plötzlich zog draußen ein Wetter auf, der Blitz leuchtete durch die Ladenritzen, und es wurde stockfinster drinnen und draußen. Da las das Mädchen mit viel lauterer Stimme, und mit einem Male blies es das Licht aus und schlug dabei heftig auf den Tisch. Der Sturm sauste, und ein furchtbarer Stoß geschah gegen den Laden. Aha, er pocht, sagte die kleine Wlaska; seht ihr, wie gehorsam er ist? Damit sprang sie, wieder laut lachend, auf den Laden zu, öffnete ihn ein wenig und sprach: Da steht er vor dem Fenster, er hat große rote Augen wie ein Teller und mächtige Hörner; jetzt will ich ihn auch noch hereinbeschwören, daß ihr ihn alle sehen sollt; ihr dürft euch aber ja nicht fürchten, sonst frißt er euch. Da sanken die todbleichen Kinder auf die Knie vor ihr und flehten aus Leibeskräften, sie möge doch den schwarzen Mann wieder wegschicken. Wlaska ließ sich rühren und winkte dem Geiste abzutreten; aber in diesem Augenblicke schlug hart über dem Hause ein Blitz, augenblicklich vom Donner gefolgt, so grimmig nieder, daß die kleine Zauberin selbst leichenblaß vom Fenster zurücktaumelte, während die andern Kinder, vor Angst laut heulend, durchs Vorhaus fortstürmten und durch den Regen weinend zu ihren Eltern liefen mit der gräßlichen Geschichte. Es war vergebens, daß das lustige Kind am folgenden Tage seinen dickköpfigen Gespielen beteuerte, es habe mit ihnen nur eine Eulenspiegelei getrieben. Der Aberglaube, der jetzt überall seinen Untergang im Siege der gesunden Vernunft voraussieht, ist wie eine häßliche Raupe, die auf einem schnellfließenden Bache dahinschießt; um sich vor dem Ertrinken zu retten, umklammert sie auch das kleinste Strohhälmchen, das doch sogleich mit ihr untersinkt. Diese Geschichte ward im Dorfe nicht mehr vergessen, und von da an ließen die Eltern ihre Kinder nicht gerne mehr mit Jelineczs Töchtern spielen. Diese Stellung zur Gemeinde hatte Mutter Wlaska, als der Mann starb und sein ältestes Kind erst zwölf Jahre alt war. Sie war eine Fremde, hatte keinen Grund und Boden und somit kein Bürgerrecht am Orte. Das Gewerbe des Mannes konnten Weiber ohne den Schein der größten Leichtfertigkeit nicht forttreiben, und doch mußte Brot beigeschafft werden, denn das Gärtchen mit dem Kartoffelstück reichte am Ende zur Kost, aber nicht zur Hausmiete und zu sonstigen Bedürfnissen hin. Wie alle Mütter, hoffte sie auf die Möglichkeit, durch eine der Töchter noch einmal ihr Glück zu machen. Die Mädchen waren gesund, hübsch und lebhaft; das tschechische Blut gab ihnen ein in Deutschland nicht gekanntes Feuer und eine angenehme sinnliche Beweglichkeit. Die älteste, Wlaska, die man im Dorfe sehr unpassend in Bläßchen umtaufte, war feiner als die Schwestern; die zweite, Sabine, das Ebenbild der Mutter an Kraft und an Festigkeit der Züge; Ludomilla aber, das jüngste, erst sechs Jahre alte Kind, das im Dorfe Mielchen genannt wurde, machte seiner Taufpatronin, einer heiligen Fürstin Böhmens, alle Ehre; es war schüchtern und hatte von der Mutter nur die brennende hingebende Frömmigkeit ererbt. Um jedoch eine Zukunft hoffen zu dürfen, mußte vor allem die Gegenwart gesichert werden. Die Mutter faßte den Plan, ein Geschäft anzufangen, das ihr möglich machte, in einigen Jahren das Häuschen mit Grund und Boden anzukaufen und so sich als Eigentümerin in der Gemeinde festzusetzen. Dadurch, so schloß sie nicht mit Unrecht, würde auch ein Freier eher sich anlocken lassen. Auf dem Lande gibt es einen großen Übelstand für die Hauswirtschaften: das sind die Marktgänge. Eine Bäuerin hat ein viertel Eier, ein Dutzend Kohlhäupter und ein Schock Zwiebeln zusammen; sie braucht Geld, oder sie muß verkaufen, weil die Sachen ihr verderben. Sie läuft also mit einer kleinen Last in die Stadt eine Meile weit, kommt spät am Nachmittag zurück, hat vielleicht einen Gulden gelöst, aber einen Arbeitstag versäumt. Die Kinder sind nicht gewartet worden, im Hause hat die Aufsicht gefehlt, die Tiere haben ihr Futter nicht gehörig bekommen, und im ganzen Hauswesen ist zweimal mehr Schaden gestiftet, als der Gulden wert war. In größern Haushaltungen ist es nicht viel besser, da man um des Marktgangs willen das Dienstmädchen fast einen ganzen Tag aus der Arbeit mißt. Allerdings sind Bauersfrauen und Bauernmädchen von dieser Wahrheit schwer zu überzeugen, denn den meisten ist der Markttag, was den städtischen Damen die Kaffeevisite: sie sehen die Welt, treffen ihre Bekanntinnen, und unter dem Scheine, beschäftigt zu sein, auf den alle Weiber soviel geben, brauchen sie doch nicht zu arbeiten, gerade wie die vornehme Welt mit Stickereien ihre faulen Stunden entschuldigt. Allein in Stadt und Land gibt es auch der braven Mütter viele, und auf diese baute die kluge Böhmin ihren Plan. Sie wollte mit Hilfe ihrer Töchter Zwischenhändlerin zwischen dem Dorfe und der nahen Universitätsstadt werden, indem sie die Bodenerzeugnisse einkaufte und dann auf ihre Rechnung zu Heidelberg feilbot. Damit verband sie das Geschäft einer Botengängerin, was oft gute Nebenverdienste mit sich führt, wenn es gewissenhaft besorgt wird. Sie verkaufte zwar etwas teurer als die Bäuerinnen selbst, allein da es ihr Grundsatz war, nur gute Ware, reifes Obst und frische Gewächse feilzubieten, diese aber stets zu festen Preisen, so standen auch die städtischen Hausfrauen zuletzt bei ihr sich besser, als bei dem langen Aussuchen und Feilschen, das den andern Verkäuferinnen gegenüber nötig war. Obenein war sie redlich; sowohl ihr Stolz als auch ihre einfach herzliche Frömmigkeit behüteten sie vor jeder gemeinen Betrüglichkeit. In einem einzigen Sommer erwarb sie sich so viele städtische Kunden, daß sie schon täglich ihren Stadtgang machen konnte und in der Regel sogar eins oder zwei der Kinder mit Körben voll von Geflügel oder leichtem Gemüse mitnehmen mußte. Die Mädchen fanden sich leicht in diesen Erwerb. Wlaska, die schwächste, besorgte meistens Haus und Küche; Sabine und Ludmilla aber taten die Marktgänge mit der Mutter, bis die letztere, nachdem die Töchter nun vollständig erwachsen waren, dieses mühsamste Geschäft ihnen fast ganz überließ und dafür den ebenso wichtigen Einkauf im Dorfe übernahm. So wurde Sabine für die Stadt die Hauptperson, wozu sie auch trefflich sich eignete. Sie war zu einer kräftigen Schönheit herangeblüht, und die täglichen Märsche stärkten noch ihren festen Körper. Ihre Haut war weißer, als die der Mutter, aber dunkel genug, um von keiner Sonnenglut angegriffen zu werden. Auch kannte sie ihren Wert und wußte ihn geltend zu machen; bald lockte in Heidelberg die Anmut der Verkäuferin ebensowohl wie die reinlich ausgelegte Ware manchen anfangs nicht Kauflustigen an. Namentlich die Musensöhne waren ihres Lobes voll; sie versäumte aber auch nie, neben den nutzbaren Sachen ein paar Blumensträuße mitzubringen, die sie an die jungen Leute verschenkte, wenn sie Obst von ihr kauften und dabei artig waren, während sie jede Ungezogenheit mit der treffendsten Antwort abzuweisen verstand. Die frühesten Veilchen wurden dazu an allen sonnigen Hecken mit Eifer gesucht; später gab das eigene Gärtchen oder die Gärten der Nachbarn Rosen und Jelängerjelieber die Fülle her: denn mit Blumen ist auch der Bauer nicht geizig, weil sie ihm nichts einbringen. Waren so die Studenten mit Binchens Munterkeit ebensosehr als mit ihren Kirschen und Rosensträußen zufrieden, so gewann sie die Herzen der Hausfrauen durch ihre Pünktlichkeit, aber noch mehr freilich durch ihre Eier. Denn die Odenwälder Eier sind am Neckar und im ganzen Craichgau sehr beliebt wegen ihrer wunderschönen goldgelben Dotter. Diese goldgelben Dotter hält man für besonders wohlschmeckend und auch für besonders gesund, weil die Hühner auf dem Odenwald frei laufen und in munterer Laune herumflattern, auch viel frisches Gras und feines Kraut fressen; während die milzsüchtigen und hektischen Stadthühner, die in kleinen Höfen nur düstern Phantasien nachhängen, überhaupt allzusehr einem einsamen Brüten sich hingeben, nur solche Dotter zuwege bringen, denen, um mit einem großen Dichter zu reden, bereits die Blässe des Gedankens angekränkelt ist. An einem Nachmittage im hohen Sommer 1844 wanderte ein frischer Bursche, der einen hübschen, ganz ungeschornen Bart und in der Tasche ein Patent als badischer Unteroffizier trug, über die hessische Grenze auf dem Odenwald in die badische Pfalz hinein. Trotz seinem Bündel schritt er so munter aus, als wolle er heute noch nach Heidelberg oder wer weiß wie weit ins Nachtquartier. Allein als die Schatten allgemach länger wurden und er aus einer Waldschlucht, durch welche der Weg ihn fast eine Stunde geführt hatte, plötzlich auf der Höhe in die von der Abendsonne beleuchtete Kornflur hinaustrat, da blieb er im Staunen über die Schönheit der Gegend stehen und suchte sich, um sie zu genießen eine Rastestelle. Diese fand er wenige Schritte vom Wald entfernt auf der steinernen Einfassung eines Felsenbrünnchens, das mit kleinen Blasen aus den Kieseln auf seinem Grunde aufperlte und sein sonnenhelles Wässerchen nach kurzem Laufe in die umliegenden Kornfelder versenkte. Eine breite Linde beschattete den Platz und hielt ihn heimlich und kühl mitten unter den in der Sonnenglut zitternden Ähren. Von hier flog der Blick in eine unendliche Weite. Während fern links ein kleines grünes Fleckchen des Neckartals oberhalb Heidelberg zwischen Wald und Fels hervorschien, blickte man rechts in die Rheinebene, wo die Sonne in Majestät hinter den dunkeln Türmen von Speier sich senkte. Dort hob der Donnersberg, im Abendgold leuchtend, seine ruhig erhabene Linie hinter den eigensinnigem Zackenformen des Hardtgebirges herauf. Es war etwa eine Woche vor dem Beginn der Roggenernte, das Korn leuchtete weiß in der Abendsonne, und durch diesen lichten Teppich zogen grünliche Meereswellen, vom Ostwinde des nahenden Abends aufgeregt. Die Wachtel schlug im hohen Spelz, der in der reifenden Dürre wie vor leisen Geisterfußtritten knisterte: der Thymian duftete mächtig auf dem heidebedeckten Felsrücken, der vom Wald zum Gefilde sich absenkte und aus dessen Schoße das Quellchen entsprang. Drunten aber, einige Büchsenschüsse weit, auf steil abfallendem Pfade erreichbar, lag im Talkessel unter grünen Obstbäumen das Dorf, dessen wir früher gedachten; der Rauch der Abendküche stieg leise in die von Goldstrahlen durchsponnene Luft, und mit dem eben jetzt erklingenden Tone der Nachtglocke vermischt, scholl das Lachen der spielenden Kinder und das frohe Gebrüll herauf, mit dem das Vieh, eben von der Weide einziehend, die heimatlichen Ställe begrüßte. Es war einer der Abende, an denen das glückliche Menschenherz nach Liebe verschmachtet, das gramvolle aber zugleich mit dem brechenden Sonnenauge sanft in den Tod sich aufzulösen wünscht. Mutter Wlaska, die alles Naturfrische liebte, hielt streng darauf, daß in ihrer Küche zu Speisen und Getränk nicht Wasser aus dem Dorfbrunnen, den jeder Regen milchweiß färbte, sondern nur die kühle, ewig helle Gabe des Felsenborns gebraucht wurde. Zu diesem Zwecke mußte jeden Abend abwechselnd eine der Schwestern mit der Bütte hinauf. Heute traf Sabinen die Reihe, und kaum hatte Valentin, so hieß der junge Mann, einen Blick in der Gegend umhergesandt und einen Trunk aus dem Quell getan, so sah er des Mädchens hohe Gestalt den Felsenpfad heraufsteigen. Er erhub sich vom Steinsitz und hielt staunend die Hand vors Auge, um vor der Abendblendung schärfer zusehen zu können – denn nie war ihm ein solches Mädchen vorgekommen. Sabine war jetzt zweiundzwanzig Jahre alt und stand in der Fülle jugendlicher Blüte und Kraft. Sie trug einen kurzen, aber weiten Rock von hellem Zeuge, der faltig über die Hüften herabfiel. Wer neben ihr hinaufstieg, hätte den Strumpf von ungebleichtem Zwirn in das rote Knieband auslaufen sehen. Dagegen lag das rote Mieder, vorn mit Schnüren geheftet, knapp an, und unter ihm zeichneten sich voll und scharf die Brüste. Nur das Hemde bedeckte die Schulter und den Oberarm, der schlanke Hals war bloß und trug an dünner schwarzer Schnur ein kleines silbernes Kreuz. Auf dem leicht emporgeworfenen Kopfe schaukelte sich der Zuber, der ihr dunkles Antlitz warm beschattete. Das herrlichste schwarze Haar, das Erbteil des Zigeunerstammes, legte sich vorne in kleinen, hinter dem Ohr wieder aufgebundenen Zöpfen bogenförmig an ihre Schläfe, hinten aber fiel es in mächtigen Strängen bis zur Kniebeuge aus dem blendendweißen Kopftuch hervor, das seinen Glanz noch erhöhte. Die schönen braunen Gazellenaugen unter dunkeln Brauen und die lichte Kirschfarbe der feingeschnittenen Lippen deuteten auch bei ihr noch auf die Heimat unter den Palmen des Nils oder den Maulbeerschatten des Multans zurück. Nur auf den Fußspitzen sich hebend, ohne einmal die Ferse aufzusetzen, stieg sie leicht und schwebend wie eine Gemse den ungleichen Felspfad hinauf und überhüpfte die scharfen Steine, die ein dort im Winter herabschäumender Gießbach regelmäßig jedes Jahr aufhäufte. Nicht zauberischer in dunkler Schönheit war die Tochter des Midianiters, als sie des großen Moses Herz gewann beim Brunnen der Wüste, nicht feuriger und herzverlockender Rebekka, als sie auf dem abendlichen Gefild vom Sattel des Kameles herabglitt, um ihren jugendlichen Bräutigam zu begrüßen. Als sie nahe vor dem Brunnen die Bütte abhob, erblickte sie ihn. Schönheit und Kraft werfen in jedes Herz ein fröhliches Licht; beide lächelten sich an, und Valentin grüßte zuvorkommend und mit Achtung. »Wie heißt der Ort, Jungfer,« fragte er, »und wie weit ist's von drunten noch nach Heidelberg?« Das Mädchen nannte ihm das Dorf und fügte hinzu: Wer gut ausschritte, könnte um zehn Uhr in der Stadt sein. Nach dieser wichtigen Mitteilung trat sofort eine Stockung ein. Sabine nahm einen Krug aus der Bütte und begann mit diesem das Wasser aus dem Born zu schöpfen. Valentin suchte nach einer neuen Anknüpfung. »Nun, Jungfer,« fragte er, »ist bald Kirmes unten im Dorf?« »O freilich,« erwiderte sie, »heute haben wir Donnerstag, und Sonntag über vierzehn Tage ist unsere Kirmes.« »Ei da werden die Burschen drunten sich drum reißen, wer Sie zum Tanz zu führen hat, und der Schatz wird wohl eifersüchtig werden?« Sabine errötete, aber ihr Stolz stand ihr zur Seite; sie hob den Kopf auf und sagte: »Ich habe keinen Schatz und so gehe ich auch nicht zum Tanz.« Da sprang Valentin auf, sah ihr ins Gesicht und sagte mit ungeheucheltem Erstaunen: »Sie hat keinen Schatz? Das macht Sie mir nicht weis.« Das war unfein von Valentin, und schon wollte Sabine schnippisch sagen: Wer's nicht glauben will, mag's halten, wie er Lust hat – aber ein Blick in sein ehrliches Gesicht hielt sie zurück, und sie sagte ruhig: »Ich bin ein gar armes Mädchen und eine Fremde obenein, da regnen die Schätze nicht vom Himmel, Sie können mir's glauben!« Als sie ihn so mit Sie anredete, merkte er, daß er sich im Tone vergriffen habe. Auch er sprang in die feinere Redeweise hinein, die ihm leicht war, denn wie durchweg in Baden hatte er einen guten Schulunterricht genossen. »Hören Sie,« sagte er bescheiden, »wenn ich nun am Kirmestage hier wäre, würden Sie wohl mir die Ehre geben und ein paar Walzer mir zusagen?« Sabine war verlegen. Der Mann war wildfremd und sah doch so ordentlich und gesittet aus. Sie wollte ausweichen. »Ach Sie sind ja hier fremd«, sagte sie; »heute abend oder morgen früh sind Sie über Berg und Tal, und da könnte ich lange warten nachher, wenn ich auf Sie warten sollte.« Und als wollte sie von dem Tanzantrag abspringen, fragte sie mit gleichgültigem Tone: »Um Vergebung, wo soll denn die Reise hin?« Valentin war schlau genug, in dieser Frage das zu erkennen, was wirklich in ihr lag. Sabine wollte erst eine Auskunft über das Wo und Wie ihres sich anbietenden Tänzers, ehe sie zusagte. Da nun konnte er genügend sich ausweisen. Er berichtete, daß er aus dem Oberlande an der Schweizer Grenze von Bauersleuten herstamme und jetzt einmal wieder heim wolle. Er erzählte, wie er früh Waise geworden und auf Kosten der Gemeinde im Hause des Lehrers erzogen sei, der ihn zum Unterlehrer habe bilden wollen. »Aber das gefiel mir nicht,« fuhr er fort, »ich schaffe lieber in der freien Luft, als daß ich sollte in der Schulstub' hocken. Da bin ich Knecht geworden bei einem reichen Bauern zu Emmendingen, und hernach bin ich zu einem Verwandten von dem gezogen, der wohnt hier unten im Hessischen. Dann hab' ich zum Militär gemußt, und weil ich schön schreiben kann und meine Sachen ordentlich verstanden habe, bin ich Unteroffizier geworden, und wollte erst auf den Offizier dienen; aber alleweil gefallt mir das Faulenzen in den Kasernen auch nimmer recht, da hab' ich meinen Abschied genommen, bin ins Hessische hinüber meine Sachen zu holen, und alleweil will ich ins Oberland, zu schauen, was dort passiert ist die Zeit über; und darnach Arbeit suchen, wo ich's finde.