Wilhelm Jensen Dietwald Werneken (Aus den Tagen der Hansa – Band 3) Historische Erzählung aus dem sechzehnten Jahrhundert Erstes Kapitel. Im ersten Anbeginn des zweiten Drittels des 16. Jahrhunderts war's, daß an einem Frühlingsmorgen in der Hansestadt Hamburg sich großer Volksauflauf in einer Gasse drängte. Alle Augen bestaunten einen Schauzug, obwohl er an sich nichts sonderlich Ungewohntes, noch in seiner Ausdehnung Übermäßiges darbot. Ein sehr großer und noch mehr breitwüchsiger Mann in ritterlicher Panzerrüstung ritt an der Spitze von vierzig Harnischreitern, hinter denen angehäufte Wagen mit allerhand erbeutetem, wertvollem fremdländischen Streitgut folgten. Ihm voran zogen Trompeter, laut in ihre gewundenen Metallhörner blasend, das Visier seines federüberwallten Helmes war aufgeschlagen und wies ein kraftvolles Mannesgesicht in der Mitte der dreißiger Jahre mit langem braunrotem Bart und außerordentlich lebendigfeurig blitzenden Augen. An seiner Seite gab eine Anzahl wohlbenamter Hamburger Bürger, Herr Jochim Twestreng, Cord Goldener, Tydeke Moller und andere ihm bis vors Tor hinaus das Ehrengeleit; er redete lustigen Tons weithin hörbar mit ihnen und lachte noch lauter. Überall empfing die Volksmasse ihn mit Zuruf und Jubel, dann zog er die Lippen über ein mächtiges, weiß aufglänzendes Gebiß und grüßte mit etwas ungeschlachter Armbewegung, doch schien's, als diene gerade diese dazu, das Gejauchz der Menge noch höher zu spornen. So ritt er, in den Zügen ein Gemisch von trotzigem Stolz und geschmeichelter eitler Wohlgefälligkeit, langsam dahin. Seine Gefolgschaft bedünkte wie diejenige des Reiseaufzugs eines benachbarten, von einer Fehde kehrenden Herzogs oder Grafen, doch war sein äußeres Behaben kein fürstliches, kaum das eines Ritters, höchstens gemahnte es an einen unhöfischen Landjunker, dessen Manier sich nicht erheblich von der seiner Fronbauern und Knechte unterschied. Aber ein hochfahrendes Selbstgefühl, Kühnheit und sicheres Wertbewußtsein sprachen sich darum nicht minder zuversichtlich drin aus. Nicht bei allen auf der Gasse Befindlichen erregte sein Anblick die stürmische Begeisterung. Die, welche ihm hauptsächlich zujubelten, kennzeichnete ihre Arbeitsgewandung zumeist als Gewerksleute aller Arten, die aus ihren Werkstätten hervoreilten, um den Vorüberziehenden mit Zurufen zu begrüßen und tätig wieder an ihre Hantierung zurückzukehren. Was sich mit den Reitern bis zum Tor fortdrängte, bestand aus niederer Volksmasse, sie schrie am lautesten, aber sichtlich die meisten nur, weil ihre Nachbarn ihnen mit dem Beispiel vorangingen. Von den vornehmen Bewohnern der Stadt befanden sich wenige um die frühe Morgenzeit auf der Straße, doch wo da und dort einer der ›Junker‹ aus den reichen patrizischen Geschlechterhäusern dem Zug begegnete, schritt er achtlos, ohne den Blick darauf zu verwenden, rasch vorbei. An einer Ecke des Horsemarktes dagegen hielt ein wenn auch nicht nach vornehmem Geschmack der Zeit aufgeputzter, doch wohlgekleideter, unverkennbar oberm Stand zugehöriger Mann den Schritt und sah mit drein. Nicht teilnahmvoll, denn er beteiligte sich nicht an dem Gelärm, auch nicht neugierig, sondern nur mit unwillkürlichem Augenaufschlag seines gleichgültig ausdrucksleer auf den waffenklirrenden Zug hinblickenden Gesichts. Er bot ein noch voll jugendliches Antlitz, ans Ende des dritten Jahrzehnts streifend, doch von ernster Schwermütigkeit überlagert. Nun wandte er den Blick und wollte sich, da das Getümmel den Platz verließ, weiter begeben, allein höflichen Grußes trat einer auf ihn zu, dem man patrizische Abstammung an modischem Gewandschnitt, Miene und Gebaren sogleich ansah. Es war Herr Hinnerk Krevet, eines Oberalten der Stadt jüngster Sohn, ungefähr gleichen Alters mit dem, welchen er ansprach: »Habe mit Bedauernis von Eurem schweren Verluste Kenntnis erhalten, Herr Werneken, und wollte Euch schon seit geraumer Weile aufsuchen, Euch schicklich mein Beileid zu erstatten. Verhält es sich in Wirklichkeit, daß Eure Eltern und Geschwister insgesamt um den Jahresbeginn an der Krankheit, deren Namen man nicht nennt, verstorben sind?« Der Angesprochene, Herr Dietwald Werneken, Sohn des zu Tode verblichenen Kaufherrn Reginald Werneken, sah kurz empor und erwiderte: »Ihr habt nicht Unrichtiges vernommen, Herr Krevet, die Angehörigen meines Hauses sind im Winter alle an der Pest hingerafft worden.« Herr Hinnerk Krevet zog die Lippe ein wenig über die unbemäntelte Namensbelegung der Krankheit, von der er angedeutet, daß man sie schicklicherweise nicht mit geradem Wort benenne, dann äußerte er rasch: »So ist es nach der Ratschlagung Gottes Euch also widerfahren, doch verbleibet in solcher Betrübnis die Hoffnung, Ihr werdet in unserm alten herrlichen Glauben zur Getröstung darüber gelangen.« »Verbleibt Euch solche Hoffnung?« wiederholte Dietwald Werneken mechanisch die Worte des andern, indem er ohne Ausdruck an diesem vorübersah. Aber unverkennbar berührte es ihn schmerzlich, weitere Zwiesprache über den belegten Gegenstand zu führen, seine Augen suchten nach einer Ablenkung umher und, dem an der Ecke verschwindenden Zuge nachblickend, fügte er drein: »Kanntet Ihr den Ritter, der soeben vorbeizog?« »Ihr nicht?« »Nein, sonst hätte ich Euch nicht mit einer Frage bemüht,« entgegnete Dietwald Werneken und hob den Fuß, seinen Weg fortzusetzen. Sichtlich hatte er die Frage nur gestellt, um von dem Vorherigen abzubrechen, und lag ihm weder an ihrer Beantwortung, noch an Fortdauer der Unterredung. Doch Hinnerk Krevet schritt unaufgefordert neben ihm her und erwiderte: »Müsset Euch in letzten Jahren nicht viel um Menschen und Dinge Eurer Vaterstadt bekümmert, sondern gar abgesondert Eurer Büchergelahrtheit obgelegen haben, Herr Werneken, von der man redet, daß Ihr sie neben Eurem großen Handelsgeschäft bei Nächten mit sondrem Eifer betreibt. Wenn Ihr ihn so heißen wollt, prahlt er freilich als ein Ritter mit Goldsporen und Wappenschild, doch nicht von eines christlichen Fürsten, sondern von König Heinrichs von England, des vielweiberischen Ketzers Hand.« Der Sprecher zog diesmal mit einem Ausdruck wegwerfender Mißachtung die Oberlippe über den Zahnrand auf. Dietwald Werneken gab gleichgültig Antwort: »Wer denn ist er und wie benamt er sich?« »Unserer beider Vaterstadt aufgeschwollener Sohn und des gemeinen Gewerks Faustheld und Schmiederitter ist's,« entgegnete Herr Hinnerk Krevet jetzt aus hörbarem innerlichen Ingrimm, »Marx oder Markus Meyer, wie er heut vornehm seinen Namen schreibt.« »Kenne ihn nicht, habe nur vorzeiten von einem Grobschmied des Namens zu Hamburg vernommen.« »Ist derselbige, Herr Werneken,« fiel Hinnerk Krevet mit einem Gemisch von heftig ausbrechendem Haß und aristokratisch spöttischer Geringschätzung ein, »der noch vor drei Jahren mit Hammer und Blasebalg die Eisenröhren zur Bornmühle an der Alster selbst geschmiedet. Ist ein gar großer Held seitdem im Abend- und Morgenland geworden, hat in Friesland und Norwegen als Landsknecht und Fähndrich unter dem blutgierigen Dänenkönig Christiern dem Zweiten, dem Adelsfeind und Pöbelfreunde, zu Kopenhagen die Gunst des Lübecker Ratsherrn Jürgen Wullenweber, zeitigen ersten Burgemeisters der Stadt, erworben, wie gleich und gleich sich leichtlich zusammenfindet, so daß er von ihm als Hauptmann über die achthundert Knechte gesetzt worden, welche Lübeck dem Kaiser als Reichshülfe wider den Sultan Suleiman ins Ungarland gestellt. Ist danach zum Admiral von hansischen Orlogsschiffen aufgestiegen, hat auf eigene freche Faust Krieg mit den Burgundern begonnen und holländische Schiffe geschädigt, daß König Heinrich von England ihm zum Lohn für solches Verdienst wider seine glaubenstreuen Feinde goldene Gnadenkette und Ritterschlag verliehen. Jetzt ist der Grobschmied, um sich bei seinen ehmaligen Genossen damit zu brüsten, als stolzer Herr, aber als ein alter Freund des Volkes, zum Besuche seiner Vaterstadt gekommen, wo der Pöbel ihm als einem seines Bluts zujauchzt, und gegenwärtig reitet er mit seiner reisigen Gefolgschaft wie ein Fürst gen Lübeck, dort die junge reiche Wittib des vor zwei Jahren verstorbenen Burgemeisters Gottschalk Lunte zu freien, deren Seele der Teufel zu seiner Lust eingegeben, daß sie sich in den gemeinen Ketzer mit unehrbarem weiblichen Gelüst vernarrt hat.« Herr Hinnerk Krevet hatte seine Mitteilung mit anwachsendem Eifer gesprochen, doch erst ihr Abschluß schien einem Interesse des Hörers zu begegnen, denn dieser versetzte: »Ist Herr Markus Meyer lutherischer Lehre zugetan?« Jener warf unvermerkt einen mißtrauisch spähenden Seitenblick über das Gesicht des Fragestellers und erwiderte mit Nachdruck: »Wie das gemeine Volk allerorten, das nach Neuerung begierig ist und auf Umsturz göttlichen und irdischen Rechtes trachtet –« doch Dietwald Werneken fiel jetzt lebhafter ein: »Solche Rede muß aus dem Munde eines Bürgers unserer Stadt befremden, Herr Krevet, denn Ihr wisset wie ich, daß nicht nur die große Mehrzahl aller Insassen Hamburgs dem protestantischen Glauben zugewandt ist, sondern bereits seit nunmehr fünf Jahren auch der Rat sich zu der gereinigten Lehre, wie man sie heißet, bekannt und Abschaffung alles römischen Gottesdienstes in den Kirchen geboten hat.« Hinnerk Krevet dämpfte den Ton seiner Stimme mehr herab, doch die zornige Erregung war in seiner Antwort noch gestiegen: »Und warum, Herr Werneken, ist das geschehen? Weil wir alle von den Geschlechtern, Ihr wie ich, gleich dem Rat zu schwach, unbeherzt und kurzsichtig waren, um zu erkennen, daß es sich nicht allein um den Glauben unserer Väter, sondern vielmehr um ihren Vorrang, Recht und Macht im Gemeinwesen handelte. So ist es hier gewesen, so zu Lübeck, Wismar, Rostock und Stralsund; überall haben die Gewerke die neue Lehre genutzt, um sich in die erbgesessene Bürgerschaft einzudrängen und Teil am Regiment zu erlisten. Ihr wisset auch, daß es die Gewalt der Faust war, die den Rat bei uns genötigt, zubilligende Miene zum bösen Spiel zu machen und Herrn Joachim Wullenweber hier einen Sitz unter den Oberalten einzuräumen, gleichwie sein Bruder zu Lübeck sogar in schier unglaublicher Weise durch des niedern Volks Gunst und Getobe den hochedlen Herrn Nikolaus Brömse vom Burgemeisterstuhl verdrängt hat. Das hätte zu unserer Väter Zeit und ohne des fortgelaufenen Mönches Irrlehre von der Gleichheit der Menschen nicht widerfahren können, denn die Wullenweber sind vom untern Kaufmannsstande unserer Stadt, keinem edlen Geschlechte versippt. Ich vergönne jeglichem das unschädliche Gelüst, wenn er in die Erde hineingekarrt worden, sich gleichen Rechtes mit uns für ein anderes Leben zu halten, denn ich hebe keinerlei Anspruch darauf, ein solches in Gemeinschaft von Schreinern, Schmieden und Schustern wieder zu beginnen. Aber weil das Volk aus dieser Lehre auch sein Trachten und Gleichberechtigung schöpft, solang' es noch lebendig zwischen uns die Straßen anfüllt, da ist es unsere vornehmlichste und oberste Pflicht, in sicherm Einvernehmen Obacht zu üben, daß der verderbliche Glaube baldig wieder ausgerottet werde. Wenn wir gemeinsam gute Wacht halten, mag günstiger Zeitumstand dafür nicht fern liegen, da zum Glück, nicht wie zu Lübeck, bei uns keiner aus vornehmem Hause in Wirklichkeit dem Luthertum anhängt, obzwar man munkelt, daß hie und da einer ihm im geheimen zugeneigt sei, dessen Name solchen Abfall von der gemeinen Sache aller Patrizischen nicht vermuten lasse. Aber sollte es sich auch dergestalt verhalten, so bin ich doch zuversichtlich, daß keiner so töricht wider sich selber handeln wird, sich vor öffentlichem Ohr als Anhänger der bösartig umherfressenden Neuerung zu bekennen.« Die beiden nebeneinander Fortgeschrittenen waren bis an die Tür des Hauses Dietwald Wernekens gelangt, dieser stand jetzt still und entgegnete ruhig: »Ich weiß nicht, ob Eure Rede auf mich abstehet, Herr Krevet, doch Ihr drücket besondere Anschauung von der vornehmlichsten Pflicht eines Menschen aus. Das mag eine in Eurer Freundschaft hergebrachte und viel verbreitete sein, aber Ihr wisset, ich gehöre nicht zu den Geschlechtern Eurer Stadt.« Hinnerk Krevet fiel rasch mit einem Erstaunen kundgebenden künstlichen Lächeln ein: »Müsset mich durchaus mißverstanden haben, Herr Werneken; wie könnte bei Eurem Reichtum und hoher Geisteskraft ein derartiger Verdacht auf Euch haften? Aber da Ihr von Eurer Abstammung redet, habe ich Euch bereits früher einmal darum befragen wollen, woher und welcherlei Ursprung Euer edles Geschlecht genommen.« Es war offenbar, daß diesmal Herr Krevet mit der letzten Frage von der Wendung, die das Gespräch eingeschlagen, abzulenken trachtete; Dietwald Werneken machte jedoch kein Hehl daraus, daß er einer Fortsetzung desselben ziemlich überdrüssig sei. Er hob den Fuß auf den Schwellenstein seines Hauses und entgegnete, den Kopf zurückdrehend: »Ich kann Euch darüber nicht Auskunft geben, Herr Krevet, und gleichwie Ihr nach Eurer vorigen Aussage keinen Anspruch auf ein künftiges Leben erhebt, so mache ich keinen darauf, einem edlen Geschlechte nach Eurer Unterscheidung menschlicher Herkunft anzugehören. Was ich Euch zu erwidern vermag, ist nur, daß mein Ältervater als ein junger Mann von der Stadt Rostock hierhergekommen und ein kaufmännisches Geschäft in diesem Hause begonnen hat. Von welchem Stammbaume er als ein Zweig aufgewachsen, weiß ich nicht, halte aber dafür, daß ein solcher sich am besten an seiner Frucht erweist, und danach mein Ältervater, wie ingleichem mein Vater, sich wohl einen edlen Namen im Gemeinwesen zu Hamburg erworben. Solches Erbe nach Kräften zu hüten, erscheint mir als die oberste Pflicht eines Sohnes und redlichen Mannes, Herr Krevet, und danach lasset uns, ob mit neuem oder altem Glauben, jeglicher an seiner Stelle zum eigenen und gemeinen Wohles Besten trachten.« Der Sprecher nahm mit einer kurzen, nur der Anforderung üblichen Brauches entsprechenden Verneigung, doch ohne Handreichung von seinem Begleiter Abschied, der mit einem überaus höflichen und freundschaftlich lächelnden Gruß darauf erwiderte, dann schritt Herr Hinnerk Krevet, einen finstern Blick auf die hinter ihm geschlossene Tür zurückwerfend, weiter. Dietwald Werneken begab sich in das Kontor seines großen Handelsbetriebes, das von zahlreichen Gehülfen angefüllt war. Aus der Art, wie auch die ältern derselben seinen Rat erholten und ihm ihre Meinungen unterbreiteten ward ersichtlich, daß er mit überaus sicherm kaufmännischen Geist und Scharfblick die Oberleitung des Geschäftes fest in Händen hielt; eingelaufene Schiffe hatten vielfältige Briefe vom Norden und Osten mit sich gebracht, aus Opslo und Bergen, zumeist jedoch von den Seestädten der preußischen, livländischen und estnischen Küste, da das Kaufgeschäft Dietwald Wernekens hauptsächlich auf dem ›Buntwerk‹ wertvoller ostländischer Felle und Pelze beruhte. In gleichmäßig arbeitsamer Tätigkeit öffnete er die Schriftstücke, versah sie mit Randbemerkungen für den ihm gegenübersitzenden Buchhalter oder vollzog sofort ihre Beantwortung. Das letzte Schreiben kam aus der Stadt Dorpat von der Hand seines dortigen Handelsfreundes, Herrn Goswin Wulflams, und wurde von ihm mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen. Es enthielt die Nachricht von dem vor kürzester Frist zu Moskau eingetretenen Tode des russischen Großfürsten Wassilij des Vierten, daß sein Sohn und Nachfolger Iwan der Vierte erst drei Jahre zähle und deshalb die Mutter desselben, die Großfürstin Helena, für ihn die Vormundschaftsherrschaft führe. Da diese für lange Zeit andauern werde und die Regentin von halb deutscher Abkunft aus dem Litauerland herstamme, sei viel Hoffnung unter allen deutschen Kaufleuten in Kurland, Livland und Estland, daß die nun bereits seit einem Menschenalter üblen Jahre der gewalttätigen und grausamen Großfürsten von Iwans des Dritten Thronbesteigung her zum Aufhören gelangt und die Hanse mählich wieder zu altem Ansehen, Recht und Vorteil im russischen Lande gedeihen möge. Seit der schreckensvollen Eroberung und Verwüstung Groß-Nowgorods am Schlusse des vorigen Jahrhunderts habe so sehr jegliche Verbindung mit demselben ein Ende genommen und sei alles dort so fremd und unbekannt selbst zu Dorpat worden, daß man jetzt zuerst mit Erstaunen Kunde gewonnen, es habe auf dem großen Trümmerfeld der einst so weit gerühmten Stadt, daß man dort im Sprichwort geredet: »Wer kann gegen Gott und Groß-Nowgorod?« eine Anzahl deutscher Bewohner die Schreckenszeit überdauert und freilich bis heut ein gar ärmliches, bedrücktes und trostloses Leben an Leib und Seele hingeschleppt. Aber unter den verwandelten bessern Umständen bedürfe es vielleicht nur einer kräftigen Unterstützung, minder noch an äußerer Beihülfe als an geistiger Förderung und Zuspruch, um den Mut wieder in ihnen aufzuwecken, daß sie Versuche anstellten, den gewinnreichen Handel der Vorväter zu erneuern. Obendrein füge die Botschaft aus Nowgorod hinzu, es sei bei dem Überfall von seiten Iwans des Dritten damalig nicht der gesamte ›Kaufhof bei Sankt Peter‹ durch Brand in Asche niedergelegt worden, sondern das gotische und das deutsche Haus erhalten geblieben, stehe allerdings wohl zu vermuten, in nicht sonderlichem Stande, als der zurückverbliebene Rest ihrer ehmaligen zahlreichen Insassen. Solches vermelde der Schreiber heut gleicherweise zur Hälfte freudigen Sinnes über die unverhoffte Kundschaft, halb mit innerlicher Bekümmernis, da es nicht zu verkennen, wie die Hanse schon seit geraumer Zeit mehr und mehr niedergegangen und an Stelle der vormaligen hochkräftigen Einigkeit der Städte überall schwächliche Sonderbestrebungen und Zerfall gemeinsamer Bundesstärke zu treten begonnen. Vom fernen Ostland aus gewahre man dies bösliche Übel wohl deutlicher, als in den Hauptstädten und dem Vorort der Hanse selber, und erkenne, daß allerorten die tödliche Krankheit aus dem üppigen Blut der Geschlechter sprieße, die nirgendwo mehr auf Förderung gemeinen Wohles, sondern lediglich auf junkerhaften Hochmut und Befestigung ihrer Herrschaft mit Fürsten- und Pfaffen-Beihülfe bedacht seien. Daran werde nunmehr in kläglichen Tagen der Enkel das mächtige und erstaunliche Werk der Väter zuschanden, an dem Vornehme und Gewerke jahrhundertelang in treuer Gemeinsamkeit gearbeitet, und scheine kein Arzt mehr wider solch schnell hinraffendem Siechtum zu erstehen. Denn wie in den nordischen Reichen zu Schweden, Norwegen und Dänemark, fühle der deutsche Kaufmann besonders gar empfindlich am russischen Meerbusen, daß er nicht wie einst auf die gebieterische Schutzhand der Hanse vertrauen dürfe und die Ostsee dieser nicht mehr als ein Eigentum angehöre, da burgundische und holländische Schiffe sich in ganzen Geschwadern bis nach Finnland hinaufgetrauten. Drum werde wohl das nachfolgende Geschlecht bereits klagen müssen, der Ruhm, der Stolz und die Macht der Hanse seien von unwürdiger Selbstsucht, Hinterhalt, weibischer Eitelkeit und schimpflicher Herrschbegier solcher, die sich mehr als ihre Vorväter bedünkt, schmählich zu Grabe getragen worden, und werde auch wohl der verbliebene Überrest deutschen Blutes zu Nowgorod vergeblich auf Beistand und Wiederverknüpfung mit dem Vaterlande harren, sondern kümmerlich verderben und auslöschen, wie es allen andern hansischen Kaufhöfen in fremden Landen unabwendbar früher oder später bevorstehe. So schloß, anders als der hoffnungsvoll klingende Anfang, der von Dorpat eingelaufene Brief mit elegisch auslautender, sich Unvermeidlichem entsagend hingebender Klage. Dietwald Werneken hatte das Schreiben langsam nachdenklich durchlesen und verwandte seine Augen vom Schluß nochmals auf den Beginn zurück, bis von der unfern belegenen Peterskirche die Mittagsstunde schlug. Nun legte er das Schriftstück nicht zu den übrigen Briefschaften, sondern bewahrte es in der Brusttasche seines Wamses und begab sich mit allen Gehülfen des Handelsgeschäfts zu der im Wernekenschen Hause nach herkömmlicher Überlieferung gemeinsam verbliebenen Mahlzeit, an der er jedoch heut noch bedürfnisloser und schweigsam-bedachter als gewöhnlich teilnahm. Dann ging er allein die Treppe zu den Wohngemächern des Hauses hinan. Es waren prunklos, doch schön und behaglich eingerichtete Stuben, die überall von dem feinen, neuartig aus Italien herübergekommenen Kunstsinn und von freudigem Verständnis desselben redeten. Aber die Bilder und kostbaren Erzgeräte an den Wänden, die Sessel mit reich ausgeschnitzten Lehnen, hundertfältig stilvoller Zierat auf Sims und Tisch, alles hing und stand in einer toten Lautlosigkeit, welche stumm auszusprechen schien, daß sich kein fröhliches Leben mehr an ihrem Anblick erfreute. Der Fuß des Hindurchschreitenden rief einen geisterhaften Nachhall von den Wänden, scheu streifte sein Auge die schweigende Ausstattung der Wohnräume, über deren reglose Unbeweglichkeit ein mattgedämpftes Licht zahlreicher kleiner, bleigefaßter Rundscheiben einfiel. Er war der Letzte, Einzige in dem ausgestorbenen Hause. Hastig durchschritt er die Stuben bis zu einem kleineren Gemach, das er sich für seinen gewöhnlichen Aufenthalt außerhalb der Geschäftsräume eingerichtet. An den Wänden waren hier mehrere Gestelle mit Büchern angefüllt, eines von großem Format lag geöffnet auf dem Tisch vor einer einfachen, lederüberzogenen Ruhbank. Der Eintretende stützte die Hand auf den Tischrand und sah stumm vor sich hinaus. Nach einer Weile sprach er laut: »Warum und wozu? Warum mußten sie alle sterben, mich allein übrig lassen, und wozu lebe ich noch? Um mehr Geld in die Truhen zu füllen, das keinen Wert mehr für mich hat? Um von der Erinnerung jeglicher Stunde gemartert zu werden, daß ich euch alle besessen und für immerdar verloren? Wozu bin ich sonst geblieben? Weißt du eine Antwort darauf?« Er legte die Hand auf das geöffnete Buch, tiefer als bisher noch fielen die Schatten der Schwermut über sein schönes jugendliches Gesicht, dessen dunkelblaue Augen glanzlos niederblickten. Er war von Kindheit auf ernsten, doch nicht trüben Sinnes gewesen, in seinen Mußestunden allzeit vielfältig mit eigenen Gedanken beschäftigt, indes zugleich der Schönheit der Natur und Künste und auch echter, vom Herzen stammender Heiterkeit gern zugetan. Vor allem aber hatte er mit Liebe an seinen Eltern und Geschwistern gehangen und so sicher-freudige Heimat des Gemütes bei ihnen gefunden, daß es ihm nie in den Sinn gefallen, die Erde könne außerhalb seines Vaterhauses noch wahrhaft Begehrenswertes enthalten. Nun lag dies verödet um ihn, mit entsetzensvoller Krankheit hatte ein grausames Geschick ihm fast in wenig Stunden alles, was er innig geliebt, hinentrafft, und nur noch vom rechnenden Verstande seines Berufes in einem Zusammenhange mit dem Leben anderer forterhalten, stand er, vereinsamten Herzens, in einer fremden, kalten Welt. Eine Reihe von Monden war schon so über ihn weitergegangen, doch die Tage einstigen schönen Frohsinnes lagen unwiederbringlich ausgelöscht hinter ihm, frostig umgab ihn die Gegenwart und zwecklos rollte die Zukunft ihm leere Stunden auf. Lange Nächte hatte er schlaflos grübelnd gesessen und umsonst, wie heut, gefragt, warum das alles so geschehen und ihm solch trostloses Dasein fortbeschieden sei? Und er hatte in den Lehren seiner Kirche eine Antwort darauf gesucht, aber der Streit und Hader in seiner Brust wider die an ihm geübte unerbittliche Gewalttat war von keiner überzeugt worden. Da war ihm bei seinem verzweiflungsvollen Umhersuchen mehr durch Zufall als eigene Absicht die erst im vorigen Jahre zu Lübeck durch Herrn Dr. Johannes Bugenhagen, genannt Pommeranus, in Druck ausgegebene niedersächsische Bibel nach der oberdeutschen Schriftübersetzung Martin Luthers zu Händen geraten und seit Monden tagtäglich nicht ohne tiefgreifende Einwirkung von ihm gelesen worden. Zwar hatte er auch darin nicht Tröstigung für seinen eigenen Lebensgram zu finden vermocht, allein ein anderes war ihm daraus aufgegangen, daß die Menschheit bisher durch Trug, Herrschgier und Verderbnis der römischen Klerisei schmachvoll in geistigen und leiblichen Fesseln gelegen. Von diesen trachtete die gereinigte Lehre sie frei zu machen, so daß jeglicher die Erkenntnis des göttlichen Willens und Waltens in sich selber, im Spruch des Gewissens, vor allem auch im steten Streben nach irdischer Rechtschaffenheit finde und keiner Menschengnade von käuflichen Pfaffenlippen bedürfe, um zur Versöhnung mit dem unerforschlichen ewigen Richter alles unzulänglichen menschlichen Denkens und Handelns zu gelangen. Dies nämliche Gefühl aber hatte schon von Knabentagen her in seiner eigenen Seele gelegen, nur ohne aus der innerlichen Empfindung zu einem in Worte gefaßten Denken weitergeschritten zu sein, da kindliche Ehrerbietung und Liebe ihn zurückgehalten, sich mit der römischen Strenggläubigkeit seiner Eltern in einen Widerspruch zu setzen. Um so größer und tiefer reichend war nun jedoch die Wirkung der lutherischen Lehre, die Erkenntnis seiner bereits heimlich vorgebildeten Übereinstimmung mit ihr auf ihn gewesen. Er erkannte in dem Grundgedanken des Protestantentums die Wiederherstellung des Anfanges der christlichen Religion, die seit mehr als einem Jahrtausend von geistlicher Herrschsucht, blindem Fanatismus, scholastischer Wortklauberei und mönchischem Unverstand gefälscht, fast in ihr Gegenteil entstellt worden. Der gereinigte Glauben enthielt nicht allein eine Befreiung des Geistes zur Selbständigkeit von leerem Formelwesen, Wahn, Dünkel und absichtlichem Betrug schlau ausersonnener menschlicher Satzungen, vielmehr auch eine göttliche Mahnung zum Erlösen aus irdischer Not, wie der Nazarener seine Verheißungen nicht an die Reichen und Mächtigen gerichtet, sondern vor allem ein Heiland der Armen und Bedrängten gewesen. Dietwald Werneken empfand in tief ergriffenem Gemüt, es war eine Neuverkündigung des wahren, ursprünglichen Wesens des Christentums, der Duldsamkeit, des gleichen Wertes aller Menschen, ihrer gleichen Berechtigung im Erdenleben wie nach diesem in einem höheren Dasein. Wer den Inhalt dieser Erlösung der Menschheit von der alten römischen Fälschung und Bedrückung mit ganzer Seele erfaßte, mußte, ob mit oder ohne geistliche Gewandung, ein Prediger des Lichtes sein, mit ihm in die Gemütsverdumpfung und Finsternis der Geistesarmut hineinzuleuchten, und ein Priester der erbarmenden, werktätigen Nächstenliebe aller menschlichen Brüder untereinander. Das hatte seit manchen Wochen die Gedanken des vereinsamten jungen Kaufherrn unausgesetzt gewaltig erfüllt und ihm ein Gefühl aufgeweckt, daß sein Leben vielleicht doch noch einen Zweck besitzen, sich einen Inhalt schaffen könne, um sich nicht mehr und mehr von der Trostlosigkeit seines Herzens zu dumpfer Gleichgültigkeit an seinem eigenen und allem andern menschlichen Tun und Treiben überwältigen zu lassen. Nur wußte er nicht, wie sich ihm eine Möglichkeit bieten solle, die in seinem Innern aufgeloderte Begeisterung für die neue Lehre aus der Empfängnis in eine Wirkung, eine Tat, ein Verdienst an andern umzusetzen; denn er hatte zur Genüge die festgefügte Verknüpfung wechselseitigen weltlichen Vorteils zwischen dem Junkertum und päpstlichen Pfaffentum erkannt, um irgendeine Hoffnung in dieser Art auf seine patrizischen Standesgenossen setzen zu können. Die Gewerke und die niedere Bevölkerung der Stadt Hamburg hingen zwar bereits seit etlichen Jahren völlig dem Protestantismus an, doch hielt die Erinnerung an seine Eltern ihn noch immer mit einer geheimen Scheu, an dem Ort, wo sie gelebt, mit einem öffentlichen Bekenntnis seiner Absagung von dem Glauben, dessen letzte Tröstung sie mit in die Erde genommen, hervorzutreten. So stand Dietwald Werneken, sich mit der Hand auf die geöffnet liegende niedersächsische Bibel des Dr. Johannes Bugenhagen stützend, in der stillen, abgelegenen Stube da. Nun setzte er sich auf die Ruhbank und begann bei dem Zeichen, das er in das Buch gelegt, weiter zu lesen. Aber seine Gedanken faßten heut nicht die Schrift wie sonst auf, sie schweiften unstet ab, er wußte nicht wohin und warum, doch nach einer Weile kam es ihm klar zur Erkenntnis, daß er nur mit den Augen, nicht mit dem Verständnisse las. Die Luft in dem niedrigen Gemach war dumpf, das mochte ihn an der geistigen Achtsamkeit behindern. Er stand auf und öffnete das Fenster mit den fast dunkelgrünen runden Buckelscheiben, nun fiel über ein Gewirre brauner Ziegeldächer, Giebelzacken und Hausrückwände warme, goldhelle Sonnenstrahlengarbe herein. Mit blauem Himmel lag ein erster Maientag draußen licht- und lenzfreudig über der lautlosen, alten, unbewegten Dächerwelt, nur auf einem ihrer Firste saß ein kleiner Vogel und sang ein paar hellstimmige Töne in die heitere Luft. Dann schwang er rasch die Flügel und verschwand, mutmaßlich grünem Laubwerk jenseits der hohen Stadtmauern zu. Dietwald Werneken hatte sich mechanisch auf einen Stuhl am Fenster gesetzt und blickte dem Vogel nach. Er war selten weiter als für Stunden über die Grenzen seiner Vaterstadt hinausgekommen und nie von einem Verlangen geregt worden, die Welt der Fremde mit eigenen Augen zu gewahren. Als Kaufmann kannte er alles genau von ihr, was sein Handelsberuf erforderte, das hatte ihm voll genügt. Doch in der warmen Sonne kam's ihm jetzt, es müsse schön sein, so Flügel über die Dächer hinspannen zu können, irgendeinem frischgrünenden Walde zu. Geraume Zeit schaute er das Rinnen, Spielen und Weiterwandeln des Lichtes auf den stillen, braunen Ziegelpfannen, dann zog er den aus Dorpat eingelaufenen Brief hervor und durchlas diesen nochmals vom Beginn bis zum Schluß. Die Sonnenstrahlen flimmerten auch über den Buchstaben, daß er zuletzt halb geblendet wieder von ihnen aufsah. Blau und köstlich lag der Himmel draußen wie zuvor, er faltete langsam das Blatt zusammen und blickte abermals hinaus. Ein fremdartiges Gefühl kam zum erstenmal im Leben über ihn, er wußte nicht, was es wollte, doch als ziehe etwas ihm bisher Unbekanntes in seinem Blute ihn mit einer seltsam aufwachenden Frühlingssehnsucht in die sonnige Weite hinüber. Zweites Kapitel. Dietwald Werneken hatte von Vätern her kein Erbteil voreilig-unbedachtsamen Handelns empfangen, doch einen Entschluß, den er reiflich überwogen, führte er, ohne eines Beirates anderer zu bedürfen, mit unbeirrter Sicherheit aus. Es verging eine Woche, bevor er die Gehülfen seines Geschäftes mit der Nachricht überraschte, daß er eine längere Reise anzutreten gedenke, und für die Dauer seiner Abwesenheit dem Buchhalter aufgezeichnete Weisungen einhändigte. Darin stand alles sorglich aufs genaueste vorgesehen, selbst der Fall, daß er nicht wieder heimkehre, sondern irgendwo in der Fremde vom Tode betroffen werde. Dann vermache sein Sterbewille, da er keinen Erben hinterlasse, noch Sippe mehr besitze, seine Habe der Stadt Hamburg, daß sie eine neue protestantische Kirche und Pfarrwohnung dafür erbaue und einen lutherischen Prediger darin unterhalte, wie das im Geheimschrank niedergelegte Testament nähere Bestimmung darüber ausführe. Wohin seine Reise ihn bringen und wann er zurückkommen werde, könne er heut noch nicht bemessen, doch sobald er an einem Ort seßhaften Aufenthalt nehme, werde er schriftlich Nachricht davon erteilen und Rückerwiderung dorthin über den Stand des Geschäftes gewärtigen. So hatte er alles ins kleinste hinein geordnet und in gleicher Weise jeden Gegenstand, den er zur Mitnahme ausgewählt, behutsam eigenhändig gegen Schädigung zu Land und Wasser wohlverwahrt. Sein Gepäck war gering an Umfang, nicht mehr, als er selbst auf dem Pferde mit sich zu führen vermochte; es enthielt außer nötigen Bekleidungsstücken nur die Bugenhagensche Heilige Schrift und ein Kästchen mit Angedenken an seine Eltern und Geschwister, von denen seine schwermütige Erinnerung sich für längere Zeit nicht trennen konnte. Um so beträchtlicher dagegen war der Geldeswert, den sein ansehnlicher Reichtum ihm als Begleitschaft verstattete. Er hatte den Leibgurt so voll mit Gold ausgerüstet, als ob er gewinnreichsten Handelsvorteil im Auge halte und sich zur Ausbeutung desselben auf den Weg mache. So nahm er Abschied von seinem Hause und ritt in erster Morgenfrühe durch das Seitentor der mächtigen, aus den Felsquadern der einstigen Stadt Bardowiek erbauten Ringmauer den wenigen Häusern zu, die sich erst seit kurzem als eine ›Wandsbeck‹ benannte Dorfschaft um die alte ›Wendeburg‹ zu lagern begonnen. So wenig er in kriegerischer Absicht davonzog, nötigte die Zeit ihm doch den äußeren Anschein einer solchen, Panzerhemd, Helm und Schwert, auf: in den Taschen seines Sattels steckten zwei kurze Handfeuerrohre, wie sie erst im letzten Jahre von der italischen Stadt Pistoja aus verbreitet und nach ihr benannt worden, mit dem in Spanien erfundenen Schnapphahnschloß versehen, das einen Feuerstein gegen die gerippte Fläche des mit Pulver bestreuten Pfannendeckels aufschlagen ließ. Derart war die bisher äußerst schwerfällige und umständlich zeitraubende Waffe fast zur augenblicklichen Benutzung umgeändert und bildete eine völlig neue und unfraglich die beste Schutzwehr gegen plötzlichen, gewalttätigen Überfall. Doch stand sie noch so hoch im Werte, daß selbst in den reichsten Städten der Hanse kaum da und dort erst einer sich in ihrem Besitz befand. Dietwald Werneken hatte, seiner schweigsamen Art gemäß, gegen niemanden eine Äußerung über das Ziel seiner Reise getan; als er die Häuser Wandsbecks erreicht, ward es unverkennbar, daß sie Lübeck zutrachtete, denn er schlug die große Verbindungsstraße zwischen diesem und Hamburg ein. Der Gang von Jahrhunderten hatte an ihr viel gebessert, als verknüpfendes Band zwischen den beiden benachbarten, gewichtigsten Hansestädten stand sie an Bedeutung zum mindesten keinem zweiten Weg im Deutschen Reiche nach und übertraf durch Beseitigung aller störenden Naturhindernisse, wie gute Ebnung des Bodens, an sumpfbrüchigen Stellen sogar durch Auspflasterung mit Holzklötzen und Schottergestein die große Mehrzahl der Landhandelstraßen aller Länder Europas. So gelangte der junge, reiterfahrene Kaufmann auf kräftigem Pferde in gleichmäßiger Trabung rasch vorwärts, ließ bereits geraume Weile, ehe die Sonne in den Mittagsscheitelpunkt gestiegen, den braunen Dächerhaufen der Stadt Oldesloe zur Linken und machte zum erstenmal halt, als er, aus einem junggrünenden, altstämmigen Buchenwald ins Freie hinausbiegend, unerwartet, duftverschleiert, hoch und machtvoll die Türme Lübecks vor sich in die Luft ragen sah. Da vergönnte er sich selbst und seinem Pferde längere Ausrast, stieg ab und lagerte sich unter den Schatten eines überhängenden Zweiges an den Waldrand. Vor ihm lag weite, leicht gewellte Heide, aus der Frühlingsblumen wie bunte Sternchen zwischen den noch braunschimmernden Heidekrautbüscheln hervorsahen, die mittägige Sonne gitterte ringsum seine Goldnetze über den Boden. Bienen summten und kleine blaue Schmetterlinge flatterten, sonst war alles still und lautlos, nur dann und wann kam verklingend ein Lerchenton aus der blauen Luft. So hatte Dietwald Werneken noch niemals zuvor allein in weiter Feld- und Waldeinsamkeit gelegen, ihm war's, als vernähme er zum erstenmal die Stimme der Natur und als lege diese sich ihm, wohl auch leise schwermütigen Klanges, doch mit einem warmen, heimelnden Anhauch ans Herz. Es war etwas Heimatliches, das ihn daraus überkam und seit Monaten zuerst für Minuten das Gefühl seines bittern Verlustes und seiner Lebenseinsamkeit in ihm überschleierte. Doch auch als dieses bald zurückkehrte, trat es ihm mit einem veränderten Gesicht entgegen. Es hatte von seinem tiefen Schmerze nichts verloren, aber seine Züge lagen milder ausgeglättet. Unablässig schwand das Leben im Herbst dahin, und unablässig schuf der Frühling es neu. Gleich den Schmetterlingen, die dort über der Heide flatterten, kamen auch die Menschen, gingen eine Weile drüber hin und ließen nichts von sich zurück, als ihr Gedächtnis noch für eine Spanne Zeit, solange die Liebe in einer Brust es bewahrte. Dann erst, wenn auch diese in Vergessenheit ausgeloschen, waren sie tot; doch der Lebende trug sie noch selber als Mitlebende in sich, konnte ihnen so Ehre wie Schimpf bereiten, Freudigkeit und Bekümmernis. Das war noch ein Ziel, Zweck und Inhalt des Seins, wohl wert, danach zu streben: daß sich Haupt und Herz mit Befriedigung Zeugnis ausstellen dürften, sie hätten des teuren Angedenkens in ihnen würdig gehandelt, und die Geleitbilder der Abgeschiedenen nickten noch immer wie ehedem liebevoll anerkennend und zustimmend darein. Eine linde Trostbeschwichtigung, ein neubelebter Mut durchzog zum erstenmal wieder aus der holden Frühlingslieblichkeit umher die Brust des Verlassenen, laut sprach er vor sich in die Sonnenstille hinein: »Als komme es mit einer geheimen Kraft hier aus dem Boden herauf.« Er blieb noch eine Weile hingestreckt und ließ träumerisch den Blick über die Heide schweifen, aus der sich zur Linken, etwa eine halbe Wegstunde entfernt, der graue Turm und das Zinnengemäuer einer alten, stattlichen Schloßburg aufhoben. Auch hier, wie überall, waren Menschen gekommen und gegangen. Glück und Leid, von dem niemand mehr wußte, nur die Sonne hatte sie gesehen wie heut, und das windsummende Heidekraut flüsterte vielleicht ihr Gedächtnis noch fort. Die ziehenden Gedanken Dietwald Wernekens hatten die herbe Trostlosigkeit, welche er noch bis hierher mit sich gebracht, in ein süßes Schwermutsgefühl über die Vergänglichkeit alles dem Leben Angehörenden umgemildert; es war doch noch schön, nicht mit bei den Toten zu liegen, den weichen Anhauch der Luft noch zu atmen. Weiße Wölkchen warfen da und dort kleine Schatten herab, die manchmal gleich leichten Nebelgestalten über die besonnte Fläche hinschwebten und auseinanderrannen. »Wie zurückverbliebene Schatten von Menschen, die einstmals hier gegangen,« sagte der Hinüberschauende mit lächelndem Ernst. Nun stand er auf, bestieg sein Pferd, das sich am frischsprießenden Grase des Waldrandes gütlich getan, und ritt weiter, den Türmen Lübecks entgegen. Doch bald hielt er nochmals einen Augenblick an, ein Bauer stand unfern vom Wege, mit einer Hacke ärmliches Sandbodenfeld auflockernd, und dem jungen Reiter kam das Verlangen, sich mit einem Namen im Gedächtnis zu bewahren, wo ihm fast plötzlich und unbereitet gleich dem Frühlingslaub über ihm Mut und Lebenshoffnung neu aus der Seele heraufgekeimt seien. Mit der Hand deutend, fragte er nach dem Namen des alten Schloßgemäuers zur Linken; kurz aufschauend, erwiderte der Bauer: »Burg Arensfeld, Herr,« und Dietwald setzte seinen Weg fort. Nur einmal noch wandte er unwillkürlich die Augen zurück; mit einem eignen, geheimnisvollen Glanz spielte das mittägige Sonnenlicht drüben am Waldrand, wo er gerastet, als ob goldene Fäden über dem braunen Heidegrund zerschwebten. Auch die Stadt Lübeck übte im Verlauf des Nachmittags einen starken Eindruck auf den Ankömmling, denn obwohl Hamburg im letzten Menschenalter außerordentlich blühend und bedeutsam heraufgewachsen war, konnte es sich doch an Mächtigkeit äußern wie innern Ansehens mit dem Vorort der Hanse noch weitaus nicht messen. Umherwandernd nahm er alle Sehenswürdigkeiten auf den Gassen mit einer Anteilnahme im Augenschein, deren er sich noch am Morgen nicht mehr fähig gehalten hätte; hohes Trachten, Kraft und Stolz lang vergangener Geschlechter sprachen ihm, wenn auch aus schweigsamen Steinen, überall beredt ans Herz. Ein rotes Abendlicht begann die Doppeltürme der Marienkirche, zwei leuchtenden Säulen gleich, über den verschütteten Giebeln und Dächern aufglühen zu lassen, als er in der Königsstraße vor einem Hause anhielt, dessen Außenwand einige Schuh hoch über dem Boden durch ein kleines absonderliches Bildwerk verziert war. Halb erhaben aus Stein gemeißelt und in die Mauer eingefügt, stellte es einen Reiter dar, der auf weitausgreifendem, fast erschöpft zusammenstürzendem Roß fortjagte. Betrachtend war Dietwald vor dem unverständlichen Hauszierat stehen geblieben, nun drehte er den Kopf, denn ein ungefähr ihm gleichaltriger Mann hatte ebenfalls seinen Schritt gehemmt und sprach mit artiger Zuvorkommenheit: »Ihr seid wohl fremd bei uns, Herr, wie Eure Umschau kundgibt?« Der Angesprochene bejahte, höflich den Gruß erwidernd, und fügte hinzu: »Wisset Ihr, was dieser absonderliche Schmuck des Hauses bezwecken mag?« »Er erhält ein Angedenken,« versetzte der andere, »an eine Errettung unserer Stadt aus großer Fährlichkeit. Der Reiter kam bei Nacht weither gesprengt, an dieser Stelle stürzte sein Pferd tot zu Boden, doch er selber eilte weiter bis an das Haus des Burgemeisters, welcher derzeit hier in der Nähe gewohnt haben muß, und überbrachte demselben Botschaft eines geplanten Verrates und Überfalles, von dem er Kunde gewonnen. Des zum Gedächtnis hat man sein Bildnis hier aus Stein gehauen, so redet zum mindesten eine Erzählung im Volksmund.« »Und weiß man nicht, wer es gewesen, der sich solches Verdienst erworben?« Der Lübecker Bürger schüttelte den Kopf. »Es wird wohl gesagt, er habe nicht unserer Stadt angehört, so mag sein Name, als der eines Fremden, bald vergessen sein. Auch wann, bei welcherlei Anlaß und ob es wirklich so geschehen, gibt keine Schrift Auskunft. Unsere Vorväter haben viel solch wilder und wirrer Kriegsläufte befahren, und ob wir beide noch nicht allzu lang in die Welt dreinschauen, wissen wir's doch wohl auch schon aus eigener Lebenszeit, wie gar hurtig im Handel und Wandel der Tage das Gedenken an Gutes und Übles unter den Menschen auslischt. Euch aber lasset mich Gutes wünschen, Herr, und so Ihr länger zu Lübeck verweilt und eines Rates oder Auskunft bedürfen solltet, fraget unfern der Domkirche in der Dankwardsgrube nach dem Kaufmann Jordan Warendorp. Ich werde mich gern in Bereitschaft halten, einem Fremden nach meinen geringen Kräften behülflich zu fallen,« Der Sprecher grüßte artig zum Abschied, Dietwald Weineken versetzte: »Ihr machet dem Ruf der Bürger Eurer Stadt, freundwillig gegen fahrende Leute zu handeln, Ehre, Herr Warendorp. Ich weiß noch nicht, wie lange ich zum Aufenthalt hier genötigt bleiben werde, und es mag füglich eintreten, daß ich Euer wohlmeinendes Anerbieten nutzen könnte, da ich zum erstenmal als ein völlig Fremder und Sippenloser von Hamburg hierher gekommen.« Er fügte seinen Namen hinzu und grüßte ebenfalls, um seinen Weg fortzusetzen, doch Herr Jordan Warendorp hielt jetzt den schon gehobenen Fuß und wiederholte: »Werneken? Sagtet Ihr Herr Dietwald Werneken?« Der Befragte entgegnete: »So heiße ich mich; warum vermeint Ihr?« »So klingt mir Euer Name doch nicht völlig fremd,« versetzte der Lübecker Kaufmann nachdenklich. »Lasset mich einen Augenblick übersinnen – ein wenig anders verlautete der Jungfrauenname meiner Ältermutter, die sich Barbara Wernekeng benannte.« »Wohl eines Zufalles Ähnlichkeit, obwohl ich sonst bisher von niemandem vernommen, der gleichen Namen mit mir geführt,« antwortete Dietwald; doch Jordan Warendorp schaute ihm jetzt mit einem achtsam prüfenden Blick gesteigerter Anteilnahme ins Gesicht und fiel rasch ein: »Man kennet sich selber minder gut von Antlitz und Zügen, als andere uns gewahren, aber wenn ich Euch betrachte, will mich fast bedünken – wisset Ihr zu sagen, wie Eures Ältervaters Rufname gewesen und aus welcher Stadt er seinen Ursprung genommen?« Dietwald lächelte leicht: »Grad so weit reichet meine Kenntnis von unserer Herkunft, daß er Adalmar geheißen und von Rostock als ein jugendlicher Mann nach Hamburg gekommen.« Doch nun streckte Jordan Warendorp ihm plötzlich beide Hände entgegen. »So seid mir von Herzen willkommen zu Lübeck, lieber Vetter, denn wisset, meine Ältermutter Barbara entstammte gleichfalls von Rostock her und besaß einen Bruder Adalmar, der in jungen Jahren als Kaufgeselle in die Fremde gegangen. So gedenke ich's wohl, es als Knabe aus meines verstorbenen Vaters Munde vernommen zu haben, aber es ist, wie ich zuvor sprach, daß gar rasch alles Gedächtnis in der Welt verloren geht, und meinen Eltern ist keinerlei Kunde und Zusammenhang mehr mit Sippe meiner Ältermutter verblieben. Doch hier, deucht mich, hat gute Fügung des Himmels gewaltet, oder ein Zug Eures Gesichts hat mich unwissentlich bewegt, Euch fremd auf der Gasse anzusprechen, denn wie ich Euch jetzt schaue, redet mir gar manches unverhehlt, daß wir von gleichem Blute hergekommen.« Die beiden hochgewachsenen, dunkelblonden und blauäugigen jungen Männer im selben Alter des Endes der zwanziger Jahre boten in der Tat mancherlei äußere Übereinstimmung und auch Ähnlichkeit der Züge dar, nur trugen diejenigen Dietwald Wernerkens mehr die Kennzeichen einer Ausbildung durch früh begonnene innerliche geistige Tätigkeit. Doch die Zweifellosigkeit ihrer nahen Verwandtschaft ergab sich immer gewisser auch aus der Fortsetzung ihres Gesprächs, in welchem Jordan Warendorp sogleich darauf bestand, das Pferd seines Vetters aus der Herberge zu holen und ihn als Gast in seine Wohnung zu überführen. So wandten sie sich der Holstengasse zu, wo Dietwald sein Roß untergebracht hatte, der letztere gernwillig bereit, der Ladung seines so unvermutet aufgefundenen Blutsverwandten Folge zu leisten. Die Königsstraße hinaufschreitend, bogen sie durch die obere Johannisstraße in die Breitestraße ein: zwischen der auf- und abflutenden Volksmenge dort kamen ihnen zwei männliche Gestalten entgegen, von denen eine besonders unwillkürlich den Blick auf sich zog. Es war ein höfisch gekleideter Herr, dessen Haupthaar und Bart leicht zu ergrauen anhub, in seinen Bewegungen lag eine vornehme Lässigkeit, in seiner Miene sicheres patrizisches Bewußtsein, doch ohne hochfahrenden, beleidigenden Stolz. Wenn der Bart ihm nicht männlichen Ausdruck verliehen, hätte sein Gesicht fast als das einer in mittleren Jahren stehenden, noch anmutig liebenswürdigen Frau erscheinen können; mit heiterer Milde sahen die Augen aus weichem, lächelndem Antlitz, ein feiner, schalkhafter Zug umspielte den Mund, und weiblich schmale, weiße Hände ergänzten das Zarte seines überaus einnehmenden Wesens. Er unterhielt sich im langsamen Dahinschreiten launig mit seinem Begleiter, der hager und finster blickend völligsten Gegensatz zu ihm darbot; einzelne der Vorübergehenden begrüßten ihn mit tiefster Ehrerbietung, die meisten ließen ihn völlig außer acht. Auch Jordan Warendorp tat das letztere, Dietwald Werneken indes drehte mechanisch, den beiden nachblickend, den Kopf und fragte, wer die eigenartig ungewöhnliche Erscheinung gewesen. Er erhielt die Antwort: »Herr Nikolaus Brömse, der gewesene Burgemeister unserer Stadt vor Herrn Wullenweber, der Päpstlichen und der Junker oberstes Haupt zu Lübeck.« »Sein Gesicht schauet frauenhaft sanft,« versetzte Dietwald, »man sollte nicht vermeinen, daß er in seinen Händen solch gewichtiges Regiment halten gekonnt.