Jean Paul Museum Inhalt: Vorrede I. Mutmaßungen über einige Wunder des organischen Magnetismus II. Sedez-Aufsätze. Erste und zweite Lieferung III. Frage über das Entstehen der ersten Pflanzen, Tiere und Menschen IV. Warum sind keine frohen Erinnerungen so schön als die aus der Kinderzeit? V. Sedez-Aufsätze. Dritte Lieferung VI. Die Frage im Traum, und die Antwort im Wachen VII. Bruchstücke aus der »Kunst, stets heiter zu sein« VIII. Bemerkungen über den Menschen IX. Programm der Feste oder Aufsätze, welche der Verfasser in jedem Monate des künftigen Morgenblattes den Lesern geben will X. Des Geburtshelfers Walther Vierneissel Nachtgedanken über seine verlornen Fötus-Ideale, indem er nichts geworden als ein Mensch XI. Blicke in die Traumwelt Vorrede Die Vorrede hat als ein längeres Titelblatt hier nichts zu erklären als das vorstehende kurze. Da ich aber immer jede Vorrede mit dem närrischen Gefühle anhebe, daß ich sie ganz gut weglassen könnte, oder auch ebensogut hinschreiben, wie denn mein ältestes Werk, die grönländischen Prozesse, ebenso schicklich eine hätten haben können als dieses neueste keine: so verspürt man sich in einem so behaglichen Elemente, daß man die goldnen Worte des Vorberichts gern übermäßig wie in einem metallischen Walz- oder Streckwerke ausdehnen und kaum ablassen möchte, besonders weil ohnehin da, wo keine Notwendigkeit des ersten Worts war, schwerlich eine des letzten zu erweisen ist, daher sind denn Vorreden so lang. Auch bei dieser will ich mich durch kein Versprechen binden, aufzuhören. Es gibt sowohl geschriebene als gebauete Museen. Von den gebaueten darf ein Werkchen ohne Kunstwerke schwerlich den Namen entlehnen, z. B. etwan von dem Museum in Frankfurt oder dem Beygangschen in Leipzig, noch weniger vom Museum in London, am allerwenigsten vom Musée Napoléon. Auch die geschriebenen Museen – das deutsche – das vaterländische – das Schlegelsche – das britische – das skandinavische – die Baumgärtnerschen des Wundervollen und des Luxus – dürften sämtlich zu stolz sein, einen Gevatterbrief für ein Selbstmuseum anzunehmen und ihm das Patengeschenk ihres Namens zu machen. In der Tat ist an diesem Museum nur ein Redakteur angestellt, der wieder nur die Arbeiten eines einzigen Mitarbeiters durchzusehen hat; ja beide, Redakteur und Mitarbeiter, sind wieder nur einer , nämlich ich selber. Jedoch schließt diese Einerleiheit der Arbeiter Verschiedenheit der Arbeiten nicht aus, sondern scherzhafte – poetische – philosophische – naturforschende – und sonstige wirklich ein. Aber der Himmel bescherte doch dem Werke einen gelehrten Titel, und vorher dem Verfasser selber, Schon in meiner Kindheit wünscht' ich ein Mitglied irgendeiner gelehrten Gesellschaft, z. B. der Berliner Akademie, zu sein, und ich stellte mir unter dem Titel nichts anders vor als ein Titelblatt, worauf ich als ein zweiter Dr. Johann Paul Harl stände und mich wie er unterschriebe als Ehrenmitglied der königl. sächsischen Leipziger ökonomischen Sozietät – der königl. sächsischen privilegierten thüringschen Landwirtschafts-Gesellschaft – der herzogl. sachsen-gothaschen und meinungschen Sozietät der Forst- und Jagdkunde zu Dreißigacker – der naturforschenden Gesellschaft zu Halle im Königreiche Westfalen – der Nürnbergschen Gesellschaft zur Beförderung der vaterländischen Indüstrie – des Pegnesischen Blumenordens zu Nürnberg – etc. – Ich versah aber Jahre lang vergeblich meine Werke mit gelehrten Titeln Zeugen sind die Palingenesien, Hesperus, Levana, Titian, Herbstblumine und so viele kleinere in den Werken selber, z. B. Jobelperiode, Zykel oder Kykel etc. aller Art, ohne für mich selber auch nur den kleinsten zu erringen, als ich endlich vor vier Jahren zum mitarbeitenden Mitgliede des Museums in Frankfurt ernannt wurde. Mit diesem gelehrten Titel gedenk' ich, zumal wenn ich zu ihm noch mit dem politischen eines Legationsrates als Verstärkung stoße, mich schon neben dem Kameralkorrespondeten Harl zu halten und zu passieren und so lange etwas vorzustellen, bis vielleicht gar eine Zeit kommt, wo ich selig werde und mich eine ganze Akademie wegen meines rühmlich zurückgelegten literarischen Lebens und Sterbens zu einem auswärtigen korrespondierenden Mitgliede umso lieber ernennt, als die größten Akademien von jener Welt noch zehnmal weniger wissen als selber von dieser. Die meisten Aufsätze dieses Werkchens sind nun – denn nur diese Vorrede und die drei letzten Nummern IX, X, XI nehmen sich aus – Aufsätze, welche ich als gelehrtes Mitglied ins Frankfurter Museum zum Vorlesen abgeschickt; und die hier bloß sehr verbessert und vermehrt erscheinen. Daher denn der Titel: Museum von Jean Paul. Das Ende mancher Aufsätze wird an die Geburttagfeier eines der edelsten Fürsten Deutschlands erinnern, welcher allerdings dem Papste Leo X., dem Beschirmer des wissenschaftlichen Reichs, dieses geistigen Kirchenstaats, noch viel ähnlicher sein könnte, wenn er nicht auch zugleich ein Mehrer des Reichs des Geistes wäre und nicht so Verdienste, die ein anderer Fürst nur belohnt, selber erwürbe. Dieser Umstand kann seinen Belohnungen und Belobungen wissenschaftlicher und poetischer Verdienste vielleicht in einigen Augen den eigennützigen Schein anstreichen, als belohn' und belob' er in Philosophen und Dichtern nur seine Nachahmer und also wahrhaft sich selber; ein Anschein, welchen der Kaiser Augustus, der seine Verse ganz anders machte als der jungfräuliche Virgil, geschickt genug vermieden. Dabei will man doch nicht ableugnen – sondern vielmehr behaupten –, daß er, wenn er nur auf dem bloßen Pindus säße und nicht glücklicherweise zugleich auf dem hinaufgetragnen Throne dazu, ganz eines Fürsten seines Gleichen würdig wäre, der ihn so aufmunterte und unterstützte wie er selber uns. – – – Hiemit mach' ich die Vorrede auf der Stelle aus, vielleicht wider allgemeines Erwarten. Es soll mir genug sein, daß ich mir sogleich auf der vorredenden Schwelle einen gültigen vollen Preßfreiheitbrief oder Selber-Konsens ausgefertigt, den Vorbericht so lang auseinander zu dehnen, als ich nur will. Vermittelst dieses Konsenses hab' ich schon während der Zeit des Vorredens in der schönen menschlichen Phantasie das ideale Vergnügen voraus genossen und ausgekostet, die Vorrede ins Unbestimmte wachsen zu lassen, indem ich ihr bloß ganz fremde Gedanken-Fechser einimpfte. Ich impfte ihr in Gedanken – um nur einiges anzuführen – z. B. ein: – Im Staate fressen zuweilen, entgegengesetzt dem pharaonischen Traume, die sieben fetten Kühe die sieben magern auf – die Reichen die Armen – die Hohen die Niederen – der Adel die Lehnleute – und einer die Vorigen – Ferner den Satz: Werft Perlen vor die Schweine, aber nur falsche aus Wachs – Desgleichen, aber nur mehr politisch: – Wer leise geht, muß (physisch und politisch) langsam gehen; aber wer laut geht, muß es schnell tun – Ferner hab' ich mir vorgestellt, daß ich noch schreiben und einpelzen könnte die Sätze: Im äußeren Unglück noch inneres erfahren, nämlich eigne Feigheit, heißt einem Menschen gleichen, welcher in einer belagerten Festung nicht als ein Krieger, sondern als ein Festung- oder Baugefangner liegt. – Ebenso wie künftigen Schmerz durch Furcht vergegenwärtigen, ist vergangnen durch Erinnerung verewigen und heißt, gleich den Ägyptern Krokodile zugleich ernähren und einbalsamieren. – Ja ich könnte noch literarische Fechser, die ich ideal einimpfte, nennen, und unter diesen besonders folgende drei: Die größten romantischen Algebraisten sind einige neuere Romanenschreiber – oder deren Verleger –, welche die Buchstabenrechnung des Ehrensolds oder des Buchpreises zu einer Höhe treiben, daß sie ein leeres Gespräch in mehre kurze Kapitel mit mehren leeren Halbseiten und kurzen Zeilen zerblättern und zerflocken, da doch diese poetischen Leerdärme sich schämen sollten, einen so großen, geschweige größeren Raum zu besetzen als ein voller Klopstock, Baader und Kant; und die kleine Perlschrift sollte den Mangel ihrer Perlenbank einschleiern; wie denn Vorredner dieses selber mit dem größeren Drucke seiner Werke zugleich seine Fehler vergrößert spüren würde, oder in jeder Druckfraktur – es sei grobe, kleine, Doppel- oder Mittel-Fraktur – das Mikroskop seiner Sommer- und Sonnenflecken fände und auf Elephantenpapier sich selber zur Elephantenameise würde – – Himmel, würden nicht manche Schreiber am schönsten so unendlich klein und eng abgedruckt, daß sie typographisch so wenig zu lesen wären als ästhetisch? Der zweite literarische Gedanke in meiner Vorstellung ging sowohl die poetischen Former als die poetischen Un- oder Mißformer an. Denn jene Töpfer halten sich gern für Köche, weil sie, gleich diesen, Töpfe in den Ofen schieben, wiewohl diese es mit harten vollen tun, jene mit leeren weichen. Den genialen feurigen Männern geben daher dichtende Eisvögel das schöne Beispiel, daß sie sogar das schwache Feuer, das sie haben, durch gute Kritik zu mäßigen und zu dämpfen suchen, so wie etwa blinde Pferde an den Augen Scheuleder tragen. Was die poetischen Un - oder Mißformer im guten Sinne betrifft, so wissen diese recht gut, daß ein Musenpferd durch einige Auswüchse und Bastardglieder ein geniales werde, und sorgen daher für letzte zuerst, so wie große historische Pferde immer etwas Monströses hatten, z. B. Alexanders Buzephalus einen Ochsenkopf, Cäsars Pferd und Neptuns Arion den Vorderhuf einem Menschenfuße gleich. Daher nennen sie sich, wie z. B. der dramatische Kleist, mit noch mehr Recht Shakespearens Jünger, als sich in London die jungen Shakespeare's boys hießen, welche damals, als noch der große Dichter vor dem Schauspielhause den vornehmen Zuschauern die Pferde hielt, als dessen Unterdiener im Pferdehalten von ihm angestellt und besoldet wurden. Drittens malt' ich mir meinen Wunsch recht lebhaft geschrieben aus, daß das gelehrte Deutschland besonders zwei Wünsche eifrig äußern und unterstützen möchte, nämlich erstens: daß uns die Exzerpten des herzlichsten und vielgelehrtesten Geschichtforschers, Johannes v. Müller, sein lieber Bruder gedruckt bescherte, und ich würde gern unterschreiben (subskribieren), um auszuschreiben – und zweitens, daß uns der nachgelassene Anfang von Adelungs gleichsam neutestamentlichen Wörterbuche, das an der Zeit sich verklärte, wie er nachher an der Ewigkeit, nicht vorenthalten würde, und ich würde mit Vergnügen einige vorausbezahlte Taler aufwenden, um nach dem Empfange des Exemplars über den fleißigen Mann noch zehnmal sanfter zu urteilen, als ich schon getan. – – Aber beim Himmel! fahr' ich so fort und schwärze so unter dem Deckmantel gedachter Gedanken geschriebene ein: so kann ich mir, da auf diese Weise ganze Bücherballen guter Gedanken einzuflechten wären, gar nicht vorstellen, wie nur die Vorrede je ein Ende nehmen könne, oder ich müßte mich gewaltig verzählen. Baireuth, den 31. Oktober 1813 Jean Paul Fr. Richter I. Mutmaßungen über einige Wunder des organischen Magnetismus § 1 Es ist ein wohltätiges Wunder, daß derselbe Magnet, welcher uns mit seiner Nadel die zweite Hälfte des Erdballs zeigte und gab, auch in der Geisterwelt eine neue Welt entdecken half. Schwerlich hat irgendein Jahrhundert unter den Entdeckungen, welche auf die menschliche Doppelwelt von Leib und Geist zugleich Licht werfen, eine größere gemacht als das vorige am organischen Magnetismus; nur daß Jahrhunderte zur Erziehung und Pflege des Wunderkindes gehören, bis dasselbe zum Wundertäter der Welt aufwächst. Wenn schon die Kombinationen der Scheidekunst mit ihren greiflichen offenliegenden Körpern ietzo fast ins Ungeheure auseinanderlaufen, so daß jeder neugefundne eine neue Welt von Verbindungen mit den alten gebiert, weil jeder ein neuer Selbslauter ist, der mit den alten Selb- und Mitlautern ein neues Wörterbuch zusammen setzt: wie muß nicht der organische Magnetismus mit der unbestimmten Mannigfaltigkeit von geistigen und körperlichen Größen der handelnden und der behandelten Naturen der Ärtze, welche hier zugleich Arzneien sind, und der Kranken, welche zugleich Selb-Ärzte sind – ferner mit der Mannigfaltigkeit der geistigen und körperlichen Einwirkungen der ändernden Zeiten auf Nervenkränklinge und Nervenärzte – endlich mit den anschwellenden Gebrauch-Verbindungen des Magnets, der Elektrizität und des Galvanismus samt so vielen noch unversuchten Reizstoffen, sogar ungleichartiger Kranken, wie muß nicht künftig der Magnetismus ein weites Weltmeer aufbreiten, Woge an Woge, ohne Küsten, und nur durch Himmel und Sterne meßbar! Man verzeihe dem Anfange eine zu warme Darstellung, welche man leichter bei dem Ende duldet und teilt; aber man bedenke, daß der Schriftsteller eben vom Ende herkommt. Die Lehre des organischen Magnetismus erfuhr das gewöhnliche dreifache Schicksal aller, besonders der medizinischen Erfindungen, nämlich anfangs vergöttert, dann verstoßen, und endlich verstanden zu werden. In Berlin, wo früher sogenannte Aufklärer dieses Neu - und Vollicht zugleich verfinsterten, leuchtet es jetzo herausgetreten aus der alten Wolke Nach der gewöhnlichen Schicksals-Doublette wurde das Magnetisieren in Paris durch die Revolution und in Berlin durch kriegerische Evolutionen unterbrochen. und der Greis Mesmer, welcher bisher in Einsamkeit an der Zeit den Mißbrauch wie die Verdrehung eines neuen Weltschlüssels verachten mußte, erlebt nun bessere Schüler und Rächer. Wir wollen einige Wunder der Lehre, welche ihr den Eingang in die jetzigen Köpfe erschwerten, den sie ihr sonst in früheren Jahrhunderten gebahnet hätten, mehr in Zusammenhang mit unserer angenommenen Natürlichkeit bringen, ob es gleich nur ein Wunder gibt, die Welt selber, und Wunder natürlich erklären nichts heißt, als sie zurückleiten ins Urwunder. Der Gewicht-Schriften über Magnetismus sind wenige; aber dies zum Glücke für die erfahrende Ausübung, welche noch keine hypothetischen Nebenblicke verfälschen. – Die, auf deren geschichtliche Wahrheit ich mich im Texte nur mit einem Worte, mit dem angeführten Autornamen, beziehe, sind folgende: Gmelin über den tierischen Magnetismus 1788; Wienholt, Heilkraft des tierischen Magnetismus, 3 Bände; Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft von Schubert; Wolfarts Darstellung einer lebensmagnetischen Kur 1812; Klugens Darstellung des animalischen Magnetismus.   §2 Das Sehen Das erste abstoßende Wunder ist, daß die Hellseherin (Clairvoyante) mit geschloßnen Augen und hinter doppeltem Tuche und hinter dem Rücken versiegelte Briefe lesen kann. Früher als das neue Wunder haben wir das alte aufzulösen, daß man durch noch dichtere Körper, durch Glas, sehen kann, oder gar durch den dichten Diamant. Man denkt sich mechanisch Lichtstrahlen gleichsam als abgeschoßne Nadeln, welche auf der Netzhaut des Auges ein Bild ausstechen, und die zugleich tausend Pinsel und ein Kleingemälde vorstellen und immer das Gemälde fortmalen. Man glaubt es sich z. B. zu erklären, daß und wie der Geist ein Altarbild an der Wand erblickt, wenn man nachweiset, daß dasselbe als kleinstes Dosenstück auf der Netzhaut aufgetragen ist; aber warum denkt man denn nicht daran, daß der Unterschied der Bildnähe und der Bildgröße kein Sehen desselben erklärt, sondern daß hinter dem Netzhautbilde erst die scharfe Frage über die mögliche Überfahrt des Bildes durch das Sehnerven-Paar und das Gehirn sich anfängt, weil sogar alle besten physiologischen Fahrzeuge der Überfahrt immer gleich weit von der Seh-Empfindung des Geistes sich halten müssen? – Das Licht selber ist uns unsichtbar; denn sonst müßten wir Nachts den Strahlenstrom erblicken, welcher von der Sonne vor uns vorbei auf den Vollmond zieht. Die scheinbaren Lichtstrahlen sind bekanntlich nur stärker beleuchtete oder weißere Körperstreife. Die Lichtmaterie, welche an einem trüben Tage durch die Luftschichten, durch die Wolkenschichten und zuletzt durch ein Stückchen Glas hindurch uns alle Gegenstände zeigt, vermag dies nicht mechanisch durch Poren zu tun, weil z. B. in einem Linsen-großen Glas oder in einem Luftkügelchen einer durchstochnen Karte, welches alle einzelne Punkte des weiten halben Gesichtskreises durchgehen oder schauen läßt, in jedem denklichen Punkte Poren, also gar nichts da sein müßte, – sondern als eine Kraft, welche auf das Sehvermögen, wie die magnetische auf das Eisen, durch Zwischenkörper hindurch wirkt! Wozu nannt' ich erst Glas, da ja stets die kleine Krystallinse des Auges alle unzähligen Farben und Umrisse einer halben meilenweiten Gesichtswelt ohne Ineinanderfließen und scharf geschieden und in jeder augenblicklichen Achse-Richtung durch sich ziehen läßt? Aber ist das Sehvermögen auf die Augen eingeschränkt? – Es entsteht Licht ja schon galvanisch, wenn Silber und Zink sich im Munde berühren, oder jenes in der Nase, dieses auf der Zunge. – Nach meiner besondern Theorie des Traums könnte ich auch die Blinden anführen, welche, wenn sie es durch einen Schlagfluß geworden, doch im Traume sehen. – So haben Magnetisierte zumal anfangs stätes Licht vor sich, aber ohne Gegenstände, und sehen sich und den Arzt leuchten. – Besser ein Licht oder Leuchtvermögen wäre das Auge zu nennen, wie die Lichtentwicklungen nach Augendruck verrathen – nächtlich die Feueraugen der Raubtiere- die starke Erleuchtung, Götting. Magazin für das Neueste aus der Phys. II. in welcher nach großem Erschrecken alle Gegenstände erscheinen. Wodurch sieht nun die Hellseherin das körperliche Außen, wenn ihr das offne Auge mangelt? Wodurch lieset sie versiegelte Briefe, und wodurch erkennt sie Karten, blos auf die Herzgrube gelegt? Diese leichte Frage wird erst zugleich mit der schwierigern beantwortet: wodurch sieht sie das körperliche Innen? Nach allen Berichten liegen den innern Blicken der Magnetisierten ihre Körper gleichsam wie Uhrwerke in Krystallgehäusen durchsichtig mit dem ganzen Lebens-Triebwerke aufgedeckt und aufgestellt da, mit den Blut-Strömen der Adern, dem Gezweige der Nerven, und sie sehen (nach Wolfart) von innen sogar ihr Auge und von innen ihr Gehirn vor sich und zergliedern sich selber lebendig vor dem Zergliederer. Was erleuchtet das finstere bedeckte Reich der innern Glieder und das Gehwerk der lebendigen Uhr im Stundenschlagen, deren Räderwerk wir sonst nur im Stehen und abgelaufen zu sehen bekommen?   § 3 Das Hören Wollen wir vor dem Antworten noch das zweite Wunder, das Hellhören , betrachten; denn die magnetischen Kranken hören nur den Arzt, auch mit verstopften Ohren, und die Musik nur, wenn er sie macht, fremde aber, so wie die leisesten fernen Töne anderer, durch Verbindung mit ihm, Wenn von mehren Personen, welche eine lange Handkette bildeten, die erste die Hand auf die Herzgrube der Hellseherin legte, und die letzte noch so fern und leise in die eigne Hand sprach: so vernahm es die Kranke. Klugens Darstellung etc. S. 151. aber keine unverbundne Person. Auch der Klang ist – so wie das Licht weder ein Fluß ist, noch ein Ätherzittern – gleicher Weise kein Luftzittern. In einem freien Flüssigen gibt es keine Fortpflanzung durch Linien, sondern durch Kreise; wie folglich im Äther keine geraden Strahlen- oder Feuerlinien, so können auch im Luftmeer keine sogenannten Schallstrahlen, d. h. Schallinien, sondern nur Schallkreise vorkommen. Nur der mechanische Wind ist ein Strom, von Ufern gelenkt, aber nicht der geistige Ton. Aber diese Schallkreise erklären so wenig als Schallinien das Hören. Man male nur diesen lügenden Mechanismus – ein Materialismus in der Materie – folgerecht und deutlich aus: so muß man annehmen, daß in einem Konzertsaale in- und miteinander spielende Töne mehrer Instrumente und Singstimmen, welche alle ein Kunst-Ohr in einem Nu vernimmt und unterscheidet, ihre Luftkreise oder Wellen auf einmal so schlagen, daß diese nicht ineinander verwallen, aber doch alle zu gleicher Zeit ankommen – daß ferner alle diese Luft-Zitterungen durch eine Mauer, aus dieser durch einen langen Stock, den man als Resonanzboden an sie und an das Ohr anlegt, und endlich in die engen Schneckenwindungen des Ohrs und zuletzt in dessen Hörwasser unverworren ziehen, um mit allen den jetzo ins Engste gezognen Kreisen auf einmal den Hörnerven zu abteilenden Empfindungen zu erschüttern – – Was wären gegen diese Wunder des Mechanismus die Wunder des Magnetismus! – Chaldni's Staubgestalten auf dem tönenden Glase heben sowohl die Kreise als die Linien durch die regelmäßige Verschiedenheit ihrer geometrischen Bildung auf; denn eine schwankende Luftwelle kann so wenig als eine gerade Fortzitterung ein Dreieck u. s. w. zusammenlegen und gleichsam krystallisieren. Diese Gestalten sind nur Wirkungen einer Kraft, da keine sich ohne Bewegen zeigen kann; aber ließe sich denn aus bloß mechanischer Gewalt das tönende Beben einer ganzen tausendpfündigen Glocke bei dem Berühren eines Metallstäbchens erklären, oder das Zerschreien eines festen Glases bloß bei verstärktem Antönen seines eigentümlichen Klangs? – Man wende übrigens nicht ein, daß die Kleinheit des hörenden Mittelpunktes oder Fokus, so wie oben die des sehenden, auf falscher Wage zu hoch berechnet werde, da jede ja beziehlich und scheinbar sei, und da nach mir selber Katzenbergers Badreise B. I. Seite 241 jeder Gegenstand wenigstens so groß, eigentlich aber größer existiere, als er unter dem Vergrößerglas erscheine. Denn ich versetze: dann wächset aber auch in demselben Verhältnis der ohne das Glas große Gegenstand, und wenn die Krystallinse eine Peters-Kuppel wird, so wird die in Rom eine Mondkugel. Es muß demnach eine andere Hörlehre geben als die gemeine; und auf diese andere leitet eben der Magnetismus, welcher dem Ich auf andern Hebwerkzeugen als auf Luftwogen und Gehörknochen das Ton-Geistige zubringt. Nicht bloß das Hören im Schlafe, der sonst alle Sinnenhäfen sperrt, sondern, wie gedacht, das Hören (so wie Sehen) nur dessen, was der magnetische Arzt berührt, so daß z. B. Wolfarts Kranke kein Getöse, aber die leise in sich selber vertönende Mundharmonika vernahm, wiewohl mehr als inneres, nicht äußeres Tönen. – Verwandt ist damit die Erscheinung in Moses Mendelssohn, vor welchem während seiner Nervenkrankheit die am Tage gehörten Laute in der Nacht gellend wiederklangen. Auch an den übrigen Sinnen deckt der Magnetismus neue Seiten auf, indem der Geschmack und das Gefühl beide erstlich mitten im Schlafe, zweitens anders als im Wachen empfanden; im Schlafe findet der Geschmack das magnetisierte Wasser angenehm, und das Gefühl der unmagnetisierten Menschen kalt, und beide beides im Wachen umgekehrt. Über den Geruch und das Gefühl hat man wenige Erfahrungen und Versuche gemacht, vielleicht in der betäubenden Überfülle der Wunder, und auch weil der Magnetismus (wovon unten weiter die Rede sein wird) gerade die höheren Sinnen weit mehr als die tieferen verfeinert und steigert. § 4 Über den höheren Sinnenkörper oder Ätherleib Bisher hab' ich mit den Beweisen, daß nicht einmal das unmagnetische Sehen und Hören sich aus den mechanischen Theorien erkläre, geschweige das magnetische, indem vielmehr das letzte zu einer anderen Theorie des ersten verweise, anzudeuten gesucht, daß unser Geist zuletzt durch eine ganz andere, höhere Körperhülle, als die äußerliche rohe ist, die sich mit ihren Gliedern selber austastet, in den Bund mit Kräften kommt. Die rohe äußere ist nur eine Sammlung von immer feineren Hüllen oder Leibern, welche mit der äußersten unempfindlichen Haut (epidermis) und mit den nervenlosen Schmarotzer-Gliedern, den Haaren und Nägeln, anfängt und vom Fibern- und Aderngeflecht bis zum Nervenschleier geht. Aber warum wäre dieses noch fünfsinnliche mechanische Gewand das letzte? Warum soll den Geist kein dynamisches umgeben, gleichsam ein allgemeines Sensorium, das (wie der Gefühlsinn) Sinnen verknüpft und begleitet? Schon Bonnet setzte in den Erdleib einen zärtern Auferstehleib für die zweite Welt, und Platner nahm dasselbe unter dem Namen »zweites Seelenorgan«, aber schon für die erste, tätig an. Wie, wenn wir nun schlössen – weil uns die magnetischen Erscheinungen dazu zwängen –, daß der eigentliche Ätherleib der Seele aus den magnetischen, elektrischen und galvanischen Kräften gebildet sei? Und zwar dies so, daß, so wie von der Gewalt des organischen Lebens alle unorganische Teile, Erde, Wasser, Salze, zu einem neuen, ihnen unähnlichen Gusse verschmolzen, entkräftet und gekräftigt werden, daß ebenso die gedachten drei Kräfte sich unter der Gewalt des geistigen Lebens zu einer höheren Misch-Einheit verarbeiteten? – Denn woher kämen sonst, bei so vieler Verwandtschaft des organischen Magnetismus mit dem mineralischen und mit Elektrizität und Galvanismus, wieder Ungleichartigkeiten, als z. B. solche sind, daß die elektrischen Leiter, Wasser und Eisen, nach Wienholt magnetische Isolatoren sind, Holz und Leinwand aber Leiter, daher ein Baum (nach Mesmer und Kluge), ungeachtet seiner leitenden Verbindung mit der Erde, magnetisch zu laden ist; – daß ferner Nichtleiter, wie Schwefel und Siegellack, so unangenehm wirken wie zusammengesetzte Metalle; – daß der Nichtleiter (nach Fischer) dem magnetisierten Kranken so gut elektrische Schläge gibt als das leitende Metall, und daß er zwar das strömende Feuer sieht, womit ihn die Finger des Arztes laden, daß er aber (nach Gmelin, Heineken und Nasse) dem Elektrizität-Messer keinen Funken elektrischer Ladung verrät; – ferner daß der Kranke, zuwider allen körperlichen Ähnlichkeiten mit Magnetismus, Elektrizität und Galvanismus, sich selber durch Striche laden und durch Gegenstriche entladen kann – und daß, ungleich jenen, der Mensch unmittelbar ohne Berühren, von fernen, durch Deckbetten hindurch, durch Blicken und Hauchen zu laden ist – daß vollends jene drei Kräfte weder einzeln noch vereint bei aller heilenden Erhebung des Körpers nichts zu jener Verklärung des Geistes vermögen, welche den organischen Magnetismus allein begleitet – und endlich, daß bisher die magnetischen Ärzte, besonders Hufeland, die galvanische Säule mehr als eine aufhaltende Sandbank für den Magnetismus gefunden denn als eine Siegsäule desselben? – Doch wozu aus dem tausendfachen im All eingewurzelten Wunderreiche der Menschennatur die abweichenden Umbildungen jener Dreikraft holen, da wir an einem einzigen Tier so manche zeigen können! Der Zitterfisch fühlt (nach Humboldt) den Magnet nicht; gleichwohl ist Eisen ein Leiter seines Schlags. Er führt (nach Hunter) eine ihm eingebaute elektrische Batterie bei sich; gleichwohl werden (nach Humboldt) seine stärksten Schläge nicht vom elektrischen Größenmesser angezeichnet. Er treibt durch eine Reihe aufeinander liegender Zitterfische seinen Blitzschlag hindurch, aber ohne auf diese zu wirken, indes ein elektrischer Funke die Menschenkette schmerzlich durchfährt. Nur noch eines! Wenn bekanntlich Unterbindung einem Nerven die Empfindung unterhalb des Verbandes abschneidet: so muß in ihm etwas anderes gehemmt und unterbrochen werden als ein elektrischer oder ein galvanischer Fluß, da dem einen wie dem andern bei seiner Feinheit keine roh-mechanische Verengung sein Bett und seinen Zusammenhang mit dem Gehirn entziehen könnte; so wie hier auch der Schmerz des Unterbindens nichts erklärt, weil er sonst eben so gut oberhalb des Verbandes die Empfindung binden müßte. Noch könnte man sagen: der Nerve stirbt, ungleich andern Körperteilen, am Hunger eines Augenblicks und erträgt keine, auch kürzeste Entbehrung des nährenden Gehirns; aber dann ist Nahrung, die dem Nerven mechanisch abzuschneiden ist, noch verschieden von dem Nervengeiste, welcher im Darben entweicht. Warum will man die Seele als die höchste Kraft nicht als das stärkste Verbind- und Zersetz-Mittel (Menstruum) der feinern (den tiefern Kräften unauflösbaren) Stoffe, wie Elektrizität, Magnetismus, Licht und Wärme sind, annehmen? Wenn die Seele in Krankheiten schon rohere Stoffe, wie Blut und alle Absonderungen, mit solcher Gewalt angreift, umarbeitet, umkocht – und zwar dies nur mittelbar auf dem Umwege durch Nerven –, soll sie, da doch die mittelbare Reihe zuletzt mit einer unmittelbaren schließen muß, auf welche sie ohne Zwischenkräfte zuerst einwirkt, nicht die unmittelbaren am stärksten verändern, verwandeln, sich aneignen können? Wo soll aber hier die Stärk- und Trennkraft des Geistes aufhören, der schon z. B. bei Heben der Lasten keinen Hebel zu vergrößern braucht als seinen Entschluß? Übrigens kann uns das ursprüngliche Wesen des nächsten oder konzentrischen Kraft-Kreises, der den Mittelpunkt Seele umzieht, nicht bekannt werden, weil er uns erst nach ihrer Einwirkung und Veränderung bekannt wird. Kann es nicht ein Wasser geben, uns ewig unkenntlich, weil es nur als Eis, als Nebel, als Dampf, als Schnee, als Wolke erscheint, und nie als Wasser? Nur stelle man sich den erwähnten Ätherleib nicht mit grober Vergleichung vor, gleichsam als das letzte engste Seelen-Futteral mit eingebohrten Sinnenlöchern für das eingesargte Ich. So wie Licht und jede Kraft, so muß eine organische Verschmelzung jener unorganischen Kräfte alle geometrischen Formen ausschließen. Sie wird unsern schweren Leib zugleich durchdringen und umschweben, eine weiche Flamme, welche den dunkeln Leib-Docht umfließt und durchfließt. Oder in einem andern Gleichnis: der Erdleib ist nur die Topferde, worin der Ätherleib, als Blume wurzelnd, außer ihren tiefern Säften auch Licht und Luft einsaugt. Letztes weiset uns noch auf etwas Neues hin. Es wird nämlich von Reil und Humboldt schon dem groben Leib eine sogenannte »sensible Atmosphäre« zugeschrieben (so wie jeder Körper eine elektrische um sich hat), und den warmblütigen Tieren eine von einer halben Linie, und den kaltblütigen eine von einer fünfviertel Linie Entfernung, in welcher Metalle auf unberührte Nerven und Muskeln galvanisch wirken. Der hoch- und scharfsinnige Reil hatte diese Fernwirkung früher unter dem Namen »Nervensphäre« verkündigt. Mit dieser Nervensphäre wollen die meisten Erklärer die magnetischen Wunder umschließen. Aber ist diese Sphäre mit den Nerven, wie notwendig, gleicher Natur: so kann sie nur leisten und tun, was diese; aber keine magnetischen Wunder. Hingegen muß der wahrscheinliche Ätherleib, welcher diese verrichtet, dann auch seine Fühl-Umweite haben, und niemand kann die flüssigen Gränzen und Außenlinien dieser organischen Kräfte abmarken. Wird denn der eine Nervengeist am Ende des bewegten Muskels vernichtet, anstatt weiter zu gehen, oder der andere am Anfange des empfindenden Nerven gefangen bewahrt; und ist dies unmöglich, und umgibt sich schon das Geruchkörnchen mit einem kleinen Weltkreis von Luft: so lasse man nicht durch die rohen Körper, welche sich zu einer festen Ruhe zusammenziehen, den Blick über die feineren irre werden, welche, wie Wärme, Elektrizität, Luft und Licht, ihre eigne Form nicht behaupten, sondern vielmehr bekriegen und keine Schranken ihrer Umbreitung und Verstreuung kennen als die Unendlichkeit! Nimmt man also für den Ätherleib auch eine Ätheratmosphäre an, wie für den Erdleib eine »sensible«: so sind damit viele magnetische Wunder, wenn nicht erklärt, doch einstimmig. Rechnet man noch dazu, daß dieser Ätherleib mit seiner Fühlweite doch eben so gut in seinem Elemente leben muß wie der Vogel und der Fisch in dem seinigen, und daß es am Ende ein feinstes Element, als das letzte, geben müsse, das alle übrigen Elemente umschließt und nicht bedarf: so wäre wenigstens der Spielraum angewiesen, worin der magnetische Arzt und der Kranke mit ihren Ätherkörpern (wie in der Ehe die Erdleiber sogar zu neuen Schöpfungen) so zu organischen Mitteilungen und Schwächungen ineinandergreifen. Denn nicht nur der Magnetarzt und seine Kranken leben nun miteinander so sehr in einem gemeinschaftlichen Körper fort, daß diese seine eingenommenen Arzneien und seine Krankheiten Als der Arzt Wienholt ein Brechmittel bloß für sich nahm, tat es auf ihn und die Kranke gleiche Wirkung. Als er einmal mehre Wochen krank war und wegblieb, und die Hellseherin sich drei Blutigel an die Schläfe setzen ließ: bekam er auch an den seinigen die Pusteln davon (z. B. 3. Abt.). Die letzte Tatsache führ' ich nur mit großem Mißtrauen an, da der Arzt sonst nirgend die Kräfte-Erhebungen und Aussichten der Hellseherin teilt. – Merkwürdiger ist vielleicht die Angabe, daß der Ireländer in der Stunde, wo er das doppelte Gesicht (second sight) der nächsten Zukunft hat, diese prophetische Kraft dem mitteilen könne, auf dessen Fuß er im Schauen trete. (Monatliche Unterredungen vom Reiche der Geister nach J. Aubrey de Miscellaneis a. 1695.) teilen – nicht nur kann der magnetische Arzt wieder den Gesunden, der ihn berührt, mit sich und den Kranken in einem Ätherring auffassen, sondern mehre gemeinschaftlich magnetisierte Kranke leben (nach Wienholt) in ihrem Hellschlummer verbunden, sprechend und freudig neben- und ineinander, und jede befestigt mit ihrem Schlafe nährend den Schlaf der andern; ja Mängel, wie Vergeßlichkeit, Harthören, Trauer, gehen vom Arzte und von der Mithellseherin in die Hellseherin über, und endlich denkt diese die geheimen Gedanken des Arztes mit, obwohl er nicht ihre. Die Arten des Einwirkens auf die große organische Kraft-Dryas können uns weniger irren als leiten. So ist z. B. das Streichen dem metallischen Magnetisieren ähnlich, auch dem Elektrisieren, das Schütteln und Spritzen der Fingerspitzen mehr dem letzteren; das Anhauchen dem Galvanisieren. Aldini bemerkte, daß ohne alles Metall Galvanismus bloß durch drei tierische Organisationen zu erzeugen sei, und daß z. B. der Froschschenkel, an einen Enthaupteten mit der Hand gehalten, galvanisch zuckte. Im obigen Falle wäre der Dunst des warmen Hauchs der Metall-Ersatz. Wenn übrigens nach Schellings Bemerkung die gerade Linie das Schema des Magnets, der Winkel das der Elektrizität und das Dreieck das des Galvanismus ist: so könnte der Kreis oder vielmehr das Eirund (da es überhaupt die Urgestalt organisierter Körper ist, und schon das Wort Ei -Rund sagt es) das Schema des organischen Magnetismus sein; und die Handbewegungen des Arztes folgen ja meistens eirund oder elliptisch (langkreisig) den ähnlichen Nervengängen. Wenn der magnetische Arzt in den Kranken sowohl die nervenmagnetischen als die geistigen Kräfte höher steigert, als seine eignen sind: so läßt sich das nicht bloß daraus erklären, daß dieser fremde Ätherleib durch Krankheit des Erdleibs mehr entbunden und also des Geistigen empfänglicher ist, so wie die zurückkehrende Gesundheit des Erdleibs wieder den ätherischen einkettet, sondern auch am mineralischen Magnete Autenriehts Physiolog. B. 1. erscheint etwas Ähnliches, insofern er mehren abgesonderten Eisenstücken eine im Ganzen genommen größere Ziehkraft anstreicht, als er selber allein besitzt. Überhaupt entziehen Kräfte nach dem Maße ihrer geistigen Annäherung sich allen Rechnungen mechanischer Körper; Spallanzani befruchtete Eier mit Froschsamen, von einer Wassermenge verdünnt, die ihn an Gewicht 2880 mal übertraf. Ebenso muß das winzige Saft-Tröpfchen des männlichen Blumenstaubs anfangs durch lange hohle, und endlich durch dichte verschloßne Gänge auf die Samenkörner belebend durchwirken. Treviranus Biologie B. 3. S. 387. – Wie der magnetische Schlaf Heilung ohne Verhältnis des Arznei-Aufwandes, so bringt schon der gemeine Wiederstärkung ohne Verhältnis des Zeit-Aufwandes (z. B. der nachmittägige von einigen Minuten), und der Totenschlaf der an Pest, Schlagfluß oder Nervenschwäche Scheingestorbenen beschert volle Genesung von vorher unheilbarer Zerrüttung bloß durch Aufwand von drei tauben, blinden, todkalten Tagen. § 5 Gegen die neuere Rätsellösung durch das Nervenknoten-System; samt Aufstellung mehrer Rätsel Bekanntlich sonderten Hufeland zuerst und Reil noch bestimmter das Nervensystem in zwei Systeme ab, in das der Nerven aus dem Gehirne (Cerebralsystem) und in das der Nervenknoten (Gangliensystem). Das letzte, nur ein Nachbar, nicht ein Kind des Gehirnes, schließt das Rückgrat in einen Langkreis (Ellipse) von Knoten ein, deren Nerven ungeregelt sich zerstreuen und sich verknüpfen und verknoten, indes die Gehirnnerven paarweise und gesellig-geregelt laufen. Die Nerven des Rückenmarks entziehen sich desto mehr dem Gehirne, also dem Empfinden und dem Willen, durch je mehre Knoten, gleichsam kleinere Föderativ-Gehirne, sie ziehen. Sie fröhnen und liefern – wenn die Gehirnnerven dem geistigen Leben zum Empfinden und Bewegen gehorchen – nur dem Wachs- oder Pflanzenleben der Eingeweide und Gefäße. Am stärksten beherrscht ein Rosenkranz von Nervenknoten (unter dem Namen Sonnengeflecht oder plexus solaris in der Gegend der Herzgrube) gleichsam als ein Sonnensystem das ganze Gedränge der ihm entsprießenden Nerven des Halses, Schlundes, Herzens, Zwerchfells, Gekröses, der Gedärme. Zwischen diesem Untergehirn (cerebrum abdominale) und zwischen dem Hauptgehirn ist der sympathetische Nerve die Brücke, oder vielmehr die Ziehbrücke, indem er, als ein Halbleiter, zuweilen ein Nichtleiter, zuweilen ein Leiter entweder des übermächtigen Pflanzenlebens (wie im Schlafe) wird, oder des übermächtigen geistigen Lebens, wie in Krankheiten, die der Gedanke entweder gibt oder wegnimmt. Der organische Magnetismus soll nun in einer hergestellten Gütergemeinschaft zwischen dem Haupt- und dem Untergehirn, oder dem Gehirnnerven- und dem Nervenknoten-System bestehen. Gegen dies sind zwar nicht anatomische, aber doch physiologische Einwürfe zu machen. Die Zwickmühle des Überschlagens bald des einen, bald des andern Systems gibt der Erklärung zuviel Spielraum der Willkür. Wie wir nicht willkürlich Nase und Ohren bewegen können, aber nur aus Mangel an Übung (denn manche vermögen es doch), so können wir auch aus derselben Ursache nicht das Herz regieren, dessen Schlag doch einige in der Gewalt hatten. Wenn der Schlund und das Gedärme dem Gehirne keine Empfindungen der durchgehenden Speisen (ausgenommen an beiden Pforten) zubringen: so zeigt uns gleicher Weise z. B. das zarte Auge den Hauch der Luft nicht an, so sehr denselben doch eine nackte Wunde spürt; aber kann dies von etwas anderm als von der Reiz-abstumpfenden Gewohnheit herkommen, da der Schlund ja brennendes Getränke, das Gedärme Gifte empfindet, und da in diesem eingebildete Abführmittel zuweilen wie wahre anregten? – Ich will als eine Vermutung für engere Ineinandergreifung beider Systeme nur zweifelnd den Umstand anführen, daß das Gehirn, welches (schon im Kinde nach dem dritten Jahre so groß wie im Erwachsenen) als die Mutterzwiebel erst Stamm und Sprößlinge des Rückenmarks treibt und zugleich Ernährer und Kostgänger desselben wird, schwerlich ohne dynamischen Bund damit gedenklich sei; mehr aber entscheidet die Beobachtung der Gegner gegen sie selber, daß in den tiefern Tiergattungen das Nervenknoten-System das versagte Gehirn vertrete; denn da dem dürftigen Hausgeist und Schattengeiste des Gewürms der Nervenknote so gut wie ein Gehirn Empfindungen zuführt: so sind beide schon ohne Magnetismus wirk-verwandter, als man annimmt. – Wer das stärkende Vorheben des Untergehirns (der Herzgrube) über das Hauptgehirn oder das freiere Einfließen der Nervenknoten auf die Gehirnnerven zum Kennzeichen des Magnetismus macht, hat die Frage zu beantworten, warum dieser bloß die höhern Sinnen am meisten steigert. Die Magnetisierten umschwebt geträumtes Licht, aber keine geträumten Gestalten; Traumtöne kommen nicht zu ihnen, aber die leisesten wirklichen; Geruch, Geschmack, Gefühl hingegen erfahren keine verhältnismäßige Erweiterung, In ähnlichem Verhältnis kann außerhalb des Magnetismus der Geist durch Anstrengung von innen heraus die höhern Sinnen spielen; z. B. Cardanus konnte im Dunkeln eingebildete Gestalten nach Belieben vor sich sehen; aber vom beliebigen Ein- und Vorbilden abwesender Gerüche und Geschmäcke gibt es kein Beispiel. – Schon Tissot (über die Nerven) bemerkte, daß das Auge unter allen Sinnen am stärksten ins Gehirn eingreife, daß dessen Anstrengung Schwindel, Zuckungen, Brustbeklemmung errege; und daß bloß die Mitleidenschaft des Gehirns das andere Auge starblind mache, wenn das eine es geworden. In ähnlicher Nähe zum Gehirn steht nach Tissot und Baglivi das Ohr, dessen Schmerz in 24 Stunden töten kann. so wie auch der Traum uns lebhaft unsere höhern Sinne und schwach die tiefern vorspielt. Noch seltsamer ist es, daß auf dem Gebiete der Geschlechtnerven, an welches doch das Nervenknotenreich nahe anstößt – und bei dem weiblichen Geschlechte so sehr, daß man neben dem cerebrum abdominale noch ein cerebrum uterinum annehmen könnte –, Wirklich setzte Zechim die weibliche Seele in den Uterus. keine Veränderungen, wenigstens keine Verstärkungen vorfallen. Denn das wiegende Wonnegefühl, in welchem Magnetisierte zu schwimmen glauben, stößt so weit jede rohe engere Sinnenlust von sich weg, daß nicht nur die Liebe der Hellseherin ein höheres allgemeines, gleichsam Engel und Schwestern zugleich umfliegendes Lieben wird, sondern daß die Gegenwart eines Unkeuschen weit mehr als die jedes andern, sogar größern Sünders peinlich stört und bis zu Krämpfen zerfoltert; noch mehr vergiftet der Magnetarzt selber durch jeden unreinen, ja nur freien Gedanken die Kur; und Kluge erzählt, daß ein Arzt durch den bloßen Versuch eines unschuldigen, sonst im Wachen unverbotenen Kusses die Kranke in Marterzuckungen und in eine endlich tödliche Unheibarkeit zurückgestürzt. In dieser Nähe wird der andere Seelen- und Körperschmerz desto moralisch-schöner, welchen die Hellseherinnen über das kleinste Zürnen und Weniger-Lieben des Arztes empfinden ... Hier könnte man