« »Arbeit?« sagte Sabine. »Arbeit gibt's doch alleweil überall, denn es ist Erntezeit. Arbeit finden Sie auch hier in der Pfalz, und hier ist in dem Stück ein guter Brauch: wer das Korn schneidet, bekommt's auch zu dreschen.« Lag nicht ein Wink in diesen Worten? Wenigstens Valentin nahm es so. »Wenn Sie das meinen,« sagte er; »ich wollte heut noch nach Heidelberg oder noch em Endchen weiter hinauf gegen Wiesloch zu, denn um zehn Uhr kommt der Mond. Aber ebensogut bleib' ich da und probiere mein Glück, wo ich bin. Und nun Jungfer – ah so, wie heißen Sie denn?« »Sabine heiß' ich«, sagte das Mädchen errötend. »Also, Sabine, wenn ich nun Arbeit treffe hier in der Pfalz, darf ich dann Sonntag über vierzehn Tage kommen und Sie abholen?« Sabine hatte jetzt keine Möglichkeit mehr, auszuweichen, und kein Recht, zu weigern. Sie sagte also herzhaft: »Warum denn nicht?« und rüstete sich, wegzugehen. Valentin trat zu ihr und faßte ein Öhr der Bütte an, um ihr die Last auf den Kopf heben zu helfen. »Darf ich wohl mit Ihnen hinuntergehen,« fragte er schüchtern, »damit ich's doch zu finden weiß, wo Sie wohnen?« »Das gäbe gleich ein Gerede«, sagte Sabine. »Warten Sie, bis ich unten am Stein bin, dann können Sie nachkommen und zuschauen, wo ich eintrete: das ist meiner Mutter Haus.« Bei diesen Worten hob sie die Bütte an einem Ende und Valentin am andern. Als sie auf dem Kopf Sabinens schwebte, wollte sie ihm für den kleinen Dienst danken; da sie es aber wegen der Last nicht mit einem Kopfnicken konnte, mußte sie es mit einem Winke der Augenlider tun, was denn freilich, wenn wir verliebten Leuten in diesem Stücke glauben, noch viel vertraulicher aussieht, als ein bloßes Kopfnicken. Mädchen in dieser Lage, eine schwere Wasserbütte auf dem Kopfe, sind ziemlich wehrlos, und das benutzte Valentin, um ihr als Erwiderung auf den Augenwink einen geschwinden Kuß auf die Wange zu geben. Sabine errötete tief, aber sie sagte kein Wort und stieg, trotz der Last, mit ebenso leichten Schritten, wie sie gekommen war, den Felspfad hinab. Valentin wartete eine kurze Weile, sprang hierauf dem Mädchen nach und fing noch einen flüchtigen Gruß der braunen Augen auf, den sie unter ihrer Haustüre ihm zuwarf. Alsdann beschloß er, im Roten Ochsen sein Nachtquartier zu nehmen. Man muß nämlich wissen, daß ganz Baden schier keinen Ort besitzt, in welchem es keinen Roten-Ochsen-Wirt gäbe. Valentin schaute sich also nach diesem ebenso angenehmen, als bedeutungsvollen Zeichen um, und bald leuchtete ihm ein solches durch die Abenddämmerung nahe bei der Kirche entgegen. Er trat in die Gaststube und forderte einen Schoppen Batzenwein, ein Abendbrot und ein Nachtlager. Wenn nun meine norddeutschen Brüder von einem Wirtszimmer des Südens hören und dabei die langweiligen Restaurationen, Lesekabinette und Kaffeestuben ihrer Städte sich vormalen, oder gar an die fliegensummenden Branntweinschenken auf dem Lande denken, so muß ich ihrer Einbildungskraft etwas nachhelfen. Überall wo Wein wächst, und am Orte seines Wachstums also zu wohlfeilen Preisen getrunken wird, lebt eine höhere, feinere Wirtshausgeselligkeit. Die süddeutsche Gaststube ist einer der wichtigsten Plätze für das öffentliche Leben. Nicht wie im Norden sondern sich hier die Stände in Kasinos und Klubs ab: der Schoppen dient vielmehr als Bindemittel zwischen allen Berufsarten und selbst allen Bildungsstufen, die indessen in Baden nicht so gar weit auseinanderliegen. Während der Berliner zur Teestunde sich mit seiner Familie und vielleicht einem Buche zusammentut, geht hier der Bürger allabendlich ins Wirtshaus, denn hier ist die Hochschule des Volkes für die Politik. Der Lehrer, der im deutschen Süden fast durchweg die Fortschrittspartei vertritt, liest die Zeitung vor, welche jeder Wirt als das hauptsächlichste Anlockungsmittel zu halten verbunden ist, die kraftvollsten Kammerreden kommen zum Vortrag und werden ausführlich besprochen; auch bildet sich hier das Urteil darüber, ob der gewählte Abgeordnete des Kreises im Sinne der Wähler seine Schuldigkeit tue oder nicht. Alle Stände gleichen sich in den gemeinsamen Interessen des Staatslebens aus; selbst Pfarrer und Bürgermeister verschmähen es nicht, hier öfter einzusprechen, und hierauf zum großen Teile beruht es, daß der Klassenkampf zwischen reich und arm hier noch nicht stark durchgreift, vielmehr die Begüterten gerade den Kern der Oppositionspartei bilden. Es würde auffallen, wollte jemand in die Herrenstube sich zurückziehen; höchstens geht man dahin, um allein und ungestört zu speisen, und kehrt dann in die allgemeine Gaststube zurück. Natürlich spielt bei diesem allem der Wirt eine Hauptperson; in ihm sammelt sich gleichsam alles politische Licht, das die gesamten Gäste von sich strahlen; er hat mit der neuen Zeitung und durch die einsprechenden Fremden zuerst die neuesten Nachrichten in Händen und weiß seine Belehrungen stets an den rechten Mann zu bringen; daher auch in allen süddeutschen Bewegungen die Gastwirte stets eine große Rolle gespielt haben. Manche Wirtsstube der Pfalz ist wichtiger als zwölf Gemeindehäuser zusammengenommen. Gewiß, dies hat auch seine Kehrseite. In den bewegtesten Wirtshäusern werden nur Oppositionsblätter geduldet; der Ton dieser politischen Besprechung, die gar oft auch zur politischen Kannegießerei wird, ist heftig und leidenschaftlich, und der zu diesem geistigen Vergnügen hinzugenossene Wein, verbunden mit der lauten und redseligen Art dieses warmblütigen Menschenstammes, macht gründliche Belehrung, kalte Überlegung unmöglich. Das knattrige Rauschgold macht sich ebensowohl wie das Edelmetall geltend, und das zornige Räsonieren der offiziellen Wirtshausdemokraten ersetzt nur zu oft die tüchtige Bildung, den gediegenen Charakter. Unstreitig ist dies ein Übelstand, den die Regierung überwinden konnte, wenn sie früh genug sich entschloß, durch ihre Schulen gesunde und klare Staatsbegriffe in die Köpfe des heranwachsenden Geschlechtes zu pflanzen. Allein hier wie überall sind die neun Stufen der Engel aus dem Katechismus stets für wichtiger zu wissen erachtet worden, als die Kenntnis der heiligen Rechte und Pflichten, die dem Bürger seinem freien Staate und der Gemeinde gegenüber zukommen. Nebenbei schließen sich denn im Wirtshaus noch eine Menge anderer Geschäfte ab. die auf Handel und Wandel Bezug haben. Die Gaststube ist die Bank und Börse des Dorfes, wo man die Schrannenpreise der nächsten Märkte erfährt und gar oft auch die Preise macht; außerdem aber dient die abendliche Zusammenkunft als allgemeines Kommissionsbureau. Darauf nun ging unser Valentin sogleich aus. Nachdem er dem Ochsenwirt auf die gewöhnlichen Fragen Rede gestanden, rückte er mit seinem Anliegen heraus, ob es wohl für einen rüstigen Tagewerker Arbeit im Orte gebe. Ehe eine Viertelstunde verging, war er bereits mit einem begüterten Bauern in Unterhandlung, der für die bevorstehende Ernte Hilfe brauchte und in dessen Lohn Valentin gleich morgenden Tages eintreten konnte. Nachdem dieses im reinen war, gab man sich sorglos den politischen Debatten hin, die von Minute zu Minute lebhafter wurden, und Valentin, der gegen das Allgemeine nie gleichgültig gewesen war, klang begeistert mit an, als sich zur Zeit der Bürgerglocke die Gesellschaft mit einem fröhlichen Anstoßen der Gläser auf Vater Itzstein trennte . Valentin war als Knecht in die Dienste des Bauern getreten, der eine Viertelstunde vom Dorf einen großen Hof bewohnte, und während der Ernte hatte er treu seine Pflicht erfüllt. Da ihm seine vor dem Militärdienst getragenen Kleider zu knapp und zu abgetragen erschienen, so wandte er einen Rest seines früheren Lohnes, den er im Hessischen eingezogen hatte, auf einen zierlichen neuen Anzug. Eine schwarze, eng zugeknöpfte Jacke, auf dem Rücken mit ein paar Schnüren besetzt, hob seine schlanke Gestalt gut hervor. Statt der hierzulande modischen Kappe wagte er, einen jener über dem linken Ohr aufgeschlagenen Heckerhüte mit hinten herabhängenden Troddeln anzuschaffen, die jedem kräftigen Männerkopf den Ausdruck einer kecken Entschlossenheit verleihen. Seinen Bart ließ er ungeschoren, obwohl das in jener Zeit beim Landvolk noch ebenso selten war, als es nach der Revolution von 1848 bräuchlich geworden ist. In dieser Tracht, der seiner militärischen Haltung erst den rechten Ausdruck gab, ging er am Kirmestage vor dem Mittagessen ins Haus Sabinens, die er mittlerweile während der harten Erntetage nur im Vorübergehen hatte begrüßen können, und stellte sich der Mutter Wlaska vor. Von dieser, die auf ihn in ihrem Ernst einen ebenso bedeutenden Eindruck machte, als wiederum sein männliches Wesen ihr wohlgefiel, erhielt er sodann gleichfalls die Erlaubnis, abends vier Uhr Sabinen auf den Tanzboden führen zu dürfen. Valentin war so klug, auch die beiden Schwestern einzuladen; die ältere nahm es nach kurzem Schöntun mit innerem Vergnügen an, die kleine fromme Ludmilla aber hatte am Morgen ausnahmsweise die für heut etwas reichlicher bedachte Küche versehen und deshalb auf die Messe verzichten müssen; sie erklärte daher, sie wolle lieber den Nachmittag dazu verwenden, um auf das entfernte katholische Dorf zu wandern und sich für die versäumte Messe durch Vesper und Predigt zu entschädigen. Schon um drei Uhr war Valentin da und ging stolzen Schrittes zwischen den beiden schönen Mädchen, eines an jedem Arme führend, durchs Dorf zum Roten Ochsen hinab, in dessen Oberstock der angesehenste Tanzplatz des Ortes sich befand. Er tischte seinen Tänzerinnen vom besten Weinheimer Wein auf, und bald begann nun der Tanz, so lustig, so wild und so unermüdlich, wie das Landvolk in ganz Deutschland und in der ganzen Welt an den auserwählten Tagen des Vergnügens – und das sind ja vor allem die Kirmestage – ihn liebt. Valentin tanzte zuvorkommend mit beiden Mädchen, aber Sabine war und blieb sein Herzblatt, und auch sie selber ward mit jedem neuen Walzer feuriger und zutraulicher, während die feine Wlaska bald andere Tänzer fand. Der Tanz mochte eine Stunde gedauert haben, als mit lautem Peitschenknall und noch lauterem Hallo neue Gäste heranfuhren. Es waren Heidelberger Studenten mit bunten Mützen und vielfarbigen breiten Verbindungsbändern, die, sechzehn an der Zahl, ihre Beine und Stöcke aus zwei gichtbrüchigen Droschken heraussuchten, deren jede von einem einzigen lendenlahmen Gaul gezogen wurde. Unsere Leser sollen hier erfahren, daß es in der Nähe jeder Universitätsstadt eine Hauptkirmes gibt, die von den Musensöhnen ganz regelmäßig und bloß zu dem höchst uneigennützigen Zwecke besucht wird, daselbst sich eine triftige Anzahl gediegener Prügel zu holen. In Bonn galt für diese Kirmes während unserer akademischen Periode die zu Siegburg; in Heidelberg stand 1844 gerade jenes Odenwälder Dorf in Mode. Die Waffen, mit denen man für diesen geistreichen Zweck sich versah, waren vor zwanzig Jahren die Ziegenhainer; seit aber der einzige Wald bei Jena eingegangen ist, welcher dieses berühmte Gewächs erzeugte, sind die dicken spanischen Rohre stark in Schwung gekommen, deren Hieb schon sanfter, obwohl kaum minder einschneidend ist. Endlich hat die jüngste Zeit uns mit der Erfindung der Guttaperchastöcke beschenkt. Ich trage kein Bedenken, diesen den Preis zu geben und sie für das Ideal und Nonplusultra aller Prügel in der ernsteren Gattung zu erklären (in der komischen würde ich das Studentenrapier vorziehen), da ihre gewichtigen Hiebe sich mit einer Wollust und Biegsamkeit, die etwas wahrhaft Schlangenartiges hat, an jede Vertiefung und Erhöhung des Körpers anschmiegen, dem sie zufallen. Allein in dem Jahre, von welchem wir erzählen, war die heilsame Erfindung der Guttapercha leider noch nicht gemacht, und so waren es, außer den aushilflich dienenden faustdicken Weichselrohren der Pfeifen eben Stöcke verschieden an Holz und Stärke, mit denen unsere Achäer den Kampfplatz betraten. Es gibt keine Menschenklassen, mit denen man herzlicher und unbefangener zechen und froh sein kann, als mit Bauern und Handwerkern. Sowie aber ein echter Student in deren Nähe kommt, fordert es der akademische Brauch, gegen sie brutal zu werden und sie durch Neckereien und Renommagen herauszufordern. Diesmal gab Sabine den Anlaß her, welche einige der Korpsburschen als frühere Bekannte vom Markt her begrüßten. Sie tanzten ein paar Walzer mit ihr, und Valentin war vernünftig und gebildet genug, um sich darüber nicht zu ärgern. Aber da das Wesen von einigen etwas zu täppisch wurde, beschloß Sabine selbst, der Sache ein Ende zu machen. Das flinke Mädchen trat mit dem Längsten und Übermütigsten zum Walzer an und begann ihn so unablässig und unaufhaltsam herumzureißen, daß er, nachdem sie ihn zehnmal zur Tour um den ganzen Saal herum gezwungen hatte, endlich plump zu Boden fiel. Sie erwartete das, ließ ihn im rechten Augenblick los, sprang mit einem federleichten Hupf über seine Beine weg und tanzte laut lachend den Walzer ohne Tänzer fort bis zu Valentin. Diesen riß sie sofort in den Wirbel hinein und zeigte dessen unermüdliche Kraft dem städtischen Renommisten, der gedemütigt giftige Blicke auf den von Sabinen offenbar begünstigten Nebenbuhler schoß. Die Studenten beschlossen Rache: einer trat Sabinen mit dem Sporn ins Kleid und zerriß es ihr, worauf er sich halb spöttisch entschuldigte, und bei dem nächsten Tanz flog ein Stock, wie unversehens gefallen, Valentin dicht vor die Füße, so daß er, wenn Sabine nicht aufmerkte, heftig hätte hinstürzen müssen. Er sprang aus dem Tanz und trat vor den Tisch der Studenten hin. »War das Spaß oder Ernst,« fragte er, »daß Sie mich und das Mädchen zu Boden werfen wollten?« »Nimm's wie du willst, Bauer!