Karl Kraus Grimassen Aufsätze 1902 – 1914 Apokalypse (Offener Brief an das Publikum) »Den Überwinder will ich genießen lassen von dem Lebensholze, das in meines Gottes Paradiese steht.« Am 1. April 1909 wird aller menschlichen Voraussicht nach die »Fackel« ihr Erscheinen einstellen. Den Weltuntergang aber datiere ich von der Eröffnung der Luftschiffahrt. Eine Verzögerung beider Ereignisse aus äußeren Gründen könnte an meiner Berechtigung nichts ändern, sie vorherzusagen, und nichts an der Erkenntnis, daß beide ihre Wurzel in demselben phänomenalen Übel haben: in dem fieberhaften Fortschritt der menschlichen Dummheit. Es ist meine Religion, zu glauben, daß das Manometer auf 99 steht. An allen Enden dringen die Gase aus der Welthirnjauche, kein Atemholen bleibt der Kultur und am Ende liegt eine tote Menschheit neben ihren Werken, die zu erfinden ihr so viel Geist gekostet hat, daß ihr keiner mehr übrig blieb, sie zu nützen. Wir waren kompliziert genug, die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen. Wir treiben einen Weltverkehr auf schmalspurigen Gehirnbahnen. Aber siehe, die Natur hat sich gegen die Versuche, eine weitere Dimension für die Zwecke der zivilisatorischen Niedertracht zu mißbrauchen, aufgelehnt und den Pionieren der Unkultur zu verstehen gegeben, daß es nicht nur Maschinen gibt, sondern auch Stürme! »Hinausgeworfen ward der große Drache, der alle Welt verführt, geworfen ward er auf die Erde ... Er war nicht mächtig genug, einen Platz im Himmel zu behaupten.« Die Luft wollte sich verpesten, aber nicht »erobern« lassen. Michael stritt mit dem Drachen, und Michel sah zu. Vorläufig hat die Natur gesiegt. Aber sie wird als die Klügere nachgeben und einer ausgehöhlten Menschheit den Triumph gönnen, an der Erfüllung ihres Lieblingswunsches zugrundezugehen. Bis zum Betrieb der Luftschiffahrt gedulde sich das Chaos – dann kehre es wieder! Daß Montgolfieren vor hundert Jahren aufstiegen, war durch die dichterische Verklärung, die ein Jean Paul davon gab, gerechtfertigt für alle Zeiten; doch kein Gehirn mehr, das Eindrücke zu Bildern formen könnte, wird in den Tagen leben, da eine höhenstaplerische Gesellschaft zu ihrem Ziel gelangen und der Parvenu ein Maßbegriff sein wird. Es ist ein metaphysisches Bubenspiel: aber der Drache, den sie steigen lassen, wird lebendig. Man wird auf die Gesellschaftsordnung spucken können, und davon würde sie unfehlbar Schaden nehmen, wenn ihr nicht schlimmere Sendung zugedacht wäre. Die Natur mahnt zur Besinnung über ein Leben, das auf Äußerlichkeiten gestellt ist. Eine kosmische Unzufriedenheit gibt sich allenthalben kund, Sommerschnee und Winterhitze demonstrieren gegen den Materialismus, der das Dasein zum Prokrustesbett macht, Krankheiten der Seele als Bauchweh behandelt und das Antlitz der Natur entstellen möchte, wo immer er ihrer Züge gewahr wird: an der Natur, am Weibe und am Künstler. Einer Welt, die ihren Untergang ertrüge, wenn ihr nur seine kinematographische Vorführung nicht versagt bleibt, kann man mit dem Unbegreiflichen nicht bange machen. Aber unsereins nimmt ein Erdbeben als Protest gegen die Sicherheit dieser Ordnung ohneweiters hin und zweifelt keinen Augenblick an der Möglichkeit, daß ein Übermaß menschlicher Dummheit die Elemente empören könnte. Die Tragik einer gefallenen Menschheit, die für das Leben in der Zivilisation viel schlechter taugt als eine Jungfer fürs Bordell, und die sich mit der Moral über die Syphilis trösten möchte, ist verschärft durch den unaufhörlichen Verzicht auf alle seelische Erneuerung. Ihr Leib ist ethisch geschmiert und ihr Hirn ist eine camera obscura, die mit Druckerschwärze ausgepicht ist. Sie möchte vor der Presse, die ihr das Mark vergiftet hat, in die Wälder fliehen, und findet keine Wälder mehr. Wo einst ragende Bäume den Dank der Erde zum Himmel hoben, türmen sich Sonntagsauflagen. Hat man nicht ausgerechnet, daß eine große Zeitung für eine einzige Ausgabe eine Papiermasse braucht, zu deren Herstellung zehntausend Bäume von zwanzig Meter Höhe gefällt werden mußten? Es ist schneller nachgedruckt als nachgeforstet. Wehe, wenn es so weit kommt, daß die Bäume bloß täglich zweimal, aber sonst keine Blätter tragen! »Und aus dem Rauche kamen Heuschrecken über die Erde, welchen Macht gegeben wurde, wie die Skorpionen Macht haben ... Menschen ähnlich waren ihre Gesichter ... Und es ward ihnen geboten, weder das Gras auf der Erde, noch etwas Grünes, noch irgend einen Baum zu beschädigen, sondern bloß die Menschen, die nicht haben das Siegel Gottes an ihren Stirnen.« Aber sie beschädigten die Menschen, und schonten die Bäume nicht. Da besinnt sich die Menschheit, daß ihr der Sauerstoff vom Fortschritt entzogen wurde und rennt in den Sport. Aber der Sport ist ein Adoptivkind des Fortschritts, er trägt schon auf eigene Faust zur Verdummung der Familie bei. Kein Entrinnen! Auch wenn sie auf dem Misthaufen des Lebens Tennis spielen, die Schmutzflut kommt immer näher und das Sausen aller Fabriken übertönt so wenig ihr Geräusch wie die Klänge der Symphoniekonzerte, zu denen die ganz Verlassenen ihre Zuflucht nehmen. Inzwischen tun die Politiker ihre Pflicht. Es sind Märtyrer ihres Berufs. Ich habe gehört, daß Österreich Bosnien annektiert hat. Warum auch nicht? Man will alles beisammen haben, wenn alles aufhören soll. Immerhin ist solch ein einigend Band eine gewagte Unternehmung, – in Amerika, wo man uns so oft verwechselt hat, heißt es dann wieder, Bosnien habe Österreich annektiert. Erst die Auflösung unseres Staates, von der in der letzten Zeit so viel die Rede war und die sich separat vollziehen wird, weil die anderen Weltgegenden nicht in solcher Gesellschaft zugrundegehen wollen, dürfte allem müßigen Gerede ein Ende machen. Doch es ist eine weitblickende Politik, den Balkan durcheinanderzubringen. Dort sind die Reserven zur Herstellung des allgemeinen Chaos. Aber die eigenen Wanzen mobilisieren bereits gegen die europäische Kultur. Die Aufgabe der Religion, die Menschheit zu trösten, die zum Galgen geht, die Aufgabe der Politik, sie lebensüberdrüssig zu machen, die Aufgabe der Humanität, ihr die Galgenfrist abzukürzen und gleich die Henkermahlzeit zu vergiften! Durch Deutschland zieht ein apokalyptiscber Reiter, der [sich] für viere ausgibt. Er ist Volldampf voraus in allen Gassen. Sein Schnurrbart reicht von Aufgang bis Niedergang und von Süden gen Norden. »Und dem Reiter ward Macht gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, und daß sie sich einander erwürgten.« Dann aber sehe ich ihn wieder als das Tier mit den zehn Hörnern und den sieben Köpfen und einem Maul gleich dem Rachen eines Löwen. »Man betete das Tier an und sprach: Wer ist dem Tiere gleich? Und wer vermag mit ihm zu streiten? Ein Maul ward ihm zugelassen, große Dinge zu reden.« Neben diesem aber steht die große Hure, »die mit ihrer Hurerei die Welt verdarb«. Indem sie sich allen, die da wollten, täglich zweimal hingab. »Von dem Wollustwein ihrer Unzucht haben alle Völker getrunken, und die Könige der Erde buhlten mit ihr.« Wie werden die Leute aussehen, deren Großväter Zeitgenossen des Max Nordau gewesen sind? Am Tage Börsengeschäfte abgewickelt und am Abend Feuilletons gelesen haben? Werden sie aussehen?! Weh dir, daß du der Enkel eines alten Lesers der Neuen Freien Presse bist! Aber so weit läßt es die Natur nicht kommen, die ihre Beziehungen zur Presse streng nach deren Verhalten gegen die Kultur eingerichtet hat. Einer journalisierten Welt wird die Schmach eines lebensunfähigen Nachwuchses erspart sein: das Geschlecht, dessen Fortsetzung der Leser mit Spannung entgegensieht, bleibt im Übersatz. Die Schöpfung versagt das Imprimatur. Der intellektuelle Wechselbalg, den eine Ratze an innerer Kultur beschämen müßte, wird abgelegt. Der Jammer ist so groß, daß er gleich den Trost mitbringt, es komme nicht so weit. Nein, der Bankert aus Journalismus und Hysterie pflanzt sich nicht fort! Über die Vorstellung, daß es ein Verbrechen sein soll, der heute vorrätigen Menschensorte die Frucht abzutreiben, lacht ein Totengräber ihrer Mißgeburten. Aber die Natur arbeitet schon darauf hin, den Hebammen jede Versuchung zu ersparen! Die Vereinfachung der Gehirnwindungen, die ein Triumph der liberalen Bildung ist, wird die Menschen selbst zu jener geringfügigen Arbeit unfähig machen, deren Leistung die Natur ihnen eigens schmackhaft gemacht hat. So könnte die Aufführungsserie des »Walzertraums« einen jähen Abbruch erfahren. Aber glaubt man, daß die Erfolgsziffern der neuen Tonwerke ohne Einfluß auf die Gestaltung dieser Verhältnisse bleiben werden? Daß sie noch vor zwanzig Jahren möglich gewesen wären? Eine Welt von Wohllaut ist versunken, und ein krähender Hahn bleibt auf dem Repertoire; der Geist liegt auf dem Schindanger, und jeder Dreckhaufen ist ein Kristallpalast. Hat man den Parallelismus bemerkt, mit dem jedesmal ein neuer Triumph der »Lustigen Witwe« und ein Erdbeben gemeldet werden? Wir halten bei der apokalyptischen 666 ... Die mißhandelte Urnatur grollt; sie empört sich dagegen, daß sie die Elektrizität zum Betrieb der Dummheit geliefert haben soll. Habt ihr die Unregelmäßigkeiten der Jahreszeiten wahrgenommen? Kein Frühling kommt mehr, seitdem die Saison mit solcher Schmach erfüllt ist! Unsere Kultur besteht aus drei Schubfächern, von denen zwei sich schließen, wenn eines offen ist: aus Arbeit, Unterhaltung und Belehrung. Die chinesischen Jongleure bewältigen das ganze Leben mit einem Finger. Sie werden leichtes Spiel haben. Die gelbe Hoffnung! ... Meinen Ansprüchen auf Zivilisation würden allerdings die Schwarzen genügen. Nur, daß wir ihnen in der Sittlichkeit über sind. In Illinois hat es eine weiße Frau mit einem Neger gehalten. Das Verhältnis blieb nicht ohne Folgen: »Nachdem eine Menge Weißer zahlreiche Häuser im Negerviertel in Brand gesteckt und verschiedene Geschäfte erbrochen hatten, ergriffen sie einen Neger, schossen zahlreiche Kugeln auf ihn ab und knüpften die Leiche an einem Baum auf. Die Menge tanzte dann unter ungeheurem Jubelgeschrei um die Leiche herum.« In der Sittlichkeit sind wir ihnen über. Humanität, Bildung und Freiheit sind kostbare Güter, die mit Blut, Verstand und Menschenwürde nicht teuer genug erkauft sind. Nun, bis zu dem Chinesentraum versteige ich mich nicht; aber einem gelegentlichen Barbarenangriff auf die Bollwerke unserer Kultur, Parlamente, Redaktionen und Universitäten, könnte man zustimmen, wenn er nicht selbst wieder eine politische Sache wäre, also eine Gemeinheit. Als die Bauern eine Hochschule stürmten, wars nur der andere Pöbel, der seines Geistes Losung durchsetzen wollte. Die Dringlichkeit, die Universitäten in Bordelle zu verwandeln, damit die Wissenschaft wieder frei werde, sieht keine politische Partei ein. Aber die Professoren würden als Portiers eine Anstellung finden, weil die Vollbärte ausgenützt werden können und die Würde nun einmal da ist, und die Kollegiengelder wären reichlich hereingebracht. »Den Verzagten aber, und Ungläubigen, und Verruchten, und Totschlägern, und Götzendienern, und allen Lügnern, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt.« Was vermag nun ein Satirenschreiber vor einem Getriebe, dem ohnedies schon in jeder Stunde ein Hohngelächter der Hölle antwortet? Er vermag es zu hören, dieweil die anderen taub sind. Aber wenn er nicht gehört wird? Und wenn ihm selbst bange wird? Er versinkt im Heute und hat von einem Morgen nichts zu erwarten, weil es kein Morgen mehr gibt, und am wenigsten eines für die Werke des Geistes. Wer heute noch eine Welt hat, mit dem muß sie untergehen. Umso sicherer, je länger die äußere Welt Stand hält. Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes, der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab, ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann. Darum glaube ich einige Berechtigung zu dem Wahnwitz zu haben, daß die Fortdauer der »Fackel« ein Problem bedeute, während die Fortdauer der Welt bloß ein Experiment sei. Die tiefste Bescheidenheit, die vor der Welt zurücktritt, ist in ihr als Größenwahn verrufen. Wer von sich selbst spricht, weil kein anderer von ihm spricht, ist lästig. Wer niemand mit seiner Sache zu belasten wagt und sie selbst führt, damit sie nur einmal geführt sei ist anmaßend. Und dennoch weiß niemand besser als ich, daß mir alles Talent fehlt, mitzutun, daß mich auf jedem Schritt der absolute Mangel dessen hemmt, was unentbehrlich ist, um sich im Gedächtnis der Mitlebenden zu erhalten, der Mangel an Konkurrenzfähigkeit. Aber ich weiß auch, daß der Größenwahn vor der Bescheidenheit den Vorzug der Ehrlichkeit hat und daß es eine untrügliche Probe auf seine Berechtigung gibt: seinen künstlerischen Ausdruck. Darüber zu entscheiden, sind freilich die wenigsten Leser sachverständig, und man ist auch hier wieder auf den Größenwahn angewiesen. Er sprach: Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist; aber sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Und jedenfalls wäre es sogar ehrlicher, zum dionysischen Praterausrufer seiner selbst zu werden, als sich von dem Urteil der zahlenden Kundschaft abhängig zu machen. Die Journalisten sind so bescheiden, die Keime geistiger Saat für alle Zeiten totzutreten. Ich bin größenwahnsinnig: ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird. Meine Leser! Wir gehen jetzt zusammen ins zehnte Jahr, wir wollen nicht nebeneinander älter werden, ohne uns über die wichtigsten Mißverständnisse geeinigt zu haben. Die falsche Verteilung der Respekte, die der Journalismus durchführte, hat auch das Publikum zu einer verehrungswürdigen Standesperson gemacht. Das ist es nicht. Oder ist es bloß für den Sprecher, dem es die unmittelbare Wirkung des Worts bestätigt, nicht für den Schreibenden; für den Redner und Theatermann, nicht für den Künstler der Sprache. Der Journalismus, der auch das geschriebene Wort an die Pflicht unmittelbarer Wirkung band, hat die Gerechtsame des Publikums erweitert und ihm zu einer geistigen Tyrannis Mut gemacht, der sich jeder Künstler selbst dann entziehen muß, wenn er sie nur in den Nerven fühlt. Die Theaterkunst ist die einzige, vor der die Menge eine sachverständige Meinung hat und gegen jedes literarische Urteil behauptet. Aber das Eintrittsgeld, das sie bezahlt, um der Gaben des geschriebenen Wortes teilhaft zu werden, berechtigt sie nicht zu Beifalls- oder Mißfallsbezeigungen. Es ist bloß eine lächerliche Vergünstigung, die es dem einzelnen ermöglicht, um den Preis eines Schinkenbrots ein Werk des Geistes zu beziehen. Daß die Masse der zahlenden Leser den Gegenwert der schriftstellerischen Leistung bietet, wie die Masse der zahlenden Hörer den des Theatergenusses, wäre mir schon eine unerträgliche Fiktion. Aber gerade sie schlösse ein Zensurrecht des einzelnen Lesers aus und ließe bloß Kundgebungen der gesamten Leserschar zu. Der vereinzelte Zischer wird im Theater überstimmt, aber der Briefschreiber kann ohne akustischen Widerhall seine Dummheiten betätigen. Worunter ein Schriftsteller, der mit allen Nerven bei seiner Kunst ist, am tiefsten leidet, das ist die Anmaßung der Banalität, die sich ihm mit individuellem Anspruch auf Beachtung aufdrängt. Sie schafft ihm das furchtbare Gefühl, daß es Menschen gibt, die sich für den Erlag zweier Nickelmünzen an seiner Freiheit vergreifen wollen, und seine Phantasie öffnet ihm den Prospekt einer Welt, in der es nichts gibt als solche Menschen. Dagegen empfände er tatsächlich den organisierten Einspruch der Masse als eine logische Beruhigung, als die Ausübung eines wohlerworbenen Rechtes, als die kontraktliche Erfüllung einer Möglichkeit, auf die er vorbereitet sein mußte und die demnach weder seinem Stolz noch seinem Frieden ein Feindliches zumutet. Wenn sich die Enttäuschungen, die meine Leser in den letzten Jahren an mir erleben, eines Tages in einem Volksgemurmel Luft machten, ich würde mich in diesem eingerosteten Leben an der Bereicherung der Verkehrsformen freuen. Aber daß ein Chorist der öffentlichen Meinung sich vorschieben darf, meine Arie stört und daß ich die Nuancen einer Stupidität kennen lernen muß, die doch nur in der Gesamtheit imposant wirkt, ist wahrhaft gräßlich. Es ist eine liberale Wohlfahrtsinstitution, daß der Leser seine Freiheit gegen den Autor hat und daß seine Privilegien über das Naturrecht hinausreichen, den Bezug einer unangenehmen Zeitschrift aufzugeben; daß Menschen, mit denen ich wirklich nicht mehr als Essen und Verdauen und auch dies nur ungern gemeinsam habe, es wagen dürfen, mir ihr Mißfallen an meiner »Richtung« kundzutun oder gar zu begründen. Es schafft bloß augenblickliche Erleichterung, wenn ich in solchem Fall sofort das Abonnement auf die »Fackel« aufgebe und die Entziehung, so weit sie möglich ist, durchführen lasse. Deprimierend bleibt die Zähigkeit, mit der diese Leute auf ihrem Recht bestehen, meine Feder als die Dienerin ihrer Lebensauffassung und nicht als die Gefährtin meiner eigenen zu betrachten: vernichtend wirkt die Hoffnung, die sie noch am Grabe ihrer Wünsche aufpflanzen, dies lästige Zureden ihrer stofflichen Erwartungen. Wie weit es erst, wie unermeßlich weit es mich all den Sachen entrückt, die zu vertreten oder zu zertreten einst mir inneres Gebot war, ahnt keiner. Dem Publikum gilt die »Sache«. Ob ich mich über oder unter die Sache gestellt habe, das zu beurteilen, ist kein Publikum der Erde fähig; aber wenn es verurteilt, daß ich außerhalb der Sache stehe, so ist es berechtigt, schweigend seine Konsequenz zu ziehen. Daß ich die publizistische Daseinsberechtigung verloren habe, ist hoffentlich der Fall; die Form periodischen Erscheinens dient bloß meiner Produktivität, die mir in jedem Monat ein Buch schenkt. Zieht mir der periodische Schein dauernd Mißverständnisse zu, bringt er mir Querulanten ins Haus und die unerträglichen Scharen jener, denen Unrecht geschieht und denen ich nicht helfen kann, und jener, die mir Unrecht tun und denen ich nicht helfen will, so mache ich ihm ein Ende. Jetzt ist die Zeit zur Aussprache gekommen, aber ich bin immer noch nachgiebig genug, den Lesern die Entscheidung zu überlassen. Ich betrüge ihren Appetit, indem ich ihre Erwartung, Pikantes für den Nachtisch zu kriegen, enttäusche und ihnen Gedanken serviere, die der Nachtruhe gefährlich sind. Mich selbst bedrückt ihr Alp; denn es ist nicht meine Art, ahnungslose Gäste zu mißhandeln. Aber sie sollen im zehnten Jahr nicht sagen, daß sie ungewarnt zu Schaden gekommen sind. Wer dann noch mit dem Vorurteil zu mir kommt, daß ich ein Enthüller stofflicher Sensationen sei, daß ich berufsmäßig die Decken von den Häusern hebe, um lichtscheue Wahrheiten oder gar nur versteckte Peinlichkeiten emporzuziehen – der hat das Kopfweh seiner eigenen Unvorsichtigkeit zuzuschreiben. Ein Teil dieser Leser will »die Wahrheit« hören um ihrer selbst willen, der andere will Opfer bluten sehen. Das Instinktleben beider Gruppen ist plebejisch. Aber ich täusche sie, weil meine Farbe rot ist und mit der Verheißung lockt, zu erzählen, wie sichs ereignet hat. Daß ich längst heimlich in eine Betrachtungsweise abgeglitten bin, die als das einzige Ereignis gelten läßt: wie ichs erzähle, – das ist die letzte Enthüllung, die ich meinen Lesern schuldig bin. Ich täuschte, und war allemal tief betroffen, allemal wußte ich, daß ich mir dergleichen nicht zugetraut hätte; aber ich blieb dabei, Aphorismen zu sagen, wo ich Zustände enthüllen sollte. So schmarotze ich nur mehr an einem alten Renommee. Glaubt einer, daß es auf die Dauer ein angenehmes Bewußtsein ist? Nun, ich wollte den Lesern helfen und ihnen den Weg zeigen, der zur Entschädigung für den Ausfall an Sensationen führt. Ich wollte sie zu einem Verständnis für die Angelegenheiten der deutschen Sprache erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftspflichtige Hülle der Meinung begreift. Ich wollte sie entjournalisieren. Ich riet ihnen, meine Arbeiten zweimal zu lesen, damit sie auch etwas davon haben. Sie waren entrüstet und sahen im nächsten Heft nach, ob nicht doch etwas gegen die Zustände bei der Länderbank darin stehe ... Nun wollen wir sehen, wie lange das so weiter geht. Ich sage, daß der einzige öffentliche Übelstand, den noch aufzudecken sich lohnt, die Dummheit des Publikums ist. Das Publikum wünscht so allgemeine Themen nicht und schickt mir Affären ins Haus. Aber wie selten ist es, daß das Interesse der Skandalsucht mit meinen separatistischen Bestrebungen zusammentrifft! Wenns einen Fall Riehl gibt, verzeiht mir das Publikum die Gedanken, die ich mir dazu mache, und freut sich, daß es einen Fall Riehl gibt. Es ist ein schmerzliches Gefühl, eine Wohltat nicht zu verdienen; aber es ist geradezu tragisch, sein eigener Parasit zu sein. Denn das ist es ja eben, daß von meinem Wachstum, welches die Reihen meiner Anhänger so stark gelichtet hat, die Zahl meiner Leser im Durchschnitt nicht berührt wurde, und daß ich zwar kein guter Geschäftsmann bin, solange ich die »Fackel« bewahre, aber gewiß ein schlechter, wenn ich sie im Überdruß hinwerfe. Ziehe ich es vor, kein guter zu sein, so wird noch weniger als Gewinnsucht die Lust der Beweggrund sein, diesen Kunden zu gefallen. Sie mögen sich vermindern. In Tabakgeschäften neben dem Kleinen Witzblatt liegen zu müssen und neben all dem tristen Pack, das mit talentlosen Enthüllergebärden auf den Käufer wartet, es wird immer härter und es ist eine Schmach unseres Geisteslebens, an der ich nicht allzulange mehr Teil haben möchte. Um den wenigen, die es angeht, zugänglich zu sein, lohnt es nicht, sich den vielen Suchern des Stoffes hinzugeben. Und weil es toll ist, auf die Flucht aus der Aktualität Wiener Zeitungsleser mitzunehmen, so ist es anständig, sie dann und wann vor die Frage zu stellen, ob sie sich die Sache auch gründlich überlegt haben. Den Politikern bin ich ein Ästhet, den Ästheten ein Politiker. Der Unterschied ist geringer, als beide denken: dem Ästheten löst sich alles in eine Linie auf, dem Politiker in eine Fläche. Ich glaube, daß das nichtige Spiel, welches beide treiben, beide gleich weit vom Leben führt, in eine Ferne, in der sie überhaupt nicht mehr in Betracht kommen. Es ist tragisch, für jene Partei reklamiert zu werden, wenn man von dieser nichts wissen will, und zu dieser gehören zu müssen, weil man jene verachtet. Aus der Höhe wahrer Geistigkeit aber sieht man die Politik nur mehr als ästhetischen Tand und die Orchidee als eine Parteiblume. Es ist derselbe Mangel an Persönlichkeit, der die einen treibt, das Leben im Stoff, und die andern, das Leben in der Form zu suchen. Ich meine es anders als beide, wenn ich, fern den Tagen, da ich in äußeren Kämpfen lebte, fern aber auch den schönen Künsten des Friedens, mir heute den Gegner nach meinem Pfeil zurechtschnitze. Die Realität nicht suchen und nicht fliehen, sondern erschaffen und im Zerstören erst recht erschaffen: wie sollte man damit Gehirne beglücken, durch deren Windungen zweimal im Tag der Mist der Welt gekehrt wird? Über nichts fühlt sich das Publikum erhabener als über einen Autor, den es nicht versteht, aber Kommis, die sich hinter einer Budel nicht bewährt hätten oder haben, sind seine Heiligen. Den Journalisten nahm ein Gott, zu leiden, was sie sagen. Mir aber wird das Recht bestritten werden, meiner tiefsten Verbitterung Worte zu geben, denn nur den Stimmungen des Lesers darf eine Feder dienen, die für Leser schreibt. Meine Leser sind jene Weißen, die einen Neger lynchen, wenn er etwas Natürliches getan hat. Ich leiste feierlichen Verzicht auf die Rasse und will lieber überhaupt nicht gelesen sein, als von Leuten, die mich für ihre Rückständigkeit verantwortlich machen. Sie ist im Fortschritt begriffen – wie wird es mir ergehen? Die intellektuelle Presse macht dem Schwachsinn des Philisters Mut und erhebt die Plattheit zum Ideale: so sind die Folgen meiner Tätigkeit unabsehbar. Der letzte Tropf, der sich am sausenden Webstuhl der Zeit zu schaffen macht, wird mich als Müßiggänger verachten. Ich wollte nach Deutschland gehen, denn wenn man unter Österreichern lebt, lernt man die Deutschen nicht so sehr hassen als unbedingt notwendig ist. Ich wollte meine Angstrufe in Deutschland ausstoßen, denn in Österreich bezieht man sie am Ende auf die Kappen und nicht auf die Köpfe. Aber ein satanischer Trieb verlockt mich, die Entwicklung der Dinge hier abzuwarten und auszuharren, bis der große Tag des Zornes kommt und die tausend Jahre vollendet sind. Bis der Drache losgelassen ist und mir eine Stimme aus den Wolken ruft: »Flieg'n m'r, Euer Gnaden?« August Strindberg † Die Schrift im Herzen Strindbergs hat Bibellettern. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen. Und nahm seiner Rippen eine. Und bauete ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm. Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von meinem Beine, und Fleisch von meinem Fleische! Sie heiße Männin; denn vom Manne ist sie genommen ... Und sie sah, daß von dem Baume gut zu essen wäre ... Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß ... Dieses ist das Buch von des Menschen Geschlecht. Wieder ist alles einfach wie am siebenten Tag. Es ist der Schrei Adams, der mit dem Rücken zur Menschheit das Gleichnis Gottes sucht. Er erkennt, daß er nackt sei. Dort bewahrt der Cherub den Weg zu dem Baum des Lebens. Hier draußen aber ist dem Menschen das Weib zugesellt, geschaffen aus etwas, das ihm fehlt, geschaffen aus dem Mangel. Das Weib ist die Rippe, ohne die er leben muß; also kann er ohne das Weib nicht leben. Denn sie sind Ein Fleisch: so sollen sie zwei Seelen sein! Strindberg fordert von Gott die Rippe des Mannes zurück, denn Gott ist ihm die Seele des Weibes schuldig geblieben. Die Schöpfung ist ihm im Manne beschlossen, alles Weitere ist Minderung. Strindberg glaubte schon, ehe er seinen Frieden mit Gott machte: er glaubte an zuviel Gott. Die wahren Gläubigen sind es, welche das Göttliche vermissen. Er wollte nicht wissen, daß es Tag und Nacht gibt, Mann und Weib. Er forderte von Gott eine Hälfte ein. Er war ein Gläubiger Gottes: des Schuldners. Er mußte der Nacht verfallen und dem Weib, um auch dort Gott zu erleben. Und Gott rief: Adam, wo bist du? ... Er war am Weibe zum Chaos geworden, das Welt wurde im Dichter. Das Weib unterbricht in Strindberg die Schöpfung, weil es aus dem Glauben erschaffen ist, daß es zerstören könne. Aber das Weib zerstört nicht den Mann. Ihr Dasein kann hindern oder unnütz sein: so wird ihr Fernsein hilfreich wie Gottes linker Arm. Der mehr als ein Mann war und mehr als den Gott wollte, brauchte den Teufel, um zur Schöpfung zu kommen. Aber er war nicht wie Gott imstande, aus dem Mangel das Weib zu erschaffen. Er hat ihn nur wie Weininger tragisch erlebt, tragischer, weil er nicht den Ausweg Weiningers fand. Immer ist dort das Geschlecht des Mannes mit sich nicht fertig geworden, wo es die Seele des Weibes beruft. Aber der Geist kann nur am Gegenteil erstarken und nur, wenn er durch alle erkannten Mißformen der Weibkultur zum Ursprung strebt. Denn das Geschlecht des Weibes werde Geist, und Paulus schreibt an die Korinther: »Wie das von dem Manne ist, also ist der Mann durch das Weib da; Alles aber ist von Gott.« So hat auch Strindbergs Geist von dem Ursprung gelebt, den seine Erkenntnis floh, und im Pathos dieses Widerspruchs lebte er zwischen Himmel und Erde. Hebbels bürgerlichste Bürgschaft: Darüber kommt kein Mann weg, verwandelt sich in Strindberg zum Erdbeben: Über das Weib selbst kommt kein Mann weg. Denn »darüber« nicht wegzukommen, bringt jedermann zustande. Aber nur einer trägt für sie alle, ein christlicher Titan, den Himmel auf seinen Schultern ... Strindberg war immer, den Rücken zur Menschheit, auf dem Wege zu Gott, in Leidenschaft und Wissenschaft. Adam oder Faust, er sucht ihn im Laboratorium und in der Hölle der erotischen Verdammnis. Er sendet die letzte christliche Botschaft aus. Da er stirbt, geschehen am Himmel keine Zeichen, aber die Wunder der Erde wirtschaften ab. Die titanische Technik sinkt, und singt: Näher, mein Gott, zu Dir! Strindberg, sterbend, horcht auf und versucht eine Melodie. Bernhard Shaw, überlebend, zuckt die Achseln. Er glaubt nicht, daß näher zu Gott männlicher ist. Strindbergs Wahrheit: Die Weltordnung ist vom Weiblichen bedroht. Strindbergs Irrtum: Die Weltordnung ist vom Weibe bedroht. Es ist das Zeichen der Verwirrung, daß ein Irrender die Wahrheit sagt. Strindbergs Staunen über das Weib ist die Eisblume der christlichen Moral. Ein Nordwind blies, und es wird Winter werden. Aus der Branche Herr v. Hofmannsthal, der vom Rausch bei goldenen Bechern, in denen kein Wein ist, längst ernüchtert dahinlebt, macht sich nichts mehr daraus, daß man ihm daraufgekommen ist, wie er hinter dem Rücken der Unsterblichkeit mit dem Tag und dem Theater gepackelt hat. Nur die Schwäche ist ihm geblieben, feierlich zu begründen, was klug ersonnen war. Wenn man ein ganzes Goetheleben – Italienreise, Verpflegung mit inbegriffen – in relativ kurzer Zeit durchgemacht hat, so ist es nicht unbegreiflich, daß etwas im Ton zurückbleibt, was der Verteidigung nüchterner Theaterpläne zugutekommt. Man denkt dann nicht geradezu ans Repertoire und an Herrn Reinhardt, sondern spricht vom »Repertorium der deutschen Bühne«, das auch andere, etwa Tieck und Immermann, »in einem weltbürgerlichen Sinne ausbauten«. Sie seien sich bewußt gewesen, für das Theater und nicht für die Literaturgeschichte zu arbeiten. Der sich aber auf jene beruft, arbeitet selbst bei dieser Gelegenheit für die Literaturgeschichte. Er glaubt, ihr näher zu sein, wenn er so gestikuliert wie die, die zu ihr gehören. »Indem ich das Spiel von »Jedermann« auf die Bühne brachte, meine ich dem deutschen Repertorium nicht so sehr etwas gegeben als ihm etwas zurückgegeben zu haben ...« »Denn die englische Form des Gedichtes ist die lyrische Urform und weist auf einen späteren Bearbeiter hin, der mit so herrlichen Gaben Hans Sachs sehr wohl hätte sein mögen, aber dennoch nicht geworden ist.« »Gibt man sich mit dem Theater ab, es bleibt immer ein Politikum.« »Nicht das Gedicht, sondern der Raum, den wir wählten, die Menge, vor die wir es brachten, war hier der Gegenstand einiger Kritik.« »Man sprach vereinzelt von einem gelehrten Experiment...« »Ich habe Herrn Reinhardt nie schematisch handeln sehen, und ich glaube nicht, daß er etwas Geringes gegen das Gefühl des Dichters, für den er arbeitet, unternehmen würde, geschweige denn etwas so Großes.« »Ich nehme also mit besonderem Vergnügen die Verantwortung dafür auf mich, daß wir dieses Gedicht vor eine große, sehr große Menge brachten ...« Wäre es itzt nicht an der Zeit, daß der ehrwürdige Rodauner sich einmal in seiner Loge erhöhe und den Lachern ein »Man lache nicht!« zuriefe? Die große Menge hatte doch schon bei der Geburt des Herrn von Hofmannsthal gehofft, daß er einmal in den Schlafrock des alten Goethe hineinwachsen werde. Jetzt sollte er einmal ernstlich dazu schauen. Die Allüren sind da, die Beschäftigung mit dem Theater gleichfalls, gelegentliche Feuilletons zum Lobe schmieriger Kompilatoren können als Gelegenheitsdichtungen aufgefaßt werden – kurz, es ist alles da: nur der dritte Teil des Faust bleibt unvollendet. Mein Gutachten Ein Gedicht ist aufgefunden worden, man schreibt darüber, man glaubt, es sei von Heine, aber man traut sich nicht recht, es könnte auch von einem Nachahmer sein, man zweifelt, und so. Es enthält die folgenden Strophen: Eine Jungfrau war einst die Erde, Eine blonde, brünette Maid; Der hatte ein blonder Jüngling, Der Mond, seine Liebe geweiht. Sie liebten sich beide herzinnig Und hätten so gern sich vereint; Der Vater aber, der strenge, War ihrer Liebe gar feind, Drum drehet sich um die Erde Der Mond als ihr treuer Trabant; In stiller Trauer die Blicke Zur fernen Geliebten gewandt. Er umschwebt sie auf all' ihren Pfaden, Wohin sie auch wandeln mag, Und schaut in schmerzlicher Sehnsucht Mit bleichem Antlitz ihr nach. Er sendet Liebesboten Allnächtlich zu ihr hin; Das sind die Strahlen, die heimlich Durchs Dunkel der Bäume ziehn. Die nächtlich duftenden Blumen Betrauern der Herrin Geschick, Und senden dem Freund ihre Antwort In süßen Düften zurück. Auf ihrem Wellenbusen, Zum Zeichen ihrer Treu, An einer Sternenkette, Trägt sie sein Konterfey. Ich als Sachverständiger erkläre mit aller Bestimmtheit, daß gar kein Zweifel bestehen kann, sondern daß dieses Gedicht entweder von Heine oder von einem Nachahmer ist. Also jedenfalls von Heine, indem es wahrscheinlich von diesem und sicher von einem Nachahmer ist. Auf unklare Annahmen wie: Dieses Gedicht ist von Heine, oder: Dieses Gedicht kann nur von einem Nachahmer sein, lasse ich mich nicht ein. Es ist von Heine. Eine Rundfrage In Berlin wurde rundgefragt, welche Arbeiten wir im kommenden Jahre von unseren Lieblingen zu erwarten haben. Die Lieblinge zögerten nicht, dem Publikum Einblick in den Zeugungsakt zu gewähren, und plauderten »aus der Werkstatt«. Einer bedankte sich noch für die Aufmerksamkeit und teilte mit: ... daß ich an einer großen modernen Komödie arbeite und an einem umfangreichen Roman, welcher in der Fischer-von-Erlach-Zeit zu Wien und Florenz spielt; ferner arbeite ich an drei modernen Einaktern und an einer großen modernen Pantomime. Der Mann nennt sich natürlich Salten. Wenn's über ihn kommt, wird es schwer sein. Man denke, die vielen modernen Stoffe, und dann erst noch das à la Fischer von Erlach. Rothschild mit den vielen Hemden – zieht an zieht aus, zieht an zieht aus – hat's leichter gehabt. Es gehört schon eine gehörige Umsicht und Versiertheit in der Kunst dazu, die Zeugungsakte nicht zu verwechseln. Bekannte aus dem Varieté Nur ein schmales Plätzchen ist dem Varieté geblieben, um seinen Spiegel aufzustellen, der die großen Sonderbarkeiten des Lebens reiner spiegelt, als das Theater die kleinen Regelmäßigkeiten. Denn das Leben will vom Leben nichts wissen und von der Kunst nichts anderes wissen, als was es ohnehin schon weiß. Daß aber zweimal zwei am Ende doch fünf sind, ist eine Erfahrung, bei der dem Rechner die Pulse stocken. Das Theater erspart sie ihm. Es befriedigt seine Neugierde nach dem, was er schon weiß, während das Varieté sein Wissen enttäuscht. Das Theater kitzelt, das Varieté peitscht. Das Theater bietet Handlung und Meinung, die der Durchschnittsmensch fast so notwendig zum Leben braucht wie die Nahrung: rauchlosen Unterhalt des Gehirns. Im Theater darf bloß geschwitzt werden, wie vor jeder höheren Offenbarung. Das Geheimnis des Varietés bleibt in eine Rauchwolke gehüllt. Man kann sie mit dem Messer schneiden, aber man kommt nicht durch. Was sich hier abspielt, ist ganz danach angetan, dich zu beunruhigen. Du kannst es nicht nachmachen. Und spendest schließlich eine kalte Bewunderung, die sich mehr der heilen Glieder freut, als daß sie sich der trägen Glieder schämte. Dies Übermaß erschreckt dich, ermuntert dich nicht. Dieser halsbrecherische Humor macht dich nicht munter, sondern beklemmt dich, als gings dir selbst an den Hals. Treibt es das Schauspiel noch so bunt, »sie spaßen nur, vergiften im Spaß, kein Ärgernis in der Welt«, kann Hamlet den Besorgten trösten. Wo viele Worte gemacht werden, ist Zeit, zwischen Ernst und Spiel zu unterscheiden. Akrobaten aber und Clowns spielen jenseits der Grenze unserer Möglichkeiten und bieten darum schon im Spaß das Ärgernis. Daß zwei übereinander purzeln und auf die Nase fallen, das ist ein Humor, zu derb für unsern Geschmack und zu dürftig für unsern Verstand. Wir sagen, es sei ein kindisches Spiel, weil seine tiefere Bedeutung uns beleidigt. Ein Humor, so grundlos wie wir selbst. Nichts stellt er dar als uns selbst. Also alles, was wir nicht wissen. Er läßt uns Familie spielen, ehe er uns ins Leben stößt. Eine erstklassige Akrobatentruppe tritt auf. Ist das Wesen der Sippschaft in Freud und Leid sinnfälliger darzustellen? Wie hier alles doch, vom erwachsenen Sohn bis zum Schößling beiträgt, den Eltern ein sorgenfreies Alter zu sichern! Mit berechtigtem Stolze sieht das Mutterauge im Hintergrund auf die Tochter, von der man lange befürchtet hat, sie werde es über den Sautpérilleux nicht hinausbringen, und die heute bereits durch einen dreifachen Salto mortale fürs Leben ausgesorgt hat, während der leichtsinnige Schwiegersohn unaufhörlich die Welle schlägt. Russische Tanzfamilien waren mir stets unsympathisch, weil ich die tiefe Kniebeuge beim Laufen als einen übertriebenen Beweis slawischer Schicksalsergebenheit auffaßte. Aber unter dem Gesichtspunkte des Familienlebens brachte ich auch diesen Produktionen Verständnis entgegen, und ich stellte mir gerne vor, daß im Kaukasus die Kinder wippend zur Welt kommen, auf das bereit stehende Podium springen und den Tanz ums Dasein aufnehmen, für den sich die Eltern nicht mehr elastisch genug fühlen. Sicherlich ist kein künstlerischer Beruf so mit dem Wesen seines Trägers verwachsen wie der des Akrobaten. Kommt er von Kräften, so bleibt ihm immer die Geste, die dem kundigen Auge verrät, daß er einst in bessern Tagen Zentner gestemmt hat. Gelangt er aber in Lebensumstände, die es ihm ermöglichen, endlich zu genießen, nachdem er so lange nur »gearbeitet« hat, dann kann es geschehen, daß ihn plötzlich eine Art Nostalgie befällt. In Offenbachs lieblicher »Prinzessin von Trapezunt« wird gezeigt, wie eine Artistenfamilie sich aufführt, die unglücklicherweise den Haupttreffer gemacht und ein Schloß nebst Baronie erlangt hat: da kann einer doch nicht anders als über den Tisch springen, wenn er sich auf den Stuhl setzen will, und der Familienvater wird dabei betreten, wie er im Garten auf dem Wäscheseil spazieren geht oder gar wie er heimlich in die Küche schleicht und Feuer frißt. Sie alle aber drehen die Teller, bevor sie aus ihnen essen, und sind erst glücklich, sooft sie mit ihrer Vergangenheit »auf einem Fuße stehn«. Draußen jedoch stürmt das Leben mit seiner Unrast und seinen Gefahren. Die Knockabouts treten auf. Ward das Wesen der Familie, mit ihren Vorzügen und ihren Fehlern, an der Solidarität einer Akrobatentruppe erkennbar, so eröffnet die Leistung der Knockabouts tiefere Perspektiven. Hier steht nicht mehr der Bruder für den Bruder, hier steht der Mensch gegen den Menschen. Der Blutsverwandte kann ein Auge zudrücken, wenns einmal auf dem Trapez schief geht. Aber hier offenbart sich der menschliche Charakter dem erbarmungslosen Auge des Nebenmenschen. »Aoh, lieber Freund, was machen Sie hier?« beginnt es, und mit Püffen und Knüffen endet es. Am Hintern seines Nächsten entzündet einer sein Streichholz. So ist das Leben. Einer will Bier trinken: da bohrt er seinen besten Freund an und hält ein Gefäß unter die so entstandene Öffnung. Was ist der Mensch! Taugt er zur Maschine nicht, mag er kaputt gehen. Wir voltigieren über alle Widerstände der Materie, wir schwingen uns in die Luft, nichts scheint uns unerreichbar, und am Ende wären wir wirklich die Sieger über das Leben, wenn wir nicht im letzten Moment über einen Zahnstocher stolperten. Der Knockabout – das ist der Triumph der maschinellen Kultur: Hurtigkeit, die nicht vom Fleck kommt, Zweckstreberei, die ein Loch in die Luft macht. Der Komfort aber ist mit aller Humanität der Neuzeit ausgestattet, und wenn es praktisch ist, einem Menschen den Schädel einzuschlagen, so ist es doch wieder feinfühlig, ihn zu fragen: »Haben Sie das bemerkt?« Er könnte es übersehen haben; denn im Gemetzel der Automaten fließt kein Blut. Der Knockabout stellt uns alle zusammen dar. Sein Humor ist grundlos, wie wir selbst. Er hat Wirkung ohne Ursache, wie wir selbst von nirgendwo kommen, um fortzuschreiten. Das Riesenmaß seiner Gesten hat kein Vorbild in einem einzelnen Lebenstypus; sein gewalttätiger Humor umfaßt die ganze Tragik unserer Zweckbeflissenheit. Nur einer friedlichen Abart des Knockabout ist jeder von uns schon begegnet; einem, der seine Lebensauffassung nicht mit der Hacke durchsetzen will, aber auf jede andere Art, praktisch vorwärtszukommen trachtet. Das ist der Mann, der weitläufig wird, um nur ja keine Umstände zu machen, der die Berge kreißen läßt, um der Geburtshelfer einer Maus zu sein, und der viel Lärm macht, wenn er eine Omelette bereitet, weil er wie alle andern Künste selbstverständlich auch die Kochkunst aus dem FF versteht. Sein Lebensmotto ist die Versicherung: »Das werden wir gleich haben!« Das Resultat seiner Bemühungen ist aber, daß wir es nicht nur nicht gleich, sondern daß wir es überhaupt nicht haben, ja, daß wir es noch weniger haben als vor seiner freundlichen Intervention. Wenn du aber etwas hast, was dich nicht geniert, ein Wimmerl, so zieht er ein Pflaster aus der Tasche und du hast am andern Tag einen Karbunkel. Der Knockabout ist edel, hilfreich und gut. Auf dem Podium schlüge er dir die Schädeldecke ein, um deinen Kopfschmerz wegzubringen. So radikale Mittel wählt er im Leben nicht. Er hat es auf dein Wohl abgesehen, aber er erzwingt es nicht mit Gewalt. Wenn du an Hühneraugen leidest, so gibt er dir den Rat, dir das Bein amputieren zu lassen, doch er legt in so verzweifelten Fällen nicht selbst Hand an. Der Knockabout ist entgegenkommend und praktisch. Aber wenn er dir entgegenkommt, weiche ihm aus: die Vereinfachung des Lebens, die er sich und dir ansinnt, erfordert Aufwand und viel Geduld. Er trägt zehn Westen auf dem Leib und erspart sich deshalb, sie zu wechseln. Er ist der Mann des »omnia mea mecum porto«. Nun bedeutet es gewiß eine der größten Schwierigkeiten des Lebens, im Kaffeehaus einen Brief schreiben zu wollen. Ist aber der arme Teufel nicht bedauernswerter, der Papier, Füllfederhalter, Löschblatt, Siegellack und Marken mit sich und für die Erneuerung dieses Inventars immer Sorge tragen muß? Schnupfen bekommen ist fatal. Doch schlimmer denke ich mir die Selbstkasteiung, immer ein Mittel gegen Schnupfen bei sich zu haben, weil einmal der Fall eintreten könnte, daß man Schnupfen bekommt und die Apotheke geschlossen ist. Und wer zu solcher Vorsicht inkliniert, wird zuverlässig auch ein Mittel gegen Kopfschmerzen, eines gegen Zahnweh und etwa auch eins gegen Magendrücken bei sich haben, weil es doch ein ganz lächerlicher Optimismus wäre, zu glauben, daß Schnupfen die einzige Gefahr ist, die den Menschen bedroht, wenn die Apotheke geschlossen ist. Der Knockabout bepackt sich mit Dingen, die überflüssig sind, solange sie nicht notwendig sind. Schafft es ihm bloß der Trieb der Selbsterhaltung? Gewiß nicht. Er ist Altruist, er hat die Eigenschaft, sich den Menschen wohlgefällig zu machen. Da aber in der Fülle der Gelegenheiten Irrtümer unterlaufen können, so darfst du dich nicht beklagen, daß dir einmal gegen Zahnweh das Mittel gegeben wird, das eigentlich für Magenkrämpfe bestimmt war. Auch die Eile, dir das Mittel anzubieten, bevor du noch den Schmerz hast, könnte einen Mißgriff entschuldigen. Der Knockabout streift die Asche von seiner Zigarre mit der Kleiderbürste ab und läßt sie auf deinen Anzug fallen. Denn er hat natürlich eine Kleiderbürste bei sich, mit der er dir dann auch aushilft. Mit Kleidern weiß er überhaupt umzugehen. Er macht sich sofort erbötig, dir deinen Koffer zu packen, wenn du nur den Wunsch äußerst, auf Reisen zu gehen. Oh, das werden wir gleich haben! sagt er, denn er hat eine Methode, die Kleider so zu legen, »daß sie ein Jahr lang im Koffer bleiben können«, ohne in zerknittertem Zustand zum Schneider wandern zu müssen. Aber du begehst eben den Fehler, sie nicht ein Jahr lang im Koffer zu lassen, sondern schon nach einem Tag herauszunehmen, und wunderst dich dann, daß sie zerknittert sind und zum Schneider wandern müssen. Der Knockabout ist der Mann der Übertreibungen, und er behält mir deshalb nicht recht, weil die Leute so kleinmütig sind, sie nicht wörtlich zu nehmen. Sonst würde er zweifellos reüssieren. Er hat einen praktischen Zweck im Auge und ist bereit, ihm alle unwichtigeren Interessen unterzuordnen. Wenns finster wird, zündet er das Haus an, um sich bei der Lektüre nicht die Augen zu verderben. Er ist durchaus der Mann der Resultate, die darum nicht bedeutungsloser wären, weil sie auf Kosten unserer Gesundheit, Ehre, Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlfahrt erzielt würden. Der Knockabout ist der Fortschritt. Wahrlich, er verschluckt Kamele, aber keine Mücke bleibt in seinem Sieb! Wenn er gezeigt hat, daß das Leben ein grober Unfug ist, der mit dem Tod nicht schwer genug gestraft wird, tritt ein Philosoph auf die Szene, ders ganz anders treibt. Der Jongleur hat das Leben hinter sich. Was muß er alles durchgemacht haben, ehe er so weit kam, nämlich zu sich selbst. Er keucht keinem Zweck entgegen; er spielt mit den Dingen. Er lebt im sichern Port der Skepsis, hantiert mit zehn Bällen und weiß, daß einer wie der andere ist. Mißlingt ein Wurf, so hat er eine wundervoll resignierte Miene und wendet das Malheur zum Trick. Viele Illusionen können ihm nicht mehr zerstört werden, und im Bedarfsfalle hat er immer eine andere bei der Hand. Bis ein Teller herunterkommt, hat er noch Zeit, ein Messer hinaufzuwerfen, und findet stets einen gedeckten Tisch. Er ist ein Sonderling. Mit Weibern gibt er sich längst nicht mehr ab. Die Erfahrungen der Liebe haben ihm die Nase abgefressen, aber sein Verstand ist heil geblieben. Ihm ist so viel geschehen, daß ihm zu geschehn fast nichts mehr übrig blieb. Im Spiegel des Varietés wird uns bei unserer Menschenähnlichkeit bange. Darum wird ihm der Platz streitig gemacht, und Tiere und Theaterleute, die jetzt von allen Seiten eindringen, sollen uns darüber beruhigen, daß wir doch bessere Menschen sind. Das Varieté kämpft einen Verzweiflungskampf. Mit den boxenden Känguruhs könnte es paktieren, aber die Librettisten sind ein Pfahl in seinem Fleische. Ein Kalauer weckt die Lebensfreude der versammelten Intelligenz, die sich vor dem Spiel der Akrobaten, Clowns und Jongleure fürchtet. Der Geschmack des Publikums verhilft der Realität zum Sieg und schlägt den Zauber in die Flucht. Hier wie überall klauben sich die Gourmands die Fliegen aus dem Honig. Bitte an Menschenfreunde Ich bin alt und möchte mein Haus bestellen. Manches ist in Ordnung zu bringen. Ich bin vielen Leuten Erklärungen schuldig. Daß ich dies getan und jenes gelassen habe, genügte ihnen nicht. Sie wollten auch wissen, warum. Ich möchte ihnen, was sie zu fordern haben, zahlen, ehe ein unerledigter Posten meinem Andenken Schwierigkeiten macht. Es geht um das, was jene, die nicht einmal das haben, Ehre nennen. Meine Ehre also ist dort, wo ich sie nicht gern hinterlassen möchte: in den Händen der Leute. Es geht um eine Selbstverständlichkeit, für die ich nicht mehr pathetisch zu werden brauche, wenn sie mir genommen wird. Denn die Zeit ist vorüber, wo der Kampf gegen den Schmutz dem Kämpfer außer der Reinheit auch die Empfindlichkeit zur Pflicht machte. Wenn mich jetzt einer verdächtigt, schützt mich die Distanz. Jetzt schneide ich das Glas mit einem Diamanten: noch immer ist es nur Glas. Wie aber könnte Glas den Diamanten ritzen? Ein peinliches Geräusch, geistigen Dingen mit Verdächtigung der Motive beizukommen! Noch steigt mir das Blut zu Kopf, wenn einer behauptet, ich haßte nur, weit mir ein Butterbrot verweigert wurde: aber es ist nicht mehr wegen meiner Ehre, sondern schon wegen seiner Dummheit. Jetzt, da mir die Nacht über einem Wort vergeht, ist der Verdacht, daß der ganze Artikel aus Gewinnsucht geschrieben sei, wohl von der Hand zu weisen. Jetzt, da ich einem verlorenen Komma bis Leipzig nachlaufe, im Traum mir Feinde mache und die des Tages mir zu Hirngespinsten forme, dürfte der Beweis, daß es aus Skandalsucht geschieht, kaum mehr zu erbringen sein. Aber der leibhaftige Wiener kann dem Unbegreiflichen nur standhalten, wenn er es zu motivieren sucht, und weil ihm nur seine eigenen Motive zur Hand sind, verleumdet er. Gegen mich steht eine Skepsis, die an sich selbst verzweifeln müßte, wenn sie glaubte. Es darf nicht sein, daß ich ein Ehrenmann bin; sonst müßten Stadtteile an dem Gefühl ihrer Ehrlosigkeit zugrundegehen. Sie sind ohnedies ständig in Lebensgefahr. Haß, der nur aus Blicken spricht, ist Leiden. Könnte man ihn zu einer Tat summieren, ich wäre längst tausend Tode gestorben; da ich lebe, fürchte ich, daß die City an Gallensteinen leidet. Was muß die in den zwölf Jahren gelitten haben! Stumm; und die Satiriker, die der Stimmung Ausdruck gaben, verschlechterten nur den Zustand, Was als Angriff begrüßt wurde, erledigte sich als die Hemmungslosigkeit eines scherzhaften Schwachkopfs, und meine Feinde begannen sich meiner Spötter zu schämen. Mit mir anbinden wollen, war ein Symptom der Minderwertigkeit; der Wert hat nichts gegen mich. Es ist eine kulturelle Sensation, daß die Wut, die seit Jahren täglich an Stammtischen und in Ämtern, auf Jour und Korso explodiert, ihren ebenbürtigen literarischen Ausdruck noch nicht gefunden hat. So leidet diese Gesellschaft mehr durch mich als ich durch sie, von jedem Gut verlassen, auch von dem, der es zu sagen gibt. Sie helfen sich, indem sie mich für ihresgleichen halten; für einen, der ich wäre, wenn ich wie ich denken und wie sie empfinden könnte. Sie bewahren sich, indem sie einander versichern, ich sei aus jenen Eigenschaften zusammengesetzt, die sie sich im Alphabet der Gefühle eben noch zusammensetzen können: aus Rachsucht und Undankbarkeit. Da sie aber auch noch die Feigheit verstehen, so sagen sie es nicht laut. Immer nur einer dem andern, nie einer für alle. Das spuckt mir nun seit zwölf Jahren zwischen die Gedanken. Wenn ich fliegen möchte, halten sie sich an meine Achillesferse und unterstellen mir ihre Stofflichkeit. Was nützt es, daß sich meinen Weg entlang nachweisen ließe, wie ich immer nur Rache für persönliche Gefälligkeit nahm und undankbar war gegen öffentliche Gemeinheit! Die Welt der Beziehungen, in der ein Gruß stärker ist als ein Glaube und in der man sich des Feindes versichert, wenn man seine Hand erwischt, hält die Abkehr von ihrem System für Berechnung, und wenn sie den Herkules nicht geradezu verachtet, weil er sich und dreitausend Rindern das Leben schwer macht, so forscht sie nach seinen Motiven und fragt: Bitt Sie, was haben Sie gegen den Augias? Heute zwinge ich einen Schwätzer zu schriftlicher Abbitte, morgen wärmt seine leibliche Kaffeeschwester die Behauptung auf, man wisse schon, warum ich die Neue Freie Presse angreife. Hätten die Leute doch ein Gefühl dafür, daß hier längst nicht mehr die Lüge trifft, sondern nur die Dummheit! Daß selbst die Wahrheit nicht so beschämend für mich wäre wie für sie das Argument! Es ist tragisch, durch Kopfschmerzen an der Verteidigung seiner Ehre gehindert zu sein. Ich habe immer den Gegenbeweis, aber es wäre ein Beweis gegen mich, wenn ich den Ehrgeiz hätte, das Niveau zu halten, welches mir der Feind bestreitet. Es wäre blamabel, auf eine Darstellung zu verweisen, durch die ich schon vor zwölf Jahren Rechenschaft abgelegt habe. Und es wäre nutzlos; denn der Wasserkopf, den ich damals der Verleumdung abschlug, ist ihr nachgewachsen und wüchse ihr immer wieder. Wenn der Rationalismus Mythen bildet, ist ihm mit der Geschichtsschreibung nicht beizukommen. Es ist sicher, daß die Verleumder mit einem Antrag, wie ihn mir im Jahre 1898 die Neue Freie Presse gestellt hat, keine Fackel gegründet hätten. Darum muß es für sie feststehen, daß die Fackel gegründet wurde, weil ihr kein Antrag der Neuen Freien Presse vorausging. Aber selbst wenn die Tatsache wahr wäre und der Konnex beweisbar, was bewiese er gegen die Lauterkeit der Konsequenz? Könnte nicht ein persönlicher Anstoß die Vertretung einer allgemeinen Notwendigkeit übernommen haben? Und wenn es selbst wahr wäre, daß ich vor fünfzehn Jahren irgendeinen Kalbeck »um Protektion gebeten« habe, den ich zehn Jahre später für eine Versündigung an Hugo Wolf zur Rechenschaft zog: wie sollte diese elende Wahrheit mein Bild entstellen? Rache wäre hier Ehrenpflicht. Undank ist Befreiung, wenn ich dem Übel verbunden war. Und nur der Eifer, das Gegenteil zu beweisen, eine Schande. Oder soll ich meine tiefe Nichtachtung des Herrn Maximilian Harden, die wahrlich nicht mehr von dieser Welt ist, gegen den Vorwurf schützen, sie sei entstanden, weil mir eine Notiz, um die ich ihn angebettelt hätte, versagt wurde? Könnte Schäbigkeit so produktiv wirken, man müßte sie die Kinder lehren. Sechs verweigerte Grüße, die ich mir zu Herzen genommen, und sechs Einladungen zum Nachtmahl, die ich vergessen habe, reichen aus, um den verjauchten Hirnen meiner Zeitgenossenschaft zwölf Jahre am Schreibtisch zu erklären. Weil ich aber in dieser Dauer gewacht habe, wenn sie schliefen, gedacht habe, wenn sie rülpsten, gearbeitet habe, wenn sie sich vergnügten, so will ich mir auch eine Erholung gönnen! Meine Nerven lechzen nach den tatsächlichen Feststellungen, die meinen Kopf nicht interessieren. Es ist eine Emotion, die wohltut, auch einmal in der Zeit den Ehrenpunkt zu beziehen. Ich treibe keinen Sport, ich besuche kein Theater – ich will ein Gesellschaftsspiel mit der Verleumdung spielen und wenn der Plumpsack umgeht, so tun, als wäre ich getroffen. Ich werde beleidigt sein, wenn man mich beleidigt. Ich werde das Grauen, mich mit einem Subjekt, das sich Reklame machen will, im Gerichtssaal koordinieren zu lassen, überwinden. Nur muß ich verlangen, daß sich das Subjekt auch endlich melde. Mit anonymen Briefen ist mir nicht gedient. Sie sind so wenig zu fassen, wie signierte Zeitungsartikel, deren Urheber wohl wissen, daß ich nur gegen den klaren Vorwurf des Meuchelmords die Justiz. geschworener Lohnfuhrwerksbesitzer anrufen möchte und selbst dann nicht sicher wäre, ob sie den Beleidiger, der entweder Familienvater ist oder dem ich das Geschäft gestört habe, verurteilen würden. Berichtigungen sind untunlich. Denn die Lüge lebt parasitär von der Wahrheit, bläht sich im Stolz, von ihr beachtet zu sein, und ich habe den Wert meiner Existenz einschätzen gelernt, als ich einmal ein Plakat sah, das eine Zeitung ausgab, welcher ein unbekannter Narnensvetter eine Zuschrift geschickt hatte, und das den weithin sichtbaren Text trug: »Kraus berichtigt!