Adolph Freiherr Knigge Die Verirrungen des Philosophen oder Geschichte Ludwigs von Seelberg. Der Zweck dieses Buchs ist: zu zeigen, wie früh schon im Menschen der Grund zu großen, edeln Handlungen sowie zu unzähligen Irrthümern und Vergebungen gelegt werden kann;   es anschaulich zu machen, daß jedes Stämmchen in Gottes segenreichem Boden gedeihen, grade aufwachsen, blühen und die herrlichsten Früchte tragen müßte, wenn es gehörig gewartet und gepflegt würde – nicht Alle Früchte einerley Art, aber Alle gute, schöne Früchte; daß aber diese Wartung von Erziehung und Schicksalen und von der Richtung abhängt, welche unsre Leidenschaften dadurch bekommen – unsre Leidenschaften, ursprünglich die wohlthätigsten, reinsten Triebe und Federkräfte, nur dann gefährlich und Unordnung anrichtend, wenn eine vor der andern voraus zu viel genährt, gereizt, verwöhnt und dadurch ihre Harmonie untereinander zerstört wird;   darzuthun, daß ebendies schon sehr früh bey der Bildung des Kindes und Jünglings geschieht; daß alsdann die zu mächtig gewordenen Triebe die andern niederdrücken, nach und nach unsers ganzen Wesens sich bemeistern, unsern Weltlauf lenken und uns Schicksale auf den Hals laden, deren keines von ungefähr kömmt, die aber endlich das aus uns machen, was wir in den Augen des Volks sind;   zu beweisen, daß durch unsre jedesmaligen Gefühle unsre Systeme von Moralität unmerklich umgebildet werden, wir dann alle menschliche Dinge durch eine Zauberlaterne ansehen und in dieser Verblendung zuweilen das Kleinste unendlich groß, das Wichtigste äußerst gemein und unbedeutend, das ewig Wahre zweifelhaft und irrig, das Widersprechendste hingegen erwiesen wahr finden; daß auch der konsequenteste Mensch selten von Haus aus die Systeme zu seinen Handlungen auf allgemein unwandelbare Grundsätze bauet, sondern sich seine Grundsätze nach den geheimen Wünschen seiner versteckten Leidenschaften modelt; daß wir dadurch Alle, mehr oder weniger, Sophisten werden, und daß kein System so albern, so unsinnig, so widernatürlich ist, daß nicht auch der verständigste Mann dasselbe in einer von seinen Perioden sich und Denen, die so wie er fühlen, annehmlich, süß und zusammenhängend darstellen könnte; daß aber ein solches noch so fest besponnenes System oft in einem einzigen Augenblicke von neuer Erfahrung wieder zusammenfällt oder das Opfer einer andern frischgereizten, aufgeweckten, verborgen gewesenen Leidenschaft wird;   zu lehren, daß eben daher die unzähligen Widersprüche in den Handlungen der Menschen nach Zeit, Ort, Gelegenheit und Antrieb und die Verschiedenheiten der Meinungen, selbst unter den Weisen, über das, was moralisch gut, nützlich, möglich und wünschenswerth ist, entstehen;   zu Beförderung der Duldung und Bruderliebe zu zeigen, wie das Urtheil des Publikums über den Werth und Unwerth eines Mannes und über die Konsequenz seiner Handlungen gewöhnlich nur nach dem Gegenwärtigen, vor Augen Liegenden sich richte, ohne Rücksicht zu nehmen auf jene Ursachen, durch die er zu Handlungen bestimmt wird;   zu erinnern, daß wir nicht immer Denjenigen für den Schwächsten halten sollen, der oft das System seiner Meinungen und Handlungen zu ändern scheint, sowie nicht immer Denjenigen für den Festesten, der stets in dem nämlichen Gleise bleibt, weil wir selten Veranlassung, Antrieb, stufenweise Entwicklung zu sehn im Stande sind, weil wir selbst in unserm Urtheile durch Sympathie, Gefühl und Leidenschaft geleitet werden und weil Einer mehr als der Andre von Außen her in einen Wirbel hineingetrieben wird, Einer auch mehr als der Andre uns sein Inneres öffnet und sich durchschauen läßt;   zum Trost Derer, die Frieden und Ruhe suchen, zu beweisen, daß es dennoch einen graden, unwidersprechlich richtigen Weg zur Wahrheit und unwandelbaren Glückseligkeit gibt, den jeder verständige, nach Vollkommenheit ringende und nicht ganz verwahrlosete Mann finden kann und sicher finden muß, wenn er genau prüft, soviel in jeder Periode des Lebens die Umstände es erlauben, wenn er mit Ernst und gutem Willen sucht, wenn Alter und Erfahrung endlich das wilde Feuer gedämpft und die Fantome zerstreuet haben (es müßte denn gar zu früh eine gehegte Leidenschaft ihn in einen solchen Zusammenfluß von unglücklichen Verhältnissen versenkt haben, daß er sich von dem entschiedenen Wege des Verderbnisses wegzureißen nicht mehr vermöchte); daß, wenn ihm aber die Augen des Verständnisses aufgehn, er alles um sich her im wahren Lichte sieht, nicht getäuscht, nicht irregeführt werden kann, immer bescheiden, aber sicher, richtig und weise urtheilt, alles mit Liebe umfaßt, ihn nichts wundert, er nie vor etwas zurückbebt, nach keinen Schatten greift, nie ängstlich sucht, nie unvorsichtig sich hinzudrängt, dankbar und froh aus Allem Wonne zu schöpfen, aber mäßig auch das Anlockendste sich zu versagen und mitten im Genusse zu entbehren weiß, nie Gewalt überspannt, nie Kräfte schlafen läßt, nicht zweifelt, nicht nachlallt, duldet ohne zu billigen, erträgt ohne Theilnahme, für Andre lebt und sich doch nicht aufopfert, das Verborgene ehrt und das Begreifliche ergründet, nur das Mögliche fordert, nur nach dem wahrhaftig Wünschenswerthen sich sehnt – daß dies dann die Vollendung des Mannes in dieser Welt, der Segen ist, den die Vorsehung den wenigen Bessern zusichert, die sich hier ihre Erfahrungen, die Erziehung des Schicksals, zu einer größern Laufbahn jenseits des Grabes zu Nutze machen wollen – Dies alles zu zeigen, ist der Zweck meines Buchs, der Geschichte Ludwigs von Seelberg .   Neue moralische Wahrheiten, die uns noch nicht offenbart wären, gibt es wohl nicht; also erwarte man auch hier dergleichen keine; die Art der Zusammensetzung und Darstellung aber kann einer sehr alten, nur oft vergessenen, vernachlässigten Lehre neue Fruchtbarkeit geben – ich wünsche, daß dies hier der Fall seyn möge. Ob, was hier erzählt wird, wirkliche Begebenheiten sind? – Leser! was in dieser Welt möglicher Weise geschehen kann, das ist auch gewiß geschehen oder geschieht in der Folge der Zeit – Aber noch mehr! Ich liefere größtentheils Skizzen von dem Gewebe meiner eigenen Empfindungen und herrschenden Leidenschaften, Geschichte meines eigenen, oft irregeführten Herzens – nicht, daß ich in meinem unruhigen Leben in alle diese Labyrinthe des Verstandes und Herzens gerathen wäre, durch welche ich den Held meiner Geschichte führe, aber doch in viele derselben, und wahrlich! es ist nicht mein Verdienst, wenn andre Einwirkungen, andre Begebenheiten mich bey den nämlichen ausgebildeten Anlagen zum Bösen nicht grade den schlimmsten Weg geführt haben – Leser! ich schäme mich dieses offenherzigen Geständnisses nicht. Jetzt, vielleicht bald am Ende meiner irdischen Laufbahn oder wenigstens, wie ich gewiß hoffe, am Ende meiner Verirrungen, möchte ich nicht gern besser scheinen, obgleich ich gern besser wäre, als ich bin, und sollte dies Geständnis von einer Seite in den Augen Mancher mich herabsetzen, die entweder bis itzt eine bessere Meinung von mir gehabt haben, als ich verdiene, oder die nicht möchten, daß es Mode würde, anders als im Feierkleide, wohl ausgepolstert, aufgeputzt, geschminkt, auch, nöthigen Falls, mit geborgten Zähnen und Augen von Porzelain im Publiko zu erscheinen, und die keinen Sinn dafür haben, daß man ohne Unverschämtheit und ohne Unverstand sich so zeigen könne, wie man ist, so werde ich von der andern Seite gewiß bey einfacher Gesinnten gewinnen, die sich gern vertraulich an einen arglosen Mann schließen, der keine versteckte Waffen unter dem Rocke trägt, um Arm in Arm mit ihm den kleinen Rest des Lebens durchzuwandeln – und diesen guten, lieben Menschen biete ich dann hier brüderlich die Hand – Findet Ihr irgendein heilsames Trostwort in dieser Geschichte, ein Wort, das Balsam gießen könnte in die geheimen Wunden Eurer Herzen; seyd Ihr je in ähnlichen Lagen gewesen; habt Ihr je gekämpft, wogegen ich gestritten habe und zum Theil noch streite; hat je Eure warme Fantasie Euch auf Abwege geführt, ein falsches Irrlicht Euch dahin gelockt, wo Euer Fuß bey dem leisesten Tritte sich in Dornen verwundete; ist je Eure emporstrebende Vernunft in verbotene Gebiete gerathen, in welchen heiliger Schauer Euch ergriff bey dem blendenden Feuerglanze, der Euch entgegenströmte, indes dicke Nebel den Rückweg bedeckten; seyd Ihr in überspannten, süßen Hoffnungen betrogen, in kindischem Vertrauen getäuscht, aus dem wonnevollsten Traume mit Ungestüm aufgeschreckt worden; wankte Euer Schritt oft auf dem ebensten, gebahntesten Wege; stürzte bey dem leichtesten Hauche des heißen Mittagswindes zuweilen der Palast ein, an welchem Ihr eine halbe Lebenszeit gebauet hattet; riß je eine geheime Macht Euch dahin, wovor Ihr so lange geflohen wäret, wo Kummer und Reue Eurer warteten; wichen auch die Geprüftesten weit von Euch, sobald Ihr Hilfe bedurftet; verließen Euch Bruder und Kind, wenn die Hand des Schicksals Euch dräuete; verriethen Euch Die, denen Ihr Euch aufgeopfert hattet; trat Euch Der mit Füßen, der Euer Brot aß; zog Der den Dolch gegen Euch, der so lange sicher an Eurem Busen geschlummert hatte – so leset diese Geschichte und erfahret, daß die Sorgfalt des liebevollsten Vaters aller Kreaturen dies alles zu Eurer größern Vervollkommnung zu lenken weiß und daß, wenn es Euch ernstlich darum zu thun ist, Ihr nach vollendeter Erziehung ein Glück schmecken werdet, das ohne Wechsel ist. Und nun noch ein vielleicht verlornes Wort für den lesenden großen Haufen! Ich habe, glaube ich, vorhin gesagt, daß die Begebenheiten, welche ich erzähle, nicht grade so, wie sie da stehn, wahr noch wirklich vorgegangen sind, und eben das gilt auch von der Existenz der Personen, welche ich schildere. Die Züge dazu sind freilich aus der wirklichen Welt entlehnt; aber die Zusammensetzung ist mein eigenes Werk, doch kann es gar leicht seyn, daß irgendwo Menschen leben, denen meine Gemälde vollkommen gleichsehen. Absichtlich habe ich indessen nicht Einen Menschen nach dem Leben gezeichnet, obgleich ich das im Grunde gar nicht für unrecht halte, es auch nicht übel aufnehme, wenn man mir ein Gleiches thut, fest überzeugt, daß man Nachsicht und Duldung haben könne, ohne blind und stumm zu seyn, und daß Krankheitsgeschichten sehr viel zum Vortheil der Arzeneikunde beitragen. Diese Erinnerung könnte überflüssig scheinen und würde es auch seyn, wenn nicht unverständige und müßige Menschen bis itzt sich ein Geschäft daraus gemacht hätten, in meinen Schriften Anspielungen auf einzelne Personen ihrer Bekanntschaft zu suchen, welche Mühe ich ihnen künftighin gern ersparen möchte – Doch haben sie, wie sich das versteht, darin auch diesmal ihren freien Willen. Endlich, was den literarischen Werth betrifft, den dies Buch, als Roman betrachtet, haben könnte, so gestehe ich, daß ich denselben gern dem Freicorps der Rezensenten preisgebe und von dieser Seite ohne große Ansprüche bin. Gelobt und geschimpft sind meine Schriften bis itzt vielfältig worden (je nachdem die Herrn Kunstrichter meiner geringen Person wohlwollten oder nicht, und je nachdem die Rezension vor oder nach Tische verfertigt war), beurtheilt (welches freilich heut zu Tage ganz etwas andres ist als rezensiert ) hat man sie selten, auch haben die guten Herrn zu dieser Arbeit gewöhnlich weder Kenntnis noch Geschick, noch Erlaubnis, noch Beruf. Es wird also auch wohl diesem Büchelchen nicht besser gehn, welches mir denn sehr gleichgültig ist, insofern ich nur damit den Zweck erlange, den ich vorhin entwickelt habe. Erster Theil Erstes Kapitel Ludwigs Vater war ein begüterter Cavalier in Sachsen, ein Mann, der fast alle Fehler einer vornehmen und reichen Erziehung mit sich herumtrug. Verzärtelt an Seele und Leibe; gewöhnt, seinen Leidenschaften keine andren Grenzen zu setzen als höchstens die der Nothwendigkeit, und auch diese mit Murren und großem Kampfe; eingenommen von seinen in der That nicht geringen Fähigkeiten; durch Schmeicheley zu allem zu bewegen und zu stimmen, sowohl im Handeln als im Urtheilen; durch den geringsten Widerstand oder Widerspruch aber und durch den kleinsten Mangel an Huldigung und Aufmerksamkeit auch gegen die edelsten Menschen und gegen die beste Sache einzunehmen, und so lange unversöhnlicher Feind, bis der Gegner die Waffen streckte, und dann der partheiische Beschützer des Überwundenen; arbeitsam, kühn, unternehmend und fest im höchsten Grade, mit Überwindung aller Schwierigkeiten, wo hellklingender Ruhm einzuernten war; faul, augenblicklich abzuschrecken, kleinmüthig und furchtsam in Geschäften, die nichts einbrachten als die stille Beruhigung, Gutes gethan zu haben, und wobey er sich hätte compromittieren können; gefühlvoll und menschenliebend, theils in den Aufwallungen seines warmen Bluts, theils in Augenblicken, wo eine befriedigte Lieblingsleidenschaft die Ehre vom Hause machte, und dann herzlich zufrieden mit Gottes schöner Welt; theilnehmend, leicht zu rühren, aus Reizbarkeit schwacher, kränklicher Nerven; immer zu Hilfe eilend, wo die Sache sich mit Gelde ausmachen ließ; weniger bereitwillig, wo ein herzerschütternder Anblick zu erwarten war; zurückbebend vor allem, was widrige Eindrücke auf seine feinen Organe machte; bey Unglücksfällen, die er sich selbst zugezogen, immer sein böses Gestirn, die Vorsehung und andre Menschen anklagend; bey kleinen Schmerzen und Widerwärtigkeiten sogleich aus aller Fassung gebracht; bey größern hingegen mit einem fantastischen Heroismus bewaffnet, den Eitelkeit und Stolz ihm als ein feuriges Schwert in die Hand gaben, und das augenblicklich der Faust entschwand, sobald der Rausch, die Überspannung vorüber war, der Arm ohnmächtig hinsank oder ein unvorhergesehener Feind ihm grade auf den Leib ging; verständig, hellsehend, tiefeindringend, sobald Leidenschaft nicht die Augen blendete; witzig, zum Spotte und bey gereizter Eitelkeit, nie aus wahrem, echtem Humor; mißtrauisch aus Bewußtseyn eigener Schwäche, also nicht eigentlich gemacht, das Glück der Liebe und Freundschaft zu theilen, aber in beiden blindlings und unvorsichtig sich hingebend dem, der ihm schmeichelte, nicht, daß er recht fest geglaubt hätte, man meine es redlich, aber weil er sich gern täuschte, um einen Augenblick von Genuß zu haben, über welchen er sicher zu erwartende Jahre voll Nachwehe vergaß; verschwenderisch aus Mangel an kalter Überlegung und Überrechnung und dann, durch Verschwendung gezwungen, geizig, wo der Sparsame mit vollen Händen geben kann; unaufhörlich von Launen regiert, wovon die, welche um ihn lebten, alle Ebben und Fluthen aushalten mußten; wollüstig und gierig, um im immerwährenden Genusse sein Ohr gegen die Stimme der anklagenden Vernunft zu übertäuben, fand er doch bald alle Freuden, besonders die einfachem, langweilig, ermüdend, schnappte unaufhörlich nach Abwechselung, hatte täglich neue Liebhabereien und darbte, wo Andre schwelgen – Und dann in den wenigen, kurzen, nüchternen, seligem Augenblicken, wo sein besserer Genius ihn fest in seine Arme schloß, voll Reue, sein Unrecht einsehend, beweinend, voll Scham, Verleugnung und Demuth, werth ganz und immer zu seyn, wozu ihn Gott und die Natur aufgerufen hatten – So war Ludwigs von Seelberg Vater, und hast Du, lieber Leser! viel vornehm und reich erzogene Menschen genauer kennengelernt, so wirst Du wohl die mehrsten unter ihnen diesem Bilde mehr oder weniger ähnlich gefunden haben. Ludwigs Mutter war die Tochter des Obristen von Treubaum, eines biedern, redlichen und verständigen alten Officiers, der, nachdem er sein Vermögen, seine besten Jahre und seine Gesundheit im Dienst eines großen Königs zugesetzt hatte, endlich, da er sich nach Ruhe sehnte, in dem Schoße seiner Familie das Ende seiner mühseligen Laufbahn erwarten wollte. Er forderte desfalls seinen Abschied und nahm die Liebe und Achtung der Armee und ein gutes, reines Gewissen mit sich in seine Hütte, in welcher er mit seiner Frau und mit Wilhelminen, seiner einzigen Tochter, von der kleinen Pension lebte, die sein Fürst ihm reichen ließ. Dahin nun kam Seelberg auf einer seiner Reisen, im vollen Schimmer des Reichthums, kramte als ein feiner Weltmann allerley angenehme Talente und edle Grundsätze aus, verliebte sich, wie Leute von seinem Charakter sich verlieben können, in Wilhelminen und hielt, voll des vornehmen Gedankens, ein armes Mädchen durch seine Hand glücklich zu machen, bey dem alten Treubaum um dieselbe an. Der gute Obrist war bald geneigt, ihm Gehör zu geben; es schien eine gute Versorgung für Wilhelminen; gegen den Herrn von Seelberg ließ sich eben nichts einwenden. Er war noch jung, noch nicht so ausgebildet, wie ich ihn vorhin geschildert habe, und wenn auch schon damals mein Gemälde ihm glich, so gefiel doch dies Gemälde noch und schimmerte durch die Lebhaftigkeit des Colorits. Seine glänzenden Seiten blendeten hervor; kleine sichtbare Fehler wurden durch die Jugend entschuldigt. Es hieß: »Der Jüngling ist ein wenig von sich eingenommen, aber doch ein guter, wohlthätiger Mensch; er hat ein mitleidiges Herz, und es fehlt ihm gewiß nicht an Verstande. Er hat ein bißchen ein loses Maul; aber das wird sich legen« – Kurz! jedermann würde es den Eltern verdacht haben, die ihm ihre Tochter versagt hätten. Der alte Treubaum durfte, arm wie er war, nicht ohne Bekümmernis an seinen vielleicht nicht weit mehr entfernten Abschied aus dieser Welt denken. Sein Kind war der einzige Gegenstand seiner Sorgfalt. Wilhelmine, häuslich, verständig und nicht romanhaft erzogen, fühlte eine ruhige, herzliche, liebevolle Zuneigung zu guten und weisen Menschen, ohne die Heftigkeit einer tyrannischen Leidenschaft und den Drang einer fantastischen, empfindelnden Freundschaft zu kennen. Sie glaubte, das Band der Ehe sey um desto fester und dauerhafter, je mehr es sich auf gegenseitige Hochachtung gründe, da hingegen der Rausch der blinden Liebe bald verschwinde und dann Reue und Überdruß folgten. Da sie nun an dem Herrn von Seelberg durch einen fortgesetzten Umgang so manche gute Eigenschaft wahrnahm und ihre Eltern es wünschten, daß sie seine Gattin werden möchte, so entschloß sie sich willig dazu. Wilhelmine war ein sanftes, edles Geschöpf; ihr schöner Körper trug das Gepräge einer noch schönern, engelreinen Seele. Ihr Kopf war hell und heiter; mit gradem, ruhigem Blicke schauete sie durch Vorurtheile und Schwierigkeiten hindurch, und dieser Blick schwand nicht wie das blendende Feuer eines Wetterstrahls, sondern verweilte wohlthätig und drang mit Wärme ein in den Gegenstand, worauf er geheftet war wie das Sonnenlicht. Ihre Leidenschaften, in dem glücklichsten Gleichgewichte gegeneinander, zerstörten nie die Harmonie zwischen Vernunft und Gefühl. Strenge ihren Pflichten treu und voll Theilnehmung und Menschenliebe lief weder ihr gefühlvolles Herz mit dem Kopfe davon, noch ließ sich dies warme Herz durch kaltes Raisonnement überklügeln. Die fröhlichste, reizendste, immer gleiche Laune, die selbst da nicht von ihr wich, als sie anfing kränklich zu werden; das selige Bewußtseyn der Unschuld und Reinigkeit, die jeden ihrer Schritte leiteten, und die kindlichste Zuversicht zu dem liebreichen Vater und Beschützer guter Menschen gaben ihr unüberwindliche Geduld, Heiterkeit und Kraft zum Kampfe in allen Kümmernissen und Widerwärtigkeiten. Sie war das treueste, sorgsamste Weib, unerschöpflich in Gefälligkeiten für ihren Mann, und seine unterhaltendste Gesellschafterin. Sie verscheuchte seine bösen Launen durch die naivesten Einfälle, ließ ihn nie die Leiden zurückempfinden, die er ihr verursachte, und machte ihm selbst dann keine Vorwürfe (wenigstens die sanftesten und nie solche, die einen andern Gegenstand als seinen eigenen Seelenfrieden zur Absicht haben konnten), wenn er in Augenblicken von Bewunderung ihrer hohen Tugenden sich reuevoll in ihre Arme warf. Dabey war sie die zärtlichste, weiseste Mutter, die ordentlichste, pünktlichste Haushälterin, eine sichre Zuflucht der Armen, Trösterin der Leidenden und Rathgeberin Derer, die sich ihr vertraueten. In ihrem Anstande herrschte hohe Würde ohne gezwungene Feierlichkeit, Milde ohne Gemeinmachung, in ihrem Betragen Vorsichtigkeit ohne Zwang noch Übertreibung. Ihr Anzug war äußerst einfach, reinlich und geschmackvoll. Sie war nicht ohne Kenntnisse, aber gar nicht gelehrt, nüchtern und bescheiden in ihren Urtheilen und so lange, bis vieljähriger Gram ihr Innerstes zernagt hatte, an Leib und Seele kerngesund.   In den ersten Jahren ihrer Ehe, in welchen unser Ludwig geboren wurde, der auch die einzige Frucht dieser Verbindung blieb, lebte Wilhelmine mit ihrem Manne ziemlich glücklich. Er hatte wirklich viel Zärtlichkeit für sie, und wer hätte auch den Eindrücken widerstehn können, die ihr liebenswürdiger und sanfter Geist verbunden mit ihren äußern Vorzügen auf jeden Menschen machen mußte? Nach und nach, als sich sein Charakter in männlichen Jahren nicht zu seinem Vortheile ausbildete, Eitelkeit und verstimmte Laune ihn blind gegen die Vollkommenheiten Andrer machten und das Feuer seiner Liebe verraucht war, da fing er freilich an, mancherley Fehler an seiner Frau zu entdecken, doch begegnete er ihr nicht eigentlich unartig, denn er glaubte sich selbst zu ehren, wenn er seine Gattin ehrte. Endlich aber, sobald seine Art, sich zu betragen, ihm eine Menge von Widerwärtigkeiten und Demüthigungen auf den Hals zog, da verursachte seine Aufführung dem guten Weibe nicht nur vielfachen Kummer, sondern sie erhielt auch selten ein freundliches, liebreiches Wort von ihm, ungeachtet sie alles anwendete, ihn aufzuheitern und ihm gefällig zu seyn. Seelbergs Reichthum und Fähigkeiten hatten ihm früh Aufmerksamkeit, Achtung und politische Vortheile in seinem Vaterlande erworben. Es wurde ihm eine Bedienung anvertrauet, die sonst nur Männern von reifern Jahren zu Theil wird; allein er war nicht gemacht, dergleichen gute Aussichten zu nützen; der junge Herr war zu verwöhnt, um sich irgendeiner Art von Zwange, Convenienz und Subordination zu unterwerfen. Er fand an seinen Vorgesetzten so wie an dem einmal eingeführten Gange der Geschäfte unendlich viel auszusetzen, wollte reformieren, und wenn nicht alles, was der Jüngling vorbrachte, Eingang fand; wenn man nicht voll Bewunderung verstummte, sobald sein hohes Genie sich auf den Dreifuß setzte; wenn die alten Herrn mit ihren Knotenperücken phlegmatisch bey ihrer Weise blieben und sich Zeit nahmen, die Nützlichkeit der vorgeschlagenen Neuerungen mit kaltem Blute zu überlegen; dann rüstete sich Seelbergs beleidigte Eigenliebe mit bitterm Spotte; er schonte seiner Obern und seiner Wohlthäter nicht, sondern rügte die kleinsten Fehler und Lächerlichkeiten, die ihn gar nichts angingen, auf die unbarmherzigste Art. Keine dieser Spötteleien ging verloren; schwächere Köpfe, neidisch auf seine größern Talente, sammleten jedes Wort von der Art auf, hinterbrachten es den Vorgesetzten, über welche sich Seelberg lustig gemacht hatte, und die Folge davon war, daß er zurückgesetzt wurde und daß man Männer, die bey Weitem seine Geschicklichkeit nicht hatten, aber ruhigere Bürger waren, ihm vorzog. Seelberg wurde hierdurch auf das Äußerste gebracht und nahm seinen Abschied. Um aber zu zeigen, daß er des elenden Zuschusses eines Gehalts aus fürstlicher Gnade nicht bedürfe, begann er einen größern Aufwand zu machen als selbst die Ersten im Staate. Hochmuth, Mangel an bestimmten Geschäften und unruhige Gemüthsart trieben ihn an, allen Gattungen von Zerstreuungen und rauschenden Vergnügungen nachzurennen; Pracht und Üppigkeit herrschten in seinem Hause, und endlich artete dies alles in Schwelgerey und Verschwendung aus. Er kam merklich zurück in seinen ökonomischen Umständen, allein der Gedanke daran wurde durch neue Feste, Reisen, Gastereien und Ausschweifungen verscheucht. Statt sich einzuschränken, wie es ihm seine gute Gattin rieth, verkaufte er nach und nach die kleinern, unbeträchtlichem Güter, die nicht Lehn waren, um die größern von den selbstgemachten Schulden zu befreien, suchte alte Forderungen hervor und wärmte verjährte Processe auf, die, nach angewendeten großen Kosten, verlorengingen. Ein verheerender Krieg, in welchem seine Güter ein paarmal von Feinden und Freunden geplündert wurden, vollendete den Umsturz seines Wohlstandes. Nun, da er sich nicht länger mehr den ganzen Umfang seiner häuslichen Zerrüttung verbergen konnte, war es freilich zu spät, zweckmäßige Vorkehrungen zu machen, aber immer noch früh genug, Gott, Schicksal und Menschen anzuklagen und zu lästern und Diejenigen zu quälen, welche mit ihm leben mußten. Wer das nicht mußte, der blieb itzt weg, und die Gefährten seiner Ausschweifungen, die Mitesser, die, ohne ihn persönlich zu ehren oder zu lieben, täglich um ihn versammlet gewesen waren, solange es in Seelbergs Hause groß und fröhlich hergegangen, betraten nun seine Schwelle nicht mehr. Unsers Ludwigs Geburt fiel, wie schon gesagt ist, in die erste, folglich in die glänzendste Periode seiner Eltern, und er war erst drey Jahre alt, als der Vater seinen Abschied nahm. Da dieser nun täglich in Zerstreuungen lebte und er die Erziehung eines so unmündigen Kindes Seiner nicht werth hielt, die gute Wilhelmine aber so gern, fern vom Geräusche der Welt, ihre häuslichen Pflichten treu in der Stille erfüllte, so verwendete diese auch ihre Kräfte auf die Bildung ihres einzigen Sohns. Sie machte sein junges Herz empfänglich für die unzähligen, wonnereichen Schönheiten, die der liebreichste Schöpfer um uns her auf dieser Erde verbreitet hat, erfüllte es mit Wohlwollen gegen alle Creatur, suchte jede hervorsprossende böse Neigung und Begierde in ihrem Keime zu ersticken, gefährliche Beispiele zu entfernen, Milde, Duldung und Nachgiebigkeit einzuflößen und das rasche Feuer des Knaben zu dämpfen, ihn zu lehren, sich unschuldsvoll des Lebens zu freuen, niemand vorsätzlich zu kränken, mäßig, nicht gierig, bescheiden, aber immer grade und wahrhaft zu seyn in Allem, sich keine Launen zu gestatten, und, damit nie in ihm dergleichen erzeugt würden, so litt sie nicht, daß Andre ihn necken durften, sondern suchte ihn immer bey frohem Muthe zu erhalten, fest überzeugt, daß ein heiteres, offnes, fröhliches Herz keiner Tücke fähig ist und daß man die Jahre der zwang- und sorglosen, unbefangenen Freude bey den mehrsten Menschen nur zu sehr verkürzt. Dabey führte sie den Knaben an, sein kleines unschuldiges Herz dankbar zu dem allmächtigen göttlichen Wohlthäter zu erheben; nicht, daß sie ihn hätte auswendiggelernte Gebete herplappern lassen, aber, wenn das Kind so neben ihr auf einem kleinen Grashügel im Garten saß, rund umher in den Büschen die Vögel ihr Liedchen anstimmten, indes andre vor ihnen herumhüpften, und dann, wo sich die Aussicht nach dem benachbarten Dorfe hin öffnete, auf bunten Wiesen das muntre Vieh am Bächlein herabsprang, oder, wenn es begann Abend zu werden und der freundliche Mond sein sanftes Licht über die Fluren hingoß, oder wenn der majestätische Donner den Kampf der Elemente am hohen Himmel verkündigte, dann redete die gute Mutter mit Wärme, doch so, daß es der Knabe fassen konnte, von jenem großen Wesen, durch welches alles ist, wie es ist, das alles belebt, schafft, wirkt, erhält, zu dem sich unser Herz hinsehnt in glücklichen Augenblicken, wie das Kind nach den Armen der Mutter, und wie dies Hinsehnen und ein dankbares Gefühl ihm das angenehmste Gebet ist, ihm, der, uns aller Orten gegenwärtig, alles mit seiner Liebe umfaßt, mit dem wir zwar nicht reden können wie mit Menschen, der aber sogar unsre Gedanken hört, sieht, fühlt und ein Wohlgefallen hat an denen, die ihn lieben und auf seine Güte und Hilfe bauen. Wenn aber ein ernster Blick voraus in die Zukunft, in die traurige Zukunft, welche Seelbergs Aufführung seiner Familie zubereitete, trübe Wolken vor ihre Augen zog, dann lehrte sie ihn, daß man nicht auf die Reichthümer dieser Welt bauen solle, daß es dauerhaftere Güter gäbe, die keinem Unfalle unterworfen wären: »Du siehest wohl, mein Kind!« sagte sie dann, »daß es in unserm Hause lustig und gut hergeht, daß wir keinen Mangel leiden, daß wir auch andre Menschen speisen, tränken und kleiden können von unserm Überflusse. Aber wie wäre es nun, wenn wir auf einmal arm würden, wie es doch immer möglich seyn könnte? Wenn wir durch Unglücksfälle Haus und Hof und Geld und Kleider und alles verlören? Wer würde uns dann zu essen geben? Wer uns kleiden? Wer in sein Haus aufnehmen?« Der Knabe antwortete: »Ey, liebe Mutter! So wie Du itzt die Armen aufnimmst und ihnen gibst, was sie gern haben möchten, so würde man dann auch uns thun, wenn wir arm wären.« Dann sprach Wilhelmine: »Ach, mein Sohn! Man braucht heut zu Tage sein Geld nothwendig und gibt nicht gern weg, aus Furcht, selbst Mangel zu leiden. Und dann ist es ja immer ein Ungewisses Ding, wenn man sich darauf verlassen soll, daß man Menschen antreffe, die gern geben, die uns kennen und die wissen, daß wir ihrer Hilfe nicht unwerth sind. Aber, mein liebes Kind! es gibt ein besseres Mittel, gegen Armuth und Noth gesichert zu seyn, und dies ist, daß man immer fromm und redlich und wahrhaft handle und dabey mäßig sey, um wenig zu bedürfen, und endlich, daß man sich Geschicklichkeit erwerbe, um durch Arbeit das Wenige, so man braucht, verdienen zu können. Ist man fromm und gut, so verläßt uns der liebreiche Vater im Himmel nicht, läßt es uns an Gelegenheit nicht fehlen, durch Fleiß unsern Unterhalt zu gewinnen; und sollte Krankheit uns zur Arbeit untüchtig machen, so finden wir leicht mitleidige Menschen, die sich Unsrer annehmen, wenn man von uns weiß, daß wir nicht durch schlimme Aufführung unser Schicksal uns zugezogen haben.« – Hier nahm dann die zärtliche Mutter Gelegenheit, das Kind auf alles vorzubereiten, was es wahrscheinlicher Weise einst zu erwarten hatte, und ihm Demuth, Redlichkeit, Fleiß und Nachgiebigkeit zu empfehlen. Unter der Aufsicht dieses herrlichen Weibes erreichte nun Ludwig das achte Jahr, und die süßen mütterlichen Lehren faßten so tiefe Wurzeln in seinem jungen Herzen, daß sein ganzes Leben hindurch, auch mitten in seinen Verirrungen, sein Charakter den Anstrich von weiblicher Milde, Sanftmuth und Geschmeidigkeit behielt. Seine in der Folge gänzlich veränderte Erziehung und die Verhältnisse, in welche er kam, erzeugten manche stürmische, heftige Leidenschaft in ihm, aber in den bessern Augenblicken von Frieden und Stille, wenn der Sturm sich zu legen anfing, dann schien der heilige Schatten seiner lieben Mutter ihn freundlich bey der Hand zu nehmen, und es verschwand der böse Genius, der ihn gefoltert hatte –   So gewiß ist es, daß die Eindrücke, die man in den ersten Jahren der Kindheit bekömmt, unauslöschlich sind, wenngleich die Folgen derselben eine halbe Lebenszeit hindurch nicht offenbar werden – Auch der Geist der Ordnung und Arbeitsamkeit, wovon Ludwig beherrscht wurde, blieb ihm von Wilhelminen eingeflößt. Zugleich war ihm der Umgang mit weiblichen Seelen zu einem Bedürfnisse geworden. Er lernte früh den feinen Gang ihrer Gefühle und Ideen kennen, den der größte Theil der Männer so falsch beurtheilt. Er verstand sie, war immer gern in Gesellschaft feiner und gesitteter Frauenzimmer; sie liebten ihn, ungeachtet er ihnen keine platten Schmeicheleien vorsagte, und zogen ihn einem ganzen Heere von viel hübschem Stutzern vor, deren Mund von Honig überfloß und die des Weihrauchs zentnerschwere Lasten opferten. Von einer andern Seite aber hatte freilich die mütterliche Erziehung auf unsern Ludwig auch den nicht so glücklichen Einfluß, daß eine gewisse Ängstlichkeit und Furchtsamkeit in seinen Charakter kam, von welcher er sich nicht hat wieder losmachen können. Vielleicht wurde er auch schon in diesen frühen Jahren ein wenig von jener weiblichen Eitelkeit angesteckt, die ihm in der Folge seines Lebens so manchen bösen Streich spielte – Genug! bis in das achte Jahr war seine Bildung bloß allein Wilhelminens Werk. Alsdann aber hatte es die Vorsehung beschlossen, diese treue Mutter in einer andern Welt den Lohn ihrer Tugenden einernten zu lassen und sie für die Leiden zu entschädigen, womit sie hier war geprüft worden. Lange schon hatte sie mit Krankheit gekämpft, als endlich die Folgen eines heftigen Schreckens ihrem schönen, wohlthätigen Leben ein Ende machten; folgende Umstände gaben die Veranlassung dazu: Obgleich der Vater Seelberg bey seinem verminderten Vermögen nicht mehr so viel Aufwand machen noch so viel Schmausereien geben konnte als vormals, so war er doch nun einmal so sehr an ein Leben voll Zerstreuung gewöhnt, daß, da es ihm an besserer Gesellschaft fehlte, er um sich her einen Haufen von äußerst mittelmäßigen Menschen, von Schmeichlern versammlete, die für eine gute Mahlzeit zu allem, was er sprach, lauten Beifall jauchzten. Dieser Zirkel bestand größtentheils aus seinen eigenen Beamten, aus benachbarten Predigern und ein paar Landedelleuten, die dann fleißig seine Tafel heimsuchten. Seelberg, der immer noch gern für einen verständigen, Wissenschaften und Künste liebenden Mann gelten wollte, sprach mit diesen Leuten (obgleich sie wenig davon verstanden, und vielleicht eben deswegen, weil sie wenig davon verstanden) oft von gelehrten Sachen. Er las allerley durcheinander, und es war eben damals die Naturlehre, wie er sagte, sein Lieblingsfach. Die mancherley neuen Entdeckungen, die in der Elektrizität, in der Lehre von der fixen und brennbaren Luft, von den Wirkungen des Schießpulvers, vom Magnetismus und dergleichen gemacht wurden und die er größtentheils aus Journalen und andern Schriften erfuhr, beschäftigten seine Neugier. Er schaffte sich nach und nach einen kleinen Apparat von physischen, mathematischen, optischen und andern Instrumenten an und machte dann nach Tische mit seiner Gesellschaft Experimente, die mehr oder weniger gelungen, je nachdem bey dem Schmause die Flaschen öfterer und seltener herumgegangen waren. Da es ihm zu manchen dieser Versuche an den nöthigen Handgriffen fehlte, so quetschte er sich zuweilen einen Finger oder verbrannte sich die Manschetten oder begoß seinen Rock mit stinkendem Spiritus oder ließ des Amtmanns Perücke halb im Rauch aufgehn; allein das alles ging noch so ziemlich ohne großen Schaden ab; ein unglückliches Experiment aber, das er mit einem leicht zu entzündenden Spiritus in der Nähe von andern brennbaren Sachen machte, hatte schlimmere Folgen. Die gute Wilhelmine lag schon im Bette, weil sie seit einiger Zeit mit einem schleichenden Fieber kämpfte, welches sich gegen Abend einzustellen pflegte, als Seelberg seine Operationen anfing, die so übel ausfielen, daß er sein sogenanntes Studierzimmer mit allen darin liegenden Papieren in Brand steckte. Er mußte mit seiner Gesellschaft fliehen, um nicht erstickt zu werden, und indes man Anstalt zum Löschen machte und alles im Hause planlos durcheinanderlief, hatte das Feuer so sehr die Überhand genommen, daß man kaum Zeit fand, den besten Hausrath auf die Seite zu schaffen. Wilhelmine lag in unruhigem, ängstlichem Schlummer, als der Lärm sie weckte. Man hatte in der Verwirrung erst spät an sie gedacht, und schon hatte die Flamme die Treppe ergriffen, die nach ihrem Zimmer führte, als ein beherzter Lakaie mitten durch Feuer und Dampf hindurch in ihre Kammer einbrach und sie, die vor Schrecken ohnmächtig wurde, aus ihrem Bette weg in ein Nachbarhaus trug. Die Hälfte des Hauses wurde gerettet; aber das schwache Nervensystem der armen Frau war so zerrüttet, daß sich die Anfälle des Fiebers verdoppelten und sie wenig Wochen nachher ihre schöne Seele in die Hände des allmächtigen Trösters zurückgab. Seelberg ließ seine Frau mit allem nur möglichen Aufwande begraben, weinte gewaltig, trauerte ungewöhnlich lange, sprach unendlich viel von seinem unersetzlichen Verluste, von seinem unaussprechlichen Schmerze und – fing nach kürzerer als Jahresfrist seine vorige Lebensart wieder an, nur mit dem Unterschiede, daß, da ihm nun die holde Freundin und Rathgeberin fehlte, die wenigstens die seltenen glücklichen Augenblicke genützt hatte, um auf sein Herz einigen wohlthätigen Eindruck zu machen, er jetzt ganz von Moralität herabsunk. Zweites Kapitel Wir reden jetzt von einer Periode in Ludwigs von Seelberg Leben, in welcher der Grund zu den mehrsten Verirrungen gelegt wurde, in die er nachher mit Kopf und Herzen gerieth. Sein Vater, nachdem er noch zwey Jahre hindurch auf dem alten Fuße fortgewirthschaftet hatte, fing nun an schwächlich zu werden; Unmäßigkeit und der vielfach Verdruß, den er sich zugezogen, hatten seine Gesundheit untergraben; jetzt kam er von seinem Hange zu rauschenden Freuden gänzlich zurück, trennte sich beinahe von allen Menschen, unter denen er so viel Feinde hatte, und schuf sich, in seiner isolierten Existenz, ein System von philosophischer Lebensart. (Denn mit diesem Namen benennen wir gewöhnlich, am Ende einer inconsequent und planlos durchrennten Laufbahn, eine Lebensart, wozu nicht Grundsätze und reife Überlegung, sondern Überdruß, Noth, Eigensinn, verstimmte Laune oder gekränkter Stolz uns treiben, drücken dann den falschen Stempel der Philosophie auf das Produkt unsrer Thorheit, hängen das Schild eines Minerventempels über den Eingang eines Hospitals und den Philosophenmantel über den zerrissenen Hannswurstrock.) Der alte Seelberg las Bücher über moralische, am mehrsten aber über spekulative, abstrakte Gegenstände, raisonnierte mit den Wenigen, die ihn umgaben, über Unsterblichkeit der Seele, über Nichtigkeit irdischer Freuden, über Zusammensetzung des Weltalls, über Monaden, Materialismus, Engel und Schutzgeister und hätte gern aus seinem Hause eine Akademie gemacht. Diese künstliche Existenz aber, die im Grunde gar nicht für ihn paßte, gewährte ihm auch keinen Frieden, noch machte sie ihn zum bessern Menschen, als er vorher gewesen. Seine Leidenschaften waren nur stumpf geworden, allein sie hinkten unaufhörlich um den Genius der spekulativen Philosophie herum, der seine Marktschreierbude mitten unter ihnen aufgeschlagen hatte, und der nämliche Mann, der mit hinreißender Beredsamkeit über die Armseligkeit aller Güter dieser Welt deklamierte, zitterte vor Zorn und Rache, wenn er sich der Demüthigungen erinnerte, die er hatte ertragen müssen. Er lebte in immerwährendem Kampfe mit sich selbst, konnte es sich nicht verbergen, wie sehr er Ursache hatte, sich wegen des Vergangenen Vorwürfe zu machen, und hätte sich doch so gern davon überredet, daß er nur durch die Ungerechtigkeit des Schicksals und durch die Falschheit der Menschen litte. Diese innerlichen Bewegungen erzeugten dann in ihm die unerträglichsten Launen, und die Ausbrüche derselben trafen unglücklicher Weise größtentheils den armen Ludwig. Der gute Junge war seinem Vater zu milde, zu weiblich und nicht gelehrt genug, welches Letztere doch wahrlich seine Schuld nicht war, da Seelberg bis itzt sich nicht im mindesten darum bekümmert hatte, ihm Kenntnisse beizubringen, und er bis in sein jetziges zehntes Jahr noch keinen andern Unterweiser als seine Mutter gehabt hatte. War es nun, daß die Sanftmuth seines Charakters den Vater an Wilhelminens herrliche Eigenschaften erinnerte und ihm dann sein Gewissen sagte, wie glücklich er hätte seyn können, wenn nur der geringste Theil ihrer Vollkommenheiten bey ihm Wurzel gefaßt hätte, oder fürchtete er, der Sohn möchte einst, wenn er besser als er würde, seinen Vater verachten? – genug! er liebte den Knaben nicht, war ungerecht gegen ihn, konnte ihn nie sehn, ohne mit ihm zu schmälen, und beklagte sich gegen jedermann darüber, daß der Junge so dumm und so unmännlich wäre. Und hierin irrte er doch sehr; Ludwig hatte herrliche Naturgaben, aber sie waren nicht ausgebauet; seine Mutter hatte theils selbst hierzu nicht wissenschaftliche Kenntnisse genug gehabt, theils glaubte sie, es sey damit noch nichts versäumt, wenn nur das Herz rein erhalten würde; endlich hatte sie auch des kleinen Knaben sehr geschont und ihn nicht angreifen wollen, weil er überaus schwächlich zu seyn schien und die zu zärtliche Mutter es nicht über sich gewinnen konnte, irgend etwas mit ihm zu wagen. Das große Genie und der recht dumme Tölpel kündigen sich oft in der ersten Jugend auf einerley Art an. Beide scheinen an Leib und Seele gleich links zu seyn: die Dummen, weil sie sich nicht Anstrengung genug geben können oder zu faul sind zu entwickeln, zu ergründen, zu fassen und einzudringen; jene aber, weil sie entweder in der Höhe ihres Flugs die nöthigen kleinen Details, welche zu Anordnung des Ganzen gehören, verachten und übersehen, oder weil ihre zu große Lebhaftigkeit sie zerstreuet, ihr zu unruhiger Thätigkeitstrieb ihnen nicht erlaubt, bey einer Sache lange zu verweilen. Es gibt Mittel, dergleichen Geister früh zu fixieren, aber mehrentheils beurtheilt man sie falsch und wählt die unrichtigen Mittel. Mit gereizter Nacheiferung und Erweckung des Ehrgeizes verfehlt man bey ihnen selten den Zweck, und dann kömmt man mit einem Solchen in einer halben Stunde weiter als mit einem kalten, fleißigen Jungen von stumpfen Organen in halben Tagen. Seelberg, der überhaupt, wie wir gesehn haben, bey allen seinen Handlungen nur seinen leidenschaftlichen Eingebungen, selten aber einer nüchternen Überlegung und Nachforschung folgte, gab sich nicht die Mühe, seines Sohnes Anlagen kennenzulernen, sondern, weil er einmal gegen ihn eingenommen war, so erklärte er ihn gradezu für einen Schwächling an Geist und Körper, konnte nicht begreifen, wie ein so gescheiter Mann als er einen solchen Sohn habe zeugen können, ging hart mit ihm um, neckte ihn unaufhörlich, zog ihn seiner vermeinten Dummheit wegen auf und hoffte ihn dadurch anzuspornen; allein er betrog sich. Ludwig fühlte die Ungerechtigkeit dieses Betragens; seine Zuneigung wendete sich weg von seinem Vater, und nun sah er auch deutlich grobe Fehler an demselben. Die Vergleichung, die er zwischen ihm und seiner guten Mutter anstellte, und bey welcher Vergleichung die harte Behandlungsart des Einen gegen die liebreiche Führung der Andern der Waagschale den größten Ausschlag gab, verdrängte endlich alles Gefühl von kindlicher Liebe aus seiner Seele und erbitterte ihn gegen den, welchen zu ehren ihm seine Mutter doch zur heiligen Pflicht gemacht hatte. Hierzu kam, daß Seelberg sehr unglücklich in der Wahl der Hofmeister war, die er seinem Sohne gab. Er vertrauete ihn zuerst der Führung eines steifen Magisters an, der nicht die geringsten Grundsätze von Erziehung, auch keine Disposition und Stimmung dazu hatte. Dieser rauchte den ganzen Tag durch Tabak, trank Merseburger Bier dazu, und da er fast immer einen rauhen Hals hatte, so nahm er die Zuckerbildlein, welche Ludwig ehemals von seiner Mutter zum Weihnachtsfeste geschenkt bekommen hatte und welche dieser als ein Heiligthum aufbewahrte, schmolz sie an seiner gelehrten Lampe wie der große Chemiker Moises das goldene Kalb der Israeliten und fraß sie dann auf. Dagegen aber konnte er in den langen Winterabenden mit dem alten Herrn über die systemata harmoniæ prastabilitæ, causarum occasionalium und influxus physici wacker deraisonnieren. Da indessen dieser finstre Gelehrte einst seinen Prinzipal sein Übergewicht von Erudition fühlen ließ, so mußte er fort, worauf er nach Jena und Leipzig ging, Mitarbeiter an zwey großen gelehrten Journalen, auch Mitglied der bernburgischen Gesellschaft wurde und viel über Erziehung schrieb. Nach ihm kam ein polyhistorischer Schwätzer, welcher mit der Hausmagd Zwillinge erzeugte und sich, sobald die Sache sichtbar wurde, in der Nacht davonmachte, ohne die glückliche Niederkunft abzuwarten, worauf er bey des Herrn Döbblin Gesellschaft in Berlin Schauspieler wurde. Ihm folgten kurz nacheinander noch Einige, die auch nicht viel mehr taugten, bis auf ein paar würdige und geschickte Männer noch, die es aber nicht lange in Seelbergs Hause aushalten konnten – Mit Einem Worte! Ludwig rückte in Wissenschaften und Sprachen bis zu seinem dreizehnten Jahre beinahe gar nicht fort, außer, daß von den wirklich zuweilen sehr gelehrten und verständigen Gesprächen seines Vaters mancher gute Brocken hängenblieb, wie man denn überhaupt eher das behält, was nicht absichtlich für uns gesagt wird, als das, was man uns nach einer vielleicht für uns nicht passenden Methode schulmäßig eintrichtern will. Aber er lernte doch viel – viel Gutes und noch mehr Böses. Die Kinder sind die aufmerksamsten, stillsten Beobachter, und ich möchte fast sagen, die besten, unbefangensten Menschenkenner. Von seiner ersten Jugend an hatte Ludwig in seines Vaters unruhigem Hause unter einer zahllosen Menge von Originalen aller Art und allerley Standes gelebt; seine Hofmeister hatte er noch genauer kennengelernt, sie oft, selbst bey dem Unterricht in den Wissenschaften, übersehn, ihre Unwissenheit, wenn es auf Klarheit der Begriffe und deutliche Darstellung ankam, gemerkt, ihre Gebrechen ausfindig gemacht, dabey die mannigfaltigen großen Fehler und Blößen seines Vaters, der ihn täglich weiter von sich stieß, studiert, und daraus gelernt, denselben und überhaupt Alle, mit denen er lebte, wenn es grade sein kleines Interesse erforderte, durch Schmeicheley und andre Künste bey den schwächsten Seiten zu fassen.   Nun verlor also Ludwig viel von der edeln Einfalt seines Charakters, bey der ihn seine würdige Mutter erhalten hatte, verlor an Liebe, Demuth, Gradheit, Nachgiebigkeit und Duldung. Er fing an, Menschen kennen, aber auch geringschätzen und zu seinen Zwecken nützen zu lernen; er wurde gleichgültiger gegen Familienband und Blutsverhältnisse; er lernte Schwachheiten bemerken, Schwachheiten ausspähen, gegen Schwachheiten erbittert werden, nach den Umständen sich schmiegen und sich gegen Menschen verstellen, die er nicht schätzte. Er lernte von sich selbst eine hohe Meinung hegen, Zurücksetzung fühlen, durch oft erlittene ungerechte Zurücksetzung eingebildet von seinen Vorzügen, aus Gegenkraft herrschsüchtig, aus Gefühl seines innern mißkannten Werths stolz werden. Endlich, weil sein Vater ihn nicht liebte, so wurde er auch schlecht in Kleidern gehalten, und dadurch entstand bey ihm ein gewisser Hang zur Pracht, wie es denn in der menschlichen Natur liegt, das zu wünschen, was uns versagt wird. Allein bey dieser moralischen Verschlimmerung, die unmerklich bis zu seinem dreizehnten Jahre zunahm, ging dennoch nicht alles verloren, was Wilhelmine in ihres Sohns junges Herz gelegt hatte. Er behielt den Sinn für Liebe und Freundschaft, aber dieser Sinn vereinzelte sich mehr, umfaßte nicht mehr so alles um ihn her. Er sehnte sich, aber vergebens, in seines Vaters Hause nach einer sanften Seele, an die er sich hätte sympathetisch anschließen können, trauerte manche Stunde darüber, daß er keine fand, und dies erbitterte ihn um desto mehr gegen die, mit denen er leben mußte. Er war empfänglich für reine Freuden des Herzens, und die Musik (das Einzige, worin er gründlichen Unterricht bekam, weil grade ein guter Tonkünstler dort wohnte, Ludwig bald sehr viel Talent dazu zeigte und in Kurzem große Fortschritte darin machte), die Musik, sage ich, trug nicht wenig dazu bey, ihn äußerst empfindlich und reizbar zu machen. Er wurde gerührt von großen Handlungen, wenn er dergleichen erfuhr, fühlte sich hingezogen zu edeln und weisen Menschen, wenn er so glücklich war, solche anzutreffen. Man entzog ihm aber allen weiblichen Umgang, und das that ihm wehe. Übrigens blieb sein Nervensystem sehr zärtlich, bey einer weichlichen, an manche unnütze Bedürfnisse gewöhnten Lebensart in einem Hause, wo immer eine Art von Wohlleben geherrscht hatte. Aus diesem Allen nun ließen sich in seinen nachherigen Handlungen die häufigen Widersprüche zwischen Gefühlen und Grundsätzen, zwischen Drang der Seele und verständiger Überlegung erklären; sie bekamen in diesen Jugendjahren ihre erste Entstehung. So war, zum Beispiel, Ludwig aus Menschenkenntnis oft zu mißtrauisch und zu verschlossen und dann wieder aus Hang des Herzens zu hingebend, offenherzig und plauderhaft. Aus natürlichem Humor, welchen seine Mutter ungetrübt erhalten hatte, war er fröhlich, dagegen machten die frühen Vexationen, die er von seinem Vater hatte erdulden müssen, daß er so leicht aufzubringen, so leicht zu verstimmen war. Da er oft unbilliger Weise gelitten hatte, so war er auch nicht immer gerecht gegen Andre, glaubte, ein bißchen Druck könne wohl nicht schaden, sondern läutere, prüfe und bilde die Menschen. Aus Ehrgeiz war er rachsüchtig, aus Menschenliebe bald entwaffnet und sehr versöhnlich. Seines Vaters thörichte, unzweckmäßige Verschwendung, wovon er täglich die traurigen Folgen gesehn und oft erfahren hatte, wie wenig wirkliche echte Freuden, wie wenig wahren Genuß eine solche Lebensart gewährt, endlich wie wenig Achtung und Zuneigung, ja! nur einmal Anhang man dadurch gewinnt, diese Verschwendung und seiner Mutter gute Lehren erweckten in ihm zwar einen Geist von Ordnung und Sparsamkeit; ungeachtet dessen aber wurde er doch erst in seinen männlichen Jahren ein guter Wirth, denn da er in der Jugend weder durch Beispiel noch durch eigene Erfahrung den Werth des Geldes und die Vortheile einer guten, ordentlichen Wirthschaft hatte kennengelernt und er nachher, als Jüngling, eine Menge Wünsche, Liebhabereien und Bedürfnisse zu befriedigen hatte, so war er fast nie ohne Schulden und verrechnete sich immer in seinen Überschlägen. Seines Vaters Ausschweifungen hatten ihm wohl einen großen Widerwillen gegen alle Unmäßigkeit eingeflößt, und doch – wenn die Gelegenheit da war, so widerstand seine reizbare Maschine selten, und die Sinnlichkeit lief mit der Vernunft davon – So waren die Anlagen, mit welchen Ludwig im dreizehnten Jahre seines Lebens das väterliche Haus verließ, nachdem der alte Seelberg an den Folgen eines hitzigen Fiebers gestorben war – So waren die Anlagen beschaffen! – Das übrige Gute und Böse kam, wie wir sehn werden, von Außen, durch Schicksale hinein; aber diese Schicksale waren nicht des Ungefährs, sondern waren sein Werk und würden jeden, der mit andern Dispositionen in die Welt getreten wäre, nicht betroffen haben. Drittes Kapitel Diejenigen, die nur lesen, um die Zeit auf eine lustige Art hinzubringen, und denen mehr mit Erzählung einer Reihe abentheuerlicher Begebenheiten als mit Entwicklung der feinern Falten des menschlichen Herzens, Geschichte der frühen Entstehung leidenschaftlicher Triebe und Enthüllung der Bewegungsgründe und Veranlassungen, die den Menschen zum Handeln bestimmen, gedient ist, werden freilich finden, daß ich mich zu lange bey den unbedeutenden Jugendjahren unsers Helden aufhalte; allein, ich sage es frey heraus, für solche Leser schreibe ich nicht; sie können dies Buch ungekauft lassen oder, wenn sie es etwa aus Neugierde in die Hand nehmen, die ersten drey bis vier Kapitel überschlagen – Doch, ich fahre ohne weitere Entschuldigung fort. Wir haben gehört, daß der alte Seelberg starb, ehe Ludwig das vierzehnte Jahr erreicht hatte. Sein Tod war wie der letzte Akt eines mittelmäßigen Trauerspiels. Es wurde viel dabey deklamiert und wenig empfunden. Es war nicht das Hinscheiden eines liebevollen Menschenfreundes, der noch einmal, obgleich mit schon halbgebrochenen Augen, in dem kleinen Zirkel der Theuren umherblickt, die voll stummen Schmerzes dastehn und die Hände ringen, indes der sterbende väterliche Freund und Wohlthäter, gestärkt durch den himmlischen Boten, der ihm die Hand reicht, sie durch Winke mit Trost und Hoffnung des Wiedersehens zu erfüllen sucht – Nein! es war denn so eine gemeine Sterbescene; zur Seite ein Arzt und ein Geistlicher, die Beide für die Gebühr ihr Amt mit gehöriger Kälte und Ernsthaftigkeit verrichteten; die Bedienten, ermüdet von vielem Wachen, heute ein wenig lebhafter und geschwinder zu den nöthigen Handreichungen, da sie die Hoffnung nahe vor sich sahen, bald des Zwangs überhoben zu seyn und dann einen andern Herrn zu suchen – Ludwig, freilich nicht ohne Thränen, doch immer mehr deswegen, weil es der Anstand erforderte, als aus Zärtlichkeit – Der Sterbende selbst (wie er immer gewesen war), sobald er Linderung fühlte und glaubte, er könne noch davonkommen, hing das Schild der Religion aus, gab seinem Sohne kalte Lehren, verzieh seinen Feinden, die er beleidigt hatte, sagte gewaltig viel gute Dinge über seinen Zustand, zeigte Verleugnung und machte Parade mit Grundsätzen, nach denen er nicht gehandelt hatte. Sobald aber der Augenblick des Schmerzens kam oder der Todesengel ihm an das Herz griff und zurief: »Es ist Ernst!« dann ängstlich oder, nach den Umständen, ärgerlich, ungläubig oder stumm, aber die Hände ringend, das Bettuch kneipend, bis endlich Natur und Kunst sich erschöpft hatten und die Maschine ohne großes Geräusch stockenblieb. Ludwig von Seelberg hatte keinen nähern Verwandten im Lande als von mütterlicher Seite einen gewissen Major von Krallheim, und dieser wurde ihm auch von den Gerichten zum Vormunde gesetzt. Er war ein redlicher Mann, ohne Firnis, nicht unverständig noch unbelebt, obgleich nicht äußerst poliert noch schlau, ein Witwer, der die Hälfte des Jahrs in der Residenz bey dem Regimente, die andre Hälfte auf seinem Gute zubrachte. Er hatte nicht zum Besten mit dem alten Seelberg gestanden, weil theils ihre Gemüthsarten sehr verschieden waren, theils alte Prozesse, die sie miteinander geführt, vorzeiten Uneinigkeit unter ihnen gestiftet hatten. Als aber dem alten Major die Vormundschaft über seinen Vetter übertragen wurde, nahm er dieselbe mit gutmüthigem Herzen an und ließ sich einen geschickten und redlichen Sachwalter beifügen, der dann alle Geschäfte mit ebensoviel Gewissenhaftigkeit als Ordnung führte. Im Grunde waren die Vermögensumstände des alten Seelbergs nicht so sehr zerrüttet, daß nicht noch dem Sohn ein sehr beträchtliches Vermögen übriggeblieben wäre. Nachdem dies nun vollkommen in das Reine gebracht und ein Etat zu baldiger Bezahlung der Schulden gemacht war, kam es darauf an, wo, wie und wozu Ludwig von Seelberg erzogen werden sollte. Der Major ging hierüber mit einigen studierten Männern zu Rathe, und es wurde beschlossen, der junge Mensch solle ein Civilist werden und in einem öffentlichen Erziehungsinstitute Unterricht erhalten, bey einem ehrlichen Schullehrer aber in Kost und Aufsicht gethan werden: »Der Soldatenstand«, sprach der Major, »ist ein undankbares Handwerk. Wenn man sich die paar alten Knochen hat krumm und lahm schießen lassen und immer seine Schuldigkeit gethan und unser Gesicht kömmt aus der Mode und es bleibt lange Frieden, so daß man Unsrer nicht bedarf, so kommen die jungen Gelbschnäbel, die nie wie Pulver gerochen haben, in die Höhe, rennen einem aller Orten in den Weg, und man muß sich wohl gar von Prinzen oder andern Kindern schuhriegeln lassen, von Knaben, deren Väter man auf dem Arm getragen hat. Nein! Soldat soll der Junge nicht werden, sondern studieren. Ich habe auch Gelehrte gekannt, zwar nicht viele, aber einige, die deswegen doch vernünftige Kerle waren. Wer weiß: ob der Pursche es nicht noch einmal bis zum Minister bringt, denn er ist wahrlich so dumm nicht, als ihn sein närrischer Vater machte; und damit er gewürfelt werde und lerne mit andern Menschen seines Gelichters umgehn, so denke ich, wir schicken ihn in die öffentliche Schule. Ich halte nichts von Hausinformatorn. Man findet selten einen, der so ist, wie er seyn sollte. Hätte ich Geschicklichkeit dazu, so nähme ich ihn zu mir und wollte selbst ihn unterrichten; so aber, denke ich, wollen wir ihn nach *** zu dem Rektor Werkmann in das Haus thun. Da ist er gut aufgehoben und kann nebenbey das Gymnasium besuchen.« Dieser Plan wurde ausgeführt; der alte Major brachte Ludwigen selbst zu seinem neuen Pflegevater, empfahl ihn demselben so dringend, als wenn es sein eigener Sohn gewesen wäre, und wies dem Rektor eine jährliche ansehnliche Geldsumme an, wovon die Unkosten für Kleidung, Tisch, Unterricht und alles Übrige bestritten werden sollten. Werkmann und seine ehrliche Hausfrau waren würdige, uneigennützige, gewissenhafte Menschen, die für die jungen Leute, welche man ihnen anvertrauete, mehr als gemeine Sorgfalt trugen. Sie hatten verschiedene Solcher im Hause, aber Ludwig war der einzige Edelmannssohn unter denselben. Fehlten nun der gute Rektor und seine Frau irgendwo, so war es darin, daß sie dem jungen Seelberg äußerlich zu viel Vorzug vor seinen Gespielen einräumten. Nicht, daß die reichliche Pension, welche der Vormund ihnen auszahlen ließ, sie bestochen hätte (denn sie waren weise genug einzusehn, daß sich Dienste von der Art gar nicht bezahlen lassen), sondern aus dem verjährten Vorurtheile, daß man einen Junker anders behandeln müsse als einen andern Jungen und daß man ein Edelmann seyn könne, ehe man ein Mensch ist. Ludwig wurde daher wirklich ein wenig verzärtelt, besonders, was die Sorgfalt für seine Gesundheit betraf – »Der Einzige von der Familie«, hieß es immer; als wenn es nicht besser wäre, eine von den unzähligen Familien auf dem Erdboden aussterben als sie durch einen verzogenen Taugenichts fortpflanzen zu lassen! Wenn indessen von Einer Seite Ludwig hier leicht hätte auf immer verderbt werden können, so wurde er auf der andern sehr unwillkürlich zur Demuth und Bescheidenheit geführt; denn als der Rektor an dem Tage, da der junge Mensch ihm überliefert wurde, mit demselben und den übrigen jungen Leuten in seinem Hause eine kleine Prüfung anstellte, um zu sehn, wie weit Ludwig die Andern überträfe oder von ihnen übertroffen würde, fand sich's, daß der Cavalier im Grunde gar nichts wußte und daß also die Bürgerssöhne, die in der That unter der besten Anführung große Fortschritte in den Wissenschaften gemacht hatten, ihn weit hinter sich ließen. Der ehrliche Rektor sprach kein böses Wort darüber, sondern sagte nur immer: »Ey nun! Es wird schon kommen! Der junge Herr wird die Andern wohl noch einholen, wenn Fleiß und Genie da sind.« So tröstend dies nun auch war, so niedergeschlagen blieb dennoch Ludwig dabey. Wäre er zurückgesetzt und verachtet worden, so würde ihm sein Stolz zu Hilfe gekommen seyn; aber hier wurde er geehrt und – bedauert; er selbst fühlte jeden Augenblick seine Schwäche; er wurde muthlos, und diese Muthlosigkeit nahm zu, als es an die Arbeit ging, mit der es gar nicht fortrücken wollte. Er war nicht daran gewöhnt, zu wetteifern, von jüngern Knaben beschämt, übertroffen, ja, nicht nur an Kenntnissen, sondern an Talenten und Scharfsinn übertroffen zu werden, und das war hier oft der Fall, den seine Eitelkeit sich nicht verbergen konnte. Er war nicht gewöhnt an fortgesetzten Fleiß, an eine festgesetzte Stundenreihe; seine aufgeschnappten Kenntnisse galten hier nichts; sobald er mit einem Fragmente von der Art angezogen kam, so fragte man auf die freundlichste Art von der Welt nach dem Grunde der Sache, so wie er es ehemals mit seinen Hofmeistern gemacht hatte; und da war die Gelehrsamkeit zu Ende. Seine Menschenkenntnis und Geschmeidigkeit halfen ihm noch weniger; er hatte es nicht mit leidenschaftlichen Leuten zu thun, die geschmeichelt seyn wollten, sondern mit Personen, die systematisch ihre Pflicht thaten. Wie gern hätte er diese Personen geringgeschätzt! Wie gern grobe Fehler an ihnen gefunden, um sich selbst ein bißchen größer zu scheinen! – allein er konnte nicht. Kleine Schwachheiten bemerkte er wohl, aber dabey so viel Güte, Würde, Konsequenz, Plan, Regelmäßigkeit, Sorgfalt und Liebe für ihn, daß er täglich mißmuthiger und fast des Lebens müde wurde. In dieser Zeit nun kam eine Gesellschaft deutscher Schauspieler in die Stadt. Der Rektor war kein großer Freund davon, den jungen Leuten Geschmack für das Theater, so wie es jetzt ist, einzuflößen; weil er indessen gern alles thun wollte, was seinem Zöglinge Vergnügen machen konnte und wovon er glaubte, daß es einem jungen Cavalier gezieme, so fragte er bey dem Vormunde an, ob es erlaubt sey, den jungen Seelberg zuweilen in die Komödie zu schicken? Der Major war gefällig und gestattete es. Da nun aus Werkmanns Familie niemand das Schauspiel besuchte, so wurde ein Hofmeister in einem vornehmen Hause, der nebst seinen Untergebenen kein Spektakel versäumte, gebeten, den jungen Seelberg zuweilen mit dahin zu nehmen. Ludwig fand unendlich viel Wonne an dieser Unterhaltung. Sein zartes Nervensystem wurde durch die empfindsamen Stücke gar sehr gerührt; die Fantasie bekam einen romanhaften Schwung; sein Ohr wurde durch die wollüstige Musik gekitzelt; sein schlauer Beobachtungsgeist durch Darstellung der Folgen menschlicher Thorheiten und Leidenschaften geschärft, sein Witz durch feine Satyren und Spöttereien zugespitzt, sein Hang zum andern Geschlechte durch die mannigfaltigen Liebesintriguen, welche er vorstellen sah, und durch die reizenden Gebärden der Theaterschönen lebhafter – Mit Einem Worte! das Theater bildete ihn sehr, nur nicht zu dem Zwecke, zu welchem er in Werkmanns Hause war und der doch bey herannahenden Jünglingsjahren so äußerst wichtig wurde. Im Gegentheil! ein Trauerspiel, ein Lustspiel oder eine Oper verdarben ihn gewöhnlich drey Tage und machten ihn zu aller Arbeit untüchtig, nämlich den Tag vorher, an welchem er sich darauf freuete, den Tag der Vorstellung und den folgenden Tag, wenn die Fantasie noch erhitzt und der Geist zerstreuet war. Allein das Schauspiel hatte noch einen andern, wichtigern Einfluß auf Ludwig, wovon die Folgen zwar anfangs sehr bedenklich schienen, nachher aber so sehr zu seinem Besten gereichten, daß er von diesem Augenblicke an ein ganz andrer Mensch wurde. Ich habe vorhin gesagt, daß ein Hofmeister aus einem vornehmen Hause ihn mit in die Komödie zu nehmen pflegte. Da nicht in allen vornehmen Familien die Erziehung die sorgsamste ist, so war auch hier manches daran auszusetzen. Unter andern hatte ein junger Taugenichts, ein gewisser Herr von Weidel, der Fahnenjunker und ein Vetter vom Hause war, bey den jungen Herrn freien Zutritt. Mit demselben machte denn auch Ludwig bey diesen Gelegenheiten Bekanntschaft. Weidel war ein lebhafter, witziger Schelm, von angenehmer Bildung und einnehmendem Wesen, aber im Sittlichen schon von Grund aus verdorben; Seelberg hingegen empfänglich für jeden Eindruck, weich, leicht zu gewinnen, unzufrieden mit sich selbst, mit seinem Zustande, und voll Sehnsucht nach einem Freunde, der mit ihm gleiche Stimmung hätte. Weideln kostete es nicht viel, sich nach Zeit und Umständen umzustimmen, und so hatte er bald Ludwigs Freundschaft und Zutrauen gewonnen, da ihm dann Dieser seine Lage und seine Abneigung gegen das saure Studieren entdeckte. Weidel malte ihm dagegen den Militairstand als den Stand der Freiheit und des Wohllebens mit so bezaubernden Farben vor, daß unser junger Mensch den festen Entschluß faßte, Soldat zu werden. Er trug die Sache seinem Vormunde vor, der aber mit Güte und Vernunft ihn von seinem Vorsatze abzubringen suchte und endlich gradezu und sehr bestimmt erklärte, er werde gewiß nicht eher dazu einwilligen, als bis Ludwig so viel gelernt habe, daß er jedem Stande Ehre machen und die Vortheile des einen gegen den andern abwiegen könne. Als unser Held so viel Widerstand von der Seite erfuhr, ging er auf das Neue mit seinem Verführer zu Rathe, und Dieser gab ihm den unseligen Gedanken ein, mit ihm (der sich längst vorgenommen hatte, diesen Schritt zu thun, weil er Schulden und keine Hoffnung, sie zu bezahlen, hatte) durchzugehn, sich außer Landes anwerben zu lassen und dann seinen General um Schutz gegen seinen Vormund zu bitten, welcher Schutz ihm als einem reichen Cavalier (auf dessen künftige glänzende Umstände, im Vorbeigehn zu sagen, der Herr von Weidel große Pläne bauete) gewiß nicht würde abgeschlagen werden. Ludwig von Seelberg war, wie wir gehört haben, von furchtsamer, weichlicher Gemüthsart, und es kostete große Mühe, ihm einen so kühnen Plan annehmlich zu machen. Er hatte tausend ängstliche Einwürfe vorzubringen, bis endlich eines Abends, nach Vorstellung eines Schauspiels (in welchem ein leichtsinniger, unternehmender Jüngling, der alle Pflichten mit Füßen trat, dem aber alles glückte, von einer höchst einnehmenden, interessanten Seite war vorgestellt worden), Weidel die Stimmung nützte, in welche Ludwig durch dies Schauspiel war versetzt worden, um ihn zu dem unbesonnensten Schritte zu bewegen. Dies gelung ihm nach einigem Kampfe. Er ließ ihm sodann keine Zeit, sich zu besinnen, sondern eilte gleich zur Ausführung. In der Komödie hatte er hierzu alles angelegt; nach Endigung derselben erbot er sich, den jungen Seelberg nach Hause zu begleiten (sonst pflegte man ihm einen Bedienten mitzugeben); statt aber zu dem Rektor zu gehn, beschwätzte er ihn, mit zum Stadtthore hinauszuwandern. Anfangs nämlich verwickelte er ihn in ein langes Gespräch über seinen Zustand und über die Mittel, sich demselben zu entreißen, die er so wie die Bewegungsgründe dazu aus der Moral des eben gesehenen Schauspiels hernahm; und als sie indes unmerklich, im Reden, bis nahe an das Thor gekommen waren, stärkte er ihn noch einmal in dem thörichten Vorsatze, und nun – Es kam auf Einen raschen Schritt an – Das Thor war so nahe – Weidel bezahlte das Sperrgeld. Man fragte nicht, wer sie wären (der Fahnenjunker hatte einen grünen Rock an); so faßte dann der Verführer den betäubten Jüngling unter den Arm und riß ihn mit sich fort. Kaum waren sie im freien Felde, als es dem armen Ludwig zentnerschwer auf das Herz fiel; aber theils ließ ihm Weidel nicht Zeit zur Besinnung, theils war nun der erste Schritt gethan und nicht gut wieder zurückzukehren. Das Schauspiel war schon vor einer Stunde geendigt; gewiß hatte man ihn in Werkmanns Hause vermißt, ihn in der Stadt aufgesucht, nach ihm geschickt – was sollte er nun zur Entschuldigung seines Ausbleibens anführen? – Der erste Schritt war gethan; und dieser erste, kleine Schritt hätte können entscheidend unglücklich für sein ganzes Leben werden – Jüngling! Knabe! überlege wohl, was das sagen will! Ein Augenblick von Taumel, von Rausch; ein Nebensprung, ohne nüchterne Überlegung gethan – und Du bist verloren – Blinder! Schwacher! Laß einen einzigen Augenblick die Dich leitende Hand der Weisheit fahren, und Du erhaschest sie vielleicht nie wieder. Unsre beiden irrenden Ritter waren ungefähr eine Stunde Weges gegangen, als ihnen die reitende Post begegnete. Der Postknecht war ehemals Husar gewesen; er kannte den Herrn von Weidel, bot ihm einen treuherzigen guten Abend, ohne weiter zu fragen: wo hinaus? und so verfolgte ein jeder seinen Weg. Die jungen Leute hatten den ihrigen nach einer benachbarten Reichsstadt gerichtet, weil sie wußten, daß daselbst ein preußischer Werbeofficier war. In weniger als drey Stunden waren sie dort; Ludwig hatte indes nach und nach sich selbst Muth oder vielmehr Unverschämtheit eingesprochen. Zwar zitterte er wie ein Espenlaub, sooft sich etwas hinter ihnen rührte; als ihm aber das Mondlicht die Thürme der Stadt ganz nahe zeigte, da war alle Furcht verschwunden, und er verdoppelte seine Schritte, um bald an das Ziel seiner Wünsche zu kommen. Nachdem wir nun die beiden Flüchtlinge bis hierher begleitet haben, so müssen wir doch auch hören, welchen Eindruck ihre Entweichung in dem Hause des Herrn Werkmanns wirkte. Der Rektor machte zuerst die Bemerkung, die Komödie daure heute etwas lange. Als man aber alle Kutschen zurückkommen hörte, glaubte er, der junge Seelberg sey in dem adeligen Hause zum Abendessen eingeladen worden, und da fand er, daß es doch nicht höflich gehandelt sey, ihm nicht einmal, wo nicht die Erlaubnis dazu abgefordert, doch wenigstens Nachricht davon gegeben zu haben. Um gewiß zu seyn, schickte er hin; aber wie groß war sein Schrecken, als man ihm hinterbrachte, Ludwig sey schon vor einer Stunde durch den Herrn von Weidel nach Hause begleitet worden! – »Wo ist er nun? Sagt' ich's nicht, Frau? das kömmt von dem verwünschten Komödienrennen!«– Alles, was im Hause Beine hatte, wurde in der Stadt herumgejagt; aber vergebens! Nirgends konnte man auf die Spur kommen. Da indessen des jungen Weidels Aufführung ziemlich bekannt war und dieser sich schon oft hatte verlauten lassen: er werde einmal seinen Gläubigern die Fersen zeigen, wozu noch kam, daß Ludwig seit einiger Zeit unzufriedener, fauler und zurückhaltender als jemals gewesen, so fiel man bald auf die wahre Lage der Sache. Es wurde sogleich noch in der Nacht ein Freund hinaus auf das Land an den Vormund abgefertigt und zugleich auf der Post und bey allen Lehnkutschern Nachfrage gehalten: ob nicht irgendwo wären Pferde gemiethet worden; allein es kam von allen Orten her eine verneinende Antwort. Gegen Morgen klopfte indessen jemand an des Rektors Hausthür, welche jedoch die ganze Nacht durch offengestanden hatte, denn niemand wollte zu Bette gehn; der Mann aber, der anklopfte, war der alte Postknecht, welcher die jungen Leute unterwegens gesehn, um Mitternacht sein Felleisen in der Post abgeliefert und nachher, als er von ungefähr gehört, daß man sich nach den Entwichenen erkundigte, mit seiner Aussage, die er nun dem Rektor wiederholte, den Weg angegeben hatte, auf welchem man ihnen nachspüren könnte. Während nun dies vorging, stand schon die Sonne über dem Horizonte und der durch den Boten in Alarm gebrachte alte brave Major von Krallheim mit seinem Postzuge vor Werkmanns Thür, stieg aber nach erfolgter Erklärung, weil er glaubte, es sey keine Zeit zu verlieren, wieder in seine Kalesche und fuhr in gestrecktem Trotte der Reichsstadt zu. Hier haben wir die beiden Jünglinge vor dem Thore verlassen und sind auch nicht geneigt, sie weiterzuführen; denn da das preußische Werbehaus außer der Stadt und grade vor diesem Thore lag, so hatten sie nun den Zweck ihrer großen Unternehmung erreicht. Der Werbeoffizier hatte sich noch nicht schlafen gelegt. Es war Mitternacht; er las aber noch, wie er vielfältig zu thun pflegte, und zwar diesmal in Thomas Abts herrlichem Werke vom Verdienste, als er durch den Lärm gestört wurde, den die Ankömmlinge nebst dem Unteroffizier machten, welcher sie hereinführte und als zwey Rekruten ankündigte. Der Hauptmann war ein liebenswürdiger, kluger, gebildeter, redlicher Mann, von feinen sanften Sitten und gefühlvollem Herzen. Sobald daher die beiden Jünglinge sich ihm vorstellen ließen, durchschauete er mit Einem Blicke die Geschichte ihres Abentheuers. Er sah bald, daß an dem jungen Weidel nichts zu verderben, daß Seelberg hingegen ein irregeführter, schwacher Knabe war, den man zu seinen Pflichten wieder zurückführen mußte. Jener hatte, beiläufig zu sagen, so jung er auch war, schon sechs Zoll über, Dieser aber noch nicht einmal das vorgeschriebene Maß. Nachdem er daher mit seinem Unteroffizier ein paar Worte allein geredet hatte, rieth er den beiden jungen Leuten, sich zur Ruhe zu begeben, versprach, für sie zu sorgen, ihre Wünsche zu befriedigen, und ließ für Ludwig ein Feldbette in sein Zimmer setzen, dem Andern hingegen durch den Unteroffizier eine Kammer unten an der Erde anweisen. Dieser schlaue Kriegsmann führte also den Herrn von Weidel die Treppe hinunter, reichte ihm aber doch noch vor Schlafengehn einen tüchtigen Trunk zur Erquickung, wobey auf des großen Friedrichs Gesundheit einige Gläser ausgeleert und, auf des Herrn Hauptmanns Befehl, dem jungen Herrn zwey Friedrichsd'or ausgezahlt wurden, um ihn zu überzeugen, wie thätig man sich Seiner annehmen wolle. Viertes Kapitel Sobald der Hauptmann sich mit Ludwig allein sah, ergriff er denselben freundlich bey der Hand, blickte ihm fest in die Augen und sprach: »Nun, junger Herr! Was heißt das? Warum haben Sie nicht den Muth, mir grade in das Gesicht zu sehn? Schlägt das Herzchen? Macht das Gewissen Vorwürfe? Haben wir einen Schritt gethan, dessen wir uns itzt schämen müssen? Kömmt die Reue schon so früh? Nicht wahr? das dachten wir nicht, als wir uns verleiten ließen, Freunden und Verwandten wegzulaufen, die es redlich mit uns meinten, die aus uns einen rechtlichen Kerl bilden wollten und denen wir itzt, zur Dankbarkeit, Unruhen, Sorgen und Bekümmernis machen? Aber der Zwang gefiel uns vielleicht nicht. Wir wollten zügellose Freiheit genießen, wollten vielleicht den Kopf nicht anstrengen oder geriethen in böse Gesellschaften und ließen uns hinreißen – Und nun stehen wir da, am Rande des Verderbens, haben nicht Muth genug, das Bubenstück vollends auszuführen, und nicht Gradheit des Herzens genug, reuevoll zurückzukehren und ernstlich an Besserung zu denken – Nicht wahr, mein lieber junger Herr! ich habe den Zustand Ihres Herzens so ziemlich errathen? – Aber ich sehe es Ihnen an, daß Sie noch nicht verhärtet im Bösen sind, und glaube, es ist der Mühe werth, Sie vor dem Abgrunde wegzureißen, an welchem Sie herumirren. Sagen Sie mir nur: was hat Sie bewogen, heimlich fortzugehn und hier Dienste zu suchen? Haben Sie auch wohl überlegt, was Sie gethan und was Sie vorhaben? Sie wollen Soldat werden? Doch wohl nicht als Gemeiner die Muskete tragen, vor dem Stocke zittern und bey wenigen Kreuzern Löhnung, schwarzem Brote und saurer Anstrengung Ihre Existenz verwünschen? Oder meinen Sie, man werde aus Ihnen sogleich einen Offizier machen, man werde einem Menschen, der nicht gehorchen kann, erlauben, Andern zu befehlen? man könne, wann man nichts lernen will, in einem Stande sein Glück finden, zu welchem so viel Kenntnisse gehören? Oder was erwarten Sie sonst von mir? Warum sind Sie zu mir gekommen? Dachten Sie vielleicht, ein Werbehaus sey ein sichrer Zufluchtsort für jeden Pflichtvergessenen und es sey so eine Eigenschaft unsers Standes, Müßiggang und Ausschweifung zu begünstigen? Nun! dann irrten Sie; aber ich will Sie weder beschämen noch betrüben, sondern Ihnen nützlich seyn. Also aus einem andern Tone! Den jungen Menschen, welcher mit Ihnen gekommen ist, will ich behalten. Er soll der Trommel folgen; das ist ihm sehr gesund, und wir wollen sehn, ob er Subordination vertragen wird; Sie aber, mein Lieber! will ich wieder in Ihres Vaters Hände, oder wem Sie sonst angehören, abliefern – Erschrecken Sie nicht! Es soll auf die beste, behutsamste Art geschehen. Verhehlen Sie mir nur nichts! Ich will Frieden für Sie bewirken, und wenn Sie Ursache haben, über etwas zu klagen, alles anwenden, daß Ihnen geholfen werde. Aber Offenherzigkeit erwarte ich, und die werde ich zu verdienen suchen. Da Sie haben Soldat werden wollen, so muß es Ihnen auf eine schlaflose Nacht nicht ankommen; wir wollen also zusammen aufbleiben, miteinander plaudern, und wenn ich Ihre Geschichte werde erfahren haben, dann wollen wir sehn, was weiter zu thun ist.« So redete der Kapitain mit Ludwig, und Dieser faßte Zutrauen und Liebe zu dem wackern und verständigen Manne; er entdeckte ihm seine ganze Lage, wurde von dem Offizier zu dem guten Vorsatze aufgemuntert, statt zu verzweifeln, alle Kräfte aufzubieten, sich Kenntnisse zu erwerben und das Versäumte nachzuholen, und so kam der Morgen heran. Wir haben vorhin gehört, daß der Major von Krallheim frühmorgens eilig der Reichsstadt zufuhr. Als er vor das Thor kam, war dasselbe noch geschlossen. Der Hauptmann stand grade nebst Ludwig am Fenster, während die Kutsche vorbeifuhr und stillhielt; Seelberg erkannte seinen Vetter und rief: »ach! mein Vormund!« Der Offizier beruhigte ihn, sprang die Treppe hinunter, bat den Major auszusteigen, führte ihn in ein besondres Zimmer und unterrichtete ihn von allem. Sodann wurde der Frieden bald geschlossen, und der junge Mensch kam mit liebevollen Vorwürfen und väterlichen Ermahnungen davon. Sein Vetter führte ihm mehrmals die Sanftmuth seiner verstorbenen Mutter, welche Krallheim sehr geehrt hatte, zu Gemüthe; dies machte immer die wirksamsten Eindrücke auf sein Herz; und als er mit seinem Vormunde zurück zu dem ehrlichen Rektor Werkmann fuhr, Dieser, statt böser Worte, ihn in seine Arme schloß und nichts weiter sagte als: »Womit habe ich das um Sie verdient?«, da dachte er zu vergehn vor Scham und Reue, und von dem Augenblicke an wurde der Vorsatz fest und unwandelbar in ihm, durch unüberwindlichen Fleiß und gute Aufführung diesen Fehltritt auf immer auszulöschen – und er hielt Wort – Sein Ehrgeiz erwachte: »Wie?« sprach er zu sich selbst, »was andre junge Leute von meinem Alter lernen können, das sollte für mich unmöglich zu fassen seyn? Hab ich nicht Genie, vielleicht mehr als sie? Gedächtnis und Überlegung? – Und welche Ehre, wenn ich sie in kurzer Zeit einholen und dann hinter mir zurücklassen könnte! Wohlan! Es gelte um diesen Preis!« Gedacht; gethan! Er griff sich an, bot alle Kräfte auf; drey Tage lang wurde es ihm sauer; am vierten fing er an, den Nutzen seines Eifers zu fühlen und sich an Arbeitsamkeit zu gewöhnen; am sechsten Tage fand er Wonne in nützlicher Thätigkeit, und nach vierzehn Tagen war ihm diese Lebensart zu einem solchen Bedürfnisse geworden, daß er nicht mehr begreifen konnte, wie es möglich wäre, ganze Stunden verstreichen zu lassen, ohne etwas Nützliches zu lernen. Welche Freude dies in Werkmanns Hause verbreitete, wie sehr Ludwig nun vorgezogen, geliebt, gelobt, geehrt wurde und daß dies ihn doppelt anspornte, das alles läßt sich begreifen. Kaum verging ein Jahr, so war er seinen Mitschülern gleich, und nach drey Jahren war nicht nur in des Rektors Hause, sondern auf dem ganzen Gymnasio nicht ein einziger junger Mensch von Seelbergs Alter, der so viel Kenntnisse gehabt und die glänzendsten Talente mit einem so unbeschreiblich fertigen und treuen Gedächtnisse vereinigt hätte. Dabey wurde er allen Jünglingen als ein Muster von Bescheidenheit, feiner Lebensart und wahrer Frömmigkeit vorgestellt, und in den größten Häusern bat man es sich aus, daß er des Sonntags oder sonst in seinen seltenen Feierstunden (denn alle Stunden des Tages waren eingetheilt) zuweilen hinkommen und sich zeigen durfte, da man dann oft in seiner Gegenwart dem Vaterlande Glück wünschte, ein solches Genie unter seinen Edelleuten zu besitzen, sich auch wohl in die Ohren flüsterte: »Der kann einmal in jedem Betracht ein Mädchen glücklich machen.