Eduard von Keyserling Die schwarze Flasche Drama in einem Aufzug Personen: Max , Student, 23 Jahre alt. Milli , Musikschülerin, 18 Jahre. Kellner . Stubenmädchen . Ein Hotelzimmer. In der Mitte und rechts Türen. Links ein Sofa mit einem Tisch davor und Sessel; an der Wand eine Waschkommode und ein Vorhang, der einen Alkoven verbirgt. Über dem Tisch eine elektrische Lampe, deren Licht durch einen Schleier gedämpft werden kann. An der Mitteltüre ein Stuhl. Rechts ein kleines Sofa und ein kleiner Tisch. Bei dem Aufgehen des Vorhangs ist die Szene leer und dunkel. Durch die Mitte treten auf der Kellner , ein übernächtigtes, weißes, trauriges Gesicht, müde Bewegungen, tiefe feierliche Stimme; Max , 23 Jahre alt in Paletot und Hut. Das Gesicht sehr bleich und hübsch. Bart und Haar dunkel, angeordnet, wie wir es auf den Porträts von Theodor Körner sehen; hohe Krawatte, langer Rock, modernster Biedermeierschnitt; Milli , 18 Jahre alt, ein hübsches, keckes Gesichtchen, auch ein wenig bleich, sehr modern frisiert und gekleidet. Anfangs in Hut und Mantel. Der Kellner dreht das elektrische Licht auf. Kellner mit seiner tiefen Grabesstimme Ist dieses Zimmer den Herrschaften recht. Es ist ein gutes Zimmer. Milli hat sich müde und teilnahmslos auf den Stuhl an der Türe gesetzt. Max Ja – o ja. Es ist gut. Nicht Milli? Milli Von mir aus! Max Gut also. Es wird uns genügen. Er legt Hut und Paletot ab. Ja – und dann zu speisen wünschen wir. Kellner zieht einen Speisezettel aus der Brusttasche und reicht ihn Max. Hier – bitte. Max den Speisezettel studierend – Was – was empfehlen Sie denn? Kellner ergeben und traurig Nierenbraten ist frisch, Roastbeaf, schönes Paprikaschnitzel. Milli Ja... aber was hat er? Max Wer denn? Milli Der Mann. Zum Kellner Sie – was haben Sie? Ich weiß nicht – Sie sprechen – so – so – Is' Ihnen nich lieb, daß wir... Max Laß doch, Milli. Milli Wirklich, Kellner wendet sich ernst und verachtungsvoll ab Filet Mignon mit Champignons ist sehr gut. Max Ja, das wird das richtige sein – wie Milli? Milli Mir ist alles egal. Ich kann doch nich essen. Max bestimmt Du wirst essen. Also zweimal Filet mit Champignons – eine Flasche Sekt – Kupferberg Gold – nicht zu kalt – Kellner Wie – Max Nicht zu kalt. Man trinkt den Sekt nicht mehr kalt. Kellner Sehr wohl. Milli Du – die Schwämme lassen wir besser weg. Max Ja – warum – was hast Du –? Milli Die werden nach Zuhause schmecken – und so – Max nervös Ach bitte – laß das – ja? Kellner Mehlspeis gefällig? Cremeschnitten sind da. Milli Cremeschnitten –, nee wenn die – kommen – dann – dann verantwort ich für nichts. Max sehr ungeduldig Unsinn! Kellner Sehr wohl! Max Ja – und die Rechnung können Sie gleich beilegen –, das – vereinfacht die Sache. Kellner durch die Mitte ab Milli Gott! – ist der Mann gruselig. Wie er sagt – Filet Mignon – als ob – als ob – schon einer gestorben wär'. S' wird einem ganz kalt dabei. Max geht zu Milli, nimmt ihr Hut und Mantel ab Max zieht sie an sich. Komm. Du bist nicht so wie ich Dich will. Milli Ich weiß – aber – naja – was kann ich dafür. Sie lehnt sich an ihn und weint. Max Weine nicht! Was wir tun –, wir tun es doch – weil wir wollen. Nicht? Weil