« Es gibt keinen Schutz gegen Lüge, die mit Druckerschwärze umgeht; man behielte nur Recht, wenn man direkt ins Faß greifen und das Gesicht des Lügners beschmieren wollte. Der Beleidigung durch die Presse lasse ich, der die Presse wahrlich besser beleidigt, freien Lauf und jeder junge Schmock darf sich auch künftig an mir die Sporen verdienen. Was ich suche, ist die Beleidigung, die vor ein Bezirksgericht gebracht werden kann. Schließlich mag es ja meinen Feinden, denen es nur um die Wahrheit zu tun ist, gleichgiltig sein, ob man sie vor einem Juristen oder zwölf Kleingewerbetreibenden beweist. Aber wo ist der Mann, dem ich die Klage zustellen lassen könnte? Die Beleidigung surrt mir um die Ohren, nach jedem Heft und nach jeder Vorlesung melden sich Leute, die gehört haben, wie einer gesagt hat, er habe erfahren, daß einer gemeint hat, es lägen gegen mich die schwersten Bedenken vor oder es sei nicht alles Gold was glänzt oder Hochmut komme vor dem Fall oder der Simplicissimus habe mich gekauft, während mich die Neue Freie Presse nicht gekauft hat, und Herr Kalbeck habe einen Brief in Händen und es sei erweislich wahr, daß Herr Harden mich zurückstieß, und aller Laster Anfang sei schwer. Was es aussagt, habe ich; aber das Subjekt fehlt mir in der Syntax der Verleumdung. Ich habe den Vorschlag gemacht, daß ein Löwenmaul errichtet werde, worin die Feigheit alle Beschwerden über mich hinterlegen könne. Man ließ es bei dem Maul bewenden; bei jener anonymen Post, die nicht einmal immer den Adressaten erreicht. So rächt sich der Haß bloß an meinen Nerven, und täte sich doch erst genug, wenn er einmal zu einer Feststellung helfen wollte. Wäre der Halbschlaf nicht der Zustand, den ich mir für das Hindernisrennen des Tages vorbehalte, wahrlich ich könnte es nicht bestehen. Aber die Flüsterstimmen werden zudringlicher. Sie wollen mich in der Arbeit stören und schaffen sich Gehör bei Leuten, die ohne bösen Willen sich mit der Erwägung begnügen, wenn so viel gesagt werde, müsse »etwas dran« sein. Daß einer sich so lange überheben konnte, ohne durch stärkere Waffen, als Gerüchte sind, gebändigt zu werden, ist ihnen kein Einwand. Aber den Haß sollte die Aufgabe reizen, und wenn je eine, so diese ihm Mut machen, den Klatsch zu lassen und mit der Sprache herauszurücken. Auf die Satiriker ist kein Verlaß. Erstens können sie nicht schreiben, zweitens können sie nur dann schreiben, wenn sie mich abschreiben, und drittens können sie, wenn man gerade auf einen Angriff gefaßt ist, auch Liebesbriefe schreiben. Ich brauche ernste, gediegene Charaktere, die »etwas auf mir wissen«. Ich gebe zu bedenken, welches Verdienst es wäre, endlich zu enthüllen, daß ich eigentlich gar nicht der bin, sondern ein anderer, und daß ich die silbernen Löffel, mit denen ich die Weisheit gegessen, vorher gestohlen habe. Sollten wirklich Mächte wie die Neue Freie Presse, Herr Kalbeck oder Herr Harden dem Genuß, mich totzuschweigen, die Pflicht nachsetzen, mich zu entlarven? Könnten sie nicht der Vornehmheit wenigstens so viel vergeben, daß sie einem von den tausend Schmierfinken, die ihrem Wink gehorchen, das ihnen erschlossene Material liefern? Ich fordere Herrn Harden mit der Waffe seines Stabreims heraus: er räche zehntausend, denen das Würgen der Wut die Wange gewelkt hat! Stumme Blicke der Verzweiflung genügen mir nicht mehr. Ich bin das Schicksal, das sich der leidenden Kreatur erbarmt und sie zum Aufstand stachelt. Man versäume die Okkasion nicht. Man rede. Sollte sich aber – und den Fall müssen wir bedenken – zufällig ergeben, daß aus der leidenden Kreatur kein Ton herauszubringen ist, dann würde ich mich nicht scheuen, ihre Leiden zu vermehren! Ich würde alle Furien der Verdammnis zu Hilfe rufen, um zu rächen, was sie an mir verbrochen hat, um mein Dasein von ihrem Dabeisein zu sondern und um mir die Luftlinie zu den Idealen freizulegen. Ich würde der Banalität, die im Vollbesitz der bürgerlichen Rechte heute wagen darf, sich am Recht des Geistes zu vergreifen, einen solchen Schreck einjagen, daß sie sich in die Leibeigenschaft, ins Mittelalter, ins Ghetto zurückgeworfen wähnte und auf den Knien dankte für die Gnade, die die freie Meinungsäußerung gewährleistet und die man sich nicht verscherzen darf. Man muß die intelligente Mittelmäßigkeit, die vor Bildern grinst und Bücher über die Achsel liest, die sich durch Unglauben ihre Überlegenheit vor Gott und durch Frechheit ihre Sicherheit vor dem Künstler beweist, mit einem Ruck zu jenem Punkt hinreißen, wo die politischen Errungenschaften und die technischen Fortschritte wieder problematisch werden. Die Vorstellung, daß das allgemeine Wahlrecht in besonders berücksichtigenswerten Fällen entzogen und das Telephon strafweise abgenommen werden könnte, würde wie ein redaktionelles Erdbeben wirken. Der Geist, der den Wundern des Fortschritts Vorschub geleistet hat, könnte sie für Augenblicke so wieder verdunkeln, daß den glücklichen Besitzern angst und bange wird. Seine Hand langt selbst in die Gedankenfreiheit des Bürgers, greift unter das Bewußtsein der Bürgerin, und kann eine Generation heraufbringen, die die Kultur in Ruhe läßt und innerhalb ihres Horizonts ein bescheidenes, aber auskömmliches Dasein fristet. Das Ehrenkreuz In Österreich gibt es für junge Mädchen, die sich dem Laster in die Arme werfen, eine Klimax der Strafbarkeit. Man unterscheidet Mädchen, die sich der unbefugten Ausübung der Prostitution schuldig machen, Mädchen, die fälschlich angeben, daß sie unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehen, und schließlich Mädchen, die zwar zur Ausübung der Prostitution, jedoch nicht zur Tragung eines Ehrenkreuzes befugt sind. Diese Einteilung wirkt auf den ersten Blick verwirrend, entspricht aber durchaus den tatsächlichen Verhältnissen. Ein Mädchen, das einem Detektiv bedenklich schien – nichts scheint einem Detektiv bedenklicher als ein Mädchen –, gab an, sie stehe unter sittenpolizeilicher Kontrolle. Sie hatte sich nur einen Scherz erlaubt; aber man ging der Sache nach. Da sich ihre Angabe als unrichtig herausstellte, wurde sie wegen unbefugter Ausübung der Prostitution in polizeiliche Untersuchung gezogen. Da sich aber auch dieser Verdacht als ungerechtfertigt erwies und sich demnach herausstellte, daß sie überhaupt keine Prostitution ausübe, so erhob die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen Falschmeldung. Das Mädchen hatte sich, wie es in der Anklage hieß, »gegenüber dem Detektiv eine soziale Stellung angemaßt, die ihr nicht zukam«. Sie trieb weder erlaubte noch unerlaubte Prostitution, sie war also eine Schwindlerin, und nur weil sie bei der Verhandlung auf die Frage des Richters, was sie sich dabei gedacht habe, die Antwort gab: »Nichts«, entging sie der Verurteilung. Um also zu rekapitulieren: Sie hatte behauptet, sie stehe unter sittenpolizeilicher Kontrolle. Weil dies eine Unwahrheit war, wurde sie unter dem Verdachte des unsittlichen Lebenswandels in Untersuchung gezogen. Sie konnte nun zwar beweisen, daß sie nicht unsittlich genug sei, um einen unsittlichen Lebenswandel zu führen, aber sie konnte doch wieder nicht beweisen, daß sie sittlich genug sei, um unter sittenpolizeilicher Kontrolle zu stehen. So blieb nichts übrig, als sie wegen Falschmeldung anzuklagen, wegen deren ja schließlich auch die Mörder in Österreich verurteilt werden, wenn man ihnen den Mord nicht beweisen kann. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Wenn ein Mädchen zur Ausübung der Prostitution befugt ist, so könnte es vorkommen, daß sie es verschweigt und schwindelhafterweise angibt, sie sei zur Ausübung der Prostitution nicht befugt. Sie würde sich also einen unsittlichen Lebenswandel anmaßen, den sie nicht deshalb führt, weil sie dazu befugt ist, sondern den sie führt, wiewohl sie dazu nicht befugt ist, während sie in Wahrheit bloß befugt ist, einen unsittlichen Lebenswandel zu führen, den zu führen sie befugt ist. Solche Fälle kommen in der Praxis selten vor, und die Judikatur des Obersten Gerichtshofes ist schwankend. Am schwierigsten war aber der Fall, der sich kürzlich in Wiener-Neustadt zugetragen hat. In einem dortigen Freudenhause lebte ein Mädchen, das zur Ausübung der Prostitution befugt ist und bisher noch keinen Anstand gehabt hat. Sie hat sich nie einen unsittlichen Lebenswandel angemaßt, den sie nicht führt, und es ist ihr noch nicht einmal nachgewiesen worden, daß sie fälschlich angegeben hat, eine Prostitution nicht auszuüben, zu der sie befugt ist. Aber der Teufel reitet das bisher unbescholtene Mädchen, und sie geht eines Abends im Salon des Hauses mit einem Militärjubiläumsehrenkreuz an der Brust herum. »Dadurch erregte sie bei den Gästen –«, ja was glaubt man, hat sie dadurch bei den Gästen erregt? Nicht das, was man glaubt, sondern im Gegenteil: Ärgernis. Und wenn ein Freudenmädchen bei den Gästen eines Freudenhauses Ärgernis erregt, dann ist es wohl höchste Zeit, daß die Staatsanwaltschaft einschreitet. Tatsächlich wurde das Mädchen wegen einer Erregung, zu der sie nicht befugt war, angeklagt. Der erste Richter sprach sie frei. Er sagte, das Militärjubiläumsehrenkreuz sei kein Orden und das Ärgernis sei bloß ein solches Ärgernis, das von der Polizei zu ahnden sei. Damit gab er freilich zu, daß das Mädchen schuldig gewesen wäre, wenn sie etwa den Takowaerden getragen hätte. Es liegt nun zwar auf der Hand, daß das unbefugte Tragen eines Ordens vielleicht einen Journalisten, nie aber eine Prostituierte strafbar machen kann. In Wiener-Neustadt jedoch scheint die Frauenbewegung bereits derartige Fortschritte gemacht zu haben, daß man dort beide Geschlechter in gleichem Maße der Ordensstreberei für fähig hält. Immerhin sagte der erste Richter, ein Militärjubiläumsehrenkreuz sei kein Orden. Aber der Staatsanwalt war anderer Ansicht, er berief, und das Landesgericht verurteilte die Angeklagte zu zwanzig Kronen Geldstrafe. Ein Militärjubiläumschrenkreuz, sagte das Landesgericht, sei als Ehrenzeichen jedem Orden gleichzustellen. Und als besonders erschwerend nahm der Gerichtshof »das Tragen des Kreuzes im Freudenhause« an. Als die Angeklagte gefragt wurde, was sie sich dabei gedacht habe, gab sie zur Antwort: »Nichts«. Aber diesmal nützte die Antwort nichts. Denn eher noch dürfte sich ein anständiges Mädchen die Prostitution anmaßen als eine Prostituierte das Ehrenkreuz. Welche Entschuldigung hatte sie? Ein Zivilist, sagte sie, habe es ihr geschenkt. Er war nobel und gab ihr das Ehrenkreuz als Schandlohn. Aber dann hätte sie es eben in den Strumpf stecken sollen. Das Tragen eines Ehrenzeichens im Freudenhause steht nur dessen Gästen zu, und wenn sie dadurch das Ärgernis der Mädchen erregen sollten, so würden sich die Mädchen einer strafbaren Handlung schuldig machen. Gibt aber ein Gast einem Mädchen statt zwanzig Kronen ein Ehrenkreuz, so darf sie das Ehrenkreuz nicht tragen, oder muß die zwanzig Kronen dem Gericht geben. Denn die Justiz ist eine Hure, die sich nicht blitzen läßt und selbst von der Armut den Schandlohn einhebt! Das Gericht Aus einer und derselben Gerichtssaalrubrik Der 37jährige Straßenkehrer R. hatte zu dem Dienstmädchen Anna L., die im gleichen Hause wie er wohnte, eine Neigung gefaßt, fand aber keine Gelegenheit, sich ihr zu nähern. Am 28. November v. j. begab sich das Mädchen zeitlich früh in die Bügelkammer. R. schlich ihr nach, packte sie von rückwärts und versuchte sie zu küssen. Da sie sich wehrte und zu schreien begann, hielt er ihr mit der Hand den Mund zu, und zwar mit solcher Gewalt, daß sie an den Lippen leichte Verletzungen erlitt. Im Ringen fielen beide zu Boden, doch wehrte Anna L. so tapfer alle Angriffe ab, daß R. endlich von ihr abließ und aus der Bügelkammer flüchtete. Gestern hatte sich R. vor einem Erkenntnissenat wegen Einschränkung der persönlichen Freiheit zu verantworten. Der Angeklagte gab an, er habe das Mädchen nur küssen wollen; daß sie zu Boden gefallen sei, wisse er nicht, auch den Mund habe er ihr nicht zugehalten ... Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu vier Monaten schweren Kerkers. Gegen die Gemischtwarenverschleißerin Julie G. wurde kürzlich eine anonyme Anzeige erstattet, nach welcher die Frau ihr dreijähriges Söhnchen Leopold oft in der unmenschlichsten Weise mißhandelt, und zwar stets in der Abwesenheit ihres Gatten, der Sicherheitswachmann ist. Die hierauf gepflogenen Erhebungen führten zu einer Anklage, über die gestern der Bezirksrichter zu judizieren hatte. Zwei Zeuginnen erzählten geradezu schauerliche Einzelheiten aus dem Martyrium des Kindes, das bei dem geringfügigsten Anlaß blutig geprügelt wurde. Einmal soll ihn die Angeklagte derart auf den Mund geschlagen haben, daß die Oberlippe zum Teil durchtrennt wurde, und ehe noch die Wunde verheilt war, wurde sie durch neuerliche Mißhandlungen wieder aufgerissen. Als das Kind unlängst von einer Übelkeit befallen wurde, soll die Mutter ihm das Erbrochene wieder in den Mund gestopft haben. Wenn der Kleine infolge der Züchtigungen schrie, so pflegte ihm die Frau den Kopf in einen Polster zu drücken. Der Richter verurteilte die Angeklagte zur Strafe des strengen Verweises. »In der Nähe von jener alten Pforte mit dem bleiernen Kopfe, dem schicklichsten Zierat für die Schwelle einer alten Körperschaft mit bleiernem Kopfe, dem Temple Bar, ist der rauhe Nachmittag am rauhesten, ist der dichte Nebel am dichtesten, sind die schmutzigen Straßen am schmutzigsten. Und dicht am Temple Bar, in Lincolns Jun-Sale, so recht eigentlich im Herzen des Nebels, sitzt seine Lordschaft der Oberkanzler in seinem Hohen Kanzleigerichtshofe. Nimmer kann dorthin Nebel zu dicht kommen, nimmer kann dorthin Schlamm und Schmutz zu tief sich lagern, wenn er zu dem Zustande unsicheren Tastens und Umherfahrens passen soll, in dem sich angesichts von Himmel und Erde dieser Hohe Kanzleigerichtshof, der giftigste grauhaarige Sünder, den es geben mag, heute befindet. – – An einem solchen Nachmittage sollten, wie es heute der Fall ist, einige Dutzend Beisitzer des Hohen Kanzleigerichtshofes versammelt sitzen, nebelhaft vertieft in eines der zehntausend Stadien eines Prozesses ohne Ende, wobei dann einer dem andern, auf schlüpfrigen Präzedenzfällen fußend, ein Bein stellt, beide bis zu den Knien in technischen Förmlichkeiten, herumtappen, mit ihren mit Ziegen- und Roßhaar wattierten Schädeln wider Wälle von Worten rennen und mit ernsten Gesichtern nach Komödien-Art so tun, als wollten sie Recht und Billigkeit gelten lassen. – – Wie ich gestern diesen würdigen Gerichtshof mit so heiligem Ernste die Partie weiterleiern sah und bei mir dachte: wie jämmerlich es doch um die Figuren auf dem Brette bestellt sei, da taten mir Kopf und Herz zusammen bitter weh. Der Kopf schmerzte mir vom Sinnen darüber, wie es wohl gehen möchte, wenn die Menschheit weder aus Narren noch aus Schurken bestände – und das Herz tat mir weh über den Gedanken, daß die Menschen schließlich gar beides zusammen sein könnten –! – – Einen solchen Teufelskessel, wie dies Kanzleigericht hat's auf dem Antlitz der Erde nie mehr gegeben. – Weiter nichts als eine Mine drunten an einem Tage, wenn das Gericht Sitzung hat und flott bei der Arbeit ist, wenn alle seine Protokolle, Beschlüsse und Präzedenzfälle drin aufgestapelt sind, und auch alle Beamten und Würdenträger zur Stelle sind, die zu ihm gehören, hoch und niedrig, aufwärts und abwärts, von seinem Sohne, dem Hauptrechnungsführer bis zu seinem Vater dem Teufel, weiter nichts sage ich, als eine Pulvermine von zehntausend Zentner Gehalt und in Brand gesteckt und den ganzen Plunder zu Atomen verbrannt – weiter hilft da zum allermindesten nichts zu einer Reform!« Aus »Bleak House«, Roman von Charles Dickens Der alte Tepp Der Abgeordnete Bielohlawek hat Tolstoi einen »alten Teppen« genannt. Das ist nicht zu entschuldigen. Denn der Abgeordnete Bielohlawek hat von Tolstoi keine Ahnung, zu solchem Urteil aber könnte einer nur auf Grund genauer Kenntnis des Tolstoischen Wirkens gelangen. Und auch dann wäre der Ausdruck unziemlich. Es geht nicht an, und widerspricht auch durchaus den parlamentarischen Sitten, dem Altersschwachsinn einer Persönlichkeit von europäischem Ruf so respektlos zu begegnen und eine die Kultur umfassende dementia mit einem so rüden Wort abzutun. Herr Bielohlawek kennt von Tolstoi wahrscheinlich nicht mehr als den einen Ausspruch, den Herr Pernerstorfer zitiert hat. Und gerade dieser Ausspruch ist bei weitem nicht das Unsinnigste, was Tolstoi in den letzten Jahrzehnten verkündet hat. Auch in der allgemeinen Fassung, und nicht bloß auf Rußland bezogen, hat die Sentenz, daß die Wohnung der anständigen Menschen das Gefängnis sei, eine gewisse Berechtigung. Man muß nur von der härenen Kittel-Ergebenheit, die im Besitz von Millionen nach einem Martyrium lechzt, ein wenig absehen, dann könnte Tolstois Wort immerhin die Wahrheit erschließen, daß weniger unanständige Menschen im Gefängnis sind, als auf freiem Fuß. Es war also mindestens leichtfertig, auf diesen einen Ausspruch ein Urteil zu gründen, zu dem gewiß nur ein gewiegter Kenner dessen, was uns der russische Heiland etwa seit der Kreutzersonate offenbart hat, berufen wäre. Herr Bielohlawek, der es sich sonst trotz allen liberalen Dünkelmännern zum Vorzug anrechnen darf, vom Mutterwitz statt von der Bildung seine Urteile zu beziehen, hat sich ausnahmsweise auf ein Gebiet begeben, auf dem nur den Eingeweihten eine Meinung zusteht. Die Schützer der Bildung durfte es empören, daß über einen Weltweisen, an dem man mit dem Hut in der Hand eine respektable Abschwächung der Gehirntätigkeit feststellen muß, ein vulgäres Kraftwort gebraucht wurde. Als vor ein paar Jahren Tolstoi seine Enthüllungen über Shakespeare erscheinen ließ, durch die es auch dem letzten Zweifler offenbar wurde, daß Shakespeare ein alter Tepp sei, hätte kein gebildeter Europäer es gewagt, die Ehrfurcht vor Tolstoi durch ein rohes Wort zu verletzen. Keiner hätte sich dazu hergegeben, einem schon an der Schwelle der Unsterblichkeit stehenden Alten, der der Welt noch das Evangelium von der Nichtigkeit Shakespeares und anderer irdischen Genies brachte, auf den Mund zu schlagen. Ich selbst habe damals den Verdacht unterdrückt, daß ein alter Tepp das Wort ergriffen habe, den das Urchristentum allem Erfassen fremder künstlerischer Welten wie auch längst der eigenen Künstlerschaft entrückt hat. Ich war so zurückhaltend, ihn bloß einen alten Schwätzer zu nennen. Aber ich bin mir jetzt dessen bewußt, wie frivol auch diese Wertung eines urchristlichen Schänders meines Shakespeare-Heiligtums war, und aus Furcht, eine Ungerechtigkeit zu begehen, würde ich mir's heute dreimal überlegen, ehe ich ein Bekenntnis des Grafen Tolstoi ausschließlich von der pathologischen Seite nähme. Die Behauptung, daß er ein alter Tepp sei, ist nicht nur eine herzlose Ungebühr gegenüber einem Alten, nicht nur eine Dreistigkeit gegenüber einem Weltweisen, sie könnte auch eine Unbilligkeit gegenüber einem alten Weltweisen sein, von dem man ja doch nicht wissen kann und den noch keiner darauf untersucht hat, ob er nicht am Ende ein alter Mogler ist. Einer, der sich zu gern den »tribus magnis impostoribus« gesellen möchte, ohne an ihre Suggestivkraft heranzureichen. Man könnte schließlich auch aus der geistigen Verfassung derer, die eine Heilsbotschaft empfangen, auf den Ernst des Evangelisten schließen. Eine Welt, die zu nichts besserem geboren scheint als zum Betrogenwerden, harrt des Erlösers; und wer in den Ideenmischmasch dieser Zeit nur mit der Anweisung hineinfährt, Gras zu fressen und Shakespeare für einen Kretin zu halten, müßte wirklich schon ein ausgesuchtes Pech haben, um nicht als Heiliger verehrt zu werden. Wer aber der Armee seines Landes keine schöneren Siege wünscht als die Niederlagen, da dem Mutigen zwar die Welt, aber dem Feigen das Himmelreich gehört, Der Verfasser bekennt hier unumwunden, daß er der alten Auffassung von kriegerischer Tapferkeit, der diese Wendung entstammte, in dem Augenblick entsagt hat, als die blutige Wirklichkeit des Maschinenmordes ihr zu widersprechen anhub, also am 1. August 1914, bis zu welchem Zeitpunkt selbst der pazifistische Gedanke nicht voll geahnt hat, wie berechtigt er war. und wer sich dazu im Büßergewand unter tennisspielenden Enkeln photographieren läßt, der müßte schon ein abgefeimter Schwindler sein, wenn er nicht eine göttliche Mission zu vollenden hätte. Aber der Heiligenschein trügt nicht, ein mit allen Salben Geweihter stößt auf ein günstiges Vorurteil, und es ist ein wahres Glück, daß die Betriebsmittel dieser eitlen Zivilisation jede Bitte um ein Martyrium in ein paar Stunden um die Welt verbreiten können, so daß, wenn es einst vollbracht sein sollte, ein Golgatha von Telegraphenstangen dafür zeugen wird. Jetzt frage ich aber: Ist die Möglichkeit, daß der alte Tolstoi in vollster geistiger Frische ein bißchen mogelt, ausreichend, ihm die Sympathien einer organisierten Betrügerbande, wie sie der Intellektualismus darstellt, zu gewinnen? Genügt es ihr wirklich schon, daß einer nicht glaubt, was er sagt? Kommt es denn nicht darauf an, was er sagt? Ist jede Tendenz, auch die feindlichste, dem Liberalismus wohlgefällig, wenn nur Aussicht besteht, daß sie unecht ist? Wenn Tolstoi insgeheim wirklich der unwiderruflich letzte Christ wäre, und er predigte das Zinsennehmen, man könnte die fanatische Parteinahme des Herrn Benedikt für ihn begreifen. Ob aber sein Urchristentum eine fixe Idee oder eine Pose ist, an welchen Punkten, frage ich, berührt es die Kreise der Neuen Freien Presse? Warum ereifern sich die Händler und Wechsler für Christi Sendung? Wenn Herr Benedikt an Tolstoi glaubt, so müßte er sich ausnahmsweise dreimal bekreuzigen, sobald nur der Name in seiner Gegenwart ausgesprochen wird. Revolutionär sind die Ideenrichtungen beider. Aber was hat das Zerknirschungsideal des russischen Knechts, der das Väterchen im Himmel anwinselt, mit der Herrschsucht des liberalen Geistes zu tun, der der Menschheit den Zinsfuß auf den Nacken setzt? Die Sympathie wäre noch verständlich, wenn unter den Entsagungsvorschriften Tolstois auch die strikte Anweisung zu finden wäre: Wenn Dir die rechte Tasche ausgeraubt wurde, so halte auch die linke hin! So geistlos kann die Bildung doch nicht sein, daß sie sich wirklich verpflichtet fühlte, in allen Fällen bloß die Retourkutsche der Unbildung abzugeben. Denn schließlich steht diese den Verkündungen des Grafen Tolstoi näher als jene, steht Bielohlawek dem Urchristentum näher als Benedikt. Den Anfeindungen, die die Wissenschaft im niederösterreichischen Landtag erfährt, klatscht Tolstoi Beifall. Daß man Bazillen zu Versuchszwecken züchtet, erscheint ihm ebenso unbegreiflich wie irgendeinem christlich-sozialen Agitator, den die Neue Freie Presse darob verhöhnt. Er hält's mit den Dürrkräutlerinnen und verwirft die Wissenschaft, weil sie noch nie an nützliche Dinge gedacht hat, zum Beispiel, »wie Beil und Besenstiel am besten anzufertigen sind, wie eine gute Säge beschaffen sein muß, wie man gutes Brot backen kann, welche Mehlgattung sich dazu am besten eignet usw.« Ungefähr sagt das der Bielohlawek auch, nur mit ein bißchen andern Worten, und er tut beinahe so unrecht, Tolstoi einen alten Teppen zu nennen, wie der Benedikt, ihn in Schutz zu nehmen. Ich habe die unbestimmte Empfindung, daß Tolstoi in allen entscheidenden Fragen die Neue Freie Presse im Stich ließe; er hätte ihr höchstens als Nichtraucher sekundiert, aber sie schon als Impfgegner enttäuscht, denn es ist klar, daß das erste, was man bei einer ausbrechenden Epidemie zu veranlassen hat, die strenge Beachtung der Vorschrift ist, dem Übel nicht zu wehren. Wie kommt Saubengel »Saubengels:« damals vielzitierter Ausdruck eines deutschen Politikers für die Preßleute. unter die Propheten? Der Liberalismus ist weitherzig, er tanzt um das goldene Kalb und pflügt mit dem fremden. Wenn man – nach der Methode, die Herr Benedikt einmal empfahl – »einen Querschnitt durch Tolstoi machen könnte«, so würde man vielleicht weniger Christentum finden, als man erwarten durfte, aber doch noch immer genug, um die Sympathiekundgebungen des Liberalismus für einen faux pas zu halten. So selig die Armen im Geiste sein mögen, sie müßten die Lächerlichkeit dieses Bündnisses erkennen. Was in aller Welt – in jener, von der auch Tolstois Reich ist – hat der Fortschritt, der des Schwindelgeistes und der der Kultur, mit dem Urchristentum, dem gefühlten oder dem gepredigten, zu schaffen? Ein Ragout aus Mystik und Mystifikation könnte ja auch einem raffinierten Geschmack behagen, und es mag den Psychologen fesseln, daß einer zugleich ein Besitzender und ein Besessener sein kann. Alle Hochachtung vor einem tanzenden Derwisch, ha welche Lust Fakir zu sein, und selbst das Amok-Laufen ist eine schöne Beschäftigung. Aber unter allen die Zurechnungsfähigkeit ausschließenden Betätigungen scheint mir doch die Propaganda des Urchristentums – ein Amok-Laufen gegen den Sinn des Lebens – die allerbedenklichste, und so wahr es ist, daß die Kultur unseres Geistes von der Maschine verdrängt wird, so wahr ist es, daß der letzte Handlanger der sogenannten Zivilisation der Allgottheit näher steht als die Sorte von Fanatikern, die zuerst eine Panik der Geister erzeugen und dann als Notausgang die »Rückkehr zur Natur« offen lassen. Die Fegefeuerassekuranten, die die Kirche entsendet und die ohnehin oft zudringlicher sind, als es sich ziemt, erleichtern einem wenigstens die Lasten des Diesseits, indem sie sie in eine Versicherungsgebühr umwandeln. Aber die Tolstoische Lehre erhöht diese nicht nur, sondern läßt sie zugleich die Prämie bedeuten. Sie schlägt einem die Himmelstür vor der Nase zu, wer sein eigenes Weib ansieht, ihrer zu begehren, hat schon mit ihr die Ehe gebrochen, und es ist wahrhaft trostlos, daß man sich bereits bei Lebzeiten in den Höllenrachen stürzen soll, um der ewigen Seligkeit zu entgehen. Und welche Tantalusqualen, durch einen Altvaterbart, der uns das Dasein mit der Erinnerung an eine Likörmarke verschönert, zur Enthaltsamkeit gemahnt zu werden! Man hat ohnehin sein liebes Kreuz mit den Gottsuchern sowohl, wie mit jenen, die ihn schon gefunden haben; aber mit den Gottsuchern, die ihn leugnen, auszukommen ist verdammt schwer. Am besten, man sagt sich, daß sie achtzig Jahre alt sind, und daß wir, um mit Shakespeare, der ein alter Tepp war, zu sprechen, von ihren Jahren »nicht nur die Unvollkommenheiten längst eingewurzelter Gewohnheiten erwarten müssen, sondern außerdem noch den störrischen Eigensinn, den gebrechliches und reizbares Alter mit sich bringt«. Und daß sie »nicht hätten alt werden sollen, ehe sie klug geworden sind«. Nur der Liberalismus ist anderer Meinung. Ihm scheint nichts natürlicher, als daß sich die Todeszuckungen der europäischen Kultur unter dem harmonischen Gliederzucken eines alten Quäkers vollziehen. Aber diese Anpassung an die Tolstoische Gedankenwelt ist mehr, als man dem Fortschritt zugetraut hätte. Nicht die Parteinahme, nur die urchristliche Opferfähigkeit, die sich in ihr ausdrückt, müßte den Großgrundbesitzer von Jasnaja Poljana zu Tränen rühren. Das hat er nicht erwartet. Zwar hätte er seit der Exkommunizierung, die immer eine Aufnahme in den Schoß der allein seligmachenden Presse bedeutet, darauf gefaßt sein können, und wenngleich er in Bann getan wurde, weil ihm die Kirche zu wenig christlich war, so wirkte das Ereignis doch so animierend, daß damals der liberale Kursbericht mit dem Ausruf begann: »Tolstoi hat sich angeklagt!« Aber jetzt hat es nur des Zufalls bedurft, daß ein Sozialdemokrat ein Tolstoisches Wort zitierte und ein Christlichsozialer infolgedessen von Tolstoi abfiel, um Herrn Moritz Benedikt zu einem unumwundenen Bekenntnis seiner nazarenischen Weltanschauung zu bestimmen. Der Sektierergeist der österreichischen Politik tut seine Wunder. Längst wird kein Soldat mehr im Kaukasus oder in Przemysl den Fahneneid verweigern, so wird man noch die sinnverwirrenden Folgen der urchristlichen Propaganda im Leitartikel der Neuen Freien Presse zu spüren bekommen. Wenn sich die Gracchen über Aufruhr beklagen, so ist das nicht grotesker, als wenn die Aufklärung die Tolstoische Weltanschauung lobt. Im österreichischen Parlament wird jetzt – dank dem Herrn Hlibowitzki, dessen Namen man sich zu merken versuchen wird – zwischen Zola unterschieden, der bloß der gesamten Kulturwelt bekannt sei, und Tolstoi, »dessen Werke nicht bloß von den auf der höchsten Kulturstufe Stehenden hoch gepriesen werden, sondern selbst in die Hütten jener Volksstämme Afrikas und Amerikas ihren Eingang bereits gefunden haben, denen erst seit Kurzem das Licht der Zivilisation zu erblicken beschieden wurde«. Was blieb demnach dem Präsidenten anderes übrig, als sein Bedauern über den Zwischenruf des Herrn Bielohlawek auszusprechen? Er hätte höchstens noch hinzufügen können, daß in den Hütten jener Volksstämme Afrikas und Amerikas die Tolstoische Weltansicht eines wahren Verständnisses noch sicherer sei als bei den auf der höchsten Kulturstufe Stehenden, und zwar trotz der Zivilisation, deren Licht sie übrigens erst vor Kurzem erblickt haben. Aber der Vergleich Tolstois mit Zola entbehrt nicht eines gewissen Hintergrunds. Zola hat sich in den Augen der liberalen Welt von dem Makel seines künstlerischen Wertes durch sein Eintreten für Dreyfus gereinigt, und die Bedeutung Tolstois als Romanschriftsteller müßte keine unbestrittene sein, der Schimpf, den ihm Herr Bielohlawek angetan hat, erhöbe ihn hoch über Dostojewski, dem so etwas noch nicht passiert ist. Zola galt der liberalen Kritik als Schweinkerl, aber wer »j'accuse« sagt, s'excuse. Und wer galt Herrn Max Nordau nicht als Schweinkerl? Nicht als Entarteter? Als Idiot, als Halbnarr, Faselhans oder alter Tepp? Welcher Große blieb vor Verkleinerung bewahrt, welcher Alte vor Ehrfurchtsverletzung, welcher Tote vor Grabschändung? Wo lebte oder starb ein Nietzsche, ein Flaubert, ein Ibsen, ein Baudelaire, ein Puvis de Chavanne, ein Rodin, ein Oscar Wilde, der es nicht zu spüren bekam, daß selbst die Distanz, die ihn von einem Nordau trennt, überspuckt werden kann? Tolstoi einen alten Teppen zu nennen ist ein Unterfangen, das den Freisinn zur Abwehr herausfordert. Er hat vor der Zeiten Ungunst längst die Retirade bezogen; aber wenn er hört, daß die Bildung in Gefahr ist, gerät er aus dem Häuschen, in dem er sonst das Ende seiner Tage abgewartet hätte – der alte Tepp! Hält noch den Schlüssel zur wahren Erkenntnis in der Hand und das Zeitungspapier, dessen er sich bedient, und läuft auf die Gasse. Mit Prügeln wollen wir ihn zurückjagen. Denn wir brauchen seine Aufklärung nicht. Wir wissen schon, daß Herr Bielohlawek nicht berechtigt war, Tolstoi mit einem Wort abzutun. Herr Nordau hat das ausführlicher besorgt. Tolstoi ist kein alter Tepp, sondern: »Tolstois Weltanschauung, die Frucht der verzweiflungsvollen Denkarbeit seines ganzen Lebens, ist nichts als Nebel, Unverständnis seiner eigenen Fragen und Antworten und hohler Wortschwall« (»Entartung« Bd. 1, S. 275). Tolstoi ein alter Tepp? Nein, er läßt bloß durch eine seiner Figuren eine »delirierende Theorie vom Lebensgesetz« entwickeln (S. 286). Diese ist dem gesunden Menschenverstand des Herrn Nordau »sofort als das erkennbar, was sie ist: als Wahnsinn« (S. 287). »Kindisch sind seine Beschwerden und Spöttereien. Er spricht von der Wissenschaft wie der Blinde von den Farben ... Er gleicht Bouvard und Pécuchet, den beiden Idioten Flauberts, die gänzlich unwissend, ohne Lehrer und Führer, wahllos eine Anzahl Bücher durchblättern, selbstverständlich eine haarsträubende Dummheit nach der andern begehen und sich dann berechtigt glauben, auf die Wissenschaft zu schimpfen ... Der Entartete Flaubert und der Entartete Tolstoi begegnen sich hier in demselben Delirium« (S. 288). Ein alter Tepp? Nein, sage ich! Denn als Philosophie gibt der Tolstoismus »über Welt und Leben mit einigen sinnlosen oder widerspruchsvollen Umschreibungen absichtlich mißverstandener Bibelverse Aufschluß« (S. 291). Ein alter Tepp? Mehr Respekt, wenn ich bitten darf! Tolstois Mystizismus ist »eine von Emotivität begleitete krankhafte Dunkelheit und Zusammenhanglosigkeit des Denkens« (S. 293). Wie, ein alter Tepp? Er, der »der bloße Abklatsch einer Menschengattung ist, die in jedem Zeitalter Vertreter gehabt hat« und als deren Beispiel »Lombroso einen Verrückten anführt, der um 1680 in Schleswig lebte und behauptete, daß es weder Gott noch Hölle gebe, daß Priester und Richter unnütz und schädlich seien und die Ehe eine Unsittlichkeit usw.« (S. 294). Ein alter Tepp? Hol' die Pest alle Grobiane! Aber »der geistesklare, gesunde Turgeniew hat, ohne die Erfahrungen der Irrenärzte zu kennen, aus seiner natürlichen Empfindung heraus die innige Liebe Tolstois zu dem bedrückten Volke eine hysterische genannt ... Im Gegensatze zum selbstsüchtigen Geistesschwachen, lehrt Legrain, haben wir den Geistesschwachen, der menschenliebend ist, der tausend absurde Systeme aufbaut, um das Glück der Menschheit herbeizuführen« (S. 297). Und Legrain und Turgeniew haben Recht und weiß Gott, selbst Herr Nordau hat ausnahmsweise Recht! Und nur Herr Bielohlawek hat Unrecht. Er wird es sich künftig überlegen, mit solchen Worten herumzuwerfen. Nicht vergebens soll die Neue Freie Presse für die geistige Unversehrtheit Tolstois zweimal täglich jene Lanze gebrochen haben, die Gottfried von Bouillon, der bekanntlich gesagt hat, daß der Zinsfuß mit uns ist, in ihrem Lager zurückgelassen hat. Denn zwischen Bielohlawek und Nordau ist doch ein gewaltiger Unterschied: der eine spricht im Dialekt, der andere im Jargon. Wenn nun aber jemand einwenden sollte, daß die Ehrfurchtsbezeigungen des Herrn Nordau für Tolstoi bloß in einem Buch stehen und daß die Neue Freie Presse noch nicht dafür gesorgt hat, in ihren eigenen Spalten das Opfer des Herrn Bielohlawek dem Schutz des Herrn Nordau zu überantworten, so ist er ein unaufmerksamer Leser der Neuen Freien Presse. Denn wahrlich, ich sage euch, Herr Nordau hat auch hier schon das Seine getan, und Herr Bielohlawek hätte sich ein Beispiel daran nehmen können, wie respektvoll der gesunde Menschenverstand der ehrwürdigen Erscheinung eines großen Denkers gegenübersteht, von dem der Journalismus erwartet, daß er demnächst in vollster geistiger und körperlicher Frische seinen achtzigsten Geburtstag feiern wird. Denn es geschah im Jahre 1901 im zwölften Monat, am 28. des Monates, da redete Nordau zu den über die ganze Welt zerstreuten Lesern der Neuen Freien Presse und sprach: daß Tolstoi für »Millionen hochgebildeter Russen« nichts ist als ein »absurder Konfusionsrat, der nur lächerlich wäre, wenn sein mystisch-anarchistisches Geschwätz Schwachköpfen nicht gefährlich werden könnte«. Der Biberpelz Mein Wiener Dasein ist jetzt wieder reicher geworden, das ewige Sichdiewanddeslebensentlangdrücken, damit man auf dem Trottoir von keinem Trottel angesprochen wird, hat ein Ende, und jeder Tag bringt neue Abenteuer. Durch all die Jahre keine Gesellschaft, kein Theater, kein Blumenkorso – wie hält man das nur aus? Die Zufuhr der wertvollsten Eindrücke abgeschnitten; und wer weiß, wie lange der innere Proviant gereicht hätte. Selbst die Katastrophen der Saison, Komet und Jagdausstellung, schienen an diesem Zustand nichts ändern zu können. Gewiß, ich wills nicht verhehlen, ich erwartete mir einige Anregung vom Weltuntergang. Wenns aber wieder eine Niete wäre? So lebt man dahin auf dem schmalen Pfad, der von immer demselben Schreibtisch in immer dasselbe Lokal führt, wo man immer dieselben Speisen ißt und immer dieselben Menschen meidet. Froher wird man nicht dabei. Die Welt rings ist bunt, und man möchte sich doch an ihr reiben, um zu sehen, ob die Farbe heruntergeht. Man will nicht auf so viel verzichten, ohne zu erfahren, wie wenig man verliert. Nur einmal noch an der vollbesetzten Tafel sitzen, alle Rülpse der Lebensfreude wieder hören, die Schweißhand der Nächstenliebe drücken – ich träumte davon, und eine gütige Fee, wahrscheinlich jene, die den Operettenkomponisten die Lieder an der Wiege singt, hat mich erhört. Ich bin mitten drin, die Erde hat mich wieder – mein Pelz ist mir gestohlen worden! Nichts hätte mich den Menschen näher bringen können als der Diebstahl meines Pelzes. Ich müßte jetzt schon mit den Mitteln eines Caracalla arbeiten, wenn ich mich ihres Umgangs erwehren wollte. Jetzt gibts kein Zurück mehr in die Lebensflucht, jetzt heißt es in den sauern Apfel beißen und ein Menschenfreund sein! Ich habe mich lange genug verhaßt gemacht; aber nun vergeben sie mir, was sie an mir gesündigt haben. Sie vergeben mir, sie lieben mich, sie bedauern mich, sie bewundern mich, denn es läßt sich nicht mehr verbergen, alles Leugnen hilft nichts – mein Pelz ist mir gestohlen worden! Und in einem unbewachten Augenblick hatte mich da die Geselligkeit beim Wickel. Ich lebte still und harmlos, ich war ein Privatmann, denn ich übte seit vielen Jahren eine literarische Tätigkeit aus. Ich hatte nicht gewußt, daß ich vor allem einen Pelz besaß. Ich schrieb Bücher, aber die Leute verstanden nur den Pelz. Ich brachte mich selbst zum Opfer, und die Leute meinten den Pelz. Als ich ihn nicht mehr hatte, kam die allgemeine Anerkennung. Ich habe durch den Verlust des Pelzes die Aufmerksamkeit des Publikums gerechtfertigt, die ich durch den Besitz des Pelzes erregt hatte. Im Kaffeehaus – wo es geschah – war die erste Wirkung des entdeckten Diebstahls ein chaotisches Durcheinander, worin einige bestürzte Kaffeehausgäste zu zahlen vergaßen, und in dessen Mittelpunkt ich so plötzlich geraten war, daß ich mir erst auf dem Umweg der Überlegung darüber klar werden konnte, daß ich den Pelz bestimmt nicht gestohlen hatte. Man nahm eine Haltung an, als wollte man mir die Kleider, die ich noch hatte, vom Leibe reißen, und von allen Seiten brachen Vorwürfe wegen meiner Sorglosigkeit über mich herein. Auf diese Art schien sich die Empörung über den Dieb, der sich den Folgen seiner Handlungsweise entzogen hatte, Luft zu machen, denn mich hatte man, an mich konnte man sich halten, und wenn ich mich, erschöpft von der Untersuchung des Falles, zurücklehnte, in der rechten geistigen Verfassung, um endlich eine Zeitung zu lesen – dann ging der Chor der Nebenmenschen an mir vorüber und rief: »Nein, so was!« Ich spürte den Stachel des Vorwurfs. Zu spät sah ich ein, daß man, wenn man einen Pelz hat, auch gewisse Pflichten gegen die Welt hat, und es blieb mir nichts übrig, als jetzt jene letzte Pflicht gegen die Welt zu erfüllen, die man noch hat, wenn man keinen Pelz mehr hat: die Pflicht, Rede und Antwort zu stehen. Denn wenn es in solchen Fällen schon nicht mehr möglich ist, zu erfahren, wo der Pelz hingekommen ist, so muß man dem Publikum und der Polizei wenigstens darüber Auskunft geben, wo er hergekommen ist, wieviel er gekostet hat, wieviel er heute wert ist, ob der Kragen lange oder kurze Haare hatte, und ob die Schlinge aus Tuch oder aus Leder war. Die Polizei fragt außerdem noch, ob man einen Verdacht hat. Ein Verdacht wärmt, wenn man keinen Pelz hat, und ein Verdacht, den man hat, ist nach der Ansicht der Polizei immer eine hinreichende Entschädigung für die Gewißheit, die einem abhanden gekommen ist und die sie einem nie wieder verschaffen wird. Wozu diese Einmischung durch eine Amtshandlung? Ich hatte immer geglaubt, daß sich die Polizei um die öffentliche Sittlichkeit kümmere und nicht um Angelegenheiten des Privatlebens, wie einen gestohlenen Pelz. Aber diese Neugierde! Kaum war mir der Pelz gestohlen worden, waren auch schon drei Vertreter der Polizei im Lokal, drängten sich durch die Wucherer, die meinen Tisch umstanden und ihrer Entrüstung über den Diebstahl Ausdruck gaben, und fragten mich, ob ich einen Verdacht habe. Nun war auch die Nachbarschaft auf den Beinen, denn wie ein Lauffeuer hatte sich in der Großstadt das Gerücht verbreitet, und zahlreiche Passanten, unter denen man u. a. Persönlichkeiten bemerkte, die schon von ihrer Anwesenheit bei Premieren und Erdbeben bekannt sind, wohnten der Amtshandlung bei. So taktvoll und würdig nun sich der Pelzdiebstahl vollzogen hatte, in so marktschreierischer Weise äußerte sich das Mitgefühl des Publikums. Denn während die Pelzdiebe kein Aufsehen lieben, legen die Bankdiebe den größten Wert darauf, überall bemerkt und in den Zeitungen genannt zu werden. Hier freilich hatten sie sich einmal verrechnet. Denn die Zeitungen würden auch von einem Kometen keine Notiz nehmen, wenn sein Schweif meinen Kopf berührt hätte. Aus demselben Grunde mußte ich befürchten, daß sich der Chef des Sicherheitsbureaus dieser Sache nicht so energisch annehmen werde, wie er es in Fällen gewohnt ist, wo die Aussicht auf publizistische Unterstützung ihn zu einer fieberhaften Tätigkeit spornt. Natürlich läßt sich das echte fachmännische Interesse durch solche Bedenken nicht abweisen. Während mich nun die Vertreter der Behörde um Alter, Beschäftigung und Vorstrafen befragten, sprachen einige Gäste immer wieder ihr Bedauern aus, daß sie gerade nicht hingesehen hätten, als der Pelz gestohlen wurde, und vertraten die Ansicht, daß der Dieb sich einen Augenblick gewählt haben müsse, wo er sich nicht beobachtet fühlte. Das Personal wurde mit Fragen bestürmt, aber der Zahlmarkör, der Zuträger, der Pikkolo und der Feuerbursch – sie alle hatten bloß den einen Wunsch: »Wann i nur amal so einen derwischen könnt, den derschlaget i!