« Ob dieser Weihrauch seine Gehirnnerven nicht zu sehr angegriffen und wie es überhaupt mit der fernern Entwicklung seines Charakters aussah, als er im siebenzehnten Jahre auf Universitäten ging, das wollen wir hernach näher beleuchten. Jetzt noch etwas, so hier nicht am unrechten Orte steht! Er hatte eine Verwandtin, welche Priorin in einem benachbarten Nonnenkloster war. Dahin wurde er eingeladen zu kommen und erhielt auch die Erlaubnis dazu in den Weihnachtsfeiertagen. Es waren viel Kostgängerinnen dort, welche daselbst erzogen wurden, und die Musik stand in großem Ansehn. Ludwig, den man noch für einen Knaben ansah, durfte ohne Zurückhaltung mit den jungen Mädchen reden, scherzen, zuweilen die Orgel spielen, und alte und junge Nonnen hatten Freude an ihm. Er durfte ihnen auch zuweilen schreiben und Noten schicken. Obgleich er nun für keine derselben irgendein ausschließliches Gefühl empfand, so that ihm doch dieser Umgang ungemein wohl und vermehrte seine von Kindheit auf gehegte Anhänglichkeit an das weibliche Geschlecht. In einem von den ersten Häusern der Stadt, in welchen Ludwig Zutritt hatte, war ein junges Fräulein von vierzehn Jahren, reizend gebildet, dabey gutmüthig, munter, wohl erzogen und voll Talente. Sie lernte das Singen und hatte eine schöne Stimme. Man wußte, daß Ludwig das Klavier gut spielte; also bat man ihn einigemal, wenn er des Sonntags abends hinkam, Amaliens Gesang mit dem Generalbaß zu begleiten. Die Eltern hatten ihr Vergnügen daran, und Ludwig, für den die Musik Engelsfreude war, verlebte sehr glückliche Augenblicke in diesem Hause. Zuweilen fügte es sich, daß, wenn er irgendeine neue Arie mit dem Fräulein bloß übte, welches denn weniger angenehm anzuhören war, oder wenn die Eltern andre Geschäfte hatten, er sich mit Amalien allein befand; und dann schlug ihm, der nun in die Jahre kam, in welchen man zu fühlen pflegt, auf welchem Flecke das Herz sitzt, schlug ihm dies Herz gar mächtig gegen das Kamisol. Er sah alle Noten doppelt, griff falsch, und die kleine Sängerin fragte ihn oft in ihrer Unschuld: warum er so zerstreuet sey? Wenn er dann bis über die Ohren erröthete, so schlug auch sie die Augen nieder. Es erfolgte eine kurze Stille, aber keiner von Beiden hatte Langeweile noch Überdruß dabey; und die Arie wurde oft wieder von vorn angefangen, ohne daß sie die Geduld verloren. Wären die Augenblicke von der Art nicht selten gekommen und hätte Ludwig nicht durch ernsthafte, aneinanderhängende Arbeiten die Lebhaftigkeit der Eindrücke, welche solche Scenen auf ihn gemacht hatten, wieder gemildert, so fürchte ich, es würde mit seinen Studien nicht sonderlich ausgesehn haben. Jetzt aber gab dieser kleine Vorschmack von Weiberliebe seinem Geiste einen gewissen Schwung und seinem Herzen eine behagliche Wärme. Wenn er durch den Schulzwang, durch den steifen Vortrag mancher von den Lehrern des Gymnasiums, durch die gar pünktliche Stundenreihe und durch die größtentheils trockenen Wortkenntnisse, deren Erlernung er fast den ganzen Tag widmete, ein wenig pedant wurde, so verfeinerte sich von der andern Seite sein Geschmack durch weiblichen Umgang, sein Witz wurde geschärft, er bekam auch Lust zur Dichtkunst, las Bücher in dem Fache der schönen Wissenschaften, in welchen der Rektor Werkmann nicht fremd war, und behielt das Gefühl für die schönen Künste, besonders für die Tonkunst. Indessen war Werkmann bey der Auswahl der Bücher, welche er unserm Ludwig zu lesen gestattete und vorschlug, äußerst vorsichtig, und dies besonders, insofern es Poesie betraf, mit welcher er den jungen Seelberg doch auch gern bekanntmachen wollte. Er war überzeugt, daß in den Jahren, wenn die Einbildungskraft am lebhaftesten ist und allerley sinnliche Regungen zu erwachen anfangen, daß da Gedichte mancher Art dem Jünglinge höchst gefährlich werden können. Da er also alle solche Werke von ihm entfernte, in welchen bloß die Fantasie gekitzelt wurde, und solche, in welchen romanhafte Liebe oder wohl gar das, was die Franzosen sehr uneigentlich bagatelle nennen, mit reizenden Farben geschildert wurde, so blieb bey dem damaligen Zustande unsrer und der ausländischen neuen Literatur kein großer Reichthum von poetischen Werken übrig, die er ihn lesen lassen durfte. Er bemerkte ferner, daß Idyllen und andre Gedichte von der Art, in welchen Naturgemälde, ländliche Scenen und einfältige Sitten dargestellt waren, wenig Eindruck machten auf diesen Jüngling, dessen Sinn und Aufmerksamkeit schon von solchen einfachen Gegenständen ab auf Beobachtung der Welt, in welcher wir leben, und der Menschen, von denen wir umgeben sind, geleitet war. Fabeln schilderten wohl menschliche Sitten, aber in einem Gewande, das dem jungen Seelberg läppisch vorkam und ihm daher diese Seelenspeise widrig machte; Satyren mochte ihm der Rektor nicht in die Hand geben, da er schon an ihm einen Hang, Lächerlichkeiten und Thorheiten auszuspähn und zu verspotten, bemerkte. Mit den lateinischen Dichtern des Alterthums war er bald fertig. Unter den Griechen hätte er ihn so gern den vortrefflichen Homer lesen lassen, fest überzeugt, daß besonders die Odyssee herrliche Nahrung für Kopf und Herz gewesen seyn würde; allein es war zu viel in andern Kenntnissen nachzuholen gewesen, als daß er so weit mit ihm in der griechischen Literatur hätte fortrücken können, daß Ludwig den Vater Homer in der Grundsprache verstanden hätte; Vossens unvergleichliche Übersetzung war noch nicht heraus, und ehe er ihm solche Travestierungen, wie die von der Hand der Dame Dacier sind, von den Meisterstücken des Alterthums vorlegen wollte, eher hätte er ihm das Vademecum für lustige Leute zu lesen gegeben. Indessen erforderten nun einmal Ludwigs ungeheure Lebhaftigkeit, seine Einbildungskraft und sein unruhiges Herz, bey den zum Theil trockenen Arbeiten, womit er sich immer beschäftigte, noch einige besondre ätherische Nahrung, um dieselben nicht auf gefährliche Abwege gerathen zu lassen; und da glaubte Werkmann, nichts sey geschickter, dies Feuer auf eine für die Sittlichkeit wohlthätige Weise zu unterhalten, ohne daß es in Flammen ausbräche, als wenn er sein höheres Gefühl, seinen Enthusiasmus, auf religiöse Gegenstände leitete. – Nicht, daß er geglaubt hätte, das Wesen der Religion beruhe mehr auf Gefühl als auf nüchterner Wachsamkeit über uns selbst und auf richtiger Ordnung unsrer Triebe nach dem göttlichen Willen zu Erfüllung unsrer Pflichten in unsern individuellen Lagen; aber er war davon überzeugt, daß, da der Mensch nun einmal sinnlich ist, die Fantasie, besonders in gewissen Jahren, nicht ganz darf vernachlässigt werden, daß eine bloße Religion des Kopfs gar keine Religion und daß Emporstreben der Seele zu der allmächtigen Urquelle ein seliges Gefühl ist, das uns stärkt und abzieht von dem Sehnen nach unreinen, gröbern Gegenständen. Hiebey nahm Werkmann noch besonders Rücksicht auf die in unsern Zeiten unter jungen Leuten so sehr überhandnehmende Irreligiosität, wozu der sogenannte Forschungsgeist unsers Jahrhunderts nicht wenig beiträgt, indem dieser durch rastloses Grübeln nach dem Unergründlichen nach und nach den Boden, worauf zeitliches und ewiges Glück gebauet werden muß, locker, hohl und unfruchtbar macht. Mit Einem Worte! der Rektor suchte unserm Ludwig für Religion und Gottesverehrung Wärme einzuflößen. Er las mit ihm Klopstocks Messias und Bodmers Noah , ermunterte ihn, in Stunden, wo das pochende Herz emporquoll, sich ausdehnte und herauswollte, einen Gegenstand aufzusuchen, den es allmächtig, zärtlich, warm umfassen könnte, indes die Fantasie unbestimmt und unruhig herumirrte, diesem Herzen zum Wegweiser zu dienen; in solchen Stunden ermahnte er ihn, sich emporzuschwingen zu dem Schöpfer der Welten und dann, voll des großen Gegenstandes, mit Begeisterung und Dichterfeuer die Majestät Gottes zu besingen, der alle diese großen, dunkeln Gefühle zu Harmonie zu stimmen weiß, wenn wir seinem Geiste nicht widerstreben. Ludwig schlug diesen Weg ein, und es that ihm wohl; die Feierlichkeiten des öffentlichen Gottesdienstes und stilles Gebet in einsamen, gefühlvollen Augenblicken erfüllten sein Herz mit seliger Andacht. Er machte geistliche Gedichte, Oden und Lieder, welche, wenn sie keine Meisterstücke waren, doch inbrünstige Gottesverehrung, lebhafte Einbildungskraft und echtes Dichtertalent verriethen. Er komponierte ein paar von Klopstocks erhabenen Hymnen, und die Stimmung, welche er dadurch erhielt, veredelte wirklich seine Gefühle von Freundschaft und Liebe, nahm ihnen das gröbere Sinnliche, ohne seinen Geist zu zerstreuen noch ihn vom fleißigen Studieren abzuhalten. Auf diese Art nun erreichte Seelberg das siebenzehnte Jahr, war in toten und lebendigen Sprachen, in verschiedenen Zweigen der Geschichte, in Erdbeschreibung, Alterthumskenntnis, mathematischen Wissenschaften, Philosophie, Naturlehre, Beredsamkeit, Dichtkunst, Musik und in Leibesübungen für sein Alter sehr weit vorgerückt, und der Rektor glaubte, er sey jetzt, was die Wissenschaften beträfe, vorbereitet genug, auf Universitäten gehn zu können, in Betracht seiner Jugend und seines reizbaren Nervensystems aber nicht wohl ohne Führer dahin zu schicken; Krallheim billigte daher den Vorschlag, dem jungen Menschen einen Hofmeister mit dahin zu geben, und es kam nur auf die Wahl desselben an. Es war begreiflich, daß man ihm keinen steifen Pedanten noch einen Menschen zugesellen durfte, den er weder schätzen noch lieben, noch Vergnügen in seinem Umgange fühlen könnte. Ein Subjekt nun zu finden, in welchem diese Rücksichten mit den übrigen erforderlichen Eigenschaften eines Mentors zusammenträfen, das war keine leichte Sache. Während hiernach vielfältig Nachfragen geschahen (doch nicht in den Zeitungen, wie wenn man einen Hühnerhund zu kaufen sucht), machte Ludwig Bekanntschaft mit einem hübschen und wackern jungen Manne, Namens Krohnenberger, einem Vetter des Rektors. Dieser hatte vor einigen Jahren Leipzig verlassen, woselbst er die Rechte studiert, war sodann Instruktor bey einem jungen Grafen geworden, der aber kürzlich gestorben, und wünschte er nun als Hofmeister mit einem Cavalier auf Universitäten zu gehn. Er hatte ein sehr einnehmendes Wesen, viel Bescheidenheit und Sanftmuth, und war doch dabey ein munterer, launiger Gesellschafter und schöner Geist. Wirkten nun die äußerlichen Vorzüge oder die Verwandschaft, in welcher er mit Werkmann stand, oder die ihm, wie den mehrsten unsrer heutigen vielwissenden Jünglinge, so eigene Redseligkeit, mit welcher Krohnenberger von allen Zweigen der Gelehrsamkeit, besonders aber von Psychologie, Erforschung und Leitung des Menschen, von praktischer Philosophie, von Einfalt und Natur und von Erziehungswesen zu sprechen wußte, oder was war es sonst, das den ehrlichen Rektor so sehr für diesen Mann einnahm? Genug! sobald er bemerkte, daß Ludwig Zuneigung zu seinem Vetter bezeugte, wurde der Entschluß in ihm reif, Diesem die Hofmeisterstelle bey Jenem zu verschaffen. Er redete desfalls mit dem Vormunde: »Ich sage es nicht etwa aus Vorliebe«, sprach er, »weil Herr Krohnenberger mein Verwandter ist; aber dieser Mann hat alle erforderlichen Eigenschaften zu einem Führer Ihres Herrn Mündels. Er hat zugleich solide und angenehme Wissenschaften, kennt die Welt und das menschliche Herz, ist von dem jungen Herrn geliebt, spricht von Allem mit Vernunft und Feinheit, urtheilt richtig, hat die Alten und Neuern studiert und ist kein Pedant.« – Nun! das war er denn auch wahrlich nicht, und hätte er so gewiß alle übrigen guten Eigenschaften besessen, welche ihm Werkmann voll guten Glaubens anrühmte, als er gewiß kein Pedant war, so wäre nichts an der Wahl auszusetzen gewesen. Aber wer ist leichter zu hintergehn als ein Mann, der die Menschen nur aus seinem Studierzimmer beobachtet, der, gewöhnt, leicht zu übersehende, leicht zu erforschende Knaben um sich zu haben, nicht vorbereitet auf die mancherley Vermummungen und Ausschmückungen mit falschem Golde ist, in welchen die Menschen in der größern Welt auftreten! Übrigens war Krohnenberger kein eigentlich böser, schlechter, aber ein schwacher, leichtsinniger Mensch, ein schöner Geist, das heißt ein leerer Kopf, der, ohne gründliche Kenntnisse von irgendeiner Sache zu haben, von Allem zu reden wußte, indem er einen oder den andern von denen in unzähligen Journalen aufgesammleten Brocken preisgab, je nachdem er glaubte, daß dieser Bissen dem Manne, welcher ihm gegenüberstand, schmackhaft seyn könne. Mit seinen Sitten sah es nicht weniger leichtfertig aus. Er war immer so wie die Gesellschaft, in welche er gerieth, fromm mit den Frommen, empfindsam mit den Empfindsamen, liederlich mit den Liederlichen, übrigens von sehr gefühlvollem Herzen, wie alle schönen Geister, mitleidig, seinen letzten Heller hingebend dem, der ihn ansprach; und dabey fehlte es ihm nicht an Naturgaben; aber er hatte von jeher zu keiner fortdauernden Anstrengung Geduld und Muth gehabt – So war der Hofmeister beschaffen, welchen Werkmann vorschlug und welchen der Herr Major, ohne die geringste Widerrede, von seiner Hand annahm und seinem Mündel zugesellte! Damit ich indessen zeige, daß es unserm Rektor doch nicht gänzlich an Beurtheilungskraft fehlte und daß er wohl wußte, was an den Leuten war, insofern er nur Zeit und Gelegenheit gehabt hatte, sie gehörig zu studieren, so will ich hier das moralische Bild hersetzen, welches er von Ludwigs Charakter entwarf, als er denselben den Händen seines neuen Führers überlieferte: »Wir sind jetzt allein«, sprach er, nachdem er ihn bey der Hand genommen und in sein Studierzimmer geführt hatte. »Wir sind jetzt allein, und nun will ich Ihnen, mein lieber Vetter! mit aller Freimüthigkeit meine Meinung über die Anlagen zum Guten und Bösen sagen, welche Sie in Ihrem Zöglinge antreffen werden und auf welche Sie, der Sie das menschliche Herz kennen, Ihre fernern Beobachtungen und Ihre Arbeit stützen können. Der junge Herr von Seelberg hat einen durchdringenden Verstand; er begreift schnell, ordnet gut und behält das einmal Gefaßte in einem Gedächtnisse, das vielleicht wenig Menschen in dem Grade besitzen. Es wohnt in ihm eine solche Lebhaftigkeit und unruhige Thätigkeit, daß alles daran gelegen ist, diese ohne Unterlaß zu beschäftigen und ihr Grenzen zu setzen, wenn sie nicht auf schlimmen Wegen herumirren soll. Dies habe ich dann gethan und habe ihn, solange er mir anvertrauet gewesen, so ohne Unterlaß beschäftigt, daß für jeden Andern diese unausgesetzte Anstrengung vielleicht üble Folgen für die Gesundheit gehabt haben würde; allein für ihn war sie nothwendig. Schaffen, wirken, handeln ist das Element, darin er lebt und webt. Durch die strenge Ordnung nun in Eintheilung der Zeit, an welche ich ihn gewöhnt habe, würde wohl jeder Andre ein steifer Pedant geworden seyn; aber auch dagegen sicherte mich sein Temperament, und so sehr er sich endlich an diese einförmige, planmäßige Lebensart gewöhnt hatte, so machte er mir doch oft Geniestreiche, die genugsam zu erkennen gaben, daß, wenn man ihm das Gebiß, welches ihm angelegt wird, nicht mit Honig bestreicht und es ihn so wenig als möglich fühlen läßt, er bey der ersten Gelegenheit durchgehn wird. Um ihn nun aber zu bewegen, diesen Zwang freiwillig zu übernehmen, ja darnach zu ringen, habe ich seinen Ehrgeiz rege machen und ihm zeigen müssen, welchen Ruhm, welche Ehre, welche innere Würde und Zuversicht eine so consequente, nützlich-thätige Lebensart gewährt, und hier ist es nun freilich geschehen, daß man ihn oft mehr, als heilsam war, geschmeichelt hat, wodurch er zwar angespornt worden, aber zugleich eine gar große Zufriedenheit mit sich selbst erhalten, die immer zugenommen, je mehr er gefühlt hat, daß seine Naturgaben ihm große Vorzüge vor Andern gäben. Indessen ist er klug genug zu empfinden, daß man mit einem aufgeblasenen Hochmuthe sich keine Achtung noch Liebe erwirbt, und deswegen hat er gar fein eine gewisse stolze Bescheidenheit angenommen, die ihn hübsch kleidet, von der sich aber der Weisere nicht täuschen läßt, indem sie nichts mehr und nichts weniger sagt als: wie wird der Mann die Augen aufsperren, wie wird er mich verehren, wenn er sieht, daß hinter dieser edeln Simplizität so viel Geist, Talent und Erudition steckt! Er hat ein überaus einschmeichelndes Wesen, und nicht leicht wird es ihm mißlingen, jemand für sich einzunehmen, wenn er es darauf anlegt. Sein herrlicher Humor, in welchem er die naivsten Einfälle hat, würde unnachahmlich schön seyn, wenn sich nicht zuweilen Bitterkeit und Satyre, zu welcher er leider! in den letztern Jahren vor seines Vaters Tode die Anlage bekommen, mit hineinmischten. Wir haben aber, um ihn von dieser Spottsucht zu heilen, das Mittel gewählt, durchaus nie über Einfälle (wenn sie auch noch so komisch waren) zu lachen, die auf andrer Leute Unkosten gingen, hingegen in lautes Jauchzen auszubrechen, sobald er einen ganz unschuldigen, feinen Scherz vorbrachte. Unglücklich für ihn ist die Ebbe und Fluth seiner Launen. Hieran ist theils fehlerhafte Behandlung von Seiten seines Vaters, theils seine leicht zu kränkende und zu verstimmende Laune, theils sein äußerst reizbarer, verzärtelter Körper Schuld, den wir, ich gestehe es gern, auch wohl hätten ein bißchen härter gewöhnen können, wenn nicht meine Frau immer gefürchtet hätte, diese zarte Pflanze, den einzigen Stammhalter einer angesehenen Familie, zu Grunde zu richten. Zu zeitig ist der junge Mensch mit der Welt und mit den Schwächen der Menschen bekanntgeworden. Ich fürchte, daß ihm dies nicht nur früh Überdruß und Ekel im geselligen Leben erwecken, sondern auch, daß sein Charakter, der schon zu gekünstelt ist, zuletzt gar kein Gepräge mehr behalten, daß sein ganzes Wesen Verstellung, Umformung nach den Sitten Andrer, um Jeden zu seinen Zwecken zu nützen, und seine ganze Laufbahn eine Spekulation seyn wird, wie er aller Orten glänzen, genießen und herrschen könne. Was mir indessen wieder Hoffnung macht, daß die sanfteren Gefühle und das Wohlwollen, so seine Mutter in sein Herz gesenkt, nicht ganz daraus weichen, sondern früh oder spät ihre Rechte reklamieren und ihn auf die bessere Bahn leiten werden, ist, daß er so viel Sinn hat für Freundschaft und Liebe. Er hängt mit ganzer Seele an Denen, die seine Zuneigung besitzen. Freilich ist diese aber leider! auch oft durch Schmeicheley zu gewinnen, und ich fürchte, er wird einst mit aller seiner Menschenkenntnis vielfältig von falschen Freunden betrogen werden. Er kann sich so sehr an einen geliebten Gegenstand anschließen, daß er bey dem Abschiede von demselben (wäre es auch nur ein Abschied auf einige Monate) fast konvulsivischen Schmerz zeigt. Sein Herz ist aber auch so gewaltig anschließend und dabey so weich, so sich hingebend und empfänglich für Sympathie und Liebe, daß er durchaus keine gleichgültige Leute vertragen kann. Jedermann muß ihm etwas seyn, und wer ihn nicht liebt, den kann er gar nicht leiden, den verachtet er oder geht so lange um ihn herum, bis er ihn gewonnen hat. Aber er will auch Jedem alles ausschließlich allein seyn, und (sey es nun aus Ehrgeiz, Eitelkeit oder aus einem bessern Gefühle!) er ist so eifersüchtig in der Freundschaft, als nur irgendein Liebhaber in der Liebe seyn kann. Sein Hang zum schönen Geschlechte nimmt mit jedem Tage zu. Er hat aber die höchste, beste Meinung von den Vorzügen des weiblichen Charakters vor dem unsrigen – Ich zittre, wenn ich daran denke, was aus ihm werden würde, wenn er sich verlieben, in der Wahl irren und dann die Augen öffnen sollte. So lieb mir's nun auch immer gewesen, daß er das Frauenzimmer hochschätzt, und sosehr ich hoffe, daß ihn dies von niedrigen Ausschweifungen abhalten wird, so habe ich mich doch sorgfältig bemüht, alles von ihm zu entfernen, was seiner überschwenglichen Zärtlichkeit und Empfindsamkeit gefährliche Nahrung geben könnte. Indessen mußte man seiner Fantasie durchaus einen Spielraum lassen. Es war schlechterdings unmöglich, einen solchen Enthusiasten ganz nüchtern zu erhalten und bloß an kalte Überlegung zu fesseln, weil er allem seinem Dichten, Trachten, Wirken und Empfinden einen romanhaften Schwung gab, welches vorerst auch wohl also bleiben, ja! wachsen wird. Noch sind manche Triebe, manche Leidenschaften in ihm verborgen, die kaum schon Namen haben und die noch auf keinen festen Gegenstand gerichtet sind. Es ist ein Schwarm junger auswandernder Bienen. Ich stand da und beobachtete, wo hinaus wohl der Schwarm ziehen würde; ich wußte, daß da, wo die Königin sich ansetzt, alle Übrigen auffallen. Mancher Schwarm hat anfangs zwey Königinnen, bis Eine weichen muß. Noch war es nicht bestimmt, ob bey ihm Liebe, Ehrgeiz oder Eitelkeit den Trupp anführen würde; aber das war gewiß, daß, wenn der junge Schwarm in einen Sumpf geriethe, er verderben, oder wenn er sich an einen schwachen jungen Zweig hinge, er mit demselben herabstürzen, oder wenn er ein lebendiges Geschöpf feindlich anfiele, dasselbe tödlich verwunden würde. Nun war aber der Schwarm noch zu unruhig, zu wild, zu wenig an Ordnung gewöhnt, als daß ich ihn hätte einfangen können; er würde nicht im Korbe geblieben seyn. Deswegen suchte ich ihn hinauf in das Freie, himmelwärts zu treiben, damit er vorerst noch austoben möchte in der weiten Atmosphäre, wo er keinen Schaden leiden noch zufügen könnte, bis er ruhiger würde; doch ließ ich nicht ab, ihn zu beobachten. Ich hoffe, Sie verstehen mich! Da einmal ohne Enthusiasmus nichts mit ihm zu machen war, so habe ich den edelsten aller Enthusiasmen, den Enthusiasmus für Gottesverehrung in ihm erweckt. Wenn irgend Gefühle überspannt seyn mußten, so war mir's lieb, daß es die religiösen Gefühle waren. Sie verstehen auch wohl, daß ich keinen religiösen Schwärmer aus ihm habe ziehen wollen und daß dies bey ihm gar nicht zu befürchten war; aber der Gedanke, den ich in ihm herrschend gemacht: alles nur darum zu thun, Gott zu gefallen und sich ihm zu nähern, der höchsten intellektuellen und moralischen Vervollkommnung nachzustreben und der Liebling zu seyn Dessen, der uns Alle mit Liebe umfaßt, um ganz in ihm zu weben, ihn zu fühlen, ihn zu hören, sich mit ihm zu vereinigen; dieses Streben, dieser hohe Schwung der Gottesliebe hat ihn abgezogen von dem kleinen Liebeln und den mancherley romanhaften Grillen, in welche er sonst nur gar zu leicht sich verirrt haben würde. Daß dies Ressort nicht immer Stich halten wird, wenn er in die größere Welt kömmt, wenn er seltener Muße findet, sich zu sammlen und zu konzentrieren, wenn zahllose Reizungen von allen Seiten seine Seele nach dem Irdischen zurückziehen und physische innere Anforderungen hinzukommen werden – Das sehe ich wohl ein; aber alsdann, mein Herr! fängt Ihr wichtigstes Geschäft an. Ein Surrogat müssen Sie alsdann nothwendiger Weise ausfinden, ein Gefühl erwecken, das nicht hinleite auf einen abstrakten Gegenstand, ein edles, aber ein mächtiges Gefühl, das sein ganzes Wesen beherrsche – Ich glaube, Sie müssen dann sorgen, daß er in ein tugendhaftes Mädchen verliebt werde, damit er in dieser neuen Begeisterung alles Gute thue, um seiner Dulzinee würdig zu werden – Weiter habe ich Ihnen nichts von unserm jungen Menschen zu sagen; aber dafür stehe ich ein, daß ich ihn treu geschildert habe.« Ja! das hat der ehrliche Werkmann, und da wir, liebe Leser! aus diesem treuen Bilde nun gesehen, inwieweit sich Ludwigs erste Anlagen entwickelt und was wir ungefähr in der Folge für ihn zu fürchten und von ihm zu hoffen haben, so wollen wir dies Kapitel schließen und in dem folgenden die Geschichte seines Lebens fortsetzen! Fünftes Kapitel Unser vielwissender, artiger Herr Krohnenberger hörte dies alles mit einem Beifall gebenden, holden Lächeln an, welches im Grunde sonst nichts sagen wollte als: »Ich hätte nicht gedacht, daß mein guter alter Vetter, der Rektor, sich so geschmackvoll ausdrücken und mit so viel Feinheit beobachten könnte.« Ihm gefiel vorzüglich das Gleichnis von dem Bienenschwarm, denn er sah nur auf den ästhetischen Stoff in dieser Rede (so wie der Poet im schwarzen Manne Einem Schauspiele von Gotters Meisterhand, nach dem Englischen gearbeitet. bey der Ohnmacht einer würdigen, von Schmerz zu Boden gestürzten Frau nichts als die Schönheit der Situation sieht, über welche er wonnevoll in die Hände klopft und bravo! bravo! ausruft, indes er theilnehmend zu Hilfe eilen sollte). Daß diese Rede sehr wichtige, seiner ganzen Aufmerksamkeit werthe Bemerkungen enthielt, die bey der Bildung lebhafter Jünglinge von reizbarer Fantasie mehr oder weniger anwendbar sind, das fiel ihm ebensowenig ein als vielleicht manchem meiner Leser, dem statt dessen ein paar Anekdötchen und Abentheuer lieber gewesen wären als diese lange Charakteristik. »Ich danke Ihnen, mein lieber Bester!« sprach Herr Krohnenberger, »für die herrliche Stunde, welche Sie mir gemacht haben. Sie haben mehr Beobachtungsgeist, Geschmack und warmes, feines Gefühl, als ich irgend hätte erwarten können, und ich bin stolz darauf, in die Fußstapfen eines solchen Mannes treten zu können. Lassen Sie mich aber jetzt nur machen! Sie sollen sehn, wie gut ich diese Winke werde zu benutzen wissen, und ich hoffe gewiß, Sie sollen einst Freude an dem Herrn von Seelberg erleben. Ein gefühlvolles, weiches Herz ist doch immer ein großer Schatz, und ohne Lebhaftigkeit und einen gewissen Enthusiasmus wird man nie ein großer Mann« – – »Und ohne nüchterne Vernunft nie ein nützlicher Mensch«, fügte der Rektor hinzu, indem er mit ein wenig getrübter Stirn seinen jungen Gelehrten wieder zu der Gesellschaft führte. Unsre beiden jungen Herrn wurden nun, mit Gelde ausgerüstet und mit Wechseln und schönen Kleidern versehen, um Ostern nach Leipzig geschickt. Die Ferien hatten eben erst den Anfang genommen, als sie hinkamen; Krohnenberger hatte viel alte Bekanntschaften zu erneuern und viel neue zu machen; also wurde die Zeit mit Besuchen vertrieben. Er liebte den Umgang mit dem schönen Geschlechte, bey welchem er sich durch allerley liebliche Talente, als da sind: Tanzen, Silhouettenmachen, Verseschmieden, kleine witzige Spiele erfinden, Singen und andre dergleichen niedliche Subtilitäten, ungemein angenehm machte; Ludwig, der, wie wir wissen, nur gar zu gern in weiblicher Gesellschaft war, und dem, sosehr er auch Arbeit liebte, dennoch diese Ruhe, nach lange fortgesetzter ernsthafter Anstrengung, und die edle akademische Freiheit ungemein behagten, war in diesem Zirkel fröhlich wie der Fisch im Wasser. Seine nicht unangenehme, durch unverwelkte Jugend interessant werdende Bildung, seine musikalischen Talente und sein Witz machten, daß er gefiel, und er gefiel, wie sich's versteht, niemand besser als sich selbst, bekam Zuversicht zu sich, legte das Steife der Schule nur gar zu bald ab und genoß die Freiheit, in welche er nun gekommen war, recht cavaliermäßig. Da die Kollegia, wie wir gehört haben, noch nicht anfingen und er doch nicht müßig seyn wollte noch konnte, so las er viel, wenn er zu Hause war. Man sprach in den Gesellschaften, in welche er eingeführt wurde, von allen neuern Schriften, und Seelberg schämte sich, daß er die wenigsten derselben kannte. Er bat daher seinen Mentor, ihn mit der schönen Literatur bekanntzumachen, und Dieser fand das vernünftig und nöthig. Wielands bezaubernde neueren Gedichte (die ältern Werke dieses großen Mannes hatte er schon in Werkmanns Hause studiert), Rousseaus neue Heloise, Voltairens witzige Trauerspiele und andre deutsche und französische Dichter wurden gelesen, ja! verschlungen – Daß hierdurch Ludwigs Fantasie eine ganz andere Wendung bekam, daß er jetzt selten in der Stimmung war, sich religiösen Empfindungen zu überlassen, und daß ein Nachtisch aus Klopstocks Messias nach einer wollüstigen Mahlzeit aus Wielands Idris nicht schmecken wollte – das läßt sich denken. Indes vergingen die Tage bis zur Eröffnung der Lehrstunden; Krohnenberger und Seelberg waren Herzensfreunde geworden, hatten Brüderschaft miteinander gemacht, und der Zögling konnte ohne seinen lieben Hofmeister nicht leben. Nun aber mußte man die ernsthaften Studien anfangen; dies war, wie bekannt, Krohnenbergers Sache gar nicht, noch weniger war es sein Fach, die langweiligen Kollegia zu Hause mit einem jungen Herrn zu wiederholen; allein es half nun freilich nichts davor. Man hatte ihnen vorgeschrieben, Naturrecht, Institutionen und Reichshistorie im ersten halben Jahre zu hören, und damit wurde also der Anfang gemacht, wobey man nebenher ein wenig Physik und Ästhetik trieb, des Sonntags und zuweilen noch an einem andern Tage in der Woche Gesellschaften besuchte, Musik machte und in den Erholungsstunden poetische und prosaische angenehme Schriftsteller las. Seelberg besuchte in dem ersten Vierteljahre die Kollegia auf das Fleißigste und repetierte ebenso fleißig zu Hause, denn er war an zweckmäßige Anwendung der Zeit gewöhnt; doch konnte er sich nicht enthalten, wenn grade der Glockenschlag ihn von einem schönen Dichter wegrief, die Bemerkung zu machen, daß es doch wahrlich zu bedauern sey, daß man nun einmal mit den trockenen Brotwissenschaften, die bloß Gedächtnissache, folglich nichts, weder für Kopf noch für Herz seyen, so manche Stunde verderben müsse. Im vierten Monate kam er oft sehr unzufrieden aus den Institutionen nach Hause, fand, daß der Professor nichts gesagt hätte, als was theils schon im Buche stünde und man ebensogut in kürzerer Zeit zu Hause hätte nachlesen, theils was Jeder, der gesunde Vernunft habe, zu dem Kompendium hätte hinzufügen können, und endlich in den letzten beiden Monaten versäumte er manche Stunde, indem er sagte: es sey unverantwortlich, die Zeit auf eine so elende, geschmacklose Art zu verschwenden, und vier Seiten aus Wielands Agathon seyen mehr werth als ein ganzes Collegium juris naturæ . Natürlicher Weise nahm in dem folgenden halben Jahre dieser Ekel vor allen solchen Wissenschaften, die nur durch die Ausübung dessen, was sie lehren, im bürgerlichen, wahrhaftig zweckmäßigen, praktischen, dem Staate und der Menschheit nützlichen Leben sich belohnen und Freude gewähren können, übrigens aber freilich, bey Erlernung ihrer Grundsätze, wenig Anziehendes haben, ich sage der Ekel vor solchen Wissenschaften nahm natürlicher Weise zu, je weniger ernstlich Ludwig sie zu treiben anfing, je mehr er seinen Geschmack durch Lesen solcher Bücher kitzelte, die Fantasie, Witz und allgemeinen, auf keine bestimmte Lebensart im Staate gerichteten Beobachtungsgeist beschäftigen, und endlich, je tiefer man, zum Beispiel in den Pandekten, in ein System hineinkam, von welchem er die ersten Grundsätze als langweilige Ware von sich geworfen, folglich den Faden verloren hatte. Der Herr Hofmeister aber, dem es wenig darum zu thun war, aus dem Herrn von Seelberg einen nützlichen Bürger zu ziehn, insofern er nur mit ihm, der ja ohnehin ein reicher, nicht um das liebe Brot studierender Cavalier war, einige Jahre froh, angenehm und auch nicht ganz unthätig hinbrächte, ließ es gern geschehen, daß die juristischen Kollegia nach und nach immer seltener und zuletzt gar nicht mehr besucht wurden. Es war ein Unglück für unsern Ludwig, daß er in seiner ersten Jugend bey aller seiner Unwissenheit klüger als seine gelehrten Hofmeister gewesen; dies hatte ihm heimlich einen geringen Begriff von der Wirkung der Gelehrsamkeit auf die gesunde Vernunft beigebracht; dieser nachtheilige Begriff verlor sich nun freilich wieder, als er in des Rektors Hause die Sache der Gelehrsamkeit zu seiner eigenen machte; allein, daß es ihm in diesem Hause so leicht wurde, in kurzer Zeit alles Versäumte nachzuholen, daß er mit seinem hellen Blicke so tief eindringen und in seinem vortrefflichen Gedächtnisse so viel aufbewahren konnte, das hatte ihm eine solche Einbildung von sich selbst gegeben, daß er glaubte: es gäbe privilegierte Genies, wovon er eines sey, die, wenn sie nicht von Natur schon alles wüßten, doch wenigstens ohne Anstrengung alles ergründen, alles fassen könnten; es koste ihn ein halbes Jahr, um das Mechanische einer Wissenschaft zu lernen, über welche Andre viele Jahre hindurch geschwitzt hätten; den ganzen Bettel, um welchen man drey Jahre lang auf Universitäten sitze, könne man in dem letzten halben Jahre oder durch Routine, wenn man schon im Amte stehe, geschwind fassen oder auch allenfalls des Zeuges gänzlich entbehren und mit gesunder Vernunft, Welt- und Menschenkenntnis in jedem Stande ein nützlicher Mann seyn. Da er ferner in dieser Zeit seines Lieblings unter den Schriftstellern, Rousseaus philosophische Reden und Briefe über den Einfluß der Künste und Wissenschaften auf die Glückseligkeit, über die Entstehung der Ungleichheit unter den Menschen, dabey viel Romane, Lebensgeschichten von Helden aus der Vorwelt und überhaupt eine Menge solcher Schriften las, in welchen große, herrliche Träumereien, unerreichbare Ideale und nicht passende Lehren für die Welt, darin wir leben, vorkamen, so nahm sein Geist wiederum einen ganz neuen Schwung. Er athmete Weltbürgerluft, Freiheit, verachtete allen Zwang, alle positive Gelehrsamkeit, alle Konvenienz, allen Unterschied der Stände, alle Rücksichten des Alters, lebte, studierte, beschäftigte sich so, wie es ihm sein Herz eingab, brannte immer vor Begierde, sich auszuzeichnen, einmal etwas Großes, etwas Außerordentliches in der Welt zu thun, Aufsehn zu machen, verjährte Mißbräuche abzuschaffen, alles zu reformieren, und machte sich doch nicht geschickt, auch nur in einer einzigen gemeinen Laufbahn seinen Platz gehörig auszufüllen. Allein bey dem Allen war er nicht faul, widmete auch nicht so gar viel Zeit dem gesellschaftlichen Leben, sondern las, schrieb, studierte fleißig, machte Aufsätze; aber seine Thätigkeit war ohne vernünftige, zweckmäßige Richtung und seine Belesenheit ohne weise Auswahl. Krohnenberger hatte indes eine kleine Herzensintrigue angefangen und lebte fast vom Morgen bis zum Abend in dem Hause eines Handwerksmanns, dessen Tochter der Gegenstand seiner Zärtlichkeit war. Wir haben gehört, mit welchen religiösen Empfindungen Seelberg das Haus des Rektors verlassen, daß aber das Studium der neuern Dichter diese Empfindungen bey ihm ziemlich geschwächt hatte – nicht, daß er Verächter der Religion geworden wäre; allein sein Herz konnte sich nicht mehr zu so inniger, warmer Gottesverehrung hinaufschwingen. Krohnenberger hatte ihm keine solche Bücher, wenigstens vorsätzlich nicht, in die Hände gegeben, in welchen mit falschem Witze, aus bösem Willen und Schalkheit, die Religion Jesu angegriffen und das Buch aller Bücher, die Bibel, geschmähet und gelästert wurde. Er hatte von Voltairens Schriften keine als die theatralischen und überhaupt Bücher von solcher Art noch gar nicht gelesen; auch würde er sie, wenn ihm dergleichen unter die Augen gekommen wären, verächtlich von sich geworfen haben, denn obgleich er selbst Hang zur Satyre hatte, so verabscheute er doch allen Spott, den man mit ernsthaften, ehrwürdigen, wenigstens andern Leuten ehrwürdigen Dingen trieb, mit Dingen, worauf so viel edle Menschen ihre Ruhe bauen. Allein sein Forschungsgeist verweilte gern bey Zweifeln, die den Anstrich von Wahrheitsliebe hatten, weil er glaubte, Gott habe uns den Verstand nicht umsonst gegeben, und weil er eine so hohe Meinung von dem seinigen hegte, daß er dafürhielt, er könne mit demselben alles im Himmel und auf Erden ergründen, wenn er ihn nur recht anstrengte. Er las Rousseaus Emil und fand das Glaubensbekenntnis des Vicaire savoyard so schön, fand, daß so zu zweifeln, wie Rousseau zweifelt, mehr werth sey, als so zu glauben, wie die mehrsten Menschen glauben. Überhaupt las er einige Schriften, in welchen Einwürfe gegen die Nothwendigkeit und Echtheit einer mündlichen und schriftlichen göttlichen Offenbarung gemacht waren, zum Beispiel l'antiquité devoilée von Boulanger , und wenngleich er diese Bücher mit Bescheidenheit und argloser Absicht studierte, so hatten sie doch die Wirkung, daß die Religion unmerklich aufhörte, für ihn ein Gegenstand der Herzensergießung zu seyn, daß er sie dagegen zu einem Objekte des Verstandes und des kalten Raisonnements machte, daß Theologie an die Stelle von Religion rückte und ein systematisches Gebäude, an welchem immer zu flicken war, den Platz einnahm, auf welchem sonst, kunstlos und ungetrieben, die süßesten, wohlthätigsten, schönsten Pflanzen hervorkeimten, Zweige der dankbarsten, hohen, heiligsten Empfindungen hervorsproßten und reiche Früchte des Wohlwollens und der Tugend brachten. Wir werden in der Zukunft sehn, welche Folgen diese Veränderung für Ludwigs Moralität hatte. Da wir indessen bekannt mit seinem Temperamente sind, so wird es uns leicht seyn, uns zu überzeugen, daß seine jetzige Lebensart, seine Beschäftigungen und seine Stimmung, sosehr auch dies alles seine eigene Wahl, sein eigenes Werk war, ihm dennoch wenig wahre Seelenruhe gewährten. Er suchte, wünschte immer, und sein unruhiger Thätigkeitstrieb jagte ihn unaufhörlich umher, von einer Arbeit an die andre, von einer Meinung auf die andre, von einem künftigen Plane zu dem andern. Nun hatte er anderthalb Jahre in Leipzig zugebracht, als ihm und seinem lieben getreuen Hofmeister in der Herbstmesse der Gedanke einkam, sich gegen bare Bezahlung zu Freimaurern aufnehmen zu lassen – Ein neuer Tummelplatz für einen müßigen, unruhigen Kopf! denn leider! wimmelte schon damals der Vorhof des verschlossenen Tempels von dem wilden Haufen durcheinanderrennender, von der bürgerlichen Gesellschaft als faule oder unbrauchbare Mitglieder ausgestoßener Tagediebe, kranker Schwärmer, Beutelschneider, Wollüstlinge, Vagabonden, entlaufener Tollhäusler und geflüchteter, schutzsuchender Bankerottierer. Durch diesen losen Haufen im Vorhofe schob sich denn auch unser junger Seelberg mühselig hindurch, las dabey unendlich viel von den Lumpereien, welche über die königliche Kunst geschrieben sind, bekam eine Menge nichtswürdiger Brüder, gab Almosen den Durstigen, schwur Freundschaft Denen, die er nicht kannte oder die er verachtete, empfing Tugendlehren von dem Bösewichte, lernte hohe Weisheit von den Thoren, ein bißchen Goldmachen von dem Bettler, Geistersehen vom Blödsinnigen, praktische Philosophie von ausschweifenden, liederlichen Schelmen und Staatskunst von Menschen aus dem niedrigsten Pöbel. Da indessen Seelberg zugleich so viel würdige und kluge Männer unter diesem Haufen entdeckte und sie die Stufen des Tempels ersteigen sah, so wurde seine Begierde, weiter vorzudringen und das wahre Heiligthum in der Nähe zu erblicken, immer lebhafter. Einen großen Theil seines Lebens hindurch haben ihn daher die Nachforschungen über das Wesen der Freimaurergeheimnisse beschäftigt; allein da das, was er gefunden oder nicht gefunden hat, zu erzählen nicht eigentlich zum Zwecke dieses Buchs gehört, so wollen wir davon schweigen, werden aber vielleicht in der Folge, im Verlaufe der Geschichte, Gelegenheit finden, zu zeigen, welchen Einfluß die in dem ehrwürdigen Freimaurerorden aufgesammleten Ideen auf seine Systeme im Denken und Handeln hatten. Sechstes Kapitel Es ist nun Zeit, daß ich den Lesern davon Rechenschaft gebe, was denn aus dem gefühlvollen Herzchen unsers jungen Menschen in dem Umgange mit so viel artigen Frauenzimmern, welche er in Leipzig täglich besuchte, endlich wurde, ob er nicht bey einem derselben seine Freiheit einbüßte und ob diese erste Liebe für ihn die wohlthätigen Folgen hatte, welche der gute Rektor davon erwartete. Er sah in den ersten zwey bis drey Monaten jedes hübsche junge Mädchen mit Interesse an, ohne sich für eines von ihnen besonders zu entscheiden, machte wöchentlich neue Bekanntschaften, welche ihm die Wahl erschwerten, ging mit ihnen Allen auf einem leichten und nach und nach vertraulichen Fuße um; aber wenn er des Abends zu Hause kam, war sein Herz so wenig von einem einzigen Gegenstande ganz erfüllt, daß seine Fantasie alle mögliche Zeit hatte, in andern Gebieten umherzuschwärmen. Allein, da zwischen dem siebenzehnten und achtzehnten Jahre unsers Lebens etwas in uns rege zu werden pflegt, das uns ermuntert, zu wünschen, es möchte irgendein Mädchen uns mehr seyn als bloß angenehme Gesellschafterin und Freundin (ein Zustand, den die artigen, niedlichen französischen Dichter so oft sehr viel natürlicher geschildert haben, als meine nur zu steifer Prosa geschnittene Feder vermögen würde und als ich zu meinem Vorhaben nöthig finde), und da nun Ludwig nicht nur in diesen Jahren, sondern auch mehr als andre Jünglinge zu Weiberliebe gestimmt war, so entstand auch in dem zweiten Quartale seines Aufenthalts in Leipzig oft in ihm das geheime Sehnen nach einer solchen Herzensdame. Er fing dann an, Eine oder die Andre mit mehr Theilnahme zu beschauen, bezeugte derselben ein paar Tage lang vorzügliche Aufmerksamkeit, gerieth auch wohl in einen kurzen verliebten Zwist mit ihr über irgendeine versäumte Kleinigkeit und dachte dann abends beim Schlafengehn an diese Donna; allein er schlief darauf nichtsdestoweniger ganz ruhig, genoß sein Frühstück, ehe ihm der Gedanke an dies Mädchen wieder einfiel, war vor wie nach nebenher mit andern Schwärmereien beschäftigt, hatte gute und böse Launen, die auch aus andern Quellen herkamen, und wenn er das Fräulein oder die Demoiselle grade einige Tage hindurch nicht sah oder, seiner Meinung nach, von ihr kaltsinnig behandelt, ihm ein begünstigter Liebhaber vorgezogen wurde, so nahm eine Andre ebensobald ihren Platz in seinem Herzen ein, die Erste war vergessen, und der kurze, unbedeutende Roman fing wieder von vorn her an. Herr Krohnenberger dagegen war jetzt in seine Schöne vernarrt bis über die Ohren und füllte ganze Bücher Papier mit zärtlichen Versen auf diesen Engel an. In diesem Gemüthszustande wurde ihm der Rath des guten Rektors, den jungen Seelberg gleichfalls verliebt werden zu lassen, um seine Fantasie zu fixieren, immer wichtiger. Wirklich war dies der einzige von allen den nützlichen Winken, welche ihm der redliche Mann gegeben, den er seiner Aufmerksamkeit würdigte, denn im Übrigen bekümmerte er sich so wenig um die geistige und sittliche Bildung seines Zöglings, als wenn er keinen andern Beruf bey ihm gehabt hätte, als mit ihm herumzuschlendern und das Geld verzehren zu helfen. Jenes aber lag ihm sehr am Herzen. Er zog Ludwig oft des Abends, wenn sie aus einer Gesellschaft nach Hause kamen, damit auf, daß er irgendeinem von den schönen Frauenzimmern besonders viel Aufmerksamkeit bewiesen hätte; allein dies waren verlorne Worte, bis die Herbstmesse, von der ich vorhin geredet habe und in welcher sie Beide Freimaurer wurden, herankam. Da geschah es nun, daß unter der Menge von Fremden, welche theils ein Geschäft, theils Vorwitz zur Zeit der Messe nach Leipzig zu locken pflegt, damals ein kursächsischer Obrist aus der Nachbarschaft nebst seiner einzigen Tochter in die Stadt kam und gewisser Verrichtungen wegen acht Wochen dort blieb. Sie traten in einem Hause ab, in welchem Seelberg mit seinem Hofmeister Umgang hatte. Julie (so hieß das Fräulein) war noch nicht siebenzehn Jahre alt, vortrefflich gewachsen und von äußerst reizender Gesichtsbildung, obgleich man sie nicht eigentlich schön nennen konnte. Ihre seelenvollen großen Augen, die einen ganz besonders feinen, Freundlichkeit und Verstand bezeichnenden Schnitt hatten; ihr allerliebstes braunes Haar, das sie mit so seltenem Geschmacke ordnete; ihre schneeweiße Haut; ihre immer rothen, frischen Lippen; ihr unnachahmlich ungezwungener, sanfter, edler Anstand; der harmonische, milde Klang ihrer Stimme; ihre ganz außerordentlich bezaubernde, hinreißende Lebhaftigkeit; ihr feiner Witz; ihr einnehmendes Wesen; ihr Talent, mit ausgesuchter Zierlichkeit und Anmuth und doch auf die einfachste Art, mit geringen Kosten, immer geputzt, immer nach der Mode und doch so natürlich gekleidet zu erscheinen; ihre Geschicklichkeit in aller weiblichen Arbeit; die feinere, dem Frauenzimmer so erlaubte, so nöthige Koketterie besserer Art, wozu die Weiber die ersten Elemente fast mit auf die Welt bringen, diese große, auf intuitive Menschenkenntnis gegründete Kunst, welche wir Männer schwerlich je weder ganz lernen noch ganz verstehen und die Julie lediglich sich selbst zu danken und dennoch in so hohem Grade in ihrer Gewalt hatte, daß sie es darin Weibern zuvorthat, die lange in der großen Welt gelebt, die besten Meisterinnen und Vorgängerinnen gehabt und alle Romane und Erziehungsbücher unsrer galanten Nachbarn gelesen hatten; ihre Gabe, jedermann zu gewinnen, jedermann am rechten Ende anzugreifen, unter zehn Anbetern nicht Einen zu beleidigen, nicht Einen zu begünstigen, nicht Einen zurückzuweisen; die Gabe, den Ton jeder Gesellschaft anzunehmen oder unmerklich umzustimmen, diese Gabe, welche sie ganz aus der Natur geschöpft hatte – denn sie war auf dem Lande erzogen, hatte sehr wenig Menschen gesehn, sehr wenig Bücher gelesen, aber was sie einmal sah und hörte, das ergründete, behielt sie, und wenig Menschen können in einem so hohen Grade das Talent besitzen nachzuahmen, sich in jede Lage zu schicken und sich das Geborgte so eigen zu machen, daß es originell wird – das alles machte sie zu einem Gegenstande allgemeiner Bewunderung aller Orten, wohin sie nur ihre Schritte wendete, und wenn sie eine halbe Stunde in einer Gesellschaft zugebracht hatte, so war das ganze Heer junger Männer um sie her versammelt, indes die andern eiteln, ihretwegen verlassenen Mädchen vor Zorn knirschten und Julien doch heimlich ihre neidische Bewunderung nicht versagen konnten. Ein solches Mädchen nun schien ganz geschaffen zu seyn für Seelberg, der in der That in manchem Betracht eine auffallende Ähnlichkeit mit Julien hatte; auch fühlten sie von beiden Seiten schon nach wenig Stunden Umgang und die folgenden Tage immer stärker sich so von Sympathie nahegebracht, hingezogen, daß sie Augen und Worte nur für einander hatten. Sonderbar war es wirklich, daß sie in dem Gange ihrer Ideen, in Anwendung ihrer Naturgaben, in ihrem Geschmacke, auch in den geringsten Kleinigkeiten, in ihren unbedeutendsten, unstudierten Gewohnheiten, in ihren Launen, in der Stimmung ihres Witzes, in der unbeschreiblichen Lebhaftigkeit des Temperaments – kurz! in ihrem ganzen Wesen sich so sehr glichen, daß, wenn es wahr wäre, daß solche gleiche Stimmungen glückliche Ehen machten, Julie die beste Frau für Ludwig gewesen seyn müßte. Ludwig glaubte dabey nach und nach in Julien das Bild seiner theuren verstorbenen Mutter zu sehn; denn Diese war immer sein höchstes Ideal weiblicher Vollkommenheit. In seiner zartesten Kindheit hatte sein ganzes Herz an ihr gehangen, und wenn er nachher bey reiferer Überlegung sich die Tugenden dieser würdigen Frau dachte, so suchte er immer vergebens ein Weib auf, das ihr gliche. Jetzt sagte ihm sein zum erstenmal von Liebe irregeführtes Herz, Julie sey dieses weibliche Geschöpf; wir aber, die wir ohne die Brille der Liebe mit klaren Augen sehen, wir bekennen, daß dem jungen Mädchen noch sehr viel fehlte, um jener Vollkommenheit nahezukommen, wie denn die Leser dies auch, bey Gegeneinanderhaltung der Gemälde, welche wir von Beiden entworfen haben, leicht fühlen werden; denn bey allen glänzenden Eigenschaften, wodurch die Tochter des Obristen von Grätz (so hieß ihr Vater) so viel Aufsehn erregte, fehlte doch Dieser die natürliche Einfalt, Planlosigkeit und Reinigkeit des Charakters, das herzliche, unschuldige Wohlwollen, die Festigkeit, Würde und Zweckmäßigkeit in ihrem Betragen und die angeborne überschwengliche Tugendliebe, wodurch Jene Allen, die sie gekannt hatten, unvergeßlich blieb. Aber Ludwig sah das nicht, und seine Seele hing ganz an Julien. War er bis jetzt äußerst munter, aufgeweckt in seinem Umgange mit jungen Frauenzimmern gewesen und leicht auf unschuldige Art vertraulich mit ihnen geworden, so zeigte er hier grade das Gegentheil. Er wurde feuerroth im Gesichte, wenn er Juliens Hand von ungefähr berührte oder wenn jemand ihn überraschte, indem er seinen Blick auf sie geheftet hatte, und doch verwendete er kein Auge von ihr. Statt daß er sonst so gern von jungen Mädchen redete, die ihn interessierten, und nicht böse darüber wurde, wenn man ihn damit aufzog, so vermied er jetzt alle Gelegenheit, Juliens Namen zu nennen, lauerte aber ungeduldig darauf, daß Andre von ihr reden sollten, affektierte dann Gleichgültigkeit und wurde wohl gar aufgebracht, wenn sein Hofmeister, der den Handel, als ein Praktikus in der Liebe, bald merkte, ihn darüber neckte; denn Julie war ihm zu heilig, als daß man mit ihrem Namen hätte Scherz treiben dürfen, und es konnte nicht fehlen, daß andre Leute in solchen Gesprächen Ausdrücke von ihr brauchten, die zu materiell, nicht erhaben, nicht ehrerbietig genug waren. Auf jedes Papierblättchen, das vor ihm lag, in jedes Buch, das er las, schrieb er die Buchstaben J. v. G.; er ruhete nicht, bis er Ort, Jahr, Tag und Stunde ihrer Geburt wußte, und zeichnete dann in seinem Kalender ein Herz bey diesem Tage; er suchte ein paar Haare aus einer ihrer Locken zu erwischen, bemühete sich, ihren Schattenriß zu bekommen, und als er beides hatte, trug er es tags und nachts bey sich. Seine Laune hing nur von ihren Blicken ab. War er ohne sie oder gar ohne die Hoffnung, sie an dem Tage zu sehn, oder hatte sie ihn seiner Meinung nach weniger ausgezeichnet freundlich gegrüßt, so war er zerstreuet, mürrisch, zu keiner Art von Arbeit noch Unterhaltung aufgelegt; hatte er aber einen halben Tag an ihrer Seite hingebracht oder Hoffnung dazu auf morgen; hatte sie ihn bey ihrem Eintritte in das Schauspielhaus oder in einen andern Saal unter der Menge Herzudrängender zuerst mit den Augen aufgesucht, bey Gesprächen, wo man über einen Gegenstand nicht einig war, sich auf sein Zeugnis, auf seinen Geschmack, auf sein ähnliches Gefühl berufen und etwa gesagt: »ich wette, daß der Herr von Seelberg darin mit mir einerley Meinung seyn wird; o! fragen Sie ihn nur nicht! Er kann das gar nicht anders denken« oder dergleichen – ja! dann kannte er sich nicht vor Wonne; er kam des Abends nach Hause, umarmte seinen Freund Krohnenberger, ergriff seinen Bedienten bey der Hand: »Friedrich! Er geht ja gar nicht aus! Bleibe Er doch nicht immer zu Hause! Mache Er Sich doch auch ein Vergnügen! – Friedrich! das sind häßliche Strümpfe, die Er da trägt. Hier ist Geld! kaufe Er Sich doch andre« – kurz! dann hing der Himmel voll Geigen – Doch, ich höre auf, die Semiotik der Krankheit eines verliebten Herzens zu entwickeln; wer je geliebt hat, der wird den Rest in Gedanken hinzufügen können. Mit Julien war es nicht völlig also beschaffen. Sie zog Seelberg allen übrigen Jünglingen vor (das konnte dem aufmerksamen Beobachter nicht entwischen); sie fühlte auch für ihn, was sie noch nie, für keinen Andern empfunden hatte; aber die feinern Weiber haben sich im äußern Betragen mehr in ihrer Gewalt als wir Männer; man merkt ihnen ihre Herzensschwachheiten nicht so leicht ab; sie können sich besser verstellen, verderben es, aus Liebe zu einem Einzelnen, nicht gern mit einem ganzen Männerpubliko, und um recht hinter ihre Geheimnisse zu kommen, muß man entweder ihr Kammermädchen, ihr Spiegel, ihr Kopfkissen oder ihr Beichtvater seyn, und auch Dieser erfährt wohl nicht viel mehr, als sie nöthig finden, ihn wissen zu lassen. Es gibt Lästerer des weiblichen Geschlechts, die demselben überhaupt alle Empfänglichkeit für echte, treue, wahre Liebe absprechen und behaupten wollen, alle edleren Empfindungen seyen bey den Weibern der Eitelkeit, den körperlichen Bedürfnissen und dem unbezwinglichen Hange nach abwechselndem Vergnügen untergeordnet, und nur Der, welcher die Kunst verstehe, diese drey Triebfedern immer zu seinem Vortheile spielen zu lassen, könne auf die Anhänglichkeit eines Weibes rechnen, aber auch so fest rechnen, daß nichts in der Welt der gänzlichen Hingebung einer Frau zu vergleichen sey, die in ihrem Geliebten Befriedigung für diese drey Bedürfnisse fände. Ich bin indessen weit entfernt, diesen Verleumdern beizustimmen, und was ich gewiß weiß, ist, daß unser siebenzehnjähriges Julchen den jungen Seelberg damals so herzlich liebte – als nur ein Mädchen lieben kann. Siebentes Kapitel Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebeserklärungen. Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben und seine zärtlichen Seufzer vor mancher Schönen ausgeblasen hat, dem wird es eben nicht schwer, wenn er einmal wieder sich Lust macht, verliebt zu werden, seine Empfindungen bey einer schicklichen Gelegenheit an den Tag zu bringen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bey solchen Vorfällen zu antworten hat. Sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint, der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Romanhelden oder, wenn er dringend wird und sie glaubt, nach und nach überzeugt und erweicht werden zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, ihr nicht ein Geständnis abzunöthigen, wobey sie erröthen müßte; und dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestiert feierlich gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parzellen, um täglich nur um ein Haar breit dem Ziele näherrücken zu dürfen, damit der schöne Roman desto länger dauern möge, und wenn auf andre Art keine Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischenkommen, die völlige Entwicklung aufhalten und die Uhr für die Schäferstunde zurückstellen. Bey allen diesen konventionellen Gaukeleien aber empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein sind, des Possenspiels, so sie miteinander treiben, können vorauskalkulieren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte kommen müssen, und werden dick und fett bey ihrer Liebespein. Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldiger junger Herzen, die, zum erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten und immer nicht Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebärden oft schon so deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die Geliebte zärtlich an, sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstet, wenn er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken, wenn sie einem Andern vertraulich etwas in das Ohr gesagt hat; man fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich und fast unhöflich ein Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt hat; der Versöhnte dankt durch das zärtlichste Lächeln und durch die fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune. Man nimmt mit den Augen Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, erkennt sich gegenseitige Rechte aufeinander an – und hat sich doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, was man für einander fühlt. Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu; sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen, drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie ohne irgendeinen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort, ist mißmuthig, zweifelt an Gegenliebe und hat sich oft noch nicht gegeneinander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und der Gegenstand der schändlichsten Verleumdung ist. Ist endlich das längst im Busen pochende Bekenntnis den furchtsamen Lippen stotternd entflohn und mit gebrochenen, erstickten Worten, von einem bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet worden, dann lebt man vollends erst ganz füreinander, ist so wenig um die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure Gegenstand uns freundlich anlächelt, findet alles Ungemach des Lebens leicht zu ertragen an der Seite der Geliebten, glaubt nicht, daß es Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne, lebt mit aller Kreatur in Frieden, verachtet Gemächlichkeit, köstliche Speise, Schlaf – O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist unter allen fantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? – Ach! daß dieser selige Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu unsanft aufgeschreckt wird aus diesem elysischen Schlummer! Seelberg war nun in dem Zustande, welchen wir eben beschrieben haben. Noch hatte er es nicht gewagt, sich zu erklären, als sein ihn immer beobachtender Freund Krohnenberger ihn auf einmal, durch eine Art von Indiskretion, aus dieser Verlegenheit riß. Sie saßen nämlich einst in einem kleinen Zirkel beisammen (den alten Obristen von Grätz sah man selten; der ging seinen Geschäften nach und rauchte des Abends mit einem paar andern Biedermännern sein Pfeifchen Knaster): Ludwig und sein Führer, sodann Julie, ferner Katharine (die Tochter aus dem Hause, in welchem das Fräulein mit ihrem Vater wohnte), ein junges Mädchen, das ihre beste Freundin war, und endlich noch ein Vetter, der dies Frauenzimmer liebte und es einst zu heirathen hoffte, wenn er eine Bedienung und die Einwilligung der Eltern erlangt haben würde, diese Fünfe saßen vertraulich beyeinander (Katharinens Mutter war unpäßlich). Es war in der Abenddämmerung eines nicht rauhen Tages im Weinmonate. Man redete so von diesem und jenem, und Ludwig und Julie sahen sich oft mit verstohlen zärtlichen Blicken an. Der schlaue Hofmeister leitete das Gespräch auf Rousseaus neue Heloise, welche Seelberg jetzt zum zweitenmal, aber, wie man denken kann, mit andern Empfindungen las als vor einigen Monaten. Natürlicher Weise gab dies Gelegenheit, über das Glück der Liebe sehr empfindsame Dinge zu sagen. Katharine und ihr Bräutigam standen auf, faßten sich unter die Arme, gingen dem Fenster zu, in welches der liebe Mond, der ewige, stumme Vertrauete aller Verliebten, herein blickte, und schwuren sich, was sie sich so oft schon geschworen hatten. Krohnenberger saß nun mit den andern beiden jungen Leuten allein und fuhr fort, mit Wärme von dem Glücke der Liebe zu reden, indes Ludwig seine Augen zärtlich bittend und gerührt auf Julien heftete, die nur mit Mühe ihre hervorquellenden Thränen zurückhielt – Jetzt war der Augenblick da, den Krohnenberger hatte herbeiführen wollen; er sprang von seinem Stuhl auf, ergriff ein bißchen ungestüm seines Freundes Hand und zugleich Juliens schönes Pfötchen, legte beide ineinander und sprach mit sanfterem Tone: »Ich muß wohl die Bahn brechen. Was soll die Zurückhaltung unter so schönen Seelen? Haben Eure Augen nicht längst deutlich genug geredet? – Ich verlasse Euch. Was Ihr Euch zu sagen habt, dabey bedürft Ihr keines Zeugen! Seyd glücklich, und danket Eurem treuen Freunde diese kleine unbescheidene Überraschung!« – Und darauf hüpfte er fort, zum Hause hinaus, voll Freude über das vollbrachte große Werk, hüpfte zu seiner Schönen und las vermuthlich auch dort ein Kollegium über das Glück der Liebe. Daß Ludwig nun nicht mehr stumm war; daß Julie nicht die Spröde machte; was sie sich einander sagten; daß ein keuscher Kuß das Versprechen ewiger Treue versiegelte; daß das andre Pärchen zum Vertraueten gemacht wurde und daß Seelberg bis in den dritten Himmel entzückt nach Hause kam, seinen Hofmeister dann beinahe mit Umarmungen erstickte, seinem Bedienten einen fast noch ganz neuen Überrock schenkte, die halbe Nacht durch kein Auge schloß und doch des folgenden Morgens so munter war, als hätte er zwölf Stunden im süßesten Schlafe gelegen – das alles kann man, wenn ich es auch nicht erzähle, ungefähr ex analogia schließen und hinzufügen. Ehe ich aber dies für manchen ernsthaften, über dergleichen verliebte Thorheiten weit erhabenen Leser äußerst langweilige Kapitel schließe, muß ich doch noch sagen, welchen Einfluß diese erste Liebe auf die Sinnesart und auf den Geschmack unsers jungen Menschen hatte. Des redlichen Werkmanns Wunsch war nun erfüllt, Ludwigs Fantasie hatte eine feste Richtung bekommen; alles, sein Thun und Lassen, hatte Bezug auf den Gegenstand seiner Liebe. Sein Ehrgeiz schlief. Er träumte nicht mehr, wie er es anfangen wollte, sich hinaufzuschwingen, eine große Rolle zu spielen, der Welt eine andre Richtung zu geben; sondern häusliche Glückseligkeit, eheliches Band, das Bild eines patriarchalischen Lebens stand im Hintergrunde aller theatralischen Vorstellungen, welche seine Einbildungskraft in seinem Gehirn anordnete. Seine ganze Eitelkeit konzentrierte sich auf den einzigen Punkt: Julien so ganz zu gefallen, ihr so allein alles zu seyn und sie so ganz an sich zu fesseln, daß sie ohne ihn keine Existenz haben möchte, und er glaubte, jedermann müsse ihn lieben und bewundern, wenn ein so vortreffliches Mädchen ihn allen Andern vorzöge. Er grübelte nicht ferner nach über Religionswahrheiten und philosophische Gegenstände; einst ein braver Hausvater zu werden, das war sein herrschender Gedanke, und indem er schon Pläne entwarf, was für herrliche Einrichtungen er an Juliens Seite auf seinen Gütern machen wollte, fing er an, Bücher über die Landwirthschaft zu lesen, ja! besuchte sogar ökonomische Kollegia. Seine Laune hing ganz von Juliens Blicken ab; aber es war nicht möglich, hinreißend angenehmer, unterhaltender und witziger in Gesellschaften zu seyn als er, wenn er an der Seite seiner Geliebten gut gestimmt und in einem Zirkel von Menschen saß, denen er wohlwollte. Übrigens war er ein zärtlicher Tyrann in der Liebe, forderte unendlich viel Rücksichten von Julien, aber er forderte nicht mehr, als er selbst gab. Er versäumte gewiß nicht eine einzige kleine Minute des Tages, wo er sie sprechen konnte, und wenn es physisch möglich war, sie anzuschauen, so wandte er gewiß seine Augen sonst nirgends hin. Da kein Mensch, selbst die äußerst fein organisierte Julie nicht, im Stande war, es ihm in Aufmerksamkeiten dieser Art, in ängstlich sorgsamer Schonung der Delikatesse und in unausgesetzter Achtsamkeit gleichzuthun, so fehlte auch seine Geliebte gegen ihn zuweilen in einem dieser Punkte, und jedes andre Mädchen von weniger zarter Komposition würde zehnmal öfterer darin gefehlt haben; es entstand dann ein kleiner Zwist; aber immer mußte Sie den ersten Schritt zur Versöhnung thun, und seine Herrschsucht wich den Weiberkünsten in diesem Fache nicht. In solchen Augenblicken von verstimmtem Humor nun war freilich nicht gut mit ihm umzugehn, im Übrigen aber hatte die Liebe alle Bitterkeit in seinem Herzen gedämpft. Man hörte keinen Spott, keine Satyre mehr aus seinem Munde. Er hatte Frieden mit der ganzen Welt, konnte nicht leiden, daß jemand gelästert, gedrückt, verfolgt wurde; alle Leute sollten froh und glücklich seyn wie Er. Unter zwey streitenden Partheien schlug er sich immer auf die Seite des Schwächern; er tötete kein Thier; er konnte stundenlang mit kleinen Kindern spielen; er lernte allerley weibliche Arbeiten, wie er denn überhaupt auch zu mechanischen Dingen Geschick hatte; er trieb die italienische Sprache, das Idiom der Liebe; er komponierte kleine süße Lieder, die Beifall fanden, statt daß er sonst große rauschende Sinfonien zusammengeschrieben hatte, die niemand hören mochte – und wann er einen Tag recht unschuldig glücklich an Juliens Seite hingebracht hatte, dann erwachte auch wohl in seinem Herzen ein Schatten jenes warmen Gefühls für Gottesverehrung, und er dankte, ehe er die Augen schloß, mit einem paar kunstlosen, freudigen Worten seinem lieben Vater im Himmel für die Wonne, die er ihn schmecken ließ. So war Ludwig von Seelberg gestimmt bey seiner ersten Liebe. Lasset uns nun zu der Erzählung seiner Begebenheiten zurückkehren! Achtes Kapitel Die Zeit, binnen welcher der Obrist von Grätz seine Geschäfte in Leipzig beendigt haben konnte, war nun bald abgelaufen, und schon nahete wirklich der von ihm bestimmte Tag der Abreise (der erschreckliche Tag, an welchem sich unsre Liebenden trennen sollten) heran. Der alte Obrist war kein Mann, der viel Sinn für solche Herzensangelegenheiten hatte. Rauh, von wenig Worten, nicht viel Spaß verstehend, liebte er seine Tochter zwar recht sehr, ließ ihr auch ziemlich viel Freiheit, sowohl zu Hause auf dem Lande, wo er sich viel mit dem Haushalte beschäftigte, als auch in Leipzig, weil er überzeugt seyn konnte, daß sie daselbst bey Katharinens Mutter in guten Händen war; aber ich glaube, er würde gräßlich die Stirn gerunzelt haben, wenn ihm seine Geschäfte erlaubt hätten, oft in die untern Zimmer zu den Weibern zu kommen und er dann jedesmal den jungen Gelbschnabel Seelberg mit seinem würdigen Hofmeister neben seiner Tochter und mit ihr in zärtlichen Gesprächen verwickelt angetroffen hätte. Er konnte nichts dagegen haben, daß ein Cavalier von Vermögen sich um Juliens Hand bewürbe; aber dann hätte auch gleich müssen von der Hochzeit die Rede seyn können; als Student hingegen heirathet man nicht, und die Romane, welche in die Länge gezogen werden, liebte er gar wenig – Die jungen Leute hatten also nicht rathsam gefunden, von ihrem Einverständnisse dem alten grämlichen Manne etwas zu entdecken, und hatten daran ganz vernünftig gehandelt. Ebensowenig hatten Seelberg und Krohnenberger es nöthig gefunden, dem Vormunde und ihrem alten Freunde, dem Rektor, von dieser Angelegenheit Bericht zu erstatten, wie sie denn überhaupt selten anders nach Hause schrieben, als wenn sie Geld bedurften. Es hatte also Ludwigs und Juliens Bündnis keine andre legale Form, als daß der liebe Mond und ein paar andre verliebte Thoren und Thörinnen zuweilen Zeugen ihrer Eidschwüre gewesen waren. Es hieße Mißbrauch von der Geduld der Leser machen, wenn ich Sie mit einer Beschreibung des zärtlichen Abschiedes, den die Verliebten am Abende vor Juliens Abreise voneinander nahmen, belästigen und ihnen erzählen wollte, wie oft sie sich ewige, unverbrüchliche Treue schwuren und welche Verabredungen in Ansehung ihres Briefwechsels unter ihnen getroffen wurden – Solche Scenen sind schon in natura anzusehn für den dritten Mann langweilig genug und werden noch zehnfach langweiliger in der Schilderung. Also weiter! Fünf Monate vergingen nach dieser Trennung, so daß Seelberg nun fast zwey Jahre in Leipzig zugebracht hatte, während welcher Zeit er und Julie sich wöchentlich ein- oder zweimal die zärtlichsten Briefe schrieben, als es endlich dem alten Major von Krallheim einfiel, sich doch einmal nach der Aufführung seines Mündels und dessen Hofmeisters zu erkundigen, weil sich grade eine besondre Gelegenheit dazu erbot, da er dann Nachrichten einzog, die ihm eben nicht sehr angenehm waren und die ihn zu Maßregeln bewogen, welche die Lage unsrer beiden jungen Herrn plötzlich veränderten. Der ehrliche Vormund hatte nämlich oft den Kopf darüber geschüttelt, daß man in Leipzig so viel Geld brauchte (denn er mußte auf Krohnenbergers dringende Vorstellung manche beträchtliche Summe außer dem Festgesetzten hinschicken), doch meinte er, wenn nur der Junge etwas Tüchtiges dafür lernte, so wäre das Geld immer gut angewendet, und hieran nun zweifelte er keinesweges, da Ludwig schon in seinen Schuljahren so außerordentlich viel unermüdeten Fleiß und Durst nach Kenntnissen bewiesen hatte, der Rektor versicherte, ein solcher Jüngling unter einer so guten Aufsicht könne gar nicht faul seyn, und endlich auch von Zeit zu Zeit Leute, die theils unsern Ludwig nicht genau kannten, theils keinen Beruf fühlten, zu fiskalisieren, versichert hatten: der junge Herr von Seelberg besuche keine liederliche Gesellschaften und sey zu Hause mit seinen Büchern fleißig beschäftigt. Dies war in der That wahr. Er übernahm sogar im zweiten Jahre manche Kollegia, verabsäumte dieselben nicht und war überhaupt kein Müßiggänger im groben Sinne des Wortes; allein seine Thätigkeit hatte, wie ich schon gesagt habe, keine bestimmte, zweckmäßige Richtung, zielte auf keinen festen Lebensplan ab, und eine solche umherschweifende Thätigkeit ist bey einem feurigen jungen Menschen wahrlich oft schädlicher als das eigentliche Nichtsthun. Nun fügte sich's, daß ein sehr redlicher und aufgeklärter Handelsmann aus Leipzig mit dem Major von Krallheim in einer Gesellschaft in Dresden zusammentraf. Nach allerley gleichgültigen Gesprächen fragte Dieser Jenen, ob er den jungen Seelberg kenne, und redete dabey von ihm als von einem Muster junger Leute, erhob den Hofmeister, den er ihm mitgegeben, und fügte nur hinzu, es befremde ihn, daß ein Studierender in Leipzig so viel Geld verzehren müsse. Der Kaufmann beantwortete dies kurz, sagte aber dabey, er behalte sich's vor, morgen hierüber weitläufiger zu reden. Am folgenden Tage besuchte er Krallheimen und sagte ungefähr dies zu ihm: »Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen offenherzig einige Beobachtungen mitzutheilen, die ich über Ihren jungen Herrn Mündel angestellt habe, seitdem derselbe in Leipzig ist und oft von mir an einem dritten Orte gesehn wird. Es fehlt ihm wahrlich nicht an guten, herrlichen Anlagen; allein, wenn Sie glauben, daß er irgend etwas von demjenigen lernt, weswegen Sie ihn auf Universitäten geschickt haben, und wenn Sie glauben, daß er in des Herrn Krohnenbergers Händen gut aufgehoben ist, so stehen Sie in doppeltem Irrthume« – Krallheim machte, wie man denken kann, bey dieser Anrede gewaltig große Augen, allein der ehrliche Kaufmann ließ sich dadurch nicht irremachen, sondern entwarf ihm ein sehr wahrhaftes Bild von Ludwig und dessen Führer, versicherte, es sey die höchste Zeit, diese beiden Leute zu trennen, den jungen Menschen einer andern Aufsicht anzuvertrauen, seine Studien besser zu dirigieren, seine Schulden, deren er, wie er zuverlässig wisse, ziemlich beträchtliche habe, zu bezahlen und ihm die närrische Liebe zu seinem armen Landfräulein aus dem Kopfe zu bringen; denn auch diese war kein Geheimnis mehr, wie denn überhaupt Verliebte ihre Sache mehrentheils so heimlich und vorsichtig anzufangen pflegen, als Tristram Shandy sagt: »Es geht mit der Liebe wie mit der Hahnreischaft; der leidende Theil ist gewöhnlich der Letzte, der etwas von der Sache weiß.« Unser ehrlicher Major war ein gutmüthiger Mann, aber er konnte äußerst aufgebracht werden, wenn er sah, daß man ihn hintergangen, seine schönsten Hoffnungen vereitelt hatte. Er erzürnte sich daher auch heftig über seinen Mündel, dankte indessen herzlich dem Kaufmanne für die ertheilten Nachrichten, bat ihn bey der Reform, welche er vorhatte, um seine Beihilfe und fuhr, früher als seine Absicht gewesen, von Dresden weg nach ***, woselbst er gradeswegs zu dem Rektor Werkmann ging und demselben in der ersten Hitze ziemlich harte Vorwürfe wegen seines saubern Herrn Vetters Krohnenberger machte. Der gute Mann entschuldigte sich mit der Redlichkeit seiner Absicht und mit seinem Mangel an Allwissenheit, der Major wurde besänftigt, aber er war entschlossen, sich in Ansehung der künftigen Maßregeln nicht ferner seines Raths zu bedienen, sondern sich an andre Leute zu wenden. Dies that er dann auch. Man schlug ihm einen geschickten Hofmeister vor, der schon über acht Lustra alt, von ernsthaftem Charakter, mit ein paar jungen Herrn auf Reisen gewesen und grade itzt frey war. Er ließ denselben zu sich bitten, fand Wohlgefallen an ihm, instruierte ihn, nahm ihn an, versah sich mit Gelde und reisete mit dem Herrn Wasserhorn (so hieß der Pädagoge) nach Leipzig. Die Ankunft dieser beiden Männer war dem jungen Seelberg äußerst unerwartet; Herr Krohnenberger hatte nicht Ursache, sich über die Bewillkommnung zu freuen, welche er erfuhr. Man verlangte Rechenschaft von seiner ökonomischen Verwaltung, und es sah ziemlich leichtfertig damit aus – »Einen solchen Windbeutel und Taugenichts, als Er ist«, sagte der Major, sobald er vollkommen von der Lage der Sache unterrichtet war, »einen solchen elenden Schacher sollte man mit den Ohren an das Stadtthor nageln. Indessen mache Er Sich nur gleich aus dem Staube, mein flüchtiger Musjö! so soll ihm weiter nichts geschehen. Er kann ja nach Merseburg reisen. Da ist jetzt Jahrmarkt. Lasse Er Sich dort von dem Marktschreier zum Hannswurst annehmen! Dazu schickt Er Sich besser als zum Hofmeister.« Mit diesem Abschiede mußte Signor Krohnenberger abwandern, Seelberg wollte sich ein wenig sperren; allein man sprach aus einem Tone mit ihm, der ihn, welcher überhaupt im ersten Augenblicke, besonders wenn er keine gute Sache hatte, leicht in Verwirrung und Furcht zu bringen war, schweigen machte. Der Kaufmann, von dem wir vorhin geredet haben, half einen Vergleich mit den Gläubigern schließen, welche zum Theil jüdische Wucherer waren, und damit alle Verbindung mit dem Fräulein Julie aufhören sollte, so war der Major nicht nur grausam genug, dem alten Obristen von Grätz schriftlich Nachricht von dem Einverständnisse seiner Tochter mit Ludwig zu geben, sondern dem neuen Hofmeister, Herrn Wasserhorn, wurde auch gemessener Auftrag ertheilt, ein wachsames Auge auf seines Zöglings Briefwechsel zu haben, und endlich, damit sowohl die Möglichkeit, heimliche Zusammenkünfte in der Nachbarschaft zu veranstalten, wegfallen als auch überhaupt Seelberg aus allen seinen bisherigen Gesellschaften herausgezogen werden sollte, mußte derselbe nebst dem Herrn Wasserhorn sogleich nach Göttingen abreisen. Es läßt sich begreifen, warum Krallheim es so ungern sah, daß Ludwig sich in das Fräulein von Grätz verliebt hatte. Er war an sich selbst kein Feind der Liebe, und wären Seelbergs Vermögensumstände nicht in einer solchen Lage gewesen, daß demselben durch eine reiche Heirath gänzlich wieder aufzuhelfen das Vernünftigste zu seyn schien, so würde der Vormund vielleicht gegen eine Verbindung mit der Tochter seines alten Freundes (denn das war der Herr von Grätz) nichts einzuwenden gefunden haben. So aber glaubte er, diese Liebschaft könne leicht, wenn sie recht ernsthaft würde, alle Aussichten zu Ludwigs bürgerlichem und häuslichem Glücke zerstören; also mußte sie abgebrochen werden. Nachdem wir nun unsern jungen Menschen, von seinem ernsthaften Hofmeister begleitet, nach Göttingen geführt haben, so wollen wir doch sehn, was indes aus Julien geworden ist. Daß sie nach ihrer Abreise von Leipzig einen fleißigen Briefwechsel mit ihrem Geliebten führte, haben wir gehört, und daß die Briefe mit gehöriger Vorsichtigkeit auf die Post geschafft wurden, damit der Vater nichts von dem Handel erfahren möchte, das können wir von ihrer Weiberlist erwarten. Ein Kammermädchen und ein altes Weib, die Frau des Schulmeisters im Dorfe, waren die Vertraueten bey dieser Angelegenheit. Es fügte sich aber einst, daß Julie spazierengegangen, die Kammerzofe aber an hysterischen Umständen bettlägrig war, als die Frau Schulmeisterin gar leise und demüthig auf den Hof geschlichen kam und immer nach dem Fenster im obern Eckzimmer, wo Julie wohnte, hinschielte. Der alte Obrist konnte überhaupt keine alten Weiber, am wenigsten aber diese leiden, auf welche er schon lange allerley Verdacht hatte, weil sie öftrer, als nöthig war, kam und allzeit mit jemand zu flüstern hatte. Er stand grade jetzt mit einer Pfeife Tabak in der Hausthür, als sie hereinzog: »Wo soll die Reise hingehn, Frau? Was wollt Ihr? Wer hat Euch rufen lassen?« – »O! Ihr Gnaden verzeihen! Ich wollte nur zu der Mamsell Weißbaumin.« – »Was, Mamsell! Ich habe keine Mamsell im Hause, und wenn Ihr das Kammermensch meint, so dient zur Nachricht, daß das Mädchen krank ist. Also guten Abend, Frau! und gehet nun nur in Gottes Namen wieder heim, bis man Euch rufen läßt!« – »Unterthänige Dienerin, Ihr Gnaden, Herr Obrist! ich will doch nur ein bißchen sehn, was die arme Mamsell macht« – »Und ich sage Euch, daß Ihr das diesmal nicht sehn sollt, oder habt Ihr etwa Arzeney für Sie? So ein Pülverchen, so ein Kräutchen, wie zuweilen die alten Weiber damit aus der Noth helfen, wenn ein Jüngferchen in Verlegenheit ist, und wonach man wieder hübsch schlank und mager wird?« – Nun hielt grade die Frau Schulmeisterin einen Brief von Ludwig: à Mademoiselle Weißbaum adressiert, unter der Schürze in der Hand. Der Vorwurf aber, als wenn sie verrufene, gefährliche Arzeneien herbeischleppte, machte sie glauben, der alte Herr habe gesehn, daß sie etwas in der Hand hielte, und um sich von jenem abscheulichen Verdachte zu befreien, beging sie die Unvorsichtigkeit, das Briefchen hervorzuholen. – »Ey! was denken Ihr Gnaden von mir? Ich habe ja nur ein kleines Schreiben« – »Her damit! ich will es selbst besorgen.« Die Frau sträubte sich, und das vermehrte den Verdacht – »Wollt Ihr gleich hergeben, alte Hexe! oder der Teufel soll Euch auf den Kopf fahren« – Es half nichts; sie mußte – »Mit dem Briefe ist es nicht richtig«, sagte der Obrist, als er ihn bekommen, ein paarmal in der Hand umgedreht und das Weib fortgejagt hatte: »Mit dem Briefe ist's nicht richtig – Voyons! « – Er erbrach ihn – »Ha ha! es liegt noch einer darin: An meine beste Julie – Wie? was bedeutet das? Meine Tochter einen geheimen Briefwechsel?« – Nun wurde die Einlage eröffnet und das Geheimnis entdeckt; Julie mußte alles bekennen, durfte ihrem Vater ein paar Tage lang nicht vor die Augen kommen, bis sie heilig und theuer versprach, dies Liebesverständnis auf immer abzubrechen, die Jungfer Weißbaum wurde fortgejagt, und der Obrist war eben ernstlich darauf bedacht, Mittel zu wählen, die heimliche Fortsetzung dieses Romans unmöglich zu machen, als er noch zwey andre Briefe, die an ihn selbst gerichtet waren, bekam, und deren beiderseitiger Inhalt hierher gehört. Der erste Brief war von dem Major von Krallheim und derselbe, von welchem wir vorhin geredet haben; der andre aber kam von einem Vetter des Herrn von Grätz, welcher Hofmarschall an einem Hofe nicht weit von den Rheingegenden war und in diesem Briefe dem Obristen den Vorschlag that, seine Tochter als Hofdame an ebendiesem Hofe anzustellen. Der alte Grätz war kein Liebhaber vom Hofleben und meinte wirklich, eine Hofdamenstelle sey für Leib und Seele kaum so wünschenswerth als eine Stelle in einem Hospitale; allein seine Tochter war arm, immer war diese angetragene Versorgung nicht zu verachten; die kleine Liebesangelegenheit hatte auch wohl gewirkt, daß er weniger delikat für Julien wählte, endlich, da in Krallheims Schreiben nicht stand, welche Maßregeln er mit Ludwig genommen und daß er beschlossen hätte, ihn nach Göttingen zu schicken, so glaubte Grätz, der junge Mensch werde noch in Leipzig bleiben, und fand daher die Gelegenheit ganz schicklich, seine Tochter wenigstens auf ein paar Jahre aus dieser Gegend zu entfernen. Er nahm also den Vorschlag des Hofmarschalls an; Julie wurde ausgerüstet, ohne zu erfahren, was man mit ihr vorhatte; eine alte Tante mußte sie begleiten, und als sie in den Wagen stieg, küßte der Vater sie und sprach: »Deine Tante wird Dir unterwegens sagen, wohin die Reise geht. Machst Du, daß ich Freude an Dir erlebe, so bleibst Du mein liebes Kind; machst Du mir Unehre, so drehe ich Dir den Hals um – und nun Gott befohlen! Es ist so böse nicht gemeint, und es wird Dir schon gefallen da, wo Du künftig leben wirst. Vielleicht sehen wir uns auch bald wieder.« – Und darauf ging er wieder in sein Zimmer, setzte sich hin und antwortete dem Major: Er danke für die Nachricht; er sey aber schon vorher hinter die Sache gekommen und habe itzt seine Tochter an einen entfernten Ort geschickt, wo ihr die verliebten Gedanken vermuthlich vergehn würden. So waren denn nun die armen Täubchen weit auseinander, ohne Nachricht von ihrem Schicksale und ohne die Hoffnung zu haben, sich bald wiederzusehn, ja! nur einmal sich ihre Klagen schreiben zu dürfen. Neuntes Kapitel Die Veränderung in Seelbergs Lage war so schnell vorgegangen, daß er wirklich nicht Zeit gehabt hatte weder sich zu besinnen noch seinen neuen Führer gehörig in die Augen zu fassen. Jetzt reisete er mit demselben über das Eichsfeld nach Göttingen, und die schlimmen Wege, auf welchen das Fuhrwerk äußerst langsam ging, gaben ihm Muße und böse Laune genug, den Herrn Wasserhorn mit aller möglichen Aufmerksamkeit zu beobachten, seine Manieren, seine Gesichtsbildung und seine Mienen zu studieren und zugleich allem demjenigen nachzusinnen, was vorgegangen war. Was diesen letzten Punkt betraf, so wußte er nicht, zu was er sich entschließen und was für eine Art von Betragen er in seinen gegenwärtigen Umständen annehmen sollte. Um hierüber etwas festzusetzen, war es auch freilich nothwendig, daß er erst von Grund aus mit dem Charakter des Herrn Wasserhorn bekannt werden mußte. Er fing also jedes Wort auf, so aus seinem Munde ging, und lauerte auf jede kleine Bewegung, die er machte, nahm indes ein feierliches, ernsthaftes und trockenes Betragen gegen ihn an, und da, wie wir schon wissen, Ludwig ein nicht unfeiner Beobachter war, so hatte er in wenig Tagen seinen Mann inwendig und auswendig ziemlich kennengelernt. Zu dem nun, was er damals auf diese Art über Wasserhorns Charakter entdeckte und nachher durch längern Umgang näher entwickelte, will ich einige Berichtigungen hinzufügen und Ihnen ein Bild von diesem getreuen Hofmeister vorlegen.   Herr Wasserhorn war von niedriger Abkunft und hatte von Jugend auf, um das liebe Brot zu gewinnen, sich schmiegen und beugen müssen. Sein Temperament war sanguinisch-phlegmatisch; er hatte keine sehr heftige Leidenschaften, keinen großen Ehrgeiz, keine übertriebene Eitelkeit, und also ließ er sich alles von andern Menschen gefallen, insofern er nur ruhige Tage, Gemächlichkeit und gut zu essen und zu trinken hatte. Um diese irdischen Güter zu erlangen, hatte er früh gelernt, nach Personen und Umständen sich bequemen. Ohne also zu einem feinen, schlauen Manne sich gebildet zu haben, hatte er einen gewissen esprit de conduite erlangt, den mittelmäßige Genien oft in höherm Grade besitzen als Leute von glänzenden Geistesgaben, nämlich eine sorgsame Vorsichtigkeit im Umgange; die Gabe, es mit niemand zu verderben, jeden Mann von Ansprüchen glauben zu machen, er sey einer seiner wärmsten Verehrer und Anhänger; die Kunst, allen seinen Handlungen einen gewissen Anstrich von Bonhommie zu geben, also daß jeder ihn einen guten, dienstfertigen und behutsamen Mann nannte; endlich das Talent, durch abgelockte Vertraulichkeit und Einschleichen in Familiengeheimnisse sich nothwendig zu machen. Da alle diese Züge einen Menschen bezeichnen, der nach Zeit, Personen und Umständen andre Formen annimmt, so versteht sich's von selbst, daß Herr Wasserhorn nicht einen einzigen Zug von Selbständigkeit hatte, daß ihn Niederträchtigkeit, Schmeicheley und Heucheley wenig kosteten und daß er, um seinen Zweck zu erlangen, nicht sehr edel in der Wahl seiner Mittel war. Dabey schweifte er heimlich aus und liebte besonders das Frauenzimmer; doch wußte er das Ding so listig anzufangen, daß alle Ehemänner und Väter ihn für einen spaßhaften Mann sans consequence ansahen, denn er nahm sich immer in ihrer Gegenwart gegen Weiber und Töchter, die er Alle seine Schäfchen nannte, verschiedene kleine Freiheiten und bahnte sich dadurch den Weg, sich noch größere nehmen zu dürfen, wenn er mit den Schäfchen allein war. Gelernt hatte er übrigens grade so viel, als nöthig war, um von Leuten, die sich freueten, daß sie mehr wußten als er, ohne offenbare Lüge und Schande für einen Mann, der seine Sache gelernt hat, ausgegeben werden zu können. Als er sich dem Herrn von Krallheim als Hofmeister bey dessen Mündel empfehlen ließ und nachher Weisung bekam, wie er sich in dieser Stelle betragen und welche sorgsame Aufsicht er über Seelberg führen sollte, da machte er sich gleich einen Plan, wie er das äußere Ansehn von strenger Amtsverwaltung mit des jungen Herrn Zufriedenheit und mit seiner eigenen Gemächlichkeit und Freude vereinigen wollte. Diesem gemäß stellte er sich schon auf der Reise äußerst muthwillig und lustig, scherzte mit allen Wirthshausmädchen, ließ guten Wein hergeben und hoffte durch diese jugendliche Aufführung Ludwigs Zutrauen zu gewinnen; allein er betrog sich; Seelberg war nie ein Freund von solchen lauten, ungezogenen Freuden gewesen; dazu hatte die Liebe seine Sitten sanfter und milder gemacht, und bey seiner verdrießlichen Laune wurden ihm diese Spaße noch unleidlicher. Herr Wasserhorn merkte das und stimmte desfalls in einen andern Ton. Er wollte den Empfindsamen spielen, sprach von schönen Fluren und von unschuldigem Genüsse des Lebens; aber das kleidete den alten Sünder so übel, daß Ludwig nur mit verächtlichen Mienen und einsilbigen Worten darauf antwortete. Als er sah, daß seine schönen Reden verlorengingen, glaubte er, er müsse sich deutlicher erklären, und fing daher folgendermaßen an: »Ich merke wohl, Herr von Seelberg! daß Sie mir nicht trauen und daß Sie mich nicht als Ihren Freund, Gefährten und Führer, sondern als einen Spion betrachten, der auf den kleinsten Ihrer Schritte lauern und Ihnen jede unschuldige Freude mißgönnen und verbittern wird. Allein da thun Sie mir himmelschreiendes Unrecht. Ich bin Ihrem Herrn Vormunde zu einem Hofmeister vorgeschlagen worden und habe die Stelle erhalten, ohne daß ich wußte, in welchen Verhältnissen Sie übrigens mit ihm standen. Als er mich nachher mit einer Instruktion versah, die mir nicht sehr gefiel, stellte ich mich doch mit Vorsatz, als wenn ich gänzlich seine Absichten billigte, indem ich mich freuete, daß ich dadurch Gelegenheit erhalten würde, Ihre Lage angenehmer zu machen; und das soll dann gewiß mein Bestreben seyn, wenn Sie Zutrauen zu mir haben wollen. Ich bin auch jung gewesen, habe auch geliebt und weiß, was es heißt, dem Herzen Gewalt anthun zu wollen. Und was den weitern Plan Ihres Lebens und Ihrer Studien betrifft, so seyen Sie überzeugt, daß ich dabey gewiß Ihre Neigung nicht einschränken werde. Nur begreifen Sie leicht, daß man doch, der Folgen wegen, gewisse ökonomische Rücksichten nehmen muß, an welche der gute junge Herr Krohnenberger nicht gedacht hat, und dann, daß man auch, um des Publikums willen und damit der gestrenge Herr von Krallheim keine üble Nachrichten von uns höre, im Äußern ungefähr sich nach seiner Vorschrift richten muß. Wir dürfen es nicht ganz mit ihm verderben, besonders ich nicht. Sie bleiben indessen nicht ewig in der Vormundschaft, und ich habe die Zuversicht, Sie werden, sollte ich auch, aus guter Meinung für Sie, Verdruß haben, mich demnächst, wenn Sie Ihr eigener Herr sind, entschädigen.« – So redete er und fügte noch manches hinzu, um wo möglich Ludwigs Zutrauen zu gewinnen. Dieser fühlte nun in der That eine unüberwindliche Abneigung gegen diesen Menschen, und sein Herz sagte ihm, daß er ein Heuchler wäre; dennoch aber ließ er sich durch den treuherzigen Ton, aus welchem derselbe redete, insofern einnehmen, daß er freundlicher wurde und ihm offenherzig bekannte, wieviel er durch seine Trennung von Julien litte, wie lebhaft er es fühlte, daß er ohne sie nicht leben könnte, und wie groß sein Widerwillen gegen die juristischen Studien wäre; Herr Wasserhorn tröstete, so gut er konnte, versprach, nach besten Kräften zu helfen, und so kamen sie in Göttingen an. Hier versäumte Wasserhorn nicht, sobald er für sich und seinen Zögling eine Wohnung gefunden hatte, zu den Angesehensten und Berühmtesten unter den Herrn Professorn herumzulaufen und sich und seinen jungen Herrn ihrer Gewogenheit zu empfehlen. Es dauerte auch nicht acht Tage, so war er in einigen Familien als Hausfreund aufgenommen und der Grund zu seinem Rufe gelegt. Sodann wurden die Lehrstunden gewählt; man übernahm einige juristische Kollegia, besuchte dieselben fleißig und stellte sich, als sey es recht Ernst damit, gab sich zwar zu Hause nicht viel Mühe mit dem Repetieren, erlangte aber doch dadurch und durch des Herrn Wasserhorns Briefe an den Major, daß Dieser wieder gänzlich versöhnt, mit seinem Mündel zufrieden wurde und einmal über das andre ausrief: »Da sieht man, was ein rechtlicher Kerl aus so einem jungen Menschen machen kann! Ich sagte es immer, daß die Schuld an dem vorigen Hofmeister läge.