wir nicht anders können. Nicht wahr? Und – wir tun's gerne – sag Milli schluchzend Ja – aber – aber – wir tun – mir so furchtbar leid. Max Möchtest Du denn zurück – dort? mit einer Bewegung zum Fenster Milli Nein – nein – ich weiß, das geht nich'. So is' ja gut. Wo ich ihnen nu durchgebrannt bin –, und nochmal solche Augen sehn, wie der Vater das erste Mal machte – und das hören – ne – ne – das ist aus! Max Nun siehst Du. Milli Und Du – ohne Dich kann ich doch nich sein, und wenn sie Dich nu kriegen wegen dieses fürchterlichen Wechsels und einstecken. Max würdig Milli, – sprich nicht von solchen Sachen. Jetzt bin ich – sehr – sehr hoch über diese – Dinge – emporgeflogen. Milli Na ja. Natürlich müssen wir sterben. Ich will auch. Es ist auch nur, weil der Kellner so gruselig war. Ach Max! Sie umarmt ihn. Max Sei fröhlich Milli. Wir feiern unser Fest –, unser eigenstes Fest... Milli Ja – ja – Das wirst Du hernach sagen – wenn's so weit is. Ach! Ich glaub', ich werd' nich essen können! und Du bestellst noch die Schwämme und den Sekt. Wenn's einem so gut geht, dann will man doch nicht gleich – – so – – so – fort. Max Gerade! Das Leben soll uns – zu unserem Todesfest das Beste liefern –, was es hat – Speise und Trank und Blumen und Liebe... Milli Gut – gut. Aber die in der Zeitung haben's auch nich so gemacht. Max Doch. Milli eifrig Gewiß nicht. Ich weiß doch. Sie setzt sich an den Tisch, zieht ein Zeitungsblatt aus der Tasche und liest: »Das unglückliche Paar – hatte – bevor es in den Tod ging – ein frugales Mahl eingenommen. Eine halbgeleerte Flasche Wein stand noch auf dem Tisch.« Siehst Du! Frugal und von Sekt steht auch nichts drin. Max setzt sich auf das Sofa und zieht Milli zu sich heran. Das ist ja gleich – Ein jeder hat seine Art. Keine Liebe gleicht der anderen und kein Tod gleicht dem anderen. Milli Du, Max, wenn Du willst, daß ich was essen soll, dann mußt Du nicht jetzt schon anfangen – – so poetisch zu reden. Max Milli – meine süße, kleine Milli, – sei heut in unserer großen Nacht – unserer ewigen Liebesnacht – sei – auf der Höhe Deines Wesens. Milli Wie is das denn? Max Sei froh, wie ein Kind, das ein Fest feiert. Freue Dich auf das große – das Unsagbare... Milli Na ja – besser is' schon, als wenn sie Dich wegen'n Wechsel einstecken – und – Max heftig Milli – wieder. All' meine Nerven zittern – Alles ist wund in mir –, nur weiche – kühle Unendlichkeitsluft kann ich vertragen – und Du sprichst – von von – dem niedrigsten – Milli Ach ja! Von diesen dummen Sachen wollen wir nicht reden. Max Was ist uns das Leben! Wir retten unsere Liebe hinüber dort... Milli Und sprechen jetzt von anderen Dingen. lacht . Ja – wovon sollen wir denn sprechen – jetzt? Max umfaßt sie leidenschaftlich Nicht sprechen – nicht denken – nur fühlen –, hineinhorchen in die Unendlichkeit, nicht mehr leben – nur blühen... Milli Ach so – blühen... Max Und selig welken. Milli Ja – ja. Ob ich das kann – –? Na, man wird ja seh'n. Noch haben wir viel Zeit. Nicht wahr? Jetzt Max – – – sei gut mit mir – ich lieb Dich so stark. leise Du – hast Du die Flasche? Max Ja – natürlich. Er zieht ein dunkles Fläschchen aus der Tasche und stellt es auf