Friedrich Maximilian Klinger Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 1791 – 1793 Erstes Buch 1. Giafar war der geliebteste Sohn des berühmten Vizirs Jahiah Saffahs, den der Khalife Hadi durch einen Machtspruch erdrosseln ließ, weil er es zu oft wagte, ihm mit Vorstellungen über das Glück seiner Unterthanen Langeweile zu machen. Besonders fiel er ihm mit dieser Zudringlichkeit in Persien, wo damals der Khalife sein Hoflager hielt, beschwerlich, weil er sich als Perser und Minister und, was noch unerhörter ist, als Abkömmling der alten Herrscher dieses Landes, dreifach dazu verpflichtet glaubte. Natürlich beförderte er dadurch nur schneller seinen Fall. Sollte dieses unpolitische und ungewöhnliche Betragen eines Staatsministers gleich Anfangs dieser so wahrhaften Geschichte das Ansehen eines morgenländischen Märchens geben, so mögen es unsre hohe Kultur und verfeinerte Denkungsart entschuldigen. Mit allem Recht gibt der Umstand: daß Jahiah Saffah für das Glück eines Throns arbeitete, auf welchem einst seine Vorfahren mit großem Ruhm gesessen hatten, daß er sich, zufrieden mit dem Guten, welches er thun durfte, der Ansprüche seines Hauses auf denselben kaum erinnerte, dieser Meinung bei uns verfeinerten Europäern viel Gewicht. Der Vizir empfing den Befehl zu seiner Hinrichtung, als er sich eben mit seinem Sohne über die dunkeln Geheimnisse des Schicksals und der Bestimmung der Menschen unterhielt. Ein Gegenstand, wovon die Sterblichen um so mehr und um so lieber reden, je unbegreiflicher er ihnen ist; auch lassen es ihnen die Beherrscher der Erde selten an Stoff zu solchen traurigen Unterhaltungen fehlen. Giafars Vater stand einige Augenblicke, in seinem Innern tief bewegt, vor seinem Sohne, dann hob er die Augen gen Himmel, umarmte ihn und sagte: »Giafar, in einem Nu wird diese Finsternis; verschwinden, alle Zweifel werden mir hoffentlich gelöst werden, und ich werde erfahren, woher, warum und wozu der dümmste und grausamste Mensch das Recht hat, deinen Vater, den seine Unterthanen den Gerechten nennen, ungestraft durch einen Wink zu vernichten. Ich werde erfahren, ob es zur Ordnung der moralischen Welt gehört, daß unsre edlen Väter von Persiens Thron gestoßen werden mußten; daß ich, ein eifriger und treuer Diener der Verdränger unsers Hauses, einem Andern gewaltsam Platz machen muß, damit er das wenige Gute zerstöre, welches ich auf Kosten meiner Ruhe, auf Gefahr meines Lebens bewirkt habe. Sei ein Mann und vergiß nicht, daß du ein Barmecide bist – sieh hier einen derselben,« setzte er mit edler Begeisterung hinzu, »um der Tugend willen, ohne Murren gewaltsam sterben.« Nach diesen Worten verhüllte er sein Haupt, die Sklaven des Khalifen traten näher, zogen ihm den seidenen Strick um den Hals, und Giafar sank auf die Leiche seines Vaters. Als seine Lebensgeister wiederum erwachten, schoß wilder Unwillen in seine Seele; er sagte in glühender Wuth: »Bei Ahermen, dem Urheber des Bösen, dem Beherrscher dieser Welt, ich will dir folgen, mein Vater, um mit dir zu erfahren, ob und warum dies der Lohn der Tugend ist!« Schon griff er nach einem Dolche, als seine Mutter mit den übrigen Weibern und der kleinen Nichte Fatime hereindrangen, den Leichnam mit ihren Thränen benetzten und Giafars Herz mit Klagen und Jammern zerrissen. Ihre Lobeserhebungen des ermordeten Gerechten drangen tief in seine Seele. Die kleine Fatime war auf ihre Knie gesunken, hielt ihre Hände auf ihrer Brust über einander geschlagen, sah auf Giafar, und die in ihren unschuldigen Augen glänzenden Thränen stimmten seinen bittern Schmerz zu sanfterm Leiden. Ein Verschnittener vom Hofe trat ein und verkündigte Giafarn: der Khalife überließe ihm aus besonderer Gnade den dritten Theil der Reichthümer seines Vaters! Giafar ward in der Betäubung von der Gewohnheit so hingerissen, daß er niederfiel und dem Khalifen, nach Hofsgebrauch, für die besondere Gnade dankte. In dem nämlichen Augenblicke fühlte er das Scheußliche seiner That, er stand auf und schlug sich ergrimmt vor die Stirne: »Sind wir unsers Schicksals nicht werth, da wir es so tragen? Was ist der Mensch und was machen Diejenigen aus ihm, welche Armozd, der Geist des Guten , zu seinen Herrschern bestellt haben soll.« Es war ein Glück für ihn, daß sich der Verschnittene schnell entfernt und ihn die Gewohnheit so weit bemeistert hatte, sonst möchte er ihre Verabsäumung oder seine Bemerkung mit seinem Kopfe bezahlt haben. Indessen brachte ihn die Sorge für seine Mutter und die kleine Nichte von dem Entschlusse, seinem Vater zu folgen, zurück, um so leichter, da er in dem entscheidenden Augenblicke in der Vollziehung gestört ward. 2. Für Giafar war der Eindruck, den das grausame Ende seines Vaters auf ihn machte, von schrecklichen Folgen. Längst war er düster und ernst, denn früh hatten Nachdenken und Betrachtungen über das Leiden der Menschen unter dem Tyrannen und seinen gebietenden Sklaven Furchen in seine jugendliche Stirne gegraben, seine Augenbraunen heruntergedrückt und dicke Falten zwischen dieselben gezogen. Das seltene Lächeln um seinen Mund glich eher einer schmerzlichen Zuckung als dem Ausdruck des Gefallens. Nun erst überließ er sich seinem Hange, traurige Gedanken zu verfolgen, über widrigen Empfindungen zu brüten, ohne den geringsten Gegenkampf: er fühlte ihn gerechtfertigt und hielt dafür, Schmerz sei das einzige Gefühl, welches einem über diese Welt nachdenkenden Wesen zukomme. Um sich indessen dem Khalifen nicht verdächtig zu machen, blieb er noch einige Zeit in der Hauptstadt, erschien öffentlich und ließ sein Herz durch die Geißel der Tyrannei, die beständig um ihn her zischte, so lange zerfleischen, bis sein Verstand durch das peinliche Leiden so verwirrt und verdunkelt ward, daß er sich vor den Schreckbildern, die seine verwilderte Phantasie zusammensetzte, nicht mehr zu retten wußte. Zweifel, Groll und Wuth hatten seine Seele gefaßt, wie blutgierige Hunde das erjagte Wild, und bald schien ihm das Loos der Menschen das scheußlichste, welches nur immer eine feindliche Hand im Grimm über sie werfen konnte. Endlich wagte er sich laut zu gestehen, was er so tief in seinem gepeinigten Innern empfand: »Die Hand der Gottheit gleiche der Hand des tyrannischen Khalifen, die nur die Gerechten zerschlüge und der Bösen schonte. Der Mensch sei geschaffen, beiden zum Spiel zu dienen, und es sei auf dem ganzen Erdenrunde nicht mehr Ordnung und moralischer Zusammenhang, als an dem Hofe des Khalifen. Alles, was wir von edlem Ursprunge, hoher Bestimmung, angeborenen Rechten auf Glück und Wohl träumten, sei ein Netz, das unsre Verfolger gesponnen hätten, uns leichter und ohne Gefahr für sie zu verstricken.« So sah er bald das ganze Menschengeschlecht an die einzige, ungeheure Kette der Nothwendigkeit gefesselt, an welcher Jeder von uns bei dem ersten Besinnen sein Dasein zerschlagen würde, wenn jenes Wesen, das uns daran geschmiedet, nicht das erste Glied derselben an die Furcht vor dem Tod in den Abgrund, und das letzte, in die glänzende Ferne, an die betrügerische Hoffnung geknüpft und geschmiedet hätte. Sein Geist empörte sich gegen diesen Zwang und sprang von diesem erdrückenden Gedanken zu einem noch gefährlichern über, nämlich: »Nur die Fabeln der Indier, die gleichwohl von tiefdenkenden Köpfen herrührten, lösten diesen verschlungenen Knoten. Armozd, der Geist und Schöpfer der Welt, hätte entweder aus Unvermögen oder Unwillen gegen die Menschen (den sie doch als sein eignes Werk nicht verdienten), ihr Schicksal dem Ahermen oder Geist und Schöpfer des Bösen überlassen, der auch seine Tücke besonders durch seine Gesellen, die Khalifen, Shahe, Pashahe und Vizire, auf das grausamste an ihnen ausübte. Und da er keinen der Guten gegen die Bösen schützte oder schützen wollte, so schien es, daß dieser böse Geist sein Wesen auf der Welt als unumschränkter Herr triebe und immer treiben würde.« So sah nun Giafar die Welt als ein ungeheures, von Blut triefendes, von Brüllen und Gestöhn' erschallendes Schlachthaus an, in welchem ein unersättlicher Dämon herumwüthet und würget, vor dem ein noch gefährlicherer und schrecklicherer Geist einherschwebt, der mit süßen Träumen, täuschenden Gaukeleien die unschuldigen Opferthiere auf die lachende beblümte Wiese des Lebens lockt, damit sie sich da, als künftige Beute des Würgers, mästen, um nur reifer und empfindlicher gegen die nahe Qual zu werden. Nur Geschrei des Jammers tönte in seinen Ohren, nur Dampf der Vernichtung stieg in seine Nase, nur zerrissene Fäden aller moralischen Verbindung und Harmonie schwebten vor seinem düstren Geiste; er verlor das Ganze aus den Augen und saugte gierig aus jedem einzelnen Umstand alle das Gift, das er mit sich führte, oder das ihm sein eigner, schwarzer Groll beilegte. Sein edles, krankes Herz, das an dem Leiden der Geplagten den heißesten Antheil nahm, machte seinen Zustand noch grausamer, und oft entbrannte seine Wuth, daß er sich aufmachen wollte, mit den Unterdrückern der Menschen zu kämpfen, um lieber sein peinvolles Leben im edeln Kampfe für ihr Bestes auszubluten. Das schaudervolle Ende seines Vaters dämpfte die Gluth der Rache: er hatte den Mann fallen sehen, den Asien vergötterte und dessen gewaltsamer Tod selbst auf Die, für welche er sich geopfert hatte, nicht mehr Eindruck zu machen schien, als der Fall eines Sperlings. Sein Nachfolger, der jeden Tag mit Grausamkeiten und neuen Thorheiten bezeichnete, war eben dadurch der Liebling des Khalifen geworden, und am Hofe fand man bald, daß ein Mann, der, weil er leben wollte, leben ließ, sich viel besser zum Vizir schicke, als ein strenger, karger Barmecide, der es immer nur mit dem Volke halten wollte. Ja, selbst dieses Volk ward von dem Glanze, den prächtigen Thorheiten des neuen Vizirs und seinen unsinnigen Anschlägen und Thaten zu Vergrößerungen verblendet und vergaß, daß es das Opfer davon war. Giafar rief: »Es ist eine sinn- und zwecklose Menge, ihrer dunkeln Bestimmung werth, die man ihrem Schicksal überlassen muß. Keiner kann so weit ihr Meister werden, um sie zu ihrem Besten zu lenken; sie bewaffnet die Hand, die sie zertrümmert, und betet den Götzen an, der sie verschlingt. Ich will sie fliehen, über ihr und mein Schicksal weinen, bis Finsterniß mich umschließt und die Verwesung die Fasern aussaugt, die nur zu meiner Qual fühlend sind.« Und da er obendrein in jedem stolzen Sklaven des Khalifen einen Henker zu erblicken glaubte, der nur auf den Befehl lauerte, ihm, wie seinem Vater, einen Strick um den Hals zu ziehen, so schlich er sich mit seiner Familie, den geretteten Schätzen und der Sammlung von Büchern seines Vaters aus der Residenz des Khalifen. Alle Barmeciden, seine Verwandten, folgten seinem Beispiel. So bilden sich unsre Begriffe über Gott, die Welt und die Menschen, die moralischen und physischen Erscheinungen nach unsern ersten Erfahrungen, der Stimmung unsrer Seele, der Macht unsrer Vernunft über unsre Leidenschaften, und vorzüglich, nach der Kraft unsers Herzens, der Quelle des moralischen Sinns. Daher kommt es, daß ein Theil der Menschen diese unübersehbare Masse, wo man nur Erscheinungen sieht, deren Ursache und Zweck unbegreiflich sind, mit Ungeheuern anfüllt, während sie der glücklichere oder weisere Theil mit einem freudigen Glanze umzieht. Keiner kann dem Gefühle, das aus den ersten Eindrücken fließt, ganz entfliehen, und auch der hellste und kälteste Kopf nimmt einen Anstrich von ihnen an, den er nie ganz verbergen kann. 3. Mit solchen Gesinnungen, unter solcher Marter des Geistes begab sich nun Giafar an den Euphrat und kaufte an dessen Ufern in einem wilden entfernten Striche eine große Strecke Landes. Jeder Wirthschaftsverständige wird Giafarn für einen Thoren halten, wenn ich sage, daß in dem Bezirk, den er gekauft hatte, die Natur erst vor kurzem aus dem Chaos hervorgedrungen zu sein schien. Der urbaren Felder waren so wenige, daß sie kaum seine Familie nähren konnten, hingegen waren Wald, Felsen, Gebüsche, Höhlen, Schlünde, Abgründe, Berg und Thal so graus, wild phantastisch unter einander geworfen, daß das Auge nirgends ein Ganzes fassen und die Seele sich überall, wie in einen engen, schaudervollen Zauberkreis eingeschlossen fühlte. Er ließ auf der mittlern Höhe ein geräumiges Haus für seine Familie bauen und für sich einen kleinen Pavillon zwischen die höchsten Felsen einklemmen, von dessen Dache er auf eine nach dem Flusse sich senkende Klippe steigen konnte. Nur hier hatte er einen weiten Horizont vor sich, den das weit entfernte Gebirge unterbrach. Die wilden, verworrenen und düstern Gegenstände der Natur beschäftigten eine Zeitlang seine kranke Phantasie, und er gefiel sich in dem Schaudervollen, ohne doch das Erhabene zu fühlen, das in diesen kräftigen Auswürfen der jungen, von keines Menschen Hand unterjochten Natur lag. Dieser Ort schien ihm der schicklichste Aufenthalt für seinen Geist zu sein, und die Bilder, die seine Einbildungskraft aus diesem Chaos zog, schmolzen so schnell mit seiner Erfahrung aus der Welt in einander, daß er in dieser wilden Masse das verworrne, unfaßliche Ganze im Kleinen vor sich zu haben glaubte. Sein innerer Zustand ward bald noch schlimmer, da nun seine von großen und düstern Gegenständen erfüllte Phantasie Alles über die wirklichen Grenzen hinüberrückte. Er kroch zwischen den Felsen herum, wie ein gebannter Geist, und noch wäre es ein Glück für ihn gewesen, wenn er den Kampf bloß mit seinen Kräften auszufechten gehabt hätte. Die Ruhe, die Einsamkeit, die Entfernung von den moralischen Zerrüttungen der Gesellschaft, die er, sein Inneres ausgenommen, überall zu sehen glaubte, hätten vielleicht sein wundes Gefühl geheilt; aber Langeweile und Begierde, zu wissen, trieben ihn zu den Büchern seines Vaters. Er durchblätterte die Weisen, Geschichtsschreiber, die Lehrbücher seiner und andrer Religionen und wollte nun durch sie die Räthsel enthüllen, an deren Auflösung er für sich zu verzweifeln anfing. Alles, was er dabei gewann, waren noch giftigere Zweifel, Erweiterung seiner Einbildungskraft über das Vermögen des Verstandes, und ängstliches, fruchtloses Bestreben, das Unfaßliche zu denken und zu begreifen. Der Wahn trug ein lockres Gebäude nach dem andern zusammen, neue Zweifel zertrümmerten sie im Werden , bis sich endlich diese unermüdete Anstrengung in Gleichgültigkeit gegen Alles, Kälte und philosophische Apathie endigte, die nur Murren über die Beschränktheit der Kräfte des Menschen unterbrach. Entstand vorher sein Unwillen aus Güte des Herzens, aus Mitleiden, das er für die Geplagten empfand, so entsprang er nun aus einer unreinen Quelle, aus seinem beleidigten Stolze, das nicht ergründen zu können, wozu ihn sein heller Verstand und seine rastlose Anstrengung zu berechtigen schienen. Ehemals litt er und vergoß Thränen bei dem Leiden der Einzelnen, verlor das Ganze aus den Augen, und jetzt, da er das Ganze umspannen wollte, achtete er des Einzelnen nicht. Seine traurigen Nachforschungen trockneten sein Herz auf, ihm lächelte die Sonne nicht, kein goldnes Abendroth entzückte ihn mehr, und kein Vogel sang ihm Töne der Liebe. Kein Bach murmelte für ihn und lud seinen Geist zu sanfter Ruhe ein. Der hellgestirnte Himmel, der silberne Schein des Monds, die Ruhe der Natur rührten seine Seele nicht; er sah in Allem nur Täuschung, Genuß der Einbildung für wirkliche Qual. So nutzte er nun die Wissenschaften als Waffen, Krieg mit dem Urheber der Dinge zu führen, und bevölkerte Erde und Himmel mit Mißgeburten, die er mit den verschiednen Systemen der Weisen zeugte. Auch erntete er bald die übrigen gefährlichen Früchte der Einsamkeit und des tiefen Nachdenkens über den Menschen und seine Bestimmung in vollem Maße ein. Er sah sich auf einmal für ein besondres und höheres Wesen in Vergleichung aller andrer Menschen an, fand nun in seiner Natur und in seiner erhabenen moralischen Stimmung den Grund, warum er sich nicht mit ihnen vermischen konnte. Es dünkte ihm wohlgethan zu sein, daß er sich von einer durch niedrige Leidenschaften getriebenen wilden Heerde entfernt hätte, die ihn nicht fassen könnte und seine aus feinerem Stoffe gebildete Seele nur verunreinigen würde. So bläht Wahn den Denker noch dann oft auf, wenn er auch mit bittrem Unwillen fühlt, sein ganzes Wissen sei nichts anders, als Vermehrung seines Sprachvorraths, wodurch er Dinge benennen lernt, die seinem Ohr zwar Schall sind, aber seinem Geiste nie Wesen werden. Da nun der Stolz die Wage hielt, worauf sich Giafar gegen Andere abwog, so spannte er endlich sein Selbst zu einem so hohen Ideal von Tugend hinauf, daß entweder seine Natur zertrümmern, oder seine Seele zu dem wildesten Kampfplatz dieser sich widersprechenden Dinge werden mußte. Als er noch allein ging und seine Gedanken aus seinen eigenen Empfindungen flossen, war er wenigstens bescheiden und seufzte über das Elend, das er nicht hindern konnte; jetzt aber, da er bei den Weisen in die Schule gegangen war, floh diese schöne Tugend von ihm, und er glaubte sich durch das, was er aufgefaßt hatte, berechtigt, den Himmel zu mustern und, vermöge der Geschichte und seiner Erfahrung, das Menschengeschlecht zu verdammen. 4. Die kleine Nichte Fatime gab Giafarn öfters Gelegenheit, seine Weisheit, die nun einmal in Apathie zerfrieren sollte, zu prüfen; aber immer mußte die sanfte Gluth, welche sie seinem Herzen einflößte und die allein vermögend gewesen wäre, sein verworrenes Denken zu glücklicher Harmonie zu stimmen, von den Dunstwolken, die sein Gehirn zusammentrieb und sein idealischer Sinn vergoldete, erstickt werden. Nur seit kurzem war sie in den Zeitpunkt getreten, worin das Dasein eines Mädchens bedeutend wird, das Herz anfängt, sich zu öffnen, und sprechende Blicke, liebliche Scham die Veränderung des innern Zustands andeuten. Dann zaubert die Einbildungskraft die flüchtigen Gedanken zu sinnlichen Bildern, und die gereizte Phantasie strebt, den Schleier, der vor der Zukunft hängt, zu durchblicken. Leise und zaghaft zieht ihn die Neugierde weg, bis es ihr endlich gelingt, die Gottheit, welche er verbirgt, in ihrem Glanze zu entdecken. Fatime glich ganz dem ätherischen Bilde, das wir uns unter Psyche, der Braut Amors, denken, und ihr schönes Körperchen floß so sanft um ihre schöne Seele, als seien sie aus einem Stoffe geschaffen. Giafar fühlte dies in seinem Innersten, wenn er sie zu Zeiten über das Moos der Felsen dahin schweben oder unter dunkeln Bäumen am rauschenden Wassersturz ruhen sah. Oft zeigte ihm ihr unbefangener Sinn, der nur Gutes sah und ahnete, ihre Heiterkeit, die nichts trübte, als Giafars Stirne, den wahren Pfad des Glücks. Noch öfter verwirrten ihn ihre naiven Fragen und ihre glückliche Auslegung der ihm so dunkel scheinenden Dinge: er war aber nun einmal ein Philosoph geworden, und sein denkender Geist hatte es darauf angelegt, nichts leicht zu finden und nach natürlichem Maße zu messen; er lächelte und sann dann über Fatimens Auflösungen so lange nach, bis sie so philosophisch dunkel wurden, als die Auflösungen seiner Weisen. So stand es mit Giafarn, als er eines Tags, nachdem er sich lange den düstern Betrachtungen über das moralische Uebel überlassen hatte, von seinem Dache auf die Klippe stieg, um sein erhitztes Gehirn abzukühlen. Tief unter ihm rauschte der Euphrat dahin; lange sah er dem hinfließenden Wasser nach, bis er endlich aufwärts blickte und am fernen Horizont einen fürchterlichen, schwarzen Sturm entdeckte. Noch trieben die schweren und dunkeln Wolken leise herauf; aber bald rauschten sie unter dem Gesause der Winde heran, thürmten und schoben sich auf und über einander, als drohten sie der stillen Erde Vernichtung. Die Heerden, die Thiere des Waldes, die Bewohner der Luft suchten Schutz ohne Blöcken und Geräusche. Der Donner rollte dumpf in der Ferne – rollte näher – die Blitze schossen durch die Luft, die Felsenwohnung Giafars erbebte in ihrem tiefen Grunde bei dem fürchterlichen Schall; die Eichen, Fichten, Cedern und Pappeln zerbrachen und stürzten von Klippe zu Klippe. Giafar sah und hörte dieses große Schauspiel mit ängstlicher und schaudervoller Bewundrung an. Unter dem Gesause, unter dem Beben vor möglicher Vernichtung seines Selbsts vergaß er seine Philosophen und fand es natürlich, daß der Mensch in dieser fürchterlichen Erscheinung das nähere Dasein eines Wesens vermuthe, das dem verwegnen Geschlecht der Sterblichen seine Macht, Gewalt, Zorn und Rache sinnlich machen wollte. Auf einmal ertönte es durch die Atmosphäre, als zerrissen die Himmel, als zerberste die Kraft, die den Erdball im Schweben erhält. Der Sturm hatte eine ungeheure Wolke an das ferne Gebirg getrieben, sie zerriß an den Felsen und goß eine Fluth herunter, die den Strom über seine Ufer drängte und den ganzen Erdstrich unter Wasser setzte. Giafar sank betäubt nieder, ohne zu begreifen, was geschehen war. Die Sonne drang wieder hervor, das dunkle Gewölke zerfloß vor ihrem Glanze, und der herrliche Bogen des Himmels dehnte sich ihr gegenüber in seinem sanften Schimmer aus. Wer fühlt nicht nach einem wilden Sturme, der durch Schall, Krachen, Zerstörung, schaudervolle Verfinsterung, plötzliches drohendes Feuer die fürchterlichste Sprache eines erzürnten Gewaltigen zu sein scheint, wie natürlich die rohen Söhne der Natur in dieser lieblichen Erscheinung ein Zeichen der Gnade, Versöhnung und neuer Hoffnung erblicken mußten. Giafar wollte sich nun diesen Empfindungen überlassen, als er auf einmal den aufgeschwollnen Fluß wahrnahm, der fürchterlich einherrauschte und Menschen, Thiere, Häuser, Geräthe und Bäume mit sich fortriß. Er sah die Unglücklichen mit der Fluth kämpfen und dann verschwinden. Bei diesem Anblick brach er in folgende Klagen aus: »Welche tyrannische Macht gebot diesem Sturme, zu zerstören und ganze Geschlechter zu verschlingen? In einem Augenblick zu vernichten, was Jahrhunderte erfordert, um zu werden, was es war! Ein Theil der Erdbewohner wird von den Fluthen dahingerissen, und Keiner rettet, Keiner kann retten! Wozu? Warum dieser Sturm? Daß er in einem Nu die Früchte der Vergangenheit mit dem Keim der Zukunft aufreibe, eine schaudervolle Lücke im Ganzen mache, die nun Geheul und Jammergeschrei der Verlaßnen ausfüllt! Unbegreifliches Loos der Menschen! Ich vergieße Thränen über euch und knirsche in Wuth, mit euch verwandt zu sein, da ich nichts als euch beklagen kann. Wohin ihr auch flieht, bleibt ihr Sklaven der Furcht und der Nothwendigkeit, seid nirgends eures Daseins und der Verhältnisse, die ihr zu euerm Glück entwerft, gewiß. Floh ich darum die Gräuel der Verwüstung eines grausamen und tollen Khalifen, um in der Einöde die Natur mit noch grimmigerer Wuth Tausende ihrer Kinder auf einmal zerstören zu sehen? Wer leitet die Herrscher der Welt, die Blitze, die Fluthen, die Winde zum Verderben der Menschen? Sklav deiner innern und der äußern Natur, des Windes, der dich umsaust, der Luft, die dich in deinem Gleichgewicht erhält, der Erde, die dich trägt! Sklav alles Dessen, was dich umgibt und dich mit den Klauen der Gewalt umfaßt! – Selbst aus der fernen, unfaßlichen Zukunft schießen die Ungeheuer deiner Einbildungskraft hervor, zermalmen deine Kräfte und erschüttern deine Sinne, daß dem Bebenden der Genuß des Augenblicks nicht werde! So lange du athmest, sollst du gewaltsam leiden, jede Widersetzung heißt Empörung, und fliehst du endlich in den Schooß der Natur, so umfaßt sie dich zwar mit mütterlichen Armen, aber um dich zu erwürgen, wenn du am sichersten zu ruhen glaubst. – Im Grabe soll Ruhe sein – und wenn sich dann ein Faden zu neuer Dauer anspinnt, wer steht dir dafür, ob es nicht darum geschieht, um dich an ein neues Joch zu knüpfen?« Seine Klagen wurden auf einige Augenblicke von einer Begebenheit unterbrochen, die ihm trotz seinen Augen unglaublich schien. Ein einzelner Mann warf sich in die Fluth, faßte der Unglücklichen, so viel er ihrer ergreifen konnte, rettete sie auf die nächste Klippe, Kind, Mutter und Greis. Dieses wiederholte er, ohne zu ermüden, und hielt sie über dem brausenden Strome, als trüge ihn eine nur ihm eigene oder eine göttliche Kraft. Giafar erstaunte und fuhr fort: »Vortrefflich, du Edler! aber du kämpfest vergebens mit der zerstörenden Gewalt, die ihr Spiel mit uns treibt. Diesen und Jenen rettest du – Tausende verschlingt er – doch glücklich ist dein Loos, auch nur Einen gerettet zu haben; du findest hohen Lohn in deiner That; aber ob er dir es danken wird, daß du ihn zu neuen Qualen erweckst –« So verfiel er in neue Klagen, als auf einmal eine feierliche Stimme erscholl: »Barmecide! du würdest besser gethan und menschlicher gehandelt haben, diesen Unglücklichen beizustehen, als hier über Gott und die Natur zu klagen, die du beide nicht begreifst. Hätte ich's, wie du gemacht, so könntest du nun deine Mutter und deine Nichte beweinen. Leichter ist es, dem Ursprunge der Uebel der Welt nachzusinnen, als die uns verliehene Kraft anzuwenden, eines derselben zu heilen.« Der Retter der Unglücklichen war es, der den engen, steilen Pfad zu Giafars Pavillon erstiegen hatte, ohne daß er es gewahr wurde; ein Mann in voller Kraft des Lebens, auf dessen Stirne tiefes Denken und jene Erhabenheit ausgedrückt waren, die nur aus dem Gleichgewicht unsrer Seele mit allem Aeußern, aus der Gewißheit entspringen, die Wage, worauf man die Dinge der Welt abwägt, am rechten Punkt gefaßt zu haben. Sanftmuth lächelte um seinen Mund; aber der Ernst und das Feuer seines Blickes überwältigten und unterjochten den Verstand und das Herz. Giafar staunte ihn an und konnte keine Worte finden. In demselben Augenblick sprang Fatime herein, seine Mutter folgte ihr und sprang in seine Arme. Ihre nassen Gewänder, ihr Beben, ihre Freude zeugten von ihrer Gefahr. Fatimens nasses, dünnes Gewand schmiegte sich an ihren schlanken Leib, an ihre jungfräuliche Brust, welche hindurch schimmerte und ihren lieblichen Umriß enthüllte. Ihre goldnen Locken träufelten, und so hing auch sie an dem Erstaunten und rief mit froher, bebender Stimme: Wir sind gerettet, leben und können dich noch lieben! Die Mutter. Dieser edle Unbekannte hat uns gerettet. Der Sturm überfiel uns in der Grotte. Wir wollten fliehen, die Fluth rollte hinter uns her, ergriff uns – Giafar fiel dem Retter zu Füßen: Ich verdiene, daß dein gerechter Tadel den glücklichsten Augenblick meines Lebens verfinstert. – O, sage mir, wem danke ich mein und dieser Geliebten Leben? Der Retter erwiederte: Fragst du mich, um mir zu danken, so erlass' ich dir die Mühe. Ich habe meinen Lohn in dem Augenblick geerntet und genossen, als sie dich umfaßten. Giafar. Sei, wer du wollest; ich sah dich über den Fluthen schweben, ihnen trotzen; nach deinen Thaten, nach dem Geiste, der auf deiner hohen Stirne ruht, zu urtheilen, bist du keiner der Menschen, wie ich sie bisher gesehen habe. Entreiße nicht deiner schönen That die Frucht, die sie nun eben in meinem Herzen aufzutreiben beginnt. Sage, wie soll ich dich nennen? Wie dich halten? Wo dich wieder finden? Retter. Du willst es; nun, so nenne mich Ahmet, Halems Sohn. Ich bin ein Mensch gleich andern – komme – gehe – wirke und bereue. Fange an und vollende nicht. Helfe die allgemeine Zerstörung befördern und beschleunige die meinige. Wähle und verwerfe, wünsche und genieße nicht, was mir gewährt ist. Verschwinde dann und hinterlasse nichts, als die Folgen meiner guten und bösen Thaten. Gerne spüre ich dem Grund meiner und andrer Menschen Handlungen nach, aber selten entdecke ich etwas, das mich erfreut. Die Stirne des Denkers reizt mich zu Gesprächen; doch lieber seh' ich Wärme des Herzens, Wohlgefallen an dem Menschen und der Natur in den Blicken des Weisen. Giafar, wenn zwei Menschen sich nahen und vertraulich werden, so spinnet sich für Beide ein neues Dasein an; dauert es auch nur eine kurze Zeit, so erweitert es doch die Grenzen unsers Geistes um etwas und legt unsere moralische Kraft auf eine neue Probe. Laß mich nun zu jenen Unglücklichen eilen; hat die Fluth auch meine einsame Wohnung verschlungen, so kehre ich wieder und bitte dich um Schutz. Er verschwand. Giafar horchte mit gespannter Seele auf die Worte Ahmets, und als dieser verschwand, überließ er sich zum erstenmal, nach seines Vaters Tode, dem reinen Entzücken, das jetzt sein Herz empfand. Er drückte die Hände seiner Mutter, sein Blick sank auf Fatime – ihr frohes Lächeln erweckte seine innigsten Empfindungen. Der düstre Nebel rollte einen Augenblick vor seinem Geiste weg. Er faßte sie in seine Arme, drückte einige Küsse auf ihre Lippen und fühlte ein ihm unbekanntes Glück des Lebens. Hierauf begleitete er sie in ihre Wohnung; sie wechselten ihre Kleider. Ahmet überraschte sie bei dem Abendessen, welches die Freude würzte, und der Retter nahm darauf ein Zimmer in Giafars Pavillon ein. 5. Giafar war nach und nach mit Ahmet so vertraut geworden, als es dessen Ernst und ihn durchdringender Blick erlauben wollten. Er fühlte seinen Verstand von ihm unterjocht, ohne daß es jetzt sein Herz beschwerte, dunkel ahnte er aus seinem Betragen, daß sein Schicksal durch ihn eine andere Wendung nehmen müßte, und erwartete den Augenblick mit Sehnsucht. Als sie eines Tages auf der Klippe saßen und das von den Trümmern der Verwüstung bedeckte Thal vor sich liegen sahen, sagte Giafar mit einem tiefen Seufzer: Aber wozu dieser Sturm? Warum dieser Wolkenbruch? Ahmet (kalt) . Vielleicht um ein fern wohnend, aus Durst verschmachtend Volk zu tränken, einen Boden zu wässern und zu befruchten, dessen Quellen die Sonne vertrocknet hatte. Giafar. Diese Antwort ist mir nicht neu, und das, was sie in sich faßt, hat mich nur zu oft empört. Mußte er Diese ersäufen, um Jene zu tränken? Hier Weiber zu Wittwen, Kinder zu Waisen machen, damit das Blut Jener gekühlt werde? Wird es ein Trost für diese Unglücklichen sein, daß nun Jene, die ihnen nichts sind und sein können, auf ihre Kosten gerettet worden? Ahmet. Sie leiden, seufzen, vergessen und bauen wieder auf, was der Sturm zerstört hat; sie können die ewigen Gesetze der Nothwendigkeit nicht, denen sie unterworfen sind, empfangen das Gute aus den Händen der Natur ohne Dank und das Böse ohne Groll. Giafar. Beim Propheten, auch ich habe das sogenannte Glück der thierischen Stumpfheit in Persien bemerkt, und wenn du damit die Grausamkeiten des Khalifen rechtfertigen willst, so muß es dir freilich unbedeutend scheinen, ob ein Wolkenbruch, der mit der Verwüstung einer Sündfluth herunterstürzt, dasjenige bewirkt, was ein wohlthätiger, unschädlicher Regen eben so wohl hätte thun können. Gehe nun hin, Mensch, und nenne die Natur deine Mutter! Ahmet. Hast du die Wasser gegen die Bedürfnisse der Erde abgewogen und weißt du bestimmt, ob ein sanfter Regen das bewirken konnte, was der Sturm bewirkte? Giafar. Bei dem Gefühl des Menschen, es ist scheußlich zu denken, daß hier ein Erdstrich mit seinen Bewohnern aufgefressen werde, damit ein ferner, uns unbekannter blühe! Dies ist es, was ich empfinde und was meinen Verstand erdrückt. Wenigstens ist es dem Menschen zu verzeihen, wenn er gegen Den murret, den er sich so mächtig denken soll und den er gleichwohl handeln sieht, wie die beschränkten Sterblichen, die nicht selten gezwungen sind, ein vermeintes und zwar sehr kleines Gute durch ein großes Uebel für sich oder andre zu erkaufen. Ahmet. So scheint es freilich. Giafar. Scheint es nur? und dies wäre alles, was ein Mann wie du mir antworten könnte oder wollte? Gleichwohl weißt du, daß dem Menschen Alles nur Schein ist, daß er sich leider damit begnügen muß. – Wenn aber nun einer diesen Schein oder Schleier gewaltsam wegzureißen strebte, um zuzusehen, was er uns verbirgt? Und wenn er nun, indem er das trügerische Gewebe seines Scheinglücks zerstört, die Anordnungen eines Wesens mit zu frechem Blicke musterte, in dessen Macht es stand, unser Glück etwas fester zu gründen, und das sich uns ohne Zweideutigkeit enthüllen konnte! Ahmet. Mit gleichem Rechte magst du hadern, daß dir die Materie des Lichts ein Geheimniß sei. Ziehe die Sonne dem Erdball näher, das wohlthätige Licht, das dich erwärmte, dir leuchtete und die Saat des Feldes zur Reife trieb, wird Gluth werden und dich und ihn zerschmelzen. Giafar. Das Bild ist treffend, vielleicht schön; aber es läßt mich kalt, denn ich sehe dieses Thal vor mir. Ahmet. Wie, und wenn dieses Wesen alles Dieses nun gethan hätte, was du forderst? Wenn es sich nun mir und dir und Jedem offenbart hätte, der mehr auf die innere Stimme, als auf die üppigen Verirrungen eines verdorbenen Verstandes hören will? Giafar. Ahmet, der Verstand kann hier nicht entscheiden, das Gefühl, das diesen vergleichen lehrt und uns von unserem Elende jeden Augenblick so schmerzlich überzeugt, scheint mir dazu allein berechtigt. Ich habe den Khalifen und seine Sklaven Dinge begehen sehen, die mir die Welt zur Hölle machten. Vor meinen Augen wurde mein edler Vater erdrosselt, weil er es mit der Tugend hielt, und ich Elender fiel in Betäubung vor dem Verschnittenen nieder, der mir im Namen des Tyrannen den dritten Theil seines Vermögens zusagte. Noch glühe ich vor Scham, und nie werde ich diesen Stachel aus meinem Herzen ziehen können. Ich floh und rettete mich in diese wilde, unzugängliche Einsamkeit, wie der bebende Vogel vor dem Geier. Hier glaubte ich mich sicher in Ruhe und hoffte, die Wunden meines Herzens sollten heilen; plötzlich verwüstet ein Wolkenbruch meine Einsamkeit, ertränkt Tausende vor meinen Augen, damit, wie du sagst, ein fernes Volk, das mir und ihnen nichts ist, gerettet werde – es sei so; aber ich sehe hierbei nichts als Unordnung, Mangel und Gebrechen in dem Ganzen und weiß nicht, warum ich vor allen Thieren die so hoch gepriesene Fähigkeit erhalten mußte, dieses recht tief zu fühlen und recht klar zu denken. Ahmet. Ich begreife es, daß ein fühlender Mensch, der von früher Jugend ein Zeuge der Gräuel der Tyrannei war, der einen so edlen Vater durch sie verlor, und den der Egoismus gegen diese Frevel weder verkälten noch zum Mitschuldigen machen konnte, oft vor diesen Verbrechen zurück starren mußte, fasse es, daß ein solches Schauspiel, worin weder Zweck noch Verstand zu erblicken ist, deine sich eben entwickelnde Vernunft verwirren mußte, und daß du in dieser Betäubung nicht mehr wußtest, ob du den Menschen allein anklagen, oder ob du außer seiner Sphäre die Ursache dieser Uebel suchen solltest. In so weit rechtfertigt dich mein eigenes Herz, und es macht sogar dem deinigen in einem gewissen Sinne Ehre. Giafar. Ahmet, wer sein Herz einmal gefühlt hat, kann Der kalter Zuschauer dieser Verwüstungen bleiben? Wie kochte es in meinem Busen, wenn ich mein Unvermögen empfand, diesen Gewalthätigkeiten Einhalt zu thun. Oft trieb mich das Nachdenken über die Unvernunft der Tyrannen, die durch ihre Grausamkeiten gegen sich selbst wüthen, bis zum Wahnsinn. Wenn ich dann die Augen aufschlug und den Himmel heiter über diesen schwarzen Gräueln hängen sah, mußte ich nicht denken, er achte unsers Daseins nicht und habe das schreckliche Loos über uns geworfen, noch mehr von der Gewalt unsers Gleichen, als der Gewalt der Natur zu leiden? Kann unser Verstand, der jeden Augenblick durch eine neue peinliche Erscheinung zerrüttet wird, die Wunden des Herzens heilen? Ich spürte den Ursachen dieser Uebel aus allen Kräften nach; aber nur zu geschwind entdeckte ich, daß eben über dem, was der Mensch am begierigsten zu wissen wünscht, und wozu ihn ein innerer, unwiderstehlicher Trieb zu berechtigen scheint, das schwärzeste Dunkel liegt. Da ich nun diesen verworrenen Knäuel nicht selbst loswickeln konnte, versuchte ich es durch die Weisesten der Menschen der alten und neuen Zeit, las ihre Schriften – Ahmet. Und fandest in dem stolzen Gewebe ihrer Systeme die Beweise der Armuth, der Pein ihres Geistes, das Unerforschliche nicht erforschen zu können. Dein Verstand verwirrte sich von nun an noch mehr, und deine Zweifel wurden stechender. Giafar. Ach, wie ekelhaft wird uns die Menschheit durch diese Demüthigung, wenn wir sehen, daß Männer, ausgerüstet mit dem feinsten Verstand, mit dem schärfsten Blick, die Alles wissen, was der Mensch durch Erfahrung, Fleiß und Anstrengung erhaschen kann, die Alles durchforscht haben, uns gerade darüber, worüber wir sie fragen, keine befriedigende Antwort geben können. Ahmet. Dies ist nun freilich demüthigend und sollte uns, deucht mich, von dem Wahn heilen, das erforschen zu wollen, was man uns so geflissentlich verbirgt; aber hast du dich auch je gefragt, ob es zu unserm Glücke so nöthig ist? Ob eine entscheidende Antwort auf die kühne Frage vielleicht nicht das wenige Glück, das wir, wie du selbst nicht leugnen wirst, genießen, gänzlich zerstören würde? So unsinnig wirst du doch nicht sein, den Schleier von dem ungeheuren All, wovon du nur einen unausdrückbaren kleinen Theil umspannen kannst, ganz wegziehen zu wollen? Denn eben so leicht möchtest du die Gewässer des Weltmeers mit deinem Trinkbecher messen wollen. Würdest du nicht über die Ameise, die hier im Moose vor uns kriecht, lachen, wenn sie mit dem Schöpfer haderte, daß sie nicht jenes Gebirge, so wie wir, übersehen kann? Gelänge es uns nun auch, einen Zipfel von diesem Schleier aufzuheben, würden wir mehr als ein kleines Theilchen von einem ungeheuren Ganzen sehen können? Würden wir, da das Ganze über unsere Fassung geht und wir die Theilchen nirgends einzupassen wissen, mehr damit unternehmen können, als mit den übrigen Bruchstücken? Giafar. Macht diese Ueberzeugung unsere Lage besser? Warum mußten wir einen Theil fassen und begreifen können, da das Ganze über unsre Vorstellung geht? Geschah es darum, um uns lüsterner auf das zu machen, was uns vorenthalten ist? Oder sollten wir darum den unbedeutendsten Theil begreifen, um unsere Beschränktheit, unsere Stumpfheit desto peinlicher zu fühlen? Ahmet. Vielleicht weil Befriedigung hierüber durch einen einzigen Schlag das ganze moralische Wesen des Menschen vernichten und das edelste Geschöpf des Unnennbaren zwar zu einer vollendeten, aber auch zu einer sehr langweiligen und sich selbst sehr lästigen Maschine machen würde. Barmecide, du hast bisher nach nichts gestrebt und weißt nicht, in wie weit uns der rechte Gebrauch unsrer Kräfte veredeln und weiser machen kann. Giafar. Weiser? Ahmet. Ich sage weiser und in eben den Dingen, die dir so dunkel scheinen. Giafar. (ward ernsthaft und schwieg einige Augenblicke). Ich glaube dich zu verstehen – indessen ist es die Schuld des Blinden nicht, wenn er von den Farben falsch urtheilt. Wozu nützte uns die Dämmerung, wenn wir in Finsternis; wandeln sollen, ohne je das Licht zu sehen. Ahmet. In deinem Herzen ist Licht, warum löscht es dein Verstand aus? Giafar. Nach meiner Erfahrung war es das Herz, das den Verstand auslöschte. Ahmet. Weil beide eine Uebereinstimmung voraussetzen, die nur der Lohn der wahren Weisheit ist. Würden die Menschen mehr auf dieses arbeiten, so würde es mir ein Leichtes sein, dich von dem zu überzeugen, was ich dir nun sagen will. Ich bin nicht so verwegen, es dir für Wahrheit zu geben; welcher Sterbliche vermag dies von Dingen zu sagen, die, wie ich glaube, zu unserm Glück verborgen bleiben mußten. Denn entweder würde durch ihre Entdeckung unsre Kraft stehen bleiben oder sich daran zerschlagen. Ich gebe dir meine Meinung, und dies ist Alles, was über diese Gegenstände der größte und hellste Kopf vermag. Auch bin ich weit entfernt, sie dir aufzudrängen, und noch weniger geneigt, mit dir darüber zu streiten – nur bitte ich dich, spanne deine Erwartung nicht zu hoch; Alles, was ich kann, ist, vielleicht den Zweifeln, die dich quälen, den giftigen Stachel auszureißen, und gelingt mir dieses, so habe ich genug gewonnen. Giafar. Du hast sie schon durch deine That erschüttert, und das, was ich auf deiner Stirne, in deinen Augen lese, verspricht mir die Heilung der Wunden, die sie hier gerissen haben. Ahmet. So mag nun mein Gefühl zu dem deinen reden. Mich deucht, man kann, nach Allem, was wir um uns vorgehen sehen, mit Recht behaupten, daß die meisten Plagen der Menschen aus Wahn, Unwissenheit, Stolz und Eitelkeit entspringen, und daß sie eben dadurch die Herrschaft und Politik ihrer listigen Mitbrüder, wo nicht ganz geschaffen, doch wenigstens befördert haben und sie noch in Kraft erhalten. Daraus folgte denn, daß wir den Hauptkampf, den wir im Leben zu bestehen haben, meistens mit Phantomen kämpften, die wir selbst geschaffen haben und durch Feigheit und Gewohnheit unterhalten. Der denkende Mensch fühlt sich zugleich der Natur unterworfen, und je mehr er beobachtet, je stärker überzeugt er sich von dieser zwiefachen Abhängigkeit, dieser