« sagte der lange Renommist. »So nehm' ich's als Ernst«, schrie Valentin, sprang drei Schritte zurück und warf seine Jacke ab. Von Sabine vergebens zurückgehalten, ergriff er mit erstaunlicher Behendigkeit einen jener eichenen Bauernstühle von sehr einfacher Bauart bei der Rücklehne, und stieß dessen vordere Beine kräftig auf den Boden. Der Erfolg entsprach: das Sitzblatt sprang entzwei und lieferte ihm an den Vorderbeinen zwei auserwählte Schlägel. Mit dem Rückenblatt und dem, was sonst von Trümmern in seiner Hand blieb, hielt er sich nicht lange auf; dies diente ihm bloß dazu, den langen Renommisten sofort kampfunfähig zu machen, indem er es ihm kurzweg an den Kopf warf, daß er zu Boden taumelte. Dann packte er die beiden Stuhlbeine wie Keulen an deren dünnem Ende, und mit dem einen parierend, mit dem andern draufklobend drang er in den brüllenden Haufen der Studenten ein. Die deutschen Studenten sind, wenige Ausnahmen abgerechnet, nicht allzusehr durch Herzhaftigkeit ausgezeichnet. Man kann es erleben, daß ein Student eine ehrbare Frau öffentlich beleidigt; das ist nichts, denn einzelne Niederträchtige hat jeder Stand; man kann es aber gleichfalls erleben, daß andere Studenten zugegen sind, welche den Niederträchtigen nicht mit der Reitpeitsche züchtigen. In der Tat, wer sich auf unsern ideenlosen Schulen acht Jahre mit dem verstümmelten Altertum abplagt und dann unsere Professoren ein paar Semester hindurch die herkömmlichen Brotkollegien vortragen hört, kann keine Begeisterung in sich retten; die letzte Kraft aber geht mit dem erbärmlichen Duellrenommieren verloren, das den Menschen durch seine Lächerlichkeit so aushöhlt, daß er hernach vor einer pfeifenden Kugel nicht aufrecht zu stehen vermag. Man sah dies glänzend im letzten badischen Revolutionskrieg; unter den Freischarenkompagnien sind diese liebenswürdigen Jünglinge, die doch stets die schönsten und längsten Hahnenschwänze trugen, in der Regel die ersten gewesen, die für ihre Mütter ihr junges Leben retteten. Das wirkliche Leben, die Not und große Schicksale verbessern glücklicherweise das, was unsere Gelehrtenschulen gesündigt haben, bei einzelnen – nicht bei allen freilich, denn unsere Kandidaten, Referendarien und jungen Ärzte sind ja meist die Söhne derjenigen Stände, welche sich, sie wissen selbst nicht warum, die gebildeten nennen – und aus diesen ist die herbe Tugend und der naturwüchsige Heldenmut längst entschwunden, um der gepriesenen Mäßigung, der hochbeliebten Weltklugheit Platz zu machen. Trotz diesem versuchten die Studenten einigen Widerstand, sobald sie wahrnahmen, daß Valentin allein auf sie einstürmte; denn die andern jungen Burschen hatten nicht übel Lust diesen steckenzulassen, da er ein Fremder war, während die Mädchen der stolzen Sabine halbwegs eine Demütigung gönnten. Allein noch zur rechten Stunde besann man sich, welch eine Lücke es in der Chronik des Dorfes geben müsse, wenn man einmal die Heidelberger ohne Prügel von der Kirmes heimließe. Die Überlieferung überwog also, wie so oft, die eigene Meinung; einige Bauernburschen entschlossen sich zum Entsatz Valentins, der sich von spanischen Röhren bereits bedenklich umschwirrt sah. Und nun wurden die Studenten blitzschnell und mit wunderbarer Leichtigkeit vom Tanzboden weggeklopft und die Treppe hinuntergeworfen; damit aber war auch nach ritterlicher Kampfesart die ganze Fehde zu Ende, und dem fliehenden Feinde wurde eine goldene Brücke gebaut. Die Studenten durften in der Unterstube ungestört ihre Brauschen mit nassen Tüchern versehen und sich in ihre Droschken setzen, welche sie denn so rasch als nur Studentengäule vermögen, in den Sitz ihrer ernsten Musen und lieblichen Nymphen zurückführten. Nachdem die Luft rein war und jeder der Dorfburschen mit dem tapfern Valentin auf nähere gute Bekanntschaft angeklungen hatte, begann der Tanz von neuem. Valentin hatte sofort, als wäre nichts vorgefallen, seine schwarze Jacke wieder angezogen und schwang sich eben mit Sabine in einer luftigen Polka, als er plötzlich einen scharfen stechenden Schmerz im linken Arm spürte. In einer Pause griff er unter den Ärmel und fühlte das warme Blut seiner Hand entgegenquellen. Gleichwohl tanzte er erst die Polka durch, trank mit den Mädchen seine Flasche Wein aus und bat Sabinen erst dann, so leid es ihm tue, eine Weile mit ihm hinauszugehen, indem er auf das schon den Fußboden beträufelnde Blut hinwies. Heftig erschreckt forderte sie ihn auf, mit nach ihrem Hause zu kommen, da ihre Mutter ihn rascher als jeder Arzt heilen werde. Wie gerne folgte er, und wie stolz aufeinander schritten beide durchs Dorf in die kleine Hütte der Mutter Wlaska! Eine zerbrochene Flasche war nach Valentins Kopf gezielt gewesen, hatte ihm aber bloß den fleischigen Teil des Oberarms zerschnitten. Wlaska nahm mit einem feinen Zänglein eine kleine Glasscherbe, die sitzengeblieben war und den Schmerz verursachte, heraus, und verband geschickt die Wunde, nachdem sie ausgewaschen war. Dabei aber verbot sie den jungen Leuten streng, auf den Tanzboden zurückzukehren, weil dieses der Tod des Jünglings werden könne: wie zum Ersatz aber sollte er zum Abendessen dableiben. Wie froh war das Paar über diese Auskunft! Die Mutter und die älteste Tochter, welche auch bald vom Tanzboden heimkam, wirtschafteten in der Küche, Ludmilla war aus der Vesper noch nicht zurück; Valentin und Sabine, durch den Vorfall von heute auf einmal sich ganz nahe gebracht, durften Viertelstunden lang allein in der traulich dämmernden Stube zusammensitzen. Valentin war für Sabine zum Retter und halbwegs ja auch zum Märtyrer geworden, und von da ist's bei den Frauen nicht mehr weit zum Geliebten. Unsere Leserinnen mögen sich jener wonnevollen Stunden der ersten liebenden Annäherung zweier jungen Gemüter erinnern, die jede, auch die unglücklichste von ihnen einmal im Leben wenigstens in einem blassen Abbilde kennengelernt hat. Unsere Leser weisen wir dafür auf jene Gefühle zurück, die sie empfanden, als sie zum erstenmal am Familientische des Mädchens saßen, dem sie ihr Herz geschenkt hatten. Wir selber erzählen von diesem Abend nichts weiter. Es war Winter geworden. Valentin hatte sich in seinem Dienste als ein treuer und tüchtiger Arbeiter bewährt. Wenn er mit einer rührigen Frau eine eigene Wirtschaft auf einem gepachteten Stückchen Acker anfing und nebenbei als Tagewerker arbeitete, so hatte er Aussicht auf das Los, das manchem Armen in der arbeitslustigen und betriebsamen Pfalz winkt. Man fängt mit wenig an, man kauft zuletzt von irgendeinem Auswanderer zu billigem Preise ein kleines Grundstück und legt mit jahrelanger Anstrengung das darauf ruhende Schuldkapitälchen ab. Dann wird ein Wieschen angeschafft, um eine Ziege und wenn's hoch kommt eine Kuh zu halten. Auf dieser Stufe des errungenen Wohlstandes wird nun ein Gemüsegärtchen die Leidenschaft der Frau, wo sie pflanzen und durch den Marktgang etwas verdienen kann – und so erringt das Paar am Ende auch noch eine eigene Hütte. Dann gehen sie zu ihren Vätern, zufrieden ihren Kindern die erste Handhabe hinterlassen zu können, an welcher dann diese sich manchmal sogar zum Reichtum emporschwingen. Was aber einem gelang, war auch für Valentin möglich, zumal wenn Sabine das Marktgeschäft oder doch ein gutes Teil ihrer Kunden in seinen Haushalt mit herüberbrachte. Seit der Kirmes galten beide im Dorfe für ein Liebespaar, und auch im Hause des Mädchens wurde das stillschweigend angenommen. Als im Herbst die Abende lang wurden, spannen die vier Frauen noch eifriger als sonst, und jede wußte im stillen wofür. Valentin war nicht ganz ein Mann nach dem Wunsche der Mutter Wlaska, sie hätte der rührigsten Tochter, die so sehr in ihre kräftige Art schlug, gerne eine glänzendere Partie gegönnt als einen Tagewerker. Auch fürchtete sie häuslichen Unfrieden, da Valentin ein Protestant war. Aber die Freier waren in diesem Hause schon allzulange ausgeblieben, als daß man hätte wählerisch sein dürfen. Außerdem lebte Wlaska, wie jede töchterreiche Mutter, des Glaubens, daß ein glücklich verheiratetes Mädchen die Schwestern gleichfalls in den heiligen Ehestand mitreiße: was auch unter zehn Fällen zuweilen einmal zutreffen soll. Auch hatte sie ja selber noch immer ihren Wunsch nicht erreicht, es zu einem liegenden Eigentum zu bringen: durfte sie Valentin abweisen, weil er arm war? Als daher eines Sonntagsmorgen der junge Mann sein Anliegen der Mutter vortrug, erhielt er ohne Bedenken die Zusage; er wollte nur seine Zeit beim Bauern ausdienen, und dann sollten die jungen Leute ihre eigene Wirtschaft anfangen. Seitdem fand Valentin sich fast regelmäßig abends in der Spinnstube ein, wo Sabine ihre kleine Ausstattung rüstete. So verflossen ein paar stillglückliche Monate, und nun war's zum Aufgebot Zeit, wenn man im Frühjahr Hochzeit machen wollte. In Baden haben die Geistlichen noch die Führung der Zivilstandsregister, und die kirchliche Trauung schließt die bürgerliche in sich. Valentin begab sich demnach zum protestantischen Pfarrer des Dorfes, bei dem er sich bereits gleich bei seinem Dienstantritt als Gemeindeglied gemeldet hatte. Er traf ihn, wie man Pastoren zu treffen gewohnt ist, im Schlafrock und Lehnstuhl mit der brennenden Pfeife und einer Tasse Kaffee vor sich. An diesem Pfarrer war das Merkwürdigste, daß er in seiner ganzen Gemeinde keinen Feind hatte. Dies ist freilich schwer zu begreifen, denn ein Pfarrer soll ja das Laster züchtigen und die Bosheit aufdecken, was ohne Feindschaften nicht abgeht. Allein ob nun Laster und Bosheit in diesem glücklichen Erdenwinkel gar nicht vorkamen, oder ob der Pastor das Züchtigen und Aufdecken vergaß – genug, er galt für einen vortrefflichen Mann, dem niemand etwas vorwerfen könne. Im Vertrauen hierauf trug Valentin geläufig seine Wünsche vor. Der Pfarrer nickte freundlich, überzeugte sich, daß alle notwendigen Tauf- und Totenscheine vorhanden seien, und schrieb sich bereits die Vor- und Zunamen auf das Ankündigungsblättchen, das er aus seiner Kanzelbibel hervornahm. Das erste Aufgebot sollte schon am nächsten Sonntag stattfinden, und an Valentins Geburtsort erbot sich der Pfarrer selbst die nötige Aufforderung amtlich abgehen zu lassen; der Bräutigam gab ihm herzlich dankend die Hand. Noch einen Gruß an die Jungfer Braut, sagte der Pfarrer, als Valentin die Türe in die Hand nahm. Schon war er auf der Treppe, da rief ihn die Stimme des Seelenhirten noch einmal hinauf. »Wie ist es denn,« fragte dieser, »mit den hundertfünfzig Gulden?« »Hundertfünfzig Gulden?« sagte Valentin mit einem leisen Schauder. »Was für hundertfünfzig Gulden?« »Nun, Sie kennen doch unsere badische Gemeindeordnung? Wer sich in einer Gemeinde verheiraten will, muß zuvor Bürger sein und zu diesem Zweck ein Grundstück oder eine Geldsumme aufweisen. Ein liegendes Eigentum haben Sie meines Wissens nicht, die Braut hat es auch nicht; die Geldsumme aber beträgt für Landstädtchen und Dörfer hundertfünfzig Gulden.« »Herr Pfarrer,« sagte der arme Junge, »das kommt mir wie ein Blitz vom Himmel herunter. Ich kann ja doch von meinem Arbeiten leben und gut leben, selbst wenn ein paar Kinder dazu kämen; soll ich denn, weil ich arm bin, keine Frau nehmen dürfen?« Der Pfarrer tat ein paar starke Züge aus der Pfeife, zuckte die Achseln und erwiderte: »Jede Gemeinde sucht sich zu hüten, daß nicht arme Leute in sie hineinheiraten, Kinder zeugen und so in das Vermögen der Gemeinde sich breit hineinsetzen. Darum haben unsere Kammern Anno 1831, als die neue Gemeindeordnung und die vielen liberalen Gesetze gemacht worden sind, diesen Punkt ausdrücklich aufgenommen.« »Aber mein Gott,« sagte Valentin fast verzweifelnd, »was ist denn da zu tun? Wäre die Sabine meine Frau und ich hätte meine eigene Wirtschaft, so sollten die hundertfünfzig Gulden in anderthalb Jahren da sein, aber so zwingen wir's nicht bald. »Herr Pfarrer,« fuhr er fort, als jener schwieg, »Sie sind ein guter Mann und haben auch eigenes Vermögen; helfen Sie mir in die Ehe hinein, leihen Sie mir hundert Gulden, die fünfzig wollen wir schon dazu verdienen bis zum Herbst. Oder schaffen Sie mir's von guten Leuten.« »Hören Sie, Valentin, das geht nicht an«, sagte der Pfarrer gleichmütig. »Meine kleinen Kapitalien stehen alle fest; und ich muß zuerst an meine eigene zahlreiche Familie denken. Ich halte Sie für einen braven Mann, aber wenn Sie sterben? Und bei andern für Sie borgen – das müssen Sie nicht verlangen. Ich kann bei Ihnen wohl frei heraus sprechen. Sehen Sie, die Gemeinde hat die Familie Ihrer Braut nicht gern. Es ist eine brave Familie, eine arbeitsame Familie, auch eine fromme Familie auf ihre Art und Weise – aber sie sind fremd, sie sind katholisch, sie sind arm. Heiraten die Mädchen und es geht nachher mit der Wirtschaft schief, so fallen die Kinder der Gemeinde zur Last. Nun muß ein Pfarrer sich alle Mühe geben, daß er seinen Gemeindegliedern zu Willen lebt und sich ja keine Feinde macht. Danach habe ich immer gestrebt, und Gott sei Dank, es ist mir auch gelungen. Wenn ich nun Ihnen zur Ehe mit dem Mädchen verhülfe, so würde mir das übelgenommen. Probieren Sie es daher lieber in Ihrer eigenen Heimat; dort können Sie nach den Gesetzen ebenfalls getraut werden.« Valentin erblaßte vor Zorn, und sprach ingrimmig: »Zu was soll ich's erst noch einmal im Oberland versuchen? Daheim bin ich gerade so gut ein armer Junge, wie hier unten in der Pfalz. Obenein bin ich dort fremd geworden und müßte wenigstens ein Jahr erst wieder daselbst arbeiten, daß die Leute Vertrauen zu mir hätten. So lange kann ich und will ich nicht warten. Also,« sagte er zum Weggehen sich wendend, »ist das Ihr letztes Wort? Sie wollen wirklich nichts dafür tun, daß ich als redlicher Bürger und guter Christ in die Ehe komme?« »Ich hab's Ihnen ja gesagt,« erwiderte der Pfarrer mit Ungeduld, »ich kann's nicht und darf es nicht. Die Amtspflicht und, junger Mann, die Amtsklugheit! – Übrigens tut es mir leid, daß wir über diesen Gegenstand uns gegenwärtig nicht weiter besprechen können; mein Küster wartet schon lange unten, denn ich habe eine Kindtaufe.« Bei diesen Worten Zog der Pfarrer (so eilig waren die Amtsgeschäfte) vor Valentins Augen den Schlafrock aus und griff nach seinem schwarzen Rock, der an der Wand hing. Diese Andeutung, daß die in Gnaden gewährte Audienz bei dem hochehrwürdigen Herrn nunmehr vorüber sei, konnte niemand mißverstehen. Valentin stieß einen tiefen Seufzer aus und trat mit einer stummen Verbeugung aus der Türe. Der Pfarrer aber beendete gleichmütig seinen Anzug und setzte sich sodann wieder in den Lehnstuhl, um vor den so eiligen Amtsgeschäften zuvörderst noch seine Pfeife auszurauchen und keinen Rest darin zu lassen. Während sein sterbliches Teil sich mit dieser Verrichtung zerstreute, sammelte er in seinem Geiste einige locker in der Studierstube herumflatternde Gedanken, um sie im Hause des Bauern, wohin er ging, zu einer notdürftigen Kindtaufrede zusammenzusetzen. Valentin ging gesenkten Hauptes und tief beschämt zum Hause seiner Braut zurück; er hatte jetzt freilich Gelegenheit, darüber nachzudenken, woher die gepriesene Beliebtheit des Herrn Pfarrers stamme. Ein giftiger Mehltau fiel über das Familienglück, das gestern abend die traute Stube noch mit so frohem Hoffnungsschimmer vergoldet hatte. Die Mutter Wlaska war, wie gewöhnlich, die erste, die sich faßte. »Ei,« sagte sie, »die Sabine gehört ja gar nicht zu der Gemeinde des protestantischen Predigers. Wir wollen Sonntag nach der Messe mit unserm Dechanten darüber sprechen, der ist mir immer gut gewesen und hat mir gar manchmal freundlichen und nützlichen Rat gegeben. Du sollst sehen, Valentin, der ist vernünftiger und auch besser auf die armen Leute.« Und so geschah es. Sabine ging den folgenden Sonntag mit der Mutter, und sie fanden einen freundlichen Empfang beim Dechanten, der ihren regelmäßigen Kirchenbesuch aus dem entfernten Orte sehr zu schätzen wußte. Stockend trug Sabine ihren Wunsch vor und schüttete in einem Atem ihr Herz auch über die hundertfünfzig Gulden aus. »Ich wollte mich,« sagte sie, »Tag und Nacht plagen, bis wir sie hernach zusammenhätten und wiedergeben könnten, und auch der Valentin versteht's Arbeiten wie einer! Wenn nur auf Ihr Wort, Herr Dechant, einer sie uns vorstreckte!« »Das könnte sich machen,« sagte der Dechant. »Warum nicht? Ich habe gute Freunde unter den Herrn droben um Freiburg und sonst im Oberland, die würden schon etwas tun. Es ist zwar bedenklich, daß die Sabine einen Kalviner heiratet, da aber natürlich alle Kinder katholisch werden – « »Also das wäre die Bedingung?« fiel ihm die Braut ins Wort. »Wie kannst du danach nur fragen, Sabine?« sagte der Geistliche erstaunt. »Erinnerst du dich denn der Christenlehre nicht mehr, die du bei mir empfangen hast? Eher will ich die Stola nimmer anziehen, ehe denn ich eine gemischte Ehe traue, wo das nicht zugesagt wird. Noch viel weniger möchte ich zum Bürgergelde helfen, daß eine Ehe ohne diese Bedingung geschlossen würde.« »Dann geht es nicht,« sagte Sabine. »Wir zwei haben das schon miteinander beredet, daß wir darüber niemals hadern wollen. Wir überlassen es dem lieben Gott: schenkt der uns Kinder und das erste ist ein Junge, so gehen sie alle nach des Vaters Glauben, ist's ein Mädchen, so lassen wir sie allesamt katholisch taufen, dann haben sie auch unter sich nachher keinen Hader. Davon geht auch der Valentin nicht mehr ab, das weiß ich zum voraus.« »Ja, Mädchen,« sagte jetzt der Dechant mit offener Entrüstung, »wenn du so leichtsinnig das Seelenheil deiner Kinder aufs Spiel setzest, daß du dir nicht einmal Mühe geben willst, deinen Mann herumzukriegen, dann wäre es ja eine Sünde, dir zu einer solchen Ehe zu verhelfen; am Ende risse der Kalviner noch deine eigene Seele dazu ins Verderben mit. Nein, mein Kind, fügte er sanfter hinzu (denn die Kirche redet stets sanft, wenn sie uns einen Stich ins Herz gibt) opfre du lieber deinen Wunsch Gott auf; besser nicht freien, als am Glauben Schiffbruch leiden!