Marie Niethammer geborene Kerner Das Leben des Justinus Kerner Jugendliebe und Ehestand nach Briefen und eigenen Erinnerungen von Marie Niethammer Mit großem Eifer widmete sich Kerner in Tübingen dem Medizinstudium, doch blieb ihm daneben noch immer genügend Zeit für seine literarischen und dichterischen Neigungen. Bald schloß er sich einem Kreis gleichgesinnter Studenten an, dem auch Ludwig Uhland, Karl Mayer, Heinrich Köstlin und Gustav Schwab angehörten. Durch diesen Freundeskreis lernte er Friederike Ehmann, seine spätere Gattin, kennen. Friederike, die Tochter von Philipp Friedrich Ehmann, Pfarrer in Ruith bei Stuttgart, wurde als zweitjüngstes von fünf Kindern aus der ersten Ehe ihres Vaters in Ruith geboren. Noch als kleines Kind hatte sie das Unglück, ihre Mutter zu verlieren. Bald nach dem Tode seiner Frau verließ der Vater Ruith, um einem Rufe als Professor an das Seminar in Denkendorf zu folgen. Dort entschloß er sich seiner Kinder wegen zu einer zweiten Ehe, aus der drei Kinder entsprangen. Friederike war der Liebling ihres Vaters, eines geistig hochbegabten, durch Herzensgüte wie durch weit umfassende Kenntnisse gleich ausgezeichneten Mannes. Neben ihren anderen liebenswürdigen Eigenschaften ward dem Vater ihre Lernbegierde bei ihrem klaren Verstände bald eine große Freude. Sie lernte aus eigenem Antriebe mit ihren Brüdern die lateinische Sprache, so daß sie noch ihren Enkeln die Argumente durchsehen konnte. Von ihrem Fleiße als Schülerin kann noch heute manches Buch reden, das sie mit Worten lebendiger Anerkennung von ihren Lehrern als Prämie erhielt. Doch wurde über der geistigen Ausbildung die häusliche nicht versäumt. Schon frühe lernte Friederike unter der Anleitung ihrer zweiten Mutter sich mit den Geschäften der Haushaltung vertraut machen. Als Friederike etwa das vierzehnte Jahr erreicht hatte, legte ihr Vater das Professorat in Denkendorf nieder und siedelte als Stadtpfarrer nach Großbottwar über. Keines der Kinder hatte sich in so hohem Grade an den Vater angeschlossen wie sie, die wohl am meisten geistige Ähnlichkeit mit ihm hatte. Furchtbar schwer traf sie daher der Schlag, als sie, auf einem Besuche bei ihrer Tante Hehl in Lustnau von zu Hause abwesend, durch die Nachricht von dem Tode ihres Vaters überrascht wurde, ohne daß sie eine Ahnung von seiner Erkrankung gehabt hätte. Noch beim Antritt ihrer Reise nach Lustnau hatte ihr Vater sie zum Abschiede in die Arme geschlossen und unter Tränen zu ihr gesagt: »Komm bald wieder, liebes Rickele, ich kann nicht leben ohne dich.« Ob er wohl geahnt hatte, daß er sein Kind zum letzten Male sah? Häusliche Verhältnisse brachten es mit sich, daß Rickele, um der durch zahlreiche Kinder hart bedrängten Mutter Erleichterung zu verschaffen, nach dem Tode ihres Vaters dauernd bei ihrer Tante in Lustnau bleiben mußte. Wie dieser Aufenthalt neben mancher bittern Stunde ihr das Glück ihres Lebens brachte, will ich nun in den folgenden Blättern erzählen. Justinus Kerners Brautschaft Es war am 26. April 1807, Unlands Geburtstag, als Kerner und Uhland mit einer Gesellschaft von Freunden und Verwandten die Achalm bei Reutlingen bestiegen. Alle waren fröhlich, nur ein junges feines Mädchen in dunkler Kleidung, das mit zu dieser Gesellschaft gehörte, stand allein und sah traurig in die Gegend hinaus. Kerner, der dieses Mädchen noch nie früher gesehen hatte, trat auf sie zu und redete sie mit den Worten Goethes an: »Wie kommts, daß du so traurig bist, Da alles froh erscheint? Man sieht dirs an den Augen an, Gewiß du hast geweint.« Sie antwortete mit dem zweiten Vers: »Und hab ich einsam auch geweint, So ists mein eigner Schmerz, Und Tränen fließen gar so süß, Erleichtern mir das Herz.« Mit diesen Worten war der Bund der Herzen zwischen Friederike und Justinus geschlossen. Fest und klar war er sich von diesem Augenblick an bewußt, daß sie es sei, in der er das Glück seines Lebens gefunden habe, und innig, wie sie vom ersten Worte an miteinander verbunden waren, blieb von nun an das herzliche »Du« für immer zwischen ihnen bestehen, das Justinus mit den Worten des Dichters gebraucht hatte. Es war der erste Ausflug, den Friederike nach dem Tode ihres Vaters von Lustnau aus gemacht hatte. Aus ihm sollte für sie und Justinus ein Glück erblühen, wie es selten Menschen zuteil geworden ist. Kerner war schon als Student ein ausgezeichneter Mann, der durch seine Talente, sein liebenswürdig originelles Wesen in den Tübinger Kreisen sehr bekannt und gern gesehen war; daß aber ein Mädchen sich jetzt schon an ihn binden könne, kam allen Verwandten und Bekannten Friederikens doch zu aussichtslos vor, und diese wurde von der gestrengen Frau Tante Hehl sehr bewacht. Nur die heiße Liebe ihres Justinus, seine Treue und Beharrlichkeit gaben ihr die Kraft, alles auszuhalten, was Schweres über sie erging. Die Liebenden konnten sich nur wenig sehen, oft nur aus der Ferne. Lustnau liegt ganz von Bergen umgeben, und von einem derselben sah man herunter an die Oberamtei (jetzige Sophienpflege) und an das Fenster von Rickeles Zimmer. Auf diesem Berge lag Kerner oft stundenlang und war glücklich, wenn er seine Geliebte am Fenster erblicken konnte. Schriftlich verkehrten sie fleißig und legten ihre Briefe in einer alten verlassenen Kapelle unter einen Stein nieder. Dort sahen sie sich auch hie und da. Viele Lieder Kerners entstanden damals, die zuerst in Prosa oder gleich in Versen in den Briefen an sein Rickele enthalten sind. Der schönste Liebesfrühling leuchtet aus diesen Briefen, und ich kann mich nicht enthalten, einige, von Justinus wenigstens, beizusetzen: Montag 1807 (nachts 10 Uhr) Sahst Du mich auf dem Berge? Du sähest mich und konntest nicht zu mir herauf, und ich konnte nicht zu Dir hinab. Lang lag ich im Grase da und sah aus dem Gebüsch hervor nach Deinem Fensterlein, da glaubte ich Dich einmal zu sehen und sprang auf. Es war aber nur ein weißes Blümlein, das sich mir vor Augen stellte, als ich so im Grase dalag. Bald darauf kamst Du doch noch und schienest ganz weiß herauf. Ein Brieflein habe ich Dir hingelegt und der Mond hat mir dazu geleuchtet. Dienstag nachts 11 Uhr Schön ists, wenn zwei Sterne beieinander stehen, ach, man sieht sie so gerne an, sie geben auch viel helleren Schein. Schön ists, wenn zwei Blumen beieinander stehen, man freut sich ihrer, sie geben auch viel süßeren Duft. Doch, wenn zwei, die sich lieben, beieinander stehen, wie schön ist das! Sie leuchten heller als zwei Sterne, sie duften süßer als zwei Blumen. Daß ich Dich wieder sah, Du teueres Mädchen! Deine Liebe macht mich so glücklich. Doch ach, was fühlt dieses Herz? ist es Leiden, ist es Liebe? Ob Liebe Leiden sei, ob Leiden Liebe sei, weiß ich zu sagen nicht, aber ich klage nicht, lieblich das Leiden ist, wenn Leiden Liebe ist. Der Duft ist die Liebe der Blume, die Liebe ist der Duft des Mädchens! Eine Blume ohne Duft, so schön sie auch sein mag, steckt man nicht gern an das Herz. Ein Mädchen ohne Liebe, so schön es auch sein mag, ist ein totes Spielwerk. Duft gibt der Blume Leben und Sprache, Liebe, Leben und Sprache dem Auge des Mädchens. Der Jüngling verhält sich zum Mädchen wie der Stern zur Blume, rastlos schweift der Stern durch Wolken und Stürme. Die Blume duftet still auf häuslicher Flur, an die Mutter, die Erde, gebunden; der Stern, von düsteren Wolken umzogen, verliert seinen hellen Glanz. Die Blume duftet auch unter Stürmen ruhig fort. – Liebe, unser Tagwerk ist vollbracht, laß uns jetzt recht ruhig aneinander denken. Wie fern ist der Stern von der Blume, und doch wird sie von ihm erhellt. Wie fern ist die Blume vom Stern, und doch duftet sie zu ihm empor. Wie fern bist Du von mir, und doch fühl ich Deine Liebe, ach so innig, als wenn ich Dich an mein Herz gepreßt hätte. Wie fern bin ich von Dir, und doch fühlst Du, ich weiß es, meinen Strahl in Deinem Herzen. Das schwarze Band von Dir trage ich fest auf dem Herzen. Schwarzes Band, o du mein Leben! Ruh auf meinem Herzen warm; Liebe hat dich mir gegeben, Ohne dich, wie wär ich arm! Fragt man mich, warum ich trage Dieses schwarze, schlechte Band, Kann ichs nicht vor Weinen sagen, Denn es kommt von Liebeshand. So ich sollte ruhig schlafen In dem Bettlein, kanns nicht sein; Habe stets mit dir zu schaffen, Schwarzes Band! du liebe Pein! So ich sollte zu mir nehmen Etwas Speise oder Trank, Kann ich nicht vor lauter Grämen Sagen Dank: denn ich bin krank. Krank sein, es nicht dürfen klagen, Ist wohl eine schwere Pein; Lieben, es nicht dürfen sagen, Muß ein hartes Lieben sein! Mittwoch nacht Wie flohen alle Schmerzen, Wie leicht ist doch mein Sinn, Seitdem in deinem Herzen Ich innig leb und bin! Ist nicht die Welt voll Frieden, Verwandelt ach! so ganz? So leb ich wohl in Blüten, In Sonn- und Mondenglanz. Bin in des Himmels Aue Voll Sternen, Duft und Tau. So ist mir, seit ich schaue Aus deinen Augen blau! Seit ich in Deinem frommen Herzen lebe, Du teueres Mädchen, wie ist die Erde, wie sind die Menschen ganz umgestaltet, ich fühle, ich werde besser durch Dich. Und wer sollte nicht besser werden, der in einem solchen reinen, frommen, jungfräulichen Herzen, in einem solchen Tempel der reinen Mutter Gottes wohnt. Ich blieb gestern abend noch lange dort unten liegen und wollte dem Wetter trotzen. Es hielt aber gar zu lange an und ich ging den Berg hinauf, sah Dich zum Glück an Deinem Fensterlein, und Du sähest auch mich, meine Liebe, es war ein schöner Tag gestern. – Lieber Himmel! Guter Gott! Dank, Dank, tausend Dank für ihn!!! – Donnerstag nacht Ich kam soeben aus einem Garten zurück, wo ich zu Professor Gmelin eingeladen war, wir waren alle sehr vergnügt und ich besonders, da ich an Deine Liebe dachte, als wir auf die Gesundheit unsrer Mädchen tranken. – Ach! – dachte ich, wie mancher ist wohl unter uns, der ungeliebt mit Schmerzen an ein liebes Mädchen denkt, und ich bin so glücklich und darf denken, die ich liebe, die liebt mich wieder, die denkt jetzt an mich, die träumt jetzt von mir, der bin ich alles, wie sie mir alles ist. – Du kannst nicht fassen, welche unsägliche Wonne mich bei diesem Gedanken ergriff. Dank! Dank Du liebes Mädchen, tausend Dank für all die Gefühle, die Du mir gibst und die ich, ach! Dir gewiß nicht wiedergeben kann. Ach, ich wäre nur halb so froh gewesen, hätte ich nicht gedacht: wie mein Herz jetzt in Freude schlägt, schlägt auch ihr Herz jetzt in Freude, das in dem meinen ruht. – Kind, ruhe süß, Du Liebe, Du teures Herz, Gott ist mit Dir, er ist, wo Liebe ist. – Gute Nacht, ruhe süß in Deinem Kämmerlein, und wenn Du wachst, so duften tausend Blumen von den Bergen zu Dir und bringen Dir meinen Morgengruß. Freitag nacht Guten Tag, guten Morgen, mein Kind, meine Liebe! – Ich habe einen schönen Traum gehabt, ach! verspräche er nur auch einen schönen Tag!! – Nun bin ich wieder voll Sorgen und das Herz schlägt so bang und so voll Angst, ach Kind, so bang, – ob ich Dich heute sehen werde, wie es Dir ergeht! – Ob ich nicht sündigte, daß ich ohne Dich froh sein wollte, wollte , o Kind, mir ist so angst! – Und doch habe ich so schön geträumt! – Es steht ein verblühter Gelbveilchenstock vor meinem Fenster, da träumte mir, es sei aus ihm ein großer Rosenstock, voll großer Rosen, gesprossen, um den sich ein grüner Lorbeer gewunden. Ist das nicht ein schöner Traum? Rosen bedeuten Liebe und Lorbeer Freude und Sorge. – Rosen sind der Kranz der Jungfrau, und Lorbeer ist der Kranz der Dichter. Ach, wenn auch Du ihn im Traum gesehen hättest, dann wäre es gewiß ein gutes Zeichen, das uns der Himmel zum Trost sandte in den Wolken und Stürmen, die uns umgeben. Samstag nacht Lange sah ich heute voll Sehnsucht vom Berge auf das weiße Kreuz herunter, das die Flügel Deines geschlossenen Fensterleins bilden, bis es sich endlich auseinanderbreitete, und Du, Liebe, ein freundlicher Engel, an ihm erschienst. O genug, genug Belohnung für zwei Stunden, die ich harrte. Dein Brieflein fand ich und las es im Scheine des Mondes. – Ach, es hat mich so traurig gemacht, daß Du um zwei Uhr wieder, um zu waschen, aufstehen mußtest, wo ich noch im Bette liege. Ich kann nicht schlafen, wenn ich an dieses denke, es macht mich so betrübt, daß ich fast wie ein Kind weine. – Im Heimweg verkam mir ein Kind, das sich verirrt hatte, das nahm ich in meinen Schutz und ließ es mit mir laufen, es hatte so Angst vor den Bären, die es fressen würden, daß es am ganzen Leib zitterte. – Als ich am Kirchhof vorüberging, schmiegte es sich fest an mich, ich fragte, ob es nicht da hinein wolle, da sagte es: »Ach, ich habe ja heute noch nichts gegessen!« – Ich gab es unter dem Tore ab. Es ist nichts so eigen und so schön, als des Abends im Mondschein durch die Straßen einer alten Stadt zu wandeln. Wenn die hohen Häuser so schwarz und ernst dastehen, und der Mond mit freundlichem Scheine die engen Straßen hellt. Die Leute sitzen so friedlich vor ihren Häusern nach des Tages Last, Kinder, Mann und Weib, Magd und Geselle, und Annäherung und Vertrauen spricht da aus manchem Auge. Es ist nicht mehr so das besorgte, geizige Rennen nach Erwerb auf den Straßen, das mühsame Tragen, Hämmern, Fahren und Treiben. Es ist mehr das Leben in einer glücklicheren Welt; Ruhe und Stille ist auf der Straße und in den Häusern, eine Stille, die nur das Rauschen eines Brunnens unterbricht oder die dumpfen Töne einer alten Turmglocke oder hie und da aus einem Hause herab eine Flöte oder das Flüstern zweier Liebenden unter der Haustüre. Ach Gott, wie oft beneide ich manchen Handwerksburschen, der ohne Scheu mit seinem Liebchen im Mondschein durch die Straßen wandelt, der, wenn er auch den ganzen Tag über im Schweiße da stund, um sein karges tägliches Brot arbeitend, doch den süßen Trost hat, abends am Arme seiner Liebe auszuruhen. – O glücklicher Heinrich, Johann, Schlosser, Schmiedsgeselle, oder wie du dich nennst. Wie gerne gäbe ich dir all mein eitles Wissen, das Wissen, daß die Menschen nichts wissen, wie gerne gäbe ich dir meine Hoffnung auf den Doktorstitel, meinen Sessel, darauf mich zu setzen, mein Bett, in dem du liegen kannst, solange es dir beliebt, mein Tintenfaß und mein Buch um dein glückseliges Los. Sonntag nacht So sah ich Dich doch von weitem, genug, um zehn Stunden darum zu laufen! Als es dunkel war, stieg ich vom Berg hinab und – o Gott! – welche Freude – ich fand Dein Brieflein! – Als ich darnach langte, hörte ich was im Gebüsch rauschen, ich meinte fast, Du seiest es. Aber denke nur – da kam ein Rehlein ganz ungescheut an mir vorüber, ich verscheuchte es auch nicht, ob ich es gleich hätte mit den Händen langen können. Ich sah es an als einen Boten von Dir oder als Dich selbst in dieser Gestalt versteckt, denn es war so herzig und klein, wie Du, und sah so friedlich aus. Juli, Montag (4 Uhr morgens) Liebes Rickele! Wie gerne hätte ich Dir noch gestern nacht geschrieben, ich war aber außerstand, gewiß! In Lustnau noch lange aufgehalten, mußte ich beinahe springen, um vor zehn Uhr noch in das Haus zu kommen. Wie irrte ich gestern auf den Feldern umher, wie klopfte mein Herz, und als ich keinen Ausgang mehr fand und schon fürchtete, nicht mehr zu Dir zu kommen, Liebe, wie war mir da!!! – ach da fühlte ich recht, wie ich Dich liebe. Gern hätte ich eine Minute darauf mein Leben gegeben, hätte ich Dich nur gesehen, gern hätte ich mich noch ganz außer Atem gelaufen, hätte ich nur mit dem letzten Atemzug mein liebes Rickele gesehen. – Ich legte mich auf den Boden nieder und mußte weinen vor Schmerz. – Doch als ich Dich fand, Du liebes Kind, als ich Dich sah, wie war da alles vergessen. O wären nur nicht die Leute gewesen, wie hätte ich Dich an mein Herz gepreßt. Welch ein froher Abend dann an Deiner Seite. O lasse uns jeden Augenblick benützen, wo wir uns sehen, sprechen, schreiben und uns an das Herz drücken können! Die frohen Tage, sie vergehen so bald. Wie ich Dich liebe, Du Liebe, wie ich so ganz Dein bin! o fühltest Du nur, was ich jetzt fühle! welche Liebe, welche Liebe zu Dir. Mittwoch Mein Rickele, mein liebes teures Mädchen, warum bin ich doch fröhlich, warum nach vielen Tagen wieder. Gott, ich sah so viel Liebe heute in Deinen Augen, darum bin ich so fröhlich. O liebes Mädchen, daß Du mich liebst, es ist ein Traum. Daß ein Mädchen, ach, so was Heiliges in meinen Augen, mich liebt – das ist ein Traum. – Du süßer Traum, laß mich nicht erwachen!! Donnerstag morgens Ich meinte, nun werde ich nach dem frohen Abend auch endlich einmal gut schlafen. Es geschah aber nicht. Mir träumte, ich hätte müssen wie zu einem Feste viele Leute einladen, die alle in schwarzen Mänteln einherzogen. Meine Mutter ging ganz schwarz gekleidet voraus und zog mit ihnen auf einen Kirchhof zu einem Grabe. Da stellten sich alle die Männer in den schwarzen Kleidern stumm herum. Da gab mir meine Mutter einen Spaten und befahl mir in das Grab hineinzugraben. Da grub ich mit zitternder Hand und, da war es gar erschrecklich, als ich verfaulte Stücke einer Bahre und einen Totenschädel mit noch halbem Gesicht herauszog. Nach und nach wurde es ganz Nacht, und all die schwarzen Männer um das Grab wurden zu Raben, die mit schrecklichem Ächzen um mich flogen, bis ich ganz ermattet voll kaltem Schweiß erwachte. O es war schrecklich! Du kannst es nicht glauben. Sieh! so verfolgen mich schwarze Geister, und wenn mir auch bei Tag einmal die Sonne schien, so ist die Nacht dafür ohne Mond und Sterne. Dienstag nacht 10 Uhr Das Gewitter konnte mich nicht abschrecken, ich ging noch spät durch die Täler, mein Brieflein am ausgemachten Ort niederzulegen. Schon kam die Nacht. Es war, nachdem der Donner an den Bergen verhallt, eine schauerliche Stille ringsumher. Ich ging gerade die unbegangenen Wege durch die tiefen Täler an einsamen Gärten vorüber, es graute mir fast, denn meine Phantasie war noch mit jenem Traum beschäftigt. Es war mir oft, als sähen mich allerlei Gestalten aus den Fenstern der verlassenen Gartenhäuser an. Am schauerlichsten war es mir, als ich über die öde Heide ging und die verwelkten Blumen und Kräuter unter meinen Füßen rauschten. Auf den Bäumen herum saß es voll Raben, als wären die alle zu Särgen bestimmt. Als ich mich dem Berg näherte, klopfte mein Herz. Ach, nicht voll Angst, sondern voll Freude, denn ich hoffte ein Brieflein von Dir zu finden. Mit vieler Mühe glitschte ich den Berg hinab, der Kapelle zu, suchte – ach und fand nichts! – Da legte ich traurig mein Brieflein hin und stieg wieder empor. Kaum war ich oben aus dem Gebüsch, da faßte mich etwas beim Rock, worüber ich nicht wenig erschrak. Es war der Hund des Wildschützen, dem sein Herr bald nachfolgte. Sie machten sich wohl Hoffnung, ein Reh zu erwischen, und der Mann erschrak wohl mehr an dem Wild als ich an ihm, als das Wild ihm »Gute Nacht« sagte. Da ging ich schnell an dem Weg zurück und war jetzt nur froh, daß ich mein Brieflein abgegeben hatte. – Ich kam an dem Kirchhof vorüber und da hörte ich eine schöne Musik aus der Ferne. Man spielte Tänze. Ich hielt lange still und da meinte ich, die Wolken drehen sich nach dem Takte. Wie weiße Geister schwebten sie durch den Himmel. Der Mond und die Sterne wogten auf und nieder, und die schlanken Pappeln wiegten sich wie Tanzende. (Nun laß mich träumen und vollends mein Gemälde malen!) Als ich so in die Harmonieen verloren dastund, kam ein Windstoß, es fuhren die schwarzen Tore des Kirchhofs plötzlich auf, und es war mir, als träte ein Totengerippe heraus, mich zum Tanze einzuladen. Unwillkürlich trat ich in den Kirchhof ein. Munterer tönten die Tänze, nähergebracht auf den Flügeln des Windes. Es war mir, als umschlänge mich ein Arm, ich konnte nicht widerstreben – ich fing zu tanzen an. Noch viele Gestalten tanzten um mich. Die weißen vergoldeten Grabsteine, vom Monde beleuchtet, flammten wie Lampen im Hochzeitsaal. Blumen und Kräuter gaben süße Düfte. Immer fester umfaßte mich der kalte Arm, er drückte mich an sich mit Macht, ich fühlte mein Herz nicht mehr schlagen, da flüsterte eine Stimme mir zu, es war Deine Stimme: »Das ist unser Hochzeittanz!« Die Musik schwieg und ich erwachte wie aus Träumen. – Voll Schauer ging ich durch die schwarzen Gassen der Stadt und wähnte noch lange den kalten Arm um mich zu fühlen. Komm, Bräut'gam! kommt, ihr Gäste! Schon steht im Hochzeitkleid Die bleiche Braut bereit, Erwartend euch zum Feste. Herbei! herbei! zum Tanz Die bleiche Braut zu führen. Seht! ihre Haare zieren So Ros' als Lilienkranz. So Mond und Sterne kränzen Lichtvoll das dunkle Tal, Lampen im Hochzeitssaal, Die Leichensteine glänzen. Und weil nach Tanz und Lauf Der Ruh wir nötig hätten, – Schloß ich zu Schlummerstätten Die stillen Gräber auf. Seht! eure Betten kränzet Der Rosen stolze Art, Doch eine Lilie zart Am Bett der Braut erglänzet. Die Hochzeit ist bereit, Komm, Bräut'gam! kommt, ihr Gäste! Es öffnen sich zum Feste Die schwarzen Tore weit. Ich werde heute auf dem Berge stehen, ich werde Dich aber wohl nicht sehen können. Kein Wetter soll mich abhalten. Ach! fände ich doch nur ein Brieflein! O Herz, wie liebe ich! Ach! könnte ich doch nur eine Stunde noch einmal ruhig bei Dir sein! – Der traurige Tag! O Liebe, wie traurig! Aber ich will immer, immer auf dem Berge an Dich denken, ich will meine ganze Phantasie zusammennehmen, mir gewiß zu machen, Du seiest um mich, – und ach! bist Du denn nicht um mich? bin ich denn nicht um Dich? sind wir denn nicht immer beieinander? – Liebe, nein! Die Liebe trennt keine Entfernung – sie ist ein beflügelter Engel. – O laß den Engel ewig in Deinem Herzen wohnen!– Gott! Gott mit Dir! reines, frommes, liebes Mädchen, Dein nur Dein Justinus. Mittwoch morgen Du liebes, reines Kind! lache doch froh, blick nicht so traurig an den Himmel, sonst blickt auch er wieder so traurig herab – und was habe ich noch als den Blick zum Himmel, da ich nicht mehr in Deine Augen schauen kann. Liebe! Gott sei mit Dir, bete, bete! Lebe wohl, ich schreibe Dir alle Tage, schreibe auch, dies kann uns niemand verwehren. Donnerstag abend Ich gehe diesen Abend nicht aus, ich gehe nicht nach Lustnau, ich würde Dich doch nicht sehen, und an einen Ort, wo ich weiß, daß ich Dich nicht finde, gehe ich in Zukunft nimmer. Habe ich an Dich genug geschrieben, so spiele ich auf meiner Gitarre oder denke an Dich und träume Liebe. Ja, laß mich träumen, lasse mich auf die schwarzen Wolken der Zukunft ein lichtes Gemälde malen. Blick aus Deinem Fensterlein dort über die Berge an den Himmel, dahin will ich es Dir malen. Siehst Du die schöne Gegend voll Berge und Wälder und dunkler Täler? Es ist eine Gegend des Schwarzwaldes. Hie und da sind unter Bäumen voll Blüten, die süße Düfte durch die Täler wehen, niedere Hütten mit langen, langen Dächern zerstreut. Das Horn des Hirten und das Läuten der Herden tönt von den Bergen ins Tal, wo der Wanderer auf den Stab gelehnt stehenbleibt und mit vollen Zügen den Frühling einatmet. Aber siehst Du dieses kleine Haus dort, an einen Felsen gelehnt? Wer bewohnt dieses stille Haus? – Ich bewohne dieses stille Haus, denn schon lange lebe ich als Arzt unter diesen Menschen und rings aus allen Tälern kommen sie, um Rat und Hilfe bei mir zu suchen. Daß sie mit größerem Zutrauen und Liebe diesem Herzen nahen, trage ich diesen schwarzen Zwilchrock und diesen großen runden Hut und bin so gekleidet, wie sie gekleidet sind. – Aber welch liebes Weib geht dort im Tale und sucht Blumen und Kräuter? Das bist Du, mein liebes Rickele!!! denn Du bist schon längst ganz mein, ich lehrte Dich die heilsamen Kräuter kennen und Du sammelst sie ein. Dies Bauernkleid, wie steht es Dir doch so nett!! – »Dies ist eine Bäuerin?« fragt sich der Wandrer, der freundlich grüßend an Dir vorübergeht: »O ihr Weiber der Stadt!« seufzt er nun und geht langsam das Tal entlang. Aber wie freust Du Dich, so viel gesammelt zu haben; wie fröhlich rufst Du mir zu und wie fliege ich zu Dir. Liebe, laß Dich an mein Herz drücken, hier im Angesicht der lebendigen Natur. Gott, Du bist ja ganz mein, keinen Lauscher haben wir mehr zu fürchten. Wie drücke ich Dich an mein Herz. – – – Mädchen! wehe!!! Siehst Du den Raben, der durch den Himmel über mein Gemälde wehklagend fliegt?? – – Teures Mädchen, wende den Blick hinweg, schon haben es Deine Tränen verwischt – es ist verschwunden. – Die schwarze Wolke tritt hervor, langsam und ernst bewegt sich ein Sarg durch die Lüfte – – Rabe! wem ist der Sarg? Mir oder ihr?? Schmerz der Trennung Neben der heißen, tiefen Liebe, die aus jedem der vielen Briefe Kerners spricht, waren dieselben meistens traurig und oft von düsteren Phantasieen erfüllt, aber um so heller strahlte auch wieder das Glück aus ihnen, wenn er sein Rickele nur auf eine Stunde sehen konnte. In ihren Briefen ist ein großer Schatz von Liebe, Treue, Gottvertrauen und Demut niedergelegt. Der klare, ruhige Verstand, der neben dem reichsten, tiefsten Gefühl in denselben seinen Ausdruck findet, gaben Kerner einen großen Trost und Halt – in der nun folgenden, durch lange Trennung herbeigeführten, schweren Zeit. Friederike siedelte schon im Dezember 1809 zu Verwandten nach Augsburg über und Justinus blieb in Tübingen. Noch vor Ostern 1808 wollte er sein Examen machen, wurde aber schnell davon abberufen, weil seine Mutter in Ludwigsburg gefährlich erkrankt war. Er verpflegte sie als treuer Sohn und Arzt; erst als sie genesen war, kam er im Juli wieder zurück und blieb noch länger in Tübingen, um seine Dissertation auszuarbeiten und weitere medizinische Studien zu machen. Von den Freunden traf er manche nicht mehr an, dafür wurde der Verkehr mit Uhland immer inniger. Auch Breslau, ebenfalls ein Student der Medizin und späterer Leibarzt König Ludwigs von Bayern, schloß sich den beiden Freunden an. Wieviel diese beisammen waren, zeigen nachfolgende Auszüge aus einem Tagebuch, das Kerner für sein Rickele schrieb. Montag, 8. Oktober 1808 8-10 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet; von 11-12 Besuche bei Ludwig Unland auf dem Zimmer; von 1-½23 Uhr Besuche von Ludwig Uhland und Kielmaier; ½3 Uhr mit Uhland über den Ammerhof, wo wir umkehrten auf die Wurmlinger Kapelle. Unsere Gespräche waren meistens von Volksliedern, wozu uns einige singende Hirtenknaben veranlaßten. Oben auf dem Kirchhof fanden wir eine Frau, die die Gräber mit Weihwasser begoß. Nach 5 Uhr kamen wir zurück. Ich war allein auf meinem Zimmer und dichtete eine Ballade, sie hat zur Überschrift »Graf Asper.« Nach dem Nachtessen auf dem Zimmer gearbeitet, dann zu Bett und die ganze Nacht ganz sonderbar von Dir geträumt. Dienstag Von 8-10 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, von 10-11 Uhr in der poetischen Vorlesung von Conz, von 11-12 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet. Nach dem Mittagessen bis 2 Uhr in der Cottaischen Buchhandlung Zeitungen gelesen, von 2-4 Uhr auf der Anatomie, von 4-6 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, von 6-½7 Uhr im Dunkeln auf der Maultrommel gespielt, ½7 Uhr zum Nachtessen, vom Nachtessen bis 8 Uhr Besuch von Uhland gehabt, von 8-10 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet. Mittwoch Von 8-11 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, von 11-12 Uhr mit Breslau, einem Juden, der hier Medizin studiert, am Neckar spazierengegangen. Nach dem Mittagessen bis 4 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, um 4 Uhr mit Ludwig Uhland in das Bebenhauser Tal. Mit welchem Schmerz ging ich an den Bergen vorüber. – Wir kehrten im Rückweg im Adler ein. Nach dem Nachtessen bis 9 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, um 9 Uhr schon in das Bett. Donnerstag Von 8-10 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, von 10-2 Uhr mit Ludwig Uhland auf der Jagd bei Bebenhausen. Um 2 Uhr nach Tübingen auf die Anatomie bis 4 Uhr, um 4 Uhr mit Breslau auf die Jagd bis gegen 7 Uhr. Es war der Mühe wert, diese Jagd zu sehen. Das Wild wurde in ganzen Herden herbeigetrieben. Viele hundert Hirsche und Rehe sah man auf einem Haufen. Viele fing man lebendig, die andern wurden niedergestochen oder geschossen. Für die Zuschauer waren Stände wie in einem Theater errichtet, und man konnte das Ganze bequem und in der Nähe ansehen. Nach dem Nachtessen auf dem Zimmer gearbeitet, nach 10 Uhr in das Bett, um ungestört wachend oder schlafend von Dir zu träumen. Freitag Von 8-10 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, von 10-12 Uhr auf der Anatomie, von 4-½7 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, nach dem Nachtessen bis 8 Uhr Besuch von Ludwig Uhland. Ich bekam diesen Abend Husten und einen geschwollenen Hals, ging daher um 8 Uhr in das Bett. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und war sehr krank. Samstag Ich mußte das Bett hüten und hatte Besuch von Ludwig Uhland und Breslau. Gegen Mittag legte sich meine Krankheit. Von 1-2 Uhr war ich mit Ludwig Uhland bei einer Bücherauktion, von 2-3 Uhr auf der Anatomie, von 3-4 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, von 4-½6 Uhr Kielmaiers Vorlesung, von ½6-7 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet, von 7-8 Uhr bei Dr. Uhland, von 8-10 Uhr auf dem Zimmer gearbeitet. Sonntag Ein freudiger Tag, morgens 8 Uhr erhielt ich Deinen Brief. Von 8-10 Uhr mit Ankleiden und Briefeschreiben zugebracht, von 10-12 Uhr Besuche bei Autenrieth gemacht, von 1-2 Uhr mit Ludwig Uhland und Breslau am Neckar spazierengegangen. Von 2-3 Uhr Besuche bei Ploucquet gemacht. Von 3-5 Uhr Auberles Abschiedskommers. Von 5-½7 Uhr mit Uhland spazieren und mit ihm auf meinem Zimmer. Nach dem Nachtessen an Dich geschrieben, dann in das Bett, um von Dir zu träumen. Noch manches Tagbuchblatt liegt vor mir, jeder Tag ist mit Arbeit ausgefüllt, und der Abend brachte einen Besuch von Ludwig Uhland. Karl Mayer, der der dritte im Bunde der Freunde war, hatte Tübingen schon im Frühjahr 1807 verlassen, doch blieben sie immer durch Briefe in regem Verkehr. – Im Oktober 1808 kam Varnhagen nach Tübingen, er wohnte in demselben Hause mit Kerner und bald hatten auch diese so verschiedene Naturen den Bund treuer Freundschaft geschlossen. Ich setze hier einen Auszug aus Varnhagens Denkwürdigkeiten bei.   Am 16. November 1808 schreibt er: »Ein junger Mediziner aus Frankfurt war uns die willkommene Brücke zur Bekanntschaft mit Justinus Kerner, einem jüngern Bruder des Arztes in Hamburg, Dichter, von dem einige Lieder in der Einsiedlerzeitung gedruckt sind; er ist ein unschuldiges kindliches Gemüt, äußerlich vernachläßigt, innerlich dem Höheren zugewandt, wir verstehen uns aber wenig, er kennt nur sein Schwaben. Auch einen Freund von ihm, Ludwig Uhland, ebenfalls Dichter, hab ich gesehen und gesprochen.