seinen Stolz demüthigenden Beschränktheit, und will alsdann das Wiefern und Warum erkennen: will wissen, zu welchem Zwecke er da ist, und kann er keine Antwort erzwingen, so möchte er wenigstens erfahren, warum die Natur, so zu sagen, mit ihm auf halbem Wege stehen geblieben ist und ihn da nur ahnen läßt, wo er Gewißheit fordert. Aus deinen Aeußerungen vernahm ich, daß dieses dein Fall ist. – Giafar. Völlig; möchtest du mir doch diese Räthsel lösen! Ahmet. Umschließt doch auch meinen Geist die Hülle des Fleisches, wie den deinen! Doch laß uns immer weiter in dieser Finsternis herumtasten, vielleicht daß wir hier oder da etwas ergreifen, woran wir uns halten können. Da die Natur immer fortwirkte und immer schwieg, und der Mensch keine bestimmte Antwort auf seine Fragen erhalten konnte, so nahmen endlich sein Stolz und seine Eigenliebe die Auflösung über sich. Auch war er mit dieser Auflösung so wohl zufrieden, daß er sie bald zu Glaubenslehren machte, und so entstanden die Worte Schicksal, Verhängniß, Vorsehung und Leitung höherer, unsichtbarer Wesen. Verstehst du sie? Giafar. So weit, daß ich die ersten als ein lästiges Joch abschüttle, und was jene höhere Wesen betrifft, so denke ich von ihnen zu erhaben, als daß ich sie zur Ursache oder zu Mitschuldigen unserer Thorheiten machen sollte. Ahmet. Und doch geschieht dieses, sobald du den Damm mit Gewalt durchbrechen willst, der dich einengt, sobald du dich von deiner Mutter, der Erde, losreißest und in der Höhe suchest, was du nur in dir und nirgends anders finden kannst. – Laßt uns wiederum einlenken. – Da diese Worte nun einmal da waren, so fanden sich bald Köpfe, die sie mit so viel Schrecken, Furcht und Hoffnung zu umspinnen wußten, daß es ihnen leicht fiel, den Geist und die trotzenden Kräfte ihrer übrigen Brüder in unauflösliche Ketten zu schmieden. Der Mensch, Giafar, konnte nur durch seinen edelsten Theil, auf den er auch noch unterm Joche so stolz ist, zum Sklaven werden, und damit er der Freiheit ganz vergesse, mußte er über den wahren Gebrauch desselben irre geführt werden und ihn nie anerkennen lernen. Er mag nun erst gemeldeten Worten eine Bedeutung geben, welche er will, so ist es doch, wie du selbst äußerst, unmöglich, daß er den Unnennbaren nicht auf die eine oder die andre Art zum Mitschuldigen oder zur Ursache seiner Handlungen mache, da dieser, nach der frömmsten Meinung, die Gräuel, welche dich in der moralischen und physischen Welt so sehr empören, voraussieht, die Macht hat, sie zu hindern, die Gewalt hatte, uns und die Natur anders zu bilden, und nun gleichwohl alle moralische Gräuel zuläßt und der Materie den Samen zu solchen dir mißfallenden physischen Ereignissen beimischte. Du siehst, wie ich mich deiner Meinung nahe. Giafar. Ich sehe es wohl, aber ich fühle auch den Stachel meiner Zweifel um so schärfer. Ahmet, was würde man wohl von einem König sagen, der die Gabe hatte, die Verbrechen seiner Unterthanen vorauszusehen, und sie darum nicht daran verhinderte, um das Vergnügen zu haben, sie erdrosseln und spießen zu lassen! Dieses gliche so ziemlich unserm Khalifen, wie denn seine Haushaltung überhaupt sich der Haushaltung der Natur zu nahen scheint. Ich sehe voraus, was du darauf antworten wirst; aber eben Das, was man darauf antwortet, verwirrt den Knoten; der Mensch urtheilt nur mit und durch die Sinne, die Kanäle seiner Begriffe und alle metaphysischen Grübeleien führen am Ende dahin, daß man diesen Knoten in Verzweiflung zerhaut. Ahmet (sehr ernst) . Darf dies der Mann, der sich und seinen Werth, sein Gutes und Böses, mit dem Werth, dem Guten und Bösen, Andrer noch nicht abgewogen hat? Der kalte und ernste Ton, womit Ahmet dieses sagte, verwirrte Giafarn. Er erröthete und sah vor sich hin. Ahmet. Vielleicht werde ich das nicht antworten, was du zu erwarten scheinst. Ich gestehe dir vielmehr ein, daß du mit Recht dem Meister die Fehler seines Werks zuschreibst und folglich mit gleichem Rechte dem Urheber der Welt, den du hier unter dem menschlichen Begriff von Werk- und Baumeister denkst, die vermeinten oder wirklichen Gebrechen dieser Welt – Giafar. O Ahmet, beinahe fürchte ich, du nimmst deine Zuflucht zu den zwei berühmten, sich entgegenstrebenden Geistern und suchst den Samen des Nebels in der Materie, den Ahermen hineingepfuscht haben soll. Wahrlich eine so unsinnige Meinung, daß sie den Schöpfer der Welt mehr herabwürdigt, als die verwegensten Zweifel. Ein kaltes, spöttisches Lächeln bildete sich um den Mund Ahmets; er blickte scharf in die Augen Giafars, der sein Herz in diesem Augenblicke von einer sonderbaren Empfindung zusammengedrängt fühlte. Ahmet fuhr fort: Wenn wir nur diesen Ahermen oder Geist des Bösen schon gefunden hätten? Giafar. Wie das? Wo? Ahmet. Ich hätte vielleicht vor allen Dingen fragen sollen, ob denn dieses so geradezu Gebrechen sind, und ob es nöthig ist, eine entfernte Ursache aufzusuchen, da uns die wahre so nahe liegt. Giafar. So nahe – nun – Ahmet. Du sollst sie aus dem Folgenden selbst herausnehmen. Höre dann, was Ahmet über den Menschen, seinen Zweck und über die Hebel denkt, die dich so empören, daß du deiner Kraft zum Guten selbst vergißt. So wie das ganze Geheimniß der Natur in dem Menschen, Ideen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, nur darin besteht, daß sie ihn empfindlich für Schmerz und Vergnügen machte, so scheint seine moralische Entwicklung bloß davon abzuhängen, daß sich in der Gesellschaft sein Sinn für Ordnung, das Gute, ihm und andern Nützliche, entfalte. Der Unbegreifliche hat diesen Sinn von moralisch Gutem und moralisch Bösem in unsern Busen an Selbstliebe und Selbsterhaltung geknüpft, dem Menschen Vernunft zu unterscheiden. Verstand zu erwägen, Willen zu wählen gegeben und ihn dadurch von allen uns bekannten Geschöpfen abgesondert. Dieser Sinn ist zugleich mit seiner physischen Natur aufs innigste verwebt und hängt mit ihr, so sein, geistig und erhaben du auch deine moralischen Verhältnisse betrachten magst, aufs genaueste zusammen. Nie würden die moralischen Empfindungen (denn dieses sind sie mehr, als Räsonnements) haben Wurzel fassen können, wenn sie mit unserem physischen Wohlsein nicht verknüpft wären, so aber wird das Wohlbehagen unsers zwiefachen Daseins nur durch die reine Verbindung beider befördert, oder durch den Mißbrauch des einen oder des andern gestört und oft ganz zerrissen. Diese moralischen Pflichten und Verhältnisse entstehen, sobald die Menschen in Gesellschaft zusammentreten. Der Samen dazu liegt in ihrer Natur, entwickelt sich durch das Streben, ihren Zustand immer zu verbessern, aus dem Gefühl der Selbsterhaltung, der Sorge für sich und Andere, und es erfordert weiter keine höhere Macht, diesen Keim herauszutreiben. In dem Fortlauf der Zeit entwickelt sich Dieses alles in das Feinere, wird endlich von spekulativen Köpfen aufgefaßt und in Systeme von Recht und Unrecht, moralischen und politischen Pflichten und Verhältnissen geformt. Da nun dieses auf verschiedene Art und nur gradweise geschieht, so sind darum die moralischen Begriffe eines Volkes die bestimmten Zeichen seiner Rohheit, Kultur, Regierungsverfassung, seines edlen Zustands und seiner Verderbniß. Hier arbeitet also die politische Verfassung entweder gleichförmig mit der moralischen Stimmung des Menschen, oder gegen dieselbe, nach ihr angemessenen oder widerstrebenden Gesetzen und bestimmt den Begriff vom moralisch Guten und moralisch Bösen, veredelt oder zerrüttet die menschliche Natur. – Um es noch sinnlicher zu machen: so wie der Unnennbare in Steine, Pflanzen und Metalle den Druck und Stoß zu ihrer Entwicklung gelegt hat, daß sie durch fest bestimmte und dem Zweck gemäße Veränderungen gehen müssen, um Marmor, Ceder oder Gold zu werden, ebenso hat er das Streben, sich zu vervollkommnen und seine verschiedenen Kräfte auf dem Wege dahin zu äußern, in den Menschen gelegt. – Scheint dir dieses anders? Giafar . Die Erfahrung spricht dafür; indessen dünkt mich, dieser Satz ließe sich auf jeden Gegenstand der Natur eher anwenden, als den Menschen, der, wenn er einen gewissen Punkt der Verfeinerung erhalten hat, seinen Originalcharakter ganz auszuziehen scheint und alsdann seine moralischen Verhältnisse so zernagt, daß es oft zum Räthsel wird, wie die Bande noch zusammenhalten. Ahmet. Und wer kann die Grenzen des Menschen bestimmen? Wer kann sagen, er überschreitet seine Natur, sobald er über diese oder jene Linie tritt? Wo ist seine Natur? Ist er nicht Alles, was er ist, vermöge seiner Natur, er befinde sich, wo er wolle, unter den Horden der Wilden oder in dem Gewühle üppiger Städte? Glaubt nicht Jeder, da wo er sei, sei auch des Menschen wahre Lage? Das moralische Element des Menschen, wenn ich es so nennen darf, ist grenzenlos wie seine Einbildungskraft. Er mußte Alles werden können, wenn der Mächtige ein Wesen aus ihm machen wollte, das sich selbst Quelle seiner Selbstständigkeit und Bewirker seiner moralischen Schöpfung sein sollte. Und eben dieses ist es, was ich Entwicklung seiner Kräfte nenne. Giafar. Ein stolzer Gedanke, der stark in meinem Herzen faßt. Ahmet. Vielleicht, daß er Licht in deinem Geiste anzündet. – Nur dadurch konnte ihm die Pflicht auferlegt werden, den Gebrauch seiner Kräfte zu verantworten. Dadurch wird der Sklave von seiner drückenden Kette befreit, und er darf es nicht mehr wagen, seine Laster mit seinem niedrigen Zustand zu entschuldigen. Giafar. Und was hinderte den Mächtigen, uns gleich vollkommener zu machen? Warum legte er den Funken zu gefährlichen Leidenschaften in unser Blut, der, sobald er Flamme wird, das Streben nach dem Guten so schnell und leicht aufzehrt? Sind wir nicht ihr Sklav? Ist unser Leben nicht ein rastloser Kampf mit den uns aufgedrungenen Tyrannen? Ahmet. Frage dein Herz, Giafar, ob es sich der Ketten nicht schämt, womit es deine Verirrungen fesselt? Hat er dir nicht einen warnenden Geist in den Busen zum Wächter bestellt, den du erst einschläfern, dessen Stimme du erst betäuben mußt, wenn du von dem Wege weichen willst, den er dir zeigt? Und wo bliebe alsdann dein eignes Verdienst, das Werk deines Herzens, der Lohn des Kampfes, des Sieges deiner Vernunft über diese gefährlichen Leidenschaften? die Wahl zwischen Guten und Bösen, deine Freiheit, der Ursprung deiner Große, deines Stolzes, wenn auch oft deines Elends! Wo das erhabene Vorrecht, das dich von allen Geschöpfen der Erde unterscheidet, deine Kräfte zu nutzen, wie es dir gefällt, und dein Wirken als Folge deiner freien Entschließungen anzusehen? Du kannst den Drang deiner innern Natur bemeistern, wenn du willst. Gute Thaten läßt sich Keiner nehmen, und Jeder sieht sich nur dann nach Mitschuldigen um, wenn er vor seinem Gewissen erschrickt oder schlechte laut verantworten soll. Vollkommen wäre der Mensch ohne Verdienst, weil es ohne Kampf wäre; frei und nur fähig, vollkommner zu werden, wird jede seiner Tugenden und edlen Handlungen sein Werk, die er zwischen sich und seinen Schöpfer als Beweise seines Werths hinstellt. Giafar. Ahmet, du erhebst meine Seele aus dem Staube und gibst meinem Geiste die Freiheit! O daß ich nie mehr von dieser stolzen Höhe heruntersänke, die ich an deiner Seite zu ersteigen strebe! Ahmet. Du wirst dich in dieser Höhe erhalten, wenn du dich davon ganz überzeugest, daß der Mensch, durch seinen innern Sinn und freien Willen, Herr und Schöpfer seines Schicksals, Vollender seiner Bestimmung ist. Er kann durch seine Thaten, durch sein Wirken den Gang der moralischen Welt stören, zerreißen oder befördern. Nach seiner Lage und seinem Wirkungskreise ganze Völker glücklich oder unglücklich machen, und das ganze Menschengeschlecht zusammen von dem Bettler bis zu dem König, jedoch nach seinem Einfluß, ist der Werkmeister der sogenannten moralischen Welt. Ueberzeugt von dieser einfachen Lehre, wirst du bei jeder deiner Handlungen auf ihre Folgen sehen. Und wird sie nicht deinen Geist erheben, da sie dich von allem Zwang, allem Druck jener eisernen Nothwendigkeit befreit? Nur sie macht dich zu einem selbstständigen Wesen und setzt dich mit deinem Urheber in die innigste und reinste Verbindung, wenn du seinen Zweck erfüllst und die Harmonie der Welt befördern hilfst. Giafar. Mein Herz ist durchdrungen von Dem, was ich gehört habe. Deine Gedanken sind groß, und noch erhabener liegen sie auf deiner Stirne. Dein Blick scheint die Verhältnisse der Welt auf einmal zu durchforschen, und dein Herz die wilden Dissonanzen derselben in Wohlklang zu verwandeln; aber er überzieht auch ihre widrige Schwärze nur einen Augenblick mit einem täuschenden Glanze. O Ahmet, warum muß ich Das, was meinen Geist durchglüht, nur wie einen schönen Traum ansehen! Wenn ich zurück denke, welchen schlechten, unsichern Händen diese deine moralische Welt anvertraut ist, so wird meine Qual um so peinigender. Ist es nicht schrecklich zu denken, daß ein Khalife, weil er so oder so erzogen ist, dieser oder jener Schooßneigung fröhnt, die ihm dieser oder jener Günstling oder Lehrer zu geben wußte, über das Schicksal vieler Millionen nach allen diesen zufälligen Ereignissen entscheiden soll? Welche Schauder müssen mich dann überfallen, wenn ich die Geschichte, das Protokoll der Verbrechen und Thorheiten der Menschen, aufschlage! Wenn ich lese, daß Herrschsucht, Geiz und Raubsucht, Eroberungsgeist, unsinnige Rache, elende Streitigkeiten, lächerliche Mißverständnisse, verschiedene Meinungen, die Keiner versteht, oft einen Theil der Erde mit Blut getränkt und Völker von den entferntesten Welttheilen gegen einander getrieben haben, sich zu erwürgen! Ahmet, schimmernd ist deine Meinung; aber Giafar hat das Unglück, keine über diesen unbegreiflichen Punkt fassen zu können. Sage mir, ist es ein Trost für die Unglücklichen, zu wissen, der Mensch bestimme selbst sein Schicksal, wenn ein Einzelner, den der Zufall ihnen vorgesetzt hat, ohne Furcht ihr Henker sein und sie zu Werkzeugen seiner thörichten Leidenschaften machen kann? Ist nicht vielmehr alle Hoffnung von Rettung für sie verloren, wenn sie einmal gewiß sind, daß der Menschen Schicksal nur von dem Menschen abhängt, und daß kein Mächtiger dabei wirkt oder hindert. Glaubst du, daß mir dieser Gedanke, der nun mein Herz beflügelt, damals zur Beruhigung hätte dienen können, da ich meinen edlen Vater darum erdrosseln sah, damit ein Elender an seine Stelle trete und das Gute, das er gethan, mit seiner Spur vernichte? Ahmet. Hast du die letzten Worte deines Vaters vergessen? Giafar. Ahmet kann diese Frage nicht im Ernst thun. Ahmet. So hast du wenigstens ihren Sinn nicht recht gefaßt. Der Barmecide, Giafar, sollte in die Spur seiner Ahnen treten, und so hättest du vielleicht den Weg durchlaufen, den er nicht vollenden konnte. Wenigstens hättest du durch deine Thaten den Persern zeigen müssen, wie gefährlich es für sie sei, einen Mann aus deinem Geschlecht, der sich für sie zu opfern fähig war, so schnell zu vergessen. Wenn ich anders deinen Vater kannte, so würde er noch heute denselben Pfad betreten, und sollte er auch gewiß sein, daß ihn derselbe Lohn erwartete. Sprach er von den Menschen und ihrem Schicksal, so sprach er als ein Mann davon, der seinen Werth mit beiden ausgeglichen hatte. Giafar . Meine Schamröthe beweise dir, daß ich diesen Vorwurf tief empfinde. Ahmet . Es ist leichter, über die Stürme des Lebens zu murren, als sie zu bekämpfen – Giafar . Auch ich habe Kraft dazu, den Willen hast du schon erweckt. Ahmet . Indessen laß mich dir antworten. Weißt du auch die Folgen jener grausamen That des thörichten Khalifen? Ahnest du, was für ihn, für dich, für ganz Persien einst daraus entspringen soll und muß? Würde es für dich tröstender gewesen sein, den Unnennbaren als gleichgültig oder mitschuldig bei dieser höchst ungerechten That anzuklagen? Würde es dein Herz erleichtert haben, wenn du ihm vorgeworfen hättest, er habe sie zugelassen, dieselbe gar, ich weiß nicht aus welchen dunkeln Ursachen und zu welchen Zwecken, veranstaltet? Versuche es nur, das Böse, das sich die Menschen einander thun, und ihre Thorheiten mit der Vorsehung oder der Leitung des Höchsten auszugleichen. Schnell wirst du dann mit dem trägen Pöbel glauben, sie gebe den Tyrannen eine giftige Geißel in die Hände, um die jung aufblühenden Geschlechter für die Sünden der vergangenen zu züchtigen. Nur dann, wenn wir das Böse, das uns widerfährt, als Verhängniß und Züchtigung annehmen, verleihen wir unsern Verfolgern und Peinigern Kraft. Es ist Stumpf- und Feigheit, wenn sich Millionen von Einem Ihresgleichen mißhandeln lassen. Ein augenblickliches Nachdenken wird dich zu der wahren Quelle zurückführen; du wirst sehen, daß aus dem Mißbrauch der Religion, der Regierung und der Wissenschaften, welche die Schöpfer unsers Glücks sein sollten, all' unser Elend fließt. Aus Herrschsucht, Ehrgeiz und Stolz hat der Priester, der Beherrscher und der Philosoph den Menschen früh von dieser einfachen Lehre entfernt und den Himmel durch Schrecken und Hoffnung in sein Bündniß gezogen und zu seinem Mitverschwornen gemacht; aber es ist Menschenwerk und besteht nur so lange, als der Wahn uns blendet. Wer diesen Mißbrauch duldet, verliert das Recht zu klagen. Hast du ein Beispiel, daß eine höhere Macht dem Völkerwürger, dem Menschenzertreter Einhalt gethan hätte? Von Anbeginn der Welt erschallt die Klage, das Glück begünstige nur die Ungerechten. Der Mensch nur soll das Unrecht, das ihm von Menschen kommt, rächen und ihm Einhalt thun, thut er dieses nicht, so gibt er sein angebornes Recht auf; denn er geht frei aus den Händen der Natur hervor, begabt mit dem Gefühl für sein Wohl und für sein Recht. So sind Unwissenheit, Mißbrauch unsrer angebornen Kräfte die einzigen Quellen unsers Elends. Nur in ihrem rechten Gebrauche besteht unser Wohl. Selbstsucht, niedriges Interesse, Leidenschaften, die wir zu feige sind, zu bekämpfen, und die dann erste tiefe Wurzel fassen, wenn man den Menschen über seine Würde und seinen Werth irre geführt hat, müssen erst seinen Verstand durch Sophismen blenden, sein natürliches Gefühl tödten, bevor er eine der Gesellschaft und dadurch ihm schädliche Behandlung begehen kann. Giafar. Und dieses eben scheint die Klippe zu sein, woran wir gewöhnlich scheitern, wenn wir uns auf dieses gefährliche Meer des Lebens wagen. Was dem großen Haufen der Menschen vortheilhaft scheint, scheint ihm auch gut, und dazu ist ihm jedes Mittel gleich. Er spricht wohl von der Tugend, handelt aber, als ob er sie unter die Schwärmereien müßiger Köpfe rechnete. Ahmet. Und eben darum, weil man sie mit einem falschen Schimmer überzogen hat. Bringe sie der Natur des Menschen näher, und er wird in ihr seine Erhalterin erkennen. Giafar. Und was versteht Ahmet unter diesem vielsinnigen Wort? Ahmet. Unter der gewöhnlichen, die das Band der Gesellschaft ausmacht: sorge für dich, ohne den Schaden Andrer; aber dieses Band wird von edlern Menschen, die man mit Recht Helden der Tugend nennt, enger zusammen gezogen, wenn es erschlaffen will. Unter diesen verstehe ich jene Männer, die ohne Rücksicht auf sich selbst, auch mit Gefahr ihres Lebens, das Beste der Menschen durch Weisheit und edle Thaten zu befördern suchen. Die Nachwelt spricht ihren Namen mit jener Ehrfurcht aus, die man nur für erhabene Wesen fühlt. Durch Jahrtausende geht ihr Wirken, und die Saat, die sie gesaet, blüht noch in künftigen Geschlechtern auf. Solche Männer bewunderte Asien unter den Barmeciden. Und größer, bewundernswürdiger waren sie, da sie den Thron, von welchem sie Gewalt verdrängt hatte, durch ihre Tugend und Weisheit zum Glück des Volkes zusammenhielten, als da sie darauf saßen. Oft haben Männer ihrer Art tief gesunkene Völker wiederum emporgehoben und die Verbindung mit ihrem Urheber erneuert, welcher die moralische Verderbniß aufgelöst hatte. Giafar, ein solcher Mann war dein Vater; laß dich nun eine Welt anekeln, die er für einen Wirkungskreis des Guten hielt. Giafar. Tief verwundest du; doch die Heilung will ich selbst bewirken, denn auch ich will streben, in ihren Kreis zu dringen. Aber sage mir, wer von ihnen war des Guten, das sie so heiß zum Besten der Menschheit entworfen haben, gewiß? Wie oft betrügt hier der Erfolg die Absichten. Sehen wir nicht täglich, sah ich es nicht durch das Beispiel meines Vaters, daß oft aus dem Guten Böses entsteht und, was den Widerspruch noch peinigender macht, sogar aus dem Bösen Gutes? Erlaube mir, dir die Worte eines Dichters anzuführen, die er einem dieser Helden der Tugend in den Mund legt, der, was er sagt, durch seinen schrecklichen Fall bewies. Er antwortete seiner Tochter in einem gefahrvollen Augenblick, da sie sich schmerzlich beklagte, daß ihr als Weib große Thaten versagt seien und sie nur geboren wäre, zu bewundern und zu beweinen, Folgendes: »Hadere nicht, mein Kind, schön ist dein Loos, bloß tief und fein zu fühlen, ohne dein Herz mit Thaten zu beladen, womit der Mann so selten sich und Andern nützt. Ja, wenn Gutes thun und wollen auch immer Gutes wirkte und bliebe. So aber verschieben sich die Zwecke des Gerechtesten, und ihre Reinheit liesest du nur in dem Spiegel deiner Seele. Was du hier warm und groß entworfen hast, wird in dem finstern Gang durch der Menschen Kopf und Herz oft zum scheußlichen Gespenst, das dich bei seiner endlichen Erscheinung in Zweifel über deine Thaten setzt, und bist du innig mit ihnen einverstanden, wenigstens in Zweifel: ob es nicht besser sei, die Menschen dem Taumel zu überlassen, der sie so verwirrend treibt.« Ahmet. Giafar, wenn du die Worte dieses Helden der Tugend, die der Ausbruch einer augenblicklichen Empfindlichkeit zu sein scheinen, für Ueberzeugung nimmst, so wirst du nie in jenen erhabenen Kreis gelangen. Wer dieses zur Lebensregel macht, ist nicht von Rücksicht auf seinen Vortheil frei. Und sagt er nicht: ihre Reinheit liesest du nur in dem Spiegel deiner Seele? – Allerdings, und eben in diesem Beschauen, das allen Genuß der Erde übertrifft, findet er auch seiner Thaten Lohn. Wird er alsdann nicht die Stärke seines Geistes aufbieten, um sich bloß in dem Lichte zu beschauen, in dem er erscheinen mußte, wenn der Erfolg seinen Zweck gekrönet hätte? Nach seinem Sinn war die That ganz und vollendet, da er sie entwarf, und auch im Mißlingen würden ihn die Menschen so ansehen, wie er sich selbst betrachtet, wenn sie gerechter und mit ihrem eignen Besten einverstandner wären. Ist der Mensch nicht zum Wirken geboren? Giafar. Unleugbar. Ahmet. Ich hoffe doch, nur zum Wirken des Guten. Giafar. So sollte es sein, und daß es nicht so ist, darum hadere ich, darum bin ich unglücklich. Ahmet. Und doch ist uns dieses für jetzt genug. Wir könnten nun sagen, daß diese Welt, wenn auch nicht die beste, doch gerade so gut ist, als sie sich die Menschen einander machen, und folglich wäre das moralische Böse, welches dich so sehr empört, ihr eignes Werk. Was das sogenannte physische Uebel betrifft, so scheint mir dieses nicht anders, als jene Nothwendigkeit oder Bewegung zu sein, die allen Dingen Dasein, Wachsthum, Fortgang und Gestalt gibt, und welches, vermöge seines beziehenden Verhältnisses, diese Benennung kaum verdienen kann. Wir entdecken in Allem, was die Natur um uns wirkt, etwas so fest Bestimmtes, das nie ermangelt. Jedem Geschöpfe der Natur, von dem Elephanten bis zu dem kleinsten Insekte, von der Ceder bis zu der kleinsten Pflanze, ist eine gewisse Impulsion aufgedrückt und aufgezwungen, welcher es folgen muß. Die Regeln und der Instinkt sind sichtbar und fühlbar, nach welchen sich jedes Wesen entwickeln, leben und vergehen muß. Hier entdeckt man jene unbegreifliche Macht, die auf Ewigkeit, wenn du dieses Wort verstehst, jedes Ding geordnet hat, so und nicht anders zu sein. Nur der Mensch erhebt sich durch seinen moralischen Sinn und die daraus fließenden von ihm abhängigen Handlungen über diese physische Nothwendigkeit, und bringt durch dieses sein moralisches Dasein eine neue Schöpfung hervor, die selbst über seine Dauer geht. So wie nun Schmerz und Vergnügen die Entwicklung der moralischen Kräfte hervorbringen, so sind alle Aeußerungen, Erscheinungen und Ausbrüche der Natur, Erdbeben, Stürme und Ergießungen nichts anders, als das Streben und die Beförderung der physischen Kräfte zur Veränderung, Hervorbringung und Auflösung der Dinge, und da sie nicht anders, als durch Bewegung, Zusammensetzung und Trennung hervorgebracht werden können, so mag und muß der Theil um des Ganzen willen zerrüttet werden. Eine vollkommne Welt (und nur jene nennt ihr so, worin dieses nicht geschähe) ist ein lebloses Ding, das der Natur widerspricht. Vollkommenheit schließt Unveränderlichkeit, Stille, Dauer, Stätigkeit und gänzliche Vollendung in sich – verträgt selbst das Fühlen , das in dem Menschen Alles hervorbringt, nicht und zerstört mit unserm Werth alles Glück, das wir genießen. Scheint dir nun der Zweck, den wir dem Menschen hier beilegen, nicht groß und edel, da er sich nach unsrer Meinung von seinem Entstehen bis zu seinem Hinscheiden in einer fortlaufenden Entwicklung befindet und sich dann auflöst, wenn er so weit vollendet ist, als es seine Dauer, Lage und Kräfte verstatteten? Glaubst du nicht in gewissen Stunden in deiner Brust warm zu fühlen, es müsse dir noch eine höhere Entwicklung bestimmt sein? Nur des Menschen Geist ist weder durch Raum und Zeit beschränkt, und er hat sich als ein durch seine Natur berechtigter Eroberer in eine künftige eingebildete Welt geschwungen, die ihm, ob sie gleich ganz außer seiner Fassung liegt, doch vermöge seiner Ahnung und seines Strebens nach Vollkommenheit zu einer wirklichen wird. Wäre dieses Gefühl nicht mit seiner Natur verwebt, wer hätte es erwecken können? Wer es ahnen können, um es zu erwecken? Und wäre es auch durch Stolz, Wahn oder Eitelkeit oder ängstlichen Wunsch, fortzudauern, erzeugt worden, wer hat in uns die Stimme des Gewissens, den inneren, immer wachen und richtenden Geist unsrer Handlungen und unsrer geheimsten Gedanken erweckt? Nie ist ihm ein Sterblicher entflohen, und konnte die Erziehung allein diese Herrschaft über das ganze Menschengeschlecht hervorbringen? Bringt die Erziehung etwas hervor, das in der Natur des Menschen liegt? Sage zu dem Menschen in finsterm Mißmuth, er sei ein verworfnes, elendes, nur zum Bösen geneigtes Geschöpf, und du wirst seine moralische Kraft zerdrücken, ihm das Laster zur Nothwendigkeit machen oder ihm wenigstens Entschuldigungen seiner Verbrechen und Thorheiten darreichen. Ueberzeuge ihn, jede schlechte Handlung sei ein Widerspruch seiner edlen Natur, er sei ein freies, unabhängiges, zum Guten geschaffenes Wesen, des Großen und Erhabenen fähig – mache ihn aufmerksam auf die Beweggründe seiner Handlungen und ihre Folgen, und du wirst ihn erheben, seine Leidenschaften veredeln, ihn über sein wahres Interesse erleuchten und ihn in nähere Verbindung mit dem Geist der Welt setzen. Genug und schon zu viel. Erwäge nun, Barmecide, ob du deine Bestimmung dadurch erfüllst, daß du, eingeschlossen in diese unzugänglichen Felsen, mit der Natur haderst, ohne das Geringste zu deinem und dem Besten deiner Brüder beizutragen. Doch der Mensch ist Schöpfer seines Werths, Glücks und Schicksals, der Samen des Guten liegt in dir wie in Jedem, er keime nun auf oder ersticke, die Zeit rollt dahin, verschlingt den Feigen und den Thätigen; aber die Alles verzehrende vermag nicht, die Spur des Edeln zu vertilgen, und sie selbst ist gezwungen, ihn der Zukunft zu verkündigen. Nach diesen Worten erhob sich Ahmet und wollte gehen. Giafar hielt ihn bittend zurück. Ahmet, siehst du nicht, wie mein Herz sich in dem System gefällt, das du mir entfaltet hast! Alle meine Kräfte erheben sich in edler Thätigkeit, zu beweisen, wie ich so lebhaft empfinde – o gern möchte ich hinzusetzen: und noch lebhafter glaube. Nie suchte ich etwas anders, als der Menschen Wohl, die Linderung ihrer Leiden. Meiner gedachte ich und gedenke ich nicht. Ich würde mich gerne zu ihrem Besten aufopfern, und in diesem Augenblick fühle ich, daß das Bewirken desselben alle meine peinigenden Zweifel stillen müßte. Werde dieses mein Loos; und sollte auch dein ganzes moralisches Gebäude ein bloßer Traum sein, so ist er doch so erhaben, umschließt das Ganze mit einer so schönen Harmonie, flößt dem Menschen einen so edlen Stolz ein, führt so gerade zu dem einfachsten Zweck des Lebens, daß der Verstand, der Alles so gerne benagt, selbst von seinem lichten Glanze bezaubert wird. Darf ich nun wagen – zu sagen – du habest meinen Zweifel eher eingeschläfert, als geheilt. – Ahmet, wenn ich einen Blick über das ganze Menschengeschlecht werfe und das wilde Gewühl wie ein verworrnes, sausendes Chaos vor meinen Augen schwimmt und mein Gehör betäubt – wenn ich überdenke, wie Jeder von den Umständen abhängt und nur Das thun und ausführen kann, was sie ihm erlauben – Ahmet. Sprich immer frei, was ich so deutlich in deinen Augen lese! Du willst hinzusetzen: so sinkt der Flug meines Herzens. Weiß ich doch, daß deine Spekulation die Flügel des schönen Enthusiasmus in dir, wo nicht gelähmt, doch wenigstens zerknickt haben. Nur dies ist der Gewinn, den sie uns verleihen. Giafar, der Mann, der jede seiner Handlungen nach seinem Gewissen abwägt; ist in Ansehung seiner darüber so gesichert, daß er sich weder von den Umständen treiben läßt, noch von ihnen abhängt. Gewöhnlich sind diese Umstände oder Hindernisse nichts anders, als Rückblicke, die wir auf eignen Vortheil und unsre Schooßneigungen werfen. Nur die Furcht, diese aufs Spiel zu setzen, macht uns feige, und dann scheint uns das Wesen der Menschen ein schreckendes Gewühl zu sein, dem wir entweder zu entfliehen suchen, oder von dem wir uns, um größern Gewinnst, mit forttreiben lassen. Freilich ist beides leichter, als mit einiger Gefahr an der Herstellung der Ordnung dieses Gewühls zu arbeiten. Giafar, ich sage dir noch einmal, mit diesen Gesinnungen wirst du die Zahl der Helden der Tugend nicht vermehren; aber eben dieses sollte dich bescheidner in deinem Urtheil machen. Geh und prüfe erst meine Lehre durch die That, und wenn die Wärme deines Herzens, die nun in deinen Augen glänzt, keine augenblickliche Entzündung ist, so wirst du einst erfahren, was ein Einzelner vermag, der den festen Entschluß faßt, gut zu sein. Giafar. Ich fasse oder vielmehr ich fühle deinen ganzen Sinn. Die Dunkelheit entweicht aus meinem Geiste, die Zweifel entfliehen, und ich sehe einen bestimmten Weg des Lebens vor mir. Ja, es scheint mir sogar ein Leichtes, die höchste Tugend auf diesem Pfad zu erreichen. Kann der Mensch durch Willen und Kraft, durch seinen moralischen Sinn Herr seiner Handlungen werden und bleiben, so soll mir's gelingen, mich und die Welt von deinem System zu überzeugen. Ich will es zu dem meinen machen und nach edlen Thaten so rein in diese Einsamkeit zurückkehren, als ich sie verlassen kann. Und was thue ich wohl hier mehr, als daß ich der Neigung meines Herzens folge? daß ich mir das süßeste, reinste, erhabenste Glück erwerbe, das den Sterblichen auf dieser Erde beschieden ist? Du weißt, all mein Gram, all mein Leiden, all mein Hader entsprang nur daraus, daß ich leiden sah und nicht helfen konnte! nichts zum Besten der Unglücklichen unternehmen konnte! Zeige mir den Weg dazu, und solltest du mich auch auf eine Bahn führen, auf welcher ich als Opfer fallen sollte, ich bin bereit dazu! Ahmet. Vergiß die Feinde nicht, die im Hinterhalt deines Herzens lauern. Bekämpfe Stolz, Herrschsucht, Wollust, Geiz, Rache und Selbstsucht, wenn du dein Herr bleiben, ein Wohlthäter der Menschen und ein Held der Tugend werden willst. Und dann vergiß nie bei deinem Urtheil, daß der Beherrschte und der Herrscher auf Erden nur Menschen sind. Giafar. Ich fürchte diese niedrigen Leidenschaften nicht, und nie hatten sie Gewalt über mich. Ich will den Menschen durch mein Beispiel zeigen, das moralische Uebel sei ihr Werk. Ahmet. Dein Unternehmen ist groß. Giafar. Giafar soll Ahmets System durch seine Thaten und Wirken erweisen; oder Ahmet soll eingestehen, es sei ein schöner Traum, das Uebel sei das Werk eines Mächtigern, und wir seien ohne Rettung auf die Erde zum Leiden hingestreut. Ahmet. Ich nehme den Kühnen beim Wort. Giafar, ich bin der Mann, so wenig ich es auch scheine, dich in Lagen zu versetzen, wo du alle deine Kraft, deinen Verstand, deine Erfahrung, erworbene Kenntnisse und besonders deinen moralischen Werth zeigen kannst. Ich reise morgen nach Indostan, willst du mir folgen? Giafar. Wohin du willst. Ahmet. Am Ende deines Laufs (daß er rühmlich werde, hängt von dir ab) wollen wir deinen Thaten, ihrem Ursprung, ihren Folgen, den geheimsten Triebfedern und den verstecktesten Empfindungen deines Herzens nachspüren. Du selbst sollst alsdann dein Richter sein, verdammen oder lossprechen. Diese Stunde wird dir mehr Licht geben, als ich es jetzt vermag. Giafar. Ich fürchte sie nicht. Ahmet. Du wirst einen strengen, vielleicht einen gefährlichen Beobachter in mir finden. Giafar. Ahmet, ich bin ein Barmecide, floh aus Haß gegen die Laster die Welt; werde ich mich nun hineinwerfen, um sie auszuüben? Ahmet. So wage es und werde durch dich, was du werden kannst. Sieh, die Sonne ist über unser Gespräch untergegangen. Gib Befehl zu deiner Reise und laß uns deiner Familie unsern Entschluß bekannt machen. Tröste sie mit dem Gedanken, du würdest heitrer wiederkehren. 6. Giafars Geister waren erwacht. Das stolze Zutrauen auf sich, die glänzenden Lagen der künftigen Thätigkeit, die ihm Ahmet beim frugalen Abendessen vormalte, seine reine, uneigennützige Neigung zum Guten, seine glühende Begeisterung für das Wohl der Menschen, seine Hoffnung, es noch befördern zu können, hatten allen Groll und Trübsinn verschlungen. Er eröffnete seiner kleinen Fatime sein Vorhaben. Die Mutter weinte, Fatime erblaßte, und Ahmet stellte ihnen diese Reise als das einzige Mittel vor, Giafars Trübsinn zu heilen. Dieser umarmte seine Mutter, drückte die sanftweinende Fatime an seine Brust und entfloh. Er warf sich auf seinen Sopha, nachdem er die gehörigen Anstalten zu seiner Reise gemacht hatte. Lange lag er stumm da. Der Schlaf floh ihn. Er durchlief Alles hastig, was mit ihm vorgefallen war. Ahmets Bild, sein feierlicher Ernst, die Zweifel, die er ihm in Ansehung seiner merken ließ, die letzten Worte, die er ihm in die Seele legte, der sonderbare Blick, womit er sie begleitete, der Ursprung seiner Verbindung mit ihm, alles Dieses drang sich seinem Geist so mächtig auf, daß er aufsprang und mit Wärme ausrief: »Was du werden willst, das werde durch dich! Dieses sagt mir der Geheimnißvolle. Nein! das Licht, das nun aus meinem Herzen strömt und die grübelnde Vernunft erleuchtet, ist kein Schimmer der Phantasie. Beim Propheten, ich bin der Mann, der es wagen darf, dein System gegen die Erfahrung abzuwägen. Du drängst dich dadurch mächtig meinem Geiste auf, ob ihm gleich Alles widerspricht, was ich gedacht und gesehen habe. Noch spottet die freche Vernunft dieser Flamme. Werden wir doch sehen, was die Menschen sind, und wie weit sie dem von dir ihnen angedichteten idealischen Ursprung entsprechen. Ich fühle ihn und empfinde die Kraft, ihm gemäß zu handeln: aber kann Das, was ein Barmecide fühlt und thut, zu dem Maßstab der übrigen Menschen dienen? Wohl! ist deine Meinung mehr als Schwärmerei, so muß sich die Welt vor meinen Augen zu einem harmonischen Ganzen bilden, oder meine eignen Handlungen müssen es wenigstens werden. Ich fürchte den scharf sehenden Beobachter nicht – werden wir doch sehen, ob die moralische Welt sammt ihrem Uebel so ganz bedingt das Wert der Menschen ist.« Seine Phantasie haschte andere Vorstellungen auf, schwang sich in die Zukunft; er fühlte sich in großer Thätigkeit, in glänzenden Lagen. Ganze Völker sahen auf ihn. Mitunter drang Fatimes Bild in allem Zauber ihrer jugendlichen Reize hervor. Ermüdet von allen den großen und lieblichen Erscheinungen, sank er endlich auf den Sopha zurück und entschlief. Zweites Buch 1. Die Scene ändert sich, und wir finden auf einmal den düstern Giafar auf einem so glänzenden, als gefährlichen Schauplatz, wo Keiner einen Schritt thut, der nicht für ihn oder Andere von wichtigen Folgen begleitet wird. Als sie den Boden des reichen Indostans betraten, sagte ihm Ahmet: »Sieh, die Schranken öffnen sich nun dem kühnen Kämpfer! Erinnere dich, daß du dich erst besiegen mußt, wenn du in der Fehde mit Andern den Siegeskranz erwerben willst. Ich stelle dich dahin, wo du dein Gutes und Böses mit dem Guten und Bösen Andrer abwägen kannst, und überlasse dich deinem eigenen Herzen. Dein Gewinn sei es, wenn dich dieses Land einst segnet! aber auch sein Fluch liege nur auf deinem Haupte.« Giafar lächelte, als sei er seines Sieges gewiß. Ueberall kündigte ihn Ahmet als einen Barmeciden an. Der Ruf, der weise Ahmet führe dem Kaiser einen Barmeciden zu, erreichte vor ihnen die Residenz und erfüllte alle Herzen mit Hoffnung. Man drängte sich von allen Seiten zu ihnen, und als sie in der Kaiserstadt anlangten, eilten ihnen viele Tausende entgegen. Ahmet begrüßte man als einen alten Freund des Volks mit lauter Freude und nahte Giafarn wie einem künftigen Erlöser mit tiefster Ehrfurcht. Er hörte mit innigem Wohlgefallen, wie das Volk jubelnd in den Straßen schrie: »Einer der Barmeciden! Einer der Gerechten Asiens ist in unsern Mauern! Da Giafar diese schmeichelhafte Aufnahme nicht begriff, wandte er sich zu Ahmet, der ihm in diesem Augenblick ernster als je zu sein schien, und fragte ihn um die Ursache. Ahmet antwortete kalt: »Du siehst hier, was ein großer Name, den uns die Tugend unsrer Ahnen erworben hat, wirkt. Vergiß darüber nicht, was man von dem Manne fordert, der ihn trägt. Dieses Volk zählt die Barmeciden unter die Helden der Tugend, und ihr Herz setzt dich, in der Voraussetzung, ein Mann aus ihrem Blute müsse ihnen gleichen, unter ihre Zahl. Lange schon seufzen sie unter der Regierung des Kaisers, des unumschränkten Sklaven eines harten Vizirs, einer herrschsüchtigen Gemahlin und schmeicheln sich nun, der Barmecide würde allem ihrem Elend ein Ende machen.« Bei der Asche meiner Väter, rief Giafar, sie sollen sich nicht betrügen, wenn ich mich je in der Lage befinde, ihre Hoffnungen erfüllen zu können. Ahmet. Folge mir zu dem Kaiser, vielleicht daß dein Wunsch in Erfüllung geht. Giafar sah den wunderbaren Mann erstaunt an; aber seiner Zuversicht war nicht zu widerstehen. Das Volk, das Ahmet mit Giafar nach dem Palaste gehen sah, folgte ihnen mit großem Freudengeschrei. Der Vizir Hasan, den seine Kundschafter von Allem unterrichtet hatten, warf sich mit seinem Gefolge aufs Pferd, trieb das Volk aus einander und nahte Ahmet mit Ehrfurcht. »Weiser Ahmet, glücklich ist das Land, das du betrittst, und glücklich würde sich der Kaiser, mein Herr, fühlen, dich und den edlen Barmeciden zu empfangen, wenn es nur seine allzu große Betrübniß zuließe, Menschen zu sehen.« Ahmet sah ihn ernsthaft an und entfernte ihn mit einem Wink. Der Vizir zog sich zurück und schoß einen Blick auf Giafar, der allen Haß, alle Bitterkeit und Verachtung ausdrückte, die ein Staatsmann gegen einen Nebenbuhler fühlt, von dem er fürchtet verdrängt zu werden. Dieser Blick erweckte einen finstern Groll in dem Herzen Giafars gegen den Vizir. Sein Reisegefährte ward ihm nach Allem, was er wahrnahm, noch unbegreiflicher, und da er ihm in diesem Augenblick sagte: »Giafar, der Mann, dessen Brust nicht gegen den Haß, den Spott und die Verachtung der Ungerechten gestählt ist, steht in Gefahr, ihnen gleich oder ihr Sklav zu werden,« sah er ihn mit einem innern Schauder an. Die Verschnittenen öffneten die Säle und führten sie zu dem Kaiser ein. Giafar erblickte einen jungen Mann von der edelsten Gesichtsbildung, die aber gegenwärtig der tiefste Kummer entstellte. Er lag auf einem Ruhebette, seine Augen sahen starr auf ein ihm gegenüberstehendes, goldnes Vogelhaus, das mit reichen und glänzenden Edelsteinen verziert war. Die Verschnittenen fielen vor ihm nieder und verkündigten ihm die Ankunft des weisen Ahmet und des edlen Barmeciden. Er richtete sich freudig auf. Kaiser von Indostan . Willkommen, weiser Ahmet Willkommen, Mann aus dem edlen Blut der Barmeciden! Eurer bedurft' ich, nur Männer Euresgleichen können mir, dem Unglücklichsten in Indostan, helfen. O welch ein trauriges Loos, Beherrscher unwissender Menschen zu sein! Ihr seht mich hier aus Gram verschmachten, da meine Lieblinge ohne Rettung sind. Längst ließ ich durch mein ganzes Reich ausrufen, daß ich Dem meinen Schatz öffnen würde, der ein Mittel fände, diesen Geliebten zu helfen. Keiner hat sich bisher gezeigt, und da ich aus Erfahrung weiß, daß sie um des Golds willen auch selbst ihr Leben wagen, so seh' ich wohl, daß alle Hoffnung umsonst ist, und daß mir nichts übrig bleibt, als mit ihnen zu sterben. Da bei diesen Worten des Kaisers Thränen seine Wangen netzten, so fragte ihn Giafar sehr gerührt um die Ursache seiner Leiden; er glaubte nun nicht anders, als daß Seine Majestät in bittre Klagen über das Elend und Unglück ausbrechen würde, das Indostan durch die Schuld des Vizirs betroffen, und daß er es darum für unmöglich hielt zu heilen, weil ein Monarch, den sein Günstling unterjocht hat, das von ihm veranlaßte Unheil wohl einsehen kann, aber selten den Muth und die Kraft hat, diesen außer Stand zu setzen, es zu begehen. Doch er betrog sich; der Kaiser richtete sich auf, nahm sie beide an der Hand, führte sie vor das goldne Vogelhaus und sagte: »Unter diesen meinen zarten Lieblingen wüthet der Tod. Ein Feind meiner Ruhe hat die Pest unter sie geschickt – könnt ihr sie nun durch Zauber oder Heilmittel stillen, so laßt euch meine Schätze öffnen.