« Trotz den Einsprüchen der Mutter, trotz den tränenreichen Bitten der unglücklichen Braut bestand der Dechant auf seiner Weigerung, und als er nun zuletzt die bis dahin ruhige Besprechung in eine heftig niederregnende Strafpredigt auslaufen ließ, da fanden beide es geraten, diesem kräftigen Wasserbade mit verzagtem Herzen sich zu entziehen. Valentin kam ihnen unterwegs entgegen und empfing die hoffnungslose Kunde aus erster Hand. Nach dieser abermals erloschenen Aussicht war für heute an keine vertrauliche Familienunterhaltung mehr zu denken. Auch für die Schwestern Sabinens lag ja eine bittere Lehre darin, und die Hoffnungen der Mutter Wlaska, auf eine Verbesserung ihres Hausstandes durch künftige Schwiegersöhne gingen gleichfalls einigermaßen in die Brüche. Valentin benutzte also den Sonntagabend zu einem einsamen Spaziergang in den Wald. Er fühlte, daß hier ein schweres Unrecht der menschlichen Gesellschaft verborgen liege; aber zum ersten Male berührte ihn dieser Gedanke, und sein einfacher Verstand konnte aus ihm noch keine Folgerungen ziehen. Demnach lenkte er lieber seinen Sinn darauf, was seinerseits zur Abhilfe geschehen könne. Er rechnete zusammen, daß, wenn er seine und Sabinens Habseligkeiten verpfände, wenn die Mutter alles Geld auf ein paar Wochen aus dem Handel ziehe, alles vorhandene Geflügel und Gartenkraut ausverkaufe, und wenn endlich auf die im Hause vorhandenen Hausgeräte geborgt werde, man wohl fünfzig Gulden zusammenbringen könne; somit blieben noch Hundert zu beschaffen. Hundert Gulden sind eine unermeßlich große Summe, wenn sie nicht auf der Börse, am Spieltisch oder mit der Feder, sondern mit Spaten und Botengängen verdient werden sollen. Das wußte auch Valentin recht wohl, aber dennoch meinte er, dieses Geld, wenn Sabine mit Spinnen nachhelfe, etwa in vier bis fünf Jahren aufbringen zu können. Die Rechnung war ohne den Wirt gemacht, aber sie erleichterte wenigstens sein Herz. Er teilte sie noch an demselben Abend Sabinen mit und trat sobald als möglich aus dem Dienst als Knecht heraus, weil er als Tagewerker mehr bares Geld hoffte zurücklegen zu können. So arbeiteten und sparten sie denn zur Probe drei volle Monate. Sabine spann mit müden Augen und Händen ein paar Stunden tiefer als ihre Schwestern in die Nacht hinein; Valentin zog sich an Essen und Trinken das Mögliche ab. Nach drei Monaten kamen sie zusammen und rechneten. Mit der höchsten Anstrengung hatten beide zusammen neun Gulden erspart, aber beide fühlten auch, daß sie dieses Leben keine drei Jahre fortsetzen könnten. Ein stiller tiefer Ingrimm gegen die Welt, die ihr Glück an unmögliche Bedingungen knüpfte, zerwühlte ihre Herzen, und schon waren beide dem Entschlüsse nahe, dafür nach dem Urteile dieser Welt auch nichts mehr zu fragen. »Wir können so lange nicht warten,« sagte Valentin. »Dieses Leben ist ein Hundeleben, und nur wenn wir beisammen wären, könnte etwas verdient werden. Die Gemeinde hat dir, Sabine, dein schönes Angesicht und mir meine Kräfte nicht geschenkt, und wenn ich grabe und du spinnst, so machen wir doch andere Leute reich mit unserem Arbeiten. Mein Arm ist gerade so gut wie eines andern Bauern Grundstück, denn das Grundstück trägt nichts ohne die Arbeit des Armes. Darf nun der heiraten, der das Grundstück hat, so darf ich's auch.« »Ja,« sagte Sabine, »aber die Kirche?« »Liebes Herz,« antwortete Valentin, »man liest allezeit, daß die ersten Christen bitterarme Leute gewesen sind, aber geheiratet haben sie doch, und wenn Not kam, so halfen sie den armen Eheleuten fort. Tut das die Kirche jetzt nicht mehr, so geht sie auch nicht mehr in den Wegen der Apostel. Und obendrein hat's Ehen gegeben, ehe man an eine Kirche dachte. Ob wir getraut sind oder nicht,« fügte er bitter hinzu, »unsere Kinder taufen sie uns doch, und wenn wir sterben, müssen sie die auch ernähren.« Ein liebendes Gemüt ist leicht zu überzeugen, daß es außer der Liebe keine Pflicht gebe, und daß ihr jedes Bedenken weichen müsse. Als sie schieden, als nun Valentin seine Braut fragte: »Sprich, Sabine, willst du zum Trotz aller Welt vor Gott meine Frau werden mit Leib und Seele, bis wir so viel haben, daß mir getraut werden können?« Da wandte Sabine sich ab, aber sie gab ihm abgewendet die Hand. »Morgen ist Sonntag,« sagte er, »so komm morgen, wenn die Sonne untergehen will, in deinen besten Kleidern ans Brünnele, wo wir uns zuerst gesehen haben.« Ein reines Herz freut sich auf seinen Hochzeitstag, wie ein Kind auf den Christbaum, und dieses Brautpaar hatte ein reines Herz. Nicht ein wilder Rausch der Sinne, sondern die innige stille Vorfreude in dem Gedanken, endlich einander ganz anzugehören, wohnte diesen Sonntag in ihren Seelen, und mit süßer Scheu sahen sie den Abend herannahen, der heiß und prächtig über der schönen Sommerflur aufging. Und wieder war es im Juli, wie voriges Jahr, als der erste Augenblick, da sie einander sahen, ihr Schicksal entschied. Wieder verglomm die Sonne jenseits des Speyerer Doms, wieder knisterte der Spelz geisterhaft in der Abendglut, wieder ließ die Wachtel ihren eintönigen Laut über die Felder gellen, und der Thymian stand in voller duftiger Blüte. Und wieder stieg auch Sabine den Felspfad hinauf, schön gekleidet, leicht und herrlich wie damals, und Valentin harrte ihrer auf der Einfassung des Börnleins unter dem dunkeln Lindenschatten. Schweigend setzten sie sich zusammen, schweigend saßen sie eine lange, lange Zeit Herz an Herz, bis die Sonne ganz herunter und die Flur verstummt war. Dann sprach Valentin: So frage ich dich denn nun, ob du von heut an und immerdar, bis der Tod uns scheidet, meine treue Frau sein willst vor Gott im Himmel, recht so, als ob wir vor dem Altar getraut wären? Und Sabine antwortete ja. Da kniete er vor ihr nieder und sprach: So will auch ich dein Mann sein in Not und Tod, und meine Seele soll verlorengehen, wenn ich dich jemals verlasse! Damit löste er einen goldnen Ring von seinem kleinen Finger – es war ein kleines Ringlein, einst von seinem Taufpaten ihm geschenkt und nun schon längst von der harten Arbeit dieser Hand dünn geschliffen – das steckte er an ihre Hand. Und Sabine nahm dafür das silberne Kreuzchen von ihrem Halse und hängte es auf die Brust ihres Bräutigams. Dann fiel sie neben ihm auf die Knie nieder und gab ihm den Kuß der ewigen Treue, und sie falteten ihre vier Hände in einen Bund und aus beider Herzen stieg ein stummes Gebet zu dem auf, der alle Ehen in der ersten gesegnet hat, die er im Schweigen des Paradieses oder im Rauschen des Urwaldes ohne die Formeln eines Priesters schloß. Und nun erhuben sie sich. Sabine hatte im Körbchen ein Abendbrot mitgebracht, Valentin nahm eine Flasche Wein aus dem Brünnchen, wo er sie kühlte. Sie setzten sich auf den Rand des Quells, und zum ersten Male aßen sie fröhlich allein miteinander, wie sie bald hofften am eigenen festen Tische zusammenzusitzen. Dann sprang Sabine auf und tat scherzend, als wolle sie ihm fortlaufen; er aber verfolgte sie – und die Waldschlucht, aus der er einst zum ersten Anblick dieses beglückten Tals hervorgetreten war, nahm beide in ihren undurchdringlichen Schatten auf. Am folgenden Morgen ging Sabine auf den Markt nach Heidelberg, und die Mutter, die einiges selbst zu besorgen wünschte, ging ausnahmsweise mit. Die junge Frau fühlte, daß sie vor der Mutter ihr Geheimnis nicht bewahren dürfe und fragte also: »Sag, Mutter, wie kam es denn, daß du ohne Mühe mit dem Vater getraut wurdest, denn arm waret ihr doch auch?« »Ach Gott, Kind,« antwortete Wlaska, »in der Kriegszeit gab's allewege nicht soviel Umstände; nach Geld und Gut fragte dazumal niemand. Dein Vater und ich wir gingen zu einem Feldpater und sagten: Traut uns. Das tat er und damit war's gut; der Pater war froh, daß wir uns nur die Mühe gaben ihn um seinen Segen zu bitten.« »Du hast es also leicht gehabt, Mutter. Wenn aber der Pater nein sagte, was hättest du getan?« »Liebe Sabine,« antwortete Wlaska, »du mußt deine Mutter nicht in Versuchung führen. Du weißt, was über die Sache im Katechismus steht.« »Mutter,« sagte die Tochter, »ich fragte dich nicht nach dem Katechismus, sondern nach deinem Herzen. Hättest du den Vater gehen heißen, wenn ihr nicht getraut wurdet?« »Nein.« sagte Wlaska, »ich hatte ihn zu lieb dafür. Aber damals fragte man auch nicht soviel nach dem Gesetz, wie jetzt. Bei uns Zigeunern ist das immer freier gewesen: man heiratet sich im Walde und hernach zeigt man's nur dem Hauptmann an.« »Nun, Mutter,« sagte Sabine frisch heraus, »so hab' ich auch getan, und Valentin ist jetzt wirklich mein Mann.« Die Mutter blickte ihrer Tochter bekümmert ins Antlitz. »Sabine,« sagte sie, »ich sollte dir böse sein, doch ich wußte voraus, daß es so kommen würde, und es konnte auch nicht anders kommen. Aber du dauerst mich, denn du wirst schrecklich hiefür leiden müssen!« Mutter Wlaska kannte das Leben und die Menschennatur; sie sagte die Wahrheit. Nach der echten rücksichtslosen Liebe sehnt sich jedes Menschenherz, und da dennoch nur wenige Herzen die Kraft haben, sie zu gewinnen, so entsteht in den meisten Gemütern ein Ingrimm gegen jeden, der es wagt, um einer solchen Liebe willen der menschlichen Gesellschaft, ihren Urteilen und Vorurteilen zu trotzen. Dieses Paar glaubte seine Lage zu verbessern, indem es einen unwiderruflichen Schritt tat; aber es hatte sie im Gegenteil womöglich noch verschlimmert. Verhältnisse, wie dieses, werden auf dem Dorfe sehr schnell bekannt. Was bei Sabine ein ganz freier, ja ein schwerer und starker Entschluß gewesen war, wurde ihr als Schwäche und Leichtsinn angerechnet, man sah darin nichts als eine wohlverdiente Demütigung ihres Stolzes, und alles war überzeugt, daß Valentin ihr nicht einmal treu bleiben werde. Um sie recht zu ängstigen, gaben sich jetzt sogar mehrere Mädchen absichtlich und augenfällig Mühe um den jungen Mann, der sie freilich übel ablaufen ließ. Es entstand unter den Frauen eine Art stiller Verschwörung, welche sich nicht bloß auf das Paar, sondern auch auf die ganze Familie bezog und dem Marktgeschäft derselben bald erheblichen Schaden tat. Die wackern Gemeindevorsteher grämten sich bitter über die Möglichkeit, daß nun doch die Zigeunerhaushaltung, wie man sie nannte, sich um Sprossen vermehren könne, denen sich das Heimatsrecht nicht absprechen lasse. So vereinigte sich alles zu einem freilich nie ausgesprochenen Plan, den jungen Leuten nirgendwo einen Vorschub zu tun, um sie womöglich zum Wegziehen nach einem andern Orte zu veranlassen. Valentin und Sabine waren Geächtete – und ein Geächteter kommt auf keinen grünen Zweig. Das fühlte Valentin am bittersten, als er sich für seine anzufangende Haushaltung eine kleine Wohnung mieten wollte. Seine Arbeitskraft und Sabinens Fleiß kannte jeder, und Wohnungen gab es genug, da noch kürzlich mehrere Haushaltungen nach St. Louis ausgewandert waren. Allein die Frauen in allen Häusern, wohin er kam, wiesen ihm mehr oder minder grob mit der Andeutung die Tür, daß sie die Wirtschaft einer wilden Ehe unter ihrem Dache nicht dulden würden. Wie selig hatte er sich das geträumt, mit seinem jungen Weibe einsam zusammenzusitzen und allen Verdruß im vertrauten Geplauder an ihrem Herzen zu vergessen! Gelang erst das, kam erst die süße Ruhe des eigenen Herdes über sie, dann konnte, dann mußte ja alles besser gehen! Aber ach – statt des gehofften eigenen Herdes sah Valentin sich plötzlich selber obdachlos, da er seine Stelle als Knecht gekündigt hatte und nun dem neugemieteten Manne Platz machen mußte. Kaum erlangte er zuletzt für seine eigene Person eine kleine Bodenkammer auf einem einsamen Gut, das wohl eine halbe Stunde von dem Dorfe entfernt lag. Er nahm auch diese Zufluchtstätte vorläufig an; denn sich ins Haus der Mutter Wlaska einzudrängen, dazu war er zu stolz, selbst wenn es möglich gewesen wäre. Es war aber auch nicht möglich, denn Sabinens Schwestern hätten das nicht geduldet. Beide fühlten sehr wohl, daß der Nachteil dieser unglücklichen Liebe auch auf sie und zwar sehr stark zurückfiel; ihre Hoffnungen auf häusliches Glück sanken tief herunter durch die arme Schwester. Zwar behandelten sie die letztere nicht geradezu unfreundlich, aber das fühlte Sabine doch durch, daß statt der frühern Herzlichkeit eine leise Verachtung in den Gemütern aufwuchs. Die ältere, Wlaska, machte große Ansprüche an Glück, und sah sich nun sogar von Valentin, den sie wegen seiner Armut stets mit Stolz behandelt hatte, gegen die jüngere Sabine zurückgesetzt. Ludmilla aber entwickelte täglich mehr eine nonnenhafte Frömmigkeit, und hatte gegen Sabinen jenes um seines Hochmuts willen ganz unerträgliche Mitleid, mit welchem die Gottseligen alles von oben herab anschauen, was ihnen ein Fehltritt heißt. Nur das Mutterherz verleugnete sich niemals; Mutter Wlaska, obwohl sie klarer als alle überblickte, welch ein Schlag ihr Haus und ihr Geschäft betroffen habe, rechnete die Verschuldung der Welt nicht ihrer Tochter an. Die Natur erquickt auch das große Leid mit ihren unschätzbaren Gaben. Im Frühling brachte Sabine ihrem Manne sein erstes Kind, einen schönen Jungen mit den treuen dunkelbraunen Augen der Mutter. Zwar war es ein trauriges Vorzeichen, daß als Taufpate der Totengräber genommen werden mußte, weil kein anderer Mann dafür sich auffinden ließ. Auch ging das Gerede im Dorf von neuem und bitterer als je zuvor los. Gerade die Frauen, die den ein Obdach suchenden Valentin am schnödesten aus ihren Häusern gewiesen hatten, äußerten jetzt den meisten Ingrimm darüber, daß das Paar nicht wenigstens zuvor unter ein Dach gezogen sei, damit die Sache doch noch einen Schein von Ehestand an sich hätte. Aber es ist mit Kindern doch ein wunderlich Ding, zumal wenn sie hübsche Augen haben: sie stehlen auch den bösesten Leuten zuweilen das Herz, und leicht geschieht es, daß sie uns mit der Welt und die Welt mit uns versöhnen. Die Mutter Wlaska war im höchsten Grade glücklich über den Enkel, und auch die Töchter trugen ihre Abneigung nicht auf das unschuldige Kind über. Ganz selig aber war Valentin, und beide Ehegatten gelobten von neuem auf das Haupt des Knaben sich unverbrüchliche Treue und den höchsten Fleiß, um ihm eine berechtigte Stellung im Leben zu verschaffen. Zu diesem Zwecke faßte Valentin einen Entschluß, den man unter diesen Umständen fast einen verzweifelten nennen konnte. Bis dahin hatte er sich noch ganz wohl als Schnitter und Drescher erhalten; jetzt aber im Frühjahr ließ die Arbeit nach und er mußte von seinem Gelde zehren. Die Ungunst der Nachbarschaft erstreckte sich auch auf ihn; er nahm sich mit blutendem Herzen vor, auswärts Arbeit zu suchen und sein Weib mit ihrem Kummer allein zu lassen. Nach einem herzzerreißenden Abschied ging er in die jenseitige Pfalz und arbeitete dort den Sommer über an der Eisenbahn nach Kaiserslautern, was gut bezahlt wurde. Im Herbst kam er mit einer ansehnlichen Handvoll Gulden zurück nach Hause; aber nun gab es in den Wintermonaten gar keinen Verdienst, und er fand die Familie stark im Zurückgehen. Die Abneigung der Gemeinde trug ihre giftigen Früchte. Auch konnte Sabine wegen des Kindes die Marktgänge nicht regelmäßig mehr tun; die älteste Schwester war zu schwächlich, die jüngere nicht regsam und munter genug zu dieser Art von Geschäft. Während Valentin auf den Erwerb dieses Hauses Hoffnungen gebaut hatte, sah er jetzt gerade umgekehrt sich genötigt, seine Frau mit seinem Verdienst zu unterstützen. Im Frühling war kein halber Gulden mehr in seiner Tasche, und Valentin mußte von neuem auf die Eisenbahn wandern. Alle Aussicht, je die nötige Summe zusammenzubringen, war dahin, und mit dem dumpfen Schmerz der Hoffnungslosigkeit nahm der Vater diesmal von Weib und Kind Abschied. Hatte er aber so an der eigenen einzelnen Kraft verzweifeln müssen, so lernte er dafür in seinem neuen Geschäft Glauben an die Gesamtheit fassen. Jene Eisenbahn, wie sie von Neustadt aus viele Meilen weit in schlängelndem Lauf durch die roten Sandsteinfelsen sich bis Hochspeyer hinaufzieht, ist ein Riesenzeugnis von der Macht des Menschengeistes und der Menschenfaust; ihr bloßer Anblick hebt die Brust und zwingt uns, groß von dem gegenwärtigen Geschlecht zu denken. Die endlosen Tunnels, in kühnem Bogenlauf unter den alten Raubburgen durchgeführt, drücken so recht unsere Übermacht über die Vorwelt mit den schloßartigen Eingängen aus, die wie Triumphbogen der Arbeit das dunkelgrüne Tal schmücken. Ein starkes Wehen dieses Stolzes fühlte Valentin unter den Arbeitern, die dort seine Genossen wurden. Sie waren aus aller Welt zusammengeströmt, und viele trugen in ihrem Kopfe über die deutsche Grenze die neue Lehre, welche bestimmt ist, in der nächsten Zukunft die Gestalt unseres alternden Weltteils noch einmal zu verjüngen. Wie einst in den Katakomben Roms das Christentum, wie in den tiefen Schachten des Erzgebirges und des Salzkammerguts die neue Lehre Luthers, so verbreiten in unsern Tagen im Dunkel der werdenden Tunnels unter den Arbeitern sich jene Lehrsätze des jüngsten Weltevangeliums, die klar sind wie das Licht der Sonne, einfach und unumstößlich wie das Zeugnis der Menschenseele von Gott, und die das schärfste Siegel ihrer Wahrheit darin an sich tragen, daß ihre Anhänger von den ungläubigen und harten Herzen mit demselben dunkeln Haß verfolgt