den Tisch. Das ist unser ernster dunkler Freund. Milli Ach so! Na – das sieht nicht besonders gruselig aus. Unsere Köchin hatte so etwas als sie Zahnreißen hatte. Der Kellner erscheint mit den Speisen, er ordnet sie auf dem Tisch, schenkt den Wein ein. Milli wendet sich ab. Milli Ach! Wieder der traurige Mensch – er trägt das Essen ja wie'n Toten – ich mag ihn nicht sehen. Kellner Wünsche wohl zu speisen. Milli Schon gut – gehn Sie nur. Kellner ab. Als ob das alles Gift wäre, so wünscht er das. Gott sei Dank, daß er fort ist! Sie trinkt. Du, das ist gut. Wie's einem in die Nase steigt. Hi – hi. So stark ist das! Max ergreift sein Glas Komm – Schatz – stoß mit mir an. Milli Worauf denn? Max Auf – das . Milli Ich weiß. Sag's schon lieber nich'. Sie stoßen mit den Gläsern an. Und nu essen. Fein riecht's. Sie essen. Max Ja hm – gut ist's. Das Essen ist so das gemütliche Abschiedslächeln der Erde für uns, nicht Schatz? Milli Ja – überhaupt die Schwämme. Aber Du, – Von Gemütlichkeit brauchst Du heute nicht viel zu sprechen. Sie wirft Messer und Gabel fort und lehnt sich zurück – weinerlich. Ich sag's ja, wie soll man essen, wenn die eklige, schwarze Flasche dasteht! Max Die gehört doch zu uns! Milli Ich will aber nich', daß sie hier steht. Sie soll mir nich' in den Mund gucken. Stell' sie weg. Max erhebt sich und stellt die Flasche auf den Tisch rechts Milli, Du – mußt nicht so sein. Milli Ich bin mal nicht anders. Das kommt davon, eben schmeckt's mir so gut – und nu – die Flasche und wieder so'ne Wehmut. Max Die Wehmut gehört auch zu uns, Schatz – aber eine frohe Wehmut. Milli Wie froh kann die denn doch sein! Sie trinkt. So – jetzt is besser. Sie macht sich wieder an das Essen. Und sprich was Gutes – so was – Neutrales. Max Von fernen, friedlichen Dingen wollen wir sprechen – fern – so – so – wie kleine, weiße Sommerwolken in einem leeren blauen Himmel. Sie schwimmen – schwimmen. Milli Sei still, sonst fang' ich zu weinen an. Nein, sprechen wir davon, wie's wäre, wenn wir viel, viel Geld hätten. Max Geld! Pfui! Milli Gerade! Ein Haus würd' ich uns kaufen und Deine Wechsel würd' ich bezahlen – und Deine Gedichte würd' ich drucken lassen – Max stolz O! Die werden schon gedruckt werden – sei ohne Sorge. Milli So? Er hat sie doch zurückgeschickt der Verleger – der schändliche Kerl. Sag, sind Verleger immer so schlechte Menschen? Max Sie sind eben das Seelenlose – an das wir Seelen gekettet sind. Aber – wenn wir erst fort sind... die Nachwelt. Milli seufzt und trinkt Ja – die! Maxchen – Du – Du bist groß – und so süß dabei. Sie lacht . Vom Wein wird einem ganz schwindelig. Weißt Du – zuhause – an Zuhause muß ich denken –; das sind die Schwämme; – ich sagt's gleich –. Ja –, zuhause – auf'm Lande – als ich noch klein war –, am Abend weißt Du –, wenn's schon schummerig war – dann badeten wir, die Male und ich, in den Nachtviolen sie kichert Meiner Seele! Wir sprangen mit den nackten Beinen in das Nachtviolenbeet rein, un' da war alles voll Tau, Gott, wie kalt das an die Beine schlug, bis hier herauf – und süß duftete das – süß – süß –, ganz betrunken wurden wir davon. Schön war's doch. Max Ferne, schöne Zeiten. Aber in solch