« »Gewahrtet Ihr dieselben mit unseren Augen, so würden sie Euch minder weiß bedünken, vielmehr von der Farbe des Saftes unter ihrer sorglich behüteten Haut,« erwiderte der Lübecker Kaufmann leiseren Tones. »Ein Wort von Vätern her redet dem Anschein Trug nach, und ich weiß Einen, den der lächelnde Mund lebendig mit seinen Zähnen zerreißen würde, wenn er dessen mächtig wäre. Seien wir des froh, daß er's nicht mehr ist und verhoffentlich niemals wieder sein wird.« »Und wer war sein Begleiter?« fragte Dietwald; »obzwar er mir füglich fremd sein muß, war's mir doch, als spreche mich Bekanntes aus ihm an.« »Das mag wohl mit Grund geschehen, denn er stammt von Euch her aus Hamburg, wo er mancherlei Sippen an Eltern und Gebrüdern besitzt. Es ist Herr Johannes Krevet, gleichfalls außer Würden gesetzter Ratsherr unserer Stadt, der Päpstlichen und der alten Geschlechterherrschaft eifrigster Freund. Vor etlichen Jahren noch hätte sich wohl keiner leichten Sinns getraut, wem Hab und Gut lieb gewesen, ohne große Ehrerbietung auf der Gasse an den beiden vorüberzuschreiten. Es ist bessere Zeit geworden – kommt, Herr Vetter, Ihr scheinet nicht sonderlich in den Läuften erfahren, die sich bei uns zugetragen, lasset uns darüber beim Willkommstrunk in meinem Hause weiterreden!« Bald fand sich Dietwalds Pferd und Gepäck in dem geräumigen Hausgewese der Dankwardsgrube wohl untergebracht, und Frau Erdmute Warendorp, ein junges, frohsinnig-sittiges Weib, hatte den unerwarteten Gast und unbekannten Anverwandten mit freudiger Zuvorkommenheit empfangen. Sie begrüßte ihn, als sie hochüberrascht erfahren, wer er sei, in unbefangener, natürlicher Traulichkeit mit einem Kusse ihrer frischen blühenden Lippen, daß es den Ankömmling einen Augenblick mit einem wunderlich-fremdartigen Gefühl überlief, wie er in so herzlicher Weise aufgenommen und zum erstenmal in seinem Leben von der Hand eines anderen Weibes als seiner Mutter und Schwester vertraulich gehalten wurde. Dann begab sie sich eilfertig, sorglich-geschäftig zur Bereitung der Abendmahlzeit davon, ihre helle Stimme klang rufend bald hier, bald dort im Hause auf. Jordan Warendorp hatte seinen Gast auf einen bequemen Armsessel vor dem schweren Eichentisch des Speisegemaches niedergeladen und füllte die schmuckreichsten Erbbecher des Gerätschrankes mit dem Willkommstrunk; Dietwald Werneken saß zugleich seltsam angeheimelt und gegen eine bitterlich in ihm erneuerte schwermütige Empfindung ankämpfend. Aus seiner einsamen Verlassenheit in der Welt war er so rasch und unvermutet in eine freundliche, ihn wie zugehörig empfangende Häuslichkeit versetzt worden, daß ihn das Bewußtsein der eigenen Heimatlosigkeit mit verdoppelter Schwere befiel. Alles um ihn atmete lieblich heiteres Leben, behagliche Schönheit des Daseins und gemeinsames friedliches Glück; nur halben Ohres vermochte er Achtsamkeit auf die Mitteilung seines Wirtes zu verwenden, der nun, auf das unterwegs abgebrochene Gespräch zurückkommend, mit lebhaftem Eifer über die seit kurzem umgewandelten öffentlichen Zustände seiner Vaterstadt redete. Drittes Kapitel. Der Vorort der Hanse war der allgemeinen bürgerlichen und kirchlichen Bewegung, welche alle übrigen ihrer Städte erfaßt, erst zuletzt nachgefolgt. Seit länger als hundert Jahren, dem Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, hatten die Geschlechter zu Lübeck eine in starre Satzungen einzwängende Herrschaft geübt und unter ihr ebensowohl das freiheitliche Aufstreben der Gewerkszünfte als die untersten Schichten der Stadtbevölkerung mit eiserner Kraft niedergehalten. Durch diesen langen Zeitraum vieler Menschenalter war die Geistlichkeit und die Aristokratie unablässig fest verbündet gewesen, keine Änderung der Verfassung und keine Anteilnahme der Innungen und Gilden an der Regierung aufkommen zu lassen, wie solche im Gange des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts wechselnd bestanden. Dauernd jedoch hatte das Junkerregiment mehr oder minder in den Händen kraftvoller Vertreter der bevorrechtigten Stände gelegen, welche, wenn sie auch eigensüchtig mit Druck und Zwang im Innern ihre Gewalt behauptet, doch zugleich die Blüte des Gemeinwesens ins Auge gefaßt und nach außen hin die stolze Machtstellung, Wohlfahrt und alte Namensehre der Hanse mit politischer Klugheit und Stärke aufrecht erhalten hatten. Aber bald seit Menschengedenken hatte die patrizische Herrschaft dies ruhmvolle Erbteil großer Vorväter verloren, nur ihre Selbstsucht immer unverhohlener und hochfahrender gesteigert, doch an die Stelle ehemaliger Kraft und Staatsweisheit war Schwäche, Unverstand und Fahrlässigkeit getreten, unter denen die deutsche Hanse mehr und mehr zu einem blutlosen Schatten ihrer mächtigen Vergangenheit hinzuschwinden drohte. So war es möglich gewesen, daß der deutsche Kaufhof zu Nowgorod von dem Großfürsten des Moskowiterreiches überfallen, zerstört und ungestraft von ihm blutige Greuel an seinen Inhabern verübt worden; so wankte und brach überall in den nordischen Reichen das Ansehen und der Vorrang der Hansen, ward von Jahr zu Jahr hier und dort, in Dänemark, Norwegen und Schweden die nährende Blutader ihres Reichtums ihnen durch erstarkende Fürstengewalt verengender umschnürt. Nicht mehr in den Geschlechtern, nur noch im untern Kaufmannsstande und in den Gewerken lag die Lebenskraft, das Angedenken der hohen Vorzeit und verlangender Trieb, diese wieder zu erneuern, doch das Einverständnis und Bündnis des patrizischen Rates mit dem päpstlichen Domkapitel, den benachbarten Landesfürsten und Rittern, den Junkern der wendischen Städte und dem aristokratischen kaiserlichen Reichsregiment fügte sich zu unzerbrechlich ineinander, als daß eine Auflehnung dawider Aussicht auf Erfolg geboten hätte. Da war unerwartet im Beginn des dritten Jahrzehnts ein Sturm über das gesamte Deutsche Reich hereingebrochen, der zwar anfänglich nichts mit den weltlichen Angelegenheiten der Menschen gemein zu haben, sondern nur eine Umänderung ihres kirchlichen Glaubens und ihrer Anschauung überirdischer Dinge herbeizuführen schien. Aber rasch trat zutage, daß die Lehre Martin Luthers sich nicht auf eine geistliche Neuordnung und Umstoßung der alten Hierarchie beschränkte. Allerorten und besonders in den Hansestädten atmete die Menge des Volkes durstig auch einen befreienden Anhauch ein, den bürgerlichen Druck, unter den sie gefesselt lag, abzuschütteln; in schneller Erkenntnis stemmten zu Lübeck sich der Rat und die Klerisei einmütig mit vollstem Kraftaufgebot der wittenbergischen Verkündigung entgegen, und es gelang ihnen geraume Weile hindurch so sehr, ihrer Ausbreitung gewaltsam vorzubeugen, daß sie noch im Jahre 1528 lutherische Schriften vom Büttel am Kaak auf dem Markt schimpflich verbrennen und Reiseprediger des ›gereinigten Wortes‹ in den Turm werfen – ›eintürmen‹ – zu lassen vermochten. Doch zeigte ihr Trachten, den großen Zug der Zeit in der Seele der Menschen zu erdrücken, sich vergeblich. Ringsum schritten die übrigen Hansestädte, selbst Hamburg, mit der Einführung der Reformation und dem Verbot des alten Gottesdienstes voran, eine ausnehmend weltliche Angelegenheit bot zunächst die Handhabe, dem Protestantismus auch zu Lübeck Eingang und Anerkennung zu erwirken. Der Stadtsäckel bedurfte einer neuen Steuerausschreibung, und der Ausschuß der Volksvertretung weigerte ihre Bewilligung, bevor der Rat die Zulassung der evangelischen Lehre gestatte. Aus diesem kleinen Beginn aber erwuchs mit außerordentlicher Schnelligkeit eine völlige Umgestaltung nicht nur der kirchlichen, sondern auch der bürgerlichen Verhältnisse. Dem auflodernden Glaubenseifer der Menge gesellte sich ein ebenso rückhaltloser und tatkräftiger Freiheitsdrang hinzu. Bald hatte ein neuerwählter Gemeindekörper der ›Vierundsechziger‹ seine Macht derartig gesteigert, daß er die Aufsicht über den gesamten städtischen Haushalt ansprechen und Rechenschaftsablage für die letztvergangenen Jahre zu fordern vermochte. Der bestürzte, eine allgemeine Volksempörung befürchtende Rat fügte sich und lieferte die Schuldregister der Stadt zur Begutachtung aus. Damit war es um das Ansehen des alten Regiments geschehen, die Vierundsechziger hielten fortan in Wirklichkeit die Gewalt in Händen. Rasch wurden sämtliche Kirchen, außer dem Dom, zu protestantischen umgewandelt, lutherische Prediger eingesetzt, der römische Klerus und die Mönche aus der Stadt vertrieben, die Klöster zu Schulen und Armenhäusern verändert. Auf Ansuchen der Bürgerschaft kam Dr. Johannes Bugenhagen aus Wittenberg und verlieh der evangelischen Neugestaltung feste gesetzliche Ordnung; heimlich rief der aristokratische Rat zu Augsburg die Beihülfe des Reiches an, und Kaiser Karl V. erließ eine Strafandrohung zur Herstellung des alten Gottesdienstes und sprach gleichzeitig die Absetzung der Vierundsechziger aus. Doch in seiner eigenen schweren Verwicklung mit dem Schmalkaldischen Bunde gebrach ihm jegliches Vermögen, seinem Gebot Gehorsam aufzunötigen, und im Jahre 1531 entflohen die beiden Burgemeister Nikolaus Brömse und Hermann Plönnies aus Lübeck, um den Herzog Albrecht von Mecklenburg um gewaltsame Vollstreckung des kaiserlichen Mandates anzugehen. Allein auch dieser Versuch blieb gleich erfolglos, erhöhte nur den allgemeinen Unwillen gegen den zum größten Teil katholisch verbliebenen Junkerrat, rief mehrfachen wilden Ausbruch von Volksaufständen hervor und führte dahin, daß am 8. März des Jahres 1532 an Stelle des verstorbenen Herrn Gottschalk Lunte aus der Mitte der Vierundsechziger Herr Jürgen Wullenweber auf den Sitz des ersten Burgemeisters erhoben wurde. Dieser stand in den kraftvollsten Mannesjahren, war im Beginn des letzten Jahrzehnts des verwichenen Jahrhunderts zu Hamburg geboren und hatte sich als junger Kaufmann in Lübeck niedergelassen. Er entstammte einer Handelsfamilie, die jedoch nicht zu den Geschlechtern und den ›großen Hansen‹ gehörte, und hatte sich vom ersten Bekanntwerden der Lehre Martin Luthers durch furchtlos glühenden Eifer für ihre Ausbreitung und Einführung hervorgetan. Dann war er nach der Umgestaltung der Lübecker Verfassung im Jahre 1531 als Vollmachtsabgesandter der Stadt nach Kopenhagen gegangen, um im Interesse der Hanse zusammen mit andern Sendboten aus Rostock und Stralsund sich Klarheit in den höchlichst verwickelten nordischen Verhältnissen zu gewinnen. Dort war nach dem Tode seines Vaters Johann um das Jahr 1513 der Enkel des oldenburgischen Grafen, Königs Christian des Ersten, als Christian der Zweite auf den Thron Dänemarks, Norwegens und Schwedens gelangt, hatte mit launenhaft wilder, unerhörter Härte, Grausamkeit und Rachsucht geherrscht, besonders überall in seinen Ländern den Adel gewaltsam zu Boden gepreßt und vor allem im ›Stockholmer Blutbad‹, um Schweden völlig zu unterwerfen, sich als erbarmungsloser, wortbrüchig tückischer Wüterich erwiesen, wie die Geschichte kaum seinesgleichen zuvor gekannt. Ein Todfeind der Edeln, der Geistlichkeit und der Bürger, zeigte er sich dagegen als Freund der Bauern, hatte diese vielfältig aus der schweren Bedrückung durch ihre Herren befreit und dadurch ihre begeisterte Anhängerschaft gewonnen, auf die er hauptsächlich sein blutiges Regiment gestützt. Doch in Schweden zuerst stand das Volk gegen ihn auf, und Gustav Erichson entriß ihm dort die Krone; die deutsche Hanse, deren Handel er durch hohe Mauten, heimliche und offene Gewalttaten zu unterdrücken trachtete, rüstete Schiffe gegen ihn, überfiel die dänischen Küsten, eroberte Helsingör und die Insel Bornholm und half, als im Jahre 1523 der Reichsrat Dänemarks Christiern den Zweiten der Krone verlustig erklärte, seinem erwählten Nachfolger und Oheim, König Friedrich dem Ersten mit Waffengewalt zur Besitznahme seiner Länder. Christiern der Zweite suchte landflüchtig bei seinem Schwager, dem deutschen Kaiser Karl dem Fünften, Unterstützung, rüstete in den burgundischen Landen ein Heer und landete vermittels niederländischer Schiffe zu Opslo in Norwegen, dessen ländliche Bevölkerung ihn mit Jubel empfing und seinen Fahnen zuzog. In solcher Bedrängnis wandte König Friedrich von Dänemark sich angstvoll um Beihülfe nach Lübeck, welches besonders, weil die Niederländer sich im Bunde mit dem vertriebenen König zeigten, sofort den bevorstehenden Krieg als den ›seinigen‹ erklärte und vier Orlogsschiffe nach Kopenhagen entsandte, die dort von dem Reichsrat in ehrerbietiger Dankbarkeit mit der Ansprache empfangen wurden: »Die Lübecker hätten in solcher Not sich nicht als Nachbarn, sondern als Väter Dänemarks bewiesen.« Also lagen die Dinge, als Herr Jürgen Wullenweber, aus dessen eifrigen Betrieb dieser rasche Beistand hauptsächlich ins Werk gesetzt worden, sich gleichfalls selber nach Kopenhagen begeben, um über den gemeinsamen Kriegszug Verhandlungen zu pflegen. Er hielt sein Augenmerk vor allem auf einen Punkt gerichtet, daß nämlich Dänemark als Hauptersatz für die hansische Mithülfe hinfort den Niederländern die Fahrt durch den Sund sperren solle, welche von Jahr zu Jahr mehr durch ganze Kauffahrteiflotten den Handel in der Ostsee an sich zu reißen drohten. Inzwischen nahm der Krieg durch die lübische Schiffsmacht für Christiern den Zweiten unheilvolle Wendung. Er wurde geschlagen und ließ sich, auf keinen Waffenerfolg mehr hoffend, durch Knud Gyldenstern, den Bischof von Odensee und Befehlshaber der dänischen Flotte, verlocken, unter Zusicherung freien Geleites zu einem mündlichen Ausgleich mit seinem Oheim nach Kopenhagen zu kommen. Doch hier eingetroffen, ward er mit hinterhältischer Wortbrüchigkeit von den Dänen ergriffen und im ›blauen Turme‹ zu Sonderburg auf der schleswigschen Insel Alsen mitsamt seinem Hofzwerge »zu ewigem Gefängnis« eingekerkert. Welchen Anteil die Hansen an dieser Treulosigkeit genommen, ward nicht offenbar. Ihre Hauptleute waren nur zur Kriegsführung, nicht zu einem Verhandlungsabschluß bevollmächtigt gewesen und hatten den Geleitsbrief nicht mit untersiegelt gehabt. Damit entschuldigten sie sich nachher, der ›Gewissensbeirrung‹ der öffentlichen Meinung in den Städten wegen des Bruches von ›Brief und Siegel‹ gegenüber, daß sie an dem Verrat nicht tätliche Mitschuld getragen. In der Erwartung aber, daß Dänemark für die geleistete hochwichtige Beihülfe sich den Städten dankbar bezeigen und mit der begehrten Sundsperre gegen die Niederländer vorschreiten werde, sahen die hansischen Abgesandten zu Kopenhagen sich durch unschlüssiges Zögern des hochbejahrten Dänenkönigs hingehalten und dann völlig enttäuscht, da Friedrich der Erste plötzlich im Jahre 1533 starb und der Thron unter äußerst verworrenen Zuständen und Gegenströmungen Jahr und Tag unbesetzt blieb. Der Reichstag vermochte sich nicht zu einer Neuwahl zu einigen, Adel, Bürger und Bauern, die Anhänger der römischen und der evangelischen Kirche standen widereinander. Die Edelleute verfolgten die Absicht, dem ältesten Sohne König Friedrichs aus dessen erster Ehe, dem aristokratisch gesinnten Herzog Christian von Schleswig-Holstein die dänische Krone zuzuwenden, während die andern Parteien zwischen den jüngern Brüdern des letztern schwankten. So führte der Reichsrat, gern dazu gewillt, provisorisch die Herrschaft fort und beschied schließlich das Andrängen der Hansestädte in bezug auf Maßnahmen gegen die Niederländer mit der Entgegnung: »Handel und Wandel in Dänemark müsse den Völkern frei sein, die Lübecker möchten sich beruhigen, bis der erwählte König Beschluß darüber fassen werde.« Mittlerweile war Jürgen Wullenweber durch die Volkswahl zum regierenden Burgemeister in Lübeck erhoben worden und fühlte sich durch den zutage getretenen Undank des dänischen Reichsrates zu tiefster Erbitterung getrieben. Besser als irgendeinem andern, war seinem Scharfblick während des Aufenthaltes zu Kopenhagen der klaffende Durchriß und Zwiespalt der Bevölkerung Dänemarks zur Erkenntnis gelangt, und an die Trave zurückgekehrt, überzeugte er mit machtvoller Beredsamkeit den Rat und die Volksvertretung so vollständig von der Notwendigkeit, zum Schutze des Ostseehandels einen Krieg gegen die Niederländer zu beginnen, daß ihm unter begeistertem Zuruf die Ermächtigung erteilt wurde, das in der ›Tresekammer‹ bewahrte goldene und silberne Kirchen- und Klostergerät des päpstlichen Gottesdienstes zu Geldmünzen umzuschmelzen und schleunige Kriegsrüstung damit zu fördern. Dann lief als Oberbefehlshaber der lübischen Orlogsschiffe Herr Marcus Meyer, der Freund und treueste Anhänger des neuen Burgemeisters, gegen eine Flotte von holländischen Kauffahrern in die Nordsee, ward indes an die englische Küste verschlagen, dort von dem Tudorkönig Heinrich dem Achten mit hohen Ehren aufgenommen und mit dem Ritterschlag ausgezeichnet. Der eigentliche Zweck des Auszugs ward freilich dergestalt zunächst nicht erreicht, denn im Rücken der Schiffe Lübecks durchsegelten die Niederländer unter ihrem kühnen flandrischen Admiral Gerhard van Merkeren den Sund und taten dem hansischen Ostseehandel gewaltigen Abbruch, bis ein neues Geschwader von der Trave auslief und die holländische Flotte derartig zugrunde richtete, daß nur sechs ihrer Schiffe durch wilde Wintersee und Sturm ans heimatliche Ufer zurückgelangten. Doch es schien, als der Ritter Marx Meyer nun im Frühjahr 1534 gleichfalls aus London über Hamburg gen Lübeck heimkam, daß trotz seinem offenbar mißlungenen Kriegszug der Burgemeister Jürgen Wullenweber keine Unzufriedenheit über seinen langen tatenlosen Aufenthalt am Hofe des englischen Königs an den Tag gelegt hatte. Viertes Kapitel. So standen die Dinge zu Lübeck, von denen Dietwald Werneken zumal seit dem letzten Winter nur soweit anteilnehmende Kenntnis gewonnen, als ihm für den Betrieb seines Handelsgeschäftes unerläßlich gefallen, und Jordan Warendorp schloß, öfters von Fragen des Hörers unterbrochen, seine Mitteilungen beim Becher: Der Herr Vetter werde sich nunmehr wohl selber zu beantworten wissen, wer der Mann zu Lübeck sei, von dem er zuvor gesprochen, daß Herr Nikolaus Brömse, trotz seinem frauenhaft sanften Aussehen, ihn, falls er's vermöchte, mit den Zähnen zerreißen würde. Denn Herr Wullenweber sei furchtlosen und großen Sinnes und habe den Altburgemeister zusamt seiner päpstlichen Junker-Anhängerschaft unbehelligt in die Stadt zurückkommen lassen, wiewohl er schon zu öfteren Malen vor heimlichen Anschlägen auf ihn verwarnt worden. Unter solchem Reden hatte Frau Erdmute einladend die Abendmahlzeit gerüstet, und bei dieser verwandte sie das Gespräch nun fast ausschließlich auf die Absicht, welche den jungen Hamburger Kaufmann zum Aufbruch aus seiner Vaterstadt veranlaßt. Es zeigte sich, daß er nach reiflicher Durchwägung zum klaren darüber gelangt war, er wolle über Dorpat nach Nowgorod seinen Weg nehmen, einerseits um die dort verbliebene deutsche Bevölkerung durch Rat und Geldunterstützung zum Wiederbeginn ihrer alten Handelstätigkeit anzuspornen, andrerseits um zu ihrer Befreiung von schlimmer bedrückender Geistesarmut, die noch nicht bis dorthin gedrungene evangelische Lehre unter ihr auszubreiten. Das sei der einzige Zweck, den sein vereinsamtes Leben noch zu erfüllen und der ihm noch eine Freudigkeit des Daseins im Bewußtsein des Nutzens für andere zu bieten vermöge. Über diese Kundgebung erschrak Frau Erdmute Warendorp sichtbarlich und suchte Dietwald durch entsetzliche Berichte aus dem barbarischen Russenlande, welche ihr erst kürzlich von Riga her zugekommen, von seinem Vorhaben abzuwenden. Unter den vielen Hansen, die dort zugrunde gegangen, habe sich schon einmal ein Blutsverwandter ihres Mannes, ein leiblicher Oheim desselben, befunden, von dem keiner jemals Kunde wieder vernommen, und mit weiblicher Beredsamkeit und Sorglichkeit malte sie die mannigfachen Gefahren, denen er sich dort preisgebe, aus. Sie verglich die schöne, friedliche Ruhe damit, wenn er als trauter Freund und Gesippe ihres Mannes bei ihnen in Lübeck bleibe, bis er sich hier unter den Töchtern gleichfalls eine Hausfrau ausgewählt, und legte mehrfach ängstlich bittend und vertraulich ihre Hand auf die seinige, daß die liebliche Wärme derselben ihn mit einem fremdartigen, süß-schmerzlichen Schauergefühl durchrann. Jordan Warendorp dagegen hörte nachdenklich zu und meinte, der Vetter möge wohl recht haben, daß eine solche Tätigkeit in fremdem Lande und unter gänzlich verwandelten Umständen ihm am besten zur Überwindung seines bittern Verlustes helfen und er von dort nach einigen Jahren mit frischem Lebensmut in die Heimat zurückkehren werde. Ob indes die umgeänderten Herrschaftsverhältnisse in Rußland Nowgorod wirklich zu einer geeigneten und gesicherten Stätte solches Trachtens gestaltet, fügte der Sprecher hinzu, sei er zu entscheiden außerstande, doch wenn Dietwald begehre, baldmöglichst Auskunft darüber zu erlangen, könne er ihm diese noch am heutigen Abend aus dem Munde desjenigen verschaffen, der jedenfalls im ganzen deutschen Lande die genaueste Wissenschaft von der dortigen Lage besitze. Er lächelte dazu, ohne den Namen seines Gewährsmannes zu nennen, Dietwald Werneken aber sprach sogleich seine freudige Bereitschaft aus, und Jordan Warendorp stand, sein Schwert umgürtend, auf und schloß seine Gattin zur Abschiednahme herzlich in die Arme. Sie bog indes mit schalkhaftem Unmut die Lippen vor ihm zurück und zürnte: »Du sinnst nur guten Vorwand, um anderen Orts beim Becher vernünftiger Frauenwarnung ledig zu werden, daß du wahrlich nicht Dank von meinem Munde verdienst.« Dann jedoch schlang sie ihm zärtlich die Arme um den Nacken, küßte ihn und lächelte: »Ich rede ja nur als ein unverständig Weib aus törichtem Herzen, nicht aus klugem Kopf; doch mein Herz bittet dich, hab' gut acht auf dich im Dunkel bei der Heimkehr!« Dietwald die Hand reichend, fügte sie noch einmal schelmisch hinzu: »Lasset Euch von der hochmögenden Weisheit nicht bereden: sie kann gewißlich gar viel Bedeutsames in der Welt schaffen, doch nicht, daß ein Mensch zufrieden und glücklich sei. Dafür muß er selber Sorge tragen und weiß manchmal eine törichte Frau bessern Anhalt als alle Klugheit der gestrengen Herren vom Rat. Ich lasse Euch heut Abend aus meiner Hut, denn Ihr seid mir noch nicht ins Russenland davongesegelt, und ich vertraue darauf, noch gute Stund' und Umstand zu finden, Euch bei uns zu halten.« Nun schritt Dietwald Werneken mit seinem Begleiter die dunkle Dankwardsgrube hinauf. Er redete nicht, fragte nicht, wohin jener ihn führe; es war ihm, doch anders als je bisher, bitter weh ums Herz. Selbst am Todestage seiner Eltern und Geschwister hatte er sich nicht so arm-verlassen gefühlt; auf der lichtlosen Gasse stand, wie von goldener Frühlingssonne überstrahlt, die schlanke Gestalt der jungen Frau vor seinem Blick, das holde, lichtbraun überscheitelte Antlitz mit den hellen, glücklichen Augen, das die weißen Hände zum Abschied um den Nacken des Davonschreitenden zusammenschloß. Das war Lebensglück, das höchste, einzige, wonach ein Mensch begehren, das kein Gold erkaufen konnte; ihre warme, vertrauliche Hand, ein lieblicher, teilnehmender, sorglicher Blick von ihr kargte nicht damit, einen Abfall ihres Übermaßes auch dem Blutsverwandten ihres Gatten zuzuwenden; wie Wermutstropfen schnürte es herb die Lippen Dietwald Wernekens zusammen. Er empfand zum ersten Male, es war unwürdiger Neid, der in seiner Brust fraß, ein neuer, besinnungsloser Hader wider Gott und Menschen, am heftigsten grade gegen diejenige, welche dieses Gefühl in ihm wachgerufen, deren mitleidig liebreiche Art ihn als bitterer Hohn bedünkte. Über sich selbst zornig und wie sich selber fremd geworden, ging er schweigsam, ohne auf die Reden seines Führers zu hören, durch die Gassen; nun bog dieser zur Linken unter einem Gewölbe durch, sie standen am Niederstieg einer halb erleuchteten, steil und tief abwärts führenden Treppe, und Dietwald fragte mit erstem Wort, wohin sein Gefährte ihn hier bringe. Er empfing die Erwiderung: »In den Ratsweinkeller,« und dem Hörer fiel diese Antwort sonderbar erwünscht. Der großen Mehrzahl seiner Zeitgenossen entgegen, war er von frühauf aller Unmäßigkeit des Trunkes abgeneigt gewesen, aber noch niemals hatte er so sehr, als in dieser Stunde, einen Trieb in sich gefühlt, beim Wein für eine kurze Weile Vergessenheit seines frostig-umödeten Daseins zu suchen. Bereitwillig stieg er schneller die Stufen in den großen unterirdischen Raum hinab, der ihn mit vielfältigem Stimmengesumme empfing. Doch sein Begleiter bog zur Linken nach einer stilleren Seite hin, wo eine gewaltige Quadernische des Kellers nur von zwei hochlehnigen Bänken mit langem Tisch zwischen ihnen ausgefüllt wurde. Dort saßen vier Männer, halbgedämpften Tones redend, beim Becher; Jordan Warendorp hielt in einiger Entfernung den Schritt und flüsterte, auf die vorderste, machtvoll-breitwüchsige Gestalt am Tische hindeutend: »Das ist derjenige, von dem ich Euch die beste Auskunft in unserer Stadt über Euer Vorhaben verheißen, ich wußte, daß wir hier nicht vergeblich Umschau nach ihm halten würden.« Unwillkürlich entgegnete Dietwald: »Ich sah kaum jemanden, den ich ihm an Kraft und mächtiger Erscheinung zu gleichen wüßte, als sei der Hünen einer aus alter Nordlandssage heraufgekommen. Wer ist er?« »Ihr habt recht, ich vermute, das Nordland wird noch von ihm sagen,« versetzte der junge Lübecker Kaufmann raunend, »und Herrn Brömses Zähne an seinen Gliedmaßen stumpf werden,« und mit ehrerbietigem Gruß vorwärts tretend, fragte er: »Verstattet Ihr, hochmögender Herr, daß ein Gast aus Hamburg sich mit mir kurze Weile an Euren Tisch ladet, eine Erkundung von Eurem Wissen einzuholen?« Herr Jürgen Wullenweber hatte den Kopf mit hochausgewölbten Stirnknochen über den runden, groß und fest aufblickenden Augen gegen den Fragesteller gedreht und erwiderte überrascht, launigen Klanges: »Seid Ihr's, Herr Warendorp? Habt Euren guten Durst verloren, seitdem Eure schöne Frau Euch als Schmalhänsin die Kanne füllt, und seid ein seltener Gast hier unten geworden. Rücket zu, daß Ihr dem Ritter noch zur Warnung dient, eh' es zu spät ist, denn eine Wittib hält noch gestrenger Regiment, als eine, die erst das Jungfernkränzlein vom Kopf genommen. Wen bringt Ihr mit Euch? Der Wein ist gut, Ihr findet hochgelahrte Herren hier, die mit ihm zufrieden sind.« Innerlich erstaunt, vernahm Dietwald Werneken, den sein Anverwandter nun vorstellte, die harmlos scherzenden Worte des weitberufenen, gewaltigen neuen Lübecker Bürgermeisters, von dessen Wesensart er sich ein durchaus anderes Bild entworfen gehabt. Mit einer natürlichen Würdigkeit, doch ohne jegliches äußere Anzeichen seiner hohen Machtbefugnis, sass jener in Miene, Haltung und Gebaren jedem gewöhnlichen Bürger gleich da und schüttelte mit einfachem Willkommsgruss die Hand des herzugetretenen Fremdlings. Nichts in seinem Behaben wies auf das leiseste Trachten hin, sich hervorzuheben und seine Herkunft mit junkerhafter Manier zu verbrämen, doch ebensowenig verriet etwas, daß sein Kopf anderes beherberge, als Lust an frohsinniger Zwiesprache bei abendlichem Trunk. Nur der Bau seines Schädels redete von trotziger, ungeheurer Willenskraft und strotzender Gedankenhochflut, deren Ernst ab und zu wie ein dunkel spiegelndes Gewässer aus seiner Augentiefe heraufdämmerte, aber seine gegen höfisch-vornehme Sitte der Zeit von schwerem, braungestocktem Bart dicht überschatteten Lippen waren heiter und erlustigten sich fast wie die eines großen Knaben an harmlosen Einfällen und Neckerei seiner Tischgenossen. Unter diesen erkannte Dietwald zunächst die etwas prahlerisch gewandete Kraftgestalt des ehemaligen Hamburger Grobschmiedes und neuen englischen Ritters Marcus Meyer, den er vor einer Woche mit seinem Gefolge gen Lübeck ausreiten gesehen, um hier mit der jungen Wittib des verstorbenen Burgemeisters Gottschalk Lunte festliche Hochzeit zu begehen. Seine goldene Gnadenkette König Heinrichs des Achten über dem blaugleißenden Panzerhemd tragend, saß er mit unverkennbarer Selbstzufriedenheit, die sein Vollbewußtsein ausprägte, im Verlauf weniger Jahre von einem Landsknecht Königs Christiern des Zweiten zum Admiral Lübecks aufgestiegen zu sein; manchmal gab sein mannhaftes, gegenwärtig stark vom Wein gerötetes Gesicht augenscheinlich sich Mühe, eine gedankenvoll bedeutsame Miene anzunehmen, doch offen treuherzigen Blicks widersprachen seine Züge dieser erkünstelten Verstellung und redeten, daß er kein Mann tiefreichender Berechnung, sondern furchtloser Tatkraft mit dem Schwerte sei. Stärksten Gegensatz zu ihm boten die beiden noch übrigen Teilnehmer der kleinen Tischrunde. Sie waren vorgerückten Alters mit bartlosen, klug und scharf ausgebildeten Gesichtern. Der Größere, von einnehmendem Äußern, kennzeichnete sich sofort als ein Gelehrter und war Herr Dr. Johann Oldendorp, der zu Wittenberg mit Luther und Melanchthon befreundet, später Professor der Rechte in Greifswald gewesen, dann der evangelischen Lehre in Rostock über den Widerstand des Rates und des Landesherrn den Sieg gewonnen hatte und vor zwei Jahren von Herrn Jürgen Wullenweber als Syndikus nach Lübeck berufen worden. Auf den ersten Blick unscheinbarer, von schmächtiger Statur und schmalschläfig vielgefältetem Gesichtsbau, saß neben ihm Herr Dr. Otto von Pack, ehemaliger Rat und Kanzler Herzogs Georg von Sachsen. Sein Name besaß in oberdeutschen Landen übeln Klang, denn er hatte im Jahre 1528 – ob selber getäuscht oder mit wissentlichem Trug, ging verschiedene Meinung – ein Gerücht ausgebreitet, daß der König Ferdinand mit dem Herzog Georg und mehreren katholischen Reichsständen ein Bündnis wider die lutherischen Fürsten abgeschlossen, und dem Landgrafen Philipp von Hessen eine Abschrift des geheimen Vertrages vorgewiesen. Darüber war Kriegsrüstung und argwöhnische, erst nach langer Verhandlung schwierig beigelegte Feindschaft entstanden, ihr Urheber schließlich vom Landgrafen in Gefangenschaft gesetzt, doch daraus entkommen und vom Herzog Georg, wie allen katholischen Fürsten mit ingrimmigem Haß verfolgt nach Lübeck gelangt, wo der neue Burgemeister ihm, als einem von den Römischen Geächteten, Zuflucht geboten. So geringfügig an Gestalt er sich ausnahm und so wortkarg er sich zumeist verhielt, vermochte die Zeit indes schwerlich einen Zweiten aufzuweisen, welcher an genauester Kenntnis der Verhältnisse aller deutschen Fürstenhöfe mit ihm zu wetteifern imstande war, und es verging seit seinem Eintreffen an der Trave kaum ein Tag, an dem der Burgemeister Lübecks ihn nicht zu irgendeiner Erkundigung aufsuchte oder in seinem Hause vorzukehren bat. Jetzt aber hier unten im Ratskeller wollte der letztere von Staatsangelegenheiten und politischen Planungen nichts vernehmen. Er hatte artig den Hamburger Gast neben sich auf den Sitz geladen und dessen Begehr eine Weile Gehör zugewandt, dann jedoch antwortete er: »Lasset solchen Gedanken fahren, Herr Werneken, er ist nicht Euch, nicht dem deutschen Überrest in Nowgorod, noch der Hanse zunutze. Man kann nicht Totes wieder lebendig machen, und der Handel im Kaufhof bei St. Peter liegt seit bald einem halben Jahrhundert im Grabe vermodert. Euer Gewährsmann zu Dorpat schauet die Dinge wie der Ritter dort sie mit Weinaugen anblicken und mit der Faust dreinschlagen möchte; der Schnee tauet über Naugard nicht wieder auf. Obzwar wir einen Bräutigam am Tische haben, rat' ich Euch doch, seid alleweil zwiefach auf der Hut, wo ein Weib ans Regiment gelangt. Mag die Großfürstin Helena aus dem deutschen Litauerland herstammen, sie hat im Wolfsland Blut lecken gelernt und einen jungen Wolf geworfen. Wenn noch die alte Hanse den russischen Bären an der Kehle hielte, statt auf der Bärenhaut zu schlafen – lasset uns Lustigeres beim Wein reden! Trinket, Herr Werneken; wir wollen unserer Vaterstadt Wohl ausleeren, und erzählet mir von ihr! Denn wir sitzen hier sonderlich zusammen, Herr Oldendorp und die vornehme Gnadenkette da sind zu Hamburg in die Welt geraten, wie Ihr und ich. Nur den Kanzler hat eine Mutter irgendwo anders ans Licht gebracht, wenn man's bei einer Eulenbrut so heißen darf. Wollte Euch und Eure Geburtsstadt nicht verunehren, Herr Warendorp, daß ich sie der unserigen nachgestellt! Wer hansisches Blut im Herzen trägt, gedenket ihrer allzeit als der ersten von allen, ob er andere vorher benennen mag. Darauf laßt uns ingleichem trinken und beim Becher frohgemut sein.« »Höret den scheelsüchtigen Neid reden!« rief Marcus Meyer lustig als Erwiderung, mit der breiten Hand an seinem Goldbehang spielend. »Hätte auch gern solch Geklirr mit Kaisers- oder Königsbildnis um den Hals, und wenn sich nur ein Weib ohne Eulenaugen fänd', das ihm schön tun möchte, wär' er kein Bär, der's an der Kehle packte.« »Glaubst du, Marx?« lachte Jürgen Wullenweber. »Hast recht, ich hätt' dein Kettlein nicht ungern; wenn man's in den Schmelztiegel würf', sprängen wohl hundert Goldgülden draus, die könnt' ich allweil brauchen, den Burgundern dafür besser Messen lesen zu lassen, als du's getan. Verlier's nicht; wenn ich's wo finde, heb' ich's auf, denn sonst nützt deine Wittib es als Ankerkette, dich dran festzulegen. Aber wenn du vermeinst, daß mich der Neid um deine Schöne frißt – holla, Küfermeister!« Der Angerufene, der Ratsküfer, kam eilig vom Schenkbord herzu. »Was begehrt Ihr, hochgestrenger Herr?« »Spart die Gestrengnis auf Eurer Zunge wie in Eurem Wein, Freund, bin kein Junker, der danach Begehr trägt! Habe vernommen, deucht mich, daß Ihr die alte Stube für die Brutköste neu instand gerichtet und einer ein artig Sprüchlein an den Kamin gestiftet. Verhält sich's so?« »Ist erst vor wenig Tagen dergestalt ins Werk gesetzt worden, Herr Burgemeister.« »Da lasset Licht in die Brautstube zünden und schafft gute Humpen dorthin, daß ich dem Ritter weise, wie man ohne Neid einen Stiefel auf den Pantoffel seines künftigen Ehgesponses ausleert. Kommet, Herren, ich lad' euch zu Gast für so wohlgeziemenden Trunk!« Jürgen Wullenweber stand lachend auf und wandte sich, von dem Küfermeister geführt, dem Brautstube benannten Kellergelaß zu. Wuchtig schütternden Schrittes ging er an hochgestapelten riesigen Weinfässern vorüber durch den niedrig gewölbten Gang dahin, zuweilen fast mit dem Scheitel das Gestein über sich streifend; zwischen den breiten Pfeilern erhoben sich überall die Bürger mit ehrerbietigem Gruß. Neben Dietwald Werneken hinterdrein schreitend, flüsterte Jordan Warendorp: »Seht, wie sie ihm nachschauen; ihr Blick redet, sie wissen und harren anderes von ihm, als daß er Späße beim Wein treibt.« Doch der junge Hamburger Kaufmann erwiderte nichts darauf: der kurz abschlägige Entscheid des Burgemeisters hatte sein Gemüt noch mehr als zuvor niedergedrückt, mut- und hoffnungslos ging er fast in dumpfer Gleichgültigkeit den andern nach. Nun waren sie in die neu hergerichtete, rasch erhellte Brautstube hinübergelangt, ein umfangreiches Gemach, das den Geschlechtern der Stadt bereits seit einem Jahrhundert zur Ausrichtung der »Brutkösten« gedient, für welche die gewöhnlichen Räume auch in den vornehmen Häusern sich nicht zureichend erwiesen. Jürgen Wullenweber ließ mit Wohlgefallen den Blick über die hochlehnigen, neu und kunstvoll geschnitzten Armsessel hinschweifen, seinen Augen entging nicht, daß der mächtige Eichentisch, um den sie sich reihten, andere Art aufwies, und er sagte, niederdeutend: »Der steht wie ein Quaderfels, den habt Ihr nicht heut ins Werk gesetzt.« Zustimmend entgegnete der Kellermeister: »Wir fanden ihn beim Aufräumen in dunklem Winkel unter Balkenwerk und Spinnweb; da mag er jahrhundertlang gestanden haben, aber sein Holz ist noch fest, so kennt man's in unsern Tagen nicht mehr. Da haben wir ihn geputzt und denken, er tut's wie ein andrer.« »Ihr redet wahr,« versetzte der Burgemeister, mit einem Faustschlag die Festigkeit des Tisches prüfend, »es wuchs anderes Holz zu unserer Vorväter Zeit, so kennt man's in diesen Tagen nicht mehr. Ich denke, er tut's besser als ein andrer, Kellermeister; Ihr hattet recht, ihn wieder zu Ehren zu bringen und aus dem Staub zu holen! Lag keine alte Eisenaxt dabei aus der Väter Zeit? Hallo, wir säumen mit dem Trunk auf das Gnadengold König Heinrichs! Kommt er als Gast zu deiner Brautnacht, Ritter Marx? Er ist in Hochzeitsbräuchen weidlich erfahren – haltet an, erst das Sprüchlein am Kamin! Lest, Herr Oldendorp, Ihr seid schriftgelehrt.« Der Aufgeforderte trat zu der gleichfalls neu hergerichteten Feuerstatt am obern Ende der Brautstube, bückte sich gegen den vielfach mit Löwenköpfen ausgeschmückten, auch sonst reich mit Bildwerk verzierten steinernen Kaminmantel und las von der Übertragung des Gesimses einen zwischen ausgehauener Hahn- und Hennenfigur eingegrabenen Reimspruch: »Mennich Man lude singhet. Wen me Em de Brut bringhet. Weste He, wat men Em brochte, Tat He wol weenen mochte.« Eine schütternde Lache brach zwischen den weiß aufleuchtenden Zähnen des Burgemeisters hervor. Er hob den ihm dargereichten mächtigen, in Form eines Stiefels gekrümmten Erzpokal und rief: »Der verstand's, Marx, der das Sprüchlein auf dein Wohl erdacht! Daß er wohl weinen möchte! Nutz' heut noch den Wein, Hähnlein, deine Henne wird dich Wasser trinken lehren. Ich schau' es voraus, daß einer dein Konterfei malen wird, als Hahn ohne Sporn am Fuß, auf Eiern sitzend und brütend. Darunter wird stehen: Das ist Marcus Meyer, der Ritter im Hühnerhof – auf die Nagelprobe, ihr Herren, denn wir erweisen einem, der sich ins weiße Laken einwickeln lassen will, die letzte Ehre damit!« Er leerte den gewaltigen Humpen mit einem Zug und drehte ihn um, daß kein Tropfen mehr herausfloß. Die andern taten mit ihren Bechern das nämliche, auch Marx Meyer in gleicher Weise, der, sich in einen Sessel werfend, erwiderte: »Du scheinst fürzuhalten, daß wir im Kaufhof zu Bergen sind, Jörg, und dir die Aufgabe fällt, den Schalk unterm lappländischen Schlot zu spielen.« Er sprach es lachenden Mundes, doch hörbar tönte aus dem Klang der Stimme leichte Gereiztheit auf; der letzte starke Trunk hatte seinen Kopf noch beträchtlich dunkler als zuvor gefärbt. Wullenweber versetzte: »Hast du solcherlei Hänselerfahrung zu Bergen gemacht, Marx? Ich vermeinte, du habest dich anderswo unterm Rauchschlot angerußt.« Man gewahrte an der Miene des Ritters, daß die Mahnung an seine Vergangenheit ihn vor den fremden Anwesenden verdroß. Doch er entgegnete mit scheinbar gleichmütiger Gelassenheit: »Irrst dich nicht, Jörg, habe allzeit mehr mit Eisen als mit Stockfischen zu schaffen gehabt, war drum aber doch einmal zu Bergen mit deinem Freund Christiern.« Die Stirn des Burgemeisters zog sich, von einem plötzlichen Schatten durchfurcht, zusammen, er griff nach seinem Pokal, der Doctor Johann Oldendorp bückte sich zur Seite und raunte, mit den Lippen am Ohr des Ritters vorüberstreifend: »Haltet Eure Zunge bedacht, Ihr wißt, er hört nicht gern von ihm reden.« Doch Jürgen Wullenwebers scharfes Gehör hatte die gewisperten Worte vernommen, sein Kopf fuhr herum, und er stieß mit aufblitzendem Augenlicht hervor: »Wer spricht das und trog Euch damit, Herr Oldendorp? Warum sollt' ich nicht von König Christiern hören? Es schweigen zu viele heut von ihm, wie die Steine, in die sie ihn eingetürmt; lasset uns weniger undankbar sein und von ihm reden! Er war einmal unser Feind, und wir haben reiflich danach an ihm gehandelt, ob klug, weiß ich nicht –« »Willst sagen, ob ehrlich weißt du nicht,« warf Marx Meyer lässig ein. Das Blut schoß einen Moment aus dem geröteten Gesicht des Lübecker Burgemeisters zurück und sein Blick wich an dem des Sprechers vorüber. Dann entgegnete er rasch: »Die Hanse hat nicht Schrift und Siegel gebrochen und trägt nicht Schuld, daß der König im Turm zu Sonderburg schmachtet. Er hat viel Schlimmes geübt, aber da sie ihn lebendig begraben, darf heut wohl mit ihm geschehen, was man den Toten antut, daß man auch Gutes von ihm redet. Dazu deucht mich, hatten wir mehr Fug als andere, denn er war des Adels und der Geschlechter Feind, doch Freund der Bauern und der Gewerke. Als er noch lebte, führten die Junker das Regiment in der Hanse, und er stritt wider dieselbe; früget ihr ihn heut in seinem Spinnenloch, ob er noch unser Gegner wäre, wenn er wieder auf dem Thron säße, wer von euch weiß die Antwort drauf? Aber das weiß ich, besser für uns hielte Christiern der Zweite wieder die Herrschaft in Dänemark, als seines Oheims Sohn, der Junkerherzog von Holstein, wenn der adelige Reichsrat ihm als einem Christian dem Dritten die Krone auf den glattzüngigen Kopf setzte. Wären die noch, die einstmals um diesen Tisch gesessen haben mögen, so geschähe das nimmermehr. Aber wir haben vergessen, daß unsere Vorväter es gewesen, welche die Könige des Nordens auf den Thron gesetzt und herabgestoßen, lang vergessen, vor bald einem Jahrhundert schon, zum Niedergang und Siechtum der deutschen Hanse. Denn ob heut keiner mehr lebt, um dran zu gedenken, zu der Stunde begann ihre Entartung und ihr Fall, als sie in schwächlich kurzsichtiger Torheit den Oldenburger Grafen auf den dänischen Königssitz zuließ und alle nordischen Reiche zusamt Schleswig und Holstein in eine Hand gab. Und gebet acht, wie Christian der Dritte mit List und Gewalt das Erbe seines Ältervaters wieder an sich bringen wird, als der Niederländer geschworener Freund und der Hanse Todfeind – zum mindesten der Städte, in denen die freie Verfassung den Obsieg über die Geschlechter gewonnen.« Jürgen Wullenweber hatte mit allmählich höher steigender Erregung gesprochen und sein Blick sich flammenden Ausdrucks zuletzt in die Gesichter der Hörer gerichtet, die seinen Augen mit einer ungewissen Schweigsamkeit begegneten. Nur Marx Meyer erwiderte: »Du weißt, Jörg, ich stand in Christierns Dienst und hab' ein anhänglich Gedächtnis an ihn bewahrt. Mir geschäh's zu Recht, wenn sich einer fänd', den dänischen Junkern ihren Treubruch heimzuzahlen. Mein Gewissen trüg's nicht, hätt' ich die Hand dabei mit im Spiel gehabt; ich müßt's wett machen vor mir selber und der Welt.« Der Burgemeister leerte hastig seinen Becher und griff sich mit den Fingern durch den dichten Bart. Sichtbar verdroß ihn, daß er mit den ihm entfahrenen Worten zu der Entgegnung Marcus Meyers Anlaß gegeben, denn er fiel jetzt rasch, doch in minder natürlicher Lustigkeit als zuvor ein: »Was schwatzen wir von Dingen, zu denen die Weinzunge nicht taugt, als steckten die Spittelweiber die Köpfe zusammen, über Wind- und Wolkenzeichen am Himmel zu raunen! Mögen die Dänenjunker sich zum Herrn küren, wen sie begehren; die Hanse hat Frieden und Freundschaft mit den nordischen Reichen und mag zuwarten, ob der neue König ihrer in Gnaden gedenken wird. Daß Ihr von Christiern redet, regte mir ein Gedenken, wie hurtig Menschengedächtnis hinlischt, gleich wie Flußwasser im Meer verrinnt. Das gedacht' ich Euch wachzurufen, als ich vom Vergessen sprach und meine Zunge abseits in Torheit fiel. Unserer Tage Welt hat zumal vom Blutbad in Stockholm her viel laute Stimmen und Geschrei vernommen, es sei nie ein Gleicher an Herrschertrotz, Falschheit und wildem Sinn wie der zweite Christiern auf Erden gesehen. Wahrlich, Menschen vergessen gar schnell, sonst wüßten sie noch, daß, wie Christiern zu Stockholm im Blute geschritten, so einstmals Waldemar Atterdag in der Stadt Wisby auf die Leichen ihrer arglistig überfallenen Bürger getreten. Und sonderbarlich redet alter Bericht, daß er erst zu so unmäßiger Willkür, Treubruch und Grausamkeit hingerissen worden, als die ›kleine Tove‹ gestorben, die einzige, an der sein Herz gehangen – wie niemand zuvor von Christierns wilder Blutgier gewußt, eh' Torben Oxes Kopf um den Tod der schönen Dyveke Vijlms von der Schulter gefallen. Solltet in Euren neuen Schulen besser lehren, Herr Oldendorp, daß etwas von alters vor uns gewesen, da wüchsen Menschen auf, die nicht gleich Weibern über das königliche Ungeheuer unserer Tage jammerten, vielmehr erkennen würden, daß er Zug um Zug vor zwei Jahrhunderten schon als Waldemar Atterdag auf dem Dänenthron gesessen. Dann möchten sie aus der Vergangenheit lernen, daß der letztere nicht lediglich unbändige Leidenschaft, Tücke und Rachsucht in sich getragen, sondern auch hohe Klugheit zuzeiten mit ritterlicher Sinnesart vereint und ehrlich Treue und Freundschaft zu halten gewußt, wenn er sie mit seinem Königswort zugesagt. Denn das weiß ich, als Freund und Feind will ich lieber Christierns blutig verrufener Zunge trauen, als dem lächelnden Munde seines Vetters, wenn er Christian der Dritte von Dänemark benannt wird.« Da war Herr Jürgen Wullenweber, wie es schien gleich einem Schiff, das der Wind wider dessen Willen beharrlich einem Ziele zutreibt, abermals an den gleichen Punkt geraten, von dem er vorher eilig wieder abgelenkt, weil solcherlei Gerede zum Wein nicht tauge. Staunend aber erkannte Dietwald Werneken kaum mehr den spaßfrohen, sorglosen Trinkkumpan, der ihm beim Eintritt in den Keller heitern Willkomm geboten. Schwerer Ernst hatte eine dunkle Wolkenbank über die machtvolle Stirn des Burgemeisters gelagert, darunter es zwischen seinen Lidern wie das Zucken eines Wetterleuchtens hin und her ging. Seit der Namenserwähnung des entthronten und gefangenen dänischen Königs bedeutungsvoll verwandelt, war es augenscheinlich keine harmlose Zechgenossenschaft mehr, die um den alten Tisch der Brautstube saß, sondern aus halb gesprochenem Wort brüteten in ihren Köpfen heimliche Gedanken weiter, deren Vorhandensein Dietwald plötzlich empfand, ohne zu einem Verständnis durchdringen zu können. Doch auch Jordan Warendorps Miene sprach, daß er keinen Anteil daran besaß; allseitiges Schweigen folgte auf die letzten Worte Wullenwebers, nur Johann Oldendorp, der von ihnen angesprochen worden, entgegnete mit zögernder Langsamkeit: »Eines mag aber dennoch zugunsten des Herzogs Christian wohl ins Gewicht fallen, daß er ebenso aufrichtig dem Luthertum zugetan ist, als der König Christiern mit harter Strenge am römischen Glauben festgehalten und die Bekenner der evangelischen Lehre in seinen Reichen bis aufs Blut verfolgt gehabt.« Das Gesicht des Burgemeisters nahm nachdenklich-düstern Ausdruck an. »Redet des leider wahr, Oldendorp,« versetzte er; doch Marx Meyer rief drein: »Narrheit spricht sein Mund; Pfaff ist Pfaff und gleiche Aussaat, ob aus Rom oder Wittenberg, was kümmert's uns!« Aber heftig fuhr Jürgen Wullenweber jetzt auf: »Deine Zung' ist trunken, redet Narrheit und Gottlosigkeit! Die reine Lehre ist unser aller feste Burg, Waffe und Wehr! Wer sie verleumdet und schmäht, ist der Papisten Freund, nicht unserer! Ich bin ein gar Geringer gegen den großen Mann von Wittenberg, aber ich stehe hier mit ihm, wären soviel Teufel auf den Dächern als Ziegel: Was er gelehrt, ist Wahrheit! Und schnitte man mir die Zunge vom Mund, sie spräch' es doch!