« Giafar erstaunte, sah Ahmet an und flüsterte ihm zu: ist dieses der Weg, den du mir zeigst, der Erretter Indostans zu werden? Ahmet sah kalt vor sich hin; der Kaiser fuhr fort: »Hier seht ihr die schönsten Vögel der Welt versammelt. Wenn das Gefieder dieses euer Auge bezaubert, so singt euch jener die süßesten Gefühle ins Herz. Ich kannte keinen größern Genuß, als hier auf diesem Ruhebette zu liegen, ihren Gesang zu hören und die feinen Schattirungen ihres Gefieders zu bewundern. Kühlten mich dann noch die kühlen Winde und brachten mir aus meinen Gärten den Geruch der Blumen, so ward mir dieser Saal zum Paradies, und glücklich war Der, welche mir mit einer Bitte nahte. Dieses Vergnügen unterbrachen noch angenehmere. Bald sah ich ihren kleinen Neckereien, den Ausbrüchen ihrer Eifersucht und ihren Zänkereien zu. Bald beobachtete ich das zärtliche, feine Spiel ihrer Liebe. Hier schnäbelte sich ein Pärchen – dort trug ein Mütterchen ein Nest zusammen – hier sang ein Väterchen einem Mütterchen vor, ihm die Zeit bei dem Ausbrüten der Eier zu verkürzen – dort zerbrach und zerpickte ein kleines sein Gefängniß und sah mit seinem Köpfchen in die Welt. In einem andern Nestchen nährte die zärtliche Mutter die Unmündigen – hier lehrte ein Väterchen seine Kinder, mit ihren kleinen Flügelchen zu schweben, flog ihnen vor und lockte die Verzagten, ihre Kraft zu erforschen. Kurz, es war in der Welt kein glücklicherer Mensch als ich – mit Allem zufrieden, genoß ich eines Vergnügens, das keinen beschwerte. Ach, vor einigen Tagen hauchte eine giftige Krankheit Verderben und Tod in das Behältniß meiner Freude. Die Mutter stirbt und läßt die Jungen verschmachten – das Väterchen hängt das Köpfchen, trauert, bis er der Geliebten folgt. Gesang, Liebe, Spiel, Alles ist verschwunden. Wohl sagt man, des Bösen sei viel in der Welt, des Guten wenig, und der Mensch sei zur Plage geschaffen!« Giafar erröthete, indem er bei diesen Worten dem Blick Ahmets begegnete, so erzürnt er auch über Das war, was er hörte. »Ach,« fuhr der Monarch fort, »könnte ich nur diese purpurfarbigten, mit goldnen Sternchen besäten Wachteln retten, die mir mein Vizir mit eigenen Händen auf einer fernen Insel fing und sie mir mit einer Freude brachte, die mich innigst rührte. Er versicherte mich, sie würden goldfarbene Eier legen. – Nun hab' ich euch meine Leiden geklagt und sage euch, wenn ihr der Gewalt des Todes über diese Geliebten nicht Einhalt zu thun wißt, so ist der Kaiser Indostans –« Giafar ließ ihn nicht ausreden. Er glühte vor Zorn, Scham und Unwillen über Das, was er hörte, stampfte respektwidrig auf den Boden und schrie: »Zeit ist es also, daß ich den übrigen die Freiheit gebe und dich zu deiner Pflicht zurückrufe, von welcher dich die List deines Vizirs und die Trägheit deines Geistes entfernt haben. Erblasse nur, ich muß dir etwas stark an deine entnervte Seele greifen, muß tief dein Herz erschüttern, wenn ich versuchen will, ob deine eingeschlafene Kraft noch zu erwecken ist. Du hast nie Wahrheit gehört, bereite dich, sie zum erstenmale zu vernehmen. »Wie? Du, Kaiser von Indostan, den Ormozd als Vater so vieler Millionen eingesetzt hat, jammerst hier über den Verlust dieser Vögel, die nur darum hinsterben, weil du sie den Gebüschen, ihrem natürlichen Aufenthalt, entrissen hast und sie in ein Gefängniß sperrst, das ihnen zum langsamen Tod wird? Fühlst du nicht, daß dich dein herrschsüchtiger Vizir darum mit ihnen einbauert, daß die Kraft deines Geistes vermodere, Trägheit und Weichlichkeit dich zu allen ernsthaften Beschäftigungen unfähig machen und du deinem Volke ein Gegenstand des Spotts und der Verachtung werdest! Hast du je einen Blick auf Indostan geworfen? Je bedacht, daß der Tod Tausende deiner Unterthanen jede Stunde hinrafft? Daß vielleicht Tausende durch Hunger und Krankheiten hinsterben, die du durch Vorsorge, wie es deine Pflicht erfordert, hättest retten können! Hast du bedacht, daß, während du hier deine Vögel fütterst, der Vizir und seine Mitverschworenen dein armes Volk martern und aussaugen – hier einen Unschuldigen einkerkern, dort einen verjagen – einen andern gegen Recht und Gesetz erdrosseln, um sich in Besitz seiner Güter zu setzen oder ihre Rache zu kühlen? Bist du geboren, Vögel zu füttern und singen zu hören? Könnte ich dir doch die dicke Decke von den Augen wegreißen! Mit feurigen Zügen wollte ich dir die schrecklichen Bilder des Elends deines Volkes hinmalen, daß deine schwache Seele davor erbeben sollte. In Indostan herrscht die Pest, und sie ist dein Werk! Gedrückte Wittwen, beraubte Waisen, verfolgte Unschuld, mißhandelte Tugend – alle deine Unterthanen, die unter der Geißel einiger wenigen üppigen gefühllosen Sklaven winseln, diese rufen dir zu! Auf die Töne ihrer Verzweiflung horche! Sie schreien unter Flüchen über dein Haupt zum Himmel, daß der Mann, der für sie wachen, der sie schützen soll, sie gleich einer Heerde ohne Hirten den reißenden Thieren zur Beute hingeworfen hat. Richte dich auf und strebe einmal, ein Mensch zu sein und als ein Mensch zu fühlen. Ich, ein Barmecide, rufe dich dazu auf und will dir den Weg dazu zeigen.« Mit diesen Worten drang er nach dem Vogelhaus, riß gewaltsam die Thüre auf, und freudig flogen gesunde und kranke davon. Der Kaiser griff wüthend nach seinem Dolche. Giafar trat ihm entgegen, öffnete seine Brust und sagte: »Tödte einen Barmeciden dafür, daß er dich zu einem edlen Manne machen wollte, und bleibe ein Sklave!« Ahmet sah den Kaiser so ernst an, daß ihm der Dolch entfiel. Schmerzhaft sagte er endlich: Aber glaubst du, daß die armen nun gesund werden? O ich fürchte, der Geier wird sie verschlingen! Giafar. Jammert dich ihrer? und du achtest nicht, daß deine Großen deine Unterthanen wie Tiger zerreißen. Ich will dir es noch näher legen, dein Herz noch mehr verwunden, und dann greife nach deinem Dolche. Hierauf malte er ihm erstlich mit den glänzendsten Farben der Begeisterung der Regenten Tugend und Pflicht. Sprach in dem Geiste Ahmets über die Quelle des Bösen und über die moralische Harmonie der Welt. Zeigte ihm, wie er sie durch seine Trägheit aufgelöst habe, und wie er sie wieder durch edle Thätigkeit herstellen könnte. Legte ihm darauf seine Lage auseinander und bewies ihm seine sklavische und entehrende Abhängigkeit von seinem Vizir. Ahmet unterstützte Giafarn und sagte bedeutend: »Ich habe dir einen Barmeciden, einen Abkömmling der alten Herrscher Persiens, das heißt: einen Helden der Tugend zugeführt; vernimm, was dein Volk von ihm erwartet.« Großes Geschrei erscholl: »Es leben der Barmecide und der weise Ahmet, welcher ihn zu unserm Glück nach Indostan gebracht hat.« Der Kaiser faßte Giafarn bei der Hand: »Barmecide, du hast meinen Vögeln und mir die Freiheit gegeben, und ich hoffe, bald soll mir der Freudenschrei meines Volkes so süß wie der Gesang der Nachtigall tönen.« Giafar war entzückt über die Wirkung, die er gemacht hatte; er sah, er habe festen Fuß gefaßt, und da er den Monarchen in dem Guten bestärken und zugleich unterhalten wollte, ließ er Musikanten und Sänger kommen, welche nach seiner Anweisung die erhabenen Thaten der Helden der Tugend vergangener Zeit besangen. Die Sänger merkten bald, daß es dem neuen Günstling vorzüglich gefiel, wenn sie seine Ahnen besangen, und so erfüllten sie den Saal mit dem Lob der Barmeciden. Gleichwohl sagte der Kaiser gerade heraus, seine Vögel hätten besser gesungen, und Giafar schrieb dieses indessen der Gewohnheit zu. Bei dem Abendessen unterhielt er den Monarchen mit Märchen, die, ob sie gleich alle einen moralischen Endzweck hatten, doch mit so vielem Wunderbaren gewürzt waren, daß der Kaiser Vergnügen daran fand und den Erzähler im Rausch der Freude zum Vizir an die Stelle Hasans ernannte. Da er zugleich hinzusetzte, er wünschte und hoffte, durch seine Anschläge ein Vater seines Volkes zu werden, so gestattete ihm Giafar aus Dankbarkeit das Vergnügen eines Vogelhauses, das er in einem Lustwäldchen anlegen könnte, weil dort, wie er freundlich hinzusetzte, die armen Vögel in freier Luft sein würden, von Krankheiten nichts zu fürchten hätten, Seine Majestät einige Verschnittene zu ihrer Aufsicht bestimmen und sich alsdann ohne weitere Sorge an ihrem unschuldigen Spiel ergötzen könnte. Ahmet sah ihn ernst an; aber Giafar lächelte ihm zu, als wollte er sagen: die Schwachen muß man schonen und sie spielend zum Guten leiten. Indessen rannten die Verschnittenen auf des Kaisers Befehl keuchend hinweg, um den so sehr gefürchteten Hasan noch diesen Abend mit aller Härte und Schmach aus seinem Palast zu treiben, damit ihn der neue Günstling Augenblicks beziehen konnte. Giafar hörte gleichgültig diesen Befehl an, frohlockte aber ein wenig in seinem Innern, sich so schnell an einem Mann gerächt zu sehen, der es gewagt hatte, einen Barmeciden verwegen anzublicken. Als die Verschnittenen dem Kaiser die Botschaft brachten, der Vizir sei vertrieben, lächelte er und sagte: »Es ist mir lieb, daß ich seiner los bin, und wenn sich meine Unterthanen so vor ihm gefürchtet haben, als ich, so wird ihnen sein Fall viele Freude machen; doch sieh, Giafar, wenn er mir die purpurnen Wachteln mit den goldnen Sternchen wiederbringt, so will ich ihm alle seine Reichthümer lassen und ihn noch obendrein zum Aufseher des neuen Vogelhauses in meinem Lustwäldchen machen; denn gar zu gerne möchte ich die goldfarbenen Eier von ihnen sehen.« Der Lieblings-Verschnittene des Kaisers, auf dem er seine Füße ruhen ließ, schrieb sich diese Worte in sein Gedächtnis. Giafar überhörte sie eben so wenig, er sah den Monarchen ernsthaft an und dachte in seinem Geiste: »Ich sehe wohl, du Schwächling, daß man dir die Tugend nicht zur Pflicht machen kann; aber sie soll dir zur Nothwendigkeit werden.« Seine Majestät fing nun stark an zu gähnen; Giafar nahm dieses für ein Zeichen seines Urlaubs und begab sich auf den Weg nach seinem Palast, nachdem er noch einige schöne Tiraden hergesagt hatte. Der Jubel des Volks, das sich an eben der Schwelle versammelt hatte, von welcher man einige Augenblicke vorher den vorigen Vizir mit Spott und lautem Gezische gestoßen hatte, schwellte sein Herz so hoch und berauschte ihn so gewaltig, daß er nicht einmal gewahr wurde, sein Freund, der weise Ahmet, sei ihm nicht gefolgt. Da er es endlich bemerkte, fand er sogar in seiner Entfernung eine Art von Erleichterung. Sein Blick schien ihm zu scharf und ernst; auch dachte er, es würde seinem Ruhme zuträglicher sein, alle das Große und Gute ohne einen Mann zu bewirken, für den das Volk so viele Vorliebe zeigte. Als er in seinen Palast eintrat, ward er von einer Menge prächtig gekleideter Verschnittenen und andern Sklaven empfangen, die bei seiner Erscheinung auf das Angesicht fielen und in dieser Stellung seine Befehle erwarteten. Er gab ihnen ein Zeichen, aufzustehen; der oberste Verschnittene, Asuph, stellte ihm die Vornehmsten derselben vor, und der ganze Haufe that und handelte nun in seinem Dienste, als hätte er nie einen andern Herrn gehabt. Sie waren dieses Wechsels des Glücks so gewohnt, daß der Fall eines Vizirs nicht mehr Eindruck auf sie machte, als wenn sie eine überreife Granate von dem Baum herabfallen sahen. Das Glück lächelte den Barmeciden zu freundlich an, als daß er hierüber eine Bemerkung hätte machen können. Asuph führte ihn in das Harem, dessen reizende Bewohnerinnen ihn mit Tanz, Musik und Gesang empfingen. Sie schlangen sich um ihn in Gruppen und zauberten seinen Sinnen das schönste Bild des Paradieses vor. Die Verschnittenen gingen indessen mit köstlichem Rauchwerk herum und erfüllten die Säle mit einem Geruch, der nach Genuß und Wollust lüstern machte. Fatimens Bild stellte sich, in aller Schönheit der Unschuld, vor Giafars Augen, und das Erinnern der Empfindungen, die sein Herz bei ihrem letzten Kuß durchglüht hatten, öffnete es nun den Eindrücken, welche die schönen Sklavinnen durch Reiz und Kunst auf ihn zu machen suchten. Sie besangen seine Tugend, aber noch lieblicher klang ihm das feine Lob seiner Schönheit aus ihrem lieblichen Munde. Bald hörte er ohne Verdacht die Versicherung des Eindrucks, den er auf sie alle gemacht hatte, und mit innigem Wohlgefallen vernahm er die bittern Klagen der Schönen über den mürrischen Vizir Hasan, dessen Herz, wie sie sagten, gegen allen Reiz des Körpers und des Geistes, ja selbst gegen Musik und Gesang unempfindlich war. So umfaßte nun das Glück Giafarn mit so sanften Armen, überschüttete ihn mit so vielen süßen, berauschenden Liebkosungen, daß er gar keine Tücke ahnte und es als ein ihm zugehörendes Eigenthum gefesselt zu haben glaubte. 2. Giafar fing nun in dem Sinne Ahmets seine Staatsgeschäfte an und arbeitete mit Eifer an der moralischen Harmonie in Indostan. Er machte gleich anfangs einige so glückliche Operationen, daß ihn, wo er sich auch zeigte, Freudengeschrei empfing, und der Zuruf: Segen dem Barmeciden! Dank dem weisen Ahmet! folgte ihm bis in den Palast Seiner Majestät, welche es ohnerachtet der Grimassen seines Lieblings-Verschnittenen mit Gefallen hörte. Der Name Ahmets erweckte indessen immer eine unangenehme Empfindung in Giafarn, und obgleich es ihm gefiel, daß man ihn als einen Freund des weisen Ahmets ansah, so gefiel es ihm doch nicht, daß sich das Volk seiner so lebhaft erinnerte. Daher mag es auch kommen, daß die Großen oft lieber etwas Dummes oder Böses allein thun, als daß sie den Ruhm, etwas Gescheites oder Gutes mit Hülfe Andrer gethan zu haben, theilen mögen. Dem Kaiser ließ er, seinem Versprechen gemäß, ein prächtiges Vogelhaus in seinem Lustwäldchen bauen und schickte obendrein seine Verschnittenen nach allen Gegenden aus, um durch Gesang und Gefieder merkwürdige Vögel aufzusuchen. Er betrieb dieses Geschäft mit vielem Eifer; denn die Worte Seiner Majestät in Ansehung des Vizirs sausten ihm immer in den Ohren. Gleichwohl vergaß er nicht seiner Pflicht und versäumte keine Gelegenheit, den Monarchen von Staatssachen und den Mitteln, ein Volk glücklich zu machen, zu unterrichten; auch gelang es ihm bald, die eingeschlafenen guten Eigenschaften desselben aufzuwecken und ihn auf Dinge aufmerksam zu machen, an die er vorher nie gedacht hatte. Zu Zeiten dünkte ihm doch, der Kaiser fasse Das, was er ihm sagte, mit zu vielem Feuer und Kraft, und wenn dieses geschah, so suchte er ihn weislich durch Bemerkungen über die Menschen, die Schwierigkeit, sie zum Guten zu leiten, abzukühlen; denn sein Herz lispelte ihm zu: der Verstand seiner Indostanischen Majestät sei noch lange nicht reif genug, seinen Plan zu begreifen, und sollte er sich zu früh in die Geschäfte mischen, so könnte leicht das Gute und Edle desselben durch seine Unwissenheit zerrüttet werden. 3. Unter der Menge, die sich zu ihm drängten und durch Schmeicheleien, knechtische Unterwerfung seine Gunst suchten, zeichnete sich vornehmlich sein erster Verschnittener, Asuph, aus. Da er sehr früh seine Schooßneigungen ausgespürt hatte, so gelang es ihm vor allen, den Weg zu seinem Herzen zu finden und sein Zutrauen zu gewinnen. Er fing damit au, daß er den neuen Vizir mit allen seinen Feinden, ihrer Bedeutung, ihrem Anhange, ihrer Gefährlichkeit und ihren Entwürfen bekannt machte. Da er fühlte, daß er auf dem rechten Wege war, so ging er noch einen Schritt weiter und zeigte ihm, daß eben diese seine Feinde alle Hasans Freunde wären und ihm sein Glück und Dasein zu danken hätten, folglich nichts mehr wünschten, als er möchte wieder in die Höhe kommen. Uebrigens bedauerte er jederzeit mit vielen Seufzern den Barmeciden wegen der Hindernisse, die ihm Hasans Anhang in den Weg legen würde, um seine erhabenen Absichten zu vereiteln. Giafar war nun gezwungen, wenn er seinen großen Plan nicht wollte scheitern sehen, einen nach dem andern von diesen gefährlichen Leuten zu entfernen. Ihre Stellen besetzte er mit Männern, deren Verdienst sein heller, unbestechlicher Verstand erkannt zu haben glaubte, wobei aber doch einige Rücksicht auf den Haß und die Verfolgung, die sie unter Hasan erlitten hatten, genommen ward. Der Verschnittene spielte hierbei keine kleine Rolle. Da diese nun so lange im Staube hatten kriechen müssen, so lange sie von der Quelle, Reichthümer zu sammeln, weggedrückt waren, sich obendrein an ihren Verfolgern zu rächen hatten, so traten sie nun wieder, was ihnen vorkam, fielen wüthend über ihre Feinde her und sogen das ihnen anvertraute Volk wie Raubvögel aus, die sich eilen, die erjagte Beute zu verschlingen, bevor ein Stärkerer sie verdrängt. Das Volk wunderte sich gewaltig, daß es der Barmecide, von dem sie goldne Tage erwarteten, gerade so machte, wie seine Vorgänger, wurde lauer in seinem Zuruf und erlaubte sich schon lautes Murren. Der Barmecide fühlte seine edlen Grundsätze, schritt wacker vorwärts und achtete weder der Klagen noch des Murrens: »Der soll noch geboren werden,« sagte er zu seinem Verschnittenen, »der es dem Volke lange recht macht. Undank ist sein Lohn. Es erhebt aus Neuerungssucht und wirft aus Laune weg. Beharrlichkeit und Stärke gehören dazu, wenn man für sein Glück arbeiten will – Asuph, später wird's schon reifen!« Herrliche Gemeinplätze, über die manches Land geweint hat! – Das Glück schloß Giafarn noch zärtlicher in seine Arme, wiegte ihn noch sanfter mit seinem Sirenengesang ein. 4. Der Verschnittene, Asuph, trat mit ängstlicher Geberde zu Giafar und raunte ihm ins Ohr, er habe ihm wichtige Dinge zu hinterbringen. Giafar entfernte den Troß von Höflingen, und Asuph begann: »Großer Barmecide, ein fürchterlicher Sturm zieht sich über deinem edlen Haupte zusammen, der Geist des Bösen sucht das Gute zu verschlingen, das du wirkst.« Giafar. Laß ihn kommen; Giafar fürchtet ihn nicht, und noch weniger den Geist des Bösen, den das Herz des Menschen zeugt und den ein Geist, wie der meine, bei seiner Erscheinung vernichtet. Asuph. Wer weiß, ob dir's mit dem gelingt, den ein weibliches Herz zeugt. Wisse, daß die von dir vernachlässigte Kaiserin alle ihre Kräfte und, was noch mehr ist, ihre List aufbietet, den Vizir Hasan, durch den sie Hindostan beherrschte, wieder in Gunst zu setzen. Lächle nicht, weiser Barmecide, suche vielmehr deine Fehler gut zu machen; denn, unter uns gesagt, deine Aufführung gegen sie ist eben kein Meisterstück deines Kopfes, so viel Ehre es auch deinem Herzen macht, das nun einmal den geraden Weg der Tugend wandeln möchte. Ach, der Tugend! Wie oft ist der Kluge gezwungen, eben um ihretwillen Schleich- und Nebenwege einzuschlagen. Giafar lächelte, ob er gleich von dem Vortrag des Verschnittenen nicht wenig betroffen war. Und wie wäre es anzufangen, wenn wir nun das Geschehene besser machen wollten? Asuph. Nichts ist leichter; aber vorher muß ich dich mit dem feinen Plan deiner Feinde bekannt machen. Der Lieblings-Verschnittene des Kaisers, der dich, zur Nachricht und Warnung sei es dir gesagt, ärger haßt, als den Mann, der ihn einst verstümmelt hat, vertraute dem Vizir, der Monarch habe geäußert: daß, wenn er ihm die berühmten purpurnen Wachteln wiederbringen würde, er ihm seine Schätze zurückgeben und ihn noch obendrein zum Aufseher des von dir sehr weislich erbauten Vogelhauses machen wollte. Beim Propheten, ein für dich sehr gefährlicher Posten! Aus diesen Worten hat nun der Vizir sehr klug geschlossen, es stecke noch ein Häkchen seines Machwerks in des Kaisers Herzen, das ein gescheiter Mann durch Gewandtheit wohl noch ergreifen könnte. Er trug es der Kaiserin Astarte zu, und die Kabale entwarf folgendes Gewebe, dich zu verstricken. Die Kaiserin selbst will die gefährlichen Vögel ihrem Gemahl im Namen des Vizirs überbringen und ihm dabei so zärtlich thun, ihn so süß in das Netz durch verstellte Liebe schmeicheln, daß er ein Barmecide sein müßte, um ihren Lockungen zu widerstehen. Darauf wird der Verschnittene den Schritt Hasans in ein schönes Licht zu setzen suchen, dem Kaiser zugleich zeigen, wie sich der Enthusiasmus des Volks für dich längst abgekühlt hätte, und ihm so viel zu sagen wissen, daß ich sehr fürchte, alle deine Tugend, alle deine trefflichen, Indostan beglückenden Werke werden an ihrer Bosheit und den purpurnen Wachteln scheitern. Ist der Verschnittene gar so schlau oder boshaft, deine so edle als kühne That, die gleichwohl zwei Seiten hat, in diesem Augenblick auf der gehässigsten vorzustellen – o so ist es um Indostan geschehen! Giafar. Von welcher That sprichst du? Asuph. Von jener, durch welche du gewaltsam die Lieblinge des Kaisers in Freiheit setztest. Es ist wahr, ganz Indostan bewunderte bebend die erhabene That, man bewundert sie noch; aber nur so lange du auf der Höhe stehst und beglücken und verdammen kannst. Fällst du, so heißt sie schrecklicher Hochverrath, wovon die Geschichte kein Beispiel aufbehalten hat. Weh uns, weh dir, weh Indostan, wenn sie der Verschnittene dem Kaiser in diesem Gesichtspunkte zeigt; denn, unter uns, die Kühnheit deiner That hat den Monarchen wohl erschüttert, aber wahrlich nicht ihr edler Bewegungsgrund. Diese Worte fielen stark in Giafars Seele. Unwillig rief er: Ahmet, ständest du nun hier, um Zeuge zu sein, wie weit man mit der Tugend kommt, in wie fern man Herr seiner Handlungen und seiner guten Absichten ist. Ist das menschliche Herz die Quelle des Bösen, was vermag ein Einzelner? Sieh hier die Folgen meiner edlen Bemühungen, ja das Glück und Heil dieses großen Reichs von einem Paar purpurfarbenen Wachteln abhängen, und dann rede mir von deiner moralischen Schöpfung und Harmonie. Asuph. O was das belangt, das Wohl der Völker hängt oft von noch kleinern und lächerlichern Dingen ab. Deine Tugend übrigens ist ein sehr schönes Wort, womit du aber leider, so lange du bleibst, was du bist, die Hofsprache nur bereichert hast. Haß, Wuth und Stolz schwellten Giafars Herz. Er ging hastig auf und ab und sann auf Mittel, die Kabale seiner elenden Feinde zu sprengen; und da er es gefunden zu haben glaubte, wandte er sich zu Asuph und sagte: »Laß sie nur kommen!« Asuph. Die Klugheit sagt: laß sie lieber nicht kommen. Edler Barmecide, selbst der Sieg blendet nur hier. Für den Mächtigen hat nichts bösere Folgen, als wenn es einmal ruchbar wird, man habe es gewagt, ihn anzugreifen. So lange du die Gunst der Kaiserin nicht hast, stehst du nicht fest, und wenn du auch mit ehernen Füßen vor dem Monarchen einwurzeltest. Sie herrschte durch Hasan über Indostan, und wenn du zum Heil Indostans vollenden willst, was du so schön angefangen hast, so suche Astarte zu beherrschen, und Indostan liegt für immer zu deinen Füßen. Giafar. Wie kann ich dies? Asuph. Fragt ein Mann, gebaut wie du, voll Kraft, Muth und Geist einen unglücklichen Verschnittenen? Zeige dich ihr, und ich stehe dir für den Eindruck auf ihr allzu empfängliches Herz. Nur mache sie glauben, es würde ihr gelingen, dich zu leiten. Das Uebrige sind Dinge, worüber ein Mann in meiner Lage das Recht zu reden verloren hat. Giafar . Melde mich bei der Kaiserin; um der Tugend willen mag auch ein Barmecide eine unbedeutende Regel verletzen. Asuph . Vergib! Je plötzlicher und unerwarteter deine Erscheinung sein wird, je größer wird die Wirkung davon sein. Weiß ich doch, was die Weiber deines Harems von dir sagen. 5. Giafar begab sich in Begleitung Asuphs zu Astarte. Man wagte einen Mann wie ihn, nicht aufzuhalten, und er überraschte sie in einem Bosket ihres Gartens, in eben dem Augenblick, da sie von Hasans vertrautem Sklaven die purpurnen Wachteln empfing. Astarte stand betroffen über die plötzliche Gegenwart eines Mannes, den sie haßte und den sie so wenig erwartete. Bald schien sie es aber noch mehr von seiner Gestalt zu sein, und da ihre Schönheit, ihre blühende Jugend, ihre feurigen, geistreichen Augen einen noch stärkern Eindruck auf Giafar machten, so stand er in einer begeisterten Bewunderung eine Weile vor ihr, die mehr als Worte dazu diente, den gegen ihn gefaßten Groll im Herzen der Kaiserin zu dämpfen. Er wußte hierauf, belebt durch das Gefühl, das sie ihm einflößte, seinen Entschuldigungen über sein voriges Betragen eine so feine und schmeichelhafte Wendung zu geben, seine angebliche Unterwerfung, die in seinem Herzen schon an eine wirkliche grenzte, so schön darzustellen, daß Astarte sich wunderte, wie man ihr so schwarze Dinge von einem so gefälligen, sanften und liebenswerthen Manne hätte vorsagen können. Ihre Sinne verglichen ihn flüchtig mit dem rauhen Hasan und glaubten bei gleichem Vortheil noch einen Gewinn zu finden, auf den sie nicht gerechnet hatten. Ihr Gespräch ward bald vertraulich, und der Barmecide ergoß sich in ein feuriges Lob ihrer Reize, die er sehr fein als das liebliche Gewand ihrer Tugend bewunderte. Er durchflocht überdas seinen Lobgesang mit vielen lyrischen Sprüngen einer furchtsamen und doch schwer zurückzuhaltenden Leidenschaft, die bei Weibern, und sollte sie auch der Glanz der Majestät umgeben, selten ohne Wirkung sind. Astarte, ob sie gleich niemals von dieser schwärmerischen Deutung ihrer Reize gehört hatte, noch viel weniger sie ahnete, wußte sich gleichwohl sehr schnell hineinzuschicken und Das in sich zu sehen, was Giafar in ihr wollte entdeckt haben. Sie erwiederte ihm auf eine noch feinere Art ein Gleiches und glaubte endlich, ihm die Wirkung, die er auf sie gemacht, nicht besser zeigen zu können, als daß sie ihm vertraute, was sie von ihm gehört, gedacht und gefürchtet habe. Sie hüllte das Bittere dieser Offenherzigkeit in ein liebliches Lächeln ein und endigte damit, daß sie ihn ganz leise vernehmen ließ, was sie nun von ihm hoffte. Den Barmeciden entzückte diese Aufrichtigkeit, er erkannte darin eine edle, erhabene Seele, die er gerne zu der Beherrscherin der seinigen machen würde, wenn es ihm erlaubt wäre, so verwegen zu denken. Dieses Geständnis bewog Ihre Majestät, ihm sogar den Plan zu seinem Sturz mitzutheilen, bei welcher Gelegenheit sie ihm mit vieler Anmuth zu verstehen gab, wie nöthig ihm ihr Schutz und wie unbedeutend, ja gefährlich die Gnade des Kaisers ohne denselben sei. Nach dieser Aeußerung deutete sie nachlässig auf die purpurnen Wachteln, die sich in einem Käficht auf einem Tischchen vor ihnen befanden. Giafar betrachtete diese purpurnen Wachteln mit vieler Aufmerksamkeit und entdeckte endlich mit vielem Erstaunen, es sei ein Betrug, und das schöne Gefieder von einem sehr künstlichen Pinsel gemalt. Da er der Kaiserin seine gemachte Entdeckung mittheilte, erröthete sie zwar, antwortete aber mit vieler Fassung: Gleichviel, Barmecide, gemalte oder natürliche Wachteln, wir brauchen bloß den Schein davon, der am Hofe Alles entscheidet. Giafar (murrend) . Gemalte Wachteln sollten einen Barmeciden stürzen. Astarte sagte kein Wort; sie sah wohl, der Barmecide sei in Hofsverhältnissen, wie in der Liebe, ein Neuling, und keines von beiden war ihr zuwider. Endlich sagte sie kalt: Da wir nun diesen Schein nicht mehr brauchen, so kannst du die Wahrheit der Sache nutzen. Eine Wirkung müssen die Wachteln nun wohl thun, für oder wider dich. Giafar faßte den Sinn ihrer Worte schnell auf und entwarf eben so schnell einen Plan in seinem Geiste, der den Vizir und seinen Anhang gänzlich zerschmettern sollte. Hierauf bat er Astarte, die gemalten Wachteln in demselben Augenblick zum Kaiser zu schicken, als er sich bei demselben befinden würde. Man sieht wohl, daß Giafar nicht so ganz Neuling in diesem Punkte war. Die Kaiserin lächelte und antwortete: »Du hast den Takt oder das feine Gefühl, das man am Hofe haben muß. Wohl, braucht unser Bündniß ein Opfer, so nimm es hin. Weiß ich doch, daß ich zu einem königlichen Prinzen rede.« Dieses Bündniß ward geschlossen, und geheime Wünsche, lüsterne Flammen, weite Aussichten des Ehrgeizes zogen es so fest zusammen, daß von diesem Augenblick das Schicksal Indostans für immer daran zu hängen schien. Nach einem zärtlichen Abschied, den eine so reizende Kaiserin dem berauschten Barmeciden erlaubte, begab er sich zu dem Monarchen, um seine Entwürfe auszuführen. 6. Giafar fand den Kaiser in Gesellschaft seines Lieblings, der sich bei seiner Ankunft demüthig entfernte, im Herzen überzeugt, es sei das letztemal, daß der Barmecide die Macht hätte, ihn zu vertreiben. Giafar hielt dem Verschnittenen, sobald er den Rücken gewandt hatte, eine große Lobrede und bezeugte Seiner Majestät seine Verwunderung darüber, daß sie noch nicht darauf gedacht hätte, einem so fähigen und rechtschaffenen Manne einen ihm würdigen Posten zu verleihen. Der Monarch war hoch erfreut, seinen Vizir für seinen Liebling so gut gestimmt zu sehen, und Giafar nutzte den Augenblick, den Verschnittenen unter einem Vorwande augenblicklich als Satrape in eine Grenzprovinz des Reichs zu schicken. Der Befehl ward ausgefertigt, unterzeichnet, und der erstaunte Verschnittene mußte reisen, nachdem er sich auf des Kaisers Befehl bei seinem edlen Wohlthäter bedankt hatte. Unterdessen brachte man die Wachteln, mit der Empfehlung des Vizirs Hasan von Seiten der Kaiserin. Giafar nahm sie selbst in Empfang, stellte sie vor den Kaiser im Namen seiner Gemahlin, empfahl ihm Hasan mit vieler Wärme und erinnerte ihn an sein kaiserliches Versprechen. Der Monarch weinte vor Freude über Giafars edle Gemüthsart, umarmte ihn und sagte entzückt: »So werde ich die goldnen Eier nun doch sehen, und der Vizir soll, weil du es so willst, seine Schätze zurück haben und Aufseher meiner Vögel werden. O Barmecide, welchen Schatz besitze ich in dir!« Giafar nahm hierauf eine Wachtel aus dem Käficht, streichelte sie, liebkoste sie, pfiff ihr vor, netzte endlich unvermerkt seine Finger und fuhr ihr damit über den Rücken. Der Monarch freute sich innigst über Giafars Gefälligkeit und Theilnahme. Auf einmal zeigte ihm Giafar das Innere seiner Hand, die das glänzende und wunderbare Gefieder abgerieben hatte, und mit der andern hielt er dem Monarchen den Vogel in seinem kahlen, gemeinen Gefieder hin, das durch den hier und da zurückgebliebenen Firniß von Gold und Purpur noch widriger ward. Der Monarch erblaßte und bebte: Giafar, ist dies Zauberei? Giafar. Eine ganz natürliche – hier siehst du den Firniß (indem er seine flache Hand und die Wachtel hinhielt), womit sich der Verwegene erkühnte, einen so edlen und gutmüthigen Monarchen zu täuschen. Ich bedaure es, daß ich das Gute zurücknehmen muß, das ich für ihn gesprochen; aber konnte ich dieses voraussehen? Beim Propheten und dem Schwerte der Gerechtigkeit! nie ist Hochverrath kühner gewesen, und wär' ich zur Härte oder besser zu sagen zur strengen Gerechtigkeit geneigt, ich würde sagen, der Mann, der ein solches Verbrechen gegen den Kaiser von Indostan begeht, ist des Todes schuldig! Der Monarch glühte vor Wuth. Er nahm den andern Vogel aus dem Käficht, überzeugte sich gänzlich von dem Betrug, ließ dann die Vögel fliegen, die mit lautem Ruf davon flatterten. Hierauf sagte er: »Sie haben sein Urtheil gesprochen! schicke ihm einen Strick, den Lohn des Betrugs!« Giafar ging, den Befehl dazu zu geben. Die Wachteln riefen ihm von einem nahen Baume nach; eine kleine Wallung des Herzens wandelte ihn dabei an; aber schnell flüsterte ihm die Staatskunst zu: »Dein Vater, der tugendhafteste Mann in Persien, ward auf Befehl des Khalifen erdrosselt, weil er es zu gut mit seinen Unterthanen meinte, soll nun ein grausamer Vizir verschont werden, der so viel Böses gethan hat und den besten Monarchen mit gemalten Wachteln betrügen will, um mich zu stürzen? Dafür allein verdient er den Strick, weil er das Gute hindern will, das ich in Indostan gewirkt habe und ferner wirken werde.« 7. Der Barmecide hatte den Befehl zur Hinrichtung Hasans gegeben und ging nun vergnügt mit seiner Staatsklugheit und Weisheit nach seinem Palast, auf dessen Treppe er unvermuthet den ernsten Ahmet antraf. Seine Gegenwart erschütterte ihn, und Alles, was zwischen ihnen vorgefallen war, fiel nebst seinen jetzigen Handlungen schwer auf sein Herz. Ahmet folgte ihm schweigend in ein Zimmer und sagte ihm dann mit einem sehr feierlichen Tone: Säugling des Glücks, bedenke, daß die Milch, womit dich deine gefährliche Mutter nährt, aus vergifteten Brüsten fließt! Giafar bebte, und als sich Ahmet plötzlich entfernte, eilte er ihm nach, um sich zu rechtfertigen, ihn zu überführen, mit welchem Eifer er an der moralischen Harmonie arbeite. Ahmet war verschwunden, und er suchte nun Asuph auf, der seine Düsterheit bald zu vertreiben wußte. In der Stadt und am Hofe raunte man sich indessen in die Ohren: »Ein Verschnittener Satrape! Ein Vizir erdrosselt, weil er geschickt genug ist, Vögel zu verschönern! Was wird aus Indostan unter dem tugendhaften Barmeciden werden?« Da man aber bald erfuhr, wie Giafar mit der Kaiserin stand, so trat auf einmal die Furcht vor ihm an die Stelle des Enthusiasmus, den er vor Kurzem eingeflößt; ein Wechsel, wovon man an Höfen täglich Beispiele sehen kann, und woran sich Diejenigen, die ihn veranlassen, so gewöhnen, daß sie beides als Mittel zu einem Zwecke benutzen, und ach! nur zu oft schmeichelt ihrem Stolze die Furcht, die sie erwecken, mehr, als der Beifall der unverständigen Menge. 8. Die Worte Ahmets verhallten in den Ohren des Barmeciden; das trugvolle Glück wiegte ihn noch sanfter ein und lispelte ihm zu: Ahmet sei ein mürrischer, neidischer Mensch, der ihn darum in seiner glänzenden Laufbahn zu stören suche, weil er mißvergnügt sei, daß er sein Glück und seine Macht nicht mit ihm theile, das gleichwohl, da der Pöbel eine so hohe Meinung von ihm habe, unmöglich sei. Auch müßte er, nach ihrer Abrede, die Probe allein und unabhängig bestehen, und er würde bald den ernsten Moralisten von dem Wahne seiner überspannten Meinung über den Menschen überzeugen können. So ging er nun auf seinem Wege ungestört fort, glaubte, in dem Geiste Ahmets für das Glück Indostans zu arbeiten, und that nichts anders, als dem Drang seiner Leidenschaften zu folgen, die seine Schmeichler nach Gebühr vergötterten. Die Kaiserin, die endlich den Lohn des überlieferten Opfers ernten wollte, ließ ihn in ihre Gärten bitten. Kunst und Ueppigkeit hatten in denselben Alles zusammengetragen, was das reiche Indostan vermag, und es so geordnet, daß die Sinne bei dem Eintritt in ein Meer von Genuß versanken. Da aber Astarte wollte, daß der Barmecide von diesen wollüstigen Gegenständen nur gereizt werden sollte, ohne daran hängen zu bleiben, so hatte sie dafür gesorgt, daß geistige Empfindungen die gröbern in dem Augenblick der höchsten Spannung unterdrücken mußten. Dieses sah sie zugleich als ein Mittel an, sein Herz mit seinen Sinnen zu fesseln. Strebte er, einer schlanken, wollüstig sich windenden Houri den Schleier zu entreißen, so verschwand sie in einer Rosenlaube, die eine weibliche Bildsäule umschattete, welche dem rohesten Erdensohn feine Gefühle eingeflößt hätte. Dann lockten ihn Geflüster und Gelächter scherzender Mädchen nach einem andern Gebüsche, schon sah er sie in Gruppen sich schlingen und bewegen – sich küssen – er drang nach ihnen – hinter ihm ertönte eine Musik, die durch den Eindruck auf seine Seele seinen Fuß an den Boden fesselte, und so sehr auch seine gröbern Sinne sie mit sich fortreißen wollten, so vermochten sie doch nichts über diesen Zauber. Die feinsten Wohlgerüche erfüllten die Luft. – Die Musik verlor sich in eine sanfte Stille, nur von dem Geräusche kleiner Wasserfälle unterbrochen. Auf einmal hörte er einen Gesang aus einem nahen Bosket, der ihn bis zur seligsten Auflösung entzückte – er eilte nach dem Bosket und fand Astarte von ihren reizenden Sklavinnen umgeben. Bei seiner Erscheinung verschwanden sie. Astarte lag auf einem Ruhebette, und die feinste Wollust schien ihre Stellung geordnet zu haben. Ein leichtes Gewand schwebte um ihren reizenden Körper, wie die Westwinde um die Glieder der badenden Nymphe. Eine angenehme rosenfarbne Dämmerung erfüllte plötzlich das Bosket – sie ward durch eine gemalte Wolke von Nesseltuch bewirkt, welche die Vertrauten Astartes durch einen Zug aufrollten und die das ganze Bosket umschloß. Giafar war seinem Glück nah, War nah, durch einen Frevel ein Bündniß zur künftigen Herrschaft über Indostan zu befestigen, als ihn auf einmal Ahmets fürchterliche Stimme aus dem süßen Wahn aufschreckte und durch seine Seele sauste. Der rosenfarbene Nebel zerstoß, und Ahmet führte den Kaiser, der einen Dolch in der Hand hielt, mit diesen Worten in das Bosket: sieh, so lohnt der Barmecide dein Vertrauen! Die Kaiserin that, was einer auf diese Art überfallenen Dame zukommt, sie sank in Ohnmacht, und der wüthende Monarch stieß ihr den Dolch in die entblößte, milchweiße Brust. Das Blut spritzte über Giafar, er faßte sich zusammen, dachte an sein eigenes Selbst, sah grimmig auf Ahmet und warf sich durch das nächste Gebüsch auf die Flucht. Kaum hatte er sich aus den kaiserlichen Gärten gerettet, als er seinen Ober-Verschnittenen unweit des Hauptthors des Palastes antraf, der ihm ein Pferd zuführte und ihn folgendergestalt anredete: »Barmecide, ich weiß, was dir begegnet ist, und seh' es leider an dem Blute, womit du besteckt bist. Alles Dieses ist das Werk des weisen Ahmets. Er hatte deine Zusammenkunft mit der Kaiserin ausgespäht, den Monarchen davon unterrichtet und ihn selbst nach den Gärten seiner Gemahlin geführt. Auch hat er den Vizir Hasan errettet, in dem Augenblicke, da man ihn erdrosseln wollte. Du siehst hieraus, wie weit seine Freundschaft für dich geht. Uebrigens ist keine andre Rettung für dich als die Flucht, und dazu soll dir dieses windschnelle Pferd behülflich sein. Ich thue hierbei nicht mehr für dich, als ich für viele deiner Vorgänger längst gethan habe. Die Veränderung im Staat macht mir Vergnügen, und ich liebe den Wechsel des Glücks. Ich verstehe die Kunst, den Leidenschaften der Großen so lange zu schmeicheln, bis sie klein werden. Gewöhnlich brauche ich nicht viel Zeit dazu, und es ist ein Spiel, das einem Verschnittenen nur einen kleinen Ersatz für einen so großen Verlust gewählt. Eile, ich gehe nun, unsern vorigen Herrn zum zweitenmal zu empfangen. Grüße die Tugend von mir, Barmecide, wenn du sie ja erhaschest, und erzähle ihr, was für Wunder du um ihretwillen in Indostan gethan hast!« Die Wuth über die Entdeckung des Verraths Ahmets hatte Giafars Sinne so betäubt, daß er die Bedeutung der letzten Worte Asuphs nicht fassen konnte oder wollte; er warf sich auf den flüchtigen Springer und eilte davon. Als er in die Hauptstraße kam, ertönte ein furchtbares Geschrei: »Der Barmecide! der Barmecide! er will entfliehen! er, der unsre Hoffnung täuschte! der uns noch unglücklicher machte, als Hasan! Da flieht er, befleckt mit dem Blute unserer Kaiserin! beladen mit den Thränen und Flüchen der Unglücklichen und Verfolgten! Laßt uns sie rächen und ihn zerreißen!« Der Barmecide bebte – das Geschrei und Herzudrängen der Menge machte den flüchtigen Springer stutzen. Giafar trieb ihn an mit zitternden Knieen und Fersen – er bäumte sich, sprang vorwärts und warf den Bebenden zu Boden. Das Volk fiel über Giafarn her, riß ihm sein Geschmeide, seine Prachtkleider ab, bedeckte ihn mit Lumpen der Bettler, die sich um ihn versammelt hatten und ein großes Jubelgeschrei über seinen Fall anstimmten. Sie theilten sich in die von ihnen zerrissenen Fetzen seines Gewandes und tanzten wild um ihn herum. Hasan ritt mit seinem Gefolge die Straße herauf, ein Theil des Volks goß sich ihm unter Siegsgeschrei entgegen, führte ihn zu Giafar und schrie mit rasender Wuth: »Hasan, wir rächen dich an deinem und unserm Feinde! Du sollst sehen, wie wir ihn zerfleischen wollen!« Mein sei eure Rache, rief Hasan, sprengte gegen Giafarn und zog sein Schwert, ihm das blasse Haupt vom zitternden Rumpfe zu trennen. Ahmet erschien, und der wüthende Haufe floß aus einander. Er rief dem Vizir zu: »Greife der Rache nicht vor, er wird ihr nicht entfliehen!