August von Kotzebue Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka. Ein Schauspiel in fünf Aufzügen. Erschien 1794   Theater von August v. Kotzebue. Vierter Band. Rechtmäßige Original-Auflage. Verlag von Ignaz Klang in Wien und Eduard Kummer in Leipzig.   1840. Personen. Gouverneur. Afanasja, seine Tochter. Hettmann . Feodora , Aftnasjas Mädchen. Graf Benjowsky. Crustiew. Stevanoff. Kudrin. Baturin. Verschworene.   Mehrere Verschworne . Tschulosnikoff , ein Schiffs-Kapitän. Grigori , sein Neffe. Kasarinoff , ein Kaufmann. Kinder von Kasarinoff. Die Ordonnanz des Gouverneurs. Erster Act. Erste Scene. Der Schauplatz Ist ein Zimmer des Gouverneurs in der Citadelle von Volscherezk – der Gouverneur und der Hettmann sitzen rechts am Schachbret, sehr vertieft in das Spiel. Links Afanasja mit einem Buche in der Hand. Neben ihr Feodora mit Stickerei beschäftigt, Ordonnanz. Hettmann. Schach dem Könige! Gouv. Wirklich? – Und sogar durch einen Bauer? Das ist arg. Hettm. Ja die Bauern – wer mit ihnen zu spielen versteht – Gouv. Freilich, der spielt mit Königen. Afan. (das Buch wegwerfend). Ach! Feodora. Sie seufzen? Afan. Warum wurde ich gerade hier geboren? Feodora. Was kümmerts mich, wo ich geboren wurde, wenn ich nur lebe. Afan. Lebst du denn? Feodora. Drollige Frage! Den Beweis gebe ich Ihnen beim Frühstück. Afan. Ja, essen kann ein Jeder. Feodora. Die Todten ausgenommen. Ein essendes Ding ist ein lebendiges Ding. Afan. Du bist genügsam wie eine Auster. Feodora. O wenn Wünsche Zauberstäbe wären – Afan. Was machst du da? Feodora. Ich sticke Blumen. Afan. Wo wachsen diese Blumen? – Hier nicht – Italien ist ein schönes Land, ich las eben davon. Dort blühen Pomeranzen-Wälder; hier wirkt man sie in die Tapeten. Dort ist die Natur ein gesunder Jüngling; hier, ein kranker Greis. Jene Menschen dürfen sagen: wir leben! Feodora. Ei nun, sie haben, was uns fehlt, und ihnen mangelt, was wir besitzen. Unser Boden trägt and're Pflanzen und and're Freuden. Gouv. Mein Springer ist verloren. Hettm. Und meine Königin gerettet. Afan. Freuden sagst du? Jedes Haus ist ein Kerker. In Pelz gehüllt bis an die Zähne, entrinnst du der frischen Luft, hungrige Hunde schleppen deinen Schlitten durch ewigen Schnee; kein Blümchen entfaltet sich, keine Frucht wird reif. Macht das dir Freude? Feodora. Was kümmern mich Blumen und Früchte, so lange ich Menschen habe? Afan. Menschen? – Ach! welche Menschen! – »Morgen«, höre ich sie sprechen, »morgen ist ein Festtag, morgen wollen wir lustig sein.« Und was ist ihre Lust? Der Russe berauscht sich in Branntwein, der Kamtschadale durch seinen giftigen Schwamm; dann taumeln sie auf allen Straßen, und Thiere gehen Menschen aus dem Wege. Ei, das ist lustig. Feodora. Oder wir sitzen im Kreise und singen ein frohes Lied zur Balalaika. Ist das nicht lustig? Hettm. Schach der Königin! Gouv. Mein Spiel steht mißlich. Afan. (vor sich hinstarrend) . Keine Freundin für mein Herz! Lebte meine gute Mutter noch – Feodora. Hat Ihr Herz Geheimnisse? Afan. O nein! Wir essen, trinken, schlafen; wer macht daraus ein Geheimniß? And're Bedürfnisse kennt man hier nicht. Feodora. Desto besser für uns. Afan. Verstand und Gefühl reifen nicht in diesem kalten Lande; blühen kaum! Den Werth eines Zobelfells beurtheilen; den Gewinn einer Seereise berechnen; von hier nach den aleutischen, und von dort nach den curilischen Inseln steuern, das ist ihre ganze Weisheit; ein gelungener Handel ihre ganze Freude. Frohe Menschen haben Lieb' und Wein , diese Barbaren haben Wollust und Branntwein . Auch das süße Gefühl des Mitleids ist ihnen fremd, weil es nur im Herzen und nicht im Halse brennt. Wohin ich sehe, wohin ich gehe, stoßen mir arme Verwiesene auf; überall eine Musterkarte des menschlichen Elends; Klage in jedem Auge; Dürftigkeit auf jeder Wange. Kein Sonnenstrahl – nur Thränen schmelzen diesen ewigen Schnee. Feodora. Sie sprechen wie ein Schaman. Die vermaledeiten Bücher! Ihr Herr Vater sollte die Wachtstube damit heitzen lassen. Afan. Die Bücher kann er verbrennen, ihr Inhalt steht in meinem Herzen. Feodora. Ich weiß besser, was Ihnen fehlt. Sie sind in dem Alter, in welchem ein Mädchen Alles ahnet, und nichts begreift. In Einem mangelt ihnen Alles, bei Allem mangelt ihnen Eines. Für ein dürftiges Herz ist die Welt eine Wüste. Für ein befriedigtes Herz ist Kamtschatka ein Paradies. Afan. Du hast recht, Feodora! Ich bin allein in der Welt! und wenn einst auch mein Vater – er ist alt und kränklich – wenn auch er von mir scheidet – ach! was wird dann aus mir werden! – Hettm. (nimmt einen Läufer) . Diesem Läufer hab' ich lange nachgetrachtet. Gouv. Er deckte meinen König. Hettm. Jetzt frisch darauf los! Gouv. Ich sehe keine Rettung. Ordonn. (tritt herein) . Der Lieutenant Kulossow ist angekommen. Er hat einen Transport Verwiesener hierher geleitet. Sie stehen im Vorzimmer und erwarten Ew. Excellenz Befehle. Gouv. Laß sie herein treten. Ordonn. (geht ab) . Afan. Schon wieder ein Gemälde des Elends. Komm, Feodora, ich mag sie nicht sehen. (Sie will gehen.) Zweite Scene. Vorige. Benjowsky . Kulossow und mehrere Verwiesene . Benjowski (tritt herein mit dem Lieutenant Kulossow und einem Haufen Verwiesener, Alle bleiben an der Thür stehen) . Afan. (stutzt, will fort, kehrt um, wirft einen Blick auf Benjowsky, dann noch einen, wird unruhig, und spricht, indem sie sich wieder setzt) . Wir wollen gehen, Feodora. Feodora. Ich bin bereit. Afan. (schüchtern nach Benjowsky blickend) . Siehst du jenen Mann? Feodora. Ich sehe viele Männer. Afan. Nicht doch! – Einer nur – Seine Gestalt verräth die gebeugte Seele, aber sein großes Auge straft die Gestalt Lüge. Feodora. Ich sehe einen Menschen, dessen hagere Wangen Krankheit und Mangel verrathen. Afan. Gesundheit der Seele strotzt aus seinem Auge. Sieh, wie keck und frei er umherblickt, indeß seine Gefährten das Auge an den Boden heften. Er scheint zu sagen: ich bin überall Herr! Der große Mann sieht herab auf eine Kette, wie auf ein Ordensband. Dieser Anblick erschüttert mich. Feodora. Sollen wir gehen? Afan. Warum gehen? Mit Unglück sich vertraut machen, ist ein Schatz für die Zukunft gesammelt. Feodora. Nun so wollen wir bleiben. (Sie fährt fort zu arbeiten) . Benj. (tritt vor hinter den Stuhl des Gouverneurs, und beobachtet das Spiel) . Afan. Sieh! wie unerschrocken. Als ob er hier zu Hause sei. Feodora (aufblickend) . Wohl ihm, wenn Ihr Herr Vater seine Keckheit auch so günstig beurtheilt. Afan. Fürchte nichts. Seelengröße im Unglück fesselt die Herzen. Gouv. (indem er aufstehen will) . Das Spiel ist verloren. Hettm. Ja, es ist verloren. Benj. Nicht so ganz. Gouv. (blickt mit Verwunderung in die Höhe, sieht ihn scharf an, mißt ihn vom Kopfe bis zu den Füßen, und spricht) . Wer seid Ihr ? Benj. Ich war Soldat, einst Feldherr, jetzt Sklave. Gouv. Vesteht Ihr das Spiel? Benj. Ein wenig. Gouv. Glaubt Ihr, es sei noch zu retten? Benj. Vielleicht. Gouv. So versucht es einmal. (Zum Hettmann.) Mit Eurer Erlaubnis. Hettm. In Gottes Namen. Da ist keine Hilfe mehr, in vier Zügen ist er matt. Benj. (und der Hettmann spielen) . Gouv. (zum Offizier) . Euren Rapport. Offizier. Hier ist er. Gouv. (nachdem er ihn flüchtig durchlaufen, halb leise) . Habt Ihr Kenntnisse von den Schicksalen dieses Mannes? Offizier. Er war General unter den polnischen Conföderirten, man nahm ihn schwer verwundet gefangen. Gouv. Sein Name? Offizier. Graf Benjowsky. Benj. Schach dem König und der Königin. Hettm. Alle Teufel! Gouv. (zum Offizier) . War eure Reise beschwerlich? Offizier. Sehr beschwerlich. Auf der Fahrt von Ochozk hierher überfiel uns ein starker Sturm. Der Mittelmast brach und zerschmetterte dem Kapitän den Arm. Sein Schmerz machte ihn zum Dienst unfähig. In dieser Noth übernahm Graf Benjowsky die Führung des Schiffs. Seinem Muthe und seiner Geschicklichkeit verdanken wir einzig unsere Rettung. Benj. Schach und matt. Hettm. (wirft das Spiel unwillig um) . Ihr steht mit dem Teufel im Bunde. Benj. (lächelnd) . Glück mit ein wenig Klugheit verbunden, beehrte man von jeher mit dem Namen Teufel . Hettm. (brummend) . Ich bin auch klug, so gut als Einer, wenn ich sage klug , so verstehe ich darunter den Hettmann der Kosaken, die zweite Person in der Provinz. – Hier ist das verlorne Geld. (Er wirft einige Banknoten auf den Tisch.) Gouv. Es scheint, Herr Graf, Sie sind Meister auf dem Schachbret wie auf dem Meere, dort retteten Sie ein halbverlornes Schiff, hier ein halb verlornes Spiel. Das Letztere geht nur mich allein an, für das Erstere danke ich Ihnen im Namen meiner Monarchin. Benj. (mit einer edlen Verbeugung) . Die Geretteten haben mir bereits gedankt. Gouv. Man nehme ihm die Fessel ab. (Es geschieht.) Ihre Handlung erwirbt Ihnen in der ersten Minute, was sonst nur Jahre zur Reife bringen: meine Hochachtung. Sie konnten sich mitten im Sturme des Schiffs bemächtigen; Sie konnten in eine entfernte Weltgegend fliehen – Benj. Ich konnte mehr thun: das Schiff untergehen lassen und sterben. Ich hatte den Muth, mein Leben zu erhalten. Afan. O Feodora! welch' ein Mann! Gouv. Wo Amt und Pflicht mit meiner Hochachtung verträglich sind, da werd' ich gern Ihr Schicksal erleichtern. Benj. Ich beneide Sie, mein Herr, um das schöne Vorrecht, Edelmuth an Unglücklichen zu üben; und ich liebe Sie, weil Sie es zu gebrauchen wissen. Gouv. Für jetzt heißt meine Pflicht, Ihnen Ihre künftige Lebensweise vorzuzeichnen. Benj. Wer zu befehlen wußte, de weiß auch zu gehorchen. Gouv. Ruhe und friedliches Beginnen ist hier das erste Gesetz. Benj. Dem Sklaven leicht zu halten. Gouv. Sie sind frei, und empfangen Lebensmittel auf drei Tage, dann sorgen Sie selbst für Ihren Unterhalt. Jeder Verwiesene wird mit einer Flinte, Lanze, Pulver und Blei bewaffnet. Die Jagd wird in Zukunft Ihre einzige Beschäftigung sein. Benj. (feurig froh) . Jagd und Waffen! des Krieges Bild! Und mindestens ein Traum von Freiheit! Gouv. Sie liefern der Krone jährlich sechs Zobel-, fünfzig Kaninchen-, zwei Fuchs- und zwei Hermelin-Felle. Eine halbe Stunde von der Stadt werden Sie sich Häuser bauen, wozu man Ihnen Zimmergeräth aus dem Magazin wird verabfolgen lassen. Benj. Sie sind sehr gütig, mein Herr. Wer dem Unglücklichen Arbeit gibt, der tröstet ihn. Gouv. Ich werde mit Zeit und Gewohnheit in ein Bündniß treten, Ihres Schicksals rauhe Bahn zu ebnen. Leben Sie wohl. Benj. Ihre Kaiserin ist eine große Frau. Sie machte einen Menschen zum Befehlshaber, gerade da, wo ein Mensch am nothwendigsten war. Ich gehe, meinen Gefährten ein Beispiel zu geben, wie Männer leiden müssen. (Ab mit den Verwiesenen.) Gouv. (ihm nachsehend) . Ein großer Mann! Hettm. Ein großer Schachspieler wollt Ihr sagen. Afan. Ein edler Mann! Hettm. Er spielt rasch, Zug auf Zug. Gouv. Mit welcher Würde er sein Unglück trägt. Hettm. Mein Spiel stand so gut. Afan. Bei so viel edlem Stolz doch so viel feine Lebensart. Hettm. Schach dem König und der Königin! das werd' ich nie vergessen! Gouv. Mit Freuden werd' ich seiner schonen, wo ich kann und darf. Afan. Wie wär' es, lieber Vater, wenn Sie in den rauhen Wintertagen ihm die Jagd erließen, und statt dessen – (sie stockt) Gouv. Was statt dessen? Afan. Schon lange wünschte ich Französisch und Musik zu lernen. Sie haben es auch gewünscht. – Vielleicht – Gouv. Was vielleicht? Afan. Könnte der Graf mir Unterricht ertheilen. – Gouv. Wenn er das versteht. Afan. (freudig) . O gewiß! gewiß! Feodora (bei Seite) . Ei freilich. Gouv. Wir wollen sehen! – Kommt, Gevatter, das Frühstück wartet unser. Hettm. (indem er mit dem Gouverneur abgeht) . Schach dem König und der Königin! es ist zum Rasendwerden! Feodora (ihre Stickerei zusammen packend) . Sollen wir nicht auch zum Frühstück geh'n? Afan. (in sich gekehrt, in Gedanken verloren, nur halb hörend) . Gleich. (Pause.) Feodora. Ihr Herr Vater wird Sie erwarten, den Thee einzuschenken. Afan. Meinst du? (Pause.) Feodora. Es wird auch nöthig sein, Zucker aus dem Schranke zu holen. Afan. (nach einer Pause, wie aus einem Traume auffahrend) . Was sagst du? – ja – nein – du hast Unrecht. Feodora (lachend) . Worin mein Fräulein? Afan. Worin? (Sie versinkt wieder in ihre vorige Träumerei) . Ach! Feodora. Mich hungert. Afan. Dich hungert? Wie kannst du jetzt hungern? Feodora (lachend) . Wovon soll ich denn satt sein? Afan. (antwortet nicht. Sie heftet den Blick auf den Boden, ihre Züge verrathen, was in ihr vorgeht) . Feodora (bei Seite) . Wie verscheuch' ich diese Grillenfängerei? Ein Bedienter (tritt herein) . Seine Excellenz lassen das Fräulein bitten – Afan. (erwachend) . Ach! der Sprachmeister! ich komme gleich. (Sie geht schnell ab.) Feodora. Der Sprachmeister? – ich verstehe! o wahrhaftig! ich verstehe! (Sie folgt ihr.) Dritte Scene. Crustiew. Stepanoff. (Die Bühne verändert sich, und stellt das Dorf der Verwiesenen dar.) Der alte Crustiew (tritt aus seiner Hütte) . Meinen Gruß der rothen Morgensonne an diesem heitern Wintertage! – Hu! es ist kalt. – Der Schnee flimmert und knistert. Der Rauch steigt säulengrade in die Luft. Die Hunde dampfen. Kleine Eiszapfen hangen am Pelzkragen, wo der Hauch des Mundes ihn berührte. – O mein Herz! warum nur du immer heiß und glühend! Alter Thor! Dein Haar ist weiß wie der Reif, der diese Fichten deckt, und doch tobt unter dem Schnee eine Flamme gleich dem Vulkan bei Kolitowa. – Ja Freiheit! Freiheit! du bist wie das Brot jedem Stande und jedem Alter Bedürfniß. Brot ist des Körpers Nahrung, und Freiheit Seelenspeise. – Ach! eine einzige strafbare Unbesonnenheit büße ich schon durch drei und zwanzigjährige Verbannung! (Er fällt in schwärmende Verzückung.) Weib und Kind? wie lebt ihr? wie geht es euch? hast du auch schon Falten auf der Stirn, meine Elisabeth? hat der Gram um deinen Paul dir die Wange so gebleicht? streckt deine Hand sich aus, sein kränkliches Alter zu pflegen? gib, gib die liebe Hand! welch' irdisch Leiden mildert nicht ein gutes Weib! – Auch du, mein guter Alexander – ei wie bist du groß geworden! du lagst noch in der Wiege, als ich den letzten Kuß auf deinen zahnlosen Mund drückte, und mit meiner Kette das Kreuz auf Stirn und Brust dir zeichnete. – Da sitzt ihr nun beisammen, und Alexander spricht: erzähle mir, Mutter, wie sah der Vater aus? und die Mutter läßt eine Thräne auf ihr Nähzeug fallen, mein Bild schwimmt in der Thräne. – Da feiert sie mit Wehmuth unsern Hochzeitstag; da bittet sie die Rückerinnerung zu Gaste und ungebeten stellt sich auch der Kummer ein. (In Thränen der Wehmuth ausbrechend.) O nur eine Minute von den wenigen, die ich noch zu leben habe, laß Gott in ihrem Arme mich fühlen, daß noch ein Mensch mit Liebe an mir hängt? – Step. (tritt mit der Flinte, einem Fuchs und ein paar Kaninchen auf dem Rücken auf) . Guten Tag, Alter! heute wird die Sonne zu einem Eis-Meer gerinnen. Da steht sie am Firmament als ob ein Pfuscher von Maler sie hingepinselt hätte, so ohne Kraft und Wärme. Crust. Doch warst du schon früh heraus? Step. Einen Fuchs und zwei Kaninchen hab' ich erschossen. Eine Stunde später wären sie erfroren. Da fühl' einmal, hart und steif wie Knochen. Kaum geblutet haben sie; ein wenig rothes Eis trat aus der Wunde. Crust. Warst du in der Stadt? Step. Gestern Abend. Es ist ein neuer Transport Verwiesener angekommen. Crust. (rasch) . Wirklich? – Pfui, da ertappe ich mich auf einer häßlichen Empfindung. Step. Schwärmst du wieder? Crust. Soll ich fremdes Elend wünschen, weil ich elend bin? Step. Warum nicht? Neue Unglücksgefährten. Es gibt doch eine Art von Trost, wenn man hört, wie sie winseln über Dinge, welche die Gewohnheit uns schon erträglich machte. Crust. Sind ihrer viele? Step. Etliche zwanzig. Es soll einer unter ihnen sein, ein vornehmer Pole, tapfer, unternehmend, keck in Gefahren, der ist mein Mann! Crust. Was brütest du? Step. Ich brüte über euren Muth – über Windeiern. – Ist das ein Leben! Himmel und Hölle! Frage mich, ob ich lieber der Jäger sein mag, oder der gejagte Fuchs? ich weiß dir nicht zu antworten. Ich beneide den Fuchs, weil er sich ängstigt, weil er horcht und flieht, stiehlt und genießt. Mir sagt kein abwechselndes Gefühl, daß ich lebe. Crust. Muth ohne Kraft ist ein Kind, das Soldaten spielt. Step. Muth ohne Kraft ist ein Unding. Muth ist nie ohne Kraft. Kurz, ich will nicht länger dulden. Crust. Wir alle wollen nicht, aber wir müssen. Step. Wählt mich zu eurem Oberhaupt; den Fremdling mache ich zu meinem Unterbefehlshaber. In wenig Tagen sind wir frei. Crust. (den Kopf schüttelnd) . Dich, Stepanoff? – Vermähle deine Tapferkeit mit fremder Klugheit und Erfahrung, dann mag es geh'n. Step. Ei, wie weise! daß doch die Alten uns so gern überreden möchten, die Welt müsse untergeh'n ohne ihre Weisheit. Der Greis will immer helles Licht, er schreitet langsam und gemächlich. Der Jüngling bedarf nur eines Blitzes, er sieht und greift. Crust. Seit wann hat dieser Taumel dich ergriffen ? Noch vor wenig Monden hab' ich dich lachen hören, wenn andere murrten. Step. Und jetzt knirsche ich, wenn andere nur murren. Crust. Woher die plötzliche Verwandlung? Step. Höre Alter, und begreife, wenn du kannst. Sich am Ofen oder an der Sonne wärmen; sich von Pferden oder Hunden ziehen lassen; Sterlet oder gedörrten Fisch speisen; das galt nur gleich. Es gilt mir auch noch gleich, wenn das Weib, das ich liebe, mit mir theilen will. Crust. Du liebst? Step. Nun ja, ist das ein Wunder? Crust. Und wirst geliebt? Step. Wer frägt darnach? Weiberherzen muß man nicht lange feilschen. Stelle dich, als sei dir an der Ware nichts gelegen, so bekommst du sie wohlfeil. Crust. Wer ist deine Geliebte? Step. Afanasja. Crust. Des Gouverneurs Tochter? Step. Was fährst du auf? Crust. Bist du toll! Step. Ha! ha! ha! ist denn des Gouverneurs Tochter weniger Mädchen? Crust. Du hast Recht, ich hätte nicht erstaunen, ich hätte lachen sollen. Ein Gefangener, ein Verwiesener, verbannt aus jeder Gesellschaft; der nicht einmal sein Taschenmesser sein nennen darf; der die Festung, welche sie bewohnt, nur dann betritt, wenn er zur Frohn dort arbeiten muß – Step. Eben das macht mich hartnäckig. Ich liebe – ich rase! das Mädchen geht an mir vorüber, ihr seidenes Kleid rauscht an mir hin, sie sieht mich kaum; oder wenn sie mich sieht, so ist nur Mitleid in ihren Blicken. Nicht einmal am ersten Ostertage, wenn jeder Russe auf jeden Russen zugeh'n, und ihn küssen darf, indem er spricht: Christus ist auferstanden! nicht einmal dann darf ich mich ihr nähern. Aber es soll anders werden! ich will dürfen, was ich kann! Crust. Stepanoff! du hast dich heute früh betrunken. Step. Ha! ha! ha! dem Greise ist Manneskraft ein Branntweinrausch. Jede große That dünkt den Alltagsseelen Wahnwitz; ist sie aber gelungen, dann stempeln sie mit ihrer Bewunderung den Thäter zum Helden. Gurcinin (tritt hastig auf) . Es sind neue Verwiesene angekommen, sie nähern sich bereits dem Dorfe. Step. Dank dem heiligen Georg! so erfährt man doch endlich einmal, wie es in der Welt aussieht; ob die Menschen noch immer Narren sind, und welche Art von Narrheit jetzt die herrschende ist. Crust. Geh', Wasili, besorge, daß ein frisches Faß angezapft werde, decke den Tisch, setze Flaschen und Gläser darauf, Caviar und Cedernüße. Vielleicht sind sie hungrig, und es gelingt uns, ihren Kummer um die erste Viertelstunde zu betrügen. Gurc. (geht in Crustiews Hütte) . Step. Ein herrlicher Kerl, der Wasili! Es gibt Beschäftigungen in der Welt, die den Menschen auf seine Lebenszeit in eine gewisse Form kneten, wie ein Stück Papier, das man so oder so gefalzt hat, der Bruch geht nie wieder heraus. Sieht man nicht auf den ersten Blick, daß