« Ende November: »Hier hat sich Justinus Kerner sehr an mich angeschlossen und auch Ludwig Uhland habe ich nun erst recht kennengelernt. Zwei liebe, herrliche Menschen, echte ursprüngliche Seelen, reich begabt mit innerem Leben und äußerem Talent. Mein ihnen durch die Almanachspoesien schon bekannter Name, jene unreifen, vergessenen Gedichte sind es, die mir diese neuen Freunde verschafft, aus diesem geringen Faden spann sich die schönste Verbindung. Die uns damals wegen unsres kecken Auftretens tadelten, dachten nur an den Gewinn der Literatur, wir freilich auch, aber der Lebensgewinn ist ein ganz anderer, und wie reich ist uns der aus jenen jugendlichen Strebungen aufgegangen! Ein Trost für schlechte Poeten, für schlechte Schriftsteller, aber in der Tat ein Trost, sobald nur wirklich der Gewinn erlangt wird.« »Nun muß ich aber auch von Kerner mancherlei erzählen! Er ist nicht nach unserer norddeutschen Weise gebildet und gesprächig, aber den guten Willen hat er, sich anzuschmiegen und mitzuteilen. Mich beruhigt es, jemand in meiner Nähe zu haben – denn wir wohnen in demselben Hause der sich so wohlwollend und teilnehmend bezeigt, und mich freut es jedesmal, wenn der liebe treue Mensch abends zu mir hereintritt und an meinem Tische seine Dissertation schreibt, während ich an meinen Sachen fortarbeite, als wäre niemand zugegen. Später sieht er dann mit Bewunderung, wie ich Tee trinke, anstatt des Schoppen Weins, der den Leuten hier so wohl schmeckt, und wir plaudern dann offen und frei über alles mögliche. Daß mir Tübingen nicht behagt und daß ich so manche bittere Bemerkung ausstoße, ist ihm eine wahre Herzenskränkung; er sieht wohl meistens ein, daß mein Tadel nicht ohne Grund ist, er erkennt in manchen Fällen sogar seine eigene Unzufriedenheit wieder; allein er will ihn doch nicht leiden und nimmt ihm wenigstens das Bittre, indem er den besten Humor daraus macht. Er hat den lebendigsten Sinn für Scherz, für alles Komische und Barocke, und eine Art von Leidenschaft, dasselbe ans Licht zu bringen und zu fördern. Da er es mit der Einsiedler-Zeitung hält, so hat er deren Gegner, die Herausgeber des Morgenblattes, und Cotta'n selbst durch manchen launigen Einfall geärgert. Jedoch ist seine Gesinnung, wie die seines Freundes Uhland, durchaus rein, unzerstörbar rechtschaffen, edel, tapfer und so menschenfreundlich, gutmütig und zutraulich, daß er wohl nie jemanden aus freien Stücken gekränkt und immer gleich verziehen hat, wo er der Gekränkte war. Früher sollte er in Ludwigsburg die Handlung lernen, dann kam er zur Universität, er folgte der Bestimmung, die man ihm gab, empfand weder Vorliebe noch Abneigung, er meint, es sei so wenig Freude in der Welt, daß man nur eben etwas – gleichviel was – tun müsse, damit die Zeit verstreiche, und so das ganze Leben; den Vorteil hat er, daß, wie ihn nichts sonderlich freut, ihn auch nichts eigentlich schmerzt, und so lebt er munter und harmlos fort. Die vier Jahre, die er nun hier studiert, hat er ohne Anstrengung, doch mit großem Fleiß benutzt, außerordentlich viel gelernt und auch schon Kranke mit Geschicklichkeit und Erfolg behandelt. – Sobald er Doktor geworden, reist er nach Hamburg, und von da nach Kopenhagen oder Wien; auf ihn werden die großen Städte schon wirken! Zu seiner Dissertation hat er Bemerkungen über das Gehör gewählt. In seiner Stube lebt er mit Hunden, Katzen, Hühnern, Gänsen, Eulen, Eichhörnchen, Kröten, Eidechsen, Mäusen und, wer weiß, was noch sonst für Getier, ganz freundschaftlich zusammen, und hat nur seine Not, Tür und Fenster zu verwahren, daß ihm die Gäste nicht entschlüpfen; ob seine Bücher oder Kleider in Gefahr sind, ob ihn ein Tier im Schlaf anschnoppert oder, unversehens aufgeschreckt, nach ihm beißt, das kümmert ihn nicht. Seine Versuche sind schlau und sinnreich, und er sucht alle Quälereien zu vermeiden. Überhaupt steht er der Natur sehr nah, und besonders ihrer dunklen Seite. Seine Augen haben etwas Geisterhaftes und Frommes; sein Herz kann er willkürlich schneller schlagen machen, aber es nicht ebenso wieder hemmen; die Erscheinungen, welche neulich Ritter an Campelli beobachtet hat, die Pendelschwingungen des Ringes am seidenen Faden, das Umdrehen des Schlüssels mit dem Buche, und alles dergleichen zauberhaft Magnetisches tritt bei ihm in auffallender Stärke hervor. Er selbst hat etwas Somnambules, das ihn auch im Scherz und Lachen begleitet. Er kann lange sinnen und träumen und dann plötzlich auffahren, wo dann der Schreck der andern ihm gleich wieder zum Scherze dient. Wahnsinnige kann er nachmachen, daß man zusammenschaudert, und obwohl er dies possenhaft beginnt, so ist ihm doch im Verlauf nicht possenhaft dabei zumut. In der Poesie ist ihm das Wunderbare der Volksromane, der einfache Laut und die Kraft der Volkslieder am verwandtesten, er spricht mit Vorliebe die Landesmundart. In der Musik hat er sich die Maultrommel angeeignet und weiß dem geringen und doch wunderlichen Instrument die zartesten und rührendsten Töne zu entlocken. Nun denkt euch noch einen schlanken, wohlgewachsenen, hübschen Jungen – so habt ihr ein vollständiges Bild meines Kerners.« Nachdem Kerner mit seiner Dissertation fertig geworden und am 20. Dezember 1808 zum Doktor der Medizin ehrenvoll promoviert war, verließ er kurze Zeit nach Varnhagen Tübingen. Über seinen Weggang von da schreibt Unland an Karl Mayer: »Kerner ist heute drei Wochen abgereist, ich habe ihn mit Kölle nach Reutlingen begleitet, wo er über Nacht blieb und am andern Tage mit der Diligence weiter fuhr, auf der er bis Neckarthailfingen Conz zur Gesellschaft hatte. Wir waren in Reutlingen bei den Volksschriftendruckern und fanden wirklich einen uns bis dahin unbekannten Volksroman, den Kerner noch in Händen hat, der aber gut sein soll. Kerner ist noch in Ludwigsburg, von wo aus er bereits angefangen, mir eine Reisebeschreibung unter dem Namen: Ombres Chinoises oder Schattenbriefe zu schicken, worin das meiste im Äther der Poesie flattert und nur auf einen geringen Boden von Wirklichkeit gegründet ist. Es ist viel Herrliches darin. Du wirst ihn wahrscheinlich noch sprechen, da er, soviel ich weiß, über Heilbronn und Heidelberg reisen will.« Die Trennung Kerners von seinem Rickele sollte noch größer werden, er mußte zu seiner weiteren wissenschaftlichen Ausbildung auf Reisen gehen. Dazu bot sich ihm die beste Gelegenheit durch seinen Bruder Georg, der als einer der bedeutendsten Ärzte in Hamburg lebte und verschiedene Krankenanstalten unter sich hatte. Der Bruder verlangte dringend in nachfolgendem Schreiben seine Anwesenheit in Hamburg: »Ende, sobald Du kannst, Deine Dissertation, suche mit Ende Oktober spätestens abzureisen, bleibe den Winter über hier, benütze die seltenste aller Gelegenheiten für medizinische Praxis und Accouchements und kehre dann mit dem Frühjahr wieder nach Württemberg zurück und werfe Dich dort in die praktische Laufbahn. Es sei denn, Du wollest noch zu Deinem Vergnügen Wien, Berlin oder Paris besuchen, wo Du aber kaum in einem Jahr die Gelegenheit finden wirst, die der erste Tag Deiner Ankunft Dir hier darbieten kann; denn es gibt nur eine Armenanstalt in der Welt und von dieser einen besorge ich den größten, interessantesten Distrikt. Du kennst nun meinen Wunsch; auch meine Frau erwartet Dich als Schwester und als Freundin, und meine Kinder werden Dir gefallen. Ich zähle die Minuten, Dich nach einer so langen Zeit wieder umarmen zu können.« Seine Schwägerin setzt hinzu: »George trägt mir auf, noch einige Worte seinem Briefe beizufügen. Wirklich weiß ich nichts, was ich Dir noch sagen könnte, da ich völlig mit George übereinstimme. Ich hoffe, Dir bei Deinem Hiersein beweisen zu können, daß ich Deine Freundin bin. Lebewohl! Deine Schwester.« Ende April trat Kerner dann die Reise nach Hamburg an. Bis Heidelberg legte er sie den Neckar hinab auf einem Frachtschiff zurück. Noch in später Zeit erzählte er mit den lebhaftesten Erinnerungen von dieser für ihn so schönen Schiffahrt. Von Gundelsheim aus schrieb er den ersten Brief an sein Rickele: Gundelsheim, den 1. Mai Deinen Brief habe ich zu Heilbronn erhalten, wohin er mir nachgeschickt wurde. O Rickele, sei heiter und denke, daß Du ewig in mir in Liebe und in Schmerz lebst. Nun ist der 1. Mai, Rickele! Ich fuhr durch eine herrliche Gegend den Neckar hinab, an alten Burgen, Klöstern und Schlössern vorüber, das Schiff gleitete so still hin, es war schon Abend, am Ufer schlugen die Nachtigallen. Ich nahm meine Maultrommel, und noch nie tönte sie mir so schön. Ich mußte hier landen. Das Städtlein hat ein ganz sonderbares Aussehen, und in den Straßen war alles totenstill und verlassen, als ich darin einging; ich sah nicht einen Menschen, den ich hätte nach einem Wirtshaus fragen können. Da hörte ich in der Kirche Gesang, ich ging ein in sie, mischte mich unter die Menge und dachte Dein. – Morgen werde ich weiter zu Schiff nach Heidelberg abgehen. – O Rickele, wo bist Du, o Rickele, komm und träume mit mir! Wanderlied Auf meiner Reise gedichtet Wohlauf! noch getrunken, Den funkelnden Wein, Ade nun, ihr Lieben! Geschieden muß sein, Ade nun, ihr Berge, Du väterlich Haus! Es treibt in die Ferne Mich mächtig hinaus. Die Sonne, sie bleibet Am Himmel nicht stehn, Es treibt sie, durch Länder Und Meere zu gehn: Die Woge nicht haftet Am einsamen Strand, Die Stürme, sie brausen Mit Macht durch das Land. Mit eilenden Wolken Der Vogel dort zieht, Und singt in der Ferne Ein heimatlich Lied. So treibt es den Burschen Durch Wälder und Feld, Zu gleichen der Mutter, Der wandernden Welt. Da grüßen ihn Vögel Bekannt überm Meer, Sie flogen von Fluren Der Heimat hieher. Da duften die Blumen Vertraulich um ihn, Sie trieben vom Lande Die Lüfte dahin. Die Vögel, die kennen Sein väterlich Haus, Die Blumen einst pflanzt' er Der Liebe zum Strauß, Und Liebe, die folgt ihm, Sie geht ihm zur Hand; So wird ihm zur Heimat Das ferneste Land. Neckarsteinach, den 3. Mai Seit zwei Tagen bin ich hier bei einem Freunde und werde morgen nach Heidelberg abreisen, von wo aus Du diesen Brief erhalten wirst. O Rickele, lebe wohl! Betrübe Dich nicht, aber vergiß mein auch nicht. Ewig Dein K. Aufenthalt in Hamburg Am 24. Mai schrieb Kerner von Hamburg aus:   Treues Herz! Liebes Mädchen! So bin ich endlich in Hamburg angelangt und ergeht es mir allhier, wie Dir in Deinem Augsburg. Mehr von Baum und Blumen als von Menschen einst umgeben, finden wir uns nun mitten in der lauten Gesellschaft allein, während erstere einst mit stummen Blicken liebevoll zu unserem Gemüt sprachen, das sie so wohl verstund. – So bleibt mir bis jetzt nur die Erinnerung, oder daß ich, mein Auge auf eine menschenleere Stelle geheftet, an ihr die Bilder vergangener Tage vorüberschweben lasse. Da kommt dann die Kapelle daran, Dein verlassenes Haus. Da stehst Du in Deinem weißen Kleid unter dem Fenster und blickst nach den Bergen oder wandelst unten im Tal bei Blumen in Deinem Garten, und wieder kommen dann herauf die Wälder, die Berge und die Felsen, die uns so manche Stunde liebend verborgen. Bald aber bedeckt mir dann ein kalter Mensch oder ein kaltes Menschenwort die leere Stelle, und mein Gemälde ist verschwunden. Gestern, als ich an die Tage unsres Zusammenseins zurückdachte, fiel mir ein, wie ich einmal vom Berg herab Dich unten gehen sah, wie ich dann eilend herabging und Dich nimmer fand, Du aber auf dem Berge oben mir wieder erschienst, und ich besang es uns zum Angedenken. O! liebes Rickele, lebe nun wohl, Gott sei mit Dir. Glaube doch nur fest, daß ich ohne Deine Liebe nicht leben könnte! Ich erwarte sobald als möglich einen Brief von Dir. Abends O liebes Rickele! mein gutes Herz! meine Freundin, Du mein Alles, Du liebes Mädchen, Gott! wie bist Du mir so lieb!! Aber ach, Liebe! – es ist entsetzlich, was ich fühle, was ich leide, wenn ich von Dir bin – – sieh! so bang, so weh ist es mir. Nicht wahr, Du liebst mich? liebes, liebes Mädchen! – Mädchen! – Du liebst mich! und ich liebe Dich, und dies warme, warme Herz, das liebt Dich. Wann, wann kommt die andere Welt, wo – wo ist sie, die uns vereint? – – Ach Gott! wie möchte ich so ganz eins sein mit Dir, auch kein Stäubchen sollte zwischen mir sein und Dir! und da stehen die Häuser und die Berge und die Menschen. – – – Wie viel Tausende sind gezwungen miteinander zu leben, wie viel Tausende, die sich nicht lieben, und uns, uns, die wir uns so innig lieben, trennt das Schicksal. Morgens O Liebe! wie bin ich durch schreckliche Träume ermattet, wie so müde, lebenssatt und voll Trauer! Mir träumte, ich ginge Lustnau zu, da kam mir Nane mit vielem Weinen entgegen, die sagte mir: daß Du voll Blut totenblaß daliegest und daß das Blut, das aus Deinem Herzen ströme, nicht zu stillen sei. Da ging ich weinend den Berg hinauf, und da kam Röslein herab und sagte ganz trocken: Du seiest ja schon lange tot. – – – Hier ist der Traum etwas unterbrochen. Nachher kam ich vor ein großes Haus, das wie ein Schloß war, das stund aber ganz verlassen da und man hörte von keinem Menschen außen und innen. Ich ging eine lange, lange Treppe hinauf, wo jeder meiner Tritte dumpf nachhallte und wo alte Bilder, die da herumhingen, mich mit schrecklichen Augen ansahen. Ich ging durch viele Zimmer, die alle verlassen dastunden. Da kam ich vor einen Saal, und wie ich über die Schwelle trat, gab mir eine unsichtbare Hand einen Schlag aufs Herz, von dem es mir ganz wehe wurde. Als ich nun in den Saal trat, da lagst Du ganz totenblaß in einem weißen Kleid (o Kind! so schön!!!! –) auf einem schwarzen Teppich tot auf dem Boden und viele Rosen und Lilien um Dich her. O Liebe! wie war mir da!!! – Es kamen keine Tränen aus meinem Auge, ich fühlte keinen Seufzer, ich sank auf Dich nieder, mich störte kein Traum mehr in meinem süßesten Schlaf. – Als ich aber jetzt wieder erwachte, o Kind! wie bin ich ermüdet! wie traurig! ich fühle den Schlag auf meinem Herzen.   Die ungewohnten Verhältnisse, die weitere Trennung von der Braut und den Freunden, auch seine Neigung zur Melancholie überhaupt, ließen Kerner in der ersten Zeit seines Aufenthalts in Hamburg die reiche Quelle von geistigem Umgang, der ihm hier zuteil wurde, nicht so recht genießen; das Heimweh, dem er sich ohne Widerstand hingab, nahm ihn noch zu sehr ein, was auch aus den Briefen an die Freunde zu sehen ist; so schreibt er an Uhland: »Weine trinkt man hier bloß französische, besonders rote. Ach, die sind lange nicht so herzlich, wie unser Neckarwein, nach dem mich, sooft ich ein Glas klingeln höre, ein Sehnen anwandelt, wie den Schweizer nach seinen Bergen, wenn er das Alphorn hört. Hätt ich vom Neckartale jetzt deutschen Liederwein, Aus mächtigen Pokalen müßt jetzt getrunken sein. Tränk ach so gern! zur Stelle zwei lieben Herzen zu. Weh! bin so fern der Quelle, o Teurer, trinke du! Fleug über Berg und Au zur alten Stadt der Lieder, durchs wolkenlose Blau. Dort eine Lilie steht, in Trauern halb entlaubt, von Tränen still besät, senkt sie das müde Haupt. O trink von Herzensgrunde ihr zu den edlen Wein, daß sie mit mir gesunde, von treuer Liebe Pein. Es ist mir recht, als hätte ich Flügel gehabt, die mir nun abgeschnitten, als wäre mir was aus dem Leben genommen; es fehlt mir so ganz was.« In dem Hause seines Bruders und dessen schöner, geistreicher Frau lernte er bald einen Kreis der ausgezeichnetsten Männer und Frauen kennen. Mit vielen von ihnen blieb er bis in spätere Jahre in Briefwechsel, am meisten schloß er sich aber an Rosa Maria, die Schwester seines Freundes Varnhagen, an, die sich auch bald in Korrespondenz mit seinem Rickele setzte. Zu ihr ging er öfters und sie wußte am besten die finstere Melancholie zu bannen, die ihn oft befiel. Volkspoesie und Volksschriften beschäftigten ihn auch in Hamburg und er schreibt darüber an Ludwig Uhland: »Hier in der großen Stadt ist, wie ich nun erst recht einsehe, die Volkspoesie zu Hause. Die Bauern sind schon zu sehr Tragtiere und haben keine blauen Montage. Ach! ich wünschte so sehr in einer großen Stadt leben zu können. Welch ein Unterschied gegen all dies Hüttenleben! Auf einsamen Bergen und Wäldern kann man kein Volksdichter werden. – Chamisso schrieb an Rosa, daß ihm meine Bekanntschaft die größte Freude gemacht habe. Aber Gott weiß es! sie kann ihm keine größere machen, als mir die seine machte. O es tut einem so wohl, wenn man hie und da wieder auf Menschen stößt, die einen verstehen. Varnhagen ist nun in Wien, hergestellt von seinen Wunden, jedoch noch hinkend. Wer hätte das geglaubt, als wir auf der Lustnauer Chaussee als mit ihm herumspazierten! Doch hatte ich schon eine Ahnung: denn ich nannte ihn ja als Herr Hauptmann! Varnhagen ist nun voll Frohsinns, seinen Briefen nach. Sein Gemüt, das vorher so niedergeschlagen, sei nun ganz erheitert, schreibt er. Ich ergreife bei Gott zuletzt dies Mittel auch noch, lieber, als daß ich nach Ludwigsburg in die Langeweile sitze. Hier befinden sich Werber für ein Regiment in Spanien, ich brauche nur dorthin zu gehen.« An Ludwig Uhland berichtet er auch über das volkstümliche Marionettentheater: »Der in die Hölle steigende Herkules wurde gestern aufgeführt. Es sind zwei alte Leute, die dies Theater haben, und man kann bald mit ihnen bekannt sein. Sie treiben die Sache auf eine so herzliche Art, daß man ihnen recht gut sein muß. Ihre Tochter, ein nettes Mädchen, spielt dazu die Harfe. Ich nahm den ersten Platz ganz allein ein, als Repräsentant der Volkspoesie.« Später schreibt er den 29. August: »Die Marionetten zogen nun vom Hamburger Berg hinweg und, welch ein schöner Zufall, schlugen ihr Theater gerade neben dem Landhause auf, in dem Rosa Maria wohnt. Heute war ich mit Rosa schon dort. Das Theater ist auf einer Bühne und erinnert mich an meine Kindheit, wo wir auf dem Heuboden Komödie spielten. Es sieht gar populär aus. Durch ein Mausloch oben an der Bretterwand (dem Bühneboden) wird der Kronleuchter herabgelassen. Jason wurde heute aufgeführt. Rosa lachte recht herzlich. Das Stück war etwas verwirrt, scheint aber das beste zu sein, das ich je sah. – Was mir hier die Berge in etwas ersetzt, das sind die Windmühlen, an denen ich großes Gefallen finde. Wälder sieht man nicht, außer künstlich angelegte um die Landsitze. 2. September nachts. Mein Bruder und meine Schwester gingen nach Neumühlen zu Madame Sieveking auf einen Ball. Ich flüchtete mich zu Rosa und nun zu Dir, mein lieber Uhland! – Auf einer Bank vor dem Marionettentheater unter den Bäumen trafen wir einen Spanier, der verwundet im Dänischen zurückblieb und nun an Krücken geht. Rosa unterhielt sich mit ihm. Es war ein noch recht junger Mensch von edlem Aussehen. Viel beklagte er sich über die Franzosen und das Schicksal, das ihn zurückhalte, am Kampfe für sein Vaterland teilnehmen zu können. Hamann, nach dem Buch Esther, sahen wir heute durch die Marionetten aufführen. Ein Student in Kiel hat dem Marionettenmann dies Stück verfertigt. Es ist besonders für die Juden gemünzt und wird vieles in jüdischer Mundart gesprochen ... Nach dem kam ein Nachspiel: Die komische Person im Sacke, fast Shakespearisch. Die Kinder, die Rosa zur Erziehung übergeben, und ihre Mutter (Juden) waren mit, und war es besonders lustig für die Kinder. Ein Pferd, das darin vorkam, war gar possierlich. – Nachher gaben die Kinder vor dem Hause ein Feuerwerk, aber nichts wollte mich aufwecken. Ja wohl, Uhland! – Als ich von Rosa wegging, ging ich noch an der Alster umher. Es war der Himmel und das Wasser voll von Sternen. In der Ferne schifften mehrere Nachen mit Gesang und froher Gesellschaft zu einem erleuchteten Hause am Ufer. Ich stund und sah hinab in die Tiefe und wäre so gerne den Sternen da unten ans Herz gefallen. Und was hielt mich zurück ... Deine Freundschaft, Uhland!« Den 19. September 1809 schrieb er: »Gestern war mein Geburtstag. Ich konnte ihn nicht schöner feiern, als zu Rosa zu gehen, es hätte auch wohl kein Mensch hier mehr Anteil genommen als Rosa. Sie sagte mir bisher kein Wort, daß sie die Gitarre spiele, um so angenehmer war mir die Überraschung, als sie mir jetzt spielte und sang. Sie hat mir eine Haarschnur mit einem goldnen Schlößchen zum Geschenk gemacht. Es freut mich recht herzlich, da es mir ein Beweis ist, daß ich ihr nicht fremd bin. Ich zeigte ihr Dein Bild und sie hat es bei einer halben Stunde betrachtet. Ich wollte nur, Du könntest auch Rosa kennenlernen! Ich kann nicht alle Tage zu ihr; es würde sich, besonders da sie bei fremden Leuten ist, nicht schicken. Länger aber als drei Tage kann ich es nun und nimmer aushalten, ohne bei ihr gewesen zu sein.« 21. September: »Ich komme von meinem Troste – von Rosa. Sie gibt mir auf, Dir in ihrem Namen viele herzliche Grüße zu schreiben ... Wir saßen vor dem Hause unter den Bäumen mit Madame Oppenheimer, bei der sie ist, bis spät in die Nacht. Ich erzählte nichts als Geistergeschichten, so daß keine mehr das Herz hatte, sich von der Stelle zu bewegen. Daher blieben wir so lange beisammen, woran ich meine Freude hatte, und welches in mir ein lustig Gelächter causierte. Die Frauen wohnen vor der Stadt allein (nur mit Kindern) in einem Hause, und, weil ich ihnen die Geschichte von Winzingerode mit dem Spiegel erzählte, so getraute sich keine diese Nacht die Haare aufzuwickeln, weil keine den Mut hatte, in den Spiegel zu schauen. Ich kann Dir die Rosa nicht oft genug rühmen; man fühlt reines Wohlbehagen in ihrem Umgang, ohne daß sie einem den Schmerz der Liebe brächte. – Ich betrachte sie immer als meinesgleichen, als meinen Freund, als Dichterin, und mir ist recht wohl und schmerzlos bei ihr.« 23. September: »Ich sehe, daß das Schicksal, so sehr es mir mitspielt, doch noch einiges Mitleid mit mir fühlt. An einem bösen, recht mißlaunischen Abend, den ich gestern hatte, habe ich doch noch eine Freude erlebt; ich habe nämlich noch einen Brief von Augsburg erhalten. Welch ein reines, welch ein frommes Gemüt wohnt in diesem Kinde!« Den 24. September: »Ich habe nun auch Herbstvakanz. Mein Bruder hat mich meiner medizinischen Praxis enthoben. Nun bin ich frei wie der Zugvogel und werde durch die Gemächer und Höhlen des Jammers, die ich alle Morgen zu durchlaufen hatte, für den Rest des Tages nun nimmer verstimmt. Schon heute habe ich diese Freiheit benützt und zog früh und allein aus nach einem Dorf, so Blankenese hieß, und von dem man mir sagte, daß man dort Berge sehen könne. An Landhäusern von der verschiedensten Bauart, oft von außerordentlicher Lieblichkeit, von edler Pracht, an Gärten, in denen Wälder, Blumen- und Wiesenfelder waren, führte der Weg hin. Das Ufer der Elbe erhob sich bald sehr, in unmeßbare Weite sich erstreckend, lag sie vor mir. Stund ich bald auf einem Felsen, an dem brachen sich die Wogen. Da setzt' ich mich nieder und ließ meine Maultrommel hell in ihre dumpfen Schläge tönen. Schiffe mit vollen Segeln, die oft purpurrot waren und Abendwolken glichen, gleiteten unter meinen Füßen, in weiter Ferne aber schwammen andere am Horizonte, kaum sichtbar, wie Silberschwäne dahin, oder wie weiße Tauben, so durch die Luft fliegen. Es war mir wohl zumute und glaubt ich in meiner Heimat zu wallen, denn es war die Natur, meine liebe Mutter, wieder bei mir und meine Geliebte, die Poesie.« Kerners Zeit für Hamburg war abgelaufen, da er auch noch ein halbes Jahr für die Spitäler Wiens bestimmt hatte. Die Reise nach Wien ging über Nürnberg und Augsburg. Die Eindrücke, welche die beiden alten Reichsstädte, besonders Nürnberg, auf ihn machten, sind größtenteils in seinen Gedichten und Reiseschatten niedergelegt; was ihn aber vorzüglich nach Augsburg hinzog, war sein Rickele, die sich noch dort aufhielt. Es war ihnen vergönnt, nach so langer Trennung einige Tage des Glücks zusammen zu verleben. Wirkte dieses Glück noch nach, oder war Wien ihm sympathischer als Hamburg: von dort aus lauten seine Briefe viel weniger melancholisch. Aufenthalt in Wien In Wien traf Kerner unerwartet seinen Freund Varnhagen, den er schon längst in Italien glaubte. Auf welche seltsame Art sie sich fanden, beschreibt Varnhagen in seinen Denkwürdigkeiten. Er kaufte in einem Laden besonders gestaltete Scheren zum Ausschneiden von Silhouetten, worin er Meister war. »Während des Suchens nach solchen«, erzählt Varnhagen, »sagte der Kaufmann zu mir: Was es doch für hübsche Talente gebe! so habe er eben auch ein ganz gewöhnliches Werkzeug unter Händen, für das ihm aber ungewöhnliche Genauigkeit anempfohlen sei, eine Maultrommel nämlich, und gewiß, der Herr, der sie bestellt, wisse ihr wahre Zaubertöne zu entlocken.« – »Mir schlug das Herz«, fährt Varnhagen fort, »ich dachte gleich an Justinus Kerner und an die Möglichkeit seines Hierseins. Die Antwort auf meine raschen Fragen bestätigte meinen Verdacht: Name und Wohnung des Bestellers waren zwar unbekannt, aber er mußte ja wiederkommen, und dann sollten nähere Angaben gefordert werden. Noch desselben Tages kehrte ich in den Laden zurück; es war richtig, Doktor Kerner hatte die Maultrommel abgeholt und auf Befragen, wo und wann er zu treffen sei, eine Abendstunde im nahen Kaffeehause angegeben; er dachte nicht an mich, er meinte, irgend ein Landsmann aus Schwaben möchte seine Spur entdeckt haben. Ich traf ihn am bestimmten Ort, er saß gleichgültig da, das Geräusch und Gewühl um ihn her schien er nicht zu bemerken; er sah mißtrauisch vor sich hin – da fällt sein Blick auf mich, er springt heftig auf, schreit meinen Namen und liegt in meinen Armen.« In Wien machte Kerner, teilweise durch Varnhagen, manche interessante Bekanntschaften, auch die Friedrich Schlegels und dessen geistreicher Gattin Dorothea und des schon damals berühmten Tonkünstlers Beethoven, mit welchem er längere Zeit an einem Tisch aß. Ein junger israelitischer Arzt aus Königsberg, David Assur, der zugleich mit Kerner zur weiteren praktischen Ausbildung die Hospitäler besuchte, trat den beiden Freunden durch seine poetische und humoristische Begabung näher. Er ging später zum Christentum über, nannte sich Assing und wurde der Gatte von Varnhagens Schwester, Rosa Maria. – Eine andere Bekanntschaft war der Dichter Joseph Stoll, der Sohn eines berühmten Wiener Arztes. Er war ein origineller Mensch, der sich sehr an Kerner anschloß. Er brachte es infolge politischer Verhältnisse zu keiner rechten Lebensstellung und starb trotz seiner Talente bald in sehr dürftigen Umständen. Unland machte auf ihn nach seinem Tod das bekannte Lied: »Auf einen verhungerten Dichter«. Kerner unterstützte ihn oft mit Geld, obgleich er selbst nicht dessen zu viel hatte, und oft erzählte er, wie er, wenn er mit Stoll in den Prater oder sonst wohin ging, demselben manchmal in einem sogenannten Durchgang die Schuhe, aus welchen die Zehen hervorsahen, mittelst englischen Pflasters aus seinem Verbandzeug zugeklebt habe. In das Theater kam er mit Varnhagen öfters. Mit der größten Begeisterung erzählte er noch in später Zeit vom Mozartischen Don Juan, den er dort gehört hatte. Auch die edle Poesie vernachlässigte er nicht. Uhland schreibt an Karl Mayer: »Kerner, der bis zum Frühjahr in Wien bleibt, hat wieder Herrliches produziert. Er hat bereits den größten Teil seiner Reise in phantastisch humoristischen Schattenbriefen geschrieben.« Im Frühjahr 1810 verließ Kerner das ihm so lieb gewordene Wien, von dem er noch in späten Tagen mit großer Freude sprach. Die Rückreise ging wieder über München, Regensburg, Nürnberg nach Augsburg zu Rickele. In Augsburg hatte er die Freude, seinen Freund Breslau, der an den dortigen Spitälern beschäftigt war, zu treffen. Nach kurzem Aufenthalt daselbst hatte Kerner das Glück, zugleich mit Rickele die Reise in die Heimat antreten zu können. Nachdem er Rickele zu ihrer Mutter nach Schorndorf gebracht hatte, nahm er seinen Wohnsitz als Arzt in Dürrenzimmern. Dort war er aber nur wenige Monate, denn schon im Oktober 1810 siedelte er als Badearzt nach Wildbad über. Kerner als Arzt im Wildbad Im Wildbad begann Kerner wieder seine schriftstellerischen Arbeiten, ohne daneben die Praxis zu versäumen. Zuerst vollendete er die Reiseschatten; hier gab er auch den poetischen Almanach heraus und schrieb das Büchlein über das Wildbad. Ein lebhafter Briefwechsel wurde außerdem mit seiner Braut und den Freunden fortgesetzt. Friederike war nach kurzem Aufenthalt bei ihrer Mutter zu ihrer Tante, der Frau Oberamtmann Hehl, die als Witwe ihren Wohnsitz in Tübingen genommen hatte, berufen worden. Von den Freunden Kerners waren damals in Tübingen anwesend: Ludwig Uhland, August Mayer, Schwab, Assing usw. Assing vollendete seine Studien in Tübingen hauptsächlich, um Kerner nahe zu sein. Das Verhältnis zwischen Friederike und ihrer Tante war jetzt ein anderes geworden. Die Liebe, die letztere früher verfolgt hatte, war jetzt von ihr genehmigt, und es war ihr eine große Freude, bei sich oder ihrer Tochter, der geistreichen Frau Dr. Hehl, die Abende im Kreise obengedachter Männer zuzubringen und das Rickele als den Mittelpunkt desselben zu sehen. Die Praxis im Wildbad war sehr beschwerlich, wie es die Unwegsamkeit der dortigen Gegend mit sich brachte. Einmal, es war gegen das Ende des Winters, ging Justinus durch den Wald, in seinen Mantel gut eingehüllt (demselben, welchen er dem Schneider nach Ludwigsburg mit den aus dem Bilderbuch bekannten Versen geschickt hatte), die Kappe tief hereingezogen und wie immer die Brille auf. Da begegnete er einer Schar Kinder, Knaben und Mädchen, aus den benachbarten Weilern, die vom Konfirmationsunterricht kamen. Plötzlich wandte er sich gegen die Kleinen, indem er aus den beiden Ecken des Mantelkragens Hörner bildete, und rief mit hohler Stimme: »Wißt ihr auch, wer ich bin? Ich bin der – Teufel!