einer kühlen Dunkelheit wollen wir auch baden. Komm Herz, setzen wir uns dort hinüber. Milli Jetzt – jetzt schon. Ach wir Armen! Hör. Es wird an die Mitteltüre geklopft. Max ungeduldig Herein! Das Stubenmädchen, eine derbe, frische Person tritt mit einem Wasserkruge ein. Mädchen Die Herrschaften – entschuldigen. Wasser hab' ich gebracht. Ich war aus und das andere Mädchen hat's vergessen. Max Die Person – jetzt! Milli So laß doch! Sie is' sehr nett. Zu dem Mädchen Wohl – weil heute Sonntag ist, haben Sie – frei gehabt? Mädchen Ja, heute hatte ich aus. Milli Das war wohl schön? Mädchen seufzt Schön war's schon. Am Land sind wir gewesen. Milli Nicht allein? Sie allein mein' ich? Mädchen kichert Ne – allein. Wo wird man alleine. Milli Mit dem Schatz – nich? Mädchen lacht Wie das Fräulein spaßig ist. No ja, die Mannsleute sind doch da für den Sonntag. Milli Und im Wald waren Sie – und Sie hielten sich an den Händen? Mädchen Den Arm hat er mir gereicht. Milli Und dann – dann setzen Sie sich – nicht wahr – dort, dort, wo die Tannennadeln ganz glatt und braun auf der Erde liegen – und sie sind ganz warm von der Sonne. Mädchen Wie das Fräulein das alles wissen. Milli Ja und dann. Ach! Erzählen Sie doch! Mädchen läuft kichernd hinaus Is das Fräulein aber spaßig. Milli lehnt sich an Max Damit is nu auch vorbei. Max Komm – wir setzen uns dort auf das Sofa. Eng umschlungen erheben sie sich. Max nimmt Geld aus der Tasche und legt es auf den Tisch. Das letzte Mal, daß ich dieses verfluchte Geld berühre. Milli Warum denn so viel? So viel kostet's ja nicht! Max Laß nur. Was liegt uns daran? Milli Und noch für den gruseligen Kerl! Ne – . Sie nimmt einen Teil des Geldes. Das is ja schade. Max zuckt mit den Achseln, dann zieht er den Schleier über die Lampe und führt Milli zum Sofa rechts, wo sie sich setzen. Milli schmiegt sich an Max Ganz nah – ganz nah – bei dir. Max Ja – so wollen wir uns in die Ewigkeit hinüberträumen. Milli Müde bin ich und schwindelig. Alles ist mir egal. Jetzt kannst Du sprechen – so – Dein Zeug – das hübsch klingt – und wobei ich weinen muß – und schläfrig werde. Max Müde – ja müde sind wir – goldene Müdigkeit –; Arm in Arm einschlafen – und dann kommt der Tod und deckt uns mit seinem dunkelvioletten Mantel. Milli Sammet? Max Ja – weich und kühl. Milli Du – sag: wie wird's sein? Max Was denn? Milli Nu – das – mit der Flasche. Brennt's – und is bitter und wie – wie –? wird's sein –? Max Wie ein Fortgleiten auf einem dunklen Fluß wird es sein –, ein unendliches Wiegen –, ein sanftes sich Auflösen – Verklingen – wie ein Ton... Milli Ja – ja. Sprich noch – ... Max Befreit von allem, wir selbst nur eine Nuance im All... Es wird an die Mitteltüre geklopft. Milli Hörst Du? Max sehr zornig Wer ist da wieder? Es klopft wieder. Max geht zur Türe, öffnet sie. Max Hat man denn nie Ruhe! Der Kellner erscheint mit einer Schüssel. Kellner feierlich Hier sind die Cremeschnitte. Milli Die Cremeschnitte! Max schreit Wer hat denn die verlangt? Kellner Es war eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Herrschaften, aber ich sagte mir... Max Das ist mir gleich, was Sie sich sagten. Kellner Es tut mir also leid... Max