und gekreuzigt werden, wie die Apostel und die Boten der Reformation zu ihrer Zeit. Hier im stillen einsamen Denken und in der leisen Belehrung seiner Kameraden ging auch für Valentin endlich die Klarheit auf. Er begriff, daß aller Reichtum des Volkes allein auf der Arbeit ruht, und daß das Kapital selbst nur das Kind der Arbeit ist, das undankbare Kind, welches seine Mutter in den Hungerturm sperrt. Er sah ein, daß wer arbeitet, nicht bittweise das Recht zu leben erlangt, sondern daß er von Natur Anspruch hat auf ein menschenwürdiges Dasein – nicht Anspruch auf Federbetten, Champagner und Trüffeln, denn sie sind zum Genuß des Lebens nicht nötig, wohl aber den Anspruch, ein Weib rechtmäßig zu besitzen, satt an einem eigenen Herde auszuruhen und Kinder ohne Schamgefühl und Seelenqual an sein Herz zu drücken. Er sah es an seinem Beispiel, daß eine Weltordnung, wie die gegenwärtige, eben weil sie auf das Eigentum einen falschen Wert legt, das Recht des Eigentums der großen Mehrheit der Lebendigen grausam entreißt; daß also ein neuer Begriff des Eigentums in den Geistern der Menschen lebendig werden müsse. Seit dieser Stunde tröstete ihn die Ruhe des Gedankens für den eigenen Seelenschmerz – aber es war eine Löwenruhe, die sich stets bereit hielt, aus dem Lager der Überzeugung auf das Feld der Tat und des Kampfes hinüberzuspringen. Als er im Spätherbst 1847 nach Hause kam, sah er sich ärmer als je; denn das schreckliche Notjahr hatte die Familie ganz heruntergebracht und sogar gezwungen, von ihrem Hausrate zu leben, den er nun mit seinem Erwerb wieder einlöste. Aber Valentin verzagte jetzt nicht mehr, denn gerade die Not war ihm ein Morgenwehen der neuen Zukunft, auf welche auch schon die Proletarieraufstände desselben Sommers deutlich hinwiesen. Er brachte mehrere Schriften seiner Richtung mit, die ganz zerlesen waren, da sie unter den Arbeitern von Hand zu Hand gingen. Seiner Frau redete er wenig von diesen Dingen, aber ein offenes Ohr und einen hellen Kopf fand er an Mutter Wlaska. Ihr war ja von ihrer Jugend an die Not vertraut; bis zum dreißigsten Jahre jene Kriege durchlebend, in denen Österreich unter den ermattendsten Anstrengungen in Italien, Schwaben, Böhmen, der Macht Napoleons erlag, hatte sie das Elend in seinen scheußlichsten Gestalten kennengelernt, und jetzt sah sie nicht in ihrer allein, sondern in gar mancher Familie des Dorfes die Verarmung anpochen. Sie verstand das Feuer, mit welchem Valentin seine Lehren vortrug, und sie gab ihm zu seinen Lehrsätzen die Summe der Erfahrung. Tüchtige Weiber sind das feine reinliche Linnen, durch welches ein Heilkünstler die Arznei fließen läßt, um sie zu klären: was noch trüb und wirr im Tiegel des menschlichen Geistes kocht und brodelt, das nötigen sie ihn durchsichtig und kristallen ans Licht zu treiben. Im Februar stand Valentin am Wochenbett seiner Frau, die ihm sein zweites Kind, diesmal ein lustig in die Welt hineinschauendes Töchterchen, auf den Arm reichte. In diesem Augenblick schlug im Westen der prächtige Blitz der Pariser Revolution auf, und Valentin goß heiße Freudentränen über die Stirn seines Kindes, das nun schon Bürgerin einer neuen Weltordnung werden sollte. »Das war der erste Schlag,« sagte er zu seiner Schwiegermutter, »die andern folgen!« Und sie folgten, rascher als der kühnste Seher Zeit fand, sie zu weissagen. In Mailand, Wien, Ungarn zündeten die Schläge, am spätesten, aber am unwiderstehlichsten in Berlin. Das politische Spatzengezänke über eine Verfassung war schleunig beseitigt, und mit dem furchtbaren, kalt lächelnden Rätselgesicht einer Sphinx trat hinter allen konstituierenden Versammlungen die Frage der Arbeit und des Brotes hervor. Die Einheit Deutschlands! Das war das Zauberwort, welches den Bundestag niederwarf und das Frankfurter Parlament schuf. Nicht der schwärmende Burschenschäftler allein, nicht der Preußischgesinnte, der auf eine Kaiserkrone spekulierte, oder der Bürger kleiner Staaten, der endlich einmal im Strome eines großen Volkstums verschwimmen wollte – nicht sie allein schwuren, das Frankfurter Einheitswerk mit Gut und Blut zu schirmen, sondern auch die vier Fünftel der deutschen Bevölkerung taten es, die von der Arbeit ihrer Faust leben müssen. Denn die Arbeiter sahen, daß, wenn Deutschland mächtig werde, wie England; einig, wie Frankreich, es seine Waren selbst auf den Weltmarkt bringen und also doppelt verwerten könne. Für uns war die Einheitsfrage der Anfang zur Lösung der Arbeitsfrage. Und wieder schaffte Valentin auf der Eisenbahn bei Frankenstein – da brach die pfälzische Revolution los. Dieselbe Frankfurter Versammlung, der das Volk trotz ihrer Schwäche treu anhing, erkannte durch ihren Sendboten den Landesausschuß an. Plötzlich trat auch Baden bei, der Ruf: Freiheit, Wohlstand, Bildung für alle! den schon Struve auf seine Fahne gesetzt, scholl jetzt als Bannerspruch eines ganzen Staats, mächtig lockend für jeden Armen, herüber. Nun war Valentin nicht mehr zu halten. Er warf seine Spitzhaue hin, brauste auf der Bahn, an der er ein gutes Stück in drei schwülen Sommern mitgebaut, nach Mannheim hinunter und kam zu Hause an, als soeben die provisorischen Herrscher des Landes das Gesetz über die Volksbewaffnung erließen. Jetzt war ihm ein Feld aufgetan für seine militärische Tüchtigkeit. Die Jünglinge seines Ortes konnten ihn nicht mehr entbehren, das erste Aufgebot wählte ihn zum Befehlshaber, und in wenigen Tagen hatte er mit ihm die nötigen Übungen in der geschlossenen Bewegung durchgemacht. Er eilte zum Zivilkommissär seines Amtes; Verdienst und Tüchtigkeit werden in Revolutionszeiten leicht anerkannt, weil man dann sogar die Untüchtigen in Ermangelung Besserer verwenden muß. Valentin wies auf die Wichtigkeit der Grenzorte gegen Hessen hin, und es gelang ihm, für seine Kompagnie Feuergewehre, Munition und regelmäßige Bekleidung zu erwirken. Jetzt folgten rasch Tirailleurübungen und Unterricht im Felddienst. Valentin war unermüdlich, seine frische Begeisterung riß die Jünglinge mit fort. Er selbst war ein anderer geworden, man hätte ihn kaum wieder gekannt. Der blaue Kittel mit dem roten Halstuch und der hellen, weiten, zum Marsch so bequemen Hose, der kecke Heckerhut mit roten Schnüren – es ist an sich die zumeist malerische Tracht, die unsere verschneiderte Zeit kennt, und für einen Sommerfeldzug hat sie in ihrer Leichtigkeit sogar vor der Uniform des regulären Soldaten ihre Vorzüge. In dieser Tracht, welche der Offizier so gut wie der gemeine Wehrmann trug, erschien Valentin wie umgetauscht: in ihm ging der frische militärische Geist wieder auf, welcher in keinem zu ersticken ist, der einmal die bunte Jacke getragen hat, und war früher sein Körper unter der Last seiner Gedanken und Sorgen gebeugt, so gewann er jetzt seine feste männliche Haltung wieder. Von stolzen Hoffnungen schwoll sein Herz. Sein Glaube weissagte ihm den Sieg einer Sache, die er mit solcher Glut umfaßt hatte, wenn er in diesem Kriege sich auszeichnete, so war ja auch sein Los endlich festgestellt. In schlaflosen Nächten, wenn die Einbildungskraft eines kühnen Mannes sich so oft wie die Schneide eines Bohrers bis in die tiefen Gründe der Hölle einwühlt, dachte er wohl an Beute, Überfall und kühnen Gewinn in Feindesland, aber der Tag verscheuchte von seiner reinen Stirn wieder die Runzel der Begehrlichkeit. So flocht er all sein Hoffen in den Sieg dieser Revolution hinein. Als daher die Hessen und Mecklenburger vom Norden her die feste Stellung an der Neckarlinie bedrohten, rückte Valentin mit einer vortrefflich eingeübten Kompagnie von 150 Mann aus seinem Dorfe aus und stellte sich zu Ladenburg dem Kommandanten zur Verfügung. Es war ein Abend gegen die Mitte des Juni; das Gefecht bei Käfertal war vorüber, der erste Sieg, den die Freiheitsarmee, begeistert von Mierolawskis frischem Eindrucke, gegen Hessen und Mecklenburger errang. Valentin, dessen Volkswehr am Tage nicht ins Feuer gekommen war, erhielt dafür den Befehl, in der Nacht einen Teil des Schlachtfeldes abzupatrouillieren und bis dicht an die Stellungen des Feindes vorzugehen. Er nahm dazu die tüchtigsten Burschen seiner Kompagnie und begann, als der letzte Tagschein am Westhimmel verglomm, die stille Wanderung. Das Gefecht war, wie fast alle in diesem badischen Feldzug, nicht sehr bedeutend gewesen, obwohl doch besonders die Mecklenburger, durch eine Kriegslist mitten unter die Feinde gelockt, stark verloren hatten. Jedenfalls boten sich dem Blicke der Patrouille alle Züge eines Schlachtfeldes dar. Dem Gotte des Krieges schaut der Wehrmann ruhig und kaltblütig ins ernste Antlitz, wenn er, die tüchtige Waffe in der Faust, selbsttätig zur Vernichtung des Feindes vorwärts schreitet. Aber wenn der Kampf ausgetobt hat, wenn nicht mehr das spannende Lebensgefühl, die gehobene Tatkraft den Krieger beseelt, wenn der Feind als Leiche, blaß und wehrlos, mit dem gebrochenen Auge ihn zu bedräuen scheint – dann fühlt auch der Tapferste, welch ein menschenschändender Wahnsinn der Krieg ist! Verwundete und Tote waren bereits während des Kampfes weggeschafft worden; aber Spuren von ihnen blieben. Die Patrouille sah, wenn sie auf schmalen Feldwegen einherzog, wie die dort marschierenden Bataillone links und rechts vom Pfade vier bis sechs Schritte weit das hohe Korn so flach niedergewandert hatten, wie das Stroh auf der Dreschtenne liegt. Felder, durch welche Tirailleure beim Ausschwärmen vorgegangen waren, sahen wie verrupft oder von einem schweren Hagel eingeschlagen aus. Man mußte über eine kleine Schlucht weg, die mit Brombeergesträuch, Nesseln und einigen Bäumen besetzt war; hier hatten Schützen sich festgesetzt und waren erst nach heftigem Kugelwechsel gewichen. Die Bäume ließen geknickte Zweige bis auf den Boden hängen, Patronen lagen im Graben zerstreut, einige noch geladene Gewehre, ohne Zweifel den Händen der Toten entfallen, blinkten aus dem Grase hervor und wurden mitgenommen; auch blutige Tücher fand man, welche Sterbende, um das rasche Verrinnen des Lebensstromes zu hemmen, noch eine Weile auf ihre zerschmetterten Glieder gepreßt hatten. Auf andern Plätzen waren schon einzelne zersprengte Trupps in regelloser Flucht durchgekommen; man fand einige verlorene Patronentaschen, Mäntel und Kopfbedeckungen. Endlich bezeichnete auf einem Kreuzwege eine im Sternenlicht dämmernde große Blutlache den Platz, wo man am Schlusse des Gefechtes mehrere Leichen zusammengehäuft hatte, um sie auf einen Wagen zu laden und in das nächste Dorf zum Friedhofe abzuführen. An dieser Stelle sammelte Valentin seine Leute und befahl den Rückweg; das nächste Dorf war vom Feinde besetzt, und die Wachtfeuer seiner Biwachten glänzten in der Entfernung von wenigen Minuten herüber. Lautlos lösten sich nach gegebenem Befehl die Rotten wieder auf und traten, jetzt näher gegen das Gebirge der Bergstraße sich ziehend, den Rückmarsch an. Bald waren sie aus dem Bereiche, wo ein Zusammenstoß mit dem Feinde gefährlich werden konnte. Es ging schon gegen den Morgen, die Leute wurden müde und schläfrig. Um so mehr fühlte sich Valentin zur Aufmerksamkeit veranlaßt; er strich eifrig durch die taubenetzten Kornfelder, sah unter allen Gesträuchen nach und war bald vor, bald hinter seinen Leuten, die nachlässig plaudernd die bequemsten Feldwege sich suchten. Als er in dieser Weise seitwärts vom Wege ein dichtes Weizenfeld durchschritt, glitt plötzlich sein linker Fuß aus und er stürzte aufs rechte Knie nieder. Seine Hand, auf die er sich stützte, um rasch aufzustehen, tappte in Nässe: er griff um sich und traf etwas Weiches, Kaltes – so kalt, daß es in solcher Sommernacht nur eine Leiche sein konnte. Er sprang schaudernd auf und bog die Halme nach der Seite hin nieder, wo eben der Mond im letzten Viertel blutrot hinter dem Odenwald aufging. In seinen Strahlen blitzte ihm der blanke Metallhelm eines jungen mecklenburgischen Offiziers entgegen, der auf dem Rücken vor ihm lag. Das steigende Licht ließ ihn rasch erkennen, daß aus dem Haupte ein heftiger Blutstrom auf den Boden geflossen war, aber auch die Brust war durchschossen, und auf diese Wunde hielt der Jüngling mit dem Krampfe des Todes seine linke Faust gepreßt; aus der rechten Hand war ihm der blanke Degen gefallen, der jetzt einige Schritte von ihm entfernt lag. Er mußte lange mit dem Tode gerungen haben, oder hatten andere Flüchtlinge über ihn weggesetzt? Denn ringsum war das Getreide zerdrückt, und breite einzelne Spuren durchs Korn zeigten, daß auch Rosse hier durchgejagt hatten. Valentin umfaßte alle diese Umstände mit einem Blick, sprang an den Saum des Feldes und erwartete seine Leute. Er schwieg von dem Toten, übergab aber dem Feldwebel das Kommando und befahl ihm, sich ruhig in die Quartiere zu begeben und an seiner Statt den Rapport über die Patrouille abzustatten. Zweien der Leute aber gebot er, am nächsten Kreuzweg haltzumachen, bis er zu ihnen käme. Die Leiche mußte zur Bestattung weggebracht werden und ihre Uniform ging mit ihr ins Grab; aber was sie sonst von Wert an sich trug, gehörte nach allem Kriegsrecht dem, der sie fand. Er kehrte auf die blutige Stelle zurück, und mit der Schonung, welche jeder nicht ganz rohe Mensch einer frischen Leiche zuwendet, bog er den Arm derselben sacht von der Wunde weg. Der Jüngling mußte reich sein: eine Zylinderuhr mit zierlicher Goldkette fiel zuerst in Valentins Hand; es folgten ein Ring und eine Brustnadel mit schönen Steinen, endlich eine Börse mit Goldstücken und eine Brieftasche mit norddeutschem Papiergeld. Der Arme setzt jedes Ding sofort in seinen Wert um, denn die Not lehrt ihn leider die Schätzung der Dinge kennen; rasch überschlug Valentin, daß der Betrag des Ganzen auf mehrere hundert Gulden sich belief. Und so hielt er es auf einmal durch den wunderbarsten Glückszufall in seiner Hand, was er so lange, so qualvoll ersehnt hatte: eine gültige Ehe, rechtmäßige Kinder, ein hübsches Stück Ackerland und vielleicht gar ein Häuschen für Frau und Kinder! Das alles, alles war sein, der Schmerz war zu Ende, das bittere Rätsel seines Lebens gelöst – und mit nassem Auge und dankerfülltem Herzen blickte er zum stillen Sternenhimmel empor. In diesem Augenblicke vernahm er zu seinen Füßen ein leises Geräusch, erschreckt bog er sich nieder und traute kaum seinen Sinnen. War es das zitternde Mondlicht, was sein Auge blendete? War es das von seinen Brüchen im Labsal des Taues sich wieder aufrichtende Korn, was in sein Ohr knisterte? Nein – der Tote zu seinen Füßen erhub langsam und unterbrochen seinen Arm und legte die Hand wieder auf seine Brustwunde, welche infolge der Erschütterung von frischem Blute sich rötete. Zugleich scholl aus der Kehle jenes schwere röchelnde Atemholen, das für den Vorboten des nahen Todes gilt, und mit einem heftigen, durch den ganzen Leib gehenden Juck warf er sich aus der Rückenlage mehr auf die rechte Seite. Er lebte noch: aber das Krampfige seiner Bewegungen und der jetzt wahrhaft grimmig sich verzerrende Ausdruck seines Antlitzes bewies, welchen Schmerz ihm der noch übrige Lebensfunke verursache. Sein Anblick war furchtbar. Valentin überzeugte sich nochmals beim Schein des nun ganz hellen Mondes, daß er wirklich zwei schwere Wunden habe. Bei dem starken Blutverlust schien Rettung nur durch ein Wunder möglich; auch waren Wangen und Lippen bereits kalt wie Eis und der Puls fast nicht mehr zu spüren. Valentin bedachte, was er selbst in solchem Falle als Soldat wünschen möchte: Abkürzung der Todesqual schien ihm Menschlichkeit gegen den Feind. Er zog seine Pistole aus dem Gurt, spannte den Hahn und setzte die Mündung auf die schon vom Todesschweiße perlende Stirn des Sterbenden. In diesem Augenblicke schoß am Westhimmel ein Stern, und Valentin, unwillkürlich aufblickend, zitterte in sich zusammen, denn es war ihm, als erblicke er drei Schritte vor sich am Rande des Kornfeldes Sabinen auf den Knien liegend, die Hände zum Gebet erhoben. Es war wohl ein Spiel seiner durch die Nachtwanderung geweckten Einbildung; aber jetzt erst zuckte der Gedanke durch seine Seele, wie sein Weib in dieser Nacht bangen müsse um ihn, da sein Dorf von dieser Stelle nicht fernlag und die Nachricht von dem Gefecht schon am Abend dort sein mußte. Wie der Blitz schoß hinter diesem Gedanken der zweite auf: Wenn du so dalägest, was würde Sabine darum geben, noch vor der tötenden Kugel des Feindes zu dir zu kommen und deine letzten Odemzüge zu erhaschen! Und auf breiten Schwingen stürmte