« Kaum hatte er dies gesagt, als die Kinder mit Geschrei auseinander sprangen, die wilden Schluchten und die steilen Abhänge hinab, durch Waldbäche hindurch; je mehr Kerner ihnen nachrief, sie sollen doch gescheit sein, er sei ja der Doktor, desto rasender sprangen sie weiter, und er wußte sich aus Angst über das Schicksal der armen Kinder kaum zu fassen. Mehrere Tage ging er um die Schule herum, um nach den Kindern zu sehen, aber keines von ihnen konnte er erblicken, er wußte nicht, daß einige Vakanztage waren. Endlich begab er sich in seiner Not zum Geistlichen und vertraute sich ihm an. Dieser ließ in seinem Beisein die Kinder kommen und fragte sie aus, worauf sie erzählten, daß ihnen im Wald der leibhaftige Teufel begegnet sei, mit Augen wie ein Pflugrädchen, mit Hörnern, kurz mit allem, womit man sich den Teufel ausmalt. Nur auf wiederholte Versicherungen des Geistlichen schienen sie endlich an die natürliche Erklärung zu glauben. Kerner beschenkte jedes der Kinder und ging mit erleichtertem Herzen nach Haus. Doch taten ihm die Kinder lange leid, er hatte nicht gedacht, daß der harmlose Scherz solchen Schrecken verursachen würde. Besser kam ein Hirtenknabe weg, den Kerner, als er viele Jahre später einen Besuch im Wildbad machte, schlafend am Wege fand; er legte ihm, ohne daß dieser es merkte, einen Taler in die Hand. Es machte ihm nun Freude, sich auszumalen, ob der Knabe bei seinem Erwachen das Geldstück als das Geschenk einer gütigen Fee oder als einen Teufelsspuk ansehen werde. Der Besuch der Freunde brachte angenehme Abwechslung in den im Winter sehr einsamen Aufenthalt im Wildbad. Uhland kam im Februar 1811 auf seiner Rückreise von Paris zu Besuch. Er schreibt darüber am 23. Februar 1811 an Karl Mayer: »Von Karlsruhe aus ging ich zu Kerner und blieb vierthalb Tage bei ihm. Ungeachtet es die meiste Zeit regnete, waren wir doch recht gut beisammen. Wir hatten uns so vieles zu sagen, teilten uns unsere Papiere mit, setzten uns ins Bad, machten, wenn es möglich war, kleine Spaziergänge an dem wilden Strome hin, machten uns mit der Redaktion des Almanachs zu schaffen. Kerner hat bereits viel zu tun, und obgleich dieser Aufenthalt in mehrerer Rücksicht für ihn nicht geeignet ist, so ist doch auch die romantische Waldgebirg-Gegend für ihn nicht ohne günstigen Einfluß, der sich mir bereits erfreulich in den Szenen eines neuen Schattenspiels: »Der erste Bärenhäuter« erweist, die ich vorgestern von ihm zugeschickt erhielt. Besonders erregte mich in einer nächtlichen Waldszene der spukende Geist eines Jägers, welcher spricht: Wenn die Eul im Wald sich reget, Wolf und Marder Beute suchen, Wenn der Mond blickt durch die Schläge, Reißt michs aus dem Leichentuche. Und der Hengst, darf ihn nicht rufen, Steht schon wiehernd auf dem Hügel, Trägt mich wie auf Sturmesflügel Durch die Klüfte bis zum Steine, Drin versteinern die Gebeine, Die mich ewiglich verfluchen. August Mayer schrieb seinem Bruder Karl am 2. August 1811: »Ich fand Kerner von sehr gutem Aussehen, ob er gleich immer über seinen schlechten Zustand als Wildbader Arzt klagt, indem er auch wirklich für viele Arbeit, die er sich durch große Gewissenhaftigkeit zum Teil selbst macht, fast gar keine Einnahme hat. Er ist zugleich Apotheker, und da bezahlen ihn die Leute meistens bloß für die Arzneien, oft nicht einmal für diese. Ich traf den ewig klagenden und jammervollen Assur bei ihm an, der ihm in seiner Praxis gute Dienste leistet, aber wohl auch bisweilen seine trübe Brille, womit er die Welt ansieht, aufnötigt. Kerner empfing mich sehr kordial und war auch meistens sehr lustig. Ich habe ihn erst hier kennen- und sein treffliches Herz schätzen gelernt. Ich glaube, es muß jedermann gut mit ihm auskommen. Assur ist auch ein herrlicher Kerl, aber nur durch sein ewiges Ächzen im muntern Umgang gar nicht zu gebrauchen. Ich schlief mit Kerner und Assur, und Kerner wiegte uns oft durch sein herrliches Maultrommelspiel in den Schlaf. Sonst war er viel bei Kranken. In der Poesie kommt er zu gar nichts.« Eine große Freude brachte Kerner der Besuch seiner Mutter, die eine Badekur in Wildbad nötig hatte. Die Freude wurde noch dadurch erhöht, daß sein Rickele zu der Pflege der Mutter kam. Kerners Mutter fand an seiner Braut eine zärtlich besorgte Tochter, diese hatte bei ihr eine liebe Heimat, und Kerner ward die Freude, die beiden, die ihm die Liebsten waren, vereinigt zu wissen. Der Verkehr zwischen Wildbad und Enzweihingen war sehr lebhaft. Wenn es möglich war, von der Praxis abzukommen, was nur im Winter sein konnte, suchte Kerner auf einen Tag hinzukommen. Einem so rüstigen, unermüdlichen Fußgänger, wie er war, wurde es nicht schwer, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Der Braut wie der alten Mutter wurde ein solcher Tag zu einem Fest. Er erheiterte die oft sehr gedrückte Frau mit seinem Humor, den sie verstand und liebte, er erzählte ihr aus seiner Landpraxis, seine Gespräche mit den Bauern. Sein Maultrommelspiel hart an ihrem Ohr (sie war in ihrem Alter schwerhörig geworden) war ihr ein Genuß. Oft nahm er die kleine, zarte Frau auf den Arm und trug sie gleich einem Kinde im Zimmer umher. Was ihr »Christel« – so hieß sie ihn – tat, diente ihr zur Freude. Der Aufenthalt in Wildbad war nicht von langer Dauer; einen Hausstand dort zu gründen, war nicht möglich, und deshalb entschloß sich Kerner, diese ihm lieb gewordene Gegend zu verlassen und sich nach Welzheim auf die dort erledigte Unteramtsarztstelle zu begeben. Dort war er auch wieder von Wäldern umgeben, aber noch einsamer und abgeschiedener von allem Verkehr. Der Briefwechsel mit seinem Rickele und den Freunden mußte auch hier ihn für vieles entschädigen. Er vollendete nun auch die Schrift über das Wildbad, und die Herausgabe des poetischen Almanachs und des Dichterwaldes verkürzten ihm die Zeit. Dabei hatte er eine große und sehr beschwerliche Praxis, der er mit vieler Treue und Aufopferung nachkam. Man darf sich Kerner nicht nur dichtend vorstellen, er war ein sehr geschickter, gesuchter und pflichtgetreuer Arzt, der auch auf medizinischem Gebiet mit Forschungen nicht nachließ. Nur insofern paßte er nicht zum Arzt, als er jedes Leiden so tief mitfühlte, wie wenn es sein eigenes wäre. Der Tod eines Familienvaters, einer Mutter oder eines Kindes zerriß ihm das Herz, und es raubte ihm völlig die Nachtruhe, wenn ein solcher Fall in seiner Praxis vorkam. Ganz bezeichnend ist es, daß er, als er in späterer Zeit einmal gefragt wurde, ob ihm keine Kinder gestorben seien, mit tiefem Seufzer sagte: »Ja, mehr denn hundert.« Der Schmerz war ihm beim Tod eines jeden der gleiche, wie wenn es sein eigenes Kind wäre. In seinen Gedichten sind mehrere auf den Tod von Kindern zu finden, die ihm aus dem Innersten des Herzens kamen. Beinahe zwei Jahre war Kerner in Welzheim, als endlich die Zeit kam, in der er sein Rickele heimführen konnte. So nahe am Ziel, kam er noch in große Not. Ein Mißverständnis veranlaßte ihn, das Gesuch um Erlaubnis zu seiner Verheiratung, das damals jeder Staatsbürger eingeben mußte, statt von Behörde zu Behörde, direkt an den König Friedrich zu senden. Schon war das Schreiben abgesandt, und Kerner hatte in der Hoffnung auf die gewisse Gewährung seiner Bitte an seinen Bruder in Stuttgart darüber geschrieben, als dieser ihn schleunigst auf die Folgen dieses direkt an den König geschickten Gesuchs aufmerksam machte. Der König war den Heiratsgesuchen im allgemeinen nicht günstig, und je nachdem er in einer Stimmung war, konnte er, wenn ihm ein solches vorgelegt wurde, ebensowohl auf den Rand setzen: »Hat nicht nötig zu heiraten, soll unter die Soldaten« als seine Genehmigung erteilen. Diese Nachricht brachte Kerner ganz außer sich, statt in den Armen seines Rickeles sah er sich schon im Soldatenrock. Zum Glück wurde ihm noch dadurch geholfen, daß auf seines Bruders schleunige Verwendung die Bittschrift vom Sekretär des Königs, ehe sie in dessen Hand kam, beiseite geschafft wurde. Dies war, gottlob! der letzte Sturm. Im Februar 1813 wurden Rickele und Justinus in der Kirche von Enzweihingen durch den Bruder Kerners getraut. Ich weiß nicht, hatte Kerner es so sehr eilig oder wie es sonst kam, daß, als der Bruder anfing: »Ich frage dich, Justinus Andreas Kerner, ob du usw. usw.« er vom Altar wegging. Als die Braut stehenblieb, ging er wohl wieder zu ihr zurück, aber das »Ja, ich will« ließ er ungesprochen, was ihm sein Rickele später noch oft im Scherz zum Vorwurf machte. An Ludwig Uhland schrieb er noch vor der Vermählung von Ludwigsburg aus: Grasburg, den 25. Febr. 1813 Auf meinem Weg zur Hochzeit!!! schreibe ich Dir dies in Grasburg, ich erhielt noch im Abreisen Dein Schreiben. O lieber, lieber Uhland, wenn Du doch nur am 28., am Sonntag, nach Enzweihingen reiten würdest, wir könnten dann über manches uns besprechen und Du wärest bei unserem Hochzeitsschmaus anwesend, bei dem niemand sein wird als wir, wo Rickele die saueren Spatzen selbst dazu kochen wird. Ich grüße Köstlin alsbald!! Dein J. K. Hausstand Welzheim Voll Glück zog das junge Paar am 1. März 1813 in die neue Heimat ein. Es war eine bescheidene Wohnung, von der man sich gegenwärtig kaum einen Begriff machen kann. Die Wahl derselben war nicht schwer, denn es war in Welzheim nur eine zu finden. Im Wirtshaus zum Ochsen bekamen sie zwei Zimmer und eine kleine Küche. An das größere Zimmer, das zum Schlafzimmer eingerichtet wurde, war die Bedingung geknüpft, daß es an jedem Markttag, jedem Hochzeitsfest, überhaupt, sooft es Veranlassung zum Tanzen gab, ausgeräumt werden müsse, um als Tanzsaal benützt werden zu können. Dieser Fall ereignete sich öfters; dann mußte man im Wohnzimmer schlafen und das Schlafzimmer konnte mehrere Tage nicht bewohnt werden. Einen Schlüssel hatte die Wohnzimmertüre nicht, man mußte statt dessen eine große Schnalle abziehen, die allein eine Tasche ausfüllte. Erzählten beide später von dieser Zeit, so hätte man glauben können, sie hätten die schönste, behaglichste Wohnung gehabt, so glücklich waren sie in derselben, trotz der nur geweißneten Wände, der kleinen, in Blei gefaßten Fensterscheiben und des Tanzsaals als Schlafzimmer. Ihr erster Ausgang war, sich Geschirr auf den Tisch und in die Küche zu kaufen. Welzheim bot auch darin nur kleine Auswahl. Es war ein bescheidener Tisch und nicht einmal silberne Löffel darauf; aber keine Frau verstand es wie Rickele, alles behaglich und recht zu machen. Eine Magd hatte sie nicht, ein junges Mädchen brachte ihr Wasser und Holz, das übrige tat sie selbst, und Kerner konnte nicht genug sagen, wie köstlich ihm sein Rickele gekocht, wie gut alles gewesen und wie vergnügt sie am eigenen Tisch gesessen seien. Derselbe wurde auch bald ein gastfreundlicher Tisch, und manche Freunde, wie Ludwig Uhland, Karl Mayer usw., labten sich an den guten Speisen, die Rickeles Hand bereitete. Es mögen schöne Tage gewesen sein, wenn die Freunde kamen, alle noch jung, lebensfrisch und treu zusammenhaltend. Rickele war aber nicht nur die schaffende Hausfrau, sie nahm auch an dem geistigen Verkehr der Männer vollen Anteil und alle liebten und verehrten sie. Karl Mayer schreibt aus der damaligen Zeit: »Kerner und seine Frau, beide unserem ganzen Kreise von jeher lieb und vertraut, hatten überhaupt seit ihrer Vereinigung und in ihrer jungen fröhlichen Häuslichkeit unsere Liebe und Teilnahme in noch viel höherem Grade gewonnen; ihre Namen klangen in all unsern Mitteilungen aneinander wieder, und die Pläne, das junge Paar in Welzheim heimzusuchen, ein paar heitere Tage dort zu verleben, hörten nicht auf und gediehen häufig genug zur Ausführung.« Es verging kein Tag, an dem nicht Kerner zu Kranken in die umliegenden Dörfer, Weiler und Höfe mußte; es waren ungebahnte Wege durch den Wald, die man nur zu Fuß oder zu Pferd zurücklegen konnte. Er schaffte sich daher bald ein Pferd an, einen sehr sanften Rappen. Justinus wollte nicht ohne sein Rickele sein, und sie begleitete ihn treulich überall hin; dann wurde bisweilen noch ein weiteres Pferd für Kerner gemietet, während Rickele sich von dem Räpplein tragen ließ, öfter aber machten sie es, wie es in jener Gegend Sitte war, daß die Frau sich hinter den Mann aufs Pferd setzt und sich an ihm hält. Bei jeder Witterung, je schlechter das Wetter und der Weg waren, desto mehr fand auch Rickele es für nötig, bei ihrem Manne zu sein. Nie konnte dieser, wenn sie auch noch so lange unterwegs waren, sich entschließen, auswärts Mittag zu halten; kamen sie zurück, so hatte Rickeles geschickte Hand schnell etwas bereitet, für das sie schon vorgesorgt hatte. Einmal mußte auch Kerner selbst seine Kochkunst zeigen; Rickele hatte Erbsen an das Feuer gestellt, als sie heftige Kopfschmerzen bekam und sich schnell zu Bett begeben mußte. Als Kerner nach Haus kam, klagte sie über das noch nicht vollendete Mittagessen, da nahm er die Sache in die Hand, trieb die Erbsen kunstgerecht durch einen Seiher, und da er nicht gleich den Drücker von Holz dazu fand, nahm er statt dessen einen Bügelstahl. Noch lange rühmte er die guten Erbsen, die er gekocht habe. Von der grauen Farbe, die sie durch den Bügelstahl erhielten, sagte er kein Wort, das hat Rickele später verraten.   Am 2. Dezember 1813 gab der liebe Gott dem glücklichen Paar ein kleines Mädchen, und das bin ich, die ich hier diese Erinnerungen niederschreibe. Nach meiner Patin, der früher erwähnten Schwester Varnhagens, erhielt ich den Namen Rosa Maria. Ich wurde später sehr stolz auf diese Namen, ein noch größerer Stolz war es mir, als es mir zum Bewußtsein kam, daß Ludwig Unland mein Taufpate war, und daß er das Gedicht: »Auf das Kind eines Dichters« eigens für mich gemacht hatte. Sei uns willkommen, Dichterkind, An deines Lebens goldner Pforte! Wohl ziemen dir zum Angebind Sich Lieder und prophet'sche Worte. In großer Zeit erblühest du, In ernsten Tagen, wundervollen, Wo über deiner kind'schen Ruh Des heil'gen Krieges Donner rollen. Du aber schlummre selig hin In angestammten Dichterträumen Von Himmelsglanz und Waldesgrün, Von Sternen, Blumen, Blütenbäumen! Derweil verrauschet der Orkan, Es weicht der blut'gen Zeiten Trübe; Wohl blühst als Jungfrau du heran, Du kündest so das Reich der Liebe. Was einst als Ahnung, Sehnsucht nur Durchdrungen deines Vaters Lieder, Das sinkt von sel'ger Himmelsflur Als reiches Leben dir hernieder. Der Vater war sehr glücklich mit seinem Kind. Als das Frühjahr kam, durfte die Kleine schon mit auf die Praxis, die Mutter nahm mich zu sich auf das Pferd, oft auch der Vater, dann band er mir sein Taschentuch um den Leib, hielt mich weit hinaus und ritt schnell vorwärts, wobei ich laut aufjubelte und fröhlich zappelte. So wurden wieder gemeinschaftlich die Kranken besucht. Eine Freundin der Eltern erzählte mir später, wie sie der Familie begegnet sei: die Mutter auf dem Pferd mit dem Kind im Arm, der Vater daneben das Pferd führend, es sei wie ein Bild aus der heiligen Geschichte gewesen. – An Karl Mayer schrieb der Vater im Juli 1814: »Die kleine Rosa Maria ist sehr gesund, wild, auch sehr blühend, hell rosenrot. Sie reutet mit Rickele auf meinem schwarzen Pferd, welches Sessel (mit Roßhaaren gepolsterter) heißt.« Endlich, nach einem Jahre, zeigte sich eine bessere Wohnung, in der man die Zimmer wenigstens für sich behalten durfte. Es waren drei kleine Zimmer mit der einfachsten Ausstattung, aber freundlich gelegen vor dem Städtchen. Es war nur eine Küche vorhanden, welche die Mutter mit zwei alten Fräulein Comerell, den Hausbesitzerinnen, teilen mußte. Das junge Mädchen, das früher Holz und Wasser zugetragen hatte, war jetzt ganz in den Dienst genommen. Wenn das Rosele, so hieß sie, zugleich mit der Jungfer Comerell in der Küche war und sich nicht genau in dem ihr zugewiesenen Kreis bewegte, schrie die Jungfer Comerell: »Hinweg da, das ist mein Territorium«; vor diesem ihr fremden Wort bekam das Rosele solchen Respekt, daß sie sich kaum mehr in die Küche wagte. Rosele war noch sehr unerfahren, ein echtes Waldkind, das noch nicht einmal einen Begriff von einem Talglicht hatte; als ihr ein solches in das Wasser fiel, legte sie es auf den Ofen zum Trocknen und war höchlich erstaunt, daß es zerschmolz. Es wurden damals im Welzheimer Wald nur Holzspäne gebrannt, die aus Kienholz geschnitzt und an einem Stock, der einen Fuß zum Stehen hatte, mit einer eisernen Klamme befestigt waren. Um diesen Lichtstock saß die ganze Familie, Frauen und Mädchen, Nachbarinnen und Freundinnen; die Männer lagen auf der Ofenbank oder schnitzelten die Lichtspäne; die Frauen saßen am Rocken und spannen mit der Spindel den schönen, weit berühmten Welzheimer Flachs. Dabei wurde lustig gesungen oder wurden Sagen und Geschichten erzählt, die meistens von Waldfrauen, Gnomen, Alraunmännchen usw. handelten, je schauerlicher, desto schöner. Das Spinnen gehört nächstens zur Sage, aber damals, als es noch keine Maschinen als Ersatz dafür gab, wurde in jedem Haus der Bedarf an Leinwand selbst gesponnen, und ein Mädchen war noch nicht aus den Kinderschuhen, so fing die Mutter schon an, für ihre künftige Aussteuer Leinwandballen zurückzulegen; sie wäre keine sorgsame Mutter und Hausfrau gewesen, wenn auch nur eine Elle zur Aussteuer der Tochter hätte gekauft werden müssen. Jetzt ist es anders, die Maschinen machen es schneller fertig, aber nicht die Hälfte der Dauer hat die Leinwand der gegenwärtigen Zeit. Ich lernte bald gehen, reiten konnte ich ja schon lange, freilich nur im Arm des Vaters oder der Mutter. Einmal gab mich die Mutter dem Rosele mit, um Aufträge zu besorgen. Diese brachte mich mit sehr erhitzten Wangen und besonders glänzenden Augen nach Haus. Als die Mutter mich auf den Boden stellte, fing ich an zu wanken und konnte nicht allein gehen, zudem roch ich auch stark nach Branntwein. Das Rosele gestand, daß man mir, wie man es dort oft den Kindern als Schleckerei gibt, Brot in Branntwein getaucht und mit Zucker bestreut gegeben habe, was ich mit großem Appetit verzehrt hätte. Zum Glück brachte es mir keinen Schaden. Später aber, als ich so lange klein blieb und die Altersgenossinnen mich im Wachstum weit überholten, machte es mir doch oft großes Bedenken, daß ich als Kind Branntwein bekommen hatte, denn man sagt bei uns, Kinder, denen man Schnaps zum trinken gebe, wachsen nicht mehr. – In Welzheim aber war es allgemeine Sitte, den kleinen Kindern den Schlotzer (Schnuller) in Branntwein und Zucker zu tauchen; dieselben bekamen dadurch mehr Schlaf. Schaden hatten die, welche davonkamen, später keinen dadurch; wenn sie das Leben über die ersten Jahre brachten, wurden sie kräftige Menschen, wie überhaupt dort ein sehr kräftiger Menschenschlag zu Hause ist. – Von den entferntesten Weilern und Dörfern brachten sie im tiefsten Winter die Kinder nach Welzheim zur Taufe. Nach dem Kirchgang wurde im Wirtshaus gezecht bis tief in die Nacht, und es war oft ein rechtes Glück für das Kind, wenn es, hinter den Ofen gebettet, von der Gesellschaft vergessen wurde. Es soll sogar öfter vorgekommen sein, daß ein solches Kindlein auf dem Heimweg verloren ging und erst die zu Hause gebliebene Mutter den Verlust entdeckte. Bald drei Jahre war ich alt, als mein Vater zum Oberamtsarzt in Gaildorf ernannt wurde. Es tat beiden Eltern sehr wehe, Welzheim zu verlassen, wo sie vier so glückliche Jahre verlebt hatten. Auch die Welzheimer sahen ungern ihren Arzt und seine Frau scheiden. Dem Mariele gaben die Bürger eine große Kiste Flachs zu ihrer Aussteuer. Diese Kiste mit Flachs, die mir eigen gehörte, war mein Stolz, und oft ging ich später der Mutter auf die Bühne nach und bat sie, mir den Flachs zu zeigen, den die Mutter mir treulich aufbewahrte und für meine Aussteuer schön spinnen und weben ließ. Gaildorf Das Leben in der neuen Heimat Im Herbst 1816 zogen wir nach Gaildorf, wo die Wohnungsnot aufs neue anfing. Hinter der Kirche, in einem kalten finstern Haus bezogen die Eltern einige Zimmer. Mit der Heizung war es sehr schlecht bestellt. Es war zwar ein großer Ofen vorhanden, so groß, wie man jetzt keinen mehr sieht; mit einer langen Ofengabel wurden die Kochhäfen hineingeschoben und mit einem Blasrohr das Feuer angeblasen; aber der große Ofen kam nicht zur Hälfte den Eltern zugut, er war zwischen zwei Zimmern eingemauert, und nur eine Platte davon ging in unser Zimmer. Zunächst an diese Platte kam unser Feuer. Es war aber ein sehr kalter Winter und nicht möglich, auf diese Art das Zimmer zu erwärmen, besonders da das Holz wie durch einen Zauber bald auf die andere größere Seite des Ofens, die in das Zimmer des Hausbesitzers ging, verschwand. Wenn der Vater zu Haus war, rückte er ein kleines Tischchen hart an die mühsam erwärmte Platte, um schreiben zu können. Er mußte es aber von Zeit zu Zeit abräumen, um die Oberfläche desselben am Ofen zu erwärmen, damit die erstarrten Hände etwas gelenkiger wurden. Ich bekam erfrorene Füße, und die Mutter schickte mich oft zu Bekannten, nur damit ich wieder erwärmt wurde. – Wie es der guten Mutter dabei erging, das hat sie mir in ihrer selbstlosen Weise nie erzählt. Aber auch dieser Winter ging vorüber, und als das Frühjahr kam, bezogen wir ein kleines freundliches Haus, das wir allein bewohnen durften. Das Haus war Eigentum eines Fürsten und zweier Grafen, des Fürsten von Solms-Braunfels und der Grafen Waldeck und Pückler. Ich sehe mit der größten Deutlichkeit den kleinen Garten an dem Hause vor mir, wie der Vater darin arbeitete und ich dabeistand, wie er einen Jelängerjelieberstock aus dem Beet entfernte und ich die schönen Blumen bedauerte, die daran waren. – Unten im Hause war ein Stall für den treuen Rappen. Die Wege waren bei Gaildorf etwas besser, auch war dort das Reiten der Frauen nicht so Sitte, und begleiten mußten wir doch den Vater, deshalb wurde der Rappen jetzt meistens an einen sogenannten Bernerwagen gespannt, auf welchem der Vater uns mitnahm. Wir hatten damals auch ein kleines Pferdchen, das auch ein schöner Rappe zu werden versprach. Da geschah es einmal, daß der Mann, der das Pferd besorgte, in der Frühe die Stalltüre offenstehen ließ. Dem Füllen kam die Lust an, das Haus zu besehen. Es lief die Treppe herauf bis in das Schlafzimmer des Vaters. Das alte Pferd konnte kaum noch aufgehalten werden, als es dem jungen folgen wollte. Es hätte schwer gehalten, das große wieder die enge Treppe hinunterzubringen, bei dem kleinen ging es schon leichter. Zu einem großen Rappen ist aber das Füllen nicht herangewachsen, es kam zur weiteren Ausbildung auf das Gestüt Güterstein und dort ist es gestorben. Es ging die dumpfe Sage, ein Lieutenant habe es zu tot geritten. Meine Großmutter Kerner, die nach des Vaters Verheiratung wieder allein war, nahm ihren Aufenthalt von da an bei ihrer Tochter, der Frau Pfarrer Steinbeis in Ilsfeld. Sie wurde gefährlich krank, und der Vater eilte, als er diese Nachricht bekam, sogleich zu ihr und nahm mich mit. Einen schweren Unfall, der uns auf dieser Reise betraf, schildert der Vater in einem Brief an Uhland wie folgt: »All meine Lust und Liebe, meine Marie, auch mein eigenes Leben ward inzwischen aufs äußerste bedroht, ich war ganz nahe an einer dem Wahnsinn gleichkommenden Verzweiflung. Man verlangte mich zu meiner kranken Mutter nach Ilsfeld. Mir zum Troste und der Großmutter zur Freude sprach mir Rickele zu, die Marie mitzunehmen. Ich fuhr mit einem Kutscher mit zwei Pferden in meinem eigenen Gefährte (einem andern als du kennst). Als wir an die große Steige kamen (nicht Chaussee), die von Löwenstein gegen das Bad führt, stieg ich aus und wollte Marie aus dem Gefährte heben. In diesem Moment wurden die Pferde rasend, ich wurde vom Rade auf die Seite geschleudert, der Kutscher stürzte vom Bocke, das Kind blieb im Gefährte, das Gefährt schlug um, die Pferde donnerten mit ihm den entsetzlichen Berg hinab, es auf der Bedachung, die Räder über sich gerichtet, fortschleifend, – ich wußte mein Kind in ihm!! Ich raffte mich auf, unverletzt, und folgte ganz vom Wahnsinn gepackt hintenher. Unter Trümmern des Gefährtes fand ich mein Kind in seinem Blute! Ich hob es für tot auf und trug es drei Stunden weit im fürchterlichsten Platzregen ganz wahnsinnig durch unwegsame Wälder und Felder bis nach Ilsfeld auf den Armen. Ich war ganz erschöpft. Das Kind schien das linke Auge verloren zu haben, es hatte starke Quetschungen am linken Schlafe, das Schlüsselbein hatte es gebrochen. Gott im Himmel aber war gnädig, er trug Erbarmen. Am vierten Tage schlug es wieder das Auge auf, hell und lieblich wie es ist. Auch der Bruch des Schlüsselbeins und die Quetschungen heilten bald.« Der Mutter hatte man gleich einen Eilboten geschickt, und so schnell wie möglich kam sie auf die Nachricht von diesem Unfall herbei. Als man sie erwartete, zog man mir, damit ich nicht so krank aussehe, ein Kleidchen an, den einen Ärmel ließ man leer herabhängen, was die liebe Mutter sehr erschreckte; sie glaubte, man habe ihr das Gräßlichste verschwiegen, der Arm sei abgenommen. Als ich soweit war, daß man mit mir reisen konnte, schickte Onkel Ehmann in Oehringen, ein Bruder der Mutter, einen Wagen, in welchem wir den weitern, aber besseren Weg über Heilbronn, Weinsberg, Oehringen nach Gaildorf zurücklegten. Als wir in Weinsberg den Berg hinauffuhren, an dem später unser Haus stand, sagte der Vater, wie von einer Vorahnung ergriffen: »Hier ist es schön, da möchte ich wohnen!« Mein Bruder Theobald Wir waren noch nicht lange zu Haus, als ich eine große Freude erlebte. Wie heute weiß ich noch, daß an einem Morgen beim Erwachen ich mein Bett ganz mit Blumen überdeckt fand, auch sehr schönes Zuckerwerk war dabei. Der Vater sagte mir, daß ein kleiner Bruder angekommen sei, der mir das alles mitgebracht habe. Ich war überglücklich, aber auf den Arm bekam ich das Brüderchen kaum, was mir sehr schmerzlich war. Ich dünkte mich schon groß und ganz passend zu einem Kindsmädchen. – Leider kam auf die Freude von des Kindes Ankunft bald ein tiefer Schmerz für die Eltern durch den nun doch erfolgten Tod der lieben Großmutter. Uhland schrieb damals an den Vater über diese beiden Ereignisse: »So ist das fortschreitende Leben, während man die eine Hand dem neugeborenen Geschlechte reicht, muß man die andere von dem absterbenden schmerzlich losreißen.« Dieses kleine Brüderchen, das am 14. Juni 1817 geboren wurde, erhielt den Namen Theobald, nach dem General Theobald, einem Freund des Vaters, der zugleich mit Ludwig Uhland und Karl Mayer des Knaben Pate war. Theobald war ein nettes, zartes Kind, an dessen Hals aber die Mutter zu ihrem Schrecken bald eine Geschwulst entdeckte, die große Ähnlichkeit mit einem kleinen Kropf hatte. Kröpfe waren in Gaildorf etwas sehr Gewöhnliches, und manches dort war vielleicht derselben Ansicht wie die alte Frau in Weinsberg, der man nachsagt, sie habe, als ein Fremder mit schlankem Hals durch Weinsberg gegangen sei und die Kinder ihn ob seines dünnen Halses verhöhnten, diesen zugerufen: »Seid still, ihr gottlosen Kinder, danket Gott, daß ihr alle euere Glieder habt!« Die Geschwulst war der Mutter eine große Sorge, aber der Vater machte nichts daraus, er war wohl sonst sehr beschäftigt, überzeugte sich vielleicht auch bald, daß nichts Bedenkliches dabei war, und schenkte der Sache nicht viel Aufmerksamkeit. Die Mutter, in der Angst, ihr Theobald behalte ein Gaildorfer Anhängsel, beschloß auf Zureden von ihrer zur Hilfe anwesenden Schwester folgendes, von einer Nachbarsfrau angeratene, jedenfalls unschädliche Mittel anzuwenden. Es wurde mit dem Bäcker verabredet, daß das Dienstmädchen in der Frühe einen Wecken so heiß wie er aus dem Ofen kommt, unbezahlt und »unberufen« holen dürfe; dieser mußte auseinander gebrochen und dem Kinde auf die Geschwulst gelegt werden. Unterdessen wurde ein großer Hund eingesperrt und dieser sollte den Wecken, wenn er erkaltet wäre und seinen Dienst getan hätte, fressen. Die Sache war nicht so leicht als man glaubte. Das erstemal begegnete dem Mädchen, so sehr sie auch eilte, doch eine höfliche Person, die ihr: »Guten Morgen, Jungfer« nachrief. Damit war der Zauber gebrochen und den andern Morgen mußte wieder von neuem begonnen werden. Diesmal kam das Mädchen unbeschrieen nach Haus, und der Wecken wurde aufgelegt. Jetzt sollte der Hund den Wecken fressen, als man aber den Stall öffnete, brach der Hund durch und war nicht aufzuhalten. Zum drittenmal mußte die Sache vorgenommen werden, und ging nun glücklich vonstatten. Das beste daran war, daß die Geschwulst bald darauf verschwand. Der Vater behauptete zwar, der heiße Wecken habe gleich einem Kataplasma heilsam gewirkt. Vielleicht hat aber das Nichtbezahlen, Nichtberufen und der Hund doch auch geholfen. Theobald behielt einen schlanken Hals und seine Geburtsstadt hat ihm nichts geschadet. Königin Katharina Im Jahr, da Theobald geboren wurde, war eine große Teuerung im Land. Es war das Jahr vorher fast nichts gewachsen, die Vorräte früherer Jahre waren aufgezehrt, und die Not nahm immer mehr überhand. In dieser schweren Zeit war Königin Katharina einer wahre Mutter ihres Volkes, sie sorgte auf jede Art für die Armen und Hungernden. Sie ließ Frucht aus Rußland kommen, gründete wohltätige Anstalten und Vereine zur Milderung der augenblicklichen großen Not. Ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich hie und da die Mutter in eine große Küche begleiten durfte, in der die Frauen und Töchter von Beamten und Bürgern in umfangreichen Kesseln für Arme kochten, und der vielen Kinder, die mit Schüsseln da standen, um sich Suppe zu holen. Mit großer Sehnsucht sah man der Ernte des Jahres 1817 entgegen, und mit tief gefühltem Danke gegen Gott wurde der erste Erntewagen begrüßt. Jung und Alt zog dem bekränzten Wagen festlich gekleidet entgegen und das Lied: »Nun danket alle Gott« wurde bei Erblickung desselben aus vollem Herzen angestimmt. Auf mich machte dieses Fest einen bleibenden Eindruck. Es war der Mutter und des kleinen Theobalds erster Ausgang, sie nahm einige Ähren von dem Wagen und bewahrte sie für Theobald auf, der sie, wie ich glaube, noch heute besitzt. Der ein Jahr darauf erfolgte Tod der Königin Katharina war ein großer Verlust für Württemberg. Durch ihr Eingehen in alle Verhältnisse und ihre Hilfe, wo es not tat, stand sie nicht auf unnahbarer Höhe. Einem jeden war die Mutter gestorben. Mein Vater besang sie in manch tiefgefühltem Lied. Nicht lange vor ihrem Tode machten der König und die Königin eine Rundreise durch das Land. Der Tag, an dem sie durch Gaildorf kamen, war für das Städtchen ein Festtag. Die Beamten und Bürger versammelten sich auf dem Marktplatz, um das Königspaar dort zu empfangen. Die Schuljugend zog ihnen entgegen mit dem Lehrer an der Spitze. Ich ging zwar noch nicht in die Schule, durfte aber doch mitziehen. Es kamen uns mehrere Wagen entgegen, aber keiner war uns schön genug für den König. Der Lehrer mochte wohl mit uns einen goldenen Wagen, König und Königin mit goldener Krone, erwartet haben. Wir ließen alle an uns vorüberfahren. Endlich, als ein Packwagen kam, sagte man uns, daß der König im ersten Wagen gewesen sei. Wir waren in schönster Ordnung ausgezogen, aber nun löste sich alles auf. Ein jedes sprang, so schnell es nur konnte, zurück, um doch noch etwas vom Königspaar zu sehen. Wir kamen gerade recht, um den Wagen von hinten im Abfahren zu erblicken. Mit dem Vater hatte der König und die Königin sich länger unterhalten. Das war das einzigemal, daß der Vater das Glück hatte, die von ihm so hochverehrte Königin zu sehen. Er bedauerte nachher sehr, daß er es für passender gehalten hatte, während die Königin mit ihm sprach, die Brille abzunehmen; seiner Kurzsichtigkeit halber blieb ihm kein deutliches Bild von ihr. Bekannt war er der Königin schon früher durch seine schriftstellerische Tätigkeit. So forderte sie ihn auch auf, in Gemeinschaft mit dem allemannischen Sänger, Peter Hebel, nach dessen »Rheinischem Hausfreund« und »Schatzkästlein« den württembergischen Landeskalender zu einem gemeinnützigen Volksbuche umzubilden. Die Sache zerschlug sich jedoch, weil Hebel als »Ausländer« den »Schwaben« mit Belehrungen in ihrer eigenen Sache nicht zu nahe treten mochte. Eine traurige Veränderung Das Weihnachtsfest, das auf meinen vierten Geburtstag folgte, ist mir noch gut in Erinnerung. Ich bekam eine Puppe; sie prangte in einem rosa Zitzkleid, hatte aber keinen Kopf wie die jetzigen Puppen, konnte nicht schreien und nicht die Augen verdrehen. Ihr Gesicht war vielmehr von Wachs und am Hinterkopf war Flachs statt der Haare angeklebt, den Körper hatte die Mutter selbst gemacht und mit Sägmehl gefüllt, was ich erst später entdeckte. Dazu bekam ich einige kleine irdene Geschirrlein für die Puppe. Der Reichtum war zu groß, das Glück überwältigte mich so, daß ich in der Nacht ein Hirnfieber bekam zum großen Jammer der Eltern. – Als ich wieder in der Genesung war, sang mir mein lieber Vater ein Lied vor, das er darauf gemacht, dessen ich mich aber leider nicht mehr entsinne. Ich saß dabei in meinem Bettchen und weinte vor Rührung und Freude. Bald nach dieser Krankheit trat eine traurige Veränderung für mich ein. Ich bekam die Gelbsucht, und von dieser Zeit an datiert sich manches Schmerzliche für mich. Bis dorthin war ich ein sogenanntes Wunderkind gewesen. Mit der Gelbsucht trat ein Stillstand ein und in meinem zehnten Jahre mußte ich noch hören: »Ja wenn du noch wärst wie in deinem vierten Jahr, da warst du so gescheit, so brav und so folgsam.