Jean Paul Dämmerungen für Deutschland     Inhalt Vorrede I.  Über den Gott in der Geschichte und im Leben 1.  Kleine Zwielichter A. Völkerzehend. – B. Neue Regierungen. – C. Selbsttätigkeit. – D. Geschichts-Würde. – E. Volks-Entschädigungen. – F. Ehre einiger Edelleute II.  Germanismen und Gallizismen 2.  Kleine Zwielichter A. Höherer Staatenbund. – B. Wohlfeileres Geschütz. – C. Despoten-Erraten. – D. Ruf an Fürsten. – E. Kriegs-Nutzen III.  Kriegs-Erklärung gegen den Krieg 3.  Kleine Zwielichter A. Dringendste Staatspflicht. – B. Staatengeschichte. – C. Vereinigung des Menschen und Staatsmannes. – D. Wirkung der Not. – E. Augen der Höfe und der Gelehrten IV.  Vorschlag politischer Trauerfeste 4.  Kleine Zwielichter A. England. – B. Kurzer Krieg. – C. Preßfreiheit. – D. Zarte Ehre der Völker. – E. Säkularische Feier. – F. Schreib-Staaten. – G. Kaffee-Surrogate. – H. Wiederkehr der Geschichte. – I. Der auferstehende Staat. – K. Jesuiten und Freimäurer. – L. Volks-Versäumung. – M. Staaten-Strafe. – N. Franzosen-Mängel. – O. Das Volk V.  Vorschlag einer Oberexaminations-Kommission der Genies 5.  Kleine Zwielichter A. Feierlichkeiten. – B. Subordination. – C. Die neuern Sittlichkeitsanstalten. – D. Westfalen. – E. Gegengift der Ichsucht VI.  Vorschlag eines neuen Gesandtschafts-Personale für Fürsten, das beinahe unentgeltlich schreibt 6.  Kleine Zwielichter A. Zeittäuschung. – B. Friedensschlüsse. – C. Nachteil der Revolution. – D. Jetzige Zeit VII.  Evangelien und Jeremiaden der Zukunft 7.  Kleine Zwielichter A. Napoleon als Pasquino. – B. Die deutsche Wintersaat. – C. Zeitungsschreiber. – D. Sittlicher Einfluß des Schicksals. – E. Trost. – F. Jetzige Zeit. – G. Zunft und Ancienneté VIII.  Geldnot und Notpfennig 8.  Kleine Zwielichter A. Zensurfreiheit. – B. Gelehrte als Politiker. – C. Hofsprache. – D. Staatsbesonnenheit. – E. Temple. – F. Sprachkunde der Franzosen IX.  Über die jetzige Sonnenwende der Religion 9.  Schlußpolymeter     Vorrede Es wäre für den Verfasser aus manchen Gründen kein angenehmer Umstand, wenn man den Titel des Buchs deutlich fände anstatt dunkel und vieldeutig; indes will er das Gegenteil hoffen, da Dämmerungen so vielerlei bedeuten können – die des Abends, die des Morgens – an den Polen die am Mittage ohne Sonne und die in der Mitternacht ohne Nacht – und endlich in der nordischen Mythologie die sogenannte Götterdämmerung, d. h. den Götter-Sterb – oder Entgegengesetztes auf einmal. Dämmerung übrigens ist ein so erquickliches Bild, sie führe uns nun der Sonne oder den Sternen zu. Wer konnte je den Frühgottesdienst einer Frühlings-Dämmerung voll Lerchen und Blüten vergessen, wenn er ihn gefeiert hatte! Denn was war der ganze Tag dagegen! In den Dämmerungen regiert das Herz. Dieses Buch ist eigentlich bloß die Vollendung der Friedenspredigt . Möge die Lesewelt die Verzeihung der letztern wiederholen! – Mit den deutschen Wunden sind zugleich auch die deutschen Ohren offen; daher rede Heilsames, wer es vermag; und möchten nur Männer, die es am besten vermöchten, jetzo nicht schweigen! – Die neue Zeit fodert neue Kräfte. Neue Staatsschiffe lassen wie neue Boote noch Wasser ein, bevor sie zugequollen sind. Die Furcht entschuldige mit keinem Zwange ihr Schweigen. Wer nichts anderes aussprechen will als das Gute – aber nicht sich oder schlechtes Hassen und Schmeicheln –, kann stets unangefochten reden; nur habe ein wilder Gracchus immer die Flöte der Humanität und Dichtkunst hinter sich, um damit die Stimme zu stimmen. Im Schreiben und im Handeln trägt so manche gute 920 Tat nicht die vollen Früchte, nur weil man die Persönlichkeit gleichsam als Schadloshaltung der Arbeit mit einschwärzte. Wenn die Dämmerungen gerade da am längsten dauern, wo sie am wohltätigsten sind, in kalten Ländern: so wäre der Verf. für die wenigen Strahlen, die er weniger gibt als bricht, belohnt genug, wenn sie seinem eben nicht unter dem wärmsten Himmel liegenden Deutschland einige dunkle Viertelstunden ersparten oder erhellten. – Getauet hat es in die Blumen genugsam – aus Augen und Wunden –; gehe dann eine heitere Sonne über die nassen Gefilde auf und lasse diese schimmern! Baireuth, den 6ten März 1809. Jean Paul Fr. Richter 921   I. Über den Gott in der Geschichte und im Leben Wer mit Goethe sagt: das Schicksal will gewöhnlich mit vielem nur wenig, dem ist »die Weltgeschichte ein Weltgericht«, aber eines, das unaufhörlich verdammt und sich mit. Allerdings blickt die Vergangenheit uns so grausend an wie ein aufgedeckter Meeresboden, welcher voll liegt von Gerippen, Untieren, Kanonen, modernden Kostbarkeiten und verwitternden Götterstatuen. Es möge denn hier ein Geist, der sich an der Vergangenheit noch blutiger abquält als andere an der Gegenwart, seine Klage über den Weltgang recht aussprechen. Das Gleichnis vom Meere (wird er sagen) reicht weit genug: wir schiffen und holen auf dem leuchtenden und grünenden Meere; aber unter uns liegen die Bettler mit ihren Schätzen und Knochen, welche auch einst freudig darübergefahren. – Schwer geht das Erstarken der Staaten, flüchtig ihr Vollblühen, ekel-langsam ihr Niederfaulen. Wie lange mußte nicht der Barbar am römischen Reiche schlingen, bis das eine Raubtier das andere in sich gezogen, so widrig dem Auge, wie wenn die große Sumpfschlange ein lebendiges Krokodil hinterwürgt. Wie lange frißt der Sultanismus schon am ätherischen Griechenland! Hoffe nur kein Herz Nachhülfe oder Rettung auf seiner Bahn zu irgendeinem reinsten Ziel! – Allerdings greift vielleicht ein Arm aus der Wolke herab, aber ebensooft, um eine Eiche beim Gipfel aus der Wurzel zu reißen, als eine gegen den Sturm aufrecht zu halten. Der edelste König Frankreichs, Heinrich IV., neben dem edelsten Minister, muß gerade auf dem Himmelswege zu einem allgemeinen europäischen Fürstenbunde, der nicht wie sonst Kriege beschloß, sondern ausschloß, dem Opfermesser auf dem Altare des Teufels heimfallen; dieser edle Fürsten-Geist, der, 922 was unter allen fürstlichen Bestrebungen die seltenste ist, mit dem Wohle seines Staates das Wohl der Menschheit, d. h. aller Staaten, befruchten und erziehen wollte. Er starb; armer Sully, armes Frankreich! – Ein hohes Königs-Herz, das die Greuel eines Herzogs von Orleans, eines Ludwigs XV. und folglich der Revolution der matten Menschheit erspart hätte, mußte still stehen, nachdem es ein Evangelist Johannes, Fenelon, in göttlichen Gang gebracht. Armer Fenelon, armes Frankreich! – Und darauf wollt ihr doch euch wundern, wenn euch Einzelnen mitten im Ausstrecken euerer Hand, um zu helfen oder zurechtzuweisen, oder um eine fremde zu drücken, diese Hand von einem unsichtbaren Schlage abgehauen wird? Was ist denn das Beste, was ihr vorhabt, gegen das Beste, das schon verwehrt und verzehrt worden? – Daher glaube nur kein Fürst Leopold, etwa darum, weil er vom Ertrinken retten will, selber dem Ertrinken zu entrinnen; ihr werdet das Opfer euerer anfangs begünstigten Aufopferungen am Ende so gut als Howard das der Pest. Auch was nur einmal da ist und nie wiederkommt, alexandrinische Bibliotheken, Schiffe und Städte voll Kunstgebilde, sanken unter; samt unersetzlichen Gedanken unsterblicher Griechen. Fast spöttisch band das Schicksal die Freiheit eines Staats an den Spinnenfaden des Zufalls: dort Englands an eine Schneiders-Schere Die Magna Charta fand Robert Cotton bei einem Schneider, der sie eben zu einem ganz andern Maß verschneiden wollte. Fieskos Untergang ist bekannt. , hier Genuas an ein Boot; dort aber hielt, hier riß er. Der besondere Saatwurf eines großen Individuums – entsprösse auch daraus ein seliges Jahrtausend – gilt vor dem Verhängnis so viel wie der Saatwurf eines Völker vergiftenden Samens; zufällig wird der eine, zufällig der andere beregnet, nicht einmal der Giftsame ausschließlich. Oft wählt das Verhängnis auf dem Scheideweg zwischen Fegfeuer und Höllenfeuer das letztere. Wie glücklicher hätte sich das römische Reich unter einem Julius Cäsar gestaltet ohne Brutus' Dolch, diese Strafrute dreier Weltteile, wodurch der römische Thron bloß das breite Blutgerüste der Länder und Herrscher zugleich geworden. Das 923 Verhängnis verschonte die Welt weder mit Katos Sterben, noch mit Brutus' Töten und Sterben, und drei solche Große mußten ihre Gräber zu Thron-Stufen für einen Augustus hergeben. Denn daß etwas ebenso Schlimmes oder noch Schlimmeres als der Leichenzug der römischen Kaiserhistorie erfolget wäre, wenn Julius Cäsar seinen Namen nicht einem Monate, sondern einer ganzen julianischen Regierungs-Periode hätte geben dürfen, läßt sich schwer behaupten. Zuweilen wirft das Verhängnis in die eine Waagschale so viel Leichen und Siege als in die andere, damit von neuem nachgeworfen werden muß. Zweimal muß Nelson auf dem Wasser entscheidend siegen, zweimal Napoleon auf dem Lande, bloß damit entweder dort oder hier ein neuer Blut-Tränen-Nachguß in die Schalen die wägende steilrechte Zunge beuge. Und eben das Grausamste in der Geschichte ist dieser Wechsel zwischen Glücken und Mißglücken jedes sittlichen oder unsittlichen Zwecks – fast ähnlich dem Jubeln, Befruchten und Lieben der organischen Welt im Frühling auf der einen Seite und dem Zusammenfressen auf der andern; der ganze frohe Frühling ist voll ungehörten Mord in drei Elementen; nur daß sich der Mord noch stiller im lauten Meere begeht, in welchem kein Leben anders lebt als von einem andern Leben, und welches gerade zwei Drittel der Erde ausmacht. Nur etwas sucht das Verhängnis heim, nicht die eigne Schuld des Herzens, sondern die unschuldige Schuld des Kopfes; und gegen ein Laster werden hundert Dummheiten gezüchtigt. So ist die Welt und unser Trost! Gleichwohl könnte jemand diese Verzweiflung nachbeten, ohne darum etwas anders zu bleiben als ein Christ; denn er nähme bloß die Kirchhofs-Mauer zu seinem Verteidigungs-Wall und den kühnen Ausweg oder Ausflug in die zweite Welt, für deren Vorschule, Vorhimmel und Vorhölle er die erste erklärte; wozu er denn auch alle übrigen Erden und Sonnen noch schlagen müßte, da alles Irdische ein Unteilbares ist. Aber dieses ist auch ein Unanmeßbares (Inkommensurables) für die geistige Zukunft. Jede Welt von beiden muß sich selber rechtfertigen. Den erwarteten Gott der Ewigkeit kenn' ich denn schon in meinem jetzigen 924 Innern, das eben in Zeit und Geschichte wandelt; folglich hab' ich durch den mir im Erden-Herz mitgegebnen Ewigkeits-Gott schon ein jetziges Verhältnis oder Mißverhältnis mit der gleichzeitigen Erde mitbekommen und zu erkennen. Er nimmt in der Weltgeschichte drei Gestalten an. Laßt uns jede beschauen; aber sogleich uns vornehmen, daß wir den Unendlichen nicht als maître de plaisirs unseres Erdballs, sondern als den hinaufbildenden Lehrer und Vater seiner Kindervölker suchen und schauen wollen. In der ersten , wo er als Gerichts- und Heilsordnung der Völker erscheint, hat ihn Herder am schönsten gemalt. Alle Gesetze der physischen Welt wenden sich – heilend, segnend, strafend – auf die freie an. Und wie sollte dieselbe physische Gesetzmäßigkeit des physischen Wachsens, Blühens und Welkens nicht als geistige in Geistern, auf Körper geimpft, wieder umkehren! Obgleich der Einzelne frei ist – zur schwärzesten und zur lichtesten Tat –, so ist die Masse doch nur eine beseelte schwere Körperschaft. Daher in der Geschichte, wo bisher die meisten Völker niedrig standen, die Völkermassen allen Stößen des Mechanismus gehorchen und erliegen. Denn alle jene Gesetze Herders: »Jedes Übermaß bestraft und vertilgt sich selber – der Überspannung folgt Abspannung, der Mäßigkeit Kraft, der Trägheit Kraftlosigkeit – entgegengesetzte Richtungen schwanken in einem Mittlern aus« – diese beherrschen Körper und Geister gleich sehr; und die Nemesis regierte früher über die Pflanzen und Tiere als über die Menschen. Aber die Freiheit des Einzelnen, es sei des Sünders oder des Heiligen, kann geradezu sich entgegengesetzte Gesetze und Bahnen wählen und wühlen und auf Jahrhunderte die Welt irren oder segnen und der Nemesis trotzen. In der Geschichte des Menschen-Reichs nur wiegt ein Mensch so überwiegend; ein Luther hatte in seiner Gehirnkugel den festen archimedischen Punkt außer der Erdkugel, um geradezu diese anders zu drehen; und vollends jener nicht zur Gesellschaft Jesu gehörige Jesus, der Reinste unter den Mächtigen, der Mächtigste unter den Reinen, hob mit seiner durchstochenen Hand Reiche aus der Angel, den Strom der Jahrhunderte aus dem Bette und gebietet noch den 925 Zeiten fort! Folglich treffen wir in der Geschichte auf zwei entgegengesetzte Erscheinungen, welche uns deren Gott verhüllen. Die erste ist der Weltgang nach physischen Gesetzen, wonach Menschen und Staaten wie Bäume erstarken, aufblühen, sich abblättern und endlich aushöhlen. Und gerade dieses wiederkommende Untergehen gibt der Geschichte der Menschenmassen ein so trostloses Ansehen. Die Vorsehung läßt nun hier dem Lavastrom und dem Blitze wie dem Monds-Strahl den Naturlauf und Flug; ob ein physisches Erdbeben oder ein Krieg Länder umstürzen, ist gleich erlaubt. Wenn indes in Afrika ein Erdstoß sechshundert Städte auf einmal vergrub: so ist dieses doch nur zusammengerückter Tod und Winter, wie der Frühling ein zusammengerücktes Leben; und eine Klage klänge wie eine darüber, daß in jeder Minute auf unserer Kugel über sechzig Menschen sterben. Ebenso klingt das Jammern über die auf die erste Stufe zurückgefallnen Völker, d. h. über deren Urenkel, wie eine über deren Urahnen, die auch da lagen; und man müßte also weniger über den Verfolg als über den Anfang der Geschichte überhaupt wehklagen. Die zweite Erscheinung ist der Weltgang nach freigeistigen Gesetzen; aber dieser entzweiet uns noch mehr mit unsern Hoffnungen als der vorige. Ein Mensch stürzt und bauet eine Welt, sobald ers will; wer sich opfern will, kann alles andere auch mit opfern; zu auffliegenden Schiffen, zu fallenden Kronhäuptern, zu verbrennenden Städten und Raffaelen mit allen ihren unabsehlichen, aber physischen Folgen, kurz zu ganzem Land- und Erden-Sturm braucht es nichts als die erste beste Hand und ein Herz, das will. Der Höllen-Maschinist in Paris hätte, wenn nicht seinen Ein- und Zufall ein zweiter, der eines Rausches des Kutschers, vernichtet hätte, die ganze jetzt veränderte Erde rückwärts verändert oder beim Alten gelassen; daher könnt ihr leichter auf Jahrtausende die Gestalt des Sternenhimmels als die der Erde weissagen, weil ihr nicht wißt, welcher Schwarz geboren wird, der sie mit seinem Pulver pulverisiert; indes gilt dasselbe auch für den Himmel, nur aber, daß dort erst Jahrbillionen eine neue Sonne gebären, die alles verrückt. 926 Auch solchen Menschen-Kometen läßt die reiche Natur ihr Stören aller Bahnen zu; denn sie ist mit geistigen und physischen Gesetzen bewaffnet genug, um damit – freilich mit Zeit-Verlust – wenn es einen für die unaufhörliche gäbe – die Schwankungen der Freiheit wieder mit der Regel auszugleichen. Indes ist dem physischen Lebenslauf der Völker noch eine Freiheit eingemischt, welche dem der Tiere abgeht, so wie dem freien Machtschwung von Sturm-Menschen noch ein Festes vorgeordnet, welches die Unterlage seiner steigenden Hebel ausmacht. – Wenn ein Volk gegen alle Bewegungs-Gesetze Jahrtausende in demselben Stande gegen die Sonne einwurzelt, wie Sina – wenn andere schnelläufig, dann rückläufig sind, wie griechische Staaten – wenn ein Volk, an ein größeres wie ein Mond an die Erde geknüpft, sich damit um die Sonne bewegt, wie Juden mit Christen – wenn ein anderes kometenartig nach der Sonnenferne in die Sonnennähe kommt, wie die Franzosen und Deutsche, und dann in jene und diese wiederkehrt – wenn ein anderes, wie andere Kometen, niemals umkehrt, wie Ägypter: so spricht schon die lahme unzulängliche Allegorie durch ihr eignes Unvermögen, die Völkerbahnen zu beschreiben, die Verschiedenheit zwischen Weltkörpern und Geister-Körperschaften unwillkürlich aus. Denn eben kein Körper-Bild kann – in seine immer umlaufenden Wendezirkel gebannt – den gerade und zackig gehenden Völkergeist vorbilden. So ist das Bild von Aufblühen und Abwelken der Völker kein volles; denn jedes Volk hängt heute zu gleicher Zeit bedeckt voll Blüten, Früchte, Knospen und Welk-Laub, und morgen wieder voll, nur von andern aber. Nach welcher körperlichen Rangordnung mischen sich denn z. B. in Frankreich Herbst und Frühling und Winter und Sommer durcheinander zum neuen Weltspiele? Blühete Gallien voll in der Provence, als die Römer diese zuerst eroberten und Provincia nannten? Oder mit den Dichtern der Provence? Oder unter Karl dem Großen besonders? Oder unter Heinrich IV.? – Oder unter Ludwig XIV.? – Oder unter der Revolution? – Oder unter Napoleon? – Hier wächst Klimax und Anti-Klimax ineinander. Oder fragt über die Vollblüte der Deutschen an, ob im Siege über das weltliche Rom? – 927 In der Niederlage vor dem geistlichen? – In der Zeit der Kreuzzüge? – Der Hanse? – Der Ritter? – Ob im funfzehnten Jahrhundert – im sechzehnten – im jetzigen? Wo ist hier ein Fortsatz von Flug oder Fall, oder greifen nicht beide zusammen, nur aber immer mit neuem Steigen und Fallen? – Ein Irrtum war noch der, daß man Vergänglichkeit der Staaten oder Ablauf der Zeiten auf die Völker selber anwandte, welche ja immer verjüngt auf den Gräbern ihrer Staaten aufsprießen und, wie die Italiener im Mittelalter, auf dem großen Siebenhügel-Golgatha der Welt später neue, von nordischem Blut gewässerte Wurzeln treiben und frische Griechen-Blüten. Wie könnt ihr in den runden Totentanz des umkehrenden Untersinkens menschlicher Schöpfungen, d. h. der Staaten, die göttlichen hineinziehen, die Völker selber, in welchen nichts anders umkehrt als eben anders, welche auf unverwelklichem Stamme frische lebensgrüne Zweige den abgehauenen nachtreiben? – Freilich harrten schon lange auf ihren politischen Messias die Griechen auf ihren Felsen und Inseln; – und ebenso manches in große Verhältnisse verstrickte Volk. Aber Völker brauchen überall Zeit; und den Aufschub, wie den eines Frühlings, erstattet reichere Fülle. Heben sich nun die Völker auf ihren Staaten-Gräbern in neue Regionen empor – und kommen alle sich neu und anders entwickelnden europäischen immer mehr in erregende Berührung, bis zuletzt auch die der andern Weltteile in die große galvanische Säule und Geisterkette geraten: wie könntet ihr denn jetzt die allgemeine Ausgleichung zum Schwer-Punkte einer vollendeten Zukunft aus bloßen einzelnen Staaten abmessen und ausrechnen? Erst müssen alle Völker unserer Kugel in einer gemeinschaftlichen Ausbildung nebeneinander stehen, damit kein rohes sich zersetzend in das gebildete mische; – denn wo wäre die Unmöglichkeit, daß die Kultur nicht endlich Volk nach Volk erfasse und präge, und nicht vielmehr die Notwendigkeit, daß ihre wachsende Herrschaft nichts zur Allherrschaft bedürfe als nur Zeit? – Sonst brauchte man einige Fenster zu verhängen: so war das Erdengebäude verfinstert; aber jetzt waren der Fenster zum Verdecken zu viele; und selber im Finstern blieben Bücher als nachstrahlende 928 Lichtmagneten zurück. – Ist einmal die Erdkugel, was physisch so unmöglich ist als bildlich notwendig, auf beiden Hälften erleuchtet: dann muß jenes Kreislaufen von Steigen und Fallen nachlassen, und wie auf niedrigsten Stufen langes Innehalten der Völker (fast aller Wilden) waltet, so wird, wenn die Jahreszeiten des Wachsens mit ihren Stürmen und Wechseln durchgelebt sind, auf der höchsten Stufe ein höheres Ruhen wiederkehren, so wie der Wille und Verstand des Einzelnen gerade auf dem zartesten Gipfel der Ausbildung am unveränderlichsten ruht. Wenn uns die ganze Geschichte erzählt, daß die Menschen leichter und länger in ganzen Scharen und Schwärmen sich beflecken als sich heiligen; wenn Krieg, Seeräuberei, Knechtschaft, Parteimut tausend Herzen auf einmal und auf lange besetzen, indes die Tugenden wie Engel nur Einzelne begleiten: so hätten die Heere des Teufels längst die zerstreueten Engel und das Glück der Erde überwältigt und eingeschattet, wenn nicht ein unbekannter, Weltteile, Zeiten und Völker ordnender Geist dazwischenwehte, welcher bisher gerade umgekehrt ein wachsendes Heil aus dem weiten Unheil entwickelte. So steht ausgebreitet das salzige schmutzige Meer über der Erde; aber reines Wasser steigt daraus gen Himmel, fällt auf Berge zurück und steigt aus der Erde auf und tränkt und trägt mit reinen Strömen die Menschen. Was unsern Blick am meisten verdunkelt, ist, daß wir die große Ausgleichung des geistig-freien Durcheinanderblühens und -welkens der Völker und ihr Zusammenreifen in irgendeinem Jahrtausend, kurz die körperliche Gegenwart der Gottheit schon Anno Eins oder als Geburtstags-Angebinde begehren. – Wir Eintagsfliegen wollen, wie an den Terzienuhren unseres Daseins, auch an der Jahrtausenduhr der Sternenzeit den Zeiger eilen sehen. Wir finden daher oft leichter Vorsicht und Gerechtigkeit in einem kurzen Menschen-, ja Kinds-Leben als in langen Völker-Altern, so wie wir den Umlauf des Erdballs um die Sonne früher entdeckten als den der Sonne um eine Ursonne, obgleich diese eiliger in ihrer weitern Bahn als die Erde in der engern zieht. Das anhaltende Fieber, womit ein Volk sich seine Krankheitsmaterie durch Frost und Hitze austreibt, währet oft 929 jahrhundertelang; man kann hier, da manche Nationen mit ihren Namen Krankheiten getauft, auch geistig von englischer, polnischer, neapolitanischer oder französischer Krankheit sprechen. Nur vergessen wir immer im Nachrechnen der hundertjährigen Völker-Krisen, daß die Störungen großer Weltkörper auch große Welt-Zeiten nötig haben zur Umkehr in den Regel-Lauf. Die langen Räume brauchen lange Zeiten; und daher kann eine Dissonanz oft Länder und Jahrhunderte weit von dem Tone liegen, worin sie sich auflöst, wenn schon lange das beleidigte Ohr der Eintagsfliege verweset. Doch den Menschen entschuldigt die oft von ihm selber beschuldigte Geschichte, indem sie ihn zwischen dem trägen Aufwachsen und trägen Abwelken der Völker so oft mit einem schnellen Blüten-Aufbruch unterbricht und überrascht. Und diese Eil-Entwicklungen – gegründet in der moralischen und politischen Natur, welche, wie die organische, so oft scheinbares Einhalten mit plötzlichem Aufschießen abbricht – will eben der kurzlebige, auf den halben Sold eines halben Jahrhunderts gesetzte Mensch leibhaft erleben. Er woll' es; nur richt' er nicht das Weltgericht. Hinter uns bewegt sich die Vergangenheit mit ihren Völkern eilig zu Zielen, weil die Ferne uns scheinbar Weg und Schritte verbirgt und verkürzt; aber um und vor uns will uns alles anstocken, alles kreislaufen, an kein Ziel anlangen. Er schaue auf zum überirdischen Himmel wie zum irdischen, wo ihm alle Sterne zu stocken und zu ruhen scheinen, und denke daran, welch ein fliegendes Gewimmel von Welten sich einem höhern Auge droben aufdeckt. Wer von uns hätte erraten – d. h. also die Vorsehung der Vorsehung sein können –, daß aus den reißenden Strömen des vierten, fünften, sechsten, zehnten Jahrhunderts noch die Goldkörner des sechzehnten u. s. w. gewaschen würden? Wer hätte, gerade in der Nähe des ein halbes Jahrtausend lang offnen Grabes aller Wissenschaften, daran zwei unsterbliche Wunderarzneien gesucht, die Erfindungen unseres Papiers und des Buchdrucks? Es beweise ein großer Schriftsteller noch weiter fort: »Leer und töricht ist nicht jede Predigt, die es selbst dem Weisen manchmal 930 dünkt. Als Christus zu den Aposteln sagte: gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker, möchte leicht ein Philosoph, der es gehört hätte, laut zu lachen angefangen haben. Wer hätte vor 300 Jahren wohl zu Rom geglaubt, daß ein Mönch in Deutschland dem dreifach Gekrönten die Hälfte seiner Herrschaft rauben und die andere Hälfte tödlich schwächen würde? Die mächtige Republik Holland entstand ohne alle dahin gehende Absicht und gegen alle Wahrscheinlichkeit. Nicht weniger unvermutet bestieg Karl II., nachdem alle seine Anschläge vereitelt waren und er nichts mehr tun konnte, den Thron von England. Alles lehrt uns, daß wir, was geschehen wird, nicht wissen können. Darum trau' ich mehr der Wahrheit, die ich klar empfinde, als ich meiner Vorsicht traue, die mich täglich irreführt, und als dem Dünkel meiner Weisheit. Nimia praecautio dolus . Das ewige Akkommodieren, das bei uns so sehr im Schwange geht und, wie Gleim sagt, noch am Ende eine Milch-Barbarei hervorbringen wird, ist nicht meine Sache. Ich begreife nicht einmal den Stolz, der sich Wahrheit zu verwalten untersteht; das ist Gottes Sache. Also laßt uns nur ehrlich bekennen, was wir ehrlich glauben. Er wird schon zusehen.« Deutsches Museum von 1783. S. 104. Jetzt kann man noch die nordamerikanische und die französische Revolution (beide griffen ineinander zu einer dritten) dazufügen. Möge ein zweiter Washington uns von England befreien! – So oft grub eine Zeit den ausgerissenen Baum bei dem Gipfel in die Erde; aber siehe, letzterer wurde Wurzel und diese jener. Wir werden jetzt leicht zur versprochenen zweiten Ansicht geführt. Auch den einzelnen Schwung-Menschen – den Vorder-Geistern eines neuen Geisterreichs – wird bei aller Freiheit ihrer Richtung doch die Zeit und Nachbarschaft ihrer Einwirkung aufgenötigt, so wie die Werkzeuge, die Wurzelheber, die Ankerwinden, die Hebebäume ihrer Kraft, und sie müssen dienen, um zu herrschen. Ein Bauherr stellt sie an als die Baumeister der Staatsgebäude. Man behauptet, solchen Geburtshelfern der Zeit sei schon alles von der Masse der Vergangenheit vorgearbeitet, und z. B. das 931 Luthertum habe schon vor Luther unter der Erde gekeimt, wenn auch nur in Kirchhöfen aus der Asche verbrannter Ketzer. Aber man muß hinzufügen: oftmals sind Länder vorbereitet und umgepflügt mit Schwertern, gedüngt mit Blute – und bleiben doch brach, weil der Geist nicht kommt, der den guten Samen aussäet, sondern bloß der Feind mit Krallen voll Unkraut. Wiederum sind die Kreuzzüge u. s. w. (die französische Revolution) von größern Menschen gezeugt und schwangergetragen worden, und von kleinern als Wehmüttern entbunden. Klapperschlangen, welche den Riesen vergiften, zerschlägt die Rute in einer Kinderhand. – Der Unendliche allein weiß es, wozu Europa jetzt reif ist, und ob ihm ein Säemann fehle oder komme. Die Völker mit aller ihrer Weltgeschichte gleichen den Epileptischen, welche, sooft sie auch ihren Zufall schon erlitten haben, doch niemals vorhersehen, wenn er sie wieder hinwirft. Aber ebensooft gleichen sie Gelähmten, welche unter einem Gewitter so lange zitterten, bis es sie traf; – und dann hatte der Blitz sie hergestellt. Es ist ein Unterschied, wie Anfangs-Geister einer neuen Zukunft zu Kronerben einer Vergangenheit und zu Herrschern der Gegenwart werden. Überall ackert ein Geist mit Übermacht der intellektuellen Kräfte leichter die Länder um und wurzelt sich darin mit seinen Pflanzungen ein als ein Geist mit Übermacht der sittlichen . Einsam steht der Heilige in seiner Kapelle, Sokrates in seinem Gefängnis; aber ganze Jahrhunderte werden von seinem Schüler Platon begeistert und besessen und von großen Gesetzgebern länger als von Dynastien beherrscht. Unter mehrern Ursachen ist auch dies eine: dem Geistes-Übermächtigen muß zuletzt auch der kopflose Gegenfüßler frönen und nachtraben; hingegen dem Herzens-Übermächtigen fühlt sich jeder als Bluts- und daher Kron-Verwandter nahe durch die göttliche Freiheit, womit jeder an sich der zweite Welt-Schöpfer und Gott und Kreatur zugleich sein kann. Natürlicherweise hatten Geister, welche am längsten die Welt bewegten, intellektuelles und sittliches Übervermögen, Kopf und Herz zu einer Macht verknüpft; vollends ein Heiligenschein um einen großen Kopf greift mit Himmel und Erde, mit Gewitter und Erdbeben zugleich die Länder an 932 und läßt hinter sich Thronen und Tempel – gleich Muhammed. Indes wiewohl der Heilige einsam wirkt und seine Hände mehr gen Himmel hebt als wider die Erde, so treibt er doch wie aus einem wundertätigen Grabe, obwohl unscheinbar, fort; ein sittliches Musterbild teilt ohne Getöse stillen Seelen Jahrhunderte nach Jahrhunderten segnende Kräfte mit und treibt unten mit unsichtbarer Wärme Blumen und Früchte ins Freie heraus. (Verachtete Gebetbücher fassen tiefer oft in Jahrhunderte hinein als die Manifeste der Eroberer.) Nur ein übermächtiger Geist des Herzens schließt sich hier aus und geht, wie das Universum, einsam neben Gott. Denn es trat einmal ein Einzelwesen auf der Erde, das bloß mit sittlicher Allmacht fremde Zeiten bezwang und eine eigne Ewigkeit gründete – das, sanftblühend und folgsam wie eine Sonnenblume, brennend und ziehend wie eine Sonne, selber dennoch mit seiner milden Gestalt sich und Völker und Jahrhunderte zugleich nach der All- und Ursonne bewegte und richtete – es ist der stille Geist, den wir Jesus Christus nennen. War er, so ist eine Vorsehung, oder er wäre sie. Nur ruhiges Lehren und ruhiges Sterben waren das Tönen, womit dieser höhere Orpheus Mensch-Tiere bändigte und Felsen zu Städten einstimmte. – Und doch sind uns aus einem so göttlichen Leben, gleichsam aus einem dreißigjährigen Kriege gegen ein dumpfes verzerrtes Volk, nur wenige Wochen bekannt. Welche Handlungen und Worte von ihm mögen vorher untergegangen sein, eh' er nur seinen vier von Natur ihm so unähnlichen Geschichtschreibern bekannt geworden! Wenn also die Vorsehung einem solchen Sokrates keinen ähnlichen Platon zuschickte, und wenn aus einem solchen göttlichen Lebens-Buch uns nur verstobne Blätter zuflogen – so daß vielleicht größere Taten und Worte desselben vergessen als beschrieben worden –: so murrt und rechtet nicht über den Schiffbruch kleiner Werke und Menschen, sondern erkennt im doch nachher aufblühenden Christentum die Fülle wieder an, womit der Allgeist jährlich mehr Blumen und Kerne untergehen als gedeihen läßt, ohne darum einen künftigen Frühling einzubüßen. So nahe vor dem Bilde des größten Menschen dürfen wir uns 933 vielleicht der dritten Ansicht, dem gewagten, ihm selber heiligen Glauben hingeben, daß ins kleine Leben des Einzel-Wesens noch etwas anders eingreife als das allgemeine Welt-Räderwerk. Oder wollt ihr so kühn sein, so viele Erfahrungen oder Bemerkungen frommer und wahrhaftiger Christen älterer Zeit bis zu Lavater und Stilling heran geradezu als Traum und Trug herabzuwerfen? Oder sie für bloße Verwechslungen mit allgemeinen Gesetzen oder mit Zufällen auszugeben? Es ist ebenso kühn, über diese Sache ein Ja als ein Nein auszusprechen; doch noch kühner wär' es, nach dem Ja einer besondern Vorsehung zu leben; auf dem festen Lande des Handelns sind uns die himmlischen Sterne weniger zu Wegweisern nötig als auf dem Meere des Innern. – Gegen das Sprichwort, daß jeder seines Glücks (und Unglücks) Schmied sei und daß folglich das moralische Gesetz der Bauplan der Vorsehung sei, obsiegt die Einwendung schneller Beglückungen oder Verunglückungen nicht ganz; denn wir schreiben irrig immer nur unserer letzten und neuesten Handlung das neueste Glück und Unglück zu, und wir vernehmen von unserer Stimme, wie bei einem Echo, nur die letzten Silben widergehallt; indes hinter der letzten Tat deren lange Ahnenreihe und Blutsverwandtschaft sich ins ganze Leben versteckt, welche uns entweder mit Gaben oder Ruten empfängt. »Es ist Verhängnis« (sagt die Jungfrau) – »Oder wird ein einziger Eitelkeits-Abend so schwer gebüßt?