nun sein Geist nach der Ostsee, in die Heimat seines Opfers – ein Vater, eine Mutter – eine Braut – ein Weib vielleicht und ein verwaistes Kind! – und dann kehrte er zu sich zurück, und wie ein Dolchstich fuhr der Vorwurf durch seine Brust: Wolltest du vielleicht auch den Mann bloß darum töten, um seines Erbes und deines Lebensglückes ganz sicher zu sein? So schnell wie der fallende Stern seinen Lauf vollendete, ebenso schnell lief Valentins Geist alle diese Gedanken durch. Vielleicht hätte in ihm der dunkle Geist des Eigennutzes den Kampf gegen den lichten Engel des Rechtes noch einmal gewagt – aber die eine Sekunde des Zögerns hatte schon über Leben und Tod seines Feindes das Los geworfen: der Sterbende öffnete die Augen, verdrehte sie qualvoll und stieß aus den blassen Lippen mühsam und kaum verständlich die Worte: Wasser, Wasser! hervor. Dem Auflebenden gegenüber war Valentin augenblicklich wieder ganz Mensch. Bei seiner genauen Kenntnis der Gegend wußte er jeden Fußpfad und fand so mit Leichtigkeit ein kleines vom Walde herankommendes Bächlein, das durch die Felder dem Neckar zulief. Im Helme des Feindes schöpfte und brachte er das Labsal; er richtete ihn langsam auf, und als er den Helmrand den Lippen näherte, sah er mit Staunen die Gier und Kraft, mit welcher diese die kühle Flut schlürften. Das harte Röcheln der Brust ließ nach, der furchtbare Ausdruck des Angesichtes milderte sich. Valentin hatte schon ein paar Schritte durchs Weizenfeld getan, um seine Begleiter zu rufen und mit ihrer Hilfe den Kranken im Quartier dem Chirurgus zu übergeben. Aber plötzlich hielt er inne. Wenn sie den Mann, so dachte er bei sich, jetzt eilfertig verbinden, auf einen Bauernwagen werfen und nach Heidelberg transportieren, so ist er hin, und ist er das nicht, so stirbt er hernach im Lazarett. Nein, ich weiß einen bessern und nähern Ort! Er eilte zu den beiden Leuten, die seinem Befehl gemäß am nächsten Kreuzweg sich ausruhten; den einen schickte er mit einem im Monddämmer schnell geschriebenen Zettelchen der Patrouille nach und meldete seinem im Quartier gebliebenen Lieutnant, daß er erst in einigen Stunden eintreffen werde. Den andern nahm er zu dem Verwundeten mit und befahl, ihn mit Vorsicht anzufassen und aufzurichten. Dann legte er sein Schnupftuch mit Wasser stark benetzt als Aufschlag auf dessen Kopfwunde und knüpfte sein Halstuch darum: das blutrote Republikanertuch eines Freischärlers legte sich rettend auf die Wunden des mecklenburgischen Aristokraten. Beide faßten nun den Jüngling an; auf dem nächsten Bauernhof klopfte Valentin die Leute heraus und requirierte eine leichte Tragbahre mit einer Schütte Stroh. Auf diese wurde der Verwundete gelegt, und rasch ging's jetzt die Höhe hinauf, dem Dorfe zu, wo Valentin wohnte. Niemand begegnete den Trägern, im Schein des Morgenrots setzten sie die Bahre vor Wlaskas Hause nieder, und Valentin schickte sofort seinen Kameraden zurück, indem er ihm, wenn er ganz von der Sache schweigen würde, ein gutes Geschenk aus der Börse des Gefangenen versprach. Alsdann pochte er an das Kammerfenster, und Sabine trat ganz angekleidet mit der erschreckten Frage: Wer da? ihm entgegen. Das Haus war rasch geöffnet, die Tragbahre und das blutige Stroh im Ziegenstalle untergebracht; den Verwundeten empfing die Mutter Wlaska und ließ ihn zuvörderst ohne weiteres auf den Tisch der Wohnstube niederlegen. Man brachte Licht; die Zigeunerin besichtigte flüchtig sein Antlitz und seine Wunden, griff nach seinem Puls und hielt die Hand vor seine Lippen. Dann sagte sie zu ihrer ältesten Tochter: Rasch die Brieftasche mit den Messern, Wlaska, einen Eimer kaltes Wasser aus dem Börnlein und den Lebensspiritus! Das Verlangte stand da. Jetzt gebot sie kurz und bestimmt: Alle drei Mädchen aus der Stube, Valentin bleibt allein bei mir. Wlaska, du machst heißes Wasser in der Küche. Sabine, du zerschneidest mein Brautleinen, es ist das feinste im Hause, zu Bändern so breit wie deine Hand. Aus einem deiner Kopftücher machst du zwei große Handvoll Wieken. Alsdann zwei reine Leintücher auf dein Bett drin in der Hinterstube. Du, Ludmilla, gehst auf die Bodenkammer und betest, daß die heilige Mutter Gottes mir eine gute Hand gibt zu dieser Stunde, und fährst damit fort, bis die Sonne aufgeht. Keine von euch kommt in die Stube, bis Valentin sie ruft. Hinaus jetzt und rasch eure Sachen getan! So, Valentin, jetzt riegle die Tür und paß wohl auf: tue nichts mehr und nichts weniger, als was ich dir befehle. Wlaska wusch dem Verwundeten, der jetzt kein Lebenszeichen mehr von sich gab, zuerst den Kopf. Sofort zeigte sich, daß die Wunde der Tritt eines flüchtigen Pferdes war, den die Kraft des Schädels zur Seite gelenkt hatte; von den Hufnägeln waren die deutlichen Schrammen noch zu sehen. Sobald die Wunde klar und rein vorlag, begann das Blut wieder zu rinnen, und der Jüngling schlug ab und zu matt die Augen auf. Valentin empfing aus Sabinens Hand die Wieken, die das Blut aufsogen und schnell wieder stillten. Mit sachter und unmerklicher Hand schnitt sodann die alte Frau ihrem Pflegling alle Oberkleider herunter, ohne seinen Körper zu erschüttern. Man kam nun zur Brustwunde. Es war ein Schuß, der unter dem rechten Schulterblatt ins Fleisch gegangen war, halb hatte er die Weiche des Arms, halb die Brust über den Rippen durchgeschlagen und so durch zwei Wunden den heftigen Blutverlust bewirkt, von denen jedoch an sich keine tödlich war. Wlaska befühlte die Doppelwunde und nickte hoffnungsvoll, als der Kranke dabei vor Schmerz stöhnte und heftig zuckte. Sie öffnete das Besteck, und mit einem Geschick, das jedem Wundarzt Ehre gemacht haben würde, zog sie die Kugel, die im Oberarm vor dem Knochen steckengeblieben war, heraus, während Valentin auf ihren Befehl dem Leidenden den Lebensspiritus vorhielt. Sabine wartete bereits mit den Verbandwickeln vor der Türe und eilte nun in die Kammer, um das Bett zu bereiten. Das Blut schoß noch ziemlich stark der Kugel nach, aber Wlaska kreuzte ihre Zeigefinger über dem Verband und murmelte einen kurzen Reimspruch – da stand es stille. In einer Viertelstunde lag der Verwundete vortrefflich verbunden auf dem stillen Lager. Man hielt ihm mehrmals Wasser an die Lippen, obwohl er nicht die Kraft hatte, es zu verlangen, aber sobald er das Glas am Munde spürte, trank er heftig. »Mach uns eine Tasse Kaffee, Wlaska, und kommt jetzt herein, Kinder,« sagte die Mutter freundlich, nachdem sie ihre Instrumente sorgsam gereinigt und die Brieftasche wieder verpackt hatte. Jetzt erst fragte Valentin: »Wird er leben?« »Das kommt aufs Wundfieber an,« antwortete Wlaska. »Ich hoffe aber ihn durchzubringen, nur darf kein anderer Doktor mir ins Handwerk greifen. Die Sache muß vor der Hand still bleiben; versprecht mir alle zu schweigen, bis ich euch die Erlaubnis zu reden gebe.« Es war leicht das Geheimnis zu bewahren, da außer den Bewohnern niemand das Haus der Armut zu betreten pflegte, und die Kinder sagten der Mutter Stillschweigen zu. Valentin übergab jetzt beim Frühstück an seine Schwiegermutter alles Besitztum des Verwundeten, um es demselben bei seiner Genesung wiederzugeben. Man zählte alles, schrieb es auf und schloß es ein, nachdem man aus dem Beutel für die notwendigen Auslagen zwei Goldstücke herausgenommen hatte. Es war im ganzen für mehr als dreihundert Gulden Wert. In der Brieftasche lag das Offizierspatent und mehrere Briefe, man las sie und sah aus ihnen, daß er der Sohn eines adeligen Gutsbesitzers unfern Strelitz sei. Die Briefe waren von seiner jetzt verwitweten Mutter und atmeten eine mit zärtlicher Bekümmernis gemischte Liebe für diesen Sohn, der ihr jüngstes Kind zu sein schien. Sabine erinnerte daran, wie schwer diese Mutter leiden würde, wenn sie die Nachricht empfinge, daß ihr Kind spurlos verschwunden sei, und Valentin setzte sich sofort hin, um ihr so trostreich als es möglich war zu schreiben. Den Brief nahm er an sich, weil er ihn zu Ladenburg selbst auf die Post geben wollte. Die aufgehende Sonne mahnte ihn jetzt an seine Dienstpflicht; er küßte seine noch süß schlafenden Kinder, nahm seine Waffen, drückte seinen Verwandten herzlich die Hand und schritt, obwohl um eine große Hoffnung ärmer, mit leichtem Herzen seinem Tagewerk entgegen. Sabine begleitete ihn bis vor das Dorf. »Was habe ich diese Nacht um dich gelitten, Valentin,« sagte die junge Frau. »Stets schwebtest du mir als durchschossen, verwundet, gefangen vor den Augen. Ich konnte es im Bett nicht aushalten; heute früh zog ich mich an und lief hier heraus vors Dorf; du fandest mich auch noch in den Kleidern. Sieh dort beim Kornfeld lag ich auf den Knien und betete für dich und mich.« »Wie,« sprach Valentin erstaunt, »dort knietest du, dort am Kornrande? Um welche Stunde war das?« »Die Stunde weiß ich nicht, aber der Mond, der eben über den Berg kam, hatte mich geweckt; es wird gerade eine Viertelstunde nach seinem Aufgang gewesen sein.« Valentin schauderte. Es war dieselbe Minute, als er Sabinen drunten beim Neckar am Saume des Kornfeldes mit betend erhobenen Händen knien gesehen, als der jähe Gedanke an ihren Schmerz seine Hand vor einem Morde bewahrt hatte. Er wagte nicht, ihr die Tatsache zu gestehen, sondern küßte sie nur gedankenvoll auf Mund und Stirn. Als er aber weit genug von ihr entfernt war und ihre letzten Winke zwischen den Obstgärten hindurch aufgefangen hatte, da warf er sich auf den taufeuchten Rasen und weinte wie ein Kind. Es waren Tränen der Reue zugleich und Tränen der Freude, daß die furchtbarste Versuchung seines Lebens ihn zwar schwach gefunden, aber nicht überwältigt hatte. Ein schöner Julimorgen glänzte in das kleine Hinterstübchen von Mutter Wlaskas Hause. Durch das offene Fenster zog frisch der Ostwind herein und spielte mit den Weinblättern, die durchsichtig in der Sonne glänzten. Vor dem Fenster lag ein mit einigen Obstbäumen besetzter Grasfleck, wo die Ziege weidete; dahinter, durch eine Hecke getrennt, das Gärtchen mit den hohen Bohnenstangen und den reinlichen Beeten voller Küchengewächse; rechts hatte in einem umhegten kleinen Hofraum das Federvieh seinen Tummelplatz. Eine tiefe Ruhe lag über dieser friedlichen Einsamkeit, man hörte nur das Summen der Bienen, dann und wann durch das zornige Brummen einer Hummel unterbrochen, die in den Weinblättern sich verfangen hatte. Zuweilen tauchten auch aus dem Bohnenfelde die hellen Töne von Sabinens Schwestern hervor, welche dort Bohnen brachen. Zweistimmig sangen sie die unsterblichen Lieder, in welche unser Volk sein ganzes tiefes Gefühl ausgegossen hat: »Zu Straßburg auf der Schanz,« und: »Es stehen drei Stern am Himmel,« und: »Muß i denn, muß i denn zum Städtli naus« – es waren die letzten Reste des musikalischen Unterrichts, den sie in ihrer Jugend vom Vater, dem böhmischen Musikanten, erhalten hatten; aber in dieser Naturstille griffen die einfachen Klänge dieser glockenreinen Stimmen tiefer ans Herz, als es die feinsten modernen Notturnen auf einem Erardschen Flügel vermocht hätten. Wohl war dies eine Umgebung, in der ein Kranker genesen konnte! Am Bette des jungen Offiziers, der noch im Morgenschlaf ruhte, saß seine Mutter, eine hohe adlige Frau mit dem Ausdruck mütterlicher Güte und vorsorgender Milde in ihren Zügen. Sie war auf Valentins Brief augenblicklich mit der Schnelle, die jetzt Eisenbahn und Dampfboot dem sehnenden Herzen gewähren, herbeigeeilt, und fand den Sohn in dem Augenblick, als er neun Tage nach dem Gefecht die Phantasien des Wundfiebers eben überstanden hatte und zum erstenmal wieder mit Bewußtsein um sich sah. Sein erster Blick fiel in das mütterliche Auge, und seine Genesung schritt rasch und ohne unglückliche Zwischenfälle vorwärts. Die Dame, welche alle Ursache hatte mit Wlaskas ärztlichem Geschick zufrieden zu sein, gab ihren ersten Gedanken auf, den Sohn so rasch als möglich in eine Stadt hinüberzuschaffen, und beschloß vielmehr, der Hand, die ihn gerettet hatte, auch das Verdienst der gänzlichen Heilung zu lassen. Sie mietete sich deshalb beim Ochsenwirt ein, wohnte aber sonst den ganzen Tag in Wlaskas Hinterstübchen, das man für den Kranken ganz ausgeräumt und hübsch gesäubert hatte. Das Eigentum ihres Sohnes war ihr ebenfalls gleich beim Eintritt ins Haus ausgehändigt und über das, was von dem Gelde für ihn verwendet worden war, Rechnung abgelegt worden. Die Matrone lebte wie zur Familie gehörig im Hause mit, und freute sich an der einfachen, aber reinlich und schmackhaft bereiteten Kost, die sie täglich durch eine Zusatzschüssel aus ihrer Kasse bereicherte. Am glücklichsten waren dabei Sabinens Kinder, denen die neue Tante tagtäglich Spielzeug und Naschwerk aus der Stadt mitkommen ließ und die bald eine grenzenlose Anhänglichkeit an sie zeigten. So saß sie auch jetzt mit Sabinens anderthalbjährigem Töchterchen auf dem Schoße, das mit ihrer goldenen Uhr spielte, während der Junge auf der Türschwelle ein großes Bilderbuch auf den Knien hielt und in wahrer Andacht dessen bunte Blätter umschlug – es war ja das erste Bilderbuch, das in diese arme Stube drang! Längst war der junge Offizier kein Kriegsgefangener mehr. Die so kräftig begonnene Revolution stockte. Frankreichs zehnter Juni mißlang, der dem Druck aus Norden einen Gegendruck aus Westen gegeben hätte. Die Volkswehr hatte geübten Truppen gegenüber die Probe nicht bestanden, unfähige und zaghafte Führer das Staatsruder nicht zu lenken vermocht. Als die feindlichen Truppen im Rücken der Neckararmee über den Rhein gingen, wurde die unangreifbare feste Stellung verlassen. Valentins Kompanie (es hatte ja keiner wie er unter den alten Verhältnissen gelitten!) floß auseinander, um von der angebotenen Amnestie Gebrauch zu machen. Und als nun auch Willichs Korps, das letzte, den Rückzug über Bretten machen mußte, da nahm Valentin von den Seinigen einen verzweifelten Abschied, zog sich mit den letzten Flüchtlingen an der württembergischen Grenze hin und nahm noch an dem Schießen bei Durlach teil. Dann, von dem Gefühl geleitet, daß ein Mann auch eine sinkende Sache nicht verlassen dürfe, trat er in die Linie wieder ein und stand eben jetzt an der Murg, wo die badischen Truppen, auf Rastatt gestützt, die letzte feste Stellung nahmen. Aber schon war aus ihren Reihen der Geist gewichen; Wankelmut, Feigheit und Eigennutz hinderten jeden todesmutigen Kampf, und die Gemeinheit war einzig noch darauf bedacht, das was sie der Bewegung geopfert hatte, durch Auspressung des unglücklichen Landes rasch wieder zu gewinnen, um nicht ganz verarmt in die Verbannung zu ziehen. Der einzelne edle Mensch, der in diesem Strudel mitschwamm, vermochte höchstens sich selber obenzuhalten, nicht aber die schlammige Flut einzudämmen. Und schon meldeten sich im Lande die Stimmen, die jetzt von furchtbarer Rachgier über den ganzen Aufstand erfüllt waren, nachdem er gescheitert. Mit Entsetzen hatte die Mecklenburgerin in ihrem Gasthof einige Nummern jenes Blattes gelesen, das eben damals zu der schauderhaftesten Rolle von allen sich zudrängte, die es nach einem Bürgerkrieg geben mag – zu der Rolle, der siegenden Partei Todesurteile über gefangene Gegner anzuraten und die vollzogenen der öffentlichen Meinung zu empfehlen: es war die von Giehne geleitete Karlsruher Zeitung. Und sie wirkten, diese Stimmen! Die Verhaftungen und Sequester gingen ins Maßlose, und Preußen, nachdem seine Linie und Landwehr so brav sich geschlagen, gab allen Vorteil dem eroberten Lande gegenüber dadurch wieder aus den Händen, daß es die Blutgerichte mit seinen Offizieren und Soldaten besetzte und so auf seinen Namen allen Jammer der Familien lud, die jetzt verdammt waren, monatelang um Väter, Brüder, Söhne zu erbeben, bis das schreckliche Standrecht seinen Blitz auch auf ihre Häupter entladen hätte! In diesen trüben Anschauungen verfloß der alten Dame Stunde um Stunde, und es ging sehr stark gegen Mittag. Jetzt erwachte der Genesende und sah munter um sich. Sabine, der ihr kleiner Junge sogleich die Nachricht in die Küche brachte, trat mit einem Napf Fleischbrühe und geröstetem Weißbrot ein und grüßte den jungen Mann freundlich. Die Frauen halfen ihm in einen Sessel, der mit Kissen weich belegt war, und Sabine gab ihm seine Mittagsmahlzeit. Dann holte sie das Süppchen für ihr Kleines, nahm das Kind vom Schoße der Matrone, auf den es sich sofort wieder heraufgebettelt hatte, und gab ihm mit dem Löffelchen sein Essen, worauf sie es in die Wiege legte und zum Mittagsschläfchen zudeckte. »Morgen,« sagte Sabine, »darf der Herr schon ein Stündchen im Garten sitzen, das hat mir heut früh die Mutter gesagt. Lieber Gott,« fuhr sie fort, indem sie die Wiege näher an sich rückte, »es ist auch so eng hier, man weiß sich kaum herumzudrehen!