« Ich bat, sich in Gegenwart von Kriminalbeamten nicht zu gefährlichen Drohun-gen hinreißen zu lassen, richtete noch an diese das Ersuchen, dafür zu sorgen, daß ich nicht vorgeladen würde, weil ich ja doch nichts anderes aussagen könnte, als daß ich keinen Pelz und keinen Verdacht habe, und entzog mich den Ovationen der Menge, indem ich meinen Hut nahm, der noch da war, und mich zum Ausgang wandte, an der Kassierin vorbei, welche die Hände rang. Draußen grüßten mich die Fiaker, die sich von dern Ereignis des Tages irgendwie einen besonderen Vorteil erhofften. Einer der Polizisten aber holte mich ein und machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen und das Verbrecheralbum durchzusehen. Ich lehnte diesen Vorschlag ab, weil mir jede Vergleichsmöglichkeit fehle, solange ich den Dieb meines Pelzes nicht gesehen hätte. Die Polizei solle ihn erst zur Stelle schaffen, dann wäre ich gern bereit, ihn nach der Photographie zu agnoszieren. Einer der Kellner aber behauptete plötzlich, einen Verdacht zu haben, und schien entschlossen, mitzugehen. Diese Recherche hat, wie ich später erfuhr, meiner Sache nicht wesentlich genützt, dafür aber anderweitige erfreuliche Resultate ergeben. Der Kellner soll nämlich einige frühere Stammgäste des Kaffeehauses erkannt haben, und noch nie zuvor, heißt es, sei in einer Polizeistube eine so freudige Stimmung des Wiedersehens laut geworden. Schließlich mußte man, da diese Rufe »Jessas, der Herr von Kohn!« und »Nein, der Herr von Meier!« nicht aufhören wollten, dem braven Burschen das Bilderbuch aus der Hand reißen. Am nächsten Tag erhielt ich eine Vorladung, der ich aber nicht Folge leistete. Immer hatte ich es bisher streng zu vermeiden gewußt, daß mir etwas gestohlen würde; denn nichts fürchte ich mehr als Unannehmlichkeiten mit der Polizei. Man hat mir auch tatsächlich nie das Geringste nachweisen können. Sollte ich jetzt wegen des einen Fehltritts mir eine so peinliche Untersuchung auf den Hals laden? Nimmermehr! Ich stellte mich der Polizei nicht! Wenigstens war ich entschlossen, es nicht eher zu tun, als bis sie den Pelz hätte. Ich hoffte übrigens, daß sie den Fall vertuschen und mich ruhig meiner gewohnten Beschäftigung nachgehen lassen werde. Als ich somit wieder ins Kaffeehaus kam und meine Leseecke aufsuchen wollte, standen einige Herren davor, die sich sonst nur für Trabrennen interessierten, aber diesmal eine Wette abgeschlossen hatten, ob ich den Pelz bekommen würde oder nicht. Die der Meinung waren, daß ich ihn bekommen werde, sagten: »Nicht wird er ihn bekommen!«; während die andern, die der Meinung waren, daß ich ihn nicht bekommen werde, ein über das andere Mal riefen. Ja wird er ihn bekommen!« So vermochte ich die beiden Gruppen zu unterscheiden, ohne doch im Meritorischen eine Entscheidung treffen zu können. Ich setzte mich nieder und hörte aus dem Billardzimmer Rufe wie: »Echter Biber, sag ich Ihnen!« »Und ich sag Ihnen, Nerz«, worauf ein dritter mit einem derben »Astrachan, Ihnen gesagt!« in die Debatte fuhr. Ich ließ fragen, ob es die Herrn störe, wenn ich Zeitungen lese. Sie verneinten und gingen auf ein anderes Thema über, indem nämlich einer behauptete, sich noch an den Fall zu erinnern, wie dem alten Löw ein Pelz um tausend, sage tausend Gulden gestohlen wurde; und da ein anderer die Frage einwarf: »Welchem Löw?« und die zurechtweisende Antwort bekam: »No, der später in Konkurs gegangen ist!« fühlte ich, daß die Aufmerksamkeit von mir abgelenkt sei, und war dessen froh. Ich nahm jene Zeitung zur Hand, die seit Jahren das Publikum dadurch zu interessieren weiß, daß sie meinen Namen nicht nennt, und suchte nach einer Notiz, in der davon die Rede wäre, daß einem Privaten ein Pelz gestohlen wurde und daß einer unserer Mitarbeiter Gelegenheit hatte, mit dem in den weitesten Kreisen bekannten Dieb zu sprechen. Da trat eine fremde Dame auf mich zu, tadelte mich wegen meiner Unachtsamkeit und fragte mich, ob ich noch mit der Familie T. verkehre. Ich antwortete, daß ich mit gar niemand verkehre, und bezahlte meine Zeche. Draußen grüßten mich die Fiaker, wiesen verheißend auf ihre Wagen, und riefen etwas wie »Verkühlns Ihna nur net« hinter mir. Noch habe ich aber nicht erzählt, wie sich am Tage nach der Tat das Wiedersehen mit meiner Bedienerin gestaltet hat. Sie war eigentlich schuld, denn sie hatte mir, weil wir gerade im strengsten Mai einen Schneefall gehabt hatten, zugeredet, den Pelz anzuziehen, der Winters über beim Kürschner in Aufbewahrung gelegen war. Ich hatte mich gesträubt, denn ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, daß bei Neuschnee die Pelzdiebe aus der Erde schießen, während die Schneeschaufler nichts zu tun bekommen, weil die Kommune die Konkurrenz des Tauwetters begünstigt. Aber wiewohl dieses schon eingetreten war, setzte die Frau ihren Willen durch, und richtig, eine halbe Stunde später war der Pelz gestohlen. Nun ist mir nichts peinlicher als Auseinandersetzungen über Dinge, die mit der Wirtschaft zusammenhängen, und so hatte ich, nachdem das Unglück geschehn war, nur die eine Sorge: Wie sage ich's meiner Bedienerin? Es gab eine lebhafte Szene, und ich bekam allerlei zu hören. Denn das Herz der Frauen hängt an irdischem Tand, und sie können sich auch von fremdem Besitz nur schwer trennen, während ich mich erleichtert fühlte, als ich bei Tauwetter ohne Pelz das Kaffeehaus verlassen konnte. Überhaupt hatte mich der Verlust des Pelzes kalt gelassen, und was mir naheging, war nur der Verlust meiner Ruhe. Daß ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, daß ich in Wien über Nacht berühmt war, und daß die Leute mit Fingern auf mich zeigten: »Dort geht er«, »Kennst' ihn?« »Aber ja, Biber«, »Er hat ihn effektiv nicht gekriegt« – das härmte mich, das fraß an mir wie Motten an einem Pelz, der einem nicht gestohlen wurde. Ich beschloß, die Straße zu meiden, bis ich das Gras über die Sache wachsen hörte. Aber als ich nach einer Woche mich behutsam in das Stammlokal wagte und den Weg von hinten nahm, da trat mir die Toilettenfrau entgegen und sagte: »Mir hat's furchtbar leid getan!« Da ich hineinkam, waren aller Augen auf mich und meinen Überrock gerichtet, und da ich ihn an den Kleiderstock hängte, rief's aus einem Winkel: »Aber jetzt heißt's doppelt vorsichtig sein!« und aus dein andern Winkel: »Ja, durch Schaden wird man klug.« Als ein Kellner dazwischentrat und sagte: »Aber der Herr gibt ja so wie so acht«, rief eine Stimme aus dem Spielzimmer: »A gebrenntes Kind fürchtet das Feuer!« Der Kellner sagte: »Wann i nur amal so einen derwischen könnt, den –« Ich zahlte sofort und nahm mir vor, das Lokal nur des Nachts zu besuchen, wenn ein anderes Publikum da wäre. Kaum hatte ich unter veränderten Umständen Platz genommen, drehte sich ein englischer Trainer zu mir herum, schob seinen Sessel vor und begann, die Arme auf die Lehne gestützt: »Einmal mir ist gestohlen ein Pferdedecke...« Ich sah, daß mein Erlebnis über das Mitteilungsbedürfnis der Wiener Bevölkerung hinaus dem internationalen Interesse entgegenkam. Ich fürchtete, daß hier die Hebung des Fremdenverkehrs ansetzen könnte. Ich schloß mich ein, und ich zeigte mich nicht eher, als bis mir die heiße Jahreszeit jede Gedankenverbindung mit einem Pelz auszubrennen schien. Da aber mußte ich es erleben, daß ein Mohr auf mich zutrat, der so perfekt Deutsch sprach, daß er mich fragen konnte, ob ich damals meinen Pelz wiederbekommen hätte. Ich suchte ein anderes Lokal auf – dessen Besitzer mich aber nicht nur durch seinen Gruß belästigte, sondern auch mit den Worten ansprach: »Bei uns wird Ihnen das nicht passieren!« Ich erkannte, daß es kein Zurück mehr gab. Denn hier war ein Wiener Problem geboren. Hier war einmal eine Tatsache, die einen so plausiblen Reiz, eine so unmittelbare Popularität hatte, daß keine Rücksicht auf den Menschen, der von ihr betroffen wurde, die Leute fernhalten konnte. Hier war eine Solidarität hergestellt durch die in ihrer Einfachheit verblüffende Erkenntnis: daß das jedem von uns passieren kann! Ich war in den Ring einer Gemeinsamkeit einbezogen, die mir den Pelz bewachte, der mir gestohlen war, und die mir mit ihren Blicken das Maß für einen neuen zu nehmen schien, ohne mir ihn zu spenden. Jetzt mußte sich nur noch die Steuerbehörde für den Fall interessieren, die ja bald erhoben haben könnte, daß ich in den Verhältnissen bin, einen Pelz besessen zu haben. Ich begann den Dieb zu beneiden. Nicht weil er den Pelz hatte, sondern weil man ihm nicht draufgekommen war. Weil er auf freiem Fuße leben konnte, während es hinter mir »Aufhalten!« schrie und ich wie ein erwischter Bestohlener von der Dummheit eskortiert wurde ... Ich beschloß, mich aus dem Privatleben zurückzuziehen. Mir war eine Hoffnung geblieben. Daß es mir durch die Herausgabe eines neuen Buches gelingen werde, mich den Wienern in Vergessenheit zu bringen. Der Bilanz is schuld Selbst in Österreich, wo doch wirklich alles wurscht ist, mußte man merken, daß es mit einer Einrichtung nicht so weiter geht: mit den Geschwornen. Mag man sich damit abfinden, daß alles, was in diesem Staate geschieht, letzten Endes auf Verwirrung, Teuerung, Anstände, Um- und Aufstände, Ramasuri, Pallawatsch und Pahöl abzieht, in diesem einen Punkte mußte auch der Blinde erkennen, daß man, um nicht vorwärtszukommen, keinen Umweg zu machen braucht. Wenn die Justiz sich selbst ernst nimmt – wir tuns ja nicht –, so hat sie sich unbegreiflich lange von einer fixen Idee des Liberalismus die Teilung der Gewalt mit jenen aufoktroyieren lassen, in denen die Richter mit Recht ihre Viktualienhändler und Fleischhacker erkennen müßten. Die Zumutung, daß diesen die Kunden in ihren Betrieb hineinpfuschten, möchte von ihnen mit Entrüstung zurückgewiesen werden. Das Essen ist schließlich auch eine Angelegenheit, die »alle angeht«, aber daß die Esser in die Restaurantküchen eindringen und den Köchen zeigen, wie's gemacht werden muß, weil sie ein »gesundes Empfinden« dafür haben, diese Sitte ist selbst in Wien unbekannt; man muß sich, mag auch die Eierspeis manchmal zu hart ausfallen, schließlich doch auf die Köche verlassen. Die haben es gelernt, und was sollten sie auf der Welt, wenn man sie nicht einmal kochen ließe? Weil das Essen jeden angeht, sollte das Kochen kein Fach mehr sein? Ja was soll denn eine Justiz, die nichts dagegen hat, sich im Bedarfsfall vom Laienurteil regulieren zu lassen? Die zugibt, daß sie den gesunden Menschenverstand als Ergänzung braucht? Oder die, anstatt für die Änderung eines schlechten Gesetzes zu sorgen, es jeweils von Unberufenen aufheben läßt? Endlich scheints ihr doch zu dumm zu werden, und im Herrenhaus sind kürzlich einige nicht mehr abzuweisende Richtigkeiten über den Wert einer Institution gesagt worden, die als liberale Wahngeburt länger gelebt hat, als Gespenstern von rechtswegen erlaubt ist. Die Debatte war beiweitem nicht eindringlich genug, aber es reichte hin, um eine Presse, die selber dem freiheitlichen Aberglauben ihre Existenz verdankt, in Wut, oder wie sie meint, in Harnisch zu bringen. Ein Strafrechtsprofessor, der mit Recht auf die durch die Volksjustiz gewährleistete Freiheit der Schmutzliteratur hinwies und auch die geringe Zahl der Beleidigungsprozesse auf die Furcht des Klägers vor der Jury schob, wurde gefragt, ob er denn von den »massenhaften Verurteilungen wegen Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge, die doch immer Verfolgungen wegen Ehrenbeleidigung sind«, nichts wisse. Eine radikale Publizistik, die in den meisten Fällen die Verantwortung für Ehrenbeleidigung ablehnt, die pflichtgemäße Vernachlässigung der Obsorge auf sich nimmt und also für den eigenen Wirkungskreis die Geschwornenjudikatur längst aufgehoben hat, mag sich freilich dafür einsetzen, daß diese sonst bestehen bleibe. Aber weiß sie nicht selbst, warum sie so oft in die strikte Vernachlässigung jener Obsorge flüchtet? Warum sie die Sicherheit der geringen Strafe beim Bezirksgericht der geringen Sicherheit der Volksjustiz vorzieht? Sie hätte dem Strafrechtsprofessor antworten müssen, daß der Kläger nur dann die Jury zu fürchten hat, wenn er ein ethisches Interesse schützen möchte, und daß der Angeklagte, der sich in diesem Rechtszustand nicht sicherer fühlt, nur dann auf die Jury hoffen kann, wenn er ein geschäftliches Interesse für seinen Angriff nachzuweisen vermag. Die Presse lügt, wenn sie verschweigt, daß keine ideale Absicht – des Angreifers oder des Beleidigten – Verständnis beim gesunden Menschenverstand findet, aber jede materielle Rücksicht – beim Beleidigten oder beim Angreifer – als ein berechtigtes Interesse geachtet wird. Freilich steht die Volksjustiz damit auf keinem tieferen Niveau als das höchste reichsdeutsche Gericht, das etwa aussprechen würde, ein Schriftsteller, der im öffentlichen Interesse den Schädlingen eines bestimmten Berufs mit Beweisen zusetzt, sei als Geschäftsstörer, als einer, der sich in Angelegenheiten mischt, die ihn nichts angehen, der Beleidigung schuldig, und ein Vertreter der Branche selbst, der aus Rache oder aus Neid dem Konkurrenten fälschlich unehrenhafte Dinge nachsagt, handle in Wahrung berechtigter Interessen. Aber dieser in der deutschen Justiz vorübergehend grassierende Wahnsinn kann eine Auffassung nicht genießbarer machen, deren volkstümlicher Reiz die Richtlinie der Geschwornenjudikatur für alle Zeiten bestimmt. Man kann sicher sein, daß die Beteuerung des korrupten Klägers, der Mann störe ihm das Geschäft, auf die zwölf Geschäftsleute, deren jedem ja dasselbe passieren könnte, wie eine Rechtsbelehrung wirkt und weit besser als die des Vorsitzenden. Und so gut wie die Beteuerung des korrupten Angeklagten, er habe nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewinnsucht beleidigt, denn er sei Familienvater. Die »Frische und Ursprünglichkeit des Laienurteils« bewährt sich nie glücklicher, als wenn sie zwischen Ehre und Geld, zwischen Gesinnung und Erwerbssinn zu unterscheiden hat. Die Lebensfremdheit der gelernten Richter mag zu jenen Rechtsgütern gehören, die zu schützen man dem Staat verbieten sollte. Aber es ist doch grotesk, daß die Rauchfangkehrermeister den Anspruch erheben, dem wahren Leben näher zu stehen. Im Handelsgericht wird die fachliche Erfahrung der intelligenteren Berufsträger zur Mitwirkung am Urteil zugelassen. Im Strafgericht, wo man folgerichtig Weltmänner und Psychologen beisitzen lassen müßte, versteht es sich von selbst, daß die Gewürzkrämer sich ein Urteil über alle Materialien des Lebens bilden und es dem Juristen vorschreiben, dessen Berufswissen eben noch imstande sein soll, das Strafausmaß zu bestimmen. Den Ausweg, daß man, wenn schon die Praktiker zur Aushilfe gebraucht werden, wenigstens die Kompetenzen vertausche, würden sie ablehnen, denn die Hilf- und Wehrlosigkeit, in der sich heute der Vorsitzende einer Schwurgerichtsverhandlung befindet, ist tief unter der Würde jener Autorität, die heute das Verdikt fällt und jeden, der es kaum zum Mitglied eines Kegelklubs gebracht hat, zum Obmann eines Richterkollegiums erheben kann. In die Seelen einzudringen, in die der Zugang doch auch Juristen und Medizinern erschwert ist, läßt sich kein Unbefugter nehmen, und er ist überzeugt, daß es ihm eben deshalb gelingen muß, weil er es noch nicht versucht hat und weil es bekanntlich frisch von der Pudel weg am leichtesten geht. Welch drolligen Ausdruck diese Überzeugung finden kann, bekunden die zahlreichen Zuschriften, die jetzt die Presse von jenen Firmen erhält, die sich nicht nur als Inserenten, sondern auch, weil sie einmal Geschworne waren, zeitlebens als Zubehör der Justiz fühlen. Erfreulicherweise wird vor allem zugegeben, daß die Geschwornen »bei Delikten, die aus Gewinnsucht begangen werden, unerbittlich schuldig sprechen«. Aber sie verfolgen die Gewinnsucht nur zum Schutz des Gewinns und sie sprechen nur schuldig, wenn aus Gewinnsucht gestohlen, nicht, wenn aus dem gleichen Motiv beleidigt wird, denn sie schützen hier mit dem Freispruch wie dort mit dem Schuldspruch das Rechtsgut des Vermögens, und die strengste Verläßlichkeit, die ihr Urteil von persönlichem Vorteil unabhängig macht, wird sie nicht vor einer allgemeinen Befangenheit in materiellen Fragen bewahren. Wie könnte es anders sein? Wie sollten sie, was jeden Tag ihres Lebens ausfüllt, für einen Monat verleugnen? Könnten sie's, sie hätten ihren Beruf verfehlt und man müßte ihrer Wirtschaft, ihrer Ware mißtrauen. Gewiß, sie werden nicht zögern, den diebischen Kommis zu verurteilen. Aber sind sie nicht auch stolz darauf, »bei Verbrechen aus Leidenschaft oder aus Not freizusprechen«? weil sie eben den bekannten Blick für das Leben haben? »Wir drangen in die Seele des Angeklagten ein und prüften uns lange, ob wir ihn zu den Deklassierten werfen sollten oder ihm die Möglichkeit geben sollten, ein neues, glückliches Leben anzufangen«, versichert einer, der ja wirklich fähig sein kann, über pekuniäre Erwägungen emporzudringen. Aber noch der bornierte Fachkriminalist, der einem jungen Burschen für den Raub von ein paar Kreuzern lebenslänglichen Kerker gab, steht sittlich über den Geschwornen von Leitmeritz, die einen jungen Burschen freisprachen, weil er eine Prostituierte für den Verlust von vier Kronen massakriert hat. Diese Geschwornen haben für ein Verbrechen aus Leidenschaft Verständnis gehabt und es als gerechte Strafe für ein Verbrechen aus Gewinnsucht belohnt. Welche Frische und Ursprünglichkeit des Laienurteils! Sie geht nie fehl, wenn sie über alle Härten der Kriminalität hinaus die Sittlichkeit schützen und alles Gesetz ihrem Haß gegen die Sexualität fügsam machen kann. Denn der unersättliche Fortschritt begnügt sich nicht mit den Satzungen, die sein elender Instinkt seiner feigen Bildung diktiert hat, er möchte sie noch jeweils auflösen, um dem erhöhten Stand der Kulturlosigkeit besser gerecht zu werden. Bildung ist dazu da, die engstirnige Sehnsucht zu kodifizieren. Eine Volksjustiz, von der sich die Lynchjustiz durch eine gewisse Regelmäßigkeit unterscheidet, möchte das »gesunde ursprüngliche Empfinden« wiederherstellen, von dem doch reichlich viel in den Text geflossen ist. Sie möchte den Haß gegen Natur und Persönlichkeit überbieten und jenen Trieben freien Lauf lassen, deren Niederschrift sich die Bildung widersetzt hat: Sentimentalität der Gewinnsucht, Gewalttätigkeit der Schwäche. Hat einmal die Welt einen Fall wie den von Leitmeritz geschaut, wo die Ermordung einer Prostituierten als Abschluß ihres »Lebenswandels« und dieser als Strafausschließungsgrund für den Mörder gewürdigt, wo selbst die »Übertretung des Waffenpatents« für solchen Fall gutgeheißen wurde – dann müßte man meinen, daß die Bildung, die die Gesetze gemacht hat, nicht mehr danach begehrt, sie vom gesunden Laiengefühl anwenden zu lassen. Aber die Hoffnung wäre verfehlt, denn diese Bildung hat immer auch die Freiheit, die sie meint, zu wahren. Müßte der Fortschritt nach der Tat, die eine erwählte Bierbank vor seinen Augen vollbracht hat, in Reue umkehren, so trinkt er sich wieder einen Phrasenrausch an und vergißt, anstatt zu verzweifeln. Mag die richtende Unbildung der Bildung, die sie eingesetzt hat, noch so sehr im Wesen widersprechen und ihr noch so wenig Ehre eintragen, so muß dennoch die im luftleeren Raum erdachte Errungenschaft mit den geistigen Mitteln jener Unentwegtheit verteidigt werden, aus der ihre Idee geboren wurde. Verteidiger übernehmen die Verteidigung und suchen uns glauben zu machen, die Diener des Staates seien lebensfremder als seine Spießbürger. Der »Wahrspruch der Geschwornen« ist dann »die Brücke zwischen dem gesetzten Recht und dem tausendgestaltigen Leben«, während – man erschrecke – »der grüne Tisch gleich einer Kluft zwischen dem Richter und dem Volke, das die Angeklagten liefert, klafft«. Im Vorstellungskreis dieser Leute lebt der Staat als der Feind, er allein als der Feind aller, und die Geschwornen seien berufene Richter, weil sie »gegenüber dem Staate vollständig unabhängig« sind. Darum seien sie geeignet, »in politischen und Preßangelegenheiten zu urteilen«. »Ehrenwerte Richter«, meint ein Anwalt, dessen Scharfsinn die Unterstellung nicht revidiert hat, »sind ja froh, wenn man ihnen diese Angelegenheiten abnimmt, damit sie in keinen Pflichtenkonflikt kommen, in einen Pflichtenkonflikt zwischen ihrer Stellung und dem Rechte«. Geschworne werden gegen den Verdacht einer grundsätzlichen Befangenheit durch Unbildung, Parteipolitik und Erwerbssinn verteidigt. Berufsrichtern aber wird gleichmütig nachgesagt, daß sie einem Pflichtenkonflikt zwischen Gesetz und Interesse ausgeliefert sind, daß sie den Gehorsam als stärkeren Zwang fühlen als die Gerechtigkeit, und, ohne daß eine Ehrenhaftigkeit, die solchen Konflikt nicht kennt, auch nur angenommen wird, wird sie eben noch dort anerkannt, wo sie ihm ausweicht und ein Amt, dem sie nicht gewachsen ist, von vornherein ablehnt. Man hat freilich noch nicht gehört, daß die Untauglichkeit von Generalen zu dem Vorschlag geführt hat, ihre Posten im Ernstfall mit Geschwornen zu besetzen. Aber alle diese Gedankengänge sind von der Furcht eröffnet, daß ohne Geschworne jener billigste Radikalismus, der sich ausschließlich an der Regierung vergreift, verteuert werden könnte. Eine rabbinische Aufregung meldet sich zum Wort, wenn man ihr an »die Errungenschaften« rührt und eine ihrer Begriffshülsen kassieren möchte. Die Phrase, die stark genug war, ein unnützes Ding zu erschaffen, ist auch stark genug, es zu erhalten. In Österreich wird der Staat noch lange die Gefahr sein, ehe man erkennen wird, daß er in Gefahr ist, aber auch dann wird man noch überzeugt sein, daß die Geschwornen »unabhängig« sind. Man würde sich höchstens einer Reform fügen, die die Greisler durch Verwaltungsräte ersetzt, weil man sich von ihnen – bei gleicher Unabhängigkeit vom Staat – ein feineres Verständnis für die standesgemäßen Delikte erhofft. Doch die Lebenskenntnis des Kleingewerbes versöhnt wenigstens durch jene natürliche Ranküne, die lieber die großen Diebe hängt, und wenn ein Greisler richtet, so ist es immerhin die Volkesstimme, die wir mit ihren vielen Nebengeräuschen schließlich als etwas Unabwendbares hinnehmen. Die Grammophonplage mit allen Platten einer eingelegten Intelligenz wäre ärger. Indes, selbst wenn diese Reform der Volksjustiz ein Ideal bleiben müßte, wenn die Abhängigheit der Geschwornen von der Presse nicht zu sichern wäre, ihre Unabhängigkeit vom Staat ist schon heute ein so sichtbarer Vorteil, daß man mit dem zufrieden ist, was man hat, und ein Mehr purer Luxus wäre. Und das alles wird gegen einen Staat gesagt, wo alles von allem eher abhängig ist als vom Staat; gegen einen Staat, in dem jeder Klafter seine Nation und jeder Nachbar seine Individualität hat. Und es wird für Geschworne gesagt, bei deren Auslosung sich der Verteidiger zu allererst dafür interessiert, ob einer Jud oder Christ, Antisemit oder Freimaurer, Tscheche oder Deutscher, Christlichsozialer oder Alldeutscher, Hausherr oder Hausmeister, Cafétier oder Stammgast, Hammer oder Amboß ist. Hier, wo jeder an tausend Beziehungen hängt, wo leben und leben lassen einen Schlachtruf bedeutet, wo jene freibürgerliche Einheit der Abwehr gegen den Geist und der Neigung zum Geld, die in jedem Staate die Volksjustiz bedenklich macht, noch in ebenso viele Rücksichten splittert, als es Parteien, Vereine und Melangen gibt – spricht einer das Wort: »Ich bekenne mich als glühenden Verehrer der Geschwornengerichte.« Wohin eine Leidenschaft, die sonst nur zu einem Dichter oder zu einer Geliebten den Besessenen fortreißt, unter dem Druck der liberalen Redensart gelangen kann! Aber gelernte Richter, die nicht so heiß begehrt werden, haben bei allen Vorwürfen, die ihrer anmutlosen Schablone gemacht werden, einen Vorzug und ein Recht auf Entschädigung. Man mag sie kaltstellen, wenn sie aufhören etwas zu taugen; man mag sie davonjagen, wenn sie den von liberalen Schwätzern berufenen »Buchstaben des Gesetzes« sinnlos befolgen; man mag die richterliche Unabsetzbarkeit antasten, um die Richter unabhängig zu machen. Sie sind es eher als die Geschwornen, weil die Abhängigkeit vom Staat noch immer die freieste unter den hiesigen Abhängigkeiten ist. Und sie haben ein Recht darauf, das, was sie gelernt haben, ohne den Beistand derer, die es nicht gelernt haben, auszuüben und den »Wahrspruch« nicht aus dem Munde dessen zu übernehmen, der den Blick fürs Leben und eine Pfaidlerei hat. Über den Buchstaben des Gesetzes, der Schwarmgeister irritiert, sollten sich nur jene hinwegsetzen dürfen, die ihn lesen können. Ein Redner im Herrenhaus hat die Geschwornen juristische Analphabeten genannt und sie haben es als Beleidigung aufgefaßt. Jeder Fachmann, der bekanntlich schon im eigenen Fach ein Esel sein soll, ist aber im fremden Fach ein Analphabet, und wenn er das als den Vorwurf versteht, daß er überhaupt ein Analphabet sei, so ist er es. Auch dies ist durchaus nichts Unehrenhaftes. Es ist sogar etwas Sittliches neben einer ausgeliehenen Bildung, die den Geschwornen mit der Ermutigung beispringt, »sich nur ehrlich als Teil des Ganzen zu fühlen:« dann dürfe sich ihr Freispruch, »wenn er den gelehrten Richter noch so entsetzt, auf das kluge Rechtssprichwort der Römer stützen: Volenti non fit injuria«. Wenn die Kleingewerbetreibenden das Gesetz nicht besser anwenden, als die Leitartikler dieses Zitat, dann kann man es am besten anwenden auf einen Staat, der sich alles gefallen läßt und dem darum kein Unrecht geschieht. Ein Analphabet, der statt der Unterschrift drei Kreuze macht, ist besser als ein Freigeist, der anonym bleibt. Ein Salzburger Bauer steht kulturell berghoch über einem Wiener Volkswirt. Ich würde aber doch glauben, daß es nicht nötig ist, Salzburger Bauern vom Pflug zu holen, auf daß sie einen Betrüger freisprechen und auf die Frage eines Gerichtsfunktionärs, warum sie denn das eigentlich getan haben, die Antwort finden: »Was wollts ös? Der hat ja nix angstellt, der Staatsangwalt hat ja selber gsagt: der Bilanz is schuld, der Bilanz müßt her!« Ich finde das nicht unsympathisch und ziehe den Sprecher jenem Staatsanwalt, der den Bilanz berufen hat, beiweitem vor. Aber ich bin nicht dafür, daß der Staat seine Steuerzahler mißbraucht und sie von den Plätzen, wo sie ihren Nutzen finden, an solche lockt, wo sie Schaden stiften. Und ich habe darin einige Erfahrung; denn nachdem ich einmal verurteilt worden war, weil ich einem Theaterdirektor vorgeworfen hatte, daß er die Stücke eines Theaterkritikers annehme, ja sogar durchs Repertoire »durchpeitsche«, hat ein Gerichtsbeamter aus dem Munde des Obmannes gehört, daß ein derartiges Ansinnen die Geschwornenbank gegen mich aufgebracht habe, und jener soll ein Fachmann gewesen sein, nämlich Riemenerzeuger. Und könnte sich dieses gesunde, ursprüngliche Empfinden sympathischer ausdrücken als in der Beschwerde, die das »Extrablatt« veröffentlicht, das Organ, welches durch seine blutigen Darstellungen die Mörder anregt, die später von den Geschwornen freigesprochen werden? Ob die Geschwornengerichte ein Lotteriespiel sind oder ob dieselben was oder nichts taugen, entzieht sich meiner Beurteilung und gehört auch nicht hierher. Da ich aber wiederholt selbst die Pflichten eines Geschwornen ausüben mußte, sage ich dem »Extrablatt« für die Bemerkungen über den Grafen Pininski ganz ergebensten Dank. Freilich sind wir Geschäftsleute zumeist einfache, schlichte Leute, aber um Recht von Unrecht unterscheiden zu können, dazu brauchen wir keine juristische Bildung. Wir haben den Ernst des Lebens schon in frühester Jugend kennen gelernt und gar heute bei den schweren Zeiten haben wir alle schwer zu kämpfen, um allen Anforderungen, die an uns gestellt werden, nachkommen zu können. Mithin hat es der Herr Graf gar nicht notwendig, uns so von oben herab zu behandeln. Natürlich scheint Herr Graf Pininski auch gar keine Idee zu haben, welche hohe Intelligenz dazu gehört, um als Geschäftsmann sein anständiges Fortkommen zu finden. Indem ich Sie gütigst bitte, diese meine Meinung in Ihrem Blatte zum Ausdruck zu bringen, bin ich mit besten Empfehlungen Ihr ergebener ... Ich sage: die Anforderungen, die an uns gestellt werden, bestehen einfach darin, daß wir ordentliche Ware zu liefern haben und keinen unordentlichen »Wahrspruch«; ob nun der Graf Pininski einkaufen kommt oder ein anderer. Andere Anforderungen werden nicht gestellt. Wenn hohe Intelligenz dazu gehört, um als Geschäftsmann sein anständiges Fortkommen zu finden, so wird einer ohnedies nicht so dumm sein, Betrügereien zu begehen. Recht oder Unrecht muß jeder unterscheiden können, weil er sonst auf die Anklagebank kommt. Aber daß er, wenn er es kann, deshalb auf die Geschwornenbank kommt, ist ein Unrecht. Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe, reicht aber beiweitem nicht aus, das Urteil zu fällen. Und bei den schweren Zeiten ist es ein doppelt schweres Unrecht, Leuten, die ohnedies schwer zu kämpfen haben, auch noch das Richten leicht zu machen. Und es ist gewissenlos, sie durch einen vollen Monat, wo oft der Bilanz her muß, aufzuhalten, den Angeklagten seinem ordentlichen Richter, die Richter – die es sind, damit sie es nicht sind, und die es nicht sind, damit sie es sind – ihrem ordentlichen Berufe zu entziehen und nachträglich noch zu behaupten, einer sei deshalb berufen statt des andern Recht zu sprechen, weil er keinen Talar trägt, ihn aber geflickt hat. Der Bulldogg »Simplicissimus« heißt der artige Schoßhund, der noch immer die Träume des deutschen Philisters in der roten Maske des gefährlichen Bullenbeißers schreckt. Im Leben ist er für jeden Bissen dankbar, den ihm die Firma Albert Langen zuwirft; er ist nicht weniger harmlos, aber weniger ehrlich, als der Dackel, dem die Verleger der »Fliegenden Blätter« zurufen: Waldl, gehst her oder net! – denn er geht immer her. Es ist hier schon öfter das Thema der Scheinheiligkeit dieser Teufelei berührt worden, mit der der »Simplicissimus« das Geistesleben des deutschen Bürgertums zu gefährden vorgibt. All dies Getue einer literarischen Modernität, das die zeichnerischen Gaben einiger außerordentlicher Könner begleitet, ist die purste Mischung aus Impotenz und Heuchelei. Es kommt im Lauf eines Jahres nicht selten vor, daß sich junge deutsche Autoren an mich mit Beiträgen wenden, die ihnen die freiesten Diener des deutschen Philisteriums, die Herausgeber der »Zukunft« und der Redakteur des »Simplicissimus«, unter ausdrücklicher Anerkennung des künstlerischen Niveaus, aber mit dem Bedauern, daß es Rücksichten auf die Sittlichkeit gebe, abgelehnt haben. Ein in jeder Beziehung vortrefflicher Kenner der Langen'schen Verlegerseele, Frank Wedekind, hat mir einmal gesagt, der »Simplicissimus« habe es bloß deshalb auf die Klerikalen so scharf, weil er die Institution der Pfarrersköchinnen für unmoralisch halte; und ich erinnere mich noch des schönen Tages, da Liliencron mir sein Gedicht »Die alte Hure im Heimatdorf« rezitierte und dessen Erscheinen im »Simplicissimus« in Aussicht stellte, und des andern schönen Tags, da es unter dem Titel »Im Heimatdorf« im »Simplicissimus« erschien. Daß ein herzhafter Griff in Webers Demokritos oder in einen alten Band der »Fliegenden Blätter« ein Witzblatt frischer erhält, als der Abdruck der gesammelten Anekdoten des Herrn Roda Roda, hat die Redaktion des »Simplicissimus« endlich eingesehen und zu ihren sonstigen Tugenden auch die der literarischen Bescheidenheit gesellt. Noch scheint sie vor dem endgültigen Verzicht auf das Raffinement einiger Mitarbeiter, die es durchaus mit der Psychologie und mit der Stimmungskunst halten wollen, zu zaudern; noch ist sie zum Rückzug in die Heimat der Schwipse und Pumpversuche, die ein deutscher Humorist nie ungestraft verläßt, nicht endgültig entschlossen. Aber die Zeit ist nicht mehr fern, wo man die »Bilder aus dem deutschen Familienleben« nur mehr unter den Titeln suchen wird, die dem Weinreisenden so angenehm im Ohre klingen: »Abgeblitzt«, »Ein Schwerenöter«, »Gut gegeben«, »Übertrumpft«, »Schlechte Ausrede«, »Immer derselbe«, »Schlagfertig«, »So, so!«, »Ein Praktikus«, »Durch die Blume« usw. Die Revolution war lange genug ein gutes Geschäft des Herrn Langen. Aber in der Geschichte des Zeitschriftenwesens ist noch jede Revolution einer zielbewußten Administration gewichen. Die Auswahl der menschlichen Schwächen, die die Satiriker geißeln, besorgen die Verleger, und kein gesellschaftlicher Übelstand könnte heute Ungnade vor den Augen des »Simplicissimus« finden, den Herr Albert Langen pardonniert hätte. Wenn der »Simplicissimus« eine »Automobil-Nummer« vorbereitet, so wird zuerst gebremst und dann gefahren. Wenn Herr Albert Langen seine Mitarbeiter zu einer Herkomerkonkurrenz des Witzes vereinigt, so heißt das: er hat mit einer bestimmten Automobilfirma ein Abkommen getroffen, wonach er den ganzen zeichnerischen und textlichen Witz einer Nummer des »Simplicissimus« in den Dienst dieser Firma stellt. Nun verschlägt es gewiß nichts, daß selbst Künstler, wie Heine und Gulbransson, einem Industriellen Plakate oder auch illustrierte Annoncen in dem Blatte liefern, in dem sie sonst als freie Satiriker wirksam sind. Aber böse ist es, wenn diese Annoncen zugleich den Zweck illustrieren, dem der redaktionelle Inhalt des Blattes dient. Wer beim Anblick der Zeichnungen und bei der Lektüre der Novellen den Kopf schüttelt und dennoch zweifelt, ist plötzlich eingeweiht, wenn er die an sich durchaus erlaubten Annoncen mit den redaktionellen Beiträgen vergleicht. Von hier und dort springt ihm der Name »Züst« in die Augen. Der Name einer neuen Automobilfirma, der Herr Albert Langen die Marke seines Hundes, der das Bellen wie das Beißen verlernen soll, für ein Weilchen geliehen hat. Ein Inserat Th. Th. Heines, das die Erzeugnisse der Firma Züst verherrlicht, wäre an und für sich nur nach seinem künstlerischen Wert zu beurteilen. Daß die Front eines Züst'schen Kraftwagens der bekannte rote Bullenkopf bildet und daß ein Heine'scher Teufel den Chauffeur macht, ist schon eine traurige Symbolik. Vielleicht eine absichtliche: Wir sind ausgeliehen scheint die Satire des Th. Th. Heine, die sich gegen den Herrn kehrt, der sie abrichten will, zu sagen. Aber siehe da, aus einer süßen Zeichnung des Herrn Reznicek, die das Hauptblatt schmückt, winkt dir der Name der einen und einzigen Automobilfirma entgegen: Hochzeitsreisende fahren nur mit Züst! Und selbst Herr Meyrink hat nicht umhin können, in eine seiner novellistischen Skizzen, in denen entweder die Wissenschaft mit der Phantasie oder der Buddhismus mit der Infanterie im Streite liegt, die neue Automobilmarke einzuführen. In der folgenden Nummer wird nur noch im Inseratenteil gefahren. Herr Gulbransson ist ein tüchtiger Chauffeur. Aber der Charakter jener Eingebungen künstlerischer Schöpferlaune, die den redaktionellen Inhalt der Automobil-Nummer gebildet haben, wird nachträglich durch ihre wortlose Übernahme in den Annoncenteil unterstrichen. Das Hochzeitsreisendenpaar des Herrn Reznicek sieht jetzt bloß auf die Strecke. Ehedem hat der Gatte ihr den Vorwurf machen müssen, daß sie immer mit ihren Füßen zu ihm herüberkomme, so daß er Gefahr laufe, die Bremse zu verlieren. Im Annoncenteil geht's wie geschmiert ... Nun, wer die Entwicklung des Herrn Albert Langen kennt, wird es begreiflich finden, daß gerade er mit einem Sport sympathisiert, der ein rasches Verschwinden mit Zurücklassung von Gestank ermöglicht. Aber sonst bellen die Bulldogge nur, wenn ein Automobil vorüberfährt. Dieser springt auf. Der Fall Hervay Jardin de Paris ... Die Lernfreudigkeit, durch alle Sensationen müdegehetzt, hatte gerade vom Cancan genossen und sich von den unendlichen Beinen des Fräuleins Avril jenem Käfig zugewendet, in dem das Geschlechtstier in den Zuckungen des orientalischen Bauchtanzes verendet. Durch das Gedränge wandelnder Schminkschatullen wieder zurück zum Varieté, wo der Schluß des Programms noch zu absolvieren ist. Was muß ich hören? Welch barbarische Töne stören den Frieden der elysäischen Felder? Es klingt wie von Strampfen, Paschen und Juchezen! So schreiten keine ird'schen Pariser Weiber. Wird die Szene zum Tribunal? Bricht dieser parfümierten Nacht der jüngste Tag an? Soll das Laster in Grund und Boden gestampft werden? Es ist nicht anders: Sie feiern den Sieg des Schuhplattlers über den Chahut, das Sündenvolk hat sich bekehrt, und auf zerklatschten Hirschledernen wird der Wert der »Gesundheit« demonstriert ... Leider doch nicht überzeugend. Der Varietédirektor, der die Tiroler Truppe berief, hat falsch kalkuliert. So pervers sind die Pariser nicht, daß sie das Haxenschlagen als ein letztes Raffinement empfinden könnten. Keine Hand rührt sich, wie wilde Tiere werden die Urheber des »brouhaha« angestarrt, das Mißverhältnis zwischen Schweiß und Anmut dieses Tanzes erregt Ärgernis und Mitleid. Träte als letzte Varieténummer ein Sittenprediger auf, er müßte sich, wenn er sein Fünkchen ästhetischen Fühlens wach erhalten hat, von der ordinären Gesundheit dieser Lederhosenorgie der kulturvollen Verkommenheit zuwenden, die ringsum seinen Zorn erregte. Und allen Deutschen in Österreich zum Trotz, die einen schweren Kampf um die Erhaltung der Aufschrift »Hier« auf den Pissoirs der böhmischen Bahnhöfe fahren [führen?] müssen, sei es ausgesprochen, daß sich in mir mehr das Gefühl der Scham als das der heimatlichen Zusammengehörigkeit geregt hat. Auf die Untersuchung, ob die Rädelsführerinnen des Skandals nicht am Ende »mudelsauber« seien, ließ ich mich natürlich nicht ein; unter den Larven des Pariser Nachtlebens waren ihre fühlenden Brüste im Nachteil. Die Gesundheit war durchgefallen ... Und sie fällt immer durch. Ob sie in die Champs Elysées oder ob das Raffinement ins Mürztal dringt. Überall stellt das Leben, dieser unabsichtliche und doch unerbittliche Humorist, seine Kontraste ... Und so las ich am andern Tag in einer Wiener Zeitung, daß der Bezirkshauptmann Franz Hervay Edler von Kirchberg Selbstmord verübt hatte. Zauberin, Bigamie, Pflichtgefühl, Mürzzuschlag – das flimmerte mir so vor den Augen. Aber ich erkannte sogleich, daß es doch wohl hauptsächlich auf Mürzzuschlag ankommen werde. War's eine der üblichen Lokalsensationen, die das Schnüfflerpack aus dem Kehricht der Talgeschronik hervorholt, uneingedenk der ethischen Zeitungspflicht, die auch das Sterben als eine Angelegenheit des Privatlebens achtet? Die ganze Koppel von Preßkötern im Nu auf die Spur einer Frau gehetzt, die in der Kärntnerstraße ohnmächtig hingefallen war – man denke: die Frau eines Bezirkshauptmanns, und ohne die Presse vorher zu verständigen! Da ist gottseidank irgend etwas nicht in Ordnung. Und schon bestätigt der Telegraph aus Graz, die »Vergangenheit« sei eine derartige, daß die Nachbarn allen Grund haben, die Gegenwart zu zerstören. Ein Schrei nach »Wahrheit« dringt durch das Mürztal, und mit allen steirischen Gebirgstrotteln vereinigen sich alle Wiener Tintenstrolche in dem Verlangen nach Klarheit. Es soll endlich in den Tag, ob die Zufriedenheit im Hause Hervay auf gesunder oder morscher Grundlage ruht. Die Ungewißheit ist nicht länger zu ertragen. Lippowitz hat doppelten Zeilenlohn versprochen, und der Bürger von Mürzzuschlag wird sich beruhigt zu seiner kuhwarmen Gattin legen, wenn der Abend endlich des Rätsels Lösung gebracht hat. So oder so! Selbst die Enthüllung, daß Frau v. Hervay nichts auf dem Kerbholz habe und ihr eheliches Glück ein verdientes sei, wird immer noch wohltuend wirken nach dieser furchtbaren Unsicherheit, die sich seit Wochen schon vergeblich in die Bettwäsche des Nachbarn vertieft. Zu lange hat man sich diese Frau mit ihren besseren Manieren und ihrer besseren Unterwäsche gefallen lassen, zu lange hat sie ungestraft den Ort rebellisch gemacht. Nicht nur, daß sie den feschen Bezirkshauptmann gekapert hat, ist sie auch auf dem besten Wege, den anderen Ehemännern die Köpfe zu verdrehen. Wunder genug, daß sich noch ein Unabhängiger fand, der, anonym zwar, aber mit deutschem Mannesmut den Versuch gewagt hat, »der Zauberin die Larve vom Gesicht zu reißen«. In dem deutschvölkischen Lokalblatt – dessen Besitzer natürlich Smrczek heißt – war das Feuilleton erschienen, das in Wahrung berechtigter Interessen sich mit dem Vorleben dieser Frau v. Hervay befaßte und mit der neckischen Chiffre I. Durchschaudi« gezeichnet war. Man kennt die Sorte. Treudeutsch bis zum Erbrechen, aber an Verlogenheit, Feilheit und Sensationsgier den besten israelitischen Vorbildern nachstümpernd. Indes, so verheerend selbst im fernsten Alpental Druckerschwärze wirken kann, noch ist ja im Hause Hervay alles beim Alten. Wie lange wird unser Bezirkshauptmann dieser geschiedenen v. Lützow vertrauen? Da fällt ein Schuß. Endlich! Da wird eine verhaftet ... Ein scheußlicheres Schauspiel ward nicht gesehen. Doch gegen menschliche Niedrigkeiten anzukämpfen, ist nicht Sache des Publizisten. Bosheit, Klatschsucht, provinzielle Topfguckerei – wer wollte seine Feder in solche Quellen ärgsten Unheils tauchen? Nur den , nicht die Menschen vermag öffentliche Kritik zu erziehen, und keine steirische Gans würde sich künftig abhalten lassen, ihren Schnabel am nachbarlichen Frieden zu wetzen. Aber denkwürdig bleibt, wie nach dem Selbstmord des Bezirkshauptmanns Presse und Kleinstadt, Jud und Christ, die Schuld einander zuschoben. Dasselbe »Neue Wiener Journal«, das, noch warm von den Ohrfeigen der Gräfin Festetics, mit den Enthüllungen über Frau v. Hervay begonnen und gemeldet hatte, der Bezirkshauptmann sei beurlaubt, sei zur sofortigen Niederlegung seines Amtes gezwungen worden, klagt nach dessen Tode jene Faktoren an, die nicht davor zurückgescheut sind, »die privaten Verhältnisse eines Beamten der Öffentlichkeit preiszugeben«. »Eine unauffällig durchgeführte Scheidung oder die gleichfalls nicht an die große Glocke zu hängende Ungültigkeitserklärung der Ehe hätte Herrn v. Hervay die Freiheit wiedergegeben und ihm die Möglichkeit geboten, in einem anderen Wirkungskreise seine Tätigkeit fortzuführen.« Schwarz auf weiß gedruckt! Nein, weiß auf schwarz. Der Lippowitz ruft: haltet den Lippowitz! Oder er will, da er die Gesellschaft eine unberufene Richterin nennt, bloß das Monopol der Presse auf Zerstörung von Familienglück wahren ... Aber da meldet sich die »Gesellschaft«, der der Vorwurf gilt, zum Wort, vertreten durch das »Deutsche Volksblatt'. Konnte man glauben, daß Herr Vergani einen anderen Standpunkt als den des gekränkten Mürzzuschlagers einnehmen werde? Der Horizont des »Deutschen Volksblatts« sitzt der Engstirnigkeit einer steirischen Provinzstadt wie angegossen. Das dreckige Selbstbewußtsein, das hinter einem Jäger'schen Normalheld pocht, die Freude an der eigenen Schäbigkeit, das Behagen an der üblen Ausdünstung des eigenen Charakters, Beschränktheit und Roheit, Dummheit und Stolz – mit kleinen dialektischen Unterschieden ist's dasselbe. Freilich kann ich nicht verhehlen, daß mir der Gedankengang, der durch den Artikel »Die Jüdin« zieht, mehr nach Hallstatt als nach Mürzzuschlag zu tendieren scheint: Frau v. Hervay eine Missionärin der Alliance israéIite, die in das stille Alpental gesendet wurde, um dessen biedere Insassen durch die »Lehren der Talmudisten und der jüdischen Morallehrer« zu Fall zu bringen. Glaubwürdiger als diese Version klingt das Bekenntnis einer schönen Seele: »Mit einer steigenden Erbitterung, die bei dem geraden, ehrlichen Charakter der Steirer nur natürlich ist, hat die Bevölkerung von Mürzzuschlag die allmähliche Umgarnung ihres braven Bezirkshauptmanns durch die jüdische Kokette verfolgt ... Und als die Entlarvung der Elenden endlich gelungen war, da hätten die biederen Leute wohl am liebsten in flammender Empörung einen Akt derber Lynchjustiz an der frechen Verbrecherin vollzogen, wenn nicht die Behörden, dem Buchstaben des Gesetzes entsprechend und wahrlich nicht dem eigenen Triebe , die Circe vor den derben Fäusten, die sich verlangend nach ihr ausstreckten, geschützt hätten.