« Als mir der Spiegel später sagte, daß ich ein mageres braunes Mädchen sei, und von der Mutter wollte, sie solle mich weißwaschen, hieß es wieder: »Ehe du die Gelbsucht bekamst, warst du ein kugelrundes, weißes, rotbackiges Kind.« Da verwünschte ich die Gelbsucht, die mich so verändert hatte, und die schrecklichste der Krankheiten war nach meinem Begriff diese. Fast betrübte ich die gute Mutter, wenn ich ihr folgenden Vers aus des Knaben Wunderhorn sang: Wann ich schon schwarz bin, Schuld ist nicht mein allein, Schuld hat mein' Mutter g'habt, Weil sie mich nicht gewaschen hat, Da ich noch klein, Da ich wunderwinzig bin gesein. Das war sehr unartig von mir, aber die Gelbsucht war schuld daran! Damals jedoch lebte ich, unbewußt der leidigen Veränderung, die über mich gekommen war, dahin. Kleine Reisen Ich war ein sehr glückliches Kind, das immer bei den Eltern sein durfte und nur Freude erlebte. Der Vater mußte auch in Gaildorf viel über Land; da die Mutter des kleinen Theobalds wegen mehr zu Hause bleiben mußte, so war ich oft seine einzige Begleitung. Ich durfte das Leitseil in die Hand nehmen – bei dem braven alten Rappen konnte man es schon wagen – und wenn dann der Vater sich stellte, als schlafe er, und ich glaubte, ganz allein das Pferd zu leiten, war ich sehr stolz. Mußte ich zu Hause bleiben, so brachte mir der Vater immer etwas mit. Er ging aber nicht in einen Kaufladen, um mir Spielzeug oder Zuckerwerk zu holen, nein, er brachte mir ein Stück schwarzes Brot, das mir viel besser schmeckte, als das zu Haus, oder Tannenzapfen, die ich meine Kühe hieß und in den Stall sperrte, auch irgend eine Merkwürdigkeit, die er in dem Wald oder auf dem Wege fand, Blumen, Steine oder ein Stück Holdermark, aus dem er mir dann »Holdermännlein« machte. Er wußte wohl, wie er mich mit allem erfreute. Niemand konnte auch so schön, nur mit einigen Strichen, einen Tannenbaum zeichnen; wenn er sonst nichts für mich hatte, so wurde ich mit einem solchen beglückt. Eines sogenannten »Rezeptbüchleins« erinnere ich mich noch, das der Vater immer bei sich trug, um die Rezepte, die er den Tag über verordnete, sogleich hineinzuschreiben. Auf dem Deckel desselben hatte er mit Tinte einen solchen Tannenbaum gezeichnet, unter diesem einen Totenkopf mit gekreuzten Totengebeinen. Darunter stand: »Gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist.« Oft nahm der Vater mich mit in das Pfarrhaus des Ortes, in dem er eben Besuche zu machen hatte. Meist wurde ich dort mit Honigbrot bewirtet, und es gefiel mir in all diesen Pfarrhäusern gar wohl. Eines aber blieb mir vor allem in lieber Erinnerung. Der Zimmerboden war dort, nach damaligem Brauch, mit schönem weißen Sand bestreut, auf dem ich aber immer ausglitt und hinfiel, deshalb wurden mir sogleich bei der Ankunft die Schuhe ausgezogen, und ich durfte ungestraft in den Strümpfen herumspringen. Lebensgefahren Nicht viel über ein Jahr durften wir in dem kleinen Haus bleiben. Es wurde eine gräfliche Bierbrauerei erbaut und in das Haus die Wirtschaft verlegt. So behaglich und wie im Eigentum bekamen wir es nicht wieder; aber doch eine freundliche Wohnung innerhalb der Stadt bei sehr lieben Leuten, einem Tuchmacher Seylacher. Sie hatten einen Knaben von meinem Alter, der mir ein lieber Spielgefährte wurde. Ich war deshalb oft bei ihnen. Was mich aber besonders dort anzog, war ein Haspel, der von dem Zimmerboden bis an die Decke ging. Er gehörte zu des Hausherrn Gewerbe. In diesen setzten wir uns und drehten uns stundenlang, wie in einem Karussell. Einst wollte die Hausfrau ihren Heinrich und mich in eine Mühle mitnehmen. Wir gingen über einen schmalen Steg am Kocher hin; auf einmal, als die Hausfrau sich nach mir umsah, war ich verschwunden, und sie sah nur noch meinen Hut im Kocher schwimmen. Rasch sprang sie nach, zog mich heraus und trug mich in großem Schrecken nach Haus. Erst als sie mich warm eingewickelt in ihrem Bett hatte, holte sie die Mutter. Diese dankte Gott, daß es so gut abgelaufen war. Ich war aber schon bestimmt, andern Leuten Schrecken einzujagen. Die Mutter hatte in einem Koffer, in dem sie alte Kleider aufbewahrte, etwas zu suchen; ich stand dabei und ein alter Hut der Mutter fiel mir sehr in die Augen, ich setzte ihn auf und beschloß, darin spazierenzugehen. Die Mutter bemerkte nichts davon, und ich machte mich mit dem großen Hut, der mir über die Augen fiel, auf den Weg und sah in meinem Stolze nicht, daß ein mit vier Pferden bespannter Güterwagen auf mich zukam. Schon wurde ich von den Pferden umgeworfen, als eine Frau, die unter der Haustüre stand, es bemerkte und mich rasch hervorzog, ohne daß es mir Schaden getan hatte. Die Frau war aber so angegriffen, daß sie, nachdem sie mich kaum gerettet hatte, bewußtlos umsank. Bald nachher erlitt ich einen Unfall, der noch schlimmere Folgen hätte haben können. Ein böser Knabe, wie es deren nicht nur in Gaildorf gibt, sprang auf der Straße an mir vorüber und warf mich, ich weiß nicht mit Willen oder aus Versehen, mit einem Stein, der mich gerade unter das Auge traf. Es war ein Wunder, daß das Auge verschont blieb; aber sehr lange behielt ich eine Wunde. Das war gottlob der letzte Schrecken der Art, in den ich meine Eltern versetzte. Ich müßte nur noch erwähnen, daß, als einmal Besuche sich zum Kaffee anmelden ließen und der Vater sich schnell noch rasieren wollte, ich auch den Drang in mir fühlte, mich noch schöner zu machen, das Rasiermesser ergriff und mir einen solchen Schnitt im Gesicht beibrachte, daß alle Vorbereitungen zum Kaffee unterbleiben mußten und es nur zu tun gab, das Blut zu stillen und die Wunde mit Heftpflaster zu schließen. Der gräfliche Hof Zwei der standesherrlichen Familien, die Grundherren in Gaildorf waren, residierten damals dort; es waren das die Grafen Pückler und Waldeck. Von den ersteren kann ich mich nicht mehr viel erinnern, nur das weiß ich noch, daß die Gräfin eine freundliche schöne Frau war, die mehrere Knaben, aber nur ein einziges Töchterlein hatte, und daß ich einigemal dort war, um mit diesem zu spielen. Noch einmal durfte ich hin, da lag das Mädchen in einem schwarz behängten Zimmer von Blumen umgeben im Sarg. Daß das Kind einen Ring mit einem blauen Stein am Finger trug und diesen mit in die Gruft nahm, beschäftigte mich sehr. Mit Graf Waldecks kamen die Eltern viel zusammen. Graf Georg von Waldeck, aus einer Seitenlinie des fürstlich Waldeck-Pyrmontschen Hauses, ein geist- und kenntnisreicher Mann, spielte als Vertreter der standesherrlichen Interessen vor der Bundesversammlung und in den damaligen württembergischen Verfassungswirren eine bedeutende politische Rolle. In Gaildorf schuf er einen kleinen Hof um sich, in welchem aber der Vater sich sehr ungeniert bewegte. Trotz seines Adelsstolzes hatte der Graf eine Frau von bürgerlicher Abkunft, Tochter eines Beamten, namens Wirth, geheiratet. Es war eine sehr feine schöne Dame, mit der er recht glücklich lebte. In die Kirche ging der Graf nie zu Fuß, obgleich das Schloß so nahe bei der Kirche war, daß die vordern Pferde des Viergespanns an der Kirchentüre standen, wenn der Graf am Schloß seinen Wagen bestieg. Eine Verwandte des Grafen feierte im gräflichen Schlosse ihre Vermählung mit einem Grafen Gronsfeld. Die meisten Honoratioren des Städtchens wurden zu der Vermählung geladen mit der Vorschrift: »schwarzer Frack, weiße Halsbinde, weiße Weste, kurze Beinkleider«. Der Vater, der alles gerne bequem hatte und allen feierlichen Gelegenheiten auswich, war nicht mit solch feiner Toilette versehen. Die Einladung konnte er aber diesmal nicht umgehen. Zum Glück wurde ein Freund von ihm, der alles Vorschriftmäßige besaß, nicht geladen; dieser mußte ihm aushelfen. Die Mutter gab sich alle Mühe, den Vater schön herauszuputzen, und alles schien zu gelingen; nur, als er die kurzen Beinkleider anzog, fand es sich, daß es mit den langen Unterbeinkleidern nicht ging, diese mußten noch abgeschnitten werden und das gab wieder einen längeren Aufenthalt, über den der Vater sehr ärgerlich war; denn ihm war es eine große Last, sich lange mit der Toilette befassen zu müssen. Die Gesellschaft war schon einige Zeit versammelt, als der Vater kam. »Mein Gott, Kerner, wo bleiben Sie so lange!« rief ihm die Gräfin entgegen. »Wenn ich ohne Hosen hätte kommen dürfen, wäre ich schon lange da«, entgegnete zum Entsetzen der hochgräflichen Versammlung der Vater, den es verdroß, daß er zur Plage hin auch noch Vorwürfe haben sollte. Schaudergeschichte Es gab in Gaildorf viele Kretinen und die Kröpfe waren dort, wie ich schon früher sagte, zu Haus; eine alte Person, das »Annesybele« (Anna Sybille), hatte einen besonders merkwürdigen Hals, der sich, ich weiß nicht durch wie viel, Kröpfe auszeichnete, und oft zeigte der Vater, wenn ärztliche Freunde zu ihm kamen, ihnen diese Abnormität. Besonders interessierte sich Professor Georg Jäger, ein Universitätsfreund des Vaters, der das Naturalienkabinett in Stuttgart unter sich hatte, für diesen Hals. Nun kam eines Tages der Bruder von Annesybele ganz feierlich zum Vater mit einem großen Pack in der Hand. Da der Herr Doktor schon so viel an ihm und seiner Familie getan und nie Bezahlung dafür genommen habe, so sei er so frei, ihm eine Erkenntlichkeit dafür zu bringen, seine Schwester sei gestern gestorben und hier bringe er dem Herrn Doktor ihren Kopf, den er sich vom Chirurgen habe abschneiden lassen, weil er wisse, wie sich der Herr Doktor dafür interessiert habe. Es sei schrecklich anzusehen gewesen, als der liebevolle Bruder den Kopf an den grauen Haaren gepackt und ihn dem Vater hingehalten habe. – Ich habe es gottlob nicht gesehen. Der Vater packte den Kopf in ein Kistchen, um ihn durch den Boten, der wöchentlich einmal nach Stuttgart fuhr, seinem Freund Jäger zu schicken, ohne dem Boten zu sagen, was das Kistchen enthielt. Dieser fuhr arglos mit Annesybeles Kopf nach Stuttgart und lieferte ihn, seinem Auftrage gemäß, an Jäger selbst ab. Letzterer ließ dem Boten ein Glas Wein geben und unterhielt sich mit ihm, bis das Kistchen geöffnet war. Aber welches Entsetzen befiel den Mann, als Jäger Annesybeles Kopf herausbrachte. Als er zurückkam, war sein erster Gang zum Vater: »Wie haben Sie das tun können, Herr Doktor! Wenn ich es gewußt hätte, nicht um tausend Gulden hätte ich Annesybeles Kopf mitgenommen, habe ich doch nicht gewußt, warum mein Pferd den Wagen nicht weiterbrachte, obwohl ich nicht stark geladen hatte.« Eines sehr freundlichen und gutmütigen Kretins erinnere ich mich noch, der immer die Sonne aufsuchte und in dieser sitzend ganz glücklich sagte: »Die Sonne mag mi, die Sonne hat mi lieb.« Der arme Tropf hatte wahrscheinlich sonst nicht viele Liebe zu genießen. Weinsberg Der Einzug Im November 1818 wurde die Stelle eines Oberamtsarzts in Weinsberg frei. Der Vater meldete sich darum und erhielt sie. Mir war alles, was der Umzug nach Weinsberg mit sich brachte, sehr merkwürdig und machte mir Freude. Nur einen Schmerz hatte ich, daß in Weinsberg wohl kein so schönes Dach am Kirchturm sein werde wie in Gaildorf. Dieses war immer mein Stolz gewesen, es war mit Zink gedeckt und glänzte in der Sonne wie eitel Silber. Wenige Tage vor dem Abzug erkrankte eine den Eltern sehr befreundete Frau schwer, so daß der Vater sie nicht verlassen konnte. Es war nichts anderes zu tun, als daß die Mutter mit uns Kindern sich allein auf den Weg machte. Die Wägen mit dem Hausrat waren schon voraus, und man konnte nicht wissen, wie lange die Kranke den Vater noch nötig hatte. Einen Vorteil daraus zog das Kätherle, eine schon ältere Person, die auf das Rosele gefolgt war. Wäre der Vater mitgefahren, hätte sie zu dem Kutscher auf den Bock sitzen müssen, so durfte sie zu uns in den Wagen. Aber trotz aller Anstrengungen kam sie nicht in denselben hinein und auch innerhalb desselben hätte sie den ganzen Raum allein ausgefüllt; sie hatte, um sich das Packen abzukürzen, alle ihre faltenreichen wollenen Röcke angezogen und sich dadurch einen maßlosen Umfang geschaffen. Erst als sie sich einer Anzahl von Röcken entledigt hatte, konnte das Einsteigen bewerkstelligt werden. Es war am 19. Januar 1819, als wir unsere Reise nach Weinsberg antraten. Der Tag war sehr kalt, und wir plagten die gute Mutter mit unsrem Jammer über die Kälte. Wir fuhren über Murrhardt und Löwenstein nach Weinsberg. Vor Willsbach kamen uns mehrere Wagen mit Herrn besetzt entgegen, die den Vater feierlich empfangen wollten und den Wagen, in dem nur eine Frau mit Kindern saß, nicht beachteten. Die Mutter dachte sich die Sache wohl, wollte aber die Herrn nicht anrufen, die, obwohl sie den Zweck ihrer Ausfahrt nicht erreichten, nicht weniger vergnügt von Willsbach aus am Abend ohne ihren neuen Oberamtsarzt heimkehrten. Als wir über Ellhofen hinauskamen, sahen wir Weinsberg mit der Weibertreu vor uns liegen. Da ging mir zum erstenmal das Verständnis einer schönen Gegend auf und trotzdem, daß es eine Winterlandschaft war, die doch nicht den lieblichsten Eindruck macht, kam ich später nie an dieser Stelle vorüber, ohne mir das Gefühl zu vergegenwärtigen, das damals über mich gekommen war. In Weinsberg fuhren wir an der Oberamtei vor, wohin wir auf das freundlichste eingeladen waren, bis der Vater ankam und wir unsre eigene Wohnung beziehen konnten. Diese befand sich in einem schön gelegenen Haus; aber wir mußten auf demselben Boden mit dem Hausbesitzer und sieben Kindern desselben wohnen, was eine Reihe von Unannehmlichkeiten in der Folge mit sich brachte. Wir hatten zwei größere Zimmer und ein ganz kleines Kabinett, das der Vater zu seinem Arbeitszimmer benützte. Im Parterre war noch eine Kammer, die als Gastzimmer eingerichtet wurde. Alles dieses muß man sich so einfach als möglich denken, nichts war tapeziert und angestrichen, mir kam es aber doch schön vor. Ich habe überhaupt immer das Glück gehabt, alles, was uns gehörte, für wunderschön zu halten, und dadurch wußte ich auch nichts von Neid gegen andere. Wenn ich jetzt zurückdenke, welche unbedeutende Gegenstände ich bewunderte und stolz darauf war, so sehe ich erst recht, welch ein glückliches Kind ich auch in dieser Hinsicht war. Ärztliches Wirken in Weinsberg Den Eltern und besonders dem Vater wurde es nicht ganz so leicht, sich in Weinsberg anzugewöhnen. Außer der schönen Lage des Städtchens bot es nichts weiter als jedes Weingärtnerdorf. Erst mit der Zeit wurde es durch seine Bemühungen sehr gehoben. Als Arzt mußte er aber gleich in manchfachen Verkehr mit den Einwohnern treten, und sobald man seine Hülfe in Anspruch nahm, war er nicht nur der Arzt, sondern auch der herzliche, teilnehmende Freund. Wenn man ihn morgens bei seinen Gängen durch das Städtchen mit den Augen begleitete und sah, wie aus jedem Haus ihm ein Gruß zugerufen wurde, wie mancher Vorübergehende ihn anhielt, um mit ihm zu reden, und wie besonders die Kinder ihm entgegensprangen, konnte man sich von dem herzlichen Verhältnis, in welchem er mit jedermann stand, überzeugen. Wie manche ärmliche Hütte hätte von Trost und Rat erzählen können, die er in sie trug; wie manche arme Hausfrau klagte ihm ihre Not, und er ging von ihr fort mit der Weisung: »Gehet zu meiner Frau, die wird schon wissen, wie zu helfen ist.« Wie es aber schon zu Anfang seiner Praxis bei ihm war, so blieb es auch immer. Er hatte unbeschreiblich zu leiden, wenn er einen gefährlichen Kranken hatte, und die Sorge darüber ließ ihn Tag und Nacht nicht ruhen, er blieb oft lieber die ganze Nacht bei diesem, als daß er sich zu Hause schlaflos abquälte. Die Anwesenheit der liebsten Freunde konnte ihm die Sorge nicht abnehmen, und er war ruhelos, bis er wieder bei dem Kranken war, wo sein Erscheinen als die größte Wohltat begrüßt wurde. Am Krankenbett war er der ruhige besonnene Arzt; da saß er, das Kinn gedankenvoll auf seinen Stock gestützt, und sah den Kranken mit seinen wunderbaren Augen an, aus welchen schon mancher neue Hoffnung schöpfte. Ein alter Weingärtner sagte einmal: »Wie der Johannes saß er an meinem Bett.« Das wurde ihm oft zur weiteren Qual, daß er so klar die Unzulänglichkeit des ärztlichen Wissens einsah, deshalb zog er auch oft, nur allzubescheiden, alles eigene Verdienst in Abrede. In seiner ärztlichen Praxis hatte er viele traurige Erfahrungen mit Vergiftungen durch verdorbene Würste gemacht. Er stellte genaue Forschungen darüber an und machte mit dem Gifte Versuche an Hunden, Katzen, Kaninchen und Vögeln, was ein großer Jammer für mich war. Ich hatte das größte Mitleiden mit den armen Tieren und erinnere mich noch besonders zweier kleiner Hunde, die, als der Vater ihnen das Gift eingießen wollte, sich auf die Hinterfüße stellten und ihn ganz kläglich ansahen; ich war dabei und ließ nicht mit Bitten nach, bis der Vater sie wieder frei gab. Er hatte wohl selbst ebensogroßes Mitleiden mit den Tieren wie ich, aber der Wissenschaft zulieb wollte er es tun. Er schrieb darüber an Karl Mayer im Juli 1821: »Ich lebe diesen ganzen Vice-Sommer unter nichts als Katzen, Eulen, Raben und Gift.« Neue Bekannte Besuche kamen schon damals viele, und auch hier war trotz des so beschränkten Raumes Platz für alle. Zweier hervorragender Männer erinnere ich mich noch genau, die zu gleicher Zeit bei uns waren. Achim von Arnim, der Herausgeber von des Knaben Wunderhorn, und der Nationalökonom List. Diese beiden in ihrer Richtung so verschiedene Männer kamen in heftigen Streit miteinander, über was, weiß ich nicht. Sie fuhren mit dem Vater über Land in seinem Einspänner; der Vater kutschierte selbst, und während der ganzen Fahrt setzten sie den Streit fort; auf dem Rückzug brach ein heftiges Gewitter aus, der Vater mußte sich auch in den halbbedeckten Wagen flüchten; da war nicht anders zu helfen, als daß von den Gegnern einer dem andern auf den Schoß sitzen mußte, und so fuhren sie zur großen Freude des Vaters nach Haus, und der Streit hatte ein Ende. Beim Vater war es immer so, daß Männer von ganz entgegengesetzter Richtung sich friedlich vertrugen, bei ihm hörte jeder Streit auf, er wußte mit seiner Herzensgüte und seinem Humor alle zu entwaffnen. In Heilbronn hielt sich längere Zeit ein russischer Naturforscher Parrot auf. Dieser kam beinahe jeden Abend zu uns. Es war eine innige Freundschaft zwischen den Eltern und ihm, und wir Kinder hingen mit der größten Zärtlichkeit an ihm. An einem Abend nahm er überaus bewegt von uns allen Abschied, den andern Morgen brachte der Torwart ein Paket, das ein Herr ihm aus dem Postwagen, der in der Nacht durchfuhr, für uns gegeben habe. In dem Paket war ein Brief für den Vater, ein Buch für mich und Soldaten für Theobald. Parrot schrieb, daß es ihm den Abend vorher nicht möglich gewesen sei zu sagen, daß er für immer gehe, wir sollten ihn nicht vergessen. Wir vergaßen ihn auch nicht. Sein Gehen war uns noch lange ein Schmerz. Es kamen noch öfters Briefe von ihm an den Vater, auch in der Zeitung las man, daß er sich als Naturforscher einen Namen erworben habe! Und als man uns erzählte, daß er den Ararat bestiegen habe, von dem ich wußte, daß die Sage geht, daß auf seiner Spitze noch ein Stück der Arche zu sehen sei, war ich äußerst stolz auf unsern russischen Freund. Er starb, soviel mir bekannt, im Jahre 1841. Ein Besuch des Grafen Waldeck war die Veranlassung zu einem komischen Vorfall. Da der Graf ganz unerwartet kam, hatte die Mutter zu tun, um noch ein Abendessen zu richten. Theobald, sonst ein unruhiger Knabe, hatte sich in einer Ecke der Küche niedergelassen und war zum Verwundern ruhig. Da aber seine Ruhe unter diesen Umständen eine Wohltat war, so nahm sich die Mutter nicht Zeit, nach ihm zu sehen. Später kam er in das Zimmer, wo der Vater sich mit dem Grafen unterhielt; er hatte sein rotes gesticktes Röckchen an, das ohnehin nicht faltenreich war, aber jetzt war es sehr ausgespannt und Theobald hatte eine Unform, die schauerlich war. Der Vater sprang in der größten Bestürzung auf, stellte ihn auf den Tisch und fing an, ihn zu untersuchen, er glaubte vielleicht, Theobald sei plötzlich wassersüchtig geworden. Alles kam in Alarm, bis es sich herausstellte, daß er so lange neben einem Hafen gesottener Kartoffeln, den die Magd auf den Boden gestellt hatte, sitzen geblieben war, bis er alle samt der Schale aufgegessen hatte. Der Vater beruhigte sich über die Wassersucht, und am andern Morgen hatte das rote Röckchen wieder die gehörigen Falten. Aus dem Familienleben Einiges von Theobald Erst vier Jahre war Theobald alt, als die Eltern an einem Nachmittag nach Heilbronn fuhren. Wir Kinder sollten diesmal bei der Magd zu Hause bleiben. Auf einmal war Theobald verschwunden und zum großen Jammer der Magd nirgends zu finden. Die Eltern hatten an einem Wirtshaus vor der Stadt auf dem Weg nach Weinsberg ihr Gefährt stehen, und als sie abends einsteigen wollten, lag der Theobald im Wagen und schlief fest. Er war ganz allein die Stunde Wegs nach Heilbronn gegangen. Wir durften oft mit den Eltern dorthin zu lieben Freunden, was uns jedesmal ein großes Fest war. Das Schönste davon war aber abends die Heimfahrt, wo wir beide auf dem Boden der Chaise zu den Füßen der Eltern sitzen durften. Das Spritzleder war heraufgezogen; wir erzählten uns Geschichten und schliefen bald ein, meistens erwachten wir am Weinsberger Tor und am Aufschließen desselben. Wie gerne wären wir so die Nacht hindurch gefahren. Damals war Weinsberg noch ganz von Mauern umgeben und die Tore wurden mit Einbruch der Nacht geschlossen. Fünf Jahre mochte Theobald alt gewesen sein, als er sich auf der Straße den Arm auseinanderfiel. Statt mit Jammern zu seiner Mutter zu laufen, ging er allein zu dem ihm wohlbekannten Wundarzt, und dieser brachte ihn mit dem eingerichteten festumwickelten Arm den Eltern zurück. Wenn Theobald hinfiel, tat er, als liege er mit allem Willen auf dem Boden und wolle etwas in den Sand schreiben. Er ließ sich nie einen Schmerz anmerken. Wahrscheinlich durch des Vaters Untersuchungen bei den Tieren angeregt, machten auch wir häufig chemische Versuche; Rosenblätter, Salz, Räucherkerzen, überhaupt alles, was wir bekommen konnten, mischten wir zusammen, kein Arzneirest war vor uns sicher. Wie freuten wir uns, hatten wir eine solche Mischung veranstaltet, auf den nächsten Tag, denn wir glaubten bestimmt, über Nacht habe sich dieselbe in etwas ganz Wunderbares verwandelt. Einmal ließen wir der Mutter keine Ruhe, bis sie uns eine kleine Flasche mit Wein füllte; die trugen wir in den Wald, begruben sie unter einem Ameisenhaufen und meinten, wenn wir sie nach einiger Zeit holten, würden wir etwas ganz Besonderes haben. Leider fanden wir sie aber gar nicht mehr vor, als wir danach suchten. Onkel Kerner in Stuttgart Sehr schön war es auch, wenn wir mit den Eltern nach Stuttgart durften. Schon das Aufstehen in der Nacht – man reiste schon morgens um drei Uhr ab, meistens mit dem alten Rappen, der stets noch treue Dienste leistete – das Frühstück bei Licht, wie gut der Wecken von dem Tag vorher dabei schmeckte! das Fahren in den Tag hinein, dann das Mittagessen in der Post zu Besigheim und vollends, wenn man am Stuttgarter Königstor halten mußte, die Wache heraustrat und nach dem Namen, wo man herkomme, was man in Stuttgart zu tun habe und wo man logiere, gefragt wurde, das alles war mir sehr wichtig. Wenn wir dann zum Onkel Geheimerat, Freiherr Carl von Kerner, dem ältesten Bruder meines Vaters, kamen, in das schöne große Haus, von ihm, der Tante und der lieben Cousine Lina, die mir immer das Ideal von Schönheit war, so herzlich bewillkommt, da war ich ganz stolz, besonders auch auf Onkels viele Orden und wie vornehm und schön er aussah. Später erzählte er mir oft von Rußland, dem Übergang über die Beresina und von seiner Heimkehr; wie er, der früher so kräftige Mann, nur noch mühsam am Stocke habe gehen können und wie er jahrelang von den Schneefeldern und den grausenhaften Szenen darauf geträumt habe. Von Thorn aus, wo sich die wenigen noch überlebenden Württemberger sammelten, sollte ein höherer Offizier den anderen voraus nach Stuttgart, um König Friedrich ihre Ankunft zu melden. Wenngleich selbst kaum imstande, sich aufrecht zu erhalten, übernahm Generalmajor von Kerner doch diesen Auftrag. Wie nun der früher so kräftige, noch junge Mann gleich einem Greise gebückt am Stock gehend und abgezehrt vor den König trat, fuhr dieser heftig auf: »Warum kommen Sie, eine solche Jammergestalt, und kein anderer?« Als aber der General darauf erwiderte: »Majestät, Sie sehen hier den kräftigsten von den wenigen, die zurückkehren, vor sich«, da brach der König in lautes Weinen aus. Das Bild seines Kindes, das er in einem Etui auf dem Herzen trug, rettete ihm das Leben, indem eine Kugel an demselben abprallte. Er kam trotz seiner Tapferkeit aus so vielen Schlachten unverwundet zurück, doch war durch den russischen Feldzug auf lange Zeit sein Körper so geschwächt, daß er aus dem Kriegsdienste trat. Von König Friedrich zum Staatsrat und Chef des Berg- und Hüttenwesens ernannt, widmete er sich ausschließlich der Leitung der Eisenwerke des Staates und brachte dieselben zu einer bis dahin nie gekannten Blüte. Seine Wirksamkeit als Chef des Berg- und Hüttenwesens wurde zwar in dem für die vaterländische Staatsorganisation so wichtigen Jahre 1817 dadurch beschränkt, daß er in den k. Geheimerat und zur provisorischen Leitung des Ministeriums des Innern berufen wurde. Doch bald kehrte er wieder zu dem seinen Lieblingsneigungen entsprechenden engeren Kreise seiner früheren Tätigkeit zurück. Er war ein durch seine Leistungen um das Vaterland hochverdienter Mann, ein frommer Christ, ausgezeichnet durch Herzensgüte und Reinheit des Charakters. Er starb am 12. April 1840 in Stuttgart. Hausbau Drei Jahre hielten die Eltern in ihrer ersten Wohnung in Weinsberg aus, länger war es nicht mehr möglich. Die Frau des Hausbesitzers war von einer zügellosen Heftigkeit, und die Kinder, zum Teil schon erwachsen, betrugen sich auf das ungezogenste. Für uns Kinder konnte der Umgang mit den jüngeren Kindern auch nicht von Nutzen sein. Eine andere Wohnung war nicht zu finden. Nur einmal zeigte sich Aussicht dazu. Im Dekanatshause war das Parterre unbewohnt, und mit nur geringen Kosten hätte man dasselbe zu einer Wohnung einrichten können. Die Eltern besprachen sich mit dem alten Herrn Dekan, der auch eine große Freude äußerte, »so liebe Hausgenossen« zu bekommen. Die Domänenkammer hatte die Erlaubnis zur Benützung der Wohnung zu erteilen, und zur großen Freude der Eltern traf diese auch ein. Wir waren glückselig darüber. Ich hatte gerade vorher in der Schule das Lied: »Sollt es gleich bisweilen scheinen usw.« auswendig gelernt, und ich erinnere mich noch, wie ich es nach der erhaltenen Nachricht hersagte, als ob es allein für uns gemacht wäre. Die Mutter ging zum Herrn Dekan, um ihm gleich die frohe Nachricht zu bringen. Wie erstaunte sie aber, als dieser sie ganz zornig anfuhr: »Ich protestiere dagegen!« – »Aber Herr Dekan, Sie äußerten ja selbst eine Freude darüber«, meinte die Mutter. »Drum glaubte ich, es ließe sich nicht machen«, war die Entgegnung. Auf dieses hin beschlossen die Eltern, ein eigenes Haus zu bauen; wenn auch noch so klein und bescheiden, war es doch besser, als sich noch länger in der Miete zu plagen. Die Gemeinde Weinsberg schenkte hiezu dem Vater, zugleich mit dem Bürgerrecht, den an der nordöstlichen Ecke der Stadt an der Straße nach Öhringen gelegenen Teil des früheren Stadtgrabens, und im Jahre 1822 wurde auf diesem Platze das Haus durch Werkmeister Hildt von Weinsberg erbaut. Hildts, der uns freundschaftlich nahegekommen, möchte ich in folgendem noch besonders gedenken. Ein Steinhauergeselle aus Oppelspohm, entzog sich Hildt zur Zeit der napoleonischen Kriege der Militärpflicht und begab sich nach Norddeutschland. In Hanau wurde er für einen Spion gehalten, gefangengenommen und zum Tode verurteilt. Mit Not entkam er der Vollziehung dieses Urteils, kehrte in das Vaterland zurück, fing sein Steinhauergeschäft in Weinsberg an und verlobte sich dort mit der Tochter eines angesehenen Bürgers. Von neidischen Handwerksgenossen als Fahnenflüchtiger denunziert, wurde er zu sechsjähriger Festungsstrafe verurteilt. Während der Erstehung seiner Strafe wurde er von einem höheren Offizier bei der Verfertigung einer Zeichnung überrascht, welche von ungewöhnlichem Talent zeugte. Infolgedessen wurde er auf Verwendung jenes Offiziers noch vor Ablauf seiner Strafzeit begnadigt. Er kehrte nach Weinsberg zurück und betrieb sein Geschäft auf eine Weise, die ihn in der Folge zu einem der vermöglichsten Einwohner machte. Seinen Feinden, die ihn verraten hatten, stand er als ein edler Mann später hülfreich bei. Es ging nun eine schöne Zeit für uns Kinder an. Wir kamen kaum vom Bauplatz hinweg. Sobald die Schule vorüber war, glaubten wir uns dort sehr nötig; Theobald hatte einen kleinen Hammer und Meißel bekommen, sowie einen Arbeitsschurz; da stand er nun wie ein wirklicher Steinhauer und ließ es sich recht sauer werden. Als der Keller gegraben wurde, wartete ich immer auf große Schätze und Altertümer, die zutage kommen sollten, aber damit war es nichts. Endlich war der Keller gewölbt, und der Grundstein wurde gelegt. Dieser wurde so weit ausgehauen, daß eine Glasröhre Platz darin fand, in welche ein Pergamentblatt kam, auf dem geschrieben stand: »Dieses Haus ward mit Gott erbaut von Justinus Kerner dem Arzte, der auch Lieder sang, und seiner Hausfrau Friederike im Jahre Eintausendachthundertzwanzig und zwei. Zur Zeit, wo des Himmels Gestirne wärmend wie kaum je niederschauten auf Berg und Tal, aber Europas Herrscher, abgewandt von dem Himmel, kalt stunden und zuschauten dem teuflischen Morde von Hellas.