« »Lassen Sie das gut sein, Frauchen,« antwortete die andre, »Sie halten's schon in Ordnung. Aber das freilich seh' ich auch nicht, wie denn in diesem Häuschen Sie mit Valentin noch Platz gehabt haben.« Sabine wurde rot und antwortete: »Valentin hat nie mit uns unter einem Dache gewohnt.« »O mein Gott,« sagte die Dame, »und ihr hattet euch doch so lieb. Das muß ein hartes Los sein, in der Ehe getrennt zu leben! Warum zoget ihr nicht in ein Haus?« Die Frage war so gutmütig getan, daß kein Arg dahinterliegen konnte. Sabine wollte einen Augenblick ausweichen, aber ein Gefühl von Stolz auf ihre Schuldlosigkeit bekämpfte in ihr die Scham. »Ich höre,« sagte sie mit einem Tone, der gleichgültig scheinen sollte, »Sie wissen noch nicht, daß ich mit Valentin nicht getraut bin.« Die alte Dame stand hastig und mit dem Ausdruck der Entrüstung auf. Wenn der Brahmine, unwissentlich in des Paria Hütte getreten, plötzlich erfährt, wo er sich befindet, er kann nicht mehr erschrecken, nicht heftiger erzürnt sein, als die vornehme, tugendhafte Frau aus dem sittenstrengen Norddeutschland es in diesem Augenblicke war. Sie warf einen Blick des Abscheus auf das Mädchen; sie schaute wie entsetzt auf das Bette, aus welchem eben ihr Sohn erstanden war. Ihr Sohn hatte das Bette einer Frau berührt, die in wilder Ehe lebte! Es war gut, daß Sabinens Kind nicht mehr auf ihrem Schoße saß – sie war so heftig erregt, daß sie es vielleicht unfreundlich von sich gestoßen hätte! Dieses kränkende Benehmen reizte Sabinen: sie aber bezwang sich. »Bleiben Sie stillsitzen, gnädige Frau,« sagte sie mit bitterer Ruhe. »Arme Leute können nicht wie sie wollen, und hätten wir halb das Geld gehabt, das vielleicht Ihr Hochzeitskleid gekostet hat, so ging dieser Kelch an uns vorüber, und Sie, gnädige Frau, hätten mir dann auch ein Angesicht wie dieses zwischen meinen eigenen Pfählen und in Gegenwart dieses Mannes nicht gezeigt, den mein Valentin und meine Mutter vom Tode gerettet haben!« »Sie haben recht«, sagte die Matrone beschämt und nahm ihren Platz wieder ein. »Aber ich verstehe die ganze Sache nicht; sollte es denn in der menschlichen Gesellschaft Verhältnisse geben, die eine rechtmäßige Ehe verhindern?« »So hören Sie, ehe Sie urteilen,« sagte Sabine und setzte sich an die Wiege ihres Mädchens, das ungewiegt nicht schlafen wollte. Und nun erzählte sie kurz, aber mit der beredten Zunge der Erfahrung, ihr grenzenloses Unglück. »So steht's, Madame«, schloß sie ihren Bericht. »Ich bin kein Mädchen und keine Frau. Nur eins fürchte ich sehr, daß ich vielleicht schon jetzt eine Witwe bin. Mein Mann läßt nichts aus dem Felde hören, es geht mit unserer Sache alle Tage schlechter, und wir sind verloren so oder so; entweder wird er getötet oder er muß in die Fremde, Gott weiß wie lange! Nun richten Sie, gnädige Frau, wie Ihr Gewissen spricht!« Mit diesen Worten stand Sabine auf, da das Kind jetzt fest schlief, und wollte die Stube verlassen. Die Dame aber kam ihr zuvor, bot ihr die Hand und sprach: »Verzeihen Sie mir, Frau, ich habe gegen Sie mich verfehlt – zwar nur mit einem Blick, aber ich habe mich schwer verfehlt. Sind Sie mit dieser Abbitte zufrieden?« Sabinens nasse Augen dankten der Matrone für dieses herzliche Wort, und diese redete weiter: »Wieviel sagten Sie betrage die Summe, die Sie brauchten, um Bürger zu werden?« »Hundertfünfzig Gulden,« antwortete Sabine. Eine Ahnung von der Selbstverleugnung, die ihrem Sohne das Leben gerettet hatte, ging erst jetzt wie ein Licht in den Gedanken der Mutter auf. »Mein Sohn,« sagte sie, »hatte doppelt soviel bei sich, als Valentin ihn fand – und Valentin brachte ihn hierher zur Pflege!« »Was meinen Sie damit?« fragte die junge Frau erstaunt. »Sie denken wohl gar, er hätte Ihren Sohn liegenlassen können, um seines Geldes gewiß zu sein? O Gott, Madame, welch ein Unglück ist doch die Armut, daß man ihr sogar zutrauen darf, sie könne schlecht sein und unchristlich handeln!« Im Gemüt verwundet schritt Sabine hinaus und brachte ihren Knaben, den sie von der Schwelle mitnahm, in den Garten zu ihren Schwestern. Die Matrone aber trat zu ihrem Sohn, strich ihm das Haar von der Stirne und blickte ihm liebevoll ins Angesicht. Ihre Hand zitterte noch vor dem Gedanken an die Gefahr, die an ihm vorbeigegangen war, und deren Größe sie erst jetzt durchschaut hatte. »Hast du gehört, Arthur?« sagte sie. »Das Lebensglück dieser Menschen hing daran, daß du starbst, und sie retteten dein Leben! Hundertfünfzig Gulden – es ist gerade soviel, als wir jährlich bei der großen Jagd auf unserem Gute, zu der wir deine Freunde einladen, an dem Madeira verbrauchen, der bloß zum Frühstück genommen wird! Um dieser Summe willen sind zwei Menschen fünf Jahre lang gepeinigt und sittlich erniedrigt worden!« »Liebe Mutter,« antwortete der Sohn, »du bist im Reichtum erwachsen und kennst die junge Welt nicht. Ich habe trotz meiner Jugend mehr draußen gelebt als du, und auf diesem kurzen Feldzug bin ich oft mit meinen Soldaten ins Gespräch gekommen, auch in allerlei Quartieren herumgefahren. Da habe ich manche neue Erfahrung gesammelt; glaube mir, Mutter, der Druck, der diese zwei Herzen zerpreßt, lastet in tausendfach verschiedener Gestalt auf ganzen Millionen unseres Volkes. Aber was du sagst, ist wahr – nur wenige hätten sich gehalten wie diese Leute.« »Du erschreckst mich, Arthur,« sagte die Mutter, »doch du hast recht, ich habe zu wenig auf die Welt außer meinen Kreisen geachtet, um prüfen zu können, ob du nicht allzu dunkel siehst. Ich möchte es auch nicht untersuchen, denn wäre es so, ich trüge es nicht, daß ich Millionen elend wüßte, denen ich nicht helfen könnte. Aber dem einzelnen kann geholfen werden; – wenn wirklich gegen diese Menschen das Schicksal so furchtbar hart gewesen ist, dann bin ich entschlossen, ihr gutes Schicksal zu werden und eine Ausgleichung in ihr Leben zu bringen.« Mutter und Sohn sprachen noch vieles über die Wege, die zu diesem Zwecke die geeignetsten wären. Nach dem Mittagessen besuchte die alte Dame, um vollkommen auf den Grund der Sache zu schauen, nacheinander den Wirt, den Bürgermeister und den Pfarrer des Ortes. Am Abend aber fuhr sie nach Mannheim und von dort, da die Eisenbahnfahrt durch den Kriegslärm gestört war, mit dem Dampfboot nach Straßburg. Am zweiten Abend danach kam sie zurück, fand ihren Sohn schon wieder bedeutend in der Genesung fortgeschritten und teilte ihm das Ergebnis ihrer Erkundigungen mit. Wir finden alle Personen, von denen unsere Erzählung handelt, in den letzten Tagen des Augustmonats in Havre versammelt. Arthur mit seiner Mutter wollte eine Nachkur im Seebade halten; hinter Wlaska aber mit Valentin und ihrem ganzen Hause war Deutschland mit allem Schmerz und aller Not in die Vergangenheit gesunken, und vor ihrem inneren Auge dämmerte das Land der Hoffnung auf: Amerika. Valentin durfte nicht mehr nach Hause zurückkehren: als Bildner und Führer einer Kompanie, die ohne ihn nicht zustande gekommen wäre, konnte er einer endlos langen Untersuchungshaft in den ungesunden Kasematten von Rastatt und später dem Zuchthause nicht entgehen; – da sowohl seine Gesinnung als auch seine tapfere Beteiligung an mehreren Gefechten sich nicht verhehlen ließ, war sogar ein Todesurteil denkbar. Arthurs Familie hatte Verbindungen in den Vereinigten Staaten, und so konnte die Matrone, ohne die Besorgnis, der Armut eine gefährliche Gabe zu schenken, sie zur Auswanderung ermutigen. Es war vorauszusehen, daß Mädchen, so schön und fleißig wie Sabinens Schwestern, dort, wo Frauen von guter Sitte so sehr gesucht werden, nicht bloß passende, sondern sogar glänzende Partien tun könnten. Die Mutter Wlaska nahm freilich schweren Abschied von der alten Welt; es war ihr, als schiede sie nun ganz aus der Lebensgemeinschaft mit ihrem ergrauten Volke; aber der Gedanke, endlich den Wunsch ihres Lebens zu erreichen und wenigstens im Alter noch auf einem ihr eigentümlich zugehörigen Flecke der Welt wohnen und wirtschaften zu können, lockte auch sie zu mächtig. Vor allem aber war für Valentins Tatkraft und Geisteshelle drüben eine ausgedehnte Laufbahn geöffnet. Und doch entschloß Valentin sich von allen am schwersten. Da alle Briefverbindung mit dem Oberlande unsicher war, so schickte man ihm einen klugen Mann aus dem Dorfe als Boten zu, der sich durchs Elsaß bis zur Schweiz durchwand. Er fand die Trümmer der badischen Freiheitsarmee bereits auf fremdem Boden. Valentin empfand ganz das bittere Los des Flüchtlings am Tische des Auslandes, aber dennoch wäre es ihm beinahe als Pflicht erschienen, den großen Kampf der Zeit, dessen Bedeutung er so scharf begriff, in Europa durchzufechten. Gleichwohl sah er klar genug in die Welt hinein, um zu wissen, daß der Kampf, den er führte, der Kampf der Besitzlosen gegen die erdrückende Geldmacht der Gegenwart, überall seine Streiter finde diesseits und jenseits des Meeres, und mit dem festen Entschlüsse, in diesem Kampfe nie zu ermüden, folgte er seinem Landsmann und traf in Straßburg mit seiner Familie zusammen, die auf den Rat der Matrone nur ihr bestes Linnen und Bettzeug mitgenommen, alles übrige aber zu jedem Preise verkauft hatte. Inhaltreiche Gespräche über die schwere Frage der Zeit kürzten die Fahrt im Postwagen. Der verschiedene, oft scharf entgegengesetzte Standpunkt der Parteien machte diese Gespräche höchst anziehend, und doch wirkten sie stets versöhnend, weil man auf dem Boden der Menschlichkeit und eines gegenseitigen guten Willens immer wieder herzlich sich begegnete. In Paris blieb man drei Tage, um den Eindruck der wunderbarsten Stadt der alten Welt in die neue mitzunehmen und in Andacht die Straßen, Plätze und Vorstädte zu besuchen, welche das Gethsemane und Golgatha unserer Tage sind. Dann trug das Dampfboot alle nach Havre herunter. Das Paketboot lag zum Absegeln bereit, Arthur und seine Mutter fuhren noch mit an Bord, um die letzte halbe Stunde mit ihren Freunden zuzubringen. Dort im kleinen Boot, während Sabine ängstlich ihre Kinder behütete und die Dame herzlich mit Wlaska plauderte, setzte sich Arthur mit Valentin auf eine Ruderbank und sagte: »Hören Sie mich nun, Valentin. Sie haben mein Leben gerettet, ich schenke Ihnen dafür Ihr Lebensglück. Verwandte von uns sind vor wenigen Jahren nach Amerika gegangen und haben nahe bei St. Louis sich angesiedelt. Meine Mutter war um Ihretwillen selbst bei Hecker, als dieser vor einem Monat in Straßburg verweilte; er versicherte ihr, daß jene Männer, die er selbst gut kennt, in einer Gegend leben, die in wenigen Tagen ein Paradies sein wird. Empfangen Sie diese Brieftasche, sie enthält die Zahlungsbescheinigung eines Grundstücks, das meine Verwandten im vorigen Jahre in meinem Auftrag für einen Freund gekauft hatten, der aber vor der Abreise starb. In dieser Brieftasche finden Sie ferner Adressen und Empfehlungsbriefe für alle Hauptstädte, durch welche Ihre Reise ins Innere führt. Nach Newyork und zu meinen Verwandten am Missouri trägt bereits ein Dampfschiff unsere Aufträge über Sie, das vor drei Tagen von hier abging. Sie können nicht irren: aber selbst wenn Ihnen ein Verlust begegnen sollte, brauchen Sie sich nur an meine Verwandten zu wenden, bei denen Sie auf mich Kredit haben bis zu einem Betrage, den Sie im ersten Jahre schwerlich überschreiten müssen. Im nächsten Jahre eröffne ich Ihnen einen neuen Kredit, um Ihr Neubruchland und Ihre Herden vergrößern zu können, davon werden Sie auch Sabinens Schwestern aussteuern. Schütteln Sie nicht den Kopf, Valentin, ich schenke Ihnen nichts außer der freien Fahrt und dem Grundstück selbst, und das ist wenig – denn Sie müssen es erst durch eigene Faust urbar machen. Das Kapital dazu schenke ich Ihnen nicht – hören Sie wohl, was ich sage: ich leihe es Ihnen nur, natürlich wie Brüder leihen, ohne Zinsen. Nach zehn Jahren müssen Sie, wenn nicht hartes Unglück Sie trifft, ein Mann sein, den man in Deutschland schon reich nennen würde. Von da an beginnt Ihre Verpflichtung, die Schuld zurückzuzahlen, ich oder meine Familie behalten das Recht darüber zu verfügen, um einer andern Auswandererfamilie damit zu helfen. Und nun das letzte, Valentin. Sie wissen, ich bin reich und aus einem alten Hause, darum gehöre ich der Erhaltungspartei an. Aber mir ahnt, daß diese Partei in Europa fallen wird. Wenn ich, Valentin, oder einer meines Blutes (er stockte bei diesen Worten), wenn vielleicht einmal ein Kind von mir als armer Flüchtling an Ihrem Hause drüben anklopft – Ihre Hand drauf, Valentin, daß Sie oder Ihre Kinder alsdann dieser Stunde gedenken werden!« Die edle Art, mit welcher der Reiche gab, machte dem Armen die Annahme leicht. Valentin schlug, ohne ein Wort zu sprechen, seine Rechte in die dargebotene des Aristokraten. Sie waren am Ziel: das Boot legte an den Flanken des Schiffes an, und alle bestiegen das Deck. Im Flaschenkorbe hatte Arthur noch einige Flaschen Rheinwein und die grünen Römer mitgebracht, die zu ihm gehören; noch einmal in Europa sollten seine Freunde das Edelste genießen, was der alte Weltteil an Naturgaben bietet, und auch die beiden Kinder bekamen ihre Becher vorgesetzt. Die Frauen schauten nicht ohne leises Zittern auf die Flut und dann noch einmal nach dem Lande, wo Havres Türme im blauen Abendduft schwammen; aber Valentins Auge glitt der im Westen verglühenden Sonne auf der Goldbrücke nach, welche diese über das Meer bis zu den Planken des Schiffes warf. Wlaska, die greise Mutter, faßte die Hand der Matrone und goß noch einmal dankend ihr Herz aus für den sanften Lebensabend, den gute Menschen ihr nach harten Stürmen zurüsteten. Aber die Dame sprach mit gerührter Seele: »Danket uns nicht. Ihr tatet mehr an uns als wir an euch, und ich habe vieles bei euch gelernt. Ich habe gelernt, daß die Grundlagen all unseres Lebens hier in Europa nicht mehr fest liegen, weil sie nicht mehr auf Recht und Vergeltung aufgebaut sind. Aber ich habe auch gelernt, daß ein neues Fundament schon gelegt ist in Herz und Gemüt derer, die bisher für die Niederen und Geringen gehalten worden sind – in Herz und Gemüt der arbeitenden Klassen. Stoßen Sie an mit mir, Valentin! Sie haben mich überzeugt und bekehrt, mit mir und meinem Geschlecht geht eine alte Bildung zugrunde, – Valentin, ich grüße in Ihnen den Vertreter der neuen Zeit. Aufs Wohl des vierten Standes! « Aus Valentins Auge drang eine heiße Träne: es war das erstemal, daß ihm aus einem gebildeten Munde eine Anerkennung des Gedankens tönte, auf dessen Altar die tiefste Glut seiner Seele sich verzehrt hatte. Er hob sein Glas und sprach: »So spreche ich Heil dem alten Europa im Morgenschimmer seiner Freiheit und seiner Auferstehung, von den Toten! Heil jenem Frankreich, unserem gelobten Lande, zu dem die Völker mit Sehnen hinaufblicken! Heil meinem Deutschland, das berufen ist, Frankreichs Anfang in der Liebe zu vollenden! Auf Wiedersehen in einem Lande, das keine Sklaverei mehr kennt , es sei in Europa oder in Amerika!