« Die Mürzzuschlager konnten also nicht halten, was ihr Name versprach, weil die Gesetzeskenntnis, nicht die Gesinnung, der Behörden ihnen in den Arm fiel. Die Weltanschauung des »Deutschen Volksblatts«, in der sich das sittliche Ideal eines St. Marxer Viehtreibers mit dem ästhetischen eines Kerzlweibs organisch verbindet, ist nicht oft so klar zu Tage getreten wie in diesem Tobsuchtsausbruch gegen eine Frau, zu deren Gunsten hoffentlich noch mehr vorzubringen ist, als der billige Triumph über ein paar nicht eben erleuchtete Herren der Schöpfung. Denn es sei geradeheraus gesagt – und in einem Lustrum des Kampfes gegen moralische Schäbigkeit habe ich mir das Recht verdient, es zu sagen, ohne mißverstanden zu werden –: Es gibt Zeitungen und Stimmungen, in denen man auf den Standpunkt des »Simplicissimus« zurückkehrt, dem ein reingewaschener Sünder lieber ist, als drei Gerechte mit Schweißfüßen! Man ist lange genug ein Prediger in der Wüste gewesen, um sich schließlich mit der Befugnis einer ästhetischen Wertung der Menschen und Dinge zu belohnen. Auch an der Tafel des Lebens ist manchmal jener der leidlichere Genosse, der das Messer in die Tasche, als der es ins Maul steckt. Und nie noch ward mir der Nachbar, der in meine Suppe spie, durch die Versicherung erträglicher, daß er ein »anständiger Mensch« sei. Wurde der Pfad, den der Sucher menschlicher Vollkommenheit betrat, immer wieder zum Scheideweg der Unvollkommenheiten, so hat mancher Sittenlehrer sich, da Form ohne Inhalt oder Inhalt ohne Form zu wählen war, öfter für die ästhetische Richtung entschieden, die Dummheit, nicht die Schuld als der Übel größtes betrachtet, und im tiefsten Seelengrund die Empfindung gehegt, daß das Leben zu kurz sei, um sich bei dem Anblick ungefälliger Dinge aufzuhalten. Keine Gefahr, daß solche Erkenntnis die Entschließung rechtfertigen könnte, lieber ein kluger Lump zu sein als ein plumper Ehrenmann. Nicht vom Sein, bloß vom Sehen handelt diese Lehre. Und einen fesselnderen Anblick als die Schwarzalben von Steiermark, als der beim ersten Anprall des Lebens gefällte Normalmensch Hervay bietet diese Zaubererstochter immerhin, die die Ehepakte wie Spielkarten verschwinden läßt, Männer in Esel verwandelt und erst scheitert, da sie die Frage stellt, ob jemand von den Herrschaften in Mürzzuschlag zufällig ein reines Taschentuch bei sich habe ... Ich kann mir nicht helfen: von dieser »Elenden« könnte mir das »Deutsche Volksblatt« nachweisen, daß sie mit fünfhundert Männern verheiratet war, sie scheint mir wertvoller, dem Ideal der – ethisch kaum bestimmbaren – Weiblichkeit verwandter als eine christlichsoziale Versammlungsmegäre. Und keine Saite menschlichen Entsetzens klingt in mir mit, wenn ich rings in dumpfem Gemurmel das Wort »Bigamie« höre. Ich leugne ja nicht die Notwendigkeit, im Gegenwartsstaat besonders gebrechliche Rechtsgüter, wie die Ehe und die Familie, mit besonderem Schutz zu umgeben. Aber die Empfindung des Grauens beschleicht mich nicht, wenn einer sich der Übertretung eines Zweckgesetzes schuldig gemacht hat, einer Übertretung, die doch selbst durch moralische Verfehlung aus dem technischen nicht zum gefühlten Verbrechen werden könnte; und ich halte Wucher, Ausbeutung und den im frommen Österreich straflosen unlautern Wettbewerb noch immer für ruchlosere Taten als die Durchbrechung des »sittlichen Prinzips der Monogamie«. Daß Frau v. Hervay, die der »zweifachen Ehe« beschuldigt und der bis heute nichts anderes nachgewiesen ist als die gerichtliche Scheidung von ihrem vorletzten Gatten, vor versammeltem Volke eskortiert, auf der Fahrt nach Leoben im Mürzzuschlager Bahnhof ausgestellt, vor der Lynchjustiz bewahrt, aber der Schmähwut des Pöbels preisgegeben, daß sie mit einer Diebin zusammengesperrt wurde, beweist, wie schwer sich unsere Behörden in einer Zeit, in der es keine Hexenprozesse mehr gibt, zurechtfinden. Seit dem Prozeß gegen eine Ehebrecherin – solche Hexen gibt's noch –, der vor zwei Jahren hier gespielt hat, ward ein ähnlicher Anfall von Heimweh nach dem Mittelalter nicht beobachtet. Frau v. Hervay mußte sofort verhaftet werden, weil Gefahr bestand, daß sie sich zum sechsten mal verheiraten und vielleicht gar den Staatsanwalt betören könnte. Man hätte dann wieder, wie das »Deutsche Volksblatt« schreibt, »mit Ausdrücken höchster Empörung, flammenden Zornes von dem Siege des raffinierten Weibes über den Beamten« sprechen müssen ... Der Sieg eines »Weibes« über einen »Beamten«! Was ist das doch für ein sonderbares Delikt! Es wird, wenn die »Vergehen gegen die Interessen der Gesamtheit« neu kodifiziert werden, besondere Berücksichtigung finden müssen. Denn bisher war »hieramts« von Liebe nichts bekannt, und es muß gründlich dem Verdacht vorgebeugt werden, daß jeder Bezirkshauptmannschaft eine k.k. Circe zugeteilt sei, die pflichtgetreue Beamte von dem Pfad der Korrektheit abzubringen habe. Nur glaube ich, daß das strengste Gesetz nicht helfen wird. Wie Franz v. Hervays Unschuld zu Falle kam, so werden noch viele vortreffliche Bezirkshauptmänner, Landesgerichtsräte, Professoren, Sektionschefs, vielleicht gar Statthalter und Minister straucheln. Es braucht bloß durch einen Türspalt ein Strahl des Lebens in Kanzleistube oder Lehrzimmer zu dringen. Der Amtsschimmel wird scheu, dem das nächste beste Frauenzimmer die Sporen gab. Perverser als die Faszinierung eines Bezirkshauptmanns ist eine staatliche Ordnung, in der die Regierenden sich vor den Regierten durch größere Weltfremdheit auszeichnen und in der es vorbildlich ist, nichts erlebt zu haben; perverser ist ein System, vermöge dessen Männer, deren Leben eine prolongierte Gymnasialzeit ist – mit guter Sittennote, vielen Büchern und einem Weib –, Sexualgesetze schaffen und auslegen, als Familienväter verkappte Vorzugsschüler zu Ordnern im Chaos des Geschlechtsverkehrs bestellt sind. Gibt es etwas Groteskeres als die Erscheinung eines Schweizer Philisters, der ein Strafgesetz zu entwerfen hat und dekretiert, daß jede Abweichung vom horizontalen Pfad der Geschlechtstugend – auch im Ehebett – strafbar sei? In der Respektlosigkeit, zu der man täglich erzogen wird, wenn man solide Lebensfremdheit und gelehrte Phantasiearmut am kompliziertesten Werke sieht, möchte man wünschen, daß doch der Geschlechtstrieb der Gesetzgeber irgendwie von der verfassungsmäßigen Norm abweiche, damit sie am eigenen Leibe die Torheit des Versuches erfahren, das Nervensystem unter Strafkontrolle zu stellen. Den Weg menschlicher Befreiung bezeichnet die Erkenntnis, die das Verbrechen zur Unmoral, diese zur Krankheit, die Krankheit zur Neigung mildert. Kann man noch erwähnen, daß solche Duldung ein Volk schwächen könnte, wenn sie die Gehirnkraft seiner wertvollsten Bürger von dem Druck krimineller Drohung und sozialer Achtung erlöst? Nie wird – im Sexualbereich – freies Gewähren die Menschheit so tief herunterbringen wie Verbieten, was heimlich dennoch geschieht. Beginnen wir nur erst die Plafonds von den Schlafzimmern abzuheben, so wird manch ein General die Schlacht verlieren! Nur der Scheuklappenverstand, der alle Entwicklung von der eigenen Geburt datiert, hat die Vorstellung von der Modernität sexueller Entartung ausgeheckt. Aber unsere Gerichtssaalrubrik ist ein Erbauungsbuch neben jenen vergilbten Protokollen, die, wie ich weiß, ein Justizbeamter kürzlich entdeckt hat und die der staunenden Welt die Kunde bringen, daß im Wien der Kongreßzeit ein Knabenbordell bestanden hat. Wehrt sich Mürzzuschlag gegen die »Sittenverderbnis der Großstadt«? Einst hat – ich beeide den Fall – ein sonderbarer Schwärmer den Versuch gemacht, eine Prostituierte der Moral, der Familie, der Heimat zurückzuerobern. Aber der neue Zustand war nicht zu halten. Die »Schanddirne« verließ das biedere oberösterreichische Dorf am ersten Tage. Die beiden Welten vertrugen sich nicht: der Loisl, ihr Bruder, hatte sie vergewaltigen wollen ... Fort mit der sexuellen Heuchelei! Nur wenn wir aufhören, unser Menschlichstes als eine geheimnisvolle Welt zu scheuen, können wir uns vor ihren Gefahren schützen. Fort mit der menschenmörderischen Lüge von den »geheimen« Krankheiten! Das Wort hat nicht ihrer Unterdrückung, sondern ihrer Verbreitung gedient; nur öffentlichen Krankheiten vermöchte man beizukommen. Unsere Moral ist wahrlich eine Mutter, die ihr Kind mit einer Ohrfeige belehrt, wenn es gefragt hat, was in Schillers »Räubern« der Ausdruck »Hure« bedeutet. Oder sie gleicht dem klügeren Lehrer, der die Stellen anstreicht, die der Schüler nicht lesen darf. Welch ein Abgrund von Sittlichkeit! So wachsen die Kinder dieser Zeit heran, wissen nicht, was sie müssen, und wissen so viel, was sie nicht dürfen. Untrennbar bleibt ihnen, seit jenem Schreck der mütterlichen Ohrfeige, das Sexuelle mit dem Moralischen verbunden, die erste starke Erregung der Sinne bringt sie in die Gefahr seelischer Konzeption, der erste Anprall des Lebens macht sie straucheln. Eine distinguierte Fremde braucht bloß ein wenig mit den Dessous zu rascheln, und sie nennen sie »Märchen«. »Sexuelle Tiroler« – ich habe das gute Wort eines Lebenskenners zitiert, als Frank Wedekinds »Erdgeist«, die Komödie der pathetischen Mißdeutung des Geschlechtslebens, die Tragödie der Frauenanmut, den schnurgeraden Sinn der Wiener Kritik verwirrte. Aber einer von Lulus Hampelmännern, der Maler Schwarz, tötet sich, weil sein geliebtes Weib nicht, wie er glaubte, von vornehmer Abkunft ist, sondern »aus der Gosse« stammt, und weil sie nicht, wie er glaubte, bei einer Tante aufgewachsen ist, sondern im Alhambra-Café barfuß Blumen verkauft hat. »An dem Glück, das du gekostet, kann nichts etwas ändern. Du überschätzest dich gegen besseres Wissen, wenn du dir einredest, zu verlieren. Es gilt zu gewinnen.« Nützt nichts: der »Idealist« geht an dem innern Konflikt, nicht mehr lieben zu können, was er liebt, zugrunde. Es genügt das Wissen um die Vergangenheit, die Aufklärung eines Freundes wirft ihn um. Und ich glaube auch nicht, daß Franz v. Hervay an dem Skandal gestorben ist. Der Anteil, den kleinstädtischer Klatsch und journalistische Schnüffelei an der Katastrophe haben mögen, darf nicht unterschätzt werden; aber nur eine unpsychologische Auffassung vermag ihnen die wesentliche Schuld beizumessen. Der Bezirkshauptmann Franz v. Hervay hat sein Mürzzuschlag in sich getragen. Ein Musterknabe, dem sein ehemaliger Klassenvorstand vom »Theresianum« den Nachruf in einer Zeitung gehalten hat. Man darf in der Tat von dem Sieg eines Weibes über einen österreichischen Beamten sprechen, von einer der schwersten Niederlagen, die sich die Korrektheit jemals geholt hat. Von einer Blamage der Gesundheit, die Cancan tanzen sollte, aber nur schuhplatteln gelernt hatte. Der gefallene Mann ... Ihr Antlitz wenden Verklärte von dir ab. Die Hände dir zu reichen, Schauert's den Reinen! »Er ist der erste nicht!« ruft zähnefletschend der Teufel. Und wenn man daran denkt, wie viel Tüchtigkeit dem Staat durch den Hingang eines so guten Beamten, der nur auf das Leben so schlecht vorbereitet war, verloren ging, möchte man in Fausts Klage ausbrechen: »Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe dieses Elends versank, daß nicht das erste genugtat für die Schuld aller übrigen in seiner windenden Todesnot vor den Augen des ewig Verzeihenden l« ... Ist der verführte deutsche Hans eine tragische Figur? Nicht als Opfer der Verführerin, wohl aber als das Opfer seiner Erziehung. Vor den Herren der Schöpfung wird es geheim gehalten, daß auch ihr ewig Weh und Ach so tausendfach aus einem Punkte zu kurieren ist. Man hat ihnen die Medizin immer nur als Gift bezeichnet. Und so sterben sie an dem Glauben, vergiftet zu sein. Die Liebe darf ihre sozialen Ansprüche nicht enttäuschen; sonst brechen sie unter ihr zusammen. Zuerst glückliche Gefangene ihrer Sinne, beginnen sie sich plötzlich den Schlaf aus den Augen zu reiben, erinnern sich an die ethische Mission der Frau als Fortpflanzerin von Beamtengeschlechtern und verwünschen die holde Unorthographie der Frauenliebe, die da »genus« mit zwei s schreibt. Der Fall Kerr Der kleine Pan ist tot In Berlin wurde kürzlich das interessante Experiment gemacht, einer uninteressanten Zeitschrift dadurch auf die Beine zu helfen, daß man versicherte, der Polizeipräsident habe sich der Frau des Verlegers nähern wollen. Das Experiment mißlang, und der »Pan« ist toter als nach seiner Geburt. Herr Maximilian Harden hatte schon Abonnenten verloren, weil er sie durch den Nachweis vermehren wollte, daß Fürst Eulenburg homosexuell veranlagt sei. Herr Alfred Kerr, der dieses Wagnis, einen erotischen Hinterhalt für die Politik und den politischen Vorwand für das Geschäft zu benützen, tadelte, hat einen schüchternen Versuch gemacht, es zu kopieren, indem er, gestützt auf die erweisliche Wahrheit, daß Frau Durieux die Gattin des Herrn Cassirer sei, sich bemüßigt fand, in Bezug auf die Erotik des Herrn v. Jagow »auszusprechen was ist«. Herr Kerr ist dabei zu Schaden gekommen. Denn eine üble Sache wird dadurch nicht schmackhafter, daß man sie statt in Perioden in Interjektionen serviert, und der Moral ist nicht besser gedient, wenn sie von einem Asthmatiker protegiert wird, als von einem Bauchredner. Das demokratische Temperament mag es ja als eine geistige Tat ohnegleichen ansehen, daß einer dem Polizeipräsidenten »hähä« zugerufen hat, und die Verehrer des Herrn Kerr, dessen Stil die letzten Zuckungen des sterbenden Feuilletonismus mit ungewöhnlicher Plastik darstellt, mögen diesen Polemiker sogar für den geeigneten Mann halten, mich für »Heine und die Folgen« zur Rede zu stellen. Ich möchte das Talent des Herrn Kerr so gering nicht einschätzen wie jene, die ihm zu politischen Aktionen Mut machen. Im sicheren Foyer theaterkritischer Subtilitäten hat er es immerhin verstanden, aus dem kurzen Atem eine Tugend zu machen, und man könnte ihm das Verdienst einer neuen Ein- und Ausdrucksfähigkeit zubilligen, wenn es nicht eben eine wäre, die wie alle Heine-Verwandtschaft Nachahmung ihrer selbst ist und das Talent, der Nachahmung Platz zu machen. Das bedingt einen geistigen Habitus, der auch den leiblichen geflissentlich dazu anhält, sich noch immer als Jourbesucher der Rahel Varnhagen zu fühlen, und dem das politische Interesse bloß eine Ableitung dessen ist, wovon man leider stets im Überfluß hat: der Sentimentalität. Sie allein macht es verständlich, daß Ästheten, die aus Lebensüberdruß Gift nehmen könnten, weil es grün ist, und die einen Pavian um den roten Hintern beneiden, manchmal drauf und dran sind, die Farbe, die bisher nur ihr Auge befriedigt hat, auch zu bekennen. Diesen politischen Zwischenstufen zuliebe ist der »Pan« gegründet worden, und wenn man schon glaubte, alle Sozialästheten würden sich wie ein Heinrich Mann erheben und fortan nach seinen Gedanken handeln, die an der Oberfläche sind und doch tief unter seiner Form, – so erschien ein offener Brief an Herrn v. Jagow. Er war die Antwort auf einen geschlossenen. Herr v. Jagow hatte sich der Frau Durieux »außergesellschaftlich« nähern wollen. Man denke nur, welchen Eindruck das auf Herrn Kerr machen mußte, dessen Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung sich in dem Worte »Ecco« erschöpft, wozu aber, wenn er gereizt wird, in der Parenthese noch die treffende Bemerkung »Es ist auffallend« hinzutreten kann. Herr Harden hätte in solchem Falle vom Leder gezogen, das heißt er hätte den Feind dieses riechen lassen statt des Gewehrs. Herr Kerr begann fließend zu stottern, teilte den Polizeipräsidenten in sechs Abteilungen und fühlte sich aristophanisch wohl. Herr Cassirer, der am Skandal und am Geschäft beteiligte Verleger, duldete still. Und der Fall wurde zum Problem, wie viel Aufsehen man in Deutschland mit schlechten Manieren machen kann. Gewiß, man muß von modernen Literaten nicht verlangen, daß sie die Qualität einer Schauspielerin eher in der Fähigkeit erkennen, sich eine außergesellschaftliche Annäherung gefallen zu lassen, als in dem Ansehen, das sie als Hausfrau eines Kunsthändlers genießt. Gewiß, man mag es hingehen lassen, daß ein moderner Impressionist über die Psychologie der Schauspielerin so korrekt denkt wie ein Schauspieler, der ja der Erotik zumeist als Mitglied der deutschen Bühnengenossenschaft gegenübersteht. Aber man muß über die Promptheit staunen, mit der hier – jenseits des Problems der Theaterdame – die allerordinärsten Abfälle des Moraldogmas aufgegriffen wurden, die die Hand des Bürgers davon übriggelassen hat. Und daß hier die laute Entrüstung einem Geschäft helfen sollte, da die stille nur der Ehre Vorteil gebracht hätte, macht den solid bürgerlichen Eindruck der Angelegenheit vollkommen. Fast könnte man fragen, ob Herr v. Jagow dem »Pan« durch die Unterlassung der Annäherung an Frau Durieux nicht mehr geschadet hätte, als durch die Konfiskation der Flaubert-Nummer, und der Ausruf auf der Friedrichstraße: »Der Polizeipräsident hat meine Gattin beleidigt. Sensationelle Nummer des »Pan'! – legt die Erwägung nahe, ob man in solchen Ehrenhändeln dem Störer des ehelichen Friedens nicht prinzipiell zwei Kolporteure ins Haus zu schicken hat. Herr Cassirer hatte zwar schon durch einen Rittmeister Aufklärungen empfangen und »seinerseits« die Sache für erledigt erklärt; er hatte aber »keinen Einfluß« auf die Entschlüsse der Redaktion. Deutsche Verleger sind gegenüber den Geboten ihrer Redakteure vollkommen machtlos und gegen einen ausbeuterischen Angestellten helfen ihnen bekanntlich weder die Gerichte noch können sie selbst mit dem Komment in der Hand einen Privatwunsch durchsetzen. Die Redakteure des »Pan« waren nicht davon abzuhalten, einen Eingriff in das Familienleben ihres Verlegers zu begehen. Zwar hat Herr Cassirer zugegeben, eine Bemerkung des Herrn v. Jagow – »der »Pan« kann über mich schreiben, was er will« – habe ihn schließlich bestimmt, seine Redaktion gewähren zu lassen. Aber wenn er nach einer solchen ausdrücklichen Erlaubnis des Polizeipräsidenten sich schon nicht bewogen fühlte, Herrn v. Jagow zu schonen, so bleibt es immerhin verwunderlich, daß es dem »Pan« unbenommen blieb, über seinen eigenen Chef zu schreiben, was er wollte. Indes, es war nicht nur Naivität notwendig, um die Publikation zu rechtfertigen, sondern wahrlich auch, um sie zu veranlassen. Der Glaube an die Plumpheit des Herrn v. Jagow war plumper. Denn der Amtsmensch ist zwar ungeschickt genug, um seinen Besuch bei der Schauspielerin mit der Berufung auf sein Zensoramt harmlos zu machen, aber so ungeschickt, um sein Zensoramt als Besucher der Schauspielerin gefährlich zu machen, ist er nicht. So ungeschickt, es zu glauben, sind nur die Polemiker und die Verleger. Herr v. Jagow hat es schriftlich gegeben, um sich zu decken. Hätte er drohen wollen, so hätte er es mündlich gegeben. Ganz so dumm, wie die Journalisten es brauchen, sind die Machthaber nicht in allen Fällen; sie sind nur manchmal dumm genug, dem Verdacht, dem sie ausweichen wollen, entgegenzukommen. Wenn sie das Interesse für Theaterfragen zum Vorwand für erotische Absichten nehmen, so machen sie es anders, und wenn sie sich auf ihr Amt berufen, so wollen sie sich schützen, nicht preisgeben. So flink macht einer einem tüchtigen Verleger nicht den Tartuffe; er müßte denn von einem tüchtigen Verleger dafür bezahlt sein. Daß die Freundlichkeit der Dame, die Herrn v. Jagow auf der Probe kennen gelernt hatte, inszeniert war, muß man trotz der Pünktlichkeit des Aufschreis des gekränkten tüchtigen Verlegers nicht annehmen. Das ist nur in jenen Teilen der Friedrichstraße üblich, wo keine Zeitschriften feilgeboten werden. Aber daß das Maß dieser Freundlichkeit die Annäherung des Dritten nicht absurd erscheinen ließ, ist ebenso wahrscheinlich, wie es für eine Schauspielerin nicht unehrenhaft ist, daß sie zur Ansprache eines Polizeipräsidenten ein freundliches Gesicht macht. Es geht nicht an, die erotische Dignität und den erotischen Geschmack des Paares unter Beweis zu stellen, und darum kann Herrn v. Jagow nichts Schlimmeres vorgeworfen werden als Neugierde, wiewohl ihm auch die erwiesene Absicht auf eine Schauspielerin selbst die Todfeinde seines Regimes nicht ankreiden würden. Nur der Liberale trägt kein Bedenken, gegen den Tyrannen die Argumente des Muckers anzuführen, und was er Satire nennt, ist das mediokre Behagen über einen Zeremonienmeister, der durch eine Orangenschale zu Fall kommt. Und antwortet man ihm, daß man Schutzmannsbrutalitäten verabscheuen und gleichwohl das Gewieher über den ausgerutschten Präsidenten verächtlich finden kann, so wird das Maul, das bisher nur »etsch« sagen konnte, frech über alle Maßen. Herr Kerr nennt jetzt jeden, der »noch behauptet, er habe einen Privatbrief öffentlich behandelt«, und jeden, der »noch behauptet, er habe unbefugt eine völlig beigelegte Sache der Öffentlichkeit übergeben, einen Halunken«, und der »Pan« setzt seine Bemühungen, sich interessant zu machen, fort. Herr Cassirer, der nur noch am Geschäft Beteiligte, duldet still. Ich will dem aufgeregten Feuilletonisten, der schon vergebens bemüht war, den Schleier vom Vorleben des Herrn v. Jagow wegzuzupfen, die Freude an keiner seiner neuen »Feststellungen« verderben. Er verspricht zu kontrollieren, welche Blätter sie ihm unterschlagen werden, und es ist zu hoffen, daß alle so klug sein werden, sie ihm nachzudrucken. Denn kein Angriff vermöchte die Miserabilität der Angelegenheit besser zu entblößen, als diese Verteidigung. Ich möchte Herrn Kerr den Rat geben, sein Geschrei zu verstärken und auch noch denjenigen einen Halunken zu nennen, der ihn beschuldigt, Herrn v. Jagow die goldene Uhr gestohlen, oder seine Tante Friederike Kempner geschlachtet zu haben. Je mehr Leute, die grundlose Behauptungen aufstellen, er Halunken nennt, desto besser lenkt er die Aufmerksamkeit von den gegründeten ab und dem »Pan« zu. Denn ob Herr Kerr »befugt« oder nicht befugt war, im »Pan« etwas zu veröffentlichen, hat er mit seinem Verleger auszumachen, und ob er diesem die Erlaubnis abgeschmeichelt oder abgetrotzt hat, ist eine Sache, die die Öffentlichkeit nicht sonderlich interessiert. Ob Herr Kerr eine Affäre, die der Ehegatte beigelegt hatte, ausweiden durfte, hat er mit dem Ehegatten auszumachen. Wesentlich allein ist, daß dieser nichts dagegen einzuwenden hat. Nicht wesentlich zur Beurteilung der Ethik des Herrn Kerr, aber zur Beurteilung des Falles. Nicht ob Herr Kerr tut, was ihm vom Verleger-Gemahl erlaubt oder verboten ist, sondern ob dieser erlaubt oder verbietet, ist relevant. Dieser hat sich, so versichert Herr Kerr, bei der Erledigung der persönlichen Affäre zwischen ihm und dem ehestörenden Herrn v. Jagow »nachdrücklich« die Verwertung des »politischen Charakters der Angelegenheit« durch Herrn Kerr vorbehalten. Das heißt, er »hat sich zwar gegen die Veröffentlichung des Angriffs im »Pan«, weil er dessen Verleger ist, gesträubt – keineswegs aber gegen seine Veröffentlichung überhaupt«. Man muß zugeben, daß eine bessere Verteidigung eines Mannes, der beschuldigt wird, die Beleidigung seiner Frau zur Hebung seiner Halbmonatsschrift verwendet zu haben, gar nicht gedacht werden kann. Herr Kerr sagt, daß ihm etwas erlaubt war. Herr Cassirer hat bei den ritterlichen Verhandlungen mit Herrn v. Jagow ausdrücklich das staatsgrundgesetzliche Recht des Herrn Kerr, zu denken und zu schreiben, was er will, gewahrt. Dagegen, daß es im »Pan« geschehe, hat sich Herr Cassirer gesträubt. Aber dann hat er's doch zugelassen. Es ist nun wohl denkbar, daß bei der ritterlichen Austragung Herr v. Jagow die Gedankenfreiheit des Herrn Kerr, gegen die Herr Cassirer nichts ausrichten zu können beteuerte, anerkannt hat. Aber es ist immerhin zu bezweifeln, ob er die Austragung noch als ritterlich akzeptiert hätte, wenn der Gegner sich die Verwertung im eigenen Blatt vorbehalten oder ihm auch nur gesagt hätte: Herr v. Jagow, auf Ehre, Sie sind ein Ehrenmann, ich bin jetzt davon durchdrungen, daß Sie meine Frau nicht beleidigt haben. Aber, auf Ehre, ich hab da eine etwas wilde Redaktion und beim besten Willen kann ich es nicht verhindern, daß zum Quartalswechsel so etwas hineinkommt wie, daß Sie doch meine Frau beleidigt haben ... Hätte sich Herr Cassirer mit Herrn v. Jagow geschlagen, so böte immerhin die Möglichkeit, daß die Gegner unversöhnt schieden, eine Entschuldigung. Aber er hat sich ausgeglichen, versichert selbst im »Pan«, sein persönlicher Zwist zwischen ihm und Herrn v. Jagow sei »völlig beigelegt«, verspricht, auf »den zwischen uns erledigten Fall« nie mehr zurückzukommen – dazu würden ihn auch »keinerlei Angriffe bewegen« –: und läßt Herrn Kerr seine nachträgliche Forderung präsentieren. Denn Herr Kerr »sei befugt, die Angelegenheit öffentlich zu behandeln.« Es ist so albern und klingt so gentlemanlike, daß man sich fragt, ob es nicht doch vielleicht einen Komment gibt, der dem Beleidigten ausdrücklich gestattet, nachdem er volle Genugtuung erholten hat, den Gegner zwar nicht selbst anzuspucken, aber es durch einen Dritten besorgen zu lassen. Ecco. Herr Kerr nennt das Ganze einen »ethischen Spaß«. Ich nenne es eine völlig humorlose Unsauberkeit. Und für den Fall, daß Herr Kerr mich deshalb einen Halunken nennen sollte, behalte ich mir nachdrücklich das Recht vor, den politisch-persönlichen Charakter seiner Affäre so eingehend zu besprechen, daß ihm einige Parenthesen wackelig werden könnten. Bis dahin hat er die käsigste demokratische Gesinnung auf seiner Seite. Auch die Politiker in Schönheit, die sich der Geste freuen, welche einem Machthaber auf den Hosenlatz weist, mögen die Schlacht für gewonnen halten. Zu bald aber dürfte die Ansicht populär werden, daß es der Ästheten nichts hilft, wenn sie sich durch schlechte Manieren einer guten Sache würdig erweisen wollen. Die Kultur, die auf Old Stratford-Papier arbeitet, versagt bei Gelegenheiten, wo manch ein deutscher Kommis seinen Mann stellt. Nur im Geschäft ist sie ihm über. Pan war der Sohn des Hermes. Dieser aber ist ein Handelsgott und heißt jetzt Cassirer. Der kleine Pan röchelt noch Man sollte meinen, daß von Kultur erst dort die Rede sein könne, wo die Frage der Zimmerreinheit geklärt ist. Was nützen uns die schönen Künste des Spitzes, wenn die Hose leidet? Ecco. Darüber gibt's keine Debatte, und wenn das demokratische Gefühl in den beteiligten Kreisen hier die Politik ausspielt, so liegt insoferne ein bedauerliches Mißverständnis vor, als durch Politik höchstens die Freiheit vom Maulkorb erstrebt werden kann, nie aber das Recht, zu stinken. Ein anderes Mißverständnis liegt in der Entrüstung darüber, daß man einem Genius wie Herrn Alfred Kerr imputieren wolle, er habe Unsauberkeiten begangen, um das Geschäft einer Halbmonatsschrift zu heben. Da die Halbmonatsschrift nicht Herrn Kerr gehört, so dürfte keiner von den vielen, die sich bei dieser Begebenheit die Nase zuhielten, Herrn Kerr für den Cassirer der Sensation gehalten haben. Der Fall liegt schlimmer. Herr Kerr tat wie Herr Harden, aber aus reinen Motiven. Er hat eine ungeistige Aktion aus Überzeugung vertreten. Er reicht an die Beweggründe des Herrn Harden nicht heran. Um eine schlechte Sache zu führen, muß man ein guter Politiker sein. Herr Kerr ist nur das Opfer seines politischen Ehrgeizes. Herr Harden ist für eine Unanständigkeit verantwortlich; er weiß, daß es im Leben ohne ethische Betriebsunfälle nicht abgeht, und die Kollegen von der Branche können darüber streiten, ob er zu weit gegangen ist. Herr Kerr aber hat einen geistigen Horizont entblößt, der so eng ist, daß ihm nur eine Unanständigkeit zur Erweiterung hilft, und wäre es selbst eine, die er sonst erkennen würde. Er ist der Typus, der seine Gehirnwindungen als Ornament trägt und, da ein Muster der Mode unterworfen ist, keinen Versuch der Renovierung scheut. Die verzweifelte Sehnsucht, von der Nuance zur Tat zu kommen, macht den blasiertesten Artisten wehrlos vor Devisen wie: Alle Menschen müssen gleich sein, Per aspera ad astra oder J'accuse. Die Linie, die durch die feinsten Schwingungen und apartesten Drehungen nicht populär wird, gibt sich einer Perspektive preis, in der sie als Fläche wirkt. Das Problem des Ästheten – Herr Kerr ist einer, und mögen ihn noch linearere Naturen um seine Raumfülle beneiden – ist von Nestroy mit unvergeßlichen Worten umrissen worden. »Glauben Sie mir, junger Mann! Auch der Kommis hat Stunden, wo er sich auf ein Zuckerfaß lahnt und in süße Träumereien versinkt; da fallt es ihm dann wie ein fünfundzwanzig Pfund-Gewicht aufs Herz, daß er von Jugend auf ans G'wölb gefesselt war, wie ein Blassel an die Hütten. Wenn man nur aus unkompletten Makulaturbüchern etwas vom Weltleben weiß, wenn man den Sonnenaufgang nur vom Bodenfenster, die Abendröte nur aus Erzählungen der Kundschaften kennt, da bleibt eine Leere im Innern, die alle Ölfässer des Südens, alle Heringfässer des Nordens nicht ausfüllen, eine Abgeschmacktheit, die alle Muskatblüt Indiens nicht würzen kann.« Mit einem Wort, auch der Feuilletonist hat Stunden, wo er sich nach dem Leitartikel sehnt. »Der Diener ist der Sklav' des Herrn, der Herr der Sklav' des Geschäfts«, sagt einer, der dem Prinzipal wohl geholfen, aber von dem Handel nichts profitiert hat. Und: »Wenn ich nur einen vifen Punkt wüßt' in meinem Leben, wenn ich nur von ein paar Tag' sagen könnt': da bin ich ein verfluchter Kerl gewesen. Aber nein! Ich war nie ein verfluchter Kerl. Wie schön wär' das, wenn ich einmal als alter Handelsherr mit die andern alten Handelsherren beim jungen Wein sitz' ... wenn ich dann beim lebhaften Ausverkauf alter Geschichten sagen könnt': Oh! Ich war auch einmal ein verfluchter Kerl! Ein Teuxelsmensch! Ich muß – ich muß um jeden Preis dieses Verfluchtekerlbewußtsein mir erringen! ... Halt! Ich hab's! ... Ich mach' mir einen Jux! ... Für die ganze Zukunft will ich mir die kahlen Wände meines Herzens mit Bildern der Erinnerung schmücken. Ich mach' mir einen Jux!« Einen Jux will er sich machen, der Weinberl. Einen ethischen Spaß nennt es der Herr Kerr. Er will einmal beim lebhaften Ausverkauf alter Geschichten sagen können: Oh! Ich war ein verfluchter Kerr! ... Er habe ja nicht auf das Pathos des Moralphilisters spekuliert. Aber der ethische Spaß lebt von der Heuchelei so gut wie das moralistische Pathos, und es gehört schon ein tüchtiges geistiges Defizit dazu, zu glauben, es sei kulturvoller, durch die Enthüllung eines hochgestellten Lasters das Gewieher des Bürgers herauszufordern, als seine Wut. Als ob in erotischen Situationen eine Heiterkeit möglich wäre, wenn's kein Ärgernis in der Welt gäbe, als ob Schwankfabrikanten nicht rückwärts gekehrte Mucker wären und die Zote nicht das Widerspiel, das widrige, der Zensur. Ein Überzensor, der Herrn von Jagow kontrolliert hätte, wäre weit sympathischer als dieser Pan, der ein Bocksgelächter anschlug, aber nur gleich dem Sohn des Hermes blinden Lärm erzeugte. Es ist die Sehnsucht nach dem Leitartikel. Denn im Leitartikel wird eine Tat getutet, während im Feuilleton nur eine Tüte gedreht wird. Ob es nun für den »Tag« zizerlweis oder für die »Königsberger Allgemeine« in einem Zug geschieht. Ich halte die Enthüllung, daß die rechte Hand des Herrn Kerr nicht weiß wie die linke schreibt, allerdings für eine Enthüllung des Herrn Kerr, wiewohl ich ihrer nicht bedurft und ganz genau gewußt habe, daß unter den impressionistischen Fetzen ein gesunder Plauderer steckt. Ich halte die Entschuldigung, die die tölpelhaften Helfer des Herrn Kerr vorbringen, der Stil ergebe sich aus dem Gegenstand, der behandelt wird, für ein Malheur. Denn es ist auffallend, würde Herr Kerr in Parenthese sagen, und es ist monströs, würde ich fortsetzen, daß sich die organischen Notwendigkeiten so genau an die redaktionellen Verpflichtungen halten, und daß einer, der in Berlin mit dem Matchiche Furore macht, in Königsberg so gut Polka tanzt. Freilich würde ich hinzufügen, daß ich an den Matchiche nie geglaubt habe, und daß es wirklich gehupft wie gesprungen ist, wie diese Tänzerischen (die ein Echo von Nietzsche in eine Verbalinjurie verwandeln) das Tempo ihres Lebensgefühls nehmen. Takt halten sie in keinem Fall. Was aber ferner auffällt, ist, daß die Arbeitseinteilung des Herrn Kerr seinen Verehrern nicht auffällt, ja, daß sie fortfahren, seine oszillierenden Banalitäten, die vor dem kategorischen Imperativ von Königsberg sofort zur Ruhe kommen und als Zeitungsgedanken agnosziert werden, im Munde zu führen und als »fanalhafte Symptome der aufregenden Herrlichkeit dieses Künstlers« zu empfehlen. Wenn Herr Kerr in Königsberg »die Seligkeit, die Seligkeit, die Seligkeit des Daseins« preisen wollte, würde sie ihm zweimal gestrichen werden, und mit Recht. Denn wenn er es einmal tut, ist es bloß keine Weltanschauung, aber wenn er es dreimal tut, ist es bloß eine schmalzige Stimme. Ich glaube, daß man sich da auf mein Ohr verlassen kann. Auch habe ich wohl ein Gefühl für die Abhängigkeiten des Stils, den nicht nur der »Gegenstand« bedingt. Zum Beispiel bin ich selbst schon in der nämlichen Minute von einer Apokalypse zu einem Hausmeistertratsch hinuntergestiegen. Aber ich lasse mich hängen, wenn nicht eine Blutuntersuchung die Identität ergibt. Und wenn sie nicht bei den Kontrasten des Herrn Kerr die Nullität ergibt, jene, die eine Verwandlung auf technischem Wege ermöglicht. Meine Verehrer, die mich nur halb so gut verstanden wie verehrt haben, müßten dies einsehen, und sie dürften mir nicht abtrünnig werden, weil sie es nicht einsehen. Wenn mir aber ein Weichkopf, der Absynth noch immer für einen ganz besondern Saft hält und von der Unentbehrlichkeit des Montmartre überzeugt ist, »Austriazismen« vorwirft, so muß ich mich in die Resignation flüchten. Denn mein Stil wimmelt nicht nur von Austriazismen, sondern sogar von Judaismen, die jenem nur nicht aufgefallen zu sein scheinen, mein Stil kreischt von allen Geräuschen der Welt, er kann für Wien und für den Kosmos geschrieben sein, aber nicht für Berlin und Königsberg. Es schmerzt mich ja, daß ich so vielen Leuten den Glauben an mich nehme, weil ich ihnen den Glauben an andere nehmen muß. Aber war es schon bei Heine unerläßlich, so muß ich auf die Anbetung vollends verzichten, wenn sie von der Duldung einer Kerr-Religion abhängen soll. Selbst die einfältigsten unter meinen ehemaligen Verehrern (jene, die imstande sind, zugleich zu sagen, daß ich ein nationales Ereignis bin und daß ich mich schämen soll; die Herrn Kerr den einzigen ebenbürtigen Kritiker nennen, der es wagen dürfte, mich zu stellen, und dann behaupten, die Nennung meines Namens in seiner Nähe sei mir zu Kopf gestiegen), selbst solche müßten doch vor der Freiwilligkeit meines Angriffs stutzig werden und sich überlegen, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, sich statt über mich über Herrn Kerr aufklären zu lassen. Denn meine Beweggründe sind auch nicht zu verdächtigen. Ich bin weder ein »Schlechtweggekommener« noch ein »verhaltener Dyspeptiker«, Herr Kerr hat sich immer sehr freundlich gegen mich benommen und ich habe ihm gegenüber stets einen guten Magen bewährt. Ferner hätte ich allen Grund, das Odium gewisser Bundesgenossenschaften zu fliehen und die Zustimmung von Leuten zu meiden, mit denen man nur darin ein Urteil gemeinsam haben möchte, wenn sie es einem ohne Angabe der Quelle abdrucken, von solchen, die Herrn Kerr Stil-, Moral- und Urteilswechsel nur deshalb vorwerfen, weil sie keinen Stil, keine Moral und kein Urteil zu wechseln haben. Wenn die starke Hemmung, auf einer Schmiere des Geistes auch nur ein Extempore abzugeben, mich nicht halten konnte, dann war die Lust wohl größer. Nicht die, die literarische Persönlichkeit des Herrn Kerr für einen Irrtum büßen zu lassen, sondern den Zusammenhang zwischen Tat und Stil zu beweisen. Nicht ihn wie einen Holzbock aus dem Schlafzimmer zu jagen oder wie einen Harden aus dem Geschäft, sondern die Schnüffelei als Erlebnis zu erklären, den Skandal als den Tatendrang eines von den Ereignissen ausgesperrten Feuilletonisten. Herr Alfred Kerr ist nicht unwürdig, in ein geistiges Problem bezogen zu werden. Die kulturelle Niedrigkeit dieser Sensation ist nicht in dem Mittel, sondern in dem Zweck begründet, den man Herrn Kerr erst einräumen muß, um zur Geringschätzung zu gelangen. Die antikorruptionistische Absicht des Mannes, nicht die Skandalsucht macht ihn primitiv. Denn das ist der Fall Kerr: die geistige Belanglosigkeit des Jagow'schen Vergehens und der Eifer, mit dem sich ein Komplizierter auf der Tatsachenebene zu schaffen macht. Und da ihm Herr O. A. H. Schmitz, ein Mann, der in einem schlechten Feuilleton nie seine gute Erziehung vergißt, also immerhin ein Sachverständiger für die »Pan«-Affäre, Vorwürfe zu machen beginnt, antwortet Herr Kerr bitter, daß man schließlich »noch die Kreuzigung eines wirklichen Heilands oder die französische Revolution« pathosfrei und weltmännisch betrachten werde. Er ist ein Fanatiker. Er scheint von seiner Mission, dem Herrn v. Jagow Absichten auf Frau Durieux nachzuweisen, so erfüllt, von dem umwälzenden Erlebnis, eine Unregelmäßigkeit im Polizeipräsidium entdeckt zu haben, so erschüttert zu sein, daß ihm Nuancen nicht mehr auffallen. Der Unterschied zwischen der französischen Revolution und der Verwertung des Briefes des Herrn v. Jagow ist nämlich bloß der, daß man nicht Aristokrat sein muß, um das spätere Ereignis zu mißbilligen. Ekstatiker übersehen dergleichen. Je länger sie beschaulich gelebt haben, um so dringender verlangen sie zu wirken. Sie wollen für ihr Tun auch leiden; sie wollen aber nicht mißverstanden werden. Die Reinheit des Glaubens ist außer Zweifel; mißverstanden wird höchstens das vielfach punktierte und verklammerte Bekenntnis. Dafür war mir die vorhergehende Stelle ganz klar: »Wenn Schmitz auch nicht durch hervorragenden Scharfsinn ausgezeichnet ist, plaudert er doch geschmackvoll, umgänglich und scheut keine Anstrengung, einen leicht abgeklärten Eindruck zu ertrotzen«. Ein Satz, der immerhin auch für das Plaudertalent des Verfassers zeugt und ganz gut in Königsberg gedruckt werden könnte. Ich kenne Herrn Kerr noch aus der Zeit, wo er Wert darauf legte, daß auch in Breslau Subjekt und Prädikat an rechter Stelle standen. Schon damals, wo die Welt der Erscheinungen sich ihm noch nicht nuanciert hatte, gelüstete es ihn nach einer Tat. Er beschuldigte den alten Tappert, den ernstesten Musiklehrer Berlins, den Hunger dazu getrieben hatte, sich als Kritiker bei Herrn Leo Leipziger zu verdingen, dieses »Amt« zur Erteilung von Privatstunden an Sänger mißbraucht zu haben. Der Kritiker hatte schon früher unterrichtet, und berühmte Sänger, die seinen Tadel nicht fürchten mußten, konnten seinen Rat brauchen. Der Greis, den die Ranküne der Fachgenossen in die Klage hineingetrieben hatte, weinte im Gerichtszimmer, und der Antikorruptionist erreichte, daß Herr Leipziger eine Gage ersparen konnte. Tragisch ist, als Einzelfall nicht für den typischen Übelstand, sondern für die Geistlosigkeit des Enthüllers geopfert zu werden. Mir war es Beruf, mich mit Einzelfällen abzugeben, und noch im Mißgriff der Person verfehlte ich die Sache nicht. Den Irrtum berichtigte die Leidenschaft. Herr Kerr, der sich zum Kampf gegen die Korruption von Fall zu Fall entschließen mußte, hat keinen Zusammenhang mit seinen Wahrheiten. Er ist ein Episodist, während Herr Harden kein Heldenspieler ist. Er will sich nur Bewegung machen, er schwingt Keulen, damit das ästhetische Fett heruntergeht. Theaterkritik ist eine sitzende Beschäftigung. Man sieht im Zwischenakt den Zensor mit der Salondame sprechen und ruft J'accuse. Es entsteht eine kleine Panik und man beruhigt sich wieder. Es jaccuselt im Feuilleton schon die längste Zeit. Und wird einer, der den Mund zu weit aufgemacht hat, niedergezischt, so sind sofort die Claqueure da, die die eigene Sache mit der fremden Sache und die persönliche mit der allgemeinen verbinden, zwischen den Herren Harden und Kerr gegen mich entscheiden und anarchisch die entstehende Verwirrung zu einem Schüttelreim benützen möchten. Als dem beschädigten Herrn Harden Dichter zu Hilfe eilten, als ihr gutes Recht auf Kritiklosigkeit von einer Zeitschrift mißbraucht wurde, nannte Herr Kerr diese ein Schafsblatt. Pan ist der Gott der Herden, und Herr Kerr verzeichnet liebevoll, was jetzt den Leithammeln nachgeblökt wird. Wenn ich besudelt werde und von denen, die mich vergöttert haben, so ersteht mir kein Helfer unter jenen, die es heute noch tun. Das ist nicht unerträglich. Die polemische Unfähigkeit des Herrn Kerr bedarf der Stütze. Daß sie sie eben deshalb nicht verdient, weil sie ihrer bedarf, geht den Helfern nicht ein. Herr Kerr, der jene zu züchtigen versprach, die seine Feststellungen verschweigen wollten, verschweigt meine Widerlegungen. Er begnügt sich mit einem Argument, das ihm ein Geist zur Verfügung gestellt hat, unter dessen Schutz keine Schlacht gegen mich zu gewinnen ist. Aber so leicht will ich ihm das Leben nicht machen. Wenn er schon wie ein Harden reden kann, durch die Fähigkeit, wie ein Harden zu schweigen, wird er seine Anhänger nicht enttäuschen wollen. Es geht denn doch nicht an, daß man auf einem sorgsam vorbereiteten Terrain nicht erscheint, den Gegner, den weder unsaubere Motive noch ein ehrloses Vorleben noch Namenlosigkeit kampfunwürdig machen, glatt im Stiche läßt und die Zuschauer nach Hause schickt. (Es ist auffallend). Herr Kerr zitiert drei Zeilen und Herr Cassirer stellt Strafantrag gegen den Berliner verantwortlichen Redakteur der »Fackel«. Die Arbeitsteilung ist im Stil der Affäre. Herr Kerr hat dem Herrn Cassirer bestätigt, daß er sich gegen die Veröffentlichung gesträubt habe, und Herr Cassirer dem Herrn Kerr, daß er zur Veröffentlichung befugt gewesen sei. Ich bin aber unduldsamer als Herr v. Jagow. Ich bestehe Herrn Kerr gegenüber auf dem Rendezvous, zu dem ich ihn mit Berufung auf mein Zensoramt geladen habe, und was die Ehre des Herrn Cassirer anlangt, so muß ich es freilich ihm als Geschäftsmann überlassen, zu entscheiden, ob durch eine Fortsetzung der Sensation im Gerichtssaal für den »Pan« noch etwas herauszufetzen ist. Nur möchte ich ihn bitten, den Berliner verantwortlichen Redakteur, der den Angriff vielleicht später gelesen hat als er selbst, aus dem Spiele zu lassen und mit mir vorlieb zu nehmen. Ich will auch vor einem Berliner Gericht verantwortlich sein und verspreche, daß ich mich gegebenenfalls auch als österreichischer Staatsbürger den Folgen eines Freispruchs nicht entziehen werde. Was die Helfer betrifft, so gebe ich ihnen eines zu bedenken. Das Café des Westens ist ein geistig schlecht ventiliertes Kaffeehaus. Ich könnte da ein bißchen Luft einlassen und würde dabei auf die Erhitzung der Stammgäste keine Rücksicht nehmen. Sie mögen sich den Schmerz darüber, daß ich ihrem Glauben an Herrn Kerr abtrünnig wurde, nicht zu sehr zu Herzen nehmen, und wenn sie nicht anders können, sich im Ausdruck mäßigen und nicht das Problem der Zimmerreinheit, das durch die Affäre selbst berührt wurde, noch mehr verwirren. Ich verlange nicht Verehrung, aber anständiges Benehmen. Sie mögen bedenken, daß mir meine polemische Laune nicht so leicht zu verderben ist, denn während andere Polemiker sich dadurch beliebt machen, daß ihnen der Atem ausgeht, regt mich das Fortleben meiner Objekte immer von neuem an. Sie mögen bedenken, daß ich die Großen bis zu den Schatten verfolge und auch dort nicht freigebe, aber auch schon manchem kleinen Mann den Nachruhm gesichert habe. Das kommt davon, daß mir die, welche ich treffe, nur Beispiele sind, und die, welche ich gestalte, nur Anlässe. Über den Verlust des Herrn Kerr, dem solche Willkür nicht zur Verfügung steht und dem nicht Phantasie die polemische Potenz erhöht, müssen sie sich trösten. Sie müssen endlich aufhören zu glauben, daß auch nur eine der nachkommenden Generationen, und machte man selbst den Versuch, die Säuglinge der Zukunft mit Absynth aufzuziehen, sich auch nur eine Stunde lang erinnern wird, daß um 1910 in Berlin Leute gelebt haben, die sich für Tänzer hielten, weil sie nicht gehen konnten, in die Aktion flüchteten, weil ihnen die Persönlichkeit ausging, und zwischen Kunst und Leben sich mit Psycholozelach die Zeit vertrieben haben. Wenn diese vorbei ist und sich meine Satire nicht erbarmt, kommt nichts dergleichen auf die Nachwelt! Und was sind denn das für Helden, die mir vor der Nase herumfuchteln, wenn ihr Heiland der Polemik gegen einen Polemiker die gegen einen Polizisten vorzieht? Man ist über ihre Herkunft informiert. Als Gott einen Mann namens Pfemfert erschuf, vergriff er sich und nahm zu viel Lehm. Kopf und Kehle wurden voll davon. Der Mensch hustete: Pf ... mpf ... t. Und Gott ward unmutig und sprach: Heiße fortan so! ... Zur Ehre des damals an die falsche Seite Verirrten sei festgestellt, daß er inzwischen wiederholt und nachdrücklich den Irrtum bekannt und – in der »Aktion« (XVIII 2/3) – jene »Rettungsaktion für Herrn Kerr« bereut hat, die, »als Karl Kraus ihn beinahe völlig niedergeboxt hatte«, erfolgreich durchgeführt worden sei, »daß der Fasterledigte sich allmählich wieder an die Öffentlichkeit wagen durfte«, Er wird bald wieder in den Zustand zurückfinden, aus dem er gerettet wurde. Und das sind meine Gegner! Ich habe zu viel Odem bekommen, ich blase sie weg. Noch ein Wort, und es könnte ein Südwind gehen, daß sie Herrn Alfred Kerr von einem Journalisten, Herrn Cassirer von einem Verleger und den Montmartre vom Kreuzberg nicht unterscheiden! Der kleine Pan stinkt schon So ward die Hyäne zum Aas. Es konnte nicht anders kommen. Der Weg in das Schlafzimmer eines Hochgestellten ist immer die ultima ratio einer verzweifelnden Administration. Ich werde diesen sterbenden Blick nicht vergessen. Aber nur kein Mitleid! Die rechtschaffenen Hyänen gehen auf den toten Krieger. Die literarischen auf das Privatleben eines Polizeidirektors. Aus solchem Leben erhoffte sich ein ästhetischer Schlemihl Bereicherung, das nannte er Tat, das war die politische Gebärde, auf die es jetzt alle abgesehen haben, die bisher ihre Zeit damit verbrachten, für die letzten Dinge einer Tänzerin die Formel zu suchen. Wer aber beschreibt die Wut des Verlegers, der seine ganze Hoffnung auf den Konkurs dieser Weltanschauung gesetzt hat? Zu spät erkennt Herr Cassirer, der sich mit den Nuancierten einließ, daß die Sexualräumerei heute nur von einem handfesten Harden mit vorübergehendem Erfolg zu leisten ist. Der weiß, durch welches Schlüsselloch man zu schauen hat, hinter welcher Gardine man sich versteckt und wie man, wenn die erweisliche Wahrheit sich rentiert hat, mit Anstand verduftet. Herr Kerr verrät sich durch ein vorzeitiges »Hähä«. Er ist zu kindisch. Erwischt man ihn, sagt er, er habe sich einen ethischen Spaß machen wollen. Aber diese Sorte von ethischen Spaßmachern, die zu lachen beginnen, wenn sie bei einer unethischen Handlung betreten werden, ist schon die richtige. Jungen, die in fremdem Garten Kirschen pflücken, haben auch ein Erlebnis, aber behaupten nicht, daß der Geist endlich den Weg zur Tat gefunden habe. »Ecco:« das ist bloß eine lange Nase. Ecco: das ist auch die Rechnung, die man in italienischen Gegenden präsentiert bekommt, wenn man so unvorsichtig war, sich mit einer Donna in ein Gespräch zu begeben. Auf Herrn Kerr paßt es zwar nicht, denn er zieht keinen Vorteil aus dem Handel, und Herr Cassirer sagt wieder nicht ecco. Dagegen sind beide Herren fest entschlossen, aus dem Geschäft, das nach gegenseitiger Bestätigung ihrer Unverantwortlichkeit zustandekam, mit allen bürgerlichen Ehren hervorzugehen. Das wird ihnen nicht gelingen. Auch dann nicht, wenn sie von einem Prozeß gegen mich abstehen. Diesen Prozeß habe ich mir nämlich frei erfunden. Zwar hat mir die Berliner Verlagsstelle der »Fackel« telegraphisch mitgeteilt, Herr Cassirer habe Strafantrag gegen den verantwortlichen Redakteur der »Fackel« in Berlin gestellt; zwar war sie zu diesem vermessenen Glauben berechtigt durch das wiederholte Erscheinen eines Kriminalbeamten, der mit dem Heft in der Hand, das die Beleidigung enthielt, technische Aufklärungen verlangte und sich nach dem Wohnort des verantwortlichen Redakteurs erkundigte; zwar wurde die Untersuchung auch bei diesem fortgesetzt und eine Vorladung erlassen; zwar hatte der Anwalt des Herrn Cassirer das Heft bestellt; zwar haben Berliner und Breslauer Tagesblätter detailliert berichtet, daß Herr Cassirer Strafantrag gestellt habe und durch welche Behauptung er sich beleidigt fühle. Trotzdem könnte es möglich sein, daß Herr Cassirer nicht etwa seine Absicht oder seine Anzeige zurückgezogen, nicht etwa die Staatsanwaltschaft ihm den Dienst versagt hat, daß er nicht etwa jetzt den Fehlschlag für Zurückhaltung ausgibt und die Schwierigkeit von Erkundigungen vorschützt, sondern: daß er nie die Absicht gehabt, nie eine Anzeige erstattet hat und daß nur eine Häufung von Zufällen, die zeitliche Nachbarschaft irgendeiner andern Untersuchung, deren Tendenz bisher unbekannt ist, meinen Größenwahn genährt und mich in den Glauben getrieben hat, ich könnte die Kompagnie Cassirer-Kerr beleidigen. Das ist nun offenbar wirklich nicht möglich. Aber nicht, weil durch eine dicke Haut kein Messer geht, sondern weil ich an das Ehrenniveau der Kompagnie Cassirer-Kerr nicht heranreiche. Das ist eine wichtige tatsächliche Information. Es ist gut zu wissen, daß es nach der Jagow-Affäre noch ein Ehrenniveau der Kompagnie Cassirer-Kerr gibt. Man hätte es sonst vielleicht mit unbewaffnetem Auge und mit unbewaffneter Nase nicht wahrnehmen können. Und wenn wir nunmehr vor der Frage stehen, warum gerade ich, der doch noch nie mit einem Polizeipräsidenten etwas ritterlich ausgetragen und etwas über ihn veröffentlicht hat, gerade ich an dieses Ehrenniveau nicht hinanreiche, an das doch bald einer hinanreicht und jeder Herausgeber einer Berliner Großen Glocke hinanreicht, so finden wir im »Pan« die Antwort: Hähä! ... Weil ich bereits brachialen Attacken ausgesetzt war. Dieses Motiv meiner Unfähigkeit, auch nur im Gerichtssaal dem Herrn Cassirer Satisfaktion zu geben, wird nun von diesem oder von Herrn Kerr oder von dem Schreiberlehrling, der dort gehalten wird, in einer anonymen Notiz und in einer Art variiert, daß es gar nicht mehr der Jagow-Affäre bedarf, um Herrn Cassirer, Herrn Kerr oder den Schreiberlehrling, der dort gehalten wird, für ehrlos zu erklären. Die Berufung auf die Tat eines besoffenen Cabarettiers, den eine erste Instanz zu einem Monat Arrest und eine zweite nur unter Anerkennung der geminderten Verantwortlichkeit zu einer hohen Geldstrafe verurteilt hat; auf eine Schandtat, der Frank Wedekind, Hauptmitarbeiter des Herrn Cassirer, in einem offenen Brief an mich jeden mildernden Umstand versagt hat, ist eine so vollkommene Unappetitlichkeit, daß zu ihrer Erklärung kein ethisches Gebreste, sondern nur die Verzweiflung eines geistigen Debakels ausreicht. Wie wäre es sonst zu erklären, daß eine Zeitschrift, die zwar eingestandenermaßen zur Förderung der Kultur, aber doch nicht direkt zur Förderung des Plattenwesens gegründet wurde, sich solchen Arguments erdreisten und gegen einen Mann, der sich seinen Haß mit der Feder verdient hat, solche Revanche predigen kann. Wie könnte die Feigheit, die ihr Mütchen mit fremder und verjährter Rache kühlt, sich so hervorwagen, wie könnte eine Gesinnung, die meinen Speichel geleckt hat, um mir ihn ins Gesicht zu spucken, so unter die Augen deutscher Leser treten, wenn nicht die Reue über eine ungeistige Tat, die verwirrende Fülle der Niederlagen, das Bewußtsein der selbstmörderischen Wirkung jedes weiteren Wortes, das durchbohrende Gefühl eines Nichts, das mit eingezogenem Schweif in die Hütte kriecht, der Taumel der Erlebnisse, der einen Ästheten durch die Politik in die Luft riß, den Grad der Zurechnungsfähigkeit so herabgesetzt hätte wie bei einem volltrunkenen Cabarettier? Eine Ohrfeige kann ein literarisches Argument sein. Sie kann der geistige Ausdruck der Unmöglichkeit sein, eine geistige Distanz abzustecken, und ich habe es oft empfunden und gesagt, daß die Polemik ihre Grenze in dem Wunsch hat, statt der Feder das Tintenfaß zu gebrauchen. Luther, der schreiben konnte, ließ sich in der Polemik gegen den Teufel dazu hinreißen. Die Drohung mit der Faust kann ein Kunstwerk sein, und Herr Harden wird es mir bestätigen, daß ich das Wort Ohrfeige schon so gebraucht habe, als wäre es die erste, die in der Welt gegeben wurde, und als hätte nie zuvor ein Kutscher mit einem andern polemisiert. Die Berufung auf fremde Roheit ist unter allen Umständen der Beweis ohnmächtiger Büberei. Nie beruft sich ein Temperament auf die Prügel, die ein anderer gegeben hat, doch immer ein Schuft. Ich bedarf nicht des Beistands der deutschen Dichter, die diesem Pan zu Hilfe eilen, in dem Glauben, daß sie ihn noch lebendig machen können. Mögen sie ihren Namen für die Rundfragen jenes Demokratins mißbrauchen lassen, der seine Götter stürzt, wenn sie ihm keinen Nachdruck ihrer Aufsätze erlauben, der an mir Gotteslästerung begeht und für Herrn Kerr die Kastanien aus dem Dreck holt. Mögen die Literaten, die mir verehrende, nein »ehrfürchtige« Briefe schreiben, zu den Pöbeleien wie zu den Lügen schweigen, mit denen ein Schwachkopf seine Enttäuschungen motiviert. Mögen sie es glauben, daß ich Ansichtskarten mit meinem Porträt in einem Kaffeehause verkaufen ließ, glauben, daß diese Wahnvorstellung die Abkehr eines Nachläufers motivieren kann, der noch ein Jahr lang an meinem Namen schmarotzt hat. Ich brauche keine Hilfe und scheue kein Hindernis. Ich werde mit der ganzen Schweinerei allein fertig. Aber ich werde darauf achten, mit der pedantischen Zähigkeit, die mich zu einem so üblen Gesellschafter macht, darauf achten, wer dem Herrn Cassirer, dem Herrn Kerr oder dem dort gehaltenen Schreiberlehrling noch die Feder reicht. Ich werde mich unter Umständen nicht scheuen, manchem der Herren Dichter mit dem Hut in der Hand einen Fußtritt zu versetzen. Im Dichten nehm' ich's mit ihnen auf, aber sie nicht mit mir im Anspruch auf Sauberkeit. Nicht in der Fähigkeit, Distanz zu wahren. Ich dichte nicht Poesie, um es dann mit der Krätze zu halten. Ich mache aus der Krätze ein Gedicht und veranstalte Sympathiekundgebungen für die Poesie. Wollen sehen, wer's weiter bringt. Ich kann zur Not den Herrn Kerr gestalten, aber sie können ihn nicht verteidigen, wenn ihm etwas Menschliches passiert ist. Und seine menschliche Abwehr belastet ihn. Jedes Wort, das er spricht, wirft ihn um. Er wehrt sich nicht, weil ich ihn angreife, sondern ich greife ihn an, weil er sich wehrt. Wenn ihn meine Kraft geschwächt hat, so stärkt mich seine Schwäche. Das ist nun einmal das ewig unverrückbare Verhältnis zwischen der guten und der schlechten Sache. Ihre Vertreter kämpfen mit ungleichen Waffen, und recht hat der, der es sagen kann. Herr Kerr kann es nicht einmal stottern. Auch diese Fähigkeit habe ich ihm genommen. Früher, in seiner Glanzzeit, hätte er noch sagen können: Herr Kraus hat einen A ... a ... ar ... tikel gegen mich geschrieben. Es war nicht, wie's auf den ersten Blick scheint, gebrochenes, sonders gespieenes oder noch ein anderes Deutsch. Das hat in Berlin eine Zeitlang Aufsehen gemacht. Nun hat man erfahren, daß es in Königsberg fließend geht, und der Nimbus dieses Percy, der nur Stotterer, nie Heißsporn war, dieses Schreibers, der so schrieb, als ob er den Schreibfinger im Halse stecken hätte, ist dahin. Er war eine Qualle, die immerhin Farbe hatte. Auf den Lebensstrand geworfen, wird sie von mir zertreten. Grauere Schaltiere mögen sie bewundert haben und ihr nachweinen. Mollusken mögen über meine Grausamkeit klagen. Aber der Ozean ist groß und im Sturm vergehn die Ästheten. Herr Kerr hätte nicht an meinem Fuß kleben bleiben sollen. Und nicht in Fischers Aquarium lebendig werden, wo er die Worte hervorbrachte: »Und Karlchen Kraus, der neuerdings als Zwanzigpfennig-Aufguß von Oscar Wilde oder als Nietzscherl Heiterkeit fand, schwenkte die betropfte Fackel.