« Das Rohr wurde, mit noch verschiedenen Münzen, von Theobald in den Stein gelegt und darauf weitergebaut. Bald wurde das Haus aufgeschlagen und, als dies fertig war, ein großer Tannenbaum auf das Dach gesteckt, an dem bunte Schleifen und Taschentücher lustig im Winde flatterten. Ein Zimmermann stand hoch oben neben dem Tannenbaum und sprach mit lauter Stimme zu der versammelten Menge den Zimmerspruch von Uhland: Das neue Haus ist aufgericht't, Gedeckt, gemauert ist es nicht, Noch können Regen und Sonnenschein Von oben und überall herein: Drum rufen wir zum Meister der Welt, Er wolle von dem Himmelszelt Nur Heil und Segen gießen aus Hier über dieses offne Haus. Zuoberst woll' er gut Gedeihn In die Kornböden uns verleihn, In die Stube Fleiß und Frömmigkeit, In die Küche Maß und Reinlichkeit, In den Stall Gesundheit allermeist, In den Keller dem Wein einen guten Geist; Die Fenster und Pforten woll' er weihn, Daß nichts Unseligs komm' herein Und daß aus dieser neuen Tür Bald fromme Kindlein springen für. Nun, Maurer, decket und mauret aus! Der Segen Gottes ist im Haus. Er trank auf die Gesundheit des Königs, der Eltern, des Baumeisters usw. Dann schleuderte er nach alter Sitte das Glas von oben herab auf die Erde. Dasselbe fiel unversehrt zu den Füßen eines Knaben, der es sorgsam aufhob. Dieser Knabe war mein künftiger Gatte, Emil Niethammer. An dem Haus wurde, für die damalige Zeit, sehr schnell gebaut, schon Anfang November bezogen wir dasselbe. Die Eltern waren sehr glücklich, nach langer Plage und Einschränkung besaßen sie nun ein Eigentum. Es war ein bescheidenes, kleines Haus, aber die Liebe und der Frieden hatten Besitz davon genommen. Das Haus hatte im Parterre ein Zimmer, welches als Fremdenzimmer benützt wurde, auch der Stall für das Pferd war im unteren Räume. Im ersten Stock befanden sich vier nicht große Zimmer und die Küche, alles freundlich und hell, unter dem Dach nur noch die Magdkammer und der Bühnenraum. Zum erstenmal wohnten wir jetzt auch in tapezierten Zimmern, und die Tapete des Wohnzimmers war unser Entzücken: sie stellte eine schöne morgenländische Landschaft dar; man sah schlanke Minaretts und eine Stadt, dann kam wieder ein langer Karawanenzug mit beladenen Kamelen, auf welchen verhüllte Frauen saßen, und Reiter auf flinken Pferden zogen daher. Weiterhin hatte sich ein Zug unter Palmbäume gelagert, da saßen Männer mit langen Pfeifen, vor welchen getanzt und erzählt wurde, alles in schönster Gruppierung. Wir konnten uns aus dieser Tapete die herzlichsten Märchen herauslesen. Die größte Freude machte es uns, wenn ein Putztag kam, denn dann wurden die Bilder von der Wand genommen und die Möbel weggerückt, und wir konnten alles im schönsten Zusammenhang sehen. Diese Tapeten hatten dabei noch die gute Eigenschaft, so dauerhaft zu sein, daß noch meine Kinder sich Geschichten aus denselben erzählen konnten. Der Garten Neben und hinter dem Haus, bis zur Stadtmauer, war noch Platz zu einem Garten. Dieser wurde im darauffolgenden Frühjahr angelegt. Es wurden Bäume gepflanzt und die Rabatten mit Blumen ausgesteckt, deren Aufblühen wir kaum erwarten konnten. Der Vater war besonders geschickt, Plätze zu entdecken und anzulegen, wo man allein, andere wieder, wo man in Gesellschaft sitzen konnte. Der Garten hatte eine Terrasse und wurde eingeteilt in den oberen und in den unteren Garten. Im oberen Garten wurde ein Laubgang angelegt, zuerst mit schnell wachsendem und bald Schatten gebendem Gesträuch bepflanzt; daneben wurden aber Reben gesetzt, die uns später noch besseren Schatten und köstliche Trauben brachten. Dort wurde sommers meistens zu Mittag gespeist. Auch am Haus hinauf wurden Reben gezogen, von welchen es bald ganz umwachsen war. Für jede Tageszeit war wieder ein besonders angenehmer Platz vorhanden. Wir waren mehr im Garten als im Haus und führten ein wunderschönes Leben. Ich sehe den Garten noch vor mir, wie er damals war, mit seinen vielen Blumen, Rittersporn, Schneeballen, Balsaminen, Levkojen und Postknechten, Theobalds Lieblingsblumen. Von allen diesen Blumen sehe und rieche ich keine, ohne daß der Garten in seiner ganzen Pracht von damals vor mir steht. Die meisten derselben sind jetzt aus der Mode, aber mir noch die liebsten durch die Erinnerung. In der Mitte des unteren Gartens stand eine Kugelakazie, damals war die Form derselben, wenigstens in Weinsberg, etwas ganz Neues, und als der Baum an einem Sonntag morgen vollends in der schönsten Blüte prangte, blieb alles stehen, um ihn zu bewundern. Der Vater hatte ihn noch spät abends mit Feuerlilien besteckt, eine Verschönerung, an der er selbst die größte Freude hatte und die er in der Folge noch öfter wiederholte, selbst als der Betrug längst entdeckt war. Unser Schwesterchen Emma Als wir kaum das neue Haus bezogen hatten, wurden wir, am 16. November, durch die Ankunft eines kleinen Schwesterleins erfreut, ein zierliches Mädchen mit großen Augen und langen schwarzen Haaren. Theobald ging nun längst in die Schule. Der alte Lehrer für kleine Knaben, der wahrscheinlich des Unterrichtens müde war, schaffte sich oft dadurch Ruhe, daß er, mit dem Stock auf den Tisch schlagend, kommandierte: »Jetzt wird geschlafen.« Da mußten die Kinder den Kopf auf den Tisch legen und so eine Stunde zubringen. Nach dieser höchst eigentümlichen und bequemen Weise wurde der ganze Unterricht in dieser Schule betrieben. Deshalb umging man bei Theobald die Knabenschule und ließ ihn in die der Mädchen gehen, und von dort kam er schon in seinem sechsten Jahre in die Lateinschule. Viel Selbstbewußtsein gab ihm das Lernen, denn gleich am ersten Tag, an dem er in die Schule ging, rief er einem Knaben, der dieselbe noch nicht besuchte, vom Fenster aus zu: »Du Nichtskönner«. In der lateinischen Schule mußte er sehr viel lernen, seine Zeit war so ausgefüllt, daß er immer behauptete, nur in den Ferien habe er Zeit zu wachsen, deshalb bleibe er auch so klein. Onkel Ehmann Einen großen Teil unserer Jugendfreuden hatten wir unserem Onkel Ehmann in Öhringen zu danken. Einen liebevolleren Onkel konnte es nicht geben; sommers wie winters, mit wenigen Ausnahmen, kam er jeden Sonntag morgen die vier Stunden Wegs von Öhringen her zu uns gefahren. Wie oft sprangen wir die »Holdergasse« hinunter ihm entgegen und waren glücklich, wenn wir die »Schecken« sahen und dann zu ihm in die Droschke steigen durften. Es war ein offenes Gefährt ohne Dach, wir konnten nur so hineinspringen. Zuerst kamen dann aus seiner Tasche Laugenbretzeln, die in Öhringen besonders gut gebacken wurden, auch oft ein Laib im Haus gebackenen Brotes, das uns besser schmeckte als jedes andere. Er wußte uns immer viel zu erzählen und war voll herzlicher Zärtlichkeit mit uns. Wir durften viel bei ihm in Öhringen sein und hatten ein ungezwungenes lustiges Leben in seinem Haus und Garten. Zwölf Kinder starben ihm in frühester Jugend und er war doch ein solch großer Kinderfreund. Erst das dreizehnte Kind, eine Tochter, blieb ihm erhalten, die ihren Vater aber bald verlor. Ich muß oft mit Wehmut daran denken, wie viel von seiner Liebe wir genossen und wie wenig seinem eigenen Kinde davon zuteil werden konnte. Dem Vater fehlte es noch mehr als uns, wenn einmal der Besuch seines Schwagers ausfiel. Die beiden waren sehr verschiedene Naturen, der Onkel, durchaus nicht dichterisch angelegt, war lebenslustig und jovial und hielt viel auf sein Äußeres. Er war kein großer, aber ein starker Mann, dem die Herzensgüte aus den Augen sah. Seine breite goldene Kette und der schön gestrickte Tabaksbeutel mit einer Rosengirlande von Perlen, den er meistens im Knopfloch trug, machten einen bleibenden Eindruck auf mich. Trotz vieler Gegensätze in Temperament und Gewohnheiten waren mein Vater und der Onkel die innigsten Freunde, und es ist mir besonders rührend, wenn ich daran denke, wie jede Ehre und Auszeichnung, die dem Vater zuteil wurde und welche dieser mit der größten Ruhe hinnahm, den Onkel mit Stolz für seinen Freund erfüllte. Die meisten Besuche, die wir bekamen, mußte man dem guten Onkel bringen, dessen Gastfreundschaft keine Grenzen kannte. Besonders war Lenau ein fleißiger Gast in seinem Hause und von einem solchen Besuche schreibt sich dessen Gedicht her: »Auf ein Faß zu Öhringen«. Der Onkel war ein eifriger Raucher und hielt sich immer schöne Meerschaumköpfe, die seinen Stolz bildeten, wenn sie schön angeraucht waren. Ein gemeinschaftlicher Bekannter von ihm und dem Vater, der Amtmann von Maienfels, rühmte sich indessen, ein noch größerer Meister im Anrauchen derselben zu sein. An einem Geburtstag des Amtmanns wurden Onkel Ehmann und der Vater in das Amthaus eingeladen, Theobald und ich durften auch mit. Als die Herren nach Tisch gemütlich beisammensaßen, brachte der Amtmann mit großer Feierlichkeit das schönste Exemplar eines von ihm kunstgerecht angerauchten Meerschaumkopfes herbei. Der Onkel als Kenner war ganz erstaunt ob seiner Schönheit, und lange bildete dieselbe das Thema der Unterhaltung der beiden Herren. Theobald war gerade in der unseligen Periode, in die jeder Knabe mehr oder weniger kommt, an geeignete oder ungeeignete Stellen seinen Namen zu kritzeln. Ohne den Wert des unterdessen auf die Seite gelegten Kopfes zu kennen, überhaupt ohne etwas zu denken, nahm er einen Nagel, der ihm zufällig zur Hand lag, und kritzelte so deutlich und tief er konnte »Theobald Kerner« auf den Kopf. Erst an der allgemeinen Entrüstung über seine Tat kam er zum Bewußtsein darüber, was er angestellt habe. Die Geburtstagsfeier endete betrübt, denn alle waren über Theobalds Untat verstimmt. Der liebe Onkel suchte dieselbe zwar später gutzumachen durch einen ähnlichen Meerschaumkopf, aber der selbst angerauchte war durch nichts mehr zu ersetzen. Verwandtenwohltaten Zur großen Freude wurden uns auch stets die Besuche von Onkel und Tante Kerner mit der Cousine Lina; der Vater war immer voll Glück, den Bruder, mit dem er aufs innigste verbunden war, bei sich zu haben. Es kam im Leben dieser beiden Männer nichts vor, was sie einander nicht mitteilten, und waren sie getrennt, so schrieben sie sich täglich. Die Tante, eine geistreiche Frau, war der Mutter treue Freundin und Lina mir eine Gespielin, an der ich hinaufsah. Wenn sie länger bei uns auf Besuch waren, machten wir öfter Ausflüge in die Umgegend, so einmal auf den Stocksberg, einen Aussichtspunkt bei Löwenstein, von welchem aus man eine Fernsicht bis zur Alb hat. Wir fuhren am Vormittage teils in Onkels Wagen teils in unserem Einspänner bis zum Dorf Stocksberg. Dort ließen wir Pferde und Wagen zurück und erstiegen den Berg. Müde und erschöpft kamen wir oben an. Einigen Mundvorrat hatten wir mitgenommen, das noch Fehlende hofften wir, wie schon öfter, von den auf dem Berge wohnenden Leuten haben zu können. Zu unserem Schrecken fanden wir aber das unverschlossene Haus von allen Bewohnern verlassen. Da auf deren baldige Zurückkunft nicht wohl zu rechnen war, so schritt die Mutter nach kurzem Besinnen tätig ein. Es wurde auf dem Herd ein Feuer angezündet, in der Speisekammer fanden sich Mehl, Eier, Milch und Schmalz, davon wurden von der Mutter köstliche Pfannkuchen gebacken, im Garten brachen wir Gurken; Schinken und Wein hatten wir mitgebracht, ein Laib Brot lag in der Tischlade. Tisch und Stühle wurden unter die Bäume vor dem Hause gestellt, und bald genossen wir, angesichts der herrlichsten Aussicht, das vortrefflichste Mittagsmahl. Nach vollendeter Mahlzeit wurde wieder alles an Ort und Stelle gebracht und zu dem übrig gebliebenen Brot in die Tischlade eine reichliche Entschädigung für die verbrauchten Vorräte gelegt. Noch lange gedachten wir mit großer Freude unserer Fahrt auf den Stocksberg und unseres Mittagsmahles daselbst und malten uns die Überraschung der Hausbewohner bei ihrer Heimkehr aus. Gegen uns Kinder war Onkel Kerner außerordentlich liebreich. Theobald, an dem er eine besondere Freude hatte, nannte er »Lindelus Pfeuzle, Ritter vom Vögelesgroschen«. Wodurch Theobald sich diesen Namen und sein Rittertum errungen hatte, ist mir nicht mehr erinnerlich. Mich hieß er das Käuzle. Das kam daher: Der Vater einer unserer Bekannten war gestorben. Ich ging in Gesellschaft von zwei älteren Freundinnen mit dem Leichenzug auf den Kirchhof. Da ich mich keiner Unterlassung schuldig machen wollte, frug ich die eine meiner Freundinnen: »Marie, weinst du?« Diese erwiderte: »Ich will das Hannele fragen.« Hannele erwiderte: »Das werden wir wohl tun müssen, die Louise (die Tochter der Verstorbenen) könnte es sonst übelnehmen.« Ich faßte auf dieses hin den festen Vorsatz zu weinen, aber als Marie sagte: »Du, jetzt weinen wir«, wollten trotz meines Bestrebens durchaus keine Tränen fließen. Auf meine Klagen: »Ich kann aber nicht weinen«, gab mir Maria den Rat: »So mache doch deine Finger naß.« Zu diesem Hilfsmittel mochte ich aber nicht greifen, und so kam ich im Bewußtsein, meine Pflicht nicht erfüllt zu haben, sehr niedergeschlagen nach Haus, wo ich meine Not kläglich erzählte. Von da an erhielt ich von dem Onkel den Namen »Käuzle«, und sooft ich zu ihm kam, empfing er mich mit: »Marie, weinst du?« Viele Freude hatten wir auch durch die Nähe von Onkel und Tante Steinbeis, die immer noch in Ilsfeld waren. Wir konnten bald den schönen Weg zu ihnen zu Fuß zurücklegen. Er führte größtenteils durch den Wald am Jägerhaus mit seinen großen Steinbrüchen vorüber. Ich hatte dort vier Cousinen und zwei Vettern. Wir liebten uns wie Geschwister. Immer werden mir Onkel und Tante und die schönen Tage, die ich bei ihnen verleben durfte, in dankbarer Erinnerung bleiben. Dem Vater war der Umgang mit dem geistreichen Schwager ein hoher Genuß, und er blieb stets in innigster geistiger Verbindung mit ihm. Kleine Ausflüge In unserer freien Zeit durften wir manchmal mit dem Vater über Land fahren, und da kamen wir in sehr liebe Pfarrhäuser. Wie glücklich waren wir, wenn wir nach Sülzbach durften. Da war ein alter Pfarrer, dem seine Schwester Haus hielt, ein sanfter, freundlicher Mann, den man nur den Talonkel nannte. Jedes ging gerne zu ihm und fühlte sich behaglich dort. Ich sehe den alten Mann noch, wie freundlich er einem die Hand zum Willkomm entgegenstreckte und wie mitleidig ich dabei auf die linke blickte, denn diese war, meiner Meinung nach, verdorrt; ich weiß nicht, was an der Hand war, aber ich stellte mir so die verdorrte Hand des Mannes im Evangelium vor, sie war ganz welk und eingeschrumpft. In dem Sulzbacher Pfarrhaus gab man uns das Recht, in den Hühnerstall zu gehen und alle Eier, die wir fanden, für uns zu nehmen. Eines mußten wir im Nest liegen lassen, damit das Huhn nicht davon weggehe. Haselnüsse gab es prächtige dort und einen ganz absonderlichen Nußknacker dazu. Wir saßen da manche Stunde vergnügt an dem Tisch, der in der Ecke des Zimmers stand. Hinter ihm waren an der Wand auf zwei Seiten Bänke, ein Lehnsessel für den alten Pfarrer stand hinter dem großen Ofen, ein Sofa war nicht vorhanden. Oft wanderten Theobald und ich das schöne Wiesental hin allein zu dem lieben Herrn, wenn wir ihm irgend eine Botschaft vom Vater oder ein Buch zu bringen hatten. Das waren schöne Gänge, bei welchen wir reichliche Unterhaltung fanden durch die Blumen, Steine und alle möglichen Merkwürdigkeiten, die uns aufstießen. Die Stunde, die wir zu gehen hatten, dehnte sich oft über das Doppelte aus, und es war gut, daß die Mutter nicht leicht Angst um uns bekam, wir kamen oft erst in tiefer Dämmerung nach Hause. Im Sommer machte ich mich oft in der Frühe auf den Weg, um den Tag im Steinsfelder Pfarrhaus zuzubringen. Die Frau Pfarrerin war eine entfernte Verwandte der Mutter, und ein Töchterlein von ihr war im gleichen Alter mit mir. Der Weg dorthin ging zuerst über Wiesen, einem Bächlein entlang, wo besonders viele Libellen waren, dann das sogenannte Katzensteigle hinauf. Oben angekommen, setzte ich mich meistens nieder und erfreute mich an der schönen Aussicht. In Steinsfeld ist ein Schloß mit einem damals wunderschönen Garten. Dasselbe wurde von einer Frau von G. bewohnt. Im Schloßgarten war ich mit meiner Freundin oft, wenn aber die Edelfrau im Garten saß, zogen wir uns zurück. Wir sahen sie von weitem, eine kleine, etwas verwachsene Frau mit einem feinen blassen Gesicht, ganz in Spitzen und Seide gehüllt; wir hatten großen Respekt vor ihr, sie kam uns gar so vornehm vor. Mit ihrer Dienerschaft waren wir sehr gut bekannt. Die Hausverwalterin und zugleich Kammerfrau hieß Jungfer Beate; wir gingen oft mit unserer Arbeit zu ihr in ihr großes Parterrezimmer mit den eisernen Gittern vor den Fenstern. Sie hatte immer eine schöne Aufwartung für uns, prachtvolles Obst aus dem Schloßgarten, gutes Butterbrot und was einem Kindermunde schmeckt. Das liebste war uns aber, wenn sie uns erzählte, wie es im Schloß umgehe: von der Schlüsselkäther, die nachts durch alle Gänge schlürfe und mit ihrem Schlüsselbund klirre, ja schon oft zu ihr in das Zimmer gekommen sei. Es gruselte uns sehr, wenn wir in der Dämmerung bei ihr saßen, aber immer wollten wir noch mehr wissen. Bleibenden Eindruck machten aber solche Erzählungen nicht auf mich, denn ich konnte es nie in meinem Leben dazu bringen, daß ich mich fürchtete, trotz allem, was ich auch derartiges später noch zu hören bekam. Vor dem Kammerdiener »Herr Knölle« hatten wir kaum weniger Respekt als vor seiner Herrin. Er war immer so zierlich geputzt, im braunen Rock, kurzen Beinkleidern und Schnallenschuhen, weißer Halsbinde, dick gepuderten Haaren und einem Zopf mit schöner Schleife daran und zierlichem Chapeau. Ich sah ihn nie anders als in voller Toilette. Er hatte eine große Vorliebe für Blondinen und sah mich oft ganz mitleidig an ob meinen dunklen Haaren. Einmal sagte er mir zum Trost: »Wenn man auch dunkle Haare hat, wenn man nur gesund ist.« Nicht weit vom Pfarrhaus war ein kleiner See mit einer Insel, dorthin fuhren wir in einem Nachen, Robinson und alle möglichen abenteuerlichen Geschichten zu spielen. Das Willsbacher Pfarrhaus ist mir auch eine liebe Erinnerung, da konnte man vom zweiten Stock eben in den Garten kommen, der rings um die Kirche ging. Die Mauer um den Garten war dicht mit Pfingstnelken besetzt. Auch das Eberstädter Pfarrhaus wurde oft von uns besucht, auch dort war eine Tochter von meinem Alter. Wenn der Vater zu Kranken im Ort mußte, stiegen wir hie und da im Wirtshaus ab, wo eine gar liebe, alte Wirtin war. Sie hatte das Unglück, blind zu sein, deshalb war ihr eine Unterhaltung mit uns Kindern oft angenehm. Jedesmal an Ostern schickte sie uns schön gefärbte Eier und an der Kirchweih guten Kuchen. Ein schauerliches Unglück mußte die arme Frau erleben. Ihr Sohn hatte die Wirtschaft übernommen; dieser hatte eine sehr nette Frau, die der alten Mutter alles zulieb tat. Ein anderer Sohn war geisteskrank, doch war sein Zustand so, daß er, ohne andere zu belästigen, sich im Hause beschäftigen konnte. Die junge Frau saß einmal an einer Arbeit im Zimmer, als der kranke Schwager mit einem Beil, mit welchem er Holz gehackt hatte, hereinstürzte und ihr den Kopf abschlug. Die alte Frau starb bald nach diesem Jammer, der kranke Sohn lebte noch lange, war aber von dort an in einer Anstalt und meistens tobsüchtig. Ein harmloserer Vorfall ist folgender: in der Kirche zu Eberstadt mußten bedeutende Reparaturen vorgenommen werden. Der Blitz hatte eingeschlagen und den Turm und Dachstuhl zerstört. Während darinnen gebaut wurde, unterhielten sich die Kinder damit, hinaufzusteigen und auf dem oberen Boden herumzuspringen. Unter einem größeren Mädchen schnappte ein noch nicht festgemachtes Brett. Sie fiel von dem oberen Boden, etwa zwanzig Fuß hoch, herab und nahm im Fallen noch ein Stück von der Kanzel mit. Unten angekommen, sprang sie schnell auf, setzte ihr Häubchen, das im Fallen schief gekommen war, zurecht und sagte: »Sogets nur niemerts!« (Sagt es nur niemand.) Damit war die Sache abgetan. Nach Waldbach in das Pfarrhaus kam ich ebenfalls öfters mit dem Vater; dort war ein gescheiter, aber zu Zeiten sehr exaltierter Pfarrer. Komisch war es mir, als derselbe einmal erzählte, die Frau Schultheißin habe ihm bei der Anmeldung eine Zitrone gebracht, er wisse nicht, warum ihm die Zitrone nicht aus dem Sinn gekommen sei. Am Sonntag während der Predigt habe er immer die Schultheißin ansehen und an die Zitrone denken müssen, und es wäre ihm nicht möglich gewesen, weiterzumachen, ehe er gesagt habe: »Ei Frau Schultheißin, ich danke auch für die Zitrone.« Darauf sei die Schultheißin aufgestanden, habe einen Knix gemacht und gesagt: »Nicht Ursach, Herr Pfarrer, 's ist gern geschehen.« Dann erst habe er seine Predigt glücklich vollenden können. Er wäre erstickt, wenn er jenes nicht gesagt hätte. – Oft denke ich an die Morgengänge, die wir nach Erlenbach machten. Dies ist ein kleiner katholischer Ort, nicht weit von Weinsberg. Der Weg dahin führt eine kurze Strecke auf der Heilbrunner Chaussee und durch Wiesen. In diesem Dorfe wurden am Sonntag sogenannte Hörnlein gebacken, die weit und breit berühmt waren. An manchem Sonntag, bei guter Jahreszeit, standen Theobald und ich um vier Uhr morgens auf und wanderten nach Erlenbach, um die Mutter zum Kaffee mit Hörnlein zu überraschen und selbst mitzuessen. Es war eine wahre Sonntagsstille rings umher, und wenn dann die Morgenglocken von Erlenbach, Binswangen und Weinsberg zusammen läuteten, war es uns so feierlich zumut, wie wenn wir in einer Kirche wären, und wir getrauten uns oft nicht, laut zu sprechen. Auch Botengänge nach Heilbronn hatten wir sommers und winters oft miteinander zu machen, da die Bötin, die in der Frühe ging, dem Vater für seine große Korrespondenz nicht genügte. Wir nahmen solche Gänge, die uns meistens auf die Post führten, ganz leicht, besonders wenn wir zusammen gehen konnten. Es fehlte uns nie an Unterhaltung; bot der Weg nichts, oder mußten wir schnell hin und wieder zurück, so hatten wir doch so viel zu reden, daß die Zeit hinging, wir wußten nicht wie. Durften wir uns aber aufhalten, so brachten wir manche Zeit, wenn wir über den Berg auf die Heilbronner Seite kamen, an dem Neckarsand, den man zur Ausbesserung der Straße auf die Seite gelegt hatte, zu, und manche versteinerte Muschel trugen wir davon. Einmal fanden wir ein so großes Stück versteinertes Holz, daß wir es nicht tragen konnten, wir versteckten es sorgfältig, um es dem Vater, wenn er einmal wieder von Heilbronn zurückfahre, aufzuladen. Wenn wir einen ebenso großen Klumpen Gold versteckt hätten, so hätte unsere Sorge nicht größer sein können als um dieses Stück Holz. Aber diesmal ging es uns gut, es wurde uns nicht, wie wir fürchteten, gestohlen, noch konnten wir es nicht wieder finden, wie den Wein, den wir seiner Zeit im Walde vergraben hatten. Der Vater nahm es bei der nächsten Fahrt in den Wagen, und wir zeigten unser versteinertes Holz mit großem Stolz. Die Weinsberger Kirche und unsere Spiele Die Mädchenschule war damals neben der Kirche. Es ist ein großer Platz, der ehemalige Kirchhof, rings um dieselbe. Sehr gern studierte ich die Inschriften auf den alten Grabsteinen. Einer war mir besonders anziehend, der eines jungen Mädchens, die in Lebensgröße mit einem gar lieblichen Gesicht abgebildet war; ich dachte mir immer dabei, daß sie in Wirklichkeit so ausgesehen habe. Vor und nach der Schule wurden Spiele getrieben, und der Kirchhof widerhallte oft von unserem Jubel, besonders wenn auch die Lateiner dazu kamen, die aber für sich spielten. Wenn die Abendglocke geläutet wurde und die Dämmerung nahte, wurden wir still und machten, daß wir nach Hause kamen. Es war nicht ganz geheuer auf dem alten Kirchhof und es kam uns fast das Gruseln an, besonders als die Lateiner erzählten, daß, als sie einmal zu später Stunde noch »Lupus« gespielt hätten, eine Stimme aus der Kirche gerufen habe: »Wenn ihr immer Lupus schreit, kann man ja nicht schlafen!« Eine Öffnung war unten an der Kirche, in die man hineinkriechen konnte; es ging die Sage, daß von diesem sogenannten Pfaffenloch aus ein unterirdischer Gang auf die Weibertreu führe. Man erzählte sich Schauergeschichten von diesem Gewölbe, und der Mut desjenigen Knaben, der einmal hineinkroch, wurde nie mehr in Zweifel gezogen. Oft bestiegen wir, wenn die Kirchentüre geöffnet war, den Turm und sahen durch das Fenster, von welchem man sagte, es sei dasjenige, aus welchem im Bauernkrieg nach Erstürmung von Burg und Stadt Weinsberg die Bauern einen der in die Kirche geflüchteten Ritter, den Dieterich von Weiler, gestürzt hätten. Der Vater fand im Stadtarchiv bisher unbenutzte handschriftliche Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit und beschrieb nach diesen »Die Erstürmung der Stadt Weinsberg durch den hellen christlichen Haufen im Jahr 1525 und die Folgen für diese Stadt«. Für unsere Phantasie gab diese Geschichte eine reichliche Nahrung. Wir vergegenwärtigten uns alles und oft suchten wir die geschichtlichen Plätze dieser traurigen Begebenheiten auf, so auch den Platz an der Linde, wo die Ritter durch die Spieße gejagt wurden – und wie viele Tränen habe ich vergossen über den frommen Worten, welche die Gräfin Helfenstein, die Tochter Kaiser Maximilians I., den Bauern gegenüber gebrauchte, als sie nach dem schrecklichen Tod ihres Mannes mit ihrem Kinde auf einen Mistwagen gesetzt wurde, um nach Heilbronn geführt zu werden! »Auf einem goldenen Wagen«, höhnten die Bauern, »fuhrst du zu Weinsberg ein, auf einem Mistwagen fährst du hinaus!« Da erwiderte die Gräfin: »Jesus Christus, den sie am Palmsonntag jubelnd empfingen und dann an das Kreuz schlugen, der tröstet mich.« Geburtstagsfeste Der Monat September war uns immer der wichtigste und schönste Monat im Jahr. Es war am 18. des lieben Vaters Geburtstag. Es bleibt dieser Tag, so alt ich bin, immer in meiner Erinnerung voll Sonnenschein und Freude. Kuchen wurden gebacken, was sonst selten vorkam, Gäste wurden geladen, der Onkel von Öhringen kam, und wir durften in vieler Armen Häuser Kuchen und Fleisch bringen. Wohin die Mutter Freude bringen konnte, tat sie es, besonders an diesem Tag. Eine solche Geburtstagsfeier fiel auch in Graf Loebens Anwesenheit in Weinsberg. Der Graf durfte vormittags nicht ausgehen, deshalb mußten wir drei Kinder zu ihm kommen. Dort setzte man uns in einen großen Waschkorb, umkränzte uns ganz mit Blumen, und ich mußte ein Gedicht, das Graf Loeben auf den Geburtstag gemacht und das Bezug auf uns drei Kinder im Korb hatte, dem Vater, der den Grafen zu besuchen kam, hersagen. Emma und Theobald überreichten Geschenke, und zuletzt, was für uns das schönste war, trugen uns der Kutscher und der Bediente des Grafen im Korb von der Wohnung desselben zu uns nach Hause, daß uns die Mutter auch sehe. Dann kam am 27. September der Geburtstag König Wilhelms. Morgens wurde von der Stadtmusik die Tagwache und »Segne Gott unsern Herrn« geblasen. Wir hatten nicht genug, es vor dem Hause zu hören, wir zogen in aller Frühe mit der Musik durch die Straßen. Darauf der feierliche Kirchgang der Beamten und Bürger, die Beamten in Uniform. An dem festlichen Mittagsmahl in der Traube nahmen meistens die Frauen auch teil. Für uns Kinder besorgte die Mutter ein Festessen zu Hause. Abends war großer Ball, da durften wir ein wenig zusehen. Meine höchste Bewunderung erregte der Kronleuchter, der von weißem geschliffenen Glas war. Zwölf Talglichter waren auf demselben aufgesteckt. Von Zeit zu Zeit kam der Hausknecht mit einem Stuhl und putzte die Lichter und ebenso die Hausmagd mit Wasser und einem Sprenzer, um den Staub zu legen. Es war immer sehr schön und alles war vergnügt, selbst der Vater, obgleich er in seinem Leben nie getanzt hat, hatte als Zuschauer seine größte Freude an dem Vergnügen der Jugend. Eines Geburtstags unseres Königs erinnere ich mich noch, wie nach dem Gottesdienst Männer und Frauen auf die Burg zogen. Dort wurde ein Lied, das der Vater zu dem Fest gemacht hatte, gesungen und in gutem Weinsberger Wein des Königs Gesundheit getrunken. Ich kann mich des Gedichtes nicht vollständig erinnern, nur zwei Verse desselben blieben mir im Gedächtnis, sie heißen: Was tönt so tief ins Bürgerherz Heut unserer Glocken Klang, Was wallt ein langer Männerchor Zur Burg der Frauentreu empor Mit Jubel und Gesang? Einst trugen Frauen ihr liebstes Gut Herab von diesem Stein, Wir Weinsbergs Männer tragen heut Hinauf, was uns am meisten freut, Weinsberger goldnen Wein. Über diesen ungalanten Vers wurde der Vater von den Weinsberger Frauen sehr geneckt. Wie mächtig waren unsere jugendlichen Herzen in solchen Tagen bewegt. Der König gehörte zu uns, er war uns das höchste Ideal, das wir uns aus der Wirklichkeit und unserer Phantasie geschaffen hatten. Wenn es bekannt wurde, daß er durch Weinsberg komme, wie waren wir da glücklich! Wir konnten es nicht unterlassen, lautes Hoch ihm zuzurufen. Einmal machten Theobald und ich eine Bittschrift an ihn um unsere Lieblingsspeise, eine Knackwurst, die, nebenbei gesagt, damals viel besser waren als jetzt. Hätt' ich eine Knackwurst, Hätt' ich eine unaussprechliche Lust, Sie zu drücken mit Entzücken an die Lippen, Sie zu tragen mit Behagen in dem Magen. Euch, Herr König, ists wenig, Uns aber so ein Wurstring ein unaussprechlich liebes Ding, So lieb wie Ihm die Königskrone; Drum bitten wir, Herr König, lohne Er unsere dumme Sudelei, mit Kreuzer eins, zwei, drei. Wir hatten ernstlich im Sinn, sie abzugeben, bis wir aber fertig waren, war der König vorübergefahren.   