« Zu Dietwald Wernekens freudiger Überraschung leuchtete eine hohe, begeisterte Glaubensüberzeugung aus Jürgen Wullenwebers Augen, der, erregt vom Sitz gesprungen, dastand und seine nachdrückliche Erwiderung mit einem hallenden Aufschlag auf den Tisch verstärkt hatte. Doch Marcus Meyer gab unerschrocken, gereizt spöttischen Tones Antwort: »Mag sein, daß der Wittenberger Mönch die Wahrheit gesprochen, trachte nicht danach, gelehrt zu scheinen, und weiß bessern Bescheid auf Erden als über den Wolken. Aber was mein Gedächtnis bewahrt, ist, daß die Prediger, die er uns gesendet, als wir ihnen kaum Amt und Brot geliehen, auf den Kanzeln schon ihr öffentliches Gebet wider die Weltliche Befreiung und Rechte des Volkes gerichtet haben, wie ihre römischen Vorgänger zuvor. Und ich gedenke, daß Herr Hermann Bonnus, der evangelische Stadtsuperintendent und vormalige Informator der Prinzensöhne des Herzogs Christian, vor wenig Tagen erst in seinem Gesuch um Abschied beim Rat unserer Stadt geschrieben: »Ihn beschwere sein Gewissen, Überwältigung gesetzlicher Ordnung durch den gemeinen Mann ungeahndet zu lassen und der wachsenden Ruchlosigkeit nicht steuern zu können; denn die Obrigkeit sei von Gott eingesetzt und dürfe von Untertanen nicht angetastet werden, so böse sie sei.« Das waren Herrn Bonnus Worte, des Predigers der reinen Lehre, die ich mir gut gemerkt, und die von Gott gesetzte Obrigkeit war Herr Nikolaus Brömse, und der gemeine Mann, der sie überwältigt, bist du, Burgemeister. Drum schau zu, wenn deine Augen nicht blind sind, wie auch bei den Junkern und römischen Priestern in den Herzen kein Haß mehr wider die lutherischen Pfaffen ist, denn sie spüren den gemeinsamen Bund und Abscheu gegen die »wachsende Ruchlosigkeit« zu Lübeck, wo das Volk am Regiment sitzt.« Merklich war's ein scharfer Stachel, mit dem Marcus Meyer auf die Worte des Burgemeisters entgegnet; der letztere zog die dunkelbuschigen Augenbrauen heftig zusammen und erwiderte: »Du redest nach deinem Brauch wie der Taube von der Predigt. Herr Bonnus hat mit Fug und Recht von der Ruchlosigkeit gesprochen, denn er vermeinte nach eigenem Wort damit das lasterhaft schandbare Unwesen des Fratzenkönigs Johann von Leyden und seiner Wiedertäufer in der Stadt Münster, über deren gottlose Frevel Schwert und Beil kommen möge!« Spöttisch gab Marx Meyer Antwort: »So hüte dich, daß der Nachfolger des Herrn Bonnus nicht eines Tages von seiner Kanzel predigt, du seiest der Knipperdolling von Lübeck, auf unsern Burgemeisterstuhl gelangt wie er zu Münster, und des Beils und Schwertes würdig gleich ihm.« »Kennst ihn so gut? Ist etwa ein Gesippe von dir, da geh zu ihnen und schweiße ihren Aberwitz mit dem Blasebalg deines Mundes! Passest wohl zu den ausgeputzten Helden, der Prophet Bockold hängt dir vielleicht noch einen Purpurmantel unter deine Kette!« »Brauch' ich nicht, Burgemeister. Aber dir sollte man einen Hansup anziehen; könntest ein großer Mann sein, bist aber nur ein großer Knabe, der an Ammenmären und Pfaffengeschwätz glaubt!« Sichtbar und hörbar loderte der Wein in den Köpfen der beiden jetzt dicht gegeneinander hochaufgereckten hünenhaften Gestalten. Sie maßen sich mit trotzig herausfordernden Blicken, drohend hob Jürgen Wullenweber seine wuchtige Rechte empor. Doch im nächsten Augenblick brach ein lautschallendes Gelächter aus seinem Bart hervor, und er stieß lustig hinterdrein: »Alter Prahlmatz! Ich ein Knabe, sagst du? Komm her, Marx, Knabenfaust gegen Ritterfaust! Was kann sie?« Bei dem Auflachen und der Anrede des Sprechers war auch über Marcus Meyers halbtrunkene Züge die Besinnung zurückgekommen. »Was sie kann, Jörg?« rief er in gleichem Ton gegen. »Willst wetten?« Er packte den neben ihm stehenden schweren Eichenholzarmsessel und hob ihn kraftvoll mit einer Hand hoch in die Luft. »Mach's nach, Jörg!« »Sitz dich erst drauf, Flaumbart, sonst fliegt mir das Holz zum Gewölb,« antwortete Jürgen Wullenweber, ihn auf den Sessel niederdrückend. Dann lüftete er diesen mit seinem lebendigen Gewicht um mehr denn Schuhhöhe vom Estrich, setzte ihn zurück und sprach ruhig: »Das war ein Ritterstuhl, Marx, nun prob's mit einem Burgemeisterstuhl.« Er ließ sich auf den Sessel nieder, und der herausgeforderte suchte das gleiche nachzutun. Doch er vermochte die Last nicht um einen Zoll vom Boden zu bewegen, und Wullenweber lachte: »Deine Mutter hat's mir wohl leichter gemacht, Marx, aber mich bedünkt, es ist guter Spaß, daß unsere Zeit noch Knaben zur Welt gebracht, die dem alten Tisch hier nicht Unehre bereiten, Soll'n sich die Hand schütteln, die's können, denk' ich – oder wett'st noch einmal? Den da!« Er streckte die Hand nach dem gewaltigen Eichentisch, sein Widerpart versetzte gutlaunig ungereizt jetzt: »Hab' genug! Bist mir über, Jörg, weiß es gut und müßt' ein eitler Tropf sein, wollt' ich's nicht erkennen. Aber ich rat' es dir nochmals, hüt' dich vor Pfaffenarglist und -Herrschgier, dran bricht auch die beste Kraft, wenn sie zu gläubig vertraut, und hebst das Stachelgeschmeiß so wenig in die Luft, wie den Klotz da.« Ein zuversichtlich glanzvoll aufflammender Strahl der Augen des Burgemeisters antwortete ihm. »Ich vertrau' auf Gott und redlich Gewissen, Marx, daß die Hand draus Kraft gewinnt, der Vorväter starkes Werk emporzuheben –« Er sprach's mit doppelsinnigem Wort, denn seine Hand suchte jetzt den, manches Zentnergewicht schweren, von den Vorvätern gezimmerten Tisch vom Estrich aufzulüften, doch gleich darauf zog sie sich unwillkürlich zurück, Blutstropfen quollen aus seinen Fingern, in die sich ein Holzsplitter hineingestoßen, und sich über das altersgeschwärzte Eichenbrett bückend, sagte er lachend: »Da hat einmal einer ins Holz geschnitten, vielleicht zum Gedächtnis, daß seine Kraft es vollbracht. Der will's nicht, daß ich's ihm gleich tue.« Er wischte sich das Blut von der Hand, neben ihm beugte neugierig Herr Doctor Otto von Pack den Kopf auf die angedeutete Stelle des Tisches und sprach: »Ein Name scheint's, aber es ist zu dunkel, ihn zu lesen.« Der Burgemeister griff nach seinem Humpen und versetzte, ihn gegen die Lippen führend, mit einem ihnen entfliegenden Tone von Geringachtung: »Wenn Ihr ihn auszuspüren trachtet, Eure Augen werden's bei Nacht schon vollbringen, Herr Kanzler.« Doch der Angesprochene bückte, unbekümmert um den halb mißächtlichen Klang der Entgegnung, die Augen forschend dichter hinunter und buchstabierte: »Jo–hann – das ist das erste – Wit–ten–borg – Johann Wittenborg.« Er hatte das letzte mit lauter gehobener Stimme wiederholt, und durch die zufällige Stille in der Brautstube lief der Klang des Namens sonderbar nachhallend an den Wänden dahin. Er versummte in den Gewölben der Decke, doch als wecke er dort einen anderen Laut auf, folgte unmittelbar vom Turm der nahen Marienkirche dumpf niederhallender Glockenschall drein. Zwölfmal ging der mächtige metallene Schlag durch die Nacht, dann war es wieder still. Die Anwesenden in dem unterirdischen Raum blickten sich schweigend an. Der Stundenruf war durch eine absichtslose, doch eigenartig feierliche Lautlosigkeit herabgeklungen, und Jürgen Wullenweber hatte den Pokal nicht weiter an den Mund geführt, sondern hielt ihn noch in regungslos festgebannter Hand. Und ebenso heftete sein Blick sich unbeweglich auf den Fleck des alten Eichentisches, nieder, an dem der ehemalige Kanzler des Herzogs Georg seine Eulenkunst, im Dunkel zu lesen, erprobt hatte, dann sprach er langsam vor sich hin, als stehe er allein unter dem mattumdämmerten Steingewölbe: »Ist's ein Gruß von dir um Mitternacht? Sei's drum – ich trink's dir zu –« Nun setzte er den Humpen an die Lippen und leerte ihn mit großem Zuge aus. Aber Weinrausch, Lachreiz und spaßlustiger Kraftübermut waren von seinem Gesicht herabgefallen, voll-nüchternen Blickes den Kopf hebend, redete er kurz: »Es ist spät, ihr Herren, für den, der nicht voraus weiß, wie oft der Glockenschlag ihm noch einen neuen Tag beginnt; folgt ihr mit, sonst habt gute Nacht!« und sichern, breitwuchtigen Schrittes der Tür zutretend, ging er, ohne einer Erwiderung zu harren, durch den jetzt menschenverlassenen, hallenden Kellerraum dem Treppenaufstieg zu. Die andern folgten ihm nach und holten ihn auf dem Marktplatze ein. »Wohin willst noch, Jörg?« fragte Marx Meyer, da der Burgemeister in der Mitte des Marktes plötzlich aus der graden Richtung nach seinem Hause zur Seite abbog. »Der Meister bessert drüben,« versetzte der Befragte, »dein Fuß ist nicht fest heut, Marx, ich sorg', er könnt' im Finstern stürzen.« Er begleitete die Worte mit halbem erzwungenen Auflachen; der Ritter entgegnete launig: »Am Kaak? Läßt du für Klaus Brömse dran bessern, Jörg?« Aber Jürgen Wullenweber gab keine Antwort drauf, sondern schritt schweigsam bis zu seiner unfern belegenen Wohnung, verabschiedete sich dort wortkargen Grußes und schloß die Tür hinter sich. Die andern wanderten zusammen die Gasse entlang; Johann Oldendorp sprach: »Ihr hattet ihm die Laune verdorben, Herr Ritter. Was mußtet Ihr Christierns Namen aufbringen?« »Weiß nicht, was ihn zuletzt noch anfocht,« entgegnete Marx Meyer kurz. Er fügte nichts hinzu, bis sich an einer Straßenecke Herr Otto von Pack abgetrennt, um sich seinem Hause zuzuwenden. Das schien dem Verstummten die Zunge wieder zu lösen, er blickte noch in die Richtung des verhallenden Schrittes und stieß hervor: »Was Jörg an dem Molch gefressen! Ich würd' ihn am liebsten auf den Rost binden, ihm das Gift aus der verschrumpften Haut zu braten. Spürt ihr's nicht, daß die Luft besser geworden, seitdem er die Schleichersohlen von uns abgedreht? Ich geleit' euch noch, ihr Herren. Mich dünkt, es war kein Wasser im Wein; ich hätt' Lust, den Dunst noch aus dem Blut zu hämmern. Kann's der Arm nicht, tut der Fuß auch Dienst dazu.« Er stampfte einige Male mit dem goldbespornten Stiefel auf, daß der Boden weithin schütterte; sie gingen über den Klingenberg der Mühlstraße zu, die Luft war sommerwarm, doch dunkel, zuweilen fielen von leichter Wolkendecke einzelne Tropfen herab, dann sah flüchtig ein Stern aus einer Lücke. Johann Oldendorp versetzte: »Es steht nicht zu sorgen, glaub' ich, daß der Burgemeister Schädigung von Eurem Molch erleidet: er vertrauet ihm gleichfalls nicht, nutzet nur seine große Kenntnis.« »Leidet doch Schädigung, Herr Oldendorp, an Ruf und Zutrauen bei vornehm und gering,« erwiderte Marx Meyer unmutig. »Aber sein Kopf ist nicht zu schmieden, sondern spröd wie Osemund. Wozu braucht er die Gänsekiele? Was er trachtet, schreibt nur die Eisenfeder!« Johann Oldendorp lächelte: »Erweiset doch selber einem Gänsekiel die Gunst, mit ihm hier zu wandeln, Herr Ritter.« Nun lachte dieser: »Taucht Eure Zunge nicht in Galläpfelsaft, Herr Oldendorp, sondern lieber in guten Wein, wie's einem, der kein Molch ist, ansteht. Wolltet sagen, Herr Warendorp?« Er wandte sich, nicht ungern von seiner Verredung abbrechend, zu seinem Begleiter auf der andern Seite. Dieser hatte schon einigemal sich mit einer Frage in das Gespräch einzumischen gesucht und brachte sie jetzt hervor: »Wisset Ihr, warum Herr Wullenweber den Namen des Königs Christiern nicht gern vernimmt?« Markus Meyer schwieg einige Augenblicke, dann erwiderte er: »Weiß nicht, ob ich Euch morgen früh drauf antworten würd', Herr Warendorp. Kann Euch auch keinen bündigen Bescheid geben, aber Ihr habt Euch in allen Tagen erprobt, daß Ihr redlich zu uns steht, und ich halt' offene Rede, die der Wein spricht, vielmals besser, als versteckte Klugheit. Bin nicht Jörg Wullenwebers Schatten gewesen zu Kopenhagen und weiß nicht von jeglichem Wort, das dort aus seinem Munde gegangen. Aber wenn Ihr in Eurer Sippe und Verbandschaft ehrliche Freunde des Burgemeisters und der alten Hansemacht hegt, gleich Euch, da saget ihnen, sie möchten im Ratssaal und auf dem Markt laut reden, es sei an König Christiern schwerer Treubruch und Frevel geübt, und ein redliches Gewissen könn' es nimmermehr tragen, daß solch schimpfliches Unrecht nicht an ihm gut gemacht werde. Und sorget nicht, daß Ihr Jörg Wullenweber, ob er Christierns Namen in fröhlicher Laune beim Wein nicht gern hört, damit zuwider fallen werdet, wenn Ihr denselben mit tausend Zungen so laut rufet, daß er bis an die Hähne auf den Türmen der Marienkirche hinaufschallt.« Die nächtlichen Wanderer waren bis an das Mühltor gelangt, allgemach jedoch dergestalt in lebhafte Unterredung über bedeutsame Dinge verfallen, daß sie des bezweckten Heimwegs nicht gedachten, sondern umwendend durch die ganze Länge der schlafeslautlosen Stadt zum Burgtor zurückschritten. Nur Dietwald Werneken beteiligte sich kaum an der Zwiesprache; im Dunkel der stillen Gassen tauchte es ab und zu wunderlich vor ihm auf, ein Gebild der Phantasie und doch greifbar, wie leibhaftig vor seinen körperlichen Augen dastehend. So deutlich sah er die sonnigbeglänzte Heide an dem Waldrand, wo er heut mittag Rast gehalten, in den Goldstrahlen schwebte eine anmutsvolle, junge weibliche Gestalt zwischen den bunten Frühlingsblumen des Bodens hin. Zumeist gewahrte er sie nur von der Rückseite, doch hin und wieder drehte sie ein wenig den Kopf, daß ein zarter, heller Schimmer ihres Gesichtes aufleuchtete; dann war es Frau Erdmute Warendorp, die ihm traulich, mitleidig lächelnd, zunickte. Aber gleich darauf verschwand alles, Sonnenlicht und Antlitz, und nur die finstere Nacht zwischen den fremden Häusern blieb um ihn her. Sein Herz war sehr müde und vergessender Ruhe bedürftig, nun fühlte er, daß nach der ungewohnten langen Anstrengung des Tages auch sein Körper es ebenso sei. Eine Zeitlang hatte der Wein ihm die Sinne angeregt gehabt, jetzt ging er meistenteils mit geschlossenen Lidern, zuwartend, daß seine Begleiter ihr zielloses Hin- und Herwandern beenden würden. Sie mußten schon oftmals zwischen dem Burg- und Mühlentor auf- und abgeschritten sein, die Uhr schlug bereits die zweite Morgenstunde. Da öffnete Dietwald Werneken zufällig einmal die Augen. Es war nicht lichtloser, sondern etwas heller geworden, ein mattgrauer Luftschimmer verriet, daß der Mond irgendwo hinter dem verdichteten Gewölk aufgestiegen sein mußte, und in dem trüben Zwitterschein erkannte der junge Hamburger Kaufmann, daß sie wieder an dem Hause vorüberwanderten, in das der Burgemeister Wullenweber bei seinem Abschiednehmen eingetreten war. Eine eigenartige, hohe Hofmauer schloß sich auf der einen Seite daran, und wie Dietwalds Blick jetzt darauf hinfiel, hob sich an ihrem Ende vom Oberland ein besonderer schwarzer Schattenriß gegen den Himmel, daß er mechanisch aufdeutete: »Was für ein Zierat ist das?« Jordan Warendorp erwiderte nachlässig: »Wo meint Ihr, Vetter? Ich gewahre nichts Absonderes von Zier an des Burgemeisters Hause,« und zugleich fiel auch Dietwald Werneken ein: »Ich täuschte mich, mir war's, als reite eine aus Stein gehauene Mannesgestalt auf der Mauer.« Er fügte nichts weiter hinzu, denn offenbar hatte eine ähnliche Einbildung, wie sie ihm auf dem nächtlichen Weg schon mehrfach vor Augen gegaukelt, ihn betrogen, doch bei seiner Entgegnung drehte der Ritter Marx Meyer unwillkürlich den Kopf und fragte: »Was sahet Ihr, Herr Werneken? Wo?« Dietwald wollte seine vorherige Antwort wiederholen, allein jetzt vernahm sein feines Ohr plötzlich drüben hinter der Mauer ein leises Rascheln und Klirren und er versetzte: »Ich glaub's doch, es saß einer auf dem Steinrand, der nach drinnen hinuntergesprungen. Hört!« Kaum vernehmlich kam ein Stimmengewisper durch die lautlose Nachtruhe herüber, es klang, als ob ein Mund gedämpften Tons jenseit der Mauer gesagt: »Rührt euch nicht!« Im selben Augenblick aber griff Marx Meyer, kurz mit der Hand tastend, zu Boden, raffte einen Fauststein auf, schleuderte ihn wuchtig gegen ein Fenster im obern Geschoß des Hauses, daß die dicken Glasscheiben klirrend zerbrachen, und rief lautschallend hinterdrein: »Hallo, Jörg, hast du Ratten im Hof?« Ein Augenblick verging, dann tönte vom Fenster her die unmutige Erwiderung des aus dem Schlaf aufgefahrenen Burgemeisters: »Bist du's, Marx Meyer? Hat dich der Eber von Sinnen gebracht? Buben stäupt der Büttel aus für solche Narreteiding!« Doch der Gescholtene gab keine Antwort, denn gleichzeitig hatte sich das Bild unten merkwürdig verändert. Ein halbes Dutzend gewaffneter Mannsgestalten war plötzlich so auf dem Rand der Mauer emporgetaucht, wie Dietwald zuvor eine wahrgenommen, schwang sich blitzschnell auf die Gasse herüber und suchte hastigen Fußes das Weite zu gewinnen. Marx Meyer sprang auf den Vordersten von ihnen zu und schrie: »Die sind für Ratten zu groß, Marder sind's, Jörg!« Sein breites Schwert holte sausend aus, und der Getroffene kollerte röchelnd zu Boden. »Verflucht! Fort! Laßt ihn!« gebot die leise Stimme eines andern, der hart an Dietwald Werneken vorbeischoß. Kaum ein Zucken der Wimper, dann lag die Straße nachtruhig und leer wie eben zuvor. Nun ging die Haustür auf und Jürgen Wullenweber trat im Nachtkleid mit einer Fackel heraus. »Was gibt's, Marx?« Der Befragte lachte auf. »Bist im Hansup, Jörg? Eulengezücht gab's in deinem Hof, und ohn' unsere Narreteiding hielt's vermutlich zur Stund' einen Falken im Schlaf an der Kehle gewürgt. Leucht' her, daß wir die Federn anschauen!« Er nahm dem Burgemeister die Fackel aus der Hand und ließ rasch ihr Geloder auf den von ihm zu Boden Gestreckten niederfallen. Doch der gab kein Lebenszeichen mehr, es war ein robuster Mann vom Aussehen und in der Gewandung eines gewaffneten Knechtes, aber die Eisenkappe auf seinem Scheitel war in der Mitte durchhauen, und breitklaffend sah der zerspaltene Schädel daraus hervor. Der Ritter murmelte, sich verdrossen am Bart reißend: »Dem lockert man die Zunge nicht mehr mit der Schraube; 'ne alberne Faust, die so täppisch dreinhämmert, als wär' ein Bubenkopf von Schmiedeeisen.« Jürgen Wullenweber hatte inzwischen vernommen, was vorgegangen und in welcherlei Weise die Aufmerksamkeit der Vorüberschreitenden durch Dietwald Werneken geweckt worden. Er warf kurz einen ernst-schweigsamen Blick auf den Toten nieder, dann sprach er ruhig: »Ich wahre zur Nacht einen Geldsäckel der Stadt in meinem Haus, das hatten sie erkundschaftet und wollten ihn ausleeren. Ihm ist Diebsrecht widerfahren; wer unter deinen Arm gerät, Marx, schafft dem Meister keine Mühwaltung mehr.« Doch der Angesprochene fiel ein: »Sollten nach Geld bei dir eingestiegen sein? Glaubst es selber nicht, Jörg –« »Wonach stünd' anders solch gemeiner Knechte Trachten?« unterbrach der Burgemeister ihn gleichmütig. »Laßt ihn liegen, daß die Schobanden ihn mit sich nehmen, wenn sie die Frührunde begehen.« Dietwald hatte nachsinnend gestanden, jetzt aber hob er das Wort: »Verstattet, daß ich mit drein rede, Herr Burgemeister. Ich vernahm die Stimme eines, der dicht an mir vorüberlief, und obzwar ich in Eurer Stadt fremd bin, war mir der Klang seiner Sprache an mancher Besonderheit doch so bekannt, daß mir kein Zweifel bliebe, wer es gewesen, wenn ich mich nicht bei Euch zu Lübeck, sondern in Hamburg befände.« »Das ist kaum verständliche Rede, Herr Werneken, denn Ihr sprecht selber, daß wir hier zu Lübeck stehen. An wen denn in unserer beider Vaterstadt hätte Euer Gehör Euch gemahnt?« Der Antwortende schien das letztere mehr aus Höflichkeit als aus Interesse an einer Entgegnung auf seine Frage beizufügen, nur in der Reglosigkeit seiner Wimpern tat sich ein aufhorchender Ausdruck des Gesichtes kund. Dietwald erwiderte: »Zu Hamburg würd' ich's auf mein Gewissen genommen haben, es sei die Stimme des Herrn Krevet gewesen.« Ein leichtes Zucken bewegte die Lider Wullenwebers, der jetzt rasch freundlichen Tones versetzte, indem er dem jungen Kaufmann die Hand darreichte: »Müsset also wohl von Eurem Ohr getäuscht sein, Herr Werneken, denn man kann nicht hier eines Mannes Zunge vernehmen, der in Hamburg weilt. Nehmet gute Nacht, ihr Herren, und lasset auch eure Zunge morgen nicht weiter drüber reden! Es würd' heißen zu Lübeck, der Burgemeister sei mit Freunden spät vom Wein gekommen und es hab' ihnen im Kopfe gespukt, daß sie Gespenster im Dunkeln gewahrt. Dem Ruf von Männern tut's nicht gut, wenn der Spott ihnen heimlich im Volksmund nachraunt, sie hätten sich bei Nacht erschrecken lassen. Aber habt redlich Dank, Herr Werneken, daß Eure Achtsamkeit den Stadtsäckel vor Schädigung behütet! Es hätt' Leute geben können, welche die Achsel gezuckt, ob es Diebe von der Gasse gewesen, die über die Geldtruhe geraten. Ihr redetet mir heut abend von einer Planung, Herr Werneken, darauf ich beim Becher etwas kurz erwidert haben mag. Wäret still und wortkarg danach, bedeucht mich, als einer, den ernstliche Gedanken nicht lassen. Wenn Euer Trachten, von dem Ihr spracht, Euch am Herzen liegt, kommet bei Tag zu mir, daß wir besser drüber ratschlagen. – Was willst, Marx?« Der Burgemeister hatte Dietwald die Hand geschüttelt und trat wieder gegen seine Haustür hinan, zu welcher Marx Meyer ihm den Schritt nachsetzte und erwiderte: »Hast die Geldtruhe noch wie vorhin im Haus, Jörg; es deucht mich besser, wenn ein wachsamer Hund sich danebenlegt, bis der Tag kommt.« »Bleibst ein alter Prahlmatz mit deinem Gebiß, Marx,« lachte Jürgen Wullenweber, aber sein Arm legte sich unverkennbar mit einer derben Zärtlichkeit um die Schultern des Ausgespotteten. Es war ein eigentümlicher Anblick, der Dietwald Wernekens Augen festgebannt hielt. Von dem roten Fackellicht überlodert, schmolzen sich die beiden mächtigen Gestalten sonderbar fast zu einer doppelköpfigen ineinander; die blaue Eisenrüstung des einen ringelte sich glitzernd in wunderlichem Gegensatz mit der Nachtgewandung des andern zusammen, aus der die halb entblößte Brust hervorsah und seinen Gliederbau noch riesenhafter als unter der Tageskleidung zur Schau treten ließ. Sie erschienen gleich zwei aus der Erde gestiegenen Hünen der Vorzeit, die, vom Schlaf aufgewacht, mit einem Ruck der Köpfe das Felsgequader ihrer Gruftkammern abgeworfen und, aufeinander gestützt, herausfordernd auf ein von ihnen in der Welt angetroffenes Zwergengeschlecht herunterblickten. Nur überwog bei dem einen die reckenhafte, trotzige Körperkraft, während sie bei dem andern sichtbarlich nur als Mitgift unter hohes Trachten des Geistes gebändigt lag; aber man erkannte, die Faust gehorchte dem Kopf, und eine unverbrüchliche, durch keinen Becherspaß und Hänselei beirrbare Freundschaft verband sie auf Leben und Tod. Nun verschwand das gewaltige Nachtbild hinter der sich schließenden Tür, und die Zurückverbliebenen schritten ihren Wohnstätten zu. Dann hatte an den nächstfolgenden Tagen Dietwald Werneken zu öfteren Malen in der Schreibstube des Burgemeisters gesessen und mancherlei Zwiesprache mit ihm gepflogen, die zu einem völlig andern Ergebnis geführt, als ihre erste kurze Abendberedung im Ratsweinkeller, denn Jürgen Wullenweber nahm jetzt eines Morgens in noch ziemlicher Frühe mit den Worten von ihm Abschied: »So reiset mit Gott und Eurem trefflichen Vorhaben, Herr Werneken! Verübelt's mir nicht, daß ich damals vermeint, Ihr gedächtet Euer Hab und Gut in Naugard zu mehren und als ein abenteuernder Kaufmann ins Russenland zu ziehen. Dawider hatt' ich Euch als Kundiger desselben geraten, aber nicht Euch und nicht dasjenige gekannt, was Euch in Wahrheit zu solchem Entscheid trieb. Seid mir wert geworden, nicht allein, weil ich Euch guten Dank schulde, vielmehr weil ich uns im wichtigsten gleichen Sinnes befunden, daß ein Mann sich nur Befriedigung werben kann, wenn er sonder Eigensucht seine Kraft und sein Leben an ein Werk setzt, anderer Wohl zu fördern. So lasset uns beide danach trachten, jeglicher an seinem Ort, und breitet die evangelische Lehre aus zu Nowgorod, die unser gemeinsames herrliches Banner ist, unter dem wir streiten. Aus der Befreiung der Gemüter von Geistesbedrückung muß allzeit auch weltliches Gedeihen erwachsen, und Euer Trachten, den alten Kaufhof bei Sankt Peter wieder aufzurichten, mag grad in unsern Tagen wohl als eine Weisung unsichtbaren Willens in Eure Seele gelegt sein, daß ich es mit hoher Freudigkeit begrüße. Wenn es gleichfalls in dem Willen des Himmels beschlossen, klingt vielleicht zur Wiederkehr des Frühlings auch der Hansa alte Namensehre Euch als ein Gruß in den tauenden Schnee hinüber. So haltet Wahrheit, Mut und Klugheit aufrecht, Freund, und bewahret mir Vertrauen, wie ich Euch, was die Luft etwa an Zungengered' über mich an Euer Ohr wehen mag. Ich werd' Euch auch in der weiten Fremde im Gedächtnis tragen und verhoffe, wir reichen uns die Hände noch wiederum.« Jetzt aber schüttelten sie sich zur Trennung fest die Hand, und Dietwald Werneken ging. Sein Schiff, das segelbereit zur Fahrt nach Riga lag, harrte, und er wandte sich nur noch einmal zur Dankwardsgrube, um dort auch von Frau Erdmute Warendorp noch Abschied zu nehmen. Er fand sie allein in ihrer Stube, wo sie seiner mit einer Träne an der Wimper wartete und seine Hand fassend, sprach: »Ihr müsset wenig gutes Angedenken an unser Haus mit Euch nehmen, daß Ihr nichts, was Euch wert gefallen, drin zurücklaßt, sonst würdet Ihr wohl nicht so hartnäckigen Sinnes in die bitterliche Fremde hinausziehen. Mir seid Ihr in kurzen Tagen gleich einem Bruder lieb und vertraut worden, daß es meinem Herzen weh ist, Euch so allein in das kalte Land und seine vielfältige Fährnis davongehen zu lassen.« Schweigsam hielt er einige Augenblicke die Hand der anmutigen jungen Frau, dann versetzte er, mühsam lächelnd: »Hab' es, als ich hierherkam, nicht gewußt, daß es doch besser für mich sei, allein zu sein, ob auch in fremdem und kaltem Land. Hättet Ihr mich minder hold und freundlich in Eurem Hause aufgenommen, liebste Frau, da segelte das Schiff heute vielleicht ohne mich von dannen. Seid dem Gott der Liebe befohlen, der Euch allzeit in Eures Glückes Frieden und Schönheit erhalte! Und wenn Euer Gatte mir einmal ein Schreiben bis in meine Einsamkeit hinübersendet, wie er es zugesagt, da gedenket meiner mit einem Gruße dabei.« Die Stimme drohte ihm zu versagen, er bückte hastig seine Lippen auf die von ihm gehaltene Hand, die zugleich mit seinem Kuß eine Träne berührte, und ging rasch durch die Tür auf den Hausflur hinunter, wo Jordan Warendorp seiner harrte, um ihn an den Travehafen zu geleiten. Fünftes Kapitel. So zog um die Mitte des Maimonats Dietwald Werneken auf einem starkgebauten Hochseeschiffe durch das grüne Land die Trave hinab. Die Gestalt und Bauart des hochbemasteten Fahrzeuges erschien noch fast unverändert als die nämliche der beiden letztvergangenen Jahrhunderte, seine Sicherung wider feindlichen Überfall hatte dagegen erheblichen Vorschritt gemacht, da das Deck sich auf den Kastellen derartig wehrhaft mit verschiedenen Feuergeschützen, weitrohrigen Totenorgeln, Kartaunen, Feldschlangen und Falkonetten ausgerüstet zeigte, daß es jedes gewöhnliche seeräuberische Gelüst auf den ersten Anblick in heilsamer Entfernung von sich abhalten mußte. Dergestalt lief's, der Zeitforderung gemäß, halb als Handelsschiff, halb als Kriegsschiff in die Ostsee hinaus und ebenso bildete Dietwald Werneken ein eigenartiges Gemisch, wie die Tage es nicht selten gewahrten. Zugleich als ein tiefinnerlich begeisterter Vorfechter der befreienden evangelischen Lehre und als ein klugbedachtsamer, geschäftskundiger Kaufmann segelte er der fernen, fast unbekannt gewordenen Ostfremde zu. Mit wohl überrechnender Erwägung stand seine Absicht dahin, zuförderst bei dem Handelsfreunde in Dorpat möglichst genaue Kenntnis von der Lage der Verhältnisse in Nowgorod zu gewinnen und sich dort auch mit allem sonst Erforderlichen für die Weiterreise zu versehen. Schweren Herzens noch gewahrte er allmählich die hohen Türme Lübecks in Duft und Dunst hinter sich zerrinnen, denn ein warmer Anhauch hatte unter ihnen sein Innerstes berührt, und es war wohl, wie Frau Erdmute gesprochen, daß sich ihm dort eine freundliche Heimat auftun gewollt und er aus ihr in kalte, lieblose Fremde davonzog. Aber sie hatte nicht gewußt, daß ihm allzusehr und zum erstenmal in heimlich-pochender, ungekannter Art bei ihrem traulichen Wesen und glücklich-stillen Frauenwalten ein Sehnen das Herz gefüllt, und daß er allzu deutlich empfunden, als ein redlicher Mann nicht für länger andauernde Zeit in ihrer Nähe verweilen zu dürfen. So war's nur ein kurzer, lieblicher Traum eines heimatlichen Gefühls gewesen, aus dem Wind und Welle jetzt ihn erweckt. Doch es durchströmte ihn etwas aus der frischen Seeluft, das ihm die herbe Verengung seiner Brust mit einem Trost erweiterte, er habe in tapferer Überwindung rechtschaffen gehandelt, wie es eines Mannes Pflichtgebot sei einem Weibe gegenüber, von dem alle eigensüchtigen Gedanken sich abwenden müßten. Das blies der Wind beinahe mit einem Aufschauern freudigen Mutes um die Stirn, als rausche daraus ihm eine Stimme zu, sein Blut habe sich der Ehrenhaftigkeit kraftvoller, treu und ehrlich gesinnter Vorväter würdig bewiesen, von denen auch vielleicht die blaue Welle hier dereinstmals gesehen, daß sie schweren Sieg über ihr eigenes Herz erstritten. Weit hinüber gen Nord stieg jetzt im späten Sonnenlicht ein flimmernd weißes Geleucht gleich dem Aufblitzen eines Wogenschaumkammes aus der ruhigen See, und Dietwald Werneken befragte den Schiffer, was für ein heller Punkt dort vom Wasser emportauche. »Die Kreidefelsen von Mönnsklint, Herr, man schauet heut weit, bräch' das Dunkel nicht ein, gewahrten wir vielleicht bald gar die Dünen von Falsterbo.« Doch dämmernd kam die milde Nacht, und unter glitzerndem Sternendach wanderten die mäßig geschwellten Segel dahin. Von dem fremdartigen Reiz der Seefahrt wundersam bezaubert, verblieb Dietwald bis zum Anbruch des Morgens auf dem Deck. Leise summten Wellen und Wind, und immer friedlicher ward es in seiner Brust. Wie ein Fleckchen Erde, wohin nur der Traum ihn einmal gebracht, lag das freundliche Haus in der Dankwardsgrube zu Lübeck hinter ihm zerronnen, aber das tröstliche Gefühl, daß die Welt noch so heimelnd warme Stätte besaß, und das Bildnis des lieben, schönen Frauenantlitzes darin durften ihn überall auf seinen Wegen in die Fremde begleiten. Mit einer süßen Müdigkeit fielen zuletzt die Lider zu, und als er sie wieder aufschlug, war das Nachtdunkel um ihn gewichen und grüßte morgensonnenbeglänzt die waldgrüne Berginsel Bornholm ihm in die erwachenden Augen. Der Kurs des Schiffes hielt sich nordwärts um sie, folgte der schwedischen Küste entlang zur Südspitze von Öland und weiter bis Gotland, segelte diesem an der ganzen Ostseite dahin und wandte sich erst dann gradhinüber der kurländischen Küste zu. So blieb es bis auf das letzte Stück fast überall irgendwo in Landsicht und huldigte noch einem Rest der Überlieferung aus Vorväterzeit, wenn die Möglichkeit sich bot, die Fahrt auf völlig offener See auch durch Einschlagung eines beträchtlichen Umweges zu kürzen. Doch war dieser im vorliegenden Falle nur geringfügig, um so erheblicher dagegen der Umstand, daß Dietwald zu Lübeck nur Seebeförderung bis Riga zu erlangen vermocht hatte und hier zuzuwarten genötigt war, bis ein anderes, leichter gebautes Schiff nach Dorpat unter Segel ging. Mit dem mußte er den weiten Rigaer Meerbusen wieder zurückbefahren, um durch den bedrohlichen Mogösund das Finnische Meer zu erreichen und das langgedehnte Ufer Estlands umkreisend, den Hafen des kleinen Städtchens Narwa anzulaufen, dem gegenüber seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts sich mit gewaltigen Türmen die russische Zwingburg Iwangorod drohend emporhob. Hier bog die Fahrt wieder gen Süden, durch die Narowa, den Abfluß des großen Peipussees und über diesen selbst weiter bis zur Stelle, wo von Westen her der Embach in ihn einmündete, welcher, schon seit Jahrhunderten mehr und mehr versandend, die Annäherung zu tief gehender Fahrzeuge an die in seinem hügelumwellten Talbett gelegene Stadt Dorpat untersagte. So verstrichen durch den weiten Seeumweg, zu dem die trostlose Straßenbeschaffenheit des festen Landes zwischen Riga und Dorpat nötigte, und bei den vielfältig ungünstigen Segelbedingungen in Sund, Meerbusen, Flußströmung und Landsee mehrere Wochen, bis das Schiff an den Embach gelangte, und es war an einem Abend schon im Beginn des Julimonds, als sich zum erstenmal das alte Hansebundglied Dörpt oder Dorpat aus grünem Gelände vor Dietwald Werneken emporhob. Umfangreich, altertümlich, stattlich und freundlich lag es vielgetürmt und burggekrönt zu beiden Seiten des brückenüberspannten Embach als zweite Hauptstadt des vormaligen Deutschherrenlandes Livland, dessen Unabhängigkeit der Heermeister des Schwertbrüderordens Walter von Plettenberg in der Mitte des vorigen Jahrzehnts erkauft, es zu einem weltlichen Fürstentum umgewandelt und, obwohl selbst bei der römischen Kirche verblieben, die Einführung der lutherischen Lehre darin frei verstattet hatte. Es waren zumal in Dorpat unruhvolle Tage gewesen, als ein vormaliger Mönch aus dem Kloster Belbuck dort die Reformation gepredigt, die Heiligenbilder verbrannt und auch die russischen Kirchen nicht verschont hatte; manche Vorgänge und Personen hatten nicht undeutlich an das Treiben der Wiedertäufer zu Münster gemahnt. Jetzt aber war schon seit geraumer Zeit gesicherte kirchliche und weltliche Ordnung hergestellt, und überrascht gewahrte der Hamburger Ankömmling das anmutvoll von einem Kranz üppigen Pflanzenwuchses umrahmte Stadtbild, das er hier im hohen Norden keineswegs mehr so lebensfreudig erwartet hatte, und erkundigte sich am Landungsplatze des Schiffes alsobald nach der Wohnung seines Geschäftsfreundes, Herrn Goswin Wulflams. Während er diese Frage stellte, mußte er unwillkürlich den Kopf verwenden, denn hart neben ihm lief eine schmale, scharfgebaute Jolle unter vollem Segel bis an den Uferrand des Flusses, bog sich geschmeidig dran hin, zugleich reffte die Hand des Insassen behend das gebauschte Linnenwerk, und das kleine Fahrzeug lag unbewegt da. Es war geschehen, wie wenn ein Reiter sein Pferd in gestreckt fortjagendem Lauf plötzlich regungslos festgehalten, und Dietwalds Blick haftete, von der Schaubietung angezogen, auf der kühngewandten Handhabung des Bootes. Dann jedoch nahm der Ausdruck seines Erstaunens noch zu, denn der Schiffer, der jetzt ans Land sprang, kennzeichnete sich sofort an Gestalt und Antlitz nicht als ein Mann, sondern als ein hochgewachsenes, von kurzem, glänzend braunem und wellenartigem Haargelock umflogenes junges Weib. Ihre Tracht hielt ungefähr eine Mitte zwischen männlicher und weiblicher, schien eine von ihr selbst auserdachte Kleidung zu sein, welche Schicklichkeit mit möglichst geringer Behinderung ihrer Bewegungsfreiheit verband; ein locker geknüpftes Tuch umschloß den elfenbeinfarbig aufglänzenden Hals, darüber richteten sich einen Augenblick die beiden etwas mandelförmig geschnittenen, dunklen Augen auf den gelandeten fremden Schiffsgast. Dann bückte das Mädchen sich ans Wasser zurück, das Tau ihrer Jolle um einen Ankerpfahl zu befestigen, und Dietwald schlug, von einem bereitwilligen Führer geleitet, den Weg nach dem unfern gelegenen Hause seines Handelsfreundes ein. Er fand in Goswin Wulflam einen würdigen Herrn von weit vorgerückterem Alter, als er vermutet, doch nahm derselbe den unerwarteten, weithergelangten Ankömmling mit überaus freundlicher Zuvorkommenheit auf, duldete nicht, daß Dietwald eine Herberge bezog, sondern führte ihn sogleich in eine wohleingerichtete Gaststube und sprach zuversichtlich die Erwartung aus, der hochwillkommene unbekannte Geschäftsfreund werde, solange er sich in Dorpat aufhalte, unter seinem Dache verweilen. Bald saßen sie in eifriger Beredung über den Hierherkunftszweck des jungen Hamburger Kaufmannes zusammen, und Herr Goswin Wulflam sprach oftmals seine hohe Freude aus, daß er durch sein Schreiben die Anregung zu dem kühnbeherzten, bedeutsamen Entschluß in die Seele Dietwald Wernekens gelegt habe. In der Tat lauteten die inzwischen aus Nowgorod neu eingetroffenen Nachrichten noch günstiger als die früheren, und der Berichterstatter glaubte die besten Erwartungen auf einen glücklichen Erfolg des Unternehmens setzen zu dürfen. Er erwies sich ebensosehr als tief überzeugter Anhänger der evangelischen Lehre, wie als begeisterter Vorkämpfer zu Dorpat für die Wiederbefestigung der alten Hansemacht und baute ausschließlich alle Hoffnung, daß diese zur ehemaligen Blüte zurückkehren könne, auf die Verfassungsumgestaltung zu Lübeck und den neuen Burgemeister Wullenweber, der sich bereits als klug und tatkräftig gegen die Dänen wie gegen die Niederländer bewährt, und von dem ringshin an der Ostsee ein besonderer Ruf umgehe. Keiner wisse recht, worauf dieser ziele, aber er laufe umher wie der laut vorausbrausende Südwind, wenn der Frühling herankommen wolle. Mit hoher Anteilnahme horchte Goswin Wulflam deshalb auf die Erwiderung seines Gastes, in welcher dieser von seinem mehrmaligen Zusammensein mit Jürgen Wullenweber Kunde gab, und wohl zwei Stunden gingen so unter lebhafter Zwiesprache hin. Doch dann, als Dietwald bei einer Pause Gelegenheit nahm, sich artig nach den häuslichen Umständen seines Wirtes zu erkundigen, veränderte dessen vorige Beredsamkeit sich zu wortkarger Entgegnung, daß er bereits seit vielen Jahren Witwer und kinderlos sei und nach dem Tode seiner Gattin, um der unertragbaren Einsamkeit zu wehren, eine Tochter seines zu Reval seßhaft gewesenen, verstorbenen Bruders an Kindesstatt zu sich genommen habe. Die bewohne das Haus mit ihm, sonst lebe er völlig allein. Goswin Wulflam brach kurz von dem Gegenstande wieder ab und lenkte das Gespräch auf die politische Lage der Verhältnisse zu Nowgorod zurück, doch trat jetzt bald die Ankündigung dazwischen, daß die Nachtmahlzeit bereits harre, und er führte seinen Gast in das Speisegemach hinüber. Der Tisch stand für drei Personen gedeckt, es befand sich indes niemand als eine Magd in der Stube, und Herr Wulflam fragte beim Eintreten: »Ist Folka noch nicht heimgekommen?« Die Befragte erwiderte: »Sie hat mir Auftrag gegeben, zu vermelden, daß sie müde sei und zu schlafen begehre.« – »So vermeld' ich zurück, mein Wunsch heiße sie herabkommen, um einem Gaste die Ehre des Hauses zu erweisen.« Die Magd ging, der Hausherr stand sichtbar in unsicherer und ungeduldiger Erwartung. Dann jedoch drehte er, fast Erstaunen kundgebend, den Kopf, eine Seitentür öffnete sich, die Gerufene schritt über die Schwelle und sprach: »Ihr wünscht, Oheim, daß ich zu Tisch mit Euch sitze, aber Ihr werdet mich nicht nötigen wollen, mit Euch zu speisen, da ich keinen Hunger fühle.« Dietwald Werneken hatte die Hereingetretene einen Augenblick ungewiß angeschaut, dann erkannte er überrascht in ihr das Mädchen, das bei seiner Ankunft die Segeljolle an der Flußböschung gelandet. Sie trug jetzt andere, völlig weibliche Kleidung und erschien darin noch höher an Gestalt als zuvor, wie gleichfalls der unbedeckte Scheitel ihre außergewöhnliche Schönheit noch erhöhte. Ihr Kopf hob sich klein, doch ausnehmend kraftvoll, als sei er aus einem festen Gestein herausgemeißelt, von dem schlanken Hals, darunter ließ das Gewand Schultern, Brust und Arme in den weichen Rundungen einer blühend entwickelten Jungfrau hervortreten. Sie hatte den Gast mit einer kurznachlässigen Verneigung begrüßt, nahm schweigend ihren Sitz am Tisch ein und machte beim Niederlassen, wie es schien gewohnheitsmäßig, mit den Fingern ein Kreuzzeichen über Gesicht und Brust. Doch berührte sie die Speisen nicht und beteiligte sich nicht am Gespräch; nur wenn Dietwald sie anredete, gab sie eine flüchtige Antwort. Er sprach, daß er sie bereits erblickt, als er vom Schiff ans Land gestiegen, und sie versetzte: »Wenn Ihr's nicht getan hättet, müßtet Ihr blind gewesen sein.« Wie er fragte, ob sie zuweilen mit ihrem Boot bis auf den Peipussee hinaussegele, gaben ihre Lippen geringschätzig Erwiderung: »Er ist ein Teich für Enten und Frösche, die Schwäne lachen über ihn, wenn sie drüber hinziehen.« Zu weiterm öffnete sie kaum den Mund, erhob sich, sobald die beiden andern ihre Mahlzeit beendet hatten, und verließ mit einem gleichgültig, nur halb vernehmbar hingeäußerten Nachtgruß die Stube. Es besaß etwas Peinliches für Dietwald, daß sein Wirt nach ihrem Fortgang wohl eine Minute lang in wortlosem Schweigen verharrte, und er unterbrach dies mit der Frage: »Ist Eure Nichte noch beim römischen Glauben verblieben, Herr Wulflam?« Der Angesprochene nickte: »Ihr sahet, daß sie ein Kreuz schlug; sie ist abergläubischen Gemüts und Papistin, weil wir andern es nicht sind; wären wir römisch, so würde sie sich vielleicht zu Luther bekennen. Freilich war ihre Mutter eine Polin und hat sie bis zu ihrem Tode am alten Glauben gehalten, aber wenn der Trotz nicht von weiter her schon in ihrem Mut gesteckt, wär's leichter, über ihn Herr zu werden.« Ton und Inhalt der Erwiderung beließen wider die Absicht des Sprechers keinen Zweifel, daß er nicht Herr über den Eigenwillen seiner jungen Hausgenossin sei; Dietwald entgegnete in einiger Verlegenheit: »Es scheint, daß sie Dorpat und Eure Gegend umher nicht in besonderer Gunst hält.« »Sie war bis zu ihrem sechzehnten Jahre in Reval und lief dort bei Sturm und Nacht, wenn die Lust sie ankam, mit ihrem Segel ins Meer hinaus, daß sie zuweilen tagelang nicht heimkehrte; drum heißt sie den Peipussee einen Ententeich. Die Natur hat sich vergriffen und ein Weib aus ihr geschaffen statt eines Mannes. Gott besser's! Ob ihr Vater es vermocht hätte und gefehlt hat, weiß ich nicht: ich kann's nicht.« Unverhüllt trat jetzt zutage, weshalb Goswin Wulflam zuvor rasch von der Darlegung seiner häuslichen Umstände abgebrochen und was sein tägliches Leben bedrückte. Er hatte diesem mit dem Kinde seines Bruders einen Widerstand gesellt, den er nicht zu bewältigen vermochte. Die beiden gingen sich fremd und abgetrennt vorüber, zum mindesten das Mädchen ihm, während aus seinen Blicken und seinem Verhalten gegen sie bei der Mahlzeit das Trachten gesprochen, jeder Neigung von ihr entgegenzukommen. Unverkennbar hing sein Herz mit Bekümmernis an ihr, und daraus entsprang Schwäche seines Willens, ihren starren Sinn mit Gewalt zu bezwingen. Um nicht völlig erwiderungslos zu bleiben, fragte Dietwald: »Ist die Jungfrau allzeit so schweigsam?« Sein Wirt fiel ein: »Ihr habt ihr nicht gefallen, sonst hätte sie Euch herausgefordert, morgen zu Roß oder zu Kahn mit ihr zu wetten – verzeiht, Herr Werneken, das Wort, das mir entfahren, darf Euch nicht kränken, ich weiß nicht, ob es ein Lobspruch und begehrenswert sein möchte, ihr Wohlgefallen zu regen. Bisher hat niemand zu Dorpat, nicht Mann noch Weib, solche Gunst bei ihr gewonnen. Lasset uns bei einem guten Becher von Erfreulicherem reden und Euch beweisen, daß mindestens in unsern Kellern der alte Hanseruf Dorpats noch nicht zu Wasser geworden.« Er ging, um bald mit einer mächtigen Erzkanne edelsten hispanischen Weines wiederzukehren, und den Becher gegen den seines Gastes stoßend, sprach er: »Nordländisch Willkommen, lieber Herr! Habt Dank, daß Ihr mir so guten Abend heut bereitet, auf den ich am Morgen nicht gehofft, und laßt freundlich gesinnt ihm noch manchen nachfolgen, einem einsamen Manne wohlzutun. Ich bin ohne Sippe und echte Freundschaft in unserer Stadt, und wenn das Alter heraufrückt, wird man der Kälte gar abhold, daß man gern von Eurer wärmern Heimatgegend vernimmt.« »Bin vielmehr erstaunt gewesen, so heiße Sonnenglut und saftgrünes Land bei Euch anzutreffen,« entgegnete Dietwald, »mich deucht, um nichts anders als bei uns.« »Seid in der Hochsommerzeit gekommen, Herr Werneken, sind gar kurze Hochzeitsflitterwochen zwischen Himmel und Erd'. Drauf folgt kaltes Blut und lange Trübsal unter weißer Decke – werdet's noch verspüren zu Naugard – kein Herbst und Frühling wie im schönen Wendland.« »Stammet nach Eurem Namen auch von dorther, Herr Wulflam.« Der Befragte hatte mehrfach mit Wohlbehagen seinen Becher geleert, und sichtlich fiel die Bedrückung seines Gemütes allgemach mehr von ihm. »Trinket,« mahnte er seinen Gast, »beim Trunk und guter Rede schwindet die Sorge. Werd' Euch ein Fäßlein an den Ilmen-See mit auf den Weg laden, daß Ihr vorerst des russischen Lebenswassers nicht bedürft. Habt recht, mein Vater ist aus der Stadt Stralsund hierher ins Land gekommen, wo er von dem hochfahrenden Junker Wulf Wulflam entstammt, dem Orlogshauptmann und Freunde von Königen und Fürsten, der im Anbeginn des vorigen Jahrhunderts um Gewalttätigkeit willen von der Blutrache pommerscher Edler erschlagen worden. Ihr habt vielleicht von ihm vernommen, daß er der reichste aller großen Hansen rings an der gesamten Ostsee gewesen, doch trotzdem durch unmäßige Verschwendung dergestalt in Armut versunken, daß die Sage in Wendland ergeht, es habe seine Wittib in Tagen des Alters als die ›arme reiche Frau‹ zu Stralsund an den Kirchentüren in einer silbernen Schüssel Almosen erbettelt. So schwindet Hochmut und Goldesstolz dahin, Herr Werneken, aber der Volksmund erhält sie länger im Gedächtnis der Menschen, als Namen und Angedenken besserer Männer, die sonder eiteln Glanz und prahlende Großsucht zu ihrer Zeit das Gute gefördert haben. Darüber sinnet man wohl manchmal mit weißem Haar in einem einsamen Hause sonderbar nach, wie auch ein Menschenkind und ingleichem selber ein großes Geschlecht eigentlich nur in nämlicher Art eines Baumes heraufwächst, Äste und Gezweig aussendet, eine Weile die Erde um sich schaut, und langsam Ast um Ast wieder abdorrt, bis mit dem letzten auch der Stamm hinschwindet und keine Spur mehr läßt, daß er gewesen. Und doch, will es mich bedünken, erlischt mit einem solchen letzten ein absonderliches Leben, welches eigene Art besessen und in seinem Blut fortvererbt, daß sie stets wieder hervorbricht, wie ein Baum noch nach Jahrhunderten die nämliche Frucht seines Ursprunges zeitigt. Könnten wir zurückschauen, da glaub' ich, daß wir da und dorten unser Abbild fast mehr noch an Geist und Gemüte, als an Leiblichkeit vor uns gewahren und anerkennen würden, wir seien es eigentlich nicht selber, die also denken, tun und wollen, vielmehr die Fortdauer derjenigen, die in uns ihr Lebenstrachten hinterlassen, und dasselbe nach einem Ziel zu fördern streben, das sie nicht zu erreichen vermocht. Da fällt es herb und trübe, als ein freudlos abdorrender Ast ein großes Geschlecht zu beschließen, denn die Wulflams sind durch Jahrhunderte zahlreich in den wendischen Städten gewesen wie Möwen am Seestrand, doch soweit mein Wissen geht, bin ich der Letztverbliebene, der ihren Namen ins Grab legt.« Der Wein regte die Zunge des alten Herrn zu elegisch vertraulicher Rede, deren Mitteilsamkeit unverkennbar durch großes Wohlgefallen an seinem Gaste noch erhöht wurde. Dieser entgegnete: »Es ergeht mir gleich Euch, Herr Wulflam, nur daß meiner Vorväter Gedächtnis schneller ausgelöscht worden, als das der Eurigen. Ein Knabe, der seinen Ältervater nicht mehr mit Augen gekannt, vernimmt wenig anderes von ihm als seinen Namen, und wenn es ihn hernach treibt, weitere Kunde zu gewinnen, mag es gemeiniglich zu spät sein. Unterzeiten hat es mich auch wohl bedünkt, als seien zwei Naturen in mir verborgen, ich vermag nicht zu sagen, im Widerstreit miteinander, doch gleich als ob die eine wachen Sinnes in die Welt blickte und andere daneben oftmals von heimlicher Empfindung befallen werde, sie habe dieses und jenes schon einmal zuvor in einem Traume gelebt. Das mag eine solche Hinterlassenschaft sein, von der Ihr geredet, allein darum achte ich nicht minder dafür, daß jeglichem die Pflicht obliegt, über sich selber Herrschaft zu üben und, ob er gutes ober übles Erbteil empfangen, dasselbe mit eigener Kraft unter dem Zaum seiner verständigen Einsicht, seines Willens und Gewissens zu bändigen.