sich wohl besinnen, um der magnetischen Heilkraft eine höhere Sphäre einzuräumen, als die irdische der gemeinen Erreg-Potenzen ist, welche, z. B. die Arzneien, Weine und dergleichen, zugleich mit den geistigen Kräften zwar die körperlichen herstellen und verdoppeln, aber nicht immer die sittlichen, sondern jene zuweilen auf Kosten der letzten. Wenn nach allen bisherigen Erfahrungen die Herzgrube (als Sonnengeflecht und Mittelpunkt der Nervenknoten) gleichsam die Fundgrube und delphische Höhle der meisten magnetischen Sinnenwunder ist, so daß das bloße Ausstrecken beider Daumen gegen die Herzgrube das ganze Nervensystem durchgreift und umwälzet; wenn sie bei den nur ihr nahe gebrachten Farben und Tönen etc. die Stelle des Auges und des Ohrs etc. vertritt: so will ihr Kluge Klugens Darstellung etc. S. 340. gleichwohl nur ein Gemeingefühl zuschreiben, welches von Tönen, Gestalten, Gerüchen etc. nicht sowohl Anschauungen bekomme – zu welchen die bestimmten Sinnenwerkzeuge unentbehrlich seien – als bloße »Notizen« oder Erinnerungen von den schon aus frühern Anschauungen gekannten Gegenständen; nur daß der Magnetisierte dieses »Notiz bekommen« durch das Gemeingefühl, getäuscht von der Erinnerung, für Empfindungen bestimmter Sinnen ansehe und also das erinnernde Fühlen für gegenwärtiges Sehen, Hören u.s.w. nehme. Dagegen aber streitet die Tatsache, daß das sogenannte Gemeingefühl im Magnetismus ja von jeder gegebenen Gegenwart bestimmt und individuell umrißne Gestalten, Worte, Farben gewährt und also nicht vorige aufweckt, sondern neue darbeut. – Und ist denn das helle Einschauen einer Hellseherin in das verwickelte körperliche Geflecht und Gebäu kein jetziges Anschauen, sondern nur eine Notiz von frühern Anschauungen, wenn gleichwohl – wie Kluge selber die Beispiele anführt – der Hellseherin sowohl frühere anatomische Anschauungen als Kenntnisse von allen den Nervengewinden und Farben mangelten, die sie doch in der Krise richtig zu bezeichnen weiß? – Nach allem diesen scheint es, daß man (wie ich oben) einen ganz andern, höhern Sinnenkörper als den gemeinen, mit dem mechanischen Nervenknoten- und Sinnen-Besteck versehenen vorauszusetzen habe. Übrigens ist die Erklärung, welche den Magnetismus für ein neues Verteilen und Überleiten des Nervengeistes an das Nervenknoten- und das Gehirn-System ansieht, von einer unrichtigen rohen Ähnlichkeit mit dem mechanischen Streichen der Elektrizität und des Magnetes geblendet. Welche Ähnlichkeit hat mit dem scharf polarisch bestimmten Streichen des Magnets die Hand- und Fingerhabung des Magnetismus (Manipulation), welcher durch Kleider, Bettdecke, Luft und Ferne hindurch Kräfte mitteilt? Wie kann eine nicht berührende Bewegung einwirken, oder gar verfliegenden Nervengeist treffend von weitem bestimmten Zielen zutreiben? Die vorgebliche Einwirkung der den Lauf der Nerven verfolgenden Berührung fällt bei einem Magnetisieren aus der Ferne von selber weg, so wie bei dem Gebrauche der magnetischen Wasser, der magnetischen Platten u. s. w., am meisten aber dann, wenn schon Blicken und Wollen (mit welchem die Schule der Spiritualisten Die Schule des Ritters Barbarin in Lyon, welche das Motto hatte: veuillés le bien, allés, et guérisés! allein ihre Wunder tat) bloß durch Augen und Seele Heilkräfte eingießen. – Allein wozu denn überhaupt körperliches Außenwerk (Manipulieren), wenn bloßes Denken und Wollen zur magnetischen Verklärung ausreicht? kann man fragen. Aber wie, wenn überhaupt die körperliche Bewegung die geistige Heilkraft des Willens durch ihr Begleiten nur mehr auf eine Linie fester hinhalten und erhöhen sollte? Denn die Bewegung allein, ohne Glauben und Vorsatz, oder gar mit Zweifel, wirkt (wie Kluge sich selber als Beispiel anführt) durch den besten magnetischen Arzt nichts. Die halbe Ähnlichkeit des elektrischen und magnetischen Ladens und Entladens, nach welcher die obige Erklärung das magnetische Heilen in eine gesunde Gleichteilung des Überflusses und des Mangels an Nervengeist bestehen läßt, hat ja die große Unähnlichkeit gegen sich, daß hier nicht, wie in der Elektrizität, ein Nichtleiter den Nichtleiter streicht, sondern zwei Leiter einander, und daß nicht, wie bei dem Magnet, ein Magnet das unmagnetische Eisen, sondern zwei Magnete einander. Will man lieber zwischen Arzt und Kranken Ähnlichkeit mit dem Verhältnis zwischen positiver und negativer Elektrizität oder nördlicher und südlicher Polarität annehmen: so käme ja durch deren ausgleichende Mitteilung keine Verstärkung, sondern nur Indifferenz zustande. Da wir einmal im Gebiete der Fragen mehr als der Antworten sind: so wollen wir noch einige und auch solche aufwerfen, welche sich nicht auf die Widerlegung der obigen Erklärweise beziehen. Warum gibt dem magnetischen Arzte der aufhebende Gegenstrich nicht die Kräfte zurück, die er durch Striche weggab? – Wie verträgt sich das gegenseitige Mitteilen von Krankheiten und Arzneiwirkungen zwischen Arzt und Kranken mit der Annahme einer Über- und Ableitung des reichlichern Nervengeistes? – Wie kann der übergeleitete Nervengeist im Kranken größere geistige Wunder tun als vorher im Arzte? Und wie kann ein Gegenstrich sie vernichten? Oder wie kann wieder umgekehrt die Schlaftrunkenheit des magnetischen Zaubertranks zuweilen mehre Tage anhalten Wienholt erzählt von mehren Hellseherinnen, welche schlafend ihre Taggeschäfte verrichteten, über die Straße gingen u. s. w. und sich nicht durch Erwachen, sondern nur durch gemeines Einschlafen unterbrechen? – Wie kann eine Hellseherin in ihrem Schlafe eine andere Hellseherin im ihrigen noch kräftiger magnetisieren Nach Wienholt und Kluge. als der Arzt selber, von welchem sie doch nur die Kraft-Trägerin ist? – Gmelin glaubte sich magnetisch verstärkt, wenn er sich auf einem Pechkuchen elektrisch isolierte; aber könnt' er hier nicht Mesmers Täuschung wiederholt haben, der eine Zeitlang den Eisenstäben die Wirkkräfte zuschrieb, welche bloß seinen Händen angehörten? Denn wie könnte sonst Siegellack und Schwefel – also die Gleichkörper des Pechs – die Hellseherinnen stören und schmerzen? – Am meisten zerschnitten liegt der Ariadnens-Faden umher, wenn man durch die Dunkelheiten des Selbermagnetisierens und des Selberweckens hindurchkommen will. Nur der Gedanke knüpft den Faden wieder zusammen, daß der Wille, also der Geist, der wahre Archäus, die natura naturans des Magnetismus sei, und daß folglich, wenn dieser fremde Geist aus dem Arzte mächtig in die Hellseherin einwirkt, ihr eigner ja auch in sie selber oder ihren Ätherkörper unmittelbar eingreife. – Lange Zeit tröstete sich der Verf. dies mit der Hoffnung, daß vielleicht irgendein Philosoph durch einen besonderen glücklichen Zufall für die Wissenschaften nervenschwach und kränklich genug werden würde, daß ihm nicht anders zuhelfen wäre als durch einen magnetischen Arzt; eine solche Weltweise würde, dacht' ich, wenn zu seinem philosophischen Hellsehen noch das magnetische käme, uns alle Fragen, sobald man sie ihm in seinen Krisen vorlegen wollte, leichtlich lösen und eben den Zustand am besten erklären und ableiten, worin er selber wäre, da sogar schon Hellseherinnen ohne Philosophie und Anatomie beide letzte bereichern. Mit dem Vergnügen einer wissenschaftlichen Hoffnung las ich daher unlängst, daß ein vieldenkender Kopf in B. sich der magnetischen Heilung unterworfen. Aber später hört' ich, daß er nicht nur im Wachen den Vorsatz gefaßt, keine andern Fragen als die über seine Heilmittel im Schlafe zu beantworten, sondern ihn auch im letzten gehalten. – Indes führt selber wieder dieses Beispiel auf die Gewalt des Willens zurück, welchen wir oben für den eigentlichen Leben- und Nervengeist des Magnetismus anerkannten. Das Setzen in »Rapport« ist ein Rätsel, das vielleicht Rätsel löset. Die magnetische Einkindschaft erfolgt bekanntlich bloß durch mehre Striche von der Stirne bis zu den beiden Daumen, nicht etwan aber (wie man nach der vorigen Nervenknoten-Erklärung vermuthen sollte) bis zum Sonnengeflecht herab. Seltsam genug! Der Hellseherin ist sonst jeder Zwischenmensch zwischen ihr und Arzt widerwärtig, erkältend, entkräftend, aufhebend. Alles dies wird durch einige Striche in bleibendes Gegenteil umgewandelt. Ist es nicht, als würden die Menschen aus einem unmagnetischen Medium in ein neues luftweiches magnetisches hineingezogen? Wie es einen länderbreiten Pestdunstkreis gibt, welcher alles sich ähnlich, nämlich zu Leichen macht: so steht hier ein Ätherkreis entgegen, der alles beseelt und wärmt und zu einem Leben verschmelzt, so daß hier, so wie dort ein berührter Mensch, ja Brief und Wollenzeug ansteckt, hier gemeine Sachen, welche der Arzt nur berührt hatte, magnetisch einschläfernd auf die Hellseherin wirken. Heineken berichtet, daß erwachte Hellseherinnen oft wieder in Schlummer fallen, wenn sie etwas anrühren, das ihr Arzt vorher angerührt; dahin gehört, daß Wolfarts Kranke leblose Gegenstände nur sehen konnte, wenn er diese berührte. Ich erinnere nur flüchtig noch an die Kraft, menschlicher Berührung, welche sich am Gelde zeigt, das der Hund seinem Herrn aus dem Wasser holt, ferner an dem Auswittern von dessen Fußspuren unter tausend andern auf meilenlangen Wegen – ferner an Eiern und Vogeljungen, welche nach einer menschlichen Berührung von den Alten verlassen werden – an vielem Lagerobst, welches verdirbt, von nackten Händen gepflückt. Noch gehört der bestätigende Umstand her, daß der magnetische Arzt, der durch Berühren lädt, selber durch Anfassen mehr zum Laden geladen wird. Warum machte man aber nicht den Versuch, durch recht viele anfassende Verstärkmenschen den Arzt gleichsam zu einer magnetischen Leidner Batterie zu laden? Noch einmal ziehe uns die große magnetische Erscheinung mit ihrem vollen Lichte vorüber, daß aus keinem gemeinen Körperlichen sich das Geistige erkläre, welches im Magnetismus vorherrscht; nicht die sittliche Läuterung und Reinheit, die schärfere Reizbarkeit für alles Moralische und die Liebe alles Edeln; und nicht das wunderbare Einschauen des Kranken in des Arztes Herz und Kopf. Gmelin ließ in Karlsruhe sich mit einer Hellseherin bloß in Verbindung (Rapport) setzen, welche seine Vorstellungen, die eine ferne, von ihm magnetisierte Kranke und den Verlauf ihrer Krankheit betrafen, nachempfand und sie ihm vorerzählte. Gmelins neue Untersuchungen, Seite 274, 434. Mehr auffallend als das bis zu lebensgefährlichen Krämpfen gesteigerte Erfühlen unsittlicher Menschen und Neigungen ist das des Arztes Denken begleitende Mitdenken; wodurch wirklich die Annahme zweier Seelen in einem verschmolzenen Ätherleib fast erzwungen wird. Auch die Beobachtung Wienholts, daß stumpfe, dumme Seelen des Magnetismus nicht empfänglich sind, hilft hier bestätigen.   § 6 Über das Eisen Ewige Nacht liegt nach der magnetischen Ansicht noch auf den Metallen, besonders auf dem Eisen. Gold und (im geringern Grade) Silber fließen nach Gmelin erfreuend auf die Kranken ein, nach Kluge und Wolfart unerfreulich, und dieser muß sogar den Goldring abziehen; unedle Metalle hingegen peinigen; nur aber wieder über das Eisen ist Widerspruch. Eisen, obwohl sonst elektrischer Leiter, ist doch magnetischer Nichtleiter, wie Glas. Wolfarts Hellseherin rief bei dessen Nähe: »Welche häßliche Empfindung!« Gleichwohl ließ die Mesmerische Schule bekanntlich gerade auf Eisenstäben, durch ihr Richten und durch Berühren, den Magnetismus in die Kranken ziehen; ja Stahl und Eisen erfreuen nach Gmelin und Heineken wie Gold; und die Kranken Tardi's sahen das aus dem Arzte sprühende Magnetfeuer nicht durch Siegellack und Kupfer (Nichtleiter und Leiter), wenig durch Silber und glänzend durch Gold und Eisen gehen. Im Eisen durchschneiden sich, wie in einem Mittelpunkte, so viele Kräfte und Erscheinungen, daß erst vielartige Versuche es in reiner Wirkung aufdecken können; hält doch Schelling alle Materien nur für Umgestaltungen des Eisens. Es bildet im Galvanismus den entgegengesetzten Pol – am Zitterfisch ist es, wie gedacht, Leiter, am Magnetisierten Nichtleiter – die vom Veits-Tanze geschwollnen Muskeln erschlafft sogleich dessen Berühren Autenrieths Physiol. I. §. 200. – den ganzen Aal entmannt ein Eisen, auf den Kopf gelegt. – Dazu kommt noch das Eisen im Menschenblute selber, das nach Menghini 2 Unzen, 7 Drachmen, 1 Skrupel ausmacht, Reils Archiv der Physiol. I. 2. S. 135. Ja, der Cruor des Bluts geht durch glühendes Feuer in eine Schlackenmasse über, die der Magnet zieht. und welches, was noch wichtiger ist, von ihm nicht erst aufgenommen, sondern selber erschaffen wird; denn bloß eingenommenes Eisen geht unvermindert wieder ab, und sogar in den Nährmitteln kommt es nur selten und zufällig in uns; auch warum sollt' es unserem Bau schwerer zu schaffen fallen als Soda, Schwefel und Ammonium? Walthers Physiologie B. I. – Aber warten wir nur den Reichtum der Zeit und des Zufalls ab! Wir werden schon den Kiesel finden, aus welchem das Eisen das Licht für uns schlägt. § 7 Magnetisieren durch Anblicken Leichter erklärt sichs, daß der Magnetiseur durch bloßes Blick-Heften (Fixieren) magnetisch einschläfert; denn das Auge, das schon den Gesunden mit Liebe, Kälte Zorn, Geist, Dumpfheit anspricht, ohne daß alle diese verschiedenen Blicke in mechanische Verschiebungen und Befeuchtungen der Augenhäute aufzulösen sind, muß noch leichter ins Geistige eingreifen als die geistlosen Finger, welche doch mit fernen Bewegungen magnetisch das Innere füllen. Zuerst: die Hellseherin sieht Feuer aus den Fingern strömen; aber aus den Augen strömt dieses schon ohne Magnetismus bei Menschen und Tieren. Das Auge ist eigentlich der Kleinleib der Seele, ihr ätherischer Wohn-Mond neben der erdigen Gehirnkugel; daher die meisten Gedanken Gesichte sind, nicht Gerüche und Getön. Gerade um das Auge wird, wie oben gedacht, vom Magnetismus der reichste Zauberkreis gezogen. Umso mehr begreift sich die magnetische Gewalt des Anblicks. Nach Esquirol Leipz. Lit. Zeitung 1809. S. 697. erfaßt den Wahnsinnigen nichts so mächtig als scharfes langes Anblicken. Bloßes starres Ansehen macht Kinder weinen, kleine Hunde furchtsam, große wütig. Autenrieth in Voigts Magazin B. 1o. St. 1. Bringt nicht sogar der Tiger durch bloßes Anstarren alle scheue Tiere, besonders Hirsche und Pfauen, zum Stehen, und ziehen nicht die Stechaugen der Klapperschlange den geängstigten Raub in ihren Rachen, ja sinken nicht sogar die Affen vom Baum den unten liegenden anstarrenden Krokodilen zu? Woher der Glaube der Griechen und Römer an den giftigen Einfluß gewisser Augen? Sogar getötet sollen Menschenblicke haben. Der Abbé Rousseau versichert, in Ägypten vier Kröten durch Anblicken getötet zu haben. Als er es in Lyon aber an einer versuchte, blickte unverletzt diese ihn so stechend an, daß er in eine gefährliche Ohnmacht fiel. Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Amphibien S. 68.   § 8 Magnetisieren durch Wollen Auch an der Erscheinung, daß der magnetische Arzt durch sein bloßes Wollen, ohne äußeres Körpermittel, den Kranken einzuschläfern vermag, läßt sich, der Wundernebel zerteilen oder wenigstens dem andern Wunder nahebringen, welches Menschen und Tiere täglich verrichten. Hebt der bloße Wille den Arm und die Last an ihm empor: so glaubt ihr das Wunder aufzulösen durch die Nerven, auf welche, als auf Körper, der Wille als Geist einwirkt und dadurch auf die Muskeln, als ob Geist oder Wille nicht überall gleich wunderbar weit von der Materie abläge oder abflöge. Hat man aber das Wunder des Willens, welcher Körper bewegen kann, überwunden: so ist es auch keines mehr, wenn der magnetische Arzt durch den Ätherkreis, der ihn mit dem Kranken gleichsam in einen Leib einschließt, bloß wollend und denkend diesen körperlich bewegt und beherrscht. Gibt doch der Zitterfisch durch bloßes Wollen dem Feinde in der Ferne durch das Wasser den Schlag, ohne Zwischenkörper, die ohnehin kein Fortpflanzen der Wirkung erklären, weil sie selber ihr Empfangen einer Wirkung nicht erklären. Schon in der ganz gemeinen Erfahrung tut der Wille sein Vermögen, ohne Muskeln zu bewegen, kund, daß wir ein auf den beiden ungeregten Zeigfingern hängendes Eisen, z. B. einen Schlüssel, durch bloßes Wollen in Drehung oder in Ruhe bringen können. Der Wille ist die dunkelste, einfachste, zeitloseste Urkraft der Seele, der geistige Abgrund der Natur; alle Vorstellungen sind mit körperlicher Begleitung und Bedingung verknüpft; aber den Willen, der jene erst schafft, find' ich von keiner bestimmten Körperlichkeit bedungen, wenn ich ihn weder mit Begehren noch mit Handeln vermengen will. Der Wille bedarf, um sich zu steigern, nichts Äußeres, sondern nur sich, eine wahre Schöpfertat. Er kennt auch keinen äußern Widerstand; denn der Wille ist schon vollendet, noch eh' ein Widerstand eintritt, der ihm die körperliche Erscheinung im Handeln wehrt.   § 9 Der magnetisierende Spiegel Die magnetische Wirkung des Spiegels schreibt Mesmer einem Zurückbrechen oder Zurückprallen der magnetischen Materie zu. Bei Wachseherinnen ließe die Sache sich zum Scherz gern einräumen aus Wahrheitsliebe. Könnte man ihn aber nicht einer Glasflasche magnetisierten Wassers ähnlicher finden, insofern das Spiegel-Glas die magnetisierte Quecksilberfolie vor Ableitung bewahrte? Daher zeigt zwar ein Spiegel, den der Arzt vorhängt, wohltätige Kraft, aber ein freihängender (nach einem Beispiel von Kluge) übeltätige. Wenn nach Kluge (S. 183) das Magnetisieren des Krankenbildes im Spiegel wirklich den Kranken selber in Krise versetzt: so ließe sich dies leicht aus der sinnlichen Kraft erklären, womit das Bild sowohl den Willen des Arztes festhält und belebt, als die Empfänglichkeit des Kranken verstärkt.   § 10 Das magnetische Wasser Die große Einwirkung desselben läßt sich erklären, ja leicht künftig verstärken. Wasser ist das Öl aller Sinnenräder; erst Wasser liefert sogar dem Ohre die Töne ab und der Zunge den Geschmack. Es ist ferner so sehr gleichsam die elektrische Belebung des Geistes, daß nach Sömmering das Gehirn talentreicher Menschen viel Wasser, und das Gehirn der Cretinen keines enthält, und daß nach ihm und Gall kopfwassersüchtige Kinder ungewöhnliche Kräfte des Geistes verraten, welcher letzte als Wort in der Sprache nach Klopstock von Gießen abstammt. Auch ist die Frage, ob die Bäder mehr durch ihre oft sogar entgegengesetzte Temperatur heilen und stärken als durch ihre Lebenluft, welche nach Humboldt dem Luftkreise gerade am meisten aus dem Wasser zuströmt. – Wenn Wienholt dem unmagnetisierten Wasser nachsagt, daß es der trinkenden Hellseherin Gaumweh und Krämpfe gebe: so hat er zuvor zu beantworten, ob nicht jedes Wasser durch das Handhaben der Zuträger unwissend schon auf eine gewisse Weise ein magnetisiertes geworden und ob nicht eben dadurch ein solches von fremden, widrigen, nicht in Annäherung (Rapport) gesetzten Menschen geladnes Wasser bösartig das einfache schöne Schlummer-Dasein unterbreche.   § 11 Das magnetische Ein-, Weit- und Vorausschauen Der wahre abstoßende Pol der Magnetmenschen oder Menschmagneten ist bisher für unser glaubloses Zeitalter, welches auf seinem Pünktchen Gegenwart nur die nächste Grenzvergangenheit und die Grenzzukunft lieb hat, aber weder gern in eine ferne Vergangenheit noch ferne Zukunft sieht, immer das Weissagen geblieben. Man begnüge sich bei der Ausdehnung, gleichsam der geistigen goldenen Streckbarkeit des Gegenstandes, mit einigen Worten. Man kann das magnetischeWeissagen einteilen in Einschauen , in Weitschauen und in Zurück - und Vorausschauen . Das Einschauen , nämlich das der besten Heilmittel, verdankt die Hellseherin demselben Instinkte (Vorgefühle), der dem fieberkranken Löwen die Fieberrinde anrät, und welcher Menschen und Tieren schon im Bedürfnis die Abhülfe desselben zu ahnen gibt; ja der ganz ungleichartige, in Zeit und in Wesen sich ferne Dinge, wie z. B. bei den Schwalben Häuserbauen und Eierlegen, zu verketten zwingt, so wie sogar der elektrische Donnerfunke von weitem unter einer kürzern, aber unterbrochnen Leitung und unter einer längern, aber fortgehenden diese wählt. Wie muß nicht erst dieses Vorgefühl als Vorgesicht im Zustand der besonnenen Hellseherin durch das reine und erhellende Glas des doppelten Äthermediums erschauen und erfinden! Das Weitschauen , nämlich das Sehen der raum -, nicht zeitfernen Gegenstände, z. B. eines Todesfalls oder des Krankenzustandes abwesender Hellseherinnen, schränkt sich nach allen Erfahrungen auf lauter Menschen ein, welche entweder mit dem Arzte oder mit der Kranken verbunden sind. Das Ätherband mit dem Arzte schließt sich von der einen Seite so enge an, daß die Kranke ohne ihn gegenwärtige Menschen und Sachen gar nicht sieht (sogar Verwandte, z. B. die Kranke Wolfarts ihren Vater), oder die Menschen widerwärtig empfindet; aber dasselbe Band rollt und flattert sich so lang aus, daß, wie schon gedacht, Ärzte durch bloßes Denken auf Meilen weit die Kranke ergreifen; kurz an die dynamischen Verhältnisse des Ätherleibs sind keine geometrischen Ellen zu legen; und das Wunder ist nicht viel größer als das allnächtliche, daß Sternsonnen sich durch einen aus Siriusweiten vor Millionen Jahren abgeschickten Strahl mit dem Auge lebendig verbinden, das erst heute geboren worden. – Dieses Weitschauen löset vielleicht manche frühere Unbegreiflichkeiten der Schwärmer in kleinere auf. Wenn z. B. die Bourignon versichert, daß sie jedesmal, wann ihre Schriften eine fremde Seele ergriffen bis zur Bekehrung, davon Geburtschmerzen empfunden habe: Ihre geistlichen Schriften. Amsterdam 1717. S. 397. Übrigens leg' ich gar keinen Wert auf die Erklärung einer Tatsache, über deren Gewißheit sich so viele gerechte Zweifel aufdrängen. so könnte man bei der Wahl zwischen einer absichtlichen Lüge und einer magnetischen Wunderähnlichkeit besser die letzte zur Erklärung wählen; denn wenn der Magnetismus gewöhnlicher Geister gewöhnliche zu einer Mitleidenschaft verknüpft, warum sollte die Kraft eines geistigen Überwallens, wie der Bourignon, nicht magnetische Seelenverwandte zu Körperverwandten machen? – Diese ätherische Gesamtverköperung hellet etwas am Wunder auf, daß die Hellseherinnen oft Gefühle, ja Gedanken ihres Arztes zu erraten vermögen; denn da allen geistigen Tätigkeiten körperliche Saiten mitbebend zuklingen, die Saiten des Arztes aber in die der Hellseherin eingesponnen sind, so können ihr seine körperlichen Schwingungen seine geistigen vielleicht so unvermittelt entdecken wie die Gesichtzüge Bewegungen des Willens. – Einem höhern Wesen könnte leicht unser Gehirn alle unsere Gedanken gleichsam mit beweglichen Typen vordrucken und zu lesen geben, da jeder Vorstellung eine bestimmte Gehirntätigkeit begleitend zusagen muß. Ungeachtet der magnetischen ätherischen Ineinanderkörperung des Arztes und seiner Kranken bleibt doch ein höchster merkwürdiger Unterschied zwischen beiden zum Vorteil der letzten zurück. Denn der Arzt ist bloß ganz Wille und Kraft, eine Kranke bloß ganz Gefühl, Gedanke, Annahme und Selbergeschlossenheit; er schafft ihre Zustände, erkennt sie aber nicht; sie erkennt ihre und seine und gibt ihm keine zurück, und seine Stärke wird zur ihrigen, aber nicht umgekehrt. Das Zurück - und Vorausschauen bezieht sich auf das Messen der Zeit. Aus Nachschauen wird Vorschauen. Wenn die Hellseherin die Minute ihres Aufwachens und Einschlafens etc. voraussagt, mithin die dazu hinlaufenden und hingereiheten Minuten zusammenzählt: so tut sie etwas – nur aber breiter-leuchtend auf höherer Stufe –, was wir niedriger häufig erreichen, wenn wir z. B. durch den Vorsatz, zu irgendeiner Stunde zu erwachen, diese mitten in und aus dem Schlafdunkel treffen. Denn der Geist arbeitet auch im tiefen finstern Körper-Schachte fort und zählt an unbewußten Gefühlen die Zeit sich ab. Auf dieselbe Weise wußten Wahnsinnige ohne äußere Belehrung Kalender und Uhren auswendig. – So trafen Schwindsüchtige durch das Überfühlen ihrer abnehmenden Kräfte die Stunde der aufhörenden. Jeder Zustand enthält den nächsten, mithin auch das Vorgefühl desselben, und der nächste wieder den nachnächsten mit Vorgefühl; und so kann sich dieses Vorfühlen durch immer längere überfühlbare Zustand-Reihen, durch immer höhere Steigerung der leiblich-geistigen Kraft ausdehnen; und wenn nach Wienholt vor Hellseherinnen eine medizinische Zukunft von halben Jahren sich hell beleuchtet aufdeckt und hinlagert: so wohnt dennoch diese Unwahrscheinlichkeit noch weit von der Unmöglichkeit. Wie man sonst das Leben nachträumt, so kann die Hellseherin dasselbe auch vorträumen, eben weil sie der Weberin der Zukunft, der Gegenwart, näher und heller in ihren Webstuhl und in ihre Fäden hineinsieht. – Noch weniger können uns eben darum die Voraussagungen befremden, durch welche Hellseherinnen ihren nächsten wachenden Zustand, Wunsch oder Abscheu verkündigen, da sie schon aus ihrem vergangnen Wachen ihr künftiges entziffern könnten, geschweige aus den Zügen der jetzo vor einer so benachbarten Zukunft; und man kann zwar nicht Gras, noch weniger Bäume, aber vielleicht Pilze wachsen hören, die in einer Nacht auswachsen. Wenn freilich Hellseherinnen Heilmittel und Zukunft sogar anderer magnetischen Mitkranken, mit welchen sie durch den Gebrauch desselben Arztes in Rapport gebracht worden, anzugeben wissen, so ist in die dunkle Erscheinung nur durch die Annahme einiges Licht zu werfen, daß das Äthermedium bei der Verknüpfung magnetischer Menschen jeden Raum so durchbreche und aufhebe wie z. B. der elektrische Blitz, welcher, Räume überspringend, seine metallische Verwandtschaft kennt und lieber auf das ferne Metall als auf den nähern Menschen (obwohl beide Leiter sind) zufährt. Nur eine andere Art von Weissagung, welche die Zukunftkreise des eigenen Körpers überfliegt, bleibt unerklärlich und unglaublich, die nämlich, wenn die Kranken zufällige und eigne und fremde freie Handlungen, z. B. die Kranke Wienholts eine Fußverrenkunge, eine andere einen erschreckenden Wagen, voraussagen und schauen, da der Mensch doch keine Zukunft umfaßt, die sich nicht in ihm schon als eine unentwickelte junge Gegenwart regt, zu welcher aber, da er nicht die Mutter des All ist, nicht die weite Welt der äußern freien Zufälligkeiten gehören kann. Indes warum soll man dem organischen Magnetismus Irrtümer, Zufälligkeiten, Übertreibungen weniger nachsehen als andern bisherigen Systemen? Ihm, der die ganze Naturlehre und halbe Heillehre und halbe Geisterlehre und noch fremde, mitten in der Alltagwelt befestigt bleibende Wunder, zugleich an- und umfaßt? Daher kann ein Laie diese Betrachtung über ein Meer, das ohnehin die nächsten Bücher und Jahre nicht erschöpfen, nicht früh genug schließen; und ich füge hier nur noch zwei Beweise bei, daß nämlich der organische Magnetismus eine auffallende Verwandtschaft mit zwei sonst entlegenen Zuständen zugleich, mit dem Wahnsinn und mit dem Sterben , verrate.   § 12 Wahnsinn in Beziehung des Magnetismus Wenn Chiarugi bemerkt, daß Wahnsinn die hartnäckigsten Krankheiten heile, sobald sie in ihn übergehen, und daß er gegen ansteckende bewahre – wenn dieser nach Withering die Lungensucht hebt und nach Mead Glieder-Marasmus und Bauchwassersucht – wenn Chiarugi die größten Wunden an Tollen ohne große Entzündung geheilt sah – wenn der Wahnsinn gegen die feindliche Außenwelt, gegen Hunger, Kälte, Kraftlosigkeit, Schlafmangel bewaffnet: so scheint hier der Wahnsinnige, wie der Schlafwandler, durch seine fixe Idee sein Selbermagnetiseur vom Geiste nach dem Körper zu geworden zu sein, und zwar im eigentlichen Sinne. Die Wirklichkeit des Selbermagnetisierens vom Körper nach dem Geiste zu ist durch mehre von Kluge und Wienholt genannte Kranke dargetan, welche den Sehschlaf mit eignen Händen an sich erweckten, so wie vertrieben. Wie nämlich eine feste Idee den fremden Erdleib, so muß sie noch mehr den eignen ergreifen, umbilden, verstärken; denn der magnetische Arzt wirkt erst durch die eigne und durch die fremde Ätherhülle auf den Erd-Leib, das wahnsinnige Ich aber näher durch seine auf seinen. Daher die größten Ärzte, besonders die ältern, den Wahnsinn mit der erschlaffenden Kurart bekämpfen, und es wäre wohl des Versuches wert, gegen Tolle die magnetischen aufhebenden Gegenstriche oder auch Gmelins Marginalmanipulation aus der Ferne zum Entkräften zu richten. Für die Verwandtschaft der Heilkräfte des Magnetismus und des Wahnsinns spricht auf der einen Seite Hippokrates' Bemerkung, daß Fallsüchtige (und wurden nicht die meisten Kranken Mesmers anfangs diese?) leicht Wahnsinnige werden, und umgekehrt, und auf der andern Seite Hallers Beobachtung (s. dessen Physiologie B. 5), daß Nachtwandler (und die Nachtwandlung wird ja für einen unentwickelten Magnetismus erkannt) leicht zu Wahnwitzigen geworden. Chiarugi's Bemerkung, daß die meisten Wahnsinnigen wider alle Erwartung auf den so ruhigen Gebirgen Doch werde nicht bei dieser Ruhe der Überfluß an Stickluft auf Gebirgen vergessen. erscheinen, könnte den vorigen Gedanken mehr bestätigen als widerlegen; da eben mit den Höhen der Geist sich hebt und mit der äußern Weite sich weitet und gerade von der Erde sich mehr losreißt, je mehr er von ihr sieht, so wie im physischen Sinne die Erde nur auf der Außenrinde die stärkste Anziehung ausübt, welche immer schlaffer ermattet, je tiefer man in sie dringt, bis sie im Kerne gar aufhört. Ich sagte: im physischen Sinne; ich sehe aber, daß dies auch im geistigen von der Erde gilt. – Noch die Seiten-Ähnlichkeit führ' ich an, daß das Aufhören des Wahnsinns, wie das des magnetischen Schlafes, alle Erinnerung beider Zustände vertilgt. Auch daß gewöhnlich dem Wahnsinnigen sich die Todes-Nähe durch kurze Zurückkehr des Verstandes ankündigt, ließe sich mit der magnetischen Verwandtschaft reimen. § 13 Scheintod und Sterben in Beziehung des Magnetismus Wir gehen vom Wahnsinne auf eine erfreulichere Verwandtschaft des Magnetismus, nämlich auf die mit dem Sterben über. Was eben hier zufällige Rede-Verknüpfung war, dies ist sogar Wahrheit. Denn nach den Bemerkungen der Ärzte wandelt eben ein leichtes Irresein dem Sterben voraus. Die Ähnlichkeit zwischen dem Zustande des Hellsehens und des Sterbens hat schon der mit kindlich-reinem Herzen und reichem Geiste die Natur anschauende und fragende Schubert In seinen Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft. wahrgenommen. Diese Ähnlichkeit ist unter allen Ansichten des Magnetismus die helleste. Betrachten wir zuerst blos das Scheinsterben : so erfreuen uns zwei entscheidende magnetische Erscheinungen. Die erste ist, daß Scheintote während ihrer Sinnen-Sperre ganz wie Magnetische in einem lauen Wonnenmeere schwammen und ungern sich wieder in die scharfschneidende Luft des Gemeinlebens aufrichteten. Ohnmächtigen erschienen hinter den gebrochenen Augen bunt gebrochne Strahlen einer Freuden-Welt; Scheinertrunkne vernahmen (nach Unzer) im Wasser das ferne Glockengetön in einem selig-wogenden Sein, gleichsam liegend an der halb-offenen Todes- und Paradieses-Pforte und einsaugend einen Rausch von Edenduft. – Sogar Schein-Erhangene schwammen, ihrer Versicherung zufolge, nach dem ersten Schmerze aus dem dicken Toten-Meer in lichte Paradiesesflüsse hinein; daher der Arzt Wepfer den Strangtod für den süßesten erklärte, so wie daher mehre erschöpfte abgejagte Lustjäger in England mit einem Schein-Gehangenwerden sich reizten und letzten. Die zweite überraschende Ähnlichkeit des Scheintodes mit dem Magnetismus ist, daß die Kranken, welche die Pest, der Schlagfluß, die Verblutung in den Scheintod gestürzt, aus diesem so genesen und kräftig erwachet wie andere Kranke aus dem magnetischen Schlafe: so wie nach Gall schon tiefe Betäubungen und Ohnmachten großen Wendepunkten (Krisen) der Krankheiten heilend dienen. Wie hätte auch der Magnetismus Doktor Sackenreuter – ein junger, aber sach- und geistreicher, leider den Kranken und den Ärzten zu früh verstorbener Arzt in Baireuth –, welcher sehr selten (und also umso glaubwürdiger) den Magnetismus zum Heilmittel erwählte, brachte damit mehre scheintote Frauen zum Leben. Bei einer am Tetanus Scheintoten machte er, nachdem er magnetisch belebend Mund und Augen aufgeschlossen, diese durch den Gegenstrich entseelend wieder zu, um sich dadurch (aber zu wagend) noch gewisser vom Magnetismus zu überzeugen. S. Allg. medizin. Annal. 1811, März, S. 241. Scheintote, deren Sinnen ihm zugeschlossen waren, wecken können, wär' ihm nicht ein empfänglich-reger in ihnen entgegengekommen? Der gewöhnliche Zeitraum des Scheintodes dauert drei Tage, ja nach Schuberts Beispielen oft 7-9 Tage. Aber eben diese Tiefe und diese Dauer des Schlafs ist der abkürzende Ersatz der längern magnetischen Kurfrist. Indem wir von der Ähnlichkeit des Scheinsterbens mit dem organischen Magnetismus in der Doppelgabe des Entzückens und des Genesens zu der nämlichen Ähnlichkeit des Wahrsterbens in diesem Doppelgeben übergehen, haben wir auf der Schwelle sogleich einer rechten Unähnlichkeit oder der Vorfrage zu begegnen, wie das wahre Sterben dem Magnetismus, welcher von ihm sonst errettet, doch ähnlich sein könne. Wir haben bisher den Erdleib und die Ätherhülle voneinander geschieden, weil beide immer auf gegenseitige Unkosten leben. Beide Hüllen stehen, so wie äußerlich, wo die eine das Grubenkleid und die andere der Isisschleier des Geistes ist, so sehr im Wechselstreit, daß nicht nur die volle Gesundheit, des Wilden, d. h. die Festigkeit der Erdhülle, sondern sogar die wiederhergestellte der Hellseherin die Leuchtkraft der ätherischen einwölkt und erdrückt, und daß ebenso auf der andern Seite jede Vergeistigung die Verkörperung auflöset, sobald jene über den Mittelgrad, wo sie noch nicht die Ätherhülle heilt, gestiegen ist. Daher werden – um die bekannten Giftbecher und Giftpfeile durch die Entzückungen des Denkens und der höhern Empfindungen zu übergehen – die Arzneikräfte, welche um die Ätherhülle und dadurch um die Seele weiten Raum zu froh-freien Bewegungen erschaffen, der starren Erdkruste auftauende Gifte. Es ist ja bekannt, wie Gifte für einen tiefern Organismus – z. B. Mohnsaft, dessen Bestandteile Fontana im Viperngifte wiederfindet, oder der giftige Fliegenschwamm, dessen eau de vie die Kamtschadalen zugleich aus der Destillier- und aus der Harnblase trinken – und kurz, wie eigentlich alle Pflanzengifte Das Gift der Metalle hingegen, die auch im Magnetismus martern und drücken, zerreißt beide Hüllen, Wurzel und Gipfel zugleich, ohne dazu einen Umweg über die Lust und höhere Belebung zu nehmen. auf kurze Zeit unter dem Zernagen und Entwurzeln des äußern Körpers den ätherischen und den Geist zur Wonne und zur Kraft überspannen. So blühen z. B. den Schwindsüchtigen in der Stunde des Erdenverwelkens (nach Richerz in Muratori über die Einbildungskraft B. I.) alle Seelenkräfte zu höhern Blumen auf. So ist denn der Tod nur zuviel Opium, d. h. für den Erdleib zuviel Schlaf und Gift zugleich. – Laßt uns einige schöne Ähnlichkeiten beschauen, welche das Sterben mit dem Magnetismus hat: Zungen-gelähmte bekamen kurz vor dem Tode Sprache wieder, und Arm- und Fußlahme Ein zu Butzow 28 Jahre lang sprachlos und lahm niedergelegener Greis konnte am letzten Tage sprechen und sich bewegen. Bewegung, und Wahnsinnige Verstand. – Harthörige und Kurzsichtige sagten ihr Sterben durch Weithören und Weitsehen an. – Schwangere Mütter gebaren, nach Schubert und Garmann, nach dem Tode noch lebendige Kinder. – Die Zuckungen des Sterbens, die für uns, wie alle epileptischen, nie die Bedeutung einer Empfindung haben sollten, gleichen nur den Krampf-Zuckungen, mit welchen nach Wolfart Er merkt noch das Augentreiben an, mit welchem die Kranken aus gemeinem Schlaf in den hellsehenden ziehen. die Kranke das Ende des gemeinen Schlafs und den Eintritt des hellsehenden ankündigt; und so wird immer mehr das Sterben zu einem Genesen und das hohle harte Grab zu einem vollen wogenden Hafen des Abschiffens; und so wie dem Schiffer die neue Welt bei dem ersten Erblick nur als ein dunkler Streif am Horizonte erscheint: so ruht die neue Jenseit-Welt vor dem brechenden Auge nur als eine Wolke, bis sie durch Annähern sich zu Palmen und Blumen entwickelt. Das Wonne- und Glanzgefühl der Hellsehenden ist häufig auf das sterbende Antlitz gemalt: Jakob Böhmen umflossen höhere Sphärentöne – die Mystiker verklärten sich – Klopstock sah die vorangegangene Geliebte – Herder rief entzückt: »Wie wird mir!« Und so starben in der frühern christlichern Zeit gewöhnlich die Greise heiterzurückblühend und gingen hinter dem prophetischen Abendrote eines schönen Morgens unter. – Nur selten erscheinen sterbende Krampfgesichter, meistens Folge voriger Zerrüttung oder bei Gewissenskranken, weniger das verklärende Sterben als das sich wehrende Leben zeigend. Wie man auf den Alpen oft auf einem warmen blumigen Rasen dicht neben einer grünblauen Eisfläche liegt: so wogen neben dem irdischen Todes-Eise die Auen des neuen Frühlings hin. Daher fand Lavater die Züge des Verstorbenen nach einigen Stunden ungewöhnlich verschönert und veredelt, gleichsam als erhalte auch der tiefste Schlaf, gleich dem mythologischen, eine Grazie zur Gattin. Aber diese unsere letzte Verschönerung haben wir nicht bloß dem Glücke, daß nach dem schweren Schlaftrunk des Lebens der magnetisierte Zaubertrank des Todes den Menschen erquickte und durchfloß, sondern auch dem Umstande zu danken, daß der Mensch, wenn das Sterben das letzte Magnetisieren ist, zumal in der Windstille des Lebens, von diesem auch die moralische Verschönerung erfuhr. Denn im Zustande des Hellsehens sind die Empfindungen reiner und das sittliche Gefühl zärter – so daß unsittliche Menschen den Kranken zu Nervengiften werden und ihre Gedanken ihnen zu Krämpfen. – Die Liebe ist inniger und zärter nicht bloß gegen den magnetischen Arzt, sondern auch gegen Magnetisierte, ja gegen Andere, Z. B. eine Hellseherin liebte eine ältere Frau außerhalb des Magnetismus nur heimlich und schüchtern, in diesem aber mit ganzer Überfließung der Liebe; und sie schrieb ihr darin einen Brief des Herzens, auf welchen sie eine Antwort für das Erwachen an einen angezeigten Ort hinlegen mußte. Wienholt B. 3. S. 207. und durch das Sprechen über erhabene Gegenstände, wie z. B. über den Wunderbau des Körpers, wölbt sich ihnen Nach Wolfarts Beobachtung. ein Himmel mehr unter diesem Himmel. Könnte nicht der Magnetismus einiges Taglicht auf den nächtlichen Larventanz der sogenannten Geistererscheinungen fallen lassen? Diese erfolgen nämlich immer in der Sterbestunde und immer vor Geliebten; so z. B. die wunderbare, von dem sonst bezweifelnden Wieland ohne Bezweifeln erzählte in seiner Euthanasia. Wie nun, wenn der Ätherleib, welcher im Sterben frei und unter dem Niederfallen des schweren Nachtkleides der Erdnacht aus einem Seelenflor zum Brautkleide des Himmels wird, wenn dieser, welcher schon vorher so seltsame, den gemeinen Raum durchdringende Verknüpfungen mit geliebten Personen vollendete, ein Wunder der Erscheinung verrichtete, das am Ende doch nicht viel größer wäre als die frühern umgekehrten Wunder, daß der Hellseherin entfernte Personen sichtbar sind, oder gegenwärtige ohne Berührung des Arztes unsichtbar, oder daß der abwesende Arzt mit bloßen Gedanken ihren fernen Körper einschläfert? –   § 14 Aussichten ins zweite Leben Weniger kühn kann eine andere Hoffnung sich auf der magnetischen Erfahrung fester gründen. Bisher wurde in der gemeinen Denkart die Unsterblichkeit des Geistes durch die Sterblichkeit seiner Persönlichkeit, nämlich seiner Erinnerung, untergraben, wie durch ein Grab; und in der Tat hätte diese Rockenphilosophie im Schlusse Recht, da ein Ich ohne bewußte Vergangenheit als keines erscheint, und ein anderes Ich ebenso gut statt Meiner sein könnte, oder Ich selber jeder ferne Ich wäre. Die magnetischen Hellsehenden offenbaren aber an sich nicht bloß ein Erinnern in eine dunkelste Kinderzeit hinab, sondern auch eines an alles, was nicht sowohl vergessen als gar unempfunden zu sein scheint, nämlich an alles, was um sie früher in tiefen Ohnmachten oder gänzlichem Irresein vorgefallen. Zweitens wenn die Hellsehenden sich in ihrem höhern poetischen Schlaf-Wachen wohl des Prose-Wachens erinnern, aber nicht in diesem des ersten, Eine scheinbar wichtige Einwendung wäre die: daß im sogenannten Doppelschlaf (welcher die höchste Steigerung des Hellsehens oder Somnambulismus ist) gerade alle Zustände des gewöhnlichen Hellsehens ebenso unerinnerlich sind als dem Wachen die Zustände des Somnambulismus. Aber obgleich, den Berichten zufolge, alle Kräfte stärker erscheinen, so scheint der Doppelschlaf mehr ein Übermaß der Stärkung als reine Stärkung, mehr ein magnetischer Rausch als Abendmahlwein zu sein, indem der Kranke so ganz in seinen Arzt verfließt, daß er nur für ihn Zunge, Ohr und Sinn behält und andere Menschen nur als Schmerzen fühlt und taub für alle ist. so geht eine Erinnerung, ob sie gleich unter dem dicken undurchsichtigen Lethestrom liegt, doch nicht darum der Zukunft verloren; daher im Hell- und Hellstensehen jener Welt, wo der ganze schwere Erdleib abgefallen, nach diesen Wahrscheinlichkeit-Regeln fremde Erinnerungen aufwachen können, welche ein ganzes Leben verschlummert haben. Wenn uns der irdische Magnetismus das erhebende Schauspiel von Seelen-Vereinen blos durch ätherische Körper-Vereine gibt, wenn z. B. (nach Wienholt) zwei Hellseherinnen hohen Standes sich und eine dritte, ihnen sonst gleichgültige aus niedrigem innigst lieben und Schlummer und Rede teilen; wenn Arzt, Kranke und ferne Mitkranke ein liebender Äther-Kreis einschließt und sie alle nur mit einer gemeinschaftlichen Seelenhülle empfinden und lieben: so dürfen wir wohl furchtsam-kühn ahnen, wenn auch nicht schließen, daß hinter unserem schroffen Leben, das uns so hart und weit auseinander hält und oft uns nur zur Wechsel-Zerstückung einander nahebringt, daß, sag' ich, künftig jenes unbegreiflich ätherische Medium, welches hier einige zu einem höhern Lieben und Freuen verknüpft und ebenso gut Tausende zugleich ebenso verschwistern könnte, vielleicht als eine Ätherhülle, als ein Welt- Körper oder Welt-Leib eine aus tausend Seelen zusammengefloßne Welt- Seele umschließen und tragen könne. – Freilich fliegen solche Ahnungen der zweiten Welt kühn und hoch; aber warum sollen sie es nicht, da schon in dieser der Magnetismus so viele kühne überflog? Nur fragt nicht, wie der Übergang des Sterbenden aus dem Magnetismus geschehe in die zweite Welt. Denn es ist kein Übergang, sondern ein Sprung, so wie im hiesigen Leben auf Schlaf und Traum das Erwachen unvermittelt und in einem Nu, wie durch eine losgelassene Springfeder, eintritt. Man vergißt es überhaupt zu oft, daß die Natur im Körperlichen und im Geistigen alles zwar nach einem Gesetze der Stätigkeit entwickle und fortsetze , aber vorher alles nach einem Gesetze der Unterbrechung oder des Sprungs anfange , so bei dem Beleben, Erblühen, Verscheiden. Wir kennen nur die lebende Welt, nicht die sterbende; diese hat keine Zeit, uns sich aufzudecken; mit welchen neuen fremden, uns verhüllten Erfahrungen mag in der allerletzten stummen Stunde eine sterbende Menschenwelt nach der andern sprachlos hinübergezogen sein! Wir sehen nur die Abendröte ihres Verscheidens, aber sie, die in der Abendröte selber ist, kennet die Sonne, welche in sie scheint. – Das ganze Erdleben umringen wahrscheinlich zahllose hohe Wesen und Wirkungen – denn das Weltganze und Geisterall wirkt auf jedes Teilchen und Geisterchen –, von welchen wir Endliche nichts vernehmen, als bis der hiesige Leib mit seinen Adern- und Nerven-Strömen und seinem ganzen Sinnen-Brausen auf einmal still geworden und aufgehört. Denkt euch auf ein halbes Jahrhundert unten an die Felsen des Rheinfalles gekettet: ihr hört dann nicht unter dem Wassersturm die sprechende Seele neben euch, nicht die Gesänge des fliegenden Frühlings im Himmel und keinen Westwind in den Blüten; auf einmal verstumme der Sturm: wie wird euch sein? – Wie uns allen künftig. Denn wir sind jetzo gebundne Anwohner der irdischen Katarakte, die ohne Unterlaß über die Erde hin donnern, und unter welchen wir einander nicht verstehen; plötzlich aber steht und erstarrt der Wasserfall zu stillem Toten-Eis: so hören wir auf einmal uns einander ansprechen, und wir hören den leisen Zephyr und die Gesänge in den Gipfeln und in dem Himmelblau, welche bisher ein ganzes Leben hindurch ungehört um uns verklungen. So möge denn jedem von uns unter dem Verrauschen und Gefrieren der Erdenwasser in der hohen Sterb-Stille der Himmel zu tönen anfangen mit den Gesängen und Lauten des ewigen Frühlings, und das Herz mög' uns nur an der letzten und schönsten Freude brechen! II. Sedez-Aufsätze Erste und zweite Lieferung Vorrede Alle Folianten sollten vor und für Methusalem geschrieben sein. Man hat jetzo keine Zeit mehr, lange Werke zu lesen, seitdem es zu viele kurze gibt. Die Werkchen verdrängen und ersetzen die Werke. Die Geschichte allein hat das Recht, gar nicht aufzuhören. Wird man vollends vorgelesen, wie abwesendes neues Ehren-Mitglied Ihres Museums, so benehme man sich kurz; der Leser verträgt mehr Weile und Langeweile als der Zuhörer; auch macht jener leichter das Buch zu als dieser das Ohr. Daher – und weil überhaupt, wie am Leibe, Ausdehnen der Glieder und Gähnen immer reimend beisammen sind – und weil abgerissene Gedanken einen kleinern Anspruch an Aufmerksamkeit machen, da man, so viele man davon will, überhören kann, ohne die übrigen weniger zu verstehen – darum hat das neue Mitglied folgende Sedez-Aufsätze gewählt:   Öffentliche Gebäude Lykurg (s. Plutarch im Lyk.) verlegte alle beratschlagende Versammlungen aus den öffentlichen Gebäuden ins Freie hinaus, damit nicht diese jene mit ihren Bildern und Statuen störten und zerstreueten. In diesem Punkte haben mehre deutsche Städte besser für sich gesorgt, indem sie aus ihren Rat- und andern Sessionstuben so glücklich alle Kunst bis sogar auf den Geschmack ausgeschlossen, daß man darin ohne die geringste Zerstreuung stimmt. Die vier Wände setzen ihren Areopag schon in die nötige Finsternis, so wie Vögel so lange verhangen werden, bis sie ihre Melodie pfeifen gelernt.   