« Sobald Hasan Ahmets Stimme vernahm, drückte er gehorsam sein Schwert in die Scheide, beugte sich demüthig gegen ihn, sah mit Verachtung auf Giafarn und rief in einem näselnden Tone: »Ein Barmecide! He! he! Ein Barmecide!« Der Pöbel näselte das Wort nach, geleitete den halbtodten Giafarn unter Spott und Hohn aus der Stadt und stieß ihn über die Grenzen derselben. 9. So hatte nun Giafar in Bettlerslumpen und unter dem muthwilligen Gespötte des Pöbels die Hauptstadt Indostans verlassen: lange eilte er keuchend fort, bis er endlich ermüdet niedersank. So wie er sich nur einen Augenblick gesammelt hatte, schoß Alles, was mit ihm vorgegangen war, wie glühendes Feuer und Skorpionen in seinen Busen und in sein Gehirn. Er sah die reizende, wollustathmende Kaiserin vor sich liegen, den Dolch ihres Gemahls in dem Busen wühlen, den er einen Augenblick vorher, in warmer Fülle des Lebens, unter seinen heißen Lippen schwellen und sich gegen ihn bewegen fühlte. Da seine Phantasie sich nun an diese empörende und wollüstige Vorstellung hielt, so glitschte sein Gewissen über den Anlaß zu dieser tragischen Entwicklung, selbst über seine Schuld weg, und er fing bald an, seinem Schmerz dadurch Luft zu machen, daß er den weisen Ahmet mit den wildesten Tönen des Hasses und des Gefühls der Rache verwünschte. »Nur er ist es,« fuhr er fort, »der mir aus Neid und Mißgunst diesen unmenschlichen Streich gespielt hat, der ihn so lange aufsparte, um sich endlich auf das grausamste an mir zu rächen. Mich zu verhöhnen, führte er mich nach Industan, mich um so empfindlicher, um so tiefer zu stürzen, stellte er mich auf eine Höhe, welcher ich würdig war, die ich ohne seine Bosheit und Kabale durch meinen Verstand, durch das Große und Edle meiner Entwürfe und Thaten behauptet hätte. War es meine Schuld, wenn mich Verhältnisse mit den Menschen und ihre Schlechtigkeit zwangen, zu ihrem Besten Mittel zu befolgen, die ich von Herzen verabscheue. Wahrlich seine Meinung über den Menschen schien mir nie mehr Hirngespinst als jetzt, und nie war es mir klarer als jetzt, daß sich der Schöpfer in seinem Zweck mit uns betrogen hat, wenn er ja einen mit uns hatte. Wenn dieser Zweck reine Tugend, reine Religion, menschliche Regierungsform und moralisches Einverständniß unsers Daseins mit dem in unsre Herzen gelegten Gefühl ist, so sucht man wenigstens umsonst eine Spur davon auf diesem verworrenen Erdboden. Die Menschen sind keines derselben fähig und entfernen sich in dem Augenblick um so weiter davon, je näher wir sie ihnen zu bringen streben. Aber wer ist er, der Geheimnißvolle, der Mann, dem Alles gehorcht, der Völker mit einem Wink leitet und den Pöbel im wildesten Aufruhr fesselt? der den Arm eines nach meinem Blute dürstenden Feindes erstarren macht? der meine Seele mit einem Blick außer Fassung bringt? Er ein Weiser, der mich stürzt, damit ein wilder Tiger über Indostan herrsche? der mir das einzige Gut, das ich je auf der Erde erkannte, in dem glücklichsten Augenblick meines Lebens so schrecklich entriß! Nur ein fühlloses Ungeheuer konnte die Hand eines so erbärmlichen Monarchen zum Mord gegen das schönste Weib der Welt bewaffnen und durch einen abscheulichen Streich mein Glück und alle das Gute vernichten, das aus unserer Verbindung entspringen sollte. O daß ich ihn in meinem gerechten Grimm ergreifen könnte, um mich an ihm zu rächen!« Hier fuhr, wie eine schnell auflodernde Flamme, das Gespräch mit Ahmet und die daraus entflossene Verbindung durch seine Seele. Seine letzten warnenden Worte über den Trug des Glücks, seine Rettung von der Wuth des Pöbels und Hasans drangen mit Dolchstichen durch sein Herz. Er blickte einen Augenblick hell über seine Thaten und ihren Bewegungsgrund – verglich sie mit seinem Vorhaben – seine Thränen rollten in seinen Bart: aber die starren schmutzigen Lumpen, die er um sich hüllte, verdrängten alle andern Empfindungen. Er raffte sich auf und faßte den Entschluß, durch Abwege, über entlegene Gebirge, unbesuchte Einöden nach Hause zu schleichen und sich an Ahmet zu rächen, wo er ihn ergreifen würde. 10. Lange irrte Giafar in der Wildniß herum. Seine Zunge erstarrte von glühendem Durst, und nirgends entdeckte er Wasser, ihn zu löschen. Unter dieser Marter eilte er immer fort. Plötzlich sah er ein blühendes, angebautes Thal vor sich, aus dessen erfrischendem Grüne sich einige Gebäude empor hoben. Das Feuer seines Blutes machte ihn seinen äußern Zustand und die Scham darüber vergessen; er warf sich schnell in eine dichte Allee, die zu diesen Gebäuden führte. Als er ihnen näher kam, entdeckte er eine schöne und einfache Moschee, über deren Eingang folgende Worte in eine Marmorplatte gegraben waren: »Stiftung des Barmeciden Malek! Kehre ein, wenn du reines Herzens bist!« Der Name seines Hauses, den er sonst mit so vielem Selbstgefühl hörte und las, fuhr wie ein peinigender Vorwurf durch sein Gewissen. »O ich fühle mein Herz nicht rein,« seufzte er und wandte sich beschämt von der Schwelle der Moschee nach dem andern Gebäude, über dessen Eingang er folgende Worte las: »Kehre hier ein, müder Pilger, ruhe aus und laß dich erquicken. Der Barmecide Malek, der seine Wallfahrt vollendet hat, ladet dich ein. Wohl Dem, der nach guten Thaten ruht.« »Ach,« seufzte Giafar, »sähest du deinen Enkel hier, in Bettlerslumpen, sterbend durch Durst, verfolgt von Menschen und so beschämt, daß er nicht an der Thüre der Karavanserie zu klopfen wagt, die dem ganzen Menschengeschlecht sich öffnet! Hättest du die Menschen gekannt, mein edler Ahnherr, du würdest eher deine Schätze ins Meer geworfen haben, als sie zum Besten eines so betrügerischen Geschlechts zu weihen.« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als sich die Thüre öffnete. Ein Greis trat heraus und reichte ihm mit freundlichem Willkommen die Hand, führte ihn ein, übergab ihn den Sklaven, die ihn ins Bad brachten, wuschen, salbten, beräucherten und ihm dann reine Kleider anlegten. Der Greis empfing ihn und führte ihn in einen großen Saal, worin sich Personen verschiedenen Standes und Alters um mit Speisen besetzte Tafeln gelagert hatten. Der Greis stellte ihn der Gesellschaft mit diesen Worten vor: »Gäste des Barmeciden Maleks, des Wohlthäters der Menschen, grüßt in diesem Manne seinen Enkel Giafar!« Die Gäste standen von ihrem Lager auf, legten ihre Hände über die Brust und grüßten ihn mit diesen Worten: »Willkommen, Barmecide Giafar, möchtest du deinen Vätern gleichen!« Giafar stand beschämt und erstaunt da. Der Greis sagte ihm: »Wundere dich nicht, daß wir dich kennen. Ein Barmecide braucht sich da, wo seine Ahnen einst gewandelt haben, nicht zu nennen. Dein Geschlecht unterscheidet sich durch seine Gesichtsbildung wie durch seine Thaten von den übrigen Menschen!« Giafar fühlte sich nun wieder, sein Blut wollte rascher stießen, er griff nach einer Schüssel – und in demselben Augenblick hörte er den Wachtelschlag. Er wandte sich nach dem Orte, woher er kam, und sah die zwei ihm bekannten Wachteln auf dem offenen Fenster sitzen, die ohne Aufhören ihren gewöhnlichen Ruf anschlugen. Der Bissen, den Giafar genommen, wollte nicht die Kehle hinunter, er erblaßte, schlug endlich beschämt die Augen auf und sah um sich, wie ein Mensch, den plötzlich ein Zeuge einer bösen That überrascht, und der sich nun ängstlich überzeugen will, ob die Anwesenden den Schlag seines Gewissens auf seiner Stirne gelesen haben! aber da er Ahmet an einer Tafel gegen sich über gelagert sah, der ihm gerade in die Augen sah, erstarrte er, als zerschnitte die Sichel des Todes die Sehnen seines Lebens. Ahmet erhob sich, nahte ihm mit dem Blick, der ihn so oft zermalmt hatte, und sagte: »Barmecide, genieße der Frucht der Tugend deiner Ahnen und fühle in den Mauern, die sie den Pilgern des Lebens gebauet haben, daß Wohlthaten noch in späten Zeiten unsern Nachkommen nützen.« Er entfernte sich; Giafar wollte ihm nachfolgen, aber sein ernster und strafender Blick fesselte ihn auf seinen Sitz. Alle Anwesenden sahen mit ängstlicher Verwunderung auf Giafarn, nur der Greis sprach freundlich zu ihm, gab ihm einen Sklaven und Gold und sagte ihm: »Barmecide, eile nach Bagdad und suche den weisen Ahmet zu versöhnen. An der Schwelle der Karavanserie wirst du zwei Kameele finden – denke deiner Ahnen und strebe, die Gunst des weisen Mannes durch würdige Thaten wieder zu gewinnen. »Des weisen Mannes!« seufzte Giafar, als er das Kameel bestieg. »Ach, seine Weisheit kostet mich viel!« 11. Giafar kam zu Bagdad an und ritt nach dem Markte, der mit einer so großen Menge Menschen angefüllt war, daß er kaum mit seinem Kameel hindurch konnte. Als er bei einer Karavanserie halten wollte, machte ihn ein starkes Geschrei streitender Parteien aufmerksam. Er nahte, und das Volk trat ehrfurchtsvoll aus einander. Kaum sah ihn einer der Streitenden, so schrie er: Meine Brüder, der Himmel schickt uns einen Barmeciden, einen Mann aus dem Stamme der Gerechten; laßt ihn den Streit, der uns entzweit, entscheiden. Das Volk antwortete: »Ja, ja, nur ein Barmecide kann diesen verworrnen Handel schlichten.« Giafar erstaunte, sich abermals erkannt zu sehen, fand es aber nun, nach der Rede des Greises, natürlicher. Das Volk umfloß ihn, schien sich an seinem Blick zu weiden und begierig auf die Entscheidung einer Sache zu warten, an welcher es so heißen Antheil nahm. Giafar. Bin ich doch nicht euer Richter und habe kein Recht dazu, eure Streitigkeiten zu schlichten! wendet euch an Den, den euch der Khalife zum Richter gesetzt hat! Die Streitenden . Der Himmel hat dich gesandt! Wir lassen Alles auf deinen Ausspruch ankommen und vergleichen uns darnach. Man trug ihm den Handel vor, er überdachte und sprach. Das Volk frohlockte, bewunderte seine Weisheit und seinen Scharfsinn. Der Lärm hatte den Statthalter herbeigezogen, der, als er die Ursache des Zwists und die Entscheidung des Barmeciden vernahm, vom Pferde stieg, ihn ehrfurchtsvoll grüßte und ihn bat, sein Haus mit seiner Gegenwart zu beglücken. Das Volk schrie: »Gib uns den Barmeciden zum Ober-Kadi, die Barmeciden sind strenge Diener der Gerechtigkeit und unbestechliche Richter!« Der Statthalter setzte Giafar in diese Würde ein, und er sprach mit so vieler Weisheit und Menschlichkeit Recht, daß seine Entscheidungen selbst Denen nicht ganz mißfielen, die dadurch ihre Sache verloren. Einer, der einen wichtigen Proceß verloren, trat mit den Worten zurück: »Gerecht wie ein Barmecide! Weise wie Ahmet!« Giafar erröthete ein wenig, als er dieses hörte, und hatte er vorher vergessen, sich nach Ahmet zu erkundigen, so reizte ihn dieses nun noch weniger dazu. In Bagdad wohnte zu der Zeit ein am Hofe des Khalifen sehr angesehener Mann, Namens Hagul. Dieser suchte vor allen durch Gefälligkeit und seine Schmeicheleien die Gunst des Kadis zu gewinnen. Hielt er Gericht, so stand er unweit seines Sitzes und bewunderte seine Weisheit in stillem, doch sehr redendem Entzücken. Bald brachte er es auch dahin, daß Giafar keinen Ausspruch that, ohne auf ihn zu blicken und die Wirkung davon in seinen Augen zu suchen. Da Hagul dieses merkte, so bat er demüthig um die Erlaubniß, seine Söhne zu seinen Gerichtssitzungen mitbringen zu dürfen, die für sie eine Schule der Weisheit, Gerechtigkeit und Sittenlehre sein würden. Der Kadi bewilligte es gefällig und sagte heimlich in seinem Herzen: »Möchte doch Ahmet Zeuge sein, was Giafar in Bagdad wirkt!« Hagul versuchte nun durch kleine Geschenke, die Güte des Ober-Kadis zu belohnen. Er fing damit an, daß er ihm so unbedeutende Dinge schickte; die nicht den geringsten Verdacht von Absicht erwecken konnten; als Früchte aus seinem Garten, Wild von seiner Jagd, wodurch er aber eben Das, was er suchte, erhielt, den gerechten Richter nach und nach an die Annahme von Geschenken zu gewöhnen. Dabei äußerte er immer mehr Entzücken über die Weisheit und Uneigennützigkeit Giafars, und Giafar gefiel sich immer mehr in dem Lobe Haguls. Den kleinen Geschenken folgten bald wichtigere, die Giafar nahm, weil er es für einen Mangel an guter Lebensart hielt, einen so höflichen, an dem Hofe des Khalifen so beliebten Mann wegen einer Kleinigkeit zu beleidigen. Als Giafar bei ihm zum Besuche war, zeigte er ihm Schnüre auserlesener Perlen und sprach davon mit einer Gleichgültigkeit, daß der Barmecide bei sich dachte, es sei Schade, daß ein Mann einen so kostbaren Schatz besäße, den er so schlecht zu achten wüßte. Wie er nach Hause kam und sein Schwert ablegte, erstaunte er, daß er statt des seinigen ein mit kostbaren Steinen besetztes in seiner Hand sah, und noch mehr, da er statt seines Turbans einen mit jenen kostbaren Perlen umschlungnen von dem Haupte nahm. Er erinnerte sich, daß er bei Hagul sein Schwert abgelegt hatte, auch daß er einen Augenblick seinen Turban abgenommen, um sein Haupt zu kühlen. Die beiden Stücke glänzten ihm so sehr in die Augen, daß der aufwallende Zorn, den er bei der Entdeckung fühlte, nur in einen kleinen Unwillen überging. Doch ließ er auf der Stelle Hagul rufen, nahm sich vor, ihn recht hart zu behandeln, beides ihm zurückzugeben und für immer mit ihm zu brechen. Hagul erschien mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit, und als ihm Giafar mit Heftigkeit sein Betragen vorhielt, antwortete er: »Ich sehe, edler Barmecide, du bist des armen Haguls müde und suchst nur eine Gelegenheit, meiner los zu werden. Ich kenne weder dieses Schwert noch diesen Turban, und wären sie mein gewesen, so würde ich es lieber sehen, daß dieser Turban dein weises Haupt ziere, als das meine – so wie jenes Schwert mit mehrerm Recht an der Hüfte des gerechten Richters dräut. Ich bitte dich, laß mich deine Gunst nicht durch ein Mißverständniß verlieren, das ich nicht zu erklären weiß. Nur der Khalife kann solche Geschenke machen!« Hierauf entfernte sich Hagul demüthig, und Giafar hielt sich, weil es ihm so gefiel, an den Gedanken: es sei möglich, daß der Khalife, von seiner strengen Gerechtigkeit und Weisheit unterrichtet, ihm durch Hagul dieses Geschenk gemacht habe, weil er ihm aus Haß gegen das Andenken seines Vaters keine öffentliche Gunst erzeigen wollte. 12. Der Barmecide saß zu Gericht, und Hagul trat mit einer Klage vor ihn gegen den Greis Harmodas, den Abkömmling der ehemaligen Herrscher des arabischen Iraks, den einer der vorigen Khalifen in Schutz genommen und mit großen Gütern beschenkt hatte, damit er seines Ursprungs würdig leben könnte. Die Klage lautete: »Der Greis Harmodas sei ein Feueranbeter.« Dies zu beweisen, führte Hagul zwei Zeugen hervor, die ihn nach ihrer Aussage in einem dicken Walde unweit Bagdad diese Abgötterei hatten treiben sehen. Er forderte hierauf vermöge des Gesetzes des jetzt lebenden, großen und gerechten Khalifen, als Ankläger, das ganze Vermögen des Beklagten. Ueberdies, setzte er hinzu, spricht eben dieses weise Gesetz Jedem das Leben ab, den man bei dem Feuerdienst ergreift. Gott will es! der Prophet will es! Das Volk schrie: Gott will es! der Prophet will es! Giafar erschrack heftig über diese Anklage von einem Manne, mit dem er in einer solchen Verbindung stand, und sein Herz oder sein Gewissen lispelte ihm zu, es sei nicht richtig damit. Er erbebte, als die Zeugen ihre Aussagen beschwuren. Da er anfing, seine Zweifel über den Vorfall zu eröffnen, griff Hagul wie aus Zerstreuung, aber mit sehr redender Geberde, an seinen Turban und sein Schwert. Das Volk schrie: »Abgötterei! vollziehe das Gesetz! er ist ein Syrer, und Zeugen haben geschworen!« Giafar zitterte; aber er mußte nun dem Rechte seinen Lauf lassen. Der Beklagte, ein bebender Greis, von seinen zwei blühenden, hoffnungsvollen Söhnen unterstützt, wankte vor Giafars Stuhls. Man theilte ihm die Anklage mit, und er antwortete in dem Tone eines Mannes, der schon einer andern Welt zugehört, der es verschmäht, am Rande des Grabes über Angelegenheiten der Erde zu reden. Harmodas. Giafar, du stammst aus königlichem Blute, wie ich! Deine Vorfahren verloren den Thron Persiens, die meinen die Herrschaft über den arabischen Irak. Du und ich, deine und meine Verwandten leben durch die Gnade der Sieger über unsre Väter! Noch mehr, du bist ein Barmecide und wirst diesen großen Namen durch keinen ungerechten und übereilten Ausspruch entehren. Nie hat sich Einer deines Geschlechts eines solchen Verbrechens schuldig gemacht. In mir siehst du einen abgelebten Greis, der nur dann wieder leben wird, wenn er diese Hülle abgeworfen hat, darum kann ich dir nur danken, wenn du mich schneller, als der langsame Tod, nach dem Ort beförderst, nach dem ich mich sehne; aber ich bin es diesen meinen blühenden Söhnen schuldig, deine Gerechtigkeit aufzufordern. Es würde ein Leichtes sein, dir zu beweisen, daß es meine von dem Khalifen geschenkten Güter sind, die diese Anklage gegen mich hervorbrachten. Auch könnte ich anführen, es sei unmöglich, daß ich, ein Abkömmling der Beherrscher des arabischen Iraks, welche die Abgötterei mit dem Schwerte verfolgt haben, mich einer solchen Thorheit schuldig machen sollte. Doch warum soll ich deiner Weisheit vorgreifen? Nur dieses betheure ich, bei Gott und dem Propheten, daß ich seit zehn Jahren, wegen Entkräftung des Alters, keinen andern Schritt aus meinem stillen Hause gethan habe, als vor deinen Richterstuhl. Auch dachte ich nie mehr vor einem weltlichen Richter zu erscheinen. Sich mich an, erwäge und richte! Meine Wangen, die durch keine Handlung meines Lebens beschämt sind, sollen es nun nicht durch unwürdiges Bitten werden. Verdammst du mich, so mögen diese Jünglinge, die einzigen Zweige großer Männer, durch Muth und Weisheit zu erwerben suchen, was ihnen deine Ungerechtigkeit raubt, und gelingt ihnen auch dieses nicht, so werden sie sich nach dem Beispiel deines edlen Vaters ihrem Schicksal ohne Murren unterwerfen, das, wenn es auch den Tugendhaften gänzlich niederwirft, ihm doch die Kraft nicht nehmen kann, sich über es selbst zu erheben. Diese letzten Worte besonders gruben sich mit flammendem Griffel in Giafars Herz; aber das Volk, das den Greis Harmodas wegen seiner Reichthümer haßte, murrte; die Zeugen, die nochmals und zwar beim Leben des Khalifen schwuren, besonders die wiederholten Geberden und Bewegungen Haguls betäubten ihn. Er sprach mit bebender Stimme, als spräche er sein eigenes Todesurtheil: »Das Gesetz des Khalifen verdammt dich; die Barmeciden sind darum gerecht, weil sie das Gesetz erfüllen und ihm gehorchen. Die Wahrheit besteht aus der Zeugen Mund. Ich kann nur dein Schicksal beweinen.« Das Volk schrie: O des gerechten Richters! »Beweine das deinige!« rief der Greis; »führt mich zum Tode und meinen Ankläger in meine Wohnung!« Er lehnte sich auf seine Söhne. Eben wollten ihn die Gerichtsdiener seinen Söhnen entreißen, und schon wandte sich Hagul mit seinem Gefolge nach Harmodas' Wohnung, als der Statthalter mit Ahmet durch die Menge drang. Ahmet rief mit einem schrecklichen Tone: »Noch ist das Gericht nicht geschlossen, ihr Männer von Bagdad! Steige herunter von deinem Sitze, Barmecide, und laß einen unbestochnen Richter deine Stelle einnehmen. Stehe indessen zu meinen Füßen und schwitze Todesangst unter deinem reichen Turban.« Giafar senkte seine Augen zur Erde, um den Blick des Strengen zu vermeiden. Hierauf ließ Ahmet einen der Zeugen entfernen und forderte den andern auf: Sage, wahrhafter Zeuge, in was für einem Walde hast du den Greis Harmodas den Feuerdienst begehen sehen? Erster Zeuge. In einem Eichenwald. Ahmet. Merkt dies, ihr Männer von Bagdad! – In welcher Gegend? Gegen Mittag, Abend, Mitternacht oder Morgen? Erster Zeuge . Gegen Abend. Ahmet. Wie weit von Bagdad? Erster Zeuge. Eine Parasange mag es sein. Ahmet. Entferne dich. Der zweite Zeuge trat vor. Ahmet. Sage, wahrhafter Zeuge, in was für einem Walde hast du den Greis Harmodas den Feuerdienst begehen sehen? Zweiter Zeuge. In einem Fichtenwald. Ahmet. Merkt dies, ihr Männer von Bagdad! – In welcher Gegend? Gegen Mittag, Abend, Mitternacht oder Morgen? Zweiter Zeuge. Gegen Morgen. Ahmet. O des wahrhaften Zeugen! – Wie weit von Bagdad? Zweiter Zeuge. Drei Parasangen, wenigstens. Ahmet. O der wahrhaften Zeugen und des gerechten, weisen Richters! – Männer von Bagdad, schämt euch eures Frohlockens über den Tod eines Unschuldigen, den ihm ein bestochener Richter zuerkannt hat. Was vernehmt ihr nun aus der widersprechenden Aussage dieser falschen Zeugen? Seht ihr nicht, daß es von Hagul erkaufte Sklaven aus nördlichen Ländern sind, die nicht einmal die Gegend eurer Stadt kennen? Ihr alle wißt, daß zwei Tagreisen von Bagdad kein Wald zu finden ist; ihr alle wißt, daß weder Fichten- noch Eichenwälder in euren Gegenden sind, und gleichwohl haben sie den edlen Harmodas, der eine in einem Eichen-, der andre in einem Fichtenwald, und zwar ganz nah von hier, den Feuerdienst begehen sehen? Falsche Zeugen, schon liegt das Schwert der Gerechtigkeit auf eurem Nacken! Die Zeugen fielen nieder, bekannten: Hagul habe sie zu dieser Aussage erkauft, und baten für ihr Leben. Das Volk rief: O des weisen Ahmets! o des weisen Ahmets! Ahmet. Statthalter, richte die Schuldigen, die falschen Zeugen, den bestochenen Richter und Den, der ihn dazu machte. Dieser Turban und dieses Schwert sind Haguls und sprechen des unwürdigen Barmeciden Urtheil. Er verschwand. Statthalter. Dank sei es dem weisen Ahmet, der diese schreckliche That verhindert hat, womit du, nachdem ich dich aus Vertrauen auf deinen Namen und deine Tugend zum Richter gesetzt habe, diese Stadt beflecken wolltest. Du hast den Tod verdient, den der edle Harmodas leiden sollte: doch Asien soll nicht sagen, Bagdad habe das Blut eines Barmeciden vergossen. Deine Ahnen haben auch uns Gutes gethan, so entweichet ihr unwürdiger Enkel, mit Schande belastet, von unserm Boden. Du, Hagul, verlasse unsre Stadt vor Untergang der Sonne, du bist ein gefährlicher Bürger. Die falschen Zeugen richte das Gesetz! Das Volk jauchzte, drang sich zu dem Greise und liebkoste Den, welchen es einen Augenblick vorher mit großer Freude verurtheilen hörte. Der Statthalter gab Hagul, ganz gegen unsre Gebräuche, den Turban und das Schwert zurück. Giafarn ließ er einen Beutel reichen, und das Volk stieß ihn unter Vorwürfen aus dem Thor Bagdads. Die Thränen liefen über seine Wangen, die Scham drückte seine Augen zu Boden, und sein Herz zersprang unter der Last der verdienten Vorwürfe. 13. Kaum war Giafar in einiger Entfernung von Bagdad, so vertrockneten seine Thränen, so verschwand seine Scham. Der Zorn gegen Ahmet erwachte und erfüllte sein Herz so gewaltig, daß er all sein Unrecht vergaß und sich abermals nur an das hämische Betragen, das rastlose Verfolgen dieses ihm unbegreiflichen Menschen hielt. Nur ihn sah er als die Quelle seines Unglücks an und betrachtete ihn wie ein Ungeheuer, das unablässig über ihn herschwebte, den Augenblick ablauernd, wo es eine Tücke seiner Bosheit an ihm ausüben möchte. Sein Gespräch sah er als eine Falle, ein Gewebe der Bosheit an, um ihn in ein endloses Gewühl von Schande und Ungemach zu verwickeln. Ja, er glaubte in seinem Betragen nichts anders als einen Plan zu entdecken, wodurch er ihn zwingen wollte, ein System anzuerkennen, dessen Irrthum er durch sein Betragen allein sattsam bewiesen. Seine Eigenliebe brachte ihn selbst völlig aus dem Spiel, und er rief mit Unmuth: »Wohin ich trete, legt er mir eine neue Falle – verwirrt meinen Verstand, unterwirft sich mein Herz, und dies mit einer Macht, daß ich bei seiner Erscheinung selbst der Rache vergesse, die ich, sobald er ferne ist, in meinem Busen kochen fühle. Er, der Geheimnißvolle ist es, der Alles anzettelt, meine Entwürfe vereitelt und meine guten Absichten ins Scheußliche umändert!« Da er nun auf diesem Seitenwege von der Betrachtung seines innern Selbst abgekommen war, so ward es ihm leicht, der letzten Geschichte, wo nicht eine unschuldige, doch eine ganz erträgliche Wendung zu geben. Nur der Turban und das Schwert machten ihn noch zu Zeiten erröthen. Er faßte abermals den Entschluß, nach Hause zu gehen, sich einzusperren, allen Menschen zu entsagen und auf ewig den Anblick des Gefährlichen zu fliehen, der nie anders erschien, als ihn von der Höhe, die er durch seine Klugheit und den Ruhm seines Namens erstiegen, herunterzustürzen. Eine heranziehende Karavane machte seinen Betrachtungen ein Ende. Er machte sich auf, nahte dem Führer derselben und bat um die Erlaubniß, sich anschließen zu dürfen. Der Führer erwiederte: »Sei willkommen, ein Mann wie du kann den Menschen, zu denen er tritt, nur Segen bringen. Geselle dich zu uns, und wenn wir nach meiner Heimath in Samarcand kommen, will ich dich aufnehmen, wie du es verdienst.« Giafar sagte in seinem Herzen: so kennt mich denn der ganze Erdboden; doch wie gefährlich ist es, einen Namen zu führen, von dem man so viel erwartet, besonders, wenn sich ein so rastloser, mächtiger Feind gegen uns verschworen hat. – Woher kennst du mich? Hab' ich doch nie dein Angesicht gesehen? Der Führer (mit Ehrfurcht) . Du bist einer der Barmeciden! Ein Barmecide! rief der ganze Zug; unsre Reise ist gesegnet. Hierauf sagte ihm der Führer, er nenne sich Nagor, sei einer der reichsten Kaufleute in Samarcand, kehre mit dieser Karavane heim und würde sich für glücklich halten, seine Schätze mit ihm zu theilen, da er sein erstes Glück dem Barmeciden Jahiah Saffah, dem Vizir des Khalifen Hadi, zu danken habe. Ach, setzte er hinzu, sollte ich jemals so glücklich sein, seinen Sohn zu finden, der, wie ich höre, vor der Rache des Khalifen flieht –. Giafar. Binde dich nicht zu stark, Nagor – du siehst ihn hier vor dir, und er bittet dich um Schutz. Nagor drückte ihn an seine Brust und vergoß Thränen der Freude. Jedermann nahm Theil an seiner Rührung, und Giafar sammelte sich wieder zur Ruhe. Als die Karavane in Samarcand ankam, räumte ihm Nagor die prächtigsten Zimmer seines Hauses ein, öffnete ihm seine Schätze und machte ihn zum Herrn derselben. Dann führte er ihm seine Familie und Hausgenossen vor. Seine Tochter, in welcher er Fatimen zu sehen glaubte, so sehr glich sie ihr, machte einen starken Eindruck auf ihn und erweckte alle Gefühle, die ihm jene eingeflößt hatte. Dem Vater entging dieses nicht. Einige Worte, die sie sprach, trieben die Täuschung beinah bis zur Wirklichkeit: Giafar glaubte, Fatimen zu hören und zu sehen, und mit Freuden nahm er den Antrag an, der Sohn des reichen Nagors zu werden. 14. Nagor sah sich nicht gezwungen, seinem Schwiegersohn den Antrag zu wiederholen, er möge seine Schätze brauchen, wie die seinigen. Er griff ohne Maaß und ohne zu zählen hinein, um seinem Namen Ehre zu machen, und verwickelte sich in ein großes Gewühl von Geschäften, Unternehmungen und Ergötzlichkeiten. Er baute die prächtigsten Landhäuser, die schönsten Gärten und legte ein Harem an, das, wie er sich schmeichelte, alle Harem in Asien an Pracht und Wollust einflößenden Gegenständen übertreffen sollte. Schon sah er es aus dem Boden empor steigen, schon erhandelte er die schönsten Sklavinnen, um es zu bevölkern, versah sich mit Mohren, Verschnittenen, kaufte, was zu kaufen war, und Nagors Schatz war noch nicht leer. Er selbst sah ihn bald ganz als den seinigen an, da ihn Nagor, wie er es selbst bekannte, seinem Vater zu verdanken hatte. Unter diesen Ergötzlichkeiten und Geschäften vergaß er seiner Gemahlin, so sehr sie auch der lieblichen Nichte glich, und trieb die Kälte und Nachlässigkeit gegen sie aufs äußerste. Was ihn endlich an ihr Dasein erinnerte, war die Nachricht eines Mohren, der ihm vertraute, der Sohn des Mufti habe geheime Zusammenkünfte mit ihr und tröste sie über seine Vernachlässigung. Diese Nachricht setzte ihn in Flammen, nicht als fühlte er dadurch seine Liebe beleidigt, nur der Gedanke empörte ihn, daß sie einen solchen Menschen einem Barmeciden vorziehen könnte, um deßwillen eine Kaiserin sei ermordet worden. Ergrimmt gab er dem Mohren den Auftrag, sie zu belauschen und ihn selbst von ihrer ersten Zusammenkunft zum Zeugen zu machen. Um ihm dazu Muth zu machen, gab er ihm ein kostbares Kleinod, mit der Versicherung, weiter für ihn zu sorgen. – Der Mohr säumte nicht. Er schlich zu Giafar und lispelte ihm zu: »So eben hat sich der Sohn des Mufti durch eine dir unbekannte Pforte zu deiner Gemahlin in eine Laube geschlichen.« Giafar steckte einen Dolch in seinen Gürtel und folgte dem Mohren in heftiger Bewegung. Leise schlich er nach der Laube und glaubte seine Gemahlin mit einem Manne in einer vertraulichen Lage zu sehen, drang wüthend hinein und stieß ihr den Dolch in die Brust. Er zog ihn aus ihrem Busen, wandte sich nach ihrem Buhlen, ihn ihr nachzusenden, und entdeckte die vertraute Sklavin seiner Gemahlin, die ihn aufforderte, sie mit ihrer edlen Gebieterin im Tode zu vereinigen. »Grausamer,« sagte sie, »sieh hier an ihren starren Augen die Thränen, die sie wegen deiner diesen Augenblick geweint hat.« – Giafar sah sich nach dem Mohren um, ihn in seiner Wuth zu vernichten. Dieser war schon entflohen und schrie durch das Haus und alle Straßen: »Der Barmaceide hat seine unschuldige Gemahlin ermordet!« Noch stand Giafar in starrer Verzweiflung bei der Leiche seiner Gemahlin, als der Kadi, die Gerichtsdiener und der unglückliche Vater eintraten. Er fiel seinem Wohlthäter zu Füßen, gestand das Verbrechen, das er aus einem Irrthum begangen, und überlieferte sich den Gerichtsdienern, die ihn wegführten. Der Vater rief ihm nach: »O Barmecide, deine Ahnen brachten den Menschen Segen, du bringst ihnen Fluch. Du hast in mir einen Vater gefunden und machst mich kinderlos. Die Rache wird dich ereilen!« Giafar fuhr in seine Brust und wüthete mit grimmiger Faust gegen sich selbst. Als er in das grauenvolle Gefängniß trat, überfielen ihn die Schrecken des ihm schon angekündigten Todes. »Ahmet, du siegst, und ob du dich gleich nicht zeigest, so fühle ich doch, daß dies dein Werk ist. Du hast mich meiner stillen Wohnung entrissen, wo ich nur der Tugend und ernsten Betrachtung lebte, daß ich hier als Mörder eines schmählichen Todes sterbe! Von dem unglücklichen Augenblick, da ich auf deine schimmernden und täuschenden Gespräche horchte, entspann sich der Faden meines Elends! Du entlocktest mich der einsamen Tugend, damit ich, von den Umständen und dem Betrug der Menschen gezwungen, von Laster zu Laster eilen und mir eine Last auf die Seele laden möchte, die kein fühlendes Wesen ertragen kann. Ich bin nicht Herr meiner Tritte, das unwiderstehliche Schicksal reißt mich fort, ich beginne mit Tugend, labe mich an der Hoffnung ihrer nahen, schönen Früchte, und in dem Augenblick, da ich sie pflücken will, verwandelt sich Alles in ein scheußliches Gespenst, und die Flüchte werden mir selbst zu Gift. War es nicht ein elender Sklave, der meine Hand zu diesem raschen Mord bewaffnete? Mußt' ich nicht die Schande rächen, womit man mein Ehebett zu beflecken drohte? Erlaubt es nicht das Gesetz? Konnte ein Barmecide diesen Flecken an sich tragen? – Ach, sie glich Fatimen!« Bei dieser Vorstellung flössen seine Thränen. Plötzlich schlugen die bekannten Wachteln auf dem eisernen Gitter des Gefängnisses. Kaltes Entsetzen rann bei ihrem Ruf durch feine Glieder. Der Mord, den er am Hofe des Kaisers von Indostan veranlaßt hatte, stellte sich mit allem Schauder vor seine Seele. »Die Rache rauscht heran,« schrie er mit dem schneidenden Ton der Verzweiflung; »der schallende Ruf dieser Unglücksboten verkündigt sie mir. Es ist der Ruf zur Wiedervergeltung – zum Tod! o daß er mich schon ergriffen hätte!« Ein Bote trat ein und verkündigte ihm, er müsse nach Untergang der Sonne sterben. Er sank zurück, die kalte Vernichtung schlang sich um seinen Leib und drang bis in sein Herz. Dicke Tropfen rannen von seinen starren Augen. Er wollte sich dieser schauerlichen Empfindung entreißen, schlug mit bebender Hand an sein Herz und forderte es vergebens zu dem Muth auf, den seine Thaten längst erstickt hatten. Die wenige Kraft, die er fassen konnte, nutzte er, den vermeinten Urheber aller seiner Verwirrungen zu verfluchen. Darauf sank er gleich dem Verbrecher hin, den sein Gewissen mehr drückt, als die Gewalt des Ausspruchs des Blutrichters. Schwach erleuchtete auf einmal eine Lampe den Kerker. Giafar glaubte, der Henker trete herein, er seufzte ein Ach, das an den Mauern hinschlich, wie das Stöhnen eines geplagten Geists. Der Anblick eines langen hageren Mannes, der rasch auf ihn zutrat, bestärkte ihn in seiner Meinung. Die Spitze einer krummen Habichtsnase sank in seine Oberlippen. Grau mit Schwarz vermischte Augenbraunen zogen sich in einem vollen Halbzirkel um ein paar kleine Augen, die ein wildes, unstätes Feuer schossen. Seine Wangen hingen ganz ausgetrocknet auf den scharfen Knochen. Giafar (mit zitternder Stimme) . Vollziehe schnell deinen Befehl, ich bin bereit zu sterben. Der Hagre hielt ihm seine Lampe vor das Gesicht, betrachtete ihn mit Aufmerksamkeit und sagte: »Sterben – Barmecide, du wirst jetzt nicht sterben! Die Züge deines Gesichts bekräftigen mir, was ich so eben wegen deiner in den Sternen gelesen habe. Gedenke des armen Schemi, der dir in einem düstern Gefängnisse mitten unter den Schrecken eines unvermeidlich scheinenden Todes verkündigt, daß du den Thron der Khalifen besteigen, dich an allen deinen Feinden rächen und das Reich erweitern wirst. Giafar. O spotte nicht des Unglücklichen! Schemi. Werde ich Dessen spotten, den mich die Sterne anzubeten gebieten? Ich sage dir, Barmecide, der nahen Todesgefahr zum Trotz, deinem Feinde und Verfolger zum Trotz wirst du durch deine Tapferkeit der Khalifen Thron besteigen; doch darüber mehr, wenn wir in Freiheit sind. Nun ist keine Zeit zu verlieren; in wenigen Augenblicken werden die Männer erscheinen, die dich erdrosseln sollen. Ihnen zuvorzukommen, deinen Wächtern zu entfliehen, hab' ich einen Plan entworfen. Giafar. Unmöglich! Schemi. Vernimm und verehre den erhabenen Schluß des Schicksals. Vor deinem Gefängniß wartet ein junger Derwisch, der vor deiner Hinrichtung mit dir beten soll. Wir ziehen ihm die Kleider aus, bedecken dich damit, ihn mit den deinigen, binden ihn, entfliehen, man wird ihn für dich halten und ihn erdrosseln, und du eilst nach dem Thron der Khalifen. Giafar ( fuhr zurück ). Wie! einen Unschuldigen an meiner Stelle für eine That erdrosseln zu lassen, die ich begangen habe, die ich büßen muß! Schemi. Das Schicksal des Derwisches spricht: er soll eines gewaltsamen Todes sterben! das deinige: du sollst Khalife werden und durch deine Tugend und Tapferkeit alle Völker besiegen und beherrschen. Hast du vergessen, daß deine Väter über Persien herrschten? Das Schicksal hat sie von dem Thron gestoßen, um dich mit größerm Glanze darauf zu setzen. Zerreiße das Gewebe deines Geschicks nicht durch Schwächlichkeit: doch du vermagst es nicht, es zwingt dich, seinen Willen zu erfüllen. Was ist das Leben eines Derwisches gegen das Leben eines Mannes, der Völker beglücken soll? Es ist wahr, dieser Derwisch betet für Almosen, um seine Mutter und Geschwister zu nähren – laß sie hungern oder die Reichen ihnen von ihrem Ueberfluß geben. Wir müssen leben. Was ist Dem, der ertrinken soll, das Leben Dessen, der ihn rettet – er eilt nach dem glücklichen Ufer und sieht sich nicht eher nach seinem Retter um, bis er selbst außer Gefahr ist. Die Weissagung des Sterndeuters, die Furcht vor dem Tode lösten schnell Giafars Zweifel. Er entkleidete sich eilend. Der junge Derwisch trat herein, und als er sich in die Stellung eines Betenden niederließ, überfielen sie ihn, entkleideten ihn, stopften ihm den Mund zu, legten ihm Giafars Gewand um, und Giafar warf sich in die seinigen. Dann zog der Sterndeuter einen Strick aus der Tasche und sagte Giafarn ins Ohr: »Besser, wir erdrosseln ihn selbst, man wird glauben, du habest dir Gewalt angethan, dies verhindert die mögliche Entdeckung des Betrugs und rettet uns vor den Verfolgern der Gerechtigkeit. Halte seinen Nacken; in den Sternen steht, er soll eines gewaltsamen Todes sterben, und du Khalife werden.« Giafar bat um des Derwisches Leben. Schemi antwortete: »Eine kurze Frist wird sein Schicksal nicht verbessern, in einigen Augenblicken thut der Henker, was wir nun thun: und wenn man den Betrug entdeckte und uns nachsetzte?« Giafar hielt den Nacken des Unglücklichen – wandte sein Angesicht weg, der Sterndeuter zog den Strick zusammen – der Derwisch erstarrte, und seine Henker entflohen. 15. Die Freude, sich gerettet zu sehen, machte Giafarn schnell die Art vergessen, womit es geschehen war. Die Weissagung des Sterndeuters, der Gedanke, Ahmet, sein Verfolger, lasse endlich von ihm ab, weil er bei den letzten tragischen Vorfällen nicht erschienen, erfüllten abermals sein Herz mit Hoffnung einer glänzenden Zukunft. Er floh mit dem Sterndeuter über Berg, durch Thal, Wald und Einöde. »Wirf dich links, Barmecide,« rief ihm der Sterndeuter zu; »ich wittere von der Spitze jenes dunkeln Waldes her ein Feld mit Leichen bedeckt, ein Fraß für die Vögel des Himmels und die Thiere der Erde. Zwei räuberische Stämme haben hier dem Tod ein Mahl aufgetischt, da sie uneins wegen der Beute wurden, die sie aus einer von ihnen verbrannten friedlichen Stadt schleppten. Laß sehen, ob noch etwas Geschmeide an ihren Leichen zu finden ist. Du sollst die Kleider eines Vornehmen anziehen, der Kittel des Derwisches ist kein Anzug für den künftigen Beherrscher Asiens.« Giafar folgte seinem Befehl. Sie fanden das Feld mit blutigen Leichen bedeckt, wie der Sterndeuter gewittert hatte. »Hier ist wenig zu plündern,« schrie der Sterndeuter verdrießlich: die Sieger haben die Ueberwundenen ausgezogen. Sie liegen alle da, wie sie die Natur ins Leben gestoßen hatte. Gewöhne dich an diesen Anblick, Giafar, wenn du einst über Menschen herrschen willst. Ueber so geschmückte Felder eilt der Held zum Tempel der Unsterblichkeit. Tritt frisch zu und scheue das Blut nicht, das deine Füße netzt, es ist der Thau, der die Wanze des Ruhms auftreibt. Tod , sprach die Natur über alle ihre Söhne aus, erfülle ihren Ausspruch, gleichviel ob die Sichel die Aehre vor der Reife wegschneidet. – In jenem Gebüsche seh' ich einen Schimmer – es ist ein Krieger, der prächtig gekleidet zu sein scheint. – Eile zum Ziel, Giafar, und schnell, ehe dich die Zeit ermüdet. – Giafar eilte nach dem Gebüsch, Schemi folgte ihm, riß dem entdeckten Krieger das Schwert von der Seite und gab es Giafarn in die Hand: »Dieses soll dir den Thron der Khalifen erwerben und mit dem Blute deiner Feinde geschmückt werden. Stille Tugend löst den Mann auf, nur Tapferkeit ist sein Werth und Preis.« Giafar empfing das Schwert und fuhr zurück, als er es für eben dasselbe erkannte, womit ihn Hagul bestochen hatte. Der Sterndeuter lächelte: »Ich sehe, es ist dir bekannt, nun so wisse, es war für dich von dem Schicksal geschliffen. Mit Recht besaßest du es einst: mit zwiefachem Rechte besitzest du es nun. Zertheile Reiche damit, damit dein erhabener Geist sie zu einem großen Ganzen zusammenfüge. Wer groß werden will, muß in den Menschen nur Feinde und Sklaven sehen!« Hierauf reichte er ihm einen Turban hin: Fährst du auch vor diesem zurück, so laß dich lieber von Ahmet leiten, der deine aufstrebende Kraft zu zermalmen strebt. Besser, bedecke dein Haupt damit. Der Strauß an des Khalifen Turban, aus Edelsteinen gebildet, wird ihn einst besser zieren, als dieses Diadem von Perlen. Lege dies Gewand an, und dann wirf deinen Blick auf diesen Elenden. So mag es allen deinen Feinden ergehen. Dieser hier hat Hagul des Schwerts und des Turbans halber ermordet, so erreicht die Rache den Ungerechten. Wirf ihr ein starkes Bollwerk entgegen!« Giafar wollte sich in Bemerkungen über diese Vorfälle einlassen, als ihn das nahe Wiehern einiger Pferde unterbrach. »Horch,« sagte Schemi, »sie fordern den Helden ins Schlachtfeld!« Sie eilten nach dem Ort, woher das Wiehern kam, und fanden zwei zum Kriege gerüstete Pferde, schwangen sich darauf und sausten über das blutige Schlachtfeld davon. Auf einmal befanden sie sich unter dem Gewühl eines versammelten Heers. »Glück zu, ihr Krieger,« rief Schemi, »der Barmecide, der Abkömmling der alten Könige Persiens, bringt euch Sieg!« Man empfing Giafarn mit brüllendem Freudengeschrei, das in der düstern Einöde erschallte. Der Führer lud ihn auf einen Zug gegen einen feindlichen Stamm ein, der vor einigen Tagen Viele von den Ihrigen erschlagen hätte. »Noch liegen sie dort unbegraben,« setzte er hinzu, »und sollen es bleiben, bis ihre herumschwebenden Geister gesehen haben, wie wir sie rächen.