« Der ehrliche Vormund schrieb deswegen die verbindlichsten Briefe an Beide, schickte einen kleinen Extrawechsel, der um Johannis zu einer Reise auf den Harz angewendet wurde, und Wasserhorn gab sich immer mehr Mühe, seinem jungen Herrn in allen Stücken sich gefällig zu beweisen. Ein offnes junges Herz ist leicht zu hintergehn; Seelberg fing daher auch nach und nach an, sein Mißtrauen gegen Wasserhorn aufzugeben; allein fröhlich konnte er doch immer nicht seyn, und die Ungewißheit, wie es um Julien stünde, kostete ihn manche Thräne. Doch auch von dieser Seite suchte der Hofmeister sich in seine Gunst einzuschleichen; er redete oft von dem Fräulein und erbot sich, insofern nur die Sache verschwiegen bliebe, zu Fortsetzung ihres Briefwechsels, ja! zu einer persönlichen Zusammenkunft selbst behilflich zu seyn. Ludwig bekannte ihm darauf, daß er gleich nach seiner Ankunft in Göttingen heimlich geschrieben, aber gar keine Antwort bekommen habe. – »Ich weiß es«, erwiderte Wasserhorn. »Sie haben den Brief in eigner Person auf die Post gebracht, und weil ich auf Befehl Ihres Herrn Vormundes dort hatte bestellen müssen, daß man dergleichen Briefe alle in meine Hände zurückliefern sollte, so schickte der Postsekretair mir auch diesen wieder; allein ich ließ ihn nicht nur unerbrochen fortgehn, sondern, da ich vermuthen konnte, daß man auch von Seiten des Herrn von Grätz Anstalten zu Hemmung Ihres Briefwechsels würde gemacht haben und die Ankunft Ihres Schreibens zugleich ein Zeugnis gegen meine strenge Aufmerksamkeit gewesen seyn würde, so machte ich noch einen Umschlag mit der Aufschrift an einen sichern Freund in der Gegend von Leipzig darum, und von Diesem habe ich nun gestern nicht nur Ihren Brief (den Sie hier unverletzt sehen) zurückgesendet, sondern noch folgende Nachricht dabey erhalten:« – Er ließ ihn sodann lesen, was der gute Freund geschrieben hatte, nämlich: das Fräulein von Grätz sey seit sechs Wochen fort, und zwar als Hofdame nach *** geführt worden, ohne daß sie vorher im mindesten etwas von dieser Reise erfahren habe – »Sie sehen«, fuhr darauf Wasserhorn fort, »daß es des armen Fräuleins Schuld nicht ist, wenn sie Ihnen nicht geschrieben hat. Wer steht Ihnen dafür ein, daß sie nur einmal weiß, daß Sie nicht mehr in Leipzig sind? Kann ich Ihnen indessen behilflich seyn, in ***, wo ich auch, selbst am Hofe, einige Bekanntschaft habe, ein Mittel ausfindig zu machen, ihr Nachricht von Ihnen zu ertheilen, so setzen Sie mich auf die Probe, ob ich es redlich mit Ihnen meine oder nicht.« Ich habe vorhin gesagt, daß Ludwig den Herrn Wasserhorn sehr bald für einen Schelm anerkannte. So sehr ihm nun damals sein Herz sagte, er irre nicht in diesem Urtheile über ihn, so stieg doch oft, und vorzüglich itzt, der menschenfreundliche Gedanke in ihm auf, es sey möglich, daß er dem Manne vielleicht Unrecht thäte. Kaum hatte daher der Hofmeister aufgehört zu reden, als Seelberg, in den ersten Aufwallungen von Freude über diese Äußerungen, ihm um den Hals fiel und sein freundschaftliches Erbieten dankbar annahm. Es wurde also an das Fräulein geschrieben, der Brief einem sichern Manne zu vorsichtiger Überreichung anvertrauet, und indes sie auf Antwort warten, will ich dem Leser Rechenschaft davon geben, was für Veränderungen mit Ludwigs Charakter und mit seiner Stimmung vorgingen. Die Hoffnung, bald Nachricht von seiner Geliebten zu bekommen, und die Zufriedenheit darüber, daß seine Lage nicht so unangenehm war, als er bey seiner schleunigen Abreise von Leipzig vorausgefürchtet hatte, gaben ihm wieder Augenblicke von froher Laune. Indessen war er weit von Julien getrennt; ihr Bild wurde weder durch Localerinnerungen noch durch Briefe von ihr in seiner Seele so oft erneuert als ehemals, und so fing denn stufenweise seine Fantasie an, nicht mehr so ganz ausschließlich auf diesen einzigen Gegenstand geheftet zu seyn. Man sage, was man will, Zeit, Entfernung und Mangel an neuen Anregungen vermögen jeden guten und bösen Eindruck eines Gegenstandes, der auch noch so fest Wurzel gefaßt hat, nach und nach auszulöschen. Dem Herrn Wasserhorn war es sehr angenehm, daß sein junger Herr nicht mehr so ganz gewaltig in Liebe athmete und webte. Er nützte daher diese Zeit, um ihn zu seinen Endzwecken umzuformen und sich ihm nothwendig zu machen. Hierzu schien es ihm nützlich, seine Moral ein wenig zu humanisieren. Da aber eine tugendhafte Liebe ein kräftiges Bewahrungsmittel gegen schlechte Sittlichkeit zu seyn pflegt, so war es nicht unfein gehandelt, wenn man dem jungen Herrn, wo möglich, einen nachtheiligen Begriff vom weiblichen Geschlechte beizubringen suchte. Hierauf legte es also Herr Wasserhorn an; doch war es, wir gestehen es, nicht sowohl konsequent angelegter, weitaussehender Plan als natürlicher Hang, der ihn trieb, schlecht vom schönern Theile der Schöpfung zu reden, weil er schlecht davon dachte, auch nicht anders denken konnte, da die bessern Frauenzimmer nie viel Gemeinschaft mit ihm gehabt, diejenigen aber, deren Umgang er gesucht und genossen, ihm auch genug schwache Seiten gezeigt hatten. Als daher die Antwort von dem Fräulein ein wenig lange ausblieb und der junge Herr traurig darüber wurde, so wagte der Hofmeister so ein Wörtchen als: »Armer Herr von Seelberg! Ich bedaure Sie; Sie nehmen Sich die Sache zu sehr zu Herzen. Die Hofluft wird unser Fräulein angesteckt haben. Daß der Brief richtig übergeben worden, das wissen Sie – Es ist aber unsre Schuld nicht, wenn das Fräulein durch Zerstreuungen oder vielleicht durch neue Bekanntschaften abgehalten wird, sich ihres alten Freundes zu erinnern.« – Anfangs wurde eine solche Lästerung gewöhnlich mit einer großen Ausrufung beantwortet, zum Beispiel: »O! wie wenig kennen Sie Julien!« und dergleichen – »Ey nun!« fügte dann Wasserhorn kaltblütig hinzu. »Verzeihen Sie, wenn ich, der ich in fünfundvierzig Jahren nicht Eine gefunden habe, die eine Ausnahme von der Leichtfertigkeit machte, die dem Geschlechte eigen ist, wenn ich das Stillschweigen des Fräuleins nicht mit den Augen des Liebhabers, sondern des kühlern Beobachters ansehe!« Zu einer andern Zeit entwarf er ihm das häßlichste Gemälde von dem weiblichen Charakter überhaupt. »Glauben Sie es«, sprach er, »einem alten Kerl, der Erfahrung hat! Es ist kein unsicherers Ding in der Welt als ein Weiberherz. Nicht Eine ist tugendhaft aus wahrhaftem Gefühl von Pflicht und Rechtschaffenheit, und wenn Eine existiert, die ihr zwanzigstes Jahr erreichte, ohne sich je vergessen zu haben, so fehlte es ihr entweder an zwangloser, sichrer Gelegenheit zu sündigen oder an Temperament, oder ihre Eitelkeit fand ihr Konto besser auf der Seite der Tugend, oder sie fürchtete die Folgen, kalkulierte besser als ihre Schwestern, oder der Augenblick der Versuchung war noch nicht gekommen. In allen übrigen Fällen aber ist auch nicht Eine, die widerstünde, wenn ein schlauer Mann es recht darauf anlegt – Und wahrlich braucht man es selten fein anzufangen. Die am sittsamsten aussehen, am mehrsten Sentiments auskramen und am strengsten gegen Andre sind, geben sich am ersten solchen Männern preis, wovon sie zuverlässig wissen, daß sie äußerst ausschweifend sind, und nie habe ich gefunden, daß reine, unverderbte Sitten an einem Manne ein Mittel wären, Weibern zu gefallen. Je strenger die Frau im Publiko redet und sich beträgt, um desto kühnere Angriffe darf man unter vier Augen auf sie wagen. Sie sieht dann, daß man ihre Sprache versteht, daß sie es mit einem Kenner zu thun hat, der sich durch keine Maske, durch keine Ziererey blenden läßt, und gibt sich voll Zuversicht auf die konventionelle Verschwiegenheit hin. Wenn eine schwache Frau sich einem liebenswürdigen Manne zuweilen bey dem ersten Angriffe nicht ergibt, so geschieht das nicht deswegen, weil in ihr Grundsätze gegen Gefühle kämpften, sondern aus Berechnung ihres Vortheils \& pour faire durer le plaisir . Wo das nicht der Fall ist, da verwilligt sie, sobald es nur irgend anständiger Weise geschehen kann, weil Intrige unter Leuten, die ihres Handels einig sind, sich leichter vor dem Publiko verbergen läßt als ein ordentlich instruierter Liebesprozeß, ein empfindsamer Roman. In der heutigen Welt verführt aber der Mann fast nie, sondern wird fast immer verführt oder angelockt. Es gibt nur eine kurze Periode von wenig Jahren (und Manche überspringen dieselbe ganz), binnen welcher es den Weibern mit der Sittsamkeit ein bißchen Ernst ist, und das ist die Zeit, wenn sie unglücklicher Weise zu alt zu Liebhaberinnen und zu jung zu Kupplerinnen und Betschwestern sind, und in dieser Periode beschäftigen sie sich mit andern christlichen Übungen als: Lästern, Schimpfen, Moralisieren, Ausspähen, Kontrollieren der Handlungen Anderer und Störung fremder Freuden. Allein, um wenig Zeit zu verlieren, fangen sie früh an, sich zu ihrer Bestimmung zu bilden. Die Haare würden Ihnen zu Berge stehn, wenn Sie lauschen und hören sollten, welche Gespräche, welche muthwillige Scherze, welche Vertraulichkeiten wohlerzogene Mädchen sich untereinander erlauben, wenn sie allein zu seyn glauben; Scherze, Dinge, wobey der Jüngling, wenn er hinter der Thür Zeuge dabey ist, vor sich selbst erröthen muß. Einer der gemeinsten weiblichen Kunstgriffe ist, wenig Naturtrieb zu affektieren, und das wollüstigste Weib wird ihren Mann in diesem Punkte so sehr täuschen, daß er seinem vertraueten Freunde klagen wird, seine Frau habe so wenig Temperament, und während dies ihn sicher macht, lacht sie Seiner in den Armen ihres Kutschers, und er vergißt, daß es in der Welt kein anderes Mittel gegen die Hahnreischaft gibt als stille, unmerkliche Wachsamkeit, mögliche Entfernung der Gelegenheit und die Kunst, sich selbst rar zu machen, zuweilen Eifersucht zu erregen und dadurch des Weibes Eitelkeit aufzufordern. Das sicherste Mittel hingegen, bald Hahnrei zu werden, ist, Eifersucht zu zeigen. Es ist kein schwächeres; blödsinnigeres Geschöpf zu finden als ein Mann, der de bonne foi liebt, und kein Ding so abgeschmackt, das ein schlaues Weib einen Solchen nicht glauben machen könnte. Es gibt keinen Haushalt, in welchem nicht der Mann von dem Weibe auf irgendeine Art im Großen oder Kleinen betrogen würde, und die Mittel, welche die Frauenzimmer zu wählen wissen, um dabey trotz aller Hindernisse, Verbote, verdrießlichen Scenen und zu erwartenden Verdrusses ihren Zweck zu erreichen, sind unzählbar. Jede Frau ist bereit, ihres Mannes und ihrer Familie Glückseligkeit einer thörichten Fantasie, einer närrischen Eitelkeit aufzuopfern. Die Verstellungskunst wird ihnen angeboren. Der Mann erröthet aus Bewußtseyn seiner Schwäche, das Weib wird nur roth aus gekränkter Eitelkeit, aus Wollust oder aus Zorn – und sonst nie. Und wenn der klügste Mann (klug wie Salomo, der gewiß die Weiber kannte) zu Gott und dem Evangelio geschworen hätte, sich weder zum Zorn noch zu einer Schwäche verleiten zu lassen, so kann ein Weib ihn dahin bringen, seinen Eid zu brechen. Vom neunten Jahre ihres Lebens an lauern die Mädchen hinter den Büschen am Wege des Lebens, lauern den unbefangenen Wanderern auf, und ehe sie vierzehn Jahre alt sind, wissen sie mehr Spitzbubenstreiche, wissen besser die Schwächen auszuspähen und sich durch das am wenigsten vertheidigte Thor in das Herz einzuschleichen als ein ausgelernter männlicher Verführer im fünfundzwanzigsten Jahre.« Es versteht sich, daß Herr Wasserhorn dies teufelische System (dessen Widerlegung der bessere Theil des Geschlechts mir erlauben wird, auf eine andre Zeit zu versparen oder vielmehr unserm Ludwig selbst in der Folge bey glücklichern Erfahrungen zu überlassen), es versteht sich, daß er dies System nicht auf einmal in seiner ganzen Rauhigkeit, sondern nur stufenweise vortrug, um nicht plötzlich Ludwigs besseres Gefühl zu empören. Wie wollte es auch möglich gewesen seyn, dasselbe einem Jünglinge annehmlich zu machen, der immer das herrlichste Ideal, das Bild seiner vortrefflichen Mutter im Kopfe, dabey die höchste Meinung vom weiblichen Charakter gefaßt und seine Liebe zu Julien im Herzen hatte! Allein unmerklich gewöhnt man sich, auch die empörendsten Sätze wenigstens kaltblütig anhören zu können, und dann ist schon viel gewonnen für den, welcher uns diese Sätze aufdringen will. Einige Menschenkenntnis schien denn auch immer aus Wasserhorns Deklamation hervorzuleuchten; das war Ludwigs Steckenpferd; und so gelung es dann dem Lehrer nach und nach, Seelbergen wenigstens aufmerksam und ihn glauben zu machen, der schlechtere, vielleicht gar der größere Theil der Frauenzimmer könne diesem Bilde in einigen Zügen gleichen, besonders in den Städten, und seine Mutter und Julie seyen wohl nur Ausnahmen – Und dann kamen gewöhnlich kleine Erzählungen von alten Erfahrungen, auch hie und da ein Brocken aus einem großen Schriftsteller, der irgend etwas Witziges über die Unbeständigkeit der Weiber gesagt hatte; der neue Amadis erschien in dieser Zeit, mit dem Motto: In muliebrem levitatem ab auctoribus passim multa scribuntur ; der Hofmeister las die angenehmsten, schönsten Stellen daraus vor und empfohl dies Werk Seelbergen, der demselben dann auch seinen Beifall nicht versagen konnte. Von Zeit zu Zeit fügte es sich auch wohl, daß ein Buch, in welchem unkeusche Scenen mit lebhaften Farben geschildert waren, oder ein solches, in welchem mit den Grundsätzen der Moral leichtsinnig gespielt wurde, als wie von ungefähr, aber durch Zulassung des Herrn Wasserhorn, in Ludwigs Hände kam oder daß Dieser, bey der geringen Sorgsamkeit des Hofmeisters in solchen Punkten, in Göttingen in Vertraulichkeit mit jungen Leuten gerieth, die mit ihren Ausschweifungen prahlten, sich Gunstbezeugungen von Frauenzimmern rühmten oder sonst schamlos und unbescheiden redeten, ausschweifend lebten und doch dabey liebenswürdige, glänzende Eigenschaften hatten, angenehme Gesellschafter waren und ihren Verirrungen ein Gewand von interessantem Leichtsinne geben konnten. Welchen Eindruck dann dies alles endlich auf die Moralität unsers jungen Menschen machte, das brauche ich wohl nicht zu entwickeln, doch war er noch nicht in der That abgewichen vom Wege der Tugend, aber er fing an nachlässig, sorglos und unvorsichtig auf diesem Wege fortzuschlendern, auf welchem er so wenig Gefährten zu haben glaubte. Er sah so Viele, und unter Diesen so viel allgemein geachtete und geliebte Menschen, einen andern, dem Anscheine nach blumigern, reizendern Weg lustwandeln, da hingegen auf seinem einsamem Pfade kein Freund ihm zur Seite ging, der ihm die Hand geboten und seinen Enthusiasmus, das Ziel zu erreichen, und sollte auch nur er allein es erreichen, angefeuert hätte. Wenn er sich also jetzt noch nicht zu unwürdigen Handlungen erniedrigte, so kam das daher, weil der sanftere Genius der Liebe noch über ihm schwebte, weil Scham und Schüchternheit, die so manchen edeln Jüngling vom ersten Schritte zum Laster abhalten, gegen böse Anreizungen rangen und weil die verführerische Gelegenheit ihm noch nicht so nahe sich gezeigt hatte, daß sein Temperament über die Habitüde, gut zu handeln, gesiegt hätte; denn von seinen Grundsätzen wollen wir gar nicht reden; die wankten; der Glaube an Tugend und Treue unter den Menschen auf dieser Erde wurde immer schwächer, und dies um so mehr, da endlich, nach langem Warten, die längst gewünschte Antwort von dem Fräulein von Grätz ankam. Sie lautete also:   »Mein lieber Herr von Seelberg! Ihr werther Brief hat mich auf eine angenehme Art überrascht. Ich würde mir längst das Vergnügen gemacht haben, darauf zu antworten, wenn nicht eine Menge Zerstreuungen mich davon abgehalten hätten. Seit vierzehn Tagen ist der Herzog von *** hier, und da gibt es täglich Bälle, Jagden, Dejeuners, Komödien und dergleichen. Vorgestern hatten wir einen bal en masque hier im Schlosse; gestern gab der Obermarschall eine prächtige fête , und heute haben wir bey der Geheimenräthin von *** ein allerliebstes déjeuner dansant gehabt, das bis zwey Uhr Nachmittag gedauert hat. Man kömmt gar nicht zu sich selbst; aber ich habe doch diesen Augenblick gefunden, um Ihnen, mein lieber Freund! zu sagen, wie sehr ich wünschte, daß Sie auch hier wären, weil Sie Sich gewiß gut amüsieren würden. Es sind hier einige sehr liebenswürdige junge Herrn, die mit dem Herzoge gekommen sind und deren Umgang Ihnen gewiß Vergnügen machen würde. Sie fragen, ob ich mich noch Ihrer erinnere? O! wie können Sie daran zweifeln? Glauben Sie, daß ich meine guten Freunde so bald vergesse? Nein! gewiß nicht! Verzeihen Sie nur, wenn ich, aus Mangel an Zeit, Ihnen nicht oft schreibe; aber mich verlangt recht sehr danach, Sie einmal wiederzusehn. Sie werden ja nun wohl bald die Universität verlassen und irgendwo in Dienste gehn. Ich wollte, Sie könnten dann hier ankommen. Wer weiß, ob sich das Ding nicht einrichten ließe. Machen Sie doch einmal in den Vacances eine Reise hierher, damit ich wieder persönlich Ihnen sagen könne, mit welcher aufrichtigen Freundschaft« u.s.w.   Ich würde es vergebens versuchen, den Abstand von der Freude über den Empfang dieses Briefes gegen das Staunen, die Verwunderung und den Verdruß zu schildern, welche Ludwig zeigte, sobald er denselben gelesen hatte – »In dem kalten, Freundschaft lügenden, leichtfertigen Residenzentone konnte Julie – mir schreiben? Mich mit den lumpigen Nachrichten von ihren thörichten Lustbarkeiten unterhalten? Mich hinwünschen, damit ich mich amüsieren und die sehr liebenswürdigen jungen Herrn (Hole sie Alle der Geier!) kennenlernen möchte? – So konnte ein Aufenthalt von wenig Monaten am Hofe das reinste, beste Herz umstimmen, verderben? – O Weiber! seyd Ihr denn Alle so, wie man Euch schildert? – Nein! es ist nicht möglich! Ich habe den Brief unrecht gelesen – Und doch« – Nun las er ihn nochmals und wieder, brach dann in neue Monologe aus und lief endlich zu seinem Hofmeister, bekam aber keinen andern Trost von demselben als: »Sagte ich es nicht? Weiber sind Weiber! Allein wer wird sich darüber ein graues Haar wachsen lassen? Das wäre mir recht, daß ich mich deswegen härmen sollte? Gibt es nicht Mädchen genug? Rächen Sie Sich! Geben Sie ihr den Abschied, ehe Sie förmlich den Ihrigen erhalten! Rächen Sie Sich an dem ganzen Geschlechte! Lassen Sie Sich von Keiner wieder fesseln! Scherzen Sie mit Jeder, die Ihnen gefällt, ohne je Sich fangen zu lassen; und wenn Sie merken, daß man Ihnen die Schlinge über den Kopf ziehen will, so gehen Sie weiter!« Seelbergs feineres, noch nicht ersticktes Gefühl empörte sich bey diesen und ähnlichen Lehren, aber sie faßten doch unmerklich Wurzel, bis endlich ein Mittelweg gefunden wurde – »Wie wäre es«, sprach Wasserhorn, »wenn wir uns mit eigenen Augen überzeugten? Die Michaelisferien sind vor der Thür; wir haben Geld und Erlaubnis zu einer Reise. Lassen Sie uns nach *** fahren! In ein paar Tagen sind wir dort. Wir lassen uns bey Hofe vorstellen und sehen Julien in ihrer neuen Lebensart, und wir mögen sie nun finden, wie wir wollen, so kehren wir doch gewiß mit leichterem Herzen zurück, als wir ausgereiset waren.« – Dieser Vorschlag wurde, wie sich's versteht, mit vollen Freuden angenommen, und unsre beiden Herrn reiseten ab. Zehntes Kapitel Es war den fünfundzwanzigsten September, abends gegen sechs Uhr, als sie in *** ankamen. So sehr auch Seelberg gegen Julien erbittert zu seyn glaubte, so schlug doch sein Herz lauter, als er aus dem Fenster des Gasthofs, wo sie abgetreten waren, das Schloß erblickte, in welchem die geliebte Leichtsinnige wohnte. Er konnte seine Ungeduld, sie zu sehn, nicht verbergen – »Ach! lassen Sie mich!« rief er. »Ich will zu ihr hinauf. Vielleicht ist sie itzt allein in ihrem Zimmer, und wenn sie mich so unvermuthet hereintreten sieht, wird das Andenken jener seligen Augenblicke – Aber wie? wenn ich sie in den Armen eines Andern fände? wenn – Ey nun! dann hätte ja das ganze Possenspiel ein Ende. Also will ich –« – Und nun nahm er Hut und Stock und wollte fort; allein Wasserhorn hielt ihn zurück. »Nicht so hitzig, junger Herr!« sagte Dieser. »Wenn es Ihnen wirklich ein Ernst ist, Juliens Gesinnungen kennenzulernen, so müssen Sie ein Mittel finden, sie da zu beobachten, wo sie gar nicht glaubt, von Ihnen gesehn zu werden, und dies Mittel bietet uns heute ein glückliches Ungefähr dar. Zähmen Sie Ihre Ungeduld noch ein paar Stunden. Es wird heute bey Hof ein Geburtstag gefeiert. Nach dem Abendessen wird ein öffentlicher Maskenball gegeben. Schon hat mir ein Jude Dominos dazu angeboten. Lassen Sie uns in der allerunkenntlichsten Vermummung dahin gehn, das Fräulein aufsuchen und belauschen – und, glauben Sie mir's! Sie werden nicht unbefriedigt fortgehn – Man sieht oft wunderliche Dinge auf Maskaraden.« Dieser Rath war zu vernünftig, um verworfen zu werden; aber Ludwig zählte die Minuten bis zur Ballzeit. Indes aßen sie vorher am Wirthstische. Dahin nun kamen Leute aus allerley Ständen, auch einige Offiziere, von denen zwey nahe genug bey Seelberg ihre Plätze nahmen, um daß Dieser, auf den sie gar nicht Acht hatten und der ganz in sich selbst gekehrt dasaß, einen Theil ihres Gesprächs verstehn konnte. »Sie ist doch in der That hübsch«, sagte der Eine. »Das fand der Herzog von ** auch«, erwiderte der Andre.   Der Erste : »Nun ja! Wie es die Fürsten machen! Ein kleiner Zeitvertreib wird denn so mitgenommen! Das Fräulein von Grätz hat Verstand; aber der Herzog fand sie doch auch zu kokett, um irgend jemand ernstlich zu fesseln; das habe ich aus seinem eigenen Munde gehört.« Der Andre : »Das glaube ich gern; sie treibt das Ding ein bißchen zu arg. Weiß der Henker, wie dies Landmädchen es angefangen hat, den ausstudierten Stadtweibern so bald die Kunst abzulernen!« Der Erste : »Ja! sie zu übertreffen, denn, gestehen Sie es doch! Man kann nicht planvoller, gekünstelter seyn, als sie ist. So auf alle Herzen Jagd zu machen! So gar nichts von der edeln Einfalt der Natur behalten zu haben! Jede Miene zu studieren! Zugleich nach Greisen, Männern, Jünglingen und Knaben sein Netz auszuwerfen – Wahrlich! es ekelt einen Mann, der noch irgend Sinn für Wahrheit und Simplizität hat, vor einem solchen Wesen!« –   In diesem Tone fuhren die beiden Offiziere fort, und wie erbaulich das Gespräch für Seelberg gewesen, das können meine Leser sich leicht einbilden; auch war er beinahe entschlossen, gar nicht auf den Ball zu kommen; doch besann er sich eines Bessern und ging hin. Schon war der ganze Saal voll Masken aller Art aus der Stadt, aber die daranstoßenden Zimmer, in welchen sich der Hof zu versammlen pflegte, waren noch verschlossen. Ludwig, in einer gemietheten, schlechten Schornsteinfegersmaske, stand mit seinem Mentor, der ein Zaubererskleid trug, nahe an der Thür und wartete begierig. Endlich wurden die beiden Flügelthüren geöffnet, und der armselige Glanz des Hofs erschien in seiner ganzen Herrlichkeit. Die Herrschaften und das Gefolge, Alle standen noch mit unbedeckten Gesichtern da; Ludwig nützte diesen Augenblick, um mit den Augen Julien zu suchen, fand sie aber nicht sogleich unter der Menge – »Und wer mag denn«, flüsterte Wasserhorn Seelbergen in das Ohr, indem er mit dem Finger in das Zimmer hineindeutete, »wer mag denn wohl jenes geschminkte Gerippe seyn?« – Seelberg sah hin und rief fast laut aus: – »O weh! das ist Julie! Mein Gott! wie sieht Die aus? Sie muß krank seyn« – Wasserhorn konnte sich bey dieser Entdeckung nicht enthalten, boshaft und so hörbar, als es an dem Orte anständiger Weise sich thun ließ, aufzulachen. – »Sie wird wohl«, sprach er und freuete sich gewaltig über den lustigen Einfall, »sie wird wohl die Hofkrankheit haben: unmäßige Begierden, wenig Schlaf und ein unruhiges Gewissen.« Während nun Ludwig noch von seinem Erstaunen sich nicht erholen konnte, näherte sich Julie der Thür, um eine andre Dame, welche da stand, zu bitten, ihr die Maske vorzubinden. Ehe aber dies geschah, irrte sie mit theils gierigen, theils neidischen Blicken unter der Menge von Masken umher. Es schien, als wollte sie zugleich das Heer ihrer Anbeter für heute mustern und zugleich die Anzahl der Weiber überrechnen, die durch Aufbieten erborgter Reize ihren Eroberungen Grenzen setzen könnten. Seelbergen pochte das Herz gewaltig, als sie ihm so nahe stand; doch nahm er alle seine Fassung zusammen, um sie ruhig zu beobachten, und was er nicht sah, das sah Wasserhorn und ließ es ihn bemerken. Juliens Blicke verriethen Gemüthsunruhe, friedenloses Streben und Sehnen, Unsicherheit des Charakters und verlorne Einfalt des Herzens. Ihre Gesichtszüge und Mienen hatten eben dies Gepräge, welches mitten durch die fingerdicke, hochrothe Schminke hervorschien. Sie war mager geworden, durch die zerstreuete Lebensart und durch die Unruhe ihres Gemüths. Ihre Gebärden waren heftig, und die reizende Lebhaftigkeit, welche ihr ehemals so gut, so natürlich anstand, hatte nun einen Anstrich von Wildheit bekommen, die zurückscheuchte; alles war erkünstelt, gespannt, erzwungen, um die innern Kämpfe zu verbergen, von denen sie unaufhörlich gequält wurde. Ihr Anzug war übertrieben, fantastisch – und kurz! Sie war nicht Julie mehr, und Seelbergen zitterte eine Thräne im Auge. – »Nun! wie gefällt Ihnen das?« fragte Wasserhorn – »Ach! schonen Sie Meiner!« erwiderte Ludwig und mischte sich unter den Haufen, der nun mit dem ganzen Hofe nach dem andern Ende des Saals hindrang, um den Tanz anzufangen. Indes nun Wasserhorn seinen jungen Herrn ein wenig aus den Augen verloren, nachdem er ihn jedoch vorher nochmals dringend gebeten hatte, sich nicht zu verrathen, ging der alte Taugenichts auf Abentheuer aus. Wir haben vorhin gehört, daß er sich rühmte, von vorigen Zeiten her hier Bekanntschaften zu haben. Die hatte er denn freilich; aber sie waren auch darnach. Jetzt suchte er ein paar derselben auf, neckte sie ein wenig, weil sie ihn in der Verkleidung nicht kannten, und gab sich endlich zu erkennen. Es war eine Witwe von etwa zweyunddreißig Jahren darunter, die noch ziemlich hübsch, dabey ziemlich verbuhlt war und ehemals mit unserm Herrn Wasserhorn, der in der Jugend kein garstiger Mann gewesen, sehr gut gestanden hatte. Auf Diese machte er dann einen Plan, der dahin abzielte, sich ihrer zur Tröstung und Umschaffung seines jungen Herrn zu bedienen. Nach den ersten Bewillkommnungen eröffnete er diesen Plan der menschenfreundlichen Dame, die auch, nachdem sie sich nach dem Alter und nach andern äußern Umständen des Herrn von Seelberg erkundigt hatte, die ihr zugedachte Rolle zu übernehmen versprach. Hier könnten meine Leser vielleicht erwarten, daß ich Ihnen eine Scene aus Wielands unnachahmlichem Romane zu kopieren wagen, aus der zweyunddreißigjährigen Witwe eine zweite Danae, aus Wasserhorn einen Hippias machen und Ludwig wie Agathon in die Schlingen eines Sophisten und einer Kokette führen wollte. Oder vielleicht fällt Ihnen aus Fieldings Meisterwerke Lady Bellaston ein, welche den ehrlichen Tom Jones auch auf einem Balle, wo er Sophien suchte, in ihr Garn lockte; aber wahrlich! außer manchen sehr großen Verschiedenheiten unter den Charaktern meiner Personen und jenen hält mich von solchen gar groben, wissentlichen Nachahmungen sowohl eigener Stolz, der mich verhindert, mit fremden Federn mich zu schmücken, als auch die Verehrung ab, die ich gegen so große Schriftsteller fühle und die mir nicht erlaubt, sie zu plündern. Als ein treuer Geschichtsschreiber muß ich indessen die Begebenheiten erzählen, wie sie vorgefallen sind, und es ist meine Schuld nicht, wenn diese Begebenheiten mit andern Ähnlichkeit haben – Doch weiter! Nachdem Wasserhorn und Madam Brinkler (so hieß die hübsche Witwe) die nöthigen Verabredungen genommen hatten, wurde Ludwig aufgesucht. Man fand ihn wie eingewurzelt dastehn, indem er Julien in unsittsamer Wildheit mit den Jünglingen durch den Saal walzen sah. Der Hofmeister zog ihn auf die Seite, um ihn seiner alten Bekanntin vorzustellen, und Diese fing ein freundliches Gespräch mit ihm an, welches Ludwig, so böser Laune er auch war, dennoch mit Höflichkeit beantworten mußte. Man setzte sich auf eine Bank; man sprach von diesem und jenem; man machte Anmerkungen über Tänzer und Tänzerinnen, erzählte Anekdoten von verschiedenen Personen aus der Stadt, und Madam Brinkler wußte zu rechter Zeit ein Wörtchen von Spott gegen das Fräulein von Grätz mit einfließen zu lassen. Während dieser Unterhaltung, welche durch den Witz der hübschen Witwe gewürzt wurde, fiel es Dieser ein, unsre beiden Reisenden zu bitten, sich ihr doch außer dem Saale auch ohne Maske zu zeigen. »Da Sie in Ihrer beschwerlichen ganzen Maske nicht tanzen können, so werden Sie ja auch wohl nicht böse darüber, wenn ich Sie einige Augenblicke dem Lärm und dem Staube entziehe«, sprach sie, griff dem jungen Seelberg unter den Arm und ging mit ihm und seinem Hofmeister in ein Nebenzimmer. Mit der Erzählung der feinen Künste, durch welche Madam Brinkler hier Seelbergs Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchte, will ich meine Leser nicht aufhalten. Also nur so viel! Man demaskierte sich, und beide Theile schienen nicht unzufrieden mit der Gestalt zu seyn, die sie aneinander wahrnahmen. Ludwig war ungefähr zwanzig Jahre alt und hatte einen natürlichen Hang zu dem schönen Geschlechte; Madam Brinkler war in allen Weiberkünsten erfahren und wußte das Geheimnis seines Herzens aus Wasserhorns Munde. Dépit amoureux wirkte mächtig in ihm, zu der Buhlerin Vortheile; sie wußte wohl, daß bey der Stimmung, in welcher er war, und bey der Meinung, die er jetzt von dem Frauenzimmer hatte, der Weg, nach seiner Achtung zu streben, der unsicherste und weitläufigste gewesen seyn würde. Sie bestürmte also seine Sinne, und da er viel Temperament hatte, so gelung ihr das bald. Der Hofmeister ließ Punsch hergeben. Eine Freundin unsrer schönen Witwe, die mit ihr von gleichem Schlage war, vermehrte die Gesellschaft, und da dies nun eine partie quarrée ausmachte und Herr Wasserhorn viel mit der Freundin redete, so hatte Madam Brinkler Gelegenheit genug, Ludwig allein zu bestürmen und ihn von Zeit zu Zeit, indem sie ihm sein Glas mit Punsch anfüllte (das er dann auch in der Verzweiflung öftrer austrank, als heilsam war), vertraulich zu fragen und ihm dabey als eine mitleidige Freundin die Hand zu ergreifen: »Aber was fehlt Ihnen denn? Soll ich es errathen? Nicht wahr? eine kleine Herzensangelegenheit?« u.s.w. Niemand ist leichter zu bewegen, sein Herz, wenn es voll Verdrusses und Mißmuthes ist, auszuschütten und sein Leid einem Andern zu klagen oder wenigstens sich so bloßzustellen, daß man nicht weiter zu fragen braucht, als ein beleidigter Liebhaber. Also hatte auch Madam Brinkler unserm gekränkten Jünglinge bald sein vermeintliches Geheimnis abgelockt. Daß die Art, wie sie ihn darüber tröstete, nur dazu diente, mehr Öl in das Feuer zu gießen, Julien in seinen Augen immer tiefer herabzusetzen, jeden Funken von unschuldiger Liebe und Ehrerbietung gegen das weibliche Geschlecht in seinem Herzen auszulöschen, dagegen eine noch nie so lebhaft gefühlte Flamme lüstiger Begierden in ihm zu entzünden und ihn zu verzweiflungsvoller, leichtsinniger Hingebung vorzubereiten, das wird man mir wohl ohne weitere Zergliederung glauben. Ich könnte zwar diese Scene mit lebhafteren Farben schildern, aber ich male nicht gern wollüstige Gemälde aus – Du aber, Jüngling! der Du dies liesest, folge meinem Rathe, und wenn Du geliebt und geglaubt hast, geliebt zu werden, und ein kleines oder großes Mißverständnis, Gewißheit oder Argwohn weckt Dich nun plötzlich auf aus dem süßen Traume der Hoffnung und Zuversicht zu der Treue Deines Mädchens oder Deines Freundes, so sey großmüthig und verschließe den Kummer in Deinem Herzen; oder ist Deine Seele gepreßt und seufzt nach Erleichterung, so vertraue Dich nur einem geprüften, treuen Biedermanne! Überhaupt, so wie jede Offenherzigkeit gegen schlechte Menschen früh oder spät gemißbraucht wird und Reue wirkt, so soll sich billig der edle Mann in einem Augenblicke von Zorn und Rachsucht nie so weit vergessen, wenn zwischen ihm und einer andern guten Seele kleine Mißhelligkeiten entstanden sind, einen Menschen dabey zum Vertraueten seines Zwistes zu machen, dem er bey kalter Vernunft seine Hochachtung versagen muß. Durch mancherley Künste kam dann unsre schöne Witwe dahin, Seelbergen in eine solche verzweiflungsvoll-lustige, Delikatesse und Gewissen übertäubende Laune zu setzen und zugleich sein Blut so zu entflammen, daß er, den Arm um die Buhlerin geschlungen, Julien mit hohnlächelndem Munde lästerte. Um ihr Werk vollkommen zu machen, ließ das Weib einen Mannsdomino holen; Ludwig mußte seine beschwerlichen Maskenkleider ausziehn, mit ihr in den Saal gehn und sich unter die Tanzenden mischen. Julie erkannte ihn beym ersten Anblicke unter der halben Maske, auch gab er sich Mühe, ihr so nahe unter die Augen zu treten, daß es nicht möglich war, von ihr für einen Andern angesehn zu werden. Madam Brinkler stand in sehr schlechtem Rufe in der Stadt; die freche Vertraulichkeit, mit welcher dies Weib nun an Seelbergs Seite hing und mit ihm durch den Saal flog, eine Vertraulichkeit, die Dieser in der Betäubung, darin er war, mit Vorsatz noch auffallender zu machen suchte, empörte und demüthigte Juliens Stolz einen Augenblick. Doch nehmen in solchen Fällen Frauenzimmer leichter ihre Parthie als Männer und wissen, besonders wenn sie ein wenig kokett sind, das Unangenehme solcher Scenen ganz auf den andern Theil fallen zu machen. Nachdem daher das Fräulein lange neben ihrem ehemaligen Geliebten herumgetanzt und im Englischen viel Ketten und dergleichen mit ihm gemacht hatte, ging sie endlich einmal auf ihn zu und redete ihn mit möglichst kalter Höflichkeit an: »Guten Abend, Herr von Seelberg!« sagte sie. »Nun! das ist ja brav, daß Sie auch einmal in diese Gegend kommen. Sind Sie schon lange hier? Ich habe Sie gleich erkannt; das Gesicht kam mir so vor, als wenn ich es mehr gesehn hätte, aber ich konnte mich sogleich nicht besinnen. Wie befinden Sie Sich denn? Wohl? Nun! das ist mir lieb. Sie bleiben doch morgen noch hier? Wo nicht, so empfehle ich mich Ihnen, wenn ich Sie nicht mehr sehn sollte. Aber Sie werden doch wenigstens in der Stadt ein paar Tage zubringen, da Sie, wie ich sehe, hier Bekanntschaften haben. Bey Hofe würden Sie Langeweile finden, da Sie niemand von den Herrn kennen; sonst wollte ich Ihnen rathen, Sich präsentieren zu lassen. Aber ich muß fort. Leben Sie wohl, Herr von Seelberg! Machen Sie Sich recht lustig!« Und damit hüpfte sie weiter, ohne seine Antworten, wovon er die ersten Sylben herstotterte, zu erwarten, und affektierte den ganzen Abend durch, fröhlicher und lebhafter zu seyn als jemals, ohne jedoch ihn wieder eines Blicks zu würdigen. Vielleicht hat man nicht Unrecht, dem männlichen Geschlechte da, wo es auf tiefeindringenden Blick, auf emsiges Studium, auf richtige Beurtheilungskraft, auf nüchterne, kalte Vernunft, auf abwiegende Überlegung, auf feste Beharrlichkeit, auf Fleiß, Forschen und Grübeln ankömmt, den Vorzug vor dem weiblichen einzuräumen, und ich denke, das ist auch der Ordnung der Natur und seiner Bestimmung gemäß; aber in Witz, Feinheit, Imagination und vorzüglich in Gegenwart des Geistes und schneller Entschließung nach Erfordernis der Zeit und Gelegenheit lassen uns die Weiber gewiß weit hinter sich. Auch erfuhr dies Ludwig bey Juliens Anrede. Vorher hatte er sich auf hunderterley beißende Dinge vorbereitet, die er ihr antworten wollte, wenn sie ihm dies oder jenes sagen würde; als sie aber gegen seine Erwartung einen Ton anstimmte, auf welchen er nicht gefaßt war, verstummte er und war nicht fähig, ein zweckmäßiges Wort hervorzubringen; allein kaum hatte sie ihn verlassen, als ihm wieder die treffendsten Antworten einfielen, durch welche er ihren Stolz hätte demüthigen und ihr Unrecht auf eine höhnische Art ihr vorwerfen können. Freilich war es nun zu spät dazu, doch erwachte eben deswegen um desto eifriger seine Rachsucht. Ein gutgeartetes Gemüth sollte, wenn es Zeit hat, einer empfangenen Beleidigung nachzusinnen, nie ein Gefühl von Rachgier hegen; denn ungerechnet, daß durch die Rache das Übel nicht ungeschehen gemacht wird, so benimmt sie uns auch eine sehr angenehme Empfindung, nämlich die Empfindung des Bewußtseyns, unschuldig gelitten zu haben, mehr Gutes zu verdienen, als uns zu Theil geworden. Das Unrecht, so uns Andre zufügen, kann unsern Werth ja nicht verringern; es erhebt ihn vielmehr, statt daß die Rache uns mit unserm Feinde und Verfolger wenigstens gleiche Rechnung machen läßt, da wir hingegen die ganze Schuld auf seinem Haupte ruhen lassen könnten. Allein man rächt sich auch gewöhnlich nicht aus Schmerz über das gefühlte Unrecht, sondern zur Entschädigung unsers falschen Stolzes, der gekränkt ist dadurch, daß Andre einen raschen Schritt haben gegen ihn wagen dürfen, den er nicht erwidern konnte. Übrigens fiel auch bey Seelbergs Betragen der Nachtheil seiner Rache, so wie mehrentheils in solchen Fällen, auf ihn selbst zurück. Er warf sich, um ein Mädchen zu demüthigen, die ihn einst ehrlich geliebt und sich vielleicht am Hofe, durch Eitelkeit geblendet, auf kurze Zeit vergessen hatte, einer frechen Buhlerin in die Arme und betrat zum erstenmal in seinem Leben den Weg des Lasters. Wer verlor mehr dabey als er? Als nämlich sein Gespräch mit Julien vorbey war, kehrte er voll Zorn und Verwirrung zu Madam Brinkler zurück und klagte derselben sein Leid. Sie trug alles dazu bey, ihn noch mehr zu erbittern, und Beide handelten nun so unedel, Julien auf dem Balle zu verfolgen, ihrer zu spotten und laut über sie zu lachen, sooft sie mit irgendeinem jungen Herrn ein wenig vertrauet that. Dadurch hofften sie dieselbe zu demüthigen; allein sie betrogen sich, denn anfangs schien das Fräulein nicht einmal zu merken, daß ihr das galt, und als sie es endlich zu arg trieben, erweckte es bey ihr kein anders Gefühl, als daß sie anfing, Seelbergen zu verachten und sich zu überzeugen, sie habe Recht gehabt, einen Menschen zu vergessen, der so handeln könne. Zuletzt wurden Ludwig und seine würdige Gesellschafterin des Spiels müde; sie gingen also zurück in das Nebenzimmer, in welchem sie Wasserhorn und eine kleine Gesellschaft, die Seiner würdig war, antrafen. Doch ich ziehe einen Vorhang vor die Scenen, welche den Rest der Nacht ausfüllten; Ludwig, sein Hofmeister und die gute Freundin, von welcher ich vorhin geredet habe, begleiteten Madam Brinkler nach Hause und blieben bis an den Morgen dort; der Plan, bey Hofe sich vorstellen zu lassen, wurde, wie sich's versteht, aufgegeben; dennoch aber blieben die Herrn in *** noch acht Tage lang, die nicht besser als der erste verlebt wurden, und Ludwig kehrte an Leib und Seele verschlimmert nach Göttingen zurück – Das war seines würdigen Führers, des Herrn Wasserhorn Werk! – Elftes Kapitel Der erste Schritt zu Ludwigs sittlichem Verderbnisse war gethan, und wie es denn selten bey diesem ersten Schritte bleibt, so war das auch hier der Fall. Er fing gleich nach seiner Zurückkunft in Göttingen an, heimlich auszuschweifen, wenn er Trieb dazu fühlte und Gelegenheit dazu hatte, und da es dort, wie auf allen Universitäten, viel feile Dirnen gab, so wurde diese Gelegenheit zu finden ihm nicht schwer. War schon vorher seine Meinung von dem größten Theile des weiblichen Geschlechts durch Wasserhorns Lehren sehr herabgesunken, so floh er itzt allen Umgang mit gesitteten Frauenzimmern. Es schien, als hätte er ganz den Ton vergessen, aus welchem er mit ihnen reden und scherzen sollte – Er, der vormals in solchen Zirkeln ganz in seinem Elemente war – Traf es sich aber, daß er von ungefähr mit einem hübschen und sittsamen Frauenzimmer in Gesellschaft kam, so war er zurückhaltend, vorsichtig, scheu, wog seine Worte ab aus Furcht, Zweideutigkeiten zu sagen, erlaubte sich keine auch noch so unbedeutende Freiheit und glaubte immer, sich zu viel herauszunehmen und von Andern beobachtet zu werden, denn er dachte sich bey jeder Freiheit etwas Böses, weil Unschuld von ihm gewichen und er doch noch nicht so tief gefallen war, dem Glanze der Tugend sich entgegenstellen zu können, ohne zu erröthen und ohne die Augen niederzuschlagen. Oft brach er, wenn er mit andern Jünglingen redete, in Schmähungen gegen alle Weiber aus und schwur mit erbittertem Gemüthe, sie seien Alle falsch und untreu und verdienten nicht, daß ein redlicher Mann ihretwegen Kummer leide und seine Ruhe stören lasse. Allein zu einer andern Zeit widersprach diesem Allen sein Herz, das sich nach jenen seligern, reinern Gefühlen der Liebe zurücksehnte, und noch war er nicht frech genug, sich seiner Ausschweifungen zu rühmen, sondern er schämte sich derselben, selbst gegen seinen Hofmeister, von dem er doch wußte, daß er die Weiber nur für Werkzeuge unsrer Wollust und für Gegenstände unsrer Verachtung hielt. Er schlich heimlich zu den Freudenmädchen, ohne einen Vertraueten zu haben, schlich nur hin, wenn seine nun einmal entzündeten Begierden ihm keine Ruhe ließen, ging aber nicht eigentlich darauf aus, Reizung und Gelegenheit zum Laster zu suchen; er hatte Gefühl für Unschuld und Würde, und obgleich er glaubte, daß es wenig oder gar keine erwachsene Mädchen mit reinem Herzen gäbe, so würde er es doch nimmermehr darauf angelegt haben, ein noch unverführtes junges Mädchen von dem Wege der Tugend abzuleiten. Dabey verlor seine Seele noch nicht den Hang, sich an Andre sympathetisch anzuschließen. Wir haben gehört, daß er in seiner ersten Jugend viel Sinn für Freundschaft und Wohlwollen hatte; auch hatte er sich daher so fest an seinen ehemaligen Führer, Krohnenberger, gekettet. Nachher, als er anfing zu lieben, erfüllte diese mächtigere Leidenschaft ganz seine Seele, so daß er eben keine neue innige Freundschaft in Leipzig schloß. Allein Krohnenberger blieb ihm immer noch werth; seine Trennung von ihm schmerzte ihn sehr, nur der Kummer, in welchen er darüber verfiel, daß ihm Julie entrissen war, übertraf jenes Gefühl. Unterdessen hatte Krohnenberger nichts von sich hören lassen, bis, noch ehe Seelberg nach *** reisete, ein junger Mensch aus der Gegend von Eisleben, der in Göttingen studierte, ihm die Nachricht von dieses seines ehemaligen Hofmeisters Tode gab; er war an der Auszehrung gestorben. Für Wasserhorn konnte er nie etwas fühlen, das einer herzlichen Zuneigung geglichen hätte. Das ganze Wesen des Mannes war ihm im Grunde zuwider, und nur die Verbindlichkeiten, welche er ihm zu haben glaubte und welche der alte Bösewicht durch niederträchtige Gefälligkeit und Nachsicht täglich zu vermehren suchte, erweckten in ihm Empfindungen von Dankbarkeit, die, aber auf sehr unvollkommne Art, die Stelle der Freundschaft einnahm. Es blieb also in seinem Herzen noch immer ein warmer Platz für einen Freund – leer. Was endlich Seelbergs Beschäftigungen betrifft, so fuhr er fort, Kollegia zu besuchen und allerley Bücher durcheinander zu lesen, aber das alles ohne festen Plan, ohne bestimmten Zweck, ohne Trieb. Ein Mensch, der keinen vertraueten Freund und keine Geliebte hat; der an nichts hängt; der anfängt, seinen Glauben an Tugend und Treue zu verlieren; der sich unkeuschen Trieben überläßt; in welchem also kein Ressort besserer Art wirkt, weder Religion noch Tugend, noch Liebe, noch Ehrgeiz, noch Wohlwollen; dessen Fantasie ganz herabgespannt ist, der also auch nicht einmal durch Zauberbilder unschädlicher Gattung zu irgendeiner glänzenden Narrheit angelockt, hingerissen wird; endlich, der keinen Lebensplan, keine geordnete Beschäftigung hat – der ist wahrlich sehr zu bedauern, und doch war Ludwig jetzt in diesem Zustande, schlaff an Leib und Seele. Glücklicher Weise konnte man aber von seinem Temperamente hoffen, daß diese Apathie nicht von langer Dauer seyn würde, nur kam es freilich auf die Umstände an, ob er zu guter oder böser Thätigkeit erwachen würde, und das werden wir nun bald erfahren. Es mochten ungefähr vier Wochen nach ihrer Zurückkunft von *** verstrichen seyn, als Seelberg und sein Hofmeister zu gleicher Zeit Briefe von Haus bekamen, deren Inhalt für Beide wichtig war. Ersterem meldete man folgende Nachrichten: Der Major von Krallheim war plötzlich an einem Schlagflusse gestorben; die Landesregierung hatte also ex officio einen andern Vormund ernannt, und zwar einen geschickten Advokaten mit Namen Gerlach, der schon bey Krallheims Lebzeiten der Vormundschaft bedient gewesen war. Dieser sah sich aber gleich bey Antritt des Geschäftes in einen weitläufigen Prozeß verwickelt, der schon lange gedauert hatte, nun aber seinem Spruche nahe war. Es wurde dieser Prozeß nämlich von gewissen Verwandten väterlicher Seite gegen Ludwig geführt, von Verwandten, welche dem alten Seelberg sehr viel zu verdanken hatten und nun nicht nur undankbar genug waren, alte Ansprüche, die sie an der Hälfte der seelbergischen Güter zu haben vorgaben, gegen den Sohn ihres Wohlthäters gelten zu machen, sondern auch diesen Prozeß auf die unedelste Art zu führen und durch Bestechung und Entwendung von Dokumenten einen letzten, entscheidenden Spruch zu ihrem Vortheile zu erschleichen. Diesen letzten Spruch erwartete jetzt Herr Gerlach täglich und bereitete seinen Mündel in seinem Briefe an denselben dazu vor, das Ärgste zu erwarten und dann sich gefaßt zu halten, eine sparsamere und eingezogenere Lebensart zu führen, wie sie seinen veränderten Vermögensumständen angemessen seyn würde. Wasserhorns Brief hingegen enthielt angenehmere Dinge. Es hatte dieser ehrliche Mann längst durch allerley schiefe Wege sich Empfehlungen und Schutz zu verschaffen gesucht, um eine kleine Bedienung zu erhalten und das Hofmeisterleben zu verlassen. Jetzt war sein Wunsch, durch Vermittlung des seligen Krallheims, der dem Minister des Departements so viel gute Dinge von Wasserhorns Geschicklichkeit und seinem Verdienste um Ludwigs Bildung gesagt hatte, erfüllt und ihm eine Beamtenstelle zu Theil worden. Um nicht zu weitläufig in meinen Erzählungen zu werden, will ich hier gleich hinzufügen, daß der Hofmeister die Bedienung mit großer Freude annahm und daß vierzehn Tage nachher, leider! die Nachricht von dem gänzlichen Verluste des Prozesses eintraf. Der Vormund fügte nun nochmals seine Bitte um gute Hauswirthschaft hinzu: »Ew. Hochwohlgeboren«, schrieb er, »haben immer noch genug, um als ein mäßiger und verständiger Mann auch standesmäßig leben zu können, und wenn Sie itzt fleißig das Studium der Jurisprudenz fortsetzen, so wird Ihnen Ihre Geschicklichkeit in der Folge reichlich wieder einbringen, was itzt Chikane und Schelmerey Ihnen geraubt haben; allein ich muß Ew. Hochwohlgeboren nochmals eine gute Ökonomie empfehlen. Sie sind der Vollbürtigkeit ziemlich nahe und also alt genug einzusehn, was zu Ihrem Frieden dient. Ich halte es auch deswegen und zu Ersparung der Kosten für überflüssig, Denenselben einen andern Hofmeister an des Herrn Wasserhorns Stelle zuzugesellen« u. s. f. Dieser Brief und die Abreise des Hofmeisters, der nun sein Amt antrat, machten auf Ludwig allerley Eindrücke. Es kam ihm schmerzlich an, sich einschränken, sich manche Bedürfnisse versagen zu müssen; die Niederträchtigkeit Derer, die seinem Vater so viel zu verdanken gehabt hatten, erbitterte ihn auf das Neue gegen die Menschen und benahm ihm den Sinn für allgemeines Wohlwollen und Zutrauen; die Trennung von Wasserhorn schmerzte ihn nicht sehr; allein da er durch dessen Abreise nun noch isolierter wurde und einen Drang fühlte, seinen Verdruß und Mißmuth loszuwerden, so suchte er Zerstreuungen, ging in Wirthshäuser und besuchte Billarde. Hier fand er Jünglinge aller Art, und sein Herz, das insgeheim nach Freundschaft sich sehnte, wählte unter ihnen ein Paar aus, deren Gemüthsart, Sitten und Laune in seiner jetzigen Stimmung grade den harmonischen Eindruck auf ihn machten. Alwerth und der Graf von Storrmann waren diese Beiden. Alwerth, ein feuriger Jüngling von vierundzwanzig Jahren, voll Lebhaftigkeit, Witz und Talent, studierte die Arzeneikunde, besuchte in der That die Hörsäle ziemlich fleißig, und wenn er, da er viel Stunden des Tages der Geselligkeit widmete, zu Hause nicht sehr emsig bey den Büchern war, so setzten ihn dagegen seine wirklich nicht gemeinen Fähigkeiten in den Stand, mit Leichtigkeit in einer Stunde mehr zu fassen als Andre mit der größten Anstrengung in ganzen Tagen. Dabey aber waren seine Sitten äußerst unregelmäßig. Er hatte aus einem öffentlichen Erziehungsinstitute alle Verderbnisse, die in solchen Anstalten zu herrschen pflegen, mit auf Universitäten gebracht. Das Lesen leichtfertiger Dichter, solcher Schriftsteller, die Unschuld und Moralität nicht respektieren, und solcher Romane und Geschichten, in welchen schlaue Bösewichte, eminente Zerstörer und Verführer mit reizenden Farben geschildert werden, endlich der wirkliche Umgang mit einigen solcher gefährlichen Menschen hatten diese Anlagen noch mehr in das Feine ausgebildet und aus ihm einen gefährlichen Wollüstling gemacht, der Religion und Sittlichkeit theoretisch und praktisch verleugnete, aber dagegen so angenehm, so unterhaltend und so originell war, daß ein junger Mensch von Seelbergs Charakter wie von einem Magnete zu seiner Person und zu seinen Grundsätzen hingezogen wurde. Der Graf Storrmann war auf gewisse Weise Alwerths Schüler in Hippias Weisheit, ein reicher und schöner junger Mensch, nicht ganz so geistvoll, so kühn, so geschliffen noch so kultiviert als Alwerth; aber es fehlte wenig daran, und dies Wenige und ein Schauplatz wie Athen! – und er würde ein zweiter Alcibiades gewesen seyn. Diese Beiden spielten in einem Zirkel noch andrer junger Leute von ähnlichen Dispositionen die ersten Rollen. Sie kamen täglich gegen Abend in einem öffentlichen Hause zusammen, und wenn ihre Unterhaltungen nicht die lehrreichsten und ihre Vergnügungen nicht die unschuldigsten waren; wenn man billig bedauern mußte, daß Jünglinge von so ganz besondern Gaben so leichtsinnig Freuden nachrennten, die sichre Reue zurücklassen; so waren doch gewiß Witz, Satyre und Humor bey ihnen zu Hause. Sie lasen alles, was alte und neue Literatur zu Erweckung derselben aufzuweisen haben, und beobachteten, studierten die Menschen, aber freilich mehrentheils nur von den lächerlichen und schwachen Seiten. Wehe dem, der ihnen eine Blöße von der Art gab und dann in ihre Gesellschaft gerieth, oder auf den Einer von ihnen sonst Plan machte! Er entwischte nicht. Dabey hatten dennoch Einige von der Gesellschaft, besonders Alwerth und Storrmann, so viel Sinn für eine gewisse Art Edelmuth und Großmuth, daß man wohl sah, diese Menschen würden, wenn nicht grade ihr böser Genius ihnen diese falsche Richtung gegeben hätte, mit ebensoviel Enthusiasmus und Feuer Helden in der Tugend gewesen seyn. Nach allen Bemerkungen, die wir über Ludwigs von Seelberg Charakter von seiner ersten Jugend an gemacht haben, kann es die Leser nicht befremden, wenn ich Ihnen sage, daß der Umgang mit diesen jungen Leuten ihm in seiner jetzigen Gemüthsverfassung neues Leben einflößte, ihm neue Federkraft, aber leider! zum Bösen gab. Auch hing er sich in kurzer Zeit so fest an Alwerth und Storrmann und sie an ihn, daß man sie außer den Stunden, die Jeder einzeln seinen Studien widmen mußte, unzertrennlich beisammen sah. Ich kann aber die Veränderung, welche durch diesen Umgang in ihm vorging, und inwiefern dadurch manche schlafende Kraft, ob zum Guten oder zum Bösen, erweckt wurde, nicht besser schildern, als wenn ich ihn selbst reden lasse. Er hielt ein Tagebuch, schrieb, wenn er des Abends zu Hause kam oder sonst in Augenblicken von Sturm und Drang, seine jedesmaligen Empfindungen mit kurzen Worten auf – Hier sind Auszüge aus diesem Tagebuche:   »Den 20sten November, abends 11 Uhr. – Welch ein Glück, Freunde zu finden, an deren Feuer man sein Licht anzünden kann, das Licht, mit welchem man so lange vergebens bey den elenden Alltagsmenschen herumgelaufen war! Aber Ihr werdet mir's nicht wieder ausblasen, blödsinnige, ehrenfeste, ernsthafte Herrn! Und lasset mich noch drey solcher Freunde finden, und Ihr sollt sehn, was wir aus Euch machen wollen. Ich fühle neues Leben, neue Kraft in mir; ich bin aufgewacht aus dem Schlafe des Mißmuths und des Überdrusses. Ich will nicht mehr klagen über die Menschen; ich will mit Macht und Gewalt unter sie herumfahren, und Keiner soll mir ein Haar krümmen – Was ist Dem unmöglich, der ernstlich will und mit Feuer angreift? –   Den 22sten um Mitternacht. O! des jämmerlichen Haufens, der feierlichen Tugendprediger, der ängstlichen Vorurtheilsschüler, die bis in ihr graues Alter vor Ammenmärchen zittern, sich mit allerley moralischen Maskaradenkleidern ausstaffieren, untereinander herumtanzen, sich necken und sich Namen in die Hände schreiben, als kennten sie sich nicht, und sind doch Alle aus Einem Hause, aus dem großen Hospital und Narrenhause in der Dunkelheit herausgeschlichen! – Aber ich will ihnen die geborgten Lumpen vom Leibe reißen – Weg mit der Larve von dem Gesichte! – So! Und nun schaue mich an, ob ich schlechter, häßlicher bin als Du! – Meinst Du, mich täusche Deine scheinheilige Ernsthaftigkeit? Meinst Du, ich, der ich die Menschen kenne, ich wüßte nicht, daß Du, wenn Du allein in Deinem Kämmerlein bist, wünschest, wie ich wünsche, begehrest, wie ich begehre, und heimlich treibst, was ich öffentlich thue? – Und warum nicht? Wer gab uns die Triebe? Die Natur? Aber man soll diesen Trieben Grenzen setzen. Wer soll das thun? Die Vernunft. Was ist Vernunft? Resultat unsrer Erfahrungen; und diese Erfahrungen: steht es in meiner Macht, welche ich haben will und ob sie auf meine Empfindungen die nämlichen Eindrücke machen sollen als auf die Deinigen? Ist es meine Schuld, wenn in mir der Kampf zwischen kaltem Raisonnement und glühenden Trieben zum Vortheile der letztern ausfällt? Sucht nicht jedes Geschöpf von Natur sein Glück, seine Vollkommenheit? Würde nicht jedermann Eurer hochgepriesenen Tugend nachrennen, wenn ihm seine Erkenntnis, die von Gefühlen geleitet und modificiert wird, immer laut genug sagte, diese mache ihn glücklich, und wenn sie es ihm nicht laut, nicht oft genug oder gar nicht oder nicht zu rechter Zeit sagt, kann er seiner Erkenntnis eine Elle zusetzen, seine Gefühle umschaffen? Fehlt es an der Erkenntnis, so bedauert ihn! Ist er klug, vielleicht klüger als Ihr, so urtheilet nicht! Er hat gewiß an seinem Glücke gearbeitet, soviel er konnte, aber auf seine Manier gearbeitet – Und was ist denn Glück in diesem Erdenleben? Was anders, als was Jeder einzeln, was jeder Stand, jedes Alter dafür hält? Dir das Geld; einem Andern Mädchenliebe; einem Dritten Gewalt und eingebildete Ehre; einem Vierten ein Almosen von wenig Groschen; einem Fünften die Eroberung einer Provinz; einem Sechsten eine Pfeife Tabak; und wer wird einem von diesen Narren beweisen, daß er Unrecht hat, wenn auch alle übrigen Thoren einstimmig wären, ihn davon zu überzeugen? Also lasse man Jeden seinen Weg gehn; aber wehe dem, der künftig mich auf dem meinigen stören, der mich zwingen will, das für Gesetz, Richtschnur der Tugend anzuerkennen, was Er dafür erkennt! Was ist die Richtschnur der Tugend nach den gemeinen Begriffen? Ein konventionelles System, Regeln nach den bürgerlichen, nicht natürlichen Verhältnissen abgemessen, nicht ewige Wahrheit, sondern in ein Nichts zerfallend, sobald die Verhältnisse aufhören, sonst müßte ich auf einer wüsten Insel, wohin mich der Sturm getrieben hätte, lieber verhungern, als die Früchte anrühren, die mir ein schöner Garten darböte, aus Furcht, die Rechte eines Menschen zu kränken, der sich etwa als Eigenthümer einfände, weil er ehemals diesen Fleck durch Gewalt erobert oder ererbt oder aus Langerweile oder aus Eigennutz angebauet hätte. So hätten Adams Kinder erst, gegen die Gebühr, Dispensationen vom Consistorio zu ihrer Verheirathung untereinander einholen müssen! Wenn also diese schönen Gesetze auf Umständen und Konventionen beruhen, wer zwingt mich dann, diese Übereinkünfte anzuerkennen, wenn ich nicht will? Wer kann in mein Herz sehn, ob nicht etwas in mir ist, das alle die Ursachen aufhebt, worauf jene schönen Konventionen beruhen? Aber freilich kann mich das Zusammentreten Vieler, die bürgerliche Gesellschaft, zwingen, und das ist dann das Recht des Stärkern, das einzige natürliche und anerkannte Recht, anerkannt und über alles herrschend, Eigenthum und alle andre Rechte und Verbindungen aufhebend, von jeher, solange die Welt steht. Und wer ist der Stärkere? Wer war es von Anfang der Schöpfung an? Der Klügere und Kühnere war es und wird es immer seyn – Rex est, qui metuit nihil , und der, welcher die Schwachheiten der Menschen kennt und zu seinem Vortheile zu benutzen versteht. Aber ist das nicht eine gefährliche Lehre? Wie, wenn Jeder so denken wollte? Was würde aus der Welt werden? – Nichts Schlimmers, als was sie jetzt ist! – Wenn Jeder so denken wollte? Es kann, es wird nicht Jeder so denken, weil nicht Jeder so fühlt, weil nicht Jeder Kraft, Geist, Drang, Schwung genug dazu hat; und würde ein mittelmäßiger Kopfes versuchen, so würde er scheitern, man würde ihn bey den Ohren fassen; und also paßt diese Lehre nur für privilegierte gute und böse Genies, und Diese haben von jeher darnach gehandelt. Bey allen Übrigen heißt es nur: Ein Schwert hält das andre in der Scheide, und diese Rücksicht allein ist es, welche Ordnung erhält, nicht Eure Moral, nicht die Überzeugung von dem, was recht und unrecht ist, denn Ihr sehet ja täglich, daß durch diese die Leute nicht zurückgehalten werden, den bürgerlichen Frieden zu stören. Aber Alcibiades, Alexander der Große, Carl der Zwölfte, Lovelace, Richelieu, Masaniello, Ihr und Eures Gleichen! Ihr werdet, solange die Welt steht, Euch nie die Fesseln der Konventionen anlegen lassen.   Den 23sten morgens. Was habe ich gestern geschrieben? – Richelieu – Lovelace – Also könnte ich das gutheißen, daß man eminente Talente anwendete, den Schwachen zu mißbrauchen, aus hilflosen Brüdern leidende Sklaven zu machen, durch Einen Wink Tausende in das Elend zu stürzen, häuslichen Frieden zu stören, die Unschuld zu verderben, den Genuß eines Augenblicks mit dem Jammer ganzer Generationen zu erkaufen? Ich könnte vergessen, daß größere Verstandesgaben, vorzügliche Kräfte ein höherer Beruf der Natur sind, Schutz und Rath zu verleihen Denen, die dessen bedürfen? – O! so möge kein Schlaf je wieder meine matten Glieder erquicken, wenn ich eine so abscheuliche Lehre niederschreiben könnte! Aber ist denn die Rede von dem, was also seyn sollte und was besser seyn könnte? Nein! von dem rede ich, was ist, was leider! also ist und immer seyn wird. Schreibe dem Feuer vor, daß es nur wärme, daß es nie brenne, nie verzehre! Schreibe dem Weine vor, daß er den Durst stille, ohne zu berauschen! – Doch ein Wort des Trostes! Zum Glücke des gesellschaftlichen Lebens gibt es der Zerstörer Wenige, und die Wenigen, welche ausgerüstet sind mit Herrscherskräften, welchen Macht und Gewalt gegeben ist über subalterne Geister, diese Wenigen haben mehrentheils auch hohe Tugenden, Edelmuth, Mitleid, Großmuth, Nachsicht, Duldung, oder – glückliche Schwachheiten, Weichlichkeit, Eitelkeit, Liebesdrang, oder – keinen Schauplatz, keinen Spielraum. Selten wird ein Wesen erzeugt mit so unharmonischer Stimmung und unter solchen Verhältnissen, daß Verstand, Schnellkraft und Feuer mit Schadenfreude, Verwüstungsgeist und Grausamkeit bey der Gelegenheit zu schaden vereinigt wären – Nein! aus der Hand der Natur kömmt keines so; und lebt ein solches Ungeheuer, so habt Ihr Elenden es selbst dazu gemacht, habt Euch so lange mit ihm herumgebalgt im Finstern, es geneckt und gekneipt, bis es auffuhr, seine Kräfte maß, rasend herumlief unter Euch und alles zertrat, solange kein Stärkerer über ihn kam.   Den 1sten December. Hast Du schon einen Menschen gesehn, der nach Grundsätzen handelte? Ich noch keinen einzigen. Alle werden von Gefühlen getrieben zu dem, was Ihr gut und böse nennet. Das Weib ist treu, bis der Augenblick der höchsten Versuchung kömmt; aber freilich, was Versuchung für die Eine war, ist für die Andre keine; deswegen ist Diese tugendhaft. Der Richter ist unbestechbar, und könnte er Millionen durch eine ewig verschwiegen bleibende Beugung des Rechts gewinnen; ich will auch glauben, daß er, besonders wenn er alt ist, den Zaubertönen einer schönen Klientin widerstehen kann; aber der wahrheitslügende Styl eines schlauen Sachwalters, der einfache, unschuldige Vortrag einer Parthey, die Recht zu haben glaubt gegen einen Menschen, der bey der besten Sache in Verlegenheit geräth; die feine Schmeicheley eines Großen, der nur, indem er den Handel seiner Protektion empfiehlt, an des Richters tiefe Einsicht, an seine unbestechbare Rechtschaffenheit appelliert – das blendet den guten, tugendhaften Mann und läßt ihn Gründe sehn, wo keine Gründe sind. Der tapfre Offizier läuft nicht weg aus der Schlacht, wo tausend Augen auf ihn gerichtet sind; aber er zittert unter vier Augen vor den Gardinenpredigten seines bösen Weibes. Der Pfarrer eifert gewiß aus innerer, reiner, heiliger Überzeugung gegen die Unkeuschheit; aber ich fordere ihn auf, zu bekennen, wie oft er den Text zu seiner Kanzelrede in den Armen seiner Köchin vergessen hat – O! ich bin jung; allein ich habe viel Menschen en robe de chambre gesehn. Da sehen sie ganz anders aus als en habit de cour – Doch Ihr wollt und könnt das nicht sehn. Wer ist unter Euch, der sich unterstünde zu behaupten, er schätze die Menschen immer nach ihrem wahren Werthe, nicht nach dem Grade der Achtung und Zuneigung, die sie ihm beweisen, oder nach dem Grade der Ähnlichkeit, die sie mit ihm haben? Ihr lüget und laßt Euch belügen – Was soll aber alle diese Heucheley, das Moralisieren und Deklamieren, womit Ihr Euch einander ohne Unterlaß hintergehet? – Noch einmal! Wer wagt es, zu sagen, er sey besser als ich? Und doch, so wie ich da stehe, ist kein Laster, wozu ich nicht fähig wäre, wenn das Schicksal mich in solche Lagen setzte, daß ich müßte. Aber ich bin mitleidig; ich theile meinen letzten Heller mit dem Armen; ich kann nicht leiden, daß der Schwache unterdrückt, mißhandelt werde; ich begehre keines noch unverführten Mädchens, befriedige meine Triebe, respektiere aber die Unschuld; ich lüge nicht; ich diene und helfe gern, wo ich kann; ich ehre das hohe Verdienst und bin ein treuer und warmer Freund – Und meinet Ihr, ich rechne mir das alles als Tugend an? – O Ihr Blödsinnigen! Ich bin freigebig und mitleidig aus Temperament und Reizbarkeit der Nerven; ich schütze die Schwachen aus Stolz; ich vergreife mich nicht an der Unschuld, weil es der schon verführten Mädchen zu Stillung meiner Begierden genug gibt; ich lüge nicht, weil dadurch nichts zu erlangen ist, weil das nicht Stich hält; ich diene Andern aus Eitelkeit und Thätigkeitstriebe; ich ehre das Verdienst, insofern es mich nicht verdunkelt; ich liebe meine Freunde aus Seelenbedürfnis und weil sie mich noch nicht betrogen haben – Und doch bin ich besser als Ihr tugendhaften Heuchler, ja! ich bin besser, denn ich zeige mich, wie ich bin.«   Ich schließe hier die Auszüge aus Ludwigs Tagebuche und füge nur noch einige Züge zu dem Bilde hinzu, welches uns dieselben darstellen, um die Leser ganz mit der Richtung bekannt zu machen, die sein Charakter bekommen hatte. Er verachtete alle bürgerlichen und überhaupt alle engeren Verhältnisse, das Familienband und jede Art von Verbindung, welche die Menschen nach Konventionen und nicht nach freiem Herzenstriebe aneinanderknüpfte. Alle gute und kluge Menschen, behauptete er, seien verwandt, und wenn man einen Fremden irgendwo anträfe, der weiser und besser wäre als unser eigener Vater, so sey es Pflicht, denselben Diesem in allen Stücken vorzuziehn. Die ganze Welt hielt er für sein Vaterland und alle Anhänglichkeit an den Staat, in welchem man geboren, erzogen und gepflegt worden, für Vorurtheil und Schwachheit. Alle Wissenschaften, die Kenntnis der Natur und deren Kräfte, das Studium echter Philosophie und die Arzeneikunst ausgenommen, erklärte er für Kinder der Noth, unnützer Bedürfnisse, der Barbarey, der Charlatanerie und des Verderbnisses, für elenden Tand, nur so lange etwas werth, als die unnützen, unnatürlichen Verhältnisse und bürgerlichen Bande unter den Menschen Statt hätten. Selbst die Geschichte und die Erdbeschreibung standen bey ihm in keinen höhern Würden: »Was«, rief er, »kümmert's mich, auf welche Art die Menschen vor tausend Jahren ihre Narrheiten getrieben haben! War es nicht immer das nämliche Possenspiel? Was kümmert's mich, wie es in Afrika aussieht, kenne ich doch noch kaum den kleinen Fleck, auf welchem ich täglich umherwandle! Auch mag ich nichts studieren als das menschliche Herz; alles Andre ist keinen Pfifferling werth.« Was übrigens die Erlernung positiver Wissenschaften betraf, so war er überzeugt, daß es einem Genie von höherer Art (versteht sich, daß er immer dabey dachte: si come anche io sono ) leicht sey, wenn dasselbe es ernstlich angreifen wolle, in kurzer Zeit jede Wissenschaft, jede freie und unfreie Kunst, jedes Handwerk gründlich zu erlernen. »Ich verstehe«, pflegte er zu sagen, »nicht das Geringste davon; allein der böse Feind müßte sein Spiel haben, wenn ich nicht in Jahresfrist, insofern ich es darauf anlegen wollte, als Professor der orientalischen Sprachen oder als Schreinermeister oder als Seiltänzer Aufsehn erregen wollte.« Wenn ihm alle Familienverhältnisse gleichgültig waren, so achtete er noch weniger auf die von der bürgerlichen Gesellschaft geordneten Klassen unter den Menschen. Er nahm keine Rücksicht auf Stand, Alter, Vermögen, Geburt; wen er für den Klügsten hielt, der war ihm der Vornehmste, der Reichste, der Mächtigste, der Älteste. Er hielt es für ein Vorurtheil unter den Menschen, das Eigenthum zu respektieren. Wir haben vorhin gehört, daß er nur Ein Recht, das Recht des Stärkern anerkannte, nur Eine Sicherheit, nämlich die Rücksicht, daß ein Schwert das andre in der Scheide halte, und für den Schwächern nur Einen Schutz gegen Mißhandlung, nämlich die Zuversicht zu den natürlichen edeln und guten Dispositionen der stärkern Menschen. »Übrigens«, sagte er, »wenn es dem Stärkern beliebt, nimmt er gewiß und hat von jeher immer genommen, was ihm gefiel und er mit Sicherheit nehmen konnte. Also helfen da keine vorgeschriebene Regeln der Billigkeit, und die positiven Gesetze über das Eigenthum sind nichts weiter als der erklärte Wille des Stärkern, nämlich des Staats, welcher der Folgen wegen verordnet, daß der Schwächere bis auf weitern Befehl behalten solle, was er habe. Es gibt auch keinen allgemein überzeugenden, allgemein anerkannten Beweis darüber, daß sich jemand auf irgendeine Art ein ausschließliches Recht auf irgend etwas in der Welt erwerben könne. Demonstriere, wenn Du kannst, einem Menschen im natürlichen Zustande, der Bedürfnisse fühlt, daß Dein Fleiß Dir auf die Sache, welche er begehrt, ein größeres Recht gäbe als seine Stärke! Er wird Dir sagen: Wer hat Dir geheißen zu arbeiten? Wer kann denn auch berechnen, auf wie lange Zeit die Arbeit Recht zum Besitze gibt? Wer kann wissen, ob jemand nicht aus Langerweile oder aus natürlichem Thätigkeitstriebe gearbeitet hat? Soll nicht Jeder arbeiten? und zwar der Schwächere für den Stärkern mit, weil er desselben Schutzes bedarf? Noch abgeschmackter ist die Idee, daß man Eigenthum verschenken, vererben, daß der Fleißige oder Starke, wenn er schon im Grabe liegt, noch dem Faulen oder Schwachen den ruhigen, unverdienten Genuß eines Guts sollte zusichern können, woran Jeder Anspruch machen darf, der seine Kräfte daran wenden will.« Von der Rache meinte er, sie sey zwar gar nicht unerlaubt, denn es sey nichts natürlicher und in der ganzen Schöpfung gegründeter als Gegenstoß gegen Stoß, Erwiderung des Empfangenen, und die mehrsten hochweisen Strafgesetze beruheten mehr oder weniger auf diese Erwiderung, nur daß der Staat sich das Recht anmaße, in die Stelle der Einzelnen zu treten; allein er hielt die Rache für unvernünftig und unzweckmäßig, weil sie das geschehene Übel nicht hebt.   Mit dieser verschrobenen, originellen Denkungsart nun, gegen welche dennoch (ich bekenne es zu seiner Ehre) sein oft erwachendes besseres, richtigeres Gefühl sich auflehnte, verband Ludwig feinen Witz, eine überaus satyrische Laune, die täglich schärfer wurde, und eine Gabe, die Leute lächerlich zu machen und ihre komischen Gewohnheiten und Gebärden zu erlauern und nachzuahmen. Dabey war ein Geist von Aventüre in ihn gefahren; er liebte alle außerordentlichen Begebenheiten, Entführungen, schlau ausgeführten Pläne, alle überspannten Charaktere, Mordgeschichten, Trauerspiele nach englischer Manier, Reisebeschreibungen, in welchen Erzählungen ganz seltener Unglücksfälle und Verlegenheiten und Schilderungen von wilden Menschen sonderbarer Art vorkamen. Leute von mittelmäßigen Gaben oder, mit Einem Worte! was er gemeine Menschen nannte, konnte er gar nicht leiden – alles sollte ungeheuer groß seyn. Er verlor den Sinn für Bewunderung stiller Privattugenden und einer gewissen negativen Güte, die oft mehr werth ist, als man gern glaubt, verlor Einfalt und wahren Kindersinn, und innerer Frieden wohnte nicht mehr in seinem Herzen. Wenn er allein, sich selbst überlassen war, dann rollten tausend verschiedene Pläne durch seinen Kopf. Des Nachts träumte Er, der sonst gewiß mit Vorsatz keine Kreatur quälte, von nichts als gewaltsamen, unangenehmen Dingen. Bald kämpfte er mit einem Thiere oder verfolgte es; bald zielten eine Anzahl Kriegsmänner mit Flinten bloß nach ihm; bald kam es ihm vor, als wäre Julie seine Frau und habe ihn in den Armen einer Buhldirne überrascht – Und nun einen allgemeinen Blick auf Ludwigs Gemüths- und Denkungsart, wie wir sie itzt beschrieben haben! Ich habe das Gemälde nicht überladen, und wer Menschen kennt und über das nachgedacht hat, was ich von Seelbergs ersten Anlagen und von den Einwirkungen äußerer Dinge auf seinen Charakter gesagt habe, der wird mir das auf mein Wort glauben. Sein System zu widerlegen (wenn man so etwas System nennen kann), das wollen wir dem Schicksale überlassen, indem ich den Lesern zeigen werde, wieweit ihn dasselbe in der wirklichen Welt führte, wohin ihn seine Irrthümer stufenweise leiteten und lange herumleiteten, ehe er wieder zurückkam auf den Weg der Wahrheit und des Friedens – Doch, ein Wort über unsre heutigen Kraftgenies! Wie Mancher unter ihnen wird nicht, wenn er jene theils gefährlichen, theils fantastischen, theils abgeschmackten Sätze liest, sie aus ganzer Seele unterschreiben! Wie Viele unsrer neuern Schriftsteller verbreiten nicht einzelne Sätze von der Art in dem anlockendsten Gewande! Zum Beispiel die Lehren: daß der Weise Herr der Welt und daß dem kühnen Unternehmer nichts unmöglich sey; daß man aus den Menschen machen könne, was man wolle, wenn man sie nur am rechten Zipfel anzugreifen verstehe; daß jedermann nach Gefühl handle, auch nicht anders handeln könne; daß moralische Freiheit ein Unding sey; daß auch nicht Ein Mensch durch Grundsätze der Tugend vom Bösen abgehalten und zum Guten getrieben werde, sondern daß Instinkt, Temperament und Umstände ihn zum Thun und Lassen bestimmen; daß auch die Reinsten nicht die strengere Prüfung und nicht eines Einzigen Grundsätze gegen Gefühl, Reizung und Versuchung die Probe aushalten; daß kein unbestechbarer, kein unpartheiischer Mensch auf der Erde lebe; daß es kein Glück in dieser Welt gäbe, so jedermann dafür anerkennen müsse, sondern daß eines Jeden Glück in seiner Einbildung beruhe; daß religiöse Vorschriften und Regeln der Tugend den Stärkern nie abgehalten haben, nie abhalten werden, den Schwachen zu mißbrauchen; daß es gewisse privilegierte Genies gäbe, die kein Mensch von gemeinem Schlage weder beurtheilen noch richten, noch einschränken könne oder dürfe; daß Furcht vor Strafe das einzige Mittel sey, dem Mißbrauche der natürlichen Kräfte zu steuern; daß alle Gelehrsamkeit Thorheit und aller Tand, der in Büchern stehe, leicht zu erlernen sey, ja! daß ein großes Genie alles wisse, alles durchschaue, sich mit dem kleinen systematischen Detail der Wissenschaften gar nicht abzugeben brauche; daß Regeln nur Krücken für Lahme, Gängelbänder für Kinder seyen; daß alle engeren Verhältnisse zu verachten und Anhänglichkeit an Familie und Vaterland, Dankbarkeit gegen Eltern und Verehrung des grauen Alters elende Vorurtheile seyen; daß man die Menschen wieder auf den natürlichen Zustand zurückführen und allen Unterschied der Stände und des Vermögens aufheben müsse; daß niemand Recht auf irgendeinen Besitz, auf irgendein Eigenthum habe, als insoferne er beweisen könne, daß er entweder der Würdigste oder Bedürftigste oder Stärkste sey; daß dem Staat nicht das Recht zustehe, das verübte Verbrechen zu bestrafen, sondern nur dem künftigen vorzubeugen; daß es die Menschen bessere, wenn man laut und dreist über ihre Thorheiten lache und spotte, ihre Fehler aufdecke und Diejenigen, welche schlecht gehandelt, an den Pranger stelle; daß Schwäche des Herzens eher zu verzeihen sey als Schwäche des Kopfs, und daß kein verächtlichers Geschöpf existiere als ein dummer Mensch. Nun hat man zwar Beispiele, daß einige dieser saubern Sätze, in ihrer größten Stärke, solche Universalgenies an den lieben lichten Galgen oder in das hochlöbliche Zucht- und Tollhaus gebracht haben; allein ich will nicht einmal von diesen Virtuosis in neuerer Philosophie, sondern nur von dem allgemeinen Nachtheile reden, den die Verbreitung solcher pseudophilosophischen Systeme für die bürgerliche Gesellschaft hat. Ihr haben wir es zu danken, daß alle Bande unter den Menschen von Tage zu Tage lockrer werden; daß jedermann Weltbürger seyn will und darüber ein schlechter, unbrauchbarer Staatsbürger und Hausvater wird; Ihr haben wir die herrlichen öffentlichen und geheimen Verbindungen und Reformationsanstalten zu danken, deren einige die Zöglinge zu Narren, andre zu Schurken und Empörern machen, fast alle aber, ohne Unterschied, politische, alchymische, theosophische oder andre Schwärmerey, thörichten Hochmuth, geistlichen Stolz, Impertinenz, Inkonsequenz, unnütze Thätigkeit und Faineantise befördern; Ihr haben wir die stündlich überhandnehmende vortreffliche Polyhistorey zu danken, die uns bald in allen Zweigen der Gelehrsamkeit ebenso schnell zurücksetzen wird, als wir vorgerückt waren; Ihr haben wir zum Theil die so sichtbar in allen Ständen sinkende Moralität, die falsche Aufklärung, die übelverstandene Toleranz und die Verachtung der Religion zu danken; Ihr haben wir es zu danken, daß Zutrauen, Treue und Glaube so selten unter den Menschen werden, daß man Jeden zu jeder Schelmerey fähig hält, und daß deswegen auch Jeder sich gegen Jeden alles erlaubt; Ihr haben wir das beliebte Aufsammlen wahrer und falscher Anekdoten von großen und kleinen Menschen zu danken, wodurch nicht nur Mancher in der Bosheit befestigt, Mancher unschuldiger Weise verleumdet, verdächtig gemacht, um Glück und guten Namen gebracht, sondern auch das Publikum gleichgültig gegen guten und bösen Ruf, gegen Schimpf und Verunglimpfung und mißtrauisch gegen alle Anekdoten und Erzählungen von Thatsachen wird; Ihr haben wir es endlich zu danken, daß niemand sich um seine eigenen Geschäfte und Pflichten, wohl aber um die Handlungen Andrer bekümmert, daß Jeder, der Frechheit genug dazu oder einen geheimen oder öffentlichen Anhang hat, sich als der Übrigen Richter ansieht, redliche und kluge Männer wegen kleiner Fehler öffentlich antastet, indes er selbst der heilloseste Bube ist, von dem sich durchaus nichts Gutes würde sagen lassen; daß stilles Verdienst und häusliche Tugenden, die weder Lärm machen noch Anhang unter dem gelehrten und mystischen Pöbel suchen, verkannt, ja! wohl gar verlästert werden und daß, wer es wagt, dergleichen Unfug mündlich oder schriftlich zu rügen, gegen seine Person oder gegen sein Buch ein Wespennest aufrührt, da er denn lieber in der Folge schweigt, wenn er nicht grade in einer Lage ist, die ihm so wie mir erlaubt, über alle diese Rotten zu lachen – Doch kehren wir zu Ludwigs von Seelberg Geschichte zurück! Zwölftes Kapitel Eines Tages (es war grade vor dem Weihnachtsfeste) schlug der Graf von Storrmann unserm Ludwig vor, mit ihm während der kurzen Ferien einen Edelmann von seiner Bekanntschaft zu besuchen, der einige Meilen von Duderstadt auf seinem Gute lebte; Seelberg nahm die Einladung willig an, und sie ritten hin. Ich habe gesagt, daß Ludwig keine mittelmäßigen Menschen leiden konnte und daß alles, was die Ehre haben sollte, von ihm geschätzt und geliebt zu werden, außerordentlich und groß seyn mußte. Wie es aber die Kraftmänner zu halten pflegen, so ging es auch ihm. Sie reden nämlich mehr von solchen Sachen, als wahr ist, thun uns gemeinen Menschen, besonders wenn wir ihnen huldigen oder ein bißchen in ihren Ton mit einstimmen, oft die Ehre an, sich zu uns herabzulassen, ja! uns interessant zu finden; und so hielt auch Ludwig zuweilen für groß, was bloß abentheuerlich, und für außerordentlich, was äußerst gemein war, insofern es nur einen gewissen Anstrich von Bizarrerie und Originalität hatte. Dieser Geschmack nun fand auf dem Landgute, wohin er mit Storrmann reisete, einige Nahrung, denn schon der alte Cavalier, den sie besuchten, war ein Original von guter, aber zugleich komischer Natur, und der Pfarrer, der Physikus und ein alter Offizier aus der Nachbarschaft hätten sämtlich Sternens oder Goldsmiths Pinsel Stoff zu einem schönen Hausgemälde dargeboten. Da es mir aber theils an einem solchen Meisterpinsel fehlt, theils es nicht der Zweck dieses Buchs ist, eine Galerie von buntscheckigen Gemälden aufzustellen, welche bloß die Fantasie belustigen möchten, so will ich niemand mit Schilderung dieses Landjunkers und seiner Gesellschaft heimsuchen, sondern nur so viel sagen, daß die guten, kreuzbraven, biedermännischen Eigenschaften dieses alten Herrn von Wallenholz, die mitten durch seine lächerlichen Seiten hindurchschimmerten, ja! durch dieselben nur noch mehr Erhöhung (ich möchte lieber Relief sagen) bekamen, unsern Seelberg ganz für ihn und seine Familie einnahmen. Diese Familie nun bestand aus einer wackern, treuen Hausfrau und zwey heirathsfähigen Töchtern. Die Eine, Marie, wurde von Storrmann geliebt, der ungeachtet seines leichtsinnigen Charakters doch damals ernsthafte Absichten auf sie zu haben schien, und Luise, die jüngste – Doch, wir wollen erst ihr Portrait entwerfen. Es gibt eine gewisse edle, heilige Simplizität und Reinigkeit des Herzens, die so innig froh, glücklich, friedenvoll macht und dabey, ohne sich ihrer eigenen Größe bewußt zu seyn, mit so viel Anmuth und Hoheit aus jeder Miene hervorstrahlt, daß auch der verächtlichste Spötter, dem Religion und Tugend eine Thorheit sind, bey dem Anblicke dieser in unsern Tagen so seltenen menschlichen Würde zu stummer Bewunderung hingerissen wird. Diese himmlische Unschuld ruhete auf Luisens Antlitze. Sie war schön; ob Zug vor Zug, nach dem Maßstabe des Zeichners, das weiß ich nicht; aber was kann schöner seyn als eine angenehme Bildung, die durch jugendliche Blüthe (Luise war achtzehn Jahre alt) interessant und durch Adel der Seele erhöhet wird? Sie hatte gelbe deutsche Haare und blaue Augen. In allen ihren Gebärden herrschte eine unnachahmlich natürliche Grazie, die doch auch nicht das Mindeste der Kunst abgelauert hatte. Sie war in einem einsamen Kloster, aber unter guten, einträchtigen, frommen Mädchen erzogen worden, erst seit wenig Wochen wieder im väterlichen Hause und also ganz unbekannt mit den Verderbnissen und, zu ihrem Glücke, auch mit dem eigenen Gefühle der mancherley Leiden dieser Welt. Noch hatte ihr Herz keinen einzigen geheimen Wunsch gehegt, keine heftige Leidenschaft die Ruhe ihrer sanften Seele gestört, keine Kränkung von andern Menschen ihre heitre Laune verstimmt, kein Gram und keine Art von Unregelmäßigkeit, bey der einfachsten Lebensart, an der Knospe ihres Lebens genagt. Die einzigen trüben Augenblicke machte ihr der Anblick fremder Noth. Da half sie dann, wenn sie konnte, oder tröstete, oder wo sie beides nicht vermochte, da trauete sie auf den allmächtigen und allgütigen Tröster aller Leidenden, der warme Winde wehen läßt, wenn das Schaf geschoren ist. Von der damals Mode werdenden ekelhaften Empfindsamkeit wußte sie so wenig als von dem furore anglicano . Sie schmolz nicht in Wonnegefühl dahin, fiel nicht in Ohnmacht, wenn eine Fliege ertrank, und hatte nie mit Siegwart gewinselt noch mit Ophelien geraset. Sie war stets fröhlich und glücklich, dabey von jedermann geliebt und gegen jedermann wohlwollend und zutraulich. Ein unbefangener, heller Verstand, ohne Schnörkel der feinen Modekultur, ein treffender, origineller Witz, der sich auf die bezauberndste Weise, nicht zu oft und nicht zu selten, aber immer am rechten Orte, in den naivesten, humoristischen Einfällen ergoß und nicht ein einziges Bildchen erborgte, eine richtige, unbestochene Beurtheilungskraft und endlich eine gänzliche Plan- und Anspruchslosigkeit – Das alles machte Luisen zu einem seltenen Phänomen in unsern Zeiten. Ludwig hatte, wie bekannt, sehr nachtheilige Begriffe vom weiblichen Geschlechte gefaßt. Er war dabey ausschweifend, und zwar systematisch, denn überzeugt, daß jeder Mensch nach Gefühl handle und handeln müsse, glaubte auch er, es nicht andern zu können, seinen Trieben zu folgen. Seit einiger Zeit hatte er sich von allem Umgange mit gesitteten Frauenzimmern zurückgezogen, und gerieth er ja irgendwo in eine solche Gesellschaft, so führte er sich nicht (wie ehemals, als er weniger Praxin hatte) scheu und verlegen, sondern mit einer artigen, liebenswürdigen Frechheit auf, mischte verächtliche, bittre Anspielungen auf den Leichtsinn der Weiber, auch nicht selten Zweideutigkeiten in seine Gespräche, und da er leider! in einem Zirkel von Damen gewöhnlich ein paar fand, die diesen Scherz nicht nur verstanden, sondern wohl auch Freude daran hatten, so wurden seine Begriffe von der Tugend des andern Geschlechts dadurch nicht erhöhet. Hier nun, wo er nebst Storrmann den größten Theil des Tages mit Marien und Luisen und andern jungen Leuten aus der Nachbarschaft allein zubrachte, indes die Alten nahe am Ofen von Krieg und Frieden, von guten und bösen Zeiten und dergleichen sprachen, wollte er auch seinen gewöhnlichen Ton von muthwilligem Scherze anstimmen; allein er sah, daß diese Art von Witz hier am unrechten Orte stand, und der Graf, welcher theils bekannter mit der Denkungsart, die hier herrschte, theils auch wirklich für sein Alter schon ein feinerer Weltmann war, machte ihm bald begreiflich, daß er umlenken müßte. »Also wollen die beiden Mädchen die unschuldigen Vestalinnen spielen?« sagte Ludwig abends, als sie auf ihrem Zimmer allein waren, zu Storrmann. »Du wirst schon selbst sehn«, antwortete Dieser. »Ich kann Dir nichts weiter sagen, aber wenn noch irgendwo Unschuld und Tugend herrschen, sey es nun aus festen Grundsätzen oder aus glücklicher Unwissenheit, so findest Du sie hier. Ich will wohl glauben, daß diese Mädchen verführbar sind wie alle Andern; aber wehe dem, der einen unedeln Plan auf sie machen könnte! Ich habe tausendmal in dem Umgange mit diesen engelreinen Geschöpfen meine Erfahrungen, meine Menschenkenntnis und, grade herausgesagt! meine Verderbnisse verwünscht. Wie glücklich müßte ein Mann seyn, der, wenn er noch nicht wie wir an immer wechselnde grobe, sinnliche Freuden gewöhnt, noch nicht das Gefühl für Unschuld und Einfalt verloren hätte, ein solches Weib zur Gattin wählte!« – »und mit ihr in eine Wüste zöge, damit sie nicht in den ersten Monaten des erbaulichen Ehestandes von Andern bessern Unterricht bekäme«, fiel ihm Seelberg in die Rede und fügte noch manches auf seine Manier hinzu, um den Grafen zu überzeugen, daß bloß die (obgleich eines so ausgelernten Weiberkenners unwürdige) Liebe zu Marien ihn zu der lächerlichen Schwärmerey von Glauben an Unschuld und Treue verleitete; daß er allenfalls zugestehen wolle, daß beide Fräulein von Wallenholz noch unverderbte Sitten und Grundsätze hätten; daß es aber an nichts als an Gelegenheit und Verführung fehlte, um aus ihnen zu machen, was alle Übrigen wären. »Und wer leugnet das?« rief Storrmann. »Haben sie nicht Fleisch und Blut? Aber soll ich deswegen weniger ein schönes Kleid bewundern, in Acht nehmen und seiner schonen, weil es leicht möglich ist, daß boshafte Menschen mir muthwilliger Weise Flecken darauf machen können? Respektiere wenigstens die glückliche Unwissenheit, und mache keine Jagd auf diese Mädchen, solange es noch genug Andre gibt, deren Herzen schon von den Verderbnissen des Zeitalters angesteckt sind!