Gut. Gehn Sie – Nimmt ihm die Schüssel aus der Hand und stellt sie auf den Tisch. Kellner Es war nicht böser Wille. Max Gehn Sie nur – ... sag ich. Milli Machen Sie sich nichts draus. Kellner ab Max setzt sich zu Milli Dummer Mensch. Milli Er war so traurig – er tut mir leid. Max umfaßt Milli Jetzt wollen wir nur an unsere Liebe denken – uns voll trinken an ihr. leidenschaftlich Milli süße kleine Milli. Milli Schade is doch, sie so steh'n zu lassen. Max Wen? Milli Nu – die Schnitte – Max Was geh'n die uns an! Milli sei nicht so! Komm auf meine Höhe – denk' an mich. Cremeschnitten! ja – könntest Du jetzt essen? Milli Ich – ich weiß nicht. Versuchen kann man ja. Sie geht zum Tisch – setzt sich und beginnt zu essen. Max wendet sich mit finsterem Gesichte ab und seufzt tief. Milli Max – Er antwortet nicht. Schlecht sind sie nich'. Du, magst Du keine? keine Antwort Das sind doch die letzten. Ach ja, was soll man machen? – Du – Max. Max Nun. Milli Was tust Du jetzt? Max Ich fühle. Milli Bist Du böse – wegen der Schnitte? Max Ich bin schon von alldem weit fort. – Milli Nich' zu weit ohne mich. Max Du! Denkst Du an mich! Was liegt Dir daran, daß mir alle Nerven zittern – daß ich – Du verstehst mich nicht. Milli stürzt zu ihm Nein, so sollst Du nicht reden! Die dummen Schnitte. Wir waren schon so im Zuge; und nu muß's von vorne anfangen. Sei nicht böse, Max – ich lieb' nur dich... Max Ja – Herz –, könnte ich Dir mein Fühlen geben – dieses Segelspannen meiner Seele. Milli Ja – Maxchen. Sie sitzen umschlungen. Pause. Max leise und leidenschaftlich Unsere Liebe – die – die – bleibt – bis zum letzten... Milli Ja – die is gut. Pause. – Du. Max Nun mein Herz. Milli Und anders geht's nich! Muß es mit der Schwarzen da sein? Sie zeigt auf die Flasche. Max Das ist der Weg... aber still Herz. Milli Weißt Du, ich fürchte mich so furchtbar vor der Schwarzen da. Max Das mußt Du nicht. Verdirb uns nicht die letzte Liebesstunde. Milli Naja – das Fortsein und Hinsein, gut, gut – ich sag' ja nichts. Es geht nicht anders – aber die schwarze Flasche sie schüttelt sich vor Grauen Ne – die nich'. Max Sie ist ja unsere Freundin. Wie sie uns anschaut – sie wartet – als wollte sie sagen: ich bin die Stille – ich bin die Freiheit... Milli Ja – meiner Seel' – sie schaut uns an. Die ganze Zeit war mir schon so. Sie wartet. Was hat sie zu warten! Max Nicht Milli! Schone mich – schone unsere Liebe! Wir wollen doch zeigen, daß wir es verstehen, unsere Liebe edel ausklingen zu lassen. Milli Zeigen? Wem denn? Wer sieht uns denn? Max O sie sehen es. Milli Sie? Wer? sie schauert Max Tausend großer, sanfter Geisteraugen schauen in dieser Stunde auf uns aus der Unendlichkeit. Sie warten, sie verstehen. Fühlst Du das nicht? Milli Die warten auch? Gott ist das grauslich. Zuerst die Flasche, nu' diese großen Augen. Du – ich – ich – glaube, die Flasche wird immer größer. Ich hab' nicht gewußt, daß 'ne Flasche so fürchterlich sein kann. Hinter der verschlossenen Türe rechts hört man eine Frauenstimme: »Liebster – küsse mich fest auf die Lippen.« Milli Was – was ist das? Eine Männerstimme hinter der Türe: »Sei ruhig – ich bin ja bei Dir.