Wilhelm Jensen Dietwald Wernerkin (Aus den Tagen der Hansa – Band 1) Historische Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert Erstes Kapitel Es ist ein bedenkliches Unterfangen, ein Bild aus der Mitte des 14. Jahrhunderts vor Augen stellen zu wollen. Alles in der Zeit Vorhandene ruht auf einer Vergangenheit, aus der es geworden, und doch erscheint alles noch wie in einem ersten Anfang. Kaleidoskopisch verändert jeder Moment das an Farben und Formen tausendfältige Gemenge. Zwischen andauernden Grundlagen des Alten wächst das Überlieferte nach allen Richtungen neugestaltig aus, eine ungeheure Kraft des Werdens treibt in den Wurzeln alles Lebens. Gleichartige Abkömmlinge ihrer Väter liegen in der Wiege, aber wie ihre gemeinsame Amme, die wilde Zeit sie mit einer geheimnisvoll nährenden Milch großgesäugt, gestalten sich aus ihnen neue Menschen mit neuem Willen und neuen Gedanken. Das Herkommen zwängt sie in die alte Geistestracht hinein, doch die Nähte derselben werden ihrem kraftstrotzenden Wachstum zu eng und die wuchtigen Glieder zersprengen ihr fesselndes Gewand. Überall tritt dem Blick das Recht nur als ein Spielzeug der Macht entgegen, und das Gefühl der erwachenden Stärke treibt jeden zur Selbstwahrung seiner Lebensberechtigung an. Dieser Drang aber erweitert zugleich sein Verständnis; der einzelne erkennt sich als ohnmächtig und sucht Förderung seines Trachtens im festen Anschluß an Gleichgesinnte und Gleichgestellte. So vereinigen sich, besonders in den Städten, die getrennt Schwachen zu starker, verhafteter Gemeinschaft; die Stadt selbst, von Mauern umschirmt, stellt wiederum eine erhöhte Einheit verbündeter Genossenschaften dar. Ihre sämtlichen Bewohner werden von denselben Feinden bedroht, teilen die nämlichen Anforderungen, Bedürfnisse und Bestrebungen des Lebens. Die Befriedigung derselben wird bei der steigenden Volkszahl schwieriger und innerhalb der engen Stadtgrenzen zur Unmöglichkeit; der Handelsaustausch mit anderen Gemeinwesen, auf den schon früh die Vorväter ihr Augenmerk gerichtet, gewinnt immer mehr an Wichtigkeit, wächst zur innersten Triebkraft des in sich abgeschlossenen Organismus, zur obersten Bedingung des städtischen Emporblühens an. Weiter hinaus dehnt sich der Blick nach fremden Ländern und Küsten, deren Erzeugnisse im Umsatz reichen Gewinn verheißen; die Wege zu Lande, wo sich überhaupt solche bieten, sind langwierig, mühsam und gefahrvoll, so beschränkt sich der Handel fast ausschließlich auf die Wasserstraßen. Dadurch erlangen die an der See oder an schiffbaren Flüssen belegenen Städte einen außerordentlichen Vorsprung rascher und stolzer Entwicklung; zugleich aber auch beruht ihr höchstes Lebensinteresse auf möglichster Sicherung ihrer Meereswege. Nicht mindere Gefahren drohen auf diesen, als zu Lande. Den Untiefen und Wirbelströmungen gesellt sich die Natur mit Stürmen und Unwettern hinzu, denen die Fahrzeuge der Zeit schwer zu trotzen vermögen. Noch hält der Schiffer, wo er kann, stets folglich seinen Lauf an der Küste entlang, traut sich nur bei wolkenlosem Sommerhimmel für wenige Tage auf die offene See. Schlimmeres jedoch als von Wind und Wellen droht ihm von menschlicher Raubgier. Wie an den Landstraßen überall auf steilem Fels das Habichtsnest eines Ritters, hinter dem Busch der Strauchklepper lauert, um auf den vorüberziehenden Kaufmann herabzustoßen, so dräut jede Meerbucht und Klippe als Hinterhalt der wohlbemannten Piratenschnigge eines Seeräubers, der die Warenladung des Handelsfahrzeuges als gute Beute an sich rafft, das Schiff selbst aber mit der Bemannung in den Grund bohrt, damit keine Zungen und Zeugen von dem Überfall Kunde heimbringen. Seit einem halben Jahrtausend schon haben, ganz besonders in der Ostsee, wechselnde Küstenvölker dies einträgliche Gewerbe geübt, die Kauken in ausgehöhlten Baumstämmen, die Sachsen, die Dänen und Normannen mit phantastischen Tierfratzen am Bug ihrer schnellsegelnden ›Holke‹; als Waräger, Wikinger und Seekönige haben sie die Meere des Nordens beherrscht und auf gewaltigen Freibeuterzügen Schrecken bis an die morgenländischen Küsten des Mittelmeeres getragen. Diese Periode des Seeräuberlebens ganzer Völker ist jetzt vorüber, doch am wendischen Ufer der Ostsee vor allem betreibt der einzelne Pirat noch immer in Nacht und Nebel seinen Fang und schleppt seine Beute in unzugängliche Höhlen und Mauerwerke der vielfach fast unbekannten Strandgegenden heim. Manchmal vereinigen sich die Fürsten der Küstenländer und die Handelsstädte zur gemeinsamen Jagd auf die Räuber, aber in kürzester Zeit entbrennt stets zwischen ihnen selbst eine neue Fehde, und das Freibeutertum blüht ungefährdet wie zuvor auf. Und im Grunde stellt es im Vergleich mit fürstlicher Habgier und Willkür noch das weniger gefürchtete Übel für den Seefahrer dar. Zwar erkennen Könige, Herzöge, Grafen und Herren die Vorteile, welche auch sie aus dem Handelsverkehr, teils direkt durch auferlegte Mauten und Zölle, teils indirekt durch Verwertung ihrer Landesprodukte zu ziehen vermögen, und schließen dahinzielende Verträge ab. Aber in den meisten Fällen sind die fürstlichen Siege darunter nur vorhanden, um bei jeder Aussicht auf reichhaltigeren Gewinn mit List oder Gewalt gebrochen zu werden. Dem nämlichen Ursprung verdankt, allen Bemühungen der Seestädte, der mächtigsten Landesherren, ja selbst oft wiederholter Banndrohung der Kirche zum Trotz, an vielen Küsten noch ein Überrest barbarischen Zeitalters seine Erhaltung, das Strandrecht, das mehr den Namen des Strandraubes verdient. Das Schiff, welches von dem Unfall betroffen wird, an einem Ufer, in einem Hafen zu scheitern, wo es sonst durch Verträge für seine friedlichen Zwecke geschützt sein würde, verliert alle ihm ohne jenes Unglück zustehenden Rechtsansprüche. Fahrzeug und Güter fallen dem Territorialherrn der Küste anheim, vielfach selbst die persönliche Freiheit der geretteten, zu Sklavendiensten gezwungenen Mannschaft. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts gilt es als höchster Beweis der machtvoll angewachsenen Bedeutung der Stadt Lübeck, daß sie von England für ihre Schiffe insoweit Befreiung vom Strandrecht zugesichert erhält, als die Beschlagnahme der Güter nicht stattfinden soll, wenn ein Lebender von dem verunglückten Fahrzeuge das Ufer erreicht. Allmählich schließen da und dort auch andere Fürsten ähnliche Übereinkünfte: König Waldemar der Zweite von Dänemark macht, »dem gemeinen Kaufmann zu Nutzen«, den ersten Beginn mit der Anlage eines Seezeichens bei Falsterbo an der gefährlichen Küste von Schonen, der Südspitze Schwedens. Doch alles ist unsicher, dem guten Willen, dem Augenblick, günstigem Zufall anheimgegeben, ein Recht, das nur für denjenigen besteht, der die Macht besitzt, für seinen Bruch Vergeltung zu üben. Ob der Papst zu Rom der Christenheit das menschenfreundliche Beispiel der Bewohner der Insel Melita vorhalten mag, die den schiffbrüchigen Apostel Paulus gastlich aufgenommen, widersetzt sich noch am Ende des 13. Jahrhunderts selbst der Erzbischof von Bremen dem Andrängen eines päpstlichen Legaten, strandrechtlich geraubtes Gut herauszugeben, und läßt das Kloster Dobberan sich als Privileg » omnem proventum maris vel utilitatem in perclitatione navium « zusichern. Nicht Beihilfe und menschliche Anteilnahme am Unglück, sondern seine schonungslose Ausbeutung herrscht als oberster Grundsatz. Der Vorteil, die Stärke und die Furcht allein bedingen die Sicherung vor Gewalttat aus dem Meere wie auf dem Lande. Solchen Verhältnissen standen die Handelsstädte der Nord- und Ostsee um die Mitte des 14. Jahrhunderts in ihrem wichtigsten Lebensinteresse gegenüber. Die mannigfachen Gefährdungen der Wasserstraßen waren ihnen schon seit Jahrhunderten überliefert, aber mit der gewaltigen Ausbreitung der kaufmännischen Geschäfte wuchs die Notwendigkeit einer wenigstens vor menschlicher Raubgier beschirmten Schiffahrt zu immer höherer Bedeutung. Denn auf ihr beruhte der Reichtum, der Zusammenfluß des Geldes aus Ost, Nord und West in den städtischen Säckeln, und Geld war die oberste Macht der Zeit. Es warb Söldner zur Verteidigung und zum Angriff, schloß Schutz- und Trutzwehr mit mächtigen Bundesgenossen, erkaufte unschätzbare Vorrechte. Es erbaute Schiffe und feste Mauern, hochragende Kirchen und kunstvoll geschmückte Rathäuser. Die Ausdehnung, Bequemlichkeit und Sicherstellung des Lebens und Eigentums, welche aus den reichen Mitteln der großen Handelsstädte entsprangen, zogen überall die Landsassen, selbst vielfach Angehörige des Mittelstandes als Schutzbürger herzu. Draußen herrschten die Gewalt und die Willkür, nur innerhalb der Stadtmauern vermochte man auf Friedensgewähr und Recht zu bauen. Diese bisher unbekannte Bürgschaft aber war die Mutter einer neuen Zeit. Mit staunenerregender Hast entwickelte sie bis dahin kaum geahnte Fähigkeiten und Tätigkeiten des menschlichen Geistes. Die Kunst und die Wissenschaft begann sich nach jahrtausendlangem Schlafe zu regen, das Verständnis und den Trieb nach einer edleren Lebensführung zu erwecken. Neben der persönlichen Sicherheit bot die Stadt eine Sauberkeit, Behaglichkeit und mannigfache Schönheit des Daseins, von der die Adelssitze in Wäldern und Bergen kaum eine Ahnung besaßen. Der bisher mißachtete Kaufmann hub an, die Vorzüge seiner Stellung, die aus ihnen erwachsende Macht zu erkennen und zu nützen; die ›Geschlechter‹ in den Städten fühlten sich ritterbürtig, jeder einer Genossenschaft Angehörige empfand die Kraft des ganzen Verbandes in sich. Doch das alles war noch neu, erst im Werden, es glich dem Fluß eines geschmolzenen Metalles, aus dem sich erst da und dort feste Gestaltungen hervorgebildet. Gemeinsam arbeiteten die Bewohner der Städte einem Ziele entgegen, doch vielfach unbewußt: die Augen, welche das Ganze aufzufassen versuchten, konnten zu den gegensätzlichen Ergebnissen gelangen, es sei noch immer die alte, und es sei eine völlig neue Welt. Der Maler, der ein Bild der deutschen Verhältnisse um die Mitte des 14. Jahrhunderts entrollen will, darf es nur mit wenigen großen Strichen darstellen; eine Zeichnung der zahllosen, unablässig sich verschiebenden Einzelheiten, selbst der bedeutendsten, würde das Ganze verworren-unkenntlich vor dem Blick zerwogen lassen. Seit länger als einem halben Jahrhundert ist das Deutsche Reich ein Herd rastloser innerer Zwietracht. Die beiden einzigen wirklichen Mächte, die es einstmals besessen, das staufische Kaisertum und die sächsische Herrschaft Heinrichs des Löwen, sind längst wesenlos vergangen. Die Kreuzzüge und Italien haben Deutschlands Kraft nutzlos im Süden vergeudet; in langer Reihe treten Gegenkaiser widereinander auf, der Sieger kaum mächtiger als der Besiegte. Rom allein verstärkt durch den deutschen Zwist seine Macht. Es begünstigt die immer mehr wachsende Unabhängigkeit der Einzelfürsten des Reiches, kleiner wie großer. Das Ganze liegt in ohnmächtige Teile zersplittert, von denen jeglicher nur seinem Vorteil nachtrachtet. Krieg und Fehde, Gewalt, List und Gesetzlosigkeit überall: das Faustrecht ist kaiserlich sanktioniert; die Pest, der schwarze Tod, durchzieht ganz Europa und rafft mehr als die Hälfte aller Lebenden hin. Am unheilvollsten hat sich der politische Zustand im Norden Deutschlands verändert, den Heinrichs des Löwen starke Hand fast zu einem einheitlichen Körper zusammengefaßt hatte. Mit dem Verfall des großen Sachsenreiches sind auch hier zahllose und kraftlose Einzelherrschaften entstanden, uneinig und unfähig, die Grenzen des Reiches gegen die nordischen Völkerschaften zu behüten. Noch unablässiger als im oberen Deutschland tobt an der unteren Weser, Elbe und Oder, der Trave und Eider das Kriegsgetümmel, doch kaum erfährt man davon jenseits der thüringischen Berge. Kaiser und Reich sind anders beschäftigt und liegen fernab. Wenige Wege führen vom Niederland zum Oberland, der Handel bedient sich ihrer nicht, denn sie sind für Wagen fast so unbenutzbar, wie gefahrvoll durch das an jeder Biegung lauernde Raubritter- und Raubfürstentum; kaum besteht eine Verbindung zwischen den beiden Hälften des Reiches, als durch erfolglose Verordnungen und Drohungen des Kaisers und des Papstes. Nach außen und innen ist der Norden auf sich selbst gewiesen; es ist die allgemeine Lösung für alle und jeden: Hilf dir selbst! So hat seit dem Sturz Heinrichs des Löwen ein lockeres Zusammenhalten der am meisten in ihrer Existenz Bedrohten begonnen, der anwachsenden Städte. Besonders diejenigen des Rheines, Westfalens und der Niederlande mit Mainz, Köln, Soest, Dortmund und Brügge an der Spitze haben zur Sicherung ihres Handels Bündnisse gegen Raub und Überfall auf Land- und Wasserstraßen geschlossen. Allmählich streckt dieser Verband seine Fäden weiter gegen Nordost nach Bremen, Hamburg, Lübeck. Doch es ist kein wirklicher Zusammenschluß der Städte zu Schutz und Trutz, nur eine kaufmännische Übereinkunft im alleinigen Interesse des Handels, und hin und her schwankend knüpfen sich die ungewissen Vereinigungen an und zerfallen. Diesem Auseinanderbruch des großen Deutschen Reiches steht im Norden eine kleine, doch in sich gefestigtere und von der Natur stark gesicherte Macht gegenüber. Das Königreich Dänemark besitzt nur ein geringes, aus einigen Inseln und der größtenteils unfruchtbaren jütischen Landzunge zusammengefügtes Gebiet, seine Einwohnerschaft übersteigt kaum eine Million Köpfe. Bis vor kurzem ist es fast aus der Zahl der selbständigen Staaten ausgelöscht, jahrzehntelang unter der Botmäßigkeit des Grafen von Holstein und der Herzoge von Schleswig gewesen. Doch der 1. April des Jahres 1340 hat eine, anfänglich wenig merkliche, dann rasch vorschreitende Umänderung dieser Verhältnisse herbeigeführt. An dem genannten Tage ist der holsteinische Graf Geerdt, der sich den Beinamen des Großen erworben, der tatsächliche Beherrscher Dänemarks, in der Stadt Randers von einem jütischen Edlen, Niels Ebbeson, ermordet worden und infolge dieser Gewalttat der jüngste Sohn des vormaligen dänischen Scheinkönigs Christoph als König Waldemar der Vierte auf den Thron seiner Vorväter gelangt. Dieser Waldemar stellt eine der interessantesten Erscheinungen der Menschengeschichte, jedenfalls die eigenartigste und bedeutendste Persönlichkeit seiner Zeitepoche dar. Landflüchtig, wächst er als junger Prinz am Hofe seines Schwagers, des Markgrafen Ludwig von Brandenburg, vielleicht eine Zeitlang auch an dem des deutschen Kaisers auf. Er tummelt sich in Turnieren und Ritterfehden, erwirbt seine Sporen als Führer markgräflicher Heerhaufen. Die Machthaber auf der cimbrischen Halbinsel beachten ihn nicht; er führt den Titel eines Herzogs von Esthland, gleich denen der Bischöfe, deren Bistümer in partibus infidelium belegen sind. Doch er selbst nennt sich als halber Knabe »wahrer Erbe des Reiches Dänemark«, und Genossen umgeben ihn, die ihm den Königstitel beilegen. Da fällt Graf Gerhard der Große unter Mörderhand, und die Uneinigkeit seiner Söhne, der holsteinischen und schleswigschen Fürsten, führt zu dem Ergebnis, daß sie Waldemar den Sitz auf dem dänischen Thron einräumen. Sie kennen ihn nicht und wissen alle nicht, was sie damit vollbringen. Jeder von ihnen glaubt, den jungen König als Spielball und Handhabe für seine Pläne benutzen zu können. Und zunächst findet er, mit deutschen Herren und Knechten, Märkern, Bayern und Schwaben gen Norden aufbrechend, ein Reich vor, von dem ihm kaum etwas wirklich gehört. Unablässige Kriege haben Dänemark verheert, seine frühere Kraft gebrochen, die wertvollsten Teile von ihm abgerissen, das übrige dem Sonderwillen eines trotzigen Adels anheimgegeben. Niemand ist bereit, eine Königsherrschaft weiter als dem Namen nach anzuerkennen: er erscheint auch hier als ein Fürst in partibus infidelium. Aber dann ist noch kein Jahrzehnt vergangen, wie sich ringsum den staunenden Blicken im Norden ein völlig verwandeltes Bild darstellt. König Waldemar hat sich als ein ›wahrer Erbe‹ der alten Dänenherrscher bewährt, eine doppelte Mitgift von ihnen empfangen, mit der er an die Türen und Herzen seines Reiches gepocht: einen unbeugsamen Willen und einen Zauberspruch von magischer Kraft. Der erste hat mit dem Schwert die widerspenstigen Burgen des Adels geöffnet, der andere bis in jede Hütte hinein verkündigt, daß der junge König gekommen sei, die Grenzen, die Macht, den Ruhm des alten Dänenreiches wieder herzustellen. Und was er gewollt, ist ihm gelungen, nicht plötzlich, doch Schritt um Schritt. Nach einem Wort, das er als Wahlspruch im Munde führt: »Morgen ist wieder ein Tag«, hat ihm das Volk den Namen Waldemar Atterdag beigelegt; so heißt er im ganzen Norden Europas. Das Wort besagt, daß man nicht an einem Tage sein Ziel erreiche, sondern mit beharrlicher Ausdauer Tag um Tag. Kein Mißerfolg hat ihn geschreckt, keine Gefahr ihn entmutigt. Aus der Summe wiederkehrender Tage sind Jahre geworden, in denen er alle Besitzhaber dänischer Lande mit Klugheit und Waffengewalt langsam zurückgedrängt, das alte Reich vollständig erneuert hat. Seiner überlegenen Politik ist es gelungen, die Fürsten Schwedens, Norwegens, Schleswigs, Holsteins und der deutschen Ostseeländer voneinander zu trennen und über die Vereinzelten den Sieg zu gewinnen. Um die Mitte des Jahrhunderts ist Waldemar Atterdag der Erbe Waldemars des Siegers, der unumschränkte Beherrscher Dänemarks; er ist mehr, der mächtigste Gebieter des Nordens. Riesenhaft aufgewachsen steht er da, der unbeirrbare Wille eines einzelnen vielköpfiger Unentschlossenheit und Uneinigkeit entgegen. Kurze Zeit hat ein Blatt der Völkergeschichte umgewendet; diejenigen, welche ihn als ein Werkzeug ihrer Absichten auf den Thron zu setzen geglaubt, sind fast Spielzeuge seiner Laune geworden und fürchten ihn. Und sie haben Grund genug dazu. Sie fürchten nicht nur den rastlos an Macht wachsenden, eroberungssüchtig sein Reich vergrößernden und klug berechnenden König, sondern fast mehr noch den unberechenbaren, rätselvoll-unheimlichen Menschen. Er trägt den Namen Atterdag noch mit einem anderen Recht, mit dem, daß er morgen nie vergessen haben wird, was heute geschehen. Größere Widersprüche hat die Natur selten in einem lebenden Wesen zusammengehäuft. Sie hat ihn mit allen Vorzügen eines Menschen begabt, mit gewaltiger Leibeskraft, Tapferkeit, unerschrockenstem Mut. Er besitzt hinreißenden Zauber an Körper und Geist, kein Mann und kein Weib widersteht ihm, wenn er sie gewinnen will. Oft legt er hohen ritterlichen Sinn, zuweilen selbst weiches Gemüt an den Tag; prunkliebend und dem Genuß ergeben, kann er die härtesten Entbehrungen stoisch ertragen. Doch auf dem Grunde der Seele des kalt politischen Rechenkünstlers gärt wildunbändige Leidenschaftlichkeit. Maßloser Fürstenstolz läßt ihn auf alles unter sich mit unbegrenzter Verachtung niederblicken; Hohe und Niedrige, Völker wie Einzelne sind ihm nur ein Spielball launenhafter Willkür. Rachsüchtig im tiefsten Innern, vergißt er keine Feindschaft, keine leichteste Kränkung, und wartet geduldig den Tag der Befriedigung seines dürstenden Hasses ab. Wo sein Vorteil in Frage steht, sein Zorn auflodert, ist er hinterlistig, falsch, treulos und grausam. Sein Eidschwur vor dem Altar reicht nicht aus, um ihn im Glauben seines eigenen Volkes vor dem Verdacht zu reinigen, daß er die Schuld an der Ermordung dreier, seine Pläne durchkreuzender jütischer Edlen trägt. Aber trotz allem folgt sein Volk ihm willenlos, fürchtet ihn und liebt ihn, denn er macht Dänemark groß. Er ist ein großer König und ein rauher, wilder, widerspruchsvoller Sohn seiner Zeit. Nur er besitzt ein Recht und einen Willen, niemand außer ihm; so weit seine Macht reicht, ist er die Welt. Auf eine Banndrohung des Papstes antwortete er: »König Waldemar dem Papste seinen Gruß! Die Natur haben wir von Gott, das Reich von den Bewohnern, den Reichtum von den Eltern, den Glauben von deinen Vorfahren. Gönnst du uns denselben nicht, so schicken wir ihn dir hiermit zurück. Lebe wohl!« So läßt er oftmals hochfahrend, wo sein Stolz gekränkt ist, die Klugheit außer acht; besonnene Mäßigung ist seiner innersten Art fremd, nur ein Zwang, den Gewinnsucht auf ihn ausübt. Aber ein Bild ist nicht ablösbar von dem Rahmen, den seine Zeit um ihn schlingt. Er ist das Ergebnis unablässigen Ringens und Kämpfens, das dänische Reich immer machtvoller, gebieterischer im Norden emporzuheben. Ihn selbst und das Reich, denn er ist Dänemark. Vermählt ist Waldemar der Vierte mit der schleswigschen Herzogstochter Heilwig, doch er liebt sie nicht, obwohl der Ehe sechs Kinder entsprossen sind. Auch in seinen Liebesneigungen beweist er sich rasch wechselnd, treulos, vom Augenblick und leidenschaftlicher Aufwallung beherrscht. Nur ›die kleine Tove‹, ein Mädchen von der Insel Rügen und entfernte Anverwandte der dortigen Herren von Puttbus, hat er bis zu ihrer frühen Todesstunde geliebt, so glühend, daß er selbst von ihrer Leiche nicht ablassen wollte. Alle um ihn vermochten sich die Heftigkeit und Andauer dieser Leidenschaft nur durch einen Zauber zu erklären, und als ›die kleine Tove‹ gestorben, suchte ein Diener bei der Toten nach einem Liebesamulett und warf ein Kreuzchen, das sie um den Hals trug, bei Helsingör in den Sund. Da wandte geheimnisvoll sich die Neigung König Waldemars auf diesen Fleck an der See und er erbaute dort am Ufer das Schloß Gurre, das er fortan zu seinem Lieblingsaufenthalt erwählte. So erzählt die Sage grauer Zeit. Im Süden der cimbrischen Halbinsel hat Graf Geerdt der Große zwei Söhne hinterlassen, die Grafen Heinrich und Klaus von Holstein. Sie bilden die Rendsburger Linie ihres Hauses, daneben besitzt Graf Johann als Haupt der Plöner Linie gesonderte Herrschaft. Doch das kleine Landgebiet zwischen der Eider, Elbe und Trave zerteilt sich noch weiter. Im Westen sind die Dithmarschen beinahe völlig unabhängig, im Stormarnschen Südosten sitzt auf zahlreichen wasserumgürteten Burgen ein unbotmäßiger räuberischer Adel, der sich unausgesetzt gegen seine Landesherren auflehnt und mit ihren Gegnern verbündet. Die Ostseeküste Holsteins bildet noch eine Kette von schwer zugänglichen, fast unbekannten Schlupfwinkeln wendischer Piraten. So liegt das kleine Land, das unter Graf Gerhards kraftvoller Hand Dänemark und den Norden beherrscht hat, vielfältigst zerspalten, in winzige und eigensüchtige Einzelbestrebungen aufgelöst. Friede und Sicherheit sind unbekannt, kein Tag vergeht ohne List und Gewalt. Unbedeutende Heerhaufen streifen überall umher, belagern und plündern. »Rauben, Stehlen und Überfall wurden eine gemeine Landplage, Städte und Land verarmten sehr,« meldet der Chronist. Besonders richten die adligen Räuber ihr Augenmerk auf die Handels-Verbindungsstraßen der reichen Städte Lübeck und Hamburg, suchen die Trave, Alster und Steckenitz durch Dammbauten für die Schiffahrt unbrauchbar zu machen, um die reisenden Kaufleute auf dem Landwege sicherer überfallen zu können. Aus diesem kleinlichen Getümmel wendet der junge Graf Heinrich von Holstein sich in ferne Länder hinaus und erwirbt sich in fremdem Kriegsdienst am Mittelmeergestade und im Morgenlande durch Glück, Mut und Tapferkeit den Namen des ›Eisernen‹. König Waldemar ist dergestalt von dem gefährlichsten, ihm am meisten ebenbürtigen seiner Widersacher befreit, denn nur die unentschlossen schwankenden Grafen Klaus und Johann und die erst halb erwachsene Schwester Heinrichs, Elisabeth, bleiben zurück. Sonst hat Waldemar Atterdag unter den Herren der nordalbingischen Lande einzig noch mit dem Herzog Waldemar von Schleswig zu rechnen. Aber dieser ist schwach an Mut und Macht; der Dänenkönig hat ihm zum Wiedergewinn seines Thrones verholfen und sein Gebiet mit rücksichtslosen Anforderungen immer kleiner beschränkt. Herzog Waldemar ist kaum mehr als eine Puppe in den Händen seines herrischen Vetters, der offen und im geheimen überall den noch verbliebenen kargen Rest selbständiger Bedeutung der Fürsten auf der cimbrischen Halbinsel untergräbt. Und in gleicher Weise bewährt er ruhlose Tätigkeit gegen Norden, die halb vereinigten, halb getrennten skandinavischen Reiche. Dort herrscht König Magnus von Schweden, doch kaum mehr als dem Namen nach. Schauervoll düstere Taten, die seinen Vater und Oheim aus dem Wege geräumt, haben ihn als dreijährigen Knaben auf den Thron gebracht, ihm die Doppelkrone aufs Haupt gesetzt. Doch zum Mann erwachsen, zeigt er sich durchaus unfähig, die Geschicke eines Volkes zu lenken. Dieses hat ihm den Spottnamen Magnus Smek, ›der Schmatzer‹, gegeben. Er ist träg, genußsüchtig, stets wankelmütig und verräterisch. Seine leichtfertige Gemahlin, Blanca von Namur, und der Günstling der letzteren, der Ritter Bengt Altgotson, zum Herzog von Schonen erhoben, beherrschen ihn völlig. Um seiner Kraft- und Würdelosigkeit willen haben die Reichsräte seine beiden jungen Söhne Erich und Hakon zu Mitregenten ernannt, den ersteren zum König von Schweden, den anderen zum König von Norwegen. Aber »weil niemand den Magnus mehr ehrte,« sagt der zeitgenössische Chronist, »weil er sah, daß er verachtet und verspottet werde, während sein trefflicher Sohn (Erich) allen lieb und angenehm war und ihm alle anhingen, verband er sich mit dem fremden Könige (Waldemar) gegen den eigenen Sohn«. Dann stirbt der junge König Erich plötzlichen Todes zugleich mit seiner Gemahlin, und in der öffentlichen Meinung besteht kein Zweifel, daß seine eigenen Eltern beide vergiftet haben. Dem Namen nach ist Magnus Smek wieder alleiniger Herr in Schweden, doch in Wirklichkeit nur eine bedeutungslose Puppe, mit der abwechselnd die schwedischen Reichsräte und Waldemar Atterdag spielen, die er ebenso wechselnd zu gewinnen und zu betrügen sucht. Einen weitausblickenden Vorteil aber hat die Politik Waldemars davongetragen, indem es ihm gelungen, ein Verlöbnis seiner noch im Kindesalter stehenden Tochter Margarete mit dem jungen König Hakon von Norwegen zu bewirken. Fast erscheint es, als ob Waldemar der Vierte sich von seiner ungeliebten Gattin nur deshalb mit Töchtern begaben läßt, um durch Vergebung ihrer Hand mächtige Bundesgenossen zu erwerben. Auch dem Herzog Heinrich von Mecklenburg hat er eine seiner Töchter als Kind verlobt, und wie diese bald darauf gestorben, die Zusage für ihre Schwester Ingeborg erneuert. Neigung und Abneigung eines Mädchenherzens kommen für seine Pläne nicht in Betracht, doch unterscheidet er sich darin kaum von den übrigen Fürsten der Zeit. Ihre Töchter und Schwestern sind insgesamt nur willenlose Werkzeuge ihrer Politik. So steht Waldemar Atterdag als Übermacht in der nordischen Welt. Überall an den Ostseeküsten, von Esthland im äußersten Osten bis hin zu den Niederlanden im Westen, ist offen und heimlich seine Hand. Alles fühlt ihre Schwere, aber in zahllosen Kämpfen hat er nacheinander mit Klugheit und Waffengewalt die Fürsten von Pommern, von Stettin, Rügen, Brandenburg, Sachsen, Lüneburg und weiter überwunden und mit den meisten von ihnen Bündnisse geschlossen. Wo er dies letztere nicht erreicht hat, empfinden die kleinen Landesherren nicht die Kraft in sich zum Widerstand gegen seine Pläne, Kaiser und Reich liegen weitab, sehen stumpfsinnig-teilnahmslos den Vorgängen im Norden zu. Die Pläne Waldemars Atterdag aber, ihr gewaltiges Ziel treten durch zerrinnende Schleier immer deutlicher vor die Augen aller, die seine Geierfittiche über sich rauschen hören, das Anpacken seiner Krallen in ihrem Fleische spüren. Sein letztes Ziel ist, die skandinavischen Reiche, Nordalbingien, die Ostsee, die gesamte nordische Welt unter seinem Zepter zu vereinigen. Dessenungeachtet begegnet seinem geräuschlos lauernden Vorwärtskriechen, seinem plötzlichen Raubtieraufsprung nirgendwo eine geschlossene Abwehr. Jeder weiß sich bedroht, doch jeder denkt nur an sich, denn mehr als den gemeinsamen Bedräuer fürchtet jeder noch, zu einer Machtvergrößerung des Nachbars beizutragen. Es ist die überlieferte Signatur des Mittelalters in allen größeren und kleineren Herrschaftsgebieten des sogenannten Deutschen Reiches. Am meisten aber, und zwar im innersten Kern ihrer neuen Entwicklung von der täglich steigenden Übermacht Dänemarks bedroht fühlen sich die Handelsstädte der Ostsee, denn das Meer ist das Blut ihres Lebens und die Freiheit desselben die Nährluft ihres Wachstums. Mit Ausnahme der ›hochgefreit‹ aus den Wirrnissen des letzten Jahrhunderts hervorgegangenen ›Reichsstadt‹ Lübeck befinden sie sich jedoch nicht in einer selbständigen Stellung, sondern sind mehr oder minder der Abhängigkeit von den Landesherren unterworfen, deren Gebieten sie angehören. Diese Oberhoheit der letzteren ist indes einesteils oft mannigfach beschränkt, andrerseits legen die Fürsten wenig Interesse für die Erhöhung der städtischen Selbständigkeit und für die Förderung der Hauptquelle ihrer anwachsenden Bedeutung an den Tag. So sehen sie sich zur Erzielung von Gewinn und zur Abwendung von Verlust auf sich selbst angewiesen, und dies hat, wie am Rhein und in den Niederlanden, zu einer eigentümlichen Verbindung zwischen den Handelsstädten der Ostsee geführt. Als die größten und reichsten an Vermögen, Einfluß und Zahl der Schiffe stehen Lübeck und die hauptsächlich von deutschen Kaufleuten begründete und zur Blüte gebrachte Stadt Wisby auf der neben der Ostküste Schwedens belegenen Insel Gotland an der Spitze, doch nicht unebenbürtig schließen sich ihnen Bremen und Hamburg, die wendischen Städte Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald, weiter ostwärts Danzig, Elbinga, Königsberg, Riga und zahlreiche andere an. Von der Narowa und Newa aber bis zum burgundischen Land im Westen, in Dänemark, wie im hohen Norden Schwedens und Norwegens klingt überall im Handel und Wandel, nur wenig abweichend, die niederdeutsche Sprache der ›wendländischen‹ Städte, der sich im Verkehr mit diesen selbst die fremden Herrscher bedienen. Dieser Bund ist aus unmerklich kleinen Anfängen im Gange der Zeit langsam gewachsen und hat Außerordentliches vollbracht. Durch gemeinsames Zusammenwirken hat er überall im Osten und Westen verhältnismäßige Sicherheit, Vorteile, Verträge und Rechte für die ihm angehörigen Handelsführenden erwirkt, an unwirtlichen Küsten bis tief nach Rußland hinein zu Nowgorod und hoch hinauf in den Klippen Norwegens zu Bergen Niederlassungen, Faktoreien, ›Kaufhöfe‹ gegründet. Die Vereinigung und Gemeinsamkeit des kaufmännischen Interesses hat Schiffe zur Bewachung der Ufer gegen Seeraub, zum Geleit auf dem Meere ausgerüstet, riesige Soldtruppen geworben, um ihre Hauptlandstraßen vor Friedbruch und Wegelagerern zu schützen. Durch allgemeine und Einzelverträge knüpft sich das Band zwischen mehr als hundert nicht allein an der See, sondern vielfach auch im deutschen Binnenlande belegenen Ortschaften enger, erstreckt sich der Zweck ihrer Übereinkünfte weiter. Ab und zu klingt vom Unterland her in Oberdeutschland ein sonderbarer Name auf: ›De dudesche Hanse‹. Er entstammt einem schon altgotischen Wort hansa , das sowohl einen Bund, eine ›Einigung‹, als eine streitbare Schar bezeichnet, aber niemand weiß dort noch recht, was er bedeutet. Und in der Tat begreift er auch etwas höchst Sonderbares in sich, schwer Verständliches, bis dahin in der Geschichte nicht Vorhandenes. Die ›deutsche‹ oder ›gemeine Hansa‹ nennt sich jene weltumfassende Vereinigung, die kein Bund freier Städte, sondern nur der Kaufherren in ihnen ist. Nicht aus politischen Zwecken zu gegenseitigem Schutz ist sie entstanden und aufgewachsen, nur durch eine Verbündung der Handelsinteressen; sie hat keine Waffenmacht zum Angriff zusammenzufügen beabsichtigt, nur eine Wehr der Verteidigung für ihre Güterwaren. Der große Wahlspruch des Deutschen Reiches: »Hilf dir selbst!« hat sie erzeugt. Aber an der Brust der Zeit ist das schwächliche Kind mit seltsamer Milch großgesäugt worden. Es hat nicht gehen gelernt, doch es schwimmt mit den Fischen in die Wette; es trägt Flügel an den Schultern, und sie tragen es gleich Möwen übers Meer. Auf dem festen Lande ohnmächtig, ist die ›deutsche Hansa‹ die Gebieterin der See. Sie hat ein merkwürdiges, ungeahntes Ziel erreicht: in der Heimat zersplittert, größtenteils verschiedenen Landesherren untertan, steht sie überall im Auslande als eine politische Einheit anerkannt, geachtet, gefürchtet da. Der Bürger der ›unfreien‹ Stadt zu Hause tritt im fremden Lande mit der Sicherheit eines Angehörigen mächtiger Genossenschaft auf. Noch immer bildet die Hansa nur eine Gesellschaft von Kaufleuten, die gemeinsam ihre Einzelzwecke verfolgen und unterstützen. Doch der Handel ist eine Macht ersten Ranges geworden, eine Geld- und Seemacht, die Fürsten und Völkern Privilegien abzunötigen und Bedingungen aufzuerlegen vermag. Heimlich mit den Zähnen knirschend, blickt vor allen König Waldemar der Vierte auf die sonderbare, immer mehr erstarkende Vereinigung von ›Kaufleuten, Krämern und Handwerkern‹, die ihm nicht botmäßig sind, seine Wege kreuzen, ihm Gesetze vorschreiben und zwischen den Inseln seines Reiches die Seeherrschaft üben. Die Hansa ist auf keinem Fleck des festen Landes anzugreifen, mit Gewalt zu brechen. Sie hat keine Mauern, die sich erstürmen lassen, denn die einzelne Stadt besitzt keine Bedeutung. Gegen manche dieser Glieder hat der dänische König Feindschaften, Kriege, Überfälle und Gewalttaten angestiftet, aber die Hansa ist die nämliche geblieben wie zuvor. Ihr Antäusboden ist das Meer, und aus ihm strömt ihr die Kraft, in ihrer wunderlichen, hundertköpfigen Gestalt allein mit Waldemar Atterdag um die Herrschaft im Norden zu wetten und ihn zu nötigen, seinen Haß gegen die ›Pebersvende‹ (Pfefferburschen), wie die Kaufleute nach ihrem Handel mit dem zurzeit noch überaus kostbaren Pfeffer von den Rittern im Norden mißächtlich benannt werden, unter gezwungener Maske zu verbergen. Das fast unbestrittene Haupt der deutschen Hansa um die Mitte des 14. Jahrhunderts ist die reichsfreie Stadt Lübeck. Sie liegt auf der nämlichen Stelle, wo sie ihren Ursprung genommen, aber trotzdem hat sie mit jenem Anfang nichts mehr gemein. Die Jahrhunderte haben viermal ein verwandeltes Lübeck an verschiedenen Uferstätten des Traveflusses gesehn; dreimal von Grund aus zerstört, ist die Stadt schließlich um 1158 von der mächtigen Hand Heinrichs des Löwen auf dem Platze ihrer frühesten Lage, einem Hügelrücken zwischen der Trave und Wackenitz, wieder erbaut worden und hat ihren alten Namen Buku gegen den Leubecks, der ›Löwenstadt‹ ausgetauscht. Rundhin vom Wasser der beiden schiffbaren Flüsse umgürtet, liegt sie jetzt mit starken Mauern und Toren als der befestigtste und volkreichste Ort der gesamten deutsch-skandinavischen Nordwelt. Die hohen Türme ihres Domes und ihrer Marienkirche blicken nach allen Richtungen viele Meilen weit stolz ins Land und bis auf die wagrische Ostseebucht hinaus. Unter diesen Türmen findet sich alles vereinigt, was die Zeit in den verschiedenen Städten an Reichtum, Gütern, Erderzeugnissen, Ausrüstungsgegenständen für Schiffahrt, Handel, Gewerbe und Verteidigungsmittel, doch auch von dem, was sie an kluger politischer Erwägung, Einsicht und Berechnung der Weltverhältnisse kennt. Dort treffen an ›allgemeinen Hansetagen‹ Abgesandte aller dem Bunde zugehörigen Städte zur Besprechung gemeinsamer Abmachungen und Beschlüsse zusammen. Lübeck ist kein wirkliches gebietendes Oberhaupt der Hansa, doch anerkannt ein primus inter pares , von seiner reichsfreien Unabhängigkeit naturgemäß für diese Stellung noch mehr begünstigt. Und wenn irgendwo, so beobachten unausgesetzt im Rathaussaal an der Trave scharfblickende Augen die Bewegung Waldemar Atterdags, seine vortastenden Gelüste, auch die Herrschaft auf dem Meere an sich zu reißen. Von allen Städten des Nordens vermag sich an Größe und Bedeutung mit Lübeck einzig Wisby auf der Insel Gotland zu messen. Unfraglich ist sie die zweitwichtigste Stadt der Hansa, in bezug auf den Reichtum, den sie birgt, vielleicht die erste. Um die fern und hoch im grauen Norden belegene hat sich ein sagenhafter Glanz unermeßlicher Schätze gewoben. Das gotische Volkslied singt von ihr: » Guld väga de Gutar på lispund-våg, Gold wiegen die Goten auf der Liespfund-Wage, De spela med ädlaste stenar. Sie spielen mit Edelsteinen. Swinen äta ur silfver tråg, Die Schweine fressen aus silbernem Troge, Och hustrurna spinn på guldtenar. « Und die Hausfrauen spinnen auf goldenen Spindeln. Die Gründung Wisbys, dessen Name ›Schutzort‹ bedeutet, reicht in weite, kaum dämmerhelle Vorzeit hinauf, in der abenteuernde ›Leute von mancherlei Zunge‹, Kauffahrer von Schweden, Dänemark, Deutschland und Wendland den Weg zu der fernen Insel gefunden und dort früh einen Hafen und Stapelplatz für Schiffe und Waren geschaffen. Besonders haben sich deutsche Kaufherren und Gewerksleute unter dem Wappenschild eines Lilienbusches vereinigt, um bald die eigentliche Obergewalt in Wisby zu erringen. Daraus ist die gegenwärtige stolzblühende und schöne Stadt mit einer Einwohnerzahl von mindestens 40 000 Köpfen erwachsen. Die an Stellung und Vermögen Hervorragendsten unter diesen sind Deutsche, sie halten den Haupthandel der Ostsee in den Händen, sind Mitgebieter und Leiter der Hansakaufhöfe zu London, Bergen, Danzig und Nowgorod. Die Stadt Wisby ist die Beherrscherin der Insel Gotland und steht mit dieser in einem Zugehörigkeitsverhältnis zum Königreich Schweden, das aber in Wirklichkeit kaum einer Untertanenschaft entspricht, sich auf Anerkennung der schwedischen Oberhoheit und jährliche Tributleistung beschränkt. Weit tönt ihr märchenhafter Name über Meere und Länder, weithin ragt sie selbst, die goldgefaßte Perle der Ostsee, aus einer Einsenkung der steilen, weißflimmernden Kalkfelsen an der Westküste Gotlands mit achtzehn Kirchen und achtundvierzig hohen Mauertürmen in die Lüfte. Den Ruf unschätzbaren Reichtums und zauberartiger Pracht, mit dem Wisby die Welt Europas bis zum Mittelmeer durchhallt, kennzeichnet vielleicht am deutlichsten die Sage, daß die gewaltigen Fensterrosen der Nikolaikirche mit mächtigen, leuchtenden Karfunkelsteinen ausgefüllt seien, um dem Seemann bei Nacht die Stadt und die Einfahrt in den Hafen zu deuten. Zweites Kapitel Da liegt in der flachen Elbniederung zwischen den Städten Hamburg und Lüneburg auf der linken Seite des breiten Stromes ein weitgestreckter Ort. Er nimmt sich von fern für die Zeit hochbedeutsam aus, denn fünf Kirchen und das hohe Dach eines Domstiftes ragen in beträchtlichen Zwischenräumen auf und Giebelhäuser scheinen die letzteren zu füllen. Aber mit jedem Schritt erkennt der näher Kommende, daß der Anblick von weitem ihn getäuscht. Die Abstände zwischen den Kirchen erweisen sich meistenteils als große, leere, höchstens zu Gärten angebaute Lücken. Nur einzelne Häuser tauchen da und dort daraus empor, wüste, unkrautverwucherte Plätze dehnen sich umher, über denen die Lerchen in der Luft trillern. Doch das Ganze redet noch von einer anderen und stolzen Vergangenheit. Es ist ringsum von Trümmerresten einer gebrochenen Ringmauer umgürtet, ab und zu sieht ein erhaltenes unverschlossenes Tor wie ein ausgehöhltes Auge aus dem zerfallenen, verwitterten Steinkranz. Dahinter herrscht beinahe die ländliche Stille eines langgestreckten Dorfes, nur hin und wieder hat sich ein an städtische Gassen gemahnender Zusammenschluß von Gebäuden erhalten. Traumhaft blicken diese um sich, alles besitzt kaum etwas der Gegenwart Angehöriges, liegt nur wie eine weltabgeschiedene Erinnerung einstiger Tage. Es ist Bardowiek, die älteste Stadt des Sachsenlandes, ehemals die mächtigste, reichste und volkbelebteste des gesamten Nordens. Die Longobarden haben sie in urvordenklicher Zeit gegründet, doch vor zwei Jahrhunderten hat der von dem Hochmut ihrer Insassen wildergrimmte Zorn Heinrichs des Löwen sie erstürmt, zerstört, bis auf die Kirchen in Asche gelegt. Seitdem ist Bardowiek als befestigte Stadt nicht wieder erstanden und die ›Lange Barde‹, der Fluß, dem sie einst die Blüte ihres Handels verdankt gehabt, verschlammt. Sie ist in Wirklichkeit nichts als ein großes, mit alten Türmen und seltsamen Ruinen untermischtes Dorf, dessen verarmte Bewohner der Mehrzahl nach mit dem Anbau von Gemüsen und Obst ihr Dasein fristen und mit ihnen zur Ernährung von Lüneburg und Hamburg beitragen, das ein ärmliches Fischerhüttendorf war, als die Kauffahrteiflotten Bardowieks stolz an ihm