« Ludwigen waren diese Grundsätze gewiß weder fremd noch zuwider, nur wunderte es ihn, den leichtfertigen Grafen also deklamieren zu hören. Allein schon am folgenden Tage empfand er mit Beschämung, daß Storrmann ihm nicht zu viel gesagt hatte; Luise machte sehr lebhafte Eindrücke auf ihn, Eindrücke von Verehrung und Bewunderung, die auf einmal das Andenken an seine verstorbene edle Mutter, das nun lange in seiner Seele geschlummert hatte, lebhaft hervorriefen. Die, ich möchte fast sagen, ansteckende Güte des holden Mädchens ließ ihn zum erstenmal seit geraumer Zeit wieder etwas empfinden, das Gewissensvorwürfen und einem Wunsche nach Rückkehr zur Tugend ähnlich war. Er fühlte sich innerlich tief unter Luisen, und seine kraftmännische Selbstgenügsamkeit, die Erhabenheit, womit sein hohes Genie über alle mittelmäßigen Erdensöhne und Töchter hinwegzusehn pflegte, neigte wider Willen ihr Haupt vor der einfachen, prunklosen Würdigkeit eines Mädchens, das weder gelehrt war noch übermäßig klug zu seyn schien – So sicher triumphieren Gradheit und Einfalt und nöthigen Bewunderung und Huldigung selbst den Verächtern und Spöttern der Tugend ab. Allein eben dieser Grad von hoher Bewunderung, wovon Ludwig für das jüngste Fräulein von Wallenholz erfüllt wurde, zog eine Grenzlinie zwischen ihm und ihr und verhinderte, daß sein Herz damals nicht eigentlich Liebe für sie empfand. Die Bemerkung, daß Freundschaft unter Personen, deren eine von irgendeiner Seite ein merkliches Übergewicht über die andre hat, nicht leicht vertraulich, enge geknüpft werden noch dauerhaft Stand halten könne, ist ziemlich alt und gemein; ob das Nämliche in allen Fällen von der Liebe zu sagen sey, will ich nicht entscheiden. Man hat da freilich Beispiele, daß der blinde Gott zuweilen Herzen von sehr verschiedenem Werthe, Maß und Gewichte für einander in Flammen setzt; aber dennoch getraue ich mir zu behaupten, daß, wenn das geschehen soll, alsdann die Eitelkeit dem geringern Theile an eingebildetem Werthe zusetzen müsse, was ihm an wahrhaftem abgeht, so daß er sich, in der Verblendung, von manchen Seiten ebenso hochschätzen zu dürfen glaubt als die Person, welche er liebt. Wo hingegen die innere Überzeugung uns immer sagt und es nicht verbergen kann, wie wenig wir im Stande sind, die Höhe zu erreichen, auf welcher wir den andern Gegenstand erblicken; da kann vielleicht Bewunderung, aber es wird da nie Liebe Statt finden. Man liebt nicht ein Wesen, an welches man immer hinaufschauen muß, wenn die geheime Furcht übrigbleibt, es möchte dasselbe sich nicht gern nach uns herunterbücken wollen. Das allgewaltige Gefühl der Liebe also, welches Ludwigen einst zu Julien hingerissen hatte, empfand er itzt für Luisen nicht, aber dagegen ein Behagen, eine Wonne in ihrem Umgange, die unbeschreiblich süß war. Er wagte es von dem zweiten Tage an kaum mehr, mit Storrmannen von ihr zu reden. War es Verlegenheit darüber, daß er nicht wußte, was er mit dem Systeme seiner freien Grundsätze itzt anfangen sollte, oder was war es? – genug! er nannte ihren Namen nicht, dankte aber dem Grafen mit Wärme dafür, daß er ihn mit diesen guten Leuten bekannt gemacht hätte, und versicherte oft, er sey in Jahr und Tag nicht so zufrieden gewesen als hier. Auch zeigte er das in seinem ganzen Betragen; seine Laune nahm wieder eine sanfte, gefällige Wendung; er war milder in seinen Manieren; seine Unterhaltung hatte Lebhaftigkeit, ohne in wilde Fröhlichkeit auszuarten, sein Witz war gewürzt, ohne Satyre und ohne Zwang, und Luise, das gute, sanfte, unschuldige Mädchen, fühlte, hingerissen von den wahrlich bezaubernden Annehmlichkeiten unsers jungen Menschen, zum erstenmal in ihrem Leben eine so heftige Leidenschaft für ihn, daß sie beinahe nicht Meister über sich war, dies vor aller Leute Augen zu offenbaren. Sie, die fast aus der Wiege in das Kloster war gebracht worden, dort außer einem alten, garstigen, schmutzigen Beichtvater, dem sie die Hände hatte küssen müssen, und außer einem paar Vettern der Priorin, davon der Eine ein Tölpel von Juristen aus Erfurt, der Andre ein Windbeutel von Offizier, nie mit einer Mannsperson länger als vielleicht eine Stunde lang umgegangen und nun erst seit wenig Wochen in dem einsamen väterlichen Dorfe wieder angekommen war, konnte wohl freilich von einem liebenswürdigen jungen Menschen, wie man denn doch wirklich Seelbergen dafür anerkennen mußte und der sich aller Vortheile einer feinen und gelehrten Erziehung bediente, um sich von einer glänzenden und gefälligen Seite zu zeigen, eingenommen werden. Mit der ihr so eigenen Offenherzigkeit bekannte sie Marien, die Thränen in den Augen, ihre Schwachheit. Diese (ich habe vorhin kein Gemälde von ihr entworfen) war an Vorzügen des Kopfs und Herzens weit unter ihrer Schwester, aber ein sehr wackres, interessantes, aufgewecktes und braves Mädchen, doch, bey strenger Tugend, mehr mit der Welt bekannt, weil sie in Würzburg bey einer Verwandtin war erzogen worden. Sie rieth Jener, die Empfindungen ihres Herzens nicht offenbar werden zu lassen, wenigstens nicht eher, als bis sie erforscht haben würde, ob Seelberg gleiche Triebe für sie fühlte; Luise versprach es; aber fremd mit allem, was Verstellung ähnlich sah, blieb der Zustand ihres Herzens doch nicht lange ein Geheimnis vor den beiden Jünglingen. Indessen muß ich es Seelbergen zur Ehre nachsagen, daß er diese Entdeckung nicht aus dem Gesichtspunkt einer bonne avanture ansah, sondern, daß er gerührt von zärtlicher, hochachtungsvoller Dankbarkeit, daß sein Umgang mit Luisen von dem Augenblicke an wärmer, aber ehrerbietiger wurde und daß kein unedler Gedanke dabey in sein Herz kam. Welch ein herrlicher, glücklicher Zeitpunkt wäre das für ihn gewesen, wenn solche sanftere Eindrücke hätten festere Wurzel schlagen können, wenn er den Umgang mit diesem vortrefflichen Mädchen nicht so bald wieder hätte entbehren müssen, wenn dieser Umgang ihn wieder auf den Weg der Tugend zurückgeführt und ein treuer, weiser und redlicher Freund diese glückliche Stimmung genützt hätte, um ihn dann im Guten zu befestigen! Allein es sollte nicht also seyn. Wenig Tage noch konnten die jungen Leute auf dem Landgute des Herrn von Wallenholz verweilen, und diese Tage strichen für Alle nur zu kurz dahin. Unterdessen fing Seelberg in der That selbst an zu glauben, auch er liebe Luisen. Er fühlte, wie sie ihm jeden Augenblick interessanter und wie schwer es ihm wurde, sich von ihr zu trennen. Er bekannte dies dem Grafen Storrmann; aber eben dies Bekenntnis und die ruhige Gemüthsverfassung, in welcher der junge Herr dabey war, sagten Diesem (der, so wie wir, besser wußte, welche Symptome die Liebe bey einem so feurigen Jünglinge, als Ludwig war, zu zeigen pflegt) deutlich genug, er betröge sich und ihn. Storrmann war so redlich, seinen Freund zu beschwören, er solle wenigstens das gute Mädchen nicht täuschen, welches Dieser denn auch versprach und hielt. Sie trennten sich also ohne eine Erklärung; Luise weinte die ganze Nacht durch vor der Abreise des Geliebten und hatte alle Mühe bey dem Abschiede, indem sie auf ihrer Schwester dringendes Bitten sich zurückhielt, vor innerm Kampfe nicht in Ohnmacht zu sinken. Ludwig ersuchte sie ehrerbietig und zärtlich um das Glück, mit ihr einen Briefwechsel zu führen, und bat die Eltern um die Erlaubnis, bald einmal wiederkommen zu dürfen. Beides wurde ihm auf die freundlichste Art gestattet, und die jungen Herrn ritten nach Göttingen zurück. Hier nun gerieth Seelberg wieder in seine vorige leichtfertige Gesellschaft und wirtschaftete auf den alten Fuß fort, doch versäumte er nicht, den Briefwechsel mit dem Fräulein von Wallenholz anzufangen, und sooft ein paar Zeilen von ihr ankamen (die immer in den Ausdrücken warmer Freundschaft, nicht außerordentlich schön, aber gut und natürlich geschrieben waren), redete er mit Storrmannen von den beiden Schwestern, versicherte, er denke ohne Aufhören an Luisen, liebe sie zärtlich, habe sich fest vorgenommen, seine Lebensart zu ändern, und wünsche sich kein größeres Glück, als einst eine solche Gattin zu besitzen. Der Graf antwortete nicht viel auf dergleichen, wurde auch bald darauf unvermuthet von seinem Vater, der auf dem Totenbette lag, zurückberufen, und Ludwig verlor dadurch den Umgang eines Freundes, der unter den übrigen jungen Leuten seines Zirkels gewiß einer der Besten war. Um aber die Leser mit den fernen Schicksalen dieses Jünglings, der noch oft in unsrer Geschichte wieder auftreten wird, bekannt zu machen, füge ich Folgendes hinzu: Der junge Graf kam kurz vor seines Vaters Abschiede von der Welt zu Hause an. Des redlichen Greises warnender, liebevoller Zuspruch auf dem Sterbelager, nachher der Umgang mit seinen Geschwistern und Verwandten, die insgesamt verständige und redliche Leute waren, verbunden mit den guten Vorsätzen, die er schon, seit er Marien von Wallenholz liebte, in der Stille gefaßt und die er, vielleicht aus einer Art von falscher Scham, vielleicht aus Ungewißheit, ob er stark genug seyn würde, diese guten Vorsätze auszuführen, vielleicht auch endlich deswegen verschwiegen hatte, weil er glaubte, es sey besser, das Gute zu thun, als viel davon zu reden; das alles wirkte in ihm eine gänzliche Änderung des Sinnes und der Aufführung. Er fing an, sich ernstlich seiner häuslichen Geschäfte anzunehmen, bewarb sich um eine Bedienung im Lande und erhielt dieselbe. Nützliche Beschäftigungen töten die Laster, welche Müßiggang oder herumschweifende Thätigkeit erzeugt haben. Nachdem er einmal eine Zeitlang auf diesem guten Wege mit festen Schritten fortgewandelt war, dachte er daran, sich zu verheirathen. Er bot seine Hand Marien an, erhielt von ihr und den Eltern das Jawort, holte sie ab, und Luise zog mit Bewilligung von Vater und Mutter zu den jungen Eheleuten, weil die beiden Schwestern sich nicht gern trennen wollten. Dies alles ging binnen etwa neun Monaten vor; Storrmann wurde ein treuer Ehemann und guter Hausvater – und nun wieder zurück zu Ludwigs von Seelberg Geschichte! Dreizehntes Kapitel Indes die Anzahl von Ludwigs Gesellschaftern durch die Abreise des Grafen von Storrmann vermindert wurde, bekam dieselbe von einer andern Seite einen nicht gar glücklichen Zuwachs durch ein paar Livländer, welche, von einer andern Universität getriebenen Unfugs wegen verwiesen, während Seelbergs Lustreise in Göttingen angekommen, mit Alwerth in Bekanntschaft gerathen und von demselben den übrigen lustigen Freunden vorgestellt worden waren. Diese suchten Ludwigs Umgang angelegentlichst, und er gefiel sich deswegen bey ihnen, weil sie sehr gute Tonkünstler waren und manchen Winterabend mit ihm durch Musik verkürzten. Außer diesem Talente aber, das freilich auch oft von den elendesten und schwächsten Menschen mit Erfolge kultiviert wird, hatten diese beiden livländischen Edelleute gar kein Verdienst. Sie waren ausschweifende Jünglinge ohne Grundsätze und ohne Adel des Herzens – Hier erlaube man mir einen kleinen Seitensprung! Wenn ich gesagt habe, daß man ein guter Tonkünstler und doch dabey ein sehr unedler und dummer Mann seyn könne, so habe ich zwar, was den ersten Punkt betrifft, das gemeine Vorurtheil aller enthusiastischen Liebhaber dieser schönen Kunst gegen mich, indem Diese zu behaupten pflegen: es sey schon ein Merkzeichen von einem guten Herzen, wenn jemand Geschmack und Gefühl für Musik habe; allein ich nehme dennoch, und obgleich ich selbst Musiker bin, mein Wort nicht zurück. Freilich mag nach den gemeinen Begriffen, die man mit dem Ausdrucke »ein gutes Herz haben« verbindet, jene Behauptung wahr seyn. Wenn man nämlich eine gewisse Reizbarkeit der Nerven, vermöge welcher sie leicht allerley wahre und falsche, schädliche und nützliche Eindrücke annehmen, eine natürliche, von schwachen Organen, sanguinischem Temperamente, inconsequenter Erziehung und eigener Verzärtlung herrührende weibische Weichlichkeit, Lenksamkeit und Empfindsamkeit mit dem Ehrennamen eines guten Herzens belegen will, so mag meinetwegen jeder Fiedler und Pfeifer den sichersten Anspruch auf dies Lob machen dürfen. Wenn man aber ein gutes Herz ein von nüchterner Vernunft geleitetes inneres Bestreben nennt, ein Bestreben, alle seine Handlungen so einzurichten, daß wir gegen uns und Andre immer gerecht, grade und edel handeln, dann sehe ich nicht ein, was das Geigen und Blasen darauf für Einfluß haben könne. Und was die Idee betrifft, daß ein guter Musiker durchaus ein offner Kopf seyn müsse, so leugne ich schlechterdings, daß dies gewöhnlich der Fall bey den bloß ausübenden Tonkünstlern sey, und wären sie noch so geschickt, auch könnte ich dies durch manche Beispiele darthun. Redet man aber von großen Tonsetzern, die tiefe Blicke in die höhere Theorie und Praxis der Kunst gethan haben, dann gebe ich das gern zu und ehre den philosophischen Künstler in allen Fächern, wo ich ihn antreffe – Doch, wohin führt mich meine Feder? und was wird mein Herr Verleger dazu sagen, der mich bogenweise bezahlt? – Lenken wir geschwind wieder ein! – Die beiden livländischen Edelleute waren schlechte, liederliche Pursche, aber angenehme Gesellschafter; Ludwig fühlte das Bedürfnis der Geselligkeit; Storrmann war fort; Alwerth wurde Doktor und ging auch in seine Vaterstadt zurück; Luisens Bild in Seelbergs Herzen verlor immer mehr von der Lebhaftigkeit seiner Farben, seitdem er nicht mehr so oft von ihr mit dem Grafen reden konnte. Ein Briefwechsel, der sich monatlich auf höchstens drey Briefe und die Antworten darauf einschränkte, war nicht hinreichend, das Feuer wieder anzufachen; und so verloschen denn nach und nach die guten Eindrücke wieder, welche die Bekanntschaft mit diesem herrlichen Geschöpfe auf ihn gemacht hatte. Dazu kam, daß seine ökonomischen Umstände sich nicht in der besten Verfassung befanden. Er war nie sparsam gewesen, und als sein neuer Vormund, der Advokat Gerlach, ihm eine sorgsame Hauswirthschaft anempfohl, weil der gegen seine Verwandten verlorne Prozeß ihn um die Hälfte seiner Einkünfte gebracht hatte, wurde es ihm nicht nur schwer, von der einmal gewöhnten Lebensart nachzulassen und manchen Bedürfnissen zu entsagen, sondern es drückten ihn auch noch alte Schulden, die er in der letzten Zeit von Wasserhorns Führung ohne Vorwissen desselben gemacht hatte. Da ihn dies in vielfache Verlegenheit setzte, so wendete er sich endlich an den Herrn Gerlach und forderte in Ausdrücken, wie ein junger Cavalier sich zuweilen derselben gegen einen Advokaten bedienen zu dürfen erlaubt, einen ziemlich ansehnlichen Geldzuschuß; allein Jener antwortete in dem Ton eines Vormundes und erklärte sehr deutlich: er könne außer der ihm ausgesetzten Summe nicht einen Heller schicken, und wenn der junge Herr Lust habe, sich zum Bettler zu machen, so müsse er damit Anstand nehmen, bis er vollbürtig sey oder sich veniam ætatis geben lassen, wozu er gern die Hände bieten wolle. Ludwig gerieth fast in Verzweiflung über diesen Bescheid. Es fehlten noch elf Monate, um die Anzahl der Jahre vollzumachen, die in seinem Vaterlande zu Erlangung der venia ætatis erfordert wurden, und da ein zweiter Versuch, den Vormund zu Zahlungen zu bewegen, ebenfalls fehlschlug, so wurden die Gläubiger mit guten Worten hingehalten. Allein sie murrten, drängten immer mehr, und so mußten sie denn mit terminlichen Zahlungen auf kurze Zeit abgespeiset werden. Hierauf gingen die wenigen Barschaften hin, Seelberg war fast immer ohne Geld und mußte zu Befriedigung seiner nöthigsten Bedürfnisse täglich neuen Kredit suchen. Eine unordentliche Haushaltung wirkt, wie bekannt, sehr nachtheilig auf die Moralität eines Menschen; Ludwig fand zu Hause Langeweile, Überdruß, und suchte, damit er die unangenehmen Gedanken zerstreuen möchte, Gesellschaften. Um in seinen Stadtzirkeln willkommen zu seyn, muß man freie, heitre Laune und ein gewisses, aus Kleidung und andern äußern Dingen hervorleuchtendes Ansehn von Wohlstand mitbringen. Es bleibt nicht lange verschwiegen, wenn wir in ökonomischen Verlegenheiten stecken, und in der heutigen Welt ist diese Entdeckung hinreichend (ohne daß untersucht wird, ob wir daran Schuld sind oder nicht) zu machen, daß wir uns Andern, die in glänzenderm Aufzuge erscheinen, nachgesetzt sehen müssen. Ein ehrgeiziges Gemüth aber, das von mancher Seite sich weit über die Reichsten erhaben fühlt oder zu fühlen glaubt, verträgt dergleichen Zurücksetzung nicht, und da alle diese Umstände bey Seelbergen eintraten, so floh er gesittete Gesellschaften und suchte die liederlichen, ungesitteten auf. Dissipat Euius curas edaces , das heißt: der Gott des Weins verscheucht die nagenden Sorgen; Seelberg nahm seine Zuflucht dahin und fing also an, zuweilen ein Gläschen über Gebühr zu trinken, wovor er sich bis itzt gehütet hatte; und wie dann der Wein manche andre Begierde rege zu machen pflegt, so gerieth er bey dieser Lebensart immer tiefer in das Labyrinth, stand fast jeden Morgen mit Reue auf und sammlete doch jeden Abend wieder neuen Stoff zur Reue. Kam ein Brief von Luisen an, so erwachte wohl das Gewissen um desto plötzlicher; aber diese Eindrücke waren vorübergehend. Jeder ehrenfeste Mann in Göttingen sagte: »Schade um den jungen Menschen, daß er so liederlich ist! Er hat viel gute Eigenschaften.« Aber nicht einer fand sich, der sich die Mühe gegeben hätte, den Quellen seines Verderbnisses nachzuspüren und ihm mit Rath und That beizustehn; sondern man that, was man leider! gewöhnlich in solchen Fällen thut, nämlich man begegnete ihm mit einer Art von Geringschätzung, die ihn nicht besserte, sondern nur noch mehr gegen die Menschen, gegen das Schicksal und gegen sich selbst erbitterte. Merket es Euch, Ihr gestrengen Herrn! Durch Verachtung ist nie, solange die Welt steht, noch kein Mensch gebessert worden, aber Mancher verschlimmert; und wer gar einen Jüngling von großen Anlagen, noch erst auf halbem Wege, im Begriff an den Abgrund hinzuirren, durch Verachtung von sich stößt, der ist Mitschuldiger an seinem Verderben, wenn er zu Grunde geht. So stand es mit Seelbergen, als ihm Storrmann seine nahe Verbindung mit Marien berichtete und daß er im Begriffe sey, zu seiner Braut zu reisen. Er lud seinen Freund ein, das Hochzeitsfest auf Wallenholzens Gute mitzufeiern; allein durch einen Zufall wurde der Brief auf der Post aufgehalten, und Ludwig bekam ihn so spät, daß, obgleich er augenblicklich nach dem Empfange desselben sich auf den Weg machte, er doch dem Feste nicht mehr beiwohnen konnte, sondern die jungen Leute auf dem Punkt fand, zwey Tage nachher abzureisen. Diese Zeit war indessen hinreichend, Storrmannen und Seelbergen gegenseitig die Veränderungen wahrnehmen zu lassen, die in dem Herzen eines jeden von ihnen vorgegangen waren. Ludwig sah in des Grafen Mienen und in seinem Betragen eine gewisse Würde und ruhige Heiterkeit, die nur ein gutes Gewissen und innerer Frieden gewähren können. Diesem hingegen blieb es nicht verborgen, daß seines Freundes sittliche Verschlimmerung auf seinem Gesichte geschrieben stand. Beide Bemerkungen aber verstimmten sie untereinander. Sie konnten nicht zusammentreffen. Die Harmonie, welche ehemals durch die Ähnlichkeit ihrer Ideengänge und ihres Geschmacks entstand, war verschwunden. Storrmann wußte nicht recht, was er seinem Freunde darüber sagen sollte; die Zeit war zu kurz, um eine Kur mit ihm anzufangen. Er begnügte sich also, ihn bey dem Abschiede auf die Seite zu rufen und ihm ein paar liebevolle Worte an das Herz zu legen: »Lebe wohl, Seelberg!« sprach er. »Ich hätte Dir wohl vieles zu sagen; aber es geht nun in der Eile nicht. Ich habe Dich sehr verändert gefunden, und Du mich auch, nicht wahr? Möchtest Du Dich so wohl dabey befinden als ich! Ich beschwöre Dich, gehe keinen Weg, dessen Du Dich nicht noch spät freuen könntest, nachdem Du ihn zurückgelegt haben wirst! Kehre um, weil es noch Zeit ist, und traue mir! es wird Dich nicht reuen. Du siehst, wie froh, wie ruhig ich bin. Fliehe nicht das Vergnügen; aber wirthschafte damit, und verschwelge nicht Deine Jugend, Deine Kräfte und Deine herrlichen Talente! Ich kann aus Erfahrung reden. Allein Du wirst so glücklich werden, als ich es jetzt bin, wenn Du dies Glück nicht von Dir stoßest. Luise liebt Dich unaussprechlich. Sie ist Deiner ganzen Zärtlichkeit und Hochachtung würdig, und sie ist schön und reich. Es hängt von Dir ab, mich zu vermögen, daß ich über sie wache und Dir dies Kleinod aufbewahre; aber denke auch, daß es meine Pflicht ist, für das solide Glück meiner Schwester zu sorgen; und eher müsse die unglückliche Leidenschaft so lange an ihrem Herzen nagen, bis die Zeit die Wunde heilt, ehe ich sie einem Manne aufopfern wollte, der Ihrer nicht würdig wäre. Und nun, mein Lieber! umarme mich! Verzeihe, daß ich so deutsch vom Herzen weg geredet habe! Doch Du bist mir theuer und wirst auch abwesend an mir den wärmsten Freund, aber auch einen unsichtbaren Beobachter haben. Das Übrige müssen wir nun schriftlich verabreden, da Du nicht früher hast kommen können.« Der Graf ließ Seelbergen nicht Zeit, auf diese nachdrückliche Anrede zu antworten; aber er hinderte auf alle Weise, daß Dieser nicht Gelegenheit fand, Luisen allein zu sprechen. Das gute Mädchen wußte nicht, wie sie sich betragen sollte. Sie fand, Seelberg sähe kränklich und traurig aus. Sie hätte ihn auch gern um die Ursache gefragt, hätte überhaupt so gern ihrem Herzen Luft gemacht; allein der Graf und die junge Gräfin ließen ihr nicht die Zeit, bis die Stunde des Abschieds kam; und da wankte sie in dem Zirkel der Lieben herum, blaß und schluchzend, umarmte ihre Eltern und Verwandten, und als sie an Ludwig kam, trat Storrmann herzu und sagte: »Auch Einen Kuß für meinen Freund! Er wird dieser Umarmung gedenken, sooft er eine gute That begehn will und sooft er einen edeln Menschen kennenlernt. Er wird ihrer gedenken, sooft ein böser Vorsatz in ihm aufkeimen möchte.« – Und nun umschlang Luise den Jüngling mit ihrem Arme; Seelberg küßte sie ehrerbietig; ihm rollten Thränen der besten Art von den Wangen herab – Sie stiegen in die Kutsche. »Die Butterbrote stecken in der rechten Wagentasche«, rief die Mutter nach. »Vergessen Sie meine englischen Hühnerhunde und das Wunderpflaster nicht, Herr Sohn!« rief der alte Wallenholz. – Sie fuhren ab; Seelberg ritt nach Göttingen zurück und schwur in seinem Herzen: »Ich will alle Kräfte aufbieten, Ihrer würdig zu werden.« – Ob er Wort hielt, das wollen wir bald sehn. Soviel aber ist gewiß; wenn er damals aus seiner unangenehmen Lage wäre herausgerissen, dem Umgange mit ausschweifenden Menschen entzogen, in bessere Zirkel eingeführt, mit Zutrauen und Achtung behandelt, auf solche Art mit der menschlichen Gesellschaft ausgesöhnt, endlich seiner unruhigen Gemüthsart, seiner Lebhaftigkeit, seinem Thätigkeitstriebe ein nützlicher Gegenstand dargeboten worden, wenn ein treuer und weiser Freund ihn bewacht, wenn er Luisen oft gesehn und dies kunstlose, unschuldige Geschöpf soviel mehr von der erlaubten weiblichen Coketterie verstanden hätte, als dazu gehört haben würde, einen Menschen von Seelbergs Gemüthsart und Erfahrung zu fesseln und das, was itzt in seinem Herzen nur ein hoher Grad von Verehrung war, in echte, feurige Liebe umzuschaffen – dann würde er gewiß von diesem Augenblicke an das geworden seyn, wozu ihn die Natur mit so herrlichen Gaben ausgerüstet hatte. Allein da dies alles nicht der Fall bey ihm war, so mußte er noch manche Prüfung aushalten, noch manchen Fehltritt thun, in manchen Irrthum verfallen. Indessen hatten die Scenen auf Wallenholzens Gute und besonders der Abschied von Luisen seine Seele für Eindrücke von sanfter und wohlwollender Art empfänglich gemacht. Sobald er daher nach Göttingen zurückkam, suchte er seine livländischen Gefährten auf, um mit ihnen diese Empfindungen zu theilen. Er erzählte ihnen alles, was vorgegangen war; allein diese schlauen Bösewichte, die gar nicht ihr Konto dabey fanden, daß Ludwig seine Lebensart abändern und den Rath seines treuen Freundes befolgen sollte, suchten, obgleich auf die vorsichtigste Art, ihm Verdacht gegen die Redlichkeit der Absichten des Grafen Storrmann einzuflößen: Daß der Mensch jetzt auf einmal so fromm geworden sey (Er, der sonst bekannt genug mit der Welt und mit den heiligen Masken gewesen, freilich aber auch nun in seinem Vaterlande vielleicht seine Ursachen haben könne, eine ähnliche Larve anzulegen); daß er diese Verkleidung sogar gegen seinen vertrautesten Freund nicht abgelegt; daß er Luisen mit sich in sein Vaterland genommen habe; daß der Brief mit der Nachricht von dem bevorstehenden Hochzeitsfeste grade so spät angekommen sey, da doch sonst die Posten so ordentlich liefen; Seine kalte Bewillkommnung; das frostige Betragen nachher; die vorsätzlichen Hindernisse, die der Graf einem Gespräche unter vier Augen zwischen Seelberg und dem Fräulein in den Weg gelegt; sein beleidigender Vermahnungston, ja! die eingestreueten Drohungen – Das alles kam ihnen, wie sie vorgaben, sehr verdächtig, sehr unlauter vor – »Wenn ich Dir rathen soll, mein Lieber!« fügte einer von den saubern Herrn hinzu, »so sey auf Deiner Hut! Sobald die wenigen Monate vorüber sind, laß Dich majorenn erklären! Bis dahin kannst Du schon Kredit finden. Jedermann sagt, daß Dein Vermögen noch ansehnlich genug seyn soll. Warum willst Du Deine besten Jahre als ein Kopfhänger und Heuchler verträumen? Genieße des Lebens! die schönen Frühlingstage kommen nicht wieder. Bist Du majorenn, dann bringe Deine Sachen in Ordnung, und solltest Du auch ein Kapitälchen aufnehmen, das Du nachher in männlichen Jahren (in denen doch fast jedermann zu knickern anfängt) oder mit Hilfe einer reichen Frau wieder abtrügest, so gehe denn erst auf Reisen, ehe Du Dich auf irgendeine Art in ein Joch gibst. Siehe zu, wo es Dir am besten gefällt; und da bleibe! Und ist dann das strenge, tugendhafte Fräulein von Wallenholz noch immer so strenge tugendhaft, und Du hast indes Keine gesehn, die Dir besser gefiele, und Du hast denn durchaus Lust, in der großen Hahnreierlotterie ein Los zu nehmen, so gehe hin und laß Dich mit ihr kopulieren! Aber jetzt laß die frommen Grillen fahren!« Durch diese und ähnliche Reden verdrängten die beiden würdigen Freunde bald jeden guten Vorsatz aus Ludwigs Seele, so daß Dieser in kurzer Zeit unbedachtsamer und leichtfertiger als jemals darauf los lebte. Hierzu kam, daß Storrmann (der ohne Zweifel von der Aufführung seines Freundes unterrichtet war) plötzlich seinen Briefwechsel mit ihm abbrach. Weil nun sein Herz sich so gern anschloß und die beiden Livländer sehr viel Einnehmendes hatten, auch seine schwachen Seiten zu benutzen wußten, so hing er sich mit ganzer Seele an dieselben. Diese Unwürdigen aber mißbrauchten seine Freundschaft auf eine Art, die ihm bald, aber zu spät, die Augen öffnete. Es ist ein großer Unterschied unter zwey Empfindungen, die doch, flüchtig betrachtet, von einerley Art zu seyn scheinen, nämlich unter der Empfindung von Unglauben an alle Festigkeit der menschlichen Tugend im Ganzen genommen und dem speziellen Mißtrauen gegen alle einzelne Menschen, mit denen wir leben. Erstere entspringt gemeiniglich aus einem innern Gefühl unsrer eigenen Schwäche, indem wir zu uns selbst sprechen: »Ich weiß, daß sogar ich, der ich doch wahrlich ein ganzer Mann bin, der Versuchung nicht würde widerstehen können.« Die andre Art von Mißtrauen hingegen entsteht (bey einem Gemüthe, das nicht, wie es deren auch gibt, eine natürliche, im Körperbaue gegründete Anlage zur Melancholie, Ungeselligkeit und Feindseligkeit hat) daraus, wenn wir oft oder auf sehr schmerzhafte Art sind von Freunden und Personen, auf deren Anhänglichkeit und Redlichkeit wir so fest rechneten, getäuscht worden. Ersteres sagt uns: »Die Menschen möchten gern gut seyn, aber sie sind Alle schwach.« Letzteres ruft uns zu: »Traue Keinem: Jeder studiert darauf, den Andern zu hintergehn.« Jenes schadet der menschlichen Gesellschaft wenig oder gar nicht; es macht im Gegentheil tolerant, macht, daß wir unsern schwachen Brüdern gern und willig dienen, ohne Dank und Erfolg zu erwarten, daß wir, wenigstens aus Liebe zum Guten und um unser eigenes Vergnügen zu befördern, Gutes thun und doppelt froh werden, wenn wir unerwartet irgendwo Tugend wahrnehmen, die uns wieder mit der Welt aussöhnt; dieses hingegen macht uns feindselig, hartherzig, und wir fangen zuletzt an zu meinen, wir dürften uns alles erlauben gegen eine Bande von Schelmen, die uns so oft angeführt habe und die nur darauf laure, uns bey der ersten Gelegenheit wieder das prævenire zu spielen. On commence par être duppe, \& l'on fini, par être fripon . Der erste Schritt, schlecht zu werden, ist, wenn man Andre dafür hält. Zu jener Art von Mißtrauen wird immer der Mann von Welt- und Menschenkenntnis unwillkürlich mehr oder weniger hingeleitet und kann sich dessen nicht ganz erwehren. Zu dem zweiten Irrthume hingegen verleitet man sich oft selbst, indem man am Anfange seiner Laufbahn zu viel von seinen Mitmenschen fordert und erwartet und nachher gewaltig tobt, wenn sie nicht wahrmachen, was – sie nie versprochen haben, wenn sie dem Bilde nicht gleichen, welches wir – mit verschlossenen Augen gemalt hatten. Ludwig von Seelberg hatte, wie wir aus seinem Tagebuche wissen, mehr von jener unschädlichen Art von Mißtrauen, als daß er alle Menschen für Betrüger gehalten hätte, ein Mißtrauen, wobey er selbst mehr als Andre litt. Es ist wahr, daß Juliens Untreue und die Undankbarkeit seiner Verwandten sein Gemüth ein wenig erbittert hatten; allein noch war er von keinem Freunde betrogen, mißbraucht worden; Luisens Bekanntschaft und das Andenken an seine vortreffliche Mutter hatten ihn ziemlich wieder mit dem weiblichen Geschlechte ausgesöhnt, so daß er wenigstens glaubte, es gäbe Ausnahmen von der Regel unter ihnen. Dabey war sein Herz von Natur zum Wohlwollen und Mittheilen geneigt, und sein sanguinisches Temperament stimmte ihn nicht dazu, verschlossen, tückisch und zurückstoßend zu werden. Auch hätte ich wirklich, wenn es meine Absicht wäre, den Helden meiner Geschichte auf einen hohen Leuchter zur Schau auszustellen, viel Züge von Großmuth, Offenherzigkeit, Aufrichtigkeit, Freigebigkeit und edler Theilnehmung an dem Schicksal Andrer von ihm erzählen können, die er mitten in seinen Verirrungen nicht selten von sich blicken ließ, Züge, wie sie der große Haufen und die Romanschreiber, welche demselben zu gefallen trachten, gar zu gern als Zeichen erhabener Tugenden ausposaunen und die doch selten mehr werth sind als die Wohlthaten und Almosen der Fürsten, die man in den Zeitungen zu erheben, und die Anekdoten, die man in unsern bunten deutschen Journalen zu publizieren pflegt. Doch will ich diesen und jenen nicht alles Verdienst rauben und bin meines Theils sehr zufrieden, wenn nur das Gute geschieht, komme es auch aus welcher Quelle es wolle – Aber, wo sind wir denn in der Erzählung stehengeblieben? – ja! nun weiß ich es – Seelberg war noch nicht von Freunden betrogen worden; das stand ihm noch bevor, mußte ihm bevorstehn, weil er schlecht wählte; und dies vollendete dann seine moralische Verschlimmerung. Er hatte, als bey ihm der Geldmangel noch nicht so groß war, sehr oft seinen Freunden gedient, indem er ihnen mit Vorschüssen aushalf, wenn sie deren bedurften und er sich dazu im Stande fand. Manche kleine Summe hatte er nicht wieder erstattet bekommen, aber auch darauf nicht gerechnet, sondern dergleichen geduldig in Ausgabe geschrieben, insofern er nur keinen bösen Willen, sondern Unvermögen sah. Wer nun ein bißchen das Leben auf Akademien kennt, wird leicht glauben, daß es nicht an Leuten fehlte, die von dieser bereitwilligen Dienstfertigkeit Gebrauch machten. Als aber nach und nach das bare Geld bey ihm äußerst selten wurde und er selbst oft gern borgen wollte, da fand sich freilich nicht Einer, der ihm erwidert hätte, was er so Manchem geleistet hatte. Indessen befremdete dies Seelbergen nicht. Er wunderte sich nicht darüber, daß nicht Jeder so dachte wie er, und da man den abschlägigen Antworten irgendeinen scheinbaren Vorwand hinzufügte, so dachte er: »Die Leute haben auch nichts. Ich muß suchen, auf andre Art Rath zu schaffen.« Am härtesten aber drückte ihn der Mangel zeitlicher Güter und eine abschlägige Antwort (Wir müssen das, zur Ehre seines Charakters oder – Temperaments, gleichviel! bekennen.), wenn Er in dem Fall, diese abschlägige Antwort geben zu müssen, und ganz von Gelde entblößt war, wie er es jetzt immer zu seyn pflegte. Indessen besaß er allerley kostbare Kleinigkeiten, einiges Silbergeräthe, goldene Uhren und dergleichen (Im Vorbeigehn zu sagen! Man thut besser, solche Sächelchen nicht mit auf Universitäten zu schicken). Kam nun ein sogenannter Freund, der seine Noth recht kläglich vorstellte, so pflegte er demselben eine Uhr oder einen Leuchter oder so etwas hinzugeben und zu sagen: »Geld habe ich nicht, mein Lieber! aber nimm dies hin und versetze es, bis Du mir's wieder einlösen kannst! Ich kann es solange entbehren.« Die gutherzigen Freunde schlugen das dann nicht aus; allein niemand wußte es sich besser zu Nutz zu machen als unsre beiden Livländer, die ihn auch zuletzt so rein ausgeschält hatten, daß sein ganzer Hausrath in einem leeren Koffer, einem paar schlechten Kleidungsstücken, wenig nothdürftiger Wäsche und einem alten Klaviere bestand; Uhren, Schnallen, Degen, alles war versetzt. Nicht zufrieden damit, hatte der Eine von ihnen Seelbergen bewogen, für eine Summe von zweihundert Thalern gutzusagen, welche er schuldig war, und darüber einen Wechsel auszustellen, der so bündig aufgesetzt wurde, daß kein göttingisches Kreditedikt noch eine restitutio in integrum oder dergleichen dagegen etwas ausrichten konnte. Es ist außer meinem Zwecke, von den Künsten und Lügen Rechenschaft zu geben, deren sich der Livländer bediente, um unsern Jüngling zu der Unterschrift zu bewegen, in welchen Arten von Verlegenheiten (auf denen Ehre und Freiheit beruhe) er zu stecken und welche Silberflotten (die er dann wieder mit seinen Freunden zu theilen versprach) er aus seinem Vaterlande zu erwarten vorgab – Wer unter uns hat nicht ähnliche Betrüger mit Schaden kennengelernt? – Übrigens wußte auch der Jude, der lieber einen der Majorennität nahen Cavalier, der in Sachsen Güter hatte, als einen vorgeblichen Edelmann aus Livland, dessen Güter vielleicht im Monde lagen, zum Schuldner haben wollte, die Sachen bey Ausstellung des Wechsels so süß zu machen, daß ein in Geldsachen äußerst unbedachtsamer junger Mensch, wie Seelberg es war, sich geschämt haben würde, Bedenken zu finden, pro forma , wie er meinte, seinen Namen mit zu unterschreiben. Jetzt war die Zahlungszeit verstrichen, der Wechsel verfallen, und der Livländer bat Ludwigen, die letzte Güte zu haben, nach ***; wo der Jude wohnte, zu reiten und denselben zu ersuchen, den Wechsel nur noch auf vier Wochen zu verlängern, binnen welcher Zeit das Geld aus Livland gewiß ankommen müßte. Seelberg war sogleich bereit dazu und ritt hin, fand aber den Juden nicht, denn er war auf die Leipziger Messe gereist. Indessen war Seelberg auch im Begriff, seine Universitätsjahre zu beschließen. Er schrieb nämlich, als er die Quittung über sein vierteljähriges Geld an seinen Vormund schickte und Diesen bat, ihm die Summe bald zu senden, es möge ihm derselbe doch erlauben, sich veniam ætatis geben zu lassen und zu diesem Endzwecke nach Hause zu kommen, da er ohnehin seine akademischen Jahre beschließen zu können glaubte. Herr Gerlach hatte dagegen nichts einzuwenden, sondern war vielmehr froh, von der Sorge für einen so unruhigen Mündel befreiet zu werden. Als daher diese Antwort mit dem gewöhnlichen Wechsel ankam, ließ Seelberg seine Gläubiger zusammenrufen und erklärte ihnen: daß er nun in Kurzem im Stande seyn werde, sie gänzlich zu befriedigen, wenn sie ihn nur ruhig die Reise unternehmen ließen, die zum Zwecke hätte, seine ökonomischen Geschäfte in Ordnung zu bringen. Ludwig war bey allen seinen Ausschweifungen dennoch für einen Menschen bekannt, der gern Wort hielt; und also trauete man ihm, versprach, ihn ruhig reisen zu lassen, und bat nur, er möchte bald mit einem vollen Beutel wiederkommen. Da er sich nun zur Reise anrüstete, kam der Livländer, von dem ich eben geredet habe, mit noch einem kleinen Anliegen. »Du bist nun bald auf dem Trockenen, Brüderchen!« sagte er, »und ich hoffe gleichfalls in Kurzem dahin zu kommen. Allein brauchst Du denn Deinen ganzen Wechsel jetzt gleich? Ich dächte nicht. Nicht wahr? Schulden bezahlst Du erst, wenn Du ganz abziehst, nach Deiner Zurückkunft? Kannst Du also auf die vier Wochen, da Du ausbleiben wirst, zehn Louisd'or entbehren, so thue mir den Gefallen und hilf mir damit aus! Wenn Du wiederkömmst, sollst Du dein Geld bereitliegen finden. Ich weiß nicht, was mein Alter macht; ich warte jeden Posttag ängstlich auf das Geld; indessen muß ich doch nothwendig übermorgen Miethe, Tisch und Wäscherin bezahlen.« Es bedurfte so vieler Worte nicht, um Seelbergen zu bewegen, seinen Beutel zu öffnen. Er theilte seinen Geldvorrath mit seinem vermeintlichen Freunde, reisete ab und kam, da ihn sein Weg über Leipzig führte, am Abend des dritten Tages daselbst an. Vierzehntes Kapitel Seelberg lag, ermüdet von der Reise, am folgenden Morgen um acht Uhr noch im Bette, indes die Gasse schon von geschäftigen und von ungeschäftig durcheinanderlaufenden Menschen wimmelte, wie es in den Messen zu gehn pflegt. Er lag, sage ich, noch im Bette; aber er schlief nicht. Tausend Gedanken rollten durch seinen Kopf; Pläne für die Zukunft beschäftigten ihn; Anschläge, welchen Gebrauch er von der Freiheit machen wollte, die er nun bald erlangen würde, welcher Lebensart er sich widmen und wie er sein Vermögen verwalten möchte. Der Vorschlag, bevor er in Fürstendienste träte oder sonst eine bestimmte Laufbahn sich wählte, erst auf Reisen zu gehn und dazu eine Summe aufzunehmen, gefiel ihm immer am besten. Er bildete in Gedanken diesen Plan aus und entwarf seine Reiseroute. In vier Wochen, nachdem er alles zu Hause würde in Ordnung gebracht haben, wollte er wieder nach Göttingen gehn, seine Schulden bezahlen und dann die Reise antreten. Anderthalb Jahre hielt er hinreichend dazu, und mit höchstens viertausend Thalern, meinte er, würden die Unkosten zu bestreiten seyn. Menschen, die gern faulenzen, pflegen ein wonnevolles Vergnügen zu empfinden, wenn sie des Morgens im Bette (in welchem verständige Leute nur so lange liegenbleiben, als sie Schlaf und Ruhe nöthig zu haben glauben), besonders im Winter, die Arme unter die dicke Federdecke stecken, sich recht bequem legen und dann, wenn nichts als das Köpfchen hervorblickt, in diesem Köpfchen allerley unnütze Pläne durcheinander arbeiten können, Pläne, die mehrentheils scheitern, sobald sie aus ihrer Höhle hervorkriechen und wieder in die Welt zurückkehren. Ich selbst habe oft dergleichen Tagediebsanwandlungen gehabt und gefunden, daß man sich in einem solchen warmen Bette ganze platonische Republiken schafft, besonders wenn man zwischendurch einmal wieder einschläft und der Traumgott die Bilder vollendet. So ging es auch unserm Helden; aber er wurde bald aus seiner Illusion aufgeweckt, denn als er, um seines Körpers recht zu pflegen, bestellt hatte, man solle ihm den Kaffee vor das Bett bringen (Auch eine edle Gewohnheit!) und er wirklich eben beschäftigt war, denselben zu genießen, wobey er recht froher Laune wurde und glänzende Schlösser in der Luft bauete, pochte jemand anfangs ganz leise und, da das nicht gleich gehört wurde, zuletzt ziemlich herzhaft an die Thür. Seelberg rief nun: herein! und siehe da! es erschien der oft erwähnte Jude, trat in das Zimmer und überreichte, bevor er sich über die Absicht seines Besuchs näher erklärte, Ludwigen einen Brief, welchen Dieser begierig erbrach und las, was folgt:   »Ich danke Dir herzlich für Deinen bisherigen Beistand. Der liebe Gott wird alles bezahlen; ich kann es nicht, bin gleich nach Dir mit dem von Dir erhaltenen Gelde, so ich annehme, als hättest Du es mir aus großmüthiger Seele zum Reisegelde geschenkt, aus Göttingen ab- und Dir Schritt vor Schritt nachgereist, habe gestern abend hier unsern ehrlichen Juden aufgesucht und demselben Deine Wohnung angezeigt. Er wird Dir morgen früh persönlich seine Aufwartung machen; aber alsdann gib Dir keine Mühe, mir weiter nachzuspüren, denn ich reise noch in dieser Nacht weiter. Bezahle noch das paar hundert Thälerchen, mein Lieber! Danke Deinem glücklichen Gestirne dafür, daß Du so wohlfeil davonkommst, und nimm von mir eine Lehre an, die Dich in der Folge, wie ich hoffe, zu größerer Vorsichtigkeit bewegen wird: Du bist ein gescheiter Pursche; brauche Deinen Verstand! Du solltest billig nicht mehr geprellt werden, sondern andre Leute prellen. Thue das künftig, Brüderchen! die Menschen sind wahrlich nichts Besseres werth. Sey übrigens nicht böse über mich! Ich bin auch oft genug in meinem Leben angeführt worden und habe mich dafür noch lange nicht bezahlt gemacht. Unser gemeinschaftlicher Freund *** ist auch mit ausgezogen und will Deine Uhr zum ewigen Andenken aufheben. Wir empfehlen uns beiderseits gehorsamst und bestens.«   Und dieser Brief war von dem livländischen Bösewichte unterschrieben.   Ich würde es vergebens versuchen, zu beschreiben, was Seelberg empfand, nachdem er den Brief gelesen hatte. Zuerst ergriff ihn eine stille Wuth, eine Betäubung – Er glaubte kaum seinen Augen trauen zu dürfen. Er las noch einmal, und dann brach er in Fluchen und Verwünschungen aus; allein der Israelite ließ ihm nicht die Zeit, seinem Zorne viel Zunge zu geben, sondern fragte ganz bescheiden, ob er ihm jetzt den Wechsel bezahlen könne und wolle? Ludwig mußte natürlicher Weise nein antworten, doch versicherte er, sobald er nur zu Hause angekommen seyn würde, wolle er augenblicklich Rath schaffen. Dabey entdeckte er ihm seine ganze Lage, bewies ihm, wie ungerecht und abscheulich es von dem Livländer gehandelt sey, ihn so anzuführen – aber der Jude hatte für das alles nur Eine Antwort, und die war: »Nau! Gott behüt's! Es eß mer selbens läd, aber ich moß mein Geld haben«, und als ihm die Scene zu lange dauerte (die Zeit in der Messe ist edel), steckte er den Kopf zur Thür hinaus und rief einen kleinen manierlichen Abgeordneten der Gerechtigkeitspflege herein, den er zu diesem Endzwecke mit sich genommen hatte und der mit aller möglichen Höflichkeit (welche in Leipzig auch sogar auf die Justiz ihren wohlthätigen Einfluß hat) unsern jungen Herrn fragte: ob er die Unterschrift unter vorliegendem Wechsel für seine Hand erkenne und ob er die Summe quæstionis jetzt zu bezahlen bereit sey oder nicht? Das Gefühl der Verlegenheit, darin Seelberg war, und die Eindrücke, welche die Abscheulichkeit des Verfahrens seines vermeinten Freundes auf ihn machten, gaben ihm plötzlich den Gedanken ein, seine Handschrift abzuleugnen: »Haben nicht Christ und Jude gemeinschaftliche Sache gemacht, mich zu betrügen?« sprach er zu sich selbst. »Kann es ein Verbrechen seyn, wenn ich ihren Plan auf diese Art vereitle, wenn ich den Rath des saubern Livländers befolge und lieber sie prelle, als mich prellen lasse?« So dachte er einen Augenblick, aber eine innere Stimme, für welche sein Ohr noch nicht verstopft war, rief ihm zu: »Pfui, Ludwig!« und also gestand er augenblicklich die Schuld ein, wiederholte aber dasjenige, was er vorhin dem Juden gesagt hatte. Indessen war der freundliche Justizmann ebensowenig geneigt, sich mit Entschuldigungen abspeisen zu lassen, als der Hebräer. Es thäte ihm herzlich leid, sagte er, daß er strenge nach seiner Vorschrift verfahren müßte. Das Wechselrecht, meinte er, habe der böse Feind erfunden. Es sey damit gar nicht zu scherzen. Übrigens müsse er bitten, daß es dem gnädigen Herrn gefällig seyn möchte, aus dem Bette aufzustehn und sich anzukleiden, um ihm in das Gefängnis zu folgen oder, wenn er einen Mann zur Wache bezahlen wolle, so stehe es auch in seinem Belieben, Hausarrest zu halten. Weil nun einmal unter zwey Übeln eines gewählt werden mußte, so bat Ludwig um Hausarrest, doch wurde derselbe noch auf sein Ansuchen dahin gemildert, daß er in Gesellschaft einer Wache in der Stadt herumgehn und Geld aufzutreiben suchen durfte; denn da er hier in Leipzig studiert und daselbst noch viel Bekannten hatte, so schmeichelte er sich mit der Hoffnung, es werde leicht Einer von ihnen, wenn er ihm sein Anliegen vortrüge, ihn aus der Verlegenheit reißen und ihm, bis er zu Hause Rath geschafft hätte, eine kleine Summe vorstrecken, zumal unter ihnen theils Einige waren, die ihm Verbindlichkeiten, theils Kaufleute und Gastwirthe, die manchen schönen Thaler von ihm gezogen, theils Leute, die ihm die wärmsten Freundschaftsversicherungen gegeben und gebeten hatten, sie nur auf die Probe zu setzen; allein er betrog sich. In fünf oder sechs Häusern, in welche er herumlief, wurde er zwar im ersten Augenblicke äußerst artig empfangen und aufgenommen, so lange, bis er in seinem Gespräche an das Gesuch kam. Kaum aber hatte er die ersten Worte davon vorgetragen, so zog sich das Gesicht jener Herrn feierlich in seine Festtagsfalten zurück, und es erfolgte eine abschlägige Antwort, die zuweilen sich nicht einmal die Mühe gab, das Kleid einer scheinbaren Ausrede anzuziehn. Sein letzter Gang führte ihn zu dem Kaufmanne, von welchem wir im achten Kapitel gehört haben, daß er sich ein Geschäft daraus gemacht hatte, den Major von Krallheim zu Abschaffung des ersten Hofmeisters zu bewegen und die ökonomischen Umstände des jungen Herrn von Seelberg in Ordnung bringen zu helfen. Bey Diesem aber kam er sehr unrecht an: »Ich sehe«, sagte er, »an Ihrem ganzen Wesen und an der Art des Anliegens, welches Sie mir vortragen, daß Sie fortgefahren sind, auf dem Wege zu wandeln, auf welchen Sie der würdige Herr Krohnenberger geleitet hatte, und das thut mir weh. Aber ich kann Ihnen nicht helfen. Ich habe Frau und Kinder und bin ein Kaufmann – zwey triftige Gründe, die mich abhalten, zweihundert Thaler da anzulegen, wo ich weder weiß, ob und wenn man mir dieselben erstatten will noch ob man kann.« So verging der Morgen, und Seelberg kehrte mißmuthig in seinen Gasthof zurück, um daselbst an der Wirthstafel zu speisen, als ein Ungefähr (in dem Sinne, wie man gewöhnlich das Wort Ungefähr nimmt) ihn daselbst einen preußischen Offizier antreffen ließ, der grade so viel Ähnlichkeit mit jenem Werbeoffizier hatte, von welchem ich im dritten und vierten Kapitel geredet habe, als ein Mensch nur immer mit sich selbst zu haben pflegt, denn es war kein Andrer als er, der im Begriff stand, zum Regimente nach Preußen zu reisen. Sobald ihn Ludwig wiedererkannte, faßte er Hoffnung auf ihn. Er hatte sich damals bey der Werbungsgeschichte so edel betragen, daß Jener nicht zweifelte, er werde auch diesmal sich Seiner annehmen. Er trug ihm also nach der Mahlzeit sein Anliegen vor; aber der Offizier antwortete ganz offenherzig: »Sie wissen, mein Herr von Seelberg! daß wir uns im Grunde gar nicht genau kennen. Ich habe Sie damals bewogen, einen Jugendplan aufzugeben und Sich einer Lebensart zu widmen, die mir mehr für Sie gemacht zu seyn schien als das Soldatenleben. Nachher haben wir uns nicht wiedergesehn. Sie sind indes herangewachsen, ich weiß aber nicht, ob Sie die freundschaftlichen Rathschläge befolgt haben, welche ich Ihnen damals gegeben, mit Einem Worte, ob ich einen Jüngling vor mir habe, der Wahrheit, Redlichkeit und Ordnung liebt oder nicht. Sie können mir's unmöglich verdenken, wenn ich dies nicht gradehin auf Ihr Wort glaube. Doch würde ich, wäre ich reich genug dazu, den möglichen Verlust von einem paar hundert Thalern nicht so hoch rechnen. Jetzt aber muß ich diese Rücksicht zu dem Mißtrauen, wozu mich meine Umstände doppelt berechtigen, in die Wagschale legen. Ich lebe selbst fast nur allein von meinem Traktamente. Ich bedaure Sie, wenn es wahr ist, daß Sie aus Freundschaft für einen Unwürdigen Sich in Verlegenheit befinden. Es kömmt mir auch nicht zu, Ihnen zu Gemüthe zu führen, ob Sie bey dieser Sache so vorsichtig und weise gehandelt haben, als Sie gesollt hätten, und ob Sie ekel genug in der Wahl Ihrer Freunde gewesen sind.« – »O! verschonen Sie mich, wenn ich bitten darf, mit Ihren Lehren, Herr Hauptmann! wenn Sie mir nicht helfen wollen!« erwiderte Ludwig und ging trotzig fort, entschlossen, augenblicklich einen Boten an seinen Vormund abzuschicken, demselben seine ganze Lage zu entdecken, um Hilfe zu bitten und indes in Leipzig den Arrest zu halten, soviel auch dieser Schritt seinen Ehrgeiz kostete. Allein unvermuthet kam Rettung, und er befand sich, noch ehe es Abend wurde, auf freiem Fuße – Doch bevor ich erzähle, wie das zuging, muß ich mir wiederum eine kleine Ausschweifung erlauben. Ich hoffe nämlich, die Leser werden nicht deswegen von der menschlichen Natur nachtheiligere Begriffe hegen, weil sie vielleicht oft die Erfahrung gemacht haben und dieselbe in dieser Geschichte bestätigt finden, daß, wenn man durch Muthwillen oder eigene Unvorsichtigkeit in einen Sumpf gerathen ist, man auch unter den besten, dienstfertigsten Menschen nicht gleich Einen findet, der Lust hätte, nachzuspringen, um uns herauszuziehn oder mit uns zu versinken. Nichts ist indessen gewöhnlicher zu hören, als daß Menschen, die in ihren Handlungen nicht von der Vernunft, sondern von thörichten Fantasien und Temperamentstrieben geleitet werden, wenn sie sich durch unkluges Betragen in solche Lagen versetzt haben, aus denen sie sich selbst nicht helfen können, sie es dann jedem redlichen Manne zur Pflicht machen, ihm mit Aufopferungen aller Art, mit eigener Gefahr und mit Schaden beizustehn oder vielmehr den Preis ihrer Thorheit mit ihnen zu theilen. Finden sie dann nicht die thätige Hilfe, welche sie fordern, so pflegen sie in Verwünschungen gegen das Menschengeschlecht auszubrechen: »Ja!« rufen sie dann. »An glatten Worten läßt man es in dieser Welt nicht fehlen; aber wo es auf echte Proben von Freundschaft und Redlichkeit ankömmt, da ist niemand zu Hause.« Ich meines Theils habe noch äußerst selten den Fall erlebt, daß ein in allem Betrachte wahrhaftig unschuldig Leidender ohne Hilfe zu Grunde gegangen wäre; halte niemand für hartherzig, der Dem, welcher durch grobe Unvorsichtigkeit in Verlegenheit gerathen ist, seine Hilfe alsdann entzieht, wenn er nicht sicher erwarten kann, denselben durch diese Hilfe von künftigen Verirrungen abzuhalten, und wenn die Wohlthat, die er erweisen würde, eine Beraubung seiner Familie wäre. Übrigens glaube ich, daß, wenn man geben kann (das heißt, ohne sich und die Seinigen in Verlegenheit zu setzen), man nicht immer ängstlich die Würdigkeit des Hilfsbedürftigen abwiegen solle, weil sonst schwerlich ein Mensch in der Welt übrigbleiben würde, der ein Gegenstand unsers Beistandes und einiger Aufopferung seyn dürfte; daß es aber doch eine Pflicht der Gerechtigkeit (der erhabensten aller Tugend – wo nicht der einzigen) ist, für Den, welcher nicht grenzenlos wohlthätig seyn kann, seine Großmuth so zu ordnen, daß Freigebigkeit nicht zugleich Diebstahl an Andern werde. Seelberg machte es wie die mehrsten Leute seiner Art. Um sich selbst die Vorwürfe zu ersparen, verwünschte er alle andre Menschen und schwur hoch und theuer, wenn er nur erst aus dieser Verlegenheit gerissen wäre, so wolle er nicht nur nie wieder irgend Einem trauen, irgend Einem in der Noth helfen, sondern auch so mit dem Gelde Rath halten, daß er nie in den Fall kommen könnte, irgend jemand um Beistand anzusprechen. Was den letztern Punkt seines Gelübdes betraf, so wäre es, denke ich, nicht übel gethan gewesen, wenn er darauf gehalten hätte; eine solche Unabhängigkeit ist nicht zu verachten; jene feindselige Stimmung wider die Menschen hingegen hatte schlimmere Folgen für seine Moralität, Folgen, wobey er allein verlor; denn, obgleich die Leichtfertigkeit seines Temperaments ihn abhielt, irgendeinen guten oder bösen Vorsatz mit Festigkeit und Beharrlichkeit auszuführen und gegen diesen noch insbesondre ein innerer Instinkt besserer Art sich empörte, so wirkte doch die Erbitterung so viel, daß er seit dieser Zeit sich manche Härte und Falschheit gegen die Menschen erlaubte, von denen er sich überzeugt hielt, sie würden es nicht besser gegen ihn gemacht haben, wenn sie in seinem Fall wären. Doch, es ist Zeit, daß ich nun erzähle, auf welche Art Seelberg aus seiner unangenehmen Lage herausgerissen wurde. Die Art war zwar sehr einfach, denn der Jude hob den Arrest auf und erklärte: der gnädige Herr möchte in Gottes Namen reisen! er verlasse sich auf sein Ehrenwort, daß er ihn bald befriedigen werde. Allein wie es zuging, daß der Jude auf einmal so gütige Gesinnungen äußerte, das ist wohl eigentlich der Punkt, worüber meine Leser von mir Erläuterung zu fordern das Recht haben und worin selbst der Held unsrer Geschichte so viel Sonderbares fand, daß er fast nicht glauben konnte, es sey seinem Gläubiger damit ein Ernst – Hier ist indessen der Schlüssel zu diesem Räthsel! Seelberg stand, wie wir wissen, seit einiger Zeit nicht mehr in Briefwechsel mit dem Grafen Storrmann, folglich, wie sich begreifen läßt, auch nicht mit Luisen; allein dieser redliche Mann, der täglich in sittlicher Vollkommenheit und also auch in wahrer Glückseligkeit zunahm, war dennoch gar nicht sorglos um seinen Freund. Obgleich er ihn gänzlich seinem Schicksal überlassen zu haben schien, so erkundigte er sich doch ohne Unterlaß nach jedem Schritte, den unser Jüngling that, und trauerte, wenn die Nachrichten, welche er erhielt, nicht so beschaffen waren, daß er Luisen etwas Angenehmes davon berichten und sie, die ihn noch immer herzlich liebte, mit der Hoffnung trösten konnte, er werde bald ihrer Zärtlichkeit würdiger werden. Es war dem Grafen also auch geschrieben worden, daß Ludwig im Begriff wäre, über Leipzig nach Hause zu reisen, um sich von dem Vormunde sein Vermögen überliefern zu lassen, und da grade zu der Zeit Storrmann in Geschäften seines Fürsten nach Böhmen verschickt wurde und seinen Weg durch Sachsen nehmen mußte, so kam er nebst seiner Frau und deren Schwester den nämlichen Tag in Leipzig an, als Seelberg dort mit der Justiz in unangenehme Verbindung gerieth. Nun studierte damals in Leipzig ein junger Cavalier, ein Vetter des Grafen Storrmann, welcher, sobald er erfuhr, daß Dieser angekommen wäre, ihm seine Aufwartung machte. Herr von Leuchtenburg (so hieß dieser Mensch) war ein Jüngling von derjenigen Art, die in unsern Zeiten nicht selten ist, das heißt, voll Selbstgenügsamkeit, Impertinenz, Reformations- und Aufklärungsgeist. Er war Mitglied solcher geheimen Verbindungen, denen der Gott der Fantasie das Wohl der Länder, die Oberaufsicht über die Regenten, das Richteramt über alle Vornehme und Geringe auf Erden und den Schlüssel zu aller Weisheit in die Hand gegeben hat. Weit entfernt, sich um die elenden Lumpereien zu bekümmern, die ihn persönlich angingen, zum Beispiel: in eigener Vollkommenheit zu wachsen, in seinem Zirkel das nahe, vor Augen liegende, mögliche Gute zu bewirken und sich durch Bescheidenheit, Gradheit und gute Aufführung Liebe und Achtung zu erwerben, überschauete vielmehr sein helles Auge immer das Ganze, litt nicht, daß um ihn her etwas Ungerechtes geschah, kontrollierte unermüdet die Aufführung Andrer, und wo ihm irgendein Anekdötchen zum Nachtheil eines Mannes (und wäre er auch nicht werth gewesen, dieses Mannes Schuhriemen aufzulösen) zu Ohren kam, da schrieb er es auf, in sein schmutziges Schreibtäfelchen, und wenn er sich zu Hause befand und es grade Posttag war, schickte er eine Ladung solcher Anekdötchen (Dank sey es der wohlverstandenen Publizität!) zum Einrücken in irgendeines von unsern vortrefflichen deutschen Journalen ab, in welchen jeder anonyme Schuft, unentdeckt und ungestraft, den Mann von Redlichkeit, Ehre, Würde und Alter namentlich öffentlich an den Pranger schlagen darf und ihn nachher genug für gekränkten Ruf und tödlichen Verdruß entschädigt zu haben glaubt, wenn er stillschweigt, sobald in dem folgenden Stücke des Journals ein Andrer die Nachricht als Verleumdung widerruft und den Einsender für einen Schurken erklärt. Diese herrlichen Anstalten, die uns bald dahin führen werden, bey so viel theils schwankenden, unbewiesenen, nicht zu erläuternden, theils ganz falschen Erzählungen allen Glauben an Thatsachen, allen öffentlichen Ruf zu verachten und gleichgültig gegen Beschimpfung und gegen Lob unsrer Mitbürger zu werden, diese vortrefflichen Anstalten, von denen ich schon im elften Kapitel etwas gesagt habe, von denen es aber schwer ist zu schweigen oder ohne Galle zu reden, diese Anstalten, die so viel Gutes wirken könnten, wenn sie nicht durch Muthwillen, Partheigeist und Anonymität geschändet, wenn sie nicht von den verschiedenen, alles, was außer ihnen ist, verfolgenden Partheien dazu gemißbraucht würden, Jeden zu necken und zu schimpfen, der nicht gemeinschaftliche Sache mit ihnen macht, und jedes Wort von einem Solchen, jeden Schritt, jede Zeile, die er geschrieben, so lange zu verhöhnen und zu lästern, bis er entweder Schöps genug oder großmüthig, Ruhe liebend genug oder durch seine Lage gezwungen ist, stillzuschweigen und gegen dies Unwesen nicht ferner zu reden, diese Anstalten endlich, die vortrefflich den Geist unsers Zeitalters charakterisieren, des Zeitalters, in welchem Neid und Schmähsucht auch der größten Männer nicht schonen, in welchem die unbedeutendsten menschlichen Schwachheiten an Helden, Gelehrten, an den Größten, Besten und Edelsten im Volke hervorgesucht und, mit den schwärzesten Farben ausgemalt, dargestellt werden, um auch dann noch, wenn schon das stille Grab den Wohlthäter ganzer Generationen umschließt, sein Monument zu besudeln, weil die Nachwelt uns keines setzen wird; diese Anstalten, sage ich, fanden an dem Herrn von Leuchtenburg einen eifrigen Vertheidiger und Mitwirker. Er war hierzu in der Schule eines Mannes eingeweihet worden, welcher, da er in der gelehrten und bürgerlichen Welt eine elende Rolle spielte und seines unverträglichen Charakters wegen von niemand geliebt war, seiner isolierten Existenz müde, sich zum Anführer einer Aufklärungs-, Reformations- und Polyhistorsrotte von jungen Purschen gemacht hatte. Herr von Leuchtenburg war auch ein rüstiger Rezensent. Bekanntlich gehört dazu in der heutigen gelehrten Welt nichts weiter als ein gewisser, durch beleidigende, mitunter sehr platte Spottreden gewürzter Kenner-Jargon, worin die aufgeschnappten, oft sehr inkorrekt geschriebenen technischen Ausdrücke ihrer Bedeutung nach zuweilen von dem Kunstrichter selbst nicht verstanden werden. Denn je unwissender und unverschämter ein junger Laffe ist, desto besser taugt er zum Rezensenten. Sein Urtheil wird weder durch Gründe noch durch einen großen Namen unterstützt. Nicht Ruf, nicht vieljähriges Studium, nicht entschiedenes Verdienst, nicht ein unbescholtener, wohlthätiger Lebenswandel, nicht die Liebe und Achtung der Bessern kann gegen die schamlosen Angriffe solcher Rezensentenbuben sicherstellen; nichts gibt Autorität als Frechheit. Der Gelehrte weiß nicht, ob nicht vielleicht sein sechzehnjähriger Sohn ihm das Urtheil spricht; die Besorger dergleichen, die Gelehrsamkeit so sehr herabwürdigenden, entehrenden periodischen Schriften aber, die mehrentheils selbst nur halbgelehrte Rabulisten sind, nehmen ohne Unterschied und Prüfung alle auch noch so partheiische, giftige, den persönlichen Charakter der Schriftsteller angreifende Rezensionen an, insofern sie nur Geld damit erwerben und solche Männer darin verschont werden, deren spitzige Feder sie entweder fürchten oder mit denen sie, durch ähnliche Grundsätze verbunden, zu der nämlichen öffentlichen oder geheimen Sekte gehören und mit ihnen zu Verlästerung aller Übrigen im Bunde stehen Ich wünschte, unsre Herrn Rezensenten möchten über diesen Gegenstand das erste Kapitel im elften Buche der Geschichte des Tom Jones nachlesen und beherzigen. – Doch zu dem Herrn von Leuchtenburg zurück! Er war, mit Einem Worte! ein Universalgenie. Da nun für solche Wesen die Wirthshäuser treffliche Weisheitsschulen und Magazine zu Einsammlung neuer Materialien in ihren Kram sind, so fand sich auch der junge Cavalier fast täglich in dem Gasthofe ein, in welchem Ludwig sein Quartier genommen hatte, und er erfuhr dort, was unserm Helden begegnet war, kurz zuvor, ehe er den Besuch bey seinem Vetter, dem Grafen Storrmann, abstattete. Daß Dieser mit dem Herrn von Seelberg in einiger Verbindung stünde, das konnte er unmöglich wissen. Aus keiner andern Absicht nun als aus solcher, welche dergleichen Leute gewöhnlich zu haben pflegen (nämlich bey dem Mangel an besserm Stoffe und der Wuth, sich immer um Händel zu bekümmern, die sie nichts angehn, aus Drang, sich ihrer eingesammleten Anekdoten zu entledigen), erzählte er Ludwigs ganzes unglückliches Abentheuer in dem untheilnehmendsten, fadesten Tone; allein der Graf hatte nicht so bald erfahren, in welcher Verlegenheit sich sein Freund befände, als er sich entschloß, sogleich Anstalt zu machen, ihn daraus zu erretten. Da auch die Damen bey des Herrn Vetters Erzählung gegenwärtig waren, so konnte Luise die Unruhe nicht verbergen, in welche sie über diese unangenehme Nachricht gerieth. Storrmann beruhigte sie, versprach, sogleich den Arrest aufheben zu lassen, bestand aber darauf, daß sie sämtlich Seelbergen weder sehn wollten, noch daß er erfahren dürfte, woher ihm die Hilfe käme. Luise willigte ungern in den Punkt des Nichtsehens; der Herr Vetter (der den Zusammenhang dieser ganzen Geschichte nicht ergründen konnte, aber doch so viel begriff, daß das Fräulein von Wallenholz, in die er seit einem halben Jahre, da er sie zum erstenmal gesehn, beinahe so verliebt als in sich selbst war, mehr Interesse an dem Schicksale des Herrn von Seelberg nähme, als ihm angenehm seyn könnte), der Herr Vetter, sage ich, wurde ersucht, den Juden herrufen zu lassen, welches er denn auch that, worauf man denselben vermochte, den Arrest wie aus eigener Bewegung aufzuheben, wie wir vorhin gehört haben, wogegen der Graf, im Fall der Schuldner nicht Wort halten sollte, zu bezahlen versprach und darauf nebst seiner Familie abreisete, indes auch Ludwig, ohne sich länger in dem ihm verhaßt gewordenen Leipzig aufzuhalten, seinen Weg nach seiner Vaterstadt antrat und daselbst glücklich ankam. Fünfzehntes Kapitel Seelbergs Geschäfte mit seinem Vormunde waren bald abgethan. Der rechtschaffene Mann hatte besser gewirthschaftet, als nur einmal der Mündel hätte erwarten können. Seine Güter, freilich nur zur Hälfte so beträchtlich als ehemals, waren doch schuldenfrey, und, was noch mehr ist, die Verwandten, welche durch den gewonnenen Prozeß in den Besitz der andern Hälfte gekommen waren, hatten eine beträchtliche Summe Geldes herausbezahlen müssen, welchen Umstand der kluge Vormund dem jungen Herrn verschwiegen und das Geld als einen Nothpfenning sorgfältig zurückgelegt hatte. Dieser Nothpfenning kam itzt grade zu gelegener Zeit; er reichte hin zu Bezahlung der akademischen Schulden, zu neuer Equipierung und die zu der anderthalbjährigen Reise bestimmten Kosten zu bestreiten. Auch wurde sogleich Anstalt zu Antretung dieser Reise gemacht; Seelberg ging deswegen zuerst nach Leipzig zurück, und sein angelegentlichstes Geschäft bey seiner Ankunft in dieser Stadt war, den Juden aufzusuchen und denselben zu befriedigen. Es versteht sich, daß er kaum eine Stunde im Gasthofe zubringen konnte, ohne daß unser Herr von Leuchtenburg von seiner Anwesenheit unterrichtet gewesen wäre; und da Dieser noch immer nicht wußte, wie die Sache mit Seelbergs und Luisens Bekanntschaft zusammenhing, und er doch einmal alles wissen mußte, so suchte er die persönliche Bekanntschaft unsers Helden zu machen. Dies erlangte er leicht an der Wirthstafel, und da fragte er dann so lange und drehete und wendete das Ding herum, bis er erfuhr, was er erfahren wollte, welches ihm um so weniger schwer wurde, da Seelberg dies für eine sehr gleichgültige Sache hielt und überhaupt von Natur nicht sehr zurückhaltend war. Auch entdeckte er dem Frager ohne Bedenken die jetzige Lage seiner Umstände und seinen Vorsatz, fremde Gegenden zu sehn, indem er hinzufügte: er wünschte, zu Verringerung der Unkosten, einen Gesellschafter zu finden, der mit ihm die Reise machte und einen Theil des Aufwandes bestritte. Leuchtenburg hatte wirklich die Absicht, in kurzer Zeit den nämlichen Plan auszuführen. Er war sein eigener Herr, nicht sehr reich, doch ziemlich vermögend und ein überaus guter Wirth. Diese Gelegenheit schien ihm zu vortheilhaft, als daß er sich nicht gleich hätte anbieten sollen, der Reisegefährte zu werden, und da er, wie alle Leute seiner Art, ein geschmeidiges Mundwerk führte und die Gabe hatte, auf kurze Zeit einzunehmen, Ludwig auch im Grunde keinen Freund, sondern nur einen Gesellschafter und einen Menschen suchte, der mitbezahlen konnte, so wurden sie bald ihres Handels einig. Ein paar Erkundigungen in der Stadt nach Leuchtenburgs Umständen waren hinlänglich (indes auch Dieser den Juden über den Punkt der empfangenen Bezahlung und den Wirth in Ansehung der Schwere der von Seelberg mitgebrachten Chatulle ad articulos vernommen hatte), die Sache richtig zu machen. Um noch völlig das Zutrauen seines Reisegefährten zu gewinnen, konnte sich endlich der Herr von Leuchtenburg nicht enthalten, Seelbergen, doch auf seine eigene Manier, im engsten Vertrauen die Geschichte von des Grafen Storrmann Durchreise durch Leipzig und wie derselbe bey dem Juden für ihn gutgesagt hätte, zu erzählen – Auf seine eigene Manier, denn nicht nur gedachte er mit keinem Worte Luisens und des zärtlichen Antheils, den Diese an der Begebenheit genommen, sondern er drehete auch die Sache auf eine Art (die solchen Personen sehr gewöhnlich ist, denn sie wollen alles gethan haben), daß die ganze Ehre der Handlung auf ihn selbst fiel: »Ich erfuhr«, sagte er, »von Ungefähr, daß Sie in Verlegenheit wären. Ich war grade nicht bey Gelde, und doch konnte ich es unmöglich zugeben, daß ein Mann von Ihrem Stande, Charakter und Vermögen einer solchen Kleinigkeit wegen unruhige Stunden haben sollte. Ich wendete mich also an meinen Vetter, den Grafen Storrmann, der grade hier durchreisete, und bat ihn, mich zu meinem Vorhaben durch seine Bürgschaft zu unterstützen. Ich wurde angenehm überrascht, als ich erfuhr, daß Sie alte Bekannte zusammen wären. Indessen wollten wir Beide nicht gern, daß Sie für einen so geringen Dienst uns danken sollten; daher wurde dem Juden befohlen, unsre Namen zu verschweigen. Zudem konnte sich der Graf nicht hier aufhalten – Sagen Sie nichts, mein Lieber! von Verbindlichkeit! Das kleine Häuflein der bessern, festen Männer muß sich einander beistehn – Und was ist denn das elende Geld in der Welt? Sie würden gewiß nicht weniger für einen andern Biedermann gethan haben.« Ludwig dankte, wie sich's versteht, seinem neuen Freunde für diese scheinbare Großmuth und war um so geneigter, ihm das ganze Verdienst davon zuzuschreiben, da er sehr kalt und mißtrauisch gegen Storrmann geworden war, theils durch die vor Zeiten von den beiden Livländern gegen denselben empfangenen widrigen Eindrücke, theils dadurch, daß Dieser gänzlich den Briefwechsel mit ihm abgebrochen hatte und nun sogar in der nämlichen Stadt zugleich mit ihm gewesen war, ohne ihn aufzusuchen, obgleich er die Ursachen von diesem Allen leicht in seiner eigenen Aufführung hätte finden können, wenn solche Menschen gerecht genug wären, dergleichen Betrachtungen anzustellen. Es kam nun noch darauf an, festzusetzen, was für Städte und Länder unsre beiden Reisenden besuchen und welchen Weg sie nehmen wollten. Unter Leuten, die einen bestimmten Gegenstand zum Zweck ihrer Reise machen – und das sollte doch billig bey Jedem, der seine Heimath verläßt, um in fremden Gegenden umherzufahren, der Fall seyn – ist es freilich eine große Frage bey der Wahl eines Reisegesellschafters, ob den Gefährten grade die nämliche Absicht wie uns zum Auswandern bewegt und ob er diese seine Absicht auf unserm Wege gleichfalls erreichen kann. Allein bey jenen Beiden fiel diese Bedenklichkeit weg. Ludwig reisete mit der sehr gewöhnlichen, aber höchst unbestimmten Idee aus: Menschen zu sehn – gleich als wenn es nicht dabey wieder sehr verschiedene Arten, Zwecke, Gegenstände und Gesichtspunkte gäbe, zum Beispiel: den intellektuellen, den moralischen, den physischen, den in bürgerlichen Verbindungen lebenden, den korrumpierten, den religiösen, den ländlichen, den industriösen, den Handel treibenden, den gelehrten, den thörichten Menschen und unzählige andre Rücksichten, worauf der Beobachter sein Augenmerk heften kann – Leuchtenburg aber zog eigentlich nur auf das Anekdotensammlen aus, welches ein ebenso schmutziges und nicht so nützliches Geschäft als das Lumpensammlen und eine in unsern tadelsüchtigen Tagen nicht weniger übliche Art zu reisen ist, die aber wahrlich unserm Zeitalter nicht viel Ehre macht, wenngleich sie uns Reisebeschreibungen in dicken Bänden liefert. Man hat, glaube ich, kein Beispiel in alten Zeiten, daß ein einziger Mann, nachdem er in einigen Monaten einige fremde Länder durchrennt wäre, es gewagt hätte, nachher entscheidend zugleich von dem Zustande der Literatur, der Regierung, der Religion, der Künste, der Industrie, kurz! von Allem Nachricht zu geben – Das war unsern erleuchteten Zeiten vorbehalten. Freilich ist dies der sicherste Weg, wenn man seine herumschweifende Aufmerksamkeit auf so vielerley Arten von Dingen ausdehnt, in allen Örtern der Welt Stoff zu finden, ein leeres Gehirn und eine leere Schreibtafel zu beklecksen; allein das Herz wird durch solches Reisen nicht gebessert, der Kopf hingegen mit einem Chaos verwirrter Bilder angefüllt, und da bey der Menge der verschiedenen Gegenstände unmöglich alles genau geprüft werden kann, so wird Manches schief gesehn, grundfalsch oder wenigstens unbestimmt aufgeschnappt und der Welt wiedererzählt, wozu noch kömmt, daß ein solcher fahrender wilder Anekdotenjäger gewöhnlich ein Augenglas mit auf den Weg nimmt, welches aus einer geschmolzenen Komposition seiner Lieblingsideen geschliffen ist und durch welches er den Himmel und die Erde in allen Zonen beschauet, da dann dieser würdige, allsehende Polyhistor in allen Ecken sieht, was er darin sehn will, indem sein Glas die Gegenstände, von denen er nichts versteht, in solche Formen prismatisch umschafft, daß sie zu den Kindern seiner Fantasie passen. So findet der Mann, der von Regentenkritik angesteckt ist und aus Journalen erfahren hat, daß in einem gewissen Lande die Regierung sorglos und inkonsequent sey, wenn er in dies Land kömmt, tausend Dinge zu tadeln, die in seinem Vaterlande grade eben also sind, nur daß er dort nie achtsam darauf gewesen, weil Staatskunst nicht sein Fach war. Ich könnte ein paar sehr treffende Beispiele von der Art aus ganz neueren Zeiten anführen, wenn ich Lust hätte, mich ein wenig mit ungeschliffenen Halbgelehrten herumzuschimpfen, und wenn ich nicht in meiner Erzählung weitereilte – Also kurz! Beiden, Seelbergen und Leuchtenburgen war es ziemlich gleichgültig, welchen Weg sie nehmen möchten, daher beschlossen sie, durch Sachsen und Böhmen nach Österreich, von da durch Bayern, Schwaben, Franken und die Rheingegenden nach Frankreich, zuletzt aber nach Italien zu gehn. Seelberg bezahlte erst in Göttingen seine Schulden, wurde dort von seinem Gesellschafter aufgesucht und fuhr mit demselben und einem Jäger Namens Triller ab.   Ende des ersten Theils. Zweiter Theil Erstes Kapitel Zuvörderst versichre ich, daß es mich herzlich freuet, den Helden meiner Geschichte endlich einmal mit Ehren über seine Universitätsjahre hinausgeführt zu haben. Man macht einigen unsrer neuern deutschen Schriftsteller nicht ohne Grund den Vorwurf, sie stellten in ihren Romanen nur Studentencharaktere dar, und meint, es sey doch etwas gar Langweiliges für einen gesetzten, vernünftigen Mann, wenn man ihn in keine andre Gesellschaft als solcher ungebildeten Menschen führte, die im Grunde noch gar keinen Charakter hätten. Indessen darf man sich darüber nicht wundern, wenn man bedenkt, daß die mehrsten Derer, die Romane schreiben, sowie überhaupt die mehrsten unsrer heutigen Büchermacher entweder selbst nur noch unbärtige Jünglinge oder Leute sind, die keine andre Welt als die akademische kennen. Das ist nun zwar bey mir der Fall nicht, folglich kann ich mich dieser Entschuldigung nicht bedienen, wenn man mein Buch wegen des nämlichen Fehlers anklagt; allein ich habe etwas viel Besseres, wie ich mir einbilde, zu meiner Rechtfertigung zu sagen. Der Zweck meines Buchs ist nämlich, zu zeigen, durch welche Modifikationen sich in meinem Helden Charakter, Neigungen, Gefühle und Systeme nach und nach geformt, entwickelt und ihn zum Denken und Handeln bestimmt haben. Da nun der Grund hierzu bey ihm so wie bey allen Menschen vorzüglich in den Kinder- und Jünglingsjahren gelegt worden, so mußte ich auch bey diesen Perioden seines Lebens mich länger aufhalten und in mehr Details eingehn, als ich in der Folge thun werde, indem ich entschlossen bin, von nun an die Zeiträume enger zusammenzufassen. Um zu zeigen, daß es mir mit dieser Abkürzung ein wahrhafter Ernst ist, will ich Sie auch, hochgeneigte Leser! mit der genaueren Reisebeschreibung der beiden jungen Herrn von einer Stadt zur andern verschonen. Dagegen aber müssen Sie mir gestatten, damit ich mein Hauptaugenmerk nie aus dem Gesichte verliere, Ihnen, bevor wir weiter gehen, eine allgemeine Skizze von Seelbergs Charakter, wie er jetzt war, vorzulegen; und dann wollen wir sehen, auf welche gute und böse Wege ihn diese Stimmung in der größern Welt, in welche er nun trat, führte. Ich habe im dreizehnten Kapitel des ersten Theils dieser Geschichte einen Unterschied festgesetzt unter zweierley Gattungen von Mißtrauen gegen Rechtschaffenheit und Treue und dabey erwähnt, daß Ludwig damals nur noch von jener unschuldigen Art von Unglauben an die Würde der Menschen angesteckt war, von dem Unglauben, der sich auf Selbsterkenntnis, auf Bewußtseyn eigener Schwäche gründet, sich aber dennoch mit Duldung, Bruderliebe und Wohlthätigkeit verträgt. Jetzt hingegen, da er von vermeintlichen Freunden so schändlich war betrogen worden und, wie er glaubte, auch nicht einen einzigen ganz edeln Menschen angetroffen hatte, jetzt bekam er täglich eine größere Meinung von seinem eigenen werthen Ich und eine schmählichere von andern Leuten. Er besuchte also fremde Städte und Länder so, wie ein neugieriger hartherziger Mann Narren-, Kranken- und Zuchthäuser besucht; nicht als Arzt und Philosoph, der die Krankheiten des Leibes und der Seele studieren will, um Mittel zur Hilfe, Besserung und Erleichterung zu finden, sondern als Einer, dem die Fratzen der Narren und die Verwünschungen der Eingekerkerten Spaß machen, indem er sich dabey seiner Gesundheit und seiner Sicherheit freuet. Er suchte aller Orten Genuß, Lust, Abwechselung. Es fiel ihm nicht mehr der Gedanke ein, für Andre zu leben, Andern zu dienen, sondern sein Ich war ihm der Mittelpunkt alles Wirkens. War er vorher, aus Temperamentshang und Mangel an Überlegung, freigebig und verschwenderisch gewesen, so fing er nun an, den Werth des Geldes kennenzulernen und, um nicht wieder in Verlegenheit kommen zu können, ein guter Wirth zu werden, das heißt bey solchen Menschen: da zu sparen, wo ihm das Geld keine sinnliche Freuden verschaffen konnte, um immer einen gespickten Beutel zu haben da, wo sich Gelegenheit fand, zu genießen und zu schwelgen. Hatten ihn aber vorher die Anforderungen seines reizbaren Körpers und seine verwöhnten Begierden ohne feine Auswahl zu allerley Ausschweifungen hingerissen, über welche ihm nach geschehener That mehrentheils seine Vernunft Vorwürfe machte, so kalkulierte er jetzt besser. Er sündigte mit Raffinement, mit Vorsatz, sooft für den sinnlichen Genuß üppige Freuden zu erwarten und keine gefährliche Folgen zu befürchten waren, und die Überzeugung, daß niemand ihm helfen könnte noch würde, wenn er Vermögen oder Gesundheit (denn er hatte ebenso nachtheilige Begriffe von der Geschicklichkeit der Ärzte als von der Gutwilligkeit der Reichen) aufopferte, hielt ihn jetzt von Handlungen zurück, gegen welche ehemals die Stimmen der Religion und der Tugend vergebens gewarnet hatten, denn für diese Stimmen hatte er kein Ohr mehr. Er glaubte nicht mehr an Unschuld und Tugend, weil diese Gefühle in ihm schliefen und der Umgang mit schlechten Menschen und das Lesen schlechter Bücher den Sinn dafür erstickt hatten. Was die Religion betrifft, so haben wir schon gehört, daß sie seit langer Zeit nicht mehr ein Gegenstand seiner warmen, innigen Herzensergießung, sondern seines kalten Raisonnements geworden war, und von dieser Periode an konnte man sagen, daß er den ersten Schritt zu seiner sittlichen Verschlimmerung gethan hatte; denn was vermag die bescheidene Vernunft gegen ein feuriges Temperament und gegen stürmische, unaufhörlich die sanftere Stimme überschreiende Begierden? Wie leicht wird nicht der Sophist mit jener fertigwerden, wenn seine Empfindungen gegen ihre Gründe streiten? Kurz! Raisonnement ist zu schwach gegen Leidenschaft, und sollen Religion und Tugend die bösen Begierden in uns ersticken, so müssen beide auch einen Grad von Leidenschaft in uns erregt haben, deren reines Feuer jede wilde Flamme niederschlägt. Nur ein von heiliger Liebe zu dem unendlich gütigen Vater durchdrungenes Herz kann sich von niedrigen, unedlen Trieben losreißen, und ein einziger Vorwurf des geängsteten Gewissens, wenn es uns sagt, daß wir uns der höchsten Liebe unwerth machen, der Liebe des Wesens, an welchem wir mit ganzer Seele hängen, und daß wir das heiligste, süßeste Band zwischen unserm Vater im Himmel und uns zerreißen, Ein solcher Vorwurf ist für Den, welcher je die Wonne dieses Verhältnisses geschmeckt hat, mächtiger, uns vom Bösen abzuhalten, als hundert Appellationen an die gesunde Vernunft. Ist nicht selbst im bürgerlichen Leben der Wunsch, Liebe und Zuneigung nicht zu verscherzen, ein schärferer Sporn, gut und freundlich zu handeln, als die Idee, die Gerechtigkeit nicht zu verletzen? Wir sind nun einmal sinnlich. Sobald Seelberg erst eine gewisse habitude im Laster erlangt hatte, so suchte er auch Gründe hervor, welche die zuweilen sich erhebenden innern Anklagen widerlegen mochten, und schuf sich ein Lehrgebäude, bey welchem er als ein ehrlicher Mann – ausschweifen könnte, und da ihm hierbey die Religion, auch als System betrachtet, im Wege stand, so mußte dieselbe fortphilosophiert werden, welches nicht viel Mühe kostete, da der Schritt vom Zweifel zum Unglauben nicht groß ist und da ich (das gestehe ich frey) alle theoretische Beweise für die Echtheit der geoffenbarten Religion a priori , alle Beweise, die sich nicht auf das Gefühl des Herzens und die Erfahrung von der Wohlthätigkeit ihrer Lehren gründen, für unmöglich überzeugend zu führen halte. Ich meine wahrlich, die Dogmatik sey ein gänzlich unnützes Ding, wovon die guten Apostel, welche so herrliche Pflichten predigten, gar nichts gewußt haben. Ich meine ferner, wer überzeugt sey, daß die Lehre Jesu ihn glücklich machen könne, der bedürfe keines weitern Beweises für ihre Echtheit, und wer das nicht sey und ihre Kraft auch nicht praktisch an sich prüfen möge, für Den sey es wohl einerley, was er glaube. Auch habe ich noch immer gefunden, daß Der, welcher gradeweg und treu seine Christenpflichten erfüllte, sich's gar nicht einfallen ließ, über gewisse dunkle Lehren ängstlich nachzugrübeln, Beweise von Wundern, Weissagungen und dergleichen aufzusuchen; fuhr ihm aber einmal ein Zweifel von der Art durch den Kopf, so war er sehr bald damit fertig und überließ solche Grübeleien den Herrn Geistlichen, deren Fach das ist. Wo ich hingegen Unglauben oder gar Religionsspott fand, da traf ich auch immer unreine Sitten an, und so wie ein böser Nachdrucker sich ein Privilegium von eben dem Fürsten zu erschleichen weiß, der schon über das nämliche Buch, aber unter anderm Titel, dem rechtmäßigen Verleger ein ausschließliches Recht ertheilt hat, so erzwingen solche sogenannte Freigeister von der Vernunft, auf deren göttlichen Ursprung sie pochen, einen Freiheitsbrief gegen die deutlichen Dokumente, die der Schöpfer selbst in unser Herz geschrieben hat und wovon das, was in der Bibel steht, nur eine Kopie ist. Sobald also Seelberg anfing regelmäßig auszuschweifen (wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf), und nachher, als er allen Glauben an Tugend und den Sinn für Unschuld und Rechtschaffenheit verlor, da verwandelten sich auch seine Religionszweifel in offenbare Verachtung und Verleugnung derselben. Einst hatte er darüber ein Gespräch mit einem redlichen frommen Geistlichen, zu dem er von Ungefähr in Gesellschaft gerieth – ich sage: von Ungefähr, denn er floh, und das thun gewöhnlich die Leute seiner Art, diesen ehrwürdigen Stand wie der Dieb den Polizeidiener. Nach mancherley Gesprächen über Religion, zu welchen er den Pfarrer nöthigte, forderte er ihn auf, indem er ausrief: »Sagen Sie mir doch, ob denn der Verbrecher weniger geworden sind, seit uns das Licht der Religion leuchtet? Sagen Sie mir doch, ob Sie der großen, edlen Thaten mehr aufweisen können und der Schurkereien und Schelmereien weniger seit der Zeit, da das Christenthum ausgebreitet ist, weniger als ehemals unter den blinden Heiden, den Griechen und Römern? Sagen Sie mir doch, ob vormals mehr Königsmorde, Straßen-, Kronen-, Länder- und Ehrenräubereien als gegenwärtig vorfielen? Sagen Sie mir doch, ob nicht in solchen Provinzen, in welchen am eifrigsten die christliche Religion gelehrt und getrieben wird, am mehrsten Laster im Schwange gehn? Sagen Sie mir doch, ob man je etwas in der Welt von Verfolgungen um des Glaubens willen gehört gehabt als seit der Zeit, da das Christenthum, welches doch so herrlich Duldung und Bruderliebe predigt, die Menschen gelehrt hat, sich verschiedener Meinungen wegen zu erwürgen?« »Wenn ich durchaus auf dies alles antworten soll, mein Herr!