Solange wir Kinder noch klein waren, wurde der Mutter Geburtstag, der auf den 9. Januar fiel, nicht regelmäßig gefeiert, dem Vater war es nicht möglich, sich Zahlen und Datum zu merken. Meistens fiel es ihm erst zu spät ein, daß der Geburtstag vorüber war. Er gab nach einer solchen Entdeckung der Mutter einmal nachfolgenden Vers: Wann du geboren, weiß ich nicht, Wills wissen nicht, wenn ichs auch könnte, Sei mir ein Kreis, ein ewges Licht, Wie ohne Anfang, so ohn Ende. Später, als ich so verständig war, den Tag im Gedächtnis behalten zu können, wurde er nicht mehr vergessen. Er wurde aber immer ganz still nach der Mutter Sinn gefeiert. Einmal sagte ich ihr folgende Verse, die mir der Vater gab: Heut ist der Tag, der dich gebar, Du sagest nichts, doch seh ichs klar Durch mein Zigeunerwissen. Wir bringen kein Geschenk dir dar, Selbst Blumen mußt du missen. Welk ist der Garten, welk der Wald, Ich weiß nichts als: Komm, Theobald, Lass' uns sie herzlich küssen. Später, als wir unsere Emma hatten, sagten wir ihr folgendes Gedicht: Ein Band wir, Mutter! bringen, Das reichet Liebe dar, Das soll dich fest umschlingen Am Tag, der dich gebar. Von Gold ists keine Kette, Kein Stoff aus fremdem Land, Es ist an ihrer Stätte Ein festgewobnes Band. Wohl rührt, befreit vom Harme, Dein Herz darunter sich, Sieh, deiner Kinder Arme Umschlingen, Mutter, dich! Dieses Gedicht durfte ich der Mutter vor etwa dreiundfünfzig Jahren sagen. Ich sehe und fühle aber, wie wenn es heute geschehen wäre, wie sie, mit der kleinen Emma auf dem Arm, von Theobald und mir fest umschlungen wurde und sie uns an ihr Herz preßte. Burg Weibertreue Die Geschichte der treuen Weiber von Weinsberg darf ich wohl als bekannt voraussetzen, wenn auch nicht all' meine Leser das Gemälde in der Kirche von Weinsberg kennen, auf welchem der Auszug der Weiber aus der Burg, mit ihren Männern auf dem Rücken, dargestellt ist. Auf des Vaters Anregung bildete sich ein Verein von Frauen, dessen Aufgabe es war, die Burgruinen so viel wie möglich zu erhalten und zugänglich zu machen. Innerhalb der Mauern waren Weinberge angelegt, und die Besitzer derselben, die schon wegen ihrer Reben die Besichtigung der Ruinen nur ungern zuließen, hatten an den letzteren den besten Steinbruch. Es führte auch kein Weg zu den Ruinen als die schmalen Weinbergwege. Es ergingen nun vom Verein aus Aufrufe an alle deutschen Frauen mit der Bitte um Beiträge zur Erhaltung des Denkmals der Weibertreue. Die Beiträge flossen auch bald von allen Seiten zu, wer einen solchen über fünf Gulden sandte, erhielt einen einfachen Goldring, in den ein Steinchen von der Burg gefaßt war. König Wilhelm ließ die Burg ankaufen und schenkte sie dem Verein. Großfürstin Helene von Rußland, eine geborene Prinzessin von Württemberg, schickte bei ihrem Scheiden aus der Heimat fünfhundert Gulden. Der Schutt, mit dem die zerfallenen Überreste angefüllt waren, wurde fortgeschafft, Wege wurden angelegt, die Mauern ausgebessert und Gesträuche angepflanzt. Der Vater war unermüdlich tätig. Es war im Volk der Glaube, daß große Schätze auf der Burg vergraben seien, nun war die beste Zeit, sie zu finden, ein jeder Arbeiter wollte der erste und der letzte sein, damit ihm das Glück zuteil werde. Etwas Merkwürdiges fand man dabei nicht, nur einige Pfeilspitzen und Scherben von alten Trinkgefäßen. Sehr überrascht wurde man durch den Fund eines großen Quantums sehr weißen, feinen Mehls, das man im Grund des hohen Turmes fand. Es sah noch so schön und gut erhalten aus, daß ein Bäcker sofort davon mit nach Hause nahm, um zur Probe Brot daraus zu backen, was aber nicht gelang, denn es stellte sich heraus, daß das Mehl sogenannter bayerischer Kalk war. Wie dieser in den Turm kam und zu welchem Zwecke, blieb unenträtselt. Wir brachten jede freie Zeit damals auf der Burg zu, immer waren wir bei den Arbeitern, um uns an jedem Fortschritt zu erfreuen. – In den höchsten der Türme kam eine Treppe, nach deren Besteigung man reichlich belohnt wurde durch die schöne Aussicht in das anmutige Weinsberger Tal. In den Turm, der das Burgverließ enthielt, wurde durch die dicke Mauer ein Eingang gebrochen. Vorher konnte man nur mit Mühe auf den Rand desselben kommen, auch noch mit einiger Gefahr in den ersten Raum hinunterklettern, in dem große Schießscharten und im Boden eine Öffnung war, durch welche die Gefangenen in das Burgverließ hinuntergelassen worden waren. – In dem ersten Raum wurden in den Schießscharten Äolsharfen angebracht und über die Öffnung in das Burgverließ Eisenstäbe kreuzweise eingelassen, damit niemand fehltreten und hinunterfallen konnte. Wie erschrak aber einmal der Vater, als er hineinkam und zwei kleine Hände sich an den Stäben anklammern sah; sie gehörten Theobald, der sich an diesen hinunter- und hinaufschwingen wollte, aber nicht mehr herauf kam; noch wenige Augenblicke, und er wäre in das sehr tiefe Verließ gestürzt, welches damals noch keinen Eingang hatte. – Eine Zisterne wurde aufgefunden und sehr tief ausgegraben. Wasser gab es nie auf der Burg, das nahegelegene Dorf Gellmersbach mußte, wie aus alten Urkunden zu ersehen war, Esel halten, die das Wasser auf die Burg brachten, wofür es frei von Abgaben war. Die Zisterne hatte wohl zum Aufbewahren des Regenwassers gedient. Als wir einmal auf die Burg kamen, hatte ein nettes Füchslein sich in der Zisterne gefangen; wir fütterten es mehrere Tage, auf einmal war es verschwunden: hatte es jemand geholt oder wußte sich der schlaue Reinecke selbst zu befreien, das blieb uns ein Rätsel. Nicht nur große Schätze an Gold und Silber vermutete das Volk unter den Ruinen, man nahm auch an, daß ein großer Keller unter der Burg sei, in dem noch manches Faß des besten Weinsberger Weines liege, und diesen aufzufinden, war der höchste Wunsch der Arbeiter. Es ist wohl möglich, daß, wenn auch nicht der Keller mit Wein, doch noch manche Gewölbe und unterirdische Räume vorhanden sind, ihre Auffindung hätte aber schwerlich einen Wert gehabt, auch wären die Kosten dadurch sehr vermehrt worden, deshalb unterließ man derartige Nachforschungen. Nur einer ließ sich den Glauben an den mit Wein und Schätzen gefüllten Keller nicht nehmen. Es war ein geborener Weinsberger, namens Weh, der sich mit Abschreiben fortbrachte und dem dieser Glauben zur fixen Idee wurde. Er schrieb Hunderte von Bittschriften an den König, die Regierung und alle möglichen hohen Personen, ihm Mittel zu verschaffen, den Keller, mit Wein und Geld angefüllt, aufzufinden. Den König bat er immer wieder um eine Kompagnie Soldaten zur Ausgrabung desselben. Er betrachtete sich als den Hüter und Kommandanten der Burg und lebte in steter Sorge, ein anderer könnte ihm seine vermeintlichen Entdeckungen streitig machen. Wohl mancher bekam einen Schrecken, wenn unvermutet aus dem Gebüsch, wie ein Burggeist, der Weh trat. Er hatte eine zwerghafte, gnomenartige Gestalt, schwarzes, langes herabhängendes Haar und einen mächtigen Bart. Er war aber kein stummer Geist, vielmehr machte es ihn sehr froh, wenn man sich mit ihm in ein Gespräch einließ und er von dem, was er Geheimnisvolles auf der Burg gesehen und gehört, und von seinen Plänen und Hoffnungen erzählen durfte. So war er viele, viele Jahre ein treuer Wächter der Burg, bis er, alt und schwach, sie nicht mehr besteigen konnte und endlich zur Ruhe kam. Er war es auch, durch den der Vater an die Wand des Äolsharfenturmes folgenden Vers anschreiben ließ: Getragen hat mein Weib mich nicht, Aber ertragen, Das war ein schwereres Gewicht, Als ich mag sagen. Sein Leben lang blieb der Vater ein treuer Pfleger der Weibertreu und noch sorgte er testamentarisch für die Erhaltung der Äolsharfen. Einmal war er mit der Mutter und uns Kindern oben und machte sich den Spaß, in die vergitterten Schießscharten der Äolsharfen, welche eben zu einer Reparatur entfernt waren, uns drei Kinder einzusperren. Während die Eltern auf der Burg umhergingen, kamen zufällig fremde Gäste in den Äolsharfenturm, welche erschrocken sich rasch entfernten, als sie statt der Äolsharfen die drei lebenden Wesen sahen. Der Turm im Garten Im Jahr 1823 sollte der Turm, der an der Ecke der Stadtmauer steht und an unseren Garten grenzte, zu einem Gefängnis vergrößert und ausgebaut werden. Eine traurige Nachbarschaft hätte uns den Genuß des Gartens sehr verbittert. Um dieses abzuwenden, kaufte der Vater der Stadt den Turm ab. Derselbe war mit einem spitzen Dach bedeckt, welches nun entfernt wurde. Um ihn besteigen zu können, brachte man außen eine bequeme Treppe an. Die Plattform wurde geebnet, mit Zinnen eingeschlossen, auf derselben ein hölzernes Zelt errichtet, an dessen vier Ecken Akazienbäume gepflanzt, die es bald überschatteten. Der gewölbte Raum unter der Plattform war bis vor nicht gar langer Zeit als Gefängnis benützt worden; er hatte eine starke eiserne Tür und kleine vergitterte Fenster. In der Mitte desselben war eine viereckige Öffnung, durch welche die Gefangenen in alten Zeiten in das Verließ hinuntergelassen wurden. In diesem Kerker hielten die Bauern Graf Helfenstein gefangen, ehe er zum Richtplatz geführt wurde. Der Vater ließ den vorher so düsteren Raum in ein wohnliches Zimmer umgestalten; aus den kleinen, vergitterten Fenstern wurden Spitzbogenfenster gemacht, in welche man alte Glasmalereien einsetzte, die das Gemach magisch erhellten. Dasselbe wurde mit einem Ofen versehen und mit altertümlichen Möbeln eingerichtet. In zwei Nischen ließ der Vater die Bildsäulen je eines Mönches und einer Nonne stellen, welche er sich bei der Aufhebung der Heilbronner Klosterkirche erwarb. In diese Kirche hatte Gräfin Helfenstein nach dem Tode ihres Mannes reiche Stiftungen gemacht. Lenau bewohnte öfter das Turmzimmer und schrieb auch dort einen Teil seines »Faust«. Nachdem unten ein Eingang durch die dicken Mauern des Turmes gebrochen war, fand man in dem Verließ einen in der Mauer befestigten eisernen Ring mit dem Stück einer Kette daran und die morschen Bretter einer alten Lagerstatt. Das Verließ wurde aufgefüllt und zu einer Waschküche eingerichtet, welche die Mutter schon lange vermißte. Unsere Spiele gewannen durch den Turm noch mehr an Abwechselung, und unsere Phantasie zauberte uns durch ihn und die Burg die alten Ritterzeiten in ihrer ganzen Pracht hervor. Sobald der Turm benützt werden konnte, wurde an jedem schönen Sommerabend unter dem Zelte zu Nacht gespeist. Selten waren wir allein, es kamen immer liebe und interessante Gäste, und es wurden mir dort die genußreichsten Stunden meines Lebens zuteil. Oft wurde der Abend damit beschlossen, daß der Vater im dunklen Turmzimmer die Maultrommel spielte, welcher er wunderbare Töne zu entlocken wußte. Uhland, Schwab und Mayer kamen jeden Sommer zusammen oder allein zum Vater. Eines schönen Pfingstsonntages erinnere ich mich noch, an dem sie miteinander kamen; ich ging ihnen mit dem Vater auf dem Weg nach Heilbronn entgegen. Sie bestiegen damals zum erstenmal den Turm; als Uhland sich umsah, sagte er zum Vater: »Da würde ich auch wieder anfangen zu dichten.« – »Ich glaube, das würdest du noch viel mehr tun, wenn man dich unten in das Verließ sperren würde«, entgegnete der Vater. Der Vater war nie glücklicher, als wenn er Freunde bei sich hatte, dann war alle Melancholie, die ihn sonst so oft befiel, verschwunden, sein Humor erheiterte die ganze Gesellschaft und riß jeden mit fort. Aus der damaligen Zeit erinnere ich mich eines Besuches von Matthisson, den ich auf dem Turm zum ersten- und letztenmal sah. Ich habe kein deutliches Bild mehr von ihm, nur das weiß ich noch, daß er sich zu mir herunterbeugte, um mich weihevoll auf die Stirne zu küssen. Ich verstand es nicht und bot ihm schnell den Mund, was mich, als ich bemerkte, wie er es gemeint hatte, in einige Verlegenheit brachte. Nicht lange nachher wurden wir durch einen Besuch von Ludwig Tieck erfreut. Ich hatte mit großem Interesse seine Volksmärchen gelesen und war glücklich, den Dichter derselben von Angesicht zu sehen. Er unterhielt sich freundlich mit mir, und ich sagte ihm treuherzig, was mir in seinen Märchen gefallen und was nicht. Beim Abschied gab er mir mit den Worten: »Fahren Sie fort, so vortreffliche Schriften, wie die meinigen sind, zu lesen«, auch einen Kuß auf die Stirne, den ich schon besser verstand. Geschwisterliches Zusammenleben Ich komme wieder auf unser häusliches Zusammenleben zurück. Ein friedlicheres Geschwisterpaar konnte es nicht leicht geben, als Theobald und ich es waren, und ich kann mich keines Streites erinnern, der zwischen uns stattgefunden hätte, als eines Wettstreites, bei welchem wir, vor dem Spiegel stehend, Versuche machten, welches von uns den Gemüselöffel am weitesten in den Mund hineinbringen könne und demnach den größten Mund hätte. Zu meiner damaligen großen Freude trug ich den Sieg davon. Der kleinen Emma gegenüber haben wir aber doch manches auf dem Gewissen. Sie war ein zartes, sanftes Kind, das leicht zum Weinen zu bringen war, besonders war sie gegen das Auslachen empfindlich, Theobald und ich durften sie nur ansehen und lachen, so brach sie in den Jammer aus: »Ich weiß wohl, daß ihr mich auslacht.« Saßen wir beim Vesperbrot und sie glaubte spöttische Mienen an uns wahrzunehmen, so flossen ihre Tränen so reichlich, daß sie nichts mehr genießen konnte, was zu unserem Vorteil war. Wir neckten sie gewiß nicht aus dieser eigennützigen Absicht, doch hatten wir aber auch nichts dagegen, wenn wir unsere Milch nur in zwei Teile teilen durften. Sie war sehr stolz auf ihre Geburtsstadt Weinsberg, und man konnte sie durch nichts mehr betrüben, als wenn man die Schattenseiten derselben aufzählte, was wir hie und da aus Neckerei taten. Besonders entrüstet war sie, wenn wir ihr die angeblichen Nachteile des Weinsberger Wassers vorhielten. Eines Tages, als sie kaum schreiben konnte, brachte sie uns folgende begeisterte Worte: »Die Leute sagen alle, das Weinsberger Wasser mache Kröpf. – Ich habe schon so viel Wasser getrunken und habe doch keinen Kropf. – Nein, nein, die Sag ist nicht wahr, ich streite für Weinsberg, mein Vaterland.« Auf dieses hin waren wir geschlagen, und sie blieb fortan darüber ungeneckt. Von ihrer Patin, Fräulein Julie Hartmann, Tochter des Geheimerats von Hartmann, hatte Emma eine Tasse erhalten, die aussah, als wäre sie von lauterem Gold. Sie war ihr höchster Schatz und Stolz, und als des Vaters Geburtstag kam, wußte sie ihm nichts Besseres zu schenken als ihre goldene Tasse. Im Januar darauf war der Mutter Geburtstag; es war der kleinen Emma ein Kummer, der Mutter nicht ein ebenso schönes Geschenk geben zu können, denn nichts, was sie besaß, war der goldenen Tasse gleichzustellen. Da kam ihr der glückliche Gedanke, den Vater in das Vertrauen zu ziehen und sich von ihm die goldene Tasse zu erbitten, um sie der Mutter zu geben, mit dem Trost: »Weißt, sie gehört doch noch dein.« Von diesem Geburtstag an wanderte die goldene Tasse von einer Hand zur andern, an jedem Geburtstag wurde sie wieder verschenkt, zuerst im Ernst, dann im Scherz, und blieb doch schließlich in der Hand der ersten Besitzerin. Am oberen Tor war ein großer Brunnen, auf dessen Rand wir oft stiegen, um Wasser zu trinken, was immer eine gefährliche Sache war. Emma versuchte es auch, bekam das Übergewicht und fiel hinein; zum Glück sah es der Torwart, der sie schnell herauszog. Seine Frau trug das nasse Kind sogleich in das nächste Haus zu Frau Präzeptor Walker, die sie in ein Bett legte, und die kleine Tochter derselben sprang eilig fort, um der Mutter den Unfall anzusagen. Dieses gab uns wieder Ursache zu Neckereien, und wenn wir anfingen an den Fingern abzuzählen: »Emma ist in den Brunnen gefallen, der Torwart hat sie herausgezogen, die Torwartin hat sie nach Hause getragen, Frau Walker hat sie ins Bett gelegt, und das Paule hat es der Mutter gesagt«, so flossen der Emma Tränen wieder reichlich. Eines Tags aber kam ein ernster Unfall über Emma. Mit einem beladenen Müllerswagen gingen die Pferde durch; Emma, die damals kaum über sieben Jahre alt war und gerade aus der Schule kam, flüchtete sich noch auf die Seite, sah aber in diesem Augenblick, daß ein kleines Kind in Gefahr war, und in dem Bestreben, dieses noch zu retten, was ihr auch gelang, kam sie unter den Wagen, und ein Rad ging über sie. Äußerlich war außer den Quetschungen nichts zu entdecken, aber bis in spätere Zeit hatte sie an den Folgen dieses Unfalls zu leiden. Bei Emma zeigte sich bald, daß sie die größte Ähnlichkeit mit dem Vater hatte. Sie ist eine poetische Natur, was sich in ihrem ganzen Wesen, in ihren Spielen und Beschäftigungen schon frühe aussprach. Denke ich zurück an die Zeit, da sie noch ein kleines Mädchen war, und vergegenwärtige sie mir in all ihrer Lieblichkeit, so geht mir das Herz auf. Wenn wir gleich im Alter so verschieden waren, so kam doch bald die Zeit, in der es uns bewußt wurde, was wir Schwestern aneinander hatten, und in vielem konnte sie mir zum Beispiel dienen. Ihre Liebe zu Kindern, die sich in früher Jugend schon kund tat, als sie mit eigener Lebensgefahr das Kind rettete, trat später immer schöner hervor. Wie manches arme Kind brachte sie von der Straße nach Haus, um es zu speisen, aber auch zu reinigen, denn sie konnte nichts Unschönes sehen. Ihre geschickte Hand verfertigte ohne weiteren Unterricht die schönsten Arbeiten, und im Erzählen von schönen poetischen Märchen besaß sie ein ganz eigenartiges Talent. Unsere Tierwelt In einem benachbarten Ort warf der Sturm einen jungen Storchen aus dem Neste, er verletzte sich bei dem Sturz an dem Flügel. Der Verunglückte wurde dem Vater gebracht, und der Garten war von dort an sein Aufenthalt. Daß der Storch die Ehrfurcht verdient, die er gewöhnlich genießt, möchte ich nicht behaupten; er hat ein zorniges Temperament, und wir hatten alle Ursache, uns vor ihm zu hüten. Oft wurde man von ihm verfolgt, und er hackte besonders gerne nach den Augen, wie überhaupt nach allen glänzenden Gegenständen. Seine Gefräßigkeit war groß, einmal verschlang er nacheinander fünf Ratten, so daß ihm der Schwanz der letzten noch zum Schnabel heraussah. Wenn man im Garten bei Tisch saß, konnte er schnell daherkommen und das Fleisch von der Platte rauben. Ein Freund und nachheriger Verwandter der Eltern, Kameralverwalter Fetzer, wohnte ganz in unserer Nähe und ließ täglich sein Mittagessen zu uns tragen, um mit uns in dem großen Laubgang an gemeinschaftlichem Tische zu speisen. Auf die Fetzerische Fleischplatte hatte es der Storch besonders abgesehen, weshalb Fetzer auf Rache sann und zwischen zwei Stücke Fleisch, die er dem Storch in den Schnabel warf, seine volle Schnupftabaksdose ausleerte. Der Storch verschlang dieses Fleisch mit demselben Genusse wie jedes andere; das ihm zugedachte Unbehagen blieb aus, und er war ein Räuber wie zuvor. Wurde sein Appetit zu Hause nicht gehörig befriedigt, so wanderte er in die Stadt zu dem ihm wohlbekannten Metzger und ließ sich dort Abfälle von geschlachteten Tieren behagen. Einen gezähmten Falken hatten wir auch, der sich ebenfalls frei im Garten und Hof bewegte. Dieser und der Storch lebten immer im Streit wegen ihrer Nahrung; nur einmal weiß ich, daß sie Friede schlossen und gemeinschaftlich mit ihren Schnäbeln das hölzerne Gitter des Hühnerstalls aufbrachen und die jungen Hühnchen zusammen verzehrten. Im Winter, wenn man in den Pferdestall kam, war es gleich einem Märchen, wenn der Falke auf der Raufe über dem Pferd saß, der Storch daneben auf einem Strohbündel stand, und unser weißes Kätzchen seinen Lieblingsplatz auf dem Rücken des Pferdes einnahm. Wie oben in der kleinen Wohnung sich die verschiedensten Charaktere friedlich vertrugen, so war es auch unten bei den Tieren. Es ist kaum glaublich, aber es war immer noch der alte Rappe, der die Mutter und mich schon in Welzheim auf seinem Rücken getragen hatte. Er war altersschwach und kaum mehr zu gebrauchen, so daß er eigentlich das Gnadenbrot aß. Doch konnte dieser Zustand aus verschiedenen Gründen nicht lange mehr andauern. Der Vater war für seine Praxis eines Pferdes durchaus benötigt, und dennoch konnte er sich nicht entschließen, den alten treuen Rappen fortzuschaffen. Dieser Zwiespalt wurde durch unseren Freund Hildt gelöst. Als der Knecht das Pferd zum Brunnen führte, nahm Hildt ihm dasselbe ab mit der Weisung, zu Hause nichts davon zu sagen. Noch in der gleichen Stunde ließ er es nach Willsbach zum Kleemeister führen. Als Hildt uns sagte, was er getan, brachen wir alle in Tränen aus. Vorwürfe konnte man ihm nicht machen; wenn man gleich um den alten Freund tiefe Trauer trug, so war uns doch ein Druck vom Herzen in dem Bewußtsein, daß das gute Tier zur Ruhe gekommen sei. Fast hätte ich versäumt, von Fritzle zu erzählen, einem Marder, den Theobald sich gezähmt hatte. Es war ein außerordentlich gescheites, graziöses Tier, das wegen seiner Gelehrsamkeit sehr bewundert wurde, das schönste aber an ihm war seine Anhänglichkeit an Theobald. Fritzle ging frei im Haus und in den Gärten umher, Theobald durfte aber nur »Fritzle« rufen, so kam er herbei und sprang auf seine Achsel. Manche Stunde lag Theobald im Garten im Gras mit seinem Fritzle im Arm. Trotz seiner Zähmung konnte er aber doch seine Diebsnatur nicht verleugnen. Er hatte sich auf der Bühne unter dem Dach eine Diebshöhle angelegt; unter allen möglichen, in ihrer Zusammenstellung oft komischen Gegenständen fand sich auch ein Gebetbuch, das er der Köchin gestohlen hatte, vor. Er erinnerte uns dadurch an seinen Vetter Reineke. Während einer längeren Abwesenheit Theobalds blieb Fritzle aus; nur dadurch ahnten wir seine Nähe, daß uns die Hühner einigemale umgebracht und geraubt wurden. In späterer Zeit hatten wir auch einen zahmen Raben; nach Lenau, der große Freude an ihm hatte, wurde er Niklas geheißen. Ein gescheiteres Tier als Niklas war nicht leicht zu finden; nicht an das Haus gebunden, konnte er frei umherfliegen. Oft blieb er mehrere Tage aus, dann konnte man, am offenen Fenster stehend, den Niklas in raschem Fluge daherkommen sehen, oder es klopfte an das geschlossene Fenster, und der Niklas stand außen und begehrte Einlaß. Er war ein zutrauliches und doch so stolzes Tier. Sein Stolz zeigte sich hauptsächlich in seinen gravitätischen Bewegungen und in seinem Gang. Er hatte viel Menschenähnliches an sich, man konnte glauben, er verstehe alles, was man mit ihm redete. Vielleicht war es auch so. Im ganzen waren wir immer von Räubern umgeben, denn auch der Niklas war ein solcher, und man mußte besonders alle glänzenden Gegenstände sehr vor ihm hüten, daß er sie nicht davontrug. Er hatte keine bestimmte Zeit, sein Futter zu holen; ging er nicht nach Hause, so fiel er beim Metzger oder im Wirtshaus ein, nahm einem hungrigen Gast die Wurst oder den Käs von dem Teller und flog schnell mit seiner Beute davon. Trotz dieser Untaten war Niklas überall wohl gelitten und wurde endlich Gemeingut der Weinsberger, denn wo es ihm behagte, machte er seine Besuche. Zerwürfnisse mit der Polizei trugen die Schuld an seinem frühen Tod. Sein unglückliches Geschick führte ihn durch das offene Fenster in das Amtszimmer des Stadtschultheißen, wo er in dessen Abwesenheit unter herumliegenden Akten Verheerungen anrichtete. Solches Verbrechen mußte streng bestraft werden. Denn es kam auch noch der weitere Umstand hinzu, daß er schon vorher der Frau Stadtschultheiß einen silbernen Fingerhut gestohlen hatte. Im Polizeigefängnisse saß ein Handwerksbursche, der sich bei wiederholtem Betteln hatte erwischen lassen, diesem wurde augenblickliche Freiheit zugesichert, wenn er den Niklas vom Leben zum Tode befördere. Was tut man nicht, um die Freiheit zu erlangen? Der Niklas mußte auf höhere Verordnung durch des Handwerksburschen Hand sein edles Leben lassen. Der große Garten Gegenüber von unserem Hause war ein großer Garten, von einer lebendigen Hecke umgeben, die kaum einen Einblick in denselben gestattete. Er soll früher als Kirchhof gedient haben, und das kleine Haus, in der Mitte desselben, hieß das Totenhäuschen; es waren auch noch einige steinerne Kreuze in dem Garten zu sehen. Für uns hatte dieser Garten immer etwas Geheimnisvolles, es gingen auch allerlei Sagen von Lichtern, die man in der Nacht dort wandeln sehe usw., überhaupt sollte es nicht recht geheuer dort sein. Der Vater kaufte den Garten, alles Geheimnisvolle verschwand, und nur Freude erblühte uns aus demselben. Die hohen Hecken wurden beschnitten, und wir konnten vom Fenster aus unser fast zwei Morgen großes Besitztum überblicken. Der Garten war mit schönen Obstbäumen bepflanzt, und Stachelbeeren und Johannistrauben gab es in Menge. Ein Teil war Gemüseland, und wir konnten nun die Gemüse für den Hausbedarf selbst pflanzen, was dem Vater eine große Freude war. Er verschrieb sich Samen von Gurken, die eine besondere Form haben mußten, auch Spritzgurken, die zerplatzten, wenn man sie nur leicht berührte, und ihren Inhalt weit hinausspritzten, was manchen kleinen Schrecken hervorrief. Kürbisse aller Art wurden auch gezogen; bekamen wir einen solchen recht großen, so höhlten wir ihn aus und stellten ihn bei Nacht mit einem Licht beleuchtet in den Garten. Wir hofften dann, man halte ihn für ein Gespenst. Es war auch viel Platz zu Blumen da, doch gab man sich mit diesen weniger ab als mit dem Gemüsebau. Eine zu Besuch gekommene Dame, die nicht anders meinte, als Kerner müsse in lauter Blumenduft weben und schweben, sagte zu Vater: »Sie werden wohl recht glücklich unter Ihren Blumen sein?« – »Meine Bohnen und Gurken sind mir wichtiger«, erwiderte er ihr zu ihrem nicht geringen Entsetzen. Es gab in diesem Garten auch Ameisenlöwen, von welchen uns der Vater schon viel erzählt hatte, und es machte uns viele Freude, zu beobachten, wie sie unten in einer trichterförmigen Grube von Sand saßen und diesen nach den Ameisen heraufwarfen, bis dieselben als willkommene Beute hinunterfielen. Durch den Obstgarten wurden Wege gezogen und an schattigen Stellen Sitze angebracht. Das sogenannte Totenhäuschen, das die Jahreszahl 1610 über der Türe trägt, wurde zu einer Herberge für Gäste, indem darin ein Zimmer mit zwei Kabinetten eingerichtet wurde. Im größeren Zimmer stand unter andern Möbeln auch der vom Vater als Knabe verfertigte Schreibtisch, die beiden Kabinette dienten als Schlafzimmer. Mancher berühmte Mann übernachtete dort: Rybinsky, der letzte Feldherr der Polen, Geibel, Freiligrath und andere mehr. Lenau und Graf Alexander von Württemberg hatten oft lange Zeit ihr Quartier dort aufgeschlagen. Oft – doch das fällt in eine spätere Zeit – tönte in tiefer Nacht Lenaus wildes, melancholisches Violinspiel von dort zu uns herüber. Der Kutscher Adam und der Kutscher Zipperle Der größere Garten erforderte mehr Arbeit, deshalb sollte der Kutscher zugleich auch etwas von der Gärtnerei verstehen. Des Vaters Wahl fiel auf einen armen Menschen von Weiler (einem Ort in der Nähe von Weinsberg), der auf die mildeste Art geisteskrank und dabei das harmloseste Geschöpf war, das es geben konnte. Bei allem, was er tat, sang er mit hellklingender Stimme geistliche Lieder. Glaubte man ihn im Garten bei der Arbeit, so hatte er auf einem Tisch Blätter ausgebreitet, dieselben mit Blumen verziert und Beeren daraufgelegt. Hielt man ihm vor: »Aber Adam, was tust du, warum arbeitest du nicht?« erwiderte er: »Ich hab' doch de Vöchele (Vögelein) den Tisch decke müsse, sie singe ja so schön.« Schickte man ihn in den Garten, um das Gras abzumähen, so ließ er oft die Sense ruhen, weil er die schönen Blumen nicht abschneiden wollte. Einmal machte er sich eine Mütze aus Kletten, die sich ihm so fest in das Haar setzte, daß er sie tagelang nicht herunterbrachte. Er lebte ganz mit der Natur, aber arbeiten wollte er nicht, nur spielen und singen. Hätten wir nicht wieder ein älteres und sehr ruhiges Pferd bekommen, wäre es nicht möglich gewesen, ihm die Leitung desselben anzuvertrauen, denn vom Kutschieren hatte er gar keinen Begriff. Als er zum erstenmal den Bock bestieg, antwortete er auf die Frage, ob er gewiß nicht herunterfalle: »Ha! do sin(d) jo zwai Salche (Seilchen) dran, an dene kann ich mich jo hebe.« Zu diesem Zweck glaubte er die Leitseile angebracht. Der Vater hatte übergroße Geduld mit ihm, aber endlich wurde sein Zustand doch so, daß man ihn nicht mehr behalten konnte. Noch viele Jahre lang, bis zu seinem Tode, sang und spielte er so fort. Oft noch kam er von seiner nahen Heimat singend zu uns, sang, solange er da war, und ging singend wieder nach Hause. Es war für uns nichts Außergewöhnliches, einen solchen Menschen um uns zu haben, der Vater hatte eine besondere Anziehungskraft für solche Kranke, und beinahe immer waren auch derartige Gäste bei uns. Dieselben lebten mitten unter uns und in fortwährendem Verkehr mit uns. Es kam oft vor, daß Besuche keine Ahnung hatten, daß sie in Gesellschaft eines in gelindem Wahnsinn Befangenen am Tische saßen, bis irgend eine Tat oder eine Äußerung des Betreffenden sie darauf aufmerksam machte. Der Vater hielt den Umgang mit Kindern für das beruhigendste bei derartigen Kranken, und oft mußten wir dieselben auf ihren Spaziergängen begleiten oder uns mit ihnen in ihrem Zimmer unterhalten. Das war aber kein Zwang für uns, es gab sich alles von selbst und kam uns ganz natürlich vor. Wir lernten unbewußt in die Ideen der Kranken eingehen und machten keinen Unterschied zwischen ihnen und gesunden Menschen. Ehe wir den größeren Garten hatten und zu dessen Bearbeitung eine Hilfe brauchten, kutschierte der Vater meistens selbst. Ein Mann aus Weinsberg besorgte das Pferd, und hie und da ließ sich der Vater auch durch diesen fahren. Eines Tages kam ein Freund des Vaters, Dr. Seyffert von Heilbronn, zu Fuß zu uns, der Vater ließ ihn abends durch den Mann zurückführen. Während der Fahrt unterhielt sich Seyffert mit dem Kutscher. Als sie an dem Heilbronner Kirchhof vorüberfuhren, sagte der Mann: »Schön ist der Heilbronner Kirchhof, das muß man ihnen lassen, aber ihre Gräber machen sie nicht tief genug, das ist ein Fehler.« – »Was versteht denn Ihr davon?« erwiderte Seyffert. »Das muß ich doch verstehen«, meinte der Mann, »ich bin ja der Totengräber Zipperle.« Seyffert diente es noch lange zur Belustigung, daß der Doktor von Weinsberg den Totengräber zum Kutscher habe. Originelle Freunde Schon in Welzheim kam ein Schneider aus Neckarsulm zu uns, der uns auch in Weinsberg noch oft aufsuchte. Er hatte viele, aber unschädliche fixe Ideen. Für gewöhnlich verfertigte er aus bunten Tuchlappen Bäusche und Nähkissen, zog damit durch das Land und verkaufte sie. Dem Vater und Karl Mayer, der sich damals in Heilbronn aufhielt, diente er oft als Bote schon von Welzheim aus. Sehr komisch war es, wenn unser Schneider von dem »Kommandantsgeist« erzählte, der in ihm wohne, was der ihm gesagt habe, und wie er ganz nach dessen Willen handle. Dem Kommandantsgeist war nichts verborgen, und durch denselben glaubte er sich ein Wunder von Verstand. Eine weitere fixe Idee von ihm war, jedes Kleidungsstück, dessen er habhaft werden konnte, heimlich zu zertrennen, das Muster davon abzuschneiden und es dann möglichst schnell wieder zusammenzunähen. Die Landjäger waren sein Schrecken, und er hatte denselben ewige Feindschaft geschworen, denn es kam oft vor, daß er von einem solchen weitertransportiert wurde, bis er wieder in seinem ihm angewiesenen Aufenthaltsort Neckarsulm war. Mit großer Schadenfreude erzählte er mir einmal, wie er, als er zugleich mit einem Landjäger in einem Wirtshaus übernachtete, sich dessen Rock zu verschaffen gewußt, denselben zertrennt und ein Muster davon abgeschnitten habe. Der Tag hätte ihn bei der Arbeit überrascht, ehe er Zeit gefunden, den Kragen wieder aufzunähen, und er hätte daher denselben mit Leim am Rocke festgeklebt. »Der wird sich schön gefreut haben, wenn er in Regen kam«, schloß er diese Erzählung. Wenn der närrische Schneider längere Zeit nicht kam, so fehlte es dem Vater sehr. Er unterhielt sich gerne mit demselben und erfreute sich an dessen gesundem Mutterwitz, der oft, einem Blitzstrahl gleich, durch seinen umwölkten Geist brach. Als er alt und schwach war, mußte er in Neckarsulm im Armenhaus bleiben; ich durfte ihn noch hie und da mit dem Vater besuchen und bekam als letztes Andenken noch ein schönes buntes Nähkissen von ihm. Ein Weingärtner namens Röd ging täglich an unserem Hause vorüber, er war ein fleißiger Mann, aber auch verwirrt im Kopf. Während des Gehens hielt er immer lange Reden und machte alle Familienstreitigkeiten, eingebildete und wirkliche, auf der Straße aus, indem er laut vor sich hinsprach. Seine Reben besorgte er treulich. An einem schönen Frühlingstag, als es ihm bei der Arbeit warm wurde, zog er sein Wams aus und hängte es über einen Weinstock. Beim Nachhausegehen am Abend vergaß er, es anzuziehen, obgleich mittlerweilen ein starker Nordwind angefangen hatte zu wehen. Voll Sorge, seine Reben möchten in der kalten Nacht Schaden genommen haben, eilte er am andern Morgen in aller Frühe in den Weinberg hinaus und richtig, alle waren erfroren bis auf den einzigen Stock, über den er sein Wams gehängt hatte. Da fuhr er voll Entrüstung, so daß es in der Nähe arbeitende Weingärtner hörten, seine Rebstöcke an: »So! glaubt ihr, man solle euch auch noch Wämser machen lassen!