er einst Kammerjunker war? Er meldet die Kommenden, er geleitet die Gehenden, er trägt sich mit Neuigkeiten, er weiß eine Tafel zu ordnen, er ist faul wie ein satter Schooßhund, und in seinem Kopfe sieht es aus, wie in einem Weiberstrickbeutel. Crust. Doch gleicht er dir in einem Stücke: seine Zunge ist scharf wie die deinige. Step. Ist doch nur eine Katzenzunge, kann wohl die Haut weglecken, aber nicht stechen. Crust. Da kommen die Fremdlinge. Vierte Scene. Die Vorigen. Benjowsky und die Verwiesenen. (Benjowski und die Verwiesenen treten auf. Neubegier und Freude locken zugleich die ältern Bewohner des Dorfes aus ihren Hütten. Sie sammeln sich um die Ankömmlinge.) Crust. Willkommen unter uns, ihr Gefährten des Elends! Step. Unser Willkommen ist ein Gruß der Verdammten in der Hölle, wenn der Teufel neue Seelen bringt. Benj. Getheilte Leiden sind nur halbe Leiden. Ich grüße euch alle brüderlich. Crust. Gebt mir die Hand, Fremdling. (Er schüttelt sie.) Ich sehe da noch Spuren jüngst getragener Fesseln. So roth war einst auch meine Hand über dem Knöchel, aber dreiundzwanzig Jahre verwischen Gutes und Böses. Benj. Wie? schon dreiundzwanzig Jahre bewohnt ihr diese Küste? und ihr lebt noch? Crust. Ich hoffe noch. Benj. So ist denn Hoffnung der einzige Schatz, der mit dem Unglück wächst. Crust. Ein Nothpfennig, den man gern mittheilt und doch nie aufzehrt. Step. Was ist Hoffnung ohne Muth? ein schwindsüchtiger Läufer. Benj. Für Muth bürgt Elend. Step. Nicht immer. Nur Verzweiflung gibt Muth, Elend erschlafft. Crust. Kein unzeitiges Geschwätz. Ihr bedürft Erquickung. Wir haben ein Frühstück zubereitet, und wollen Euch bewirthen, mit schlechter Kost, doch willigem Herzen. Benj. Sagt mir, wo werden wir wohnen? wo sollen wir unsere Hütten bauen? Crust. Die rauhe Jahreszeit verstattet nicht, den Bau jetzt anzufangen. Euch stehen unsere Hütten offen. Wir wollen uns behelfen bis zum Frühjahr. Geh', Wasili, hole mir die Zettel, auf welchen uns're Namen stehen, daß ich sie in meine Mütze werfe, und jeder Fremdling seinen Hausgenossen durch das Loos erkiese. Wasili (geht ab) . Benj. (verstohlen zu Crustiew) . Laßt, guter Alter, bei Euch mich wohnen. Crust. (eben so) . Schon gut. (Laut.) Jetzt sagt mir, ist keiner unter euch, der die verlassene Gattin des alten Crustiew in Nowogrod kennt? (Aengstlich umherschauend.) Keiner? Erster Verw. (tritt vor) . Ich kenne sie. Crust. (ihn sehr bewegt in seine Arme schließend) . Ach, mein Freund! Sie lebt? Erster Verw. Sie lebt. Crust. Wie lebt sie? Erster Verw. Still und eingezogen. Ich sah sie kürzlich noch am Fest der Wasserweihe. Crust. Und mein Sohn Alexander? Erster Verw. Er ist Soldat und hat sich brav gehalten. Crust. Gott! vielleicht zum ersten Male steigt der Dank eines glücklichen Menschen von Kamtschatkas Ufern zu dir empor! – Mein Freund, für diese frohe Botschaft werde dir, was nur ein Gott verleihen kann: Trost und Freude in der Sklaverei. Gurc. (kömmt zurück). Hier sind die Loose. Crust. (schüttelt sie in seine Mütze, und sucht unvermerkt eines heraus, welches er Benjowsky heimlich zusteckt). Stellt Euch, als habt Ihr dieses ergriffen. (Laut.) Jetzt ziehe ein Jeder den Namen seines künftigen Gefährten. Step. In dieser Lotterie fallen verdammt wenig Gewinnste. Die Hütten sind Nester und die Bewohner Raben. Benj. (greift zum Schein in die Mütze, öffnet seinen Zettel und liest). Crustiew! Crust. Seid mir willkommen! frohe Rückerinnerungen wollen wir theilen, Wünsche und Hoffnungen gegen einander austauschen. Benj. Ich darf versprechen, daß Ihr bei dem Austausch nicht verlieren werdet. Erster Verw. (zieht und liest). Stepanoff! Step. Kannst du lachen, wenn du die Kolik hast, so sei mir willkommen. Zweiter Verw. (zieht). Gurcinin! Step. Der wird dir erzählen, wie man zu den Zeiten der Kaiserin Elisabeth polnisch tanzte. Dritter Verw. (zieht). Alexey. Step. Der war einst Protopop, er wird dich beten lehren. Vierter Verw. (zieht). Batturin! Step. O, der kann dir noch die Zwergenhochzeit unter Peter dem Ersten beschreiben. Fünfter Verw. (zieht). Heraklius Zadskoy! Step. Der trinkt dich unter den Tisch, hättest du auch dein Lebenlang den Lieferanten den Kronsbranntwein nachgemessen. Sechster Verw. (zieht). Andre Biatzinin! Step. Der versteht Vögel abzurichten, und fängt die Hasen mit Schlingen. Siebenter Verw. (zieht). Grigori Lobtschoff! Step. Der zählt, wie viel Haare auf dem Rücken eines Zobels wachsen; und wie viel Eier eine Ameise legt. Crust. Das wäre jetzt in Richtigkeit gebracht. Nun zum Frühstück! damit beim vollen Becher die junge Freundschaft schnell heranwachse. Benj. Wachsthum gebe ihr der volle Becher, aber Festigkeit und Dauer unser Unglück. (Alle ab in Crustiews Hütte) . Zweiter Act. Erste Scene. Benjowsky, dann Crustiew. (Ein armseliges Gemach in Crustiews Hause.) Benjowsky (sitzt am Fenster und stützt den Kopf in die Hand). Endlich wird es Tag. Endlich wirft die Sonne einen Blick auf Kamtschatka, wie man einem Bettler ein Almosen zuwirft, daß er weder leben noch sterben kann. – Wo seid ihr, bunte Seifenblasen meiner Jugend! – ich bin verlassen – allein! – Keine Stimme flüstert an meinem Krankenlager: »St, er schläft!« keine Thräne verkündet einst an meinem Grabe: »ach! er ist todt!« Niemand haßt mich, Niemand liebt mich – und ich lebe noch! – Messer und Lanze, Säbel und Geschoß ließ man dir, und du lebst noch? – Auf! und zerbrich deine Fesseln! zersprenge deinen Kerker! meine Seele ist frei! mein Ich trug nimmer Ketten – Ach! da erschien des Kerkermeisters Tochter, die mit jedem Gefangenen buhlt, die Hoffnung . Der Dolch sinkt aus der Hand, und er in ihre Arme. – (Pause.) Thor am Gängelbande! Hoffnung ist nur eine Puppe, mit der die großen Kinder spielen bis in's Grab; damit sie nicht weinen über ihr Elend – Fort mit dir! mich täuschest du nicht, ich bin ein Mann! – Welcher Macht ist mein Geist unterthan? wer ist meines Lebens Herr, als Gott – und ich! (Er erblickt ein Messer, welches auf dem Tische liegt. Starr und fürchterlich heftet er sein Auge darauf. Plötzlich streckt er die Hand aus und ergreift es. Zweifelhaft hebt er den Arm sich zu durchbohren, Er blickt wechselweise auf das Messer, dann gen Himmel. Die Hand sinkt langsam auf seine Knie, indem er so den andern Arm über die Lehne des Stuhls, und den Kopf darauf wirft, entfällt ein Miniatur-Portrait, in Brillanten gefaßt, seinem Haar. Erschrocken fährt er in die Höhe, rafft es auf, starrt es an. Nach und nach glänzt Wehmuth in seinen Augen, er ruft:) Emilie! mein Weib! (und wirft das Messer weit von sich.) Dich hab' ich gerettet! Dich haben die Raubsüchtigen mir nicht entrissen. In meinem Haar hab' ich dich verborgen – und in meinem Herzen. – Emilie! der Erdball liegt zwischen uns, aber Gott und die Liebe kennen weder Raum noch Zeit! Ich will leben für dich! Leben und wirken, kämpfen und wagen! Dies Gemälde sei mein Schild, mein Talismann, der Zauber, der mich schützt. Wo treue Liebe ein Herz bewohnt, da ist die Furcht ein Fremdling, und das Verbrechen ein verstoßener Knecht. Milde Hoffnung! kehre zurück und geselle dich zu der Liebe, deiner Schwester. Trenne nie dich wieder, schön verschwistertes Paar! Mich liebt Emilie, meine Gattin! gleich viel, ob Zimmer oder Welttheil uns trennen. Sie betet in dieser Morgenstunde für meine Rettung, und ein Säugling lallt den Vaternamen auf ihrem Arm. Lebe, Benjowsky, lebe! dein Leben gehört ihr und ihm! – Crust. (tritt auf) . Benj. (verbirgt schnell das Gemälde.) Crust. Guten Morgen, Freund und Bruder! (Sie reichen sich die Hände). Ich frage nicht, wie du geschlafen hast. Uns schied nur eine Bretterwand; du gingst die lange Nacht umher und seufztest; ich lag und seufzte mit. Benj. Vergib mir, guter Alter! Zeit und Gewohnheit sollen bald die große Kunst mich lehren, meine Ruhe zu vermissen, und die deinige zu schonen. Crust. Schlaf ist nicht immer Ruhe, und wehe dem Armen, dem Schlaf die einzige Ruhe ist. – Da entfielen gestern dir zwei Worte, von Möglichkeit der Rettung, von Hoffnung besserer Zukunft, gleich fing das alte Herz den Funken, und loderte in Flammen auf. Benj. Eine Flamme ohne Nahrung. Ernst. Wie? sie wird nie verlöschen – (heimlich feierlich,) Seit dreiundzwanzig Jahren trage ich den großen Entwurf mit mir herum. Er reifte langsam wie das Gold im Schoße der Gebirge. Manches hab' ich vorbereitet, viel ist gethan, viel bleibt zu thun noch übrig. Zwanzig Männer schwuren mir. Mit großen Kräften ist mein Haufe ausgerüstet. Verwegenheit – Verstand – Erfahrung – Muth – Verzweiflung! Nur Eines fehlte noch. Der Oberherrschaft echten Geist fand ich in Keinem. Diesen kitzelte die Ruhmgier; jener pochte noch in Fesseln auf Geburt und Rang; dieser hatte keinen Sinn für das geordnete planmäßige Ganze; jener wollte morgen nach dem Zwecke ringen, und übermorgen an die Mittel denken; kurz, jeder füllte seine Stelle so gut als übel aus, doch jedem mangelte der Stempel eines wahrhaft großen Geistes. Räder überall, nirgends eine Feder. Benj. Du selbst – Ernst. Ich kenne mich. Der Knabe kann ein rascher Jüngling werden, der Greis wird nie ein Mann. Gib mir Zeit, ein Ding von allen Seiten zu beschauen, so ist mein Muth oft der Erfahrung gleich. Wo aber plötzliche Gefahren wie Blitze vor mir in den Boden schlagen, wo Jahre an Minuten hängen, so oder so – da schwindelt mir, da bin ich unentschlossen, da taugt mein Alter nicht. Benj. Gesetzt, du fändest einen Mann, wie deine Phantasie ihn heischt; was soll ihm jener Haufe niedriger Verbrecher? Tollkühn ohne Muth, furchtlos ohne Seelengröße, ein Rausch ohne Dauer! wer bürgt für ihre Treue? Crust. Ich – und ihr Elend. Soll ich das letztere dir, sammt deiner eigenen Zukunft, schildern? – (Mit steigendem Feuer) Glaube mir, nicht alle sind Verbrecher. Ein übereiltes Wort hat manchem schon dies Grab geöffnet. Elend ist der Schuldige, elender noch der Arme, dem eine Unbesonnenheit die schweren Fesseln reichte. Von Schmerz und Reue gebeugt, betritt er diese unwirthbaren Ufer, ihn heißt der Mangel willkommen. Gesichter, auf welche die gerechte Strafe – oft auch Natur – das Zeichen des Verbrechers stempelte, grinsen ihm entgegen; er sucht vergebens einen Freund. Das Bild der Liebe, von welchem er auf ewig schied – Sehnsucht und Rückerinnerung dem Hoffenden ein Labsal, dem Hoffnungslosen eine Marter. Fleiß und Arbeit schaffen nur seinem Elend eine längere Dauer. Er darf kein Eigenthum besitzen, ihn plündert jeder ungestraft. Duldend muß er Uebermuth ertragen, und reizt ein Frevel zur Vergeltung ihn, so leidet er den Hungertod. So verordnen die Gesetze Peter des Großen. Verbannt aus jeder ehrlichen Gesellschaft, gleich der Indier verworfenen Caste – Frohndienst und niedrige Gewerbe – gedörrter Fisch und eine Sklavenpeitsche – ach welch' ein Jammerbild! – Gesundheit bringt ihm keine Freude, dem Kranken mangelt jeder Trost, der Sterbende ist von der Welt verlassen, ehe er die Welt verließ. In öder Stille verhallt sein letzter Seufzer, unabgetrocknet bleibt der Todesschweiß auf seiner kalten Stirn. Tage und Wochen kriechen vorüber, man wird es nicht einmal gewahr, daß der Opfer Zahl sich verminderte. Die Verwesung nur trotzt seinen Tirannen die letzte Gnade ab– in den Schnee verscharrt zu werden. – Benj. Halt ein, du langsam Mordender! Hinweg mit deinem Gifte! Leih' mir einen Dolch! Crust. Schon mancher senkte in Verzweiflung das Messer tief in seine eigene Brust, und seine Henker lächelten. Noch Keiner gab der kühnen Hoffnung Raum, nicht durch Barmherzigkeit des Todes oder Fürstengnade, nein, durch Klugheit, Muth, vereinte Kraft, Erlösung zu erringen. Dir war es vorbehalten – Graf Benjowsky – Magnat von Ungarn – Gatte – Vater – Held! – Benj. (feurig) . Hier bin ich! rede! was willst du mit mir? Crust. Nur Worte hat der Greis, der Mann ist reich an Thaten. Benj. Genug des Oels in diese Glut! Sprich! was soll, was kann ich thun? Crust. Dich und uns befreien. Benj. Hier ist mein Arm, leih' mir deinen Kopf. Crust. Zu herrschen formte die Natur den deinigen. Nicht meiner Klugheit, meiner Vorsicht nur bedarfst du. Sie soll dir in Gefahren treu zur Seite wandeln. Benj. Aber wie? ich tappe noch im Finstern. Gewalt der Menschen hat mit der allgewaltigen Natur sich gegen uns verbunden. Auf dieser Seite trennen wüste Steppen, grenzenlose Schneegefilde, auf jener ungebahnte Meere uns von der bewohnten Welt. Ohne Schiffe, ohne Wegweiser, ohne Waffen, ohne Brot, heute gegen Menschen, morgen gegen Hunger kämpfend, heute frei und morgen todt – Crust. Tod und frei – wohlan! und wär' es auch – Benj. Recht, Alter! rede weiter. Crust. Wir spielen großes Spiel; gewinnen läßt sich viel, verlieren nur das Leben. Benj. Wohlan! laß in das Innere deines großen Entwurfs mich blicken. Crust. (schließt einen kleinen Schrank auf, nimmt ein Buch heraus und reicht es Benjowsky). Benj. (schlägt es auf und liest). Ansons Reise um die Welt. Was soll das? Crust. Du hast den Namen eines Freundes ausgesprochen. – Bei meiner Ankunft wandten die Barbaren mir alle Taschen um, mein Bischen Geld ward ihrer Raubsucht Beute, nebst andern Kleinigkeiten. Ich zitterte – man lachte höhnisch – die Thoren wußten nicht, ich zitterte für meine Bücher. Drei Freunde haben brüderlich in die Verbannung mich begleitet: Anson, Phädon und Plutarch ; dem zweiten dank' ich meinen Glauben an Gott und eine bessere Zukunft, der dritte malte mir die Helden Griechenlands, er lehrte mich der Menschheit Kraft und Würde kennen – und hoffen – ach Benjowsky! (Auf das Buch deutend.) Hoffen lehrte mich Lord Anson. Benj. Er? wie das? Crust. (heimlich, vertraut, mit Jünglings-Feuer). Fliehen! Fliehen! nach den marianischen Inseln! Die Möglichkeit hat dieser Seemann mir erwiesen! Die Insel Tinian – ein Paradies auf Erden! Frei! frei! ein milder Himmel! eine neue Sonne! harmlose Bewohner, gesunde Früchte – und Freiheit! Ruhe! – Ach Benjowsky! rette dich und uns! Benj. Mit staunendem Entzücken seh' ich an deinem Riesengeist hinauf. – Schlag' ein! ich will! – Mit diesem Handschlag weih' ich dir mein Leben. Tod oder Freiheit löse dieses Band. Umarme mich! fest, brüderlich, wie Elend und Verzweiflung sich umarmen. Crust. Nicht also, du bist unser Herr! (Er kniet nieder.) Ich schwöre dir den Eid der Treue und Unterwürfigkeit! Benj. (auf ihn herabsinkend). Vergelten will ich dies Vertrauen, siegen oder fallen. Doch soll bei meinem Fall Kamtschatkas Boden zittern! Crust. Genug! die Brüder unsers Bundes harren auf das Zeichen. (Er geht an die Thür und zieht einigemal an einem von der Decke herabhängenden Stricke, worauf man eine Glocke läuten hört.) Benj. Was thust du? Crust. Tritt an's Fenster und sieh! von allen Seiten strömen sie herbei. Benj. (hinausschauend) . Willkommner Anblick! So sieht der Arme, dessen Schiff an einer Klippe hängt, der Rettung vom nahen Ufer entgegen. Zweite Scene. (Eine große Anzahl Verwiesener tritt auf, unter ihnen auch Stepanoff. Man grüßt sich wechselseitig, man schüttelt sich die Hände. Die Versammlung bildet einen halben Cirkel, in dessen Mitte Crustiew und Benjowsky .) Crust. Freunde! Brüder! Seit Jahren wähltet ihr mein reiferes Alter zum Führer auf dem Jammerpfade, wo Dornen ohne Rosen wachsen. Ihr war't zufrieden mit dem alten Crustiew, nur kalt und langsam, schüchtern und bedachtlich schaltet ihr ihn zuweilen, wenn eure rasche Ungeduld in die Kette biß, eure brausenden Köpfe gegen feste Mauern rannten, und ich euch nachrief: Halt, ihr macht euer Uebel schlimmer! Meint ihr, ich hatte dieser Fesseln Schwere minder gefühlt? meiner Seufzer, meiner Flüche Zahl sei geringer? meiner Thränen weniger? – Ich habe so wie ihr gelechzt nach Freiheit und Erlösung! Auf Brüder! die Stunde ist gekommen! Ich entsage feierlich jedem Vorrecht, das eure Wahl mir anvertraute. An unserer Spitze steht ein Held! (Auf Benjowsky zeigend,) Ein edler Ungar, unter Polens Fahnen zu Kampf und Sieg gewöhnt. Sein Arm wird das Panier der Freiheit schwingen! Seiner Thaten Ruf wird vor ihm hergeh'n! – er will – und er vermag! vor seinem Namen zittern uns're Henker! und Tirannen fliehen vor seinem Schwerte. (Dumpfes Gemurmel unter der Versammlung.) Rede! Graf Benjowsky. (Stille.) Benj. Reden? – Schwertgeklirr sei unsere Sprache! der Schwur der Treue unser Morgengruß! der Freiheit Jauchzen unser Abendsegen! Stärker sind des Unglücks Bande als Sklavenfesseln! stärker ist Verzweiflung als Todesfurcht! – Ihr kennt mich nicht, ich kenne euch nicht; aber wir sind elend, wir sind Brüder. Ist einer unter euch, der williger sein Blut für euch verspritzen möchte, der trete auf, ich huldige ihm. Mein Ehrgeiz heischt keinen Vorzug! Ach, an eurer Spitze nur, laßt mich die steile Höh' erklimmen, wo der Freiheit Palme blüht, unbekümmert ob ein Felsenstück herabrollt, mich zerschmettert. Wer unter euch mich wanken sieht, der stoße das Schwert der Rache mir in die Brust. Mit euch siegen oder sterben, das ist mein fester Entschluß, so wahr mir Gott helfe! (Frohes Gemurmel der Verschwornen.) Crust. Wohlan! wer denkt wie ich, der entblöße sein Haupt und streckt die Hand empor. (Alle thun es, außer Stepanoff.) Du allein, Stepanoff? Step. Ich allein. Meinst du, deine glatte Zunge sei ein Draht, der uns alle wie die Puppen ziehe? O ich kenne die Gewalt, welche Redekunst über Herzen gibt. Ihr habt geredet, auch ich will reden. Crust. Rede. Step. Brüder, ist das Recht? Ich, euer Landsmann, stehe hier gegen einen Fremdling, einen Ketzer. Seine Thaten will ich nicht bezweifeln, er ist tapfer, ich bin es auch. Von seinem Muth habt ihr gehört, von dem meinigen wart ihr Zeuge. Die Polen mußten einen Ungar holen und ihn an ihre Spitze stellen; wir sind Russen. Er will sein Blut für euch verspritzen, ich auch. Ist Sklavenblut auch wohl der Rede werth? Er wird euch seine Thaten für ein Verdienst anrechnen, die meinigen sind ein Geschenk der Bruderliebe. Ich werde morgen mit euch fechten, wie ich gestern mit euch schmauste. Wohlan, entscheidet. (Gemurmel. Viele setzen ihre Mützen wieder auf.) Crust. (will reden). Benj. (ihm in's Wort fallend) . Halt! Einigkeit sei uns're Stütze; wenig vermag der Mensch, viel vermögen Menschen, unbrauchbar wird die Kette, wenn auch nur Ein Glied sich von dem andern trennt. Hier ist die Frage: was soll geschehen? und nicht: wer soll der Erste sein? Nach Freiheit dürsten wir, gleichviel wer uns den Becher reicht, er oder ich. Stepanoff, du bist ein Mann. Reich' mir die Hand. Kein Groll, kein Neid soll diesen Bund entweihen. Unserer Brüder Wille ist ein Gesetz, dem ich mich willig unterwerfe. Step. Genug geschwatzt, wie lange wollt ihr zaudern? (Verwirrtes Rufen.) Crustiew, der alte Crustiew soll entscheiden! Crust. (winkt mit der Hand. (Es wird stille) . Stepanoff ist tapfer wie der Blitz, der zickzack aus den Wolken fährt, den Frommen wie den Bösen trifft. (Zu Stepanoff.) Runzle nicht die Stirn, zieh' die Augenbraunen nicht zusammen. Hier gilt es uns're Freiheit, hier muß ich Wahrheit reden. – Brüder! die Perser jagten Elephanten vor sich her, das feindliche Heer in Unordnung zu bringen; doch nimmer war ein Elephant ihr Heerführer, versteht ihr mich? Alle. Benjowsky! Graf Benjowsky! wir wählen ihn! Step. Es sei! der Elephant ist abgerichtet, seine Knie zu beugen. Crust. (niederkniend). Wir schwören dir – Alle (knien nieder, und heben die rechte Hand auf) . Wir schwören! Crust. Unerschütterliche Treue, Gehorsam unbedingt, des großen Entwurfs Gelingen sei uns're Kraft geweiht, im Nothfall unser Leben. Tiefes Schweigen fess'le uns're Zunge. Der Eidbrüchige ist des Todes schuldig! und keiner weigere sich, gerechte Rache zu vollstrecken, müßte