« erwiderte der Pfarrer, »so hören Sie denn dies Wenige! Der Verbrecher mögen wohl vielleicht nicht weniger geworden seyn, weil die christliche Religion die menschliche Natur nicht umschaffen kann; aber sie hat uns einen Weg gezeigt, der den Bösewicht vor Verzweiflung zu bewahren vermag, indem sie ihn vor Verstockung warnet und verspricht, ihn mit liebreicher Hand in den Schoß des besten Vaters zurückzuführen, wenn er sich bessert. Sie hat uns außer den innern und äußern Vortheilen, welche Rechtschaffenheit und Tugend gewähren, noch einen Bewegungsgrund mehr gegeben, gut zu seyn, nämlich den, daß wir durch Ausübung jeder Pflicht dem gütigsten, liebreichsten Wesen gefallen und ihm näher kommen. Es kann seyn, daß unter den Heiden manche laut gepriesene schimmernde Tugenden, die aber oft nur glänzende Verbrechen oder wenigstens Fantasmen sind, in größerer Zahl und in höherem Grade geherrscht haben als bey uns; allein mehr stille, unerkannte, von niemand als dem einzigen Gotte gesehene edle Thaten werden gewiß unter den Christen ausgeübt, weil diese mehr Veranlassung, mehr Gründe dazu haben; weil unsre Religion uns mit manchen Tugenden bekannt macht, die von den Heiden verkannt wurden, wie zum Beispiel die Liebe der Feinde; weil sie uns andre von einer so liebenswürdigen Seite vorstellt, daß ein gutgeartetes Gemüth mit Enthusiasmus dafür erfüllt werden muß; weil sie uns die Abscheulichkeit mancher Laster und mancher leidenschaftlichen Ausbrüche, wie zum Beispiel der Rache, mit lebhaften Farben schildert. Was Sie übrigens unter den Ländern verstehen, in welchen die christliche Religion am eifrigsten getrieben wird, weiß ich nicht. Sie werden doch wohl nicht die Häufung gottesdienstlicher Ceremonien und kirchlicher Versammlungen für wesentliche Kennzeichen halten, daß an solchen Örtern, wo diese die besten Stunden des Tages ausfüllen, am mehrsten Religion herrsche? Die echte Religion Christi, das lassen Sie Sich sagen, ist kein Ding, so in Ländern getrieben wird, wie Sie Sich vorhin ausdrückten, sondern ein Feuer, das nur die Herzen einzelner Menschen aus allen Kirchen, in allen Gegenden der Erde erwärmt und die, welche es erwärmt, auch gewiß glücklich und zu guten Menschen macht. Nicht die Lehre Jesu, sondern der Geist des Zeitalters und die Herrschsucht der Menschen hat die Religionsverfolgungen verursacht. Indessen ist es auch nicht sehr zu verwundern, wenn eine Lehre, die so wenig gemacht ist, den bösen Leidenschaften der Menschen zu schmeicheln, zu Widersprüchen und sophistischen Auslegungen Anlaß gegeben, doch waren die, welche sich verschiedener Meinungen wegen verfolgten, gewiß keine echte Christen, sondern sie nahmen die Religion zum Vorwande ihrer unfriedlichen Gesinnungen und würden leicht einen andern gefunden haben, sich die Hälse zu brechen, wenn dieser nicht gewesen wäre. Sind nicht unsre Deisten, unsre Pfaffenfeinde und unsre gelehrten Journalisten zehnfach intoleranter und feindseliger als unsre neueren Orthodoxen?« Ludwig wandte hiergegen wiederum manches ein, persiflierte, wo seine Gründe nicht hinreichten, und kam dann auf einige spezielle Lehren der Religion, gegen welche er längst widerlegte, aus den Büchern, die er ehemals in Göttingen gelesen, geschöpfte Einwürfe vorbrachte, zum Beispiel: von dem natürlichen Hange, den der Mensch zum Bösen hätte, für dessen Urheber er den Schöpfer erklärte, welcher wie jeder Künstler die Unvollkommenheiten seines Werks verantworten müßte, worauf ihm der Pfarrer nur antwortete: daß das Universum höchst vollkommen erschaffen, daß der Mensch nicht der Mittelpunkt der ganzen Schöpfung und daß der freie Wille, womit Jener ausgerüstet, die Gewalt, einen für ihn selbst guten oder schlimmen Weg zu gehn, ein herrliches Geschenk sey, das ihn in den Stand setzte, sein eigenes Glück zu bauen, daß, wenn ihn aber seine Begierden öftrer auf Abwege als auf die rechte Straße leiteten, dies von der üblen Lenkung dieser seiner Federkräfte, nämlich der Leidenschaften herrühre, die aber ebensowohl auch den edelsten Handlungen den Ursprung gäben, daß übrigens der Mißbrauch seiner so unschätzbaren Freiheit im Grunde niemand als ihm selbst wesentlich schade und daß dadurch die Vollkommenheit des ganzen Gebäudes im Mindesten nicht gestört werde. Sodann kam Seelberg auf das Erlösungswerk und fand: daß es lächerlich sey, anzunehmen, Gott habe je darüber zürnen können, daß die Menschen also sind, wie sie ihrer schwachen Natur nach nothwendig seyn müssen, und es habe einer Art von Aussöhnung, besonders eines Blutopfers bedurft, um den über die Unvollkommenheiten seines eigenen Werks erzürnten Schöpfer zufriedenzustellen. Hierauf sprach er überhaupt von Moralität und freiem Willen: »Wenn der Schöpfer«, sagte er, »den Trieben, die in uns wirken, eine solche Kraft gegeben hat, daß sie uns mit Gewalt zu gewissen Handlungen hinreißen, trotz allen künstlichen, konventionellen Vorkehrungen, die das Ding, so wir Vernunft nennen, dagegen zu treffen sucht; wenn Furcht vor Strafe und Schande, Überzeugung des Bessern, Aussichten von Elend, Schmerz und Jammer uns nicht zurückzuhalten vermögen, diesen Naturtrieben zu folgen, wie wir denn täglich davon die Beispiele wahrnehmen, so sehe ich nicht ein, wie wir Verantwortung davon haben können, wenn wir diesen Trieben, das heißt, der Natur gemäß handeln, da diese Triebe stärker sind als alles, was wir ihnen entgegenzusetzen versuchen, und warum ein Mensch deswegen verdammt werden sollte, weil er seine Natur nicht hat verleugnen können.« Der Pfarrer wußte wohl, daß man in der Welt nie den Mann überzeugt, dessen Herz bey dem Gegentheile dessen, was wir ihm beweisen wollen, sich besser zu befinden glaubt. Er stritt deswegen sehr ungern über Glaubenslehren, weil er wußte, daß ein solcher Streit immer mala fide geführt wird; doch konnte er auch den Gedanken des Vorwurfs nicht ertragen, er schweige darum bey solchen Anfällen, weil er nichts zum Besten seiner Sache zu sagen wüßte. In dieser Verlegenheit befand er sich auch itzt. Was er also antwortete, sollte weniger eine förmliche Widerlegung der so oft schon widerlegten Einwürfe als vielmehr ein Zeugnis seyn, daß ihm die Lehren, welche Seelberg angriff, theuer und heilig wären. »Mein Herr«, sagte er also, »diese Gegenstände sind so oft in den vortrefflichsten Werken solcher Männer, die von der Wahrheit der Religionslehren zwar nicht mehr überzeugt als ich, aber geschickter waren, den Grund ihrer Überzeugung Andern vor Augen zu legen, daß ich mich in meinem oder Ihrem Namen schämen müßte, wenn ich glauben wollte, Sie stritten über dergleichen Gegenstände, ohne das, was hierüber schon so vielfältig ist vorgebracht worden, gelesen und durchdacht zu haben. Also nur so viel! Das große Versöhnungsopfer Christi ist wohl von einigen Lehrern der Religion nicht immer aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet worden. Dies göttliche Geheimnis von der Menschwerdung Gottes ist zwar auch weit über unsern Gesichtspunkt erhaben, und warum sollte es auch das nicht seyn, da so sehr viel, ja beinahe alles in der Natur, uns Geheimnis ist? Wenn wir nicht begreifen können, wie es zugeht, daß lebendige Geschöpfe wiederum ihres Gleichen zeugen können, wenn wir nichts wissen von dem Wesen des uns belebenden Geistes und von dem Zusammenhange der sichtbaren und unsichtbaren Welt, so ist es wohl nicht zu verwundern, wenn wir noch weniger fassen können, wie es möglich gewesen, daß die höchste Gottheit sich mit der menschlichen Natur habe vereinigen können, daß es dieser Vereinigung bedurft, um eine durch den Fall der Menschheit zerrissene Verbindung mit der göttlichen Urquelle wieder anzuknüpfen, und wie diese göttliche Natur auch alle Leiden und Verfolgungen habe erdulden, ja! selbst den schimpflichsten Tod sterben müssen, den die widerstrebende Bosheit dem Gottmenschen zubereitete und der zugleich Bestätigung seiner göttlichen Sendung und der Vortrefflichkeit seiner Lehre war. Ich sage, wir begreifen das nicht, können aber fest überzeugt seyn, daß Gott, unser liebreicher Schöpfer, nicht zugeben würde, daß so viel tausend seiner Geschöpfe Glück, Seelenruhe und Seligkeit auf einen Irrthum baueten und darauf lebten und stürben, wenn es wirklich Irrthum wäre. Und was bedarf es abstrakter Beweise für eine Lehre, deren wohlthätige Folgen für die ganze Menschheit so sichtbar sind, eine Revolution, der wir Aufklärung, Freiheit und Berichtigung aller unsrer moralischen und politischen Begriffe zu danken haben? Übrigens, mein Herr! wundert es mich gar nicht, daß, nach den Ideen, welche Sie von Moralität zu haben scheinen, von der Befugnis jedes Menschen, seinen Trieben zu folgen, und von der Unmöglichkeit, gewisse Leidenschaften nach und nach durch vernünftige Vorstellungen und Mittel zu dämpfen, daß Sie bey diesen Gesinnungen lieber nicht an die Wahrheit der christlichen Religion glauben. Was soll man mit einem beschwerlichen Hofmeister machen, wenn man sich vorgenommen hat, ihm nicht zu folgen? In diesem Augenblicke würden die stärksten Beweise Sie weder überzeugen noch beruhigen; aber ich versichre Sie, daß Der, dessen Herz den wohlthätigen Einfluß des Christenthums an sich selbst empfindet, Der, dessen inneres moralisches, nicht verwahrlosetes Gefühl in allem mit diesen Lehren harmoniert, der seinen Wandel nach etwas einrichtet, das, wie Prior sagt, erhabener als der Schul-Jargon von Tugend und Laster und höher ist als der tote Buchstabe des Gesetzes, daß Der gar keine Beweise für die Echtheit der seligmachendsten Lehre fordert. Ich hoffe, dieses Gefühl wird auch einst in Ihnen erwachen – Doch, noch eins! Wissen Sie irgendeine bessere Lehre, die beruhigender und vernünftiger ist, die uns mehr Trost gibt, mehr Zweifel auflöset, eine gesundere Philosophie enthält, uns tiefere Blicke in die menschliche Natur und in das Innere der Schöpfung thun läßt und uns bestimmtere Nachricht von unserm vergangenen und künftigen Zustande gibt, so beglücken Sie mich durch Mittheilung derselben! Ich bin bereit, sie anzunehmen und mein Christenthum öffentlich zu verleugnen.« Seelberg that nun bey diesen und ähnlichen Beantwortungen seiner Einwürfe das, was die Franzosen battre la campagne nennen. Er kam aus dem Hundertsten in das Tausendste, hielt sich bey einzelnen Stellen der Widerlegung auf, wo etwa der Ausdruck nicht bestimmt genug gewesen, wo nicht alles war gesagt worden, was man hätte sagen können, und gegen das Wenige, so der Vertheidiger vorgebracht, sich manches noch erinnern ließ. Sodann kramte er sein Systemchen aus, welches er sich auf seine eigene Hand vom Universum zusammengeflickt hatte, ein System, das freilich unendlich mehr Lücken als das der Theologen und obendrein noch eine ungeheure Menge von Widersprüchen zeigte, im Ganzen aber seiner Meinung nach ganz neu war, obgleich es aus ægri somniis bestand, die, vor ihm, ältere Philosophen, Epikur, Cartesius, Boulanger, Spinoza und Helvetius und Gott weiß wer sonst noch! sehr viel zusammenhängender geträumt hatten. Allein das ist das Fach solcher neuern Weltweisen nicht, dergleichen Werke zu lesen, aus welchen sie ihre unbestimmten Ideen berichtigen oder wenigstens sich und Andern viel unnütze Worte ersparen könnten, wenn sie lesen wollten, wie man ihre Ideen schon vor Jahrhunderten gehabt hat. Da kam denn aber ein Gemische von Materialismus und Idealismus und Deismus und Atheismus zum Vorschein. Bald waren das Universum und die Gottheit Eins; bald war alles von Ewigkeit her also gewesen; bald hatte sich alles durch Sympathie nach und nach harmonisch vereint und geformt; bald war alles, was wir sehen, hören, denken und empfinden, Täuschung; bald war die Moral die von der Natur selbst geordnete Richtschnur zu Erhaltung der Harmonie; bald diese nämliche Moral ein Fantom – Doch, ich schweige von solchen Armseligkeiten. So sah es indessen mit Ludwigs Sittlichkeit und Religiosität aus, und in ihm schlief jede Federkraft, jedes Streben, etwas Nützliches für Welt, Menschen und Gesellschaft zu thun. Alles konzentrierte sich auf den abgeschmacktesten Egoismus, wozu dann noch eine unermeßliche Einbildung von seinen Verstandeskräften und seinem Vermögen, über Gegenstände aus allen Fächern der Gelehrsamkeit zu entscheiden, eine Verkältung des Herzens, eine Begierde, witzig zu seyn, alles, auch das Ernsthafteste und Ehrwürdigste von der lustigen Seite anzusehn, und ein Hang zu hämischem Spotte und zu kleinen, unedlen Neckereien sich gesellte. Dies Bild, so wie ich es da aufgestellt habe, liebe Leser! ist wohl das Bild eines sehr verächtlichen Charakters, und man wird sagen, daß nicht leicht eine Schurkerey gedacht werden könne, deren nicht ein Mensch fähig seyn sollte, welcher aus Grundsätzen untugendhaft, ein Verächter der Religion, eitel, Egoist, sparsam in Geldsachen, ohne solide Gelehrsamkeit, unthätig und untheilnehmend ist, keinen Freund und keine Geliebte, aber einen Hang zur schlimmsten Art von Satyre hat – Und doch verzweifle ich nicht daran, Sie noch einst mit dem Helden meiner Geschichte wieder auszusöhnen, ja! um Ihnen dies wahrscheinlich zu machen, so erlauben Sie mir, Ihnen Folgendes vorzustellen: Ludwig war noch kein Mann, folglich hatten gute und böse Dispositionen bey ihm noch nicht durch die Fertigkeit, seinen Systemen gemäß zu handeln, irgendeinen Grad von Festigkeit erlangt. In den Jünglingsjahren hat man in der That noch keinen bestimmten Charakter, besonders wenn man wie Seelberg sanguinischen Temperaments, folglich leicht zu reizen, leicht umzustimmen, leicht froh zu machen und in der Fröhlichkeit fähig ist, Empfindungen des Wohlwollens in sich erregen zu lassen. Dazu kam dann auch noch ein Überrest von den ersten Eindrücken aus seiner zarten Jugend, die nicht so leicht verlöschen, ein gewisser Instinkt, ein heimliches Sehnen nach einer friedenvollern Existenz und ein Thätigkeitstrieb – welches alles itzt zwar in ihm schlummerte, aber oft unwillkürlich erwachte, wie ich davon ein paar Beispiele bey Gelegenheit zweier Vorfälle erzählen werde, die ihm auf seiner Reise begegneten. Jetzt wurde aber wirklich von vielen Seiten alles dazu beigetragen, ihn in seiner Verirrung zu erhalten. Leuchtenburg, sein Reisegesellschafter, suchte aller Orten die Fehler der Menschen auf, um seine Anekdotensucht zu befriedigen. Er besuchte in allen Städten die mit ihm brüderlich verwandten Reformations- und Aufklärungszünfte und schloß sich an den Haufen der Malkontenten, die deswegen auf Fürsten, Regierungen und Klerisey schimpften, weil sie nicht an der Spitze standen, sondern eine kleine Figur im Staate spielten. Hatte nun Leuchtenburg entweder in Seelbergs Gesellschaft oder, wenn Dieser sinnlichen Vergnügungen nachrennte, ohne ihn den ganzen Tag durch sich so herumgetrieben, so kramte er, wenn sie des Abends miteinander allein waren, seinen ganzen Vorrath von gesammleten hämischen Bemerkungen aus. Selten begegnete es ihm, zu erzählen, er habe eine nicht viel Lärm machende edle Handlung erfahren, einen wahrhaftig großen Mann entdeckt; denn die großen Leute dringen sich den Reisenden nicht auf, sind auch mehrentheils die am wenigsten Bemerkten, Unbekanntesten im Volke, und wenig Reisende haben Gelegenheit dazu und Sinn dafür, die stillen, häuslichen Verdienste zu bemerken und den großen Mann in seinen Familienverhältnissen kennenzulernen, da doch hiernach allein der wahre Werth eines Menschen bestimmt werden kann. Die öffentlichen, auf dem bürgerlichen Schauplatze vorgehenden Handlungen werden theils von Konventionen regiert, denen sich Verfasser und Schauspieler unterwerfen müssen und die fast allen diesen Handlungen eine gewisse Gleichförmigkeit geben; theils wirkt der Zauber der Kunst, die Schminke, der Putz und die Erleuchtung durch ihre Illusion so mächtig, daß man das Wahre nicht von dem Falschen unterscheiden kann, und endlich ist es überhaupt unbillig, wenn man auch nur auf einen Augenblick vergißt, daß man da nur Schauspieler sieht, denen ihr Prinzipal, das Schicksal, eine Rolle zugetheilt hat, die ihnen oft unnatürlich genug ist. Da aber Seelberg hierauf wenig Rücksicht nahm, so sah er freilich Dinge genug, die seinen Widerwillen gegen die Menschen vermehrten – Aller Orten Schein für Wahrheit verkauft, Heucheley für Tugend und Gottesfurcht; Dummheit und Unwissenheit in dem Gewände verschlossener Weisheit oder prahlender Unverschämtheit. Die auf die höchsten Stufen irdischer Hoheit Erhabenen, die von dem Volke als die Besten und Weisesten Gepriesenen oft, in der Nähe betrachtet, die gemeinsten, mittelmäßigsten Menschen; berühmte Gelehrte und Bücherschreiber, deren Manche im gemeinen Leben nicht fähig waren, ein einziges verständiges, zusammenhängendes Gespräch, das nur gesunde Vernunft verrathen hätte, über irgend einen Gegenstand zu führen; Philosophen und Sittenprediger, die niedrige Sklaven der unmäßigsten Begierden waren, und Künstler, worauf die Nation stolz war, die kein Kunstgefühl, nicht den geringsten philosophischen Sinn, nicht einen Gran eigenen Geschmacks, Originalität noch wahren, feinen Studiums hatten, und mehr dergleichen Erscheinungen. Was sodann Seelbergs religiöse Stimmung betraf, so wurde auch diese auf seiner Reise nicht veredelt. Er traf, besonders in den katholischen Ländern, unter dem vornehmen und gemeinen großen Haufen (und den kleinern lernte er ja nicht kennen, wie wir gehört haben) nur zwey äußerste Punkte an, nämlich entweder die niedrigste, platteste Bigotterie oder die frecheste Irreligiosität und von Zügellosigkeit der Sitten begleitete Verspottung alles dessen, was den Bessern das Ehrwürdigste ist; Geistliche, welche die Religion lästerten, sich aber doch reichlich dafür bezahlen ließen, die Diener und Verkündiger dieser Religion zu seyn (welches nun freilich höchst schändlich und abscheulich ist). Alle diese Beobachtungen nun wirkten in Seelbergs Denkungsart und Charakter Bestärkung in den bösen Anlagen, mit welchen er ausgereiset war. Da er ferner bey dem Herumziehen täglich mit andern Menschen von so verschiedenen Arten lebte, so interessierte ihn fast Keiner mehr. Er lernte auch, für jede Gesellschaft einen andern Ton annehmen, weil sein Genuß vermehrt und seiner Eitelkeit geschmeichelt wurde, indem man ihn gern sah, wenn er sich den Leuten gleichstellte, und der ganze Zweck seiner Reise kein andrer war als der: sich zu belustigen. Über diese Geschmeidigkeit und öftere Umkleidung in andre Formen aber ging nach und nach alle Eigenheit und Bestimmtheit verloren. Weil indessen doch ein Mensch von so viel Ansprüchen wie Seelberg gern etwas Ausgezeichnetes vorstellen mag, so nahm er zwischendurch wieder, besonders im Äußern, eine gewisse Bizarrerie an, die er sich selbst für Originalität verkaufte und worin auch Signor Leuchtenburg ihn bestärkte. Die beiden jungen Herrn kleideten sich daher auf eine ganz ausgezeichnete Weise, redeten eine gewisse Kraftsprache und machten allerley Geniestreiche, so daß sie in einer Stadt den Ruf von angenehmen Gesellschaftern, in einer andern den von sonderbaren Menschen hatten, indes man ihnen in einer dritten das Zeugnis gab, es fehle ihnen zwar nicht an Verstande, aber es sey noch nicht recht geordnet in ihren Köpfen, und man sie in mancher Stadt für Thoren hielt, aber aus keiner einzigen ihnen nachsagte: »Da reiset wieder ein Paar recht edler Jünglinge hin!« Zweites Kapitel Ich habe vorhin versprochen, ein paar Handlungen von Seelberg zu erzählen, die er auf der Reise ausübte und die Dir, lieber Leser! beweisen sollten, daß dieser junge Mensch noch nicht so sehr verderbt war, daß er nicht fähig gewesen wäre, zuweilen zu bessern Gefühlen zu erwachen, gute Thaten mit Entschlossenheit zu begehn und mit Wärme und Uneigennützigkeit zu handeln – Hier ist die Erzählung davon! Als er an einem Nachmittage in Berlin allein durch eine von den schlechtesten Gassen ging, sah er am offnen Fenster eines mittelmäßigen Hauses im obersten Stockwerke ein junges hübsches Frauenzimmer stehen, die ein Tuch vor ihre Augen hielt, als wenn sie weinte, doch aber, sobald sie ihn gewahr wurde, sich zu einer heitern, anlockenden Miene zwang und ihn unabläßlich mit den Augen begleitete. Da Seelbergen diese Augensprache nicht unbekannt war; da das Ansehn des Hauses, darin das Mädchen sich aufhielt, und ihr ziemlich bescheidener, reinlicher Anzug ihn berechtigten, zu glauben, es sey dies Frauenzimmer weder ein öffentliches Freudenmädchen noch auch zu strenge gesinnt; da ferner der Umstand, daß sie geweint hatte, das Abentheuer doppelt interessant machte, so blieb Ludwig einen Augenblick nicht fern vom Hause stehn, betrachtete so, daß die Schöne seine Absicht merken konnte, das Gebäude genau, um es wieder zu kennen, nahm hierauf freundlich seinen Hut ab, sah noch einmal starr nach der Hausthür hin, dann nach dem Fenster hinauf und ging fort. Als er nach Hause kam, schickte er den Jäger Triller aus, der, im Vorbeigehn zu sagen, sein Merkur in Liebesangelegenheiten war, beschrieb demselben Gasse und Haus und trug ihm auf, sich zu erkundigen, wer das Mädchen sey und wie er es anfangen könne, sie zu sprechen. Triller, welcher vormals bey einem Domherrn gedient hatte, wußte mit solchen Geschäften vortrefflich umzugehn. Er machte sich auf den Weg, noch ehe es dunkel wurde, ging grade in das Haus und stieg die Treppe hinauf, ohne sich zu besinnen, bereit, wenn ihn jemand über seine Kühnheit angefahren oder ihn aufgehalten haben würde, sich mit der gewöhnlichen Entschuldigung, er habe das unrechte Haus getroffen, diesmal wieder zu empfehlen und eine andre Gelegenheit zu erlauern; allein er kam sicher bis vor das Zimmer und klopfte an; man rief: »herein!« und er öffnete die Thür, da er dann die Schöne mit dickverweinten Augen auf einem Ruhebette sitzend antraf. Herr Triller hielt einen Brief von Ludwig in der Hand, und so war denn sein Gewerbe bald angebracht. Das Billet enthielt: die gewöhnlichen Versicherungen von der Wirkung, welche die Schönheit der Demoiselle auf Seelbergs Herz gemacht, und den Wunsch, ihr diese Empfindungen persönlich an den Tag legen zu dürfen, wozu er sich die Erlaubnis nebst Bestimmung von Zeit und Ort ausbat und dafür die vollkommenste Erkenntlichkeit versprach. Das Frauenzimmer nahm diesen Brief sehr menschenfreundlich auf und ließ sich dem Herrn gehorsamst wiederempfehlen mit der Versicherung, obgleich sie nicht das Glück hätte, ihn zu kennen, so werde es ihr doch, wenn er etwas mit ihr zu reden hätte, viel Ehre seyn, ihn bey sich zu sehn. Sie überlasse die Stunde, wenn er kommen wolle, seiner Bestimmung; sie sey immer allein; ihr eigener Herr, und könne Besuche annehmen, von wem sie wolle. Kaum hatte Ludwig diese Nachricht vernommen, so machte er sich auf den Weg zu seiner Schönen. Er fand sie geputzter als vorhin, doch aber in der That sittsam genug gekleidet, neben einem kleinen Tische, lesend in einem Buche, welches er, als er einen Blick auf das aufgeschlagene Blatt warf, für Gellerts moralische Vorlesungen erkannte. Der Inhalt dieses Buchs, der Anzug des Frauenzimmers und ihr bescheidener, gar nicht frecher Anstand, das alles kontrastierte so sonderbar mit der Absicht, derentwegen er sie besuchte und welche sie durch die höfliche Annahme seines Briefes und die darauf ertheilte mündliche Antwort zu begünstigen geschienen hatte, daß er wirklich nicht wußte, in welchen Ausdrücken er seinen Antrag machen sollte: »Mademoiselle!« sagte er endlich. »Es kam mir diesen Nachmittag, als ich Sie am Fenster sah, vor, als weinten Sie und als sehnten Sie Sich nach jemand, der Ihnen in der Lage, in welcher Sie Sich befinden und die vielleicht nicht die angenehmste ist, beistehen möchte – Ich konnte unmöglich so schöne Augen in Thränen schwimmen sehn« (dabey ergriff er ihre Hand, die sie nicht zurückzog, und drückte dieselbe), »ohne von Mitleid und Verlangen, Ihnen nützlich zu werden, gerührt zu seyn. Ich komme also, Ihnen meine Dienste anzubieten. Wie sehr mich Ihre Schönheit bezaubert hat, das hat Ihnen mein Brief schon gesagt. Jetzt erwarte ich nur von Ihnen den Ausspruch, ob Sie für einen Menschen, wie ich bin, einiges Gefühl von Zutrauen und Zuneigung empfinden können oder nicht.« Die Schöne antwortete hierauf mit niedergeschlagenen Augen: »Ihre Person, mein Herr! mißfällt mir gar nicht, und ich zweifle auch nicht daran, daß Ihr Mitleiden mit meinem Zustande ernstlich ist; aber Sie können mir nicht helfen, und niemand auf der Welt kann das. Ich werde nie keine frohe Stunde wieder haben – Reden wir lieber nicht ferner davon!« – Seelberg hatte das Gespräch in einem zu feierlichen Tone angefangen, als daß er nun auf einmal hätte abbrechen und zu dem Hauptzwecke seines Besuchs, nämlich zu seinen materiellen Liebesanträgen übergehn können. Auch gestehe ich, so sehr er Ausschweifungen mit Frauenzimmern ergeben war, so hatte doch für ihn, dessen Steckenpferd immer Menschenkenntnis gewesen, eine Erzählung von allerley wunderbaren Schicksalen etwas zu Interessantes, als daß er nicht zuerst darauf bestanden wäre, mehr von der Geschichte des Frauenzimmers zu erfahren. »Mademoiselle«, sagte er daher, »es gibt kein Unglück in der Welt, für welches sich nicht Mittel finden ließen, wo nicht zur gänzlichen Tilgung, doch zur Milderung. Sollten es nun gar bloß Verlegenheiten in Geldsachen seyn, weswegen Sie so viel Kummer leiden, so würde ich – wofern ich im Stande dazu wäre – Freilich bin ich nicht sehr reich; aber wenn Ihnen mit einigen Pistolen geholfen seyn könnte« – Hier zog er seinen Geldbeutel hervor und wollte einige Friedrichsd'or daraus holen, als ihn das Mädchen aufhielt, indem sie sagte: »Bemühen Sie Sich nicht! Ich bin nicht eines von den Frauenzimmern, die durch Geld zu erkaufen sind. Ich brauche wenig, leide jetzt keinen Mangel und könnte, wenn ich des Geldes bedürfte, durch meiner Hände Arbeit so viel erwerben, als zu meinem Unterhalte nöthig wäre.« – Diese Uneigennützigkeit an einer Buhldirne – und dafür mußte sie doch Seelberg halten, sowohl nach der Bereitwilligkeit, mit welcher sie seinen Besuch und seine Liebeserklärung angenommen hatte, als nach ihrer Gesichtsbildung zu urtheilen, in welcher er, der auch Physiognomist war, verlorne Unschuld, zu früh verblühete Jugend, Mangel an Seelenfrieden und, in den unsichern, zuweilen schielenden, irrenden Blicken, Beängstigungen des Gewissens zu lesen glaubte – Diese Uneigennützigkeit, sage ich, befremdete ihn. Sein guter Genius flüsterte ihm dann zu: »Das Mädchen scheint einer bessern Lebensart würdig, scheint seit noch nicht langer Zeit auf der Bahn des Lasters zu gehn, ist vielleicht verführt und kämpft jetzt zwischen der Habitüde, schlecht zu handeln, und dem Wunsche, einen Retter zu finden, der sie wieder mit ihr selbst aussöhnte und sie an ein Tageslicht zöge, an welches sie eigenmächtig hervorzutreten nicht Muth genug hat.« Dieser gute Gedanke verband sich mit Ludwigs Neugier, mehr von der Geschichte zu erfahren, vermochte ihn, alle Liebkosungen einzustellen und dagegen dringend um Erzählung ihrer Begebenheiten zu bitten. Das Frauenzimmer war nur mit Mühe zu bewegen, mit einer Geschichte hervorzurücken, deren Mittheilung, wie sie sagte, ihr doch keinen Nutzen bringen, ihr Schicksal um nichts leidlicher machen könnte; doch ließ sie es sich endlich gefallen, einzelne Bruchstücke daraus zu erzählen, ließ noch Manches errathen, Manches sich ausfragen, und da Seelberg nachher Gelegenheit fand, durch das Zeugnis andrer Personen aus diesen Fragmenten ein Ganzes zu machen, so will ich Sie jetzt, nach allen diesen Nachrichten, in der Kürze mit den Schicksalen des jungen Frauenzimmers bekannt machen.   Augustine (Ihren Familiennamen werden Sie in der Folge erfahren) war die jüngste Tochter eines geschickten Schulmannes in einer ziemlich großen Stadt, eines Mannes, der mehr Kenntnisse von einer gelehrten als von einer häuslichen Erziehung, am wenigsten aber von demjenigen hatte, was zur Bildung junger Frauenzimmer gehört. Er liebte dieses sein jüngstes Kind vorzüglich vor den andern, weil es, wenn er ausruhen wollte von ernsthaften Geschäften, um ihn herumspielte, scherzte und ihn aufmunterte, indes die andern, mehr erwachsenen Töchter schon die ihrem Geschlechte so eigenen Launen hatten, über irgendeine unbedeutende Kleinigkeit das Maul hängen ließen, von thörichten Fantasien und Wünschen verstimmt wurden, sich untereinander zankten, den alten Vater viel zu langweilig fanden, mit Einem Worte! ihm wenig Freude machten. Er verwendete also, seiner Meinung nach, viel Sorgfalt auf die Erziehung der kleinen Augustine; wirklich versprach auch das Mädchen recht viel und würde, wenn sie immer in guten Händen gewesen wäre, keine Hoffnung vereitelt haben; allein der Vater starb, als sie erst zwölf Jahre alt war; für die Mutter hatten die Kinder immer wenig Ehrerbietung gehabt; zwar fehlte es derselben nicht an gutem Willen und sorgte sie dafür, daß die Mädchen weibliche Arbeiten aller Art lernten; von Aufmerksamkeit auf die kleinern Züge und Nuancen der Charaktere hingegen und von feiner Bildung des Herzens wußte das gute Weib nicht viel. Neben des Rektors Hause an wohnte eine hohe Magistratsperson, nämlich ein Bürgermeister mit seiner Familie, und da in diesem Hause eine Tochter von gleichem Alter mit Augustinen war, so lief Diese oft zu Jener, und die Frau Rektorin machte sich eine Art von Ehre daraus, daß ihr Kind in so vornehmen Verbindungen stand. Nun aber war die Frau Bürgermeisterin ein schändliches Weib von den schlechtesten Sitten, ja! ihre Aufführung war von der Art, daß, wenn sie eine gemeine Bürgersfrau gewesen wäre, der Herr Bürgermeister sie ohne Zweifel den Polizeidienern bestens würde empfohlen haben, statt daß sie jetzt den Befehlshaber der Polizey nach Willkür beherrschte, ihn glauben machte, was ihr gefiel, und wenn er ja einen Verdacht bekommen wollte, ihn durch Künste aller Art und ein Gewebe von Lügen von der Spur ihrer Liebeshändel abzuleiten wußte. Dies abscheuliche Geschöpf begnügte sich nicht, selbst Tugend, Religion und Ehre zu verleugnen, sondern sie suchte auch ihre eigene Tochter und Augustinen zu gleicher Lebensart zu verführen. Sie erfüllte die Fantasie dieser unschuldigen Kinder mit wollüstigen Bildern, lenkte ihre Aufmerksamkeit ab von der stillen, häuslichen Glückseligkeit, von den friedenvollen, segenreichen Freuden, die eine redliche Hausfrau schmecken und um sich her verbreiten kann, und unterrichtete sie dagegen in der Kunst, Männer – nicht dauerhaft durch gewonnene Achtung und erwiderte treue Liebe zu fesseln, sondern – heranzulocken, zu täuschen, zu blenden, sie unmerklich zu binden, sooft sie aus dem Netze springen wollen; zu gleicher Zeit mehrere Liebhaber festzuhalten, so daß jeder sich für den einzig Erhörten halten und selbst in ihren Armen, im Besitz ihrer höchsten Gunstbezeugungen, immer glauben müßte, er sey der Erste, dem sie dies Opfer brächten; ihre ganze Existenz in den üppigen Genuß beständig wechselnder frivoler sinnlicher Freuden zu setzen; der heiligen Religion zu spotten, Gebet und gottesdienstliche Übungen zu vernachlässigen; den Umgang verständiger Menschen zu fliehn, nur für körperliche Reize Sinn zu haben, kein Gefühl für Schönheit der Seele; mit schamloser Frechheit die Meinung des Publikums und keuschen Ruf zu verachten, voll Zuversicht auf den Schutz Derer, die sie durch ihre Buhlkünste auf ihre Seite gebracht hätten; sich jeden Betrug zu erlauben, um innerlich und äußerlich anders zu scheinen, als sie wären – und also nicht Rücksicht zu nehmen auf die Folgen einer solchen Lebensart im hohen Alter, welches doch auch Diejenigen zuweilen wider Willen erreichen, die am ärgsten auf ihre Gesundheit losstürmen, wo dann allgemeine Verachtung, häßliche Gestalt, die das Register der Ausschweifungen auf der Stirne trägt, Kränklichkeit, Gebrechlichkeit des halbverfaulten Körpers, Überdruß, zu späte Reue und Verzweiflung der Preis der so herrlich genossenen Jugend sind; nicht Rücksicht zu nehmen auf den letzten entscheidenden Augenblick, wenn das von Lastern befleckte Herz brechen muß und nun offen daliegt, wenn die Stimme des Richters Rechenschaft fordert – Allein die Frau Bürgermeisterin ließ es auch nicht einmal bey diesem theoretischen Unterrichte bewenden, sondern suchte den jungen Mädchen Gelegenheit zu verschaffen, ihre Lehren praktisch auszuüben. Sie führte sie zu gewissen höchst unnatürlichen Ausschweifungen an und suchte ihnen Liebhaber herbeizuziehn, mit denen sie ihr Probestück machen mußten. Sie führte sie auf Maskaraden und sorgte dafür, daß sowohl daselbst als auf andre Art und zu Hause durch Lesen verführerischer Schriften der ganze Sinn der beiden jungen Mädchen auf Liebe oder – daß ich diesen heiligen Namen nicht entweihe! – auf viehische Wollust und Unzucht gerichtet war. Noch hatte Augustine nicht das fünfzehnte Jahr erreicht (sie war siebenzehn alt, als Seelberg sie in Berlin antraf), so war sie schon an Leib und Seele ihrer Unschuld beraubt und bald in einer solchen Gewohnheit zu buhlen, daß sie auch nicht einen einzigen Menschen von irgend leidlicher Gestalt sehen konnte, ohne ihre großen blauen Augen aufzureißen und ihn so lange mit Blicken zu locken, bis er ihr einige Aufmerksamkeit widmen mußte. Nun fanden sich unter dem Haufen von Jünglingen immer sowohl dergleichen, die sich das zu Nutze machten und da einkehrten, wo man ein so hübsches Schild aushing, als auch Andre, die wirklich de bonne foi verliebt in sie wurden und ihr so lange mit ganzer Seele anhingen, bis sie sie näher kennenlernten; doch wußte sie das alles ihrer redlichen Verwandten wegen (die freilich weiser gethan hätten, wenn sie achtsamer bey der Wahl ihres Umgangs gewesen wären) äußerst geheim anzufangen, wozu ihr denn ihre Lehrerin die feinste Anweisung gab. Es würde die ehrliche Mutter in das Grab gestreckt haben, wenn sie das alles gewußt hätte. Es konnte indessen nicht fehlen, daß nicht endlich die Verwandten, ungeachtet ihrer unbeschreiblichen Verstellung, Lügen und heimlichen Machinationen, gemerkt hätten, auf welchem Wege Augustine zu wandeln anfing; allein, daß es schon so weit mit ihr wäre, das ließen sie sich nicht träumen. Das Sonderbarste dabey war, daß das junge Mädchen in der That weder romanhaft überspannt, von einem zu fühlbaren Herzen irregeführt, noch durch sehr reizbare Nerven, durch Temperament hingerissen wurde – Nein! sie war an Geist und Körper mehr kalt als feurig; folglich hatte sie auch nicht Eine Entschuldigung für die Verirrungen, denen sie Ehre, zeitliche und ewige Glückseligkeit aufopferte. Sie spielte ganze Romane, woran ihr Herz nicht den geringsten Antheil nahm, oft zwey bis drey zu gleicher Zeit, und schlief dabey sehr ruhig. Es war ihr zur andern Natur geworden, ihre ganze Aufmerksamkeit auf nichts anders als auf solche Gegenstände zu richten; für alles Übrige hatte sie den Sinn verloren. Sie war stumm und untheilnehmend in gesitteten Gesellschaften, unempfindlich für echten Witz und unschuldigen Scherz; Kinder und alte Leute waren ihr zum Ekel, das häusliche Leben und die süßen Geschäfte und Freuden einer Hausmutter ein Gegenstand ihres Spottes, und so wurde ihre zügellose Lebensart und die grobe Coketterie das Einzige, was ihr zu einer Art von Existenz übrigblieb, wurde ihr so zum Bedürfnisse, wie man sich die ekelhaftesten Gewohnheiten, zum Beispiel das Tabakrauchen, Tabakkäuen und andre schmutzige Unanständigkeiten nothwendig machen kann – So tief, meine Freunde! können Unschuld und Schönheit sinken, wenn Wachsamkeit fehlt! Sobald Mutter und Verwandte gewahr wurden, auf welcher Bahn Augustine wandelte, fingen sie von der einen Seite an, sie ernstlich zu vermahnen, und von der andern, sie nie aus den Augen zu verlieren, sondern sehr eingeschränkt zu halten. Allein was können trockene Vermahnungen auf ein Herz wirken, das für den Werth der Wahrheit keinen Sinn mehr hat, besonders wenn diese, wie es hier oft der Fall war, in einem Gewande erscheint, das wenig äußern Reiz hat? Und was die persönliche Aufsicht betraf, so glaube man doch nicht, daß es möglich sey, ein Mädchen zu hüten, das sich selbst nicht bewachen, nicht respektieren will! Augustine vereitelte daher den Zweck aller Vermahnungen, stellte sich äußerst sittsam und hinterging die Wachsamkeit der Aufseher so, daß wirklich die Verwandten ihr voriges Betragen nur für kindische Unvorsichtigkeit hielten und glaubten, es werde jetzt, bey reifern Jahren, anders werden. Es war unter ihren Liebhabern in ihrer Vaterstadt ein junger hübscher Mensch, ein gewisser Fahnenjunker, von dort weg in preußische Dienste gegangen und hatte nun aus einer Garnison im Brandenburgischen Augustinen geschrieben: sie möchte doch suchen, zu entwischen und ihm zu folgen; er wolle sich bemühen, sie als Kammerjungfer anzubringen, und dann könnten sie ungestört ihren Umgang fortsetzen. Nun war zwar das junge Mädchen nicht unternehmend genug, einen so raschen Plan, als der fortzulaufen war, auf ihre eigene Hand auszuführen; indessen gefiel ihr doch die Idee, als Kammerjungfer in Dienste zu treten und dadurch in Freiheit zu kommen, ungemein. Sie schlug dies also ihrer Mutter vor: »Unsre Vermögensumstände«, sagte sie, »sind nicht die besten. Mein Unterhalt kostet Sie Geld, da ich doch im Stande und es meine Pflicht wäre, denselben durch meinen Fleiß zu erwerben. Lassen Sie mich von hier zu einer guten Herrschaft als Kammerjungfer gehn! So komme ich auch aus aller Verbindung mit der bösen Nachbarin und werde mich gewiß so betragen, daß Sie Freude an mir erleben sollen.« Die Mutter willigte ungern in die Entfernung ihrer Tochter: »Ach«, sprach sie. »Du wirst mir gewiß Herzeleid machen – Und wenn Du unsrer ehrlichen Familie einen Schandflecken anhingest, Dich verführen ließest – Wenn ich mich Deiner schämen, wenn ich das in meinem grauen Alter erleben müßte – o Gott! dann würde ich vor Schmerz des Todes seyn und mit Jammer und Kummer die Augen schließen« – Allein die übrigen Geschwister beredeten die gute schwache Frau, und so gab sie denn endlich ihre Einwilligung. Man erkundigte sich auswärts nach einer guten Stelle, und es fand sich eine rechtschaffene Dame im Braunschweigischen, die eine Kammerjungfer suchte und, nachdem ihr Augustine durch gute Leute war empfohlen worden, dieselbe kommen ließ und annahm. Jetzt meinte das junge Mädchen auf dem Gipfel des Glücks zu seyn, fest entschlossen, nicht lange bey der Dame zu bleiben, sondern ihre Freiheit zu nützen, bald den Abschied zu fordern und ihren ehemaligen Geliebten im Brandenburgischen aufzusuchen. Die Dame, von der wir reden, war edel und gut gesinnt und hielt auf strenge Sittlichkeit unter ihren Domestiken. Hätten Augustinens Verwandte aufrichtig genug gehandelt, ihr das Kind zu besonderer Aufsicht zu empfehlen und etwas von Besorgnis in Ansehung ihrer Aufführung mit einfließen zu lassen, so würde sie sich des jungen Mädchens mütterlich angenommen und sie strenge beobachtet haben; allein jetzt argwöhnte sie nichts von der Art, verließ sich auf Augustinens gute Erziehung und ahnte nicht einmal, daß ein Mädchen in so jungen Jahren schon das kostbarste Gut, mehr als aller Reichthum der Welt werth, die Unschuld, könne verloren haben. Zwar machten manche Leute, die sich ein wenig auf Gesichtsbildung verstanden, sie bemerken: ihre Kammerjungfer sey zwar ganz hübsch, sehe aber für ihre Jugend schon so verblüht aus und habe etwas gar Sonderbares in den Augen. – »Sie haben Recht!« pflegte dann die Dame zu antworten. »Auch ist das arme Kind sehr schwächlich« – und so blieb es dabey. Indes nun hier Augustine mit ausgezeichneter Liebe und Güte und nicht wie gemeine Dienstboten behandelt wurde, konnte sie doch ihren unedeln, niedrigen Hang zu Ausschweifungen nicht unterdrücken. Es befand sich ein Friseur im Hause, ein Mensch von sehr verderbten Sitten, der aber den Heuchler bey seiner Herrschaft spielte und, besonders weil er sehr geschickt und emsig in seiner Arbeit, bey dem Herrn und der Frau gut angeschrieben war. Sobald dieser Mensch die neue Kammerjungfer erblickte, so las er es auf ihrem Gesichte, daß sie nicht leicht einen jungen Kerl aus Grausamkeit sterben ließe. Selten irren sich ausschweifende Mannspersonen in dieser Art von Horoskopen, und man hat wahrlich nicht Unrecht zu sagen, daß ein Frauenzimmer immer Gelegenheit dazu gibt, wenn eine Mannsperson sich Freiheiten gegen dasselbe erlaubt. Es gibt einen Blick voll Würde, der so sichtbar das Gepräge von Adel des Herzens und Reinigkeit der Sitten trägt, daß auch die roheste Frechheit davor ehrerbietig zurückweicht. Es ist kein strenger, ernsthafter Prüdenblick, aber ein milder Strahl, ein Unschuldsglanz, gegen welchen das Laster es nicht wagt, die Augen aufzuschlagen – Einen solchen Blick nun hatte Augustine nicht, und so faßte dann der Herr Friseur den Muth, mit seiner Erklärung hervorzutreten, die auch nicht lange unerhört blieb. Sie trieb darauf eine Zeitlang einen heimlichen Umgang mit diesem Menschen, der in der That in jedem Betrachte Ihrer unwerth war, als endlich die Köchin, durch Eifersucht getrieben, das Verständnis entdeckte und der Herrschaft anzeigte. Nun that die adelige Dame, was freilich in solchen Fällen gewöhnlich geschieht, aber auf keine Art zu entschuldigen ist, denn statt den Verführer fortzuschaffen und das junge Mädchen durch sanfte Mittel auf bessere Wege zu leiten, verabschiedete sie Dieses und behielt den Bösewicht, weil er ein geschickter Haarkräusler war, im Hause. Augustine hatte indes den Briefwechsel mit ihrem ehemaligen Geliebten fortgesetzt, und da ihr derselbe geschrieben, daß er jetzt bey einem Regimente, so in Berlin in Garnison läge, als Offizier angesetzt sey, so nahm sie sich vor, dahin zu reisen. Desfalls schrieb sie an ihre Mutter: sie habe in Berlin eine sehr vortheilhafte Kondition gefunden und sey gewillt, das Haus ihrer jetzigen gnädigen Frau zu verlassen, woselbst sie ohnehin manche Anfechtungen von unbescheidenen jungen Offizieren, die Verwandte ihrer Herrschaft wären, leiden müßte. Sehr zufrieden waren Mutter und Geschwister nicht von diesem Schritte; allein er war schon gethan, als sie die Nachricht davon bekamen. Wie erschraken sie aber, als sie durch einen Brief der adeligen Dame den ganzen Zusammenhang der Sache erfuhren! Doch versahen sie es auch hier in den Maßregeln, die sie hätten ergreifen müssen, denn weit entfernt, dem unglücklichen Mädchen nachzureisen und es dem Verderben zu entziehen, schrieb die Mutter ihr in ein paar grausamen Zeilen: Sie solle ihr nie wieder vor die Augen kommen; sie erkenne sie nicht mehr für ihre Tochter und so ferner. Da auf diese Art das verirrte Kind von jedermann verlassen war, so warf sie sich verzweiflungsvoll dem Schicksale in die Arme. So viel Geld, als zu einer Reise auf dem Postwagen aus dem Braunschweigischen nach Berlin gehört, hatte sie; also unternahm sie dieselbe. Von Halberstadt aus reisete eine ehrliche Bürgersfrau aus Berlin mit ihr, und da derselben das junge Mädchen hauptsächlich deswegen gefiel, weil es immer unterwegens etwas arbeitete, rechtlich gekleidet war und sich auch sittsam betrug, so fragte sie Augustinen: was für Geschäfte sie in Berlin hätte? und als sie zur Antwort bekam: sie suchte als Kammerjungfer anzukommen; ihre letzte Herrschaft sey gestorben, und sie sey eine Waise, erbot sich die gute Frau, sie in ihr Haus aufzunehmen, bis sie ihr eine Stelle ausgemacht haben würde. Kaum war das Jüngferchen in Berlin angekommen, so erkundigte sie sich unter der Hand nach ihrem Offizier und schrieb demselben ein Einladungsbriefchen, worauf sie denn fleißig von ihm besucht wurde. Doch mochte ihn unterdessen entweder eine andre bereitwillige Schöne gefesselt, oder er mochte erfahren haben, daß Augustine noch ein paar andre Bekanntschaften gemacht hatte, genug! nachdem eine Woche vorüber war, fing er an, ihr mit mehr als Kälte und Gleichgültigkeit, ja! mit Verachtung zu begegnen, und gleich darauf blieb er gänzlich weg, ohne auch sein Versprechen zu erfüllen, für ihr Unterkommen zu sorgen. Der Bürgersfrau mißfiel gleich in den ersten Tagen manches in den Manieren des jungen Mädchens; die geringe Schamhaftigkeit, welche sie bey ihrem Aus- und Ankleiden zeigte; ihre Weise, stundenlang Mienen und Gebärden vor dem Spiegel zu studieren; ihre Gespräche, die nie einen heitern Kopf, nie ein grades, ruhiges, für das Gute, Edle und Große warmes Herz verriethen, und viel andre solche Züge mehr. Als aber gar die Besuche der Herrn Offiziere angingen, da merkte die gute Frau wohl, wen sie vor sich hatte, war also nicht geneigt, ein solches Geschöpf als Kammerjungfer zu empfehlen, sondern bat Augustinen vielmehr, baldmöglichst sich nach einem andern Quartiere umzusehn. Da diese solchergestalt gezwungen war, dies Haus zu räumen, so miethete sie sich unter einem andern Namen in jenem ein, in welchem Ludwig sie am Fenster stehen sah. Sie war damals nur erst seit wenig Tagen dort gewesen und noch unschlüssig, wozu sie sich in der Folge bestimmen sollte. Von jedermann verlassen, preßte die Rückerinnerung an ihre erste sorglose Jugend ihr oft Thränen aus; zu einer andern Zeit aber sagte ihr der Leichtsinn dann wieder, ein junges Mädchen von so hübscher Figur könne sich schon durch die Welt helfen – Es kam vielleicht noch auf eine Woche an, so hätte sie sich für den Rest ihrer Tage einer Lebensart gewidmet, die ihr nicht mehr erlaubt hätte, mit freier Stirne in ehrliche Gesellschaft zu treten – Seelberg, der an keine Tugend glaubte, war von der Vorsehung bestimmt, sie in die Arme der Tugend zurückzuführen. Noch hatte er, als er durch ihre abgebrochenen Erzählungen einen Theil dieser Begebenheiten, freilich in viel vortheilhafterm Lichte, als wir sie dargestellt haben, erfuhr, nicht nach dem Namen des Frauenzimmers gefragt; allein da verschiedene einzelne Stellen in dieser Geschichte und die Erwähnung gewisser Personen ihn aufmerksam machten und etwas in Augustinens Gesichtszügen ihm sehr bekannt vorkam, so wie auch sie gleich Anfangs gesagt hatte: sie meinte ihn schon mehr gesehen zu haben, so fragte er endlich: »Wollten Sie, Mademoiselle! mir wohl Ihren rechten Namen und den des jungen Offiziers entdecken, dem zu Gefallen Sie hierhergereiset sind und den Sie schon zu Hause gekannt haben? Ich frage nicht aus bloßer Neugier. Seyen Sie, wenn Sie können, dies einzige Mal aufrichtig, und gewiß soll es Sie nicht reuen!« – »Wenn Sie mich nicht verrathen wollen«, erwiderte sie, »ja! so will ich Ihnen sagen, wer ich bin. Ich heiße Augustine Werkmann; mein Vater war Rektor in ***. Der Offizier aber, von dem ich Ihnen geredet habe, ist ein Herr von Weidel, der in meiner Vaterstadt als Fahnenjunker stand und mich in meiner ersten Jugend kennenlernte, indem er zuweilen einen jungen Edelmann besuchte, der bey meinem Vater in Pension war. Mit demselben entwich er auch heimlich, um in preußische Dienste zu gehn. Ihm gelung es; den Herrn von Seelberg hingegen (So hieß der junge Cavalier) holte man wieder ein« – »Und dieser ist es«, rief Ludwig und umarmte Augustinen, so ohne alle unkeusche Gefühle, als je ein Kuß keusch ist gegeben worden, »der jetzt vor Ihnen steht und der es nie erwartet hätte, daß er die kleine niedliche Auguste, mit der er so oft unschuldig gespielt, die er so oft aus kindischer Zärtlichkeit geküßt und auf seinen Schoß gesetzt hat, in solchen Umständen hier wiederfinden würde.« Ein gutgeartetes Gemüth kann durch eine Folgenreihe von Verirrungen tief sinken, kann gewaltig angegriffen von Verderbnissen, verschlossen für edlere Gefühle, verhärtet werden gegen den leisem Zuruf der Wahrheit; allein es kommen Augenblicke, in welchen die Tugend plötzlich ihre Rechte reklamiert, in welchen die Vorsehung eine Stimme erweckt, die das ganze Wesen durchschallt, eine Zauberstimme, die innerliche Erscheinungen, Gesichter, Bilder aus den seligen Zeiten der verlornen Ruhe wieder vor die Fantasie zieht, Gestalten, deren jede einen Dolchstich dem Herzen gibt, das an der Tugend zum Verräther geworden – O! so lange noch solche Erscheinungen den Irrenden erschüttern und warnen, so lange hat der sanftere Schutzengel noch nicht seine Hand abgezogen von dem Sünder – Kaum war der Name Werkmann über Augustinens Lippen gefahren, so rief dieser Schall die Erinnerung aller der glücklichen und nützlich verlebten Tage, die Ludwig in dem Hause seiner redlichen Pflegeeltern genossen hatte, in seine Seele zurück, von dem Augenblicke an, da man ihn den Händen eben des schändlichen Verführers, des jungen Weidels, der auch in Augustinens Geschichte eine Hauptrolle spielte, entrissen und er nun, mit guten Vorsätzen ausgerüstet, sich den Wissenschaften gewidmet hatte, bis zu der Periode, als er mit Krohnenberger nach Leipzig ging und damals die itzt vereitelten Hoffnungen Aller, die ihn gekannt hatten, mit dahin nahm. Daß diese Bilder seiner Jugendjahre den bösen Vorsatz, mit dem er zu dem Frauenzimmer gekommen war, aus seiner Seele verdrängten, läßt sich leicht begreifen – Er hätte ein gänzlich verlorner, verstockter Bösewicht seyn müssen, wenn er die Absicht, mit der Tochter seines Lehrers und Wohlthäters unter diesen Umständen auszuschweifen, nicht augenblicklich aufgegeben hätte; aber er that mehr als das; er entwarf den Plan, sie mit der beleidigten Ehrbarkeit und mit ihrer erzürnten Mutter wieder auszusöhnen, sie in den Schoß ihrer Familie zurückzuführen und für ihr künftiges Glück zu sorgen – »Sie müssen zu Ihrer lieben Mutter zurück, Augustine!« sprach er. »Bey Gott! das müssen Sie!« – »O! um alles in der Welt nicht!« erwiderte sie, »ich kann, ich mag, ich darf nicht!« – »Mädchen!« rief er da. »Weißt Du auch, auf welchem Wege Du itzt wandelst? Hast Du schon viel ruhige, friedenvolle, glückliche Stunden gehabt seit der Zeit, da Du die Buhlerey zum Handwerke machst? Oder ist Deine Seele nicht mehr empfänglich für die innere Ehre, für die höheren, reineren Freuden verständiger, redlicher und gefühlvoller Menschen; so denke wenigstens einmal nach über die äußern Folgen Deiner Lebensart! Du wirst Deine würdige Mutter, die Dich so innigst geliebt, die Dich unter ihrem Herzen getragen, gewartet, gepflegt, ernährt, für Dich gewacht, gearbeitet, gesorgt, um Dich so manche Thräne der Besorgnis geweint hat, in die Grube stürzen. Jedermann sieht auf Deiner Stirne das Bild von Deinen Sitten, und je länger Du auf dieser Bahn fortwandelst, um desto deutlicher wird Dein Gesicht reden. Gesittete Leute werden Dich fliehen. Du wirst abgeschnitten seyn von der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn Du unter einen Haufen von Menschen treten, wo Du unbekannt zu seyn glauben wirst, so darfst Du keinen Augenblick Dich sicher halten, daß nicht ein frecher Kerl, irgend Einer von Denen, die Du mit Deinen unkeuschen Armen umfangen hast und der itzt Deiner müde ist, vor Dich trete, Dir ins Gesicht höhne und Dich öffentlich preisgebe, da dann der brandmarkende Name Hure Dir aus allen Ecken entgegenschallen wird; Du mußt, wenn Du noch erröthen kannst, so oft erröthen, als Du einem Menschen begegnest, der Dich kennt. Die Aussicht zu Deinem Lebensunterhalte ist höchst ungewiß und schlüpfrig. Welche Frau von Ehre wird Dich zur Kammerjungfer annehmen, ohne vorher nach Deinen Sitten zu forschen? Welcher redliche Mann wird Dich heirathen? Du wirst also die süßesten Freuden des Lebens, die geselligen, häuslichen und ehelichen, die Freuden einer Mutter und Gattin entbehren; oder findet sich ein Pinsel, der dumm genug ist, von Leidenschaft geblendet, durch Deine Künste angelockt, Dir seine Hand zu geben, so wird Deine Ehe eine Hölle auf Erden seyn. Du hast keine der Eigenschaften, die zu einer Hausfrau erfordert werden. Das Laster ist dir zur Gewohnheit geworden; Du wirst Deinem Manne untreu seyn, und merkt er oder erfährt er von vorigen Zeiten her, daß Du ihn betrogen hast, so wird er Dich Dein Leben lang dafür quälen. Noch mehr! Eine einzige Ausschweifung ist jetzt hinreichend, Dich zur Mutter eines Kindes zu machen, das keinen rechtmäßigen Vater, keinen Stand hat; Verzweiflung und Noth können Dich dann in dem Augenblicke der Versuchung verleiten, Mörderin zu werden und Dich auf das Blutgerüst führen; oder trifft Dich auch dies Unglück nicht, so ist doch eine einzige Ausschweifung mit dem vornehmsten, schönsten Herrn hinreichend, Deinem Körper eine Krankheit mitzutheilen, die Dich Dir selbst zum Abscheu und Ekel macht, Dir Fleisch und Knochen zernagt, das Mark vertrocknet, alles in Fäulnis setzt, die besten Säfte in Eiter verwandelt, Deine edelsten Glieder lahmt, Nase, Ohr und Zunge wegfrißt, Dein Gesicht zu der scheußlichsten Larve macht, und wenn Dich dann jedermann von sich stößt, Dir auf verfaultem Stroh oder auf freier Straße oder, wenn Du recht glücklich bist, in einem Hospitale unter dem grausamen Messer des Wundarztes den Tod bringt, bey abwechselndem Brüllen und Händeringen und Zucken und Fluchen und Winseln – Glaube nicht, ich übertriebe diese Schilderung! Du bist auf diesem Wege. Du würdest nicht das erste Mädchen seyn, das einst die Hoffnung einer edeln Familie, die Freude tugendhafter Eltern war und nachher ein so schmähliches Ende nahm. Noch lockt Deine Gestalt die Buhler feinerer Art und vornehmern Standes heran; aber bald wird Deine Schönheit verblüht seyn (Bey Deiner Lebensart verwelkst Du nur zu schnell). Noch wenig Jahre, und das Feuer Deiner Augen wird verlöschen. Diese Zähne werden schwarz werden; Dein Othem wird jeden verscheuchen, der Busen einfallen, die Hände werden verdorren, und endlich wird Dein Gesicht voll Runzeln, wenn auch Schminke und Putz ihm zu Hilfe kommen, dennoch keine andre Bewunderer mehr finden als Wollüstlinge aus dem niedrigsten Pöbel und Menschen, die aller Orten zurückgewiesen werden; Du wirst den Männern nachrennen, und sie werden mit Ekel das Gesicht von Dir wegwenden – Wo wirst Du dann Schutz, Freunde, Trost finden? Der Zirkel gesitteter Menschen wird für Dich verschlossen seyn; Reichthümer wirst Du nicht gesammlet haben, Du, die [Du] den Werth des Geldes nicht zu kennen scheinst und auch darin Deinen Buhlschwestern ähnlich bist, unter denen Wenige Schätze sammlen! Verzweiflung und Mißmuth werden Dich dann ergreifen; Du wirst Gewinnst auf den Straßen suchen müssen, und was fehlt dann, um Dir, so wenig Du das itzt ahnest, ein Ende zu bereiten, wie ich Dir's vorhin geschildert habe? Und hättest Du auch das schändliche Glück, die Maitresse eines wollüstigen Fürsten zu werden! – Wie Manche schon, die zum Preis ihres unzüchtigen Lebens in vergoldeten Kutschen durch die Residenz rollte, sunk so tief herab, daß sie sechs Jahre nachher nicht sicher war, von jedem Musketier einen Tritt in den Hintern zu bekommen!« Es war freilich eine sonderbare Erscheinung, einen Menschen, der wie Seelberg allen Glauben an Tugend und Würde der Menschheit verleugnet zu haben schien, mit so viel Wärme der Keuschheit das Wort reden zu hören; allein, wenn man bedenkt, daß er sich doch hier nur am mehrsten bey Betrachtung der physischen und andern äußern Folgen des Lasters verweilte, hingegen wenig von der innern Wonne und Beruhigung sprach, welche die Tugend gewährt; daß es übrigens aber in unsern Tagen nichts Seltenes ist, einen Redner mit der größten Überzeugung und Salbung über Wahrheiten deklamieren zu hören, denen er täglich durch seinen Wandel Trotz bietet, und endlich, daß es bey einem schönen Geiste überhaupt eine Nebensache ist, was er sagt, wenn er es nur gut und zierlich sagt, so kann uns auch jenes nicht befremden – War doch Gellerts Moral, das Buch, in welchem Seelberg Augustinen lesend antraf, auch ein Geschenk, so ihr einer ihrer sehr unmoralischen Liebhaber gemacht hatte! – Doch, lasset uns gerecht gegen unsern Helden seyn! Sein doch nicht von Grund aus verderbtes Herz war durch die Rückerinnerung an die unschuldigen Jahre seiner Kindheit erwärmt und seine Fantasie höher gespannt worden; er war in dem Augenblicke wirklich durchdrungen von der Wahrheit dessen, was er sprach – Augustine wurde heftig erschüttert von dieser Rede; sie zitterte, rang die Hände und betheuerte: sie wolle gern umkehren und ihre Lebensart ändern, wenn es nur nicht zu spät wäre und wenn sie nur irgendein Mittel wüßte, ihre Lage zu verbessern und bey einer guten Herrschaft als Kammerjungfer in den Dienst zu treten. – »Wenn es Ihr Ernst ist, Augustine!« sagte darauf Seelberg, »künftig einen bessern Weg zu wandeln, so ist es grade Zeit dazu; Sie sind so jung, daß das Laster Ihnen noch nicht zur andern Natur geworden seyn kann. Ich will für das Äußere sorgen, nämlich für Ihren künftigen Aufenthalt; aber das ist nur Nebensache. Das Hauptaugenmerk muß Ihr Inneres, Ihre Besserung seyn, und daran kann niemand als Sie selbst arbeiten. Bieten Sie alle Kräfte auf, zu einem neuen Leben zu erwachen! Fliehen Sie den Müßiggang! Denken Sie der Wonne, die man im Schoße der Familie empfinden kann, und den Pflichten einer Frau und Mutter nach, um Sich einst dazu vorzubereiten! Sobald Sie wieder in einem guten Hause sind, so fangen Sie an, Sich um häusliche Geschäfte zu bekümmern! – Das ist Ihre Bestimmung! Vernichten Sie alle Dokumente Ihrer Schande, alle Briefe, Geschenke, Gemälde von Liebhabern, und reißen Sie sich von Allem los, was Ihre Aufmerksamkeit auf solche Dinge, die bis jetzt Ihr Unglück gebauet haben, leiten und den vorigen Hang zu einem leichtfertigen Leben in Ihnen wieder erwecken könnten! Lesen Sie solche Bücher, die Sie in guten Vorsätzen bestärken, und kömmt Ihnen Anfangs der Inhalt derselben sowie der Umgang mit den bessern Menschen zu trocken vor, so lassen Sie Sich dadurch nicht abschrecken! Sie werden bald mehr Geschmack an Vernunft und Wahrheit finden und mehr wahrhaftig frohen Genuß schmecken, als Sie je gekannt haben. Jedermann wird dann Ihre innere Besserung auf Ihrem Gesichte lesen. Von dem Augenblicke an, da Sie mit Sich selbst zufrieden seyn werden, werden Sie jedermann Achtung einflößen. Das Unsichre und Schielende in Ihren Augen wird verschwinden. Sie werden wieder blühen, jugendlich aussehn, und bald wird jede innere und äußere Spur Ihrer ehemaligen Verirrungen auf immer vertilgt seyn. Ein ehrlicher Mann wird sich um Ihre Hand bewerben, und Sie werden ihn als ein treues Weib ganz glücklich machen; – Man ist unverführbarer, wenn man die Gefahr der Verführung mit Schaden hat kennengelernt – Schreiben Sie jetzt an Ihre Verwandten. Bitten Sie um Verzeihung. Bekennen Sie alles! Wer sich schämt, die begangenen Fehler zu gestehen, dem ist es noch kein rechter Ernst mit der Besserung. Nehmen Sie Sich vor, von nun an allen Künsten, allen Winkelzügen zu entsagen! – Erzählen Sie mir frey, welchen Mannspersonen Sie die größten Vertraulichkeiten erlaubt haben! Ich will Diesen, schriftlich und mündlich, durch gelinde oder gewaltsame Mittel, Stillschweigen aufzulegen suchen. Sie sollen Ihnen Ihre Briefe herausgeben – Doch, hier ist es besser zu handeln als zu plaudern – Ich verlasse Sie itzt. Vielleicht komme ich noch heute wieder. Halten Sie Sich indes eingezogen und denken Sie dem nach, was ich Ihnen gesagt habe!« Ludwig ging nun fort und suchte die ehrliche Bürgersfrau auf, welche sich vormals so gütig des jungen Mädchens angenommen hatte. Er erzählte ihr alles und bat, sie möchte ihn in dem Vorhaben unterstützen, Augustinen vom Verderben zu erretten, und sie zu sich nehmen. Nach einigen Schwierigkeiten willigte die gute Frau ein; Augustine wurde gleich am folgenden Morgen zu ihr abgeholt. Seelberg drang derselben, ungeachtet sie sich weigerte, etwas zu nehmen, fünfzig Thaler auf, Augustine aber kam nun in eine strenge, doch liebreiche Aufsicht. Sie wurde beschäftigt, ermahnt, ermuntert. Man warf ihr Vergehen ihr nicht vor, aber man warnete zuweilen und suchte ihr kleine, unbedeutend scheinende, doch unanständige, freche Manieren und Gebärden abzugewöhnen. Anfangs gefiel dem jungen Mädchen die Einschränkung nicht; aber nach und nach gewöhnte sie sich daran, erkannte es, wie gut man es mit ihr meinte, und fühlte den Werth wahrer Freundschaft. So wie sie nach und nach moralisch besser wurde, gestattete man ihr mehr Freiheit; sie wurde in gute Gesellschaften geführt, nahm den bessern, feinern Ton an, gefiel, interessierte und fühlte ihren eigenen und andrer Menschen Werth. Seelberg hatte gleich Anfangs an die Mutter geschrieben und einen Brief von Augusten mit ihrem offenherzigen Geständnisse (wozu er sie freilich nur mit Mühe vermochte) beigelegt. Zugleich hatte er veranstaltet, daß die Verwandten nicht sogleich mit der Verzeihung bereit seyn durften, sondern erst Zeugnisse von der Besserung hören wollten. Endlich kam denn auch die Versöhnung zu Stande, und nun fühlte sich Auguste wieder unaussprechlich glücklich. Seelberg hatte indes längst Berlin verlassen; doch will ich hier, als am bequemsten Orte, das Ende von Augustinens Geschichte erzählen. Drey Jahre hatte sie sich in dem Hause der ehrlichen Bürgersfrau aufgehalten und (ungeachtet mancher Prüfungen und Versuchungen) untadelhaft betragen, als sich eine Aussicht für sie zeigte, den Preis ihrer Rechtschaffenheit einzuernten. Die gute Frau liebte das Mädchen wie ein eigenes Kind. Sie war eine wohlhabende Witwe und hatte nur einen einzigen Sohn. Dieser, der Gesandtschaftssekretair gewesen, kam nun nach Berlin zurück, wo er in königlichen Diensten bey dem Finanzdepartement angesetzt wurde. Ihm gefiel Auguste; er redete mit seiner Mutter darüber, daß er sie zur Gattin wählen wollte; die Mutter war sehr froh über diese Entschließung und trug die Sache dem jungen Mädchen vor; allein Dieses dachte zu fein, um eher in eine solche Verbindung zu willigen, bevor sie mit edler Offenherzigkeit dem Manne, der um ihre Hand bat, Rechenschaft von ihren ehemaligen Fehltritten gegeben hätte. Dieser war so ohne Vorurtheile, daß, weit entfernt, dadurch abwendig gemacht zu werden, diese Aufrichtigkeit vielmehr Augustinen in seinen Augen einen größern Werth gab. Er heirathete sie, und sie machen bis auf diese Stunde ein sehr glückliches Paar aus. Zutrauen und treue Liebe befestigen dies Band; Augustine erfüllt als Gattin und Mutter von zwey gesunden Kindern ihre Pflichten auf das Treueste; die Rektorin Werkmann lebt seit vorigen Sommer bey ihr – und Ludwig ist der Schöpfer dieses Glücks – Sein Andenken segnen zwey redliche Familien. Drittes Kapitel Die zweite gute Handlung, die ich als Charakterzug von Seelberg zu erzählen habe, war eine Folge der erstern, insofern das Herz durch Ausübung Einer edeln That zum fernem Wohlthun gestimmt zu werden pflegt und es wahrlich nur darauf ankömmt, den Anfang mit Einem paar Schritten auf der Bahn der Tugend zu machen, um bald weiter hingezogen zu werden auf einem Wege, auf welchem der Fuß des Wanderers nicht ermüdet, sondern immer neue Kraft bekömmt. Ludwig hatte es, wie wir wissen, übernommen, mit dem Herrn von Weidel zu reden, um denselben zu vermögen, Augustinens Briefe herauszugeben. Zugleich war es ihm interessant, einen Menschen wiederzusehn, mit dem er einst als Knabe einen abentheuerlichen Plan entworfen und schon den Anfang mit der Ausführung desselben gemacht hatte Wie aus dem dritten Kapitel des ersten Theils bekannt ist. . Er ging aber oft vergebens in sein Quartier, denn wenn der junge Herr nicht auf der Wache noch auf der Parade war, so brachte er seine Zeit in den Kaffeehäusern oder andern lustigen Gesellschaften zu, so daß er den ganzen Tag über nicht zu finden war. Endlich erfuhr Ludwig einmal, daß Jener des Nachmittags eine halbe Stunde von Berlin in einem Garten anzutreffen seyn würde, in welchem zugleich ein Wirthshaus war. Das Wetter war schön, Leuchtenburg andrer Orten versagt, und so beschloß dann unser Freund, einen Spaziergang nach dem Garten hin zu machen. Vorher sprach er bey der Bürgersfrau vor und freuete sich zu sehn, wie Augustine anfing gut und heiter zu werden und die Zuneigung ihrer Wirthin zu gewinnen. Das frohe Bewußtseyn, dies Mädchen vom Untergange errettet zu haben, und das Bild ihrer künftigen Glückseligkeit beschäftigten unterwegens seine Fantasie auf eine sehr wohlthätige Weise; und so schlenderte er, ohne sich viel umzusehn, zum Thore hinaus. Der Weg nach dem Garten war ihm genau beschrieben worden. Er mußte unter andern durch einen engen Paß zwischen zwey Hecken hin. Als er nun eben daselbst fortwandelte, sprang von der einen Seite ein ziemlich wohlgekleideter Mann mit der Miene der Verzweiflung hervor, ergriff ihn bey der Kehle und forderte mit Ungestüm seinen Geldbeutel von ihm. Ludwig war nicht sehr stark, aber gelenkig, hurtig und behende, der Angreifer hingegen ein starker, aber steifer Mann, zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Beide waren ohne andre Waffen, als daß jeder von ihnen einen Spazierstock in der Hand trug. Nachdem Seelberg eine kurze Zeit mit dem Manne gerungen hatte, wurde er Meister über ihn und warf ihn zu Boden, da dann Dieser flehentlich bat: er möchte ihm nur das Leben nehmen, das ihm doch zur Last wäre, oder ihn wenigstens den Gerichten überantworten. Seelberg sah wohl, daß die äußerste Verzweiflung aus dem Manne redete und ihn verleitet hatte, einen Schritt zu wagen, den er mit so wenig Geschick unternahm. Er sprach ihm also gelinde zu: »Was bewegt Sie«, sagte er, »mich hier mörderischer Weise zu überfallen? Warum fordern Sie nicht ein Almosen, wenn Sie arm sind? Ich würde es Ihnen gern gegeben haben.« – »O, mein Herr!« erwiderte der Fremde. »Wenn Sie meine Lage kennten – Ach! ich bitte Sie flehentlich, liefern Sie mich in die Hände der Justiz!« Ludwig suchte den Mann zu beruhigen, bat ihn um Mittheilung der Geschichte seiner unglücklichen Begebenheiten und versprach ihm alsdann, so viel nur irgend in seinen Kräften stehen würde, Hilfe zu leisten. Mit einiger Mühe beredete er ihn darauf, mit nach dem Garten zu gehn, und ließ, als sie dort ankamen, sich ein besonders Zimmer anweisen, bekümmerte sich vorerst nicht um den Herrn von Weidel, sondern forderte eine Flasche Wein, setzte sich mit seinem neuen Bekannten hin und ließ sich erzählen, was folgt:   »Ich bin in *** geboren, habe meine Jugend den Wissenschaften gewidmet, mein väterliches Erbe größtentheils auf Universitäten verzehrt, den Rest aber in den ersten Dienstjahren zugesetzt, binnen welchen ich bey der Rentcammer des *** von *** angestellt war, ohne Besoldung zu erhalten. Es schien indessen, als wenn endlich mein Fürst mich für einen brauchbaren Diener hielte, denn er gab mir eine einträgliche Stelle, und ich widmete mich treu und emsig seinen Geschäften. Kurz nachher lernte ich in *** bey Gelegenheit einer kleinen Reise in herrschaftlichen Angelegenheiten ein Frauenzimmer kennen, die mir und ich ihr gefiel. Ich erhielt von meinem Herrn die Erlaubnis, mich mit derselben zu verheirathen, holte sie ab und lebte ein Jahr lang sehr glücklich und vergnügt mit ihr. Wir hatten unser mäßiges Auskommen, liebten uns zärtlich und genossen viel Freundschaft unter Hohen und Niedern. Nun wohnte aber in dieser Stadt ein verabscheuungswürdiges Weib, eine gewisse Madam Brinkler« – »In aller Welt!« rief hier Seelberg. »Kennen Sie dies Frauenzimmer auch Die Leser werden sich dieser Person als der nämlichen erinnern, welche auf der Maskarade in *** Ludwigs Lehrmeisterin in schönen Künsten wurde. [Siehe Teil 1, Kap. 10 ] ?« – »Leider kenne ich sie«, antwortete der Fremde. »Sie hat viel Unglück über mein Haupt gezogen. Freilich hat die Vorsehung sie dafür gestraft, denn sie ist im vorigen Monate unter den grausamsten Schmerzen an einem Krebsschaden gestorben, den sie lange heimlich mit sich herumgetragen; aber mein Unglück ist dadurch nicht gemindert worden. Dies schändliche Geschöpf war ehemals des Fürsten Maitresse gewesen, und da derselbe Ihrer müde geworden, so suchte sie dadurch sich in einiger Gunst zu erhalten und Gewinnst zu ziehen, daß sie mit Hilfe eines Kammerdieners die Unterhändlerin bey neuen Liebeshändeln des Fürsten machte und junge Mädchen und Weiber in das Garn der Verführung zu locken suchte. Meine ehrliche Frau war schön; sie gefiel dem fürstlichen Wollüstlinge, und Frau Brinkler bekam Auftrag, ihre Verhandlungen bey derselben anzufangen. Sie besuchte uns. Ich bin nicht gern unhöflich; folglich wies ich ihr nicht sogleich die Thür, ungeachtet dies Weib in der ganzen Stadt in sehr schlechtem Rufe stand, so daß man keine Ehre davon hatte, mit ihr umzugehn. Als sie aber öfter kam, ließ ich ihr nicht undeutlich merken, daß sie uns zur Last wäre, und da beschleunigte sie dann die Ausführung ihres Vorhabens und machte meiner Frau im Namen des Fürsten den schändlichsten Antrag. Mein tugendhaftes, treues Weib nahm diesen Antrag so auf, wie es Ihrer würdig war; sie antwortete nämlich: Madam möchte nur einen Augenblick verzeihen, damit sie die Sache gemeinschaftlich mit mir überlegen könnten, hüpfte dann zum Zimmer hinaus und holte mich, und ich führte die Dame Brinkler auf eine Art aus dem Hause hinaus, die sie zur äußersten Rache reizte. Indessen verstellte sich der Fürst doch noch gegen mich und schien gar keinen Antheil an dieser Sache zu nehmen; ich bekam vielmehr noch mehr und wichtigere, aber auch freilich solche Geschäfte unter die Hände, die mich größerer Verantwortung aussetzten; doch erfüllte ich meine Pflicht redlich und eifrig und hatte beinahe die vorige Scene vergessen, als der Antrag des Fürsten (der nun wirklich, durch Widerstand gereizt, eine heftige Leidenschaft oder vielmehr Gierigkeit zu meiner Frau gefaßt zu haben schien) nochmals, aber durch einen andern Geschäftsträger und auf feinere Weise wiederholt wurde. Allein auch diesmal wies meine liebe Gattin alle Anträge und alle glänzenden vortheilhaften Versprechungen für sie und mich, die sie mit unsrer Schande erkaufen sollte, bestimmt und mit Würde zurück und verschwieg die Sache mir, dem sie keine neue Unruhe machen wollte. Nun wurde aber von allen Seiten die Rache geschäftig, meinen Untergang zu befördern. In meinen Händen war die Direktion über einige Zweige der Finanzen des Fürsten; nichts ist leichter, als dabey in Verantwortung zu kommen, wenn es einmal beschlossen ist, einen Mann zu stürzen und Dinge aufzusuchen, die dem Chef zur Last gelegt werden sollen, schriebe man auch nur die Nachlässigkeit der Unterbedienten auf seine Rechnung! An Unzufriedenen kann es überhaupt bey dergleichen Gelegenheiten nicht fehlen, wenn man solche Menschen aufruft, deren Forderungen man nicht immer billig gefunden, deren Fantasien man nicht jedesmal befriedigt hat. Man warb unter der Hand Leute, die Klagen gegen mich anzubringen hätten, ermunterte sie, alles dreist zu entdecken, und schrieb auf, was ihnen auf diese Weise abgelockt oder vielmehr war erpreßt worden. Um jedoch eine Art von Formalität zu beobachten, wurde mir ein ordentlicher Prozeß gemacht. Man setzte mich in das Gefängnis, und meine beiden ärgsten Feinde wurden zu Kommissarien bey dieser Untersuchung ernannt. Da die Sache schon so gut als entschieden war, ehe die Untersuchung anfing, so war auch das Urtheil bald gesprochen. Man schrieb nämlich statt meiner Aussagen nur das nieder, was man zum bösen Zwecke dienlich fand. Es wurde mir nicht gestattet, die nöthigen Urkunden zu meiner Vertheidigung herbeizuschaffen, denn meine eigenen Papiere hatte man mir geraubt, als man mich festsetzte, und allen herrschaftlichen Bedienten wurde verboten, mit mir Gemeinschaft zu haben. Nachdem ich auf diese gerechte Manier der schwärzesten Verbrechen war überwiesen worden, schickte man die Akten auf eine benachbarte Universität zum Spruche, fügte die Bitte hinzu: die Sache möchte dem Herrn Professor *** in die Hände gegeben werden, und sendete diesem niederträchtigen Schurken fünfzig Dukaten zum Geschenke. – Das Urtheil verdammte mich zur Kassation und Landesverweisung. Mein liebes Weib war indes zu ihrem einzigen Bruder entflohen. (Alle übrigen Verwandten und Freunde dreheten uns den Rücken, sobald mein Unglück anfing.) Als ein Bettler, und was noch mehr ist, als ein verunehrter, beschimpfter Mensch reisete ich zu ihr dahin. Wir nahmen ihr sehr geringes Vermögen auf und gingen mit dieser kleinen Summe nach Wien, fest entschlossen, bey dem Reichshofrathe Gerechtigkeit gegen meinen Tyrannen zu suchen. Hier blieben wir vier Jahre lang, ehe meine Sache beendigt wurde. Ich mußte mit allen Chikanen der schwärzesten Bosheit und mit allen Ungemächlichkeiten, die man empfindet, wenn man einen mächtigen Gegner hat, streiten. Wir lebten dabey klein und kümmerlich, konnten mit genauer Noth die schweren Prozeßkosten von dem Reste unsrer Barschaften bestreiten – Endlich erschien das Konklusum, das den Fürsten zu der vollkommensten Wiedererstattung verurtheilte. Ich glaubte mich nun auf dem Gipfel des Glücks, glaubte, mein mächtiger Feind werde, wenigstens aus Scham, um nicht vor der ganzen Welt Augen für einen ungerechten Tyrannen zu gelten, mir eine lebenslängliche Pension anbieten lassen, womit ich denn gern zufrieden gewesen wäre, da gegenwärtig meine Ehre vor der Welt gerettet war – Aber nichts von Diesem! Der mächtige Unterdrücker höhnt der Gerechtigkeit, und die benachbarten Fürsten sind, aus politischen Rücksichten, nicht dahin zu bewegen, die ihnen aufgetragene Exekution zur Wirklichkeit zu bringen. Um dies zu erreichen, habe ich manche vergebliche Reise gethan und alles verkauft, was meine Frau und ich nur noch an bessern Kleidern, feinerer Wäsche und einigen Kostbarkeiten besaßen, als: an kleinen Ringen und dergleichen, welche wir zum Andenken an Personen, die uns theuer waren, trugen und von denen wir uns ungern trennten. Zuletzt, als mein Elend auf das Äußerste stieg – denn nun war auch der Bruder meiner Frau, der uns edelmüthig unterstützt hatte, gestorben und hatte sein Vermögen in großer Verwirrung hinterlassen – beschloß ich, zu Fuße hierher nach Berlin zu reisen und Dienste zu suchen, wäre es auch nur als Scribent bey einem Kollegio. Ich nahm die Dokumente meiner Unschuld mit mir und ließ meine Frau voll ängstlicher Erwartung auf der sächsischen Grenze – Aber wen einmal das Glück verlassen hat, dem mißlingt alles. Ich bin aller Orten abgewiesen; man bedauert mich; die Ministers zucken die Achseln, wünschen, die Exekution möchte Brandenburg aufgetragen worden seyn, können aber bey diesen Umständen nichts für mich thun – Ich habe auch selbst an den König einen demüthigen Brief geschrieben und um Dienste gebeten. Seiner Majestät Antwort war: Es sey seine Pflicht, vorzüglich auf Einländer Rücksicht zu nehmen – Und nun, mein Herr! Was sagen Sie dazu? – Hier bin ich acht Tage lang aufgehalten worden – Nun habe ich gar nichts mehr. Ich schäme mich, um Almosen zu betteln. Vor vier Tagen habe ich meine Schuhschnallen verkauft, um nicht zu verhungern und meinen Wirth bezahlen zu können, der mich aus dem Hause stoßen wollte – Seit zwey Tagen ist kein warmer Bissen über meine Zunge gekommen, und wer weiß, was mein unglückliches Weib jetzt leidet? – Hatte ich Unrecht, wenn ich, des Bittens müde, es versuchte, von Ihnen mit Gewalt zu erhalten, was mir und meiner Gattin entweder auf einige Zeit das Leben fristen oder mich der Gerechtigkeit wieder in die Hände liefern könnte, die vermuthlich daran erinnert seyn will, daß sie mir, nachdem sie mir alles genommen, dies elende Leben gelassen hat, das mir zur Last ist?« Seelberg hatte, wie uns bekannt ist, schon so nachtheilige Begriffe von der Redlichkeit, Dankbarkeit und Gerechtigkeitsliebe der Menschen, daß des armen Mannes Geschichte, indem sie ihn in dieser Meinung bestärkte, von einer Seite in der That keine vortheilhafte Eindrücke auf ihn machte, doch rührte sie von der andern die empfindliche Seite seines Herzens, entlockte ihm sehr aufrichtige Thränen, weil er grade in einer sanften Stimmung war, und beide Gefühle erweckten dann gemeinschaftlich seinen Thätigkeitstrieb, der leidenden Unschuld beizustehn. Er that sogleich, was in dem Augenblicke zu thun möglich war, öffnete seinen Beutel, tröstete, erquickte und bat den Fremden, den folgenden Morgen zu ihm zu kommen, um zu überlegen, was weiter zu thun seyn möchte. Leuchtenburg hatte Verwandte in Berlin, die von Gewicht waren. Die Erzählung einer Begebenheit, die diesem Anekdotensammler Wasser auf seiner Mühle war, ihm, der nur darauf lauerte, etwas gegen Fürsten, Regierungen und Richter zu erfahren, setzte denselben gleichfalls zum Vortheile des Unterdrückten in Bewegung, und kurz! diesem Unglücklichen wurde durch Verwendung unsrer beiden jungen Leute geholfen. Er bekam nicht nur eine mittelmäßige Bedienung und die Hoffnung zu einer bessern im Preußischen, sondern auch die Versprechung, der Monarch werde sich Seiner annehmen, um ihm die verdiente Entschädigung zu verschaffen. Was den Herrn von Weidel betrifft, so war Seelberg in seinen Geschäften mit demselben auch glücklich genug. Ihre erste Zusammenkunft war ziemlich kalt. Weidel erzählte, wie er nach ihrer Trennung sehr scharf bey dem Regimente sey gehalten, nachher aber, da er sich sittsam betragen, als Fahnenjunker gütig behandelt und endlich auf Vorsprache eines Oheims, der in holländischen Diensten Obrist sey, als Offizier hierher versetzt worden. Übrigens machte dieser leichtsinnige Mensch wenig Schwierigkeit, die verlangten Briefe an Augustinen zurückzugeben. Da es indessen doch immer eine sehr unangenehme, auch vielleicht nachtheilige Sache für das arme Mädchen gewesen seyn würde, mit ihrem Verführer in der nämlichen Stadt zu leben und denselben zuweilen an einem dritten Orte zu sehen, so fand die Vorsehung gut, sie auch von dieser Seite gänzlich zu beruhigen. Der junge Herr war ein so unsteter Kopf, daß er nicht lange an einem Platze ausdauern konnte. Der preußische Dienst mißfiel ihm daher bald. Er schrieb desfalls an den Oheim in Holland, von dem ich vorhin geredet habe, und bat denselben, ihm dort eine Lieutenantsstelle zu verschaffen. Dies geschah; der Herr von Weidel reisete nach den Niederlanden, soll aber, wie ich höre, auch dort nicht geblieben, sondern nach Ostindien gegangen seyn, wo er denn vermuthlich, wenn er noch lebt, Augustinen ebensowohl vergessen haben wird, als wir ihn itzt vergessen wollen. Noch muß ich erinnern, daß Ludwig die ganze Begebenheit mit Augustinen, so sehr sie ihm auch zur Ehre gereichte, dennoch vor Leuchtenburg verschwiegen hielt. Dieser hatte seine eigenen Schliche, bekümmerte sich wenig um Seelbergs Nebenwege. Der Jäger Triller aber war so bescheiden, nicht zu fragen, wie es mit dem Abentheuer, welches er eingeleitet hatte, weiter abgelaufen wäre. Ich weiß übrigens nicht, ob ich es unserm Helden zur Tugend anrechnen oder es ihm übel ausdeuten soll, daß er hierüber ein Stillschweigen beobachtete. Schämte er sich der guten Gefühle, der edeln Handlungen, oder schämte er sich, daß er deren von sich nicht mehr und öfter zu rühmen Gelegenheit hatte? Wollte er nicht gern den Anschein haben, seinem Systeme untreu zu werden, dem Systeme, welches sein Kopf so oft gegen sein Herz durchsetzen wollte, indem er behauptete, die Menschen seyen nicht der geringsten Aufmerksamkeit, nicht der geringsten Theilnehmung, Widmung und Liebe werth? – Ich weiß es nicht, denke aber nicht, daß Schonung gegen den Ruf eines Frauenzimmers noch die großen Seelen so eigene Gewohnheit, das Gute so gern in der Stille zu thun, Ursache an seiner Verschwiegenheit war – genug! Leuchtenburg erfuhr von der Begebenheit mit Augusten nichts. Überhaupt waren die beiden jungen Leute nicht auf dem vertrauetesten Fuße, sondern wurden vielmehr täglich kälter gegeneinander. Beide waren überaus große Verehrer ihrer eigenen werthen Personen. Beide forderten unendlich viel ausgezeichnete Achtung und Aufmerksamkeit von Andern. Dazu kam, daß Beide, und zwar Seelberg (wenigstens itzt) aus Mißtrauen gegen die Treue und Redlichkeit der Menschen, Leuchtenburg aber aus allgemeinem Weltbürgergeiste nicht sehr für individuelle Herzenshingebung, für echte Freundschaft empfänglich waren. Als sie aber nach Prag kamen, artete diese Gleichgültigkeit in offenbare Kälte, ja! in eine Art von Feindschaft aus (nämlich von Leuchtenburgs Seite), die nachher sehr wichtige Folgen für den Andern hatte, und die Veranlassung dazu gab unschuldiger Weise niemand anders als das Fräulein Luise von Wallenholz. Um dies zu erläutern, muß ich die Leser daran erinnern, daß ich Ihnen gesagt habe, der Graf Storrmann sey in Geschäften seines Hofes nach Böhmen gereiset und habe seine Gattin und deren Schwester mit dahin geführt; sodann, daß ich Ihnen auch erzählt habe, unsre beiden Reisenden hätten von Sachsen aus durch Böhmen zu gehn sich vorgenommen gehabt; ferner, der Herr von Leuchtenburg sey in Luisen so verliebt gewesen, als ein Mensch von seiner Art es seyn könne; endlich aber, das Fräulein habe diese Neigung nicht erwidert, sondern vielmehr Seelbergen noch immer in ihrem Herzen den ersten Platz behaupten lassen, wie sie denn auch dies dem andern jungen Herrn, als sie sich in Leipzig gesehen, nicht undeutlich habe merken lassen Am Ende des 14ten Kapitels im ersten Theile . . – Nehmen Sie dies alles zusammen und fügen hinzu, daß die Familie des Grafen noch in Prag war, als Leuchtenburg und Seelberg dahinkamen, so werden Sie nun die weitern Folgen daraus ziehen können. Ludwig hatte die nachtheiligen Begriffe, welche er von Storrmann hauptsächlich durch Eingebung der Livländer gefaßt, ziemlich wieder verloren. Eigentlich gerechte Ursache, schlecht von ihm zu denken, hatte ihm Dieser auch nie gegeben, und kleine Mißverständnisse vergessen sich leicht, zumal in der großen Welt und auf Reisen, wo man so manche neue Bekanntschaft macht, daß man sich gewöhnt, wenigstens solange man in dem Taumel lebt, sich nicht so gar fest an die Menschen zu schließen noch von ihnen sehr viel mehr als Höflichkeit zu verlangen. Sobald sie daher nach Prag kamen, war Seelberg sehr bereit, den Grafen in Leuchtenburgs Gesellschaft zu besuchen. Storrmann empfing seinen Jugendfreund mit theilnehmender, herzlicher Freundschaft. Der edle Mann hatte immer viel Sorge und Liebe für Ludwig gehegt. Er fand ihn itzt gesunder aussehend als vor ein paar Jahren; auch glaubte er, eine bessere Meinung von seinem moralischen Zustande fassen zu dürfen. Wirklich hatten die beiden guten Handlungen, welche Seelberg so glücklich gewesen war, in Berlin auszuüben, und die genauere Bekanntschaft mit einem paar edlen Menschen, die er in Dresden machte, sehr wohlthätigen Einfluß auf sein leicht umzustimmendes Herz gehabt. Er war milder, heiterer geworden; dabey hatte der Umgang mit der feinern Welt ihn, der ohne Mühe andre Formen annahm, geschliffener gemacht und seinen äußern Sitten die Studentenrauhigkeit benommen. Er war auch wieder für die Geselligkeit aufgelebt. Seine mancherley angenehmen Talente und gesammleten Kenntnisse machten ihn zu einem höchst unterhaltenden Gesellschafter, sein Humor wurde nicht durch böse Launen getrübt, und wenn auch zuweilen innere Friedenlosigkeit ihn ein wenig ängstigte, so hatte er doch gelernt, sich bemeistern und andre Leute diese Unbehaglichkeit nicht mitempfinden zu lassen. Man wird mir leicht glauben, wenn ich sage, daß diese vortheilhafte Veränderung ihm vorzüglich in den Augen der Frauenzimmer, und vor Allen in Luisens Augen, eine neue Folie unterlegte. Auch war sie kaum zwey Tage lang mit ihm umgegangen, so war ihre Leidenschaft zu ihm wieder auf den höchsten Grad gestiegen. Ihr Schwager merkte das und schien diesmal nicht unzufrieden darüber, sowohl weil er wirklich glaubte, es sey nun grade der Zeitpunkt da, wo sein Freund durch eine sanfte Einwirkung eines tugendhaften, liebenswürdigen Mädchens auf guten Weg geleitet werden könnte, als auch, weil er gewahr wurde, daß Ludwig nicht wie ehemals bloß Bewunderer der Vortrefflichkeiten des Fräuleins blieb, sondern anfing, ihr sehr warmer Verehrer und Anbeter zu werden. Die Liebe ist bekanntlich ein wunderliches Etwas, das sich weder erzwingen noch erbetteln, noch an der Hand der Hochachtung nach Gefallen herzuführen läßt. Sie ist eine von den Krankheiten, über deren Symptome und Wirkungen viel schöne Bücher sind geschrieben worden, ohne daß ein einziger Arzt dargethan hätte, wie diese verteufelte Krankheit eigentlich zuerst entsteht, warum sie zuweilen so verschiedene und widersprechende Phänomene bey den nämlichen Konstitutionen zeigt und welche Mittel (außer dem Messer) dagegen mit sicherm Erfolge anzuwenden sind. Man würde daher auch zu viel von mir verlangen, wenn man fordern wollte, ich sollte bestimmt sagen, warum Seelberg diesmal Liebe für Luisen empfand, da er das Fräulein vormals nur bewundert hatte, ohne durch dies Gefühl aus dem Gleichgewichte seines Gemüths gebracht zu werden. Doch kann ich ein paar Ursachen anführen, die wenigstens die Sache glaubwürdig machen werden. Die erste nämlich lag in ihm selbst, die andre in Luisen. Seelberg hatte, gerührt durch die beiden Geschichten, die ihm in Berlin aufgestoßen waren, und durch die Bekanntschaft mit einigen liebenswürdigen weiblichen Geschöpfen, die er in den verschiedenen Städten auf der Reise angetroffen, wieder angefangen, mehr Interesse an dem weiblichen Geschlechte zu nehmen; folglich befand er sich in einem Gemüthszustande, der sehr verschieden war von demjenigen, in welchem ihn zuerst das Fräulein gesehen hatte. Was aber dies gute Mädchen betraf, so hatte sie sich auch sehr verändert. Ohne das Mindeste von der Reinigkeit ihres Herzens zu verlieren, ohne an der edeln Simplizität ihres Charakters einzubüßen, hatte ihre Tugend seit der Zeit, da sie mit ihrem Schwager und ihrer Schwester in der großen Welt lebte, jenes äußere Ansehn von zurückscheuchender Strenge abgelegt, oder vielmehr (denn ihr war es nie in den Sinn gekommen, die Strenge zu machen) der Engelglanz ihrer reinen, himmlischen Tugend, das Licht, das, solange sie auf dem Lande lebte, ganz ungetrübt von fremder Umkleidung sich seine eigene Atmosphäre schuf, in welcher jedes minder reine Wesen als in einem fremden Elemente sich beklommen fühlte, die überirdische Hoheit, vor welcher man den Hut abzog, ohne den Muth zu haben, ihr treuherzig die Hand hinzureichen, hatte sich herabgestimmt zu den Sitten und äußern Manieren andrer guter, schwacher Menschen – Nicht, daß Luise den Ton des verderbten Zeitalters angenommen und den gewöhnlichen ersten Schritt gethan hätte, durch gefällige Nachsicht gegen die Laster Anderer selbst die verderbliche Bahn zu betreten; aber sie hatte sich überzeugt, daß man mehr Gutes stiften kann durch eine Art von Herablassung, die sehr verschieden ist von Gleichstellung, daß nicht alle gute Menschen nach einerley Formeln zu handeln verbunden sind und daß, wenn man sich (insofern dies ohne Verleugnung echter Grundsätze geschehen kann) den Sitten des Zeitalters im Äußern gemäß beträgt, man nicht mehr Sünde begeht als der nüchterne Mann, welcher in Gesellschaft von Trunkenbolden gefärbtes Wasser trinkt, damit Jene es für Wein halten und ihn nicht als einen gefährlichen Laurer und Sonderling ansehn sollen, indem er ebenso aufgeweckt dabey ist als sie, die erst durch den Geist des Rebensaftes sich zur Fröhlichkeit stimmen müssen. Ich habe (im zwölften Kapitel des ersten Theils ), als ich von dem Eindrucke redete, den Luise bey der ersten Bekanntschaft auf unsern Helden gemacht hatte, die Bemerkung gewagt, daß man nicht leicht Personen liebt, an welche man so hoch hinaufschauen muß, und daß vermuthlich der Abstand zwischen des Fräuleins höherer Tugend und Seelbergs Schwäche das eigentliche Hindernis gewesen, weswegen er nicht sowohl Liebe als ruhige Hochachtung und Verehrung für dies vortreffliche Frauenzimmer empfunden hätte. Jetzt, da diese Tugend den gefälligem Anstrich der feinen Welt bekommen hatte und ihr Umgang, ihre Unterhaltung ein größeres Interesse, mehr Würze durch angenehmen Witz und eine gewisse Lebhaftigkeit erhielt, war Ludwigs armes Herz bald gänzlich gefesselt. Diese zweite Liebe aber wirkte ganz andre Symptome in ihm als die erste. Über die tändelnden, empfindelnden, mondsüchtigen Grillen war er hinaus. Dergleichen Anwandlung befiel ihn also nicht, sondern seine itzige Leidenschaft hatte sehr viel wichtigern Einfluß auf seinen Charakter. Anfangs wollte er es damit auf die leichte Achsel nehmen. Er redete mit Luisen aus einem Tone, wie er gewöhnt war, ihn gegen Frauenzimmer von alltäglichem Schlage zu führen. Er sagte ihr Schmeicheleien vor, ja! er war verderbt genug, auf die Kenntnis des Vorzugs, den sie ihm, wie er das wohl wußte, vor andern Jünglingen gab, einen Plan zu bauen, der vielleicht wie ein gemeines Romänchen sich würde geendigt haben, wenn nicht das holde Mädchen bey aller überschwenglichen Liebe, die sie zu ihm hatte, und bey aller Lebhaftigkeit ihres Temperaments dennoch so fest in Grundsätzen, so rein von Sitten, so unverführbar gewesen wäre. Er sah also bald, wie sehr unterschieden dies edle Geschöpf von allen übrigen Weibern war, die er bis itzt gekannt hatte. Nun fing eigentlich die bessere Leidenschaft an, Wurzel in seinem Herzen zu fassen, und in dem Augenblicke, da der Liebesgott zu Einem Thore dieses Herzens hinein seinen feierlichen Einzug hielt, mußte alles Mißtrauen gegen den weiblichen Charakter und alle Feindseligkeit gegen die Menschen überhaupt zu dem andern hinausfliehn. Die Stimme seines Gewissens erwachte nun nicht selten, wenn er allein war; der Schlaf floh ihn – nicht, daß verliebte Schwärmerey ihm denselben entzogen hätte, sondern weil ernsthafte Gedanken an die Zwecklosigkeit, Liederlichkeit und Unthätigkeit seines bisherigen Lebens in ihm herumarbeiteten. Sobald er sich hingegen mit Luisen in Gesellschaft sah, munterte er sich auf, wurde so heiter, so ruhig und dabey so bescheiden – Was vermag nicht die Liebe! – Storrmann sah alle diese glücklichen Revolutionen von Weitem her an und freuete sich der guten Aussichten, die er daraus seinem Freunde prophezeien zu können glaubte. Endlich wurde das Geheimnis dem Herzen unsers Helden zu schwer. Er vertrauete sich seinem Freunde, bat denselben um Beistand zu Erlangung der Hand des Fräuleins von Wallenholz und versprach, alle Kräfte aufzubieten, dieses vortrefflichen Mädchens würdig zu werden. Storrmann war ein grader Mann, der alle Winkelzüge und Zierereien haßte; folglich sagte er, ohne sich lange bitten zu lassen, Seelbergen seine Verwendung zu, doch, wie sich das verstand, unter der Bedingung, daß Dieser nicht nur Wort halten und ernstlich an sich arbeiten, sondern auch seinen Reiseplan aufgeben und sogleich suchen sollte, eine feste bürgerliche Bestimmung zu erlangen und irgendwo auf solide Art in Dienste zu treten. Er erbot sich auch, hierzu die Hände zu reichen, und bedung sich aus, bevor dies in Richtigkeit gebracht seyn würde, solle Luisen kein bestimmter Antrag gemacht werden. Seelberg war entzückt vor Freuden, umarmte seinen Freund, verhieß alles und war von allem zufrieden. Niemand aber spielte bey dieser Sache eine kleinere Rolle als der wackre Herr von Leuchtenburg. Von Eifersucht entbrannt, sobald er merkte, wie wohl sein Reisegesellschafter bey der Familie und besonders bey Luisen gelitten war, suchte er allerley Teufeleien hervor, diesen Frieden zu stören und den glücklichen Nebenbuhler verdächtig zu machen; allein das alles machte keinen Eindruck, so wie auch seine anmuthige Lieblichkeit, durch welche er sich bey dem Fräulein einzuschmeicheln suchte, sehr verkehrte Wirkung hervorbrachte. Hierauf ließ er das Maul hängen, und endlich wählte er ein Mittel, das aber ebenso unglücklich ausfiel als die übrigen, denn er kam, nachdem sie vier Wochen, die nur wie Tage hingeflogen waren, in Prag zugebracht hatten, einstmals zu Seelberg in das Zimmer und sagte ihm: er glaube, sie hätten sich lange genug in Prag aufgehalten und könnten nun wohl weiter nach Österreich reisen, worauf aber Dieser sehr freundlich antwortete: »Es thut mir leid, mein Lieber! wenn ich daran Schuld bin, daß Sie länger, als Sie Sich vorgenommen hatten, hier verweilt sind. Ich wollte gestern schon mit Ihnen wegen unsrer weitern Pläne reden. Gewisse unvorhergesehene Hindernisse halten mich ab, meine Reise weiter fortzusetzen. Ich werde also vorerst hier in Prag bleiben, um gewisse Nachrichten abzuwarten, die meine künftige Bestimmung angehn. Kann ich es alsdann irgend möglich machen, so habe ich das Vergnügen, Ihnen wenigstens noch bis Wien zu folgen. Halten Sie Sich indessen meinetwegen nicht auf! Ich danke Ihnen herzlich für die mir bisher geleistete Gesellschaft. Vielleicht führt uns das Schicksal einmal wieder an Einen Ort zusammen.