« Goswin Wulflam nickte: »Wer es zu üben vermag, Herr Werneken, dem teilet Ihr gewißlich mit Fug solche Pflicht zu. Aber wie ein Vater öfters von seiner Hinterlassenschaft dem einen Haus und Hof, dem andern Geld und Gut übermacht, so fällt Brüdern auch zuzeiten verwunderlich ein geschiedenes Erbe des Blutes, daß es nicht Verdienst ist, noch zum Vorwurf gereichen kann, dasselbe unwillentlich empfangen zu haben. Es hat in mir von Kindesbeinen auf bedachtsamer Kaufmannssinn gelegen, wie er wohl ursprünglich zu unseres Geschlechtes Ansehn und Reichtum den Grund gefestet, derweil mein Bruder – ich rede es ihm sonder Tadel ins Grab nach – wohl eine andere Erbschaft von jenem hochstrebenden Wulf Wulflam her überkommen, der er sich nicht zu erwehren vermocht. Denn bereits als Knabe war er heißblütigen und unruhigen Gemüts, allzeit mit offener Hand zur Vergeudung bereit, großen Sinnes, aber stets einbildnerisch nach Unerreichbarem trachtend. Das hat ihn, obzwar als den Jüngern von uns, vor mir völlig verarmt und lebenssatt in die Erde gebracht.« Der Sprecher leerte schwermütigen Gesichtsausdruckes seinen Becher zur Neige; Dietwald Werneken versetzte: »So entstammt von ihm seiner Tochter absonderes Wesen?« Allein Goswin Wulflam schüttelte den Kopf und gab Antwort: »Wohl auch, doch nur ihres ungefügen Blutes geringeres Maß. Ihr sprachet, wie hurtig das Gedächtnis der Vorzeit unter den Menschen hinlischt, aber da und dorten waltet ein Zufall drin, daß ein Lichtfünkchen weiterglimmt, welches vor langen Tagen einmal eine Hand gezündet. Will Euch zur Bewährung meines Glaubens von lang fortwirkendem Erbteil ein beredtes Zeugnis vor Augen legen, Herr Werneken.« Der Alte trat an einen Schrank und kehrte mit einem ›Psalterium‹ aus dem ersten Anfang der Buchdruckerkunst um die Mitte des 15. Jahrhunderts zurück. »Leset selber, meine Augen unterscheiden beim Lampenlicht die kleinen Buchstaben der Handschrift nicht mehr,« sagte er, ein beschriebenes Blatt vor der Titelseite aufschlagend, und Dietwald las mit lauter Stimme: »Ist hierher in die Stadt Reval, um die Zeit, als der Großfürst Wassilij der Zweite im Moskowiterland geherrscht und oftmals das Land verheert, zu Schiff ein fremder Mann gekommen, deutscher Rede. Ist mittlern Alters gewesen, schön von Angesicht, riesiger Gestalt, gar unbändigen Sinns, hat nach etlichen Tagen wieder fortgewollt, zum Unheil die schöne Jungfrau Jadwiga Kedzierzawa, wie sie um ihr krauslockig Haar benannt, gewahrt, von Leidenschaft für sie befallen, hat auch reichlich Geld und Gut besessen, ein Haus erkauft, zu Reval verbleiben wollen, sich verehelichen, ist der Tag der Hochzeit bestimmt worden. Hat ihn aber plötzlich vor derselben sein wild und unstet Gemüt aufgejagt, daß er bei Nacht davongesegelt, nimmer wiedergekehrt, doch seine Braut, heftig für ihn betört, nachmals einem Mägdlein das Leben geschenkt. Mag man sie mit Fug drum schelten, für ihr zeitliches und ewiges Heil dennoch besser geschehen, als wäre sie ihm rechtmäßig für Leben und Sterben anvermählt. Hat man um vieles später durch Zufall Kunde erhalten, ist ein ruchloser Seeräuber gewesen, mit Bartholomes Boet und dem abgesetzten Dänenkönig Erich zu Schiff umgezogen, geraubt, gebrannt, selbst die Stadt Bergen im Nordland einmal gewalttätig überfallen. Niemand seinen Namen und Herkunft jemals erfahren, da er sich nicht anders denn Wisimar geheißen. Ist so mein unbekannter Schwiegervater worden, dessen unbändig törichte und unstete Gemütsart ich desleider nachmals an meinem schönen Eheweibe zu vielfältiger Bekümmernis und Zwietracht sattsam kennen gelernt. Wollte sich nicht halten lassen, hat nach ihrem unverständig blinden Gelüst im Sturm auf dem Meer den Tod gefunden, hoffe, nicht gesucht. Gott besser's an der Tochter, die mir von ihr verblieben.« Dietwald Werneken hatte unter ziemlicher Mühe bis zum letzten Wort der bereits bräunlich verlaufenen Schriftzüge gelesen und schloß daran: »Es erregt wohl das Gefühl, derjenige, welcher dies in seinem Gebetbuche verzeichnet, habe es in der Tat in schwerer Bekümmernis vollbracht. Doch in welcherlei Zusammenhang steht die alte Schrift zu der Wechselrede, die wir zuvor gepflogen, Herr Wulflam?« »Nicht zu Euch, doch leider zu sehr, was mich angehet,« erwiderte der Befragte, »denn die Tochter, von welcher das Schriftwerk letztlich redet, ist die Ältermutter des Mädchens geworden, das heut abend hier am Tische mit uns gesessen, und hat das Blut dessen, der sich Wisimar geheißen, unverändert forterhalten bis an diesen Tag. Ist dann noch meines Bruders unruhvolle Erblassenschaft dazu geraten, daß ich seit Jahren wohl mehr noch mit Sorge dreingeschaut, als der, welcher auf dem Blatt von seinem Leidwesen Kunde gelassen. Und doch ist sie großen Sinnes auch und birgt ein edelmütig Herz, aber es bestand kein Band der Sippe zwischen uns, als wäre sie nicht meines Bruders Kind, sondern einzig vom Blut jenes alten Seeräubers herabgekommen. So trachtet ihr Ungestüm von weiblicher Hausruhe und Sicherheit in die Weite hinaus, in Sturm und Gefährdung, daß ich in jedem Morgen bange, der Abend bringe sie nicht wieder heim. Und ihr Blick besagt, es wäre nicht wohlgetan, sie mit Zwang halten zu wollen, denn es liegt in ihr von Müttern her, ihren Eigenwillen mehr zu achten als das Leben. Doch ich belaste Euch mit meiner Kümmernis, Herr Werneken, und Euer Auge redet, daß Ihr ermüdet seid, wie's nach so langer Tagfahrt die Natur auflegt. Verübelt's mir nicht, Euch als einem Fremden soviel von meiner häuslichen Sorge zugeteilt zu haben, aber wer die Zunge lösen darf, erleichtert seine Bürde; und Eure ernsthafte Art flößet Vertrauen weit über Eure Jugend hinaus. Stehet vereinsamt im Leben, wollte, Ihr ließet Euch in meinem Hause länger gefallen, als Ihr vorhabt. Jetzt will ich Euch zu Eurem Lager geleiten, daß Ihr der Erholung pflegt, welcher Ihr bedürftig seid.« Herr Goswin Wulflam führte seinen Gast in die große, äußerst behaglich ausgestattete Stube des obern Stockwerks, verabschiedete sich dort mit herzlichem Händedruck, um nach unten in seine Schlafkammer zurückzukehren, und Dietwald Werneken lag bald im Dunkel ausgestreckt auf dem ungewohnt weichen, aus vielfältigen zarten Fellen aufgeschichteten Lager. Er war in der Tat sehr ermüdet gewesen, daß ihm die Lider beim Becher zuletzt beinahe zugesunken, doch nun befielen ihn mancherlei Gedanken und hielten ihn noch geraume Weile hindurch wach. Viele Wochen lang Tag und Nacht rastlos vom Wasser geschaukelt, befand er sich zum erstenmal wieder auf festem Boden im fremden hochnordischen Lande, sah das Bild der Stadt Dorpat überraschend freundlich vor sich aufsteigen, den gastlichen Empfang in dem Hause, unter dessen Dach er sich zur Ruhe gelegt. In kurzen Stunden war er mit den Umständen darin vertraut geworden, daß er nicht ohne Anteilnahme der häuslichen Sorge seines greisen Wirtes gedenken konnte, und mit rascher Tätigkeit holte seine Einbildungskraft das Bildnis Erdmute Warendorps herauf und stellte dasjenige Folka Wulflams daneben. Zu seiner Verwunderung nahm er jetzt erst gewahr, daß die letztere jene an hochschlankem Bau der Gestalt und eigenartiger stolzer Schönheit der Züge weit überbot, aber noch lieblicher denn je zuvor hob sich ihm die weiblich weiche Anmut der jungen Frau von dem scharfgeschnittenen Antlitz des nordischen Mädchens ab, in dem sich gleich ungestümes polnisches und deutsches Blut zusammengefunden. Er sah sie nicht wortkarg am Tische sitzen, sondern wie er sie zuerst gewahrt, am Flußrande mit den unstet blickenden Augen über ihn fortschweifend, das kurze Haar im Wind flatternd. Aber allmählich verwandelte ihr Bild sich ihm in das einer dunkelköpfigen Möwe, die durch Wellenschaum und Sturm dahinschoß, mit weißglänzender Brust in das schwarze Gewoge hinabtauchte und sich jauchzend wieder emporschnellte. Nun stieg sie senkrecht hoch in die Luft auf und jagte plötzlich pfeilschnell einem roten Segel zu, das tiefbauschend über die wilde See heranflog. »Wisimar!« rief sie, »Wisimar!« und stürzte sich, schießendem Stern gleich, auf den Schiffsmast hinunter, an dem eine mächtige Gestalt mit blitzartig funkelnden Augen ihr winkend die Hand entgegenhob – und alles verschwand, denn der Träumende schlug den Blick ins helle Morgenlicht auf. Er mußte sich besinnen, wo er sei und was der nächtliche Traum ihm vorgegaukelt habe. Leicht begreiflicherweise hatte dieser ihn aufs Meer zurückgebracht und von Möwenflug umkreisen lassen, den er tagelang oft als einziges Schauspiel über dem Wasser um sich her betrachtet. Erquicklich von der Anstrengung der Reise ausgeruht, fand er sich in einer ernst-freudigen Stimmung, da er sich mit guten Hoffnungen dem Ziele seiner weiten Fahrt bis zum letzten Vorhaltepunkt nahegerückt sah, und emsig verwandte er sogleich seine Tätigkeit auf die Zurüstung für den Landweg-Weiterzug nach Nowgorod. Goswin Wulflam ging ihm mit erfahrenem Rat beim Einkauf der mutmaßlich notwendigsten Bedürfnisse bedachtsam zur Hand, und es ward Mittagsstunde, ehe Dietwald von seiner Umschau in den Kaufläden der Stadt heimkehrte. Das Wetter hatte sich trübe verändert, fast wie abendliche Dämmerung lag es über dem Treppenflur, als er zu seiner Stube hinanstieg. Von einem leisen Geräusch aus der ruhigen Stille des Hauses berührt, hob er droben mechanisch nach der Ursache den Kopf und gewahrte ein halbes Dutzend Stufen weiter über sich die Gestalt Folka Wulflams. Sie hatte offenbar im Begriff gestanden, von ihrer höhergelegenen Wohnkammer herabzukommen, doch bei seinem Anblick innegehalten, um ihn zuvor in seine Tür eintreten zu lassen. In dem Halbdunkel stach kaum noch ihr weißes Gesicht deutlich vom Hintergrunde ab, und es kam Dietwald, daß sie in der Tat so Ähnlichkeit mit einer Möwe biete, die, regungslos in der Luft stehend, scharf auf etwas herunterspähe. Doch sie schien ihn nicht wahrnehmen zu wollen, denn sie erwiderte mit keiner Bewegung auf seinen höflichen Gruß; als er die Tür hinter sich geschlossen, hörte er es draußen wie leichten Flügelschlag über den Flur vorbeihallen. Die Mittagsmahlzeit bot selbstverständlich vielfältigen Stoff zur Beredung zwischen den beiden Männern, das Mädchen saß wie gestern daneben, ohne an dem Gespräch teilzunehmen. Der Hausherr ward bald nach Abtragung der Speisen durch Geschäftsangelegenheit in seine Schreibstube abgerufen, und Dietwald blieb allein mit Folka Wulflam zurück. Sie redete indes auch jetzt nicht, erhob sich nur nach einer Weile von ihrem Sitz, öffnete mit kurzem Stoß der Hand ein Fenster und blickte abgewandt hinaus. Dann verließ sie wortlos die Stube. Am folgenden Morgen regnete es schwer herab. Der Mittagstisch sah die drei Hausbewohner in gleicher Weise versammelt, Herr Wulflam sprach, nach der Mahlzeit aufstehend: »Ich bedaure, Euch um diese Stunde verlassen zu müssen, Herr Werneken, zumal da der Himmel Euch nicht zu einem Ausgang ladet. Doch vielleicht spielt Ihr auf der Pilkentafel, Folka besitzt Gewandtheit drin und wird sicherlich meinem Wunsch willfahren, während ich abwesend sein muß, Eurem Zeitvertreib zu dienen.« An einer Wand des Speisezimmers befand sich die Pilkentafel, eine wagerecht aufgestellte, umränderte Steinplatte, auf der mit Stäben in billardähnlicher Weise Holzkugeln in bezifferte Schaltfächer hineingezielt wurden. Fast alle öffentlichen Herbergen wie die meisten ansehnlichen Bürgerhäuser besaßen das von der Zeit vielgeübte Spiel, das hauptsächlich zur Kürzung langer Winterabende gereichte und Sicherheit des Auges wie der Hand erforderte. Eine Minute lang verharrte Folka Wulflam nach dem Fortgang ihres Oheims im gewöhnlichen Schweigen, stand dann indes jäh auf und fragte kurz: »Ist's Euer Wille?« »Was, Jungfrau?« versetzte Dietwald Werneken. »Daß ich Euch zum Zeitvertreib diene?« Sie betonte, auf die Pilkentafel deutend, das letzte Wort; er entgegnete verwunderten Tones: »Wenn es Euch gefällig – Ihr redet verwundersam, Jungfrau, ich glaube nicht, daß ich Euch Anlaß dazu geboten.« Sie warf nur leicht die Achsel zurück: »Wer arm ist, muß dienen«, und ergriff einen der Spielstäbe. »Beginnt! Ihr geht bald wieder von hier, dann bin ich solcher Pflicht ledig.« So wenig liebenswürdig sich ihre Bereitschaft, ihm die Zeit zu verkürzen, kundgab, lehnte er ihr Anerbieten doch nicht ab. Ein heimliches Begehren war in ihm entstanden, günstigen Einfluß auf das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Oheim üben und Herrn Wulflam vielleicht als Dank für seine Gastfreundschaft hinterlassen zu können. Doch auch dem Mädchen selbst gegenüber beherrschte ihn eine eigentümliche, widerspruchsvolle Doppelempfindung. Ihr unweibliches, verschlossen unzugängliches Wesen stieß ihn ab und regte ihm doch zugleich ein Mitgefühl für sie; in seiner Natur lag ein zum Belehren und pädagogischen Einwirken neigender Zug, der von der hartnäckigen Schweigsamkeit Folka Wulflams lebhaft herausgefordert worden. Er hatte in früher Jugend das Pilkentafelspiel eifrig betrieben, allein, wie sich jetzt bewies, die Übung verlernt, denn das Mädchen sagte nach den ersten, von ihm ausgeführten Stößen: »Ihr könnt's nicht; mein Oheim hat mich nicht geheißen, Euch zu langweilen.« Sie vollzog geschickt noch einige Kugelwürfe und legte ihren Stab gleichgültig zur Seite. Dietwald äußerte ruhig: »Man muß zu allem Zeit vergönnen, Jungfrau, und nicht zu schnellen Urteils sein.« Folka zuckte nur antwortlos die Schulter, doch blieb sie stehen und sah zu, wie er sich allein in der Handhabung des Spieles weiter übte. Dazwischen drehte sie den Kopf einmal kurz nach dem Fenster und sagte: »Es regnet fort, man kann nicht hinaus.« Dann hatte sie ihren Stab doch wieder aufgenommen und befand sich abermals mit Dietwald in gemeinsamem Spiel. Die ehemalige Gewandtheit und Sicherheit war ihm bald zurückgekehrt, sie führten ihre Stöße jetzt mit gleichem Erfolg, allmählich gewann er sogar unverkennbar mehr und mehr die Oberhand. So vergingen Stunden, und in dem Behaben des Mädchens steigerte sich immer größere Veränderung. Heftige Leidenschaft, nicht zu unterliegen, färbte ihr Gesicht mit heißer Röte, fieberte aus ihren Augen und zitterte in den langen, schlanken Fingern. Es war ein berückendes Bild von Schönheit und Geschmeidigkeit ihrer Glieder, wie sie sich niederbog, um fest zu zielen, das Haargelock über ihre dunkeln Brauen herabfiel, ihre Hand es hastig zurückstrich und ihre zusammengepreßte Brust sich mit tiefem Atemzug ausdehnte. »Ihr waret falsch und habt Euch im Anfang verstellt!« rief sie, vergeblich jetzt alle ihr zu Gebot stehende Geschicklichkeit verwendend. Ihre Erregung stieg zuletzt dergestalt, daß sie bei einem entscheidenden Anlaß plötzlich fest den Arm ihres Gegners erfaßte und ihn vom Stoß zurückhielt. »Weshalb behindert Ihr mich?« sagte er mit einem leichten Lächeln. »Ihr spracht selber zuvor, daß ich nicht zu spielen verstände.« Herr Wulflam trat gleichzeitig herein und fragte, wer den Obsieg davongetragen, doch ehe Dietwald eine Antwort zu geben vermochte, warf Folka die Kugeln hastig durcheinander, fügte kurz hinzu: »Ihr schuldet mir Entgelt«, und ging rasch hinaus. Ihr Verhalten gegen den Gast des Hauses hatte von dieser Stunde eine Umwandlung erlitten, es trug nicht mehr den Ausdruck der Geringschätzung, sondern fast einen Anstrich unverhüllter Feindseligkeit. Meistenteils wie früher stumm am Tische sitzend, gab sie zuweilen unerwartet Zeichen, daß sie dem Gespräch der beiden Männer aufmerksam zugehört, indem sie sich mit Bemerkungen einmischte, welche stets den Zweck verfolgten, eine Anschauung Dietwalds als irrig oder töricht hinzustellen. Ein natürlicher scharfblickender Instinkt ihres Kopfes trat dabei hervor, der ihr oft überraschend schnell die richtigen Anknüpfungsstellen für dies Bestreben deutete, so daß es ihr gelang, den jungen Kaufmann mehrfach durch plötzlichen Angriff und Wortgewandtheit in Nachteil zu versetzen. Besonders suchte sie ihren Spott an seinem glaubenseifrigen lutherischen Vorhaben in Nowgorod auszulassen und redete mißächtlich von solchen, welche aus weltlicher Vorteilsberechmung der römischen Kirche die Treue brächen; allmählich jedoch begann ihr Verfahren, gleich einem zu kurz bemessenen Sprunge, an seiner Wappnung ruhigen Gleichmuts zu mißglücken, und sie zog sich einige artig eingekleidete, doch sicher treffende Zurechtweisungen von ihm zu, daß sie dunkel erglühend von weiterer Beteiligung an dem Gespräch abstand. Als der Schluß der Mittagsmahlzeit am nächsten Tage sie wiederum mit Dietwald allein beließ, fragte er, ob sie Neigung hege, das Spiel von gestern fortzusetzen, aber sie entgegnete mit beleidigender Schroffheit: »Nein, ich will nicht – möchtet Ihr mich etwa dazu zwingen?« und verließ sogleich die Stube. Die Reisezurüstung Dietwald Wernekens hatte mittlerweile steten Fortgang genommen, ein festgefügter, vierrädriger Karrwagen zur Aufnahme von Geräten und Kaufmannsgütern allerart, sowie mehrere starkknochige estländische Pferde warteten bereit in der Scheuer seines Wirtes, und trotz dem oft wiederholten inständigen Ansinnen des letztern an seinen ihm immer mehr wert gewordenen Gast, hatte dieser den Aufbruch für den nächsten Tag anberaumt. Es drängte ihn, sein Endziel zu erreichen und die Lebenstätigkeit, die er sich vorgesetzt, zu beginnen; am Nachmittag, wie immer, durch Herrn Wulflams Geschäftsnötigung einige Stunden auf sich allein angewiesen, benutzte er sie zu einem Hinausschreiten in die Umgegend Dorpats, von der seine eifrigen Reisevorkehrungen ihn bisher ferngehalten. Die reizvolle Landschaft in grünendem und blühendem Hochsommerschmuck zog seinen schlendernden Fuß fort, an einem Buchenwaldrande streckte er sich auf weiche Moosdecke und blickte träumerisch in die sonnige Feldstille um sich her. Einzelne Schmetterlinge flatterten und eintöniges Geschwirr von Grillen durchzirpte die Luft, sonst war alles weitum ohne Laut. Er sah die weißen Wolken langsam am Himmel hinwandern, sie schoben sich zu großen, glanzvollen Massen übereinander, so blendend hell, daß er die Lider schloß. Dann war es ihm allerdings im ersten Augenblick befremdlich, daß Jürgen Wullenweber und Marx Meyer zu ihm herantraten und daß er nicht auf grünem Boden, sondern in einem kunstreich ausgeschnitzten Armsessel saß, aber die Unterredung, welche jene beiden begannen, regte bald seine Anteilnahme so sehr, daß er nicht mehr an das Verwundersame ihrer Anwesenheit in Dorpat gedachte. Freilich war's eine ungewöhnlich eigentümliche Art der Zwiesprache, denn sie redeten nicht mit Worten, nur ihre Augen warfen sich Blicke herüber und hinüber, allein er verstand genau, was diese besagten. Nun wandte der Burgemeister sich gegen ihn und äußerte höflich in der nämlichen Sprechweise: »Entschuldigt, Herr Werneken, doch unsere Zungen sind etwas zu steif und frostig geworden, um sich bewegen zu können,« und aus den Augenhöhlen des Ritters brach ein lautes, lustiges Lachen dazu. Zugleich empfand auch Dietwald selbst die Kälte; sie kam von einem Licht, das immer matter auf den beiden Gesichtern vor ihm auslosch, bis es vollkommen fahl wie Asche geworden, und Jürgen Wullenwebers Blick sprach jetzt: »Die Sonne ist heruntergebrannt, Marx, komm, Johann Wittenborg hat an die Glocke geschlagen.« Sie standen auf, schlangen die Arme wechselseitig um sich und verneigten sich artig zum Abschied vor dem Zurückbleibenden. Dabei streckten sie die freien Hände nach ihren Hüten empor, doch statt diese vom Scheitel zu nehmen, faßten beide ihre Köpfe und hoben sie zum Gruß von den Schultern herunter, daß Dietwald Werneken einen langen Schrei ausstieß und mit dem Arm nach ihnen griff – Nun sah er wieder mit geöffneten Lidern in die Wald- und Feldeinsamkeit vor sich. Er mußte ziemlich lange Zeit von der Traumvorstellung dem Bewußtsein entrückt gewesen sein, denn die Sonne war schräg hinter den Wald getreten und breiter, kühler Schatten lag weit um ihn, daß ihn fröstelte. Doch das eintönige Gezirp der Grillen, das ihn mählich in Schlaf gesummt, schwirrte noch fort, nur mischte sich ein halblauter dumpfer Ton hinein; wie er den Kopf mechanisch in die Richtung danach drehte, gewahrte er ein aufgesatteltes Pferd, das ruhig niedergebückt mit dem Maul Gras vom Boden abrupfte. Dann schien's ihm, als träume er noch weiter, denn etwa fünf Schritte von ihm stand Folka Wulflam an einen Baumstamm gelehnt und blickte ihm, mit einer Reitgerte spielend, entgegen. Sich vom Moose aufrichtend, fragte er unwillkürlich: »Seid Ihr es wirklich, Jungfrau?« Ihre Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Ausdruck, wie sie erwiderte: »Glaubt Ihr, ich sei ein Nachtmar? Vermutlich saht Ihr einen im Traum, daß Ihr aufgeschrien. So klug Ihr Euch dünkt, ist es töricht, auf dem Waldboden zu schlafen, denn der Schlaf hat keine Ohren und Augen.« Er fragte noch verwundert: »Wie kommt Ihr hierher?« Sie fiel ein: »Nicht um Euretwillen, doch zu Eurem Vorteil, wenn Ihr morgen zu reisen gedenkt. Ich bat zur heiligen Jungfrau, mich von Euch zu erlösen, so führte sie mich an diese Stelle.« Sie lachte zu den unverständlichen Worten, doch seine Züge nahmen jetzt eine ernsthafte Miene an, er trat näher zu ihr und entgegnete: »Ich weiß nicht, worauf Eure Rede abzielt, Jungfrau, aber möge der Zufall, der Euch hierhergebracht, Gutes im Sinne getragen haben und es meiner Zunge verleihen. Lasset mich als ein Freund Eures Hauses mit Euch reden; Ihr fügt Eurem Oheim Gram zu und Euch selber Übles. Mit Eurer herben Art könnt Ihr nicht Anteil und Liebe bei Menschen erwecken –« Das Mädchen richtete sich mit aufflammenden Augensternen hoch empor: »Was wißt Ihr, ob ich danach begehre!« Doch er versetzte ruhig: »Um so übler, wenn Ihr solchen Drang nicht empfindet. Er ist auch Euch gewißlich nicht versagt, aber Ihr erstickt seinen Antrieb in Euch. Gott hat Euch reich an Wohlgestalt und klugem Sinn bedacht, Jungfrau, doch Ihr führt seine Absicht, die er mit Euch gehegt, nicht aus. Euer Geist ist trotzig wie Euer Herz. Aus Starrsinn verharret Ihr bei der römischen Irrlehre und aus Starrsinn bereitet Ihr Eurem Oheim Sorge und Kümmernis. Er ist der einzige Eures Blutes auf Erden, gestaltet ihm den kurzen Rest seiner Tage zu besserer Freudigkeit, indem Ihr die Lieblosigkeit Eures Wesens von Euch legt und nach des Weibes schöner Zierde trachtet, die allein Herzen gewinnt.« Folka Wulflam stand dunkel erglüht; halb unbewußt, schien es, murmelten ihre Lippen: »Er ist nicht von meinem Blut, ich trage keine Sippschaft mit ihm in mir. Was hat er mich aus meiner Wellenwiege gerissen und hier in den Sand geworfen!« »Ihr waret arm und verlassen –« »Hat er's Euch geprahlt, daß er sich über mich erbarmt? Ich will kein Erbarmen, nicht im dürren Sand ersticken! Sagt ihm, daß er mir ein Schiff gibt, in Sturm und See hinaus, und reißt's mich an den Grund hinunter, will ich zuletzt mit Dank an Euch gedenken.« Sie trat rasch von ihm fort an ihr Pferd hinan, doch ein Wort, das ihm entflog, hielt ihr wieder den Fuß und riß heftig ihren Kopf herum. »Wisimar? Auch meine Abkunft hat er Euch geschmäht? Ich bin stolz auf meinen Ahnherrn und lache über Euch! Wo ist Eurer? Staub, aus dem Unkraut wächst! Meiner ist nicht tot. in den Wolken flattert sein Haar, im Meeresschaum taucht sein Antlitz herauf, der Wind weht mir seinen Atem in die Brust. Von seinem Blut bin ich, und wem mein Herz zujauchzen soll, muß seines Blutes sein! – Was wollt Ihr?« Sie hatte den Fuß wieder gehoben, doch Dietwald Werneken hielt sie jetzt am Ärmel ihres Gewandes zurück. »Ihr sollt mir zuvor Euer Gelöbnis lassen, Jungfrau, daß Ihr meiner Mahnung eingedenk sein wollt, wenn ich fort von Euch bin.« »Ich soll ?« wiederholte sie, sich mit kurzem Ruck freimachend, stolzen Tones. »Wollt Ihr mich etwa mit Gewalt zwingen, Eurer zu gedenken? Im Spiel gewannet Ihr mit List, doch wähnt Ihr, Zwang üben zu können, erprobt's vorher, ob Eure Kraft mir im Ernst gewachsen!« Sie warf ihre Reitgerte zur Erde und stand, kühn blitzenden Auges, in ernsthafter Herausforderung da. Ein plötzliches, die ruhige Besinnung übermannendes Gefühl wallte bei dem Anblick des schönen, trotzigen Weibes in Dietwalds Blut auf. Er entgegnete halb lächelnd: »Ihr wollt Eure Kraft mit der meinen messen, Jungfrau? So bestimmet, in welcherlei Art, da ich nicht wie mit einem Manne mit Euch ringen kann.« »Warum nicht? Fürchtet Ihr Euch?« stieß sie hervor, ihr Blick wich jedoch gleich darauf zum erstenmal an dem seinigen vorüber, und sie fügte rasch, ihre beiden Hände mit ausgespreiteten Fingern in die Höh' streckend, hinterdrein: »Tut wie ich! Wer den andern zu Boden zwingt, darf den Fuß auf ihn setzen!« Er verstand nicht, was sie beabsichtigte, doch tat nach ihrem Geheiß, im gleichen Augenblick aber schon schnellte sie sich behend vor, verschlang blitzschnell die Finger ihrer Hände zwischen die seinigen und bog ihm die lässig vorgestreckten Arme zurück. In der Tat gebot sie über eine ihrem Geschlechte selten eigene Kraft, hatte indes besonders durch die Wucht des Ansprunges die Wirkung erzielt, daß ihr unbereiteter Gegner schwankte, und noch ehe er die Art des von ihr ins Werk gesetzten Wettringens begriffen, fast zum Unterliegen gebracht war. So benachteiligt, vermochte er sich nur mit äußerster Anspannung seiner Mannesstärke aufrecht zu erhalten und rang minutenlang vergeblich, wieder zu ebenbürtiger Stellung mit ihr empor zu gelangen. Dicht über ihm traf von halb offenen Lippen der Atemstoß ihrer heftig auf- und niedergehenden Brust in sein Gesicht, ihre Augen funkelten frohlockenden Triumph und heiß durstenden Willen, den Sieg davonzutragen. Doch allmählich gewann er soviel Halt zurück, daß er langsam aus dem bisher geleisteten, verteidigenden Widerstand zum Aufdrängen ihrer Arme vorschieben konnte. Sie preßte die Zähne aufeinander und stemmte alle Kraft ihres hohen Wuchses in die Hände zusammen, aber nun brachte er diese über ihren Scheitel hinauf, und bei gleicher Bedingung des Wettstreites zeigte rasche Umwandlung die Überlegenheit des Mannes. Ein Zittern durchlief die bis zur Erschöpfung angespannten Glieder des Mädchens, der Druck ihrer Finger wich plötzlich, als ob diese aus sprödem Stahl zu weich-schmiegsamen Blütenstielen geworden, und sie brach jählings auf die Knie zu Boden. Einige Sekunden schöpfte auch Dietwald Werneken Luft, dann lächelte er: »Ihr habt mir weidlich mit Eurer Kunst zu schaffen gemacht, bis ich sie von Euch erlernt,« und er streckte die Hand aus, um seine Gegnerin aufzurichten. Doch sie regte sich nicht, sondern blickte ihn sonderbar stumm an, als erwarte sie, daß er wirklich den von ihr bestimmten Siegespreis in Anspruch nehmen und den Fuß auf ihren Nacken setzen werde. Wie er indes statt dessen, halb erschreckt über ihre Bewegungslosigkeit, sich zu ihr niederbückend, fragte: »Ich tat Euch doch nicht weh, verhoff' ich«, sprang sie wortlos pfeilschnell in die Höh', hatte sich im nächsten Augenblick auf ihr Pferd geschwungen und trieb dies zu jagendem Lauf am Waldrande hinab. Dietwald sah ihr nach, seine Kenntnis des weiblichen Geschlechtes reichte nicht aus, ihr Wesen zu begreifen. Nur daß sie noch mehr von Zorn und Haß gegen ihn erfüllt als bisher davonreite, ließ das Geschehene ihm nicht in Zweifel. Er blickte auf seine Hände, die noch die Spuren der rückhaltlos aufgebotenen Kraft ihrer Finger trugen, als ob er nicht mit einem Mädchen, sondern mit einem Manne gerungen. Und doch überkam ihn ein Gefühl der Scham und schlug ihm mit einer Blutwelle ins Gesicht, daß er ihrer törichten Herausforderung keine Abweisung entgegengesetzt, weil es Folka Wulflams Hand gewesen, die ihm den Wettstreit aufgedrungen. Keine andere hätte ihn dazu vermocht; mit einer Schreckempfindung befiel ihn die Vorstellung, daß Erdmute Warendorp statt jener so vor ihm gestanden und er ihre zarte, sanfte Hand gewaltsam zu Boden gebrochen hätte. Sein Gefühl war verwirrt, er verstand nicht, was es redete: die an den Horizont niedersteigende Sonne mahnte ihn, ebenfalls zur Stadt zurückzukehren. Zufällig glitt sein Auge noch einmal nach der zuvor von ihm eingenommenen Ruhestatt und blieb erstaunt auf einem über die Moosdecke hingeringelten Gegenstände haften. Dieser hob sich dicht neben der Stelle, an der er sich hingestreckt gehabt, braun von dem grünen Untergrund; wie er ihn mechanisch in die Hand nahm, war es eine mehrere Schuh lange starkleibige Kreuzotter, welcher der Kopf fehlte. Wo dieser sich am Rumpf befunden, quoll noch ein Blutstropfen hervor, der glatt'schlüpfrige, kalte Schuppenleib durchfröstelte die Finger Dietwalds mit einem Schaudergefühl und er warf die leblose Schlange hurtig wieder von sich. Bei der Gewöhnung seiner Augen, achtsam alles aufzufassen, nahm es ihn wunder, daß er beim Hierherkommen nichts von der unheimlichen Anteilhaberin seines Lagers gewahrt: freilich war sie durch irgendeinen furchtlosen, stärkeren Gegner unschädlich gemacht worden, so daß ihr Giftzahn ihm keine Gefahr mehr gedroht. Er dachte flüchtig darüber, welches Tier sie getötet haben möge, und suchte unwillkürlich mit dem Blick in der Nähe nach dem abgetrennten Kopf umher. Doch dieser war nicht zu entdecken, mutmaßlich hatte ein Wiesel, als grimmiger Schlangenfeind, ihn vom Rumpf gebissen und eine Strecke weit mit sich geschleppt. Dietwald Wernekens Gedanken wandten sich von der gleichgültigen Frage ab und er schritt jetzt eilfertig dem Hause Herr Goswin Wulflams zu, mit dem er diesen letzten Abend allein am Tische verbrachte. Folka hatte sich bei ihrer Heimkunft sogleich in ihre Kammer begeben, um sich zu Bett zu legen; es war nicht widerspenstiger Wille von ihr gewesen, sondern ihr Oheim durch eigene Wahrnehmung überzeugt worden, daß sie sich, wechselnd heiß und kalt, in einem Zustand heftigen Fiebers befunden. So saßen die beiden Männer allein zur Abschiedszwiesprache beim Becher, denn Dietwald beabsichtigte, am nächsten Morgen frühzeitig aufzubrechen. Goswin Wulflam stellte einen letzten Versuch an, seinen ihm überaus liebgewordenen Gast zu halten, und sprach ihm unverhohlen ins Gesicht, daß er in seinem langen Leben niemanden angetroffen, bei dem ein edler Sinn, kluge Bedachtsamkeit und begeisterungsfähiger Aufschwung des Gemüts, eigensuchtslos nach höherer Befriedigung zu trachten, so vollen Maßes gleich gewogen seien, und er glaube, daß nicht er allein im Hause von solcher innerlichen Zuneigung zu Dietwald erfaßt worden. »Solltet bei uns verbleiben, Freund,« fügte der alte Herr schwermütig lächelnd hinzu, »so lang oder so kurz mir noch Erdentage vergönnt sind. Eure Gedanken haben wohl schon viel Umschau in der Welt gehalten, doch in Eurem eigenen Herzen, deucht mich, ist ihnen noch fremdes Land verblieben. Vielleicht wenn Ihr darin nachforschet, könnt' ich's Euch danken, daß ich noch mit einer freudigen Tröstung die Augen zuschlösse: denn ich gab's Euch kund, ob meine Augen alt sind, will's mich bedünken, daß sie, derweil Ihr hier seid, einiges noch besser wahrgenommen, als Eure jungen.« »Euer Wohlwollen für mich täuschet Euch, Herr Wulflam,« versetzte Dietwald Werneken herzlich auf die verhüllte Hindeutung des Alten, »es befindet sich niemand in Eurem Hause als Ihr, dem mein Fortgang nicht erwünscht fällt und so fällt auch mir nur das Scheiden von Euch schwer. Sonst hinterlasse ich kein freundlich Gedenken an mich, davon habe ich besser Zeugnis als Ihr. Hätte die Natur mich zu Eurem Sohne bestimmt gehabt, wüßt' ich nicht schönere Pflicht, als Euer Leben zu teilen; aber so hat sie mir anderes Gebot auferlegt und fordert, daß mein Herz nicht dawider redet, sondern ihm gehorsamt. Habet denn Dank für die guten Tage, die Ihr mir bereitet, und für das Gedächtnis, welches ich von ihnen mit mir nehme! Kann ich es Euch je vergelten, so wird es meines innerlichsten Begehrens Erfüllung sein, denn Dankbarkeit und Treue bedünken mich als des Menschen Bestes und scheiden redliche Sinnesart von niedriger. Ob Eure Wohlmeinung mich gleich weitaus über meinen geringen Wert geschätzt, hat sie mir doch freudigen Mut eingeflößt, danach zu trachten, daß Euer Vertrauen in mich nicht zu schanden werden möge. Darauf laßt mich zuletzt den Becher leeren und nun noch einmal kurze Rast unter Eurem gastlichen Dache halten, denn die Sonne steht früh von Nowgorod her auf.« Der zur Abreise Gerüstete fand noch mancherlei auf seiner Stube zu ordnen, so daß es Mitternacht wurde, bevor er sich zur Ruhe hinstreckte. Allein auch dann kam ihm keine Ermüdung, er sagte sich, wohlbegreiflich, da er am Nachmittag im Walde vom Schlaf befallen worden. Offenbar erregte dazu das Bevorstehen seines Fortzuges in die ungewisse Fremde ihm die Sinne. Es war tiefdunkel um ihn, so daß seine offenen Augen nichts gewahrten, aber sein Ohr nahm jeden leisesten Ton, der die Nachtstille unterbrach, auf. Bei einem Knacken im Gebälk fuhr er zusammen, manchmal verfing der Wind sich mit leichtem Gesumme in den Fensterhöhlen, dann war alles wieder lautlos, doch er schlief nicht, sondern mußte aufhorchen, ohne zu wissen, auf was. Zuletzt gaukelte die Anspannung des Gehörs ihm unverkennbar nicht in Wirklichkeit vorhandene, täuschende Laute vor: ihm war's, als knistere ein leiser Fußtritt draußen auf dem Flur, und nach einer Weile tönte ihm ein leises Geklirr im Ohr, wie wenn sich eine Hand auf den Metallgriff seiner Stubentür gelegt. Er lauschte mit angehaltenem Atemzug, aber nun blieb alles still, und die fremdartige Aufregung seiner Sinne dämpfte sich mählich zur Ruhe, so daß er die Lider schloß. Erfreut fühlte er, wie ihm das Bewußtsein hinzuschwinden begann, da empfand er plötzlich ein Ziehen in seinen Fingern, keinen Schmerz, nur ein erinnerndes Gefühl ihres Daseins, das aus allen gleichmäßig wie mit einer Blutströmung herauffloß. Er veränderte die Lage seiner Hände, doch die Empfindung verstärkte sich immer mehr und ließ ihn abermals nicht schlafen. »Es ist eine Nachwirkung des törichten Ringens,« murmelte er, »ihre Finger waren wie von Stahl.« Nun überfiel ihn neue Sinnestäuschung, als drückten diese selbst sich wieder zwischen die seinigen hinein, aber dann lösten sie sich zerrinnend in weiche, wohltuende Wärme, und gleichmäßiger Atemzug versenkte ihn in Schlummer. Bald indes erweckte ihn schon der Morgenschein des frühen nordischen Tagbeginns, rasch bekleidet schritt er hinaus, um drunten in der Scheune die von ihm gedungenen Roßknechte anzutreiben. Wie er auf den Flur trat, schimmerte ihm von den Stufen der zum obem Stockwerk hinanführenden Treppe etwas Weißliches entgegen, das sich im grauen Zwielicht noch nicht unterscheiden ließ, doch bei dem Geräusch seines Auftrittes fuhr es empor, gleich dem Gesicht eines Menschen, der dort in sitzender Stellung geschlafen. Mit den Gedanken an seinen Aufbruch vollbeschäftigt, setzte Dietwald achtlos den Fuß weiter, als von den Stufen her aus der Dämmerung plötzlich die Stimme Folka Wulflams fragte: »Seid Ihr reisefertig. Herr Werneken?« Er drehte überrascht den Kopf und entgegnete: »Ihr, Jungfrau? Was hat Euch veranlaßt, Eure Schlafkammer so früh zu verlassen?« Sie gab Antwort: »Es scheint, Ihr dachtet, ich würde mich so unhöflich gegen den Gast meines Oheims gebaren, daß ich ihn ohne Abschied davongehen ließe. Ihr hättet nicht falsch gedacht, wenn Ihr gestern gegangen wäret, aber seitdem wettetet Ihr mit mir und verschmähtet den Preis. Ihr schmähtet mich damit, daß ich mich als ein Weib vermessen, meine Kraft wider die Eurige zu setzen: ich will keine Großmut und in keines Menschen Schuld stehen. Nehmt dies als Zahlung dafür mit an Euer Ziel, oder werft es an Euren Weg, wie's Euch gefällt. Ich bin meiner Schuld damit wett.« Sie trat um eine Stufe herab und reichte ihm einen kleinen, an gedrehter Schnur befestigten metallenen Gegenstand dar, den sein Auge als eine ungefähr guldengroße Messingkapsel unterschied. Offenbar bildete es ein Amulett, wie die Bischöfe der römischen Kirche sie vielfältig für den Gläubigen weihten, denn ein Kruzifix und die Marterwerkzeuge des Leidens Christi hoben sich von der Vorderfläche ab. Verwundert sah der Empfänger drauf nieder und sprach: »Ihr wißt, ich bin ein Protestant, Jungfrau –« Sie fiel ein: »Es behütet vor bösem Blick, ob sein Träger dran glauben mag oder nicht. Behindert Euch die Schnur, will ich sie fortlösen.« Ein dolchartiges Messer hervorziehend, tat sie, bevor er zu erwidern vermochte, nach ihren Worten und trennte das von seinen Fingem gehaltene Band durch, doch mit unvorsichtiger Hast, denn die scharfe Klinge traf auffahrend seine Hand und schnitt leicht noch in diese hinein, daß einige Tropfen Blutes hervorquollen. Aber im selben Augenblick bückte Folka Wulflam blitzschnell den Kopf herab, ihre Lippen hefteten, sich eine Sekunde lang auf die geringfügige Wunde und löschten die roten Tropfen von ihr fort, dann flog sie, gleich einer fortschießenden Möwe, lautlos die Treppe hinan und verschwand. Dietwald Werneken blickte ihr durchs Zwitterlicht des noch immer nächtlich stillen Hauses nach, ein wunderliches Gefühl überlief ihn. Hatte sie ihm absichtlich die Verletzung zugefügt und war, als sie's getan, von Reue darüber erfaßt gewesen? Er hörte sie droben die Tür ihrer Kammer verschließen; als er um eine Stunde später von Herrn Wulflam herzlichen Abschied genommen und die Gasse hinabritt, streifte sein Auge unwillkürlich noch einmal an dem Fenster der Stube Folkas vorüber, aber sein Blick nahm nichts mehr von ihr gewahr. Sechstes Kapitel. Noch bestand die alte Wegstraße zwischen Dorpat und Nowgorod, auf der Jahrhunderte hindurch die langen Wagenreihen hansischer Kaufleute gezogen, um im ›Kaufhof bei Sankt Peter zu Naugard‹ – dem deutschen Namen für Nowgorod – gegen gesalzene Fische, Wein, Bier und Eisengerät die Erzeugnisse des fernen Ostens, Leder, Talg, Hanf und Wachs, vor allem jedoch kostbares Buntwerk einzutauschen, das die Prunkgewandung nicht allein des vornehmen Patriziers, sondern auch des wohlhabenden niedrigeren Bürgers überall in den Städten des Westens begehrte. Vielleicht die unerschöpflichste Quelle des Reichtums und der Macht war dorther geflossen, aber seit einem Menschenalter lag der alte Handelsweg verödet, fast von keinem Fuß mehr betreten, von keinem Rad mehr durchfurcht. Im Jahre 1478 hatte die mächtige Stadt Nowgorod, welche über 400 000 Bewohner gezählt, durch einen Heeresüberfall des russischen Großfürsten Iwan des Dritten, Wassilijewisch, ihre Unabhängigkeit als Freistaat verloren und war zu einem Teil des moskowitischen Reiches geworden. Zwietracht der Bürger untereinander hatte den Fall der halbjahrtausendjährigen stolzen Republik herbeigeführt und der Eroberer mit unmenschlicher, grauenhafter Wut das Blut Tausender der angesehensten Stadtinsassen in wilder Schlächterei vergossen, um durch Schrecken seine neue Herrschaft zu befestigen. Doch sechzehn Jahre waren noch vergangen, in welchen die Hansen, wenn auch unter mancherlei Einschränkung, den alten Handel zu Nowgorod ungestört fortgesetzt und zu so viel tausend Köpfen die Gassen der weiten Stadt bevölkert gehabt, daß diese zum großen Teil fast als eine deutsche erschienen. Da war am Lambertustage des Jahres 1464 der Großfürst Iwan abermals hereingebrochen, hatte »alle deutschen Kaufleute, welche zu Naugarden lagen, ganz ungewarnt, wider alle Billigkeit greifen, ihnen Hosen und Schuhe ausziehen und sie in faule Türme werfen lassen«. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Angehörige der vornehmsten Geschlechter in Lübeck, Hamburg, Lüneburg, Münster, Dortmund, Duderstadt, Greifswald, Riga und Dorpat, und es war ein lauter Aufschrei über solche unerhörte Gewalttat zu sorgloser Friedenszeit durch alle Städte gegangen. Doch die Seemacht der Hanse stand dem, im tiefen Landinnern belegenen, auf keinem Wasserweg erreichbaren Nowgorod zur Abwehr unfähig gegenüber, und Iwan der Dritte verheerte straflos den deutschen Kaufhof, raubte alle hansischen Waren zu unermeßlichem Werte, Kirchengeräte, Glocken, Kleinodien, Gold- und Silbergeschirre, selbst die zinnernen Kannen und die Braupfannen von Sankt Peter, und schleppte seine Beute nach Moskau. Als Vorwand dafür ließ er höhnisch vermelden, die Hansen zu Reval hätten einen Russen nach lübischem Recht als Falschmünzer zu Tode gesotten, sowie einen andern, den sie auf unnatürlicher Tat ertappt, nach ›geistlichem‹ Rechte verbrannt, obzwar er die Auslieferung der beiden verlangt habe, worauf ihm jedoch die Antwort geworden, »sie wollten lieber alle Not erleiden, als sich in solche Dienstbarkeit der Russen begeben, auch den Zaren selber in gleicher Art bestrafen, falls sie ihn bei gleichen Lastern betrafen«. In Wirklichkeit jedoch hatten zügellose Habgier, Herrschsucht und Begehrlichkeit, die Freiheit der deutschen Kaufleute in Nowgorod zu vernichten, den Großfürsten zu seiner gewaltsamen Tat gestachelt, und es erwies sich in der Folge als mehr denn Mutmaßung, daß der dänische König den ersten Antrieb dazu eingeflüstert, um dem Handel der Hanse dadurch unersetzliche Schädigung zu bereiten und mit ihrem Reichtum zugleich ihre Seegewalt und Waffenmacht zu verringern. Die Städte aber mußten sich dergestalt einzig auf Unterhandlungen zur Losgebung der Eingekerkerten beschränken, welche erst nach dreien Jahren gegen hohen Entgelt zu einem Ergebnis führten. Doch es war keinem der Gefangenen beschieden, die Heimat wieder zu gewahren, denn als sie nach ihrer endlichen Freilassung von großer Volksmenge zu Reval festlich ›mit Pfeifen und Trummen‹ an Bord eines Schiffes geleitet worden, betraf sie auf offener See ein stürmisches Unwetter, in welchem ihr Fahrzeug mit Mann und Maus zugrunde ging. Seitdem hatte der deutsche Kaufhof zu Nowgorod verödet in Schutt und Trümmern gelegen und kaum dann und wann mehr eine Kunde von dorther den Westen erreicht, denn der Sohn und Nachfolger des Großfürsten Iwan war getreulich in die Fußstapfen seines Vaters getreten, keinerlei Handelsverbindung der Hanse mit seinen Untertanen zu dulden. Noch nun hatte vor Halbjahresfrist der Tod Iwan den Vierten nur mit der Hinterlassenschaft eines dreijährigen Knaben fortgerafft, für den dessen Mutter, die Großfürstin Helena Glinska, eine Tochter des Litauerlandes, das Vormundschaftsregiment führte und die Hoffnung erweckte, daß unter ihrer Herrschaft die Bedrückung der deutschen Abkömmlinge zu Nowgorod und der Verkehr mit dem Auslande wieder zu erfreulicher Besserung vorschreiten werde. So lag die alte Handelslandstraße, auf der Dietwald Werneken neben dem beladenen Wagen zu Roß ostwärts davonzog, in argem Zustand. Als eine schmale bandartige Lichtung wand sie sich noch durch Wald und Busch, doch nicht selten besser in der Luft als am Boden erkennbar. Seit bald vier Jahrzehnten war Kraut und Gras unbehindert darüber gewachsen, oft dicht verranktes Gestrüpp wie eine Querwand von Rand zu Rand gezogen, so daß die Knechte absteigen und erst mit Beilen den Weg notdürftig freisäubern mußten, ehe das Fuhrwerk Schritt um Schritt vorrücken konnte. Es war eine ansiedlungslose Wildnis, durch die sich der kleine Menschentrupp mühsam seine Bahn suchte. Tagelang trafen sie auf kein Anzeichen von Bewohnung des verödeten Landes, unabsehbare Erlen-, Birken- und Nadelholzwaldungen raubten ihnen jeden Vorblick; wenn die Stämme endlich wichen, breiteten sich, hundertfach wiederkehrend, von kreischendem Sumpfgevögel dicht überflatterte Wasserspiegel, und keuchend schleppten die Pferde nun das Räderwerk, bis an die Naben im Morast versunken, weiter. Beim Einbruch der Dämmerung strebten sie zur Nachtrast einen trocken-erhöhten, vor den zahlreichen Giftschlangen und dem Sumpfungeziefer geschützten Platz zu erreichen und schlugen dort ihr mitgeführtes Zelt auf. Die Knechte lagen bald, nachdem sie ihre schnell zubereitete Abendmahlzeit eingenommen, schnarchend im Schlaf, doch Dietwald saß gemeiniglich, etwas von ihnen abgesondert, noch lange draußen und blickte in das Zwitterlicht hinaus, dessen falbes Grau sich kaum um Mitternacht eine Stunde lang in wirkliches Dunkel verwandelte. Dann zogen seiner Einbildung schattenhaft die Gestalten vorüber, welche einstmals diesen toten Pfad belebt. Er hörte Peitschengeknall und vielstimmigen Zuruf, sah die langen Wagenzüge sich knarrend dahinwinden, schwergepanzerte Reiter klirrten als Bedeckung daneben. Fern der Heimat brachen sie hier durch die Wald- und Wasserwüste unter Drangsal und Entbehrung, aber der Gewinn lockte, und mit eisern zähem Mut drangen die ersten, bahnbrechend für die Nachkommen, ihrem Ziele entgegen. Es mußte ein gewaltiges, mannhaftes Geschlecht gewesen sein, Leute des Körperbaues und der trotzigen Kraft wie Jürgen Wullenweber und Marx Meyer sie heute noch unter einem schwächer gearteten Nachwuchs zur selten gewordenen Schau boten. Und doch, wo waren sie mit ihrer Stärke und Willenszähigkeit geblieben? Blutlose Schatten, über deren Fußstapfen das Gras verwildert, wie über dem Ansehen und der Handelsmacht der Hanse hier austilgend die wilden Völkerhorden des Ostens zusammengeschlagen. So schwanden Stolz und Größe des Einzelnen und ganzer Jahrhunderte, das Alte verging und Neues schritt unaufhaltsam herauf. Alles Lebens Endziel war die Vergessenheit, das Grab, auf dem ein später Enkel einmal saß und mit einem Hinüberdenken an das Gewesene das Gedächtnis eines namenlosen Schattenspieles forterhielt. Der Nachtwind schauerte frostig durch die Glieder des einsam Dasitzenden, vor seinen Sinnen zerrann der Gaukeltrug der Vorstellung verschollener Tage, leer und entseelt umbreitete ihn die heutige, menschenlose Wildnis. Nur Stimmen andern Lebens kamen durch die Dunkelheit, die hingelagerten Pferde schnoben dann und wann mit witternden Nüstern aus dem Schlaf, wenn das heulende Gebell umherstreifender Wölfe herüberscholl. Manchmal tönte auch das dumpfe Gebrumm eines Bären aus dem Dickicht, von übergelagertem Ast lugte das glimmende Augsterngefunkel eines Luchses herunter. Öfter als auf die roh zusammengefügten Lehm- und Baumstammhütten einer elenden Dorfschaft trafen die Reisenden auf Horden bis an den Hals im Schlamm eingewühlter Urochsen, die wildzottig unter den gewaltigen weißen Hörnern zornwütigen Blicks nach den Vorüberziehenden aufstierten, doch vor der unbekannten Erscheinung von Pferden und Menschen, ohne einen Angriff zu wagen, sich brüllend noch tiefer in den Sumpf eingruben. Dergestalt fast auf Schritt und Tritt in rascherem Vordringen behindert, legte der Wagen täglich nur eine verhältnismäßig geringfügige Strecke zurück, und obwohl die Entfernung von Dorpat bis Nowgorod kaum über vierzig Meilen betrug, waren beinahe zwei Wochen verronnen, ehe Dietwald Werneken nordwärts vom