« Max Vielleicht zwei, die denselben Weg gehen – wie wir, Reisekameraden. Milli Glaubst Du? Aber am Ende – erschießen Sie sich? Max Jeder hat seine Art – denke nicht daran – komm zu mir. Du bist das Schöne. – Milli Ja, – wenn ich nur nicht mich so fürchten müßte. Die Flasche ist ja wie so'n schwarzes Tier, das einem raufspringen will; und dann noch die Augen, die warten – und – – horcht was – was? – schießen die schon nebenan? Sie hält sich die Ohren zu. Max Nein doch! Milli, von unserer ganzen schönen Höhe, stürzt Du uns herunter. Milli Wenn's nebenan knallt, dann sterb' ich vor Angst. leise Du – Max, wenn wir so leise – leise rausschlüpfen könnten? Max Wenn Du wüßtest, wie Du mir weh tust! Mein Herz wurde gerade heiß – nach Dir. Die Welt versank –, wir begannen in den Liebesrausch zu versinken, um zu sterben – und nu'! Milli Gleich viel. Hier bleib' ich nicht. Zu Tode graut man sich hier. Faß mich nicht an. Hier fürchte ich mich auch vor Dir. Ich weiß schon, was Du sagen willst. Bleib' Du, wenn Du willst, bei Deiner alten Flasche – ich geh. Max Milli, sei wieder mein tapferes Mädchen. – Was ist uns noch die Welt? – Schatten! Milli Wo sind Schatten? Sprich doch nicht so laut. Sst – sag nichts, sonst laufe ich fort – wo anders können wir lieben – und – sterben hebt seinen Hut und Mantel, hängt ihn ihm um, er läßt es ergeben geschehen. Wir brauchen ja nicht noch einmal zu Abend zu essen. Sie setzt ihren Hut eilig auf – Aber hier – ne – – mein Lieber –. Sie zieht ihn zur Türe, er folgt schmollend. Hi – hi – nu können sie allein bleiben – die alte Flasche – und die Augen. Die Tür öffnet sich, der Kellner erscheint, schließt leise die Türe. Max und Milli prallen erschrocken zurück. Milli Mein Gott! Nun noch der schreckliche Mann! Kellner den Finger an den Lippen Sst! – bitte. Max Was – was wollen Sie? Kellner Verzeihen Sie, ich komme, weil ich Sie verstehe. Max und Milli Was? Kellner Bitte, ich weiß, was Sie vorhaben. Milli Nichts haben wir vor. Kellner O! Ich weiß. Bitte – ich kenne das. Milli – Der – der is noch fürchterlicher als die Flasche – Max Also –, was – was – wünschen Sie? Kellner Ich wollte bitten –, ich wollte mit. Max Mit? Was heißt das? Kellner Mit, den dunkelen Weg... Milli Gott – Gott! Aber wir gehen gar keinen dunkelen Weg. Lassen Sie uns heraus. Kellner lächelt Ich weiß das besser. Werden Sie nicht ungeduldig, meine jungen Herrschaften. Hören Sie mich an, wenn ich bitten darf – ich will nicht stören. Milli Aber Sie stören. Kellner Nein, das tu ich nie. Max Also was? Schnell bitte. Wir haben keine Zeit. Kellner O, Sie haben eine Ewigkeit Zeit. Milli Er tut uns was. Kellner immer die Türe vertretend Man weiß allgemein nicht, daß wir Kellner, was das Herz betrifft, besonders exponiert sind, ja – das sind wir leider. Man hat junge Paare auf der Hochzeitsreise zu bedienen – oder Liebespaare. Man bringt das Frühstück auf das Zimmer, Negligée, Traulichkeit, die Hotelzimmertüren haben meist kleine Löcher, durch welche man hindurch sehen kann, – all – das – und wir müssen machen, als fühlten wir nichts, und wir sind doch Menschen, oft sehr gefühlvolle Menschen. Max Schön. Aber wir sind doch nicht hier, um einen Vortrag über Kellner