« – Leuchtenburg war wie versteinert vor Wuth und Verwunderung bey dieser Nachricht. Er ahnte gleich, daß er nunmehr dem Fräulein von Wallenholz würde entsagen müssen. Allein, was war zu thun? Er biß die Zähne zusammen, sagte ein paar empfindliche, spitzige Worte mit höhnischer Miene, die Ludwig nicht einmal zu bemerken schien, verschob dann seine Rache auf eine bequemere Gelegenheit, nahm Abschied von seinen Verwandten und reisete mit dem Teufel im Herzen und dem Jäger Triller auf dem Bocke weiter. Viertes Kapitel Seelberg war nach der Trennung von seinem Reisegesellschafter nur noch ungefähr vierzehn Tage lang in Prag gewesen, als der redliche Storrmann ihn eines Morgens früh besuchte und ihn mit der Nachricht aus dem Schlafe weckte, er habe ihm unter vortheilhaften Bedingungen eine Stelle am *** Hofe ausgewirkt. Zugleich übergab er ihm seine schon ausgefertigten Bestallungen, vermöge deren er zum Kammerherrn und Rath bey dem *** Kollegio ernannt wurde. Mit den Regungen der aufrichtigsten Dankbarkeit nahm Ludwig dies Geschenk aus seines Freundes Hand an, wiederholte aber dabey seine dringende Bitte, er möchte doch nun das Maß seiner Wohlthaten dadurch vollmachen, daß er ihm bey dem Fräulein von Wallenholz das Wort redete. Der Graf war itzt gleich bereit dazu, und Luise bedurfte nicht großer Überredung; ihr eigenes Herz sprach laut genug zum Vortheile des Bittenden; doch sorgte der Schwager in ihrem Namen dafür, daß nichts übereilt wurde; er setzte nämlich fest, daß, obgleich sie Seelbergen das Wort gab, ihr Verlöbnis jedoch in der Stille vor sich gehn, die ganze Sache ein Geheimnis bleiben und die Hochzeit erst nach zwey Jahren gefeiert werden sollte, binnen welcher Zeit Seelberg an seinem Bestimmungsorte eingerichtet seyn und sich schon Freunde und Ansehn würde erworben haben. Bey dieser Verabredung blieb es nun, und dann führte Storrmann seinen Freund auf die Seite, gab ihm in dem zärtlichsten, brüderlichsten Tone Winke, die ihm für seine Laufbahn nützlich seyn konnten, und diese Winke wurden so gut aufgenommen, als sie wahrlich gut gemeint waren; Seelberg rüstete sich zu einem zärtlichen Abschiede – Seine Abreise erfolgte acht Tage nachher. Und nun sehen wir denn unsern Helden auf einem neuen und größern Schauplatze auftreten. Es wird daher nöthig seyn, vorher in einem paar Zügen ein Bild zu entwerfen von dem, was er itzt war. Es wird nöthig seyn, daß ich Ihnen sage, wie der junge Mann in diesem Augenblicke aussah, da ihn das Schicksal dem großen Theater überlieferte. Seelberg war nicht schön, aber seine Gesichtsbildung war angenehm und fein, sein Körper schlank, ein wenig zärtlich, doch nicht eigentlich kränklich. Seine Manieren und sein Anstand verriethen den Weltmann, dem es nicht gleichgültig war, wie der erste Eindruck beschaffen seyn möchte, den er auf jemand machte. Ein leichter Ton im Umgange, im gemeinen Leben, viel Geschliffenheit, Geschmeidigkeit, Bekanntschaft mit den Sitten aller Stände, angenehme Talente, Kenntnisse, Lektüre, Witz und gute, zuweilen nur zu kaustische Laune machten, daß er in jeder Gesellschaft sich vortheilhaft auszeichnete: Gelehrt war er nicht, aber er hatte die Gabe, mit dem Wenigen, so er wußte, zu glänzen, und ein so vorzügliches Genie, daß er leicht alles ohne große Mühe lernen konnte, worauf er sich ernstlich legen wollte (wenn es ihm nämlich ein Ernst damit war). Seine Vermögensumstände waren nicht schlecht, und da er noch den größten Theil seines zur Reise bestimmten Geldes im Beutel behalten hatte, so konnte er gleich bey seiner ersten Erscheinung am Hofe, in der Stadt und bey der Einrichtung seines Hauses sich in einer Gestalt zeigen, die, ohne übermäßig prächtig zu seyn, ihm die Achtung und Aufmerksamkeit des großen Haufens zuzog und ihm zugleich innerlich diejenige Zuversicht gab, die so nöthig ist, um in der großen Welt fortzukommen, und ohne welche (wenn häusliche Ungemächlichkeiten oder andre kleine Verlegenheiten uns verstimmen) auch das größte Verdienst oft unbemerkt in seine eigene Unbehaglichkeit verschlossen bleibt. Was aber sein Herz betrifft, so hatte freilich die Liebe manche sanfte Saite darin, die lange Zeit unberührt geblieben war, wieder in Schwingung gebracht; aber gewisse böse Eindrücke, die entstanden waren durch seines Vaters Härte und Ungerechtigkeit gegen ihn, durch die hohe Meinung, die er dagegen in Werkmanns Hause von seinen überschwenglichen Fähigkeiten gefaßt, durch die vielfachen Erfahrungen von der Unwürdigkeit und Inkonsequenz der mehrsten Menschen, mit denen er gelebt hatte und von denen er entweder war betrogen worden oder die er verachten gelernt, auf welches alles er dann das System von allgemeinem Unglauben an die Redlichkeit und Dankbarkeit der Leute gebauet hatte; durch die falsche Richtung, die Leuchtenburg seinen Reisebeobachtungen gegeben – Diese Eindrücke, sage ich, hatten ihn dann doch zu einem solchen Egoisten gemacht, daß er nur für sich lebte, nur Genuß suchte, selbst dann, wenn er Wohlthaten verbreitete; daß er sich für einen von den privilegierten Geistern hielt, berechtigt, die andern Alltagsmenschen zu ihren Zwecken zu nützen; daß er stets darauf studierte, auf Unkosten Andrer zu glänzen; daß er keinen Begriff hatte von wahrer, stiller Größe, sondern daß der Mann in der Geschichte ihm immer der beneidenswürdigste schien, der am mehrsten Aufsehn erregt, von dem man nach Jahrhunderten noch recht viel zu erzählen hatte. Bis dahin war aber dieser Schwindelgeist nach Ruhm in ihm eingeschläfert gewesen, wie er denn überhaupt, seitdem er Göttingen verlassen, äußerst schlaff und gemein sein Leben hingeträumt hatte; jetzt, da er sich auf ein Postament gestellt sah, wo die Augen der Leute auf ihn gerichtet waren, jetzt, da er einen Wirkungskreis vor sich erblickte, jetzt, da die Liebe wieder ein gewisses Feuer in seiner Fantasie angezündet und ihm neue Federkraft gegeben hatte, jetzt erwachten auch Ehrgeiz, Stolz und Eitelkeit in ihm. Allein, weit entfernt, durch Ausbruch dieser Leidenschaften gleich anfangs die Gemüther zurückzuscheuchen, schmiegte er sich vielmehr nach der Nothwendigkeit, suchte sich durch angenommene Bescheidenheit und Gefälligkeit bey allen Leuten einzuschmeicheln, legte alles Bizarre, Hervorstechende, Auszeichnende ab und verfehlte durch diese Maßregeln auch des Zwecks nicht, sich emporzuschwingen. Lange würde sein stolzer Sinn freilich diese Rolle nicht ausgehalten, die geringste Demüthigung von Andern, der kleinste Schritt, den jemand gewagt hätte, sich zu sehr über ihn zu erheben, würde ihn wieder aufgerufen haben, sich in seiner ganzen Größe zu zeigen; allein er erreichte früh das Ziel, und niemand trat ihm in den Weg. Der Monarch, dem Seelberg diente, war ein ganz gut organisiertes junges Wesen, dem aber die bürgerliche Verfassung, gegen die Ordnung der Natur, Männerlast auf Knabenschultern zu tragen aufgelegt hatte. Es herrschte nämlich dies gesalbte Knäblein vermöge eines Nationalgesetzes unumschränkt, wie es denn in einigen Ländern also eingeführt ist, daß Die, von deren Winke Millionen ihr Glück und Unglück abhängen lassen müssen, schon in solchen Jahren weise Männer zu werden befugt sind, in welchen andre Menschen erst anfangen thörichte Jünglinge zu werden. Welche unselige Folgen übrigens diese gesetzmäßige Übertretung der göttlichen Naturgesetze zuweilen mit sich führt, das erzählen uns die Geschichtsbücher, die uns das Elend schildern, in welches die kindischen Launen der Erdengötter Länder und Völker gestürzt haben. Glücklicher Weise war aber der Monarch, dem Seelberg itzt angehörte, zwar ein Kind, aber kein böses, verzogenes Kind. Kinder schließen sich gern an muntre, hübsche, artige Leute, die glänzende Seiten haben, und so geschah es denn auch, daß unser Held in kurzer Zeit bey seinem Herrn in sehr hervorstechende Gunst kam, und da die Gunst eines gekrönten Kindes von größerer Wichtigkeit ist als die eines ungekrönten, so erlangte Seelberg in weniger als Jahresfrist schon eine viel wichtigere und einträglichere Stelle, als er hätte erwarten dürfen, und ehe die beiden Jahre verstrichen waren, die Luise ihm zur Frist gesetzt hatte, war er schon im ganzen Reiche als der Günstling seines Herrn bekannt. Zuerst, als es darauf ankam, bey einem Kollegio in Berufsgeschäften, die handwerksmäßiges Studium und Lokalkenntnis voraussetzen, zu arbeiten, merkte er recht wohl, wie sehr großes Unrecht er gehabt hatte, die positiven Wissenschaften, besonders die in alle übrige Geschäfte Einfluß habende Jurisprudenz zu verachten, merkte recht wohl, daß die Universalgenies nicht immer die nützlichsten Bürger im Staate sind, und ärgerte sich oft innerlich, wenn er sah, daß der mittelmäßigste Kopf nicht nur durch praktische Handgriffe, sondern weil er mehr gelernt hatte als er, die verwickeltsten Sachen in das Klare setzte, in welche Er mit aller Anstrengung kein Licht tragen konnte; daß, wenn er oft ganz verkehrte, nicht anwendbare Maßregeln nahm, er sich von Menschen, die er weit übersah, zurechtweisen lassen und sich in manchen Vorfällen bey subalternen Geistern Raths erholen mußte. Allein wir haben gesehn, auf welche Art er sich in der ersten Jugend in Werkmanns Hause aus einer ebenso demüthigenden Lage zog, und was er damals gethan, das that er auch itzt; er spannte alle Kräfte an, um zu lernen, was er noch nicht wußte. Niemand konnte es ihm in eisernem Fleiße zuvorthun, sobald sein Ehrgeiz ihn zur Arbeit trieb, und seinen Fähigkeiten war das, was Andern stundenlangen Schweiß kostete, ein Werk von einer lustigen Viertelstunde. Bey diesen Umständen wird man sich nicht wundern, wenn ich sage, daß Seelberg noch vor Ablauf der beiden Jahre nicht nur der Günstling seines Herrn, sondern auch ein geschickter Mann in seinem Fache und ein so fleißiger Arbeiter wurde, daß Keiner ihn darin übertraf. Der äußere Glanz, den solche Vorzüge ihm gaben, wurde aber nach dieser Frist noch erhöhet, denn nun verreisete er auf einige Wochen und kam dann mit einer liebenswürdigen, reichen Gattin zurück. Storrmann war indes wieder auf seine Güter gezogen, gab dort seinem Freunde und seiner Schwiegerin das Hochzeitsfest, freuete sich, Jenen so vergnügt, so zu nützlicher Thätigkeit erwacht und so geehrt zu sehn, und bat ihn noch bey dem Abschiede: er möchte ja vorsichtig in seiner jetzigen Lage handeln. »So wenig ich«, sprach er, »aus eigener langer Erfahrung das Hofleben kenne, denn Du weißt, daß mich mein Herr früh in Geschäften gebraucht hat, die mich aus der Residenz entfernten, so kann ich doch recht gut fühlen, in welche Gefahr ein Mann von Deiner Lebhaftigkeit (die, statt mit den Jahren abzunehmen, jetzt größer als jemals zu seyn scheint) und von Deiner Thätigkeit in einer so stürmischen Atmosphäre gerathen kann. Sey also ja auf Deiner Hut, mein Bester! und halte Dich, soviel du kannst, an die häuslichen Freuden, die Dir Luise gewiß auf den höchsten Grad zu erhöhen suchen wird.«   Kaum war Seelberg wieder auf seinen Posten zurückgekommen, so vermehrte er seinen Aufwand beträchtlich, wozu ihm seiner Gattin Vermögen die Mittel erleichterte. Er lebte auf einem sehr großen Fuße, und Luise wurde allgemein bewundert und verehrt. Seelberg liebte sie zärtlich, aber freilich machte ihre Art zu leben, die Pracht, welche in ihrem Hause herrschte und welche dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau gleichsam einen ganz getrennten Haushalt, eine ganz verschiedene Existenz gab, seine vielfachen Geschäfte und die Menge von Besuchen und Zerstreuungen, dies alles machte, daß, wie es überhaupt in solchen großen Häusern der Fall ist, sich die jungen Eheleute nur wenig Augenblicke des Tages zwanglos und vertraulich sahen und mehr für fremde Menschen als für sich wechselseitig lebten. Er hätte in der That ohne große Weitläufigkeit dieser Ungemächlichkeit wo nicht ganz, doch zum Theil abhelfen können; allein sein eitler Ehrgeiz, der durch jene vornehme Art zu leben sehr geschmeichelt wurde, war wohl ebenso heftig als seine Liebe zu seiner Frau; auch kann die allerunnatürlichste Lebensart nach und nach selbst dem vernünftigsten Manne zur Gewohnheit, ja! zum Bedürfnisse werden, und für einen Menschen von so geringer Festigkeit in Grundsätzen, wie es unser Freund war, hatte der thörichte, falsche Glanz der Pracht, hatte die Fürstengunst, hatten die tiefen Verbeugungen sklavischer Hofschranzen und Diener etwas so Bezauberndes, daß sein Kopf davon zu schwindeln anfing – Möchte es dabey geblieben seyn! – aber das Herz – Doch wir dürfen den Faden der Geschichte nicht verlieren. Beinahe ein ganzes Jahr vor Seelbergs Verheirathung hatte Leuchtenburg seinen Anekdoten-Jagdzug durch die Länder geendigt, und da er indes erfahren hatte, auf welche vortheilhafte Art sein ehemaliger Reisegesellschafter in *** angestellt war und daß demselben das Fräulein von Wallenholz ihre Hand versprochen habe, so bauete er auf diese Nachricht einen Plan, von dessen weiterer Entwicklung und Ausführung wir noch in der Folge mehr hören werden, von dem ich aber gegenwärtig nur so viel sagen will, daß er durch Ludwigs Vorsprache auf eine ehrenvolle Weise in den nämlichen Dienst zu kommen hoffte und daß ihm dies auch gelung. Sein Vetter, der Graf Storrmann, schrieb desfalls zuerst an seinen Schwager, und Dieser – war es gutmüthige Dienstfertigkeit, die er gegen jedermann zeigte, oder Eitelkeit, jetzt der Beschützer eines Menschen zu werden, der vormals ihn in einer sehr großen Verlegenheit gesehn Man erinnere sich dessen, was im fünfzehnten Kapitel des ersten Theils erzählt ist. und nachher sich immer eine Art von Übergewicht über ihn gegeben hatte; oder glaubte er wirklich, Leuchtenburg sey im Grunde kein übler Mensch und werde sich nun vollends noch gebessert haben? – genug! er war sogleich bereit, jenen Wünschen zu willfahren, und weil Leuchtenburg Lust zum Militair hatte, so bekam er eine Kompagnie bey der Leibgarde und wurde zugleich Kammerherr. Von dem Augenblicke an, und besonders, als die Frau von Seelberg ankam, spielte er die Rolle des Vetters vom Hause, des Hausfreundes, des Gesellschaftscavaliers, der die Honneurs mitmachen half, und niemand war anhänglicher, ehrerbietiger und gefälliger gegen seinen Gönner und Beschützer als der Kammerherr und Hauptmann von Leuchtenburg. Übrigens kann ich nicht sagen, daß Seelberg sich viel Mühe gegeben hätte, Kreaturen um sich her zu versammlen, noch daß er alte Bekannte in den Dienst zu bringen gesucht hätte, um dadurch seinen Anhang größer und seine künftigen Aussichten sichrer zu machen. Allein das war eben ein sehr großer Fehler von ihm, daß er mit so wenig wahrer Politik zu Werke ging, gleich als wäre er gewiß versichert gewesen, lebenslang die Gunst des Monarchen ausschließlich zu besitzen. Nur zwey Personen brachte er, außer Leuchtenburgen, in den Dienst, und davon war der Eine ein ganz gleichgültiger Mann (nämlich sein letzter Vormund, der Advokat Gerlach, dessen er sich dankbarlich erinnerte und ihn aus seinem Vaterlande weg hierher zu einer einträglichen Beamtenstelle auf dem Lande berief, welche er auch noch bekleidet) und dann ein andrer alter Bekannter, den er lieber da hätte lassen sollen, wo er wohnte, wie wir im Verlaufe der Geschichte sehen werden, und Dieser war der Doktor Alwerth Von dem im elften Kapitel des ersten Theils ein Mehreres steht. , mit dem er nebst Storrmann in Göttingen studiert hatte. Selbst Dieser, der ihn besser als irgend Einer kannte, billigte es gar nicht, als er hörte, sein Schwager habe ihn an den Hof berufen. Es suchte aber der König einen Leibarzt, und als Seelberg Auftrag erhielt, ihm einen geschickten Mann dazu zu verschreiben, fiel demselben keiner ein, der sich seiner Meinung nach besser zu dieser Stelle gepaßt hätte als Alwerth, der auch wirklich in seiner Vaterstadt, die eine Reichsstadt war, in dem größten Rufe und Ansehn stand. Man muß in der That gestehen, daß dieser junge Mann von mancher Seite vollkommen gemacht war, die Stelle eines Leibarztes auszufüllen; er hatte Geschicklichkeit in seinem Fache, Genie, unermüdete Thätigkeit und Aufmerksamkeit, Munterkeit, war dabey fein, angenehm, ohne je einen Hof gesehn zu haben, ein wahrer Hofmann, schlau, voll Menschenkenntnis – aber die Leser werden sich vielleicht noch erinnern, was ich von den moralischen und religiösen Grundsätzen dieses Menschen damals, als ich sein Bild entwarf, gesagt habe. Von diesem gefährlichen Systeme war er so wenig zurückgekommen, war hierin so wenig Storrmanns Beispiele gefolgt, daß jetzt wirklich Seelberg in seiner Lage nicht leicht einen gefährlichern Mann hätte an seine Seite rufen können. Allein sein unruhiges, immer emporstrebendes Herz, sein Geist, itzt voll politischer, ehrgeiziger Pläne sehnte sich nach einem andern unternehmenden Kopfe, der ihn verstünde, dem er seine großen, in ihm kochenden kühnen Entwürfe mittheilen, den er zu Ausführung derselben mitwirken lassen könnte. Alle Menschen, die um ihn lebten, waren ihm zu gemein, zu kalt. Er erinnerte sich nicht, einen Einzigen gekannt zu haben, der das, was Er Größe nannte, so hätte fassen können, so viel Kraft gehabt hätte, über den gemeinen, elenden Haufen sich emporzuschwingen und aller Orten zu herrschen, zu siegen, durchzusetzen, was er wollte, als Alwerth. Er brannte daher vor Begierde, ihn erst bey sich zu haben. Alwerth kam; es war Befehl gegeben, ihn sogleich, wenn er aus dem Wagen steigen würde, zu Seelberg zu führen. Dieser nahm ihn mit in sein Kabinett. »Vergiß hier, mein alter treuer Freund!« sprach er, »daß der Leibarzt mit dem Minister redet! Komm in meine Arme und schwöre mir, Hand in Hand mit mir an höhern Dingen zu arbeiten. Hier ist ein Schauplatz für uns. Jetzt ist die Zeit da, wo wir die großen Träume wahrmachen, wo wir ausführen, was wir beinahe als Knaben schon schwärmten; hier ist der Ort, wo wir zeigen, was ein Paar Klügere aus dem elenden Menschenpöbel machen können, wie Alle die Knie beugen müssen vor dem höhern Genius. Von hier aus wollen wir Europa Gesetze geben; Fürsten und alte Staatsmänner sollen uns huldigen, Befehle von uns annehmen, sollen nach dem Winke von zwey Leuten, die sie kaum für Männer ansehn, ihre Länder regieren« – Wer überlegt, in welcher faulen, unbedeutenden Unthätigkeit noch vor zwey Jahren Seelberg versunken war, den wird es vielleicht wundern, ihn hier über so große Pläne brüten zu sehn; aber dann muß er weder die menschliche Natur kennen noch aufmerksam gelesen haben, was ich von der stufenweisen Entwicklung dieses Charakters gesagt habe, und weswegen eigentlich dies ganze Buch geschrieben ist, in welchem die Begebenheiten wahrlich nur deswegen erzählt werden, um auf jenen Gegenstand mehr Licht zu werfen. Für Alwerth war dies das wahre Element. Die bloß medizinische Praxis in einer Reichsstadt und einige Kabalen im Magistrate waren viel zu kleine Gegenstände für seinen unternehmenden Geist. Er war, ohne Vergleichung, feiner oder vielmehr studierter als Seelberg, hatte mehr Gegenwart des Geistes und konnte sich besser im Feuer zurückhalten. Er bedung sich also aus, bevor er den Schauplatz, auf welchem er handeln sollte, besser kennengelernt haben würde, erst eine Zeitlang ruhig zuschauen und beobachten zu dürfen. Hierzu glaubte er vier Wochen Zeit nöthig zu haben. Binnen dieser Zeit nun studierte er die Charaktere und gewann die Menschen vom Könige an bis zu dem geringsten Diener, und dies hauptsächlich durch eine gewisse so feine Nachgiebigkeit, Sanftmuth, Demuth und unmerkliche Schmeicheley, die wahrlich einem Assistenten des Jesuitengenerals Ehre gemacht haben würde; auch waren es diese schlauen geistlichen Herrn, denen er die Kunst, sich in alle Herzen einzuschleichen, abgelernt hatte. Ich habe nämlich gesagt, es sey Alwerth in der Jugend in einer öffentlichen Erziehungsanstalt gebildet worden; diese aber war keine andre als das Jesuitenkollegium in ***, wohin ihn sein Vater, obgleich er Protestant war, aus Vorliebe für die große Gelehrsamkeit dieser Herrn in Pension gethan hatte. Die schlauen Jesuiten merkten bald, wieviel Genie und Anlage in dem Jungen steckte, und ließen daher nichts unversucht, sowohl ihn der römisch-katholischen Kirche zuzuführen als auch besonders, ihm Lust zu dem Eintritte in die Gesellschaft Jesu beizubringen. Es lag auch wirklich weder an ihm noch an seinen Lehrern, daß in beiden Stücken ihr Plan nicht ausgeführt wurde. Allein nach seines Vaters Tode holten die Verwandten ihn unerwartet von dort ab und brachten ihn auf ein protestantisches Gymnasium, von woher er endlich nach Göttingen ging, da er dann aus aller Verbindung mit jenen geistlichen Herrn kam. Doch seine Anhänglichkeit an ihre Grundsätze, die Bewunderung ihrer Feinheit, Geschmeidigkeit, Mäßigkeit, Vorsichtigkeit, praktischen Klugheit, ihrer sonderbaren, gewiß einzigen, unnachahmlichen Geschicklichkeit, Menschen auch in den geringsten Kleinigkeiten auf Einen Ton zu stimmen, Menschen aus allen Klassen zu regieren, durch Erforschung ihrer Lieblingsleidenschaften zu beherrschen, sie handeln zu lassen nach ihrer Willkür und Einwirkung, sie mit Enthusiasmus, ja! mit Schwärmerey für jede beliebige Sache zu erfüllen – Diese Anhänglichkeit, dieser echte Geist des Jesuitismus, den der Orden durch Priester und Laien, durch sichtbare und unsichtbare, gar nicht zu beschreibende Mittel Jedem, der eine Zeitlang mit ihnen lebte oder auf den sie sonst ein Augenmerk hatten, einzuhauchen verstand, so daß sie unter Menschen aller Art, die das oft selbst nicht einmal merkten, ja! sogar unter ihren geschworenen Feinden, Schüler ihrer Maximen und folglich Beförderer ihrer Pläne hatten – Dieser Geist war nie von Alwerth gewichen, weicht auch schwerlich je von dem, auf welchem er mit seiner Zauberkraft ruht. Er hatte oft schon in Göttingen mit Seelbergen über das System gesprochen und den Ehrgeiz dieses Jünglings, der sich sehr viel auf seine Menschenkenntnis zugut that, dabey eine hohe Meinung von sich selbst und eine sehr geringe von Andern hatte, zu unbestimmten Plänen voll Herrschsucht angefeuert. Sie hatten miteinander die Lebensbeschreibungen solcher Männer gelesen, die dadurch sich einen Namen in der Geschichte gemacht, daß sie ihre größern Talente zu Unterdrückung ihrer Brüder gemißbraucht haben. Ihnen gefielen nur alle fantastischen Helden, die einer Donquixoterie das Leben und die Ruhe vieler Tausender aufgeopfert hatten, da sie hingegen den Werth stiller Tugenden zu fühlen, die ohne Aufsehn Segen, Wohlthat, Wonne und Überfluß verbreiten, keinen Sinn hatten. Karl der Zwölfte war ihnen mehr werth als Gustav Wasa, Ludwig der Vierzehnte merkwürdiger als Heinrich der Vierte, ja! die eminenten Verbrecher fanden an ihnen Bewunderer, insofern sie nur mit Feuerkraft und Schlauigkeit ihre Pläne ausgeführt hatten. Mit innigster Wonne lasen beide Jünglinge die Beschreibung der teufelischen Ränke, durch welche Richelieu und Mazarin ganz Europa in immerwährender Gärung zu erhalten und sich Jedem furchtbar zu machen wußten. Allein damals war Seelberg noch zu jung, hing zu sehr an sinnlichen Freuden, war noch nicht in der Lage, in welcher er hätte ahnen dürfen, diese Grundsätze je im Großen und anders als höchstens im gemeinen Leben anwenden zu können. Er hatte auch eine ganz andre Art von Erziehung genossen, so daß, wenn auch sein Ehrgeiz sich an den Bildern dessen weidete, was ein listiger Kopf aus andern Menschen machen kann, doch das Verlangen, die Begierde nach einer ähnlichen Herrschaft in ihm nicht so lebhaft kochte als in Alwerthen, der diese Grundsätze gleichsam mit der Muttermilch eingesogen hatte. Allein um desto feuriger wirkte das alles gegenwärtig in seiner Fantasie, da er sich auf einen Schauplatz gestellt sah, wo er es in Ausübung bringen konnte. Beide Freunde waren über ihre sogenannten Grundsätze sehr einig: »Der Klügere« (wohl zu bemerken, daß sie mit diesem Worte einen ganz andern Sinn verbanden als, wie ich hoffe, wir Alle), »der Klügere«, sagten sie, »ist von der Natur zum Herrschen und der Schwächere an Verstande zum Gehorchen bestimmt. Wo also Dieser gegen die Ordnung der Natur den Kopf emporstrecken will, da muß ihn Jener an seinen Platz zurückweisen. Die wenigern Klügern sind also die von der Gottheit verordneten Vormünder des größern Haufens, den man wie die ungezogenen Kinder in steter Unterwürfigkeit und Demuth erhalten muß, weil Freiheit und zu viel Genuß ihm schaden; denn er mißbraucht seine geringen Kräfte, sobald man ihn einen Augenblick losläßt. Da aber dieser große Haufen nicht durch Vernunft zu lenken, nicht zu bedeuten ist, den wenigern Klügern diese Vormundschaft freiwillig zu überlassen, und diese Wenigern natürlicher Weise an physischen Kräften weit schwächer sind als der blinde Haufen, so muß man andre Mittel, das heißt solche, die auf das Intellektuelle und Moralische der Menschen wirken, anwenden, um jenem Haufen die Hände zu binden. Die Wahl dieser Mittel muß man nach den Umständen und Bedürfnissen einrichten. Es wäre zu wünschen, daß man alsdann stets die gradesten wählen dürfte; allein das geht nicht immer, doch sind alle Mittel gut, insofern sie zu dem großen Zwecke führen, welcher der Ordnung der Natur gemäß ist, nämlich zu dem Zwecke, den Klügern die gebührende Vormundschaft über die Dümmern zuzusichern. Endlich aber dünken sich oft äußerst mittelmäßige Genies, die nur eine lebhaftere Einbildungskraft, mehr Kühnheit und eine etwas feinere Organisation als Andre haben, auch groß und bilden sich ein, gleichfalls zu der Familie der privilegierten Herrscher zu gehören. Mit diesen Leuten, die sich dann gegen das Joch sträuben, so man ihnen auflegt, muß man oft wider Willen gewaltsame Mittel anwenden. Damit nun aber überhaupt die Klügern sicher diesen großen Plan der Natur, wie es ihre Pflicht ist, unterstützen können, müssen sie alle diejenigen Köpfe, die werth sind, an der Regierung der Welt Theil zu nehmen, sorgfältig aufsuchen, dieselben zu gewinnen, auf Einen Ton zu stimmen und nach festen Grundsätzen im Äußern und Innern zu bilden sich bemühen. Diese Grundsätze müssen auf die feinste Kenntnis des menschlichen Herzens, auf schlaue Vorsichtigkeit, auf Bekanntschaft mit allen Lokal- und Temporalbedürfnissen, auf Gewalt über alle äußere Ausbrüche ihrer eigenen Leidenschaften beruhen. Nur Wenige besitzen diese Eigenschaften und dabey Gegenwart des Geistes, ein einschmeichelndes Äußerliches, Beredsamkeit und die übrigen so nöthigen Vorzüge; nur Wenige sind also gemacht, an dieser Hauptregierung Theil zu nehmen. Alle Übrigen müssen nach den Umständen durch Furcht, Verblendung, Wohlthaten oder durch andre Mittel für das Interesse der Wenigen eingenommen oder wenigstens so gefesselt werden, daß sie nicht entgegenwirken können. Dies ist zwar auch von jeher die Art zu handeln aller Derer gewesen, welche das Menschengeschlecht mit Feinheit regiert haben – Die Sanktion des Pfaffen- und Fürstenstandes beruht darauf – Aber die Jesuiten waren die Ersten, welche diese Grundsätze in ein zusammenhängendes, allgemein anwendbares System gebracht haben.« Dies, liebe Leser! war die Theorie, nach welcher unsre beiden Weltregierer jetzt ihre Operationen einzurichten begannen und von welcher Alwerth so bezaubert war, als nur je ein Sohn Loyolas es seyn kann. Er studierte Tag und Nacht darauf, sich ganz im Innern und Äußern nach jenem Ideale zu bilden, und es gelang ihm herrlich damit. Ob er nicht unter der Hand selbst mit jenen geistlichen Herrn wieder in Verbindung getreten war und Diese die schöne Gelegenheit ergriffen hatten, Einfluß auf die Regierung eines Reichs zu bekommen, in welchem sie bis dahin gar keinen Anhang gehabt hatten, das will ich nicht entscheiden; viele haben es geglaubt. Da sich indessen alles, was Alwerth in Gemeinschaft mit Seelberg und allein für sich that, recht gut erklären läßt, ohne dies anzunehmen; da es eine bekannte Sache ist, wie ansteckend für einen feinen Kopf und für ein ehrgeiziges Gemüth die Maximen sind, nach welchen die Gesellschaft Jesu gewirkt hat und vielleicht noch wirkt, und wie manche Menschen, die wahrlich in ihrem Leben keinen Jesuiten und keine Zeile, von einem Jesuiten geschrieben, gelesen haben, Gott weiß aus welchem närrischen Triebe wichtig oder gefährlich zu scheinen! muthwilliger Weise den Verdacht von sich erwecken, sie stünden in solchen geheimen, ihnen wahrhaftig keine Ehre machenden Verbindungen; da endlich das Gegentheil nicht erwiesen ist; so mag ich nicht in den Modeton mit einlallen, den einige Männer aus guter Absicht angegeben und den dann Viele nachgebrüllt haben, um sich angenehm zu machen und weil sie kein anders Mittel wußten, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und einigen Anschein von Verdienst um das Publikum zu gewinnen. Ich mag, sage ich, diesen Modeton nicht mitlallen, der aller Orten, wo etwas vorgeht, das nicht ganz klar ist, ausruft: »Dahinter stecken wieder Jesuiten!« Übrigens verdienen manche dieser Herrn allen freundlichen Dank, wenn sie nur so gütig seyn wollten, mit ein wenig minder intoleranter Grobheit (um nicht Flegeley zu sagen) und übermüthigem Hohne, ja! mit Verleumdung, Verunglimpfung ehrlicher Namen über Männer, die bey ihren Zeitgenossen in guter Achtung stehen, herzufallen, wenn diese unglücklicher Weise nicht sehn können, was sie sehen, und es wagen, mit Bescheidenheit ihre Zweifel dagegen vorzubringen. – Doch, nichts für ungut! – Ich bin von der Hauptsache abgekommen und will also lieber ein neues Kapitel anfangen, um zu erzählen, wie weit diese jesuitischen Grundsätze und Operationen unsre beiden jungen Männer führten. Fünftes Kapitel Wir haben im vorigen Kapitel gehört, daß Alwerth sich ganz zu einem Jesuiten gebildet hatte, haben gehört, daß bey ihm natürliche Anlage, Temperament, erste Erziehung und äußere Verhältnisse, kurz! alles sich vereinigte, seinen Charakter nach dem Ideale zu bilden, das er sich zur Nachahmung vorgestellt hatte. Mit Seelberg war es nicht ganz so beschaffen. Das Äußere davon nahm er zwar an wie jede andre Form, zu welcher er sich modeln wollte; allein die Eindrücke, die er in der frühen Jugend bekommen hatte, sein zu sanguinisches Temperament und ein gewisses moralisches Gefühl, das gegen manche harte Weltbeherrscherssätze sich empörte und ihn oft unwillkürlich auf einen bessern Weg hinzog, als der war, den ihm der immer kalkulierende, vorauslauschende Geist des Jesuitismus vorschrieb, durchkreuzten manche von Alwerth so listig ausgesonnene Pläne. Es fehlte ihm auf keine Art an der Gabe, die Menschen zu gewinnen; er war ein hinreißend angenehmer Gesellschafter, wo er es nöthig fand Schmeichler, Stutzer, Beförderer der schönen Künste; aber eben diese hübschen Talente und Liebhabereien führten ihn auch oft weiter, als sie sollten, und statt daß Alwerth zu allen Zeiten aus sich zu machen wußte, was er jedesmal nach den Umständen nöthig fand, so war Jener mehrentheils tout de bon , was er war, ließ sich hinreißen durch Geselligkeit, Tanz, Musik, und dann öffnete sich sein Herz, dann verließ ihn die so nöthige Achtsamkeit, Verschlossenheit und Wachsamkeit. Alwerth war mehr Meister über sich, ertrug alle Arten von Menschen, und dies nicht eine kurze Zeit und wenn er grade bey Laune war, sondern immer, hatte für jedermann zu allen Zeiten das nämliche sanfte, menschenfreundliche Gesicht bereit; Seelberg ermüdete leicht über solche Hingebungen, fühlte zuweilen einen nicht zu verbergenden Ekel gegen mittelmäßige, langweilige Leute und beleidigte dadurch Manche, deren er mehr hätte schonen sollen. Alwerth behielt immer den Anstrich von Simplizität und Bonhommie; Seelberg nahm äußerlich alle Sitten des Hofmanns an, versprach Jedem, der bat, auch da, wo er voraus wußte, daß er nicht würde Wort halten können, interessierte sich im Grunde des Herzens wohl für niemand als sein eigenes Ich, war äußerst frivol und also ein sehr unsichrer Freund, hatte aber doch Augenblicke, in denen er sich Freunde wünschte und sich entrüstete, wenn er die Erfahrung machte, daß vielleicht nicht Einer von den unzähligen Menschen, die sich unter ihm schmiegten, aus wahrhaftem Herzenshange ihm zugethan war, sondern daß sie nur entweder seinen Schutz erbetteln oder durch seinen Umgang sich geehrt wissen wollten. Aller Sinn für Einfalt und Natur schien in ihm erstorben zu seyn, und doch riß ihn unwillkürlich seine sanftere Gemüthsneigung, sein besserer Instinkt hin zu edlern Gefühlen. Er konnte stundenlang sich an den unschuldigen Spielen der Kinder ergötzen, ja! an ihrem Umgange Vergnügen finden. Sein ganzes Bestreben und seine Aufmerksamkeit schienen nur gerichtet auf Studium der Menschen, und doch irrte er sich jeden Augenblick in Beurtheilung der Charaktere. Alwerth war Meister über jeden Ausbruch seiner Leidenschaften, kam nie aus dem Gleichgewichte seines Gemüths; Seelberg hingegen war sehr wankelmüthig und nicht fähig, die Hauptrevolutionen, die in ihm vorgingen, zu verbergen. Sein Ehrgeiz blickte mitten aus der angenommenen Demuth und Bescheidenheit hervor. Man sah, daß er aller Orten der Erste oder der Letzte seyn wollte, und wenn er sich stellte, als verachtete er das Urtheil des großen Haufens, so las man doch auf seinem Gesichte, welchen Eindruck die gute oder schlimme Meinung Andrer auf ihn machte. Oft überraschte ihn in muntrer Gesellschaft eine Anwandlung von jener natürlichen, ungezwungenen Fröhlichkeit, die seine Mutter ihm aufgeerbt hatte und die mit dem studierten Charakter eines feinen Hofmanns sonderbar genug kontrastierte, und ebensooft entwischten ihm ebenso unschicklich kleine Satyren und Spötteleien, woran er, wie wir wissen, schon in seines Vaters Umgange den Geschmack gewann. Er verbarg es nicht, wie frey er über positive Religion dachte, statt daß Alwerth, obgleich er im Herzen nicht weniger Freigeist war, auch über diesen Punkt seiner Zunge den Zaum anlegte. Er lebte nicht so mäßig im Essen und Trinken, als ein Mann thun soll, dessen Kopf immer gleich heiter, dessen Laune immer die nämliche seyn muß. Wenn ihn jemand gekränkt oder beleidigt hatte, so konnte er sich nicht erwehren, ihn ein wenig seine Rachsucht fühlen zu lassen. Endlich sprach er auch zuviel und enthüllte dadurch wo nicht seine Pläne, doch seine Grundsätze, und machte, daß die Leute ihn zu genau kennenlernten. – Mit Einem Worte! Alwerth war schlimmer, als er schien, und Seelberg wollte schlimmer scheinen, als er war. Nun versäumte zwar Alwerth keine Gelegenheit, unsern Helden in seinem Systeme zu bestärken und auf Festigkeit bey ihm zu dringen; allein er fand täglich mehrmals Ursache, unzufrieden mit seinem Schüler zu seyn. Indessen fingen sie ihre Operationen an. Um den Monarchen von allen Regierungsgeschäften zu entfernen, in welchen die altern Herrn vom Ministerio durch Rathgeben viel Einfluß hatten, überzeugte unser Leibarzt ihn, er müsse seiner Gesundheit wegen, die man Mittel fand, für schwach auszugeben, eine Zeitlang auf dem Lande, entfernt von aller Anstrengung des Geistes, zubringen. Dort sorgte Seelberg dafür, daß Zerstreuungen und Lustbarkeiten aller Art ihm Hang zu einem müßigen, wollüstigen Leben voll Abwechselung einflößten, welches bey Fürsten nicht schwer zu halten pflegt. Indes hatte sich der Günstling das besondre Geschäft auftragen lassen, aus solchen Dingen, die das Ministerium nicht für sich abthun konnte, dem Könige zu referieren, dagegen jedem Andern untersagt wurde, sich in ernsthaften Angelegenheiten an den Monarchen zu wenden. Hierdurch erlangte Ludwig, daß statt Eines Departements, in welchem er bis itzt gearbeitet hatte, er nun von Allem Wissenschaft bekam, daß alles durch seine Hände ging, daß er von diesen Dingen seinem Herrn grade so viel vortrug, als er nöthig fand, und daß es von ihm abhing, wann, wo und wie er dieselben vortragen wollte, folglich auch, was darauf beschlossen werden sollte. Nachdem nun der König die angenehmsten Monate also auf dem Lande verschwelgt und gesehn hatte, daß dennoch die Staatsgeschäfte – Dank sey es der Sorgfalt des immer thätigen und geschickten Seelbergs! – ihren Gang fortgingen, so war er um so leichter zu stimmen, eine längst vorgehabte Reise durch den schönsten Theil von Europa zu unternehmen. Es versteht sich, daß die Personen, welche das Reisegefolge ausmachten, vorsichtig gewählt wurden, daß der Leibarzt unter Diesen war, daß derselbe den Monarchen nicht aus den Augen lassen und den genauesten Briefwechsel mit Seelbergen unterhalten mußte, welcher indes, mit einer ziemlich unumschränkten Vollmacht versehn, in der Residenz blieb. Jetzt war er freilich Herr und Meister, aber jetzt, da er, sich selbst überlassen, aus seines Hofmeisters Augen war, beging er auch die großen Fehler, die ihm hernach so viel Verdruß zuzogen. Höhere Kraftgenies pflegen nicht viel Ehrerbietung gegen alte, ehrwürdige Sitten und Gebräuche, Gerechtsame und Gesetze zu hegen, ungeachtet diesen gewöhnlich sehr weise, vielleicht nicht bey jedem ersten Anblicke merkbare, ganz von dem Volksgeist beseelte, in die Grundfeste des Reichs verwebte Ursachen die Entstehung gegeben haben. Sie stürzen gar zu gern kleiner Gebrechen wegen eine ganze Verfassung über den Haufen, ehe sie wissen, ob sie eine bessere, auf Lokalumstände und Zeitalter passende an deren Stelle errichten können, ohne zu bedenken, daß ein fehlerhaftes System, nach welchem man aus Gewohnheit und Anhänglichkeit konsequent und unveränderlich handelt, oft viel mehr werth ist als ein neues, an welchem man, wenn es nicht recht paßt, immer ausflicken muß, wäre dieses auch im Ganzen besser als das vorige . So ging es denn auch unserm Herrn von Seelberg. Er drehete um, verbesserte, verwarf und fand dann hintennach nicht nur unendliche, unübersteigliche Schwierigkeiten in der Ausführung des Neuern, sondern brachte auch den Kern der Nation, deren Verfassung er in seinem Weltregiererstiegel umschmolz, heimlich gegen sich auf. Die mehrsten alten Diener, welche Gegenvorstellungen wagten oder auch nur mit ihren lange gebrauchten alten Knochen und ein wenig phlegmatischen Temperamenten weniger schnell bey Durchsetzung der neuen Reformen waren, wurden verabschiedet, in Pension gesetzt oder zogen sich freiwillig mit Seufzen zurück. Es entstand ein allgemeines Mißtrauen, wie es in Ländern, wo Jesuitismus oder überhaupt eine gewisse unreine Politik, ein System herrscht, dessen Grundsätze nicht jedem der Geringsten vom Volke entwickelt werden können, nicht zu vermeiden ist. Auch das Beste geschah mit einem Anstriche von Mysteriosität, wie wenn nur Werke der Finsternis getrieben würden, und es schien, man mache sich ein Verdienst daraus, immer zu scheinen, als gehe man schiefe Wege – Ein vermaladeieter Ton, der an so manchen Höfen herrscht, wo man aus Allem Geheimnis macht und jedem Wirken und Handeln, – ja! wenn es noch Unthaten wären! – aber jedem muthwilligen Knabenspielwerke den Stempel der Politik aufdrückt! Wo Zutrauen und Offenherzigkeit fehlen und Gradheit im Denken und Handeln kein Verdienst gibt, da wird jeder Antrieb zu edeln, großen Handlungen unterdrückt, jeder gute Keim erstickt, und wo in einem Staate von oben herab Verachtung dessen, was allein im Leben und Sterben Ruhe und sichern Trost geben kann, bis zu dem Volke hinunter allgemein um sich greift, wo echte Gottesverehrung nicht dem Throne zur Seite steht, nicht über den Monarchen wacht, seine Hand leitet, seinen Befehlen die höhere Sanktion gibt, nicht die Gemüther stimmt, dem segnenden Wohlthäter mit Freuden zu gehorchen, auch im Stillen, wo niemand als der höchste Richter es sieht, mit ihm zu gleichen, höhern Zwecken ihre Pflichten zu erfüllen, da verschwindet auch jedes sittliche Gefühl, Moralität sinkt, und Jeder thut für sich im Verborgenen, was er glaubt, ohne öffentliche Ahndung thun zu können – Das war denn hier der Fall! Übrigens läßt sich nicht leugnen, daß Seelberg auch mancher einzelnen guten Einrichtung die Entstehung gab, daß er auf Recht und Gerechtigkeit (nach dem gemeinen, weitern Sinne dieser Worte) hielt und daß er so wenig darauf bedacht war, sich zu bereichern, daß er vielmehr in manchen Gelegenheiten eine Uneigennützigkeit zeigte, die bey ihm, der jetzt kein Verschwender war, sondern, ungeachtet alles Aufwandes, den er machte und auch machen konnte, den Werth des Geldes recht gut kannte, in der That wohl Lob verdiente. Überhaupt kam sein ganzes Treiben und Wirken aus übelgeordnetem Thätigkeitstriebe her, aus unechtem Ehrgeize, aus dem Drange, eine Rolle zu spielen, aus falscher Ruhmgierde, aus Mangel an Sinn für wahre Größe und aus unrichtigen Begriffen von Staatskunst. Doch es ist Zeit, daß ich auch ein paar Worte über Luisens Betragen bey diesen Schritten ihres Gatten sage. Ich habe im vorigen Kapitel erwähnt, daß ihre äußere Verhältnisse sie von beiden Theilen abhielten, in ihren Umgang denjenigen Grad von freundschaftlicher Vertraulichkeit zu mischen, der unter Eheleuten von minder vornehmer Lebensart ein Band mehr zu wahrer häuslicher Glückseligkeit ist, wo alle Zurückhaltung wegfällt, kein Geheimnis Statt hat, wo man alles gemeinschaftlich trägt und tragen hilft, sich gemeinschaftlich freuet, sich gemeinschaftlich tröstet – Ein solches Verhältnis herrschte nicht unter Seelbergen und seiner Frau. Dazu kam, daß sie ihm keine Kinder gebar, folglich auch dieser Gegenstand fehlte, der den Zirkel häuslicher Glückseligkeit enger zusammenzieht und Hausväter und Hausmütter im Mittelstande mit sanften Fesseln an ihren Familienherd festbindet. Jeder von ihnen ging also seinen eigenen Weg; die gnädige Frau brachte ihre Tage in ihrem Appartement oder auswärts in glänzenden Gesellschaften zu, der Herr Staatsminister aber tummelte sich auf seinem politischen Steckenpferde vor den Augen der ganzen Nation herum. Doch wünsche ich, man möge das nicht so verstehn, als habe eine gewisse Kälte und Gleichgültigkeit unter ihnen geherrscht; nein! in den wenigen Stunden, in denen sie sich sahen, begegneten sie sich gewiß mit aller ersinnlichen Liebe und Aufmerksamkeit. Für Luisens Herz wäre wohl eine bürgerliche Lebensart mehr gemacht gewesen; allein man gewöhnt sich an alles, und Weiber gewöhnen sich am leichtesten an das, was die Eitelkeit schmeichelt. Übrigens sprach Seelberg mit seiner Frau nie von seinen Geschäften; sie bekümmerte sich nicht darum; andre Leute wagten es nicht, sie davon zu unterhalten, der Hausfreund Leuchtenburg wollte es aus guten Gründen nicht, und so blieb es dann dem guten Weibe verborgen, in welcher gefährlichen Lage Seelberg sich befand. Auch würde es die Frage gewesen seyn, ob er den sanften Vorstellungen seiner Frau Gehör gegeben hätte, ob seine Liebe zu Luisen mächtiger gewesen seyn würde als sein falscher Ehrgeiz. Die Briefe an den Grafen Storrmann enthielten nur allgemeine Nachrichten von Wohlbefinden und Zufriedenheit, die Dieser in ebenso allgemeinen Ausdrücken beantwortete; und so ging denn unser Minister seinen Gang fort, von keinem Freunde gewarnet noch zurechtgewiesen. Unser Herr von Leuchtenburg ließ indes nicht ab, den Hausfreund zu machen, suchte auf alle Art Seelbergs Zutrauen zu gewinnen, und da Dieser nicht so verschlossen war, als er hätte seyn sollen, und er in Alwerths Abwesenheit nicht Einen Vertraueten in *** hatte, so ließ er zuweilen im Drange von Mittheilung, wenn gigantische Entwürfe in ihm kochten, ein Wörtchen in Gegenwart dieses Ausspähers fliegen, das nicht unaufgefangen blieb – Der Leibarzt, der viel feinere Blicke in die Menschenseelen that, hatte seinen Freund oft hiervor gewarnet. Unterdessen kam der König von seiner Reise zurück, und unser Held blieb am Ruder der Geschäfte. Alwerth hatte die feinern Triebfedern an den fremden Höfen, die er nun zum Theil mit eigenen Augen gesehen hatte, genau erforscht und Leute zu gewinnen gesucht, mit welchen man dann einen geheimen Briefwechsel anfing. Nicht zufrieden, im Königreiche alles umgekehrt, durcheinandergeworfen und seiner Willkür unterthan gemacht zu haben, verstieg sich nun auch der beiden Staatsmänner hoher Genius so weit, daß er in auswärtigen Kabinetten regieren und nach dem schönen jesuitischen Grundsatze: divide \& impera! Uneinigkeit unter den Höfen und Mächten stiften wollte. Es wurden desfalls zu Gesandten und Residenten lauter Kreaturen und solche Menschen gewählt, die sich zum Spionieren und Ränkeschmieden brauchen ließen, oder, wo das nicht anging, da unterhielt man neben dem öffentlichen Gesandten noch einen geheimen, der mit besondern Instruktionen versehen war, welche mehrentheils das Gegentheil von dem enthielten, was Jenem war aufgetragen worden. Mit dieser Art zu handeln erlangte Seelberg an einem paar Höfen, an welchen Inkonsequenz, Spaltung und schlechte Staatskunst herrschten, vollkommen den Zweck, alles nach seiner Willkür zu stimmen und zu ordnen; andre hingegen, deren Ministerium von größern Männern regiert wurde, fingen an aufmerksam zu werden und ihren Gesandten am *** Hofe Winke zu geben, damit sie auf den Herrn Minister von Seelberg achtsam seyn möchten. Unter diesen Gesandten nun waren zwey äußerst schlaue, erfahrne Staatsmänner, die bald den sichersten Weg ausfindig machten, hinter alle diese Geheimnisse zu kommen. Sie steckten sich nämlich hinter den saubern Herrn von Leuchtenburg, den ihre feine Menschenkunde ohne große Mühe für einen Schurken erkannte. Wir wissen (oder haben es wenigstens leicht vermuthen können), daß dieser Bube einen heimlichen Groll gegen Seelberg hegte, der ihm das Fräulein von Wallenholz vor dem Munde weggeschnappt hatte. Wirklich lag dieser Groll unaufhörlich im Hinterhalte und lauerte hämisch auf die Gelegenheit. Es gibt solche Menschen, die nicht im Stoß der Leidenschaft, von Zorn und Rachgier entflammt, das Böse thun, sondern die kaltes Blut genug haben, sich Zeit zu nehmen, den bequemsten Augenblick bey guter Muße zu erwarten und dann mit aller Vorsicht und Überlegung, also um so sichrer den Herzensstoß zu wagen. Einer von diesen Teufeln war Leuchtenburg – Übrigens, wie wir auch wissen, ein Mann ohne Vorurtheile, der gern alles aufklärte, entlarvte, an den Pranger stellte und daher, wie gewöhnlich die Menschen dieser Art, nicht übermäßig ekel in der Wahl der Mittel, die er anwendete, um die Dinge aufzuklären und die Personen zu entlarven. Seinem Wohlthäter und Freunde Papiere zu stehlen, zum Beispiel, um davon Gebrauch gegen denselben zu machen, das war eine kleine unschuldige List, ja! ein Aktus der Gerechtigkeit, denn alle Privatrücksichten müssen dem allgemeinen Besten weichen, und wenn diese Papiere nichts Unerlaubtes enthielten, so durfte sie ja jedermann sehn, mußte sie jedermann sehn können (wie denn wirklich die Publizität schon unendlich viel Gutes gestiftet hat). Waren aber Geheimnisse von irgendeiner Art darin enthalten, warum verwahrte der Mensch seine Papiere nicht besser? Es würde den größten Theil meiner Leser ermüden, wenn ich Sie mit einer weitläufigen Erzählung der Hofränke unterhalten wollte, durch welche Seelberg gestürzt wurde – Nur soviel davon! Leuchtenburg entwendete seinem Beschützer Briefschaften, die derselbe aus edler Zuversicht zu seines Hausfreundes Redlichkeit vor demselben nicht immer verschlossen hatte. Diese Schriften enthielten Dokumente über alle die schiefen Wege, deren man sich bedient hatte, um an den fremden Höfen den Meister zu spielen. Kaum besaßen die beiden Gesandten den Schatz, so machten sie davon Gebrauch gegen Seelberg, der freilich Staatsminister und Günstling war, aber eben im Ministerio eine mächtige Parthey gegen sich hatte, die nur auf Gelegenheit wartete, ihn zu stürzen. Diese Gelegenheit war itzt da; es vereinigte sich eine große Ligue gegen ihn. Man legte dem Monarchen die Papiere vor, begleitet von Erläuterungen und dringenden Bitten, die Neid, Bosheit und Rachsucht eingaben – Fürsten kostet es selten viel, dem Staatsinteresse einen Diener aufzuopfern, und hätte auch dieser Diener Ursache gehabt, sich für den Liebling, für den unentbehrlichsten Freund seines Herrn zu halten – Mit Einem Worte! man brachte ohne große Mühe den König gegen unsern Helden auf, und ehe noch Seelberg etwas von der Verschwörung und dem Verluste seiner Papiere merkte, war er schon in Verhaft genommen, wurde darauf in der Nacht fortgeführt, auf unbestimmte Zeit in einer entlegenen Festung gefangengesetzt, und nach acht Tagen nannte niemand mehr seinen Namen, weder laut noch heimlich in den Vorzimmern. Alwerth wartete nicht so lange, bis auch an ihn die Reihe kommen möchte, mit in das Schicksal seines Beschützers eingeflochten zu werden, sondern bat um seinen Abschied, und da er in der Stille operiert hatte, folglich beweisbar nichts auf ihn zu bringen war, er auch im Staate keine so hervorstechende öffentliche Rolle spielte, so ließ man ihn ruhig reisen. Er ging in seine Vaterstadt zurück, und wir werden künftig mehr von ihm hören. Kaum aber war in Luisens Ohr die Nachricht von ihres Gatten Unglück wie ein Donnerschlag gedrungen (Man erlaubte ihr nicht einmal, Abschied von ihm zu nehmen), als ihre ganze innige Zärtlichkeit zu ihm mit voller Lebhaftigkeit erwachte. Sie war bey der schrecklichen Nachricht von Seelbergs Gefangennehmung (welche sie in dem Hause einer Freundin bekam) in Ohnmacht gefallen. Nachdem sie wieder zu sich selbst kam und nun nach Hause gebracht wurde, wollte sie in ihres Gemahls Zimmer stürzen, doch die Wache versagte ihr den Eingang. Voll Verzweiflung entschloß sie sich, an den Hof zu eilen, sich dem Monarchen zu Füßen zu werfen und wenigstens von ihm zu erflehen, daß er sie nicht von ihrem Manne trennen möchte; allein Leuchtenburg, der heuchlerisch die Rolle eines theilnehmenden, fast in Thränen schwimmenden Freundes spielte und auf das erste Gerücht von dem Unfalle seines Wohlthäters herbeigeeilt war, hielt sie zurück, indem er ihr vorstellte: jetzt, in dem ersten Augenblicke, da der König aufgebracht sey, dürfe man keine Milderung der Strafe noch sonst eine Gnade hoffen, nach einiger Zeit hingegen werde vielleicht eher etwas auszurichten seyn. So mußte sich denn das gute Weib beruhigen. Sie verschloß sich in ihre Zimmer, vertrauerte ihre Tage, schaffte den größten Theil ihrer Domestiken ab und sah keinen Menschen (auch drängten sich die Hofleute eben nicht herzu, sie zu besuchen) außer Leuchtenburgen, der ihr in ihrem Unglücke treulich beizustehn und einen günstigen Zeitpunkt zu erlauern versprach, wenn etwas zu Änderung ihres Schicksals zu thun seyn würde. Während nun die Sachen also standen, erhielt sie eine Nachricht, die nicht wenig dazu beitrug, ihren Zustand noch schrecklicher zu machen. Ihr Schwager, der Graf Storrmann, nämlich war plötzlich gestorben und hatte seine Gemahlin mit vier noch unerzogenen Kindern zurückgelassen, so daß auch Marie nicht im Stande war, zu ihrer Schwester zu reisen und ihr beizustehn. Leuchtenburg schien desfalls die einzige Stütze, der einzige Freund zu seyn, der Luisen in diesem fremden Reiche übrigblieb, und wir werden in der Folge hören, welcher Hilfe sie sich von ihm zu erfreuen hatte. Sechstes Kapitel Der Kommandant der Festung, in welcher Seelberg saß, war kein harter, strenger Mann. Staatsgefangene von höherem Range pflegen überhaupt mit einiger Schonung und Achtsamkeit behandelt zu werden, wenn nicht ausdrücklich das Gegentheil befohlen ist, aber der alte Obrist hatte noch obendrein einen sehr milden und gütigen Charakter. Unser Freund durfte daher Bücher kommen lassen und lesen, was er wollte, auch schreiben, nur keine Briefe fortschicken, selbst an seine Frau nicht, denn das war ihm höhern Orts untersagt worden. Er durfte auch im Bezirke der Wälle, begleitet von einem Unteroffiziere, frey umhergehn. Seine Tafel wurde sehr gut versehen. Seine Zimmer hatten die schönste Aussicht hin nach der weiten See, und von der andern Seite erblickte das Auge eine herrliche Landschaft, bunte Wiesen voll hüpfenden Viehes, lachende Dörfer, reiche Felder und dicke Waldungen. Des Kommandanten Tochter liebte Musik; sie veranstaltete oft kleine Konzerte, und unser Gefangener durfte denselben beiwohnen. Sein Vermögen hatte man ihm nicht nur gelassen, sondern auch eine ansehnliche Summe zu seinem Unterhalte ausgesetzt; also litt weder er noch seine Gattin Mangel. Gesund waren sie Beide. Es war nicht zu befürchten, daß die Gefangenschaft lange dauern, sondern vielmehr wahrscheinlich, daß man ihn nach ein paar Jahren loslassen und ihn bitten würde, aus dem Königreiche zu gehn. Im Publiko war die Ursache seines Sturzes nicht bekannt worden, nichts seiner Ehre Nachtheiliges ausgebreitet, und man war schon, besonders seit der vorigen Regierung, ziemlich daran gewöhnt, Günstlinge, verdienter und unverdienter Weise, steigen, fallen, zu hohen Würden erhoben und in das Gefängnis wandern zu sehn, so daß also durch solche Glücksrevolutionen der äußere Ruf eines Menschen nicht sonderlich litt. Endlich hatte Seelberg sich doch auch keine eigentliche Niederträchtigkeiten, keine Bedrückungen der Unschuld, keine Plünderung der Armen vorzuwerfen; folglich war im Ganzen sein innerer und äußerer Zustand so, daß mit ein bißchen echter Philosophie an der Hand der Zeit, die jedem Übel die Bitterkeit benimmt, seine gegenwärtige Lage nicht nur erträglich werden, sondern sehr zu seiner moralischen Besserung hätte dienen können. Wie fähig wäre nicht der majestätische Anblick der schönen Natur gewesen, ein Frieden suchendes Gemüth zu erquicken, zu erheitern und es in eine Stimmung zu versetzen, in welcher es sich, weit emporgehoben über die kleinen elenden Weltverdrießlichkeiten und Katzbalgereien um das, was der blinde Haufen Macht, Ansehn und Ehre nennt, zu seinem Schöpfer hinaufgeschwungen und Ruhe und Heiterkeit mitten zwischen den Mauern eines Kerkers gefunden hätte! Wer kann dem Geiste Fesseln anlegen, der frey seyn und auf dem Wege nach dem bessern Vaterlande durch höhere Ahnungen und den Vorschmack dessen, was Unsrer wartet, die kleinen Unannehmlichkeiten einer kurzen Reise sich versüßen will? – Und was ist fähiger, uns in diese glückliche Stimmung zu versetzen, als das stille Anschauen der herrlichen, holden Schöpfung? – Betrachten wir aber Seelbergen, wie er war! Die Schönheiten der Natur machten keinen Eindruck auf sein von aller edeln Simplizität so weit entferntes Herz; nur das Gekünstelte, Zusammengesetzte und Übertriebene konnte Sensation in ihm erwecken. Er hatte keinen Sinn mehr für das Einfache, fand an nichts Geschmack als an dem Wirken, Treiben und Jagen der Menschen untereinander und an der Entwicklung der feinen Falten des Herzens; allein auch von dieser Seite war er durch Darstellung schwer zu befriedigen. Er ließ sich einen Haufen Bücher holen, die ihm wirklich noch neu waren, da seine ernsthaften und überhäuften Geschäfte seit einigen Jahren ihm nicht erlaubt hatten, viel zu lesen; aber diese literarischen Produkte lieferten ihm dennoch keine wahrhafte Seelenspeise. Geschichtsbücher und Erzählungen wirklicher oder erdichteter Begebenheiten und Schilderungen von Charakteren hatten nicht Interesse genug für ihn, insofern die geschilderten Personen nicht Menschen von ganz besondrer Schöpfung waren, auch machten wenig philosophische Werke über die Seelenkunde sowie die Schriften, deren Gegenstand die Erforschung der leidenschaftlichen Gänge und Wirkungen war, ihr Glück in seinen Augen. Er hatte zu früh Menschenkenntnis zu seinem Studium gemacht und glaubte nun, in diesem Fache nichts Neues mehr hören zu können, glaubte die Alltagsmenschen (und seiner Meinung nach gab es wenig andre in der Welt) so auswendig gelernt zu haben, daß nichts mehr von allem, so von denselben zu sagen war, ihn überraschte. Moralische Schriften konnten ihm noch weniger Wonne gewähren, da er sich systematisch und praktisch überzeugt hielt, daß die sittlichen Vorschriften bis itzt noch nichts Gutes in der Welt gestiftet sowie nichts Böses verhindert hätten, sondern daß Instinkt und Eigennutz die einzigen Triebfedern der menschlichen Handlungen wären. Hätte er bey dieser unglücklichen Stimmung sich ernstlich auf eine positive Wissenschaft oder Kunst gelegt, wie er dazu Muße genug hatte, hätte er irgendeinen Zweig der mathematischen Wissenschaften oder irgendein Handwerk gründlich zu erlernen sich bestrebt, so würde auch diese Beschäftigung ihm wohlgethan und seinem Herzen nach und nach Ruhe verschafft haben; allein die unglückliche Polyhistorey, das rastlose Lesen der Journale, so er ehemals getrieben, der Journale, in welchen mit encyclopädischer Windbeuteley in allen Feldern der Gelehrsamkeit und Kunst fouragiert und jedem kuriosen Liebhaber ein Brocken hingeworfen wird, mit welchem er gelegentlich prahlen kann (da doch heut zu Tage jeder Laffe und jedes eitle Weib sich schämt zu bekennen, es sey etwas im Himmel und auf Erden, wovon sie nichts wissen, worüber sie nicht ein unsinniges Urtheil fällen dürften), diese Polyhistorey hatte ihm alle Lust, mit den nöthigen Details zu Erlernung einer Wissenschaft sich abzugeben, und allen gelehrten und andern Kenntnissen in seinen Augen den Reiz der Neuheit benommen. Musik hatte er von jeher außerordentlich geliebt, doch war auch in dieser schönen Kunst sein Geschmack verzärtelt. Sein Ohr war am Hofe durch große vollstimmige harmonische Ausbrüche erschüttert oder durch äußerst luxuriöse Melodien gekitzelt worden. Gewöhnt, mehr auf die Kunst der Zusammensetzung und auf die zauberische Fertigkeit des Spielers als auf die wahren Schönheiten des einfachen Gesangs zu merken, hatte ein gefälliges, kleines, naives Lied, eine Melodie voll keuscher, unschuldiger Würde und prunkloser Erhabenheit keinen Reiz für ihn, und andre Musik konnte ihm das gute Mädchen, die Tochter des Kommandanten, nicht verschaffen. Da ihm also jedes Mittel, seine Aufmerksamkeit auf eine nützliche und unschädliche Art zu beschäftigen und von unruhigen, nagenden Gedanken abzuziehn, fehlschlug, so war er unaufhörlich seinen eigenen in ihm arbeitenden Leidenschaften preisgegeben. Der gekränkte Ehrgeiz, der nun auf einmal die großen Projekte alle (welche freilich auf einen sehr unbestimmten letzten Zweck abzielten) vor sich zertrümmert sah, die beschämte Eitelkeit, die sich vorstellte, wie nun Neider und Feinde sich an seinem Unglücke weiden und wie die Gespräche des Pöbels in den Bierhäusern seinen Fall zum Gegenstand haben würden – Dies alles brachte ihn oft der Verzweiflung nahe. Und wo sollte er, bey einem einsamen, müßigen, zerstreuungslosen Leben, Ersatz gegen die heftigen Angriffe dieser Leidenschaften finden? In den Armen der Religion? Wir wissen, wie er in diesem Punkte gesinnt war; und doch schien dies der einzige Hafen, in welchem er hätte Schutz suchen sollen gegen einen Feind, der mit ihm aufstand und mit ihm zu Bette ging. Auch war die Religion die letzte Zuflucht, nach welcher er endlich seine Hände ausstreckte. Aber welch eine Religion? Nicht jene göttliche Tochter des Himmels, die, was unsre schwache Vernunft nur ahnen darf, auf die tröstlichste Weise bestätigt und bekräftigt, die, wenn uns sonst nur Temperament oder berauschender Enthusiasmus zur Tugend leiten, uns kräftigere Veranlassung gibt, das Gute zu thun, auch da zu thun, wo es Überwindung und Kampf gegen die Sinnlichkeit kostet, und die uns dann den Preis dieses Kampfes zusichert! – nein! zu einer solchen, so froh, so seligmachenden Religion war sein Herz noch nicht vorbereitet. Vielmehr war das, was er statt dessen ergriff, ein betrügerisches Afterbild jener göttlichen Weisheit. Ich halte nicht viel von den Bekehrungen, die so schleunig vor sich gehn in der Zeit der Noth und der Langenweile, in Bedrängnissen, im Überdrusse, aus Ekel vor den Welthändeln, aus Feindseligkeit gegen die Menschen, die uns gekränkt haben, wenn man dem lieben Gott in die Arme rennen will, weil uns die irdischen Arme von sich stoßen. Solche Bekehrungen sind insgemein heuchlerisch oder fantastisch und nicht von Dauer. Auch bey Seelberg trat der letztere Fall ein – Er wurde ein Andächtler, und das ging folgendermaßen zu: In der Stadt, neben welcher die Festung lag, in der Seelberg eingesperrt war, wohnte ein Pfarrer, der in dem Rufe von großer Gottesfurcht und zugleich von tiefen philosophischen Kenntnissen stand. Eines Tages traf unser Gefangener denselben bey dem Kommandanten an, und da er ihm gelegentlich erzählte, wie es ihm an neuen Büchern fehle und daß so wenige von den literarischen Produkten, welche man ihm geschickt habe, seinem Geiste Nahrung gäben, versprach der gute Geistliche, ihm Schriften zu schicken, die gewiß seinen Wunsch erfüllen würden, insofern er irgend empfänglich für höhere Gegenstände wäre. Wenige Menschen mögen gern, daß jemand, er sey auch, wer er wolle, von ihnen glaube, sie haben keinen Sinn für das, was der Andre Größe nennt, und wäre diese Größe auch im Grunde nur Unsinn; Seelberg war also schon, ehe er die Bücher bekam, fest entschlossen, etwas Erhabenes darin zu finden. Am folgenden Morgen erhielt er dann ein Paket, in welchem er mytho-hermetisch-cabalistisch-magisch-theosophisch-alchymische Schriften fand. Nun wissen wir aus alten Zeiten Aus dem fünften Kapitel des ersten Theils . , daß unser Held gleich nach seiner Aufnahme in den Freimaurerorden sich auch mit diesen sogenannten höhern Wissenschaften ein wenig abgegeben hatte; allein sein zu lebhaftes Temperament, seine wirklich gern bey hellem Lichte sehende Vernunft und so mancherley Zerstreuungen, in welche er verwickelt wurde, hatten ihm nicht erlaubt, sich mit ganzem Ernst solchen mystischen Studien zu widmen. Jetzt, da wirkliche Scenen in der Welt für ihn so wenig Reiz mehr hatten, jetzt war seine Fantasie leicht spazierenzuführen in außerirdischen Regionen. Falsche religiöse Schwärmerey (denn ich hoffe, man wird nicht so unbillig seyn zu glauben, ich rede von echtem edeln, religiösen Enthusiasmus) ist für schiefe Köpfe und für verirrte Herzen ein köstliches Opiat. Ein Mann mit reinem, friedevollen Gewissen und einem hellen Kopfe verlangt keinen Zuwachs von ätherischer Glückseligkeit; er fühlt keinen Drang, über die Grenzen irdischer Erkenntnisse hinaus mit höheren Wesen auf eine andere Art in engere Verbindung zu kommen als durch treue, unschuldsvolle, kindliche Erfüllung seiner Pflichten und durch ein herzliches, kunstloses Gebet in seligen und bedrängten Augenblicken. Er verlangt keinen weitern Trost in Widerwärtigkeiten als den: seine Hände nicht mit Laster befleckt zu haben, bedarf keines andern alchymischen Prozesses als der Vorschrift: »handle weise, so wirst Du glücklich seyn!« Er mag keine andre Universalarzeney kennen als die goldene Mäßigkeit. Aber welch eine bequeme Sache für den, welcher auf dieser Erde durch unkluge Streiche unter den Menschen, mit denen zu leben er bestimmt ist, sich allerley Verdruß zugezogen hat, sich loszureißen und in eine andre Welt in unsichtbare Gesellschaft sich hineinzuträumen, in eine Welt, in welcher wir uns unsre eigenen Gesetze schaffen und niemand Rechenschaft geben dürfen, ob wir dort unsern Platz ausfüllen, ja! wenn wir dann Mittel finden, eben aus der Einwirkung dieser unsichtbaren Welt in die sichtbare Entschuldigung für unsre Lümmeleien herzunehmen, das Böse, so wir gethan haben oder noch thun wollen, auf die Rechnung irgendeines bösen Geistes zu schreiben und uns zu überzeugen, daß unser ätherisches Wesen mit Gott und Engeln in Verbindung stehen könne, wenn auch indes unser gröberer Theil allerley böse Schwanke treibt und sich in Schlamm und Unzucht herumwälzt! Welch ein herrlicher Vortheil für den, welcher nichts Gründliches gelernt hat, sich mit einer Wissenschaft abgeben zu können, deren Grundsätze in so rätselhaften Worten vorgetragen sind, daß man, je weniger man davon versteht, um desto mehr Weisheit darin finden darf, daß der ärgste Pfuscher mit diesem Jargon sich dreist dem gelehrtesten Manne gegenüberstellen, von diesem nicht übersehen werden und daß er Jeden einen Ignoranten schimpfen kann, der keinen Zusammenhang, keinen gesunden Gedanken in solchen Schriften zu finden meint! In den ersten Tagen empfand Ludwigs von Seelberg Geist bey Lesung dieser noch obendrein in äußerst barbarischem Style geschriebenen Bücher einen gewissen Ekel, der körperlichen Empfindung des Würgens oder des Triebes zum Erbrechen nicht unähnlich, wovon der Magen ergriffen wird, wenn man ihm eine unappetitliche Arzeney eingeschüttet hat; allein, wie sich nach und nach der Geschmack an alles gewöhnt, ja zuletzt sogar Verlangen nach dem empfindet, wogegen er sonst den ärgsten Widerwillen fühlte, so ging es auch Seelbergen mit diesen Schriften. Er las sie und las sie wieder, glaubte zuweilen einen Strahl von Licht zu erblicken, der aber nur zu bald wieder, wie ein Irrlicht, über dem Sumpfe des Unsinns verschwand. Kam aber der Pfarrer und sprach mit Wärme und Enthusiasmus von der Erhabenheit dieser herrlichen Wahrheiten, die den Schlüssel zu der ganzen Natur enthielten, so schämte sich Seelberg zu gestehen, er finde diesen Schlüssel nicht darin; er lobte also mit, suchte, wenn der Pfarrer wieder fort war, noch einmal und fand endlich – daß es nicht schwer ist, seine Fantasie so zu schrauben, daß man damit wie mit einer Zange Bilder aus der Luft auffangen und neben sich hinstellen kann, die den wirklichen Dingen so ähnlich sehen als ein Windey einem vollen Eye. Kaum vergingen zwey Monate, so war Seelberg vollkommen in die Mystik eingeweihet, fühlte in sich öftere Einwirkungen guter und böser Geister, erbat und erhielt die Erlaubnis, in der Festung ein kleines Laboratorium anlegen zu dürfen, fing an, mit seinem Pastor zu kochen, zu braten, zu destillieren, zu schmelzen, zu extrahieren, zu fixieren, zu sublimieren, an dem Stein der Weisen und an der allgemeinen Arzeney zu arbeiten, lag halbe Tage hindurch auf den Knien und wartete auf das Glück, einmal den Himmel offen oder eine andre übernatürliche Erscheinung zu sehn, riß sich los von allen irdischen Dingen, verachtete Welthändel, Ehre, Ruhm, Gelehrsamkeit, Freundschaft, Verwandtschaft, Liebe und vergaß, daß er von seinem theuren Weibe getrennt, daß er ein Gefangener war. Wem nun dieser schnelle Übergang von Freigeisterey und Unglauben zu mytho-hermetischer Schwärmerey und die plötzliche Verwandlung eines unruhigen, äußerst lebhaften, thätigen Mannes voll ehrgeiziger Pläne in einen spekulativen Schiefkopf unwahrscheinlich vorkömmt, der hat die Menschen, die um ihn leben, besonders in den letztverflossenen zehn Jahren nicht beobachtet, hat nie Acht darauf gehabt, wie nahe die äußersten Grenzen der geistigen Verirrungen aneinanderstoßen; der ist endlich mir nicht aufmerksam bey der Zergliederung der Anlagen unsers Helden gefolgt, deren stufenweise Entwicklung ich doch gezeigt habe, gezeigt habe, wie von seiner ersten Jugend an seine Mutter warmes Gefühl von Gottesverehrung in ihm erweckte; wie dies Gefühl hernach einschlummerte, als er anfing über Religion zu vernünfteln; wie er hernach aus einem Raisonneur ein Zweifler und aus einem Zweifler ein Ungläubiger wurde; wie groß seine Einbildung von sich selbst und von seiner Fähigkeit, alles zu ergründen, war, auch in solchen Fächern, denen er nie ernstliche Anstrengungen gewidmet hatte, welcher Hang zum Sonderbaren, Ausgezeichneten und Bizarren in ihm wohnte; welche Ideen die Freimauerey in ihm rege gemacht hatte; wie unglücklich er beinahe in allen wirklichen irdischen Verhältnissen gewesen und wie wenig er geneigt war, sich selbst die Schuld davon beizumessen; wie seine Gefühle, seine Leidenschaften und seine Begierden in immerwährendem Streite mit seinen Grundsätzen standen und wie willkommen also einem solchen Manne ein System seyn mußte, in welchem sich alle nur mögliche theoretische und praktische Widersprüche auf die beruhigendste Art vereinigen ließen – Dem sey nun, wie ihm wolle, so gewährte doch diese Schwärmerey Seelbergen eine gewisse innere Ruhe, die ihn die ganze Zeit seiner Gefangenschaft hindurch nicht verließ und ihn gegen den Verlust seiner Freiheit beinahe ganz unempfindlich machte. Allein er erlangte auch diese bürgerliche Freiheit früher wieder, als er hätte hoffen dürfen. Kaum waren sechs Monate nach seiner Verhaftnehmung verstrichen, als der König in einer Aufwallung von Großmuth oder aus einem Überreste von Zuneigung zu Seelbergen, oder vielleicht auch, weil er glaubte, das Opfer, so er den fremden Gesandten und deren Monarchen gebracht hätte, sey vollkommen genug und seines ehemaligen Günstlings Verbrechen hätten doch im Grunde nur die Ausbreitung der Macht seines Herrn zum Endzwecke gehabt, ganz von freien Stücken und ohne jemand von seinen Rathgebern, die es vermuthlich hintertrieben haben würden, Nachricht davon zu geben, den Befehl ertheilte: Man solle Seelbergen loslassen und ihm andeuten, er könne, ohne jedoch vorher bey Hofe zu erscheinen, sich auf seine außer Landes gelegene Güter oder sonst an einen beliebigen Ort verfügen, woselbst er sich dann einer ansehnlichen Pension zu erfreuen haben sollte. War unsers Freundes Aufmerksamkeit durch Beschäftigung mit spekulativen , fantastischen Gegenständen von der traurigen Betrachtung seiner gegenwärtigen wirklichen Lage abgeleitet worden, so hatte sie ihn doch nicht unempfindlich für den Genuß des Glücks gemacht, so ihm nun durch Erlangung seiner Freiheit zu Theil wurde; vielmehr gerieth er in eine Art von Entzückung, als der Kommandant ihm die frohe Nachricht ankündigte: »Es ist Gottes Finger gewesen!« rief er aus. »Meine Gefangenschaft hat mir der allmächtige Baumeister der Welt nicht umsonst zugeschickt; es war Ruf zu höherer Beschäftigung. Jetzt soll auch der Rest meines Lebens diesen edlen, erhabenen Gegenständen gewidmet seyn.« Zärtlich nahm er Abschied von seinem geistlichen Lehrer in hermetischer Kunst und fühlte zum Voraus die Wonne, mit seiner guten Luise ein wahrhaftig patriarchalisches Leben anzufangen. Er wunderte sich, daß sie ihm nicht geschrieben habe, wozu ihr doch jetzt die Erlaubnis nicht würde seyn versagt worden. Man bedeutete ihn aber, sie wisse nichts von der günstigen Veränderung seines Schicksals: »Desto besser!