« Das ist keine Antwort, das ist ein Schwächezustand. Auf den Preis kommt's nicht an, es gibt Revuen, die für zwei Mark fünfzig eine stinkende Langweile ausatmen. Eine betropfte Fackel bietet immer noch einen respektableren Anblick als ein befackelter Tropf. Und wiewohl ich von Nietzsche wenig gelesen habe, habe ich doch die dunkle Empfindung, daß ihm mein Tanz besser gefallen hätte als die Zuckungen eines tänzerischen Demokraten, und daß ein Nietzscherl immer noch ein Kerl ist neben einem ganzen Kerr. Polemik soll den Gegner um seine Seelenruhe bringen, nicht ihn belästigen. Seitdem Herr Kerr den Schreibfinger aus dem Hals gezogen hat und mir in der Nase bohren möchte, ist die Situation bedrohlich. Herr Kerr kennt mich ziemlich genau und weiß, daß ich mehr bin, als er glaubt. Aber er gehört zu der ohnmächtigen Sorte, die mich für groß hält bis zu dem Augenblick, da ich trotzdem sage, sie sei klein. Seine Anhänger, die mich in ihren Blättern wöchentlich in Hymnen und Mottos ehrten, ihren Sabbath heiligten, wenn er ihnen einen Nachdruck aus der Fackel bescherte, und mich einen Gott nannten, sagen, ich sei größenwahnsinnig, wenn ich mich neben Herrn Kerr stelle. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß die Verehrer stützig werden, wenn der Verehrte anfängt, sie für Esel zu halten. Warum eigentlich? Bin ich dadurch kleiner geworden? Oder hat zu meiner Wesenheit die vorausgesetzte Sympathie für eine Leimgeburt gehört, die ich mit einem »Pft« davonblase? Da lebt und webt in Prag ein empfindsamer Postbeamter. Er hat mir Briefe zugestellt, in denen er mich seiner höchsten Verehrung bezichtigte. Er hat mir geschrieben, daß sein Essay über das Wesen der Kritik – oder über was man halt so schreibt – mir auf den Geist zugeschnitten sei, oder was man halt so schreibt. Er hat mir auch Drucksachen zugestellt, nämlich selbstverfaßte Bücher mit Huldigungen auf dem Widmungsblatt, und einen Roman darunter, in dessen Text ich auch verehrt sein soll. Ich habe nie gelesen, aber immer gedankt. In der Fackel findet sich der Name dieses Autors weder im Guten noch im Bösen; sein Unfug in Journalen hat mich oft erzürnt, aber wie sollte man alle Eindrücke bewältigen können? Es ist ja ein vertrackter Zufall, aber es ist ein Zufall, daß der Name des Herrn Max Brod bis zu diesem Augenblick nie von mir erwähnt wurde. Das hat ihn verdrossen. Meine Meinung über ihn, um die er sonst im Dunkel getappt hätte, kam ihm nur zu Ohren, als ihm erzählt wurde, was ich von einem erotischen Gschaftlhuber, der in München lebt, gesagt hatte: er habe in Prag seinen erotischen Wurmfortsatz, und dieser sei Herr Max Brod. Das hat ihn wieder verdrossen. Und nun – eine verspätete Zustellung, wie sie bei der Post häufig vorkommt – erscheint ein Protest zugunsten des Herrn Kerr, in welchem es heißt: »Überdies ist er sehr schön. Ich meine: persönlich, schön anzusehen. Das ist sehr wichtig und gut. Dichter sollen schön sein ...« Nun, bis hieher habe ich noch keinen Grund zur Eifersucht; es muß auch solche Schwärmer geben. Ich bin überzeugt davon, daß die Freiheit den schönen Augen des Herrn Kerr zuliebe nicht nein sagen kann, ich habe selbst die Empfindung, daß in ihnen der Völkerfrühling glänzt, und es ist kein Zweifel, daß Herr Kerr so aussieht, als ob man sich letzten Mittwoch auf dem Jour der Rahel Varnhagen um ihn gerissen hätte. Einer der wenigen originellen Menschen, die unter der Berliner Literatur sitzen, soll sogar, als er zum erstenmal dieser aus dichtem Bartbeet hervorleuchtenden Backen ansichtig wurde, entzückt ausgerufen haben: Hier sollten Rosen stehen! Doch das sind Geschmacksachen, ich selbst weiß aus eigener Wahrnehmung, daß ich nicht schön bin, und vom Hörensagen, daß Herr Brod es auch nicht ist. Dieser aber erwähnt die körperlichen Vorzüge des Herrn Kerr nur, um meine Eitelkeit zu reizen, deren Wesen er völlig mißverstanden hat, und fährt fort: »Ein mittelmäßiger Kopf dagegen, wie Karl Kraus, dessen Stil nur selten die beiden bösen Pole der Literatur, Pathos und Kalauer, vermeidet, sollte es nicht wagen dürfen, einen Dichter, einen Neuschöpfer, einen Erfreuer zu berühren. – So würde ich die Welt einrichten.« Es ist gut, daß Herr Brod die Welt nicht eingerichtet hat. Sonst müßte der liebe Gott Buchkritiken für die Neue Freie Presse schreiben, eine lächerliche Altenberg-Kopistin für eine bewundernswerte Künstlerin halten und den Zifferer loben. Sonst hätte Gott gottbehüte den Satz geschrieben, den ich in einer Prager Zeitschrift finde: »Sie ... kam schnell mit einem Teller wieder, auf dem mehrere Schnitten Wurst, ein halbes Stück Imperialkäse lagen, und an ihn grenzend eine angefangene Rolle Butter in ihrem Seidenpapier noch. Es sah nicht anders aus wie eben Reste einer Mahlzeit. In ihm aber erwachte der Hunger. ..« Und Gott selbst wüßte nicht, ob er gewollt hat, daß im Käse, an den die Butter grenzt, der Hunger erwacht ist, und er sähe, daß es nicht gut war, und würde den Satz anders einrichten. Die Stelle ist einem Roman »Jüdinnen« entnommen, der das Milieu in manchen Redewendungen überraschend gut zu charakterisieren scheint. Floskeln wie: »Hast du heuer schon gebadet?« und »In Kolin wie ich noch klein war« gehen dem Autor so aus dem Handgelenk, daß die Sicherheit erstaunlich ist, mit der es ihm manchmal gelingt, in seiner eigenen Sprache den Jargon zu vermeiden. Immerhin wird man es mir nicht verübeln können, daß ich mich mit Herrn Brod nicht in eine Auseinandersetzung über meinen Stil, über Pathos und Kalauer einlasse und mich damit begnüge, ihn durch die Versicherung zu verblüffen, daß mein Stil diese beiden bösen Pole nicht nur selten, sondern geradezu nie vermeidet. Ob es die höchste oder die niedrigste Literatur ist, den Gedanken zwischen Pathos und Kalauer so zu bewegen, daß er beides zugleich sein kann, daß er eine feindliche Mücke in die Leidenschaft mitreißt, um sie im nächsten Augenblick in einem Witz zu zertreten, darüber lasse ich mich mit keinem lebenden Deutschen in einen Wortwechsel ein und mit einem aus Prag ganz gewiß nicht. Ob es der Beweis eines mittelmäßigen Kopfes ist, werden die Weichtiere selbst dann nicht zu entscheiden haben, wenn sie unvermutet einen Panzer anlegen. Über meine Wertlosigkeit ließe sich streiten – der Annahme meiner Mittelmäßigkeit könnte man fast schon mit einer tatsächlichen Berichtigung widersprechen. Denn irgendein Problematisches muß wohl an mir sein, wenn so viele Verehrer an mir irre werden. Ich führe ein unruhiges Leben; und bin doch an Herrn Max Brod nie irre geworden. Was ich aber als eine überflüssige Störung meiner Wirrnisse empfinde, ist, daß seinesgleichen gegen mich frech wird. Das sollten die andern nicht erlauben; die noch an Götter glauben. Es ist gegen alle Einteilung. Wenn einer, dem ich geopfert habe, über mich schriebe, er halte nichts von mir, dann würde ich über mich nachzudenken beginnen und nicht über ihn, und wenn ich doch zu dem Entschluß käme, nicht mich, sondern ihn zu verwerfen, so würde ich die verschmähte Liebe; die abgestoßene Eitelkeit, die verratene Geschäftsfreundschaft als Motiv in meinen Angriff aufnehmen und meine Schäbigkeit nicht Entwicklung nennen. Dann wäre der Ausdruck eine Mißgeburt, aber er hätte auch ihr Gesicht! Man fahre ihr in die Augen, wenn man ihrer in zwölf Jahren in einem einzigen Exemplar habhaft wird. Und man halte den Haß meiner Gegner in Ehren, wenn man ihm nachsagen kann, daß er aus innerer Umkehr entstanden ist. Den Blitz, der sie aus heiterm Himmel trifft und den sie sonst als Schauspiel bewundert haben, zu verfluchen, ist menschlich. Aber damit ist nur bewiesen, daß der Blitz, der Menschliches treffen will, nicht geirrt hat. Und gewiß nichts gegen die Bedeutung des Blitzes bewiesen, wenn der Bauer »Sakra!« sagt. Wenn Herr Kerr aber ordinär wird und das, was ihn niedergeschmettert hat, Kunst war, dann ist Recht und Unrecht mit einer Klarheit verteilt, wie sie nie sonst über einem Kampf der Meinungen walten könnte. Immerhin hätte ich es mehr als der Dichter Beer-Hofmann verdient, daß Herr Kerr »Ave poeta« ruft. Auf die Knie hatte ich ihn schon gebracht. Auf Erbsen kniend müßte er noch als geübter Ästhet die Gebärde loben, die ihn bezwang, oder, wenn anders er solcher Objektivität nicht fähig ist, verstummen. Er plumpste mit einem gemeinen Schimpfwort hin. Ich bin nicht würdig, vom Herrn Cassirer verklagt zu werden. Ich bin nur würdig, von ihm aufgefordert zu werden, meine künftigen Bücher seinem Verlag zu überlassen. Er drückt mir die Hand für meinen Kampf gegen Herrn Harden, aber er könnte sie mir nicht reichen. Mißverständnisse über Mißverständnisse. Wir wollen einander nicht mehr wehtun. Es ist genug von Prügeln die Rede gewesen. Von den körperlichen, auf die sich die Ästheten berufen, und von den schmerzlicheren, die ich gegeben habe. Ein Kunsthändler, selbst einer, der Affären ritterlich austrägt, um sie publizistisch hinauszutragen, ist eine viel zu unbeträchtliche Gestalt, als daß sie länger als nötig den Horizont verstellen sollte. Auch muß der Prinzipal, dem hundert dienstfertige Schreiberjungen die Sorge für das Geschäft nicht abnehmen können, den Kopf behalten, um im richtigen Augenblick Manet von Monet und gar Kerr von Harden zu unterscheiden. Wenn sie sehen werden, wie er sie gegeneinander ausspielt, werden die Berliner Cliquen schon von selbst lernen, daß das Geschäft wichtiger ist als die Kultur. Dann wird sich dieser ganze dionysische Flohtanz zur Ruhe setzen, und die Mont-Martre-Interessenten, die heute noch von den Sehnsüchten nach einem Hauch einer Erinnerung an Düfte vibrieren und in Wahrheit Apachen des Wortes sind, werden mich in Liebe und Haß verschonen. Ihnen, die auch anders können, wird nichts andres übrig bleiben. Denn es ist heute in Deutschland gegen mich nicht aufzukommen; nicht gegen mich. Und wenn sie sich mit ihrer ganzen Pietät für Heine umgürten, und wenn er selbst zu ihnen auferstünde! Denn es ist ein Kampf mit ungleichen Waffen, wenn die gute und die schlechte Sache gegeneinanderstehen. Die schlechte kann nur schlechter werden. Polemische Ohnmacht ist der stärkste Ausdruck des Unrechts. Der Privatmann, der recht hat, schreibt recht. Der Literat, der unrecht hat, wird in der Polemik kleiner als er ist und gemeiner; er hat nicht Rausch noch Ruhe, er hat Reue; entblößt das Unrecht mit jedem Versuch, es zu decken, und begeht Selbstmord im Zweikampf, während dem Gegner die Vertretung eines belanglosen Rechts schon hinter der wahren, heiligen, unentrinnbaren Mission verschwindet, die Talentlosigkeit zu züchtigen. Der kleine Pan stinkt noch Herr Alfred Kerr hat am 1. Juli das Folgende erscheinen lassen:     Vive la bagatelle! Swift CAPRICHOS I. Herr Kraus (Wien) sucht fortgesetzt aus unsren Angelegenheiten Beachtung für sich herauszuschlagen. Mehrere suchten, die Schmierigkeit aus ihm herauszuschlagen. Erfolglos. Ich stellte neulich anheim, Kraus nicht mehr zu ohrfeigen. Es lag darin kein Werturteil über Unberechtigung der früheren Backpfeifen; nur über die Unberechtigung des Aufwands. Ein wandelndes Museum für Tachteln. Seit ihm zugesichert wurde, daß er ausnahmsweise jetzt keine kriegt, beunruhigt ihn die Gewohnheitsstörung: es fehlt ihm was. Ohrfeigen sind aber kein Argument. Selbst dann sind sie es nicht, wenn einer so oft, von Männern wie von Frauen abwechselnd welche bekam, daß auf der Wange die Inschrift »Hier blühen Rosen« stehn kann – und die Sitzgelegenheit, gewissermaßen, ein Bertillonsches Archiv geworden ist. Selbst für kleine Verleumder sind Ohrfeigen kein Argument. Darum sollen seine Backen Ferien haben: mag ihn schon der fremde Zustand – ohne Entziehungskur – aufregen. Ecco. (Er bekam die einleitende seiner Ohrfeigen, als er Privatsachen, die reine Privatsachen waren, ohne jedes Recht besabberte.) II. Dem kleinen Kraus (welcher kein Polemiker ist, sondern eine Klette) soll im übrigen gelassen werden, was er nicht hat. Blieb ihm die Gabe des Schreibens auch verwehrt (caccatum non est dictum), so weiß er doch, Reportermeldungen auf der fünften Seite des Wochenblatts für Leitomischl und Umgegend mit vernichtender Schärfe zu beleuchten. Er hat sich aber, infolge des Hinweises auf seine tatsächlich vorhandene Dummheit, zur Niederschrift von Afforismen bewegen lassen (weniger einem Drange des Intellekts folgend, als um die Abwesenheit seines Intellektmangels darzutun), – Kitsch, mit der Hand gefertigt, dessen Arglosigkeit sich in mechanischer Umdrehung äußert, in mechanischer Gegensätzelei, in Geistesschwäche mit »scharfsinniger« Haltung oder »menschenfeindlicher« Haltung; etwan: »Ich bleibe gebannt stehen, weil die Sonne blutrot untergeht wie noch nie, und einer bittet mich um Feuer.« Nietzscherl. Mehr sag ich nicht. »Ich verfolge einen Gedanken, der soeben um die Straßenecke gebogen ist, und hinter mir ruft's: Fia-ker!'« Tja, die einsamen Seelen. Das san halt dö Plag'n vun an Denker. Falls nun die Plage der Selbstverachtung hinzutritt? (Er äußert: »Mir sind alle Menschen gleich, überall gibt's Schafsköpfe und für alle habe ich die gleiche Verachtung.«) Nett, wenn er das Publikum betriebsam auf seinen abseitigen Weltekel aufmerksam macht. Oder wenn er (in belästigender Weise) die Leute fortwährend anruft, er wolle nicht von ihnen beachtet werden. Grundcharakter: Talmi plus Talmud. Sein St ... Sti ... Stil besteht aus zwei getrennten Nachahmungen: er verdünnt seinen Landsmann Spitzer und äfft Harden; Herr Kraus leidet an doppelter Epigonorrhöe. Er fälscht gewiß nicht – er geht nur in Irrungen ziemlich weit, so daß der alte berliner Scherz »Karlchen hat wieder mal gelogen« und zwar in der dümmsten schlichtesten spaßlosesten Weise glatt gelogen, erfunden, geschwindelt um einen Augenblickshalt zu haben, weil er sich auf die Großmut und Gleichgültigkeit seiner Gegner verläßt ... dieser Satz kommt nie zu Ende; wollte sagen: so daß der alte berliner Scherz »Karlchen hat wieder mal gelogen« gewiß nicht ohne weiteres für ihn zur Beleuchtung dient ... Was Epimenides über Kreta äußert, paßt nicht, weil Kraus von der Insel Mikrokephalonia stammt. III. »Die Art, wie sich die Leute gegen mich wehren ... Saphirle. Komm mal ran ... IV. Ganz wie ein Tuchreisender, der weiß, was er der Gegenwart nietzschig-kitschig schuldet, in der Abwehr gegen Demokratismus. Ein Einsamer und ein emsiger Menschenfeind wird doch nicht ... Daß man demokratische Freiheit nicht in der Welt für das Höchste zu halten braucht, Knirps, aber jetzt für etwas Wichtiges in Deutschland; daß hierfür zu fechten ein Opfer ist (wie es eine Lust ist): das wirst Du nicht begreifen, – schale, Haut. Deine Sektion ergibt zwei Kleingehirne. Was Du kannst, schale Haut, ist einen Reporter lustig beschämen; den Schnatterstil des Herrn Harden glänzend nachzutäuschen (später auch bewußt, mit einer Kennerschaft, die ulkig, aber peinlich ist); Du kannst für freie Geschlechtsübung Banalheiten äußern – und bist ein dummes Luder, das nie mit sich allein war. Oft ein amüsanter Spaßbold –: aber ein entsetzlich dummes Luder. Nun lauf' – und präge Dir ein leichtes Capricho-Lied hinter die oft strapazierten Ohren: V. Krätzerich; in Blättern lebend, Nistend, mistend, »ausschlag«-gebend. Armer Möchtegern! Er schreit: »Bin ich ä Perseenlichkeit ... ! Wie der Sabber stinkt und stiebt, Wie sich's Kruppzeug Mühe gibt! Reißen Damen aus und Herrn, Glotzt der arme Möchtegern. Vor dem Duft reißt mancher aus, Tachtel-Kraus. Tachtel-Kraus, Armes Kruppzeug – glotzt und schreit: »Bin ich ä Perseenlichkeit ... ! ALFRED KERR Es ist das Stärkste, was ich bisher gegen den Kerr unternommen habe. Gewiß, die drei Aufsätze haben einige Beachtung gefunden. Was aber bedeutet aller Aufwand von Kraft und Kunst gegen die spielerische Technik des Selbstmords? Gewiß, ich habe ihn in die Verzweiflung getrieben; aber er, er hat vollendet. Ich habe ihn gewürgt, aber er hat sich erdrosselt. Mit der wohlfeilsten Rebschnur, deren er habhaft werden konnte. Es ist mein Verhängnis, daß mir die Leute, die ich umbringen will, unter der Hand sterben. Das macht, ich setze sie so unter ihren Schein, daß sie mir in der Vernichtung ihrer Persönlichkeit zuvorkommen. Von mir geschwächt, beginnen sie mit sich zu raufen und ziehen den Kürzern. So einer zerreißt aus Gram sein Kleid, von dem die Andern geglaubt haben, es sei etwas dahinter. Einer, zu dem man sprechen möchte: du bist wie eine Blume, versetzt sich einen so vehementen Rippenstoß, daß es aus ist und geschehen. Nicht wiederzuerkennen. Was hat dieser Kerr nur gegen sich? Wie geht das zu, daß einer, der noch wenige Wochen, bevor ich ihn tadelte, mich gerühmt hat, plötzlich einen epileptischen Anfall auf mich verübt? Ich fürchte, er war kein Charakter, es muß ihm irgendwie die geistige Beharrlichkeit vor Gemütseindrücken gefehlt haben, er war am Ende nicht das, was man im Tiergartenviertel eine Perseenlichkeit nennt. Ich glaube, daß ein kleines Schreibtalent – ich bin gegen ihn viel gerechter als er gegen mich – völlig aus der Fassung gerät, wenn ihm etwas passiert ist. Es sagt nicht nur dummes Zeug, sondern sagt es auch schlecht. Wie geht das nur zu, daß einer, der ehedem doch bis zu einem gewissen Grad und speziell in Königsberg ein ganz geschickter, manchmal recht zierlicher Feuilletonist war, in dem Augenblick, wo ich seinen Geist aufgebe, mich sofort darin bestärkt? Er stirbt mit einer Lüge auf den Lippen. Er glaubt kein Wort von dem, was er gegen mich sagen mußte. Er schätzte mich hoch, hat sich über mich nicht nur öffentlich anerkennend geäußert – das würde nichts beweisen –, nein, auch hinter meinem Rücken, enthusiastisch – das würde nichts beweisen –, nein, mit einigem Verständnis von mir gesprochen. Aber es widerfuhr ihm, nicht den Glauben an mich, sondern den an sich zu verlieren, und ich bin nur das Opfer seiner Verzweiflung. Immer ist das so. Kein Wort von dem, was sie gegen mich sagen, glauben jene stillen Verehrer, die ich plötzlich laut anspreche, oder die vielen Literaturgeliebten, die sich vernachlässigt fühlen. Feuilletonschlampen mit mehr oder weniger Talent reagieren immer so. La donna è mobile. Ecco. Ich bin auf einmal ganz klein, ekelhaft und kann nicht schreiben, weil ihnen alles gefallen hat bis dorthin, wo ich gegen sie geschrieben habe. Wurde so ein zwar überschätzter aber zweifellos befähigter Leser wie dieser Kerr über mich gefragt, so sagte er Kluges. Und hatte er's nicht von sich, so war er doch belesen und informiert genug, um zu wissen, daß er sich blamieren würde, wenn er mich für einen so unbedeutenden Schriftsteller hielte, wie ich ihn. Er wußte ganz gut, daß das nicht geht, daß das heute in Deutschland keiner der andern Männer tut, an die man glauben muß, und daß es lächerlich ist, jenes Klischee der Geringschätzung gegen mich zu werfen, dessen sich heute selbst der Reporter schämt. Ich brauche keine Enquete, um mir das versichern zu lassen, schon ist das Urteil zum Urteil über den geworden, der's spricht. Sollte man diesen Kerr nach dem Spruch beurteilen, ich fürchte, er käme nicht auf die Nachwelt, wenn ihn je sein kurzer Atem so weit getragen hätte. Er kann's nur mehr durch mich erreichen. Ich habe schon so viele arme Teufel als Zeitübel perspektivisch genommen – Kerr tut nur so, als ob er das nicht verstünde –, daß es mir auf einen mehr oder weniger nicht ankommt. Ich fürchte, er kommt auf die Nachwelt! Gänzlich unvorbereitet, wie er ist, mit Haut und Haaren. Er muß sogar schon dort sein, denn ich sehe ihn nicht mehr. Unheimlich rasch gehen diese Verwandlungen vor sich. Gestern hat er noch Barrikaden gebaut, heute sitzt er mir schon als Fliege auf der Nase. Ich töte keine Fliege, es könnte in ihr die Seele eines Ästheten sein und dann wäre es eine Herzensroheit. Was bleibt mir übrig gegen ihn zu tun als ihn zu beklagen? Soll ich einen, der, wofern er lebt, sich kärglich als Desperado durchbringen muß, vor Gericht schleppen? Weil es einmal möglich wäre, feststellen zu lassen, daß ich nie den Mist des Privatlebens gekerrt habe – man sieht auch im schäbigen Kalauer bin ich ein Epigone –, sondern: daß einer, der Karriere machen wollte, mich vor fünfzehn Jahren für eine Verspottung seines schlechten Deutsch überfiel, dafür abgestraft wurde und später mit bewußter Mißdeutung eines völlig harmlosen Satzes verbreitet hat, er, der Kommis, habe sich einer Ritterpflicht entledigt. Zwei weitere Gerichtsurteile würden die Neugier der Feuilletonbagage befriedigen: über zwei Attacken, denen ich, in den zwölf Jahren der Fackel ausgesetzt war: von einem Instrument der Concordiarache, das später in Reue vor mir erstarb, und von einem Rowdy, dem das Bezirksgericht einen Monat Arrest gab, die höhere Instanz mit Berücksichtigung der Volltrunkenheit eine hohe Geldstrafe. Soll ich wirklich einen vierten Prozeß – zwei strengte der Staatsanwalt für mich an – herbeiführen, um einem toten Reklamehelden Gelegenheit zu geben, für eine Woche aufzuerstehen und eine zu sitzen? Soll ich mir die maßlose Distanz zwischen meinem Leben und dem Niveau, auf dem man »in Ehren« besteht – größer als die Distanz zwischen diesem Niveau und der Fratze, die der Kerr aus mir macht –, amtlich bestätigen lassen? Es ist überflüssig; und was liegt solchem Pack an einer Verurteilung, wenn nur von der ihm blutsverwandten Tagespresse meine drei Überfälle in fetten Titeln annonciert würden! Es ist lästig; und wiewohl es nichts gibt, was ich zu verbergen habe, räume ich doch nur mir das Recht ein, darüber zu sprechen. Auch bin ich lieber Angeklagter. Und sage darum diesem Kerr, daß nur ein so revolutionärer Feigling wie er, nur ein so ganz mißratener Demokrat wie er, nur ein so von allen guten Geistern des Takts und des Geschmacks verratener Angeber eines Polizisten wie er auf den Einfall geraten konnte, mir die Feigheit derer zum Vorwurf zu machen, die sich an mir vergriffen haben. Daß aber auch nur ein so vollkommener Ästhet, dem der Backenbart schon den Blick für das Leben überwachsen hat (und der bereits auf das Motiv der Rosen zu meinen Gunsten verzichtet), nicht merken kann, daß dreihundert Überfälle nichts gegen meine Ehre beweisen würden, dreihundert Gewalttaten nichts gegen mein Recht, dreihundert Kopfwunden nichts gegen meinen Kopf. Und alle zusammen nichts gegen meinen Mut. Die Überrumpelung eines Kurzsichtigen spricht nicht einmal gegen seine Muskelkraft – er wäre zur Not imstande, einen Ästheten zu ohrfeigen –: sollte sie sein Werk herabsetzen können? Hätte der Kerr Unrecht gegen Herrn Sudermann, wenn dieser anstatt über die Verrohung der Kritik zu klagen, einen Roheitsakt an ihm vollzogen hätte? Hat der Kerr Recht gegen Herrn v. Jagow, weil dieser ihn nicht geprügelt hat? Und ist es erhört, daß einer, der bisher wenigstens in einem Theaterparkett geduldet wurde, seine Wehrlosigkeit vor dem geistigen Angriff in die Infamie rettet, die brachiale Überlegenheit anderer anzurufen? Man wird Mühe haben, eine hochgradige Gemütserschütterung als mildernden Umstand auszulegen, um zu sagen, dieser Kerr sei im Grunde besser als die Kreuzung von einem Schulbuben und einem Schandjournalisten, zu der er sich jetzt verurteilt hat. Er darf nicht wissen, daß er das Häßlichste niedergeschrieben hat, was die Meinung der von mir gepeitschten Mittelmäßigkeit auf Lager hält, er muß sich seine völlige Unverantwortlichkeit ärztlich bestätigen lassen – sonst ist es ausgeschlossen, daß er die Hand, die diese Feder geführt hat, jemals noch reuelos betrachtet. Gegen den Wert meiner Leistung kann sie nichts ausrichten. Daß er mich unterschätzt, beweise ich durch jeden Satz, den ich über ihn schreibe. Aber wenn's mir selbst nicht gelänge, wenn ich wirklich das dümmste Luder wäre, welches je mit fremder Eigenart Aufsehen machen wollte: daß ich ihn nicht unterschätze, beweist er durch jeden Satz, den er über mich schreibt. Und weil er dies besser beweist als ich, drum habe ich ihn abgedruckt. Weil sich nichts Vernichtenderes gegen diesen Kerr unternehmen läßt, als wenn man ihm das Wort erteilt! Man lese. Man vergleiche. Nach meinen Aufsätzen lobte man mich, konnte aber immer noch glauben, irgendetwas müsse auch an dem Kerr, von dem man doch so viel schon gehört hat, zu finden sein. Nun sieht man, daß er die Räude hat. Daß nur dieser Zustand ihn befähigen konnte, das Lied vom »Krätzerich« zu dichten. Daß er eine völlig unsaubere Angelegenheit ist. Nun versteht man nicht, wie dieser parasitische Humor, dessen Sprecher im Verein reisender Kaufleute vor die Tür gesetzt würde, für Königsberg lesbare Feuilletons zustandebringen konnte. Ich verstehe es. Ich habe im Leben viel mit Minderwertigen zu tun gehabt. Ich weiß, wie ein Floh tanzt und wie eine Motte am Licht kaput wird. Ich weiß, wie Sinnesverwirrung einen sonst leidlichen Plauderer entstellen kann, und daß es eben vorher gefehlt war, an solche Individuen den Maßstab der Perseenlichkeit anzulegen. Dieser Kerr übernahm sich, als er glaubte, seine Leere könne politisch gestopft werden, und als er seine Temperamentlosigkeit an der Glut eines Polizeipräsidenten explodieren ließ. Er bekam dafür Schläge, die schmerzhafter waren, als wenn mir die in zwölf Jahren angesammelte Wut einer Millionenstadt sämtliche Knochen zerprügelt hätte. Anstatt nun zu schweigen und ruhig an seiner Entwicklung und für Königsberg zu arbeiten, ließ er sich hinreißen. Nun ist er hin. Und ließ mir nichts übrig, als ihn aufzubahren. Vielleicht hält er sich noch den Nachruf. Ich druck ihn ab. Man kann nicht lebendiger dastehen, als wenn man diesem Alfred Kerr das letzte Wort läßt. Der Fall Riehl Maudit soit à jamais le funeste imbécile Qui voulut le premier, dans sa stupidité, S'éprenant d'un problème insoluble et stérile Aux choses de l'amour joindre l'honnêteté. Ich aber sage euch, die Welt der Christen und anderen Juden hat sich mit der »Sünde« vollgefressen. Denn es bedarf nur des geringsten Anstoßes, um ein moralisches Speikonzert zu provozieren, das uns größere Übelkeit verursacht, als der Anblick sündhaften Tuns eurem von überschüssiger Moralsäure affizierten Magen. Wo aber könnte die Heuchelei besser gedeihen, als in einem beständig von Sensationen umwitterten Klima? Die verruchte Mischung von Sittlichkeit und Neugierde, die dem Wiener eingeboren ist, rückt ihm die dürftigsten Sexualbegebenheiten in ereignisvolle Perspektive und nährt ein Büßerpathos, das nach einer Nacht, in der zwei Menschen von der Norm der Geschlechtsfreuden gewichen sind, den jüngsten Tag angebrochen wähnt. Dieses Leben ist so arm an Orgien geworden, daß wir, Phäaken um jeden Preis, sie durch moralische Völlerei ersetzen müssen, wenn eine Prinzessin mit ihrem Stallmeister durchgeht, ein Universitätsprofessor Knaben photographiert, oder gar ein Bordellbesucher mit der Peitsche sich und seinem Opfer ein Vergnügen schafft. Wie aber soll Entrüstung zu ihren Orgien kommen, wenn die Sünde so schlau ist, die ihren in der Verschwiegenheit eines Alkovens zu feiern? Nun, so laßt uns wieder zu einer alten Kupplerin gehen: Sie heißt Justiz und wird uns in geheimer Verhandlung die öffentliche Meinung als Jungfrau vorstellen. Welch' eine Jungfrau! In Lumpen gekleidet, »lausig und mit schlechten Zähnen«, – wahrlich, Tante Riehl, die die schmutzigste Debutantin in vierzehn Tagen salonfähig machte, hätte sie von ihrer Schwelle gewiesen. Aber die Justiz weiß, was für Spezialitäten sie der Kundschaft schuldet, und macht in geschlossenem Hause die Gelegenheit zu Sensationen, wie sie in ähnlich raffinierter Art eben nur die Unschuld der Wiener Familienpresse dem ehrbaren Geschmack der Wiener Bevölkerung bieten kann. ... In das nach dem Zustand ihrer Straßen und ihrer Gehirne genannte Weichbild dieser Stadt klatscht eine »Affäre«. Die Besitzerin eines konzessionierten Bordells ist der wirtschaftlichen und gesundheitlichen Ausbeutung ihrer Mädchen beschuldigt. Eines Mißbrauchs, den wohl die staatlichen Wächter der Institution entdeckt und dem Gericht überliefert haben? Andernorts ein unbeträchtlicher Fall, wie jeder Übergriff, der die Rechtsbeziehungen zwischen Dienstgebern und Dienstnehmern stört. Beträchtlicher, wenn die Aufsichtsorgane – Gewerbeinspektoren oder Polizisten – die Ungebühr, zu deren Beseitigung sie gerufen waren, festigten und von der Willkür Zinsen nahmen. Haben sie die Autorität mißbraucht, um den Mißbrauch zu autorisieren, haben sie einmal verzichtet, Providenz zu spielen, um Provision zu empfangen – spuckt ihnen ins Gesicht! Denn allzu schmerzlich haben sie euch über euer Unentbehrlichstes, den Autoritätsglauben, hinweggeholfen und einem angemaßten Militärrock [gemeint ist der Hauptmann von Köpenick, der Erfasser], dessen Geschichte neulich die Wahnvorstellung einer Nation ernüchtert hat, das Pendant einer abgelegten Polizeihose geschaffen. Eine Affäre amtlicher Korruption also, öffentlichen Aufsehens würdig. Würdig der Empörung, doch auch einer zweckbewußten Erledigung, die die zweckvergessene Aufsicht schwerer zu treffen hätte, als das Raubsystem einer konzessionierten, privilegierten und mehrfach ausgezeichneten Kupplerin. Aber das »Aufsehen«, das in dieser trostlosen Stadt Kunst und Leben nach ihren stofflichen Werten würdigt, hat vor dem Polizeiskandal ohnegleichen und vor der besonderen Schuld einer Angeklagten den Pikanterien der Bordellsphäre den Vorzug gegeben. Und je nach Geschmack, lärmt Entrüstung oder wispert Neugierde, webt in allen Fällen Erstaunen um die plötzlich entdeckte Tatsache, daß der Frauenleib, dessen Käuflichkeit der Idiotenglaube doch selbst als eine »soziale« Einrichtung beklagt, in assortierten Lagern feilgehalten wird. Soweit das Verschulden der Kupplerin und soweit das Verschulden der Amtsorgane reicht, verweist der erste Blick die Angelegenheit in das Sorgengebiet der Verwaltung. Zu krimineller Geltung erwächst sie, wenn hier der Mißbrauch der Amtsgewalt, dort Wucher und sanitäre Übelwirtschaft einer vernünftigen Anklagebehörde einleuchten. Aber für den Mißbrauch der Amtsgewalt wird die Öffentlichkeit mit einer Ehrenerklärung des Polizeipräsidenten abgespeist, die er seinen viertausend Bediensteten ausstellt, von denen nur drei auf Abwege geraten seien, und mit einer stammelnden Bitte um Nachsicht, die besagen will, daß die Beamten des Präsidialbureaus, des Ökonomiereferats, des Verkehrsamtes und des Paßbureaus dem Einfluß der Madame Riehl nicht erlegen sind, und auch mit der berühmten Weisung »Madeln, verführts mir den dicken Kommissär, aber nehmts kein Geld von ihm« nicht gemeint waren. Als ob die Indolenz, die drei amtlich und moralisch subalterne Individuen im Gehege der Sittlichkeit pürschen läßt, nicht sträflicher wäre, als die Toleranz dieser munteren Bordellrevisoren! Wien wird sich beruhigen, wenn eine Kupplerin eingesperrt und ein Polizist davongejagt ist, es wird wieder in der besten aller Halbwelten leben und das Institut, dem Herr Piss angehörte, für eine wahre Bedürfnisanstalt halten. Die Begründung des Urteils, das Frau Riehl für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis schickt, verrät, worüber sich die Offiziellen in einem Falle, der uns empfindlicher enthüllt als die Nachbarn ihr Köpenick, Gedanken machen. Man hätte zumindest erwartet, die nachgewiesene Polizeigunst als mildernden Umstand zitiert zu finden. Gefehlt! Die Dame Riehl mußte sich ausdrücklich mit dem Vorwurf belasten lassen, sie habe die Aufgabe der Aufsichtsbehörde »erschwert«, und nicht einmal zu ihren Gunsten, geschweige denn zu Ungunsten der Polizei, wurde angenommen, daß diese die Aufgabe der Riehl erleichtert habe. Es ist recht uninteressant, ob's in einer Großstadt eine Ausbeuterin mehr oder weniger gibt. Aber wenn die Polizei schon nicht als Angeklagte im Gerichtssaal saß, so hätte wenigstens eine Amtshandlung als Milderungsgrund für die Schuld einer Räuberin der Kulturgeschichte überliefert werden sollen. Dabei wäre es gleichgültig gewesen, ob man der Polizei eher Vorschubleistung für die gewalttätige Einschränkung der persönlichen Freiheit, oder für die wucherische Ausbeutung der Bordellinsassinnen zugetraut hätte. Die Anklage gegen Regine Riehl hätte jedenfalls weniger nach Konstruktion gerochen, wenn man sich nach dem Beispiel von Laibach – auch dort war die Polizei an dem Bordellwesen hervorragend interessiert – von allem Anfang an auf die Wahrnehmung des wucherischen Tatbestandes verlegt hätte. Gegen die persönliche Freiheit und die Gesundheit ihrer Mädchen hat sich die Riehl gewiß nicht in so greifbarer Weise vergangen, wie gegen deren wirtschaftliche Sicherheit. Es ist ja allen Dankes wert, daß ein Gerichtshof einmal die Polizei über die Strafgesetzwidrigkeit ihrer Anschauungen vom Bordellwesen belehrt hat. Regine Riehl hat ein Übriges getan, da sie die polizeiliche Anerkennung sich erkaufte. Sie hat sie als konsequente Praktikerin jener Anschauungen redlich verdient und hätte, wäre sie nicht so ungeschickt gewesen, auch die Unschuld etlicher Beamten zu prostituieren, mit Erfolg den »guten Glauben« für sich geltend machen können. Die Polizei handelt als Exekutive der bürgerlichen Moral, wenn sie den Gassenstrich durch die Zucht eines geschlossenen Hauses verdrängen will, dessen Besitzerin sie das »Halten von Prostituierten« unter Kautelen gestattet, unter denen selbst das »Halten von wilden Tieren« erlaubt wäre. Und die Riehl hat als Exekutive der polizeilichen Raison gehandelt, wenn sie jene Fenstergitter an den Käfigen anbringen ließ, über die sich der Staatsanwalt entsetzt, wenn sie jene »Kaserne« schuf, über die sich nur ein Gerichtshof ereifern kann, dem das Schlagwort »Kasernierung der Prostitution« fremd ist oder etwas anderes zu bedeuten scheint als »Einschränkung der persönlichen Freiheit«. Der Bordellportier hat als Zeuge angegeben, daß er den besonderen Auftrag von der Riehl bekommen hatte, das Haus versperrt zu halten, »damit kein Mädchen hinausgehe:« so war der Freiheitsraub erwiesen. Aber der Bordellportier hat auch angegeben, daß dieser Auftrag erfolgt sei, weil »sonst die Riehl einen Anstand mit der Polizei hätte:« so war die Mitschuld der Polizei erwiesen. Und in dem Augenblick, da ein Beamter vor Gericht die denkwürdige Erklärung abgab, es sei nicht Sache der Polizei, die Prostituierten gegen die Kupplerinnen, sondern Sache der Polizei sei es, das Publikum gegen die Prostituierten zu schützen, mußte es klar sein, daß noch nie eine Übeltäterin in besserem Glauben gehandelt hat, als Regine Riehl. Bedeutungsvoll bleibt ja das judizielle Bestreben, einem behördlichen System den Riegel vorzuschieben, das die Verschiebung von Riegeln an den Wohnungstüren der Prostituierten begünstigt hat. Viel plastischer aber und des letzten Scheins einer bona fides entkleidet, rückt das Moment wucherischer Ausbeutung in die kriminelle Betrachtung. Mag auch das bürgerliche Gesetzbuch, das jedem Journalisten die Klagbarkeit einer Bestechungssumme garantiert, jedem Lumpen es ermöglichen, eine Prostituierte um den bedungenen Lohn zu prellen, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß der wucherische Betrug, den die Kupplerin an der Prostituierten verübt, unter strafrechtliche Sanktion falle. Sonst wäre es ja auch erlaubt, den »Schandlohn« – je nach Geschmack und dem Grade der sittlichen Entrüstung – zu stehlen, zu veruntreuen, zu rauben. Wäre freilich unser Strafrecht nicht so hirnverkleistert, im Verbot der Gelegenheitsmacherei eine fabelhafte »Sittlichkeit« zu schützen, nie wären jene Zustände geschaffen worden, die die blutigste Ausbeutung zur typischen Begleiterscheinung der harmlosesten Kuppelei machen. Eine Erkenntnis, die sich täglich bestätigt: Das Kuppeleiverbot hat die Kuppelei mit dem Wucher verkuppelt, hat wie jedes Sexualgesetz Übleres erzeugt, als es verhindern wollte. Ein Sexualgesetz, das, anstatt ausschließlich die freie Willensbestimmung, die Gesundheit und die ökonomische Sicherheit zu hüten, der Moral opfert, setzt Prämien auf die Preisgabe aller Lebensgüter. Es ist die ausbündigste Narrheit von der Welt, um jenes lästigen Idols willen die Kuppelei als solche zu verfolgen: die gewerbsmäßige Vermittlung oder Vermietung einer Gelegenheit an mündige und willige Menschen. Ihre Verfolgung rechtfertigt jeden Preisaufschlag, mit dem die Kupplerin ihr Risiko bewertet; ist die wahre Unterhändlerin des Wuchers, während die Kupplerin bloß den Genuß vermittelt. (Daß der § 512 der Punkt ist, an dem die einzig mögliche Reform der Sittenpolizei anzusetzen hätte, hat Graf Taaffe, der einzig mögliche Ministerpräsident, den Österreich je gehabt hat, und ein hervorragender Kenner des Gassenstrichs, erkannt. Eine Äußerung, die er vor etwa zwanzig Jahren im Budgetausschuß gegenüber dem Verlangen nach einer »Regelung der Prostitution« getan hat, wird jetzt bekannt: »Schaffen Sie mir erst diesen Paragraphen vom Halse! Solange er besteht, habe ich nicht Lust, mich zum Mitschuldigen zu machen.«) Wie oft soll es Kriminalistenhirnen noch eingetrichtert werden: So wie die Strafdrohung, die sich der homosexuellen Tat an die Fersen heftet, der Erpressung hilft, so fördert die Verfolgung der Kuppelei die Ausbeutung. Solange das erlaubte Unverständnis unserer Gesetzgeber den Liebesverkehr ein »unerlaubtes Verständnis« nennt, gewährt es bloß »Unterschleif« der Niedertracht. Sexualjustiz heißt jene besondere Gefälligkeit der Behörde, die den Schlafzimmerschlüssel einem Verbrecher ausliefert. Schraubt die Menschennatur unter den Strafparagraphen, und das Verbrechen kommt zum Vorschein! Und wer außer jenen Tröpfen, die sich den Geschlechtsverkehr bloß auf ethischer Grundlage und nicht auf einem Divan vorstellen können, leugnet, daß auch die Kuppelei einem in der Weibsnatur vorrätigen Trieb entspreche? Als Fortsetzung der Prostitution ist sie zunächst ein psychischer und dann erst ein sozialer Zustand. Wie sollte sie aber, solange sie bloß den für den Geschlechtsverkehr nun einmal unentbehrlichen Ort der Handlung beistellt, ein crimen sein? Wie will es die Ethik mit Naturtrieben, wie die Kriminalistik mit sozialen Notwendigkeiten aufnehmen? Natürlich wird noch häufiger »Not« die alten Weiber zur Kuppelei, als die jungen zur Prostitution treiben, und innerer Beruf häufiger die jungen zur Prostitution, als die alten zur Kuppelei. Aber sollte derselbe Staat, der die Witwen seiner Beamten hungern läßt, sie strafen dürfen, wenn sie ein Zimmer für Stunden vermieten? Und sollte bloß Armut und nicht auch jene Freude an der Sache, die die abgestorbene Sinnlichkeit des alternden Weibes immer noch aufbringt, ein unwiderstehlicher Zwang sein? Alle Sozialpolitiker, die da wähnen, daß sich das Genußleben nach der Statistik richte, scheinen nur die Klosettfrauen, die die soziale Fortsetzung der Prostitution, und nicht auch die Kupplerinnen, die ihre seelische Fortsetzung bilden, gezählt zu haben. Unter dem Bannfluch der christlichen Moral wird der außereheliche Geschlechtsverkehr zur Sünde, unter dem Damoklesschwert der bürgerlichen Verachtung wird die Prostitution zum »notwendigen Übel« und unter dem Richtbeil des Gesetzes wird die Kuppelei zum Verbrechen. Sie macht ihre Kunden zu »Opfern« und beutet sie – Fall Riehl – zuweilen auch mehr aus, als unbedingt notwendig ist. Das Weib, das seinen Körper verkauft, und die Kupplerin, die sich mit dem berechtigten Lohn für die Bettmiete begnügt, stehen außerhalb der Gesellschaft. Aber im Innersten dieses Asyls haust die räuberische Bordellwirtin, die die Meinung der bürgerlichen Wohlanständigkeit über die Prostitution mit eherner Härte zum Ausdruck bringt! Als jener kleine Journalist namens Bader durch seine Enthüllungen die Polizei aus dem Beischlaf weckte und dem »Illustrierten Wiener Extrablatt« an einem Tage etwa so viel zu verdienen gab, wie die Riehl bis dahin in einem Monat verdient hatte, zweifelte ich, ob es der Weg der Befreiung sei, wenn sich die armen Mädchen aus der Nachtredaktion der Riehl in ein Bordell der öffentlichen Meinung flüchten, und schrieb: »Die wucherische Bordellwirtin ist ein Hilfsorgan der Behörde, ein Exekutivorgan der Sittlichkeit. Die Einrichtung der Freudenhäuser mit all ihrem Mißbrauch der wirtschaftlichen und körperlichen Sicherheit sehen wir tiefer in der Gesellschaftsordnung wurzeln als die Einrichtung der Zeitungsbureaus mit ihrem Mißbrauch der wirtschaftlichen und geistigen Sicherheit. Die Prostituierten der öffentlichen Meinung müßten sich von den Verlegern nicht so schamlos ausbeuten lassen, wie es täglich geschieht. Aber daß die Huren des Leibes von den Kupplerinnen mißhandelt und begaunert werden, verlangt jene liebe Weltordnung, die die Freudengabe mit dem Brandmal der Verachtung belohnt. Der Weizen wucherischer Erpressung blüht, wenn Staat und Gesellschaft den Geschlechtsverkehr in das dunkle Gebiet anrüchiger Verschwiegenheit weisen. Und nur die Gehirnweichheit kann sich über die Abschlachtung einer Prostitution entrüsten, die sie selbst wehrlos dem Henker ans Messer geliefert hat. Humane Bordellbesitzerinnen wären ein Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft ...« Die abscheulichste Feststellung in diesem ganzen Gerichtsverfahren war wohl die, daß die Mädchen Bedenken getragen haben, ihre Klagen über den Mangel an Luft und Freiheit dem untersuchenden Polizeiarzt vorzubringen, »aus Furcht, er könnte es der Frau wiedererzählen«. Welche Schande für dieses rückständige Österreich, daß es auch in Fragen der Bordellhygiene zum Bader statt zum Arzt gehen muß! Welche Schmach, daß erst eine Presse, die gewohnt ist, an den sozialen Übeln zu schmarotzen und die gewiß auch in der Bordellsphäre auf die kostenfreie Zuwendung von Rezensionsexemplaren Wert legt, die Polizei, die die Damen des Hauses Riehl als Pflichtexemplare annahm, zur Wahrung öffentlicher Interessen aufgepeitscht hat! Und dabei war das »Extrablatt« so gut das polizeioffiziöse Journal, wie das Haus Riehl das polizeioffiziöse Bordell. Man müßte die Aussprüche, die in der Verhandlung über die k. k. Sittenwächter getan, ihnen in den Mund gelegt, oder aus ihrem Munde unmittelbar vernommen wurden, als Perlenschnur aneinanderreihen. Und an das eine Ende müßte die Weisung »Madeln, verführts mir den dicken Kommissär«, an das andere die amtliche Anerkennung: »Schauns her, was die Riehl in vierzehn Tagen aus dem Madel gemacht hat!« Dazwischen Erledigungen von Beschwerden, wie: »Die Riehl macht immer solche G'schichten!« oder »Mit solchen Kleinigkeiten können wir uns nicht abgeben!« oder »Da kamma nix machen!« oder »Gehns z'haus und machens Ihnen nix draus!« In die Mitte aber die außeramtliche »Erhebung«, was ein Mädchen gegen einen Polizeikollegen beim Untersuchungsrichter ausgesagt habe, und die außeramtliche Avisierung der Riehl, daß eine Anzeige gegen sie erstattet sei. Vertrauen gegen Vertrauen: »Kusch«, sagte die Riehl zu einem widerspenstigen Mädchen, das sich nicht vollständig ausrauben lassen wollte, »kusch, sonst lasse ich einen Wachmann holen!« In ein besonderes Medaillon gehört die Visitenkarte des Regierungsrates, die er der Riehl mit den Worten überreichte: »Wenn Sie einmal etwas brauchen sollten, kommen Sie zu mir!« Und als Anhängsel wäre die Versicherung zu tragen, die der Bordellreferent gab, als ihn die Gerichtsverhandlung mit den Einrichtungen des Hauses Riehl bekannt machte: »Das ist sanitär ganz unzulässig!« Oder die Antwort des Polizeiagenten Piss auf die Frage, was er denn im Bordell amtlich vorgekehrt habe: »Ich hab' halt so ziemlich die Madeln gezählt.« Lauter kostbare Stücke! Austrias Schmuck, den sich die Betschwester durch Prostitution erworben hat ... Die Weltfremdheit, die am Gerichtstisch saß, hat mit stärkster Emotion zur Kenntnis genommen, daß von den Mädchen »absonderliche Dinge« verlangt wurden. Im Sinne dieser Feststellung wird wohl die Frage des Vorsitzenden an einen Sittenpolizisten: »War Ihre Revision eine normale?