Die Kunst Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens. Sie unter dem Vorwande der Nützlichkeit verschmähen, indes sie doch die grobe durch die zärtere erstattet, heißt dem Domitian gleichen, welcher die Weinstöcke auszurotten befahl, um den Ackerbau zu befördern. Gesegnet sei jeder Fürst, der die Freskogemälde ablöset von ihrer Mauer; denn er ist unähnlich jedem Fürsten, der die Mauer vom Gemälde, den Nutzen von der Kunst abtrennt und selig die nackte Mauer allein nach Haus fährt.   Das Publikum Der Leser scherzt vielleicht so sehr mit dem Schriftsteller als dieser mit ihm. Es wolle nämlich einmal ein Autor sein Werk recht für den Geschmack des Lesers zuschneiden, und er arbeite und nähe daran 10 Jahre ganz eifrig: so findet er, wenn ers endlich bringt, einen andern Mann oder Leser dastehen, als der gewesen, von dem er das Maß genommen. Ähnlich sprang Joseph Clark mit seinem Schneider um. Er hatte die seltenste Gabe, an seinem Leibe jeder Verwachsung nachzuspielen und sich in jede einzuschießen; brachte nun der Schneidermeister den Rock, den er irgendeiner Verwachsung desselben angemessen und, wie er hoffte, recht gut angepaßt hatte, froh unter dem Arm getragen: so fand er einen ganz neuen Verwachsenen zum Anprobieren vor sich, kein Rockschoß und Ärmel wollte stehen, und der Meister wußte nicht, was er machen sollte aus der Sache und aus dem Rock.   Deutschland Je älter die deutschen Ritterschlösser, desto weniger Fenster und desto mehr Schießscharten haben sie. Deutschland hatt' es bisher umgekehrt und mehr Licht als Feuer gegeben.   Erziehung Alles der kräftigen Jugend recht leicht machen, heißt darauf sinnen, recht leichte Anker zu schmieden. Hingegen dem ermatteten Alter werde alles so leicht wie die Schwimmfeder einer Angel gemacht.   Rat an einen neuesten Sonettisten Der Verfasser dieses munterte den Sonettisten zu Werken auf, welche durchaus dem ganzen Publikum, auch dem verehrten Museum gefallen werden. »Bekanntlich« – sagte er zu ihm –»schrieb Brockes ein Gedicht von 70 Versen ohne ein R; – und doch warum führ' ich Ihnen dieses an, da ja der Neapolitaner Vincentius Cardone im 17ten Jahrhunderte, der selber kein R aussprechen konnte, unter dem Titel L'R sbandita gar ein Gedicht über die Liebe von etlichen tausend Versen geschrieben, worin kein einziges R vorkam? – Diese Parteilichkeit wider einen Schnarr- und Hundbuchstaben, der meinen Namen beginnt und beschließt, ist überhaupt einfältig. Aber, Sonettist, könnten Sie, der Sie in Ihren Sonetten die größten Lasten des Versbaues leicht bewegen und besiegen, nicht jenes Cardonesche Verdienst um 23 mal übertreffen, wenn Sie (was Sie gewiß können) nur Gedichte lieferten, worin außer dem R noch die übrigen 23 Buchstaben geschickt vermieden wären? Ein solches Verdienst um die deutsche Dichtkunst wäre desto größer, je unerkannter es bliebe.« –   Die Bildungen von außen und die von innen Unter den auf dem Bildungwege hintereinander schreitenden Völkern geht stets eines an der Spitze, dem sich die andern in Abstufungen nacharbeiten. Aber jedes nachkommende Volk, das sich die Selbstverbesserung des ersten einverleibt, bekommt diese gewaltsamer und schneller, weil sie ihm nicht, wie jenem, von innen, also aus einem langsamen Zubereiten erwachsen. So müssen einem Heere die letzten Abteilungen desselben am schnellsten nachziehen.   Volkbildung Kinder und Völker müssen dem Ulysses nicht bloß im Talente, beredt und klug zu sein, sondern auch im Vermögen, Ulysses-Bogen zu spannen, nachgebildet werden.   Preis der Kunst Gesetze, Zeiten, Völker überleben sich mit ihren Werken; nur die Sternbilder der Kunst schimmern in alter Unvergänglichkeit über den Kirchhöfen der Zeit.   Der langsame Wagen und die langsame Menschheit Es gibt, könnte man behaupten, einen Wagen, der noch langsamer fährt als ein Postwagen oder ein Lastwagen oder ein Staatwagen oder ein Leichenwagen, – nämlich der gestirnte Wagen am Himmel; denn er steht seit Jahrtausenden gar fest, was wohl der geringste Grad von Schnelle ist. Ebenso langsam, könnte man fortfahren, rückt Glück und Licht der Menschheit weiter; denn es rückt nie. Aber fliege nur hinauf, näher ans Wagengestirn, so siehst du dessen Sonnen fliegen, und die ferne Erde wird ihm nur träger nachgezogen, und sie weiß von nichts.   Die Tonkunst Chladni bauet mit Tönen Gestalten aus Steinchen, Amphion aus Steinen, Orpheus aus Felsen, der Tongenius aus Menschenherzen; und so bauet die Harmonie die Welt.   Bewegliche Handelhäuser Sonst zählten Deutsche auch die Häuser unter die beweglichen Güter, Dreyers Miszellen. Seite 81. aber durch das römische Recht wurden sie um diese leichte Ansicht gebracht. Erst später oder jetzt muß es durch die glücklichsten Zufälle sich fügen, daß wir wieder zum altdeutschen Gesetze zurück dürfen und können, so daß jetzo nicht bloß die gemeinen leichten Häuser, sondern auch die gewichtigen Handelhäuser bewegliche Güter, ja fliegende geworden, und jeder Kredit zugleich mit jedem Heere mobil, und daß ein Bankerutt im Kriege ein Erdbeben ist, das ein massives Haus mehr versetzt als verschlingt.   Zweierlei Anker Es gibt einen Flut-Anker und einen Ebbe-Anker; jener halte die Jugend, dieser das Alter.   Verschiedenheit des Zanks Die kalten Worte, welche in die Liebe oder Freundschaft fallen, sind Frühlingschnee, welcher bald zu glänzendem Tau einschmilzt; die kalten Worte, die der Haß hagelt, sind herbstlicher Schnee, welcher den hohen winterlichen verkündigt.   Dreiklang Das Leben – das Sterben – die Unsterblichkeit: diese drei bilden den Dreiklang der menschlichen Endlichkeit.   Zwei Träume Mir träumte: ich nahm einem Lande voll Reichtum, voll Menschen und voll Sonnenschein den weisen Fürsten, der zugleich ein guter war: da erlags. – Mir träumte wieder: ich gab einem erlegenen, welken Lande voll Wüste, Dürftigkeit und Klage diesen weisen und guten Fürsten: da erstands. – Endlich erwacht' ich und sah umher, aber zum Glücke war der weise und gute Fürst keinem Lande entnommen; er herrschte über Glückliche und Unglückliche zugleich und verwandelte niemand als diese in jene.   Herder und Schiller Zu Wundärzten wollten beide in der Jugend sich bilden. Aber das Schicksal sagte: »Nein! Es gibt tiefere Wunden als die Wunden des Leibes – heilet die tiefern!« – und beide schrieben.   Schutzwehr der Jungfrau Zeigt ihr statt fremder Sünden bloß den eigenen Wert und erwärmet und befruchtet alles Reine und Himmlische in der jungfräulichen Natur zur paradiesischen Blüte: dann ist sie beschirmt genug vor der Entheiligung. Ihr vergiftet sie aber früher als der Feind selber, wenn ihr die reine Unbefangenheit durch hellgemalte Warnungen und Bilder der Feinde verscheucht und die Unschuld hinter kokette Sicherheitregeln verschanzt. So wird der junge zarte Baum bedornet und gesichert gegen die Zähne hungriger Tiere im Winter; aber die Dornen zerstechen die weiche Rinde und zerstören das Bäumchen.   Die Regenten der Menschheit Jedes Zeitalter wird von zwei Zeiten regiert, von der Gegenwart und von der nächst verstorbenen Vergangenheit; so hatten die ersten Einwohner der Kanarieninseln stets zwei Könige, den eben gestorbenen und einen lebendigen. Aber freilich seufzet oft die Gegenwart: sie müsse blutend untersinken und die Perlen fischen, womit die Zukunft sich schmücke; aber ist sie selber nicht auch damit geschmückt von der Vergangenheit?   An angebetete Mädchen Die Jünglinge fallen vor euch auf die Knie, aber nur wie das Fußvolk vor der Reiterei, um zu besiegen und zu töten, oder wie die Jäger nur mit gebognen Knieen (als hätten sie Amors Geschoß) ihre Opfer fällen.   Die Geschichte Ein Volk straft das andere, sündigt aber wieder unter dem Strafen, und ein drittes züchtigt das zweite und sündigt, um zu züchtigen. So wurde (erzählet la Loubere Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und zu Land. B. 10. ) in Siam einem Diebe des königlichen Silbers geschmolzenes in den Hals gegossen; – der Mann, der es erhärtet aus dem toten Schlunde zu holen hatte, stahl wieder etwas davon; ein dritter, der dem zweiten den glühenden Einguß gab, steckte auch wieder von dem kaltgewordenen heimlich zu sich; – der König begnadigte aber den dritten, um es nicht zu spät bei dem letzten seines Reichs zu tun. Die Römer straften die Griechen – die Deutschen die Römer – die Zeit die Deutschen – die Zeiten die Zeit – und die Ewigkeit zuletzt die Zeit.   Aufklärung der vornehmen Jugend Sie will Licht, aber weniger, um davon innen erleuchtet, als außen illuminiert zu werden. Die Augen der jungen Zeit sind mehr Schmuck als Glied; so haben die Schmetterlinge auf ihren Flügeln Augen, und der Pfau auf seinem Schweif.   Schmücken des Schmuckes Gibt es etwas Schöneres als Schönheit und Unschuld? Welche Reize kann eine schöne unschuldige Jungfrau noch borgen, die nicht kleiner wären als ihre eignen? Aber sie borgt doch, sogar die kleinsten; denn sie gleicht dem Römer, Plin. VIII. 48. XXI. 5. welcher die weiße Lilie und das weiße Lämmchen bunt anstreichen ließ.   Das Genie und der Fürst Das Volk bewundert beide zweimal am meisten: wann sie ihre Regierung antreten und wann sie sie niederlegen; Am Krönungtage und am Sterbetage werden sie am feurigsten gelobt. So funkelt ein Stern zweimal am stärksten, bei dem Aufgange, bei dem Untergange; aber kleiner erscheint die Sonne und jedes Gestirn in der Mitte, wo sie eben das reichste Licht auf die Erde gießen.   Kraft der Worte Nicht aus Gemeinem ist der Mensch gemacht (wie Schiller sagt), sondern aus Worten. Vom Worte werden die Völker länger als vom Gedanken regiert; das Wort wohnt auf der leichten Zunge fester als dessen Sinn im Gehirn; denn es bleibt, mit demselben Tone Köpfe zusammenrufend und aneinanderheftend und Zeiten durchziehend, in lebendiger Wirkung zurück, indes der ewig wechselhafte Gedanke ohne Zeichen umfliegt und sich sein Wort erst sucht. So gleicht das Wort – diese Gedankenschale – den Schaltieren, deren Gehäuse ohne die weichen Einwohner das bilden, was kein Tier und Riese zu bilden vermag – Inseln und Gebirge. Die Inseln aus Korallen und die Kalkgebirge.   Die Begierden der Menschen Die Begierden beschneiden ihrem Prometheus-Geier statt des Schnabels die Flügel – und so hackt er ewig ins Herz.   Das Welt-Rätsel Der Mensch sieht nur das Spinnrad des Schicksals, aber nicht die Spindel ; daher sagt er: seht ihr nicht den ewigen, leeren Kreislauf der Welt?   Das Streben hinter dem Tode Die Menschen erschrecken ordentlich über die Erhabenheit, welche ihnen der Tod oder die Ewigkeit droht. Wohin, sagen sie, sollen wir vollendet droben streben, wohin soll sich eine Sonnenblume wenden, welche selber auf der Sonne steht? Ich antworte: nach der größern Sonne, um welche unsere zieht. III. Frage über das Entstehen der ersten Pflanzen, Tiere und Menschen § 1 Sonst hatte man nichts zur Antwort auf diese Frage nötig, als dem Frager das erste Kapitel des ersten Buchs Mosis aufzuschlagen, um damit den größten Knoten aller Untersuchungen – falls nicht die Frage über unsere Zukunft ein noch größerer ist – auf einmal zu zerschneiden. In den neueren Zeiten wählen fast einmütig die Naturforscher, sowohl Gottglaubige als Gottläugner, einen andern und längern und gelehrteren Weg, um diesen Knoten zwar ebenfalls zu – zerschneiden, nur aber ohne Moses und Gott. Nach ihnen ist das ganze organische Reich nur das Gewirk des in der Jugend feurigern Kräftebundes von Elektrizität, Wärme, Galvanismus u. s. w., und die höhern Organisationen sind nur Blüten und Früchte aus dem Laube der frühern niedrigen. Keine Bescheidenheit ist zu groß, wenn man, wie ich, so vielen gelehrten und tiefen Naturforschern sich entgegenzustellen wagt, nicht etwan sie zurechtweisend – dazu gehören andere Kräfte und Bibliotheken und Zeiten –, sondern nur scheu bekennend, daß man von ihnen selber nicht zurechtgewiesen worden, und daß ihre dicken Bücher nicht viel schwerer wiegen als das erste Blatt Mosis. Der Verf. will vorher in den folgenden Paragraphen die organische Maschinenlehre – der Kürze wegen gelte diese Benennung –, so gut er sie aus verschiedenen Werken Da für den Kenner die Anführungen nur solche aus Alltags-Büchern sind, so können sie kurz und selten sein. Wer sie bezweifelt, der mag jene fragen, oder mir glauben. kennt, zusammendrängend darlegen und darin gegen seine Meinung so eifrig und aufrichtig sprechen lassen und selber sprechen helfen, als er es für dieselbe später tut.   § 2 »In den ersten Glühjahrhunderten der jungen Erde« – sagen die organischen Maschinenmeister – »wurden durch das Zusammentreten der größern Wärme und Gärung, der dichteren Luft, der Elektrizität und des Galvanismus wahrscheinlich die Wassertiere als die unvollkommensten (nach Lamarck Dessen Recherches sur les corps vivants. ) zuerst gebildet; und zwar wurde mit den größten darin (wie nach Herder auch auf dem Lande), mit den Ammonshörnern, angefangen. Nach Kant Dessen physische Geographie. 4. B. begann die lebendige Wasserwelt mit Infusiontierchen, deren Stoffe später zu Polypen, Mollusken und dann zu Fischen zusammengohren. Herder und Meiners Meiners Untersuchungen über die Verschiedenheiten der Menschennaturen in Asien und den Südländern. 1811. B. 1. und die meisten lassen die Pflanzen vor den Tieren anschießen. Priestley und Ingenhouß erklären die grüne Materie auf dem Wasser für Pflanzenkörner, welche zu lebendigen Tieren vermodern, deren neuer Moder wieder zu Flechten und anderen Pflanzen wird. Gegen den Vortritt der Pflanzen im Meere streitet übrigens Schuberts Dessen Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft. Bemerkung, daß erst aus untergegangenen Aufgußtierchen Pflanzen erkeimen; ferner die Tatsache, daß es im Meer eigentlich nur Tierpflanzen gebe; und endlich der Satz, Treviranus Biologie. daß Wärme ohne Licht wohl der tierischen Entstehung, aber nur eine mit Licht der vegetabilischen diene und helfe. – Alles Organische ist Geburt des Schleims, d. h. des Kohlenstoffs, mit Luft und Wasser geschwängert – der Meerschleim ist der Urschleim Okens Lehrbuch der Naturphilosophie. .«   § 3 »Das aus dem Meerwasser steigende Land wurde die Pflanzstadt der Flechten, Moose und Schwämme; und durch deren Verwesung das Lohbeet der ersten Gräser, deren Asche wieder als Samenstaub der ersten Stauden flog, bis gleichsam wieder in der letzten Aschenkrügen endlich wie in Treibkästen die hohen Bäume trieben und prangten. Meiners l. c. S. 34. Aber diese organischen Abstufungen wurden vielleicht durch Jahrhunderte voneinander geschieden.«   § 4 »Ebenso gebaren tiefe Tierklassen immer höhere. Der Wurm kroch dem Krokodile, dem Vogel und Pferde voran. Die pflanzenfressenden waren die Ahnen der fleischfressenden, bis sich endlich das schaffende Brauen mit dem feinsten abgezogensten eau de vie, mit dem Menschen, schloß. Gleichsam als Nachspiel der ersten Aufstufung« – könnte der organische Machinist hinzusetzen – »durchläuft noch der Fötus alle Tierklassen, anfangs Wurm, dann unverwandeltes Insekt, dann durch Absonderungen, Molluske, endlich durch Knochenbildung rotblutiges Tier. Walthers Physiologie. B. 2. Auch bei dem ersten Tieraufguß (Infusorium) werden Jahrtausende sich zwischen der ersten Elephantenameise und dem ersten Elephanten gelagert haben, so daß dieser Erdball jahrhundertelang nur eine Wurm- und Insekten-Erde, dann ein friedliches brahmanisches Arkadien ohne Fleischfresser war, bis endlich die Menschen und die Menschenfresser die Erde schmückten, aus welchen sich aber kein neues höheres Tier wieder auferbauen wollte.«   § 5 »Vielleicht, sagt Linnée, sind alle tausendartigen Pflanzen auf wenige Stammpflanzen zurückzuführen. Ebenso, sagt Darwin, Dessen Zoonomie B. 2. S. 445 und 458. laufen vielleicht alle Tiere in wenige ein, ja die ganze Tierwelt spann sich vielleicht vor Billionen Jahren aus einem einzigen Fleischfädchen Nämlich nach Darwin (S. 432) ist der Urkeim eines Embryons ein Fäserchen oder Filament aus dem väterlichen Blute, das sich im Mutterleibe durch Reize in einen Ring umbeugt und endlich durch Nahrung zu einer Röhre höhlt. an.«   § 6 »Diese elternlose Leben-Krystallisationen fanden nur in der gärenden Saftzeit des Weltfrühling statt; daher wäre das jetzige Innehalten damit kein Einwand, sogar wenn dasselbe nicht scheinbar wäre. Vom vorigen Mark- und Herzschlag der Zeit geben uns schon die 24 Arten untergegangener Folio-Tiere Beweise, welche Cuvier beschreibt, fast alle riesenhaft; der mosaischen Riesenalter und der Riesenmenschen gar nicht zu gedenken. So die ausgestorbenen Ammonshörner von fünf Fuß im Durchmesser, indes die lebendigen nur hinter dem Vergrößerglase erscheinen; so die größeren, jetzo verschwundenen Fische, so die Überreste von Riesen-Vögeln im erstentdeckten Neusibirien. Mit welcher heißen Üppigkeit mußte die junge Erde ihre Palmenwälder getrieben haben, um mit ihren Verkohlungen die unerschöpflichen Umber-Gruben der kölnischen Gegenden zu füllen! Die Tatsachen eines früheren, fast tropischen Wärmegrades der Polarländer setzen – wenn man diesen nicht aus einer ungeheuern beispiellosen Vertiefung des Pols ableiten will – entweder eine ursprüngliche Glut und Verdampfung der Erde, oder (ohne diese und unabhängig von der Polhöhe) nach Humboldt Dessen Ansichten der Natur B. 1. S. 234; gegen welche Meinung Treviranus in seiner Biologie (z. B. S. 225) siegende Einwürfe macht. die Entbindung eines unermeßlichen Wärmestoffs voraus, als die Gebirgarten sich in den Wassern niederschlugen und die flüssige Erde zur festen verdampfte. Wie müssen nun in beiden letzten Fällen vollends die tropischen Meere des Äquators mit schaffenden Kräften gekocht und das wilde Heer ihrer Zerrbilder ausgegoren haben!«   § 7 »Wem solche organische Geburten ohne Eltern im Welt-Mai unbegreiflich vorkommen, weil das geistige Kunstgebäude des Lebens alle chemischen, elektrischen und andere mechanischen Bau-Kräfte zu übersteigen scheint: einem solchen braucht man nur zu zeigen, daß jetzo im Welt-Oktober täglich dasselbe, nur im Kleinern, wiederkommt. Man nenne z. B. die Eingeweidewürmer, welche bloß durch kränkliche Schwäche eines fremden Körpers entstehen, und in einem solchen Reichtum, daß Göze 3 503 Fischdarmwürmer im Blinddarm eines Fisches, 28 000 Fadenwürmer in den Lungenlappen einer Wasserkröte fand – und ferner, was alle Möglichkeit der Eltern ausschließt, sogar Eingeweidewürmer im Ei einer Henne Voigts Magazin etc. IV. 1. – nach Brendel und Selle sogar im Abortus – nach Cuvier Würmer in Insektenlarven, die im entpuppten Tiere nicht vorkommen Oken über die Erzeugung. – nach Fischer einen Wurm in der Schwimmblase einer Forelle Liter. Zeitung, Dez. 1799. – die Tiere der Krätze und des Eiters – so die Finnen nur in zahmen Schweinen – so jene Schmarotzer-Tiere des Menschen, welche Herodes und Sulla lebendig auffraßen und welche nur die höchste Zersetzung aller Säfte ausbrütet, desgleichen ihre Nebenverwandten, welche nur in lang getragnen wollenen, von der menschlichen Ausdünstung durchdrungenen Kleidern und (was besonders ist), wie ihre Nachbarn auf dem Kopfe, gerade bei Kindern und Greisen am meisten entstehen.« Wolfart in d. allg. mediz. Annal. July 1811.   § 8 »Das nächste Beispiel elternloser Ur-Waisen könnt ihr jeden Tag aus dem feuchten warmen Mehltopfe ziehen, worin ihr Mehlwürmer, die sich verpuppen und entpuppen, für eure Nachtigallen ins Leben backet und erschafft. Jetzo überschauet das nasse Weltgewimmel und Weltmeer der kaum sichtbaren Aufgußtierchen (Infusorien) hindurch, welche ihr zu verschiedenen Tiergeschlechtern aus (unsalzigen) Feuchtigkeiten und Pflanzen organisieren könnt. Euch wird sogar die Ausflucht abgeschnitten, daß vielleicht am Ende doch nur aus altem Organischen (z. B. aus Pflanzen) neues erwachse; denn Doktor Gruithuisen Oberd. Lit. Z. 1808. Okt. erhielt aus Stinkstein, Granit, Ruß, Marmor, sogar mit destilliertem kalten Wasser begossen, ohne Fäulnis noch denselben Tag lebende Tier-Weltchen. – Dieser Zwergfauna gesellt sich noch die Zwergflora der Aufgußpflänzchen zu, der Schimmel, und zwar wieder die Ausflucht organischer Samen-Einmischung versperrend; die Schwämme, die unter dem Namen Schimmel auf der Dinte wachsen, sind von den Konferven-Fäden des Schimmels auf Met und Bier verschieden. Nach Dupont im Morgenblatt 1807. Mithin ist bloß der erste Bierbrauer und der erste Dintenkoch der Pflanzer und Gärtner dieser lebendigen Körper-Abbreviaturen. So ist also jetzo in der ermatteten verbrauchten Natur doch jedes Leben noch doppelt belebend, zugleich ein Vater und ein Schöpfer, seine eigne Gestalt fortpflanzend und eine ihm fremde erschaffend – jeder Regentropfe ist ein voller Besatz- und Streckteich schwimmenden Gewimmels – und jedes Tierglied eine Bruttafel neuer Gestaltungen, und sogar der elende Schwamm und seine Blüte ein organisches Treibhaus und ein Würmerstall. – – Und du willst über frühere größere Schöpfungen, da die Erde noch ihre eigne Sonne war und vom Teige aller Keime und von Lebenmilch schwoll und mit Jahrtausenden an ihren brutheißen Gewirken brüten und ausarbeiten konnte, du willst über frühere größere Schöpfungen derselben staunen, fragen, ja zweifeln?« § 9 Ich antworte: allerdings will ichs und tu' es, wie folgt: Nicht die Tatsachen selber, sondern die Schlüsse und Erklärungen, womit sie umgeben werden, sind anzugreifen. Der organische Maschinenmeister setzt an die Stelle entweder der Eier oder der Eltern gemeinschaftlich zusammenwirkende Elementen-Kräfte. Hier tritt ihm zuerst die schwer drückende Frage entgegen, ob sonst Kräfte erschufen, welche jetzo untergegangen sind, oder ob nur die jetzigen vormals nur kräftiger in günstigern Kreisen bildeten. Indes jetzo unbekannte, nun verlorne Bild-Kräfte nachzuweisen, wird wohl kein Naturforscher versuchen und vermögen, er müßte denn verborgne Ursachen (causae occultae) und doch ihm nicht verborgne zurückzuführen wissen. Mithin bleibt zum Beleb-Apparat der Urwelt nur die damalige größere Stärke jetziger matter Kräfte übrig, das warme neugeborne und neugebärende Getümmel, welches mit elektrischen, galvanischen und anderen Kräften auf der leblosen Welt eine lebendige ausbrütete. Diese Stärke müßte man denn so weit als möglich in die Frühzeit der Erde hinaus verlegen. Aber gerade in den vorfrühen Ruinen der letzten, in den Urgebirgen, findet man keine versteinerten Tier- und Pflanzenreste. Erst in den spätern, aus Ruinen und Absetzungen gestalteten Gebirgen der zweiten und der dritten Ordnung (montes secundarii und tertiarii), besonders in denen der letzten, deckt sich uns die jetzige Lebenwelt begraben auf, vom Medusenhaupte der Vorzeit versteinert. Will man in diese Periode eingehen, wo der Meerkessel ein Braukessel des Fisch-Lebens und das Festland ein Brutofen der Pflanzen und Tiere war: so stößt man auf eine noch zu wenig genützte Erscheinung. Alle Naturforscher nämlich bleiben darin einverstanden, daß, obgleich die Frühwelt sich in Versteinerungen sogar bis auf die zarten Blumen ausgedehnt und erhalten, welche letzte in der Jetzterde (nach Büffon) die tiefsten Schichten einnehmen, daß dennoch von der Gipfelblume des Lebens, nämlich vom Menschen, nirgend versteinerte Reste gefunden worden, so sehr auch an sich die Menschenknochen (nach Berger) der Zeit länger widerstehen als die Fischgräten, die man neben den Blumen in den hohen Särgen der Vorwelt, den Gebirgen, findet. – Ja, nicht ein mal versteinerte Reste von Affen, deren es doch 70 Arten gibt, Biologie von Treviranus. Bloß Cuvier will unter seinen 24 verlornen Tieren aus den Zähnen eine untergegangene Affenart mutmaßen, ohne indes zu entscheiden. hat jene Ur-Zeit zurückgelassen. Woher das Ausbleiben oder Verschieben der edlern Gebilde, deren Erstehung man ja gerade von einer Zeit erwarten sollte, worin die ursprünglichen Lebens-Wecker mit größerer Stärke die Geburtstunden der Riesen-Tiere ausschlugen? – Ja man sollte dies noch mehr vermuten, da noch jetzo die Natur am einzelnen Tiere im Mutterleibe das Bilden und Gestalten immer bei den edlern Teilen, bei dem Kopfe und an diesem bei den höheren Sinnen, anhebt. Die größte Einwendung ist endlich die Frage: wie denn Elektrizität, Galvanismus u. s. w., welche jetzo in ihrem kleinern Grade kein Leben erschaffen können, es früher bloß durch ihren höhern sollen gegeben haben, da ja das Leben selber nicht von dem Unbelebten in dem Grade, sondern in der Art verschieden ist; daher die Elektrizität zwar das schwächere Leben, z. B. das Ei, wohl ausbrüten und erhöhen, aber nicht erzeugen kann. Sie – oder was man ihr gleichstellet – ist nicht der Atem, der dem Erdkloße Leben einbläst, sondern selber ein Teil des Erdkloßes. Eine andere Frage hat man noch gar nicht getan: ob nämlich die eine anregende Welthälfte, die aus elektrischen, galvanischen, wärmenden Kräften oder Reizen besteht, nicht zu gleicher Zeit die andere anregbare, die lebendige, voraussetze und der letzten so bedürfe wie diese ihrer; ob nicht tot-körperliche Welt mit organischer zugleich zu setzen, so wie Pflanzenwelt mit Tierwelt? Grüne Inseln ohne Tiere, elektrische Wüsten ohne Leben sind keine Einwendungen, da der Luftkreis alle Eiländer und Wüsten mit dem Leben verknüpft und umringt.   § 10 Dabei ist nun die alte Frage durchaus nicht wegzudrängen und abzuweisen, warum alle diese mechanischen Poussiergriffel jetzo auch gar nichts, nicht einen organischen Klumpen mehr schaffen. (Die Einwendung der Aufgußtierchen wollen wir später abtun.) Im feucht-warmen Äquator-Amerika, diesem Brennpunkte so vieler Reizkräfte, entstehen nur alte Tiere. Wer einwirft, daß allda eigentlich nur die kleinern Tiergattungen gedeihen, dem stell' ich wieder nicht nur den brasilianischen Tiger und die Boasschlange, sondern vorzüglich die kolossale Pflanzenwelt, die herrlichen Palmen und die Riesenblumen entgegen. – Und warum blieb denn gerade die neue halbe Erdrinde an so vielen Bildungen der alten unfruchtbar, so daß auf ihr kein ganzes Tiergeschlecht des alten heißen Erdgürtels gefunden wird? Zimmermanns geograph. Geschichte etc. I. B. So wie besonders keine Schafe, Kamele, Esel, Pferde und Affen? Warum treiben Erdbeben und Naturglut neue warme Inseln aus dem Meere, aber keine neuen Tiere auf ihnen? – Warum führt und treibt das größte Infusorium, das es gibt, und von welchem das Festland nur ⅓ der Erde ausmacht, das Meer, voll Leben, voll Mollusken-Fäulnis, voll Gewächse und überquellend vom Leuchten der Auflösung, uns unter seinen Gestalten-Heeren kein neues zu?   § 11 Man hat auf diese Fragen mehr Antworten als Beantwortung. Z. B. die: »Neue Organismen entstehen nicht mehr, weil schon zu viele alte da sind, welche den organischen Stoff verarbeiten.« – Aber wenn einmal die schaffende Mechanik so viel organischen Stoff teils erzeugte, teils gestaltete: wie sollten denn die Kombinationen der zahllosen Tierformen zu erschöpfen oder jener Kräfte-Mechanik zu verwehren sein? Wenn 24 Buchstaben tausend Quintillionen Male zu versetzen sind: wie oft nicht die Millionen Tiere selber wieder, so daß man sich wenig über die beiden geschnäbelten Säugtiere (Ornithorhynchus paradoxus und aculeatus) zu verwundern hat! Die gemeinste Ausrede ist das Veraltern der Erde. Organische Wesen und also ganze Völker können altern und verfalben, leiblich und geistig; und manches Volk wird ein kindischer Greis mehre Jahrhunderte vorher, eh' es als ein kindliches Kind wieder wird. Aber unorganische Kräfte, die Elemente, Elektrizität, Galvanismus etc., behalten als Herzen des Erdballs alten Schlag und alte Glut; man müßte denn in ungeheuere Zeitfernen, wohin keine Versteinerungen reichen, sie zurückschieben wollen. Nicht die Erde, sondern einzelne Länder altern, blühen oder wechseln. Als Siberien glühte, war der Äquator entweder von jenem Urmeere bedeckt, wovon nach Delamétherie Dessen théorie de la terre. II. 103. ein 24tel verflogen ist, oder seine Glut rüstete ihn mehr zu einem Scheiterhaufen als Brutneste des Lebens zu. Stellen etwan die glühenden Gewürze und Tiere so vieler Gleicher-Inseln graues Haar der Erde vor? – Höchstens hat sich die ausbrütende Erwärmung der Länder nur versetzt, nicht verloren. Überhaupt entscheidet hier nicht allein Jugendwärme der Erde. Konnten denn die Tiere der Eisländer, wie z. B. das Rentier etc., in Glutzonen geformet werden? Fällt nicht jetzo noch bei manchen Tieren und Pflanzen die warme Zeit der Liebe und der Blüte gerade in die Wintermonate, z. B. bei Wölfen, Kreuzschnäbeln, der schwarzen Nießwurzel, den Schneeglöckchen und Moosen? Solange die Erde – obwohl ihre Berge Scherbenberge (monti testacc.) der Urwelt sind – noch so viele Kräfte übrig hat, um mit ihnen allen fortgesetzten Schöpfungen zu dienen und beizustehen, damit der Löwe werde und der Mensch und der höhere Mensch, so lange wollen wir dieser Allmutter oder vielmehr All-Amme so gut die Jahre und zugleich die Kräfte lassen als den Erzvätern, welche zwar immer im hohen Alter Vor der Sündflut nämlich, da zeugte Enos im 90ten Alter zuerst, Kenan im 70ten, Jared im 162ten, Henoch im 65ten, Methusalah im 187ten etc., nach der Sündflut meistens wie die alten Deutschen im 30ten und 29ten. zeugten, aber doch Söhne, die wieder eines erlebten. Jetzo freilich dürfen wir in Untersuchungen schwerlich ohne Nachteil des Ernstes das europäische Alter anführen, welches zeugt, und welches erzeugt wird; doch erlebt noch manche Eintagfliege einen Minuten-Enkel an ihren Stundenfliegen. Ob die Erde vor der großen Flut mit viel jugendlichern Kräften gearbeitet als nach derselben, beantwortet die Erscheinung, daß die unterirdische versteinerte Tierwelt im Ganzen nur ein Abgußsaal der wiedergebornen jetzigen ist. Alle verlorne, uns in den Übergang- und Urflöz-Gebirgen nur als Versteinerungen übriggebliebnen Arten (die Belemniten, Lituiten, Enkriniten etc.) sind als matte, kleine Erstgeburten der Erde mehr den menschlichen gleich, die gewöhnlich Mädchen sind, etwa die Ammoniten der Größe wegen ausgenommen. Aber diese, so wie die von Cuvier beschriebenen, nicht wiedergekommenen Tierklassen entscheiden wenigstens nicht durch bloße Glieder-Auftürmung für frühere große Bildkraft. Als ein auseinandergezognes Tiergebirge muß z. B. der Walfisch, im kalten formlosen Element geboren und gewiegt, an Feinheit und Feuer aller Kräfte tief vor den kleineren Landtieren und Lufttieren und den instinktreichen Insekten untertauchen, welche ein heißeres Schöpfung-Feuer fodern; so wie die noch weniger lebengeistigen Bäume an Riesenhaftigkeit wieder jene überragen; und wie wieder auch unter den Gewächsen die ungeheuern Giganten-Bäume sich in innerlichem Werte nicht mit der Sensitive oder einer Giftblume messen können. Auch wäre noch der punischen Elephanten-Kohorte von Cuvier die Frage entgegenzustellen, ob er denn gewiß wisse, daß diese Knochen-Massen sich doch nicht in andern Ländern jetzo noch mit Leben und Fleisch bekleiden, da wir alle ja von Asien nur drei Viertel kennen, von Amerika drei Fünftel, von Afrika gar nur ein Fünftel; Land genug für alle seine Riesentiere, um darauf zu leben und zu rauben. Übrigens sind seinen 24 Riesenklassen mehre Hunderte Zwergklassen von Muscheltieren verflüchtigt nachgeschwunden, In Blumenbachs Naturgeschichte, 5te Auflage, findet man S. 708 ein langes Verzeichnis. die jetzo durch nichts anders an sich erinnern als – wie verjagte und ermordete Völker – durch leere Behausungen. Eine noch schwierigere Antwort liegt dem organischen Machinisten auf die zweite Frage zu geben ob, in welcher Gestalt sich die ersten Tiere zusammengegossen, ob in Eier-Gestalt oder in ganz ausgebildeter. Es sei in der ersten: so fragen wir, durch welche denkliche Brutkräfte und entwickelnde und ernährende Gestalten z. B. das Pferde-Ei, das Adler-Ei, das Tauben-Ei ohne Milch, Fleisch und Korn und ohne alle Eltern-Sorge nur auf eine Woche lang von blinden, tauben, harten Kräften aufzupflegen war. Will man vollends das zarte Menschen-Kindchen von der Spinnmaschine leb- und liebloser Kräfte nur einen Fuß lang ausspinnen lassen: so ist nirgends Aussicht und Rat. Die Erde ist kein Mutterleib, der Himmel keine Mutterbrust. Wohl! so greife man denn in dieser Not zur Annahme, daß sogleich ganze vollständige Tiere vom metallnen Getriebe ausgeprägt worden. Aber noch hat jeder organische Machinist Anstand genommen, lebendige Tierherden samt dem reifen Adam, als dem Hirten hinter ihnen, ausgewachsen vom Schiffwerft organisierenden Schlamms ins Lebenmeer einlaufen zu lassen. Indeß suchte man in der Verhüllung des Knotens die Auflösung desselben. Nämlich durch ein geschicktes philosophisches Spielen aus der Tasche – aber, wie ohnehin gewöhnlicher, mehr aus unserer als aus der des Spielers – wird aus dem Pflanzenreiche beigebracht, daß der nackt aus dem Wasser aufsteigende Fels zuerst sich mit Flechten, Moosen, Aftermoosen überkleide. »Die Verwesung S. Meiners l. c. S. 33 ff. Ich führe nur einen Autor an, der und den wieder ein Heer gleichgläubiger Schriftsteller anführt in dreifachem Sinne (citer, commander, tromper). der ersten Flechten, Moose u. s. w. bereitete allmählig den ersten Gräsern, die der Gräser den ersten Stauden, diese den ersten Bäumen Leben (?), Wohnstätten und Nahrung vor.« Vor beiden letzten schwärzt er das Leben ein. Der verkappte unausgesprochne Fehl-Schluß ist dieser: »Die verbesserte fettere Modererde ist die Amme immer höherer Gewächse, folglich auch deren – Mutter , der Same der Gesträuche, Bäume u. s. w. wird hier nicht in die Erde zufällig gesäet (z. B. vom Winde), sondern von ihr gemacht . Das Moos entfaltet sich durch den Niederschlag immer höherer Verfaulungen endlich zur Lilie und Palme.« – Aber nur wenn man die Erdkugel für eine Gehirn-Kugel ansieht, welche sich selber ohne Samen mit den seltsamsten Bastardgeburten und Fantaisie-Blumen überzieht und bevölkert, dann darf man durch eine solche Verwechslung der Wiege mit dem Ehebette die Erde befruchten und das Sprichwort: »conservatio est altera creatio« so verändern: die Erhaltung ist die erste Schöpfung. Findet man nicht viele warme Länder, ungeachtet der treibenden Modererde, welche die Blumen-Musaik sein soll, oft Jahrhunderte von manchen Gewächsen entblößt, wenn ihre Samenkörner fehlen? Regen, Winde, Wogen, Vögel, Insekten sind die Säemänner und Samenhändler neuer Gärten und Wälder; aber die fettesten Beete besäen sich nicht selber, so wie auf den Glut-Eilanden mitten im Meer kein anderes Leben erscheinen kann als hingewehtes oder hingeflognes, aber z. B. kein Landtier. § 12 Indes durch diese erschleichende Verwechslung der toten Nahrung mit lebendigem Samen wagt man sich von weitem an eine stärkere Verwechslung der höhern Kost mit der höhern Tiererzeugung. Meiners l. c. S. 34. Aus Meertieren destilliert man die bessern Amphibien und die Vögel, gleichsam aus wässerigen Meteoren die feurigen; fleischfressende Tiere entstehen, sobald etwas zu fressen da ist, nämlich pflanzenfressende. Und sogar der Mensch entstand, folgerecht nach dieser Hypothese ausgedrückt, aus dem Brode für ihn, eine Art Brodverwandlung, zwar nicht in einen Sohn Gottes, aber doch in ein Ebenbild Gottes. Ja Treviranus tut noch zwei unhaltbare Schritte weiter (dessen Biolog. z. B. S. 225-226). Erstlich läßt er die ausgestorbenen Zoophyten der Vorwelt als die Urformen höherer Bildungen nachher durch den Übergang in höhere Gattungen entweichen und erlöschen. Aber er antworte, warum hinter dem vollkommensten Erdgeschöpf, dem Menschen, nicht das ganze Tiergerüste der tieferen Wesenleiter nach dessen Aufbau abgebrochen worden, und warum die Austerbank noch neben seiner Fürstenbank besteht. Noch kühner ist seine zweite Behauptung, daß sogar der Mensch sich in ein noch höheres Erdgeschöpf hinaufbilden und verlieren könne. Zu wünschen wäre der Menschheit ein solcher Untergang zum Übergange, und zumal jetzo wären ein Paar Hochmenschen, gegen welche wir nur Untermenschen und Affen wären, eine Erlösung durch ein messianisches Paar. So wird denn wieder die Frage nur umschlichen oder verdeckt, aber nicht beantwortet, wenn der Machinist, ungleich den jetzigen jungen Leuten von Stand, früher zu ernähren als zu erzeugen sucht; denn damit der Löwe ein blumenfressendes Lamm selber als seine Blume abpflücke und fresse, muß nicht bloß das Lamm vorher da sein, sondern auch der ganze Löwe. Eigentlich will man nur meinen, daß die niedrigern Tiere die Aufgüsse (Infusorien) immer höhrer seien. Aber außerdem, daß für die tieferen das Übergehen in die höheren zugleich ein eignes Vergehen und Verschwinden sein würde: Oken wollte wirklich das Verwandeln kleiner Aufgußtierchen in größere gesehen haben; aber Gruithuisen (Oberd. Lit. Z. l. c.) hob den Schein durch die Bemerkung, daß die Aufgußtierchen, wenn ihr Nahrung-Schleim abnimmt, sich nur näher aneinander drängen und so den Schein größerer geben. so sollte doch erstlich nur die Möglichkeit der Übergänge der pflanzenfressenden Tiere in Raubtiere, der Amphibien in Vögel, oder dieser in Landtiere, und dann irgendeine Wesenleiter und Schneckentreppe, auf welcher Tiere Rang nach Rang sich auseinander entfalten, gebauet nachzuweisen sein; und vollends bei dem Menschen müßte geantwortet werden, ob der Affe, der Elephant oder der Fuchs oder irgendein geripp-ähnliches Tier sein letzter Vorgänger und Figurist und Heckmännchen zu nennen sei, nachdem der Aufguß-Wurm sein erster Adam gewesen, so wie er jetzo dessen letztes Selbstgeschoß und Zergliederer wird. – Zwar Köhlreuter Dessen dritte Fortsetzung der Nachricht von einigen das Geschlecht der Pflanzen betreffenden Versuchen. S. 51 ff. verwandelte wirklich eine Gattung Tabak (nicotiana rustica) durch lange Bastard-Bestäubungen in eine andere (nicot. paniculata); aber hier bringe man, außer menschlichen Scharf- und Vorsinn und Vorrichtung, noch den Hauptpunkt in Rechnung, daß Tabak nur in Tabak verwandelt wurde Mischlinge sind nur bei verwandten Pflanzen fruchtbar. Klügels Enzyklopädie. Auch bemerkte Köhlreuter selber, daß fruchtbare Bastarde nach einigen Zeugungen wieder in der ganzen alten Natur ihrer Stammeltern erscheinen. , so wie etwan der Schakal nach Büffon nur sich in ähnliche Wölfe, Füchse, Hunde zerteilte; und zwar alles durch Befruchtungen, also vermittelst zweier schon ganz fertig dastehender Geschlechter.   § 13 Diese aber fehlen ganz dem organischen Machinisten und müssen doch von ihm gepflanzt werden, damit die ersten Tiere sich fortpflanzen . Hier wirft sich ihm die dritte schwere Frage entgegen. Denn wenn er auch unter unzähligen Würfen und Nieten von bildendversuchenden Jahrtausenden so glücklich war, endlich die Quaterne eines vollständigen und aufrechten Tieres zu gewinnen: so hatt' er so viel als nichts erbeutet – weil das Tier einsam im Kloster der Natur abstarb –, wenn er nicht auch die Quinterne, gleichsam als Prämie, dazugewann, nämlich ein zweites lebendiges Tier andern Geschlechts, und dieses zweite zwar durch alle Verhältnisse hindurch dem ersten organisch so zugleich entfremdet und doch zugebildet, daß durch ihre Ausgleichung auf einmal sogar ein drittes Tier auf einem ganz andern Wege als auf dem des bisherigen Elementen-Getriebes sich bildet, und auch auf einem andern Wege, als es die im Lose gewonnenen Eltern vermochten, sich ernährt, nämlich von diesen selber, und endlich, daß dieses dritte Tier, aus dem Geleise des elterlichen Entstehens herausgewichen, nun künftig regelmäßig in die Quaterne und Quinterne zugleich zerspringt und weiter erschafft. Oder könnt ihr in der blinden Natur des organischen Machinisten eine Neigung der Kräfte nachzeigen, sich zu paarweiser Schöpfung zu entzweien, um sich selber auf diese Weise entbehrlich zu machen, ihre Nachschöpfer erschaffend? Wenn ein Gebilde sich harmonisch und nach abwiegenden Gesetzen ausbauet: so ist dies nur Natur-Notwendigkeit, weil im andern Falle die unharmonische Mißgeburt, das Mißgebilde, bestandlos sich selber aufriebe; wenn aber in zwei Wesen, die ganz unabhängig Sogar zuweilen im Pflanzenreich, z. B. die Datteln, Gurken, Weiden. voneinander sich formen, nämlich in beiden Geschlechtern alle Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten derselben mit schöpferischer Berechnung bloß für die Zukunft eines dritten unsichtbaren sich gestalten: so nenne man doch die blinden Kräfte, welche ein solches Zweierlei bilden, schauen und knüpfen. Nur nenne man nicht den Würfel der Aeonen-Unzahl, mit welchem der Gottleugner betrügt und gewinnt; denn in einer Jahr-Billion könnte wohl in einigen Tiergattungen diese unharmonische Harmonie des Geschlechtes anklingen; aber ein solches Doppelgesetz unverletzt durch das ganze Reich des Lebens fortgeführt zu sehen – setzt einen Gesetzgeber voraus. Nach Linnee Dessen Amoenit. Acad. V. orat. de terra habitabili. fehlen oft einer Pflanzengattung die Blätter (z. B. der Flachsseide) – einer andern der Stamm (z. B. einigen Flechtengattungen) – einer andern der Blumenstil (z. B. der Blätterblume) – einer andern die Wurzel (z. B. dem Meergras) – aber keiner die Befruchtteile. Ja, nach Persoon Voigts Magazin 8. B. 4. St. ist der ganze Schimmel nichts als ein nacktes Befruchtwerkzeug. Nach Linnee sind die Zeugteile so sehr der eigentliche Pflanzengeist, daß alle Pflanzen, die sich in diesen ähnlichen, auch mit gleichen Arzneikräften wirken. – Der organischen Maschinerie müßte, sollte man denken, die Absonderung und Wechsel-Zubildung zweier Geschlechter gerade in den niedrigern unvollkommnern Gattungen, in welchen weniger auszugleichen und vorzubereiten ist, am stärksten gelingen; aber in diesen (z. B. den Schnecken) und in den Pflanzen herrscht das zweierlei Geschlecht des Hermaphrodismus; und erst in den höhern vielteiligen treten die Geschlechter reiner und ferner auseinander. – – Kurz, nach allem sagen uns die aufgestellten hölzernen Säemaschinen des Lebens nicht mehr als der Kanadier, Genie du christianisme de Chateaubriand. welcher ganz faßlich alles auf einmal durch die Annahme erklärt, die Welt habe der große Hase geschaffen; wiewohl mancher solcher mechanischer Weltschöpfer sich vom kanadischen noch dazu durch die Kleinheit unterscheidet. Er erzeugt so mit Schreibfingern – nicht geistige Geburten, sondern körperliche – wie der Riese Ymer einen Sohn sich mit den Füßen, indem er den einen an dem andern rieb. Bragur 1. Band. – Walther Dessen Physiologie. behauptet, jede organische Gestalt beginne mit dem Bilden eines Kreises; schön nachahmend fangen die organischen Machinisten derselben mit einem, obwohl nur logischen Zirkel an und setzen gern das voraus, was sie zu beweisen haben, so daß sie hier, wo eben von der Suchung des Anfangs oder Petition des Prinzips die Rede ist, gerade am rechten Orte die logische Petitio principii anwenden.   § 14 Aber die Paragraphen 7 und 8, welche uns Eingeweidewürmer, Aufgußtierchen und Aufgußpflänzchen als elternlose Geburten und als die Nachzeugen der früheren Entstehungen entgegenstellen, begehren mit Recht ihre besondere Erwägung. Diese Erscheinungen sind nicht erklärende, sondern selber zu erklärende. Warum aber will man nicht lieber annehmen, daß alle diese Organisationen schon als Eier und Körner vorher in den Elementen vielleicht Jahrtausende lang umgeschwommen, ehe sich die entwickelnde äußere Mutterhülle für sie vorgefunden? Raten uns nicht so viele Analogien dazu? Sogar vollendete Tiere halten den ganzen Scheintod im Eise des Winterschlafs und andere, wie die Krokodile und Schlangen, Humboldts Ansichten etc. ihren im heißen ausgetrockneten Schlamme des Sommerschlafs so viele Monate aus, daß ihr Schlaf durch Verlängerung der Kälte und Hitze noch bis zu unbestimmten Grenzen auszudehnen wäre. – Blieben nicht Kröten in hundertjährigen Eichen Treviranus Biologie 2. B. und in noch älterem Marmor unbeschädigt eingeschlossen? Der Same der Sinnpflanzen, Gurken und Kassien bewahrt sich unter der Erde unvermodert 50 Jahre lang zu künftigem Erkeimen auf. Linn. Amoenit. acad. V. 2,. orat. de terra habitabili. Ja die Kleisteraale kann man nach Bonnet, Kants phys. Geogr. 3. B. 2. Abth. – So bemerkt Haller im achten Bande seiner großen Physiologie, daß Landseen, welche sieben Jahre lang ausgetrocknet gestanden, bei dem ersten Zuflusse des Wassers wieder die vorigen Fische getragen, deren Samen folglich ebenso lange lebendig geblieben. so oft man will, zu Scheinleichen eintrocknen lassen, und sie doch nach vielen Jahren mit einem Tropfen Wasser gleichsam wie mit Nervensaft wieder ins Leben zurücktaufen. Warum soll die Aufgußwelt mit ihren einfachen niedrigen unentwickelten Keimen und Kernen nicht Jahrhunderte länger unerstorben auf die verschiedenen Lebenwasser und Brutreize für ihre verschiedenen Bewohner warten können? – Was der gemeine Wassertropfe belebend für den Kleisteraal, kann dies nicht noch reicher für das alte Ei des Eingeweidewurms das gleichsam magnetisierte Wasser thierischer Säfte sein? Und wenn der tierische Magnetismus so mächtig die höheren Organisationen zum verklärten Wiederleben aufweckt: so kann ja alles Tierische noch leichter die tiefsten Organisationen zum Leben reizen. Vielleicht ist der Luftkreis und das Wasserreich das unendliche Eiweiß zahlloser kleiner Eidotterpünktchen, die nicht erst einen Vater brauchen, sondern nur eine warme Federbrust. Die Beobachtungen Joblots, Zimmermann l. c. 3. B. welcher im Heu-Aufguß sechs Arten Aufgußtierchen (wie Hill fünf im Regentropfen), ebenso viele im Austernwasser, endlich im Eichenrinden-Aufguß zwanzig fand, schon diese Beobachtungen lassen den nämlichen Wassertropfen viel glaublicher für einen Besatz- und Streckteich als für einen Zeugteil verschiedener Tiergattungen auf einmal ansehen. Flogen hingegen vorher ihre tierischen Samenstäubchen umher: so konnten leicht mehr Arten in demselben Tropfen ihr Klima finden. Es ist kühn, aber auch weiter nichts, zu vermuten, daß vielleicht seit der Schöpfung lebendige Keime kalt-unentwickelt umherfliegen, welche nur im jetzigen Jahrhundert eine eben jetzo recht gemischte Feuchtigkeit ins Leben brütet, so wie nach den Sternkundigen manche Sonne oben leuchtet, die erst nach Jahrhunderten ihr Licht zu uns herunterbringt. Was gilt Zeit denn der Natur? Der Ewige wird nicht mit Jahren kargen, der Unerschöpfliche nicht mit Geschöpfen. Die Ewigkeit hat zu allem Zeit und zu allem Kraft. Folglich beweiset das Erscheinen neuer Tiere auch in neu erfundnen Aufgüssen wie in Met, Bier, Dinte nichts gegen vorheriges Eier-Dasein derselben. Nur ist die Frage sogar, ob es auch nur neue Tiere sind, und ob man mit ihnen nicht die neuen Klimate verwechselt; in den tiefen Tälern des niedrigsten Tierreichs wimmeln die Wesen ohne Scheidewände zahllos durcheinander; erst auf dem Gebirggipfel steht neben dem Menschen niemand, und fernab von ihm kriecht bloß der Affe, von der Meerkatze begleitet. Ebenso sind nicht die Wasserkügelchen, aber wohl die Weltkugeln einander unähnlich. Wenn Fabritius und Müller dreihundert und neunzig Gattungen Aufgußtierchen zählen und beschreiben: so muß man sie wohl fragen, ob die Kennzeichen dieser schwimmenden Pünktchen nicht vielleicht ebenso gut bloße Unterschiede ihrer Sekunden-Jahre – ihrer fingerbreiten Himmelstriche – ihres augenblicklichen Wachsens und Welkens und Nährens gewesen. § 15 Aber welche Rechnung wollen wir über alles dies ziehen? – Allerdings keine zum Nachteil des Naturforschers, welche in der Natur, wie der Zergliederer im Körper, nach nichts zu forschen hat als nach neuen Gliedern und nach deren Bund, aber nach keinem Geiste darin. Wollte er uns bloß mit einer Anweisung auf das erste Blatt Mosis bezahlen: so wäre er, so wie Jahrtausende und Buchtausende, zu ersparen gewesen. Gleichwohl halt' er nicht neue Erfahrungen für neue Erklärungen; noch weniger glaub' er mit logischen Zirkelworten den Zauberkreis der Schöpfung zu durchbrechen. Z. B. der Blumenbachische Bildung-Trieb kann, wie schon das Wort Trieb sagt, nur im Einzelwesen, also im schon Gebildeten wohnen, er kann Leben nur fortpflanzen, nicht pflanzen. Dabei setzt ja der Bildtrieb seinen eignen Bildner voraus und dann sein Gebildetwerden zu einem bestimmten Ziele und Bilde. – Der hohe Herder, zugleich Natur- und Gottgelehrter, will sich und uns mit organischen Kräften aushelfen, welche nur mit dem Organ wirken, das sie sich vorher zugebildet und umgeschaffen. Ist das Organ organische Materie, also selber organisch, so werden wir auf die alte Frage zurückgeworfen; ist es dieses nicht, so müssen, wie ich gezeigt, andere Bedingungen und Verhältnisse der Elemente, als bisher geschehen, nachgewiesen werden, damit aus jenen der Unterschied des Ursprungs der ersten Organisation von dem Ursprunge der jetzigen erhelle. – Überhaupt wäre, wenn man, es mehr auf Philosophie als auf Wahrheitliebe anlegte, hier statt organischer Kräfte besser zu setzen und zu sagen: Eine allgemeine organische Kraft, welche sich etwan, wie Averroes' Weltseele, nur in individuelle Kräfte, höhere und niedere, nach dem Werte der verschiedenen Materien, in welche sie sich einbauet, auseinander begibt. Dasselbe gilt vom allgemeinen Leben der Naturphilosophen, welches als existierend doch irgendwo, wenn auch überall, wohnen muß, aber sich nur lebendig erzeigt, wenn es gleichfalls irgendwo, aber nicht überall, sondern bestimmt im Blatte, Käfer etc. erscheint und sich von sich selber abreißt, ohne Nachricht, ob der Tropfe sich wieder ins Meer verloren. – Unglaublichen Vorschub leistet bei so schwierigen Fragen jedem und auch mir die bloße Sprache ; denn zu denken weiß ich dabei nichts, und ich folge hier willig den Philosophen, welche, bei so vielen Sachen ohne Worte in diesem Mysterien-Leben, gern häufig auch Worte ohne Sachen haben und verbrauchen.   § 16 Schon die bloße Angst, die jeden bei Darwins obigem Satze (§. 5.) befällt und ihm das Herz einkerkert, daß aus einem Lebensfädchen sich der ganze Weltknäuel aufzwirnt zur Webe der Schöpfung, treibt zu weitern, sogar kühnen Forschungen und – Annahmen. Woher aber überhaupt der angeborne, kaum der Theoriensucht weichende Abscheu vor einem geistigen Entstehen aus Körper-Mächten, vor jedem Uhr- und Räderwerk, das den Uhrmacher macht? Ich frage woher; aber ich antworte: daher, weil wir selber ein viel höheres Bilden und Schaffen nicht nur kennen, sondern auch treiben, ja jedem niedrigern, um es nur einigermaßen zu begreifen, unseres unterlegen müssen. Der Mensch ist als Geist ein Doppel-Schöpfer, der seiner Gedanken , der seiner Entschlüsse . Nur er vermag sich selber eine Richtung zu erteilen, indes alle Körper eine nur erhalten. Denn scharf genommen ist jede Körperwirkung die Summarie und das Geschöpf aller daseienden Körperwirkungen auf einmal; aber jeder Geist kann frei von neuem anfangen. Er kann sagen und es durchsetzen: »Ich will über etwas nachdenken.« Aber was heißt dies anders, als Gedanken erschaffen wollen, die man voraussieht, weil man sie sonst nicht wollen und regeln könnte, und welche man doch nicht hat, weil man sie sonst nicht zu erschaffen brauchte. Keine andere Kraft kann daher eine Zukunft suchen und sie zu einem Gebilde ordnen als eine geistige. Sogar der Instinkt, obwohl von körperlichen Zügeln und Spornen gedrängt und beherrscht, kann, da er in eine noch nicht einwirkende Ferne hinausgreift, z. B. die tierische Vorsorge für ungeborne Brut, nur in einer Seele leben. Nur im Geiste herrscht Ordnung und Zweck, d. h. Viel-Einheit, außerhalb in Körpern nur lose Einzelheiten, welche erst ein Geist vorauslenkend oder nachbetrachtend zum Bunde der Schönheit zwingt. Über die zweite geistige Schöpferkraft der Entschlüsse, die Freiheit, ist hier der Ort zur langen Erwähnung zu enge. Die ganze Natur ist Notwendigkeit, aber zu jeder Notwendigkeit fodern wir etwas Fremdes, das nötigt; die Freiheit hingegen setzt weder fremdes Nötigen noch fremdes Freisein voraus, sondern nur sich. Selber der alles durch Ursachen begründende Leugner der Freiheit nimmt wider Wissen im Schicksal oder in der ersten Urnotwendigkeit etwas von Gründen Unbedingtes als Freiheit an. Das Nebeneinanderziehen selbstständiger verschiedener Körperkräfte zu einem Ziele setzt eine geistige Kraft voraus, welche anspannte und lenkte. Oder wollt ihr das unzählbare Zusammenpassen äußerer Kunstgebilde mit den geistigen aus den Würfeln des Zufalls erklären? Oder wollt ihr noch kühner und schlimmer die geistige Ordnung selber zur Tochter der körperlichen, d. h. den Saitenspieler aus dem Nachklange eines Saitenspiels erklären? Zum Verführen der organischen Maschinenmeister wirkt Folgendes mit. Eine sternlose Brautnacht liegt auf dem Entstehen durch Paarung. Sie wird noch finsterer durch die Tiere, welche sich ohne Begattung durch freiwilliges Zerteilen vermehren, wie manche Aufguß- und die Samentierchen; – ferner durch die Armpolypen, für welche das verstümmelnde Messer die Geburtzange ist – und durch die Seeanemone und den Seestern, von welchen beiden (zufolge Treviranus nach Dicquemare und Baster) die Stücken, die an Felsenstellen im Fortrücken kleben bleiben, zu ihren Nachkommen werden – – und endlich durch die Wiedererzeugung abgeschnittener Schneckenköpfe, Krebsscheren, Eidechsenschwänze u. s. w. Indes ist die Wiedererzeugung – um bei dieser anzufangen – kein anderes Wunder als das alltägliche der Ernährung, nur schneller verrichtet; denn da sogar der Mensch in drei Jahren (nach Boerhave) seinen alten Körper abwirft, so setzt er also, nur ohne Sprünge und Wunden, einen neuen an, und die Zeit löset mir so gut, nur leiser und langsamer, wie der Naturforscher einer Schnecke, den Kopf ab, und ein neuer wird von beiden Seiten nachgetrieben. Die Wiedererzeugung abgeschnittener Glieder kann man auch der Häutung der Insekten gleichstellen, in welcher dem Tiere neue Augen, Kinnbacken, Gedärme, Lungen geboren werden. – Ebenso sollte die Fortpflanzung der Pflanzentiere sowohl durch freiwillige als durch abgenötigte Teilung uns nicht verwirren; ein Armpolype ist nicht einer , sondern ein System, ein Eierstock unentwickelter Polypen, wie eine mit Zwillingen Schwangere eine verhüllte lebendige Dreieinigkeit ist. Wie vom Vogeleierstocke voll kleiner Eier sich das große ablöset, so bei dem Pflanzentiere das reife Inntier; der Messerschnitt reizt und zeitigt nur das unreife. – Aber alle diese Erscheinungen geben dem organischen Machinisten kein Recht zu seiner Lehre; denn in ihnen entsteht neues Leben ja nicht aus toter Adams-Erde, sondern aus altem Leben, welches einen Erklärer früher fodert als födert. Das Erklären der Erzeugung selber gehört in eine ganz andere, aber schwerste Untersuchung, welche sich zuletzt über das Verhältnis von Geist zu Materie, von Freiheit zu Notwendigkeit, ja vielleicht über das von Unendlichem zu Endlichem zu erklären hat. Begehen wir überhaupt nicht einen Fehler, daß wir die höheren Kräfte aus niedern entwickeln wollen und entstehen lassen, anstatt die Leiter umgekehrt an den Himmel anzusetzen, um auf ihr zur Erde herabzusteigen? Im niederen Wesen erscheint nur die Einschränkung und Hülse des höhern. In der Entwicklung ist die Verwicklung leichter zu fassen und auseinander zu fasern als umgekehrt im Kleinen die unsichtbar und eng ineinander gelegte Entfaltung des Großen. Dem Baumblatte, dem Baumkerne, der Raupe etc. würden wir die regelmäßige Bildung nicht ansehen, wäre sie nicht vorher mit den großen Zügen eines Baums, eines Schmetterlings etc. leserlicher gegeben. Unser Bewußtsein unserer selber ist der Schlüssel der Welt, aber mehr der untermenschlichen als der übermenschlichen.   § 17 Wenn Stahl (der große Arzt des vorigen Jahrhunderts) die Seele für die Baumeisterin und Ärztin des Körpers hielt, so kann ihn wenigstens nicht der organische Machinist dadurch widerlegen, daß er ihm das Unbewußtsein derselben entgegensetzt, denn er erkennt ja dasselbe auch in allen materiellen Kräften an, die er an die Stelle der geistigen schiebt. Noch mehr verkleinert sich der Einwurf, wenn man über die Kunst-Kräfte der Gewohnheit und Fertigkeit – die allein nur Geistern eigen ist, nach Skaliger – zu erstaunen hat, mit welchen der Mensch den nie etwas Geistiges erlernenden Leib unbewußt zu Sprach-, Ton- und allen Kunstbewegungen nötigt. So kann z. B. ein Klavierspieler, während er lieset und unachtsam spielt, richtig nach dem Generalbaß mit Fingern phantasieren, denen selber keiner beizubringen ist. Am meisten stärkt sich Stahls Hypothese einer körperbauenden Seele durch Beobachtungen am menschlichen Magnetismus, In der folgenden Abhandlung über den organischen oder tierischen Magnetismus wird man die Zeugen aller dieser Wunder genannt finden. daß die Hellseherin (clairvoyante), unkundig der Anatomie, doch ihr Inneres und die Windungen der Nervengeflechte innerlich anschauet und anzugeben weiß; ferner die Zukunft ihres Befindens, Aufwachens und die Mittel ihrer Heilung zu weissagen und die dunkelsten Hintergründe tiefster Kindheit, eignes und fremdes Benehmen bei starresten sinnlosen Ohnmachten zurück zu weissagen vermag, indes gleichwohl das Erwachen ihr die ganze Kenntnis bis sogar auf die Erinnerung desselben raubt. Wie, wenn nun Seelen solche schon erwachte Hellseherinnen wären, welche größere Dinge vollenden, als sie besonnen-wach deren erinnerlich oder fähig sind? – Eine noch größere Allmacht der Seele über den Leib, so groß auch die über den eignen durch bloßen Willen ist, offenbart sich am fremden dadurch, daß der Magnetiseur blos mit den scharf auf die magnetisierte Seelenbraut gehefteten Gedanken abwesend und entfernt die Wirkungen der Nähe an deren Körper ausübt und nachschafft. Der Naturforscher strebe und jage immer (er hat Recht) den höhern Kräften nach, die sich wie gebundnes Feuer in niedern einkerkern, so wie er den Magnet jetzo als Elektrizität, weiter hinauf als Galvanismus, diesen als organischen Magnetismus entdeckt hat. Nur halt' er neue Erfahrungen nicht für Erklärungen der Erfahrungen überhaupt; nur glaub' er nicht in immer höher hinaufgeläuterten Kräften an jene Kraft zu rücken, womit er selber alle läutert und ausforscht. Das rechte Erklären wäre eigentliches Verklären; aber der Naturforscher als solcher gleicht dem Bergmann, welcher, in entgegengesetzter Richtung des Sternsehers Schätze holend, diesem nie begegnen, sondern nur weiter entkommen kann, wenn der letzte den Himmel auf einmal vor sich bekommt und den Glanz droben findet, den jener drunten gräbt. Wäre freilich dem Menschen das Vollenden der Naturforschung möglich, so würd' er ein Bergmann, welcher, durch den Erdkern hindurch und hinaus grabend, sich mit dem Sternseher unter einem Taghimmel begegnet. Wenn wir nämlich keine höhere, Körper ordnende, also bauende Kraft kennen als die geistige, d. h. unsere, welche sich auch dem dürftigsten Auge wenigstens in äußerer Zusammenordnung und Bezwingung ganzer Körper als Freiheitgöttin zeigt, die nirgend wohnt als in der Menschenbrust: so ist es gewiß kein Knoten zerhauender Machtspruch, wenn wir von Leiber bauenden Seelen zum höchsten Geister-Architekten aufsteigen, welcher sowohl ihre freien als alle widersprenstigen irren Kräfte zu einer Ordnung schafft und bändigt; denn damit wird hier nicht Unbegreiflichkeit aus Unbegreiflichkeit, sondern nur eine äußere scheinbare durch die innere erklärt, mit welcher wir auf jene fortwirken, und ohne welche wir das Wort »unbegreiflich« nicht einmal aussprechen könnten, weil dieses ein Begreifliches, aber nur in uns Liegendes voraussetzt.   § 18 Nun so wollen wir denn, da die Ur-Seele viel bekannter unserer Nachseele ist als die Welt selber, die wir nur außer uns entziffern, dem menschlichen Heimweh nach einem Gott nachziehen. Wir können allerdings keine besondere Wirkung Gottes für den Verstand ausscheiden, aber eben weil bei ihm alles nur eine ist; und er scheint nur zu ruhen, eben weil er nie ruht, so wie wir auf einer ewigen nachtlosen Sonne kein Licht wahrnehmen würden. Laßt uns von dem Verhältnis zwischen der allein regelnden Seele und dem blind dienenden Leibe zu dem höhern zwischen dem Urgeiste aufsteigen, welchem die geschaffne Geister-Natur nachschafft, indem sie blind verrichtet, was sehend von ihm entworfen und befohlen ist. Nur der Gedanke an ihn ist der Ankerplatz im unabsehlichen Meere der Kräfte, und nur ein Herzschlag erwärmt und bewegt das All. Gleichwohl wollen wir uns nicht verschweigen und verschleiern, daß die Urseele uns nur als eine immer hellere, aber ewige Aurora am All erscheint, und daß diese Sonne nie aufgeht, weil das Auge der Endlichkeit an der Sonne stürbe. Nur das göttliche Morgenrot sieht und verträgt der Menschenblick. Nachschrift Dieser furchtsame Versuch, wiewohl er mehr die Liebe als die Kraft der Untersuchung offenbart, sei als Herzens-Nachfeier des achten Februars dem erhabnen Verfasser der »Betrachtungen über das Universum« zugeeignet. Denn Er wird am liebreichsten dem Aufblick in das Überirdische – und der dankenden Liebe – und den Wünschen für Ihn und für Seinen Staat die kurze Zueignung eines kurzen Werkchens verzeihen und vergönnen. So bleibe denn dieses Kleine, wie Größeres und Großes, dem edlen Fürsten gewidmet! IV. Warum sind keine frohen Erinnerungen so schön als die aus der Kinderzeit? Schon die Frage erquickt mit Freudigkeit, und die Untersuchung gewährt das selber, was sie prüft. Die meisten von uns haben die schöne Erfahrung gemacht, daß es noch ein Freuden-Gedächtnis auf der Erde gibt, und daß derselbe Mensch, welchem aus ganzen Jahren des Mannalters oft kaum Stunden zurückbleiben, und unter diesen wieder fester die trüben als die hellen, aus der kurzen Kinderzeit, ungeachtet seines noch verworrenen Bewußtseins, so viele Freuden festhält, und daß er, obgleich als Kind leicht Leid und Lust vergessend, älter sich am meisten nur der Lust erinnert; so schön verwelken mehr die weichen Dornen als die Rosenknospen der Kindheit, indes später unter der abfallenden Rosenkrone sich die schwarzen Stacheln härter spitzen. Aber warum dies alles, wird hier gefragt. Wenigstens nicht die Freuden-Gegenstände der Kindheit selber werfen so viel Zauber-Schein auf das Spät-Alter. Wie könnten wir jetzt Wunsch und Geschmack für die sinnlichen kleinen Kinder-Lustbarkeiten haben! Wir sehen ja die nämlichen den Kindern um uns her beschert, ohne dabei zurückzuwünschen, ja ohne an unsere zu denken, indes wir die Lustbarkeiten der Spät-Zeit zugleich im Erinnern fortbegehren. Überhaupt nimmt die Süßigkeit jeder Erinnerung mit der Zeitferne derselben, folglich zugleich mit der Verschiedenheit unseres jetzigen Geschmacks von unserm vorigen zu; und die erinnerte Freude des Gestern glänzt nicht so magisch nach als die erinnerte von einem Jahre. Haydn setzte ein Kinderkonzert, worin die Kindertrommel, Kindertrompete, die Schnarre und die Wachtel zum ersten Male ihre Noten fanden und mitspielten, und welches Erwachsene erfreuete. Die Erinnerung komponiert wie Haydn; welches sind aber denn die Instrumente und Tonkünste, wodurch das gellende Trommetenfest der Kinder um uns her zu einem wohllautenden wird? Erstlich das frische Erstlinggefühl für die neue und erste Welt, die sich dem Kinde auftut. Noch mehr, als ein Eintritt in einen neuen Planeten mit dessen Wunderblumen und seltsamen Gebilden die abgenützte Seele mit unvergeßlichen Gefühlen überströmen würde, muß das Einströmen einer ersten Wunderwelt in ein frisches, weit offnes Kinderherz dieses füllen und begeistern. Alles erste Gute ist voll unvergeßlicher Süßigkeit, wie die erste Liebe, denn es ist selber eine erste Liebe; ja wer die erste Liebe erst als ein von einem langen Leben entfärbter Mensch empfände, genösse doch so spät noch ihr Zauberglück. Sogar noch im Spätalter kann – so tief greift das frische Neue in uns – der wirklich dastehende Gegenstand einer vergangenen kindlichen Lust uns diese gerade so, als ob wir uns ihrer erinnerten, wieder gewähren, sobald jener durch die Seltenheit seiner Erscheinung sich hat frisch erhalten, wie z. B. Gerüche. Gewisse nur auf dem Lande gewöhnliche Blumensträußer geben dem Verfasser einen wehmütigen Himmel entlegner Zeit zurück, und ein Mensch, der unter den Orangeblüten des Südens seine Kinderspiele getrieben hätte und dann lange und weit von ihnen weg in den kahlen Norden wäre geworfen worden, dieser würde bei dem ersten Orangendufte in ein zu Tränen aufgelöstes Seligsein versinken und wie in einem dunkeln lauen Äther sich verschwimmen. Aber was findet der ältere Mensch, wenn die Sonne seiner ersten Tage untergegangen, anzubeten als Nebensonnen und wieder in unaufhörlicher Wiederholung Nebensonnen der Nebensonnen! Deswegen spricht sich der ältere Mensch oft aus Täuschung die vorige Kraft seiner Empfindsamkeit ab, indes dieser nichts fehlt als die Neuheit der Anwendung. Hätte z. B. Adam bis jetzo gelebt, so würde er allerdings, und wär' er so weich erschaffen als Werther und Klopstock, mit unbeschreiblicher Ruhe, ja Kälte einen seiner Urur-Enkel nach dem andern zu Grabe begleiten; aber der Kriegheld, der mit trocknem Auge über ein Schlachtfeld voll zerrissener Menschen reitet, weint gleichwohl am Sarge seines Kindes oder im Trauerspiel oder mit irgeneinem guten Weinenden. So schreibe sich nicht jeder, der an sich die leichten Rührungen seines unerfahrenen Frühlebens jetzo vermißt, deshalb abgestumpfte Gefühle zu. Das Herz bleibt weich, aber die Welt wird härter. Der Mensch kann vier Jahre lang das weichste Herz herumtragen, ohne darum öfter zu weinen als Jesus Christus, nämlich nur einige Male. Abgestumpfte Gefühle setzen frühere stumpfe voraus; nur dem Feuerländer ist der europäische Wasserpalast, das Schiff, kein aufregender Anblick. Keine schöne Seele, welche sonst zu leicht zerfloß, glaube sich vertrocknet, bloß darum weil sie von Bildung zu Bildung etwas Höheres sucht, um bloß in ein solches sich zu ergießen. Und doch bleibt der Kindheit ihr Nachschimmer. Denn zweitens : Die Überschwenglichkeit der Kinderfreuden und folglich der Erinnerungen davon erklärt sich noch höher. So lange der Mensch sich noch aus der Knospe entwickelt, leihet er die Unendlichkeit, welche allein ihn befriedigt und ausfüllt, den fremden Gegenständen seines Genusses, an deren nahe Grenzen ihn noch kein längeres Leben hingeführt; und gerade weil das Kind nicht in die Zukunft sieht, geht es über jede hinaus. Die ungemessene Entzückung des Kindes über das Christgeschenk kann kein Tisch voll Kronen und Lorbeeren dem Manne erstatten und wiedergeben; – so legt die Entzückung des Jünglings über die ersten Wahrheiten und Gedichte, oder dessen Entzückung über den ersten Ruhm, oder dessen ganze trunke Ansicht der Zukunft, alle diese Freuden legen ihr Frührot ab, wenn die Morgenwolken der Jugend die Strahlen nicht mehr farbig brechen, sondern wenn der scharfe heiße Tag der Jahre sie gibt. Sobald der Mensch über die Paar Jahrzehende seiner Entwicklung hinaus ist, und sobald er also erkennt, daß er nur sich den Gegenständen ein- und angedichtet, so wird er ein ruhiger Mann, der von jeder Minute weiß und erwartet, daß er am Heute nichts habe und genieße als ein Gestern-Morgen. Das Leben malt sich dem Alter nur von oben oder (um mit dem Maler zu reden) in der Vogelperspektive; die Zauber der Hintergründe mangeln. In dieser Zeit wechseln die Hintergründe ihre Stellen; das Auge, das sonst in der Zukunft-Ferne die ins Unendliche ausgedehnte Fülle vor sich sah, wendet sich um und sieht in der Vergangenheit-Ferne die verlangte und verlorne Fülle hinter sich wieder. Je mehr Alter, desto mehr Jahre treten aus der Entfärbung in den Farbenglanz der Erinnerung; und einem Greise von 130 Jahren wird das Mannalter schimmern, und vielleicht drängt sich jenseits unser ganzes irdisches Leben durch seine Ferne in ein blumiges Spielgärtchen unseres ersten Daseins zusammen. Wir Eltern könnten aus den angegebnen zwei Quellen der frohen Jugend-Erinnerungen mehr als einen Labetrunk für unsere Kinder schöpfen. Z. B. wenn dem Kinde – so wie ihm sich alle sichtbaren Gegenstände an seinem kleinern Körpermaß vergrößern – ebenso alle Freudenfeste ins Unüberschwengliche auslaufen: so bedenke der Vater, daß folglich dessen Höllenfahrten ebenso viel Hölle durchreisen als seine Himmelfahrten Himmel, und messe darnach das Fegfeuer der Strafe aus, damit nicht die Rute dem Kinde ein Richtschwert wird und das Zornwort ein Donner. Aber wie glücklich sind die Menschen, daß im Rosenöl ihrer Jugenderinnerungen nur wenige Dornen schwimmen, obgleich Eltern und Erzieher den Kindern weit öfter Fast- und Bußtage als blaue Montage verordnen! Es ist so wunderbar als heilsam, daß dem dürftigen Umschattigen, dem Menschen, nur die Morgenröten, nicht die Gewitterwolken der Kindheit tief ins Alter hinein nachziehen. Einen zweiten, doch verwandten Erziehwink gibt die andere Bemerkung von der Allmacht der frischen Welt über ein Kind. So bedenke man doch bei jeder neuen Freuden-Gattung desselben, daß sie ihm unvergeßlich bleiben kann, und verwässere oder ersäufe sie in keiner Träne. Befragt bei jeder Kindes-Qual und bei jeder Kinderstrafe, ob sie eine neue erste ist; denn mit einer solchen gebt ihr Höllenfeuer anstatt Fegfeuer. Ferner: kürzet das schöne hell-dunkle Kindersein nicht durch voreiliges Hineinleuchten ab, sondern gönnet den Freuden, deren Erinnerungen das Leben so schön erleuchten, ein langes Entstehen und Bestehen; je länger der Morgentau in den Blüten und Blumen hängen bleibt, desto schöner wird nach den Wetterregeln der Tag; – und so sauge kein vorzeitiger Strahl den Tauschimmer aus den Menschen-Blumen. So bereitet denn, Eltern, zum Danke für die Spätrosen, welche eure Kindheit in euere Jahre wirft, auch euern Kindern das Himmelreich ähnlicher Erinnerungen vor. Kennst du denn die Krankenwochen, die Regenjahre, welche sie sich einmal vielleicht durch den Blick auf den blitzenden Morgentau sonniger Kindheit erhellen müssen? – Kennst du die Träume, in welchen gewöhnlich nur die Kindheit wieder spielt, und willst du die künftigen Greisenträume deines Kindes wie ein Trauerzimmer schwarz ausschlagen? – Und um wie leichter und wohlfeiler erkaufest du deinen unmündigen Kindern arkadische Schäferwelten als deinen erwachsenen nur ein Schaf daraus! – Deiner schönsten Erinnerungen daher erinnere dich, wenn dich deine Kinder umhüpfen, und pflanze in diesen lieber jene als deine Kenntnisse fort! Denn die Säe- und Ernte-Zeit des Lebens ist um ein halbes Leben länger als die des Entzücktwerdens. Noch einige Blicke auf die Freuden der Kinder, aus welchen sich nun die Süßigkeit ihrer Erinnerung erklärt! Sie dürfen und können sich überall rein und bis zu jedem Maße freuen, indes dem Erwachsenen sich in der ungetrübten hellen Entzückung, in der Spiegelglätte des Lebenmeers schon die von oben heran fliegende Nemesis spiegelt. Denn er gleicht Pascal, der sich bei jeder Lust an seinen Stachelgürtel schlug, um sie durch Schmerzen zu mildern und zu strafen. Das Kind hat keine Nemesis zu fürchten, noch ist keines vor Freude gestorben; sein Trauben-Wein gleicht dem Weine des Paradieses, welcher nicht berauscht. Koran, Sure 37. Und warum wäre überhaupt das höchste Maß der Seligkeit zu verwehren, ausgenommen bloß dem unreinen gemischten Menschen, nicht aber dem schuldlosen, da wir ja dem Unendlichen selber gränzenlose Seligkeit zuschreiben? Ferner: das Kind weiß sich, wie der Herrnhuter, leicht seinen Gottesacker in einen Garten einzukleiden. Der Erwachsene legt hingegen, wie sonst die Juden, in den Gärten Gräber an. Endlich kennt das Kind keinen Schein der Freude, obwohl Freude des Scheins; es ist immer so glücklich, als es sich zeigt. Zieht den meisten Erwachsenen aus ihren Blumengärten die seidnen, papiernen, welschen Blumen des mit Glück prahlenden Scheins heraus und zählt dann in der Wüste die nachbleibenden lebendigen Blumen und Zeitlosen voll Duft nach! Immer schnell, sogar nach dem größten Schmerze, fallen die Mannakörner der Freude dem Kinde vom Himmel in schöner Nacht – oder Erntetänze ohne Säetage –; aber wie viele Frohn- und Rüsttage hindurch stehen dessen Eltern in der Furche hinter dem Pfluge, bis endlich so viel ausgesäet ist, daß bei günstiger Witterung wirklich so viel aufwächst, daß man einige mit Honigtau versüßte Kornhalmen auszuraufen vorbekommt. Das magere Jetzo des erwachsenen Lebens steht zwischen der Überfülle der Vergangenheit und der Fülle der Zukunft; zwischen zwei Poesien, der epischen und der lyrischen; wir selber wohnen im Prose-Moment und rücken von einem zum andern zwischen den beiden ineinander spielenden Blend-Lichtern poetischer Zeiten. Zwar dem Kinde geht die längere Vergangenheit ab; aber dafür ist ihm jede Blüte schon Frucht, und von jeder Minuten-Stelle aus, wo es nur stehe, bauen sich ihm Himmel nach Himmel in die Zukunft hinein. So werde denn den schuldlosen Wesen, welche, und nicht sich, der erhabenste Mensch der Erde uns zu Mustern und nicht zu Schülern, sondern zu Lehrern vorgestellt, das sanfte Lenzgrün der Kindheit gelassen und begossen, das als Wintergrün des Alters wiederkommt; indes unsere Freudenblumen so oft als die giftigen Zeitlosen des herbstlichen Alters nachbleiben. Wir wollen unsere Freuden an ihren heiligen! Wir wollen als Väter, wenn nicht die Muster, wenigstens die Nachahmer derer Landesväter sein, welche nur regieren, um Landeskinder und Landes-Enkel zu beglücken. V. Sedez-Aufsätze Die Völker- Vergangenheit Wir wissen zu viel Großes der langen Vergangenheit; dieses weite Große begehren wir daher in unserer nächsten engen Gegenwart zusammengedrängt; unsere Zeit will aus allen schönen Zeiten und Größen, der athenischen, spartischen, römischen und altdeutschen zugleich bestehen. Sonst, als die Universalhistorie nur noch ein Universum so groß wie Griechenland kannte, war freilich einem Rom der Wunsch natürlich und ausführbar, die besten griechischen Blütenzweige sich einzuimpfen; aber wir wollen jetzt auf unserem Stamme einen eingeimpften Garten aller Zeiten treiben. – So wächst der Völker-Durst zugleich mit dem Zeitenstrome. – Indes soll diese Bemerkung nicht sowohl tadeln als trösten, nicht sowohl zurückhalten als nur beruhigen und vor Ermattung auf der Laufbahn zu dem größten und fernsten Ziele warnen.   2. Die Doppel-Zukunft des Menschen Der Mensch sorgt banger für die fernste Zukunft als für die nächste und will lieber jene als diese genießen; aber leider verwandelt sich die ferne, wenn er sie zu genießen gedenkt, leicht in einen Vexierbecher (diabetes Heronis), der sich, sobald man ihn ansetzt, in eine verborgene Röhre ausleert. Bei reichen Geizhälsen heißt man solche Röhren – Erben.   3 Religion als politischer Hebel Die Religion werde bloß von und zu Religion gesucht, nicht von und zu Politik. Das Gegenteil tun, heißt sagen: betet recht laut, um die Lungenflügel zu stärken – verordnet mehr Heiligenlichter und katholische Fasttage, damit die Bienenstöcke und Fischteiche, welche durch die Reformation viel gelitten, wieder etwas blühen – haltet wie Magister Bernd Bernds Leben von ihm selbst. 1738. jedesmal die Predigt eine halbe Stunde länger, wenn eure Brust abzuschleimen ist; oder ihr könnt auch wie jene Chorherrn zu diesem Zwecke die Morgenhoren Briefe eines reisenden Franzosen. singen – und haltet auf strenge Feier des Aschermittwochs, als ein Verdaupulver für den Fastnacht-Magen – und bauet in Italien mehre Kirchen wegen der fürchterlichen Hitze. Alle fleischliche Vermischung des Geistigen mit dem Leiblichen erzeugt bloß eine Zwittermißgeburt, welche weder dem Geistigen noch Leiblichen dient, weder der Kirche noch dem Staate.   4 Unterirdischer Schatz von Genies Wenn man berechnet, wie viele talentvolle Kinder man in Dorf- und Stadtschulen antrifft, und wenn man bedenkt, daß das Volk schon als Mehrzahl der Köpfe die Mehrzahl der guten schenken muß: so sieht man sich zwanzig Jahre später im Staate erstaunt und vergeblich nach diesen genialen Dorfköpfen in Kollegien, Regimentstäben und auf anderen hohen Stellen um; – fast bloß die Minderzahl der höhern Stände versorgt mit Talenten den Staat notdürftig; und die Dorf-Genies verloren sich in die Scheunen, Kasernen und Handwerkstätten. So wird also kein Staat- und Schlag-Schatz als der, den der Himmel aus der Volkstiefe aufschickt, und keine Gottes-Domäne so verschwendet als die der Köpfe. Die Samenkörner ewiger Ernten wirft der Himmel umsonst in die Beete; aber wir begießen und impfen nichts. – Ein rohgelaßnes Dorfgenie gleicht dem Pfunde Eisen, das in Frankreich 1 Sou kostet; verarbeitet aber zu 700 000 Uhrfedern, ist es (nach Rumford) 16 Millionen und 800 000 Sous wert. Zu wie vielen Uhr-, Schwung- und Triebfedern wären nicht die Kräfte des Dorfs auszubilden!   5. Ehre im Unglück Ein Mann, der durch Deutschland reiset, sagt: seit viele deutsche Körper abgemähet worden vom Kriege, verspürt' ich mehr deutsche Geister, und mir ist so, als wenn ich abends in Wiesen spaziere, welche in der Blüte nicht halb so köstlich voll Riechgeister duften als in der Mahte. In der Mähzeit, oder abgemäht. Insofern möchten die Pulverkörner des Kriegs so zu nennen sein wie sonst die ihnen ähnlichen Pfefferkörner, nämlich Paradieskörner.   6. Die letzten Schlachten Das Volk glaubt, im August seien die Gewitter gefährlicher, weil sie heimziehen; dies wäre also besonders vom 1. August (Petri Kettenfeier) bis in die Mitte, den funfzehnten (Mariä Himmelfahrt), zu verstehen; später kühlt sich ohnehin der Erntemonat ab. Indes meteorologisch glaub' ichs weniger als politisch; die Kriegsgewitter ziehen wirklich unter den stärksten Schlägen heim; und erst darauf wird auf allen Weinhügeln getanzt.   7. Hof und Handel Indem der Hof oft reicher, der Kaufmann eingezogner scheinen will, als beide sind, unterscheiden sie sich wie ihre Häuser; diese spreizen sich in Residenzstädten mit der ganzen Fronte (Antlitzseite) aus, in alten Handelstädten aber zeigen der Gasse die Häuser nur die schmale Giebelseite,   8. Volkruhm durch Fürsten Weniger machen die Bürger den Fürsten berühmt als ein berühmter Fürst jene; ein Genius-Glanz wie Friedrichs II. fällt auf das Land um seinen Thron, wie in Correggio's Nacht vom Christus-Kind der Licht-Glanz ausgeht, der auf den Umstehenden liegt. Ein rechter Fürst macht mit sich zugleich die unsterblich, die er beherrscht.   9. Der Mensch »Ach, damals waren meine glücklichsten Zeiten«, sagt oft der Mensch, wenn er sie auf einmal überblickt. Aber die einzelnen Tage, vollends Stunden, die er durchlebte und in welche ja jene zerfallen, weiß er nicht als die glücklichsten anzuzeichnen. So gleicht ein Lebenalter oder ein großes Stück Leben einem Almanach mit vergoldetem Schnitte: die ganze Fläche prangt golden, aber am aufgeschlagnen Blattrande glänzt wenig.   