er auch das Schwert in seines eigenen Bruders Brust stoßen. Alle. So schwören wir! Crust. Wenn durch Schicksal oder durch Verrätherei Einer unter uns im Kerker schmachten sollte, so entreiße keine Marter ihm das Geständniß; eher beiße er die Zunge sich ab, und speie sie dem Henker in's Antlitz. Gift oder Dolch betrüge die Tirannen um ihre Beute, und sein Grab sei auch das Grab unsers Geheimnisses. Alle. So schwören wir! Crust. Es ist vollbracht. Alle (stehen auf) . Benj. (kniet nieder und reicht Crustiew beide Hände) , Aus deiner Hand empfange ich euern Schwur, in deine Hand leg' ich den meinigen. Crust. Im Namen Gottes! (Feierliches Schweigen.) Brüder! in der Stunde der Mitternacht versammelt euch in der Kapelle, diesen feierlichen Bund am Altare zu besiegeln. Der Thürhüter (hastig) . Eine Ordonnanz des Gouverneurs betritt so eben das Haus. Crust. (ängstlich) . Uns're zahlreiche Versammlung wird Verdacht erwecken. Benj. Singt, Brüder, singt! das erste beste Lied. (Eine Stimme fängt an, die andern fallen sogleich ein, Nach der Melodie eines bekannten russischen Volksliedes. Lustig! lustig! wack're Brüder! Träumt euch froh und frei! Und vergeßt bei'm Klang der Lieder Eure Sklaverei. Ordonnanz (tritt herein) . Holla! hier geht es lustig her. Crust. Willkommen! Willst du mit singen? Ordonn. Ich habe keine Zeit. Welcher unter euch ist Graf Benjowsky? Benj. Ich. Ordonn. Der Gouverneur erwartet Euch. Benj. Ich komme. Ordonn. Gott befohlen. (Er geht.) Benj. Ein Jeder gehe nach wie vor an sein Geschäft. Kein Zug, kein Wort verrathe etwas Ungewöhnliches. Gehet einzeln. Sammelt nicht in kleinen Haufen euch auf den Straßen. Steckt die Köpfe nicht zusammen. Seid ihr allein, so starrt nicht gerade vor euch hin, als ob ihr wichtige Dinge brütetet. Laßt weder Murren noch Trotz, weder Klage noch Hoffnung euch entwischen. – Lebt wohl! gedenket eures Schwures, den Meinigen hat Gott gehört. (Ab.) Alle (schwatzen mit einander) . Ein tapfrer Mann! ein Held! er wird uns retten. Nur Vorsicht und Verschwiegenheit. Fort auf die Jagd, fort auf die Jagd! (Alle ab, außer Crustiew und Stepanoff.) Cruft. (ihnen nachrufend) . Um Mitternacht sehen wir uns wieder. Dritte Scene. Stepanoff. Crustiew. Step. (bleibt mit verschränkten Armen in einem Winkel stehen, und sieht finster vor sich nieder). Crust. (der ihn mißtrauisch schweigend beobachtet) . Stepanoff! Step. (auffahrend) . Aha! bist du noch hier? Crust. Du scheinst in diesem Augenblicke nicht hier zu sein. Step. Ich? – Doch! ich scheine nicht immer was ich bin – aber bei Gott! ich bin immer was ich sein soll! Crust. Was hast du, wilder Mensch? Step. Sprich wildes Thier . Du bist ein kluger, alter Mann, gelehrt, belesen. Du kennst die Welt vom Wurme bis zum Elephanten, doch dem Gedächtniß taugt nicht viel. Eines hast du vergessen. Crust. Das wäre? Step. Wenn die Elephanten wüthend wurden, kehrten sie nicht selten sich gegen ihr eigenes Heer, und die Folge war – Verwüstung – Tod! – (Er geht schnell ab.) Crust. (ihm lange nachsehend, dann bedächtig den Kopf schüttelnd) . Da nagt ein Wurm an uns'rer Freiheit Blüte. (Er geht ab.) Vierte Scene. Afanasja. Feodora. (Afanasjas Zimmer, ein Buch und ein Schachbret auf dem Tische.) Afanasja. Mein Vater hat geschickt? Feodora. Lange schon. Afan. Und er ist noch nicht hier? Feod. Mein Gott! wenn er auch Alles kann, so kann er doch nicht fliegen. Afan. (unruhig auf- und niedergehend). Sonderbar! ich weiß nicht was ich will. – Es ist noch früh, nicht wahr, Feodora? Feod. Bald Mittag. Afan. (vor den Spiegel tretend). Ich bin noch nicht gekleidet. Feod. Hab' ich Sie nicht oft genug daran erinnert? Sie vergessen heute Alles. Afan. Alles? – ich denke an Alles ! Feod. Ja, so wie heute früh, als Sie statt der Milch Kaffee in den Thee gossen, und tranken, ohne den Mund zu verziehen. Afan. (vor dem Spiegel). Mein Haar ist in Unordnung. Feod. Sie haben nicht geschlafen, sich die ganze Nacht herumgeworfen. Afan. Wen hat mein Vater geschickt? Feod. Den Corporal Iwan. Afan. Die alte Schnecke. Feod. (durch's Fenster blickend). Da kommt er schon. Afan. (sich rasch umdrehend). Wer? Feod. (lächelnd) . Ein Mann, ein Halbgott! was weiß ich. Afan. (welche selbst an das Fenster eilt) . Er sieht nicht herauf. Feod. Sie sollten nicht herunter seh'n. Afan. Weißt du, wie mir zu Muthe ist? Feod. So ungefähr. Afan. Als ob wir uns schon lange kennten, als ob ich ihn rufen müsste. Feod. Fräulein, Fräulein! was soll daraus werden? Afan. Ich habe nie so wenig an die Zukunft gedacht, als eben heute – Feod. Desto schlimmer – Afan. St! ich höre meines Vaters Stimme. Feod. Gute Nacht! Moral und Sentenz! Afan. (wirft sich in einen Sessel, ergreift ein Buch, und stellt sich emsig lesend). Feod. (sie schalkhaft betrachtend). Vortrefflich! die Unbefangenheit in eigner Person. O es ist ein köstliches Ding um ein Weiberherz! in der Tiefe immer Wellen, und oben immer eine glatte Fläche. (Sie schielt Afanasjen über die Achsel, nimmt ihr lächelnd das Buch aus der Hand, dreht es um, und gibt es ihr zurück.) Sie hielten ja das Buch verkehrt! Ha! ha! ha! (Sie läuft in ein Seitenzimmer.) Afan. (allein) . Die Buchstaben hüpfen vor mir herum – (nach der Thür schielend) und mein Herz wallt ihm entgegen. Fünfte Scene. Die Vorigen. Der Gouverneur . Benjowsky . (Der Gouverneur tritt mit Benjowsky herein.) Gouv. Hier ist meine Tochter. Afan. (Wechselseitige Verbeugungen. Die Schauspielerin hüte sich, einen Knix zu machen. Dir russischen Damen grüßen, indem sie sich mit dem halben Leibe vorwärtsbeugen.) Gouv. Ich wiederhole meine Bitte. Die Langeweile, wie man sagt, soll Verliebte schaffen und Gelehrte bilden, je nachdem Kopf oder Herz an Beschäftigung Mangel leiden. Meiner Tochter Herz ist ein väterliches Eigenthum; mit ihrem Kopfe schalten Sie nach Wohlgefallen. Der Garten ist verwildert, aber der Boden gut. Benj. Meine Kenntnisse sind gering, ich war Soldat. Schlachten oder Bänder ordnen; ein Lager abstecken oder Hauben stecken; eine Karte oder ein Muster zeichnen; sind so verschiedene Dinge – Afan. Mein einfaches Morgenkleid widerlegt Ihre Demüthigung, Herr Graf. Benj. Bescheidenheit und Schönheit sind leibliche Schwestern. Afan. Wenn ich erröthen muß, so laufe ich davon. Benj. Eine Drohung, vor der selbst die Wahrheit verstummt. Gouv. Wohlan meine Tochter, wir müssen dankbar sein. Graf Benjowsky wird deinen Verstand bilden, du wirst dagegen seine Fesseln erleichtern. Afan. Mit Freuden ! – Gouv. Er will dich Französisch und die Harfe lehren, du wirst die kleinen Freuden, welche Abgeschiedenheit und Mangel uns vergönnen, schwesterlich mit ihm theilen. Ich spreche Sie frei, Herr Graf, von aller öffentlichen Arbeit. Ihr Unterhalt ist meine Sorge. Benj. Mein Dank – Gouv. Stille! wer von uns gewinnt am meisten? Sie oder ich? – Jetzt lasse ich den Lehrer bei der Schülerin allein, und erwarte ihn nachher auf eine Partie Schach. (Er geht ab.) Afan. (Pause. Verlegenheit, mit niedergeschlagenen Blicken.) Wenn nur die Schülerin dem Lehrer keine Schande macht. Benj. (in Verlegenheit) . Weil sie zu bald ihn übertreffen wird? Afan. Haben Sie auch Geduld? Benj. Welche Frage an einen Sklaven! Afan. Daß doch immer Glück und Unglück sich wechselseitig gründen. Diese Blume welkt; jene nährt sich von dem Staube der verwelkten. Ihr Schicksal, Herr Graf, ist bitter; aber es versüßt das un'srige. Ihre Leiden mildern sei unsere Pflicht – nicht Pflicht, wie komm' ich zu dem trocknen Worte? – sei unsre Freude. Benj. (froh erstaunt) . Gott! ich höre eine Sprache, die meinem Ohre fremd geworden war. Afan. Dieses Land ist freilich rauh und kalt, uns're Blumen riechen nicht, unsre Früchte sind sauer, uns're Menschen wild und roh. – Benj. Ach mein Fräulein! der Mensch ist die einzige Flucht, welche unter keinem Himmelsstriche ausartet. Ueberall gedeiht das Unkraut. Afan. Warum nur Unkraut? Benj. Weil es nicht der Mühe werth ist, von den paar Weizenkörnern zu reden, die darunter wachsen. Afan. Ihre Sprache verräth, daß Sie viel Unglück erduldeten. Benj. Viel? ach ja, ein Unglück kann viel Unglück sein. Ich bin Sklave. Afan. Wir werden Ihre Sklaverei erträglich machen. Benj. (sehr ernst) . Es gibt keine erträgliche Sklaverei, (plötzlich galant) vielleicht die der Liebe ausgenommen. Afan. (munter) . Es gibt keine Sklaverei der Liebe. Benj. Kennt man die Liebe auch in Kamtschatka? Afan. Man lebt ja in Kamtschatka. Benj. Vielleicht ohne Liebe, wie ohne Sonne. Afan. Ei nun, was nicht die Sonnenwärme hervorlockt, das bewirkt die warme Einbildungskraft eines Dichters. Wir lesen, wenn wir können, wir lesen und empfinden. Gäbe es nur mehr gute Bücher in uns'rer Muttersprache. Schon lange war mein Wunsch, Französisch zu lernen. Sie haben meinem Vater versprochen – Benj. Was meine Kräfte vermögen. Afan. Sollen wir den Anfang machen. Benj. Gern, aber ohne Buch – Afan. Nicht aus dem Buche, von Ihnen will ich lernen. Benj. Aber wie, wenn der Lehrer vor seiner Schülerin verstummt. Afan. Weil er kein Buch hat? – Sie sehen mich so an, Herr Graf? In Ihren Augen steht, was ich gerade noch in keinem Buche las. Benj. (verlegen) . Daß doch die Schönen sich so gern an der Verwirrung eines Soldaten ergötzen. Afan. Weil es uns'rer Schwachheit schmeichelt, und unsern Waffen Ehre macht. Weg mit den Possen! Auch ohne Buch wollen wir uns bald helfen. Sie sagen mir Worte vor, und ich lalle sie nach, so gut ich kann. Benj. Worte? Afan. Ich lerne heute ein Dutzend, und morgen ein Dutzend, in Jahr und Tag kann ich Französisch mit Ihnen plaudern. Wie nennt man zum Beispiel das Auge, die Wangen, den Mund, das Herz? Benj. Le Coeur. Afan. Le Coeur - le coeur – seh'n Sie, das weiß ich schon. Le Coeur. – Was heißt denn: das Herz klopft? Benj. Le Coeur palpite. Afan. Le Coeur palpite. O das ist schön! (Die Hand auf's Herz mit einem Seufzer.) Le Coeur palpite. Ich bin eine gelehrige Schülerin, ich fühle, was ich lerne. Benj. (verwirrt) . Fast hatte ich vergessen, daß Ihr Herr Vater mich zum Schachspiel berief. Ich bitte, mich für heute zu beurlauben. Afan. Nicht doch, heißt das die Stunde aushalten? Benj. (bedeutend) . Eine ganze Stunde, mein Fräulein? Afan. Nun ja, bin ich denn so langweilig? Benj. Um Gotteswillen! vergessen Sie nicht, daß ich nur ein armer Verwiesener bin; und lassen Sie auch mich das nie vergessen. Afan. Warum nicht? ich will Sie nicht verweisen. Sie haben gegen die Russen gefochten, was geht das mich an? Sie sind gefangen worden, was geht das mich an? Sie wurden hierher gebracht, das geht mich ein wenig an. Benj. In wie fern, mein Fräulein? welches Amt verwalten Sie hier? Afan. Das schöne Amt, Unglückliche zu trösten. Benj. (gerührt, sein volles Herz erleichternd) . Ich sehe, die Natur war auch hier gerecht. Zwar raubte sie den Fluren ihren Frühlingsschmuck, aber sie vereinigte alle ihre Wohlthaten in einer schönen Seele, Kamtschatka ist keine Wüste. Afan. Freundschaft baut sich, wie die Schwalbe, überall ein Nest. Freude ist kein Schmetterling, der sich nur auf Blumen setzt, und im Winter erstarrt. Freude lebt auch unter dem Nordpol. Benj. Himmel! welche Blume hat diese Sonne entfaltet! Afan. Wollen Sie mich eitel machen? Aber ich weiß schon, wie ich das zu nehmen habe. Auf einer unfruchtbaren Steppe freut man sich auch des Wiesenblümchens. Benj. Was ist Kunst gegen Natur! Afan. Gefällt es Ihnen so? Benj. Darf es mir gefallen? Afan. Sonderbarer Mann! Ihr Auge ist so kühn, und Ihr Mund so furchtsam. Benj. O dann verzeihen Sie des Auges Kühnheit um der Bescheidenheit des Mundes willen! – Ein Wort, das nur noch auf der Zunge schwebt, und ein Stein in der Hand, sind beide so unschädlich; aber das Wort entschlüpft, der Stein ist geworfen, wer kann für die Folgen stehen? – Ihr Herr Vater erwartet mich, – Ich danke Ihnen, mein Fräulein, für die frische Blüte, welche Ihre Hand in den verwelkten Kranz meiner Freude flocht. Ich danke Ihnen, daß ich wieder stolz sein darf, stolz auf Ihre Freundschaft. Das Uebermaß Ihrer Güte verdanke ich nur meinem Unglücke. Wer könnte diese edle Empfindung mißverstehen? wer ihr eine hämische Deutung geben? – Ihnen ist jedes Gefühl geweiht, das in dem Herzen eines Sklaven laut werden darf. (Er grüßt sie ehrerbietig und entfernt sich.) Afan. (sieht ihm lange schweigend nach, dann geht sie unruhig auf und nieder. Dann greift sie nach dem Buche, blättert darin, und wirft es wieder weg. Dann tritt sie gedankenvoll an das Schachbret, und spielt mechanisch mit den Steinen. Dann seufzt sie, legt die Hand auf die Brust, und spricht:) Le Coeur palpite! Dritter Act. (Crustiews Zimmer.) Erste Scene. Crustiew. Stepanoff. Crustiew (allein am Fenster) . Wo bleibt er? – Seine Gegenwart gibt dem Körper Leben, alles keimt und schießt herauf; seine warme Thätigkeit muß es zur Reife bringen. Step. (tritt auf mit Flaschen und Glas in der Hand, nicht völlig nüchtern.) Guten Tag, Alter! laß uns trinken auf das Wohlsein aller plauderhaften Zofen. (Er trinkt.) Crust. Was willst du damit sagen? Step. Viel oder wenig, nach Gefallen. Ich habe eine köstliche Entdeckung gemacht, ich bin berauscht davon. Crust. Des Rausches Ursach' ist in deinen Händen. Step. Possen! Gieße Feuer statt des Hirns in meinen Kopf; und es ist Nüchternheit gegen diesen Rausch. Crust. Wüster Mensch! Step. Kennst du den Kosaken Kudrin? Crust. Die Frage eines Trunkenen. Ist er nicht der Unsrigen Einer? Step. Trau ihm nicht, er ist der Sklave eines Weibes. Er liebt Feodora, Afanasjens Mädchen. Crust. Was kümmert das mich? Step. Er hat kein Geheimnis vor ihr, und sie hat keins vor ihm. Ha! ha! ha! Crust. Ich verstehe dich nicht. Step. Dank dir, Satan! für diesen Dienst! (Er schenkt ein und trinkt.) Der Teufel soll leben! Crust. Frevler! deine Trunkenheit ist gräßlich. Step. Jetzt bin ich in der Stimmung, deren ich bedarf. (Er setzt Flasche und Glas auf den Tisch.) Da trinke den Ueberrest. Crust. . Geh', leg' dich schlafen. Step. Schlafen? Ei warum nicht? Ihr sähet gern, ich schliefe immer. (Spöttisch.) Gute Nacht, Alter! (Er geht fort.) Crust. Welch' Räthsel hat der wilde Thor im Sinne? Der Wirrwarr seiner Worte schien mehr als bloßer Rausch. Zweite Scene. Benjowsky. Crustiew. Dann Wasili. Benj. (tritt hastig auf). Ich habe viel mit dir zu reden. Crust. Und ich mit dir. Benj. Die Liebe mischt die Karten, das Spiel ist gewonnen. Crust. Was heißt das? Benj. Alle meine Menschenkenntniß, alle meine Mädchenkenntniß trügt, oder Afanasja liebt mich. Crust. (schüttelt lächelnd den Kopf). Diese Liebe ist in einer Nacht herausgeschossen, wie ein Schwamm. Benj. Ist Liebe nicht immer ein unerwarteter Besuch? Hast du je gehört, das; man Anstalten macht, sie zu empfangen? Crust. Nun dann? und wozu frommt es? Benj. Das ahnest du nicht? Crust. Willst du sie heirathen? Benj. Ich hab' ein Weib! Crust. Willst du sie betrügen? Benj. Pfui! Crust. Willst du sie wieder lieben? Benj. Ich kann nicht – ach! ich weiß nicht – Crust. Nun? Benj. Rathe mir. Crust. Ich rathe nicht, wo schon beschlossen worden. Benj. Beschlossen? Crust. Frage dich nur selbst; das blühende Mädchen behagt dir. Benj. (einen Augenblick in Gedanken verloren, dann die Achseln zuckend.) Wenn ich mein Herz durchspähe. Crust. Was findest du? Benj. (nach einer Pause) . Sinnlichkeit und Eitelkeit; Wohlwollen und Reiz der Neuheit – Crust. Männer-Eitelkeit ist ein häßlicher Götze, dem schon manches truglose Herz geopfert wurde. Benj. Nur unser Vortheil, uns're Freiheit schwebten mir vor Augen. Crust. Gut, wenn du dich stark genug fühlst, die Grenzen nicht zu überschreiten. Nicht gut, wenn du unser Glück auf eines harmlosen Geschöpfes Elend bauen willst. Benj. Nimmermehr! Crust. Ich bin ein alter Mann, und Aberglaube ist des Alters Erbtheil. Unser Anschlag könnte gelingen auf Kosten einer Unschuld. Lieber Sklave unter des Henkers Peitsche, als frei unter des Gewissens Geißel. So oft ein Sturm auf hohem Meer uns ergriffe, würde ich ängstlich rufen: siehe, das ist Gottes Rache! – D'rum schwöre mir heilige Ehrfurcht für des Mädchens Tugend! Benj. Pfui! der häßliche Gedanke hat mich nie versucht. Ich schwöre dir. Crust. Wohlan, dann magst du immerhin ihrer Hoffnung gold'ne Brücken bauen. Ein halbes Wort, ein schüchterner Blick mögen ihr Herz in süße Träume wiegen. Sind wir fort, so wird sich das verbluten. Es vergißt sich Alles in der Welt, nur verlorne Unschuld nicht. – Indessen ziehe einen dichten Schleier um dies Geheimniß. Laß es unter den Verschwornen nicht laut werden. Hüte dich vor Stepanoff. Benj. Warum? Crust. Weil er um das Mädchen rast. Benj. Er kennt sie? Crust. So wie wir sie alle kennen. Benj. Kennt sie ihn? Crust. Ich zweifle. Benj. Sprach er sie? Crust. Nimmer. Benj. Und doch verliebt? Crust. Wie ein Wahnsinniger in eine Prinzessin. – Jetzt ein Wort von dem, was ich indessen vorbereitet und gewirkt. Vieles ist gut, vieles nicht gut. Benj. Zuerst das Gute. Crust. Es überträgt das Schlimme – Tschulosnikoff segelte nach den aleutischen Inseln, um See-Ottern zu fangen. Acht und zwanzig Jäger dienten unter ihm. Sie sind zurückgekehrt und murren, das Schiffsvolk ist gewonnen, das Schiff ist unser. Benj. Die Stimme eines Engels! Crust. Sie sammeln sich um Mitternacht in der Kapelle, durch einen Schwur ihr Schicksal an das uns'rige zu knüpfen. Benj. Dir ist ein Meisterstück gelungen – Ach Crustiew! mein Kopf gleicht einer Zauberlaterne. Von der Einbildungskraft beleuchtet, stiegen die Bilder bunt vorüber. Schon seh' ich mich in China, Japan, Indien, schon umsegeln wir das Vorgebirge der guten Hoffnung – Hoffnung! Himmelstochter! Crust. Nicht so hastig, birg das Feuer in der Asche, wir sind noch fern vom Ziele. Benj. Der Weg ist eben, die Felsen liegen hinter uns. Crust. Und plötzlich sinken wir vielleicht auf ebenem Wege in einen Abgrund, Mißgunst glupt aus jedem Winkel, in jeder Ecke lauern Neider, der ist ein Thor, der seine Feinde auf den Heerstrassen sucht. Im Busche liegen sie versteckt. Sie lassen dich Sorglosen vorüberziehen, und treffen von hinten. Benj. Alles kömmt mit Liebe mir entgegen. Crust. Desto schlimmer! Die ausgehängte Flagge wird dich sicher machen, viele hassen dich, weil es immer Menschen gibt, klug genug, eines großen Geistes Ueberlegenheit zu fühlen, und dumm genug, sie zu beneiden. Viele hassen dich um der grossen Summen willen, die sie im Schach an dich verloren. Da ist zum Beispiel Kasarinoff. – Benj. Der blödsinnige Kaufmann? Crust. Er stellt dir nach. Benj. Er? du irrst. Er sandte mir noch diesen Morgen ein Geschenk von Thee und Zucker. Crust. Sei auf deiner Hut! er überzuckert seine Tücke. Benj. Mißtrauischer Greis! Mache die Menschen nicht schlimmer als sie sind. Mißtrauen hat schon manches Gute erstickt, und manche schöne Seele abgewendet. Crust. Vorsicht ist nicht Mißtrauen. Wasili (tritt auf) . Ach ein Unglück! Benj. Rede. Wasili. Unser kleiner Schäferhund Sabac ist todt. Crust. Wir haben einen wachsamen Freund verloren. Wie ging das zu? Wasili. Ich bereitete den Thee für Graf Benjowsky, der kleine Schäker belustigte mich durch seine Gaukeleien, ich gab ihm ein Stuck von dem Zucker, welchen Kasarinoff dir zum Geschenke sandte. Er fraß, und in wenig Minuten verdreht' er die Augen, fiel in Zuckungen und starb. Benj. (stutzt). Crust. (nach einer Pause.) Wie nun, Benjowsky? Benj. Ich erstarre. Crust. Wer kennt die Menschen besser? Benj. Du! – Aber büßen soll er die teuflische Arglist! ich will zum Gouverneur – Crust. Doch nicht unbewaffnet. Benj. Ein Giftmischer ist die niedrigste Gattung von Meuchelmördern; ein Stock findet sich überall. – Bringe mir, Wasili, ein Stück von diesem Zucker. Wasili (ab) . Dritte