La Fontaine Der Fuchs und der Storch Gevatter Fuchs hat einst in Kosten sich gestürzt und den Gevatter Storch zum Mittagstisch gebeten. Nicht üppig war das Mahl, nicht reich gewürzt; statt Austern und Lampreten gab's klare Brühe nur – er führt' ein sparsam Haus. In flacher Schüssel ward die Brühe aufgetragen; indes Langschnabel Storch kein Bißchen in den Magen bekam, schleckt Reineke, der Schelm, das Ganze aus. Da hat der Storch ihm nicht vergessen. Er lädt ihn bald darauf zu sich zum Mittagessen. »Gern«, spricht Herr Reineke, »denn unter Freunden ist Umständlichkeit nicht angemessen.« Er läuft geschwind zur angegebnen Frist zu seines Gastfreunds hohem Neste, lobt dessen Höflichkeit aufs beste, findet das Mahl auch schon bereit, hat Hunger – diesen hat ein Fuchs zu jeder Zeit –, und schnüffelnd atmet er des Bratens Wohlgerüche, des leckern, die so süß ihm duften aus der Küche. Man trägt den Braten auf, doch – welche Pein! – in Krügen eingepreßt, langhalsigen und engen. Leicht durch die Mündung geht des Storches Schnabel ein, umsonst dagegen sucht der Fuchs die Schnauze durchzuzwängen. Hungrig geht er nach Haus und mit gesenktem Haupt, beschämt den Schwanz ganz eingezogen. Ihr Schelme, merkt euch das und glaubt: Wer andere betrügt, wird selbst betrogen.