breiten Spiegel des Ilmensees den alten Kreml Naugards mit den mächtigen Türmen der Kathedralkirche der heiligen Sophia vor sich aufsteigen sah. Ihm kam unwillkürlich der Gedanke, wie vor lang versunkener Zeit der Blick der Kreuzfahrer fern im Süden so aus der Weite die heilige Grabesstätte zu Jerusalem begrüßt, und wie auch schon vor Jahrhunderten hier im Nordland die hohe Kirche drüben den ersten Hansen, irdischen Gewinn verheißend, entgegengewinkt. Gleichsam als ein Schattenüberrest, der das Trachten beider vereinigt, aber zog er heute, zugleich ein Vorkämpfer des Glaubens und ein Enkel der alten Hanse mit kaufmännisch-weltlicher Bedachtnahme in Nowgorod ein. Es gab wohl unter den Lebenden westlich vom Dünafluß kaum jemanden mehr, der Naugard mit Augen gesehen, und Dietwald hatte sich aus keiner Schilderung eine Vorstellung davon zu entwerfen vermocht. Doch alles Aufgebot der Phantasie wäre auch nicht imstande gewesen, sich ein Bild zu gestalten, wie er es in der Wirklichkeit antraf. Aus der Ferne gewahrt, regte die Stadt noch den vollen Eindruck alter Größe und Herrlichkeit, weithin gelagert, ragten zahlreiche Kirchen, Klöster und Türme gegen den Horizont. Aber den hinankommenden empfingen endlose, verlassene Trümmer, von den Hunderttausenden der ehemaligen Bewohner konnte der zwanzigste Teil kaum verblieben sein und erstreckte seine Bevölkerung, in ärmlichen Behausungen zerstreut, über meilenweite Ausdehnung. Das unbeschreiblich herabgekommene Nowgorod stand im denkbar schroffsten Gegensatz zu einer deutschen, von sichernden Mauern umfriedigten, traulich zusammengerückten Stadt, es glich eher dem wüsten Lagerplatz flüchtig angesiedelter asiatischer Nomaden. Lange Gassen wiesen nichts als die stehengebliebenen Grundmauern der Häuser: Gras, Gesträuch und junge Bäume wuchsen aus den einstigen Stuben herauf. Zwischen einzelnen Stellen, an denen sich eine Gemeinschaft kleiner Gruppen bewohnter Gebäude erhalten, breiteten sich unwirtliche große Wüsten von Schutt und Gestein, hochwucherndem Unkraut und verranktem Gestrüpp, aus denen da und dort, verfallen und verödet, die mächtigen Quaderwände der nicht mehr benutzten Kirchen in die Luft stiegen. Marder lugten vom brandgeschwärzten Gebälk und Füchse hatten ihre Baustollen in den Boden gegraben, furchtlos hockten die Jungen vor ihren Höhlen, Krähenschwärme überkrächzten die weiten Trümmerstätten. Was noch an menschlichen Bewohnern zwischen diesen lebte, ward durch kein Band der Geselligkeit und Zusammengehörigkeit verknüpft, windverstreutem Pflanzensamen gleich wuchs es in der Wildnis weiter. In der Umgegend der Kathedrale der heiligen Sophia, die mit ihrer hohen, kunstreich bildverzierten Bronzetür Zeugnis alter Herrlichkeit redete, da, wo der Wolchow-Fluß aus dem Ilmensee hervortrat, um seinen Lauf nordwärts zum Ladoga-See zu nehmen, hatte sich um die breite Steinbrücke noch der beträchtlichste Häuserüberrest in wenigstens halb bewohnbarem Zustande bewahrt. Es war das alte hansische Kaufmannsviertel, ehemals fast nur von deutschen Zungen durchtönt, doch der Anblick der jetzigen Bevölkerung sprach kaum irgendwo von germanischer Abstammung. Ein dumpfer Stumpfsinn lag auf den zumeist hohleingefallen gelblichen, schwarzumhaarten Gesichtern, gleichgültig gafften sie den herzureitenden Fremdling an. Sie schienen kaum eine klare Empfindung von der Gegenwart ihres Daseins zu besitzen, über das zur Zeit ihrer Väter Gewesene wußte niemand Auskunft zu geben, und es bedurfte vielfacher Umfrage, ehe einer sich erinnerte, daß er in seiner Kindheit von einem "gotischen" Hause gehört, und den Weg zu diesem wies. Beinahe mit ungläubigem Erstaunen fand Dietwald Werneken inmitten einer völlig leblosen, halb von zusammengestürzten Mauern verschütteten Gasse die Bestätigung der ersten Briefmitteilung Herrn Goswin Wulflams, daß der Bau des alten "gotischen Kaufhofes" noch erhalten geblieben sein solle. Ein weitläufiges unbewohntes Gebäude sah ihm aus dem Trümmerwerk umher entgegen, das niemandem zugehörte, keiner erhob Anspruch darauf und wehrte ihm, Besitz davon zu ergreifen, denn nicht die Menschen zu Nowgorod litten Mangel an Wohnstätten, sondern die Häuser an Insassen. So trat der Ankömmling in den leeren Raum, der nach längerm Umhersuchen noch zwei in leidlichem Zustand befindliche Stuben aufwies. Die einstigen Einrichtungsgegenstände waren freilich im Gang der Jahrzehnte von Bedürftigen sämtlich verschleppt worden und nichts als die kahlen Wände boten Unterkunft, doch vorsorglich hatte der junge Reisende die Erfordernisse einer guten Lagerstatt mit sich geführt, und unter seiner Anleitung fertigten die Knechte in den nächsten Tagen einige Tische, Bänke, einen Schrein und sonstiges Hausgerät an, das, ob auch nur mit geringem Kunstgeschick aus rohem Holz zusammengefügt, immerhin die beiden Gemächer für anspruchsloseste Notdurft des Lebens ausstattete. Dietwald selbst ergänzte, was ihm an unumgänglichen Besitzstücken zur Führung einer Hauswirtschaft gebrach, durch Einkauf in einigen armseligen Handelsläden an der Wolchowbrücke und nahm ein dort gleichfalls aufgefundenes altes Weib in seinen Dienst, um sich von ihr die Mahlzeiten bereiten zu lassen. Unter solchen Vorkehrungen verging eine Woche, in der die livländischen Knechte ihn oftmals mit befremdlichen Blicken maßen, ob es in seinem Kopf richtig bestellt sei, daß er hier in dem öden Hause des verwildert, wie ausgestorben umherliegenden Ortes wirklich zurückbleiben wolle. Noch verwunderter sahen sie auf den hohen, ihre Forderung weit übertreffenden Lohn, den er ihnen beim Abschied auszahlte, und auch er schaute den gen Dorpat Heimkehrenden mit einer seltsamen Empfindung nach, als ob Freunde von ihm gegangen und er zum letztenmal mit Menschen seiner Art geredet habe. Dann saß Dietwald Werneken, der reiche, an die Behaglichkeit, Schönheit und den Überfluß des Lebens gewöhnte Hamburger Kaufmann, allein in der ärmlichsten Dürftigkeit eines halbverfallenen Hauses zu Nowgorod. Doch sein Sinn war heiter, er hatte es so gewollt, befand sich an seinem Ziel. Zwecklos hätte er an der Elbe nur unter schmerzlich verzehrender Erinnerung seine Tage weiter verlebt, hier lag eine gewaltige Arbeit auf wüst versandetem Felde vor ihm, ihn zur Tatkraft zu spornen, seiner Seele durch innerliche Befriedigung eine neue Daseinsfreudigkeit zu gewinnen. Rasch begab er sich an den Anfang der Aufgabe, die er sich gesetzt, und strebte eifrig vom Morgen bis zum Abend, sich mit den Verhältnissen Nowgorods und seiner Bewohner vertraut zu machen. Von öffentlichen Zuständen ließ sich indes im Sinne eines städtischen Gemeinwesens nicht reden. Eine Obrigkeit zur Erhaltung der Ordnung war kaum vorhanden, nur ein moskowitischer Vogt saß auf dem Kreml, ohne sich um weiteres als die strenge Eintreibung der Steuergefälle zu bekümmern; verwahrlost lag alles andere dem Fortwuchern der Gewohnheit anheimgegeben. Die Bewohnerschaft schied sich in russische Einwanderer, welche als die Gebieter eines unterjochten Landes auftraten, und in die Nachkommen der einstmaligen Bevölkerung des alten Freistaates. Stumpf in ihr Schicksal ergeben, verarmt an leiblichem und geistigem Gut, schleppten die letztern ihr Dasein dahin. Im Beginn erschien es Dietwald, als ob zwischen diesen beiden Bestandteilen asiatischer Abkunft sich kaum deutsches Blut forterhalten habe. Nur da und dort gewahrte er selten einmal blondes Haar und hellfarbige Augen, und erst allmählich erkannte er, daß die ungeheure Ausdehnung der Trümmerstadt mehr von solcher Art umschloß, als seine Nachforschung in den ersten Wochen zu entdecken vermocht. Wie verkrüppelte Pflänzchen eines steinigten Ackers fanden sich weit zersprengt, zumeist ohne Zusammenhang und kaum voneinander wissend, Überreste der frühen hansischen Gewerksleute und Händler, so daß ihre Gesamtzahl wohl mehrere Hunderte betrug. Sie fristeten gleichfalls in kümmerlichster Armut ihr Leben, manche hatten sich mit den Eingeborenen vermischt und ihre Kinder waren fremdländisch geworden. Die Mehrheit indes bewahrte Erinnerung an die bessern Tage ihrer Väter, redete noch deutsch und empfing den fremden Herrn, der sie in ihrer Sprache begrüßte, mit freudigem Erstaunen. Alle hingen der römischen Kirche an; mit vereinzelten Andeutungen war wohl die Lehre Martin Luthers herübergeklungen, und bei seiner Namensnennung zeigte sich die Regung des protestantischen deutschen Blutes in manchem Blick der Hörer. Allein Dietwald Werneken nahm bald gewahr, daß der schonungslos wütende Ingrimm, vermittelst dessen der letzte moskowitische Großfürst dem Eindringen des neuen ›hansischen‹ Glaubens in sein Reich gewehrt und jeden Bekenner desselben ausgerottet hatte, allen Gemütern ängstliche Furcht einflößte, Hinneigung zur evangelischen Lehre zu verraten. Und in kluger Bedachtsamkeit, um sie nicht mit Scheu vor seiner Annäherung zu erfüllen, stand er vorerst von jedem Versuche religiöser Belehrung und Bekehrung bei ihnen ab. Er sagte sich, daß zunächst nur eine Besserung ihrer bedrückten irdischen Lage den Menschen ein Begehren und Fähigkeit zu freierem Aufschwung des Gedankens verleihen könne, und richtete sein Augenmerk umsichtig und tatkräftig auf eine günstige Umänderung ihrer leiblichen Zustände. Dazu aber boten besonders die zoologischen Verhältnisse der Umgegend vollausreichende Handhabe. Seit dem völligen Aufhören alles Handelsbetriebes hatte sich die Zahl der wilden, mit kostbaren Fellen begabten Tiere, von niemand mehr gefährdet, um Nowgorod ins Ungeheure vermehrt. Kurze Gänge in die benachbarten endlosen Wälder belehrten Dietwald von einer unglaublichen Fülle an grauen sibirischen Füchsen, Edelmardern und Hermelinwieseln, die Wasserläufe zeigten sich vielfältig von Biberscharen und Fischottern belebt, Wolf, Bär und Luchs streiften bei Nacht furchtlos über die Schutthalden bis in die Nähe der bewohnten Häuser. So gab der junge Kaufmann sich bei den Deutschen der Stadt als Abgesandten eines großen hansischen Handelshauses aus, der beauftragt worden, für dieses Buntwerk zu erwerben, und reichliche Vergütung für die Einlieferung wertvoller Pelzarten entrichte. Die Erinnerung an das ehemals mit so hohem Gewinn betriebene Geschäft war den zum größten Teil von kärglichem Ackerbau oder Fischfang lebenden Hüttenbewohnern dergestalt abgekommen, daß sie anfänglich ungläubig die Köpfe dazu schüttelten, da ihnen ein zottiges, als Mantel verwendbares Schafsfell weitaus den Wert eines nutzlosen Hermelinvlieses zu übertreffen schien. Erst als Dietwald einmal für ein solches in der Tat einen erheblichen Preis ausgezahlt hatte, folgten mehrere, allmählich andere nach sich ziehend, seinem Antriebe, auf die bisher gering geachtete Beute Jagd zu machen und sie ihm in seine Behausung zu überbringen. Der klingende Lohn, den sie dafür einernteten, spornte sie sichtbar aus der dumpfen Gleichgültigkeit, in der sie hingelebt, zu größerer körperlicher wie geistiger Regsamkeit auf; mit zuwartender Befriedigung aber nahm Dietwald Werneken gewahr, daß darin nicht der wesentlichste Erfolg seiner Anstrengungen beruhte, sondern daß er sich durch diese mehr und mehr auch einen Zugang zu den Gemütern seiner geistig verarmten Landsleute eröffnete. Täglich kehrte er, weite Strecken zwischen den zerstreuten Wohnungen durchmessend, in einer Anzahl ihrer Häuser ein und gab Unterweisung, die erbeuteten Felle selbständig zur Aufbewahrung zuzubereiten, weckte ihre Verstandestätigkeit und ihr Vertrauen in sich selbst und teilte ihnen während der Arbeit bald dieses, bald jenes aus den Städten des Westens mit, wobei er in kluger Weise, gleich regelmäßig wiederkehrendem Tropfenfall, die Grundzüge der evangelischen Lehre und den Aufschwung, den die Armen und Bedrückten des niedern Volkes durch sie in Deutschland gewonnen, einfließen ließ. Umherstehend horchten die Weiber und Kinder, deren Zutrauen er sich durch fröhlichen Scherz, nützliche Ratschläge und manche Hülfsleistung in Not- und Krankheitsfällen eintrug. Vorwiegend bei den jungen Männern fand er unter der rohen Hülle der Unwissenheit und träger Gewöhnung natürliche, nur der Aufweckung bedürftige Geistesgaben verborgen, und Schritt um Schritt erzielte er zwei gleichmäßig von ihm angestrebte Wirkungen, daß unvermerkt die Gedanken seiner Zuhörer sich mit einem Verständnis des gereinigten Glaubens erfüllten und ein Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit als deutscher Abkömmlinge in ihnen wach wurde, das den Wunsch eines festern Aneinanderhaltes sowohl zu weltlicher als gemütlicher Förderung bei ihnen regte. Um derartige wechselseitige Annäherung und Befreundung zu nähren, forderte Dietwald zu einer wöchentlichen Zusammenkunft am Sonntagnachmittage in seinem Hause auf, wo der alte großgeräumige Schütting aus hansischer Glanzzeit des »Kaufhofs bei Sankt Peter« die Eintreffenden aufnahm, und bald war es zum steten Brauch geworden, daß der junge Bewohner dort einem halben Hundert aufmerksam zuhörender Gäste beim Beginn der Versammlung einige geeignet von ihm ausgewählte Abschnitte der niederdeutschen Bugenhagischen Bibelübersetzung verlas, um danach belehrendes Wechselgespräch an das Vernommene anzuknüpfen. Wenn Dietwald Werneken aber so sein Sonn- und Werkeltagewerk vollbracht, warf er sich am Abend ermüdet und befriedigt auf sein Lager und fiel sogleich bis zum Morgen in traumlos-festen, wohltätig ihn zu neuer Wirksamkeit rüstenden Schlaf. Darüber war der Rest des Sommers hingegangen, ohne daß er in seinem Eifer die herbstliche Veränderung der Natur wahrgenommen, dann jedoch hatte andere Verwandlung so gewaltsam in sein Tun und Treiben eingegriffen, daß sie sich ihm von Tag zu Tag gewichtiger bemerkbar gemacht. Es war keine von dem moskowitischen Vogt oder den in der Stadt angesiedelten russischen Eroberern ihm entgegengesetzte Behinderung, denn niemand von ihnen bekümmerte sich um seine Anwesenheit, so wenig wie die zur Herrschaft gelangte Großfürstin Helena ihr Augenmerk auf Nowgorod verwandte. Gerücht nur kam aus dem fernen Moskau herüber, daß sie dort, von heißer Leidenschaft für den Fürsten Obolenski, einen der mächtigsten Reichsbojaren, verzehrt, unter seinem Einfluß grausame Gewalttaten an ihren eigenen Verwandten geübt, Mord, Richtbeil und Verrat färbe die Straßen der Hauptstadt mit Blut, und Schrecken fülle sie obendrein von außen durch Aufsätzigkeit der wilden Tatarenstämme Kasans und der Krim gegen das moskowitische Joch, wie durch drohenden Kriegseinbruch eines polnischen Heeres. Von dem allem lag Nowgorod unberührt und unbeachtet in seiner öden Schweigsamkeit weit ab. Aber ein anderes Hemmnis war dem Fuße Dietwalds jetzt wörtlich in den Weg getreten: über den Ilmensee und die Wolchow spannten sich starre Eisbrücken, vom sibirischen Lande her schnob unausgesetzt der Wind, daß der Atem sich an die Lippen in stechende Nadeln verwandelte. Wochenlang trotzte der junge Kaufmann ihm und setzte seine täglichen Unterwanderungen fort, doch dann überzog sich eines Nachmittags der Himmel mit schwarzgrauer Decke und am Morgen stiebte dichtes Flockengewirbel daraus herab. Drei Tage und Nächte dauerte bei Schneefall fast ohne Unterlaß; als er geendet, lag alles, so weit das Auge sah, wie unter ein Leichentuch gebettet und in tiefen Todesschlaf versunken. Die Trümmerstätten waren gleichmäßig verschneit und verschwunden, bis über die Mitte der meisten Gebäude ragten die weißen Massen auf, es vergingen Tage, ehe Dietwald sich einen Zugang zu den nächsten bewohnten Häusern gebahnt, um seiner alten Wirtschafterin die Herbeiholung der nötigsten Lebensbedürfnisse zu ermöglichen. Ein Erreichen der weiter entlegenen deutschen Hütten war zur Undenkbarkeit geworden, die Einlieferung von Pelzen hörte auf, niemand kam mehr am Sonntagnachmittag zur Zwiesprache und gemeinsamem Anhören der Vorlesung. Stahlblau und wolkenlos wölbte sich der Himmel wieder, die Sonne glitzerte blendend auf dem unermeßlichen Schneemeer, aber schneidend pfiff der Nordost drüber, daß kaum die unmittelbare Nähe des Tag und Nacht lodernden Herdfeuers vor dem Erstarren der Glieder schützte. Und so kurz wie der Tag, so lang war die Nacht. Sie nahm kein Ende, und kaum ein paar Mittagsstunden von der schräg am Horizont hinschleichenden Sonne unterbrochen, begann sie aufs neue. Unsagbar langsam und einförmig verrann die sickernde Zeit fast nur beim Flackerlicht der dunstigen Lampe. Die alte Haushälterin redete nicht Deutsch und Dietwald nur wenige russische Worte; an den Winter ihres unwirtlichen Vaterlandes von Kindesbeinen auf gewöhnt, saß sie zusammengehockt am Herd und stierte gedankenlos gleichgültig in die Flammen. Ihr Mitbewohner des einsamen Hauses las in der Bugenhagischen Bibel und dachte beim Heulen des Sturmes, wie die Wände um ihn einstmals vielstimmiges Gelärm zurückgehallt, als der »gotische Kaufhof« von den stolzen Hansen aus Wisby erfüllt gewesen, den Klang ihrer vollen Erzkannen und ihres rollenden Goldes vernommen. Nun lag alles in Todesstille, geisterhaft sahen die alten Mauern auf den eingezogenen sonderbaren Insassen herunter, der an einem Holzstab die kriechenden Tage einkerbte und Wochen, Monde daran zusammenzählte, ohne daß etwas innen und draußen um ihn her sich änderte. An den Winterschnee zu Nowgorod hatte er in Hamburg nicht gedacht; hätte er sich so hier sitzend gewahrt, wäre er vielleicht nicht zu seinem Entschluß gelangt. Gewißlich nicht – es ward ihm immer unzweifelhafter, und daß es unmöglich sei, einen zweiten Winter hier zu verbringen. Bis zum Ausgang des März setzte er seinem unterschiedlosen Zustande die Geduld der Hoffnung entgegen, allein als auch dann nichts an das Herannahen eines deutschen Frühlings gemahnte, begann die Fortdauer der ihm aufgenötigten Untätigkeit und geistig vollkommenen Vereinsamung ihn kraft- und mutlos zu machen. Verlassener und schwermütiger hätte sein Leben auch in dem ausgestorbenen Hause zu Hamburg nicht hinrinnen können; er sagte sich, daß er unsagbar töricht gehandelt, sich von aller menschlichen Kultur abgetrennt, nutzlos in dieser Schnee-Einöde zu vergraben. Fast allstündlich klangen ihm die Worte Herrn Goswin Wulflams im Gedächtnis, der Sommer bilde hier eben nur kurze Hochzeitsflitterwochen zwischen Himmel und Erde, denen kaltes Blut und lange Trübsal unter weißer Decke nachfolge. Wenn ein Bewohner Dorpats das schon bedrückend und schwer empfand, wie anders noch in dem leeren, frostigen, freudlosen Bau zu Nowgorod, mehr der Zufluchtshöhle eines Tieres als menschlichem Obdach ähnelnd. Dietwald Werneken fühlte, daß er warmes Blut in den Adern besaß, das von sehnsüchtigem Verlangen, nicht in solcher Kälte verharren und erstarren zu müssen, geschwellt ward. Er mußte sich den Gegensatz lebhaft gewärtigen, wenn er als Gast in dem behaglichen Hause zu Dorpat geblieben wäre, den Tag hindurch im Handelsgeschäfte seines Wirtes tätig nutzend, abends beim Becher und guter Zwiesprache mit dem verständigen, väterlich-wohlwollenden Freunde. Selbst ein Spiel auf der Pilkentafel würde er jetzt als hochwillkommene Unterbrechung der trostlosen Einförmigkeit, beinahe als eine geistige Erhebung begrüßen. Bei dieser Vorstellung sah er Folka Wulflams schlanke Gestalt sich zum Stoß vorbeugen, ihre Augen aufblitzen, nun in der Stube, nun am grünen Waldrand. Wie töricht war auch das von ihm gewesen, wenn er mit ihr geredet, sie gleich einem Informator durch Mahnungen zum Unmut und Zorn aufzureizen, daß er sie mit Widerwillen an sein Gedächtnis erfüllt! Säße sie dort am Fenster statt der stumpfsinnigen Alten, wie anders würde sie mit lebhafter Rede die traurig schleichenden Stunden verkürzen. Leibhaft stand sie vor seiner Einbildung in ihrer seltenen Schönheit da. Was hatte ihm eigentlich an ihr mißfallen? Daß ihr Wesen nicht dem Erdmute Warendorps geglichen? War es etwa nur ein Selbstbetrug der Eitelkeit gewesen, die kein Gefallen an ihr gefunden, weil sie unverhehlte Abneigung gegen ihn bewiesen? Er besaß viel Zeit zum Nachsinnen, und seine Gedanken brachten ihn von Tag zu Tag häufiger auf diese Frage zurück. Doch er gelangte zu keiner deutlichen Antwort darauf, nur zog es ihn oftmals, dabei aus der Lade die kleine Messingkapsel herauszunehmen, die Folka Wulflam ihm als Abschiedsmitgift eingehändigt. Warum hatte sie im Frühlicht auf der Treppe gewartet, um sie ihm mit auf den Weg zu geben? Und warum hatte sie sich jählings niedergebückt, die Blutstropfen von seiner Hand mit ihren Lippen fortzulöschen, da ihr Gemüt von Widerwillen gegen ihn erfüllt war? So saß er eines Nachmittags, und durch Ungeschick entglitt das Amulett seinen Fingern und fiel auf den Steinboden. Es gab einen klirrenden Ton dabei von sich, und wie er es aufhob, gewahrte er, daß von der Rückseite eine dünne Metallplatte abgesprungen war und eine Höhlung in der kleinen Kapsel freigelegt hatte. Verwundert sah er etwas darin enthalten, in der einbrechenden Dämmerung nicht gleich erkennbar. Doch als er es dem Fenster näherte, erwies es sich als eine braune Haarlocke, um einen wunderlich-rätselhaften Gegenstand geschlungen. Und nun erkannte er auch diesen; unzweifelhaft war es der zusammengedorrte, braunbeschildete, am obersten Halsgelenk abgetrennte Kopf einer Kreuzotter. Geraume Weile hafteten Dietwald Wernekens Augen stumm auf dem durch Zufall offenbarten befremdlichen Inhalt des Amuletts. Dann murmelten seine Lippen halb unbewußt vor sich hin: »Wider bösen Blick solle es bewahren – sie sei abergläubisch an Gemüt, sprach der Alte –« und den Kopf langsam hebend, schaute er regungslos weit geöffneten Lides über die weiße Schneedecke in das tiefer einfallende Zwielicht hinaus. Da hatten die Kerbeinschnitte des Holzstabes gekündet, daß ein Jahr vergangen, seitdem ihm in seiner Bücherstube zu Hamburg nach dem Empfang des Schreibens aus Dorpat der Gedanke aufgekeimt, in die russische Fremde zu segeln, und die warme Maiensonne ihn wie an geheimen Strahlenfäden in die Weite gezogen. Es war wieder Mai geworden und die Sonne schien. Sie überkleidete die Erde nicht, wie es ihre Frühlingskraft jetzt an der Elbe tat, mit einem grünleuchtenden und rauschenden Freudengewand, doch im Verein mit lindem Anhauch von Süden her hatte sie seit etlichen Tagen zum erstenmal an den hohen weißen Überzug des Bodens gezehrt, seine harte Kruste aufgelöst und langsam in sich selber zum Zusammensinken gebracht. Mit einer unwiderstehlichen Sehnsucht trieb es heut um die Mittagsstunde Dietwald Werneken ins Freie. Schwierig und oftmals tief einbrechend, wand sich der Fuß über die noch nicht freigelegten Schuttfelder, doch nordwärts hinüber schimmerte aus der Ferne an einem Waldrand ein breiter, grün aus dem Weiß aufblickender Fleck. Dort mußten Sonne und Wind den Schnee früher als sonst ringsumher bezwungen haben; mühsam und weit war's bis zu der Stelle, aber das dürstende Verlangen in Dietwalds Brust, Leben der aufwachenden Erde, wenn auch nur in winzigen, frischsprießenden Hälmchen unter sich zu gewahren, ließ ihn das lange Straucheln über die dazwischen gebreiteten Hindernisse nicht scheuen. Nun erreichte er sein Ziel, und nach vielen trostlosen Monden durchfloß ihn zum ersten Male wieder ein heimliches, warmes, eigenes Lebensgefühl. Die bewohnten Überreste der Stadt erstreckten sich nach andern Richtungen, hieher war er noch nie gekommen. Überall rieselten ihm kleine, hellblinkende Wasserläufe entgegen, dazwischen noch Schneeflecke, doch um sie her sproßte es schon dicht von saftgrünen Blättchen und Halmen, die sich flimmernd im Lufthauch bewegten. Warm und glanzvoll warf die Maisonne ein träumerisches Goldlicht über alles hin, das sich sehnsüchtig nach ihrem Blick aufzudrängen schien, als wachse es zusehends vor dem betrachtenden Auge höher empor. Die Natur hatte unter der Winterdecke nicht im Tode, nur im Schlaf gelegen, traumesstill des Augenblicks geharrt, in welchem ihr eingeborener, unauslöschlicher Lebensdrang über Schnee und Eis den Sieg erkämpfen würde. Nur ein ganz leises, schwermütiges Lächeln ihres lieblichen Kinderantlitzes war es noch, aber es lächelte und übte auch an der Rinde trüben Mißmuts in der Seele Dietwalds lind auftauende Wirkung. Er fühlte sich ermüdet, doch nicht wie sonst seit langer Zeit dumpfsinnig nach Schlafvergessenheit trachtend, sondern von einem freundlich wohltuenden Verlangen, kurze Ausrast zu halten, befallen, und schritt, umblickend, einem am Rande des noch völlig kahl-leblosen Waldes zu Boden gestürzten alten Baumstamme zu. Fast stand er schon im Begriff, sich darauf niederzulassen, als eine Bewegung am obern Ende desselben ihm den Kopf hob und er mit einiger Überraschung wahrnahm, daß sich dort schon jemand gleichen Sitz gewählt, denn keinerlei Regung hatte ihm bisher das Zugegensein eines menschlichen Wesens an dem lautlosen Forstsaum verraten. Zugleich indes erkannte er auch, daß sein Auge wohl achtlos über die sitzende Gestalt hingestreift sein mochte, ohne den Eindruck einer solchen zu empfangen. Sie hob sich aus kurzer Entfernung kaum von dem Hintergrunde der noch dicht den Wald anfüllenden Schneedecke ab, denn fast alles an ihr bot einen weißen Anblick. Es war ein junges Mädchen mit grobgefasertem Linnenhemde bekleidet, dessen bauschende Ärmel zum Handgelenk reichten. Darüber trug sie nichts als ein zottiges Schafsfellgewand vom Hals bis etwa handbreit über die Knie; die Füße sahen, in Holzschuhen steckend, nackt darunter hervor. Ein weißes Kopftuch nach der weiblichen Sommertracht der Landesgegend verdeckte fast ganz ihr Haar, nur eine lange, hellblonde Flechte fiel aus der Hülle über Nacken und Rücken herab, und auch die Farbe ihres Gesichtes unterschied sich wenig von der des Schnees hinter ihr. So hockte sie auf den ersten Anblick gleich einem wollig umzottelten Lamm auf dem Baumknorren; sie konnte höchstens sechzehn Jahre zählen, der Bau ihres Körpers verbarg sich allerdings durchaus unter dem rohen, sackartigen Bekleidungsstück, aber der Ausdruck ihres Gesichtes war völlig derjenige eines großgewachsenen Kindes. Eigentümlich hielt sie ihre beiden Hände hochaufgebogen, sorgfältig zusammengeschlossen auf dem Schoß und sah dem Herangekommenen ohne Laut, doch auch ohne Scheu ins Antlitz. Verwundert bemaß dieser einen Augenblick die fremde, unvermutete Erscheinung, dann entfuhr ihm beim Niedersehen auf ihre unbedeckten Füße die Frage: »Friert es dich denn nicht?« »Mich? Nein, aber sie friert.« Das Mädchen hatte es in deutscher Sprache, doch mit starkem russischem Tonfall gesprochen, bückte den Kopf nieder und hauchte den Atem durch eine Fingerlücke zwischen die Hände hinein. Dietwald wußte sich ihre Antwort nicht zu deuten und erwiderte, näher an sie hinantretend: »Wer friert, Kind?« Sie versetzte: »Ich fand sie eben, sie lag auf dem Schnee; wollt Ihr sie sehen, Herr?« »Was denn?« »Eine Jaworonok.« Er verstand das russische Wort nicht und fragte: »Was ist das?« »Ich weiß ihren Namen nicht auf deutsch,« entgegnete sie kopfschüttelnd, während zugleich eine leichte Unruhe in ihren hellblauen Augen auftauchte. »Aber Ihr tut ihr nichts Böses an – versprecht Ihr's?« Er lächelte: »Sehe ich dir denn so böse aus, Kind?« Nun schüttelte sie abermals das weiße Kopftuch und öffnete beruhigt vor seinen niedergebeugten Augen einige Finger der zusammengehaltenen Hände, aus deren Höhlung das graue Gefieder eines kleinen halb erstarrten Vogels hervorsah. Dietwald Werneken betrachtete ihn einen Augenblick, dann sagte er: »Es ist eine Lerche, die zu früh gekommen.« Offenbar hatte das Mädchen aufmerksam auf den Klang des Wortes gehört, denn sie sprach ihn freudig nach: »Eine Lerche – ja – nun weiß ich es wieder, ich hatte es vergessen.« Behutsam streichelte sie mit dem Finger das Köpfchen des kleinen regungslosen Tieres; Dietwald fragte: »Hast du denn die Lerchen so gern?« »Ja, sie singen so schön, wenn der Frühling kommt.« »Doch wie kommst du denn hierher?« Sie nickte gegen den Wald. »Unser Haus steht da drinnen.« »Deines Vaters Haus?« Ihr Kopf machte eine zweifelhafte Bewegung zwischen Bejahen und Verneinen: »Des Pechlers.« »Ist er ein Deutscher?« Sie erwiderte nur: »Ich bin eine Deutsche, glaub' ich; seid Ihr es auch?« Die Frage kam so wunderlich aus ihrem Munde, daß er lachen mußte. »Wer Deutsch redet, ist wohl ein Deutscher?« Nun blickten ihre Augen sonderbar ernsthaft zu ihm auf: »Ich tät's gern, aber ich kann's nicht immer.« Die Auffindung eines ihm noch unbekannt gebliebenen deutschen Überrestes um Nowgorod regte Dietwalds Teilnahme. »Ist es weit zu eurer Wohnung?« fragte er. »Nein.« »Willst du mich hinführen?« Sie sah ihn verwundert an, doch antwortete »Gern«, stand auf und geleitete ihn durch einen schmalen Fußpfad, dessen Schnee niedergetreten war, zwischen die Stämme hinein. Er richtete allerhand Fragen an sie im Gehen, auf die sie, in verschiedener Weise stockend, Erwiderung gab, manchmal, weil ihr offenbar ein deutsches Wort zur Entgegnung gebrach, zu andern Malen, weil sie den Sinn einer Fragstellung sichtlich nicht aufzufassen vermochte. Ihr Wissen ging augenscheinlich nicht über die nächsten Dinge ihrer Waldumgebung und täglichen Anschauung hinaus, selbst von der Stadt Nowgorod besaß sie nur äußerst geringfügige Kenntnis; aber ihre Augen legten merkwürdige Achtsamkeit auf jeden Gegenstand um sie her an den Tag, man sah ihrem Blick an, daß er im Vorübergehen auch das Unscheinbarste aufnahm, als stehe sie zu jedem Stamm und Gezweig in einem freundschaftlichen Verhältnis und bemerke sogleich die leisesten Veränderungen an ihnen. Trotz den plumpen Holzschuhen war ihr Gang auffällig behend und geräuschlos: nach einigen Schritten hob sie stets wieder die Hände an den Mund und blies den von der Kälte des Schnees, auf den er entkräftet niedergefallen, starr gewordenen Vogel mit ihrem warmen Atem an. Nun verwandelte das noch unbelaubte Gehölz sich in dunklen Kiefern- und Tannenwald, und Dietwald gewahrte, daß besonders die Stämme der Lärchenbäume sämtlich ziemlich umfangreiche, zumeist mit einem Holzzapfen verstopfte Bohrlöcher zu zeigen begannen. Aus andern, offenstehenden rann eine klebrig-dicke, dunkle Masse hervor, unverkennbar zu einem Zwecke künstlich aus dem Stamm-Innern gelockt, und der junge Kaufmann fragte deutend: »Was ist das?« Erstaunt blickte seine Begleiterin ihn an und versetzte: »Kennt Ihr das Pech nicht? Ich glaubte, Ihr wüßtet alles.« Er mußte über ihre Einfalt lächeln. »Du siehst, wie wenig ich weiß. Ich kenne nicht einmal das Pech und auch nicht einmal deinen Namen. Wie heißt du?« »Elisaweta.« Sie sprach den Namen mit völlig russischer Betonung, und Dietwald Werneken erwiderte: »So hast du einen schönen Namen: den kenne ich, denn er lautet auf deutsch fast ebenso.« Das Mädchen hielt den emporgehobenen Fuß an und fiel rasch fragend ein: »Wie heißt er denn auf deutsch?« »Elisabeth.« Sie wiederholte das Wort mit dem Klang und Tonfall seiner Stimme und nickte dazu. Ein brandiger Geruch hatte schon seit einer Weile die Luft erfüllt, jetzt quoll dicker Rauchqualm zwischen hochstämmigen Tannen hervor und gleich darauf glühte der Loderschein eines Feuers darunter auf. Er kam aus einem niedrigen Bau von gebranntem Lehm, dem ein kurzer, plumper Schlotrumpf entragte. Vor der Öffnung, aus der die Flammen lohten, stand gebückten Leibes ein grauhaariger Mann, mit einer langen Holzstange das Feuer schürend. Er trug kahnartige, noch zum Teil rindenbedeckte Holzschuhe an den Füßen und schwarze, fettig glänzende Lederhosen; vom Oberkörper dagegen hatte er trotz der kalten Waldluft den schmutzfarbigen Schafspelz auf einen Baumstamm geworfen, so daß sein mager-sehniger Gliederbau sich bis zum Gürtel völlig unbekleidet wies. Es war der Pechler und Pechsieder, von dem Elisaweta geredet; an den Siedofen stieß eine roh und notdürftig aus Fichtenstämmen gezimmerte Behausung, aus der Waldtiefe her kam ein Weib mit strähnig herabfallendem Haar und einer Reisigtraglast auf dem gekrümmten Rücken zur Unterhaltung des Brandes. Das Ganze erregte den Eindruck härtesten Arbeitringens in der Wildnis, um ein vereinsamt ärmlichstes Menschendasein zu fristen. Der Pechler drehte bei dem Herzutreten Dietwalds den Kopf und stützte sich, einen Augenblick ausrastend, auf seinen glimmenden Schürhaken. Er legte keine Überraschung an den Tag und machte keine Bewegung, seinem Bekleidungsmangel abzuhelfen; in den greisenhaften Zügen drückte sich nichts Unzufriedenes mit seinem Schicksalslos aus, eher ein einfacher, unverzagter und unverdrossener Gleichmut. Dieser bewährte sich an seiner Art, wie der junge Kaufmann ein Gespräch mit ihm anknüpfte. Er nannte sich Böske Westerling und redete ein schwer verständliches Deutsch, aber doch so, daß man es als seine Muttersprache erkannte, obgleich ihm wie dem Mädchen zuweilen ein Wort für eine Bezeichnung fehlte, das er dann durch ein russisches ersetzte. Fast solang er dachte, lebte er hier als Pechsieder im Walde, auch schon, wie Nowgorod noch als eine große, volkreiche Stadt drüben gestanden. Zu seiner Knabenzeit hatte er in ihr gewohnt, als eines deutschen Schusters Sohn, seine Mutter war eine Eingeborene des Landes gewesen, doch beide hatten bei einem Einbruch der Russen eines Tages mit zerschmetterten Schädeln vor ihm auf der Gasse gelegen. Danach war er allein geblieben, bis er herangewachsen und sich ein Weib genommen, eines Pechlers Tochter, gleichfalls von Nowgorodschem Stamm. Viel mehr konnte er über sein Leben nicht sagen. Selten nur verließ er für einen Tag den Wald, um seine Ware dem Händler in die Stadt zu bringen. So hatte er diese von Jahr zu Jahr mehr zerfallen sehen. »Wenn die Stämme zu hoch wachsen,« sprach er gleichmütig, »werden sie morsch und der Sturm bricht sie um.« Dietwald hatte ihm mit eigenartiger Anteilnahme an seiner ruhig-knappen Redeweise zugehört und entgegnete nun: »Wie lang gedenkt Ihr denn noch hier im Walde zu bleiben? Ihr werdet alt –« »Ich bin noch rüstig, Herr,« versetzte der Pechler unbekümmert. »Doch wenn Ihr es einmal nicht mehr seid, was soll dann in dieser Verlassenheit aus Euch werden?« Der Alte zuckte gelassen die nackte Schulter. »Was wird aus den Tieren, Herr, auf der Erde und in der Luft, wenn sie sich nicht mehr nähren können? Sucht Ihr gut danach, da findet Ihr sie manchmal. Sie kriechen unter und sterben. Wir sind alle eins, und niemand kann darüber klagen, wenn's ihm so fällt, wie den andern.« Er war nicht allein noch rüstig, er war auch gut gerüstet. Seine entblößte Brust umgab ein Panzer der Begehrlosigkeit, an dem die Armut, Not und Plage seines Daseins erlahmten. Er verlangte nicht mehr, als das Leben ihm notdürftigst zur Forterhaltung zugeworfen, die Welt außerhalb dieser Waldstämme ging ihn nicht an. Aber den engen Kreis, in den seine gleichmäßige Arbeitstätigkeit ihn gebannt hielt, hatte er mit Gedanken und Empfindungen bevölkert. Sie waren aus der Betrachtung der Natur um ihn her aufgewachsen, ohne vorbedachten Plan und ordnenden Zusammenhang gleich den verschiedenartigen Bäumen über ihm, doch festgewurzelt und ruhig dastehend, wie sie. Etwas, das ihm bisher unbekannt gewesen, trat Dietwald Werneken in dieser Bedürfnislosigkeit entgegen, die nicht aus Stumpfsinn, sondern neidloser Entsagung der Erdengüter erwuchs. Er setzte geraume Zeit noch die Unterredung fort und hörte mit Teilnahme auf die schlichten Antworten des Pechlers, denen er nirgendwo eine Berichtigung durch seine schriftgelehrten Kenntnisse entgegenzustellen vermochte. Nur zuletzt sprach er: »Doch wenn Ihr Euch so genügt, Westerling, Eure Tochter ist noch jung, und ihr wird es schwerfallen.« Der Alte drehte den Kopf nach der Seite, wo das Mädchen stand, und zum ersten Male ging ein Ausdruck der Unsicherheit durch seine Augen. Er nickte und wiederholte: »Ja, sie ist jung, und drinnen wird der Raum für sie enger.« Und nach kurzem Verstummen fügte er hinterdrein: »Sie ist nicht meine Tochter.« »Wessen denn; und wie kommt sie zu Euch?« fragte Dietwald. Auch darüber vermochte der Befragte nicht viel zu sagen. Mehrfach hatte sich, nach dem ersten Überfall der Hansen durch den Großfürsten Iwan; im Gang der Jahre an den Übrigverbliebenen russische Gewalttat wiederholt, ihnen zwar an Hab und Gut nichts mehr nehmen können, nur das Leben. In solcher Art war vermutlich auch der Vater des Mädchens umgekommen; der Pechler wußte nichts von ihm, allein von der Mutter, daß sie mit ihrem kaum vier Jahre alten Kinde in einer zerfallenen Hütte, hier gegen den Wald heraus, zwischen den Trümmern gelebt. So hatte er sie dann und wann gesehen; sie war eine schmächtige Frau von ›durchsichtigem‹ Antlitz gewesen und immer weißer an Gesicht und Händen geworden, vormals wohl an Reichtum und Überfluß gewöhnt. Ob er ihren Namen einmal gehört, wußte er nicht, jedenfalls konnte er sich nicht mehr darauf besinnen, nur daß sie das Kind Elisaweta gerufen. Dann habe sie eines Morgens, als er des Wegs gekommen, tot auf ihrer jämmerlichen Lagerstatt gelegen; er sei hineingeschritten, weil die Kleine vor der Tür gespielt und ihm weinend geklagt, sie hungere so sehr, denn die Mutter schlafe schon zwei Tage lang und wache nicht auf. Nach seinem Glauben sei sie auch wohl durch Hunger an der Abzehrung gestorben; da habe er das Mägdlein, das ohne Sippe und Freundschaft gewesen, mit sich in den Wald genommen, eingedenk, wie er auch einstmals als ein Waisenknabe verlassen auf der Gasse gestanden, und seine Frau, die selber nicht Kinder besessen, sei froh geworden, daß er ihr solchergestalt eins zugebracht. Und so sei sie bei ihnen aufgewachsen und von der frischen Luft im Forst kräftig an Gesundheit gediehen, nur die Farbe ihrer Stirn und Wangen gemahne noch immer an das durchsichtige Antlitz der Mutter, aber es habe keine kränkliche Bewandtnis damit bei ihr. In die letzten Worte des Alten stieß plötzlich das Mädchen einen Freudenruf hinein: »Sie lebt! Seht, sie rührt sich!« und frohlockenden Gesichts herzutretend, zeigte sie behutsam die Lerche, die jetzt, von der Wärme der beiden Hände allmählich aus der Starre gelöst, die Lider von den kleinen, klugblickenden Augen aufgehoben. Doch schnell wandelte sich die beglückte Miene ihrer Beschützerin jetzt in nachdenkliche Sorgnis, und ihr Mund fügte niedergeschlagenen Tones drein: »Wohin soll ich sie tun? Wenn ich sie fortlasse, erfriert sie wieder.« »So gib sie mir,« versetzte Dietwald freundlich, »ich will in meiner Stube Sorge für sie tragen, bis hier außen bessere Zeit für sie kommt.« Das Mädchen stand halb erfreut, halb unschlüssig. »Wollt Ihr es wirklich, Herr?« Dietwald nahm Abschied von dem Alten, dessen pechklebrige Hand er schüttelte. »Wer nichts begehrt, braucht andere nicht; doch wenn ich Euch einmal nützen kann, Westerling, so sprecht's. Euer Name redet, daß Ihr vom Westen her stammt, wie ich, laßt uns gute Nachbarschaft hier im Ostlande halten, so lang ich noch drin weile. Es freut mich, daß mir die Sonne den Weg zu Euch gedeutet; der Wald ist schön, wenn der Schnee gegangen, verhoff' ich zu öftern Malen Eurem Betrieb zuzuschauen. – So gib mir das Vögelchen, Kind!« Die Angesprochene hob ihm unsicher die Hände entgegen, zögernd sprach sie halb stockend dazu: »Es ist noch so schwach – darf ich's nicht in Euer Haus heimtragen?« Bittend sah sie ihn dabei an. Offenbar fiel die schnelle Trennung von der geretteten Lerche ihr schwer, aber es redete auch noch ein anderer, heimlich-leiser Wunsch aus ihrem Blick. Dietwald nickte: »Wenn der Abschied dir noch zu schwer fällt, doch es ist wohl eine Stunde schlechten Wegs.« »Den scheut sie nicht, Herr, sie ist an Übleres im Walddickicht gewöhnt,« schaltete der Pechler ein. »Ich seh's ihr an den Augen, sie tät's gern, gewährt's ihr! Aber schwatze nicht, daß dein Geleit dem Herrn nicht lästig fällt.« In der Unterstützung der Bitte des Mädchens durch den Alten lag etwas Ungesprochenes, doch von dem Hörer Empfundenes. So wenig Böske Westerling für sich selbst ein Begehren trug, regte sich in ihm ein Antrieb, dem Ohr und Auge seines Pflegekindes wenigstens ein Weilchen das Zusammensein mit feinerer Sitte zu vergönnen, als der Tagesverlauf seines rauhen, groben Gewerks sie darbot. Nun schlugen die beiden den Weg zum Waldrand wieder ein; mit glücklicher Miene ging das Mädchen voran, doch sie sprach nicht, wie bei ihrer Herkunft. Auch Dietwald Werneken folgte ihr in stummen Gedanken, erst als sie den Saum der Holzung erreichten, fragte er: »Weißt auch du den Namen deiner Eltern nicht?« Sie schüttelte wortlos den Kopf, und er fuhr fort: »Warum redest du nicht?« »Der Vater hat's ja verboten.« Er lächelte: »Ich erlaube es dir, Elisaweta.« Sie stand still und sah ihn ungewiß zaghaft an. »Was willst du?« fragte er. »Darf ich etwas bitten?« Er nickte, und sie fügte rasch drein: »Da heißet mich Elisabeth.« »Warum?« »Es ist mir gekommen, als ich's vorhin von Euch gehört, daß meine Mutter wohl auch so geheißen haben mag.« »Aber welchen Namen sie sonst noch trug, weißt du nicht?« Sie verneinte wie, zuvor. »Mir ist's, wenn mein Ohr ihn hörte, würd' es ihn kennen.« Doch nun war sie beredt geworden, gab nicht nur auf Fragen Antwort, sondern sprach selbst von Dingen, deren sie sich aus dem Hause ihrer Mutter noch erinnerte, daß ihr Begleiter halb verwundert fragte: »Woher weißt du das jetzt? Mir schien's zuvor, du hättest gar kein Gedächtnis daran bewahrt.« »Im Wald nicht,« erwiderte sie und setzte nach kurzem Innehalten hinzu: »Darf ich etwas Närrisches sagen?« »Was meinst du damit, Elisabeth?« Ein freudiger Blick ihrer Augen dankte ihm für den deutschen Namen, und sie entgegnete: »Mich deucht, ich wußt' es vorher nicht und hab's von Euch gelernt.« »Das hast du wohl mit Recht einen närrischen Gedanken genannt, Kind, denn ich kann dich nicht lehren, was ich selbst nicht weiß.« So setzten sie ihren Weg durch Schnee und Schuttgestein fort, es war erst um die Mitte des langen Mainachmittags, als sie im alten gotischen Kaufhofe eintrafen. Dietwald stellte geschickt mit einigen Holzplatten einen ziemlich geräumigen käfigartigen Verschlag her, in den er die Lerche hineintat; Elisabeth sah freudig zu, wie das Vögelchen ihm vorgestreutes Futter aufpickte. Dann schaute sie in der Stube umher, deren kärgliche Einrichtung ihr nach dem Ausdruck ihres Blickes in fürstlicher Herrlichkeit zu prangen schien. Mit einer scheuen Neugier befühlte sie den Teppich auf der Bank und ging um einen andern am Boden, auf dem ein Abenteuer des ›Reinke Voß‹ eingewirkt stand, herum, ohne den Fuß darauf zu setzen. Am aufmerksamsten betrachtete sie die geöffnet auf dem Tisch liegende Bibel und fragte nach einer Weile zaudernd: »Was ist das?« »Kannst du nicht lesen?« erwiderte der junge Kaufmann. Sie blickte auf und versetzte: »Was ist Lesen?« und er sagte sich, daß er eine törichte Frage gestellt, deren Beantwortung er sich selbst zu geben vermocht. Ihm entflog unwillkürlich: »Natürlich kannst du's nicht: wo hättest du es lernen sollen?« Ihr Behaben war schüchtern geworden, nach seiner letzten Äußerung stand sie wortlos, bewegte sich dann ungelenk gegen die Tür und fragte an der Schwelle, auf die Lerche hinüberdeutend, mit halblauter, befangener Stimme: »Darf ich morgen noch einmal wiederkommen, um nach ihr zu sehen?« »Gewiß, Kind, wann du willst,« gab er zerstreut, nur halb auf ihre Frage achtend, zur Antwort, und sie ging. Doch wie er aufsah, gewahrte er, daß der vorherige Frohsinn ihres Gesichts sich in eine betrübte Niedergeschlagenheit verwandelt hatte. Er mußte ihr, ohne es zu wollen, mit etwas weh getan haben, und rief ihr jetzt nach: »Komm, Elisabeth, warte noch!« Auf den Schrank zutretend, nahm er das Kästchen hervor, das er von Hamburg zur Aufbewahrung mancher Gedenkzeichen seiner Kindheit mitgeführt, und öffnete es vor dem Blick des zaghaft zurückgekommenen Mädchens. Es glitzerte von allerhand geringfügigen Metallsächelchen darin, Ringen, Kettchen und farbigen Steinchen, und er sprach freundlich: »In deinem Alter hat man ein buntes Schmuckstückchen gern, such' dir eines davon aus, das dir gefällt.« Sie glaubte offenbar nicht, daß er es ernstlich meine, und er mußte seine Aufforderung wiederholen, ehe sie's wagte, derselben nachzukommen, und ihre Hand zögernd in das Kästchen hineinsteckte. Mit natürlicher Bescheidenheit hatte sie das Unscheinbarste ausgewählt, ein kleines, matt verblichenes Goldkreuz, dessen Vorderseite ein kaum mehr erkennbar um einen Buchstaben geschlungener Blätterkranz verzierte. Doch nun hielt die Hand Dietwald Wernekens ihre Finger und er sagte: »Das nicht, Elisabeth, nimm jedes andere, welches du willst. Das Kreuzchen ist mir besonders lieb, meine Mutter trug es gern, und ich habe als Kind oftmals damit gespielt, wenn ich auf ihren Knien saß.« Erschreckt ließ das Mädchen schnell das kleine Goldkreuz zurückfallen. Ihre Finger getrauten sich nicht mehr, etwas anderes zu erfassen, so nahm er selbst ein silbernes Kettchen, hängte es ihr um den Nacken und sprach dazu: »Also morgen schaust du nach, ob dein Vögelchen so kräftig geworden, daß wir ihm wieder die Freiheit schenken können.« Sie stand hochrot vor Stolz und freudiger Erregung aufgeglüht und konnte kein Wort hervorbringen. Dann sah er sie draußen ihren Rückweg einschlagen. Sie ließ die linke Hand nicht von ihrem Silberkettchen, bückte sich, zog die Holzschuhe aus und faßte sie in ihre Rechte. So lief sie barfüßig, wie ein glückselig-ausgelassenes Kind, davon. Dietwald blickte ihr lächelnd nach, die niedergehende Frühlingssonne färbte ihre lang herabfallende Haarflechte mit rötlichem Glanz. Als diese sich nicht mehr erkennen ließ, sah es aus, als ob ein großes, weißzottiges Schaf über den Schnee fortspringe. Siebentes Kapitel. So war es auch über Nowgorod Frühling geworden, doch nicht wie im deutschen Land. Nur kurze Tage blickte die Sonne märzenhaft lind herab; als sie den Schnee aufgezehrt, begann sie rasch heiß zu brennen, und schwüler Sommer überkleidete fast zusehends den eben noch winterlich verödeten Boden mit grüner Decke. Der Ausgang des Mai knüpfte an den Herbst an, wie wenn nur der Schlaf und Traum einer Nacht dazwischen gelegen: alles war wieder so wie damals geworden, und die einförmige Untätigkeit Dietwald Wernekens hatte sich in das regsame Wirken vom Morgen bis zum Abend zurückverwandelt. Das Einliefern kostbarer Tierfelle hub aufs neue von allen Seiten her an, am Sonntagnachmittag füllten die deutschen Fischer, Jäger und Ackerbauer in größerer Anzahl als früher den Schütting des gotischen Kaufhofs. Die herbstlich in ihre Gemüter hineingestreute Aussaat hatte auch in der Stille des Winters Keime getrieben, zeigte sich unter dem fortgeschmolzenen Schnee lebendig erwacht. Freudig gewahrte Dietwald ihr wachsendes Verlangen nach voller Erkenntnis der evangelischen Lehre, und der Tag reichte ihm kaum hin, alles zur Ausführung zu bringen, was er sich am Morgen als Aufgabe vorsetzte. Es kam hinzu, daß er eine neue Pflicht übernommen, die ihn täglich mindestens eine Stunde lang in Anspruch nahm. Das Pflegekind des Pechlers war schon frühzeitig am folgenden Morgen zurückgekehrt, um nach der Lerche zu sehen. Dann hatte sie nach längerem Zögern offenbar schweren Herzens mit einem plötzlichen Ruck das Silberkettchen von ihrem Halse gezogen und auf den Tisch gelegt. So stand sie wortlos da, und Dietwald brachte erst mit Mühe aus ihr hervor, worauf ihr sonderbares Behaben abziele. Zuletzt entnahm er aus ihrem Stottern, daß sie die Kette und allen Inhalt des Schmuckkästchens, wenn er ihr angehörte, dafür hingeben würde, begreifen zu lernen, was lesen heiße und was die schwarzen Zeichen auf den Blättern des Buches bedeuteten. Sie hatte die ganze Nacht unablässig darüber nachgedacht: unverkennbar regte sich ein geheimer Trieb in ihr, den sie als Mitgift ihres Blutes empfangen, der sich nur bis dahin im Schatten des Waldes nicht entwickeln gekonnt, doch nun plötzlich sehnsüchtig nach Ernährung begehrend hervorbrach, und ihr Blick hing mit ängstlicher Erwartung an der Miene des jungen Kaufmanns. Das war ihm allerdings nicht in den Sinn gekommen, als Fibellehrer einem Kinde Unterricht im ABC zu erteilen, und er stand eine Weile unschlüssig, ohne etwas zu erwidern. Aber hatte ihn nicht der Zweck, unter den deutschen Überresten in Nowgorod zu lehren und zu nutzen, hierhergebracht? Wie er das in atemloser Spannung zuharrende Mädchen betrachtete, war's ihm, wenn er ihre Bitte verweigere, als ob er im Begriff stehe, den Fuß zertretend auf ein freudig aus dem Erdreich heraufstrebendes Frühlingspflänzchen zu setzen, und diesem Gefühl des Augenblicks folgend, sprach er rasch: »Ich will's versuchen, Elisabeth, ob du achtsam und ausdauernd bist.