« Giafars Blut wallte bei dem Anblick dieser wilden Schaar. Des Sterndeuters Weissagung zeigte sie ihm als Werkzeuge seiner künftigen Grüße, und er griff kühn in das Heft seines Schwerts. Der Sterndeuter raunte ihm ins Ohr: »Es sind Tatarn, Feinde des Khalifen und der Perser!« Ein blutgieriger Blick war die Antwort, die er dem Führer gab. Er sprengte zum Vortrapp, die Schaar brauste über die Haide und machte nicht eher Halt, bis sie den feindlichen Stamm erblickte. Dann schrie der Sterndeuter: Tod dem Heer, das der Barmecide angreift! Die Schaar wiederholte es, und Giafars Schwert wüthete unter den Feinden, wie die Sichel des Todes. Je mehr er Blut fließen sah, je gieriger ward er, zu vergießen. Jeder Schwertschlag sollte ihm den Weg zum Thron, auf welchen er nun seine Aussprüche so gerecht als feurig fühlte, öffnen. Der Feind floh, und noch schnaubte er auf dem blutigen Schlachtfelde. Die Tatarn erstaunten über seine Wuth und seine Thaten, nahten ihm wie einem höhern Wesen, knieten vor ihm nieder, baten ihn, ihr Führer zu werden, und forderten ihn auf, sie gegen neue Feinde anzuführen. Er antwortete: »Wenn ihr mir gelobt zu folgen, wohin ich euch führe, so will ich euer Haupt sein!« Sie jauchzten ihm zu, und der Sterndeuter rief: »Persien ist euer!« 16. Giafar wüthete in Zerstörung fort. Sein Ruhm stieg unter dem Moder der Leichengefilde empor. Er überwand, wohin er zog, und bildete aus den wilden überwundenen Stämmen ein Heer, das Asien den Untergang drohte. Nun stellte er sich an die Spitze desselben, um die Weissagung Schemi's zu erproben, und fand sein blutiges Unternehmen durch den Gedanken gerechtfertigt, er räche durch den Tod des Khalifen seinen edlen Vater. Diesen Gedanken theilte er seinem Heere mit und warf ihnen die reichen Städte und Schlösser als Lohn ihrer Tapferkeit hin. Hierauf drang er in Persien ein, ohne daran zu denken: der Boden, den er verheerte und mit Blut befleckte, habe ihn getragen und genährt. Als der Khalife Hadi vernahm, der Sohn Jahiah Saffahs sei mit einem Heer Tatarn in Persien eingefallen, sammelte er seine Völker und zog ihm entgegen. Es zerflog wie Staub, den der Sturm über die Haide treibt, vor dem Schwerte Giafars. Man führte ihm den gefangenen Khalifen vor, der sich vor ihm niederwarf und um sein Leben flehte. Der Sterndeuter lispelte Giafarn zu: »Durch sein, seiner Brüder und Kinder Leben geht der Weg zum Thron! Das Blut seiner Sklaven hat dein Schwert besteckt, reinige es nun durch das seinige.« Giafar rief: »Mein Vater, heute rächt dich dein Sohn!« und mit diesen Worten spaltete er den Schädel des Khalifen, daß das Gehirn die Umstehenden bespritzte. Triumphirend zog er in die Hauptstadt ein; glühend in Haß, Wuth und Rache setzte er sich auf den Thron der Khalifen. Sein Herz genoß und höhnte die Perser, die im Staube vor ihm lagen. »Komme nun, Ahmet,« sagte er in seinem Stolze, »und störe das Werk des großen Barmeciden!« Seine Krieger breiteten sich aus wie eine fressende Seuche, und Giafar herrschte, als wollte er mit dem ganzen Menschengeschlecht enden. Seine Abgesandten hatten schon vor seiner Ankunft die Kinder und Brüder des Khalifen ermordet, ohne des Säuglings zu schonen. Nur Eins war, was Giafarn noch quälte. Haroun, der älteste Bruder des Khalifen, durch kriegerische Thaten berühmt, war nicht zu finden. Er ließ seine Mutter vor sich führen und drohte ihr mit den schrecklichsten Martern, wenn sie den Aufenthalt ihres Sohns nicht entdecken würde. Unerschrocken antwortete sie: »Giafar, Sohn Jahiah Saffahs, dein Wille geschehe. Der Tod stand auf meiner Seite, als ich ihn gebar; werd' ich ihn jetzt fürchten, da ich den Erwachsenen erhalten kann!« Seine Wuth und Drohungen vermochten nichts über sie. Er ließ sie fesseln, und sie sagte: »Haroun, der Abkömmling des Propheten, wird dich von diesem Thron stürzen, den du mit Verwüstung deines Vaterlandes bestiegen hast!« Giafar. Thörichtes Weib! Stießen nicht deines Sohnes Vorfahren die meinigen eben so gewaltsam von dem Throne, auf welchem ich, ihr Enkel, nun wieder sitze? So wollten es die Rache, die Vergeltung und das Schicksal! 17. Da nun Giafar vernahm, der Vizir herrsche noch immer im Namen des Kaisers über Indostan, so bot er abermals sein Heer auf. Er schnaubte, den Mord Astarte's an dem Kaiser zu rächen, und noch mehr entflammte ihn die Begierde, ganz Indostan zu erobern und dann seine Siege so weit zu verfolgen, bis ihm Asien und Afrika huldigten. Den Sterndeuter ließ er zurück, setzte die Vornehmsten der Tatarn den Provinzen vor, gab ihnen den Auftrag, Haroun aufzusuchen und ihn zu ermorden, sobald sie ihn ergreifen würden. Schrecken, Tod und Verwüstung gingen vor seinem Heere einher. Er lächelte zu den Gräueln von seinem Pferde herunter und sah sie als Mittel zu seinem großen Zweck an. Als der Vizir des Kaisers von Indostan die Schreckenspost vernahm, sah er sich schon als ein Opfer der Rache Giafars an. Der Kaiser bebte nicht weniger, denn er hatte das Schicksal des Khalifen erfahren. Seine Furcht erweckte den erloschnen Muth des Vizirs; er sammelte ein Heer und führte es Giafarn entgegen. Giafar frohlockte, da er die Stunde nahen sah, die ihm seine Feinde in die Hände liefern sollte. Die Indostaner ertrugen seinen Angriff nicht, Alles floh. Giafars Schwert, die Schwerter seiner Krieger wütheten unter den Fliehenden. Schon freute er sich des Sieges, schon warf er sich mit seinem Heere auf die Landstraße nach der Hauptstadt in Tumult, Gesause und Unordnung. Auf einmal hörte er den Ruf der bekannten Wachteln, die sich auf der Spitze der Fahne, die man vor ihm hertrug, niedergelassen hatten. Wie ein unerwarteter Donnerschlag fuhr er durch seine Seele. Ein Schrei des Vortrabs: »es nahe ein neues feindliches Heer!« vermehrte seine Bestürzung; doch faßte er sich und gab das Zeichen zur Schlacht. Das kleine feindliche Heer nahte entschlossen. Schon trieb Giafar sein Pferd an und wollte nach seiner Weise einbrechen, als er Ahmet an der Spitze der Feinde mit bloßem blinkenden Schwert entdeckte. Er erstarrte – sein Arm sank – das furchtbare Schwert zitterte in seiner Hand. – Ahmet stürzte mit seiner Schaar an. Die Krieger, die Giafars Schrecken gewahr wurden, wichen und theilten den andern ihre Furcht mit. Als Giafar dieses wahrnahm, raffte er seine Kraft zusammen: »Sieg folgt dem Barmeciden!« rief er. »Nur gegen den feindlichen Führer wendet eure Schwerter, und Alles ist unser! Er ist Giafars Feind!« Seine Krieger blickten nach Ahmet und schrieen: »Wer kann des weisen Ahmets Anblick ertragen, der Engel des Todes begleitet ihn, und er führt das Schwert der Gerechtigkeit.« Ahmet rannte gegen Giafarn: »Fliehe, dem Schicksal entwickelt sich in Persien!« Giafars fliehendes Heer riß ihn mit fort. 18. Wüthend kam er nach Persien zurück. Er deutete die Worte Ahmets auf die Gefahr, die ihm Harouns Dasein drohte. Endlich gelang es dem Sterndeuter, dessen Aufenthalt zu entdecken. Nun athmete Giafar frei. Er gab Befehl, ihn sogleich vor ihn zu bringen. Durch einen Streich seines Schwerts hoffte er, sich nun Ruhe und Sicherheit zu verschaffen. Man zeigte ihm Harouns Ankunft an. Seine Faust griff gierig in das Heft des Schwerts, als er es vernahm. Haroun trat ein. Ein junger Mann von der erhabensten Gestalt, der edelsten Bildung, dessen Anblick dem kühnsten Mörder das Schwert aus der Hand gewunden hätte, nur dem Mann nicht, der durch sein Dasein einen Thron verlieren konnte. Schon setzte sich Giafar in die Lage, ihn niederzuhauen, als seine Sklaven mit Zetergeschrei hereinbrachen: »Meuterei gegen dein Leben! Ahmet naht, das Schwert der Gerechtigkeit schwingend! Der Engel des Todes begleitet ihn!« Wüthend faßte Giafar alle seine Kraft zusammen, stürzte Ahmet entgegen und hob sein Schwert empor. – »Barmecide!« rief Ahmet mit einer Stimme, die auf einmal seine Kraft lähmte, »das Maaß deiner Verbrechen und Thorheiten ist voll, und ich bin da, über dich zu richten.« Rache und Wuth verließen Giafarn bei dem fürchterlichen Schall dieser Stimme. Plötzlich fühlte er sich von einem brausenden Wind ergriffen, der ihn in eine schwindelnde Höhe riß – dann schleuderte ihn eine Gestalt herunter, die wie ein düstres Meteor gegen ihn an rauschte. Schon nahte er dem Erdboden und glaubte zerschmettert zu werden, als ihn eine Hand ergriff. Leise sank er nieder, noch bebend sah er sich nach seinem Retter um, und als er die Augen aufschlug, fand er sich unbekleidet auf seinem Sopha, und. Ahmet, dessen Hand er noch hielt, stand mit eben dem ernsten, feierlichen drohenden Blick vor ihm, der ihn so oft erschüttert hatte. 19. Giafar fühlte dunkel in seinem erschrocknen Geiste, Ahmets unbegreifliche Gewalt, welcher er so oft unterlegen, habe ihn von dem Throne der Khalifen gestürzt und in diesem brausenden Sturm auf seinen Sopha geschleudert. Er blickte ihn bebend an, und nun schössen die Frevel seiner Thaten, wie von der Verzweiflung befiederte Pfeile des Todes, durch sein Herz und Gehirn. Ahmet brach endlich sein furchtbares Schweigen: »Ist dies der Mann, der gegen Gott und die Natur verwegen murrte? Der Held der Tugend, der die Quelle des Nebels außer dem Herzen der Menschen suchte: der auszog, die Harmonie der Welt wieder herzustellen? Mord, Verwüstung und Zerstörung sind nun auf deiner Stirne eingegraben! Deine Fußtritte haben den Erdboden mit dem Blute der Unschuldigen bezeichnet. – Wehklagen und Geheul erheben sich zum Himmel, wo du gewesen bist, und alle Tugenden deiner Ahnen können deine Verbrechen nicht vergessen machen. Wie, und auch mich, deinen Lehrer, deinen Freund und Retter, wolltest du tödten? O Barmecide! Barmecide! wie leicht ist es, den Unnennbaren und die Natur zu meistern, und wie schwer, ihren Wink zu erfüllen!« Giafar. Furchtbarer; wer du auch seist, so verlasse mich, daß ich nicht in Wuth über dich herfalle. Ich kann deinen Anblick nicht ertragen – du hast mein Dasein vergiftet, dies sei dir genug. Die Rache an mir sei mein Werk. Ahmet. Erst, kühner Vernünftler, will ich dir deine Thaten, ihren Ursprung und ihre Folgen näher ans Herz legen. Du sollst hier liegen und vor dem strengen Richter zittern, den du aufgefordert hast. Ich warnte dich vor dir selbst, ich warnte dich vor der Stunde, die uns, nach deinem Wirken in der Welt, zusammenbringen würde; sie ist da, und du bebst, und das Bewußtsein deines Wahnsinns nagt an deiner Seele. Ich will die Gluth in deinem Gewissen noch mehr aufblasen, damit sie dich langsam aufzehre! Verhülle immer dein Angesicht; das Feuer, das du in deinem Busen gesammelt hast, kühlen keine Thränen, kühlt keine Reue, die von dir mißhandelte Menschheit steigt als Ankläger gegen dich auf! Stolz hast du mich aufgefordert, dich auf die Bühne des Lebens zu stellen, damit deine eingebildete Tugend einen würdigen Kampfplatz hätte. Ich habe es gethan, dich dahin gestellt, wo du Völker beglücken konntest! Du wolltest mir durch dein Beispiel beweisen, der Mensch sei nicht freier Herr des Guten, und meine Lehre sei ein Traum, dessen die Erfahrung lache. Wir wollen nun deine Thaten mit meiner Lehre vergleichen und dann untersuchen, wie und warum Giafar den Gang der moralischen Welt zerrissen hat, den er befördern wollte, den er befördern konnte – daraus werden wir sehen, mit welchem Rechte du dich über die Uebel der Welt beklagest, mit welchem Rechte du die Menschen hassest, mit welchem Rechte du dich gegen den Mächtigen empörst, der dir hohe Kraft zum Guten verliehen, die du allein zur Befriedigung der niedrigsten Leidenschaften genutzt hast – Barmecide – Giafar. Ah, verschone mich mit einem Namen, dessen Last mich vernichtet – Ahmet. Du hast nun deinen Werth mit dem Werth der Menschen abgewogen. Hasse sie, wenn du dich selbst ertragen kannst. Wage, den Erhabenen zum Mitschuldigen der Verbrechen und Thorheiten der Menschen zu machen, wenn ich die deinen in ihrer scheußlichsten Gestalt aus den Winkeln deines Herzens gezogen habe. – Giafar (aufspringend) . Schrecklicher! keine Macht soll mich weiter vor deinem Angesicht fesseln. Ich höre nicht mehr auf dich. Du hast mich durch Vorspiegelung dieser stillen Wohnung entrissen, wo meine Thorheiten nur mir schaden konnten. Du hast über mich gesiegt, wie du es wolltest. Ich bin ein Mörder, ein Ungeheuer, besudelt mit allen Lastern und Verbrechen: sie sind mein Wert, die Werke meiner Leidenschaften. Ergötze dich an meiner Verzweiflung – labe dich an dem scheußlichen Schauspiel, das ich dir bereiten will. Ich eile, meinen Schädel an den Felsen mit dem Bewußtsein dieser Verbrechen zu zerschlagen, und möge mich dann gänzliche Vernichtung verschlingen. – Ahmet ( hält ihn zurück ). Wohl, ich überlasse das Urtheil über dich deinem innern Richter. – Richte dich streng! schaudere vor deinem tiefen Fall und dann raffe deine Kraft zusammen und erhebe dich! Sieh, wenn ich dir die Folgen deiner Handlungen vorstellte, wie ich sie vor mir sehe – dir die Millionen Fäden sichtbar machte, die du zur Befriedigung deiner Leidenschaften in der moralischen Welt zerrissen hast, an welchem das Glück so vieler Geschlechter und ihrer Nachkommen bis ins Unendliche geknüpft war, so würde dich die Vorstellung davon erdrücken, als risse ich jenes Gebirg aus seiner Wurzel und schleuderte es auf dein Haupt. Des Menschen Dasein ist an keine Zeit gebunden, grenzenlos läuft es durch die Kreise der moralischen Welt. Jede seiner Handlungen ist eine neue Schöpfung, ein abermaliger Auswurf der Saat zu neuen Entstehungen, zu Schöpfungen in der Zukunft. Die Masse des Wirkens eines Einzigen übersteigt die Kraft der Vorstellung: die Summe des deinigen würde dich vernichten, ich fasse sie und schaudere davor zurück: doch ich will, du sollst leben. War es nicht die unsinnige Weissagung jenes elenden Sterndeuters, die den Durst nach Herrschaft, die Ansprüche auf einen Thron, den das Schicksal zerschlagen hatte, in dir erweckte? Giafar. Schrecklicher! was mit mir vorgegangen, begreife ich nicht! Nur fühle ich in meinem Innersten jetzt wie bevor, daß ich den Thron der ganzen Erde nicht mit dem Leiden eines Einzigen erkaufen würde. Ahmet. Was du thun sollst – kannst – einst mußt – doch richte dich nur immer auf, ich nehme dir die ungeheure Last mit einem Wort von dem Herzen, und zerschmettert sie dich einst, so fühle sie noch schaudernder: denn sie ist alsdann nur deines Herzens Werk. Das, was nun mit dir vorgegangen ist, war ein Gebilde, das ich vor deine Sinne schuf und das dein Verstand ausdeuten mag. Giafar. Ein Gebilde? Ahmet. Ja, ein Gebilde; aber ein Gebilde, das sich so lebend aus deinem Herzen entwickelte, daß du es für Erfahrung an dir selbst nehmen kannst – Giafar. Ein Gebilde! Ahmet. Ein Traum, der dir für Wirklichkeit gelten kann. Du hast nur einige Stunden geschlafen, hast diesen Sopha nicht verlassen, und ich bin nicht von deiner Seite gekommen. Ich habe dich durch Erfahrung unterrichtet, ohne daß dein Wahnsinn dir oder Andern schaden konnte. So wie du dein Gesicht in dem Spiegel siehst, stellte ich dir deine Seele nackend vor. Durch die Wirkung auf deine entflammte Einbildungskraft setzte ich dich in alle die Lagen, in denen du dich, seitdem du dich niedergelegt, befunden hast. Ich zeichnete deinen Sinnen die Luftgestalten vor, deine Leidenschaften ergriffen sie, und dein Herz übte seine Kraft und seinen Werth daran, als wenn sie wirkliche Wesen wären. Wachend und thätig lebend wäre Giafar in diesen Lagen eben Das geworden, was er in der Vorstellung war. Möchte dieses Gesicht nun den kühnen Vernünftler bescheiden machen! Giafar. Ahmet – wie? – ein Traum – und ich bin nicht Khalife gewesen? Ahmet. Wenigstens hast du die Erfahrung gemacht, wie schlecht du dich dazu schicken würdest, wie leicht es sei, die Herrscher der Erde zu verdammen, und wie schwer, es besser als sie zu machen. Giafar. Meine Hände sind rein von Blut – ich bin kein Mörder – habe nicht den Derwisch erdrosselt – Fatimen nicht ermordet – bin kein Verwüster der Erde – Ahmet. In denselben Umständen hätten dich Wollust, Geiz, Herrschsucht, Schmeichelei, Verschnittene und Sterndeuter dazu gemacht. – Giafar. Verzeihe, wenn ich einen Augenblick daran zweifle, so wahrscheinlich es auch ist. Nur meine, dem Menschen so gefährlichen Sinne wachten; die helle Vernunft schlief allein. Der edelste Mann mag scheußliche Dinge im Traum begehen, und Giafar, der sein Dasein nicht durch die kleinste Ungerechtigkeit um eine Sekunde verlängerte, erkennet sich nicht in dem Gebilde dieser scheußlichen Thaten. Noch einmal, meine Vernunft schlief, mein Herz war erstarrt, und wachend fühle ich mich nun wieder der Mann, der ich war, der ich bin! Nur einen Wunsch empfinde und denke ich, Gutes zu wirken, die Menschen nach meinen Kräften von den Uebeln zu heilen, an welchen sie leiden, und sollte ich auch mein Dasein wagen! Er versank in tiefes Nachsinnen, während welchem sanfte Begeisterung seine Züge zu erleuchten schien. Ahmet beobachtete ihn einige Minuten und fuhr fort: deine Vernunft war nur allzu wach, arbeitete nur allzu sehr zum Vortheil dieser gefährlichen Sinne; aber der Wille zum Guten, die Sympathie, die Quelle des Guten, der Geist oder innere Richter, der über die Handlungen wachen, ihre Folgen vorfühlen soll, diese schliefen bei dem Glanze des Glücks ein, den ich um dich gezogen habe. Giafar. Ha, träume ich noch? Wer bist du, Unbegreiflicher, der du so auf den Menschen wirken kannst und darfst? Ahmet. Was ich bin, faßt und trägt dein Sinn nicht. Noch bin ich, was du bist, und scheine mit gleichen Organen ausgerüstet zu sein. Hüte dich, daß ich dir nie ohne diese Hülle erscheine; denn wenn ich wiederkehre, so erscheine ich ein furchtbarer Richter über das Leben, das du nun beginnen wirst. Die Stunde der Thätigkeit naht, die Menschen rufen dich zum Wirken auf, laß dir dies Gesicht zum Spiegel in deinem künftigen Leben dienen. Du wirst hoch stehen, und Haß, Neid, Rache und Unwissenheit werden an deinen Wurzeln nagen. Deine Tugend soll erprobt werden, wie es nie die Tugend eines Menschen ward. Stehe fest und trotze deinen Verfolgern. Mäßigkeit und Gerechtigkeit seien deine Begleiter; suche die Thorheiten der Menschen, die Quelle des Uebels der Welt, zu heilen, so weit du es vermagst. Fällst du dann, so reiche dir die Tugend die Hand, wie es Ahmet that, da dich der Sturm an der Erde zu zerschmettern drohte. Nach diesen Worten blendete eine helle Flamme Giafars Augen, und als er aufblickte, war Ahmet verschwunden. Der Barmecide saß lange in stummem Erstaunen da und wußte nicht, wie ihm geschehen war. Er glaubte, ein Genius aus der erhabenen Sphäre der Unsterblichen sei heruntergestiegen, um sein Herz von seinen quälenden Zweifeln zu heilen, ihn zur Selbsterkenntniß zu bringen und zu einem großen Leben vorzubereiten. Seine Sinne konnten dieses Chaos noch nicht entwickeln, noch nicht die Täuschung gehörig von der Wahrheit unterscheiden, und sein Verstand fing nur nach und nach an, Licht und großen Zweck in diesem Gebilde zu erblicken. Doch fühlte er immer noch einige Unruhe darüber, ob auch Das, was er mit einer solchen Wahrheit und Wirklichkeit gefühlt und gethan hatte, eine bloße Täuschung sei. In diesen Gefühlen überraschte ihn ein Sklave, der zu ihm trat, ihm anzukündigen, Alles sei zu seiner Abreise nach Indostan bereit. Als Giafar Indostan nennen hörte, goß sich Schamröthe auf seine Wangen. Er antwortete stammelnd – »Die Reise ist vollbracht, entlade die Thiere von ihrer Bürde.« Nun erkannte er ganz, Das, was mit ihm vorgegangen, sei ein warnendes Gesicht, das ein um das Wohl der Menschen besorgter Genius ihm offenbart habe, um ihn über seine peinigenden Zweifel zu beruhigen. Kaum vernahmen seine Mutter und Fatime; Giafar habe seine Reise aufgegeben, so eilten sie beide zu ihm. Freude und Liebe führte sie in seine Arme. Seine Mutter dankte ihm für seinen Entschluß, bei ihr zu bleiben, Fatime sagte nichts; aber ihr sanfter, heitrer Blick, der den reinsten Genuß und die schönste Freude ausdrückte, warf den wohlthätigsten Schimmer in seine Seele. Alles, was mit ihm vorgegangen war, zerfloß in ihrer Gegenwart, und er fühlte nichts als das Glück der Liebe und Freundschaft. Nur bei ihrem Eintritt schauderte die Scene in Samarcand durch seine Seele. 20. Nachdem nun Giafarn das Vergangene immer deutlicher geworden war, und er den ganzen Sinn aus dem Gebilde aufgefaßt zu haben glaubte, setzte er sich endlich nieder und schrieb es nebst seinem Gespräch mit Ahmet ohne alle Schonung seiner selbst nieder. Es sollte ihm zur Richtschnur in seiner Art zu denken und zu handeln werden, und weder das Gefühl der Scham, noch das öftere Herzklopfen, das er bei dieser Arbeit empfand, konnten ihn davon abhalten. So wie er damit fertig war, las er es mit vieler Beklemmung durch und sagte endlich, hingerissen von einem bittren Unwillen über sich selbst: »O wahrlich, darum brauchte wohl kein Genius von dem Himmel zu steigen, um mir zu beweisen, der Mensch sei ein unsichres, ungerechtes und undankbares Geschöpf! Ohne ihn konnte ich dieses wissen, so wie ich fühlen konnte, daß es in ihm liegt, glücklich zu sein und Andere glücklich zu machen. Ja, ich begreife sogar, dieses sei seine Bestimmung, die moralischen Uebel seien sein Werk, und die physischen eine Nothwendigkeit – aber warum? und warum konnte es nicht anders sein? Warum geschieht von allem Dem, was nach den Worten des Genius geschehen sollte, gerade das Gegentheil, und die Welt geht trotz dem ihren Gang fort, als leitete sie –« Er fuhr vor der Folge dieser Gedanken zurück. Sein Blick fiel auf die um ihn her zerstreut liegenden Bücher: »Es ist das Gift, das ihr in euch schließt, welches diese Wirkung auf mich thut. Ich will euch vernichten, Fatimen zum Weibe nehmen, Kinder zeugen und sie vor euch bewahren. Der Genius sagt: jede unmoralische Handlung des Menschen sei ein Widerspruch seiner Natur, und Giafar sagt: je beschränkter unsere Verhältnisse sind, je weniger laufen wir Gefahr, unsere moralischen Pflichten zu verletzen. Darum will ich mich hier anbauen und nie einem Khalifen oder Großen nahen. Mein Ehrgeiz sei, weise und vergnügt zu werden!« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als alle seine Sklaven zu ihm rannten und ihm eine Gesandtschaft des Khalifen ankündigten, die mit aller Pracht und Feierlichkeit nahte. Giafar empfing sie nach der Weise des Landes und betete das überbrachte Schreiben an. Der erste Gesandtschafter sprach: »Haroun Alraschid, der Khalife, sendet uns zu dem Barmeciden Giafar! Er läßt dich an seinen Hof einladen, wie dieses Schreiben dich lehren wird. Er sucht einen Freund und weisen Rathgeber und hofft ihn in dir zu finden. Auch wünscht er die Tugend deines Vaters in dir zu belohnen, die Hadi zu seinem Unglück mißkannt hat. Durch deine Hülfe denkt er die Wunden zu heilen, die Hadi's Unsinn seinen Unterthanen geschlagen hat. Giafar fuhr bei dem Namen Hadi zusammen; das schreckliche Erinnern, er habe Hadi mit eigner Hand getödtet und das Schwert gegen Haroun aufgehoben, drang wie ein Pfeil durch sein Gehirn. Er sah seine Thaten in diesem Augenblick für Wirklichkeit an und fragte mit zitternder Stimme: »Ist der Khalife Hadi todt? Wann und wie ist er gestorben?« Der Gesandtschafter. Seine Mutter hat ihn vergiftet, weil er zum Nachtheil ihres Sohns, des tapfern Harouns, einen seiner Söhne zum Erben des Throns der Khalifen ernennen wollte. Giafar athmete frei, blickte freudig gen Himmel. Er sah den Spruch Ahmets in Erfüllung gehen, vergaß seinen Plan, sich zu beschränken, und als die Gesandten ihn als Vizir im Namen des Khalifen begrüßten und hinzusetzten: »die Völker Asiens richten ihren Blick auf Jahiah Saffah's edlen Sohn,« rief er mit Feuer: »Soll noch ein Opfer um der Tugend willen aus dem Stamm der Barmeciden bluten, so bin ich bereit. Ahmet sagte mir, meine Tugend sollte erprobt werden, wie es nie die Tugend eines Menschen ward. Die Weissagung schreckt mich nicht ab. Ich werfe mich muthig jedem Sturm entgegen. Laß mich ihn bekämpfen, mein Vater, wie du es gethan hast; soll ich dann fallen, so falle ich wie du, und mein Name werde genannt, wie der deine!« Drittes Buch 1. Satan, der Herrscher der Hölle, saß ernst und düster auf seinem erhabenen, ehernen Throne. Die Mächtigen des dunkeln Reichs standen um ihn herum, wie die Höflinge um einen Fürsten, der eben die Nachricht erhalten hat, seine Kasse sei leer, alle Mittel, sie zu füllen, erschöpft, den Unterthanen weiter nichts mehr zu nehmen, und sein Nachbar, unterrichtet von der Erschöpfung, im Begriff, den besten Theil seiner Staaten an sich zu reißen. Doch war nur das Letzte der Fall Satans. Zum zweitenmal war sein Botschafter am Hofe Karls des Großen mit widrigen Berichten zur Hölle gefahren. Die ersten lauteten: »Karl habe die Sarazenen auf Spaniens Grenzen völlig geschlagen.« Da nun Satan sich immer schmeichelte, die Sarazenen würden die der Hölle so fürchterliche Religion endlich aus Europa, wie aus Afrika und Asia verdrängen, so fuhr er ergrimmt auf; doch lieh er noch diesmal dem Fürsten Moloch sein Ohr, der ihm folgenden Trost zurief: »Worüber ergrimmst du, Herrscher der Hölle? Haben nicht die Pfaffen und deine Schüler, die Philosophen, ein so scheußliches Gewebe von Unsinn und niedrigem Eigennutze aus dieser uns furchtbaren Religion gemacht, daß keine Spur ihres reinen Ursprungs mehr zu entdecken ist? Laß den Ewigen nun ergrimmen, dessen Wort und Werk seine Ebenbilder und Günstlinge so schändlich verpfuscht haben. Die Hölle kann nur durch die Ausbreitung dieser Pfaffenreligion gewinnen. Auch ich ergrimmte einst, da die Opfer aufhörten, die der weise Salomo an den mir geweihten Altären schlachtete. Doch, bei dem Blute der Säuglinge, das vor meinem Bilde in den Flammen zischend dampfte, ich tröste mich nun wieder, da ich sehe, daß die Söhne des Staubs, welche sich der Ewige durch einen neuen Bund erkauft hat, ihre Brüder zu Tausenden der religiösen Wuth schlachten, die, bei deinem Throne sei es geschworen, weit verderbender ist, als wir alle hier zusammen genommen. Befiehl nur, die Schatten der letzten Jahrhunderte zu mustern, und du wirst für einen Nachfolger Mahomets Tausende Jenes finden, bei dessen Namen die Hölle erbebt.« Aber anders ward es Satan zu Muthe, als er nun vernahm: Karl habe endlich die Sachsen zur allein seligmachenden Religion mit dem Schwerte bekehrt und die Ueberbliebenen in dem von ihrem Blute gefärbten Flusse getauft. Er warf seinen knotigen Zepter auf den ausgebrannten, hallenden Boden, schüttelte sich auf seinem Throne, daß die Grundfeste des dunkeln, unendlichen Gewölbes erbebte, die Teufel auf dem erschütterten Boden wankten, das Gesindel der Hölle zitternd und heulend niederfiel und die Verdammten in den aufgerührten Pfuhlen fluchten und brüllten. Nur Satan stand unerschüttert – er sah dem Beben der ungeheuren Höhle einen Seigerschlag zu – freuete sich seiner Kraft – setzte sich nieder – streckte seinen Arm aus, und die schwankende Wage stand. Die Mächtigen sahen ihn erstaunt an; aber er dachte als Herrscher bei sich: »Kann es doch nichts schaden, daß ich ihnen zu Zeiten durch den Sinn fahre und ihnen zeige, was ich vermag!« Schnell hüllte er sein Angesicht wieder in Dunkel, und seine Stimme erscholl nun durch die Hölle, wie wenn der Donner eines zwischen den Alpen gefangenen Gewitters in tausendfachem Wiederhall an den Felsen erschallt. »Soll ich nun wiederum einen Theil meines Reichs verlieren? Sollen alle kräftige Söhne der Natur auf Erden vertilgt werden, und die Hölle sich von nun an bloß mit Sündern füllen, die Mönche und Tyrannen ausgesogen haben? Sollen nur Schattengestalten herunterfahren, und keine Geister mehr, die mir durch genialischen Schwung und jovialische Laune die düstre, einförmige Herrschaft über die Hölle erträglich machen? Soll ich hier auf meinem ehernen Thron sitzen, wie der Abt eines Klosters, der über Bauchpfaffen herrscht? Was! soll die Hölle, einst der Zufluchtsort kühner, kraftvoller, aufrührischer Geister, nun der Aufenthalt des Auswurfs von Menschen werden, deren Verlust der Ewige nicht einmal vermißt?« Kalt und plump erwiederte Moloch: »Was doch der Zorn für ein wunderliches Ding ist! Selbst der erhabene Satan vergißt seinen Vortheil, wenn ihn der Zorn ergreift. Doch stellt er sich nur so grimmig. – Hörst du denn nicht, daß er sie mit dem Schwerte bekehrt, in ihrem Blute tauft, nach der sanften Art der eifrigen Christen? Bedenke doch nur, was dies Werkzeug des Glaubens auf Die wirkt, gegen die es geführt wird; aus Denen machen muß, die es führen? Laß diese Apostel nur wüthen, Satan; die Hölle öffnet sich den Bekehrern und den Bekehrten, und was ihre künftigen Laster betrifft, so versichere ich dich, du selbst wirst in Verlegenheit sein, sie zu benennen. Ich dächte doch, die Schatten, die zahllos aus dem griechischen Reiche herunterfahren, hätten dich endlich überzeugt, daß diese Christen zu denen dem Menschen eignen Lastern solche neue und originelle gefügt haben, die ihren blöden Vorfahren gänzlich unbekannt waren. Vermutlich werden diese auch nur darum von dem Patriarchen in Konstantinopel und dem Manne, der über die sieben Hügel herrscht, verdammt.« Obgleich Satan Dies alles faßte und den Vortheil dieses Bekehrungsgeschäfts für die Hölle einsah, so fühlte er doch in diesem Augenblick zu viel als herrschender Fürst, um den Verlust eines ganzen Landes so leicht ertragen zu können. Mit bittrem Grimme dachte er an die Verwüstung seiner Tempel in Sachsens Hainen und verharrte noch immer in seinem düstern Sinne. Schon fingen die Teufel an, des langweiligen Hofzwangs müde zu werden, als Fürst Leviathan wie der Pfeil des Todes hereinfuhr. Da sie ihn erblickten, erhoben sie ein Jubelgeschrei, und Leviathan! Leviathan! erscholl bis in den äußersten Winkel der Hölle. Satans finstre Stirn heiterte sich auf, da er seinen Liebling so schnell daher fahren sah. Er reichte ihm die Rechte, die Leviathan ehrerbietig küßte. Hierauf zog er ihn sanft zu seinen Füßen und fragte ihn mit melancholischer Freundlichkeit: Hasser, Verderber der Söhne des Staubs, was bringst du aus Asien? Leviathan. Nicht viel; du weißt, daß, seitdem Mahomet dieses Volk zum Dienst des Ewigen geführt hat, in Asien für die Hölle schlechte Zeiten sind. Doch nur Geduld, die Begeisterung wird sich schon legen! – Puh! willkommen, Dampf der Hölle! Wohl mir, daß ich wieder da bin, wo man Das, was man ist, so ganz ist. Beim Geheul und Winseln der Verdammten, ein Teufel könnte unter den Schwächlingen seine Kraft verlieren, wenn er lange mit ihnen hausen müßte. Indessen höre, was Leviathan gethan hat. Ich kann eben nicht sagen, daß ich stolz darauf bin, doch hoffe ich auf deinen Beifall, wenn Das reift, was ich ausgesäet habe. (Mit kaltem Stolze.) Es ist nichts weniger, als der gänzliche Umsturz des Hauses der stolzen, uns verhaßten Barmeciden. Satan und die Teufel riefen erstaunt: Das Haus der Barmeciden? Leviathan. Ja, das Haus der Barmeciden! der Thoren, die seit Jahrhunderten für das Glück der Menschheit arbeiten, welche die Wunden zu heilen streben, die Asiens Herrscher ihren Sklaven schlagen! Die durch ihr Beispiel und Wirken der Hölle mehr Seelen entrissen haben, als die unsinnigen Kriege der Prälaten in Konstantinopel herunter fördern können! Wir erinnern uns kaum, daß einer dieses Geschlechts herunter gefahren sei, vielleicht daß wir nun diesen erhaschen und dem Geschlechte der Thoren durch ihn ein Ende machen. Satan. Und Alles, was du gethan hast, läuft auf ein Vielleicht hinaus? Ist dies ein Wort für Leviathan, der nie einen Sterblichen belauscht hat, ohne das Register seiner künftigen Sünden, die Gewißheit seines Falls mitzubringen? Als du begannst, dacht' ich schon, er sei gefallen und Alles mit ihm, was diesen Namen trägt. Leviathan. Hört es, alle ihr Teufel, ich habe die Erfahrung seit Jahrtausenden gemacht: der Sitz der Undankbarkeit ist ein Thron! – Verzeihe die rasche Aufwallung, Herr, und vernimm, was ich entworfen habe. Durft' ich ihm Gewalt anthun? Durft' ich Dem nahen, um den ich schon so lange in der Ferne vergebens herum schwebte? Satan. Was? sprichst du nicht von Giafar? Steht der nicht nah an der Grenze meines Reichs, seitdem er sich in die Arme meiner Tochter, der Philosophie, geworfen hat? Leviathan. Ja, er hat den Zauberbecher des Wissens gekostet, doch noch ferne halten ihn sein thörichtes Herz, seine eiskalte Vernunft von unserm Reiche. Er nagte an dem unauflöslichen Knoten, wie der thörichte Goldmacher an unserm Geheimniß, kämpfte mit den Hirngespinnsten seiner verwilderten Einbildungskraft, strebte, lechzte nach Wahrheit und ertappte, was der Sohn des Staubs immer ertappt, seine Gestalt in Verzerrung . So sah ich eine alte Vettel aus rothen, triefenden Augen nach einem kraftvollen Jüngling blinzen; ich hauchte in ihre vertrocknete Phantasie, sie fühlte sich im Frühling ihres Lebens, da hielt ich ihr schnell einen Spiegel vor, sie spuckte auf das Glas, das ihr die scheußliche, runzlichte Larve zeigte, und watschelte heulend davon. Doch der Mißgriff vermochte nicht, das Herz dieses Thoren zu vergiften, wie ich es hoffte; er murrte nicht über sein Elend, er murrte über das Elend Anderer und jammerte nur, daß er es nicht heilen konnte. Höre nun, wie ich ihn gefaßt habe, bemerke den feinen, auf das Herz des Menschen berechneten Plan, und dann erstaune – ihn will ich durch den Götzen seines Hauses – durch Das stürzen, was die Menschen Tugend nennen, und sein ganzes Geschlecht unter den Trümmern des erhabenen Hirngespinnsts begraben. Satan (lächelte und liebkoste Leviathan) . Laßt mir doch die plumpen Teufel näher treten, die sich nur immer an das Gesindel von Menschen machen, das schon als Eigenthum der Hölle geboren wird. Sie sollen hier von einem gewandten Leviathan lernen, wie man nach Absichten handelt und den Wolkenrittern beikommt. Ich wittre aus dem scharfen Blick des Fürsten etwas Neues und Originelles – horcht auf! Die Teufel nahten, wie Hofleute, denen ihr Fürst winkt, die Thaten seines Günstlings anzuhören. Leviathan antwortete Satan: Das Lob am Ende der That! Ich saß auf den Trümmern Persepolis' und erinnerte mich mit Freude des Zerstörers der herrlichen Stadt. Unter dem Schutt hatten sich Unglückliche verkrochen, die der Grausamkeit des Khalifen Hadi und seiner Statthalter entflohen waren. Vom wilden Peiniger, dem Hunger, getrieben, fraßen sie das Ungeziefer, welches das Gift mit der Fäulniß zeugt, verfluchten beim ekelhaften Schmause ihr und des Wütherichs Dasein. Ihre Flüche entzückten mich, und ich wünschte dem Menschenverderber das Alter des Greises. Plötzlich sah ich Astargoth mit des Khalifen Hadi dunkelm Schatten an mir vorüberfahren. Ich schwang mich ihm nach und vernahm: »seine Mutter habe ihn vergiftet, um den uns verhaßten Haroun zu retten.