10. Der rechte Mensch Der rechte Mensch tut sich noch hoffend und glaubend dem Himmel auf, auch wenn er keinen mehr sieht und hat; so wie die Blumen, die sich der Sonne aufschließen, auch der bewölkten offen bleiben.   11. Der alte Fürst Ein schöner Anblick in der Geschichte ists, einen fürstlichen oder kriegerischen Greis kurz vor Untergang noch in letzter strafender oder glänzender Kraft zu erblicken – es ist eine Abendröte, woraus es blitzt. VI. Die Frage im Traum, und die Antwort im Wachen Der achte Februar ist der Geburtstag des Großherzog von Frankfurt. (Geschrieben im J. 1811.) Mir träumte: ich blätterte im verbesserten Kalender, um bei der Seltenheit jetziger Heiligen beiderlei Geschlechts wenigstens Namen derselben zu haben und zu verehren; auch traf ich deren mehre auf einem Blatte an, als wir jetzo in einem Jahrzehend aufweisen. Nur der Schalttag, der 24ste Februar, hatte nichts. – In unserer Zeit möchte umgekehrt statt der 365 Heiligen sich leichter ein Schalt-Heiliger finden lassen. Besonders wunderte ich mich, daß ich so wenige Fürsten aus der alten Zeit in diesem nicht sehr genealogischen Verzeichnisse der die Kirche regierenden Häupter antraf – als ich endlich im Kalender zu meiner Freude auf den Salomon stieß, dessen Predigen und Sprüche mich schon in der Jugend durch seine über das Leben erhebende Lebenphilosophie getröstet und begeistert hatten. »O«, rief ich laut im Traum, »ist kein Salomon da? Voltaire schrieb zwar von einem nordischen Salomon; aber nach allen Richtungen der Windrose sollt' es Salomons geben, östliche Salomons – nordöstliche – nordnordöstliche – westliche – südwestliche; – welche, wie der morgenländische, die Bedingung Platons für Länderglück, daß die Regenten Philosophen sein sollten, erfüllten. Wo ist der zweite Salomon, welcher mit derselben Hand Feder und Zepter auf gleiche Weise Menschen beglückend führt und der Welt nicht Rätsel aufgibt, sondern, wie der biblische, auflöset? Welcher mit dem Siegelring, womit der jüdische Salomon böse Geister einklemmte, die guten der Zeit an sich kettet? – Wo der zweite, welcher, wie der kanonische, bloß ein heiteres Reich des Friedens, des Wissens, der Künste, der Freude zu gründen und Ruinen eines höhern Palmyra, als der erste gebauet, Bekanntlich bauete Salomon Palmyra oder Tadmor. zu ergänzen sucht? – Welcher, wenn alle Fahnen als Wetterfahnen des europäischen Sturms hin- und hergeschleudert werden, die weiße Friedenfahne der Vereinigung aufpflanzend, mit reinen von Kriegblut unbefleckten Händen den ächten Tempelbau der Volkveredlung beginnen darf? Der erste Tempelbau wurde dem Könige David seiner Kriege wegen versagt, aber seinem friedliebenden Nachfolger verstattet.  – – O wann kehret wieder der Geburtstag eines Salomons zurück?« – Hier aber erweckte mich das Feuer des Traums. Indes blätterte ich noch, von der langen Frage fortbewegt, ernstlich im verbesserten Kalender nach, ob wirklich der Name Salomon darin stehe ... Siehe, da fand ich in der Tat (wie jeder in seinem Kalender auch findet) ihn sogleich im Februar – ein Monat, der oft durch Einschalten die Fehler der Zeit verbessert – –; und zwar schon am achten Februar . »Achter Februar?« sagt' ich, und plötzlich entsann sich mein Herz bewegt der Gegenwart. »Ja, wohl hat der achte seit 67 Jahren die Frage beantwortet und den alten Zufall des Beinamens mit der Wirklichkeit vermählt und gerechtfertigt.« Aber alle, die dieses lesen, noch mehr, die dieses hören, werden an diesem Tage die schönste salomonische Ähnlichkeit, die aber nicht in irdischen Händen steht, zu jeder andern schönen hinzuwünschen: ein langes Regierung-Leben! VII. Bruchstücke aus der »Kunst, stets heiter zu sein« Dieses Buch können erst einige Jahre vollenden; es ist keine Nachahmung, sondern eine Fortsetzung und Ergänzung des Alfonso de Sarasa ars semper gaudendi etc. Überschmerz ist Selbmord des Herzens, und wie man in Schlesien den Selbmörder mit dem Gesicht gegen die Erde gewandt begräbt: so liegt der Über-Traurige ebenso mit dem Gesichte, das er gegen den verlornen, gegenwärtigen und künftigen Himmel erheben sollte, auf die Erde gekehrt, ohne doch in ihr zu sein. Richte dich auf, blick' umher und schaue etwas Höheres und Heiterers als Erde, Erdwürmer und Erdenschwarz. Nicht Genießen, sondern Heiterkeit ist unsere Pflicht und sei unser Ziel. In einer Seele voll Unmut und Verdruß erstickt die dumpfe schwere Luft alle geistigen Blüten und den sittlichen Wuchs. Der süßen Wehmut, dem Mitschmerze öffne sich das Herz, aber nicht dem kalten Mißmut und dem Niedergeschlagensein, so wie die Blume zwar vor dem Tau offen bleibt, sich aber vor dem Regen zuschließt. Das Übelsein ist so wenig und das Wohlsein so sehr unserer Natur zugehörig, daß wir bei gleichem Grade der Täuschung nur die Täuschung, welche gepeinigt, nicht die, welche erfreuet hatte, bereuen.   2. Erfrischender wirken große Beraubungen als große Freudengaben nach – so wie umgekehrt kleine Leiden mehr entkräften als kleine Freuden verstärken –; denn nach dem Sonnenstiche der Entzückung sind die Herzkammern allen unsern Feinden aufgetan, indes der Überschmerz sie leicht den Freunden öffnet. Aber das Glück des Lebens besteht wie der Tag nicht in einzelnen Blitzen, sondern in einer stäten milden Heiterkeit; das Herz lebt in diesem ruhigen gleichen Lichte, und wär' es nur Mondlicht oder Dämmern, seine schönere Zeit. Nur kann uns diese himmlische Heiterkeit und Unbetrübnis bloß der Geist bescheren, nicht das Glück, das nur stoßweise gibt wie raubt; und wir spüren immer den Stoß des Schicksals, gleichviel ob er uns in den Himmel oder in die Hölle werfe.   3. Aber auf welche Weise vermag dies der Mensch? Nicht durch Anpflanzen der Freuden, sondern durch Entwurzeln und Abhalten der Schmerzen, worauf der unkrautlose Boden von selber süße Früchte trägt; also nicht dadurch, daß er sich Freuden schafft, und daß er sich Himmel über Himmel bauet, welche oft eine einzige Wolke alle bedeckt, sondern daß er den Schmerzen die Furienmasken abzieht und ihr alltägliches Schauspielergesicht aufdeckt und anschauet. Hat er nur einmal diese entlarvt, d. h. besiegt, so hat er schon den Gartenschlüssel zum Eden; denn es bleibt bei ihm, noch alle Segnungen des Schicksals und der Pflicht gar nicht eingerechnet, zuerst das stille milde Erfreuen über das Sein, D'Alembert sprach das Atheisten-Wort aus: le malheur d'être. So wäre denn nichts glücklich als das Nichts, und Gott als der Ur-Seinde der Unglücklichste. Alle Wesen aber sagen: le bonheur d'être, und beweisen es, indem sie ungern sogar ihren Schmerzen absterben. das in dieser Freiheit von Schmerzen und Freuden sogar sich stärker offenbaren kann; ein Freuen, welches, obwohl auf tieferer Stufe, schon der Wilde in der Hütte, der Morgenländer unter dem Baumschatten und der Landmann auf der Haustürbank dadurch genießt, daß er, ohne etwas zu tun oder zu bekommen, ruhig hingelagert sich und die Welt schauet und fühlt; welches milde Gefühl, zu sein, nicht nur der Schmerz, auch die Entzückung unterbricht. Denn als ein fortwährendes Gefühl ist es eben darum ein schwächeres. Wir haben also ein fortbleibendes (perennierendes) Vergißmeinnicht der Freude, aber kein ähnliches der Pein. Und so ist der blaue Himmel größer als jedes Gewölk darin, und dauerhafter dazu.   4. Und wie sind nun die Leiden zu besiegen? Alle sind geistige; sogar das körperliche wird, da es nur in der Zeit, also nur in Augenblicken stechen kann, zu einem geistigen, indem wir die Stiche, wovon wir einzeln jeden tiefsten ertrügen, aus Vergangenheit und Zukunft zusammen rechnend sammeln und so die Strahlen zum Brennpunkte verdichtet auf uns einäschernd richten. Da nun das geistige Leiden nur von Vorstellungen entsteht, so muß es auch, wenn diese durch andere aufgehoben sind, von selber wegfallen. Nicht die Allmacht der Religion, noch die Macht eines großen Ziels, unter dessen Verfolgen der Mensch so wenig wie der Krieger in der Schlacht die Wunden fühlt, werde hier in Anspruch genommen, sondern etwas, das jeder den ganzen Tag auf sich herumträgt, der Kopf. Das nächste Heilmittel gegen verwundende Vorstellungen ist bloß diese: alles, was dich trifft, hat dich getroffen und ist also schon vergangen, ehe du zu klagen nur anfingst. Nun ist aber die Trauer über eine Vergangenheit, d. h. über eine Unabänderlichkeit , welche dieselbe bleibt, ob sie eine Stunde oder ein Menschenalter alt ist, weiter nichts als ein Wehklagen über das Dasein eines Winters, Todes oder Jahrhunderts. Halte dir es einmal recht wacker vor das Auge, daß der Schmerz über eine minuten-alte Vergangenheit gerade so töricht ist wie einer über eine dreißigjährige. Die Unabänderlichkeit bleibt dieselbe, ob der Verlust eine Minute oder ein Jahrzehend hinter dir ist, wiewohl du, wie ein Mönch dich geiselnd, den kleinsten jüngsten Verlust schwerer zu tragen findest als den größten ältesten. Ebensogut könntest du dich ärgern und beklagen, daß du nicht Gott selber geworden, als welcher du dann mehr Freuden genossen haben würdest, als du nur an deine sämtlichen Endlichen hättest verteilen können.   5. Seltsam genug halten wir oft die eine Unabänderlichkeit für unbiegsam und bleiben vergnügt; und eine andere für biegsam und werden wild, wir ertragen z. B. ohne Murren einen ganzen Winter, aber nicht einen Maifrost. Wir halten das Schalttägige in der Natur für willkürlicher als das Alltägliche, als ob die Unabänderlichkeit nicht dieselbe wäre. So ist die physische Empfindung dieselbe , wenn man im Regen eine Stunde lang spazieren geht, und wenn man im Regen vor einer versperrten Haustüre eine Stunde warten muß; – und die Unabänderlichkeit ist auch dieselbe –; aber man halte nun gegen diese Gleichheit des Äußern die Ungleichheit des Innern, das dort schweigt und schwelgt, und das hier tobt und brennt. Dies entsteht aus vier Täuschungen. Erstlich aus einem schlaffen Wohlbehagen am Gefühle, gekränkt zu sein, aus einer Mattigkeit, in welcher der Mensch ungern mitten im Schmerze sich zur Kraft der Klarheit und Ansicht anspannt; er will am Unglück doch etwas genießen, das leidende Hingegebensein. Er weiß, er könnte sich trösten und den Hagel des Schicksals in seinen Händen schmelzen, aber er will sich nicht erkälten, so wie er mitten im Zorne sich künftiges Verzeihen weissagt, aber den Verlust des zürnenden Kraft-Gefühls und die Mühe der Selbbezwingung und Selb-Erhellung scheuet; er will trostfaul und denkmüßig nicht sein eignet Arzt sein, sondern auf einen fremden liegend warten; er will, nur das Glück soll ihn aufrufen und aufreizen, nicht das Unglück. Er hat aber sehr Unrecht, der Mensch. So treibt er, indem er nicht die Vorstellungen gegen die Gefühle, sondern umgekehrt für diese und also das Denken für das Leiden anwirbt, sich den Pfeil des Zufalls bis auf die Knochenhaut hinein. Die zweite Täuschung ist, daß wir fremde Freiheit nicht für Notwendigkeit in Rücksicht unserer halten, weil wir fremde mit eigner verwechseln; als ob der freie Wille des andern mehr in unserer Gewalt stände als die gejagte Wolke über uns. Sogar der eigne Wille ist, insofern er geschehen, zur Unabänderlichkeit geworden, und an dem vergangnen ist nichts mehr zu bereuen, sondern nur am künftigen zu bessern. Eigentlich haben wir unbewußt die Reue und Qual nur über den noch fortlebenden Wurmstock des Unmoralischen in uns, ob wir gleich auch diesen mit einem Tritte tapfern Entschlusses zerknirschen könnten. Was unsern Schmerz über fremde Unsittlichkeit anlangt, so gilt noch das Vorige: eine seit einer Minute verübte ist für die Ewigkeit versteinert, und wir können an dieser Versteinerung so wenig verrücken als an den vorsündflutigen (antediluvianischen) Sünden, oder wir müßten uns, scharf genommen, ebensogut über die Adame, Even, Kaine und Nimrods rückwärts betrüben als über die neuesten noch vorwärts. Eine dritte Täuschung ist: der Mensch steckt voll lauter täuschender Erwartungen und Hoffnungen, wie voll geistiger Eingeweidewürmer; jede davon zeugt in einigen Minuten eine größere; morgen erzeugen sich wieder andere, übermorgen ganz andere. Jeden Tag sticht er sich eine neue Himmelkarte seines künftigen Himmels, und »darnach«, sagt er, »sollen sich Erd- und Himmelkörper richten, oder ich will kein ehrlicher Mann sein.« Und letztes hält er auch oft. Diese bewegliche Veränderlichkeit seiner freien Natur mutet er nun der starren Festigkeit des toten zu und erwartet, daß die eiserne sich der wächsernen nachbiege. Trifft freilich zufällig sein innerer Wechsel mit dem äußern zusammen, so sagt er: »Es gibt doch eine Vorsehung und Belohnung schon hienieden!« Der hiesige Mensch ist sehr närrisch. Hoffen ist überhaupt in Rücksicht der Standhaftigkeit gefährlicher, als man wohl denkt. Nicht nur nimmt sich die Hoffnung den weitesten Spielraum heraus und will das Ozeans-Becken der Zeit gern als Trinkschale der Stunde an die Lippen setzen; sondern auch durch ihre Süßlichkeit entkräftet sie zu scharfem Widerstande und erschwert das entscheidende Verzichtleisten. Denn so lange sie nicht vom Schicksale widerlegt worden, will man sie genießen und bauet sich auf ihren weichen Wogen an. Wollet ihr doch Hoffnungen haben: gut! so haltet sie für frohe Träume. Man erwacht, der Traum und seine Gabe ist verloren; aber man trauert nicht. Und so mag auch der Traum des Lebens voll solcher Träume bleiben, sobald man sie nicht betrauert. – War denn die Hoffnung weniger ein Genuß der ersten Gegenwart gewesen, weil kein größerer einer zweiten, keine Erfüllung darauf folgte? – Und hat sie denn keine blumige Vergangenheit hinter euch angebauet, und ist ihr hängender Garten keiner mehr, bloß weil er euch jetzo zu hoch hangt? Aber darnach fragt ihr nichts; in euern Berechnungen über Licht und Nacht eueres Lebens führt ihr zwar die verdunkelnde Furcht, aber nicht die erhellende Hoffnung auf, so wie man etwan dem Pole ein Halbjahr Nacht so wie ein Halbjahr Tag zuschreibt, ohne von jener drei Monate Dämmerung abzurechnen.   6. Eine vierte Täuschung ist unser (schon vorhin gerügtes) Zusammenrechnen. Alles ist zu ertragen, was nur einen Augenblick dauert. Aber ist denn das Leben nicht bloß aus Augenblicken zusammengestellt? Sagst du dagegen: »Viele Augenblicke machen doch eine Stunde«, so antworte ich: kommt der zweite Augenblick, so ist der erste vorüber; und so weiter; und so machen sie nie eine Stunde. Der Schmerz, welcher zugleich als ein Nachgeschmack der Vergangenheit und ein Vorgeschmack der Zukunft belügt, gleicht dem fürchterlichen sogenannten Lind- oder Heerwurm, welcher zwölf Ellen lang und spannenbreit daherkriecht, und der doch, in der naturgeschichtlichen Nähe besehen, nichts ist als ein zollhoher Zug von den Larven gewisser Schnaken. – So schlägt das Schicksal euch so oft nur mit der Scheide seines Schwertes, aber ihr zieht es heraus und stürzt euch darein. Ja es gibt noch eine fünfte Täuschung und Kraft des Schmerzes, welche durch die Schnelle des Angriffs siegt, so wie körperlich die Kugel ihre durchbohrende Kraft im Verhältnis ihrer Geschwindigkeit vermehrt. Neuheit und Schnelle sind hier dasselbe. Eine kleine Übung dagegen wär' es vielleicht, sich neue, schnell heranspringende Schmerzen, gleichsam häßliche Erdgeister des Lebens, öfters vorzuträumen, um mit ihnen bekannt und gegen sie bewaffnet zu sein, wenn sie in der Wirklichkeit aus ihren Höllen fahren. Indes halte man nur den Entschluß, stets in jedem Unglück sich heil und heiter zu machen, recht eisenfest: so wird der Geist seine kurze Bewölkung bald wieder licht durchbrechen, er wird der Sommer-Sonne im nördlichen Meere gleichen, welche abendmatt in den Wogen untergeht auf einen Augenblick und sogleich wieder an derselben Stelle morgenrot aufsteigt zu einem neuen Tag.   7. Heiterkeit, die nur der Mensch haben kann – obwohl Genuß das Tier –, schließet wie ein Frühling alle Blüten des Innern auf; ein verdrüßlicher Gott wäre ein Widerspruch, und das Seeligsein ist um eine Ewigkeit älter als das Verdammtsein. Versucht es doch nur einige Tage lange, euch unbeunruhigt und heiter zu erhalten – nicht durch Genüsse, diese nur abmattenden Stärkungen, sondern – durch kräftiges Anschauen und Zergliedern jeder stechenden Kleinigkeit. Seid nur einen Tag lang statt Feueranbeter der Leidenschaft und Hölle Sonnenanbeter der Klarheit; und vergleicht euer Gutes und euren Wert in der schönen Tagreihe, wo ihr das gesäete Verdrüßlichkeit-Unkraut ausgerissen, mit der andern Tagreihe, wo ihr es gepflanzt und gepflegt: so werdet ihr in der schönen Tagreihe euer Herz offen jedem schönen Entschlusse, euer Leben bekräftigt und keine Reue gefunden haben, und Doppel-Waffen gegen jedes Zufall-Spiel, und werdet euch wundern. Um Festungen herum reißet man sonst bei Belagerungen Luft- und Gartenhäuser nieder; aber wahrlich zu unsern geistigen Festungen sind wenigstens Vorwerke die geistigen Garten- und Edenhäuser; denn es gibt keinen – heitern Teufel. Es ist der Mühe wert, den Unterschied zwischen dem Genuß – wodurch der jetzige Mensch, so wie der erste, die Herrschaft über seine innern Tiere verliert – und zwischen der Heiterkeit, welche den Besitzer und den Zuschauer zugleich erhebt, noch einmal scharf auszuprägen. Denn fremde Heiterkeit, vom Glück begünstigt, geht in den Zuschauer über – nicht aber der Genuß –; Heiterkeit, vom Geschicke bekämpft, hebt sogar den Zuschauer; sie erquickt uns wie das sogenannte Gottes-Feuer (bei Florenz), wenn es vor dem beugenden Winde aufrecht brennt und im Ungewitter höher aufsteigt .   8. Mensch, schaue, aber fühle nicht bloß! – im unreifen Menschen-Ei wird zuerst das Auge reif! – Eltern, zeitigt und schärft das geistige in Kindern für jeden Schmerz fort, damit sie ihn anblicken und zerblicken. Dann geht es bald mit unsern Schmerzen vorüber. Das Gefühl bildet Knechte, das Auge Freie. Je öfter Empfindungen wiederkommen, desto mehr entkräften sie uns und sich; hingegen je öfter Vorstellungen sich wiederholen, desto mehr verstärken sie sich und uns, bis ihr verdoppeltes Licht endlich die Kraft der Wärme gewinnt und also den Sieg über Gefühle. So werden – ist ein mehr vielseitiges als entferntes Gleichnis erlaubt – die Gewitter in der Nacht immer seltener, je mehr das Licht des Mondes zunimmt, und unter dem Vollmond entsteht selten ein starkes.   9. Der Böse, sogar schon der Unklare und Leidenschaftliche geht in Abendnebeln , und die Nacht verdickt sie und sich; aber die helle fromme Seele erlebt nur Morgennebel , und diese fallen, und die Sonne steigt.   10. Wer nach Westen reiset, verliert einen Tag; wer nach Morgen, gewinnt einen – nun so reise dem Orient des Herzens, der aufgehenden Sonne entgegen, und du gewinnst statt des Tages das Jahr und statt des Jahrs einige Ewigkeit in der Zeitlichkeit.   11. Ich sprach mit meinem Trösten nicht zu denen, welche der Glaube an das Ur-Ich über alle Disteln und Stachelgewächse des Lebens erhebt; diese sollen den nach dem Himmel gerichteten Blick nicht schwächen durch dessen Niedersenken auf die Nachlese der Erde, oder sollen noch zur Erbschaft der Gottheit eine irdische Luft als Zugabe begehren. Diese bedürfen in der Liebe gegen den Unendlichen keines Trostes; denn was er tut und nimmt, ist Gabe, und es ist für diese bloß von Morgensternen der alten Ewigkeit Umgebnen gar nichts vonnöten als das Fortgefühl des höchsten Liebens; und jede Minute der engen Menschen-Zeit beginnt ihnen eine Ewigkeit; und Gott ist ihr Himmel. VIII. Bemerkungen über den Menschen Die poetischen Tugend-Virtuosinnen Jeder hüte sich vor poetischen Tugend-Virtuosinnen, nämlich er heirate keine davon. Diese moralischen Statistinnen, welche selten handeln, leben in der Täuschung, daß sie noch besser sind als alle benachbarte Schauspieler und Schauspielerinnen, bloß weil sie über diese mit feinem Gefühle lobend oder tadelnd richten. Es gibt nichts so Zartes, Schönes, Großes, zumal in der Vergangenheit, was sie nicht zu bewundern oder zu fodern wußten von andern; dieses Bewundern und Fodern aber steuert sie mit dem schönen Bewußtsein aus, daß sie die Sache selber haben, etwan wie in Italien (nach Archenholz) einem, der eine Kostbarkeit lobt, diese nach der Sitte zum Geschenk angeboten (obwohl nicht angenommen) wird, das sich aber die Virtuosin selber macht. Die Wärme ist schön, womit die Tugend-Sprecherin jede Aufopferung, sie werde ihr oder andern gebracht, zu schätzen weiß; desto tiefer daher muß sie den Selbstflüchtling verachten, der ihr selber eine zumutet. So liebt sie anstatt den Menschen desto inniger die Menschenliebe. Ja die Statistin behält sogar auf ihrem Kanapée bei aller sitzender Tugend-Lebenart Unparteilichkeit genug, um die geschäftigste Häuslichkeit einer Martha und jede ämsige Gatten- und Kinder-Verpflegung zu bewundern, ja vorzuschreiben; denn sie weiß so gewiß, was sie in diesem Falle tun würde, falls sie etwas täte. So gleicht sie als Heldin in der Tugend ganz dem, was ein Held im Kriege ist; nämlich wie dieser ordnet sie erfahren, scharf und kalt alles an, was jeder im Feuer zu tun und zu opfern hat, und schonet wie ein Feldherr sich aus Pflicht zum Vorteil des Kommandierens. Auch ihr selber werden die Rollen der edelsten Menschen nicht schwer, wenn sie ein Stückchen Papier – Druckpapier oder Briefpapier – gleichsam als die Bühne erhält, worauf sie solche spielen kann; das Papierblättchen wirft sich ihr so zu sagen zum Schauspiel an, womit allein die Lady Hamilton durch dessen Wenden und Falten die schönsten alten Göttinnen machte. Allerdings müssen Personen von solcher moralischen Höhe und Foderung die sittliche Unter- und Schattenwelt unbeschreiblich tief unter sich finden und darum sie so schwarz abmalen, daß sie damit andern, die es nicht schärfer nehmen, ordentlich zu verleumden scheinen; ja ganze Städte sind sie oft schwarz zu färben genötigt, so daß es wenig ist, wenn sie, mit Anspielung auf Ägypten, die eine Stadt eine Krokodilstadt (in Crocodilopolis wurden bekanntlich Krokodile angebetet, wie in Cynopolis Hunde), die andere eine Hundestadt nennen. – Darum lasse ein Mann, wenn nicht seine Ehe, doch seine Verlobung mit einer solchen Virtuosin trennen, wenn er nicht das ehliche Band – anstatt zu einem Venusgürtel – lieber zu einem Stachelgürtel (Cilicium) und Ehestrang geflochten tragen will. Der gedachte ehelustige Mann rechne doch vorher genau nach, ich bitt' ihn, zu wie vielen Stufen des weiblichen Göttersitzes er sich zu versteigen getraue, da ihn nicht nur schwarzgefärbte Städte warnen, sondern auch der Lebenlauf und Lebenflug seiner Verlobten selber, welche Männerherzen nur von weiten genießen und verspeisen kann, etwan wie schwarze Maulbeeren, welche man an großen Tafeln bloß mit langen Stecknadeln zum Munde bringt, um sich die Finger nicht zu schwärzen. In England sagt der Küster gewöhnlich hinter der Trauung: Amen! Ständ' ich hinter der gedachten, so würd' ich sagen: wurde die sechste Bitte nicht erhört, so tu' man die siebente. Gegenwärtiges las ich einst einer solchen Virtuosin vor; da aber Weiber sich in jedem andern Spiegel leichter und schöner finden als im Schwaben- oder Sachsen-Spiegel oder anderem Seelen-Spiegel, so sagte sie freundlich: »herrliches Wort zu seiner Zeit! Wüßten Sie, lieber Richter, wie viele Weiber dieser Art ich selber gekannt! Aber keiner davon konnt' ich beibringen, daß sie ja selber dazu gehöre.«   2. Menschen-Schwächen gegen Menschen Es ist eine leben-verwirrende Gewohnheit, daß der Mensch sich das fremde Hassen viel lebhafter und öfter in das Herz hineinmalt als das fremde Lieben, daher er das eine stärker erwidert als das andere; so werden auch die Engel meistens nur klein und halb als Köpfchen mit Flügelchen vorgemalt; aber selten wird ein halber Teufel gezeichnet, der Satan tritt immer ganz auf, dazu noch ausgesteuert mit Glieder-Außenwerken oder Randglossen von Horn, Huf und Schwanz. Kein Wunder, daß ein armer Teufel lebhafter gehaßt wird, als das beste Engelkind geliebt. b Hast du mit einem Freunde rein gebrochen: so gib – nicht nur aus Menschenliebe, auch aus heiliger Scheu vor der Freundschaft-Leiche – ihm kein Zeichen, kein Blatt und, ists möglich, keinen Augenblick Gegenwart mehr von dir, weil die Zeichen voriger Wärme als die Zeichen jetziger Kälte unnütz und hart den Schmerz des Bruchs wiedergebären. Der Mann verträgt viel leichter die kalte Gegenwart einer jetzo feindlichen Geliebten als die eines jetzo feindlichen Freundes; denn eine Geliebte kann durch eine andere ersetzt werden, aber kein Freund durch einen andern. c Der erste Gedanke eines Menschen, der etwas nicht findet, ist der, man hab' es ihm gestohlen; und so häufig auch das bloße Verlieren und Verlegen gegen das seltene Bestehlen vorkommt, so glaubt er doch das nächstemal wieder an einen Dieb. 3 Das Ich gegen das Du Wie viel das Ich von seinem Innersten dem Du schuldig ist, stellen vorzüglich zwei Erfahrungen dar. Der harte Eis-Schauder, womit uns in der Einsamkeit eine vermeintliche Geisteserscheinung mit den kalten Ringen einer Riesenschlange umflicht und erstickt, löset sich zum Teil in warmes Leben auf, sobald nur ein einziger Mensch, welcher doch nichts könnte als höchstens dem Sterben zusehen, neben uns steht und uns durch bloße Gegenwart mit Leben wärmt. Daher schon vor seinem sogar fernen Menschenlaute der Geister-Schauder so verschwindet wie nach der Sage vor dem eignen Worte ein gehobner Geisterschatz. – Eine zweite Erscheinung ist: schwerlich geht ein tadelloser Mann (er müßte denn einen dreifachen Panzer anhaben) durch den Feuerregen einer ihn verachtenden, aushöhnenden Menge oder Brandschmerzen der Ehre und Selberachtung hindurch, wenn ihn kein Freund begleitet, welcher gleichsam sein zweites Selbstbewußtsein vorstellt. Aber an der Hand eines einzigen ihn ehrenden Menschen trotzt derselbe Mann dem Gelächter eines Volks. So wurde dem erhabnen Sokrates das Aufstehen unter Aristophanes Wolken, welche dadurch für ihn nur als Staubwolken seines Triumphwagens aufstiegen, vielleicht durch die Nähe seiner Verehrer mehr erleichtert, als seine Kraft bedurfte. 4. Über Weiber a Töchter, welche bloß von Vätern erzogen werden, saugen so viel männlichen Geist ein, daß ich Liebhabern derselben die strengste Prüfung anrate, ob sie selber genug davon besitzen, um den fremden sowohl zu leiden als zu leiten. b Ich habe oft mit Ärgernis gelesen, wie man unmännlich vor Weibern kniete, wenn man ihnen rauben wollte, was nicht wieder zu erstatten ist. Indes find' ich es männlicher, wenn ich an den Schlächter denke, der ebenfalls vor den Lämmern und andern Opfertieren knieet, wenn er sie töten will. – Michel Angelo verpanzerte, wie bekannt, den Fuß seines berühmten Christus in der Minerven-Kirche mit Messing, damit das Kunstwerk sich nicht unter dem küssenden Anbeten abnützte; – Schönheiten (so wie den Gewaltigen), zu deren Füßen so viele Verehrer liegen, wäre wohl ein kleiner Panzer ihres Werts zu gönnen. c Die Weiber sollten schon aus Koketterie Männern eigentliche Toiletten-Besuche verbieten. Unser Anschauen des weiblichen Putzens hat den ersten Nachteil, daß wir alles stückweise musivisch zusammenstecken sehen, was uns später auswärts mit einem vollendeten lebendigen Gemälde blenden würde; – und der zweite ist, daß der reizende Trug der Anspruchlosigkeit, welchem man sich so willig ergibt, durch das angeschauete Vormachen der weiblichen Jägerkünste uns etwas schwer gemacht wird. Hingegen Weiber können ohne Schaden als Priesterinnen das anzuputzende Madonnenbild umringen. Ihnen ist Kleiden-Sehen und Kleiden-Helfen fast so viel als selber eingekleidet werden. Sogar die Feindin springt hier der Feindin bei; was ein so schöner Zug wie der vom Engländer Collins ist, welcher denen, die gegen ihn schreiben wollten, mit Rat und Büchern beistand. – Übrigens möcht' ich Kammerfrauen beschicken und befragen, wie es auf dem Charakter der siebenten einfließe, wenn sie täglich ein halbes Dutzend Damen zu putzen hat. d Viele heutige Weiber von Stand oder Geld glauben so oft häuslich zu sein, als sie zu Hause bleiben und da so viele gute Gesellschaft annehmen, als hineingeht, so daß die Männer sie wieder noch häuslicher finden, wenn sie selber ausgehen, und wär' es in die größte Gesellschaft. e Eine Braut kann ihren Bräutigam mitten im Wortgewitter gegen seinen Bedienten ohne Entkräftung ihrer Liebe antreffen; wenn er aber die Braut im Zankgefecht mit ihrer weiblichen Dienerschaft überrascht: so kann er leicht vom Prachtvogel Juno's nichts bei ihm übrig bleiben als dessen – Stimme; das Rüge-, Frieden- oder Krieggericht einer Jungfrau über eine untergeordnete wird ihr eignes. Diese Wichtigkeit eines weiblichen Aufbrausens bei der Unwichtigkeit eines männlichen gibt viele Winke und Schlüsse. f Nach jedem Tee-, Eß- und Ball-Abend und überhaupt nach je dem gesellschaftlichen Festtage bekommen die Weiber noch einen blauen Montag nachzufeiern, nämlich den nächsten Tag, an welchem sie das Fest-Gestern fremden Ohren malen, und dessen Genuß ihnen gewiß bleibt, wenn sie auch nichts zu schildern hätten als einen der langweiligsten Abende. Daher suchen sie niemal so eifrig Gesellschaft, als wenn sie aus einer kommen, besonders aus einer schlechten. g Männer sprechen selten und ungern von abgefallenen und bundbrüchigen Freunden. Weiber unterhalten sich mit ihren jetzigen Freundinnen so erquickt und weitläuftig von den Untreuen ihrer vorigen abtrünnigen, als wären ihnen die Freundinnen nur Bekannte gewesen, und jetzo diese jene geworden. Diese Bemerkung würde fast scherzhaft und satirisch klingen, wäre sie nicht ernsthaft und wahr. h Ich fürchte sehr, die Leichtigkeit der männlichen Siege über weibliche Tugend ist (doch aber nur bei der kleinern Weiberzahl) nicht der Übermacht des sinnlichen Augenblicks oder dem Übermannen der Neuheit beizumessen, sondern vielmehr der Gewalt alter gepflegter Liebe-Bilder und Gegen-Altarblätter, welche im freien zügellosen Reiche der Phantasien verborgen hinter Wangen und Lippen spielten und schweiften und durch ein phantastisches Mehr leichter mit dem wirklichen Minder versöhnten. i Je kostbarer die Kleidung, desto öfter der Wechsel darin; daher gibts einen größern bei Weibern als bei Männern. Die Frauen gleichen der Porzellan-Schnecke, welche ihre Schale, ob sie gleich die schönste im Meere ist, jährlich abwirft und eine neue ansetzt; ja sie sind vielleicht noch besser und reicher, unsere weiblichen Porzellan-Schnecken, da sie jede Messe eine neue herrliche Körperschale ansetzen, sich aus der alten mausernd. 5 Zeit-Allerlei a Meistens werden die Ämter mit mehr Ehrgefühl verwaltet als erworben; vielleicht schon darum, weil die Verletzung desselben bei dem Erwerben kürzer, verborgner, ja gefoderter ist als bei dem Verwalten. b Die feinsten und listigsten Zwecke politischer Großen und Größten werden wider Vermuten der letzten meistens vom Publikum sogleich entziffert; nur das Erhabne und Reine seltner Fürsten hat das Unglück, selten geahnet, ja öfter mit dem Gegenteil verwechselt zu werden; wenn anders dieses Unglück für den Urheber nicht gar ein Glück für die Sache ist, welche durch ihre Götter-Unsichtbarkeit dem feindlichen Widerstande leichter entweicht. c Statt elender sechs Wochentage genießen viele Leser jetzo endlich sieben frohe Ruhe- oder Sonntage, an welchen man nichts verkauft ; ein solcher jährlicher Festtag von 365 Tagen gibt die alten Saturnalien zurück, wo Sklaven und Freie sich gleich waren und (kaufmännisch zu reden) nichts gemacht wurde. d Nicht einmal die Autorwelt, welche mit Büchern heilen und heben will, verzage, wenn sie am Einzelwesen und am nächsten Jahre so wenige vortretende Verbesserungen wahrnimmt; aber noch weniger ermüde und verzweifle der Völker bauende Fürst, wenn er von seinen Erzieh-, seinen Bild-Anstalten oder andern Aussaaten im Herzen keine nächsten Früchte vor seinen Augen grünen sieht. Er tröste sich damit, daß an Einzelwesen und Jahren anfangs alles nur wenig erscheint; was sich später erst an Völkern und Zeiten als Heilung und Hebung offenbart. Die Luft ist himmelblau, aber der kleine Ausschnitt von ihr im Zimmer ist farblos; nur die ganze große Luftkugel umwölbt uns mit ihrem Äther-Blau. – Der Mensch, zumal der mächtige, will alles schnell zeitigen Zeitigen ist fast die Übersetzung von Temporisieren. und ernten; um daher dem Baume (man denke sich darunter nun ein Volk oder ein Kind) auf einmal recht viel Blütenhonig und Fruchtsüße zu geben, höhlet oder fäulet er ihn geschickt aus, damit die Bienen in den hohlen Stamm ein ganzes Honigwarenlager niederlegen. Nur schade, daß alsdann der sterbende Baum keine eignen Süßigkeiten mehr trägt, und daß ihn endlich die Bienen als seinen eignen Sarg bewohnen. e Verzage doch niemand an der Zeit oder gar an der Vorsehung. Habt ihr einmal irgendein kleines Übel der Welt mit der unendlichen Güte und Fürsorge zu reimen und zu versöhnen gewußt: so müßt ihr es auch bei jedem größern vermögen, da der Einwurf oder Zweifel gegen den Allheiligen und Unendlichen derselbe bleibt, ob er vom kleinsten oder vom größten Leiden hergenommen wird. Aber der Mensch wird weniger vom Übel selber als von dessen Zusammendrängung in Zeit oder Raum betäubt und getäuscht; – daß jede Minute auf der ganzen Erde sechzig Leichen aus ihr wegträgt, fällt uns weniger auf, als die Pest einer Stadt uns erschüttert. Eine Gewitterwolke oder eine Sonnenfinsternis deckt dem vorschnellen Irrgefühle dunkler und dichter die unendliche Ur-Sonne zu als eine längste Polar-Nacht. Aber warum denken denn die Menschen nicht daran, daß in düstern Jahrhunderten – sie wären ja auch sonst da geblieben und hätten immer schwärzer nachgedunkelt – ein von Gott abgeschickter Gottes-Sohn plötzlich aus dem Gewölke trat und sonnig die weinende Erde in warmen Glanz einfaßte? Warum erinnert das seltsame Ding, der Mensch, sich sonst aus seiner, besonders aus seiner kindlichen Geschichte immer lebhaft der Freuden, und nur wenig der Entbehrungen und Strafen; aber warum entsinnt er sich nicht ebensowohl aus der Weltgeschichte, aus der langen Völker-Vergangenheit, mehr der Erhebungen derselben als der Niederstürzungen, mehr des Trostes als des Grams, mehr Gottes als des Teufels? – Wie, wenn nun ein Mann an der Noahs-Arche und nahe an der Sündflut einen gottlästernden Schluß auf die nachfolgende Weltgeschichte gemacht hätte? f Ein hochgesinnter Fürst mit grauen Haare, zu dessen Füßen seine Länder blühen, gleicht den hohen Bergen, mit Schnee bedeckt, unter welchen die Auen und Täler, die von ihren Gipfeln gewässert werden, umher liegen voll Blumen und Ernten. IX. Programm der Feste oder Aufsätze, welche der Verfasser in jedem Monate des künftigen Morgenblattes 1810 den Lesern geben will Von diesem Aufsatze wurde nur / im Morgenblatte, aber ohne Schuld der Herausgeber, abgedruckt. Obgleich der Verfasser seine zwölf Aufsätze künftig lang und breit vorlegen wird: so will er doch solchen verkürzten Lesern des Blattes, welche vorher entweder von den Lebens-Bühne oder vom Morgenblatte selber abtreten, jetzo ein Vergnügen, das sie ohne seinen Willen einbüßen, durch Vorschmäcke einigermaßen erstatten. Schickt man doch in Hamburg sonnabends den Sonntagpredigten gedruckte Entwürfe derselben voraus oder an Höfen großen Festen beschreibende Programmen derselben; die versprochnen Aufsätze aber sind beides gleich sehr, ordentliche Fest-Predigten, ordentliche Predigt-Feste. Wahre Spitzbuben schilt aber der Verf. alle Autoren, welche seine Entwürfe – z. B. sogleich den ersten oder die Zimmermanns-Spruch-Rede auf einem Tollhause – aus diesem Blatte rauben und sie früher ausgeführt einschicken, als er selber kann. Einen solchen gelehrten Wildprets-Dieb wünscht er nur zu treffen. – Hier folgen die Aufsätze nach ihren Monaten, samt ihren Vorschmäcken. Der 31. Januar des Morgenblattes bringt die obengenannte Baurede auf einem Doppel-Tollhause . Der Verf. setzt einen gelehrten Altgesellen aufs Dach, welcher einen Lorbeerkranz aufsteckt und unter andern zu einigen neuern hohen Dichtern und Philosophen seiner Bekanntschaft so herunter spricht: »Er freue sich, daß durch diesen neuen Bau wieder der Freihafen und die Noahs-Arche aufgetan werde, worein sie einlaufen könnten, wenn sie wollen, sobald die Mäuerer fertig wären. Mit Lust erkenn' er darunter Männer, welche schon längst Tabatieren oder Tabaksdosen von Fürsten bekommen, weil diese gelesen, In Reil. daß Tolle nichts so lieben als Schnupf-Tabak. Das löbliche Handwerk verhoffe, daß es für die verschiedenen Gattungen der Poesie und die Systeme der Philosophie die Kammern nach Wunsch des Bauherrn eingerichtet, demnach die romantischen Kammern, die spanischen, griechischen, desgleichen die absoluten, die kritischen u. s. w. – Prosit Bauherr! (Hier wird getrunken.) Auch das Bedlam für Tiere, die so toll werden wie Menschen, z. B. für die ihres gesunden Verstandes beraubten Hunde, sei glücklich ausgebauet. Nur eine Hütte oder ein Gelaß für Flöhe, welche nicht recht bei sich sind oder nicht richtig im Kopf – weil sie sich an tollen Hunden selber toll gebissen –, und vor welchen die Gräfin d'Esclignac Der Freimütige 1809. S. 763. so außerordentliche Scheu trug, dergleichen sei dem ganzen Handwerke unmöglich auszuführen gewesen; dafür aber habe dasselbe eine besondere Kammer für die Gräfin selber oder ihresgleichen sehr künstlich eingerichtet, als einen guten dichten Stuben-Verhack und Schanzkorb gegen jedes Narrenschiff von Flöhen, das von einem tollen Hunde ausspringe. – Prosit Bauherr!« Darauf zeigt der Altgeselle auf die Mansarden des Tollhauses hin und redet wieder an: »Hoch- und Wohlansehnlicher, auch nach Standes-Gebühr Hoch- und Wohlgedachter Umstand! Es sollten wohl immer zwei Toll-Häuser gebauet werden, neben das thetische jedesmal das antithetische; denn es sind zweierlei Narren vorhanden, die übernärrischen und die überweisen, unter welche letzte wohl ein Platon, Rousseau, Hamann und die größten Dichter zuerst gehören. Die Masse, Menge, Mitte muß im weitern Indifferenz-Punkt jeden ihr entweder in Toll- oder Weise-Sein entgegengesetzten Polar-Menschen auswerfen und bleibt der ausgleichende kalte Gleicher aller warmen Köpfe; sie wiederholt, so wie König Philippus zu seinem Sohne sagte: ›Schämest du dich nicht, so schön zu singen?‹, gleichfalls die Rüge: ›Schämet ihr euch nicht, so weise zu sein?‹ So hat denn unsere Stadt den Ruhm, die erste zu sein, welche für indeklinable Weise wohltätig etwas tat, nämlich bauete, ein Hospizium für diese Älpler, ein Spinnhaus für ihre Ideen, eine Freistätte gegen allgemeinen Tadel, und es gereicht die lange Reihe von Mansarden für Weise unserer Stadt umso mehr zur Ehre, da sie noch fast gar nicht nötig ist, und da überhaupt eine Irren-Anstalt für solche, welche weniger sich als andere irren, nicht viel größer zu sein braucht als ein Schafstall oder eine Passagierstube oder ein Spritzenhaus. Auch mir kommt die Bauanstalt zugute, und ich passe auf das Zumauern meiner Mansarde, so wie auf seine der Herr Verf., der mir meinen Bauspruch ein wenig durchgesehen, und aufgesetzt. Rühmlich ist die Stadt, glücklich sind ein paar Städter daraus, welche als einkasernierte Weisen von ihrer Loge zum hohen Lichte herab so nahe und leicht die Tollheit vor sich haben und als Klughäusler mit den Tollhäuslern sich wie Extreme berühren – schöne Koppelhut und Simultankirche in einem Narrenhause!« u. s. w. Darauf fährt der Altgeselle fort, bis er fertig ist. Der 15. Hornung des Morgenblattes gibt: Küstenpredigt an die Engländer . Vorwort im Jahr 1814; ist anders eine seitenlange Kleinigkeit eines wert! Die folgende Nutzanwendung aus einer den alten Strand- und Kosegartens Ufer-Predigten nachgespielten Küstenpredigt wurde vor vielen Jahren in einem solchen frischen Unmut über die britische Belagerung Kopenhagens geschrieben, daß ich mir in dieser Woche das Blatt aus der Druckerei mit Briefpostkosten zurück erbat, um hier den Lesern vorher zu sagen, daß ich wenig von dem glaube, was ich in der Predigt behaupten werde; und solche Vorwörter sollten überhaupt vor mehren Predigtsammlungen stehen. Wahrlich England, der unermüdlichste Verfechter spanischer und deutscher Freiheit, glänzt als ein Negern-Protektor – ungleich jenem Deutschlands-Protektor in einem Frieden – durch seine gefoderte Sperre des Negerhandels ganz anders als die neuern Karthager, welche zum Erfüllen der Frieden-Bedingung, die Menschenopfer abzuschaffen, eine Quinquenell-Bedenkfrist verlangen. Aber hier steh' es endlich, wie ich vor Jahren die guten Briten auf meiner Kanzel angefahren: »Und jetzt, da ihr uns nicht mehr wie Pferde anglisieren könnt durch Abschneiden, ersetzt ihr durch Köpfen das Schwänzen und schwimmt gleich Fischen an die Küsten, um zu laichen, Leichen nämlich und Kanonenrogen; und nehmt in den Häfen nichts ein als frisches Tränenwasser. War nicht euer Ruhm bisher eine Seekrankheit, die sich leicht verlor, sobald ihr das feste Land – z. B. ost- oder westindisches – betratet? Wenn ihr durch euere geheimen Expeditionen aus dem Wasser wie aus Kiesel Kanonenfeuer schluget gegen schuldlose Städte und Elbeufer, und wenn ihr ein umgekehrtes Strandrecht einführtet, nämlich das vom Wasser aus gegen irgendein scheiterndes Land: so beschämt euch euere eigne innere Großherzigkeit und Rechtliebe zu Hause. – Freilich unscheinbar mattfarbig stehen so manche Staaten wie elend gemalte Figuren vor euch, lassen lange Zettel aus dem Maule hangen, die ihren Gehalt aussprechen sollen, genannt Geld- oder Staatpapiere u. s. w.