vorüber durch die Elbe in die Nordsee hinauszogen. Aus diesem absonderlichen Überbleibsel der Zeit aber zog nun an einem Maienfrühmorgen gegen das Ende des sechsten Jahrzehnts des vierzehnten Jahrhunderts ein junger Reitersmann in dem Sonnenschein hinaus. Er mochte noch kaum an sein zwanzigstes Jahr streifen, doch war mannhaft-stattlich an Gliedern und großer, schlanker Gestalt. Lebenskraft und Lust und frischer Jugendmut sprachen aus den Zügen, die jemanden, der von jenseit der Alpen heraufgekommen wäre, mit überraschender Ähnlichkeit an manches Gesicht der lombardischen Ebene erinnert haben möchten. Nur lag in den schieferblauen Augen keine von südlicher Sonne erzeugte, behend umlaufende welsche Hast, sondern eine ruhige deutsche Treuherzigkeit, und manchmal überglänzte diese ein eigenartiger, sonstigen Augen der Zeit fremder Schimmer, der an das träumerische Himmelslicht über den alten Trümmerresten Bardowieks gemahnte. Es war etwas in dem Blau zwischen den Lidern, als hätten diese sich viel zu den trillernden Lerchen in der Luft aufgeschlagen und ihr Steigen und Fallen ein rinnendes Widerbild darin hinterlassen. Ausgerüstet war der junge Geselle nach Ritterbrauch der Tage mit derbem, von Arm- und Beinschienen bestepptem Koller, dunkeln Stahlbuckeln auf Brust und Schultern. Doch mit der schlichten Eisenkappe und dem zieratlosen Schild deutete alles nicht auf reiche Abkunft, eher das Gegenteil. Sein breitnackiger Grauschimmel war gleichfalls schmucklos und ungepanzert, am Sattelgurt aus rohem Hanfgewirk hing das lange Schwert, nur mit einer Kreuzstange als Gefäß, noch neu und ungebraucht, wie der kurze Faustspieß an seiner Rechten. Er erregte den Eindruck eines fahrenden Abenteurers, halb eines Ritters, halb eines Dienstmannes, der nach dem Glück in die Welt ritt. Und so war's. Er hieß Dietwald Wernerkin, von altem longobardischen Blut. Seine Vorväter waren stolz und angesehen zu Bardowiek gewesen, aber mit dem Untergang der Stadt verarmt und allmählich dem edlen Stand ihres Ursprungs mehr und mehr entfremdet. Doch hatte er von seinem Vater noch ein kleines Besitztum zu erben vermocht und war darin aufgewachsen, er selbst wußte kaum wie, fast ohne seine früh verstorbenen Eltern noch zu kennen. Er hatte als Knabe einsam auf den weiten Trümmerfeldern seiner Vaterstadt gespielt, dann später sich in das hochwuchernde Gras der alten Schutthaufen gestreckt und oft den Wind über sich murren gehört. Da war's ihm von früh auf manchmal mit Gedanken gekommen, die von den anderen um ihn niemand verstand, auch der alte Stiftsdominus nicht, der seinem Vater wohlgesinnt gewesen und im Gedächtnis an diesen den Sohn in der zu Bardowiek seltenen Kunst des Lesens und Schreibens unterrichtet hatte. In der Brust des Jünglings aber war immer stärker ein Widerspruch großgewachsen, eine träumerische Anhänglichkeit an seine stille, schlafversunkene Heimat und ein pochender Drang in die fremde, lebensvolle Welt draußen, von der ihm nur dann und wann eine Wunderkunde ans Ohr traf. Das aufwachende alte Ritterblut kämpfte in ihm mit der späteren trägen Gewohnheit seines Geschlechts, trieb ihn fort und hielt ihn zurück. Er stand allein, gleich einem aus der zerfallenen Mauer vor ihm aufgesprossenen jungen Kieferbaum, besaß keinen Freund und keinen Berater, wußte nicht, was er wollte, noch wohin, nur daß ein guter Arm und ein freudiger Mut da draußen vielfach begehrt sei. Und beides, die Kraft an Leib und Zuversicht, fühlte er in sich schwellen. Da hatte er sein bißchen Gut an Haus und Boden in ritterliche Waffen und Wehr verwandelt. Es reichte gerade aus für seine Rüstung und für das Pferd, ihn davon zu tragen. Sonst nahm er nichts mit sich und hinterließ nichts, und niemand gab ihm das Geleit. Die Bewohner Bardowieks lagen noch im Schlaf, oder wo sie da und dort schon beim kärglichen Feldbau beschäftigt standen, sahen sie ihm kaum mit gleichgültigem Aufblick nach. Sein Trachten war ihnen unverstanden fremd, wie er selbst, er hatte nie etwas mit ihnen gemeinsam gehabt. Nur ein Mädchen schaute mit Augen hinter ihm drein, in denen sich deutlich lesen ließ, es bereitete ihr Herzeleid, daß sie ihn vermutlich niemals wieder gewahren sollte. Aber obwohl es unfraglich die Hübscheste unter allen jungen Dirnen Bardowieks war, warf Dietwald Wernerkin keinen Blick zu ihr hinüber. Er hatte sie nie angesehen, so wenig wie eine andere, wußte nicht, was der Glanz zwischen ihren Lidern, wenn sie auf ihn gerichtet waren, bedeutete. Kraftvolle Männlichkeit der Glieder umschloß seine karge, fast ärmliche Rüstung, doch darüber leuchtete, am Rande der Eisenkappe, von langem, hellem Gelock umrahmt, ein sorglos schönes, fast wie jungfräuliches Knabenantlitz. Nun hielt er in einiger Entfernung hinter dem alten leeren Tor, aus dem er hervorgekommen, seinen Schimmel noch einmal an und warf einen Blick auf seine stille Vaterstadt zurück. Über ihm sangen zahllose Lerchen in der blauen Luft, kurz ging eine leichte Trübung durch seine gewendeten Augen. Dann hob er sie zu den unsichtbaren Sängern über sich empor und sagte nickend: »Ihr begleitet mich,« und ritt fürder. Seine Richtung durch das niedrige, bruchige Land hielt sich geradaus gegen Norden. Er war bisher nie weiter als bis zur Stadt Lüneburg über den Umkreis seines Geburtsortes hinausgelangt und seinen leiblichen Augen bald alles wildfremd. Noch vor seinen geistigen Sinnen stand ein nie gesehenes Bild und klang ihm mit einem Zauberwort ans Ohr: Lübeck! Er hatte schon als Knabe in einer alten Schrift gelesen, daß derselbe Heinrich der Löwe, der Bardowiek zerstört, die niedergebrannte Holzstadt Buku mit steinernen Häusern und Mauern wieder aufgebaut habe. Daraus war eine heimliche Verbindung zwischen seinen Gedanken und der Löwenstadt entstanden, ein Wunsch von Kindertagen her, einmal nach Lübeck zu kommen, und jetzt befand er sich auf dem Wege dorthin. Was er in der großen, unbekannten Handelsstadt wolle, suchen und finden könne, wußte er nicht, aber es gab keinen Ort in deutschen Landen, wo er irgend einen Anhang und Förderung besessen hätte. Übrigens erwies sein Gehaben, daß er trotz der Fremde, durch die er dahinritt, seines Weges und der Verhältnisse desselben nicht unkundig war. Zwar ließ sich das, woraus er forttrabte, kaum ein Weg, geschweige eine Straße benennen, doch unbeirrt und scharfsichtigen Blicks hielt er seine Richtung gegen die Stadt Lauenburg inne, um bei dieser auf einer Fähre über die dort verhältnismäßig noch schmale und noch nicht in viele Arme verbreiterte Elbe zu gelangen. Dann indes wandte er sich nicht geradaus weiter gegen Lübeck, sondern unter dem öden, gelben Sanduferhang von Lauenburg hart am Strombett flußabwärts, um mit mancher Meile Umweg die Heerstraße zwischen den Städten Hamburg und Lübeck zu gewinnen. Er wußte, daß es für einen einzelnen nicht ratsam war, durch die Lande des Herzogs Erich von Sachsen zu reiten, wenn ein gewalttätiger Überfall ihm auch nicht viel anderes nehmen konnte als den Gaul, auf dem er saß, und die Kleider, in denen er steckte. Doch wenn ein ungünstiger Zufall ihn in die Hand des Herzogs Erich selber geraten ließ, mochte dieser sich leichthin den jugendkräftigen Mann obendrein als guten Fang für seine Soldhaufen zueignen, deren er bei seinen unablässigen Fehden mit den Nachbarn stets vielfältig benötigt war. So zog der junge Geselle klugbedacht pfadlos durch das menschenleere Gestrüpp und sumpfigen Grund hart am Elbgestade entlang, und es war später Nachmittag, ehe er bei ›Bergendorp‹ aufwärtsbiegend und den schmalen Billefluß an einer Furt durchreitend nach Stormarn in die holsteinischen Lande einbog. Dann erreichte er im Halbdunkel der nordisch dämmerhellen Maiennacht die von ihm erstrebte Verbindungsstraße zwischen Hamburg und Lübeck, welche beide Städte, um dieses gewichtigsten Landhandelszuges willen nach Kräften gegen räuberischen Anfall zu schirmen besorgt waren, an besonderen Gefahrstellen von riesigen Leuten bewachen ließen. Nach einer Weile traf er auch auf eine einsam an der Straße belegene Wegherberge, die ihm, obwohl schmutzig und verkommen, doch zur Ausrast und Unterkunft für die Nacht erwünscht fiel. Hungrig verzehrte er in der dumpfen Gaststube die ihm von dem schon halb verschlafenen Wirt beschaffte wenig schmackhafte Nahrung, streckte sich danach alsbald, vom ungewohnt langen Ritt todmüde, auf die harte Holzbank zurück und versank sogleich in festen Schlaf. Nur undeutlich vernahm er, daß etwa um eine Stunde später die Tür sich noch einmal öffnete und zwei andere Gäste sich im Dunkel an der Wand gegenüber zur Ruhe auf den Boden hinbetteten. Die nur halbbewußt flüchtig aufgeschlagenen Lider fielen ihm rasch wieder zu, und ein Traum kam über ihn, in dem er zwischen den mit Strauchwerk verwachsenen Vorzeitresten seiner Vaterstadt lag und die Stimmen zweier Vogelsteller hörte, die sich über einen guten Fang miteinander verabredeten. Er gewahrte sie nicht, aber durch Windesgesumm, das die Halme um ihn bewegte, scholl's ihm ans Ohr, daß der eine sprach: »Wenn der Tag gut ist, hält sie sich jeden Morgen draußen auf der Heide, wohl eine halbe Stunde vom Nest,« und der andere erwiderte: »Laß uns, eh' das Licht kommt, beizeiten achten, daß wir die Dohne richtig stellen, es ist ein Goldvogel, der guten Erlös abwirft.« Dann strich der Wind, stärker murrend, über Dietwald Wernerkins Gesicht, hob ihn wie eine kreiselnde Vogelfeder von der Erde und trug ihn über Länder und Meere fort, immer in eine neue, fremdartige Welt. Zuletzt in eine Gegend, in der alles aus flammendem Golde gebildet schien, und er fuhr vom Schlaf in die Höhe, und die frühe Maienmorgensonne goß ihre Strahlen über ihn. Er lag allein in der beim Tageslicht noch wüster aussehenden Schenkstube, die beiden nach ihm gekommenen Gäste waren bereits aufgebrochen. Eilig sattelte er sein Pferd, entrichtete von seiner geringen Geldesbarschaft die Zehrung und ritt nordwärts gegen die Stadt Oldesloe von dannen. Doch ließ er diese mit ihrem braunen Dächerhaufen ziemlich zur Linken, der Weg ging geraume Zeit durch junggrünenden Buchenwald, dessen Randgezweig von fröhlichem Finkengeschmetter widerhallte. Der vielstimmige helle Klang war dem Reiter von seiner entwaldeten Heimat her fremdartig neu, und er lauschte freudig darauf, es schien ihm wie ein beglückendes Vorzeichen des Tages. Dann aber wichen die Stämme vor ihm zur Seite, und leicht gewellte weite Heide breitete sich aus. Wie bunte Sternchen sahen Frühlingsblumen zwischen den noch braun schimmernden Heidekrautbüscheln hervor, die Morgensonne schillerte ringsum feine Goldnetze über den Boden. Da und dort glitzerte in der Weite ein aufragender Bau, am nächsten hob sich, etwa eine halbe Wegstunde entfernt, der graue Turm und das Zinnengemäuer einer stattlichen Schloßburg aus dem niedrigen Grund. Doch nur kurz verweilte der Blick des jungen Mannes darauf, seine Augen gingen geradaus, und nun lief's ihm mit einem sonderbaren Schauer über den Rücken. Dort stiegen, noch meilenfern und duftverschleiert, machtvolle Türme in die Luft, schienen auf ihren kühnen Spitzen das Blau des Himmels zu tragen. Das mußte Lübeck sein, der Traum seiner Knabengedanken, die stolze Löwenstadt. Dietwald Wernerkin sah mit großen Augen hinüber, zu Häupten klang ihm ein Trillern und Schwirren, er schlug die Lider zu den über ihm schwebenden Lerchen empor und nickte lächelnd: »Seid ihr da? Seid gegrüßt –« Da schnitt ein anderer Ton durch das Vogelgezwitscher und riß den Kopf des Reiters linkshin herum. Es klang wie ein Hülfsschrei, und als sein Blick der Richtung zuflog, sah er ziemlich weit vor sich auf der Heide ein hastiges Hin- und Herflimmern in der Sonne. Dann unterschied sein scharfes Gesicht ein flatterndes weibliches Gewand, von dem Arme sich gegen zwei dunklere Mannsgestalten sträubten und rangen. Aber diese hoben die vergeblich Kämpfende auf und schleppten sie dem nahen Waldrande zu. Unverkennbar war es eine Gewalttat, die an ihr geübt ward, und plötzlich kam dem Zuschauer das Gedächtnis an seinen nächtigen Traum, der ihm die Stimmen zweier Vogelsteller zu Gehör gebracht, die einen Goldvogel auf der Heide zu fangen planten. Augenscheinlich hatte er nicht davon geträumt, sondern die wirklichen Reden der beiden nach ihm im Dunkel der nächtigen Herberge eingetroffenen Gäste vernommen, zweier lichtscheuen Wegelagerer und Strauchräuber, die eine gefahrlose, reiches Lösegeld verheißende Beute ausgekundet. Und zugleich stieß Dietwald seinem Roß den Stachel ein und stob am Saum des Waldes entlang, um den Übeltätern den Rückweg nach ihrem Schlupfwinkel zu verlegen. Es gelang ihm, noch ehe jene die bergenden Stämme erreichten; verdutzt herumfahrend, riß einer der Räuber mit wildem Fluchwort ein kurzes Schwert von der Hüfte, doch bevor er von seiner Wehr Gebrauch zu machen vermocht, traf ihn die Faustlanze des jungen Reiters mitten wider die Brust und schleuderte ihn zu Boden. Sein Genosse ließ sogleich die umfaßt gehaltene Beute frei und suchte als feiger Buschstrolch sein Heil in hurtiger Flucht; auch der Gestürzte sprang blutbeströmt auf und schoß ohne ferneren Widerstand wie ein gescheuchter Sperber jählings in den Wald. Was Gesträuch knackte und knatterte, und sie waren verschwunden. Zum erstenmal im Leben hatte Dietwald Wernerkin eine Waffe gegen einen Menschen gehoben, und alles war zudem so plötzlich und unvorgesehen aus natürlicher Eingebung geschehen, daß er noch kaum einen Gedanken damit verknüpfen gekonnt und halb bestürzt über sein eigenes Tun dreinschaute. So gewahrte er auch jetzt zuerst diejenige deutlich vor sich, die er von ihren Drängern frei gemacht. Sie lag noch erschreckt auf den Knien, wie sie zuletzt hingefallen, und glich in Wirklichkeit so einem großen goldenen Vogel, denn sonnenblondes Haar fiel ihr, nur im Nacken von einer Spange zusammengefaßt, frei bis weit über den Rücken herab und gitterte, bei der Anstrengung ihres Ringens aufgewirrt, seine Glanzfäden verstreut rundum über ihr lang niederfließendes schilfgrünes Gewand. Zwischen dem Gelock aber sah das Antlitz eines Mädchens auf der Grenze der Kindheit und Jungfräulichkeit mit so überaus holdseliger Lieblichkeit hervor, wie der junge Reiter noch niemals etwas Ähnliches mit Augen gewahrt hatte. Es bedünkte ihn kaum möglich, daß sie ein menschlich-irdisches Geschöpf sei, so zartfarbig und sanft leuchtend zugleich waren ihre Stirn und Wangen, und er sprang vom Pferde, trat auf sie zu und fragte schüchtern: »Was wollten die Ruchlosen von dir? haben sie dir wehe getan?« »Nein,« versetzte sie jetzt mit einer helltönigen, weichen Stimme und schüttelte sich das Goldhaar von den Augen, »sie waren plötzlich da und trugen mich fort; mein Bruder sollte wohl viel dafür geben, mich zu lösen.« »So hast du einen Bruder und bist wie andere – keine Heidefee –?« Sie lachte: »Warum sollt' ich's? Davon erzählt nur die alte Hildemund in der Kinderstube. Seid Ihr ein Ritter?« Er antwortete: »Die Goldsporen habe ich noch nicht, doch ich hoffe darauf, meine Väter hatten sie,« und das Mädchen fiel ein: »Das ist hübsch, Ihr verdient sie auch.« Aber wie sie sich dabei nun aufrichtete und ungeahnt hoch und schlank in vornehmer Tracht vor ihm stand, kam's mit einem Schreck über ihn, daß er stotternd sprach: »Verübelt's mir nicht – ich erschau's erst jetzt – Ihr seid kein Mägdlein, sondern ein Edelfräulein –« Sie nickte, doch schüttelte gleich darauf den Kopf. »Eure Anrede zuvor gefiel mir besser, heißt mich so, wie Ihr's zuerst getan. Ich hab' Euch noch nicht Dank gesagt, daß Ihr mich vor den argen Leuten behütet. Ist's Euch nicht drum, und habt Ihr's nicht um meinetwillen getan?« Sie streckte ihm mit einem kindlichen Lächeln ihre schmale blütenfarbige Hand hin und sah ihm so freundlich, wie es ihm noch nie von einem Menschen geschehen, gerade ins Gesicht. Dabei gewahrte er zum erstenmal klar ihre Augen und entgegnete, zaghaft ihre Hand fassend: »Wenn Ihr« – er stockte und hub unsicher nochmals an: »Wenn du's lieber hörst –« Hinterdrein jedoch kam's ihm leicht und froh über die Lippen: »Was für Augen hast du, als trügst du ein Stück vom Himmel oder zwei edle blaue Steine zwischen den Lidern. Gewiß tat ich's für dich, obwohl ich dich nie gesehen, doch nun ich dich kenne, wollt' ich, es wären hundert Räuber und ich allein gegen sie, dich zu befreien.« »Da würd' Eure Kraft wohl nicht ausreichen,« erwiderte das Mädchen, »wenn Ihr auch den Mut hättet, ich glaub's Euch, es zu wagen,« und sie nickte ihm vertrauensvoll und zutraulich in die Augen. Er hielt noch ihre Hand. »Dann rede mich zum Lohn auch so an, wie es dein Wunsch ist, daß ich zu dir spreche. Ich habe ja gleiches Recht, darum zu bitten.« Sie zauderte ein wenig, ehe sie sagte: »Wir sind doch ungleich« – und sie setzte schnell hinzu: »Ihr seid kein Kind mehr.« »Wenn du dich heute so heißt, dünkt's mich, bin ich auch noch nicht viel Gewaltigeres.« Da lachte sie heiter: »Du hast recht, ich fürchte mich gar nicht vor dir. Wie ist denn dein Name?« Er nannte ihn ihr, und sie wiederholte: »Dietwald – der klingt gut; so heißt ein Herzog drüben im Wendland.« »Und wie heißt du?« »Elisabeth.« »Und dein Vater?« Sie zögerte abermals ein kurzes Weilchen, bevor sie antwortete: »Der ist gestorben, von Mördern erschlagen worden, ehe ich noch auf die Welt kam.« Dietwald wollte seine Frage nach dem Geschlechtsnamen ihres Vaters wiederholen, doch fiel sie ihm jetzt unruhig in den Beginn: »Ich muß wohl zur Burg zurück, gib mir noch eine Strecke Geleit, wenn du Zeit dafür hast.« Ihre Hand deutete nach dem Turm und Gemäuer, die zur Linken über die Heide herragten; sie gingen nebeneinander, Dietwald Wernerkin führte sein Roß am Zügel. In der Art seiner Begleiterin lag etwas, das ihn verstummen gemacht und abhielt, seine Frage zu erneuern. Sie war vertraulich wie ein Kind und hielt ihn dankerfüllt noch an der Hand, sah ihm oft lächelnd mit den zaubervollen Augen ins Gesicht. Aber manchmal kam etwas Fremdes, Unsicheres dazwischen, wie ein Wolkenschatten, der hastig über ein besonntes Feld hinfliegt. Nun getraute er sich wieder zu fragen: »Ist das deines Bruders Burg?« »Nein, die liegt – mein Bruder, der älteste, ist weit fort, im Süden – ich bin dort nur zum Besuch.« Sie erzählte rasch anknüpfend, daß sie seit Wochen an jedem Morgen wie heute auf die Heide hinausgegangen, da sei sie am liebsten. Das mußten die Wegelagerer erkundschaftet und danach den Plan gefaßt haben, sich ihrer mit Gewalt zu bemächtigen. »Nun kann ich nicht mehr hinaus,« erwiderte sie mit betrübtem Ton, »denn du bist nicht wieder zu meinem Beistand da, und es war so schön, ich hörte die Lerchen so gern singen.« »Du auch?« antwortete Dietwald, ihr hastig großblickend die Augen zuwendend, und sie sah ihn ebenfalls an und sagte: »Hörst du sie auch gern?« und ein freudiges Verständnis ging zwischen den vier jungen blauen Augen hin und wieder. Nun erzählte er ihr von seinem wenig inhaltsvollen Leben bis heute, von den weiten Trümmerplätzen seiner Heimat, auf denen es sonnenstill und einsam sei, wie hier auf der Heide, und daß er gen Lübeck reite, um etwas in der Welt zu wollen und zu werden. Das Mädchen sah, ihm zuhörend, schweigsam drein, bis er schwieg. Dann versetzte sie: »Wer deinen Mut hat, kann viel werden; laß uns nicht zu rasch gehen, du kommst noch lange, ehe der Tag vorüber ist, nach Lübeck.« So gingen sie langsamer und redeten, und oftmals standen sie still. Aber allgemach kam die Burg doch näher heran, daß man den breiten Wassergraben um sie her und die Zugbrücke unterschied, und jetzt hielt Elisabeth nochmals ihren Schritt und sagte, nach den hohen Türmen am Horizont weisend: »Nun mußt du reiten.« Überrascht und halb verwundert sagte ihr Gefährte: »Darf ich dich nicht begleiten, bis du völlig in Sicherheit bist?« »Nein,« gab sie rasch zur Antwort. »Du kommst zu weit von deinem Weg ab, und mir droht hier keine Gefahr mehr.« Ihre Miene sprach, es sei ihr Wunsch und Wille, er solle nicht weiter mit ihr gehen, aber ein unverkennbares Bedauern redete zugleich aus ihrem Antlitz. Sie stand und tastete mit der Hand am Nacken und fügte hinterdrein: »Ich möchte dir etwas zum Dank geben, daß du mir wohl das Leben gerettet, doch ich habe nichts als dies« – und sie nahm ein kleines Goldkreuz an seidener Schnur vom Hals – »wenn du's willst, erinnert's dich einmal, daß es heute morgen schön auf der Heide war.« Sie reichte ihm das Kreuzchen, faßte seine Hand und sagte lächelnd, doch nicht fröhlich: »Es bringt uns vielleicht noch wieder einmal zusammen, das will ich ihm mitgeben. Leb' wohl, Dietwald, und werde ein Ritter von Ruhm und Ehren!« Er saß im Sattel und sein Pferd hatte ihn schon einige Schritte davongetragen, über ihm in der blauen Luft stiegen und trillerten die Lerchen. Da rief sie noch einmal: »Und vergiß die Lerchen nicht! Wenn wir sie hören, wollen wir aneinander gedenken!« Als er sich wieder umwandte, stand sie schon fern, doch noch auf demselben Platz und sah ihm nach. Ihr liebliches Gesicht zerrann, bereits nicht mehr erkennbar, in den Sonnenstrahlen, nur der Goldglanz ihres Haares und der grüne Schimmer ihres Gewandes leuchteten und flimmerten noch über der stillen Heide. Aber in den Augen des jungen Reiters stand dennoch ihr Bild, als sähe er es noch unmittelbar vor sich, und keine Entfernung habe Macht, einen Zug daran auszulöschen. Ein namenlosfremdes, wunderseliges Gefühl pochte und zitterte in seiner Brust, es zog ihm das kleine Kreuz, das er noch in der Hand hielt, an die Lippen, um es halb scheu mit ihnen zu berühren. In der Mitte desselben stand, von einem Blätterkranz umfaßt, ein E eingegraben, und Dietwald Wernerkin sprach laut in die Sonne hinaus: »Ich komme zurück, Elisabeth!« Wie er nochmals den Blick drehte, erschien sie gleich einem Kinde. Sie war's noch und war's auch nicht; wie zwei Kinder hatten sie miteinander geredet und sich in die Augen geblickt, und wieder auch nicht. Sein Herz besaß noch keinen Namen dafür, was es gewesen, er fühlte nur, daß bis heute die Welt um ihn arm und leer dagelegen habe und erst in dieser Stunde sein Leben einen Inhalt gewonnen. So reich, daß er's nicht stumm in sich bergen konnte, die Lippen es aufjauchzen mußten: »Elisabeth!« Warum hatte sie ihm den Namen ihres Vaters nicht genannt und er sie nicht nochmals drum befragt? Und warum sollte er sie nicht in die Burg begleiten? Im letzten Augenblick, beim Abschied hatte er alles vergessen, nur wie im Traum ihr Antlitz gesehen und ihre Stimme gehört. Jetzt fiel's ihm mit zu spätem Bedenken in den Sinn, daß er nichts von ihr wußte als den Namen Elisabeth. Er hatte über die Heide die Landstraße wieder erreicht, seitab auf einem Sandbodenfeld stand ein Bauer mit einer Hacke tätig, Dietwald ritt auf ihn zu. Beim Näherkommen des fremden Reiters wollte der Landmann davonlaufen, doch der erstere holte ihn, vorsprengend und winkend, rasch ein und fragte den ängstlich Zitternden nach den Namen des Herrn der Burg drüben. Das Gesicht Dietwalds flößte offenbar dem Bauern Beruhigung ein, er blickte, ein Kreuz schlagend, hinüber und gab Antwort: »Dem Junker Iring Malchen, Burg Arensfeld, Herr; haltet Euren Weg von ihr ab.«–»Kennst du die Schwester des Ritters?« fiel der Reiter ein. Der Befragte schüttelte den Kopf. »Ich habe keine gesehen, es bringt nicht viel Gutes, wem von drüben vor Augen zu kommen.« Dietwald vermochte nichts Weiteres zu erfahren und setzte seinen Weg fort. Zum mindesten war ihm verständlich geworden, weshalb Elisabeth ihn verhindert hatte, sie weiter zu begleiten; sie fürchtete für seine Freiheit von ihrem eigenen Verwandten, dem Insassen einer übelberüchtigten Raubburg. Dann kam ihm jedoch tröstlich ihre Äußerung ins Gedächtnis, daß sie sich dort nur zum Besuch aufhalte und ihr Bruder fern im Süden sei. Ihr sanftes Himmelsantlitz konnte auch nicht das der Schwester eines rohen Faustritters sein – aber wer sie sein und wie er sie wiederfinden mochte, er wußte, sie gedachte an ihn, wie er an sie, und es komme ein Tag, so schön wie heute, an dem die Lerchen ihm den Weg zu ihr zurückdeuten würden. Weit hinter ihm schon, fast wie etwas Fremdes, lag seit diesem Morgen seine stille Knabenheimat versunken, traumhaft aufsteigend lächelte und funkelte ihm ein neues Leben entgegen, gleich den himmelan ragenden Türmen der Löwenstadt, deren Goldkugeln wie das blonde Gelock Elisabeths zu flimmern begannen und über sich das Edelsteinblau ihrer Augen trugen. Es war in der zweiten Hälfte des Nachmittags, als er durch das mächtige Holstentor und dahinter über die steilgewölbte Travebrücke in die Stadt Lübeck einritt. Ein größerer Gegensatz zu der Wegstille, die er zwei Tage lang durchmessen, war für die Zeit wenigstens in der nordischen Welt nicht erdenklich, als wie's ihn hier mit menschenbelebten Gassen und Plätzen empfing. Er kehrte in einer bescheiden aussehenden Herberge der zunächst vor ihm sich ins Innere der Stadt emporziehenden Holstengasse ein, brachte sein Pferd dort unter und begab sich eilig wieder ins Freie hinaus. Umherwandernd bestaunte er zwischen den Holzhäusern früherer Zeit die gewaltigen Kirchen, die neuen Steinprachtbauten am Markt mit schlanken Türmchen, Schwibbogen und durchbrochenen Giebelwänden, wie sie noch nirgendwo im Sachsenlande ihresgleichen fanden. Er ging durch die langen, zumeist mit Steinen bepflasterten Straßen, auf welche hohe Treppengiebel mit buntglasierten Ziegeln in wechselnder Gestaltung heruntersahen, durch die engen Zeilen, Hüxen, Gruben und Sackgassen, in denen überall in den offenen Türen und Toren die emsige Tätigkeit kaufmännischer oder gewerblicher Geschäftsarbeit herrschte. Die Kupferschmiede und Faßbinder pochten und hämmerten unter dem freien Himmel auf leichtgezimmerten Gerüsten, daneben arbeiteten die Schuster und Gewandschneider, ringshin verengten Laubengänge, Buden, Kellerluken, Scharen, Wangensteine und Vorsprünge sonstiger Art den Weg, und vielfältige Hantierung drängte Getümmel drumherum. Noch allmählich begann Dietwald sich inmitten dieses regsamen Tuns und Treibens fast noch einsamer und fremder zu fühlen, als gestern im Wildnisbusch des Elbufers. Niemand achtete auf ihn, höchstens sah eine junge Dirne ihm flüchtig nach. Weshalb eigentlich war er hierher gekommen und was sollte er hier suchen? Er besaß keinen Zusammenhang mit irgend einem der Tausende, die um ihn schafften, gingen und redeten, und ebensowenig einen wohlgefüllten Leibgurt, um abwarten zu können, ob das Glück ihm irgendwo in den Weg laufe. Wer begehrte hier seinen Dienst, und in welcher Art vermochte er überhaupt in diesem festgeordneten Bau des Lebens zu nutzen? So kam er kleinmütigern Sinns, als er ausgegangen, auf den Marktplatz zurück, wo die Goldschmiede unter den Laubenbogen des Rathauses jetzt ihre von Metall und Gestein blinkenden Buden schlossen und mit schweren Holzläden sicher für die Nacht verwahrten, die öffentlich aussitzenden Wechsler ihre Silber- und Kupfermünzen, die Schreiber Tintenfaß und Federköcher zusammenräumten und ihren Behausungen zuwanderten. Der Abend brach schon mit einem mattern Zwitterlicht herein, nur auf den Spitzen der beiden hohen, schlanken Marienkirchtürme lag noch ein beinahe brennendes Rot der untergehenden Sonne. Seltsam flammend, zwei lodernden Fackeln ähnlich, standen die hohen Zwillinge in der dämmernden Luft, und unwillkürlich hielt der junge Wanderer den Schritt an und blickte nach ihnen empor. Dasselbe tat unfern von ihm im Fortschreiten auch ein stattlicher Mann in vornehmer Kleidung, zu achtlos, denn er sah nicht auf die Dinge am Wege vor sich, sondern stieß, in die Höhe schauend, gegen etwas, das vom Boden des Marktes aufragte, strauchelte und stürzte auf die Knie. Dietwald sprang mechanisch hinzu und sprach, hülfreich seine Hand vorstreckend: »Mög' Euch nicht Übles befahren!« Doch der Gefallene richtete sich selbst schnell und kräftig empor und versetzte: »Ein guter Heilgruß, den jeder allzeit brauchen kann!« Er warf einen kurzen Blick auf den Anlaß seines Niedersturzes, es war eine vorspringende Schwelle des Kaaks, der Schand- und Richtstatt Lübecks, dann fügte er hinzu: »Sahet Ihr auch nach den Fackeln und seid Ihr ein Daniel, ihre Flammenschrift zu deuten?« »Euch kündet's Gutes nach der Deutung, die mir deucht,« erwiderte der Angesprochene schnell, »denn Ihr fielet dem Lichte entgegen.« Die Augen des andern verweilten mit scharfer Prüfung, doch mit Wohlgefallen auf der Gestalt und dem Gesicht des Jünglings. Er erwiderte: »Habt Dank! Mögt Ihr wahr sprechen! Ihr seid fremd in unserer Stadt. Was sucht Ihr bei uns?« »Ehre und Glück!« Ein kurzes, schneidigtönendes Lachen, das an Schwertklang gemahnte, antwortete darauf. »Die sind nicht allemal zusammen! Seid Ihr frei oder ein Dienstmann?« Dietwald nannte seinen Namen und fügte hinzu: »Von freier und edler Geburt –« »Das heißt,« fiel der Fremde halb spöttisch ein, »Ihr vermögt nicht zu lesen und zu schreiben.« Bescheiden erwiderte der junge Mann, daß er beides erlernt habe; sein Gegenüber versetzte rasch: »Das laßt Ihr uns Krämern sonst. Ich wollte Euch nicht kränken: wenn ich Euch nützen mag, sagt's.« Er sann einen Augenblick und fuhr fort: »Der Zufall ist Vorbedeutung. Eure Hand wollte mir helfen, vielleicht kann ich's Euch. Das ist Handel wider Handel. Ich bin Johann Wittenborg, Ratsherr der Stadt. Kommt heute abend dorthin in die Trinkstube, dort findet Ihr mich, wenn's Euch bedacht ist, einen Dienst bei uns zu suchen. Fahrt wohl bis zur Nacht!« Er deutete auf einen nahegelegenen Kellereingang unter den Bogenwölbungen des Rathauses und ging, kurz mit der Hand winkend, davon; doch aus seinen Zügen sprach, daß sich sein Wohlgefallen an dem jungen reisigen Gesellen noch vermehrt habe. Dieser war frohen Muts geworden, ersichtlich hatte das Waldgeschmetter der Finken am Morgen ihm mehr als eine gute Botschaft für den Tag verkündet. Die Stadt kreiste plötzlich nicht mehr mit dem unverstandenen und interesselosen Gewimmel eines Ameisenhaufens um ihn herum, er nahm teil an dem, was er um sich gewahrte und hörte, als sei er in wenigen Augenblicken verwandelt und ein Glied der großen lebendigen Gemeinschaft unter den jetzt erloschenen Türmen der Marienkirche geworden. Heitern Sinnes schlenderte er abermals durch die dunkelnden, stiller werdenden Gassen, doch ihm war's, als gehe er nicht allein, sondern eine schöne warme Hand halte ihn an der seinigen und führe ihn. In der linden Spätabendluft saßen die Bewohner mancher Häuser noch ohne den Holzverschluß ihrer Fensteröffnungen, und wenn der Vorüberschreitende hinschaute, war's ihm oftmals, als nicke ihm aus einem Gemach beim Flackerschein des ölgetränkten Lampendochtes das goldblonde Haar Elisabeths entgegen. Dann mochte die ihm von Herrn Johann Wittenborg anberaumte Zeit herangekommen sein, er kehrte zum Marktplatz zurück und stieg auf einer steilen dunkeln Treppe in den Rathauskeller hinunter. Doch drunten empfing ihn Helle; zwischen mächtigen, hohe Deckengewölbe tragenden Steinpfeilern flimmerte da und dort ein Lämpchen, unter dem Männer um eichene Tische saßen und aus großen Zinnkrügen tranken. Sie redeten zumeist nicht laut, sondern in bedächtiger Weise, aber das Zusammenklingen vieler Stimmen füllte doch die Luft mit einem allgemeinen Gesumme. Der Ankömmling fragte nach dem Ratsherrn und ein Schenke wies ihn nach einer heller als der übrige Raum erleuchteten Ecke. Mehrere ältere ernst ausschauende Herren in Schauben von kostbarem flandrischen Tuch, mit ›Buntwerk‹, feinen Pelzarten vom Zobel, Marder, russischem Graufuchs ausgefüttert, zum Teil mit barettartigen Kopfbedeckungen, einige auch noch in der althergebrachten ›Gogel‹, der vom Gewand sich über den Scheitel aufschlagenden Kapuze, saßen dort um den Tisch, auf dem nicht zinnerne, sondern silberne Pokale standen. Johann Wittenborg war weitaus der jüngste unter ihnen und in Wirklichkeit noch von jugendlicher Frische des Antlitzes; Anmut und Kraft paarten sich drin, und ein enganliegender, dunkelgrüner Wamsrock mit bestickten Unterärmeln, den ein breiter goldener Schwertgürtel umschloß, hob seine schlanke, geschmeidige Körpergestalt. Doch erschienen hier in den einfallenden Schatten des Lichtes seine Züge schärfer als am Abend auf dem Markt, seine über den Augen aufgewölbte Stirn wie von rastlos arbeitstätigen innern Gedanken hervorgetrieben, und man sah, daß trotz seinem geringeren Alter die Umsitzenden mit aufmerksamer Acht auf seine Worte hörten. Nun ward er des herankommenden jungen Mannes gewahr, doch anfänglich offenbar mit einem Blick, der sich erst auf ihn besinnen mußte. Dann indes kam ihm das Gedächtnis, er hob sich vom Sitz, trat dem ungewiß etwas in der Ferne stehen Gebliebenen entgegen und sprach: »Ihr seid's und kommt pünktlich, so halte ich Euch auch pünktlich meine Zusage. Wir schicken morgen ein Schiff nach Wisby auf Gotland und von dort ums hispanische Land bis nach Venedig: rüstige Arme, Mut und ehrlichen Sinn braucht's zum Geleit. Eure Art und Augen haben mir gutes Vertrauen eingeflößt, unsere Stadt nimmt Euch als Geleitsmann in ihren Dienst. Haltet Euch im Frühlicht im Flußhafen zur Abfahrt gerüstet.« Über Dietwald Wernerkins Angesicht war ein plötzliches Rot heraufgeflogen, seine Augen wichen verlegen vor denen des Ratsherrn aus und er stotterte ungelenk zur Antwort: »Habt Dank, Herr Wittenborg – aber ich möchte nicht so weit von hier –« »So lasset's,« entgegnete der Ratsherr kurz, »wenn Ihr Besseres im Auge haltet!« und er trat ohne weitern Gruß an den Tisch zu seinen Genossen zurück. Unverkennbar war er mit Gewichtigerem beschäftigt, als des jungen Gesellen noch weiter zu gedenken. Dieser schritt, jählings aus seinen Hoffnungen gestürzt, mit glühenden Schläfen zur Seite. Die Füße, die ihn bisher freudig getragen, lahmten ihm schwer am Boden, und halb unbewußt setzte er sich in einem kaum überdämmerten, verlassenen Winkel an einen Tisch. Er war wieder so freundlos und fremd in der weiten Stadt, wie zuvor, und durch seine eigene Verschuldung. Warum hatte er gesäumt, das ehrenvolle und verheißende Angebot des Ratsherrn dankbar zu erfassen und festzuhalten? Er wußte nur, daß es ihm mit Übermacht gekommen war, er wolle nicht so weit in unbekannte Meere und Lande von der stillen, sonnigen Heide fort, über der das grüne Gewand und das blonde Haar wie eine Frühlingsblume mit goldenem Kelch ihm zunickten. Deshalb hatte er so töricht erwidert. Ein Schenke war vorübergekommen, hatte eine Frage an ihn gerichtet, auf die er kaum bedacht entgegnet, und bald danach einen großen, randgefüllten Becher vor ihn gestellt. Mechanisch setzte Dietwald diesen an die trocken dorrenden Lippen, es war ein ihm unbekanntes, doch köstlich mundendes Getränk, so daß er öfter einen Zug davon wiederholte. Und seltsamerweise fiel dabei die Unschlüssigkeit und Bekümmernis mehr und mehr von seiner Seele ab, der fremde, feurige Südwein durchklopfte sein Herz und seine Gedanken mit immer höher wachsender Zuversicht und festigte ihm allmählich einen Entschluß im Kopfe. Er wollte der Stadt Lübeck mit dem nächsten Morgen wieder den Rücken wenden und geradeswegs zur Burg Arensfeld reiten, dem Junker Iring Malchen seinen Dienst zu bieten; denn er konnte sich wohl darauf berufen, daß er Elisabeth aus den Händen der Straßenräuber befreit habe und sicherlich ihrer Fürsprache bei dem Ritter gewärtig sein. Als Dienstmann des letzteren aber stand es bei ihm, Ruhm und Ehre zu gewinnen – und wie der heiße Wein Siziliens ihm das Blut stärker durchflutete, sah Dietwald Wernerkin einen Tag vor sich leuchten, an dem das Schwert eines Fürsten über seinem Nacken blitzte, um ihn selbst als Ritter vom Boden aufstehen zu lassen. Und mit stolzem Gefühl ebenbürtigen Ranges trat er herzpochend vor den Bruder Elisabeths und sprach – Es ward mittlerweile still und leer unter den Steingewölben des weithingedehnten unterirdischen Gelasses. Die Bürger hatten gemach nacheinander ihre Plätze ringsum verlassen, auch die vornehmen Herren in der helleren Ecke waren mit respektvollem Nachtgruß von dannen geschritten, und nur Herr Johann Wittenborg saß noch allein auf dem kunstreich ausgeschnitzten Eichenholzstuhl am Tische. Ein schweigsam ernsthaftes Sinnen verschattete seine Stirn, manchmal sah er geraume Weile in die Höhlung seines silbernen Pokals, ehe er diesen zum Mund führte, als spiegle sich ihm vom Boden des Erzgefäßes etwas entgegen, das er nachdenklich betrachte. Zuletzt indes leerte er mit einem Zuge den Rest seines Trunkes, stand dann gleichfalls auf und wandte sich hallenden Fußes zum Ausgang. Doch wie er dabei dicht an dem Sitze Dietwalds vorbeikam, fiel sein Blick auf diesen, und den Schritt haltend, sagte er mit einem kurz um die Lippen aufzuckenden Lachen: »Seid Ihr's noch, der nach Glück und Ehre jagt, und habt Ihr vom Wein nicht klügere Antwort gelernt?« »Gewiß, Herr Wittenborg,« versetzte der Befragte, ohne Scheu und anders als vorhin, kühn geradaus in das Gesicht des Ratsherrn schauend, daß dieser, ihn erstaunt übermusternd, entgegnete: »Trügt's mich nicht, hat er auch Euch den Kopf aufgehellt, daß Ihr mein Angebot nicht mehr abweist. Warum gebrach's Euch zuvor an Mut?« »Das tat's nicht, Herr Wittenborg, und ich danke Euch auch jetzt für Eure Hülfsbereitschaft, doch Ihr sagt's, der gute Trunk hat mir bereits vor Euch geholfen,« erwiderte der Jüngling zuversichtlich. Er war nicht trunken; aber seine Augen glänzten vom fremdartigen Weingenuß und seine Zunge flog; ihn trieb's unwiderstehlich, einem Menschen die junge Hoffnung in seiner Brust mit freudig hervorbrechenden Worten zu offenbaren, und er berichtete, warum er nicht in die weite Fremde davonziehen wolle und welcherlei Begegnung ihm am Morgen auf der Heide widerfahren. Doch Johann Wittenborg sah unwirsch drein und fiel ihm in die Rede: »Hat Euch das Weib den Kopf verrückt und macht Euch zum Dirnenknecht? Da seid Ihr kein Mann für unsern Dienst. Und wonach trachtet Ihr?« Aber ungeschreckt gab Dietwald den Entschluß kund, der ihm gekommen. »Ich will morgen nach Burg Arensfeld zurückreiten zum Ritter Iring Malchen –« Durch das Gesicht des Ratsherrn ging's mit Überraschung. »Burg Arensfeld,« wiederholte er – »ist dort Eure Schöne? Wie heißt sie?« »Elisabeth.« »Und ihres Geschlechts Name?« »Den hat sie mir nicht genannt. Sie verweilt nur als Gast auf der Burg.« »Und trägt Haar wie Gold und Augen wie blaue Edelsteine?« Der Jüngling nickte stolzfreudig. »Schönere gibt's wohl nicht unter dem Himmel.« »Nein, obzwar sie noch ein Kind ist, geht der Ruf ihrer Schönheit schon weit über die Lande. Wir wissen's auch wohl, daß sie seit dem Winter von ihrem Bruder unter den Schutz des Ritters Malchen auf seine feste Burg gegeben worden.« »So wisset Ihr, wer sie ist?« rief Dietwald Wernerkin, beglückt aufspringend. »O, sagt's mir!« Der Ratsherr hatte zuvor halb in Nachdenken versenkt erwidert, jetzt antwortete er mit einem leicht spöttischen Lachen: »Nach dem Goldpirol spannst du deinen Bogen nicht, Knabe. Es ist Elisabeth von Holstein, des großen Geerdt nachgeborene Tochter, die Schwester Grafen Heinrichs des Eisernen, der ein Tor ist, den Sarazenen im Morgenlande sein Schwertlied um die Köpfe zu pfeifen, statt sich wider den Sultan im Norden zu wappnen, dessen Schwert die Pfosten seines Hauses zersägt.« Er hatte es achtlos gesprochen, doch alles Blut war plötzlich aus dem Antlitz des jungen Gesellen vor ihm zurückgeschossen. Totenbleich, mit gelähmt dreinstarrenden Augen stand er noch und sagte mit schwerer Zunge: »Elisabeth von Holstein« – Dann wußte er selbst, daß es Wahrheit sei, er setzte sich haltlos wieder auf die Bank, und ein bitterlich schluchzender Krampf schnürte ihm die Brust zusammen. Es war ein so jäh verwandeltes Bild des glückseligen Jugendmutes, der eben noch seine Züge belebt, daß ein Schimmer des Mitleids in Johann Wittenborgs gedankenernsten Augen aufflog. Er legte die Hand auf die Schulter des wortlos Verstummten und sagte freundlich: »Tröste dich, Knabe! Es gibt noch anderes in der Welt, darum zu wetten, als ein hübsches Mädchengesicht. Mich haben keine Weiberaugen jemals berückt und werden's nimmer. Aber wenn dein Herz nach dem Goldhaar steht, es ist wohl geschehen, daß ein fahrender Geselle von edlem Blut ohne Hoffen in die Fremde hinausgezogen und reich an Gut und Ehren heimgekommen, auch um ein Fürstenkind werben zu dürfen. Der Zufall hat uns heute zum andern Mal gesellt – holla, Schenke! – es ist Geisterstunde, Dietwald Wernerkin, du hast ein ehrliches deutsches Herz, wir wollen noch einen Becher miteinander trinken auf das, was die Zukunft uns vorbehält!