« – Ich antworte: »Du büßest nicht den Abend, sondern die Abende; und die Schuld borgender Jahre fodert irgendein letzter Martertag unbarmherzig ein.« – Die Menschen verwundern sich erstlich, wenn ein Tag lange Jahre straft; aber dafür straft er wieder jahrelang fort, und dann verwundern sie sich wieder zum zweiten Mal. Gleichwohl sagen schon Sprichwörter der Völker noch eine andere Erfahrung aus: »Kein Unglück kommt allein« (ich setze dazu: auch kein Glück; denn die Grazien sind so gut verbunden als die Furien) – ebenso die Bangigkeit der Griechen nach einem großen Glück. Und wer von uns stand nicht oft erschüttert vor seltsamen wiederkehrenden Einmischungen des großen Geschicks in das seinige! – Weltleute, mehr das Thronhimmlische als 934 das Sternhimmlische kennend, geben wiederkehrenden Seltsamkeiten des Lebens den Namen Glück und Unglück. Große Menschen glaubten (besonders vormals) am leichtesten an Vorsehung und Glück; – vielleicht weil in ihrem größeren Tatenleben alles in vergrößerter Schrift leichter zu lesen war. – »Du fährst den Cäsar und sein Glück,« sagte Cäsar mit Recht, bis ihm die Nemesis an der Bildsäule des Pompejus mit Dolchen erschien. Luther vertrauete Gott, obsiegte dem Teufel, und seine Nemesis war bloß ein Todesengel, der ihn abholte ins Land voll Cherubs, wo vielleicht Flamme und Ruhe sich besser vertragen. Und wem tritt hier nicht der Held des Jahrhunderts vor das Auge, welcher, obwohl begleitet rechts von der kriegerischen und weisheitsvollen Pallas mit ihrem Medusenschilde, doch links von der Glücksgöttin geführt und beschirmt werden mußte, um die schwere Bahn durchzukommen! Auch glaubt der Wunder-Heros selber an sein Glück; und hütet es daher mit griechischem Sinne überall durch Vorsichts-Regeln. Wenn bei diesem Manne so viele Wunder wiederkommen, daß er z. B. zweimal Der Verf. dieses spielt hier auf seinen eigenen, obwohl häufig bestätigten Aberglauben an, welchen er seit vielen Jahren spielend hegt und bekennt, der aber samt seinen Quellen mehr in seine kleine Lebensgeschichte gehört, auf den nämlich, daß aller guten (und bösen) Dinge nicht sowohl drei sind (dies wäre ihm wahrer Aberglaube), sondern nur zwei , und daß es keine Drillinge von Glück, Unglück, Adlern, Parlamentshäusern, Dioskuren etc. gebe, sondern nur Zwillinge. Denn der Drilling ist stets Gegenfüßler der Zwillinge. Zwei Siegen folgt z. B. kein dritter. ein Paar krönende und entthronende Siege an demselben Monatstage abgewinnt: so darf man vielleicht wenigstens als spielende Zufälligkeiten desselben Glücks der Bemerkungen erwähnen, daß Napoleon im Polnischen heißt: weitersiege, und daß die Wörter révolution française anagrammatisch lauten: un Corse la finira , wenn man das Veto herausläßt. Lasse sich doch keine Seele vom Glauben an Gott in ihrer Lebens-Geschichte etwan dadurch abneigen, daß sie zu klein dafür sei in der Menge der Geister und Sonnen. Wiegt ein verwitternder grober Sonnen-Klumpe ein geflügeltes Ich auf? Es zählt ja das arme lebendige Räupchen neben dir mit seinen Ahnen bis zu Adam weit hinauf, und seine Voreltern wurden, ungeachtet 935 aller Sündfluten und Vögel und Jahreszeiten, dennoch seine Voreltern, und das diesjährige Laub grünte für das Räupchen! – Und wo gäb' es denn im All etwas echt Kleines? Das All geht ebensogut auf Würmchen-Füßen als das Epos auf Verse-Füßen, und beide gehören dem Heldengedicht; aber dann muß der Dichter mitten im Feuer auch die kleinsten Füße lenken. Vor dem höchsten Auge muß das Kleinste wieder ein Größtes und All sein; und die Unendlichkeit der Teilbarkeit ist eine des Werts. Aber findet ihr denn nicht diese Wahrheit bei jedem Spaziergange auf jedem grünen Blatte? Ist etwan die niedrigste Mücke schlechter, unbestimmter ausgeführt mit Augen und Adern als der höchste Mensch? Die Natur kennt keinen Geiz, weder mit Kraft, noch Zeit, noch Verstand, noch Leben, so wie keine Unbestimmtheit; auch keine Vorliebe für irgendein äußeres Leben; sie wirft in den Spinnen-Kopf eine unbewußte Meßkunst, wie in ihres Newtons seinen eine bewußte. Wie der alte ewige Ausbau des Blättchens und dessen Käfers eine stehende Vorsehung ist: so ist die Geschichte beider Wesen und der Völker eine wandelnde . Die Geschichte ist keine Ausgleichung zwischen Glück und Wert, obwohl eine langsame zwischen Gesamt-Gange und Einzel-Flug; daher wird euch die welthistorische Sonnenuhr selten richtig genug im Mondschein eueres Lebens zeigen können. Ihr verlangt, die stark besetzte Instrumental-Natur soll mit der lebendigen Vokal-Natur in einer Note zusammentreffen; aber kann nicht euer Singstück hinauf und hinab sich ganz anders als das Instrumental-Stück, das euch frei begleitet, und sich doch mit ihm harmonisch bewegen? Dem Menschen geziemts, bei dem demütigsten Herzen gleichwohl ein gläubig-offnes Auge für das Außerweltliche zu bewahren, um nicht Blumenstaub und Schwefelregen der Zukunft für bloßen Straßenstaub seines Wegs zu halten. Uns geziemt es, Begebenheiten, welche witzigen Einfällen des Ungefährs gleich scheinen, nachzusinnen, weil auch der Witz des Zufalls wie der menschliche zuletzt auf Regel und Besonnenheit beruht, damit wir nicht Pyramiden und Persepolis-Ruinen, wie jener Gelehrte, 936 für Aufwürfe der blinden Natur ansehen. Wenn jahrtausendelang der Magnet dieselbe Himmelgegend unserm leiblichen Auge vergeblich zeigt: wie leichter muß unserm Blicke und Gefühl das richtungs-wechselnde Einwehen des geistigen Äthers entfliehen! Wird uns doch sogar am so nahen Menschen das Absondern seines Scheines von seinem Willen so schwer! – Aber in einem stillen frommen Herzen nennt sich der Geschichts-Gott lauter als im rauschenden Weltgebäude. Verzweiflung ist der einzige echte Atheismus. Hole zum Glauben mit einem besonnenen Überglauben aus; achte vorzüglich auf das, was, ohne deine Schuld und Würdigkeit wiederkommend, wie ein Geist erscheint und geht, was plötzlich in der Nacht herunterfällt als ein Manna, das entweder ernährt, oder sanft ausheilt. Ist dir aber eine solche Sicherheit darüber in deinem Allerheiligsten gegeben worden, so vertraue und schweige; wage aber nicht; sondern bete nur durch fromme Taten die unbegreiflichen an. Frage mich nicht, schuldloser Überunglücklicher (wenn du in diesem seltensten Falle bist), auf deinem Sterbebette mit gebrochner Stimme: wo aber deine Vorsehung sei. Schreitet hinter zu großem Glück die Nemesis strafend: so geht sie auch hinter zu großem Unglück belohnend; stirb nur, so mußt du sie sehen.   1. Kleine Zwielichter A Völkerzehend Ein Landesvater, welcher mehr einem Bienen- Vater als einer Bienen- Mutter zu gleichen wünscht, wird die Untertanen so gut wie Bienen behandeln, welchen man (nach Varro III. 16) bloß neun Teile des eingetragnen Honigs nimmt, den zehnten aber (oder den Zehenden) läßt, will man sie nicht selber füttern oder, wie sonst geschah, den Stock totschwefeln. 937 B Neue Regierungen Neue Regierungen fahren mit den Pferden von Auroras Wagen, welche Flügel hatten; den Rossen an Phöbus seinem, die den längern Weg zu ziehen haben, mangeln sie. C Selbsttätigkeit Ein Pferd läuft so schnell als ein Strauß; aber jenes wird vom Reiter gespornt, dieser hat an seinen Flügeln Stacheln, womit er sich selber spornt und sticht – und ich bin lieber der Vogel. D Geschichts-Würde Mit Milton und Woltmann glaub' ich gerne: große Taten beschreiben (nämlich würdig) sei so erhaben als sie vollführen und wenig oder kein Unterschied zwischen Autor und Held. Daher hob sich unser Volk wieder etwas durch die häufigern Geschichtschreiber, welche würdig genug dessen Niederlagen und folglich, da diese ohne Siege nicht abgehen können, die größten Erhebungen darstellen, so daß wir immer einem Napoleon zehn Geschichtschreiber entgegenzusetzen haben und ihn damit schlagen. Sogar ich selber hier stelle die Darsteller vielleicht wieder würdig dar; und so stellt sich Ruhm auf Ruhm. E Volks-Entschädigungen Die Kriegs-Wunden eines Landes dadurch heilen, daß man es vergrößert oder sonst den Fürsten entschädigt, ist ein Grundsatz, welchen die politische Sympathie mit Glück von der gemeinen sympathetischen Kurart entlehnt, welche ebenfalls die Wundsalbe nicht auf die Wunde streicht, sondern nur auf das verwundende Instrument und dadurch heilt. 938 F Ehre einiger Edelleute Ein Edelmann, der durchaus nicht leidet, daß jemand anders gegen seine Ehre handle und sündige als er selber, und welcher daher bloß sich, nicht andern Ehrenschulden schuldig bleibt, sitzt ganz im Vorteile des englischen Volkes, das die ungeheuere Nationalschuld fast bloß bei sich selber geborgt hat, und das bei dieser Einerleiheit von Schuldner und Gläubiger recht blühen und kämpfen kann, ähnlich gedachtem Edelmanne.   II. Germanismen und Gallizismen Sollte man den Stil dieser Abhandlung mit Tadel belegen: so merk' ich an, daß er fast leichter zu vermeiden als zu verdienen gewesen. Mir träumte, Karl der Große halte mich für seinen Sohn, Ludwig den Frommen, und klage so: »Wie seid ihr Deutschen eingeschrumpft, von dir an bis zu den Sachsen und andern Deutschen, die ich besiegte! Wie wenige haben meine Natur! Sonst maß (nach Conring) der Deutsche 7 Fuß rheinländisch, wie ich selber; wenigstens war er 6 Fuß 3½ Zoll nach Zimmermann Dessen geograph. Geschichte etc. lang. Wo aber seh' ich dergleichen Potsdamer noch? Dich Betbruder daher wird man bald samt deinen Zwergen geschlagen haben. Himmel, welche Leibes-Stärke mögen unsere Vorfahren besessen haben, da schon Adelung in der zweiten Auflage seiner deutschen Orthographie aus ihrer Stärke die Menge ihrer Mitlauter ableitet, z. B. die sonstigen Chinothzsson statt unserer Genossen! – Wo gibt es denn noch Cäsars Römer um uns her de bell. gall. I. 39 . Man lese das ganze Kapitel, das wahre Belobungsschreiben des altdeutschen Kriegs-Gehalts, das, so wie von des Römers Aufrichtigkeit, so noch mehr von der Deutschen Übergewicht sogar unter eines Cäsars Legionen eine ergreifende Ansicht gibt. , welche bloß auf Aussagen einiger Franzosen von der hohen Gestalt und Seele der Deutschen und von deren Augenblitze ( acies oculorum ) alle von den 939 Kriegstribunen an bis zu den Gemeinen dermaßen in Furcht geraten, daß sie in Tränen ausbrechen ( neque lacrymas tenere possunt ), daß einige um Abschied bitten, andere sich in Zelten ausjammern und daß das ganze Lager testiert? Wo sind noch ähnliche Römer, Ludwig? Reichlich überall (dürfte man hoffen), wären nur erst ähnliche Deutsche da. – Wo ist noch ein Kaligula zu finden, welcher Deutsche nicht besiegen konnte und welcher daher seine Leute zu Deutschen umkleiden ließ und dann über die Vexier-Deutschen oder Masken-Deutschen öffentlich triumphierte? Noch im 17. Jahrhundert hieß eine bloße querelle d'allemand ein Blutbad, nach Meierotto. Auch dieser Kaligula wäre noch zu haben, aber nur zugleich mit Echt-Deutschen. Allein eben nur damals galt Wiardas so treffende Vermutung – in seinem Buche über deutsche Vornamen, bei Fr. Nicolai p. 45 –, daß Germann durch das Affixum Ger, Gar, Ker, d. h. sehr oder ganz , wohl nichts anders bedeute, als was man auf der Insel Rügen einen Sehr-Mann , nämlich einen Vortrefflichsten nenne. Du hingegen eignest dich so wie deine Deutschen mehr zu einem Wenig-Mann und zu meines Reichs Weniger, statt Mehrer .« Man lasse hier den Traum und den Adoptiv-Ludwig fallen und wache auf. Aber werden denn nicht in unserem Wachen dieselben Klagen über deutsche Ausartung erhoben? Werden nicht Deutsche verschiedener Jahrhunderte, sogar Jahrtausende verglichen und aneinander gemessen? Ohne zu bedenken, daß neben uns auf dem ganzen europäischen Boden auch die andern Völker sich einkleinern, wollen wir stets das Älteste und doch zugleich das Neueste mit und verknüpfen die Klagen, daß wir nicht weit genug hinter uns und nicht weit vor uns leben und stehen. Aber es ist der ewige Fehler der Völker, daß sie das Älteste – was sie sonst nicht eben so außerordentlich achten – begehren und rufen, wenn eben das Neue verblüht und das Neueste aufblüht. Riesen sind gewöhnlich so schwachköpfig als Zwerge; die Patagonen sind keine Fakultisten; die klein gekörperten Römer und Griechen sahen über die groß aufgebaueten Barbaren hinweg. Wir dürfen nicht den Verlust altdeutscher Vorzüge so hart 940 bejammern, indes wir den Gewinn neudeutscher gleichwohl zu Markte tragen; der Spiritus der geistigen, aus Jahrhunderten zusammengedrängten Kultur wird nicht auf Riesen-Fässer abgezogen, sondern umgekehrt diese auf Flaschen. Was in Deutschland die alte deutsche Zeit nachspiegelt und nachtut, ist bloß das Volk; das aber dafür wie Polyphem ein Auge weniger hat als die französischen Ulyssen. Auffallend schlägt die französische Bildung – wie denn schon nach Cäsar Gallien sich über Germanien hinaus gebildet hatte – über unsere aus, wenn man bloß den französischen Gemeinen und den deutschen Offizier gegeneinander wägt; zumal da man die Verwilderung der französischen Kriegs-Landfahrer kleiner findet als die Wildheit vieler deutschen Garnisons-Insassen. * Gallizismen Der französische Gott ist der Gott des Augenblicks, Augenscheins und des Teilchens. Alles ist schnell wie ihre Angriffe und Siege; alles einzeln und coupiert wie ihre Perioden. Daher ihre Liebe für Einfälle mehr als für Werke. Vielleicht gibt dieser Sinn für den Augenschein ihnen die bessern Wundärzte, so wie die schlechtern Ärzte. Sie ergreifen das Einzelne der Kunst, weniger das Ganze; »daher ihr Durst nach Einzelnheiten des Witzes, der heroischen Antithesen, der kompendiösen Bibliothek von Lebenszusammenfassungen; – daher ihre Untauglichkeit zur Musik, die nur durch Vergangenheit und Zukunft begriffen wird, nicht durch den Schlag der Gegenwart, welchen sie durch ihre Vorliebe für Fortissimo und Pianissimo (nach Reichard) begehren. Ihnen ist deshalb ein Musiksaal ein Sprachzimmer, sie müßten sich denn durch Singen vom Reden abhalten; denn es wird ihnen viel zu lange, so lange nichts zu tun, d. h. nichts zu sprechen, bis der einschlagende Donner des Fortissimo oder das leise Regnen des Pianissimo ihr Ohr wieder ablenkt vom nächsten Ohre. Der Genuß-Freund des Augenblicks liebt stets die Rede; an ihr labt sich entweder Ohr oder Mund. Vielleicht fodern einquartierte Franzosen deshalb oft viel, um viel darüber zu reden oder zu hören und dann hungrig 941 zu Bette zu gehen. – Sie sind daher mehr für die Schnelle des Handelns als die Länge des Dichtens gemacht und haben, wie (nach Voß) die homerischen Götter, hephästische Sohlen , welche die Stelle der Flügel vertreten. Daher wollen sie bei ihren politischen Geburten es wie die Muhammedaner im Himmel Flügges Geschichte des Glaubens an Unsterblichkeit. B. I. haben, wo diese, wenn sie ein Kind begehren, dasselbe in einer Stunde empfangen, geboren und erwachsen erhalten. Aber die deutsche Wärme dauert länger als die französische Flamme. * Germanismen Wenn Mendelssohn den Schmerz als die Trennung des Stetigen definiert: so hat er wenigstens den deutschen Schmerz richtig beschrieben. Wir wollen ungern aus einer alten Lage heraus, und ich wette, die Deutschen wenden sich in ihren Betten seltner um als die Franzosen. Wenn nach den Sinesen das Holz das Element aller Elemente ist – wie ihrer Regierungsverfassung ebenfalls –, so dürfen wir uns, scheint es, mit einem Vorrat von diesem Urelemente schmeicheln und uns fast für hölzern ausgeben; Verholzung aber ist wenigstens ein Weg, jene Vollkommenheit zu erlangen, womit die Indier ihr höchstes Wesen bezeichnen, die des Unbeweglichen . Auf dieses Vermögen zur Unbeweglichkeit möcht' ich den Vorzug gründen, welchen Johannes von Müller den Deutschen zuspricht, daß sie immer große Neuerungen eingeführt nur von fremden Völkern, wie Baukunst, alte Literatur u. s. w., aber solche darauf zu verklärter Gestalt erhoben haben. So daß wir den Römern ähnlichen, welche bloß dadurch siegten, daß sie von allen feindlichen Völkern ihre Kriegskünste annahmen. Sogar auch diese entlehnen wir jetzt; nur wird man leicht erschlagen, wenn man erst mitten im Gewitter oder Kriege die Gewitterableiter aufrichtet. Daher der Rat jenes Bürgermeisters viel zweckmäßiger war, wenigstens ein paar Tage vor der Feuersbrunst die Spritzen zu prüfen und herzustellen, damit man nachher auf nichts zu passen brauche als aufs Feuer. – 942 Niemand verkennt weniger als ich in diesen Verspätungen das, was uns dabei zur Ehre gereicht; alles Starke und Nördliche wird später gereift, von Köpfen bis zu Bäumen; nach Tozen war ein Kurfürst erst im 18. Jahr mündig, ein Schwedenkönig erst im 21., hingegen ein französischer, spanischer, portugiesischer Kronprinz schon im 14ten. Wenn denn die Deutschen alle Gnadenmittel des Kriegs später empfangen, so kann wenig Unterschied zwischen ihnen und den vorigen Dauphins sein, welche die zweite Taufe fast mannbar bekamen – oder zwischen ihnen und dem Vater Abraham, der erst in einem Jahre, wo der Mensch schon abgeschnitten ist von Welt und Leben, beschnitten wurde, im 99ten – oder den ersten Jüngern Christi, oder ihm selber, welche die beiden Sakramente um mehrere Jahrzehende später erhielten – als unsere kleinsten Kinder. Die deutsche politische Langsamkeit gründet indes im Frieden tief und läßt Fruchtbarkeit nach; so wie die Seine erst nach 15 Meilen in St. Germain, das nur eine halbe von Paris abliegt, ankommt, dafür aber desto mehr unter dem längern Wege befruchtet und hilft. Damit aber verknüpft sich Böses zu Gutem; der Krieg will Schnelle, wie der Friede Langsamkeit; der Krieg – wenn er gut ist – ackert und säet; der Friede pflegt, gießt, behütet und will Zeit, wie der Krieg die Ewigkeit; in diese schickt er. Das sinesische Ur-Element des Holzes zeigt sich an uns in manchen Erscheinungen. Eine ist, daß wir die Wache für den Staat gern, wie die Städte die der Tore, von abgelebten Alten tun lassen; und der alte General behütet den Thron, wie der alte Spießbürger das Tor. Eine bessere Erscheinung ist, daß wir, wie die Sparter nach Xenophon, langsam zum Kriege sind – langsam im Kriege ist freilich eine schlimmere –; nach Tacitus Velocitas juxta formidinem, cunctatio propior constantiae est. aber bezeugt Schnelligkeit Furcht, Zauderung Steh-Mut und Halt. Insofern möchten wir wagen, das Wappen zu führen, welches das alte Dazien Universallexikon B. 7. S. 20. auf seinen Münzen gehabt, nämlich einen 943 Wurfspieß, an welchem zum Zeichen der Tapferkeit der Kopf jenes Tiers steckte, worauf Christus einritt, ehe er zu Kreuz, Grab und Himmel kam; aber dies nur deshalb, weil die Alten das bezeichnete Tier das unüberwindliche nannten. Wieder eine böse Erscheinung! Wir Deutschen sagen alles lang und lange und langweilig. Wir hatten in Regensburg oft hohe Aktenstöße nötig, um damit bloß zwei Selbstlauter auszusprechen – Ja. Die Franzosen, welche drei Selbstlauter gebrauchten, oui , waren bald fertig. Wir haben, wie die Eskimos (nach Monboddo über die Sprache), für viel das kurze Wort: wonnaweuktukluit und für wenig das noch kürzere: mikkeuawkrook. Indes hindert diese vielwörtliche Wäßrigkeit uns so wenig am Geist als eine ähnliche die Weiber am ihrigen, so wie nach Doktor Gall ein ganzer Kopf voll mit vier Pfund Wasser gleichwohl große Seelenkräfte beherbergt. Freilich wenn die französische Sprache dem Wörterbuch ihrer Oper gleicht, das nur 500 Wörter hat: so gleicht dafür unsere einer wahren Polyglotta von Sprachen. Nirgends ist das vortrefflicher ausgeführt als im Buche: Über den Wortreichtum der deutschen und französischen Sprache. Leipzig bei Reklam 1806. Ein schöner, erleuchteter Siegesbogen deutschen Wertes, der über Deutschland steht. * Gallizismen Man könnte, wenn gefragt würde, welche drei Dinge im Kriege die besten wären, dreimal antworten: Geschwindigkeit, als eine Menschen-Mechanik, ist darin das Maß der Schnelle, das Maß der Kraft. Auch beweiset dieses der Franzose, der – die Ehe ausgenommen – alles früh und schnell anfängt. Der Krieg ist ein Turnier; aber alle Europäer bekamen die Turniere erst von den Franzosen Nach Dufrêne in Pistorius amoen. histor. jurid. diss. VI. , so wie das Kriegs-Wörterbuch. – Die Gallier hielten den Pluto für ihren Stammvater Caes. VI. 18. ; insofern nun der Krieg der größte Mehrer seines Reichs von Schatten ist, so bedenken sie ihren Ahnherrn, wie Kindern gebühret. Es wäre mehr Scherz, 944 wenn man, da dem Pluto nur schwarze Tiere geopfert wurden, sich Ähnlichkeiten dazu ersinnen wollte, von den schwarzen Hof- und Mode-Farben an bis zu geistigen. – Vielleicht wurden ihre häufigern Schlachtfelder die Pflanzstätten ihrer guten Wundärzte. Zur französischen Kriegskraft gehört ihre geistige Jugend und ihre Wahl der körperlichen; beides führt wieder zur sieghaften Schnelle. Wenn bei den Deutschen ein Mann nicht eher einige Tausend Regimenter befehligen und stellen durfte, als bis er selber kaum mehr stehen konnte – kurz wenn man, den Fürsten ausgenommen, nicht früher ein Heer weise anführen konnte, als bis man mehrere Millionen Mal rasiert geworden; so ahmen die Franzosen mehr den Griechen nach, welche (nach Winckelmann) den Mars ganz jung und ohne Bart darstellten. – Vielleicht suchen daher manche deutsche Kriegs-Jünglinge das Avancements-Alter, so gut sie können, in Lusthäusern und Luststuben aller Art durch Glatzen und Schwächen so sehr zu antizipieren und zurückzudatieren, daß sie wirklich als Greise anzustellen wären. Vielleicht kommt es daher auch, daß manche halbbärtige Kriegs-Jünglinge die Backen- oder Wangenbärte gleichsam als Maske ihrer Jugend und ihres Kinns nähren und vorweisen; und so deckt – wie an Cäsar der Lorbeer – ein Backenbart die Glatze ganz gut. * Germanismen Es gibt eine Menschenklasse – schwer ihr selber zu beschreiben und also schwer den Deutschen, da sie bei ihnen die Mehrzahl bildet –, welche bloß überall auf unserer so eckigen Erdenkugel zu existieren brauchte, um das ganze Leben und alle Tabors und Tempes in eine kahle platte Heide von Lüneburg zu verkehren und einzuplätschen. Nämlich es gibt Leute, welche nicht sowohl das Alte fortwollen – wie etwan die großen Freistaaten –, sondern das Alltägliche, was für einen Freistaat öfters eine große Neuerung wäre. Spräche diesen geistigen Bettelorden der Seelen ein anderer 945 scharf aus, so müßte er sagen: »Er wünscht vom Leben nichts, als es zu führen und dann mit hergebrachten Zeremonien zu verlassen, damit es ein anderer wieder anfange – Dabei verlangt er das nötige Fabrik- und Regierungswesen – samt so viel Philosophie und Poesie und Uneigennützigkeit und Eigennutz, als er selber hat, und in der Jugend Jugendfehler, und dann den gesetzten Mann.« – Die Herzkammern dieser Leute scheinen Amethyste zu sein, welche jedes Berauschen abhalten; ja der Begeisterte selber wird vor ihnen vernichtet und entfalbt sich mager, so wie sich im Froste die fettesten Gesichter zu hagern einziehen. Das Gähnfieber, das im siebenten Jahrhunderte in Italien tötete, brächten jene Unbegeisterten uns geistig wieder, wenn sie könnten. Nach ihnen bleibt die Menschen-Welt ewig, wie sie ist; und es tut mir leid, daß Brandes diesen erfrierenden Abgebrannten des Geistes in seinem Zeitgeiste das Wort durch die Behauptung redet, daß kantischer und fichtescher (eigentlich Herderscher) Glaube an ein Fortrücken der Menschheit eben Deutschland so weit rückwärts geschoben. Auf diese Weise das Weltgebäude – denn ich wüßte nicht, warum unser Mittelplanet gerade der schlechteste und stetigste sein sollte – zu einer maison des incurables zu machen, ist nur ein so trostloser Unglaube als der an die Unsterblichkeit. Freien Geistern – im Gegensatze knechtischer Körper – ist eine fortrückende Verschlimmerung, ja Verbesserung leichter möglich als der stehende Sumpf der Unveränderlichkeit. Da man doch einigen Völkern Fortgang zugestehen muß: warum sollte nicht eine zufällige Mehrzahl ähnlicher – wenn ich so blasphemisch-zweifelnd reden darf – ein Übergewicht fortwuchernder Veredlung über Stehen und Sinken erringen und festsetzen? – Gewiß ists übrigens, daß alles Große, was noch auf der Kleinigkeits-Erde getan worden, nur aus dem begeisternden Glauben an eine Erhebung desselben entstanden ist. Gibts eine Weltgeschichte nur der Danaiden; gilt die häßliche Meinung Robinets , daß immer alles, Gutes und Böses, Wahrheit und Irrtum, Glück und Unglück, in zwei gleichen Teilen waagrecht über die Erde hänge: so sind alle Aufopferungen gelähmt – alle Helden 946 kletternde Nachtwandler ohne Ziel – die Zeiten nur ein wechselndes Auswechseln der Gefangenen – die Erde eine sine cura -Stelle – und das Leben eine Drehkrankheit toller Schafe. Inzwischen kann doch die Sache anders sein und ein Gott wirklich existieren statt eines bloßen Teufels. * Gallizismen Die Franzosen, längst als Götter- und Götzen-Diener der Frauen berühmt, haben uns Deutsche bisher so höflich wie jene behandelt, denen sie unter allen Nationen am meisten huldigen. Sie haben uns wie den Frauen das Angenehmste sowohl gesagt als genommen, sie haben Politesse und Befehle, Selbstsucht und Artigkeit vereinigt, kurz viele glichen nicht dem Polnischen, das (nach Schulze) hart und schreiend wegen seiner Mitlauter vor die Augen tritt, aber im Leben lieblich-mild ausfällt, sondern sie waren vielmehr von beiden das Umgekehrte. * Germanismen Folgendes ist ordentlich ein Sinnbild deutscher Mittelmäßigkeit in Nachteilen und Vorteilen. Fast alle Länder mußten ihren Namen – den Boden ohnehin – einer Krankheit verleihen, man kennt eine englische, polnische, ungarische, und dann eine (gleichsam vier Länder-Gevattern stellende): die französische, amerikanische, spanische Die Lustseuche heißt bei den alten Deutschen hispanische Blattern. und neapolitanische; aber keine deutsche. Allein dafür gibts auch kein Neu-Deutschland, obwohl ein Neu-Frankreich, Neu-England, Neu-Spanien u. s. w. – * Gallizismen und Germanismen zugleich In den französischen Urteilen über deutsche Literatur erscheint eine anmaßungsvolle Ärgernis, daß wir uns auf dem Felde der 947 Wissenschaften nicht für ebenso geschlagen achten wollen als auf den Schlachtfeldern. Wiederum in den deutschen Urteilen über französische Literatur offenbaret sich die Ärgernis über politische Niederlagen durch die kühnsten Erleuchtungs-Feste deutscher Literatur-Siege. »Wenigstens« – schreiben sie – »kann kein Potentat uns bei Wasser und Brot befehlen, daß uns die Schriften seiner Untertanen stark charmieren und kontentieren; sondern wir ziehen in Büchern keck vom Leder und zeigen, wo uns das Herz sitzt, ferner der Geschmack.