« Er nahm lächelnd das Silberkettchen, legte es ins Kästchen und fügte hinzu: »Dies gehört dafür aber wieder mir, und du bekommst es nur zurück, wenn du dich nach einem Vierteljahre als gute Schülerin bewiesen und es so weit gebracht hast, wie ich's von dir verlange, um den Unterricht nicht aufhören zu lassen.« Sie stand und gab, wie vom Glück betäubt, keine Antwort darauf, bückte sich nur und küßte, nach russischem Brauch Vornehmen gegenüber, seinen Gewandsaum. Doch er wehrte ihrem Kopf mit der Hand und sagte: »Das ist unwürdig, Elisabeth! ob Menschen verschieden sein mögen an Kenntnissen und irdischer Habe, sind doch alle gleiche Geschöpfe Gottes, daß keines vor ihm mehr gilt, als ein anderes; und wer jemand Dank für etwas sprechen will, der reicht ihm die Hand dar.« Damit erfaßte er freundlich die ihrige, und diese berührte ihn mit starkem Gegensatz körperlichen Gefühls zu der weichen Glätte ihrer Stirn, die er eben zuvor bei der Abwehr einen Moment gestreift, denn die Hand war vom Sammeln des Holzes im Walde und sonstiger Hülfsleistung bei dem Gewerbe des Pechsieders rauh und hartschwielig gleich einer in Kälte, Hitze und Nässe verarbeiteten Manneshand. So also hatte sich zu der übrigen Tätigkeit Dietwald Wernekens der tägliche Unterricht Elisabeths hinzugesellt. Sie kam, der Abrede gemäß, stets zur gleichen Morgenstunde, doch so früh diese sie zum Aufbruch aus dem Walde nötigte, fand sie jedesmal vorher noch Zeit, einen Strauß wilder Blumen zu sammeln und mitzubringen. Dann saß sie in ihrem weißen Pelzrock über den Tisch gebückt, und ihr Ohr und Auge wich keine Sekunde lang von den Unterweisungen des Lehrmeisters ab. Wochen hindurch war ihm ihr Kommen von einer gleichzeitigen Anfüllung der Stube mit Veilchenduft unzertrennlich. Sie hatte bemerkt, daß die kleinen blauen Blumen ihn besonders erfreuten, und füllte täglich seinen Wasserkrug neu damit an. Doch eines Morgens sah er staunend auf ihre Hand, die keine Blüten, sondern ein niedlich geflochtenes Riedkörbchen mit roten Walderdbeeren hielt. »Treibst du Hexenkunst?« fragte er ungläubig; sie erwiderte: »Ich weiß die Stelle, wo immer die ersten reif sind.« Wie er sich besann, war keine Zauberei im Spiel, der Fortgang der Zeit hatte naturgemäß Erdbeeren an die Stelle der Veilchen gesetzt. Aber unglaubhaft schien es dennoch, daß der Sommer unvermerkt so weit vorgerückt war. Das rief plötzlich auch ein anderes Gedenken in ihm wach. Sein Auge verweilte kurz auf dem bereits eifrig über die Bibel vorgebeugten Mädchen, er trat an den Schrank, kam zurück und hängte ihr unvermutet das Silberkettchen um den Nacken. »Das Vierteljahr ist noch nicht vorüber, aber du hast es schon verdient. Fahre so fort, Elisabeth!« In der Tat hatte sie seine Bedingung für die Zurückgäbe des kleinen Zierats mehr als erfüllt, und das mochte nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, ihm die Monate so kurz erscheinen zu lassen, wie mancher Wintertag ihn gleich einer Woche bedünkt. Sie lernte nicht nur nach seiner Forderung achtsam und ausdauernd, sondern auch mit rascher Auffassung, und ihr Gedächtnis war von außerordentlicher Treue; dem genauen Wortlaut nach wußte sie noch um Monde später die geringfügigsten Äußerungen ihres Lehrers zu wiederholen. Es war, als ob ihre geistigen Fähigkeiten von frühester Kindheit her auch gleich den Keimblättem eines Pflänzchens regungslos unter dem Schnee gelegen und auf tauende Frühlingssonne gewartet, um sich, von ihr belebt, mit überraschender Schnelligkeit weiter zu entwickeln. Doch nicht allein aus der Triebkraft emporstrebender Natur, zweifellos wirkte ein anderes, eine Mitgift, die sie von Vätern her in sich trug, hinzu. Sie war keine Pflanze des Feldes, sondern aus einem Garten ins Gestrüpp verweht und verwildert und suchte unbewußt mit innerlichem Drang zur Art ihrer Gattung zurückzugelangen. Und wie ihre Begierde zum Lernen immer mehr wuchs, so erhöhte sich die Freude Dietwalds am Lehren. Schon seit geraumer Zeit war es nicht beim Unterricht im Lesen allein geblieben, wie von selbst hatte sich eine tägliche Erläuterung der Glaubenserneuerung durch Martin Luther dazugesellt, und wenn es möglich war, trug das Mädchen der letztern Unterweisung noch regeren Eifer entgegen, als der erstern. Der junge Bekehrer erachtete es indes als Pflichtgebot, seine religiöse Einwirkung nicht ohne Vorwissen und Beipflichtung der Pflegeeltern Elisabeths zu üben, und begab sich öfters zur Pechhütte in den Wald hinaus, um bei ihren Insassen gleichfalls die Saat der evangelischen Lehre auszustreuen. Doch der Alte schüttelte ruhig den Kopf dazu: »Eines redet so und das andere so, Menschenwort ist beides. Das Eurige mag wohl besser sein, Herr Werneken, aber mich bedünkt, es weiß keiner mehr, als die Bäume da. Sie haben hier gestanden, eh' die Menschen auf die Welt gekommen, welche heut leben. Ich hab' ihnen bei Tag und Nacht oft zugehört, sie reden, daß man nichts weiß, als was man mit Augen um sich gewahrt. Alle Blätter werden im Frühling lebendig, wachsen im Sommer groß und welken im Herbst ab; dann fällt der Schnee darauf. Es ist Einer, aus dessen Hand und Willen das geschieht, aber ich kenne ihn nicht, und mich deucht, er will's nicht, daß ich ihn kennen soll, sonst spräch' er zu mir mit deutlichem Wort. Ob er den Schnee wieder von mir wegtauen läßt, weiß ich nicht, glaub's kaum, er müßt's denn mit allem Getier ebenso im Sinne tragen. Besser an Gemütsart sind die meisten Menschen nicht, und wenn Asche aus dem Holz geworden, brennt's nicht wieder. Man kann nichts weiter, als arbeiten und rechtschaffen sein, wie wir's in uns haben, daß man soll, um zufrieden zu sein. Kommt der Winter, so leg' ich mich in den Schnee hinein und wart's ab. Was sollt' ich noch mit einem andern Glauben, den Leute mit ihrer Zunge reden und nicht anders mit Augen und Ohren vernommen, als ich.« Dabei verblieb der einsame Waldbewohner, der schon seit einem Menschenalter außer allem Zusammenhang zum Kirchendienst in der Kathedrale der heiligen Sophia gestanden, mit unbeirrbarem Gleichmut, doch unverkennbar strebte er sorgfältig und eifrig danach, für seine Pflegetochter die von glücklicher Fügung gebotene Gunst zu nutzen und ihr dasjenige zuzuwenden, für das er selbst kein Bedürfnis empfand. Mit einer, seiner rauhen Erscheinung seltsam stehenden, feinfühligen Dankbarkeit sprach er manchmal: »Sie ist nicht von unserer Art und braucht's anders. Ich konnt's ihr nicht geben, es ist wohl Gottes Wille gewesen, daß Ihr hierherkommen solltet, Herr, und Ihr tut ein Werk an ihr, das Euch nicht gereuen wird. Sie ist zu gut für Pech und Kohlenruß, mich hat's oft verwundert, daß sie so säuberlich dabei geblieben, als wüchsen jeden Morgen frische weiße Blätter um sie herum.« Dietwald Werneken sah einen Augenblick nachsinnend drein: »Habt ihr doch manches gegeben, Westerling, das sie von andern Leuten nicht leicht mitbekommen hätte.« Es war auch ihm schon vor der letzten Bemerkung des Alten aufgefallen, daß die grobe Linnenwäsche und der einzige zottige Pelzrock des Mädchens täglich die gleiche Frische bewahrten. Sie mußte mit emsiger Sorgfalt für die stete Sauberkeit derselben bedacht sein, und ebenso erschienen ihre kleinen, jetzt in der günstigern Jahreszeit unbeschuht getragenen Füße immer, als ob sie erst eben vorher einen frischen Quell verlassen. Dergestalt aber war der Unterricht Elisabeths für Dietwald allmählich fast zum eifrigst betriebenen Gegenstande seiner Tätigkeit geworden und verrann die Zeit, daß es ihm eines Tages beinahe unglaublich erschien, als er vergilbt fallende Blätter um sich gewahrte. Länger schon als ein Jahr war er zu Nowgorod gewesen, und ihm kam zum erstenmal die Erinnerung, daß er sich gesagt, es sei unmöglich, einen zweiten Winter in der Einöde seines Hauses zuzubringen. Bald mußte der Schneefall eintreten und auch seinem Lehren ein Ende machen, da das Mädchen dann nicht mehr zu ihm gelangen konnte. So erwog er seine Rückkehr nach Dorpat. Zog ihn auch ein unbestimmt heimliches Begehren dorthin, den Winter hindurch als Gast in Goswin Wulflams Hause zu verweilen? Manchmal kam's ihm so, wenn er das kleine Amulet in der Hand hielt und ihm aus der Höhlung die braune Haarlocke entgegensah. Ungewiß ging er mehrere Tage umher; als nun sein Weg ihn halb ohne Absicht zur Waldhütte geführt, sprach er: »Ich komme wohl zum letztenmal heraus, Westerling, und werde Abschied von Euch nehmen müssen.« Er erklärte weshalb; Elisabeth stand wortlos daneben, nur in ihren Augen zitterte plötzlich eine betäubende tödliche Angst. Doch sichtbar befiel auch den Pechler ein schmerzlicher Schreck, dann hatte er seine ruhige Überlegung wieder erlangt und äußerte: »Wenn Ihr fort wollt, weil Ihr den Winter lang zu einsam und untätig wäret, Herr Werneken, da könnten wir miteinander, deucht mich, wohl beidem begegnen. Eure Wirtschafterin ist schwach und krankhaft, wie Ihr öfter gesprochen; nehmet Elisaweta an Stelle der gebrechlichen Alten. Sie ist kräftig und bedachtsam, für Euren Haushalt zu sorgen; Ihr aber lasset Euer Gotteswerk nicht unvollendet verderben, denn wenn sie allein wieder bei uns verbleiben müßte, da weiß ich, würde ich sie vor mir in den Schnee legen.« Aus dem Ton seiner schlichten Worte sprach eine zärtliche Sorge für das Mädchen und ergreifend bescheidene Unterordnung seiner Lebensführung unter das von der Natur feiner geartete Wesen seines Pflegekindes. Dietwald stand, von dem unerwarteten Vorschlag überrascht, mit zaudernden Gedanken. Der Alte hatte wahr gesprochen; er war im Begriff gewesen, ein Unrecht zu begehen, nicht an seiner Schülerin allein, sondern an der ganzen deutschen Bevölkerung der Stadt, um derentwillen er hierher gekommen. Unvollendet ließ er ein Werk, das freudigsten Fortgang gewonnen, verderben; ein doppelt schweres Unrecht beging er, wenn er dies zuließ, weil ihn eine selbstsüchtige Empfindung nach Dorpat davonzog. Er war auch nicht entschlossen gewesen, hatte mit dem Gedanken seines Fortgehens nur gespielt. Nun schnitt er ihn jäh ab und sprach, sich umwendend, freundlich: »Ihr habt das Rechte gesprochen, Westerling, wie schon oftmals. Wollen wir nach dem Lesen den Winter hindurch versuchen, ob deine Hand auch das Schreiben erlernt, Elisabeth?« Das Mädchen stieß einen selig erlösenden Freudenschrei aus; sie wollte sich niederbücken, um seinen Gewandsaum mit den Lippen zu berühren, aber schnell kam ihr das Gedächtnis seines Verbots, und sie faßte, kühn und zaghaft zugleich, zum Dank seine Hand, und er fühlte, daß in ihren rauhen Fingern das Blut mit ungestümer Schnelligkeit klopfte. Und so lag der Schnee wieder um den gotischen Kaufhof. Einförmig schritten die Tage, die Wochen, doch anders als im Winter zuvor. Sie waren lang, aber nicht trostlos und entmutigend, als kehre niemals bessere Zeit zurück. Vom Morgen bis zum Abend befanden die beiden Hausbewohner sich fast stets allein beisammen, und beisammen sein hieß für Dietwald Lehren, für das Mädchen Lernen. Er hatte dem Tag bestimmte Zeitmaße für das Lesen, Schreiben, Rechnen und die Religionslehre zugeteilt, doch nicht nur der wirkliche Unterricht, sondern jedes Wort von ihm auch zu andern Stunden bildete eine Bereicherung der Kenntnisse Elisabeths, von der ihr kein Teilchen wieder entschwand. Oftmals fragte er überrascht, woher sie etwas gewußt, denn ihm war längst entfallen, daß es einmal aus seinem Munde gekommen. Und in gleicher Weise empfand er geraume Zeit, daß manches anders um ihn sei, als im vorigen Winter, ohne sich deutlich sagen zu können, was. Es war behaglicher in den öden Stuben geworden, doch erst nach und nach ging ihm die Erkenntnis auf, daß diese wohltuende Veränderung sich aus vielen unmerklichen Kleinigkeiten zusammenfügte. Eine weibliche Hand trug folglich auch für das Geringfügigste Bedacht. Dietwald Werneken erstaunte, wie seine Genossin nach kurzer Eingewöhnung nicht einem im Wald unerfahren aufgewachsenen Kinde, sondern einer umsichtigen Wirtschafterin ähnlich den Erfordernissen des kleinen Haushaltes vorstand. Der Schnee lag nicht völlig so tief, als im Winter zuvor, und er hatte ihr mit leichterer Mühe einen Weg durch die verödete Straße bis zu den Häusern um die Wolchowbrücke gebahnt, wo sie ihre Einkäufe an Lebensmitteln besorgte. Fröhlich kehrte sie, diese im Korbe tragend, täglich mit den bloßen Füßen in den Holzschuhen durch den Schnee heim. Im Ansang hatte er einmal gefragt, ob es sie in dem kurzen Rock nicht friere, doch sie fast verwundert darauf erwidert, anders sei sie's von Kindheit auf niemals gewöhnt, da könne es ihr doch auch jetzt, wo sie viel größer geworden, nicht kalt sein. Und sie fror auch nie, der Wind mochte noch so schneidend Eisnadeln über sie peitschen, sie kam nur mit röteren Wangen aus ihm zurück, denn an die Stelle der früheren Blässe ihres Gesichtes trat mehr und mehr eine zartblühende Färbung. Aber am freudigsten war es ihr dennoch, abends mit Dietwald an den flackernden Flammen des Herdes zu sitzen und zu hören, was er ihr von den Hansestädten des Westens, dortiger Sitte und Lebensführung erzählte. Das geschah Tag um Tag gleich, und ihre Fragen bekundeten ein immer mehr und mehr anwachsendes Verständnis der fremden Dinge, von denen sie selbst die Namen nie zuvor gehört. Nur fiel es ihrem Hausgefährten auf, daß sie seit einiger Zeit ihre Füße manchmal mit einer plötzlichen Bewegung zurückzog, besonders wenn bei höherm Auflodern der Holzscheite ein volleres Licht auf sie fiel. Dann suchte sie dieselben vergeblich mit dem kurzen Rocksaum zu bedecken, daß Dietwald einmal dazu sprach: »Wenn du ruhig sitzest, friert es dich dennoch an den Füßen,« Sie antwortete rasch und zugleich stockend: »Nein –« und ihr Antlitz wurde rot. Er versetzte: »Doch, dein Gesicht redet, daß du es verbirgst, warum hast du's nicht früher gesprochen? Es wäre ein übler Lohn deiner Bescheidenheit, wenn du krank würdest, und es war töricht von mir, nicht eher dafür zu sorgen.« Er hatte in der Tat nie mehr an das Absonderliche ihrer Bekleidung gedacht, sie schien ihm unzertrennlich von dem einfachen Überwurf des geflockten Schafsfelles und den bauschenden Linnenärmeln. Nun ging er am nächsten Tage und ließ ihr lange Frauengewänder herstellen, so gut die herabgekommene Kunst der Gewandschneider zu Nowgorod solche an Stoff und Zuschnitt ins Werk zu sehen vermochte. Als er sie zum ersten Male darin gewahrte, überraschte ihn der Anblick, doch eigentlich nicht mit dem erfreulichen Eindruck, den er davon erwartet. Sie erschien größer, schlanker und völlig anders geworden, er sah sie im ersten Augenblick befremdet an. Vorher hatte sie ihn nicht an ein weibliches Wesen erinnert, jetzt bot sie eine Ähnlichkeit mit jungen Mädchen, wie er sie zu Hamburg gesehen. Etwas Vertrautes war ihm aus der Stube verschwunden, er konnte die Umänderung ihrer Kleidung nicht bereuen, denn sie zeigte sich sichtlich davon beglückt und gewann besseren Schutz gegen die Kälte dadurch, aber das weiße, umzottelte Lamm mit den kleinen, zierlichen Füßen war ihm lieber gewesen. Wenn er jetzt mit ihr am Herde saß, gemahnte ihre Erscheinung ihn an den Wunsch, der im vorigen Winter manchmal in ihm emporgetaucht, daß statt der alten Wirtschafterin Folka Wulflam ihm dort gegenüber sitzen möge, häufiger denn früher mußte er der letzteren gedenken, trat ihre sichere, hohe Gestalt in stolzer Schönheit ihm im Vergleich lebendig vor die Augen. Es kam ihm erst jetzt, daß Elisabeth in ihrer Waldtracht eine gewisse natürliche Anmut besessen, die sie seit der Anlegung der neuen Gewänder verloren. Sie bewegte sich in diesen nicht mehr so behend und ursprünglich, erschien überhaupt nicht als ein fröhliches Kind mehr, hatte oftmals etwas Befangenes, zuweilen fast einen scheuen Aufblick. Nur ihr Lerneifer blieb der nämliche und ihre Freudigkeit, wenn sie als Belohnung ihres Fortschrittes das Schatzkästchen aus dem Schrein hervornehmen und den glitzernden Inhalt durch ihre Finger gleiten lassen durfte. Doch zog sie unverkennbar am meisten das kleine Goldkreuz an, sie hielt es stundenlang mit sorgsamer Vorsicht in der Hand, und ihre scharfen Augen hatten die neuerlernte Wissenschaft daran betätigt, daß sie herausgefunden, der von dem Blätterkranz umgebene, beinahe verlöschte Buchstabe darauf sei ein E gewesen. »Grad' wie mein Name anfängt!« stieß sie bei der Entdeckung beglückt hervor. Dagegen flößte das Messing-Amulet ihr augenscheinlich eine Abneigung ein. Sie griff wohl öfters auch nach ihm, doch die Art, wie ihre Finger es faßten, war eine völlig andere. Eines Tages vermißte Dietwald Werneken die darin enthaltene braune Haarflechte und fand sie erst nach vergeblichem Umhersuchen auf dem Fußboden liegend. »Du bist unvorsichtig gewesen und hast sie herausfallen lassen,« tadelte er Elisabeth unwillig, »künftig werde ich dir die Kapsel nicht mehr für deine Spielerei lassen.« Es war zum ersten Male, daß er ein scheltendes Wort zu ihr sprach. Sie stand mit rot aufglühenden Schläfen, antwortete stotternd: »Verzeiht mir, wenn ich Schuld dran gehabt«, und ging rasch zu einer häuslichen Vorkehrung aus der Stube hinaus. Achtes Kapitel. Und ohne das Pendelticken einer Uhr, die noch niemand zu Nowgorod kannte, hatte die Zeit wieder den Winter durchmessen. Als goldener Zeiger deutete die Sonne im Blau das Vorgerücktsein der Monate bis zum Mai, da begab sich eines Nachmittags Unerwartetes. Der Hufschlag mehrerer Reiter erscholl durch die schneebefreite Gasse und hielt vor dem gotischen Kaufhof an. Im vordersten erkannte Dietwald Werneken das Gesicht eines der livländischen Knechte, die ihn vor bald zwei Jahren hierher geleitet. Sie brachten einen Brief Herrn Goswin Wulflams, der von Sorge über das Ausbleiben jeder Kundschaft aus Naugard gefaßt worden. Außerdem fügte er ein Schreiben hinzu, das aus Lübeck für Dietwald zu Dorpat eingegangen. Er bat dringend um mitteilsame Benachrichtigung über das Wohlbefinden seines ehemaligen Gastes, sonst aber redete aus der Schrift des alten Herrn keinerlei schwermütige Stimmung, wie sie zumeist in der mündlichen Zwiesprache von seinen Lippen geflossen. Mit gar freudigen Worten gab er vielmehr kund, daß schon seit langer Zeit sein häuslicher Zustand eine Umwandlung erfahren, wie er sie nicht mehr zu erleben erhofft. Die entstamme von seiner Nichte her, bei der er kaum zu glauben vermöge, sie sei noch des nämlichen Blutes aus früheren Tagen, da sie nicht mehr als eine kaltsinnige Fremde abgetrennt unter seinem Dach wohne, sondern ihm wie eine leibliche Tochter im Hause geworden, daß ein warmer Sonnenschein dies anfülle und ihn den Frost seines hohen Alters nicht mehr empfinden lasse. Ihm sei aber kein Zweifel, wem er für diese wundersame tröstliche Besserung Dank schulde, denn so kurz leider nur das Verweilen Dietwalds bei ihm gewesen, habe es doch eine herrliche Saat gestreut, die vom Tage seines Fortzuges aufgegangen und immer voller gediehen. Und er halte auch dafür, wenn der Urheber dieser Verwandlung Folkas zurückkomme, werde er wohl selber die Überzeugung gewinnen, daß er sich in dem Glauben getäuscht, er hinterlasse nur bei dem Schreiber dieses Briefes allein ein freundliches Gedenken. Wenn dem letztern beschieden sei, noch mit Augen zu gewahren, daß auch Dietwald etwa einer andern Täuschung in sich selber von damals inne werde, da gehe er mit Freudigkeit aus einer Welt, welche keine Aussicht auf anderes mehr belasse, als auf das still-genügsame, allen Hoffnungen nach außen abgewandte Glück von Menschen in der Beschränkung des eigenen arbeitsam und traulich befriedigenden Hauses. Mancherlei anderes fügte das Schreiben Goswin Wulflams noch hinzu; mit sinnendem Blick und lebhaft klopfendem Herzen las der junge Kaufmann die Schrift zum andernmal. Dann begab er sich eifrig an ein Werk, dessen Ausführung ihm die unerwartete Ankunft der Knechte ermöglichte. Schon oft hatte er mit kaufmännisch besorgten Augen die im Lagerräum angehäuften Pelze bemessen, nun bot sich ihm plötzlich erwünschteste Fortschaffungsgelegenheit zu ihrer Verwertung, und emsig sonderte er die kostbarsten in wohlverwahrte, für Pferde tragbare Ballen zusammen, um sie den Rückkehrenden nach Dorpat mitzugeben. So ward es später Abend, eh' er nach der einfachen, mit Elisabeth eingenommenen Mahlzeit das andere, dem Briefe Herrn Wulflams beigelegte Schreiben zur Hand nahm. Doch die lang andauernde Helligkeit des Maitages verstattete noch deutliche Erkennung des schon viele Monate alten Schriftwerks, und seinem steten Brauch des Lesens in Gegenwart des Mädchens gemäß, verlas er es mit lauter Stimme: »Hochwerter und besonders lieber, freundwilliger Herr Vetter! Ich sagte Euch bei Eurer Abfahrt zu, Euch unter Zeiten Kundschaft aus unserer Stadt ins Rußland zu vermelden, und verhoffe, selbige wird durch Herrn Wulflam zu Dorpat glücklich an Euch hingelangen. Es hat mir aber bisher an Mut und Freudigkeit zu heftig gebrochen, meinem Angelöbnis ehender nachzukommen, denn es teilet nicht gern ein Mensch üble Botschaft mit, so lang er sich noch bessern Ausgangs getröstet. Steht desleider nunmehr keiner zu erwarten. Habet uns zu rechter Stunde verlassen, lieber Vetter, um nicht unser aller Unheil und Verzagnis mitzubefahren, weit elendiglich betrübsamer, als zur Stund' der Schnee auf Euch in Naugard liegen mag. Denn er tauet ab, doch der unserige, bedünkt mich, zerrinnet nicht wieder. Weiß nicht, welcherlei Nachricht von hier an Euch gekommen, will in Kürze niederschreiben, wie es geschehen. Es ist also nur wenige Tage, nachdem Ihr von uns gegangen, der Graf Christian von Oldenburg mit viertausend Reitern und Fußknechten vor unsere Stadt gelagert und hat von Lübeck begehrt, dasselbe solle ihm Beihülfe leisten zur Befreiung seines Blutsfreundes, des gefangenen Königs Christierns des Zweiten, dem die Sendboten der Hanse ehemals zu Kopenhagen freies Geleit verbürgt gehabt. Hat dergestalt, wie sich alsbald kund getan, im Einvernehmen mit dem Burgemeister Wullenweber gehandelt, der in begeisterter Redeführung Rat und Volk auf dem Marktplatze gefordert, den König Christiern wiederum auf den dänischen Thron zu setzen und die alte Schwerteskraft der Hanse zu bewähren, daß niemand der Macht seines Wortes widerstehen können. Und ist ein Getobe der Beipflicht gewesen, wie es kein Lebender gehört. Es hat aber Herr Wullenweber sogleich mit kluger Umsicht die Forderungen für die Mithülfe bedungen, insonders die Übergabe der Schlösser Helsingborg und Helsingör, der Stadt Bergen und der Burg Bergenhuus an Lübeck. Wär' es also gelungen, möchten wohl die Tage unserer Vorväter wiedergekommen sein, deren Gedächtnis und hohe Gedanken in Herrn Wullenwebers Kopf und Brust wieder lebendig geworden. »Dem infolge ist der Krieg entbrannt, welchem auch König Heinrich von England seine Beihülfe zugesagt, wie der Ritter Marx Meyer geheim mit ihm Abkunft genommen gehabt. Und hat sich der oldenburgische Graf um die Junimondsmitte mit einundzwanzig Schiffen unserer Stadt von Travemünde unter Segel nach Seeland begeben, dasselbe zusamt der Stadt Kopenhagen in Bälde völlig eingenommen, da alle Bürger und Bauern ihm mit Jubel zugeströmt sind, um Christiern, der das niedere Volk niemalen bedrückt gehabt, wieder zum König zu erhalten. Sind die Reichsräte, die Geistlichkeit und der Adel nach Jütland entronnen, die Sache dort so raschen und guten Fortgang gewonnen. »Mittlerweil aber ist dafür Lübeck Übles geschehen. Denn während des, daß unsere Kriegsmacht nach dem Seelande verzogen, hat Johannes Rantzau, des holsteinischen Herzogs Christian Feldhauptmann, einen Heerhaufen angesammelt, uns selber mit arger Kriegsnot bedräut, die Stadt umlagert, den Travefluß mit schweren Ketten abgesperrt, auch all unser Gebiet umher arg verheert mit alleiniger Schonung der Güterschaften Nikolaus Brömses, als welchen Herzog Christian öffentlich seinen Freund benannt. Und haben alsbald nachher Reichsrat, Adel und Geistlichkeit zu Jütland benannten Herzog zum König Christian dem Dritten von Dänemark erwählt, wozu die holsteinischen Junker sich vermessen, ihn in Wirklichkeit auf den dänischen Thron zu setzen, »aller Welt zum Trotze, und sollte in Lübeck kein Stein auf dem andern verbleiben«. Und ist solchermaßen unsere Stadt in Dänemark herrisch gewesen, doch daheim vor allen Toren keines Schrittes mächtig. Wider diese Drängnis, in welcher der engelländische König uns wortbrüchig im Stiche gelassen, hat Herr Wullenweber lang mit gar beweglichem Anliegen bei dem Herzog Albrecht von Mecklenburg Beistand nachgesucht und demselben die dänische Krone zugesagt, da die Nötigung ihn zu dem Entscheid gedrängt, »man könne jeden König leiden, der Lübeck im Evangelium und dem gemeinen Nutzen unverhindert verbleiben lasse«, wenn derselbe zuvor dem gefangenen Christiern zur Befreiung verholfen. Es hat auch der ›Reichserbvorschneider‹ in Mecklenburg wohl reichlich Lust zu dem Thronangebot, doch noch mehr unbeherzte Wankelmütigkeit bewiesen, und ist also die Entmutigung des Volkes in unserer belagerten Stadt so hoch gewachsen, daß der Burgemeister gezwungen worden, im Novembermond zu Stockelsdorf vor dem Holstentor einen Vertrag mit dem Feinde abzuschließen, es solle der Krieg nirgendwo mehr auf dem festen Lande weitergeführt werden, dagegen es dem König Christian wie Lübeck zustehen, in Dänemark fürder um die Oberhand zu wetten. Dieses aber ist sehr wider Herrn Wullenwebers Wunsch und Willen geschehen, da die Geschlechter in unserer Stadt und, desleider darf ich es nicht verhehlen, ingleichem die lutherischen Prediger das leichtgläubige Volk aufgewiegelt, die Kriegsbürden, welche der Burgemeister dem Gemeinwesen auferlege, würden zu aller Verarmung, Hungersnot und Untergang führen. Und sind in weiterer Folge die Vierundsechziger vom Regiment bei uns abgetreten, auch ein Teil der Junker in den Rat zurückgelangt, daß Herr Wullenweber in demselben an der Mehrheit keinen Anhang mehr für seine großen Pläne gefunden. Um selbige Zeit aber hat sich desgleichen das Kriegsglück auf Seeland böswillig verwendet, ist der Ritter Marx Meyer mit seinem Heervolk durch Treubruch und Falschzüngigkeit zu schwerer Niederlage und er selber in Gefangenschaft auf Wardbergschloß geraten, wo er noch zur Stunde unfrei gehalten wird, und hat König Christians Waffenmacht täglich mehr Vorschritte in Dänemark gemacht. So ist der Junimond des verwichenen Jahres herangekommen, eine große hansische Schiffsmacht der Städte Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswald und Stralsund in See gelaufen, die des Burgemeisters nimmer ermüdlicher, noch verzaglicher Eifer zur Ausrüstung gebracht. Gegen diese hat auch eine mächtige zusammengeeinigte Flotte der Dänen, Schweden und des preußischen Hochmeisters gestanden, und es ist alsbald bei der Insel Bornholm zu einer Seeschlacht geraten, hat sich jedoch nur zu bald gezeigt, daß die Anführer unserer Schiffe, bis auf unsern eigenen wackern Admiral Hans Albrecht, feig, verräterisch und bestochen gewesen, da sie jenen schimpflich im Stiche gelassen, nur von weitem etliche Kartaunenschüsse abgefeuert haben und hernach davongesegelt sind. »Es fällt mir wahrlich zu schwer, lieber Herr Vetter, all die Schmach und Schande niederzuschreiben, welche des weitern zu Land und Wasser über die Städte gekommen, bis unsere Feldmacht bei Assens auf der Insel Fünen durch Johann Rantzau völlig daniedergelegt worden und unsere Flotte, obwohl die Schiffsführer derselben ehrliche Freunde der Volkssache gewesen, im letzten Novembermond noch einmal durch verräterische Abtrünnigkeit des patrizischen Admirals Klaus Warnow im Sunde gleicherweise ruchlos wie bei Bornholm dem Feinde den Obsieg zugewendet. So ist die Herrschaft der Hanse auf der Ostsee zu Grabe gegangen, daraus sie wohl niemalen wieder erstehen wird. Doch haben wir solch Schimpf und Unheil nicht erleben müssen, weil unsern Gewaffneten der alte Mut und die Tapferkeit gebrochen, vielmehr lediglich aus Tücke und heimlichem Umtrieb bei den Hauptleuten durch unsere und der übrigen Städte Patrizischen, welche arglistig den Anlaß ersehen, auf Kosten des gemeinen Wesens und der Hanse zu ihrer frühern Macht zurückzugelangen. Denn es geht die Welt mit großer Falschheit um, und obzwar es mir bitterliches Leid entpreßt, muß ich abermals dreinfügen, daß die lutherischen Prediger nicht den mindern Teil davon verschuldet haben und im Einvernehmen mit den Junkern gleicherweise Gelüst nach weltlicher Herrschaft bekunden, wie es die römischen vormalen getan. Es mag wohl Herr Wullenweber manchmal mit Bitternis gedenken, daß er an dem Abend, als wir beisammen in der Brautstube des Ratsweinkellers gesessen, allzu vertrauensvoll und ungerecht wider den Ritter aufgefahren, wie dieser gesprochen: Pfaff ist Pfaff, und gleiche Aussaat, ob aus Rom oder Wittenberg! »Ich will Euch aber, lieber Vetter, noch mit kurzem Wort beifügen, was in unserer Stadt selber geschehen. Es hat, wie es in der Welt geschiehet, vielerlei zusammengewirkt, das Kriegsunglück, Androhung kaiserlicher Acht, Uneinigkeit und Kleinmütigkeit der Städte, der Fürsten Haß gegen die Freiheit der Bürger, des Volkes Wankelmut und nicht zum mindesten die Geldsbestechung durch die Junker und der Prediger Zurede auf der Kanzel und in den Häusern – daß bei uns das alte Regiment zur Herrschaft zurückgekommen. Und so ist Herr Nikolaus Brömse wiederum Burgemeister der Stadt in feierlichem Aufzug von anderthalb hundert Reitern in die Marienkirche und den Ratssaal eingeholt und Herr Johannes Krevet als erster Ratsherr neben ihn gestellt worden. Dies hat sich zugetragen, nachdem Herr Wullenweber zum letztenmal hoffnungslos von dem Herzog Albrecht aus Mecklenburg heimgekehrt, da er dann solchen Zustand in Lübeck vorgefunden, daß er selber, von allen verlassen, auch seine Entlassung vom Burgemeisterstuhl begehrt. Und ist ihm danach für solchen freiwilligen Verzicht die Vogtei in Bergedorf vom Rat zugebilligt worden, doch hat der gemeine Haufen ihn, als er vom Rathause nach seiner Wohnung zurückgeschritten, mit bösen Flüchen und Schimpfreden durch die Gassen geleitet, wie jeglicher sich dessen versehen muß, der Großes ausführen gewollt und der niedern Sinnesart und Kleinmütigkeit der Menschen um ihn unterlegen. Und er ist gleichmütigen Blickes durch das Gelärm hindurchgegangen. Der Herr Doctor von Pack, vormalig Herzog Georgs Kanzler, mit dem wir selbander im Ratsweinkeller am Tische gesessen, hat sich aber unter solchen Bewandtnissen, wie wohl zu erwarten gestanden, in gar übler Doppeldeutigkeit verhalten, bald unbehelligt aus dem Staube gemacht; dagegen Herr Johannes Oldendorp, Doctor, wenn auch nicht ohn' einige kluge Findigkeit für sich selber, doch treulich zu Herrn Wullenweber gestanden. »Daß Obbemeldetes hat ins Werk gesetzt werden können, ist aber vor allem schlimmes Verdienst eines Hansetages gewesen, wie unsere Stadt solchen wohl von Urvätertagen her nicht gewahrt. Denn nachdem derselbige zu Anfang gen Lüneburg einberufen, ist er bald zu uns selber verlegt worden, und haben hier die überheidischen und Westerlingsstädte Köln, Bremen, Hamburg, Magdeburg, Hildesheim, Hannover, Soest, Deventer und andere sich vermessen, Entscheid und Aburtelsspruch über das Kriegsverhalten der Osterlinge zu fällen, so daß es zu einem völligen Auseinanderbruch der Hanse geraten. Sind insonders mit der Vornahme gekommen, das »unordentliche Regiment« zu Lübeck, wie sie's beheißen, abzustellen; hätten manche gernwillig der evangelischen Reformation zugleich mit den Garaus gemacht, da zumal die Sendboten von Köln öffentlich, was bei uns in Lübeck geschehen, mit den Schandtaten der Wiedertäufer zu Münster in Vergleich gesetzt und deutlich geredet, in ihrer Stadt hänge, köpfe und ersäufe man die Ketzer, sie wollten bei alter Gewohnheit bleiben und fänden sich wohl dabei. Sind insonders viel heftige Anklagen gegen den Burgemeister Wullenweber und allerorten her gar lautes Geschrei über den »mutwilligen Krieg« ausgegangen, und haben Eurer Vaterstadt Hamburg Abgesandte ihren Predigern nach gesprochen: Der Obrigkeit und nicht der Gemeinde habe Gott das Regiment befohlen; davon rühre der Aufruhr der meisten Städte, daß die Ratsherren die Bürgerschaft um ihren Willen befragen. Wozu die von Braunschweig mit ängstlicher Vermahnung und Afterweisheit gefügt: Man möge der Fürsten Zorn nicht aufbringen, der durch den Bauernkrieg üble Reizung erfahren; es leide jegliches irdische Ding am Wechsel und sei notwendig, in die Welt, die seit hundert Jahren eine andere geworden, sich zu schicken. »Das ist wohl das Alleinige, was der Wahrheit gemäß auf diesem Hansetag in unserer Stadt aus einem Munde gegangen. Die Menschen in der Welt sind andere geworden seit hundert Jahren, und es war nur einer verblieben, der mit seines Geistes Kraft und seiner Lippen Anhauch die Toten wieder lebendig machen zu können vermeint. Ist töricht von ihm gewesen, wie eines Kindes Einbildung, aber eines großen Sinnes und heiß bewegten Herzens Torheit. Auf dem Sitz, von welchem aus er die Welt zurückzuwenden getrachtet, verweilet jetzt wiederum mit weißen Frauenhänden und argem Lächeln Herr Nikolaus Brömse, der Fürsten und Pfaffen Freund. Es weiß keiner, was ihm am nächsten Tag zu befahren steht. Und also, befürcht' ich, schrieb ich dieses von der deutschen Hanse Ausgang und End.« Dietwald Werneken hielt in seinem lauten Vorlesen inne und sah tiefernsten Blickes auf das Schriftstück hinunter. Das alles hatte sich zugetragen und die Welt des Westens unablässig mit tausendfältigem Gelärm erfüllt, während er zweimal unendliche Winter lang in der wechsellosen Einförmigkeit und Todesstille des Schnees begraben gelegen. Leidhaft tauchten die mächtigen Gestalten Jürgen Wullenwebers und Marx Meyers vor ihm auf, manch damals nicht begriffenes Wort aus ihrem Munde klang ihm plötzlich mit brausendem Verständnis im Ohr nach. Elisabeth hatte aufmerksam zugehört, der Ausdruck ihres Gesichtes gab kund, daß sie wohl vieles von dem Bericht nicht verstanden, doch manches daraus an Kenntnisse anzuknüpfen vermocht, die sie im Gang des langen Winters aus Mitteilungen ihres Hausgenossen aufbewahrt. Nun las Dietwald den noch übriggebliebenen kurzen Schluß des Briefes: »Drum wollet es mir nicht verübeln, lieber Vetter, wenn mir am heutigen Tag Neigung und Mut gebricht, weiteres beizufügen. Es versegelt ein Schiff nach Riga, wohl als das letzte vor des Winters Seefahrtsschluß, dem gebe ich dieses Schreiben mit, verhoffe, Ihr bekommt's. So übel es in der Welt ausschauet, ergeht es in unserm Hause freudig und wohlgemut; vermeine ich, eine glückliche Ehegemeinschaft sei das einzige, dessen Menschen sich noch getrosten mögen. Und es hat mich zur Herbstzeit mein lieber Hausschatz mit einem ersten Knäblein beschenkt, aber es ist gleich warmem Frühling zu uns gekommen. Sie läßt Euch gar freudigen Gruß entbieten, Ihr möchtet weidlich Sorge tragen, daß Ihr auch eine junge Eheliebste mit Euch heimbrächtet, das tu' Euch besonders not. Ist der Weiber Art, allzeit nach einem Kuppelpelz zu trachten! ob Ihr zwar recht unter dem Buntwerk verweilt, wird sie ihn zu Naugard wohl schwerlich an Euch gewinnen. Doch herbergen Riga oder Dorpat gewißlich deutsche Töchter von trefflicher Art: denen müsset Ihr bei der Rückkunft vorüber. Hab' ich ihr zum Trost gesprochen. Gehabet Euch denn unter Gottes Schutz, und so Ihr uns derartig Wohlerfreuliches vermelden könnt, tut es alsbald zu wissen Eurem getreulich verbundenen Vetter Jordan Warendorp .« Das Gesicht Elisabeths fuhr bei dem Klang des letzten Wortes plötzlich mit einem sonderbaren Ruck empor. Sie blickte Dietwald Werneken sprachlos, gespannt noch aufhorchend an, daß er unwillkürlich fragte: »Wonach hörst du, Mädchen?« Langsam, mit einem ängstlich erwartungsvollen Ausdruck antwortete sie: »Wie heißt sich Euer Vetter?« Er wiederholte: »Jordan Warendorp.« Da sprang sie jäh vom Sitz. »Das ist er – Warendorp – das war meiner Mutter Name!« Erstaunt hafteten Dietwalds Augen auf ihr. »So wärest du seines verschollenen Oheims Kind – und wir beiden selber, Elisabeth, miteinander verwandt.« Er streckte, von der überraschenden Entdeckung fortgerissen, seine Hand nach der ihrigen. Sie hielt dieselbe und stotterte glückselig: »Ihr mit mir? Ich fühlt' es oft – mein Ohr wußte den Namen, aber nicht die Zunge –« Doch auf einmal bis an den Haarrand von einer heißen Röte überflammt, stieß sie erschreckt aus, daß sie für die Knechte etwas zu besorgen verabsäumt, und verließ hastig die Stube. Neuntes Kapitel. Der Brief Jordan Warendorps übte eine tief erschütternde Wirkung auf Dietwald Werneken aus. Mehr als er selber gewußt, hatte der Wiederbeginn des alten hansischen Ansehens aus Vorväterzeit ihm am Herzen gelegen und heimlich-unbestimmte Hoffnung darauf sich in ihm an den neuen Burgemeister Lübecks geknüpft gehabt. Nun war's, als ob plötzlich die Sonne im Westen untergehe und lange, dunkle Schatten bis in den erwachenden Frühling des fernen Ostens herüberwerfe. Ein fröstelnder Schauer hatte den jungen Ausbreiter der evangelischen Lehre zu Nowgorod bei der zweimaligen Mitteilung des Briefes über das weltliche Verhalten der lutherischen Prediger in den Städten überronnen und ihm manchen Tag auch die Freudigkeit an seinem eigenen Wirken mit einem Schatten durchkältet. Ihm kam halb schreckhaft Böske Westerlings gleichmütige Rede ins Gedächtnis, Menschenwort sei das eine wie das andere. Aber dann floß ihm frischer Mut, indem er sich tröstete, nur halb enthalte der Spruch des Alten Wahrheit; daß Menschen wohl hüben und drüben eitel, schwach und verblendet seien, doch das reine, befreiende Wort bleibe, seiner irdischen Schlacken ledig geworden, in göttlicher, untrüblicher Klarheit bestehen. Für dieses, wie es in ihm selber lebe, Anhänger zu werben, bilde noch in gleicher Weise seines Erdenberufes höchste Aufgabe und besten Lohn, fast mehr noch als zuvor, da die Botschaft vom Westen her jede Wunschesregung in ihm erstickt hatte, in die dortige, ›mit großer Falschheit umgehende Welt‹ zurückzukehren. Tröstlich lag gegen diese die friedfertige Stille der verödeten Stadt um ihn. In der gleichmäßig ruhevoll aufblühenden, hinwelkenden und in den langen Winterschlaf zurückfallenden Natur, unter dem treuherzig-einfachen, ihm immer mehr mit vollstem Vertrauen anhängenden Rest der deutschen Bevölkerung empfand er sich bei dem Gedanken an die niedrige Gesinnung, Arglist und Begier drüben beinahe wie in einer Heimat, und verdoppelten Eifers nutzte er den neu begonnenen Sommer zur Weiterförderung des geistigen und leiblichen Wohles seiner Landsleute. Selbstverständlich war Elisabeth Warendorp auch mit dem Aufhören des Schnees nicht in den Wald zurückgekehrt, sondern als Wirtschafterin in seinem Hause verblieben und nahm in noch erhöhterem Maße als früher seine Unterrichtstätigkeit in Anspruch, damit sie späterhin in deutschen Landen nicht an Kenntnis hinter andern ihres Standes und Geschlechtes zurückstehe. Er hatte den livländischen Knechten bei ihrer Rückkehr nach Dorpat ein Antwortschreiben an Jordan Warendorp mitgegeben, darin er Kunde von dem Auffinden einer leiblichen Base desselben übermittelt, die er ihm zu kommender Zeit in sein Haus führen werde. Noch begehrte das Mädchen keineswegs danach, sondern hörte mit bänglicher Miene drauf, wenn er von dem künftigen Verlassen Nowgorods und ihrem Verbleiben im Hause des Vetters zu Lübeck sprach, wie sie nicht traulichern und bessern Aufenthalt auf Erden finden könne. Elisabeth meinte dagegen, solcher sei für sie hier im alten Kaufhof, sie wünsche sich nicht andern; weder zur Sommerzeit noch im Schnee könne es an einem Ort in der Welt heimlicher sein. Dietwald versetzte drauf: »Weil du nicht andern kennst als diesen; deine Augen werden sich gar freudig verwundern, wenn sie die Stuben in der Dankwardsgrube gewahren. Und, mich deucht, mehr als andere muß es dich nach deinem Vetter verlangen, dich unter einer Sippschaft deines Blutes gesichert zu fühlen.« Elisabeth hob zögernd den Kopf und erwiderte: »Ihr seid ja auch mein Vetter –« Er entgegnete: »Weit her, nicht mit dem Namen zu heißen;« aber sie fiel ein: »Mich deucht, grad' so, wie Herr Jordan Warendorp, denn er stammt von der gleichen Ältermutter mit mir. Wenn Ihr ihn Euren Vetter benennt, müßtet Ihr auch mich Eure Base heißen.« Dietwald Werneken lachte: »Du willst mir Zeugnis ablegen, daß du bei der Rechenunterweisung wohl aufgemerkt hast. Ich vermag nichts dawider zu reden, Base Elisabeth; laß uns denn einstweil gute Sippschaft selbander halten, bis daß ich dich unter deines wirklichen Vetters Obhut geliefert.« Daß aber in ihrer Blutsverwandtschaft keine Täuschung waltete, hatte der Pechler sogleich gesprochen, als er mit hochfrohem Erstaunen zum erstenmal die Kunde der überraschenden Entdeckung vernommen. Sein wasserblaues Auge verweilte prüfend auf dem Gesicht des jungen Kaufmanns, dann nickte er: ›Ist kein Trug dran, seid aus einer Wurzel mit ihr gewachsen, Herr Werneken, die ihre Arme weit durchs Erdreich verzweigt. Scheinet Euch wenig gleich zu sehen, daß man sonder Vermutung keine Ähnlichkeit finden mag. Doch wer solches Vorwissen erlangt, dem redet's etwas deutlich aus Eurer beider Angesicht. Nehmet Ihr zwei Schößlinge von einem alten Stamm und verpflanzet sie in unterschiedlichen Boden, gutes Land und Gestein, gebet ihnen andern Wind und andere Sonne, da wachsen sie an Größe und Gestaltung auch in gar mannigfaltiger Verschiedenheit auf. Aber doch bewahren sie ein Gemeinsames ihrer Art; wessen Blick das ausgefunden, verbleibt nicht in Zweifel, daß sie vom gleichen Lebenssaft ausgeflossen. So kündet sich's aus Euren Antlitzzügen, und es hat nach dem Ratschlusse desjenigen geschehen müssen, dessen Wille und Hand über uns ist, daß Ihr hierhergekommen, Eure Sippe unter besserer Hut gedeihen zu lassen, als sie bei uns geraten. Dafür weiß ich ihm Dank, daß ich gernwillig bereit bin, mich in den Schnee zu legen und darunter abzuwarten, was er weiter fügen mag, denn das Leben bedeucht mich als eine Arbeit, die geringen Lohn trägt. Ihr aber habet guten Gewinn von Eurer Handelsfahrt getragen, Herr Werneken, den Ihr wohl noch einmal höher schätzen mögt als heut. Solltet ihn alsbald in Sicherheit bei Euch daheim bergen, wie man ein Lamm nicht im Walde unter den Wölfen belaßt. Ich rate Euch solches fürwahr nicht, weil es mir leichtfällt, Elisaweta nimmer alsdann mit meinen Augen zu gewahren. Doch ich bin von Kindesbeinen in diesem Land erwachsen und weiß, daß es nicht gedeihlich für Euer beider Art ist. Es liegt wohl eine geraume Weile mit Friedfertigkeit drüber, aber in einer Nacht einmal brechen Stürme herein, gar wilden Geschnaub's, keiner weiß es vorher, eh' der böse Wind über ihm heult.« In Dietwald Wernekens Gemüt traf gar mancherlei zusammen, das ihm die letzte Mahnung des Alten von Tag zu Tag im Gedächtnis wachrief. Er hatte im Fortschritt dieses Sommers mehrfältig Anzeichen wahrgenommen, daß die Geistlichkeit sowohl der russischen als der römischen Kirche zu Nowgorod, welche bisher seine Anwesenheit völlig unbeachtet gelassen, Aufmerksamkeit auf die sonntägliche Zusammenkunft der Deutschen im Kaufhofe zu verwenden begonnen, und es war ihm hinterbracht worden, daß der päpstliche Priester sogar auf der Kanzel seiner Gemeinde Verbot und Strafandrohung in bezug auf die Teilnahme an jener nachmittäglichen Vereinigung auferlegt habe. Unter solchen Bewandtnissen erschien es dem jungen Kaufmann aber ratsam, eine möglichst rasche Vollendung seines Werkes herbeizuführen, damit kein Wiederabfall von der evangelischen Lehre in den Gemütern der innerlich Bekehrten eintreten könne. So faßte er den Entschluß einer Reise nach Dorpat hinüber, um von dort mit einem lutherischen Prediger zurückzukehren, der die hinlänglich Vorbereiteten nach den kirchlichen Vorschriften mit feierlichem Bekenntnis in den Bund der gereinigten Glaubenssatzungen zu einer festgeschlossenen Gemeinde aufnähme. Von Dorpat aus sollte alsdann Elisabeth eine Schiffsgelegenheit benutzen, um nach Lübeck zu gelangen, und Dietwald sagte sich, daß es sich ihm noch als eine dritte Pflicht hinzugeselle, mindestens einige Tage im Hause Goswin Wulflams zu verweilen, um dem Hochbejahrten noch einmal seinen Dank für die so vielfältig betätigte väterlich-herzliche Gesinnung zu sprechen. Besonders dies letztere Vorhaben drängte ihn mehr und mehr zu eilender Zurüstung für die weite Fahrt; es befiel ihn mit einer wachsenden Ängstlichkeit, daß der alte Herr aus dem Leben scheiden könne, ehe die Rückkunft seines Gastes ihm noch einigen freudigen Trost mit ins Grab gegeben – welcher Art, war Dietwald Werneken nicht deutlich, doch in seiner Brust klopfte es mit rascherem Schlage, wenn er der Ankunft in Dorpat gedachte. Sobald er die nötigen Vorkehrungen getroffen, im Beginn des Septembermondes wollte er aufbrechen. Dann blieb noch ausreichende Zeit zur Rückkehr nach Nowgorod, bevor der Winter einfiel und den Weg mit Schnee versperrte. Doch es geschah nicht nach dem Plan, den er entworfen. Menschenberechnung und Wunsch hatten ihn ausgesonnen, aber ein stärkerer Wille trat ihm entgegen. Zwei Tage vor dem festgesetzten Reiseaufbruch überlief es Dietwald Werneken bei seinen emsigen Zurüstungen einigemal mit einem wunderlichen Schaudergefühl; als er an seiner Arbeit noch eine Weile fortgefahren, befiel ihn in der heißen Mittagssonne plötzlich ein zähneschlagender Frost. Es zog ihm schwarz an den Augen vorüber, kaum besaß er noch die Kraft, aus dem Pelzraum, wo er bei der Verpackung von Biberfellen beschäftigt gewesen, in seine Stube zu gelangen und dort auf seine Lagerstatt hinzufallen. Da verwandelte sich die Eiseskälte seiner Glieder in brennende Glut, wie siedendes Öl, das von einem Hammerwerk immer schneller getrieben wurde, strömte das Blut ihm nach dem Gehirn und überschwemmte alles darin, auch den mit tausend Nadeln bohrenden Schmerz, zu todesgleicher Bewußtlosigkeit. Dann kam ihm zum erstenmal eine dumpfe Empfindung, aus der langsam eine verschwommene Gedankenvorstellung herauswuchs. Er hatte unendliche Zeit lang im Grabe gelegen, nun war er an einem andern Ort, er wußte nicht wo, denn der wechselte unablässig, doch manchmal sah und hörte er wieder. Häufig saß er mit Jürgen Wullenweber und Marx Meyer in fremden, rätselhaften, sonderbar beleuchteten Gegenden; sie beide, und er selber mit, klirrten ganz von Eisenrüstung, und plötzlich bewegte sich der Boden schwankend auf und nieder, denn es war ein Schiffsdeck, wildes Gerassel und Geschrei tobte auf, doch Jürgen Wullenwebers mächtiger Stimmruf übertäubte alles: »Wo bist du, Klaus Warnow, daß ich dir die Totenglocke der Hanse um deinen Schurkenhals binde und dich mit ihr ersäufe!