« zu verstehen sein. Keiner der revidierenden Herren, auch nicht jener, der die Häupter seiner Lieben zählte, hat die sanitären Greuel der Schlafstätten im Hause Riehl wahrgenommen. Auf die Frage des Präsidenten: »Sind Sie in die Lage gekommen, die Räumlichkeiten zu besichtigen?«, hätte Herr Piss freilich antworten müssen, er habe die Räumlichkeiten zwar besichtigt, sei aber dabei in die Lage gekommen. Jedenfalls weiß er ganz genau, daß zwei in einem Bett lagen... Die Weltfremdheit saß am Gerichtstisch. Sie sollte Rechtswidrigkeiten prüfen, aber die Augen gingen ihr über, als sie gewahrte, daß in einem Bordell auch »Naturwidrigkeiten« zur Hausordnung gehören. Daß die Riehl unter anderm wegen Kuppelei verurteilt wurde, ist schließlich ein so heiterer juristischer Kasus, wie die übliche Verurteilung eines Mörders wegen Übertretung des Waffenpatents. Aber der moralische Hochdruck des ganzen Verfahrens schien auf die Erhärtung der Tatsache abzuzielen, daß das Haus Riehl ein Bordell war. Schon die Anklageschrift unterließ es nicht zu betonen, daß die Mädchen »auf Kosten der Gäste konsumieren mußten«. Als aber eine erzählte, sie sei von der Riehl geschlagen worden, weil sie ein Glas Champagner, das nicht ihr gehörte, geleert hatte, da konnte sich der Vorsitzende nicht mehr zurückhalten und rief: »Ah, es wurde also Champagner getrunken! War denn Champagner im Hause? Wo ist der Eiskasten gestanden?« Schließlich die tiefgründigste der Fragen: « Wer mußte den Champagner zahlen?« Und eine endlose Schar von Zeuginnen zog vorüber, die alle bekundeten, daß Champagner getrunken, daß aber keines der Mädchen von der Riehl gezwungen wurde, ihn für die Herren zu bezahlen. Immer wieder wurde die Beweisaufnahme über Gewalttätigkeit und Veruntreuung durch solche Feststellungen gestützt, und ganz besonders schien den Präsidenten die Frage zu alterieren, ob die Mädchen von ihren Ausgängen mit der Riehl Herren mitgebracht haben. Daß in einem geordneten Staatswesen dem Geschlechtsverkehr bloß ein Tor der Weiblichkeit und auch dieses nur sozusagen bis auf Widerruf freiwillig eröffnet ist, versteht sich von selbst, und darum ist es auch begreiflich, daß sich ein Richter bei jeder Zeugin erkundigt, ob sie etwa zu »irregulärer Betätigung« verleitet worden sei, und daß in einem Urteil die »Heranziehung zu ekelerregenden Dienstleistungen« als belastendes Moment vorkommt. Die Prügel, die die Mädchen von Besuchern erhielten, schienen dem Gerichtshof in nichts von den Mißhandlungen durch die Bordellwirtin unterschieden. Hätte er erfahren, daß viel öfter die Mädchen die Herren geprügelt haben und daß sie dafür noch Geld bekamen, er hätte dies vergebens mit »Notwehr« zu erklären versucht und jedenfalls gefragt, ob nicht auch die Riehl von den Mädchen Prügel bekam ... Richter, Ankläger und Verteidiger überbieten einander in Verblüffung über all die Dinge, die sie noch nicht gewußt haben. Wenn sie schon fünf Tage – wie sagt man doch? – »durch ein Kotmeer waten müssen«, so wollen sie wenigstens etwas davon haben. Keine Lebenskenntnis und keine Phantasie, die die Lebenskenntnis ersetzen könnte. Aber jeder hat ein Werk über Prostitution gelesen. »Ich habe mir die Mühe genommen«, gesteht der Staatsanwalt, »ein zweibändiges Werk »Zur Geschichte der Prostitution« durchzublättern. Meine Beobachtungen reichen bis zum Jahr 1180.« Daß die Mädchen gar so viel Geld für die Riehl verdient haben sollen, setzt alle in Erstaunen. »Warum haben Sie das Geschäft nicht in eigener Regie betrieben, wenn Sie eine so große Verdienerin waren?« fragt der Verteidiger, dem die Einnahme von 5000 Kronen in sechs Monaten abenteuerlich scheint. Ob »größeres Honorar gezahlt wird, wenn ein Mädchen jünger ist«, fragt der Vorsitzende. Will der Verteidiger eine Frage stellen, die ihn immerhin einer gewissen Vertrautheit mit dem Prozeßthema verdächtig machen könnte, so bittet er den Gerichtshof schamhaft, bei ihm »nicht auf eine besondere Sachkenntnis in diesen Verhältnissen zu schließen«. Er reinigt sich sofort von dem Verdacht, indem er außer sich vor Staunen gerät, da eine Zeugin erklärt, sie habe früher als Blumenmädchen vier bis fünf Gulden täglich verdient, und der Schmerzensschrei entringt sich seiner Germanenbrust: »Da möcht' ich auch Blumenmädchen werden!« Aber vorläufig hat er's noch nicht notwendig, da ihm die Riehl ein Honorar von 30 000 Kronen zahlt. (Dafür geht er auch kräftig für sie ins Zeug, überrumpelt eine Prostituierte mit der Frage, »woher sie denn weiß, was eine Geschlechtskrankheit ist«, fragt hohnvoll, ob am Ende »die Riehl sie angesteckt habe«, bittet einen Polizeibeamten, ihm auf Ehre und Gewissen zu sagen, ob die Freimädchen »oppositionelle oder aufrichtige Charaktere« seien, und schmettert, nachdem hundertmal festgestellt wurde, daß die Kupplerin den Mädchen sogar das Strumpfgeld abgenommen hat, beim ersten Strumpf, der zufällig nicht untersucht wurde, ein triumphierendes »Na also!« in den Saal. Der Angabe aber, ein Mädchen sei mit dem Pracker geschlagen worden, begegnet er a tempo mit der durchbohrenden Frage: Mit welchem Pracker?«) Ein Wettlaufen um den Ehrenpreis der gründlichsten Ahnungslosigkeit. »Da ist er ja dupiert worden!« ruft der Präsident, als die Riehl erwähnt, sie habe einem gutzahlenden Herrn eine »falsche Jungfrau« zugeführt; und schon erwägt der Staatsanwalt, ob er nicht die Anklage auch auf dieses Betrugsfaktum ausdehnen solle, hebt es jedenfalls fürs Plaidoyer auf. (In einer monogamen Weltordnung trägt auch das Bordell dem sittlichen Prinzip monogamer Bedürfnisse Rechnung. Es gibt dort oft mehr »falsche Jungfrauen« als echte Freudenmädchen, und gegenüber dem Vorwurf, sie mache Jungfrauen zu Dirnen, kann sich die Händlerin damit rühmen, daß es ihr viel öfter gelinge, Dirnen in Jungfrauen zu verwandeln! Triumph der Sittlichkeit! Prostitutio in integrum! Denn auch der Normalmensch braucht Illusionen, und wenn er schon in ein Bordell geht, so muß er wenigstens überzeugt sein, daß das Mädchen vor ihm noch keinem andern angehört hat.) Wie der Ochs vor der Grünen Thorgasse steht die Justiz vor der Sphäre, an die sie der Prozeß Riehl geführt hat. Und in dem allseitigen Staunen über die Verdienstmöglichkeiten einer Prostituierten ist es fast begründet, daß der Bruttogewinn der Prostitution in die Tasche der Kupplerin fließt. Hätte Frau Riehl die Mädchen nicht abgesperrt gehalten, rief der immer schlagfertige Verteidiger, so wären am Ende »die Mädchen ausgegangen und hätten das Geschäft auf eigene Rechnung gemacht!« Im Ernst: Nie wird eine Gesellschaft einem Wucher wehren, der eine Verdienstmöglichkeit beschränkt, die sonst »unsere Frauen und Töchter« anlocken und etwa gar die Frau eines Staatsbeamten verleiten könnte, ihrem Gatten auf bequeme Weise eine anständige Aktivitätszulage zu verschaffen! Wahrlich, die Gesellschaft hat die käufliche Liebe unter eine härtere Sanktion gestellt als die eines Paragraphen: unter die Strafe der wucherischen Beraubung. Ein Zusammenstoß zweier Welten. Nicht alle Gesetze, aber manche sollen für beide gelten. So ist auch das Freudenmädchen verhalten, das »Rechtsgut der prozessualen Wahrheitsfindung« zu respektieren. Daß der Gerichtshof für die armen Geschöpfe, die vor dem Untersuchungsrichter die Riehl zuerst entlastet und dann belastet haben, nicht unwiderstehlichen Zwang gelten ließ, ist bloß ein logischer Verstoß, durch den er das Fundament seines Urteils, den Glauben an den Terrorismus der Riehl, erschüttert hat. Wesentlich ist, daß sich die gräßliche Beschränktheit jenes strafrechtlichen Geistes, der die Zweiteilung des Menschengeschlechts noch nicht zur Kenntnis genommen hat, an einem starken Beispiel offenbarte. Da wurden Worte darüber gemacht, ob die angeklagten Mädchen durch die Drohungen der Riehl oder durch das Versprechen der Riehl, ihnen schöne Kleider zu schenken, sich zur falschen Zeugenaussage verleiten ließen, und der zweite Verdacht ward von der Verteidigung pathetisch zurückgewiesen. Als ob bei einer Frau nicht schon die Aussicht auf ein neues Kleid den unwiderstehlichen Zwang begründete! Braucht man denn wirklich erst die psychischen Einflüsse des Bordellebens zur Erklärung der antisozialen Regungen eines Weibes heranzuziehen? Bordellmädchen, nein, Weiber sollen es verstehen, daß sie in derselben Gerichtsverhandlung als Beschuldigte lügen dürfen und als Zeuginnen die Wahrheit sagen müssen! Aber das Wort »zeugen« hat im ganzen Bereich der Weiblichkeit aller Kriminalität zum Trotz bloß einen Sinn, und wenn man den geistigsittlichen Habitus des Mannes für »falsches Zeugnis« verantwortlich machen darf, so könnte man der Frau höchstens eine fausse couche zur Last legen ... Nun, die Prostituierte, der die Polizei ihr Gesetzbüchel in die Hand gibt, in dem nichts von der Heiligkeit des Eides steht, darf sich endlich dort in die Höhe staatsbürgerlicher Geltung gehoben fühlen, wo sie des Rechts teilhaftig wird, wegen eines Verbrechens verurteilt zu werden. Ist's ein Weg aus der Wirrnis, die die gesetzlichen Beziehungen zweier Welten regelt? Die Prostituierte muß Steuer zahlen, darf aber den »Schandlohn« nicht einklagen. Kuppelei ist erlaubt und verboten. Und »Eltern oder Vormünder« müssen »ihre Einwilligung zur Ausübung, des Schandgewerbes« geben, werden aber nach dem Vagabundengesetz bestraft, wenn sie sich von ihren Töchtern oder Mündeln unterstützen lassen. Die Polizei spricht bei der Assentierung der Bordellmädchen ihr »tauglich« oder »untauglich«; und ein Vater, der mit dem Rekrutendrill in der Riehl-Kaserne einverstanden ist, wird bestraft. Die Polizei holt seine »Zustimmung« zur Berufswahl des Kindes ein, und ein Landesgerichtsrat fragt – ob er mit der Einsperrung des Mädchens einverstanden war? – nein, »ob er davon gewußt hat, zu welchem Zwecke seine Tochter im Hause Riehl behalten wurde«... Eine Welt, der die Geheimnisse des Liebeslebens im Kinderkriegen erschöpft waren, mag jetzt in der Betäubung einer Ohnmacht liegen, als wäre sie von Enthüllungen der Zustände auf dem Mars übertölpelt worden. Und in grotesker Ratlosigkeit rennen ihre Patrone durcheinander: die von amtswegen nicht schlafen dürfen, und die von der öffentlichen Meinung wegen immer das Maul voll haben müssen. Dem Teilnehmer dieser dumpfen Gerichtstage war es eine spannende Beobachtung, wie das Echo der Lebensfremdheit draußen zu einem ungeheuren Chorus erstarkte, wie die Eindrücke bedrohlichere Formen annahmen als das Ereignis. Man glaubte, den Schreckensruf zu hören, der einst in das revoltierende Parlament drang: draußen werde geschossen; die Stafetten, die jetzt in den Gerichtssaal flogen, gaben von keiner geringern Verwirrung Kunde. Die Gerechtigkeit schlägt blind um sich und die Sittlichkeit feuert auf die Menschen. Man hört das Zähneklappern der Polizei, sieht ihre Emissäre im Gerichtssaal, die von Richtern und Anklägern Schonung erbitten und erkunden sollen, ob die Blamage unerträglich sei. Man erfährt von Fleißaufgaben der Reue, von hastigen Bordellrevisionen und Bordellsperrungen und glaubt ordentlich den Amtseid zu hören, daß nunmehr alle Unmoral ein Ende haben werde. Polizeibeamte erweisen den Vertreterinnen der Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels plötzlich zarte Aufmerksamkeit. Eine wird aus dem Gerichtssaal telephonisch ins Sicherheitsamt gebeten: mit glühenden Wangen kündet sie eiligst den Sitznachbarn, bei einer Masseuse sei ein junges Mädchen »der Prostitution zugeführt worden«, man »habe die Masseuse bereits«. Gleich den Lessing'schen Mönchen »sprangen, um zu retten'«, die Polizisten von den Betten: wo waren sie? Sie waren bei der Hand. Alle Mann an Bord! heißt es jetzt und nicht mehr: Alle Männer im Bordell! Drei Beamte konnten den Verlockungen der Prostitution nicht widerstehen, aber viertausend wird es gelingen, eine Prostituierte auf andere Gedanken zu bringen. Und vielleicht wird an diesem Tag noch manches unerfahrene junge Ding, dem die Lebenslust aus den Augen lacht und das die Gefahren der bürgerlichen Moral nicht kennt, ein Opfer der Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels, jenes Vereines, dessen Mitglieder sich für das »Los der Gefallenen« so sehr interessieren, weil sie die Tragik des Frauenschicksals, nicht gefallen zu haben, so tief empfinden ... Dazwischen schwirrt allerlei Unverbürgtes durch den Saal, man nennt Namen, die die Angeklagte nicht nennen werde, und spricht – nein, tuschelt – von einem kulanten Ausgleich der Gerechtigkeit, wenn die Riehl drei eine gerade Zahl sein läßt und sich auch außerhalb des polizeilichen Lustreviers zu einem milden Verfahren gegen – bekannte Täter entschließt. Und schon wird das Zauberwort »Bachrach« genannt und das beruhigende Gerücht verbreitet, es sei dem Advokaten des Hofes und Hinterhauses gelungen, der Riehl für die Jahre ihrer Freiheit eine Bordellkonzession zu erwirken. Aber der offizielle Kriegslärm gilt dem »Laster«... Wie sie nun sieht, daß der Käuflichkeit des Leibes ein Ende gemacht werden soll, erhebt im Nu die andere Prostitution, die des Geistes, ihr Haupt und ruft: Kauft nur uns! Die Freimädchen der Wiener Presse, die kein Arzt kontrolliert, sind toll geworden, belagern den Gassenstrich und stellen den Passanten ehrbare Zumutungen. »Fort mit der Prostitution, mit der öffentlichen sowohl wie mit der geheimen!« ruft der Kretinismus durch den Mund des »Deutschen Volksblatts«, »fort mit dem Gesindel von Dirnen und Zuhältern, die es einer anständigen Frau und einem unverdorbenen jungen Mädchen direkt unmöglich machen, sich zu gewissen Stunden des Tages, vom Abend und der Nacht gar nicht zu reden, in den Hauptstraßen unserer Inneren Stadt zu bewegen! Unsere Stadt muß wieder ein Hort des Anstands und der guten Sitte werden.« Das hat sich die Riehl zwar auch immer gedacht und darum ihr Haus gesperrt und ihre Fenster vergittern lassen. Aber das Mittel scheint sich nicht zu bewähren, und deshalb ist es gleich besser, mit dem Geschlechtsverkehr, soweit er nicht einen christlichsozialen Nachwuchs bezweckt, überhaupt aufzuräumen ... Ein so ungeheurer Abgrund klafft zwischen dem wahren und diesem vom Phantom Sittlichkeit regierten Leben, daß darin tausend Fragen, die jetzt zu erörtern wären, versinken. Man weiß wahrhaftig nicht, wo man aufschreien, vor Entsetzen verstummen, die Augen aufreißen oder sich die Ohren verstopfen soll. Wieder möchte man nicht die Feder, sondern das Tintenfaß ergreifen, wenn man zusieht, wie die staatlichen Vertreter der Sitte im Salböl der Humanität ersticken. Ein Polizeikommissär, der sich mit einer Großtat brüstet, weil er einem Mädchen »den Rat gegeben« hat, sie solle »anständig bleiben«, und ein anderer, der mit unerhörtem Psychologenblick sofort jene, denen er »kein Büchel geben darf«, von solchen, »an denen nichts mehr zu verderben ist«, unterscheidet. Dabei weiß man, daß das stumpfste Geschöpf, das in der Waschküche eines Bordells sitzt, hundert Polizeikommissäre, auch solche, an denen nichts mehr zu verderben ist, an der Nase herumführen kann und daß die abgetakeltste Hure der beamteten Lebensfremdheit eine Jungfrau vormimt. Lüge, Phrase, Dummheit an allen Enden. Das große Wort, das diese Gerichtsverhandlung beherrscht hat, war der »Schandlohn« – in allen Tonarten zwischen Verachtung und Mitleid, in allen Schattierungen eines k. k. Dialekts den angeklagten Opfern der Dame Riehl ins Gesicht gerufen. Selbst ich hätte unserer lieben Justiz nicht zugetraut, daß sie das infame Wort aus dem hundertjährigen Gesetz in eine moderne Verhandlung retten, hätte geglaubt, daß ihrem frommen Sinn der »Sündenlohn« genügen werde. Aber sogar die Protokolle der Mädchen – man sehe, wie lebensecht Protokolle sind – enthielten in allen erdenklichen Variationen die Erklärung: »Ich habe keinen Schandlohn bekommen.« In einem Gemeinwesen, dessen festeste Stützen für Ordensgunst und Pfründen feil sind, dessen große Presse sich vom schmutzigsten Gewinn den Sonntagsbauch mästet, und dessen Polizei in einem Bordell Strumpfgeld kriegt, wagt man es noch, der Öffentlichkeit das Wort »Schandlohn« in Erinnerung zu bringen! Der Gehalt, den der integerste Beamte und den der unbestochenste Journalist für eine Pflichterfüllung bezieht, die ihm nicht vom Herzen geht, der Lohn geistiger Prostitution ist ein viel schlimmerer Schandlohn als jener, den die Frau dafür empfängt, daß sie ihrer glücklichen Organisation entsprechend einen unerwünschten Geschlechtsakt vollziehen kann. Und die Gesellschaft verachtet sie tiefer als den korrupten Träger einer öffentlichen Funktion, als den käuflichsten Beamten und den bestechlichsten Journalisten; wütet gegen die Prostitution des Weibes, als ob sie die wichtigsten sozialen Interessen gefährdete, und hält die Korruption des Mannes für eine Angelegenheit individueller Ethik! Die Verachtung des käuflichen Weibes hat, seitdem sie in die Welt gesetzt ward, nicht bemerkt, daß sie eine Verachtung der primitivsten Logik bedeutet. Denn wäre Prostitution des Frauenleibes wirklich jene innere Schmach, die mit Zentnerlast die Seele drückt, wie das Verbrechen das geistig-sittliche Gefüge des Mannes, nicht drei Tage lang könnte eine Frau das Leben einer Prostituierten ertragen. Prostitution wäre ärger als Verbrechen: die Wiederholung der Tat, nein, die Kontinuierlichkeit, wäre allzusehr erschwerend. Scham und Ekel kämen als Übergewicht dazu. Aber hier urteilt nicht bloß der Neid, auch die Eifersucht des Mannes. Er zieht die Qualität des Mannes in Betracht und ein seltsamer Irrtum der Instinkte läßt ihn die Vorstellung, daß sich die schönste Frau mit dem widerlichsten Kerl einläßt, als eine an ihn gestellte Zumutung mit Entrüstung von sich weisen. Bei Tageslicht überdacht, ist der Geschlechtsakt des Andern, auch der harmonischeste, immer abscheulich. Die Herren der Schöpfung aber glauben, daß das Weib mit ihren richtenden Sinnen bei der Sache ist, während in Wahrheit der weibliche Geschlechtssinn, selbst dort, wo ihn kein Gefühl erregt, die anderen Sinne betäubt und alle jene Hemmungen ausschaltet, die die stärkste Sexualität des Mannes nicht zu überwinden, höchstens in erotische Hilfen zu pervertieren vermag. Emanzipierten Frauen und zurückgebliebenen Männern darf man's nicht verraten, daß der Geschlechtssinn des Weibes, sicherlich im Momente der Übung, sein einziger Sinn ist. Feministen darf man's nicht sagen, die das politische Wahlrecht der Frauen für dringend halten, aber mit dem Raub des sexuellen Wahlrechts der Frau einverstanden sind. Haben die Gehirne, deren Schulweisheit sich von den Dingen, die es zwischen dem Himmel des Genusses und der Erde der Konvention gibt, nichts, aber schon garnichts träumen läßt, haben sie denn nie sich die Frage vorgelegt, wieso es trotz alledem, trotz Schmach und Qual, noch Prostituierte gibt? Die länger als drei Tage, die heiter und gesund – trotzend selbst den körperlichen Gefahren, die nicht die Prostitution, sondern der Geschlechtsverkehr mit sich bringt – ein Leben führen, bei dem Tugend vergeht, aber Schönheit besteht und oft gerade darum die Schönheit besteht, weil die Tugend vergeht. Der authentische Text des Sprichworts mag Vertreterinnen des Vereins zur Bekämpfung des Mädchenhandels zum Trost gereichen. Oder jenen wirklich »Verlorenen«, vor denen ein Verein zur Bekämpfung der Unzulänglichkeit den Mädchenhandel schützen müßte. Die Not kann jeden Mann zum Journalisten machen, aber nicht jede Frau zur Prostituierten. Auf dem Liebesmarkt entscheidet, wie auf keinem andern Gebiete menschlicher Betätigung, die mitgebrachte Gabe. Der »Schutz der Schwachen«, mit dem sich die Guten das Himmelreich zu verdienen hoffen, werde auch hier geübt. Aber warum wird er nicht jenen zahllosen Frauen gewährt, denen das Familienglück ihre gesunden Instinkte verkümmert? Ob die Erziehung zur Tugend, die hinter den vergitterten Fenstern eines klerikalen Pensionats betrieben wird, nicht manchmal schmerzvoller drückt, als die Erziehung zum Laster durch Madame Riehl? Ob nicht manche, die die Wahl hat, das »Buch« oder den »Schleier« zu nehmen, sich nicht trotz den Enthüllungen eines Bordellprozesses unbedenklich für die Geschlechtskarriere entschiede? Ob die Aufgabe nicht unter Umständen schwieriger, die Vergewaltigung grausamer ist, ein Mädchen der Ehrbarkeit zuzuführen, und schimpflicher der Nutzen, den »Eltern oder Vormünder« daraus ziehen? Lieschen König wurde von ihrem Vater geprügelt und »mit der Besserungsanstalt bedroht, so daß sie es vorzog, im Bordell zu bleiben«. Glaubt man, daß es der Riehl gelungen wäre, die Tochter des Herrn König ins Vaterhaus zu prügeln? Regine Riehl wird für das Urteil, das sie betroffen hat, so wenig Verständnis aufbringen, wie die rächende Moral für die Welt der Regine Riehl, eine Welt der Konsequenz und innern Geschlossenheit. Diese Angeklagte sieht sich plötzlich in einen Konflikt mit der Gesellschaftsordnung verwickelt, mit der sie bisher auf dem besten Fuß gelebt hat. Sie konnte sich für deren Stütze halten, ihr Haus für einen Hort der Ordnung in diesem zerfahrenen Staatswesen, wo es in Parlament, Justiz und Verwaltung drunter und drüber geht. Nicht nur deshalb, weil ihr die Polizei half, die besten Kreise bei ihr verkehrten und hohe Persönlichkeiten, die auf jenem Gebiete Beschützer der schönen Künste sind, ihr offene Gunst gewährten. Der Ausruf, den sie im Gerichtssaal tat: »Herr Präsident, ich habe aus diesen Mädchen erst Menschen gemacht!« war der Protest einer stolzen Seele, die Undank erfährt. Sie zahlte pünktlich ihre Steuer an den Staat, und wenn sie den Herren von der Steuerbehörde den Vorzugspreis von einem Gulden gewährte, so war dies nicht der Versuch einer Bestechung, sondern die Opferwilligkeit einer Patriotin, die auf ihre Weise zur Linderung des Beamtenelends beiträgt. Und kein Polizist ging unbeschenkt von ihrer Schwelle... Wozu der Lärm? Er ist entstanden, weil einer fühllosen Moral die Vermeidung des »öffentlichen Ärgernisses« wichtiger ist als das Wohl des Individuums, weil die Polizei auf dem Bürgersteig Ruhe haben will und diese Ruhe auch um den Preis erkauft, daß in den Häusern willenlose Menschenkinder stranguliert werden. Wozu der Lärm? Nun habt ihr die Strangulierung und das öffentliche Ärgernis dazu! »Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln auswendig reinlich haltet, inwendig aber ist es voll Raubes und Fraßes!« Und wieder werden sich die drei Knaben nach Donau-Eschingen begeben und dort eine Quelle mit ihren Daumen zuzuhalten versuchen, damit nicht allzuviel Wasser ins Schwarze Meer komme. Nun wird unter gewaltigem Lärm der Kuppelei, nein, der Prostitution, nein, dem außerehelichen Beischlaf der Krieg erklärt. Das Aufgebot der Heuchelei ist imposant, der Generalstab der Dummheit plant Ungeheures. Alle Vorräte aus sämtlichen sozialen Feldapotheken werden herausgeschafft, und durch eine Blutgasse wälzt sich die Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels, zupft schon die Leinwand von Bordellbetten zu Charpie, um die Gefallenen aufzurichten und in eine bürgerliche Stellung zu bringen. Aber wo es Gefallene gibt, gibt es auch Hyänen. Und die Gefallenen des Lebens haben die bittere Wahl, von den Samariterinnen gerettet oder von den Bordellhyänen gefressen zu werden. Ich glaube, sie werden sich für die Bordellhyänen entscheiden. Und der fade Dunst aus Humanität und Langweile, der sich übers Blachfeld lagert, wird diese rudelweise herbeilocken, und am Horizont taucht die Fata Morgana eines Freudenhauses auf, wo hinter Milchfenstern ein Champagnerglück wohnt und Frau Regine Riehl ihren Lieblingen die Haare streichelt, um zu fühlen, ob nicht ein Strumpfgeld darin versteckt ist. Denn Regine Riehl wird auferstehen, und dieses wird der Friedensschluß sein des Krieges, den man der Prostitution erklärt hat. Wer den Mut hat, sich einmal tüchtig die Augen zu reiben und dann nachzusehen, wie alle Unsittlichkeit in diese Welt gekommen ist, den wird die Entdeckung blenden, daß alle Sittlichkeit dieser Welt das Übel verschuldet hat. Und mehr als das. Sie hat auch Not und Tod verschuldet. Denn die Moral ist eine venerische Krankheit. Primär heißt sie Tugend, sekundär heißt sie Langeweile, und tertiär heißt sie Syphilis. Und weil eine unerbittlich verzeihende Religion die Tugend den Menschen als Strafe für ihre Laster gegeben hat, sind die führenden Dummköpfe der Menschheit auf die Idee gekommen, die Moral als ethisches Schutzgut zu heiligen. Nun wütet sie in den legitimen Formen der Langweile und der Syphilis gegen die Menschheit. Moral lähmt, steigt ins Gehirn, schlägt mit Blindheit, macht Natursäfte vertrocknen, Arterien verkalken. Aber nichts mehr auf dieser Welt können wir anfassen, kein Handwerk üben, kein Problem lösen, ohne daß sich der korrumpierende Einfluß der Moral geltend machte. Handelt es sich um eine Frage der künstlerischen Entwicklung, so sind wir moralisch; handelt es sich um praktische Neuerungen, so sind wir moralisch; und stirbt einer am Fieber, so stecken wir ihn überdies noch mit Moral an. Und wir sind so moralisch, daß wir nicht ausschließlich unseren Priestern das Vergnügen gönnen, um unser Seelenheil besorgt zu sein, sondern dieses rechtzeitig auch unseren Kriminalisten in Obhut geben, und daß wir darum Dinge, die eigentlich nur vor den obersten Richter gehören und wahrscheinlich nicht einmal ihn interessieren, schon vorher bei drei Instanzen zu vertreten haben. Da ist etwa der bekannte und mit Recht beliebte außereheliche Beischlaf. Durch ihn fühlt sich fast immer die eine oder die andere Behörde beleidigt. Da ist das Naturrecht der Frau, die Summe ihrer ästhetischen Vorzüge an wen sie will zu verschwenden oder von wem sie will sich in eine geltende Währung umsetzen zu lassen. Weil es eine rein moralische Angelegenheit ist, mischt sich die Behörde hinein. Natürlich schämt sie sich ihrer Indiskretion und schützt hygienische Interessen vor. Tut so, als ob sie es wirklich den Seelenheilgehilfen überließe, sich um die Reinheit der Sitten zu bekümmern, und protzt mit der Wahrung gesundheitlicher Interessen. Sie lügt. Ihr Ausdruck »Schandlohn« straft sie Lügen. In Wahrheit hat sie an dem Problem der Prostitution kein anderes Interesse, als mit dem Knüppel der Moral die Hygiene totzuschlagen. Sie begräbt ihre Pestleichen bei Nacht, so daß man zwar angesteckt werden kann, aber wenigstens nicht weiß, woher man die Pest hat. Ihre Prophylaxis heißt Finsternis. Unheilbar liegt die Menschheit an Heuchelei darnieder, und die Ärzte verordnen Quecksilberkuren ... An der Gottesgabe des Weibes, genußspendend zu genießen und ohne zu genießen Genuß zu spenden, übt männliche Unzulänglichkeit, die sich mit geistigen Vorzügen schwerer zur Geltung bringt, ihre Rache. Kläglichster Konkurrenzneid hat die Prostitution als der Übel größtes erklärt, weil ihm die Prostituierbarkeit als der Güter höchstes erscheint, und das Feigenblatt des Neides ist sittliche Entrüstung. In Acht erklärt ist der unschätzbare Besitz der Menschheit an Anmut und elementarster Natur. Um ihn herum ein Stachelzaun, hinter dem die Gesellschaftsordnung beginnt. Aus ihr preschen, wenn's dunkel wird, Scharen der Verächter in jenen unheiligen Bezirk. Die aber darin wohnen, führt kein Weg in die Gesellschaftsordnung. Oft klebt das Blut solcher, die nicht den Stolz des Verbanntseins fühlen können, am Stachelzaun. Immer aber schießen die von der Gesellschaftsordnung hinüber; verachten die Ausgestoßenen bei Tag, weil diese sich nachts ihre Liebe gefallen lassen mußten. So bewahren die drüben eine heroische Passivität seit Jahrtausenden gegen die Gesellschaftsordnung, die täglich neue Tücken gegen sie ersinnt. Sie lassen sich nicht aus den Bahnen ihrer Naturbestimmung weisen. Hätten sie wirklich, wie der Moralistenwahn behauptet, ein ethisches Gut verloren, verwetteten sie durch Preisgabe ihres Leibes wirklich das, was der christianisierte Zulukaffer »Seelenheil« nennt, sie wären wahre Heldinnen der Tat; denn sie opferten lustlos ihr Innerstes fremder Lust. Aber sie spüren einem großartigen Naturwillen zufolge nicht die Insulte der Zärtlichkeit und tragen die Insulte der Verachtung. Sie stehen täglich im Kugelregen des sozialen Hochmuts, der ihnen selbst Krankheiten unbedenklich zuschiebt. Und die den Freudenbecher gewährt, sterben an dem alkoholischen Gifttrunk, den ihnen die christliche Nächstenliebe reicht ... Muß es eine Sittlichkeit in dieser Welt der Finanzdiebe und Journalisten geben, so sei gefragt, ob nicht die Hure, die Ächtung und Ansteckung um einen wahren – Schandlohn riskiert, sittlich tausendmal höher steht, als etwa jene Schufte, die all der Jammer, der sie im Hause Riehl um Hilfe bat, ungerührt ließ und die sich, nach Verabreichung des »Schandlohns« an die Ausbeuterin, aus Rücksicht auf ihre »soziale Position« von ihren menschlichen Verpflichtungen gedrückt haben. Wie grotesk nimmt sich neben der Größe solchen Erduldens die humanitäre Schäbigkeit dieses Polizeialters aus, das sich zu den »Verlorenen« herabläßt, sie mit Sittensprüchen wie »Werden Sie anständig!« oder »Ergreifen Sie einen ehrlichen Beruf!« sozusagen blitzt ! »Den Verachtetsten unter den Verachteten Schutz zu gewähren«, heischt eine Verteidigerphrase. Aber »schützen« heißt hier einzig und allein: Nicht verachten! Alle Reform der Sittenpolizei, die nicht deren Abschaffung bezweckt, ist von übel. Der Begriff »Prostitution« ist aus dem Strafgesetz beinah verschwunden, er hat auch aus dem Interessengebiet der Verwaltung zu verschwinden. Immer und immer wieder: Es gilt hier nur Rechtsgüter der Gesundheit, der freien Willensbestimmung und der wirtschaftlichen Sicherheit zu hüten! Die Schamhaftigkeit hat eher in Fragen der Technik dreinzureden, als in Fragen des Geschlechtsverkehrs, und mit Sittensprüchen baut man immer noch eher Eisenbahnen als Freudenhäuser. Ob eine Frau ihren Leib verschenkt, für Stunden oder für Jahre vermietet, sich ehelich oder außerehelich verkauft, geht den Staat nichts an. Ob die Prostitution eine Krankheit der Seele ist, geht ihn nichts an. Aber die venerischen Krankheiten, die ihn angehen, sind nicht eine Folge der Prostitution, sondern des Geschlechtsverkehrs. Da nun ein Verbot des Geschlechtsverkehrs doch ziemlich aussichtslos und einigermaßen gefährlich wäre, müssen andere Mittel gefunden werden, die Infizierung der Menschheit mit den venerischen Giften zu hindern, und gründlicher zu hindern, als es durch revidierende Polizeiärzte bisher geschehen ist. Die Richtung, in der man zu suchen hat, kann nur diese sein: Schaffung eines Gesetzes, das die wissentliche Übertragung einer venerischen Krankheit – namentlich an den Männern – mit schwerer Ahndung bedroht. Man wird unter anderem einwenden, daß erpresserischem Mißbrauch eine neue Tür geöffnet würde und daß die Schamhaftigkeit die Anzeige unterließe. Solchen Möglichkeiten wäre durch den Meldezwang für venerische Krankheiten beizukommen, die die Staatsdummheit noch nicht in die Gefahrenklasse von Blattern, Flecktyphus und Diphtheritis eingereiht hat. Durch die Aufhebung der Schweigepflicht des Arztes, der heute den Eltern der Braut nicht verraten darf, daß sie ihre Kinder einem syphilitischen Vater verdanken wird. Nicht »Fort mit der Prostitution!«, aber fort mit einer Sexualethik, die die Käuflichkeit der Lust unter die Strafsanktion der Ausbeutung und die Lust unter die Strafsanktion der Ansteckung gestellt, die die Syphilis geradezu als ultima ratio gegen die »Unzucht« sich erhalten hat! Fort mit der Schamhaftigkeit, die die körperliche und geistige Gesundheit der Völker seit fast zwei Jahrtausenden untergräbt! Vor allem die geistige. Denn die Natur hat dem Weib die Sinnlichkeit als den Urquell verliehen, an dem sich der Geist des Mannes Erneuerung hole. Die Gründer der Normen aber haben das Verhältnis der Geschlechter verkehrt, die habituelle Sexualität der Frau in die Konvention geschnürt und die funktionelle Sexualität des Mannes schrankenlos ausarten lassen. So ist die Anmut vertrocknet und der Geist. Der Frau sind Würde und Bewußtheit vorgeschrieben, dem Mann ein tierisches Sichausleben gestattet. Darum kanalisiert er den herrlichen Wildstrom weiblicher Sinnlichkeit für seine uninteressanten Bedürfnisse, und sein Gehirn geht leer dabei aus. Es gibt noch Sexualität in der Welt; aber sie ist nicht mehr die triumphierende Entfaltung einer Wesenheit, sondern die erbärmliche Entartung einer Funktion. Die Natur des Weibes ist geknebelt, und die Schweinerei des Mannes dominiert. Naturalia sunt turpia, und darum stehen die turpia in Flor. Der Kontrast, in dem heute der Vollbesitz von fünf Sinnen zu einer Lebensanschauung ruht, die noch immer die Natur mit der Mistgabel der Moral austreiben, oder mit der sozialen Heilslehre einschläfern möchte, treibt die Erkenntnis bis an jene Grenze des Humors, an der die tragische Verzweiflung beginnt. Tamen usque recurret! Das ist die Hoffnung, die uns erhält. Ein Blick aus dem Auge des Freudenmädchens ist siegreicher, als eine Welt in Waffen. Liebe bleibt. Sie ist nur von Gewissensbissen gewürzt; und Gewissensbisse sind die sadistischen Regungen des Christentums. So hatte Er's nicht gemeint. Aber auch gesprochen: »Wahrlich, ich sage euch, Zöllner und Huren werden eher in das göttliche Reich kommen als ihr.« Da sie aber auf Erden das »Ärgernis« vermeiden wollen, und Jene in geschlossenen Häusern verbergen, die vor ihnen in das göttliche Reich kommen werden, so gilt ihnen sein Wort: »Wehe euch, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln auswendig reinlich haltet, inwendig aber ist es voll Raubes und Fraßes.« Da sie aber die Freude den Menschen neiden, so gilt ihnen sein Wort: »Wehe euch, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließet vor den Menschen; ihr selbst gehet nicht hinein, und die hinein wollen, lasset ihr nicht hinein« ... Lückenlos ist das Gebäude einer Ethik nicht, das ein Naturtrieb in seinem Grund erschüttert und dessen Bewohner stets gern dort hinausfinden, wo der Zimmermannssohn ein Loch gelassen hat. Der Festzug Ich weiß, ich weiß – Sie hatten schon in Wien Die Fenster, die Balkons voraus gemietet ... Die Schlacht hätt' ich mit Schimpf verlieren mögen, Doch das vergeben mir die Wiener nicht, Daß ich um ein Spektakel sie betrog. Die Erwartung war auf das höchste gestiegen. Seit dreißig Jahren hatte die Stadt keinen Festzug gesehen. In ödem Einerlei also waren die letzten Dezennien der politischen Geschichte vergangen. Ereignisse, bei denen man nicht dabei sein kann und die man weder sieht noch hört, wirken nur auf die Phantasie und bewirken darum, daß man sich unter ihnen nichts vorstellt. Der Streit der Nationen vermochte nur dort Interesse zu wecken, wo er als Straßenexzeß in Erscheinung trat, und bei jedem Verfassungsbruch gähnte die Bevölkerung, weil sie sich ihn als das Krachen einer Lawine gedacht hatte und nicht einmal ein zerrissenes Papier zu Gesicht bekam. Das öffentliche Leben bot keine Abwechslung mehr. Man war dermaßen ausgehungert, daß man die Überraschung auch dort suchte, wo sie bestimmt nicht zu finden war. Blieb einer stehen und sah zum Dach eines Hauses hinauf, so war er sicher, mehr Zulauf zu finden, als ein Agitator, der den Versammelten von der Schädlichkeit des neuen Handelsvertrags sprechen wollte, und man mochte lieber von jenem zum besten gehalten sein, als von diesem zum Bessern geleitet. Nur das Unmittelbare wirkte auf die Lebensanschauung des Volkes, und es ist statistisch nachgewiesen, daß damals bei gleicher Häufigkeit ein gefallenes Droschkenpferd größeres Aufsehen erregt hat als eine gestürzte Regierung. Da es kein öffentliches Leben mehr gab, so mußte schließlich das Privatleben für öffentliche Zwecke herangezogen werden, und es war dafür gesorgt, daß jeder Bürger Sonntags erfuhr, was für ein Huhn der Nachbar im Topfe habe. Das Selbstbewußtsein wurde nur noch durch die Eitelkeit unterhalten, das soziale Gefühl nur durch die Neugierde, und wenn sich diese Triebe glücklich paarten, so ward eine Eigenschaft daraus, die alle Gegensätze verband: die Loyalität. Die Bevölkerung hatte aus den Zeitungen erfahren, daß es im Staatsleben drunter und drüber gehe, und deshalb sah sie in so bösen Zeiten vertrauensvoll zu der Person des Landesvaters auf, von der in den Zeitungen zu lesen war, daß sie das einigende Prinzip darstelle. Nur der Patriotismus vermochte noch einige Farbe in das graue Dasein des Staatsbürgers zu bringen, der zu allen Lasten j-a sagt. Denn der Patriotismus ist ein Gefühl, bei dem die Schaulust viel mehr auf ihre Rechnung kommt als beim Männerstolz vor Königsthronen, während anderseits das größere Aufsehen, das unstreitig bei einer Revolution entsteht, mit Unbequemlichkeiten verbunden ist, die einer patriotischen Demonstration erspart bleiben. Und noch ein Gefühl gibt es, das dem Patriotismus nahe verwandt ist: das ist die Liebe zu den fremden Monarchen. Wenn sie zu Besuch kommen, so gibts manches zu sehen und zu hören, und die Loyalität, die keine politischen Grenzen kennt, ist die Basis, auf der sich ein Komitee in der Stille bildet und ein Spalier im Strom der Welt. Aber wie viel wertvolle Schaulust ist schon bei solchen Gelegenheiten unbefriedigt geblieben, wie wenigen war es vergönnt, sich selbst davon zu überzeugen, ob die Potentaten wirklich, wie eine Überlieferung behauptete, elastischen Schrittes den Eisenbahnwaggon verließen. Man nahm es gläubig hin und begnügte sich im übrigen damit, von den Schutzleuten zurückgedrängt zu werden, wenn der hohe Gast an der Seite des Landesvaters in offenem Wagen vorbeifuhr und bei ungünstiger Witterung in geschlossenem. Das sind die Augenblicke, in denen die Seele eines serbischen Hoflieferanten ihren Höhenflug nimmt, in denen der Mensch nachdenkend inne wird, warum und zu welchem Ende er Honorarkonsul ist, und wo ein ahnungsvolles Hoffen erkennt, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, deren Anblick uns der nüchterne Alltag vorenthält, nämlich Fahnen und Girlanden. Aber der Patriotismus ist leider auch ein Gefühl, das oft länger brachliegt, als für die Gesundheit der Beteiligten zuträglich ist. Seit Jahrzehnten wußten die Freunde des Volkes, was ihm fehle. Von allen Bildungsbestrebungen war es seit jeher die populärste, ein Komitee zu bilden, und es gab eines, dessen Absichten tiefer als die irgend eines andern in den wahren Bedürfnissen der Bevölkerung wurzelten. Es war das Festzugsexekutivkomitee, das sich aus einem intuitiven Erfassen kommender Möglichkeiten vor Jahrzehnten schon in Permanenz erklärt hatte. Es hatte sogar die Eventualität eines vaterländischen Sieges in Aussicht genommen, hielt sich aber an jene bekannte Devise, die eine Vermehrung der Hausmacht auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Heirat den kriegerischen Schwierigkeiten vorzieht. Das Festzugsexekutivkomitee, das sich im Laufe der Jahre an Enttäuschungen gewöhnt hatte, gab die Hoffnung dennoch nicht auf, endlich in Aktion zu treten. Wenn alle Ordensbänder reißen und alle Ereignisse ungeschehen bleiben, so mußte ja doch einmal wenigstens der Gedenktag eines Ereignisses anbrechen, und auf dessen Verherrlichung konnte sich dann der ganze Eifer werfen, der durch Jahrzehnte lahmgelegt war, und die Knopflöcher würden all den Lohn gar nicht fassen können, der an einem Tage zur Entschädigung für dreißigjährige Geduld auf sie einstürmen würde. Das Jahr war gekommen und der Tag war nah. Eine fieberhafte Erregung hatte sich aller beteiligten Kreise bemächtigt. Nur ein Gedanke beherrschte alle Köpfe, setzte alle Füße in Bewegung: Der Festzug! Das Volk braucht den Festzug wie einen Bissen Brot! Das ist die große Gelegenheit, wo endlich alle dabei sein können! Es wird der größte Sieg sein, der je errungen wurde, wenn es uns gelingt, die glorreiche Vergangenheit des Vaterlandes in lebenden Bildern darzustellen. Da reckt sich die Residenz aus ihrer alten Lethargie und aus den Provinzen hagelt es Kundgebungen. Ein Erfolg des Exekutivkomitees, der an und für sich schon alle Erwartungen übertrifft. Aber das Exekutivkomitee weiß, daß es noch viel Arbeit geben wird, um alle Schichten für einen Plan zu gewinnen, der für einen einzigen Tag die Lösung der sozialen Frage verheißt. Wie sollte der Adel zögern, mitzuspielen, das Bürgertum, zu zahlen, und das Volk, zuzuschauen? Das Exekutivkomitee tagt ohne Unterbrechung und sendet seine Werber von Haus zu Haus. Die Kunst hat sich augenblicklich in den Dienst der patriotischen Idee gestellt. Jene Schönheitstrunkenheit, die keinen eigenen Gedanken auszudrücken hat, lechzt nach der Gelegenheit, sich in einem Prunkgewand zu zeigen. Prinz Eugen, der edle Ritter, hat noch keinen verlassen, der ihn in künstlerischen Nöten anrief, und wenn es gar zu Aachen in seiner Kaiserpracht im altertümlichen Saale König Rudolfs heilige Macht zu kostümieren gilt, dann, wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt, umsteht die ganze Künstlergenossenschaft geschäftig den Herrscher der Welt. In allen Ateliers wird gemalt, geschneidert und gehofft. Die meisten Menschen, denen man auf der Straße begegnet, blicken schon zuversichtlich in die glorreiche Vergangenheit, in den Wirtshäusern fühlt sich jeder Speisenträger als Pfalzgraf des Rheins. Die Hoffnung auf den Festzug hat einen Patriotismus geweckt, der um seiner selbst willen leben will und längst den Zweck vergessen hat, dem er dienen, und die Person, die er ehren soll. Die Begeisterung hat nicht den Plan, der Plan hat die Begeisterung erschaffen. Und wenns an dem Tag, an dem sie zum Ausbruch gelangen wird, nicht bloß Orden regnen sollte, das Volk würde seinen Glauben an die Vorsehung verlieren ... Da erscheint eine offizielle Kundgebung, die den Dank jener allerhöchsten Stelle, der die Huldigung zugedacht ist, verlautbart: Man sei von den Beweisen echter Loyalität gerührt, wünsche aber nicht, daß dieses Gedenkjahr auf geräuschvolle Weise gefeiert, sondern daß aller Aufwand von Energie, Zeit und Geld, den ein Festzug koste, wohltätigen Zwecken gewidmet werde. ... Das Blatt, auf dem die Mitteilung solchen Wunsches gedruckt steht, wird ins Komiteezimmer gebracht. Für einen Augenblick herrscht Totenstille. Alle Anwesenden starten wie gelähmt vor sich hin. Ein Fanatiker des historischen Kostüms fühlt sich in jene Partie der Geschichte des Herrscherhauses versetzt, die den Einzug Albas in die Niederlande bedeutet. Und sie stehen da, wie die Ochsen am Weißen Berg. Das hatte man nicht erwartet. »Dank vom Haus –!« bringt endlich der Präsident hervor, aber es verschlägt ihm selbst diese kurze Rede. Er hat in unverminderter körperlicher Frische das Jubeljahr erlebt, und nun soll die Arbeit eines ganzen Lebens dahin sein! Nein, das kann nicht ernst gemeint sein; die Suppe, in die einem gespuckt wird, wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Die allerhöchste Stelle kann nicht so unpatriotisch denken, daß sie einen Festzug verhindern sollte. Er wird zustande kommen! Und wenn das Reich sich auflöst – das Komitee löst sich nicht auf! Wer ist der erste, der seinen Hauptmann in der Not verläßt? Und wie Ein Mann erhebt sich die Versammlung und beschließt auszuharren. Schon melden sich einige Libertiner zum Wort, die erklären, daß sie eher aus dem Staatsverband als aus dem Exekutivkomitee austreten würden. Einer fordert zur Steuerverweigerung auf. Ein anderer schlägt vor, in die böhmischen Wälder zu gehen und dort eine Aktiengesellschaft zu gründen. Ein dritter rät zur Mäßigung und verspricht, die Sache durch einen befreundeten Abgeordneten im Wege der Interpellation zur Sprache bringen zu lassen. Ein vierter entgegnet, daß damit wenig erreicht sei, weil die Entschließungen der Krone vom Parlament nicht diskutiert werden könnten. Immerhin, meint wieder ein anderer, werde die Sache zur Sprache kommen, und man solle auch dafür sorgen, daß in Volksversammlungen und in der Presse agitiert werde. Ein Verblendeter, der den Mut hat, zu erklären, er tue da nicht mit, man müsse anerkennen, daß der Wunsch des alten Landesvaters gleichermaßen von dem Wunsch nach Ruhe wie von der Liebe zu seinen Völkern diktiert sei, wird mit dem Zuruf »Aber der Fremdenverkehr!« unterbrochen und hinausgeworfen. Endlich gelingt es einem, einen Vorschlag zu machen, der einstimmig angenommen wird: man möge es noch einmal in Güte versuchen und durch Protektion einer Hofdame die Freigabe des Festzuges zu erreichen trachten. Die nächste Sitzung wird auf Montag anberaumt und in ihr soll das Resultat des Vermittlungsversuches bekanntgegeben werden ... Ein trauriges Resultat. Die allerhöchste Stelle war von ihrer Meinung, daß man sie durch Akte der Wohltätigkeit besser ehre und durch diese dem Volke besser diene als durch den Festzug, nicht abzubringen. Als das Komiteemitglied, das mit der Hofdame bekannt ist und deshalb durch dreißig Jahre sich des größten Ansehens erfreute, die Nachricht bringt, erhebt sich ein beispielloser Tumult. Rufe wie »Streber!