« Er setzte sich dem Jüngling gegenüber auf die Bank, zwei gefüllte Becher kamen und Johann Wittenborg stieß den seinigen gegen den seines Tischgenossen. Sonderbar lief der Widerhall des Anpralles an den mitternächtlich leeren Gewölben des fast dunkel gewordenen Kellers um, und es ward still danach. Schweigend blickten beide vor sich hin, als suchten sie in die Zukunft hinüberzusehen, der ihr Zusammenklang gegolten. Dann streckte Dietwald Wernerkin plötzlich entschlossen seine rechte Hand nach der des Ratsherrn und sprach: »Habt bessern Dank als zuvor – ich will Euer Angebot halten, Herr Wittenborg!« Drittes Kapitel. Am frühen Morgen des andern Tages löste sich aus dem vielfältigen Gewirr von Masten und Schiffsrümpfen im Flußhafen Lübecks eine doppelmastige Kogge und zog langsam unter halbgehißten Segeln mit der mäßigen Strömung die Trave hinab. Es war ein für spätere Jahrhunderte nicht beträchtlich zu heißendes Fahrzeug, doch eines der größten und stattlichsten der Zeit. Sein Bau gemahnte noch in den Grundzügen völlig an die Schiffe, mit denen dereinst die Normannen Wilhelms des Eroberers an der Küste Englands gelandet waren. Seitwärts weit ausgebaucht und hochbordig, trug die Kogge über dem Vorder- und Hinterbug zwei kastellartig erhöhte, viereckig umbrüstete Plattformen, auf welchen bei einem Angriff die Verteidiger ausreichenden Platz zur Abwehr fanden, denen sich im breitgebuchteten Mastkorb die Armbrustschützen gesellten. Die Beladung füllte gemeiniglich den Kielraum vollständig aus, und die Bemannung war stets zahlreich, zumeist von einem Priester begleitet, um im Falle der Lebensnot des letzten Seelentrostes teilhaftig zu werden. Für die größte Gattung der Koggen (von späterer Zeit vermutlich in ›Kuff‹ umgewandelt) hatte sich der alte angelsächsische Name ›Holt‹ erhalten, und auf dem Bugsprietkastell eines solchen stehend, glitt nun Dietwald Wernerkin an der langen Giebelhäuserreihe des Hafenrandes entlang. Niedrig schwand unter seinem Blick das Gewimmel der ›Sniggen‹ und ›Schuten‹, der kleinen, behenden, für Segel und Ruder nutzbaren Fahrzeuge dahin, das Burgtor der Stadt lag von der Morgensonne vergoldet und schien sich im Kreise mit den Krümmungen der Trave zu drehen. Dann trat es hinter Uferschilf und Buchenwälder: von einiger Weite gesehen, wo das schmale Wasserbett verschwand, war's, als ziehe das Schiff über grünes Land fort. Neue Gegenden schlossen sich auf, da und dort schimmerte in der Ferne ein Burggemäuer und sank wieder zurück, nur die gewaltigen Türme Lübecks blieben noch immer gleich mächtig in den Himmel ragend über aller Veränderung der Landschaft stehen. Es flößte ein stolzes Gefühl ein, sie von dem Fahrzeug aus zu betrachten und zu denken, daß die Kogge gleichsam ein ihnen zugehöriges nur zeitweilig abgelöstes Stück sei, und obwohl Dietwald Wernerkin ziemlich schlaflos-überwacht, bleichwangig und noch trüben Auges auf sie zurückschaute, tastete seine Hand doch dann und wann auch mit einem eigenen Stolzgefühl an den Koller über seiner Brust. Er war nicht allein reisiger Geleitsmann des Schiffes, sondern das Vertrauen Herrn Johann Wittenborgs hatte ihm in der Nacht noch dazu ein Ratsschreiben an den Oldermann der Lübecker Genossenschaft zu Wisby eingehändigt, das er sorglich auf der Brust trug. Der Brief war mit dem großen Stadtsiegel verwahrt, einem hochbordigen Schiffe mit der Kreuzfahne am Mast. Ein greiser Steuermann hob warnend darauf die Rechte gegen einen das Segeltau haltenden Jüngling, und mit der linken Hand lenkte der Alte das Fahrzeug durch die hochaufschlagenden Wellen. Obendrein aber hatte Johann Wittenborg den Säckel des jungen Sendboten noch mit einer erheblichen Anzahl neu gleißender, vor wenig Jahren zuerst von der Stadt Lübeck auf Grund kaiserlichen Privilegs nach florentinischem Vorbilde geprägter ›Goldgulden‹ angefüllt. Zum Ersatz für sein zurückgelassenes Roß, hatte der Ratsherr gesprochen, und damit er als ein edler Dienstmann Lübecks die Ehre der Stadt in fremden Landen wahren könne. Dies alles, wovon er vor noch nicht zwölf Stunden keinerlei Vermutung und Hoffnung besessen, konnte ihm wohl mit einem freudigen Hochgefühl die Brust anschwellen. Das Glück war ihm leibhaft über den Weg gelaufen, daß er sich kaum danach zu bücken gebraucht, um es aufzuheben, denn als er es von sich gestoßen, war es noch hinter ihm drein gesprungen, ihn wieder einzuholen. Aber dennoch wußte er ihm gegenwärtig kaum einen Dank. Der Frühwind über ihm und die Wellen unter ihm summten gleicherweise nur eines, die Worte Johann Wittenborgs, es sei wohl geschehen, daß einer ohne Hoffen in die Fremde hinausgezogen und heimgekommen, würdig, um ein Fürstenkind werben zu dürfen. Er war zwanzig Jahr alt geworden, ohne zu wissen, daß er ein Herz in sich trage und daß ein solches an einem Menschen hängen könne, ob Mann oder Weib. Doch eine Stunde hatte ausgereicht, sein Herz mit nicht mehr rastendem Klopfen aufzuwecken, daß es ihm war, als habe er von Kindheit auf zwischen den stillen Trümmerresten seiner Vaterstadt im Sonnengoldlicht immerdar ein blondes Hauptgelock vor sich winken gesehen und im Lerchengesang eine helle Stimme gehört, die nach ihm rufe. Wie ein Märchen lag die schnell wieder versunkene Heide da drüben hinter ihm, doch all sein Ziehen in die Weite, sein ganzes Leben hinfort konnten nicht andern Zweck und Ziel mehr haben, als den Weg dorthin zurückzufinden. Eine Übermacht hatte sein junges, unberührtes Herz gefaßt, den frühen Traumesduft in seiner Brust zu einer leuchtenden Wirklichkeit belebt, und er wußte, sie werde ihn nimmermehr lassen. Nun erweiterte sich der Fluß, und wie über einen Landsee trieb das Schiff an einem ärmlichen Fischerhüttendorf vorbei, das gleich einer windverwehten Saat auf dem Schutthaufen der ehemalig auch hier einmal belegenen Stadt Buku aufgewachsen war; bald danach stieg der von der Lübecker Kaufmannschaft neuerbaute Leuchtturm zu Travemünde am Rande der wagrischen Meerbucht empor. Der Wind blies stärker, und die Kogge zog ihre breiten Segel voll auf; dann flog sie in die Ostsee hinaus, rasch wichen, zu Streifen zerrinnend, die beiden Küsten rechts und links, vor dem Blick dehnten sich nur der Himmel und die Wellen unabsehbar groß, beide tiefblau leuchtend, wie die Augen Elisabeths von Holstein. Da zog Dietwald Wernerkin das kleine Goldkreuz hervor und drückte seine Lippen darauf. Noch einmal wandte er den Kopf nach den noch immer gleich hohen Schatten am Horizont stehenden Türmen Lübecks, die ihm wie zurückgelassene Behüter seiner Hoffnungen nachblickten. Dann sah er voraus, der Wind pfiff die unschlüssige Bangnis von ihm ab, füllte ihm das frisch kreisende Blut mit sicherm Kraftgefühl und hohem Mut, um das Ziel seines Herzens zu wetten. Das Schiff hielt, von kundiger Hand geführt, bei der guten Sommerzeit, noch kompaßlos, am Tag nach der Sonne und bei Nacht den Sternen folgend, seinen Lauf gerade über die See gegen die schwedische Küste. Im ersten Grau des folgenden Morgens tauchte es wie ein flatternder Nebel vor dem Blick vom Wasser herauf, verdichtete sich allmählich zu einer weitvorspringenden, fahlsandigen Landzunge, von der ein düsteres Steingemäuer in die Höhe sah. Dietwald befragte den Führer der Kogge, der nur den einfachen Namen ›der Schiffer‹ trug, was das Land drüben sei, und erhielt zur Antwort: die Südspitze Schonens mit der Halbinsel und dem Leuchturm von Falsterbo. Wie das Schiff nun, den Kurs ändernd, ostwärts unter dem Lande fortzog, ward auch das armselige Dächerhäuflein des genannten Ortes sichtbar. Windverweht, weltverlassen lag es da, die weiße Düne wob sich wie ein geisterhafter Schleier drumher. Der junge Geleitsmann hielt die Augen darauf gerichtet, es mußte das fremdartige Neue des leblos nackten, traurigen Anblicks sein, das ihn mit einem unheimlichen Schauergefühl überlief. Doch der Schiffer erzählte ihm, daß dort allsommerlich im August- und Septembermond ein buntes Leben aufwache. Dann werde drüben am Strand von deutschen und dänischen Fischern der gefangene Hering zu vielen Millionen eingesalzen, dazu strömten Kaufleute und Handwerker aus allen Ländern, selbst weit von der Nordsee herbei und böten ihre Waren dort feil. Die Garbrater aus Lübeck kämen mit ihren Küchen, die Lüneburger mit Salz, die Böttcher zum Anfertigen der Tonnen für die Heringe. Auch zahlreiche Schenkbuden mit Met, Bier, Wein und schönen fahrenden Weibern ständen am Ufer, daß kein lustigeres Leben auf der Welt sei, als im Spätsommer zu Falsterbo. Dietwald hörte dem verwundert zu und erwiderte: »Und schaut doch so unfreundlich und trüb jetzt herüber, als könnt' nicht trostlosere Erdenstatt unter der schönen Sonne zu finden sein. Wozu kommen denn fahrende Weiber mit dorthin? Helfen sie auch die Fische bereiten?« Der Schiffer zog lachend die Lippen unterm störrigen Bart. »Nein, um Süßeres zu bereiten als die salzige Lake, und schauen nicht unfreundlich drein wie der gelbe Sand. Habt noch gar ein Maidgesicht über den breiten Schultern, junger Herr, werdet oftmals von schönen Weibern freundlich angeblickt werden und noch manches Lehrgeld bei ihnen zu zahlen haben, ob's bei den Heringen auf Falsterbo sein mag oder wo sonst.« Die Miene des Jünglings kennzeichnete jetzt ein halbes Verständnis der lachenden Entgegnung, und er versetzte rasch mit hell aufleuchtenden Augen: »Davor sorg' ich nicht bis an mein Lebensend'. Drum also wohl fiel Eure Heringsküste drüben meinem Blick so zuwider.« Doch nun antwortete der Schiffer ernsthaft: »Hütet Eure Zunge, daß sie den Hering nicht schilt. Kleines schafft Großes; wisset Ihr nicht das Wort, die große Stadt Amsterdam sei auf Heringen gebaut? So ist's nicht sie allein, sondern auch viele gute Steine der hohen Türme und festen Mauern unserer Stadt Lübeck und der gesamten Hansa stehen darauf.« Mit wachsendem Erstaunen hörte Dietwald den kundigerfahrenen Schiffer weiter sprechen. Er wußte nichts von der Welt und dem Wesen des Handels, worauf dieser beruhe, hatte nie darüber gedacht. Wenn er sich etwas vorgestellt, war's, daß der Kaufmann Kostbarkeiten aus seinen Ländern herbeihole und austausche. Jetzt vernahm er, daß die Macht und der Reichtum Lübecks, der sagenhafte Glanz Wisbys seinen Ursprung zum großen Teil dem unscheinbaren Fische in dem benachbarten Meere verdanke, der von den Seestädten über das ganze Deutsche Reich als tägliche Nahrung in jedes Haus und jede Hütte verbreitet werde. Zum ersten Male tauchte dem Jüngling aus dem weitern Gespräch mit dem Schiffer ein Begriff des eigentlichen Wertes und der Bedeutung des Handels auf, den er bis heute nicht mit junkerhafter Mißachtung seiner ritterbürtigen Abkunft, doch mit verständnisloser Gleichgültigkeit geringschätzt hatte. Sein Auffassungsvermögen und seine Vorstellungskraft zeigten sich von hurtiger, regsamer Lebendigkeit, und rasch wuchs ihm die Erkenntnis, daß der Handel mit dem Umsatz auch scheinbar geringfügiger und alltäglicher Waren eine friedliche, doch gewaltige Macht bilde, die allerorten im höchsten Ansehen stehe und zumal durch den Bund der Hanse weitreichenden Einfluß bei Fürsten und Völkern übe. Es war kaum minder stolz und galt vielleicht noch mehr in West und Ost, ein Burgemeister oder bedeutender Ratsherr zu Lübeck, Wisby und Danzig zu sein, als ein Herzog oder Graf eines kleinen deutschen Reichslandes mit stets leerem Säckel und unbotmäßig trotzigem Lehnsadel. Eine volle neue Welt breitete sich vor Dietwald Wernerkin aus, aber er vernahm begierig von ihr, suchte durch Fragen sein Wissen stets mehr zu erweitern, soweit dasjenige des Schiffers ihm lehrreiche Antwort zu geben vermochte, und empfand mehr und mehr den Wert des Glückes, das sein Leben durch einen günstigen Zufall und das rasche Vertrauen Herrn Johann Wittenbergs mit dem mächtigen Hansebunde verknüpft hatte. Von Johann Wittenborg aber redete der Schiffsführer mit einer eigenen, halb geheimnisvollen Miene. Es habe Lübeck noch keinen Ratsherrn wie ihn gehabt, der so bei den Vornehmen und dem Volke gleicherweise in höchstem Ansehen sei, und derselbe werde zweifellos binnen kurzer Frist trotz seiner Jugend zum Haupte der Stadt erwählt werden. Denn wie ein altes Wort von dem Rat besage, »daß er wisse, was andere nicht wissen«, das gelte mehr denn von einem Zweiten von Herrn Wittenborg, und komme einmal eine Stunde der Drängnis und Gefahr, so werde keiner einen andern in der Stadt besser für Rat und Tat wissen als ihn. Darum sei es auch ein gar besonderer Glücksfall, bei ihm in Gunst zu stehen, wie der junge Geleitsmann wohl wahrgenommen, daß alle auf dem Schiff ihm mit ungewöhnlicher Achtsamkeit begegneten, weil er, obwohl stadtfremd bisher, von Johann Wittenborg zum Sendboten auserkoren worden sei. Das hörte Dietwald nicht minder gern und sah dabei hoffnungsfreudig auf die himmelblaue See hinaus. Und erwartungsvoll wieder auch horchte er, wenn der Schiffer ihm von dem nächsten Ziel ihrer Fahrt, der stolzen Meereskönigin des Nordens, der wundersamen Stadt Wisby berichtete, der sie, an den Bergen der Insel Bornholm vorübersegelnd, entgegenzogen. Dann waren sie an der langgestreckten schwedischen Insel Oeland dahingefahren, und der vierte Tag, seitdem sie Lübeck verlassen, stand in der Mitte, als die weißen Kalkfelsen der Westküste Gotlands sonnenübergossen aus dem Meeresspiegel vor ihnen aufblitzten. Ihr rückstrahlender Glanz blendete fast den Blick, doch Dietwald Wernerkin schaute unverwandt mit jugendlich begierigen Augen von der Vorderbrüstung des Schiffes hinüber, bis nun, alle Schilderung noch überragend, die Stadt Wisby selbst mit ihren beinahe unzählbaren mächtigen Kirchen vor ihm emporstieg. Rundhin umschloß das weite Gewirr von Dachfirsten und Giebeln oben auf der Bergeshöhe eine gewaltige Ringmauer mit gleichfalls zahllosen hohen und starken Türmen. Auf beiden Seiten zog sie sich bis gegen den steil abfallenden Uferrand herunter, so daß die Stadt bis zur See völlig von ihr umgürtet lag. Flimmernd und funkelnd sprangen die Sonnenstrahlen überall von kunstvollen und prunkenden Steingebäuden zurück, das Ganze übertraf im äußern Aussehen unfraglich Lübeck noch weitaus an Stolz und Pracht. Obwohl um so viel höher im Norden, fast nah an der Grenze unwirtlich nicht mehr bewohnbarer Zonen belegen, erschien es doch nicht so nordisch ernst wie die feierliche Löwenstadt, sondern trotz dem umherlaufenden tiefen Graben, den betürmten Mauern, Ziegeln und spitzdachigen Häusern lachend, lebensfroh und leichtgesinnt. Wie an der Trave jedoch ragten über allen andern Bauten die Zwillingstürme der deutschen ›Marienkirche‹ ins Blau, und das alles, wie es sich dem staunenden Blick des jungen Ankömmlings immer deutlicher ausrollte, hatte die unablässig tätige Kraft des Handels geschaffen, auf dessen Ausüber die Ritter und Junker in ihren ärmlich unwohnlichen Burgsitzen als auf ›Krämer‹ stolz herunterzuschauen sich vermaßen. Nun war das Schiff nur um ein Geringes mehr von dem Innenhafen Wisbys und seinen zahlreich am Anker festliegenden Fahrzeugen entfernt, doch bevor es zwischen die letztern einlief, schoß ihm luvwärts ein vollgespanntes rotbraunes Segel vorüber. Schon seit Stunden hatte dies seinen Lauf hinter der Kogge gehalten und sich ihr mehr und mehr genähert. Eine mittelgroße Snigge von leichtem, scharf durchs Wasser schneidendem Bau war's: jetzt gelang's ihrer behenderen Art, noch den Vorsprung vor dem schwerfälligen lübischen Doppelmaster zu gewinnen. So dicht flog es an diesem entlang, kaum entfernter als auf zwiefache Sprungweite, daß Dietwalds Kopf überrascht herumfuhr. Die Snigge schien wenig Leute zu führen, am Bugspriet stand nur ein vereinzelter Mann in der Tracht eines reisenden Kaufmannes von hohem und breitem Wuchs und dunkel im Wind um die Stirn fliegendem Haar. Er warf einen Blick nach dem flatternden Flaggenschmuck der Kogge, dann trafen seine scharfen Augen dichther auf den jungen Geleitsmann, daß es diesem war, als ob ihm ein Doppelpfeil ins Antlitz gefahren. Aber schon war das hurtige Schiff vorüber geschossen, und der Nachblickende hatte nur undeutlich den Eindruck eigenartiger und kraftvoll schöner Züge eines Mannes, der ungefähr die Mitte des Lebens erreicht haben mochte. Nun stand er, den Rücken wendend, und erschien von der prachtvollen Anschau der weitberühmten Stadt regungslos verzaubert. Bald landete auch die Kogge, und Dietwald Wernerkin begab sich allsogleich zu dem neben der steil aufragenden Wand der Marienkirche belegenen Hause des lübischen Oldermanns. Dieser, ein schon bejahrter Mann in russischer Marderfellschaube, dem kostbarsten Kleide der Zeit, erbrach mit Bedacht das große Wachssiegel des Ratsschreibens, las dieses und musterte den Überbringer mit aufmerksamem Blick. »Müsset in guter Wohlmeinung bei Herrn Johann Wittenborg stehen, Junker,« sagte er darauf, »da der Ratsherr Euch uns in einer Nachschrift anbefiehlt, wir möchten insonders achten, Euch während Eures Aufenthaltes in Wisby nicht ohne einige jugendliche Lustbarkeit zu belassen, die Euch heilsam sein werde. Solche könnt Ihr in meinem Hause nicht finden, denn Gott hat mir keine Söhne und Töchter schenken gewollt, auch mein treffliches Ehgemahl vor der Zeit von mir genommen, daß ich allein verblieben, wünsche, es möge nicht gar lang mehr sein. Will Euch drum auf Herrn Wittenborgs Geheiß, auf daß Ihr nicht in einer gemeinen Herberge zu Tische sitzen und nächtigen müsset, in das Haus des Goldschmiedes Peter Holmfeld anbefehlen. Dort findet Ihr fröhliche Mägdlein, Lachen und Lust, wonach der Jugend mit Recht in Züchten der Sinn steht, und bereiten Hauswirt, der sich an deutschen Gästen erfreut. Lasset Euch aber meinen Rat dazu gefallen, den Eure jungen deutschen Augen mir in den Sinn geben, daß Ihr sonst Euch vor Männern und Weibern wohlbehütet und nicht leichtgläubig glatten Worten betrauet. Denn es wandert jederzeit in unserer Stadt unbekanntes Volk von allerlei Zunge, kommt mit den Möwen über See und Sand und schwindet bei Nacht wieder von dannen. Davon möchte gern einer Eure Augen tauglich halten, um sie mit diesem oder jenem verlockenden Angebot zu Eurem Schaden zu berücken.« Der Jüngling errötete etwas und entgegnete: »Habet Dank, Herr Oldermann, für Eure gute Warnung. Doch ich wüßte nichts, was ein Gaukler mir zu Schaden bereiten, noch wozu er mich locken könnte. Ich habe Herrn Wittenborg und der Stadt Lübeck Treue gelobt, und ob Ihr mich nicht kennt, seid gewiß, daß ich sie beiden und jedermann heimbringe, dem mein Herz sie schuldet.« Der Alte schrieb einige Zeilen auf ein Blatt. »So bringet dies Herrn Peter Holmfeld und haltet Euch gleichfalls guter Aufnahme gewiß. Ihr sagt, ich kenne Euch nicht, aber meine Augen sind noch genugsam hell, um zu gewahren, worauf Herr Johann Wittenborg bei Euch zählt. Ist ein junger, kräftiger Arm allzeit viel, doch es mögen Tage kommen, wo ein treuer Sinn noch mehr not tut. An eine Woche lang wird Euer Schiff hier Rast halten; Gott befohlen für Eure lange Weiterfahrt nach Venedig, wenn ich Euch bis dahin nicht wieder gewahre.« Dietwald verabschiedete sich und verließ frohsinnig das große lautlose Haus, um dasjenige Peter Holmfelds aufzusuchen. Dies gelang ihm nach der Deutung nicht schwer, obwohl es fast so weit als möglich vom Mittelraum der Stadt, am nördlichen Rande der Ringmauer Wisbys belegen war. Von außen und innen empfing ihn ein überaus stattliches, beträchtlichen Wohlstand kündendes Gebäude mit mannigfaltigem Zierat vom gezackten Giebel bis auf das gotische Spitzgewölbe der Tür hinunter. Es war von nämlicher Bauart, wie er sie vielfach in Lübeck gesehen, nur weniger ernstblickend als dort, mehr zur heiteren Erfreuung für den Sinn des Gesichtes vorbedacht. Auch der breite Flur besaß nichts Düsteres wie zumeist in den Häusern an der Trave, eine Treppe von hellem Gestein führte zum obern Stockwerk hinan und ein freudiges Licht fiel durch eine offene Hintertür der Rückseite herein. Niemand aber vernahm den Schritt des Ankömmlings auf den grauen Fliesen des Estrichs, das Innere schien leer und menschenverlassen. So trat Dietwald nach einigem Zuwarten durch die Rücktür wieder ins Freie hinaus. Ein großer Garten tat sich dort auf, über dessen hellgrünendes Gezweig und Strauchwerk die Stadtmauer mit einem ihrer hohen Türme herabschaute; befremdend lieblich jedoch war davor alles mit rosenhellem Gestock überstreut, denn die Birn- und Apfelbäume standen hier im fernen Nordland erst im Beginn ihrer Blüte. Da und dort warf die spät niedergehende Sonne einen Goldstreifen hinein; überrascht und schier des Zweckes seiner Hierherkunft vergessend, wanderte der junge Geselle durch die fremdartig-märchenhaft um ihn gebreitete nordische Frühlingsherrlichkeit vorwärts. Dann kam es vor ihm nicht mit einem Ton, doch mit einer Bewegung durch die Gartenstille, und er gewahrte zwischen zwei Stämmen über einem Rasen eine große Schaukel langsam hin und wieder gehen. Darin lag ein junges Mädchen in bunt durcheinander flimmernder Tracht, dem Gefieder eines Distelfinken ähnlich, zurückgebogen, hielt sich mit zwei sehr kleinen Händen an den Seilen, und ihre Füße in zugespitzten goldgestickten Schuhen hoben und streckten die Knie, die Schaukel im Schwingen zu erhalten. Dietwald blieb ohne Laut unschlüssig stehen, allein jetzt ward sie seiner ansichtig, verließ indes ihre Lage nicht, sondern schaute ihn unter langen schwarzen Wimpern hervor noch ein Weilchen regungslos mit blitzenden Augensternen an. Dann schnellte sie sich mit einem plötzlichen gelenken Sprunge herab, daß er fast erschrak, und stand vor ihm. Er hatte nie derartiges gesehen, sie trug nur halb weibliche Kleidung, die ihr bis auf die Knie reichte, darunter bauschten sich weite Beinkleider von einem farbenringelnden, dem Beschauer unbekannten Stoffe hervor und schlossen sich eng um die feinen Knöchel zusammen. Es kam Dietwald, daß er einmal von solcher Gewandung bei morgenländischen Frauen vernommen; mehr noch als diese Tracht verwirrte ihn aber der unbeirrt und erwartungsvoll auf ihn gerichtete Blick des Mädchens. Sie war größer als sie zuvor erschienen, beinahe mit einem stahlbläulichen Glanz hob sich das reiche, doch kurze Haargelock von der mattem Elfenbein gleichenden Stirn. Da er noch schwieg, sagte sie nun in deutscher Sprache, aber mit einem fremden Klang der Stimme: »Wer seid Ihr? Ein deutscher Rittersmann? Man erkennt Euch gleich an den Taubenaugen.« Sie lachte und warf den schönen roten Mund leicht auf, daß ihre Zähne schimmerten. Er nannte seinen Namen und gab ihr das Schreiben des Oldermanns, das sie fast geringschätzigen Blickes überflog. Darauf versetzte sie: »Ich bin Witta Holmfeld, mein Vater ist noch in seiner Werkstatt am Markt. Kehrt am Abend zurück, ihm werdet Ihr willkommen sein, denn er stammt aus dem deutschen Land und freut sich der Deutschen.« Dietwalds wortloses Erstaunen war geschwunden, er entgegnete lächelnd: »Eure Rede scheint zu besagen, Jungfrau, Ihr teilet Eures Vaters Sinnesart nicht.« Witta Holmfelds Lippen fielen hurtig ein: »Die Deutschen sind langweilig, meine Mutter muß törichte Augen gehabt haben.« »So will ich Euch nicht länger langweilen, Jungfrau,« erwiderte der junge Kriegsmann ruhig, neigte sich artig und wandte den Schritt. Doch ihr Kopf fuhr jetzt mit einem Aufruck empor und sie rief: »Ihr dürft mich schaukeln, bleibt, bis mein Vater kommt!« Er drehte verwundert die Stirn. »Ich bat Euch nicht drum, bleiben zu dürfen.« »Mir gefällt's aber jetzt. Ihr geht doch nicht, wenn ich nicht will.« Ihre Augen sahen ihm verändert, mit einem rinnenden Schmelz zauberischer Sanftmut ins Gesicht, doch die schweigsam-schmeichelnde Bitte derselben glitt wirkungslos von seinem ihr gerade entgegengerichteten Blick ab. »Ihr wollt nicht, schöne Jungfrau,« versetzte er leicht scherzenden Tones, »denn Ihr seht, daß ich gehe.« Er verließ rasch den Garten und schritt durch das lautlose Haus auf die Straße zurück, hier kam es ihm erst zur Vorstellung, daß er unter dem blühenden Gezweig einem Weibe von überaus seltener, verwundersamer Schönheit gegenüber gestanden, das sich, gleich befremdlich an Körpererscheinung, Kleidung und Gemütsart, in schnellem Wechsel hochfahrend und schmeichlerisch umgewandelt gegen ihn benommen. Ihre Augensterne blitzten ihn aus dem bläulichen Weiß umher noch in der Erinnerung, einem beweglichen Schlangenblick ähnelnd, an, und ihm ward's, er habe unter dem Blütenduft eine Verlockung des Paradieses hinter sich gelassen. Dieser Berückung mußte der Ratschlag des Alten gegolten haben, und Dietwald Wernerkin fühlte freudig sein Herz klopfen, daß es solcher Warnung nicht bedurft. Er trug ein kleines Amulett auf der Brust, welches ihn vor allen berückenden Schlangenaugen feite, und frohbeglückt über die starke Schutzbewährung desselben schlenderte er durch die volkbelebten Gassen Wisbys dahin. Sprachen aller Länder Europas schlugen ihm ans Ohr, doch zumeist deutsche, schwedische und dänische Zungen, die ungefähr gleichgemessen in der Stadt verteilt erschienen. Verschwenderisch boten die Kauf- und Gewerksläden vielfach an der Straße ausgelegte Dinge zur Schau, die er noch nie, auch zu Lübeck nicht, mit Augen wahrgenommen: kostbar gewirkte Tücher, farbigen Samt und russische Pelzwaren, dann fremdländische Erzgefäße, Geräte und Waffen, und wieder hochangehäufte duftausströmende Gewürze, Südfrüchte, goldgelbe sizilische Äpfel, Walfischbein und buntglitzernden Glasschmuck; aus den Buden der Goldschmiede am Markt leuchtete goldenes und silbernes Gepränge, und edle Steine funkelten in allen Farben dazwischen. Man sah, daß die Sage den Reichtum Wisbys kaum übertreiben mochte, und nirgends gewahrte der Blick an den Bewohnern Armut und Bedrängnis. Sie gingen alle in stattlichen Gewändern und mit sorgloser Miene, ein genußfrohes Volk, dem bei leichter Arbeit der Überfluß fast wie von selbst in den Schoß fiel, und das harte Mühsal, Bitternis und stündliche Gefährdung des Lebens und seiner Habe nicht kannte. Es war eine heiter lachende Insel der Glücklichen, und um sich staunend schritt Dietwald weiter, bis er in ein Geflecht engerer Gassen geriet, an dessen Ausgang unerwartet der Hafen wieder vor ihm lag. Zu Bardowiek mochte die Sonne schon seit geraumer Zeit unter dem Himmelsrande verschwunden sein, doch hier im höchsten Norden stand sie noch voll darüber und goß rote Strahlen um die Giebel der Masten, auf den uferlosen Glanzspiegel der See. Der Ankömmling schaute entzückt inmitten des noch regen Hafentreibens um ihn her in die Weite, dann wandte er überrascht den Kopf, denn eine Hand legte sich von der Seite auf seine Schulter und eine Stimme sprach dazu: »Ihr scheinet fremd wie ich, doch wir beiden sahen uns schon, bevor wir den Fuß auf den Strand hier gesetzt. Seid Ihr mir gram, daß mein Segel Eurem durch den Wind lief?« Der Sprecher lachte hübsch und freundlich dazu, Dietwald bemaß ihn verwundert, denn er konnte sich mit erstem Blick nicht entsinnen, daß er den Fremden schon gesehen. Dann unterschied er allmählich, es mußte der Mann sein, der auf dem Vorderdeck der behenden Snigge mit dem rotbraunen Segelwerk gestanden, als diese bei der Einfahrt der Kogge vorübergelaufen. Nur hatte er ein anderes Bild von jenem aufzunehmen geglaubt; in veränderter, vornehmerer Tracht stand derselbe da, das beirrte den Blick zunächst, aber mehr noch, daß die Augen des dunkel umhaarten Antlitzes nicht Pfeilscharfes und Stechendes besaßen, sondern mit harmlos gewinnendem Ausdruck unter den schöngewölbten Brauen hervorsahen. Es war, als lese der Fremde die Gedanken in der Miene des Jünglings, denn er fügte hinzu: »Ihr erkennt mich nicht wieder, scheint's, mein Gesicht ist alltäglicher Art, daß es nicht im Gedächtnis haftet wie Eures, und ich habe andere Kleidung angelegt, denn in der Reisetracht gilt man nicht in dieser vornehmen Stadt, und danach steht mein Begehr. Ich bin ein Kaufmann aus Helsingborg, Knud Hendrikson ist mein Name, und zum erstenmal mit edlem Erz und Gestein in Wisby, um guten Absatz hier zu finden. Verübelt's mir nicht, daß ich Euch angesprochen, Ihr seid kein Handelsmann, sondern Euer Gesicht redet von besserer Abkunft. Doch ich fuhr auch schon manchmal den Travefluß hinauf und herab, und seine hohen Türme nicken mir vertraulichen Gruß aus Euren Augen.« Knud Hendrikson brachte das Deutsche leicht und fließend wie seine Muttersprache hervor, nur ein dann und wann leicht merklicher Ton wies auf seinen schwedischen oder dänischen Ursprung. Seine Züge waren von kräftiger und männlicher Schönheit, wohl in der Mitte zwischen dreißig und vierzig Jahren, aber mehr noch als sie sprach die bescheidene Artigkeit seines Behabens an. Dietwald entgegnete jetzt mit einigem Erstaunen auf die letzten Worte des Kaufmanns: »Woher wisset Ihr, daß ich von Lübeck komme?« Ein leichtes Lächeln ging um den Mund des Antwortenden: »Da ich Euch unter dem weitbekannten Wappenbild der edlen Stadt gewahrte, stand wohl zu mutmaßen, daß Ihr Euer gutes Schwert derselben als Schutzwehr geliehen.« Nun erwiderte der Jüngling rasch mit errötender Stirn: »Ihr könnt mir nicht Lieberes reden, Herr Hendrikson, denn obzwar ich nur kurze Frist zu Lübeck verweilt, ist es mir doch, als ob ich als ein Zugehöriger desselben zur Welt gelangt sei. Aber haltet mich nicht für hochfahrenden Sinnes, daß ich meine Herstammung besser achtete, als die eines Handelsherrn. Dietwald Wernerkin ist freilich mein Name, von adeliger Geburt, doch ich habe mit Augen gesehen, daß sich unter den Kaufleuten mancherlei Männer finden, die an Würde und Klugheit wohl mit ruhmreichen Rittern und selbst Fürsten zu wetten vermögen.« »So habt Ihr scharfe Augen für die Wahrheit besessen trotz Eurer Jugend, Herr Junker, daß Ihr die Krämer nicht verachtet. Ist Euch etwa als ein bedeutsames Beispiel derselben Herr Johann Wittenborg zu Gesicht geraten?« Zwischen Dietwalds Wimpern leuchtete es auf. »Habt Ihr von ihm vernommen? Er hat mich hierher gesendet.« »Kenne ihn gar wohl von Angesicht und Rede und vermute mit Fug, daß ich ihm noch öfters im Leben wieder begegnen mag. Sagte Euch schon, daß ich manches Mal mich zu Lübeck gehalten; es redet für Herrn Wittenborg, daß er Euch mit seiner Sendschaft betraut, und konntet Ihr nach meinem Entscheid nicht bessern Dienst nehmen, um zu Ansehen und Ehren in der Welt aufzusteigen, wie's Eurer Abkunft gebührt. Hörte gern noch mancherlei von dem weisen Ratsherrn. Gefällt es Euch seit Eurer Ankunft in Wisby, wo herbergt Ihr und wie lange gedenkt Ihr in der Stadt zu verweilen?« Dem Jüngling war noch nie so viel wohlmeinende Anteilnahme und schuldige Achtung vor seiner Herkunft von seiten eines Älteren entgegengetreten und er erwiderte auf die Fragen mit einem kurzen Bericht über dasjenige, was er in den wenigen Stunden seines Aufenthalts in Wisby kennen gelernt. Die Stadt mutete ihn trotz ihren herrlichen Bauten und ihrer Reichtumsfülle nicht gleich Lübeck an, sie erschien ihm weniger ehrbar, auch nicht so von ernsten, hochstrebenden Gedanken beseelt. Er sprach von dem stattlichen Hause Peter Holmfelds, des Goldschmiedes, dem er als Gast anbefohlen worden, und von dem absonderlichen Empfang, den ihm die Tochter dort im Garten bereitet, daß er mit dem Entschluß von dannen gegangen, nicht wieder dorthin zurückzukehren, sondern eine Herberge zu seiner Unterkunft aufzusuchen. Knud Hendrikson hörte seinen Worten aufmerksam und schnelles Verständnis bekundend zu, denn er entgegnete darauf: »Ihr seid günstig und als Eurer Neigung Herr gestellet, Herr Wernerkin, und ich mag wohl erraten, was Euch an dem Hause und Garten mit dem befremdlichen Mädchen wider den Sinn geht, daß Ihr bereits in Treue und Herzensfreudigkeit drüben in Eurer deutschen Heimat einer anderen gedenkt –« Ein aufblühendes Rot der Wangen Dietwalds bestätigte die Annahme des Sprechers und dieser fuhr artig fort: »Doch das Gedächtnis derselben kann sicherlich nicht bessern Behälter zum Verwahrsam finden, als Eure Brust, daran der Strahl aller andern Augen sichtbarlich gleich stumpfem Pfeilgeschoß erlahmt. Mich aber will es als ein besonderes Glück und Gunst des Schicksals bedünken, daß ich solchergestalt mit Euch hier zusammengetroffen, denn da ich fremd in Wisby bin, fällt es mir gar schwer, diejenigen Leute in der Stadt auszufinden, die meinem Handelsgeschäft guten Erfolg verheißen und des Rufes der Rechtschaffenheit teilhaft sind. Andernfalls würde aber der Herr Oldermann Euch nicht in das Haus Peter Holmfelds als Gast verwiesen haben, und da ich Umsatz in Erzen und Gesteinen begehre, kann mir nicht Wünschenswerteres zustoßen, als die Bekanntschaft eines redlichen Goldschmiedes zu knüpfen. Mir ist's, als hätte offenkundig der Himmel es so gefügt, daß ich Euch, Herr Junker, finden gesollt, Euch um die freundliche Gewähr bitten zu dürfen, daß Ihr mich als einen Euch Bekannten in das Haus des Herrn Holmfeld einführt. Als Kaufmann habe ich nicht Blick noch Furcht vor seltsamen Weiberaugen, und Ihr seid ja wohlgefeit, daß Ihr mir ohne Sorgnis auf eine Stunde nochmals dorthin das Geleit geben und alsdann die Herberge, die Ihr im Sinn tragt, aufsuchen mögt, haltet für gewiß, daß ich Euch solche Hülfsleistung als einen Dienst der Freundschaft treu im Gedächtnis bewahren und wo es in meinen Kräften stehen mag, vergelten werde.« Noch niemals hatte Dietwald Wernerkin eine freimütiger-offene Sprechweise, von anmutenderem Behaben unterstützt, gehört, und er antwortete freudig: »Wenn ich mit so Geringem Eure Freundschaft erwerben darf, Herr Hendrikson, bedünkt es vielmehr mich als ein besonderes Glück, an dieser Stelle mit Euch zusammengetroffen und von Euch wiedererkannt worden zu sein,« und in mancherlei Gesprächen führte er seinen neuen Begleiter dem Hause des Goldschmiedes zu. Abend, doch noch mit nordischer Maihelligkeit, lag über diesem, als sie in die gotische Tür eintraten. Peter Holmfeld war jetzt gleichfalls heimgelangt und trat ihnen in der dunkel getäfelten Stube breitwüchsig stattlich, hell an Augen und Haar, entgegen. Mit treuherzigem Handwillkomm begrüßte er Dietwald, von dessen Anmeldung er Kunde empfangen, warf indes einen verwunderten Blick auf den dunkeln Scheitel und Bartwuchs Knud Hendriksons und meinte, zu dem Jüngling gewandt: »Euer Gefährte sieht nicht nach deutschen Landen aus.« Der Angesprochene versetzte nicht ohne einigen herauszuvernehmenden Stolz: »Er stammt wohl von altem Normannsblut, und obzwar ich ihn noch nicht seit langem kenne, erfreue ich mich doch seiner Freundschaft. Auch ist er zu Lübeck wohl vertraut und Herrn Johann Wittenborg bekannt, und ich verhoffe, daß ich ihn nach seinem Wunsch zu Eurem wie zu seinem Vorteil in Euer Haus geführt habe.« Dietwald fügte das Begehren und Handelsgeschäft des Kaufmanns hinzu, und der Goldschmied streckte darauf auch gegen den letztern die Hand und sprach: »So seid mir in gleichem willkommen, Herr Hendrikson, und lasset Euch gefallen, was das Haus eines Gewerkmanns enthält. Morgen im Tageslicht bin ich wohlbereit, mich mit Euch über Eure Ware zu vernehmen, und denke, daß wir mit gutem Willen zu beiderseitigem Vorteil manches Handels einig werden mögen.« Wort und Wesen Peter Holmfelds redeten von einer schlichten, geradmütigen und sorglosen Natur, und das Gespräch setzte sich geraume Weile mit Fragen und Antworten regsam fort, bis ein Glockenton auf dem Flur draußen erklang und der Hausherr seine Gäste aufforderte, mit ihm zum Nachtessen hinüber zu gehen. Er geleitete sie in ein anderes hohes und geräumiges Gemach, das von vielen kleinen Lämpchen erhellt wurde, welche kranzartig gereiht an einem kunstvoll geschmiedeten und verschnörkelten Erzreif von der Decke über dem Tisch herabhingen. Witta Holmfeld stand bereits wartend, doch in anderer Kleidung als am Nachmittag, einem langen engumschließenden Gewande von flandrischem Tuch, in der Stube, und Knud Hendrikson trat rasch mit überaus höflicher und sicherer Manier auf sie zu und sprach, sich vor ihr verneigend, er habe bereits so viel von dem Rufe ihrer Schönheit vernommen, daß ihr Anblick ihm keinen Zweifel darüber belasse, er genieße die Gunst, die Tochter des Hauses begrüßen zu dürfen. Etwas überrascht, doch nicht mißfällig hefteten sich die Augen des in Wirklichkeit so noch weit vorteilhafter erscheinenden Mädchens in die seinigen, und sie erwiderte, einen artigen Blick auf Dietwald Wernerkin hinüberwerfend: »So habt Ihr es wohl aus einem Munde vernehmen gemußt, dem ich, wie mich dünkt, zu meinem Lobe nicht sonderlichen Anlaß geboten. Aber« – sie schritt auf den jungen Kriegsmann zu – »verargt es mir nicht, wie ich Euch am Nachmittag empfing; Ihr überraschtet mich, und ich wußte nicht gleich, welcherlei ansehnliche und erfreuliche Gäste Eure Ankunft unserm Hause verheiße.« Diese Abbitte und ihr ungekünstelter Gesichtsausdruck dabei söhnten Dietwald rasch mit der schönen Sprecherin aus und er schalt sich, daß er vorschnell in wenigen Augenblicken eine ungünstige Meinung von ihr gefaßt habe. Frohgemut setzte er sich an den Tisch und ließ mit unverhohlenem Erstaunen den Blick über die kostbaren, aufs kunstreichste gearbeiteten und mit Gebilden verzierten Erzkannen, Pokale und Eßgeräte des Tisches hingehen. Selbst ihre oberflächliche Bemessung nach dem Geldes- und Schönheitswerte führte zu einem so beträchtlichen Ergebnis, daß auch der Kaufmann aus Helsingborg, der doch vielerorten in der Welt mehr als Dietwald Wernerkin gesehen haben mochte, unwillkürlich ausrief: »Man redet wahrlich nicht zu hoch von den Schätzen Wisbys und sollte nicht vermeinen, am Tische eines Gewerkmannes, wie Ihr Euch benannt, zu sitzen, da ich an mancher Fürstentafel weit minder köstliches Gerät – wohl ich selbst nicht mit eigenen Augen erblickt, doch vernommen habe, daß es dort unterzeiten weit kärglicher bestellt sei, als an Eurem gastfreien Tische.« »Ihr vergesset, Herr Hendrikson,« erwiderte Peter Holmfeld mit wohlbefriedigtem Lächeln, »daß Ihr im Hause eines Goldschmiedes verweilet,« und einen der schweren Pokale hebend, brachte er, diesen auf einen Zug ausleerend, seinen Gästen den nordischen Willkommstrunk zu. Schwedischer Met und heißer hispanischer Wein lösten bald die Zungen zu lebhafter Wechselrede, zumeist diejenige des Hauswirtes, der von Dietwalds Bestimmung, die Kogge nach Venedig zu geleiten, vernahm und aus dieser Mitteilung frohsinnig ein Gedächtnis lang vergangener Tage wachrief. Auch er war in früher Jugend als Lehrling seines Gewerkes und schier als der erste aus dem ganzen deutschen Norden nach mancherlei Umfahrt in die ferne stolze Lagunenstadt des Adriameeres gelangt und hatte dort nah unter der wundersamen Kirche des heiligen Markus bei einem weitberühmten Meister seine Kunst erlernt. Mit großblickenden, erinnerungsvollen Augen erzählte er von der Pracht der ganz aus Marmor erbauten wasserumspülten Paläste, den Gondelschiffen, darin man zwischen den Häusern hinfahre, den scharlachfarbig blühenden Granatapfelbäumen und Orangen in den sonnenheißen Ufergärten der Inselstadt. Doch am häufigsten führte er, mit dem feurigen Wein sein Gedächtnis regend, den Pokal an die Lippen, wie er von dem Fontego de' Tedeschi , dem »teutschen Kaufhofe« zu Venedig, nahe dem großen Kanale belegen, sprach, in dem stets ein dichtes Gewimmel von oberdeutschen Kaufherren aus den reichen Städten Regensburg, Augsburg und Nürnberg, selbst noch von Erfurt und Breslau her, und ein mit jeglichem Tag neues fröhliches Leben geherrscht. Die Deutschen aber seien allzeit wohlangesehen in der gewaltigen Republik gewesen, daß selbst die hochmächtige Signoria, oftmals in Schriften die »teutsche Nation« ihr Herzblatt geheißen, und jeder sorglich seines Geschäfts Beflissene habe es dort binnen einiger Frist zu Gut und Wohlstand gebracht. Gleiches sei auch ihm gelungen und der Feuerbrand eines schwarzen Auges dazu über ihn gekommen, daß er, wenn auch ohne Dreingift, eines der schönsten Mädchen der Stadt als Ehegespons in sein Haus geführt. Peter Holmfeld hielt, um einen hastigen Trunk zu tun, in seinem Bericht inne, dann fuhr er fort, daß sein junges Weib schon nach etlichen Jahren verstorben sei und ihm nur ein halbjähriges Töchterlein hinterlassen. Da sei ihm Venedig verleidet worden und habe ihn das Heimweh gegen Norden angefaßt, daß er mit dem Kinde ein Schiff bestiegen und auf Gotland gelandet und zu Wisby verblieben. Der Goldschmied brach am Schlusse seiner Erzählung kurz ab, als ob er etwas mit Schweigen zurückgehalten; Dietwald Wernerkin verwandte den Blick auf Witta Holmfelds Antlitz und sprach: »Davon besitzt Eure Tochter das fremde Aussehn, das mich am Nachmittag wunders nahm: sie hat als leibliches Erbe von Euch nichts empfangen, deucht mir, sondern allein von ihrer Mutter.