Scene. Vorige. Tschulosnikoff. Benj. Armer kleiner Hund! wenn mir das Alter Ruhe schenkt, soll einst dein Bild in Marmor ausgehauen, meinen Garten zieren, und die Vorsehung durch deinen Anblick mich zu immer neuem Danke wecken. (Er will gehen, und stößt auf Tschulosnikoff, der mit wüthender Geberde ihn bei der Brust packt, indem er schreit:) Halt! nicht von der Stelle! (Benjowsky stößt ihn mit überlegener Kraft von sich, daß er taumelt.) Dort im Winkel steh' und rede! Was willst du? Tschul. Alle Teufel! das mir? von einem Verwiesenen? Benj. Du hättest nicht vergessen sollen, daß ein Verwiesener ein Mensch ist. Tschul. Beschimpfung von Beschimpften! Benj. Desto schlimmer für dich! Tschul. Der Gouverneur soll's wissen! Benj. Das soll er! Tschul. Sprecht, was habt Ihr vor? Benj. Dir den Hals zu brechen, wenn du nicht höflich und bescheiden redest. Crust. (heimlich). Mäßige dich; Hitze bessert nichts. Tschul. Was murmelst du, alter Bösewicht? Du hast mein Schiffsvolk verführt! Du hast es aufgewiegelt zu Verrath und Meuterei. Crust. (verlegen). Ich? Benj. Du lügst! Tschul. (zu Benjowsin). Eine Verschwörung ist im Werke, und du stehst an der Spitze! Benj. Du lügst! Tschul. Meinen Steuermann quälte das Gewissen, er entdeckte mir's. Benj. Er lügt! Tschul. Vortrefflich! Alles Lüge! Warum steht denn jener alte Pinsel steif und starr? Warum hat das Schrecken ihm die Glieder gelähmt? Rede, Crustiew. Kennst du mein Schiffsvolk? Crust. Ich kenne es. Tschul. Warum schlichst du vor Tages Anbruch um ihre Hütten? was hattest du Stunden lang hinter verriegelten Thüren mit ihnen zu verhandeln? Benj. Narr! mit zwei Worten löse ich dir das Räthsel: Der Gouverneur und einige angesehene Einwohner der Stadt haben mich überredet, eine öffentliche Schule anzulegen. Wir bedürfen ein geräumiges Schulgebäude. Dein Schiffsvolk ist müßig, ich hab' es dingen wollen zur Arbeit, diesen Auftrag gab ich Crustiew, er ist des Handels einig worden, das ist es alles. Tschul. Vortrefflich ausgedacht! eine saubere Lüge! aber wartet – Benj. Jetzt schweig! Ich hab' dir die Ehre angethan, deinen albernen Verdacht zu widerlegen! Doch länger diesen Unsinn dulden, wäre Schwachheit oder Furcht. Hüte dich! Tschul. Was? du drohst? Benj. Ich kann auch mehr als drohen. Tschul. Einem treuen Bürger solche Schmach von einem verwiesenen Hunde – Benj. (schlägt ihn). Da hast du deinen Lohn! (Indem er ihn zur Thür hinaus wirft.) Jetzt pack' dich fort! Tschul. (wüthend.) Das soll Euch Leib und Leben kosten! Crust. Wir sind verloren. Benj. Warum? Crust. Er geht zum Gouverneur. Benj. Ich auch. Crust. Er wird schreien, toben – Benj. Ich werde reden. Crust. Und wenn er auch nicht überzeugt, so wird er Mißtrauen wecken. Benj. Kalte Fassung gegen tolle Hitze, ein leichter Sieg. Crust. (am Fenster). So eile zuvorzukommen. Er ist zu Fuß, wirf dich in jenen angespannten Schlitten, fahre dort über den Fluß, der Weg ist kürzer. Benj. Wohlan! wenn alles gut geht, siehst du mich bald wieder. (Er geht. An der Thür stößt er auf Wasili, dem er ein Packet abnimmt.) Aha! den Zucker hätt' ich fast vergessen. (Er eilt fort.) Crust. (allein.) Ohne ihn war unser Spiel verrathen. Mich alten Mann verließ die Fassung, Sklaverei und Alter beugen Leib und Seele. Ich tauge zu nichts mehr. Der Jüngling ergötzt sich an Hoffnungen; des Mannes Kraft bricht aus in Thaten; der Greis und das Kind haben nur ohnmächtige Wünsche. Vierte Scene. Afanasja. Stepanoff. (Ein Zimmer im Hause des Gouverneurs.) Afan. (tritt schüchtern auf). Endlich bin ich allein. Immer ist sie hinter mir, immer schwatzt sie. Ach! Die Liebe ist beredt, aber nicht gesprächig – Armes Mädchen! lebte deine Mutter noch! sie würde dich verstehen. – Erleichterung bedarf dies Herz. Er ist edel, er soll wissen, was hier vorgeht. Zutrauen findet Großmuth! den edlen Mann entwaffnet das Bekenntnis;: ich bin in deiner Gewalt. – St! ich höre Jemand auf der Treppe – ein rascher Tritt – es ist der Seinige – Step. (tritt herein). Afan. Ach nein! Die Sinne haben das Herz betrogen – wollt Ihr zu meinem Vater? Step. Zu Euch, schönes Fräulein. Afan. Was wollt Ihr? Step. Mehr als ein Gott mir geben kann, Eure Liebe – Afan. Seid Ihr wahnsinnig? Step. Ich werd' es, wenn Ihr mich verschmäht. Afan. Es ziemt mir nicht Euch anzuhören. (Sie will fort). Step. Bleibt um Gottes willen! Hören könnt Ihr mich ja immer, und beschließen, was Euch gut und menschlich dünkt. Ich bin freilich nur ein Verwiesener, ein Auswurf der Menschheit. Um eines raschen Jugendstreiches willen ward ich verbannt. Meine Geburt ist der Eurigen gleich, mein Herz des Eurigen werth. Ein Zufall kann meine Ketten lösen, Eure Fesseln werd' ich ewig tragen. Schönes Fräulein! seht mich hold an! das; ein Strahl der Hoffnung meines Lebens Nacht durchdämmere. Afan. Genug! auf Euer Geständnis; weiß ich nichts zu antworten, doch aus Mitleid verschweig ich meinem Vater diesen Schritt. (Sie will fort.) Step. Bleibt! laßt die Stimme der Lieb' und Wahrheit zu Eurem Herzen reden. Als ich hierher geschleppt in Ketten vor sieben Jahren zum ersten Male an den Festungswerken arbeiten mußte; als dem ungewohnten Frohndienst meine Kräfte unterlagen; als ich auf dem Walle ohnmächtig ausgestreckt den Tod mir wünschte: da kam't Ihr eben die Straße herab an Eurer guten Mutter Hand. Afanasja Aleriewna! Ihr war't damals ein kleines Mädchen. Aengstlich bebtet Ihr zurück, als Ihr mich hilflos liegen sahet, schmiegtet Euch an die Mutter und batet: Mutter! gebt dem armen Manne etwas! Eure Mutter gab mir ein Stück Geld, und ich – gab Euch mein Herz – Ach! Ihr seid herangewachsen und mit Euch meine Liebe. Jahre sind verflossen, doch immer seh' ich noch den kleinen Engel von gestern – den Keim der Dankbarkeit wähnt' ich in meinem Herzen zu hegen und zu pflegen – Ach! seine Frucht ist Liebe! – Verdammt mich nicht! zertretet mich nicht! ich verlange und begehre nichts. Kein Schwur, kein Versprechen soll Euch binden; nur Hoffnung, wenn das Schicksal einst mir wieder lächelt, daß auch Ihr mir lächeln würdet. Afan. Mein Mitleid schenke ich Euch von Herzen, doch thörichte Hoffnungen nähren kann ich nicht, und will ich nicht. Step. Ihr könnt und wollt nicht? – (Bitter.) Ihr könnt nicht, weil Ihr nicht wollt. Afan. Wem bin ich Rechenschaft von meinem Herzen schuldig? Step. Ein fremdes Feuer glüht unter dieser Asche. Afan. Schöpft Ihr Verwegenheit aus meiner Güte? Step. Der Neuheit Reiz hat Euer junges Herz verblendet. Afan. Entfernt Euch! Step. Ein schwülstiges Geschwätz hat Euch bethört. Afan. Fort, Wahnsinniger! ich will allein sein. Step. Erwartet Ihr Besuch, Fräulein? wird er kommen? Afan. Wer? Step. Der Glückliche, um dessen willen man mich in den Staub tritt. Afan. Soll ich meinen Vater rufen? Step. Thut was Ihr wollt, mein Leben ist um jeden Preis mir feil, das schöne Luftschloß meiner Hoffnungen ist zertrümmert, ich hatte Jahre lang daran gebaut. Weinen mag ich nicht, und beten kann ich nicht. Nur ein Narr weint, betet oder flucht. Dem Manne vom Kopf leiht die Verzweiflung and're Mittel. Soll er zu Hohn und Spott, wie Simson aufbehalten werden, so packt er wenigstens mit gewaltiger Faust des Tempels Säulen, und stürzt sie krachend über sich und seinen Feinden zusammen. Afan. Ihr rast. Step. Noch nicht, doch bald vielleicht. Lauren will ich und spüren, jeden Eurer Blicke haschen, jede halbe unwillkührliche Bewegung auffangen und ergänzen. Liebe, Eifersucht, Verzweiflung werden meine innere Sinne schärfen, und gewährt der Satan mir die Freude, zu sehen, was ich will – Ha! dann soll ein lustig Spiel beginnen! auf meinem Grabe sollen die Furien Eure Hochzeitfackel schwingen. Afan. Weh' mir! wie entkomm' ich diesem Rasenden. Fünfte Scene. Vorige. Benjowsky. Benj. (tritt herein). Afan. (mit einer freudigen Bewegung ihm entgegen). Ha! Graf Benjowsky! Step. Da ist er! Holt und Teufel! ich habe genug! – Lebt wohl, schönes Fräulein! ich gehe schon. Ihr seht, ich weiß zu leben – und zu sterben ! doch nicht ungerochen! (Er stürzt hinaus.) Benj. Was ist das? Sie zittern? und Er wüthet? Afan. Ich zitt're, ja. Benj. Warum? Afan. Ich will es meinem Vater klagen. Benj. Was? Afan. Nein, ich will es nicht thun. Benj. Was nicht? Afan. Er jammert mich, er ist verrückt. Benj. Verrückt? Afan. Er liebt mich. Benj. Ist er darum verrückt? Afan. Ein Verwiesener – Benj. (mit einiger Bitterkeit). Recht, mein Fräulein, das hatt' ich vergessen. Afan. (verwirrt). Nicht darum, daß er verwiesen ist – nein – das wollt' ich nicht sagen – Benj. Es war doch sehr vernünftig. Afan. O das Vernünftige ist nicht immer das Wahre. Kann ein Verwiesener denn nicht liebenswürdig sein? Benj. Er kann, aber er darf nicht. Afan. Er darf, aber dieser kann nicht, dieser nicht. Benj. (abbrechend). Wo ist Ihr Herr Vater? ich muß ihn sprechen. Afan. Er ist – lieber Graf, ich habe Sie beleidigt. Benj. Beleidigt? wodurch? Afan. Sie sind auch ein Verwiesener. Benj. Leider! Afan. Ich vergesse das so leicht. Benj. Ich werde es nie vergessen. Afan. Freilich – weil Ihre Vernunft – weil Sie immer so vernünftig sind. Benj. Sie sollten mich d'rum loben. Afan. Recht gern – nur mit dem Munde – das Herz – Benj. Das Herz will geschmeichelt sein. Afan. (verschämt). Sie sind kein Schmeichler. Benj. (fest). Nein. Afan. Es gibt auch Wahrheiten, die das Herz gern hört. Benj. Nicht jede Wahrheit ist gut zu sagen. Afan. Wenigstens nicht für Jeden. Benj. Recht mein Fräulein. Afan. Ich meinte Stepanoff. Benj. Und seines Gleichen. Afan. Wer ist seines Gleichen? Benj. Jeder Verbannte. Afan. Jeder? – ich verstehe Sie. (Mit einem unterdrückten Seufzer). Angebor'ne Kälte ist nicht Tugend. Benj. Aber leiden und schweigen ist Verdienst. Afan. Oder Eigensinn. Sage immer, was du fühlst, lehrte mich meine Mutter, so wirst du nie fühlen, was du nicht sollst. Benj. Dies einzige schöne Wort ist ein Gemälde Ihrer Mutter. Afan. Sie hat mir deren viele hinterlassen. Wenn sie noch lebte – Ach – da drüben auf der Höhe ist ihr beschneites Grab – dort will ich, wenn das erste Gras hervor keimt, mein Geheimnis; in die Erde flüstern. (Pause.) Sie fragen mich nicht um mein Geheimniß? Benj. Ich habe kein Recht dazu. Afan. Sie sind mein Lehrer – ich darf und muß Zutrauen zu Ihnen haben. Rathen Sie mir. Benj. Worin? Afan. Wenn ich Stepanoff liebte – Benj. Nun? Afan. Was müßte ich thun? Benj. Sich Ihrem Vater entdecken. Afan. Und dann? Benj. Wenn sein Ansehen Ihrem Geliebten die Freiheit wiedergäbe, so dürften Sie ohne Erröthen ihm Ihre Hand reichen. Afan. Sie haben in meine Seele gesprochen. Benj. Glücklicher Stepanoff! Afan. Wirklich, lieber Graf? würden Sie den für glücklich halten – den ich liebe? Benj. Wenn er ein fühlendes Herz besitzt – Afan. (lehnt sich schüchtern an ihn, und verbirgt ihr Gesicht an seiner Schulter). Besitzen Sie das? Benj. (bewegt). Afanasja! Afan. Ja oder Nein? Benj. Liebenswürdige Unschuld! Afan. Ja oder Nein? Benj. (drückt sie unwillkürlich an seine Brust). Afan. Ich fliege zu meinem Vater! (Sie eilt fort.) Benj. Afanasja! wohin? – Gott, was war das! der Unschuld Götterreiz überraschte mich! (Sich vor die Stirn schlagend.) Emilie! meine Gattin! Sechste Scene. Hettmann. Gouverneur. Benjowsky. Hettm. (kommt). Da ist er ja, wie gerufen. Benj. (betreten). Hat man nach mir gefragt? Hettm. Gefragt – Gesucht – Benj. Wer? Hettm. Ich, weil ich reden muß. Wovon? von wichtigen Dingen. Benj. Ein andermal. Ich kam hieher wegen dringender Geschäfte. (Er will fort.) Hettm. Halt, nicht von der Stelle! an dieser Minute hängt vielleicht das Schicksal von Jahrhunderten. Benj. (bei Seite). Unerträglicher Dummkopf! – (Laut.) Was ist zu Ihrem Befehl? Hettm. (geheimnißvoll lächelnd). Eine Kleinigkeit. (Nach einer feierlichen Pause.) Die halbe Welt! Benj. Die halbe Welt? (Bei Seite.) Der ist auch verrückt. Hettm. Sie stutzen? ha! ha! ha! hier ist ein Kopf, und in diesem Kopfe gehen wunderliche Dinge vor. Benj. Das höre ich. Hettm. Wer hat Kamtschatka erobert? ein Kosak. Wer ist Hettmann der Kosaken? ich. Benj. Das weiß ich, aber – Hettm. Stille! nicht geplaudert! versprich mir das tiefste Schweigen über alles, was ich dir so eben anvertraut habe. Benj. (lächelnd) . Herzlich gern. Hettm. Ich habe ein Plänchen – wenn ich sage ein Plänchen – so verstehe ich darunter einen großen Plan. Kurz und gut – (ihn geheimnißvoll auf die Seite ziehend) ich will eine Kolonie auf den aleutischen Inseln stiften. Benj. Ei! Hettm. Du sollst mir den Entwurf ein wenig in's Reine bringen. Benj. So? Hettm. Wenn ich sage: in's Reine , so verstehe ich darunter die Feder ; denn was den Säbel betrifft, da braucht der Kosak keine Hilfe. Du sollst den Gouverneur überreden, daß er es der Monarchin vorstellt. Benj. Weiter. Hettm. Merkst du nicht? Ich mache euch alle glücklich, du frei, der Gouverneur von hier nach Ochozk versetzt; du Gouverneur von Kamtschatka; ich Regent der aleutischen Inseln, und – ehe ihr es euch verseht – Eroberer von Kalifornien. Benj. Bravo! der Plan ist unverbesserlich. Hettm. Nicht wahr? (Mit gravitätischem Ernste.) Ich wünsch' Ihnen Glück, Herr Gouverneur von Kamtschatka. Benj. (eben so). Ich danke Euer kalifornischen Majestät, doch würde es mir lieber sein, wenn Sie geruhten, mich zu Dero Minister und Feldherrn zu ernennen. Hettm. Auch das, lieber Graf, es sei Ihnen gewährt – Benj. Ich bin ganz gerührt – Hettm. Ich auch. Ich bin so gerührt, daß ich lachen muß, wenn ich Sie im Geist an der Spitze meiner Truppen sehe. Wohlan, ein Bündniß zu Schutz und Trutz. (Er reicht ihm die Hand.) Benj. (schlägt ein). . Es sei. (Bei Seite). Trage den Narren, wenn er dir nutzen soll. Gouv. (kommt). Willkommen, Graf Benjowsky? wo ist meine Tochter? Benj. Sie war eben hier. Gouv. Feodora sagte mir, sie suche mich. Hettm. (wichtig). Wir haben unterdessen ein Königreich gefunden. Ha! ha! ha! Benj. Ehe wir Besitz davon nehmen, bin ich gekommen, um Gerechtigkeit zu bitten. Gouv. Wieso? Benj. Ein toller Mensch, Tschulosnikoff, hat mich in meiner Hütte überfallen, und durch die gröbsten Schmähungen so lange gereizt, bis ich ihn aus der Thür warf. Gouv. Die Veranlassung? Benj. Zur Errichtung eines Schulgebäudes ließ ich sein Schiffsvolk miethen, der Thor spricht, ich wolle die Leute aufwiegeln, und eine Meuterei anspinnen. Gouv. So dumm als boshaft. Hettm. Man muß dem Schurken die Katze geben. Gouv. Ich werde ihn rufen lassen. Benj. Man beneidet mir das Geschenk Ihres Zutrauens, darum verfolgen mich Haß und Meuchelmord. Gouv. Meuchelmord? Benj. Hier ist der Beweis. (Er zieht den Zucker hervor.) Unter der Larve der Freundschaft sandte mir der Kaufmann Kasarinoff vergifteten Zucker. Ein Hund, der davon fraß, starb auf der Stelle. Gouv. Ist's möglich! Geben Sie her. (Er nimmt den Zucker.) Hettm. Die Knute für den Schurken. Gouv. (klingelt). Ordon. (tritt herein) . Gouv. Man lasse sogleich Tschulosnikoff und Kasarinoff rufen. Ordon. Tschulosnikoff ist bereits im Vorzimmer und bittet um Gehör. Gouv. Er soll kommen. Siebente Scene. Vorige. Tschulosnikoff. Kasarinoff. Ordon. (öffnet die Thür; und winkt Tschulosnikoff herbei). Tschul. (im Hereintreten). Herr Gouverneur, ich komme – Gouv. Mit frecher Stirn, wie ich sehe. Hettm. Du bist ein Taugenichts. Tschul. Ich klage diesen Fremdling des Hochverraths an. Hettm. Was? Meinen Minister? Gouv. Wagst du, Bösewicht, einen Mann zu verleumden, der selbst in Fesseln mehr für die Krone that, als hundert freie Schurken deines gleichen? Tschul. Ich habe Beweise – Gouv. Schweig! Ihr habt keinen Sinn für alles Große und Gute. Ihr klebt an Eurer Dummheit, wie Käfer an ihrem Miste. Ich kenne diesen Mann, ich weiß um Alles, was er thut, und wo sich Einer untersteht, ihm Hindernisse in den Weg zu legen, den hat die Sonne zum letzten Male beschienen. Tschul. Er stiftet Aufruhr. Gouv. Fort! ich will nichts weiter hören, Dank seid Ihr schuldig, und Verleumdung zahlt Ihr. Er will Eure Kinder zu Menschen bilden, das ist dem Vieh nicht recht. Tschul. Aber mein Steuermann – Gouv. Schweig und packe dich! Tschul. Er hat mich gemißhandelt – Hettm. Dir ist recht geschehen. Tschul. Aber mein Gott – Gouv. (klingelt). Ordon. (tritt ein). Gouv. Heda! werft den Kerl in die Wache. Tschul. Schon gut, ich gehe. Euch wird die Reue, und dich die Rache bald genug treffen. (Er geht wüthend fort.) Benj. Er droht noch. Gouv. Lächerlich. Hettm. Vierzig Hiebe mit der Katze werden ihm den Kitzel vertreiben. Gouv. Ruhig, lieber Graf. Ich verspreche Ihnen Genugthuung und Sicherheit. Verleumdung kann ein gutes Gewissen nur verhüllen, wie schwarzer Flor einen schönen Busen. Er schimmert durch. Ich kenne jene Halbmenschen; ich kenne auch Sie. Ehre und Leben würde ich Ihnen anvertrauen. Hettm. Und Kalifornien oben drein. Benj. (bei Seite, mit der Hand auf der Brust). Auf diese Anklage war ich nicht vorbereitet. Ordon. Der Kaufmann Kasarinoff. Gouv. Er soll kommen. Ordon. (öffnet die Thür). Kasar. (tritt herein). Eure Excellenz haben befohlen – Gouv. (herausrufend). Man bringe uns Thee. Nur näher, mein lieber Kasarinoff. Ich höre, du bist fleißig und betriebsam. Dein Handel ist ausgebreitet; du verdienst Aufmunterung. Kasar. Die Gnade – Gouv. Soll nur Gerechtigkeit werden. Ein großer Kaufmann ist ein großer Mann. Der Monarch überblickt seinen Staat; der Kaufmann die Welt. Mit der Rechten berührt er Asien und mit der Linken Amerika. Durch einen Federstrich knüpft er Welttheile an einander, läßt Citronen auf Kamtschatka wachsen, und findet Goldgruben in einer Steppe. Ehre dem Ehre gebührt. Setze dich her zu mir, mein lieber Kasarinoff, wir wollen eine Tasse Thee zusammen trinken, und von Geschäften schwatzen. (Er schenkt selbst ein.) Dieser Thee – ich habe ihn aus Irkuzk bekommen, es ist Karavanen-Thee. Du verstehst dich darauf? er ist gut. Ich muß dankbar bekennen, man überhäuft mich mit Geschenken. (Er wirft Zucker in Kasarinoffs Tasse.) Dieser Zucker zum Beispiel, ist er nicht fein und weiß? Ein Geschenk von Graf Benjowsky. (Er wirft noch ein Stück hinein.) Du handelst ja auch mit Zucker, versuche doch einmal. Kasar. (verwirrt und ängstlich). Ew. Excellenz, es ist nicht die Stunde, in welcher ich Thee zu trinken pflege – Gouv. Trinke, ich bitte dich, trinke. Kasar. Ich bin überhaupt kein Liebhaber von Thee. Gouv. Wenn auch, nur zu Gefallen. Kasar. Er macht mir Hitze, Beklemmung. – Gouv. Eine Tasse nur. Kasar. Ich muß bitten, mich zu verschonen. – Gouv. (ernst). Trinke, Freund Kasarinoff! oder meinst du, der Thee sei vergiftet. Kasar. Bewahre Gott! – Gouv. So trinke, ich befehle es dir! Kasar. (nimmt zitternd die Tasse). Ich habe einen solchen Widerwillen gegen Thee – Gouv. Wir wollen mehr Zucker hinein legen, so wird er dir nicht schaden. (Er wirft noch ein Stück Zucker in die Tasse.) Kasar. (zitternd). Ich! – ach! – (Er läßt die Tasse fallen.) Gouv. (springt auf). Ha, Giftmischer! Kasar. (auf den Knien). Gnade! Hettm. Knute! Gouv. So ist es doch wahr, das mörderische Bubenstück? – Graf Benjowsky, sprechen Sie sein Urtheil, in dieser Stunde noch soll es vollzogen werden. Kasar. Gnade! Hettm. Knute! Benj. Sie überlassen mir die Strafe dieses Menschen? Gouv. Ganz Ihnen. Benj. Ich habe Ihr Wort, daß mein Ausspruch sein Schicksal bestimmen soll? Gouv. Mein Wort darauf. Benj. Wohlan, ich verzeihe ihm. Gouv. Wie? Hettm. Was? Kasar. (seine Knie umfassend). Gott! welch' ein Mann! (Mit erstickter Stimme.) Ich habe – nicht Worte – möchte diese Thräne meine Schuld vertilgen – Benj. Steh' auf, geh', und sei mein Freund. Gouv. Nein, Graf, das darf ich nicht zulassen. Benj. Ich habe Ihr Wort. Gouv. Ihre That ist edel, aber – Benj. Ist sie edel, desto besser: so bürgt Ihr Herz für Ihr Wort. Gouv. (umarmt