« und fing an, einen um den andern an der Wurzel abzuschneiden. Kaum gelang es den Nachbarn, den Aufgebrachten etwas zu beschwichtigen und seinem Treiben Einhalt zu tun. Peter Babel, ein Müller in Bitzfeld, war auch ein Original, das durch jahrelangen Umgang wir als zu uns gehörend betrachteten. Zweimal in der Woche schickte er einen Boten an den Vater mit einem Krankenbericht, der, mit wenig Abwechslung, immer dasselbe enthielt: »daß die Nase trocken, Zunge belegt, Hände und Kniee kalt seien und der ›Adam‹ (Atem) nicht von unten herauf gehe«. Auf jeden Bericht verlangte er eine Verordnung. Für den Arzt war es keine Kleinigkeit, immer eine unschädliche und nicht zu teuere Arznei herauszufinden, besonders da keine Krankheit bei ihm zu entdecken war. Zu prozessieren war ihm ebenso Lebensbedingung. War einer seiner Prozesse in vollem Gang, so lauteten die Krankenberichte etwas günstiger. In dieser Weise trieb es der Mann mindestens dreißig Jahre lang; sein Vater hatte ihm mehrere Güter und eine stattliche Mühle hinterlassen, allein alles verzehrten endlich die Apothekersrechnungen und die Prozeßkosten. Als keine Mittel mehr vorhanden waren, die Arzneien zu bezahlen, und doch immer noch Krankenberichte kamen, mischte der Vater dem Patienten selbst solche zusammen, die er mit dem gleichen Erfolg nahm, wie die Arzneien aus der Apotheke. Der Vater nahm natürlich nie eine Bezahlung von ihm. Er hatte ihn durch seine Originalität und jahrelangen Umgang liebgewonnen und betrachtete seine Krankheitsgeschichten als eine unheilbare fixe Idee. Nicht allein als Arzt konsultierte Babel den Vater, er zog ihn auch bei allen seinen Prozessen ins Vertrauen und verlangte Rat von ihm. Leider wurde letzterer, der stets zum Frieden aufforderte, nur selten befolgt. Für uns Kinder war der gute Mann sehr heilsam, denn wir nahmen uns sehr in acht, ein unbedeutendes Übel zu klagen, weil uns dafür von den Eltern sehr leicht der Name »Peter Babel« zuteil wurde. Dieses Mittel hatte noch für die nachfolgende Generation seine gute Wirkung. Der arme Peter Babel nahm ein trauriges Ende. Als nichts mehr vorhanden war, sein Leben zu fristen, fiel er der Gemeinde zur Last. Mühsam versah er noch längere Zeit das Amt eines Polizeidieners, bis er endlich im Elend starb an der Krankheit, für die kein Kraut gewachsen ist, am Alter. Als wir einmal mit dem Vater zu Fuß nach Eberstadt gingen, kam uns in der Hälfte des Wegs ein Bote entgegen mit dem Brief eines Patienten. Die Sache erforderte Eile. Umzukehren, um das Rezept zu Hause zu schreiben, war nicht mehr möglich, und niemand hatte etwas zum Schreiben Dienliches bei sich. Während des Überlegens, was zu tun sei, kam ein uns bekannter Weinsberger Weingärtner vorüber, der nach Hause ging. Der Vater frug ihn: »Habt Ihr kein Bleistift und Papier bei Euch, Hansjörg?« – »Das nicht, Herr Doktor, aber ein Stück Kreide.« – »So muß diese helfen; kommt her, Hansjörg, haltet mir Eueren breiten Rücken her, auf Euerem blauen Wams läßt sich prächtig ein Rezept schreiben. – So, jetzt geht zusammen in die Apotheke nach Weinsberg, und du Bote sorge, daß niemand dem Hansjörg auf den Rücken klopft.« Beide kamen glücklich in der Apotheke an, und der Apotheker verfertigte unter Lachen die Arznei. Er behauptete nachher, er hätte nicht leicht ein so schön und deutlich geschriebenes Rezept des Vaters zu lesen bekommen. In Sülzbach war ein Schullehrer namens Wurst, der immer mit seinem Pfarrer (es war aber nicht mehr der Talonkel) in Streit lebte. Oft klagte er dem Vater seine Not, wie feindlich der Pfarrer gegen ihn sei, letzthin habe er ihn mit einem Blick angesehen, wie der »Franz Moor im Don Carlos«. Dieser Schullehrer kam einmal zum Vater, als derselbe auf dem Turme war. Das Thema über den Pfarrer war erschöpft, und Wurst plagte den Vater mit Fragen über die Farbe der Fahne auf seinem Turm, was dieselbe zu bedeuten habe usw. Der Vater nahm als Mittel gegen die Langweile den Humor zu Hilfe und erklärte dem Schullehrer, daß jeden Tag andere Farben aufgesteckt würden, gleichsam als ärztliche Berichte und Weisungen an die Chirurgen im Tal. Sei die Ruhr vorherrschend, werde eine rote Flagge aufgesteckt, beim Gallenfieber eine gelbe, sei die Sterblichkeit groß, eine schwarze. Auf diese Weise malte er die Sache immer weiter aus. Während des Gesprächs kam meine Tante Steinbeis, die auf Besuch bei uns war, auf den Turm. Der Vater schloß mit den Worten: »Ja, so ist es, Herr Schullehrer, und das ist meine Schwester, Frau Pfarrer Steinbeis.« – »Sie haben mir viel erzählt, Herr Doktor, und ich habe Ihnen alles geglaubt, aber daß Ihre Frau Schwester Steinbeis heißt, das glaub ich Ihnen nicht«, war des Schullehrers Antwort. Unter die Originale zähle ich auch die Frau eines Schmieds in Weinsberg. Dieselbe kam oft zu uns und wurde manchmal zum Kaffee gebeten, besonders wenn Besuche da waren. Sie war eine Elsäßerin und in ihrem siebenzehnten Jahr nach Paris gekommen. Mit großer Lebendigkeit wußte sie den Einzug der Marie Antoinette und die nachfolgenden Hochzeitsfeierlichkeiten zu schildern. Wie durch ein Wunder entkam sie dem Gedränge, das durch den Einsturz einer Tribüne entstand und das so viele Menschen das Leben kostete. Einen Teil der Revolution erlebte sie noch in Paris. Sie wußte sehr interessant von dieser Zeit und ihren Schicksalen überhaupt zu erzählen, die sie endlich nach Weinsberg verschlugen. Es war eine sehr nette alte Frau, die sich mit großem Anstand zu bewegen wußte. Ihre Kleidung war ihrem Stande angemessen, aber von der größten Zierlichkeit. Einmal traf sie mit Graf Loeben bei uns zusammen. Dieser unterhielt sich äußerst lebhaft mit ihr und schien bald nicht mehr daran zu denken, daß eine einfache Handwerkersfrau vor ihm saß, so gewandt wußte sie sich auszudrücken in deutscher wie in französischer Sprache, trotzdem daß sie jahrelang ohne Übung in letzterer geblieben war. Im Laufe der Unterhaltung über französische Sitten und Gebräuche kamen sie auch auf den Tanz zu sprechen, wobei sich die Frau mit großem Entzücken über den Menuett äußerte. Der Graf schlug ihr vor, einige Touren desselben mit ihm zu versuchen. Mit der größten Leichtigkeit bewegte sich die alte Frau in den verschiedenen Wendungen mit dem Anstand einer Dame. Als ihr das Taschentuch entfiel und der Graf es ihr galant überreichte, sagte sie: »Herr Graf, diese Ehre ist zu groß für mich, ich kann es nicht annehmen, es soll sein, wie wenn es nicht geschehen wäre.« Mit diesen Worten ließ sie es wieder zur Erde fallen und hob es selbst auf. Es ist schade, daß sie nie mit Graf Helmstädt bei uns zusammentraf, aber als dieser einige Jahre später zu uns kam, hatte die arme Frau ihr sonst so vortreffliches Gedächtnis gänzlich verloren. Graf Helmstädt war in seinem zwölften Jahre als Page zu Ludwig XV. gekommen und, als er uns zum erstenmale besuchte, etwa achtzig Jahre alt. Wenn er von der Pompadour und dem Leben am damaligen französischen Hof als von etwas Miterlebtem erzählte und man den rüstigen Greis vor sich sah, so konnte man kaum begreifen, daß seine Jugend in eine uns so fern liegende Zeit hineinragte. Er hatte ein Gut am Neckar, Hochhausen, das wohl vier Stunden von Weinsberg entfernt ist. Oft kam der alte Mann zu Pferd bei uns an, um nach einigen Stunden wieder zurückzureiten. Solange er lebte, trank er keinen Wein, selbst der Geruch desselben war ihm widrig. Kaffee genoß er nie, ohne vorher einen Kaffeelöffel voll Salpeter in denselben getan zu haben. Sein hohes rüstiges Alter schrieb er allein der Enthaltsamkeit von Wein und dem Genusse des Salpeters zu. Er war in seinem Leben nie krank. Seine erste Krankheit war auch seine letzte. Der Vater besuchte ihn während derselben öfters; in seinen Phantasien beschäftigte er sich fast allein mit seiner Jugendzeit. Eine Gräfin Eckermann-Alisson wohnte auch längere Zeit in Weinsberg und kam täglich zu uns. Es war eine schon alte Frau, der man die Spuren ehemaliger Schönheit wohl ansah. Über ihre Vergangenheit war sie sehr geheimnisvoll, und nur aus Andeutungen erfuhr man, daß sie eine politisch Verfolgte war und aus ihrer Heimat vertrieben. Mir erzählte sie einmal, daß einer ihrer Todfeinde ihr auf ihrer Flucht vor einer sehr schmalen Brücke begegnet sei. Ohne die Geistesgegenwart zu verlieren, habe sie ihm zugerufen: »Gib mir deinen Arm, damit ich hinüberkomme.« Er habe sie hinübergeführt und ihre Flucht ungehindert fortsetzen lassen. Oft, wenn sie zu uns kam, wickelte sie mit großer Feierlichkeit aus mehreren seidenen Tüchern eine Spieldose, die sie uns aufspielen ließ. Sie war noch im Besitz verschiedener wertvoller Schmuckgegenstände, als Zeichen besserer Tage. Nirgends hatte sie lange Ruhe. Sie wechselte sehr häufig ihren Aufenthaltsort und starb endlich in Stuttgart. Dem Vater wurde nach ihrem Tode auf ihren Wunsch die Spieldose zugeschickt. Dieselbe ist in meinem Besitz. Selbst ihre nächste Umgebung wurde nie über das Geheimnis ihrer Person und ihrer Schicksale aufgeklärt. Es hieß, ihr Mann sei in Schweden hingerichtet worden, und bei ihr hätte man nach ihrem Tode eine um ihren Leib festgeschmiedete Kette gefunden. Ehe diese schwedische Gräfin zu uns kam, war auch der 1809 vertriebene schwedische König Gustavsohn beim Vater gewesen. Uns war es unbegreiflich, daß der schlichte Mann mit dem Ränzchen auf dem Rücken und einem Stock in der Hand ein König gewesen sein solle. Er war einige Stunden bei uns, unterhielt sich mit dem Vater über seine Schicksale und wie er um den Thron gekommen, ging mit ihm auf die Burg und zog dann einsam seinen Weg weiter. Theobald hatte einen guten Freund an Oberamtspfleger von Olnhausen, an dessen Haus ihn täglich sein Weg zur Schule vorüberführte. Wenn die Schulstunde heranrückte, lag der Herr Amtspfleger schon unter dem Fenster seiner Parterrewohnung, um auf Theobald zu warten und seinen Spaß mit ihm zu haben. In den Freistunden war Theobald oft bei ihm, Olnhausen hatte selbst keine Kinder, war aber ein großer Kinderfreund. Das Leben der Frau von Olnhausen war uns immer sehr geheimnisvoll. Wir sahen sie fast nie, sie bewohnte die Zimmer des ersten Stocks, und die Sage ging, ihr Adel sei so alt und sie so vornehm, daß sie nicht mit gewöhnlichen Menschen umgehen könne. Er war ein origineller Mann, der besonders viel auf seine Toilette hielt, deren Zierlichkeit sich auch auf sein Reitpferd erstreckte. Wir bewunderten ihn sehr, wenn er seinen täglichen Spazierritt machte, auf einem lichtbraunen Pferd mit grün angestrichenen Hufen, einem ganz mit weißen Muscheln besetzten Zaum und bunter Schabracke. Der Reiter selbst trug eine zierliche Kappe von Goldleder, auf der Brust eine prächtige Nadel mit grünem Stein, eine blauseidene und darüber eine weiße Weste, eine prachtvolle goldene Kette mit einem großen Cachet daran und einen hellbraunen Rock. Die Blume hinter dem Ohr durfte, solange es die Jahreszeit erlaubte, nie fehlen. Das Beste aber war sein liebes, freundliches Gesicht, das im Alter noch blühend aussah. Wir hatten ihn alle lieb, aber Theobald nannte ihn mit Stolz seinen Freund. Sein Diener hieß Speckmaier, ein grimmig aussehender Mann, mit einem weit herabhängenden, weißen Schnurrbart. Wenn er guter Laune war, erzählte er uns von seinen Kriegsfahrten; seine Frau war uns sehr merkwürdig, weil sie als Marketenderin auch dabei gewesen war, was man ihr noch ansah. Das Leben im Elternhause So glücklich wir mit unserem kleinen Haus waren, konnten wir es uns doch nicht verhehlen, daß der Raum zu beschränkt war trotz der Zimmer im Gartenhaus und Turme. Der Gäste wurden es immer mehr, und wenn auch das Haus, wie einmal ein Freund behauptete, gleich Gummielastikum sich ausdehnen ließ, so kam es doch oft vor, daß wir uns mit den Eltern auf der Bühne zur Ruhe begaben, was uns Kindern der Veränderung wegen zwar viele Freude machte, vor den Gästen aber sorgfältig geheim gehalten wurde. An einem Sonntag nachmittag, als das Haus wieder mit Besuchen angefüllt war, fand man Theobald auf dem Simsen außerhalb des Parterrezimmers sitzend. Er erklärte auf Befragen, warum er das tue, er finde ja doch im ganzen Haus keinen Platz. Ein alter treuer Freund des Vaters war Maler Wagner von Heilbronn, ein origineller, talentvoller Mann. Eigentlich war er Dekorationsmaler, versuchte sich aber auch im Porträtieren. Es fehlte seinen Bildern an feinerer Auffassung, der Dekorationsmaler verleugnete sich nicht; aber mit unverkennbarem Talent gelang es ihm, die Personen ähnlich darzustellen. Den Vater malte er auch in Öl, das Bild ist roh gehalten, aber ähnlich muß es doch gewesen sein, denn ein Kind, das einmal in das Zimmer kam, in dem das Bild hing, wurde ganz ängstlich und wollte schnell wieder fort. Als es nachher gefragt wurde, warum es nicht länger geblieben sei, sagte es: »Der Doktor hat zu einem Fenster in der Wand herausgesehen und mich immer angeguckt, da habe ich mich gefürchtet.« Dieser Maler Wagner entwarf den Plan zu einem Anbau an das Haus gegen den Garten hin im Schweizerhausstil. Das Gebäude wurde in Heilbronn auf einem Zimmerplatz am Neckar gezimmert und auf Wagen herausgeführt. In einem Tag stand es aufgerichtet da. Es enthielt ein größeres, auf drei Seiten von einer Galerie umgebenes Zimmer und eine Speisekammer. Ein Treppe höher befand sich ein kleines, gewölbtes Zimmer, welches seiner Form wegen »der Sarg« genannt wurde. Aus einer eingegangenen Kirche in Eschenau erhielt der Vater ein schönes Kruzifix, das in der Mitte der Außenwand des Schweizerhauses befestigt wurde und über das der Vater die Worte schreiben ließ: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« Bald wuchsen wilde Reben an dem Anbau herauf, und immer heimischer wurde unser kleines Eigentum, von dem nicht nur wir entzückt waren. Ich weiß nicht, was schöner war, die Abende auf dem Turm mit dem vom Mondschein verklärten Garten, dem Haus und dem Christusbild vor sich, oder die Morgen unter dem Apfelbaum zunächst dem Christusbild, die Mittage in dem rebenumwachsenen Laubgang oder auch im Schweizerhaus; meistens im Kreise geistreicher Männer und Frauen. Einmal, als in späteren Jahren mehrere Dichter, Graf Alexander von Württemberg, Lenau, Arthur Schott, Rosa Maria, in dem Laubgang beisammen saßen und manches Gedicht vorgelesen wurde, kam der Knecht (aber nicht der Adam) mit einem grauen Papier in der Hand herein und sagte, man werde ihm wohl erlauben, da hier so viel gedichtet und vorgelesen werde, auch ein Gedicht zu bringen, das er auf des Herrn Doktors Pferd gedichtet hätte. Er las es vor und ging, stolz auf das Lob, das er eingeerntet, wieder fort. Oft kam es vor, daß vor unserem Haus mehr Gefährte standen, als vor dem Gasthof, und der Wirt war oft von Neid erfüllt, daß er nur Pferde und Kutscher statt der Herrschaften als Gäste hatte. Es kam einmal ein Handwerksbursche des Weges daher, sah mehrere Chaisen vor dem Hause stehen, dazu die weitgeöffnete Türe und Leute aus- und eingehen. Er glaubte sich vor einem Gasthaus und stieg die Treppe herauf. Die Gäste hatten sich in den Gärten zerstreut, die Mutter aber war noch mit Aufräumen beschäftigt. Der Handwerksbursche trat in das Zimmer des Schweizerhauses (das sogenannte Altanenzimmer), legte seinen schweren Bündel ab und setzte sich wegemüde an den Tisch mit den Worten: »Frau Wirtin, einen Schoppen.« Die Mutter stellte ihm freundlich Wein und Brot hin, setzte sich zu ihm und frug nach seiner Heimat und seinen Eltern. Dem armen Burschen ging das Herz auf. Als er sich gehörig gestärkt und ausgeruht hatte, sagte er: »Und nun die Zeche, Frau Wirtin?« – Wie war er aber erstaunt, als die Mutter ihm sagte, daß er in keinem Gasthaus gewesen sei; tief gerührt und noch reich beschenkt von ihr, setzte er seinen Weg weiter fort. Viele müde Wanderer fanden Obdach und Erquickung in dem kleinen Haus an der Weibertreu. Wie manchen wurde das Bitten erspart, sie wurden hereingerufen und mit Speise und Trank bewirtet. Die bayerischen Soldaten, die ihr Weg von Alt- nach Rheinbayern in oder aus dem Urlaub durch Weinsberg führte, sahen oft verwundert auf, wenn sie, müde und bestaubt, am Haus vorüberkamen und der Mutter oder des Vaters freundliche Stimme ihnen zurief: »Habt ihr Durst? Kommt herein, ihr bekommt zu trinken.« Bald saßen sie dann fröhlich um einen Tisch im Garten oder im Haus und ließen sichs schmecken. Zur Zeit, als die vertriebenen Polen durch Württemberg kamen, fand jeder eine freundliche Aufnahme auf Tage, Wochen und Monate. Menschen jedes Standes, jeder Nation und jedes Glaubens wurden mit derselben Liebe aufgenommen. Ich erinnere mich noch gerne, doch das fällt in eine spätere Zeit, eines mit Handschuhen handelnden Tirolers, der jedes Jahr zu uns kam und den der Vater sehr lieb hatte. Sooft er kam, wurde er zu Tisch geladen. Einmal traf er mit Prinz Adalbert von Bayern bei uns zusammen. Mancher hätte gezaudert, den hochgebornen Prinzen und den Mann aus dem Volke an einem Tische zu vereinen, der Vater aber sagte zu Prinz Adalbert: »Königliche Hoheit, hier ist ein alter Freund von mir und ein Landsmann von Ihnen. Sooft er kam, hat er an meinem Tisch gegessen, und gewiß haben Sie nichts dagegen einzuwenden, wenn es auch heute geschieht.« Der Prinz ging auf die freundlichste Art darauf ein und erfreute sich an der gescheiten und gemütlichen Unterhaltung des Tirolers. Der Besuch junger Männer erfreute den Vater sehr. In den Ferienzeiten war Weinsberg ein wahrer Wallfahrtsort. Aus der Nähe und Ferne kamen Studenten angerückt. Mancher wollte auf eine Stunde einkehren und blieb Tage und Wochen. Viele suchten nicht nur den Dichter auf, sie wollten auch den Magier und Geisterseher kennenlernen, von welchem sie sich schon im voraus ein Bild entworfen hatten. Einen düsteren, feierlichen Mann glaubten sie zu finden, mit dem man nur ernsthafte Gespräche führen dürfe, und ein stattlicher Mann trat ihnen entgegen, welchem die Herzensgüte und Milde aus dem Gesicht sprach und der ihnen den freundlichsten Willkomm bot. Da fiel manchem ein Stein vom Herzen, daß er sich geben durfte, wie er war, denn das fühlte ein jeder, daß in des Vaters Nähe alles Erkünstelte und Gezwungene weichen mußte. Waren mehrere junge Leute beisammen, so beteiligte er sich meistens nicht besonders lebhaft bei der Unterhaltung, er saß still dabei und ließ sich erzählen. Sein Stillschweigen war aber nicht störend, man sah, daß er doch dem Gespräch folgte, und oft mischte sich unversehens sein Humor dazwischen, mit dem er alles zu beleben wußte. Dieser blieb ihm bis in das hohe Alter getreu. Auch durch die trübsten Wolken konnte man sein Blitzen noch sehen. Besonders gewann er sich auch dadurch die Herzen der Jugend, daß er gleich das bei jedem herauszufinden wußte, für das er am meisten Talent und Interesse hatte und die Unterhaltung so zu lenken verstand, daß jeder sein Bestes geben konnte. Das geschah aber ohne Absicht von des Vaters Seite, es trieb ihn sein reiches Gemüt und edles Herz dazu. Es wurde oft behauptet, daß man in seiner Nähe nur gut denken könne. Reisen Eines Tages fuhr ein stattlicher Reisewagen an unserem Hause an, ein sehr eleganter schöner Herr sprang heraus und wurde vom Vater mit lautem Jubel bewillkommt. Es war Varnhagen von Ense, der mit seiner Frau, der bekannten geistreichen Rahel, uns zu besuchen kam. Eine polnische Generalin, deren Namen ich vergessen habe, begleitete sie; diese war eine noch junge, schöne Frau, und ich konnte es mir zuerst nicht reimen, daß die alte korpulente Dame die Frau von dem im Verhältnis zu ihr noch jugendlichen Mann sein soll, die Generalin kam mir viel passender dazu vor. Sie blieben den Tag über bei uns und nahmen den Eltern das Versprechen ab, sie in Baden-Baden, wohin sie zu einem längeren Aufenthalt gingen, zu besuchen. Der Vater war sehr glücklich über den Besuch seines alten Freundes, und sobald er abkommen konnte, reiste er mit der Mutter, Theobald und mir (Emma war noch zu jung, um sie mitnehmen zu können) ihm nach. Wir mieteten einen Wagen von Heilbronn und nahmen den Weg über Wildbad, das der Vater aus alter Anhänglichkeit mit der Mutter gerne wieder besuchte. Dort blieben wir über Nacht und kamen des andern Tags früh in Baden an. Es war ein heißer Tag; sobald wir Quartier gefunden hatten, kleideten wir uns um und suchten Varnhagens auf. Er war nicht zu Haus, nur Rahel, die uns sehr freundlich empfing und uns zur Erfrischung mit Himbeeressig bespritzte, was eine unglückliche Sache für Theobalds neue grüne Bluse war, die durch den Himbeeressig voll roter Flecken wurde. Hätten wir den Himbeeressig zu trinken bekommen, würde er uns mehr erfrischt haben, und die Bluse wäre ohne Schaden geblieben. Bald darauf kam Varnhagen nach Hause, er mußte irgendeinen vornehmen Besuch gemacht haben, seine Brust war mit Orden bedeckt; es imponierte mir sehr, als er dieselben ganz gleichgültig abstreifte und auf die Seite legte, wie wenn er sich von einer unangenehmen Last befreien wollte. Wir brachten den Abend mit Varnhagens und der Familie von Cotta zu. Der alte Herr von Cotta, mit welchem der Vater schon längst befreundet war, erzählte für uns sehr unterhaltend, wie hart er es in seiner Jugend gehabt habe, wie einfach es in seinem elterlichen Hause zugegangen, wie bescheiden er in seiner Kleidung gehalten worden sei, der zum drittenmal gewendete Rock sei endlich an ihn gekommen. Ein großer, grau leinener Regenschirm, unter dem aber bequem drei Personen Platz gehabt, habe zum Gebrauch für die ganze Familie gedient. Wir hatten schon von lange her einen großen Respekt vor Cotta, als dem zur damaligen Zeit ersten Buchhändler und Verleger Deutschlands, und erfreuten uns sehr an seinen Erzählungen. Den folgenden Tag durften wir zum erstenmal in unsrem Leben an einer Table d'hôte essen. Ich kam mir sehr vornehm vor, was aber meinem Appetit durchaus keinen Eintrag tat: den Theobald konnte ich nicht begreifen, wenn die Kellner kamen und ihm etwas anboten, nickte er nur stolz mit dem Kopf und ließ alle Speisen an sich vorübergehen. Als man ihn nach Tisch frug, warum er denn nichts gegessen habe, meinte er: ein jeder könne so schöne Speisen essen, aber nicht jeder sei imstande, sie auszuschlagen. Gegen Abend wurde eine Fahrt auf das Jägerhaus mit Varnhagens, Cottas und der polnischen Gräfin in mehreren Wagen gemacht; nachdem man sich an der Aussicht erfreut hatte, setzte man sich im Freien zum Kaffee. Varnhagen forderte die Mutter auf, einzuschenken, die Generalin aber bat, es ihr zu überlassen, sie mache für ihr Leben gern die Wirtin. Kaum hatte sie ihr Werk begonnen, als sie, ich weiß nicht, wie es kam, die Milchkanne umstieß und im Bestreben, diese noch zu halten, auch die Kaffeekanne umwarf. Beides floß zusammen unter den Tisch; in der Nähe waren einige Jagdhunde, die schnell herzusprangen, um die Milch aufzulecken, aber mit solch großem Ungestüm unter den Tisch fuhren, daß die ganze Gesellschaft in Gefahr kam und ein gewaltiger Tumult entstand. Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, wurde aufs neue Kaffee bestellt, und Varnhagen meinte, mit einem spöttischen Seitenblick auf die Generalin, um gewiß zu einem Kaffee zu kommen, sollte sich diesmal die Mutter das Amt der Wirtin nicht nehmen lassen; die Generalin bat aber flehentlich, sie nicht so zu demütigen, sondern es ihr noch einmal anzuvertrauen. Sie vollzog auch diesmal ihre Aufgabe mit großer Grazie. Dieser Zwischenfall erregte viel Heiterkeit, und die Generalin wurde sehr geneckt. Von der Rahel habe ich nur noch im Gedächtnis, daß sie mir zuerst sehr alt und häßlich vorkam, aber bald nahm sie mich ganz gefangen durch ihre große Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit; ich war leider noch zu jung, um ihren Geist und ihr Wissen gehörig würdigen zu können. Auf dem Rückweg von Baden kamen wir über Maulbronn; wir besahen das schöne Kloster, und der Vater führte uns an alle Stellen, die ihm aus seiner Kindheit noch im Gedächtnis waren.   Theobald war sehr befreundet mit einem Knaben seines Alters, ich mit dessen Schwester. Ein Onkel von diesen, der Apotheker in Neckargmünd war, lud uns ein, gemeinschaftlich unsere Ferien bei ihm zuzubringen. Zur damaligen Zeit dachte man noch an keine Eisenbahn, man ließ deshalb einen Kutscher von Heilbronn mit einem Einspänner kommen, in welchen man uns vier Kinder setzte. Ich war das älteste und zählte kaum elf, meine Gespielin zehn und die Knaben acht Jahre. Man versah uns mit Proviant, und wir hatten eine gar lustige Fahrt über Heilbronn, Fürfeld und Sinsheim; es war beinahe eine Tagreise. Der Kutscher machte in Sinsheim Mittag, und wir hatten eine lange Beratung, was wir im Gasthof uns wollten geben lassen, wobei wir den Kostenpunkt auch im Auge behielten. Endlich vereinigten wir uns dahin, für die Person ein Ei und Brot zu fordern. Wir konnten nicht begreifen, warum man uns so langsam und ungern bediente, überhaupt waren wir mit dem Gasthof nicht ganz zufrieden, und ich schrieb im ersten Brief nach Hause, es sei doch etwas sehr Teueres um das Reisen, man habe uns zusammen für die Eier und Brot dreizehn Kreuzer abgenommen. In Neckargmünd wurden wir freundlich empfangen. Ich sah aber erst später ein, daß wir in das kinderlose Haus doch eine große Unruhe gemacht haben mochten, weniger Gustav und Karoline als Theobald und ich, die wir ziemlich unruhig waren. Theobald machte sich viel in der Apotheke zu schaffen, was ihm aber niedergelegt wurde, als er beinahe das Haus in die Luft gesprengt hätte. Er wußte sich vom Gehilfen Knallsilber zu verschaffen, legte dasselbe in einen Mörser, um es zu zerstoßen, und führte dadurch eine solche Explosion herbei, daß die ganze Nachbarschaft zusammenlief und wir starr vor Schrecken waren. Theobald blieb zum Glück unverletzt. Von dieser Untat an plagte uns beide das Heimweh, der Schrecken war zu groß gewesen. Unsere Gastfreunde boten indessen alles auf, uns den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Wir kamen auf das Heidelberger Schloß, durften die Wasserwerke in Schwetzingen bewundern und in Neckarsteinach, wo wir einen Tag bei alten Bekannten des Vaters waren, selbständig auf den Burgen herumklettern. Der Heimweg war nicht mehr so lustig als die Ausfahrt, denn wir mußten denselben unter Begleitung zurücklegen. Seit der Knallsilberexplosion kamen wir uns überhaupt nicht mehr so erwachsen vor als vorher. Theatralische Genüsse Nicht nur Dichter und Schriftsteller, auch Künstler höheren und niederen Ranges durften sich der Gastfreundschaft der Eltern erfreuen. Oft kamen herumziehende Schauspielertruppen nach Weinsberg und schlugen meistens im Gasthof zur Traube ihre Bühne auf. Notgedrungen mußte man Billette nehmen, und wir Kinder durften dieselben meistens benützen. Die Eltern, besonders der Vater, besuchten aber auch hie und da das Theater. Dieser, der nie mehr in ein großes Theater zu bringen war, fand oft Gefallen an solchen Vorstellungen. Oft wurden die Schauspieler, wenn es anständige Leute waren, zu Tische geladen, und es war beiden Eltern ein großer Genuß zu sehen, wie es ihnen, die oft kaum das tägliche Brot hatten, schmeckte. Glaubte der Vater bei dem einen oder dem andern eine bessere Befähigung zu entdecken, so gab er diesem Empfehlungen an größere Theater mit, und es wurde dadurch manches Talent vom Untergang gerettet. Noch mehr Interesse hatte der Vater, wenn Marionetten kamen. Diese Vorliebe schrieb sich bei ihm schon von früherer Zeit her. Ich erinnere mich noch aus späteren Jahren einer solchen Vorstellung lebhaft, der ich mit dem Vater, Lenau und einigen Heilbrunner Bekannten beiwohnen durfte. Es wurde der »Don Schwank« (Don Juan) gegeben. Durch des Vaters und Lenaus humoristische Einfälle blieb uns dieser Abend unvergeßlich. Einmal kam eine kleine Truppe Schauspieler nach Weinsberg; der Direktor derselben ließ in der Schule bekannt machen, daß diejenigen Mädchen, welche weiße Kleider besäßen und Lust dazu hätten, bei der nächsten Vorstellung mitspielen dürften. Es meldeten sich acht Mädchen, darunter auch ich. Wir kamen nach Vorschrift in weißen, mit schwarzen Bändern verzierten Kleidern. Die Knaben, die mitwirkten, gaben es einfacher, denn sie hatten die Hemden über den Beinkleidern an. Es wurden die Hussiten vor Naumburg gegeben. Naumburg war in Gefahr, und wir mußten den feindlichen Feldherrn rühren, vor ihm auf die Kniee fallen und »Genade, Genade!« rufen. Ich zerfloß fast in Tränen, bis das harte Herz des Feldherrn erweicht war, und kam ganz krank durch den Jammer nach Haus. Damals sah ich auch die Ahnfrau von Grillparzer. Das Stück machte großen Eindruck auf mich, besonders als die Ahnfrau mit den tragischen Worten: »Öffne dich, du stille Klause, Denn die Ahnfrau geht nach Hause« verschwand, und gewiß wäre mir, als ich in meinem einsamen Zimmer war, das Gruseln angekommen, wenn ich nicht noch zur rechten Zeit von meinem Fenster aus in dem gegenüberstehenden Hause die Ahnfrau erblickt hätte, wie sie, entkleidet des schwarzen Gewandes und weißen Schleiers, am Herde stand und sehr hausmütterlich einen Topf Kartoffeln zum Feuer stellte. Die kleine Emma war mit den Töchtern des Gastwirts, bei dem die Bühne aufgeschlagen war, sehr befreundet. Diese hatten reichliche Gelegenheit, die verschiedensten Stücke aufführen zu sehen, sich selbst fürs Theater zu begeistern und dieselbe Begeisterung bei ihrer Freundin wachzurufen. Einmal kam Emma in Tränen nach Haus und erzählte auf der Mutter Befragen, sie hätten Theater gespielt und die Räuber gegeben, aber sie tue nicht mehr mit, die Mädchen seien zu dumm. Sie sei der »brennige Turm« gewesen, da, wie sie am ärgsten gebrannt habe, seie die Emilie hergekommen und hätte gesagt: »Was ist denn das für eine schöne Jungfer?