« Auch Verf. dieses erklärt dem Kaiser ins Angesicht – falls das Buch vor seines kommt –, daß er manche deutsche Werke (seine eignen nicht ausgenommen) höher placiert und schätzt als viele gallische, besonders die elenden darunter; er sieht aber allen Folgen seiner Kühnheit unbeschreiblich ruhig entgegen. * Germanismen und Gallizismen und Katholizismen Ein Preßzwang der Zeitungen liegt dem Protestantismus nicht nahe. Bloß Friedrich Wilhelm nahm der Nachwelt alle Berliner Zeitungen von den Jahren 1713 bis 1714 Siehe Gundlings Leben. ; aber das spätere Preußen ließ mitten im Kriege sich von seinen Schreibern ebensogut als von seinen Feinden anfallen; und vertrauete auf die Leser. Um so mehr mag es befremden, daß die Franzosen – als ob auswärtiger Krieg der einheimischen Revolution ähnlich wäre, und als ob sie durch die größte Zensur-Freiheit etwas anderes erlaubten, als ihre Siege zu Papier zu bringen vom Schlachtfelde – mitten im Überflusse angenehmer Wahrheiten so hypochondrisch jede unangenehme aus den Zeitungen verbannen und ihre Schreiber dazu. Da sie nichts von uns zu fürchten haben – außer am Ende Unglauben an die wahrhaftesten Berichte ihrer Siege Durch Verbergen kleiner Unglücksfälle säeten die französischen Zeitungen einen Unglauben an die Glücksfälle aus, welchen erst das Ende und der Friedensschluß bekehrte. Die Bulletins bewiesen bisher, daß die Franzosen die Wahrheit sagten, wenn sie sich lobten, und daß sie keine sagten, wenn sie nichts sagten. Überhaupt teilen die gewöhnlichen Kriegsberichte zweier feindlichen Mächte, insofern sie die Gräber wieder vergraben, oder den eignen Triumphator, wie die Römer den ihrigen, noch schminken auf seinem Wagen, und den feindlichen wenigstens schwärzen daselbst, unter beide Leser-Parteien gleichviel ungerechten Un- und Leichtglauben aus. Sagt alles, so glaubt man euch alles; und sogar dem Selbst-Vergöttern könnt ihr Gläubige verschaffen durch Selbst-Verleumdung.  –, 948 und da man doch nicht annehmen kann, daß sie in einem fort, 365 Tage lang, und durch die ganze Geographie ihrer Schlachtfelder hindurch wollen gepriesen sein, indes sogar ein Cäsar und Friedrich II. eigne Niederlagen selber verbreiten und verewigen: so ist bei diesem liberum veto und Zeitungs-Zwange wohl keine andere Absicht zu denken als die, uns Deutsche zu verfeinern, nämlich Schreiber und Leser abzurichten, wie Franzosen im Schauspielhause schon beim halben oder Achtels-Worte den ganzen Gedanken anzufassen und aus der Höhle hervorzuziehen. In der Tat spinnen die Zeitungsschreiber sich zusehends feiner und dünner aus; nur aber werden leider die Feinen von den Feinern mehr bestraft als ermuntert, was mich halb verdrießt. Auf der andern Seite laufen wieder zum Verwundern – da doch überall der Franzose wie ein Vogel mitten im Essen und Trinken klug und scheu umblickt – die Cours-Zettel der Kaufleute frei umher, diese Wund-, Beicht- und Komödienzettel der Staaten, da jede Handlungszeitung von Natur zu einer politischen artet. Kaufleute sind die unwillkürlichen Zeitungsschreiber, so wie die Zeitungsschreiber noch stärkere Kaufleute. Wenn die Handlungen der Fürsten so wenig gesehen werden sollen: macht man dann nicht das Land zu einem Korea De la Portes Reisen. 6. B. , wo man Fenster und Türen zusperren muß, sooft der König durch die Gasse geht? Gerade aufmachen müßte man sie deshalb. Neulich las ich in der National-Zeitung der Deutschen – ein fast pleonastischer Titel! –, daß ein Fürst seinem Ländchen alle politischen Gespräche verboten habe. Wenn, nach dem bekannten Ausspruche, gehaltene Gesetze besser sind als die besten nicht-gehaltenen, so ist jenes ein gutes, da es schwerlich ungestraft in einem Lande zu brechen ist, das ein Ländchen ist so breit wie St. Marino. Indes in einem großen Staate, im alten Rom, in 949 England, in Frankreich, wäre Zungensperre bei politischen Gegenständen, d. h. bei nahen und fernen Beziehungen auf das Vaterland, nichts weiter als ein Interdikt des politischen Gottesdienstes, oder als ein Verbot für die Börse, von Warenverboten, oder für das Konsistorium, von verbotenen Graden zu sprechen. Sollte man denn nicht das anteilnehmende Sprechen über das teuerste Wohl, nämlich das ausgedehnteste, statt zu rügen, lieber lohnen? Will denn ein Fürst seine Bürger durch Strafen angewöhnen, kaltstumm gegen das regierte Land und folglich gegen ihn selber zu sein? Fürsten, schauet in die Geschichte zurück: niemand wurde mehr von Bürgern geliebt als die Fürsten, welche jeden Tadel erlaubten; denkt an die preußischen Könige. Eigentlich ist das ganze Verbot nichts anders als eine Verwechslung politischer Gespräche mit politischen Eigenmachts-Handlungen, für welche letztere sich Verbot und Strafe von selber versteht, eine Verwechslung, die aber bloß in Revolutions-Zeiten keine ist. Übrigens wenn der Moniteur seinen Käufern nicht (ohne Verletzung über die Hälfte) seinen eignen Anfang und Heidenvorhof verbieten kann; und wenn gleichwohl seine alten Frechheitspredigten jetzt ohne Schädlichkeit gelesen werden: so möcht' ich wissen, ob denn bloß dadurch eine hineinkomme, daß er daraufsetzt, wie auf alte Volksbücher: gedruckt in diesem Jahre. * Letzter Gallizismus und Germanismus Unter die Vorzüge, welche vielleicht uns Quartier- und Lastträgern die Franzosen ablernen, wird unsre Flucht und Leichtigkeit und oft veränderlicher Sinn gehören. Bisher waren diese zu fest, wenn auch nicht steif, die einzigen neuern Katos in vielen Punkten. Wie lange hielten sie nicht sonst die kartesische Philosophie und noch jetzt die voltairesche fest! Wie geben ihnen ihre heiligen drei Könige der Tragödie, Corneille, Racine und Voltaire, lauter unbewegliche Feste und die ganze Mode einer hundertjährigen Literatur! Sie, diese Erfinder so vieles Stehenden, 950 von den stehenden Armeen an bis zu den Stereotypen, arbeiten, wie im Trauerspiel, auf Einheit des Interesses (ihrer alten Lustbarkeiten) hin; und gar nicht das wichtigste Neueste wirkt auf sie, sondern das wichtigste Älteste, ihr Name, so wie den Nachtwandler ein Pistolenschuß nicht weckt, aber sein Name. Dagegen halte man nun uns deutsche Luft- und Äther-Springer, uns flüchtige Salze Europens und Seelenwanderer von Reichskörper zu Reichskörper. Selber unsere Urteile über die zu fixen und feuer -beständigen Franzosen wechseln wir in einem Jahrhundert fünfmal, wenn man unseres unter Louis XIV., dann das umgekehrte unter Louis XV., dann das wieder umgekehrte unter der Nationalversammlung, dann unter dem Gemeinderat, dann das zuletzt umgekehrte unter Napoleon vergleicht, indes ein sechzehnjähriger Franzose nicht viel anders als ein neunzigjähriger jetzt von uns spricht, von welchem ich mir freilich mehrerer Lobreden und weniger Schmeicheleien versähe. Bald glichen wir dem Germanikus und dem (englischen Wappen-) Löwen, welche zwei oder drei kein Krähen des Hahns (Gallus) vertragen; bald wieder unter der Revolution wurde der umgewirbelte Wetterhahn unser Kompaß oder, wie bei Petrus, ein Bußprediger, aber nur darüber, daß wir unsern Herrn – nicht verleugnet. So gingen wir überall leicht mit der Zeit, die uns denn auch immer mitnahm . Denkt zuerst an die Literatur! Noch kein Volk machte mit solcher schönen Leichtigkeit in so wenigen Ostermessen, gleichsam auf zwei Springstäben, den Weg durch drei philosophische Systeme, ordentlich die drei Instanzen oder die drei operationes mentis , hindurch, Kants, Fichtens, Schellings. Wie schnell ging man vom moralischen Rigorismus Kants und Fichtens zum ästhetischen und politischen Libertinismus der Neuesten über! Wie gewandt springen wir nicht zwischen unsern Lieblings-Dichtern hin und her und kommen leicht (wenn ich mir nicht zu viel schmeichle) von den neuesten auf die ältesten zurück, mit Hinwegsetzen über die Mittelalten! Der Franzose aber macht uns dieses Springen zwischen Neuesten und Ältesten schlecht oder wenig nach, sondern strandet in der Mitte und ankert z. B. bei Voltaire. Ähnliches Übergewicht dürften wir 951 lebhaften runden Schusser Europens vielleicht auch über Italiener und Briten behaupten. Allerdings tat bisher unsere vereinzelte zwiespältige Reichsverfassung, die uns auf keine Kaiser-Stadt und Residenz-Meinung beschränkte, uns die Freiheit auf, jedes Volk zu werden, sogar ein deutsches. So wurden wir denn allseitig und kosmopolitisch genug und Allerwelts-Nation. Daher nennt uns jedes Land anders: Germans , Allemands , Tedeschi . Wären wir noch vollends in uns selber verliebt, so gäb' es keine Völker-Schönheit im ganzen geographischen Adreß-Kalender, die wir mehr anerkenneten. Wer indes jede Schönheit lieb hat, bleibt schwer zu Hause, wo zuweilen nicht mehr als eine zu finden ist, wenn er sich selber mitzählt. Freilich ahmen wir alles nach, aber auch uns selber mit, folglich sind wir früher Urbildner als Nachbildner, früher Originale als Kopien, wie denn auch die größten Genies niemand etwas nachmachen als sich. – Übersetzen unserer in andere Völker, Übersetzen dieser in unseres reicht uns das alte Fährgeld Charons, der gleichgültig Verdammte und Selige überführt. Kurz wir, als die echten Mimiker und Ripienisten Europens, wollen alles zu uns hereinheben. Unsere Altäre, worauf wir opfern und räuchern, sind Tragaltäre, mit welchen wir in allen Ländern hausieren, um sie vor beliebige Götter hinzusetzen. Ist es denn etwas anders als dasselbe flüchtige deutsche Blut, welches uns weniger zu Holland- als Weltgängern und Weltfahrern macht und zum Treibeise aller Küsten? Landesverweisung (uns ein lustiger sächsischer Länderer) ist uns nicht wie den Alten, welche durch sie ihre Götter verloren, eine Strafe, sondern schöne Belohnung, ein Geschenk von Wanderjahren zur Meisterschaft. Aber man erkenne, daß uns eben nichts mehr instand setzt, unserer flüchtigen Komplexion Genüge zu leisten, als der Wechsel mit Ländern und Menschen, der uns wieder mit dem nötigsten Wechsel von Moden und Sitten versorgt, bis sogar auf die Tänze, von denen wir ein so reiches Sortiment auswärtiger nachspringen, daß uns darunter sogar unsere deutsche Allemande unter dem Namen einer fremden erscheinen kann unter den Anglaisen, Ecossaisen, 952 Polonaisen, Quadrillen u. s. w. In der Tat, unserer Ehre würde es mehr zuschlagen, schätzte man bloß von dieser Seite unser Streben, die Nebensonne sogar jeder ausländischen Nebensonne zu sein. Das Lächerliche fällt weg, wenn unsere Gesellschafts-Säle Abguß-Säle ausländischer Schönheiten und Sitten sind, da wir mit unserer Allseitigkeit ja bloß den Menschen ähnlich sind, welche – im Gegensatz der Tiere – alle Speisen und alle Klimate vertragen. Obwohl auswärts Nachtreter auswärtiger Moden, sind wir doch zu Hause Gegenfüßler einheimischer – nämlich um nur eine Veränderung mehr zu erzwingen; denn wer nicht ist wie andere Leute, macht eben dadurch andere Leute, und eine neue Mode nicht mitmachen, heißt ja eine neueste mitbringen. Uns übrigens deshalb Affen Europens zu nennen, anstatt dessen edlere ernste trübe Urangutangs, würde wohl kein Zoolog für recht sprechen. Da der Holländer der feste enge Maskopeibruder des Deutschen ist: so möchte man vielleicht fragen, warum gleichwohl die sieben Provinzen den zehn Kreisen die Sprünge so wenig und schlecht nachtun und ungern einen andern Wechsel honorieren als den a uso , und warum alle etwanigen politischen tours de force der Holländer – oder gar die literarischen – kaum wie Schritte aussehen gegen unsere. Aber wie, wenn eben Holland der Bajazzo Deutschlands wäre, und letzteres erst der echte Springkünstler? Macht denn der Bajazzo nicht alle Luft-Künste des Springers absichtlich recht ungelenk und langsam vor, damit der nachkommende Künstler nachher durch den Abstich desto herrlicher glänze? Vielleicht darf man sich jetzt mehr als je vom Kriege schmeicheln, daß zwei Völker gegen einander noch etwas Freieres und Eigneres als ihre Gefangenen auswechseln, so daß französisches Phlegma oder Bodensatz sich mit deutschen flüchtigen Geistern auf eine Weise versetze, welche in beiden Nationen den nationellen Überschlag in das Gleichgewicht der Humanität zurückstellt; gleichsam eine Vereinigung zwischen dem starren Mars und der leichtfertigen Venus. Nur macht der volatilische Deutsche die Sache dem festern Franzosen etwas sauer; denn wie es 953 einen gedruckten »geschwinden Lateiner« gibt, so will er der geschwinde Deutsche sein und schlägt bei jedem Blatte der Sphären-Partitur der jetzigen Weltgeschichte mit der Entschuldigung um: volti subito . Den Franzosen ungleich, welche, wie gedacht, im Leben wie auf der Bühne Einheit des Orts und des Interesse behaupten, nehmen wir bloß die dritte Einheit, die der Zeit, für uns an und weg und drängen alle unsere komischen und tragischen Veränderungen in die kürzeste Zeit. Unsere Trauerspiele mit ihren Schlachten werden oft auf der Bühne und im Leben gleich schnell abgespielt. Noch ein Beweis der deutschen Schnellsegler sei der letzte. Wenn ein Leser eines Klopstocks, Kants, Fichtens, Herders, Jakobis, Schillers und aller edlen Deutschen – der Platons, Rousseaus, Montesquieus etc. gar nicht zu gedenken – auf einmal aus ihren himmelsfreien Eden-Gärten auf den Sklavenmarktplatz neuerer Schreiber eintritt, und wenn er von dort her Ohr und Herz noch voll mitbringt von Lehren, welche nur den Menschen, nicht sein Tier beseelen, welche vom freien Menschen-Geiste, von Genuß-Aufopferung und von allem reden, was alle höhern Seelen bisher gehabt und ausgeteilt, was im Glück aufrichtet über die Weide und im Unglück über die Wüste, und was allein die Menschen einander und das Leben achten lehrt – und wenn dieser plötzlich auf dem Sklavenmarkte nun nichts ausrufen hört als Geld und Handel und politisches Maschinen-Wesen und heiße Ideen-Moloche mit Völkern in Armen: dann empfindet ein solcher, aber an zu weiten Wunden seiner Brust, wie sich die Deutschen und die Zeit so schnell umstürzen; ein Brahmine, der Reis-Mißernte wegen plötzlich ausgeworfen aus seinen milden Gefilden in grönländische Jurten voll Tran und Seehundsfelle und Aussichten aufs Eis, dieser könnte nur das körperliche Gleichnis zu jener Empfindung hergeben. So schnell beten die Deutschen das philosophische Vaterunser, wie Hexen das evangelische, rückwärts , um damit Zauberei zu treiben. Was den gedachten Handel angeht, so sind wir hierin wie echte Juden, nicht etwan, weil wir ihn so sehr wie sie treiben und 954 begehren, sondern weil der Gesetzgeber Moses eben den Juden den Handel verboten, den sie jetzt nicht fahren lassen wollen. Die Alten achteten nie am Handel den Handel selber; in Griechenland das so günstig ihm die Küsten darbot, betrieb ihn der Sklave; und im Handels-Karthago hielt sich der verachtete Kaufmann nicht unter Bürgern, sondern in gesonderten Bezirken auf. Agrippa de nobilit. foem. sex. Die großen Alten und die alten Großen konnten sogar edler Fruchtlosigkeit den Vorzug vor gemeiner Nützlichkeit zusprechen, so wie in ihren heiligen Hainen Potters Archäologie. ( englische Gärten auch in diesem Sinne) nur fruchtlose Bäume standen. Insofern bloß Übergewicht des geistigen Gehaltes und der höhern opfernden Kraft berechnet wird, so käme dasselbe mehr dem Kriege als dem Handel zu, und in dieser Rücksicht streicht mit Recht, sogar äußerlich, das Kauffahrteischiff vor dem Kriegsschiffe die Segel; es ist leichter, Gewinn als Ehre zu suchen, leichter, zu berechnen als zu bekämpfen; und an sich fodert der kleinste Krieg, das Duell, mehr sittliches Opfer als der Großhandel. Der Handel (sagt Montesquieu) knüpft Völker, und zertrennt Einzelwesen – so wie der Krieg, setz' ich dazu, es umkehrt –; und eben jene Zertrennung zeigt sich in den europäischen Kolonien so um desto grausamer, je kaufmännischer die Nation ist, daß z. B. der Holländer und Brite weit härter als der Däne und Franzose bisher seine Kolonisten behandelte. Klein ist die Selbstsucht des Kriegers gegen die des Kaufmannes, schon weil jener – länger Opfertier als Opferpriester – mit notwendigem hohen Selbst-Hingeben sich seine kurzen Genüsse einkauft. Der Handelsstand gedachte mehrmals zeither durch seine gedruckten Handelsberichte und Klagen, wie wenig diese und jene Ware eben anzöge und stiege, und wie viel er uns Kunden damit weit weniger abgewänne, als er in so spekulations-günstigen Zeiten zu erraffen gehofft; durch dieses Jammern über das Glück der vielen tausend Kunden glaubte er letztern eine und die andere Träne ins Auge zu treiben; – freilich geht sie hinein, wenn man lacht; aber Verfasser dieses erhielt sich dabei mehr trocken und ungerührt. Um aber eben jener Menschen-Trennung zu wehren, so muß 955 ein Handelsstaat zugleich ein Freistaat sein; dann bringt das Interesse am Staate das kaufmännische ins Gleichgewicht mit jedem Einzelwesen. Handelsfreiheit ist ohne Handelns-Freiheit nichts oder Gift; denkt an das freie England, Holland, an den Hanse-Bund und dessen nordischen Nach- und Herbstflor. Politische und kaufmännische Freiheit fodern, heilen und ergänzen sich gegenseitig. In der Türkei sind Fugger unmöglich, sie durften von 1534 an Gold- und Silbermünzen prägen, wie in England Bolton Kupfermünzen; aber dort in der Despotie wären nur statt der Köpfe Rümpfe einzuprägen. So war es z. B. ein Zufall der Geographie und Zeit, daß die Römer mit keinen andern Waren handelten als mit Sklaven und Königen; wiewohl freilich auch jeder Handel da wegfällt, wo die Tapferkeit alles umsonst bekommt und weggibt. Über die Zwang- und Notwesten der Knechtschaft, in welche jetzt einige Schriftsteller uns wie Wahnsinnige stecken, laßt uns schweigen aus Schmerz oder Verachtung! Lieber bin ich Linguet in der Bastille als vorher ein Linguet als ihr Lobredner; denn alle Sklaverei besteht bloß in der Liebe derselben; und ein Sokrates thront im Kerker. Mit der Menge ists freilich anders, eben ihres Namens wegen, sie vergiftet sich in der schwarzen Höhle des Despotismus gegenseitig. Daher bisher die größten Staaten Despotien waren oder wie Rom wurden; nur der neueste nimmt sich durch seltene Verhältnisse davon aus. Mit dem Bambusrohr, womit der oberste Chinese oder Mandarin Bücher und Dekrete ausfertigt, schlägt der chinesische Kaiser ihn zum traurigen Ritter und mehr als hundert Millionen Menschen zu einer Schafherde herunter. Bei den Persern durfte man, wenn man opferte, von den Göttern nichts für sich allein, sondern es zugleich für alle und den König erbitten. Herodot. I. 132. Diese Sitte ist die schönste Definition der Freiheit. Nichts ist gefährlicher für Menschen-Wohl, als dasselbe der Idee eines Einzigen unterzuordnen und unterzubauen; es müßte denn die Idee gerade das höchste und weiteste Wohl bezielen, 956 nämlich eben den unauslöschlichen Charakter der Humanität, für welche Freiheit Folge und Bedingung ist. Einheit, Gleichheit, gerade machen kann man freilich so leicht wie der allmächtige entgeisternde Tod. Ein Alter beschrieb die krumme Linie als eine, worin kein Teil die übrigen Teile beschattet; die gerade beschattet sich überall. Die Freiheitslinie ist wie die Schönheitslinie, ebenso gebogen; die ankettende Linie ist wie jedes anziehende haltende Band, stramm gerade; und an einer Idee eines Einzigen sterben die Ideen von Tausenden. Noch haben wir wenig zu befürchten als uns selber; und die Zukunft wird von der Gegenwart mehr versprochen als gedroht, wenigstens falls wir mehr die – Franzosen nachahmen. Dies ist weder Scherz noch Wagsatz; denn ich spreche von Vaterlandsliebe. Der Franzose liebt seine Volksbrüder feurig, wo er sie finde, und noch dabei – vielleicht eben darum – seinen Beherrscher; er verficht heldenmütig seinen Waffenbruder und seinen Fürsten. – In Deutschland aber läuft der Efeu der Vaterlandsliebe mehr am Throne empor als auf dem Boden umher; nämlich wir haben immer einen großen Fürsten – groß entweder geographisch, oder heroisch, oder sittlich – vonnöten, um erst an ihm das Vaterland zu lieben. Noch hat uns – den gedachten Einfluß der Fürsten abgerechnet – das Unglück nicht so viel Vaterlandsliebe gegeben, als das Glück den Franzosen davon gelassen, ja zugelegt. Oder soll unser geschriebenes und gemurmeltes Geklage über Mangel an Geld, an Handel, an Kriegsglück, an Kriegsverstand, an Patriotismus ein Zeuge des Patriotismus sein, indes er – wenigstens in kleinen Ländern und in den fernen Länder- Außenwerken der größern – sich nicht mit seinen beseelenden Flammen, nämlich mit einer selbstvergessenen Aufopferung für Gesamtheiten, Bürgerschaften u. s. w. tätig erweist? Anstatt z. B. unter die Kriegslast der Menge die eigne Schulter zum Tragen unterzustellen, zieht sie jeder hinweg und beklagt bloß das allgemeine Beladen unbeladen. Aber euch, ihr deutschen Fürsten, ruft die Kraft eures patriotischen Einflusses auf, euren Zepter zum schöpferischen Zauberstab der deutschen Völker zu machen, bloß dadurch, daß ihr euch 957 recht – lieben lasset; damit aus dem Sterben und Leben für den Landesvater eines für das Vaterland werde. Wie ein Vater Liebe seinen Kindern nur abverlangt als Bürgin und Quelle ihrer künftigen für ihre Kinder: so schenket doch, ihr Fürsten, dem Deutschland liebende Deutsche zurück. Eure Thronen waren oft bisher die Cestius-Pyramiden der Deutschen; werden sie künftig die Wetterscheiden finstern Gewölks! –   2. Kleine Zwielichter A Höherer Staatenbund Für die olympischen Spiele stellten alle griechischen Völkerschaften ihre Kriege ein und fanden sich froh und friedlich bei den schönern Kämpfen der Musen und unblutiger Kräfte zusammen. So werde sich Deutschland, das jetzt Not, Raum, Thron, ja Schlachtfeld feindlich scheidet, wieder zum Völkerbunde verknüpft auf dem hohen Musenberge, wo die Erde sich unten verkleinert und nur die Sonnen der Dichtkunst und Weisheit oben heller erscheinen. Könnte deutsche Dicht- und Denkkunst nicht so der lahme Schulmeister Tyrtäus sein, welchen die Athener den Spartern, als diese im messenischen Kriege einen Heerführer von ihnen begehrten, höhnend zuschickten? Ich meine darum, weil die Sparter durch den Poeten obsiegten. B Wohlfeileres Geschütz Wenn man daran denkt, daß einmal die Römer (nach Winckelmann) sich im Grabmale Hadrians gegen die Goten durch herrliche Statuen wehren mußten, welche sie auf die Belagerer herunterwarfen: so freuet man sich desto mehr, daß wir uns jetzt 958 wohlfeiler und fast umsonst zu verteidigen vermögen, indem wir nur lebendige Statuen, nämlich Menschen, auf die Feinde zu schleudern brauchen. C Despoten-Erraten Von Jahrhundert zu Jahrhundert wird uns die Tyrannei oder Despotie kenntlicher bezeichnet, so wie die Klapperschlange mit jedem Jahre neue Warn-Klappern ansetzt und damit sich ansagt. So arbeitet doch einigermaßen dem Fortgange fremder Kraft und eigner Schwäche der Fortgang des Scharfblicks entgegen. Schwerlich wird jetzt ein Volk unvermutet ein Knecht. D Ruf an Fürsten Die chinesischen Kaiser bringen vor jeder gewichtvollen Handlung ihren alten Vorkaisern Opfer, gleichsam als Fragen und Bitten der Nachahmung, dar. Sehen nicht unsere deutschen Fürsten ihre großen Ahnenbilder in der Vergangenheit stehen, welche mit alten Händen zeigen und winken? Fürsten, ihre Gräber sind euere Altäre, und auf diesen werdet ihr nichts aufopfern als das Unrechte; – ihre Särge sind euere Reliquienkästen, und auf diesen könnt ihr nichts beschwören als das Rechte. E Kriegs-Nutzen Wenn das Kriegsleben für ein Volk so viel geistigen Gehalt abwürfe: so müßte ein Einzelner, der von Kindheit an bis ins Alter nirgendswo gewesen wäre als im Kriege, niemand weniger ähnlichen als alten Gemsenjägern und alten Scharfrichtern, wovon die einen mit Lebensgefahr und die andern auf Rechtsbefehl zerstören; aber gleichwohl soll letztern beiden im Alter wenig Milde übrig bleiben. Ähnlicherweise waren für einen Timur 959 Völker-Tränen nur versteinernde (inkrustierende) Wasser seines Herzens; und Bluts- und Tränen-Tropfen durchschiffte er als sein rot und weißes Meer.   III. Kriegs-Erklärung gegen den Krieg Man halte diese Kriegserklärung nur für einen Nachtrag zur andern in der Levana II. S. 188 etc. Ich sagte oft, seitdem ich die seltsame Tatsache gelesen: ich wünschte, niemand trommelte hienieden weiter als in Bamberg der Professor Stephan Die fast unglaubliche Nachricht, daß dieser Mann willkürlich mit dem Gehörknöchelchen, der Hammer genannt, so an sein Ohrentrommelfell schlagen kann, daß es auch andere vernehmen, steht in Voigts phys. Magazin. B. 9. St. VI. S. 541. aus seinem Ohre mit dem Hammer heraus, gesetzt auch, man hörte das wenigste. Aber leider ist der Bellona kaum das jetztlebende Europa breit genug zur Sturmtrommel, und sie häutet Weltteil nach Weltteil ab, um die Haut über die Regimentstrommel zu spannen. Gegen den Krieg schreiben ist allerdings so viel, als im Druck harte Winter scharf rügen, oder die Erbsünde. Denn bisher waren die Geschichtskapitel mit Krieg gefüllt, unter welche der Friede einige Noten setzte. Seit der Schöpfungsgeschichte treibt dieses wahre perpetuum mobile des Teufels die Vernichtungsgeschichte fort. Der Friede war bisher nur eine blühende Vorstadt mit Landhäusern und Gärten vor der Festung des Kriegs, der jene bei jedem Anlaß niederschoß. In der alten Geschichte trifft man wohl 120jährige Kriege an, aber keinen so grauen, lebenssatten Frieden. Gleichwohl wäre ein Wort für den Krieg noch heilloser, als eines dagegen fruchtlos ist; in keiner Zeit aber mehr als in der jetzigen, wo die personifizierte Zwietracht, welche in Voltaires Henriade die Maschinengöttin ist, im heutigen Epos wieder einhilft, und wo (sind anders kleinliche Spielworte dem an sich kleinlichen Kriegsspiele angemessen) vernagelte Köpfe und 960 vernagelte Kanonen einerlei gelten wollen, und wo alle Blüten der Völker sich bloß den Sichelwagen der Kriegsminister auf ihren eisernen Gleisen unterstreuen sollen. Allerdings trägt das rednerische, dichtende und geschichtschreibende Volk einige Schuld an der Fortsetzung der Kriege durch die gemeine Fortsetzung seiner Kriegslobreden. Freilich ist es Rednern leichter – daher junge Schauspieler und veraltete Fürsten dasselbe wollen –, Tyrannen darzustellen als Friedensfürsten, so wie Klavieranfänger am liebsten Durtöne spielen. Alles Gute nimmt wie der Himmel nur wenige Farben an; es gehört mehr Kenntnis dazu, einen Friedensfürsten als einen Kriegsfürsten zu malen. Indessen bliebe auch die Menschheit samt der mensch-ähnlichsten Tierheit – den Hunden, Pferden und Elefanten, diesem an unserer Seite mitfechtenden Tier-Geryon und Zerberus – ewig auf dem Schlachtfeld und Kriegsfuß stehen, und hälfe keine Friedenspredigt zum ewigen Frieden: so würd' ich sie gleichwohl halten; ist der Wille nicht zu bessern, so doch vielleicht das Urteil. * Allerdings müßte selber Klopstock sein Ja zu den Wunden und Flammen der wildesten Kriege geben, sobald eine freie Schweiz oder von Tataren das gesittete Europa überfallen würde; wenn er nicht zugeben wollte, daß der Angriffs-Barbar gebückt-folgende Völker an einer dünnen Sklaven-Kette, wie gefangne Löwen, hinter sich mitziehe, bloß durch sein Erscheinen siegend. Freilich wurzelt dann auf dem Anfallskrieg der Abtreibungskrieg fort, und leider so, daß sich jener leicht in diesen verkleidet, weil nicht nur die beste Verteidigung Angriff ist, sondern weil die Politik auch Präservationskriege annimmt; d. h. eine Staats-Notwehr, ähnlich der eines Einzelwesens, das dem Mörder, der ihm auflauern will, früher auflauerte und den Todesstreich vorausführte, welcher dann, sobald er fehlglitte, wieder den Mörder in einen billigen Notwehrstand einsetzte. Wir erbärmliche Menschen! Unsere Laster organisieren einander notwendiger (wie hier Mord den Mord) als unsere Tugenden einander! Hinter einer Brust- und Kopf-Wehr, wie die eines Kants ist, der den ewigen 961 Frieden verfocht, den er jetzt selber genießt, darf man schon behaupten, daß die Menschheit bei dem letztern, wenn nicht der Gott der Liebe zugleich der Gott des Mordes sein soll, einmal ankommen muß. Der Krieg kommt endlich selber am Kriege um; seine Vervollkommnung wird seine Vernichtung, weil er sich durch seine Verstärkung abkürzt. Wie Schwarz – ein Name, der sein Pulver und dessen Zwecke und Käufer weissagte – jetzt schon die Zeit der Kriege in die Kraft derselben einschmilzt: so wird es künftig noch besser gehen – so daß Schwarz den zweiten Namen, Konstantin Anclitzen , wiederbekommt –, wenn jene sich, wie in der Mechanik, im umgekehrten Verhältnis der Zeit vermehrt. Es muß zuletzt nicht wie jetzt statt siebenjähriger siebentägige, sondern statt dreißigjähriger dreißigstündige Kriege geben. Der Mechanikus Henri in Paris erfand – approbierte – Flinten, welche nach einer Ladung 14 Schüsse hintereinander geben; – welche Zeit wird hier dem Morden erspart und dem Leben genommen! – Und wer bürgt unter den unermeßlichen Entwicklungen der Chemie und Physik dagegen, daß nicht endlich eine Mordmaschine erfunden werde, welche wie eine Mine mit einem Schusse eine Schlacht liefert und schließt, so daß der Feind nur den zweiten tut, und so gegen Abend der Feldzug abgetan ist? Dadurch wird der Schlüssel des künftigen Himmels – wofür Muhammed das Schwert erklärte – noch mehr der Schlüssel eines hiesigen Himmels, den wir unter dem blauen so nötig haben als unter dem trüben. Das Gift zerfrißt sein Gefäß wie der Magensaft den speiseleeren Magen. Das Gute braucht zum Entstehen Zeit – das Böse braucht sie zum Vergehen. Eine ewige, nicht an der Zeit sich heilende Unmoralität wäre eine Organisation der Menschheit zur Unmenschheit. Mit Frieden muß die Erde schließen; denn mit ihm hob sie an, so wie die gerade Linie eher als die krumme ist Die krumme wird auf die gerade zurückgeführt; diese ist mehr zentral und verborgen, indes jene auf der Oberfläche läuft. S. Stransky, Beleuchtungen physiologischer etc. Gegenstände. S. 154. ; daher vielleicht deshalb in den Saturnalien, dem Wiegenfeste der goldnen Friedens-Zeit, kein Krieg durfte angekündigt werden. 