ihn gerührt). Ich habe Sie hochgeschätzt, nun bewundere ich Sie. (Zu Kasarinoff.) Geh' und mache dich seiner Verzeihung würdig. Kasar. (schluchzend). Ich kann nicht reden – ich will meine Kleinen holen – die sollen danken. (Er geht.) Hettm. (wider Willen bewegt, reicht Benjowsky die Hand). Freund, du hast großmüthig gehandelt wie ein Kosak. Ich ernenne dich zum Criminal-Richter zu Kalifornien. Achte Scene. Vorige. Afanasja. Afan. (fliegt herein, und schlingt ihre Arme um ihren Vater). Mein Vater! Gouv. Was gibt's? Afan. Endlich finde ich Sie. Gouv. Was fehlt dir? Afan. Ihre Einwilligung. Gouv. Wozu? Afan. Zu meinem Glücke. Gouv. Ist dein Glück nicht mein Wunsch? Rede. Afan. Ich liebe. Gouv. Du liebst? Benj. (sehr verlegen). Ich will mich entfernen – Afan. Bleiben Sie, Graf Benjowsky, ich habe mich meiner Liebe nicht zu schämen. Gouv. Ich erstaune! so plötzlich – Hettm. Ich habe nichts davon gemerkt. Afan. (geht auf Benjowsky zu, ergreift seine Hand, und wendet sich zu ihrem Vater). Ihren Segen, mein Vater! Gouv. Wie, du liebst den Grafen? Afan. Wen könnte ich sonst lieben? Hettm. (empfindlich). Nun, nun – Gouv. Bedenkst du aber auch – Afan. Ich bedenke alles, Seinen Edelmuth, Ihre Güte, die letzten Stunden meiner Mutter! Soll ich ihre letzten Worte Ihnen wiederholen? – ja es war in diesem Zimmer, in diesem nämlichen Zimmer starb sie. Auf dieser Stelle stand ihr Bette, hier saßen Sie zu ihrem Haupte, und hier kniete ich zu ihren Füßen. Sie weinten, ich schluchzte, meine Mutter röchelte. Im letzten Todeskampfe richtete sie sich noch einmal auf, drückte Ihre Hand, und sprach gebrochen: gib meiner Afanasja einen Mann nach ihrem Herzen! – Hier steht er – mein Vater! geben Sie Ihrer Afanasja diesen Mann nach ihrem Herzen! – Gouv. Kind, du überraschest mich – Afan. (Benjowsky nach sich ziehend). Hier auf dieser Stelle, wo meine Mutter starb, hier flehen wir um Ihren Segen! Gouv. Wenn der Graf einst frei wird. – Afan. Ist er nicht frei, sobald Sie wollen? – Geist meiner Mutter! schwebe hernieder! schmiege dich freundlich an meinen Vater, daß er deinen letzten Wunsch erfülle! Hettm. Ich dächte, Gevatter, Ihr könntet ohne Gefahr – Afan. Gefahr? Ist Tugend belohnen gefährlich? Hettm. Die Ukase Peter des Ersten paßt auf manche Fälle. Afan. Segen über Peters Asche um dieser Ukase willen! Hettm. Das gerettete Schiff auf der Fahrt von Ochozk – Afan. O ja, schon das allein – Hettm. Die Einführung des Kornbaues auf Lopatka – Afan. Recht, Iwan Fedrowitsch! O Ihr seid liebenswürdig! Hettm. Ja, ja, die Kosaken sind immer liebenswürdig – Wenn wir ihm nun ferner die Zukunft mit in Rechnung bringen, die aleutischen Inseln, Kalifornien – Afan. Sie sagen kein Wort, lieber Graf? Benj. Was darf ich sagen? mich martert der Gedanke, Ihr guter Vater könnte glauben, ich habe Sie zu diesem Schritt verleitet. Afan. Nein, das thaten Sie nicht. Nein, mein Vater, das that er nicht. Er hat mein krankes Herz mit seiner Vernunft gequält; er war so lieblos vernünftig – so herzlos edel – mein Vater! Sie sind unentschlossen? Hier knie ich, wo ich einst am Todesbette meiner Mutter kniete, hier, wo sie ihren letzten Segen über mich aussprach, hier muß dieser Segen in Erfüllung gehen, jetzt oder nie! Gouv. Steh' auf, Afanasja! Es sei! mein grauer Kopf gehorcht dem Herzen. Ich wage etwas für dich und ihn; doch ihr seid es werth. – Herr Graf, ich spreche Sie frei. Der Kanzler soll nach vorgeschriebener Form die Urkunde ausfertigen. – (Ihn in seine Arme schließend.) Ich umarme meinen Sohn. Benj. Gott! ist's möglich! Afan. (ihres Vaters Hand küssend). O mein guter Vater! Freude! Freude! Dank und Freude. Wie ist mir! so weinerlich, so beklommen – ich muß Euch küssen, lieber Hettmann. Benjowsky ist frei! er ist frei und mein! wo ist Feodora? das ganze Haus soll meine Freude theilen! das ganze Schloß! die ganze Stadt! (Sie drückt Benjowsky einen vollen Beutel in die Hand.) Dies für die armen Gefangenen. – Er ist frei und mein! (Sie stürzt hinaus.) Benj. (sehr bewegt). Herr Gouverneur – Gouv. Warum nicht Vater? Benj. Wenn ich jetzt noch stumm die – Gouv. Ich verstehe Sie. Hettm. Was stumm! die Fische sind stumm, weil sie Wasser trinken. Wir müssen ein paar Flaschen leeren, dann werden die Zungen sich wohl lösen. Gouv. Ganz Recht, Iwan Fedrowitsch, der Wein gesellt sich zu der Freude, wie der Thau zu einem schönen Morgen. Kommt! Benj. Freud' und Leid in Uebermaß sind einander nah' verwandt; beide geben Thränen statt der Worte; beide begehren Einsamkeit. Ich muß auf wenige Augenblicke mich beurlauben. (Er entfernt sich schnell.) Hettm. Seltsamer Mensch! wenn ich froh bin, so muß ich trinken. Gouv. Laßt ihn! die Freude ist ja keine Medaille auf dem Boden eines silbernen Bechers. Hettm. Glas oder Becher, gleich viel. Wenn ich sage: die Freude, so versteh' ich darunter den Durst. Bei meinem Säbel! ich durste wie ein Jagdhund in der Steppe. Gouv. Wohlan, auf des jungen Paares Wohlergehen! Kommt. Ordon. (tritt herein.) Tschulosnikoff ist der Wache entsprungen. Gouv. Entsprungen? Der Thor! Ganz Kamtschatka ist ein Gefängniß. Hettm. Die Knute wird ihn schon einholen. Gouv. (zu der Ordonnanz). Bringt uns eine Flasche Wein. Hettm. Eine Flasche? wo denkt Ihr hin? Bring vier. Wenn auf Afanasjas Hochzeit die See in Wein verwandelt wird, so trinkt ein fröhlicher Kosak sie aus. (Alle ab.) Neunte Scene. Tschulosnikoff. Grigori. Dann Benjowsky und Kasarinoff . (Die Bühne verwandelt sich in einen freien Platz unter dem Fenster des Schlosses. Man sieht einen Balkon, und unter dein Balkon eine steinerne Bank. Es wird Abend, Tschulosnikoff und sein Neffe Grigori treten auf.) Tschul. Hier muß er vorbei. Grig. Lieber Oheim, was habt Ihr vor? Tschul. Gib mir dein Messer. Grig. Was wollt Ihr thun? Tschul. Mich rächen, und dann sterben. Grig. Rächen? an wem? Tschul. An Benjowsky. Grig. Was that er Euch? Tschul. Ich werde rasend, wenn ich es noch einmal erzählen muß. Grig. Aber bedenkt, was Ihr wagt. Tschul. Nichts wage ich. Ihn schicke ich voran, so finde ich dort einen Knecht. Grig. Ihn ermorden? Tschul. Gib mir dein Messer. Grig. Nun da. Tschul. Ist es scharf? ja! gut. Grig. Aber um Gotteswillen! Tschul. Bete in der Kirche, und geh' zum Teufel! ich brauche dich nicht. Grig. Ich verlasse Euch nicht. Tschul. So bleib' und absolvire den Hund! wenn er stirbt. Grig. Es wird dunkel. Tschul. Desto besser. Grig. Ich stieß vorhin auf sechs Mann von der Wache, die Euch suchten. Tschul. Laß sie suchen, ha! ha! ha! sie sollen mich finden, doch nicht eher, bis dieses Messer den Weg zu seinem Herzen fand. Grig. Benjowsky, hört' ich eben, ist frei gesprochen. Tschul. Ist er? ha! ha! ha! Grig. Er wird des Gouverneurs Tochter heirathen. Tschul. Wird er? Ha! ha! ha! Grig. Die Verlobung ist vielleicht in dieser Stunde, und Ihr wartet vergebens. Tschul. So will ich warten, bis die Sonne zu einer Kohle ausbrennt. – St! ich höre kommen. Drücke dich dort an die Mauer. Grig. Lieber Oheim – Tschul. Fort! oder ich jage dir selbst das Messer durch den Leib! (Sie theilen sich.) Benj. (in tiefen Gedanken über die Bühne gehend). Afanasja! – Emilie! – Tschul. (herausspringend). Er ist's! der Verräther! stirb! (Stürzt sich auf Benjowsky.) Benj. (der bei dessen ersten Worten sich rasch umdreht, und ihm in den Arm fällt. Sie ringen, er ruft:) Hilfe! Mörder! Tschul. (schreit). Herbei, Grigori, mir zu Hilfe! Grig. (packt Benjowsky von hinten). Kasar. (in dem Augenblicke erscheint er mit zwei Kindern an der Hand, von welchen er sich losreißt, Tschulosnikoff zu Boden schleudert, und ihn entwaffnet). Benj. (bemeistert sich indessen des Jünglings, und hält ihn fest). Tschul. (Verwirrtes Rufen und Fluchen.) Feodora (erscheint auf dem Balkon, mischt ihr Gekreisch mit dem Geschrei der Kämpfenden, dem Weinen der Kinder, und läuft zurück). Corporal (mit Wache erscheint). He da! Ruhe! was gibt's hier? – Aha! Tschulosnikoff, finden wir dich wieder? Kasar. Er wollte den Grafen ermorden. Benj. (Grigori loslassend). Lauf, junger Mensch! ich will dein Unglück nicht. Grig. (entspringt). Corp. Warst du noch nicht reif zur Knute? Fort mit dir! Tschul. Teufel! (er spuckt gegen Benjowsky aus). Gott verdamme dich! (Ab mit der Wache.) Benj. (umarmt seinen Vetter). Kasarinoff! Kasar. Geh' und sei mein Freund! sagtet Ihr zu mir. Ihr seht, ich bin es geworden. Benj. Du hast deine Schuld redlich bezahlt. Kasar. Da sind meine Kleinen, die sollten Eure Knie umfassen, und stammeln. Aber besser ist besser. Wem das Schicksal wohl will, dem gibt es Gelegenheit, dankbar zu sein. Benj. Freund Kasarinoff! – Dieser Titel ist bei mir nicht Scheidemünze, mit der man jedem Taglöhner seine Arbeit lohnt – leb' wohl! Kasar. Es wird Nacht, Ihr seid allein, ich will Euch begleiten. Benj. Bis an den Fluß, wenn du willst. Kasar. Bis in den Tod! (Sie gehen Arm in Arm, die Kinder folgen.) Zehnte Scene. Hettmann. Kudrin. Feodora. Hettm. (kommt von der andern Seite, ziemlich betrunken). He! he! – Schach und matt! – wer lärmt hier? (Er sieht sich überall um.) – Niemand? – Niemand lärmt hier. – Wenn ich sage: Niemand , so verstehe ich darunter eine Menge Menschen, die aber alle schon weggelaufen sind – was will denn Feodora? – warum schreit sie? – warum stört sie mich im Trinken? – Noch fünf Gläser aus der Flasche – und noch fünf Züge auf dem Brete – so waren wir beide Schach und matt! ha! ha! ha! – (Er sinkt auf die steinerne Bank.) So. Hier sitzt es sich recht kühl. Wenn ich sage kühl , so verstehe ich darunter – kalt. – Wie? – der König von, Kalifornien ist Schach und matt! ha! ha! ha! (Er brummt noch ein wenig in den Bart.) Kudrin (tritt auf mit der Balalaika unter dem Arm. Er sieht sich überall schüchtern um). Endlich ist es hier still geworden, und finster wie im Grabe. Die Sternlein haben sich schlafen gelegt, und mit Schneewolken zugedeckt. (Gegen den Balkon.) St! St! Feodora! – noch ist sie nicht auf dem Balkon. Vielleicht schon gewesen? – Wir wollen das Vöglein locken. (Er stimmt die Balalaika.) Aber meine Finger sind verkrümmt. (Er haucht in die Hände.) So, so, es wird schon gehen. Der Hauch eines Verliebten schmilzt Eisschollen, und macht Diamanten flüssig. (Er räuspert sich, spielt und singt, nach der bekannten Melodie der Romanze, in der russischen Oper Melnik.) Komm, sein Liebchen, komm an's Fenster! Alles still und stumm. Die Verliebten und Gespenster Wandeln schon herum. Dein getreuer Buhle harret, Komm in seinen Arm! Seine Finger sind erstarret, Doch sein Herz ist warm. Zwar die Sternlein sich verdunkeln. Luna leuchtet nicht. Doch wo Liebchens Aeuglein funkeln, Da ist helles Licht. D'rum, sein Liebchen, komm an's Fenster! Alles still und stumm. Die Verliebten und Gespenster Wandeln schon herum. Feod. (ist während der letzten Strophe auf den Balkon getreten). St! Kudr. St! Feod. Bist du da? Kudr. Schon lange. Feod. Lieber Kudrin, hier im Hause ist große Freude. Kudr. Desto besser. Feod. Mein Fräulein heirathet. Kudr. Wen? Feod. Den Grafen Benjowsky. Kudr. Benjowsky? Feod. Nun blühen auch unsere Rosen. Kudr. Also flüchten wir alle zusammen über's Meer? Feod. Narr! hier ist nicht vom Flüchten die Rede. Kudr. Wovon denn? Feod. Vom Heirathen. Kudr. Du weißt also nicht? – und dein Fräulein weiß auch nicht? Feod. Was wissen wir nicht? Kudr. Und doch heirathen? Das ist curios! Feod. Rede. Kudr. Ja wenn ich dürfte. Feod. Warum darfst du nicht? Kudr. Ich habe einen gräßlichen Eid geschworen. Feod. Worauf? Weßwegen? Kudr. Wegen – kannst du schweigen? Feod. Wie die Nacht. Kudr. Höre nur, liebe Feodora, ich kam eigentlich hierher, um dich zu überreden – Feod. Wozu? Kudr. Mich auf unserer Flucht zu begleiten. Feod. Auf welcher Flucht? Kudr. Wenn du mich verräthst, so sind wir alle des Todes. Feod. Narr! Liebe und Verrätherei wohnen nicht unter einem Dache. Kudr. Wir sind unserer Viele, sehr Viele; Freie und Verwiesene; Graf Benjowsky ist an unserer Spitze, wir haben ein Schiff, wir fliehen, Gott weiß wohin, in ein herrliches Land – Feod. Träumst du? oder hast du das Gehirn erfroren? Kudr. Keines von beiden, alles wahr, alles reif, und bald, bald – Gehst du mit mir, liebe Feodora? Feod. Aber mein Fräulein – Kudr. Nun, wenn der Graf sie heirathet, so wird er sie wohl auch mitnehmen. Feod. Unbegreiflich! Kudr. Was schadet das? Macht euch nur fertig, packt eure Sachen zusammen. Juchhei! wir segeln durch die Welt! Feod. Aber der Gouverneur – Kudr. Der mag mit dem alten Narren, unserm Hettmann, Schach spielen. Hettm. (springt auf und packt Kudrin bei der Brust) , He da! Bursche! Feod. (kreischt und lauft fort). Kudr. (sinkt zitternd in die Knie). Barmherzigkeit! wir sind verloren! Hettm. (ihn festhaltend) , Schurke! was sprachst du da? Kudr. Ach! ich bin besoffen, ich weiß nicht, was ich rede. Hettm. Verrätherei? Benjowsky? Mein kalifornischer Minister? Kudr. Ich war unter Kamtschadalen, die haben mir Muchomor zu trinken gegeben – mein Kopf ist ganz verwirrt. Hettm. Fort auf die Wache! (Er will ihn fortschleppen.) Kudr. Laßt mich! ich bitte Euch! nur bis Morgen! Hettm. Fort, Schurke! Kudr. (versetzt dem Hettmann einen Stoß, daß er taumelt). Geht zum Teufel! (Er entspringt.) Hettm. Was? mir das! mir? seinem Hettmann! He da, Wache! Verrätherei! Schiffe! Liebeshändel! Flucht! Verschwörung! (Er taumelt fort.) Vierter Act. Erste Scene. Crustiew, Baturin und ein Haufen Verschworner (in Crustiews Zimmer. Sie stehen theils in Gruppen, theils gehen sie unruhig auf und nieder). Erster Verschw. Er kommt noch nicht. Zweiter Verschw. Es ist schon dunkel. Crust. Seid unbesorgt, er kommt gewiß. Dritter Verschw. Tschulosnikoff ist verwegen. Crust. Benjowsky kühn. Erster Verschw. Der Gouverneur streng. Crust. Aber nicht mißtrauisch. Zweiter Verschw. Er wird es werden. Crust. Wenn auch, die Stunde der Erlösung ist nicht mehr fern. Erster Verschw. Ich habe zehn Jahr darnach geschmachtet. Zweiter Verschw. Ich sieben Jahr. Dritter Verschw. Ich siebzehn. Crust. Ich zwei und zwanzig. Denkt euch, Brüder! den süßen Augenblick, wenn wir die Küsten eines freien Landes betreten, wo kein Schnee uns hindert, den Boden zu küssen, und die fruchtbare Erde unsere Freudenthränen einsaugt. Heil! Heil unserm Retter! Alle. Heil ihm! Step. (stürzt herein). Wir sind verloren! Alle. Was gibt's? Step. Verrathen! Alle. Verrathen? Step. Euer Held Benjowsky hat sich die Freiheit erschlichen. Alle. Wie das? rede! erzähle! Step. Der Gouverneur gibt ihm seine Tochter zum Weibe. Erster, zweiter, dritter Verschw. Nun? Step. Nun? Strohköpfe! folglich hat er uns verrathen. Crust. Das Folglich ist mir noch nicht klar. Step. Nicht? Warum ist er frei? Es muß immer etwas Großes sein, ein Verdienst um den Staat; und welches andere wäre wohl in seiner Gewalt, als das Verdienst der Verräterei? – Schwatzen kann er; mit seiner Zunge hat er uns gefangen wie ein Specht die Bienen. Zuerst hat er den Alten bethört, (auf Crustiew zeigend) und der Alte hat uns bethört. Mit Russenblut bezahlt er seine Freiheit, bespritzt er sein Ehebett! Heute sieht er uns zum Richtplatz führen, und morgen feiert er sein Hochzeitfest. Ha! Rache! Rache über den Verräther! Alle. Rache! Rache! Step. Sterben müssen wir, doch zuvor Benjowsky. Alle. Er muß sterben! Crust. Nicht so rasch, meine Brüder! Step. Welche Rache schwuren wir dem Meineid? sprecht! Alle. Den Tod! den Tod! Crust. Sterben muß er, wenn er schuldig ist. Ich selbst, ich alter Mann, will meine letzte Kraft zusammen raffen, das Mordgewehr in seine Brust zu stoßen. Doch hören müßt ihr ihn! Hat dieser Mann geheuchelt, hat dieses Auge Biedersinn gelogen: so fahre wohl mein Glaube an Redlichkeit und Treue! Ich halte ihn für schuldlos – Hören müßt ihr ihn! Step. So rede, alter Schwätzer! vertheidige ihn! Crust. Nicht ich, er selbst muß reden, ihn müßt ihr hören. Step. Ihn selbst? meinst du, Thor, er werde wagen, noch einmal unter uns zu erscheinen? Zweite Scene. Vorige. Benjowsky. Benj. (tritt herein) . Crust. Da ist er. Step. Ha! (Den Säbel ziehend.) Nieder mit ihm! Alle (ziehen die Säbel). Stoßt den Verräther nieder! Crust. (wirft sich über Benjowsky). So fahre euer Schwert zuerst durch meine Brust. Zurück, Brüder! er ist in eurer Gewalt, ihr müßt ihn hören! Zurück! er kann euch nicht entwischen. Batur. Crustiew hat Recht, besetzt die Thür. Benj. Laß mich, Crustiew. Was wollt ihr? Step. Dein Blut. Benj. Hab' ich es eurer Freiheit nicht gewidmet? bin ich nicht ein Glied eures Körpers? Step. Ein Giftgeschwür. Verantworte dich! Benj. Worauf? Step. Bist du frei? Benj. Ja! Step. Will der Gouverneur dir seine Tochter zum Weibe geben? Benj. Ja! Step. Nun Brüder? hab' ich gelogen, was bedarf es weiter Zeugniß? Rache! Rache! Alle (schwingen die Säbel). Rache! Rache! Crust. Halt! – Du siehst, Benjowsky, wir begreifen dich nicht, löse uns das Räthsel. Benj. Ich errathe euch. Würde ich wohl so ruhig hier erscheinen, wenn ich wäre, wozu dieser Bösewicht mich machen will? Seht mir in's Gesicht. Schwimmt Verrätherei in meinen Blicken, leset ihr Gewissensangst in meinen Zügen? Step. Armseliges Geschwätz! Benj. Armseliger Schwätzer! – Hört mich, Brüder, und richtet dann. Ich ging zum Gouverneur. Ihr wißt warum. Seine Tochter liebt mich. Er liebt seine Tochter. Sehr natürlich, daß sie um meine Freiheit bat; sehr natürlich, daß der Vater sie bewilligte. Er umarmte mich als seinen Eidam. Was sollt' ich thun? diese Ehre ausschlagen? warum? ich hätte Gründe geben müssen! und welche? War Verstellung hier nicht Nothwehr? Kann meine Freiheit euch nicht doppelt nützen? Step. Du lügst! Benj. Ich verachte dich! – Brüder, ich stehe mitten unter euch ohne Wehr und Waffen. Hab' ich euch verrathen, so muß ja wohl in wenig Augenblicken die Wache unser Dorf umzingeln. Dann stoßt mich nieder. Crust. Er ist unschuldig. Alle. Er ist's. (Sie stecken ihre Schwerter wieder ein.) Step. (wüthend). Wirst du, verlarvter Bösewicht, denn immer triumphiren? Nimm ein Schwert! Ich fordere dich zum Zweikampf. Gott sei Richter zwischen mir und dir. Ist dein Gewissen rein, so tritt hervor! Benj. Gebt mir ein Schwert. Crust. Mit nichten! wir dulden es nicht. Dein Leben ist uns theuer. Stepanoff wird von der Eifersucht gepeitscht. Step. Benjowsky ist ein Zungenheld. Benj. (hitzig). Gebt mir ein Schwert! Batur. (tritt zwischen sie) . Halt! – ich schweige nicht länger. (Auf Stepanoff zeigend.) Dieser hier ist der Verräther. Step. (erschrickt) . Alle. Was? was ist das? Batur. (zu Stepanoff). Sieh' mir steif in's Auge. Step. (verwirrt). Was willst du von mir? Batur. Seht, wie die glühende Wange bekennt. Sein Blut ist aufrichtiger als seine Zunge. Was ich von dir will? Sagen will ich, was du von mir wolltest. Alle. Rede! Rede! Batur. Vor wenig Stunden, Brüder – Step. Glaubt ihm nicht, er lügt. Batur. Kam er wüthig in meine Hütte – Step. Narr, ich war betrunken. Batur. Fluchte auf Benjowsky. Step. Männer fluchen, alte Weiber beten. Batur. Schrieb einen verrätherischen Brief. Step. (spöttisch) . Hast du ihn gelesen? Batur. Ich weiß den Inhalt aus deinem Munde – Step. Narr, ich hielt dich nur zum Besten. Batur. Ich sollte den Brief bestellen – Step. Du hast geträumt. Batur. Er war schwanger mit Benjowskys Tode und eurem Untergang. Alle. Weiter! weiter! Batur. Ich weigerte mich; er bat und drohte um die Wette. Endlich warf er mir ein Goldstück auf den Tisch, damit ich schweigen sollte. Step. Ist das Mährchen bald am Ende? Batur. So stürzte er fort, ich hab' ihn nicht wieder gesehen. Alle. Verräther! Bösewicht! Step. Er hat gelogen. Erster, zweiter, dritter Verschw. (die Säbel ziehend). Stoßt ihn nieder! Benj. Halt! entwaffnet, bindet ihn, aber auch ihn müßt ihr