« Der Angesprochene nickte. »Nein, es ist, als hätte sie von mir nichts« – er griff wieder nach dem Becher, doch beim Trunk hefteten sich seine Augen halb erschreckt auf das Gesicht seiner Tochter und er fügte hastig drein: »Sie gleicht genau ihrer Mutter, als sie in mein Haus kam.« Knud Hendrikson streifte mit einem kurzen prüfenden Blick die Züge des Goldschmieds: Witta Holmfeld saß derweil und aß von einer der gehäuft in einem Korbe vor ihr stehenden Orangen, ihre Zähne schimmerten wie Perlen durch den blutroten Saft der Frucht. Peter Holmfelds Mund aber lachte jetzt heiter wie zuvor: »Sie muß immer die Goldäpfel haben, in denen die heiße Sonne ihres Heimatlandes nachglüht, auch wenn der Schiffer sie nach silbernen Gewichten wägt.« Er verschwieg's, doch sein fast ängstlich bedachtsames Gebaren gegen sie den Abend lang sprach deutlich aus: sie mußte jegliches haben, wonach ihre Laune ging, und er besaß nicht die Kraft, ihr etwas zu weigern. Auch wenn sie eine seidene Tracht gleich derjenigen der Frauen des Morgenlandes begehrte, wog er sein Gold dafür an den Handelsherrn aus dem Süden. Dazu füllte es ihm die Truhe; er stand unmächtig unter dem Blick ihrer Augen, wie einstmal unter denen ihrer Mutter. Selbst Dietwalds junger Unerfahrenheit vermochte es nicht lange zu entgehen, daß der starke, verstandestüchtige Mann mit dem breiten blonden Vollbart, wie von einem Zauber bezwungen, seiner Tochter mit steter Willfährigkeit, beinahe mit Unterwürfigkeit begegnete und daß sie in dem reichen Hause wie über sich selbst nach Willkür schaltete. Dietwald Wernerkin hatte, begreiflicher Teilnahme voll, noch über vielerlei Dinge zu Venedig nachgefragt und den kundigen Antworten achtsam zugehört, dann nahm er erst nach ziemlicher Weile gewahr, daß er unvermerkt als Sprecher an die Stelle Peter Holmfelds getreten sei und, statt von der alten Meereskönigin des Südens von der neuaufstrebenden des Nordens berichte. Es war wohl eine zufällige Anfrage Knud Hendriksons gewesen, welche die Rede auf Lübeck geleitet, und der Jüngling gab kund, was er dort in kurzer Zeit mit seinen Augen gesehen und ihm an geringfügiger Kenntnis zuteil geworden. Doch legte der Kaufmann für alles aufmerksames Gehör an den Tag, denn ein Handelsmann könne aus Kleinem oft für seinen Vorteil auf Gewichtiges schließen, und er trage im Sinn, von Wisby gegen Lübeck hinaufzusegeln. Da wolle er zu Herrn Johann Wittenborg gehen, um ihm von Dietwald gute Botschaft zu bringen, und er fragte, ob der Ratsherr mehr Anhang in der Stadt unter den Vornehmen oder dem Volk besitze, und ob er selbst als waffenkundig gelte, im Harnisch einhergehe oder in friedlicher Bürgertracht. Auch wieviel und welcherlei Bauart und von wannen Schiffe gegenwärtig in der Trave lägen, ob die Bemannung eine zahlreiche sei und neue Fahrzeuge auf den Helgen gezimmert würden. Darauf erteilte der junge Geleitsmann, soweit er's vermochte, bereitwillige Erwiderung und gewann, anfänglich derartigen Redens ungewohnt, allgemach eine Lust daran, mit sicherer werdender Wortfügung zu berichten und die Achtsamkeit seiner Zuhörer zu gewahren. Aber dann mochte Knud Hendrikson mit dem Schicklichkeitsgefühl eines weit umher gekommenen und besser erfahrenen Gastes empfinden, daß der Tochter des Hauses mit solcherlei Gesprächen der Männer wenig Teilnahme und Vergnügen bereitet werde, denn er ließ Dietwald zum Goldschmiede fortreden und wandte sich unter höflicher Ansprache an Witta Holmfeld, die neben ihm saß und auf seine Worte anerst nur in ziemlicher Achtlosigkeit erwiderte. Doch mußte ihr im Verlauf Gefallen regen, was der Kaufmann sprach, sie hörte ihm aufmerkender zu, lachte manchmal und blickte dann und wann zu ihm empor, als horche sie nicht mit dem Ohr allein, sondern auch mit den Augen. Ab und zu vernahm Dietwald eine der zwischen den beiden gewechselten Reden, und diese erschlossen ihm mehr und mehr die wohlberechnende Vorbedachtsamkeit seines Helsingborger Mitgastes. Unzweifelhaft hatte er den bestimmenden Einfluß, den das Mädchen auf ihren Vater übte, gleichfalls erkannt und strebte als ein kluger Händler von Goldschmiedswaren danach, sich eine günstige Meinung bei der Tochter des Hauses zu erwerben. Darüber war es späte Nacht geworden, daß sogar am Westrand des hochnordischen Himmels das letzte Rot ausgeloschen, und Dietwald Wernerkin erhob sich vom Sitz, um Abschied zu nehmen und eine Herbergsunterkunft aufzusuchen. Auch Knud Hendrikson leerte den Rest seines Bechers und sprach aufstehend: »Wahrlich, es ist späte Nachtzeit, habet vollen Dank für Eure Aufnahme, Herr Holmfeld, aber morgen ist wieder – ich vermeine, morgen werde ich wieder bei Euch einkehren, um Euch das Erz und Gestein, das ich mitgeführt, zur Prüfung zu legen –« Doch der Goldschmied zeigte sich von der Absicht des Jünglings völlig überrascht, und auch dieser wußte für eine Nötigung seines Fortganges keinerlei Grund aufzuwenden, so daß er sich selber nunmehr willig zum Verbleiben im Hause während seines Aufenthaltes zu Wisby bereden ließ. »Haben noch über vielerlei Zwiesprache zu führen, bevor Ihr nach Venedig abreist,« sagte Peter Holmfeld, und sich gegen den Kaufmann wendend, fügte er drein: »Es steht mir zu, Euch Dank für Euer Kommen zu wissen, Herr Hendrikson. Die Nacht ist nicht zum Umwandern für den Menschen geschaffen, und die Herbergen zu Wisby sind oft trunken lärmenden Seevolkes voll. Wollet Ihr mit Eurem Freunde das Gastgemach meines Hauses teilen, so werdet Ihr unserm Dache eine Gunst antun, darunter gleichfalls so lange zu verweilen, bis Eure Abfahrt Euch fortberuft.« Die Augen Witta Holmfelds sprachen keine Widerrede gegen dieses gastfreundliche Angebot ihres Vaters, und nach einiger, nur von äußerer Schicklichkeit aufgedrungener Ablehnung nahm Knud Hendrikson die Zuvorkommenheit seines Wirtes überaus dankesvoll an und folgte ihm in den für Fremde bereitgehaltenen Schlafraum. Zuvor jedoch verneigte er sich zum Abschied mit anmutiger Gewandtheit vor Witta Holmfeld und sagte, mit einem feinen Lächeln seinen Blick in ihre Augen heftend:«Ich habe vernommen, Jungfrau, daß Ihr Euch in Eurem Garten zuzeiten nach dem Gewandbrauch morgenländischer Frauen ergeht. Daß Ihr solche Tracht liebt, bereitet Eurem feinen Sinn für Schönheit Ehre, und ich hoffe, Ihr werdet mir die Gunst verstatten, Euch auch einmal darin bewundern zu dürfen.« Sie schritten in die großgeräumige Gaststube hinüber, die in Halbverschlägen mehrere mit kostbaren Eiderdaunen gefüllte Bettladen enthielt, der Hausherr verabschiedete sich unter Handschlag und Nachtgruß von seinen Gästen, und Dietwald warf, an sein Lager schreitend, rasch seinen Koller ab. Er fühlte sich sehr ermüdet von dem langen, wechselreichen Tag, der ihm noch auf hoher See begonnen; doch ehe er sich zur Ausrast hinzustrecken vermocht, trat sein Stubengenosse nochmals gegen ihn heran und sprach: »Ich weiß Euch fürwahr guten Dank, Herr Wernerkin, daß Eure Bereitwilligkeit mich in dieses treffliche Haus geführt hat. Schlafet nach Wunsche! Es wird uns beiden dazu wohl der wirksame hispanische Wein Herrn Holmfelds verhelfen.« Vollbrachte es der gerühmte heiße Wein zugleich in den Zügen des Kaufmanns und in Dietwalds Augen, daß diesem beim Aufschauen jetzt das Gesicht Knud Hendriksons als ein völlig anderes wie bisher erschien? Die Lippen desselben hatten sich lachend über das weiße scharfgezahnte Gebiß gehoben, doch als ob ein spöttisches Aufzucken sie emporgeschnellt, und mit dem gleichen, leicht sinnestrunkenen Ausdruck streckte er nun die Hand nach einer um den Hals des halb entkleideten Jünglings verschlungenen Schnur und lachte: »Tragt Ihr dort das Zaubermittel, das Euch von den italischen Zunderblicken Witta Holmfelds behütet, Junker?« Doch beim letzten Wort erweiterten sich seine dunkeln Augensterne seltsam starrend. Er hatte das kleine Goldkreuz von der Brust Dietwalds hervorgezogen und hielt es zwischen krampfhaft zusammengebogenen Fingern. Es sei sein Mund plötzlich atemlos verschnürt, stieß er heisern Tones von den Lippen: »Von wem habt Ihr –?« allein zugleich bohrte sich sein Blick in die blätterkranzumfaßte Buchstaben-Inschrift des Kreuzes und seine Hand warf dies jetzt fast zurück und er sprach mißächtlich: »Das ist schlechtes Gold, ich verstehe mich drauf, denn ich habe oft echtes vor Augen gehabt. Der Wein Peter Holmfelds liegt in ihnen, sonst hätten sie mich nicht mit unechtem betrogen. Schlafet! Morgen –« Er brach ab, schritt zurück und streckte sich angekleidet auf sein Bett. Dietwalds Lider fielen schwer zu, doch geraume Zeit kam kein fester Schlaf, sondern nur ein Halbtraum über ihn, aus dem er oftmals von seinem Stubengenossen aufgeweckt wieder emporfuhr. Unruhvoll warf Knud Hendrikson sich auf dem Lager, er schlief, aber seine Brust atmete mühsam. Manchmal rang sie einen Seufzerlaut auf, dann murmelten seine Lippen im Traum ein paar Worte fremder Sprache, die Dietwald Wernerkin nicht verstand. Doch nach einer Weile kamen die beiden Worte noch einmal halblaut und sanft aus dem Dunkel: »Lille Tove –« Es waren gute und frohgemute Tage, welche die beiden Gäste im Hause Peter Holmfelds verbrachten. Auch hatte dieser als Gewerksmann nicht Anlaß, seine gastliche Aufnahme Knud Hendriksons zu bereuen, denn die Warenprobstücke desselben erwiesen sich von gediegenem Wert und er stellte bei manchem seine Geldesforderung so gering, daß der Goldschmied innerlich darüber erstaunte und einmal wider seinen Vorteil heraussprach: »Ihr müßt Euch bei Eurer Rechnung beirren, Herr Hendrikson, und werdet Schaden durch mich erleiden.« Doch der Kaufmann entgegnete lachend: »Gewißlich nicht, verlasset Euch darauf, das wäre nicht Handelsart. Ich trage mehr Gewinn als Ihr: wenn Ihr die Waldschmiede im norwegischen Gebirg känntet, die mir zugehörig ist, würdet Ihr anders reden. Dort grub ich auf Kupfer und Osemund und fand Preiswerteres als der Arbeit Lohn. Doch laßt keinen Ruf von dem ausgehen, was ich nur Eurem Ohr im Zutrauen gesprochen.« Waldschmieden wurden die einfachen Holzfeuerstätten benannt, an denen in den Bergen Norwegens und Schwedens besonders der Osemund, das rohe Eisenerz, von seinen Schlacken abgetrennt und ausgeschmolzen ward, und der Goldschmied stellte mit reger Wissensbegier vielfältige Fragen an seinen Gast, in welcherlei Weise sich dort das edle Metall mit dem gemeinen untermengt gezeigt habe. So führten beide oft angelegentliche Geschäftszwiesprache miteinander; zu andern Zeiten jedoch, wenn Peter Holmfeld sich in seiner Werkstatt befand, durchwanderte der Kaufmann stetig umschauenden Blicks die Gassen Wisbys gemeiniglich zu einem der Tore hinaus und umschritt von dort auf dem Bergrücken die gewaltige Schutzmauer der Stadt. Es traf sich, daß er zumeist von seinen Ausgängen heimkehrte, wenn Dietwald Wernerkin das tägliche Pflichtgebot, Obacht über die reisige Bemannung seiner Kogge zu halten, von dort fortberufen hatte. So gewahrten sie sich den Tag hindurch außer bei der Mittagsmahlzeit nicht viel; wenn jedoch der Jüngling einmal frühzeitiger vorm Abend vom Schiffe zurückkam, empfing ihn allemal das Haus seines Wirtes so lautlos und scheinbar von Menschen verlassen, wie bei seiner ersten Ankunft. Nur im Garten klangen alsdann bald lauter, bald leiser die Stimmen Knud Hendriksons und Witta Holmfelds, die sich allein in dem leeren Gewese zusammengefunden und sich gesellig mit Rede, Scherz und Lachen unter den blühenden Apfelbäumen erlustigten. Das Mädchen aber besaß etwas Dietwald manchmal sonderbar Unverständliches. Sie hatte ihre Art nicht verändert, denn er vernahm wohl, daß sie dann und wann auch dem Helsingborger Kaufherrn eine spöttisch-hochfahrende Antwort gab, auf welche dieser mit einem Lachen erwiderte. Doch gegen ihn selbst war ihr Behaben ein anderes geworden, er mußte es empfinden, hatte sich im Ablauf weniger Tage durchaus verwandelt. Sie vermaß sich nie mehr, ihn mit Geringschätzung fortzuweisen; wenn er unvermutet kam, ließ sie gemeiniglich ihren bisherigen Gesprächsgenossen allein und gesellte sich Dietwald zu. Manchmal hielt sie seine zum Gruß gefaßte Hand eine Weile in der ihrigen fest, und er fühlte diese heiß und in ihr unruhiges Blut klopfen. Aber es lag kein heimliches Trachten darin, seinen Sinn mit einem körperlichen Reize zu berücken, sie hielt seine Hand nicht wie die eines jungen Mannes, sondern gleich der eines andern Mädchens, als suche sie bei ihr etwas mit wortlosem Umfassen. Und so auch blickten zuweilen ihre Augen ihm halb scheu, halb zutraulich ins Gesicht, als wollten sie etwas fragen und wüßten doch nicht was. Aber wenn Knud Hendrikson allein im Garten war, dann kam Witta Holmfeld allzeit dorthin. Manchmal schaukelte er sie, daß sie hoch in die Lüfte flog, und hielt auch auf ihr Rufen, Gebieten und Bitten nicht inne, bis er sie endlich, wie betäubt um sich sehend, auf den Boden zurückgelangen ließ. Dann glich er fast einem übermütigen jungen Fant, so jugendrot kreiste das Blut ihm im Antlitz und lachten seine Augen. Danach schritten sie jedoch sittig in ernsthafter Rede unter dem dichten Laubgezweig an der Ringmauer der Stadt nebeneinander, und er fragte als ein wißbegieriger Fremder nach den reichsten Bewohnern Wisbys, den sichern Stätten, an denen die Schätze desselben verwahrt seien, nach der Anzahl tüchtiger Männer und guter Waffen, um die Stadt vor jeglichem Angriff zu behüten. Doch es war öfters, als stelle er diese Fragen nur, um etwas zu reden, denn manchmal traf ein funkelnder Blick seiner Augen in die Witta Holmfelds, dem die ihrigen im Anfang erschreckt auswichen. Allmählich indes blieben sie ihm länger entgegengewandt, und stumme Sprache ging aus ihnen unter dem Blütengeäst hin und wieder. Dann setzte Knud Hendrikson seine Fragen und Reden über die ernsthaften Dinge fort. Als etliche Tage so vergangen, traf sich's, daß er sie, am Nachmittag von seiner Umwanderung der Stadt zurückkehrend, wieder in der Schaukel ruhend vorfand, ohne daß sie seine Annäherung wahrnahm, denn sie lag mit geschlossenen Augen zurückgestreckt, als ob sie schlafe. Er hielt etwas von fern den Schritt und ließ den Blick auf ihr haften, im Beginn nicht anders, als prüfe er mit kaufmännischer Schätzung den Stoff ihres Gewandes auf seinen Wert. Aber wie das schöne Mädchen ohne Vorwissen der Anwesenheit eines Zuschauers den biegsamen Wuchs ihrer Glieder schwebend hinwiegte, ihr leicht verhüllter Busen mit dem Zurückweichen der Schaukel sank und sich bei der Wiederkehr hoch emporhob, und ein Perlenschimmer von ihrem Antlitz durch das frühlingsgrüne Laub rann, als ob der Glanz einer Mondennacht des Südens dämmernd unter ihren Wangen heraufleuchte – da entzündete sich ein Funken in den dunkeln Augen des Betrachters und wuchs zu einer heißen Doppelflamme, die brennenden Strahl über das verlockende Bild hinwarf. Und plötzlich trat er rasch vor, zog, die beiden Schultern Witta Holmfelds erfassend, die Schaukel weit zurück und ließ sie mit dem Rufe fahren: »Flieg, Taube, der Habicht ist über dir!« Das Mädchen stieß, jählings die Lider aufschlagend, einen Ton des Schrecks aus, seine Hand empfing sie bei der Wiederkehr und erhöhte die Kraft des Vorstoßes, die Schnelligkeit ihres Flugs, wie er es schon zu öftern Malen getan. Doch das Blut war aus ihrem Gesicht geflossen und sie bat ihn mit angstvoll umirrendem Blick, inne zu halten. Vergeblich, wie es auch schon öfter geschehen, denn er lachte nur zu ihrem Ruf, und plötzlich sprang sie inmitten der schnellen Bewegung mit bedachtloser Unvorsicht von ihrem Sitz herab, da es kaum vermeidlich schien, daß sie gewaltsam auf den Boden niederstürzen müsse. Doch ebenso geschwind sprang auch Knud Hendrikson vor, fing sie vor dem Sturz gleich einem flügelermatteten Vogel mit seinen kraftvollen Armen auf und hielt sie in diesen festgeschlossen, ohne daß ihre Füße bis an die Erde hinabgelangt waren. So ruhte sie einige Atemzüge lang von seiner hoch vorgebogenen Brust getragen, und sah wie sinnbetäubt mit weit geöffneten Augen stumm in sein dicht unter ihr aufblickendes Gesicht. Dann stieß sie heftig hervor: »Ihr seid keck und anmaßlich! Lasset mich oder hütet Euch!« »Wovor? Sind deine Lippen rote Kohlen, daß sie brennen?« erwiderte er, und seine Hand legte sich kühn wie eine Klammer um ihren elfenbein-glänzenden Nacken, ihr Antlitz zu dem seinigen niederzuzwingen. Aber zugleich traf ihre kleine Hand ihn mit einem zornigen Schlag auf die Stirn und sie stand vor ihm auf dem Rasen. Sie hatte sich nicht loszuringen gebraucht, er selbst hatte sie fahren lassen und sah sie mit blutlos weißem Gesicht starren Blickes an. »Das tat noch keine vor dir,« murmelten seine Lippen kaum hörbar. »So tat ich's zuerst, Ihr habt's gewollt,« versetzte sie noch in zitternder Erregung, doch sie schrak sichtbarlich vor dem seltsamen Ausdruck seiner Züge zusammen, wandte sich rasch und ging dem Hause zu. Er schaute ihr nach und tastete mit der Hand über seine Stirn, dann ging ein Aufzucken um seine Mundwinkel, wie ein Lachen, doch tonlos, mit dunklem, scharfem Schatteneinschnitt, und er schritt schweigsam an den Rand des Gartens, ergriff, als wollte er sich das Geschehene gleich einem bestraften Knaben aus dem Sinn schlagen, eine lange Holzstange und hob diese, mit ihr hin und her tändelnd, da und dort bis zur obern Stadtmauer empor. Manchmal blickte er sich dabei kurz um, als erwarte er etwas, so ging die Nachmittagssonne eine Zeitlang über die Bäume und Sträucher des Gartens. Da knisterte in einem seiner Gänge der Boden leis unter einem leichten Fuß, allein jetzt schien Knud Hendriksons scharfes Ohr nichts davon zu vernehmen, auch nicht, als der Schritt mählich immer näher an die Stelle hinankam, wo er sich befand. Er hatte sich auf eine hölzerne Ruhebank gesetzt, die halb von Laub überschattet und verdeckt war: erst als ein zierlicher Schatten dicht vor ihn hinglitt, hob er langsam, wie aus Nachdenklichkeit aufschauend, den Kopf. Vor ihm stand Witta Holmfeld, doch nicht mehr wie vorhin, sondern in ihrer morgenländischen Tracht mit den goldgestickten Schuhen: sie schien in der Absicht gekommen, sich auf der Bank niederzulassen, und überrascht, ihn dort anzutreffen, denn sie sprach mit plötzlich dunkel errötendem Antlitz: »Verweilt Ihr noch hier? Ich gedachte –« Sanft lächelnd sah er ihr in die unsichern Augen und erwiderte: »Ich wartete, daß du zurückkämest. Weshalb gingest du fort? Nun gewahr' ich's, deine Kleidung war dir zu warm und du legtest andere an. So gelange ich durch die Gunst des Himmels dazu, dich einmal so in deiner Schönheit zu bewundern.« Sie antwortete zögernd: »Ihr spracht am Abend, als Ihr kamet, daß Ihr es wünschtet,« und sie stockte und fügte erst nach einer Weile mit leiser Frage hinterdrein: »Tat ich Euch weh?« »Womit?« entgegnete er, als verstehe er ihre Meinung nicht, und sie deutete unschlüssig auf seine Stirn und flüsterte: »Verzeiht die Färbung, die noch drauf sichtbar ist.« »Ein Blütenzweig hat mich daran gestreift,« lächelte er, »das ist Art des Frühlings. Du wolltest dich hier setzen, Witta Holmfeld – soll ich gehen oder darf ich bleiben?« Sein Blick war bittend, doch wie von demantenem Geleucht, er hielt den ihrigen an seinem Strahl und zog sie antwortlos zu sich auf den Ruhesitz herab. Nun bewunderte er den Reichtum und die farbige Pracht ihrer Kleidung. »Ein Kaufmann schätzt den Wert der Stoffe erst, wenn seine Hand sie prüft,« sagte er, und seine Hände glitten da und dort über die Seide ihrer Gewänder. Sie ließ ihn gewähren und versetzte: »Ob Ihr's auch seid, so bedünkt Ihr mich doch nicht wie ein Kaufmann.« Er lachte: »Du sprichst närrisch. Als was denn sonst, Täubchen von Venedig?« Zaudernd gab sie Antwort. »Eher als ein Ritter–« »Wolltest du, ich wär's?« Seine Augen tauchten sich glanzstrahlend in die ihrigen, doch er fuhr rasch fort: »Ich bin's nicht, sondern ein Händler, der sich auf Gold und Steine versteht. Hier in dieser Spange müßte ein schönerer sein, denn sie hat Köstliches zu bewahren.« Sein rechter Arm schlang sich um den unter der knisternden Seide weich geschmiegten Leib des Mädchens, und während seine Linke einen nußgroßen leuchtenden Karfunkelstein von seiner Brust hervorzog und ihn inmitten der Spange glühende Lichter auswerfen ließ, sagte er: »Der gebührt dorthin, vergönne seiner ärmlichen Schönheit denn, Witta Holmfeld, der Behüter holdseliger perlender Schätze unter ihm zu sein.« Das Mädchen stieß einen halb freudigen, halb schreckhaften Laut der Bewunderung von den Lippen. »Ihr redet von Sinnen – ich bin eines Goldschmiedes Tochter und kenne den Wert des Steines, den hundert Goldgulden nicht bezahlen. Der ist für eine Königin, nicht für mich!« »So trag ihn als Königin der Schönheit unter den Jungfrauen dieser Stadt! Ich begehre nicht so viel an Gold dafür, aber du weißt, ich bin nur ein Kaufmann, der seine Ware nicht hingibt, ohne sich reichen Gewinn dafür zu bedingen –« Seine Hand legte sich, wie zuvor, als sie von der Schaukel herabgesprungen, um ihren Nacken und zog ihr Antlitz heran. Doch diesmal hob Witta Holmfeld ihre Hand nicht zur Abwehr, sie kam und lag bewegungslos an dem Munde, der den ihrigen gefunden. Mit ungestümer Kraft umschlang er sie fester und raunte: »Täubchen, sträubt das Blut Venedigs auch dir dein Gefieder?« Da riß sie sich plötzlich erschreckt von ihm los und flog lautlos, einer bunten Taube gleich, im Gebüsch verschwindend, davon. Vom Hause her klirrte der Schritt Dietwald Wernerkins im Kiesgestein des Gartens, Knud Hendrikson stieß zornübermannt jäh mit dem Fuß auf den Boden, dann glätteten seine Züge sich hurtig aus, er murmelte in den dunkeln Bart: »Morgen ist wieder ein Tag,« und schritt anmutig lächelnd dem Jüngling entgegen. Unverkennbar besaß der Kaufmann zu diesem eine Hinneigung, die sich auch in der Anteilnahme kundgab, mit der er allemal vor der Nachtruhe die Rede auf das goldene Kreuzlein am Halse seines Stubengenossen verwandte. Noch sprach er nicht mißächtlich davon, wie in der ersten Nacht, sondern als trachte er danach, seine damaligen Worte vergessen zu machen. Er verkehrte sie seltsam ins Gegenteil und redete: »Hütet es wohl, Junker, Ihr findet nicht Kostbareres auf Erden! Sein Gold ist allein echt und alles andere betrügerisches Metall, das nur für kurze Frist gleißt und blinkt. Ich bin älter an Jahren als Ihr und habe mancherlei erfahren und gewonnen, doch glaubet mir, ich gäb' es gern dahin, könnt' ich mir dafür das Kreuzlein zurückerkaufen, das Ihr auf der Brust und im Herzen tragt.« Dann klang die Stimme Knud Hendriksons schwermütig wie ein im Dunkel fallendes Wasser, und Dietwald ward von jugendlich aufwallendem Dankes- und Freundschaftsgefühl für ihn hingerissen und vertraute ihm, wem zum Gedächtnis er das kleine Goldkreuz trage. Es tat ihm wohl, den Namen Elisabeths einmal dem Ohre eines Menschen zu sprechen, doch verschwieg er sorglich ihren Rang und Stand. Zum mindesten glaubte er dieses Geheimnis wohl zu behüten, aber ihm mußte zu wechselnder Stunde manches vom Munde entglitten sein, was des Kaufmanns Gedächtnis aufbewahrt und klüglich zusammengefügt, denn eines Abends stieß dieser plötzlich hervor: »Bei Graf Geerdts Tod, Ihr redet von seiner Tochter, der Gräfin Elisabeth!« und ein lautes Auslachen scholl von seinen Lippen hinterdrein, daß Dietwald Wernerkin ihn scheu verstummt und erschreckt anblickte. Doch dann fügte sein Genosse ruhiger hinzu: »Ihr spannt Euren Bogen hoch, aber ich sah sie auch schon auf meinen Handelsfahrten, zu Rendsburg bedünkt mich, und Eure Augen gemahnen mich an sie. Wär' ich ihr Bruder, ich wollt' sie Euch nicht weigern; fliegt aus als Falke und kehrt als Adler aus der Luft und holt sie aus Graf Heinrichs Taubenschlag! Das würde ein Gekreisch auf dem Hühnerhof, und braucht Ihr ein Versteck für Euch und Eure Herzliebste, da tut's mir kund, ich will Euch in sicherm Winkel bergen, daß niemand Euch ausspüren soll.« Solche Hilfszusage des Kaufmanns bot freilich für Dietwald keinen fördernden Grund, um seine Zukunftshoffnung darauf weiter zu bauen, aber die ernsthafte Bereitwilligkeit desselben, wenn es ihm möglich falle, zu nutzen und zu helfen, klang überzeugungsvoll aus seiner Stimme, und diese Zusicherung der Anteilnahme eines andern enthielt, wie allemal im Leben für Menschen, etwas Tröstlich-Ermutigendes für den jungen Hörer. Es blieb der letztere jedoch auch mehr und mehr nicht im unklaren darüber, aus welcherlei innerlichstem Grunde das Gedenken seines Herzens an Elisabeth ihm solche Teilnahme bei Knud Hendrikson erwecke, denn er nahm eines Abends durch günstigen Zufall gewahr, daß die Hand seines Freundes sich unter dem Tischrande nach derjenigen Witta Holmfelds ausstreckte und von dieser willig empfangen und verstohlenerweise umfaßt gehalten wurde. Der Goldschmied allein hatte keinerlei Acht darauf, doch der Jüngling sah es zugleich mit Freudigkeit und einem heimlichen Gefühl des Beneidens, da es ihm erschien, daß die beiden nach ihrer äußern und innern Art wohl in gleicher Weise füreinander geschaffen seien, wie das blonde Haar, die blauen Augen und der sanfte Mädchensinn Elisabeths ihm das Herz mit stiller Zaubermacht überwältigt hatten. Daß ihr Einverständnis sich in so kurzer Zeit zusammengefügt und daß sie es dem Vater hehlten, wollte Dietwald bei der ersten Erkenntnis zwar als befremdlich vorschnell und nicht nach Recht gehandelt bedünken, doch, über sich selbst errötend, gedachte er rasch danach, daß Liebe nicht nur in wenigen Tagen, sondern in einer Morgenstunde zu kommen vermöge, und daß er gewiß nicht Fug besitze, von andern vor der Zeit laut ausgesprochen zu begehren, was er selbst allen Augen und Ohren der Welt in der Brust verheimlichen müsse. So aber war für ihn der letzte Tag seines Aufenthaltes zu Wisby herangekonnnen und die Kogge lag segelbereit zur Abfahrt nach Venedig am Steindamm des Hafens. Um die Mitte des Nachmittags wollte sie in die See stechen, Peter Holmfeld rief dringliches Geschäft in seine Werkstatt, und er hatte zugefügt, von dort an das Schiff zu kommen, um seinem Gaste letzten Abschiedsgruß zu bieten. Ganz leer und lautlos lag das Haus und sonnenstill hinter diesem der große Garten, in den Dietwald Wernerkin nun hinunterschritt, um, zum Fortgang gerüstet, der Tochter des Goldschmieds und dem Kaufmann Lebewohl zu sagen. Er hatte gesehen, daß beide vor geraumer Weile zwischen die blühenden Gebüsche hineingegangen waren, doch suchte draußen sein Blick vergeblich nach ihnen umher. Da scholl plötzlich ein heller, seltsamer Schrei auf, kein Ruf nach Hülfe, doch ein Hervorringen von Lippen in jäher Schreckübermeisterung, und es rauschte und flatterte durch die Sträucher, und zwischen ihnen heraus stürzte Witta Holmfeld, den dunklen Scheitel von welkend niedergefallenen Baumblüten weiß überschüttet. Wie irrbetäubt sah sie vor sich hinaus, blutlosen Gesichts, ihre Hände hielten sich fest auf beide Ohren gepreßt, als töne etwas Schreckvolles darin nach und sie bange vor seinem Widerhall. Und nun unvermutet gewahrte sie Dietwald, flog jählings auf ihn zu, schlang, einen Halt an ihm suchend, beide Arme um seinen Nacken und stieß aus atemloser Brust: »Dich sendet mir der Himmel! Sag' du mir's! In deinen blauen deutschen Augen ist keine Falschheit! Soll ich ihm glauben, was er gelobt? Sprich, deinen Lippen vertrau' ich!« Zitternd hielt sie sich an ihm, wie ruhelos drängende Wellen schwoll ihre Brust nach Luft. Schnell aber hatte der Jüngling das zuerst Unverstandene gefaßt, sein eigenes Herz lehrte ihn und klopfte ihm die laut-freudige Antwort: »Wenn du ihn lieb hast, Mädchen – es ist nicht Köstlicheres auf Erden – wem sollte man vertrauen, wollte man dem Herzen nicht glauben, dem eigenen und dem, davon es sein Glück erhofft!« Da scholl es hinter ihm: »Das war ein Freundeswort, Dietwald Wernerkin! Nimm meins darauf, ich gedenk' es dir und deiner Liebsten, wenn's ein Tag in meine Hand gibt! Du hast seine Antwort gehört, Taube von Venedig: Wenn du mich liebst, glaube, was ich dir gesprochen!« Knud Hendrikson hatte es geredet, heiß aufglühendes Feuer der Leidenschaft loderte in seinem Blick, er faßte den Arm Witta Holmfelds und zog sie gegen sich heran. Doch es war, als halte sie sich noch an den blauen deutschen Augen – nun indes nickten diese ihr freundlich, und der Mund darunter sprach: »Ich weiß, und dein Antlitz und dein Herz reden's, du hast ihn lieb.« Da sanken ihre Arme kraftverlassen von seinem Nacken, und sie schwankte mit geschlossenen Lidern willenlos an die Brust Knud Hendriksons. Dann hatte Dietwald unter Handreichung und vollem Heilswunsch für die Zukunft von beiden Abschied genommen, denn die Abfahrtsbereitschaft des Schiffes drängte ihn, nicht länger mehr zu verweilen. Still im nachmittägigen Sonnenlicht blieb das Haus Peter Holmfelds hinter ihm, als er die gotische Türwölbung durchschritten, und eilfertig, doch mit frohblickender Miene wanderte er zum Hafen hinab, wo er kaum noch Frist traf, dem Goldschmied Dank und Lebewohl zu sprechen, denn der Schiffer hielt schon zuwartend das Steuerrohr der Kogge gefaßt. Drüben aber unter dem schweigsamen Blütengezweig des Gartens an der Stadtmauer, aus dem nur dann und wann der Lockgesang eines Edelfinken auftönte, flüsterte Knud Hendrikson, Witta Holmfeld gleich einem eingefangenen Vogel fest umschlossen haltend, mit sinnberückendem Laut: »Täubchen, was schrakst du, zu hören, wer dich begehrt, und flogst aus meiner Hand? Ich bin nur gekommen, weil der Ruf deiner Schönheit zu mir übers Meer klang, doch bei Freias Gelock, der Ruf betrog dich, nicht mich, und bei meinem Wort, ich kehre wieder, dich zu holen, wenn dein Mund treu bleibt und schweigt.« Die Augen des Mädchens blickten ihm mit zitternder Scheu, doch unmächtig, sich seiner Übergewalt zu entwinden, ins Antlitz, sie stammelte: »Mein Vater –« »Närrchen, glaubst du, er sei's?« lächelte Knud Hendrikson. »Du trägst nicht mehr Blut von ihm im Herzen als ich, sein Blick verriet's mir, wenn du selbst es meinem nicht sprächest. Du bist nicht aus der Werkstatt eines Schmiedes, deine Mutter trieb höheres Begehr, und du fielst von edlerm Stamme. Doch wer dein Vater war, er hätte den Eidam, denk' ich, nicht verschmäht, und wär's des römischen Reiches Majestät! Ich sagte dir, du seiest die Königin unter den Jungfrauen Wisbys – wenn ich zurückkomme, werden sie's mit Augen sehen! Komm, Täubchen, die Sonne ist heiß, kannst du nicht flattern, so trage ich dich ins schattige Laub!« Er bog sich nieder und hob sie, den andern Arm um ihre Knie schlingend, einem Spielzeug gleich, an seine Brust herauf. Willensberaubt, mit stockendem Atemzug lag an dieser ihr glutbrennendes Gesicht; dessen Lippen er mit Küssen bedeckte. So trug er sie hastigen Schritts am äußersten Rande des stillen Gartens einer dicht vom Gezweig umgitterten Laube zu, unter deren tiefdunklen Schatten er eintrat, als die weißen Segel Dietwald Wernerkins sich vom Ufergestein in die glänzende See hinausrollten. Viertes Kapitel. Es war eine weite Umfahrt von der weißen Felsküste Gotlands bis zum weißen Sandlido, der die Lagunenstadt vor den Stürmen des Adriameeres behütete, weit und wundersam, nur von wenigen Bewohnern der Länder Europas noch ausgeführt. Zahllose Gefahren von wilden Naturkräften, Menschenlist und -gewalt bedrohten fast unablässig das Schiff, Wind und Brandung, Klippen und Piraten, die zu jeder Stunde bei Nacht und Tag achtsame Bereitschaft erheischten. Durch den Sund zog die lübische Kogge an der noch kleingeringfügigen, nur aus wenigen zerstreuten Gassen bestehenden Stadt Kopenhagen vorüber, dann unter dem Schloß Gurre, dem Lieblingsaufenthalt Königs Waldemar Atterdag, und den Dächern von Helsingborg fort in das übel verrufene Kattegatt hinaus. Doch der Himmel begünstigte noch immer die Fahrt, so wagte sich der Schiffer von der weißumschäumten, öden Sandzunge des Skagerak geradaus durch die Nordsee zur Küste des Britenlandes und setzte an dieser entlang seinen Lauf nach Süden fort. Die Tage waren blau und die Nächte mondhell, und günstiger Wind hielt die Segel gespannt, daß es kaum zweier Wochen bedurfte, um das Fahrzeug bis an den Eingang des Ärmelmeeres zu bringen. Hier aber harrten Stürme und berghohe See unter nächtig verfinstertem Himmel, und lange Tage verrannen, in denen das Schiff, ohnmächtig kämpfend, gleich einem Spielzeug vom Wasser umhergeschleudert ward und am Abend, statt vorwärts gelangt zu sein, zurückgeworfen unter einem Ufer Schutz suchte. Der Tod umdräute das Häuflein Leben zwischen den stöhnenden, dumpfkeuchenden Holzplanken in hundertfältig wechselnder Gestalt, warf seine Wellenarme, geisterhaft flackernd wie langaufgerollte Leichentücher bis zu den knatternden Rahen empor, doch mutig vollzogen die Seeleute im Geheul der Windsbraut die Befehle des Schiffers und ungeschreckt, gleich ihnen, blickte Dietwald Wernerkin in das rings um ihn schäumende Verderben. Er hatte es zuvor nicht gewußt, und fast erstaunte es ihn selbst, daß ihn keine Furcht befiel. Ihm war's, ein Stern stehe ihm auch über dem schwarzen Gewölk unsichtbar zu Häupten und halte sein Leben in sicherer Hut, daß es hier noch nicht enden könne, sondern an ein Ziel hingelangen müsse, und er jauchzte mit jugendtrotziger Brust gegen das Toben des Sturmes. Aber doch auch waren es Wochen, mit der steten Anspannung des Leibes und der Seele bei Tag und Nacht und der Bedrohnis des Unterganges in der wilden Wasserwüste zu jeder Stunde, aus dem Jüngling ein festes Mannesherz auszureifen, das nicht in leichtgesinntem Übermut, sondern mit bedachtem Ernst der Gefahr ins Antlitz zu schauen erlernte. Dann hatten sie, ohne schweren Schaden zu erleiden, die unheilvolle See von Biscaya hinter sich gelassen und liefen am Ende des Junimonds in die breite Hafenbai der portugiesischen Stadt Lisboa ein. Wolkenlos breitete sich nun wieder der Azur und eine blendende Sonne schoß glutheiße Goldpfeile daraus herab. Dietwald Wernerkin aber wußte nicht, wohin er die staunenden Augen wenden sollte. Zur Rechten unabsehbar dehnte sich ihm das Mare Atlanticum, zog seinen Blick und seine Gedanken in traumhafte Weiten, daß er nicht zu begreifen vermochte, dasselbe könne uferlos in die Unendlichkeit hinausgehen, sondern als müsse es irgendwo auch drüben an eine wundersame Küste anschlagen. Und befremdlich erschien es ihm, daß niemand davon eine Kunde besaß, noch den Drang, sie zu erwerben, da es ihn mit einer Sehnsucht befiel, wenn er der Herr eines guten Schiffes sei, die Segel in die unbekannte Ferne, der Sonne folgend, hinauszuspannen. Dann aber mußten seine Augen und seine Gedanken sich von der Unermeßlichkeit des Ozeans abwenden, denn vor ihm rollte der breitflutende Tajostrom seine glänzenden Wasser, und darüber, am Ufergelände emporgestaffelt, von südlicher Pflanzenherrlichkeit umblüht, stiegen blickverwirrend die weißleuchtenden Häuser Lisboas unter maurischen Kuppeln und Türmen mit zaubervollem Reiz ins Blau. Gegen diese Fülle an Licht und Lebensreichtum sank die nordische Welt, selbst die stolzen Städte Wisby und Lübeck, wie in matte Nebeldämmerung gehüllt, zurück: doch ob ein fremdartiger Rausch in den Straßen die Sinne Dietwalds umgab, drang er ihm doch nirgendwo berückend bis zum Herzen hinab. Er erfreute sich der bisher von ihm ungeahnten unerschöpflichen Mannigfaltigkeit der Erde und strebte alles Bewundernswerte und Neuartige mit raschem Verständnis aufzufassen, zu ergründen und zu bewahren. Aber wenn er manchmal in dem blendenden Glanz die Augen schloß, da stand ihm drinnen vor den Lidern über allen Wundern der Fremde immer als der schönste Märchenplatz der Erde eine stillsonnige Heide mit goldenem Blumenkelch über grünschimmerndem Blättergewand, und lächelnd schritt er weiter. Der Aufenthalt der Kogge zu Lissabon dauerte nur wenige Tage, dann setzte sie ihre Fahrt durchs Gaditanische Meer fort und bog zwischen den alten Säulen des Herkules ins ›Mare nostrum‹ der einstmaligen römischen Weltherrschaft ein. Von dieser war in die stille kaum mehr als halblebendige Abgeschiedenheit Bardowieks wenig Kunde geraten, aber einiges hatte Dietwald von den Geistlichen des Domstiftes doch dann und wann vernommen und in seiner Knabeneinsamkeit zu Gebilden der Vorstellung ineinander geflochten, so daß manchmal jetzt ein Name mit seltsamem Aufklang und zu hoher Teilnahme ein halbverschollenes Gedächtnis in ihm wachrief. So stand er von der Frühsonne bis zur letzten Abenddämmerung unverwandt auslugend am Bugspriet und zog, schönheitstrunken an Augen und Seele, die immer wechselnde Farbenpracht des oft purpurn glühenden Wassers, der vorüberschwindenden leuchtenden Gestade in sich ein. Er begriff's nicht, doch ward es häufig offenbar, daß sein Blick allein auf dem Schiff von dieser wundersamen Herrlichkeit gefesselt und entzückt wurde; die andern, auch der Schiffer, schauten gleichgültig darüber hinweg und berechneten nur, wie lang es noch dauern werde, bis sie zu lustig ungebundenem Leben in Venedig anlanden würden. Freilich waren die Tage für sie mit reichlicher Mühsal verknüpft, denn die Kogge fuhr beinahe eine Woche hindurch an der schlimmsten Seeräuberküste der Erde, dem Barbaresken-Ufer Afrikas entlang, so daß die Bemannung auch bei Nacht sich unausgesetzt gegen einen Überfall auf der Wacht halten mußte. Oftmals tauchten vom fernschimmernden Strande her, über dem der Atlas das Himmelsgewölbe trug, schwarze Punkte auf und kamen als blitzschnell fliegende Piratenboote mit roten Segeln heran. Doch gemeiniglich bogen sie bei dem Anblick des von zahlreichen kraftvollen nordischen Gestalten behüteten Fahrzeuges mit rascher Wendung vorüber. Nur in einer Nacht, welche bei völliger Windstille die Kogge in totem Wasser liegen ließ, ertönte plötzlich geller Pfiff und betäubendes Geschrei rings um den Schiffsrumpf, und als Dietwald, dem die Lider von der heißen Tagwacht niedergefallen waren, zum Deckraum hinaufflog, kletterten schon von allen Seiten katzengleich behende, halbnackte Gestalten an den Plankenwanden empor und schleuderten lodernde Pechfackeln vor sich auf. Doch der junge Führer der Söldnerschaft des bedrohten Fahrzeuges verlor nicht um eines Augenblickes Länge die ruhige Besonnenheit, sondern erteilte, einem furchtlos wohlerfahrenen Kriegsmanne gleich, einem halben Dutzend seiner Gehülfen den sichern Befehl, lediglich mit Wasserschläuchen und Zubern auf die Fackeln zu achten, um das Schiff vor dem Brande zu bewahren. Die andern sonderte er hurtig in vier Häuflein und hieß sie, unbekümmert, ob einzelne der Angreifer den Bord bereits erklommen, auf den Deckkastellen bereit lagernde Balken und schwere Steine in die leichten Barken der Piraten hinabschleudern, während er selbst allein sich unerschrocken den ersten, unter wildem Triumphgeschrei heransprengenden Feinden entgegenwarf. Sein Schwert spaltete mit wuchtigem Hieb dem vordersten den schwarzhaarigen Kopf mitten auseinander und traf den nächsten, der tigerhaften Vorsprungs nach seinem Nacken packte, verwendeten Arms mit dem Gefäßknauf auf die Stirn, daß er taumelnd in die Knie brach. Drunten erhob sich ein Wut- und Schreckgeheul aus den von den Wurfgeschossen getroffenen und umgestürzten Booten, deren Insassen nicht zur Unterstützung der Voraufgedrungenen nachzufolgen vermochten und in dichtem Gedränge durcheinander ins Wasser hinunterkollerten. Immerhin zwar kämpfte Dietwald auf dem Deck zwischen den Kastellen mit einer Handvoll von Verteidigern noch gegen mehr als zwiefache Überzahl, aber da diese sich von nachrückendem Beistand abgeschnitten sah, gebrach ihr mit jedem Augenblick mehr die Entschlossenheit. Bald wandten einige scheu den Kopf nach eigener Rettung um, da und dort sprang einer feigmütig über die Schiffswände zurück; nun rief der junge Anführer lauttönend: »Fangt die Schurken lebendig, damit wir sie der Stadt Venedig zum Gastgeschenk mitbringen!