« Da war er selber der verräterische Admiral, ein furchtbarer Stoß traf seine Brust, er stürzte rücklings in die Wellen, sank, und wie heulende Glocken brauste das Wasser ihm ins Ohr. Dann hob jedesmal die Hand Erdmute Warendorps ihn beim qualvoll erstickenden Versinken aus der Tiefe herauf und bettete ihn sanft auf einen warmen, sonnigen Rasenhang – Woher kam sie stets im Augenblick der höchsten Gefahr? Oder war sie immer da und wartete, nur daß er sie zu anderer Zeit nicht sah, als in seiner Todesnot? Manchmal verschloß das Wasser ihm auch die Lider zu fest, um sie öffnen zu können. Doch dann fühlte er, daß ihre Hand ihn rettete. Er kannte sie ganz genau, es gab keine andere, die ihr gliche. Nur hegte er in sonderbarem Irrtum immer wieder die Meinung, sie müsse sich rauh und hart anfühlen, und jedesmal doch war sie weich und zart. Sie brauchte sich nur auf seine Stirn zu legen, so hob sie ihn empor, und er ruhte friedlich und schmerzlos auf dem grünen Strand. Oder hatte er von allem dem nur oftmals geträumt und befand sich gar nicht im Schlachtgetümmel und Meergewoge, sondern lag ausgestreckt auf einem Bett? Erdmute Warendorp kam auch nicht mehr, jemand anders hatte ihre Stelle eingenommen. Obwohl ihn jetzt immer tiefe Ruhe umgab, fehlte ihm etwas. Er wäre lieber ab und zu wie früher in dem Wellengetose versunken, damit die weiche Hand sich wieder auf seine Stirn gelegt und ihn sanft emporgehoben hätte. Es verging noch lange Zeit, dann kam Dietwald Werneken das Bewußtsein, er sei krank und liege in Fiebereinbildungen. Die Erinnerung kehrte ihm, daß er im Lagerraum bei der Arbeit von Frost und Ohnmacht befallen worden, bis an sein Bett gelangt und darauf niedergesunken sei. So lag er noch jetzt, mutmaßlich seit manchen Wochen, und alles war nur ein Gaukelspiel seines kranken, brennenden Hirnes gewesen. Elisabeth mußte ihn in der Besinnungslosigkeit gefunden haben – wie er sein Denken gewaltsam anstrengte, gewahrte sein Gedächtnis einen Augenblick die lange Gestalt und das grauumhaarte Gesicht des Pechsieders über das Bett herabgebückt. Offenbar hatte sie ihn in ihrer Ratlosigkeit herbeirufen lassen. Soweit war ihm ein Besinnungsvermögen zurückgekommen, doch obwohl sein Kopf sich völlig ohne Schmerz fühlte, trieb ihm vor den Augen das Fieber noch immer Einbildungsgestalten auf. Er hatte die Lider weit geöffnet und sah zum erstenmal alle Dinge der Stube in einem rötlichen Spätnachmittagslicht deutlich vor sich. Aber an seinem Lager, mit zusammengelegten Händen, schweigsam gegen das Abendrot hinausblickend, saß Folka Wulflam. Er wußte, daß sie es nicht sei, sondern ein noch fortdauernder Betrug seiner fiebernden Sinne. War es überhaupt in Wirklichkeit ein Menschenwesen oder nur ein von ihm selber aus leerer Luft gebildetes Hirngespinst? Darüber sann er nach, indem er sich sagte, wenn es unbeweglich bleibe, sei es das letztere, und sein Blick blieb regungslos darauf haften. Geraume Zeit, dann konnte er sich nicht täuschen, es saß etwas leiblich Lebendiges vor ihm. Eine Brust hob sich atmend auf und nieder. Das Denken fiel ihm noch schwer, aber allmählich schritt er doch zu der Erkenntnis vor, wer es einzig sein könne, den seine Wahnvorstellung mit den Zügen Folka Wulflams bekleide. Und zugleich kam ihm etwas, das ihm zuvor noch nie in den Blick gefallen; aus dem Gesicht, der Erscheinung seiner Hausgenossin rede, seitdem sie den weißen Pelzrock abgelegt, dann und wann ein Zug, der in Wahrheit an einen ähnelnden im Antlitz Folka Wulflams gemahne. Das unterstützte offenbar die einbildnerische Täuschung; es dauerte noch eine Weile, bis er sich soweit als Herr über seine geringe Kraft empfand, eine Bewegung ausführen zu können. Nun hob er langsam die Hand nach derjenigen der neben ihm Sitzenden und brachte halbflüsternd von den Lippen: »Elisabeth –« Sie hatte seine Armregung nicht bemerkt und bebte schreckhaft zusammen, doch ihm war bei dem Versuch zu reden die Sprachfähigkeit besser als er vermutet erwacht, und er fügte kräftiger hinterdrein: »Ich war wohl lange krank, Base Elisabeth, und deine Hand hat mich sorglich behütet?« Da flog die Sitzende auf und stieß aus: »Redet Ihr noch immer von Sinnen und kennt mich nicht?« Das traf ihn wie ein Schlag wider die Stirn, der ihn jählings in Bewußtlosigkeit zurückzustürzen drohte. Es war nicht nur Folka Wulflams Antlitz und Gestalt, sondern auch ihre Stimme. Er suchte den machtlosen Kopf aufzurichten; nun sprach sie rasch: »Legt Euch zurück. Ihr seid noch zu schwach.« Erschöpfung zwang ihn, ihr Geheiß zu befolgen, er lag einige Augenblicke mit geschlossenen Lidern, dann wußte er, daß es keine Fiebereinbildung mehr, sondern Wirklichkeit sei, und er fragte mühsam aus seinen umirrenden Gedanken heraus: »Ihr habt Euren Oheim verlassen?« »Er hat mich verlassen –« Es war ihr entflogen, der Ausdruck ihrer Miene sprach, daß sie drüber erschrak. Der Kranke öffnete die Augen und sah sie halb abwesenden Blickes an. »Er ist gestorben?« Folka Wulflam nickte. »Sanft und still – regt Euch nicht auf – wenn Ihr kräftiger seid, sag' ich Euch seinen letzten freundlichen Gruß.« Das Sprechen fiel Dietwald wiederum schwer, nur halb verständlich brachte er, sie mit dem Blick umfassend, hervor: »Und Ihr saßet hier – und die weiche Hand, die mich immer aus den Wellen heraushob, war die Eurige?« Sie schwieg eine Sekunde lang, dann erwiderte sie hastig: »Ihr sehet, ich saß bei Euch –« Abbrechend fügte ihr Mund noch eine Mahnung zur Ruhe drein, doch er vernahm sie nicht mehr, denn eine linde Ohnmachtsbetäubung hatte ihm die kurze Besinnung wieder genommen. Wochen verrannen noch, ehe Dietwald Werneken das Bett verlassen konnte. Als er sich zum erstenmal erhob, um schwankenden Fußes in das Nebengemach hinüber zu gehen, tanzte draußen ein zierliches, leichtes Flockengegaukel durch die Luft. Die meisten Sternchen zergingen, wo sie den Boden berührten; es war noch nicht Winter, aber er kündigte sich an. Fast zwei Monate hatte der Kranke in wildem Fieber, dann in tiefer Mattigkeit und langsam vorschreitender Genesung gelegen; auf einen Stock gestützt, betrat er die Wohnstube, in der Elisabeth Warendorp und Folka Wulflam sein Kommen erwarteten. Er wußte, wie die letztere hierher gelangt sei. Nach dem Begräbnis ihres Oheims war sie von Dorpat zu Pferde aufgebrochen und im Geleit einiger Knechte eines Abends im gotischen Kaufhof eingetroffen. Goswin Wulflam hatte noch in seiner friedlichen Todesstunde oftmals von Dietwald geredet und mehrfach die Besorgnis ausgesprochen, daß dieser des Geldes für das nach Dorpat übersendete und dort verwertete Buntwerk benötigt sei, zuletzt die Hand seiner Bruderstochter mit der Bitte gefaßt: »Willst du mich in Ruhe sterben lassen, so gelob' mir, es ihm zu bringen.« Dann war er seufzerlos hingeschieden und Folka in den Sattel gestiegen, die dem Sterbenden geleistete Zusage zu erfüllen. Sie wußte, daß sie ihre übernommene Pflicht keiner andern Hand vertrauen durfte, um der sichern Ausführung gewiß zu sein, und so war sie gekommen, erstaunt, Elisabeth hier zu finden und zu vernehmen, wer diese sei. Und nicht minder staunend hatte die letztere die Ankunft der fremden Reiterin begrüßt. Als sie eingetreten, war schon dämmernder Abend vom Himmel gefallen, und in dem ungewissen Schein hatte Elisabeth im ersten Augenblick vermeint, es sei eine Schwester Dietwalds, von der sie nie gehört. Erst bei heller Beleuchtung war ihr völlig die Ähnlichkeit an Gestalt und Zügen zerronnen, so daß sie nachher nicht mehr begriffen, wie das Zwitterlicht und wohl auch die Überraschung ihr solche vorgaukeln gekonnt. Nun saßen sie zu dreien beisammen, Dietwald Werneken war's gleich einem, der im Traum sieht und hört. Er fragte, ob er sich getäuscht, daß der Pechler an sein Bett gekommen, und Elisabeth erwiderte, sie habe in ihrer Not nach dem Alten geschickt, er sei lange Zeit Tag und Nacht im Hause verblieben und nur fortgegangen, um im Walde Kräutersäfte zum kühlenden Trunk für den Kranken zu bereiten. Auch habe er eine Schlucht im Walde gewußt, drin sich den Sommer hindurch oftmals noch ein Schneerest forterhalte, und von diesem, wenn das Fieber zu heftig gestiegen, auf die Stirn Dietwalds gelegt. Solche Antwort gab Elisabeth, doch von selbst redete sie nicht, saß gesenkten Blickes, stumm und blaß. Folka dagegen sprach viel, oft wie in einer unruhigen Hast. Aber sie war sanft und weiblich, nach der Schriftmitteilung ihres Oheims kaum mehr als die nämliche zu erkennen, die sie gewesen. Es vergingen Stunden, ehe Dietwalds Lippen eine Frage an sie hervorbrachten, vor deren Erwiderung er bangte: Wann sie nach Dorpat zurückzukehren gedenke? Sie entgegnete nach kurzem Schweigen: »Das Haus dort ist leer, wie Eures in Hamburg war. Wenn ich Euch nicht zur Last falle, verweile ich eine Zeitlang.« »Doch wie wollt Ihr –?« stotterte er, zum erstenmal mit einer leichten, freudigen Röte auf den von der langen Krankheit gebleichten Wangen – »Ihr seid eine zarte Jungfrau – wie könnt Ihr in diesem zerfallenen Hause –?« Sie fiel ein: »Elisabeth hat schon ein Jahr lang gekonnt, hab' ich vernommen.« »Ihr wollt Euch doch ihr nicht vergleichen? Sie ist's anders gewöhnt und dieses Haus ein Schloß für sie, doch für Euch eine unwürdige Hütte.« »Es scheint. Ihr wollt mich nicht darin herbergen –« Sie machte eine scherzende Bewegung, wie wenn sie aufstehen und die Stube verlassen wollte, Dietwald Werneken zuckte empor und faßte den Ärmel ihres Gewandes. »Euer Anblick wird mir täglich Beschämung einflößen, Euch Eure Gastfreundschaft von Dorpat so dürftig zu vergelten.« Elisabeth stand plötzlich auf und ging hinaus. Der Blick Folka Wulflams folgte ihr nach, sie erwiderte: »Dürftig? Wessen bedarf man denn? Seid Ihr nicht auch aus Eurem reichen Hause in diese Dürftigkeit gezogen? Ihr kennt Euer Schloß zu Nowgorod selber noch nicht, glaub' ich; wenn Ihr Euch schon kräftig genug fühlt, kommt, und ich will Euch zeigen, welche gute Unterkunft ich in den alten Mauern für mich ausfindig gemacht.« Auch sie hatte sich, wie von einer Unruhe gefaßt, erhoben und gegen die Tür bewegt; Dietwald empfand plötzlich die Kraft in seine Glieder zurückgekehrt, ihr nachzuschreiten, und sie ging ihm zur Stube voran, die sie während seiner Krankheit auf der andern Seite des Kaufhofes mit weiblichem Geschick für ihr Unterkommen eingerichtet. Als der junge Kaufmann sich wieder allein befand, stand er am Fenster und blickte schweigsam gegen die windziehenden Wolken hinaus. Aber die Gedanken in seinem Kopfe drängten sich gleich den letztern, redeten, fragten hastig durcheinander. Warum war sie gekommen? Hatten Goswin Wulflams Augen besser in ihrem Gemüt gelesen? hatte der alte Herr auch darin recht gehabt, daß im Herzen seines Gastes noch ein unbekanntes Land sei, dahin er bei seiner Umschau in der Welt nicht geraten? Jedenfalls war es ein wohltuendes, schön befriedigendes Gefühl, dem Toten Dankbarkeit bewahren zu können. Der Abschiednehmende hatte gesprochen, wenn er dies je vermöge, werde es seines innerlichsten Begehrens Erfüllung sein. Und auch Folka Wulflam selber schuldete er Dank, daß sie die Mühsal des weiten Weges nicht gescheut, um ihm mit eigener Hand die Geldsumme zu überbringen, deren er in der Tat nachgerade bedürftig geworden. Nun war's geschehen, wie er es früher manchmal geträumt, sie saß am Herd, dessen flackernder Schein ihm ihr schönes Antlitz überhellte. Draußen heulten Stürme, an jedem Morgen konnte der wachende Blick auf nächtlich weiß ausgebreitete Decke fallen. Wenn es plötzlich einmal so war, konnte sie nicht mehr nach Dorpat zurück, sondern mußte den ganzen Winter hindurch im gotischen Kaufhof verbleiben, und sie redete von keinem Aufbruch. Freilich hatte der alte Pechsieder aus der Wetterkunde eines halben Jahrhunderts vorverkündigt, der Schnee werde erst spät in diesem Jahre kommen. So vergingen die Tage. Überraschend schnell war Dietwald zum Gewinn seiner Kräfte und mit einer noch weit höhern Freudigkeit als vor seiner Krankheit zur Wiederaufnahme der frühern Tätigkeit zurückgelangt. Auch zum Unterricht Elisabeths, doch diese hatte sich sonderbar verändert. Er mußte sie oft tadeln, sie war unaufmerksam, lässig und vergeßlich. Manchmal schien's, als alle Belehrung seit mehr denn anderthalb Jahren spurlos an ihr vorübergegangen und sie erst heute aus dem Walde zu ihm gekommen sei, daß er nicht begriff, wie er so häufig über ihre raschen Fortschritte erstaunt gewesen. Unverkennbar besaß sie keinen Antrieb zum Lernen mehr, und er verlor die frühere Lust am Lehren. Er sagte es ihr, und sie nahm sichtlich alle Denkfähigkeit ihres Kopfes zusammen; aber vergeblich; sie hatte alles vergessen, was sie gewußt. »Da ist es unnütz, daß wir fortfahren,« sprach er unmutig, und sie ging schluchzend hinaus. Folka Wulflam saß stets daneben, »Begreift Ihr's, daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so verändern kann?« fragte Dietwald. Sie antwortete: »Kurze Zeit ändert manchmal viel.« Es war ihr, wie es schien, unbedacht entfahren, und sie schloß die Lippen danach fest zusammen. Ihm stieg Röte über die Schläfen, und seinen Blick in den ihrigen heftend, versetzte er: »Ihr habt recht, unbewußt geschieht es manchmal.« In den Augen Folkas lag ein stumm-sonderbar prüfender Ausdruck und sie wiederholte langsam: »Ja, unbewußt – mancher weiß nicht, was in ihm geschehen.« Sie stand unter einem Vorgeben auf und verließ gleichfalls die Stube, wie sie's fast immer alsbald tat, wenn Elisabeth davongegangen, wohl stets in einer unauffälligen Weise, doch schien's, als suche sie das Alleinsein mit ihm zu vermeiden. Sie kamen sich unter vier Augen niemals näher, es blieb wie eine Scheidewand zwischen ihnen, obgleich ihm grade dieses Gefühl wachsendes Verlangen regte, sie zu durchbrechen. Nur wenn sie zu dreien waren, besonders abends am Herd, da verharrte Folka Wulflams Blick in dem seinigen, und ihre Lippen erwiesen sich ernsthaft und launig beredt. Dann mißfiel ihm oft Elisabeths Haltung, Benehmen und stummes Wesen dagegen; er erkannte jetzt erst, wie linkisch, bäurisch und einfältig sie sei, und sagte sich, ihm liege die Pflicht ob, sie darüber zu schelten. Häufig versetzte dies ihn beinahe in Zorn, und sie ging leise weinend fort. Aber dann tat ihm dieser Ton im Ohr weh, daß er ebenfalls aufstand und, den Arm um ihre Schulter legend, tröstend sprach: »Sei nicht betrübt, Kind; du bist eben als ein kleines Lamm im Wald aufgewachsen, wenn du erst zu deinem Vetter nach Lübeck kommst, wird es besser mit dir werden.« Als sie einmal so schüchtern-beschwichtigt auf ihren Sitz zurückkehrte, sagte Folka Wulflam: »Warum tadelt Ihr so oft an dem Kinde?« und sie legte einen leisen Ton auf ihr letztes Wort. Sonst mischte sie sich nicht in die Erziehungsweise Dietwalds ein, war gegen Elisabeth selbst jedoch von gleichmäßig unveränderter Freundlichkeit, die äußerst vorteilhaft von dem wortkarg-scheuen, wenig einnehmend umgewandelten Behaben des Mädchens abstach. Nur bei dem Unterricht in der evangelischen Lehre befand sich Folka selten zugegen. Sie hatte am ersten Tage gesagt: »Ihr wißt, ich bin römisch und mein Glaube ist, Gott und Menschen Treue zu halten,« und sie betätigte dies, indem sie täglich dem Kirchendienst in der Kathedrale der heiligen Sophia beiwohnte. Der trotz dem Dezemberbeginn sich noch immer hinauszögernde Winterschnee hatte die Wege nicht versperrt, und das Hinübergelangen zum Stadteil an der Wolchowbrücke blieb wie im Sommer ermöglicht. Doch der Tag begann spät und endete früh. Dietwald Werneken aber suchte im Gesprach immer häufiger Anlaß, die Rede auf Fragen der Religion zu verwenden und so in mittelbarer Weise der Erkenntnis des gereinigten Evangeliums Eingang bei Folka Wulflam zu erwirken. Öfter wiederholte er mit merklichem Nachdruck, daß in der neugewordenen Zeit der Glaube es vor allem sei, der die Menschen verbinde und voneinander trenne. Allein die Zuhörerin schüttelte den Kopf und entgegnete: »Ich tue nach dem, was Ihr sprecht, denn ich will mit meinen Vätern verbunden bleiben, von denen Ihr Euch abgetrennt. Mit wem verbände mich der neue Glaube, der mir für sie Ersatz darböte? Wenn Ihr auf ein ewiges Leben hofft, muß Euch grauen bei dem Gedanken, darin einsam zu weilen, nicht mit denen zusammen, die Eurer Art auf Erden gewesen.« Über diese theologische Frage hatte auch Dietwald Werneken schon manchmal vergeblich nachgesonnen und wußte nichts darauf zu erwidern, als: »Unsere Augen sind hier unten im Dunkel, dort im Lichte des unvergänglichen Tages werden sie gewahren und begreifen, was sie nicht zu erkennen vermocht.« Aber noch über ein anderes dachte er, ebenso vergebens eine Aufhellung des Dunkels suchend, nach. Weshalb war Folka Wulflam nach Nowgorod gekommen? Hatte ihr Oheim sich getäuscht und sein eigenes Gefühl ihm falsch gesprochen? War es doch, ihrem verwandelten Wesen zum Trotz, nur die alte Lust an abenteuerlichem Umherschweifen, an einem kühnen Ausritt in die Weite gewesen, die sie hierhergeführt? Oft deuchte ihr Blick ihm andere, stumme Sprache kundzugeben, aber ihr Wort und ihr Tun, wenn sie sich allein befanden, widerredete jener. Und oftmals hatte er im Begriff gestanden, ein Wort hervorzubringen, das die unsichtbar-unverständliche Scheidewand zwischen ihnen niederbräche, doch es war ihm auf der Zunge gestockt, er wußte nicht, weshalb. So war's einmal nicht lang nach Mittag noch, allein der kurze Tag, unfern der Sonnenwende, ließ schon leis dämmernde Schatten hereinfallen. Folka Wulflam hatte den Kaufhof verlassen gehabt und kam aus der Kathedrale zurück. Ihr Gesicht mühte sich, eine Erregung zu verbergen, Dietwalds Blick haftete staunend auf der noch übergewöhnlich erhöhten Schönheit ihrer Züge. Er brach den Elisabeth erteilten Unterricht ab; Folka wandte sich an die letztere mit einer kurzen Äußerung, die unverkennbar den Zweck verfolgte, das Mädchen zum Fortgang aus der Stube zu veranlassen. Die Angesprochene blieb jedoch unschlüssig, mit einem irren Blick der angstvoll weit geöffneten Augen auf Folka verweilend, stehen, bis Dietwald Werneken sie beinah heftig anfuhr: »Hast du nicht gehört? So geh doch und sieh draußen nach!« Da schrak sie zitternd zusammen und folgte dem Geheiß. Die allein mit Dietwald im Zimmer Verbliebene sagte: »Der Wind dreht sich nach Ost, er wird Schnee bringen.« Sie trat an den Tisch, auf dem das Kästchen mit den Gedenkzeichen an die Eltern und Geschwister des jungen Kaufmanns stand, und fügte, den Deckel öffnend, nach kurzem Schweigen hinzu: »Wenn Ihr noch von Nowgorod fort wollt, müßt Ihr Euch beeilen.« War es das, was sie ihm zu sagen beabsichtigt, weshalb sie das Hinausgehen Elisabeths veranlaßt hatte? Sie redete nicht mehr, ihre Hand nahm das Messing-Amulet aus der Truhe, das sie ihm zu Dorpat gegeben, und spielte damit. Nun entgegnete er leicht stotternden Tones: »Warum sollt' ich von hier wollen? Außerhalb dieses Hauses enthält die Welt nichts mehr für mich.« Sie erwiderte: »Ich weiß, Euer Herz ist genügsam.« Es tönte halb vernehmbar ein wunderlich bitterer Aufklang aus der hastigen Antwort, dann fügte sie hinzu: »Gebt mir dies zurück, Ihr braucht es nicht mehr.« Es war zum erstenmal, daß er sie mit ihrem Namen anredete: »Weshalb gabt Ihr es mir, Folka?« »Ich gab's, damit es Euch behüten solle.« »Und soll's das hinfort nicht mehr?« »Ihr hütet Euch selbst.« Das Blut strömte Dietwald Werneken ins Antlitz, er wolle fragen: »Wovor?« doch das Wort blieb ihm stecken. Folka Wulflam hatte die Kapsel geöffnet und den verdorrten Schlangenkopf daraus hervorgenommen. Es war zwischen ihnen noch nie von dem seltsamen Inhalt des Amulets geredet worden, und nun fragte er: »Warum legtet Ihr den Kopf in die Höhlung hinein?« »Es war mein Bild.« Er verstand ihre Entgegnung nicht. »Euer Bild?« »Ihr machtet mich der Schlange gleich, tatet mir, was ich ihr, daß ihr Zahn nicht mehr Übles antun konnte.« Ein Lächeln umflog seinen Mund, doch der scherzende Ton, den er in seine Antwort legen wollte, verwandelte sich ihm auf den Lippen zu ernsthaftem Klang. »Ich tötete Euch doch nicht, Folka.« Sie sah zu ihm auf und wiederholte: »So wie ich sie,« und zurückblickend, bog sie mit den Fingern die dürren Kiefer des Schlangenkopfes voneinander. »Doch das Gift ist noch in den Zähnen,« fügte sie halblaut drein. Nun fuhr Dietwalds Hand mit einer plötzlichen Bewegung des Schrecks nach der ihrigen und hielt sie. »Laßt! Ihr seid unvorsichtig und könntet Euch dran verletzen.« Ihre Brust hob sich mit schnelleren Atemzügen, sie erwiderte gezwungen lachend: »Wem würd' es schaden? Oder fürchtet Ihr nach dem irdischen auch für mein ewiges Leben?« Sie hielten, dicht beisammenstehend, ihre Blicke ineinander geheftet, vernahmen beide nicht, daß sich leise die Tür hinter ihnen öffnete. Dietwald Werneken versetzte, von einem Zittern überlaufen: »Ihr wißt, Folka, es ist der Glaube über jenes Leben, welcher Menschen auch in diesem irdischen getrennt hält.« Doch fast eh' er zu Ende gesprochen, streckte sich ihre Hand hastig aus, ihre Augen leuchteten zauberhaft aus tief aufglühendem Antlitz und sie stieß hervor: »Ich gab Euch mein Amulet, gebt mir Eures, daß es mich behüte, und ich will Eures Glaubens werden, Dietwald Werneken.« Sie hatte das kleine Goldkreuz aus dem Kästchen gehoben, von dem sie wußte, daß seine Mutter es getragen und daß er mit besonderer Liebe daran hänge. Er hielt noch ihre andere Hand und antwortete stockenden Atems: »Ihr wollt Euch zur evangelischen Lehre bekennen, Folka? Schöneren Gewinn könnte das Kreuz nicht –« Da fuhr beider Kopf herum, denn hinter ihrem Rücken tönte ein halberstickter, bitterlicher Schmerzenslaut, und ihre Augen trafen in das Gesicht Elisabeths. Dietwalds Mund entflog unwillig die Frage: »Weshalb störst du uns?« Dann setzte er verwundert hinzu: »Was treibst du?« Auch der Blick Folkas ruhte mit Verwunderung auf der Befragten. Sie trug nicht die Gewänder, in denen jene sie bisher gesehen, sondern den zottigen Schafspelz mit den weißen Linnenärmeln. Als müsse sie mühsam nach den Worten suchen, brachte sie hervor: »Ihr bedürft meiner nicht mehr – und ich bin zu töricht, um zu lernen, so daß ich Euch nur Ärgernis bereite –« Sie hielt, zum weiteren Sprechen unfähig, an. »Was willst du denn?« fragte er. »Zurück zu meinem Vater, in den Wald,« sagte sie leise. Er antwortete: »Du redest in der Tat höchst töricht, dein Kopf ist müde und einfältig, leg' dich schlafen!« Aber sie schüttelte die Stirn. »Ich kann ia wiederkommen – laßt mich heute.« Fest Entschlossenes lag in ihrem sonderbaren plötzlichen Vorsatz; der junge Kaufmann blickte verdutzt ungewiß auf Folka, die achselzuckend rasch sprach: »So laßt sie gehen, wenn sie will!« Einen Augenblick stand das Mädchen noch mit unschlüssigem Zaudern, faßte dann jedoch kurz zum Abschied seine Hand und sagte: »Habt Dank, daß ich so lang bei Euch sein gedurft,« und sie wandte sich zur Tür. Warum? Er begriff es nicht, hatte er wirklich in der letzten Zeit zu viel mit ihr gescholten? Er stand wie sonderbar betäubt von einem körperlichen Gefühl, das ihn durchronnen. War es ihre Hand gewesen, die eben in der seinigen gelegen, oder die weiche, warme Traumeshand, die sich in seinen wilden Fiebereinbildungen so oft auf seine Stirn gelegt und ihn aus dem tobenden Meergewoge an den stillen, sonnigen Strand gehoben? Hatte er ihre Hand denn so lange nicht in der seinigen gehalten, daß ihm fremd geblieben, sie sei nicht mehr rauh und hart, sondern, von der Arbeit im Walde entwöhnt, sanft und zart geworden, wie die Erdmute Warendorps? Noch nicht dieses Gedächtnis-Gefühl allein durchlief ihn wunderlich, auch vor seinen Augen rann es seltsam, wie ein aus weiter Ferne heraufgekommenes Bild. Er hatte dies lang verloren gehabt, und es kam ihm, daß er sich oftmals danach gesehnt, ohne es zu wissen. Da stand er auf einmal wieder vor ihm, anvertraut und eigenartig in natürlicher Unmut, wie es so manche Winternacht am Herd gesessen, wenn draußen der Sturm geheult und das flackernde Licht der roten Flammen über die kleinen nackten Füße gefallen. Gute, trauliche Stunden waren es gewesen, voll in sich befriedigt, ohne andern Wunsch – und nun hoben die Füße plötzlich das Bild auf, um ihn zu verlassen. Sein weißes Lamm ging von ihm – ein Frösteln überlief ihn, ihm war's, als bleibe er allein in einer ungeheuren, nie mehr auftauenden Schnee-Einöde zurück. Er hatte ihm weh getan, und es ging fort. So mit dem traurigen Gesicht konnte er's nicht von sich lassen, wär's nur auch für einen Tag. Ratlos sah er ihr nach, wußte nicht, was er wollte, – da schoß ihm etwas durch den Kopf, und hastig, verwirrt sprach er: »Vergebt, Folka – Euch wird an dem Kreuzchen nichts liegen – aber sie hatte es immer gern und bat mich einmal drum und ich schlug's ihr ab –« Und rasch das kleine Goldkreuz fassend, das Folka noch in der Hand hielt, trat er dem Mädchen an die Schwelle nach, hängte ihr die Schnur um den Nacken und redete liebreich tröstend: »Nimm es heut, Elisabeth, daß du weißt, ich wollte dir nicht wehe tun. Der Anfangsbuchstabe deines Namens steht ja darauf, so war's wohl für dich bestimmt. Und nun bleibst du, nicht wahr, und bist wieder fröhlich?« Ein irrer Ton des Glücks kam unter dem zottigen Fell aus ihrer Brust hervor, ihre Finger klammerten sich fest um das kleine Kreuz und sie stammelte: »Habt Dank – aber ich muß doch fort –« Hinter dem Rücken der beiden hatte es Folka Wulflam wie ein vom Haupt bis zur Sohle rüttelnder Schlag durchzuckt. Sie stützte einen Augenblick die Hand auf den Tisch zurück, doch nun trat sie mit einem hastigen Schritt heran, faßte unter der Tür den Arm des Mädchens und sprach ruhig: »Bleib', Elisabeth! Warum wolltest du fortgehen? Du bist nicht entbehrlich hier im Hause –« Sie zog die Willenlose auf ihren Sitz zurück, dann wandte sie sich lachend gegen Dietwald Werneken: »Das war eine töricht überflüssige Aufregung – aber Ihr wäret unvorsichtig, den Schlangenkopf so lange zu bewahren und mich erst Sorge tragen zu lassen, daß sein Gift kein Unheil mehr bringt.« Und mit dem Otternkopf ans Fenster tretend, warf sie ihn rasch in den dämmerung-überwebten Schutt draußen hinaus. Folka Wulflam war den Abend hindurch noch beredter und heiterer als gewöhnlich, Scherzreden und ausgelassene Laune wechselten auf ihren Lippen. Doch zum erstenmal erinnerte sie Dietwald an den Eindruck, den er bei seiner Ankunft in Dorpat von ihr empfangen. So atmete ihre Brust wieder in hohen, freien Zügen, manchmal flog ein stolz funkelnder Blitz zwischen ihren Lidern empor. Elisabeth hatte ihre Kleidung anbehalten, sie stand und ging wortlos, mit einem traumhaften Gesicht. Lächelnde Freudigkeit sprach aus den auf ihr verweilenden Augen Dietwald Wernekens, als sie später am Herde saßen, doch erstaunt nahm er gewahr, daß der weiße Pelzrock ihr zu eng und noch kürzer als früher geworden schien. Zum erstenmal sah er halb ungläubig, es war nicht das Kind mehr, das er vor bald zwei Jahren mit der erstarrten Lerche auf dem Stamm am Waldrande angetroffen; im stillen Gang der Zeit war unvermerkt eine blühende Jungfrau daraus erwachsen. Wie hatten die andern Gewänder ihm dies bis heut so völlig verhehlen können? Oder hatte sein Blick seit langem fast nur gedankenlos auf ihr verweilt? Nun sprach Folka Wulflam plötzlich: »Dich muß so frieren, Elisabeth,« und diese flog zusammen. Sie gewahrte, daß Dietwalds Augen auf ihr ruhten, und sichtlich kam ihr mit jähem Erröten erst jetzt die Besinnung, das Gefühl, daß der weiße Pelz sie noch weniger bedecke als früher. »Ja, es ist kalt trotz dem Feuer,« erwiderte sie, schnell aufstehend, und begab sich in ihre Kammer, um ihre Kleider zu wechseln. Der junge Kaufmann sah noch auf den leer gewordenen Sitz. Wie lieblich hatte das aufflammende Rot ihren seit Monaten blaß farblosen Wangen gestanden! Er war unmutig über Folka, daß diese ihm durch ihre Äußerung das altvertraute Bild weggescheucht: sie regte sich nicht, um gleichfalls den Raum zu verlassen, wie sie es sonst nach dem Fortgehen Elisabeths stets kurz darauf tat. Eine Weile saßen beide schweigend, dann fragte Dietwald: »Wollt Ihr morgen also in der Unterweisung der evangelischen Lehre bei mir beginnen, Folka?« Sie wandte mit einem Ruck den Kopf. »Ich? Wozu?« Verwundert wiederholte er: »Wozu? Ihr spracht –« Nun fiel sie lachend ein: »Ihr habt mir den Preis nicht gegeben, den ich verlangt. Ich bin auch eines Kaufmanns Tochter – ohne goldenen Lohn ist nichts auf Erden, noch im Himmel.« Er antwortete ernsthaft: »Ihr solltet nicht mit so Wichtigem Scherz treiben –« »Scherz? – Ihr habt recht, ich trieb Scherz. Was glaubtet Ihr dran!« Die oft verhaltene Frage drängte sich ihm über die Lippen. »Ja, ich glaubte, das sei der innerliche Grund Eures Hierherkommens gewesen – weshalb denn kamet Ihr sonst?« Ein stolzer Blick ihrer dunklen Augensterne ging über sein Gesicht, doch ihr Mund lachte wiederum. »Weil die Lust mich trieb, Nowgorod kennen zu lernen und zu sehen, an welcher Dürftigkeit ein Mann wie Ihr sich genügen kann.« Elisabeth trat in ihrer andern Kleidung wieder herein, und jetzt stand Folka Wulflam rasch auf. »Was wollt Ihr?« fragte er. »Nach den Pferden sehen,« entgegnete sie. »Treue Freunde sind selten, drum muß man gut für sie sorgen, auch wenn sie vier Beine haben. Man weiß nicht, wann man ihrer bedarf.« Sie zündete am Herd eine Laterne an und ging in das Stallgemäuer hinüber, wo ihr Pferd und dasjenige Dietwalds, die im Sommer frei umhergeweidet, für den Winter untergebracht waren. Elisabeth hatte stumm ihren Sitz wieder eingenommen, auch der junge Kaufmann sprach geraume Weile nicht, doch trotz der Umänderung ihrer Gewandung sah er sie jetzt immer wie zuvor in dem weißen Rock sitzen, aus dem ihm die jungfräuliche Verwandlung ihrer Gestalt entgegenblickte. Dann kam ihm auf einmal etwas, wonach er noch niemals gefragt: »Wie bald traf Folka eigentlich hier ein, nachdem ich krank geworden und im Fieber lag?« Das Mädchen sann kurz nach. »Es war am Abend vorher, ehe Ihr zum erstenmal zur Besinnung gelangtet und redetet.« »So war es während der ganzen Zeit deine Hand, Elisabeth –« Er faßte mit einer plötzlichen Bewegung ihre Hand und fügte nickend hinterdrein: »Ja, sie war's – ich glaube, ich hab' ihr noch nicht einmal gedankt.« Sie blickte ihn verständnislos an, die Tür ging auf, Folka Wulflam kehrte zurück, und mit einer ängstlichen Hast zog Elisabeth ihre Hand aus der seinigen, daß er überrascht fragte: »Was hast du? Zürnst du mir noch immer?« Nun lachte die hereingetretene: »Euch zürnen? Ich denke, das stritte wider die gereinigte Lehre, wie Ihr sie heißt. Die Pferde sind klüger als wir, sie schlafen, um morgen kräftig zu sein. Tu's auch, Elisabeth, dein Kopf ist müde. Wenn dein Vetter noch wachen und über dunkle Heilsfragen nachsinnen will, laß es ihn allein tun! Nicht wahr, du zürnst niemand, auch mir nicht, daß ich dich abgehalten, heut nacht im Walde zu schlafen?« Wie ein ungewiß stammelndes Dankeswort redete es aus dem Blick, mit dem Elisabeth Warendorp verwirrt auf die letzte Ansprache Folkas entgegnete, und sie ließ sich widerstandslos von ihr mit zur Nachtruhe hinüberführen. Das Licht des nächsten Tages brach noch später als sonst an, der Himmel lag mit schwerer, grau-dunkler Decke über der weitgedehnten Trümmerstadt. Früher noch als gewöhnlich verließ Folka den Kaufhof und wandte sich der Sophienkirche zu, sattelte, nach einer Stunde heimkommend, ihr Pferd, wie gemeiniglich am Vormittag, und ritt fort. Noch gegen ihren Brauch traf sie heut erst um Mittag wieder ein; als sie draußen abstieg, gewahrte Dietwald Werneken verwundert vom Fenster aus, daß an der Mähne ihres Pferdes Wassertropfen herabfielen. Wie sie erst nach einer Weile in die Stube eintrat, hatte sie ihre Kleider gewechselt; der junge Kaufmann fragte erstaunt: »Hat es geregnet, wo Ihr gewesen seid? Hier ist kein Tropfen gefallen.« Sie versetzte: »Wenn Ihr gesehen, daß ich naß geworden, muß ich wohl in den Regen gekommen sein.« »Und zuvor waret Ihr in der Kirche?« Er legte einen hörbaren Ton des Unmuts auf die Frage, sie gab achselzuckend Antwort: »Glaubt Ihr, ich hätte klüger getan, hier bei Eurem Unterricht zu bleiben? Für mich vielleicht – laßt uns essen, mich hungert.« Die Mittagsmahlzeit hatte schon auf sie gewartet, und Elisabeth trug die grobirdenen Schüsseln mit den gewohnten einfachen Speisen auf. Folkas Benehmen besaß etwas Wunderliches, Ruhiges und doch Hastendes zugleich. Sie aß mehr, als sie sonst pflegte, und forderte einigemal die andern auf, dasselbe zu tun. »Esset! Man lebt nicht von Luft.« Dann stand sie auf, legte die Überreste des Brotes, gesalzenen Fleisches und gedörrten Störfisches zusammen, füllte sie in ein Linnensäckchen und umschnürte dies sorglich mit einem Hanfband. »Wozu tut Ihr das?« fragte Dietwald. »Ich denke an morgen. Nehmt Euer Gold und was Euch wert ist ebenso. Das Goldkreuz braucht Ihr nicht mehr zu verpacken.« Sein Erstaunen wuchs, er blickte sie an, als ob er an ihrem Verstande zu zweifeln beginne. Sie fügte, gleichmütig in ihrer Beschäftigung fortfahrend, hinzu: »Ich sprach Euch gestern, der Schnee komme. Seit heut morgen weiß ich, er kommt in dieser Nacht. Wenn Ihr noch fort wollt, ist es Zeit.« Nun fiel er ein: »Ihr fiebert, Folka, und redet irr!« Doch sie erwiderte gelassen: »Ihr fiebertet, als ich kam, nicht ich: mein Blut ist so kühl wie Eures. Der Schnee kommt nicht weiß heut nacht, sondern rot. Glaubt Ihr, daß Ihr Euren Gott ungestraft nach Nowgorod gebracht? Er schützt Euch nicht, aber meiner tut's, den Ihr verschmäht.« Von einer dunklen Schreckempfindung befallen, sprang der junge Kaufmann auf. »Was bedeutet das?« »Daß die Großfürstin Helena guter Laune ist und auf die Fürbitte des Woiwoden Obolenski ihren Kindern zum Christgeschenk die Erlaubnis gegeben, die Häuser der übriggebliebenen deutschen Ketzer in Nowgorod heut nacht anzuzünden und mit ihren Bewohnern zu verbrennen.« Dietwald sah sie starr vor Entsetzen an, sein Mund brachte kaum hervor: »Woher wißt Ihr –?« Sie antwortete mit einem scharfen Aufzucken der Lippen, das fast wie ein Lachen erschien: »Weil ich keine Ketzerin geworden, sondern treu an meinem Glauben und seinen Priestern gehalten.« »Und das sprichst du so ruhig, Weib –« »Was kümmert's, wann Menschen sterben? Früher Tod ist kein Unglück.« Dietwald hatte einen Blick in die schon tief einbrechende Dämmerung hinausgeworfen. Nun stürzte er nach seinem Schwert und gürtete es mit zitternden Händen um. Doch Folka Wulflam trat ihm entgegen: »Was wollt Ihr?« »Du fragst?« stieß er aus. »Die Bedrohten warnen!« »Zu spät, Ihr könnt's nicht mehr.« »So will ich mit ihnen untergehen!« Er wollte hinauseilen, ihre Hand hielt ihn. »Ich sagte: Ihr könnt's nicht, denn man fahndet auf Euch im Hinterhalt; Ihr würdet zu keinem hingelangen. Ihr dürft's nicht, wenn Euch dran liegt, das zu retten, was vielleicht in Eurer Macht steht.« Ihre Hand machte eine leicht deutende Bewegung gegen Elisabeth, und sie setzte gleichmütig hinzu: »Tut, was Ihr wollt, es steht bei Euch.« Sein Blick war mit jähem Schreck der Deutung ihrer Hand gefolgt. »Und was können wir?« stammelte er. »Warten, bis die Nacht kommt.« Folka entgegnete es in der nämlichen Gelassenheit, mit der sie alles Voraufgegangene gesprochen. Unwillkürlich hatte Dietwald seinen Arm schützend um Elisabeth gelegt, als ob diese schon im nächsten Augenblick von der Gefahr bedroht sei; ratlos stand er wie betäubt. Folka Wulflam allein bewahrte ihre unbeirrbare Ruhe: kurz mit dem Gesicht über die beiden hinstreifend, sprach sie: »Ich wußte, Ihr würdet Euch besinnen und den Entscheid treffen; es wäre auch schade um den langen Unterricht gewesen, keine Frucht zu tragen. Das wollt' ich hindern, verübelt's mir nicht, daß ich mein Gewissen dafür belastet und gesagt, ich haßte Euch, Herr Werneken, und Euer Untergang in den Flammen werde ein köstliches Schauspiel für mich sein. Ich habe dadurch den Vorteil gewonnen, daß man mich betraut hat, das Zeichen zum Beginn desselben zu geben. Vielleicht kostet's mich meine Seligkeit, denn ich mußt' es aufs Kreuz schwören, daß Ihr mir verhaßt seied wie der Tod.« Sie lachte diesmal in Wirklichkeit und ordnete mit klarer Besonnenheit die noch erforderlichen Vorkehrungen an. Willenlos taten die beiden andern nach ihrem Geheiß, doch der junge Kaufmann ließ keinen Augenblick die Hand Elisabeths von der seinigen. Aus Folkas kurzen Mitteilungen ergab sich, daß der Kaufhof im Halbbogen umher bis an die Wolchow bewacht sei; man befürchtete Feuerwaffen bei ihm, deshalb warte man auf die Nacht und bis sie das abgeredete Zeichen gebe. Dietwald stammelte, angstvoll Elisabeth haltend: »Wie soll ich sie dann lebend hindurchbringen?« Folka zuckte die Schulter. »Euer Glaube wird schwach, deucht mich, meiner ist stärker, denn er vertraut auf den alten Gott, der die Kinder Israels durch das Rote Meer führte. Wenn der Himmel Eure Rettung will, so wird sie geschehen.« Elisabeth stieß plötzlich aus: »Mein Vater im Wald – auch er weiß nicht – ich muß zu ihm –« Sie wollte besinnungslos zur Tür, eine Sekunde stand Folka regungslos, doch nun eilte sie dem Mädchen nach und sagte, heftig den Arm desselben fassend: »Hast du noch Gedanken an andere, Törin!« Aber mit sanfterer Stimme fügte sie rasch hinzu: »Dein Herz ist gut, laß es ruhig sein! Die Alten im Walde wird niemand suchen; wenn sie den Sturm hören, wissen sie sich zu bergen, bis er vorüber ist. Sturm kommt und legt sich, und man lebt weiter.« Dann war der erwartete Augenblick gekommen, dunkel lag die Nacht herabgefallen. Gesattelt standen vor dem Hause die beiden Pferde, deren Hufe Folka sorglich mit Leinwandstücken umwickelt, Dietwald Werneken hatte das eine bestiegen und hielt Elisabeth vor sich auf dem Sattel. Nun trat Folka Wulflam rasch noch einmal in den Kaufhof, entfachte an den Herdkohlen einen Fichtenspan und warf ihn auf einen Haufen von zusammengeschichtetem Reisig. Zwischen ihren Lidern hervor schoß ein heißer Strahl in die züngelnden Flammen nieder. Ihr Mund stieß aus: »Brenne zu Asche und flieg' in den Wind!« »Was tatet Ihr noch?« fragte Dietwald in unruhiger Ungeduld, als sie zurückkam. Sie antwortete: »Ich habe mein Gelöbnis erfüllt, das Zeichen zu geben. Ihr wißt, ich schwur's aufs Kreuz. Jetzt fort!« »Doch wohin?« »Mir nach!« Sie lenkte behutsam den geräuschlosen Auftritt ihres Pferdes gegen Westen, Menschenauge unterschied kaum etwas auf dem Boden, doch das der Tiere fand sich ohne zu straucheln über das verwilderte Schuttfeld. So ritten sie eine Weile, bis der junge Kaufmann fragte: »Wohin, Folka? Wir kommen gegen die Wolchow.« Sie bog den Kopf zurück und raunte: »Schweigt! Die Nacht hat Ohren.« Doch zugleich klangen unweit zur Linken russische Rufe auf: »Da reitet etwas – heran – die gottverfluchten Ketzer haben Wind!« Pfiffe und Geschrei tönten auch von der rechten Seite, Folka Wulflam stieß aus: »Peitscht! Sie verlieren uns im Dunkel! Gradaus!« Die Pferde sprangen heftig an, da fiel von rückwärts ein Schein durch die Finsternis und wuchs blitzschnell zu einem roten Licht. Dietwald Werneken drehte erschreckt den Kopf. »Der Kaufhof brennt und macht die Nacht zum Tag!« »Ihm geschieht nach Recht, was wollte er noch zu Nowgorod!« rief Folka drein. Doch jetzt tönte das russische Geschrei lauter und näher: »Da sind sie! Greift sie! Sie können nicht fort! Treibt sie gegen den Fluß!« Und rundum tauchte es von speerbewaffneten schwarzen Gestalten auf. Schnaubend jagten die gepeitschten Pferde, höher stieg das Geloder der Flammen aus dem alten gotischen Kaufhof, Tageshelle fiel in Wirklichkeit über die nächtliche Trümmerstatt. Fast ohne Gedanken trieb Dietwald sein Roß vorwärts. Da wälzte plötzlich dicht vor ihm, voll vom Brande überhellt, hochgeschwollen die Wolchow ihre gelben, strudelnden Wasser. Hinter den Flüchtenden tobten, wie eine Meute, die das Wild gestellt, die Verfolger. In dumpfer Verzweiflung hielt er sein Pferd, doch Folka Wulflam schoß auf dem ihrigen gradaus gegen den wogenden Fluß, und furchtlos gebot ihr Ruf: »Mir nach! Hinein, und links hinab! Der Kaufhof tut zum letztenmal seinen Dienst und zeigt den Weg!« Sie drängte ihr zögerndes Roß in die Wellen, wo diese am heftigsten aufschäumten; besinnungslos folgte Dietwald ihr nach. Ihm war's wie im Fiebertraum, daß ihre Gestalt nicht vor ihm versank, aus dem wilden Gestrudel ragte ihr Pferd bis an die Mitte der Brust empor, und so blieb das seinige ebenfalls. Vorsichtig bog sie im Zickzack durch die Wolchow und mechanisch lenkte er in gleicher Weise hinterdrein. Doch nun erhob sich ein Wutgebrüll der vordersten, am Flußrand eintreffenden Russen, zischend flog ein Spieß dicht neben dem jungen Kaufmann vorüber, ein zweiter folgte. Und plötzlich stieß er einen Schrei aus, der Kopf des Pferdes vor ihm tauchte in das gurgelnde Wasser hinunter, sein Fuß mußte die schmale Furt verfehlt haben. Noch über dem Schaum getragen, griff die Reiterin nach der Mähne, Dietwald hielt inne und bog sich, den Arm vorstreckend, entsetzt nach ihr hinüber. Doch von einer Welle jetzt aus dem Sattel gerissen, rief Folka Wulflam gebieterisch: »Laß mich und schütze dein Weib, Dietwald Werneken!« Speere klatschten um ihn, mit schnaubenden Nüstern suchte hastig sein Pferd von selbst den Furtweg an das nahgerückte jenseitige Ufer. Als er dies erreicht hatte, wandte er schreckvoll den Blick zurück, da arbeitete auch das andere Pferd sich schwimmend ans Land, und Folka hielt sich, lang nachfließend, an der Mähne. Er sprang ab, um ihr heraufzuhelfen, aber sie sprach: »Ich brauche deine Hand nicht,« und schwang sich behend selbst empor. Umblickend fügte sie hinzu: »Ihr seht, ich kam nicht umsonst naß heut mittag heim: der Regen, in den ich geraten, betrog mein Kreuz, doch dem Eurigen war er dienlich, sonst läg' es zerschmolzen in der Asche. Jetzt weiter!« Unwillkürlich hob seine Hand sich nach ihrer Stirn. »Ihr blutet, Folka!« Ein Speerwurf hatte ihre Schläfe gestreift, doch sie lachte »Das sind nur rote Wassertropfen, die der Wind austrinkt!« und sie flog auf ihr Pferd zurück und peitschte es, daß sie windschnell dahinstiebte. »Das ist ein lustiger Nachtritt!« – Kaum vermochte Dietwald ihr zu folgen: die Wolchow brauste jetzt sichernd zwischen ihnen und ihren vorherigen Bedrängern, noch heller ward die Nacht, rund umher loderten neue Feuersäulen aus den zerstreuten deutschen Häusern Nowgorods auf. Die Großfürstin Helena hatte nur eine Weile in den Armen des Fürsten Obolenski vergessen gehabt, das Werk ihrer Vorgänger auf dem moskowitischen Thron fortzusetzen; nun holte sie für ihren unmündigen Sohn, den die Welt um ein Menschenalter später ›Iwan den Schrecklichen‹ benennen sollte, das Versäumte nach. Mit schauderndem Gefühl sah Dietwald Werneken das Brandgeleucht den Himmel röten. Das war seines Wirkens trostloser Erfolg und Ausgang. Doch dann fiel sein Blick auf das Gesicht Elisabeths, das mit geschlossenen Lidern wie schlafend unter ihm an seiner Brust lehnte. Ohne einen Angstlaut oder eine Regung der Furcht hatte sie sich ruhig an ihm gehalten, als sie die Wolchow durchkreuzt; über ihren Zügen lag's wie Schimmer eines traumhaften Glücks. Und sein Herz klopfte ihm plötzlich, daß sein Kommen nach Nowgorod doch nicht vergeblich gewesen, denn das Beste, was dort verblieben, brachte er gerettet mit heim. Und auf einmal brauste es ihm seltsam im Ohr – was für ein Wort hatte Folka Wulflam ihm im wilden Aufruhr der Wogen zugerufen, als er sie versinken zu sehen geglaubt? Es klang ihm nicht im Ohr allein, es durchlief ihn vom Scheitel bis zum Fuß. »Laß mich und schütze dein Weib!« hatte sie gerufen. Stumm, fast scheu, doch mit unverwandten, weitgeöffneten Lidern sah er auf das jungfräuliche Antlitz vor sich nieder. So ritten sie weglos durch die Nacht über das weite, ebene Land. Allmählich verblaßte der Widerschein der Brandstätten am tiefhängenden Gewölk, der letzte Überrest aus einstmaligen stolzen Tagen der deutschen Hanse zu Nowgorod war in Asche gefallen. Nach etwa dreistündigem Ritt hielt Folka, jäh ihr Pferd bändigend, an und sprang vom Sattel. »Hier können wir Ausrast halten.« Ihr scharfer Blick hatte eine roh aus Baumstämmen zusammengeschichtete Hütte erspäht, vermutlich eine sommerliche Hürde für Vieh gegen nächtlich umstreifende Wölfe. Im Winkel lag etwas Heu, und Reisig fand sich leicht umher, das Dietwald Werneken mit Stahl und Zündschwamm in Flammen zu setzen gelang. »Wollt ihr essen?« fragte Folka, ihre folglich mitgeführten Vorräte herbeiholend. Aber niemand besaß Hunger, und sie fuhr fort: »So laßt uns das Feuer nutzen, die Wolchow etwas aus unsern Kleidern zu trocknen, da wir nicht andere haben, wie ich heut mittag. Wir müssen uns freilich mit einem Sitz auf dem Boden genügen, doch sonst, deucht mich, ist's hier, wie wir am Herd zu sitzen pflegten.« So saßen sie wie am Herd des gotischen Kaufhofes um die flackernden Flammen, und Folka Wulflams Lippen sprudelten von lustigerer Rede und ausgelassenerer Laune, als noch je zuvor, bis sie, ihre beiden Genossen anblickend, sprach: »Eure Lider fallen, legt euch zum Schlaf, wir haben weiten Weg morgen.« Der junge Kaufmann streckte sich nach kurzer Weile in einen Winkel auf das Heu, Elisabeth wollte an der Wand gegenüber das gleiche tun, doch Folka faßte ihren Arm. »Da ist es kalt, sei nicht töricht!« »Was soll ich?« fragte das Mädchen erstaunt; Folka Wulflam erwiderte: »Dahin, wo dein Platz und Wärme für dich ist.« Sie führte Elisabeth zur andern Seite hinüber und zog sie rasch zu Dietwald Werneken nieder. Dieser hatte sich, verwirrt zu ihr aufblickend, halb emporgerichtet und stotterte: »Was wollt Ihr, Folka?« »Daß Ihr Eure Braut nicht frieren laßt. Das Feuer erlischt bald. Eure Arme werden besser die Wärme bewahren.