« sagte er. »So will ich die redliche Frau angenehm überraschen«. Er fuhr noch an dem nämlichen Tage ab, kam um Mitternacht in der Residenz an, eilte in sein Hotel; die Thüren waren noch nicht verschlossen; er schlich sich durch einige Zimmer, die zu Luisens Appartement gehörten, ohne von jemand bemerkt zu werden, bis in ihre Kammer, und – o welche Freude! – Er fand das liebe Weib schlafend – in Leuchtenburgs Armen. Siebentes Kapitel Es thut mit sehr leid, daß ich hier eine Person, von der ich ehemals so viel Gutes gesagt habe, so tief muß fallen lassen; aber unbillig würde dennoch jeder Leser seyn, der, wie es oft im gemeinen Leben geschieht, deswegen, weil er sich vorzüglich für eine Person interessiert hat, nun durchaus nichts Übels von derselben glauben und Den gradezu für einen Lügner erklären wollte, welcher dergleichen von ihr erzählte. Ich erfülle die Pflicht eines treuen Geschichtsschreibers, und wenn es in meinem Buche grade so hergeht wie in der wirklichen Welt, so dächte ich, dürfte niemand mit mir zanken. Glauben Sie aber, meine schönen Damen! es wäre ganz unmöglich, daß ein so herrliches Geschöpf, als vormals Luise war, so tief könnte gesunken seyn, so erlauben Sie mir (da ich wohl nicht so frey seyn darf, ähnliche Beispiele, die ich erlebt habe, namentlich zur Rechtfertigung der Möglichkeit einer solchen Verschlimmerung anzuführen) nur, ein wenig genauer zu erzählen, wie es eigentlich mit Luisens sittlicher Herabwürdigung zuging. Wir haben diese Dame zuerst als Fräulein von Wallenholz kennengelernt, und damals beschrieb ich sie Ihnen als ein Muster von himmlischer Einfalt und Unschuld bey mannigfaltigen äußern und innern Vorzügen. Nachher habe ich Ihnen gesagt, sie habe ihre Schwester und deren Gemahl auf Reisen begleitet, und da habe dann ihr Charakter mehr äußere Geschliffenheit erhalten; sie habe mehr Weltmethode angenommen, und eben dies gefälligere Gewand habe lebhaftere Eindrücke auf den viel zusammengesetztem, gekünsteltern Seelberg gemacht als jene schmucklose Tugend. Ich würde aber nicht gern behaupten, daß deswegen diese feine Bildung ihr etwas an wahrem Werthe zugesetzt habe, sondern bin vielmehr überzeugt, daß es recht sehr schwer ist, besonders für ein weibliches Geschöpf, durch nachgiebige Annehmung auch der unschädlichst scheinenden Sitten und des Tons der feinen Welt nicht an wahrem Werthe einzubüßen. Man kömmt auf diesem Wege unmerklich mehrentheils weiter, als man soll und will. Die Art, wie Luise nachher als eine vornehme Dame mit ihrem Gatten lebte, und die Entfernung von der seligen häuslichen Simplizität, die bösen Beispiele des Hofs und die schlechten Sitten in der Residenz, gegen welche man nach und nach, wo nicht gänzlich gleichgültig, doch nachsichtiger wird, hatten die Frau von Seelberg der Ausführung eines Plans nähergebracht, den Leuchtenburg gleich von dem ersten Augenblicke seines Eintritts in die *** Dienste an, mehr aus Rachsucht gegen Seelberg als aus heftiger Leidenschaft gegen sie, angelegt hatte. Dieser satanische Bube war aber weit entfernt, von seinem Vorhaben, das arme Weib zu verführen, sich eher etwas merken zu lassen, als bis er erst seinen Wohlthäter durch schändliche Ränke entfernt und gestürzt hatte. Dann fing er zuerst an, die einsame, verlassene Gattin zu trösten; er war der einzige Freund, der sie im Unglücke nicht verließ. Nichts ist so fähig, die Zuneigung einer gefühlvollen Seele uns zu erwerben, als wenn wir zärtlichen Antheil an einer Person zu nehmen scheinen, die jene liebt; Leuchtenburg und Luise sprachen oft von dem Gefangenen, und daraus entstand eine treuherzige, vertrauete Freundschaft unter ihnen. Leuchtenburg war ein angenehmer Gesellschafter, Luise fühlte sich erleichtert und aufgeheitert, sooft er bey ihr war. Endlich sehnte sie sich in ihrer Einsamkeit nach seinem Umgange. Er wußte seinen Besuchen Gewicht zu geben, indem er sich bald einmal vergebens erwarten ließ, bald das arme Weib glauben machte, es sey eine Art von Aufopferung, daß er den Umgang in einem Hause fortsetzte, in welches niemand sonst, aus Furcht vor des Königs Ungnade, den Fuß zu stellen wagte. So entstand aus Freundschaft Verbindlichkeit, Dankbarkeit. Nun wagte es der Schurke nach und nach ein Wörtchen fallenzulassen darüber, daß doch Seelberg im Grunde durch manche Übereilungen und durch sehr zweideutige Schritte an seinem Schicksale Schuld sey, und endlich wußte er zu rechter Zeit böse Nachrichten auszusprengen, als wenn unser unglücklicher Freund in seiner Festung sich's wohlseyn ließe, seine Frau vergäße und mit des Kommandanten Tochter ein Liebesverständnis unterhielte – Doch fern sey es von mir, diejenigen Romanenschreiber mir zum Muster zu wählen, die alle feinen Künste eines Verführers mit so lebhaften Farben schildern, daß junge Leute, in deren Herzen der Keim böser Begierden steckt und denen es nur an Studium und Erfahrung in der Bosheit fehlt, dadurch die herrlichste Anweisung bekommen, die Weiber und Töchter redlicher Leute zu Grunde zu richten – Lieber mögen meine Leser Luisens Verführung unwahrscheinlich finden! Genug! Seelberg traf sie in Leuchtenburgs Armen an – Eine Nachtlampe erleuchtete diesen Schauplatz der Schande – Welche Empfindungen bey diesem Anblicke in Seelbergen rege wurden, das läßt sich besser denken als beschreiben. Er blieb einige Augenblicke wie eingewurzelt stehn, und nachdem Abscheu, Wuth, Schmerz und Verachtung wechselsweise in seinem Herzen die Oberhand behielten und ihn unschlüssig machten, was er thun sollte, ergriff er endlich eine Parthey, die gewiß in jedem Betrachte die klügste war. Statt nämlich den ersten Aufwallungen einer fürchterlichen Rache sich zu überlassen und seine Ehre und Sicherheit noch mehr bloßzustellen, nahm er einen Pantoffel von Luisen und einen von Leuchtenburgs Schuhen, welche vor dem Bette standen, steckte beide Stücke zu sich, schlich oder wankte vielmehr wieder fort, setzte sich in seinen Wagen und fuhr noch in der nämlichen Nacht auf ein kleines Gut, eigentlich nur ein Landhaus, so er gekauft hatte und welches anderthalb Meilen von der Stadt entlegen war. Von dort aus schrieb er an seine Frau folgenden Brief und legte demselben den Schuh und den Pantoffel bey: » Madam! Beiliegende Zeugnisse Ihrer Schande ersparen mir alle ohnehin sehr unnöthigen Erläuterungen. Gleich nach Empfange dieses Pakets werden Sie sogleich Ihre Sachen einpacken lassen und Sich zu einer Reise auf mein Gut nach *** anschicken. Ich lasse Ihnen indessen acht Tage Zeit zu den Vorbereitungen auf diese Reise. Sie nehmen niemand bis dahin mit als eine Kammerfrau und einen Lakaien, schicken aber Beide bey Ihrer Ankunft wieder zurück, da ich dann weiter für dieselben sorgen werde. Dort werden Sie andre Personen zu Ihrer Bedienung und eine Anweisung finden sowohl wegen Ihrer künftigen Lebensart als wegen Ihres Unterhalts. Wenn Sie in allem Diesen pünktlich gehorchen und Ihre künftige Aufführung vorsichtig einrichten, so wird das Ihr Schicksal erleichtern. Ihre Vergehungen sollen ein Geheimnis vor jedermann bleiben, insofern Sie selbst nichts zu deren Ausbreitung beitragen; und wenn Sie keinen Versuch wagen wollen, mir je wieder vor die Augen zu kommen, so sollen Sie auf meinem Gute ziemlich frey leben dürfen. Ich verlange übrigens, daß Sie mir auf diesen Brief nicht antworten: Seelberg « Mit diesem Pakete schickte unser Freund seinen vertraueten Kammerdiener, der auch seine Gefangenschaft mit ihm getheilt hatte, gegen welchen er aber dennoch auch nicht Ein Wort von der unglücklichen Begebenheit fallen ließ, nach der Residenz ab. Zugleich befahl er demselben, dafür zu sorgen, daß seine sämtlichen Meubles, Bücher, Kleider, Briefschaften, Silber, kurz! alles, was an beweglichen Sachen in seinem Hotel war, außer was zu der Haushaltung der gnädigen Frau gehörte, eingepackt und in ein Schiff geladen würde, um nach seinem andern Gute in *** gebracht zu werden, wo er, für seine Person, zu wohnen beschlossen hatte. Den Hotel selbst sowohl als das Landhaus fand er hernach Mittel zu verkaufen. An Marien (die verwitwete Gräfin von Storrmann) aber schrieb er einen Brief, wie man ihn in der Stimmung erwarten konnte, darin er war, erzählte ihr den ganzen Vorfall und bat auch diese Dame, sie möge ihm gar nicht darauf antworten, weil er fest entschlossen sey, sich durch nichts wieder an sein Unglück erinnern zu lassen. Übrigens ersuchte er sie noch, Luisen dahin zu vermögen, daß sie in Allem seiner Vorschrift gemäß lebe, wogegen er versprach, sie auf keine Weise Mangel leiden noch sonst Unannehmlichkeit empfinden, sondern ihrem Gewissen zu überlassen, sie zu bestrafen. Solange Seelberg mit diesen Dingen und den übrigen nöthigen Einrichtungen beschäftigt war, hielt ihn die unruhige Thätigkeit auf den Beinen; allein kaum war alles in den ersten Tagen besorgt, so wurde sein Körper durch die heftige Erschütterung seines Gemüths überwältigt. Er fiel in ein hitziges Fieber, von welchem ihn nur mit genauer Noth die Sorgfalt geschickter Ärzte herstellte. Dann fand er sich aber im Herzen erleichtert und ruhiger, wobey ihm seine religiöse Schwärmerey gute Dienste leistete. Er reisete in dieser Stimmung, obgleich noch matt an Körper, ab, verließ das Königreich, zog auf sein Landgut und fing da sein spekulatives Leben wieder an. Was Luisen betrifft, so würde es schwer seyn zu beschreiben, wie so verschiedene Empfindungen in ihrer Seele wühlten; auch will ich nicht unternehmen, zu sagen, was sie fühlte, sondern nur erzählen, was sie that. Sie hatte bey ihrem Liebesverständnisse nur eine einzige Vertrauete gehabt, ein ränkevolles Kammermädchen, das nicht wenig an ihrem Falle Schuld war. Diese schändliche Dirne stand in des Herrn von Leuchtenburg Solde und wußte durch tausendfache kleine Künste ihre gnädige Frau in das Labyrinth zu führen. Sie war es, die ihr jene nachtheiligen Anekdoten von Seelbergen anbringen mußte und die, wenn Gewissensvorwürfe in Luisen erwachten, diese Stimme zu überschreien und durch allerley Mittel die Rückkehr zur Tugend zu hintertreiben verstand. Doch gelung es ihr nicht ganz, in der Verführten das Gefühl der Abscheulichkeit ihrer Aufführung zu ersticken, und nach jeder begangenen Ausschweifung pflegte Luise mehrere Tage, innerlich geängstet und gefoltert, sich in ihre Kammer zu verschließen und kniend, mit gerungenen Händen, ihre Schandthaten zu beweinen, bis dann wieder eigene Schwäche und listige Überredung sie aufs Neue zum Laster hinrissen. In der Nacht, da Seelberg seine Frau überraschte, hatte wie gewöhnlich das Kammermädchen im Vorzimmer Wache halten sollen; allein weil in dem einsamen Hause alles sehr sicher zu seyn schien und nach zehn Uhr sich selten jemand mehr darin zu regen pflegte, so hatte sie eben in dem Vorzimmer sich auf ein Sopha hingeworfen und war so fest eingeschlafen, daß ihr Herr, der doch zweimal vor ihr vorbeigegangen war (jedoch ohne sie zu bemerken, denn es war kein Licht in dem Zimmer angezündet), sie nicht aufgeweckt hatte. Als der Morgen bald anbrechen wollte, erwachte sie und ging nun wie gewöhnlich in die Kammer, um das buhlerische Paar zu wecken und den Herrn von Leuchtenburg wieder aus dem Hause zu begleiten. Dieser stand auf, allein er fand einen seiner Schuhe nicht, und bald vermißte man auch den Damenspantoffel. Man suchte aller Orten mit der größten Aufmerksamkeit, aber vergebens. Es schien unbegreiflich, wie es zugegangen seyn könne, daß diese Stücke wären aus der Kammer getragen worden, zumal, da die Jungfer hoch und theuer schwur, sie habe kein Auge geschlossen. Nun schaffte sie zwar vorerst einen andern Schuh herbey, mit welchem der Herr von Leuchtenburg nach Hause schleichen konnte, aber Luise war damit nicht beruhigt; vielmehr drang in ihr Herz die bangeste Ahnung, die beinahe zur Gewißheit wurde, als sie schon um sieben Uhr ein Billet von Leuchtenburg erhielt, in welchem nur die Worte standen: »Dein Mann hat vom Könige die Freiheit geschenkt erhalten und ist vorgestern von der Festung abgereiset. Ich komme zu Dir, sobald ich angekleidet bin.« Nun zweifelte Luise nicht einen Augenblick an dem, was wirklich geschehen war. Sie riß sich die Haare aus, schrie überlaut und war noch in dieser Verfassung, als der Kammerdiener mit Seelbergs Briefe ankam, welcher sie dann in einen Zustand versetzte, dem wahrlich auch der hartherzigste Tugendprediger und die strengste, häßlichste alte Jungfer ihr Mitleiden nicht würden versagt haben. Sie war eben aus der zweiten Ohnmacht wieder zu sich selbst gekommen, als sie draußen Leuchtenburgs Stimme hörte. Sogleich raffte sie sich auf, eilte in ihr Kabinett, verschloß die Thür hinter sich und weigerte sich auch bis zu ihrer Abreise standhaft, diesen schändlichen Verführer zu sehn. Sie nahm wenig Nahrung zu sich, verfiel, als die ersten tobenden Anfälle des Schmerzes vorüber waren, in eine tiefe Melancholey, befolgte pünktlich den Befehl ihres Gatten, reisete ab, kam in *** an, fühlte aber bald nachher, wie sehr schwächlich sie wurde. Sie wagte es nie, nach ihrem Gemahl zu fragen, viel weniger auf seine Verzeihung Plan zu machen. Ein schleichendes Fieber ergriff sie; sie zehrte sichtbar ab; Seelberg ließ ihr alles, was nur möglich war, zu ihrer Erleichterung und Rettung reichen. Es wurde ein geschickter Arzt gebraucht; aber der niedergeschlagene tiefgebeugte Geist konnte dem Körper nicht zu Hilfe eilen, und so schwanden dann nach und nach die Kräfte. Seelberg gab der Gräfin Storrmann Nachricht von den Umständen, in welchen sich ihre Schwester befand; die gute Frau reisete mit ihren Kindern zu ihr hin. Die erste Zusammenkunft war für Beide äußerst erschütternd, aber für die Kranke von sehr nachtheiligen Folgen, obgleich die Gräfin ihr liebreich begegnete und ihr nicht die geringsten Vorwürfe machte. Der elfte Monat nach ihrer Ankunft auf dem Gute machte ihrem Leiden ein Ende. Sie starb reuevoll und nahm die Verzeihung von ihrem Gatten, welche er ihr schriftlich zusicherte, mit in jene Welt. – Er erbte ihr großes Vermögen. Die Gräfin besuchte ihren Schwager, nachdem sie Luisen die Augen zugedrückt hatte, und reisete dann auf ihre Güter zurück. Ehe ich nun erzähle, wie Seelberg in dieser und der folgenden Zeit lebte, will ich erst den Herrn von Leuchtenburg abfertigen. Ich denke, es wird uns Allen ganz angenehm seyn, diesen elenden Menschen aus dem Gesichte zu verlieren, und doch möchte ich nicht gern so sehr gegen die gemeinen Zunftregeln anstoßen, daß ich in diesem Buche einen Mann erst eine wichtige Rolle spielen ließe und nachher auf einmal gänzlich von ihm schwiege. Es dient also Folgendes hierüber zur Nachricht! Leuchtenburg verhielt sich bey der traurigen Entwicklung von Luisens Schicksale so, wie man es von einem Menschen erwarten konnte, dem alle Pflichten und edele Gefühle Spielwerk waren. Er führte nun sein Wesen am Hofe fort, allein nicht immer gelungen ihm seine Bubenstücke so gut wie die gegen Seelberg getriebene Teufeley. Man bediente sich Seiner zu allerley Ränken, aber man verachtete ihn, wie es immer solchen Leuten geht; doch half er sich so ziemlich fort, solange er nur eine subalterne Rolle spielte; indessen begnügte er sich damit endlich nicht mehr. Er wollte auf seine eigene Hand Kabalen anzetteln gegen Leute, denen er nicht gewachsen war, ja! es kam ein Anschlag gegen des Königs eigene Person an den Tag, der größtentheils unsern Herrn von Leuchtenburg zum Urheber hatte; und da machte man dann nicht viel Umstände mit ihm. Er wurde gefangengesetzt, und man würde ihm vermuthlich sein Weltreformators-Köpfchen von den Schultern abgehoben haben, wenn er nicht Mittel gefunden hätte, aus dem Gefängnisse zu entkommen, wozu ihm sein Jäger Triller, der dafür noch jetzt den Karrn in der Festung zieht, behilflich war. Da nun seine Güter in des Königs Ländern lagen, so wurden diese eingezogen, und er behielt gar kein Vermögen übrig. Doch ein Genie wie das seinige findet immer Hilfsquellen in sich selbst. Er zweifelte nicht daran, in Amerika eine große Rolle spielen zu können, ging also dahin; mußte sich im ersten Jahre kümmerlich behelfen. Niemand wollte in ihm den großen Geist erkennen, wofür er sich selbst schätzte. Er hielt eine deutsche Schule. Als aber der Krieg mit England losbrach, da hoffte er, man werde sich seiner großen Talente bedienen, um dem neuen Staate die beste Form zu geben; allein er betrog sich. Man machte ihn zum Lieutenant bey der Miliz. Vor Flackbusch erblickte ihn mein Schwager unter den gefangenen Offiziers. Er war in einer braunen Jacke mit blauen Aufschlägen und langen zerrissenen Hosen gekleidet. Die hessischen Grenadiers hatten ihn nebst einigen andern von dem Gesindel vor eine Kanone gespannt. Hierdurch waren ihm die Kriegsdienste ein wenig verleidet worden. Nach Auslieferung der Gefangenen ergriff er daher ein anders Handwerk. Er predigte den deutschen Kolonien in Pennsylvanien, trieb aber nebenher noch das ansehnliche Amt eines Spions. In dieser Seiner so würdigen Verrichtung wurde er ertappt und mit allen Ehrenbezeugungen auf York-Island vor dem Artilleriepark an einen Baum aufgehenkt – Sit illi cælum leve!  – Achtes Kapitel Kehren wir nun zu unserm Helden zurück! In verschlossen stiller, bitter trauriger Gemüthsstimmung kam er auf seinem Gut an. Er sagte niemand kein böses Wort, aber er floh allen Umgang, fluchte innerlich auf Ehrgeiz, Ruhm, Pracht, Fürsten, Reichthum, Höfe, Liebe, Freundschaft, Ruf und auf alles, was nur ein Erdensohn wünschen und begehren mag. Der Anblick eines weiblichen Geschöpfs machte ihn zittern; Musik konnte er nicht hören, ohne heftig erschüttert zu werden; wenn er ein Kind sah, so wendete er seinen Blick voll herben Mitleids weg, indem die Vorstellung in ihm erwachte, was dies unglückliche Wesen noch in dieser bösen Welt zu leiden und zu bekämpfen haben würde. Zuweilen, wenn seine Laune am feindseligsten gestimmt und ihm seine eigene Existenz zur Last war, wünschte er sich den Tod, und da kam es auch wohl, daß er, um sich den Gram zu vertreiben, ein Glas Wein mehr trank, als er hätte thun sollen. Zwar kam er bald von dieser bösen Gewohnheit wieder zurück; hätte indessen sein jetziger Zustand lange gedauert, so würde er vielleicht ein Trunkenbold geworden seyn. Er war sorglos gegen seine Gesundheit, im höchsten Grade mißtrauisch gegen Personen und Schicksal, geizig aus Furcht, einst durch neue Unglücksfälle in Mangel gestürzt zu werden und dann von Andern abhängen zu müssen. Doch that er viel Gutes den Nothleidenden und Armen, freilich voll Gift gegen das Menschengeschlecht, doch aber in der Rücksicht: die Summe des unendlich mannigfaltigen Elendes, so die Kreaturen sich untereinander zufügten, zu vermindern. Daher entsproß in ihm ein falscher Heroismus. Alle seine guten Handlungen schienen ihm Aufopferungen. Er sah sich als ein Wesen höherer Art an, verfolgt von dem großen Haufen der Alltagsmenschen, aber bestimmt, ihr Wohlthäter und ihr Märtyrer zu seyn. Er floh jede neue Bekanntschaft, jedes ihm fremde Gesicht. So gesprächig, zuvorkommend höflich er vormals gewesen, so rauh, so unbiegsam, so ungeschmeidig war er jetzt, wenn er von ungefähr mit einem andern Menschen zusammenkam. Konnte man ihm ehemals den Vorwurf machen, er sey zu offenherzig, zuweilen zu plauderhaft; so machte er itzt aus der geringsten Sache ein Geheimnis. Zwar glaubte er, es gäbe noch einige wenige Menschen seiner Art, die auch sich losgerissen hätten von allem irdischen Tand; allein sie lebeten zerstreuet, getrennt, sich einander unbekannt und gedrückt, gleich wie Er. War es Wunder, wenn er bey dieser Gemüthsverfassung sich nach dem Umgange mit höheren Wesen sehnte? Auch war sein Dichten und Trachten nur auf Vereinigung mit Gott und der Geisterwelt gerichtet, und manche Stunde des Tages lag er auf den Knien und betete mit einer Wärme, mit einer Anspannung, wovon ein kalter Vernunftmann gar nicht im Stande ist, sich einen Begriff zu machen. In seiner Nachbarschaft war ein Dominikanerkloster; dahin ging er nun oft, besonders in den trüben Herbstabenden, wenn zu der Komplette geläutet wurde. Das feierliche Helldunkel in dem altgothischen Gebäude, das Hervortreten und Niederfallen der Mönche, der langsame, hohlklingende Choral, unterbrochen von den kühnen Fugenpassagen, die der Organist statt der Versikeln dazwischen spielte, das alles wirkte unbeschreiblich wohlthätig auf seine hochgespannten Sinne. Ich glaube, er wäre dazumal gern ein Mönch geworden, wann er selbst hätte ein Kloster nach seinem Ideale stiften können; aber er hielt sich schon ohnehin für einen berufenen Priester Gottes, weit erhaben über die gemeinen Priester der herrschenden Kirchen, von welchen er glaubte, daß sie die Religion gänzlich verfälscht lehrten. Er war fest überzeugt, daß er durch eifriges Gebet, Sehnen und Emporschwingen wieder die Gabe, Wunder zu thun, erlangen könnte. Seine Lectüre bestand in theosophischen und andern mystischen Büchern, und Studium der Natur war die einzige Wissenschaft, welcher er sich widmete; aber was für ein Studium der Natur? Nicht jenes, welches auf Vorkenntnisse, auf nüchterne und genaue Beobachtungen beruht und auf gesunde, gründliche Anwendung derselben zu Erklärung unbekannter Phänomene, sondern eine mystische Art, alles noch so Gemeine durch das Blendglas des Wunderbaren anzusehn und alle Erscheinungen und Wirkungen aus Ursachen zu erklären, die auf willkürlich angenommenen fantastischen Sätzen beruheten. Lächle nicht, Du kleines Kraftgeniechen! Verspotter aller Schwärmerey! Beförderer der Aufklärung, mit oder ohne Bart! Lächle nicht, wenn Du dies liesest, über die Verirrungen meines Helden! Du weißt noch nicht, Männchen! welch eine ansteckende Krankheit der Seele religiöse und mystische Schwärmerey ist, welche angenehme, wohlthätige Paroxysmen diese Krankheit mit sich führt, wie wenig auch der, welcher sich am mehrsten auf seine helle Vernunft zugute thut, sicher ist, nicht durch körperliche Disposition oder durch sonderbare Wendungen des Schicksals dahin zu kommen, wo wir itzt Seelbergen sehen, dem wir übrigens nicht das Wort reden wollen. Sähest Du, wie sanft auf dem Polster der Mystik mancher im Getümmel der Welt grausam Gemißhandelte liegt, wie er da alle seine Leiden vergißt und friedenvoll und ruhig um sich her über alles hinwegblickt, wovor Du Kraftmann zitterst oder schäumst, o mein Jüngelchen! dann würdest Du vielleicht wo nicht das Los des Schwärmers beneiden, doch wenigstens wünschen, daß Deine so gewaltig erleuchtete Vernunft Dir ebensoviel immer gleiche Ruhe gewähren möchte.   Alwerth hatte indes von seines alten Freundes Zustande und auch von dessen Art zu leben und zu spekulieren Nachricht bekommen; er schrieb desfalls an ihn und suchte ihn zu bewegen, wieder in die Welt zurückzukehren und, wie er sich ausdrückte, seinen Grillen zu entsagen; allein Seelberg antwortete ihm in einem Tone, der bewies, wie wenig jetzt daran zu denken war, ihn von seiner Schwärmerey zurückzuführen. Folgendes stand unter anderm in seinem Briefe: »Wenn auch nicht mein widriges Schicksal und die vielfältigen Erfahrungen, die ich von der Falschheit und Untreue der Menschen und von der Nichtigkeit aller irdischen Glückseligkeit gemacht habe, mich abzögen von allen diesen kleinen Weltverbindungen, die wahrlich nicht werth sind, daß man ihnen Einen Wunsch oder Einen Seufzer widmet, wenn sie nicht meine Blicke aufwärts gelenkt hätten, in eine bessere Welt hinein, so würde ich vermuthlich dennoch durch meinen unsichtbaren Führer bald seyn auf diesen Weg der reinen Wahrheit geleitet worden. Längst erkannte meine Vernunft ihre Ohnmacht, und mein Wille fühlte seine Schwäche, wenn ihm der höhere Beistand mangelte. Sprich nur: was haben wir denn noch ergründet? wir, die wir seit unsern Universitätsjahren gegrübelt, geforscht und das, was wir Vorurtheile nannten, weggeräumt haben? Welche neue, beruhigende Wahrheiten haben wir gefunden, die beruhigender wären als jene einfachen, welche uns die Offenbarung lehrt und die so lange der Gegenstand unsers kindischen Spottes gewesen sind? Welches System haben wir dann ersonnen, das uns besser und zuverlässiger unterrichtete über die Entstehung der Welt oder den Ursprung aller Dinge, über das Wesen Gottes und unsrer Seele, über die verborgenen unsichtbaren Kräfte, über die Geisterwelt, über den Zustand nach dem Tode? Ich habe auf dem Wege der kühnen eigenen Nachforschung meiner schwachen Vernunft so unendlich viel Schwierigkeiten und Widersprüche angetroffen, bin so wenig im Stande gewesen, die Zweifel, die Gott uns aufzulösen nicht gut gefunden hat, aus eigenen Kräften zu heben, daß ich nun demüthig zurückgekehrt bin zu dem höhern Lehrer, den ich undankbar verlassen hatte. Jetzt forsche ich mit gutem Willen und treuem Herzen in der heiligen Schrift und finde mehr, als ich je erwartete. Ich werfe ahnungsvolle Blicke in eine Region – Doch davon kann man wohl mit Dir nicht reden – Aber das weiß ich und weiß es zuverlässig, daß auch Du einst dahin kommen wirst; und dann wirst Du Deine Verblendung bedauern. Kannst Du auftreten und sagen: Du seyest als Freigeist ein beßrer Mensch geworden? besser als Die, welche Glauben haben? Bist Du freier von Leidenschaften und Begierden, ruhiger im Herzen als ein Christ? Pochest Du auf Deine hellere Vernunft? Sprich doch: Hat sie Dich schon weit geführt? Hast Du vergessen, daß ein Lumpenkerl, den wir nicht werth hielten, unsre Schuhriemen aufzulösen, uns schlaue Weltregierer um bürgerliche Ehre gebracht, alle unsre Pläne vereitelt hat, weil Gott nicht mit uns war? Denke einmal dem Gange Deines Lebens nach! denke nach, wie oft, so ganz unvorhergesehn, Dein Schicksal eine Wendung nahm, die Du nie hättest erwarten können, wie oft späte, nie vermuthete Folgen lange vorher durch eine Kettenreihe von kleinen Begebenheiten vorbereitet wurden, auf die planmäßigste, unverkennbar planmäßigste Weise, so daß es zu Deinem Besten gereichen mußte, indes jeder andre Weg Dich in das Verderben gestürzt haben würde! Denke nach, wie da, wo du es für unmöglich hieltest, Dich aus einer verworrenen Lage herauszureißen, die Entwicklung so nahe lag und so zur rechten Zeit erfolgte! – Überdenke dies! Überdenke die systematische Ordnung, nach welcher das ganze Weltgebäude errichtet, nach welcher Dein eigener Körper gebauet ist; ob dies alles von ungefähr so schön, so harmonisch zusammengesetzt seyn könne oder ob nicht eine höhere Hand im Spiele seyn und das Ganze lenken müsse! Und wenn wir von dieser höhern Hand durch unsre eigene Vernunft wenig oder gar nichts wissen, das Buch aber, welches wir die Bibel nennen, uns hierüber die herrlichsten Aufschlüsse gibt und noch nebenher so vortreffliche, neue und beruhigende Dinge für unser Herz enthält, sollen wir dann nicht mit Freuden diesem Buche Glauben beimessen, es für Offenbarung Gottes halten? Und thun wir das, steht es dann bey uns, aus diesem Buche nur auszuheben, nur das zu glauben, was uns gefällt, und das Übrige zu verwerfen? Ich aber habe ja keinen thörichten Glauben; ich nehme nur das an, was in der Bibel steht, weil noch niemand mir etwas Besseres gegeben hat. Du spottest meines Strebens nach dem Umgange mit höhern Wesen. Ach! Du weißt nicht, wie oft schon ich von Menschen bin getäuscht worden; wie oft ich mich von meiner ersten Jugend an gesehnt habe nach einer verschwisterten, guten Seele, die ähnliche Gefühle, Fähigkeiten und Gesinnungen mit mir hätte und die mit ganzer Kraft und Liebe an mir hinge! Allein ich habe sie nicht gefunden. Das Menschengeschlecht ist gar zu tief herabgesunken, ist gar zu unähnlich geworden dem göttlichen Ebenbilde. Wenn ich so um mich herschaue auf das Gewühl – o! wie oft wünsche ich dann, auf immer die Augen zu schließen, bald befreiet zu werden aus diesem Kerker! Doch ist es Pflicht der bessern Berufenen, solange sie hier ihr Märtyrerleben führen müssen, daß sie, wenn sie ihre höhere Bestimmung fühlen, sich durch Gebet und Emporschwingung mit reinen Wesen zu verbinden suchen, damit sie durch deren Hilfe gestärkt werden mögen, dem Reiche Gottes wieder aufzuhelfen, auf daß nicht alles zu Grunde gehe – Aber Du glaubst freilich auch an keine Geister und Engel – Ich möchte indessen doch wissen, wie Du manche Erscheinungen in der Natur und manche wunderbare Wirkungen, die gewiß nicht aus Ammenmäulern herkommen, ohne den Einfluß unsichtbarer Mächte erklären wolltest.« In diesem Tone war der ganze Brief geschrieben, und dennoch muß ich es zu Alwerths Ruhme sagen, daß er bey Lesung desselben nicht, wie unsre unbärtigen Philosophen pflegen, laut auflachte über seines Freundes Narrheit, sondern daß er zugleich Achtung, Mitleiden und Schonung für diese Gemüthsstimmung hatte; aber er war auch ein zu feiner Menschenkenner, als daß er es hätte versuchen sollen, unsern Enthusiasten durch Gründe und Raisonnement zu widerlegen. Er that also, was gewiß in solchen Fällen das Vernünftigste ist; er nahm den bescheidensten, lehrbegierigsten Ton an, suchte dadurch Seelbergs Zutrauen zu gewinnen und hoffte dann, schon einmal Gelegenheit zu finden, ihn durch Erfahrung auf andre Wege zu führen. Er schrieb ihm ungefähr also: »Dein Brief, mein Bester! zeigt mir das Bild eines Gemüthszustandes, für welchen ich gewiß alle Ehrerbietung habe. Ich gestehe Dir, daß man Dich mir ganz anders geschildert hatte. Ich glaubte, Du seyest in die gemeine Thorheit solcher Menschen verfallen, die, wann in dieser Welt ihnen eine Reihe von Widerwärtigkeiten begegnet, die oft sehr natürlich in der Kette der Begebenheiten, oft auch in ihrer eigenen unklugen Aufführung ihren Grund haben, auf einmal muthlos und kleinmüthig werden, die Hände sinken lassen, wenn die ganze Schöpfung sich nicht um den Mittelpunkt ihrer eingebildeten Glückseligkeit umdrehen will und dann voll Gifts dem Menschengeschlechte den Rücken wenden, sich in ihr Kämmerlein einschließen und sich da die Gesellschaft Gottes ausbitten, gleich als wenn das höchste Wesen, der Inbegriff aller Liebe, mit einer Kreatur in nähere Gemeinschaft treten würde, deren Herz leer von Bruderliebe, Geduld, Sanftmuth und Duldung ist! Solche Leute verfallen denn auch auf Albernheiten, wie Du Dir gar keinen Begriff davon machen kannst. Aus Stolz und Herrschsucht suchen sie den Stein der Weisen und die allgemeine Arzeney; aber wehe uns Menschen, wenn sie dies finden würden! Doch davor sind wir sehr sicher; denn gewöhnlich suchen diese Herrn solche Schätze auf einem Wege, auf welchem man schwerlich irgend etwas anders findet als die Gelegenheit, Geld und Zeit zu verschwenden, und ihre alchymischen und pharmazeutischen Prozesse sind gewöhnlich so rasend dumm ausgedacht, daß jeder Neuling in der Scheidekunst, ja! jeder Apothekerbube ihnen sagen könnte, daß da nichts herauszubringen steht als zuweilen Gestank und Dampf. Daneben ist dann ihr Bibelforschen von der Art, daß sie, wenn sie einmal auf der Jagd nach mystischen Dingen sind, aus diesem göttlichen Buche Wahrheiten herauslesen und Sätze darin finden, von denen ein jeder andrer unbefangener Mann nicht eine einzige Spur antrifft. Du aber, mein Bester! gehörst, wie ich sehe, nicht zu diesen Afterphilosophen, sondern Dein System schließt gewiß den Gebrauch der gesunden Vernunft nicht aus, die uns doch Gott wohl aus keiner andern Ursache gegeben hat, als damit sie unsere Leiterin sey in diesem Leben. Was meine freien Religionsmeinungen betrifft, so bekenne ich Dir, daß ich gänzlich davon zurückgekommen bin. Ich fühle täglich mehr Schwäche unsrer eigenen Kräfte sowie die Unzulänglichkeit aller unsrer wissenschaftlichen Kenntnisse. Ich finde, daß wir keine bessere Aufschlüsse verlangen können als die, welche uns die Bibel gibt; auch lese ich dieselbe fleißig und nehme mit Dankbarkeit und Freude wahr, daß die Offenbarung, wenn man dies Buch ohne Vorurtheil liest, nie unsrer Vernunft widerspricht, sondern nur der Schwachheit derselben aufhilft. Nicht so glücklich bin ich bey Lesung solcher Bücher, die uns mit den höhern Wissenschaften bekannt machen und die dunkeln vielbedeutenden Stellen in der heiligen Schrift erklären wollen. Diese Werke finde ich zehnmal verworrener als die Gegenstände, auf welche Licht zu werfen sie geschrieben sind. Ja! es kömmt mir zuweilen vor, als wenn ich handgreifliche Widersprüche, Platitüden und Verstoß gegen die gemeinsten, bekanntesten Wahrheiten und gegen die Elemente der wissenschaftlichen Kenntnisse darin anträfe; aber freilich kann das an meiner Art zu lesen und zu beurtheilen liegen. Doch, denke ich, es ist Pflicht, dies offenherzig zu gestehn, da hingegen falsche Scham, die uns verleitet, alles, was nur erhaben klingt, wenn wir auch keinen Sinn damit verbinden, für hohe Weisheit zu erklären, zuletzt dahin führt, daß der schiefeste Kopf ebensoviel Einsicht als das philosophische Genie zu haben glaubt, daß alle unsre Begriffe verwirrt werden und daß jeder Betrüger mit seinem frechen Jargon den feinsten Forscher zum Schweigen bringen kann, wenn er nur den mystischen Pöbel auf seiner Seite hat. Hier wünschte ich nun, liebster Freund! Dich zum Lehrer zu haben. Ich möchte die Bücher der Weisen-Meister an Deiner Seite und mit Dir lesen und bin überzeugt, Du würdest mir die dunkeln Stellen erläutern können. Zwar weiß ich wohl, daß zu Fassung mancher Wahrheiten ein ganz eigener, gereinigter Sinn gehört; allein von diesen rede ich auch nicht, sondern nur von Hebung der anscheinenden Ungereimtheiten und Widersprüche, wovon ich vorhin sagte. Wenn ich wüßte, daß ich Dir bey Deinem einsamen Leben nicht zur Last wäre (ich wollte Dich gewiß nicht in Deiner philosophischen Ruhe stören), so bäte ich Dich um die Erlaubnis, Dich zu besuchen« – Kurz! Alwerth, dem Seelberg noch von allen Menschen in der Welt am mehrsten zugethan war, ersuchte ihn um die Erlaubnis, auf einige Zeit zu ihm auf sein Gut kommen zu dürfen. Alwerth hatte seine medizinische Praxis, da er ohnehin reich war, seit seiner Entfernung vom Hofe nicht sehr eifrig in der Vaterstadt getrieben. Er war daher Meister über seine Zeit; Seelberg hoffte aus seinem Freunde einen Proselyten zur mystischen Philosophie zu machen, und so nahm dann Dieser den Besuch von Jenem mit Vergnügen an. Der schlaue Doktor wußte sich bald bey unserm Helden einzuschmeicheln, schien nach und nach überzeugt zu werden von der Echtheit seiner Kenntnisse, widersprach ihm nie, und wie denn dergleichen Leute, wenn sie glauben, sicher vor Spott und Widerspruch sich herauslassen zu dürfen, unendlich redselig sind, so entfaltete dann auch Seelberg bald sein ganzes System, und Alwerth erfuhr dadurch, wie er den Patienten anzugreifen hatte. Das Erste, was er nach einem kurzen Aufenthalte bey ihm that, war, den Wunsch oft unmerklich in ihm anzuregen, die verborgenen, im Stillen lebenden, wahren hermetischen Weisen oder, in der Sprache der mystischen Freimaurerey, die unbekannten hohen Obern kennenzulernen und von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Dies gab ihm Gelegenheit, eine philosophische Reise in Vorschlag zu bringen, um allerley Wundermänner, von denen man Nachricht hatte, daß sie in einigen Städten Deutschlandes ihr Wesen trieben, aufzusuchen. Die Leser werden leicht begreifen, daß bey diesem Vorschlage des Doktors Absicht hauptsächlich die war, seinen Freund aus seiner einsiedlerischen Einsamkeit herauszuziehn und wieder in die Welt zu führen, indem er nicht zweifelte, daß bey Seelbergs lebhaftem Temperamente alsdann sein Geschmack am spekulativen, abgezogenen Leben bald andern Neigungen Platz machen würde. Seelberg nahm indessen diesen Vorschlag an, und unsre beiden hermetischen Weltweisen begannen ihre mystische Wanderschaft. Neuntes Kapitel Da Seelberg seit einiger Zeit in dem Rufe stand, sich mit höhern Wissenschaften abzugeben, so hatte er auch manchen Überlauf von reisenden, theils bettelnden, theils forschenden, theils anderweitige Pläne auf ihn machenden Handwerksliebhabern aushalten müssen, denn solche Menschen haben eine ganz eigene Witterung, eine feine Nase, und spüren leicht die Kunstverwandten auf. Obgleich nun unser Held sonst allen Umgang floh, so ließ er doch selten einen solchen Mystiker abweisen. Man erkannte aber diese Männer gewöhnlich an ihrer ziemlich zerlumpten Draperie und einem gewissen tölpelhaften, doch aber freundlichen, geheimnisvoll lächelndem, herablassendem Wesen. Durch solche Männer nun hatte Seelberg vielfältig die Namen Andrer erfahren, welche auch großen Ruf in diesem Fache hatten, und diese Namen nebst dem Orte des Aufenthalts hatte er sich sorgfältig aufgeschrieben. Jetzt, als er sein Verzeichnis nachsah, fand sich's, daß es über fünfzig solcher Apostel enthielt, welche Alle aufzusuchen er beschloß. Ich mag das Publikum nicht mit weitläufiger Erzählung der getäuschten Erwartungen unsers Freundes aufhalten, doch so viel muß ich sagen, daß Alwerth, sooft sie einen hochgepriesenen Philosophen entweder besoffen wie ein Vieh oder einen Goldmacher, der in Schulden steckte bis über die Ohren, oder einen Weisen beschäftigt mit elenden Kleinigkeiten antrafen oder hörten, daß der Mann, der in großem Rufe der Heiligkeit stehn wollte und mit der Geisterwelt in Verbindung zu seyn vorgab, die Nächte in den Armen frecher, öffentlicher Buhldirnen zubrachte, oder wenn sie in einer andern Stadt erfuhren, daß gewisse Abendbetstunden, welche in dem Hause eines großen Lichts unter den Mystikern gehalten wurden, seit einiger Zeit dem Findelhause verschiedene lebendige Beiträge geliefert hatten; wenn sie Menschen, die den Geruch von heiliger Frömmigkeit hatten, lieblos und intolerant über Jeden herfallen und im bürgerlichen Leben Den tödlich verfolgen sahen, der nicht zu ihrer Fahne schwören wollte; daß dann Alwerth lächelte und sich heimlich freuete, nichts sagte, aber dafür sorgte, daß Seelbergen dergleichen Beobachtungen nicht entwischen durften. Schon waren sie durch einen großen Theil von Deutschland gereiset; Seelbergs finstre Laune hatte sich um ein Beträchtliches aufgeheitert, aber Alwerth übereilte seine Kur nicht. Er sah indessen mit Vergnügen, daß es ihm schon leichter wurde, seinen Freund zu bewegen, an irgendeiner öffentlichen Lustbarkeit Theil zu nehmen. So gelung es ihm unter anderm, ihm wieder Geschmack an Musik beizubringen, ja! sogar ihn in Frankfurt am Main zu der Vorstellung der komischen Oper, die der Alchymist betitelt ist, zu führen. Da nicht aller Orten, wohin sie kamen, hermetische Philosophen oder seltene Bücher und Manuskripte in diesem Fache zu finden waren, so mußte man doch auch mit andern Unterhaltungen vorliebnehmen, während man in einer Stadt ausruhete oder auf etwas wartete, und da verstand sich dann Alwerth darauf, seinen Reisegefährten unvermerkt in Gesellschaft mit witzigen und wahrhaftig verständigen Männern zu bringen. Hierdurch erwachte Ludwigs lebhafter Geist wieder, erquickte sich an der lange nicht genossenen Seelennahrung, und schon hoffte der Arzt, dem Augenblicke nahe zu seyn, wo er offenherzig mit ihm würde reden und seine Verstandes- und Gemüthskrankheit durch vernünftige Gründe bekämpfen können, als Seelberg, in einer Stadt in Schwaben, plötzlich von einem hitzigen Fieber befallen wurde. Hier hatte er Bekanntschaft gemacht mit einem reichen Kaufmanne Namens Odenfeld, dem er empfohlen worden und der auch ein enthusiastischer Liebhaber von höhern Wissenschaften war. Doch gab sich derselbe nicht mit der edeln Goldmacherey ab, sondern las nur fleißig die Bücher der wahren Philosophen, plauderte gern über solche Gegenstände mit Kennern und gehörte nebst seinem ganzen Hause zu der Sekte der Separatisten, deren es in dortiger Gegend eine große Menge gab. Er selbst, ein Mann von mehr als sechzig Jahren, war Witwer und Vater eines artigen dreyundzwanzigjährigen Mädchens. Er hatte schon seit langer Zeit die Handlung aufgegeben, da er für sein einziges Kind Vermögen genug erworben zu haben glaubte. Seelberg gefiel dem Herrn Odenfeld ungemein; es war ihm etwas Seltenes, wie er sagte, einen Cavalier kennenzulernen, der so tiefe, gründliche Kenntnisse und so solide und fromme Gesinnungen äußerte. Sobald nun Dieser krank wurde, nahm ihn der Kaufmann in sein Haus, damit er in demselben bessere Pflege als im Wirthshause haben möchte. Hier ließ man es an keiner Art von Aufmerksamkeit fehlen; der Kranke war zwar durch Alwerths Hilfe bald außer Lebensgefahr; allein das Fieber wollte noch immer nicht gänzlich nachlassen, und seine Kräfte waren grausam mitgenommen. Es vergingen daher mehr als sechs Wochen, bevor Seelberg das Zimmer verlassen konnte. Binnen dieser Zeit bekam Alwerth Nachricht von dem Absterben eines reichen Verwandten, dessen Erbe er war, und das nöthigte ihn, eilig nach Hause zu reisen, wobey er um so weniger Bedenken fand, da sein Freund außer dem Abgange seiner Kräfte kein Übel mehr litt und diese nur durch gute Wartung ersetzt werden konnten, woran es ihm in Odenfelds Hause nicht fehlte. Nun lag Seelberg ganze Tage hindurch auf dem Ruhebette, und der alte Kaufmann oder seine Tochter saßen vor seinem Bette und redeten mit ihm oder lasen ihm vor aus mystischen und religiösen Büchern. Ernestine, so hieß das junge Frauenzimmer, hatte ein wahres Madonnengesicht, einen andächtigen, bescheidenen Blick voll Sanftmuth, war hübsch von Gestalt, strenge tugendhaft und bezeugte unserm Kranken so viel Theilnehmung, kam seinen geringsten Wünschen zuvor, bereitete ihm kühlende Getränke, brachte sein Bette in Ordnung, sorgte dafür, daß er nicht versäumte, zu rechter Zeit die Arzeney einzunehmen, las ihm aus geistlichen und andern erhabenen Schriften mit so viel Wärme und mit so harmonisch klingender Stimme vor, daß er hätte von Stahl und Stein seyn müssen, wenn ihn das nicht gerührt, wenn das nicht Empfindungen wohlwollender Art in ihm erregt hätte, besonders jetzt, da seine Nerven stärker gespannt wurden durch die wiederkehrende Gesundheit. Nun war aber unser Mann gar nicht von Stahl und Stein, sondern im Gegentheil von Jugend auf sehr empfindlich für die Reize junger Frauenzimmer gewesen, und wenngleich dies Geschlecht nicht eben sehr sanft und gutmüthig mit ihm umgegangen zu seyn schien und er oft feierlich betheuert hatte, er wolle kein Frauenzimmer je wieder anders als mit Abscheu ansehn, so ging es ihm doch mit seinem Weiberhasse wie beinahe mit allen seinen übrigen Grundsätzen, nämlich, daß sie mit seinen Gefühlen und Empfindungen in ewigem Widerspruche standen und daß sehr oft Jene Diesen weichen mußten. Zwey Dinge aber kamen bey Ernestinen hauptsächlich noch in Betracht und machten, daß er derselben gewogen wurde: zuerst die Dankbarkeit, welche sie ihm einflößte durch ihre treue, wahrhaftig schwesterliche Sorgfalt während seiner Krankheit, und dann ihre warme Tugendliebe, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Da er diese Eigenschaften, welche sein Herz mehr als alles andre rührten, noch nie in dem Grade bey einem weiblichen Geschöpfe angetroffen hatte, so zweifelte er auch nicht daran, Odenfelds Tochter werde in eben dem Grade auch von allen dem Geschlechte so eigenen Fehlern befreiet seyn. Indem er sie nun täglich aus diesem Gesichtspunkte betrachtete, so wurde auch seine Achtung für sie immer zärtlicher und verwandelte sich endlich in Liebe, die aber freilich wieder ganz andre Symptome zeigte als sowohl die, welche er für Julien von Grätz, als die er für Luisen von Wallenholz empfunden hatte. Statt daß die erstere ihn abwechselnd schmelzend, schüchtern, feierlich, launig, wohlwollend, menschenliebend, die zweite aber großmüthig, fröhlich, gefällig und thätig machte, so war seine jetzige Neigung zu Ernestinen Odenfeld von sehr viel ruhigerer Art; auch dürfen wir nicht vergessen, daß er nun kein Jüngling mehr war. Seine ganze religiöse Stimmung blieb die nämliche; er freuete sich, endlich ein Geschöpf gefunden zu haben, das mit ihm die Prüfungen dieses Erdenlebens gemeinschaftlich tragen, sie überwinden helfen und seine höhern Gefühle und Freuden mit ihm würde theilen können (denn er war fest entschlossen, trotz seiner sechzehn Ahnen um die Hand dieser Kaufmannstochter anzuhalten, und zweifelte nicht an einer günstigen Antwort). Er söhnte sich insoweit wieder mit der bösen Welt aus, daß er sich nicht mehr den Tod wünschte, sondern hoffte, die Widerwärtigkeiten auf dieser Pilgerreise an der Hand einer so frommen Gefährtin ertragen zu können. Dazu kam denn auch die Betrachtung, daß das Frauenzimmer, wie wir gesehn haben, die einzige Erbin eines sehr reichen Mannes, und endlich, daß sie so hübsch war, daß Mancher alle Betrachtungen darüber vergessen haben würde – Mit Einem Worte! Seelberg ließ, als er nun bald wieder das Zimmer verlassen konnte, gegen Ernestinen ein Wörtchen von seiner Absicht fallen, wurde von ihr, wie sich's versteht, züchtiglich an ihren Vater gewiesen und wendete sich, sobald er vollkommen hergestellt war, an denselben. Nun können, wie man behaupten will, mit großer Frömmigkeit dennoch ein wenig Stolz und Eitelkeit recht gut bestehn; man dürfte also vielleicht annehmen, den alten Odenfeld habe die Idee, einen so vornehmen Tochtermann zu bekommen, ein wenig gekitzelt. Ohne indessen die Sache auf eine so lieblose Art zu erklären, brauchen wir nur zu bedenken, daß er Seelbergen hochschätzte, daß ihre Denkungsart übereinstimmte und daß auch von der ökonomischen Seite diese Parthie nicht zu verachten war – Genug, er gab sehr bald seine Einwilligung, das Verlöbnis wurde, so wie bald nachher die Hochzeit, ohne Lärm, doch anständig, in Gegenwart einiger Verwandten und andrer Stillen im Lande gefeiert, Odenfeld gab seine Haushaltung auf und zog mit seiner Tochter auf Seelbergs Güter, entschlossen, da den Rest seines Lebens sorgenlos und in frommen Übungen hinzubringen. An Alwerth schrieb Seelberg und gab ihm Nachricht von dem Schritte, sobald er das Jawort hatte. Derselbe sah nun wohl, daß hiermit seine Pläne zum Besten seines Freundes scheiterten. Er hatte große Absichten mit ihm gehabt, wie wir in der Folge hören werden; daran war nun aber vorerst nicht zu denken. Er wünschte ihm also herzlich Glück und bekümmerte sich dann ein paar Jahre hindurch wenig oder gar nicht um unsern Helden. Zehntes Kapitel Einförmiger und unthätiger kann nichts erdacht werden, als nun das Leben war, welches Seelberg mit seiner Frau und seinem Schwiegervater führte – Doch möchte es immerhin thatenleer und ohne Abwechselung gewesen seyn, wenn es nur übrigens ein glückliches Leben gewesen wäre! Aber, leider! war es das gar nicht, und schon vor Ablauf des ersten Jahrs dieser Ehe, binnen welcher Zeit Ernestine ihrem Mann einen jungen Sohn gebar, zogen sich neue Kummerwolken über Seelbergs Haupt zusammen. Das fromme Weibchen, das als Mädchen so sanftmüthig und geduldig schien wie ein Lamm, auch wirklich bey jedermann, der es nicht täglich fortgesetzt sah, dafür galt, einen milden Charakter zu haben, hatte darum nicht weniger ihr Köpfchen und schlimme Launen in Augenblicken, wo vielleicht der böse Feind auf Versuchung der Heiligen ausging. Da sie selbst sehr reine Sitten hatte, so war sie auch äußerst strenge und unduldsam gegen fremde Fehler, lästerte nicht eigentlich, sah es aber gern, wenn Andre lästerten, nahm dann menschenfreundlich die Parthey des Gelästerten, wußte indessen doch der Unterredung eine solche Wendung zu geben, daß immer mehr üble Seiten desselben aufgedeckt, doch auch gleich wieder zugedeckt wurden, nachdem man einen halben Blick darauf geworfen hatte. Gegen ihr Gesinde wurde sie von Tage zu Tage unfreundlicher, und da sie auf einmal aus einer Kaufmannstochter eine vornehme Dame geworden war, so schwellte das ihr frommes Herz dermaßen auf, daß sie sich als ein Wesen höherer Art und die Domestiken als niedrige Kreaturen ansah, bestimmt, in Abhängigkeit, Unterwürfigkeit und Druck zu leben, wobey dieselben noch dazu kärglich bezahlt und schlecht in Speise, Trank und in Allem gehalten wurden. Sie ließ sich vom Morgen bis zu dem Abend aufwarten; that auch nicht das kleinste Geschäft selbst, saß, als wenn sie an allen Gliedern lahm gewesen wäre, auf ihrem Sopha, ließ sich Schuhe und Strümpfe anziehen, und wenn ihr Mann ihr desfalls Vorstellung that, so antwortete sie: »Wozu hat man denn die Leute, wenn ich mich selbst bedienen soll?« Überhaupt schien es, als glaubte sie, sie dürfe nur sich selbst leben, und andre Menschen seyen ihretwegen auf der Welt, denn nie kam ihr der Gedanke ein, ihrem Gatten dadurch eine frohe Existenz zu verschaffen, daß sie sich nach seinen Neigungen richtete, insofern diese nicht mit den ihrigen übereinstimmten, daß sie sich nach seinem Geschmacke gebildet, ihn aufzuheitern, zu unterhalten, zu interessieren gesucht hätte, seinen Wünschen zuvorgekommen wäre, nein! sie erwartete das Alles von ihm, saß da in phlegmatischer Ruhe und genoß, ohne mitzutheilen. War Seelberg durch Kränklichkeit oder kleine verdrießliche Vorfälle, denen auch der Einsame nicht gänzlich ausweicht, verstimmt; wandelten ihn in manchen Augenblicken Mißmuth und Unzufriedenheit mit der Welt an, so ließ sie ihn laufen und machte ihm noch wohl Vorwürfe obendrein. Freuete er sich und wünschte, sie möchte Theil nehmen an seiner Zufriedenheit, so blieb sie kalt oder ließ gar ein Wörtchen fallen, das auf einmal einen dunkeln Schatten auf das schönste Gemälde der Fantasie warf. Klagte er ihr sein Leiden, so half sie nicht tragen, sondern erschwerte seinen Kummer durch reiche Darstellung aller ersinnlichen, mit diesem Vorfalle verbundenen, nahe und entfernt, wahrscheinlich und unwahrscheinlich, möglich und unmöglich zu erwartenden Folgen. Zu Allem wählte sie daher den unbequemsten Zeitpunkt. Wenn Ludwig Aufmunterung bedurfte, so war sie stumm, machte ihm Langeweile und beklagte sich, daß er sie nicht unterhielte, und war er fröhlich, so stellte sie ihm irgendein unangenehmes Bild vor die Augen. Kleinigkeiten, die er gern so und nicht anders in seinem Hause eingerichtet wissen wollte, Speisen, die er lieber so als auf andre Art zubereitet aß, wurden auf alle mögliche, nur zum Unglücke nicht auf die Weise, wie er sie gern sah, besorgt. Und dies alles that sie nicht aus Bosheit; aber ihr melancholisch-phlegmatisches Temperament, eine gewisse Schlaffigkeit, Stumpfheit des Geistes, Talentlosigkeit und Mangel an feinem Gefühle und an Erziehung brachten das so mit sich, daß sie unthätig war, wo sie hätte handeln, sorglos, wo sie hätte aufmerksam, ängstlich, wo sie hätte ruhig seyn sollen, daß sie alles schief anfing und durchaus immer an dem Gegentheile von demjenigen Geschmack fand, was ihrem Gatten Vergnügen machte, im Grunde auch ihrem Manne wenig wahre Zärtlichkeit bezeugte.   Übrigens muß ich dem alten Odenfeld die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er seine Tochter in diesen Anlagen, Seelbergen das Leben sauer zu machen, nicht nur gar nicht bestärkte, sondern im Gegentheil, wenn er dergleichen gewahr wurde, ihr ernstlich zuredete. Allein der gute Mann wurde nicht viel gewahr in der Welt, war sehr schwach an Verstande, folglich eben kein feiner Beobachter, und kaum hatte er auch anderthalb Jahre hindurch bey seinen Kindern gelebt, als er sich hinlegte und sanft entschlief. Dieser Todesfall machte Ernestinen noch doppelt unleidlich; Seelberg mochte ihr auch noch so liebreich begegnen, so meinte sie immer, er bezeuge ihr nicht mehr so viel Aufmerksamkeit seit der Zeit, da ihr Vater nicht mehr lebte. Sie fing an karg zu werden, und obgleich ihr Mann ein guter Wirth war und nichts unnütz ausgab, so hatte sie doch immer den Argwohn, er verschwende heimlich Geld. Bey aller Gottesfurcht und theoretischen Demuth war sie unerhört ehrgeizig und eitel. Wo es darauf ankam, diese beiden Leidenschaften zu kitzeln, da sparte sie keinen Aufwand; aber sie wurde auch ebensooft von dieser Seite gekränkt, denn wenn irgendein Nachbar ihr einen Bückling zu wenig gemacht oder die Gräfin Storrmann in einem Briefe an Seelberg vergessen hatte, ein Kompliment an sie zu bestellen, dann war Feuer im Dache, und der arme Mann mußte dafür büßen. Übrigens bekümmerte sie sich um das Hauswesen und um ihren Sohn, so wie derselbe heranwuchs, gar nicht, erfüllte also eigentlich keine einzige hausfrauliche Pflicht als die, für die Familie zu beten. Seelberg war, wie wir wissen, von feuriger Gemüthsart; als er daher die Glückseligkeit nicht fand, die er gesucht hatte, wurde er im zweiten Jahre ein wenig mißmuthig und niedergeschlagen. Dann fing er nach und nach an, bey einzelnen Vorfällen seiner Frau Vorstellungen zu machen, bat, flehete, kam auch wohl in Zorn; allein was gewann er dadurch? Heftig antwortete sie ihm selten, aber sie fing dermaßen an zu heulen, zu winseln, ihm vorzuwerfen, wie haushälterisch, wie sparsam, wie tugendhaft sie sey, wie unbillig er aber mit ihr umgehe, wie so erpicht auf Kleinigkeiten er wäre, wie er alles so genau nähme – Kurz! es waren alle Vorstellungen vergebens; auch wenn sie heilig versprach, sich anders zu betragen, so hatte sie doch das Ding eine Stunde nachher schon wieder vergessen – Er behielt die Freiheit zu toben und zu lärmen, und sie, zu thun, was ihr beliebte, wodurch dann zuletzt, nach drey bis vier Jahren, jeder Schatten guter Laune von ihm wich. Aus Verzweiflung fing er nun an, mehr als jemals die Goldmacherey zu treiben, und da kann ich es nun nicht verhehlen, daß er ohne Ernestinens Wissen (die übrigens aus Geldgier ganz gern sah, wenn ihr Mann vor dem Schmelzofen saß) manche kleine Summe zum Schornstein hinausjagte. Um aber sein Unglück vollkommen zu machen, fuhr nach sechsjähriger Ehe noch der Eifersuchtsteufel in die Frau von Seelberg. Ungeachtet Ludwig ein Mann war, von dem auch nicht ein einziger Mensch sagen konnte, er gäbe durch seine Aufführung Gelegenheit zu solchem Argwohn, ungeachtet er schon zwischen dreißig und vierzig Jahren alt, folglich über die Periode, wo die Begierden am heftigsten toben, hinaus war, ungeachtet sie beinahe mit niemand umgingen und Seelberg von seiner ersten Jugend an gewöhnt gewesen war, ohne Gefahr mit viel liebenswürdigern Frauenzimmern umzugehn, als auf zehn Meilen Weges im Umkreise seinem Gute nahe wohnten, so hinderte doch das alles nicht, daß seine Frau ihn fähig hielt, jeder Dienstmagd oder jedes andern Frauenzimmers wegen, das er etwa einmal mit absichtloser Aufmerksamkeit angesehn oder mit welchem er einmal freundlich geredet, ihr untreu zu werden. Es gibt eine Art von Eifersucht unter Geliebten und Freunden, die von der wohlthätigsten, sanftesten Natur ist. Wenn man so mit ganzem Herzen an jemand hängt und keine größere Glückseligkeit kennt als die, eben so warm, eben mit so gänzlicher Hingebung wiedergeliebt zu werden, o! dann beunruhigt uns zwar so leicht ein Schatten von Argwohn, man könne etwas versehn haben, das uns in des theuren Gegenstandes Augen herabsetzte unter andre Menschen; dann zittern wir bey dem Gedanken, es könne unter so viel liebenswürdigem Leuten, als wir sind, Einer stärkern Eindruck auf ihn machen als wir. Der Gedanke, alsdann ein so unschätzbares Gut zu verlieren, als die ausschließliche Zärtlichkeit einer Person war, ohne deren Besitz wir kaum glauben athmen zu können, nagt an uns. Aber man bietet dann auch alle Kräfte auf, wacht über sich, sucht jeden äußern und innern Fehler an sich zu verbessern, um zu wetteifern auch mit den Besten unter denen, die dem Freunde zu gefallen trachten und die oft nur erborgte Reize und verstellte Tugenden aufbieten. Man ist dann ganz Aufmerksamkeit, Gefälligkeit, lebt nur für ihn, damit sein Herz ihm sage: »Wenn auch Andre schöner, muntrer, angenehmer scheinen als Er, als Sie, so liebt mich doch Keiner so wie Er, so wie Sie« – Und welche Wonne, wenn eine dankbare Zähre im Auge des Geliebten, eine zärtliche Umarmung uns jeden Zweifel, jedes Mißverständnis hebt, jede Furcht und Besorgnis verscheucht! Auch kann eine solche Eifersucht nicht mehr Statt finden unter Personen von Grundsätzen, die viel Jahre hindurch miteinander einträchtig und gründlich gelebt, sich kennengelernt, als treue Gefährten manche Wonne und Plage des Lebens gemeinschaftlich getragen haben und deren Umgang, deren Freundschaft Bedürfnis für Beide geworden ist. Die Ruhe des Einen macht das Glück des Andern aus, und welcher Fremde könnte ihnen ersetzen, was sie sich schuldig geworden sind? Wenn aber ein Drache von Weibe, der sich etwas darauf zugut thut, durch priesterliche Einsegnung ein ausschließliches Recht erlangt zu haben, einen ehrlichen Mann als sein Eigenthum anzusehn und ihn nach Gefallen zu peinigen, zu martern, wenig darum bekümmert, ob sie ihm länger als in den ersten Wochen wollüstiger Berauschung gefallen könne, wenig darum bekümmert, seine dauerhafte Hochachtung zu verdienen, nur mit dem Gedanken erfüllt: »Der Kerl ist mein, und wenn er mir ein anders Mensch anblickt, so soll es ihm übel bekommen!« Wenn dann ein solches Weib, in Jahren, wo weder ihr eigenes Temperament noch Gelegenheit, noch fremde Ansprüche auf ihre verjährte Tugend losstürmen, sich etwas auf diese strenge, nie in Versuchung geführte gute Aufführung einbildet und verlangt, ihr Mann solle für kein anders lebendiges Geschöpf auf der Welt Achtsamkeit und Wohlwollen empfinden als für sie; wenn er es dann nicht mehr wagen darf, seine Augen aufzuschlagen oder mit Theilnehmung auf einen andern Gegenstand zu heften, ohne Gefahr zu laufen, von ihren ausspähenden Furienblicken versteinert zu werden; wenn strenger, exemplarischer, untadelhafter Lebenswandel, allgemeine Achtung der Bessern, zehnjährige Treue, Sorgfalt und Aufopferung den redlichen Mann nicht dafür sichern können, von seiner theuren Hälfte um eines freundlichen Worts Willen, das er einem andern Frauenzimmer sagt, für einen Ehebrecher gehalten zu werden – Dann schwinden Gemüthsruhe, Freundlichkeit und froher Sinn, und es gehört wahrlich viel Kaltblütigkeit oder viel Verleugnung und Philosophie dazu, nicht Widerwillen und Ekel gegen ein so undankbares, niedriges Geschöpf zu empfinden, endlich aus Verzweiflung, da doch nun einmal sein Werth nicht erkannt, seine Treue in Zweifel gezogen wird, zu Ausschweifungen verleitet zu werden, an welche man sonst nie gedacht hätte, und in den Armen einer Buhlerin oder bey vollen Bechern sein Ungemach und seine Höllenplagen zu vergessen. In diese Lage war Ernestine bemühet, ihren Gatten zu setzen, und hätte er die schöne Alchymie nicht getrieben und bey seinen Tiegeln die Grillen nicht vergessen, so glaube ich, ich würde schlimme Dinge von ihm zu erzählen haben. Die Andächtige legte nun auch alle Sanftmuth ab, tobte und lärmte im Hause wie ein Türke, jagte alle Mägde aus dem Dienste, die nicht häßlich wie die Erbsünde waren, und fand doch nie Eine, die abscheulich genug ausgesehn hätte, sie von dieser Seite gänzlich zu beruhigen. War Seelberg hierdurch in einen bedauernswürdigen Zustand versetzt, floh jede Freude, jeder Genuß des Lebens von ihm, sunk seine Gesundheit und wurde wandelbar und hinfällig durch immer fortdauernden, nagenden Kummer, so hatte doch dies Übel wie jedes andre in der Welt wiederum seine sehr nützliche, wohlthätige Seite. Nicht nur machte es ihn mitleidiger, theilnehmender bey dem häuslichen Unglücke Andrer und gewöhnte ihn an Geduld in unvermeidlichen Leiden, sondern es heilte ihn auch nach und nach von seiner Pietisterey, indem er an dem Beispiele seiner eigenen Frau sah, was er in so viel andern Fällen nicht hatte wahrnehmen wollen, nämlich, daß äußere Andacht und innere Herzensgüte oft nicht vereinigt sind und daß das mechanische Beten und Frömmeln nicht immer die Menschen besser und stärker macht, ihre heiligen Pflichten zu erfüllen. Endlich auch wirkte dieser Kummer so sonderbar auf seine Stimmung, daß er aus der Geistesschlafsucht, in welche er versunken gewesen, aufgeschreckt wurde, denn so wie Leiden, welches wir in der Welt erleben, uns mehrentheils in die Einsamkeit treibt und uns fester an unsern Familienzirkel knüpft, so jagt häuslicher Kummer hinaus in die Welt, Freude auswärts zu suchen, die wir daheim nicht finden. Als er daher sah, daß alle Schonung und alle Vorstellungen bey Ernestinen fruchtlos waren, beschloß er, ihrem Anblicke auf einige Zeit sich zu entziehn und, zugleich zu Herstellung seiner Gesundheit, eine kleine Reise in ein Bad vorzunehmen. Er fuhr im Junius nach Wiesbaden; allein kaum hatte er acht Tage dort zugebracht, als ein Eilbote von Hause ihm die Nachricht brachte, seine Frau sey gefährlich krank. Er versäumte nun keinen Augenblick, zu ihr zurückzukehren; aber sie war schon gestorben, als er ankam; eine heftige Kolik, die von einer Unverdaulichkeit herrührte, hatte ihrem Leben auf eine so schnelle als schmerzhafte Art ein Ende gemacht. Ich will nichts von den Empfindungen sagen, die Seelberg bey dem Tode seiner Gattin fühlte. Gleichgültig war ihm der Verlust nicht; zwar hatte sie ihn nicht glücklich gemacht, aber sie war doch sieben Jahre hindurch die Gefährtin seines Lebens gewesen, und bey gutgearteten Gemüthern löschen Entfernung und Tod leicht die nachtheiligen Erinnerungen aus und erheben manches verkannte Gute. Elftes Kapitel Rücksichten des Anstandes und manche andre Umstände machten nun, daß Seelberg nicht nach Wiesbaden zurückkehrte; er brachte vielmehr noch sechs Wochen auf seinem Gute zu, bewarb sich um einen redlichen jungen Mann, dem er die Erziehung seines sechsjährigen Sohns anvertrauen könnte, fand auch einen Solchen und schrieb dann erst an seinen lange ihm aus den Augen gerückten Freund Alwerth: er bedürfe Zerstreuung und wolle auf einige Zeit zu ihm kommen. Dieser, obgleich er in der ganzen Zeit nach unsers Helden Verheirathung mit ihm außer aller Verbindung gewesen war, empfand doch eine herzliche Freude, als Seelberg nun freiwillig wieder zu ihm zurückkehrte und er aus der Schreibart des Briefs erkannte, daß er erwacht war aus seinem Geistesschlafe. Er antwortete ihm desfalls in den verbindlichsten Ausdrücken, er werde ihn mit offnen Armen erwarten. Die Leser werden es vielleicht sonderbar finden, wenn ich über eine Periode von sieben Jahren in Seelbergs Leben so wenig gesagt habe; allein sie würden gewiß größere Ursache haben, sich über mich zu beklagen, wenn ich über einen Zeitpunkt, der so wenig enthielt, das zu meinem Zwecke dienen könnte, mit großer Weitschweifigkeit hätte reden wollen. Außer den ländlichen und andern ökonomischen Geschäften, außer alchymischen Versuchen und der Lektüre mystischer Bücher, für welche unser Held jedoch von Jahre zu Jahre den Geschmack mehr verlor und darauf anfing, besonders seit der Zeit, da seine Frau ihn so plagte, wahrhaftig philosophische und auch Bücher über andre wissenschaftliche Gegenstände sowie historische Werke zu lesen; außer diesen Verrichtungen, unter denen wirklich die häuslichen viel Zeit wegnahmen, da er manche Dinge dieser Art jetzt, als Vater, in das Klare zu setzen für seine Pflicht hielt, wie er denn auch einige Prozesse führen mußte; außer diesem, sage ich, that er eigentlich – gar nichts, das des Erzählens werth wäre. Im August reisete Seelberg ab, um Alwerthen in der Reichsstadt *** zu besuchen. Freude glänzte von beiden Seiten auf den Gesichtern dieser alten Bekannten, als sie sich nach einer so langen Trennung wiedersahn. Gegenseitige Mittheilung der indes Jedem einzeln widerfahrenen Begebenheiten, sodann Rückerinnerungen an die gemeinschaftlich erlebten Schicksale, Erklärungen über die Ursachen eines so langen Stillschweigens, Versicherungen, daß dadurch ihre Freundschaft nicht vermindert worden, endlich andre vertrauliche Gespräche mancher Art auf Spaziergängen und wenn sie in der Stadt umherwanderten, das Merkwürdigste darin in Augenschein zu nehmen, dies alles beschäftigte die beiden Freunde in den ersten Tagen von Seelbergs Aufenthalte in ***, und indes beobachtete Alwerth ihn sehr genau, um zu erforschen, ob er in einer solchen Stimmung wäre, daß er ihm einen Plan mittheilen könnte, zu dessen Ausführung er Seiner höchst nothwendig zu bedürfen glaubte. Er fand dann mit Vergnügen: daß in Seelbergen der Geist der Thätigkeit und die Begierde, etwas Ausgezeichnetes zu unternehmen, sich eine neue moralische Existenz zu verschaffen, wieder erwacht, daß sein Hang zu Spekulationen, seine Kopfhängerey, wie Alwerth es nannte, ziemlich vergangen war, daß er wieder Sinn hatte für große, weitaussehende Entwürfe, daß er mit allen menschlichen Einrichtungen unzufrieden war, es anders wünschte, und daß er nicht mehr Lust hatte, ruhig zu harren, zu klagen und sich mißhandeln zu lassen, sondern daß er gern alles umgestürzt hätte. Er wußte ihn dahin zu leiten, daß er diese Empfindungen von freien Stücken äußern mußte, und dann erweckte er, um ihn noch mehr zu entflammen, in ihm das Andenken an die Demüthigungen, die er am königlichen Hofe in *** hatte leiden müssen. Als endlich einstmals Seelberg voll Freude ausrief: »O Alwerth! schaffe mir noch sechs solche Männer, als Du und ich sind, und wir wollen alles umdrehen, wollen den Schurken, die über den kleinen Haufen der Bessern so frech und ungestraft den Meister spielen, das Ruder aus den Händen reißen, wollen ihnen zeigen, was Männer von Kraft und Entschlossenheit vermögen – Ach! es wäre uns gewiß nicht mißlungen in ***, wenn wir Beide nicht einzeln da gestanden wären, wenn wir Hilfe und wenn wir mehr Welterfahrung gehabt hätten. Aber gib mir eine Gelegenheit, das wahrzumachen, wozu ich Muth und Fähigkeit in mir fühle, so sollst Du sehn, ob dies leere Worte sind!« – Als er so deklamierte, ergriff ihn Alwerth bey der Hand, sah ihm steif in die Augen, blickte um sich her, ob auch niemand horchte, und fragte dann in feierlichem Tone: »Und wie, wenn ich Dir die sechs und noch viel mehr und noch bessere Männer schaffte, als die Du suchst? Wenn diese schon in einem unauflöslichen Bündnisse gegen die Bösen stünden? Wenn sie die sichersten Mittel in Händen hätten, ohne Gewalt, ohne Gefahr alles zu dem großen Zwecke zu lenken, Freiheit und Wahrheit wieder auf der Erde herrschen zu machen, dem Laster die Hände zu binden und jedem guten und klugen Manne unfehlbares zeitliches Glück und Seelenruhe zuzusichern? Wie, wenn sie schon seit einer Reihe von Jahren mit dem besten Erfolge gearbeitet und in der Stille sehr viel gethan, Revolutionen bewirkt hätten, die man andern Ursachen zuschrieb? Wie, wenn sie es wären, die die Riesenschritte leiteten, welche seit einiger Zeit die Aufklärung besonders in Deutschland gemacht hat? Wenn sie Dir Aufschlüsse geben könnten, die Du lange vergebens in den geheimnisvollen Büchern gesucht hast?« – »O Alwerth!« fiel ihm hier Seelberg in die Rede. »Wenn Du mir dies alles, ja! wenn Du mir nur die Hälfte davon wahrmachen könntest, so wollte ich Dich lebenslang als meinen größten Wohlthäter betrachten.« Alwerth hatte nun seinen Freund da, wo er ihn haben wollte; jetzt brach er plötzlich ab: »Heute«, sagte er, »kann und darf ich Dir nichts weiter hierüber sagen; aber wir sprechen gelegentlich mehr davon.« Seelberg sah sich mit Betrübnis auf einen andern Tag vertröstet, und auch diesen Tag war der Doktor grausam genug, unter allerley Vorwande immer weiter zu verschieben, bis er endlich auf dringendes Bitten seines Freundes nach einiger Zeit das Gespräch über jenen Gegenstand wieder also anfing: »Die Gesellschaft, von welcher ich Dir geredet habe, existiert wirklich; Du kannst aber auch begreifen, daß die äußerste Vorsicht bey der Wahl neuer Verbündeter nöthig ist. Männer, die mit so großen Dingen umgehn, als das ist, der Welt eine andre Richtung zu geben, der gefallenen Menschheit wieder aufzuhelfen und Macht und Gewalt zu erlangen über die Bösen, solche Männer müssen nicht nur nach einem Systeme handeln, das keinen von denjenigen Fehlern hat, die in den öffentlichen Anstalten, in der bürgerlichen Gesellschaft und in den Staaten, gegen welche sie eifern, die Menschen unglücklich machen, sondern sie müssen auch sich selbst und ihre Mitverbundenen so genau kennen und prüfen, daß sie gewiß seyn können, sie haben Beruf und Kraft, das große Werk auszuführen, und es werde nicht einst ihre Verbindung auf den nämlichen Mißbrauch der Gewalt hinauslaufen, welcher alle übrigen menschlichen Anstalten bis jetzt entweder korrumpiert oder getrennt hat. Du mußt es mir daher nicht verdenken, wenn ich, bevor ich Dich näher mit der Gesellschaft bekannt mache, erst von Dir erwarte, daß Du mir über manche sehr wichtige Gegenstände theils schriftlich, theils mündlich Deine Meinung eröffnest und mir auf jeden Fall die strengste Verschwiegenheit versprechest.« Seelberg war zu allem bereit, und nun legte ihm sein Lehrer solche Fragen vor, durch deren Beantwortung er jede Falte seines Herzens, sodann seine bürgerlichen und politischen Verhältnisse, seinen physischen, moralischen und intellektuellen Zustand entwickeln, seine Neigungen, Grundsätze und Wünsche offenbaren und Alwerthen auf diese Art in den Stand setzen mußte, genau zu wissen, inwiefern er auf ihn rechnen und wozu er ihn brauchen könnte. Auch führte ihn Dieser auf Proben von Verschwiegenheit, Vorsichtigkeit, Wachsamkeit, Festigkeit, Beharrlichkeit, Eifer, Unerschrockenheit – und darüber vergingen einige Wochen. Seelberg miethete ein Haus in der Stadt, hatte seine Güter schon vor seiner Abreise verpachtet und ließ nun auch seinen Sohn mit dem Hofmeister zu sich kommen – Er lebte jetzt nur für den großen Plan, zu welchem er bald mitwirken sollte. Indessen mußte er auch schriftlich sich erklären: was er eigentlich sich zum Zwecke einer solchen Verbindung wünschte und welche Mittel er wählen würde, diesen Zweck zu erreichen? Als nun Alwerth sah, daß ihre beiderseitigen Ideen, Neigungen und Wünsche übereinstimmten, daß freilich von mancher Seite Seelberg noch nicht so fein ausgebildet, so sehr Meister über sich als ein Mann, der in der Schule der Jesuiten abgerichtet ist, daß er von einer andern Seite aber mehr gemacht war, durch glänzende Eigenschaften, durch Talente, durch das Gepräge der vornehmern Erziehung und durch äußere Geschliffenheit sich bey einigen Klassen von Menschen einzuschmeicheln, endlich, daß er eine unermüdete Thätigkeit, einen Fleiß hatte, den nichts abschrecken konnte – da rückte er dann mit der Nachricht hervor: die bewußte Gesellschaft sey zwar wirklich noch nicht vollkommen fest gegründet, doch habe er schon in allen Ecken Deutschlands sichre, zuverlässige, vortreffliche Menschen von gleichen Grundsätzen aufgespürt, sey mit Diesen in weitläufigen Briefwechsel getreten oder habe mündliche Unterhandlungen mit ihnen gepflogen, und nun sey alles vorbereitet und jedermann begierig, das Werk anzufangen; es habe ihnen nur ein Mann wie Seelberg gefehlt, der, bey so viel herrlichen Eigenschaften, zugleich so viel Erfahrung in mystischen Dingen und in der Freimaurerey hätte, welches alles doch auch mit in ihren Plan gehörte.   Nun holte Alwerth seine Papiere – Aufsätze, an welchen er Jahre hindurch gearbeitet und darin er alles gesammlet und aufgezeichnet hatte, was nur zu Vervollkommnung des Plans, seiner Meinung nach, dienen konnte. Seelberg las mit Aufmerksamkeit, prüfte, verbesserte, fügte von dem Seinigen hinzu, machte Einwürfe, ließ sich belehren; sodann schickte man das Ganze an die übrigen Mitverschwornen, feilte, schmolz um, und am Ende kam ein System heraus, welches ungefähr auf folgenden Sätzen beruhete:   »Was nützt ein bloß spekulatives Leben, ein Hinschielen in eine andre Welt, indes in der gegenwärtigen alles verkehrt hergeht? Hat uns nicht Gott in Diese gesetzt, um hier thätig zu seyn? Und was sollen wir treiben? – Gutes thun, Böses hindern, uns und Andre glücklich machen! – Worin besteht aber das Glück? In Freiheit und Gefühl des Wohlbefindens! Ist aber nicht der größte Theil der Menschen unglücklich an Geist, Seele, Leib und Vermögen, gedrückt, korrumpiert und verfinstert? Haben nicht fast aller Orten die Boshaften und die Dümmsten die Oberhand, auf Unkosten der Weisern und Bessern? Und woher kömmt das? Daher, daß Diese zu unthätig sind, sich alles gefallen lassen, sich nicht die Hände bieten, sich zum Theil nicht kennen. Und doch sind sechs edle Menschen stärker als hundert Schurken. Also lasset uns eine feste Kette schließen gegen Bosheit und Unverstand! Lasset uns das Menschengeschlecht wieder frey und glücklich machen! Wir können es gewiß. Warum haben von jeher Pfaffen und Fürsten, vorzüglich aber Jesuiten, die Menschen zu Allem bewegen, sie für thörichte und schädliche Dinge, ja! für Aufopferungen aller Art mit heißem Enthusiasmus erfüllen, warum hat man die Menschen dazu bewegen können, daß Ihrer viel tausend Vernünftige und Starke Einem Dummkopfe zu Gebote stehen, auf seinen Wink das Unsinnigste glauben und das Schlimmste, mit ihrem eigenen Interesse Streitende haben unternehmen müssen? Zeigt das nicht offenbar, daß man mit den Menschen machen kann, was man will, wenn man sie nur bey dem rechten Zipfel angreift? Niemand hat aber diese Kunst besser verstanden als die Jesuiten, nur haben sie dieselbe zum Bösen angewendet.«   (Alwerth versicherte, daß er von seiner Jesuitenmoral gänzlich zurückgekommen sey und wohl einsehe, welche gefährliche Maschine der Orden für die Menschheit gewesen; doch blickte Loyolas Schüler noch sehr oft aus ihm hervor.) »Konnten nun jene Pfaffen in dem Menschen Enthusiasmus für Narrheiten und Bosheiten erwecken, so wäre es doch sonderbar, wenn man für Tugend und Wahrheit, für die edelsten Güter, die so glücklich, so ruhig machen, nicht ebenso warme Eiferer sollte gewinnen können! Aber dazu gehörte denn freilich, daß man diesen Töchtern des Himmels ein ebenso reizendes Gewand umzuhängen und das äußere Interesse, gut zu seyn, ebenso groß zu machen verstünde, als jetzt der Vortheil, böse zu seyn, in der Welt ist, und daß man der Tugend und Weisheit auch äußern Glanz und eine sichre Belohnung versprechen könnte. Um dies alles zu erlangen, muß man sich zu guten Zwecken eben der tiefstudierten, auf die feinste Kenntnis des menschlichen Herzens beruhenden Mittel bedienen, welche die Jesuiten zum Bösen anwendeten; und dann kann der Erfolg nicht fehlen. Und welche sind diese Mittel? Hauptsächlich folgende: Man suche viel gute und geprüfte Menschen in unser Bündnis zu ziehn, besonders solche, die Einfluß auf Erziehung der Jugend haben! Durch dieselben lasse man diesen Sprößlingen nach und nach unsre Grundsätze einflößen, damit die folgende Generation gänzlich in unsern Händen sey, uns ganz angehöre, ganz denke und handle wie wir! Aus Diesen nehmen wir dann unsre Lehrer der Menschheit. Unsre Leute müssen Alle auf Einen Ton gestimmt werden, über jede Sache nur Eine Sprache führen, über alle Vorurtheile hinaus seyn, aller Orten Aufklärung befördern, nur immer das Beste unsrer Gesellschaft, das heißt den Zweck derselben, nämlich das allgemeine Wohl der Welt, vor Augen haben, aber nichts nach Willkür unternehmen, sondern alles nach den von uns erhaltenen Vorschriften, die ihnen nie aus dem Gedächtnisse weichen müssen. Sich nach unsrer Anweisung zu bilden und nach unsern Winken zu handeln, das muß Tag und Nacht ihre Hauptidee seyn, und man muß die Kunst verstehn, ihnen den Unterricht sinnlich, die Anhänglichkeit an uns zum Bedürfnisse und das Wirken zu den Zwecken der Gesellschaft zu eines Jeden Steckenpferde zu machen. Dies Alles erlangen wir, wenn wir zuerst das Beispiel in jeder Art Tugend und Weisheit, Wachsamkeit, Nüchternheit, Uneigennützigkeit, Thätigkeit, Pünktlichkeit und Aufopferung der Privatvortheile gegen das allgemeine Beste geben; sodann, wenn wir vorsichtig in der Wahl der Mitglieder sind, wenn wir diese nur nach und nach an der feinern Ausführung Theil nehmen lassen, sie vorher mit unausgesetzter Aufmerksamkeit kennenzulernen suchen, sie nachher mit unermüdetem Fleiße bilden, sie durch alle nur ersinnliche Mittel an uns zu fesseln und das Interesse der Gesellschaft zu ihrem eigenen zu machen wissen; wenn wir an ihnen Wohlthäter werden, ohne je wieder von ihnen Wohlthaten und Gefälligkeiten anzunehmen; wenn wir einem Jeden geben können, was er wünscht, und endlich, wenn wir uns stark machen, jedes Gute durchzusetzen und unsern Feinden furchtbar zu seyn. Wir bedürfen zu diesem Plane freilich gleich anfangs, bis unsre Jugend gebildet ist, viel Menschen. Da aber erwachsene Leute schwer zu leiten und umzustimmen und gewöhnlich schon verderbt sind, so muß bey der Auswahl derselben die größte Vorsicht gebraucht werden. Sehr vornehme und sehr reiche Leute taugen selten viel; uns sind Solche nützlicher, die ein wenig im Drucke gelebt haben, über Manches in der Welt klagen und Manches anders wünschen. Finden wir unter Diesen Solche, die für uns taugen, dann gibt es allerley Mittel, dieselben an uns zu ziehn. Jedermann hat Lieblingswünsche; diese muß man zu erfahren suchen und von Weitem ahnen lassen: man könne die Befriedigung derselben bey uns finden – Kurz! Jeder ehrliche Mann muß bey uns zu finden glauben, was er sucht und sonst nirgends findet; auch können wir ihm dies in der Folge sicher versprechen. Man muß zuerst den Mann, den man in unsern Bund ziehn will, sich durch Freundschaftsdienste verbindlich machen. Heut zu Tage sind die Reize der Neugier und die Geheimnissucht große Ressorts in der Welt geworden; auch davon muß man Gebrauch machen. Wir müssen so leben, daß wir in der Stille doch Aufsehn erregen und Ehrerbietung einflößen, daß man auf unsern Umgang begierig, auf unsre Freundschaft stolz sey; man unterscheidet sich gern; und so wird dann jeder bessere Mann es für ein Glück halten, mit uns in nähere Verhältnisse zu kommen.   Haben wir nun jemand auf diese Art für uns gewonnen, so kömmt es darauf an, den Mann von Innen und Außen auf das Genaueste kennenzulernen. Da müssen wir ihn also unaufhörlich beobachten, da beobachten, wo er es am wenigsten vermuthen kann, wo er sich in puris naturalibus seinen Neigungen überläßt und von niemand gesehn zu werden glaubt. Die schon Gebildeten müssen sich in diese Arbeit theilen; es muß keine auch noch so unbedeutend scheinende Handlung und Verrichtung im Leben unsrer Zöglinge seyn, bey welcher wir nicht unsre Augen auf dieselben haben; wir müssen wissen, wie unsre Leute beym Wachen, Schlafen, Träumen, Essen, Trinken, Gehen, bey der Arbeit, im Müßiggange, bey ruhiger Stimmung und bey leidenschaftlichen Ausbrüchen sich betragen. Dies alles muß genau aufgeschrieben, mitgetheilt, darüber raisonniert und darnach mit Jedem besonders operiert, Jeder besonders bey der Arbeit angestellt werden, nach seinen Fähigkeiten, und man muß die Kunst studieren, ihn selbst zu überzeugen: er tauge dazu und nicht zu etwas Anderm, sey aber deswegen nicht mehr oder weniger werth als sein Nebenmann, der in einem andern Fache Nutzen zu stiften taugt.   Kennen wir nun unsre Mitglieder auf das Genaueste, dann wird die Arbeit mit ihrer Bildung leichter; wir wissen, wo es fehlt, und es kömmt nur darauf an, den rechten Weg einzuschlagen, unser System einem Jeden stückweise in derjenigen Form mitzutheilen, welche ihm die angenehmste ist; er muß desfalls durch Aufgaben, deren Auflösung man von ihm fordert, durch Rath und Zurechtweisung, die man sich über einen Gegenstand von ihm ausbittet, dahin geleitet werden, nach und nach diejenigen Sätze, die wir ihm beibringen wollen, selbst zu erfinden. Man muß langsam weitergehn, damit diese Sätze erst fest bey ihm werden. Allein nicht nur müssen unsre Systeme theoretisch gut gefunden werden, sondern alle unsre Mitglieder müssen auch unaufhörlich, in allen Lagen, bey allen Versuchungen, gleich konsequent darnach handeln, und da ist es nicht genug, daß wir uns darauf verlassen, nichts zu verlangen, als was der Natur und Vernunft angemessen ist; nein! wir müssen auch Mittel haben, unsre Leute gleichsam zu zwingen, gut zu handeln, in ihnen einen unwiderstehlichen Hang, eine Nothwendigkeit zu erregen, ihre Pflichten zu jeder Zeit zu erfüllen. Unter diesen Pflichten sind Mäßigkeit, Mäßigung, Thätigkeit, Wachsamkeit, Verschwiegenheit, Folgsamkeit, Demuth und Festigkeit die vornehmsten. Tugend kann, wie das Laster, Habitüde werden; also sind freilich strenge Aufsicht in der ersten Zeit und sanfte Erinnerung bey dem geringsten Fehltritte, bis diese Gewohnheit erst entstanden ist, höchst nothwendig; allein das ist nicht hinreichend; man muß auch die herrschende Leidenschaft eines Jeden als Vehikulum brauchen, ihm diese Tugend annehmlich, ja! ihn gierig darnach zu machen; bey Ehrgeizigen und Eitlen kömmt man hiermit am weitesten. Sodann muß man Enthusiasmus zu erwecken verstehn; und da sich dieser am sichersten durch Ansteckung fortpflanzt, so muß man selbst nie ohne Wärme und Entzückung oder ohne feierliche Ehrerbietung von unserm großen Plane, von unsrer heiligen Verbindung reden. Endlich ist es aber auch nothwendig, ein äußeres Interesse an die Erfüllung der Pflichten zu knüpfen, und dies geschieht, indem wir Jedem, der folgt, die sichre Belohnung seiner Handlungen, Beförderung im bürgerlichen Leben, Schutz und Hilfe versprechen. Es wird nicht schwer seyn, diese Versprechungen zu halten, wenn wir nach und nach aller Orten durch unsre Leute Einfluß bekommen; wenn wir den genauesten Zusammenhang unter uns erhalten, so daß nicht ein Einziger sey, der nicht zu einer Klasse gehöre, deren Oberaufsehern er zu bestimmten Fristen von sich selbst und von Allem, was uns nützen und schaden kann, Bericht erstatte; wenn Alle für Einen und Einer für Alle stehen, sobald es darauf ankömmt, Einem von den Unsrigen zu helfen. Solange wir noch nicht mächtig genug sind, solange wir noch nicht an der Spitze von Regierungen und öffentlichen Anstalten Männer aus unsern Mitteln stehn haben, dürfen wir freilich nicht unvorsichtig in Versprechungen seyn, aber doch nie unsre Schwäche verrathen. Auch sind sechs kluge Männer sehr stark, wenn sie thätig seyn, nichts unversucht, sich nie abschrecken lassen und sich aller Orten Briefwechsel und Verbindungen verschaffen wollen – Sie brauchen nicht Fürsten, nicht Minister zu seyn, wenn sie nur schlau, kühn und unermüdet sind – Wie wenig Länder werden auch wirklich von Fürsten und Ministern regiert! – Wozu wir aber auch nichts beitragen können, das müssen unsre Zöglinge doch glauben, geschehe durch uns; unsre Verbindung sey allmächtig und höchst ausgebreitet. Desfalls, und um alle Privatrücksichten aufzuheben (wodurch so vielfältig Menschen getrennt werden, die recht gut unwissend zusammen an dem nämlichen Seile ziehen, aber gleich zurücktreten, sobald sie jemand an ihrer Seite oder über sich sehn würden, gegen den sie ein Vorurtheil haben), müssen die Mitglieder weder uns noch Alle sich untereinander kennen. Dann glauben sie auch immer, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden, und thun ihre Pflicht, bis ihnen Pflichtüben zur andern Natur wird. Überhaupt, je unbekannter und stiller wir wirken, um desto sichrer können wir des Erfolgs unsrer Unternehmungen seyn, um desto weniger können uns die Bösen, gegen deren Interesse wir handeln, entgegenarbeiten. So wie aber Alle zu Unterstützung eines Einzigen bereit seyn müssen, so sollen sie sich auch ebensofest aneinanderschließen gegen Den, der es wagt, Einen von uns oder unsern Bund überhaupt anzutasten. Man erinnere sich nur, wie geschickt die Jesuiten waren, ihre Anhänger durch öffentliche Blätter und Gerüchte ausposaunen zu lassen, ihre Feinde hingegen an den Pranger zu stellen, zu verschreien, zu verfolgen, sie in allgemein bösen Ruf zu bringen, Mißtrauen gegen sie zu erregen, ihre Handlungen und ihre Schriften herabzusetzen, bis sie ihnen das Maul gestopft hatten Nämlich, wer sich's wollte stopfen lassen! . Weit entfernt, diese satanischen Operationen (worin gewisse andre Gesellschaften oder wenigstens einzelne Mitglieder dieser Gesellschaften noch heut zu Tage stark sind) vorzunehmen, können wir doch daraus manche Klugheitsregel zum Guten abstrahieren. Befolgen wir dies alles, wissen wir da, wo es nöthig ist, Pfaffen, Weiber und die gelehrten Schreier, Journalisten und Aufklärungssüchtigen auf unsre Seite zu bringen, dann werden wir bald alles, alles ausrichten können. Aber es ist nöthig zu sagen, was wir denn eigentlich ausrichten und was wir in den verschiedenen Klassen der Verbindung treiben wollen – – Denn jedes unsrer Mitglieder muß thätig seyn zu dem allgemeinen Besten, je nachdem es Lust, Neigung, Geschick hat und durch seine bürgerlichen Verhältnisse dazu in den Stand gesetzt ist, und jede Klasse muß ihre bestimmte, angewiesene Arbeit haben, die eine sich mit scientifischen Dingen, die andre bloß mit Menschenkenntnis, die dritte bloß mit Bildung der Zöglinge, die vierte mit politischen Zwecken u. s. f. beschäftigen. Über jedes dieser Fächer müssen sich die Berichte bey uns konzentrieren und die Mitglieder von hier aus mit den genauesten Instruktionen versehn werden. Also: Unser letzter Zweck soll der seyn: die Menschen, die mit uns in Bündnis treten, frey und glücklich zu machen und durch sie der ganzen Menschheit wieder aufzuhelfen. Niemand aber ist frey, als wer wenig Bedürfnisse hat; folglich müssen wir zuerst unsre Zöglinge dazu anführen, wenig zu begehren, wachsam auf ihre Leidenschaften, mäßig, genügsam und selbständig zu seyn und dadurch von Menschen, von Schicksalen und von der Meinung des großen Haufens unabhängig zu werden. Glücklich ist niemand, als wer Meister ist über seine Leidenschaften; desfalls muß moralische Vervollkommnung unser zweites Augenmerk seyn. Diese kann nicht Statt finden ohne geläuterte Vernunft; denn Verirrung vom glücklichmachenden Wege der Tugend entsteht nur aus Mangel an Einsicht. Wer aufgeklärt genug ist, seinen wahren Vortheil zu kennen, der wird gewiß immer rechtschaffen, gerecht und weise handeln. Beförderung allgemeiner Aufklärung muß also unser drittes Augenmerk seyn; und weil dieser Aufklärung alle mögliche Arten Vorurtheile im Wege sind, so müssen wir uns die Bekämpfung derselben angelegen seyn lassen. Es steht aber bey aller Aufklärung des Verstandes der moralischen Vervollkommnung dennoch manches andre Hindernis in der wirklichen Welt entgegen, und zwar besonders das Übergewicht, welches bis itzt die Bösen und Dummen über die Guten und Weisen gehabt haben, so daß Tugend bis dahin nur Verleugnung, Aufopferung gewesen und kein zeitliches Glück gewährt, sondern vielmehr nicht selten tödliche Verfolgung nach sich gezogen hat. Um nun der Rechtschaffenheit wieder das Übergewicht zu verschaffen, ihr mehr äußern Reiz zu geben und jedem guten und weisen Manne den Preis seiner Veredlung, zeitliches Glück und Ruhe zusichern zu können, muß unser viertes Augenmerk seyn, uns zu verstärken und Macht über die Bösen zu bekommen. Dies darf nicht durch gewaltsame Mittel geschehen; wir dürfen uns keine Empörungen erlauben, auf keine Art in die Rechte der Staaten greifen, aber wer kann es uns wehren, und ist es nicht vielmehr, wenn wir gute Bürger seyn wollen, unsre Pflicht, vernünftige Grundsätze auszubreiten, das Gute zu befördern, das Böse zu hindern, junge Leute für die bürgerliche Gesellschaft zu bilden, Männer, deren Verdienste wir kennen und erprobt haben, durch unsre Vorsprache an die Spitze der Geschäfte im Staate zu setzen, ihnen Gelegenheit zu geben, Glück zu verbreiten? In diesen großen Plan aber, der die Wohlfahrt unsrer Mitglieder und der ganzen Welt und die Aufklärung zum Gegenstande hat, gehört natürlicher Weise auch die Sorgfalt für die Beförderung und den Flor der Wissenschaften und Künste, und dies muß daher unser fünftes Augenmerk seyn. Wir müssen die geschicktesten Männer aus allen Fächern in unsern Bund zu ziehn suchen, unermüdet durch unsre Leute forschen, grübeln, aufspüren lassen, damit wir in den Besitz der seltensten Kenntnisse aller Art kommen und auch von dieser Seite unser Unterricht Jeden befriedigen möge. Kömmt es aber darauf an, in irgendeinem wissenschaftlichen Fache etwas aufzusuchen, so müssen auch darin, wie in allem Übrigen, alle Mitglieder bereit seyn, für Einen zu sammlen und zu arbeiten, wenn sie auch den Mann nicht kennen, für den sie arbeiten. Endlich aber ist alles daran gelegen, daß wir selbst uns gegen den Mißbrauch der Gewalt waffnen, welche wir nach und nach bekommen werden, damit unsre versteckten Leidenschaften uns nicht verleiten, ebenso wie die bisherigen Lehrer und Regierer unsre Macht zu Unterjochung und Täuschung Andrer anzuwenden; und da müssen wir dann nicht nur immer an uns selbst arbeiten, prüfen und den esprit public in uns erhalten, sondern auch uns so die Hände binden, daß Keiner ohne den Andern willkürlich Einen Schritt thun könne, sondern daß wir uns stets einander kontrollieren und bewachen. So wird dann dies große Werk zwar nicht bey unsern Lebzeiten, aber für die folgenden Generationen zu einem unzerstörbaren Gebäude werden. Jedermann wird zum Besten des Ganzen handeln und dasselbe immer vor Augen haben. Aller Privateigennutz wird aufhören. Die durch uns erzogenen Menschen werden wenig begehren und dies Wenige leicht ohne Beleidigung Andrer erhalten können. Despotismus und Betrug werden aufhören, indem die Triebfedern, durch welche diese Ungeheuer bis itzt ihre Gewalt ausgeübt haben, nämlich Luxus, Begierlichkeit, Aberglauben, Verfinsterung und Vorurtheil, von der Erde verschwinden; alle künstlichen Maschinerien werden wegfallen; ohne alle äußere Gewalt werden alle Staatsverfassungen aufhören; die Welt wird deren nicht mehr bedürfen; jeder Erwachsene wird sich selbst, jeder Hausvater sein Haus, Tugend und Weisheit werden sie Alle regieren; die Menschen werden nicht durch kleine bürgerliche und Familienbande voneinander abgesondert werden; sie werden nur Eine glückliche Familie ausmachen; Frieden und Ruhe werden allgemein herrschen, und dann erst wird die christliche Religion, welche alle Menschen lehrt, sich als Brüder zu betrachten, allgemein und recht verstanden seyn und das verheißene goldene Zeitalter, das ewige Reich, über den ganzen Erdboden verbreitet werden.