« und unartikulierte Schreie, aus denen nur eine starke Nichtachtung für Hofdamen hervorzugehen scheint, werden hörbar. Und dafür habe man gekämpft! Und ob denn, fragt einer höhnisch, der Wunsch der allerhöchsten Stelle uns Verbot sein müsse? Und was es denn die allerhöchste Stelle angehe, wenn man ihr zu Ehren einen Festzug veranstalten will? Der Fanatiker des historischen Kostüms hofft, daß es ihm wenigstens gelingen werde, in einer Wallenstein-Gruppe darzustellen, wie man die Bevölkerung um ein Spektakel betrügt. Einer schlägt für den äußersten Fall eine Verwendung der Tribünen als Barrikaden vor ... Die Erregung pflanzt sich auf die Straße fort, in den Kaffeehäusern gibt es nur ein Gesprächsthema. Ein Blatt veranstaltet eine Extraausgabe, die die alarmierende Nachricht bringt, daß die allerhöchste Stelle nicht nur den Festzug, sondern auch alle anderen Ovationen ablehne und an dem Wunsch, daß die Feier durch wohltätige Handlungen begangen werde, festhalte. Damit ist die letzte Hoffnung begraben. Es beginnt im Volke zu gären. Droschkenpferde fallen und man beachtet sie nicht. Einer sieht zum Dach eines Hauses hinauf und findet keine Teilnehmer. Dagegen läuft alles einem Agitator zu, der in einer Versammlung über die Schädlichkeit des neuen Handelsvertrages sprechen will. Der Bürger fühlt, wo ihn der Schuh drückt. Es gibt wieder ein öffentliches Leben, und das politische Interesse wächst von Tag zu Tag. Das Festzugsexekutivkomitee beruft eine außerordentliche Sitzung ein und beschließt, sich nicht aufzulösen. Aber es sieht sich genötigt, zur Neuwahl eines Präsidenten zu schreiten, denn der alte ist nach dreißigjähriger patriotischer Tätigkeit wegen Majestätsbeleidigung verhaftet worden. Der Fortschritt Ich habe mir eine Zeitungsphrase einfallen lassen, die eine lebendige Vorstellung gibt. Sie lautet: Wir stehen im Zeichen des Fortschritts. Jetzt erst erkenne ich den Fortschritt als das, was er ist – als eine Wandeldekoration. Wir bleiben vorwärts und schreiten auf demselben Fleck. Der Fortschritt ist ein Standpunkt und sieht wie eine Bewegung aus. Nur manchmal krümmt sich wirklich etwas vor meinen Augen: das ist ein Drache, der einen goldenen Hort bewacht. Oder es bewegt sich nachts durch die Straßen: das ist die Kehrichtwalze, die den Staub des Tages aufwirbelt, damit er sich an anderer Stelle wieder senke. Wo immer ich ging, ich mußte ihr begegnen. Ging ich zurück, so kam sie mir von der anderen Seite entgegen, und ich erkannte, daß eine Politik gegen den Fortschritt nutzlos sei, denn er ist die unentrinnbare Entwicklung des Staubes. Das Schicksal schwebt in einer Wolke, und der Fortschritt, der dich einholt, wenn du ihm auszuweichen wähnst, kommt als Gott aus der Maschine daher. Er schleicht und erreicht den flüchtigen Fuß und nimmt dabei so viel Staub von deinem Weg, als zur Verbreitung notwendig ist, auf daß alle Lungen seiner teilhaft werden; denn die Maschine dient der großen fortschrittlichen Idee der Verbreitung des Staubes. Vollends aber ging mir der Sinn des Fortschritts auf, als es regnete. Es regnete unaufhörlich und die Menschheit dürstete nach Staub. Es gab keinen, und die Walze konnte ihn nicht aufwirbeln. Aber hinter ihr ging ein radikaler Spritzwagen einher, der sich durch den Regen nicht abhalten ließ, den Staub zu verhindern, der sich nicht entwickeln konnte. Das war der Fortschritt. Wie enthüllt er sich dem Tageslicht? In welcher Gestalt zeigt er sich, wenn wir ihn uns als einen flinkeren Diener der Zeit denken? Denn wir haben uns zu solcher Vorstellung verpflichtet, wir möchten des Fortschritts inne werden, und es fehlt uns bloß die Wahrnehmung von etwas, wovon wir überzeugt sind. Wir sehen von allem, was da geht und läuft und fährt, nur Füße, Hufe, Räder. Die Spuren verwischen sich. Hier lief ein Börsengalopin, dort jagte ein apokalyptischer Reiter. Vergebens ... Wir können von Schmockwitz nach Schweifwedel telephonisch sprechen, wir wissen aber noch nicht, wie der Fortschritt aussieht. Wir wissen bloß, daß er auf die Qualität der Ferngespräche keinen Einfluß genommen hat, und wenn wir einmal so weit halten werden, daß man zwischen Wien und Berlin Gedanken übertragen wird, so wird es nur an den Gedanken liegen, wenn wir diese Einrichtung nicht in ihrer Vollkommenheit werden bewundern können. Die Menschheit wirtschaftet drauf los; sie braucht ihr geistiges Kapital für ihre Erfindungen auf und behält nichts für deren Betrieb. Der Fortschritt aber ist schon deshalb eine der sinnreichsten Erfindungen, die ihr je gelungen sind, weil zu seinem Betrieb nur der Glaube notwendig ist, und so haben jene Vertreter des Fortschritts gewonnenes Spiel, die einen unbeschränkten Kredit in Anspruch nehmen. Besehen wir das Weltbild im Spiegel der Zeitung, so erweist sich der Fortschritt als die Methode, uns auf raschestem Wege alle Rückständigkeiten erfahren zu lassen, die in der weiten Welt vor sich gehen. Was mir jedoch den größten Respekt abnötigt, ist die Möglichkeit, bedeutende zeitgeschichtliche Tatsachen auf photographischem Wege dem Gedächtnis jener Nachwelt zu überliefern, die am Morgen des folgenden Tages beginnt und am Abend zu Ende ist. Der Fortschritt ist ein Momentphotograph. Ohne ihn wäre jener Augenblick unwiederbringlich verloren, da der König von Sachsen vom Besuche einer Sodawasserfabrik sich zu seinem Wagen begab. Wie sieht das aus? fragte man sich. Wie macht er das? Wie geht der König? Er setzt einen Fuß vor den andern, und der Momentphotograph hat es festgehalten. Aber dieser vermag vom Schreiten nur den Schritt zu erhaschen, darum wird das Gehen zum Gehversuch, und der Adjutant, der auf die Füße des Königs sieht, scheint die Schritte zu zählen, damit keiner ausgelassen wird: Eins, zwei, eins, zwei ... So weiß man immerhin, wie die Sohle des Königs von Sachsen beschaffen ist; aber auch das mag dem Untertan genügen. Mehr bietet die Momentphotographie, wenn sie sich »in den Dienst des Sports stellt«, und ohne sie wäre der Sport am Ende gar kein Vergnügen. Eine Schlittenfahrt – hei, das macht Spaß! »Prinz Eitel Friedrich bremst.« Und was tut Prinz August Wilhelm? »Prinz August Wilhelm hilft als galanter Gatte seiner Gemahlin vom Schlitten.« Ist das Bild das offizielle Dementi eines Gerüchtes, daß Prinz August Wilhelm ungalant sei und bei Schlittenfahrten seine Gemahlin von alleine aussteigen lasse? Hatte sich solcher Argwohn im Gefühlsleben des deutschen Volkes eingenistet? Nein, das deutsche Volk liebt es zu hören, daß Prinz August Wilhelm als galanter Gatte seiner Gemahlin vom Schlitten helfe, auch wenn es nie daran gezweifelt hat und das Gegenteil nicht behauptet wurde. Wäre das Gegenteil behauptet worden, so könnte man sagen, es sei kleinlich, solche Gerüchte zu widerlegen; das deutsche Volk glaubt sie ohnedies nicht. Es glaubt nur, was es sieht. Darum glaubt es an die Galanterie des Prinzen August Wilhelm, sobald es eine Probe zu sehen bekommt. Und es will sehen, wie sich dieser Prinz benimmt, wenn er mit seiner Gemahlin aus dem Schlitten steigt. Da es nun unmöglich ist, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zur Besichtigung des Vorgangs, wie Prinz August Wilhelm als galanter Gatte seiner Gemahlin vom Schlitten hilft, zuzulassen und die Versicherung der Berichterstatter, daß er als galanter Gatte seiner Gemahlin vom Schlitten half, nicht genügt, so stellt sich eben die Momentphotographie in den Dienst des Sports. Quälend wäre aber auch die Ungewißheit, ob der Badische Finanzminister anders geht, wenn er das Reichsschatzamt verläßt, als der Hessische Minister der Finanzen, wenn er desgleichen tut, oder ob Taft, die Grüße der Volksmenge erwidernd, den Mund weiter öffnet, als Roosevelt im gleichen Falle gewohnt war. Das eben ist der Fortschritt, daß solches Interesse heute schnellere Befriedigung findet als ehedem, ja daß sogar die schnellere Befriedigung solches Interesse heute erzeugen kann. Einst war der Geist auf Bücher angewiesen und der Atem auf Wälder. Wo sollen wir heute in Ruhe unsere Zeitung lesen? Die Papierindustrie blüht, aber sie gibt keinen Schatten. Und die Rotationsmaschine schleicht nachts durch die Straßen und wirbelt den Staub des Tages auf, um ihn für den kommenden Tag wieder abzusetzen. Als ich ein Knabe war, sah ich den Fortschritt in der Gestalt eines deutsch-fortschrittlichen Abgeordneten. Er vertrat die Freiheit, er vertrat die böhmischen Landgemeinden, er vertrat die Stiefelabsätze. Was wollte ich mehr? Ich hörte zum erstenmal, die Deutschen in Österreich seien von den Tschechen »vergewaltigt« worden. Ich verstand kein Wort davon, aber ich weinte vor Erregung. Es war eine Phrase, die mir einen Lebensinhalt offenbarte. Später, als die Vergewaltigung in eine Keilerei ausartete, sah ich selbst in dieser keine Äußerung natürlicher Kräfte, sondern die Folge einer Phrase. Da die Politik nicht mehr mein Gefühl ansprach, erkannte ich, daß sie nicht zu meinem Verstande spreche. Politik ist Teilnahme, ohne zu wissen wofür. Wenn sie aber nicht einmal das mehr ist, so kann es leicht geschehen, daß sich uns der Fortschritt als die Weltanschauung des Obmannes der freiwilligen Feuerwehr von Pardubitz enthüllt. Aus solcher Enttäuschung gewöhnte ich mich, das Prinzip der kulturellen Entwicklung nur noch in jenen Regionen des Lebens zu suchen, die dem Sprachenstreit entrückt sind. Ich fand den Fortschritt in allen, ohne in einer einzigen seine Physiognomie zu finden. Ich glaubte, ich sei in eine Maskenleihanstalt geraten. Jetzt war er ein Ausgleicher im sozialen Bankrott, jetzt ein Schaffner an jenem Zug des Herzens, der Hoheiten talwärts führt; bald Wahlagitator, bald Kuppler; hier Nervenarzt, hier Kolporteur. Rechts von mir sagte einer, der keine gerade Nase hatte: Ich sitze mit vier Reichsrittern, drei Markgrafen, zwei Fürsten und einem Herzog im Verwaltungsrat der Konservenfabrik ... Das war der Fortschritt. Links von mir sagte eine Dame, die Boutons trug. Man kann die Neunte Symphonie am billigsten im Arbeiterkonzert hören, aber man muß sich dazu schäbig anziehen ... Das war der Fortschritt. Dann sah ich ihn als Ingenieur am Werke. Wir verdanken ihm, daß wir schneller vorwärts kommen. Aber wohin kommen wir? Ich selbst begnügte mich, es als das dringendste Bedürfnis zu empfinden, zu mir zu kommen. Darum lobte ich den Fortschritt und wollte in einer Stadt nicht fürder leben, in der mir Hindernisse und Sehenswürdigkeiten den Weg zum Innenleben verstellen. Eines Tages begann ich aber neuen Mut zu schöpfen, weil das Gerücht zu mir drang, in Wien sei eine Automobildroschke zu sehen gewesen. Die wird wohl schwer zu haben sein, dachte ich, aber wenn ich sie doch einmal erwische, so wird es ein anderes Leben werden! Im Sausewind an den Individualitäten vorbei, die mich an jeder Straßenecke belästigen, – das allein ist schon ein anregendes Erlebnis. Ich machte mich auf, den Fortschritt zu suchen: und fand ihn auf dem Standplatz. Die Automobildroschke stand da als eine Verlockung zu einem Leben ohne Hindernisse, der jeder Wiener aus dem Wege ging. Aber wenn ein solcher geahnt hätte, daß auch sie ihm allen Reiz des Umständlichen bieten konnte, den zu entbehren ihm so schwer fällt, er hätte eine Fahrt riskiert, umso mehr als der Chauffeur durch die Frage: Fahr'n m'r Euer Gnaden?« das sympathische Bestreben verriet, an die Tradition anzuknüpfen und über den Mangel an Pferden taktvoll hinwegzutäuschen. Ich, ein Freund des Fortschritts, ließ mich nicht lange bitten, und ich kann heute sagen, daß jeder Wiener es bedauern kann, meinem Beispiel nicht gefolgt zu sein. Alle Befürchtungen, es könnte am Ende glatt gehen, sind überflüssig und getrost darf man sich dem neuen Fuhrwerk anvertrauen. Vor allem gab es viel zu sehen. Denn zehn unbeschäftigte Kutscher halfen dem Chauffeur, den Wagen flott zu machen, und hier zeigte es sich, daß unser Fortschritt keineswegs durch die Feindschaft des Alten gehemmt wird, sondern im Gegenteil durch dessen Unterstützung. Ein Wasserer eilt herbei, um nach dem Rechten zu sehen. Er will nach alter Gewohnheit den Wagen waschen, ehe man fährt. Aber als er dann auch den Pferden den Futtersack reichen wollte, stellte es sich heraus, daß keine da waren. Man konnte sie also nicht einmal abdecken und, schlimmer als das, man hatte nichts bei der Hand, um den Taxameter zuzudecken. Nachdem sich der Wasserer, der die Welt nicht mehr verstand, kopfschüttelnd entfernt hatte, setzte sich trotzalledem wie durch ein Wunder das Automobil in Bewegung, nicht ohne daß es mir aufgefallen war, wie der Chauffeur mit einem fremden Manne geheimnisvoll einige Worte wechselte. Als ich am Ziel ausstieg, sah ich denselben Mann wieder mit dem Chauffeur sprechen. Er war vorausgegangen und hatte das Automobil erwartet. Ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß es ein Vertreter der Firma sein könnte, die es erzeugt hatte, und fand nun Gefallen an der Vorstellung, daß ich als Vertreter des Fortschritts ausersehen war, die Probefahrt zu bestehen. Den Ovationen der Menge, die sich inzwischen angesammelt hatte, entzog ich mich, indem ich zu dem benachbarten Standplatz ging, um die Rückfahrt im Einspänner anzutreten. Der Standplatz war aber leer, weil sämtliche Kutscher zu dem Automobil geeilt waren. Nur einer war auf seinem Bock, der aber schlief, und als ihm ein Polizist, den ich schon aufgeweckt hatte, dieses Benehmen verwies, murmelte er aus dem Schlaf die Worte: Jetzt könnts mi alle mitananda – Er meinte hauptsächlich den Fortschritt. Nun erst war ich begierig, diesen kennen zu lernen. Ich reiste, und wirklich, ich habe ihn oft genug in jener Tätigkeit gesehen, zu der er sich hierzulande nun einmal nicht schicken wollte: als Förderer des Fremdenverkehrs. Ich kam schneller vorwärts, aber zumeist auf falschem Wege, und so wurde ich in der Vermutung bestärkt, der Fortschritt sei ein Hotelportier. Und überall schien um seines Ehrgeizes willen jedes bessere Streben der Menschheit zu stocken. Es war, als ob nicht ein Ziel die Eile der Welt geboten, sondern die Eile das Ziel der Welt bedeutet hätte. Die Füße waren weit voran, doch der Kopf blieb zurück und das Herz ermattete. Weil aber so der Fortschritt vor sich selbst anlangte und schließlich auf Erden nicht mehr ein noch aus wußte, legte er sich eine neue Dimension bei. Er begann Luftschiffe zu bauen; doch an Garantien der Festigkeit konnte er es mit jenen, die bloß Luftschlösser bauen, nicht aufnehmen. Denn die haben die Phantasie, mit der sie selbst dann noch wirtschaften können, wenn alles schief geht. Was immer aber der Fortschritt weiter beginnen mag, ich glaube, er wird sich bei den Katastrophen des Menschengeistes nicht anstelliger zeigen, als ein Geologe beim Erdbeben. Er wird uns, wie hoch er sich auch versteige, keine Himmelsleiter errichten. Wenn er jedoch als Roter Radler Briefe befördert, könnte er immerhin von den Dienstmännern als Satan verschrieen werden. Auch mag er dazu helfen, daß die Eifersucht der Weltstädte wachse und sie zu Kraftleistungen sporne. Etwa so: Berlin hat heute schon fünfhundert Messerstecher, Wien ist ein Krähwinkel dagegen; wenn man hier wirklich einmal einen braucht, ist keiner da! ... Schließlich überlebt sich auch diese Mode. Nur der Tod stirbt nicht aus. Denn der Fortschritt ist erfinderisch, und dank ihm bedeutet das Leben keine Kerkerhaft mehr, sondern Hinrichtung mit Elektrizität. Wer es aber nicht erst darauf ankommen lassen will, den ganzen Komfort der Neuzeit zu erproben, der hat rechtzeitig Gelegenheit, von jener primitiven Erfindung Gebrauch zu machen, die ihm die erbarmungsvolle Natur an die Hand gegeben hat: von der Schnur, mit der der Mensch auf die Welt kommt! Der Löwenkopf oder Die Gefahren der Technik Eine ernste Nachricht, die eine Zeitung bringt, ohne daß sie einen Witz dazu macht, und keine andere Redaktion, die es liest, macht einen Witz dazu: [Die schweren Autobusse eine Gefahr für die Gebäude.] Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß die durch das Gewicht der Autobusse hervorgerufene Erschütterung des Bodens nicht ohne Einfluß auf Bauten bleibt, die sich in den Straßenzügen befinden, in denen die Autobusse verkehren. ... Nun hatte sich die Bezirksvertretung Leopoldstadt vorgestern mit einem Antrage zu befassen, dessen Veranlassung beweist, daß unsere Forderung, es müsse bei der bevorstehenden Automobilisierung des Stellwagenverkehrs vor allem das Gewicht der Wagen in Berücksichtigung gezogen werden, vollkommen berechtigt ist. Es haben sich nämlich mehrere Hausbesitzer der Praterstraße wiederholt beschwert , daß durch den Verkehr der ungemein schweren Autobustypen die Erschütterung der Häuser derart heftig sei, daß sich dadurch die Verzierungen an den Häusern lockern und leicht ein Unglück herbeiführen können. Um dieser Gefahr zu begegnen, soll die Praterstraße asphaltiert werden. – Außer der Bezirksvertretung Leopoldstadt haben sich ja auch schon andere Gemeindefunktionäre mit dieser Frage beschäftigen müssen, und man sieht, daß es gut sein wird, wenn bei der kommenden Automobilisierung die leichten Typen bevorzugt werden... Man hat keine Ahnung, von welchen Gefahren man stündlich bedroht ist. Wie leicht können sich die Ornamente lockern, wenn man gerade vorübergeht, und das Unglück ist geschehen. Ehedem war von den Ziegelsteinen das Ärgste zu befürchten, wiewohl sie viel fester saßen als die Ornamente. Aber wenn ein Ziegelstein an einem Kopf kaput geht, so ist das weiterhin kein Malheur, während durch die Vernichtung eines Ornaments unabsehbares Unglück herbeigeführt werden kann. Die schweren Autobusse sind eine Gefahr für die Gebäude, an denen die Menschen vorbeigehen. Gewiß wird vielfach nicht nur an die Erhaltung der Ornamente, sondern auch an die Sicherheit der Passanten gedacht, wenn man den heutigen Zustand unhaltbar findet. Ein frivoler Mensch würde sogar den Vorschlag machen, die Ornamente abzuschaffen und Gott zu danken, daß die Autobusse uns die Trennung erleichtern, und diese Trennung lieber freiwillig vorzunehmen als sie von der Erschütterung durch die Autobusse herbeiführen zu lassen. ja, man könnte geradezu sagen, die Gefahren der Technik seien ein wahres Glück und die Erfindung der Autobusse sei ein Fingerzeig der Vorsehung, denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand. Man könnte dankbar erkennen, daß die technische Entwicklung doch die eine geistige Entschädigung mit sich bringe, daß sie die Ornamente gefährdet! In dieser großstädtischen Zeit aber findet sich keine Bezirksvertretung, die den Konflikt zwischen der Technik und der Ästhetik zugunsten der ersteren entscheidet. Denn jede hat ein Gemüt für die Ornamente und schafft lieber die bösen Autobusse ab, die soviel brum brum machen, daß die lieben Ornamente nicht schlafen können, sondern erschrecken und, bumstinazi, unten liegen. Ein frivoler Mensch würde den Vorschlag machen, durch sämtliche Straßen Wiens in derselben Stunde Autobusse zu jagen, damit der Fassadenschande ein jähes Ende bereitet werde, auf die Gefahr hin, daß ein paar Schock Verfasser von Zuschriften über »Die Berge, die Eltern und die Gefahren« unter Ornamenten begraben würden und noch etliche andere unnütze oder verkehrshinderliche Existenzen dazu, und in der Hoffnung, daß vor allem die Verfertiger der Ornamente darunter wären, wobei jeder womöglich den Vorzug hätte, seine eigene Pletschen auf sein eigenes Dach zu bekommen. Als der Erbauer des Michaelerhauses, dieser leibhaftige Autobus, der mit der Schönheit tabula rasa macht, von den Bezirksvertretern verfolgt wurde, hätte er ihnen einfach einen Lohengrin und eine Leda mit je einem Schwan hinpappen müssen, damit die Seele eine Ruh hat, und dann einen tüchtigen Motor arbeiten lassen sollen, um darzutun, daß die mythologischen Persönlichkeiten mit Pferdekräften doch noch schneller fortkommen. Ich wohnte einmal in einem Hause auf der Dominikanerbastei, neuer Teil: da betete ich täglich, es möge endlich ein Autobus durchrasen, mich würde er nicht stören, denn ich wohnte in einem Zimmer mit Aussicht auf eine herrliche Feuerwand, auf die nichts gemalt war, so daß der Teufel noch Platz hatte, aber die Aeskulapschlangen, Gorgonenhäupter und sonstigen Utensilien, die auf der Fassade aufgeklebt waren, verdrossen mich. Es war schwer, nachhause zu gehen. Zumal wegen der immer auftauchenden Sorge, was nur der Herr Wassertrilling, der Bauherr des Hauses, mit der Mythologie habe. Eines Tages, ich saß geborgen vor meiner Feuermauer – riß es an der Klingel. Ich glaubte, es sei ein Leser, der mir einen Übelstand mitteilen wolle, es war aber ein Mann, der ganz echauffiert mir zurief: »Schaun S' zum Fenster außi!« Ich erwiderte, daß es in meinem Hof Gottseidank nichts zu sehen gebe, worauf er unwillig versetzte: »Was, Sie wohnen gar nicht auf die Straßen?« Ich: »Nein, was ist denn geschehn?« Er: »Die Parteien, die was auf die Straßen wohnen, sollen außischaun!« Ja, warum denn?« »'s Haus wird photographiert!« Ich gab der Tür einen so heftigen Wurf, daß ich einen Augenblick hoffte, die Aeskulapschlangen hätten sich von innen gelockert, das Haus werde nun kein freundliches Gesicht mehr machen und der Photograph erklären, unter solchen Umständen könne er nicht weiter arbeiten. Ich erfuhr aber leider, daß nichts passiert war, und ich ersah, daß es Menschen gibt, die sich zum Fenster hinausbeugen, wenn solch ein Haus photographiert wird, und die den Ehrgeiz haben, anstatt ihren Ursprung zu verleugnen, auf solche Platte zu kommen. Und kein Autobus fuhr durch! Das Haus, wiewohl ein neues Haus, steht noch heute, es ist eine Sehenswürdigkeit und vom Franz Josefskai bequem zu erreichen. Das Publikum, welches sich dort tummelt und das sichere Gefühl hat, daß dieses Haus das schönste auf der ehrwürdigen Dominikanerbastei ist, sitzt an Wochentagen im Café Siller und geht gern Samstag abends ins Café Imperial, des Staunens voll über die Pracht, die daselbst heute zu schauen ist. Als das freundliche alte Café von einem jungen Meister erneuert werden sollte und man lange nichts sah, da sah man zwar noch nicht die Klaue des Löwen, aber ein Löwenkopf hing doch schon an der Fassade und hielt einen Ring im Maul. Er hat einen Zweck, dachte ich mir. Er wird der künftigen Beleuchtung dienen. Geduld, dachte ich, zum Beleuchten einer finstern Gegend gehört vor allem ein Löwenkopf. Den hat man und dann wird man sich schon durchfretten. Vom Bauernschreck hat man auch nicht mehr und er erfüllt doch seinen Zweck. Genug, der Löwenkopf war da und er blieb durch Monate, als alles noch im Finstern lag. Schon aber kamen die entzückten Besucher aus der Leopoldstadt, wo sie für die Ornamente zittern, die vor den Autobussen zittern, und bewunderten den Löwenkopf. Ein Dorfschulbub wird bekanntlich gefragt, wie man eine Planke mache. Er weiß Bescheid, und wenn das Gestell so weit sei, schreibe er noch schnell Lekmimoasch drauf und die Planke sei fertig. Die entzückten Besucher des Café Imperial aber waren schon zufrieden, weil es drauf stand, noch ehe das Gestell so weit war. Die Planke ist auch heute mehr schön als brauchbar, aber die Wucherer haben einen so ausgeprägten Schönheitssinn, daß ihnen Löwenköpfe, Gottheiten oder Spargelbünde, die Licht geben, weiß Gott lieber sind, als eine bequeme Sitzgelegenheit. Den Schmutz der Gasse haben sie zuhause und selbst der ist von Hoffmann. Je schöner aber die Welt wird, desto mehr Wucherer ziehen in sie ein und bewundern die Arabesken. Es ist keine kleine Angelegenheit, daß einem der letzte Lebenswinkel austapeziert wird und die Verschönerung der Wände die Verschlechterung der Betrachter zur Folge hat. Die Welt der Autobusse ist nicht die, die man mit der Seele sucht. Aber man muß in ihr leben, um eine bessere zu finden, und eine schlechtere wird einem so zur Qual, daß man wünscht, ein Autobus möge nicht nur an einem renovierten Kaffeehaus vorbei, sondern auch durch seine Pracht hindurchfegen und alle Ornamente, die dort an den Wänden sitzen, und alle Bärte, die dort an den Ohren kleben, glatt mitnehmen. Denn allerorten drängen sich jetzt die Löwenköpfe, die Wände haben Ohren und es tauchen Menschen auf, die den Bauch wie einen Erker tragen und die Nase wie einen Risalit, und deren Hängebart sich im nächsten Augenblick, wenn die Arbeiten weiter fortgeschritten sind, als Beleuchtungskörper oder als Briefbeschwerer oder als Bettvorleger entpuppen kann. Es muß etwas zu bedeuten haben, denn das Ding an sich kann es unmöglich sein. Wer würde denn mit so etwas im Gesicht herumgehen und es noch offerieren, wenn nicht was dahinter wäre? Aber man wartet vergebens, es wird nichts draus, es entwickelt sich nicht. Nun, praktisch ist so ein Vollbart nicht, »aber scheen is«, sagt meine Bedienerin in solchen Fällen. Da ist ein Sprachlehrer, dessen Bild herumgetragen wird, Dienstmänner haben es auf dem Rücken, wo man jetzt hinkommt, sieht man diese Arabeske, selbst auf Zündsteinen, die sonst nur der Unterstützung des gefährdeten Deutschtums in der Ostmark dienen, taucht sie auf. Schön und stattlich, das ist der Eindruck. Man sieht es gern. Aber ein rasiertes Gesicht hat auch seine Vorzüge, man kommt auf der Straße schneller daran vorbei, und wenn ich französischen Unterricht zu nehmen hätte, wegen des Fortkommens, würde ich geradezu darauf bestehen. Der Friseur am Lido, ein Idealist, der zwischen den Kapannen umherirrt und dessen Lebenslüge darin besteht, daß man nur von »manicure, pedicure!« leben könne, verlangte drei Kronen für das Rasieren. Ich bot ihm dreihundert für den Bart des Bahr, der mir schon lange im Wege sei. Weiß der liebe Gott, ich mag solche Barben nicht! Man verstehe mich recht. Der Löwe ist ein Löwe, er hat nicht nur einen Löwenkopf, sondern auch ein Löwenherz und man bleibt nicht stehen und sagt: Gut frisiert, Löwe! Ich weiß, wo die Manneszier den Mann beweist, und ich möchte mir um keinen Preis Tolstoi, den König Lear oder den Moses des Michelangelo rasiert wünschen. Aber wenn ein Wels aus Linz in der Adria vorkommt und sich in diesem Zustand gar photographieren läßt, sind physiognomische Beschwerden erlaubt. So möchte ich beim Barte des Propheten schwören, daß der des Bahr keine organische Notwendigkeit ist, sondern nur ein feuilletonistischer Behelf, ein Adjektiv, eine Phrase. Es muß nicht sein. Oder vielmehr: es muß sein, denn schon der gestutzte Schnurrbart verrät, wie dieses Gesicht aussähe, wenn es rasiert und nicht phrasiert wäre. Die Augen sind gut, sie leuchten wie Rubine, aber man trägt nicht Rubine in einer Kartoffel. Ich möchte behaupten: gerade jene Gesichter, die des Vollbartes nicht wert sind, brauchen ihn. Es ist ein Dilemma. Köpfe gibt es, die dem Friseur nicht entsagen können, weil sie vom Raseur entlarvt würden. Der Historiker Friedjung hat einen Voll- und Ganzbart. Man stelle sich vor, er hätte ihn nicht. Der Dichter Beer-Hofmann m u ß wie ein Hohepriester aussehen; sonst wär's gefehlt, denn er sähe am Ende wie der Dichter Beer-Hofmann aus. Der Denker Bahr muß wie der liebe Gott aussehen; man stelle sich vor, wie er sonst aussehen würde! Und die Ähnlichkeit ist so zwingend, daß man sich, wenn man nur einmal am Lido geweilt hat, den lieben Gott künftig als Kapannenbewohner vorstellt, der binnen einer Stunde in vier verschiedenen Bademänteln an den Gläubigen vorüberwallt, in einem roten, in einem gelben, in einem blauen und in einem schwarzweißen, welcher der schönste ist, immer wechselnd, zieht an, zieht aus, zieht an, zieht aus, als ob der liebe Gott der Rothschild selber wäre. Ich habe Wunder über Wunder in diesem Sommer geschaut. Richard Wagner liebte Sammet und Seide. Aber er brauchte nur zum Schaffen, was die Wiener Meister zum Baden brauchen. Und Schiller hat die faulen Äpfel nicht aufgegessen. Wunder über Wunder habe ich gesehn an jenem Strand. Quallen, die im Kaffeehaus arg darniederliegen, aber hier zu leuchten begannen, wenn jenes Gottes Sonne sie beschien. Und alle Farben spielten, wenn ich in die Nähe kam. Tintenfische trugen Rezensionsexemplare in die Kapanne Nr. 2o, liebe Schnecken, die im Winter plaudern, wanden sich vor mir, wenns niemand sah. Und die ganze Fauna stand habtacht, wenn ihrer aller S. Fischer auftauchte. Der Bartsch fehlte mir in dem Aquarium. Aber wenn es Menschen waren, waren es Hohepriester. Nichts als Hohepriester sah ich, die bald nach dem Wetter auslugten und bald nach den Tantiemen. Sie wandelten nicht nur, sie badeten gern, denn wo sie hintraten, war das Meer seicht. Meine Anwesenheit störte sie nicht in den Geschäften, wenngleich sie unruhiger waren, als es Hohepriestern ansteht. Die Sonne war verhängt von farbigen Draperien und sie selbst schienen dahinter Schutz zu suchen. Aber solche Mimikry, dachte ich, macht nicht unkenntlich und schützt nicht vor Verfolgung, sondern im Gegenteil. Ich bin noch nüchtern genug, um einen Hohepriester von einem Librettisten unterscheiden zu können. Ich trau mir's zu. Ich weiß schon, wer die sind. Ihre Hülle verrät sie und über ihre Krücke straucheln sie. So leben sie. Wenn sie sterben, werden sie einem Hervorruf Folge leisten. Daß sie fünfzig Jahre alt werden, glaubt man ihnen zur Not; den Tod nicht, und nicht einmal wenn sie ihn erleben sollten, statt ihn bei S. Fischer erscheinen zu lassen. Es sind die Künstler, von denen, so wie sie da in ihrer Formen Fülle schreiten, das »Künstler-Beinfleisch« kommt, das jetzt in einem neuwienerischen Beisl angepriesen wird, und es ist jene Boheme, die das beliebte »Boheme-Gullasch« liefert. Der Bürger hat Geschmack, die Kunst schmeckt schon fast so gut wie Beinfleisch, und seitdem Gedichte vomiert werden, ist das Essen ein Gedicht. Die Landschaft ist malerisch, die Maler sind malerisch, alles ist malerisch, nur nicht das Malen. Alles ist wie wenn; es ist, wie wenn es wäre. Du liebe Zeit, verlange ich einen Scheiterhaufen, bringt man mir eine Mehlspeise. Wie gut wirs haben, sehen wir die Schönheit alter Formen so dem Zweck gepaart! Ich lebe nun fern den Dominikanern und wohne in einem Hause, das ein Scheiterhaufen mit Schlagobers ist, der ein Gedicht ist. Nein, eine Symphonie von Bäuchen und Nasen, und hat es gleich keine Aeskulapschlangen, die immer ein apartes Tragen sind, so meint es doch alles, was es sagt, anders und sagt es allegorisch. Wie reich ist die Welt und wie überbietet sie das Maß der Schöpfung! Wo das Auge sich umtut, findet es Schönheit. Nur in den Seelen macht die Technik Fortschritte. Der Mensch ist außer sich geraten. Kein Wort lebt, keine Farbe – denn alles ist sowieso laut und bunt. Künstler heißen die, die man sofort erkennt, und die noch wenn sie nackt sind, auffallend gekleidet gehen. jede Gebärde eine Arabeske, jeder Atemzug instrumentiert, jeder Bart eine Redensart. Das alles ist notwendig, weil sonst in den öden Fensterhöhlen das Grauen wohnen würde. Doch mich täuscht die Fassade nicht! Ich weiß, wie viel Kunst dem Leben und Leben der Kunst abgezapft werden mußte, um dies Kinderspiel zwischen Kunst und Leben zu ermöglichen. Löwenköpfe und die Herzen von Katzen! Der Autobus ist kein Ziel, aber eine Rettung. Ich kann tabula rasa machen. Ich fege die Straßen, ich lockere die Bärte, ich rasiere die Ornamente. Der Meldzettel Ach, die Ämter scherzen ja nur. Den »neuen Meldzettel« meinen sie nicht ernst. Gewiß, die Gefahr, daß infolge der glücklichen Versuche des Professors Wagner v. Jauregg die bureaukratische Befähigung aussterben könnte, ist in hohem Grade vorhanden. Aber daß man gegen die drohende Heilung des Kretinismus eigens durch den Meldzettelerlaß demonstrieren wollte, ist nicht glaubhaft. Und er wäre eine Demonstration! Daß die alte Dummheit noch lebt, diese Erkenntnis quillt täglich aus allen Poren unseres Staatswesens: braucht man sie auch dadurch zu beweisen, daß man sich anstrengt, neue Dummheiten zu ersinnen? Nun also! Wir gewöhnen uns schließlich an jede österreichische Misere und könnten vielleicht die Staatskost ohne den Hautgout der Gehirnerweichung gar nicht mehr genießen. Aber wenn wir »kernweich« bestellt haben, und man serviert uns eine Tunke, so haben wir ein Recht auf Unzufriedenheit. Die Meldezettelreform wäre eine Übertreibung des Österreichertums, und darum finde ich sie unglaubhaft. Darum vermute ich, daß sie ein Ulk ist, den ein fürwitziger Kanzlist der Faschingszeitung eines Einbrecherball-Komitees entnommen und in die liberale Presse geschmuggelt hat; – und daß sich diese mehr über den Aufsitzer, als über die Verordnung entrüstet. Der Minister des Innern, der Statthalter, der Polizeipräsident und ihr höchster Vorgesetzter, der Hausmeister, müssen hellaut aufgelacht haben. Nur der schreckhafte Liberalismus konnte ihnen den Plan zutrauen. Es ist ja wahr, die österreichische Verwaltungsweisheit basiert auf dem Meldzettel, der Mangel an Eingebungen der Regierenden wird hierzulande durch die Fülle von »Eingaben« der Regierten wettgemacht, und die Gerechtigkeit dieses Staates heißt »Justament!« Aber es ist unwahrscheinlich, daß die österreichischen Bureaukraten die österreichischen Staatsbürger für größere Esel halten, als sich selbst. Es ist unglaubhaft, daß man in den Tagen, da die Last der Postgebührenerhöhung auch das geduldigste Saumtier störrig macht, ihm noch einen strengen Meldzettel vors Maul binden wird. Und es ist ausgeschlossen, daß dieser Staat von seinem Bürger mehr verlangt, als daß er sein Geld, seine Zeit, seinen Nervenfrieden, sein ganzes Leben den Vexationen der Steuerämter, Zollämter, Konskriptionsämter, magistratischen Bezirksämter und Militärtaxkatasterrentensteuergebührenbemessungsämter opfert; daß er sich auf dem Weg von einem Amt ins andere von der Elektrischen überfahren oder wenn er, um diesem Schicksal zu entgehen, selbst »eine Zone überfährt«, wegen Betruges einsperren läßt; und daß er noch auf seine Frage, ob er denn endlich in Ruhe sterben könne, dankbar und gottergeben den Bescheid entgegennimmt: »Machen S' eine Eingabe!« Nein, ich glaube es nicht, daß neuestens mehr verlangt werden soll. Glaube es nicht, daß die Behörden außer der »Veranlagung der Personaleinkommensteuer« – man muß in Österreich selbst zum Steuerzahlen »veranlagt« sein –, daß sie außer jenem Studium des Steuerbogens, das nebst der Kabbala der Juden zu den schwierigsten Geheimlehren gehört, die die Kulturgeschichte kennt, auch noch eine besondere Montierung des Meldzettels vorschreiben, der nebst dem gelben Fleck der Juden zu den markantesten Erkennungszeichen der Menschheit zählt. Je nun, ob der Beischlaf, den der Bürger »ausübt«, ein ehelicher oder außerehelicher sei – das einzige Gebiet, auf dem in Österreich der Befähigungsnachweis verpönt wird –, mag den Staat interessieren; und er mag nervös werden, wenn er von einem »Schandlohn« hört, der irgendwo verdient wurde, weil ihn das Wort in jedem Sinn an die Löhne erinnert, die er seinen Beamten auszahlt. Aber er soll sich unsern »Leumund« erschnüffeln wie er kann, und er darf uns nicht zwingen, Bekenntnisse, die für unser Tagebuch bestimmt sind, ihm in seinen Meldzettel hineinzuschreiben. Wenn freilich die Neue Freie Tränenpresse auf solchen Zwang bloß deshalb reagiert, weil jene Bekenntnisse uns unter Umständen »nach den geltenden Begriffen der bürgerlichen Gesellschaft, die auf sozialer Notwendigkeit beruhen, herabsetzen«, weil sie die »Schande« eines »gefallenen Mädchens« preisgeben könnten u. dgl., so rechtfertigt wieder einmal, wie so oft in österreichischen Landen, die Opposition den Druck, der wenigstens die Konsequenz für sich hat. Dann könnte uns wahrhaftig ein Staat, der bloß die Exekutive der geltenden Begriffe der bürgerlichen Gesellschaft – die noch dazu auf sozialer Notwendigkeit beruhen – darstellen will, immer noch mehr imponieren, als die liberale Halbschlächtigkeit, die jene heuchlerischen Begriffe in die Welt gesetzt hat, hierauf die »Schande« heuchlerisch verdecken möchte und zuletzt noch radikale Abwehr gegen deren staatliche Stigmatisation heuchelt. Aber nicht weil der Staat die Aufdeckung » unehrenhafter« Tatsachen unseres Privat- und Familienlebens betreibt (und von uns selbst verlangt), sondern weil es Tatsachen unseres Privat- und Familienlebens sind, darum muß man sich seiner Zudringlichkeit erwehren. Der Staat belästigt Frauen und Mädchen nicht nur auf der Straße, sondern verfolgt sie sogar bis in ihre Wohnungen, und während sonst die alten Steiger sich mit der Adresse begnügen, verlangt er auch die Angabe des Jahres und Tages der Geburt, wünscht zu wissen, ob die Dame schon ein Kind hat, wann es geboren wurde, ob der Vater beschnitten ist u. s. w. Erotik oder müßige Neugier – daß einer, der Dinge erkunden will, die ihn jedenfalls nichts angehen, den Befragten zu schriftlicher Beantwortung seiner Fragen zwingt, ist unerhört. Nicht weil das Bekenntnis dem Beichtenden »zur Schande gereichen« könnte – der Richter erlaubt dem Zeugen, sich in solchem Fall der Aussage zu entschlagen, der Hausmeister ist gegenüber dem Mieter unerbittlich –: nein, man protestiere auch gegen den Zwang, die ehrenhaften Tatsachen des Privatlebens in den Meldzettel einzutragen, zu denen ich allerdings in erster Linie die »Schande eines gefallenen Mädchens« zähle. Nicht daß die Polizei uns den vertrottelten Begriffen, die die bürgerliche Gesellschaft von sexuellen Dingen hat, preisgibt, möchte ich ihr verübeln, sondern daß sie Dinge von uns zu hören wünscht, die sie jenen Schmarren angehen, der speziell in Wien so gut zubereitet wird, stark mehlhältig ist und die allgemeine Verkleisterung der Gehirne wesentlich fördert. Daß wir unter unseren Kleidern nackt sind, halte ich im Gegensatz zu der in der ganzen Nachbarschaft vorherrschenden Meinung für keine unehrenhafte Tatsache unseres Privat- und Familienlebens; aber ich möchte mich doch sehr lebhaft dagegen verwahren, daß man uns die Kleider vom Leibe zieht. Ein diskreter Meldzettel, der höchstens nach Namen und Stand fragt und nicht nach der Vergangenheit unserer Frau und nach der Zukunft unserer Kinder, sei kein Palliativ für unsere »Schande«, sondern für unsere Intimität. Aber dann würde freilich die Schande der Polizei bloßgehen. Und daß dies nicht geschehe, soll die Reform des Meldzettels (wenn sie kein Faschingsulk ist) bewirken. In England, meint die »Neue Freie Presse«, gebe es überhaupt keine Meldevorschriften und dennoch könne niemand behaupten, daß die englische Polizei nicht mindestens auf der Stufe unserer Sicherheitsbehörde stehe, wenn es sich um die Verfolgung der Verbrecher handelt. Wieder die liberale Halbschlächtigkeit, die sich nicht zu sagen traut, daß die Wiener Polizei eben den Meldzettel braucht, weil sie kein Vertrauen in ihre Findigkeit hat. Daß sie zur endlichen Erreichung ihres Zweckes, ein paar Verbrecher zu erwischen, sich nicht anders als durch das Mittel helfen kann, die ganze Bevölkerung ihrer Freiheit für verlustig zu erklären und zu sagen: Einer wird's schon gewesen sein! Nun ist es leider nicht ganz ausgeschlossen, daß die Verbrecher, die bereits Diebstahl, Betrug, Raub und Mord begangen haben, auch noch das letzte, entsetzlichste aller Verbrechen riskieren: Falschmeldung; und die Folge wäre, daß man sie dann wieder nicht hätte und daß den Bestohlenen und Ermordeten bloß das tröstende Bewußtsein bliebe, ihren eigenen Meldzettel gewissenhaft ausgefüllt zu haben. Bisher begnügten sich die Behörden damit, einen, der der Falschmeldung überwiesen war, auch eines Totschlags für fähig zu halten. Müßten sie nicht auch damit rechnen, daß ein überwiesener Totschläger am Ende einer Falschmeldung verdächtig sein könnte? Ja, das Salz, das man einem Spatzen auf den Schwanz streut, wenn man ihn fangen will, ist hierzulande Staatsmonopol ... Die Verheerungen, welche die laut Meldzettel nach Österreich zuständige Dummheit anrichtet, vollziehen sich mit jenem Humor der Selbstverständlichkeit, der die Katastrophe in einer Knockabout-Farce begleitet. Der Staatsclown schlägt uns die Hacke in den Schädel und fragt, »ob wir das bemerkt haben«. Ein Nigger aber tritt zum Schluß auf, der alles, was sich hier begibt und wofür wir Zivilisierten das Gefühl verloren haben, sonderbar findet. Das ist der lustige Prinz von Liberia, der neulich bei Maxim mit der Zechschuld durchging, dieweil der Chor der Kellner, Fiaker, Fremdenführer und Büfettdamen, fasziniert von der Visitkarte des schwarzen Spitzbuben, dastand und den Operettenrefrain »Er ist ein Prinz, er ist ein Prinz« sang. Wien, wie es leibt und lebt. Zwischen dem ewigen Mißtrauen einer Behörde, die es verdächtig findet, wenn jemand »in einer Nacht« fünf Gulden durchbringt, und dem ewigen Vertrauen einer Bevölkerung, die den »anscheinend den besseren Ständen Angehörigen« getrost auch mit fünfhundert Gulden durchgehen läßt, gedeiht jener überlegene Humor, den Roger Abraham Bamba Harrison, Prinz von Liberia, mitbrachte, als er aus Afrika kam, um eine wilde Körperschaft kennen zu lernen. Noch etwas weiter nördlich hätte er schon eine Uniform gebraucht; hier genügte eine Visitkarte ... Nur die Behörden sind neugierig und verlangen auch einen Meldzettel. Wie mag ihn der Prinz von Liberia ausgefüllt haben? Im Blitzlicht seines Witzes – er enttäuscht die Justiz wie eine Büfettdame – wird uns Wienern manches heller. Wie schlagfertig dieser Nigger in die Amtshandlung der Komödie eingreift! »Als der Präsident ihn fragt, ob er ledig oder verheiratet sei, lacht der Angeklagte laut auf und zieht ein rotes Taschentuch hervor, das er sich in den Mund stopft.« Er fühlt, daß jene Feststellung für den Beweis, daß ein Prinz von Liberia Zechprellerei begangen habe, unerläßlich ist. Und er hat schon aus der Untersuchungshaft an einen Landsmann einen Brief geschrieben, in dem es heißt: »Ich bedaure es ungeheuer, in ein Land gekommen zu sein, wo man so viel über das Vorleben der Menschen wissen will. Ich weiß nicht, warum; aber die Gesetze sind hier so.« Der Neger In Hamburg, nöch, scheint 'n Mann zu leben, der 'ne Annäherung Weißer an Schwarze und vice versa, wie das so kommt, wenn bei Hagenbeck 'ne Ausstellung ist, mal partout nich vertragen kann. Müssen dolle Dinge passiert sein, nöch, und so was wird man denn sein Leben lang nicht los. Das ist der Mann, von dem alle die Aufschreie in den »Hamburger Nachrichten« herrühren, und der nun ruft: Pfui! Die Usambara-Post (26. Juli) bringt folgenden Brief eines deutschen Mädchens (natürlich Berlinerin), der an einen Europäer in Tanga geschickt wurde, bei dem der Herr Mambo angestellt sein sollte, jedoch wahrscheinlich an die falsche Adresse ging: Sehr geehrter und lieber Herr Mambo! Entschuldigen Sie, bitte, wenn ich als eine Ihnen bisher gänzlich Unbekannte mich mit einer sehr großen Bitte an Sie wende und mich den Ausführungen Ihres Sohnes Josef, dessen Brief Sie vielleicht inzwischen schon erhalten haben werden, anschließe. – Ich verkehre seit länger als einem halben Jahr mit Ihrem Sohn hier in Berlin. Nun werden mir aber von seiten eines andern Mädchens, mit dem Ihr Sohn vorher verkehrte, große Schwierigkeiten gemacht, die einen weiteren Verkehr hier mit ihm fast zur Unmöglichkeit machen. Wie ich schon erwähnte, verkehre ich jetzt über ein Jahr mit Ihrem Herrn Sohn und habe ihn in dieser kurzen Zeit so kennen und lieben gelernt, daß ich ohne ihn nicht mehr leben könnte. Ich selbst bin hier in Berlin im Bureau beschäftigt, verdiene aber leider nicht so viel, daß ich mir die 700 Mark Reisegeld hätte zusammensparen können, sonst, wenn mein Verdienst danach wäre, hätte ich mir gern jeden Pfennig abgespart, um ihn für das Reisegeld für uns beide zurückzulegen. Ich würde Ihnen darum unendlich dankbar sein, wenn Sie den Bitten Ihres Sohnes und auch meiner Bitte entsprechen und das Geld schicken würden, es soll ja nur geborgt sein, wenn wir erst drüben sind, will ich gleich wieder in Stellung gehen und Ihnen dann alles auf Heller und Pfennig zurückgeben. Ich möchte ja so furchtbar gern einmal nach Tanga kommen, erstens, um meinen Josef dann ganz für mich haben zu können, und dann auch, um seine lieben Eltern einmal kennen zu lernen. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, daß ich mit einer so unbescheidenen Bitte an Sie herantrete, wo Sie noch gar nicht einmal wissen können, ob ich es überhaupt würdig bin, von Ihnen aufgenommen zu werden, aber ich werde mich ganz gewiß dessen würdig erzeigen! Rechnen Sie bitte meine Unbescheidenheit meiner großen Liebe zu, die mich mit Ihrem Sohn verbindet! ... Ich gehe mich der kühnen Hoffnung hin, daß Sie vielleicht meinem und auch den Wunsche Ihres Sohnes Rechnung tragen werden, und erlaube mir, Sie wie auch Ihre Frau Gemahlin unbekannterweise herzlichst zu begrüßen. Ihre ganz ergebene H. O. (Folgt genaue Adresse.) Es ekelt einen, wenn man dieses brünstige Geschwätz liest, und wir bedauern nur , daß die Usambara-Post so rücksichtsvoll gewesen ist, den Namen der Schreiberin nicht zu nennen. Solchen Geistern und Gesinnungsgenossinnen , die es leider ja auch in Hamburg gibt , kann man nur beikommen und sie zur Vernunft bringen, indem man sie offen an den Pranger stellt. In welcher Schule mag wohl die Briefschreiberin gewesen sein, daß sie alle Scham vermissen läßt und so offen bekennt, daß sie sich an einen Neger wegwirft ! ... Wie schwer es unter solchen Umständen ist, den Wunsch zu unterdrücken, einmal dabei zu sein, wie dieser Schriftleiter dabei ist, wie seine Begleiterin sich an einen bei Hagenbeck ausgestellten Neger eben wegzuwerfen beginnt, nöch – das läßt sich gar nicht sagen! Und noch weniger, wie man es bedauern muß, daß man nicht schon früher einmal dabei war. Es ließe sich akkurat der Moment feststellen, wo die angesammelte Tobsucht zu jenem Pfui! erstarrt. Und prüfen, ob dieses Pfui! nicht noch immer brünstiger sei als der Brief der Schreiberin, und ob es nicht kulturvoller wäre, den Namen des Schreibers an den Pranger zu stellen, der für den frechen Raub eines Briefes kein Pfui hat. Ich brauche nicht erst zu sagen, aus welchem Zusammenleben mir eine bessere Menschenhoffnung zu erblühen scheint, aus dem der Berlinerin mit ihrem Mambo oder aus der Einheirat, die die deutschen »Schriftleiter« rekommandieren. Auch sei es ferne von mir, die Neger durch die Versicherung kränken zu wollen, daß ich, wiewohl ich nur zwei von ihnen kennen gelernt habe und zweihundert deutsche Schriftleiter, nicht zweifle, bei welcher Rasse mehr Verstand, Menschlichkeit und Güte ist. Freilich sind die Schriftleiter zwar die Beherrscher, doch nicht die Auslese der Zivilisation. Darum ist es aber wichtig, ausdrücklich festzustellen, daß ich einmal einen Neger gesehen habe, der der Kulturlosigkeit einer ganzen Stadt ausgeliefert war und mir den Eindruck einer unter die Kaffern geratenen weißen Seele machte. Er war Chauffeur und er machte nicht nur an und für sich unter den Leuten, durch die er hindurch mußte, den Eindruck eines Gentleman, sondern er blieb es auch, als sie die ihnen innewohnende Gemeinheit an ihm sich austoben ließen. Denn nicht nur, daß das stereotype Spalier offener Mäuler und gereckter Arme ihn begleitete und der Ruf: »A Näägaa – !« aus dem Boden sprang und wie festgewurzelt dastand, wenn er mit seinem Automobil vorüberflitzte – wir hörten auch, wenn ein Wachmann den Verkehr aufhielt, Sentenzen, Ratschläge, Verwünschungen wie: »Geh hörst'rr schau drr den schwoazen Murl an!«, »Hörst Murl, wosch di o!«, »Na woart du schwoaza Pülcher!«, »Geh ham, Schwoazer, verschandelst uns jo die gonze Stodt!«, »Do fohr oba, zur Daunau und wosch diii –!«, »Hörst, wann ich di drwisch, nacher schau di an, schwoaza Kinäsa!«, »Jessas, a narrischer Indianer!«, »Aschanti vadächtigaa –!«, »Tepataa –!«, »Stinkataa –!« Ein Denker hielt sich die Stirn und rief: »Ah jetzt waß i ollas!« Was, verriet er nicht. Eine Megäre, deren Säfte in Wallung kamen, rettete sich in einen Lachkrampf, ihren Begleiter fragend: »Hirst, is dr der am ganzen Kirper schwoaz?« Das Automobil entflieht, und auf meine Frage, wie ihm das Leben gefalle, antwortet, die Achsel zuckend, dieser Schwarze im reinsten Deutsch. »Ach, die Wiener haben eben keine Kultur.« Ich beschloß, ihn zu schützen, indem ich künftig das Prävenire spielen und auf jeden Maulaufreißer mit dem Finger zeigen wollte: »A Wienaa –!« aber es half nichts. Die Neger sind nun einmal in unserer Mitte auffallend, und das Auffallende zieht eine Welt von Wilden, Weibern und Besoffenen an. Der Neger macht sich dadurch auffällig, daß der Weiße unruhig wird. Manchmal aber exzediert auch der Neger, er, der zumeist gegen die ärgsten Pöbeleien der Zivilisierten seine Ruhe bewahrt. Da war einmal einer in Wien, Diener in einem Geschäftshaus. Er bekam Sehnsucht nach der Heimat und sein Herr schickte ihn zurück. Dort angelangt, bekam er Sehnsucht nach seinem Herrn und fuhr wieder nach Wien. Hier angelangt, kam er eben zum Begräbnis seines Herrn zurecht. Auf dem Friedhof kam es zu einem Negerexzeß, der die herumstehenden Weißen in starres Staunen versetzte. Mit seinen wilden Negerfäusten soll dieser Untermensch gegen die Unabänderlichkeit rebelliert haben, gestampft, getanzt, geschrien – matchiche macabre – daß allen, die es sahen, der schwarze Schmerz das Grab zu überwachsen drohte, es zu verschlingen schien und sie, von Graun gepackt, mit einem Pfui und ihrer bleichen Trauer zurück ins Leben flohn, in das Geschäft, weg von der Stätte, wo Naturgewalten rauften und wo der Schwarze und der Tod sichs unter sich nun auszumachen hatten. Der Ton Es gibt nur einen Ton, und die Konsequenz von Blatt und Welt muß in jeder Minute und in jeder Zeile nachzuweisen sein. Das Blatt spricht wie die Welt, weil die Welt wie das Blatt spricht. Das Blatt spricht aber auch wie die Familie, weil die Welt wie die Familie spricht und die Familie wie die Welt. Es gibt nur einen Ton, und das ist der Ton der Leute, die besorgt sind, weil die Leute noch nicht versorgt sind, und es gibt nur einen Standpunkt zu den Ereignissen und der lautet: – ss ...! oder, wenn, es große Ereignisse sind: ... tt! Alle Publizistik ist nur ein kühner Versuch der Umschreibung von Sentiments, die sich in einem Laut abmachen lassen. Wenn eine Mutter ihr neugebornes Kind tötet, was bei unserer Ordnung der Dinge sehr häufig vorkommt und jedenfalls in einem unpersönlichen Sinne humaner ist, als wenn sie es sich zum Kolporteur von Josefsblättern oder zur Verfasserin einer Zuschrift über den Parsifalschutz auswachsen ließe, so findet der Ton den Ausdruck: »Das eigene Kind in die Donau geworfen«. Es ist zwar noch nie oder gewiß sehr selten vorgekommen, daß eine Frau ein fremdes Kind in die Donau wirft, denn so heldenmütig ist keine, daß sie um den Preis des eigenen Lebens fremde Kinder den Infamien der Welt entziehen wird. Der Ton müßte das noch viel ärger finden; aber er ist so im Familiengefühl verankert, daß er selbst vom Standpunkt der herrschenden Auffassung den Mord am eigenen Kinde für verwerflicher hält als den am fremden. Darum sagt er mit entsetztem Kopfschütteln: »ss...! das eigene Kind in die Donau geworfen!