hören. Erster, zweiter, dritter Verschw. (nehmen Stepanoff sein Schwert und binden ihm die Hände). Step. (sträubt sich vergebens). Alle. Der Brief! wo ist der Brief! Benj. Stepanoff, du hörst die Frage deiner Bundesbrüder, antworte. Step. (störrisch). Ich weiß von keinem Briefe. Benj. Bekenne oder zitt're! Step. (mit einem Blick voll Verachtung). Zittern, vor dir? Erster, zweiter, dritter Verschw. Haut ihn nieder! Benj. Zurück! führt ihn fort! bewacht ihn im Nebenzimmer. Step. (knirschend, indem er seiner Wache folgt). Kommt denn kein Teufel aus der Hölle mir zu Hilfe? Benj. Gelassen, meine Brüder! ein Mord ist schnell vollbracht, und Jahre büssen oft den raschen Augenblick. Ist gleich Baturins Zeugniß ehrlich, so mangelt euch doch Stepanoffs Bekenntniß. Batur. Ich beschwöre meine Aussage, diese Hand soll verdorren, wenn ich falsch Zeugniß rede. Benj. Nicht genug. Hast du den Brief gelesen? Batur. Nein. Benj. Ich bitte euch, Brüder, verfahrt gelinde. Verzeihung dem Feinde ist eine Aussaat, die oft reiche Ernte trägt. Wir wollen uns begnügen, ihm ein Schrecken einzujagen; vielleicht erpressen wir sein reuiges Bekenntniß! Crust. Edler Mann! sei du sein Richter, handle nach Gefallen. Benj. Seid ihr es zufrieden? Erster, zweiter, dritter Verschw. Ja! ja! Benj. Wohlan, so bringt mir einen Becher mit Wasser. Erster Verschw. (bringt einen Becher mit Wasser) . Benj. (setzt den Becher auf einen Tisch, in der Mitte der Bühne) . Ich kenne Stepanoffs Krankheit, ich allein kann sein Arzt sein. Führt ihn her. Erster Verschw. (bringt Stepanoff) . Benj. Tritt näher, Stepanoff. Du bist der Verrätherei überwiesen, du hast, wie wir, dem Verräther Tod geschworen. Sprich selbst dein Urtheil. Step. Mein Schicksal ist in meines Feindes Hand. Benj. Du irrst. Alle deine Brüder haben dich verdammt, bekenne. Step. Ich will nicht. Benj. Du hast nur wenig Augenblicke noch zu leben, bekenne. Step. Ich will nicht. Benj. Du hassest mich? Step. Ja. Benj. Was that ich dir? Step. Nichts. Benj. Und doch hassest du mich. Step. Ja. Benj. Und willst nicht bekennen? Step. Nein. Benj. Wohlan, auch Schweigen ist Bekenntniß. Hier steht ein Becher mit Gift, trink' ihn aus. Step. (trotzig um sich schauend) . Brüder, ist das euer Wille? Erster, zweiter, dritter Verschw. Allerdings! Step. Mich wollt ihr diesem Fremdling opfern? Erster, zweiter, dritter Verschw. Trinke! trinke! Step. Ha! wie sie dursten. Meint ihr, der Tod sei ein Fastnachtsgespenst, und ich ein Kind, das vor ihm läuft? – Ich will trinken. Vorher ein Wort zu dir, Benjowsky! dich hasse ich! dich verabscheue ich, deinen Tod hab' ich gesucht, nicht den Tod dieser Männer. Du thust recht, daß du mich aus dem Wege räumst; du thust recht, daß du diese Faust in Bande schnürst! denn wäre sie frei, bei Gott! der erste Gebrauch ihrer Freiheit wäre ein Stoß nach deinem Herzen! Erster, zweiter, dritter Verschw. Haut ihn nieder! Benj. Halt! was wollt ihr von ihm? mich allein hat er beleidigt, und mich ernanntet ihr zu seinem Richter. Man bind' ihn los, ich verzeihe ihm. Step. Umsonst, Graf Benjowsky! Du verschwendest deine verdammte Großmuth. Ich hasse dich! Wir dürfen nicht neben einander stehen! Einer von uns muß fallen! Gib mir den Tod! Benj. Bindet ihn los. Erster Verschw. (bindet Stepanoff los) . Benj. Du bist frei. Step. Bin ich es? so gebt mir ein Schwert, daß ich meinen Henker niederstoße. (Er will einem der Umstehenden das Schwert entreißen.) Erster, zweiter, dritter Verschw. (hindern Stepanoff, das Schwert zu nehmen) . Crust. Unsinniger! Benj. Laßt ihn. Stepanoff, ich kenne den Wurm, der dir am Herzen nagt. (Er zieht ihn auf die Seite.) Sieh', das ist das Bild meiner Gattin. Step. Deiner Gattin? Benj. Ich bin verheirathet. Step. Verheirathet? Benj. Bin Vater. Step. Du? Benj. Und liebe mein Weib. Step. Gott! Benj. Kann also nie Afanasjens Hand annehmen. Step. (gewaltsam erschüttert, in Thränen ausbrechend, und Benjowsky umarmend.) . Benjowsky! – Ich muß hinaus in's Freie. (Er stürzt fort.) Erster, zweiter dritter Verschw. Ihr laßt ihn fort? Benj. Seid ruhig, er ist unser. Erster, zweiter, dritter Verschw. Seltsam! unbegreiflich! Benj. Sehr natürlich. Ein seidener Faden lenkt auch den Starrkopf, wenn man nur weiß, wo dieser Faden angeknüpft ist. Wasili (tritt eilig herein) . Fräulein Afanasja kommt zu Fuß und ganz allein. Sie will Euch sprechen. Benj. Afanasja? was bedeutet das? Entfernt euch, meine Brüder, hier durch die Hinterthür. Alle (ab) . Dritte Scene. Benjowsky. Afanasja. Benj. (betroffen) . Bei Nacht? allein? zu Fuß? so sittsam, schüchtern? und so kühn? –ich ahne nichts Gutes. Afan. (fliegt athemlos in seine Arme) . Ach! ich kann nicht mehr! Benj. (läßt sie auf einen Stuhl sinken) . Was ist Ihnen? woher – Afan. Ich bin gelaufen, geflogen – Benj. Warum? Afan. Man wird keinen meiner Fußtapfen im Schnee erkennen – Benj. Um Gotteswillen – Afan. Fühlen Sie mein Herz, wie es pocht – (Er legt seine Hand auf ihre Brust.) Benj. Erholen Sie sich – Afan. Ja, ja – es wird schon leichter – es wird schon besser – ich sehe Sie ja wieder – meine Angst verschwindet – Benj. Ohne Pelz in dieser Kälte. Afan. Ohne Pelz? wahrhaftig – – Aber mir ist warm, sehr warm – Benj. Weiß Ihr Vater – Afan. Niemand weiß – ich allein – die Minuten waren kostbar – Benj. Erklären Sie mir – Afan. Gleich! Gleich – (tief Athem schöpfend) . –Ah! Geduld, – ach! nun ist's vorüber. Benj. Sie erschrecken mich. – Afan. Nicht doch – Sie sind ja hier – es wird wieder hell um mich – ich war ein Kind – Benj. Diese Räthsel – Afan. (steht auf, tritt vor Benjowsky, faßt seine beiden Hände, und sieht ihm scharf, doch gutmüthig in's Gesicht) . Benjowsky! Benj. Warum dieser forschende Blick? Afan. (nach einer Pause) . Nein, es ist nicht wahr, er hat gelogen. Benj. Wer? Afan. Lachen Sie mich aus, lieber Graf, ich bin eine leichtgläubige Närrin. Mein Kammermädchen – sie hat einen Liebeshandel – Verliebte sagt man, necken gern – da hat er ihr weiß gemacht – aber Sie müssen nicht böse werden. Benj. Nur weiter. Afan. Ich erschrack, und ohne Ueberlegung rannte ich fort. Schelten Sie, lachen Sie, ich hab' es verdient. Benj. Sie machen mich ungeduldig. Afan. Gewiß, lieber Graf, ich bin nun wieder ganz ruhig, ganz ruhig, wenn ich Sie ansehe, so schäme ich mich zu bekennen – aber es muß doch heraus. – Lassen Sie mein Gesicht an Ihrem Busen ruhen, damit ich freier reden kann. Man sagt – Sie wären das Haupt einer Verschwörung – Sie wollten fliehen – meines Vaters Güte mit Undank lohnen – mich verlassen! (Sie verläßt ihre schüchterne Stellung) So, nun wissen Sie alles, nun kein Wort weiter. Beschämen Sie mich nicht noch mehr durch eine Vertheidigung. Nichts, nicht einmal nein sollen Sie sagen. Benj. (erschüttert) . Afanasja! Afan. Kein Wort! keine Sylbe! Ich würde den schlagen, der es der Mühe werth hielte, Sie zu vertheidigen. Benj. Ich muß – Afan. Schweigen, oder ich halte Ihnen den Mund zu. Weg mit der ehrbaren Falte hier und hier. Aber lachen dürfen Sie, lachen über das alberne, kindische Mädchen. Einen Kuß der Versöhnung, und ich hüpfe froh nach Hause. Benj. Das ist zu viel! Wer könnte diesen Engel täuschen! Gutes, harmloses Geschöpf! – Man hat dich nicht betrogen. Afan. Nicht? Benj. Ich muß fliehen – Afan. (erblassend.) Fliehen – Benj. Vielleicht morgen schon – Afan. Gerechter Gott! Benj. Mich bindet ein gräßlicher Eid. Afan. Arme Afanasja! Benj. Sieg oder Tod schwur ich den Gefährten meiner Leiden. Afan. Arme, betrogene Afanasja! Benj. Den Meineid rächt der Tod. Afan. (die Hände ringend) . Mir, mir den Tod! Benj. Ich kann nicht zurück, ich darf nicht um mich schauen – mein Herz blutet – aber ich muß vorwärts! Afan. Alles verloren! Benj. Zersprengen will ich diese Kette, nur meine Leiche soll ein Sklave bleiben! Ich wage viel durch dies Bekenntniß, doch dein gutes Herz betrügen konnte ich nicht. Jetzt bin ich in deiner Gewalt. Geh', entdecke deinem Vater, was du hörtest – Afan. (weinend) . Benjowsky! diesen Argwohn hab' ich nicht um Sie verdient. Wenn Sie mich nicht lieben – wenn Sie fern von mir in einem andern Welttheil glücklich sind; so sollen Sie doch immer mit Wehmuth an mich denken. Mein Geist, der Sie überall umschweben wird, soll das Bekenntniß oft von ihrer Lippe haschen: Afanasja war kein unedles Geschöpf! Benj. Ach! nur die Trennung von dir wird meinem Herzen schwer! Afan. Ich werde sterben – ich habe einen Augenblick lang gelebt – man lebt nur, wenn man liebt. – O du Verklärte! nimm mich auf in deine mütterlichen Arme! Benj. (sehr bewegt) . Sei großmüthig, Afanasja! schone mich! Afan. Sie sind gerührt? – Lieber Graf! bleiben Sie bei mir! – Lieber Benjowsky! bleib bei mir! Es kann dir doch nimmer wohl sein, wenn du an meinen Jammer denkst. Jedes frohe Gemälde würde mein blasses Bild entstellen. Bleib' unter uns! bist du nicht schon frei? Meine heiße Liebe soll dir Blüten aus diesen kalten Steppen locken. Meine starke Liebe soll kämpfen mit der Sehnsucht nach deinem Vaterlande. Ich werde mich bilden, ich werde alles von dir lernen, und du wirst von mir lieben lernen. Benj. Du folterst mich – Afan. Sieh, ich klage nicht, ich weine nicht. Muß doch dein Herz das Urtheil sprechen, was hab' ich denn zu fürchten? Vertrauen ist die Münze, mit der man edle Seelen erkauft. Ich vertraue dir, du wirst mich nicht verlassen. Benj. Meine Bundesbrüder werden mich tödten – Afan. Komm mit mir! die Gewalt meines Vaters und der Arm der Liebe werden dich schützen. Benj. Soll ich meine Freunde treulos opfern? Afan. Ich will meines Vaters Knie umfassen, keinem soll ein Haar gekrümmt werden. Und wäre ihr Urtheil schon mit Blut geschrieben, so sollen meine Thränen die Worte verlöschen. Benj. (gepreßt) . Ich kann nicht! Afan. Du kannst, ja, du wirst! Was suchst du unter fremdem Himmel? Freiheit? – hat die Liebe nicht schon deine Fesseln zerbrochen? – Schätze? – wirst du nicht meines Vaters Erbe? – Liebe? – o die findest du nirgends wie hier in dieser treuen Brust! – Du meine erste und einzige Liebe! – willst du dein Schiff mit meines Vaters Fluch beladen? willst du in jedem Säuseln des Windes meine Seufzer hören? – ach! und doch – bei jedem Sturm würd' ich am Ufer niederknien, für deine Rettung beten! Benj. Laß ab! laß ab! ich liebe dich! bei Gott! ich liebe dich! aber – Afan. Hat die Liebe auch ein aber? Benj. Ich kann dich nicht betrügen. Afan. Das wirst du nicht. Benj. Du mußt alles wissen – Afan. Noch mehr? Benj. Sieh' dieses Bild – ich bin verheirathet – es ist mein Weib. Afan. Ha! (Sie sinkt erschöpft in einen Sessel.) Benj. (lehnt sich an die Mauer und verbirgt sein Gesicht) . Afan. (Pause. Ihr Busen hebt sich schnell, sie kämpft mit sich selbst. Entschlossen steht sie auf und spricht:) Wohlan, ich entsage dir. (Ihm die Hand reichend) Mein Bruder! darf ich so dich nennen? Benj. (stürzt zu ihren Füßen, und drückt sein Gesicht auf ihre Hand) . Afan. Fliehe! wenn dein Weib dich liebt– o gewiß liebt sie dich! – wie bekümmert muß sie um dich sein. Eile! Fliehe! Benj. (aufspringend.) Gott! – Emilie! Afan. Emilie heißt sie, Emilie? Ein sanfter schöner Name. O gewiß ist deine Emilie sanft und gut. Sie wird mir deine Bruderliebe gönnen. Nicht wahr, Benjowsky? Benj. Dürft' ich hinaus in die Schlacht! Afan. Rein und schuldlos bin ich dir ergeben, die Schwester darf den Bruder lieben. Nein, ich verlasse dich nicht! ich kann dich nicht verlassen! ich ziehe mit dir in die weite Welt! Zeuge will ich sein von dem Entzücken deines Weibes bei deiner Wiederkunft. – Ein heller Strahl erwärmt mein Herz auf's neue. Ich selbst führe dich zurück in ihre Arme, finde meine Ruhe in der eurigen – lebe still und sittsam mit euch, unter euch – helfe deinem Weibe in der Wirthschaft – lehre deine Kinder eure Namen lallen – Benj. Mädchen! du bringst mich um den Verstand! Afan. Keine niedrige Eifersucht soll sich unter uns schleichen, kein dienstfertiger Nachbar unsere holde Eintracht stören. Herzlichkeit soll mir deines Weibes Liebe, Tugend und Unschuld ihre Achtung gewinnen. Nur immer bei dir, um dich will ich sein, will sehen wie du handelst, hören was du redest, mich freuen und betrüben mit dir. Zerstöre nicht den lieblichen Traum! stoße mich nicht zurück! Gib mir ein Plätzchen in der Kajüte, wo ich dich sehe, einen Winkel auf dem Schiffe, wo ich für dich beten kann. Benj. Und dein alter Vater? Afan. (ihr Gesicht verbergend) . Ach Gott! Erster Verschw. (tritt herein) . Der Gouverneur will Euch sprechen. Benj. Ich werde morgen früh – Erster Verschw. Gleich auf der Stelle. Benj. Zu einer so ungewöhnlichen Zeit? Was bedeutet das? Erster Verschw. Die Ordonnanz erzählt, es sei ein fürchterlicher Lärm im Schlosse. Benj. Ich werde kommen. Erster Verschw. (geht ab) . Afan. Nimmermehr! – Benjowsky! ich zitt're – Benj. Wofür? Afan. Hörst du nicht? Ein fürchterlicher Lärm –mein Vater tobt – das thut er nicht um Kleinigkeiten. Er läßt dich rufen, so spät in der Nacht – es wäre tollkühn zu gehorchen. Laß mich, laß mich allein. Wenn ich Gefahr ahne, und nicht schreiben darf, so soll Feodora dir ein rothes Band bringen. Erblickst du das, so denk' an deine Rettung. Benj. Wer weiß, ob wir die Mücke nicht zum Elephanten machen. Vielleicht vermißt dich dein Vater und ist unruhig. Afan. Auch möglich. Benj. Ich gehe mit dir. Afan. Nein, nein, meine Angst würde dich verrathen. Benj. Bedenke, liebe Afanasja – Afan. Die Liebe bedenkt nicht, sie fühlt nur. Benj. Sind wir verrathen, jetzt schon verrathen, so ist keine Rettung, denn unsere Anstalten sind noch nicht reif. Aengstlichkeit verschlimmert nur das Uebel. Den Wanderer unter den Bäumen trifft der Blitz leichter, als den Wanderer im freien Felde, d'rum laß uns geh'n. Afan. Kann ich auch? – Meine Knie wanken. Benj. Stütze dich auf meinen Arm. (Sie wollen gehen.) Vierte Scene. Vorige. Kudrin. Kudr. (stürzt herein zu Benjowskys Füßen.) Den Tod, Graf Benjowsky! gebt mir den Tod! Benj. Mensch, was ist dir? Kudr. Ich hab' euch verrathen – Benj. Verrathen? Kudr. Die Liebe hat mich zum Verräther gemacht. Benj. Geschwind, erzähle. Kudr. Ich liebe Feodora – wollte sie mit mir nehmen – vor wenig Stunden – sie stand auf dem Balkon – ich traute der verrätherischen Dunkelheit, entdeckte ihr alles – und wurde behorcht. Benj. Behorcht? Wer? Kudr. Der Hettmann. Benj. Er allein? Kudr. Allein. Benj. Und er ertappte dich? Kudr. Er hielt mich fest, rief die Wache, ich stieß ihn von mir und entschlüpfte. Aber mein Gewissen hat mich die halbe Nacht herumgepeitscht, meiner Brüder Blut schreit um Rache! verzeiht mir und tödtet mich! Benj. Bist du gewiß, daß nur der Hettmann dich behorchte? Kudr. Nur er. Benj. (zu Afanasja). Und ist Feodorens Treue erprobt? Afan. Ich hafte für sie. Benj. So steh' auf und geh' in Frieden. Schleiche dich vorsichtig nach dem Hafen, verbirg dich dort auf unserm Schiffe. Morgen wirst du von uns hören. Kudr. (aufstehend). Wie? kein böses Wort? – Benj. Worte kosten Zeit, nur handeln kann uns retten. Was geschehen ist, ist geschehen. Vollziehe schleunig meinen Befehl, und laß dich nicht zum zweiten Mal ertappen. Kudr. Ein erleichtertes Gewissen beflügelt meine Schritte. (Ab.) Benj. Nun, Afanasja, komm zu deinem Vater. Afan. Dennoch? Benj. Allerdings. Nur dreiste Zuversicht kann des Hettmanns Zeugniß entkräften. Gelingt es mir, nur bis morgen, deinem Vater Beruhigung einzuflößen, so haben wir gewonnen Spiel. Afan. Und wenn es nicht gelingt? Benj. So ist das Spiel verloren. Afan. Und dann? Benj. Dann werd' ich zu sterben wissen. Afan. Ach Benjowsky! (Sie gehen Arm in Arm ab.) Fünfte Scene. (Zimmer im Schlosse.) Gouverneur. Hettmann. Dann die Ordonnanz. Später Benjowsky und Afanasja. Gouv. (unruhig auf- und niedergehend.) Habt Ihr auch recht gehört? Hettm. Hab' ich Ohren? wie? und wenn ich sage Ohren, so verstehe ich darunter große Ohren. Gouv. Unbegreiflich! Hettm. Einen alten Narren hat er mich genannt. Gouv. Für meine Wohlthaten – Hettm. Vor die Brust hat er mich gestoßen. Gouv. Mein einziges Kind gab ich dem Heuchler. Hettm. Man muß eine Knute aus Blitzen flechten. Gouv. Nein, es kann nicht sein! es wäre zu schwarz! Gesteht mir, Hettmann, Ihr war't betrunken. Hettm. Betrunken? nun ja, ist ein betrunkener Hettmann nicht mehr werth, als zehn nüchterne Verbannte? Gouv. Gott! gib mir Fassung, daß ich meiner Würde treu nicht rasch verfahre. Gesetz und Billigkeit sind Richter, das warme Blut soll nicht die Schale drücken. Ordon. (tritt herein.) Graf Benjowsky wird kommen. Gouv. Er wird kommen? Ordon. Sogleich. Gouv. Wirklich? Das ist Frechheit oder Unschuld. Hat man Feodora gefunden? Ordon. Nein. Gouv. Ein Corporal mit Wache soll den Kosaken Kudrin suchen, und gebunden hierher bringen. Ordon. (ab). Hettm. Warte, junger Bube! ich will den alten Narren, dir bezahlen. Mich ärgert nur, daß der Kerl ein Kosak ist. Gouv. Meine arme Tochter! Benj. und Afan. (treten herein) . Gouv. Ha! Graf Benjowsky! Hettm. Willkommen, Herr Minister! Gouv. Was willst du, Afanasja? du kömmst zu ungelegener Zeit, laß uns allein. Afan. (entfernt sich mit schwerem Herzen) , Gouv. (steht finster in sich gekehrt) , Hettm. (beschaut Benjowsky mit einem dummen Lächeln vom Kopf bis zu den Füßen) . Benj. (Blicke ruhen forschend auf Beiden wechselweise,) Gouv. (klingelt!) . Ordon. (tritt herein) . Gouv. Ist Feodora noch nicht gefunden? Ordon. Eben kömmt sie von einer Nachbarin. Gouv. Wo ist sie? Ordon. Bei dem Fräulein. Gouv. Sie soll sogleich hierher kommen. Ordon. (ab) , Gouv. (Pause, sieht Benjowsky starr an.) Benj. (dem Gouverneur frei in's Gesicht blickend) . Gouv. (bei Seite) . Ist er schuldig, so ist er kein gemeiner Bösewicht. Benj. Herr Gouverneur, Ihr Gesicht ist nicht, wie es heute und gestern war. Gouv. Gott gebe, daß unsere Herzen unverändert sein mögen. Benj. Das gebe Gott! Gouv. Ich bürge für das Meinige. Benj. So bin ich ruhig. Gouv. Das freut mich. Benj. Sie haben mich rufen lassen – Gouv. Geduld. Hettm. Man spricht hier von allerlei artigen Dingen. Benj. Wie so? Hettm. Wenn ich sage artige Dinge , so verstehe ich darunter Hochverrath. Benj. Hat Tschulosnikoff schon wieder – Hettm. Nichts, nichts, Tschulosnikoff, der sitzt in Ketten und Banden. Benj. Also ein neuer Verleumder? wo ist er? Gouv. Er soll Ihnen unter die Augen gestellt werden. Benj. Das erwarte ich. Gouv. Die strengste Gerechtigkeit – Benj. Die ford're ich. Gouv. Er soll laut bekennen. Benj. Und beweisen. Gouv. Das versteht sich. Benj. Und wenn er nicht beweiset? Gouv. Die härteste Strafe leiden. Benj. Ich bin zufrieden. Gouv. (nach einer Pause). Aber wenn er beweist – Benj. Dann lege ich meinen Kopf zu Ihren Füßen. Gouv. (ihn scharf ansehend). Ich hoffe, Graf, Sie sind unschuldig. Benj. Ich weiß es gewiß. Gouv. Geliebt und frei; was könnte sie bewegen – Benj. Folglich – Gouv. Sie haben Recht. Hettmann! Hettmann! ich fürchte, Ihr habt mir ohne Noth eine üble Stunde gemacht. Hettm. Ohne Noth? Hat er mich nicht einen alten Narren geschimpft? Benj. Wer? Gouv. Davon ist nicht die Rede. Hettm. Den Geier auch! wovon denn? Sechste Scene. Vorige. Feodora. Feodora (tritt herein) . Gouv. Nur näher, Feodora. Kennst du den Kosaken Kudrin? Feod. Er ist mein Bräutigam. Hettm. Da haben wir's! Gouv. Hast du ihn heute gesprochen? Feod. Ja. Gouv. Wo? Feod. Vom Balkon herab. Gouv. Wovon sprach er mit dir? Feod. Je nun, wovon er immer zu sprechen pflegt, von seiner Liebe. Gouv. Das will ich nicht wissen. Feod. Was denn? Gouv. Er hat dir eine Verschwörung entdeckt. Feod. Verschwörung? was ist das? Hettm. Bat er dich nicht, mit ihm zu fliehen? he? Feod. Fliehen? ja. Gouv. Wohin? Feod. Ach! Hettm. Nun, hab' ich gelogen? Gouv. Rede. Feod. Verzeihung, gnädiger