« und von seinem Beispiel mitgerissen, warfen seine Genossen sich mit einem grimmigen nordischen Auflachen wider den Rest der mutlos bestürzten, keine Gegenwehr mehr leistenden Seeräuber. Die Hälfte der letzteren entkam noch in wirrer Flucht, doch fast ein Dutzend ward überwältigt und mit Stricken gebunden; wunderlich hatten die rotlodernden Fackeln das wilde Getümmel überleuchtet und sandten ihren Flackerschein zu seiten der Kogge auf die See hinaus, wo die noch ungeschädigt verbliebenen Piratenbarken hastig davonruderten, um dem Pfeilbereich der zwischen sie hineinzielenden Armbrustschützen zu entrinnen. Es mochte seit dem Beginn des Überfalls kaum eine Viertelstunde vergangen sein, als ringsum laut- und leblose Stille der Nacht wieder um das Schiff gebreitet lag, nun hob sich zugleich jetzt ein günstiger Wind und trieb, das Segelwerk fröhlich aufbauschend, das Fahrzeug gegen den ersten blassen Morgenstreifen im Osten weiter. Der Schiffer aber sprach: »Herr Johann Wittenborg hat wohl gewußt, daß er fürsorglich bedacht gewesen, als er die Kogge Eurem Mut und Arm und trefflicher Umsicht anvertraut, Herr Junker, denn ohne Euch wäre sie sicherlich niemals in den Travehafen zu Lübeck zurückgelangt.« Als nun aber nach Ablauf einer weiteren Woche hinter dem weißen Lido die hohe Domkuppel des heiligen Markus und zahlreiche andere Türme umher vor dem erwartungsvollen Blick Dietwalds in die goldene Luft stiegen und bald darauf die Kogge, stattlich über den heitern Lagunenspiegel einhergezogen, an der felsgemauerten Schiffsriva den Anker fallen ließ, da verbreitete sich rasch in allen Gassen Venedigs die Kunde von der Ankunft der seltenen hochnordischen Gäste, der Gefahr, die sie glücklich bestanden, und der eigenartigen Mittelmeersbeute, die sie mit sich gebracht. Männer und Weiber des Volkes drängten in dichten, lautbeweglichen Haufen herzu, um mit eigenen Augen der gefürchteten barbareskischen Piraten ansichtig zu werden, von denen der Handel und die Seeherrschaft der Republik noch gefährlicher als von ihren mächtigen Nebenbuhlerinnen an den Küsten Italiens bedroht wurden. Dietwald Wernerkin jedoch kleidete sich alsbald in ein zu Wisby erstandenes ansehnliches Gewand und ließ sich in den unfern belegenen Dogenpalast führen, wohin ihm der Ruf schon vorausgeeilt war, so daß ihm nicht nur eine Anzahl von Mitgliedern der hohen Signoria in vornehmer Haltung, doch neubegiererfüllten Blicks, sondern selbst der Doge Giovanni Delfino im großen mit buntem Marmorestrich bedeckten Saale entgegentrat. Der Gewalt desselben gab der junge Schiffsgeleitsmann die gefangenen Seeräuber anheim und überreichte dazu als ein Geschenk des Rates von der Stadt Lübeck eine kunstvoll geschnitzte Eichenholztruhe, bis zum Rande mit kostbaren großen Bernsteinfundstücken der Ostsee angehäuft. Zwar war er unfähig, sich der italienischen Sprache zu bedienen, und mußte seine Worte von einem Dolmetscher übertragen lassen, doch die Mienen der Nobili und des Dogen gaben übereinstimmend kund, daß sein jugendfrisches, gewandtes und doch würdiges Behaben, die freimütige und zugleich bescheidene Art seiner Anrede in der unverstandenen Zunge bei ihnen allen günstigsten Eindruck wachriefen und den niederdeutschen Ankömmlingen bereitwillige Aufnahme und Förderung zu Venedig verhießen. Einigermaßen erstaunt aber gewahrte Dietwald die dort übliche außerordentliche Geschwindigkeit der Rechtspflege und Vollstreckung eines Urteilsspruches, denn als er nach Verlauf nur weniger Stunden zur Kogge zurückkehrte, sah er an der Riva über einer unermeßlichen Menge von schwatzenden, lachenden, singenden und augenblitzenden Menschenköpfen bereits sämtliche Piraten stumm und regungslos an den hohen Rahen einer Staatsgaleere ausgehängt. Selbstbegreiflich aber mit der größten Anteilnahme und freudiger Zuvorkommenheit ward der junge nordische Landsmann von den Insassen des Fontego de' Tedeschi nahe am Canale grande empfangen. Freilich fiel es ihm im Beginn fast kaum weniger mühsam, die oberdeutsche Sprache der Kaufleute aus Regensburg, Augsburg, Nürnberg und den andern bedeutsamen Handelsstädten im Norden des Alpengebirges zu verstehen, als die der Venezianer, doch ihre Hände und Augen redeten genugsam von der Befriedigung, mit der sie den Zuwachs ihrer Landsmannschaft begrüßten, und sie räumten ihm bereitwilligst sofort ein Gemach im Kaufhof zu seiner Unterkunft ein. Dieser hatte sich seit dem Aufenthalt Peter Holmfelds ausnehmend zu seinem Vorteile verwandelt, war mit prächtigen Galerien geschmückt, mit prunkvollen Sälen und mehr als einem halben Hundert wohlausgestatteter Wohnräume versehen worden und legte beredtes Zeugnis von dem Reichtum ab, den sich der Handelsbetrieb der deutschen Kaufgilde in Venedig erwarb. Allein Dietwald nahm bald gewahr – obzwar die Signoria auch gegenwärtig noch die »deutsche Nation« manchmal »ihr Herzblatt« hieß, wenn sie in den vollen Geldtruhen derselben ein Anlehen für ihren bedürftigen Staatssäckel zu machen erhoffte – daß der glänzende Außenschein nicht in allem einer ebenso erfreulichen Wesenheit entsprach. Der Fontego de' Tedeschi glich in seinen Macht- und Rechtsbefugnissen keineswegs den stolz-unabhängigen und selbstherrlichen »teutschen Kaufhöfen« des Hansebundes zu Bergen, London, Brügge, Wisby und Nowgorod, sondern der Markuslöwe hielt mit scharfer Acht und drückender Wucht seine starken Tatzen daraufgelegt. Die Obergewalt über das weite Handelsgehöft stand nicht den deutschen Inhabern, sondern dreien Cittadini mit Namen Visdomini al Fontego de' Tedeschi zu, die zusamt ihren Schreibern und einem Fontegaro im Hause ihren Wohnsitz einnahmen und die Schlüssel desselben in Händen hielten. Ihrer Aufsicht unterlag der Geschäftsverkehr aller Waren, die Einfuhr und Ausfuhr, das Wagerecht, der Verkauf, welcher lediglich an Angehörige der Republik verstattet war. Zu so vielfältiger Beschränkung und lästigem Zwange gesellte sich eine erhebliche Zahl an die Stadt zu erlegender Gefälle und Abgaben, und der Neid der eingeborenen Bevölkerung gegen die reichen Fremdlinge ließ die Geschäftstätigkeit und Rechtssicherheit der letzteren zu unruhigen Zeiten manchmal durchaus nicht als neidenswert erscheinen. Um so willlommener mußten sie das Eintreffen eines jungen Landsgenossen von edler Geburt begrüßen, der im Dienste der mächtigen nordischen Hansa stand und obendrein durch die Bewältigung und Mitführung der Seeräuber bei den Vornehmen und dem Volke Venedigs den deutschen Namen mit Verdienst und neuem Ansehen bedeckt hatte. Dazu kam jedoch noch ein anderes, um Dietwald Wernerkin im Fontego de' Tedeschi eine besondere Aufnahme zu bereiten. Er hatte auf der langen Seefahrt viel und ernsthaft überdacht, und immer deutlicher war ihm die Erkenntnis gekommen, daß nicht in oftmals eitlem, ritterlichem Gebaren und Waffengepränge, sondern weit mehr in der Wissensfülle und Herrschaft des menschlichen Geistes über die tausendförmigen Gestaltungen und Erzeugnisse des Erdbodens das höchste und rühmlichste Ziel des Lebens zu gewahren sei. Als ein leuchtendes Vorbild solches Kenntnisreichtums, tätiger Kraft, Klugheit und hohen Sinnes stand ihm Herr Johann Wittenborg vor Augen, der im Beginn seiner Jugend auch nur Lehrgehülfe im Handlungsgeschäft eines Kaufherrn zu Lübeck gewesen, und Dietwald hatte von fern die Markuskirche mit dem festgewonnenen Entschlusse begrüßt, der Geschlechtsüberlieferung seiner Väter nicht an seinem Teil fürder nachzutrachten und nicht gleich ihnen mit ärmlichen Einkünften, ohne Einfluß und Gültigkeit in der Welt tatenlos leere Anmaßung auf ritterbürtigen Stand und Namen zur Schau zu tragen, sondern zu Venedig Unterweisung in den Wissensbedürfnissen und Befähigungen für die Ausübung des Handelsgewerbes zu suchen. Und nachdem nur wenige Tage verronnen waren, führte er seine Absicht mit unbeirrbarer Willensfestigkeit aus, indem er wie ein gewöhnlicher Neuling bei einem der deutschen Kaufherrn des Fontego in die Lehre trat und eifrig von der untersten Stufe an den Betrieb des Geschäftes zu erlernen begann. Er scheute nicht vor den niedrigsten Dienstleistungen körperlichen Handlangertums zurück, sich Fertigkeit im Verpacken von Waren, sicherm Umschnüren von Ballen und Zimmermannsgeschick beim Öffnen und Schließen von Kisten zu erwerben; bald jedoch kam ihm seine unter den Junkern der Zeit nicht häufige Kunst des Lesens und Schreibens jetzt außerordentlich zu statten, da sein Lehrherr eines vertrauenswürdigen Gehülfen der Schreibstube dringend benötigt ward und seinen eigenen Vorteil nicht besser wahren zu können erkannte, als indem er Dietwald für diesen wichtigen Beruf ausersah. Denn der junge Kaufmannslehrling legte in kurzer Zeit ein so rasches Auffassungsvermögen und ruhig-sicheres Urteil an den Tag, daß sämtliche Teilhaber des Fontego oftmals nicht wenig über den umsichtigen Klarblick des jugendlichen niederdeutschen Kopfes erstaunten. Ja, es geriet ihnen bald zur Gewohnheit, in schwierigen Fällen zuvor seinen Ratschlag einzuholen, dem sie auch nicht selten wider eigne anfängliche Meinung zu ihrem Nutzen Folge leisteten. Sie mochten im Beginn nicht allzuviel Zutrauen in die Ausdauer des adligen Jünglings gesetzt haben, doch als nicht nur Monde, sondern ein halbes Jahr verrann, in welchem er täglich mit der gleichen Unermüdlichkeit bei seiner standeswidrigen Arbeit verharrte, da konnte es ihnen nicht Zweifel belassen, daß er seinem neuerfaßten Beruf mit vollem Ernst, sich darin nach jeder Richtung zu vervollkommnen, obliege. Für Dietwald aber war es ein Tag hoher Befriedigung, wie er zum erstenmal als Vergelt seiner Tätigkeit aus der Hand seines »Prinzipals« ein halbes Dutzend florentinischer Goldflorinen empfing und diese ihm den Beleg ins Auge funkelten, daß er nicht allein mehr ein für seinen eigenen Nutzen Lernender, sondern bereits ein lohneswürdiger Mitförderer des Gewinnes seines Handelsgeschäftes sei. Trotz seinem emsigen Fleiß indes blieb ihm genugsam Muße, alle Seltsamkeit und Sehenswürdigkeit der Lagunenstadt mit täglich wachsendem Verständnis zu betrachten, sich mit den Einrichtungen, Gesetzen und der Verfassung der mächtigen Republik im Innersten vertraut zu machen und obendrein das heitere Leben des schönen Südlandes mit jugendlicher Freudigkeit zu genießen. Die heiße Sonne Venedigs hatte sein schon von der Meerfahrt ziemlich an Farbe verändertes Gesicht noch tiefer gebräunt. Und er zog in seiner hochkraftvollen germanischen Körpergestalt mit dem länger wachsenden blonden Vollbart und den himmelblauen Augen überall in den engen Gassen die Blicke der Eingeborenen auf sich, die er zumeist um Kopfeslänge überragte. Besonders aber schauten ihm die Frauen und Mädchen aus Tür und Fenster bewundernd nach, und manch verheißungsvoll aufglühender Sternblitz schwarzer Augen grüßte ihm ins Antlitz. Er hatte schnell die italienische Sprache soweit erlernt, um alle bräuchlichen Tagesreden zu verstehen und darauf zu entgegnen, und er erwiderte stets einen derartigen Blick und wohl hinzugeselltes deutungsreiches Wort mit frohsinnigem Gruß und artiger Antwort, die seine Bewunderung der ihm dargebotenen Anmut und Schönheit kundgab. Noch vermochte keins der Mädchen Venedigs sich laut oder im geheimen zu berühmen, daß es jemals zwischen seinen Lidern einen Funken zum Aufglimmen gebracht und eine schweigsame Erwiderung des stummberedten Augengrußes mit sich heimgebracht habe. Verwundert nahmen die andern jungen Gesellen des deutschen Kaufhofes dies gewahr, welche die Gunst, deren sie sich vielfach bei den hübschen Töchtern der Stadt erfreuten, nicht ungenutzt ließen und sich bei mancher derselben noch besonderes Anrecht auf den Namen eines »Herzblatts« erwarben. Aber in Dietwald Wernerkins fröhlicher Miene lag, wenn die Rede auf Liebesgetändel verfiel, ein ernsthafter Ausdruck, daß sie sich scheuten, wie wohl bei sonstigen ihrer Genossen, über seine Abwendung von leichtlebigem Verkehr mit schönen Minen zu spotten oder selbst ihn um den Anlaß dieser ihnen unverständlichen Enthaltung zu befragen. Denn in allem andern gemeinsamen jugendlichen Betreiben überbot er sie unbestritten an Kraft, körperlicher Gewandtheit und zagloser Kühnheit. In der Kunstfertigkeit des Hiebfechtens, des Schwimmens und bald auch des Ruderns vermochte keiner mit ihm zu wetten, und in gleicher Weise hütete jeder sich, mit anders als harmlos neckischem Wort die stete Schlagfertigkeit seiner treffenden Entgegnung herauszufordern. Die zu Bardowiek in Träumerei eingewiegten Geisteskräfte des jungen Mannes hatten sich, denen seines Körpers entsprechend, mit überraschender Schnelligkeit entwickelt, als hätten sie zu ihrer Reife nur der heißen Sonnenstrahlen Italiens bedurft. Am liebsten jedoch unter allen Muße-Erholungen seiner Arbeit bestieg er abends eine der zahlreichen, dem Kaufhof angehörigen Barken und durchruderte, bald schnell dahinfliegend, bald langsam weitergleitend, allein das Labyrinthgeflecht der großen und kleinen Kanäle der Inselstadt. Besonders in der glanzhellen Mondnacht überkam ihn aus den schweigend dann herabblickenden Palästen von rotem und weißem Marmorstein ein Vollgefühl und wachsendes Verständnis der Würde, Schönheit und Bedeutung der Baukunst, und zugleich erschloß sich seinem innern Auge der Zusammenhang des Gegenwärtigen mit dem Vergangenen, wie alles aus kleinen Anfängen entspringe und durch den Fortschritt der Menschenerkenntnis, die Verbindung der leiblichen und geistigen Kräfte vieler, ihre Unterordnung unter Gesetz, Gemeinwohl und weise lenkenden Willen zu solcher Blüte emporgedeihe. Oft und gern stand Dietwald Wernerkin mit gedankenvollem Blick vor den beiden hohen Granitsäulen auf der Piazetta, deren eine schon vor beinahe dritthalb Jahrhunderten durch den Dogen Domenico Michieli von einem siegreichen Kreuzzuge aus Syrien heimgeführt, das geflügelte Erzstandbild des Markuslöwen trug, und bei seinem Anblick ging wechselreiche Geschichte der Zeiten und Menschengeschlechter dem Gemüt des Betrachters vorüber. Daran gedachte die immer lärmende, streitende, lachende und lustige Volksmenge um ihn her freilich nicht, die nur dem Gewinn, Verlust und Vergnügen des heutigen Tages lebte, doch um so mehr befiel es Dietwald mit einem seltsam über die Lagune herwehenden Ernst, wenn er das schweigsame eherne Gedenkzeichen anschaute, das immer gleich auf soviel Gedränge stets ebensolcher, nur den Augenblick haschender Köpfe heruntergesehen. Nachdenklich schritt er dann über den Markusplatz heim, auf dem ein Gewimmel zahmer, dunkelfarbiger und buntschillernder Tauben ihm kaum vor dem Fuß zurückwich. Da kam ihm allemal das Gedächtnis an die »Taube von Venedig«, wie Knud Hendrikson Witta Holmfeld benannt, und der Name erschien ihm wohlzutreffend, da das Mädchen ihn jetzt, wie er sich ihr Bild in der Erinnerung wachrief, nach äußerer und innerer Art als eine echte Venezianerin bedünkte, die keinen Tropfen ernsten nordischen Blutes zur Mitgift empfangen, sondern, einzig der Verlockung augenblicklicher Lust nachfolgend, sich wie eine flatternde Taube im heißen Sonnenlicht schaukelte. Dergestalt war nicht allein Sommer und Herbst, sondern auch der milde Winter Venedigs über den jungen Sohn des Sachsenlandes hingegangen, fast ohne daß er in seiner eifrigen Tätigkeit einen Wechsel der Jahreszeiten bemerkt hätte. Nur dann und wann sagte ihm einmal der ferne Anblick der weit gen Nord wie aus glänzendem Silber gehauenen tiefverschneiten Alpenzacken, daß dadrüben hartstarrender Winter die Herrschaft führe; sein Tagesbetrieb erlitt keine Wandlung dadurch, und die Monde schwanden seiner Lernbegier wie auf Flügeln vorüber. Freudig sah er sich dem Ziel seines arbeitsamen Trachtens stets näher gerückt, daß er von Tag zu Tag tieferen Einblick in das mannigfaltige Wesen des Handels gewann, und nach dem goldenen Lohn, den sein Gurt immer reichlicher anhäufte, durfte er sich wohl bereits als einen verdienstlichen und wertvollen Genossen im Geschäfte seines Augsburger Kaufherrn betrachten. So bat dieser selbst ihn, sich einmal Ruh und Rast zu vergönnen, und an einem Sonntagmorgen ruderte Dietwald in einer Gondel über den Lagunenspiegel zum Lido hinüber. Es war ein sonnenfunkelnder Tag um das Ende des Februars, leuchtend und flimmernd lagen Nähe und Weite, und die Barke anlandend, warf er sich in den warmen Sand der einsamen Landzunge. Er konnte indes das Gedächtnis seiner täglichen Beschäftigung nicht hinter sich lassen, Zahlen und Berechnungen kreuzten sich in seiner zurückgelegten Stirn durcheinander. Doch plötzlich rissen sie jählings entzwei, er wußte nicht wovon. Dann horchte sein Ohr auf, und über ihm kam aus dem Blau ein heller Ton herab. Ein erster Lerchenruf des einziehenden Frühlings war's, und er flog hastig, wie von unsichtbaren Händen emporgerissen, in die Höhe. Da grüßten nordwärts in weitem Bogen die weißglänzenden Alpenberge, und mit einer unsagbaren, lautpochenden Sehnsucht schlug auf einmal das Herz Dietwald Wernerkins über den fernen Eiswall des Deutschen Reiches hinüber. Ihm war, als könne er's nicht tragen, sondern er müsse, gleich den Möwen um ihn, Flügel ausspannen, durch die blaue Luft fortsegeln: immer silbertöniger jubelte es über ihm, der ganze Himmel schien von Lerchengesang angefüllt, blieb ihm klingend im Ohr, auch als er in die Gondel zurückgeeilt, und begleitete ihn heim bis an den Kaufhof zwischen dem Häusergewirr Venedigs. Dort nahm er stumm an der gemeinsamen Mittagsmahlzeit teil, bis das Trachten seiner befremdeten Genossen sich darauf verwandte, ihn mit Scherz und Witzspiel aus seiner ungewohnten Schweigsamkeit aufzunötigen. So trank er zuletzt gegen seine bräuchliche Enthaltsamkeit eine Bottiglia feurigen Weines – der helle Klang der feinen venezianischen Gläser tönte ihm wieder wie Lerchengeschwirr um die Sinne, doch jetzt nicht märchenlieblich nur, sondern hoffnungsfreudig zugleich, und als sei ihm Köstliches verheißen, flossen seine Lippen nun von jugendlichem Übermut und Frohlaune über. Nach Beendigung der Mahlzeit begab die deutsche Tischrunde sich vor die Tür des Fontego ins Freie, wo man auf den offenen Platz am großen Kanal dicht neben der Rialtobrücke hinuntersah. Dort hatte sich viel Volk zur Sonntagnachmittagsbelustigung zusammengesellt, Schiffer lagen gestreckt in ihren Barken und sangen Antwort-Ritornelle hinüber und herüber, andere saßen auf dem sonnigen Ufergestein und erzählten aufhorchendem Kreis gläubig bestaunte Wundermären. Finger wurden blitzschnell im Moraspiel hin und wieder geworfen, und lautes Zankgeschrei brach zwischen die Zahlenrufe hinein. Doch am meisten fesselte Augen und Ohren ein Gaukler, der affengleich behende Gliederverrenkungen zur Schau gab und auf ausgespanntem Seil über den Köpfen der jauchzenden Zuschauer tanzte. Daneben hatte er einen hohen, fest in die Erde gefügten Mastbaum emporgerichtet und rund um ihn kurze, mit der Spitze nach oben gewandte Schwerter aufgepflanzt. Nun verließ er das Tau, schnellte sich mit einem Katzenansprung an den Mast, erkletterte diesen bis zur halben Höhe, daß über ihm der Holzschaft, wie im Fall begriffen, weit hin und her schwankte, und befestigte in der Mitte eine weiße Fahne mit dem schwarzen Markuslöwenbilde darauf. Dann kam er, geschickt die unten drohende Gefahr vermeidend, an den Boden zurück und rief: Wer es wage, die Fahne herabzuholen, dem sei sie eigen und als Lohn seines Mutes zugleich ein Kuß von den wunderherrlichen Granatlippen Signorinas, der schönsten donzella di Venezia la bella. In der Tat stand ein Mädchen von ausnehmender, jungblühender Schönheit neben ihm und warf verheißungsvoll lachende Augen über die Menge umher, doch niemand fand sich, um den gefährlichen Preis zu wetten, und der Gaukler schritt mit einem Zinnteller umher und wiederholte stets mit possenhaft überzeugungsvoller Miene: Wer den größern Mut besitze, von solchem Lohne abzustehen, der werde wohl empfinden, daß er für die Erhaltung seines Lebens die dankbare Verpflichtung habe, einen ärmlichen Bajazzo zum Hochzeitkleid der Signorina beizusteuern, die im Begriff stehe, einen der vornehmsten Nobili der großmächtigsten Republik zu heiraten, sie wisse nur noch nicht, welchem von ihnen sie die Glücksgunst ihrer Wahl zuteil werden lassen sollte, da keiner sie dem andern zu lassen gewillt sei. Lautes Gelächter der Hörer antwortete, und die kupfernen Münzen klapperten auf den Teller des Einsammlers, von Rufen begleitet: »Für einen messingenen Stirnreif – für einen bleiernen Armring – für eine Strumpfzwickel Signoras, wenn sie Strümpfe bei der Hochzeit trägt – für ein Hanfband, falls daß Signora der Wunsch kommen möchte, es sich nach der Brautnacht um den alabasternen Hals zu knüpfen!« So scholl es belacht und beklatscht umher, bis eine Stimme lauttönig dem Herumschreitenden zurief: »Dort bleib von weitem, da sind Deutsche; sie küssen gern die schönen Dirnen von Venedig, aber sie sind vorsichtige Handelsleute, es muß nichts kosten an Blut und Gold!« Helljauchzender Beifall der Menge stimmte den Worten zu und verriet, daß sie erfreut den Anlaß aufgriff, ihrem Neid über den Wohlstand der Fremdlinge derartigen Ausdruck zu verleihen; der Sammelnde, der an die zuschauenden deutschen Kaufleute geraten, wiederholte mit einer spöttischen Ehrfurchtsverneigung: » Ahi, son' Tedeschi, rivoltate il piattello! « und die Bajocchi in seine hohle Hand schüttend, drehte er, vorübergehend, den Teller um. Dann jedoch hielt er sichtbar erstaunt an, Dietwald Wernerkin war plötzlichen Schritts in die Tür des Fontego zurückgeeilt, kam wieder hervor und wandte sich kurzen Worts: »Ich halte Euer Gebot,« dem Mastbaum zu. Der heiße Mittagswein füllte seine Augen noch mit kühn-übermütigem Glanz, daß es ihn unwiderstehlich trieb, den herausfordernden Spott der Italiener nicht wie sonst kaltblütig zu tragen, und ehe die meisten auf dem Platz noch wußten, was geschah, hatte er den glatten Holzstamm umfaßt und rang sich kraftvoll-behend daran empor. Sein Körpergewicht mochte das des schmächtig-hagern venezianischen Turnkünstlers fast um das Doppelte übertreffen, der Mast schwankte wie von einem Sturm gerüttelt und schien in jedem Augenblick mit dem Niedersturz seiner Last in die tödlichen Schwertspitzen zu drohen. Doch ungeschreckt kletterte der junge Wettbewerber aufwärts, ein lautes Getöse unter ihm, wohl der Bewunderung, aber nicht freudigen Beifalls, kündete, daß er die Fahne erreicht habe. Dann indes ward es atemlos still und alle Blicke starrten aus weitoffenen Wimpern hinauf, denn Dietwald ließ den Preis unberührt, schwang sich an ihm vorüber, noch um die Länge seiner Gestalt an dem unheimlich krachenden Mastbaum höher empor. Da hielt er an, griff in seine Brust und zog etwas Weißes hervor, das er zuvor eilig aus dem Kaufhofe geholt und nun an dem Holz befestigte. Dann glitt er rasch herab, schwang sich in weitem Sprung über die Schwerter zu Boden, und manneshoch über dem Markuslöwen droben flatterte im Windzug auf einer Fahne der neue zweiköpfige Kaiseradler des Deutschen Reiches. Die Volksmenge stand verdutzt und wußte nicht, ob sie den kühnen Obsieger beklatschen solle oder nicht, er aber trat schnell auf die junge Preisverleiherin zu, die dem schönen blonden Germanen halb mit unsicherer Scheu, halb mit bereitwillig verheißenden dunklen Augensternen entgegenblickte. Doch vor sie hingelangt, verneigte er sich artig und sprach lächelnd: »Ich tat's fürs Deutsche Reich, Signora, nicht um Euren neidenswerten Lohn, den Ihr Eurem beglückten Bräutigam heute abend in der Gondel zu dem seinigen dreinreichen mögt. Verstattet mir dafür, daß zu meinem Gedenken an Eurem Hochzeitstage sich die schönste Stirn Venedigs mit der köstlichsten Blumenzier Eurer ruhmvollen Stadt bekränzt,« und der Sprecher legte mit fürstlicher Freigebigkeit einen Goldgulden auf den Zinnteller des neben ihm stehenden Gauklers. Trotzdem malte sich in den Zügen des schönen Mädchens Enttäuschung, als hätte sie lieber, statt das reiche Geschenk zu empfangen, selber den wohlverdienten Preis ausgeteilt; doch von allen Lippen der leichtbeweglichen venezianischen Volksmasse brach jetzt über das ritterlich feine und edelsinnige Behagen des jungen Fremdlings ein brausender Jubelsturm: » Evviva il Tedesco! Il nobile! Il generoso!« Da tönte eine machtvoll überhallende deutsche Stimme drein: »Das war gute Tat, die dem deutschen Namen Ehre zugefügt in fremdem Lande!« Und wie die Köpfe und auch der Dietwald Wernerkins herumflogen, hielt inmitten der Rialtobrücke, von reisigem Geleit umgeben, auf gepanzertem Streitroß eine hohe, stahlumfunkelte Rittergestalt, auch blond von Haar am Rand des emporgeschlagenen Visiers und mit hellblauen Augen dreinschauend. Der Rufende, der noch jung, kaum an die dreißig Jahre zählen konnte, hatte bereits seit einiger Weile unbeachtet als Zeuge des Vorganges droben sein Pferd angehalten, nun ritt er mit dem Gefolge abwärts, gegen Dietwald hinan und fragte artig, doch mit einem Ton, aus dem die Gewöhnung des Gebietens vernehmlich aufklang: »Wer seid Ihr? Mich bedünkt, in Eurem Mute fließt kein Handelsblut eines Kaufmanns.« Der Angeredete verneigte sich vor dem Fremden und entgegnete mit ruhiger Zuversicht: »Ihr beirrt Euch, Herr Ritter, denn ich bin ein Dienstmann der edelsten Hansestadt Lübeck und trachte nach der Auszeichnung, einstmals auch ihrem hochmächtigen Handelsstand angehören zu dürfen, ob Ihr Euch gleich darin nicht täuscht, daß meiner Vorväter Blut von alters her wohl mit dem Eurigen in die Wette rinnen mag.« »Ihr redet kecklich, doch wer sein Leben an den Preis deutscher Ehre gesetzt, mag's,« gab der Ritter zu kurzer Antwort. »Wie benennt Ihr Euch und von wannen kommt Ihr hierher?« Dietwald erwiderte auf die Fragen, der Fremde ließ wohlgefällig den Blick auf ihm weilen und versetzte: »Ich bin der lobesamen Kaufgilde der gemeinen Hanse, insonders der Stadt Lübeck, wohlzugetan. Suchet mich, wenn's Euch gefällt, heute abend in der Herberge zur Crociata am Canale della Giudecca. Da wollen wir erproben, ob Euer Blut meinem beim Cyperwein stand hält, Junker!« Er ritt mit einem klangvollen Auflachen, ohne weiteres beizufügen, vorwärts. Dietwald sah der stolzvornehmen und doch anmutend gewinnenden Hochgestalt wortlos befremdet nach, bis ihm einfiel, daß er nicht einmal den Namen des Ritters in Erfahrung gebracht. Nun wandte er sich an den Letzten des vorüberkommenden Geleites und fragte: »Wer ist Euer Herr?« »Kennt Ihr ihn nicht?« entgegnete der Befragte mit einiger Verwunderung. »Man nennt ihn weit im Abend- und Morgenland. Es ist Graf Heinrich, der Eiserne zubenannt, von Holstein, der von Damietta zurückgekommen, neue Schwerter für König Ludwig den Heiligen von Frankreich wider die Ungläubigen zu werben.« Doch Dietwald Wernerkin vernahm die letztere Erläuterung kaum mehr. Das Blut war ihm plötzlich glutrot ins Angesicht heraufgeschossen, er wiederholte stammelnd: »Graf Heinrich von Holstein – vermeldet Eurem Herrn, daß ich ihm schuldigen Dank für seine Gunst wisse und nicht säumen werde, ihm am Abend meine Achtung zu erweisen.« Und wie von der Betäubung eines Schwindels erfaßt, blickte er stumm hinter den Davonziehenden drein. Sein Herz klopfte nur eines: das war die Erfüllung der Ahnung einer wundersamen Köstlichkeit, die ihm heute die Brust angeschwellt, daß er hier in der weiten Fremde mit dem Bruder Elisabeths zusammengeführt worden und es in seine Hand gegeben lag, um dessen Wohlgefallen zu werben. Er begriff's jetzt kaum, daß er den jungen Grafen nicht an der Ähnlichkeit mit seiner Schwester erkannt habe, denn es waren die gleichen blondumrahmten und blauäugigen Züge, nur ohne den sanften, traumhaften Blick und das sonnige Lächeln Elisabeths; kurz, scharftönig und herrisch gewöhnt, regte sich der Mund des eisernen Grafen. So vollendeten Gegensatz in allem sein Antlitz zu einem dunkelumlockten bot, es kam Dietwald, daß ihn etwas sonderbar an Knud Hendrikson gemahne, er wußte sich nicht zu sagen, was. Aber sein Herz schlug dem ruhmesvollen Bruder Elisabeths freudig und hoffnungsreich entgegen, die Gunst desselben, mit der das Zufallsglück ihn beschenkt, weiter zu gewinnen. Das gelang ihm auch ohne Kunst und Müheaufwand lediglich durch sein eigenes Selbst, sein treffendes Urteil, sein ehrerbietig-bescheidenes und doch offen-freimütiges Wesen. Zwar vermochte er es am Abend beim Becher nicht mit Graf Heinrich aufzunehmen, daß dieser stolz lachte: »Ihr seht, Junker, mein Blut ist doch noch etwas über Eurem zu Bardowiek!« Doch Dietwald entgegnete ohne Zaudern: »Ihr besiegt den Wein, ich aber muß erst erlernen, mich nicht von ihm besiegen zu lassen. Der Lehrling soll es dem Meister nicht gleichtun wollen, damit er nicht nach Verdienst in Schande fällt.«– »Habt recht,« versetzte Graf Heinrich, »ob's zwar bei vielen, die sich Edle heißen, dafür gilt, halte ich's doch nicht für Ruhm, trunken zu sein, und besser, den Kopf überm Tisch zu tragen als darunter. Hättet, wie ich vernommen, Euer Schiff schwerlich hierher gebracht, Junker, wenn der Wein Euch an der Barbareskenküste das Hirn dunkel gemacht. Da habt Ihr Euch nicht als ein Lehrling gebart, vielmehr als Meister, trotz Eurer Jugend, und wenn's mir Gewichtiges zu vollführen gälte, würd' ich allemal lieber solchen damit betrauen, der offen spräche, er fürchtet sich vor dem Wein, als der prahlte, er lasse sich von keinem Humpen ins Bockshorn jagen, ihn auf einen Zug auszuleeren. Trinket drum nach Eurem Maß, mich erlustigt die volle Kanne, aber fröhlicher macht's mich heute, gute sächsische Augen vor mir zu gewahren!« Von diesem fröhlichen Gefallen legte Graf Heinrich mannigfach Zeugnis ab, und es war auch ein gar erheblicher, sich rasch kundgebender Unterschied zwischen der geistigen Bedeutsamkeit, dem klugen Verstande und der kenntnisvollen Rede Dietwald Wernerkins und den ritterlichen Geleitsleuten, die am Tische mitsaßen und den Mund kaum zu anderm als zum häufigen Ausleeren ihrer Becher zu besitzen schienen. Graf Heinrich ließ sich Näheres von der Vergangenheit seines jungen Gastes berichten und hörte ihm mit Teilnahme zu. Fast stand Dietwald im Begriff, von seiner Begegnung mit Elisabeth zu erzählen, doch eine Scheu verschloß ihm plötzlich den Mund, daß er errötend fortfuhr, wie er nach Lübeck geritten und dort Herrn Johann Wittenborg seinen Dienst angeboten habe. Da fuhr der Hörer heftig heraus: »Stehe als guter Nachbar zur Löwenstadt, und es mag wohl der Tag kommen, daß wir einander not sind. Aber Krämerdienst geziemt nicht für edles Blut! Tretet in meine Gefolgschaft, Junker, und ziehet mit ins heilige Land, bis ich vielleicht bald Euren Arm und Rat am Eiderfluß gebrauche!« So wundersam verlockend aber auch dieses Ansinnen Dietwald im Ohr und Herzen erklang, widerstand er dennoch mit entschlossener Festigkeit und erwiderte: »Habet mehr an Dank für Euer Gebot, als ich sagen kann, Herr Graf. Ich wüßte nicht bessere Schicksalsgunst und Fügung für mich, doch Ihr werdet nicht dawider streiten, es geziemt vorerst dem Manne, andern und sich selber Treue zu halten in dem, was er begonnen. Steht mein Gedenken aber nicht nach dem heiligen Grab, noch weiter zum Süden, sondern alsobald ich's mit Können und Ehren vermag, gen Lübeck zurück: glaube auch, es dürfte eine Zeit kommen, drin Ihr die Ratsherren und Geschlechter der edlen Stadt nicht als Krämer geringachten werdet. Ist doch in gleichem die gewaltige Kraft dieser mächtigen Stadt Venedig, ihre stolze Signoria und der Doge selbst aus dem Handel emporgewachsen, den sie als Herzblut ihres stolzen Gemeinwesens behütet. Euer Arm bedarf meines schwachen Beistandes nicht; wär' ich Euch aber vonnöten, Herr Graf, so setzt' ich mein Leben zu jeder Stund' mit hohen Freuden für Euren Ruhm und Dienst ein.« Das hatte der Jüngling mit offenem Freimut für sich selbst wie zu Ehren der Lübecker Kaufleute, doch ohne alle Anmaßung ausgesprochen, und Graf Heinrich fand nichts darauf zu erwidern, als ein kurznickendes: »Bedenkt´s Euch wohl noch!« Damit verabschiedete er auch um die Mitternacht seinen jungen Gast: »Solange mein Weilen in der Stadt andauert, wartet der Stuhl an meinem Tische auf Euch, Junker. Ich kann Euch zur Stunde nicht mit Eurem Wort halten, daß Ihr mir vonnöten wäret, aber ich verhoffe, Ihr bedenkt's noch anders.« Doch obwohl zwei Wochen lang Dietwald nun täglich als willkommener Teilhaber am Mahle des eisernen Grafen saß, der immer offenbar sein Gefallen an ihm kundtat, ihn bald fast einem gleichstehenden Freunde ähnlich empfing und mit Scherz und Ernst ihn von seinem Entschluß abzuwenden trachtete, so blieb er, wenn auch oftmals nur mühsam, seinem Vorsatze dennoch getreu und kehrte jedesmal eifrig zu seiner Arbeit in der Schreibstube des Kaufhauses zurück. Dann aber war's ein Tag in der Mitte des März, daß schon früh am Morgen ein eilfertiger Bote in den Fontego gelaufen kam, Graf Heinrich entbiete dem Herrn Junker seinen Wunsch, ihn sogleich in der Herberge bei sich zu begrüßen. Verwundert leistete Dietwald der Aufforderung Folge, drüben indes trat ihm der junge Fürst fast ohne Gruß entgegen und sprach ihn ernst-nachdenklichen Auges schleunig an: »Ihr sagtet mir zu, wenn Ihr mir vonnöten wäret, da seiet Ihr zu meinem Dienst bereit. Ich habe eine Botschaft empfangen, die lange Zeit unterwegs gewesen ist und eiliger Erwiderung bedarf. Es ist Hochgewichtiges für mich, das ohne Säumnis geschehen muß, und ich weiß niemanden damit sicher zu betrauen als Euch. Wollt Ihr als Sendbote für mich reiten? Es wird Euch guten Entgelt tragen.« Dietwald stand von dem Unerwarteten betroffen und entgegnete unschlüssig: »Ich vermeinte damit, falls Ihr Euch in Drängnis und Gefahr fändet, Herr Graf, daß mein Arm Euch vonnöten –« Doch Graf Heinrich fiel ein: »Euer Kopf ist's mir, oder sagt, Euer Herz, das ich erprobt und weiß, es hält ein Gelöbnis, wenn Euer Mund es ablegt. So nehmt ein Dutzend von meinen reisigen Leuten, reitet gen Rendsburg im Holstenland und überbringt diesen Brief dort an meine Schwester, die Gräfin Elisabeth. Leistet mir Handschlag, daß Ihr ohne Verweilen bis dahin Euren Weg nehmen und im weitern getreu in meinem Dienst vollführen wollt, was der Inhalt des Schreibens von Euch heischt. Es läuft weder Eurer Ehre noch einer Pflicht, die Euch sonst obliegt, zuwider.« Graf Heinrich war sichtlich mit seinen eigenen gewichtigen Gedanken allzusehr beschäftigt, als daß sein Blick gewahrnahm, wie Dietwald Wernerkins Antlitz plötzlich erblaßt und jählings darauf ein purpurnes Rot über seine Stirn aufgeflammt war. Mit fremdartig stammelnden Lippen brachte er mühsam zur Antwort hervor: »Wenn Ihr sprecht, daß es vonnöten ist, Herr Graf – da haltet Ihr mein Wort – und ich bin bereit – und gelob's Euch, was Ihr von mir begehrt.« Er streckte seine rechte Hand aus, die Graf Heinrich mit freudiger Erwiderung schüttelte: »So nehm' ich Euch in ritterliche Pflicht! Es ist nicht Fürsten-, sondern Freundesdienst, den Ihr mir und meiner Schwester zusagt; seid gewiß, daß ich ihn Euch als Freund gedenke.« Er hatte bei einem seiner Worte leicht gestockt und fügte rasch hinterdrein: »Trefft Eure Zurüstung für den weiten Umritt und kommt um die Mittagsstunde auf die Rialtobrücke, wo ich Euch zuerst gewahrt, dort stell' ich Euch Euer Geleit.« Taumelnden Fußes, daß die Leute auf der Straße ihm schier wie einem Trunkenen der »intemperanti Tedeschi« nachblickten, gelangte Dietwald in den Kaufhof zurück, traf dort eilfertig, wie in einem Traum umherschreitend, die Vorkehrungen zu seiner plötzlichen Reise und nahm Abschied von seinen bisherigen Genossen, welche die Kunde seines Fortganges mit lautem, unverhohlenem Bedauern aufnahmen. Alle gaben ihm um Mittag das Geleit an den Canale grande, so daß der Raum an diesem beinahe ganz von Deutschen erfüllt war, denn Graf Heinrich stand gleichfalls schon zuwartend mit seinem Gefolge auf der Rialtobrücke. Hinter ihm, von den ausgewählten Reisigen zur Bereitschaft des jungen Sendboten gehalten, scharrte ein wohlgepanzertes, regelloses Pferd mit dem Huf; nun winkte Graf Heinrich der Eiserne dem Ankommenden und sprach, als dieser vor ihn trat: »Knie zu Boden, Dietwald Wernerkin!« Seiner Sinne noch immer unmächtig, vollzog dieser wortlos, ohne Denken und Wissen weshalb, den gebieterischen Befehl, Graf Heinrich aber zog sein blaufunkelndes Damaszenerschwert von der Hüfte, hob es hoch ins Goldgeleucht der italischen Sonne empor und sprach weithin tönend: »Meine Botschaft ist hoher Art und ihr gebührt, daß ein fürnehmlicher Bote sie trägt. Ich habe dich in Eid und Pflicht genommen und weiß, daß du Treue hältst der Ehre und dem Recht, Kaiser und Kirche, Mann und Weib. Du knietest hin als Edelknecht, stehe auf von der Rialtobrücke zu Venedig, Dietwald Wernerkin, jeglichem ebenbürtig als ein edler, freier, unbescholtener Ritter des Deutschen Reiches!« Der Sprecher hatte bei seinen Worten dem Knienden die Schwertleite erteilt, dreimal mit der Fläche seines Schwertes ihm Nacken und Schulter berührt, hob ihn jetzt an der Hand vom Boden empor und begrüßte ihn mit dem ritterlichen Bruderkuß. Lauter Jubel von allen deutschen Lippen umher hallte weit am Canale grande entlang; der junge Ritter stand wie irrbetäubt, auf einen Wink des Grafen traten Knappen herzu, legten ihm ein bereitgehaltenes kostbares Panzerhemd an, setzten ihm den federgeschmückten Wappenhelm aufs Haupt, umgürteten ihn mit einem neuen Schwert und befestigten goldene Sporen an seinen Füßen. Dann reichten sie ihm Schild und Lanze und hielten ihm den Bügel des wiehernden Rosses, auf das er sich, einem Traumwandelnden gleich, hinaufschwang. Graf Heinrich streckte ihm nochmals die Rechte und sprach: »Reitet mit Gott und gutem Geleit, Ritter Wernerkin, ich habe Gewichtiges in Eure Hand gelegt. Grüßet mir mein Holstenland, es mag wohl geschehen, daß auch ich es bälder wieder gewahre, als wir's heut denken. Davon werdet Ihr mir Kundschaft senden, wenn es not tut. Fahrt wohl von der Sonnenstadt ins graue Nordland.« Fünftes Kapitel. Gar rauh, unwirsch und unwirtlich empfing das Deutsche Reich den jungen Ritter, als er mit seiner Gefolgschaft aus der sonnigen lombardischen Tiefebene durch die finstere Veroneser Klause ins tirolische Land einbog. Nicht mindere Schrecken und Gefahren harrten seiner dort, als im Sturm und Hochgang der Biscaischen See; obwohl er schon mehr als die meisten der mit ihm Lebenden von der Mannigfaltigkeit der Erde gewahrt, trat ihm hier doch noch etwas völlig Neues, Ungeahntes in den Weg. Er hatte nicht gedacht, das winterliche Hochgebirge könne noch feindseliger und schwerer zu überwinden sein, als das wilde Meer. In feierlicher Ruhe und Erhabenheit lag es vor ihm gebreitet, verlockend, zu den weißen Gipfeln hinanzusteigen. Doch rasch blieb der lachende Frühling wie ein Märchen von Blumen und Sonnenwärme hinter den Reitern zurück, kaum gebahnter Weg wand sich unter überhängenden Felsmassen, an tosenden Wassern in immer rauher anwehende Klüfte wie in eine öde Schlucht des Todes hinein. So zogen sie tagelang unausgesetzt langsam aufwärts, oft durch einen wütenden Stromfall zu weiterer Umwanderung über Geröll und Trümmer genötigt, froh, wenn sie mit dem Einbruch des Abends eine roh aus Baumstämmen geschichtete Sommer-Viehhütte antrafen, um eng zusammengedrückt das Morgenlicht darin zu erharren. Nur da und dort stießen sie auf eine armselige Ortschaft, deren Bewohner ein kaum verständliches Gemisch deutscher und italienischer Sprache redeten und ihr Erstaunen darin kundgaben, woher die Reiter kamen und wohin sie wollten. Noch eine Strecke fürder könnten sie Vordringen, dann müßten sie zurückwenden, denn vor dem Maimond vermöge nur der Adler über den Brennerberg zu fliegen, doch nicht Mensch und Pferd. Aber Dietwald Wernerkins Augen antworteten, er müsse hinüber, und sie ritten weiter. Steiler ging es nun empor, der schon zuvor kaum mehr sichtbare Weg schwand unterm Schnee, Eis hing in glitzernden Riesenzapfen von den schwarzen Gesteinwänden und zersplitterten Föhrenstämmen. Noch dann hörten auch die Bäume auf und alles ward leblos: die verderbentobenden Wellen des Ozeans hatten das Gefühl weniger überschauert als die lautlose Todesstarre, so weit Auge und Ohr reichte. Nur ein eisiger Sturmwind pfiff den Schritt um Schritt immer höher Klimmenden nordher entgegen und verwandelte die Haare des Bartes in knisternde Frostkristalle. Graf Heinrich von Holstein mußte keine Vorstellung davon besessen haben, was es hieß, um die Mitte des März pfadlos und führerlos, denn niemand war für Geldlohn dazu erbötig, die Alpen zu überkreuzen; die Geleitsmannen des jungen Ritters murrten, versanken mit ihren am Zügel geführten Pferden bis an den Leib im Schnee und weigerten den Gehorsam. Sie wollten mit Bären, Feinden und Teufeln kämpfen, doch nicht wider ein stets neu aus dem Boden aufrückendes Herr von Gletscherspießen und von Eispfeilen in der Luft. Speise und wärmender Trunk gebrach, aus der bläulichen Haut des Gesichtes und der Hände schwand das Blut. Die tödlich Ermatteten trafen Abrede, umzuwenden und zu versuchen, ob sie lebend nach Italien zurückgelangten; den Weitermarsch fortzusetzen, schien Wahnwitz. Dietwald befahl, drohte, bat: »Nur noch bis dort!