« Betäubt sank ich auf den Schutt zurück. Was hatten wir durch den Frevel des Weibes gewonnen? Er war schon unser. Gelang es ihm gegen seinen Bruder, da war Gewinnst für uns zu hoffen, und gern hätte ich dann diesem das Paradies seines Propheten gegönnt. Der Gedanke, daß nun Asien, welches der Unsinn des Vergifteten verwüstete, durch Harouns Weisheit wieder blühen sollte, machte mich so rasend, daß ich dreimal die ungeheuern Rümpfe von Säulen umfaßte, um sie auf die Flucher unter mir zu stürzen – sie wankten im Grunde und standen. Ich fühlte die Macht, die sie hielt, und entfloh. Verdammt sei die Kraft, die in ihrer Ausdehnung gehemmt ist und zurück gedrückt ihrem Besitzer zur Marter wird! Gift, Grimm und Rache trieben mich so schnell, daß ich durch die Luft schoß, wie der Neid durch das Herz des Sohns des Staubs beim Anblick des Glückes eines andern des verhaßten Geschlechts. Ich schlich um Harouns Palast, und, Satan, was ich nicht zu wagen hoffte, ich durfte ihm nahen; denn in seiner Brust wüthet eine verschlossene Gluth, welche die Tugend dieses Stolzen aufzuzehren droht, sie vielleicht verschlingt. Satan. Verdammtes, abermaliges Vielleicht – Leviathan, zum erstenmal hört man dir an, daß du unter Menschen warst. Leviathan (stolz) . Meine Absicht ging auf Männer, nicht auf Menschen. Wer bemerkt den Fall eines Menschen? Nur der Fall von Männern, wie diese hier, erschüttert die moralische Welt. Satan. Um so mehr hasse ich dein Vielleicht . Ich weiß, worauf du deutest, und sage dir, Haroun ist gefallen . Leviathan. So erhebe die Hölle ein Siegsgebrüll; ich aber, der ich seine Kraft gewogen habe, sage vielleicht , und abermals vielleicht . Satan, was kannst du von einem Manne anders sagen, welcher der forschenden Vernunft durch Frömmigkeit, der Güte durch Strenge, der Wollust durch Ehrgeiz, der Herrschsucht durch Menschlichkeit, der strengen Gerechtigkeit durch Milde die Wage hält? der bei jeder seiner Thaten auf die Folgen sieht? Versuche es nur mit einem der Regenten, der weise genug ist, der Tugend aus Interesse anzuhängen! Ich, der Bescheidene, sehe voraus, daß er diese geheime Gluth nur durch den Fall eines Andern besiegen kann, und ist es Giafar, der ihn retten muß, so ist Harouns Sieg über sich ein Sieg für die Hölle; denn auf einen Regenten, wie Haroun, folgen, wenn es recht gut geht, Thoren; aber diese Barmeciden glänzen seit Jahrhunderten, durch Stolz und Vorurtheil, in ununterbrochener Reihe, als Heroen der Tugend, und ein Sieg über sie ist ein Sieg über die ganze Menschheit. Ich vernahm, daß Haroun Befehl gab, diesen Giafar, um der Tugend seines Hauses willen, als Großvizir nach seinem Hofe zu rufen. – Satan. Hm, ein Einfall, der den Herrschern in Asien selten kommt! Leviathan. Und den er als Herrscher bereuen soll! Der Wunsch kam rasch aus dem Herzen des Khalifen, und ich sah bei seiner Entstehung, was ein Barmecide unter einem Haroun, und ein Haroun durch einen Barmeciden wirken könnte. Ergrimmt fuhr ich nach dem Euphrat, um diesen Giafar in seiner gewählten Einöde zu belauschen. Die Natur arbeitete in fürchterlicher Gestalt, die Erde auf Kosten des Lebenden zu erfrischen. Ein wilder Sturm raste, die Wolken zerrissen an dem Gebirg, der Euphrat ergoß sich und brauste, bedeckt von den Söhnen und Töchtern des Staubes und ihrer Habe, dahin. Das Brüllen des Sturms, das Sausen der Gewässer, das Winseln und Geheul der Verunglückten entzückten mein lauschendes Ohr, noch mehr entzückten mich die kühnen Worte, die ich durch den Sturm vernahm. Giafar stand auf einem Felsen und haderte mit dem Ewigen über die Zerstörung. Schon kannte ich ihn für einen der Thoren, die da fassen wollen, was dem Staube versagt ist, die sich zum Mittelpunkte der ungeheuern Maschine machen und dem Mächtigen den Plan seiner ihnen unbegreiflichen Haushaltung nach ihrem stumpfen Sinn, ihren schwachen, kränklichen Nerven, ihren selbstigen Begriffen von Glückseligkeit und ihrem kindischen Stolze zuschneiden. Der Ewige hatte sein Auge von dem frechen Empörer gewandt, sein guter Engel war bei diesen wilden Ergießungen von ihm gewichen. Mein Blick durchdrang sein und Harouns Herz; ich sah, daß ihn der Ruf des Khalifen von seinem Wahnsinn heilen würde – und reif war mein Plan. Ich erhob mich, schwebte über den tobenden Fluthen und gaukelte ihm ein Blendwerk vor. Mir mußten Mutter und Nichte ihre Rettung danken, ob sie dieselbe gleich nur ihrem eilenden Fuße schuldig waren. Dann kroch ich in die Maske eines ehrwürdigen Weisen, nahte ihm plötzlich und schalt ihn über seine Vermessenheit. Meine Worte, mein erhabnes Aeußre, meine vermeinte gute und gewagte That, das Wunderbare, in das ich mich hüllte, unterjochte seinen Verstand und sein Herz. Bald gaukelte ich ihm eine Art von Theodicee vor, um ihn für den Hof des ruhm- und herrschsüchtigen Khalifen zuzurichten. Schwatzte als Philosoph im Geiste der Menschen, der Wissenschaften, die du sie gelehrt hast, und flickte ein System zusammen von glänzender Wahrheit, täuschenden Irrthümern, aufgeputzt mit Sinn und Unsinn, Licht und Dunkel, wobei ich Sorge trug, daß der Mensch überall als Mittelpunkt der Schöpfung hervorragte. Satan, bei der ersten Gelegenheit will ich dich damit einschläfern. Der Sohn des Staubes wollte das dünne, schimmernde Gewebe mit seinen groben Sinnen betasten, ich zerhieb den Knoten, zog eine leuchtende Wolke vor seinen Verstand, kitzelte seinen Stolz und entflammte, begeisterte seine Einbildungskraft. Ich sprach ein Langes und Breites von der hohen Bestimmung des Menschen, seiner Selbständigkeit, weitern Veredlung durch sich, von der Freiheit des Willens, die, wie du weißt, die Lieblingsgrille dieser Sklaven der Sinnlichkeit ist. Dann würzte ich das Ganze mit einem Zusatze von moralischer Harmonie der Welt, von der Verbindung durch sie mit dem Ewigen, und zeigte ihm, wie sie diese Harmonie durch ihre Thaten befördern und stören können. Um endlich alle seine Kräfte auf Einen Punkt zu spannen, bewies ich ihm, wie nur Geister seines Schlags die Welt von den moralischen Uebeln heilen könnten, und wie die physischen nur Hirngespinnste wären, die ihre Unwissenheit erzeugte. Das Herz verschlang die trüben Erfahrungen des Verstandes, alle seine vorigen edlen Gefühle, die sein düstres Forschen erstickt hatte, erwachten, er glühte – Satan. Warum verstummst du auf einmal? Leviathan. Bei der Hölle – der Mensch ist ein erhabenes, sonderbares Wesen! Mit Erstaunen, Grimm, mit Durst nach Rache sah ich diesen an – kalt gegen den Ewigen, wie alle Forscher des Unfaßlichen, empört von den Uebeln und Leiden Andrer, gleichgültig gegen sich selbst, belebt ihn der reinste, nun stärkste Wille zum Guten. Seine Vernunft senkte Licht in sein Herz, das Herz gab dieser von der empfangenen Wärme und Klarheit zurück, und von beiden getragen und begeistert, erhob er sich über das düstre, verworrne Labyrinth, in das ihn seine Einbildungskraft und Erfahrung geschleudert hatten. Eben der Mann, der mit dem Ewigen haderte, ihn in finsterm Mißmuth lästerte, der ein ungeheures System nach dem andern aufstellte – der an der Tugend verzweifelte, während er vor dem Gedanken des kleinsten Verbrechens zurückschauderte, derselbe Mann, der ein Spiel der Zweifel, des Unsinns und der Widersprüche war, würde damals wie jetzt eher sein kurzes Dasein aufgeopfert, als eine Handlung begangen haben, durch die der schlechteste seiner Brüder hätte leiden können. Was hat der Ewige mit dem Menschen gemeint? Bildete er ihn darum so elend, beschränkt und widersprechend, um die Erhabenheit, die er mitten in seine Brust gedrückt hat, merkbarer zu machen? Um deutlicher zu zeigen, nur dadurch sei er sein Werk? Verflucht, daß ich diese Bemerkung an Diesem machen mußte! Satan. Und dreimal verflucht, daß du mir sie wiederholst. Ha, wer spricht dahier, wie ein faselnder Mönch? Was soll mir dieses mystisch-platonisch-poetische Geschwätz? Ist dies Leviathan, der Verderber der Menschen? O des herrlichen Stücks Arbeit für einen Teufel! In einem Sohne des Staubs die schlafenden Tugenden bis zur Schwärmerei zu erwecken, dann vor mich mit siegversprechender Miene zu treten und in dem Narren dem ganzen verhaßten Geschlechte eine Lobrede zu halten, weil es dir an Sinn und Gewandtheit fehlte, ihn zum Bösewicht zu machen! Leviathan erwiederte kalt: Satan, alle, die da herrschen, gleichen sich; rasch im Wollen, noch rascher im Urtheil! Ich sagte dir und wiederhole dir: diesem Giafar war nicht durch das Laster beizukommen, und ich, sei es auch bloß um der Neuheit willen, bin stolzer darauf, ihn durch die Tugend, als durch das Laster zu stürzen. Mir schmeichelt nur ein Sieg, den ich durch einen feinen, absichtsvollen, auf Menschenkenntniß gebaueten Plan erwerbe; und wenn er deines Beifalls nicht werth ist, so schenke ihn meinetwegen immer den stumpfen Geistern deines Reichs, die so brausend und keuchend herunterfahren, wenn sie einen elenden Kerl aufgefangen haben, der schon auf dem Wege zur Hölle war. Satan. Kann ich gelassen anhören, wenn du in Gegenwart der Großen meines Reichs die Söhne des Staubs erhebst? Hat nicht auch die Hölle ihre Schwächlinge? – Doch fahre fort, Geliebter, der Eifer für des Reiches Beste verblendete mich – Leviathan. Voll großer Entschlüsse schlummerte der Barmecide ein, und ich, um ihm Mißtrauen gegen sich selbst beizubringen, ihn dadurch ganz auf meinen Zweck zu spannen, dabei gelegentlich zu beobachten, ob nicht im Innern seines Herzens ein Funken verborgen glimmte, den ich nach Umständen zur Flamme der Wollust, der Herrschsucht und Goldbegierde aufblasen könnte, gaukelte ihm ein Gesicht vor, in welchem ich meine ehrwürdige Rolle fortspielte und ihn sich selbst in der verworfensten erscheinen ließ. Er wußte nicht, wie ihm geschah, ich hatte seine Vernunft eingeschläfert und nur seine Sinne berührt. Bei seinem Erwachen wollte ich die Wirkung dieser auf sein Herz beobachten; aber Verzweiflung war sein Erwachen. Ich stand an seiner Seite, und jedes meiner Worte ward seiner Brust zum Biß der Schlange. Er sprang auf, das Erinnern seiner Thaten mit seinem Gehirne an die Felsen zu zerschmettern; gern würde ich ihn dazu angetrieben haben, wenn sich meine Macht so weit erstreckt hätte, wenn mir's um ihn allein zu thun gewesen wäre. Ich entwickelte ihm die Täuschung, sprach in warnendem Tone von den nahen, harten Prüfungen seiner Tugend und verschwand, um mich nach den Begriffen seines Volks zu modeln, in der lichten Gestalt eines Genius. Die Gesandten Harouns kamen an, und nun rüstet sich mein Held der Tugend, die Harmonie der Welt an des Khalifen Hofe zu befördern. Satan. So fahre schnell hinauf und blase diesen Khalifen an; denn wenn nun er, der, wie wir alle wissen, selbst ein Stück von Wolkenritter ist, sich in dem noch heißern Wolkenritter gefiele – Leviathan. Es hat weder Noth noch Eile; ich kenne das Herz der stolzen Herrscher durch Erfahrung in der Hölle und auf Erden. Wer hier, unabhängig von dir, das Böse thun wollte, der würde eben so gut fahren, als Der dort oben, welcher das Gute, unabhängig von seinem Herrn und Herrscher, thun wollte. Sei ganz unbesorgt; denn wenn der Teufel, hört' ich einmal einen jovialischen Burschen sagen, einmal einen ganz ehrlichen Kerl an den Hof gebracht hat, so kann er von ihm Abschied nehmen und das Weitere den Hofleuten und seinem Herrn überlassen. Satan (lächelte) . Giftiger Schmeichler! Leviathan. Laß nun wirken, was ich angelegt habe. Die Tugend muß dem Menschen in einem sanften, leichten, gefälligen und freundlichen Gewand erscheinen, wenn er sie an Seinesgleichen ertragen soll; am Hofe muß sie gar ihren hohen Glanz mit dem von dem Herrscher erborgten Schimmer übertünchen, wenn sie sich da erhalten will. Davon weiß dieser Barmecide nichts. Ihm habe ich sie zur Dichterei gemacht. Das, was seine weisern Vorfahren mit Bescheidenheit und Kälte gethan haben, wird er nun mit ernstem, kraftvollem, schonungslosem Nachdruck thun. Hast du je gehört, daß ein Großer dem Kleineren verzieh, wenn dieser sich durch Eigenschaften auszeichnete, durch die er selbst sich auszuzeichnen dachte? Erträgt der Sohn des Staubs die Vorzüge seines Bruders? Und wie ein Herrscher? – Wenn er nun einst den gewöhnlichen Lohn der Tugend eingeerntet hat, das schreckliche Gefühl darüber an seinem edlen Herzen nagt, seinen erhabenen Verstand verdunkelt und ihm seine Aufopferung Raserei scheint, der Glauben an die Tugend wankt, die Zweifel ihn von neuem überfallen und die Blendwerke von Größe und Rache vor seinen Augen spielen, so müßte er mehr als Mensch sein, wenn ich ihn nicht zum schrecklichen Zerstörer eben dieser moralischen Welt machte, von welcher er nun so dichterisch schwärmt. Schon sehe ich die Ungeheuer sich bilden, die den stolzen Wolkenritter erdrücken werden; und dann will ich vor ihn treten, ihn entweder zum Narren oder zum Verbrecher machen, und gelingt mir dieses nicht, so soll er wenigstens in Verzweiflung das Phantom verfluchen, dem er nachgejagt hat. Satan. Vortrefflich, Leviathan; tief ist dein Plan gedacht, reif seh' ich ihn. Mit Entzücken genieß' ich im Voraus den Sieg über diese Barmeciden, der, wie du richtig sagst, ein Sieg über die ganze Menschheit ist. Merkt doch genau, ihr trägen Teufel, auf meines Leviathans Worte und lernt von ihm, wie man die Wolkenritter stürzt. Der süßeste Triumph für die Hölle ist der Fall des Gerechten durch seine Tugend, und unser herrlichstes Schauspiel, ihn von den Klauen Derer zerreißen zu sehen, denen er sich aufgeopfert hat. Damit uns dieser Genuß nicht fehle, daran arbeiten die Unsinnigen vom Anbeginn der Welt, und auch nur so konnten sie ihr Glück zerstören. 2. Giafar rüstete sich mit seiner Familie zur Reise, übergab sein Gut einem armen Nachbar und warf am letzten Abend seine ganze Büchersammlung in die Flamme. Lächelnd sah er sie zu Asche werden; ihn dünkte, alle die in ihnen verschloßnen bösen Geister führen nun zürnend heraus, daß sie ihn ferner nicht mehr quälen könnten. Er schüttete die Asche in den Euphrat und rief: »Werde sammt meinen Zweifeln in das Weltmeer getrieben und kehre dann nur mit ihnen zurück, wenn der Fluß, der dich dahinreiht, sich gegen seinen Strom wendet!« Den folgenden Morgen begab er sich unter der glänzenden Begleitung der Abgesandten Harouns auf den Weg nach Bagdad, wo der Khalife sein Hoflager hielt. Um zu wissen, wie sich ein Mann benehmen wird, den ein mächtiger Fürst der Erde unerwartet zu einem hohen Posten berufen hat, muß man genau auf die ersten Bewegungen seiner Seele lauern; seine Aeußerungen behorchen, bevor er Zeit findet, nach der Maske der Verstellungen zu greifen und seine feurigen Wünsche, kühnen Hoffnungen, frohen Aussichten, plötzlich entsprungenen Entwürfe in das Innerste seines Herzens zurückzuziehen. Man muß aufmerken, wie er die Glückwünsche der vermeinten und wirklichen Neider, der über und unter ihm Stehenden annimmt, was er für sich, seine Angehörigen für Anstalten macht, wie sich diese gegen Andere benehmen; aus welchen Beobachtungen sich dann mit vieler Gewißheit bestimmen läßt: ob sich der Fürst und das Land des Berufenen zu erfreuen haben werden. Ist nun dieser Fürst einer der größten der Erde, welch eine Probe für das Herz und den Verstand! da die Lieblingsneigungen des Menschen, Eitelkeit, Stolz, Wahn, Gold- und Herrschbegierde auf einmal so rasch den Damm überspringen können, der sie bisher eingeengt hat. Schrieben wir Satiren, so würden wir hier einen Finanzminister anführen, der beim Antritt seines Postens in einem sehr verschuldeten Reiche (wie bekannt die ergiebigsten für den Finanzminister) eine große Summe von einer Gesellschaft Kaufleute borgte und sie bald darauf mit einem ausschließenden Handelszweig bezahlte; einen Staatsminister, der, um sich auf seine Rolle vorzubereiten, in dem ersten Augenblick seiner Erhebung ein heilig gegebenes Wort seinem Freunde brach, mit der Entschuldigung, die Verpflichtungen der Großen hatten keinen Maßstab und bänden nur nach ihrem Vortheil; einen Schriftsteller, der die Zuschrift seines neuesten Werks an seinen Wohlthäter zerriß, weil er ihn, nach erhaltener Beförderung, nicht mehr brauchte und die Welt nicht daran erinnern wollte, was er ihm schuldig sei. Giafar wußte von Diesem allen nichts. Er saß auf seinem Pferde und schien mehr zu träumen, als zu denken. Stiegen auch Wünsche in seinem Herzen auf, so betrafen sie nicht ihn; machte er Entwürfe, so knüpfte er sie nicht an den unreinen Faden des Eigennutzes: dachte er des Fürsten, zu dem er zog, so wünschte er ihn weise, gerecht und menschlich; gleichgültig gegen sein eignes Loos, wünschte er nur, daß er ihm wenigstens erlauben möchte, jenes sein zu dürfen. Das Vergangene beschäftigte ihn mehr als das Zukünftige. Er durchlief die Geschichte seines Vaters, seines Hauses, der Regierung der Khalifen bis auf den letztermordeten; und fand nach allen seinen Betrachtungen nichts wunderbarer, als sich nun auf dem Wege zu sehen, die Zahl der verunglückten Werkzeuge nach aller Wahrscheinlichkeit zu vermehren. Diese Betrachtungen schlugen ihn indessen nicht nieder. Der Gedanke, die Gefahr für gewiß zu nehmen, sie nie um seinetwillen zu scheuen, siegte über jede düstre Vorstellung. Des vermeinten Ahmets Lehren drangen immer tiefer in sein Herz, und er faßte nun einen Entschluß, der über diese Lehren ging: sie vorzüglich an sich selbst zu proben und ihren Erfolg mehr von sich, als von der Welt und Andern zu erwarten. »Es sind Menschen, zu denen ich wandere,« rief er; »und ich bin ein Mensch! Ein Mensch, der in Kurzem von einem Menschen abhängen muß, und zwar von einem, der die Kraft und den Willen vieler Millionen lenkt! Dessen Athem das Glück und Unglück dieser Millionen bestimmt! Es sei; kann ich die Menschen nicht anders machen, als sie sind, so kann ich doch vermeiden, ihnen in Dem zu gleichen, worüber ich sie tadele. Reicht meine Kraft nicht hin, so auf sie zu wirken, wie ich wünsche, so reicht sie doch dahin, meinen Willen durch die Vernunft zu dem Wirken zu bestimmen, das sie mir verstatten. Klar fühle ich, daß das Gute und Böse unser Werk ist, daß es aus der Einrichtung der Gesellschaft, aus unsern Handlungen gegen die Gesellschaft fließt; daß Der, welcher seine Pflicht dem moralischen Gesetz gemäß erfüllen will, Furcht, Eigennutz, Selbstsucht überwinden und nur aufs allgemeine Beste blicken muß.« Seine Mutter bemerkte mit innigstem Wohlgefallen seine Ruhe und segnete die Stunde, die ihn von dem düstern, gefährlichen Trübsinn geheilt hatte. An dem festen, gleichen Sinn, womit er alle schmeichelnde Ehrenbezeugungen annahm, erkannte sie ihren edlen Gemahl, und sie würde sich diesem angenehmen Traum mit Freuden überlassen haben, wenn sie nicht gefühlt hätte, daß er durch eben diese Gleichheit in Gesinnung und Betragen der nämlichen Gefahr entgegenging. Fatime hing voll unschuldiger Zärtlichkeit, voll süßer Erwartung an seinen Augen und erheiterte seinen tiefen Ernst. In ihr sah und hoffte er nur den gewissen Genuß, glücklich zu machen und glücklich zu werden. Die Sonne ging ihnen in einem Thale unter, das frisches Grün, schlängelnde Bäche, Pappeln, Cypressen, Myrten und blühende Fruchtbäume schmückten. Der kühle, sanfte Wind, der um Giafars Stirne spielte, verwehte die ernsten Betrachtungen über die Welt und ihre Bewohner. Der Wohlgeruch der Blüthen, das Murmeln der Bäche, das ferne Geräusch einiger Wasserfälle, die von den Hügeln herunterschossen, das magische Spiel der letzten goldnen Strahlen der Sonne in den leise bewegten Wipfeln der Bäume stimmten sein Herz und seine Phantasie zu dem reinen Genuß des Glücks, das ihm so heiter aus den Augen der Geliebten entgegenstrahlte. Still wandelte sie an seiner Seite, und ihre Hand berührte die seine so sanft und leise, wie der Gedanke an ihn ihr Herz. Er lagerte sich mit ihr und der Mutter unter einen blühenden Mandelbaum. Lange sah er dem Spiele des Westes zu, der die Blüthe bald auf Fatimens Nacken, bald auf ihren Busen, bald auf ihren Schooß hauchte. Unschuldig lächelnd blickte sie ihn an, und ihr Herz schien dem seinen zuzulispeln: »warum bist du nicht so glücklich, wie ich!« Er war es in diesem Augenblick, verstand den stillen Wunsch, faßte ihre Hand, drückte sie an seine Brust und Lippen und rief: »Ja, Ahmet, du hast Recht, das Gefühl ist die Quelle unsers Glücks; zur Quelle unsers Elends machen wir es dann nur, wenn üppige, überkünstelte Einbildungskraft und grübelnde Vernunft unser Herz vergiften!« Ahmet! riefen die Mutter und ihre Nichte: wo ist der wunderbare Mann hingekommen, dem wir so Vieles schuldig sind? Giafar. Mit Recht nennt ihr ihn wunderbar. Er verschwand, wie er kam, und ich weiß nicht, woher er kam, wohin er entflohen ist. Doch vielleicht umschwebt er uns in dem Augenblick, da wir von ihm reden, vernimmt, was wir von ihm reden. Mutter. Umschwebt uns? – Giafar – wer war er? – Ein Zauberer – Geist – einer der uns zugetheilten Schutzgeister – eines der Wesen, die, wie der Prophet sagt, zwischen Gott und dem Menschen stehen? Fatime. Wer er auch sei, ein gutes Wesen ist er gewiß, denn hat er uns nicht von dem Tod errettet? Giafar erschrack, daß er sich so weit herausgelassen hatte. Die Weiber bemerkten seine Verwirrung und drangen nun um so mehr in ihn. Er sah sie beide mit feierlichem Ernste an und begann: Gut, ich will euch dieses Geheimniß vertrauen. Auch ist es nöthig, meine Mutter, daß du die Gesinnungen ganz kennen lernst, in welchen ich mich jener Klippe nahe. Sehe ich nicht, daß dich meine plötzliche Erhebung so sehr täuscht, daß du gern das schreckliche Ende meines Vaters vergessen möchtest. Mutter. Vergessen möchte – ihn? Mein Sohn, nur die Bewunderung des edlen Mannes trocknete meine Thränen, und wohl mir, sollte ich je Thränen über dein Schicksal weinen, wenn auch sie dieselben trocknet. Du hast deine Mutter nie gekannt – ihr verlaßt, vergeßt uns, sobald ihr mit den Männern gehen könnt. In der Einsamkeit, worin wir nun lebten, vermiedest du mich; deine Düsternheit, deine Bücher machten dich auf mich und die Menschen achtungslos. Vielleicht wirst du mich näher kennen lernen. Mich täuscht deine Erhebung nicht, und wenn ich mich ihrer freue, so geschieht es darum, weil das Andenken meines Gemahls durch dich wieder aufleben wird, weil ich ihn in dir wieder zu sehen und zu bewundern hoffe. Giafar. Verzeih, meine Mutter, daß Dünkel mich so weit verblendete, dich lehren zu wollen. Bedurfte ich eines Genius aus jener unbekannten Welt, da mir Jahiah Saffahs Gemahlin zur Seite lebte! Beide. Eines Genius? Giafar. Ja, eines Genius, eines Wesens höherer Art. Dies erhellt wenigstens aus Dem, wie er auf mich wirkte, was er mit mir vornahm – wie ich ihn in hellen Flammen verschwinden sah. Die Weiber rückten ihm näher. Sanft schaudernd drängte sich Fatime an ihn. Die Mutter horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, und Giafar erzählte seine geheime Geschichte mit Ahmet, von der Unterredung auf dem Felsen bis zu seinem Erwachen auf dem Sopha. Um Fatime zu schonen, berührte er nur leise, was sie betraf. Furcht, Angst, Schauder und Bewunderung fühlten die Horcherinnen. Nur am Ende athmeten sie aus freier Brust. Fatime saß in tiefem, ehrfurchtsvollem Staunen vor dem Manne, zu dem sich unsterbliche Wesen herunterließen. Der weibliche Sinn der Mutter faßte in gleichem Augenblick dies Gefühl noch höher und sagte laut: »Giafar müßte zu großen Dingen, zur Erfüllung der hohen Zwecke seines Vaters geboren sein, da Wesen der andern Welt ihn unterstützten.« Giafar wollte sich einen Augenblick in dieser Vorstellung gefallen; aber der Schauder, der ihn überfiel, als er Ahmet bei seinem Erwachen erblickte, rauschte kalt durch sein Herz. Ohne diese Empfindung jetzt erklären zu können, ohne der Erklärung nachspüren zu wollen, sprach er: »Mutter, er verschwand und überließ mich meiner Kraft, ohne daß er sich mir zu erkennen gab. Vermuthlich erschien er nur, um sie in mir aufzuwecken. Er sei, wer er wolle, ich fürchte ihn nicht, solange ich so denke und empfinde, wie ich nun thue. Er vernehme meine geheimsten Gedanken und Wünsche, er sei unsichtbarer Zeuge meines Thuns! Erhaben wäre der Gedanke, unter dem Einflusse hoher, mächtiger Wesen zu stehen, wenn er unsre Freiheit nicht beschränkte, unsre natürliche Stärke nicht zermalmte, uns nicht fühlbar machte, wir seien Sklaven der Nothwendigkeit und nur Mittel uns unbekannter Zwecke. Er selbst sagte mir, was du werden willst, mußt du durch dich werden, damit deiner Thaten Lohn dein erworbener Gewinnst sei. Zeigte er mir dadurch nicht, was der Mensch durch seine Kraft vermag? Kommt zur Ruhe; in wenigen Tagen umsaust uns Geräusch, und umsonst werden wir nach solchen Thälern seufzen. Das, was ich euch vertraute, bleib' euch ewig ein Geheimniß; denn leicht mißdeuten die Menschen, was sie nicht begreifen!« Je näher sie der Residenz des Khalifen kamen, je mehr eilte das Volk hinzu, den Barmeciden zu sehen und zu begrüßen. So zog nun Giafar an den Hof des größten Herrschers in Asien, fest entschlossen, keine Linie von der Gerechtigkeit zu weichen, ein Unternehmen, das, seitdem die Menschen die Erde bebauen und verwüsten, gewöhnlich gleichen Lohn gefunden hat. 3. Als Giafar noch eine Tagereise von Bagdad entfernt war, schickte ihm Haroun Khozaima einen seiner vornehmsten Höflinge entgegen, ihn zu bewillkommnen und in den ihm bestimmten Palast einzuführen. Diesem Khozaima hatte der Khalife die glückliche Wendung seines Schicksals zu danken. Lange war er der innigste Vertraute des Khalifen Hadi, der Beförderer seiner Thorheiten, Ausschweifungen und Ungerechtigkeiten; aber plötzlich erweckten das allgemeine Mißvergnügen der Großen, die empörenden Aeußerungen des Volks, die Anhänglichkeit Aller an Haroun seine Furcht. Da nun Hadi ihm um diese Zeit einen neuen aus dem Staube gezogenen Günstling vorzuziehen schien, so nannte er seine Furcht Eifer fürs allgemeine Beste und sann auf Mittel, wie er sich dem Nachfolger durch einen wichtigen Dienst empfehlen möchte. Hadi selbst beförderte seine Absicht. Er war, trotz der Anordnungen seines Vaters, entschlossen, seinen Bruder Haroun von der Thronfolge auszuschließen und sie seinem Sohne zu verschaffen. Um dieses sicher zu bewirken, mußte Haroun sterben. Er trug Khozaima die Ausführung eines Entwurfs auf, der so fein und sicher ausgedacht war, daß Haroun, bei aller seiner Vorsicht, hätte unterliegen müssen. Khozaima schwor bei dem Haupte des Khalifen, Haroun sollte durch seine Hand sterben. Noch dieselbe Nacht machte er die Mutter des Khalifen mit der Gefahr ihres zweiten Sohnes bekannt. Er sprach zu der Angstvollen von seinem Hasse gegen den ungerechten Khalifen, seiner Liebe zu dem großen, edlen Haroun und bewies ihr, es sei kein anderes Mittel, ihn zu retten, als eine schnelle, rasche That. Hadi ward in seiner Mutter Harem vergiftet, und Khozaima zwang durch Furcht vor nahem Tod seinen Sohn, dem ausgerufenen Khalifen Haroun in Gegenwart der Großen den Eid der Treue zu schwören. Der Dienst war groß, und da er noch nicht sehr lange her geleistet worden, selbst am Hofe nicht ganz vergessen. Khozaima ergrimmte in seinem Innern, als er von dem Khalifen vernahm, er habe Giafarn aus seiner Einsamkeit zur ersten Stelle des Reichs gerufen; aber mit freudigem Lächeln, mit gebeugtem Knie dankte er ihm, daß er das große Geschlecht der Barmeciden zum Glanze seines Throns, zum Glück seiner Völker wieder aus dem Staube emporzuheben gesonnen sei. »Furcht vor ihrem Ursprung, vor ihrer Größe, ihrem Einfluß auf das Volk,« setzte er hinzu, »nöthigten deinen Bruder, die Barmeciden zu entfernen; doch du, Herr, der du an Größe des Geistes, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit alle deine Vorfahren übertriffst, hast die Vergleichung nicht zu fürchten.« Haroun antwortete kalt: der große Khalife Omar vergebe dir. Weißt du, warum mein Bruder Giafars Vater erdrosseln ließ? – Er würde noch heute leben, wenn er meinen Bruder auf seine Gefahr nicht abgehalten hätte, mich zu ermorden. Ich war damals an seinem Hofe ohne Argwohn, ohne bewaffnete Freunde, wie leicht wäre es ihm gewesen, mich zu tödten oder mich durch meines Bruders Sturz zu retten? Das Schicksal hatte dir es vorbehalten, und dir danke ich, was du gethan hast; ihm danke ich, was er unterlassen hat. Khozaima stand da, als dächte er dem Sinne der letzten Worte nach; Haroun schlug ihm leise auf die Schulter, lächelte und fuhr fort: Wir, die wir über Menschen herrschen, brauchen Menschen verschiedener Art, achten jeden nach Dem, wodurch er sich hervorthut. So stellen wir den Verschlagenen und Kühnen gegen unsere Feinde, weil wir sie vernichten wollen; dem Volke setzen wir Männer entgegengesetzter Art vor, weil wir es erhalten wollen. Dir, Khozaima, übergebe ich, wenn es Noth thut, das Schwert gegen meine Feinde, ihm die Wage der Gerechtigkeit und richte jeden von euch nur nach seinen Thaten. Khozaima nahte nun Giafarn mit eben den Gesinnungen, mit welchen jeder begünstigte Höfling dem neuen Minister naht. In dem Augenblick, da er um seine Gunst buhlt, forschet er nach seiner Stärke und Schwäche, schmeichelt dieser mit glatter Zunge, während er in seinem Herzen Gift zu den Farben mischt, mit welchen er jene zu schildern denkt. Demüthig, ehrfurchtsvoll, freundlich und lauschend auf Miene, Stellung und Worte nahte Khozaima dem Barmeciden. Er fand ihn eine halbe Tagreise von Bagdad, bei einem frugalen Mahl, schlecht gekleidet, achtlos auf seine Ergießungen und so einfach in Worten und Geberden, daß er des gewählten Großvizirs gelacht hätte, wenn ihm nicht sein hoher Ernst, seine gedankenvolle Stirne, seine feurigen Augen, der feine und durchdringende Blick der Beobachtung bedeutet hätten, er stände vor einem Manne, welcher der Leute, wie er sich fühlte, mehr gesehen; der sich seines Werths bewußt, ihn nicht in die äußern Zeichen setzte, die der Wahn erfunden hat, unsere Nacktheit zu verbergen. Giafar nahm mit tiefer Achtung, mit Würde und Anstand des Khalifen Grüße an, und als ihm Khozaima durch eine feine Wendung zu verstehen gab, was er zur geschehenen Staatsveränderung beigetragen habe, antwortete er mit kaltem Ernste: als ich den Hof des Khalifen Hadi verließ, warst du sein Busenfreund; ich hoffe nun, Khozaima, des Khalifen Harouns Regierung wird die That überglänzen, wodurch Hadi's Schicksal entschieden ward. Und wenn Absichten dieser Art deine Hand geleitet haben, so rechtfertigt wohl auch dich das Glück der Millionen, das dadurch befördert ward. Da der Alles vorsehende Hofmann doch auf diesen graden Ausfall nicht vorbereitet war, so fuhr er zurück, nahte aber gleich wieder, lächelnd: Daran zu zweifeln, ob der Khalife diese deine Hoffnungen erfüllen würde, wäre ein Verbrechen, dessen sich nur der schuldig machen kann, der ihn nicht kennt. Harouns Muth setzte und erhielt seinen Bruder auf dem Thron, zum Lohn wollte er ihn ermorden – doch wohin verleitet mich meine Verlegenheit? Beim Propheten, ich hätte nicht geglaubt, daß ich, der Abgesandte des Khalifen an seinen Diener, heute eine Handlung vertheidigen müßte, welcher der Khalife Thron und Leben dankt, und die zu gleicher Zeit den Tod deines gerechten Vaters rächte! Ich rathe dir, den Beherrscher der Gläubigen darüber zur Rede zu setzen. Giafar. Wir verstehen uns nicht ganz. Du wolltest mich, wenn ich anders dich begreife, durch Berührung dieser That von deiner Wichtigkeit überzeugen, und darum legte ich sie dir , nicht dem Khalifen, näher. Warum sollte ich dem Khalifen verschweigen, was ich dir sagte? Für die Rache meines Vaters kann ich dir nicht danken; diese kommt nur mir zu; und wenn ich ihm einst gleiche, bin ich gerächt genug. Khozaima. Nun verstehe ich dich nicht. Giafar. So wird es der Khalife. Sie begaben sich auf den Weg. Khozaima sprach viel von dem Hofe, den Hauptpersonen desselben, ihren Verhältnissen, aber er konnte Giafars Aufmerksamkeit nicht fesseln. Als sie in Bagdad ankamen, strömte ihnen das Volk entgegen und schrie: »Gruß und Friede dem Sohn des edlen Josiah Saffahs! dem edlen Barmeciden!« Giafars Herz schlug bei diesem Freudengeschrei, und sein Traum malte sich in seinem ganzen Umfang vor seinem Geiste. Stärker, beklommen schlug sein Herz, da er über den Markt hinzog, wo er im Gesichte als Richter saß. »Ahmet! Ahmet!« lispelte er leise: »ich danke dir für die Warnung! Tief fühle ich den ganzen Umfang der Pflichten, deren Erfüllung dieses Volk mit Recht von dem Mann erwartet, dessen Name durch die Tugend seiner Vorfahren geheiligt ist. Ich will ihn so rein erhalten, als sie mir ihn überliefert haben!« Khozaima beobachtete ihn genau während des Zugs, und ergrimmte er über das Freudengeschrei der Bagdaner, so ergrimmte er noch mehr über die Art, wie es Giafar aufnahm, denn die Regungen seines Herzens, die sich in seinen von sanften Thränen glänzenden Augen zeigten, ließen ihn merken, daß er die Hoffnungen des jauchzenden Volks zu erfüllen hoffte. Er führte ihn in den für ihn zugerichteten Palast. Giafars Brüder und Verwandte, die Haroun alle aus der Verbannung zurückgerufen hatte, empfingen ihn an der Pforte. Er umarmte jeden von ihnen, segnete den Khalifen und überließ sich der Freude des Wiedersehens. Der Palast war aufs prächtigste ausgeschmückt. Die Diener und Verschnittenen zeigten ihm die Reichthümer – öffneten Zimmer voll prächtiger Gewänder, einen Kasten voll Gold, deuteten auf seinen großen, blühenden Garten, und Khozaima übergab ihm die Wiedereinsetzung in seine väterlichen Güter. Giafar sah kalt über das Gold und die Pracht hin und verschloß sich mit seinen Brüdern und Verwandten. 4. Der Khalife saß mit seiner geliebten Schwester Abbassa in der Kühle der Abendluft, als Khozaima sich anmelden ließ, um ihn von Giafars Ankunft zu benachrichtigen. Heiter rief er ihm entgegen: Das Geschrei der Bagdaner hat mir laut verkündigt, was du mir sagen willst. Ich freute mich, eine Wahl getroffen zu haben, die Denen so wohl gefällt, deren Schicksal davon abhängt. Wie fandest du den Mann? Wie benahm er sich? Was sagte er? Kaum erinnere ich mich seiner noch. Khozaima. Herr der Gläubigen, nur er scheint mir der Mann deines großen Reichs zu sein, der es verdient, deinen Ruhm, deine großen Thaten und dein erhabenes Geschäft, Asiens Völker zu beglücken, mit dir zu theilen. Ein Derwisch kann nicht demüthiger, der Khalife nicht stolzer sein. – Haroun. Verstehst du den Mann, Geliebte? Khozaima. Auf seine Tugend meine ich, Herr! Ich traf ihn eine halbe Tagereise von Bagdad an, und hätte mir seine Miene so düster erhaben, so denkend schön nicht angezeigt, er müßte der Mann sein, den du zum ersten Platz nach dir berufen hast, so hätte ich ihn, nach seinem Aeußern, nur für einen seiner Diener halten müssen. Aber als er sprach – bei deinem Glanze, alle Geister der Barmeciden wohnen in des Mannes Busen! Frei und kühn, unabhängig kühn; auf seiner innern Stärke ruhend, wie die Pyramiden, die du am Nil bewundert hast. Ich erschrack und begriff nicht, wo dies hinaus wollte. Verzeihe, Herr, ob ich gleich weiß, daß oft der erste Anblick täuscht, so fühlte ich doch in dem Augenblick die höchste Bewunderung, als er mich dadurch erschütterte, daß er mir geflissentlich, oder zufällig, meine ganze Nichtigkeit mit edler Kühnheit fühlbar machte. Khozaima sah, daß ihm Haroun sehr aufmerksam zuhörte, und da dieser ihm mit der Hand bedeutete, fortzufahren, so gehorchte er schnell dem willkommenen Befehl. Nachdem ich ihm deine hohe Botschaft überbracht hatte, die er mit Ernst und Würde annahm, sah er mich an, als wollte er meinem Geiste abfragen, wer der Mann sei, der vor ihm stände. Ich nannte mich, und da er nichts von Dem zu wissen schien, was doch alle deine Unterthanen wissen, so sagte ich ihm, was er doch erfahren muß. Ich hoffe, Khozaima, war seine Antwort, des Khalifen Regierung wird die schwarze That überglänzen, wodurch Hadi's Schicksal so rasch entschieden ward. Haben solche Absichten deine Hand geleitet, so rechtfertigt auch wohl dich das Glück der Millionen, das du durch diese That befördert hast. Beim Propheten, ich mußte mich vor dem sonderbaren Mann vertheidigen, daß ich eine That gewagt habe, die mir nicht ziemt, dir ins Gedächtniß zurückzurufen. Gut, daß deine erhabene Mutter nun in Damas ist, sonst würde auch sie dem strengen Richter Rede stehen müssen. Abbassa lächelte, und Haroun, der ernsthaft vor sich hinblickte, heiterte sich plötzlich an ihrem sanften Lächeln auf. Er sah nach Khozaima und bemerkte einen Zug innerer Zufriedenheit über die Wirkung seiner Worte um seinen Mund. Haroun. Mit Recht, guter Khozaima, nennst du ihn einen sonderbaren Mann. Freilich ist dies nicht die Aufführung eines Hofmanns, daß er dich, den ausgelerntesten, so rasch und rauh zur Selbsterkenntniß bringen wollte; dich, der so geschäftig, sich ihm wichtig und bekannt zu machen, von seinen Thaten spricht, die immer besser in dem Munde des Dritten klingen; Giafar ist also ein schlechter Höfling; doch ich habe noch nicht vergessen, daß ich ihn zum ersten Diener der Gerechtigkeit bestimmt habe. Khozaima verbeugte sich tief. Haroun. Nun weiter; wie benahm er sich beim Zuruf des Volks? Khozaima. Ich sah Thränen in seinen Augen. Sein Haupt sank gedankenvoll gegen seine Brust. Halroun. Du träumst! Du schwärmst! Wie? er wuchs nicht höher auf seinem Thier? Meine Gnade, die Wirkung davon machte ihn nicht stolzer? Er fühlte seine Wichtigkeit nicht? Bemerkte die Höhe nicht, worauf ihn ein einziges meiner Worte gestellt hat? Khozaima. Es scheint, er ist und will nur groß durch sich sein, uns allein merkbar machen, daß ihn nichts größer machen kann, als er sich denkt und fühlt. Nur bei dem Anblick seiner Verwandten lächelte er, und da segnete er dich. Nicht die Pracht seines Palasts, nicht der Glanz des Goldes, nicht die Wiedereinsetzung in seine Güter rührten ihn. Für alles Dies vernahm ich keinen Dank: es schien, ich weiß nicht, über oder unter seinem Danke. Nie habe ich einen demüthigern, nie einen stolzern Mann gesehen; doch bewundern muß ich ihn, bis ich ihn begreife, bis ich weiß, was er dadurch sucht, was in ihm erkünstelt und natürlich ist. Ich wünsche deinem Volke Glück mit ihm; um seine Gunst will ich mich bewerben. Durch mich läßt er den Herrn der Gläubigen bloß fragen, wann er vor ihm erscheinen soll. Haroun winkte ihm, sich zu entfernen. – Gedankenvoll ging der Khalife auf und nieder, denn obgleich sein Herz voller männlichen Tugenden war, so stieß sich doch der Herrscher an denen, die kein Herrscher an seinen Dienern gerne bemerkt: der Kühnheit, Unabhängigkeit des Geistes. Ihn dünkte, Giafar habe ihm durch sein Betragen mit Khozaima eben diese vorzüglich fühlbar machen wollen. Die Worte des Hofmanns: » er scheint mir allein der Mann zu sein, der es verdient, deinen Ruhm, das Geschäft, deine Völker zu beglücken, mit dir zu theilen, « klangen noch immer in seinem Ohr. Ein Gedanke schoß schnell durch seinen Geist: die Tugend des Dieners muß durch den Khalifen glänzen, nicht die Tugend des Khalifen durch den Diener. Er wandte sich zu seiner Schwester: »Geliebte, was hältst du von dem Manne, den uns der listige Khozaima mit so vielem Pomp ankündigt?« Abbassa. Bruder, den Mann, welchen der Hofmann mit so vielem Pomp ankündigt, den fürchtet er, dem sucht er zu schaden. Ich bin neugierig, diesen Barmeciden zu hören und zu sehen. Ich liebe ein Geschlecht, das vor grauer Zeit einst dieses Land beherrschte und sich nun, seines Ursprungs ganz vergessend, bloß durch Tugend auszeichnend, zwischen den Thron des Khalifen und das Volk hinstellt, gleich wach und sorgsam für beider Rechte. Wie ich gehört habe, haben seine Vorfahren viel darüber erlitten, und auch dies war meinem Bruder vorbehalten, die Tugend aller in ihrem Enkel zu belohnen. Unser Bruder Hadi fürchtete die Barmeciden, weil er so tief sich unter ihnen fühlte; aber Haroun ist nicht durch seinen Rang allein der Erste seiner Völker. – Doch du hörst mich nicht und lächelst mit dir selbst. Haroun. Ich lächle über diesen Khozaima, über die Wichtigkeit, die er diesem Manne beizulegen sucht. Weiß er nicht, daß der Menschen Tugenden nur Das sind, was wir sie gelten lassen! Äbbassa. Bruder! Haroun. Haroun! Haroun! Liebe! und sieh, unter Haroun soll ihr Preis hoch steigen, nur ihm wird er erworben. Jeden Sieg, den ich erfochten habe, erfocht ich durch die Schwerter meiner Treuen: doch ist er mein, weil mein Geist ihre Schwerter leitete. So flecht' ich mir den Kranz des Ruhms aus den Tugenden meiner Diener; denn ich bin es, der sie ausfindet, thätig macht, sie zu großen Thaten spornt und große Thaten gern belohnt. Sie alle sterben, verschwinden mit ihrem Namen und lassen mir, dem Einzigen, ihren Ruhm zur Erbschaft. Und diese, nur diese Erbschaft und dich will ich mit Keinem theilen. – Gold, Herrlichkeit und Pracht, so viel er will, nur keins von diesen muß er mir berühren wollen. – Ich verstehe diesen Blick, Abbassa! sei unbesorgt – freilich, der große Mann, der keines seines Gleichen um sich leiden kann, gesteht Dem, den er vermeidet, schon den Vorzug ein, und der Fürst, der Leute von Verstand, Muth und Tugend scheut, beweist der Welt, daß er seinen Werth nur dem Glanze des Thrones verdankt. Ist es so recht? Nun wohl, der Barmecide soll mir willkommen sein, wenn er Das ist, wofür er sich ausgibt, und ob er es ist, werden dies nicht mein und dein scharfer Blick ergründen? Nach einer Pause, während welcher ihn die Prinzessin mit einiger Verwunderung ansah, fuhr er fort: So weit ich die Menschen kenne, ist keiner so gut, als er sich darzustellen sucht, und keiner so schlecht, als ihn die Zunge des Neids und der Bosheit macht; aber Tugenden, welche sich so laut und schreiend ankündigen, müssen sich durch Proben erst erweisen. Abbassa. Sonderbar, daß ich meinen Bruder zum erstenmal nicht ganz verstehe, daß, so viel Sinn auch in Dem, was er sagt, zu liegen scheint, ich doch den Sinn seines innern Sinnes nicht fasse. Haroun. Den Sinn des innern Sinns, Spötterin! Gut, spiele nur mit Worten: hier hast du ihn klar. Wenn dir ein Kaufmann aus Indien einen Edelstein anbietet und ihn, als vom reinsten Wasser, anpreist, untersuchst du ihn nicht bei jedem Lichte, ob er seine falschen Strahlen spielt? Mit dem, den er dir als gewöhnliche Waare anbietet, der nur dazu dienen soll, den Werth des andern durch seinen mindern zu erheben, nimmst du's nicht so genau – Abassa. Und so – Haroun. Und so wie du es mit den Steinen machst, so mache ich's mit den Menschen und erfreue mich des Kaufs, wenn die Waare Dem entspricht, wofür sie ausgegeben worden ist; aber am Lichte muß sie besehen werden können. Dies nun ist der Sinn des innern Sinns! Abassa. Verzeih mir, Bruder, wenn es der Thron der Khalifen ist, der dich so kaufmännisch gesinnt gegen die Menschen gemacht hat, so führst du nach deinen öftern Aeußerungen einen sehr unsichern Handel. Dein Gleichniß ist übrigens mehr witzig, als wahr; denn sieh, mein Stein kann an seinem Werthe durch die Probe nichts verlieren. Fühlt er doch mein Mißtrauen nicht! Kann er doch nicht ahnen, daß ich ihn für einen Betrüger halte! Und wenn er dieses könnte; wer steht mir dafür, daß die Beleidigung seinen reinen Glanz nicht düster färbte? In diesem Fall würde ich bedauern, eine kostbare Seltenheit zu einem gewöhnlichen Ding gemacht zu haben. Haroun. Beim Propheten, so wahr und fein, als schön gedacht, und dies kann nur meine Schwester. Abassa. Die gerne das Lob anhört, das sich der Lehrer in der Schülerin gibt. Haroun. So küß' ich meine kleine Schülerin und wünsche – Abassa. Was? Haroun. Daß ich ihr nie einen andern Namen geben müßte. Abassa. Ist Bruder und Schwester nicht zärtlicher! Haroun. Kälter – zärtlich – Abassa. Haroun – Haroun. Ich höre, Abbassa – Abbassa. Doch nur mit dem Ohr. 5. Haroun verhüllte sich und begab sich mit einem seiner Getreuen auf die Straße. Seit dem Antritt seiner Regierung stellte er oft in den Stunden, da man ihn in dem Harem glaubte, solche nächtliche Wanderungen an, mischte sich unter das Volk, ging in die öffentlichen Häuser und lauschte, was man von ihm, den Großen, den Hofleuten und Richtern sprach. In den Karavanseries unterredete er sich mit den Reisenden, erkundigte sich nach den Statthaltern in den Provinzen, und vernahm er eine Verletzung der Gerechtigkeit, ein heimliches Verbrechen, so forderte er den Schuldigen vor seinen Thron und sah es gerne, daß die Sage ging, er habe Geister in seinem Dienste, die ihm Alles zutrügen, was in Bagdad und in seinen Staaten vorging. Für diesmal aber führte ihn ein anderer Bewegungsgrund auf die Straße. Er wollte mit eigenen Ohren hören, was das Volk von dem neuen Großvizir spräche und hoffte. Vor Giafars Palast traf er eine Menge Volks an, das nach den erleuchteten Fenstern blickte und in jedem Vorübergehenden, in Jedem, der sich nahte, den Barmeciden zu sehen glaubte. Haroun horchte aufmerksam auf die verschiedenen Unterredungen des rohen Haufens. Einige sprachen von des gerechten Jahiah Saffahs traurigem Ende und der Schlechtigkeit des letzten Khalifen. Andre erzählten mit starkem Gefühle die guten und großen Thaten der Barmeciden und behaupteten, Giafar würde sie alle übertreffen. Sie erinnerten ihre Zuhörer an seine Freigebigkeit, seine Herablassung, seine Traurigkeit über den Tod seines Vaters und die Regierung des bösen Hadi. Ein Derwisch schrie: »Es lebe der Khalife, er gab uns einen Barmeciden; sich zur Stütze, uns zum Schutze! Mag er nun gegen die Ungläubigen zu Felde ziehen, wenn er will, wir haben einen Vater! Beim Propheten, er hat uns durch seine Wahl zeigen wollen, daß er immer so regieren will, wie er angefangen hat. Ihr wißt ja alle, daß nur immer unsre schlechten Fürsten die Barmeciden verfolgt haben.