zu hören. Kellner Ich weiß, wozu Sie hier sind. Milli Nun weiß er das schon wieder, der schreckliche Mensch. Kellner Mein Herz z. B. ist sehr anhänglich – schon fast mürbe. Auf No. 27 wohnte ein junges Paar. Sie war sehr nach meinem Geschmack – ja – leider –, sehr. Ich bediente sie, ich glaubte, sie habe auch mich bemerkt. Sie sah mich über die Speisekarte hinweg oft – so an. Na ja – ich schrieb mal was auf die Speisekarte; wie mir's so um's Herz war. Unfreundlichkeiten, Unhöflichkeiten waren die Folge. Aber seitdem ist das Leben mir zuwider. Ich will heraus, fort aus dem Leben; aber nicht allein. Sympathische Gesellschaft suche ich schon lange. Heute habe ich sie gefunden. Milli Wir! Max Mit einem Kellner! Kellner Ein Kellner ist kein schlechter Begleiter. Wir sind die Geprüften des Lebens. Wir servieren Diners, die wir nicht essen, bedienen schöne Frauen, die uns nicht gehören. Also, meine jungen Herrschaften bitte, bitte, – lassen Sie mich in der Partie hier der Dritte sein. Ich bin einsam. Ich habe lange schon auf solch günstige Gelegenheit gewartet. Max Hm –, Sie sind ein eigentümlicher Mensch. Milli leise Du wirst doch nicht anfangen, Dich für dieses Gespenst zu interessieren! Kellner Ja, ich war zu anderem bestimmt. Ich habe gelernt –. Ich wollte Redakteur oder Rezensent oder so etwas werden, wobei man ein weiches Herz haben kann. Aber Kellner! das brach mich. Milli Aber vielleicht kommt die Dame von No. 27 wieder, und dann – – Kellner Nein, die kommt nicht mehr. Es gab Skandal mit der Rechnung. Man ist nicht immer in der Stimmung, eine Rechnung zu schreiben –; na – und dann – – – nein, die sehe ich nie, nie – wieder! Ich bin bereit, mich Ihnen anzuschließen. Milli Wir – wir wollten gar nicht – jetzt – nicht – und Kellner zeigt auf die Flasche Und das? Milli Das? Das ist nichts. Fleckwasser. Kellner Ich kenne dieses Fleckwasser. Milli Ach lassen Sie uns. Warum wollen Sie denn überhaupt gerade mit uns? – – – Da nebenan sind auch zwei, die werden gleich schießen. Gehn Sie doch mit denen – den – den – Weg. Kellner Die auf No. 9? Ach nein! Die gehn einen ganz, ganz anderen Weg. Max Sie haben mich interessiert, aber Sie irren sich. Wir – wir können Ihnen nicht helfen. Wir – wir – wünschen keine Begleitung. Lassen Sie uns gehn. Milli Lassen Sie uns hinaus. Ich ruf sonst um Hilfe. Ich klingle dreimal dann kommt der Hausdiener. Kellner macht Platz, sanft und traurig Bitte. Also alles umsonst; Essen, Wein; Sie haben nicht den Mut. Max Herr kümmern Sie sich um Ihre Sachen. Milli Seit wann hat denn der Kellner darauf zu sehen daß die Gäste sich umbringen? Komm – zieht Max schnell vorwärts gehn' wir schnell, sonst fangen die auf No. 9 an zu schießen. Gott fürchte ich mich! In der Türe zum Kellner Bleiben Sie nur bei der dummen Flasche. Sie gehören ja zusammen. Max und Milli ab Der Kellner sieht ihnen kopfschüttelnd nach und sagt mit Grabesstimme Sie werden nicht den Mut haben. Dann nimmt er die Flasche, besieht sie, stellt sie wieder auf den Tisch. Bückt sich, nimmt ein auf den Boden gefallenes Geldstück auf –, steckt es in die Westentasche; steht dann und starrt in tiefes Sinnen verloren – die Flasche an. – Vorhang