« und dann »bis dort!« Er stachelte ihr Ehrgefühl, daß er, wenn sie von ihm ließen, allein auf Tod oder Leben vorwärts ziehen werde, aber erschöpft, entmutigt stand auch er zuletzt inmitten der unabsehbaren Schneewüste. Er hatte, um sein Gelöbnis zu wahren, das für Menschenkraft Ausführbare vollbracht, und auch ihm schien es jetzt unmöglich. Atmungslos anhaltend, sah er starr vor sich hinaus und sein Mund murmelte: »Zurück!« denn noch immer stieg die weiße Blache an. Seine Begleiter wandten ihre Gäule, da kam's ein halb hundert Schritte vor dem jungen Anführer taumelnd wie ein faustgroßer Stein aus der Luft herabgeschossen und fiel dunkel auf den Schnee. Doch war's kein abgebröckeltes Felsstückchen, wie sie oftmals aus Wolkenhöhe herabsprangen, denn es reget sich fort, und das scharfe Auge Dietwalds erkannte, daß es hülflos mit kleinen Flügeln im eisigen Geflock zappelte. Schier ohne zu denken, lief er noch einmal vorwärts bis auf das fluglahme Geschöpfchen zu und hob es in seine Hand. Aber wie er's nun mitleidig hielt, war's eine halberstarrte Lerche, und im gleichen Augenblick klang es plötzlich über ihm, daß sein Kopf emporflog. Tausende von schwirrenden dunklen Pünktchen segelten ihm in dichtem Geschwader zu Häupten, es waren die Lerchen, die als Sendboten des Frühlings über die Alpen gen Norden zogen. Wie ein Strom lebendiger Kraft schoß es dem Todesmatten noch einmal jählings durchs Blut, daß er ungestüm auf einen wallartig vor ihm ragenden, tief verschneiten Felsgrat vorsprang, um den wandernden Vögeln noch einen Blick nachzuwerfen. Da stieß er einen jubelnden Schrei aus, daß seine rückgewendeten Genossen hastig die Stirn umdrehten, denn tief drunten in weitem Talgrund mit sonnenglitzernden Turmknäufen lag ihm die Stadt Innsbruck zu Füßen. »Habet Dank, ihr Getreuen, und tragt mir Botschaft vorauf!« rief der junge Ritter dem verschwindenden Vogelzug, mit Lippen, Hand und Herz grüßend, drein: sein freudig staunendes Geleit kam und sah, daß sie die letzte Ansteigung des Brennerberges überwunden, und von neuem Mut belebt, leiteten sie ihre Rosse hurtiger durch den stiebenden Schnee gegen das Inntal hinunter. Die flugmatt herabgestürzte Lerche aber trug Dietwald sorglich in warmer Hut an seiner Brust mit sich; furchtlos und traulich schmiegte sie sich dort, und seinem Gefolge zumeist weit voran, hielt er glückselige Zwiesprache mit ihr, obwohl sie nichts auf seine Worte erwiderte, und streichelte dann und wann zärtlich dankbar ihr zutraulich aufblickendes Köpfchen. Es fiel ihm leid und schwer, sich von ihr zu trennen; doch als sie über zwei Tage weiter von Innsbruck – denn einen Tag Rast hatte er dort seinen Gefährten nach der unsagbaren Not und Mühsal vergönnen müssen – am warmbesonnten Gelände des breiten Stromes hinabritten, da nahm er das Vöglein hervor und sagte: »Mir ist's traurig, von dir zu lassen, aber dir ist's trauriger, bei mir bleiben. Deine Art hat höhern Flug, und die Freiheit ist aller Lebendigen köstlichstes Gut. So kann's nicht anders sein nach Erdenfug, wir müssen voneinander scheiden, uns nimmermehr zu sehen. Flieg' auf zu deiner Sonne, wie ich zu der meinigen!« Die Lerche blieb noch ein kurzes Weilchen auf seiner geöffneten Hand, dann schlug sie die Flügel und stieg schmetternd über ihm in die blaue Luft. Denn der lachende Himmel geleitete jetzt wieder den jungen Boten; es war, als ziehe, seinem Gefolge angehörig, der Frühling ins Deutsche Reich. Auf bessern Straßen ging es rasch nun am Innfluß hinab und seitwärts von ihm gerade gen Norden hinüber zur Stadt Regensburg. Hier auf der breiten Donaubrücke lag zum letzten Male vor Dietwald Wernerkins rückgewandtem Blick am wolkenlosen Horizont der weite, glanzhelle Schneekranz des Alpengebirgs, kaum zu glauben, daß die silbergleißenden Zacken nach der andern Seite ebenso gen Venedig hinüberschauten und doch fast Wochen verronnen waren, bis die Reiter sich von der Lagunenstadt über dieses verlockend glänzende Gebild durch grausige Schrecknis kaum mit dem Leben hierher durchgekämpft. So hatten die Zaubergipfel seit vielen Jahrhunderten gefunkelt und gewinkt und mit ihrem verführerischen Geleucht das deutsche Trachten, Kaiser, Fürsten und Volk ins Sonnenland Italia hinübergezogen, nicht zu des Deutschen Reiches und deutscher Kraft an Leib und Seele Heil. Herrlich und schön war es da drüben und wohlgetan, eine Weile Sinne und Gemüt daran lebendiger aufzuschließen und zu bereichern, doch ein ernst-höherer Geist wehte den jungen Ritter aus dem schlichten deutschen Boden an, von den glanzlosern Berggeländen, vor allem von der stolzumwallten, gewerbstätigen und gedankenbelebten freien Stadt und Reichsfeste Nürnberg. Er richtete seinen Zug dergestalt, daß er stets in einer der großen Handelsstädte zum Nachtlager eintraf, doch zu Regensburg, Nürnberg und Leipzig kam der Schlaf kaum in seine Augen, da er dort stets alsogleich nach seiner Ankunft die vornehmsten Kaufherren in ihrer Trinkstube aufsuchte, ihnen mancherlei hochwillkommene Meldung und befreundeten Gruß vom Fontego de' Tedeschi überbrachte und viele Nachtstunden unter bedeutsamen Redeaustausch mit ihnen am Tische saß. Ihr Sinnen und Handelstrachten ging aber fast einzig nach dem Süden, über die Alpen zu den Schätzen des Morgenlandes: von der ›Dudeschen Hanse‹ wußten die meisten kaum mehr, als den halb unverstandenen Namen, und gedankenvoll sinnend, ritt Dietwald mit dem Frühmorgen weiter. Ihn bedünkte, bei dem überall offen liegenden Zerfall des Reiches könne eine macht- und ruhmreiche Zukunft desselben einzig noch daraus erwachsen, daß die unnatürliche Scheidewand zwischen Süd und Norden falle und die blühend-kraftvollen ober- und niederdeutschen Städte, die Behüter des Rechtes, Wohlstandes und der Gesittung, sich zu einem großen, gemeinsamen Bunde die Hand reichten. Das mochte wohl allmählich gedeihen können, wenn nur erst die Anfangsfäden einer Befreundung und wechselseitigen Kenntnis durch Handelsbeziehungen zwischen ihnen geknüpft wären, und unter solchen ernstbedacht und fern in kommende Zeiten blickenden, hinter seinem jugendlichen Antlitz kaum zu mutmaßenden Erwägungen setzte der Bote des Grafen Heinrich seinen rastlos innegehaltenen Weg fort. Mehr noch als von Angesicht war er aber im Innern ein ganz anderer geworden, als der unerfahrene knabenhafte Jüngling, der vor bald erst Jahresfrist von Bardowiek ziellos in die Welt hinausgeritten. Die Meerfahrt, sein arbeitsames Verweilen zu Venedig und die Todesgefahren des Überganges über die winterstarren Alpen hatten ihm an männlich festem Sinn, Klugheit und Geisteskraft die Reife eines Jahrzehntes zugebracht. Mancherlei Bedrohung von Straßenrittern und herabdräuenden Raubburgen fand er unterwegs, doch bestand er die einen gleichmäßig mit furchtloser Tapferkeit und wich den andern, wo sie allzu starke Übermacht kündigten, mit vorbedachtsamer Umsicht aus. Überall aber zogen auf Feld, Heide und Berghang trillernd die Lerchen vor ihm auf. Dann empfand Dietwald Wernerkin, wie vieles auch der Verlauf des Jahres in ihm verwandelt haben mochte, daß sein Herz mit dem nämlichen jubelnden Schlag in den Frühling hinauspochte, wie auf der Heide, darüber die hohen Türme Lübecks zuerst vor ihm in den Himmel gestiegen. Noch weit hoffnungsfreudiger, schien's ihm, durfte seine Brust anschwellen, denn damals hätte er nicht zu ahnen und zu hoffen vermocht, daß er heut mit den goldenen Sporen hier gen Rendsburg hinaufreiten werde. Oftmals dachte er, mit begierigem Auge den Brief des Grafen Heinrich betrachtend, welcherlei wichtige Botschaft wohl darin enthalten sein möge, vermutlich hochbedeutsame Angelegenheit des Holstenlandes, und es benahm ihm nur Wunder, daß der Absender das Schreiben nicht an seinen Bruder, den Grafen Klaus, sondern an Elisabeth gewandt habe. Aber in sein Nachdenken drang der Lenzesgruß der Lerchen hinein, und ihm war's, als töne ihm immerfort aus ihrem Gesang die Stimme Herrn Johann Wittenborgs, daß wohl einer niedrig und unbeachtet in die Fremde gezogen und heimgekommen, würdig auch, um ein Fürstenkind werben zu dürfen. Erst zu Magdeburg an der Elbe gelangte Dietwald Wernerkin an den südlichsten Ort im deutschen Binnenlande, bis zu dem die Hansa, doch nur mit lockerm Verbande noch, ihren äußersten Kreis schlug; dann traf bald auch niederdeutscher Sprachklang wieder an sein Ohr, das Land breitete sich nach allen Seiten zu weiter Ebene aus, und heimatlich anwehend kam der harte Frühjahrswind von der Ostsee den Reitern täglich mit kühlerem Atem entgegen. Obwohl die Jahreszeit nun über die Mitte des Aprilmondes vorgerückt war, fanden sie morgens zum erstenmal wieder häufig die überschwemmten Wiesen und Gräben am Wegrand mit glitzernden Eiskrusten belegt, als zögen sie nicht dem Sommer, sondern herannahendem Winter entgegen, aber trotzdem schlug das Herz des jungen Boten immer sehnsüchtiger nordwärts vorauf. Sandstiebend ritt er jetzt über die weite Heide gegen das lauenburgische Land, und plötzlich hob er sich am Abend einmal in den Bügeln und schaute gen Westen hinüber. Dort standen fern und klein, dunklen Baumstämmen gleich, einige Spitzen gegen das letzte Himmelsrot, und kein Blick nahm sie gewahr als der seinige, denn nur er erkannte sie und wußte, daß es die alten Türme von Bardowiek waren, unter denen er bis vor einem Jahre als Knabe geträumt. Seltsam auch von ihm abgesunken lag die verschollene Stadt drüben, doch ebenso schwand es fast wie ein Traum hinter ihm zurück, daß er Hispanien umschifft und auf dem Rialto gestanden, wie er nun bei dem einsamen Städtchen Lauenburg den Elbfluß wieder übersetzte und auf bekanntem Wege gegen Oldesloe hinaufbog. Nur ging sein Trachten von dort heute nicht ostwärts, sondern gegen Nordwest; doch einmal überlief's ihn hier plötzlich mit freudig-sonderbarem Schauergefühl, da stiegen unvermutet weit am Horizont die stolzgesellten Türme Lübecks grüßend in die Luft. Er winkte ihnen hinüber, dann hielt er sein Roß links von ihnen ab über den öden Rücken des Holstenlandes. So war es erster Maitag, an dem er mit seinem Geleit gegen die Mittagsstunde in das Tor der festen, vom breiten Eiderfluß umgürteten Stadt Rendsburg einritt. Nur kurz verweilte er, sich vom Wegstaub säubernd, in einer Herberge, dann wandte er sich dem Burgschlosse des holsteinischen Grafenhauses zu. Laut erwartungsvoll pochte es ihm in der Brust, ob die Gräfin Elisabeth wirklich dort anwesend sei, und als er bejahende Antwort empfing, entfiel ihm einen Augenblick vor noch stärkerm Herzschlag beinahe Kraft und Mut, den Fuß weiterzusetzen. Doch dann ließ er ihr vermelden, daß ein Abgesandter ihres Bruders aus Italien ihr vom Grafen Heinrich Botschaft überbringe, und folgte dem voraufschreitenden Schloßknappen nach. Die Gesuchte befand sich indes nicht in der Burg, sondern verweilte hinter dieser in einem großen, bis an das landseeartig erweiterte Eiderbecken hinabreichenden Garten; dort traf der Page sie allein an, kam zurück und brachte Erwiderung, der Botschafter ihres Bruders sei der Gräfin willkommen. Nun schritt Dietwald Wernerkin rasch vor, doch dann stockte sein Fuß nochmals, denn auf einem sonnigen Rasen mit einem blauen Veilchenstrauß in der Hand trat ihm eine hohe, liebliche Gestalt entgegen, von der er wußte, wer sie sei, und die er dennoch auf den ersten Blick nicht erkannte, als habe Johann Wittenborg ihn damals mit dem Namen des fremden Mädchens von der Heide bei der Burg Arensfeld getäuscht. Denn wenn das Jahr ihn gewaltig an Körper und Geist verändert hatte, so stand Elisabeth von Holstein, aus einem halben Kinde zur blühenden Jungfrau erwachsen, doch noch befremdender verwandelt vor ihm, und er mußte sie wortlos anstaunen, daß sie's in der Wahrheit sei. Und ebenso auch blickte sie ihm ins Gesicht, dann flog ein helles, holdseliges Rot über ihr Antlitz und zugleich ein Ruf von ihren Lippen: »Ihr?« und ihre Hand streckte sich nach ihm aus: »Ihr seid meines Bruders Abgesandter aus Italien? Träumt mir denn noch oder ist's Tag?« »Nein, Gräfin Elisabeth,« gab er mit leicht zitternden Lippen zur Antwort, »ich bin es,« und er nahm ihre Hand und hielt sie. Sie wiederholte noch einmal »Ihr?« und ihre blauen Augen gingen leuchtend wie der wolkenlose Maihimmel über ihn bis auf seine Goldsporen hinab: »Und ein Ritter seid Ihr geworden?« »Von Eures Bruders Hand auf dem Rialto zu Venedig.« »Welch ein Glück!« stieß sie, einem freudevollen Kinde gleich hervor. »Das ahnten wir beide nicht vor einem Jahr! Wißt Ihr's noch?« »Habt denn auch Ihr noch daran gedacht, Gräfin Elisabeth?« fragte er stockend. »Auch ich? Sollt' ich dessen nicht gedenken, dem ich Freiheit und Leben gedankt?« Sie sah ihn halb erschrocken an: »Ihr seid anders geworden und redet so fremd. So spracht Ihr mich damals auf der Heide nicht an.« »Ihr seid anders geworden – ich wußte damals nicht, welche Ansprache Euch zukam.« Sie fiel hastig ein: »Nein, ich bin die nämliche, Dietwald Wernerkin, und heiße Euch auch nicht Herr Ritter, wie's Euch von andern gebührt. Mein Mund müßte lachen, wenn ich's spräche – wie kann man anders werden, als man gewesen? Hört – kennt Ihr sie? Das ist auch die gleiche!« Lerchenstimme klang in der sonnigen Mittagsstille über ihren Häupten aus der warmen Frühlingsluft herab, und mit glückseligem Herzschlag entgegnete der junge Ritter: »Ihr spracht, wir wollten einander gedenken, wenn wir sie hörten. Ich tat es oft.« »Ihr schwört's wohl bei Ritterehre? Das kann ich nicht,« lächelte Elisabeth in scherzender Freudigkeit. »Aber wenn Ihr einen Bürgen begehrt, daß auch ich Wort hielt – noch heut – so befragt die Veilchen.« Sie bot ihm den kleinen Veilchenstrauß entgegen, er beugte sich darauf und zog den süßen Duft ein. Dann hob er die Stirn und erwiderte, mühsam ein Aufjubeln seiner Brust verhaltend: »Ja, sie sagen's – darf ich ihnen danken, Elisabeth?« Sie nickte wunderlieblich. »Ihr redet wie in Märchen, als müßt' ich Euch mit du anreden, wie damals. In welcher Sprache, die sie verständen, wolltet Ihr ihnen danken, Dietwald?« »Nicht den Veilchen, doch der, die ihnen das Gedächtnis verliehen,« gab er rasch zur Antwort, und er beugte sich abermals nieder und drückte leise die Lippen auf die schöne Hand, die den Strauß gefaßt hielt. »Hab' ich den Dank in einer Sprache geredet, die sie verstanden, Elisabeth?« Das holde Rot deckte mit noch höherer Färbung ihre Stirn, ihre Augen gaben ihm mit klarem, wundersamem Aufblick stumm bejahende Antwort, doch die Lippen darunter entgegneten, mit leichter Verwirrung nach einer Erwiderung für das Ohr suchend: »Wir reden, als gingen wir noch zusammen auf der schönen Heide und Ihr kämet nicht aus dem italienischen Land –« Nun röteten sich auch seine Schläfen, »Verzeihet, Ihr gemahnt mich, weshalb ich hierher gekommen und was mir das Recht verleiht, vor Euch zu stehen,« und er zog hastig jetzt den Brief des Grafen Heinrich hervor, den Elisabeths Hand in Empfang nahm. Doch sie öffnete das Schreiben nicht und versetzte lächelnden Mundes: »Hättet Ihr denn ohne Eure Sendung nicht Recht und Anlaß gefunden, mich aufzusuchen? Wäret wohl gar an Rendsburg vorübergeritten, wenn Euer Auftrag Euch anders' wohin gen Nord geführt?« Und sie lachte mädchenhaft-schelmisch dazu und fügte mit erkünstelt ernsthafter Miene drein: »Freilich ist es weit von Italien hierher und mag wenig verlocken, von den Orangenblüten und Granaten dort zu den kleinen Blümchen, die bei uns wachsen, zurückzukommen, zumal wenn man goldene Sporen trägt und ausziehen kann, ein Königreich zu erobern.« »Glaubt Ihr's, Elisabeth?« flog es von den Lippen des jungen Ritters. »Euer Bruder war mir wohlgesinnt und wollt' mich mit sich nehmen zum Kreuzzug ins Heilige Land. Aber ich hatte ein anderes Kreuzgelöbnis getan, das mir höher stand, als hätt' ich die Muselmannskrone des Großsultans selber erbeutet. Ihr riefet vorhin die Veilchen zum Zeugnis an, ich könnt' Euch auch einen Bürgen für meine Aussage aufbieten –« Er zog an der Schnur um seinen Hals das kleine Goldkreuz hervor; die Jungfrau stieß mit freudigem Geleucht zwischen den Lidern aus: »Hat's Euch geleitet und allzeit gut behütet? Dann sei ihm gedankt! Gebt's mir zurück!« Ihre Hand streckte sich nach dem Kreuzchen, Dietwald entgegnete rasch: »Es hat meinen Leib in mancherlei Drangsal und Fährnis gut bewahrt, aber besser noch behütet hat es mein Herz, Elisabeth, daß dieses in Not und Ungemach stets sonder Zagen geblieben und allzeit gewußt, es sei gefeit wider alle Gefahr und alle Verlockung auf Erden. Ich kann's Euch heute noch nicht zurückgeben, denn ich bedarf seines Beistandes noch gar sehr für manchen Tag auf meiner Kreuzfahrt – aber dereinst, verhoffe ich –« Sanft abwehrend hielt er ihre vorgestreckte Hand. »Dereinst?« wiederholte sie leise. »So laßt mich ihm wenigstens Dank sagen, Dietwald, für das, was es bis heute vollbracht, und ihm einen Gruß mitgeben für die Tage, wo es wieder fern von mir sein wird.« Sie bog den goldenen Scheitel vor, das Kreuz mit den Lippen zu berühren, doch dicht über ihm begegneten ihre Augen denen des jungen Ritters, und ein süß-geheimer Strahl webte zwischen ihnen ein blaues, glänzendes Band, das die Lippen des Mädchens von ihrem Wege abirren ließ und sie denen Dietwald Wernerkins näher entgegenzog. So dicht nahten sie sich in der sonnigen, nur von Lerchengesang durchtönten Mittagstille des einsamen Gartens, daß ihr leiser Hauch sich anwehte, da fiel aus der achtlosen Hand Elisabeths von Holstein der Brief knisternd zu Boden, und sie schrak zusammen, bückte hastig den Mund tiefer herab, küßte das kleine Kreuz und flüsterte: »Bring' ihn wiederum zurück wie heute –« Dann hatte sie hochroten Antlitzes die Hand nach dem Schreiben niedergestreckt, brach dessen Wachssiegel auf und sprach: »Es war wohl Unrecht, daß ich den Gruß meines Bruders so lang außer acht gelassen,« und ihr Blick heftete sich auf die Schriftzüge, doch nicht wie mit eifrigem Begehren, die Meldung zu erkunden, sondern als suchten ihre Lider nach einem willkommenen Anlaß, sich herabgesenkt zu haben. Aber dann floß plötzlich alles Blut aus dem Angesicht der jungen Gräfin. Sie stieß einen irr aufzitternden Ton von den Lippen, ihre Hand faßte hinter sich nach dem Stamm eines Baumes, und weiß entfärbt, gleich seinen frühlingsdichten Kirschblüten, sagte sie stammelnd: »Wisset Ihr von dem Inhalt des Briefes?« Ein jäher Schreck hatte Dietwald bei der verstörten Wandlung ihres Aussehens durchrüttelt, er erwiderte atemstockend: »Nein – Euer Bruder hat mir nur gesprochen, daß Hochgewichtiges darin –« »So leset – er geht auch Euch an.« Sie entgegnete es tonlos und reichte ihm das Blatt. Vor seinen Augen verschwamm die Schrift, er las mühsam: »Brüderlichen Gruß zuvor in Treuen meiner schönen, liebwerten Schwester Elisabeth. Und in Eilfertigkeit tue ich Dir kund zu wissen, daß der junge König Hakon von Norwegen, König Magnus' Sohn, sein Eheverlöbnis mit König Waldemars Tochter Margareta gelöst und bei mir um Deine Hand hat werben lassen. In brüderlicher Sorgnis für Deine Wohlfahrt und nicht minder für diejenige meines Holstenlandes vorbedacht, habe ich nicht bessern Freier für Dich irgendwo erachtet und dem König Hakon alsogleich meine Zusage erteilt. Ich begrüße Dich, wie Du dieses Schreiben eröffnest, als Königsbraut von Norwegen, und ein Abgesandter Königs Hakon wird alsbald bei Dir eintreffen, um als Stellvertreter Deines zukünftigen Gemahls Dein Ehebündnis mit ihm durch das Bindungswort der Kirche zu befestigen. Es ist mein Wille, daß die Vermählung nach der Ankunft des norwegischen Botschafters keinerlei Aufschub leide und mit hochfestlichem Gepränge statthabe. Als Beistand aber in jeglichem Fall, wo Du dessen bedarfst, habe ich Dir meinen Sendboten, den Ritter Dietwald Wernerkin auserlesen, den ich für Dich und mich in ritterliche Pflicht und Eid genommen, getreulich als Dein Obhüter und Kämmerer neben Dir zu stehen, als mein Statthalter Dich an den Altar zu führen, Dich sicher zu geleiten zu Wasser und zu Land, bis Du in die Königsburg zu Bergenhuus gelangt bist. Solches verhoffe ich von seinem ehrlichen Gelöbnis und dem absondern Vertrauen, das ich hier zu Venedig in seine Treue, Klugheit und Unerschrockenheit setzen gelernt –« So weit las Dietwald Wernerkin, bis zu diesem ehrenvollen Lobspruch des Grafen Heinrich, und langsam sank sein Arm mit dem Schreiben herab. Auch sein Gesicht hatte das rote Lebensblut verlassen. Es war noch alles umher, wie es vor wenigen Augenblicken gewesen: die Maisonne lag warm und golden auf dem jungen Grün, den weißen Blüten des Gartens, die Veilchen dufteten vom Rasengrund, und Lerchengeschwirr füllte die Luft. Nur durch den Sonnenglanz und Duft und Jubelklang eines ungesprochenen Frühlingstraumes war ein jäher Durchriß gegangen, mit unabänderlichem Geschick hatte ihn widerstandsunfähig ein Schriftzug der Hand des eisernen Grafen für immerdar ausgelöscht, und durch den freudigen Lenz blickten sich nur vier blaue Menschenaugen wortlos, todesweh entgegen. Sie regten sich beide nicht, sprachen nicht. Es war, als redeten die Augen, es sei noch nicht geschehen, bis einer ein Wort über die Lippen gebracht, und beide blieben stumm. Sie hielten den Traum noch wie ein Duftgewölk um sich, das der Hauch des Mundes zerreißen mußte. Da tat dies ein anderer, enthob sie der Qual, es selbst zu müssen. Ein laufender Schritt tönte vom Schloß her, und barhäuptig, atemberaubt kam ein grauhaariger Kämmerer heran. Er verneigte sich ehrerbietig, nach Luft schöpfend, und stieß hervor: »Verzeihet, hochedle Gräfin, daß ich also vor Euch trete, doch ungeheure Botschaft durchläuft von Osten her unsere Stadt. Es hat König Waldemar Atterdag die ruhmreiche Stadt Wisby auf Gotland mit einem Heere überfallen und sich ihrer starken Mauern, durch Verrat, sagt man, bemeistert – Tausende ihrer Bürger liegen hingestreckt in den Gassen, und unermeßliche Schätze und Reichtümer, zu deren gutem Verwahrsam er den Zugang gewußt, hat der Eroberer mit sich geraubt. So berichtet die Kunde, die von Lübeck her gekommen; dort hat das Volk mit großem Aufruhr Herrn Johann Wittenborg zum Burgemeister der Stadt berufen, daß er die Gewalt, Schimpf und Unglimpf wett mache, die König Waldemar an einer der obersten Städte des großen Hansebundes geübt. Und, sagt der Ruf, ist schon eilfertige Botschaft ausgegangen an alle Städte der gemeinen Hansa, Schiffe zu rüsten wider den Friedbrecher, gegen den auch die Könige von Schweden und von Norwegen ihre Waffen kehren werden. Es ist gleich einem Sturm und Blitzschlag aus der blauen Luft herniedergefahren über alle Lande –« Der Alte hielt atemlos und vor Aufregung zitternd inne, sonder Ahnung, daß auch seinem Munde ein Sturm entfahren, der ein Traumgewölk vor ihm gefaßt und es zerflatternd in die Luft verstreut. Einmal hob und senkte sich langsam die Brust der Gräfin Elisabeth, dann erwiderte sie: »Habt Dank für Eure eilige Meldung und gehet und beruhigt Euch. Die Gewalt herrschet auf der Erde, nicht das Recht, wir müssen's dulden. Auch ich habe gewichtige Botschaft durch den Ritter empfangen und werde sie Euch alsbald im Schlosse künden.« Der Kämmerer neigte sich und ging. Er hatte nur kurze Augenblicke dort gestanden, doch sie hatten die traumhafte Hoffnung zweier Menschenleben auseinander getrennt und jedes auf den Beginn des neuen Weges geführt. Noch ehe der Fußtritt des Alten verklang, trat Dietwald Wernerkin bleich, doch festen Schrittes vor und sprach: »Ich grüße Euch als Königsbraut, Gräfin, und harre Eures Gebots. Was ich Eurem Bruder unwissentlich gelobt, verbürgt mein Wort; ich werde sein Geheisch erfüllen, wann und wo Ihr meiner bedürft. Noch zur Stunde seid Ihr meiner Beihülfe nicht benötigt, so verstattet mir Urlaub, daß ich nach Lübeck gehe, dort einer Pflicht obzuliegen.« Die Lippen Elisabeths suchten ein bitterliches Zucken zu verhalten. »So schnell,« entgegnete sie, »wollt Ihr Rendsburg schon wieder lassen?« »Ihr wisset, daß ich den Türmen Lübecks vor Eurem Bruder Treue zugesagt, und der Himmel, verhoffe ich, wird fügen, daß ich sie beiden zu halten vermag. Wenn der Tag herannaht, an dem ich Euch nach seinem Willen zum Altar geleiten soll, da entsendet mir Botschaft an Herrn Johann Wittenborg, dort wird sie mich antreffen.« »So gehet, Herr Ritter. Ihr habt recht, was solltet Ihr nutzlos hier verweilen.« »Gott befohlen, Gräfin Elisabeth!« Er verneigte sich und ging. Doch wie er einige Schritte getan, klang ein Ruf hinter ihm durch die Sonnenstille des Gartens: »Dietwald –!« Sein Kopf wandte sich und seine Lippen fragten zitternd: »Was befehlt Ihr, Königin von Norwegen?« »Daß Ihr nicht so geht – zum letztenmal im Leben nicht so geht! Wir sehen uns wohl wieder, dann bin ich's, wie Ihr mich genannt – o gingen wir noch über die Heide miteinander! Hab' ich dir denn Leides getan, daß du mir zürnst?« Er war zurückgekommen. »Nein, Ihr nicht – du nicht. Elisabeth, nur König Hakons Gemahl. Du sagst es, wenn wir uns wiedersehen, bist du's, und wir gehen zum letztenmal im Leben voneinander. Wir müssen's rasch, Elisabeth, doch du hast recht, wenn man für immerdar scheidet, da darf man's wohl mit anderm Wort. Du gabst mir einst ein Gedächtnisgeleit, das mich mit seinem Goldglanz bis ans Ende an die Morgensonne meines Tags über der Heide gemahnen wird – gib mir noch eines dazu, das dieser Stunde gleicht, in ihr geblüht hat und mit ihr welkt.« Seine Hand streckte sich bittend nach dem Veilchenstrauß, den sie noch hielt. Sie reichte ihn ihm, er beugte sich und wollte noch einmal wie zuvor ihre schöne Hand mit den Lippen berühren. Da schlang ihr Arm sich einen Herzschlag lang um seinen Nacken, und wie ein süßer, warmer Frühlingshauch streiften ihre Lippen über die seinigen. Dann wandte sie sich hastig von ihm fort, und wortlos, ohne den Blick zu kehren, ging er eilig zum Schloßtor hinauf; die goldumlockte Stirn wider eine Rasenbank drückend aber lag die junge Königsbraut auf den Knien und schluchzte in unhemmbar bitterlichem Weinen. Sechstes Kapitel. Ein absonderlich lautes Summen und Treiben empfing Dietwald Wernerkin schon am Holstentor zu Lübeck und geleitete ihn, sich immer mehr verstärkend, zum Marktplatz hinan. Es war fast, als habe der ruhige nordische Ernst an der Trave sich zur heftigen Leidenschaftlichkeit Venedigs umgewandelt, so aufgeregt liefen alle Augen der Männer, Jünglinge und Greise selbst auf den Gaffen umher, redeten ihre beweglichen Mienen und schollen überall ihre Rufe mit Fragen und Antworten durcheinander. Der Ankömmling verweilte kaum in der Herberge, dann begab er sich zu Herrn Johann Wittenborg. Doch er mußte lange Zeit auf der großen Hausdiele desselben zwischen manchen vornehmen Bürgen der Stadt und vielerlei drängendem Volk warten, bis er zum Vorlaß in die Schreibstube des neuen Burgemeisters gelangte. Dabei schlug ihm von da und dort eifriges Gerede über dasjenige ans Ohr, was sämtliche Gedanken und Stimmen einzig in Anspruch nahm. Alles war noch ein unbestimmtes, sich vielfältig zuwiderlaufendes Gerücht, dem jeglicher irgendeine neue Kunde beizufügen wußte. Nur daß Waldemar Atterdag in Geleitschaft seines Sohnes Christoph und des Herzogs Erich von Sachsen, seines steten Verbündeten; mit einem mächtigen Heere von Eisengewappneten bei Nacht auf der Insel Gotland gelandet sei und Wisby überwältigt habe, war unanzweifelbar beglaubigte Botschaft. Doch die einen sagten, die Bürger der Stadt seien ihm vor dem Tor zum Widerstand auf offenem Feld entgegengerückt und insgesamt von seinen schwer gepanzerten Rittern niedergemacht worden, da die Bewohner Wisbys, seit langem durch Wohlleben und Üppigkeit verwöhnt; zu aller Kriegsführung und mannhaften Streitbarkeit untüchtig geworden; andere stritten dawider, Waldemar habe durch Einverständnis mitternächtlicherweile die Schutzmauer in einen einsam belegenen Garten hinab überstiegen und von dort aus seine Reisigen hervorbrechen lassen. Darin jedoch stimmte beiderlei Meldung überein, daß der Verrat eines Mädchens, welches der König zuvor mit Liebesversprechungen bestrickt gehabt, den Untergang der Stadt herbeigeführt, und daß er andern Tags nicht durch das Tor, sondern durch einen gewaltsamen Durchbruch der Ringmauer siegesprunkenden Einzug in die verödeten Gassen gehalten. Unermeßlich sei's, was er aus Kirchen und Klöstern, den deutschen Kaufhöfen, den Schatzkammern und Bürgerhäusern der Stadt an Gold, Silber, Edelsteinen, kostbarem Pelzwerk und unendlichen anderen Reichtümern mit sich geraubt, und in hochfahrendem Stolz habe er seinem Namen als König der Dänen und Wenden alsogleich noch den eines Königs der Goten hinzugefügt. Das alles sei aber nicht ohne Vorwissen des jammervollen Königs Magnus Smek von Schweden geschehen, der selber auf den Glanz und die Selbständigkeit Wisbys neidisch gewesen und dies verlassen und verraten habe, wie er schon zuvor schimpflich das Land Schonen, das reichste und fruchtbarste seiner Krone, an Waldemar Atterdag verkauft, daß auf den Gassen das Lied von ihm singe: »Als Waldemar einzog in Schonens Schloß Und König Magnus auszog mit seinem Troß, Da spotteten seiner alt und jung Und warfen an den Kopf ihm faulen Strunk Und beschimpften ihn mit Wort und Gesicht, Wie's noch geschehn einem König nicht.« Nun werde wohl der Reichsrat von Schweden ihm und seinem Sohne Hakon von Norwegen Zwang antun, mit in dem Kampf wider Dänemark zu stehen, aber alles, was von des ›Schmatzers‹ Blut entstamme, sei wankelmütig und falsch, daß man nicht vom Morgen zum Abend auf Eid und Treue bei ihnen bauen möge, und es koste den Verführungskünsten Waldemars Atterdag nur einen Blick in die buhlsüchtigen Augen der Königin Blanca von Namur, um die Feindschaft zwischen ihm und den skandinavischen Herrschern wieder in geheime oder offene Freundschaft zu verwandeln. So schwirrte das wild erregte Stimmengetöse um den Kopf Dietwald Wernerkins, der es mit seinen Ohren vernahm, doch kaum einen Gedanken daran knüpfte. Wohl hätte ihn vor kurzem noch die an Wisby verübte Missetat gleichfalls heftig und schmerzlich empört, aber unerbittlicher, mit eiserner Faust hatte das Geschick sein eigenes Leben gepackt und aus Sonnenlicht und Wärme jählings in freudloses Dunkel hinuntergestürzt, daß der Verlust von äußerm Glanz und Reichtum an dem Gefühl seines Herzens schier nur gleich einer Einbuße wertlosen Tandes abfiel. Die Kunde von dem Untergang Wisbys hatte ihn allein mit dem einzigen Gedanken erfüllt, daß der Hansebund sich zu einem Kriegszug wider den Friedbrecher zusammenschließe, und daß ihm vielleicht beschieden werde, Ruhe zu finden in dem wildausbrechenden Sturm auf der Ostsee; er wußte nicht, ob er den König Waldemar um seine blutige Gewalttat haßte oder ihm dankbar dafür war. Dergestalt nach langem Harren öffnete sich ihm endlich die Tür in die große, halb dämmrige Schreibstube Johann Wittenborgs, der, nicht in lange Bürgerschaube, sondern in ein Panzerhemd gekleidet, eifrig über vielerlei Schriftwerk gebückt, am Tische saß. Er drehte flüchtig nach dem Eintretenden die Stirn und fragte: »Wer seid Ihr? Was begehrt Ihr? Redet kurz!« und er wandte den Kopf schon auf einen begonnenen Brief zurück. Doch der Angesprochene stand beim ersten Anblick des neuen Burgemeisters überrascht, als erkenne er ihn kaum wieder, so in voller Jugendkraft erschien er und waren gleich zwei funkelnden Sternen seine Augen herumgeflogen. Dann folgte Dietwald dem Geheiß und gab kurz Antwort, wer er sei, und daß er gekommen, der Stadt Lübeck, soweit ihm andere Pflicht gestatte, seinen Dienst zu erneuern, Arm und Schwert zu bieten. Johann Wittenborg schrieb fort und erwiderte: »Wohl! Meldet Euch morgen auf dem Rathause; wir können kräftige Arme nutzen.« Er winkte ohne aufzusehen, und der Verabschiedete ging. Doch plötzlich fuhr der Kopf des Burgemeisters herum, er sprang empor und rief: »Eure Stimme klingt mir im Ohr! Seid Ihr's, der mir drüben gesagt, es künde Gutes, dem Licht entgegen zu fallen, auch über die Schwelle des Richtblocks? Euren Namen vergaß ich –« »Dietwald Wernerkin, Herr Wittenborg.« »Recht, wir saßen zusammen in der Geisterstunde beim Wein und stießen die Becher auf die Zukunft. Ihr seid's, der unsere Kogge nach Venedig geleitet hat und dorthin ein seltsames Gastgeschenk vom Mittelmeer mitgeführt. Oder seid Ihr's nicht?« Erstaunt haftete der scharfe Blick des Fragstellers auf den Goldsporen an den Füßen des vor ihm Stehenden und fügte rasch hinterdrein: »Ihr seid hoch geflogen in kurzer Zeit, Herr Ritter. Verzeiht, ich wußte nicht, wer seinen Arm uns bot und daß Ihr uns ein Ritterschwert antrugt. Seid willkommen, ob die Stunde drängt, für Euch hab' ich ein Wort übrig. Aber sehet seltsam ernsthaft geworden aus, daß ich Euch nicht erkannte, trugt ein anderes Gesicht, deucht mich, als ich Euch auf dem Markt antraf.« Er hatte Dietwald die Hand geboten und ihn zu einem Sitz geführt. »Ihr schauet auch anders drein als damals, Herr Burgemeister,« erwiderte der junge Ritter ernst, »als seiet Ihr an Jahren rückwärts gegangen: das geschieht nicht jeglichem.« Mit äußerst kurzen Worten berichtete er von seinem Aufenthalt in Venedig und wie dort Graf Heinrich von Holstein seinen Vorsatz, sich völlig Kenntnis im Handelsgeschäft zu erwerben, mit Sendschaft und Ritterschlag durchkreuzt, und Johann Wittenborg fiel hastig ein: »Steht also in Freundschaft zum eisernen Grafen, Herr Ritter? Seid mir noch mehr willkommen! Das kann gutes Gewicht für uns mit sich führen.« »Vielleicht bring' ich Euch auch eine Kunde, die noch nicht zu Euch gelangt, daß König Hakon von Norwegen sein Verlöbnis mit König Waldemars Tochter Margareta gelöst hat und im Begriff steht, ein Ehebündnis mit der Gräfin Elisabeth von Holstein abzuschließen.« Der Burgemeister flog jäh von seinem Sitz empor und stieß aus: »Dessen gedenkt Ihr jetzt erst, Ritter Wernerkin? Von wem ward's Euch?« »Ich selber trug als Bote die Zusage des Grafen Heinrich von Venedig nach Rendsburg.« »Ihr selber? So ist's gewiß! Das ist eine Kunde, die viel Goldeswert wiegt und wie mir keine glückvoller zugekommen, denn sie sichert uns den Zorn Waldemars Atterdag wider beide Fürsten von Holstein und Norwegen und guten Rückhalt an ihnen für uns. Was schaut Ihr immer noch so ernst, als hättet Ihr düstre Botschaft getragen? Lachet mit mir über den neuen König der Goten!« Die Nachricht mußte Johann Wittenborg gar hochwillkommen gefallen sein, denn er lachte in Wirklichkeit frohgemut auf, und einer der nachdenklichen Schatten seiner Stirn schwand ausgeglättet fort. Zugleich indes haftete sein Blick wie mit einem plötzlichen Gedächtnisschimmer auf dem schweigsamen Antlitz Dietwald Wernerkins, er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »Was redetet Ihr damals beim Wein, weshalb Ihr mein Angebot, nach Venedig zu gehen, nicht halten wolltet? Mir kommt's, Ihr gedachtet zum Ritter Malchen nach Arensfeld und Euren Bogen nach einem Goldpirol hochzuspannen, doch ein Königsadler hat auf ihn gestoßen und trägt ihn Euch in den Fängen übers Meer. Ist's darum, daß Ihr nicht mitlacht, Ritter, und Spinnweb über Euren Augen hängt? Lasset die Weiber, ihr Blick ist eine Honigwabe mit giftigem Stachel drin und verdirbt dem Blut des Mannes Kraft und Mut. Freuet Euch, daß Ihr im Mai von der Krankheit gekommen, denn der Volksmund redet, sie sei gefährlicher und schlimmer, wenn sie im Hochsommer befällt. Ihr habt schon mancherlei gutes Verdienst um unsere Stadt, doch ich verhoffe, besseres werdet Ihr Euch noch um sie erwerben. Das lasset uns heute nacht wieder beim Wein weiter bereden, Ritter Wernerkin, denn ich hab' Euch noch vieles zu anderer Stunde zu befragen. Was sprachet Ihr von einer Pflicht, die Euch obliege?« »Nach meinem Gelöbnis und Gebot des Grafen Heinrich als sein Statthalter die Gräfin Elisabeth zum Traualtar mit dem Stellvertreter Königs Hakon zu führen und sie nach der Vermählung über die See bis gen Norwegen zu geleiten.« »So sehet, daß Ihr das erstere bald vollbringt, das andere möget Ihr nicht so schleunig erfüllen. Die Schiffe Waldemars Atterdag werden scharf achthalten auf König Hakons Ehegemahl, daß sie sich nicht auf die See getrauen darf, und sie wird lang eine jungfräuliche Königin bleiben, vielleicht länger noch, als bis dies Jahr sich beendet. Doch sobald der Priesterspruch sie gebunden, daß Ihr vorerst Eures Wortes ledig, halte ich Euch in Dienst und Pflicht für die Dudesche Hanse, Herr Ritter. Das reden wir zur Nacht weiter, jetzt drängt mich die Stunde. Gehabt Euch auf Wiedersehen mit helleren Augen, daß sie für Waldemars Atterdag Tücken und Ränke klar sind.« Der Burgemeister verabschiedete sich mit festem Handschlag von dem jungen Ritter, der sich beim Fortgang noch einmal mit den Worten umwandte: »Habe Euch noch einen Gruß auszurichten von Knud Hendrikson, dem Kaufherrn aus Helsingborg, oder ist er selber derweil hierher an die Trave gekommen?« »Knud Hendrikson aus Helsingborg?« wiederholte Johann Wittenborg. »Kenn ihn nicht, seine Name fällt mir nicht bei. Es geht mir zurzeit mancherlei durch den Sinn, vielleicht kommt mir beim Wein sein Gedächtnis. Mit Gott, Ritter Wernerkin!