« Es lebe der Khalife! schrie der Haufe; es leben die Barmeciden! das Echo. Haroun schlich in den Palast Giafars, eilte nach den dunkeln Gängen des Gartens, wo ihn Masul, der erste Diener des Großvizirs, nach seinem Befehle erwartete. Diesem Masul, der zu den erprobten Vertrauten gehörte, deren er eine kleine Anzahl sich gänzlich zugeeignet hatte, und die durch stilles, eingezogenes Leben, durch die unsichtbare Verbindung mit ihm den Augen der Hofleute verborgen blieben, hatte er den Auftrag gegeben, den Mann, mit dem er nun seine Macht theilen wollte, genau zu beobachten, ihm Nachricht von seinen Verhältnissen, seinem Thun und Reden zu geben. Diese Kundschafterei nannte der Khalife Klugheit, Vorsicht, und so mag es, nach der verfeinerten Hofsprache, dann auch heißen. Ihn hatte seine ehemalige, gefährliche Lage dazu gezwungen, und da ihm diese Art von Leuten sehr wichtige Dienste geleistet hatte, so glaubte er nun, er müsse aus Klugheit fortsetzen, was er aus Noth begonnen hatte. Diese kleine Schaar hatte er so weise in den Provinzen vertheilt, daß er vermöge ihrer und seiner nächtlichen Wanderungen leicht für den Beherrscher eines Geists gehalten werden konnte. Haroun schlich mit Masul in den Palast, stellte sich so hinter die dünne Wand eines Nebenzimmers, daß er Giafar und seine Verwandten sehen und hören konnte. Die Diener waren entfernt, es herrschte eine augenblickliche Stille, dann sprach Giafar: Barmeciden! Brüder! der Wille Eines hat uns alle hier zerstreut, der Wille Eines hat uns alle nun wiederum versammelt. Der Wille dieses kann uns abermals zerstreuen, er kann noch mehr thun. Bereitet euch darauf, und geschieht es einst, so sei der Trost eines jeden von uns, er habe es nicht um ihn verdient. Was ich nun sage, meine Brüder, laßt euch alle zur Regel dienen: nicht um meinetwillen, nicht um euretwillen hat mich der Khalife zu diesem hohen Posten berufen. Ich kenne keinen andern Ruf, als Das zu vollenden, was mein Vater begonnen hat, sollte ich auch enden, wie er geendet hat. Was ich an Gütern und Gold besitze, gehört euer und den Dürftigen, weiter fordert nichts von mir. Keinen von euch werde ich zu erheben suchen. Man soll nie sagen, ich füllte die wichtigen Posten mit meinen Verwandten, um den meinen fester zu gründen, meines Einflusses sichrer zu sein. Ihr alle gewinnt dadurch, denn ich entziehe euch dadurch dem Neid und Hasse und stelle mich der Gefahr, die der Größe auf dem Fuße folgt, allein aus. Nur durch eure Tugend zeigt, daß wir von den Blute der Könige des Landes stammen, nie stieße es über eure Lippen; denn der Herrscher dieses Landes mochte uns das Zufällige leicht zum Verbrechen oder Spott machen. Seid bescheiden und demüthig. Eure Bescheidenheit und Demuth nehme mit dem Glücke zu, das mir nun zu lächeln scheint. An den Verwandten und Hausgenossen der Großen erkennt man, was sie sind; so laßt mich nun in euch erscheinen, wie ihr mich immer sehen werdet. Ein Wort verbinde uns alle: das Haus der Barmeciden kann fallen, aber nie sein Ruhm, den es nur in der Gerechtigkeit und Tugend sucht. Seine Verwandten nahten ihm gerührt, bezeugten ihm ihre gänzliche Ergebenheit, ihren eifrigsten Willen, seinem Winke durchaus zu folgen. Hierauf erzählte jeder sein Schicksal von dem Augenblick ihrer Zerstreuung, und jeder hatte die Prüfung mit Geduld und Muth ertragen. Nur Giafar erröthete, da er seine Geschichte erzählen sollte. »Brüder, ich, den nun das Glück vor euch allen emporgehoben, habe allein in Unthätigkeit, in mürrischer Unzufriedenheit gelebt. Ein Zufall zog mich heraus, führte mich dahin, wo ich nun für euch alle die Prüfung bestehen soll. Ich habe nichts gethan, diese Unterscheidung zu verdienen, und glaube, der Khalife will nur des Vaters Tugend in dem Sohne belohnen. Laßt uns streben, daß er es nicht bereue.« Haroun entfernte sich, da er das Geräusch des Aufbruchs hörte. »Ein sonderbarer Mensch,« sagte er bei sich. »Ich wünsche mir Glück zu ihm; aber ihn so gerade aufs Wort zu nehmen, dies kann, dies darf ich nicht. In seinen Worten, seinen Geberden liegt ein Zauber, der selbst mein Herz ihm unterwirft, um so wacher muß darum der Geist auf seine Herrschaft sein. Mir, meiner Gerechtigkeit, meiner Tugend scheint er nicht ganz zutrauen, gleichwohl hab' ich der Proben viel gegeben, und ich sollte der seinen trauen, die er durch Proben noch nicht erwiesen hat?« So beschönigte der Herrscher eine dunkele, eifersüchtige Empfindung, deren sich der edle Mann noch schämte. Zwei Seelen hat der Mann, der auf einem Throne sitzt, eine des Herrschers, eine des Menschen; welche von beiden die untergeordnete ist, erzählt uns die Geschichte. 6. Morgens schickte der Khalife Khozaima zu Giafar, um ihn zu bedeuten, er sollte zur öffentlichen Audienz erscheinen. Giafar zog aus seinem Palaste, von dem jauchzenden Volke begleitet. Man empfing ihn an der Pforte des Palasts des Khalifen, führte ihn durch die glänzenden Prachtsäle, und in dem Augenblicke, da man die Thüren zu dem Thronzimmer öffnen wollte, trat Khozaima heraus und sagte laut: der Khalife könne ihn heute nicht sehen. Lächelnd blickte er auf ihn; Giafars Miene veränderte sich nicht. Einen Monat ließ der Khalife verstreichen, ohne nur Giafars zu erwähnen, und Giafar durfte seinen Palast nicht verlassen, ohne den Khalifen gesehen und seine Befehle empfangen zu haben. Er dankte dem Khalifen für den Aufschub, ohne der Ursache nachzudenken, und wandte die verstattete Ruhe an, noch ernstre Betrachtungen über seine künftige Lage anzustellen. Sein einziger Zeitvertreib war, Almosen auszutheilen und den Mahlzeiten beizuwohnen, die er in seinen Gemächern für die Armen zubereiten ließ. Das Volk, das nicht begreifen konnte, warum der Khalife den Barmeciden von sich entfernt hielt, ersann ein Märchen nach dem andern, und jeder Tag vermehrte den Enthusiasmus für den verschloßnen Großvizir. Haroun belustigte sich an ihren Märchen, ihrer Ungeduld und glaubte, es sei bloß dieses, was ihn ergötzte. Zugleich dachte er sich an seiner Schwester zu rächen, die ihn oft um die Ursache seines Betragens fragte und ihr Verlangen, den sonderbaren Mann zu sehen, immer lauter werden ließ. Khozaima bekam endlich einen neuen Auftrag und hoffte schon im Geiste, die zweite Audienz würde wie die erste enden. Er betrog sich. Giafar trat vor den Khalifen, neigte sich zur Erde, und sein Herz glühte in der Gegenwart des blühenden, schönen, kraftvollen Herrschers Asiens, den er im Traume seines Reichs entsetzt, den zu tödten er das Schwert gezogen hatte, und der dem Bilde von Zug zu Zuge glich, das ihm im Gesichte erschienen war. Haroun saß in aller Hoheit auf seinem Throne, schien sich in Giafars Verwirrung zu gefallen und winkte ihm, sich zu entfernen. Nach dieser Audienz schien der Khalife den mit so vielem Feuer erwarteten Großvizir ganz vergessen zu haben. Daß ihn keiner seiner Höflinge an ihn erinnerte, war zu erwarten. Auch seine schöne, tief fühlende Schwester schwieg, beobachtete ihn genau und erwartete, was aus dem ihr unbegreiflichen Betragen Harouns werden sollte. Das, was sie kränkte, war sein Zurückhalten, seine erkünstelte Kälte über diesen Punkt, die dunkle Ahnung eines neuen, ihr bisher unbekannten Zugs in dem Herzen des Mannes, der ihr nie etwas verbarg, der immer sein größtes Glück in der Mittheilung seiner geheimsten Gedanken und Empfindungen fand. Der Khalife dachte indessen Giafars nur allzusehr und erhielt täglich Bericht aus dem Innern seines Hauses. Giafar fand es nun freilich sonderbar, daß ihn Haroun aus seiner Einsamkeit gezogen hatte, um ihn in seiner Residenz zum Einsiedler zu machen; noch weniger konnte er sein Betragen mit dem ausgleichen, was er von seiner frühern Jugend wußte, nun von seiner thätigen Regierung hörte. »Mit mir zu spielen, dachte er bei sich, dazu ist er zu ernsthaft, und noch ernsthafter ist der Posten, zu dem er mich berufen hat. Doch sei es, was es wolle, er ist ein Mensch – Regent – wer kann ihr Herz ergründen! Vielleicht will er mir nur zeigen, daß er mich entbehren kann, und da ich ihn nicht suchte, so ist's an ihm, mir seinen Willen kund zu thun, nicht an mir, ihn darum zu fragen.« Nach und nach ließen die Aufwartungen der Großen bei ihm nach, und er befand sich plötzlich in einer Lage, in welcher sich noch kein Minister befunden hat, in Ungnade zu sein, wenigstens es zu scheinen, bevor er seinen Posten angetreten hatte. Nur Khozaima kam zu Zeiten, sah ihn mit der Miene des Bedauerns an, die beim Hofmann an Verachtung grenzt. Er gab ihm auch wohl aus Mitleid zu verstehen, er müßte den Khalifen, der ihn vielleicht vergessen hätte, bitten lassen, ihn im Divan einzuführen. Giafar antwortete: »Der Herr der Gläubigen gebietet über mich. Meine Pflicht ist, seinen Befehl zu erwarten und ihn dann zu erfüllen. Wohin er mich auch stellt, steh' ich an meinem Platz.« Er fuhr in seinem angefangenen, stillen Leben fort, theilte seine Zeit zwischen Nachdenken, Almosen spenden, der Gesellschaft seiner Mutter und Fatime. Das Volk murrte über den Khalifen; er hörte es oft mit eigenen Ohren, und dieses Murren war einer der Bewegungsgründe seines Betragens, ob er sich's gleich nicht gestehen wollte. Eines Abends, als eben Giafar an der Seite Fatimens ganz vergessen hatte, daß er in Bagdad sei, kam ein Eilbote vom Khalifen, forderte ihn auf, ihm schnell zu folgen. Er warf sich in sein Gewand, und der Bote bedeutete ihm, ohne Geräusch und Begleitung ihm nachzufolgen. Der Khalife ruhte neben seiner Schwester auf dem Sopha und hielt ihre Hand vertraulich in der seinen. In ihrem rechten Arm ruhte ihre Laute. Er hatte ihr kein Wort von der Erscheinung Giafars gesagt. Die Thüre öffnete sich, Giafar trat herein und ließ sich zu Harouns Füßen nieder. Als ihm der Khalife winkte, sich zu erheben, stellte er sich gerad und frei vor seinen Sitz hin. Es erfolgte eine kleine Pause, und nur der unerwartete Anblick der Schönheit der Prinzessin, ihr Blick voll Geist und Güte versetzte ihn in wunderbares Erstaunen, das aber bald in Verwirrung überging, da er bemerkte, wie die feurigen Augen Harouns gleich Blitzen über ihn hinschossen, dann forschend auf der sanft erröthenden und niederblickenden Schwester ruhten. Ernsthaft begann Haroun: Giafar, um dich zu sehen, dich meiner geliebten Abbassa zu zeigen, muß ich dich suchen lassen. Schon vierzehn Tage – ja beinahe vierzehn Tage bist du hier in Bagdad, wenn ich mich anders recht erinnere – Giafar. Nachfolger des Propheten, zwei Monate sind's, und etwas darüber. Haroun. Wie, zwei Monate ließest du vergehen, ohne das Amt anzutreten, zu welchem ich dich berufen habe? So hat denn durch deine Schuld mein Volk das Glück entbehrt, das ich ihm durch dich zudachte. Wahrlich, du hast die verlornen Tage zu verantworten. Giafar. Herr, mein Ruf hierher liegt in deinem hohen Willen, nicht in meinem Werth, nicht in der Meinung von meinem Werth; und nicht zwei Monate, mein Leben durch hätt' ich auf deinen Befehl gewartet. Was habe ich gethan, durch was mich ausgezeichnet, um es wagen zu dürfen, nach der hohen Würde aufzublicken, zu der du mich berufen hast? Haroun. Bescheidenheit und Demuth haben immer dein Haus dem Neid entzogen, durch sie schmückt ihr eure Tugend; darum wünscht' ich, daß die deine meiner strengen Macht ihren sanften Schimmer leihen möchte. Ich, der von früher Jugend in Lagern, unter rauhen Kriegern lebte, lernte mehr, Menschen zu verderben, sie mit Härte zum Gehorsam zu zwingen, als sie im Frieden zum wahren Glück zu leiten. Du sollst nun die Heerde wie der milde Hirt weiden, während sie mein Schwert beschützt. Abbassa sah ihren Bruder bedeutend und forschend an. Haroun fuhr fort: Wie, du schweigst? – Giafar. Herr der Gläubigen, es beliebte dir zu sagen, die Bescheidenheit sei eine Tugend unsers Hauses; die meine nun, da ich noch nichts Gutes und Großes gethan habe, verdient diese Benennung nicht; aber daß ich deinen fein verhüllten Spott nicht verdiene, dieses fühl' ich, dieses seh' ich ein. Herr, deine Befehle zu erfüllen, Das auszuführen, was du entwirfst, Werkzeug in deinen Händen zu sein, so weit das Glück deines Volks, mein Gewissen, meine Kenntniß von Recht und Unrecht es erlauben, dazu glaube ich mich von dir berufen. Ob dieses auch mir nützlich sein möge, das hab' ich nicht erwogen, erwäge es nicht und mag vielleicht einst dadurch allein verdienen, zu meinem Hause gezählt zu werden. Haroun (zu seiner Schwester) . Wahrlich, der Mann spricht gut. Zufriedenheit goß sich über das Angesicht der Prinzessin. Der Khalife wandte sich voll Ernst zu Giafar: Um deines Namens willen hab' ich dich zum Vizir erhoben. Aus Dankbarkeit gegen deinen Vater, dem ich das Leben danke, der das seine verlor, weil er der blinden Rache meines Bruders nicht gehorchte. Dieses nur war das Verbrechen deines Vaters, das ihm Hadi nie verzeihen konnte. So zahl' ich meine Schuld an seinen Sohn ab. Als Regent muß ich hier meine Rechnung mit ihm schließen; die deine beginnt von dem Augenblick, da ich dich in dem Divan einführe. Viel fordere ich von dem Manne, der deinen Namen führt, der stolz und kühn auf seine Tugend über die weite Kluft hinschreitet, die ihn von mir trennt; der sich durch sie so dem Throne naht, als könnte er ihm Glanze verleihen und keinen mehr von ihm empfangen. Giafar. Richte mich, Herr, nach meinen Thaten und laß dein Urtheil nur von Dem bestimmt werden, was allein dabei mir zur Leitung dienen soll. Haroun. Und das ist? Giafar. Die Gerechtigkeit. Haroun. Die Stütze meines Throns, der nur ich meinen Ruhm verdanken will. Bei dem Glanze Gottes, du hast ein großes vielfassendes Wort gesprochen; erwäge seine Bedeutung wohl. Sie ist die schwerste aller Tugenden, denn alle schließt sie in sich ein. Ganz gerecht ist nur Der, der Alles sieht und hört, der Alles in einem Nu erwägt, den weder Leidenschaft, weder Trug, noch List verblenden. Wer ist gerecht auf Erden? Giafar. Der, welcher für sich nichts fürchtet, noch hofft; der gegen dich, den Mächtigsten auf Erden, zu entscheiden wagt, wenn du Unrecht hast. Der ohne Rücksicht nach deinen und der Natur Gesetzen losspricht und verdammt; der, welcher dir seinen Willen nur in so fern unterwirft, als er hiermit besteht, dieser ist so gerecht, als der Mensch es sein kann. Das Verborgene, das Zufällige sieht nur, der Alles sieht, und dieser richtet nach den Absichten, die unser Thun bestimmen, nach den Kräften des Geistes, die er uns verliehen hat. Wohl weiß ich, was ich wage, indem ich so frei dir rede; doch, Herr, wenn meine freie Aeußerung dir mißfällt, so schicke mich schnell in meine Einsamkeit zurück; beschränkt, wie ich dort lebte, war ich des wenigen Guten, das ich thun konnte, gewiß, und das Böse traf nur mich. Haroun. Mir mißfällt nicht, was du sagst; nur spannst du dadurch meine Forderung, meine Erwartung immer höher. Du mußt dich und deine Kräfte kennen; dies vorausgesetzt, glaub' ich Alles, was du willst. Jeder Andere als du würde mir verwegen scheinen. – Nahe – hier, vor meiner erstaunten Schwester Augen, laß uns Hand in Hand einen Bund schließen, wie ihn Herr und Diener selten schließen. Der Diener werde mein Freund. Bereite dich, morgen in dem Divan zu erscheinen. Nach Giafars Entfernung wandte sich Haroun zu seiner Schwester: Was hältst du nun von dem Manne? Abbassa. Viel verspricht er, und wenn er Das hält, was seine männliche Zuversicht zu verbürgen scheint, so sehe ich ihn als ein Geschenk des Himmels an. Wird er nicht meinen edlen Bruder von dem Mißtrauen heilen, zu dem ihm die Menschen bisher so viel Grund gegeben haben? Und ich, die ich sie, trotz allen widrigen Aeußerungen, immer vertheidigte, werde endlich siegend sagen dürfen: die Menschen sind, wozu sie ihre Herrscher machen, was sie ihnen zu sein erlauben. Gut und edel, wenn sie es selber sind, wenn sie die Tugend achten, wenn sie dieselbe allein zum Preis und Gewinn zu machen wissen. Zu welchen dieser Giafar meinen großen Bruder zählt, beweist die edle Freiheit seiner Rede, wodurch er ihm, ohne es zu suchen, das größte Lob ertheilt hat. Haroun. Was der Mann nun ist oder scheinen will, dies fühl' ich und seh' es gerne. Was aus ihm werden kann, was er unter dieser glänzenden Achtlosigkeit auf sich und Glück verbirgt, dies weiß ich nicht und muß es zu erfahren suchen. Die Barmeciden, Liebe, die königlichen Barmeciden, wie sie das Volk in seinem Taumel so gerne nennt, haben diese Stelle unter den Khalifen schon oft bekleidet, waren immer durch den Ruhm ihres Hauses, den Ruf von der Voreltern Tugend her die Herren ihrer Herren, oder strebten wenigstens, es zu sein. Und Dieser da, der so laut ruft: so bin ich, so werd' ich sein! wollt ihr mich oder nicht? Gleichviel, ihr könnt mich nicht größer und glücklicher machen, als ich bin – Dieser da, der so rund seine Gesinnungen ausdrückt und, Geliebte, der, so männlich schön gebildet er dir auch scheinen mag, das freilich seiner Tugend ein gewisses feierliches, anziehendes und sogar erhabenes Ansehen gibt – dieser Mann sage ich – (lächelnd) – nein, erschrick nur nicht – dieser Mann hat mehr Eindruck auf mein Herz gemacht, als mir lieb ist, als mir vielleicht zuträglich ist. Sieh, den Zauberkreis, welchen zu unserm und der Menschen Besten der Wahn und die Vorurtheile bewachen, den muß Keiner zu betreten wagen, und wer es wagen will, der wage es ja mit leisen Schritten, verberge sich ja sorgfältig unter unser magisches Gewand. Gut, gut, er thut es kühn und offen, und gerne will ich sehen, wie wir beide zusammengehen mögen. Eins nur wünsch' ich, er hätte gethan, wovon er so viel gesprochen hat, und davon geschwiegen. Abbassa. Bruder, sende schnell den Mann in seine Einsamkeit zurück. Haroun. Ohne ihn erprobt zu haben? Und warum? Abbassa. Weil es eben so schädlich für den Regenten ist, sich für einen Menschen, und sei es auch um der ausgezeichnetsten Tugend willen, zu feurig und rasch zu interessiren, als dieser Tugend mit zu scharfen Blicken nachzuforschen. Mensch muß er dann doch bleiben, wenn wir mit ihm leben, ihn ertragen sollen. Wie leicht macht der Späher Fehler zu Tugenden und Tugenden zu Fehlern. Du weißt, wem ich hier nachspreche. Haroun. Vortrefflich, Listige! Doch höre – und zwar abermals ein Gleichniß – nenne es, wie du willst. Nimm an, ein Zauberer, eine Fee, ein Geist brächte dir einen Wunderstein – groß und glänzend, wie der Morgenstern uns erscheint – dieser Wunderstein – enthielte einen Talisman – und der Zauberer oder Geist sagte zu dir: Schönste der Sterblichen! dieser Stein hier hat seines Gleichen nicht auf Erden, und dir nur, als der Würdigsten durch Geist und Reiz, bestimm' ich ihn; doch wisse, sobald du dich damit schmückest, und dies mußt du, wenn du ihn annimmst, wird sein magischer Glanz durch den Talisman, den er in sich enthält, die Augen der Menschen so an sich ziehen, daß er deine eigne Schönheit verdunkeln wird, daß man die glückliche Besitzerin des einzigen Kleinods nicht mehr vor dem Glanze des Kleinods bemerken wird. Würdest du ihn annehmen – ihn tragen wollen? Abbassa. Entsetzliche Frage an ein Frauenzimmer! Und noch dabei so ernst und rasch gethan! Gleichwohl erfordert die Antwort des Nachsinnens sehr viel – (Eine Pause) – Nun sieh – ich – ja, ich würde ihn annehmen, ihn tragen, wenn er alle Die, welche mich damit geschmückt sähen, glücklich machte. Haroun (aufstehend und heftig) . Und ich – ich würde ihn zerschlagen. 7. Der Divan versammelte sich, und der Khalife führte Giafar ein. Mit feierlichem Ernste stellte er ihn den Räthen vor, überreichte ihm das Siegel und bedeutete den Anwesenden Unterwerfung, Gehorsam gegen die Befehle, die durch Giafar von ihm ausgingen. Giafar setzte sich auf seine Stelle mit eben der Gemüthsruhe, als sei es sein gewöhnlicher Sitz. Nach Aufhebung des Divans, in welchem eben Das geschah, was in dem Senat jedes unumschränkten Reichs geschieht, ließ der Khalife Giafar und einige der wichtigsten Räthe in seine geheimen Zimmer rufen. Hier nun befahl Haroun dem Großvizir, bestimmten Bericht abzustatten von der Verfassung jeder Provinz, ihrem Ertrag, dem Charakter und Betragen der Statthalter, den Einkünften und Ausgaben des ganzen Staats, dem vorhandenen Schatze, den geheimen Verhältnissen im Lande und mit den Nachbarn. Giafar hörte dem Khalifen, der jeden Theil der Staatsverwaltung mit der größten Klarheit entwickelte, dem nichts in seinem ungeheuern Reiche unbekannt zu sein schien, mit Bewundrung und Erstaunen zu. Haroun, der dies beobachtete, sagte zu ihm: »Ich habe den Faden wiederum aufgefaßt, den dein Vater unter meinem Bruder angelegt hatte, raubbegierige und unwissende Diener hatten ihn zerrissen. Vollende du nun das Gewebe seiner Hand und hüte dich, so viel als möglich, vor Neuerungen; nur die äußerste Noth entschuldigt sie. Die Menschen fühlen unsre Leitung nur dann, wenn wir sie durch Störung des Gangs, zu dem wir sie gewöhnt haben, an unser Dasein erinnern. Ordnung, unerbittliche Strenge gegen Den, der sie stört, dies ist's, was ich vorzüglich von dir, von jedem meiner Diener fordere. Des unablässigen Drucks bedarf es nicht; je weniger das Volk unsre Hand fühlt, je glücklicher, sichrer lebt es, je mehr arbeitet es auf die Zukunft. So wie der fruchtbarste Regen der ist, dessen Geräusche du nicht hörst, so ist die beste Regierung die, deren Gang man nicht empfindet. Ich möchte darum meine Macht so unsichtbar machen können, wie es uns die Natur ist; wir sehen ihre Ordnung, empfangen, genießen ihren Segen, ohne die Mittel zu sehen, wodurch sie es bewirkt. Nur den Großen, denen ich die Ausübung meiner Macht anvertrauen muß, diesen möcht' ich wie ihr Schatten folgen können und immer vor den Augen stehen, denn von ihnen fordere ich Rechenschaft für das Vergehen des rohen Haufens. Dieser fehlt nur durch ihre Schuld. Harouns Grundsatz ist: Vater des Volks, Tyrann derjenigen Großen, die aus Bosheit und Habsucht vergessen, daß ich nur so in Jedem von ihnen erscheinen will.« Das frohe Gefühl des Herzens schoß auf Giafars Wangen, schimmerte in feuchtem Glanze in seinen Augen. Haroun ward es gewahr und fühlte sich zu ihm hingezogen. Das Herz wollte das Band der Freundschaft näher zusammenziehen, der Geist des Herrschers blickte kalt darauf, es dehnte sich weiter aus. Es schien, als schwebe ein unsichtbares frostiges Wesen zwischen ihnen, das sie in dem Augenblick auseinander riß, da sie sich nahen wollten. Giafar verlor sich in den Gedanken Ahmets und sprach in seinem Geiste: » hier oder nirgends .« Das Volk erwartete ihn an dem Palast des Khalifen, empfing ihn mit Freudengeschrei, segnete Haroun und begleitete den Vizir jubelnd nach seiner Wohnung. Es war ein Festtag in und um Bagdad, durchs ganze Land, wohin nach und nach das Gerücht erscholl. Giafar ergriff nun das Steuer der Regierung, so weit es nur der Khalife ihn ergreifen ließ. Der Geist seines Vaters, die Erfahrung in Geschäften, die er unter ihm gemacht hatte, seine festen Grundsätze leiteten ihn. Er warf sich, ausgerüstet mit Klugheit, Muth und Menschenliebe, ohne für sich die Stürme zu befürchten, auf dieses unsichere Meer. Haroun bemerkte jeden seiner Schritte, vernahm jede seiner Bewegungen, wußte jedes seiner Worte und blieb kalter Zuschauer. Nur dann, wenn Giafar eine wichtige, verworrene Sache, die zu seinem Ruhme sich enden mußte, bis zur Entwicklung gebracht hatte, erschien er, ließ sie oft durch einen Machtspruch in Luft zerfließen, bis er ihr später eine Wendung geben konnte, die sie zu seinem Werke machte. Giafar ließ sich durch nichts in seinem festen Gange stören. Khozaima und die Hauptpersonen des Hofs erschöpften ihre Beredtsamkeit vor dem Khalifen im Lobe Giafars. Sie sprachen nur von seinen hohen Tugenden, seiner Freigebigkeit, seiner Mäßigkeit, seinem Fleiße, seiner Milde bei Ausübung der Gerechtigkeit; führten bei jeder Gelegenheit seine Sprüche an, die, wie sie sagten, von Bagdad aus bis in die entferntesten Provinzen erschallten. Sie ermüdeten Haroun mit den Lobeserhebungen der Tugenden des Barmeciden so, daß er sie endlich so beschwerlich fand, als er zu Zeiten ihre Schmeicheleien zu finden glaubte. Die Prinzessin, zu welcher ihn der Khalife oft riefen ließ, um sich vertraut mit ihm zu unterreden, sprach aus reinerm Herzen über ihn, ertheilte ihm ein gemäßigtes, gegründetes Lob, das eben dadurch einen stärkern Eindruck machte. Der Mann, von dem er so viel Gutes hörte und sah, war ihm unausstehlich, ohne daß er sich gestehen wollte oder konnte, warum. Da nun Giafar sich immer bescheiden verhielt, mit der sanftesten Art fest auf seiner Weise blieb, ihm dabei ohne Furcht, in Angelegenheiten, wo das Recht für die bestrittne Sache war, widersprach, worüber er seine Räthe oft erstaunen sah, so fing er nun an, ihn in seinem Herzen geradezu der Heuchelei zu beschuldigen und ihm geheime, herrschsüchtige Absichten beizulegen. Giafar, der die Veränderung bemerkte, so sehr sich auch der Khalife zu verstellen suchte, verblieb so gerad und offen wie im ersten Augenblick. Nur Eins störte seine Fassung, und dies war ein dunkles, peinliches Gefühl, das aus der öftern Beobachtung floß: der Khalife liebe seine Schwester auf eine Art, die mehr an Leidenschaft als Bruderliebe grenzte. Die Liebkosungen, die er ihr erwies, waren mehr feurig als zärtlich; bei den ernsthaftesten Unterredungen schien er nur sie zu sehen, nur auf Das zu lauschen, was sie sagen würde. Oft unterbrach er sich und ihn mitten in der Rede – bat sie, eins ihrer Lieder in die Laute zu singen – sprach dann in Entzücken von ihren Reizen, ihrem Verstand, ihrem Gesang, ihrem Lautenspiel, den Liedern, die sie dichtete – und wenn Giafar in solchen Augenblicken ihn ernsthaft und aufmerksam anhörte und seinen Augen folgte, so sah ihn der Khalife als einen Mann an, der unser verborgenstes Geheimniß, dessen Entdeckung wir über Alles fürchten, entweder schon errathen hat oder doch zu errathen strebt. Von nun an ward ihm Giafars Tugend in eben dem Grade verdächtig, als sie ihm lästig war, und der edle Haroun, welcher der Vater seines Volks sein wollte, es wirklich war, faßte, durch viele dunkle, kleinliche Gefühle gedrängt, den sultanischen Entschluß, die Tugend des Mannes, der so rein seinen Zweck befolgte, den er deßhalb achtete, liebte, in dessen Gesellschaft er sich gefiel, auf die strengsten Proben zu setzen und dies in der Hoffnung, er würde ihnen unterliegen. Ein Triumph über die Menschheit, dessen sich nur ein Herrscher erfreuen kann und den wir beschränktere, glücklichere Menschen bedauern und beweinen. Um diese Proben giftiger zu machen, äußerte er die höchste Zufriedenheit gegen ihn, und nur Augenblicke von Laune, rascher Ungeduld und plötzlichen, bittren Spotts zeigten Khozaima, daß etwas Besonders in dem Khalifen vorging. Dieses zu ergründen, lauerte er auf Gelegenheit. Der Zufall diente ihm. Als er eines Tags den Khalifen von einem Gastmahl unterhielt, das Giafar den Bettlern gegeben – und dabei erzählte, wie der Großvizir mit ihnen zu Tisch gesessen, wie freundlich er sie unterhalten hätte, fragte ihn Haroun plötzlich: Wer trug dir die Botschaft von meinem Neffen an Giafar auf? Khozaima. Der, den du zu seinem Wächter gesetzt hast. Haroun. Wie lautete der Auftrag? Khozaima. Dein Neffe, Herr, ließ mich durch ihn bitten, ihn dem edlen Barmeciden zu empfehlen. Er flehte um Giafars Schutz und wünschte den größten, gerechtesten Mann in deinen Ländern nur ein einziges Mal zu sprechen, um ihn, und dich durch ihn, wenigstens davon zu überzeugen, daß er den Verdacht nicht verdiente, um deßwillen er als Gefangener bewacht würde. Er wisse wohl, die an Jahiah Saffah begangene grausame That seines Vaters könnte ihn, den unglücklichen Sohn, nicht empfehlen, doch zählte er auf das Mitleid, das der menschliche Giafar keinem deines Volks versagte, Haroun. Und was antwortete Giafar auf dieses? Khozaima. Sage, guter Khozaima – so nannte mich zum erstenmal der große Barmecide in sehr sanftem Tone – sage, guter Khozaima, daß ich dem unglücklichen Sohn die That des Vaters nicht gedenke, daß ich ihn bedaure, ihm meine Dienste, so weit sie reichen können und dürfen, von ganzem Herzen antrage. Daß ich ihn, überzeugt von der Großmuth des Nachfolgers des Propheten, versicherte, er würde nie vergessen, er sei seines Bruders Sohn. War er es nicht, setzte er hinzu, indem er mich scharf ansah, der zuerst unserm Herrn den Eid der Treue schwur, der dem von seinem Vater ihm aufgedrungenen Anspruch auf den Thron in Gegenwart der Großen feierlich entsagte? Kann der Khalife dies vergessen? Was den Besuch betrifft, den er von mir zu wünschen scheint, diesen kann ich ihm ohne Erlaubniß des Khalifen nicht abstatten. Ihn dem Khalifen zu empfehlen, schließt einen Zweifel in sich, der mir ein Verbrechen gegen den edlen Haroun zu sein scheint, den zu hegen ich keine Ursach' habe und nie zu haben wünsche. Haroun. Und dies in Gegenwart der Bettler? Khozaima. Sie sind seine Freunde. Haroun. Daß du ihm die Botschaft in ihrer Gegenwart überbrachtest, dieses wollt' ich sagen. Khozaima. Ich sprach leise in sein Ohr – er antwortete laut, und die Bettler segneten den guten Wirth. Haroun. Wie leise du gesprochen hast, dies hat mir mein Geist gesagt. Doch gut; auch dieses; aber mein Neffe kann nicht leben – die Noth erfordert's, hat es längst erfordert – ich kann die That beweinen – doch geschehen muß sie, und dir übertrage ich sie. Khozaima. Verzeihe, Herr! da ich es war, der den Vater gezwungen stürzen half und hierauf den Sohn zur Pflicht gegen dich überredete, so würde die That grausam scheinen, wenn ich sie beginge. Nur dann erst würde die reine Absicht meiner ersten That dem Volke verdächtig. Ja selbst dir, Herr, würde sie den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, und nur die allgemein erkannte Tugend des Barmeciden kann ihr den Schein von Recht verleihen. Haroun. Und mir zur Probe seiner Treue dienen. Khozaima stellte sich, als wenn er den Sinn nicht faßte, der in diesen Worten und noch mehr in den Blicken des Khalifen lag. Er eilte schnell zu Denen, die längst Eifersucht und Haß gegen Giafar verbunden hatte, und theilte ihnen die wichtige Entdeckung mit. Triumphirend schloß er: »Seine Treue will er proben! Also zweifelt er doch an seiner Treue – an seiner hohen Tugend? – Hatte ich nicht Recht, wenn ich euch immer sagte, der stolze Haroun wird den Mann nicht lange ertragen können, der, kühn und sicher auf seine schwärmerische Tugend, alle Abhänglichkeit von ihm abwirft; der nichts fürchtet, der, was er ist, nur durch sich sein und scheinen will? Träumender Barmecide! abhängig von ihm, ertrüg' er auch wohl das Böse, das du thun möchtest; unabhängig, wie du sein willst, verzeiht er dir das Gute nicht, das du täglich thust. Aber hat er nicht Recht? Ist diese stolze Tugend, dieses allzu ausgedehnte Wohlwollen, diese allzu kluge Tugend ihm nicht gefährlicher, als unsere Ränke, die uns zu seinen Sklaven machen? Er fühlt bereits, daß ihn Giafars Thaten in Schatten stellen, daß er sich durch die auffallende Art, wie er sie zu betreiben versteht, in jeder einen Sieg über seine Macht erwirbt. Fahrt nur fort, wie ihr angefangen habt; laßt uns unaufhörlich von des Barmeciden Tugend reden, ihm nur dafür danken, daß er uns den großen Mann gegeben hat. Ich, der ich am Hofe aufgewachsen bin, weiß, daß dies wirken muß, und der große Haroun müßte mehr als Mensch sein, müßte auf keinem Throne sitzen, wenn ihn kluge, innig verbundene Hofleute nicht endlich klein zu machen wüßten. Die That, die er jetzt von dem Barmeciden fordert, stürzt diesen oder macht ihn uns gleich.« Auch der Hof hat seine Leviathane! 8. Einige Tage nach der Unterredung mit Khozaima ließ der Khalife den Großvizir in seine innersten Zimmer rufen. Er faßte ihn mit Wärme bei der Hand und sprach zu ihm mit festem Tone: Heute will ich sehen, ob du mein Freund bist. Die Ruhe meines Reichs, die Sicherheit meines Throns, meiner ganzen Familie erfordern eine That, die ich verabscheue, die ich beweine, in dem Augenblick, da ich sie gebiete. – Mein Neffe muß sterben. Giafar. Was hat er verbrochen, Herr? Haroun. Nichts – sein Verbrechen ist, daß er mein Neffe ist. Giafar. Und muß sterben? Haroun. Sein Verbrechen ist, daß meine in- und auswärtigen Feinde in ihm, so lang' er lebt, den Mann sehen, durch den sie mir gefährlich werden können. Giafar. Darum, nur darum müßt' er sterben! Unmöglich, dies kann nicht die Ursache sein; der große Haroun kennt die Furcht kleiner, zager Geister nicht. Ihn schützen seiner Thaten Ruhm, seine Weisheit, seine Großmuth, die Liebe seines Volks, das sein gegenwärtiges Glück allzu sehr empfindet, als daß es nach dem unbedeutenden, ihm unbekannten Sohne eines Herrschers aufblicken sollte, dessen Andenken ihm verhaßt ist. Haroun (finster) . Einen Beweis deiner Treue wollt' ich sehen. Ich weiß, was ich zu fürchten habe, nicht du! Dich blendet mein und dein gegenwärtiges Glück, und in dieser Täuschung knüpfst du das Vergangene nicht mit dem Künftigen zusammen und blickst nicht auf Das, was die Erfahrung lehrt. – Wohl, es sei, der Herr soll sich zu dem Diener herablassen, dem Diener Gründe für die That darlegen, die er von ihm fordert, die er gebieten kann und muß. Das thut nur Haroun, thut es nur gegen einen Barmeciden; doch der Barmecide traue darum sich und ihm nicht allzu sehr. – Du weißt, mein Vater Mahadi ernannte mich, den zweiten seiner Söhne, in seinem letzten Willen zum Nachfolger des Erstgebornen; auch weißt du, daß ich diesem gegen die Aufrührer zum Thron verhalf, ihn mit meinem Schwert darauf schützte. Dir ist bekannt, daß er zum Lohn dafür mich ermorden lassen wollte. In den weiten Staaten meines Bruders war bald kein Ort der Sicherheit für mich. Aus einem verborgenen Winkel mußt' ich mit meiner geliebten Schwester, meiner einzigen Freundin, meinem einzigen Trost, in den andern flüchten; mit den wilden Thieren auf den Gebirgen um Herberge kämpfen und in jedem Menschen, der mir nahte, einen abgesandten Mörder ahnen. Ein Wort von mir konnte ganz Asien in Flammen setzen; ich sprach es nicht und hoffte, endlich meinen unsinnigen Verfolger durch Großmuth zu besiegen. Er fiel – und wer kann, wer darf Die beschuldigen, durch die er fiel, die nur auf diese Weise den geliebtern, bessern Sohn erretten konnten? Der Spruch meines Vaters setzte mich auf den Thron, gegen den Spruch des Vaters meines Neffen; aber meines Neffen Rache, sein eingebildetes Recht leben so lange, als er athmet, sind als gültig von Jedem anerkannt, der in Staatsveränderungen Vortheil hofft. Giafar. Zürne mir nicht, wenn ich, ohne jetzt auf dies zu antworten, nur von dem Unglücklichen zu reden wage. Was ist dein Neffe, den du so gefährlich denkst? Ein roher, sinnlicher, junger Mensch, der üppige Ruhe, Genuß und Wollust den glänzenden Beschwerlichkeiten deines Throns vorzieht. Der, zufrieden, seinen Sinnen zu leben, der Herrschaft über die Welt keine Stunde seines Vergnügens aufopferte. Der, stumpf an Geist, nur den Genuß des Thieres kennt. Weiber, berauschende Getränke und Schlaf ist Alles, was er wünscht. Und nun denke deiner, Herr! Haroun. Du täuschest dich – denn sieh, eben dieses macht ihn so gefährlich. Eben in ihm sehen die Elenden, die unter meinem Bruder den Staat verheerten, einen Herrscher, in dessen Namen sie abermals die kaum vergeßnen Gräuel ungestraft erneuern können. Diesen ist meine Strenge, meine Wachsamkeit beschwerlich. In den finstern Winkeln, in die ich sie gestoßen habe, lauern sie nur auf die Gelegenheit, die mich, den nur von ihnen Gefürchteten und Gehaßten, in eine Lage versetzte, die ihre Absichten befördern könnte. Wäre mein Neffe ein Mann von Geist und Sinn, der meinen Werth, mein Recht vor ihm zu erkennen fähig wäre, der fühlbar für meine Wohlthaten sein, der begreifen könnte, daß ihn diese Elenden nur darum zu Meutereien reizen, um ihn zu mißbrauchen, den Staat auf seine eigene Gefahr zu verwirren, so möchte er leben und mein Freund werden. Aus dem Menschen, Giafar, auf den Jeder wirken kann, der seinen Sinnen neuen Kitzel zeigt, macht man, was man will, und der stumpfe, furchtsame Mensch läßt sich leichter zu einem kühnen Schritt verleiten, als der Mann von Geist, der die Folgen vorsieht und erwägt. Giafar. Verzeihe, Herr, ich kann mit dir nicht einstimmen; ich fühle nur, daß durch diese That der großmüthige Haroun seine Tugend befleckt, daß er dadurch zu verstehen gibt, er glaube an die Möglichkeit, daß man etwas gegen ihn unternehmen könnte. Dies glaubt und denkt nun Keiner in deinem weiten Lande; willst du sie darauf aufmerksam machen? Wenn dein Volk Denen verzeiht, die deinen Bruder stürzten, so geschieht es darum, weil sie die Nothwendigkeit davon fühlen, weil sie einsehen, daß ihr Freund und Vater nur dadurch erhalten werden konnte, weil sie deiner Rettung ihre Ruhe und ihr Glück verdanken. Du selbst hattest keinen Theil an jener That; aber diese – die schreibt man dir allein zu; und eben dieses Volk, das dich wegen deines Muths und deiner Menschlichkeit erhebt, wird dich der Feigheit, der Rachsucht und des Hasses beschuldigen. Die hohe Meinung, die deine Großen von dir haben, welche die Edlen zur Nacheiferung anspornt, die Schlechten zur Erfüllung ihrer Pflichten zwingt, wird auf einmal sinken, und Jeder wird in dem erhabenen Khalifen den Mann zu sehen glauben, der seiner Tugend nicht mehr allein vertraut. Haroun. Eben darum trag' ich diese That einem Manne auf, dessen anerkannte Tugend sie rechtfertigt, dem man kein Verbrechen zutraut, dem man selbst Das verzeiht, was ihm ähnlich zu sein scheint. Und dieser Mann bist du! In jeder deiner Thaten liegt schon meine und deine Rechtfertigung eingeschlossen. Giafar (rasch) . Unmöglich, Herr! Haroun. Ging je ein Befehl aus meinem Munde, der unvollzogen blieb? Giafar. So befiehl da, wo ich gehorchen kann und darf. Haroun. Kühner – auf was trotzest du? Giafar. Auf dich! Auf deine Größe! Auf deine Tugend, die, wenn du sie auch nur einen Augenblick von dir entfernst, nie so wiederkehrt, wie sie dir nun noch zur Seite steht. Haroun. Deine stolze Tugend ist's, auf die du trotzest, die mir durch deinen Trotz zweideutig wird. Wem dienst du, daß du ein Luftgebilde neben mich hinstellst; nach ihm hinstarrst, wenn ich dir gebiete – ich, der verantworten muß, was ich dir gebiete? Ich kann das Werkzeug leicht zerschlagen, das sich zu meiner Hand nicht schicken will – dies merke und gehorche! – Wie, stumm? – Warum blickest du zum Himmel auf – dahin blicke, wo dein sichtbarer Herr hinzeigt. Giafar. Da ein Haroun so denken und fühlen kann, so danke ich ihm in diesem Augenblick, daß er mich nicht zum Herrscher der Menschen gemacht hat. Ja, ich bin dein Werkzeug; doch nur, so fern ich will, und stärker ist mein Wille, als deine Macht. Ein größrer Meister, ein erhabenerer Künstler hat auch mich gebildet; in meinen Busen das Gefühl von Recht und Unrecht, von Menschenwerth gelegt. Auch du bist sein Werkzeug; so hoch der Zufall dich gestellt hat, bist gebildet, wie ich es bin, und wir beide, Herr und Diener, stehen vor ihm auf Einer Linie. Der einzige Unterschied zwischen uns ist nur der vor ihm, daß du des Guten mehr und leichter thun kannst, daß du das Gute, welches du durch Andere wirkst, zu dem deinen machen kannst; und gerne will ich dir den Gewinn Dessen überlassen, das du durch mich beförderst. Ob du das Böse, welches du selbst thust, zu thun befiehlst, damit entschuldigen kannst, weil ein Thron dein Sitz ist, dies überlaß ich deinem eigenen Gewissen. Die Rechtfertigung meines Thuns behalt' ich nur mir vor und beklage es, daß der edle Haroun sich so weit vergißt, dem Mächtigen dadurch Hohn zu sprechen, indem er sein schönstes Werk so tief heruntersetzet, als könnte er, gleich dem Töpfer, der bald ein Gefäß für Wohlgeruch, bald für den niedrigsten Gebrauch bildet, seine Bestimmung nach eigener Willkür entwerfen. Haroun. Ich ließ dich reden, um dich näher kennen zu lernen. Mir mißfällt nicht ganz, was du sagst, und wie du denkst. Ich, der ich mich auf der Khalifen Thron mehr Mensch fühle, als der Bettler auf der nackten Erde, kann es leiden, daß man mich so betrachte. Auch ziehe ich den innern Werth dem Glanze vor, den mir der Thron verleiht; doch an der Stelle, wo ich nun stehe, zu der ich dich so nahe gezogen habe, gibt es Lagen, die die allgemeinen Regeln nicht vertragen. Die Tugend eines Derwisches hält kein Reich zusammen, und die Tugend eines Regenten würde den Derwisch in seinem Kloster zum Verbrecher machen. Ich sagte dir, daß ich die That verabscheue, die ich von dir fordere; aber der Regent thut viel, muß viel thun, das er verabscheuet. Dies schreibe nicht ihm, sondern den Menschen zu, die ihre wilden Leidenschaften und Begierden beständig gegen einander treiben, die er zusammenhalten muß, es sei durch Gewalt, List oder Ränke, wenn er nur diesen Zweck erfüllt, nur so viel Gutes hervorbringt, als die Menschen fähig sind. Alle Mittel müssen uns hier gleich sein; er, der die Menschen so gebildet hat, sieht heller in das Spiel, das wir mit ihnen treiben müssen, und rechnet uns vielleicht die Tugenden zu, die wir gezwungen unterlassen müssen. Soll ich dir nun zur Pflicht machen, was ich von deiner Treue erwartete? Ich suchte für mich und meine Kinder einen Freund in dir. Sind meine Kinder nicht unmündig? Kann ich nicht heute sterben? Soll ich in dem Gedanken sterben, er, der Erwachsene, der solche Rechte für sich hat, den Rache entflammt, würde sie nach meinem Tode seiner Sicherheit aufopfern? Soll dem Vaterland, alle meine nahen und fernen Provinzen unter der Regierung eines Elenden abermals verwüstet werden, das Geheul der jetzt Glücklichen wiederum erschallen und ihr unschuldiges Blut den Boden netzen? Giafar. Die düstern Gedanken über der Menschen Leiden und Bestimmung haben mich noch vor Kurzem sehr unglücklich gemacht; von Neuem weckst du sie mit allen ihren Schrecken in mir auf. In der peinlichen Verwirrung, in welcher ich jetzt vor dir stehe, fühl' ich nur dies ganz helle: der Mensch müsse nicht gewaltsam durch das dunkele Gewebe greifen, welches das Schicksal, die Vorsicht, nenn' es wie du willst, entworfen hat. Das, was du bist, durch dich sein und werden kannst, dieses seh' ich nur; was aus deinen unmündigen Kindern werden wird, was ihnen schaden oder nutzen kann, dies weiß ich nicht, weißt auch du nicht. Aber daß sie, wenn sie dir einst gleichen, von deinem Neffen nichts zu fürchten haben, dieses weiß ich, und daß dies geschehe, hängt von dir ab. Erfüllt Haroun seine Pflichten als Regent und Mensch, so darf er noch Lohn für seine Nachkommenschaft erwarten. Gerne schließen sich die Menschen an die Guten, und so schlecht auch du von ihnen denken magst, so vergessen sie doch ihren Vortheil nicht. Heute, Herr, ermordest du deinen Neffen; wer steht dir dafür, daß nicht einer deiner Söhne einst ein Gleiches an seinem Bruder, an seines Bruders Kindern aus den nämlichen Gründen thut? So kannst du durch eine rasche That den Samen zu Verbrechen aussäen, die durch Jahrhunderte laufen, und dann noch die Welt erschüttern, wenn du längst Asche bist. Haroun. Ha, welcher böse Geist treibt dich düstern Schwärmer an, über die Wiege meiner Kinder diese schreckliche Weissagung auszusprechen? Meinen Verstand zu verwirren, mir die Freude des Lebens, alle Hoffnung auf Lohn für meine Thaten zu rauben? Weg von mir! Die Weissagung treffe dein Haus! deine Kinder! Du bist ein unglücklicher, verhaßter Mensch, der mich durch schwarze Träume erschrecken will, weil er zu feig ist, mir zu dienen, weil er vielleicht in dem Dunkel seines Herzens den Feind meines Hauses als einen Mann ansieht, dessen Dasein ihm wichtig ist, wichtiger werden kann. Entferne dich, zeige dich nicht vor meinem erzürnten Angesicht, bis die That geschehen ist. Geschieht sie nicht in diesem Augenblick, so fliehe schnell, daß mein Zorn dich nicht erreicht. – Noch stehst du da? Giafar. Wie mein Vater vor deinem Bruder Hadi, als du sicher in seinem Palast schliefst und er ihm auftrug, dich zu ermorden. Hätte er ihm gehorcht, so würde er nun leben, und du würdest seinem Sohne heute diesen Befehl nicht geben. Haroun wandte sein Gesicht von ihm ab. Giafar fuhr fort: Zwingt dich die Notwendigkeit zum Frevel, so bedaure ich dich, beklage, daß du so tief von deiner Höhe sinken mußt, und mit Wehmuth seh' ich deinen guten Geist sich von dir entfernen. Haroun. Thor, um hundert Derhem vergiftet ihn der Christ, mein Arzt, und sein Pfaffe spricht ihn noch obendrein von der Sünde frei. Giafar. Um so weniger wünscht' ich mir ihn zum Arzt, denn ich würde fürchten, der Mann, der so geschwind mit seinem Gewissen aufs Reine kommen kann, dem das Leben eines Menschen so wohlfeil ist, möchte leicht einen Kaufmann für das meine finden. Haroun. Du reizest meine Wuth – noch eine Sekunde! – Meine Stummen sind bereit, den ungehorsamen Sklaven zu erwürgen. Eins meiner Worte vernichtet dich. Giafar. Dies kann auch ein Fieber. – (Er kniet nieder, streckt seinen Hals dar.) – Laß die Stummen eintreten und Jahiah Saffahs Sohn erwürgen. Haroun stürzte aus dem Zimmer, seine heftige Bewegung zu verbergen. Er sank in die Arme Abbassa's, die im Nebenzimmer die ganze Scene behorcht hatte. Er starrte zurück, da er sie erblickte, eilte schnell mit ihr in ein entfernteres Zimmer. Sie fiel um seinen Hals: »Laß mich diese Thränen von deinen Augen küssen! keine Perle glänzt in deiner Krone, wie diese hier!