« Ein doppelter, seltsamer Aufschrei erwiderte auf die mit leicht scherzendem Ton verhallten Worte. Folka Wulflam wandte sich rasch ab und trat vor die Tür der Baumhütte hinaus. Als sie zurückkam, fiel ein matter Schimmer mit ihr herein; sie stand einige Augenblicke und schaute unbeweglich auf den Boden nieder, wo Elisabeth Warendorps blonder Kopf, von Dietwald Wernekens Arm fest umschlossen, ruhig schlafend an seiner Brust lag. Dann rief die Hereingetretene: »Wacht! Es ist Zeit zum Aufbruch,« und die Schläfer fuhren empor. Ungläubig suchten sich ihre Augen, ihre Hände hatten sich im Schlaf nicht verlassen. »Diesmal war es kein Traum, Elisabeth,« lächelte er, doch noch mit halb traumhafter Stimme, und zog ihre Hand an seine Lippen. Ein liebliches Rot blühte über die Wangen des Mädchens, sie sprach leise: »Dein Herz hat mir geredet, während du schliefst, es ist wahr, sonst könnt' ich's nicht glauben.« Dann erst kamen sie zu klarem Bewußtsein und blickten verwirrt staunend auf Folka Wulflam, die weiß überschneit vor ihnen stand. Dietwald sprang auf und faßte ihre Hand. »Euch danken wir alles, Folka, unser Leben, unser Glück! Ihr sahet die Liebe, die meine Augen nicht sahen, wußtet, was ich nicht gewußt –« Sie antwortete: »Ja, Ihr waret blind und ich mußte für Euch sehen. Zu Pferd! Wir müssen weit.« Nun fragte er verwundert: »Woher seid Ihr so weiß?« »Ich war töricht und ging in den Schnee. Jetzt werdet Ihr's mir danken, daß ich gestern Eurer heutigen Frühmahlzeit gedacht.« Sie genossen von den Speisen, dann ritten sie durch dichtes Flockengewirbel davon. »Wohin?« fragte Dietwald; »wir irren im Schnee und finden keine Richtung.« Folka Wulflam hob sich tief atmend im Bügel, ihre Hand deutete zuversichtlich durch das Gestiebe. »Sorgt nicht. Dort liegt das Meer, meine Brust kennt seinen Gruß.« Es war ein weiter Weg, viele Tage, wochenlang durch eine unwirtliche, fast menschenlose Welt unendlicher Wälder und Sümpfe. Doch der Himmel begünstigte die nordwärts Dahinreitenden; nur dann und wann tändelte der Winter bis jetzt mit seinem weißen Spielzeug, aber häufte keine undurchdringliche Masse davon auf dem Boden an. Die Flüchtenden trafen nur so oft auf eine armselige Ortschaft des trostlos öden Landes, daß sie sich vor dem Verhungern zu schützen imstande waren. Zumeist in roh abgezogene, ungegerbte Wolfsfelle gekleidet, starrten die Bewohner der Dorfhütten die Fremden stumpf-neugierig als etwas Unbekanntes, nie Gesehenes an; vielfach wußten sie selbst nichts von dem Wert und Gebrauch des Geldes. Doch fanden Reiter und Pferde, denen jetzt der Mond zur Hülfe kam, stets früher oder später am Abend eine Unterkunft, deren kärgliche Mahlzeit, trübes Licht und frostige Luft Folka Wulflams heitere Laune würzte, erhellte und vergessen ließ. Es war eine seltsame Brautheimführung, aber durch den Zwang der Umstände gewann sie eine märchenhafte Schönheit. Was strenge Sitte sonst als undenkbar erachtet hätte, gebot hier allnächtlich die rauh anatmende Wildnis. Und mit kindlich holder Unbefangenheit barg Elisabeth auf dem kalten Lager ihr Gesicht an Dietwald Wernekens Brust, und das Geflüster ihrer Lippen klang leise durchs Dunkel. Es redete immer von dem Nämlichen, wie solche Liebe winterlich in ihnen aufgekeimt, lange Zeit tief unterm Schnee, daß ihre Herzen selbst nichts davon geahnt. Nur zuweilen flüsterte Elisabeth: »Ich wußte nicht, was es sei, aber es war nicht allein um die Lerche, daß ich mit dir wollte.« Dann sprachen sie heimlichen Tones von der Zukunft Glück, doch sie hätten lauter zu reden vermocht, denn es war kein Ohr zugegen, das ihnen lauschte. Ohne daß sie's wußten, saß Folka Wulslam draußen in der Mondnacht, manche Stunde lang. Wenn sie endlich hereintrat, tönte ihr der Doppelatemzug ruhigen Schlafes entgegen, und lautlos streckte sie sich an der andern Seite des rohen Obdachs auf ihr einsam-kaltes Heu- oder Strohlager hin. So vergingen fast drei Wochen, bis düster der hohe Zwingturm von Iwangorod vor ihnen in die Luft stieg, und drüben jenseit der Narowa lag Estland mit den braunen Dächern der Stadt Narwa. Der milde Winter hatte auch dem Fluß kein Eis bis jetzt gebracht, und als die Ankömmlinge mit einer Fähre über ihn hinsetzten, sprach der junge Kaufmann: »So ist wohl auch die Schiffahrt noch frei, daß wir vielleicht ohne langen Aufenthalt weitergelangen mögen. Ihr habt mir nicht Antwort gestern auf meine Frage gegeben, Folka; uns bindet unvergeßlicher Dank an Euch, und vieles, das wir gemeinsam befahren, denk' ich, verknüpft auch Euer Leben mit dem unsrigen. Zudem steht Euer Haus in Dorpat leer und einsam, wie meines in Hamburg gewesen. Doch jetzt zieht in das letztere froher Stimmenklang ein, gesellet die Eurige hinzu, Folka, und verweilet drin fortan mit uns als in Eurer Heimat, daß unser herzliches Gedenken Euch nicht in der Ferne suchen muß.« Die Angesprochene nickte: »In das leere Haus zu Dorpat – nein –« und sie fügte scherzend hinzu: »Allein kann man auf der Pilkentafel nicht spielen, habt auch Ihr eine solche in Eurem Hause?« Die Fähre landete an, und sie kamen nach Narwa. Dietwald hatte richtig vermutet, das Meer war völlig eisfrei, und ein starkes Vollschiff aus Stralsund wollte sich trotz dem Januarmond in einigen Tagen zur Rückfahrt getrauen. So beschloß er hocherfreut, die unverhofft schnelle Gelegenheit zum Verlassen der nordischen Welt zu nutzen, und Folka stimmte schweigend ein. Es war ein sonnenheller Morgen, als sie an Bord gingen, scharfer, kalter Ostwind pfiff vom blauen Himmel. Staunend trat Elisabeth über die Zugangsbretter aufs Deck in die unbekannte Seewelt hinüber, Dietwald folgte ihr, dann drehte er den Kopf nach Folka zurück. Doch sie setzte den Fuß nicht auf die Brücke, sondern verschwand im selben Augenblick seitabwärts vor seinem Blick. Verwundert eilte er an die Schiffsbrüstung, da schaukelte unter dieser ein Boot auf dem bewegten Wasser, und darin stand Folka Wulflam grad so, wie er sie zum erstenmal im Hafen zu Dorpat gewahrt. Ihr glänzend braunes Haar flog im Wind, die dunklen Augensterne blitzten kühn unter den schön gebogenen Brauen. Ihre Hand löste das Segel des kleinen scharfgebauten Fahrzeuges, nun traf ihr Blick den von oben nach ihr suchenden, und sie rief lachenden Mundes: »Fahret wohl, Dietwald Werneken! Ich will Reval aufsuchen, meiner Väter Heimat. War's Euer Ernst, ich solle am Ofen Euren Kindern vom Schnee zu Nowgorod erzählen, aus dem sie gewachsen? Ihr mögt's geglaubt haben, denn Ihr tragt nichts in Euch von Wisimars, meines Vorvaters Blut! Wenn es in mir matt und alt geworden, komme ich vielleicht einmal, Euch zu suchen; aber wenn Ihr vorher meiner gedenkt, sucht mich in Wind und Welle gleich ihm, nicht in Eurem grünen Schnee zu Hamburg!« Ihre Hand zog kraftvoll das flatternde Segel an, es bauschte, bog sich, und wie ein Pfeil schoß das Boot seewärts hinaus. Und wie ein Blitz schoß es wundersamlich vor den Augen Dietwald Wernekens, als sei es nicht die Gestalt und das Antlitz Folka Wulflams gewesen, sondern Elisabeth Warendorp, die das Segel davongerissen. Sprachlos verwirrt wandte er sich um, da stand Elisabeth hinter ihm, mit weit geöffneten Lidern stumm und atemlos dem Boote nachschauend. Auch das Schiff stieß jetzt vom Ufer ab, und der Wind schnellte es rasch in den Finnischen Meerbusen hinaus, doch unerreichbar flog das kleine Fahrzeug vor ihm auf. Ferner, immer mehr zusammenrinnend, blitzte das weiße Segel im Sonnenlicht, zuletzt verschwand es wie eine Möwe über der hochwellenden See. Zehntes Kapitel. Die Fahrt gen Stralsund nahm nicht so günstigen Fortgang als der Beginn verheißen. Eh' das Schiff noch den Finnischen Meerbusen verlassen, machte der Winter rauh und wild seine lang verabsäumten Rechte geltend. Nebel fiel ein, und Nordsturm warf das starke Fahrzeug fast eine Woche lang in der Irre umher. Mit schweigsam ernstem Gesicht stand der Schiffer am Ruder und zuckte zu Dietwalds Frage, wo sie auf der Ostsee seien, die Schulter. »Nacht und Nebel sind gleich für Menschenaugen, Herr; Gott steuer's, daß wir nicht auf die schwedischen Schären rennen, denn wir sind weit nach West hinüber.« Wind und Wogengang wuchsen in der Nacht noch höher an, doch die Luft hellte sich mit dem Morgenlicht auf, und nun tauchte linkshin dunkles Land über den Wellenköpfen auf. »Was steigt drüben aus dem Wasser?« fragte der junge Kaufmann, kaum imstande, sich auf dem schwankenden Deck zu halten. Gespannten Blicks lugte der Schiffer eine Weile hinaus, dann rief er: »Gotland ist's, vom Nord her: gebt acht, in einer Stunde schimmern die Kalkfelsen weiß auf. Wir müssen suchen, daß wir Wisby anlaufen, sonst füttern wir die Fische zur Nacht.« Seine Befürchtung traf ein, der Sturm schwoll von Stunde zu Stunde zum Orkan. Fast willenlos ward das Schiff von ihm fortgerissen, doch in der Richtung auf Gotland zu. Dann bewährte sich sein Führer in seiner Kunst, denn in gefahrvollem Augenblick ließ er die Segel wechseln und gewann dem Steuer die Gewalt über das Fahrzeug zurück. Mit der Leeseite fast in die gärenden Wellen hinuntergedrückt, flog es unter den weißen Kalkfelsen entlang, um ein vorspringendes Riff nun, und im Abendlicht hob sich Wisby aus seiner Bergeinsattelung empor. Als eine mächtige Stadt erschien es, ringshin auf den Höhen in weitem Bogen von vielgetürmter Ringmauer umwallt; zwischen ihrem Halbrund ragten zahlreiche gewaltige Kirchenbauten, am höchsten die doppeltürmige deutsche Marienkirche in die Luft. Doch wie alles näher herankam, unterschied der Blick hier und dort in den ungeheuren Steinmassen nur zerfallende, grasüberwachsene Trümmer, von weiten, häuserlos verödeten Plätzen umgeben; beinahe gemahnte die Anschau an Nowgorod, nur in verringertem Maße der meilenweit gedehnten Ruinenstadt an der Wolchow. Da und dort stand noch ein Haufen Dächer und hochgetreppter Giebel, aus stolzen Tagen der Hanse herübernickend; »als die Goten das Gold auf der Liespfundwage gewogen und die Frauen mit goldenen Spindeln gesponnen«. Dietwald Werneken und Elisabeth maßen stummen Blickes das Bild der versunkenen Größe, mastenlos lag der Hafen, nur einige Boote warfen die Wellen am Ufer hin und her. »Ein Dänenkönig soll einmal die Stadt zerstört haben,« sprach der Schiffer, »danach haben Seeräuber lang drin gehaust. Es ist nicht viel übrig von den silbernen Trögen, aus denen einstmals die Schweine bei ihnen gefressen, wie sie singen: sie sind froh, wenn sie in irdenen Schüsseln selber zu essen finden. Aber gut, daß wir drin sind, Herr, und die Fische nicht von uns schmausen, wenn wir uns auch lang drinnen verschlafen müssen. Denn der Winter läßt sich nicht spotten, er kommt uns weiß vom Russenlande her nach, ich spür' ihn im Gebein, und vor zweien Monden laufen wir ohne Eisschuh nicht wieder in die schwedische See.« Der Winter war wirklich gekommen, wie es der Schiffer vorhergesagt. Als Dietwald am nächsten Morgen in der ärmlichen Herberge erwachte, darin sie Unterkunft gefunden, rieselte körniger Schnee, die Wasserlachen der öden Plätze zwischen den wenigen noch erhaltenen Gassen zeigten sich mit Eis bedeckt, und schon am Tage darauf schoß harter kristallener Spiegel unabsehbar auch vom Ufer in die See hinaus. Sinnend blickte der junge Kaufmann mit Elisabeth darüber in die Weite, dann schlug er um eine Stunde später, ohne seiner Gefährtin mitzuteilen, was er beabsichtige, den Weg zur Wohnung des evangelischen Pfarrers neben der Marienkirche ein, und um eine Woche nachher traten aus dieser Dietwald Werneken und Elisabeth hervor, ohne festliches Geleit und selbst ohne Kränze auf dem Scheitel, doch mit dem lenzfreudigen Antlitz und dem heimlichen Augenglanz eines eben vermählten Paares. Sie waren sich auch allein genug, und die dürftige Stube der Herberge ließ sie nichts an Raum und Herrlichkeit vermissen. Draußen um sie her lag Schnee wie zu Nowgorod; wenn sie hinausblickten, konnten sie wähnen, noch in dem Kaufhof zu weilen, den sich die stolzen Goten dieser Stadt einst vor Jahrhunderten im fernen Ostland erbaut. Nur saßen sie anders als dort am knatternden Feuer, bedurften nur eines Sitzes, denn Dietwald Werneken hielt sein junges Weib auf den Knien und küßte ihre Augen, die gleich zwei blauen Frühlingsblumen aus weichem, rötlich bestrahltem Schnee hervorsahen. Es war eine gar liebliche Blüte, die er aus dem Russenlande mit sich heimbrachte, oft staunte er, daß es die nämliche sei, die an jenem Maientage so wunderlich auf dem alten Baumstamme gehockt. Dann sprach er lächelnd: »Du bist's, doch mein weißes Lamm, bleibst du auch allzeit bis an unser Lebensziel, nur ist's so klug geworden, daß ich es fast nichts mehr lehren kann. Dein Unterricht war besser als meiner, ich lehrte dich im Buche lesen und auf ein Blatt schreiben, aber ich lernte von dir, in mir selber zu lesen, und du schriebst dich mir ins Herz hinein. So jung du bist, verstehst du dich gar meisterlich auf deine Wissenschaft: ich bin ein eifriger Schüler, laß deine Lippen mich weiter unterweisen, du liebe Lehrerin!« »Ja, du bist jetzt lernbegierig, wie ich es war,« lachte sie, und ihre blühenden Frauenlippen erfüllten freudig sein Begehren. Oft redeten sie von dem alten Pechler im Walde mit gleichem Bedauern, daß sie ohne Abschied von ihm fortgemußt. »Ob er gleich für die evangelische Lehre nicht Verständnis besaß,« meinte die junge Frau, »einen Bessern, glaub' ich, werde ich auch in deinen hochgerühmten Hansestädten nicht antreffen. Er hat mich durch lange Jahre bewahrt, wie ich damals die Lerche ein kurzes Stündlein, und es wäre wohl ohne ihn, mehr noch als mein Leib, meine Seele im Schnee erstarrt. Das getröstet mich allein, er wird Kunde gewonnen haben, daß du mich mit dir fortgenommen und wir gerettet worden. Da weiß er mich glücklich, und er begehrt nicht andres für sich selber.« Manchmal auch kam Dietwald auf Folka Wulflams seltsam plötzliches Scheiden zurück. Rätselhaft war's ihm, wie beim Anblick des Meeres das alte ungestüme Blut, das ihr von jenem seeräuberischen Wisimar als Erbteil gefallen schien, unwiderstehlich aufs neu' in ihr erwacht sei, um sie wieder in Wind und Welle hinaufzutreiben, gleichwie dieser abenteuerliche Drang sie auch nach Nowgorod geführt. Dann hörte Elisabeth schweigend zu. Einmal fragte er: »Glaubst du, daß sie bald von ihrem Sturmverlangen gesättigt sein und nach Hamburg kommen wird, um bei uns zu bleiben?« Da schüttelte Elisabeth Werneken stumm verneinend den Kopf. Doch so oft sie von Folka Wulflam redete, kamen die Worte ihr aus warmem Herzen herauf. Es waren Wochen strengen, doch schönen, heitern Winterfrostes, in den oftmals glänzende Sonne leisen Anhauch einer Frühlingsahnung hineinwebte und mit ihr den kurzen Tag hindurch zum Aufenthalt ins Freie hinauszog. Hand in Hand wanderten die jungen Ehegatten alltäglich zwischen den schwermütigen Überbleibseln der einst reichsten und gepriesensten Stadt des Nordens umher. Weit klang in der klaren Luft jeder Schall, der Lachruf einer Möwe oder der scharfe Schrei eines kreisenden Seeadlers herüber, sonst herrschte gemeiniglich lautlose Ruhe ringsum. Nur eines Nachmittags scholl das Gelärm von Hacken- und Karsthieben durch die Stille und lockte die beiden Wandernden hinzu. An einer Stelle der Ringmauer war eine Anzahl von Männern beschäftigt, mit Eisenstangen und Äxten die Steine eines alten Turmes zu lockern und herauszubrechen; Dietwald fragte, zu welchem Zweck sie ihre Arbeit betrieben. »Wollen aus den nutzlosen Steinen Viehställe aufbauen, Herr.« Mit Teilnahme betrachtete der junge Kaufmann das starke, festen Widerstand leistende graue Gemäuer, ihm fiel auf, daß es keinen Zugang besaß, wie die benachbarten andern Warttürme, und er sprach Verwunderung darüber aus. »hat wohl auch einmal eine Tür gehabt, Herr,« versetzte einer, »sie heißen ihn den Jungfernturm, drin soll vor undenklicher Zeit eine Dirne, welche die Stadt an den Feind verraten, lebendig vermauert sein. Schauet, da sieht's aus, als wär's anderes Gefug.« Er wies auf eine Stelle der Bresche, die sie hineingebrochen, die Lücke war so weit geworden, daß einer der Arbeiter ins Innere des Turmes hindurchkroch. Er mochte Schätze drinnen vermuten, doch kam bald enttäuschten Gesichts zurück. »Man erstickt drin vor fauler Luft,« sagte er, »kein Heller, nichts als Schutt, Gewürm und das da.« Seine Hand hielt etwas; wie Dietwald unwillkürlich die seinige danach streckte, war es ein fast schneeweiß abgebleichter Totenschädel eines kleinen Menschenkopfes, die leeren Augenhöhlen boten den unvermeidlichen knochigstarren, unheimlichen Ausdruck, doch sonst besaß er in seiner schmächtigen Gestaltung beinah etwas zierlich Anmutvolles. Unverkennbar hatte er einem jungen Weibe angehört, selbst ein Teil der kleinen, bläulichweißen Zähne war noch erhalten. »Ein seltsames, namenloses Gedächtnis der Vergangenheit,« sagte Dietwald Werneken ernst. Er zog eine Geldmünze hervor und fügte hinzu: »Euer Fund ist für Euch wohl ohne sondern Wert, Freund; laßt mich ihn als ein Gedenken an Wisby und als einen beredten Mahner mitnehmen, daß alles Menschenlebens Lust oder Leid so endet.« Der Finder gab bereitwillig das Verlangte hin, gleichgültig hinzufügend: »Es wird die Jungfer gewesen sein, die in dem Turm verhungert ist.« Elisabeth schauerte zusammen, mit Dietwald zurückschreitend flüsterte sie nach einer Weile: »Die Unselige – kannst du's dir denken, daß einmal rote Lippen über diesen Zähnen gelebt und wohl auch jemanden geliebt und geküßt haben?« Sie erschrak, denn bei ihrer deutenden Vorbewegung hatte das kleine Goldkreuz, das sie auf der Brust trug, hervorgleitend mit leise klingendem Ton den weißen Totenkopf gestreift, und hastig barg sie's unter ihr Gewand zurück. So schritten die Tage bis in den Aprilmond hinein, da brach die See das Eis im Hafen Wisbys, daß es in Schollen dahintrieb, und über das befreite Wasser kam, einer ersten Frühlingsschwalbe gleich, ein weißes Segel vom Süden herauf. Doch brachte es gar schlimmtönigen Gesang mit sich, als erste Kunde, welche Dietwald Werneken seit dem Briefe Jordan Warendorps von Lübeck und den Dingen des Westens empfing. Mit schmerzlichem Gedächtnis vernahm er zuvörderst abenteuerliche Botschaft, wie vor zweien Jahren der Ritter Marx Meyer, gefangen auf Wardbergschloß gehalten, sich durch einen kühnen Anschlag zum Herrn des letztern gemacht und sich darin Jahr und Tag so gewaltig verteidigt gehabt, daß er allein mit einer Handvoll unerschrockener Genossen den beendeten Krieg gegen die Könige von Dänemark und Schweden fortgesetzt und stets noch weiter geplant, mit Beihülfe König Heinrichs von England Christiern den Zweiten aus dem blauen Turm in Sonderburg zu befreien und auf den dänischen Thron zurückzubringen. Oftmals von den Führern des ihn umschließenden mächtigen Belagerungsheeres zur Übergabe aufgefordert, hatte er geantwortet, »lieber sich den Türken als den falschen Holsten zu unterwerfen«, und furchtlos die vom Feindesgeschütz in die Mauern seiner Burg gebrochenen Lücken mit Wollsäcken zugestopft. Doch zuletzt vom Hunger und dem Murren seiner lang unbesoldeten Knechte gezwungen, hatte er Wardbergschloß gegen Auszahlung einer Summe Goldes und Sicherung des Leibes und Lebens für sich und die Seinigen überliefern gemußt, solche ehrliche Zusage des deutschen Feldhauptmanns der Belagerer jedoch, der dänische und holsteinische Adel, treulos gebrochen und in unbändigem Haß sich des aus den zerschossenen Wällen Hervorschreitenden mit Gewalt bemächtigt, um ihn in die Hand König Christians des Dritten zu geben. Da war er in Eisen geschmiedet, auf der Folter ihm das Eingeständnis zahlreicher Verbrechen, die er begangen haben solle, abgerungen und Marx Meyer alsdann zu Helsingör enthauptet, sein Leib gevierteilt und aufs Rad gebunden worden. Das war bereits geschehen, als im verwichenen Jahre der kurze Sommer noch über Nowgorod gelegen, daß an einem offen-ehrlichen, tapfern deutschen Herzen nach Jordan Warendorps Wort wieder einmal »die Welt mit großer Falschheit umgegangen«. Doch mit noch tieferer Betrübnis vernahm Dietwald Werneken eine zweite Kunde. Es hatte sich gegen den Herbstbeginn der Vogt von Bergedorf, Jürgen Wullenweber, von der Stadt Hamburg aus auf einer Reise ins Land Hadeln begeben, und wie es offenkundig geworden, sogleich geheim der wiedergekehrte Lübecker Burgemeister Nikolaus Brömse Sendboten an den Erzbischof Christoph von Bremen, einen der glaubenswütigsten Päpstlichen, geschickt, derselbe möge eilig den günstigen Anlaß wahrnehmen, den Feind der römischen Kirche, des dänischen Königs wie des Adels und der Geschlechterherrschaft in seine Gewalt zu bringen. Und auf dieses Anstiften hin war trotz dem kaiserlichen Landfrieden der Lübecker Amtmann von Bergedorf durch Knechte des Eizbischofs auf freier Straße ›als geleitlos‹ überfallen und in einen Kerker zu Rotenburg im Bistum Berben geworfen worden. Dort hatten sich , wie ein Rabenschwarm um den angeketteten Adler, alle Todfeinde des ehemaligen Burgemeisters versammelt, ihn durch ›Meister Kord‹, den Büttel von Bremen, mehrfach auf der Folter ziehen, renken und schrauben lassen und ihm, von namenlosem Schmerz überwältigt, ein Zugeständnis aller seiner ausgeführten und beabsichtigten Verbrechen abgenötigt. Als todeswürdigste derselben habe er bekannt, daß sein Plan gewesen, burgundische Truppen durch das Mühlentor nach Lübeck hineinzuschaffen, den Altburgemeister und alten Rat daselbst zu ermorden, sich zum obersten Regenten der Stadt zu machen und im Verein mit Johann von Leyden, dem ›Könige zu Münster‹, das Wiedertäufer-Unwesen dort einzuführen. Es seien diese ihm entpreßten Aussagen zwar so widersinnig und jedes Menschenverstandes bar, daß kein halbwegs Vernünftiger ihnen einen Glauben beimessen könne, doch geschickt aufgebracht, um den Haß des niedern Volkes durch Anschuldigung des beabsichtigten Verrates der Stadt gegen ihn zu reizen, und zumal flöße den Gedankenschwachen nichts besinnungsloseren Schreck ein, als eine Vorstellung, daß sie von gleichen Greueln, wie solche zu Münster geschehen, bedroht sein könnten. Das hätten auch alle Pfaffen, die lutherischen wie die päpstlichen, bald mit kluger Spürkunst herausgewittert und Herr Hermann Bonnus, der evangelische Superintendent, besonders mit tiefer christlicher Bedauernis öffentlich zu verstehen gegeben, daß »der von der Natur nicht ungeschickte, doch in seinem Vornehmen unbeständige Mann« nach seinem Dafürhalten schon seit langem heimlich ein Anabaptist gewesen, wie er es nunmehr auch unter der Pein zubekannt. Es sei das alles aber von Fürsten, Adel, Geschlechtern und Geistlichkeit nur ersonnen, den gewaltigen Mann, vor dem sie auch nach seinem Abscheiden vom Burgemeisterstuhl Lübecks in ständiger Furcht gelebt, um Hand und Hals zu bringen. Und da viel fremde Herren, selbst der englische König und die Königin Maria in den Niederlanden, sich eindringlich für den Beklagten verwandt und begehrt hätten, man solle den wider alles Recht unfrei Gemachten aus der Gefangenschaft lösen, so habe der Erzbischof von Bremen ihn seinem Bruder, dem Herzog Heinrich zu Braunschweig und Lüneburg, wohl dem hinterhältischsten und rachgierigsten unter allen deutschen Fürsten der Zeit, in die Hände geliefert, und sei Jürgen Wullenweber seit einiger Zeit aus dem Verlies von Rotenburg in einen erbärmlichen Kerker des Schlosses Steinbrügge, unfern der Stadt Wolfenbüttel, fortgeschleppt worden. Tief erschüttert hörte Dietwald Werneken diese Botschaft, und trotz seinem jungen Eheglück vermochte er kaum eine leidvoll herzklopfende Ungeduld über die Tage zu zügeln, die er noch in Wisby zuwarten mußte, ehe das Schiff, welches die bösen Nachrichten überbracht, gen Lübeck zurückkehrte. Dann stiegen aus sonniger Luft, schon über den blauen See noch, fern und hoch die mächtigen Türme an der Trave vor ihm auf, doch unheimlich, fast gespensterhaft erschien ihm ihr weither winkender Gruß. Und als er nun mit Elisabeth durch die Gassen Lübecks hinschritt, da war's ihm, als wehe es mit einer Grabesluft aus den Häusern hervor, frostiger als der Eiswind zu Nowgorod, und als starrten entgeistert leere Augen aus all den Gesichtern, die sich gleichgültig unbekümmert in den Straßen drängten, redeten und lachten. Nur im Hause der Dankwardsgrube begrüßte warmer, herzensfreudiger Empfang der hochstaunenden Bewohner die unvermuteten Ankömmlinge, und es dauerte geraume Weile, bevor Jordan Warendorp und Frau Erdmute alles, was sie vernahmen, als glaubhaft vor Augen und Ohren stand, denn der Brief, den Dietwald von Nowgorod aus abgesandt, war nicht an sein Ziel gekommen. Immer aufs neu' faßte Erdmute Warendorp die Hände ihrer fremden, unter dem Schnee heraufgewachsenen Verwandten, hielt sie in den Armen und küßte sie und tauschte dazwischen mit Dietwald Werneken manchen freudvoll nickenden, lächelnd redenden Blick. Noch als zuletzt die jungen Frauen verschlungenen Arms das Gemach verlassen, um in die Kinderstube hinüber zu schlüpfen und dort traulich selbander Zwiesprache zu führen, da fiel rasch ein trüber Schatten über die beiden zurückgebliebenen Männer. Dietwald erfuhr jetzt, was im Verlaufe der letzten Wochen geschehen, daß die Verfolger Jürgen Wullenwebers lang unschlüssig umhergesonnen, wie sie einen Richterstuhl ausfindig machen könnten, der es auf sich nähme, einen Urteilsspruch über den ehemaligen Burgemeister Lübecks zu fällen. Die Klage wider ihn hätte vor den Hansetag oder das kaiserliche Reichskammergericht zu Speyer gehört, allein bei diesen beiden würde das heimliche Gewebe von Landfriedensbruch, Gehässigkeit, Unzuständigkeit und Gewalttat, die an dem Beklagten verübt, öffentlich bloßgelegt worden sein, und deshalb hatten seine Verderber ihn vor kurzem unter der verlogen schönredenden Vorgabe, ›das ehrliche Land richten zu lassen‹, vor ein niederes, völlig von Wink und Weisung der Räte Herzogs Heinrich von Braunschweig abhängiges Bauerngericht gestellt. Zwölf Bauern des Landes zwischen Wolfenbüttel und Hildesheim, nur gewöhnt, als Schöffen den Wahrspruch gegen gemeines Verbrechen an Hab und Gut zu finden, sollten auf die ›Urgicht‹ des insgeheim Gefolterten ein Urteil über das vormals gebietende Oberhaupt der deutschen Hanse sprechen. Und vor solchem Gericht traten König Christian der Dritte von Dänemark, der Adel Holsteins, der gegenwärtige Burgemeister und Rat der Stadt Lübeck, die römische Geistlichkeit wie die Gottesgelahrten der evangelischen Kirche in den Städten als Bekläger auf. Wie Dietwald Werneken dies vernommen, reifte alsbald die Absicht, mit der er bereits in Lübeck eingetroffen, ihm zum Entschluß, sein junges Weib einstweilen unter der Obhut Jordan Warendorps und Frau Erdmutes zu belassen und noch am selben Tage eilfertigst zu Roß gegen Süden weiterzuziehen, den Mann, wider den sich soviel Todfeinde seiner hochfliegenden Gedanken zusammengeschworen, um ihn zu verderben, womöglich noch einmal auf Erden unter den Lebenden vorzufinden. Es war ihm wie ein Gelöbnis, das er damals beim Abschied Jürgen Wullenweber geleistet, ihm die Hand noch wieder zu reichen, und wie eine heilige Pflicht, dem von allen Verlassenen in letzter Stunde zur Seite zu sein. So ritt er mit bitterlichen Gedanken von dannen und kam nach einer Woche gen Steinbrügge ins Wolfenbüttler Land. Dort hatte inzwischen das Bauerngericht auf die ihm vorgehaltene Urgicht des Gefolterten gar rasch seinen Spruch erkannt, »das ehrliche Land finde zu Recht, er möge es ohne Pein und Strafe nicht getan haben« und »der Scharfrichter möge ihm das Urteil finden«. Als Kläger des Lübecker Rates aber waren die Ratsherren Johann Krevet und Klaus Hermeling zugegen und hatten eifrig den Stadthauptmann von Wolfenbüttel ermahnt, »allen Fleiß anzuwenden, daß die bewußte Sache mit Wullenweber allda ihre Endschaft erreiche und der König von Dänemark zur peinlichen Verfolgung seine Gesandten mit den Lübischen zur Stätte schicke, damit ihnen die Sache nicht allein zugeschoben werde«. Zu seinem ungläubigen Staunen jedoch vernahm Dietwald Werneken, daß der Verurteilte vor dem Gericht seine Folteraussagen wiederholt bekannt habe, es sei in seinem Plan gewesen, sich der Stadt Lübeck mit burgundischer Beihülfe zu bemächtigen, dort Wiedertaufe und Güterverteilung auf offenem Markt unter Bedrohung mit Galgen und Rad einzuführen, sowie Herrn Nikolaus Brömse und dessen gesamten Anhang zu ermorden. Kaum traute der junge Kaufmann seinem Gehör bei dieser Mitteilung und sprach sich, es müsse auch dies fälschlich unterschobene Lüge sein. Es gelang ihm anfänglich nicht, Zutritt zu Wullenweber zu erreichen, denn dieser wollte in den letzten Stunden seines Lebens niemanden bei sich wissen, hatte auch einem lutherischen Pastoren, der ihn tröstlich auf den Tod zu bereiten gedachte, die Annahme geweigert. Doch als Dietwald seinen Namen auf ein Blättchen geschrieben und hineingesandt, ward ihm zur Antwort, der also heiße, sei willkommen. So trat er in das enge, trüb erhellte, von zehn Fuß dicker Mauer umschlossene Kerkerverlies ein, darin sein Blick, aus der Sonne gekommen, zunächst fast nichts unterschied. Dann gewöhnte sein Auge sich an den ungewissen Tagesschein, und er stand, keiner Sprache mächtig, im Innersten erschüttert. Vor ihm auf einer Holzpritsche lag die Hünengestalt Jürgen Wullenwebers gebrochen ausgestreckt, nur notdürftig bekleidet, daß der Anblick den hereintretenden mit einem Schauer an die Nacht gemahnte, in welcher der Burgemeister Lübecks, von rotem Fackellicht blutig angestrahlt, im Schlafgewand auf die glimmernde Panzerrüstung des Ritters Marx Meyer gestützt, durch die Tür seines Hauses zurückgeschritten. Abgezehrt, ergrautes Haar und Bart um ein erdfahles Gesicht, richtete er sich jetzt empor, trat mühsam, sichtlich mit heftigem Schmerz die Herrschaft über seine schlotternden Glieder erzwingend, einen Schritt gegen den Ankömmling heran und sprach, die knochenhagere Rechte vorstreckend: »Ich erkenne Euch, Werneken, meine Augen sind mir noch verblieben. Ist anders geworden, als wir damals beim Abschied gedacht, weiß noch wohl, was wir gesprochen, und hab' Euch im Gedächtnis bewahrt. Wäret bald zu spät gekommen, Eure Zusage zu erfüllen, mir noch einmal die Hand zu reichen – als Ihr ginget, kamen viele und trugen Begehr nach mir – ist sehr leer geworden von guten Freunden, Werneken. Verübelt's mir nicht, wenn ich Eurer Hand nicht festern Gruß biete, es sind in meiner nicht alle Knochen so verblieben, wie die Natur sie geschaffen, und verstattet mir, wieder zu sitzen. Wir saßen wohl einmal besser beisammen – hättet Ihr in der Nacht damals die Marder in meinem Hause nicht aufgestört, da läg' ich jetzt auch schon besser. Was redeten wir bei unserm Abschied – daß es nur Befriedigung werbe, sonder Eigensucht Kraft und Leben an ein Werk zu setzen, andrer Wohl zu fördern? Mir kommt's so, habe manchmal dran gedenken müssen – waren sehr jung damals, Werneken – waren wohl weintrunken, glaub' ich, daß wir für andere Sorge tragen wollten, für Blinde sehen und Tauben predigen. Habt auch das gleiche Geschäft betrieben im Schnee zu Nowgorod? Was war's? Wahrheit, Mut und Klugheit wollten wir aufrecht halten, sprach meine Zunge –« Manchmal laut verständlich, zuweilen halb vor sich hinmurmelnd hatte er geredet, nun brach er mit einem bitterherben Auflachen ab. Der junge Hörer saß stumm, ihm preßte der Anblick noch wortlos das Herz, und der Gefangene wiederholte: »Wahrheit und Mut – habt wohl vernommen, daß nur die Klugheit auf meiner Zunge übrig geblieben –« Dietwald entgegnete ohne Verständnis der letzten Worte, halb unbewußt: »Ich habe nur das Lügengerede vernommen, das über Euch ausgeht, Ihr hättet vor dem Gericht freiwillig –« Er stockte vor dem auf ihn gerichteten geisterhaften Blick Wullenwebers. »Freiwillig –« sprach dieser wie ein dumpfes Echo nach – »ja –« und er schwieg. Erst nach einer Weile fügte er drein: »Strafet nicht Lügen, die es nicht verdienen.« »Unmöglich – Ihr hättet?« und Dietwald starrte ihn wie betäubt an. »Die Klugheit noch einmal wiedergefunden, Werneken, die ich lang genug eingebüßt, heißt's Feigheit – die Seele ist schwach, so lang sie am Fleisch klebt, hättet Ihr eine 'Reise' auf der Leiter gemacht wie ich, Ihr schautet mich nicht so an. Als sie mich zum drittenmal aufgezogen, sprach der Herzog dazu, wenn ich anders antworte, als gefragt worden, koste es mir das Leben in den Peinen.« Kalt überschauert entgegnete der Hörer ungewiß: »Doch ohne Folterqual, redeten sie, hättet Ihr wiederholt –« Jürgen Wullenweber hob ihm das weiße Gesicht entgegen: »Ja, ohne Folterqual. Nur sprach mir einer, es sei für den Wiedertäuferkönig zu Münster ein eiserner Käfig auf der Spitze des höchsten Turmes bereitet worden, in welchem er, bis an den Kopf eingeschlossen, lebendig den Raben als Atzung gedient, und sei schade drum gewesen, daß es die Winterzeit nicht zugelassen, um ihn mit Honig zu beschmieren, damit das Ungeziefer an seinen Leib gelockt werde. – Es ist Sommerszeit draußen, Werneken – und ich hab' ohne Folterqual vor dem ehrlichen Gericht ausgesagt, was man von mir begehrt.« Die mächtige Gestalt sank lautlos auf den Holzbrettern zusammen, es blieb grabesstill, auch Dietwald Wernekens Mund schwieg, von namenlosem Schmerz und Grauen verschnürt. Nach einer langen Pause murmelte Wullenweber nur halblaut: »So tut's das Schwert.« Doch zugleich sprang er in alter Kraft von seinem harten Lager auf, ergriff eine Kohle und schrieb hastig mit großen Zügen an die Kerkerwand: »Vor meines Heilands Richtstuhl: Ich war kein Dieb, kein Verräter, kein Wiedertäufer – dessen mög' er mir die Wahrheit bezeugen!« »Da steht's, Werneken, redet's, wenn meine Zunge stumm geworden!« Tief erschüttert streckte Dietwald ihm die Hand entgegen. »Ich will's – ich wußt's auch ohn' Euer Wort.« Zögernd hielt er einen Augenblick an, eh' er hinzusetzte: »Ihr gedenkt unseres Heilands – verlangt Ihr nicht nach einem Diener seines Wortes?« Doch der Befragte erwiderte kopfschüttelnd: »Laßt sie draußen, sie sind Diener derer, welche die Macht auf Erden halten. Ich bedarf des Evangeliums, nicht ihrer, das trag' ich in mir. Nach des reinen Glaubens Obsieg hab' ich getrachtet und nach der Hanse altem Ansehen, Stolz und Herrlichkeit; von beiden wissen und wollen die Menschen nicht. Eine Schuld nehme ich mit mir hinüber vor die Barmherzigkeit Gottes; sie hat an meinem Leben gefressen und es aufgezehrt. Ihr seid Christ der reinen Lehre, Werneken, laßt mich Euch besser als einem Priester beichten, was allein mich in letzter Stunde anklagt.« Die gebrochene Kraft Wullenwebers hatte sich wundersam aufgerichtet, körperlich und geistig eine edle, ruhige Festigkeit zurückgewonnen. Die Hände ineinander faltend, fuhr er fort: »Ihr seid ein Mensch und könnt mich nicht von meiner Schuld lösen, nur ihr reuiges Bekenntnis anhören und mit mir beten, daß sie mir vergeben werde. Ich habe die Treue gebrochen an König Christiern dem Zweiten. Obzwar ich meine Schrift nicht mit unter den Geleitsbrief gefügt, der ihn nach Kopenhagen verlockt, liegt mein Gewissen doch beschwert seit jenem Tag. Denn mein Mund riet König Friedrich, seinem Ohm, Eid und Wort nicht zu achten und Christiern gefangen zu setzen nach Holland. Des hab' ich schwer gebüßt auf Erden und vergeblich es auszusühnen getrachtet. Nun tu' ich's hienieden mit meinem Leben; möge der zu Sonderburg arg Gehaltene droben nicht wider mich klagen und die ewige Gerechtigkeit Gnade an mir üben. Amen!« »Amen,« wiederholte Dietwald Werneken ernstbewegt. »Da ihr Eure Schuld bereuet, spricht unser Heilsglaube, wird sie Euch vergeben werden.« Eine Erinnerung tauchte in Dietwald empor und aus dem Geständnis Wullenwebers fiel ihm plötzlich ein erhellender Blitz über ferne Stunde zurück. Unwillkürlich sprach er: »Einer wußt' es schon zuvor.« »Nein, niemand als König Friedrich allein.« »Dann vermutete es Euer Freund, als wir beisammen im Ratskeller saßen.« Nun verwandelten sich die Züge des Gefangenen anders als vorher zu einem schmerzlichen Ausdruck. »Marx Meyer – ich hätt' ihn gern noch einmal gesehen.« »Ihr habt nicht gehört –?« Es war Dietwald entfahren; da er jäh anhielt, fragte Wullenweber: »Was?« Im Ton des kurzen Wortes und im Blick, der ihn begleitete; lag etwas fest und unabweislich Verlangendes; einen Augenblick zauderte der junge Kaufmann noch, dann berichtete er stockend, was er zu Wisby vernommen. Während er sprach, setzte Jürgen Wullenweber sich langsam auf sein Holzlager zurück und legte die beiden hagern Hände vor sein Gesicht. Als Dietwald schwieg, kam nur nach einer Weile ein halb erstickter Ton zwischen den Fingern hervor: »Marx –« Dann sah der einstmalige Burgemeister Lübecks auf. »Durch Treubruch untergegangen, wie Christiern. Hat er meine Schuld so abbüßen gewollt? Es säh' ihm gleich–« Eine große Träne fiel von seiner Wimper auf die Knie, und sein Kopf nickte: »Aus einer Welt gegangen, die für seine ehrliche Seele zu voller Falschheit war. Ich kenne ihn, er steht droben und wartet, bis ich komme, eh' er selber hineingeht. Wir hätten's auch auf Erden mitsammen gemacht, Marx, wenn die Väter noch gelebt!« Einen Augenblick schlug ein alter, flammender Blitz zwischen Jürgen Wullenwebers Lidern hervor, doch schnell gewannen seine Augen ruhige Gelassenheit wieder. Er streckte die Hand aus und sprach: »Habt Dank, Werneken; Ihr habt die letzte Last von mir genommen, daß ich sein argloses Herz nicht in solcher Welt zurückgelassen. Ihm hätt' kein Trunk mehr gemundet, nun geh' ich leicht. Laßt uns nicht mehr von mir reden, sondern von Euch, was Ihr im Schnee zu Nowgorod befahren.« Es fiel Dietwald schwer, dem Geheiß nachzukommen, doch sichtlich entsprach er damit einem ernsthaft gemeinten Begehren des Gefangenen, der nicht wie ein zum nahen Tod Bereiteter, sondern mit lebendiger Anteilnahme und Aufmerksamkeit dem Bericht zuhörte, daß der Erzählende für Augenblicke fast vergaß, unter welchen schaurigen Umständen er spreche. Als er geendet, erwiderte Wullenweber: »Ihr habt wie Maria das bessere Teil erwählt, das ist auch noch eine Tröstigung für mich. Wäret zwar, wenn es möglich gewesen, besser mit Eurem jungen Weibe zu Naugard verblieben, statt in eine unserer Städte zu kehren. Doch Ihr habt das Glück gefunden, das dem Menschen in deutschen Landen wohl allein übrig bleibt, und werdet wissen, es zu bewahren. Bewahret auch mein Angedenken, und nun lasset mich allein, Werneken, denn der Tag geht zu End', und ich hab' noch einmal Rechnung mit mir selber abzutun. Nur sagt mir noch etwas im voraus mit Eurer Hand zu, ob es Euch schwerfallen mag: morgen früh nicht zu fehlen, daß mein letzter Blick eines Freundes Antlitz gewahrt; wird außer dem Eurigen kein zweites dabei sein. Gott befohlen, Freund; wir reichen uns diesmal zum letzten die Hand, aber wir sehen uns doch wieder, dessen haben wir gelebt und sterben wir. Es ist nicht schwer, Marx nachzugehen und Feierabend zu machen, denn das Leben bedünkt mich als eine Arbeit, die gar geringen Lohn trägt.« Es waren die nämlichen letzten Worte, welche Böske Westerling, der Pechler im Walde, einmal zu Dietwald Werneken gesprochen; zum gleichen Endergebnis wie jener gelangt, schloß Jürgen Wullenweber mit dem Leben ab. Schlaflos verbrachte nach dem Abschied der junge Kaufmann die Nacht, und doch erschien's ihm kurz, bis das Frühlicht anbrach und mit diesem tausendfältiges Stimmengetöse das Zuströmen einer ungeheuren Volksmasse von allen Seiten kundgab. Dann war's noch wenig erst vorgerückte Morgenstunde, als Dietwald Werneken auf der alten Malstätte \›am Tollenstein\‹ unfern der Stadt Wolfenbüttel nach seinem Handgelöbnis dicht neben der Richtstatt stand und Jürgen Wullenweber hinter »Meister Hans« und seinen Schobanden durch die freie Gasse der Menge daherkommen sah. Sichern Schrittes und hochaufgerichteten Hauptes trat der Altburgemeister Lübecks herzu, als steige er zu einem Ehrensitz über den Köpfen empor. Dann bat er den Großvogt Herzogs Heinrich von Braunschweig um Verstattung eines letzten Wortes zu denen von Lübeck, die bei seinem Tode gewärtig seien. Ungewiß zögernd, folgten auf die Forderung des Vogtes die beiden Ratsherren Johannes Krevet und Klaus Hermeling aus einem Winkel hervor, in dem sie sich ungesehen verborgen, und der erstere schritt frech gegen die Richtstatt vor und fragte: »Jörg, willst du mein was?« Doch gleich darauf schlug er scheu die Lider herunter, denn noch einmal flammte aus dem gelassenen Antlitz Jürgen Wullenwebers jetzt ein machtvoller Strahl stolzer Verachtung auf und er rief mit weithinhallender Stimme: »Danach habt ihr, Klaus Hermeling und Johann Krevet, lange gestanden, wohl vor drei Jahren, daß ihr mir bei Nacht wolltet ins Haus fallen, mich zu fangen; allein Gott der Allmächtige wollte das nicht zulassen. Nun ist es euch doch geraten, das will ich Gott geben. Es ist mit mir hier eine geringe Zeit, lasset mir noch diese Worte, dann will ich gern sterben. Ich sage auch vor der ganzen Welt, daß nicht wahr ist, was ich geredet, daß ich kein Dieb, kein Wiedertäufer, kein Verräter gewesen, wie ihr wisset, daß ich es nur aus Marter und zur Rettung meines Lebens gesprochen. Nunmehr bin ich meines Gewissens und der Welt ledig und warte vor dem Angesicht des Ewigen bessern Gerichts.« Damit kniete Jürgen Wullenweber, mit einem letzten ruhvoll verwandelten, Abschied grüßenden Blick das Gesicht Dietwald Wernekens suchend, nieder, und empfing regungslos den tödlichen Schwerthieb, von dem sein mächtiger Kopf zur Erde hinabstürzte. Stumpfsinnig und blöd sah die Masse des gaffenden Landvolkes drein, sie begriff nicht, was in dem Augenblick geschehen, daß ein hochgesinnter Freund des Volkes, ein großer deutscher Bürger, wie keiner wiederkehren sollte, dem vereinigten ingrimmigen Haß von Fürsten, Pfaffen und Junkern erlegen. Wohl mochte manchem von diesen das übertäubte Gewissen unruhig an die Brustwand hämmern, doch nur heimlich wagte ein Chronist an den Rand seines Berichtes über Jürgen Wullenwebers Tod ein rotflammendes Schwert zu malen und daneben zu schreiben: »Das hat er nicht verdient!« und hernach bei der Schilderung des gevierteilten Rumpfes beizufügen: »Das hatte Herzog Heinrich besser verdient!« Und nur ein Volkslied auf den Gassen Hub gar bald an zu singen: Die von Lübeck mögen in allen Tagen Den Tod Herrn Jörg Wullenwebers beklagen. Dietwald Werneken aber sprach schweren Sinnes in sich hinein: »Das ist der deutschen Hanse Ausgang und End'.« Und das sprach er sich zu wahr nur. Obwohl der Name noch ein Jahrhundert lang ein Scheinleben weiterführte, war's nur ein langes Zucken des Todeskampfes. Der letzte Mann war dahin, der die Zeit zurückführen gewollt, in welcher der deutsche Bürger ohne Beihülfe von Kaiser und Reich als Kaufmann durch Meere und Länder in die Ferne gezogen, mit seinem Wissen, seinem Mut und seinem Schwert dem deutschen Namen Achtung unter allen Völkern des Nordens zu erwerben. In hochfahrendem Trotz ihres Stolzes und ihrer Macht hatte die Hanse Wohl manchmal schweres Unrecht gehäuft, doch wenn ihr Niedergang eine Buße der Gerechtigkeit in der Menschengeschichte bildete, so erlitt sie das gesamte deutsche Volk. Wo Deutschland durch Jahrhunderte mit hansischen Koggen die nordischen Meere beherrscht, schalteten Engländer, Niederländer, Dänen und Schweden in ungebundener Willkür. Fürsten und Junker zertraten für andere kommende Jahrhunderte den letzten Rest freien deutschen Bürgertums auf dem Lande, und gleichgültig ließen sie den Fremden die Meeresherrschaft Deutschlands, die stolze Errungenschaft der ›Deutschen Hanse‹. Dietwald Werneken sah Jürgen Wullenwebers Kopf in den blutbeströmten Sand niederrollen, weiter ging sein Gelöbnis und seine Kraft nicht. Ehe der Leib des heimtückisch Ermordeten nach dem Spruch des ›ehrlichen Gerichts‹ gevierteilt und auf vier Räder gebunden wurde, bestieg der junge Kaufmann sein Pferd und ritt in tiefernsten Gedanken gen Norden davon. Er wandte sich gegen Hamburg, doch bog, ehe er dorthin gelangte, bei der Stadt Lüneburg von der Landstraße ab, so daß fast eine Woche verging, bevor er auf einem Umwege in seinem väterlichen Hause eintraf. Hier vollzog er mannigfaltige, wohlübersonnene Anordnungen, nahm auch das von ihm hinterlassene Testament aus dem Schrank, in welchem er für den Sterbefall seine Habe der Stadt Hamburg zur Besoldung eines lutherischen Predigers vermacht, und riß mit einem bittern Zucken um den Mund das Blatt entzwei. Dann ritt er weiter gen Lübeck, doch verweilte nicht lange dort, sondern zog nach herzlichem Abschied von Jordan und Erdmute Warendorp schon am folgenden Tage mit Elisabeth wieder gegen Süden hinab. Bei Oldesloe aber bog er von der Hamburger Straße zur Linken, übernachtete im Städtchen Lauenburg und setzte am nächsten Morgen früh mit einer Fähre über die Elbe. Von dieser aus ritten sie weiter durchs ebene Land, aus dem nach Stunden einige hohe Kirchen vor ihnen aufstiegen. Doch zwischen diesen breiteten sich seltsame leere, häuserlose Strecken, nur da und dort von etlichen zusammengehäuften Giebeln und Dächern überragt. Aber freundlich sah das Ganze aus schweigsamer grüner Umrahmung auf. Nun fragte Elisabeth verwundert: »Ist das Hamburg? Das hatte ich mir anders gedacht, mich deucht, es gemahnt fast an Nowgorod.« Dietwald Werneken hielt an und faßte ihre Hand. »Drum dacht' ich, würde es dir auch lieb sein, Elisabeth. Du sagst's, es ist nicht Hamburg; mir ist's leid geworden in den Städten unter den Menschen unserer Tage zu wohnen, drum hab' ich da drüben auf meinem Rückweg von Wolfenbüttel ein Haus für uns angekauft, daß wir wie im gotischen Kaufhof, nur traulicher und ohne den langen Schnee, allein drin miteinander leben. Es ist unfern nach Hamburg hinüber, wenn dann und wann mein Handelsgeschäft mich beruft.« Erstaunt noch, doch freudigen Blicks sah die junge Frau drein. »Wie heißt denn unser Wohnort?« »Du hast den Namen nie gehört, es war einstmals eine mächtige Stadt wie Nowgorod, sie heißt Bardewieck. Als Knabe war ich einmal dort mit meinem Vater, und sie zog mich seltsam an in ihrer heimlichen Stille, daß ich oft in Träumen ihr Bild vor mir gesehen. Wärest du lieber nach Hamburg gegangen?« »Du weißt, wo du bist, ist meine Welt, Dietwald,« erwiderte die junge Frau mit glücklichem Augenaufschlag ihrer blauen Augen – »horch!« Sie waren näher an ein altes Tor gekommen, das ihnen mit leerer Bogenwölbung aus den grünüberrankten Trümmerresten entgegensah. »Worauf?« fragte ihr Begleiter. Lächelnd hob sie ihre Hand zum blauen Himmel über sich. »Liebern Ankunftsgruß hätt' ich uns nicht gewußt. Gedenkst du's noch? Eine Jaworonok –« Sein Blick flog empor, und Lerchen standen trillernd über ihnen in der sonnigen Luft. Aber daß ihre Vorfahren einstmals gesehen, wie vor bald zwei Jahrhunderten an einem Maienmorgen Dietwald Wernekin aus diesem alten Torbogen in die sonnige Weite hervorgeritten, um aus der Heide bei Arensfeld aus der Hand der schönen Elisabeth von Holstein das kleine Goldkreuz zu nehmen, welches Elisabeth Werneken heut auf ihrer glücklich atmenden Brust gen Bardewieck heimtrug – das sang keine von den Lerchen dieses Tages.