Herr, für meinen armen Kudrin. Gouv. Zuvor bekenne. Feod. Er klagte über des Hettmanns harte Zucht, und schlug mir vor, mit ihm nach Ochozk zu entfliehen. Gouv. Sonst nichts? Hettm. Possen! spracht ihr nicht von einer Flucht über's Meer? he? Feod. Ja, ich sagte, ich wollte mit ihm in die weite Welt geh'n. Hettm. Wenn ich sage das Meer , so verstehe ich darunter nicht die weite Welt. Feod. Auch über's Meer, hab' ich gesagt, ob ich gleich mich vor dem Wasser fürchte. Benj. (lächelnd bei Seite). Vortrefflich! Gouv. Nun Hettmann, wie klingt das? Hettm. (den Kopf schüttelnd). Nasen drehen! Spracht ihr nicht von einem herrlichen Lande, wohin ihr fliehen wolltet? Feod. Nun ja, Ochozk. Er ist dort gewesen, und kann nicht genug rühmen, wie gut sich dort lebt. Gouv. Aber der Graf? der Graf? Feod. Der Graf? Hettm. Ja, ja, der Graf! Sollte der euch nicht nach Ochozk begleiten? he? Feod. Das höre ich zum ersten Male. Desto besser! so darf ich mein Fräulein nicht verlassen. Hettm. Sie stellt sich dumm. Gouv. Bekenne! was spracht ihr von dem Grafen? Feod. Nicht ein Wort. Doch ja, ich besinne mich. Hettm. Aha! Feod. Ich erzählte ihm, daß Graf Benjowsky Fräulein Afanasjen heirathen wird. Gouv. Sonst nichts? Feod. Was denn noch? Hettm. (ungeduldig). Von der Verschwörung, von dem Schiffe, von der Flucht. Wirst du reden? Feod. Verzeiht mir, Iwan Fedrowitsch, Ihr war't ein wenig benebelt, und ich glaube, Ihr seid es noch. Hettm. Du Hexe! – die freche Dirne leugnet mir am Ende noch gar den alten Narren ab! wie? Feod. (weinend und heftig). Ich eine Hexe? eine freche Dirne? Hettm. Nun, nun! Feod. Ich bin ein ehrliches Mädchen. Hettm. Nun, nun. Feod. Mit dem gnädigen Fräulein erzogen. Hettm. Ja doch, ja! Gouv. Ruhig, Feodora! hast du mir nichts verschwiegen? Feod. Aber mein Gott! da steht ja der Graf selbst, er wird am besten wissen, ob er nach Ochozk zu reisen gedenkt! Benj. Der Graf, mein gutes Kind, denkt an nichts weniger. Aber es gibt hier dienstfertige Leute, die, wenn sie den Boden einer Flasche sehen, so viel für ihn denken – Gouv. Hettmann, Ihr wart irrig, der Wein – die kalte Luft – Hettm. Mag sein, was die Verschwörung anlangt; doch was den alten Narren betrifft, darauf will ich leben und sterben. Gouv. Nun, wenn es weiter nicht – Hettm. So? ist das nichts? Gouv. Ja doch, Iwan Fedrowitsch, man muß ihm die Katze geben lassen. Hettm. Allerdings. Gouv. Ich danke Gott, daß kein Verdacht auf einem Manne ruht, der meinem Herzen nahe ist. Ich glaub' es gern und leicht. Benj. Das Räthsel der sogenannten Flucht kann ich vermuthlich lösen. Ein Entwurf, den der Hettmann mir mittheilte, die aleutischen Inseln betreffend – ich ließ ein Wort davon fallen, Kudrin hat es gehört, und vielleicht übel verstanden. Hettm. Ach so? das ist ein anderes. Wenn ich sage ein anderes , so verstehe ich darunter – Feod. (schalkhaft) . Nichts. Hettm. Recht, nichts. Gouv. (Benjowsky die Hand reichend). Lieber Graf, es bleibt beim Alten. Hettm. (eben so). Es bleibt beim Alten. Gouv. Verzeihen Sie dem Gouverneur seinen Argwohn, der Vater war ohne Mißtrauen. Benj. Es hat mir weh gethan, doch es sei vergessen. Gouv. Es ist spät. Sollen wir zur Abendtafel gehen? Hettm. Ein vernünftiger Gedanke. Benj. Ich beurlaube mich. Der heutige Tag war einer der schwülsten meines Lebens. Ich bedarf die Ruhe. Gouv. Bis morgen. Leben Sie wohl. Benj. (ab) . Hettm. Grillenfänger! spricht von schwülen Tagen. Es ist eine Kälte draußen, daß die Zähne an einander frieren. Gouv. Wo ist meine Tochter? Feod. Im Speisesaal. Gouv. Wir wollen zu ihr geh'n. Doch, Herr Gevatter, nehmt Euch in Acht, daß der Wein nicht wieder Phantasien rege macht. Hettm. (schmunzelnd). Der Wein! Laßt ihn nur kommen, ha! ha! ha! (Sie wollen gehen). Ordon. (tritt herein). Ein Brief. Gouv. Wer brachte ihn? Ordon. Ein Kamtschadale. Gouv. (entfaltet den Brief und liest). Hettm. Die Briefe kann ich nicht leiden. Feod. Warum nicht? Hettm. Närrin, weil man sie lesen muß. Gouv. Ha! schon wieder! – Hört doch zu, Iwan Fedrowitsch. (Er liest.) »Graf Benjowsky steht an der Spitze von mehr als hundert entschlossenen Männern. Tschulosnikoffs Schiff ist in ihrer Gewalt. Der morgende Tag entführt dem Gouverneur seine Tochter. Ich bürge mit meinem Kopf für die Wahrheit dieser Nachricht. Der Staat ist mir die Freiheit schuldig. Stepanoff.« Hettm. Da haben wir's! Was sagt Ihr nun, Gevatter? War der auch betrunken, der diesen Brief schrieb? Gouv. Ha! so wäre ich doch hintergangen? Ist der Graf schon fort? Ordon. Er hatte Eile, wie es schien. Gouv. Ja wohl Eile. (Zu Feodora) . Meine Tochter soll kommen. Feod. (im Abgehen). Ein neues Ungewitter! Hettm. Ich lasse meine Kosaken aufsitzen. Gouv. Wie er da stand! Wie täuschend seine Larve Unschuld log, wie ruhig er mir seinen Kopf bot – Hettm. Einen Kopf haben wir nun gewiß, er oder Stepanoff. Siebente Scene. Vorige. Afanasja. Kudrin. Afan. (mit Feodora kommend). Gouv. (ihr den Brief hinreichend). Lies diesen Brief. Afan. (nachdem sie ihn gelesen). Verleumdung, mein Vater. Gouv. Weißt du nichts? Afan. Nichts. Gouv. Aber du wirst bleich? Afan. Verdruß und Aergerniß, Zorn und Liebe – Gouv. Aber du zitterst? Afan. Soll ich nicht zittern, da mein guter Vater allzurasch, vielleicht – Gouv. Sei unbesorgt, ich werde strenge untersuchen. Afan. Es thut mir weh, daß ich eines Menschen Unglück machen soll; aber dieser Stepanoff hat es verdient. Mir ist es klar, warum er den Grafen stürzen will. Seine Eifersucht ist erfinderisch. Gouv. Eifersucht? Afan. Er liebt mich. Gouv. Dich? Afan. Mit einer Art von Raserei. Noch diesen Morgen hat er es gewagt, mich hier im Schlosse zu überfallen, hat getrotzt, gewüthet – Gouv. Er? gegen meine Tochter? Afan. Ich wollte Hilfe rufen, da überraschte ihn der Graf. Er stürzte drohend hinaus, und – er hat Wort gehalten. Gouv. Ich erstaune. Afan. Eifersucht dictirte diesen Brief, urtheilen Sie nun selbst, mein Vater, ob er Sie beunruhigen darf. Gouv. Warum sagtest du mir nicht gleich – Afan. Er dauerte mich, ich hielt ihn für verrückt. Feod. (bei Seite). Vortrefflich! das Gewitter zieht vorüber. Hettm. Hm! wieder fehlgeschossen, das ist ein Tag – weder Essen noch Trinken – und eine Nacht – weder Schlaf noch Ruhe. Gouv. (nachdenkend). Sollte Stepanoff es wagen, seine Lügen aus der Luft zu greifen? Tschulosnikoff – Kudrin – sollte alles das von ungefähr zusammentreffen? Kudrin (in Fesseln, von einem Corporal und Wache begleitet). Hettm. Sieh' da! der Vogel ist gefangen. Corp. Ein paar Minuten später war er uns entschlüpft. Feod. (zu Afanasja'n). Wir sind verloren! Afan. Wink ihm zu. Gouv. Wo grifft ihr ihn? Corp. Im Hafen. Gouv. Sind Bewegungen dort? Corp. Tschulosnikoffs Schiff wird ausgerüstet. Gouv. (zu Kudrin). Was thatest du im Hafen? Kudr. (zitternd). Gnade! Gnade! ich will alles bekennen. Feod. (sich an ihn drängend). Ich hab' schon alles bekannt, lieber Kudrin. Hettm. Kennst du mich, Bursche? he? Kudr. Ihr seid mein gnädiger Hettmann. Hettm. Dein alter Narr bin ich, und folglich dein ungnädiger Hettmann. Wenn ich sage ungnädig , so verstehe ich darunter die Knute. Kudr. Weh' mir! schont mein junges Blut! ich bin verführt worden. Gouv. Wer verführte dich? Feod. Ich hab' ihn überredet – Gouv. Schweig! Feod. (bei Seite). Glück steh' uns bei. Afan. (bei Seite). Wir sind verloren. Gouv. (zu Kudrin) . Du wolltest fliehen? Kudr. Ach ja! Gouv. Wohin? Feod. Hast du nicht Verwandte in Ochozk? Kudr. Nein. Feod. Aber Freunde und Bekannte? Kudr. Ich war in meinem Leben nicht dort. Gouv. (zu Feodora). Schweig! Feod. Gnädiger Herr, ich muß für ihn sprechen; die Angst macht ihn verwirrt, er redet sich um den Hals. Hettm. Desto besser. Gouv. Nenne deine Mitverschwornen. Feod. Wer außer mir – Gouv. Wirst du schweigen? Kudr. Graf Benjowsky – Feod. Hat dir abgerathen, ich weiß es, wärst du ihm nur gefolgt. Gouv. Mädchen, ich lasse dich in deine Kammer sperren. Feod. Aber, mein Gott, gnädiger Herr, er ist mein Geliebter, mein Bräutigam; durch mich ist er in dies Unglück gerathen. – Hörst du, Kudrin? Ich hab' ihn gebeten mich nach Ochozk zu entführen, er hat eingewilligt, aus Liebe zu mir, das ist es alles, nicht wahr, Kudrin? Schonet seiner! vergebt ihm! er ist der beste Balalaikaschläger im ganzen Lande. Gouv. Fort auf dein Zimmer! Feod. Gnädiges Fräulein, ein gutes Wort – Gouv. Werft sie hinaus! Afan. Geh', Feodora. Feod. Ja doch, ja. Du hast gehört, Kudrin? ich nehme alles auf mich, und außer mir hat Niemand d'rum gewußt. (Ab.) Hettm. Bin ich denn Niemand? wie? Gouv. Jetzt bekenne frei. Nur die Wahrheit kann dir Gnade gewinnen. Kudr. Ach! müssen meine Brüder sterben, so will auch ich nicht länger leben. Gouv. Sind eurer Viele? Kudr. Viele. Gouv. An eurer Spitze steht? Kudr. Graf Benjowsky. Gouv. Wo habt ihr euch verbunden? Kudr. Am Altare. Gouv. Wie wolltet ihr entfliehen? Kudr. Zu Schiffe. Gouv. Wann? Kudr. Morgen. Gouv. Nun Afanasja? Afan . (ist einer Ohnmacht nahe). Gouv. Armes Kind, ich beklage dich! wir haben eine Schlange erwärmt. Hettm. Einen Drachen. Gouv. Jede Schwachheit kann mein Herz verzeihen, aber Undank ist ein schwarzes Laster. Führt ihn fort! Euer Leben haftet für ihn. Hettm. Komm! komm! ich will dir das Quartier bestellen. Brot ohne Sonne, und Wasser ohne Luft, verstehst du mich? er soll kirre werden. Kudr. (die Hände ringend). Ach! mein edler Graf! meine armen Brüder! (Ab mit Hettmann und der Wache.) Achte Scene. Gouverneur und Afanasja. Gouv. Es gibt Verbrechen, die das Herz empören, Menschenhaß erzeugen, und angebornes Wohlwollen in Grausamkeit verwandeln. Der tückische Bösewicht hat mit meinem Herzen sein Spiel getrieben, er soll mich kennen lernen. Afan. (zu seinen Füßen). Gnade, mein Vater! ich lieb' ihn noch! Gouv. Schäme dich! Steh' auf und spare deine Worte, sie schänden dich und mich. Hast du vergessen, daß deines Vaters Ehre und Leben auf dem Spiel stehen? oder hat der Bube dich durch einen Zaubertrank berauscht? ist dir beides gleichgültig geworden? Afan. O nein! mit meinem Blute – Gouv. Das erwarte ich von meiner Tochter. Jetzt müssen wir eilen, die Gefahr ist nahe. Setze dich und schreib'. Afan. (erschrocken) . Was? Gouv. Benjowsky ist der Rädelsführer. Haben wir ihn in unserer Gewalt, so sind die übrigen unnütze Glieder ohne Haupt. Schreib'! Afan. (zitternd) . Was soll ich schreiben? Gouv. Er wird sein Schicksal ahnen; er wird sich weigern, meinen Befehlen zu gehorchen. Nur du kannst ihn hierher locken. Larve für Larve. Schreib' ihm ein Briefchen zärtlich und süß; lade ihn ein – Afan. Nimmermehr! Gouv. Wie? du wolltest – Afan. Ich kann nicht, mein Vater! Gouv. Ha! undankbare Dirne! Soll deiner Mutter Segen von deines Vaters Fluch vernichtet werden? Afan. Halten Sie ein! Gouv. So setze dich und schreib'! Afan. (setzt sich an den Tisch). Sein Todesurtheil? Gouv. Vielleicht. Afan. Es ist das meinige! Gouv. Gleichviel. Afan. Ich bin bereit. Gouv. (dictirt). Afan. (schreibt zitternd). Gouv. »Lieber Graf! Ich muß Sie sprechen, noch in dieser Nacht. Kommen Sie eilig. Feodora wird am Pförtchen Sie erwarten. Fliegen Sie in die Arme Ihrer Afanasja.« Afan. Es ist geschehen. Gouv. (übersieht, was sie geschrieben). Kaum leserlich, doch schon gut. Jetzt versiegle schnell. Afan. (reißt, indem sie versiegelt, unvermerkt eine rothe Bandschleife vom Busen und verbirgt sie in das Billet). Gouv. (ruft heraus). Ordonnanz! Ordonnanz (tritt herein). Gouv. Dies Billet zum Grafen Benjowsky, und sprich, das Fräulein habe dich geschickt, hörst du? Ordon. Ganz wohl. (Ab.) Gouv. Leg' dich schlafen, Mädchen, ich will für euch wachen. Geh' und bitte Gott in deinem Abendsegen, daß er diese Leidenschaft in deiner Brust ersticke. Gedenke deiner Mutter! (Gerührt ihre Hand ergreifend.) Gedenke deines alten Vaters! (Ab.) Afan. (allein). Vater? – Mutter? – Gott verzeih' es mir! ich denke nur an ihn! – Schlafen? und Benjowsky in Gefahr? – beten? – ach! das hilft ihm nicht! – Hinweg du mädchenhafte Schüchternheit! Gesellt euch zu mir ihr unbekannten Freunde: Muth und Kühnheit! Ein Schwert, ein Schwert in meine schwache Faust! Rettung! Rettung dem Geliebten! Sein Schild sei diese Brust! an seiner Seite will ich fechtend sterben. Fünfter Act Erste Scene Crustiew. Stepanoff. Dann Benjowsky. (In Crustiews Wohnung. Die Verschwornen liegen in Gruppen an den Wänden umher, und schlafen. Jeder hat eine Flinte neben sich und ein paar Pistolen im Gürtel. Crustiew sitzt auf einer Bank mit geschlossenen Augen. Man wird an seiner Unruhe gewahr, daß er umsonst zu schlafen versucht. Er steht endlich auf.) Ich kann nicht schlafen. Mag ich den Kopf doch wenden wohin ich will, so höre ich einen Puls; das Blut hüpft durch meine Adern. Immer braust es mir vor den Ohren: Morgen! Morgen! Tod oder frei! Die kalten Schatten dieser Nacht verjagt der Freiheit helle, warme Sonne – Morgen ist mein Geburtstag, morgen fang' ich wieder an zu leben – hier – oder dort – Leb' wohl, du finstere Herberge meiner Leiden! ich verlasse dich ungern. Gewohnheit macht auch den Kerker schön. Jede Spinne ist mir lieb geworden, jede Maus ist meine Freundin – Auch diese Welt ist nur ein Kerker, an den uns die Gewohnheit fesselt. Hier sind wir schon bekannt, dort fremd – man geht nicht gern unter Fremde. Step. (tritt herein). Crust. Wo bist du wieder gewesen? Step. Draußen. Crust. Du läufst so unruhig hin und her? – Step. Bist du ruhig? Crust. Ist alles still draußen? Step. Die Wölfe heulen. Crust. Den Grabgesang der Sklaverei. Step. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Crust. Mir gibt die Hoffnung Zuversicht. Step. Wir hoffen Alle, aber die Hoffnung ist ein Regenbogen, jeder Mensch hat seinen eigenen. Crust. Es ist spät? Step. Mitternacht vorüber. Crust. Ich bin besorgt um den Grafen. Step. Auch ich. Crust. Wirklich? Step. Warum nicht? Er ist vermählt, Afanasja mein! Crust. Liebt sie dich? Step. Ich entführe sie. Crust. Wird sie dann dich lieben? Step. Gleichviel. Crust. Pfui der thierischen Liebe! Step. Der Greis denkt die Liebe, der Jüngling fühlt sie. Crust. Der edle Jüngling muß nicht fühlen, was der Greis nicht denken darf. Step. Schöne Worte. Crust. An dich verschwendet. Step. Ich wollte, es wäre Tag, und alles vollbracht so oder so. Crust. Die Stunden kriechen – Step. Ja wohl! Crust. Wie die Verrätherei im Finstern. Step. (betroffen) . Was willst du damit sagen? Crust. Nichts. Warum fällt das Bild dir auf? Step. Weil – weil ich ungeduldig bin. Benj. (tritt herein) . Crust. Ha, Benjowsky! endlich! Step. (bei Seite) . Ihn schützt der Satan! (laut.) Sei willkommen! Crust. Wir waren unruhig. Benj. Und mit Recht. Verdacht und Argwohn haben sich um unser Dorf gelagert. Wir müssen eilen. Crust. Alles ist bereit. Benj. Desto besser! Kudrins Plauderei hat uns an den Rand des Abgrundes geführt, ohne Weiberlist wären wir verloren. Step. (bei Seite) . Er weiß nichts. Crust. Wo ist Kudrin? Benj. Ich sandte ihn nach dem Schiffe. Crust. Dort ist er sicher. Benj. Wie sind uns're Leute vertheilt? Crust. Ein starker Haufe wacht im Hafen, ein anderer geht die Runde um das Dorf. Step. Der Stärkste lauert in der Kirche auf das Zeichen mit der Glocke. Crust. Unsere Vertrauten liegen hier und schlummern. Benj. Gut. Sie sammeln Kräfte und werden sie gebrauchen. Ist die Brücke abgebrochen? Crust. Gestern Abend schon. Benj. Das Pulver und die Kugeln? – Crust. Alle ausgetheilt. Benj. Und der Hinterhalt am Flusse? – Crust. Boskarefs Sorge anvertraut. Benj. So dürfen wir ruhig sein. – Wie steht's mit dir, Stepanoff? sind wir Freunde? Step. Halte Wort und wir sind's. Benj. Was versprach ich dir? Step. Afanasjas Besitz. Benj. Den kann nur sie gewähren. Zweite Scene. Vorige. Kasarinoff . Ordonnanz . Erster Verschw. (kömmt zu Benjowsky) . Kasarinoff will dich sprechen. Benj. So spät? laß ihn kommen. Erst. Verschw. (Ab). Step. Ein Fremder? Crust. Wenn er unsere Anstalten gewahr wird? – Benj. Sei unbesorgt, ich bürge für ihn. Kasar. (eilig) . Rette dich, Benjowsky! Benj. Warum? Kasar. Du bist verrathen. Step. (erschrickt) . Benj. Durch wen? Kasar. Durch den Kosaken Kudrin. Benj. Ich danke dir. Kasar. Sonst nichts. Benj. Ich wußte schon – Kasar. Und so ruhig? Benj. Kudrin ist in Sicherheit. Kasar. Ja wohl in Sicherheit. Benj. Auf unserm Schiffe. Kasar. Auf der Wache. Benj. Was sagst du? Kasar. Vor wenig Augenblicken schleppte man ihn fort, der Hettmann selbst ließ ihn in Fesseln legen. Er hat alles bekannt. Benj. (mit dem Fuße stampfend) . Verdammt! so ließ er sich doch erwischen. Kasar. Der Hettmann wird mit einer starken Wache bald hier sein, um dich abzuholen. Benj. Wohlan, so muß ich denn die Mine früher springen lassen. Kasar. Leb' wohl. Benj. Wohin? Kasar. Ich eile nach Hause, Weib und Kinder sind allein, und fürchten sich, wenn es Lärm gibt. Benj. Leb' wohl, ehrlicher Knabe! Morgen bringt ein freier Mann dir seinen Dank. Kasar. (geht ab) . Benj. Verdoppelt eure Vorsicht! auf den ersten Wink muß alles unter den Waffen stehen. Crust. Soll ich die Glocke ziehen? Benj. Noch nicht. (Er sieht nach der Uhr.) Es ist zwei Uhr. Ich wünsche den Tag herbei. Step. Warum nicht gleich? Benj. Damit in der Finsterniß nicht Brüder gegen Brüder fechten. Ordon. (tritt herein, in Begleitung des elften Verschwornen) . Das gnädige Fräulein sendet Euch diesen Zettel. Benj. Gab sie ihn selbst in deine Hand? Ordon. Sie selbst. Benj. (öffnet den Zettel, die rothe Bandschleife fällt heraus) . Ha! ich verstehe. Habe Dank, gutes Mädchen! du hast Wort gehalten. Diese Schleife sei mein Ordenszeichen. (Er heftet sie in das Knopfloch.) Nehmt ihn in Verhaft. Ordon. (erschrocken) . Warum? Benj. Du hast gelogen. Ordon. Ich bin unschuldig. Benj. Fort mit ihm! Erster Verschw. Komm, guter Freund, ich will dir deine Wohnung zeigen. (Er schleppt ihn heraus.) Benj. Die Gefahr naht mit starken Schritten. Wir dürfen nicht länger zaudern. Munter, meine Brüder! die große Stunde ist da. Noch ehe es Tag wird, müssen wir beginnen. Vielleicht feiert schon die Morgensonne unsern Sieg. – Auf, ihr Schläfer, auf! der Freiheit Stimme ruft! – Wie sie schlafen, als ob morgen Festtag wäre. He da! will den Keiner erwachen! (Man hört draußen eine Trommel rühren.) Aha! der Hettmann übernimmt die Mühe, die Schlummernden zu wecken. Alle (taumeln in die Höhe, da sie die Trommel hören, und greifen schlaftrunken nach ihrem Gewehr) . Benj. Ermuntert euch, meine Brüder! der Feind ist vor der Thür. Alle (stürmen nach der Thür zu) . Wir sind munter! Wir sind bereit! Dritte Scene. Vorige. Hettmann. Benj. Halt! Ordnung! Ruhe! Lichter weg! (Die Lichter werden ausgelöscht.) – Zwei von euch treten an das Fenster, öffnet es, legt euer Gewehr an, und haltet euch fertig; die andern beiden an diesem Fenster eben so. Ihr, Crustiew und Stepanoff, besetzt die Thür. Laßt jedermann herein, doch keinen heraus. (Die Trommel wird auf's neue gerührt, Benjowsky am Fenster.) Was gibt's da? wer stört unsere Ruhe? Hettm. (von draußen) . Graf Benjowsky, im Namen der Kaiserin nehme ich dich gefangen. Benj. Seid Ihr es, Hettmann? immer herein! Ein unvermutheter Besuch, ist d'rum nicht minder Willkommen. Hettm. Ergib dich. Benj. Vergönnt nur, daß ich mich zuvor ein wenig kleide. Ich springe eben halb nackend aus dem Bette. Hettm. So kleide dich. Benj. Wollt Ihr nicht indessen näher treten? Hettm. Nein. Benj. Ich habe eine Flasche guten ungarischen Wein, bei dieser Kälte sehr erquickend. Hettm. (die Ohren spitzend) . Wie? Benj. Ein wahrer Göttertrank. Hettm. Echter Ungar? Benj. Ich erkenne ihn für meinen Landsmann. Kommt herein und kostet. Hettm. Bist du allein? Benj. Ganz allein. Hettm. Schon gut, ich komme. (Zu seinen Leuten,) He