« Zwölftes Kapitel War je ein Plan aus guter edeln Herzensergießung, mit Uneigennützigkeit von Seiten der Erfinder und mit den besten Absichten zum Wohl der Welt angelegt, so war es dieser; und verdient irgendeine Art von Schwärmerey Schonung, Nachsicht, ja! vielleicht Bewunderung, so darf wohl diese moralisch-politische Schwärmerey zu Reformation der Welt darauf Anspruch machen – Ach! gäbe es nur zwölf engelreine Menschen auf der Erde, und Diese verbänden sich, gingen von den eben entwickelten Grundsätzen auch nicht um ein Haarbreit ab, und sie lebten dann Alle, an Leib und Seele gesund, hundert Jahre hindurch mit- und nebeneinander in Frieden und hätten durchaus keine andre Geschäfte, und hätten Vermögen, und hätten freie, von Menschen und Schicksalen unabhängige Existenz, dann würde dieser Plan auch gewiß realisiert werden – Aber so bleibt er Traum; doch immer ein schöner Traum. Unsre beiden Herrn griffen nun, sobald das System gegründet war, ihr Werk ernstlich an. Noch acht andre, ganz wackre brave Männer von Alwerths Bekanntschaft, wurden von Allem unterrichtet, zur Hauptdirektion bestimmt und an die Spitze gestellt. Man fing die Sache mit brennend heißem Eifer an, und bey der Stimmung unsers Zeitalters, bey dem Hange des Publikums zu Allem, was wunderbar und geheim ist, und zu solchen Ankündigungen, in welchen die oft sehr doppelsinnigen Worte Aufklärung, Wohl der Menschheit, Freiheit, Weisheit u. dgl. erscheinen, konnte es unmöglich fehlen, daß die Sache schnellen Fortgang hatte. Solange das Geschäft mit vier Augen zu übersehn war, ging alles vortrefflich. In manchem edeln Jünglinge wurde ein Keim zu hohen Tugenden und Aufopferungen gepflanzt; mancher mißkannte oder verfolgte Redliche wurde aus dem Staube hervorgezogen, aufgemuntert, unterstützt, empfohlen, geschätzt, befördert; mancher in Mißmuth und Schlafsucht Verfallene wurde zu neuer Thätigkeit für die Welt erweckt; manchem arbeitenden, suchenden Gelehrten wurde bey seinen mühsamen Nachforschungen nach Dokumenten und Hilfsmitteln die Hand gereicht, indem die unüberwindliche Beharrlichkeit unsrer beiden Helden bey ihrem ausgebreiteten Briefwechsel seinem Bestreben zu Hilfe kam. Auch Seelbergs persönlicher Charakter gewann dabey. Alle Hilfsquellen seines Verstandes, alle seine Fakultäten wurden in den Gang gebracht, aufgerührt, in Bewegung gesetzt, und manche neue Idee über Menschen und die Art, auf sie zu wirken, in ihm entwickelt. Er fing an, wo nicht die Menschen zu lieben, doch Interesse an ihnen zu nehmen, indem er sich als ihren ihnen ganz gewidmeten Wohlthäter ansah. Bey aller täglich wachsenden, unerhört großen, schweren Arbeit, bey allem Zwange, persönlich, mündlich und schriftlich Jedem vom frühen Morgen bis in die späte Nacht zu Gebote zu stehn und eines Jeden Anliegen zu seinem eigenen zu machen – kurz! bey dieser ununterbrochenen äußern Unruhe ging er dennoch fast immer mit heiterm, ruhigen Gemüthe, gestärkt durch das Bewußtsein eines nicht verlornen Tages, zu Bette. Indem er auf Menschen aller Art zum Guten wirken und diese Menschen studieren mußte, sah er nicht nur, welche Mängel hauptsächlich der Beförderung eigener und fremder Glückseligkeit im Wege stehen, sondern fühlte auch, wo es ihm selbst noch fehlte, warum er auf manche Menschen nicht Einfluß, nicht Gewicht genug hatte, und diese Selbstkenntnis bewog ihn, an sich zu arbeiten, sich der Wahrhaftigkeit, Mäßigkeit, Treue in Haltung des gegebenen Worts und in der Erfüllung der Versprechen zu befleißigen. Drey Jahre lang widmete sich auf diese Art Seelberg, und zwar, seinem feurigen Temperamente gemäß, wärmer als die Übrigen, die beinahe, selbst Alwerth nicht ausgenommen, alle Last auf ihn wälzten, dem Dienste Andrer. Jeder machte Ansprüche, verlangte; wenige wollten geben; er ließ sich aber nicht abschrecken. Mit dem uneigennützigsten Eifer gab er sich Jedem preis, arbeitete ohne Unterlaß an der Beförderung und dem Glücke seiner Mitverbundenen, die oft nur Befriedigung elender Fantasien von ihm forderten und gewaltig murrten, wenn ihnen nicht sogleich geholfen wurde, da hingegen Ludwigs Name, der doch die Seele des Ganzen war, nicht einmal genennt wurde, wenn so Mancher seine ganze zeitliche Glückseligkeit der Verbindung zu verdanken hatte. Zwar forderte er auch wirklich keinen Dank, keinen Ruhm, sondern wahre Liebe zum Guten erfüllte itzt sein Herz; aber was ihn schmerzte, war, daß er auch schon nach Verlauf des ersten Jahrs so wenig Erfolg sah, von dem er sich hätte irgendein dauerhaftes Glück für die Menschheit versprechen können, welches durch den weitaussehenden Plan wäre bewirkt worden; vielmehr erlebte er nur zu bald die allen menschlichen Anstalten so unvermeidlich nachfolgende Ausartung desjenigen Guten, wozu er nebst seinen Freunden die Grundlage gelegt hatte. Ich habe gesagt, daß Alwerth und Seelberg noch acht Mitverbündete gleich Anfangs sich zugesellten. Nun gibt es vielleicht nicht auf Gottes Erdboden zehn verschieden erzogene Menschen, die so glücklicher Weise gleich gestimmt und gleich organisiert wären, daß sie ein System, einen Plan gänzlich von der nämlichen Seite ansähen und alle ihre Leidenschaften, ihr ganzes Privatinteresse auf diesen Plan zu konzentrieren bereit wären. So ging es auch hier; über Worte und Sachen waren sie schriftlich und mündlich höchst einig; aber als es an die Ausführung ging, da sah wenigstens ein Jeder durch Seine Augen, wenn auch nicht ein Jeder nach eigenen Trieben zu handeln glaubte. Und hätten sie auch einen Einzigen zum unumschränkten Befehlshaber gewählt, so würden sie doch dabey nichts gewonnen haben. Dieser konnte doch nicht alles mit eigenen Augen sehn, und was also zu seiner Wissenschaft kam, war doch erst durch andre Hände gegangen. Aber alle diese Ungemächlichkeiten bey einem so komponierten Plane nahmen fürchterlich zu, je mehr sich die Gesellschaft ausbreitete. Jeder von diesen zehn Personen warb neue Mitglieder an, und bey der Auswahl derselben sowohl als bey den nachherigen so strenge vorgeschriebenen Prüfungen mischte sich, obgleich in der Form alles pünktlich beobachtet wurde, dennoch unendlich viel Menschlichkeit hinein. Das Urtheil auch der verständigsten Menschen über andre Menschen modifiziert sich nach unsern eigenen geheimen Neigungen und nach unsrer Weise, die Sachen anzusehn. Wir lieben Denjenigen, der ungefähr so denkt als wir, und die höchste Tugend und Weisheit, die nicht unsre Livree trägt, wird von uns, wo nicht geringgeschätzt, doch – übersehn. So wie nun nach und nach die Auswahl neuer Mitglieder von noch mehr Menschen in der zweiten und dritten Folge der Adoption abhing, kam immer mehr fremder Ton, immer mehr Willkür, Verschiedenheit hinein, um so mehr, da dies Gebäude unmerklich wie ein Schneeball, der von einem Berge herabrollt, größer wurde, sosehr auch Alwerth und Seelberg zurückzuhalten suchten. Es war also auch nicht einmal Zeit genug da, die Leute gehörig zu bilden, vorausgesetzt, daß dies sonst möglich gewesen wäre. Hierzu kam noch, daß gleich die ersten Stifter sich nach wirklich schiefen Grundsätzen verleiten ließen, viel solcher Leute anzuwerben, die unzufrieden mit der Welt und mit ihrer Lage waren. Nun ist selten jemand unzufrieden mit der Welt, er habe denn erst vorher der Welt durch unruhige Gemüthsart oder auf andre Art Gelegenheit gegeben, Unzufriedenheit mit ihm zu zeigen, und ein Solcher taugt so wenig in öffentliche als in geheime Verbindungen, wirft sich auch gewöhnlich nur in die letzteren hinein, um sich einen Anhang zu verschaffen und kleine, mehrentheils niedrige Privatabsichten im bürgerlichen Leben zu erreichen. Männer, die, an den Staat oder an ihre Familien gebunden, einen nützlichen Wirkungskreis haben, finden da genug zu thun und lassen sich selten auf Nebenverbindungen ein, einige gutmüthige edle Enthusiasten ausgenommen, die gern alles thun, zu allem die Hände bieten wollen, was erhaben scheint Zimmermann sagt ganz vortrefflich in seinem herrlichen Buche über die Einsamkeit, im 4ten Theile, Seite 292: »Prediger der Geselligkeit stellen sich zwar immer an, als wären allenthalben in der Welt sehr große Dinge zu thun; aber etwas Großes geschähe erst alsdann, wenn jeder in seinem Fache etwas mehr thäte als seine Pflicht; und leider! thun wir Alle weniger« – , deren Vernunft von einem zu warmen Herzen, das liebevoll Gutes wünscht, übereilt wird, und Solche taugen doch auch in der Folge zu keinen Geschäften, die kaltes, abwiegendes Raisonnement erfordern, und treten zurück, wenn sie sich in ihren schönen Hoffnungen getäuscht sehn. Folglich bekamen Seelberg und Alwerth in ihren Bund außer den eben beschriebenen Unzufriedenen größtentheils nur geschäftige Müßiggänger, Menschen von unbestimmter Thätigkeit, die, weil sie im Staate eine kleine oder gar keine Rolle spielten, sich eine andre künstliche Existenz schaffen wollten, kurz! solche Menschen, wie wir deren leider! auch an der Spitze mancher Freimaurersysteme gesehn haben Und die heut zu Tage, damit sie uns erinnern, daß sie noch in der Welt sind, zuweilen in Journalen und anderswo einen solchen Zeterlärm anschlagen, um das Publikum aufmerksam auf die kleinen unbedeutenden Dinge zu machen, die in dem Zirkel geheimer Gesellschaften und in den schiefen Köpfen mancher Menschen außerordentlich wichtige Dinge sind. . Da es aber diesen Leuten zum Theil nicht an Verstande und Talenten fehlte, so wußten sie so lange, bis sie ihren Endzweck, weit oben zu stehn, erreicht hatten, sich schlau zu verstellen und in ihren schriftlichen Aufsätzen eine Denkungsart auszukramen, die ihnen sehr fremd war, wodurch sie aber den rechten Ton der Gesellschaft trafen. Sie führten Aufklärung, Glück der Welt, Unterstützung edler Menschen und Widerstand gegen die Bösen im Munde. Aber kaum hatte man ihnen freie Hand gelassen zum Wirken, so hieß bey ihnen Aufklärung befördern – wenn sie den Zöglingen ihre Privatmeinungen für Weisheit aufdrungen; Glück der Welt – der Sieg ihrer Parthey über alle übrigen im Staate und das Durchsetzen ihrer ehrgeizigen Pläne durch schiefe und niedrige Wege, mit Einem Worte! die Befriedigung ihrer Leidenschaften; Unterstützung der Edeln – wenn sie bis an den Himmel jeden Tölpel erhoben, der ihnen huldigte und der, was geistiger Weise von ihnen ging, als heilsame Seelenspeise bewunderungsvoll aufzufangen bereit war; endlich Widerstand gegen die Bösen – wenn sie jeden frei denkenden, graden Mann, der ihnen die Wahrheit schriftlich oder mündlich sagte oder mit ihnen nicht gemeinschaftliche Sache bey ihren ränkevollen Operationen machen wollte, verfolgten. Es verlor sich also nicht nur sehr früh alle Einförmigkeit im Plane, so daß die nämliche Gesellschaft in Einer Gegend die edelsten, reinsten Zwecke beförderte, Vorurtheile bestritt, das Gute unterstützte, alle Arten Tugenden beförderte und das Böse hinderte, in einer andern hingegen Aufruhr und Kabale begünstigte, Irreligiosität predigte und Unsittlichkeit durch Beispiel ausbreitete, je nachdem hier und dort Männer an der Spitze standen, die entweder jenes Gute oder dieses Böse ohnehin würden gethan haben; allein in den Berichten, die formularmäßig eingerichtet wurden, sah alles sehr einförmig und herrlich aus. Wie wollte es indessen auch möglich gewesen seyn, bey diesem Systeme aller Orten nach einerley Grundsätzen zu handeln und einerley Mittel zu wählen, da an der Elbe vielleicht für Vorurtheil gehalten wird, was an der Donau Glaubensartikel ist und auch vorerst ohne Umsturz der ganzen Staatsverfassung hier nicht anders angesehn werden kann; da ein Schritt, den an der Spree jeder frei denkende Mann ohne Gefahr thun könnte, uns am Rhein in das Gefängnis führen würde; da am Main manche Wahrheit noch ganz neu, vielleicht auch zu kühn ist, die an der Leine schon unter dem gemeinen Volke kursiert? – Und doch beruhete der ganze Plan auf dieser Einförmigkeit in Grundsätzen und Operationen. Wollte man nun mit Gewalt diese Einförmigkeit durchsetzen, so entstanden Inkonsequenzen, Klagen, Kompromittierungen, Übereilungen, Unvorsichtigkeiten, Plaudereien, Verlegenheiten, Mißverständnisse, Uneinigkeiten, Kabalen; die Forderungen und Wünsche der Leute durchkreuzten sich; die Verschiedenheiten der Meinungen veranlaßten Krieg, und alles dies Ungemach fiel auf Alwerth und Seelberg zurück, die für die besten Absichten nichts als Verdruß, Sorgen und Undank einernteten; auch wurde die Gesellschaft immer größer und schwerer zu übersehn. Durch diese unangenehmen Erfahrungen wurde Seelberg früher muthlos als Alwerth; er ließ die Hände sinken und hatte nicht Festigkeit genug, auszudauern, oder vielmehr (denn ich möchte doch das nicht Festigkeit nennen, wenn man bloß aus Eigensinn, weil man eine Sache angefangen hat, und aus falscher Scham, um nicht bekennen zu dürfen, man habe geirrt, wider seine Überzeugung einen Weg fortwandelt, von welchem man weiß, daß er zu nichts führt) er zog sich auf eine gute Art von diesen Geschäften zurück und bat Alwerthen und die übrigen Freunde, auch fernerhin mit ihm nicht mehr davon zu reden. Alwerth, der noch gegenwärtig in ***, seiner Vaterstadt lebt, setzt vermuthlich den Plan noch fort. Mit welchem Erfolge, das weiß ich nicht, da Seelberg nachher zu fein gedacht hat, je wieder darnach zu fragen – auch gehört ja das nicht zu dieser Geschichte. Seelberg blieb vor wie nach Alwerths Freund, arbeitete auch keineswegs der Gesellschaft entgegen; nur behielt er sich das Recht vor, das jedermann haben muß, das Recht, über die mögliche Ausführbarkeit eines philosophischen Menschen-Erziehungssystems so wie über jeden andern Gegenstand, welcher der Menschheit wichtig seyn kann, frey und offen seine Meinung zu sagen. Bey den ehemaligen widrigen Schicksalen, die unsern Helden fast gänzlich durch eigene Schuld betroffen hatten, haben wir ihn mehrentheils mit feindseliger oder wenigstens finstrer, mürrischer Laune und mit Erbitterung gegen das Menschengeschlecht nach Hause gehn sehn – Nicht also diesmal! Er hatte gewiß in dieser Verbindung so viel unangenehme Scenen erlebt und so viel Verdruß und Sorge durch schlechte und schwache Menschen gehabt, als man nur möglicher Weise in drey Jahren haben kann; aber dennoch waren ihm die Menschen jetzt nicht weniger werth, obgleich er mehr wandelbare Seiten an ihnen entdeckt hatte; vielmehr war er toleranter geworden, seitdem er eine größere Summe von Erfahrungen über die Schwäche unsrer Natur gesammlet hatte. Was ihn aber vor allen Dingen aufrecht erhielt, war: – und das schien vormals beinahe nie der Fall bey ihm gewesen zu seyn – war: daß er sich der redlichsten Absichten bewußt und überzeugt war, er habe wissentlich nichts versehn, habe in den letztern drey Jahren viel Gutes gestiftet, wenn er auch nicht alles gestiftet hätte, was er hätte stiften wollen, und sein Charakter sey in der Thal dadurch veredelt worden.   Er blieb in der Stadt wohnen, fing aber an, ein sehr einsames Leben zu führen; denn sein Körper und seine Seele bedurften Ruhe. Dreizehntes Kapitel Meine Leser werden sich vielleicht noch eines preußischen Hauptmanns erinnern, der schon ein paarmal in dieser Geschichte aufgetreten ist, und zwar zuerst in Ludwigs Jugendjahren, indem er denselben von dem übereilten Entschlusse, Soldat zu werden, ableitete, und dann in Leipzig , als sich unser Freund an ihn wendete, um aus der Verlegenheit gezogen zu werden, in welcher er sich befand. Nun bleibt man aber nicht ewig Hauptmann, besonders wenn man ein so guter und verständiger Mensch ist, als der Herr von Oberschirm war. (Mich dünkt, ich hätte Ihnen noch nie seinen Namen genannt.) Die Verdienste dieses wackern Offiziers blieben auch weder unerkannt noch unbelohnt. Er war schon damals, als Seelberg ihn in Sachsen antraf, Major, und bald nachher wurde ihm als Obristlieutenant die Werbung in eben der Reichsstadt anvertrauet, in welcher Alwerth und Seelberg lebten. Hier machte er Bekanntschaft mit einer reichen und artigen adeligen Witwe, heirathete dieselbe, und da er des Dienens müde, auch dreimal schwer verwundet war, so bat er um seinen Abschied, den er dann mit großer Mühe erlangte. Jetzt lebte er als ein freier Mann, in dem strengsten Sinne des Worts. Er hatte seine Jünglingsjahre angewendet, seinen Geist durch das Studium der Alten, besonders der griechischen Weltweisen, aufzuklären und zu stärken, und dabey hatte er seinen Körper abgehärtet und fest gemacht durch strenge Mäßigkeit und Ordnung. Da also weder Vorurtheile sein Gehirn umwölkten noch leere Fantasien und eitle Wünsche mit seinem stets von nüchterner Vernunft geleiteten Herzen ein unruhiges Spielwerk trieben, noch endlich Kränklichkeit, noch Schlaffigkeit, noch Verzärtelung, noch Reizbarkeit eines immer leidenden Körpers böse Launen und lose Begierden in ihm erregten, so handelte er zu jeder Zeit unwandelbar seinem festen Systeme gemäß, besonders seit der Zeit, da er gänzlich unabhängig nur sich selbst und seinem verständigen Weibe lebte, das sich bald gänzlich nach des Mannes Grundsätzen von Innen und Außen bildete. Ob dies System gut oder nicht, ob es in dieser Welt anwendbar, für jedermann passend und ob es für die Welt im Ganzen nützlich seyn würde, wenn alle Menschen darnach handeln wollten, das mögen die Leser selbst beurtheilen, nachdem ich die Grundsätze, worauf es beruhete, im folgenden Kapitel werde entwickelt haben. Nur so viel vor jetzt darüber! Es war ein System, das ihn höchst glücklich, frey, unabhängig, gesund, vergnügt und zufrieden erhielt und nach welchem (wie ich schon erinnert habe und ich von wenig Menschen in der Welt zu sagen mir getrauen würde) er immer unwandelbar konsequent handelte. Gewiß also gab es für den Herrn von Oberschirm kein besseres System. Eine Frage aber, die man billiger Weise aufwerfen kann, ist: wie ein Mensch, der von seiner ersten Jugend an, im Zwange des Soldatenlebens, von den Winken Andrer und von manchen Vorurtheilen abhängig gewesen war, zu einem so kühnen, freien Systeme gelangen konnte? Allein um diese Frage zu beantworten, müßte ich die ganze Lebensgeschichte des Obristlieutenants erzählen und seine intellektuellen und physischen natürlichen Anlagen, sein Temperament, kurz! alles schildern, was in diesem Erdenleben Einfluß auf unsre Systeme hat, und das würde mich sehr weit von meinem Zwecke ableiten – Lenken wir wieder ein! Seelberg hatte die Bekanntschaft dieses Mannes erneuert und nebst Alwerthen seine Gesellschaft gesucht. Es war ein sogenannter gelehrter Club in *** errichtet; dahin kam Oberschirm wöchentlich einmal; übrigens hatte er beinahe gar keinen Umgang. Hier sahen ihn unsre beiden Weltreformatorn, redeten mit ihm von Gegenständen aller Art und bewunderten den Scharfsinn, die Gründlichkeit, die Klarheit der Begriffe, die Bestimmtheit im Ausdrucke und den Zusammenhang, der in Allem herrschte, was Oberschirm vorbrachte, seine ganz eigene körnichte Laune und endlich die seltene Freimüthigkeit, mit welcher er jedesmal über alles seine wahre, grade Meinung heraussagte, und zwar oft sehr kräftig und schneidend, ohne die geringste Rücksicht auf Personen und andre Umstände zu nehmen. Die Wahrheit, pflegte er zu behaupten, stifte immer Nutzen, schlage Wurzel auch da, wo sie mit Widerwillen aufgenommen werde, und sollte man auch die Frucht der Körner, die man säet, erst spät oder nie gewahr werden. Ihn kümmerte es wenig, ob der Herr, dem er die Wahrheit sagte, es ungnädig aufnahm oder nicht, denn er verlangte niemands Gunst als die des verständigen Mannes, und die verlor er nicht dadurch. Es läßt sich begreifen, daß unsre beiden Helden auf diesen geschickten, helldenkenden und festen Mann gar bald Jagd machten, um denselben mit in ihren Welt und Menschen umschaffenden Plan zu ziehn; sie suchten daher alle Gelegenheit auf, von Glück der Welt, von Aufklärung, von Freiheit und von dergleichen großen Modegegenständen mit ihm zu reden. Schon hatte Seelberg ein Jahr hindurch nach dem Systeme gearbeitet und manchen widrigen Vorfall erlebt, aber überwunden, als eines Tages Einer von der Zunft auf einer Apostelreise zu ihm kam. Um Diesen nun mit den merkwürdigsten Leuten in *** bekannt zu machen, wollte er ihn auch zu dem Herrn von Oberschirm führen. Er ging also voraus, den Fremden anzumelden, und Alwerth sollte mit demselben nachfolgen. »Ich komme«, sagte Seelberg, als er zu Oberschirm in die Thür trat, »ich komme, Herr Obristlieutenant! um Ihnen einen Fremden zuzuführen, einen gescheiten Mann, einen Mann ohne Vorurtheile und der aller Orten Aufklärung zu verbreiten sucht.« – »Frau! Frau!« rief darauf Oberschirm, »dann hüte meinen Geldbeutel und unsre Tochter! Der Teufel traue heut zu Tage den Leuten ohne Vorurtheile und die aller Orten ihre Aufklärung verbreiten.« Aus dieser kleinen Probe können die Leser ungefähr die sonderbare Stimmung dieses originellen Mannes kennenlernen. Solche und ähnliche Scenen veranlaßten aber, daß Alwerth und Seelberg endlich einmal ganz deutlich mit ihm von der Sache sprachen und ihm ihren ganzen Plan ausführlich vor Augen legten. Nachdem sie alles wohl zergliedert hatten, antwortete ihnen Oberschirm ungefähr Folgendes: »Ihr Plan macht Ihrem Herzen mehr Ehre als Ihrem Verstande. Das ganze Ding ist ein fantastisches Hirngespinst und wird, neben dem Schicksale aller menschlichen Anstalten, noch insbesondere das Schicksal solcher komponierten Maschinen erleben, und das sehr bald. Fast alle Vereinigungen der Menschen, die, solange die Welt steht, sind gestiftet worden, Verbindungen in Gesellschaften und Staaten, haben ungefähr auf den nämlichen Endzwecken beruht wie die Ihrige. Sogar die schlechtesten waren ursprünglich schwerlich je zum Triumphe der Bosheit und zu Unterdrückung des Guten gestiftet; aber sie wurden in der Folge von Jedem nach seinen Leidenschaften gemodelt und daher nach und nach, was Ihre Gesellschaft sehr früh werden wird und was sie (der ganzen Anlage gemäß, die zu allen schiefen Wegen Raum läßt, ja Fingerzeige gibt) werden muß. Ihnen dies weitläufig zu beweisen, würde verlorne Zeit seyn. Solche heiße Köpfe müssen durch Erfahrung klüger und gewahr werden, daß es in der Welt in natura ganz anders aussieht als auf dem Papiere. Ich lasse mich schon deswegen auf gar keine geheime Verbindung ein, weil ich von der Richtigkeit des gemeinen Satzes überzeugt bin, den man freilich jetzt als Volkswahn, als Pöbelsvorurtheil zu betrachten pflegt, der aber heilige Wahrheit enthält, nämlich: daß gute Werke nicht nöthig haben, das Licht zu scheuen. Kaum kann ich zugeben, daß es zuweilen nützlich seyn könne, etwas insgeheim zu lehren, daß es Wahrheiten gäbe, die man nicht aller Orten laut sagen dürfe; aber insgeheim wirken, das führt gewiß immer zu schiefen Streichen. Doch ich will gegen die übrigen geheimen Verbindungen nichts erinnern, sondern jetzt nur von der Ihrigen reden, und da muß ich bekennen, daß ich die ganze Theorie, worauf Ihr System gegründet ist, von Grund aus falsch sowie Ihre Mittel höchst unzweckmäßig finde. Es ist nicht wahr, daß in dieser Welt alles verkehrt hergeht. Es geht alles so, wie es nur allein und nicht anders gehn kann. Die Zeit bringt zur Reife, was wir uns vergebens bemühen würden, mit unsern Operationen zu beschleunigen. Es ist nicht wahr, daß die Menschheit tief gefallen ist; sie ist noch so, wie sie zu Salomons Zeiten war. Ich bin sehr zufrieden von der Welt, und Jeder kann es seyn, der auf seinem Flecke, ohne sich an andre Menschen zu kehren, seine Bestimmung in seinem Hause erfüllen will. Die Weltreformatorn sind (versteht sich, Sie ausgenommen!) mehrentheils ganz erbärmliche Männlein, die an sich selbst noch genug zu reformieren hätten, wenn es ihnen ein Ernst mit der Reformation wäre, und dann würde ihr Beispiel mehr Gutes bewirken als ihr loses Einmischen in fremde Händel. Es ist nicht wahr, daß die Bösen den Meister spielen! Freilich tragen wohl mitunter Schurken und Pinsel Ordensbänder und Scepter, haben Reichthümer und geben Befehle; aber der Weise und Gute ist immer Herr und frey, wenn er über sich selbst Herr ist, wenn er seine Begierden bezähmen lernt, und er kann mehr als reich werden, wenn er sich von Vorurtheilen losreißt, wenig Bedürfnisse hat, und dann kann ihn kein Mensch auf Gottes Erdboden zum Sklaven und zum Bettler machen. Er wird König seyn hinter dem Pfluge und des Tyrannen lachen, der zwar Millionen Menschen auf die Schlachtbank führt, aber tanzen muß nach der Pfeife einer Hure oder eines Kammerdieners und unruhige Nächte hat, wenn er zu viel frißt oder wenn närrische Fantasien ihm den Kopf verwirren und schändliche Lüste sein Herz umwühlen. Niemand kann mich fesseln, wenn ich meinen stillen, graden Weg fortgehe. Es gibt wenig Länder in der Welt, in welchen man den ruhigen Bürger ohne weitre Umstände berauben und zu Grunde richten dürfte, und noch wenigere, aus denen ich nicht auswandern könnte, wenn ich den elenden Quark im Stiche lassen will, der ohnehin den Weisen nicht glücklich macht. Ich finde dann aller Orten Brot, wenn ich meine gesunden Glieder brauchen will, und was mir ein Despot nehmen kann, das ist nicht des kleinsten Wunsches eines verständigen Mannes werth. Es ist nicht wahr, daß die Weisen und Bessern unthätig sind; aber sie sind thätig nach der natürlichen Ordnung, wirken mit Vernunft zuerst das Nahe, vor Augen Liegende, finden dann dabey so Vieles zu thun, daß sie an das Entferntere gar nicht denken können, und thäte Jeder ein Gleiches, so würde alles gutgehn. Wir haben es übrigens gar nicht zu verantworten, wenn Andre nicht ein Gleiches thun. Sie, mein Herr von Seelberg! haben nun seit ein paar Jahren fremde Menschen erzogen, und neulich habe ich von ungefähr Ihren eigenen Sohn mit seinem Hofmeister gesehn; da habe ich gefunden, daß der Junge ein ungezogener Bube und sein Hofmeister ein Taugenichts ist; allein, daran haben Sie bis itzt nicht Zeit gehabt zu denken, weil Sie mit wichtigern Dingen beschäftigt waren – Sehen Sie aber! das sind die Folgen Ihrer weitaussehenden Pläne!« (Die Sache war wirklich wahr, und ich wüßte nicht, was aus dem Knaben geworden seyn würde, wenn Seelberg nicht bald nachher von seinem Systeme zurückgekommen wäre.) »Wenn Ein Mensch nur einen, höchstens zwey Menschen bilden kann; wenn dies seine ganze Aufmerksamkeit, seinen ganzen Fleiß erfordert, wie es doch gewiß ist, so fangen Sie doch um Gottes Willen erst bey Ihrem Weibe, bey Ihrem Kinde, bey Ihrem Gesinde an, mit dem die Natur Sie in Verbindung gesetzt hat, und ermuntern Sie Jeden, durch Lehre und Beispiel ebensoviel zu thun und sich seine häuslichen Pflichten angelegen seyn zu lassen! Dann thun Sie alles, was man von Ihnen verlangen kann. Dazu bedarf es aber keiner Hilfe von geheimen Machinationen. Oder haben Sie zu der Erziehung kein Talent, keinen Beruf, so übernehmen Sie ein Amt im Staate, gleichviel welches! das erste, das beste, und thun Sie da, was ein andrer, minder guter und weiser Mann nicht thun würde! Ihre Idee von Fürstensanktion ist so ziemlich nach dem Geschmacke der neuern jungen Philosophen; aber versuchen Sie es einmal, wenn Sie können, die Meinung allgemein gelten zu machen: daß Jeder sich selbst regieren könne oder daß nur der Weisere das Recht habe zu befehlen, und sehen Sie zu, ob Sie nicht in jedem Dörfchen hundert Weisere finden, die Alle, mit dem Knüttel in der Faust, sich einander ihren Herrschersberuf vordemonstrieren werden! Und dann würde das alte Lied wieder von vorn angehn, denn der, welcher den besten Prügel führt, wird Sorge tragen, daß ihm die Andern nicht wieder in die Haare gerathen können, das heißt: er wird einen Staat errichten. Eine Staatsverfassung ist freilich besser als die andre; aber im Ganzen sind die unsrigen so übel nicht, und nach gesunden Begriffen von Freiheit kann jeder verständige Mann in Republiken so wie in Monarchien, Oligarchien u. s. f. frey seyn. Und was Ihre Exklamationen gegen Pfaffenkünste betrifft, so können auch die einem freien Manne nicht schaden. Wer sich von Pfaffen etwas aufhenken läßt, dem geschieht schon Recht, wenn sie ihn zu einem Tölpel, zum Bettler oder zum Sklaven machen. Allgemeine Aufklärung, allgemeines Glück auf Erden, allgemeines Sittenregiment; Schlaraffenland! – Du lieber Himmel! haben Sie denn gar nichts gelesen? Wissen Sie denn nicht, daß schon vor beinahe zweitausend Jahren die klügsten und thätigsten Männer überzeugt waren, das alles seyen kindische Chimären? Warum die Menschen leichter zum Bösen als zum Guten in Feuer zu setzen sind? Ey! weil das Böse mit unsern herrschenden Leidenschaften und Begierden übereinstimmt, die sich nicht wegphilosophieren lassen, die ohne Unterlaß in uns arbeiten, die Tugend hingegen Kampf, Verleugnung erfordert, wozu nur wenig Menschen fähig sind, weil die Folgen der Tugend weiter entfernt scheinen, der schöne Genuß aber des Verbotenen ganz nahe vor uns ist und das Nahe lebhaftere Eindrücke macht als das Entfernte. Der, welcher wegnimmt, wenn er sicher zu seyn glaubt, nicht ertappt zu werden, genießt in dem Augenblicke, da er zugreift und sieht, was er hat, sobald er es festhält; der Freigebige, welcher weggibt, entbehrt in dem Augenblicke, da er hinschenkt, und der künftige Segen und die Freude, welche dies ihm eintragen kann, das alles steht weit in der Zukunft, vielleicht in jener Welt zu erwarten. Doch ließe sich noch wohl, was den Eigennutz betrifft, träumen, man könne so sehr das Übergewicht in der Welt erlangen, daß man den Redlichen auch schon hier den Lohn seiner Großmuth einernten ließe (obgleich dem wahrhaftig Edeln das gar nicht einfällt, an der Tugend Desjenigen aber, dem dies einfällt, wenig gelegen ist); allein was wollen Sie denn mit den Begierden anfangen, die unmittelbar in dem Körperbaue ihren Grund haben, wozu ein innerer Reiz unaufhörlich treibt und gegen Ihre Philosophie kämpft? Beweisen Sie einmal einem Wollüstigen, einem Menschen, der Hang zu unzüchtigen Ausschweifungen hat, beweisen Sie ihm das Interesse, züchtig zu seyn, und sehen Sie zu, ob er weniger oft zu seiner Maitresse schleichen wird, wenn die körperlichen Begierden in ihm dringend werden! Oder gibt es vielleicht gewisse privilegierte Laster, die Sie Ihren Zöglingen erlauben, zum Beispiel, ein bißchen Unzucht treiben? – Nun! so haben Sie denn nie überlegt, wie leicht der Mann, dem man erlaubt, zu seiner Maitresse zu schleichen, einer Buhlerin zu gefallen, Tyrann, bestechbarer Richter, Mörder und alles werden kann, und wie Mancher, dessen erster Fehltritt ein Räuschchen war, nachher Verbrechen auf Verbrechen häufte, bis er sein Leben auf dem Rade endigte? Sie wollen eines Jeden Lieblingsleidenschaften zu guten Zwecken leiten? Ich hoffe, Sie verstehen das nur von Leidenschaften edlerer Art, wie etwa vom Ehrgeize, denn sonst möchte ich doch sehn, wie man es etwa anfangen könnte, Geldgier, Wollust u. dgl. zu guten Zwecken zu nützen. Es ist nicht wahr, daß man sich der nämlichen schlauen Mittel zum Guten bedienen könne und dürfe, welche die Jesuiten zum Bösen angewendet haben. Erstlich werden Sie doch wohl einräumen, daß man sich wirklich schlechter Mittel auch zu den besten Zwecken nie bedienen dürfe; nun nenne ich alles schlecht, was zu Winkelzügen führt. Das Ausspähen aber und Erforschen der Menschen, das Kontrollieren, das Studieren der herrschenden Leidenschaften, das Bestreben, Jeden in der Verbindung finden zu lassen, was er sucht, folglich das ganze System unter tausendfachen Gestalten darzustellen, nach Zeit und Umständen, das Verfolgen oder vielmehr in Schrecken setzen Derer, die Einen von den Ihrigen antasten, das alles leitet zuverlässig zu Ränken und Kabalen, zu Falschheit, Verstellung, Jesuitismus, und würde also Ihre Sache verderben, wäre sie auch die beste Sache – Doch, zergliedern wir auch ein wenig genauer Ihre Mittel, Ihren Operationsplan! Sie wollen alle Ihre Leute auf Einen Ton stimmen? – Nun! das wäre denn wohl die verderblichste Arbeit, die Sie treiben könnten – Gott sey gedankt für die herrliche Verschiedenheit der Stimmungen, der Meinungen, der Wünsche, Richtungen, Temperamente und Lebensarten unter den Menschen! Ich möchte nicht einen Augenblick leben unter einem Haufen solcher abgerichteten Puppen, die wie in einem Jesuitenkollegio Alle einerley Schnitt, einerley heilige, bescheidene Miene hätten, einerley Gebärden, einerley Sprache führten, nicht anders als mit Entzücken von den hochwürdigen Obern sprächen und denn doch den Teufel im Herzen führten; denn den alten Belial, der in jedem Erdenkloße auf eine andre Manier sein Spiel hat, treiben Sie doch aus Ihren ganz gehorsamen Zöglingen nicht heraus. Zum Glück aber lassen sich auch außer den Heuchlern und einigen Enthusiasten, die aber nicht lange Stich halten, nur höchst mittelmäßige Menschen in einen solchen geistig-moralisch-politisch-scientifischen tourne-cuisse einschrauben; die Übrigen springen heraus und halten sich an die bürgerliche Gesellschaft, in welcher sie wahrhaftig, bey allem Zwange, doch mehr Freiheit im Denken und Handeln finden als unter dem Schütze Ihrer Freiheit und Gleichheit predigenden Obern – Kurz! Sie reden immer von Freiheit und wollen doch alle Menschen in Ihre Form gießen; Sie wollen, daß Jeder sich selbst regieren solle, und verlangen doch blinden Gehorsam; Sie wollen, daß nur die Weisen herrschen sollen, und erlauben doch Ihrem Jünger nicht, die Leute zu kennen und zu prüfen, von denen er Befehle empfängt. Sie sagen zwar, Sie forderten nichts, als was zu eines Jeden Glück gereichte, verlangen aber dagegen, daß Jeder den unbekannten Führern auf ihr Wort glauben solle, alles was ihm befohlen werde, gereiche zu seinem Glücke. Er soll das Ganze nicht übersehn, weiß also nicht, wohin mancher Wink am Ende führt, da doch auch der böseste Plan in ein sehr reizendes Gewand gehüllt seyn kann. Da Sie ferner keine öffentlich privilegierte Zwangsmittel haben, folglich Jeder, der Ihnen trotzen will, sich in die Arme der bürgerlichen Gesellschaft werfen kann, so müssen Sie, um Furcht zu erregen, zu kleinen verfluchten Ränken und Neckereien Ihre Zuflucht nehmen – und heißt das nicht, dem Geiste der Intrigue und Kabale, dem ärgsten Verfolgungsgeiste, unter der Hülle des Geheimnisses Thor und Thür öffnen? – Und welchen Ersatz können Sie gegen alle diese wahrhaftig tyrannische Sklaverey versprechen? Sind Sie gewiß, daß Sie je so viel Macht erlangen werden, Ihre treuen Anhänger, die, welche sich Ihnen aufopfern, gegen unbillige, mißtrauische Landesregierungen, gegen Schicksale, gegen Kabalen andrer geheimen Gesellschaften schützen zu können? Und müssen Sie nicht auch dazu wiederum heimliche, gefährliche Mittel einschlagen? Sie wollen alle Vorurtheile bekämpfen! Sagen Sie mir doch, meine Herrn! was eigentlich Vorurtheil ist und woran ich es erkennen soll, daß Sie von allen Menschen, die je in der Welt gelebt haben, die Einzigen sind, die, ganz rein von allen Vorurtheilen, einen so hohen Grad von heller Vernunft besitzen, daß Sie in dieser irdischen Hülle das ewig unwandelbar Wahre von dem Irrigen unterscheiden können! Ihre wissenschaftlichen Operationen möchten wohl viel Zeit wegnehmen und nur lauter mittelmäßige Fabrikgelehrte und Buchstabenmenschen aus Ihren Zöglingen machen, doch ist dieser Theil Ihres Plans gewiß der unschuldigste. Viel gefährlicher aber sind Ihre politischen Operationen. Ihre Günstlinge auf Unkosten andrer, vielleicht viel besserer Menschen, die aber unglücklicher Weise nicht Ihrer Armee dienen, aller Orten hinaufschieben und an die Spitze setzen zu wollen, das ist ein sehr ungerechtes Unternehmen, das offenbar in die Rechte der Staaten greift. Das Kontrollieren der Handlungen Andrer, das Aufsammlen von Anekdoten, das öffentliche an den Pranger Stellen, wie Sie es nennen, ist nicht weniger impertinent. Wer gibt Ihnen dazu ein Recht? Wer macht Sie zum Richter über die Handlungen Ihrer Brüder? Sorgen Sie doch für Ihr Haus! Niemand kann mehr als ich ein Vertheidiger der Publizität seyn, aber wohl verstanden! wer öffentlich anklagt, der muß sich auch öffentlich als Ankläger nennen. Heißt das Publizität, wenn ein geheimer Ankläger einen Mann öffentlich beschimpfen darf? Wäre ich ein Fürst, so würde ich Jeden schützen, der mit seines Namens Unterschrift auch gegen die Vornehmsten im Staate, ja! gegen mich selbst aufträte und ein Bubenstück bekanntmachte; aber wehe dem Journalisten, der mir mit einer anonymen Beschuldigung angezogen käme; und wäre sie auch wahr – Es müßte denn seyn, daß er ein Aktenstück, ein Dokument vorbrächte, wodurch das Faktum bewiesen wäre; dann thäte freilich der Name nichts zur Sache – Außerdem sollte er mir in dem Zuchthause raspeln, bis er den Einsender preisgäbe. Dies alles, meine Herrn! haben Sie wohl nicht so genau durchgedacht und werden auch wohl jetzt nicht die Stärke meiner Gründe fühlen, weil Sie nicht mit kaltem Blute urtheilen; die Erfahrung aber wird Sie überzeugen, daß ich Ihr System von der rechten Seite angesehn habe. Es wird scheitern, oder Sie müßten es denn gänzlich nach andern Grundsätzen umarbeiten; doch zum Glücke der Welt führen solche künstliche Anlagen in sich selbst den Keim der Vergänglichkeit mit sich, und schwerlich werden Sie mir irgend etwas dauerhaft Gutes erzählen können, das durch dergleichen Verbindungen in der Welt wäre gestiftet worden.« Vierzehntes Kapitel Ich überlasse jedem unpartheiischen Manne, die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit dieser Gründe zu prüfen; Seelberg und Alwerth aber waren keine unpartheiische Männer, denn das System, welches Oberschirm angriff, war das Kind ihrer Fantasie, und Eltern sind nie kaltblütige Richter über ihre Kinder. Desfalls nun fanden auch Beide, wenigstens in den ersten zwey Jahren, da sie dies Geschäft trieben, des Herrn Obristlieutenants Einwürfe ziemlich unbedeutend, und ihr Umgang mit ihm wurde, durch seine Freimüthigkeit, seltener und kälter. Als aber Seelberg nach und nach durch Erfahrung lernte, wie sehr dieser Mann in manchen Stücken Recht gehabt hatte, und endlich, als Jener sich gänzlich von der Gesellschaft trennte, da suchte er denselben wieder auf, bekannte ihm: er sey sehr herabgestimmt von seinen hohen Erwartungen und fühle jetzt lebhaft genug, wie wenig Hoffnung da sey, die Welt umzuschaffen; allein er entsage mit Betrübnis so schönen, anmuthigen Träumen und fühle eine gewisse Leere in sich; er sey überzeugt, daß er gemacht sey, etwas für seine Nebenmenschen zu thun, und doch wisse er nicht, wie er es angreifen solle – kurz! er wollte von Oberschirm leben, ruhig, glücklich und nützlich leben lernen, und dies veranlaßte dann manche sehr ernsthafte Gespräche unter ihnen, in welchen Dieser seine ganze Denkungsart entwickelte, wovon ich hier den Lesern eine kleine Skizze liefern will. »Es gibt«, behauptete Oberschirm, »nur eine einzige, von jedermann anzuerkennende Richtschnur unsrer Handlungen, und das ist die gesunde Vernunft, und nur Eine Tugend, welche diese Vernunft uns lehrt, und das ist die strenge Gerechtigkeit; alle übrigen Grillen der Fantasie, des Witzes und der Konvenienz und alle Herzensergießungen und schönen Gefühle sind Unsinn und Narrheit. Jene gesunde Vernunft ist allen Menschen von der Natur beschieden, und wenn wir dieselbe nicht verkrüppeln, uns nicht von bösen Beispielen hinreißen lassen, sondern über alle Vorurtheile und Autoritäten hinaus immer nur das thun, wovon sie uns Zweck und wahrscheinlich zu erwartende Wirkung sagt; wenn wir unsern Körper so unverzärtelt und doch so stark erhalten, daß unser Urtheil wirklich aus dem Kopfe und nicht aus dem Magen oder aus noch schlimmern Theilen herkömmt, dann werden wir nie einen Schritt thun, der uns reuen könnte, und wir werden immer gerecht handeln, der Erfolg sey dann auch pünktlich, so wie wir ihn erwartet haben oder nicht. Wir sollen uns also immer fragen: ist es vernünftig, dies zu thun? Macht mich das glücklicher, und ist es gerecht, so zu handeln, oder nicht? Nun fängt aber die Gerechtigkeit und die Beförderung des Glücks natürlicher Weise zuerst bey uns an; wo also der nämliche Grad von Glückseligkeit Andrer gegen einen ebensogroßen Grad von Unglück für mich in die Waagschale kömmt, da handle ich unweise, wenn ich Andre auf Unkosten meiner Ruhe glücklich mache; wo aber fremde Wohlfahrt bloß mit meiner Ungemächlichkeit oder mit einiger Aufopferung erkauft werden kann, da bin ich als gesellschaftliches Glied schuldig, meinem Mitmenschen zu dienen. Alle übrige konventionelle Gefälligkeit, Hingebung, Höflichkeit – kurz! alles, was mir unbequem ist, ohne einem Andern reelle, dauerhafte Vortheile zu gewähren, oder gar, was mir schädlich ist (zum Beispiel: wenn ich dadurch Zeit verschwende, Eigenthümlichkeit des Charakters und Wahrheit verleugne), ist gegen die Pflicht der Gerechtigkeit, ist eines verständigen Mannes unwürdig, wäre auch der Zwang, den ich mir auflege, noch so geringe! und alle sogenannten Tugenden, die bloß in der Fantasie oder in einem hochgepriesenen guten, gefühlvollen Herzen ihren Grund haben, mit Einem Worte! wovon ich der Vernunft nicht Rechenschaft geben kann, sind Narrheit, so wie alle Beschäftigungen, welche nicht den festen Zweck haben, mich verständiger und glücklicher zu machen, sondern nur die Sinne kitzeln, Begierden erwecken, Leidenschaften nähren, die Fantasie beschäftigen und mich nach der thörichten Meinung des großen Haufens und nach verjährten Vorurtheilen handeln lassen, schädlicher Zeitverderb – Narrheit sind. Glücklich aber bin ich: zuerst, wenn ich den reinsten Genuß des Lebens und der mannigfaltigen Schätze, welche die Erde mir darbietet, schmecke; wohlverstandener, reiner Epikurismus ist also gewiß das natürlichste und beste philosophische System. Um aber ungestört, immer froh, rein und lange genießen zu können, muß ich mäßig und mit Vernunft genießen, meine Bedürfnisse einschränken, mich unabhängig machen von Vorurtheilen, von Menschen und Schicksalen. Das alles aber gelingt mir nicht, wenn mein Körper schwach und kränklich ist; desfalls muß sodann genaue Sorgfalt für meine Gesundheit und Stärkung meiner Maschine eines meiner vornehmsten Augenmerke seyn. Befolge ich dies alles, so kann mich in dieser Welt kein Unglück niederbeugen, und ich werde immer frey und glücklich leben; aber dazu gehört, wie schon gesagt worden, daß ich auch nicht den kleinsten Schritt thue, über dessen nützlichen Zweck und vermuthliche Wirkung mir meine Vernunft nicht Rechenschaft geben könnte. Wenn ich daher überzeugt bin, daß etwas weise und gerecht und mir nützlich ist, so bin ich verbunden, es zu thun, und wäre ich auch der Einzige in der Welt, der also handelte; und bin ich überzeugt, daß etwas unzweckmäßig, thöricht oder unrecht ist, so muß ich es unterlassen, und thäten es alle übrigen Menschen um mich her; denn nur meine und nicht fremde Vernunft kann mein Leitstern seyn. Wer etwas um des Publikums Willen thut, der ist ein Thor; die Meinung des Pöbels aller Art, der sogenannten Vornehmen, der sogenannten Gelehrten, die äußere Achtung des Volks, Lob, Ehre, Schmeicheley, Besoldung und was die Welt Freundschaft nennt – das Alles ist nicht einen Pfifferling werth, wenn man es durch die kleinste Inkonsequenz, durch die geringste Abweichung vom graden Wege der gesunden Vernunft erkaufen muß, und der größte Theil jener vornehmen und gelehrten Herrn und Damen sind, in der Nähe betrachtet, thörichte, schwache Menschen, die nach Autorität, Fantasie, Vorurtheil und Gewohnheit reden, schließen, handeln und täglich tausend Dinge schwätzen und thun, wovon sie nicht einen einzigen vernünftigen Grund angeben können. Weg also mit allem Zwange der Konvenienz und der Höflichkeit, wodurch niemand glücklicher wird und der im Grunde Jedem zur Last ist, und sollte ein ganzes Land voll Thoren desfalls mit Fingern auf mich zeigen! Ich kann eher aller Menschen Beifall entbehren als das Zeugnis meiner Vernunft – Weg mit allen Täuschungen der Fantasie und mit solchen Vergnügungen und Beschäftigungen, die uns weichlich, weibisch, wollüstig machen, unsre Leidenschaften in Aufruhr bringen und das liebe Herzchen schmelzen zu sanften, kleinen, artigen Gefühlen! – Weg mit Tanz, Schauspiel, Leier, Pfeife und Spiel! Bin ich denn aber der bürgerlichen Gesellschaft und jedem einzelnen Menschen gar nichts schuldig? Lebe ich nur für mich allein in der Welt? Nein! ich bin andern Menschen Gerechtigkeit schuldig, insofern ich nicht ungerecht gegen mich handle; und ist diese Gerechtigkeit strenge und im ganzen Umfange erfüllt, dann bin ich auch Gefälligkeiten schuldig, nämlich solche, die weder mit Vernunft noch mit Gerechtigkeit streiten. Diese Pflichten muß ich zuerst gegen solche Menschen ausüben, die unmittelbar von der Natur mit mir in Verbindung gesetzt sind, und nicht eher weiter gehn, als bis ich in dem kleinen Zirkel alles geleistet habe, was in meinen Kräften war. Also kommen zuerst mein Weib, mein Kind, meine Eltern; dann meine nächsten Blutsfreunde, mein Gesinde, meine Nachbarn, die Gespielen meiner Jugend, endlich andre fremde Menschen, die schätzbare Eigenschaften haben; zuletzt der ganze Schwarm der Übrigen, doch also, daß die Pflichten gegen Die, welche mir näher sind, jederzeit den Pflichten gegen die entferntere Klassen der Menschen untergeordnet seyen; aber diesen Allen muß ich leisten, was ich verständiger Weise wünsche und verlange, von ihnen zu erhalten. Also: muß ich immer strenge treu und wahrhaftig seyn, reden und handeln gegen Jeden, pünktlich Wort und Vertrag halten, alle Gesetze, bürgerliche Einrichtungen und was die Menschen unter sich festgesetzt und geheiligt haben, respektieren, solange ich unter ihnen lebe; Jeden in Ruhe lassen, niemand kränken, nie fremdes Eigenthum schmälern und weder des Andern physische, politische noch moralische Existenz schlechter machen, aber immer die Wahrheit mit Wärme und Eifer sagen, nämlich sagen, was ich für gut und vernünftig, für wünschenswerth oder für unerlaubt, unweise und thöricht halte, ohne Rücksicht auf Personen, in gutem und bösem Sinne, also ohne niedrige Gefälligkeit und ohne hämische Absicht; Jedem wesentliche Dienste leisten, wenn diese Dienste nicht Ungerechtigkeit gegen mich und Andre sind; zur Bildung und Aufklärung meiner Mitmenschen durch Beispiel und Lehre das Meinige beitragen und Vorurtheile bekämpfen, nach meiner Einsicht; aber nicht jedem Narren zu Gebote stehn, ihm meine kostbare Zeit und meine Kräfte widmen ohne weitern Zweck als aus Höflichkeit; nicht dem Dummkopfe schmeicheln, nicht mich vor dem niederträchtigen Vornehmen beugen, nicht eines Menschen Parthey ergreifen, wenn er Unrecht hat, bloß weil mein sanftes Herzchen mich zu ihm hinzieht; nicht einen Herrn Vetter oder einen Menschen, der mir Weihrauch streuet oder mich in der allgemeinen Literaturzeitung gelobt hat, empfehlen, schützen, befördern; nicht auf Unkosten der Gerechtigkeit mich meines Vaterlandes, meiner Eltern, meiner Familie annehmen; nicht leere Visiten geben und empfangen, weil das andre Narren thun; mich nicht unvernünftig, fantastisch kleiden, weil andre Narren sich also kleiden; nicht Almosen geben von dem Gelde, das ich Andern schuldig bin; nicht meinen Kopf verbrennen, um des Andern Hintern zu retten; nicht nach der Mode empfindsam, kraftmännisch, Aufklärung befördernd, mystisch, gegen heimlichen Jesuitismus schreiend andern Schiefköpfen nachlallen; nicht in der Aufwallung eines gefühlvollen, läppischen Herzens einen Gulden hingeben, wo ein Groschen hinreichend wäre, denn das ist Diebstahl an einem Andern, der einen Gulden verdiente; nicht mich zu der Parthey eines Schurken oder Thoren schlagen, weil er Gefälligkeit für mich hat; nicht eine Schrift loben oder tadeln, weil ein Schöps, Laffe oder feiler Schuft von Rezensenten sie gelobt oder getadelt hat – Kurz! ich muß immer die Vernunft zur Leiterin meiner Handlungen nehmen und auch von Andern nicht mehr verlangen, als ich ihnen leisten will. Deswegen fordere ich von niemand, daß er sich Meiner annehme, wenn ich dessen unwerth bin, so wie er auch keinen Ruhm davon hat, wenn er mir einen Vortheil verschafft, den ich nicht verdiene. Bin ich seiner Hilfe würdig, so muß er die Pflicht der Gerechtigkeit erfüllen, und dann gewährt er sich selbst Freude; verdiene ich aber seinen Beistand nicht und hilft er mir überhaupt auf Unkosten einer heiligern Pflicht, so ist er ein Narr, ja! ein Verbrecher!« Aus dieser Skizze können die Leser sich einen Begriff von des Herrn von Oberschirm System machen, welches Ihnen vielleicht ein bißchen rauh vorkommen wird. Nehmen wir aber Rücksicht auf die Stimmung, in der Seelberg itzt war! Er sehnte sich nach einer glücklichern, friedenvollern Existenz; er fühlte sich wirklich moralisch besser, fühlte, daß er wohl verdient hätte, glücklich zu seyn. An äußern vortheilhaften Umständen fehlte es ihm nicht. Es kam also nur darauf an, sein Herz ruhig zu machen, ihn zu trösten über so manchen verschwundenen schönen Traum und ihn sicher zu stellen gegen neue Täuschungen der Fantasie. Hierzu schien jenes System vollkommen gemacht, und er fand so viel Wahrheit darin, daß er fest entschlossen war, von nun an darnach zu leben im Thun und Lassen – Allein nur zu oft empörte sich sein Inneres gegen die Gründlichkeit dieser Theorie; sein unruhiger, thätiger Geist, das Feuer, welches, obgleich er nahe an vierzig Jahren war, das Alter noch wenig gedämpft hatte, und die Gewohnheit, mit einer Menge Dingen außer ihm beschäftigt zu seyn – dies Alles trieb ihn ohne Unterlaß, drängte ihn, zerstreuete ihn, daß er das Gleichgewicht des Gemüths nicht treffen konnte, dem er nachstrebte. Von einer andern Seite wurde sein reizbares Nervensystem so leicht von Dingen erschüttert, die Oberschirm für erbärmlich klein hielt. Gewöhnt, mehr seinem weichen Herzen als kalter Überlegung zu folgen, durch sein Temperament hingezogen zu Gegenständen, die jener Philosoph nicht eines Blicks würdigte, durch sein warmes Blut so leicht beunruhigt solcher Dinge wegen, die gar keinen Eindruck auf Oberschirm machten, hie und da auch durch Eitelkeit aufgerührt, durch sympathetischen Hang gestimmt zum Mitgefühl, wo Jener nicht so ungerecht an sich selbst handelte, aus seiner gleichgestimmten Gemüthsart gebracht zu werden, that Seelberg zehnmal des Tages, was so viel Menschen thun – das Gegentheil von dem, was er thun wollte. Fünfzehntes Kapitel In der im vorigen Kapitel beschriebenen Gemüthslage war der Held unsrer Geschichte noch, als seine Schwägerin, die Gräfin von Storrmann, mit ihrer Familie nach *** kam, um daselbst ihrem einzigen Sohne die Blattern einimpfen zu lassen. Diese würdige Frau erfüllte alle Pflichten der treuesten Hausmutter und ließ sich die Erziehung sowohl dieses einzigen Sohns als ihrer drey Töchter äußerst angelegen seyn. Seelberg, der vorher von ihr war benachrichtigt worden, eilte zu ihr hin, sobald sie angekommen war, trug alles dazu bey, ihr den Aufenthalt in *** angenehm zu machen, und besuchte sie täglich. Er hatte sich in ein ziemlich einsames Leben zurückgezogen, aber wir wissen doch, daß er deswegen die Menschen nicht haßte, sondern vielmehr, daß sein inneres Gefühl von Wohlwollen und Mittheilung unaufhörlich gegen die rauhe Theorie, die er in Oberschirms Schule studiert hatte, kämpfte. Der Umgang mit der liebenswürdigen Storrmannschen Familie und der Anblick reiner, häuslicher Glückseligkeit thaten daher seinem Herzen wohl; auch fand von der andern Seite die Gräfin an ihres Schwagers Gegenwart sehr viel Vergnügen. Sein Verstand war durch so vielfache Erfahrungen sehr gebildet, sein Blick geschärft worden; er hatte viel Kenntnisse in verschiedenen Fächern eingesammlet; sein Umgang war leicht, unterhaltend und gefällig; seine Sitten waren geschliffen, und mitten durch eine gewisse Originalität, Bizarrerie und durch den systematischen Egoismus, den er von Oberschirm angenommen hatte, blickte doch oft ein so weiches, warmes Herz aus ihm hervor, daß man sich in der That nicht enthalten konnte, ihn zu lieben und sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Gewährte nun der Gräfin Storrmann die Gesellschaft ihres Schwagers Vergnügen, so schöpfte doch Dieser aus der ihrigen noch weit mehr und wesentlichern Nutzen. Gespräche unter Menschen von Kopf und Herz bleiben nicht lange auf leeren Gegenständen und auf den Alltagsmärchen haften, auf deren Angeln der Jargon des großen Haufens Jahre lang sich umdreht. Die liebenswürdige und verständige Frau und unser Philosoph redeten daher bald von interessantern Dingen: von wahrem Glück in dieser Welt, von Seelenfrieden, von dem, was man sich und Andern schuldig ist, von echter Philosophie des Lebens, und was sie sagte, war Balsam für sein Herz. Es schien diesem vortrefflichen Weibe vorbehalten, die Erziehung unsers Mannes zu vollenden, ihm Heiterkeit und dauerhafte Ruhe zu verschaffen, seine Grundsätze mit seinen Gefühlen auszusöhnen und ihm für den Rest seines Lebens eine unwandelbar selige, genußvolle Existenz zuzusichern. Dies gelung ihr nach und nach in vielfachen Unterredungen, in welchen sie ihn auf die liebreichste, bescheidenste und behutsamste Art zurechtwies, mit sanfter Hand und aus ihrer engelreinen Seele Trost und Heiterkeit in sein Gemüth senkte. Möchte jeder steife Philosoph eine so herrliche Wegweiserin haben! Der Rath eines weisen und tugendhaften Weibes wäre so Manchem von diesen überklugen Herrn heilsam – Doch ich will einige der freundlichen Gründe, deren sich die Gräfin bediente, hierhersetzen. »Ihr System«, sagte sie unter anderm, »Ihr System von Freiheit und Unabhängigkeit von allem, was Vorurtheil und unnützer Zwang ist, Ihr Bestreben, nie die sichre Hand der leitenden gesunden Vernunft fahren zu lassen, Ihr Begriff von der strengen Gerechtigkeit, welche im Grunde alle übrigen Tugenden in sich schließt – Das alles ist wohl unwiderleglich wahr, und wenn es einen Menschen in der Welt gibt, der ganz und immer nach diesem Systeme handeln kann, so zweifle ich nicht, daß dieser Mann eine große Summe isolierter Glückseligkeit schmeckt und daß er auch positiv nie die Glückseligkeit Andrer stören wird, so wie der Mann, welcher sich in vier Wänden einschließt und niemand vor sich läßt, weder Gefahr läuft, auf der Landstraße angefallen noch gereizt zu werden, Andre anzufallen. Allein, mein lieber Bruder! eben gegen jene Vordersätze und gegen verschiedene entferntere Folgerungen, die man daraus ziehn kann, habe ich sehr viel zu erinnern. Ich glaube zuerst nicht, daß ein Mensch in der Welt existiere, der so sehr Meister über seine unwillkürlichen Gefühle, Leidenschaften, Triebe, Anreizungen, Schwächen seines Körpers und so sehr von allen möglichen Vorurtheilen frey wäre, daß er immer gleich richtig und kalt kalkulieren, seine Vernunft zu jeder Zeit lauter und ungetrübt erhalten, stets aus dem Kopfe unpartheiisch handeln könnte, ohne je von Menschlichkeit – denn ach! ich möchte es doch nicht gern Schwachheit nennen – unwillkürlich hingezogen zu werden zu einem Gegenstande, der nicht in das System gehörte. Und diese Möglichkeit gleichwohl angenommen, so zweifle ich dennoch, ob ein solcher Mensch alsdann wirklich dem Aufrufe der menschlichen Natur gehörig folgte, seine Bestimmung erfüllte, und ob es genug wäre auf dieser Erde, wenn man nur isoliert glücklich für sich lebte und nie fremde Ruhe störte. Freilich hätte man dann mehr gethan als unzählige andre Menschen; aber hätte man auch schon alles gethan, wozu der Schöpfer uns mit Geist und Körper ausgestattet, die er nicht umsonst so innig miteinander vereinigt, nicht umsonst unsern Nerven Reizbarkeit und unserm Blute Wärme gegeben hat? O! es gibt Freuden der Fantasie, die ich um alle Schätze der Welt mir nicht wollte wegraisonnieren lassen; ja! es gibt dergleichen, die unsrer Vernunft höheren Schwung geben, die uns fähig machen, auszudauern, Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten zu ertragen, nicht muthlos zu werden, große Handlungen zu begehen, deren Erfolg zwar nicht klar vor Augen liegt, wovon aber auch der wahrscheinliche Erfolg verdient, daß wir etwas daran wagen, indes der kalte Kalkulator die sichre Ungemächlichkeit und mögliche Verdrießlichkeit gegen den unendlich großen, aber ungewissen Nutzen abwiegt und also lieber diesen aufopfert. Mich, mein bester Bruder! hat es nie gereuet, wenn ich in der Aufwallung eines zu warmen Herzens etwas zum Vortheile meiner Nebenmenschen gethan hatte, war auch die Wirkung meiner Bemühungen nicht meinen Wünschen gemäß, wurde ich auch mit Undank belohnt oder verkannt – ich schlief dann doch ruhiger als in der Nacht nach einem Tage, an welchem ich eine Veranlassung, nützlich zu seyn, von mir geschoben hatte aus Furcht, mich in irgendeine Art von Verlegenheit zu setzen – Sey es immer Schwäche! aber ich will wahrlich lieber eigene Freude entbehren, wenn ich nur Andre glücklich machen kann. Es ist wahr, ich leide durch fremden Kummer oft mehr als durch eigene Widerwärtigkeiten; aber wie herzlich kann ich mich auch dagegen nicht freuen mit den Fröhlichen! Wenn man immer strenge ausrechnen will, ob man nicht die Pflichten der Gerechtigkeit gegen sich und die Seinigen übertritt, indem man für Andre sorgt, so fürchte ich, man wird zuletzt finden, daß alles, was nur zu erlangen ist, für unser liebes Ich muß herbeigeschafft werden, daß niemand unsre Sorgfalt verdient als wir und unsre Familie, und ich dächte doch, das führte dann zu dem der Gesellschaft so schädlichen Egoismus, zum Geize und vielleicht zu manchem andern Laster. Gewiß ist uns die Vernunft zugeordnet, um sie als Leiterin unsrer Gefühle zu Rathe zu ziehn; aber auch diese Gefühle haben wir doch wohl nicht umsonst. Sie scheinen uns gegeben zu seyn, damit die Dinge außer uns darauf wirken sollen, um uns hinzuziehn mit Liebe und Verlangen zu Gegenständen, die unsrer Aufmerksamkeit, unsrer Sorgfalt werth sind. Gestehen Sie es, mein Freund! ob nicht im Grunde Ihr System die edelsten Gefühle der Menschheit, die der Gegenstand des Lobes der Weisesten in allen Zeitaltern gewesen sind, ob es nicht Liebe, Freundschaft, Mitleiden, Enthusiasmus, Vaterlandsliebe, warme Gottesverehrung, Dankbarkeit und alle kleinen Freuden des Lebens, alle unschuldigen Ergötzlichkeiten, die keinen ernsthaften Zweck haben, ausschließt? Freilich ist es mir erlaubt, jemand die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihn hochzuschätzen; aber mit ganzem Herzen mich an ihn zu hängen, das darf ich nicht. Ich darf mich nicht grämen, wenn mein treuer Gatte stirbt, denn es gibt ja noch andre Menschen in der Welt, die ebensoviel werth sind als er, der Tod ist ein Grundgesetz der Natur, und Kummer schadet meiner Gesundheit. Ich darf dem Manne nicht danken, der mir Leben, Ehre oder Vermögen gerettet hat, denn er beförderte ja sein eigenes Vergnügen, indem er mir diente, that seine Pflicht, im Fall ich seiner Hilfe würdig war, oder handelte strafbar, wenn ich dieselbe nicht verdiente. Ich darf dem lieben Gott die Gerechtigkeit widerfahren lassen, einzusehn, daß er das allervollkommenste Wesen ist, aber ich darf nicht mit warmer Fantasie mich ahnungsvoll zu ihm hinaufschwingen, nicht mit gerührtem Herzen ihn mir gegenwärtig denken und dann mein Anliegen im andächtigen schmerzlindernden Gebete ihm vortragen – Kurz! alles was das Leben unter Menschen süß, angenehm und leicht macht, das wird da wegphilosophiert, alle schönen Künste, alle unschuldigen Freuden und Spiele verbannt – Lieber Gott! gibt es denn keinen Mittelweg zwischen dem Mißbrauche und dem mäßigen, vorsichtigen Genüsse wahrer und eingebildeter Güter? Und setzen Sie nun den Fall, ein feindseliges Schicksal verfolgte Sie – Zwar behaupten Sie, ein Mann von so festen Grundsätzen könne nie unglücklich werden – Aber können nicht körperliche Leiden, ein Armbruch, eine ansteckende Seuche, gegen welche auch Mäßigkeit und Vorsicht nicht schützen, Sie auf das Krankenlager hinstrecken und in Armuth stürzen, Neid, Verfolgung und Kabale Sie um Vermögen und Freiheit bringen? – Glauben Sie dann, aus der Vernunft gesponnene Trostgründe wären in solchen Fällen immer hinreichend gegen körperliche Schmerzen und anders Unglück, dahingegen Ein Ritt in das Land der Fantasie, Eine kleine unschuldige Zerstreuung Sie Ihr Leiden vergessen machen und sympathetische und andre Gefühle, welche Sie wegraisonnieren wollen, andre Menschen bewegen können, Ihnen zu Hilfe zu eilen? Ich will Ihnen aber offenherzig bekennen, daß ich es Ihrem ganzen Systeme ansehe, daß Sie es einem Andern abgeborgt haben, und glauben Sie mir auch, es paßt nicht für Sie, und das macht Ihnen in meinen Augen keine Schande, sondern vielmehr Ehre. Sie haben zuviel und zuwenig, um so zu seyn, wie Sie gern scheinen möchten: zuviel gutes, menschliches Gefühl und zuwenig festen, unerschütterlichen Sinn, bey einem zu schwachen, reizbaren Körper. Sie sind durch mannigfaltige Schicksale zu sehr heruntergestimmt. Eine Maschine, die oft in die Höhe und wieder herabgespannt worden, wird am Ende schlaff, hält nicht mehr eine so starke Anstrengung aus, und ein Herz, das von der ersten Jugend an so vielfältig ist verwundet worden, behält immer Stellen, die nicht völlig geheilt sind oder die leicht wieder aufgerissen werden, und wenn dann nicht wieder wirkliche Wunden entstehn, so erzeugen doch die schmerzhaften Stellen Empfindungen von böser Laune, und das alles paßt ja nicht in Ihr System; Ihre Unglücksfälle haben Sie ein wenig kleinmüthig gemacht; Sie haben nicht so viel Entschlossenheit, Zuversicht zu Sich selbst, als dazu gehört, einer Philosophie gemäß zu handeln, die so sehr von der Philosophie der übrigen Menschen absticht. Dies kann Sie nicht beleidigen, denn wirklich ist diese Zuversicht und Festigkeit, die manchem guten Manne fehlt, auch zuweilen das Erbtheil des ärgsten Bösewichts. Sie würden durch den geringsten Umstand aus Ihrem Konzepte gebracht werden – Nein! das ist keine Philosophie für Sie. Sie brauchen, Ihrer Konstitution und Ihrem jetzigen Zustande gemäß, eine freundlichere, gefälligere Leiterin auf ebenem Wege, bis Sie wieder ein bißchen gestärkt worden sind, und dann wagen Sie immerhin, wenn Sie noch Lust haben, so eine Reise über Stock und Block! Bizarrerie und Stolz, daß ich es grade heraussage! haben jenes System erfunden, insofern es übertrieben ist; denn, wie gesagt, daß man seine Gefühle nicht gänzlich Meister über die Vernunft werden lasse, daß man in wichtigen Dingen seiner Überzeugung folge, daß man nicht der Sklave elender Vorurtheile werde, daß man sich Andern nicht gänzlich aufopfre, daß man Wünsche einschränke und sich durch Schicksale nicht niederbeugen lasse – das ist eines verständigen Mannes werth – Aber lassen Sie uns dabey nicht unsre Menschheit ausziehn, und auch unter den Menschen lassen Sie uns nicht durchaus Aufsehn erregen, durchaus die Ersten oder die Letzten seyn wollen! Für einen Mann, der in sich Kraft fühlt, groß zu seyn, ist es wahrlich hohe Tugend, vertragen zu können, daß nur ein schwaches Licht auf ihn scheine, sich andern Menschen gleichzustellen und nicht ausgezeichnet, sondern auf dem ganz gewöhnlichen Wege nützlich zu werden, und wenn er etwas mehr kann und will, auf diesem alltäglichen Wege schnellern und festern Tritts zu gehn als gemeine Menschen. Es ist keine Kunst, ein System zu erfinden, das herrlich und groß klingt, hübsch zu erzählen und mit Bestimmtheit und Feuer zu reden; aber immer unwandelbar diesen Grundsätzen gemäß zu handeln, ohne sich je von einer Lieblingsleidenschaft einen Streich spielen zu lassen – das ist eine ganz andre Sache! Ich habe immer grade am wenigsten Denen getrauet, die den Faden zu dem Gewebe ihrer Handlungen auf den Fingern abzuwickeln wissen, und habe gefunden, daß die Personen am konsequentesten und weisesten handeln, die am wenigsten von Grundsätzen und Vernunft plaudern, so wie Die am gesundesten sind, die am wenigsten an Gesundheit denken, und Diejenigen mehrentheils am redlichsten handeln, die nie die Apologie ihrer Handlungen machen. Groß scheinen wollen und groß seyn, das sind zwey sehr verschiedene Dinge – Ach! wie wenig Menschen unter denen, welche an hohen Piedestals hinaufkriechen, erheben sich durch Herz und Kopf wirklich über das Gemeine, und wie Viele unter denen, die demüthig unter den Bildsäulen der Großen wegschleichen, sind in der That groß, durch Reinheit, Einfalt und Kindersinn, Gradheit und Treue! Es gibt wahrlich sehr viel mehr gute, schätzbare Menschen, als man gewöhnlich glaubt, unter dem Haufen derer, die wir so stolz übersehen, und Wenige, aus deren Umgange man nicht etwas lernen könnte; aber wir müssen unsre Erwartungen nicht zu hoch spannen. Wir verlangen lauter Virtuosi zu sehn, wollen nur Helden und Halbgötter bewundern und haben keinen Sinn für die echte Größe, die in treuer, unermüdeter Erfüllung häuslicher und geselliger Pflichten beruht, die eben deswegen von so viel größerm Werthe ist, weil sie, ohne Ansprüche auf Glanz und Nachruhm, übersehn, oft gänzlich verkannt, alle Bewegungsgründe aus reiner Liebe zum Guten hernehmen muß. Lassen Sie uns tolerant seyn gegen die Schwächen Andrer, besonders gegen die Fehler der Menschen besserer Art! Auf feinem weißen Grunde sieht man freilich jeden Flecken leichter; aber es gibt auch solche Flecke, die man ohne Gefahr, die feine Glasur wegzuschaben, und ohne die wesentliche Masse mit anzugreifen, schwerlich abreiben kann. Ehren wir alle Stände, die das Gesellschaftsband zusammenhalten! ohne ihre Nutzbarkeit strenge gegeneinander abzuwiegen! Welchen würden wir nicht reformieren, wenn wir die Menschen zu ihren ursprünglichen Bedürfnissen zurückführen wollten! Ehren wir das hohe Alter! Hat es auch nicht immer studierte Weisheit gesammlet, so ist doch die Summe erworbener Erfahrungen und eine Laufbahn, ohne Schande und ohne Nachtheil unsrer Mitmenschen zurückgelegt, viel werth; und wer so lange gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens gekämpft hat, verdient wohl, daß wir ihm die Abendstunden heiter machen. Suchen wir nicht angelegentlich neue Bekanntschaften, aber fliehen wir den Umgang nicht! Sammlen wir uns in der Einsamkeit und treten dann, gestärkt mit guten Vorsätzen, wieder in die Gesellschaft! Es ist gut, mit weisen Menschen umzugehn, um von ihnen zu lernen, aber es ist auch Pflicht, die Schwächern nicht zu fliehn, damit Diese von uns lernen können; allein immer von dümmern Geschöpfen umgeben zu seyn, das taugt auch nicht, denn dadurch kommen wir nicht nur nie weiter, sondern im Gegentheil zurück, und unsre Eitelkeit, unsre Zuversicht zu uns selbst wächst zum höchsten Grade des Hochmuths heran. Wir sind unsern Brüdern und Schwestern Gefälligkeit und Dienstfertigkeit schuldig. Nicht, daß wir uns Jedem preisgäben und aufopferten, aber daß wir zu guten Zwecken ihnen die Hände bieten und unsre Kräfte mit den ihrigen vereinigen, zum Wohl des Ganzen, nach unsrer Überzeugung, wäre auch der Erfolg ungewiß. Wir dürfen nachgebend, geschmeidig seyn in unschuldigen Dingen, müssen nicht offenbar affektieren, immer unsern eigenen Weg gehn, uns auszeichnen und die Sitten und Gebräuche der Menschen, die mit uns leben, verachten zu wollen. Freilich, wo es Charakter und Pflichten gilt, da soll jeder unerschüttert seinen Grundsätzen und seinem Gewissen folgen; aber in gleichgültigen Dingen, in Kleidung, in Gebräuchen u. dgl., was schadet da ein bißchen Gefälligkeit, und wie sehr stößt man nicht durch das Gegentheil Leute zurück, auf welche man zum Guten wirken könnte, wenn man weniger strenge wäre? Auch sind wir schuldig, uns solche Eigenschaften zu erwerben, die uns zu angenehmen Gesellschaftern machen, unsre Launen nicht fremde Menschen empfinden zu lassen, Langeweile und Zwang zuweilen ohne Murren zu ertragen, denn gewiß bildet nichts so sehr den Charakter, lehrt Geduld und Ausdauern, stählt den Muth, macht uns stark und fest gegen die unvermeidlichen Streiche des Schicksals, als wenn wir uns in guten Tagen an einigen Zwang und an Verleugnung gewöhnen. Ein bißchen Kasteiung schadet nicht, und mag auch Epikurs System noch so artig gewendet, aufgestutzt und auf eine moralische Seite herausgekehrt werden, so kann ich mich doch nicht überzeugen, daß irgendein System in dieser Welt ruhig und glücklich machen könne, das nur genießen und nicht entbehren lehrt, man gebe auch dem Worte Genuß die reinste und modifizierteste Bedeutung! Die mehrsten Menschen verbinden meiner Meinung nach einen falschen Begriff mit dem Ausdrucke Festigkeit. Von dem einmal anerkannten unfehlbaren Wege zur Wahrheit und Tugend, von einem edeln, unwidersprechlich guten, wichtigen Vorsatze nie abgeleitet zu werden, weder durch sophistische Gründe noch durch Leidenschaft, noch durch gefährliche Gelegenheit und loses Geschwätz Andrer verführt, das ist Festigkeit! Aber durch bessere Gründe überzeugt, durch Erfahrung belehrt, nicht unsern Irrthum bekennen, nicht abstehn wollen von dem, worauf unsre Eitelkeit einmal ihr Petschaft gedrückt hat; einen höchst unbedeutenden Plan bey veränderter Lage der Sache oder vorgefallenen Schwierigkeiten nach Zeit und Umständen durchaus nicht abändern wollen, weil wir den Orakelspruch gethan haben, wir wollten also handeln, das ist nicht Festigkeit, sondern närrischer Eigensinn und Hochmuth! Übrigens ist es freilich Pflicht, unaufhörlich an sich selbst zu arbeiten und zu verbessern, sich von Vorurtheilen und bösen Gewohnheiten loszumachen, immer zweckmäßig und so zu handeln, daß man sich Rechenschaft geben könne von dem nützlichen Zwecke jedes unsrer Schritte und womöglich jeden Abend sich selbst fragen dürfe, wie weit man es heute in größerer Vervollkommnung gebracht habe. Von schädlichen Fertigkeiten und bösen Gewohnheiten darf man nicht denken, sich nach und nach losmachen zu können; man muß den Muth haben, das Übel herzhaft auf einmal mit der Wurzel auszureißen. Dann kostet es einen einzigen schmerzhaften Augenblick und ein bißchen Nachwehe, und die Kur ist vollbracht; auf andre Art hingegen rottet man es nicht aus. Am schwersten aber wird die Überwindung verjährter, mit uns aufgewachsener Vorurtheile. Auch der vollkommenste Mann ist hiervon und von einer gewissen Vorliebe vor lange gehegte Meinungen nicht frey. Jedes Geschlecht hat dann auch seine ihm eigenen Fehler. Ich glaube aber, man thue uns Weibern Unrecht, wenn man unserm Geschlechte mehr dergleichen aufbürdet als dem Ihrigen. Unsre Bestimmung, unsre Erziehung und ein gewisser Zwang der Konvenienz geben unserm Verstande und Herzen eine Wendung, die von derjenigen sehr unterschieden ist, zu welcher Sie gebildet werden; durch die Zurückhaltung, deren wir uns von Jugend auf befleißigen, hinter welcher wir die wärmsten Empfindungen verschleiern müssen, durch die Gewißheit, daß unsre ganze bürgerliche und moralische Existenz darauf beruht, den Männern zu gefallen, werden wir leicht zu Verstellung und Koketterie verleitet; ist es daher Wunder, wenn auch zuweilen das dümmste Weib sich auf die Kunst, anders zu scheinen, als sie ist, besser als der klügste Mann versteht, wenn auch die häßlichste alte Frau nicht ohne Ansprüche auf Eroberungen ist, und wenn man auch das edelste Frauenzimmer zuweilen auf Verheimlichungen und auf kleine Buhlkünste ertappt? Sie haben, dünkt mich, sehr recht, wenn Sie allgemeine Aufklärung für unmöglich halten. Ich glaube sogar, daß, so schändlich auch Diejenigen von jeher in der Welt gehandelt haben und noch handeln, die alles um sich her zu verfinstern suchen, damit sie dann im Dunkeln mit den kostbarsten Schätzen des Lebens davonrennen können, man auch sehr vorsichtig seyn müsse in Ausbreitung gewisser Sätze, von deren Wahrheit man fest überzeugt ist. Wenn auch hier nicht menschlicher Irrthum uns oft verleiten könnte, uns in unsern Meinungen über Dinge zu täuschen, über welche der liebe Schöpfer in dieser Welt einen Schleier gezogen hat, so sollte man doch auch nie vergessen, daß gewisse Vorurtheile zu fest in unsre Staatssysteme und bürgerlichen Verfassungen verwebt sind, als daß man die Einen wegreißen könnte, ohne die Andern zu erschüttern, daß man dies der alles entwickelnden Zeit überlassen und nichts nehmen solle ohne Ersatz. Was wir gewöhnlich Aufklärung nennen, das heißt Reinigung gewisser in unsre Religionssysteme eingeschlichener zu materieller Begriffe und Wegräumung gewisser politischer Vorurtheile; das macht den gemeinen Mann und den Mann von mittlern Fakultäten in der jetzigen Lage der Sachen gewiß nicht einmal glücklicher, nicht ruhiger, erleichtert nicht die Last des gedrückten Bauern, des unter mancherley Leiden und Abhängigkeit Seufzenden, sondern läßt ihn nur sein Elend härter empfinden. Übertriebene Religiosität erhält die Tugend manches schwachen Weibes (deren Effekt wenigstens für die bürgerliche Gesellschaft und das Familienband wohlthätig ist, sey auch der Bewegungsgrund verständig oder nicht!) und erhält die Hoffnung manches Despotensklaven auf die unmittelbare Vorsehung seines Gottes, so daß er ausdauert, bis indes bessere Zeiten kommen. Ich möchte nicht der religiösen Schwärmerey und Andächteley, am wenigsten der Heucheley das Wort reden, aber das getraue ich mir doch zu behaupten, daß eine bloße Religion des Kopfs, besonders für Menschen von alltäglichen Gaben, gar keine Religion sey, so wie Freundschaft und Liebe, die bloß auf Raisonnement beruhen, mehrentheils kalte, lose Bande sind, und daß, wenn durchaus kein Mittelweg möglich seyn sollte, im Kopfe und Herzen gewöhnlicher Menschen Aberglauben weniger Unglück anrichtet als Unglauben. In den Händen ränkevoller Pfaffen und herrschsüchtiger Afterphilosophen aber sind Fanatismus und Freigeisterey zwey gleich gefährliche Mordgewehre, befördern gleich viel Unsittlichkeit und Verfolgungsgeist, und ich wüßte kaum zu wählen, wenn ich durchaus entweder ein Bonzen wie G*** in H*** oder M*** in H . . . oder B*** in H – – an die Spitze einer Hildebrandischen Hierarchie setzen müßte.« Sechzehntes Kapitel Die Leser werden leicht begreifen, daß meine gute Dame alle diese schönen Sachen nicht in Einem Odem fort also hererzählte, sondern daß dies nur der Hauptinhalt ihrer Gespräche mit Seelberg zu verschiedenen Zeiten war. Ja! die Grundsätze, welche ich hier entwickelt habe, kamen nicht einmal alle aus der Gräfin Kopfe, sondern ich habe mit ihren Meinungen dasjenige verbunden, was unser Freund aus seinem Vorrathe von Ideen hinzufügte, die aber freilich durch die sanfte Philosophie der edeln Frau berichtigt und zu einem festen Systeme für den Rest seines Lebens wurden. Und dies System, nach welchem er ernstlich beschloß, von nun an zu handeln, und auch diesem Vorsatze treu blieb, dies System, welches weder zu strenge noch zu leicht, nicht überspannt, sondern auf Vernunft und Liebe gegründet war, gab dann endlich seinem Herzen die Ruhe, nach welcher er sich so lange vergebens gesehnt hatte. Es nährte in ihm die edelsten Tugenden, zu welchen der Keim in seinem Herzen immer gelegen hatte, von ihm aber nicht immer gehörig war gewartet worden. Die strengste Wahrhaftigkeit herrschte in seinen Worten, Einfalt in seinen Sitten. Er entsagte allem falschen Glanze und aller thörichten Pracht. Er hielt, weil er reich war, ziemlich viel Gesinde, aber weniger zu seiner Bedienung, als um Menschen glücklich zu machen. Desfalls sorgte er dafür, daß sie immer auf nützliche Art beschäftigt waren, daß sie moralisch besser wurden und sich bildeten, nach dem Grade der Aufklärung, den er für ihr intellektuelles Bedürfnis für zweckmäßig hielt. Er widmete sich eifrig und mit fortgesetzter Aufmerksamkeit der bis jetzt ziemlich vernachlässigten Erziehung seines Sohnes, und so wie er sich nach und nach diesen süßen häuslichen Sorgen ergab, verschwanden auch närrischer Ehrgeiz und unruhiges Streben, zu wirken und in Allem seine Hände zu haben, aus seinem Gemüthe. Allein er war nicht unthätig, nicht faul, wenn er Gelegenheit fand, auf gradem offenen Wege seinem Nebenmenschen zu dienen und etwas zur Freude und zum zeitlichen und geistigen Heil seiner Brüder beizutragen. Er war unermüdet dienstfertig, ohne sich zuzudrängen, ohne sich aufzuopfern und ohne sich in Verlegenheit zu stürzen. Er war ein guter Wirth, ohne geizig, ein freigebiger Wohlthäter, ohne Verschwender zu seyn. Er wendete Sorgfalt auf seine Gesundheit ohne Ängstlichkeit, auf seine Figur und auf seine Kleidung mit Geschmack, aber ohne Eitelkeit. Er ehrte sich ohne Egoismus und Andre ohne Partheilichkeit. Er war verschwiegen, verschlossen und vorsichtig ohne ungerechtes Mißtrauen, offen und treuherzig ohne Geschwätzigkeit und Kompromittierung. Er war mäßig, nüchtern und keusch, und statt daß so viel Menschen sich schämen, einfacher und ärmlicher zu leben als Andre ihres Gleichen, so machte er sich eine Ehre daraus, von Einem Gerichte satt werden zu können und nur zwey Röcke in seiner Garderobe zu haben – Ich sage, so war itzt Seelberg, aber ich hätte vielmehr sagen sollen: er bemühete sich, also zu seyn, täglich mehr zu werden und in Vollkommenheit zu wachsen, denn immer noch kämpfte er mit Temperamentsfehlern und übeln Gewohnheiten; aber der Kampf dagegen wurde ihm stündlich leichter, angenehmer und siegvoller. Seine zu große Lebhaftigkeit spielte ihm manchen Schelmenstreich, lief zuweilen mit der kaltblütigen Überlegung davon und verleitete ihn zu kleinen Übereilungen. Sein schwächlicher, reizbarer Körper verstimmte oft seine Laune, und diese umwölkte dann seine Vernunft. Im Gedränge von Gefühlen und fremden Gedanken, die ihn zerstreueten, das Gleichgewicht seines Gemüths störten und ihm die Gegenwart des Geistes raubten, redete und handelte er oft verworren und unbestimmt, besonders wenn er überrascht wurde. Besser ging es, wenn er sich vorher in seinem Kämmerlein sammlen und einen Entschluß fassen konnte; deswegen schrieb er auch besser, als er sprach. Er war voll Gefühl für alles Gute, Große und für fremde Leiden und Freuden, ohne närrische Empfindsamkeit und fantastischen Schwung. Er war ein treuer, herzlicher Freund, und es that ihm wehe, einen Menschen um sich sehn zu müssen, der ihm ganz gleichgültig, der ihm gar nichts gewesen wäre; aber er war kälter als ehemals, doch nicht frostig. Er konnte sich von geliebten Gegenständen trennen, ohne zu verzweifeln, ohne daß sein Herz grausam erschüttert wurde, indem auch die entferntere Hoffnung zur Wiedervereinigung Trost und wohlthätige Empfindungen in ihm erweckte. Er schwärmte auch nicht mehr um alle Zweige der Wissenschaften herum, sondern nahm sich vor, zu einer Zeit immer ernsthaft Ein Hauptstudium zu treiben, und da er das einfachste, für den Menschen so interessante Studium der Natur bis itzt verabsäumt hatte, nun aber sein Geschmack sich durch Einfalt veredelte, so fing er auch an, das große Buch voll unerschöpflicher Weisheit, das Buch der Natur zu studieren und immer mehr Wonne daraus zu ziehn. Aber in den Erholungsstunden von wichtigern Geschäften verstieß er auch die schönen Künste nicht, unter denen er der Musik den Vorzug gab. Seelberg wurde, innigst betrübt, als die Gräfin Storrmann sich nach einem sechswöchigen Aufenthalte zu ihrer Abreise rüstete, eben da er noch kaum, mit diesen guten Vorsätzen, deren Schöpferin sie zum Theil war, ausgerüstet, seine neue Lebensart angefangen hatte. Ihr Umgang, ihre seelenvollen Gespräche und der Anblick ihrer guten Kinder (Seelberg liebte die kleinen Geschöpfe ungemein), das alles war ihm zu einem süßen Bedürfnisse geworden. Er bat um die Erlaubnis, sie auf ihrem Gute zu besuchen; diese wurde ihm willig zugestanden. Er reisete hin, blieb drey Monate dort, trennte sich dann noch einmal mit schwerem Herzen von der lieben Familie, reisete im folgenden Sommer noch einmal hin, und – denn meine Leser werden doch wohl erwarten, daß dieser Roman so wie die mehrsten seiner Brüder mit einer Heirath endigen solle – die wärmste Freundschaft unter diesen beiden Leuten, die auf gegenseitige Hochachtung, Gleichheit von Denkungsart und Sympathie gegründet war, verwandelte sich unvermerkt in eine Zuneigung von zärtlicherer Art; Seelberg bat seine Schwägerin im folgenden Jahre um ihre Hand und erhielt dieselbe; das Herz hatte er schon. Sie vereinigten ihr Schicksal und leben jetzt in dem glücklichsten, friedenvollsten Zustande, von allen Guten geliebt und verehrt. Sie sind der Trost ihrer Kinder, deren Erziehung ihr wichtigstes Geschäft ist, die Wohlthäter ihrer Dienstboten, denen sie das Joch der Abhängigkeit so leicht machen, die Hilfe der Armen und Leidenden, die Rathgeber der Nachbarn, und die Vorsehung segnet und belohnt ihre Tugend durch Wohlstand, Freude und Gesundheit. Noch muß ich etwas von den Schicksalen einiger Personen nachholen, deren Geschichte in diesem Buche nicht fortgeführt worden. Der jetzigen Frau von Seelberg Eltern, Herr und Frau von Wallenholz, sind gestorben. Auch der alte Obrist von Grätz, Juliens Vater, lebt nicht mehr; diese aber hat den Hofdamenstand verlassen und einen Offizier geheirathet; ihre sittliche Aufführung ist jetzt ohne Tadel, aber da sie eine schlechte Wirthin ist und der Mann nicht viel Vermögen hat, so lebt dies Paar in sehr eingeschränkten Umständen, wovon alle Unannehmlichkeiten durch die bösen Launen ihres rauhen Mannes auf sie fallen. Der ehemalige Herr Hofmeister Wasserhorn hat als Beamter eine reiche Witwe geheirathet, aus heißer Liebe zu ihren Geldsäcken. Das Weib aber macht ihm das Leben zur Hölle, denn sie ist ausschweifend und boshaft und hat ihn so sehr in ihrer Gewalt, daß er sich keiner frohen Stunde erfreuen darf. Von den beiden Livländern, die Seelbergen auf Universitäten so betrogen hatten, ist Einer in Aachen über Betrug im Spiele ertappt und von einem Engländer erstochen worden; der Andre hat in äußerster Armuth und Kränklichkeit, in welche ihn seine Ausschweifungen gestürzt hatten, das Leben geendigt. Endlich, was die Bürgermeisterin betrifft, welche Augustinen verführt hatte, so war sie nun alt und garstig, und kein Liebhaber mehr, der nur irgend anderswo mit seinen Seufzern nicht abgewiesen wurde, näherte sich ihr. Um dennoch galante Welt um sich her zu versammlen, bewog sie ihren schwachen Mann, großen Aufwand zu machen und Gastgebote zu geben. Er kam dadurch in seinen häuslichen Umständen zurück, griff öffentliche Kassen an, wurde abgesetzt und lebt jetzt mit seinem schändlichen Weibe in der drückendsten Dürftigkeit und, besonders da Beide sich dem Trunke ergeben haben, in allgemeiner Verachtung.   Ende des zweiten und letzten Theils.