« Haroun drückte sie heftig wider seine Brust. Geh, sage ihm, daß er sich entferne. Abbassa schwebte in das Zimmer wie der Genius der Menschheit, der zum Trost des unschuldig Leidenden herbeifliegt. Noch kniete Giafar in voriger Stellung. Sie ergriff seine Hand: »Entferne dich, edler Barmecide, und fürchte nichts.« Sie begleitete diese Worte mit einem leisen Druck ihrer Hand, mit dem innigsten, seelenvollsten Blick. Giafar erstaunte – stand auf – seine Hand bebte in der ihren – seine Seele verlor sich in dem Glanz, den ihr hohes, theilnehmendes Gefühl über ihre ganze himmlische Gestalt gegossen hatte. Er stammelte: »Prinzessin, nur für den Khalifen fürchtete ich!« Haroun war ihr gefolgt. Er beobachtete sie von ferne, hörte ihre Worte, die Empfindung, die sie begleitete, aus dem Tone ihrer Stimme, vernahm Giafars Antwort, erinnerte sich, daß sie, ihm unbewußt, die ganze Scene behorcht hatte, und kalter Ernst folgte auf die tiefe Rührung. Haroun (nach einer Pause) . Er hat mich überwunden; mein Herz freute sich seines Siegs, und doch wünscht' ich, daß er mich nicht so überwunden hätte, daß er wenigstens keine mir verborgene Zeugen seines Sieges gehabt hätte. Abbassa. Zürne mir nicht – deine Stimme erscholl fürchterlich zu mir – ich bebte – zitterte – eilte herbei – o laß mich nur nicht den innigsten Kuß bereuen, den ich meinem Bruder je gegeben habe! Haroun. Bruder! Bruder! Abbassa. Meinem Haroun – meinem großen, edlen Bruder! O sei nur mir und ihm ein Mensch – und ich will dein ganzes schönes, ernsthaftes Gesicht mit Küssen überdecken – o dieser Thränen – ich will sie nie vergessen – ich habe sie in dieses Tuch gesammelt – es sind die ersten, die Haroun weinte, seitdem er auf dem Throne der Khalifen sitzt – sonst sah ich öfter Thränen in seinen Augen; aber da war er unglücklich – da liebte er wie der Unglückliche – da liebte er seine Schwester, vergab ihr jeden kleinen Fehler, freute sich ihrer Gebrechen, um nur etwas zu verzeihen, nur etwas an ihr zu dulden zu haben – Haroun (sie heftig an seine Brust drückend.) Mehr liebt dich der Glückliche – denn nur durch dich ist er's, nur durch dich kann er's bleiben; aber warum nur dir und ihm? Ha, daß du Zeugin seines Sieges warst – Abbassa. Du möchtest mir den Dank deiner Vergebung gern' erlassen – gut – ich verschließe ihn hier. Sind doch die Worte ein armer Dank für ein solches Schauspiel, für die Folgen eines solchen Schauspiels! Haroun. Folgen! Welche Folgen? Abbassa. Sah ich nicht Haroun, den Schrecken Asiens, bis zu Thränen gerührt? Bemerkte ich nicht auf seiner hohen Stirne die Bewundrung des edlen Mannes? Sank er nicht an meinen Busen darüber in Entzücken, daß er endlich einen Mann gefunden hat, der die Tugend ihm, seiner Macht, allem seinem Glanze vorzieht, der selbst um ihretwillen den gedrohten Tod nicht fürchtet? Hättest du ihn gesehen, wie er hier kniete, ihn erwartete – hättest du gefühlt, wie leise seine Hand in der meinen bebte – wie seine Seele Alles verstand, was die meine empfand – Nie, nie werde mein geliebter Bruder anders besiegt – hier auf dieser Stelle steht er größer vor mir als auf dem Schlachtfelde seiner überwundenen Feinde. Haroun. Ich fühle die List – den Bruder lobst du – um sein Lob in das meine zu verflechten. – Abbassa. Abbassa und Haroun sprechen, wie immer, nur aus Einem Herzen, und wäre dies nur hier der Fall nicht, so gewönne nur sie, so wäre sie einmal größer als ihr Bruder, und dadurch größer als alle Männer. Doch ich merke wohl seit einiger Zeit, daß der Khalife ernst und kalt durch den zärtlichen Bruder blickt. Wie und was es sei, die Schwester soll sich daran nicht stören lassen; kann er ihr doch nicht entwischen, da sein Herz, Leben und Zufriedenheit nur in ihrem Busen wohnen. Haroun. O so bewahre sie ja wohl. Abbassa. So unzärtlich feierlich! Er umschlang sie ungestüm. Sie zog sich sanft, jungfräulich beschämt aus seinen Armen. Mürrisch stand er auf. Ich kann diesem Menschen die verwegene Weissagung über meine unmündigen Kinder nicht verzeihen. Abbassa. Weissagung? Das, was er sagte, sah sein kalter Verstand als Folge der Thaten, die du von ihm fordertest. Nur wenn dir's damit Ernst war, verdienen seine Worte erwogen zu werden. Wäre mein Bruder nun freundlicher gestimmt, so wagte ich eine Frage – Haroun. Ich verstehe dich – mag er noch leben – er gräbt sein Grab durch seine Sinnlichkeit – o dieser Giafar! Abbassa. Ist er nicht ein achtungswerther, trefflicher Mann? Haroun. Ein Schwärmer ist er, der der Schwärmerin nur allzusehr gefällt; doch ich – ich will dafür sorgen, daß der Schwärmer den Herrscher Asiens mit seiner erkünstelten, tief angelegten Tugend nicht allzu sehr verblende. 9. Giafar kam in voller Gemüthsruhe in seinen Palast. Im Gehen schon hatte er den Entschluß gefaßt, den Vorfall mit dem Khalifen seiner Mutter und Fatimen zu verschweigen, die Folgen davon ruhig abzuwarten und sich von nun an auf die gefährlichsten Kämpfe vorzubereiten, zu denen Der immer gewappnet sein muß, den das Schicksal der Laune eines Regenten unterworfen hat. Er verschloß sich in sein Kabinet und lief das Geschehene im Geiste durch. Sein Herz schlug, als er sich in die Lage zurückfühlte, da er niederfiel und seine Henker erwartete; aber hohe Begeistrung ergriff ihn, als er sich des Augenblicks erinnerte, da Abbassa, gleich einem himmlischen Boten der Gerechtigkeit, hereinschwebte und ihn so sanft ins Leben zurückrief. Er fühlte den leisen Druck ihrer Hand warm und wonnevoll in seinem Herzen. – »Ich habe meine Pflicht gethan,« rief er in seliger Zufriedenheit; »und es erfolge, was da wolle; sei Armuth, Schmach, Spott, Verachtung, Tod mein Loos – dir, dem reinen Willen, das Gute nur zu thun und zu befördern, bleib' ich treu! O Ahmet! Ahmet! wo ist die moralische Harmonie der Welt, wenn ein Haroun solcher Thaten fähig ist, sie von einem Barmeciden fordert, dessen Tugend er zu achten scheint, den er, nach seinen eignen Aeußerungen, um seiner Tugend willen sich zugeeignet hat! Doch ist sie nicht hier in meiner Brust? Was ist es, das mich leitet auf diesem gefährlichen, schlüpfrigen Pfade? Was gibt mir Kraft und Festigkeit? Was verlieh mir Muth, dem zürnenden, drohenden Blicke des mit Macht ausgerüsteten Mannes zu widerstehen? Zitterte ich vor ihm? Was erhob mich über des Todes Schrecken, da er wüthend mich verließ und ich dalag, den Streich erwartend? Fühlte ich je mehr des Menschen Werth und Würde, als in dem Augenblick, da ich den grausamen Befehl des Khalifen bestritt? Nie empfand ich erhabener, als da ich die Pflicht durch den Tod versiegeln sollte. Nie war ich glücklicher, als jetzt, da ich die Prüfung männlich überstanden habe. Und ein Lohn ward mir dafür, der mein Herz mit Wonne füllt – sie kam – gleich einer Tochter des Himmels schwebte sie gegen mich – berührte mich – Ahmet, du sprichst wahr – es ist kein Traum, was ich nun fühle – Die Thaten meiner Väter, die noch heute in den Herzen der Menschen leben, beweisen es mir, die plötzliche Flucht des Khalifen bekräftigt es, und noch klarer, noch unwidersprechlicher Das, was ich jetzt fühle, was mich so glücklich, so zufrieden macht.« Haroun sprach mit Giafar von dieser Angelegenheit weiter kein Wort; er erzeigte ihm in Gegenwart des Hofs so viele Achtung und Freundschaft, daß Jeder den Barmeciden für den erwählten Günstling hielt. Selbst Giafar glaubte, er habe endlich Eingang in sein Herz gefunden, und er würde sich dem angenehmen Traum gänzlich überlassen haben, wenn ihn nicht allzu oft der kalte Spott, die bittern Widersprüche und das plötzliche Zurückhalten des Khalifen in den vertrautesten Augenblicken überzeugt hätten: man könne wohl die kalte Achtung eines Monarchen, dem man mit Treue dient, erwerben; aber nie anders seine zweideutige, gefährliche Freundschaft, als wenn man es nach seiner Weise thut. Abhängigkeit von ihnen gelte ihnen für die erste Tugend, und jede andre hielten sie für Anbetung eines fremden Götzen, dessen Altar man neben den ihren setzt. Er ließ sich durch diese Bemerkung in seinem Gange nicht stören, ertrug die Laune Harouns, so lange sie nur ihn traf; aber unerschütterlich stand er, sobald sie Einfluß auf die Entscheidung der Verhandlungen zu haben schien. Nur in seinem kleinen Kreise fand er Entschädigung für die Kränkungen, die er des Tages so oft erlitt. Um sich nun zu Hause ganz glücklich zu machen, eröffnete er seiner Mutter, daß er sich den folgenden Tag mit Fatime vermählen wollte, und bat sie, seine Geliebte darauf vorzubereiten. Hierauf rief er Masul, befahl ihm, Alles zu seiner Hochzeit einzurichten, schärfte ihm besonders ein, eine Mahlzeit für seine Freunde, die Armen, zuzurichten und Jedem, der sich zeigte, ein reichliches Almosen darzureichen. Masul sah ihn an und lächelte: Herr, dazu hat dein Knecht den besten Willen; gib du ihm nur die Mittel dazu. So eben wollt' ich vor dich treten, um die Rechnung von dem Golde, das ich vorgefunden, abzulegen. Deine Kasse ist leer, bis auf den letzten Derhem leer. Giafar. Wie das? Masul. Freilich, du – du hast sehr wenig davon genossen; doch lies nur selbst. Sieh, diese große Summe haben deine Verwandten – diese noch größere deine Freunde – du nennst sie so – aus der Nähe und Ferne, erhalten. Diese kleine hier hast du auf dich gewandt, und wenn du morgen Hochzeit machen willst, so mußt du deine Braut zwischen die Armuth und deine Tugend setzen, zwei Gäste, Herr, die bis auf den heutigen Tag diesen Palast noch nicht betreten haben. Giafar. Die Gäste, die du nennst, sind mir so achtungswerth, daß ich dir sogar um ihretwillen deine kühne Spötterei verzeihe. Masul, wir wollen in Zukunft klüger sein, mit unserm Vorrath so verfahren, daß er länger dauert. Indessen auf morgen mußt du zu helfen suchen; morgen kann ich unmöglich sparsam sein. In dem Palaste hier sind viele Sachen von großem, mir ganz unnützem Werthe – greife zu, Masul – nur laß mich und meine Freunde auf meinem Hochzeittag nicht darben. Masul. Dies geht nicht an, diese Geräthschaften gehören dem Khalifen; für sie muß ich mit meinem Kopfe stehen. Dieser Palast, sagte man mir, als man ihn mir übergab, gleicht einer Karavanserie – deren Geräthschaften man sich nur so lange bedienen darf, als man darin herbergt. Giafar. Freund, golden sind deine Worte, das Beste nehm' ich mir davon heraus, und wenn wir wieder Gold haben, so bezahl' ich dich dafür mit hundert Derhem. – Kannst du derweilen nichts von meinen Gütern heben, wenigstens darauf borgen? Masul. Hast du vergessen, daß du sie deiner zahlreichen Sippschaft zum Gebrauch vertheilt hast? War es nur zum Pachte, so will ich gleich Boten an sie senden, um den Ertrag zu fordern; doch diese Boten müssen gehen und wiederkehren – auf morgen wenigstens kannst du nicht Hochzeit halten. Giafar. Meine Anverwandten darfst du nicht beunruhigen, aber meine Hochzeit leidet keinen Aufschub. Geh, guter Masul, zu des Khalifen Schatzmeister und laß dir etwas auf mein künftiges Gehalt auszahlen. Masul. Recht gerne; doch vielleicht weißt du nicht, daß der Khalife vor dir einen sehr strengen Befehl durch alle seine Staaten hat ergehen lassen, Keinem etwas vorauszuzahlen, damit, wie er selber sagt, Jeder hübsch in Ordnung bleibe, sich nach seinem Einkommen richte, nicht heut' im Ueberfluß lebe und morgen darbe, oder gar, ich weiß nicht, durch was für Mittel die gemachte Lücke zu füllen suche. Giafar. Das ist sehr weise von dem Khalifen, und um meinetwillen soll sein Befehl nicht verletzt werden. Masul. Doch wird der Schatzmeister gerne mit dir eine Ausnahme machen – mit Freuden wird er's thun, um dich ihm zu verbinden – aber dem Khalifen muß er es sagen, und dabei kannst du nur gewinnen. Denn wenn der Khalife unsere Lage erfährt, wird er nicht eilen, unsere leere Kasse zu füllen? Ja, ja, ich gehe, Herr, damit deine Freunde nicht so leer ausgehen, wie diese Tage her. Giafar. Daß sie leer ausgehen müßten, dies ist wohl das Härteste, denn sie rechnen auf mich; doch sie müssen sich nun schon gedulden, bis wir wiederum reicher werden. Wir wollen indessen immer unsere Hochzeit feiern und dann leben, wie wir können. Der Garten dieser Karavanserie, wie du diesen Palast sehr weise nennst, ist voller Gemüse und süßer, reifer Früchte – der Bräutigam und die Braut lieben sie – besorge du damit die Tafel, wenn du nichts anders hast. Masul. So mag ein Derwisch in seiner verborgenen Zelle leben, aber nicht ein Großvizir, auf den ganz Asien die Augen richtet. Giafar. Was der Großvizir ißt, das ist für Asien gleichviel, nicht was er thut. Geh, dabei bleibt's, bis wir wieder reich werden. Masul. Wie, wenn wir borgten; wer wird, wer darf mir abschlagen, wenn ich in deinem Namen fordere? Giafar. Eben darum darf es nicht geschehen – und, Masul, wenn nun der Herr der Gläubigen dem Großvizir auf einmal bedeuten ließ, diese Karavanserie zu verlassen, und er die Rechnung, die heimlichen Schulden nicht bezahlen kann? Ein besseres, anständigeres Mittel, oder es bleibt bei unsern Früchten. Masul. Nun, so nimm indessen von Denen, denen du so viel gegeben hast. Giafar. Masul, du hast den Koran nicht gelesen, wie ein wahrer Muselmann ihn lesen muß – er muß ihn fühlen – muß die Worte des Propheten tief empfinden – (Auf- und abgehend, sich dann zu Masul plötzlich kehrend.) – Weise mir die Dürftigen ja sanft ab, versprich ihnen zwiefach auf die Zukunft – ich bitte dich, Freund, laß mich milde in dir erscheinen. Uebrigens bleibt es so auf morgen. Masul. Wie? Giafar. Wie ich schon gesagt habe. Die Namen der Gäste will ich dir schriftlich geben. Masul. Ich werde sie wohl am Hofe nicht zu suchen haben, da wir so nüchtern leben wollen. – Erlaube nun, daß ich dir den reichen Juden Nabal anmelde; seit diesem Morgen wartet er in der Halle. Giafar. Erst heute habe ich über ihn gesprochen; bedeute ihm, er möge sich wohl bedenken, bevor er vor mich tritt; denn wenn Das, was er vorzubringen hat, nicht Stand hält, so möchte es ihn gereuen. Nabal trat mit einigen der Aeltesten seines Volks herein. Er hatte eine reiche Karavane eingeführt und des Khalifen Zölle betrogen. Nach dem Gesetz hatte Giafar die ganze Ladung dem Schatze des Khalifen zugesprochen. Nabal sagte kein Wort davon. Er dankte Giafar im Namen seines Volks für seine Großmuth gegen die gesammte Judenschaft, stellte als ihr Abgesandter ein Kästchen mit Juwelen auf den Tisch und sprach von einem mit Gold beladenen Thier, das vor der Thür des Palastes hielte. Bat ihn dann sehr dringend, er möchte dies als einen Beweis der Dankbarkeit annehmen, daß er die Juden schützte, gütig behandelte und ihren Armen eben so großmüthig Almosen spendete wie dem Muselmann. Plötzliche Röthe stieg auf die Wangen Giafars. Der Zorn wollte sein Herz aufschwellen, eine mildere Empfindung siegte. Masul winkte ihm bedeutend. Die Scene mit Hagul malte sich vor Giafars Geist – er sah beschämt zur Erde, doch schnell erhob er seinen Blick. Nabal lächelte seinen Begleitern zu und glaubte sich seines Sieges gewiß. Giafar wandte sich zu ihm: Daß ich den Armen deines Volks wohl will, will ich dir beweisen; und du selbst sollst eine gute That begehen, indem du vielleicht auf eine schlechte sannst. Um deßwillen untersuche ich deine Absicht nicht. – Rufe einen Kadi herein, Masul. Der Kadi kam. Giafar sprach: Freund, hier habe ich ein Geschäft für dich, das der Muselmann für das angenehmste hält, das du mir danken wirst. Dieser Jude, den du kennen wirst – wer kennt den reichen Nabal nicht? – brachte mir dieses Kästchen mit Juwelen, ein mit Gold beladenes Thier, das, wie er sagt, vor meiner Thüre steht. Dies alles bracht' er mir im Namen seiner Brüder, weil ich, wie er sagt, kein Feind seines Volks bin. Nun sind die Menschen seines Volks mir Menschen, die des Schutzes mehr bedürfen, als der Muselmann, den das Schicksal zu ihrem Herrn gemacht hat. Nimm hin und theile den Ertrag des Schatzes hier, sammt dem Golde, womit das Thier beladen ist, in drei gleiche Theile. Mit dem einen begib dich nach der Synagoge der Juden, rufe ihre Vorsteher zusammen, laß dir die Armen ihres Volks vorführen und vertheile ihn, im Namen Nabals, unter sie. Mit dem andern wandere durch die Viertel der Stadt, begib dich in die Karavanseries, geh keine Hütte vorüber und vertheile ihn, im Namen Nabals, unter die Dürftigen unsers Volks. Diese Gabe wird ihre zu oft strengen Herrn milder gegen sie gesinnt machen. Den dritten Theil gib den armen Christen, frei oder Sklave, und zwar in deinem Namen, damit auch du Gewinn und Dank einernten magst. Beschämt und traurig ging der Jude. Masul blickte unwillig auf seinen Herrn: wir haben keinen Derhem mehr! Morgen Hochzeit, und hier wirfst du einen Schatz weg, der uns auf einmal in Ueberfluß versetzen könnte. Giafar. Sei nicht böse, Masul; nun erst wird mir die Mahlzeit bei der Hochzeit schmecken; denn morgen speise ich mit Tausenden, und der Gedanke ihrer unerwarteten Freude, die Stillung ihrer Noth macht mich reicher, glücklicher, als alle Schätze Indiens. Sieh, so reich sind wir plötzlich geworden. Masul. Reich? Wie? Giafar. Freilich reich – du weißt noch nicht, wie reich, frei und glücklich das Geben macht; wie traurig, abhängig und klein das Nehmen. Dies fühlte der Prophet, darum wiederholte er seinen Schülern so oft dieses Mittel, freudig zu sein. Masul schlich zu dem Khalifen, hinterbrachte ihm Giafars Vorhaben und erzählte ihm Alles, was er gesprochen hatte, was eben vorgegangen war. Haroun lächelte, bewunderte, und durch sein Lächeln, durch seine Bewunderung brach ein Zug von Mißmuth. Verdrießlich sagte er zu Masul: »Thu, wie er dir befohlen hat – doch warte, die lustige Geschichte seiner Hochzeit sollst du der Prinzessin selbst erzählen.« Er eilte zu Abbassa und sagte laut lachend: Was gibst du mir für eine Neuigkeit oder für eine wirkliche Geschichte, die ganz wie ein Märchen klingt! Eine Geschichte, die sich nicht zugetragen hat, seitdem Vizire und Khalifen lebten. Du mußt mir sie abschmeicheln und daß du es thun wirst, weiß ich ganz gewiß, sobald ich dir nur den Mann nenne, der die Hauptperson der Geschichte ist, sobald ich dir nur sage, daß er morgen Hochzeit feiert. Abbassa. Hochzeit – Giafar – und mit wem? Haroun (ernsthaft) . Giafar! Hab' ich ihn doch nicht genannt – dir doch nicht gesagt, daß er es ist! – könnte es kein Anderer meines Hofs sein? Abbassa. Und dies verdrießt dich, daß ich's errathen habe? – Haroun. Eben dies – weil ich dich damit überraschen wollte. Abbassa. Nun dies hast du, Bruder. Haroun. Hab' ich? – Nun ja, eine Hochzeit – seine Hochzeit und das mit einer Jungfrau – die beinah – nicht ganz – doch nah so schön als meine Abbassa ist. – Gefällt dir diese Hochzeit nicht? Ich kann sie mit einem Wort vereiteln. Abbassa. Warum sollte sie mir mißfallen. Nur dir könnte es mißfallen, daß die Braut so schön, nah so schön wie deine Abbassa sein soll! Warst du es nicht, der diese Möglichkeit nie eingestehen wollte? Haroun. Vielleicht auch nicht – denn da meine Abbassa nicht mein sein kann, es vielleicht nicht einmal wollte, wenn sie auch könnte, so wär' es doch noch ein Ersatz, eine Schönheit zu besitzen, die ihr so nahe kommt – so nahe – daß man sie beide zusammen sehen müßte, um darüber zu entscheiden. Abbassa. Und hast du sie gesehen? Haroun. Was sieht Haroun in Bagdad nicht? Nun möchtest du auch wissen, was sie für Manieren, für Verstand hat – gedulde dich, es soll geschehen. Abbassa. Um so besser; doch ich sehe das Lustige nicht, merke von der Geschichte nichts, die wie ein Märchen klingen soll. Was ist wohl gewöhnlicher, als daß ein Mann ein Weib nimmt? Haroun. Gleichwohl weißt du, daß dieser Barmecide nichts wie andere Menschen thut. Du sollst einen Beweis davon hören. Der Khalife ließ Masul eintreten, der auf Harouns Befehl seine Unterredung mit Giafar, die Geschichte mit Nabal umständlich wiederholte. Abbassa athmete nicht während der Erzählung. Ihre Augen schimmerten in sanftem Glanze – ihre Wangen färbte das weichste Roth, welches das feine Gefühl des Herzens nur darauf hauchen kann. Haroun beobachtete sie genau – er entließ Masul, als er geendet hatte, und Abbassa wandte sich nach einer kleinen Pause zu ihm: Bruder, du versprachst mir ein lustiges Märchen; doch dieses da klang so erhaben angenehm, daß, um meine Empfindungen darüber ganz auszudrücken, ich so möchte lächeln können, wie ich mir träume, daß Engel lächeln, wenn sie unsichtbare Zeugen schöner, guter Thaten sind. Haroun. Du wünschest dir, was du in diesem Augenblick schon hast. Abbassa. So hab' ich's nun, da ich deine Empfindungen in deinen Augen lese. Daß dein künftiger Geschichtschreiber dies Märchen ja nicht vergesse! Es wird dich verherrlichen, und die Nachwelt wird sagen, welch ein Mann muß Haroun gewesen sein, der solche Diener hatte, sie aufsuchte und ihrer achtete. Du weißt es wohl, wie wenig Gutes die Geschichte von den Herrschern der Menschen aufgezeichnet hat! – Doch sage mir, mein ernster Bruder, wirst du ihn in dieser Verlegenheit lassen? Haroun. Ganz gewiß! Er muß besser Ordnung lernen; Das, was bei ihm schön und groß ist, dir wenigstens so scheint, kann leicht für Andere, endlich für ihn selbst schlimme Folgen nach sich ziehen. Ist diese Freigebigkeit in seinem Herzen gegründet, so muß sie in Thorheit ausarten; ist sie erkünstelt, so verdient er die Bestrafung. Was würde aus uns werden, wenn ich gäbe, wie er gibt. Der kann leicht geben, der ohne Mühe jede Stunde von Tausenden nimmt, um Einen zu bereichern. Der Mann, der seinen im Schweiß erworbenen Erwerb mit dem Armen theilt, thut mehr durch eine Kupfermünze, als ich durch meinen Schatz thun kann. Ich nehme, er erwirbt – gibt mir, damit ich geben kann. Abbassa. Vortrefflich, Bruder; aber paßt dies auf den Barmeciden? Doch wie sollt' ich dir es beweisen, da du seine Tugend selbst bezweifelst, sie erkünstelt nennst. Haroun. Schwester, nichts leidet weniger Uebertreibung und lauten Anspruch, als die Tugend. Würde meine Abbassa so anmuthig schön sein, das Herz durch ihre Reize so entzücken, wenn sie uns zu zeigen bemüht wäre, wie schön sie ist? – Der Mensch bleibt immer Mensch, ein Augenblick voll hoher Spannung, Laune – von – ich weiß nicht was – gibt uns für die Zukunft keine Sicherheit. Das, was sich so stark, so geflissentlich auszeichnet, taugt in einem Staate nicht, wo Einer herrscht; und der durch so schreiende, auffallende Tugenden hervorragende Vizir kann mir gefährlicher werden, als der, welcher dieses durch Laster thut. Diesen macht jeder falsche Schritt, jede Bosheit, jedes ausgeübte Unrecht zu meinem Sklaven, da jenen jede seiner Handlungen über mich erhebt. Viel lieber will ich den zum Bösen Geneigten durch meine Strenge zur Erfüllung seiner Pflichten zwingen, als Dem, der die Tugend übertreibt, mit spähendem Blick nachforschen, ob seine Tugend Maske sei – ob er mir durch sie nur wichtig, bedeutend werden oder mir gar trotzen will. Abbassa. Hört' ich wirklich meinen Bruder? Spielt er nur mit seiner Schwester? Was hat dieses edle Herz vergiftet, was es mir, die ich so nah daran zu liegen glaubte, so ganz unkenntlich gemacht? Ich weiß die Zeit, wo Haroun den Menschen alles Gute und Große zutraute, wo er an diesem Mann nicht gezweifelt hätte, wo er ihm auf das bloße Gerücht über Berg, Thal und See, durch Hitze und Kälte gefolgt wäre, um ihn sich zu gewinnen. Wen soll ich mehr bedauern, den Mann, den dieses Mißtrauen unschuldig trifft, oder den, der das gefährliche, die Tugend verzehrende Gift in seinem Busen nährt? Haroun. Mich! Mich! Nur hier, vor dir, in diesem kleinen, seligen Bezirk kann und darf ich Mensch sein; sobald ich ihn verlasse, bin ich der Mann, der über Millionen herrscht, der seine Herrschaft über die Menschen durch die Herzen und den Geist, nur dem Scheine nach, mit andern theilen darf. Wer diesen Schein – diesen geborgten Schein – nicht tragen will, den muß ich bewachen. Klugheit muß nun meine Tugend sein; mich vor Täuschung zu bewahren, meine erste Regel. Abbassa. Armer Giafar! besser, du wärst in deiner Einsamkeit geblieben. Haroun. Arm – Er – Er, den Abbassa bedauert? – in Gegenwart ihres Bruders bedauert? – so sanft bedauert? Der die Herzen meiner Unterthanen sich zueignet, mit mir den Schatz zu theilen droht, nach dem allein ich geize – ihn mir vielleicht raubt? Was ist mir die Herrschaft über Asien, wenn ich nicht mehr sagen kann, ich bin Herr der Herzen? – Ha, sage mir, ob ich's noch ganz von dem deinen bin? Er entfernte sich hastig, verließ Abbassa erstaunt über sein Betragen, seine letzte Aeußerung. Sie konnte den Sinn davon nicht fassen und verlor sich in düstern Betrachtungen. Harouns Betragen widersprach ihrer Erfahrung nach seinem Herzen, seiner bisherigen Denkungsart, seinem ganzen vorigen Leben. Nie hatte sie die kleinliche Eifersucht auf die Tugenden und Fähigkeiten Anderer an ihm bemerkt, ihn immer, selbst gegen seine Feinde gerecht gesehen. Nun sah sie ihn eifersüchtig auf einen Mann, von dessen Tugenden nur er die Früchte erntete, den er darum berufen hatte, weil er hoffte, er würde so handeln, wie er that. Durch Betrachtungen dieser Art, durch das Gefühl des Mitleids gewann der Leidende nach und nach in ihrem Herzen, was der eifersüchtige, unbegreifliche Bruder verlor; sie dachte den Mann noch größer und erhabener, den ihr Bruder zu fürchten, zu beneiden schien, da er vor ihren Augen bisher nie einen zu fürchten, zu beneiden Ursache fand. Nur in seinen Tugenden, seinem Muth, seinen guten, edlen Thaten hatte sie gelebt, jetzt theilte sich ihr Herz und gewöhnte sich an den Gedanken, man könnte nicht allein ihm gleichen, man könnte ihn übertreffen. 10. Am Morgen des Vermählungstags brachte ein Verschnittener aus dem Harem der Prinzessin der Braut Giafars einen reichen Schmuck und ein prächtiges Gewand. Masul stellte er eine Summe Golds zu und sagte ihm: er möge nur dem Großvizir sagen, es sei ein Hochzeitgeschenk des Khalifen. Heiter erwachte der Barmecide, freudig begrüßte er den jungen Tag, er sah ihn als den schönsten seines Lebens an. In Fatime erblickte er die zärtlichste Geliebte, die treuste Freundin, die zuverlässigste Teilnehmerin seines Glücks und Unglücks, in deren Armen er allen Kummer zu vergessen hoffte, den er im Geiste vorsah. Der längst erwünschte Abend kam, die wenigen Gäste erschienen, die Ceremonie ging vor; man begab sich in den Speisesaal, und Giafar erstaunte über die Pracht der Tafel, noch mehr über die Musik, die bei ihrem Eintritt ertönte und das Glück der Neuvermählten in Begleitung sanfter Instrumente besang. Er schrieb die Ueberraschung dem Khalifen zu, und sein Herz dankte ihm still dafür. Die glückliche Mutter wollte nun die blühende, schüchterne Braut durch den Saal nach dem Schlafgemach führen, als Khozaima hereintrat und dem Barmeciden einen schriftlichen Befehl folgenden Inhalts überreichte: »Giafar, verstoße dein Weib! Ueberliefere sie nach der Verstoßung dem Ueberbringer meines Befehls! Daß sie rein aus deinem Hause trete, dafür steht mir dein Kopf! Die Braut ist verwandt mit dir, das Gesetz des Propheten untersagt die Ehe!« Giafar erblaßte – bebte – sank einem der nahestehenden Gäste in die Arme. Die Mutter eilte hinzu, er erwachte durch den heftigen Ausbruch ihres Schreckens aus seinem Erstarren. Er sah auf Fatime, Thränen rannen über seine Wangen, über seine zitternden Lippen. Ahmet! Ahmet! stammelte er und blickte wieder mit dem tiefsten Schmerz nach Fatime, die sich bleich, sprachlos an ihn lehnte. Die Gäste standen in Angst um ihn herum, und nur Khozaima sah kalt auf das peinvolle Schauspiel. Der Khalife ist in Irrthum, rief Giafar; Fatime ist die Nichte meiner Mutter, von einem Halbbruder her, und diese Ehen verbietet der Koran nicht. Khozaima. Der Herr der Gläubigen, der Nachfolger des Propheten ist Erklärer des Gesetzes! Kraft schoß in das Herz des Barmeciden. Sein Blick riß sich von der Gegenwart und heftete sich auf die Zukunft, auf Das, was er war, was er sein sollte. Er führte seine Mutter und Fatime in ein Seitenzimmer und las ihnen den Befehl des Khalifen vor. Was willst du thun? fragte die Mutter in bangem Tone, während sie die hinsinkende Fatime unterstützte. Giafar. Gehorchen, Mutter, mit zerrißnem Herzen gehorchen und in dem tiefsten Schmerz erwarten, ob Das die Wunde heilen mag, wofür dieser Khalife keinen Sinn zu haben scheint. Fatime. Du willst mich – verstoßen! verwerfen! Giafar. Können wir der Gewalt entfliehen? – Und könnten wir's, darf ich der Pflicht entfliehen, deren grausame Last ich nun empfinde? Sie will es, daß ich mich von dir, meinem besten Theil, allen meinen Hoffnungen auf Glück nun trennen soll und muß. Ich verstoße dich in dem Augenblick, da du mein geworden bist, da ich der Stunde nahte, die mich für vergangenen Kummer trösten, auf künftigen stärken sollte. Ich verstoße dich, damit ich zum Besten Anderer leben mag, damit dieser harte, mir unbegreifliche Mann an die Tugend zu glauben lerne. Was aus mir wird, das weiß ich nicht; nur Dieses fühl' ich, ich bin nicht um meinetwillen da, bin nicht da, um glücklich zu werden. Was aus dir werden wird, das ahne ich, und diesen Gedanken zu ertragen, geht noch über meine Kraft. Fasse dich – unterstütze sie, meine Mutter; weinen wollen wir, wenn sie uns verlassen hat. Ich muß die schrecklichen Worte aussprechen und dem Glücke nachseufzen, das mit dir auf immer von mir weicht. Die Unglücklichen traten in den Saal zurück. Der Priester und der Kadi erwarteten sie. Giafar sprach die Formel der Ehescheidung aus, schlug sein Gewand über sein Angesicht, eilte davon, von dem Jammergeschrei der Geliebten begleitet. Khozaima führte Fatimen nach einem verschleierten Tragsessel, begleitete sie nach dem Harem Abbassa's, in dessen Vorhalle sie Haroun erwartete. Er raunte ihr ins Ohr, als sie in die Halle trat: »Der Herr der Gläubigen empfängt dich selbst!« Ein Schrei der Verzweiflung war ihre Antwort. Haroun ergriff ihre Hand, sprach ihr Trost zu und führte sie in die Gemächer der Prinzessin. Das Schluchzen, das Seufzen der Betäubten erreichte das Ohr Abbassa's, sie sprang erschrocken von ihrem Sopha auf, eilte nach dem Zimmer, woher die Klagen ertönten, und Haroun sprach ernst und kalt zu ihr: Schwester, hier bring' ich dir einen furchtsamen, schönen Gast! Es ist Giafars Wittwe, bevor sie sein Weib geworden ist. Auf meinen Befehl verstieß er sie. Tröste sie und sage ihr, sie heiße von nun an Zobaide und werde des Khalifen Gemahlin. Abbassa sah ihren Bruder mit erstaunten, strafenden, durchdringenden Blicken an, aber die Thränen der Unglücklichen fesselten bald ihre ganze Aufmerksamkeit. Leblos war sie zu ihren Füßen hingesunken, sie richtete sie sanft auf, drückte sie wider ihren Busen und suchte ihre Empfindungen durch zärtlichen Zuruf zu erwecken. Fatime schlug die Augen auf, erblickte den Khalifen und sank an ihrer Trösterin Busen. Abbassa. Entferne dich, Nachfolger des Propheten! Erlaube mir wenigstens, daß ich die Unglückliche wieder in das Leben rufe, das du ihr zur Last gemacht zu haben scheinst. Das Volk nennt dich den Gerechten! Du warst einst stolz auf diesen Titel! – O bei dem erhabenen Propheten, dessen Sitz du füllst, ich wünsche nicht, daß dein künftiger Geschichtsschreiber auch diese That aufzeichne. Durch welche kannst du sie vergessen machen? Geh, laß mich mit ihr über sie, über mich, über dich und über den Mann weinen, dem du Das geraubt hast, was ihn allein über die Launen seines strengen, argwöhnischen, ungerechten Herrn trösten konnte. Ich habe genug gelebt; mein Bruder ist mir ein dunkles, peinigendes Räthsel geworden. Haroun. Sieh sie als meine Gemahlin an! Die Zeit wird lehren, wer Unrecht hat. Giafar saß indessen in düsterm Gram und klagte der Verlornen nach. Er fühlte den hämischen, tückischen Schlag der tyrannischen Gewalt, den Spott, die Verachtung, Mißhandlung der Menschheit und ergrimmte in seinem Innern. Schon wühlten wilde, finstere Gedanken in seinem Geiste, schon schossen bittre, empörende Empfindungen in seinem Herzen auf. Die Mutter beobachtete die Bewegungen seiner Seele, las seine Gedanken in seinen starren Augen, den dunkeln Falten seiner Stirne. Mit feierlicher Stimme rief sie ihm zu: Sohn, dies ist das Loos der Barmeciden, war deines Vaters Loos! Dafür, daß sie Unrecht leiden und keines begehen, segnen sie die Völker Asiens. Leide und weine jetzt; morgen zeige dem Khalifen, daß du größer bist, als er! daß du das Unrecht, welches er dir thut, um des Guten willen, das du ihm thust, ertragen kannst. Giafar. Mutter, was hab' ich von dem Manne wohl noch zu erwarten, der einer so gewaltsamen, so grausamen That fähig ist! Und gegen mich, der ich ihm mit Treue und Eifer diene! der ich nur seinen Ruhm, nur sein Bestes suche? Mutter. Eben dadurch bist du größer als er. Durch diese That hat er dich hoch über sich erhoben. Erniedrigt, beschämt sitzt der mächtige Beleidiger auf seinem glänzenden, goldnen Throne, während du, der Beleidigte, so lange du deinem edlen Zweck getreu verbleibst, erhaben auf dem Staube der niedrigen Erde sitzest. Giafar. Wer kann mir den entrücken? Verlor ich ihn aus den Augen, da mich die Schreckenspost erschütterte? Er rase – mein Wille ist mächtiger, als seine Macht, und vergebens strebt er, sich ihn zu unterwerfen. Zum blinden Werkzeuge des seinigen will er mich machen, darum martert er mich durch seine Laune, seine Widersprüche und seinen kalten, bittren Spott – darum greift er nur gewaltsam durch mein Herz – es sei, er zerreiße es, quäle mich, verfolge mich, mein Geist ist über ihn, über seine Gewalt erhaben. Ja, Mutter, ich will auf dem Posten verharren, zu dem er mich berufen hat, Alles ertragen und leiden, was bloß mich betrifft, und unerschütterlich vor ihm stehen, wenn er mich zum Unrecht gegen Andere zwingen will. Mutter. Nun höre ihn, Ahmet! – Nun höre ihn, mein Gemahl! Hört ihn, Geister seiner Väter! Giafar. Seht mich leiden, seht mich aufgerichtet in meinen Leiden, und wenn ich falle, ihr Geister meiner Väter, so falle ich euer würdig. Doch ihr wart – seid ihr nun? wo seid ihr? – Sei auch Das, was euch leitete, was ich nun so warm empfinde, ein Traum; es ist ein süßer, erhabener Traum, und wenn andere Wesen über uns sind, so ahnen wir sie nur durch diesen Traum. Trocknet er meine Thränen über die Verlorne nicht, so unterstützt er mich – Mutter, überlaß mich diesem Traume – morgen muß ich vor dem Räuber meines Glücks erscheinen, und dies will ich, meiner würdig. Er brachte die Nacht schlaflos in den einsamen Gängen seines Gartens zu, kämpfte mit seinen Leiden, mit den immer aufwallenden Empörungen seines Herzens. Oft rief er: »Ahmet! Ahmet! Ist dies die moralische Harmonie der Welt? Dies der Lohn Derer, die sie zu befördern suchen?« Er wünschte seine Erscheinung in seinem Groll, glaubte ihn in jedem Geräusch zu hören, in jedem Schatten, den das Spiel des Winds bewegte, zu sehen. – Morgens trat er vor den Khalifen ernst und kalt, sprach von den vorhabenden Geschäften, als sei nichts vorgefallen. Nie war Haroun freundlicher gegen ihn; er bewilligte Alles ohne Widerspruch, was ihm Giafar vortrug. Es gelang ihm, einen Mann zu retten, der ein Verbrechen begangen hatte, weil man ihn durch ein größeres dazu gereizt hatte, und den mehr der Zorn des Khalifen, als das Gesetz verdammt hatte. Schon ein Gewinn, sprach der Barmecide in seinem Herzen. Als er gehen wollte, rief ihm Haroun nach: Ich höre, dein Schatz sei leer. Giafar. Herr, ich hatte keinen Schatz und sammle keinen; war nie reicher und bin nun nicht ärmer. Haroun. Freilich, wenn du so fortfährst, muß ich es wohl aufgeben, dich reich machen zu wollen. Bettler müßten durch dich reich und du zum Bettler werden. Wer sind die Leute, die du nährst, denen du das Leben so leicht machst, daß sie der Hände nicht mehr brauchen? Giafar. Die nähre ich nicht, die ihre Hände brauchen können. Meine Almosen, Herr der Gläubigen, erhalten Leute ohne Schutz und Hülfe; Christen, Griechen, Juden, Armenier, Aegypter, alles Menschen, die deinem und andern Krieger Schwert ihr Elend danken. Haroun. Ich danke dir, daß du da ersetzest, wo wir gezwungen schaden müssen. So thut Jeder von uns seine Pflicht. Ich, der den Thron der Khalifen und die Muselmänner schützen und vertheidigen muß, kann und darf nicht fragen, wem ich dadurch weh thue. Barmecide, du hast den besten Theil gewählt, du heilst das Böse, das ich thun muß. Nimm diese Anweisung auf meinen Schatzmeister; dem königlichen Barmeciden soll es unter Haroun nicht an Mitteln fehlen, Gutes zu thun. Giafar sah, daß es eine Anweisung auf eine große Summe war. Herr, sprach er, beinahe sollt' ich glauben, du wolltest etwas bezahlen, das keinen Preis hat, das du, so reich du bist, nicht bezahlen kannst – doch warum sollten die Unglücklichen um meiner Bedenklichkeit willen leiden? Irr' ich mich, um so besser; irr' ich mich nicht, so spricht mich der Gebrauch von der Beschämung frei. Der Geber frage sein eigenes Herz, indem ich ihm meinen Dank abstatte.