« Jetzo kommt eine heftige Stelle, die ich zu meiner größten Freude ganz unverändert behalten und behaupten kann, sobald ich nur statt der Engländer die Franzosen setze und so anfahre und fortfahre: »Wir mußten euch Stolze mit Nahrung bedienen, wie den (englischen) König beim Essen die Hofbedienten; nämlich auf den Knieen, anstatt daß sonst nur das Wesen kniet, z. B. das Fohlen, das Hirschkalb etc., welches Nahrung saugt, nicht erteilt. Ja steht der Uferprediger selber denn nicht am heutigen Aschermittwoche mit einer runden Glatze voll Asche da, welche ihm jedoch wie andern nur aufgesäet worden, nicht weil er Fastnacht und mardi gras genossen, sondern weil ihrs? – Aber wir Deutsche sind überhaupt – ordentlich als wären wir euere nur größere Schweizerei – für euch eine tragbare Patent-Soldateska , euer Patent-Kriegstheater u. s. w.« Der 21. März des Morgenblattes schenkt: Polymeter , überhaupt viel Weiches, weil da des Verf. Geburtstag einfällt. Indes würden die Mithalter des Blattes zu lachen anfangen, wollt' er ihnen das Weichste daraus schon hier zum Imbiß auftragen, da zu solchen Jubel-Tagen gewöhnlich gehört, daß man sie erlebt, er aber den ganzen langen Winter noch so wenig bis zu Frühlings-Anfang durchgemacht, als irgendein jetzo lebender Geist im All. Doch mag ein Polymeter, der ja auf so viele 1000 Menschen paßt, als es gibt, hier verlaufen: Wie genieß' ich den Frieden, den die Länder miteinander gemacht? – »Nur wenn du einen mit dir selber schließest.« – Ach nur unschuldige Kinder durften sonst die Früchte des Ölbaums pflücken! Von Minervens Ölbaum auf der Burg zu Athen. – »Alle Friedens-Kränze und Friedens-Zweige der Erde haben ja nur Blätter .« Der erste April unternimmt (man will sonach auf den ersten Tag und auf den ganzen Monat zugleich anspielen) einen Beweis von der doppelten Beständigkeit der Weiber . Er wird – um unparteiischer zu Werke zu gehen – zuerst von ihrer Festigkeit in schlimmen Angewöhnungen ganz kurz geführt, der Beweis aber von ihrer andern Festigkeit in guten aus Mangel an Raum verschoben; ordentlich als könnte der Verf. aus Vorliebe, um nur recht diese Edel-Steine zu heben und unter Licht zu setzen, nicht genug Fehler-Folie unterlegen. Folgendes ist Vorschmack: »Auch in der Ehe bleibt der Name des geliebten Bräutigams im weiblichen Herzen stehen, in welches ihn schöne Stunden und Wunden eingeschnitten; freilich geht es dem Namen wie Namenszügen, die man in einen Kürbis einritzt: die Frucht reift ungeheuer und unförmlich fort: und dann sitzt der eingekerbte Name daran lächerlich und unleserlich auseinander gewachsen und gespreizt.« Der erste Mai bringt den Steckbrief des Herrn von Engelhorn hinter seiner entlaufnen Gemahlin . Der edle Mann schickt gerührt ein kurzes Programm dem Steckbriefe hinter seiner liebens- und strafwürdigen Hilda voran. Sie habe, sagt er darin, ihm etwas Besseres gestohlen als sein Herz – denn dieses wiedererzeug' er jeden Abend so leicht als eine Eidechse den Schwanz oder ein Krebs die Schere –, sondern sie habe die feinste Haut, die je um ein weibliches Herz geschlagen war, ihm entwandt, des kleinen Juwelen- und Kleider-Besatzes daran kaum zu erwähnen. Die Raserei, welche vor Gericht die Ehen scheide, stifte solche oft außergerichtlich, und seine gehöre dahin; denn wie (nach Gall) das Gehirn eine zusammengestaltete Haut sei, so sei die glänzende seiner Hilda ein ausgebreitetes Gehirn für sie und ihn gewesen, durch welches das seinige ziemlich hin und her verrückt geworden; daher sie ihm Gatten-Aeneas aus ihr ein ziemliches Dido's-Reich vor- und zugeschnitten. Was ihn jetzo am meisten außer sich setze, sei, daß sie, da sie nach Paris entwichen, schwer daraus zurückzufangen sei – sie könne in dieser Minute von einem Generale und dessen Adjutanten zugleich an den Armen geführet werden, um in keine andern zu fallen – und in welcher Gasse dieses Gassen-Ozeans, frag' er ohne Trost, hab' er das liebe Wesen aufzujagen und einzufangen, da sie ja in der rue des mauvais garçons hausen könne – oder in der rue des mauvaises paroles – oder in der rue de fosse aux chiens – oder in der Frau ohne Kopf – oder in der Teufelsfarzgasse (du pet-au-diable) – oder in der rue des filles anglaises – oder der du contract social – oder der rue des deux anges. – – Auch würd' er ihr persönlich nachspringen, wenn er nicht besorgte, unterwegs, zumal in besagten Gassen, ihr untreu zu werden und in der rue des deux anges zwei Engel mit einander zu verwechseln. »Das schöne junge Kind, ich war sein ältestes!« (sagt er und weiß sich kaum zu lassen) »O wärest du bei mir, ich wollte dir soviel nachsehen als mir selber! Und mögest du wenigstens nur keinem rechtschaffnen Manne in die Hände fallen, der dir zulange treu bleibt!« Darauf wird Herr von Engelhorn, da er sich das Signalement denkt, ordentlich verdrüßlich: lieber zwanzig Spitzbuben setz' er steckbrieflich nach als einer einzigen Frau; alle eines gewissen Standes sähen einander so ähnlich wie die Rücken der Karten; denn der Anzug sei das einzige, worin sie verdammt harmonierten und einig blieben. Auch der gute Umstand, daß seine in großen Gesellschaften unter die Halbnackten und nur in kleinern unter die Viertelnackten gehöre und unter vier Augen gar im dichten Negligé sitze, signalisiere nur schlecht; denn mit ihr haben diesen Vorzug alle die bessern Weiber gemein, welche endlich die Kriegnot zum Nachdenken und Entschlusse gebracht, noch wirtschaftlicher und tugendhafter vermittelst einiger Nacktheit zu werden, indem sie bei der Teuerung der englischen Zeuge durch jede anderthalb Fuß breite Stelle, die sie unbekleidet lassen, dem Gatten ein Viertel Morgen Land ersparen oder eintragen, und indem sie mit ihrer Tugend unbekleidet vor hundert Zeugen sicherer seien als bekleidet vor einem . Am Ende fängt von Engelhorn den Steckbrief so an: »Eine gewisse Hilda, geborne von Templer, ist selbstdiebisch entwischt und hat dem Herrn von Engelhorn folgende Preziosa von Wert mitgenommen: No. 1. eine superfeine Menschenhaut, die sie anhat – No. 2. eine seltene Niobe's-Nase – No. 3. ein Paar kostbare Saphyre oder Blau-Augen vom ersten Wasser – No. 4. ein Paar fein gearbeitete Händchen mit Armen, zärter als Handschuhe von Hühnerleder, samt andern Kleinigkeiten, deren Spezifikation vor hiesigen Gerichten niedergelegt worden. Es ist aber mehrgedachte Land- und Stadtstreicherin und Blondine besonders daran kenntlich, daß sie den Engel im Gesicht und den Teufel im Leibe hat und, obwohl eine Blondine, doch eine Selberzünderin ist; wie denn diese Person und Zauberin zwar nie den Blocksberg befährt, aber die ganze Bergpartei desto öfter bei sich hat. Ein anderes Kennzeichen, das sie von allen Frauen unterscheidet, ist, daß sie auf Herrn von Engelhorn sehr schmähet, welches keine von so vielen Hunderten tut, die mit ihm ebenso genau bekannt geworden. Als nun außerordentlich daran gelegen, auf gedachte Diebin und Schönheit zu invilgieren und solcher habhaft zu werden: also etc.« Der 30. Juni gibt: Liste der anstößigen Stellen, welche dem Verf. auf seiner langen literarischen Laufbahn von den Zensoren ausgestrichen worden . Er reicht hier nur einige Anstöße zum Anbiß: Der Staat werde dem Bürger, was das Zimmer manchen zahmgemachten Singvögeln ist, aus welchem diese bei gutem Wetter ins Freie gehen, und in welches sie doch wieder zurückfliegen; aber er sei kein Käfig, der halb im Zimmer, halb im Freien hängt. Bei den Alten glich der Staat mehr einem englischen Garten, welcher nach Kant die freie, aber ins Enge gezogne Natur sein soll; bei den Neuern gleicht er öfter einem französischen, welcher nach le Notre Le Notre war bekanntlich ein Deutscher; daher sein französischer Name: der Unsrige. (Sogar diese historische Note litt der Zensor nicht.) eine wachsende Baukunst ist. Napoleon endigt seine Vorlesungen für Fürsten (wie man seine Kriege nennen sollte), gleich andern Professoren, meistens in einem Semester (Halbjahr). Die Türken trauern blau ; und über sie und die jetzigen Griechen trauert der Himmel auch blau. Der erste Juli gibt die aus Raum-Mangel unterbrochene Fortsetzung der ausgestrichnen Zensor-Stellen . Hier nur einiges daraus: Zwar Büttel, aber nicht Schulmeister standen schon in Adreßkalendern, obgleich diese früher und länger mit dem Stocke lehren und prügeln als jene. Wahrscheinlich aber will man das Schul-Amt einziehen oder doch zu einer Vakatur-Stelle machen, welche der Büttel nicht mit versieht. Politische Preßfreiheit und große religiöse Preßfreiheit sagen in der Geschichte fast einen entgegengesetzten Kurs ihrer Gegenstände aus. In Zeiten der Vaterlands-Wärme ist die politische Freiheit sehr groß; in Zeiten der Religions-Kälte ist die religiöse Preßfreiheit noch größer. Der erste August bringt: Stammbuch des Teufels . Da das Stammbuch künftig als ein dickes Buch erscheint und noch dazu in Klein-Queir-Folio: so kann das künftige Morgenblatt daraus nur einige Proben aufnehmen, von denen ich im jetzigen hier wenige Proben gebe. In dieses Album des Schwarzen haben sich neu – was erst in des Verf. Vorrede dazu begreiflicher wird – Menschen aus allen Ständen und Zeiten – denn der Teufel geht seit Jahrhunderten damit herum und hausiert noch fort – eigenhändig bei ihren Lebzeiten hineingeschrieben, und mit einem solchen Anstand fremder Sprachen und Handschriften, daß ich es mit keinem ähnlichen Buche, selber nicht mit dem Vaterunser vergleichen möchte, aus und in welchem Adelung alle Sprachen in Proben dargestellt hat. Denn alles durcheinander steht darin, Teufels Gönner und Widersacher – z. B. dessen Großmutter als Verwandte wie gewöhnlich vornen – Thomasius – Dr. Luther – Gréwiert – der Erzengel Michaelis (aber in sehr unleserlichen Charakteren) – Dr. Semler – Peter Breughel – David – David von Schottland – beide Carraggios – Shakespeare – Ivan Basilovirz – Tibull – Paul I. – ich, Meusel, Goethe, nebst vielen noch lebenden Gelehrten – Leibgeber – Judas Ischariot und Robespierre (bei welchen beiden einer, wahrscheinlich der Franzose, das alte Sprichwort beigesetzt, da sie auf einer Seite stehen: jungit pagina amicos) u. s. w. Einige davon mögen am ersten August, wo nach alter Sage der Teufel vom Himmel geworfen worden unter uns auf die Erde herein, in meinen schwachen Übersetzungen da stehen: Wie die Schnecke bei jedem Anstoße ihre zwei schwarzen Such- und Fühlpunkte zurückzieht und verbirgt, sie aber im Freien weit vorträgt: so ziehe jeder den Flecken oder ein ganzes schwarzes Herz zurück bei Unglück; bei Glück aber tast' er damit herum und zeige alles keck. London 1649 Damit will sich seinem Protektor empfehlen Oliv. Cromwell. Stehet ihr auf dem Glatteis des Hofes gefährlich, so streuet nur Asche von Häusern und Pfälzern Bekanntlich entzündete der Minister Louvois den Krieg von 1688, worin er die Verwüstung der Pfalz anordnete, um sich dem ungünstigen Louis XIV wieder notwendig zu machen. darauf: dann steht ihr fest; so will es der Polizei-Lieutenant. Paris 1690 Ewig der Ihrige Louvois. Die Grenzgötter sind ohne Arme und Beine abgebildet, sie können also weder (nec) streiten noch (nec) fliehen; daher trage diese Götter selber über die Grenzen und über jeden Rubikon hinweg und setze sie dann nieder, wo du willst, etwan an den Herkules-Säulen. Romae. Dem bösen Genius zum Opfer Julius Cäsar . Die Thronen sind jetzt auf der ganzen Erde kriegerisch-schön, gleich Vulkanen, verknüpft; so wie diese Vulkane immer in Verbindung Feuer speien, so geben sie Feuer meistens in allen vier Weltteilen auf einmal, und auf dem Ozean dazu; ein erhabner Anblick! London 1802 Auch dafür sei Ihnen Dank, hoher Fürst der Finsternis! Lord ...... Sollte wohl der Mensch erst eine Paradieses-Schlange zu seiner Vergiftung brauchen? Kann er nicht so gut wie die Klapperschlange, wenn sie sich beißt, sich selber vergiften? Nie, mein Teufel, werd' ich die Stunde unserer ersten Bekanntschaft vergessen! Schriebs zum Andenken Baireuth 1807 Jean Paul Fr. Richter . Der Michaelistag des Septembers bringt: Der wiedergefundne »allzeit fertige Banqueroutierer« von Rabener samt meiner Einleitung. Da der Verf. schon seit Jahren bei allem Verlust, den Dresden durch die Belagerung von Friedrich II. erfuhr, den größern am meisten bedauerte, welchen Deutschland durch das bis jetzo vorausgesetzte Einäschern der genannten letzten und gewiß besten Rabenerischen Satire erlitt, besonders da bei diesem sich im dornigen Gradierhaus des Alters das satirische Salz immer reiner und schärfer anhing: so hatte der Verf. über die (wahrhaft wunderbare) Errettung und Erkaufung dieser Rabenerischen Satire eine so große Freude, als hätt' er das köstliche Stück selber gemacht. Deutschland soll ihm danken, meint er. Nur so viel aus der Einleitung: »Gewiß genießen wir alle diese alte Satire über Bankerutte jetzo reiner, ohne bittere Beziehungen, kurz nur als unbefangene Liebhaber eines Kunstwerks, da wir seit Rabeners Zeiten Falliments so wie Selb-Falliments (Selbstmorde) und Unehelichkeit etc. im viel gerechtern und mildern Lichte erblicken. Wenn sonst der arme Banquerutier Steine und Hunde tragen mußte: so wird jetzo besser sämtlichen Gläubigern diese Schulden-Last verteilend aufgelegt; und die leeren Beutel, womit sonst Jungen den ohnehin leeren Zahlunfähigen durch die Gassen ordentlich recht zu seiner Schande verfolgen mußten, halten zu Hause nur dessen Gläubiger in der Hand. Quistorps Beiträge 1. B. 1780. Aber besonders gehört es unter die wenigen Wohltaten der Kriege, daß man leichter falliert und – ich wag' es zu sagen – nicht ohne Ehre, komme letzte auch nicht sogleich. Was dem Wort- und Bankbrüchigen so unentbehrlich ist als dem Trauerspielschreiber, nämlich gute glaubliche Unglücksfälle, um mit ihnen, wie dieser, eignen Schrecken und fremdes Mitleid zu reinigen, kurz, jedes zur Herstellung einer guten Konkursrechnung nötige Unglück liefert der Krieg nach Wunsch; leicht ist durch fremde Truppen das Alibi des Geldes zu bezeugen; leicht schließen mit den Häfen sich die Kaufläden, und Kriegs-Compagnien sprengen Handels-Compagnien, nicht aber Kriegsreiterei die Wechselreiterei. Im Oktober oder Weinmonat falle eine Schlacht vor, so ist aus ihr im nächsten oder Wind-Monat so viel (bisher latenter) Land-Wind zu entbinden, als nötig ist, um für den See-Wind zu entschädigen, der keine Schiffe mehr zubläset. Matthey zu Turin Busch Handbuch der Erfindungen. B. 8. Artikel Windbüchse. erfand Windbüchsen, welche man auf einmal zu achtzehn Windschüssen lädt durch Gas-Entwicklung, wenn man in ihrer Kammer bloß 2 Unzen Schießpulver abbrennt. Wahrlich aus einigen verflüchtigten Pulver-Zentnern einer Schlacht getrau' ich mir so viel Wind für dreißig Bankerutierer auszuziehen, daß ich noch genug davon für ebenso viele Zeitungsschreiber übrig behalte. Ist der Krieg das Mausern (die Mauße) der Menschheit, worin ihr die alten Federn ausfallen oder sonst ausgehen (und wär's durch Ausrupfen): so geht dem entfiederten berupften Kaufmann so gut das Gedächtnis seiner Wechselbriefe, Versprechungen und so weiter aus als jedem Falken in der Mauße alles in schlaflosen Nächten Erlernte. Besonders tut hier der Buchhändler in der Mauße das Seinige und Nötige – spielt zweimal jährlich zur Messe eine Malefiz-Komödie gegen seine Mitspieler – hilft dem reinen Ertrag etwas durch unreinen nach – wird aus Mangel an Absatz schreibender Seelen der Seelenverkäufer seiner eignen armen Seele und verschreibt sie durch Verschreibungen und durch jeden doppelsinnigen Schuld- Schein – und verkauft mir kurz nach dem Fallissement das Manuskript von Rabeners Satire darüber; denn letztes hab' ich wirklich von einem falliten Buchhändler in Sachsen.« Der 14. Oktober bringt: Erziehanstalt für Embryonen und Fötus von Stande . Die Vorrede sei hier Vorschmack: »Wie sehr den höhern Ständen die stärkere Leibes- und oft dadurch die Geistes-Beschaffenheit täglich einschwinde und einschrumpfe, dies zu zeigen, hieße am unschicklichen Orte einen Wagenzug von Krüpelfuhren aufführen und am Ende doch mehr Lachen erwecken als Mitleid. Genug, daß bloß die Rüstigern daraus noch abgemagerten verdrüßlichen Löwen gleichen, welche in den Eismonaten des gefrornen Deutschlands hinter Gittern zur Schau herumgefahren werden – andere dagegen sind, zumal auf der Rückreise von einer Residenzstadt, wahre Bart- und Haarsterne, welche, von der Sonne zurückkehrend, ihren Kern in Nebel und Schweif aufgelöst mitbringen – einige werden zum zweiten Male Embryonen und erhalten sich, wie totgeborne, nur frisch in Gläsern voll Spiritus – ja viele sind kaum. – So sehr will, anstatt daß bei ältern Völkern der längste stattlichste Mann der vornehmste und regierend war, hoher Adel gegen niedern in Rücksicht der Statur und Zelle fast die Beinamen auswechseln und glaubt die Zahl der künftigen Ahnen durch die Menge der vergangnen zu ersetzen. Überhaupt ist jetzt sogar Reichtum schon halbe Krankheit, und junge reiche Kaufmanns-Söhne schreiben auf Reisen das alte Sprichwort so: quod habet in crumena, luit in corpore; d. h. wer Geld hat, kann so gut als irgendein junger Engländer halb tot und halb sichtbar nach Hause kommen. Welches Heilmittel gibt es denn dagegen? Keines, wenn bloß von sichtbarem Adel die Rede ist. Stets werden Zeit und Geld und Sucht den Geist und Bauch so warm und weich von Innen und Außen wattieren, daß er, gesetzt in derbe, frische, freie Luft, dann kränkelt und schauert und schimmelt und rostet. Aber ist denn kein unsichtbarer Adel, nämlich ungeborner, mehr zu haben, gleich der unsichtbaren Kirche? Kann nicht außerordentlich viel für vornehme Embryonen und Fötus getan werden? Allerdings; aber hiezu muß man die Mutter haben und auf sie wirken, und zwar auf eine neue Weise. Denn was einige Mütter bisher nur versuchsweise getan, um der Nachwelt kräftigere Ritter, als die nächste Vorwelt nachgelassen, zu bescheren, indem sie die vom preußischen und französischen Gesetzbuch verbotene Nachfrage und Forschung nach Vätern (la recherche de la paternité est interdite) bloß für sich zur rechten Zeit, nämlich in der unschuldigen, in der Ehe anstellten, diese mütterliche Vorsorge wollte, so viel man sieht, so wenig fruchten und anschlagen als eine ähnliche ihrer Eheherren für Ammen; denn ein Jupiter als Vater, eine Juno als Amme reichen der Welt noch keinen Herkules, sondern erst eine ehrliche gute Hausfrau Alkmene tuts. Die ersten neun Stufen-Monate bilden die künftigen Stufen-Jahre; und aus dem neunmonatlichen Antichambrieren des Lebens fliegt oft dem kleinen Wesen ein Neuntöter durch alle Jahre nach, welcher beißt und spießt Der Vogel Neuntöter spießt bekanntlich seinen Raub von neun Insekten immer an Dornen. und frißt. – Aber wie werden die armen Personen von Geburt behandelt vor der Geburt, d. h, von ihren Müttern, der Väter zu geschweigen? Eben zehnmal schlimmer, als es dieselbe Dame nach der Geburt einer Amme zuließe; denn welche Amme dürfe mit dem kleinen Cavalier oder Stammhalter an der Brust auf eine Weise, wie die Mutter mit demselben unter dem Herzen vorher getan, so walzen, so karten, so Abendessen, so trinken, so wachen, so brennen (liebend oder zürnend), so nichts-tun; indes gleichwohl die Amme in weiterer, mehr gleichgültiger Ferne von dem Edelmännlein oder Fräulein steht; denn eine Ziege ist wohl leicht eine Göttin-Amme, aber keine Menschen-Mutter. Gerade im schnellesten heftigsten Entwickeln und Wachsen des noch Ungebornen, das schon im zweiten Monat abnimmt, führen die Mütter ein Leben, als hätten sie für kein zweites zu sorgen, und opfern ihren Stunden seine Jahre. Könnt ihr nicht, sagte jener größte Lehrer zu seinen Jüngern, eine Stunde mit mir wachen? Könnt ihr nicht, sagen seine Lieblinge, die Kinder, zu ihren Müttern, neun Monate lang Mütter sein und unsern tiefsten Schlaf bewachen? Nach allem ist demnach eine Erziehanstalt für Embryonen nichts als eine für Mütter. Diese will ihnen ein günstiges Schicksal jetzo durch mich bescheren. Ich bin nämlich so glücklich, eine schöne Wohnung, schöne Gegend, die gehörige Dienerschaft und Gerätschaft für Damen-Erziehung zu besitzen, und dadurch instand gesetzt, für alle Embryonen und Fötus von Stande, denen an ihrer Bildung gelegen ist, etwas zu wirken, indem ich bloß Damen guter Hoffnung, sowohl des hohen als des niedern Adels, von den 16schildigen an bis zu den 4schildigen, in meine Anstalt aufnehme und solche durch die zweckmäßigste Behandlung – ein Gemahl soll nicht mehr tun können – in den Stand setze, daß jeder Fötus von Geburt, bis zum baronisierten und hochgebornen Embryon hinauf, nachher, sobald er das Licht der Welt erblickt, schon selber als ein halbes Licht der Welt erscheint und in spätern Jahren mich (unverdient genug) für ein ganzes ansieht und mir ewig für das Vor-Schnepfenthal seines Daseins dankt. Man frage nicht, nach welcher Methode er bei mir die erste Neuner -Probe des Lebens so glücklich aushält. Genug der adelige Fötus wird – sei er ein reichsadeliger, gräflicher oder nur leontischer – außerordentlich, ohne daß er etwas davon weiß oder sich anstrengt, geistig geübt und gestärkt durch seine Mutter, indem ich keine Kosten schone, damit in der ganzen adeligen Schulpforte kein Spieltisch zu finden ist, kein Tanzsaal, keine französische Küche, kein italienischer Keller und kein Liebhaber (denn ich selber erhöre auf Ehre keine und bleibe exemplarisch schon als Schutzheiliger und heiliger Vater so vieler Embryonen; denn Bildungvorsteher und Adels-Ephori müssen sich hierin viel versagen). Arbeiten müssen sie, die Damen, und fast über ihr Vermögen; denn jede muß wechselnd die andere bedienen und diese jene, sie muß deren dame d'atour oder du palais, deren erste Kammerfrau und Wartfrau sein; eine herkulische Arbeit, welche ihnen zugleich einen kleinen Vorschmack von der Hiobischen Geduld ihrer Kammerjungferschaft beibringen kann. In allen Zimmern sind – um auf ihre Phantasien durch schöne einzufließen – die tugendhaftesten und tapfersten Handlungen aus der ganzen Geschichte aufgehangen in guten Kupferstichen, teils in punktierter Manier, teils in geschabter; auch sie selber müssen von Zeit zu Zeit edle Handlungen malen oder sticken, es sei mit Plattstich oder tambouriert; besonders werden die gemeinen häuslichen Tugenden zu Stickmustern vorgelegt, da der Fötus, den man zu bilden hat, ja ihres Geschlechtes und eine Fötussin sein kann. Alles dergleichen hört natürlich auf, sobald die Dame niedergekommen ist; sie kehrt dann aus der Anstalt an ihre vorigen Nach-, Nacht- und Spieltische zurück und überliefert wie gewöhnlich, aber mit dem frohen Bewußtsein, eine Mutter gewesen zu sein, ihr Kind den Händen einer ebenso treuen Dienerschaft von der Amme an bis zum Hofmeister ...« Darauf geht der Plan noch tiefer ins Bestimmte und zeigt, daß es der Ernst des Verfassers ist, nicht einer von den Autor-Scherzen, welche man ihm und er sich täglich abzugewöhnen sucht mit so schlechtem Erfolg. Der erste November oder Allerheiligentag bringt: Was hat der Staat bei großen Sonnenfinsternissen zu tun? Diese eigentlich für die Polizeifama geschriebne Aufsatz stellt einige Dutzend Spitzbuben- und H-Streiche historisch voraus, welche unter einigen zentralen und ringförmigen Finsternissen von den Menschen begangen worden. Die Nacht, nach den Alten sonst die Mutter der Götter, gebiert jetzo im Alter mehr Teufelchen; wie Raubtiere heben in ihr die schwarzen Laster sich aus ihren Höhlen auf, und die giftigen Nachtschatten des Herzens blühen. Aber auch sogar eine allerkürzeste Intermezzo-Nacht ex tempore kann im jetzigen Kaperjahrhundert der Armut und des Reichtums dem Staate gefährlich werden, wenn eine ringförmige Finsternis den Spitzbuben und H- in Residenzstädten den Ring des Gyges leiht. Bloß in Neapel traf man bisher einige Polizeianstalten gegen die Diebe aus; ein schöner Zug dieses Landes. So dient ordentlich eine Sonnenfinsternis zum Entwerfen von Landkarten sowohl in sittlichem als in geographischem Sinne. Der Verfasser schlägt daher vor, daß man ordentliche Nachtwächter, so wie Patroullen, in solchen Durchgang-Nächten anstelle, umso mehr, als darin aus Knauserei der Kammern keine Laternen brennen. Ferner verlangt er, daß man die Sonnenfinsternis einige Stunden vorher ausrufen und ausklingen lasse, damit jeder sich vorsehe; und endlich, daß man geschärfte Strafen auf solche nächtliche Einbrüche setze, welche der Spitzbube wegen der Einschieb-Nacht so gern für tägliche ausgibt durch seinen Verteidiger. So möchte etwan Schandtaten so sehr gesteuert als Ehrentaten vorgearbeitet werden; denn die jetzigen Menschen sind leicht edel und lieben leicht Staatwohl, sobald man sie mit Person-Weh bedroht, und sie gehen in sich, sobald am Horizonte nur ein Stückchen Rabenstein oder ein halber Polizeikopf sich erhebt; so daß der Rabenstein, wie mehre Ernähr-Anstalten, seinen Namen-Zweck erreicht, wenn er den Raben nichts zu speisen läßt, dadurch daß er die dazu gehörigen Menschen gleichfalls verhindert, sich auch als Raubvögel zu beköstigen. Noch unbeantwortet von Juristen ist die Frage des künftigen Aufsatzes: was hat, da sonst Nachtboten doppelten Lohn erhalten, ein Kammerkollegium wohl den Boten Überschuß zu zahlen, welche mitten am Tage in eine Sonnenfinsternis, also in eine Zwergnacht geraten? – Aber die Antworten der Kammerkollegien ist längst da: »Keinen Heller mehr!« – Zu Deutschlands wahrem Glücke hat es gerade im Jahre 1810 keine Monds- und keine Sonnenfinsternis zu befürchten; und es bekommt dadurch zu seinen jetzigen Ähnlichkeiten mit dem Planeten Mars eine mehr, welcher in keinem Jahre dergleichen erlebt. Der 31. Dezember des Jahres 1810 gibt: Mein Erwachen auf dem Sylvester-Ball im Casinosaale . »Obgleich« – so fängt der Beitrag selber an – »die Toten- und Wiegenfeste der Zeit, die jährlichen Erinnerungen an das irdische Hinunterfliehen, ernster und mit anderer Vorbereitung gefeiert zu werden verdienen als durch einen Vor-Tanz in der letzten Jahres-Nacht und durch einen Nach-Tanz am ersten Neujahrs-Vor-Morgen und durch elende Abspannung am Neujahrstage: so mache ich es doch wie andere, ich gehe auch auf den Ball im hiesigen Casino-Saal, teils um das Fest mit einem Mitgliede mehr zu schmücken – teils um mich da niederzusetzen und in jenen köstlichen Schlaf zu fallen, welchen allein zweckmäßige Tanzmusiken bescheren – teils um nach 12 Uhr von Trompeterstößen aufzufahren und mich ins allgemeine Küssen zu mischen und einer kurzen halbtrunkenen Lieberklärung der sonst immer Krieg erklärenden Menschen zuzuschauen und beizutreten. Dies tat ich denn auch in der Sylvesternacht (1810); ich setzte meine Doppellorgnette auf und versank bald hinter ihr (Musik und alles waren erwünscht) in meinen gewöhnlichen Schlaf; ich tue gern hinter Brillen, wie andere vor Nachtlichtern, die Augen zu. Ich mußte aber träumen, und zwar wie folgt: Ich sei – kam mir vor – niemand anders als der sizilische Prinz Januarius Karl Franz Joseph Johann Baptista Anton Ferdinand Kaspar Melchior Balthasar Franz de Paula Kajetan Agnello Raimund Pasqual Zeno Julius Johann von Nepomuk. So hieß wirklich der zweite Prinz von Sizilien. S. die ältere Berliner Monatschrift B. 3. S. 286. Um mir aber noch mehr Namen zu machen und überhaupt einen langen, stellt' ich mich an die Spitze meiner sizilischen Armee und kommandierte gegen die Franzosen. In der linken Hand einen Sturmbalken oder Sprengblock, in der rechten einen Parisien, in allen Taschen Taschenpuffer, an beiden Hüften Hieber, focht ich wie verzweifelt und tat sieben Wunder auf einmal; denn ich stand auf einem Telegraphen-Turm und kommandierte und focht (die Telegraphen waren meine Adjutanten) so glücklich, daß ich (nach wenigen Generalstürmen auf Generale) den Feind, in einer Entfernung von achtzig Meilen von mir, mit dem Handgemenge meiner Leute schlug und verfolgte; in der Tat ein ganz anderer Sieg, als wenn man den Feind, den man niedermacht, schon vor der Nase hat. Indes machte mich dieses Glück so verwegen, daß ich, sobald ich auf dem fünften Telegraphen erfuhr, mein Heer wende sich um, und auch das feindliche, und jage meinem nach, daß ich mich, sag' ich, ganz vermessen, ohne mich an meine Prinzen-Wichtigkeit zu kehren, und wenig erwägend, wie sehr ein Feldherr mit seiner Unersetzlichkeit zugleich ein ganzes Heer aussetzt und bloßstellt, vom Turme herabbegab und mit fürchterlichen Sommerdegen in den Händen, Kolleradern vor der Stirne, Mauerbrechern an den Seiten, mich mitten ins Schlacht-Gewühl hineinsteuerte und herauswürgte ... Freilich hatte am tollkühnen Traum und Kommando auch der Tanzsaal Schuld, indem ich die forthopsenden Kolonnen im Schlafe für antrabende Kavallerie-Kolonnen ansehen mußte – das Händeklatschen der Anglaisen für Kleingewehrfeuer, und den ganzen Tanz für Waffentanz ... Plötzlich brachen Tanz und Musik ab, und aus der Stille fuhren Trommetentöne wie schmetternde Leichen auf: – es hatte 12 Uhr geschlagen, und das alte Jahr war vorüber. Und dadurch mein Schlaf; aber meinen närrischen Traum schleppt' ich ins neue hinein: ich sah mich noch am ersten Januarius als kommandierenden fechtenden Prinzen Januarius Karl Franz u. s. w. an, worin mich das allgemeine Jahres-Getümmel mit Recht bestätigte; denn ich hielt das allgemeine Umarmen für heftiges Kriegbalgen – das Hände-Fassen für Gefangen-Nehmen – das Prost-Neujahr für Feldgeschrei unter der Kriegmusik – die Herren für schwarze Husaren und die Damen für die Partei der weißen Rose, die ich gegen die der roten anzuführen hätte. Noch wachend so keck wie im Schlafe, werf' ich mich mitten ins dickste Gewühl der Schlacht und halte – da an mir nichts bewaffnet war als das Augenpaar – die nächste Weinflasche am Halse als Handgranate und will anführen, anfeuern und feuern ... Wahrlich es waltete ein günstiges Schicksal über den Casino-Saal, daß mich in dieser Stimmung und mit meiner Handgranate in der Hand (auch im Kopfe hatt' ich Granaten) kein schwarzer Husar zu hetzen versuchte – ich möchte als Mars ihn ungewöhnlich umhalset haben –, sondern daß eine weißgekleidete schöne Freundin, schon dem Tauf-Namen nach zur Rosenpartei und mir gehörig, mit ihren Händchen die meinigen zu umarmen suchte. Dies brachte mich auf einmal ins Wachen und ins neue Jahr zurück, und ich holte, so unversehens aus dem Kriege mitten in den süßen Frieden geschwungen, feurig und freudig jeden Kuß und Handdruck der Liebe-Feier nach. Sogar einigen von gutem Adel, welche ich vier Jahre lange nicht wohl ausstehen konnte, drückt' ich im neuen Händchen und Faust. Die Zeit und die Musik erhoben jeden über den gemeinen Boden der Verhältnisse. Die Worte löseten sich so leicht und frei aus der Brust wie die Töne sich von den schweren Instrumenten los. Der kurze Rausch der Liebefeier, der Anblick einer einigen und seligen Gesellschaft gab mir den Wunsch und das Gemälde eines jubelnden Volkes anderer Zeit; und ich dachte, wenn schon der Haß Menschenmassen zur Begeisterung auf einem Schlachtfelde verknüpft, wie erst Liebe und Glück sie zu größerer in einem Lustlager und Lustwalde! Aber freilich bis hieher haben leichter die Völker gemeinschaftlich gefeuert als gefeiert. Ich machte mir daher alle fremden Entzückungen zunutze, d. h. zu meiner eignen, und gewann mehr dabei als Schlachten; ohne Tränen legt' ich meinen sizilischen Zepter und Kommandostab nieder gegen einen Fächer, den ich so lange einstecken mußte, als das liebe Mädchen tanzte. Damit mir aber nicht der gemeine, meistens in der Nachmitternacht verwildernde Tanz jetzo wieder den Kriegtanz vorspiegelte und die Quadrillen die Quarrées: so ging ich davon und begab mich draußen – so weit die Augen gehen konnten – in den reinen frischen Sternenhimmel, in welchen ich in der Neujahrnacht am liebsten schaue, gleichsam in das weitoffne Prachttor des ewigen erleuchteten Weltgebäudes. Der schwüle West hatte sich seit 12 Uhr, wie die Winde in den beiden Wende-Zirkeln des Tages tun, in einen frischen Morgenwind verkehrt, der wie ein Atem der Aurora verjüngte und erfrischte. Von weitem hört' ich die Töne wie Echos nach, und die weißgekleideten Jungfrauen wurden glänzend und zu fernen Sternbildern, und ich war mit mir und den Menschen ein wenig zufrieden. Bekommt nur (wünscht' ich noch auf der Gasse) die längere Freude nicht bloß, wie heute, in einer langen Nacht, sondern auch an langen Tagen; genießt als eure Selbst-Friedensfürsten den Frieden des künftigen Jahres recht aus, in welches nicht einmal für uns Mond- und Sonnenfinsternisse einfallen, ordentlich unser Glück vorbildend; denn der größte Erdschatten, den unser Weltkügelchen in den Himmel wirft, ist der Krieg. Dies wünsch' ich euch zum neuen Jahre 1811.« – –   Dies sind die schwachen Weinproben von den Aufsätzen, welche der Verfasser im Jahre 1810 liefern wird, nur den vorigen zwölften ausgenommen, da dieser schon vollständig hier steht und man daran statt bloßer Vorschmäcke schon Geschmack findet. Auch brauchen wir, beim Himmel! vor der Hand erst Wünsche für das nächste 1810; wie denn der Aufsatz selber in seltsamer Verwechslung beider Jahre nur für das nächste passend etwas anwünscht. Und wer hat denn noch von uns den Sylvesterball von 10 erlebt? ja wer nur den von 09? Nicht einmal der Verfasser selber, weil er wie gewöhnlich alles schon vor dem Abdrucke niederschreibt. Bis zum Ausgeben des Morgenblattes aber kann gegenwärtiger Verfasser dahin sein – oder mehr als ein Abonnent – oder der Setzer – oder der Zensor – so daß wir sämtlich dort droben am Sylvesterabend schon bessere Sachen schreiben – oder kaufen – oder setzen – oder ausstreichen, als die vom Endes-Unterzeichneten je gewesen. Jean Paul Fr. Richter X. Des Gehurtshelfers Walther Vierneissel Nachtgedanken über seine verlornen Fötus-Ideale, indem er nichts geworden als ein Mensch Diesen Aufsatz – zu dessen Höllen-Breughelianismus ich durch Zustufung vermittelst des vorigen Aufsatzes den Leser mildernd geführt – werf' ich als Eris- und Eva's-Apfel her, um still zuzuhören, wie tausend Kunstrichter darüber streiten und fechten, wer ihn wohl gemacht, ob Leibgeber, oder Katzenberger, oder Vierneissel, oder ich. – Die Tatsachen übrigens, welche das schnelle Wachsen des Fötus und die erste Gestalt seiner Glieder betreffen, sind wörtlich- und arithmetisch-genau und wahr, und jeder kann die Belege in Hallers großer Physiologie und in allen anatomischen Lesebüchern finden. Denn jetzo, da ich die Ideale zu betrauern anfange, werd' ich wohl nichts Neues mehr aus dem Alten, sondern bleibe – wie die anatomischen Vorschneider der Physiologie den Menschen gut genug definieren – das einzige Tier, das ein Paar Hinterwangen hat, worüber noch dazu ohne Not die Vorderbacken erröten wollen. Bekanntlich unterscheiden wir uns von den Affen nach den Naturforschern auf diese Weise von hinten. O ihr edlen Jünglinge! fahren und wachen eure Träume einer idealen Zukunft bloß zu einem prosaischen Gähnen der Gegenwart auf: so weinet mit mir und nehmt mein Schnupftuch; auch mir sind herrliche Träume zu Wasser worden, die ich als Fötus gehegt, und das Ende des längsten Schlafes war das Ende des schönsten Traums gewesen. Ich hatte so viele Gründe – als ich nachher angeben werde –, zu träumen, was ich einst müßte in der Welt werden, wenn ich in sie käme durch die Geburthelferinnen; nämlich auf dem Lande ein Jupiter, auf dem Meere ein Neptun, im Eden-Garten ein Gartengott, kurz immer der Orts-Gott, der Gott loci ... den Geburthelfer Vierneissel schreib' ich jetzo. Noch dazu waren meine Träume mehr Schlüsse; und es muß, wenn ich fortfahre, was nur Fötus gewesen, fast in Erstaunen setzen über das Wenige, was man wird, aus einem Fötus etwa höchstens ein Schriftgelehrter oder ein Schriftsässiger – ein Oberbeichtvater oder ein Beichtsohn dessen – ein Feld- – ein Bart-Scherer – ein Ritt- – ein Deutsch- – ein Wild-Meister – ein Fuhr- – ein Edel-Mann – ein Meß- – ein Geburt-Helfer – kurz jedenfalls ein Mensch. Aber wie anders und größer sind die Aussichten eines Punctum saliens, Embryons, Fötus! – Ich mochte kaum zwölf Stunden alt sein vor meiner Geburt, als ich schon aus einem entschiedenen Nichts ein großer Kopf geworden war, und noch dazu ohne alles dumme hors d'oeuvre von Rumpf. Ich war ganz Kopf; – und war, wie die Vollkommenheit und Ewigkeit sich abbildet, nämlich zirkelrund; dies ließ auf Zukunft schließen. Meine Mutter vergaß über mich (so sehr wußte meine Erscheinung sie einzunehmen) Essen und Mann, ja meine erste Gesellschaft machte ihr jede andere zum Ekel, und die erste Bewegung, die ich wie große Feldherrn auf dem Kontinente erregte, war die umgekehrt-peristaltische, die zum Übergeben zwingt. Nach einigen Tagen stieß zum Kopf schon ein gutes Herz – kein drittes Glied saß weiter an mir pium corpus –; ich konnte folglich, wenn beide sich so fort ausdehnten, als sie angefangen, ein Doppellauter von Enzyklopädisten und Madonna zugleich, ein Doppelchor von Argus und Engel werden, wenn nicht sechsmal mehr. Ich staunte mich ganz an, als ich mich nach zwei Wochen schon so groß fand als ein Hirsekorn; und nach fünfen gar als eine Bohne; fährt diese seltene Streckbarkeit, sagt' ich, nur erträglich fort (wie sie denn auch neun Monate fortfuhr, indem ich von 1 / 100000 ch Gran bis zu 500,000 Granen Gewicht aufwuchs), so stichst du einst mit dem Kopf über den Dunstkreis hinaus und hast den Wolkengürtel um den Magen als Pelzweste; der Riese Og müßte dann den Riesen Goliath ziemlich in die Höhe halten, wenn er, da er ein Zwerg ist, dir die Hand küssen wollte. Mein Rekrutenmaß ist jetzo 4½ Fuß und ein Strich. Wenn nun gar, dichtete ich weiter, ein körperlicher Mikromegas deiner Art zugleich Titan an Kopf und Herz ist: so wollt' ich wetten, kann ein solches achtes Wunder der Welt Wunderwerke verrichten, alle Männer erleuchten, alle Weiber erwärmen und jeden, ders nicht haben will, tottreten. – – O Blütenträume der einzigen kurzen Fötus-Zeit, welche Schiller in seinen Gedanken über die verlornen Ideale so blühend und blätternd besingt! In der siebenten Woche stieß ich, nachdem ich lange darnach gegriffen und gefußet, leicht zwei Arme und zwei Füße aus mir vor und konnte damit bequem nach fremden Dingen greifen und fußen. In der neunten sah ich aus (die Vollkommenheit-Zirkel waren schon quadriert) wie ein Mensch im Kleinsten und wie ein Mann dazu; ich schloß sofort auf Geschlecht überhaupt und auf meines partiell und beharrte nachher bei demselben. Himmel, bedenk' ich, mit welchen langen Anstalten alles, was ich mir in der siebenten und neunten Woche mit kurzen angeschafft, auf der Erde wieder restauriert (ergänzt) wird: so hab' ich in der Tat meine Gedanken darüber! In diese Zeit mocht' es fallen, daß sich mein Kopf umsah und vorfand, wie sich ein Rumpf, fast so groß als er selber, unter ihm anschieße. Wahrlich eine solche windige Wirklichkeit, als jetzo wirklich um uns her in derselben existiert, daß der Rumpf sieben Kopflängen und der Kopf nicht mehr als seine eigene einzige mißt, dergleichen fällt keinem verständigen Fötus auch nur ein, der vielmehr vernünftig so schließt: »Ist jetzo am runden großen Menschenkopf der Leib nichts weiter als der dünne Stiel an einem wahren Reichs- und Schönheitsapfel; verhält sich vollends das Herz im ganzen wie 3 zu 2: so ist der Fötus ein Ausbund und kann Großes aus sich machen.