« Alle erhoben sich bei diesem Trinkspruch; die grünen Gläser klangen aneinander, und Tränen fielen in den goldenen Wein. Der Abendwind sprang vom Lande auf und schwellte prächtig die französische Trikolore, die soeben am Mast emporflatterte. Der Kapitän trat an die Gesellschaft heran, und mit den Worten: »Meine Damen, meine Herren, es ist Zeit zum Abschied, in fünf Minuten segelt mein Schiff« – schritt er zum Steuermann; die Matrosen stellten sich auf ihren Plätzen bereit und faßten die Taue. Arthur und seine Mutter gingen zur Treppe, die Schiffer im Boot warteten, die Hand am Ruder. Sabinens Kinder umklammerten die Tante und wollten nicht von ihr lassen. Die Dame segnete sie, warf sich noch einmal an Wlaskas Brust und küßte die drei Mädchen auf die Stirne, während Arthur mit seinem Retter den letzten Händedruck wechselte. Die Treppe flog auf, der Kahn tanzte auf den Wellen. In demselben Augenblick breitete das Paketboot seine mächtigen Schwingen aus, der Hauch aus den grünen Tälern der Normandie legte sich spielend in die Segel, das Spriet tauchte tiefer zu den Wogen hinab, und scharf gegen die Stelle, wo das Sonnenbild in der Meerflut versank, wendete sich der schäumende Kiel. Ein Gruß noch, ein Wink weißer Tücher – und der Duft des Abends ließ Schiff und Boot verschwimmen. Nachwort Gottfried Kinkels' reiche Schaffenskraft schenkte uns nur vier Erzählungen. Alle atmen Kampfstimmung; nirgends ruhiges Genießen in stiller Beschaulichkeit. Heiße Liebe oder tiefer Haß lodert empor, und kühner Mut sucht enge Fesseln verlogener Sitte und veralteten Rechtes abzuschütteln. Überall Unrast, Unruhe, ein Meiden und Suchen, trotziges Aufbäumen und bitteres Dulden und erst nach hartem Kampf ein schwererrungener Sieg. Kinkel gibt damit eigenstes Empfinden wieder; für ihn bedeutete leben eben kämpfen. Als armer Privatdozent der Theologie mußte er all seine Kräfte anspannen, um sich durchzuschlagen. Von seinen Eltern hatte er keine Reichtümer erben können. Sein Vater war Pfarrer in Oberkassel bei Bonn; dieser hatte sich nach dem Tode seiner ersten Frau mit Maria Beckmann vermählt und war ein Sechzigjähriger, als am 11. August 1815 Gottfried geboren wurde. Der alte Herr überließ den Jungen der strengen Obhut der bedeutend jüngeren Mutter und seiner um sechs Jahre älteren Schwester Johanna, die es sich dadurch angewöhnt hatte, ihren Bruder auch dann noch zu bevormunden, als er schon lange Privatdozent war. Gottfried wurde in strenggläubig-pietistischem Geiste erzogen. Nach glänzend bestandener Prüfung am Gymnasium zu Bonn wurde er als stud. theol. am 19. Oktober 1831 an der Universität dieser Stadt immatrikuliert. Herbst 1834 setzte er sein Studium in Berlin fort, aber schon August 1835 rief ihn die schwere Krankheit seiner Mutter zurück, die ihm drei Monate später durch den Tod entrissen wurde. Sein hochbetagter Vater, der wohl 1832 seine Pfarrei zu Oberkassel niedergelegt hatte und nach Bonn gezogen war, kränkelte seit längerer Zeit und starb Februar 1837 im Alter von einundachtzig Jahren. Während dieser traurigen und leiderfüllten Zeit, voller Sorgen und Aufregungen, bereitete sich Kinkel zum Lizentiatenexamen vor, das er am 7. April 1837 bestand. Zwar spornte ihn sein rastloser Ehrgeiz an, nach erfolgter Habilitation am 26. Juli trotz des nahen Semesterschlusses als zweiundzwanzigjähriger Privatdozent seine Vorlesungen über die Zeitgeschichte des Neuen Testamentes zu beginnen, aber diese im Wintersemester 1837/38 fortzusetzen, hinderte seine angegriffene Gesundheit. Er suchte in Italien Erholung und beschäftigte sich besonders in Rom und Neapel mit dem Studium christlicher Kunstgeschichte. Frühling 1838 kehrte er nach Deutschland zurück und nahm seine Vorlesungen wieder auf; außerdem wirkte er als Religionslehrer am Bonner Gymnasium und nahm 1840 auch noch die Hilfspredigerstelle der evangelischen Gemeinde in Köln an, wohin er jeden Sonntag fuhr. Aber schon im Oktober desselben Jahres verlor er dieses Amt, und bald darauf verabschiedete ihn auch in Bonn die Thormannsche Privatmädchenschule, an der er Religionsunterricht erteilte. Seine Entlassung verdankte Kinkel spießbürgerlicher Klatschsucht und orthodoxer Unduldsamkeit. Man hatte es dem jungen evangelischen Theologen nicht verzeihen können, daß er sich mit einer geschiedenen Katholikin verlobt hatte. Man war um so mehr entrüstet, als er eben wegen dieser Frau sein Verlöbnis mit Sophie gelöst hatte, der Schwester seines Schwagers Wilhelm Bögehold, der Pfarrer war. Kinkel hatte seinerzeit Sophie die Hand gereicht, um einen Lieblingswunsch seiner Schwester zu verwirklichen und dann wohl auch, weil die sanfte Freundlichkeit dieses Mädchens ihn bittern Herzenskummer vergessen ließ, den ihm seine Base Elise H ... angetan hatte. Es war die alte Geschichte von zwei jungen Leuten gewesen, die weiche Stimmung und zärtliches Mitleid für Liebe gehalten und umschauert vom tiefen, unerforschlichen Geheimnis menschlichen Sterbens ihren Bund an der Totenbahre ihres Bruders und Vetters geschlossen hatten. Als aber greller, nüchterner Alltag erschien, verjagte kühler Verstand die bunten Liebesträume eine jungen Herzens. Elisa H ... schrieb an Gottfried, der damals in Italien weilte, sie bäte ihn, ihr Verlöbnis zu lösen, da er als armer Theologe doch nicht so bald Aussicht auf feste Anstellung hätte und außerdem sich ein wohlhabender Arzt um ihre Hand beworben habe. – Selbst Italiens sonniger Himmel ist düster und trübe, wenn die Sonne der Liebe im Kerzen erlischt ... In Johanna Matthieux hatte Kinkel endlich die geistig ebenbürtige, ihn feinfühlig verstehende Frau gefunden, die seine reiche Schaffenskraft zu immer neuen Blüten erweckte. Schon vor langen Jahren hatte Johanna, die Tochter des Bonner Gymnasiallehrers Mogk, trotz flüchtiger Begegnung auf den zehnjährigen Gottfried tiefen Eindruck gemacht, der nur verstärkt wurde, als der junge Privatdozent sie im Frühling 1839 in Bonn auf einer Gesellschaft zum erstenmal wiedersah. Kinkel fühlte sich zu der fünf Jahr älteren, lebhaften und geistreichen Frau ungemein hingezogen. Gleiche Begeisterung für Musik und Dichtkunst ließ bald zwischen beiden gute Freundschaft entstehen, die Johanna ganz besonders deshalb zu schätzen wußte, weil sie in dem jungen Theologen einen Menschen gefunden hatte, dem sie ohne Scheu und voller Vertrauen die Zerrissenheit ihrer Seele offenbaren konnte. In der Jugend von den Eltern als einzige Tochter bald zu nachsichtig, bald zu streng angefaßt, abgestoßen von den leeren Zeremonien der katholischen Religion, beschäftigte sie sich nur ungern – sehr zum Verdruß der Mutter – mit hausfraulichen Arbeiten, ganz erfüllt von leidenschaftlicher Liebe zur Musik. Da die Eltern ihrer ausgezeichneten Veranlagung nur geringes Verständnis und wenig Förderung entgegenbrachten, beschloß Johanna, in der Hoffnung, sich in der Musik weiter ausbilden, dem Zwange des Elternhauses entrinnen und dem quälenden Druck einer veräußerlichten Religion entgehen zu können, dem Drängen der Eltern und Verwandten nachzugeben und einem ihr innerlich gleichgültigen Manne die Hand zu reichen. Die Ehe mit dem Kölner Buchhändler Matthieux war eine völlige Enttäuschung. Keine ihrer Hoffnungen ging in Erfüllung; es stellte sich täglich immer mehr heraus, daß ein Zusammenleben der beiden Gatten unmöglich war, und Frühling 1833 verließ Johanna nach kaum einhalbjähriger Ehe ihren Mann und kehrte zu ihren Eltern nach Bonn zurück. Später siedelte sie nach Berlin über, um sich dort dem Studium ihrer geliebten Musik zu widmen, und sah Bonn nach drei Jahren wieder, 1839, als es ihr möglich geworden war, mit Erfolg die gerichtliche Scheidung einzuleiten. Nun veranstaltete Johanna als »Direktrice« des von ihr gegründeten »Bonner Gesangvereins« allwöchentliche Proben, die jedoch, besonders unter Kinkels Einfluß, immer mehr den Charakter eines literarischen Lesekränzchens annahmen, so daß man schließlich auf Veranlassung Johannas am 29. Juni 1840 den »Maikäferbund« gründete, dessen Leitung sie übernahm. Man besprach dort literarische Neuerscheinungen, las mit verteilten Rollen Dramen vor oder führte sie auf, die dann von Johanna, falls es der Gegenstand zuließ, mit musikalischen Einlagen versehen wurden. Die Mitglieder, z. B. Geibel, Simrock, Freiligrath, Alexander Kaufmann, Nikolaus Becker, Willibald Beyschlag u. a., legten auch eigene Arbeiten vor, und gerade Johanna schrieb ihre besten Novellen für den »Maikäferbund«. Tapfer hatten bisher Frau Matthieux und Kinkel gegen ihre stets wachsende Zuneigung zueinander angekämpft, als ein Ereignis eintrat, daß ihre verschlossenen Lippen beredt machte, ihre gegenseitige Liebe zu gestehen. Bei einem Bootsausflug, den Frau Matthieux und Kinkel am 4. September 1840 unternahmen, wurde der Kahn durch die Wellen eines Rheindampfers zum Kentern gebracht, und Kinkel gelang es nur mit letzter Anstrengung, seine Gefährtin vor sicherem Ertrinken zu erretten. Die Freude, düsterem Tode entronnen und sonnigem Leben wiedergeschenkt zu sein, die Einsicht in die Torheit, Flammen des Herzens spießbürgerlicher Moral zuliebe ersticken zu wollen, rissen die trennende Schranke kühlen Verstandes darnieder, und heiße Leidenschaft stammelte selig-süße Geständnisse. Als Kinkel seine neue Verlobung mit Johanna bekanntgegeben, nachdem er die alte mit Sophie gelöst hatte, mußte er nur allzubald die strafende Macht verletzter spießbürgerlicher Moral fühlen. Aber weder Amtsentsetzung noch Verleumdung konnten den »Bund des Todes« auch nur im geringsten erschüttern«. Die beiden Liebenden ertrugen trotzig-kühn bittere Leiden und schwere Sorgen, die leider auch dann nicht aufhören sollten, als das junge Paar nach dreijähriger durch den Code Napoléon vorgeschriebenen Wartezeit – Johanna war inzwischen zum Protestantismus übergetreten – am 22. Mai 1843 in einfacher, schlichter Weise in der Privatwohnung des Pfarrers Wichelhaus in Bonn getraut wurde. Während seines Brautstandes hatte Kinkel sein schönstes Werk geschrieben: »Otto der Schütz«, entstanden innerhalb dreier Monate »im Rausch seiner neuen Liebe«, zum erstenmal vorgelesen und feierlich preisgekrönt auf dem ersten Stiftungsfest des »Maikäferbundes«. Nicht so reichlich wie in diesem Epos von zwölf Abenteuern, auch nicht so durchsichtig, hatte Kinkel in seinem fünfaktigen historischen Trauerspiel: »König Lothar von Lotharingien« (1842) ebenfalls eigenstes Erlebnis und Empfinden hineingeflochten: den aufreibenden Kampf zwischen Pflicht und Liebe, zwischen starrem Gesetz und freier Neigung, zwischen kühlem Verstand und heißer Leidenschaft. Aber mehr noch als in diesen beiden Werken verrät uns Kinkel sein Denken und Fühlen, sein Fürchten und Hoffen, sein Lieben und Hassen in der Gedichtsammlung, die er März 1843 kurz vor seiner Vermählung herausgab. In demselben Jahre vollendete er seine Erzählung »Der Traum im Spessart«, durchflutet von pantheistischer Weltanschauung. Hier hatte sich der evangelische Theologe von den drückenden Fesseln enger Dogmatik befreit, die er auch in der Wissenschaft zwei Jahre später von sich warf. Innerste Veranlagung war lauterer Wahrhaftigkeit gefolgt und siegreich zum Durchbruch gelangt. Obwohl von Jugend auf einseitig religiös erzogen und zum Theologen bestimmt, konnte trotzdem der Schüler und Student vorübergehenden Anfechtungen und Zweifeln nicht entgehen. Als der junge Privatdozent durch Johanna zu weltlicher Dichtung angeregt und mit einer künstlerisch-freien Lebensauffassung bekanntgemacht wurde, wuchs sein Zwiespalt, der ihn schließlich nach aufreibenden Kämpfen und quälenden Zweifeln zur Abkehr vom positiven Christentum und zum Bekenntnis eines religiösen Eklektizismus führte. Zunächst legte er Frühling 1844 sein Amt als Religionslehrer am Bonner Gymnasium nieder und trat 1845 zur philosophischen Fakultät über, hielt kunst- und kulturgeschichtliche Vorlesungen und schuf damit den ersten akademischen Lehrstuhl für moderne Kunstwissenschaft. Zwei Jahre später wurde Kinkel zum außerordentlichen Professor ernannt; wenn auch das Gehalt recht bescheiden war, so schien doch endlich sein Lebensschifflein dem sicheren Hafen entgegenzusteuern. Da brach der Sturm von 1848 herein. Kinkel gehörte zu der Schar jener Männer, die den Traum eines Völkerfrühlings verwirklichen wollten. Mit Wort und Tat kämpfte Kinkel für sein Ideal: die Einheit Deutschlands auf freiheitlicher republikanischer Grundlage. Er entfaltete eine rührige Tätigkeit. Er gründete 1848 den »Demokratischen Verein« und übernahm die Schriftleitung der »Bonner Zeitung«, die er zum Organ der demokratischen Partei machte; weiterhin brach der nimmermüde Kopfarbeiter eine Lanze für das Handwerk durch Gründung des »Handwerkerbildungsvereins« und durch Herausgabe seiner Schrift »Handwerk errette dich«. Im Februar des nächsten Jahres wurde Kinkel als Vertreter des Bonner Landkreises in die zweite preußische Kammer gewählt und nach Berlin entsandt. Im April nach Bonn zurückgekehrt, wurde Kinkel von den hochgehenden Wogen politischer Erregung erfaßt und in die wilde Brandung hineingerissen. Obwohl er die völlige Zwecklosigkeit eines Angriffes auf das Siegburger Zeughaus einsah, machte er dennoch am 10. Mai 1849 den »Sturm« mit, um nicht wortbrüchig zu erscheinen. Der Anschlag scheiterte, und Kinkel mußte fliehen; er ging nach Kaiserslautern, arbeitete auf dem dortigen Militärbureau und trat schließlich als Gemeiner in das Willische Freikorps ein. Zehn Tage später, am 29. Juni, wurde er bei Durlach an der Murg verwundet, gefangengenommen und in die Kasematten von Rastatt gebracht. Hier schrieb er »Die Heimatlosen« und kurz nach seiner Verteidigungsrede, da er sein Todesurteil erwarten zu müssen glaubte, die beiden bekannten Gedichte: »Vor den achtzehn Gewehrmäulern« und »Mein Vermächtnis«. Kinkel stand als Politiker in seinen Anschauungen über seiner Zeit; er war ein kerndeutscher Mann, dem die kraftvolle Einheit eines mächtigen Deutschlands alles galt; obwohl überzeugter Demokrat, war er nicht so engherzig und beschränkt, die Erreichung seines heißerstrebten Zieles nur von seiner Partei und deren Programm abhängig zu machen; denn ihm war Partei nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck. Obwohl der wütende Haß der Militärpartei die Verurteilung Kinkels zu lebenslänglicher Festungshaft als ungesetzlich ansah, da auf sein Vergehen die Todesstrafe hatte erkannt werden müssen, wurde Kinkel dennoch durch Allerhöchste Kabinettsorder vom 13. September zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Aber nur ein Jahr brauchte Kinkel hinter den Kerkermauern von Naugardt und Spandau zu verbringen, als ihm am 6. November 1850 die Befreiungsstunde schlug. Sein Retter war sein begeisterter Schüler und treuer Freund Karl Schurz. Eine abenteuerliche Flucht gelang; von hilfsbereiten Gönnern unterstützt erreichten sie Rostock und kamen über Edinburg nach London. Bereits einen Monat später (Januar 1851) siedelte Johanna mit den Kindern dorthin über. Eine harte und sorgenschwere Zeit brach über die Flüchtlingsfamilie herein. Kinkel, der es in stolzer und vornehmer Weise verschmähte, aus den Lorbeeren politischen Märtyrertums Kapital zu schlagen, gab unermüdlich Sprach- und Literaturkurse und hielt Vorlesungen über Literatur und Kunstwissenschaft, während Johanna ihrerseits durch Erteilung von Musikunterricht auch ihr Scherflein beisteuerte zur Bestreitung des Haushaltes, den sie voller Geschick und treuer Hingabe leitete. Anmutig und fesselnd hat sie Freud und Leid der Londoner Jahre in ihrem Roman »Hans Ibeles in London« geschildert. Als ihre sich immer günstiger gestaltende Lage sorgloseres Schaffen ermöglichte, blühte auch Kinkels Dichtung wieder auf, der 1857 in seinem Tendenzdrama »Nimrod« ein anschauliches kulturgeschichtliches Gemälde frühester Staatenentwicklung entwarf. Es war sein letztes größeres Dichtwerk. Tiefster Schmerz und bitterstes Leid sollten nur zu bald seinen Mund verschließen. Am 15. November 1858 verunglückte Johanna tödlich durch einen Sturz aus dem Fenster. Ob Zufall oder Absicht – wohl niemals wird sich der dichte Schleier dieses düstern Geheimnisses heben. Obwohl Kinkel wußte, daß dieser herbe Verlust für ihn unersetzlich sei, ging er dennoch Mai 1860 seiner Kinder wegen eine neue Heirat ein. Seine Wahl fiel auf eine deutsche Erzieherin, Minna Werner aus Königsberg. April 1868 wurde Kinkel als Professor der Kunstgeschichte und Archäologie an das eidgenössische Polytechnikum zu Zürich berufen. Unermüdlich stellte er seine reiche Schaffenskraft in den Dienst dieser Schule, indem er sich vorzugsweise mit kunstgeschichtlichen Arbeiten beschäftigte. Seit 1871 hielt er jährlich einmal, seit 1876 sogar zweimal, im Frühling und Herbst, Vorträge in Deutschland, ohne ausdrücklich amnestiert zu sein. 1882 unternahm er in völliger Frische eine Reise nach Mailand, Mantua und Venedig, als ihn plötzlich am 8. November ein Schlaganfall heimsuchte, dem er fünf Tage später erlag. Ein gefeierter Dichter, bekannter Politiker und beliebter Lehrer war dahingegangen. Ein arbeitsreiches Leben voller Sorge und Leid, aber auch voller Glück und Freude hatte seine letzte Ruhe gefunden. Umringt von Freundschaft, umtobt von Haß, aber auch umgeben von begeisterter Verehrung und umhüllt von tiefer Liebe war Gottfried Kinkel unbeirrt um Lob oder Tadel immer dem leuchtenden Stern lauterster Wahrhaftigkeit gefolgt, trotzigkühn enge Fesseln sprengend, die Herz oder Verstand knechten wollten: Du und die andern mögt mich schelten, Der droben läßt mich's nicht entgelten, Daß ich in kühnem Selbstvertrauen Die schnöden Ketten durchgehauen!               (Otto der Schütz. 9. Abenteuer) Berlin, September 1921. Hans Kliche