« Sein von Gedanken überlagertes Gesicht ließ gewahren, daß er schon anderes erwog und daß Dietwald seine Zeit bereits über Gebühr in Anspruch genommen. Aber die lange Frist, die der neue Oberherr Lübecks ihm vergönnt, bekundete, daß er die Ankunft und das Dienstanerbieten des jungen Ritters mit hohem Wohlgefallen aufgenommen und besonderes Vertrauen in seine mannhafte Tüchtigkeit und Geistesbefähigung gewonnen habe. Davon legten schon die kommende Nacht und die folgenden Tage mannigfaltiges, immer deutlicher hervortretendes Zeugnis ab. Mit fieberhafter Tätigkeit wurden im Travehafen, auf den Werften und Helgen bei Sonnen- und Fackellicht Schiffe gezimmert, gebessert, gerüstet; der Handel zur See war völlig unterbrochen, alle sonst ihm zugewandte rege Geschäftigkeit des Friedens wetteiferte einzig zur Herstellung von Werken und Bedürfnissen des Krieges. Überall aber ruhten die Augen Johann Wittenborgs prüfend, ordnend, gebietend, selbst; er schien, zehnfach geteilt, zugleich hier und dort zu sein, über die doppelte Anzahl von Tagesstunden, als andere, zur Bewältigung aller seinen Rat und Entschluß begehrenden Anforderungen zu verfügen. Das Wort ›Krieg‹ wurde noch von keiner Lippe laut gesprochen, doch jeglicher wußte, daß auf den Bänken des ‹großen Hansesaales‹ droben im obern Geschoß des Rathauses Abgesandte von Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Hamburg, Anklam, Stettin und Colberg, ja sogar von Kulm und Danzig versammelt seien, zum erstenmal nicht als Vertreter der Kaufmannsgilden ihrer Heimatorte, sondern als Vollmachtsboten der hansischen Städte selbst, über die dem Bunde der deutschen Hansa zu Wisby zugefügte Unbill zu tagen und ihre Bereitschaft zu sichern, der Bedrohung des gesamten Handels durch König Waldemar vereinigte Waffengewalt entgegenzusetzen. Viel laute Stimmen klangen vom Morgen bis zum Abend aus dem Rathaussaal auf den Markt und die Breite Straße der Stadt hinaus, wo gedrängte Volksmenge atemlos horchte. Droben jedoch schüttelte manch bedächtiger Kopf sein graues Haar, eindringlich vor dem Unerhörten warnend, daß man von den besonnenen Wegen der Väter abweiche und eine Gemeinschaft von Kaufleuten sich zu kriegerischem Unterfangen wider den mächtigsten Feind des Nordens vermesse. Wie könne ein Bündnis von Städten, die nicht frei seien, sondern unter der Hand ihrer Landesherren, eine Gewalt aufbieten, zusammenhalten und schlachtentüchtig ins Feld führen, um König Waldemars Panzerrittern zu trotzen, da die Hanse doch bisher nicht einmal allerorten auf der Ostsee ihre Schiffe vor gemeinen Seeräubern zu sichern imstande gewesen? So ging die Ratschlagung manchen Tag, während in den Werkstätten draußen unablässig Hammer und Amboß erdröhnten, Schiffsbeil und Säge; wechselnden Meerwellen gleich schwankte der Ausfall des Entscheids hin und wieder. Es schien fast die Wagzunge sich auf die Seite der sorglich Bedachtsamen zu neigen, denn sie erhoben den Antrag, der Rat von Lübeck möge zuvörderst beschließen, um den Zorn des Dänenkönigs nicht zu reizen, die lauten Zulüftungen einzustellen, die der neue Burgemeister eigenmächtig ins Werk gesetzt habe, und es ward ersichtlich, daß der letztere vielfältig von den Geschlechtern der Stadt nicht mit besonderer Gunst betrachtet wurde, vielmehr wider ihren Willen zu seinem hohen Amt nur durch den Ungestüm des Volkes nach der Botschaft von Wisby erzwungen worden. Da trat in bedrohlicher Stunde Herr Johann Wittenborg in den stimmenhallenden Hansesaal. Er kam, eilig herbeigerufen, von den Schiffswerften des Hafens, geleitet von dem jungen Ritter Wernerkin, und schwer vom Haupt zum Fuß im Eisenpanzer klirrend, wie ein Feldherr, der siegesmutig zum Angriff vorstürmt, schritt er rasch die Stufen zur Rednerbühne hinan. Dort nahm er den Helm von der Stirn, daß ein Ton der Bewunderung alle Köpfe unter ihm überlief, wie sein unbedecktes Antlitz edelstolz, fest und mannesernst und doch jugendkühn, mit blitzenden Augen über der kriegerischen Rüstung vor sich hinaussah. Er begann, von dem hurtigen Lauf noch erschöpft, mit unberedtem, seiner gewaltigen Erscheinung nicht gleichgeartetem Stimmenfang, daß ringsum das Deutsche Reich zerfalle und verderbe und das Haupt keinen Schuh mehr ausbreite über seine Glieder. Darum wage der Sperber seine Fänge an den geduldigen Leib des Königsadlers und hohnlache über die stiebenden Goldfedern, die er von ihm herabstoße. Dessen hätte sich keiner getraut, als die staufischen Kaiser noch gewesen und der Löwenherzog an der Ostsee das Schwert des Sachsenreiches gehalten. Doch gefallen liege alles, Kaiser und Reich, in Armut, Ohnmacht und Entartung, daß in oberdeutschen Landen nirgendwo mehr Kraft, Recht, Sicherung, Wohlstand und Gesittung zu finden sei, als in den ruhmvollen Städten stolzer und hochgesinnter Bürger zu Nürnberg und Augsburg, Ulm und Regensburg, Leipzig, Frankfurt, Mainz und Köln und wie sonst ihr weitgerühmter Name klinge. Ihrer aller Blüte und Ansehen aber habe die nämliche Mutter gehabt, die sie geboren und mit der nämlichen Milch zu unvergleichlichem Wachstum emporgenährt, mit der Freiheit, Sicherheit und Herrschaft des Handels, die heute als Lebensblut in ihren kraftstrotzenden Gliedern rolle. Und ingleichem sei auch die großmächtige Stadt Venedig durch den Handelsbetrieb des Kaufmanns allein zur Beherrscherin des Mittelmeeres, zur Herrin des Morgenlandes, Kaisern und Königen ebenbürtig geworden, wie dort der Ritter Wernerkin es vor kurzem mit Augen gesehen und Wunderberichte davon heimgebracht. Soweit hatte Johann Wittenborgs Stimme, ob auch allgemach anwachsend, nur gleich derjenigen anderer Redner geklungen, nun aber schwoll sie machtvoller empor und lief wie der Widerhall eines tönenden Erzes an den Wänden um. So auch wie in oberdeutschen Landen liege das Reich im Niederland ohnmächtig am Boden, altersschwach und verspottet, und sei kein Schirm gegen Raub, Gewalt und Willkür, als im Mut und in der Faust jedes Mannes, der nicht Schimpf und Unrecht zu dulden gewillt sei. Solcher Feigheit zwar schuldige er nur wenige an – flammend lief der Blick des Redenden über die Köpfe – doch der einzelne fühle sich nicht an Kräften dem Raubritter gleich, der ihn im Felde bedrohe, und die einzelne Stadt fühle sich zu waffenlos wider die Gewalttat heeresmächtiger Fürsten. So aber auch wie im oberdeutschen Lande seien an der Ostsee reichblühende Städte aufgewachsen an den vollen Brüsten des Handels, bis heute indes jede ein Rohrhalm nur, im wechselnden Winde schwankend, gemeinsamem friedlichem Vorteil nachtrachtend, doch in der Gefahr des einzelnen keinen gemeinsamen Feind erkennend. Nur Geldesfreundschaft zum Gewinn habe zwischen ihnen gewaltet, nicht Blutstreue zu Schutz und Trutz, auf Leben und Tod. Darum habe eine räuberische Faust frech sich nach Gut und Leben der Kaufleute auszustrecken gewagt. Wie Schwertklang schnitten die Worte des neuen Burgemeisters von Lübeck durch die laut- und atemlos unbewegte Luft des Saales: »Wollt Ihr Rohrhalme verbleiben, von jedem Wind gebrochen? Ein Wort von Euch schnürt sie zum Pfeilbund, der unzerbrechlich ist! Wollt Ihr das Lebensblut in Euch verströmen lassen, wo gierige Hand ihm die Adern aufreißt? Seid Ihr dazu gekommen, so geht nach Hause, reißt die Mauern Eurer Städte nieder, denn Ihr tragt kein Blut in Euch, sie zu schützen – werft Feuer in Eure Schiffe, denn Ihr braucht sie nicht mehr! Bittet Waldemar Atterdag, daß er auch Eure Kaufhöfe zu Bergen und Nowgorod seinen Töchtern zur Mitgift gibt und die Ostsee von Euch zum Geschenk nimmt! Kniet hin vor ihn und bittet, daß er den ermordeten Bürgern der edlen Stadt Wisby vergibt, daß ihr Reichtum seine Gier gereizt, und leistet ihm Eidpflicht, Gold und Gut Eurer Stadt ihm vor die Füße zu leeren. Denn wenn Ihr ihm heute Eure Habe, Eure Rechte und Freiheit nicht bringt, wird er morgen zu Euch kommen, sie zu holen!« Ein lautes, wirres Stimmgetöse brach hinter den Worten des Redners drein. »Einen Hansebund zu Schutz und Trutz! – Krieg gegen Dänemark! – Sieg oder Untergang!« Nur da und dort regte noch einer der vorherigen Warner zu flüsternder Abmahnung die Lippen: Johann Wittenborg aber riß scharf klirrenden Tones sein langes Ritterschwert aus der Scheide und rief, daß es weit über die tausendfach gedrängten Köpfe drunten auf dem Markt hinaushallte: »Was steht Ihr noch zu raten und zu raunen! Seid Ihr Memmen oder Männer der Löwenstadt? Ihr habt bis heute mit Wage und Maß gehandelt, hier ist eine neue Eisenelle für Waldemar Atterdag, laßt ihn sein blutiges Königsschwert daran messen! Falle dieses auf meinen Kopf, wenn der Handel mißlingt! Ihr ruft: Krieg wider Dänemark! Ich rufe: Herab mit der Dänenherrschaft auf der deutschen See! Gebrochen sind Kaiser und Reich und zerrissen liegt die stolze Sachsenmacht des Löwenherzogs. Aber die Stadt, die seine Hand aufgerichtet, steht, und sie ruft Euch aus meinem Munde: Eine Stadt der Hansa für alle und alle für eine, oder gehet unter in Armut, Knechtschaft und Verderben! Zu dieser Stunde fällt Eure Wahl – ich aber schaue in kommende Tage und sehe den Löwen wieder Wacht halten am deutschen Meer, doch nicht mit Fürstenschild und Streitaxt, sondern mit dem Schwert freier Bürger der hundertköpfig für alle Zeit in Not und Tod verbündeten Dudeschen Hanse!« Und mit Augen, als gewahrten sie leibhaftig eine stolzragende, glanzumleuchtete Zukunft vor sich gebreitet, hob der neue Burgemeister Lübecks das funkelnde Schwert hoch über sich empor; von hundert Lippen im Saale aber brach donnernder Ruf: »Den Krieg! Den Krieg! Schutz und Trutz wider Waldemar Atterdag! Rache und Sühne für die edle Stadt Wisby! Gen Seeland aufs Meer mit den Schiffen der Dudeschen Hanse! Herr Johann Wittenborg sei ihr Führer und Feldherr!« Und wie aufbrausender Sturm kam es tausendzungig vom Markt zurück: »Johann Wittenborg sei unser Feldherr!« Die Treppen herauf drängte das Volk, jeden Widerstand brechend, jubelnd, tobend in den Ratssaal; scheu verstohlen raunte nur da und dort ein Mund: Er steigt auf den Schultern des Pöbels über die Geschlechter und setzt uns den Fuß auf den Nacken: verflucht sei Waldemar Atterdag! Ein Haufen war nach der nahen Marienkirche gestürzt, hatte die Läutstricke gefaßt, und plötzlich wogte der eherne Glockenmund, einer Stimme vom Himmel gleich, in das unermeßliche Getöse herab, das durch alle Gassen, in jedes Haus den Namen Johann Wittenborgs rief, des Erretters, des Rächers, des Kriegsoberhauptes der Dudeschen Hanse. Es war ein Tag, wie die Stadt Lübeck ihn noch nie gesehen, seit Herzog Heinrich der Löwe ihre ersten Steine zusammengefügt. Bleich stand der jugendliche Burgemeister jetzt, von der Rednerbühne herabgestiegen; einer Stütze bedürftig, legte seine Hand sich auf den eisenbeschienten Arm Dietwald Wernerkins, und er flüsterte von mächtiger Erregung überwältigt, sich an das Ohr des jungen Ritters neigend: » Odorint dum metuant ! Dafür ist der Untergang Wisbys nicht zu teuer erkauft, und – es wettet nicht mehr um den Vorrang mit Lübeck.« Das letzte Wort mochte Johann Wittenborg aus tief verborgener Gedankenkammer unbedacht herauf entflogen sein, er tauchte einen hastigen, Verschwiegenheit erheischenden und volles Vertrauen kundgebenden Blick in die Augen Dietwalds und trat auf die Vollmachtsabgesandten der Hansestädte zu, die sich ihm entgegendrängten und mit lauten Worten der Beipflichtung und Begeisterung seine Hand schüttelten. Überall aber nun in Lübeck verdoppelte sich noch die fieberhafte Tätigkeit bei Tag und Nacht, und wohin die Boten des Hansetags in ihre Heimat zurückkehrten, begann die gleiche Regsamkeit von tausend Händen. Die Schreibstube Johann Wittenborgs sah vom Morgen bis zur Nacht unablässig kommende und gehende Sendschaft; Bündnisanträge zum gemeinsamen Kriege gegen Dänemark eilten von dort an die Könige von Norwegen und Schweden, Herzog Waldemar von Schleswig, die Grafen Klaus und Johann von Holstein, den Ordensmeister der Teutschherren in Preußen und kamen nach kürzerer oder längerer Frist mit Zusage und Vertragsabschluß zurück. Ein Gebot der deutschen Hanse ging aus, das allen und jeden Schiffen der Ostsee den Handelsverkehr mit dänischen Landen untersagte, und wo solche betroffen würden, sie als Feinde der Städte den Kaptersniggen der letztern zur Wegnahme von Fahrzeug und Ladung preisgab. So wurde aller Zufluß an Lebensbedürfnissen und Geldwert nach Dänemark gehemmt, wahrend die Städte, den Säckel für die Kosten des Krieges zu füllen, zum erstenmal seit dem Bestand der Hanse durch allgemeine Auflage eines Pfundzolles eine Bundessteuer ins Werk setzten. All diese hundertfältigen Fäden liefen im Kopfe Johann Wittenborgs zusammen, der trotzdem nach wie vor alle Zurüstungen an Schiffen, Waffen und Geräten täglich mit eigenen Augen besichtigte, als sei er in einem Heerlager geboren und von Kindheit auf mit der Kenntnis jedes Kriegsbedarfs vertraut. Fast immer begleitete ihn auf seinen Rundgängen Dietwald Wernerkin, den er oft, zumal bei der Standsetzung der Schiffe zum Kampfgebrauch, um Rat und Einrichtung der venezianischen Schlachtgaleeren befragte und nutzreiche Auskunft von ihm erhielt. Um die Mitternacht jedoch saß er allemal drunten im Ratsweinkeller, und auch dorthin mußte Dietwald ihm stets Geleit geben. Da war Johann Wittenborg sorglos-frohgemut beim Becher, als ob keine Last und Mühsal des Tages an Körper und Geist ihn fast erdrückt habe. Er kerbte unter Scherz und lustigem Witzwort mit einem Messer seinen Namen kunstreich in den alten Eichentisch ein, daß alle, die um ihn saßen, der zukunftsschweren Zeit zum Trotz oftmals in heiteres Gelächter ausbrachen. Nur das Gesicht des jungen Ritters blieb jederzeit unjugendlich ernst dabei, als habe es das Lachen für immerdar verlernt. Dann erhielt er eines Tags eines Kämmerers Schreiben aus Rendsburg, die Gräfin Elisabeth tue ihm nach der Vorschrift ihres Bruders zu wissen, daß der Abgesandte des Königs Hakon von Norwegen eingetroffen und die kirchliche Vermählung mit dem Stellvertreter des letztern für die nächste Zeit anberaumt sei. Sogleich nach Empfang dieser Botschaft nahm Dietwald für kurze Frist Urlaub von Wittenborg, der ihn nur widerwillig ziehen ließ, und ritt durch das Holstentor davon. Er säumte nirgendwo, nur einmal hielt er sein Roß an, als zur Rechten von ihm Burg Arensfeld über rotblühende Heide emporstieg; sein Blick ging eine Weile schweigsam durch das Morgensonnengeflimmer, und wie aus einem Traum auffahrend, stieß er dem Pferd plötzlich die Goldsporen ein, daß es, solches Antriebs von ihm ungewohnt, emporbäumend erschreckt vorsprang, bis er besänftigend den Hals des Tieres klopfte und zu ihm hinabsprach: »Vergib, daß ich dir Unrecht gefügt, man soll nicht andern Übles tun, weil's uns selber geschehen. Das ist aller Menschenpflicht Erstes und Letztes, und sie darf den blauen Himmel da droben nicht fragen und anschuldigen, warum er's gewollt, daß ein Menschenherz schneller hinwelke als eine Blume im Feld. Er will mir nicht Hoffnung flößen, daß er eine Antwort darauf gibt.« Große festliche Bereitung traf der Ankömmling in der Stadt und auf dem Fürstenschloß zu Rendsburg vor. Durch die kriegerische Einigung gegen Dänemark hatte der Abschluß des Ehebündnisses zwischen Norwegen und Holstein noch eine weit gewichtvollere Bedeutsamkeit gewonnen, die Grafen Klaus und Johann, Herzog Albrecht von Mecklenburg, Junker Adolf von Schauenburg und zahlreiche andere Herren und Ritter waren zur Feier als Zeugen versammelt. Der Weg von den Gemächern der Königsbraut über den Schloßhof zur Burgkapelle lag hoch mit Blumen bestreut; als Elisabeth im bräutlichen Schmuck über die Schwelle ihrer Ankleidekammer trat, bot harrend Dietwald Wernerkin, der sie zuvor nicht begrüßt, ihr mit tiefer Verneigung die Hand und führte sie bis an den Altar hinüber. Es regte wohl Verwunderung unter den Zuschauern und manch heimliches Mißvergnügen bei den Fürsten, daß ein so junger und unbenamter Ritter statt eines der vielen, hoch am Range über ihm Stehenden dieses Ehrengeleit ausübe und den Vortritt vor ihnen nehme; doch gab keiner seinem Verdrusse merkbaren Ausdruck, denn es war so der Wille des eisernen Grafen, gegen den sich im Holstenland niemand, am wenigsten sein Bruder aufzulehnen getraute. Der jugendliche Statthalter aber vollzog sein hohes Ehrenamt mit ritterlichem Anstand, Würde und sicherer Festigkeit. Er hatte nicht mit den Wimpern gezuckt, als er der königlichen Braut, ganz in weißem Gewand und mit einem Kranz blauer Blüten auf dem Scheitel, zuerst ansichtig geworden, seine ausgestreckte Hand faßte mit ruhiger Bewegung die Fingerspitzen der ihrigen, so schritten sie gemessenen Ganges dahin. Fast seltsam-geschwisterhaft ähnlich erschienen sich ihre Züge, das goldhelle Haar und die blauen Augen, und manches der neugierig gedrängten Weiber des Volkes raunte heimlich, es sei schade drum, daß sich das junge, holdgeschaffene Paar nicht zum Altar geleite, um selber als Mann und Weib zurückzukommen; denn es lasse sich nichts mehr wie füreinander Bestimmtes und Jugendlieblicheres erdenken, nur etwas zu blaßfarbig seien beider Gesichter für den freudigen Tag. Sie hatten sich nicht angeblickt und keinerlei Wortesgruß selbander getauscht, nur einmal, wie im Schloßhof der Fuß Elisabeths auf dem dichten Blumenteppich leicht zur Seite glitt, daß ihre Finger sich flüchtig zusammenschließend eine wirkliche Stütze an der Hand ihres Führers suchten, sprachen ihre Lippen mit einem müden Lächeln dazu: »Es hätte so vieler Blumen nicht bedurft, heut um mich zu verwelken,« und der junge Ritter erwiderte:«Freilich hebt der Fuß sich schwer darauf vor, wenn jeglicher Schritt ihrer eine zertreten muß.« Weiter redeten sie nichts: in der Kapelle begab Dietwald Wernerkin sich bescheiden zur Seite, der norwegische Abgesandte trat, mit einem roten Blumenkranze geschmückt, zur Linken der Braut vor den Altar, zwei Jungfrauen und zwei Junggesellen hielten über den Häuptern beider ein purpurfarbiges, schleierartiges Tuch ausgespannt, und in kurzem hatte der bischöfliche Mund das Ehebündnis zwischen dem, gleich als ob er anwesend stehe, durchlauchtigen Könige Håkon von Norwegen und der hochbürtigen, edlen Gräfin Elisabeth von Holstein geknüpft, daß nach dem Gelöbnis beider vor Gott und Menschen ihre Treue nichts scheiden solle als der Tod, und die Segensspendung der Kirche den Bund beschlossen. Der Stellvertreter führte die neue Königin in den Schloßsaal zurück, wo von allen Fürsten und Herren die Vermählungsurkunde unterzeichnet ward. Doch die Mehrzahl vermochte nicht ihren Namen, sondern nur ein Kreuz auf das Blatt zu setzen, und es erregte allgemeines Erstaunen, wie Dietwald, als Statthalter des Grafen Heinrich, mit großer, klarer Schrift als der erste den Abschluß der Ehe beglaubigte. Ihre Gültigkeit erheischte noch einen, wenn auch rasch beendeten, doch peinlichen Vorschriftsbrauch; ein Lager stand, von purpurner Decke überbreitet, aufgeschlagen, zu dem die Brautführerinnen die junge Königin geleiteten. Sie ward darauf emporgehoben, der stellvertretende Gemahl trat hinzu, bog sein Knie auf den Rand des Lagers, und einen Augenblick lang ward die purpurne Decke um beide zusammengehüllt. Dann empfing die Vermählte, jedem die Hand zum Kusse darreichend, die Beglückwünschungen aller Anwesenden, die ihr Bedauern sprachen, daß der bevorstehende Krieg gegen Dänemark einen zurzeit noch völlig unberechenbaren, für König Hakon wie für seine Gemahlin gleich schwer ertragbaren Aufschub fordere, bevor sie sich, sicher vor feindlicher Gewalttat König Waldemars Atterdag, übers Meer in die harrende Brautkammer zu Schloß Bergenhuus getrauen dürfe. Mit unveränderter Miene hörte die junge Königin den Worten der Heilsgrüße und des Beileids zu, es spiegelte sich nicht Glück noch Trauer in ihrem Antlitz. Nur als der Ritter Wernerkin nun nach den Fürsten zu ihrem Sitz hinanschritt, erschien ihr Gesicht noch um etwas blasser als zuvor. Sie sprach ihn an: »Lasset mich Euch danken, Herr Ritter, denn Ihr habt das Schwerste vollbracht, daß Ihr aus so weitem Land heut hierher gekommen, mich zu begleiten. Dessen bleibe ich Euch gedenk.« Kurz hatte sie gezaudert, dann bot sie ihm, gleich den übrigen, ihre Hand zum Kusse. Doch er neigte sich nur, als gelte seinen Lippen diese Darreichung nicht, bis ein stummbittender Blick aus ihren Augen in die seinigen traf, sich der Vorschrift des Brauches nicht zu weigern. Da bückte er sich rasch auf die schöne Hand, allein sie kaum mit dem Munde streifend, hob die Stirn zurück und entgegnete: »Ich tat die Pflicht, durchlauchtige Königin, die ich Eurem edlen Bruder gelobt, und habe nicht Dank drum verdient, denn eines Gebotes Erfüllung birgt nicht Verdienst vor Gott und uns selber, ob sie freudig oder mühsam sei. Wollet Ihr mir aber besondere Gunst erweisen, so verstattet, daß ich alsogleich zur Stadt Lübeck zurückreite, dort meiner Zusage getreu zu werden.« Ein leichtes Zucken ging durch die Wimpern der Königin Elisabeth. »Ihr habt vor derselben meinem Bruder noch eine andere Zusage getan,« sprach sie unschlüssig; der junge Ritter fiel ein: »Die mich gehorsam finden wird zu jeder Stunde, durchlauchtige Herrin, wenn Euer Gebot mich beruft. Aber wir haben vielfältige Rede vernommen, daß Ihr anerst nicht danach trachten könnt, Euch aufs Meer zu begeben.« »Ich habe Euch nichts zu gebieten, Herr Ritter, es steht bei Euch, zu erfüllen oder zu versagen. Doch wenn Ihr mir Euer Geleit auf der Seefahrt, wenn sie statthaben mag, gewähren wollt, so wird es mir sein, als ob ich unter den Schutz meines Bruders selbst gestellt sei. Seid Ihr aus freiem Entscheid freundlich gewillt, mir diese tröstliche Zusicherung zu verleihen, daß Ihr mich lasset, um dergestalt noch einmal zurückzukommen, da reichet mir zu solchem Angelöbnis, gleich wie mein Bruder, in seinem Namen die Hand, und gehet, Herr Ritter, unter der Obhut des Kreuzzeichens der himmlischen Liebe, die Euch allzeit geleiten und beschirmen möge auf Euren Wegen in Feindesgefahr zu Land und zu See.« Sie reichte ihm ihre Hand, Dietwald Wernerkin erfaßte diese und entgegnete: »Ich gelob' es, durchlauchtige Königin, beim Zeichen des Kreuzes, von dem Ihr geredet, und es breite den Schutz der Himmelsliebe über Euch, wie Ihr mich ihrer Obhut befohlen.« Jetzt beugte er sich und drückte ehrerbietig seine Lippen auf die Hand der jungen Königin; dann verneigte er sich nochmals vor ihr und dem Kreis der Fürsten umher und verließ festen Schrittes den Saal, durch dessen hochgewölbte Fenster die Königin Elisabeth von Norwegen einen Augenblick schweigsam auf den stillen grünen Garten drunten am sonnigen Spiegel der Eider hinaussah. Als Dietwald Wernerkin wieder in Lübeck eintraf, fand er die kriegerische Zurüstung dort um ein Gewaltiges vorgeschritten. Reisige Mannen mit »Ausreitevögten« als Hauptleuten an der Spitze waren um reichen Sold geworben, die jugendkräftigen Bürger der Stadt fast ausnahmslos gewaffnet und vom Morgen bis zum Abend im Felddienst eingeübt. Unablässig standen die Armbrustmacher in ihren Werkstätten an der Herstellung von Bogen und Pfeilen beschäftigt, der »Blidenmeister« versah die Deckkastelle der Schiffe mit schweren Wurfgeschossen, Balken und Steinen, die aus Maschinen gegen feindliche Mauern und Fahrzeuge geschleudert zu werden bestimmt waren. Auch Feuerbolzen und andere Brandwürfe zum Anzünden von Häusern und Schiffen der Gegner hielten die Vorratskammern für die »Bliden« oder Balisten bereit; geheim verwahrt und geheimnisvoll aber barg das Waffenverlies, wenn auch nur gering an Zahl, seltsame, aus Eisenstäben zusammengeschweißte und mit eisernen Ringen umgeschmiedete Rohre, von denen unter den wenigen Eingeweihten wundersame Gerüchte umliefen. Völlig unbekannt noch bei der Menge, sogar bei Rittern und Fürsten des Nordens, war nur erst in die große Handelsstadt Lübeck eine neue Erfindung hinaufgedrungen, die selbst die schwerste Panzerrüstung in der Schlacht nutzlos und verwundbar wie ein Lederwams machen solle. Man schütte in die eisernen Rohre »Büssenkrud«, ein schwarzes, erschreckliches Mehl, das unsichtbares Feuer in sich enthalte, darauf fülle man Steine oder zerhacktes Blei und wenn man alsdann einen brennenden Schwamm daran tue, fahre eine Flamme heraus und schleudere unter lautem Gekrach mit furchtbarer Gewalt das Stein- oder Erzgeschoß gleich Pfeilen geradaus wider den Feind, daß nichts dagegen zu schützen stark genug sei. Doch niemand wußte ganz Genaues darüber, als Herr Johann Wittenborg und seine nächsten Vertrauten, die täglich mit dem Armbrustmeister, dessen Verwahrsam das kostbare, Bombarde benannte Kriegsgerät anheimgegeben, in einem großen, sorglich verschlossenen Raum Prüfung damit anstellten, so daß nur dann und wann das donnerartige Getöse weithin nach außen hinaushallte. Von nicht weniger emsiger Tätigkeit jedoch als zu Lübeck berichtete die Kunde überall her aus den großen Hansestädten, und auch die kleineren blieben nicht müßig zurück. Zahllose Tonnen frischgebrauten Bieres und andere mit gesalzenem Ochsen- und Schweinefleisch, Dorschen, Heringen, Stören, Lachsen und Neunaugen, Brot, Mehl, Bohnen, Butter und Käse wurden am Travehafen aufgestapelt und in die Schiffsräume verladen, um der Heeresmannschaft auf der See zur Nahrung zu dienen. Doch auch köstlicherer Mundvorrat an Ingwer, Feigen, Mandeln, Safran, Honig und Pfeffer für die Anführer mangelte nicht, und auf jeder Kogge harrte ein »Oberkoch« mit einem großen und kleinen »Unterkoch« der Ausführung seines gewichtigen Berufs. Wenn dergestalt die Städte nichts für den bevorstehenden Kriegszug versäumten, lautete dagegen die Botschaft über die Rüstungen der bundgenössischen Fürsten nach gewohntem Herkommen nur mäßig und wenig Aussicht eröffnend. Es gebrach ihnen allen an Geld, Söldner zu werben, an einer fest entschlossenen Hand, ihre Lehnsritter waren unbotmäßig und aufsässig. Die holsteinischen Grafen allein betätigten einigen Eifer, doch sie besaßen keine Schiffsmacht und mußten ihre Hülfsleistung darauf beschränken, daß sie in Gemeinschaft mit dem wenig zuverlässigen Herzog Waldemar von Schleswig zu Lande in Jütland einzubrechen verhießen. Von Schweden und Norwegen gelangte nur eine weit umgeirrte, unbestimmte Nachricht herab. Sie besagte, daß man dort allerdings waffne, aber es fehle nicht allein an Geld, sondern vor allem im Königsschloß zu Stockholm und vielleicht auch anderswo noch mehr an nachdrücklichem Willen und rege den Eindruck, mehr zum äußerlichen Anschein als mit innerlichem Ernst betrieben zu werden. So hatte Johann Wittenborg wohl Anlaß, Dietwald Wernerkin manchmal zu wiederholen, er baue auf nichts, als auf die Kraft der Hanse allein und daß die andern Fürsten nicht wider sie ständen, wozu vor allem das Ehebündnis des Königs Hakon mit der Gräfin Elisabeth verholfen. Aber mit dem Eifer der Städte, wie er aus diesen so allseitig und gewaltig nicht zu rechnen gewagt, sei er siegeszuversichtlich genug, und es müsse sich die Hölle mit Waldemar Atterdag verbünden, um ihn vor der Übermacht der hansischen Flotte zu erretten. Mit bereitwilliger Einmütigkeit hatten auch alle Mitglieder des Bundes der Stadt Lübeck die Führung des gemeinsamen Heerzuges zuerkannt und ihre Schiffe dem Burgemeister derselben als oberstem Feldherrn untergeordnet. So kam ein Tag, an dem die Schiffsmacht der Dudeschen Hanse sich von allen Häfen her in der wagrischen Ostseebucht vor Travemünde versammelte und die lübischen Koggen, Sniggen, Schuten, Kreyen, Balinger, Barsen, Espinge und Bordinge zu ihr stießen. Es war eine Flotte, wie die Ostsee sie noch niemals vorher gewahrt; siebenundzwanzig Holke mit dreitausend Schwergewaffneten bildeten den Kern der Schlachtschiffe, den ein zahlloser Troß der leichten Fahrzeuge umringte. Der Wind blies günstig, und an der Spitze der drohenden Heeresmacht schwellte das Orlogsschiff des Admirals der Hansa seine Segel gegen die dänischen Inseln hinaus. In goldblitzender Rüstung stand Herr Johann Wittenberg neben dem Ritter Wernerkin, seinem stetigen Begleitsmann, auf dem Vorderkastell und schaute sicherfreudig der auftauchenden Küste der Insel Falster entgegen. Dort weiter meerauf hielten unter den weißleuchtenden Kreidefelsen von Mönnsklint ein paar schnellsegelnde Sniggen Königs Waldemar als »Auslieger« auf Wacht, liefen hurtig jetzt nordwärts und überbrachten die Kunde von dem mächtigen Anrücken der Hanse in den Sund. Auch Waldemar Atterdag hatte mit Anspannung aller Kräfte seine Kriegsrüstung betrieben, doch keine Schiffszahl aufzubieten vermocht, um dem dreifachen Übergewicht seiner Gegner auf der See stand zu halten, und diese zogen, ohne Gegenwehr zu finden, an der öden Dünenzunge von Falsterbo vorüber in den Sund hinein. Der Feldzugsplan des Oberführers war darauf gerichtet, zunächst die Stadt Kopenhagen anzugreifen und zu erobern; bei der Insel Amager trafen ihn indes Sendboten der Könige Magnus von Schweden und Hakon von Norwegen mit dem Ansuchen der beiden nordischen Fürsten, die Hanse möge sich gegen die Feste Helsingborg wenden, dorthin würden sie mit ihrem gesammelten Heer so rasch als möglich zum Beistand kommen. Auf diese Anforderung und Zusage hin beharrte Johann Wittenborg nicht bei seiner Absicht, sondern segelte bis zu der schmalen Schlußenge des Sundes hinauf, wo, sich dicht gegenüber gelagert, die feste Stadt Helsingborg und das Schloß Helsingör mit einem unbedeutenden Häuserhaufen umher die Einfahrt vom Kattegatt her beherrschten. Allein auch hier fand die hansische Flotte keine Schiffe, die ihr Widerstand boten, legte sich unbehindert vor Helsingborg und begann dies mit Wurfmaschinen zu beschießen. Die starken Mauern trotzten jedoch der Gewalt, hoch ragte ein machtvoller Turm hart vom Ufer auf die See und vergalt den Angriff mit unerschütterlicher Abwehr. So entsandte Johann Wittenborg die Hälfte seiner Mannschaft ans Land, um dort schwächere Seiten der Stadt zu berennen. Alle Bliden, sechzehn an der Zahl, wurden von den Koggen mit hinüberbeschafft und überschütteten bei Tag und Nacht die Verteidiger mit Geschossen. Die Zahl der Belagerer erwies sich indes zu gering, das weite Ringmauerwerk rundum zu bedrohen, sie harrten wochenlang auf den Zuzug der nordischen Könige, aber von Schweden und Norwegen traf keine Beihülfe ein. Unmutig über die lange Erfolglosigkeit sandte der Admiral von Tag zu Tag mehr Gewaffnete der Schiffe zur völligen Umschließung Helsingborgs auf der Landseite; kaum lebhaft am Kampf mehr beteiligt, lag die hansische Flotte, von Streitern entblößt, gleich einer Segelschar von Kauffahrern ruhig, fast untätig auf dem Wasser. Doch trotzdem saß König Waldemar drüben im festen Schloß von Helsingör in unruhvoller Sorge. Er wußte durch Kundschaft, daß die Besatzung Helsingborgs zu wanken begann und daß besonders die unbekannten Feuerrohre der Lübecker wilden Schrecken unter den Verteidigern ausbreiteten. Von Jütland her traf ihn Meldung des Einfalls holsteinischer und schleswigscher Heerhaufen, die über den Kleinen Belt nach der Insel Fünen hinüberzusetzen drohten. Auch von andern Fürsten der deutschen Ostseeküste kam Nachricht, daß sie rüsteten, da sie erfahren, welche gewaltige Kriegsmacht der Hansebund ins Feld gestellt. So sah Waldemar Atterdag sich wieder wie am ersten Tage, da er als »wahrer Erbe Dänemarks« auf den Thron seiner Väter zurückgekehrt, allein in der gesamten nordischen Welt; von allen Seiten ballte der Raub Wisbys schwere Wetterwolken um ihn zusammen, und der Weiterschritt jeder Woche verschlimmerte seine Lage. Seine Feinde vermochten, an Geldern und Lebensmitteln reich begabt, geduldig zu warten, doch an den Beschirmern Helsingborgs zehrte jeder Tag. Johann Wittenborg hatte gesprochen, nur ein Bund mit der Hölle könne den Dänenkönig erretten. Das alles wußte auch der, trotz seinen kaum mittleren Jahren gleich einem Weißhaarigen klug bedachtsame Burgemeister der Stadt Lübeck, und wenn auch mit einem stolz befriedigten Lächeln, so doch ohne starke Überraschung empfing er nun eines Morgens ein Handschreiben Waldemars Atterdag, darin dieser seine Bereitschaft, Frieden unter nicht allzu schweren Bedingungen mit der Hanse abzuschließen, kundgab und Herrn Johann Wittenborg nebst seiner Gefolgschaft bei Sicherung königlichen Geleits auf dem Her- und Rückwege für den Nachmittag zu einer Beredung im Schlosse Helsingör einlud. Dietwald Wernerkin stand neben dem Admiral und schüttelte auf eine Frage desselben abratend den Kopf: »Bauet nicht auf die trügerische Zusage, Herr Wittenborg.« Allein dieser entgegnete: »Ich kenne Waldemar Atterdag, er hat nicht Glauben an Gott und Teufel, doch sein Königswort hält er, wenn er's verpfändet. Das scheidet bei ihm uns ›Kramer‹, die er mißachtet, von seinem edeln Blut, und wär' mein Leib von Edelgestein, er würd' kein Haar daran rühren, bis ich wieder in Sichernis hier auf dem Schiff gestanden. Doch wenn Ihr Bedenken tragt, mich nach Helsingör zu begleiten, Ritter –« »Ihr wißt, Herr Wittenborg, ich trachte nicht, Gefahr zu meiden, und sorge keinen Hinterhalt um mich,« versetzte mit gleichmütigem Ernst Dietwald Wernerkin. »Mein Leben hat nicht andern Zweck, als dem Ruhm und der Macht der Hanse zu dienen, und wenn Ihr mich ehrt, Euch geleiten zu dürfen, steht mein Fuß neben dem Eurigen, wohin er zu schreiten für wohlgetan befindet.« Demgemäß landete am Nachmittag eine Barke mit dem Oberbefehlshaber der Hansestreitmacht und seiner Gefolgschaft am Strande von Helsingör, ward dort durch ein ritterliches Ehrengeleit in überaus höflicher Art empfangen und zum Schloß hinaufgeführt. Lauter Hörnerklang tönte den Ankommenden entgegen, es blitzte ringsum von festlichen Panzerkleidern und höfischen Gewändern. König Waldemar erwartete seinen Gast auf der hohen Burgtreppe des Schloßhofs, doch nicht in Helm und Rüstung, sondern friedlich mit weitem, kostbarem Hausgewand angetan und federumwalltem Barett auf dem Haupt. Nun neigten sich, wie vor einem andern Könige, alle Fahnen und Waffen umher vor dem Burgemeister der Stadt Lübeck, er lies sein Gefolg zurück und schritt allein mit stolz-sicherer Haltung die Stufen hinan. Auf ihrer Mitte trat Waldemar Atterdag zu ihm hinab und streckte die Königshand gegen ihn aus. Johann Wittenborg faßte sie und sie schüttelten sich die Hände. Kurzen Augenblick standen die beiden, gleich hoch aufragenden Gestalten, nur in der Nähe vernehmbaren Wortgruß austauschend, nebeneinander, dann schritten sie zusammen zur Beredung ins Innere des Schlosses hinein. Als sie von der Ratschlagung in den weiten Rittersaal kehrten, ging die Sonne rot über dem Kattegatt nieder. Befriedigt, wie in einem leichten, freudigen Rausch glänzten die Augen des Hanseadmirals, er mußte den Zweck seiner Hierherkunft voll erreicht haben. Königliche Ehren bewillkommten ihn auch beim Eintritt in den Saal, wo reiche Tafel gedeckt stand; der Sohn Königs Waldemar, Prinz Christoph, Herzog Erich von Sachsen, Nikolaus Lembek, des Dänenreiches Drost, empfingen den Bürger der Löwenstadt, die ihren alten Namen bewährt, mit tiefer Neigung des Hauptes. Auch die Königin Heilwig bot ihm, wie einem an fürstlichem Range Gleichstehenden, Gruß und neben ihr Waldemars Atterdag älteste, siebzehnjährige Tochter, Prinzessin Ingeborg. Ihre schlanke, hohe Gestalt umschloß eng ein purpurnes Samtgewand, darüber leuchteten zwei wundersam große, dunkelgestirnte Augen, doch es war, als werfe der Schein ihres Kleides rötlich funkelnde Lichter in diese hinein. Sie bog sich sittsam und schweigend vor dem fremden Heerführer zurück, aber ihr Blick ruhte mit unverkennbarem wohlgefälligen Erstaunen auf seinem ritterlich-stolzen und noch jugendlichen Bildnis, als habe sie sich ihn in anderer Erscheinung vorgestellt. Ernst, ohne Teilnahme an dem üppigen Gepränge des dänischen Hofes, stand Dietwald Wernerkin etwas von der übrigen Gefolgschaft seines Feldhauptmanns abgetrennt und schaute gegen die untergehende Sonne durchs Fenster hinaus. Dann fuhr plötzlich sein Kopf herum, denn eine Hand hatte sich ihm auf die Schulter gelegt und eine Stimme hinter ihm sprach ihn an: »Wollt Ihr mit den Goldsporen, die Ihr Euch an den Fuß geworben, alte Freundschaft ableugnen, Ritter Wernerkin? Ich halte sie und heiße Euch willkommen, wenn auch nicht zu Helsingborg, doch zu Helsingör als Begleiter meines neuen Freundes Johann Wittenborg.« Noch von dem Strahlennetz der Sonne übergittert, sahen die Augen des jungen Ritters starr in das Antlitz Königs Waldemar des Vierten: dann riß jäh der Blendungsschleier vor seinem Blick und er stieß ungläubig, wie halb betäubt von den Lippen: »Knud Hendrikson –!« »Ich hoffe, mein Gesicht gefällt Euch besser so, als Kaufmann auf der Reise trägt man sich etwas anders,« lachte Waldemar Atterdag, der den zu Wisby seinen Mund, Wangen und Kinn dicht verdeckenden langen Bart halb abgeschoren trug. »Ich habe mein Geschäft damals mit gutem Gewinn zu End' gebracht, obzwar Peter Holmfeld, wie ich vernommen, etwas teure Kosten an Leib und Leben davongetragen, da er töricht war und unsern Handelsvertrag mit dem Schwert zerhauen wollte. Ihr aber seid noch unter den Kaufleuten verblieben, seh' ich, und machet ein Gesicht gleich einem Pebersvend, dem seine Ware zwischen die Zähne geraten. Kommet zum Mahl und Trunk, wir haben schon guten Becher zusammen geleert, Ihr seid mir ein willkommener Gast an meinem Tisch.« Es war Dietwald Wernerkin wie ein Blitz der Erhellung durch den Kopf gefahren, daß Witta Holmfeld es gewesen, die den Verrat an der Stadt Wisby verübt, daß sie damals im Garten, als sie den plötzlichen Schrei ausgestoßen, zuerst vernommen, wer Knud Hendrikson in Wirklichkeit sei. Und zugleich sah er sie totenbleich mit irren, angstvollen Augen die Arme wie um einen Halt um seinen Nacken schlingen, hörte die Frage ihrer bebenden Lippen, was sie solle, denn ihm vertraue sie, daß sein Herz nicht lüge. Und er hatte ihr mit zukunftsfreudig klopfender Brust erwidert: »Wenn du ihn lieb hast, glaube ihm – es ist nicht Köstlicheres auf Erden – wem sollt' man vertrauen, wollte man dem Herzen nicht glauben, dem eigenen und dem, davon es sein Glück erhofft!« Und er sah Witta Holmfeld an die Brust Knud Hendriksons willenlos hinüberfallen, und wiederum zugleich gewahrte er den blutenden Leichnam ihres Vaters auf den Boden gestreckt, der als Verteidiger seiner Heimat unter dem Schwert der Helfer seines treulosen Dänengastes gefallen war, und ein bittrer Krampf über die damalige Blindheit seiner Augen, die Unerfahrenheit seiner Jugend und das Hoffnungsglück seines eigenen Herzens schnürte die Brust des jungen Ritters zusammen. Dann aber, sich schnell und mit starker Gewalt beherrschend, erwiderte er kurz auf die Worte des Königs: »Ihr spracht's, Herr König, ich bin verblieben, wofür ich mich damals ausgab, und hoffe es, Gott und Menschen getreu, zu verbleiben bis an mein End',« Ein flüchtiges Zucken schnitt um Waldemars Atterdag Mund. »Das ist auch mein Spruch, Ritter Wernerkin. Ich war damals nicht minder, was ich bin, und hoffe, es zu bleiben bis ans End'.« Doch nun flog seine Oberlippe lachend über die scharf gekanteten Zähne auf: »Euch haben Gott und Menschen nicht sonderlich Treue gehalten, deucht mir, denn Ihr setztet damals viel jugendliche Handelszuversicht auf ein zukünftig Geschäft mit einem kleinen Goldkreuz, obzwar ich Euch sprach, es sei von unechtem Metall, und wie mir kund geworden, ist ein Kaufmann aus dem Norden hurtiger gewesen als Ihr, Euch um den Gewinn zu betrügen. Ich stehe noch in Eurer Schuld, Ritter, und versprach Euch, ihrer zu gedenken, wenn's ein Tag in meine Hand gäbe. Es mag wohl geschehen, daß ich bald einmal eine Reise nach Schloß Bergenhuus antrete, und wenn ich Eure Liebste dort schon vorfinde, bringe ich sie Euch mit. Bei meinem Königswort, verlaßt Euch drauf, denn ich bin getreu, Dietwald Wernerkin! Nun kommt und seid frohgemut an Knud Hendriksons Tische.« Die festliche Tafel begann, zur Rechten Königs Waldemar auf dem Ehrenplatz saß Johann Wittenborg und neben ihm Ingeborg von Dänemark. »Müsset die Dürftigkeit der Speisen nicht verargen, Herr Admiral, denn Ihr selbst traget die Schuld an ihrer Armut, Eure Schiffe haben mich ausgehungert,« lachte Waldemar Atterdag, »aber dürsten sollt Ihr drum nicht, und ich bring' Euch den Willkomm, Euch und der deutschen Hanse auf neue, immerwährende Freundschaft fortan!« Er hob seinen Goldpokal und stieß ihn gegen das von Rubinen blinkende mächtige Trinkgefäß des Gastes: beide leerten den feurigen Südwein auf einen Zug, und die Königstochter faßte mit der eigenen, Alabaster an Farbe gleichenden Hand mühsam die vor ihr stehende schimmernde Erzkanne und füllte den Becher Johann Wittenborgs wieder bis zum Rand. Die Armut der Speisen aber durfte selbst einen Lübecker Kaufherrn als unglaublicher Reichtum überraschen, so bot die Tafel auf kostbarsten Geräten alle auserlesensten Erderzeugnisse aus Nord und Süden und Meisterstücke der Kochkunst dar. Dazwischen prangten ringsum wundersame Schaugerichte, das Gefieder von Pfauen über silberne Reifen gespannt und mit Südfrüchten ausgefüllt, Burgen mit Türmen, Erkern und Zinnen aus Gold und goldener Landschaft um sie her, Schüsseln, die statt des Salates große Smaragde, als Öl gelbe Topase, statt des Essigs Rubinen und als Salz schneehelle Perlen enthielten. Der hansische Feldherr empfand wohl, daß es doch keineswegs gelungen sei, Dänemark vom Handelsverkehr mit der Ferne abzutrennen, und sprach sein Staunen über den wundersamen Überfluß der Tafel aus. »Ihr wäret grausam, Herr Admiral, und wolltet uns hungern lassen,« lächelte seine schöne Nachbarin schalkhaft, »aber Elfen kamen durch die Luft und Nixen mit weißen Händen vom Meergrund und halfen uns, sonst wären wir alle an Eurem mächtigen Zorne verdorben.« Sie füllte ihm abermals den Becher und fügte, den ihrigen fassend, drein: »Lasset mich auch, wie mein Vater, auf die Freundschaft Eures edlen Gemahls trinken, das ich einmal zu gewahren verhoffe.« Halb verwirrt entgegnete Johann Wittenborg, er sei unvermählt, mit errötendem Antlitz gab sie rasch zur Antwort: »So bleibt mir nur, auf die Beglückte zu trinken, die in Zukunft Eure Hausfrau sein wird,« und leicht mit den Lippen kostend, setzte sie den Becher an den Mund. Ihre leuchtenden Augen blickten noch über den Rand in das Gesicht des jugendlichen Admirals und schlugen plötzlich die langen Wimpern herab; er aber erwiderte mit halblauter Stimme: »Ihr redet von Nixen mit weißer Hand, die aus der See emporgetaucht, um Euch zu dienen. Ich sah niemals eine mit Augen, doch ich weiß, da ich als Knabe von ihnen holde Mär vernahm, hab ich mir ihre Hände so gedacht wie die Eurigen. Und gibt's auch nicht Nixen, nimmt mein Blick doch, bedeucht mir, wohl das Schönste was sie besitzen möchten, gewahr.« »Wisset Ihr so gewiß, daß es keine gibt?