962 Die stehenden Heere treiben einander zu gegenseitigen Vergrößerungen so weit hinauf, bis die Staatskörper unter der Strafe Gewehrtragens erliegen und gemeinschaftlich ihre schwere Rüstung ausziehen; statt der jetzigen bewaffneten Neutralität, d. h. des Friedens, tritt eine höhere im Sinne Heinrich des Vierten ein. Auf der kleinen Erde sollte nur ein Staat liegen – um den häßlichen Widerstreit zwischen Moral und Politik, zwischen Menschenliebe und Landesliebe, zwischen dem England nach innen und dem nach außen auszutilgen –; nicht aber eben eine Universalmonarchie sollte sein, weil diese wenigstens die Bürgerkriege zuließe, sondern eine Universalrepublik von dreizehn vereinigten Provinzen weniger als von einigen Tausenden, oder ein Fürsten- und Staatenbund und Föderativsystem der Kugel. Um so etwas rein-unmöglich zu finden, setzt man die unbewiesene Fortdauer barbarischer Völker voraus, welche mit ihren Wildnissen den Marktplatz der gebildeten umgeben. Aber wie London Dorf nach Dorf in seine Gassen verwandelt, so löset unaufhaltsam allmählich die Kultur die obwohl breitere Wildheit in sich auf. Wäre nur erst ein Weltteil mit sich ins Reine und in Ordnung: in den drei andern würde sein Zepter bald aus einem Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden und die Höllenmaschine immobil machen, statt, wie jetzt, mobil; und da alle Kriege nur Malteser-Kriege gegen die Ungläubigen sind, würden sie wie die Malteser aufhören. * Wie? die Sittlichkeit will Duellmandate nur Einzelwesen, nicht Völkern geben? Eher müßte sie die Zweikämpfe als die Millionenkämpfe sekundieren; denn jene zeugen mehr Ehre, diese mehr Unglück. Das Unglück der Erde war bisher, daß zwei den Krieg beschlossen und Millionen ihn ausführten und ausstanden, indes es besser, wenn auch nicht gut gewesen wäre, daß Millionen beschlossen hätten, und zwei gestritten. Denn da das Volk fast allein die ganze Kriegs-Fracht auf Quetschwunden zu tragen bekommt, und nur wenig von dem schönen Frucht-Korbe des Friedens, und oft die Lorbeerkränze mit Pechkränzen erkauft; – da es in die Mord-Lotterie Leiber und Güter einsetzt und bei der letzten 963 Ziehung (der des Friedens) oft selber gezogen oder als Niete herauskommt: so wird seine verlierende Mehrheit viel seltner als die erbeutende Minder-Zahl ausgedehntes Opfern und Bluten beschließen. Wenn jetzt der Krieg nur wider, nicht für die Menge und fast nur von ihr geführt und erduldet wird – aber dies doch in solchem Grade, daß der Heerführer schon im eignen Volke das Pressen anfangen muß, und daß ers mit allen Schätzen machen kann wie der Pulvermüller mit dem Salpeter in Sachsen, wornach er, wo er nur will, suchen und graben darf, nur unter dem Ehebette nicht –: so willigte gewiß ein jetziges Land in einen mehr opfernden als reichenden Krieg viel langsamer als sonst die barbarischen hungernden Völker, welche nicht anders sich satt essen konnten als mit dem Schwerte in der Hand als Gabel. – Die arme, die rüstige Schweiz, so wie der reiche Hansebund wehrten nur ab, fielen nicht an. Die Staats-Erhebung durch neue Länder ist häufig dem Volke nur eine Kreuzes-Erhöhung; und in der Tat kann eine Million Menschen nicht hoffen, besser regiert zu werden, wenn noch eine neue zu regieren dazukommt; dies hieße einen Lehrer durch die Vermehrung der Schüler besser lehren lehren. Dem Fürsten wird, wenn Arm und Hand ihm länger werden, eben darum das Auge kürzer. – Auch nimmt eigne und fremde Habsucht, folglich die Kriegsnähe mit der Größe der Adlersklauen und des Fanges zu. Reichsdörfer wurden sonst seltener mediatisiert als Reichsstädte. Wenn der Fürst sich eine neue Compagnie von Compagnien kauft: so wird eben das längere Land der bessere Langschub feindlicher Kugeln. Auch würde das Volk wissen, daß jeder Länder-Ansatz für den Fürsten selber nur ein neuer Ansatz an die Kriegstrommete wäre, und daß niemand weniger genug hat, als wer zu viel hat. Friedrich der Einzige gab im ganzen das Beispiel einer schönen Ausnahme; er bauete sein Land mehr in die Höhe als in die Breite aus und zeigte eben damit, daß Österreich, um ein Riesengebirge, und Rußland, um ein Äquatorgebirge zu werden, nichts brauche, als ihm nachzuahmen und – sich selber friedsam zu erobern. Bekommt Friedrich am jetzigen gallischen Nachmuster seines Kriegs vollends ein Nachmuster seines Friedens: welche Macht widerstände der Allmacht! 964 Und Himmel worüber und wofür wurden nicht oft Kriege erklärt, d. h. Ländern der jahrlange Geburtsschmerz zur Entbindung eines Marterfriedens verordnet! – Nicht einmal um Länder-Zusätze oder um arrondierende Vorleg-Länder: sondern aus afrikanischen Gründen; denn zwei Negerkönige Zimmermanns geograph. Taschenbuch. führten wilden Krieg miteinander über eine europäische Grenadiermütze, welche beider Gemahlinnen gern haben und aufsetzen wollten. Gott! wie viele Kriege um Grenadiermützen durch Grenadiermützen in der ganzen Geschichte! Aber Himmel! ists nicht genug, daß ein Paar fürstliche Lungenflügel sich Staaten als Flughäute ansetzen, und daß ihr Atmen wie Moussons die Völker bewegt: müssen noch vollends die kranken Blähungen des Zufalls dazukommen als Wirbelwinde der armen Staatsschiffe? Doch hat dies eine freudige Nebenaussicht. Denn wenn die Vorsehung an den Spinnenfaden von Privat-Nerven und -Fibern ganze Völker wie an eine Jupiters-Kette hängt, oder wie mit einer Sklavenkette zieht; und wenn gleichwohl die Erde mitten unter dieser Allmacht der Zufälligkeiten um eine höhere Sonne zieht, als wir sehen: so muß gewiß viel Vorsehung und viel Gott in diesem Faden-Wirrwarr walten und schlichten. – Indessen kann wohl die Aushülfs-Unerschöpflichkeit der Allmacht und Allwissenheit – beide Worte sind eins – eine Erdkugel auf ein Blutkügelchen stellen; aber der unverständige und unbeholfne Mensch darf den Zufall nicht auf die Länderthronen setzen und darf nur wagen für , nicht wider Allgesetze. Der Krieg, sagt ihr, entwickelt und enthüllt große Völker und große Menschen, so wie sich bei Regenwetter ferne Gebirge aufdecken. Sonach hätten wir denn lauter große Völker; denn alle rohe kriegten bis in die Bildung hinein; die Zaims und Timarioten, welche bei den Türken für ihre Rittergüter im beständigen Kriegsdienste und als Kinder in Körben und als Greise in Sänften beim Heere sein müssen, wären ein Kongreß vereinigter Geisterriesen. Wo aber stieg denn das größte kriegerische, das römische Volk, welches jahrhundertelang weniger im Blute der Völker watete, als auf dem Blute schiffte, endlich aus? Unten am Throne der römischen Kaiser als Kron-Gewürm. Der lange 965 peloponnesische Krieg machte keine Sparter, aber wohl Lykurg; große Völker entstehen nur an großen Menschen; und eine große Idee, eine Gesetzgebung entwickelt die Völker ganz höher als ein Schlachten-Jahr; und Preußens Monarchie wurde nicht von oder im, sondern hinter dem kurzen Kriege und trotz demselben von dem langen Frieden gebildet. Nur erscheint uns die Wintersaat des Friedens so leicht als Sommersaat des schwülen Kriegs; aber der unsterbliche Krieg mit Xerxes erschuf nicht erst die Griechen, sondern sie ihn, und er setzte sie voraus. Die Kriege, selber für Freiheit geführt, verloren entweder oder nahmen eine; hingegen der große Gesetzgeber – und es gab deren mehrere, die keine großen Krieger waren, von Moses, Solon, Lykurg, Christus an – befreiet sein Volk, ohne ein anderes anzuketten; und selber Muhammeds kriegerischen Eroberungen waren vorher seine religiösen untergebauet. Was man noch außer den Wirkungen des Friedens mit denen des Krieges verwechselt, ist die Ursache des letztern oder die Idee , um welche man ihn führt, die aber wieder dem Frieden zugehört, z. B. der Religion oder der Verfassung. Bekamen denn die friedliebenden Schweizer ihre Wunderkräfte der Tapferkeit gegen Östreich und Frankreich von langen Kriegen oder nicht vielmehr von Vaterlandsliebe her? – Erschuf den weiblichen, ungeübten Kriegs-Neulingen unter der Revolution der erste Feldzug oder nicht vielmehr die Freiheitsflamme die siegende Macht? Nicht der längste Friede an sich macht, wie die Schweiz zeigt, selbstisch, zaghaft, weichlich, sondern die Regierungsweise, welche nicht mit feurigen Ideen den scheintoten Staatskörper beseelt und anbrütet. Der despotische Orient lebt zugleich in ewigen Kriegen und ewigen Ohnmachten; England aber ohne Landkriege und ohne Feigheiten. * »Der Friede verweichlicht die Völker«, sagt einer der Gemeinplätze, wo Irrtum und Wahrheit sich friedlich nebeneinander aufhalten und mit sich Versteckens spielen. Eine körperliche Verweichlichung steht keinen Hunger, eine andere kein Überfüllen 966 aus; eine kein Frieren, eine kein Schwitzen. Die klimatische Abhärtung ist meist partiell; der Altdeutsche verträgt nur Hunger und Frost, das Südvolk mehr Schweiß und Durst; so aber hält jedes Volk durch seine klimatische Weichlichkeit und Abhärtung zugleich dem entgegengesetzten eine andere Blöße und andere Rüstung entgegen. Übrigens härtet der Krieg nicht viel stärker aus als der Friede; denn dieser gibt dem Landmann, Seemann, Kaufmann, Handwerksmann, also der Überzahl Eisenmolken länger zu trinken als die kurzen, mit Schwelgereien unterbrochnen Strapazen einiger Kriegsjahre dem Soldaten. Auch steht Abhärtung weit unter Stärke; jene haben die mongolischen Völker, diese die celtischen – beweist Meiners; der Krieg aber kann nur jene geben, nicht diese. Der Weichling Alcibiades spielte den Perser und den Sparter gleich gut; die Heerführer und Fürsten aller Zeiten gingen geradezu und glücklich aus dem auflösenden Tauwetter ihres Standes in den grimmigen Wolfsmonat des Kriegs; und die Neukonskribierten fochten mit Rußland nahe an dessen Klima. Die aus dem üppigen und heißen Afrika kommenden Karthager dauerten wie die Franzosen den frostigen Alpenzug aus; sie konnten also in Kapua nichts Körperlich -Neues finden, das sie entmannte und verweichlichte; doch kann Kapuas Einfluß selber bezeugen, daß das Stärken der Krieger durch Krieg etwas so Hinfälliges sei als (ist das Gleichnis erlaubt) das Stärken der – – Wäsche. Desto seltsamer ists, eine so kurze, sogar mit Kriegen und Ausrüstungen versetzte Friedens-Zeit, als die preußische war, für eine auflösende papinianische Maschine der Staats-Maschine auszugeben; falls es nicht etwa gar Ironie ist, von Verweichlichung zu sprechen bei kalter Sonne, karger Kost, kleinem Gelde, ewiger Arbeit. Auch sonst ist für Krieg und Menschheit die Behauptung schimpflich und unwahr, daß siebenjährige Erhärtungen in so kurzer Zeit zerfließen – daß der Mensch nur erst eine harte Haut bekomme, wenn auf sie und von ihr geschlagen wird – daß nicht Freudigkeit, sondern nur Schmerz sie gegen den Schmerz verpanzert, und daß erst Länder zu Gräbern umgeackert werden müssen, um einige Helden zu säen. 967 Was aber verweichlicht und die Festungswerke der Seele schleift, kann Krieg und Friede gleich gut zuschicken, nämlich die Herrschaft des Genusses über die Idee. Der Körper sei siech, weich, weichlich und weiblich: setzt z. B. ein Mutterherz hinein, so ist er eine Bergfestung, und die Kinder werden durch keinen Sturm erobert. Entzündet in der Jungfrau Liebe – wie in Hannibal Römerhaß –: sie geht auch über die Alpen und kann sterben und töten. Folglich kann ein Friede ebensogut durch eine Idee – es sei Freiheit, oder Religion, oder Ehre – den verzärtelten und genußhungrigen Körper gleichsam dem siegenden Geiste vorspannen, als ein Krieg ohne diese Idee den Geist im abgehärteten Körper gleichsam als einen gepanzerten Patienten hinlegt. – Das immer fortdauernde Kriegsfeuer brannte doch die Kaiser-Römer nicht härter aus, sondern schmolz sie durch das Verquicken mit dem Golde der Welt nur flüssiger zusammen. Übrigens frißt der Fettfleck des vorherrschenden Genusses, so wie ein Fettfleck an einer Marmorsäule, unaufhörlich weiter und entblößt am Riesen eine so tödliche Stelle, als an dem durch Drachenblut hornhäutigen Siegfried (im Nibelungen-Lied) die kleine verwundbare war, welche ein Lilienblatt während des stärkenden Blutbades überdeckt hatte. Denn indes Lügen, Rauben, Töten sich von selber ihre Feinde anwerben und sich dadurch hemmen: so findet die Genußsucht neben sich nur Bundsgenossen und wächst, wie das Gift der Luft, durch Gesellschaft. Ungeachtet der Friedensschlüsse, welche so oft die Uriasbriefe der Zukunft sind, kann man im allgemeinen voraussetzen, daß jeder Friede nur aufgeopfert werde, um einen festern zu machen. Die Unterbrechungen des Friedens und des Kriegs behalten auf etwas Höheres Bezug; aber der Friede wiegt über. Ein ewiger Krieg würde ganz anders entkräften als ein ewiger Friede, so wie ein Mensch, dessen ganzes Leben bloß über lauter Schlachtfelder gegangen wäre, mehr vom Vogel, dem Würger, als von einem Würgengel haben würde. Was dem Frieden die Wohltaten verfälscht und schmälert, ist eben, daß er alte Kriegs-Wunden zu verschließen und zu neuen auszuholen hat. Wollte ein großer Staat nur die Hälfte seines 968 Kriegs-Brennholzes zum Bauholz des Friedens verbrauchen; wollt' er nur halb so viel Kosten aufwenden, um Menschen als um Unmenschen zu bilden, und halb so viel, sich zu entwickeln als zu verwickeln: wie ständen die Völker ganz anders und stärker da. Wie viel mehr hat das kleine friedlichere Athen für die Welt getan als das würgende Riesen-Rom! Nur viel hätte die Wölfin Rom gegen die Welt in ihrem geifernden Toll-Werden getan und ihr Wunden nach Wunden gerissen, hätte Gott nicht dagegen Christentum und den Norden geschickt. Stärke sich selber die Kraft im Kriege, so reibt sie wenigstens die andere feindliche auf, die sich auch stärken wollte; hingegen im Frieden bewegen Kräfte sich an Kräften nur höher, keine wird eingesargt, sondern das ganze geistige Uhr-Spiel windet sich selber zu immer längern Zeiten-Schlägen auf. Wenn sonst die Kriege, z. B. Alexanders, der Kreuzzieher, Säe- und Dreschmaschinen der Wissenschaften waren: so legen sie jetzt die Streitaxt an den Erkenntnisbaum, indes der Friede den Baum abernten würde, ohne ihn umzuhauen, und ihn wohlfeiler düngen und treiben könnte als mit eingegrabnen Leichen. Allerdings mag die Völker-Entwicklung, sowie die jüdische Religion, ihre ersten rauhen Stufen auf blutigen Opfern durchgehen; aber die höhere Entwickelung fodert, wie die christliche Religion, höhere Opfer als leibliche. Der vortreffliche Verfasser der »Hieroglyphen« wende mir nicht China und Japan ein; sonst setz' ich ihm die ruhige Schweiz und das unruhige Italien entgegen; wirft er mir wieder bei diesen die Regierungsformen ein, so tu' ichs auch bei seinen Beweisländern. Keine Despotie hebt sich, wie wir ja an den letzten Römern sahen, auf Schwertern aus dem Seelenschlamm. Wenn man das gewinnende Volk in seine beiden Teile sondert, in den Krieg führenden, in den ihn erleidenden: so gewinnt vielleicht letzterer das meiste durch Verlieren, Abhärten u. s. w. S. Friedenspredigt. Aber könnte ein menschenfreundlicher Fürst nicht auch im bloßen Frieden – ohne Menschen-Töten – dieselben Kräfte an seinen 969 Untertanen entwickeln, indem er sie bloß eben die Übel, Entbehrungen und Requisitionen, ja sogar einige Gewalttätigkeiten des Kostüms erfahren ließe? Könnt' er nicht Abgaben zu Requisitionen erheben? Wie leicht und sanft könnte ein Fürst alle unblutigen Stärkungen des Kriegs zu genießen geben, wenn er z. B., anstatt Soldaten einzuquartieren, bloß die Bürger selber ausquartierte (denn die Einbuße wäre dieselbe); – wenn er statt feindlicher Durchmärsche freundliche Rast-Jahre, statt ähnlicher Belagerungen der Städte Besatzungen derselben, statt Kriegsfuhren Fronfuhren und mehr dergleichen erwählte! Wäre es denn nicht ebensogut als ordentliches Furagieren oder als die Entsatz-Krone aus Gras ( corona obsidionalis ) Pancirollus de reb. perd. Bekanntlich wurde den Befreiern einer Festung eine Krone von dem Grase gereicht, das während der Belagerung darin gewachsen war. , wenn ein Fürst in seinem Namen durch Hirsche oder durch andere Leute so viel und noch mehr Grünes abmähen ließe, als in belagerten Städten kaum wächst? * Der Glaube an Heilungskraft der Kriegs-Gifte gründet sein Wahres bloß auf die Geschichte verwelkter Völker, welche bloß durch neu antreibende verdrungen oder befruchtet wurden. Wie man Schwächlinge durch Auslassen ihres Blutes und Einlassen eines tierischen in sie neu belebt: so erstarkten durch Infusion wilder Völker abgemattete. So wurde öfters Europa durch Schläge gefirmelt oder per baculum investiert. Eine Note hat keine zweite nötig, oder sonst endigt das Notieren nicht. ; so peitschte der Krieg Völker-Wechselbälge, damit das vertauschte Volk zurückkäme, wie man Kielkröpfe, die der Teufel untergeschoben, so lange geißelt, bis er die ausgewechselten Geburten zurückbringt. – Aber wir Deutschen sind, scheint es, noch nicht verwechselt oder vom Teufel in diesen Fall versetzt. Gebildete Völker können durch Bekriegen vielleicht einige klimatische Eigenheiten der Bildung gegeneinander auswechseln; ob aber durch Handel, Bücher, Reisen und jetzige Allgemeinschaft nicht das kriegerische Bilderstürmen der göttlichen 970 Ebenbilder der Menschen – bloß um sie neu anzumalen – entbehrlich sei, spreche die Frage selber aus. Wiegen einzelne Entwickelungen die Verwicklung des Ganzen auf? Oder der Flor kriegerischer Kräfte den Fall aller friedlichen? – Übrigens find' ich der großen Menschen nach Verhältnis mehr im kurz-lebenden Griechenland als im lang-kriegenden Rom; und wir hätten vom Glück im Unglück zu sagen, wäre seit der französischen Revolution nur jede Schlacht die Mutterzwiebel oder die Wehmutter eines neuen großen Mannes geworden, und hätte man für die gefüllte Schädelstätte eines Schlachtfeldes stets einen großen Kopf erkauft. Aber die Zeit ist jetzt größer als ihre Menschen. Große Männer haben sich meistens auf dem Freiheits-Forum, in Kreuzschulen, in wissenschaftlichen Friedens-, nicht Kriegsschulen entfaltet; und Sokrates lernte nicht erst von seinem Feldzuge den Tyrannen und dem Giftbecher widerstehen. Allerdings hat das Schlachtfeld eine Blumenerde, wo etwas Großes wächst und treibt, ähnlich der Fackeldistel, die sich bloß durch Stacheln nährt – es ist ein Feld-Held. * Laßt uns einige Augenblicke mit einem friedlichen Beschauen der Helden zubringen und das Bewundern verschieben; um so mehr, da die Zeitungs-Gemeinschaft, vor dem Kanonenblitze, wie sonst die Bauern vor jedem Wetterleuchten, unnötig den Hut abzuziehen, immer mehr vom Pöbel heraufsteigt unter das Volk, ja bis zu dessen Beherrschern; so daß jetzt wieder, wie in den mittlern Zeiten, Genie die Kunst zu heißen anfängt, Wurfwerkzeuge des Kriegs zu handhaben. Wohl ist für jetzige Staaten ein Geschenk Gottes ein großer Feldherr, so wie für jetzige Lazarette ein großer Feldscherer. Aber worin besteht seine Scheingröße und seine Größe? – Vor dem Pöbel steht freilich ein Mann erhaben da, der in seinem Bette liegt und Länder mit Ländern multipliziert oder dividiert; denn der Pöbel rechnet die gedachte Größe zur denkenden , die des Gegenstandes zu der der Anstrengung; nach diesem Maßstabe müßte ein Meßkünstler den Flug der Sonnen viel schwerer auszurechnen 971 finden als den der Schwalben, dem Silberschlag mit seinen Rechentafeln nicht nachkommen konnte. Mit einer ähnlichen bloßen Zahlengröße will die rabbinische Mythologie Z. B. in jeder Höllenwohnung sind 700 Löcher; an jedem 700 Risse; in jedem Risse 700 Skorpione; an jedem 700 Gelenke; an jedem Gelenke 1000 Fässer Galle zum Peinigen der Verdammten. Flügges Geschichte des Glaubens an die Unsterblichkeit. B. I. – im Gegensatze gegen die sachen- und bildergroße Mythologie anderer Völker – blenden und malen, indem die Rabbinen, wie Handelsleute und Kinder, Größe Gottes, der Hölle u. s. w. in Zahlen suchen. Ebenso kleinlich wird der Bewunderungs-Wahn, wenn ers an der Helden-Macht groß findet, an einem Zungenbande Völker und Pferde und Wagen zu ziehen und zu lenken; denn auf die Thronspitze gestellt, wohnt diese Zungen- und Feder-Kraft dem kleinsten jüngsten Männchen bei, das kaum seinen dicken Zepter umgreift. Ein Kron-Kind kann die Rechen- und Spinn-Maschine eines fertigen Staats umdrehen. Der Mordbrenner des ephesischen Tempels wurde noch unsterblicher als dessen viele Erbauer; ohne jenen würde der Tempel unter so vielen eingestürzten nicht so viele Federn bewegt haben, als er jetzt tut schon für Anspieler. Aber was trägt denn der Feld-Held für Kronen? Drei , wie ein Papst. Die erste ist die mathematische der Kriegs-Statik und -Mechanik. In London ließ John Clerk , der nie auf einem Schiffe gewesen, wenige Exemplare von seiner neuen See-Taktik abziehen – einige erhaschte wurden die Gesetzgeber der britischen Seemacht, und der Stubenmensch teilte auf seinem Sessel Siege auf dem Weltmeere aus. Dieselbe mathematische Kraft, womit nachher der Feldherr statt unbenannter Zahlen benannte Menschen in Divisionsexempel auftürmt, besaß an und für sich der gute Taktik- und Strategie-Schreiber samt den Landkarten zu Hause neben sich. Vielleicht erklärt sich daraus Heinses Bemerkung in seiner Anastasia, daß viele große Feldherrn das Schachspiel sehr geliebt und verstanden, diese spielende Mathesis und Kombinations-Rechnung. Von dieser Seite nun betrachtet, dürfte 972 zuweilen mehr Kraft dazu gehören, einen Helden abzumalen, als einer zu sein; und Newton und la Place tragen höhere Kronen, als die erste dessen ist, welcher von ihnen angewandte Kriegs-Meßkunst lernt. * Aber der Feldherr hat eine zweite auf dem Haupte, die des Muts. Furcht und Mut stecken an; wenn aber sich leicht beweisen läßt, daß die Völker nur im seltensten Falle feige sind; so gibt das Heer dem Feldherrn ebensoviel Mut als er ihm. Überhaupt ists schwer, auf einer von tausend funkelnden Krieger-Augen umlagerten Anhöhe davonzulaufen. Es ist leichter, vor einem als vor vielen feige zu sein oder sonst etwas Ehrloses; und vor Monarchen standen öfter Erblassende als vor Heeren. Ferner: der Sieger wird genannt, aber selten die Sieger, mehr der befehlende Mut als der gehorchende, und den Überlebenden stirbt die Lorbeer-Erbschaft der Gebliebenen zu. Vollends der Held selber, dastehend auf dem Hügel und seine Unsterblichkeit durch fremdes Sterben erobern sehend, kann sich an und für sich nicht für den Ungemeinen gegen einen Gemeinen halten, der sein nacktes Haupt unbekränzt in die Erde einhüllt, und welcher ihm mit dem gebrochenen Zähler-Wert zufällt. Aber ists nicht mehr Ehren-Mut, zu sterben ohne Ruhm, als zu leben von Ruhm? Gleichwohl ist nicht einmal der Mut der gemeinen Einzelnen hinauszuheben über den Mut des ungemeinen Einzelnen, welchen eine Masse auf blutigen Flügeln unverblutet in den Himmel vor dem Erdkreis trägt. Der Gemeine bekömmt so gut als sein Feldherr den Glanz nur durch Masse und Menge; aber daß letztere oder daß tausend Köpfe und Herzen sich zu einer Idee und Kraft verschmelzen und zusammenziehen, dieses Lob der Unsterblichkeit ist ein Preis der Ewigkeit und gehört dem ganz andern Wesen zu, das im All früher Sonnen als Soldaten ziehen hieß. Ein französischer Soldat war (nach einem Anekdotenbuche) im Leipziger Schauspielhause etwas ärgerlich über die bewundernde Aufmerksamkeit auf einen französischen General, der oben aus der Loge heraussah. »Pah! was großer Mann!« versetzte der 973 Franzose den Bewunderern. »Wir (Franzosen) sind alle groß.« Aber er hatte vielleicht ebenso viel Recht als Eitelkeit. Der rechte Mut ist nicht der an schlechte und gute Völker, an Rekruten und sogar Tiere verschwendete Kriegs-Mut und Wunden-Trotz, sondern der Mut im Frieden, im Hause, vor dem Throne, vor dem langen Unglück. Aber diese Festungswerke eines sokratischen, katonischen, altchristlichen Mutes legen um den Geist nur die Religion, Weisheit und der Charakter an. Mehrere Helden waren zu Hause oder auf dem Blutgerüste Feiglinge; aber die rechte Tapferkeit steht nicht einigen oder gewohnten Gefahren – denn niemand ist so furchtsam, daß er nicht irgendeine bedeutende Gefahr wüßte, die er leicht berennet –, sondern allen und ungewohnten; und eine solche Geister-Eiche pflanzt der Friede, der Grundsatz, die Freiheit. Montesquieu sagt: die Frau kann nicht im Hause, aber wohl auf dem Throne herrschen (d. h. besser über viele als über einen); viele Eroberer und Feldherrn sind im ähnlichen Falle und beherrschen mutiger die auswärtige Menge als den Einzelnen im Vorzimmer oder sich selber. Die dritte und letzte, folglich höchste Krone des Helden ist die Besonnenheit mitten in Stürmen der Gegenwart. Nur deutsche Weitläuftigkeit könnte hier dem Leser das leichte Geschäft abnehmen (und dafür das lästigere der Geduld aufladen), die kriegerische und die friedliche Besonnenheit in Gefahren gegeneinander auszuwägen. Wer vor einem blutroten Gemeinderate der Revolution steht, und nachdem er das Wort gehört: du verlierst deinen Kopf, dennoch seinen zeigt oder aufsetzt: der hat eine Schlacht gewonnen schon vor Tod und Fallen. * Daher fodert der säkularische Held, welcher den alten französischen Sprachgebrauch, der die Feldzüge der französischen Könige Reisen nennt Meiners' Geschichte des weiblichen Geschlechts. B. 2. , zu einer bloßen Wahrheit macht, durch ganz andere und seltnere Kräfte, die er nicht mit seinen Generalen teilt, seine Lorbeere ein. Es kostet mehr Anstrengung und Bewegung, 974 einen hohen Thron zu besteigen, als ihn zu besitzen. – Alexander, Cäsar, Karl der Große, Friedrich II. waren schon einsame Helden, nicht bloß obligate. Sowohl die Menge als die Vergessung so vieler berühmter Feldherrn seit der Revolution entscheiden über den Gehalt des Feld-Ruhms. Welche große Feldherrn der ältern östreichschen Kriege, so wie der französischen und englischen, wurden ihren Opfer-Heeren nachbegraben, wenn sie sich nicht durch Zepter oder Feder außerhalb der Gräber entfernt erhielten! Und welche gewöhnliche Menschen waren nicht die Ziethen, Tillys u. s. w. außer ihrem Kreise, d. h. die längere Zeit hindurch! – Wendet man ein, der letztere Fall gelte auch für jedes Kunstgenie außerhalb seines Zauberkreises, z. B. für den Kind-Engel Mozart: so gibt man eben zu, daß der bloße Feldherr an und für sich kein großer Charakter und Mensch – denn dieser breitet sich über das ganze Wesen und Leben aus –, sondern der üppige fette Sprößling einer Kunstfertigkeit sei. Der Künstler braucht es nicht überall zu sein, der große Mensch aber muß es. * Wenn Shakespeare Feldherrn hinzeichnete, so hatte er einige Kräfte mehr als die Urbilder selber, deren Werk ohnehin wie das eines Schauspielers auf dem kurzen Augenblick und dann auf dem Mitspiel der Nebenspieler aufruht. Wenn der große Sophokles für seine Antigone die Feldherrnstelle auf Samos bekam: so war dieses bloß ein Lohn seiner Arbeit, der bekanntlich nicht wieder eine höhere sein soll; und wenn Äschylus auf seinen Grabstein nur seinen Kriegs-, nicht Dichterruhm setzen ließ: so war dies vielleicht Bescheidenheit. * Die Eroberer wird kein Buch erobern und bereden; aber gegen das vergiftende Bewundern derselben soll man sprechen. Schelling redet »von einem fast göttlichen Rechte des Eroberers«; er hat aber die Straßenräuber gegen sich, welche in dieser Sache einem Alexander und Cäsar ins Gesicht dasselbe für sich behaupteten; und welche wieder den Kaiser Markus Aurelius für sich 975 haben, der die in Dalmatien gefangenen Räuber zu Soldaten avancieren ließ. »Ich habe eine Idee,« sagt Sokrates, »und daran setz' ich mein Lebens-Wohl und mein Leben selber, denn fremdes darf ich nicht.« – »Ich habe eine Idee,« sagt der Eroberer, »und daran setz' ich Völker, Dörfer und Städte und erfülle meine und feindliche Landeskinder mit Blutdurst und Fleischhunger und leide kein fremdes Dorf, das nicht Tourtour, und keine fremde Gasse, die nicht Elenden-Gasse Tourtour, d. h. Tortur, heißt (nach Millin) ein Dörfchen im südlichen Frankreich von den häufigen Hinrichtungen Vornehmer. In den meisten alten Städten, sagt Nikolai, gibts sogenannte Elend-Gassen, weil sonst Fremd Elend hieß. heißt, und verdopple die Sarahwüste Die Sarah-Wüste ist bekanntlich so groß als Europa. : mehr kann ich für eine Idee wahrlich nicht tun.