« Das Große sieht man, wenn man geboren wird und reift. Wägt nur das Herz eines erwachsenen Hundertpfünders als ein vergrabenes Pfund Fleisch-Gewicht, oder zählt dessen spätern Andanten-Schlag gegen das Fötus-Prestissimo – man nehme z. B. meines –: so ist leicht begreiflich (da das körperliche Herz die Kapsel des geistigen ist), wie ich jetzo imstande bin, gegen ganze Menschen-Regimenter entschieden kühl zu sein – gegen einzelne Individuen mich zu erhitzen mit Zornfeuer – viele bei den Ohren zu nehmen, ja manche hinter solche zu schlagen. Ist dies aber das Herz, das sich ein Fötus verspricht? Aber ordentlich, als sollte ein junger Mensch im Uterus überall zum lügenden Vor-Nativität-Steller seiner selber werden, nicht einmal als diseur de mauvaise aventure behält er Recht, sondern weissagt, wie Jonas, Böses, ohne zu treffen. Ich halte mich hier nur an das bekannte tierische Schwänzchen, das ich, wie alle Menschen, in den ersten Monaten getragen Am Rückgrate des Fötus erscheint das Steißbein (os coccygis) aus Mangel an Fleisch in der Gestalt eines kleinen Schweifs. und das man noch findet an mehr toten Exemplaren in Wein-Geist. Anfangs will ein solcher Exponent eines Tiers – gleichsam ein prophezeiender Schwanzstern-Schweif – einem gebildeten edeln Fötus mit Recht nicht in den Kopf; dadurch, durch den Schweif – so mutmaßt der Fötus vor der Hand – häng' er ja ordentlich mit der geschwänzten Affen-Innung zusammen, und es sei so viel, als häng' er das Schweifchen als Handwerks- und Handels-Zeichen von Tier et Compagnie aus. Mich dünkt, der junge winzige Mensch kann, noch so unbelesen in der Naturgeschichte – von welcher er weniger ein Leser als Paragraphus ist – und bei ebenso kleiner Weltkenntnis als großer Unschuld, aus dem Schwänzchen nie einen andern Schluß ziehen, als daß der tierische Umschweif oder Pavians Namenzug nur gar zu klar seine Erdenzukunft gleichsam mit einer Titelblatt- oder Schlußvignette ansagen wolle. Ich sehe – sagt der stumme Fötus –, daß ich diesen End -Reim (bout rimé) hinter mir an mir habe, damit ich ihn ausfüllen soll mit passenden Gedanken nach meiner Geburt; und der Teufel hol' es! Freilich nimmt später jeder sittliche Fötus – und wer von uns bleibt nicht einer nach der Geburt – das Rückgratschwänzchen als Unehren-Bogen zurück (wie der reifende Frosch das seinige in Hinterfüße verwandelt) und zieht dieses verhaßte Bierzeichen des Tiers, wie ein Mönch-Kloster, ein und kleidets in Fleisch. Wird also ein Mensch später, wenn er geboren ist, ein wahrer geschwänzter Pavian im Leben: so setzt er nur seine Unschuld fort, nicht die kindliche, sondern die embryonische. Wir kehren aber lieber wieder in Mutterleib zurück. Bedenk' ich nun, wie damals und allda meine Wohnung mit mir selber wuchs, und wie schnell dazu – denn im ersten Monat bewohnt' ich nur ein Grasmücken-Ei, woraus ich mich im zweiten in ein Gans-Ei erhob, bis ich im dritten ein Straußen-Ei bezog –: so muß wohl ein Fötus, wenn er denken kann, sich in den Kopf setzen, er werde künftig von Schlössern und endlich in Äther-Schlösser ziehen und von der Beckenhöhle in Dido's Höhle, in Rosenmüllers Höhle bei Muggendorf und in die Höhle des Montesimos, wenn er nicht gar sich schmeichelt, als Weltseele das Orpheus-Ei der Welt zu beseelen. Ein Irrtum, der eben so verzeihlich ist, als wenn der Fötus voraussetzt, daß er einmal, weil er neun Monate lang Schwimm-Stunden nimmt, als der ausgelernteste Schwimmer kursieren werde, und zwar, zufolge des crescendo im Wachsen, als Walfisch. – Im vierten Monat zahnt' ich schon; – ob es mir gleich weder bei meiner flüssigen Kost, noch draußen auf der Welt viel half, weil die Zähne ihr eignes Zahnfleisch zuerst käuen und zerreißen mußten. – Auch mit Gehörknochen versah ich mich, wiewohl noch keine Kollegien zu hören waren, desgleichen mit einer großen Gallenblase, als hätt' ich vorausgesehen, daß ich in eine Welt kommen würde, wo die Ergießung derselben noch zweckmäßiger ist als die des Herzens. Indessen wurde meine Sehnsucht nach der dummen Erde, worauf man nur ein Köter oder Kotsasse des Universums ist, immer heftiger, so daß ich Bekanntlich steht das Kind in den letzten Monaten vor der Geburt auf dem Kopfe. mich deshalb auf den Kopf stellte, teils um meine alten Verhältnisse mit dem H. anzusehen, teils um zu beweisen; daß ich auf meinem Kopfe (Monate lang) bestehen könnte, teils um der vornehmen Erdenwelt (wofür ich sie noch hielt) mich bei dem Eintritte von der höflichsten und wichtigsten Seite zu empfehlen, indem ich den Gesellschaftsalon mit dem Kopf einträte. In der Tat wird Fötibus, die der Welt aus Mangel an Welt zuerst den H. oder die Fersen weisen, die schlechte Lebens-Art schon von Hebammen, diese Türsteherinnen des Lebens (portières), grob genug eingetränkt. Ich tat natürlich, was ich konnte; die neue Welt, in die ich auf meiner Höllenfahrt wie Vespuzius Amerikus fahren wollte, schimmerte und spornte mich unglaublich an. – Ich durfte, wie gesagt, auf Progressen rechnen und zum wenigsten annehmen, ich würde dem Leibe nach so etwas von Heidelberger Faß und Erfurter Glocke im Kleinen, und dem Geiste nach das große, den Seelen-Tag regierende Licht, und nachts eine lebendige Milchstraße. – Überdies wird wohl jedem Fötus, der keinen andern Umgang hat als seinen eignen, am meisten die Zeit lang. Freilich Zwillinge, Drillinge, Vierlinge, die gleichsam schon als Residenzstädter in Klubs und Casinos leben, wissen davon nichts. Aber ein Kron- und Erbfötus, der drei Viertel des Jahres ohne Gesellschaft-Cavaliere und Ehrendamen im Uterus ausharren muß, lechzet nach seinem Hofe; daher ein solcher auch gewöhnlich seiner ersten Langweile mit solchen forderten Eilmärschen entspringt, daß er oft halbtot und (wie jeder Fötus) atemlos und unbrauchbar anlangt. Wir brauchen uns nicht zu übereilen im Beschreiben; – kein Lever, kein Eintritt bei Hofe ist so wichtig als der in eine Erde, wo ja sämtliche Höfe und Vorhöfe wohnen. – Ich tue demnach lieber wieder hundert Schritte zurück, um mich und die Leser so lange im Uterus fest zu halten, bis wir die schafmäßigen Vorstellungen des Fötus von seiner Zukunft durchgegangen haben. Wie gesagt, ich hatte da andere Hoffnungen, nämlich die allergrößten vom Erdleben. Und warum nicht? – Ein Fötus wie ich oder der Leser – im einzigen gesunden warmen Klima ohne Wechsel der Jahr- und der Tag-Zeit wohnend – ernährt wie ein Dorfbettler von seinem Wohnorte – Teil an allem habend, was seine Landesmutter genoß – im eigentlichen Sinne von Liebe umfaßt, mit seinem Herz und Glück am fremden hängend und lebend wie dieses von seinem – dabei ohne alle Nahrungssorge, außer etwan die, daß er zu dick würde, weil er ein solches indisches Vogelnest bewohnte und verzehrte als Mußteil, daß der nachherige Kindtaufschmaus nicht einmal als eine gute Henkermahlzeit ausfiel – – –, ein Fötus, der dergleichen blühende Vorlenze erfährt, gerade im unbesonnensten und feurigsten Lebenalter (denn 15 Jahre später regiert natürlich ruhiger kalter Verstand), der ist freilich nicht der Mann darnach, welcher von der künftigen Erden-Schererei sich etwas träumen läßt. Aber völlig schnappt er über und sieht umgekehrt die leere Erden-Baßgeige für einen Himmel an, wenn er gar über seinen geistigen Wachstum etwas vermuten will. Schon vor neun Monaten mit einigen Sinnen beschenkt, schließt er, was er vollends von künftigen 180 Monaten an Sinnen zu erben habe. Was hofft er nicht für Liebe von dem nähern Zusammenleben mit so viel tausend Seelen, an sie durch ein geistigeres Band geknüpft, als die jetzige Nabelschnur ist! Was verspricht er sich nicht für Kenntnisse von so unzähligen Predigten und Lehrstühlen, Musensitzen, Zeno's-Gängen und klassischen Böden, diese verglichen gegen seine jetzige dunkle delphische Höhle! – Ja ein solcher dummer Fötus (ich verhehle meine Jugendsünden vor der Geburt nicht) folgert sogar, er müsse, wenn er schon als schwaches punctum saliens (Hüpfpunkt) seine billionenmal stärkere Mutter in seiner Gewalt gehabt, draußen noch großstämmiger als sie, in der Tat als Schwungbrett der Menschheit, als ein Mastbaum langer Staatschiffe dahinziehen. – – – Nun, ob ich Mastbaum wurde, wird man messen, wenn ich erscheine! Denn endlich erschein' ich. Mit einem Worte, als ich fühlte, von welchem Gewicht ich wäre, nämlich von sieben Pfunden, betrieb ich viel ernstlicher die Sache – setzte vorher die nötigsten Haare auf, um so halb und halb von Natur frisiert, wenigstens nicht so scheitelkahl in die Welt zu laufen als künftig aus ihr – ich machte mich mobil zum Welt-Feldzug – kurz ich drückte ab zum Königs-Schusse meines Daseins ... Himmel und Hölle! Ich kam auf die Welt! und zwar auf die jetzige hiesige! Zum Teufel! Meinen Eltern wurde ein junger Vierneissel geschenkt! Etwa dreißig oder vierzig Matrosen-Flüche hintereinander (denn diese sollte mein entsetzliches Geschrei vorstellen, weil ich noch nichts von der Landes-Sprache der Erde innen hatte) stieß ich aus zum Exordium und Eintrittkompliment, sobald ich den hübschen Erd-Siechkobel nur in die Augen bekam, vor welchem ich so lange mit blühenden Hoffnungen antichambriert hatte; – nachher gähnt' ich (wie jeder geborne Fötus) abscheulich lange über das Erdboden-Leben; auch noch setz' ich gelegentlich dieses Gähnen in größern feinern Zirkeln fort, um bei allem Schweigen doch offenherzig den Mund zu öffnen und offen zu sein. »So, ihr Erwachsenen?« (dies wollten ungefähr meine Frag-Gedanken sagen) – und auf diese Fege-Feuer-Land seh' ich mich nach neun Honigmonaten ausgesetzt und wie ein junger Hund sofort mit einem den Fötibus ganz fremden Elemente ersäuft, das ihr eure Luft benennt? – Die Mutter wird freilich entbunden, aber wie wird ein kleines Vierneisselchen eingebunden und in rauhe Kissen-Schollen eingesargt, und der Prophet Jonas wird ins Luftmeer geworfen, um das Schiff zu retten?« – Ohne weiteres drückte ich mir, aus Instinkt und ohne einen genossenen Bissen und Tropfen der Tölpelerde, Maul und Augen zu, vielleicht zum Selbstmord, um das künftige Paradies, oder zum Einschlaf, um durch Traum das verlorne zu erobern. Ich wurde verflucht wild; ich konnte mir gar nicht denken – zumal da ich ohnehin nicht dachte –, daß ich, als ein gleich anfänglicher Wunderfötus, nichts weniger werden sollte als das Lübecker Wunderkind, Christian Heineken getauft, das schon im ersten Jahre mehr von der Bibel auswendig konnte, als andere Leute im letzten übertreten oder vergessen haben. Man riß mir später das Maul auf, um mir den Kredenzbecher des Lebens (sowie es der Abschied- und Nachtmahl-Kelch ist) zu reichen – das Arzneiglas, oder unsern ersten wie letzten Löffel – den Medizin-Löffel. In einem Laxier- oder Kindersäftchen bracht' ich den ersten Toast oder die Gesundheit aufs Leben aus. Einige Tage darauf hatt' ich eine neue Promotion und disputierte mich mit vielem Geschrei in der kalten Kirche zum Titularchristen Walther. – – Ich wäre aber von Sinnen, führ' ich so fort, nämlich nicht anderes fort, da ja jeder, der es lieset, selber am Leben ist und folglich dasselbe kennt und stündlich weiter erlebt. Genug, jeder weiß von selber, daß meine Treibhaus-Existenz im Uterus nur, wie schnelles Steigen des Wetterglases, Unbestand und Regenwetter bedeutete. – Aus den ausgezognen Fötusschuhen fuhr man in die Kinderschuhe. – Statt der obern Glieder wuchsen auf dem Erdboden (nach allen Zergliederern und nach Martini) mehr die untern bis ins 21te Jahr. – Auch von innen wollte der Kopf nicht erheblich schwellen; Jahrlängen hat man zum Erobern von Wissenschaften, z. B. der Geburthülfe, nötig, die man nachher in einer Stunde überschauen und überlaufen kann, wenn man will. – Vom sittlichen Wachsen vollends schäme ich mich ordentlich nur zu sprechen, da es an dem sich immer krumm werfenden Menschenholze mehr als eine Eva's-Schlangenlinie gibt, die ich ebenso gut durch Schmerz und Erheben gerade ziehen und rektifizieren will als den Schwanz eines Hundes, wenn ich ihn daran emporhebe und wieder niederwerfe. Welcher Neun-Monats-Heiliger ist nicht jeder Leser-Fötus gewesen, als er im Uterus-Kloster Profeß getan und den Schleier genommen hatte! Hat wohl einer meiner Leser in dieser Frühkirche Ehebrüche, Einbrüche, Wortbrüche begangen, oder da verleumdet, totgeschlagen, veschwendet? Fiel nicht alles erst vor, als er aus der Klausur getreten war in die freie Luft, wo, wie in der Amsterdamer, das reine helle Silber sofort schwarz anläuft? – Die stärksten peinlichen Gerichtschranken eiserner Altargeländer, Galeerenketten und Fußblöcke halten uns jetzo kaum zurück und fest, wenn wir ins Rennen und Toben geraten, und sind nur schwächliche Küstenbewahrer einer Unschuld, welche ein einziger Uterus ganz leicht bewacht. Welche ungeheure Mauern muß man nicht monatlich von Predigtbücherballen, Cansteinischen und Seilerschen Bibelanstalten und lateinischen actis sanctorum aufführen, gleichsam als Licht- und Ofenschirme gegen die Höllenflammen, damit wir Teufels-Fliegen nicht so lange diese immer näher umschwirren, bis wir mit abgebrannten Flügeln hineinfallen! – Rabelais ließ seinen jungen Pantagruel an cinquante-deux manières de se torcher le cul erfinden und angeben; eine bedeutende Zahl; aber welche Menge von geistigen Manieren oder von besondern Methoden, zu bekehren, mußte erfunden werden, welche Menge von Hirtenbriefen – von Ablaßbriefen – Beichtzetteln – Schmutztiteln von Predigtbüchern, um einen tragbaren und wandelnden Augias-Stall im Kleinen, einen Erwachsenen von 5 Fuß, zu reinigen! Nur erst in neuern Zeiten wird uns das Doppel-Leben, das wir zugleich für den Himmel (aus Angst vor der Hölle) und für die Hölle (aus Vorliebe für die Sinnen-Himmel) leider zu führen haben, weniger sauer gemacht, indem wir durch Philosophie und Poesie das sogenannte Irdische und das Himmlische jetzo sanfter trennen und besser ineinander verflößen und vorzüglich der irdischen Lust und Sünde mehr himmlischen Anstrich von Stärke, Charakter, Lebensfülle, Poesie und dergleichen erteilen, so daß, da der Unterschied, folglich das Opfer und die Angst kleiner geworden, es fast einerlei ist, was man tut, weil man immer zweierlei zugleich tut. Jener Doppel-Hase, Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Die Säugetiere B. I. 1792. in Geutschens Garten bei Ulm gefangen – er kam nachher ins damalige königliche Kabinett zu Chantilly durch den Grafen Hanau –, diese Mißgeburt setzt meinen Satz bildlich ins Klare. Beide Hasen waren so mit ihren Rücken ineinander eingewachsen, daß der eine Haupt und Läufe gegen den Himmel strecken mußte, wenn der andere, auf dem er lag, mit allem diesem über die Felder setzte und abfraß; und so umgekehrt, weil sie sich wechselseitig umkehrten; denn war der eine Hase des Laufens und der Ätzung satt, so stülpte er sich mit allen Vieren gegen den Himmel, und nun konnte auch der Ferien-Hase auf der Erde laufen und äsen. Ein solcher Doppelhase (mehr wollt' ich oben nicht sagen ohne Bild) ist nun der gute Jetzo-Mensch von Bildung: immer kehrt er vier Läufe und zwei Löffel nach oben, um seinen Wandel im Himmel zu führen, indes er mit den entgegenstehenden auf der Erde umhersetzt und satt wird. Wir kehren wieder in Mutterleib zurück; ungeachtet dieser schönen Ähnlichkeit mit der Ulmer Mißgeburt bleibt man doch hienieden von entschiedenen Nichtswürdigkeiten nicht ganz frei, die kein rechtlicher Heiliger gern an sich hat und sieht. Unser unten auf der Erde laufende Hase sammelt, wie der Riese Antäus, gegen den andern, im Äther wackelnden Hasen und Herkules verdammte Kräfte ein und übertreibt es dann als Teufels-Vorlauf in Sünden aller Art. Aber was ist denn allein schuld? Bloß die so unbesonnene Verlegung der Fötus-Residenz aus dem Uterus auf die Erde; sie erzeugt auffallend die Folgen, welche eine ähnliche Verlegung der Residenz aus Rom nach Konstantinopel gehabt, nämlich Verfall Roms (des Sitzes des heiligen Vaters) und seiner Herrschaft. Ich stelle mir lebhaft jetzo das Erstaunen vor, in welches ich die Welt dadurch setze, daß ich mich desohngeachtet auf die Geburthülfe gelegt und auf die nötigen Hülfswissenschaften dazu, wodurch alle zusammen auch eine Selberhülfwissenschaft wurden. Aber die Welt soll hier hinter alles kommen. Die ersten Jugend- und vollends Fötus-Eindrücke haften; ich wollte für die guten Welt- und Uterus-Bürger, die nachher zu Erd- und Stadtbürgern heruntersenken, vorher mehr tun, als für mich niemand getan. »Denn warum soll«, fragt' ich niemand als mich, »doch ein so unschuldiges Wesen, insofern das Universum eigentlich die Stadt Gottes (civitas dei, nach Augustin) ist, und nur unsere Erde darin die Pariser rue des mauvais garçons – des mauvaises paroles – du pet-au-diable – de la cochonnerie – oder das Wiener Hundsfott-Gäßchen vorstellt, warum soll ein armer unbekannter unbenannter Teufel von Fötus erst durch eine solche Hund-Gasse den Umweg nehmen nach einer herrlichen rue de Rousseau, rue des deux anges, rue de la loi, Friedrich-Straße, Markusplatz? Läßt sich nicht helfen?« Wenigstens helf' ich bei Gelegenheit als Geburthelfer und berufe mich auf Tatsachen. Es ist hier nämlich bloß die große Frage, ob irgendein Fötus von Verstand, der auch nur den schlechtesten Geburthelfer kennen lernen, je Unzufriedenheit darüber gezeigt, daß er von einem solchen durch gute Geburtzangen – durch die geraden und die krummen von Smellie, von Beers, von Saxtorph – wie durch Hebel und Springstab aus der guten warmen Welt ohne Weiteres über unsere naßkalte in einer Minute hinüber in jene beste gehoben worden, der wir als unserem Vaterland und Kanaan 80 Jahre lang mit unsern sittlichen Silber- und Korkflotten zusteuern. Allerdings ist das verdienstliche Werk dabei nicht groß; denn die besten Werkzeuge dazu, samt den nötigen Theorien, hat ein Geburthelfer, der sich zum Wiedergeburt-Helfer bilden will, ja frei und in der Hand, indes nur letzte in Eng- und Deutschland den Wehmüttern als Müttern des langen Erdenwehs verstattet wird. Der gute, der rechte Accoucheur (kein Wehvater) hält seine Geburt-Zange (es sei die krumme oder die gerade) und legt sie für den Fötus, wie der Pariser Savoyardenjunge sein armlanges Brückchen über eine Gosse, so hin, daß der Fuß- oder Kopf-Gänger ohne Weiteres über die Pfütze des Erdenlebens hinüber gelangt in die Jean-Jaques-Gasse oder in Voltaire's Viertel im neuen Jerusalem. Und so zieht eine bloße Zange mehr Seelen und reine Jungfräulein in den Himmel als selbst ein Papstes-Schlüssel. Langt gleichwohl zuweilen die Zange oder Gabel nicht aus: so hat der Wiedergeburthelfer ja sein Impf- und Vorlegemesser des Himmels bei sich, womit er das höhere Erbvorschneideramt verwaltet, durch hiesiges Verkleinern der Geburt, welches durch den Geist überirdisches Vergrößern wird. – Hier eben, bei dieser Wetterscheide auf dem Kreuzwege zweier Welten, muß der Geburthelfer zeigen, ob sein Kunst-Eisen eine ableitende Wetterstange der hiesigen Gewitter ist, und ob er Synthese und Indifferenzierung der Geburt- und der Sterbelisten in Gewalt hat; oder ob er, erbärmlich genug, nur immer darauf losangelt, daß etwas soll getauft und folglich benannt werden (wiewohl noch dazu mit einem abgeborgten Namen); als ob es nicht hinreichend wäre, daß ein Wesen existiert hätte, und nicht schön wäre, daß es wie ein Wohltäter oder wie ein durchreisender Fürst anonym geblieben. Mehr als ein Heidenbekehrer prahlt mit bekehrten Christenseelen, die ihm künftig mit Frauenzimmer- und Spieß- und Treff-Dank für gerettetes Heil entgegenkommen; – ich schwacher Walther Vierneissel sehe mit hundert französischen Accoucheurs, ja noch mit mehren Wehmüttern, ähnlichen Danken für Rettung unbefleckter Empfängnis entgegen. Hier ist kein König Pharao und Herodes, die beide etwas später mit Wiedergeburt zu Hülfe kamen; – hier ist kein jetziger König von England, der kein Todesurteil unterschreiben konnte, weil er toll war, so daß die größten Missetäter so lange am Leben und in Ketten blieben, bis er wieder zu sich kam, und bis erst darauf die strangfähige Expektanten-Bank an den Galgen kam; sondern hier ist von Geburthelfern die Rede, welchen ein Britenkönig nur alsdann ähnlich wird, wenn er wieder bei Verstande ist und dadurch das Recht zurückbekommt, kleine Hinrichtungen, ja die größern des Kriegs, als ein Mitkämpfer um das volle heilige Grab der Menschheit, zu unterzeichnen. Mit einem Worte, gute Geburthelfer überheben den noch unbefleckten Fötus des hiesigen Prüfstandes und des tentamen und examen rigorosum des Lebens ganz und gar und stellen ihn sogleich auf seinem rechten höchsten Posten an, welcher nicht wohl anders als in der zweiten Welt sein kann. Denn diese sehen die Accoucheurs für eine verbesserte vermehrte Auflage der ersten an, so daß z. B. die hiesige kurze Bratwurst dort aufersteht als eine Königsberger 596 Ellen lange, In Wagenseils Unterricht für einen Prinzen, woraus wieder Lichtenberg die Sache gezogen. 434 Pfund schwere und Anno 1583 aus 33 Schinken gemachte Wurst. So geben sie schon unter der Geburt dem Fötus voll Uterus-Ideale die beste Welt, anstatt unserer desperaten, sogleich in die Hand, so wie sonst deutsche Personen Wielands goldenen Spiegel oder Lichtenbergs Taschenbuch sogleich in der freien französischen Übersetzung oder Verklärung lasen, ohne das rohe deutsche Urbild nur vorher anzusehen ... Ich beschließe den Aufsatz und, wie ich hoffe, künftig auch das Leben, ein wahres Todsündenleben. Muß ich nicht, wenn ich als rechtschaffener Mann leben will, so manchem künftigen Gaudieb und seiner Gaudiebin meine Hand leihen, damit sie geboren werden und dann wieder für den Himmel Froschquappen von verklärten Fötussen erzeugen? – Zum Glück bricht mir ein Abend nach dem andern am Leben, wie Raucher im Klub an einer holländischen Pfeife, ein ansteckendes Stückchen ab; fährt dies (wie gewiß zu hoffen) so fort: so werd' ich aus dem Pfeifen-Stummel endlich ganz Pfeifen-Kopf (so wie ich als Embryo nichts als Kopf gewesen); und so will ich mich denn jetzo mit schnellern Schritten als sonst meiner eigenen Wiedergeburt nähern, indem ich täglich mehr durch die Jahre zu jenem Zwecke im Kinde reise, von welchem zum zweiten Fötus und Uterus keine Sarglänge mehr weit sein kann. Dann aber müßte der Teufel sein Spiel von neuem treiben, wenn ich dort doch wieder nichts würde als ein Mensch und Geburthelfer, Namens Walther Vierneissel , Accoucheur loci XI. Blick in die Traumwelt § 1 Irrige Erklärungen der Träume Wenn der Traum zuweilen das Wachen auslegt, ja weissagt, so sollte dieses noch leichter jenen zu erklären und zu erhellen vermögen; aber leider ist die ganze Traumwelt in eine Dämmerung eingebauet, durch welche das vom Tage geblendete Auge nicht in sie hineinschauen kann. Seltsam genug ists, daß den Menschen gerade die Hälfte seines Lebens, wie die der Mondkugel, abgekehrt und zugedeckt begleitet. Aber wie sollten wir tiefer in die Natur der Träume blicken, da jeder nur seine eigenen prophetischen kennt und untersucht! Würde uns nicht ein anderes Physiologisches und psychologisches Licht darüber brennen, wenn wir mehre Arten von Träumen, die der Kinder, der Jünglinge, der Greise, der Geschlechter, der Menschenarten, zu vergleichen bekämen? Wahrlich mancher Kopf würde uns mehr mit seinen Träumen als mit seinem Denken belehren, mancher Dichter mehr mit seinen wirklichen Träumen als mit seinen gedichteten ergötzen, so wie der seichteste Kopf, sobald er in eine Irrenanstalt gebracht ist, eine Prophetenschule für den Weltweisen sein kann. Was jedoch am meisten der rechten Erklärung des Traums im Wege stand, war eine schon alte. Nämlich nach den Seelenlehren (nach Platner u. a.) ist der Traum eine Reihe von bloßen Vorstellungen unter welchen die sinnlichen uns darum nicht als Abbilder, sondern als Urbilder der äußeren Gegenstände erscheinen können, weil sie, in dem von der Sinnensperre ausgeleerten Raume als die einzigen dastehend, keine wahren äußern Gegenstände und kein äußeres Ort- und Zeitverhältnis zum Vergleichen antreffen und in dieser Sinnennacht, unverdunkelt, sich selber erleuchten. Schon vor Jahren S. Jean Pauls Briefe und bevorstehenden Lebenslauf S. 128; »Warum kann denn die mit der Sperre der Sinne eintretende Vergessenheit der örtlichen und zeitlichen Verhältnisse uns im Traume die Vernunft und das Bewußtsein rauben, welche beide uns dieselbe Vergessenheit im tiefen Denken und Dichten lässet? Der Traum bringt uns noch dazu andere Zeiten und Örter, obwohl irrige, und also immer die Bedingungen des persönlichen Bewußtseins mit. Auch die Suspension der Empfindungen ist keine psychologische Ursache des raubenden Traums. Man binde mir Augen, Ohren, Mund und Nase zu und lasse mir nicht mehr Empfindung, als die Fußsohlen heraufschicken, worauf ich stehe: büß' ich darum Gedächtnis und Bewußtsein ein? Wird nicht vielmehr der Lichtmagnet des Bewußtseins in diesem Dunkel desto heller funkeln? – Auch das Babel und die lebendige Polterkammer des Traums lösen wenig auf, da ich, gesetzt ich würde von der ganzen Erde wie von einem durcheinander fliegenden Schutthaufen eingebauet, zwar schaudern, aber doch nicht selbstvergessen träumen können.« – Übrigens verweis' ich auf jenen meinen frühern Aufsatz über den Traum in Rücksicht aller Punkte, die ich in diesem spätern unberührt gelassen. macht' ich gegen dieses Unerklären Einwendungen; jetzo kann ich sie in eine einzige sieghafte durch den Beweis vereinigen, daß wir eine ganze Klasse unserer Vorstellungen, wenn nicht zu bemerken, doch scharf zu bezeichnen und abzusondern vergessen haben. Denn man erwäge nur die einfache Tatsache: im Traume halt' ich mit einem vor mir da stehenden Menschen, der nach der gewöhnlichen Traum-Erklärung nichts ist als eine Vorstellung, ein Gespräch über einen abwesenden Menschen, welcher noch mehr gleichfalls nur eine Vorstellung ist; was bringt nun in beide Vorstellungen den Unterschied der Sichtbarkeit und der Abwesenheit, den Unterschied der Einwirkung des gegenwärtigen Mannes und der Unwirksamkeit des abwesenden? Der Raum, in welchen man die gegenwärtige Person hineinträumt, erklärt nichts; denn die abwesende wird auch in einem, obwohl entfernten vorgestellt. – Oder: da der Träumer Vergangenheit und Zukunft scharf von Gegenwart, wie der Wache, auseinanderhält: wodurch tut ers denn, wenn alles nur Vorstellen ist, da dieses, als solches, in der Abgeschiedenheit von äußern Merkmalen nur reine Gegenwart ist? Warum und woran unterscheiden wir im Traume geträumte Erinnerungen von geträumter Wirklichkeit? – So vernehm' ich ferner im Traume die fremden Worte, meine eigenen und doch auch meine Vorstellungen, welche meinen lauten Worten erzeugend vorangehen müssen, und welche ich von diesen doch durch etwas unterscheiden muß. Endlich mit welcher Lebhaftigkeit sucht und folglich denkt der Träumer zuweilen einen Gegenstand, ohne ihn gleichwohl zu finden! – Nach der alten Erklärung hieße dies: wie lebhaft stellt man sich oft einen Gegenstand vor, ohne ihn doch sich lebhaft vorstellen zu können! Aber es gibt eben nach den Empfindungen und den Vorstellungen noch ein Drittes. § 2 Unterschied der Empfindbilder von den Vorstellbildern Unter einem Gegenstande und unter der Empfindung desselben ist für uns kein Unterschied; denn was sonst als wieder eine neue Empfindung könnte eine alte von dem Gegenstande absondern? was aber nur hieße, Empfindung nicht dem Gegenstande, sondern nur der Empfindung entgegensetzen. – Von diesen Empfindungen bleiben nun dem Geiste zwei sehr verschiedene Bilder (nicht Nachbilder), erstlich die Vorstellungen davon, die man auch Vorstellbilder nennen kann, und die Traumbilder, die ich lieber Empfindbilder nenne. Die Vorstellungen sind aber mit ihrer Dürftigkeit der Farbe und des Umrisses in Vergleichung mit den Empfindbildern noch gar nicht tief genug herunter gestellt. Stelle dir irgendeinen alten Bekannten vor: wie fließet das Bild ohne Innenhalten auf und ab, ohne klare Farbe, ohne abgeschnittenen Umriß, kurz, wie ist es, gegen das Spiegelbild des Traums, nicht etwan ein fester Kupferstich, sondern ein durchsichtiger Schattenriß, ein wallendes Bild im bewegten Wasser! Ist dagegen nicht das Empfindbild von demselben Freund im Traume ein wahres, in allen Teilen festes und reines Wachsbild? Schließe doch der Leser jetzo vor der eben ihm vorliegenden Blattseite das Auge, und betracht' er das matte Bild, das er von ihr nachsucht im Kopfe; oder er stelle sich hinter dem Augenlide die Landschaft um seinen Wohnort vor: welches Schattengewimmel zerrinnender, farbloser, durchsichtiger, schwankender Gestalten in Vergleich mit der festen lichten Wirklichkeit und der farbigen Traumwelt! Gleichwohl war bisher nur vom klarsten Sinne, dem Auge, die Rede. Je tiefer aber die Sinne einsteigen, desto dunkler werden sie nachgespiegelt. Mache dir die Vorstellung von nur einem Tone , nicht einmal einer Tonreihe, wenn du kein Tonkünstler bist; und siehe dann zu oder höre zu, ob du dir nicht den Ton bloß im fernsten Pianissimo und am Ende bloß durch optische Umgebung, ja Verwechslung erneuerst. Diese stummen Vorstellbilder Man wird es mir leicht vergeben, daß ich unter Vorstell- und unter Empfind-Bildern auch die Erneuerung der übrigen Sinnen begreife, also unter Bildern auch Nach- oder Wiederklänge, Wiedergerüche, Wiedergeschmäcke, Wiedergefühle; denn aus dem weiten milden Reiche des Auges, worin die Gegenwart ohne Aussetzen spielt und gibt und sich aufdrängt, wurde ja bisher das Wörterbuch des Geistes als ein Idiotikon der Menschheit abgeholt. der Töne vergleiche dann mit den leisen Empfindbildern derselben, welche dir aus einer langen Musiknacht bis auf das Kopfkissen, ja bis in den müden Morgen hinein, nachfliegen: welcher Unterschied! Endlich weiter hinab in der Tierklasse der Sinne, in den Gerüchen, Geschmäcken, Gefühlen, stellen die Vorstellbilder davon so wenig Entschiedenes und so viel Verschwommenes dar, daß, sogar zwischen Entgegensetzungen, zwischen Wohl- und Schlechtgerüchen, salzigen und lieblichen Geschmäcken und heißen und frostigen Gefühlen kaum ein Unterschied kräftig vortritt, geschweige zwischen den Abstufungen der nämlichen Reihe. Und dies ist eben recht gut. Denn wie würden die Schwelger der Zunge und des Gefühls, tief von den Weiden der Herden herabgesunken, in Sümpfen grasen, wenn sie ihre Genüsse mit stärkerem Nachgeschmacke wiederkäuen und die Pausen der äußern Wollüste mit innern füllen könnten; zum Glücke wärmen, außer den Vorstellungen, sogar die Traum- und Empfindbilder jene tiefere Sinnen kälter auf; ein geträumter Geruch, Geschmack, Schlag, Reiz, wie neblich und leer bleiben sie, wenn nicht ein körperlicher Außenstrahl selber in den kalten Nebel zückt und blitzt! Weniger groß erscheint der Unterschied, daß die Vorstellung ihren sinnlichen Gegenstand in einer unbestimmten dunkeln Ferne ohne bestimmte Raum-Ausfüllung sieht, indes die Empfindbilder des Traums in der Nähe, in scharf ausgedrückter Nachbarschaft und in vollendet-ausgeführtem Umkreise dastehen. Vor dem Einschlafen hängt jedes Empfindbild dicht vor dir; jetzo im Wachen stelle dir die nächste Sache vor, sie wird wie von einem Hohlspiegel weit ins Tiefe entrückt und einsam aus dem Finstern gespiegelt. Auch verkürzt oder wenigstens durchläuft nur die Vorstellung sinnliche Gebirgketten, die der Traum in einem Halbzirkel umher bauet; welcher Unterschied zwischen einer gelesenen, vorgestellten oder erinnerten Landschaft und zwischen einer geträumten! und zwar so sehr, daß wieder die Vorstellung von einer geträumten nicht viel farbloser ausfällt als die von einer durchwanderten. Nirgend erscheint aber so sehr, wie weit Vorstellbilder auseinander gehen von Empfindbildern, als im Dichter. Wie färben, erhellen, gestalten sich ihm mitten im treibenden und anleuchtenden Feuer aller Kräfte nicht alle Vorstellbilder von Menschen und Landschaften, und zwar ihm gewiß noch farbiger und geründeter als seinen Lesern! Aber wird ihm oder diesen je sein lebendigstes Vorstellbild zu einem vor ihm schwebenden Empfindbilde, sein Bilderkabinett der Phantasie zu einem Wachsfigurenkabinett des Traums? Und haben seine in einem fernen Mondscheine liegenden Landschaften das frische Saftgrün und die plastische Breite und Länge geträumter Landschaften? – Noch weniger erhalten wir Leser durch die allmählich zusammenlötende Wörtermusaik des Dichters eine dichte Anschauung; wir glauben durch ihn die Gegenstände zu empfangen und zu schauen, indem er uns blos die Empfindungen zu genießen gibt, welche ihnen folgen. Die Ätherwelt des Dichters muß sich erst verdichten zur Wolkenwelt des Traums; in jener sind wir Schöpfer, in dieser Bewohner; jene schwebt uns als ferne Vergangenheit und Zukunft hoch oben, diese umfließt uns mit Gegenwart. Wenn Raffael in einem bekannten Briefe eine Idee für die Juno und Eva oder Götter- und Menschenmutter seiner hohen Gestalten erklärt: so kann er damit nicht eine flache zusammengebettelte oder auch dichterische Vorstellung gemeint haben; denn aus bloßen Gliedern der Schönheit bauet man keine Ideale, weil man schon das vollendete Urbild gesehen haben muß, nach welchem man die entlehnten Glieder zusammenfügt zu einem Nachbilde. Aber diese urbildliche Schönheit hat eben der Götterjüngling einmal – mehr braucht es nicht – wirklich gesehen, nämlich als ein Empfindbild, es sei in einem Traume, oder vor dem Einschlafen, oder in irgendeiner andern Rauschminute, welche, wie wir im nächsten Paragraphen sehen werden, die verschiedenen Empfindbilder blitzend schafft und zeugt; von diesem Empfindbilde behielt Raffael nun, wie wir aus unsern Träumen, die Vorstellung oder das Vorstellbild, und aus dem Schattenriß dieses Polyklet-Kanons suchte er das Götterbild wieder herzustellen. Sogar der Verfasser dieses, dessen Anlagen und Triebe am weitesten von allen malerischen abliegen, wurde oft in Träumen von Gesichtern und besonders von Augen angeschauet, deren Himmelreize er nie auf dem tiefen Erdboden der Wirklichkeit gesehen, und von welchen ihm nun das Vorstellbild fest bleibt. Der Traum schafft, so wie im Gräßlichen, so im Schönen, weit über die Erfahrungen, ja über die Zusammensetzungen derselben hinaus und gebiert uns Himmel, Hölle und Erde zugleich. Der tiefe Stand auch der lebhaftesten Vorstellungen unter auch nur gewöhnlichen Empfindbildern zeigt sich uns in den immer wachen Wahnsinnigen, vor welchen ihre fortbrennenden Wahngedanken sich niemal zu Traum- oder zu Außenbildern verdichten. Ja die quälende oder sehnsüchtige Vorstellung von einem Verstorbenen stellt doch dem Furchtsamen oder dem Weinenden kein Empfindbild von ihm in das Außen. Der letzte Unterschied zwischen Vorstellung und Empfindbild ist der, daß du zwar nach Willkür eine bestimmte Reihe Vorstellungen kannst vorüberziehen heißen, daß du aber nicht vermagst, das Aufsteigen bestimmter Empfindbilder aus dem dunkeln Geister-Abgrunde zu befehlen oder zu verwehren, und daß du höchstens in gewissen körperlichen Begünstigungen, bei langer Schlafentziehung oder bei Erhitzung durch Trunkenheit und Fieber, im Stande bist, Gestalten, aber unbekannte, vor dir emporfahren zu lassen, von welchen du nicht weißt, ob sie dich erschrecken oder erfreuen werden. Noch sind wir nicht am Ende; denn wir haben vorher die Stufenfolge der Empfindbilder zu verfolgen, um dann die Erklärung ihrer und der Träume zu gewinnen. § 3 Stufenreihe der Empfindbilder Man kann drei Arten dieser Empfindbilder aufzählen, wovon die beiden stärkern in das Wachen fallen. Zuerst treten kräftig mitten in die helle Gegenwart mit festen Farben die Fieberbilder auf; ferner die Gestalten, welche um Nikolai und andere gaukelten; endlich das Selbersehen und das Sehen abwesender Freunde. Z. B. ein verstorbener Jugendfreund von mir sah seine dreißig Meilen entfernte Mutter an seinem Klaviere sitzen, übrigens ohne nachfolgende Bedeutung. So sah ich oft bei schnellem Erwachen Wahn-Menschen neben mir; einmal nach dem Aufstehen im Nachthimmel eine große Wahn-Morgen- oder Feuerröte. Bei der Rückkehr von einer Fußreise sah ich einmal einen kindlichen Mädchenkopf aus meinem Fenster herabschauen; aber im ganzen Hause war kein Kind gewesen. Cardanus versicherte, er könne im Finstern sich Menschen hinspiegeln, welche er wolle, so wie er immer einen Mond am Taghimmel zu sehen behauptete. Da bekanntlich alle diese Gestalten nicht von außen durch die Sehnerven kommen, nicht einmal durch einen Augapfeldruck derselben – denn diese Mechanik könnte wohl Funken und Farben, aber nicht bestimmte Bilder malen und ründen –; und da hinter der Netzhaut kein Licht steht und wirkt: so kann bloß das Gehirn, als Organon aller Organe (wovon später), diese Empfindbilder gestalten, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß dasselbe mit seinen von innen kommenden Gesichten die Netzhaut der Sehnerven gegen die von außen kommenden entkräftet und sperrt; denn der Wahnmensch, den wir vor uns sehen, muß doch, um zu erscheinen, den Raum einnehmen und überdecken, aus welchem sonst wahre Strahlen und Gestalten zu uns kommen würden. Diese umkehrende oder aufhebende Rückwirkung des Gehirns auf die Sehnerven ist übrigens von einer größeren physiologischen Wichtigkeit und Dunkelheit, als man bisher gedacht, und die umgekehrte Bewegung des Magens zum Erbrechen ist leichter erklärt. Das Auge wird nicht übertäubt, geblendet, blind gemacht, sondern es sieht wirklich, aber das Innen statt das Außen, und jenes Innen mitten im Außen, ja letztes selber mit, aber als Einfassung und Umgebung, nur eben ausgenommen die einzelne daraus vernichtete und ausgelöschte Stelle. So sah jener Mann, nach Bonnet, Essai analytique de l'ame. wachend um sich Gebäude und Vögel entstehen und immer höher steigen und auf den wirklichen Tapeten scheinbare Gemälde hervortreten. Übrigens ist es am wenigsten ein Wunder, daß die Gehirn- oder Empfindbilder wie von einem Hohlspiegel in die Außenwelt geworfen erscheinen; denn diese optische Außenwelt, d. h. die Gesichtwelt selber, wird bloß von den Sehnerven in den Gehirnkammern aufgebauet und ausgewölbt. Die zweite Art Empfindbilder sind die, welche nicht in die Tages-Wirklichkeit sich drängen und mit den Farben der Gegenwart zu streiten haben, sondern welche dem zwar geschloßnen, aber wachen Auge kurz vor dem Einschlafen oder in Erhitzungen und Ermattungen und am stärksten in schlaftrunknen und schlafdurstigen Nächten vorgaukeln. Zu den letzten braucht man nichts als einen sächsischen Postwagen samt dem Wege dazu, um hinter den fruchtlos, schlaflos zufallenden Augen und bei den von Martern offengehaltenen Ohren und Gefühlen feste, für sich bestehende Gestalten, d. h. Schaubilder, wild und unbezwinglich heran und vorüber schweifen zu sehen. – Auch in den ruhigern gewöhnlichen Schlaf geht man durch diese kurze Bildergalerie ein, so wie wieder aus ihm durch eine längere. – Und hier betreten wir das Gauklerreich des Traums, wo die Empfindbilder gewöhnlich einsam auf ihrer Bühne, ohne ein durch die Kulissen einfallendes Taglicht äußerer Empfindungen, spielen. Eh' wir uns weiter den Quellen des Traums nähern, wollen wir uns noch erinnern, daß unter den Empfindbildern nicht bloß die des Auges, sondern auch des Ohres beschrieben und verstanden worden. Nur einiger Unterschied macht die besondere Erwähnung nötig: Allerdings ist das Hörbild (das Geschöpf des Gehirns) schwieriger von der Hörempfindung (der Tochter des Nerven) zu scheiden, da der Ton an keinem bestimmten Orte, sondern aus einer unsichtbaren unberechneten Ferne erscheint, so daß, wenn von einer sich entfernenden Musik immer leisere Töne zu uns zittern, wir die leisesten, also die fernsten nicht mehr von unsern innern, also nächsten scheiden können. Das Ohr ist überhaupt die Tiefe der Seele, und das Gesicht nur ihre Fläche; der Klang spricht die tief verborgne Ordnung unsers Innern an und verdichtet den Geist; das Sehen zerstreut und zerlegt ihn auf Flächen. Übrigens sind Empfindbilder des Ohres so wenig mit kurzen Nachklängen, mit Ohrenbrausen oder mit jenen plötzlichen Knällen im Halbschlafe, welche im vielhallenden Ohrgebäude ein einziger wilderer Pulsschlag an die Nerven erzeugt, zu verwechseln als mit Empfindbildern des Auges die Funken und Flocken, die ein kleiner Wasseraderndruck hervortreibt. Gleichwohl wäre bei dem Vorflattern der Spinnweben, Funken u. s. w. wenigstens zu fragen, ob nicht hinter einem ganz gesunden Augapfel zuweilen bloß das Gehirn jene so gut in die Luft hinspiele, als dasselbe mit ganzen farbigen Gestalten bei Nikolai u. a. ungeachtet der besten Augen tat. Denn Töne (wie Gestalten) können in regelmäßiger Form und Folge nicht vom rohen mechanischen Blutdruck auf die Nerven, der nur Unbestimmtes von Klang (wie von Farbe und Feuer) anregt und behält, geliefert und geschaffen werden, sondern es kann da, wo wir z. B. in einer langen, durch die Frühnacht und den Morgen nachtönenden Nachtmusik oder in dem seltsamen Glockenspiele von Wahnmelodien, welche zuweilen nervenschwache Mädchen im Wachen hören – oder sogar in den Wahngesprächen, welche der Fieberkranke um sich her vernimmt – (kaum zu gedenken der Stubenvögel, welche nach Bechstein im Traume ihre langen Lieder absingen) – es kann also da, wo ein Nachhall der Regel die Reihe ordnet, derselbe nicht im leidenden und aufnehmenden, nie behaltenden Nerven zu suchen sein, sondern im Gehirne, das allein, z. B. als Gedächtnis, die schwierigern längern Befehle des Geistes bewahrt und vollzieht. Außerhalb des Traums kommen uns Empfindbilder öfter von Tönen als von Reden und Schällen vor; nach einer Musiknacht kann die bewegte Seele sich willkürlich die Melodien, aber nicht die Gespräche wiederklingen lassen; denn wie sehr der Musikton, die Poesie des Klanges, so tief mehr in uns als um uns zu spielen und unter allen Empfindungen von uns mehr geschaffen als empfangen zu werden scheint, beweiset die schon angeführte Erfahrung, daß wir an einem Singen und Flöten, das in immer weitere Ferne verfließt, gerade mit dem gespanntesten Ohre die letzten aussterbenden Töne von Außen nicht von den nachsterbenden von Innen sondern können. Selten treten ins Wachen Empfindbilder des Auges und des Ohres zugleich hinein; die meisten Gespenster-Erscheinungen sind ohne Stimme und die Gespenster-Klänge ohne Gestalt. Nur Swedenborg sah und hörte zugleich die Empfindbilder in der lichten Gegenwart um sich, welche sonst im Dunkel des Traums ohne unser Verwundern so erscheinen und so sprechen, wie wir es veranstalten. Seine Erscheinungen enthalten zwei Eigenheiten mehr als die Nikolaischen und andere, nämlich ihre bestimmten Reden und ihre ewige Wiederkehr bei völliger Ruhe der Gesundheit. Beides aber hat auch der Traum; und vor Ruhigen an Leib und Seele sind, wie schon bemerkt worden, öfter innere Gestalten außen aufgesprungen als vor Furchtsamen. Die Empfindbilder des Fühlsinnes sind, seltsam genug, Schein und Wahrheit zugleich. Wenn nämlich, wie die medizinische Geschichte Beispiele liefert, auf den Hautstellen durch bloße scharf dahin gerichtete Gedanken von Verletzungen diese wirklich entstanden: so konnten nicht die Gefühlnerven einen Stoff zur Empfindung rückwärts aus dem Gehirne abholen, um diesem eine wieder zuzuführen, sondern das Empfindbild entstand und blieb im Gehirne, und alles Übrige ist allgemeine Nervenfolge, woran freilich endlich auch die Gefühlnerven Anteil nehmen. § 4 Über den Schlaf als negative und positive Stärkung Der Schlaf ist schwerer zu erklären als der Traum. Ich hab' es früher bewiesen, Hesperus 4. Heft. Zweite Auflage. S. 21 etc. als ich es in Walthers Physiologie wieder fand, daß der Schlaf nicht sowohl das Stärkbad des ganzen Körpers oder auch der Muskeln – denn die unwillkürlichen arbeiten fort, und die willkürlichen