da! Corporal! Fein wachsam! laßt mir keinen entwischen. Die Thür besetzt, die Säbel blank, ich komme gleich zurück. Benj. (sich umkehrend) . Das lügst du, alter Thor! nur einwärts in des Löwen Höhle geh'n die Fußtapfen. Hettm. (tritt herein) . Crust. und Step. (packen ihn) . Hettm. (will schreien, und sich widersetzen) . Benj. (zieht ein Pistol hervor) . Nicht einen Laut, oder Ihr seid des Todes! Hettm. Wie? Ihr untersteht Euch – Benj. Ruhig, Hettmann, wir sind hier die Stärkern. Hettm. Verdammt! – Benj. Gebt Euren Säbel ab. Hettm. Vergeßt nicht, wer ich bin. Benj. Unser Gefangener. Hettm. Keine Mißhandlungen – Benj. Euch soll kein Leid widerfahren, wenn Ihr thut, was ich verlange. Hettm. Was verlangst du? Benj. Tretet hier an dieses offene Fenster, ruft Euren Leuten lustig zu, sie sollen herein kommen, Alle, sie sollen trinken, hier sei keine Gefahr. Hettm. Ich will nicht. Benj. So müßt Ihr sterben. Hettm. Das will ich auch nicht. Benj. So vollzieht meinen Befehl. Hettm. Befehl? Benj. Oder Bitte, wenn Ihr lieber wollt. Hettm. Bitte? Ja, das ist ein Anderes. (Er nähert sich dem Fenster.) Benj. (ihm das Pistol vorhaltend) . Diese Kugel durch Euern Kopf, wenn Ihr durch ein zweideutiges Wort verrathet – Hettm. Bleib mir vom Leibe und laß mich nur machen. (Er ruft hinaus.) Kinder, hier ist alles ruhig, kommt herein und trinkt. Benj. (ihm zuflüsternd) . Alle. Hettm. Kommt alle herein. Benj. Ohne Gewehr. Hettm. Lehnt eure Gewehre indessen an die Wand. Corporal (antwortet draußen) . Schon gut. Benj. Hinaus, meine Brüder! nehmt sie in Empfang und sperrt sie ein im Keller. Alle (Verschwornen stürzen hinaus) . Hettm. Wißt Ihr auch, was dieser Spaß Euch kosten kann? Benj. Nun? Hettm. Wenn ich sage Spaß , so verstehe ich darunter Ernst . Benj. Also im Ernst ? – Hettm. Die Knute. Benj. Wirklich? Hettm. Nase und Ohren aufgeschlitzt. Benj. Ei! Hettm. Laßt mich fort. Benj. Geduld. Hettm. Ihr seid verloren, unsere Anstalten sind gut. Benj. Laßt doch hören. Hettm. Alle Truppen unter dem Gewehr. Benj. So? Hettm. Sie rücken an. Benj. Desto besser. Hettm. Mit Kanonen. Benj. Viel Ehre. Hettm. Schießen das Dorf in Brand – Benj. Man wird löschen müssen. Hettm. Schlagen euch todt – Benj. O weh'! Hettm. Dann werdet Ihr vergebens um Gnade bitten. Benj. Für dies Mal ist's an Euch. Hettm. (bei Seite) . Verdammter Hund! mit seinem echten Ungar! Alle (Verschwornen kehren zurück mit Lichtern) . Crust. Alles glücklich vollbracht. Benj. Gut. Der Hettmann ist so gütig gewesen, mich zu benachrichtigen, daß der Feind mit Kanonen anrückt. Wir müssen ihn empfangen. Geht Kinder, zieht die Glocke. (Man läutet.) Benj. (zum Hettmann) . Da ein Offizier sein Kommando nicht verlassen darf, so muß ich Euch bitten, die Gesellschaft im Keller zu vermehren. Hettm. Was? mich in den Keller? Benj. Es ist ein Weinkeller. Hettm. Nimmermehr! Benj. (die Achsel zuckend) . Man wird Gewalt brauchen müssen. Hettm. Eher lasse ich mich in Stücken hacken. Benj. Auch das, wenn Ihr wollt. Hettm. Wie lange soll ich da sitzen? Benj. Nur bis morgen früh. Hettm. Es sei d'rum. Ihr seht, Graf Benjowsky, Euch zu Liebe lasse ich mir vieles gefallen. Wenn ich sage Vieles , so verstehe ich darunter den Keller. (Er geht ab, vom ersten, zweiten und dritten Verschwornen begleitet.) Benj. Mit dem Narren wären wir fertig. Ist keiner entwischt? Crust. Ein einziger, der schnell zurück sprang, und in der Dunkelheit entschlüpfte. Benj. Das ist dumm. So erfährt der Gouverneur doch – Vierte Scene. Vorige. Afanasja. Afan. (stürzt herein, in Kosaken-Kleidung, den blanken Säbel in der Faust) . Benjowsky! Rette dich! Benj. (erstaunt) . Afanasja! Afan. (athemlos) . Soldaten! überall Soldaten! Benj. Was soll diese Verkleidung? Afan. Ich will mit dir sterben. Benj. Edles Mädchen! Afan. Du bist verrathen, schändlich verrathen! Benj. Ich weiß es, Kudrin – Afan. Nicht Kudrin – (auf Stepanoff zeigend) . Hier steht der Verräther. Benj. Wer? Stepanoff? Afan. (zu Stepanoff, seinen Brief hervorziehend) . Kennst du diesen Brief? Step. (schweigt bestürzt) . Benj. (reißt ihr den Brief aus der Hand, und liest ihn) . Ha! Bösewicht! Kennst du diesen Brief? Step. Meinst du, ich fürchte dich? und werde meine Hand ableugnen? – Ich hab' ihn geschrieben. Benj. So spieltest du mit deinem Eid? mit deiner Brüder Leben? Step. Mit deinem Leben. Benj. (sich zu den Uebrigen wendend) . Verrätherei. Alle. Haut ihn nieder! Step. Wie ihr wollt. Ohne dieses Mädchen ist mir das Leben eine Last. Gebt sie mir, und mein letzter Tropfen Blut soll für euch fließen. Afan. Geben? mich geben? – Eher legt mich in das Grab, als in seinen Arm. Step. Ha! verflucht! Rache! Rache! und dann willig in den Tod! Alle. Haut ihn nieder! Benj. Halt! straft ihn durch Verachtung. Step. (wüthend) . Verachtung? mir? (Er zieht rasch den Säbel und haut nach Benjowsky.) Afan. (ihm in den Arm fallend). Gott! Erster, zweiter, dritter Verschw. (packen ihn von hinten und entwaffnen ihn). Step. (mit verbissener Wuth). Laßt mich – ich ergebe mich – du hast gesiegt Benjowsky – sie war dein Schutzgott – ich empfinde Reue – vergebt mir – tödtet mich – Benj. Führt ihn fort! Step. Nur noch einmal, Afanasja – reiche dem Verbrecher deine sanfte Hand – daß ich sie an meine Lippen drücke – zum Zeichen der Vergebung – Afan. (ihm mitleidig die Hand reichend). Unglücklicher! Step. (zieht schnell ein Messer hervor und will sie erstechen) . Benj. (schleudert sie fort). Ha! Ungeheuer! Step. Auch das mißlang! Benj. Jetzt haut ihn nieder! Alle (ziehen die Säbel) . Step. Die Freude sollt ihr nicht haben. (Er stößt sich das Messer in die Brust.) Afan. (fährt mit Entsetzen zurück, und verbirgt ihr Gesicht an Benjowskys Busen) . Benj. Wüthender! Step. (sich krümmend) . Getroffen – Gut getroffen – Fluch dir, Benjowsky! – Fluch! – Benj. Schleppt ihn hinaus! Step. Fluch über Benjowsky! Erster, zweiter, dritter Verschw. (schleppen ihn fort) . Benj. Erhole dich, liebe Afanasja. Afan. (bebend) . Ist er todt? Benj. Wohl uns! Afan. Es jammert mich doch. Benj. Er war sein eig'ner Henker. Afan. Die Liebe – Crust. Entweihet diesen Namen nicht. (Man hört in der Ferne anhaltend schießen. Das Folgende wird sehr rasch gespielt.) Benj. Was ist das? Afan. Die Soldaten – Benj. Schon handgemein? Crust. Wohlan, nun gilt's! Erster Verschw. (stürzt herein) . Es wird geschossen! Crust. Wir hören es. Benj. Auf Brüder! zu den Waffen! Ernst. Läutet die Glocke! (Man hört von Zeit zu Zeit die Glocken läuten, und ununterbrochen in der Ferne schießen.) Benj. Wo bleibst du, Afanasja! Afan. Bei dir. Benj. Aber die Gefahr – Afan. Ich theile sie mit dir. Zweiter Verschw. (stürzt herein) . Es wird stark geschossen. Benj. Wo? Zweiter Verschw. Es schallt den Fluß herauf. Crust. Boskareff vermuthlich – Dritter Verschw. (athemlos.) Zu Hilfe! zu Hilfe! Benj. Was gibt's? Dritter Verschw. Der Feind wird uns zu mächtig – unten im Hohlwege – Benj. Fort! Fort! Gedenkt der Losung: Freiheit oder Tod! Alle Verschw. (die Säbel schwingend) . Freiheit oder Tod! (Sie stürzen hinaus.) Fünfte Scene. (Ein Zimmer des Schlosses.) Gouverneur. Ein Soldat. Feodora. Gouv. (geht unruhig auf und nieder) . Noch keiner zurück. – Was soll daraus werden? – Wo bleibt der Hettmann – die Ordonnanz – ich höre Schuß auf Schuß – die Handvoll Menschen wehrt sich hartnäckig. – Ha! Benjowsky! wehe dir, wenn meine Rache deinem Undank gleich kommt. Ein Soldat (stürzt herein) . Ich bin entronnen. Gouv. Wo ist der Hettmann? Soldat. Gefangen. Gouv. Und meine Ordonnanz? Soldat. Gefangen. Gouv. Geh' zum Teufel! Soldat. Durch List haben sie den Hettmann gelockt. Gouv. Weißt du sonst nichts? Soldat. Sie ziehen herauf. Gouv. Wer? Soldat. Die Rebellen. Gouv. Viele? Soldat. Große Haufen. Gouv. Sind auch Freie d'runter? Soldat. Ich glaube ja. Gouv. (bitter) . Warum nicht! Aufruhr ist ansteckend wie die Pest. Wer Pöbelherzen nur durch Wohlthaten zu fesseln gedenkt, der hat mit einem Blumenstengel die Rechnung in die See geschrieben. – Was bedeutet das Schießen? Soldat. Unten im Hohlwege, ein gräßliches Blutbad. Gouv. Die Uns'rigen siegen? Soldat. Sie fliehen. Gouv. Wohin? Soldat. Nach dem Walde zu. Gouv. Und ihr Geschütz? Soldat. Ließen sie im Stiche. Gouv. Ha! feige Miethlinge! Geh', Unglücksbote! laß Lärm schlagen: Jeder auf seinen Posten. Soldat (ab) . Gouv. Es wird Ernst. Wo laß ich die Weiber? Feod. (stürzt herein) . Ach! mein Gott! Gouv. Schläft meine Tochter? Feod. Sie ist fort. Gouv. Fort? Feod. Entsprungen in Mannskleidern. Gouv. Stirb! alter Graukopf! Feod. (die Hände ringend) . Ich unglückliches Mädchen! Gouv. Das traf mein Herz. Feod. Warum hab' ich geschwiegen? Gouv. Gefühl meiner Pflicht, steh' mir bei! (Man hört die Lärmtrommel.) Soldat (hastig) . Wir sind verloren. Gouv. Neues Unglück? Soldat. Die Rebellen siegen. Gouv. Wo? Soldat. Sie sind schon auf der Brücke. Gouv. Wer ließ die Brücke fallen? Soldat. Wir hielten sie für die Uns'rigen. Gouv. Sperrt das Thor. Soldat. Das haben sie eingehauen. Gouv. Ohne Gegenwehr? Soldat. Sie metzeln Alles nieder. Gouv. Wohlan! der Rädelsführer soll meiner Rache nicht entrinnen! (Er stürzt in das Cabinet.) Feod. (fällt auf die Knie) . Gott steh' uns bei! Gouv. (kehrt zurück mit Pistolen bewaffnet) . Fort! entgegen! Feod. (wirft sich zu Boden, ihm in den Arm) . Um Gotteswillen! gnädiger Herr! Gouv. Was willst du? Feod. Ihr Leben ist in Gefahr. Gouv. Ehre verloren, Alles verloren! (Er stößt sie mit dem Fuße fort, und will hinaus.) Sechste Scene. Gouverneur. Benjowsky und Verschworne. Dann Afanasja. Benj., Crustiew, Baturin und mehrere Verschworne (dringen herein). Feod. (rettet sich in das Cabinet). Benj. Ergebt Euch! Gouv. (weicht einen Schritt zurück, und drückt ein Pistol auf Benjowsky ab). Zur Hölle mit dir! Benj. (sich am linken Arme fassend). Ich bin verwundet – Gouv. Noch nicht todt? (Er will das zweite Pistol abdrücken. Man entwaffnet ihn.) Benj. Ruhig, Herr Gouverneur! Gouv. (wüthend). Ruhig? Benj. Ich kam, Sie zu schützen. Gouv. Du mich? Benj. Ich werde nicht vergessen, was ich Ihnen schuldig bin. Gouv. Nicht? Ha! ha! ha! Benj. Crustiew, dir übergeb' ich ihn. Gouv. Er ist die Geißel unserer Freiheit. Benj. Sein Leben sei dir heilig. Crust. Mir und Jedem. Benj. Bewache ihn auf seinem Zimmer. Crust. (zum Gouv.) Ich bitte Euch, mir zu folgen. Gouv. Gott! Deine Blitze schlafen. (Er geht ab mit Crustiew und Wache.) Benj. Das Schwerste ist vollbracht. Batur. Dank dem Himmel! Benj. Und eurer Tapferkeit. Batur. Ihr seid verwundet? Benj. Ich fühle es nicht. Geh', Baturin, laß alles nach dem Schiff bringen, was wir bedürfen, Pulver, Lebensmittel, Waren, Geld – Batur. Ist schon alles eingepackt. Ansehnliche Beute – Benj. Die schenk' ich euch, wo ist Afanasja? Batur. Auf der Treppe sah ich sie zuletzt. Benj. Sie wird doch nicht – (Er will fort.) Afan. (stürzt Benjowsky entgegen). Wo ist mein Vater? Benj. In Sicherheit. Afan. Todt? Benj. Er lebt. Afan. Wo? Benj. Auf seinem Zimmer. Afan. Du täuschest mich. Benj. Wahrlich nein! Afan. Ich hörte schießen. – Benj. Er widersetzte sich. Afan. Gott! du bist verwundet. – Benj. Ein Streifschuß, sei unbesorgt. Afan. Ich will zu meinem Vater! Benj. Schone seinen ersten Schmerz. Afan. Wer ist bei ihm? Benj. Crustiew. Afan. Ach! was hab' ich gethan? Erster Verschw. (eilig.) Das Volk umringt die Citadelle. Benj. Bewaffnet? Erster Verschw. Die Truppen ziehen sich zusammen und wollen stürmen. Benj. Fort auf den Wall! Erster Verschw. Unserer sind wenige. Alle zerstreut. Benj. (einen Augenblick nachsinnend.) Schleppt Weiber, Kinder, Greise in die Kirche, und droht, sie anzuzünden, wenn man uns nicht ungehindert ziehen läßt. Erster Verschw. Sogleich. Benj. Führt den Gouverneur gefesselt auf den Wall, zeigt ihn dem Pöbel, sein Kopf bürgt für unsere Sicherheit. Erster Verschw. (ab.) Afan. Erbarmen! Benj. Sei ruhig, nur eine leere Drohung, das Volk liebt deinen Vater. Afan. Wer liebt ihn nicht! Benj. Es wird für sein Leben zittern, und uns in Frieden ziehen lassen. Afan. Ach Benjowsky! noch kannst du alles wieder gut machen. Gib dich mir, mich meinem Vater wieder. Setze ihn in Freiheit! öffne die Thore! du hast gefochten wie ein Held, handle nun wie ein Mensch; deine Feinde sind besiegt, besiege dich selbst! vertausche den Lorbeer gegen Myrten der Liebe, die Gefahren der See gegen Ruhe in meinem Arm! Komm zu meinem Vater, löse seine Fesseln, empfange seinen Segen, Verzeihung deiner Brüder, dir Gewissensruhe, und mir unaussprechliche Wonne! Benj. Afanasja, wo denkst du hin? meine Gattin – Afan. Ach, ich weiß nicht was ich rede! – Benj. Das Loos ist geworfen. Das große Rad des Schicksals rollt unaufhaltsam. Wessen Macht greift in die Speiche? Afan. Verzeih' mir Gott, wenn dieser Strudel mich nicht fortreißt. Benj. Schwester! ich halte, was ich dir versprach. Erster Verschw. (kommt zurück). Es hat gewirkt. Benj. Ist alles ruhig? Erster Verschw. Sie zittern vor unsern Drohungen, und bitten um Frieden. Benj. Der Gouverneur? – Erster Verschw. Ermahnte sie vom Walle herab, seiner nicht zu schonen. Benj. Ha! Erster Verschw. »Stürmt!« rief er, »ich befehle es euch im Namen der Kaiserin.« Benj. Edel und groß! Erster Verschw. Aber vergebens. Benj. Wohlan! so hält uns nichts mehr auf, laß die Trommel rühren, daß sich die Zerstreuten sammeln. Den Gouverneur nehmt in die Mitte, im Hafen lassen wir ihn frei. Ladet scharf. Stellt Kanonen an des Zuges Spitze, begleitet sie mit brennender Lunte. Keine Feindseligkeit wird ferner ausgeübt. Ohne Geräusch, ohne Frohlocken; nichts, das die Wuth des Volkes von neuem reizen könnte. Geh', ich folge dir. Erster Verschw. (Ab.) Benj. Komm, liebe Afanasja. Afan. (zaudernd). Ach mein väterliches Haus! Benj. Keinen Blick in die Vergangenheit. Afan. Hier wurde ich geboren, hier haben Mutterliebe und Vatertreue mich erzogen – Benj. Erschwere dir das Scheiden nicht. Afan. Zum letzten Male! – Benj. Noch darfst du wählen. Afan. Nie, nie betret' ich wieder diesen Wohnplatz meiner Jugendfreuden! nie hör' ich wieder meines Vaters milde Stimme! – Benj. Du quälest dich und mich. Afan. Vergib mir! (Man hört die Trommel.) Benj. Die Minuten sind kostbar. Afan. (ihre Seelenangst unterdrückend.) Ich bin bereit. Benj. Geliebtes Mädchen! Trennung von dir wäre schrecklich! doch steht die Wahl noch jetzt in deiner Willkür. Bleib' oder geh'. Afan. Bleiben? – Ach mein Vater! Trommelt! Trommelt! Daß der Lärm diese Stimme übertäube! – Fort! fort! führe mich fort! Benj. Komm in meine Bruderarme. Afan. (noch einmal wehmüthig um sich blickend). Segen über meinen alten Vater! (Sie gehen.) Siebente Scene. Benjowsky. Verschworne. Schiffsvolk. Gouverneur. Afanasja. (Der Schauplatz verwandelt sich. Man sieht im Hintergründe einen Theil des Hafens. Die Fregatte ist segelfertig. Das Schiffsvolk arbeitet fleißig, Verbündete laufen hin und wieder. Man hört ein verwirrtes Rufen, bald der Kommenden, bald der Gehenden, bald auf dem Schiffe, bald am Lande.) »Lichtet die Anker! – windet alle Segel auf! – Der Wind ist Nordost zu Ost – Steuermann! – He da! Sie kommen! – Dort wimmelt der Haufe den Hügel herunter. – Glück auf! – Alles bereit! – Huzzah! Huzzah!« Benj. Afan. Crust. (und die übrigen Verschwornen treten auf). Gouv. (gefesselt, unter einer starken Wache, ohnmächtig wüthend. Während Crust. und die Verbündeten auf das Schiff laufen, Anordnungen machen, Befehle austeilen u.s.w.) Benj. (nähert sich dem Gouverneur.) Afan. (bleibt schüchtern in einiger Entfernung stehen). Benj. Nur noch einige Augenblicke sind mein. Scheiden wir als Freunde! Gouv. (wirft einen Blick voll Verachtung auf ihn, kehrt sich weg und knirscht). Benj. Daß ich gegen Russen fechtend ergriffen wurde, war es ein Verbrechen? – daß ich diese harten Fesseln heute sprengte, ist es ein Verbrechen? Gouv. (schweigt störrisch). Benj. Mich riefen Ehre und Vaterlandsliebe, an meiner Brüder Schicksal band ein Schwur das meinige. Gouv. (keine Antwort). Benj. Ich verließ daheim ein schwangeres Weib. Alter Mann! was hättest du gethan an meiner Stelle? Gouv. (schweigt hartnäckig). Benj. Bin ich keines Wortes, keines Blickes würdig? – Wohlan! was Schmerz und Wuth in dieser Stunde verdammen, wird morgen dein kälteres Blut entschuldigen. – Leb' wohl! Gouv. (packt wüthend seine Kette und will auf ihn einstürzen. Man hält ihn zurück. Er erblickt Afanasja'n, schlägt sich mit beiden Fäusten vor die Stirn, und heult). Afan. (stürzt zu seinen Füßen). Verzeihung mein Vater! Gouv. (abgewendet). Wer spricht mit mir? Afan. Ihren Segen – Gouv. Mein Fluch folge dir über's Meer! höre ihn, wenn es stürmt! höre ihn in deines Buhlers Armen! zitt're vor ihm, wenn es blitzt! und wenn die Sonne scheint, so denke, sie scheint auf deines Vaters Grab. Wenn der Donner brüllt, so brülle er dir meinen Fluch in's Ohr, und wenn ein leises Lüftchen säuselt, so wähne, meinen letzten Seufzer zu hören. Alles verlasse dich in deiner Sterbestunde, wie du mich verlässest, nur das Bild deines zürnenden Vaters schwebe vor dir in Fieberphantasien! Wirst du einst Kinder gebären, so sei mein Fluch ihr großväterliches Erbe! ihr Undank räche mich an der Mutter! Afan. (fällt sprachlos und halb sinnlos in Benjowskys Arme). Gouv. (durch Afanosjens Anblick erweicht). Bleibe bei mir, mein Kind! mein liebes verführtes Kind! bleibe bei mir! ich bin alt und schwach. Als deine Mutter starb, sprach sie zu mir: »Weine nicht, ich lasse dir Afanasja.« Willst du deine sterbende Mutter zur Lügnerin machen? Wenige Wochen, vielleicht nur wenige Tage, wie bald sind die verlaufen! dann lege ich mich nieder und sterbe, und du darfst sagen: ich habe das Gebot meiner Mutter erfüllt, ich habe meinem Vater die Augen zugedrückt. Benj. (erschüttert). Schone sie! Gouv. Du bist meine einzige Freude! mein einziger Trost! ich liebe dich väterlich, so wird kein Buhler dich lieben, Sättigung in deinen Armen wird er dir mit Ueberdruß bezahlen, indessen dein alter Vater, zum Lohn für seinen Segen, nichts begehrt, als einen sanften Druck deiner Hand auf seine Augen, wenn sie sich schließen wollen. – O daß mein Haar noch nicht so grau wäre, in diesem Augenblicke müßte es grau werden , und dieser Anblick würde dich rühren. Afan. (strebt sich aufzurichten, und fällt ohnmächtig zurück). Benj. (sehr bewegt.) Gott! – Hilfe! – ergreift sie! – tragt sie fort! Gouv. (außer sich vor Angst und Schmerz). Graf Benjowsky! wenn du einen Gott glaubst, so höre mich! Ich hab' dich nie beleidigt! ich habe dir Gutes gethan, so viel ich konnte! du hast mir alles genommen! du hast mich um Amt und Ehre gebracht! laß mir meine Tochter und ich bin reich geblieben! Graf Benjowsky! wenn du einen Gott glaubst, so höre mich! Um deines Weibes willen, das daheim für dich betet! wie kann Gott ihr Gebet erhören, wenn du mir armen Manne mein einziges Kleinod stiehlst? Um deines Kindes willen, das du noch nicht kanntest, als du dein Haus verließest, daß es dich nie zum unglücklichen Vater mache! Was willst du mit ihr? siehe, sie ist schon zur Leiche geworden, gib mir die Leiche meiner Tochter wieder! (Er fällt auf beide Knie nieder, und hebt seine Hände zitternd gegen Himmel.) Graf Benjowsky! ich habe keine Worte – ich habe keine Thränen, aber Gott hat Blitze! – Benj. (heftig erschüttert, legt die ohnmächtige Afanasja in die Arme des knienden Greises.) Da hast du sie, alter Vater! (Er zieht das Bild seines Weibes hervor.) Emilie! meine Gattin! – Fort zu Schiffe! (Verwirrtes Getöse. Alles eilt zu Schiffe.) Gouv. (seine Tochter in frohem Wahnsinn an sein Herz drückend, indem er die andere nach dem Schiffe ausstreckt.) Gott segne dich, Fremdling! Gott segne dich! (Der Vorhang fällt.)