« Dies beweiset aber schön, daß ein Eroberer sich mehr aus Ideen mache als ein Philosoph. Kaligula wünschte nur einen Kopf des Volks, um ihn abzuhauen, der Eroberer nur einen geistigen, um ihn aufzusetzen. Was hilft indes alles Predigen der Geschichte! Wie wiederholte sie nicht stets, daß alle von Blut-Katarakten zusammengeschwemmte oder -geleimte Länder – z. B. eines Alexanders, Karls des Großen, der barbarischen und der orientalischen Ungeheuer – niemals beisammen geblieben, sondern daß häufig selber die, welche leimen geholfen, nachher geteilt und zerrissen haben! Immer glitten die durchstochnen, durch ein Schwert aneinander gereiheten Länder wieder davon herab, sobald die blutschwarze Hand, die es hielt, sich vor dem Tode senken mußte. Der Staat gleicht dem Glase: das dickste zerspringt am leichtesten in Hitze oder Kälte. Wie sollte auch das Schreien der Geschichte oder der Blutstimmen oder der Steine etwas helfen! Ein Mensch und Alexander wird wie ein Volk und Rom eher der Freuden als der Länder satt; Alexander hätte sich gewiß nicht mit dem winzigen Trabanten der kleinen Erde begnügt, mit dem Monde, wenn er eine Aufziehbrücke dahin gefunden hätte, sondern er wäre gerade auf die Hauptstadt des hiesigen Planeten-Reichs, auf die Sonne, losgegangen und hätte daselbst nach der Eroberung Kriegskarten vom Hundsstern verlangt, so daß es wirklich den Eroberern (schon 976 das Wort ist hart) ergeht wie (nach Eisenmenger) zufolge den Juden uns Christen, denen in der andern Welt zur Strafe die Zähne zweiundzwanzig Ellen lang herauswachsen; ein Gebiß, womit man besser sich verteidigen als ernähren kann. * Fragt doch die Angaffer der Riesenländer: welche Länder waren glücklicher, gediegner, weiser, die großen oder die kleinen? Vergleicht Athen, Sparta, die Hanse-Republiken, einzelne italienische Staaten – mit orientalischen Reichen, mit China, mit dem vorigen Rußland. Riesenstaaten gleichen der Riesenmuschel, deren Schalen sechs Zentner wiegen und der Fleisch-Inhalt 25 Pfund. * Allerdings ist der Krieg so gut erhaben als die Pest in Athen oder Marseille; und der Verf. dieses hat schon früher Titan IV. an dieser in unserem Frieden wohnenden Mord-Sphinx die Löwen-Reize anerkannt. Es ist erhaben, wenn Römer und Karthager auf einem Boden fochten, den das Erdbeben unbemerkt unter ihnen erschütterte. Es ist noch erhabner, wenn bei Mutina die Veteranen der Legio Martia gegen zwei andere Veteranen-Legionen anrücken, nach Zurücklassung von fünf Tironen-Kohorten, um reiner zu kämpfen – wenn diese zwei Heere alter Helden ohne Feldgeschrei und stumm wie Todesengel aneinander würgen, ein Würgeengel am andern – wenn sie dann mit stummer Verabredung die müden Waffen einige Minuten niedersenken – und wenn beide Heere sich endlich schwer auseinanderziehen, jedes seine Hälfte als Leiche nachlassend. Dieses menschlich-Erhabne ist inzwischen dem tierisch-Erhabnen, das den ganzen Frühling mit einem ähnlich stillen Wechsel-Mord der Tiere einnimmt, etwas verwandt. Oder muß sich denn immer stehende Menschheit auf liegender heben; oder Mensch-Heroen auf Mensch-Untieren? Im Himmel setzten sonst Engel keine Teufel voraus. Und was brauchen wir weiter? Wenn ein Sully – kein gemeiner Feldherr und ein tapferer Fürsorger 977 für Feldherrn und seinen köstlichen Helden Heinrich – Kriegslust scharf verachtet – wenn David keinen Tempel bauen durfte, weil er Kriege geführt – und wenn die ersten Christen sie unter ihrer Religionswürde fanden – wenn die blutbetrunkenen Römer sich nach Schlachten wuschen von innern Blut-Flecken – wenn sie Lebensstrafen außer dem Lager vollzogen, um nicht ihren Adler mit Blut zu besudeln, obwohl er nichts anders soff – wenn ihr Flamen dialis ein gewaffnetes Heer nicht einmal sehen durfte – Sparter sich stets nur langsam (wie ein neuerer König) zum Kriegen entschlossen – und wenn die Tiere kriegen gegen Tiere, gegen Menschen und neben Menschen: so war vielleicht auch mir ein Wort gegen den Krieg selber nachzusehen.   3. Kleine Zwielichter A Dringendste Staatspflicht Unter dem Kriegsfeuer der Staaten sind freilich die Reinigungen derselben so schwer als nötig. Aber der Schornsteinfeger säubert den Schornstein, während ihn das Feuer im Ofen räuchert und schwärzt. Kein Mensch und kein Fürst darf das Heilige und Heiligende eine Minute lang verschieben; denn es kennt selber keine Zeit. B Staatengeschichte Wenn nach Goldsmith Mangel geschichtlicher Merkwürdigkeiten das Glück eines Staats bedeutet: so sollte uns allerdings dieser Mangel nicht mangeln. Gleichwohl hat er recht und wir – Gewinn; denn eine 80jährige Gesundheit gibt nicht acht Blätter dem Arzte, aber eine einzige Heilung ist voll lauter Geschichte. 978 C Vereinigung des Menschen und Staatsmannes Wer es irgend für unmöglich hält, zugleich den Staatsmann und Kameralisten und Gesandten und Krieger und Königs-Liebling und den echten Religiosisten und Wahrheits- und Landesfreund und sogar den Glücklichen in einer Person zu verknüpfen: der hat nie aus seinem Herzen in die Geschichte hineingeblickt. Darin steht ein solcher Selbstchorist und Fürsten-Bündner, Sully! – Die Kraft seiner Geradheit ließe sich durch ein gemeines Gleichnis malen; nämlich auch im Staatsgebäude geht kein Nagel, welcher befestigt , tief und bis zum Kopfe ein als ein gerader . (Etwas anders ist Wankendmachen und Bekriegen.) Die Klapperschlange beißt niemals gerade gestreckt, sondern krumm geringelt. D Wirkung der Not Not lehrt beten, die Italer nannten (Än. I.) die Klippen Altäre; wir halten Kirchen für Häuser, bei welchen man die Durchgangsgerechtigkeit nur in schlechtem Wetter ausübt. E Augen der Höfe und der Gelehrten Wenn man für die scharfen Augen der Höfe für Nachbarn, Nebenbuhler und Gegenwart, und wieder die stumpfen der meisten für das ferne Volk und für die ferne Zeit ein würdiges Vorbild verlangt: so nehme man nur die Stubenfliege in die Hand und zähle ihre Augen für die Nähe – achttausend sinds – und ihre für die Ferne – drei Nebenaugen unter den Haaren hat sie dazu – Umgekehrt hat der Studierstubenmensch, wie alte Leute, mehr ein Gesicht für die Ferne und sieht Dinge vor seiner Nase selten früher, als bis er sich mit ihr daran gestoßen. 979   IV. Vorschlag politischer Trauerfeste In nichts offenbaret sich die herzlose Maschinenhaftigkeit der Neuern mehr als in der Dürre ihrer Feste. Man nehme einer Stadt Stadtschlüssel und Ehrenbogen, den Freiball, Kanonendonner, die Öllampen und 24 weiße Mädchen mit Blumen weg: so hat man ihr alle Sprachorgane und feurigen Zungen entrissen, womit sie zu einem Helden sagen kann: »ich staune an«, und der Heros zieht kahl und leise ein und ab. Ich wünschte nie, Napoleon unterwegs zu sein, weil ich vor jedem frischen Kirchturm zusammenfahren müßte, da jeder mir sich als den Zeigefinger, Reisebarometer und Fernschreiber der verdammten Huldigungs-Langweile vorstellte, womit man mir meine begangenen Heldentaten, statt sie zu belohnen, dermaßen verbitterte, daß es am Ende kein Wunder wäre, wenn ich kein Wunder mehr täte. Moderne deutsche Städte, erregt immerhin euere Langweile, aber sinnt doch auf einigen Wechsel dieser Langenweile! Wie nun zu den politischen Freudenfesten die Erfindung, so fehlet zu Trauerfesten sogar der Mut. Sagt zweien Monarchien, sie sollen einen gewissen Tag des Wein- und Kelter-Monats trauernd feiern: sie erschrecken, sie mißverstehen, sie sagen: »Auch dies noch? So feige sind wir nicht.« Und doch waren es die Römer. Dies ist aber eben die Größe dieser Zentimanen der Völker und Greifgeier der Welt, daß ihre Festzüge von den Triumphen an nicht bloß den Gegenstand, sondern auch die feiernde Menge erhoben, und daß sie Kraft und Mut genug besaßen, die Tage großer Niederlagen oder anderer Staats-Unfälle ( dies nefasti ) feierlich zu begehen, indem sie das Staatsleben in einen kurzen Scheintod verwandelten durch Innenhalten mit allen priesterlichen, obrigkeitlichen und andern öffentlichen Verrichtungen. Welches Volk! das sich durch Unglücks-Feier nicht niederschlug, sondern emporhob. Was uns anlangt, so erleben und feiern wir wohl auch einige Brandsonntage des Staats – wir orgeln weniger, läuten mehr und gehen, sind wir vom Hofe, schwarz – wenn nämlich ein Fürst 980 stirbt. Dies ist aber alles, was wir Festliches aufweisen. Allein wie anders, wie gewaltiger würde ein Totensonntag einer verlornen Schlacht, eines verlornen Landes etc. Herz nach Herz anfassen und durchschüttern! Wie würde am Schmerze sich der Mut anzünden! Wie würde, da schon ein Einzelner im Unglück groß erscheint, ein ganzes Volk in der Trauer um eine große Vergangenheit hoch aufstehen, welche eben dadurch eine Gegenwart wäre und eine Zukunft würde! – Sind wir denn so kindisch und eitel, uns mehr der Geschichte zu schämen als die Römer? – Wenn unsere politischen Freudenfeste uns den Staat und das Große in gemeinen Lusttaumel versenken und gerade tiefer in jene Genuß- und Eigensucht eintauchen, wogegen die Festlichkeit arbeiten soll: so würde dagegen ein Trauerfest eines Staates mehr als ein Bußtag – gleichsam der Allerseelentag eines Volks – noch höher als schon ein einzelnes über das Erdtreiben hebendes Begräbnis auf den Flügeln und Flammen der Vaterlands-Liebe schwingen, und die Gemeinschaft der Wunden würde zugleich sich zu heilen und sich zu rüsten anfeuern. – Nicht aus persönlichem Schmerze, aber aus allgemeinem ersteht Großes; nicht aus jeder Asche fliegt ein Phönix auf. Unsere westlichen Nachbarn – wiewohl uns jetzt auch nach der übrigen Windrose benachbart – haben mehr diesen antiken Sinn, der lieber Geister als Maschinen bewegt. Im königlichen Schlosse zu Versailles Sanders Reisen durch Holland und Frankreich. B. I. war (oder ist vielleicht noch da) eine Uhr, welche während dem Leben des Königs stillstand, nach dessen Tode ging bis zur Krönung des neuen, dann auf die Todesstunde des alten stillgestellt wurde, gleichsam ein ewiger Zeiger des Grabes mitten auf dem Throne, eine schlagende Wünschelrute der Königsasche. Ein anderer, aber unchristlicher und Herz-durchbohrender Zeiger war die jährliche Königsmord-Feier der Revolution; indes doch dem römischen Großheits-Barbarismus verwandt. Laßt uns etwas weniger Erhabnes, aber mehr Erhebendes, wiewohl den römischen Trauerfesten bloß von weitem Verwandtes beschauen und bedenken. Es ist dies, daß ein König auf einem Throne, der sich seit einigen Jahren unter dem 981 Kriegs-Erdbeben gesenkt hatte, gleichwohl alles an den wenigen Stellen erlaubte – wo er noch verbieten konnte –, was gegen ihn und einen Staat geschrieben wurde, der sich den potenzierten Protestantismus nennen darf. Mitten unter Unglücksfällen und unter Feinden trauete er seiner protestantischen Regierungsverfassung ein Gegengift zu gegen alle Unglücks-Wahrsager nicht sowohl als Vor- und Nachsager. Und er hatte recht: alle Gegenschreiber überwanden nicht die Volks-Anhänglichkeit; und der bedrängte Fürst durfte das wagen, was beglückte Fürsten oft scheuen; die gedruckten Prangerchen Preußens wurden Stufen zum Ehrentempel. Wollt ihr – sobald euch England nicht genügt – einen größern Beweis, daß Preß-Freiheit nur bei Denk-Knechtschaft schade und sonst niemals? – Glaubt ihr nicht, daß aus dem Waisenhaus der Vergangenheit zuletzt Männer und Helden erwachsen herausgehen? – Glaubt ihr nicht, daß die Römer, welche dunkle beflorte Feste begingen zum Andenken eines abgesunknen Abendsterns, eben dadurch dem Aufsteigen eines Morgensterns entgegenkamen? Ihr müßt es wohl glauben, denn beide Sterne sind einer . Kurz, glaubt ihr nicht, es gebe auch außer Frankreich Staaten, welche den 14. Oktober feiern können, wiewohl nicht mit einerlei Tränen? Kann sich niemand vorstellen, daß man z. B. im Oktober ein Adonisfest feiere, worin bekanntlich die erste Feier die Verschwindung (Aphanismus) hieß, und woran man Bilder sterbender Jugend und Urnen voll eingesäeter Blumen umtrug? Der zweite Feiertag des Adonisfestes (die Entdeckung) war eben lauter Feier, alle Hoffnungen kehrten zurück, und die Göttin der Schönheit erschien – und das erdige Leben wurde ein Himmel.   4. Kleine Zwielichter A England Kein Erdbeben erschütterte und verwüstete Deutschland so sehr als jene, das in ältester Zeit die englische Küste von der 982 französischen abspaltete und uns durch den Kanal eine lange Fallgrube aufriß, so daß Deutschland dem Ungarn ähnlich wurde, das vom Sprichworte der Gottesacker der Deutschen genannt wird. Zum Unglück leiden wir eben durch die beiden Geschenke, die wir England gemacht; denn erstlich das englische jetzige Handlungssystem handelten, wie andere bewiesen, die Engländer von der Hanse, und zweitens ihre Regierungsform (nach dem bekannten Ausspruche Montesquieus) aus den deutschen Wäldern ein. Wir unseres Orts wären klug, wenn wir ohne Bedenken beide Geschenke zurücknähmen von den Undankbaren. Brutus entdeckte zuerst England; seltsam – und reich genug für Anspielungen! B Kurzer Krieg Wenn der Krieg das eigentliche größte Trauerspiel ist, das die Erde vor Gott und Teufeln aufführt: so beobachtet kein Tragödien-Dichter mehr die Regeln als Napoleon; zuerst und am meisten die Einheit der Zeit , weil er Kriegsjahre in Kriegs-Monate einpreßt. Scaliger (Poet. III.) will dem Trauerspiel nicht mehr Stunden geben als acht. Nur gegen die Einheit des Orts sündigt er stark. C Preßfreiheit Jeder Staat sollte als Zensor der Meinungen, der politischen und der religiösen, aus Don Antonio de Ulloa Allg. Historie all. Reis. B. 9. sich der Spinne Coyba erinnern, welche tödlich vergiftet, wenn man sie bei ihrem Angriffe zerdrückt, aber welche nicht beschädigt, von der Haut nur weggeblasen. D Zarte Ehre der Völker Die Schamhaftigkeit der Völker geht wie die der Jungfrauen unter; so nämlich wie das Sinnkraut (die Sensitive) einwelkt, 983 wenn man es zu oft berührt und zum Widerstande nötigt. Das Geistige verflüchtigt sich am leichtesten, reines Gold wird am leichtesten verbogen. – Der Mensch wird schneller tierisch als ein Tier menschlich. Wie sticht gegen die langsame Verwandlung der Sklaven in Freie die Schnelligkeit der umgekehrten ab, womit ein kurzer Zeitraum die Römer unter Kato und Brutus von denen unter den nächsten Kaisern so weit abschied, daß, wenn sonst früher das Volk sich einzelner Tyrannen schämte, hier Tyrannen sich eines ganzen Volks schämten und zornig auf einem so wenig aufrechten Gewürme gingen, daß es sich nicht einmal zertreten krümmte. E Säkularische Feier Ehedem wurde immer jedes Jahrhundert mit Buß-, Bet- und Fasttagen beschlossen. Statt der unterlassenen religiösen verordnete uns das Schicksal politische. F Schreib-Staaten Es gibt Staaten, welche, anstatt Rom zu gleichen, das aus einem hölzernen ein steinernes wurde, recht umgekehrt unsern Sälen nachahmen, welche den Marmor für die bequemere Lebensart durch schöne marmorierte – Papier -Tapeten ersetzen, durch Bücher und Befehle. G Kaffee-Surrogate Solange es nur noch Kaffee gibt, sind noch immer Surrogate, worin er einen Bestandteil ausmacht, zu erfinden. Nicht das wohlfeilste ist meines: nimm von allen sämtlichen bisherigen Surrogaten zusammen 1 / 32 etwan 31 / 32 ordinären Kaffee daran: so wirst du einen Kaffee haben, den die feinste Zunge nicht unterscheidet. Aber das wohlfeilste und einfachste Surrogat ist längst in Holland bekannt und eingeführt: nimm bloß anderthalb Maß 984 reines gutes Wasser, laß es recht aufwallen und tue ein halbes Lot Kaffee hinein: so hast du ein sehr wohlschmeckendes Gesöff. H Wiederkehr der Geschichte Welche Wahrheit und weise Fälle (so wie dürftige Wiederkehr alter Schäden der Menschheit) decken sich uns seit der Revolution in Aristoteles, in Plato, in Tacitus, in Machiavell, in Montesquieu u. s. w. auf! Es gibt Bücher, welche immer klärer werden, je älter sie werden; und vielleicht wird ein Genius nur Nachts vor dem Jüngsten Tag am besten verstanden. I Der auferstehende Staat Als der Donner in Lykurgs Grab einschlug, galt es für ein günstiges Zeichen. Plutarch in Lykurg . In Potsdam fuhr der Strahl in das Grab eines ähnlichen kriegerischen Gesetzgebers; auch hier erscheint er als kein böses Zeichen, indem er daraus zwar nicht den Gesetzgeber, aber doch verklärte Gesetze aufweckte. – Bekanntlich taten die Reliquien eines Heiligen stets größere Wunder als vorher der ganze lebendige Mann. Dasselbe kann ich mir von Staaten-Reliquien gedenken. Insofern wird von einem Krieg oft der Eisgang eines Volks durch Kanonen nicht sowohl angesagt als hervorgebracht. K Jesuiten und Freimäurer Jesuiten und Freimäurern wurden bisher von Jesuiten- und von Mäuerer-Riechern, aber bloß wegen der Mysterien ihrer Orden, nicht ohne einige Bosheit geheime Einflüsse in die Staaten zugeschrieben, jenen mehr böse, diesen mehr gute. Aber die jetzige Zeit voll Treiben und Sturm ist ihre beste Verteidigung; sie haben darin nichts getan. 985 L Volks-Versäumung Hof- oder Thronstaat und dann Kriegsstand sind die beiden Wende-Zirkel glänzender Zirkel. Haben beide ihren Glanz, den guter Firnis gibt: so ist das verdeckte zurückgestellte Hinter-Volk fast nichts. Ähnliches erscheint an Gartenstühlen: die schaubaren Vorderbeine beschirmt man durch Firnis vor Fäulnis; da man aber die Hinterbeine nackt läßt, so bricht der gleißende Eden-Stuhl rückwärts um. M Staaten-Strafe Das Schicksal geht mit Völkern wie Heliogabalus mit seinen Köchen um: brachte einer ihm eine schlecht erfundne Brühe, so nötigte er ihn, so lange davon zu leben, bis er auf eine bessere gefallen war. N Franzosen-Mängel Wenn die sentimentalen Franzosen oft Worte ohne Taten haben: so haben die kriegenden zwei Taten ohne die beiden Zeit-Worte dazu: Stehen und Reiten , Infanterie und Kavallerie. O Das Volk Erziehung und Unterricht treiben aus uns schöne Keime, als sollten wir zu Griechen erwachsen; später nimmt uns statt des Gärtners der Braumeister, der Staat, in Empfang. So läßt man die Gerste erst lebendig keimen, eh' man sie auf dem Darrofen zu gutem Malze abtötet. Unsere Staatsgebäude sind fast ganz Mörtel, den hohen Schlußstein etwa ausgenommen; die Alten legten die Quader fest ohne Mörtel aufeinander; aber deren Reste blieben fast unverwüstlich. 986   V. Vorschlag einer Oberexaminations-Kommission der Genies Fichtens Vorschlag, in einer Normalschule die Baumschule eines neuen Deutschlands zu pflanzen, könnte den ungeheuern Schwierigkeiten, in einem alten Staat einen neuen zu isolieren und zu organisieren und die ganze Volksjugend sechzehn Jahre lang aus dem ganzen Lande auszuscheiden, bis zu einem gewissen Grade dadurch ausweichen, daß man statt der fortzuerziehenden Volksmenge bloß die wenigen erzöge, welche diese forterziehen. Die Volkstapferkeit der neuesten Kriege führt uns die Beweise, daß nicht die Menge, sondern die Auswahl, nicht die Regierten, sondern die Regierenden sündigten. Keine Volksmenge wurde, wie ich schon anderwärts behauptet, durch sich selbst groß oder frei oder weise, sondern stets durch große, freie, weise Chorführer. Stellet die Sonne hin, so gehen die Planeten von selber. Daher kann man zu Fichte und Brandes sagen: stellt doch euere Trauergesänge über deutschen Zeitgeist ein, als wären wir der Kraft des ausländischen erlegen, der doch gewiß nicht besser ist. Hätte sich nur ein gewisser einziger Mann mehr an unsere Spitze als gegen diese gestellt: so ständet ihr auf einmal aus Anklägern Deutschlands in Lobredner umgewandelt da. Überhaupt den Zeitgeist anlangend, so sprechen ihn nicht Schlacht-Siege – diese Kinder der Stunde, diese neuern Geschöpfe weniger der Herzens- als Berechnungskraft –, sondern nur die Art und Weise aus, wie Kampf geführt, Niederlage ertragen und Sieg genossen wird. Und wie haben denn die Deutschen auf ihren langen Schlachtfeldern geblutet? Nicht wie Missetäter, sondern wie die Franzosen: mit Ruhm. Nicht also die tausend Räder, nur die Spiralfeder, welche treibt, härtet in patriotischen Vorschulen eines neuen Deutschlands recht stark, die Staatsdiener und Herrscher, die Heerführer u. s. w. O wenn Mut mit Redlichkeit so enge zusammenhängen, und wenn jedes Volk die Deutschen bis anno 1809 die Redlichen nannte: was wäre nicht von uns und für uns zu tun durch eine 987 Bildungsschule edler Deutschen, welche weiter in die Breite und Tiefe fortbilden! – Dies führt auf den Punkt der Überschrift. Das Völker-Unglück, sagte man bisher, ist der Wecker (ein sehr teurer) des Genies; aber diese Wecker sollten ja lieber vorher vom Staate gestellt und geweckt sein, um jenes zu verhüten, nicht zu vergüten. Warum will er das, was stärkende Nahrung sein könnte, nur erst als herstellende Arznei gebrauchen und mit Wein, statt zu begeistern, nur ausheilen? Den benannten teuern Genius-Wecker (aus Kanonen, Jammergeschrei, Sterbe-Röcheln u. s. w.) sollte man an keiner Staats-Uhr anbringen. Wenn oft ein genialer Mann ein gegenwärtiges Volk und Jahrhundert aufwiegt und dadurch ein zweites nachläßt; wenn ein Kant eine lehrende Schülermasse belehrt und überwiegt; wenn dann alles Große nur von einem Großen ausgeht und alle Erden-Frühlinge nur von einer Sonne: so sollte man doch, scheint es, solche Sonnen mehr anzubeten und zu berechnen suchen. Ein Schatz ist da, der jede Zeit rettet und reinigt; es ist der, den die Natur durch Mütter schickt. Ein Alter Vellejus Paterculus. spricht lange und witzig darüber, daß und warum mehrere Genies immer auf einmal erscheinen, indes darauf Jahrhunderte seicht verfließen und nichts zuführen, weder Goldkörner noch Silberflotten. Aber da hier nicht der bloße Zufall so sehr bereichern kann – denn er läßt nie fünf Quinternen hintereinander ziehen –: so muß man annehmen, daß die Natur in demselben Klima und Zeitraum die gleiche Zahl von Genies wie von Goldadern kristallisiere, nur daß uns die Wünschelruten der Entdeckung fehlen, und daß folglich nur irgendein reißender Strom einige Goldkörner hervorspült. Sind aber einige höhere Menschen vorgeschoben, so finden und heben diese die übrigen bereitliegenden auch gar nach; ein Magnet ist die beste Wünschelrute anderer Magneten. Freilich kann Genie nicht unterdrückt werden, aber doch verrückt und verpflanzt; denn ein Dorfs-Newton kann, sich selber Geselle und Meister, ein Uhrmacher werden, oder ein Pitt ein Schulze im Kruge. 988 Der böse Irrtum, daß alle von der Natur gesäeten Genies aufgehen und ihren Wuchs erreichen, entsteht aus der Verwechslung der theoretischen mit den praktischen. Nämlich so: in den Schulen finden leicht die Kräfte der wissenschaftlichen und poetischen Köpfe Spielraum und Stoff, und durch beides entdecken sie sich selber. Dazu treten noch die Schullehrer als leichte Magnetnadeln der ihnen verwandten Magnetberge. Hingegen jene, Welt-umstürzende und -umackernde Geister, große Heerführer, Staatsminister, andere Geschäftsmänner, finden in der Schule keinen Rutengänger ihrer tiefen Adern. Diese Genies gehen daher, wenn sie das Schicksal nicht hofmäßig, nur geistig geadelt hat, meistens der Welt, wenn auch nicht sich, verloren; und ein Sully, Colbert, Pitt und Napoleon bleiben als bedeutende Kotsassen im Dorfe. Bisher galt die Ahnen -Probe mehr als Enkel -Probe oder Geisterprobe, und einer, der von seinem bürgerlichen Präadamiten am weitesten entfernt war – denn jeder Edelmann muß mit einem Bürgerlichen anfangen und breit auftreten, so wie ein Bürgerlicher sich in einen Edelmann zuspitzen kann –, schien zum Staats-Geschäfts-Mann gleichsam schon geboren und erkoren. Wenn aber bisher auf dem kleinen, oft ungesunden Adels-Eiland so viele große Heerführer und Staatsmänner gewachsen waren: wie viel mehrere wären nicht (schon bloß dem Raume nach) auf dem weiten Kontinente der bürgerlichen Stände zu finden gewesen! Denn der Adel kann uns in allem übertreffen, nur nicht in der Mehrheit; vollends da die nötigsten Stammbäume als Eckstämme ganzer Familien absterben, indes das bürgerliche Gras sich selber frisch nachsäet. Ist nun dies alles wahr, und ruhen und steigen die Staaten nur auf wenigen Atlas-Schultern: so ist jedes Genie die Seele des Volks, wie Gott die Seele der Tiere ( deus anima brutorum ). Ist dies von den alten höhern Staaten längst eingesehen worden, welche eine große Geistes-Kraft tausend andern, nur von jener zu bewegenden Körperkräften vorgezogen: so ist es zwar sehr unbegreiflich, wie man die Ausfuhr der Genies so leicht verstattet, als Spanien so strenge die Ausfuhr der Zuchtesel verbietet, oder Preußen die des Goldes; aber noch unbegreiflicher, daß man 989 gar nicht darnach umfragt nach den echten Lebens- und Elementar-Geistern der Staats-Körper; man erwartet sie bloß so zufallsweise angeschwommen, wie etwan das kalte Island das Brenn holz aus unbekannten fruchtbar-heißern Ländern. Aber könnte man nicht Flöß-Inspektoren anstellen, nämlich die oben betitelte Genies-Ober-Examinations-Kommission? Könnte man nicht statt der Jesuiten-Riecher ganz andere Nasen für etwas Besseres gleich lebendigen Stirnmessern besolden, Entdecker künftiger Welt-Entdecker, kurz noch andere Leute als Schulleute, obwohl diese auch? Die neueste Geschichte voll umgeworfener und voll aufgerichteter Thronen predigt uns allen das Übergewicht der Einzelnen über die Masse. Nur quält dabei eine Schwierigkeit, – nämlich die, solche Geister-Taxatoren zu finden. Um Genies in der Kindheit zu beobachten, müßte man erst wissen, wer eines wird; denn erst hinterher macht man spätere Erlebungen zu frühern Erfahrungen. Ich möchte daher noch lieber die Kindheitsgeschichte eines großen Menschen wissen als seine Mannsgeschichte; wir hätten dann eine Diamanten-Waage der Zukunft. Gleichwohl könnte etwas geschehen, wenn der Schullehrer bloß die geistige Höhenmessung künftiger großer Schullehrer und Dichter , nicht aber die Messung der ihm unverwandten blutfremden Köpfe vornähme, sondern wenn z. B. der Krieger das Kriegstalent, der Finanzminister das Finanztalent u. s. w. an Kindern zu wägen bekäme. Der geistige Bluts-Verwandte errät viel leichter seinen Verwandten als der körperliche den seinigen. Wie aber die bisherige unverantwortliche Verschwendung der höchsten Staatskräfte, dieses Unterbinden der größten Staats-Arterien, zu verhüten ist – durch welche Mittel, ob durch eine höhere Oberexaminationskommission der Knabenköpfe, ob durch eine besondere, wenn auch nur einmonatliche Prüfungsschule derselben, oder wie sonst –, geb' ich gar nicht an, teils weil ein solcher höherer census capitum , eine solche Kantische Kritik der Vernunft, welche wirken soll, so wie meine ihr entgegengesetzte geistige Toten-Beschau, nämlich der Vorschlag davon, weiter nichts ist als eine zweite Nacherfindung zu den neuen Pflug-, 990 Egge-, Säe- und andern Maschinen, welche den Kaffee-Surrogaten gleichen: man trinkt seinen Kaffee, und das Surrogat ist Geld.   5. Kleine Zwielichter A Feierlichkeiten Ohne Kanonen-Donner kommt kein Fürst durch eine Stadt – oder auf die Welt – oder ins Ehebett – oder in die Erde. Dieser Erden-Donner kann mancherlei bedeuten, gleich dem Himmels-Donner das Befruchten, Beregnen und Einschlagen und Kugel -Hageln – oder überhaupt die Fürstenbestimmung zum Kriege – oder, da es ohne Kugeln donnert, viel Lärmen und Demonstration ohne etwas – oder nichts Sonderliches überhaupt, sondern nur den Widerspruch, mit einerlei Knalle Jubel und Jammer, mit derselben feurigen Zunge Geburt und Tod auszusprechen – oder um die Achtung gegen die Kanonenkugeln, womit allein die Klapperjagd der Menschheit und die Ballotage oder Kugel-Stimmung der Friedensschlüsse zu machen ist, von weitem zur Sprache zu bringen – oder aus musikalischer Liebe zum kriegerischen Generalbaß der Menschheit – oder um nichts zu sagen, sondern bloß zu knallen. B Subordination Die alten Sachsen leisteten im Kriege ihren Fürsten jeden Gehorsam; der Friede aber führte die unabhängige Gleichheit zurück. Späterhin sagte ein und der andere Staat: »Wir kehren es besser um – Im Frieden sind unsere Soldaten hart gehaltne Kriegs- Knechte , im Kriege Friedens- Fürsten; denn da jeder Krieg kürzer dauert als ein Friede, so wollen wir lieber lange als kurz regieren; und was haben wir dabei noch verloren als – Schlachten, deren ohnehin nie zu wenige sein können.« 991 C Die neuern Sittlichkeitsanstalten Die modernen Sittlichkeits-Anstalten gleichen, mit den alten Zensoranstalten verglichen, diesen viel weniger als mit mehr Vorteil (da sie den sittlichen Unrat mehr verbergen als verhindern) gewissen nicht-unheimlichen Gemächern in Gala-Gärten. Denn eben dadurch wird der Garten-Baumeister Geschmack zeigen, daß er solche Gemächer zart verkleidet, es sei in ein Brunnengebäude, oder in eine Nische, oder in einen Obelisk, oder in ein Monument; und wenn Leute darin aufeinanderstoßen, sehen sie sich an ganz verdutzt. D Westfalen Die Annalen des lateinischen Johannes von Müller fand man zuerst in Westfalen auf (nach Chateaubriand). Möge der deutsche Tacitus uns bald von eben daher einen Germanicus, wenn auch undeutscher Abkunft, liefern, so wie de moribus Germanorum . Schon jetzt bedeuten westfälische Gerichte nicht mehr, wie sonst, heimliche, sondern umgekehrt öffentliche. E Gegengift der Ichsucht So ungeheuer weit die Ichsucht die europäische Erde überstrickt, und so kurz die Liebes-Zeit der Jugend, und so enge die Liebes-Stätte der Familie ist, und so selten ein liebendes Genius-Herz (ein Herzen-Herz): so reicht doch die wenige Liebe, welche am starren Zeitalter noch wärmt, zum Auftauen und Bewegen desselben hin; und eine kleine Wärme schmilzt aus den Gletschern befruchtende Flüsse, wie etwan in gewisse Gesundbrunnen z. B. Wiesbaden. die warmen Quellen in die einfrierenden Bäche fortfließen und sie zum Treiben der Wogen und Mühlen erwärmen. 