erholen sich von der Ermüdung schon durch waches Ruhen –, sondern die Erfrischung des Gehirns ist, insofern es in geistigem Dienste steht. Ich sage nicht in körperlichem; denn die Gehirnkugel im körperlichen, als nährende Suppenkugel des Rückenmarkes und aller forttätigen Nerven desselben, muß ihnen ja während ihrer Arbeit im Schlafe mit seinem beseelenden Hauche beistehen. Keinem Körperteile aber ist die Wiedergeburt der Kräfte unentbehrlicher als dem Gehirne selber, das nicht bloß als der geistige Koch und Arzt aller Nerven und also aller Glieder dient, zugleich als Einnehmer und Ausgeber, sondern auch der nächste und einzige Diener am Throne des Geistes ist; der unaufhörliche Mittler zwischen ihm und den Sinnennerven und der leibliche Mitarbeiter an den unausgesetzten willkürlichen Arbeiten des Ich. Wovon soll nun das Gehirn leben? Etwa von dem sogenannten Nervengeiste, den es, als den über den Wassern schwebenden Geist, aus dem ausströmenden Blute abscheidet und aufsaugt, um mit ihm die Nerven zu tränken? – Aber so gehört wenigstens zu dieser Abscheidung und Verarbeitung der feinsten Flüssigkeit, die wir nur (und kaum) kennen, eine noch höhere Kraft, welche auch ihrer Ergänzung bedarf. Beschauen wir daher zwei Vorzeichen und Mitzeichen des Schlafs, um in ihm die doppelte, die negative und die positive Stärkung des Gehirns zu entdecken. Die negative Stärkung quillt aus dem freiwilligen Innehalten der geistigen Anspannung und folglich der mitziehenden zerebralen (hirnigen). Nur der Geist hat die Kraft, plötzlich seine Kraft aufzuhalten und aufzuschieben, so wie auch aufzurufen Der Mensch, der einzuschlafen sich entschließt, sagt zu sich: ich will jetzo weder Gedanken mehr fortbilden, noch Empfindungen anschauen, sondern mich und meinen entwaffneten geistigen Arm ganz dem weltlichen des Körpers überlassen. Eigentlich aber entscheidet mehr das freiwillige Abwenden vom Denken hier als vom Empfinden. Denn im Finstern und Stummen und in dem Leerraum aller Sinne (auch des Gefühls, das bei einer Fortdauer ohne Wechsel keines mehr bleibt) würde sich der Geist, ohne den Entschluß zu eignen Denk-Pausen, doch noch wach erhalten, so wie er mitten im Sinnentreiben sich durch das wunderbare Innehalten seiner Gedankenjagd einzuschläfern vermochte. Es wird gar nicht genug betrachtet, daß unser Entschluß, die Vorstellungen nicht zu reihen und mithin zu schaffen – während das Entschließen und also das Vorstellen fortdauert –, eine ganz andere Reihe von Vorstellungen einläßt, an welcher wir mitwirken, aber mehr empfangend als bestimmend; jene erste und das mithelfende Gehirn beherrscht und richtet der Geist nach einem Punkte; diese zweite ist die von den Gehirnkammern unter körperlichen Zufälligkeiten und falschen Lichtern verworren gespiegelte erste geistigere. Würde das tägliche Nachtstück unseres Lebens, der Schlaf, eben nicht täglich erneuert: so würde uns dieser flüchtige Doppelselbermord des Leibes und Geistes (mitten in allem Kraftblühen beider) bloß durch ein kurzes Wollen als Wunder erscheinen. Die Allmacht des Willens erscheint vielleicht nicht stärker, wenn er dem schwachen Körper Riesenstärke gibt, als wenn er durch seine Selber-Abspannung den starken zum Schlafe entkräftet und betäubt. Ist es unbedeutend, daß ein bloßes Wollen oder ein Gehenlassen die Sinne allmählich erstickt und ertränkt und die gesündesten Augen und Ohren zu wahren blinden und tauben Scheinleichen macht? Denn beweiset dieses nicht, daß der Sinn früher vom Geiste Leben empfangen muß, eh' er ihm anderes bringen kann? – Die Sinne werden durch Einschlafen nicht von Außen geschlossen (Ohr, Nase, Zunge und Fühlhaut haben keine Deckel wie das Augenlid), sondern von Innen im Gehirne; – den entblößten Augapfel des Nachtwandlers reizt kein Licht; den magnetischen Schläfer reizt bei seinen bedeckten Sinnen keine andere Gegenwart als die vom Magnetiseur vermittelte. Das Aufschlagen der Augenlider bedingt nicht an sich das empfindende Erwachen – andere Sinnen haben ja gar keinen Sinnendeckel aufzumachen –, sondern das Bewegen der Augenlider ist schon Kraftfolge des Erwachens. Auch dieses Unvermögen der Bewegungen der willkürlichen Muskeln – wovon weiter unten noch mehr – gehört als Ausruhen der Tätigkeit zur negativen Stärkung im Schlaf. Aber eben diese Entspannung bereitet einer positiven Stärkung den freieren Weg. Auch hier stoßen wir auf eine Wundersamkeit, daß nämlich, wenn sonst in der Regel alle Entbehrungen, z. B. der Hunger, der Durst, die Ermüdung, der Frost, durch einen Schmerz ihre Befriedigung gebieten, gerade die Entbehrung und Sehnsucht des Schlafes – mehr den Ausleerungen ähnlich, von welchen auch die kleinste, z. B. das Niesen, sich mit einiger Lust abtut – mit einem besondern, das Gehirn durchziehenden Reiz empfunden wird. Dieser wachsende Reiz, dieser wache Vorgenuß des Schlafs ist so süß lockend, daß man für ihn das Leben wagt, wie Reisende an den pontinischen Sümpfen und Reisende im tödlichen Froste beweisen, So wollte der große Arzt Boerhave sich in einer grimmigen Kälte unterwegs dem Schlafe überlassen, welchen ihm mit Gewalt zu verwehren er vorher seine Reisebegleiter verpflichtet hatte. welche, weniger von Mattigkeit als vom Schlummerreize überwältigt, sich mit Bewußtsein dem Sterben auslieferten. Da nun eigentlich weniger das Schlafen als Einschlafen genossen wird: so muß im Gehirne durch die körperlichen Bedingungen des Schlafes schon die positive Stärkung des Schlafes anheben, deren Erquicken eben ein Trinken aus dem Lethebecher ist, das man dem Durstigen durch Wegreißen des Bechers unterbricht. Empfundene Schläfrigkeit ist von empfundener Schlaflosigkeit wie anfangendes Genießen von verweigertem oder wie Kredenzen von Dursten verschieden. Aber dieses positive Stärken und dessen süßes Gefühl ist in etwas anderem zu suchen als in dem Einsaugen des frischen Nervengeistes, welches ja den ganzen Tag ungefühlt fortdauert. Die Wiederherstellung des ganzen heitern Kraftgefühls, die manche durch einen Mittagschlaf von wenigen Minuten gewinnen, erlaubt überhaupt keine Annahme eines mechanischen trägen Wässerns durch Blut und durch Niederschlag daraus. Auch der Magnetiseur verrichtet seine Heilwunder nur durch den so kurzen Schlaf, in welchen er seine Kranken bringt und wiegt, aber nicht durch das gesprächige Traumwachen, welches nur das Kraftkind jenes Schlummers ist, und das sogar durch zu lange Pflege wieder feindselig sich gegen die Genesung umwendet. So ist in der gemeinen Nacht ein frohes Träumen gesund und ein geistreiches ungesund oder zurücknehmend. Hier bring' ich meine alte Bemerkung mit neuer Anwendung wieder, daß der Schlaf gerade unter entgegengesetzten Vätern wechsle, indem ihn zugleich Blutverlust und Blutfülle erzeugen – erschöpfende Tortur und ertränkender Wein – ausraubender Frost und überfüllende Hitze – warmes Fußbad und Blutschwindel (Plethora), wovon jenes dem Gehirne Blut abnimmt, dieser es zuhäuft – Grames- oder auch Alters-Entkräftung und Lebens-Überfüllung durch Tierheit und Kindheit. Diese Verschiedenheit verhält sich nicht wie Druck und wie Reiz des Gehirns; denn jener lähmt zwar und schläfert ein, aber dieser erregt Zuckungen. Man könnte darnach auch zweierlei Träume annehmen, sthenische und asthenische; so daß sowohl Aristoteles Recht hat, der ungewöhnliches Träumen für ein Erkrankzeichen erklärt, als daß die Griechen, welche den Aeskulap den Traumgeber nannten, und Haller nicht irrten, welcher gewisses Träumen, z. B. zu fliegen, für Wirkung größter Gesundheit hielt. Wenn wir übrigens annehmen, daß das stärkende Einsaugen oder Einströmen im Schlafe sich auf die drei Dimensionen und Instanzen des Lebens, die magnetische, die elektrische und die galvanische Materie, beziehen; und wenn wir dieses bei dem gemeinen Schlafe umso leichter in kleinerem Grade wiederfinden, da wir es schon bei dem magnetischen in höherem gefunden: so kann uns die Entgegensetzung der Zustände, in welchen wir die Neigung zum Schlafe, also die Vermögenheit zum stärkenden Einsaugen zeigen, auf die polarische Entgegensetzung der beiden Elektrizitäten, Magnetismen und Galvanismen hinweisen. Nur als flüchtigsten Gedanken werf' ich die Frage her, ob das seltsame Doppeltsein aller Gehirn-Teile, ein Doppel-Sinn in schönerem Sinn, nicht bei dem zweispännigen oder widerspännigen Doppelwesen der Schlafbedingungen und Schlafstärkungen zum Erklären zu nutzen sei. Jedoch wäre wenigstens die Antwort keine, daß diese Doppelheit durch alle Nervenpaare, Sinnen, Lungenflügel, Herzkammern und Systeme regiere und sogar das Rückenmark zerhälfte, das (nach Gall) aus jeder Hälfte acht Nervenbündel zum Hirnhautgewebe aufschickt; denn eben das Flügelpaar, womit das Gehirn sich und das Leben hebt, muß im wichtigsten und ersten Organ des Lebens die größte Bestimmung und Bedeutung haben und erst durch die eigne die der anderen Paare entscheiden. Wenn wir den Schlaf als das Kordial des Gehirns (oder das Schlafkissen als das ladende elektrische Kissen desselben) betrachten, so dringt sich uns die seltsame labyrinthische Gestalt dieses einzigen Gliedes am Leibe – wenn nicht vielmehr der Leib nur dessen Glied ist – zur Erforschung seiner stärkenden Nilquellen auf. Die Gehirnkugel – das heilige Menschenglied, die Himmelkugel auf dem Rumpf-Atlas – ist in ihrem Zusammenbau wirklich dem ägyptischen Labyrinth ähnlich, das unter der Erde so viele Gemächer und Paläste hatte als unter dem Himmel; denn nur im Gehirne findet ihr das uneinige Gestaltenlabyrinth, Kugeln-Hügel, Höhlen, Netze, Bündel, Knoten, Kanäle, Brücken, Trichter, Balken, Sicheln, Äste, Blätter, Am Lebenbaum, der 800 Blätter hat, an einem Narren aber nach Malacarne nur 324. – Übrigens konnte noch niemand diese wild ineinander gewundnen Hirngestaltungen (Konfigurationen) zu Naturspielen heruntersetzen, weil man betrachtete, daß gerade in den Gehirnen immer derselbe Bau gefunden wird – höchstens die Zirbeldrüse abgerechnet, die wohl bald als Kugel, als Zirbel, als Herz erscheint –, und daß man in allen Teilen nicht nur des menschlichen, sondern auch des tierischen herab bis zum Bienengehirn herunter die graue und die weiße Substanz antrifft. dann außer der weißen und grauen Substanz noch eine gelbe im hintern Lappen des großen Gehirns und eine schwarze in den Markbündeln – und endlich den gelben Sand in der Zirbeldrüse und die Wasser in den Höhlen. Diese Pantheon-Rotunda, worin alle Götter- und Heiligenbilder des Menschen stehen, kann doch, da schon jede kleinste Gefäßbeugung einsaugend oder abscheidend dient, mit so vielfachen Zurüstungen nicht blos an den Adern, noch für die Nerven Die wenigen Sinnennerven sind bloß mit den dünneren Enden ins Gehirn gelegt. Auch hat allemal das größte Gehirn, nach Sömmering, die kleinsten Nerven. saugen wollen, sondern muß sich gegen eine Sonnen- und Morgenseite einer ganz andern stärkenden Himmelluft atmend eröffnen, als wir bisher in der Scheidekunst kennen, dieser Vorläuferin der Bindekunst. Immer bleibt uns das Gehirn eine Pyramide voller Gemächer und Gänge, aber ohne Fenster und Türen, auch wenn es Gall vor unsern Augen in eine glatte Haut ausplattet; denn von den Nervenscheiden an bis zu dem Faserngewebe vertrockneter Blutkügelchen ist ja alles durchlöchertes Haut-Netz flüssiger Perlen und flüchtiger Perlenessenzen. Wer wird an Blutkügelchen messen, oder gar an Gehirnkügelchen? Gleichwohl wurde das zergliedernde Messer der Messer und weidete den Satz heraus, daß ein Gehirnkügelchen achtmal kleiner ist als ein Blutkügelchen. Das Geistige übrigens wird durch alle diese körperlichen Lichter nicht erhellt; der Kreis des Geistes wird von keiner Quadratur des Körpers beschrieben und berechnet. Unter den Erscheinungen des Schlafes steht eine gewöhnliche, aber doch nicht unerläßliche, die Abschneidung des Geistes und Gehirns von den willkürlichen Bewegungen. Der Nachtwandler und der Magnetschläfer behalten die Gliederherrschaft. Doch das Regen, Wenden, Herumwerfen der Schläfer gehört vielleicht mehr jenen Zuckungen an, die auch an Tieren und Menschen nach dem Verluste des Gehirns erscheinen. Man schaue in seine Träume zurück, so wird man finden, daß in ihnen, obgleich sie alle Sinnen nachspielen, sich oft starkes Zuschlagen mit der Hand in matte markleere Versuche verwandelt, eiliges Entlaufen in gehemmtes Schreiten, und Schrei-Anstrengung in leises Gestöhn. Hat man vollends, wie der Verfasser dieses, Wahl- oder Halbträume (wovon nachher), worin man sich nicht nur des Träumens, sondern auch der Herrschaft über dasselbe bewußt ist, und versucht man darin die Selberaufweckung aus diesem zwar nicht heiligen, doch schuldlosen Grabe: so wird man bei dem Bestreben, die Glieder zu regen, Ohnmacht oder Ungehorsam finden, bis endlich der gesteigerte Wille die Scheidewand zwischen sich und den Nerven umwirft. Seltsam genug! Denn hier am Ende des Schlafes und Morgentraums besteht neben aller hergestellten Kraft des Gehirns noch die Gebundenheit ohnmächtiger Empfind- und Beweg-Nerven, welche gleichwohl durch einen Zuck und Ruck des Erwachens ohne Spuren verschwindet. Noch stärker treten als Gegenspieler der Nachtwandler, die nicht empfinden, aber sich bewegen können, die Scheinleichen auf, welche den Zurüstungen ihres Begräbnisses zuhören, aber keine Glieder zu heben vermögen. Desto sonderbarer ists im kleinen wie im größern Scheintod, daß die Steigerung des Willens, die sonst Zentner hebt, nicht das für ihn gewichtlose hebende Glied selber regen kann. § 5 Wunderbarer Übergang vom Schlafe ins Bewußtsein und von dem träumerischen in das wache Ich erwähnte oben meiner Wahl- oder Halbträume; ein Wort sei zu ihrer Beschreibung erlaubt. Wenn ich mich nämlich gegen Morgen mit Gewalt durch meine psychologische Einschläferkünste wieder ins Schlafen gezwungen, so bringt mich gewöhnlich ein vorausgehendes Träumen, worin ich eine Sache nach der andern unter dem Suchen verliere, auf den Gedanken und Trost, daß ich träume. Die Gewißheit, zu träumen, erweis' ich mir sogleich, wenn ich zu fliegen versuche und es vermag. Dieses Fliegen, bald waagrecht, bald (in noch hellern Träumen) steilrecht mit rudernden Armen, ist ein wahres wollustreiches stärkendes Luft- und Ätherbad des Gehirns; nur daß ich zuweilen bei einem zu geschwinden Schwingen der Traum-Arme einen Schwindel spüre und Überfüllung des Gehirns befürchte. Wahrhaft selig, leiblich und geistig gehoben, flog ich einige Male steilrecht in den tiefblauen Sternhimmel empor und sang das Weltgebäude unter dem Steigen an. Bei der Gewißheit unter dem Träumen, alles zu vermögen und nichts zu wagen, klimm' ich an himmelhohen Mauern beflügelt hinauf, um droben plötzlich in eine weite reichste Landschaft hineinzublicken, weil – sag' ich mir – nach den Vorstellgesetzen und den Traumwünschen die Phantasie durchaus den rundumher liegenden Raum mit Gebirgen und Auen füllen muß; – und sie tut es jedes Mal. Zu Höhen arbeit' ich mich hinauf, um mich von ihnen zum Vergnügen herabzuwerfen; und noch erinnere ich mich des ganz neuen Genusses, als ich mich von einem Leuchtturm ins Meer gestürzt hatte und mit den unendlichen umspülenden Wellen verschmolzen wogte. In solchen Halb- oder Wahlträumen denk' ich immer an diese Traum-Theorie Mit welcher ich mir manche gute und böse Träume zugezogen haben mag, wenn die alte Regel richtig ist, daß diejenigen die wenigsten haben, die am wenigsten von ihnen sprechen. und koste Speisen, um zu prüfen, ob im Traum wirklich der Geschmack so leer und luftartig ausfalle, als ich nach ihr annehme. Außer schönen Landschaften such' ich darin, aber immer im Fluge (das bleibende Zeichen eines Wahltraums), noch schöne Gestalten, um ihnen ohne Umstände in den Augen der größten Gesellschaft um den Hals zu fallen, weil diese Gesellschaft eben nur mein Traum ist; leider flieg' ich aber oft lange nach ihnen vergeblich herum, so daß ich mich einmal in einem Dorfe des Kunstgriffs bediente, zwei sehr schöne, aber nie gesehene Gräfinnen zu mir rufen zu lassen, weil die Guten, sagt' ich, von der nun zum Schönfärben durch das Traum-Erwarten gezwungenen Phantasie durchaus reizend-gesponnen eintreten müssen; – wiewohl darauf weder Grazien noch Furien erschienen, sondern, wie öfters, der Traum unaufgelöset in einem andern verstarb. Oft vergleich' ich im Halbtraume diesen selber mit dem magnetischen Traume. Zu manchen Gestalten sag' ich, aber in einer erhabenen Qual: »Ich wecke mich, so seid ihr ja vertilgt«; so wie ich einmal mit diesem Bewußtsein des nichtigen Bestandes mich vor den Spiegel stellte und fürchtend sagte: »Ich will sehen , wie ich im Spiegel mit geschloßnen Augen aussehe.« So greift tiefer Traum und durchsichtiges Schein-Träumen, Festes und Flüchtiges unaufhaltbar und sinnlos durcheinander, und der arme Geist, welcher zu beherrschen und sich zu besinnen glaubt, wird von zwei Wellen zwischen den Ufern zweier Welten geworfen. Da nun diese Wahlträume mir, so weit ich sie erschaffe und regiere, nur ein schönes stärkendes Sein gewähren: so wach' ich darin ganz besonders gegen das Wachwerden, wenn ich durch das halbwache Ohr mein stärkeres Atmen oder fremde Gassentöne höre, und ängstige mich vor dem Versinken meines Paradieses durch ein helleres Bewußtsein. In solchen Halbträumen dacht' ich über das mir darin so gewiß beiwohnende Bewußtsein nach, das man dem Schlaf absprach, und hielt dasselbe gegen das künftige Bewußtsein des Wachens; begriff aber durchaus nicht, wie ein helleres hinter dem eben gegenwärtigen nur möglich sei. Ja einmal träumt' ich, zu erwachen und wirklich das hellere zu bekommen. Aber endlich sprang, wie durch eine Feder, plötzlich die Türe zwischen Außen und Innen auf, und die Welt lag unvermittelt im weiten Taglichte eines neuen Bewußtseins. Nur langsam verdunkelt sich im Einschlafen das Bewußtsein, hingegen plötzlich strahlt es auf bei dem Erwachen. Ein wahres Wunder, obgleich ein Alltag- und Allnacht-Wunder. Etwas steht da, wie ein Bühnen-Vorhang, nicht bloß zwischen Geist und Nerve oder Außenwelt, sondern zwischen Geist und Selber-Bewußtsein. Welche Kraft zerreißt den Vorhang? – Der übernachtende Geist selber ringt nach Öffnung der Welt und sucht durch willkürliches Bewegen der Körperglieder den Grabstein abzuheben von seiner Gruft – – und nach einer rechten willkürlichen Bewegung gelingt es plötzlich, und das Bewußtsein erglänzt, und alle Sinnen stehen wieder offen. Wenn aber ein Stoß des Geistes die Pforten nach Außen sprengt: so ist doch das Bewußtsein nicht Wirkung, sondern nur Bedingung der hergestellten äußeren Empfindungen; denn ein Mensch, dem künstlich alle Sinnenzufuhr abgeschnitten wäre, träte doch erwachend ins freie Reich des Bewußtseins. Daher ist die unbegreifliche himmlische Helle des Bewußtseins im Wachen nicht die Geburt des regelmäßigen Fortbestandes der äußeren Dinge; auch an der gesetzmäßigen Reihe innerer Veränderungen, ja an der Regellosigkeit des Traumzuges könnte sich ebenso gut das feste Stehen des Ich abspiegeln. – Dieses köstliche, im Wachen sich sonnende Bewußtsein können wir in dem alles verklärenden Mondscheine des Magnetismus nicht einmal wiederholt, noch weniger überstrahlet zu finden hoffen. Denn immerhin versichere der Magnetschläfer, sich des wachen Bewußtseins zu erinnern, so glaubt dasselbe ja der dunklere Schläfer im Traume auch von sich; und erwacht kann der erste das magnetische, da er es vergessen, nicht gegen das wache berechnen. Auch das tiefere Erinnern und Heraufholen untergesunkener Zustände hat mit dem Magnetträumer der Alltagträumer, nur in kleinerem Grade, gemein; und dieses tiefere Erinnern, so wie Scharfsinn, Phantasie und Witz, sind (wie auch im gemeinen Traume) weder Kinder noch Väter des Bewußtseins. Vielleicht wird eben durch die Verfälschung des Bewußtseins auch der leiseste Rausch, wenn er auch alle andern Kräfte steigert, uns zuwider. Das wahre Bewußtsein – dessen Trübung im Seelensarge des schlafenden Leibes mich immer trübe macht – ist das wahrhafte Gottähnliche am organisierten menschlichen Erdenkloß, und über dieses gleichsam absolute Bewußtsein hinaus können wir uns nicht erheben zu einem noch höheren helleren, obgleich das Bewußtsein Stufen vom Kind zum Manne, vom Traume zum Wachen besteigt. Muß ja sogar das Tier seinen Traum von seinem Wachen durch etwas unterscheiden! An diesem Sonnenglanze des Bewußtseins muß es liegen, warum wir ein geträumtes Freuen oder Leiden nicht einmal nur vergleichen mit einem wach erlebten, bliebe auch von jenem, wie von diesem, keine weitere Spur zurück als im Gedächtnis. Indes bleibt eine freudige Feerei der vier Gehirnkammern uns mit mehr Nachgenusse zurück als ein frère terrible von Traum uns mit Nachschrecken. – Gespenstererscheinungen, Todesverurteilungen, neue gräßliche Tiere und vorspringende Gorgonenhäupter des Traums werden ohne geistige Erstattung und ohne Nachwehen des Körpers erlebt und ertragen; und noch niemand ist vor Schrecken im Traume gestorben, obgleich letzter den Menschen noch dazu, ihn immer in die Jahre und Ängstigungen der Kindheit zurückdrängend, waffenlos und entkleidet, gleichsam im Hemde, allen Stoßwinden und Stoßzähnen entgegenführt und unterwirft. – Meine Behauptung wird nicht umgestoßen, nur gemildert, wenn man mit Recht dazusetzt, daß die Traumqualen uns weniger erschüttern, weil sie flüchtige Blitze aus blauem Himmel sind, indes die Gewitter des Wachens uns durch ihr langsames Heraufziehen und Auseinanderfalten und Fortschlagen überwältigen. § 6 Die vier Mitarbeiter am Traume Obgleich vor und unter dem Einschlafen, durch welches das Gehirn sich mild von der Außenwelt ablöset, einige Empfindbilder, aber mit Bewußtsein, vorgaukeln, weil das Abbrechen der Empfindungen und Vorstellungen dasselbe mit einem kurzen flüchtigen Reize entzündet, so faltet es sich doch endlich bald zum dicken Schlafe zusammen, den keine Träume aufblättern. Zwar glaubt Kant, jeder Schlaf beherberge Träume, weil sie als geistige Träger und Wecker des Lebens notwendig seien, und die Abwesenheit bewußter Träume schließe bewußtlose nicht aus; aber er behauptet hier von geistigen Anreizen, was Boerhave von körperlichen, nämlich das von Träumen, was dieser von den im Schlafe stechenden Bedürfnissen der Ausleerung glaubt, ohne welche, d. h. ohne deren Fühlen, nach seiner Meinung der Mensch niemals aus dem längsten Schlafe herauskäme, sondern nur in den ewigen hinein. Man frage Boerhave: warum wecken später Reize, welche doch früher, wenn auch in ihrem kleinern Grade, einzuschlafen erlaubten? So frage man Kant, inwiefern dunkelste unbewußte Träume und Vorstellungen gerade dem scheintoten Körper im tiefsten Schlafe das Leben fristen; denn er muß ja zuletzt von so dunkeln Vorstellungen sich beleben lassen, daß wir von ihnen keine mehr uns machen können, wenn wir lebenerhaltende Träume dem Schlafe des Fötus, dem Schlafe der Tiere und deren Winterschlafe leihen wollen. Allerdings belebt eine geistige Kraft fort, und die Wechselwirkung zwischen Leiblichem und Geistigem kann keinen Augenblick abbrechen, oder sie wäre unwiederherstellbar; aber wirkt denn das Geistige nur durch Denken, nicht auch durch Wollen und durch Widerstand? Die Träume sind die ersten Blumen des vom Schlaftau gestärkten betauten Gehirns, so wie das Hellsehen die Frucht des durch den Kunstschlaf mit Lebenkraft geladenen Nervensystems. Daher die Träume gewöhnlich am Morgen erscheinen, oder überhaupt an jedem, auch von Innen gemachten Ende des Schlafs. Man darf folgerecht annehmen, daß jeder Schlaf, der nicht vorzeitig von Außen abgebrochen wird, nur durch das Interim oder Helldunkel des Traums, und sei es der kürzeste, in das Wachen sich webe, und nur aus Unbewußtsein des Schlafes leihen wir dem Traum dessen Dauer. Wenn der längste Traum vielleicht in einer Viertelstunde zu erzählen ist: so muß er ja mit seinen geistigen Gestalten in kürzerer Zeit durch die Seele gezogen sein als die schleichenden Worte in das Ohr. Eine verträumte Nacht erfoderte mehr als einen erzählenden Tag. Man ist aber zu dem so offenbaren und doch so alten Irrtum über die Länge der Träume durch eine Verwechslung ihrer Gestalten mit den wirklichen gekommen. Denn die Traumgestalten halten als Empfindbilder so wenig vor dem Geiste eine Minute lang still und standhaft als irgendeine Vorstellung, die sich unter dein Beschauen zugleich zerteilt, zergliedert und paart; daher im Traume Gesichter in Gesichter überfließen, Zimmer und Städte sich auf der innern Bühne ineinander schieben und jede Gestalt sich unter dem Auge neu gebiert. Der Verfasser dieses hielt oft in seinen Wahlträumen ein Titelblatt sich mit dem Bewußtsein vor das Auge, daß die Buchstaben nicht bleiben könnten – und sie blieben auch nicht, und er konnte nicht dasselbe zweimal lesen. Nach der Bemerkung eines englischen Arztes gehört es unter die Zeichen eines Wahnsinnigen, wenn er dieselbe Geschichte, die er eben erzählte, nicht ähnlich-treu wiederholen kann. Noch weniger als der Tolle, der nur Vorstellbilder und sogar fixe vorzuführen hat, vermag der Träumer Empfindbilder zu befestigen zum zweiten Beschauen. Sogar die stärkeren wachen Empfindbilder, unter dem Namen Fieber-, Gespenster-Erscheinungen, halten dem Auge nicht Stand. Dieses Luftartige, diese wankenden Spiegelungen, wodurch der Traum sich dem bleibenden Gestein der Wirklichkeit entgegensetzt, machen es, daß im Traume jede Vergrößerung und jede Verringerung unaufhörlich wächset; wer z. B. Geld im Traume findet, wird immer mehr zu finden fortträumen; wem ein Uhrglas zerbricht, dem wird die Uhr immer schadhafter auseinanderfallen. Wir treten nun näher zu den Mitarbeitern am Traume. Das Gehirn – das Organ des Traums – ist, wie im verschlungenen Bau, so in der Kraft eines Sensoriums aller Sinne weit über die Nerven erhaben, wovon jeder nur zwei Empfindungen, die seines bestimmten und die des allgemeinen Gefühl-Sinnes, aufzunehmen vermag, so wie überhaupt diese geistige Unterordnung sich schon im umgekehrten Größen-Verhältnis des Gehirns und der Nerven erweist. Aber gar Empfindung aufzubewahren und also zu erneuern vermag nur das Gehirn und kein Nerve. Sogar von dem zurückbleibenden Nachglanz und Nachklang eines zu starken Lichtes und Tons könnten Seh- und Hörnerven vielleicht dem nachschaffenden Gehirn etwas schuldig sein; wenigstens war, wenn Moses Mendelssohn in seiner Nervenkrankheit abends die Stimmen des Tags wie von einem nahen Hörrohr nachgeschrieen vernahm, das Schallgewölbe nicht in den Ohrgängen, sondern in den Gehirnkammern; denn der Nerve kann wohl selber fortsetzen und ausmachen, aber nicht wieder ansetzen, wenn er ausgesetzt. Doch dies beiseite! Die Gehirnkammern sind die Obstkammern nicht nur der von den Sinnen gepflückten, auch der von dem Geiste getriebenen Früchte. – Wir sagen und schreiben dies so leicht hin, ohne uns zu verwundern und zu befragen, wie etwas Körperliches etwas Geistiges aufbehalte, da Aufbehalten, also Erneuern, ja an die Wiedererzeugung grenzt. – Genug, im Gehirne bleiben von den Empfindungen die Empfindbilder zurück, welche unter gewissen Vergünstigungen, wie im Schlafe, wo das neu erfrischte Gehirn, ungestört und unbeschädigt von Außen, seine Schätze glänzen lassen kann, als Traumbilder auferstehen. Kein Atomist rechne hier nach, ob das Gehirn die unzähligen Empfind-Spuren oder Abdrücke des Lebens (welche leblose, geistlose Worte!) beherbergen könne; denn H. Hooke Hallers Physiologie. B. V. rechnet ihm vor, daß von einem vierpfündigen Gehirne, nach Abzug eines Pfundes für Blut und Gefäße und eines für die Rinde, noch zwei Pfund übrig bleiben, wovon 1 Gran Gehirn-Mark 205452 Spuren faßt. Dabei kann noch der Zergliederer dem Atomisten vorrechnen, daß eine Menschennase ein Teilchen von 1 / 226378300 eines Grans und eine Hundnase gar ein Teilchen von 1 / 2593005000000 zu riechen vermöge, zu welchem kleinen Gran als Gegenstand doch kein größerer Gehirngran als Behälter nötig sein kann. Läßt sich der Atomist noch nicht schlagen, so nötige man ihn, die Gehirnkugel wenigstens so groß zu sehen, als etwan die Peterskuppel sein mag, obgleich dies noch Verkleinerung des Gehirns ist, da jeder Gegenstand nicht nur so groß, sondern noch größer im wahren Wesen ist, als er unter dem besten Vergrößerglas erscheint; und dabei unterlasse man nicht, ihm zu bedenken zu geben, in wie viele Teile die ungeheuere Gehirnkuppel für alle Empfindungen eines ganzen Lebens zu zerlegen ist, wenn man jeden Teil auch nicht feiner annimmt, als ein Lichtstrahl ist, welchen Muschenbroek 5000 Billionen mal dünner als ein Haar angibt. Will sich nach allem diesem der Atomist wider Erwarten noch nicht ergeben: so beschließe man damit, womit man gleich hätte beginnen können, daß man mit allen den bisherigen Erläuterungen und Beweisen ihn gar nicht überzeugen wollen, sondern nur parodieren. Denn in Tat und Wahrheit liegt die gemeine Sandwüste des Mechanischen längst hinter uns. Denn wie im Ohre 1 / 16 Kubikzoll Luft alle verschiedenen Tönungen und Bebungen eines vollstimmigen Konzerts unverworren faßt und trägt, so kann auch das Äthergehirn (wovon das sichtbare nur der rohe Träger ist, wie das Metall von Magnetismus, Elektrizität und Galvanismus) so gut eine Welt tragen und behalten als mit ihm der Geist. Lasset uns nun die Bildungen des Traums weiter verfolgen. Wir finden vier Mitbildner oder Mitarbeiter am Traume. Der erste ist das Gehirn, insofern dasselbe bei dem Einschlafen, das ihm die Nerven als die Ableiter seiner elektrischen Tätigkeit unterbindet, sich zum Sammler seiner Kräfte (zum Elektrizitätsträger) isoliert und sich durch aufspringende Empfindbilder entlädt; welche es anfangs (eben im Einschlafen) nur vereinzelt im unerhellten innern Augenraum, dann später aneinander gereiht im erhellten emportreibt für die Seele. Hier tritt noch alles körper-willkürlich und geist-unwillkürlich auf, und nur die körperlichen Folge-Gesetze der Gleichzeitigkeit und Gleichräumigkeit der empfangenen Empfindungen können die Reihe der Empfindbilder notdürftig ordnen. Wir halten überhaupt manches Unwillkürliche betrogen für frei, z. B. unsere Erinnerung. Niemand kann versichern: »Morgen um acht Uhr werde ihm diese oder jene Sache wieder einfallen.« Er kann sich ihrer eher und später oder gar nicht erinnern; aber damit es gerade um acht Uhr geschehe, muß er äußere Denkzettel, Schnupftuchknoten u. s. w. vorbereiten und sogar auch hier gewärtig sein, daß er sie anzusehen vergißt, wenn nicht ein zweiter Mensch ihn erinnert, der wieder von Denkzetteln abhängt. Sind nun einige Empfindbilder nebeneinander vom Gehirn gegeben: so muß dieses bald auch Raum dazu nachschaffen, welcher eigentlich in nichts bestehen kann als in der bevölkernden Ausfüllung des Gesichtkreises. Der Raum ist die Erstgeburt des Gesichts. Dieser Sinn gebiert seine Gegenstände im Traume am meisten wieder, weil er im Wachen der herrschend-feststehende ist, indem ihn die Fortdauer der Eindrücke, welche alle übrigen Sinne bis zur Unempfindlichkeit abmattet, eben durch die Milde derselben wach und lebendig läßt; daher man im Traum sehen muß, damit man höre, schmecke, fühle, taste. – Auch im Traume drückt man zuweilen die Augen zu und sieht die schwarze Nacht; aber diese ist nur ein anderer und mehr einförmig-gefüllter Raum und keine Seh-Verneinung, wie etwan in Blinden. Daß das Empfindbild des Gesichtes auch ein Empfindbild des Ohres wird und also spricht, dies hat manche unnötige Verwunderung über den Traum erregt, als ob das Ohr nicht auch sein Echo dem Gehirne nachlasse. Die Auferstandenen oder Revenants der Empfindung müssen ihre Sprache aus dem Wachen in den Traum mitbringen und also mit dem Ich zu sprechen scheinen, das sie sprechen läßt. Hier nun, besonders mehr bei den Worten als den Tönen, tritt der Geist auf, nicht als bloßer Zuschauer und Zuhörer seines Gehirns, sondern als Bilderaufseher und Einbläser der Empfind-Bilder, kurz als der zweite Mitarbeiter am Traume. Denn allmählich fangen nach den körperlichen Gesetzen der Gleichzeitigkeit und Gleichräumlichkeit die mehr geistigen der Ähnlichkeit und der Verursachung zu regieren an. Von wem anders als vom Geiste können jene romantischen Geschichten der Nachtzeit gedichtet werden, worin oft das träumende Kind den schreibenden Vater übertrifft? Indes daß die ersten Empfind-Bilder außerhalb des Zauberkreises des Geistes stehen, rufen und reizen die spätern seine Herrschaft auf, und er stellt im Gehirne, das nur die losen rohen Gaben der Nerven und die Wirkspuren des Geistes unverbunden gemischt wiederbringen kann, darin stellt er als eine zweite höhere Natur die geistigen geordneten Seh- und Hör-Reihen durch Wollen und Erregen auf, und nach dem gewöhnlichen Wechsel-Übergewicht des Geistes und des Körpers behauptet er seine Allmacht durch eine Ordnung für jedes Ich. Denn Himmel! wie müßte sonst jeder Traum, insofern die Seele nur beseelend, nicht auch schaffend und reihend eingriffe, die Millionen Gestalten zu greulichen Untier-Haufen ineinander verschieben und verstricken! Wenn im Traume ein Mensch mir eine Frage vorlegt, auf welche ich keine Antwort habe, sondern erst später der Mensch, so fragt man mich, wie meine so große Unwissenheit in diesem Examen zu vereinigen sei mit meiner größern Kenntnisfülle, welche ich dadurch zeige, daß ich den Examinator nichts sprechen lasse, als was ich ihm eingegeben. Die Lösung ist leicht; denn ja auch im Wachen bin ich, insofern ich etwas ersinnen will, vorher der Frager nach einem Gedanken, dessen Finder ich später werde; im Traum aber wird das sinnende Ich in drei Ich zersetzt, in das fragende, das suchende, das findende; nur daß das erste und das dritte sich hinter ein Empfindbild verstecken. Listig läßt der Träumer, wenn er einen Gedanken nicht finden kann, das antwortende Empfindbild zu leise werden oder schweigen oder abgehen. Der dritte Mitarbeiter am Traume, welcher die Empfindbilder nach einigen geistigen Gesichtspunkten zu reihen scheint, ist das körperliche Gedächtnis der Fertigkeit. Wenn die Hand des Tonkünstlers, der Fuß des Tänzers zuletzt eine Kunstreihe von alten Bewegungen zu geben vermögen, ohne bewußte Einmengung des Geistes, welcher nur die neuen schwereren bewußt befiehlt und erzeugt: so muß im Reiche des Gehirns dieselbe Kunstreihe körperlich-geistiger Fertigkeiten durch den Traum erstehen können, ohne einen größeren Aufwand geistiger Regierung, als im Wachen ist; ein leichter Seelenhauch im stillen Traume treibt das ganze körperliche Windmühlenwerk wieder zum Gange, oder mit andern Worten: wie im Wachen der Geist mitten unter der bewußten Anstrengung noch Kraft einer unbewußten für die Körper-Fertigkeiten behält, so muß er ebenso gut, wo nicht mehr, im Traume, bei Stillstand der bewußten, Macht der unbewußten übrig haben und zeigen. Der vierte Mit-Schöpfer an der Traumwelt ist bekanntlich die Außenwelt, welche, zumal in dem leisen Morgenschlummer und besonders durch unangenehme Gefühle, den Geist nötigt, sich eine Bilderwelt zu ihrer Erklärung zu schaffen. Ein lästiger Bettdruck z. B. erpreßt von der Seele, welche zu dem unbekannten Glockenhammer gleichsam ein Zifferblatt sucht, eine in lauter Gehirnbildern ausgeführte Geschichte von schwerem Steigen, engem Durchdrängen, von Liegen auf Kähnen, welche auf unterirdischen Wassern unter finstere, in das Gesicht hinein drückende Felsen rücken. Da das innere Nachtstück zuweilen so wenig ein Schattenriß des Äußern ist, daß der Durstige (nach Bonnet) von Springbrunnen träumt, wie der Hungrige von Essen: so beweiset dieser Übergang der äußeren Ursache in eine innere entgegengesetzte Geburt die überwiegende Hand des Geistes, der aus dem Blocke der Sinnenwelt nach eigenen Gesetzen sich Gestalten schlägt und holt. – So vermag er zu einer langsam wachsenden Außengeschichte, z. B. zum Anrollen eines fernen Wagens, wie zu einem Melodrama eine musikalische innere Begleitung zu setzen, welche mit der Prose des Melodrama im rechten Schlage zusammentrifft. Übrigens lenkt unter allen einschleichenden Sinnen gerade der Sinn des Gefühls, welchen der Traum am mattesten nachspielt und nachbildet, den letzten am häufigsten, und mehr als Schälle und Lichter; eben weil Gefühl nicht wie jene stoßweise wirkt und mithin weckt, sondern allmählich Druck, Kälte, Wärme steigert und sich in den Traum nur verflößt, ohne ihn zu verdrängen. – Überhaupt sobald der Geist sogar zu stärkeren Angriffen von Außen nur eine Traumgeschichte zu erfinden weiß, die jene motiviert und einwebt: so verlängert gerade der Traum den Schlaf. Die Gesamtregierung der vier Mitarbeiter am Traume kläret manche Eigentümlichkeit auf. Man scheide die Welt des Traums, wie die wache, in die Körper- und in die Geisterwelt, oder in die sinnliche und die geistige: so beherrschen und gestalten das Gehirn und das äußere Nerven-Einspielen die sinnliche mit ihren Räumen, Figuren und Bewegungen; hingegen der lenkend-schaffende Geist verleiht ihr das Geistige, den Gestalten die Worte und Gesinnungen und dem Zufalle Regel; und er kann der wahre Universalmonarch dieser Puppen- und Spiegel-Welt werden, darin allgemein seinen Code einführen und keine Meinung dulden und hören als seine eigne. Dem Geiste als Mitbildner am Traume gehört mehr an, daß wir darin zwar mit der nächsten Zukunft, z. B. einer Abreise, aber nicht mit der letzten Vergangenheit umgehen. Die weiter rückwärts liegende Vergangenheit, in welche sich so viel nachherige eingesponnen, besucht und reizt uns Träumer mehr als die leere des vorigen Tags. – Dem Gehirne als Mitbildner gehört mehr an, daß wir uns wohl in die Kinderzeiten zurück, aber nicht in die Greisenzeit hinaus träumen, ja daß wir sogar unsre eigne Kinder uns wohl jünger, aber nicht erwachsen dichten. Der Träumer schifft, wie die Alten, nur um alte Küsten, und bloß der Wache fährt ins unbekannte weite Meer; denn die Empfindbilder können als Gehirnbilder nur wiederholen und versetzen, nicht erschaffen, und bloße Vorstellungen von Hörensagen ohne erlebte Anschauungen treten nie als Empfindbilder im Traume auf; und ich berufe mich hier auf die wenigen Männer, die sich keuscher Jahre und der Träume darin zu erinnern haben. Dem Gehirne gehört an die häufige Wiederkehr mancher Träume. Ein Geistlicher von mehr Scharfsinn als Phantasie träumte gewöhnlich von weißem Schnupftabak, bevor er erkrankte. Übrigens sind die Inseln des Traum-Meers Freundschaftinseln, welche im Dunkeln aneinanderrücken; ein Traum setzt nach Wochen den andern noch fort; man bereiset dieselben Poststraßen und Wirthäuser; kurz, sogar der bewegliche selbstschöpferische Traum hält in diesem Alltagleben auf einige Alltäglichkeit. Mehr dem Geiste gehört es an, daß wir (z. B. der Verfasser) Landschaften, Städte, ja Zimmer, die wir selber bewohnt, gar nicht oder nur stückweise den wahren ähnlich träumen. Mehr dem Gehirne gehört es an, daß geliebte Wesen, nach deren Anblicke das Herz jahrelang dürstet, uns nicht durch den Traum ihre Bilder schicken; so groß ist der oben durchgeführte Abstand zwischen Vorstellung und Empfindbild; und so fortbewährt ist die Bemerkung, daß die Empfindbilder, z. B. erscheinender Gespenster oder Swedenborgischer Gestalten, gar nicht durch das Feuer ihrer Vorstellbilder erhellt oder gerufen werden, sondern unerwartet erscheinen. Und wir wären auch zu glücklich und würden besonders in den ältern Tagen zu viel Schlaf begehren, wenn in den Träumen unsere Wünsche zu teuern Gestalten werden und wir in diesen schimmernden Lenznächten des Lebens den auferstandnen Geliebten der Jugend mit der Brust voll alter und voll neuer Liebe begegnen könnten; wir erlebten dann das himmlische Wiedersehen schon auf der Erde und bedurften kaum einer Erde und eines Himmels mehr. So wollen wir denn schmachten und hoffen. Beschluß Genug des Wachens oder Träumens über das Träumen! – Wir beschauen und bereden den Traum fast von zu stolzer Höhe herab, als wären wir mit unserem Wachen schon erwachsen über alle Weltseelen hinaus. Der Schein muß dem Menschen oft das Sein zeigen, der Traum den Tag. Das uns so gewichtige Erdenspiel gaukeln vor uns die luftigen Morganischen Feen des Traums nach, damit wir unsere Denkwelt und Körperwelt nicht überschätzen. Ohne die nächtliche Einbuße unseres Bewußtseins und unserer Erdenherrschaft würden wir uns für reifende, ja für reife Götter ansehen. Die Minute vor dem Traum sagt dir, daß du nach einer Minute nicht die kleinste Gewalt über die auftretende Welt des Scheins mitbringen oder erwerben kannst – indes wir uns mit den Umwälzungen der wachen brüsten –, und daß du, so nahe und kaum Minuten-weit an der Pforte deiner Zukunft ruhend und an dem Amerika, das sich dir entdeckt, durchaus nicht weissagen kannst, welche Zeiten und Länder dich plötzlich in sich reißen; und du wirst so durch die Fallsucht des Schlafs ein halbes Leben lang in fremde Macht geworfen ohne Selberhülfe. Aber die Morgen kommen täglich und geben dir eine Kraft zurück, womit du selber die zähe starke Sinnenwelt – leichter als die weiche schaumige Traumwelt – bewegen, besiegen und ertragen kannst. Nun so bürge dir denn die tägliche unbegreifliche Wiedergeburt deines Bewußtseins für das Wunder von dessen Fortdauer nach dem tiefsten Schlafe, und der Übergang aus dem träumerischen in das wache erleuchtet dir von weitem die Stufen von dem wachen ins verklärte hinauf; und das einzige Unveränderliche in uns, das keine Tage und keine Nächte entkräften und verrücken, das Gewissen, dieser Träger der Ewigkeit, weissagt und stützt unsre eigne. So können wir denn das Leben verträumen, und den Traum verleben.