« und sie seie doch so ein deutlicher brennender Turm gewesen, hätte ein rotes Tuch über den Kopf gehängt und immer »tsch, tsch« gemacht. Trotzdem hätte sie die dumme Emilie für eine Jungfer gehalten. Der Vater erfreute sich an dieser Shakespearischen Darstellung. Es kam auch oft vor, daß eine Schauspielertruppe durch Schulden festgehalten wurde und die Weinsberger junge Welt aufs Vaters Anregung die Bretter betrat, um die Armen loszukaufen und ihnen noch ein Zehrgeld auf den Weg zu geben. Im Winter wurden auch manchmal Liebhabertheater veranstaltet. Der Saal in der Traube mit dem schönen Kronleuchter wurde durch ein Seil in Bühne und Zuschauerraum abgeteilt und unverdrossen darauf losgespielt. Einmal durfte ich auch hier mitwirken. Den Titel des Stückes weiß ich nicht mehr. Ich kam als Amor gekleidet, um die Herzen harter Verwandter zu Gunsten zweier Liebenden durch rührende Verse zu erweichen, und kam mir sehr schön vor in weißem Kleid, lockigem Haar und goldenen Flügeln; Köcher und Bogen fehlten natürlich nicht. Ich führte meine Rolle gut durch, die Verwandten gaben nach, und alles wurde zu glücklichem Ende geführt. Das trennende Seil wurde hierauf losgemacht, und Schauspieler und Publikum vermischten sich im fröhlichen Tanz. Wir Mädchen untereinander spielten leidenschaftlich Theater. Kein dazu halbwegs geeigneter Raum blieb von uns verschont. Endlich wurde im F.schen Hause eine wirkliche Bühne aufgeschlagen. Es wurden meistens Stücke aus Weißes »Kinderfreund« aufgeführt, in denen nicht nur wir Mädchen, sondern auch die Knaben aus näherstehenden Familien mitwirkten. Die Knaben kamen aber, auch wenn sie in der höchsten Ekstase sein sollten, nicht aus ihrem Schulton heraus, wir Mädchen gaben unsere Rollen entschieden besser. Die gute Sophie F. hatte viel Arbeit mit der Auswahl der Stücke und der Leitung der Proben, besonders da es auch nicht immer friedlich dabei ablief. Die Knaben waren oft sehr ungeschliffen und grob. Einmal sollte ich in der Titelrolle der »kleinen hübschen Putzmacherin« auftreten. Die Knaben schrieben jedesmal die Theaterzettel und brachten sie in die Häuser. Welche Entrüstung befiel mich aber, als auf dem mir gebrachten Theaterzettel »die kleine häßliche Putzmacherin« zu lesen war. Sophie F. hatte genug zu tun, die beleidigte Primadonna so weit zu versöhnen, daß sie dennoch in ihrer Rolle auftrat. Öfters brachte der Vater uns vom Markt einen kleinen Teufel von Glas, welchen man in eine Flasche Wasser sperrte, die fest zugebunden wurde. Durch einen Druck auf die obere Fläche der Flasche konnte man verschiedene Bewegungen des Teufels hervorbringen. Der Vater würzte dieselben mit lustigen und schauerlichen Zwiegesprächen zwischen dem Teufel und einem vermeintlichen Beschwörer. Auch beim Schattenspiel gab er uns immer dramatische Vorstellungen zur Erläuterung der Bilder. Die Papierdrachen Ein weiteres Vergnügen gewährte uns auch, daß der Vater von Ludwigsburg her sich die Kunst bewahrt hatte, schöne hochsteigende Papierdrachen zu verfertigen. Vom Turm aus konnte man sie in alle Höhen steigen lassen, und oft blieben sie stundenlang, ein Spielzeug des Windes, in der Luft schweben, wenn die Schnur des Drachen festgebunden war. Oft schnitt der Vater Figuren aus schwarzem Papier aus, Teufel, Hexen usw., die man durch die Schnur zog und die dann mit rapider Schnelligkeit zum Drachen hinauffuhren. Es war nicht nur eine Belustigung für uns Kinder, sondern der Vater gab sich auch mit Vorliebe damit ab. Ja, als in spätern Zeiten Graf M. mit seiner Frau längere Zeit bei uns waren, diente diesem das Steigenlassen der Drachen sehr zur Unterhaltung. Einmal lief Graf M. mit einem solchen, der durchaus nicht in die Höhe wollte, unweit unseres Hauses auf der Öhringer Straße, als ein Reisewagen des Weges kam, in welchen der eigensinnige Drache ohne weiteres hineinfuhr. Schnell sprang der Graf dem bedrohten Reisenden zur Hülfe und erkannte in ihm den Fürsten von Hohenlohe-Öhringen. Den beiden Herren, die nur gewöhnt waren, sich auf Hoffesten zu begegnen, war das ein überraschendes Zusammentreffen. Weinsberger Herbstfreuden Die Weinlese war eine fröhliche Zeit für uns; wir hatten zwar keinen eigenen Weinberg, aber dennoch gingen wir an jedem schönen Tag, Theobald mit einem Butten und ich mit einem Kübelchen, in Weinberge von Bekannten. Meistens war ein großer Kinderkreis dort versammelt. Unsere Hülfe bei der Arbeit war nicht bedeutend, die Knaben hatten zu viel mit Schießen, wir Mädchen mit dem Essen der Trauben und der Unterhaltung des Feuers, welches in keinem Weinberg fehlen durfte, zu tun. Wir tanzten fröhlich um dasselbe herum, und die Knaben setzten einen Ruhm darein, es kühn zu überspringen. Aus allen Weinbergen schallte Gesang, Jauchzen und das Knallen der Pistolen. Als wir erwachsen waren, brachte die Herbstzeit uns noch immer dieselben Freuden, ja sie wurden immer schöner. Wir zogen nicht mehr mit Butten und Gölten aus, sondern ließen uns in Herbstgesellschaften einladen, in welchen aber noch die gleiche Harmlosigkeit herrschte wie früher. Alle Gäste, die man hatte, waren in die Einladung eingeschlossen, und an solchen fehlte es nie. Der Herbst brachte stets einen Zusammenfluß von Fremden nach Weinsberg, besonders von Studenten; kaum eine der besseren Familien daselbst war in dieser Zeit ohne Besuch von solchen. Sie trugen auch am meisten zur Belebung der Gesellschaft bei. Wo der Raum es gestattete, wurden auf anliegenden Wiesen Tische und Bänke aufgeschlagen, oft aber lagerte man sich auch nur auf den Weinbergrainen. An dem Feuer wurden Bratwürste gebraten und Kaffee gemacht. Erstere durften auch neben sonstiger reicher Aufwartung nie fehlen. Es wurde geschossen und gesungen, meistens Volkslieder, abwechselnd mit den Leserinnen, auch manches heitere Studentenlied kam dazwischen. Gesellschaftsspiele belebten das junge Volk, es kamen aber nur solche an die Reihe, bei denen es tüchtig zu laufen gab. Der Tanz blieb nie aus: war keine Musik da, so bewegte man sich nach dem Gesang oder pfiff man dazu. Wurde auch der Takt nicht ganz eingehalten, und war auch der Boden uneben, das hatte nichts zu sagen, es ging auch in den Herbst. Mit diesem Trost wurde alles entschuldigt, was nicht ganz in der Regel geschah. Je näher der Abend kam, desto mehr steigerte sich die Fröhlichkeit, wozu der gute Weinsberger Wein bei den Herren auch viel beitrug. Ein jeder von den Herren brachte Feuerwerk mit, und der Gastgeber spendete auch solches noch reichlich dazu. Nach dem Abbrennen desselben zog man paarweise mit Fackeln und Gesang nach Haus. Führte der Weg die heitere Gesellschaft an unserem Haus vorüber, so wurden in kleiner Entfernung davon die brennenden Fackeln auf einen Haufen geworfen und Gaudeamus igitur gesungen. Das Feuer der Fackeln beleuchtete das Haus und die Gesellschaft, die sich vor demselben aufstellte, dem Vater manches »Hoch« brachte und Lieder sang, worunter sein: »Wohlauf noch getrunken« nie fehlte. Wie mancher Mann, der schon längst in Amt und Würden steht, war darunter und erinnert sich jetzt gewiß noch gerne der schönen Herbsttage in Weinsberg. Mancher Abend wurde dann in dem Saal mit dem schönen Kronleuchter mit Tanz beschlossen, zu welchem keine Balltoilette nötig war. In Weinsberg hielt sich ein badischer Staatschemiker auf, der täglich in das elterliche Haus kam. In der Theorie war er ein sehr geschickter Chemiker, aber in der Praxis wollte es ihm nicht immer gelingen. Zu einem Herbstfest auf der Burg versprach er ein glänzendes Feuerwerk zu liefern; auf dem hohen Turm sollte es abgebrannt werden, und alles wäre gewiß schön geworden, wenn die Raketen, romanischen Lichter, Schwärmerkästen, kurz alles, was zu einem glanzvollen Feuerwerk gehört, in die Höhe gegangen wären. Aber eines entzündete sich am anderen und ging wie toll abwärts unter das Publikum, das sich kaum vor Feuersgefahr zu retten wußte. Ich hatte solches Mitleiden mit dem Jammer des armen alten Chemikers, daß es mir die ganze Herbstfeier verdarb. Eine eigentümliche Musik ist das sogenannte »Blätteln« der Weingärtner. Sie rufen dieselbe durch ein Birkenblatt hervor, das sie in den Mund nehmen. Es verging im Sommer kaum ein schöner Abend, an dem sie nicht bei unserem Hause, im sogenannten »grasigen Haag«, sich versammelten und ihre volkstümlichen Weisen mittelst des Blättelns hören ließen. Sie wußten, welche Freude sie dem Vater mit dieser Musik und dem Gesang der Volkslieder machten. Es war ihm dieses ein größerer Genuß als das kunstreichste Konzert. Überhaupt hörte er sehr gerne Musik, und der einfache Gesang sprach ihn besonders an. Es wurde ihm von Freunden und Freundinnen mancher musikalische Genuß bereitet, den er dann wieder mit seinem Maultrommelspiel vergalt. Wie oft erklangen helle Stimmen vor unserem Hause, denn keine auf der Turnfahrt begriffene Knabenschule zog vorüber, ohne dem Vater ihre Lieder zu singen. Wenn Sänger auf gemeinsamer Fahrt vorbeikamen, so machten sie Halt und begrüßten den Vater mit einem Ständchen. So feinfühlend für die Musik war er aber nicht, wie jener Bischof, der, als er in unser Zimmer trat, mit den Worten auf das geschlossene Klavier zuging: »Wer spielt hier so herrlich Klavier?« Die Seherin Ich war kaum zwölf Jahre alt, als die Seherin von Prevorst in unser Haus kam. Sie war eine nicht große, sehr abgezehrte Frau mit einem feinen interessanten Gesicht und wunderbaren Augen. Ihr mildes freundliches Wesen machte uns Kinder bald ganz vertraut mit ihr; wir saßen stundenlang an ihrem Bett (außer demselben sah ich sie selten), und sie nahm gerne teil an unseren kleinen Freuden und Leiden, die wir ihr vortrugen. Von den Erscheinungen, die sie hatte, wurde natürlich viel gesprochen, der Ruf derselben war bald weit gedrungen, und viele Männer der Wissenschaft und auch andere kamen, um sich von den Tatsachen zu überzeugen. Uns von den Unterhaltungen über diese Erscheinungen ferne zu halten, war nicht möglich, es lag auch gar nicht in der Eltern Absicht. Wir saßen dabei, hörten zu, konnten auch selbst über manches Auskunft geben, was wir ohne Furcht und mit der größten Unbefangenheit taten. Die Geister, von deren Kommen und Gehen wir ruhig hörten, waren uns wie Bekannte. Ich ging in der Nacht in Haus und Keller umher, ohne an eine mögliche Erscheinung nur zu denken. Ich bin fest überzeugt, daß Kinder, die man auf das strengste vor dem Anhören von Gespenstergeschichten hütet, mehr Furcht vor solchen haben als wir, die wir darinnen lebten. Es ist hier nicht der Platz, über das Für und Wider dieser wunderbaren Erscheinungen zu reden, aber sehr im Irrtum sind diejenigen, die glauben, mein Vater habe seine Forschungen auf diesem Gebiete phantastisch betrieben und sich und andere hineingesteigert. Es sind reine Tatsachen, die er niederschrieb, die mit klaren Blicken beobachtet wurden, nicht nur von ihm, sondern von Männern jedes Standes und Alters. Wie viele Männer, welchen der Gespensterglaube, ja jeder Glaube überhaupt ferne lag, kamen mit dem festen Vorsatz, nichts zu glauben und der Sache auf den Grund zu kommen, und gingen tief erschüttert von dieser so einfachen Frau fort, erfüllt von den unbestreitbaren Tatsachen, die sie erfahren mußten, und die sie trotz allem kalten und besonnenen Forschen nicht auszuklügeln vermochten. – Die drei Jahre, welche die Seherin in Weinsberg zubrachte, waren ein großer Gewinn für mich, der Zufluß von Fremden, darunter die geistreichsten Männer, war groß. Ich hörte mit Interesse den ernsten Gesprächen derselben zu und ich bin überzeugt, daß diese Zeit von bleibendem Einfluß auf mich wurde. Zu den überzeugtesten Anhängern der Seherin zählte David Strauß, damals noch gläubiger Theologe, der alle seine freie Zeit der Beobachtung derselben widmete. Noch bis in die spätesten Zeiten bewahrte er meinem Vater treue Anhänglichkeit trotz seiner nachher entgegengesetzten religiösen Anschauung, die der Vater oft tapfer bekämpfte. Neben allem ging unser Leben heiter und ungetrübt weiter, auch die Geister wurden unsere Freunde, und sie brachten es nicht dazu, daß es uns gruselte. Wären wir in solche Dinge hineingesteigert worden, so wäre es möglich, daß ich von mancher Erscheinung, die ich zu haben glaubte, erzählen könnte, das kann ich aber nicht. Nur einmal beobachtete ich, als ich bei der Seherin eine Nacht, größtenteils ruhig schlafend, zubrachte, einen wunderbaren Vorgang. Um zehn Uhr ging ich zu Bette. Wir wachten noch bis gegen elf Uhr, dann schlief ich ein. Vor zwölf Uhr begehrte Frau Hauffe etwas Suppe, woran ich aufwachte. Da fing es an, auf dem Boden sonderbar zu schlürfen und zu knistern; dann klopfte es an der Wand über dem Bette von Frau Hauffe und auf dem Boden, wie mit Hämmern und auf eine andere nicht zu beschreibende Weise. Dies dauerte eine Weile fort. Ich sah währenddessen genau auf Frau Hauffe. Sie lag ruhig ausgestreckt im Bette und hatte Arme und Hände bewegungslos auf der Bettdecke liegen. Sie fing nun an zu sprechen, aber ohne sich aufzurichten. Ihre Worte galten einer Erscheinung, die vielleicht an ihrem Bette stand, von mir aber nicht gesehen wurde. Nach einiger Zeit sagte Frau Hauffe zu mir: Der Geist sei nun gegangen, kehre aber nach einigen Minuten wieder, und wirklich fing es nach kurzem wieder an zu schlürfen und zu klopfen wie zuvor, worauf Frau Hauffe abermals mit der Erscheinung sprach. Ich hörte Frau Hauffe sagen: »Schlage es selbst auf.« Da blickte ich auf das Gesangbuch, das fern, von ihren Händen zugeklappt, mitten auf der Bettdecke lag, und sah mit einem Schauder, den ich bis dahin nie gefühlt hatte, wie der Deckel des Buchs sich bewegte und die Blätter von unsichtbarer Hand umgeschlagen wurden. Frau Hauffe lag noch immer starr mit ausgestreckten Armen und übereinandergelegten Händen, und weder an ihr noch an dem Bette war eine Bewegung zu sehen. Endlich sagte Frau Hauffe: »Gottlob, daß er wieder fort ist.« Ich wollte nun mit ihr über die Erscheinung sprechen und Näheres davon wissen. Sie wies mich aber mit den Worten ab, ich solle sie doch ruhig lassen und davon schweigen. Außerdem verkehrten wir mit der Seherin nie in solcher Weise, nicht weil es uns verboten gewesen wäre, sondern ihr selbst war es das liebste, wenn sie nicht von ihrem Zustande reden mußte, und somit blieben unsere Gespräche mit ihr größtenteils auf unserem Gebiete. Einen Vorteil hatten wir von der Geisterfurcht, die unser Haus umgab, daß unsere Gärten vor jedem Diebstahl bewahrt waren. Wie oft blieben Kleidungsstücke usw. in denselben während der Nacht liegen, aber weder diese noch Gemüse oder Obst wurden je von fremder Hand berührt. Der Turm im Garten erhielt im Volksmunde den Namen Geisterturm; die Sage ging, daß der Vater in der Nacht dort die Geister beschwöre. Von der Benützung des Turmes zu so geheimnisvollen Zwecken habe ich nie erfahren, ich weiß nur von Stunden, die mit fröhlichen, noch im Körper weilenden Geistern dort verbracht wurden, und wo allerdings mancher in Flaschen gebannte Geist seine Befreiung fand, was ich als Kellermeisterin bezeugen kann. Ich will diesen Abschnitt nicht schließen, ohne noch eine zweite merkwürdige Geschichte zu erzählen, die ich erlebte. Man wird es einer Tochter Justinus Kerners nicht verübeln, wenn sie sich etwas in der Nachtseite der Natur ergeht. Es war einige Jahre später, als zu dem Vater ein Bauersmann aus dem Hohenlohischen, aus Orlach bei Hall, mit einer netten, blühenden, noch sehr jungen Tochter kam und ihm die Krankengeschichte derselben vortrug. Wir hatten an diesem Tage viele Besuche, und es gab für mich die Hände voll zu tun; ich hätte keine Zeit gefunden, auf die Krankengeschichte zu achten, war auch nicht begierig darauf, denn es war ja etwas Gewöhnliches, daß Kranke jeder Art täglich zum Vater kamen. Erst spät abends sagte mir der Vater, daß für das Mädchen im oberen Zimmer des Schweizerhauses ein Bett gerichtet werden müsse, indem sie bei uns bleibe. Ihr Vater, der im Wirtshaus übernachtete, begleitete sie an die Türe des Zimmers und schloß dieselbe von außen ab. Ich schlief im ersten Stock, zwei Zimmer entfernt von den Eltern, und kam spät am Abend und todmüde endlich zur Ruhe. In meiner großen Übermüdung versäumte ich, die Bibel, in der ich immer noch vor Einschlafen zu lesen gewöhnt war, an das Bett zu nehmen. Ich schlief gleich ein, wachte aber bald wieder auf und hörte, wie der Nachtwächter ein Uhr rief und der Eilwagen am Hause vorüberfuhr. Da war es mir auf einmal, als bewege sich eine schwarze, formlose Masse gegen mich, und ich empfand an meiner rechten Hand einen Druck, unter dem das Gefühl über mich kam, als sei es mir unmöglich, die geringste Bewegung zu machen. Dieses Gefühl hielt mehrere Minuten an, dann verschwand es, wie es gekommen war, und ich schlief nach einiger Zeit wieder ein, bis die Mutter kam, um mich zum Aufstehen zu erwecken. Dieser erzählte ich die Begebnisse der Nacht, worauf sie meinte: »Du wirst geträumt haben.« Daß dieses nicht der Fall war, wußte ich aber gewiß. Nicht lange nachher kam das Orlacher Mädchen aus ihrem Zimmer herab, fiel auf den nächsten Stuhl nieder und bekam ihren sogenannten Anfall; in diesem wußte sie nichts von sich, es sprach ein anderes Wesen mit total veränderter Stimme und Ausdrücken, die dem Mädchen sonst ganz fremd waren, aus ihr. Die Stimme gab sich für einen Mönch aus, der zeitweise Besitz von dem Mädchen nahm. Mir war die Verwandlung, die mit dem Mädchen vorging, etwas ganz Neues, und ich stand erstaunt vor ihr. Auf einmal wendete die Stimme sich an mich, mit den Worten: »Gelt! dich habe ich heute nacht recht gekriegt, du hast dich brav nicht mehr rühren können, zu dir komm ich noch öfters.« Später, als ich die Anfälle gewöhnt war und ich mich mit dem Schwarzen (so hieß man ihn, weil das Mädchen vor jedem Anfall eine schwarze Gestalt auf sich zugehen sah) befreundet hatte, fragte ich ihn: »Nun, warum bist du unterdessen nicht mehr gekommen?« Darauf erwiderte er: »Tue nur das Buch weg, das jede Nacht neben dir liegt, so komme ich schon.« Das Buch (die Bibel) blieb aber jede Nacht mein treuer Hüter, und den Schwarzen sah ich nie mehr. Dies ist eine einfache Tatsache, die ich erlebte. Wer mehr über diese Erscheinungen wissen will, der lese »Die Geschichte zweier Besessenen neuerer Zeit.« Meine Mutter Wir Kinder führten, von der treuen, zärtlichen Liebe der Eltern umgeben, ein glückliches Leben. Theobald mußte zwar später sehr viel lernen, es ging ihm aber wunderbar leicht. Mit großem Interesse trieben wir zusammen die Geschichte der Alten. An Hannibal und Scipio drohte manchmal unsere Einigkeit zu scheitern; die Größe des einen gegen den andern zu verteidigen, brachte uns oft in den größten Eifer, aber auf die Dauer konnten auch diese Helden unserer bewährten Eintracht keinen Eintrag tun. Wir wurden einfach gehalten, sowohl in der Kleidung als anderen Lebensbedürfnissen. Es war damals leichter als jetzt, etwas Besseres als das ganz Gewöhnliche zu geben. Mit Wildbret versah uns der gute Onkel reichlich, es wurde solches auf den Hohenlohischen Jagden viel geschossen. Das Pfund eines guten Rehbratens kam nicht über acht Kreuzer. Fische wurden ins Haus gebracht auch zu einem jetzt unerhört billigen Preis, und mit Krebsen kamen aus benachbarten Dörfern Knaben, die sie zu Hunderten in Säckchen brachten und beispiellos wenig dafür forderten. Sonst war aber unsere Küche einfach, Torten, Kuchen und derartige Leckereien blieben ihr fremd. Der Bedarf an Wein wurde im Herbst gekauft, ich erinnere mich manchen Jahres, in dem der Eimer nur zehn Gulden kostete. Eine Lieblingsspeise des Vaters war eine Fleischpastete, welche die Mutter besonders gut zu bereiten wußte. Er, dem das Rechnen sonst ferne lag, gab sich gerne damit ab, auszurechnen, was die Bereitung dieser Speise kostete, und brachte bei der Fleischpastete ein überraschend günstiges Resultat heraus. Einem verarmten Buchbinder von Weinsberg, der im Hause bei uns Bücher einband, wurde von einer solchen aufgetischt. Er meinte, noch nie etwas so Gutes gegessen zu haben, und als der Vater ihm erklärte, welch billige Speise es sei, wurde er ganz bedenklich. Den Tag darauf kam seine Frau in Tränen zur Mutter und klagte, ihr Mann sei schrecklich mit ihr umgegangen und beschuldige sie, eine schlechte Hausfrau zu sein; er sage, da sei es kein Wunder, daß sie so rückwärts kämen, da sie nicht so gute und so billige Speisen zu bereiten wisse wie die Doktorin. Die Mutter möchte jetzt nur so gut sein und ihr das Rezept von dieser wohlfeilen Speise geben. Die Mutter suchte die arme Frau zu beruhigen und klärte den Mann darüber auf, daß es noch andere Wege zur Sparsamkeit gebe als den, Fleischpasteten zu essen. Wir Kinder saßen immer mit zu Tisch, was auch sonst noch für Gäste da waren, und durften durch stilles Zuhören an allem teilnehmen, was gesprochen wurde. Nie bekamen wir jedoch etwas anderes als unsere einfache Kost, und was darüber noch für die Gäste bestimmt war, das mußten wir vorübergehen lassen, das wußten wir schon. Der Tag brach im Sommer früh für uns an, die Mutter stand meistens schon um vier Uhr auf und besorgte ihre häuslichen Geschäfte; auch für den Vater war die frühe Morgenstunde die ruhigste Zeit, seinen schriftstellerischen Arbeiten nachzukommen. Wir Kinder durften auch nicht lange zu Bett bleiben, Theobalds Unterrichtsstunden fingen bei seinem eifrigen Lehrer Walker schon um fünf Uhr an, und ich durfte bald der Mutter bei ihren Arbeiten helfen. Da konnte mir das frühe Aufstehen nicht schwer werden, denn es war gar zu schön, mit der Mutter im Haus oder Garten zu arbeiten; wie rasch ging ihr alles von der Hand, und wie herzlich frisch und belehrend war ihre Unterhaltung dabei. Es ruhte ein eigener Segen auf allem, was sie tat; jede Arbeit kam schön und flink aus ihrer Hand und so, wie sie sein sollte. Alles, was sie berührte, hatte sein Gedeihen und war gesegnet. Mir war es oft wunderbar zu sehen, wie, wenn unerwartet mehrere Personen zu Tisch kamen und ich Sorge hatte, das Fleisch könnte nicht reichen, dasselbe beim Zerteilen unter ihrer Hand gleichsam zuzunehmen schien und jedes seinen reichlichen Teil erhalten konnte. Es gab bei nichts, mochte es noch so überraschend kommen, eine Unruhe oder Lärmen, still und unbemerkt wurde alles getan. Nie wurde ein Gast durch das unangenehme Gefühl, er mache Arbeit, gestört; es ging alles im gewohnten Geleise fort, deshalb war auch jedermann sogleich zu Hause und in der Behaglichkeit. Da es des Vaters größte Freude war, liebe Gäste bei sich zu haben, so übte die Mutter diese Gastfreundschaft mit Liebe aus, obgleich sie oft mit der größten Aufopferung von ihrer Seite verbunden war. Ihre Gesundheit war sehr zart, besonders litt sie häufig an nervösen Kopfschmerzen; oft, wenn sie sich nicht mehr aufrecht halten konnte und sich niederlegen mußte, konnte der Vater im Jammer kommen: »Rickele, ich sehe Besuche kommen, wenn sie ahnen, daß du krank bist, gehen sie wieder«, und sie überwand sich ihm zulieb, stand auf und empfing die Gäste, sorgfältig ihre Schmerzen verhehlend. – Wie seinerzeit in Welzheim schmeckte dem Vater noch immer jede von ihr zubereitete Speise am besten. Oft stand sie in der Küche und sorgte für Lieblingsgerichte, während ein Kreis von Dichtern, Dichterinnen und gelehrten Damen um den Vater versammelt war. Dann konnte sie zu mir mit ihrem stillen Lächeln sagen: »Die werden denken, was doch der Kerner für eine prosaische Frau hat. Das tut aber nichts, wenn es ihnen nur gut schmeckt, was wir kochen.« Und schmecken mußte es jedem, der bei ihr am Tisch saß; ich höre noch ihre liebe Stimme, wenn sie mit freundlichem Zuspruch die Speisen darbot und sagte: »So nehmt doch, aber auch recht.« Recht mußte alles bei ihr sein, das sprach ihr ganzes Wesen aus. Nach ihrem Tode rief ihr der Vater folgenden Vers nach: »Nur recht, nur recht!« war oft dein liebes Wort, Recht, recht hast du gesorget immerfort, Recht mitgeteilt, geliebet recht und echt! O bleib in mir so lang, bis ich bin tot, recht, recht! Daß sie eine prosaische Frau sei, konnte nur ein oberflächlicher und flüchtiger Beobachter sagen. Wer auch nur kurze Zeit in ihrer Nähe war, der mußte finden, daß sie dem Vater war, was ein Weib im edelsten, erhabensten Sinne dem Manne sein soll. War irgendeine Begebenheit aus des Vaters Leben zu erzählen, so gab er sich keine Mühe damit, seine »Memoria« – so hieß er oft seine Frau – mußte es tun; es konnte auch niemand so ruhig, klar und witzig es wiedergeben wie sie. Der Vater konnte nichts unternehmen ohne sein Rickele. Kein Brief wurde abgeschickt, den sie nicht vorher gelesen hatte. Nichts, was er schrieb, dünkte ihm fertig, ohne daß die Mutter ihr Urteil abgegeben hatte. Das tiefe Gefühl und der klare Verstand, die sich bei ihr in seltener Vereinigung fanden, gaben ihr das beste Verständnis für des Vaters ganzes Wesen, dadurch wußte sie auch für seine oft quälende Melancholie die besten Mittel durch Trost, Rat und Tat. Als der Vater einmal wieder sehr trüb gestimmt und voll Todesahnungen war, denen er in mehreren Briefen an Freunde Ausdruck gab, brachte er, wie gewöhnlich, der Mutter dieselben zum Lesen. Nachdem sie damit fertig war, sagte sie in ihrer ruhigen Weise: »Aber Kerner, wenn du diese Briefe abschickst, kannst du fast mit Ehren nicht mehr fortleben.« Bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit war sie ihm auch insofern eine treue Gefährtin, als sie ihm seine Manuskripte abschrieb und zum Druck vorbereitete. Keine Schrift war dem Vater so lieb wie die von der Mutter. Bei ihrer klaren, sicheren Hand hatte er die wenigsten Korrekturen zu erwarten. In wie mancher Nacht, wenn der Vater nicht schlafen konnte, diktierte er der Mutter, besonders als sein Augenlicht immer mehr abnahm. Sie war immer da und bereit, wo sie ihm etwas helfen konnte. Auch in seinem Amte als Oberamtsarzt stand sie ihm treulich bei. Die meisten Berichte an das Medizinalkollegium schrieb sie ins reine, und die ärztlichen Tabellen arbeitete sie ihm aus. Wo es sich um Zahlen handelte, überließ der Vater alles ihr. Die Armen hatten in ihr eine Wohltäterin, die nicht nur gab; sie ging auch liebreich in ihre Verhältnisse ein, und keines ging ungetröstet von ihr. Nicht nur leiblich versorgte die Mutter die vielerlei geistig und körperlich Kranken, die nacheinander unser Haus beherbergte, sondern sie wirkte auch gemütlich auf sie ein, gleich dem besten Arzte. Wenn Kranke kamen und auf den Vater, der gerade auf der Landpraxis war, warten mußten, hörte sie mit Liebe und Geduld ihre Klagen an und oft, wenn der Vater zu lange nicht kam, gingen sie beruhigt mit einem von ihr geratenen Mittel nach Hause, das auch seine gute Wirkung tat. Auf alles, was den Vater betraf, ging sie mit Liebe ein; so machte sie auch bei seinen Forschungen, die mancher Frau recht unbequem gewesen wären, ihm die Wege eben und hielt das Unangenehme derselben so viel wie möglich von ihm fern. Der Vater hatte sich auch so gewöhnt, sein Rickele für sich sorgen zu lassen, daß er, als sie ihn verlassen mußte, in Wahrheit sagen konnte: Bin wie ein Kind, das, seine Mutter erst verloren, weinend in der Nacht steht ... Tod der Eltern Das Schwerste konnte die Mutter nicht vom Vater abwenden; sie mußte ihn verlassen und er noch acht Jahre ohne sein Rickele sein. Mein Vater hatte kaum die Kraft, der Mutter seine Trostlosigkeit zu verbergen. Vor meiner Mutter war auch keine Täuschung möglich. Sie fühlte selbst zu genau das Nahen des Todes, sah ihm mit Ruhe und in vollster Geistesgegenwart entgegen; es kam keine Klage über ihre Lippen, all ihr Denken war nur darauf gerichtet, den armen Vater zu trösten. Als er in der Nacht vor dem Ostersonntag an ihrem Sterbelager kniete und sie fühlte, wie seine Tränen auf ihre Hand niederstürzten, flüsterte sie: »Du darfst nicht weinen, ich wills nicht haben; du störst sonst meine Ruhe. Wir waren so viele, viele Jahre glücklich miteinander. Es wäre undankbar von dir, wenn du über die kurze Zeit der Trennung klagen würdest. Bald sind wir wieder beisammen, und dann gibts kein Scheiden mehr.« – Das waren ihre letzten Worte. Am übernächsten Morgen, in aller Frühe, während mein Vater noch schlief, wurde die Mutter ganz still und ohne Glockengeläut und Gesang, um ihn nicht auf die Begräbnisstunde aufmerksam zu machen, zur Erde bestattet. Wie beklage ich, daß wir kein Bild von unserer Mutter haben, wenigstens keines, das nur entfernt Ähnlichkeit mit ihr hat. Die Mutter war eine kleine, zarte Frau, erst in späteren Jahren wurde sie stärker; sie hatte dunkle Haare, eine schöne geistreiche Stirne – wie oft drückte der Vater einen Kuß darauf – und blaue Augen, die alles aussprachen, was Schönes in ihr war: Geist, Herzensgüte und klaren Verstand. Sie war geistig lebhaft, aber in ihren Bewegungen ruhig, alles war im Einklang bei ihr. In der Kleidung war sie sehr einfach, aber immer so wohl geordnet, daß sie vom frühen Morgen an, von jeder Arbeit hinweg, nie in Verlegenheit kam, welcherlei Gäste sie auch zu empfangen hatte. In späteren Jahren trug sie immer ein weißes Häubchen, welches das liebe Gesicht fein einrahmte. Sie hatte eine besonders schöne Hand, an welcher der Vater immer die größte Freude hatte. Nach dem Tode der Mutter blieb mein Vater noch lange in einem klaglosen, traumartigen Zustand, nur in Gedichten sprach er sein Heimweh nach der Hingegangenen aus. Wenn Fremde kamen, bemühte er sich, heiter zu erscheinen, aber um so mehr quälte ihn die Sehnsucht in den schlaflosen Nächten. Dazu kam vermehrtes Leiden durch Gicht und Erblindung. Und so hat er dies Leben noch acht Jahre ertragen, bis ihn ein Grippeanfall wohltätig erlöste. In der Nacht vom 21. auf den 22. Februar 1862 starb er bei klarem Bewußtsein, nachdem er jedem von uns, die wir sein Krankenlager umstanden, die Hand gegeben und uns zu gegenseitiger Liebe ermahnt hatte, mit den Worten: »Herr, dein Werk ist vollbracht.« Und einige Minuten später: »Gute Nacht, gute Nacht! Schlaft alle wohl.« Unentstellt vom Eingriff des Todes lag er in seiner braunen Kapuzinerkutte, die er in der letzten Zeit statt eines Schlafrocks zu tragen gewohnt war, wie schlafend da. Der Sarg wurde neben dem Grabe der Mutter in die Erde versenkt – Weinsberg hatte seinen besten Bürger begraben. Von unserem Turm und von der Weibertreu wehte eine Woche lang eine schwarze Fahne. – Seinem Wunsche entsprechend wurde als Grabdenkmal eine Granitplatte angefertigt, auf der zu lesen steht:   Friederike Kerner und ihr Justinus