992   VI. Vorschlag eines neuen Gesandtschafts-Personale für Fürsten, das beinahe unentgeltlich schreibt Wenn ein Finanzminister keinem Tiere so ähnlich ist als einem Menschen, weil dieser, nach Cicero, das einzige ist, das rechnen kann; wenn der rechte Financier mehr den Staat heraus- als hineinzurechnen hat: so dürfte der Verfasser dieses vielleicht als ein wackerer Finanzmann den Kammern sehr gefallen, da er hier den Fürsten ein neues Gesandten-Personale vorschlägt, das beinahe nichts kostet – an Diäten, Depeschen-Porto und silberne Tafelservice ist ohnehin nicht zu denken. Dieses Personale hält sich in ganz Europa gratis auf und versendet jährlich so bestimmte Depeschen aus allen Ländern, daß sie sogar ins einzelne der Geburts- und Sterbelisten, der Landes-Verfassung u. s. w. eingehen. Haben nicht diese wahren Kreisgesandten des Erdkreises in ihren unschätzbaren Depeschen Sachen gemeldet, wovon die gewöhnlichen Ambasciadores der Fürsten kein Wort gewußt? Haben sie nicht die französische Revolution vorausgesagt – ferner die Jammerfolgen deutscher Einmischung in diese – die Erhebung Frankreichs – die Napoleons u. s. w.? Doch ich halte mit dem Preisen ein, da ich selber – wiewohl nicht als Legationsrat – mich als unwürdiges Mitglied an diese ehrwürdige Ambassade reihe, welche aus achttausendsechshundertundzweiundsechzig Mann besteht, die sich – Schriftsteller nennen, so wie ihre Depeschen Werke . Nach Meusel im J. 1800. Was hätten die Fürsten nicht von diesen wahren Botschaftern und Nuntien (wie die päpstlichen Gesandten auch heißen) ohne alle Nuntiatur-Streitigkeiten von Glück und Unglück, Kraft und Krankheit eigner und fremder Staaten erfahren können, z. B. – um nicht der Gesandten vom ersten Range zu gedenken, eines Platons, Aristoteles – doch von Gesandten tieferen Ranges, wie Archenholz, Buchholz, Bülow etc.! Wenn andere Gesandten viel öfter Minier-Kompasse des Kriegs-Feuers sind, wenn die runden Fensterscheiben, womit sie Licht geben, so leicht Feuer geben: so sind wir Plenipotenziaren mehr wohltätige 993 Mistbeet-Fenster, welche die Stürme abwehren und das Wachsen antreiben. – Und was fehlt denn unserem so ehrwürdigen corps diplomatique , dem Friedrich der Einzige (leider war dieses Beiwort eine Prophezeiung) so gern Audienz gab? Nicht etwan eine Entzifferungskanzlei (diese trägt ein Fürst im Kopfe unter der Krone); – nicht Rekreditive (denn die Zeit erteilt sie); – nicht Kenntnisse (denn wir wissen alles, und die andern Gesandten entziffern und erangeln erst manches aus uns); – nicht Glanz und Würde (denn unter unserem Ambassaden-Personale sehen wir oft Regenten selber wie Friedrich II., Cäsar etc). – Aber wenn nicht diese Vorzüge, welche fehlen uns? Nur Introducteurs des Ambassadeurs . Ich meine damit nicht fürstliche Ober- und Unterbibliothekare; sie sind ja angestellt und zuweilen den ersten römischen Bibliothekaren gleich, welche gewöhnlich Sklaven waren; ferner sind die öffentlich-fürstlichen Bibliotheken samt den Handbibliotheken auch aufgestellt, die aber ihre Nachrichten häufig nur für den Buchbinder geben. Ebensowenig werden fürstliche Vorleser gemeint; hatten denn die Fürsten sie nicht unter dem noch höhern, aber richtigern Titel Lecteurs oder Lectores , d. h. Leser? es sei nun, daß diese ihr Amt allein zu Hause gewissenhaft schon ohne einen Ohrenzeugen verwalten, oder daß Fürsten ungern hörende Leser beim Vorlesen sind, weil sie es hier, wie alle höhere Personen, gleich den orientalischen Fürsten bei Audienzen Nach Wallis. Siehe Bibliothek der Menschheit. I. S. 185. , zum Anstand rechnen, nicht zu scheinen, als ob sie Achtung gäben. Außerdem ist ja der Vorleser nur der Vorschneider, nicht der Kredenzer. Sondern Introducteurs des Ambassadeurs sind erst noch von Fürsten anzustellen und zu beeidigen, nämlich eine geheiligte Gesellschaft von Männern, welche mit grenzenloser Zensur-Freiheit dem Fürsten alle wichtige gedruckte Aufsätze in Betreff des eigenen Landes und der eingreifenden Nachbar-Länder gewissenhaft anzeichnen und vorlegen müßten – die für den zeitigen Fürsten oft so wichtigen Zeit -Schriften wahl- und teilweise – von Justiz-, Finanz- und Kriegs-Wesen, Statistik und Regierungsphilosophie sowohl die Meisterwerke als die zeitmäßigen Notizen. Gott, 994 welches Unheil wäre oft abzutreiben gewesen, hätte man manchen Fürsten einzelne Aufsätze von Archenholz – Büsch – Bülow – Moser – Möser – etc. vorwählen und vorlegen dürfen! – Die Rats-Wahl, d. h. die Wahl gedruckter Ratsherrn für Fürsten, bleibe fremden Vorschlägen auszusagen überlassen. Genug; denn kann ich auch nicht den Organisations-Plan eines solchen Kollegiums von geistigen Wahlherren samt deren Glieder-Zahl, Wissenschafts-Rangstufe und ihren Sitz- und Lauf-Tagen angeben: so kann ich doch die Notwendigkeit davon noch länger beweisen; was eben geschehen soll, weder ohne Ernst noch Scherz. Schwerlich hat ein Mensch weniger Zeit zu lesen als ein Fürst, welcher kaum die kurze erübrigt zu schreiben, nämlich seine Namensunterschrift, welche zum Glück der Mangel des Geschlechtsnamens etwas verkürzt. Fürstinnen lesen mehr Gedrucktes als Fürsten, auch weil sie weniger zu schreiben haben – keine Namensunterschrift – bloß ihre Briefe an ungefährliche Bekanntschaften ( liaisons ). Will dennoch ein Fürst lesen, so weiß er alsdann nicht was , oder – falls man ihm es aus schlimmern Gründen als die seinigen empfohlen und zugebracht – so weiß er nicht warum . Dabei weiß er aus dem ungeheuern Sternhimmel der Wissenschaften – ohne Finder an Teleskopen und ohne Kometensucher – nicht, was er vor der Hand und am besten zu ersehen habe für sein Auge, zumal da er zwar alle, aber nicht alles beherrscht. Laßt uns für kurze Augen nicht sowohl als für kurze Gedächtnisse hier in kurzen Sätzen reden. Wenn viele Fürsten Kaufleute sind, welche forthandeln und fortspekulieren ohne allen gedruckten Wechselkurs, ohne Nachrichten von ein-, ausgelaufnen und gekaperten Schiffen und ohne Zeitungen von Krieg und Frieden: so gibts solche Kaufleute und Urbilder gar nicht, sondern bloß die Nachbilder, die Fürsten. Unerwartet berühren sich wieder die Extreme; die schwere Kunst zu regieren wird zur leichtesten gemacht. Jeder verwaltet früher sein Land, ehe ers verwalten läßt; aber auf dem Throne sitzt zuweilen der ungekrönte Reichsvikarius neben dem gekrönten Fürsten, der RepräsenTant neben dem RepräsentanDen. 995 Auf den Alpen sieht sich oft drei Wochen lang der Hirt nicht nach seiner Herde um; ist aber eine Alp ein Thron? Gerade das eigne Land schickt dem Fürsten, wie China dem Europa, keine Gesandten, ausgenommen die wenigen aus ausländischen Pressen. Inländische berichten ihm dafür treu genug das Ausländische; und so sieht ein Fürst das fremde Land oft heller und richtiger als das, welchem er mit seinem Zepter wie mit einer Magnetnadel die rechte Himmelsgegend zeigen soll. Wissen müßte eigentlich ein Fürst mehr vom ganzen Lande als sonst ein Mensch darin, weil die Thron-Höhe seinen Fall sowohl tiefer als zerschlagender für ihn und die Menge macht. »Bewahrt Feuer und Licht « gilt zwar für alle Hausbesitzer, aber am meisten für einen Pulvermüller. Ganze verblutete Zeiten und Völker stehen vor uns als Blutzeugen des Satzes, daß ein Fürst etwa eine Wahrheit, anderthalb Seiten stark, nicht gelesen hatte. Denn die Fürsten, wie wir alle, sündigten mehr, weil sie es gut, als weil sie es böse zu machen suchten. Wer soll nun den Häuptern unter dem Thron-Himmel, der so viele Schatten und falsche Lichter wirft, wahre Beleuchtung geben? – Quält wenigstens den armen eingesperrten Hofmann nicht damit, der genug mit Selbst-Verhüllen zu tun hat und an Enthüllen gar nicht denken mag. Er dankt Gott, wenn der Hof eben eine gute Flötenschule ist, und wenn alle Ergrimmungen, Unsittlichkeiten und alle öffentlichen Übel den guten Charakter der Krätze und des Friesels annehmen, welche beide sich (nach Platners ars medendi ) niemals im Gesichte zeigen. Ihm, dem schon das Gesicht nicht genug verstummen kann, wär's ja schrecklich, wollten vollends die Lippen sprechen. Er kennt den Herrn, hofft er, der ein noli me tangere , ein Berührmeinnicht ist, eine Sinn-Pflanze, welche durch starkes Berühren leicht eine Un-Sinnpflanze wird. »Wollte nur Gott,« sagt er, »man könnte dem Herrn noch weit mehrere Nasen drehen, damit er wenigere verteilte! Wie sollen Hoflustbarkeiten gedeihen oder nur auszuhalten sein, zumal solche, denen man schon von vormittags an beizuwohnen hat, wenn der Herr in der Fête wie ein stiller Sturm dasitzt, uns Tafelleuten gegenüber als ein gekrönter Medusenkopf, der uns 996 zuletzt allen die Zungen versteinert, wie der heilige Paulus auf Maka den Schlangen die ihrigen; und dies bloß, weil irgendeine ungebetene Schlange dem Herrn etwas Unangenehmes – es möge meinetwegen wahr dazu sein – hat weisgemacht! Daran denkt wohl kein solcher Unberufener, welches Bad durch seine Wahrheits-Verräterei er noch sämtlichen Supplikanten, Kabinettsarbeitern, ja allen Hofbedienten bis zur Garderobenjungfer herab bereitet, bloß indem er den Herrn versäuert. – Ein hübscher Genuß von den Nuditäten der Wahrheit! Ich bin wenigstens schönern begegnet!« Ein Hofmann wird sich stets gegen einen Hofprediger zu irdisch und gegen einen Hofnarren zu hoch schätzen, um, gleich beiden, alles zu sagen. Wer aber sonst etwa? – Minister und Kabinettsräte haben genug an ihrem Berge von besondern Vorträgen und Wahrheiten bis hin an die Fürsten-Ohren und -Unterschreibfinger zu tragen und genug seine Hör-Gefälligkeit ( officium recitationis ) So hieß in Rom die höfliche Verbindlichkeit, zur Vorlesung eines Buchs zu kommen, dessen Verfasser unser Freund war. in Anspruch zu nehmen, als daß sie am feurigen Busch, der sie zu mosaischen Gesetzgebern macht, sich den Mund durch eine Annäherung verbrennen sollten, welche gewisse Wahrheiten fodern. Die wenigen drei Menschen, welche dem Throne oft die härtesten sagen, sind nur 1) die an den Galgen, 2) die an den Pranger kommen, 3) die an beide gehören – nämlich Spione, Pasquillanten und Denunzianten. Wer kann nun an die Krone noch anders die Berglampe befestigen zur Kenntnis von Gruben und Gold als wir? Wer kann den Fürsten die Wahrheit uneigennütziger und unparteiischer – denn wir reden ja zu allen, auch ungebornen – sagen als wir, oder feiner, durchsichtiger und reizender? Daher wir Gesandten wieder untereinander uns wechselseitig Gehör geben, bloß aus Vergnügen am Vortrag. Der Buchstabe wird nicht nur nicht rot, auch nicht bleich; das Buch sagt kühn allen alles. Den bittern Heiltropfen, den endlich mühsam und aus Rechtschaffenheit ein Hofmann für den Herrn auf einen so feinen hohen Zuckerhut eintröpfelt, daß am Ende wieder gegen den Hut etwas 997 Adstringierendes zu verschreiben ist, – diese Bitterkeit gibt kein Autor ein, sondern bloßes süßes Manna, welches etwas abführt. Gesagt wird euch Fürsten doch einmal die Wahrheit, wenigstens von der Zeit gewiß; nur schonet diese wenig den Gaumen, sie verkleidet (umgekehrt gegen den Hofmann) das Süße ins Bittere; die Zeit läßt gern in Zeitlosenessig und Pest-Essig ihre Honigblase schwimmen. Ihre Kurmethode ist gewöhnlich eine Ekelkur. Die Geschichte verordnet: entweder seht, oder weint! Diese Wahl zwischen offnen und nassen Augen habt ihr nicht mehr, wenn euch die maskierten Lust-Bälle des Hofwesens endlich an die maskierten Batterien haben tanzen lassen; weil ihr nicht bedachtet, daß alles Bedeckte, von bedeckten Wegen und Wagen an bis zu heimlichen Artikeln, dem Kriege zuführt oder angehört. Montaigne bemerkte (II. 34), daß alle Helden-Fürsten stets einen besondern Schriftsteller liebgewannen, Alexander den Homer – Scipio Afrikanus den Xenophon – M. Brutus den Polyb – Karl V. den Philipp von Commines; – wozu noch in neuern Zeiten kommen mit Curtius Karl XII., mit Ossian (wenigstens sonst) Napoleon und mit Voltaire Friedrich II., der fast Sanssouci oder Berlin zur quai de Voltaire gemacht. Wenn nun der unruhige Helden-Fürst schreibenden Flügelmännern nachschaut und nachübt: so dürfte, scheint es, der ruhigere Fürst noch mehr Ursache und Zeit, ihnen zuzusehen, haben. Wenn die Weltgeschichte der Steckbrief der Vergangenheit und die Sicherheitskarte der Zukunft ist und die Schriftstellerschaft das Observationscorps der Länder; wenn also jedes gute Buch ad usum Delphini und für eine Fürsten-Dauphine geschrieben ist: so, dächt' ich, läse man etwas. Wenn nach Friedrich II. die Schriftsteller die Regenten des Publikums sind – folglich eines größern, als je ein Fürst eroberte und übermeisterte –, so halte sich doch ehrenhalber jeder regierende Fürst zu seinesgleichen und berate sich mit seiner Mitregentschaft über das Wohl gesamter Schrift - und Amts-Sassen . Die Mitregentschaft hat – durch die Zeit – die gesetzgebende Gewalt, die Regentschaft die vollziehende. 998 Unter die größten Schulden einer Krone würde allerdings gehören, wenn unter der letztern alles fehlte, was sie trüge. Aber dieses Defizit deckt der Tilgungsfond einer gelesenen Bibliothek erträglich. Man hat ein Prinzessin-Waschwasser; Druckerschwärze ist Prinzen-Waschwasser. Wenn die größten Köpfe und Genies sich nicht schämten zu schreiben , sogar wenn sie Kronen aufhatten wie Cäsar: so können bloß gekrönte Köpfe sich nicht bedenken zu lesen, zumal da man nach der allgemeinen Meinung leichter und abwechselnder lieset als schreibt. Wachttürme wandte man oft zu Bibliotheken an; leichter werden euch diese zu jenen! Wer euch umgibt, bestiehlt oft Bücher, um euch zu bestehlen; wie könnt ihr euch gegen Wissen anders waffnen als mit Wissen? In Frankreich gelangte im 1 2. Säkulum niemand zu den höchsten Staats-Ämtern, als wer Magister Mencken de Charlat. erudit. ed. IV. war; zum allerhöchsten sind wenigstens einige Magisterkünste gut. Es ist gewagt, mehrere Millionen Leser zu befehligen, ohne selber einer zu sein; und was Millionen brauchen, bedarf auch einer; war der Preßbengel der Hebebaum von Völkern, so ist er auch das Schwungbrett eines Mannes. – Überhaupt nur einen kenn' ich, der nichts zu lesen braucht; und das ist der, der selber das größte Buch gemacht, das der Natur. Es gibt Gesandte unter uns, denen ein Jahrtausend nach dem andern und Volk nach Volk Audienz erteilt; wolltet ihr euch von schlechtern vom dritten Range abspeisen und die Plenipotenziaren der Zeit gar nicht vorlassen? Denn schickt nicht Alexander seinen Botschafter Aristoteles an euch? Heinrich IV. seinen Sully, wie nach England? Christus seine Apostel? – Mich dünkt, Personen solchen Ranges wären zu hören und stimm- und tafel-fähig. Aber, fragt man, wem sollen deine kurzen Sätze dienen? Einem lesenden Fürsten kämen sie zu spät; einem nicht-lesenden kommen sie gar nicht vor. Recht gut! Eben darum dring' ich auf Introducteurs des Ambassadeurs ; so werd' ich eingeführt und der Aufsatz dazu. 999   6. Kleine Zwielichter A Zeittäuschung Der englische Kronprinz ist – zuwider den übrigen Gesetzen Europens – mündig , sobald er geboren ist, nach dem neunmonatlichen Inkognito. Aber ebensogut hält sich iedes neugeborne Zeitalter für mündig und folglich regierungsfähig und für den Kronprinzen der Zukunft. B Friedensschlüsse Hart neben dem Kriege hat man jetzt sein Heilungsmittel, den Frieden. So steht oder stand in Paris Politisches Journal 1789. Mai. neben dem Pulvermagazin das Invalidenhaus. So liegt am Schafte der türkischen Flinten schon das Pflaster bereit. So hatte sonst der Scharfrichter Berlin. Monatsschrift 1807. Febr. die Ausschlußfreiheit, Beinbrüche zu heilen, ob er gleich selber starke mit seinem Rade macht. Kurz überall findet man, wie der Mensch die Großmutter des Teufels zur Wehmutter irgendeines Engels zu machen sucht; und dies ist, dünkt mich, schön. C Nachteil der Revolution Mit Revolution oder Umwälzung heilet ihr nicht gerade ein Volk; ihr stürzt und stellt es ja bloß wie einen Ertrunknen auf den Kopf, oder ihr tragt ein erfrornes Volk schnell in ein heißes Zimmer: die Scheinleiche stirbt daran. D Jetzige Zeit Bei den Stürmen der Zeit wird das, was man bei den Stürmen der See zuerst auswirft, am ersten gegossen – Kanonen, so daß 1000 dieses Säbel- und Bajonetten-Jahrhundert sich wieder der Natur nähert, in welcher nach Schelling alle Materien nur Metamorphosen des Eisens sind.   VII. Evangelien und Jeremiaden der Zukunft Die gewisseste Prophezeiung ist, daß sich eher nach dem 100jährigen Kalender des Wetters als nach dem 6000jährigen der Geschichte prophezeien läßt. Ich habe schon an einem andern Orte – aber mit andern Worten – die Frage getan: ob sich jemand den Ausgang eines Kriegs- oder Schachspiels zu erraten getraue, wenn in jeder Minute die Königin (z. B. die britische Elisabeth, oder die russische im siebenjährigen Kriege) kann weggenommen, oder ein neuer Offizier kann eingesetzt werden (z. B. in Paris). Dergleichen nimmt sich aber der Freund Hein täglich heraus, der dabeisteht und zusieht. Monarchien ist darum schwerer aus der Hand zu wahrsagen als Freistaaten, eben weil jene mehr durch Einzelner Leben steigen oder fallen, diese mehr durch das Gesamtleben. Ich habe mir daher vorgesetzt, mir in meinen Prophezeiungen sogleich auf der Stelle zu widersprechen, nicht aber, wie so manche politische Monatsschriftsteller, zu spät hinterher; auch ists viel wahrscheinlicher, daß unter zweien entgegengesetzten eine zutrifft als eine allein, falls sich nicht eben etwas anderes zuträgt. Um nicht als Abschreiber und Plagiar der Wirklichkeit zu erscheinen, nennt man am besten das Datum seiner Weissagung; und dies ist der heutige Oktobersfeiertag 1808, ein bekannter Staats-Karfreitag, wozu Thronen und Berge als Schädelstätten aufstanden; ich sage aber als gewiß voraus, daß ein und der andere Staat künftig unter drei Rollen wählen wird, entweder wieder aufzuerstehen – oder sich am Kreuze zu bekehren – oder vom Kreuze aus zum Teufel zu fahren. Im Jahr 1529 verwüstete uns eine tödliche Seuche, der englische Schweiß genannt, welcher man nur entkam, wenn man den Hang 1001 zum Schlafe überwand. Ein Mann, der sich, wie ein Völker-Nota Bene, N. B. schreibt, läßt zwar nicht mehr schlafen; aber die armen Deutschen werden sich doch an der britischen Krankheit totschwitzen, sobald nicht auch die deutschen Fürsten sich des kameralistischen Schlafes erwehren. Freiheit der Meere gibt uns nicht von der kaufmännischen Knechtschaft des Landes los, sobald England uns bei dem Frieden mit dem ausgeschütteten Fabrikluxus Gold und Fabriken zugleich wegschwemmt und unserer dürftigen Kaufunlust durch die niedrigen Preise seiner aufgehäuften Waren abhilft. Neben der Neuheit des Genusses wird noch der Spekulations-Einkauf der Fabrik-Juden bei der Gewißheit bald steigender Preise der ersten guten Rückwirkung des Geldmangels die Waage halten und diesen folglich verdoppeln. Nur wache Fürsten könnten helfen und heilen, wenn sie die Kosten stehender Heere auf die Nachahmung des großen englischen Fabrikwesens aufwendeten – was jetzt freilich während der Kontinents-Sperre an und für sich am leichtesten gelänge –, und wenn sie geradezu jeder englischen Luxus-Ware ihren Hof verböten. Die kriegführenden Höfe in ihren englischen Kleidern gleichen einer scharfsinnigen Versammlung von Philosophen und Aszeten, welche gegen Leiber-, Gaumen-, Augen- und Fleisches-Lust eines der vergnügtesten Disputatorien, ja Konzilien halten und kaum auseinander wollen, da sie sich mit ihren Kindern, Weibern und Mägen so gut bei der Tafel unterhielten. Dies mag andern als dem Verfasser die erste Jeremiade des Aufsatzes scheinen. Die Deutschen und Franzosen machen es mit den britischen Waren wie die Ägypter mit den Katzen: die alten wurden von ihnen angebetet und erhalten, aber ihr Fortpflanzen verhindert und die Jungen ersäuft. Alles beweiset, wie beide Völker das Gute auch am Feinde nicht verkennen, sondern es vielmehr anziehen, umwickeln, umbinden oder aufsetzen. Ja die englischen Waren waren ehrenhaft – wie der verbotne Baum mitten im Paradiese (1. Mos. III. 3) – so mitten in europäischen Märkten zu haben und gewannen den Vorzug, sogar vom Verkäufer zweimal gekauft, wie oft vollends vom Einkäufer verkauft zu werden! So wurden sie nicht, wie sonst arme Juden in Spanien, zum Feuer 1002 verdammt, sondern, wie reiche daselbst, geadelt und zu hohen Stellen befördert. In Frau d'Aunoy Reisebeschreibung durch Spanien im 17ten Jahrhundert (eine der besten, da sie nicht, wie Fischer, das Äußere, sondern das Innere und Vornehme darstellt) steht es, daß in derselben Woche, als man zwanzig arme Juden unerbittlich verbrannte, reiche am Hofe als Marquis, San-Jago-Ritter, königliche Pächter waren, freilich gegen Geld. England tut uns mehr durch den verkauften Fabrik- oder Eitelkeits-Luxus Eintrag als durch den des Kolonial- oder Genuß-Luxus; denn jenem entsagen die Menschen am schwersten, und eine Frau entbehrt leichter ihren Kaffee als ihren Shawl, und sogar der Mann, z. B. der Offizier, deckt mit Gold und Tuch gern die Leibes-Leere zu. Unter meine Evangelien der Zukunft gehört es, daß die Fürsten künftig zur Stelle der bisher tafel- und hoffähigen englischen Waren nur inländische, und zwar nur die teuersten, zum Gala-Luxus erheben werden, weil man mit einer teuern so viel Schimmer wirft als mit einer ausländischen. Wenn oft Fürsten verderbliche Modetrachten durch Missetäter strafend an den Pranger stellten: so werden sie künftig nützliche durch Hofleute lohnend auf die Thronstufen bringen. Nach der Leidenswoche des Kriegs – in der jeder Fürst sich und andere am besten bekehren kann – wird mit der Osterwoche des Friedens die sogenannte Osterspaßpredigt anbrechen. Kommt die Taube (fast in Adlersgestalt) mit dem Ölblatte über das sündflutliche Deutschland geflogen: was deckt es an sich nach dem Versiegen auf? In jedem Falle altes Grün (denn woher hätt' es sonst die Adler-Taube genommen?), überhaupt eine lustige Zeit. Der Nachlaß der An- und Überspannung beim Nachlasse der Not – der Reiz und Rausch eines wohlfeilen ungestörten Lebens – der Wunsch, sich am Nachholen entbehrter Genüsse zu erholen – das kräftige Nebeneinanderströmen des Handels und der Politik – das erste Zusammenrücken kauflustiger und verkaufslustiger Völker – die Zunahme der bisher aufgeschobenen Ehen , ja der aufgeschobnen Taufen – alles dieses wird viel von dem Leben nach dem 10ten Jahrhundert, wo die große Pest ableerte, und von dem nach dem dreißigjährigen Kriege, welcher noch 1003 mehreres als Leben wegriß, wiederbringen und erneuern, nämlich ein schwelgendes. Aber sowohl im 11ten als 17ten Jahrhundert war der nachkommende Luxus nicht bloß die Folge von Reichwerden durch Erbschaft, sondern auch eine von Aufhebung der Furcht. Nach einer weggenommenen Furcht hat jeder einen besondern Hang, sich durch Wohlleben zu erfrischen. Daher geht der gemeine Mann nach dem besiegten Unfalle ins Wirtshaus und der vornehme in die Ressource. Nie vermag – wie Östreich, Preußen u. s. w. zeigen – ein Fürst über sein Volk mehr als nach Landes-Unglück und Landes-Schmälerung; denn man ist lieber Engeln gehorsam als Schergen; und nach dem Kriegsgewitter steht jeder Landesherr immer als Schutzengel unter dem Regenbogen des Friedens. Was werden also nicht unsere Fürsten vermögen! Zumal wenn sie ihre Kräfte nur nach innen, nicht nach außen kehren und keine Feinde bekämpfen als die, welche jeder römische Zensor besiegt, und überhaupt das Fremde den Fremden überlassen; denn derselbe Brennspiegel, der mich Fürsten vergrößert darstellt, kann mich auch eingeäschert nachlassen. Evangelium: Die jetzige Einbürgerung der den Globus umgreifenden Juden und Kuh-Pocken verheißt der Zukunft unberechneten Reichtum an Geldern und Menschen. Insofern die Juden reine Staatsfreie werden, höret ein Teil des Staates auf, ihr Beutel-Leibeigener zu sein, und wir verändern uns mit ihnen zugleich. Aufhebungen tausendjähriger Verhältnisse können ihre größte Wirkung wieder nur in großen Zeiträumen offenbaren; nur setzt der mitten unter den Größen der Umwälzungen stehende geblendete Mensch zu oft die Folgen in seine Nähe, wie man (nach Goethe), von Gebirgen umrungen, alle Gegenstände für näher hält. – Noch weniger auszurechnen ist die Einwirkung der durch Jenner so schnell anwachsenden Menschen-Flut, welche ebensogut ein Eisgang als ein Nil werden kann; denn der niedrige Damm, den gutmütige Krieger entgegenstellen durch tötende Batterien, hält wenig auf, da ja schon mitten unter ordentlichen, noch von keinen Einimpfungen entkräfteten Blattergiften die davon unterstützten Kriege so wenig vermochten, die Menschen 1004 auszurotten, sondern sie eher vermehrten, wie Konskribierte und Findelhäuser genugsam bezeugen. Die Menschen können sich künftig nach Malthus Nach ihm verdoppelt die Volksmenge sich in 25 Jahren (nach Euler gar in 12⅘). Da nun die Menschen sich in geometrischer Fortschreitung vermehren, die Nahrungsmittel aber nur in arithmetischer: so verhält sich, wenn man 1000 Millionen Menschen nimmt, die Bevölkerung zur Nahrung im 2ten Jahrhundert wie 256 zu 9, im 3ten wie 4096 zu 13. – Aber schon Süßmilch bewies in seiner göttlichen Ordnung etc. I. S. 290, daß alle Weltteile 1600 Jahre nach der Erschaffung so bevölkert sein konnten als jetzt. ordentlich nicht mehr retten vor lauter Menschen, wie die Abderiten vor Fröschen, und man muß zuletzt auf Menschenköpfe wie auf Sperlingsköpfe Preise setzen; was aber zu unserer Schande erst die Türken tun, welche bekanntlich Säcke voll Köpfe liefern. Letzteres ist etwas; aber weit mehr Trost gibt Humboldts Nachricht, daß mehrere Nationen Erde fressen und verdauen. – – Dies ist ja erwünscht! So sitzen wir ja alle im Fette und Überfluß , wie Maden im Käse und haben, wenn wir einmal an dergleichen Hartfutter und Hausmannskost etwas gewöhnt sind, vollauf an einer der größten Bouillonkugeln (und mensa ambulatoria ), die es je gab, zu zehren, wenn die Erde, die schon längst unser Tischbette ist, gar unser angebornes Mußteil wird. Bis wir und die Regenwürmer (diese fressen wenig) einen solchen Erdglobus aufgegessen haben, liegen wir alle selber darin, und viel weniger lebendig als die Würmer. Es ist eine schwere Prophezeiung, ob die folgende Evangelium oder Jeremiade ist: daß, wie jetzt in Holland und Paris, künftig überall auf politische Sommerhitze politische Winterkälte oder Gleichgültigkeit eintreten werde. Schon der erneuerte Handel wird durch die Geldsucht, die in Frankreich an der Bereicherung und in Deutschland an der Verarmung wachsen muß, das Vaterlands-Feuer, das die glimmenden Kohlen des Kriegsfeuers unterhielten, sichtbar dämpfen. Dazu kommt, daß wahrscheinlich des deutschen Krieges weniger wird, da jetzt mehr Napoleon als das Fürstlich-Darmstädtische Haus der sogenannte Reichsvorfechter ( primo-pilaris ) ist. Wie wird es deutscher Freiheit und Bildung ergehen? – 1005 Frankreich und Rußland machen jetzt die Kettenkugel Eine Kettenkugel besteht bekanntlich aus zwei Kugel-Hälften. des festen Landes oder – im anmutigern Bilde – die beiden Gipfel des politischen Parnassus aus. – Deutschland wird sich bald mit Frankreich ins Gleichgewicht setzen, indem es dessen Kriegskunst seiner Kriegsnatur anfügt. Ferner: wenn die Volksmenge so wenig Über-Macht verleiht, daß 30 000 Mazedonier Persien, 40 000 Mongolen (nach Paw) Indien und 50 000 Tatarn China eroberten; und wenn der edle Geist Montesquieu Grandeur et décadence des Romains, ch. XX : Gerade die schwächsten Völker (die Goten, die Vandalen) stifteten die festesten Reiche. seinem Frankreich zu dessen engen Begrenzung Glück wünscht und daneben noch erweiset, daß große Heere und Flotten schwieriger siegen als kleine: so hat Deutschland künftig die Macht so wenig zu fürchten als jetzt den Willen. Übrigens fällt durch Montesquieus Bemerkung ein Lorbeerkranz mehr auf Napoleons Helm, indem er öfters den Sieg erstritten, ob er gleich den Nachteil gehabt, stärker und kriegsvolkreicher zu sein als der Feind. Man setze, die Erde führe Krieg gegen den Merkur: dann hätte der Generalissimus einer ganzen Erde weit mehr Blick und Kraft vonnöten, um 1000 Millionen in siegende Schlachtordnung zu stellen, als das Befehlshaberlein des elenden Merkurs über die wenigen Leute, die er tragen mag. Eben glaubt' ich, ich müßte im Vorbeigehen den obigen Satz etwas einschränken durch den andern, daß das Verhältnis der Kämpfer-Zahl allerdings desto mehr entscheide, je weniger derselben sind; denn z. B. drei Mann übermannen wahrscheinlicher einen Mann als 30 000 Mann 10 000, oder gar 300 000 Mann 100 000; aber alle diese Sätze bestätigen vielmehr einander gegenseitig. Rußland anlangend, dieses Doppel-Europa, dieser große Magnet, dessen Norden wie gewöhnlich den Süden sucht: so stieg dasselbe bisher von einer tiefern Stufe der Bildung auf so hohe über die stilliegende Türkei hinweg, und einmal angehobenes Aufschreiten nimmt (besonders unter günstigen Auspizien der Herrscher) so leicht mit viel weiteren Schritten zu, daß künftig sogar dessen Siege die Kultur nicht sowohl verschlingen als 1006 aufnehmen und fortbreiten müssen. Seine von uns abgelegnen rohen Völker kommen dabei so wenig schadend in Betracht als bei Östreichs Siegen dessen ungebildete östliche Grenz-Horden. Hat die Freiheit eine Jeremiade oder ein Evangelium anzusagen? – Man scheide die kurze Geschichte von der langen. Erstlich: vor