« lächelte die Prinzessin Ingeborg von Dänemark. Die Sonne war niedergegangen, und der rote Schein eines purpurnen Abendlichtes spielte mit märchenhaftem Glanz um ihre Stirn. Dann fielen mählich graue Dämmerfäden drein, doch über das Antlitz der jungen Königstochter schien das Zwielicht nicht Macht zu haben; als werde es von innen erhellt und strahle durch eigene Kraft, blieb es im Schwinden des Tages von gleichem Marmorgeleucht, wie die weißen Felsenklippen von Mönnsklint. Aber nun heischte König Waldemars Gebot Licht, und ein Dutzend Pagen entzündete ringsum an den Wänden des Saales auf hundert erzenen Pfannen blauflammendes, Wohlgeruch ausströmendes Fichtenharz; Zutrunk, Scherz und Becherklang wechselten in steigender Lustbarkeit laut über die Tafel, die mehr denn fünfzig Gäste an jeder Seite zählte. Nur der Ritter Wernerkin saß schweigsam; die Diener tischten vor ihm silberne und goldene Schüsseln auf und legten ihm vor, aber er berührte nicht Speise noch Trank unter Knud Hendriksons Dach. Endlich hatte die üppige Mahlzeit geendet, und im Gedränge der Umherstehenden traf Dietwald nach einer Weile mit Johann Wittenborg zusammen, der ihn glänzenden Blickes ansprach: »Es gereuet Euch nicht, denk' ich, daß Ihr mit zum Feste hierher gekommen. Schauet heut nicht so ernst, Freund, es gibt wohl Jungfrauen hier, deucht mir daß sich bei ihrem Anblick in Eurer Jugend ein Herzleid vergessen mag. Was will Euer Auge mir reden?« »Daß es vielleicht Zeit ist, rückzukehren und unseres Wirtes Gastfreundschaft nicht bis auf die Neige zu kosten,« entgegnete der Befragte leisgedämpften Tones. Zwischen den Lidern des Hanseadmirals flog plötzlich ein anderes, klareres Licht auf, als der ungewisse Schimmer, der seine Augensterne überflimmert gehabt. »Zurück?« wiederholte er, »Ihr mahnt recht, es ist spät; wir wollen Abschied nehmen.« Er trat rasch auf König Waldemar zu, doch dieser hatte seine letzten Worte vernommen und kam ihm schon entgegen. »Bleibet doch noch, Herr Wittenborg, daß wir guten Trunk miteinander tun! Morgen ist wieder ein Tag, da können unsere Zungen ernste Rede wägen.« Unschlüssig stand der Gast des Königsschlosses, von der Seite her trat die Prinzessin Ingeborg von Dänemark an ihn hinan und sprach lächelnd die Worte ihres Vaters nach: »Bleibet doch noch, Herr Wittenborg!« – – – Dann liegt eine schwarze Nacht über Helsingör, Fackeln und Pechkränze lodern vom Königsschloß rot auf den Sund hinaus; nordher vom Kattegatt kommt anschwellender Windhauch und biegt wechselnd ihre hochzüngelnden Flammen, sonst deckt tote Ruhe Land und Meer. Nur im Schloßsaal, wo vorhin die Tafel gestanden, tönen Pfeifen, Zinken und Geigen, dort führt das Rittergeleit des Feldherrn der Hansa kunstvollen Reigen mit den schönen, unter dem blonden Gelock gleich rosigen Blüten hervornickenden Edelfräulein des dänischen Hofes. Auch die Königin Heilwig schreitet an der Hand des Burgemeisters von Lübeck durch das flatternde Gewoge und mischt sich mit ihm in den wallenden Tanz. Es ist ein berauschender Anblick von Jugendkraft, Schönheit und Anmut, die Wände des Königsschlosses drehen sich mit im Kreise, süßtrunkenen Lautes locken die klingenden Saiten, verhallen wie ferner Ruf und schwellen aufs neu. Da erscheint noch eine neue Gestalt in dem bunten Getümmel. Sie ist plötzlich da, als sei sie aus dem Boden heraufgetaucht; ein wasserfarbiges Gewand, bläulich und grünlich wechselnd, umschließt sie: ein Schilfkranz hält auf dem Scheitel einen Schleier von silberfädenem Gewebe, der bis über das Antlitz niederfällt und es nur wie aus einem Duftgewölk unerkennbar hervorschimmern läßt. Perlenschnüre umrinnen den schlanken, biegsamen Leib, und eine weiße Seerose scheint an der Brust als Spange die fließenden Gewänder zu halten: doch weißer noch als die Blume und als das einzig Sichtbare des glanzumwobenen Körpers sinkt und hebt sich aus der leichten Hülle, dem schwindenden und wiederkehrenden Schaumgeleucht einer Doppelwoge gleich, der tief entfesselte Busen. So mischt sich das märchenhafte Gebild in den sporenklirrenden, farbig umringelnden, kreisenden Reigen. Wo sie dahinschwebt, scheint bläuliches Mondlicht zu fallen, flattern schneeweiß gekleidete Begleiterinnen wie flügelschlagende Möwen um sie her; sie wiegt und schmiegt sich lautlos im Takte, doch allein, von keiner Hand geführt, als wage niemand, sie zu berühren. Sie gaukelt und schaukelt gleich einer Blume im Wind, Johann Wittenborgs Augen ist es, als hebe sich unter ihrem Saum der Estrich wie leise dünende Meerwellen auf und nieder. Er vermag ihre Züge nicht zu unterscheiden, nur ihre Hände, doch an ihnen erkennt er die Hand, die ihm an der Tafel oftmals den Becher gefüllt. Eine zweite, die ihr gliche, hat er auf Erden noch nicht gesehen. Dann steht er neben ihr und begrüßt sie als Königstochter von Dänemark. Doch sie schüttelt den Schilfkranz auf ihrem Scheitel, daß seine Blätter leis rauschen und säuseln, und gibt mit künstlich verstellter Stimme Antwort: »Ich habe Kunde erhalten, stolzer Beherrscher des Meeres, daß du nicht an uns arme Nixen glaubst.« »Und wer bist du, holdes Bildnis?« erwidert in gleichem Ton der jugendliche Admiral. »Nur die letzte aus den Tiefen deines weiten Reiches.« »Mich sollt' eher bedünken, es müsse keine über dir sein an Hoheit und Schönheit. Und weshalb kommst du herauf – nicht zu mir, dessen vermesse ich mich nicht – doch unter die Menschen?« »Um zu klagen bei dir, hoher Gebieter. Die mächtigen Kiele deiner Holke kommen gleich schnaubenden Walfischen daher und erschrecken meine Gespielinnen im kristallenen Haus.« »Deshalb habe ich ihnen geboten, schöne Nixenkönigin, still zu liegen, damit dein Geleit nicht mehr vor ihnen zage.« »Hab' Dank dafür, daß du's tatest! Aber es sind viel rauhe Männer auf deinen Schiffen, die treiben bei Tag und Nacht Zank und Fluch und Waffengeklirr, daß mein krankes Schwesterlein nicht schlafen kann und sich ängstigt und weint.« »Deshalb hab' ich die wilden, lauten Männer ans Land gesendet, damit sie dein Schwesterlein fürder nicht stören.« »Einige, doch wenige nur von deinen Gewaltigen, denn die Kleine wachte und weinte noch immer, als ich zu dir heraufstieg. Sähest du sie, wie lieblich sie ist, du fühltest Mitleid mit ihr.« »Da's deine Schwester ist, bedarf's nicht der Augen, um holdseligstes zu denken. Du aber bist ungerecht, denn ich sandte alle davon, deren Gelärm ihr den Schlaf von der Wimper scheuchen könnte.« »Alle sandtest du fort, du Gütiger? Dann vergib mir, daß ich noch klagte!« »Fast alle, liebliche Nixe; die wenigen, die ich zurückließ, konnten dein Schwesterlein nicht mehr ängstigen. Du schuldest mir Sühne für den Vorwurf, den du mir ungerecht angetan.« Sie glättet mit der alabasternen Hand eine Falte ihres Schleiergewebes. »Was böte ein armes Meerweib dem Beherrscher der See zur Sühne, und wie wolltest du's beweisen, daß ich sie dir schulde?« In Johann Wittenborgs Augen rinnt ein trunkenes Glanzlicht. »Ich beweise es dir, denn mein Wort, daß ich wahr sprach, bewährt dein Unrecht.« »Dein Ritterwort?« Der Burgemeister Lübecks errötet plötzlich, fast einem um Antwort verlegenen Knaben ähnlich; doch die zaubrische Gestalt vor ihm fügt rasch mit hörbar lächelnden Lippen drein: »Dein Fuß trägt nicht den scharfen Stachel, die meiner Lagerstatt weichwallende Daunen verwunden. Du bedarfst keiner goldenen Abzeichen, daß man dich als den ersten erkennt und alle Ritter nur als deine Vasallen. Dein Mund spricht Königswort und ich glaube ihm, daß ich dir Sühne schulde für meinen Zweifel. Was gebietest du, Herr?« »Ich bitte nur, wie's einem Wünschenden geziemt.« »Und was wünschest du, das ich Arme zu geben vermöchte?« »Zu fühlen, ob deine Hand gleich der eines Menschenkindes ist, und den Reigen mit dir zu schlingen. Und nachher zum Gedenken« – »Was nachher?« Er flüstert: »Die weiße Seerose, die mit den weißen Wellen steigt und fällt.« Halbleis und halblaut im fortkreisenden Getümmel umher sind die Wechselreden wie in neckischem Spiel eines Mummenschanzes tändelnd, anmutig und hurtig von Lippe zu Lippe geklungen; nun hält Johann Wittenborg die perlende Hand der königlichen Nixe und führt sie in schwebendem Reigen dahin. Seine Schläfen pochen, die Lichtflammen des Saales ziehen trunkenen Widerstrahl aus seinen Augen, auf und nieder schwanken um ihn die Wände. Wie grünes Meergeflecht verstricken zuweilen im Gedränge die langen Gewänder seiner Tänzerin ihm die Glieder, sie schwimmt in seinem Arm wie von Wellen getragen, auch in der gaukelnden Bewegung bewahrt ihre hastig wogende Brust unter ihm mühelos Atem zu holdtönender Frage und Erwiderung. Doch schwüler wird die Julimitternacht im Schloßsaal, und von der heißen Luft bedrückt, schlägt sie zuletzt den Schleier vom Antlitz, und mit rosenhaft aufgeblühten Wangen lächelt Ingeborg von Dänemark: »Verzeihet den Scherz, Herr Admiral, ich beging ihn, weil Ihr zuvor nicht an Nixen glaubtet.« Seine Wangen glühen. »Jetzt glaub' ich an sie.« Er stockt und zaudert und fügt leiser hinzu: »War die Sühne, die Ihr mir verheißen, nur Scherz?« »Ich habe sie Euch ja geleistet, Herr Wittenborg.« »Ihr wollt mich mißverstehen, mein Mund sprach von noch reicherem Lohn zum Gedenken dieser Nacht.« Ihr Blick schlägt sich nieder, dann lacht sie in mädchenhafter Verwirrung, und es sind die gleichen scharfgerandeten Zähne ihres Vaters, über deren weißen Aufglanz sich die Oberlippe hebt: »Den andern Lohn? Ich versprach ihn nicht und schulde ihn Euch nicht – noch nicht, Ihr müßtet ihn denn erst verdienen. Es ist nur eine Blume, doch die Meerfee hat sie mir geschenkt, und sie ist mir wert wie die ganze Ostsee. Kommt, Herr Wittenborg, die Nacht verrinnt, laßt uns tanzen!« Nun weht von den befreiten Lippen ihr Atem ihn an und leuchten im Reigen die nicht mehr verhüllten Augen wie kreisende Sterne in die seinen. Er hält das schöne Königskind in den Armen, sie reden mit flüsterndem Wort und mit glänzendem Blick. Doch immer heißer flammen Ingeborgs Wangen im schwülen Saal, auch ihre Brust ringt nach Luft jetzt. Sie wendet die Stirn und haucht erschöpft: »Dort wäre es köstlich kühl für einen Augenblick Rast,« und ihre Wimpern deuten nach einem Söller des Schlosses, der dunkel und ruhig in die Nacht hinausragt. Und weiter dreht sich der Reigen und tönen im Saal die Flöten und Zinken und Geigen, doch das meergrüne Nixengewand und die funkelnde Rüstung des jungen Feldherrn der Hansa wiegen sich nicht mehr durch das laute gleißende Getümmel. Dann nimmt Johann Wittenborg den Abschiedsbecher, den König Waldemar ihm darreicht. Er führt ihn mit schwankender Hand an die Lippen, daß Tropfen des roten Weins wie Blut über den Rand auf den Estrich fallen. Doch Waldemar Atterdag lacht: »Kommt gut heim! Ihr habt's zur Nacht besser als ich, denn die See wird Euch in den Schlaf wiegen. Ich hoffe, Ihr geht zufrieden von Helsingör, morgen ist wieder ein Tag, da komme ich zu Euch aufs Schiff, und wir fügen Schrift und Siegel unter unsern Vertrag.« Er schüttelt die Hand des Admirals, der sich nun vor der Königin und der Königstochter neigt und unsichern, doch fast lächelnden Mundes fragt: »Darf ich auch hoffen, Euch als Gast bei mir zu empfangen, durchlauchtige Fürstin, daß Ihr es nicht verschmäht, den Reigen dieser Nacht auf dem Schiffsdeck weiter zu führen?« »Habet Dank für Eure Ladung, Herr Wittenborg, es muß schön sein, unter dem offenen Himmel auf wiegenden Brettern zu tanzen,« entgegnete die Befragte, und wie sie sich zum Abschied verneigt, heben sich noch deutlicher als zuvor die schönen Wogen des Busens aus der Tiefe herauf, denn die weiße Blumenspange fehlt an Ingeborgs von Dänemark grünem Nixengewand. König Waldemar geleitet seinen Gast bis zu der Treppe, wo er ihn empfangen; etwas verlangsamt schreitend, gerät er an die Seite Dietwald Wernerkins, legt diesem wie am Nachmittage unvermutet die Hand auf die Schulter und spricht: »Wir haben noch wenig Gedächtnis über alte Freundschaft miteinander getauscht, Ritter Wernerkin. Nächtiget bei mir im Schloß und laßt uns noch einen Becher trinken! Ihr kommt morgen zeitig genug auf Eure Holzplanke zurück.« Doch der junge Ritter lehnt das Ansinnen des offenbar aufrichtigen Wunsches mit ernsthafter Höflichkeit ab: »Ihr vergesset, Herr König, daß meine Treupflicht wider Eure Artigkeit streitet und ich nicht länger Euer Gast zu sein vermag als Herr Wittenborg.« »So geht mit Eurem Herrn, ich gedachte es gut mit Euch, denn mich deucht, Ihr habt bisher vom Gastrecht nicht sonderlich Gebrauch gemacht. Ich hoffe, als Wirt morgen befinde ich Euch anders. Gute Fahrt, Ihr Herren!« Waldemar Atterdag hat es mit leichtem Spott und einem prüfenden Blick über das unter allen umher allein völlig nüchterne Angesicht seines einstmaligen Mitgastes im Hause Peter Holmfelds gesprochen; das ritterliche Ehrengeleit führt nun den Admiral der Hanse zum Ufer an seine Barke zurück. Es ist finstere Nacht, nur ein falber, schmaler Saum am östlichen Himmelsrand kündet das Herannahen des Morgens. Wie das Boot dem Orlogsschiffe zurudert, liegt hinter ihm auch das Königsschloß von Helsingör in Dunkel versunken, die Pechkränze und Fackeln sind erloschen, nur eine einzige lodert noch hoch droben vom Turm mit roter, windschweifender Zunge in die Nacht, wie es scheint, den heimkehrenden Gästen sorglich als Anhalt für ihre Richtung zu dienen. Sie erreichen das Schiff, und Johann Wittenborg steigt zuerst die niedergelassene Fallreepstreppe hinan. Doch sein Fuß ist unsicher, trotzdem seine Hand sich am Seitentau hält, wäre er vor dem Hinaufgelangen strauchelnd gestürzt, wenn nicht Dietwald Wernerkins Arm ihn behütet. Jetzt stehen sie auf dem Deck, und der hansische Feldherr sagt beinahe spöttelnden Tones: »Seht Ihr, daß Eure übergroße Sorgnis unbegründet war und daß Waldemar Atterdag sein Königswort hält.« Der junge Ritter will etwas erwidern, was Abend und Nacht ihm bisher nicht zu sprechen verstattet, der Name Knud Hendriksons fliegt ihm über die Lippen. Aber Johann Wittenborg fällt ihm ins Wort: »Morgen – laßt uns schlafen – ich bin müde.« Es ist sichtbar nicht der Wein nur, der seinen Fuß schwanken läßt und ihm die Lider herabzieht. Sein Gesicht hat einen fremdartig verwandelten, nicht allein vom scharfen Trunk berauschten Ausdruck, er redet und regt sich, wie wachend schon von einem Traum beherrscht. So schreitet er zur Kajüte hinab, und nach kurzer Weile ist alles lautlos am Bord, das Admiralschiff und die Flotte der Hanse liegen im Schlaf. Da kommt's im ersten Zwittergrau wie ein Möwenschwarm nordher vom Kattegatt. Hastig fliegt's mit dem anwachsenden Morgenwind heran, und plötzlich fährt Dietwald Wernerkin vom Schlummer, der auch ihn überwältigt. Einen Augenblick vermag er seine Besinnung nicht zu sammeln, ihm ist's, er fährt auf dem Mittelmeer und betäubendes Geschrei, Pfeil- und Schwertgeklirr barbareskischer Piraten gellt um ihn herum. Aber dann erkennt er dänische Stimmen, Drohungen, Flüche und Triumphrufe – es sind die Holke Waldemars Atterdag, die sich hinter den hohen Klippen des Kullen im Skelder Vik geborgen, und von der einsam lodernden Fackel auf dem Turm des Schlosses zu Helsingör gerufen, mitten in die schlafversunkene Flotte der Hanse hineinstürzen. Zu ihnen gesellt, auf dem vordersten Deckkastell, steht König Waldemar selbst, doch nicht mehr in friedlicher Haustracht, sondern vom Haupt zum Fuß eisenumklirrt, wie der Gast Peter Holmfelds nach Wisby zurückgekehrt. Er weiß, daß auf den feindlichen Schiffen nur wenige erwachen werden, daß der hansische Heerführer fast alle seine Streiter ans Land nach Helsingborg entsendet hat, »um das kranke Schwesterlein der schönen Nixenkönigin nicht im Schlaf zu stören«. Vielleicht weiß er noch mehr. Mit einem Sprunge ist Dietwald Wernerkin in die Kajüte des Admirals hinuntergestürzt, der nichts von dem ungeheuren Getöse vernommen. Er liegt in tiefem Schlaf, seine Hand hält eine verwelkte weiße Teichrose umschlossen. Der junge Ritter ruft und rüttelt ihn, und er schlägt, regungslos ausgestreckt, die Wimpern auf. »Wacht! Wacht! Waldemar Atterdag ist über uns!« ruft Dietwald verzweiflungsvoll. Umsonst; Johann Wittenberg lächelt nur in besinnungslosem Traum und schließt die Lider zurück. König Waldemar selbst richtet seinen Angriff gegen das Admiralsschiff. Lauthallend ruft er herüber: »Wo bist du, Johann Wittenborg? Du hattest mein Wort, daß du sicher heimkämest, und hattest mich zu dir geladen!« Doch die Kogge des schlafenden Feldherrn ist noch am stärksten bemannt und fähig, Gegenwehr zu leisten. Durch Dietwald Wernerkins todverachtende Tapferkeit behauptet sie sich so lange vor den dänischen Enterhaken, bis es ihr gelingt, die Segel aufzurollen und vom Winde begünstigt, südwärts durch den Sund zu entrinnen. Kaum indes ein halbes Dutzend der übrigen Holke vermögen ihr zu folgen. Von allem Schutz entblößt, werden die andern eilig überwältigt; wie die Sonne aufsteigt, ist die Flotte der Dudeschen Hanse vernichtet. Von jeder Zufuhr und Unterstützung abgeschnitten, zwischen die schnell gelandete Streitmacht Königs Waldemar und die hervorbrechenden Verteidiger von Helsingborg eingeschlossen, strecken die Belagerer desselben nach kurzem, hoffnungslosem Kampfe die Waffen; nach Johann Wittenborgs stolzer Zuversicht scheint es, daß Waldemar Atterdag einen Bund mit den Mächten der Hölle besessen. Siebentes Kapitel. Hierhin und dorthin auseinander gestreut, kamen die Trümmer der stolzen hansischen Schiffsmacht an die deutsche Küste zurück. Die Kogge, auf der sich Dietwald Wernerkin befand, lief bei Travemünde ans Gestade, dort traf ihn Botschaft, die junge Königin Elisabeth von Norwegen stehe im Begriff, auf das Drängen des Stellvertreters König Hakons in nächster Frist aus dem Hafen der Stadt Kiel nach Bergen unter Segel zu gehen. Fast kam Dietwald diese Kunde erwünscht, daß er nicht als erster mit der Meldung des ungeheuren Verlustes der Hansa in Lübeck eintreffen müsse. Er riet auch Johann Wittenborg ab, selber sich als Überbringer der unheilvollen Nachricht dorthin zu begeben, doch der Admiral schüttelte zu der Warnung stumm ablehnend den Kopf. Von seinen Lippen war auf der Fahrt kaum ein Wort mehr gekommen, mit düster schweigendem Ernst hatte er regungslos über die Schiffsbrüstung in Wind und Wellen hinausgeschaut, doch wenn er kurz den starren Blick seiner Augen gewandt, rann in ihrer Tiefe noch immer ein irrer, traumhafter Glanz. Und so auch sah er dem jungen Ritter bei der Trennung ins Angesicht und schied mit wortlosem Händedruck von ihm, bei Trave hinauf, den unter dunklem Gewölk grau und geisterhaft aufragenden Türmen der Löwenstadt entgegen. Kaum länger als einen Tag besaß Dietwald Wernerkin festes Land unter den Füßen, dann schaukelte ihn schon wieder die Welle. Er fand die Königin Elisabeth in »Tom Kyle«, der Hauptstadt ihres Bruders, des Grafen Klaus von Holstein, zur Abfahrt bereit; die Kunde von der Niederlage der hansischen Flotte vor Helsingborg war noch nicht dorthin gedrungen, im sichern Vertrauen auf ihren Sieg hatte der norwegische Statthalter in Übereinstimmung mit dem Grafen Klaus die junge Königin zur Reise über die See gedrängt. Trotz der Botschaft, welche Dietwald mit sich brachte, beharrten jene beiden, da alles zur Fahrt gerüstet war, jetzt dennoch auf dem einmal gefaßten Vorsatz, das Kattegatt durch den Großen Belt zu erreichen, da König Waldemar zweifellos noch im Sunde und mutmaßlich mit der Eroberung Schonens, auf das er stets sein Augenmerk gerichtet, zu vollauf beschäftigt sei, um in den nächsten Tagen für die Bewachung der Beltstraße bedacht zu sein. So lief das Fahrzeug in der Morgenfrühe von dem Uferrand der düstern und enggassigen Stadt Kiel zwischen den dichtbewaldeten Gestaden des Hafens am Bülker Huk vorüber in die Ostsee gegen die Spitze der Insel Langeland hinaus. Doch drehte schon, ehe die flache Küste Holsteins verschwand, der Schiffer unruhig den Kopf und hielt dafür, der grau über den Himmel ziehende Dunst deute nichts Gutes und es sei ratsamer, sich wieder zurückzuwenden, um bessern Tag zu erwarten. Zum ersten Male aber sprach die Königin Elisabeth mit festem Willen, sie warte nicht länger in Ungewißheit, und bestand fast heftig auf der Weiterfahrt, und ihrer bestimmten Forderung gehorchend, setzte der Schiffer kopfschüttelnd den Lauf fort. Sie stand seit der Abfahrt mit einigen Frauen ihres Gefolges auf der Vorderbrüstung der Kogge und sah schweigsam in die Weite; ihr Mund hatte mit Dietwald Wernerkin nur kurzen Gruß getauscht, ein Blick allein gesprochen, daß sie ihm Dank für sein Kommen wisse. Dann aber redete sie ihn nicht mehr an, und er hielt sich von ihr fern; nur ab und zu streiften ihre Augen einmal flüchtig an ihm vorüber, wie um sich zu vergewissern, daß er sich noch mit ihr am Bord des Schiffes befinde. So ward es Mittag; doch die Luft nicht heller, sondern immer schwerer verhängt, und plötzlich fuhr von West her ein pfeifender Stoß in die Segel, daß sich das Fahrzeug leewärts fast bis auf den Wasserrand niederbog. Ein angstvolles Aufschreien der Frauen mischte sich mit lautem Gekreisch hastig vorbeijagender Möwen, und erschreckt flog Dietwald zum Vorderdeck hinüber und sprach: »Wollt Ihr nicht gebieten, durchlauchtige Herrin, daß wir unter den Schutz des Landes zurückwenden?« Doch die Befragte erwiderte, ruhig die Stirn drehend: »Seid Ihr auch furchtsam um mich, Herr Ritter? Oder zagt Ihr für Euch selber? Dann wollen wir umkehren.« Er antwortete nur mit einem stumm verneinenden Blick in ihre Augen, und sie fügte lächelnd hinzu: »Auf der See muß man Unwetters gewärtig sein, und der Wind deucht mich nicht wider uns. Ich bange nicht, unter Eurem Geleit gut ans Ziel zu kommen; bleibt an meiner Seite, wenn's Euch gefällt, und redet heitres Wort, daß Ihr den Frauen Mut einsprecht.« Dessen bedurfte es freilich gar rasch mehr und mehr. Der kundige Schiffer hatte nicht umsonst eindringlich gewarnt; gleich einer aufrückenden schwarzen Mauer kam nach kurzer Frist ein schwerer, brandiger Nebel daher, flog über das Schiff und hüllte alles in graue Nacht, daß selbst die Masten vor dem Gesicht verschwanden. Doch droben heulte der Sturm in die unsichtbaren Segel und riß das Fahrzeug in rasendem Laufe fort. Es war zu spät, ans Land zurückzukehren; nichts bot für die Himmelsrichtungen Anhalt, das Schiff gehorchte dem Steuer nicht mehr. Der Schiffer stand ratlos untätig, er bekreuzte sich über Kopf und Brust und sprach: »Hier verhilft Gott allein, wenn's sein Wille ist, uns lebendigen Leibes durch den Fehmarnschen Belt zu bringen, sonst liegen wir in einer Stunde zerschellt auf den Bänken von Röd-Sand.« Todesangst überlagerte alle Gesichter auf dem Schiff, Weiber und Männer; jeder dachte nur an sich, niemand achtete des anderen, den das Auge auf doppelte Schrittweite kaum mehr wahrnahm. Nur von dem Antlitz der Königin war der trübe Ernst gewichen, der seit dem Maibeginn wie ein Schatten darüber gefallen. Ein freudiger Glanz füllte zum ersten Male wieder ihre Wimpern und mit sorgloser Fröhlichkeit lächelte sie: »Ist's nicht köstlich im Sturm auf dem Meere, Ritter Wernerkin, fast so schön wie im warmen Sonnenlicht? Bleibet dicht neben mir, daß wir uns im Nebel nicht verlieren! Ich bin auch nur ein verzagtes Weib und habe nur Mut, wenn ich mich unter gutem Schutz weiß. Habt Dank, daß Ihr Euer Gelöbnis hieltet – oder gereut es Euch?« Sie blieben, mit den Händen sich an Tauwerk und Brüstung haltend, nebeneinander, in jedem Augenblick konnte ein jäher Aufstoß des Kiels den Beginn des Untergangs künden. Doch Stunde um Stunde verrann, in denen das Schiff, unablässig in den gärenden Abgrund niedergetaucht und von weißzischenden Kämmen haushoch wieder aufgewälzt, vom West gepeitscht dahinstöhnte und schnaubte. Zum Nebeldämmern gesellte sich einfallendes Dunkel des Abends, der Schiffer öffnete zum ersten Male wieder die Lippen »Wir müssen durch den Fehmarnbelt hindurch sein und laufen gegen die Küste von Wendland – Gott sei uns gnädig!« Vorm Mund verhallend, schrie ein Matrosenruf: »Der Wind springt nach Süd und wirft uns auf Mönnsklint!« Und schnell kam die schwarze Nacht, daß der Blick nichts mehr gewahrte, nur um das Ohr ging ein unermeßlich röhrendes Getöse heulenden Sturmes und brüllender See. Manchmal dröhnten die Planken der Kogge mit heftigem Aufkrach, als sei der Kiel wider eine Klippe gerannt, dann fragte die Stimme der Königin Elisabeth schnell, doch ruhigen Tones: »Seid Ihr da?« Und ruhvoll entgegnete Dietwald Wernerkin: »Zweifelt nicht, ich versprach Eurem Bruder, Euch zu geleiten.« Der nach Süden gedrehte Wind hatte sich noch wütender verstärkt, durch die tote Finsternis riß er das willenlose Fahrzeug gleich einer jagenden Möwe, Schaum, Gischt und klatschende Sturzsee übertrieften das Verdeck, aus dem Schiffsraum herauf wimmerten Gebetsrufe und Psalmengesang der Weiber. Die Nacht war zeitlos, niemand wußte, wie lang sie schon gedauert, doch fast unausdenkbar schien sie bereits. Es konnte erster Morgenschimmer sein, was da kaum noch merklich den Nebel durchrann, daß der Blick wieder die todaufschnaubenden Wogen unter sich wahrnahm. Oder war es herabdämmerndes Mondlicht, denn jetzt glomm dort gerade vor dem Bug auch ein rötlicher Stern durch das graue Gespinst der Luft. Aber plötzlich übergellten Schreckensrufe das Toben von Wind und See: »Hilf Gott! Das Leuchtfeuer von Falsterbo! – Unmöglich! – Doch, es ist's – seid bereit – wir bersten auf den Schären von Skanör!« Fast zugleich schütterte ein dumpfer Stoß die Kogge, überraschend schnell hatte die Helle zugenommen, deutlich erkennbar brachen sich kurz vor dem Schiff die turmhoch aufsteigenden Wellen rückstürzend in milchweiß perlender Brandung. Und zugleich auch streckte die Königin Elisabeth ihre Hand nach der des jungen Ritters, hielt sie fest umfaßt und sprach, auf die grauen Wasserberge niederblickend, mit traumhaft glücklicher Stimme: »Wir sind am Ziel, Dietwald – die Sonne liegt auf der Heide, laß uns zusammen hinübergehen –« Seine Hand schloß sich mit innigem Druck um die ihrige. »Ja, du sagst es, nun sind wir noch einmal dort – so schön hatte ich den Abschied nicht gedacht, Elisabeth –« Doch da war es noch anders bestimmt, noch Leben statt des unvermeidlich erscheinenden Todes. Wie mit einem Schlage zerriß der Nebel, hinter dem die Morgensonne schon aufgestiegen, und weiß glänzend flimmerten die kahlen Sanddünen der Südküste Schonens dicht vor dem über eine weiche Untiefe hingeknirschten Fahrzeug. Bei dem Aufstoß hatte es sich gedreht und die Segel fielen flackernd aus dem Wind, der Kielraum war leckgesprungen, hastig stürzte das Wasser in den sinkenden Rumpf der Kogge, und Sturm und Wellen verloren die Macht über sie, einem Spielzeug gleich sie in die rettungslos zermalmende Brandung hineinzuschleudern. Ein kurzer Aufschub hielt das zusammengedrängte Häuflein Leben des Schiffes noch über dem Abgrund, und er reichte aus, hülfreichen Beistand vom Ufer herankommen zu lassen. Eine starke Rudersnigge flog, von einem halben Dutzend kraftvoller Fischerarme beherrscht, seitwärts her aus der nahen Landungseinbucht Falsterbos, und zwei andere noch folgten ebenso unerschrocken drein. Die Kogge lag nur wenige Fuß mehr über den schon breit das Mitteldeck überrollenden Wellen, als das vorderste Boot unter die Schiffswandung hinglitt und Dietwald Wernerkin in dies, Elisabeth mit den Armen umfassend, hinabsprang. Ohne zu denken, in schnellem, unwillkürlichem Antrieb hatte er gehandelt, die Gerettete verharrte noch einen Augenblick regungslos, wie sinnverloren in seinen Armen, und wie in einem Traum ging das Blau zwischen ihren weit offenen Lidern in den Morgensonnenglanz hinaus. Da tönte aus dem Gedränge anderer, die sich in die Barke hinunterflüchteten, ein freudiger Ruf: »Gott sei Preis, die Königin ist gerettet!« und plötzlich fuhr Elisabeth jählings empor, trat schwankend gegen eine Bank der Snigge hinan und setzte sich, ihr Antlitz in den Händen bergend, auf das Brett. Wie nach ihr aufgreifend, spülten die Wellen über sie hin, der Sturm hatte ihr die Bedeckung vom Scheitel gerissen und streute ihr gelöstes Haar wie goldene Fäden um sie her. So saß sie unbeweglich, das Boot kämpfte dem Ufer entgegen; wie die beiden andern, gleichfalls dicht mit Schiffbrüchigen beladen, nachfolgten, versank die Kogge in der See. Erst als die Barke ans Ufer glitt, erhob Elisabeth sich von ihrem Sitz, der junge Ritter wollte ihr die Hand bieten, doch sie erfaßte als Stütze diejenige einer ihrer Frauen und sprach, bevor sie ans Land trat, kurz mit blassen Lippen: »König Hakon wird Euch Dank wissen, Herr Ritter, denn ich allein hätte mich nicht gerettet.« Am Strande harrte viel Volk aus den armseligen Häusern von Falsterbo, Männer, Weiber und Kinder in groben Fischerkleidern; blitzschnell flog zwischen ihnen die Kunde von Mund zu Mund, die Königin von Norwegen sei auf dem versunkenen Schiffe gewesen, ihre Rettung verheiße den Vätern und Söhnen aus dem dürftigen Städtchen reichen Lohn. Gedankenirr stand Dietwald Wernerkin, auf den Leuchtturm über der öden Düne blickend. Ihm kam das Gedächtnis, daß er die einst auf der Vorüberfahrt nach Wisby so von weitem gewahrt und daß der leblos traurige Anblick ihn mit einem Schauergefühl überlaufen. So unfreundlich und trüb, hatte er dem Schiffer erwidert, als könne nicht trostlosere Erdenstatt unter der schönen Sonne zu finden sein. Da fuhr sein Kopf emporzuckend herum, denn ein lautes Auflachen, das ihm wohlbekannt klang, schlug ihm ans Ohr, und ungläubig starren Auges sah er in die Richtung des Tones. Dicht vor ihm aber drängte sich nicht mehr barhäuptige und barfüßige Menge, sondern sie war weit vor einem stolz-vornehmen, glanzvollen Zuge von Rittern und Frauen zurückgewichen, der eilfertig zu Roß von den Häusern herangekommen. An der Spitze befanden sich König Magnus von Schweden, die Königin Blanka, der Herzog Bengt Algotson und mit ihnen die Königin Heilwig von Dänemark, Prinz Christoph und Prinzessin Ingeborg, Herzog Erich von Sachsen und Herr Nikolaus Lembek, der Drost des Dänenreiches. Sie waren zu Falsterbo versammelt, wo Magnus Smek Frieden und Freundschaft mit König Waldemar erneuert und ihm zum Beleg dafür das oftmals schon zwischen Schweden und Dänemark hin und her geflogene Land Schonen für ein Dutzend Beutel mit dänischem Gold verkauft hatte. Neugierig suchten die Blicke der vornehmen Frauen nach etwas vorauf, wovon sie Kunde erhalten haben mußten, als vorderster aber hatte Waldemar Atterdag das laute Lachen ausgestoßen und rief hinterdrein: »Seid Ihr's, Gräfin Elisabeth? Euer Haar nennt Euch, wenn auch das Seesalz es rauh gemacht. Es tut mir leid, daß mein Land Schonen Euch so unwirsch empfangen, zumal Ihr nicht Grund hattet, Eure Schönheit solcher Reisegefahr auszusetzen. Aber Ihr habt gutes Geleit besessen, seh' ich; der Würfelbecher fällt sonderbar, Ritter Wernerkin, ich versprach's Euch, Eure Liebste aus der Brautkammer zu Bergenhuus zu holen, und Ihr bringt sie mir.« In trefflichster, heiter-ausgelassener Laune hatte Waldemar Atterdag es gerufen; eine rote Flamme schlug Dietwald Wernerkin ins Gesicht. Furchtlos trat er einen Schritt vor und erwiderte: »Ihr redet von der Königin von Norwegen, die niemand ungestraft beschimpft, der sich nicht hinter Königsmacht und Rang vor ritterlichem Zweikampf birgt!« Ein Funke zuckte zwischen den Lidern des Dänenkönigs auf, doch seine Laune hob die Lippen zu abermalig lachender Antwort über die scharfen Zähne: »Mich deucht, ich stand Eurem Schwert erst vor kurzem, und Ihr irrt Euch, Ritter, die Königin von Norwegen ist noch zu jung, als daß sich ihr Name mit Unglimpf antasten ließe, denn meine Tochter Margarete zählt erst elf Jahre. Darum kann sie auch noch nicht Königin von Norwegen sein, sondern erst Königsbraut.« Dietwald sah dem Sprecher starr ins Gesicht, fast unfähig zu einer Entgegnung brachten seine Lippen nur hervor: »Was heißt das –?« »Daß die Schwester meines Vetters von Holstein ihre Kleider nicht in der Ostsee zu waschen gebraucht, da König Hakon sein Ehegelöbnis mit meiner Tochter erneuert hat. Freilich tat's nicht not, denn weder Braut noch Bräutigam hatten es aufgekündigt. Ihr schaut mich verwundert an, und ich weiß, daß Ihr mir das Unrecht antut, manchmal meinen Worten nicht ganz Glauben zu schenken, drum laßt sie Euch dort von König Hakons Vater verbürgen. Und solltet Ihr so ruchlos sein, auch meinem edlen Freunde Magnus von Schweden nicht zu glauben, so hat der Himmel mir einen ehrwürdigen Herrn zugesellt, dessen Beruf es ist, nichts als göttliche Wahrheit aus seinem geweihten Munde hervorgehen zu lassen.« Waldemar Atterdag sprach's mit siegsgewissem Übermut und mehr denn einem unverhehltem Spott und deutete auf einen geistlich gewandeten Herrn seines Gefolges, den von ihm vor wenig Tagen erst neuernannten Erzbischof Nikolaus von Lund. Elisabeth hatte bis jetzt schweigend dagestanden, nun hob sie die Stirn und sagte laut: »Ihr redet falsches Zeugnis, König Waldemar! Ich bin von der Kirche Spruch König Hakons angetrautes Gemahl«. »So sprechet Ihr, Herr Erzbischof, ob das zu Recht geschehen sein kann?« rief Waldemar Atterdag. »Das verhüte die ewige Gerechtigkeit,« erwiderte der Angerufene mit priesterlicher Handaufhebung, »daß also wider Gott und sein Gesetz gefrevelt werde. König Hakons Ehegelöbnis mit Eurer königlichen Tochter ist nimmer gelöst gewesen, der Segen des Himmels hat es verknüpft und ruhet auf ihm. Es wäre ein Bruch der heiligen Gebote Gottes, wenn ein anderes Weib sich König Hakons Ehegemahl benennen wollte, und was geschehen sein mag, mit Täuschung und Trug solchen Glauben zu wecken, fliegt als Spreu von der Worfel des ewigen Richters und hat nicht Gültigkeit im Himmel, noch auf Erden.« »Ihr hört's, Base, Ihr seid ledig und frei!« rief König Waldemar lustigen Tones. Im gleichen Moment hatten Dietwald Wernerkin und Elisabeth das Antlitz gegeneinander gerichtet und sahen sich beide, weiß gleich dem Dünensand um sie und stockenden Herzschlags, wie mit einer wortlosen Doppelfrage in die Augen. Waldemar Atterdag aber fügte lachend drein: »Ihr seht, Ritter Wernerkin, daß Knud Hendrikson seine Schuld abträgt. Ihr habt mir Eure Liebste gebracht, doch ich sorge, daß sie Euch bleibt, und will Euch ein Hochzeitsmahl auf Falsterbo richten. Ihr wäret klüger, als König Hakon, und wähltet Euch bei Eurem Schatz keinen Stellvertreter als Geleitsmann. Der Priester ist zur Hand, und nach dem Blick, mit dem Ihr Euch anschaut, bedarf's wohl nur nachträglich noch seines Spruchs, um den Himmel mit dem auszusöhnen, was Euch die Erde oder die See schon gebracht.« Einen Augenblick sah Elisabeth dem Sprecher verständnislos ins Gesicht, dann schlug ihr eine purpurne Flamme über Wangen und Stirn. Mit einem Ausdruck fürstlichen Stolzes, wie er noch niemals im Leben ihr Antlitz überglüht, trat sie rasch auf Nikolaus von Lund zu und sprach: »Die Königin von Norwegen gibt sich unter Euren Schutz, Herr Erzbischof, gegen Schimpf und Schmach! Die Kirche, deren Diener Ihr seid, hat mich zu König Hakons Gemahl gesprochen, bis bei Tod uns scheidet. Verhelft mir zu ihm bei dem Eid, den Ihr Gott geleistet, und Eurer heiligen Pflicht!« König Waldemar zog ungeduldig leicht die dunklen Brauen zusammen. »Ihr redet mädchenhafte Narrheit, Base, die einem schönen Weibe nicht ansteht. Ihr selber wollt nicht ins Brautbett zu Bergenhuus, und ich will's noch minder, sondern Euch davor bewahren. Ich stelle Euch die Wahl, reicht hier zur Stunde in Falsterbo vor dem Altar Eurem Liebsten die Hand, deren Kreuzgelöbnis er lang' auf der Brust trägt, oder laßt Euch von dem Erzbischof in einer Klosterzelle jungfräulich behüten, bis meine Tochter in Wirklichkeit Königin von Norwegen geworden!« Da unterbrach unerwartet etwas sein letztes Wort. Von den Häusern des Städtchens war es durch den Sand daher gekommen, eine weibliche Gestalt, das aufgelöste Haar und halb zerrissene Gewänder flatterten um sie im Wind. Ein noch junges Weib war's, doch mit hohlen, aschfarbenen Wangen und fast blutlosen Lippen, einem Totengesicht ähnlich. Nur in den schwarzen Augen zitterte ein geisterhaftes Leben, unstet und irr liefen sie suchend vorauf. Nun hatte die Ankommende den vornehmen Kreis erreicht, warf sich vor König Waldemar in den stiebenden Sand auf die Knie und rang aus erschöpft stöhnender Brust: »Habt Erbarmen – ich bin Euch nach durch Wasser und Land bis hierher – sie haben mir mein Kind genommen – Eure Knechte, aus meinen Armen haben sie's gerissen – gebietet ihnen, daß sie's mir wiedergeben!« Gedankenirr, gleichgültig hatte Dietwald Wernerkins Blick auf dem herangeschwankten Weibe gehaftet, doch dann durchfuhr es ihn trotz dem besinnungslosen Sturm in seinem eigenen Innern mit einem plötzlichen Schreck. König Waldemars Stimme entgegnete unwirsch: »Was geht's mich an, Taube von Venedig, wenn man dein Kind genommen? Warum hast du eins, das man dir nehmen kann? Sein Vater wird gedacht haben, es sei bei seiner Mutter nicht gut verwahrt, und dein Ruf sagt mir, daß er recht gehabt, die Sorge für sein Blut nicht in deiner leichtfertigen Hand zu belassen. Heb dich fort, dein Gekreisch stört mir das Vergnügen dieses Morgens!« Und kaum noch seinen Sinnen trauend, erkannte der junge Ritter in dem abgezehrten, entstellten Gesicht der Knienden das ehemals zauberisch wie der Glanz einer Mondnacht des Südens schimmernde Antlitz Witta Holmfelds. Sie richtete sich auf taumelnden Füßen empor, ein gespenstisch zuckendes Licht der Geistesumnachtung lief durch ihre Augenhöhlen, und aus ihrem Munde brach ein irrsinniges Lachen: »Seine Mutter war nicht gut genug für das Kind, sagst du? Sie hat seinem Vater Wisby als Mitgift zugebracht – was schwurst du mir, Knud Hendrikson? Da ist dein Wort, deine Treue, deine Falschheit, deine Verruchtheit« Ihre Hand raffte Sand und Steine und warf sie gegen König Waldemar, aus dessen Lidern jetzt ein weißdrohender Blitz schoß. Mit erkünstelter Lustigkeit antwortete er: »Ich schwur dir, daß ich zurückkäme, und Wisby, denk' ich, wird nicht dawider streiten, daß ich mein Wort gehalten. Du aber mahnst mich recht, Täubchen, daß ich dir noch den Dank für den Blütenzweig schulde, mit dem du mir einst die Wange gefächelt. Kehre heim in den Garten, wo deine Hand ihn aufhob, und schaukle dich weiter! Nehmt sie und bringt sie sicher in ihre Vaterstadt zurück mit einem Gruß an meine getreuen Bürger von Wisby – bei Eurem Kopf!« Er winkte den hinter ihm stehenden Gewaffneten, welche hurtig herzuspringend die bewußtlos unter einem gellen Aufschrei zu Boden gefallene Witta Holmfeld roh mit den eisenbesteppten Armen aufrissen und fortschleppten. Elisabeth war stumm zu Dietwald Wernerkin hinangetreten, König Waldemars lustige Morgenlaune aber hatte seine Züge verlassen, barsch und finster blickend stieß er aus: »Macht ein Ende, Base, und trefft Eure Wahl! Ich habe für Possen nicht mehr Zeit!« Nun streckte sie die Hand dem jungen Ritter entgegen, schlug noch einmal die blauen Augen mit einem Blick unsäglicher Liebe zu ihm auf und sprach: »Die Königin von Norwegen spricht dir Lebewohl, Dietwald, für dieses arme Leben!« »Lebewohl, Elisabeth!« erwiderte er, und wortlos standen sie einen Augenblick Hand in Hand. Dann rief der Dänenkönig: »So nehmt sie, Erzbischof, und haftet mir mit Eurer Klostermauer für sie!« Schweigend wandte die jungfräuliche Königin sich zu Nikolaus von Lund zurück, Waldemar Atterdag drehte den Kopf gegen den jungen Ritter und stieß harttönig zwischen den scharfen Zähnen hervor: »Wir sind wett, Dietwald Wernerkin! Ich geb' auch Euch eine Wahl frei! Wollt Ihr für den Rest Eurer Tage mit den Hansen in den Gansturm zu Helsingborg? Doch Ihr habt noch langen Ruhm als Pfeffersack vor Euch, daß Ihr mein anderes Angebot vorziehen werdet. Nehmt das Boot dort, und kommt Ihr heim mit ihm über die See, so grüßet meinen Freund Johann Wittenborg. Wählet rasch!« Er deutete mit dem Schwert auf ein winziges, am Uferrand schaukelndes Fischerboot, seine unheimliche, zorndüstere Miene sprach, daß er die Gunst der Wahl nur für eine Spanne Zeit freistelle. Noch einen Blick warf Dietwald Wernerkin nach dem goldhell in der Morgensonne leuchtenden Haar Elisabeths hinüber, dann trat er furchtlos in das gebrechliche Fahrzeug, hob die Ruder und rief zurück: »Lieber am Meergrund, als an deiner Tafel, Knud Hendrikson! Fahr' hin, König Waldemar Atterdag! Morgen ist noch ein Tag, die Dudesche Hanse kommt wieder, und deine Herrschaft ist unser!« Er schlug die Ruder gegen die rollende See ein, hinter ihm verklang ein spöttisch lautes Gelächter König Waldemars über den öden Dünensand von Falsterbo.