der Erfindung der Buchdruckerei gab es nur Länder-Zentra voll Licht und Wärme, welche wie Rom über den ungebildeten Umkreis tyrannisch geboten. Jetzt ist auf der Erde nicht mehr Brennspiegellicht, sondern Tageslicht. Denn eben dadurch ist unsere jetzige Welt der alten so sehr entgegengestellt, daß, wenn diese nur durch Lebens-Weise, also Handeln oder Regierungsform die Freiheit erzeugte, darstellte und bewahrte, unsere Denk- und Drucker-Welt gerade umgekehrt aus schwerem Kiesel Licht, aus Knechtschaft Freiheit, kurz aus der Handelsweise entgegengesetzte Denkweise herausholt. Mithin kann in Europa etwas nicht untergehen, welches nicht Sitte – die so leicht verfault –, sondern Idee ist, die sich auf jedem Lumpenpapiere festheftet. Die neue Erde, durch die Bücher weniger abhängig von einem Gesetzgeber als sonst die alte und mithin nur von den großen Springfedern aller Genien bewegt, welche von Natur schon für Freiheit glühen und arbeiten Man denke z. B. für Frankreich an Montesquieu, Montaigne, Voltaire, J. J., Diderot etc. , tut eben darum unsterblichen Widerstand. Rechnet ihr ferner außer der Vergrößerung der Erde durch Zeiten nicht auch die Vergrößerung derselben durch Räume an, d. h. durch die Kompaß-Nadel, die eine ganze neue Welt an die alte genäht? Aber mit der Völker-Menge wächst die Schwierigkeit ihrer Umkettung. Endlich wie die sinkende Menschen-Natur unten in ihren Abgründen alles Bewußtsein voriger Höhe und Helle einbüßt: so erscheint umgekehrt der steigenden die neue Aussicht als Alltagshelle, und ihr ist Nacht, was andern nur Schatten ist. Wir fodern jetzt (wie Höflinge oder überhaupt die Menschen) desto mehr von der Zeit, je mehr sie uns gegeben. Könnten wir z. B. jetzt ertragen, daß ein Land in kurzer Kriegszeit und durch 1007 Kriegsgewalt viermal sein wechselnder Apostat und Renegat geworden? Gleichwohl wurd' es die Pfalz im dreißigjährigen Kriege. Schüler: Die Pfalz mußte in 60 Jahren sich zweimal lutherisch, zweimal kalvinisch schwören. – Ebenso ist uns der elektrische Zurückschlag oder das durch einen Himmels-Blitz erzeugte Um-Polarisieren des sächsischen Heers, damit es dem vorher mitdienenden entgegenschlage, jetzt auffallender, als dieselbe Sache unter Friedrich II. gewesen, der ja dasselbe getan. Würde uns jetzt das vorige hessische Menschen-Versteigern und -Versenden nach Nordamerika für Geld und für England, das kein Bundesland war, nicht ganz anders erschüttern als nur ein bloßes, ganz unbezahltes Mitdienen deutscher Bundeskontingente mitten in europäischen Ländern? – Und doch hat schon früher Deutschland sich gegen jenen Völker- Schnitt -Handel mit schneidenden Waren (die Schwerter sollten schneiden) weit stärker erklärt, als die sich für so viel freier haltende Schweiz gegen ihren viel schlimmern Grosso-Handel mit einem Volke getan. Der Höllen-Minister de Louvois sagte: mit den an die Miet-Schweizer bezahlten Talern woll' er die Chaussee von Paris bis Basel pflastern. Der General Stuppa versetzte: und mit dem vergoßnen Blute woll' er einen schiffbaren Kanal von Paris bis Basel anlegen. Beide hatten recht, denn die Schweizer lieferten vom elften Ludwig an bis zum vierzehnten den Franzosen 1 110 798 Mann für das Schmerzen- und Rekruten-Geld von 1 146 868 623 Gulden. Leset nach diese Berechnung in Schlözers (jetzt wieder zu lesenden) Briefwechsel. Teil VI. Heft XXXII. Der Anfang des neunzehnten Jahrhunderts kann dergleichen nicht mehr verschmerzen, noch verschulden. Der Anfang des achtzehnten sah den Moloch und Henker der Pfalz (Louvois) und dessen Henkers-Knecht, General Melac (weswegen jetzt die besten Hunde, die nicht Bluthunde sind, da häufig so heißen); man trauet zweimal seinen Augen kaum, wenn man erstlich auf dem Papiere die vollstreckte Einäscherung aller pfälzischen Städte und Dörfer, und zweitens in der Wirklichkeit deren Wiederherstellung antrifft. Ging in den drei neuesten breiten deutschen Kriegen so viel unter die Erde und in die Luft? 1008 Montesquieu bemerkt, daß die Römer jedem kleinen griechischen Staate eine eigne Gesetzgebung unter dem Vorwande der Erlaubnis befohlen, um dadurch eben allem Gemeinschaftlichen unter ihnen und folglich jedem Verteidigungs-Bunde vorzubauen. Wie anders kann die neue Zeit zielen und wirken, wenn man die Vervielfachung der Souveränetäten, selber kleinster Staaten, dagegenhält! Gibts irgendwo in der Weltgeschichte Fußstapfen eines Fortschrittes der Menschheit: so sind sie auf den Wegen zur Freiheit so wie zum Lichte. Wenn Griechenland und Rom die höhere Intension ihrer Freiheit durch die stärkere Extension fremder Knechtschaft und gleichsam Freihäuser und Freistätten durch ganze Sklavenmärkte und Sklavenküsten erkauften; wenn später Freiin, Freifrau und Freiherr nur die regierende Ausnahme war aus der regierten Mehrzahl – bloß wieder den sogenannten Freimann davon ausgenommen, den Henker –: so dehnt sich jetzt die zwar mehr monarchische und Staats-Zwecken untergeordnete moderne Freiheit durch die Gesetzbücher bis zu Kolonien, Negern und Juden und Erbuntertänigen aus. Ich fahre im Evangelisieren fort. Erlebt der vielfach gekrönte Geist, an dessen Krone kleinere Kronen als eingesetzte Edelsteine schimmern, ein hohes Friedensalter – was nach der Geschichte allen glücklichen Weltstürmern und -bildnern zugefallen –: so hinterläßt er, wenn er in die andere Welt zieht, eine neue in Europa, also ein neues Europa nicht sowohl (denn dies hat er schon geliefert), sondern sonst einen neuen Weltteil, sei es Asien oder Amerika. Denn solche Kräfte des Krieges können, als Kräfte des Friedens gebraucht, um so mehr nur durch neue Wunderwerke der Welt sich aussprechen und befriedigen. Da er schon jetzt mitten im Wehen des Kriegs geistige Staatsgebäude im Vorübergehen aufgebauet, was läßt sich nicht weissagen, wenn erst die Jahre das Feuer gemildert und das Licht gemehret haben? Nichts; denn nicht einmal die Geniuskraft selber kann sich ihre Schöpfungen voraussagen, geschweige ein Zuschauer. Indes kann (scheint es) ein Geist, der nicht bloß Land, sondern Länder, nicht bloß Untertanen, 1009 sondern auch deren Fürsten unter den Hülfsvölkern seiner Kraft gehabt, schwerlich dem bisherigen Genuß des Macht-Gefühls, den mehr das Aus- als Eigen-Land gewährt, auf eine andere Weise im ewigen Frieden entsagen als dadurch, daß er statt der Krieger Gesandten schickt und Zeit und Gegner ändert durch Dinte und nicht durch Blut. Große Krieger steigen von Sulla etc. an bis zu Friedrich II. so leicht aus dem Blutbade der Zeit auf die nächste Küsten-Aue und sind still. Um die Schleifer der Jahrhunderte fliegen wie um mechanische an großen Schleifmaschinen so viel Funken, daß sie ganz in Feuer stehen; aber sie schleifen doch nicht, um ewig Feuer zu geben. Möchte dann einem Napoleon in einer über der Zeit erhabenen Stunde der edle Geist Heinrichs IV. erscheinen und ihm sagen: tue für Europa, was ich gewollt und du vermagst. Erscheinungen der Geister sind indes noch schwerer zu weissagen als die der Körper. Deutschlands Unglaube an sich wird aufhören wie neulich sein Glaube an sich. Nach den Katholiken geschehen vor ketzerischen Ungläubigen keine Wunder; hingegen floß das feste Blut des heiligen Januars Bibliothèque universelle T. IX. p. 429 . sogleich, als sich der dabeistehende Ketzer bekehrte. Dem Täufling ist nicht Reue, nur Glauben nötig, sagt dieselbe Kirche. Decret. P. III. Dist. IV. C. XCIX. Leibniz glaubte mit Theologen, die Heiden wären selig geworden durch einen schnellen Glauben mitten im Sterben. Jetzt können die Deutschen werden, entweder was sie fürchten, oder was sie hoffen; ich hoffe aber, sie hoffen, nämlich sie glauben; und dann gehe ihnen statt des Regengestirns der Glückstern auf. Daher ists Sünde gegen Deutschland, bloße Wunden abzubilden ohne die Wundkräuter dabei. Es ist leichter, aus dem Fluge des Adlers als den Flug des Adlers zu weissagen; die jetzigen Wappen-Adler sind Propheten und Erfüller zugleich; indes mag sich die Weissagung unter der Gestalt einer bloßen Möglichkeit geben. Nämlich der jetzige Kriegsgott Europens wird (sagt die Prophezeiung), wenn er seinen Panzer und Helm einem langen Frieden abgeliehen, seinem auf 1010 Waffen gebauten Reiche wahrscheinlich noch eine tiefere und breitere Unterlage unterbauen, weil er die Geschichte und die Alten kennt, welche ihren Reichen nur auf der ganzen sittlichen Natur des Menschen den festen Grund verliehen. So wenig als Furcht, so reicht Soldaten-Ehre allein, am wenigsten im Frieden, zum rechten Einwurzeln und Fruchttragen eines Staates zu. Kriegs-Ehre wird entweder von einem Heerführer entzündet, dessen hohes Unsterblichkeits-Bild schon bei Lebzeiten aus der Nachwelt herglänzt für die Mitwelt – und dann lebt ein Staat so lange als sein Viel-Mensch –; oder dem Volke selber stirbt auf dem Wege der Erziehung und Bildung die Größe des entfliehenden Bildners zu. Den Franzosen sind allerdings ähnliche Erbschaften nötig, und ihr Wiederhersteller hat ihnen manchen vom Zeitgeist fein durchgeführten Tempelraub nach Vermögen wieder zu erstatten. Z. B. sie opfern gern sich der Ehre, und gern andere der Lust. Vielleicht zwar, daß ihr jetziges langes Bereitstehen für den Opferaltar des Krieges in den Zwischenräumen des Genusses ihren ausgebildeten geschärften Epoismus stärker reizt und zeigt; aber wenn man bedenkt, daß Napoleon leichter alle Häfen sperrt als die Mägen der Leser des Almanac des Gourmands , denen wie den Zoophyten der Darmkanal das Herz erstattet, und daß man sogar sein Beispiel jeder sinnlichen Enthaltung so selten, und doch das seiner Tätigkeit so oft nachahmt: so liegen die Wurzeln des egoistischen Gift-Baums sehr tief, und Napoleon hat neue mächtige Wurzelheber vonnöten, um sie auszuziehen; aber ein Evangelium wär' es, eben wenn die Ablaktierung Deutschlands und Frankreichs französische Ehrliebe und deutsche Gutmütigkeit mehr gegeneinander auswechselte, ja und dies so sehr, daß geistig entstände, was einmal geographisch unter Karl dem Großen gegolten, welcher Deutschland als den wichtigern Teil Galliens annahm und festsetzte. Das Kriegsfeuer hat (evangelistisch zu reden) gewiß etwas Besseres entzündet als Häuser, nämlich Herzen für Deutschland. Jetzt hat sich Vaterlandsliebe und Deutschlandsliebe durch einerlei Leiden mehr zu einer Liebe eingeschmolzen, eine Ausbeute wie die des durch einen Brand aus mehreren Metallen ausgeschiednen 1011 korinthischen Erzes. Es finden deutscher Norden und deutscher Süden – bisher so widerspenstig einander eingewachsen zu einem Reichskörper als zuweilen Zwillinge am Rückgrate zu einem Leibe – und ferner die deutschen Zwischenstaaten finden sich einander jetzt verwandter, zusammentreffend auf demselben Dornensteig von Leiden und auf der Wett- und Rennbahn ähnlicher Selbst-Verbesserung. Ein herrlicher Auferstehungsgeist arbeitet und glüht jetzt im vorigen Reichs-Kirchhof und beseelt Scheintote und beleibt Gerippe. Einerlei Ziel löscht den Unterschied unter deutschen Staaten immer mehr aus. Deutschland, überhaupt mehr Idee als Land, sonderte und knüpfte sich bisher weniger durch klimatische Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten als durch Ideen. So schied die Idee sonst Preußen von Östreich; so knüpfte sie Sachsen an jenes, so die verschiedensten fremdsprechendsten Völker an dieses. Der Unterschied der Völker von einer Mundart unter demselben Zepter des westfälischen Königs ist zehnmal kleiner als der unter dem östreichschen, und desto froher sieht man der Aussöhnung der Deutschen mit Deutschen entgegen. Ebenso werden durch eine schönere Gemeinschaft als die der Leiden und anstatt durch Schiffsziehen oder Schiffspumpen des Staatsschiffes vielmehr durch frohes Fahren in demselben nach Gewinn auslaufenden Bucentauro die sonst getrennten Völkerschaften immer mehr unter wenigen Zeptern und – Federn sich einander befreunden. – Und hier haben wir dem großen Gewichte noch ein größtes nachzulegen, nämlich deutschen Völkern deutsche Fürsten. Zwar war es bei Vätern des Vaterlandes sonst nicht der Fall wie bei andern Väter, welche noch mehr ihre Kinder lieben als diese sie; da vielmehr die Landeskinder ihren Fürsten, den Bekannten und Einzelnen und Höheren, heißer lieben müssen als dieser die Unbekannten, Vielen und Niedern. Aber wie heilig muß jetzt einem Fürsten der Boden sein, auf welchem der Baum seines Stammes weithin wurzelt, indes die kleine Pflanze nur kleine Schollen braucht! Wie sehr muß er eine Verwandten-Masse lieben, deren Zögling, Stellvertreter und Heiland er in einer Person ist! Die Vaterlandsliebe des Bürgers trägt oft nur taube Blüten, die des Fürsten immer Früchte; jener opfert und 1012 kämpft oft nur einsam und ohne Lohn, dieser immer in Gesellschaft und für Siegesbogen. Dachten deutsche Fürsten jemals deutsch: so müssen sie es jetzo noch mehr tun. Deutsche lieben so sehr ihre Fürsten: ists denn also für einen von diesen so schwer, Millionen liebende Herzen mit einem einzigen zurückzulieben? Man drohte der Erde schon oft Universalmonarchien. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich eine andere als die des Rechts und der Vernunft Montesquieu ( Esprit de Loix L. IX. Ch. VI. VII. ) preiset Frankreichs Glück, daß es unter Louis XIV. keine Universalmonarchie geworden. sich errichten wird, nicht aber eine über beide Erdhälften schlagfertig-hängende Wetterwolke: so möchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch außer unserm Herrgott, oder in Rücksicht der Tiere außer dem Menschen geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwünschen, daß es ein deutscher wäre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der Kosmopolitismus der Deutschen fände auf dem höchsten Throne gerade die rechte Stelle. Man sprach vom Grabe einer gewissen Monarchie. Ist dasselbe zu finden: so mag es wohl dem Grabe des heiligen Johannes in Ephesus gleichen, welcher, darin wie in einem Bette schlummernd, den Hügel mit der atmenden Brust auf- und niederbewegte. August. in Commentar. ad Johann. XXI. 23 . Werden wir künftig durch Einkindschaft und Gesellschaftsrechnung mit den Franzosen nicht unsern National-Charakter einbüßen und abfärben? Aber warum fürchten denn bei derselben Vermischung die Franzosen nichts für den ihrigen? – Ein Charakter, den man so leicht verlöre, werde denn verloren; denn es wäre keiner. Allerdings holten bisher die Hof- und Welt-Leute ihren Leib aus Paris und baueten ihn zusammen aus gorges de Paris, culs de Paris, barbes postiches, ventres postiches, Caca de Dauphin und was sonst noch zu Leibern gehört. Und ebenso machten sie es mit den barbes, gorges, culs des innern Menschen. Indes setzt hier vorige eitle, freiwillige Nachäffung gerade künftiges Widerspiel voraus und folglich keine Korrepetitoren der Repetitoren französischer Oper. Was Sprachen anlangt, so dürften wir wohl weniger die reichere verlernen als die Franzosen die 1013 ärmere; nicht bloß, weil es stets in Deutschland mehr deutsche Bauern geben wird als französische darin – wie denn sogar die preußischen Kriegsgefangenen viel Deutsch aus Frankreich heimbringen – nicht bloß, weil unsere vielseitige Kraftliteratur sich doch am Ende in die französische hineindrängt, um so mehr, je mehr dieses Feuervolk sich an Napoleon, Frieden und Deutschland weiter stärkt – nicht bloß, weil nicht die literarische Stärke nachahmt und nachspricht, nur die Schwäche – nicht bloß, weil die sonst auf Deutschreden gesetzte Strafe Sonst wurde an Studenten (in der Burse) Deutschreden mit Geld bestraft. Meiners' Geschichte der hohen Schulen. B. I. uns das Deutsche doch gelassen hat: sondern darum, weil Friedrich der Einzige treffliche französische Verse geliefert, nachdem ihm sein Vater bei Ungnade verboten, auch nur französische Prosa zu sprechen. Memoiren von Pöllnitz. Erschwert oder verbietet uns nur Deutsch: so sprechen wir deutsch von der Leber weg, dieser Quelle des Durstes und der Galle. Die deutsche Nachäffung, zu deutscher Nachahmung veredelt, würde eben am leichtesten durch Geschäft und Verhältnis den Franzosen die Vorzüge ablernen, welche unserer Ergänzung abgehen. Was weit weniger nachmachende Volksmenge anlangt, so wird sie gerade im Verhältnis des Klimas den deutschen Charakter am festesten forthalten; und so wird der deutsche Norden, d. h. das größere Deutschland, zu seiner kräftigen Eigentümlichkeit höchstens fremde Milderungen sich antauschen, und nur der Süden wird sich dem Westen zu sehr zukehren. Denkt an Holland und Elsaß zugleich. Leibniz sagte: die Zukunft sei vom Gegenwärtigen schwanger. Jupiter schwängerte in Gestalt eines Nebels die Io. Da aber diese Gegenwart und folglich der Nebel noch da ist: was heißen dann Prophezeiungen? Dennoch raten alle Landwirte, zu säen im Nebel. 1014   7. Kleine Zwielichter A Napoleon als Pasquino Wider meinen Willen macht die Aufschrift dem Zensor die Doppel-Mühe, den Artikel anfangs zu durch streichen, und dann doch wieder zu unter streichen; weil er es nicht eher als im zweiten Komma lesen kann, daß ich hier aus dem zweiten Bande von Lessings Kollektaneen anführe, daß einige die schöne Statue Pasquinos für den Alexander halten, andere für den Mars; wurde nun nicht der französische Mars oder Alexander von Autoren dazu gemißbraucht, um ihm die Pasquille auf Preußen anzuhängen? B Die deutsche Wintersaat Wenn wir durch echt-deutsche Erziehung und Literatur der Nachwelt zwei unzerstörliche Denkmäler Deutschlands nachlassen: so ists genug und gerade nicht weniger, als die Geistlichen – nach dem Sprichworte: Nil Clerici relinquunt praeter libros liberosque – nachlassen, Bücher und Kinder. C Zeitungsschreiber Allerdings sind die Zeitungsschreiber Billard-Markeure, die uns ansagen, welche Kugeln recht gegangen oder nicht. Ist nun ein wahrhafter Mann darunter, so braucht man weiter nichts zu tun, als ihm zu glauben, und ein Schreiber reicht für tausend Leser zu. Ein anderes ist, wenn diese politischen Zeugen verdächtig sind, oder wirklich lügen: dann können schon nach dem gewöhnlichen römisch-deutschen Rechte ihrer nicht zu viele sein, insofern wir ihnen Glauben schenken sollen. Denn rechtlich gelten erst zwei 1015 verdächtige Zeugen einem guten Duo testes suspecti comparantur uni idoneo et quatuor suspecti plene probant. Homm. observ. 210 . gleich, und um vollends vollständig und glaubwürdig zu beweisen, muß man sogar vier, welchen nichts zu glauben ist, in Vorrat haben und aufstellen. Daher hängt die Glaubwürdigkeit oft der unglaublichsten Siege so sehr von der Vielzahl der Zeitungsschreiber ab; und eine gute Politik setzt hoffentlich keinen Gazettier ab – denn sie darfs nicht –, welcher den übrigen nicht widerspricht und entgegenschreibt. D Sittlicher Einfluß des Schicksals Die Menschen wie die Völker treibt zu viel Glück wie zu viel Unglück in die Unsittlichkeit hinein; so stecken sich die Teich-Fische nur bei Übermaß der Kälte und der Wärme in den Schlamm. E Trost Das Gute wächst auf den Jahrhunderten, das Böse auf dem Augenblick; jenes lebt von der Zeit, dieses stirbt an ihr. Wär' es anders: so hätten wir nach dem Paradies sogar schon das Fegfeuer eingebüßt und säßen schon hier in der Vorhölle fest, um daraus, anstatt uns in einen kalten Vorhimmel aufzuschwingen, uns von einer Tiefe und Hölle zur andern weiter einzugraben. – Gleichwohl darf das Wesen auf der Zeit-Flucht, der augenblickliche Mensch, begehren, daß das Gute so schnell aufstehe, als er und das Böse versinke. Was ihm eine lange Vergangenheit aufgesammelt und zugetragen, soll ihm eine flüchtige Gegenwart vollendet vortürmen; darauf will er den Fruchtspeicher ausgenießen und dann unbekümmert um die Nachzügler der Jahrhunderte nach Hause gehen in den Sarg. F Jetzige Zeit Unser Jahrhundert ist ein Vesuv voll Lava und voll Christi-Tränen. Steigt ihr an ihm heran, so steht nur nie auf seiner Asche 1016 still, wollt ihr nicht rückwärts gleiten, sondern arbeitet euch unausgesetzt höher. G Zunft und Ancienneté Warum gibts nirgend schnellere Posten und Postmeister als in England? Bloß weil da jeder einer sein kann und zu dieser Würde von niemand erhoben wird als – wie jener persische König zu seiner – von Pferden. Vergleicht damit das Zunft- und das Anciennetés-Wesen!   VIII. Geldnot und Notpfennig Allerdings ist vor der Hand manches wahr, insofern man es scherzhaft sagt – Schuß- und Knall-Metall ist fast unsere jetzt laufende und klingende Münze – gleich den Jakobinern des 18. Säkulums, so werden auch die Jakobiner des 17ten rar (so hieß damals ein Vierundzwanziger) – denn die wahren Fersen-Gelder sind eben Kontributionen, und die Bajonette sind wie Pfandbriefe au porteur ausbezahlbar. Himmel! welche Steine würden dem guten Deutschland vom Herzen bloß durch ein Bröckelchen Weisen-Stein abfallen, weil nur ein Gran davon dazugehört, um 304½ Millionen Taler in Gold zu machen Möhsens Leben von Thurneisser in Baldingers Magazin für Ärzte. B. 5. St. 5. – könnte man fortscherzen. Und warum sollte man es nicht? Ist Spaß hier nicht edler als Ernst, und ein stoischer Spaßvogel besser als ein jammerndes Leichenhuhn? Die Männer haben jetzt ordentlich eine Unverschämtheit zu wehklagen, und die Nationalzeitung und der deutsche Anzeiger und Handelszeitungen schwimmen ohne Erröten in Tränen, ehe sie sich mit der Lethe vereinigen. Hat uns denn London oder Paris, oder Buchholz, oder die Zeit so sehr von der hochsinnigen Ansicht erster Christen und ältester Alten herabgezogen, daß wir an Staaten keinen größern 1017 Mangel bekennen und beklagen als den an Geld! – Ist denn, wenn wir sonst früher und reicher gleich Seneka den Reichtum gleich Goldkot herabsetzen, dieser auf einmal durch sein Verfliegen zu himmlischem Monds-Silber und Sonnen-Gold geworden? Können wir uns denn nicht mehr zum Materialist Helvetius De l'esprit. III. 23. erheben, welcher sagte: arme Völker haben mehr Ruhmdurst und mehrere große Männer als reiche und handelnde? – Sind wir denn Janitscharen, welche im Felde nach dem Verluste des Fleischkessels sofort alles aufgeben und fliehen Nach Graf Ferrieres-Sauveboeuf. , dadurch ähnlich, daß wir an des Kessels Stelle den Beutel setzen? Sind wirs? – Freilich; denn zwischen Geld und Fleisch ist ein kleinerer Unterschied als zwischen Geld und Herz. – Allerdings mildern wir die Sache wieder in etwas, wenn wir kleines Geld und Herz etwan so zusammenstellen, wie es nach der Selams-Sprache im Harem geschieht; nämlich kleine Münze, die ein Liebhaber der Geliebten schickt, bedeutet: ich habe ein verwundetes Herz; und etwas anders wollen kaufmännische Deutsche, wenn sie Koburger, preußische und andere kleine Münze einsiegeln und zuschicken, ihren Freunden nicht sagen als: ich et compagnie haben ein verwundetes Herz. Fragt man die jetzigen Krämer und andere Untertanen, zu was sie ihre Fürsten begehren, so antworten sie alle (die Wendung ist übrigens witzig genug): zu dem , was schon ihr Kopf verspricht auf Münzen und Hälsen; sie tragen nämlich auf dem Kopfe die Krone voll Geld, so wie der Maurer auf seinem den Kübel voll Mörtel, nämlich um damit das Gebäude festzumauern. Die großen Alten aber nahmen freilich einen festern Menschen- oder Länder-Mörtel an, nämlich wieder Menschen. England legte uns bisher die hundertjährige eiserne Kontribution – in jährlichen drei Messen zahlbar – auf; Frankreich die episodische; der englische Leopard leckte unsere Lazarus-Wunden unermüdet mit seiner Vampyr-Zunge sogar in unserem Schlafe; der französische Hahn hackte einigemal stark nach uns und weckte auf. Lieber drei Bisse als ewiges Totlecken. Nichts ist unheilbarer als ein Landes-Übel, das langsam frißt und wie der 1018 Nervenwurm ( furia infernalis ), aus dem Himmel gefallen, sich eingräbt und zerrissen noch tiefer bohrt; denn die Schmeicheleien des Zufalls, die Begünstigungen des Augenblicks verhüllen den Wachstum des Feindes und entkräften den Ungestüm des Widerstandes. Daher machten wir es mit den Engländern so wie (nach Swammerdamm) die Raupen mit solchen Insekten, die ihre tödlichen Eier in sie legen, indem sie, obwohl selber daran untergehend, doch diese gerade so versorgend mit einspinnen als sich. Wie geschickte Ärzte gegen Durchfall Abführungsmittel verschreiben: so wurden uns gegen unsere britische Gelddiarrhöe abführende Kontributionen verordnet; was uns freilich schlecht gefiel, weil wir dem Talmud anhingen, welcher behauptet, daß jeder selig wird, der am Durchfall stirbt. Es wäre übrigens wohl der Mühe wert – so groß sie auch durch die vielen Gleichungs-Glieder würde –, die Aufhebung der englischen kaufmännischen Kontribution mit der Auflegung der französischen kriegerischen zu balancieren und die Gewinn- und Verlustrechnung zwischen der Hafen-, Beutel- und Magen-Sperre auf der einen Seite und dem Geld-Abflusse auf der andern herzustellen; nur müßten in dieser Rechnungs-Waage nicht verunglückte Kaufhäuser und Städte, sondern bloß Länder und Erd-Teile wiegen; wenigstens der beste, Europa. Leichter ließe sich dabei, statt des englischen Bankerutts, der europäische weissagen, wenn England sich an unsern fernern Verarmungen bereicherte, bis wir, wie die Ägypter bei dem Kornjuden Joseph – oder die alten Deutschen bei ihrem Spiele –, zuletzt nichts mehr einzusetzen und abzugeben haben als uns selber. Bloß dadurch gerieten wir wieder auf einen frohern Weg, weil wir, zu Schiffe verschickt, die englischen Kolonien selber zu bewohnen bekämen; was vielleicht etwas mehr ist, als sie von weitem besitzen – indem wir alsdann alle Kolonialwaren, wie die dasigen Sklaven, aus der ersten Hand erhielten, nämlich aus der selber, die sie bearbeitete, aus unserer eigenen. Schneller Geld-Abfluß wirkt wie schneller Geld-Zustrom; nur daß beide bloß entgegengesetzte Wirkungen des Augenblicks geben, welche die Zeit bald ausgleicht und umkehrt; ein das große Los in Südamerika gewinnendes Spanien und ein mit dem Schwerte 1019 zum Bettelorden tonsuriertes Deutschland tauschen die Rollen bald um. Eine Kontribution gleicht freilich jenem Aderlassen bis zur Ohnmacht , das die Ärzte zuweilen gegen Blindheit verordnen, und befällt gerade die großen Geschäfte mit der stärkern Lähmung. Allein eine seltsame Heilkraft ergänzt an Staaten die von Kriegsschäden wie von Feuerschäden abgerißnen Glieder. Man sehe auf die vom Mordbrenner Louvois eingeäscherten Städte der Pfalz zurück – auf Sachsen und Preußen im siebenjährigen Kriege – auf die Rheingegenden im französischen – auf Deutschland im dreißigjährigen, woraus (nach Schiller) bloß Wallenstein in sieben Jahren 60 000 Millionen Taler (?) Kontribution erhoben – auf das geld- und friedens-arme Östreich – auf Frankreich mit seinen Corbeilles d'assignats – – – man schaue zurück, und schaue dann vorwärts, um zu finden, wie Länderwunden so bald sich schließen durch einen gekrönten Wundarzt. Was sogar ein Ländchen aushält – und noch dazu jährliche Kontributionen, und dabei größere, als kein Wallenstein auf legte –, beweisen die vorigen Nürnberger, wovon jeder jährlich Fünfsechstel seiner Einkünfte, z. B. von 4166 Fl. jährlich 3446 an die Stadtkasse liefern mußte; – welche Einkünfte freilich durch einige zwanzig Patrizierfamilien zirkulierten, aber nebenbei auch 50 Millionen Schulden Diese Unwahrscheinlichkeiten, denn nach dem deutschen Anzeiger sinds Millionen, stehen in Hessens Durchflügen B. 4. S. 50. , gleichsam wie Venenblut neben Pulsblut – dennoch lebt Nürnberg noch und lebt auf. Alle Eintritte in große Veränderungen und neue Reiche waren von jeher mit Beutel-Ausleerungen verknüpft, so wie Ankömmlinge in großen Städten (Paris, Rotterdam, Wien) anfangs vom Wasser starken Durchfall erleiden. Wenn bei den Freimäurern der Aufnehmling während der Aufnahme alles Metall von sich legen muß: so verlangt es der Krieg – ein unverstellter frère terrible – gleichfalls. Wäre auch das Wortspiel erlaubt, daß es jetzt der Reiche mehr gäbe als der Reichen, so ist doch Deutschland jetzt zweimal besser daran als vor Otto I.; denn erstlich hat es noch gutes Geld in Bergen, und zweitens noch schlechtes im Beutel; diesen Vorteil 1020 aber mußte früher Deutschland entbehren, weil erst unter Otto die Silber- und Kupfer-Bergwerke bei Goslar gefunden wurden. Hachenberg. german. media. Bibliothèque universelle VI. p. 360 . Wenn nach unserer Goldhochzeit mit England und der Silberhochzeit mit Frankreich sich Hoffnung fassen läßt, daß unsere goldne Ader endlich aufhört, und daß das entbehrlichste Geld uns abgeführt worden: so müssen durchaus alle Preise der Lebensmittel – nach dem alten Wechsel-Gewicht der Waren und Gelder – um die Hälfte fallen, sobald nur die Einquartierungen abgezogen, welche bisher durch Genießen die alten Preise festgehalten – dann aber wird wahrscheinlich die Wohnung eines jeden Staatsdieners zum Lustschloß, der mehr mit Geld als mit Waren besoldet wurde, nämlich die der Professoren, der Justiz- und Kanzleibeamten, der Pensionärs, der Kapitalisten ohnehin, und es ist schwer zu berechnen, wie viel sie Überschuß und Surpluskasse haben werden. Indes ziemlich unschädlich wurde dieses mögliche Übergewicht der Geldeinnehmer über Waren-Inhaber und -Verkäufer schon voraus dadurch gemacht, daß die gedachten Staatsdiener jetzt im Kriege nicht viel ausbezahlt bekommen haben; eine Maßregel, welche einigermaßen den künftigen Reichtum ausgleicht durch jetzige Armut und Verschuldung. Den Büchermessen scheinet die Geldnot am meisten Abbruch getan zu haben, so daß, wenn die englische Beredsamkeit zugleich mit der englischen Geldschuld wuchs Wie einer in den europäischen Annalen behauptet. Buchholz behauptet im Phöbus gerade das Umgekehrte. , bei uns umgekehrt das Verarmen das Verstummen unterhielt, als ob Güter und Zungen wie bei dem Malteser-Orden einerlei bedeuteten. Man könnte auch auf Chrysostomus' goldnen Mund anspielen. Demungeachtet sind zwei Dinge zu bemerken: erstlich, daß die Büchermessen schon vor dem Kriege unterlassen hatten, bezahlt – zu werden; zweitens, daß sie von jeher bei dem kriegs- und krieger-freien Süden nicht so viel gewonnen, als sie bei dem bedrängten Norden verloren. Im ganzen ein frohes Zeichen! Bücher sind sonach uns das Teuerste und Kostbarste; denn wir rechnen sie, scheint es, zu 1021 den Pretiosen, welche man in der Not zuerst aufopfert und entbehrt. Seltsam ists, daß Europa, gegen andere Erdteile berechnet, alles hat, von Verstand und Klima an bis zu zahmen Tieren, und nur kein Geld. Denn in Europa besitzt ohne Ausnahme kein Land Metall genug, nicht bloß von Schweden an – wo man mehr Mühe hat, einen Silber-Taler zu verwechseln als zu verdienen – oder durch Frankreich fort – wo die Quinternen und Quaternen des Kriegs mehr denen, die ihr Leben gleichsam als Los einsetzten, zugehören –, sondern durch alle Länder mit Goldwerken hindurch, sogar bis nach London hinüber, wo (nach dem frühern Archenholz) weniger Metallgeld umläuft als in mancher deutschen Stadt, so daß sogar England seine Staatsflügel, wie Degen die seiner Flugmaschine, aus zusammengeleimten Papierchen macht. Wohl hängen auf diese Weise Handel und Wissenschaft vom Lumpenpapier oder Flachse wie die Volks-Tugend vom Strick oder Hanf ab. Kurz, unser Geld, das wir zum Teil mühsam aus der Erde graben, geht dahin, wo es wieder in sie eingegraben wird, nach Ostindien, bis man dort am Ende so wenig mehr davon begehrt und davon braucht, daß wir ihrer Waren satt werden und nicht etwa einen Staat zu dem geschloßnen Handelsstaate Fichtes erheben, sondern (was auch leichter ist) Europa selber. Unsere Klage über unsern Geldmangel ist zugleich eine über unsern Sittlichkeits-Mangel; denn da der Krieg uns den Boden, die Sonne, die Hände, die Köpfe, die Herzen gelassen – folglich weit mehr, als in einem geldlosen Schweizer-Tale zum seligsten Leben gehört –, so haben wir über keine Beraubung zu klagen als über die an Luxus Die Beraubung an Kolonialarzneien wird durch die an Kolonialgiften eine kleinere, weil diese jene nötiger machten. , d. h. über eine Beraubung und Verarmung des kleinern, nämlich reichern Teils. Wir haben noch zu beißen und zu brocken; aber wir wünschen in die Zahnlücken goldne Zähne hinein. Den Fehler aller Staaten, China ausgenommen (nach Hume), früher und lieber ausländische Waren zu holen als inländische zu veredeln, wollen wir fortbewahren; und wir wollen, wie im Kriege durch die an die Stelle der Offensive gesetzte 1022 Defensive, so im Frieden durch die an die Stelle der Activa gesetzten Passiva mit schönen leidenden Gehorsam zu demjenigen fahren, der sonst das bringt, was er jetzt holt, ich meine den – Teufel. Daher kann sogar ein Hebel, wie Napoleons Zepter ist, Europa nicht in die Höhe und ins Gleichgewicht gegen Ostindien bringen, wegen der großen ummauerten Völker-Bastille, nämlich China Wenn Montesquieu ( Grandeur et décadence des Romains ch. XX ) Festungen für Verfalls-Zeichen der Tapferkeit hält – daher erst das sinkende Rom sich an Festungsmauern anlehnte –; und wenn der freie Deutsche alle Mauern floh: so bezeichnet die chinesische Mauer, als die Spaliermauer von 333 Millionen Menschen, deutlich das Menschen-Gewächs, welches daran reift und kriecht. , worein wir, wie sonst die Könige in die Pariser, das Schatzgeld niederlegen für Tee. Man sollte halbe Bibliotheken gegen Tee und China schreiben, gegen ein verschroben selbstsüchtiges, kleinliches Land, das den edelsten Erdteil aussaugt und beschimpft, gegen ein Getränk, das die Trinker in zeremonielle Chineser, wie der Kaffee seine in feurige Araber verwandelt. Gut ists, daß Deutschland noch nicht so sehr auf Tee-Vikarien als auf Kaffee-Vertreter gesonnen; denn es beweiset, daß die Menge nicht so viele schale Teestunden, die erst ein Rack beseelen muß, als schwarze Kaffeestunden, welche zum Weissagen, Schreiben und Verleumden helfen, zu zählen hat. An China allein könnte England – käme kein eigner und fremder Tilgungsfond zu Hülfe – verarmen, da dasselbe – wenn nicht mehr als sechzigtausend Kisten Tee ganz Preußen, Holland, Dänemark, Deutschland, die Schweiz und ein Teil von Frankreich jährlich brauchten – allein eine Viertels-Million Kisten jährlich versäuft. Nord. Miszellen X. 5. Das Selbststillen der Mütter ist nicht so wichtig als das Selbststillen der Staaten; und sollen nur immer ungebildete oder vergiftete Kolonien die Ammen unserer Staaten sein? 1023   8. Kleine Zwielichter A Zensurfreiheit Die indische Frau darf den wahren Namen ihres Mannes nie vor seinem Tode aussprechen; eine ähnliche Ehrfurcht erlaubt den Untertanen nicht, manchen Fürsten und Sieger früher als nach seinem Ableben bei seinem ordentlichen Namen zu nennen. So werden auf verständige Weise Fürsten-Taten, wie sonst in Frankreich Königssöhne, zweimal getauft, nach der Geburt mit der Not -Taufe ( ondoyer ), später und reif mit dem bleibenden Namen. B Gelehrte als Politiker In der neuern Geschichte haben nicht Gesandte, Minister und Generalissimi die allerneueste vorausgesehen oder -gesagt – denn sonst wäre sie zu gar keiner geworden –, sondern die eingesperrten Autoren haben mit ihren Gänsekielen die Vorgeschichte zur Nachgeschichte geschrieben; so daß sie leider zu sehr den einfältigen Gänsen des Kapitols gleichen, welche die Anrückung des Feindes ansagten, indes die besonders zu solchen Anzeigen gehaltnen klugen Hunde nicht einen Laut bei dem Ansteigen der Gallier von sich gaben; daher die Römer es für billig hielten, jahrhundertelang in jedem Jahr einen Hund mit einem Holunder-Aste zu prügeln und zu spießen. Flor. I. 13. 15. C Hofsprache Jetzt ist ein französischer Sprachschnitzer fast eine patriotische Handlung, werden gerade diejenigen sagen, deren Germanismen sonst in lauter Gallizismen bestanden. 1024 D Staatsbesonnenheit Wenn der römische Senat nach Niederlagen der Besonnenheit ( menti ) Bibl. univers. T. VI. p. 98. einen Tempel weihte, um die Übermacht der Klugheit über anstürmende Leidenschaft zu verehren; und wenn sogar nach Siegen Napoleon den Durchgang durch den Tempel derselben Gottheit nimmt: so haben wir Deutsche zwei Gründe, eine Baukollekte zu einer solchen Kirche zu veranstalten; denn uns fehlt es ja nicht an Siegen und Niederlagen. E Temple Bekanntlich gab es unter der von Gott abgefallenen Revolution nur einen Tempel, den Kerker Temple, wo man opferte, nicht sowohl den Göttern als das Göttliche selber. Gleichwohl ist der Name gelehrt genug geborgt; denn sonst hieß Templum Liv. I. 7. Sueton. in Aug. c. 5. eben der Ort, wo ein großer Geist entweder in das Leben oder aus dem Leben trat. Und im Temple erschien und verschwand ja dergleichen genug! F Sprachkunde der Franzosen In nichts wurden die Franzosen mehr geübt als in dem, wovon sie bisher am wenigsten gewußt, in fremden neuen Sprachen. Viele verstehen jetzt Deutsch, und zwar oft durch Deutsche, die kein Französisch verstanden (gerade das Nachahmungsspiel der vorigen Deutschen, welche Französisch von Maitres erlernten, die kein Deutsch verstanden). Die Jungfer Europas wurde ihre Hausfranzösin, d. h. ihre Hauspolin, Hausdeutsche, Hauswelsche. Diese Sprach-Bonne führte diese Linguisten durch die schnellsten Lehr-Cursus von einer Mundart zur andern. Nur im Englischen sind sie noch nicht zu Hause und firm, was sich aber bei 1025 ihrer Stärke in drei Hülfs-Sprachen leicht gibt. – Man sieht aber, wie viel es nützt, Quintilians Regel zu befolgen, daß für die Fehler der Schüler nicht diese, sondern die Lehrer zu züchtigen sind. – In deutschen Erziehungsanstalten ließ sonst der Zögling sein mitgebrachtes Silber von Löffeln und Messern zurück; in Ägypten hingegen, wo die Israeliten gewiß genug ägyptische Weisheit erlernt hatten, nahmen die Zöglinge und Abiturienten vor dem Auszuge auf göttlichen Befehl das Silber der Dozenten mit; indes ist das Wort Kontribution eine viel spätere (wahrscheinlich römische) Erfindung.   IX. Über die jetzige Sonnenwende der Religion Allerdings könnten jetzt die bekehrten Wilden uns selber wieder Heidenbekehrer zuschicken. – Wenn sonst für eine geschriebene Bibel 500 Goldgulden, dann für die ersten gedruckten 60 und später 30 bezahlt wurden Busch Handbuch der Erfindungen. : so kehren wenigstens gewisse Stände lieber es so um, daß eine gedruckte jetzt so selten bei ihnen zu finden ist als sonst eine geschriebene. Die Kirchen, sonst als Kreuze gebauet, drücken mit der Figur ihr heutiges Schicksal aus. – Man findet jetzt leichter alle Heuchler, sogar irreligiöse, als religiöse. Diderot verlangt einen leeren Stuhl zum Essen hingestellt, um die Kinder an den unsichtbaren Gott zu erinnern; – mit leeren Kirchenstühlen stellen wir gut genug die Wohnung der Allgegenwart vor. – Und zieht sich nicht die Religion immer dünner aus, je länger sie sich spinnt? Hatte nicht selber der theologisierende Luther unter drei Söhnen nur einen, der sich auf Gottesgelehrsamkeit legte, nämlich den Martin , indes sein Johann Jura, sein Paul Arzneikunde studierte und jener als Kanzleirat, dieser als Hofrat, beide in Weimar, angestellt wurden. Martin aber nicht? Besonders waren von jeher Thronen und Thronstufen der höhern Stände selten Kirchenstühle; auf dem päpstlichen Stuhle 1026 saßen, sogar dem Zeitalter entgegen, vielleicht so viele Atheisten als auf weltlichen Thronen. Überhaupt war schon sonst der vornehme Süden nicht so religiös als der vornehme Norden, geschweige der gemeine. In Schweden haben manche Dorfbewohner 6 Meilen zur Kirche und reisen Sonnabends ab und kommen Montags zurück. Arndts Reisebeschreibung. Man vergleiche Päpste, Kardinäle und französische Könige mit den religiösen Fürsten und Ministern in Schweden, Deutschland, Dänemark und England. Auch ists ungewiß, ob die Montmorencys, die älteste französische Familie, es noch der Mühe wert halten, ihren alten Titel » die ersten Christen und die ersten Baronen von Frankreich« noch ganz fortzuführen. So wie aber der Norden sich und seine Wälder lichtet und mithin sich zum Süden erhitzt: so führt auch bei uns Klimas-Wärme Religions-Kälte ein, und es gibt mehrere Leute, welche sagen: ich glaube an alles, nur nicht an Gott. Man kann dasselbe noch in andern Sätzen aussprechen. Die elegante Welt ist weniger gewohnt, in der Kirche zu sitzen, als in ihr, obwohl tot, zu liegen und folglich daselbst mit mehr Entschuldigung zu schlafen, als bei Lebzeiten anginge. Die Ketten, die man unter der Predigt über den Fahrweg zur Kirche spannt, scheinen jetzt schon vor der Predigt zu sperren. Die vornehme Klasse hat längst, wie die spätern Griechen, die Götterlehre in eine Naturlehre verwandelt, oder so, daß sie wirklich fähig ist, ihre Gottheiten nicht bloß darzustellen wie die Griechen, welche Jupiter als viereckten Stein, Diana als Säbel, Grazien als Klötze Lohensteins Arminius 1. B. 1. T. Auch Winckelmann. abbildeten, sondern auch noch schöner, nämlich z. B. als ein Landgut, als eine Ministersstelle, als ein gewisses Mädchen, als einen Fasan u. s. w. Ja der Fasan und das Mädchen sind nicht einmal Bilder der Gottheiten, sondern solche selber. Und so verhüllen Götzen den Gott, wie Sonnenstäubchen die Sonnenkugel. Die Stoiker und so andere Sekten hielten die Seele für einen Teil der Gottheit . Mit diesem seinen Teil aber ist ein bescheidner beseelter Weltmann schon zufrieden, ohne je das Ganze zu begehren. 1027 Indes bringt der jetzige Religionswinter, solange er bloß auf den Höhen der Großen bleibt, noch nicht den grimmigsten Nachteil, sondern erst dann, wenn er gar tiefer auf das platte Land einfällt und alle Keime erkältet. Jedoch in Frankreich – dieses selber nicht sowohl ein ganzes großes Volk als ein vornehmes, und wenigstens in der guten Stadt Paris, welche aus einer sonst im Mittelalter alle europäischen Gottesgelehrten bildenden Universität später unter den letzten Ludwigen zu einer Gottesleugner-Fabrikstadt geworden war – enthüllte die Revolution die grimmige Gestalt eines irreligiösen Pöbels. Napoleon sucht daher, soweit es die Politik imstande ist, neben der Springfeder der Ehre, welche nach Montesquieu die der Monarchien ist, besonders einer französischen, noch die der Religion zu stählen und zu spannen; von den Nachkommen kann er vielleicht das Übertreffen der Väter erwarten. Wenn hier einige Vorschläge für den Aufbau der Religion geschehen, und zwar in einer Zeit, wo sie dem niedergebrochnen Deutschland aufzuhelfen hat, und wo sie, wie sonst körperliche Reliquien, als eine geistige Reliquie die Beschützerin der Städte sein kann: so werde nur nicht eine reine Liebe der Religion als Zweck für eine unreine derselben als Mittel angesehen! Die Religion ist keine Kirchenparade des Staats, sondern sie ist das Herz selber und soll also, angehörig der Unsterblichkeit, höchstens gegen das Irdische siegen, nicht für dasselbe; der Himmel kann nicht der Lakai der Erde werden, oder ein Sakrarium und Sanktuarium sich zu einer Garküche des Staats ausbauen. Die schönen Künste haben jetzt Anlaß und Pflicht, der Religion, die ihnen sonst Pflanz- und Freistätten in Kirchen gegeben, durch Erwiderung zu danken. Denn wie sonst Geistliche, nach Heß Heß' Durchflüge. B. 7. , die Volkslieder und Schauspielkunst bewahrten und begünstigten, und ihre Kirchen alle schönen Künste: so sollten die Geretteten wieder bei den höhern Ständen für die Retterin arbeiten, und wie bei so vielen Völkern, Griechen, Römern, Arabern, die Tempel die Bücher und Gesänge aufbewahrten, so sollten wieder in diesen sich jene erhalten, und die Dichter sollten wie die 1028 Meistersänger nur in Kirchen (obwohl in höhern) singen. Den Großen kommen und rühren jetzt nur Dichter und Künstler, nicht Priester ans Herz; – und darum werde von ihnen Heiligkeit mit Schönheit wie in einer Madonna vermählt. Das Mittelalter hatte Reichtum an Religion genug, um ohne Kosten derselben mit ihr zu scherzen und zu spielen; unser Zeit-Alter ist ihr feindselig gesinnt; aber ein scherzender Feind lacht gefährlicher als ein scherzender Freund. Gleichwohl erwart' ich von den neuern mystischen Dichtern – sogar den Verfasser von Luthers Weihe nicht ausgenommen, noch weniger den von der Niobe – wenig Beistand für die geistige Kirchenreparatur. Sie spielen und singen uns Glauben und Unglauben mit gleichem Glauben vor. Bloß diese Religionsvereinigung mit der Unreligion, diese poetischen Krönungsfeste der Nonnen und Huren, kurz dieses gleichmäßige Durcheinandermischen des Entgegengesetzten ist uns nur noch gar nötig, damit am Ende alles im toten Meere der spielenden Unsittlichkeit schwimme und wanke und alles gleich sei und die göttliche Dichtkunst nicht ungleich einer ungöttlichen oder von Gott abfallenden werde. (Denn die Art und Weise, wie so manche neue Dichter-Mystiker die Religion lieben und ergreifen, erscheint sehr jener Sinnlichkeit verwandt, womit einst ein Spanier die schöne weibliche Statue der Religion am Grabmale des Papsts Paul III. umarmet hatte. Die Statue wurde seitdem und deshalb bronziert. Moritz' Reise nach Italien. B. 1. ) – Wahrlich eine französische kecke Frivolität wie die eines Voltaire, welche den heiligen Gegensatz durch Auswühlen einer Tiefe recht absondernd emporhebt, tut weniger Schaden als ein solches plattes Abplatten (oder – ist der Übergang erlaubt – eine solche fleischliche Vermischung mit dem heiligen Geiste der Religion in einer herrnhutischen Ehestunde). Aber es gibt frömmere Dichter, als ihr Schein- und Spiel-Mystiker seid – die ihr heller durch euch selber durchschaut, als wahre Mystiker wie Fenelon oder Pascal nicht vermochten, denen vielleicht keine Göttlichkeit verborgen blieb als die eigene; – ich wende daher lieber mein Auge zu einem dichterischen Geiste 1029 auf, der durch alle seine Werke reinen Himmels-Äther wehen ließ und keinen unheiligen Laut in ihnen als in heiligen Tempelgängen duldete, und der, gleichsam ein geistiger Orientaler, immer unter dem offenen Himmel wohnte und nur auf Höhen schlummerte. – Wollt ihr durch Musen die Religion, wie Sokrates die Philosophie, von ihrem Himmel auf die Erde bringen und pflanzen; so eifert jenem Muster nach, nämlich Herdern! Oder einem Klopstock , oder überhaupt den Dichtern älterer Zeiten. Solche Musen allein können die Heidenbekehrerinnen so vieler Großen werden. (Es gehört unter die gewöhnlichen Verblendungen der Großen , daß sie so leicht ihres Ungleichen zu verblenden glauben; indes ein Lakai mit dem Teller unter dem Arme so sehr seinen Herrn errät als Kinder und Schüler ihre Obern. Bedächten doch die Vornehmen des Jahrhunderts, daß sie nicht vom Einflusse ihres Scheins, sondern vom Almosen einer religiösem Vergangenheit leben, und daß die ungläubige Zeit von gläubiger Vorzeit zehre. Doch dies ist nur klein und politisch; der Staat braucht Ströme und Breite, die Religion Quellen und Höhe.) Noch regiert allerdings ungleich mehr Glaube als Unglaube die Erde, da jener in so vielen ganzen Ländern eben das Volk, also den bei weitem größern Teil für sich besitzt und bewohnt; aber die Jahrhunderte, die schon so viel davon untergruben, höhlen ja fort, wenn wir nicht unterbauen. Allein womit? – Der Religion sinkt der Geistliche nach; aber ebenso gewiß sie ihm. Der alte, jetzt verlachte Glaube an die geistliche Ehr-Würde und Salbung ist nichts anderes als der Glaube an den Moses-Glanz, den das Kind am Vater, der Schüler am Lehrer, der Jüngling und Leser an einem großen Schriftsteller, der Zuschauer am Schauspieler, ja der Untertan an seinem gekrönten König erblickt; ein Glanz, welchen alle diese an ihren Gegenständen wie einige Edelsteine an der Sonne einsaugen und nachts nachstrahlen. Aber noch mehr! Dem Menschen ist eigentlich der Lehrer schon die Lehre; – er glaubt Gläubigen; – in einem zweiten Wesen sucht er die Menschwerdung seiner Gedanken und Gefühle, besonders seiner religiösen; darum aber ist die Achtung für das predigende 1030 Einzelwesen von großer Zurückwirkung. So sind uns deshalb in der Geschichte die Beispiele der höchsten Aufopferungen erhebend und liebenswürdig, indes eine strenge Sittenlehre, die nichts als dasselbe befiehlt, niederschlagend und fast abstoßend einwirkt. – Dem Volke besonders ist der Priester die personifizierte Religion; und wenn an ihm auf der Kanzel (wie Malebranche sagte) alles zum Beweise wird, sogar seine Ärmel: so behalt' er diese doch an; denn Ärmel, welche erbauen, sind besser als Zöpfe an Zopfpredigern, die ärgern. Daher unsre Alten ganz recht mit dem Priesterornat die Würde bezeichneten; – daher behauptet vielleicht der Mönch durch das Einhergehen in unveränderter Kleidung seinen Nimbus besser; – daher hielten die Vorfahren die Einmischung der Geistlichen in die gemeinen Geschäfte und Lustbarkeiten des Lebens für mißlich. Ist dies alles aber wahr: so wissen – nicht sowohl die Stadtgeistlichen, welche mit ganz andern Mitteln auf das versteinerte Stadt-Volk einzufließen haben, als – die Landgeistlichen, mit welchen Enthaltungen sogar von unschuldigen gallikanischen Freiheiten in Kleidung, Rede und übriger Lebensweise sie den schönen Namen Geistliche und das Ansehen der verarmenden Religion zu behaupten verbunden sind, um so mehr, da bloß sie derselben das größere Land, sogar im geographischen Sinne, erobern können. Auch wird das nicht schaden, wenn hinter dem Kaiser Ferdinand II., welcher vor jedem Geistlichen den Hut abzog, jetzt Personen von Stande kommen, welche wenigstens an den ihrigen greifen. Manche hoffen, das Kriegsungewitter treibe uns wieder zur Religion, wie ein Donnerschlag einst Luther zur Theologie; noch aber ists unentschieden, ob das Kriegsfeuer bloß ein Fegfeuer, das zum Seligwerden, oder eine Hölle ist, die zum Schlimmerwerden führt. Um so weniger werde auch das kleinste Bausteinchen zu einer Kirche verworfen! – (So lasse man zum Beispiel viel nachsichtiger religiöse Klubs – unter dem Namen Konventikeln in vorigen Zeiten mehr mit Recht verboten – erstehen als politische.) Jetzt bewahrt sich der Religions-Geist mehr nur in kleinen Gefäßen (wie Konventikeln sind), da er aus den großen Heidelberger Katechismen und Fässern verraucht. Überhaupt wie 1031 Republiken, so gewinnen Religionsparteien durch Kleinheit an Dichtigkeit und Tüchtigkeit; je enger der Blumenkasten und je weniger Erde, desto mehr Trieb und Blüte. Das Zusammenschlagen zweier Bretter in der ersten Kirche brachte mehr Kirchengänger zusammen als jetzt das Läuten einer Erfurter Glocke von 275 Zentnern. Und so waren von der ersten Kirche an bis ins Mittelalter hinein und darüber hinaus die kleinern Religionsgenossenschaften immer die Religionsphalanxe und stärker und heißer. Ein Beispiel sei genug! Man gab der christlichen Religion wie dem Riesen Geryon drei Leiber oder drei Religionsparteien oder corpora ; aber welche davon beweiset so viel Kraft als ein kleiner Nachwuchs derselben, welcher sein Wort hält ohne Eid, welcher sogar sich ohne allen Kirchen-Glanz befeuert (was ein bedeutender Einwurf gegen den Wunsch des katholischen Kirchen-Luxus wäre, hätte nicht eben eine Vielzahl diesen vonnöten), welcher gegen ein Königreich voll unerbittlicher Gesetze die seinigen durchsetzt, welcher in einem selbstmörderischen Lande allein keinen Selbstmörder kennt, welcher nicht tauft und nicht kommuniziert, und welcher, gleich einem darstellenden Dichter, als Herr seiner Leidenschaften mit der Kälte derselben das Feuer der Phantasie vereinigt? Und wie heißt diese kleine Zahl? – Quäker. – Übrigens wird man doch nicht in Zeiten religiöse Rasereien fürchten, wo es nur noch irreligiöse gibt. – Sogar durch Prediger und sogar auf höhere Stände wäre religiöser Einfluß und einige Lösung der Herzens-Starrsucht möglich, wenn jene aus ihren alten Hohlwegen heraussteigen wollten auf frische Höhen. Ein solcher Herausgang ist z. B. der Gebrauch der Uferpredigten auf der Insel Rügen. Wie wäre Kosegarten hierin nicht vielfach nachzuahmen durch romantische Auswahl der Örter, Zeiten und Verhältnisse! – Wenn die mächtige Poesie sich in körperliche Bühnen und Ausschmückungen einkleidet: warum nicht, wie ein Weib, die zärtere, schwächere, stillere Religion? – Und warum ackern und säen denn immer die Prediger auf dem Eisfelde der bloßen Sittenlehre? Warum besteigen sie die Kanzeltreppe bloß als Herolde dessen, was ohnehin jedes unter der Kanzel sitzende Gewissen unaufhörlich als Tag- und 1032 Nachtwächter ausruft? Warum wollen sie die Sittlichkeit erst beweisen und begründen und Stützen stützen, da ja alle ihre Beweise nur auf jener ruhen? Aber ihr könntet für alle Stände und ganz tiefer eingreifen und aufhelfen, wolltet ihr euern Prediger-Jahrgang zu einem Gange durch den Heldensaal und Portikus großer und moralischer Menschen machen. Ein warm erzähltes Leben eines Jesus, sogar mit Weglassung aller Wunder, eines Epaminondas, eines Thomas Morus, eines Luthers würde mit der Gewalt des lebendigen Beispiels anfassen und emporrichten. Erst dann möget ihr in einen solchen historischen Garten an gewählten Plätzen und Aussichten gern eure Tafeln voll Inschriften und Lehren aufstellen; denn dieselbe Erinnerung, z. B. an die Vergänglichkeit, trifft, gelesen auf einer Blattseite, und gelesen auf einem Leichenstein, unter welchem der Tote selber heraufspricht, ganz verschieden die Brust. Bekämen wir doch einen Jahrgang solcher biographischer Predigten mit Weglassung historischer Bestimmungen und mit Vorziehung der Heiligen vor den Sündern; weil das gute Beispiel, erzählt so wie gesehen, reiner als das schlechte wirkt! Welch eine viel weitere Apostel -Geschichte brächte alsdann der Prediger auf seine Kanzel, als die bisherige kurze war, und wie viel besser würde er, anstatt wie jetzt der Lehre eines Verses die Geschichte umzuhängen, aus der Geschichte tausend Lehren holen! Endlich kommen wir noch zum Weibe als zur notre dame der Religion. Wenn Frauen als die wahren Stillen im Lande von jeher Religion bewahrt und begünstigt haben – wenn eben die Religion, welche dem männlichen Geschäfts- und Schlachtgetümmel jungfräulich entweicht, oder es nur als Polgestirn fern im Himmel leitet, immer in den weiblichen Ölgarten flüchtete und als nahe Blume duftete, und wenn sie wie andere Perlen nicht im weiten wogenden Welt -Meer, sondern nur an den Küsten zu gewinnen ist – wenn in der Kirchengeschichte die Märterinnen so viel und noch mehr aushielten als die Märterer – wenn sie überall am längsten religiös glaubend bleiben In Neapel gehen 20 Weiber zu Beicht und Abendmahl gegen 1 Mann. S. Kotzebues Reisen. , und wenn im Norden immer 1033 zuerst Fürstinnen zu Christen sich und dann den Fürsten bekehrten samt nachgezogenen Völkern und Pöbeln – also als Welt-Nonnen das Schleierlehn der Religion behaupten: wer vermag alsdann mehr für diese und die Zeit als – Männer, welche, diesen weiblichen Religionssinn erwägend, ihn benutzen und ernähren für die Erziehung, damit uns religiöse Mütter religiöse Kinder geben! Wie manchem stürmischen Geiste gab seine Mutter das kindliche Echo der Religion auf die ganze wilde Jägerschaft seines Lebens mit! Der führende Kompaß hat die Gestalt einer Lilie; und diese Blumengestalt gibt die Mutter am leichtesten der Religion. Daher laßt jetzt, wo die Prediger verstummen, gern wie in Quäker-Kirchen die Weiber predigen! Mißlich ist allerdings die Zeit und hell-kalt für die Religion; in den Himmel der Religion wird Europa wahrscheinlich erst durch ein noch heftigeres Fegfeuer als das jetzige aufgetrieben und sublimiert; nur aus Brand und Asche wiederersteht der Phönix. – Indes kann an der Menschheit nichts untergehen – außer mit ihr selber –, was als ihr Charakter ja der Herzschlag und Atem ihrer ganzen Geschichte war. Oft verdeckt der Erde sich der Himmel, aber gleichwohl läuft sie immer in ihm weiter. Auch die verfinsterte Sonne zieht und führt sowohl die verdunkelte Erde als den verdunkelnden Mond.   9. Schlußpolymeter Zuweilen wurde mitten am Tage der Morgen- und Abendstern im Himmel gesehen, neben der Sonne, wenn – diese verfinstert war. Schönes Sinnbild! Wenn sich uns das Leben verfinstert durch zu große Schmerzen, so erscheint uns recht deutlich Jugend und Sterben; Morgenstern und Abendstern. * Tyrann, ins Tränen- und Blutmeer siehst du die Sonne einsinken, welche über die Erde herleuchtete! Aber du hoffst irrig. Auch die 1034 andere Sonne geht unter in Abendrot und Ozean; aber sie kommt am Morgen unerloschen wieder und bringt neuen Tag. * Ist das vaterländische Feuer verloschen, und haben die Vestalen nicht genug gewacht: so holet es, wie der Römer seines, von der Sonne wieder, vom himmlischen Musengott. * Wirst du, künftiges Deutschland, das jetzige, welches dich zeugt, so verkennen in seiner lichtlosen Gestalt wie Telemach seinen ärmlich gekleideten Vater Odysseus? – Pallas wird es wiederum verhüten, die Göttin nicht nur des Kriegs, auch der Wissenschaft. Sie zeigte ja einst mit dem berührenden Goldstabe dem Telemach den Odysseus; da erglänzten dessen Kleider, und der Sohn erkannte den Vater. * Deutschland war lange ein Wald; aber nach Wäldern ziehen sich Gewitter und Regen. * Glaubst du, es gebe keinen kleineren Frei-Felsen und Freistaat als St. Marino in Welschland? – Es gibt einen Freistaat, der in einer Brust Raum hat – oder hast du kein Herz? * Anfangs fällt die Gestalt im Grabe ein, dann schleift sich sogar ihr Bildnis auf dem Grabsteine hinweg; – was bleibt? Was beide erschuf, die Seele! * Freiheit, wo sprichst du deine göttlichen Worte am lautesten? Nicht im Wohlleben und Spätalter der Staaten, nur in ihrer noch kahlen Mai-Jugend. So singt der Vogel seine schönsten Lieder auf den unbelaubten und belaubten Ästen des Frühlings; aber 1035 unter den Früchten des Herbstes sitzt er stumm und trübe auf den Zweigen und schmachtet nach dem Frühling. * Gutes Deutschland, oft haben dich die Sittenlehrer und Länderkundigen das Herz Europens genannt! Du bist es auch; unermüdlicher schlagend als deine Hand, bewegst du dich wärmend fort, sogar im Schlafe und im Siechtum. * Der Donner zerreißt die deutsche Eiche; aber nicht ihren Samenstaub; und die dodonäische sprach entwurzelt noch als Mastbaum der Argo fort. * Tithon liebte die Dämmerung , aber morgenrote; sie, Aurora, erbat ihm Unsterblichkeit, und er behielt die seiner – Stimme. * Aurora, du Rosengöttin der Dämmerung , mögest du diesem Buche beides aus deinen Händen herleihen, was die alten Maler in sie gaben, die Rose in die rechte, die Fackel in die linke; – nur lasse jene nicht stechen, diese nicht sengen; milder Duft und mildes Licht sind genug.