« Und wenn »zum zweitenmal innerhalb kurzer Zeit eine ledige Mutter wegen Verbrechens des Mordes angeklagt ist, weil sie das eigene Kind getötet hat«, so findet der Ton die Aufschrift: » Das eigene Kind vergiftet«. Der Ton begreift ja auch, daß es schlimmer sei, sich selbst als einem andern zu schaden, und würde gegebenen Falls die Formel finden: »Das eigene Geschäft vernachlässigt!« Wenn sich zwei junge Mädchen umgebracht haben, so meldet der Ton, der sofort im Einverständnis mit den Familien ist, wiewohl es andersgläubige Familien sind: »Die H. ist die Tochter einer verwitweten Wäscherin, die außer ihr noch fünf Kinder hat, die A. ist die Tochter eines Bahnarbeiters und hat sechs Geschwister. Beide Mädchen waren etwas überspannt«. Die A. wollte nämlich zum Theater gehen, und die H. kannte einen jungen Burschen. »Als man ihr dahinter kam, hat man ihr selbstredend diese Beziehungen verboten.« Die EItern des Burschen aber wollten es sogar der Bürgerschule, die die H. besuchte, anzeigen, und diese Drohung trieb das Mädchen in den Tod. Hier ist einmal ein fremdes Kind getötet worden, aber das würde der Ton nicht beklagen. Dafür nennt er gern den Arzt der Rettungsgesellschaft. Der Ton, den die Tragik schlechter Geschäfte in Mitleidenschaft zieht, hört gern, wie viel einer gewonnen hat, aber noch lieber, wie viel einer verloren hat, und am liebsten, wie viel einer dadurch verloren hat, daß er nicht gewonnen hat. Er redigiert in diesem Sinne alle Rubriken und korrespondiert aus allen Städten. Aus Paris meldet er: Rochefort hat sich zurückgezogen. Verbittert. Er hat in der letzten Zeit schmerzvolle Enttäuschungen erlebt: »mehrere Stücke, welche bei der Auktion Doucet vor einigen Wochen Preise bis zu einer halben Million einbrachten, waren früher im Besitze von Rochefort gewesen, welcher diese wertvollen Kunstwerke um einige hundert Franks erworben und um 3000 bis 4000 Franks verkauft hatte.« Dazu noch ein schweres Leiden, sagt der Ton. Der Ton hält es mit Beschwerden aller Art. Er führt natürlich alle Eisen- und Straßenbahnbeschwerden und sonstigen Artikel. Einem Übelstand nun ist es in der Regel ganz gleichgiltig, ob er den Beschwerdeführer selbst oder nur einen Verwandten betroffen hat. Der Ton aber legt Wert darauf, daß man bei dieser Gelegenheit auch einiges über die Familie erfahre: daß der Beschwerdeführer gut verheiratet ist, ein schönes Haus führt und abgesehen von der vorübergehenden Störung durch die Eisen- oder Straßenbahn in geordneten Verhältnissen lebt. »Neulich wollte meine Frau in der Operngasse«, sagt der Ton. Besonders Schwägerinnen stehen ihm nah. »Neulich wollte meine Schwägerin mit ihrem Onkel« und dergleichen. Der Ton würde es für unehrlich halten, sich selbst eine Beschwerde zuzuschreiben, die er nicht erlebt hat. Da dem Ton aber die fremde Familie so ans Herz gewachsen ist wie die eigene, so kommt er am liebsten dort in Schwingungen, wo er sie alle zusammen umfassen kann, nämlich wenn es sich um die Völkerfamilie handelt. Mitte August beginnt er sich zu interessieren und hört erst Mitte Oktober auf und wird nicht heiser, wenn er unermüdlich versichert, daß sie sich auch hier, auch dort, wie immer so auch diesmal und wie alljährlich so auch heuer und gleichfalls im blumengeschmückten Saal in würdiger Weise und im Lichterglanz nach einem vorzüglichen oder gar opulenten Souper versammelt oder nach eingenommenem Souper in heiterer Festesstimmung in die Nebenräume begeben haben, wo eine gewählte Gesellschaft lauschte. Der Ton ist gastfreundlich und läßt jedermann jederzeit und überall sich »wie zuhause« fühlen. Oft freilich – kein Wunder wenn man so viele Gäste hat – verwechselt der Ton die Begeisterung mit der Beschwerde, indem er etwa ausführt: »Am nächsten Morgen weckten 24 Salutschüsse, die im nahegelegenen Sperrfort Plätzwiese abgefeuert wurden, die zahlreichen Hotelgäste.... Vier Generaldechargen wurden abgegeben, deren Echo in den Bergen tausendfach widerhallte.... Aus aller Munde ertönte die Volkshymne.« Wenn nicht zum Glück den Abend ein Tanzkränzchen beschlossen hätte, an dem Jung und Alt teilnahm, würde man rein glauben, der Ton sei nervös, unzufrieden, gar illoyal und wolle sich über die Störungen eines ohnedies verpatzten Sommers beschweren. Im Sommer gibts Fliegen, und die Fliegen fühlen sich überall wie zuhause. Wir glauben, es sei Geschmeiß. Sie aber wissen es nicht. Man darf es ihnen nicht sagen. Sie haben Zeitungen, durch die sie sich nur mitteilen, wo sie sind und daß sie sich wie zuhause fühlen. Der Ton ist das einzige Verständigungsmittel der Fliegen. Dieses Gesumme ist allerorten. Kommt der Ton, was er mit Vorliebe tut, nach St. Moritz, so ist er »nicht wenig überrascht, in den wohlgepflegten Kuranlagen des waldgebetteten Gebirgsorts dieselben Bekannten anzutreffen, denen die Karlsbader Brunnenfee noch vor kurzem den perlenden Verjüngungstrunk gereicht hatte. So verblüffend war die Fülle der längstvertrauten Gestalten...« Sie haben also leider doch nicht abgenommen, weder an Fülle noch an Fülle. Der Ton kommt aber »auf dem sommerlichen Exodus der fashionablen Welt« sehr, sehr weit, bis zum Deuteronomium und ruft: »Interessante Gesellschaft in Biarritz.« Der Ton gibt also vor, nur eine Spitzmarke zu wählen, in Wirklichkeit tut er einen Aufschrei wie beim Anblick des gelobten Landes. Aber wenn der Ton für einen Ort schwärmt, so ist es – Ischl? Selbstredend, aber vor allem Edlach. Es geht nichts über Edlach. Erstens ist er dort mit dem Sanatorium verwandt und hat billigere Preise. Zweitens fühlt man sich wie zuhause und drittens interessiert er sich andauernd für das Befinden des türkischen Thronfolgers Jussuf Izzeddin, der sich bekanntlich in dem idyllischen Edlach aufhält, wo er, wie ebenfalls schon mitgeteilt wurde, in Behandlung des kaiserlichen Rates – das weitere ist auch schon bekannt. Die türkische Frage, die der Ton kennt, lautet: Wie geht's ihm? Dem kranken Mann in Edlach nämlich. Kuranstalten brauchen immer zu ihrer Erholung einen Khedive oder ähnliches und Neurosen inklinieren zu wohlhabenden Türken. Man kann sich kein Sanatorium ohne einen leidenden Achmed vorstellen. Da wird dann drauf los gelebt, und der Ton ist so gut auf den Betrieb wie der Betrieb auf den Ton eingeschworen. Was hat ein Sanatorium schon davon, wenn dort die ganze erholungsbedürftige Familie Mammonides aus Kairo absteigt. Eine ständige Rubrik muß man haben, und das treffen sie nur in Marienbad oder Edlach. Eine Depression eines türkischen Thronfolgers ist mehr wert als hundert Paralysen unter der Woche. Der Ton diktiert natürlich auch das offizielle Bulletin, das täglich ausgegeben wird und in welchem viel Beruhigendes steht, zum Beispiel, daß der Patient seine Behandlung nimmt und seine täglichen Promenaden macht. Zur äußersten Vorsicht und zur speziellen Beruhigung interveniert noch ein Freund des Blattes, der sich zufällig auch in Edlach aufhält, und dieser erzählt, daß der Dr.Konried lange Zeit vergebens gekämpft hat, nämlich gegen die Gewohnheit des Prinzen, nach dem Souper noch spät in die Nacht hinein aufzubleiben. Zuerst war der Prinz mißmutig. Infolgedessen war auch der Ton mißmutig. Dann war der Prinz griesgrämig. So war auch der Ton griesgrämig. Aber er ließ doch immer durchhören, daß er an eine Besserung im Befinden des Prinz im Innersten glaube. Immer sagt ja der Sanatoriumsarzt, wenn der Kranke schon am ersten Tag über die Wurzerei rabiat wird und vor den Herausreißern Reißaus nehme möchte, zu den Angehörigen: »Er wird sich beruhigen, wird sich beruhigen, seien Sie ganz beruhigt, er wird sich beruhigen.« Richtig, er beruhigte sich. So daß er je schon komplett ruhig ist. Jetzt fühlt er sich täglich wohler, sieht blühend aus, ißt gut, was will man mehr, unterhält sich und gedenkt natürlich noch lange Zeit zu verweilen, wiewohl er eigentlich schon pumperlgesund ist. Er will überhaupt nicht mehr weg. Er kann sich nicht trennen. Sein Wohlbefinden wirkt auf seine gute Laune nach, täglich macht er Spaziergänge und ist in bester Laune, was wieder, wie der Ton bemerkt, von seinem Wohlbefinden zeugt. Die Hoteldirektion zerstreut ihn, wie sie kann. Er hat sich bereits vollständig eingelebt. Die würzige Luft trägt das ihrige bei. Mit einem Wort, er fühlt sich wie zuhause. Fortwährend nimmt er etwas. Kein Mensch hat etwas dagegen. Um 8 Uhr morgens nimmt er ein Bad. Es wird zu diesem Zweck eine Wanne in das Zimmer gestellt, und ein Badewärter der Kuranstalt verabfolgt ihm die in der Kur vorgeschriebenen Waschungen und Abreibungen. Der Ton beneidet den Badewärter. Dann nimmt er – wir haben's uns gedacht – sein Frühstück. Bestehend aus. Nach einiger Zeit erscheint unter feierlichen Verbeugungen der Leibeunuch, und mit seine Hilfe wird Morgentoilette gemacht. Es läßt sich gar nicht sagen, wie der Ton den Leibeunuchen beneidet. In die Fenster des Hotels darf niemand hineinschauen. Ausgenommen Rax und Schneeberg. Der Ton beneidet sie. Schlag halb 1 wird das Dejeuner genommen. Bestehend aus. Das Menü bestimmt als oberste Behörde natürlich der Arzt. Natürlich. Hauptsach ist die Diät in solchen Fällen. Er scheint ein starker Esser zu sein. Aber das gibts hier nicht! Hier heißts parieren und tun, was der Doktor sagt. Man gibt sich natürlich Mühe, in die Beschränkung Abwechslung zu bringen und auf die Besonderheiten Rücksicht zu nehmen. Nicht selten paradiert auf der Menükarte auch ein echter Pillaw alla turca. Bin ich brav? sagt der kaiserliche Rat, der natürlich den Ton des Tones hat, und was bekomm ich? Na doch auch etwas alla turca, womit man paradieren kann. Der Ton hat ein Herz für Medschidje und Bakschisch. Der Prinz benützt doch nicht zum Trinken etwa einen goldenen Becher? Ka Spur, einen güldenen! Das ist, sagt der Ton etwas schalkhaft, das einzige, was an die Märchenpracht des Orients erinnert, sonst ist der Gast die Einfachheit selber. Der Ton hat den Männerstolz vor Königsthronen und den Humor vor Leibstühlen. Hohe Patienten behandelt er wie Kinder, weil sie sonst nicht nehmen, was man ihnen eingibt. No also, er ist ja brav, scheint der Ton immer zu sagen. Natürlich drückt er ein Auge zu und gestattet auch Extravaganzen. Zum Beispiel bleibt man in Edlach, wenn man eigentlich schon ins Betterl gehört, noch beim Kaffee zusammen. Der Kaffee ist natürlich schwarz und obligat und wird auf orientalische Art zubereitet. Wie alles in dieser Angelegenheit. Hierauf folgt die Siesta. Aber dann, »dann gibt es eine sehr wichtige Angelegenheit zu erledigen – das ...«, no no was ist denn – man kann sich auf den Ton verlassen, er ist ein feiner Ton, »das Bad« meint er, das gleich daneben genommen wird. Alles wird genommen. Nicht zu vergessen das Diner. Bestehend aus. Der Patient, der sich bekanntlich in Edlach aufhält, ist aber wie gesagt schon ganz frisch und hat durch sein liebenswürdiges, bescheidenes Auftreten sich rasch die Sympathien des distinguierten Publikums gewonnen, unter dem er sich bewegt. (Wiewohl ihm nicht viel Bewegung erlaubt ist.) Er ist schon ganz zahm. Wäre er Thronfolger in Persien, könnte man sagen, er frißt aus der Hand. Mit Politik beschäftigt er sich so gut wie gar nicht. Also sehr gut. Die jüngeren Mitglieder des Gefolges dagegen sind unternehmungslustiger, sie haben schon eine Ansprache im Hotel gefunden. Sie spazieren immer in der Gegend herum, auch bilden sie den Mittelpunkt vergnügter Gruppen, und alle Welt ist begeistert von der Liebenswürdigkeit – der Türken? ka Spur, der Fremden aus dem Reiche des Padischah. Es ergibt sich ein Einverständnis: Der Prinz; hierauf Gefolge, Kurgäste, Ärzte, Landbevölkerung, Ritter, Pagen, Vertreter der Presse: Ich bin der Pa – ich bin der schah. Und der Chor weiß schon: Er ist der Pa – er ist der schah. Dann gehts schon von selbst weiter: Ich bin ein Prinz. Er ist ein Prinz. Kein Zweifel – Seine – Hoheit sinds! ... Ich bin der di. Er ist der schah. Ich bin (Er ist) der Papa padischah ... Noch hätte der Ton nachzutragen, daß der Prinz, dem die Bewegung nicht erlaubt ist, kein Freund vieler körperlicher Bewegung ist und daß es dem Dr. Konried wieder einen wahren Kampf gekostet hat, bis er ihn dazu bekam, Bewegung zu machen, und daß dem Freund des Blattes, der auch ein Freund der Bewegung ist, jemand versichert hat, der Thronfolger habe die Schweiz Schweiz sein gelassen, liebe nur Edlach und halte Wien für die schönste Stadt Europas und seine Bewohner dementsprechend für die liebenswürdigsten der Europäer. Finale: Ich bin Prinz Jussuf Izzeddin, und drum gefällt's mir nur in Wien. Chor der Türken: Ja, nur in Wien. Ja, nur in Wien. Chor der Wiener: Am besten ist – er ist hier fremd – wir ziehn ihn aus bis auf das Hemd! ... Es gebe überhaupt keinen liebenswürdigeren Menschen als den Österreicher. Der es sagte, war »ein hochgewachsener jüngerer Mann mit schwarzem Schnurrbart und dunklen Orientalenaugen«. Der Freund des Blattes hielt ihn deshalb irrtümlich für Nesib Bey. Es war Nebelwetter. Der türkische Thronfolger, der sich bekanntlich in Edlach aufhält, hat sich inzwischen vollständig erholt. Aber das Bild, wie er da hinausgebracht wurde, und dann die bange Zeit, bis man endlich hoffen durfte, und dann die Stadien der Rekonvaleszenz – wer das mitgemacht hat – das vergißt man nicht so bald. Man wird sich noch erkundigen müssen, und manchem wird es sich später einmal entringen: Ich bin sonst nicht neugierig, aber wissen möcht ich, wie es dem türkischen Thronfolger Jussuf Izuddin, der bekanntlich in Edlach weilt, jetzt geht. Während sich also inzwischen der türkische Thronfolger bereits vollständig erholt hat und der Ton froh war, daß er ihn so weit hatte – denn damit spaßt man nicht –, ist vieles andere noch vorgefallen, was den Ton in Schmerz und Freude zur Teilnahme zwang. Daß die Türkei ihm auch sonst Sorgen macht, weiß man. Und da der Ton bekanntlich ein Wiederkäuer ist und der Phantasie nichts zu verdauen übrig läßt, ja sie vollständig aushungert, so befaßt er sich auch mit den Sorgen, die sich als grundlos erwiesen haben. Er erzählt nicht nur alles, was geschehen ist, dreimal, sondern auch alles, was nicht geschehen ist, viermal. Aus einer Tatsache macht er ein Ereignis, aber wenn die Tatsache nicht eingetroffen ist, so ist es eine Katastrophe für den Ton. Wenn zum Beispiel an die Länderbank kein Telegramm gelangt ist, daß Bulgarien der Türkei den Krieg erklärt habe, so ist er durch drei Seiten erschrocken, braucht vier, um zur Ruhe zu kommen, und fünf, um erleichtert aufzuatmen. Dabei exzediert er natürlich in der Fähigkeit, schon im Titel alles das zu sagen, was den Artikel überflüssig macht. »Alarmierende Gerüchte über eine bulgarische Kriegserklärung.« »Ein Tag der Gerüchte und der Unruhe in der österreichischen Delegation.« Seine Titel sind durchwegs Jerichoposaunen über Mauern, die entweder schon vorher eingestürzt sind oder nie einstürzen werden. Jede Spitzmarke ein Schofar. Manchmal auch zwei. Manchmal auch nur ein Vibrationsapparat, der zur Massage verwendet wird. Besonders bei großen Gelegenheiten, wo Volk angesammelt ist, unentbehrlich. Denn der Ton sagt dann immer: die Leute begannen sich zu massieren. Wenn dies geschehen ist, zerstreuen sich die Leute gern. Auch das geschieht mit Alarm. Immer hat der Ton gellende Rufe nötig, um die Unentbehrlichkeit seiner Anwesenheit bei den Ereignissen zu betonen. Man hört förmlich den Krawall, den es wieder in der Redaktion gegeben hat. Man versteht endlich, was ein »Organ« ist. Der Ton, der sich wie zuhause fühlt, schreit mit den Redakteuren, er schreit mit dem Publikum, er schreit mit den Ereignissen. Diese Schreie vermitteln einem den Eindruck, daß Berserker auf die Börs' ziehen und homerische Helden direkt aus dem trojanischen Pferd in Österreich einbrechen. Es klingt etwa wie: »Eine englische Stimme über den Artikel der Neuen Freien Presse über Dreadnoughts im Bau.« Denselben Furor betätigt Ton, wenn er mit einem Satz in den Leitartikel springt. Zum Beispiel: »Tolstoi hat sich angeklagt.« Der Ton beruhigt sich nur, wenn er es mit besseren Leuten zu tun hat. Eine »Entente cordiale« wirkt kalmierend und ein Exposé imponiert ihm an und für sich dermaßen, daß er es mit drei e schreiben möcht'. Auch wenn man ihm ein Communiqué gibt, gibt er Ruh. Aber besser ist schon ein Exposé. Welchen Kursvariationen war der Ton nicht in diesem ereignisvollen Herbst ausgesetzt! Er war heftig, wo er gereizt, zärtlich, wo er versöhnt wurde, er war besorgt, er war zufrieden – aber was immer er auch war, so war er immer auch nachdenklich. Scheinbar läßt er sich ja gehen; aber er weiß doch immer, welcher Welt Geschäft und Gefühl er zu verantworten hat. Da er von Haus aus ein Ton der Bildung ist, so wird ihm festlich zumute, wenn die Bildung Feste feiert. Er wird aber geradezu orgiastisch, wenn, wo Juristen tagen, gleichzeitig Priester zu tage wagen. Vor dem Kruzifix sich würdig beherrschend und nur zwischen den Zähnen etwas murmelnd wie: Weit gebracht! hält er den deutschen Juristentag für die eigentliche Erlösung der Menschheit, und wenn noch dazu die Konzipienten zu tagen beginnen, so ist des Jubels kein Ende. Denn es tagt dann überhaupt. Er kann sich gar nicht fassen über diese glänzende Reihe von Trägern gediegener Namen, alle sind sie markant, die bei Tag über die Todesstrafe debattieren und abends in launigen Toasten brillieren, natürlich auf Wien und die Frauen, oder da die ernste Arbeit vom Frohsinn abgelöst wird, sich an Kneipzeitungen delektieren. Natürlich Straßenanzug. Warum? Der Ton erklärt es: Zu ernst, zu gemessen ist der Frack – für den heutigen Abend waren Fröhlichkeit und Herzlichkeit auf die Tagesordnung gesetzt. Überall sah tatsächlich fröhliche Gesichter, überall bildeten sich Gruppen, und alles war in frischgewonnener Freundschaft zusammengeschlossen. Überall sah man, wie die Einheimischen sich bemühten, den Fremden aus dem Reiche, von einer kleinen Fischvergiftung abgesehen, den Abend so angenehm als möglich zu machen. Alles ging wie am Schnürchen und den Namen des Nestors Unger konnte man jedem förmlich von den Lippen ablesen. Eine alte Schwäche hat der Ton bekanntlich für den Männergesangverein und er ist deshalb sehr zufrieden, daß auch dieser sich im Kreise der Männer, die die ernste Arbeit hinter sich haben, ein neues Blatt in den Kranz seines Ruhmes geflochten habe. Welcher Sektionschef oder Vertreter des Reichsjustizamtes, der gegen die Abschaffung der Todesstrafe ist, wäre denn nicht gerührt, wenn er »O Diandle tief drunt' im Tal« zu hören bekommt? Was? Natürlich spielt auch die kulturelle Zusammengehörigkeit, die bei solchen Gelegenheiten herauskommt, die größte Rolle und es ist nur in Ordnung, daß hiebei, wenn einmal Berliner und Wiener Juristen schon beisammen sitzen, auch Beethoven in anerkennender Weise erwähnt wird. Auch sind Puffendorf (Hamm) und Runge (Kassel) hoch erfreut, daß sie endlich wieder mal mit Krticzka (Scheibbs) und Rosenbacher (Biala) gemütlich beisammen sein können. Man fühlt sich wie zuhause. Umgeben von einem duftigen Kranz von Gärten und inmitten eines Blütenkranzes deutscher Frauen gelangt die Geistesarbeit, nämlich ob man in dem Fall pfänden darf, zu einem gedeihlichen Abschluß. Der Ton ist einfach weg vor Begeisterung. Oft aber auch vor Verlegenheit. Natürlich ist der Ton selbst dort noch hörbar, wo er keinen Ton findet. Wenn hundertfünfzig Juristen an verdorbenen Fischen erkranken, so würde es ihnen, wenn man's weiter tratschte, die Freuden des Banketts stören, und darum schweigt der Ton und stellt sich nach acht Tagen mit einem Achselzucken ein: »Angebliche Vergiftungsfälle nach dem Juristenbankett«. Nicht der Rede wert. Der Ton ist ja besorgt, aber die Angehörigen sollen ihm nichts anmerken. Der Ton wird erst in der Administration, wo er sich wie zuhause fühlt, gesprächig; denn dort sind Fischhändler erschienen und versichern, daß ihre Ware unschuldig sei. Der Ton interessiert sich nicht einmal dafür, ob die vergifteten Juristen nicht vielleicht in Ausübung ihrer schweren Pflicht gehandelt haben, um endlich einmal etwas zu erleben, indem sie sich entschlossen, die Merkmale des Tatbestandes der Übertretung gegen das Lebensmittelgesetz an ihrem eigenen Leib festzustellen. Freilich müßte er dann auch berichten, daß es ihnen nur gelungen ist, des Tatbestandes, aber nicht des Täters habhaft zu werden. Wiewohl geradezu Staatsanwälte erkrankt darniederliegen. Auch wenn hundertfünfzig Ärzte – gleich an Ort und Stelle, nämlich im Allgemeinen Krankenhaus – nach dem Genuß eines Nußstrudels erkranken, so gleitet der Ton mit der schlichten, aber beruhigenden Versicherung darüber hinweg, daß es sich um Vanillinvergiftung handeln dürfte. Er interessiert sich nicht einmal dafür, ob die vergifteten Ärzte nicht vielleicht in Ausübung ihrer schweren Pflicht gehandelt haben, um die Erscheinungen einer Vanillinvergiftung an ihrem eigenen Leib festzustellen. Medizin und Jurisprudenz liegen darnieder. Die Philosophie ist zur Stunde gesund, denn sie kann in Ausübung ihres Berufes zwar verblöden, aber nicht erkranken. Und nun stellt sich heraus, daß leider auch die Theologie gesund ist. Wenn der Ton das Glück gehabt hätte, daß auch nur zwei Teilnehmer des Eucharistischen Kongresses bei der Ausspeisung erkrankt wären, er hätte sichs, weiß Gott, einen Leitartikel kosten lassen, und er hat wohlweislich nicht versäumt, jedes Unwohlsein, das sich im Gedränge ereignete, auf die mittelalterliche Tendenz dieser Veranstaltung zurückzuführen. Man muß aber Gottes Wunder preisen, daß der Ton, der so verschiedenartige Interessen hat, auch noch die Zeit zu einem ausgiebigen »Parsifalschutz« findet. Nicht nur, daß er unter der Hand Josefsblätter verteilt, als wär's ein Schwindelmittel für eine brustkranke Zeit. Er hat sich in den Tagen, da so viele Lebensfremde in Wien anwesend waren, entschlossen, gleich zehntausend Stück »Parsifalschutz« gratis abzugeben. Die Gräßlichkeit dieses Eindrucks, der natürlich nur ein Mißverständnis ist, hat der Ton verschuldet. Er tat so, als ob er die Kunst für ein so erhabenes Gut hielte wie die Ware selbst, und man mußte glauben, daß er es mit den reinen Toren, die nach Wien gekommen waren, gut meine und einen ausgiebigen Männerschutz Viro auch im Textteil propagieren wolle. Zu der widerlichen Indiskretion dieses Handels kam noch, um das Mißverständnis komplett zu machen, daß der Parsifalschutz auch das Entzücken der Frau war, denn manche bekannte Vorkämpferin hat zu dieser Frage das Wort ergriffen. »Allen Menschen soll alles Schöne zugänglich sein. Julie L.«, schloß sogar eine, eine andere erfüllte es mit Befriedigung, und ein kaiserlicher Rat fügte hinzu, daß er sich angenehm berührt fühle. Aber nicht nur, daß jeder zufrieden war, jeder bestellte auch gleich ein Dutzend. Denn es erhob sich ein großes Pro, Kontra und Rekontra, alles fragte: Haben Sie schon Parsifalschutz? und ein Chorus von Einsendern kicherte: Hihi, nämlich Hie »Parsifal« – hie »lex Parsifal«. Die Frage, ob der Parsifal profaniert werden solle oder nicht, gelangte schließlich zur Entscheidung: es ist bereits geschehen und die schäbigste Aufführung auf der letzten Schmiere könnte nur als Erholung von dieser Debatte wirken, in der Leute, die sonst seriöse Erdbeben-Zuschriften verfassen, sich mit dem letzten Willen eines Künstlers auseinandergesetzt haben. Ich weiß nichts von Wissenschaft. Aber ich glaube, daß die Erde bebt, wenn solche Dinge im Anzug sind. Seit es diesen Ton in der Welt gibt, verfolgen sich die Jahreszeiten mit Haß und Mutter Natur mordet den neugebornen Frühling. Das eigene Kind getötet! Die Fliegen sind in den Himmel gekommen und fühlen sich wie zuhause. Der Ton, der, was immer er auch sagen mag, nur zwei Fragen an den Künstler hat – wenn der Künstler schafft: »Was haben Sie davon?« und wenn der Künstler haßt: »Was haben Sie gegen den?« – dieser Ton, dieser nämliche Ton hat als Zeuge darüber ausgesagt: ob Kunst oder Religion durch ihn entweiht werden könne oder nicht. Er hat die Frage verneint. Er war nicht befangen. O, daß ich ihn vor Gericht stellen könnte, diesen Ton! Die Büchse der Pandora ... Die Liebe der Frauen enthält wie die Büchse der Pandora alle Schmerzen des Lebens, aber sie sind eingehüllt in goldene Blätter und sind so voller Farben und Düfte, daß man nie klagen darf, die Büchse geöffnet zu haben. Die Düfte halten das Alter fern und bewahren noch in ihrem Letzten die eingeborene Kraft. Jedes Glück macht sich bezahlt, und ich sterbe ein wenig an diesen süßen und feinen Düften, die der schlimmen Büchse entsteigen, und trotzdem findet meine Hand, die das Alter schon zittern macht, noch die Kraft, verbotene Schlüssel zu drehn. Was ist Leben, Ruhm, Kunst! Ich gebe alles das für die benedeiten Stunden, die mein Kopf in Sommernächten auf Brüsten lag, geformt unter dem Becher des Königs von Thule, – nun wie dieser dahin und verschwunden ... »Eine Seele, die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt.« Ein Dichter und Liebender, zwischen Liebe und künstlerischer Gestaltung der Frauenschönheit schwankend, hält Lulus Hand in der seinen und spricht die Worte, die der Schlüssel sind zu diesem Irrgarten der Weiblichkeit, zu dem Labyrinth, in dem manch ein Mann die Spur seines Verstandes verlor. Es ist der letzte Akt des »Erdgeist«. Alle Typen der Mannheit hat die Herrin der Liebe um sich versammelt, damit sie ihr dienen, indem sie nehmen, was sie zu spenden hat. Alwa, der Sohn ihres Gatten, spricht es aus. Und dann, wenn er sich an diesem süßen Quell des Verderbens vollberauscht, wenn sich sein Schicksal erfüllt haben wird, im letzten Akt der »Büchse der Pandora«, wird er, vor dem Bilde Lulus delirierend die Worte finden. »Diesem Porträt gegenüber gewinne ich meine Selbstachtung wieder. Es macht mir mein Verhängnis begreiflich. Alles wird so natürlich, so selbstverständlich, so sonnenklar, was wir erlebt haben. Wer sich diesen blühenden, schwellenden Lippen, diesen großen unschuldsvollen Kinderaugen, diesem rosig weißen, strotzenden Körper gegenüber in seiner bürgerlichen Stellung sicher fühlt, der werfe den ersten Stein auf uns.« Diese Worte, vor dem Bilde des Weibes gesprochen, das zur Allzerstörerin wurde, weil es von allen zerstört ward, umspannen die Welt des Dichters Frank Wedekind. Eine Welt, in der die Frau, soll sie ihrer ästhetischen Vollendung reifen, nicht verflucht ist, dem Mann das Kreuz sittlicher Verantwortung abzunehmen. Die Erkenntnis, welche die tragische Kluft zwischen blühenden Lippen und bürgerlichen Stellungen begreift, mag heute vielleicht die einzige sein, die eines Dramatikers wert ist. Wer die »Büchse der Pandora«, die im »Erdgeist« zwar ihre stoffliche Voraussetzung hat, aber das gedankliche Verständnis des Ganzen erst erschließt, wer diese Tragödie Lulu begriffen hat, wird der gesamten deutschen Literatur, so da am Weibe schmarotzt und aus den »Beziehungen der Geschlechter« psychologischen Profit zieht, mit dem Gefühle gegenüberstehen, das der Erwachsene hat, wenn ihm das Einmaleins beigebracht werden soll. Ich würde mich nicht scheuen, diese große Revue psychologischer Kindereien mit manchem Klassiker zu eröffnen. Die tiefsten Erforscher männlichen Gefühlslebens haben vor dem Augenaufschlag ihrer eigenen Heldinnen zu stammeln begonnen, und die unsägliche Tragik, der sie Worte liehen, war durch alle Zeiten die Tragik der verlorenen Virginität. Ein »Werde du zur Dirne«, oft auch bloß ein verschämtes »Werde du zur –«, von irgendeinem Knasterbart gemurmelt, wir hören es durch alle dramatischen Entwicklungen bis in unsere Tage: immer wieder sehen wir den dramatischen Knoten aus einem Jungfernhäutchen geschürzt. Nie haben sich hier die Dichter als Erlöser der Menschheit gefühlt, sondern sich mit ihr unter das Damoklesschwert gebeugt, das sie in christlicher Demut freiwillig über sich aufgehängt hat. Den Irrwahn, daß die Ehre der Welt vermindert wird, wenn sie ihre Freude vermehrt, haben sie gläubig nachgebetet. Und sie schrieben Tragödien über das, »worüber kein Mann wegkann«. Daß man über die knorrigen Plattheiten eines denkenden Tischlermeisters viel weniger wegkönnen sollte als über das Abenteuer seiner Maria Magdalena, ist ja eine literarische Angelegenheit für sich. Aber dem dramatischen Gejammer über die Verminderung des weiblichen Marktwertes hat erst Frank Wedekind entsagt und abgesagt. In seiner Bekenntnisdichtung »Hidalla« erhebt sich Fanny turmhoch über den Freier, der sie verschmäht hat, weil ihr »der Vorzug« mangelt, der ihre Geschlechtsgenossinnen erst preiswert macht: »Deswegen also bin ich jetzt nichts mehr?! Das also war die Hauptsache an mir?! Läßt sich eine schmachvollere Beschimpfung für ein menschliches Wesen ersinnen? – als deswegen, um eines solchen – Vorzugs willen geliebt zu werden?! – – Als wäre man ein Stück Vieh!«... Und dann die gewaltige Doppeltragödie, deren zweiten Teil Sie heute schauen werden, die Tragödie von der gehetzten, ewig mißverstandenen Frauenanmut, der eine armselige Welt bloß in das Prokrustesbett ihrer Moralbegriffe zu steigen erlaubt. Ein Spießrutenlauf der Frau, die vom Schöpferwillen dem Egoismus des Besitzers zu dienen nicht bestimmt ist, die nur in der Freiheit zu ihren höheren Werten emporsteigen kann. Daß die flüchtige Schönheit des Tropenvogels mehr beseligt als der sichere Besitz, bei dem die Enge des Bauers die Pracht des Gefieders verwundet, hat sich noch kein Vogelsteller gesagt. Sei die Hetäre ein Traum des Mannes. Aber die Wirklichkeit soll sie ihm zur Hörigen – Hausfrau oder Maitresse – machen, weil das soziale Ehrbedürfnis ihm selbst über den Traum geht. So will auch jeder, der die polyandrische Frau will, diese für sich. Solchen Wunsch, nichts weiter, hat man als den Urquell aller Tragödien der Liebe zu betrachten. Der Erwählte sein wollen, ohne der Frau das Wahlrecht zu gewähren. Und daß vollends Titania auch einen Esel herzen könne, das wollen die Oberone nie begreifen, weil sie gemäß ihrer höheren Besinnungsfähigkeit und ihrer geringeren Geschlechtsfähigkeit nicht imstande wären, eine Eselin zu herzen. Darum werden sie in der Liebe selbst zu Eseln. Ohne ein vollgerüttelt Maß von sozialer Ehre können sie nicht leben: und darum Räuber und Mörder! Zwischen den Leichen aber schreitet eine Nachtwandlerin der Liebe dahin. Sie, in der alle Vorzüge der Frau eine in sozialen Vorstellungen befangene Welt zu »Lastern« werden ließ. Einer der dramatischen Konflikte zwischen der weiblichen Natur und einem männlichen Dummkopf hat Lulu der irdischen Gerechtigkeit ausgeliefert, und sie müßte in neunjähriger Kerkerhaft darüber nachdenken, daß Schönheit eine Strafe Gottes sei, wenn nicht die ihr ergebenen Sklaven der Liebe einen romantischen Plan zu ihrer Befreiung ausheckten, einen, der in der realen Welt nicht einmal in fanatisierten Gehirnen reifen, auch fanatischem Willen nicht gelingen kann. Mit Lulus Befreiung aber – durch das Gelingen des Unmöglichen zeichnet der Dichter die Opferfähigkeit der Liebessklaverei besser als durch die Einführung eines glaubhafteren Motivs – hebt die »Büchse der Pandora« an. Lulu, die Trägerin der Handlung im »Erdgeist«, ist jetzt die Getragene. Mehr als früher zeigt sich, daß ihre Anmut die eigentliche leidende Heldin des Dramas ist; ihr Porträt, das Bild ihrer schönen Tage, spielt eine größere Rolle als sie selbst, und waren es früher ihre aktiven Reize, die die Handlung schoben, so ist jetzt auf jeder Station des Leidensweges der Abstand zwischen einstiger Pracht und heutigem Jammer der Gefühlserreger. Die große Vergeltung hat begonnen, die Revanche einer Männerwelt, die die eigene Schuld zu rächen sich erkühnt. »Die Frau«, sagt Alwa, »hat in diesem Zimmer meinen Vater erschossen; trotzdem kann ich in dem Morde wie in der Strafe nichts anderes als ein entsetzliches Unglück sehen, das sie betroffen hat. Ich glaube auch, mein Vater hätte, wäre er mit dem Leben davongekommen, seine Hand nicht vollständig von ihr abgezogen.« In dieser Empfindensfähigkeit gesellt sich dem überlebenden Sohn der Knabe Alfred Hugenberg, dessen rührendes Schwärmen im Selbstmord endet. Aber zu einem Bündnis, das ergreifender nie erfunden wurde, treten Alwa und die opferfreudige, seelenstarke Freundin Geschwitz zusammen, zum Bündnis einer heterogenen Geschlechtlichkeit, die sie doch beide dem Zauber der allgeschlechtlichen Frau erliegen läßt. Das sind die wahren Gefangenen ihrer Liebe. Alle Enttäuschung, alle Qual, die von einem geliebten Wesen ausgeht, das nicht zu seelischer Dankbarkeit erschaffen ist, scheinen sie als Wonnen einzuschlürfen, an allen Abgründen noch Werte bejahend. Ihre Gedankenwelt ist, mag er sie auch noch so sehr in einzelnen Zügen von der seinen absondern, die Gedankenwelt des Dichters, jene, die schon in dem Shakespeareschen Sonett zu tönen anhebt: Wie lieblich und wie süß machst Du die Schande, Die wie ein Wurm in duftiger Rose steckt Und Deiner Schönheit Knospenruf befleckt – Du hüllst die Schuld in wonnige Gewande! Die Zunge, die wohl Deinen Wandel tadelt, Wenn sie leichtfertig deutend, von Dir spricht, Läßt ohne Lob doch selbst den Tadel nicht, Weil schon Dein Name bösen Leumund adelt. O welche Wohnung ward den Fehlern, die Zu ihrem Aufenthalt Dich auserlesen! Die reinste Schönheit überschleiert sie Und tadellos erscheint Dein ganzes Wesen. Man kanns auch – mit dem albernen Roman-Medizinerwort – Masochismus nennen. Aber der ist vielleicht der Boden künstlerischen Empfindens. Der »Besitz« der Frau, die Sicherheit des beatus possidens ist es, ohne was Phantasiearmut nicht glücklich sein kann. Realpolitik der Liebe! Rodrigo Quast, der Athlet, hat sich eine Nilpferdpeitsche angeschafft. Mit der wird er sie nicht nur zur »zukünftigen pompösesten Luftgymnastikerin der Jetztzeit« machen, sondern auch zum treuen Eheweib, das bloß jene Kavaliere bei sich zu empfangen hat, die er selbst bestimmt. Mit diesem unvergleichlichen Philosophen der Zuhältermoral beginnt der Zug der Peiniger: nun werden die Männer an Lulu durch Gemeinheit vergelten, was sie durch Torheit an ihr gesündigt haben. Die Reihe der verliebten Alleinbesitzer wird naturnotwendig von der Reihe der Praktiker der Liebe abgelöst. In ihr folgt auf Rodrigo, der leider die Fähigkeit verlernt hat, »zwei gesattelte Kavalleriepferde auf seinem Brustkorb zu balancieren«, Casti Piani, dessen Schurkengesicht eine bösere sadistische Gewalt über Lulus Sexualwillen erlangte. Um dem einen Erpresser zu entrinnen, muß sie sich dem andern an den Hals werfen, jedermanns Opfer, jeden opfernd, bis der Erschöpften als der letzte und summarische Rächer des Mannsgeschlechts – Jack the Ripper in den Weg tritt. Von Hugenberg, dem seelischesten, führt der Weg bis zu Jack, dem sexuellsten Manne, dem sie zufliegt wie die Motte dem Licht – dem extremsten Sadisten in der Reihe ihrer Peiniger, dessen Messeramt ein Symbol ist: er nimmt ihr, womit sie an den Männern gesündigt hat. – Aus einer losen Reihe von Vorgängen, die eine Kolportageromanphantasie hätte erfinden können, baut sich dem helleren Auge eine Welt der Perspektiven, der Stimmungen und Erschütterungen auf, und die Hintertreppenpoesie wird zur Poesie der Hintertreppe, die nur jener offizielle Schwachsinn verdammen kann, dem ein schlecht gemalter Palast lieber ist als ein gut gemalter Rinnstein. Aber nicht auf solcher Szene liegt hier die Wahrheit, sondern noch hinter ihr. Wie wenig Platz fände in Wedekinds Welt, in der die Menschen um der Gedanken willen leben, ein Realismus der Zustände! Er ist der erste deutsche Dramatiker, der wieder dem Gedanken den langentbehrten Zutritt auf die Bühne verschafft hat. Alle Natürlichkeitsschrullen sind wie weggeblasen. Was über und unter den Menschen liegt, ist wichtiger, als welchen Dialekt sie sprechen. Sie halten sogar wieder – man wagt es kaum für sich auszusprechen – Monologe. Auch wenn sie miteinander auf der Szene stehen. Der Vorhang geht auf, und ein gedunsener Athlet spinnt seine Zukunftsträume von fetten Gagen und Zuhältergewinsten, ein Dichter zetert wie Karl Moor über das tintenklecksende Säkulum, und eine leidende Frau träumt von der Rettung ihrer abgöttisch geliebten Freundin. Drei Menschen, die aneinander vorbeisprechen. Drei Welten. Eine dramatische Technik, die mit einer Hand drei Kugeln schiebt. Man kommt dahinter, daß es eine höhere Natürlichkeit gibt als die der kleinen Realität, mit deren Vorführung uns die deutsche Literatur durch zwei Jahrzehnte im Schweiße ihres Angesichtes dürftige Identitätsbeweise geliefert hat. Eine Sprache, die die verblüffendste Verbindung von Charakteristik und aphoristischer Erhöhung darstellt. jedes Wort zugleich der Figur und ihrem Gedanken, ihrer Bestimmung angepaßt: Gesprächswendung und Motto. Der Zuhälter spricht: »Bei ihrer praktischen Einrichtung kostet es die Frau nicht halb so viel Mühe, ihren Mann zu ernähren, wie umgekehrt. Wenn ihr der Mann nur die geistige Arbeit besorgt und den Familiensinn nicht in die Binsen gehen läßt.« Wie hätte das ein sogenannter Realist ausgedrückt? Szenen wie die zwischen Alwa und Lulu im ersten, zwischen Casti Piani und Lulu im zweiten und vor allem jene im letzten Akt, in der die Geschwitz mit Lulus Porträt in das Londoner Elend hineinplatzt, hat ein anderer deutscher Dramatiker mit kunstvollster Stimmungstechnik nicht zustande gebracht, und keine andere Hand hätte heute Mut und Kraft zu solchem Griff in das Menscheninnerste. Shakespearisch grotesk wie das Leben selbst ist diese Abwechslung clownhafter und tragischer Wirkungen bis zu der Möglichkeit, beim Stiefelanziehen von stärkster Erschütterung durchwühlt zu sein. Diese visionär gewendete Moritat, diese vertiefte Melodramatik des »Von Stufe zu Stufe« ist außen Lebensbild, innen Bild des Lebens. Wie ein Fiebertraum – der Traum eines an Lulu erkrankten Dichters – jagen diese Vorgänge. Alwa könnte am Schluß sich über die Augen fahren und in den Armen einer erwachen, die sich erst im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt. Dieser zweite, der Pariser Akt, mit seinen matten Farben eines schäbigen Freudenlebens: alles wie hinter einem Schleier, bloß eine Etappe auf den parallelen Leidenswegen Lulus und Alwas. Sie, vorne, das Blatt eines Erpressers zerknitternd, er hinten im Spielzimmer, ein schwindelhaftes Wertpapier in der Hand. Im Taumel der Verlumpung hastet er über die Szene. Alles drängt dem Abgrund zu. Ein Gewirr von Spielern und Kokotten, die ein gaunerischer Bankier betrügt. Alles schemenhaft und in einer Sprache gehalten, die einen absichtlich konventionellen Ton muffiger Romandialoge hat: »Und nun kommen Sie, mein Freund! Jetzt wollen wir unser Glück im Baccarat versuchen!« Der »Marquis Casti Piani« – nicht als die Charge eines Mädchenhändlers, sondern als die leibhaftige Mission des Mädchenhandels auf die Bühne gestellt. In zwei Sätzen soziale Schlaglichter von einer Grelligkeit, die nur der Schleier der Vorgänge dämpft, ein Ironiegehalt, der hundert Pamphlete gegen die Lügnerin Gesellschaft und gegen den Heuchler Staat überflüssig macht. Ein Mensch, der Polizeispion und Mädchenhändler zugleich ist: »Die Staatsanwaltschaft bezahlt demjenigen, der die Mörderin des Dr. Schön der Polizei in die Hand liefert, 1000 Mark. Ich brauche nur den Polizisten heraufzupfeifen, der unten an der Ecke steht, dann habe ich 1000 Mark verdient. Dagegen bietet das Etablissement Oikonomopulos in Kairo 60 Pfund für Dich. Das sind 1200 Mark, also 200 Mark mehr als der Staatsanwalt bezahlt.« Und, da ihn Lulu mit Aktien abfertigen will: »Ich habe mich nie mit Aktien abgegeben. Der Staatsanwalt bezahlt in deutscher Reichswährung und Oikonomopulos zahlt in englischem Gold.« Die unmittelbarste Exekutive staatlicher Sittlichkeit und die Vertretung des Hauses Oikonomopulos in einer und derselben Hand vereinigt ... Ein gespenstisches Huschen und Hasten, ein Grad dramatischer Andeutung, den Offenbach festgehalten hat, da er die Stimmungen E. T. A. Hoffmanns vertonte. Olympia-Akt. Wie Spalanzani, der Adoptivvater eines Automaten, beschwindelt dieser Puntschu mit seinen falschen Papierwerten die Gesellschaft. Seine dämonische Verschmitztheit findet in ein paar Monologsätzen einen philosophischen Ausdruck, der den Unterschied der Geschlechter tiefer erfaßt als alle Wissenschaft der Neurologen. Er kommt aus dem Spielsaal und freut sich diebisch, daß seine Judenmoral um soviel einträglicher ist als die Moral der Huren, die dort um ihn versammelt waren. Sie müssen ihr Geschlecht, ihr »Josaphat«, vermieten – er kann sich mit seinem Verstand helfen. Die armen Frauenzimmer setzen das Kapital ihres Körpers zu; der Verstand des Spitzbuben erhält sich frisch: »braucht er sich nicht zu baden in Eau de Cologne!« So triumphiert die Unmoral des Mannes über die Nichtmoral der Frau. Der dritte Akt. Hier, wo Knüppel, Revolver und Schlächtermesser spielen, aus diesen Abgründen einer rohen Tatsachenwelt klingen die reinsten Töne. Das Unerhörte, das sich hier begibt, mag den abstoßen, der von der Kunst nichts weiter verlangt als Erholung oder daß sie doch nicht die Grenze seiner eigenen Leidensmöglichkeit überschreite. Aber sein Urteil müßte so schwach sein wie seine Nerven, wollte er die Großartigkeit dieser Gestaltung leugnen. Mit realistischen Erwartungen freilich darf man diese Fiebervision in einer Londoner Dachkammer so wenig miterleben wollen, wie die »unwahrscheinliche« Befreiungsgeschichte im ersten Akt und die Beseitigung Rodrigos im zweiten. Und wer in diesem Nacheinander von vier Liebeskunden der als Straßenmädchen verendenden Lulu eine rohe Pikanterie und nicht in diesem Wechsel grotesker und tragischer Eindrücke, in dieser Anhäufung schrecklicher Gesichte den Einfall eines Dichters sieht, darf sich über die niedrige Schätzung seiner eigenen Erlebnisfähigkeit nicht beklagen. Er verdient es, Zeitgenosse jener dramatischen Literatur zu sein, über die Frank Wedekind durch den Mund seines Alwa so bitter abspricht. Aber man kann im Ernst nicht glauben, daß einer so kurzsichtig sein könnte, über der »Peinlichkeit« des Stoffes die Größe seiner Behandlung und die innere Notwendigkeit seiner Wahl zu verkennen. Vor Knüppel, Revolver und Messer zu übersehen, daß sich dieser Lustmord wie ein aus den tiefsten Tiefen der Frauennatur geholtes Verhängnis vollzieht; über der lesbischen Verfassung dieser Gräfin Geschwitz zu vergessen, daß sie Größe hat und kein pathologisches Dutzendgeschöpf vorstellt, sondern wie ein Dämon der Unfreude durch die Tragödie schreitet. Zwar, die unendlichen Feinheiten dieser groben Dichtung erschließen sich dem Leser erst bei genauerer Bekanntschaft: Lulus Vorahnung ihres Endes, das schon auf den ersten Akt seine Schatten wirft, dieses Dahinschweben unter einem Bann und dieses Vorübergleiten an den Schicksalen der Männer, die ihr verfallen sind: auf die Nachricht vom Tode des kleinen Hugenberg im Gefängnis fragt sie, ob denn »der auch im Gefängnis ist«, und Alwas Leichnam macht ihr die Stube bloß unbehaglicher. Dann die blitzartige Erkenntnis des extremsten Mannes, Jacks, der dem unweiblichsten Weibe »wie einem Hunde den Kopf streichelt« und sofort die Beziehung dieser Geschwitz zu Lulu und damit ihre Nichteignung für sein fürchterliches Bedürfnis mitleidig wahrnimmt. »Dies Ungeheuer ist ganz sicher vor mir«, sagt er, nachdem er sie niedergestochen hat. Sie hat er nicht zur Lust gemordet, bloß als Hindernis beseitigt. Zu seiner Befriedigung könnte er ihr höchstens das Gehirn herausschneiden. – Nicht eindringlich genug kann davor gewarnt werden, das Wesen der Dichtung in ihrer stofflichen Sonderbarkeit zu suchen. Eine Kritik, deren hausbackene Gesundheit sich über Dinge der Liebe den Kopf nicht zerbricht, hat schon im »Erdgeist« nichts weiter als ein Boulevard-Drama sehen wollen, in dem der Autor »Krasses mit Zotigem gemengt« habe. Ein führender Berliner Geist hat die Ahnungslosigkeit, mit der er der Welt des Doppeldramas gegenübersteht, durch den Rat bewiesen, der begabte Autor möge nur schnell ein anderes Stoffgebiet wählen. Als ob der Dichter »Stoffe wählen« könnte, wie der Tailleur oder der Wochenjournalist, der auch fremden Meinungen sein stilistisches Kleid borgt. Von der Urkraft, die hier Stoff und Form zugleich gebar, hat heute die deutsche Kritik noch keine Ahnung. Daß die offizielle Theaterwelt ihr Modernitätsideal im jährlichen Pensum ihrer geschickten Ziseleure erfüllt wähnt, daß der Tantimensegen immerzu die Mittelmäßigkeit befruchtet und die Persönlichkeit die einzige Auszeichnung genießt, keinen Schiller-, Grillparzer- oder Bauernfeldpreis (oder wie die Belohnung für Fleiß, gute Sitten und Talentlosigkeit sonst heißen mag) zu bekommen – man ist gewohnt, es als etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Aber nachgerade muß es erbittern, einen Dramatiker, der keine Zeile geschrieben hat, die nicht Weltanschauung und Theateranschauung zu absoluter Kongruenz brächte, und dessen perspektivische Gedankenreihen endlich über das armselige Milieugeschäft emporweisen, von der offiziellen Kunstwelt als ein Kuriosum behandelt zu sehen. Er ist »grotesk«. Und damit glauben die Gerechten, die in der Literatur immer zwei Fliegen mit einem Schlagwort treffen, ihn abgestempelt zu haben. Als ob das Groteske immer Selbstzweck einer Artistenlaune wäre! Sie verwechseln die Maske mit dem Gesicht und keiner ahnt, daß der groteske Vorwand hier nichts geringeres bedeuten könnte, als das Schamgefühl des Idealisten. Der auch Idealist bleibt, wenn er in einem Gedichte bekennt, daß er lieber eine Hure wäre »als an Ruhm und Glück der reichste Mann«, und dessen Schamgefühl in viel tiefere Sphären langt, als das Schamgefühl derer, die an Stoffen Anstoß nehmen. Der Vorwurf, daß man in eine Dichtung etwas »hineingelegt« habe, wäre ihr stärkstes Lob. Denn nur in jene Dramen, deren Boden knapp unter ihrem Deckel liegt, läßt sich beim besten Willen nichts hineinlegen. Aber in das wahre Kunstwerk, in dem ein Dichter seine Welt gestaltet hat, können eben alle alles hineintun. Was in der »Büchse der Pandora« geschieht, kann für die ästhetische wie – hört, hört – für die moralistische Betrachtung der Frau herangezogen werden. Die Frage, ob es dem Dichter mehr um die Freude an ihrem Blühen oder mehr um die Betrachtung ihres ruinösen Waltens zu tun ist, kann jeder wie er will beantworten. So kommt bei diesem Werke schließlich auch der Sittenrichter auf seine Rechnung, der die Schrecknisse der Zuchtlosigkeit mit exemplarischer Deutlichkeit geschildert sieht und der in dem blutdampfenden Messer Jacks mehr die befreiende Tat erkennt als in Lulu das Opfer. So hat sich ein Publikum, dem der Stoff mißfällt, wenigstens nicht über die Gesinnung zu entrüsten. Leider. Denn ich halte die Gesinnung für arg genug. Ich sehe in der Gestaltung der Frau, die die Männer zu »haben« glauben, während sie von ihr gehabt werden, der Frau, die Jedem eine andere ist, Jedem ein anderes Gesicht zuwendet und darum seltener betrügt und jungfräulicher ist als das Püppchen domestiker Gernütsart, ich sehe darin eine vollendete Ehrenrettung der Unmoral. In der Zeichnung des Vollweibes mit der genialen Fähigkeit, sich nicht erinnern zu können, der Frau, die ohne Hemmung, aber auch ohne die Gefahren fortwährender seelischer Konzeption lebt und jedes Erlebnis im Vergessen wegspült. Begehrende, nicht Gebärende; nicht Genus-Erhalterin, aber Genuß-Spenderin. Nicht das erbrochene Schloß der Weiblichkeit; doch stets geöffnet, stets wieder geschlossen. Dem Gattungswillen entrückt, aber durch jeden Geschlechtsakt selbst neu geboren. Eine Nachtwandlerin der Liebe, die erst »fällt«, wenn sie angerufen wird, ewige Geberin, ewige Verliererin – von der ein philosophischer Strolch im Drama sagt: »Die kann von der Liebe nicht leben, weil ihr Leben die Liebe ist.« Daß der Freudenquell in dieser engen Welt zur Pandorabüchse werden muß: diesem unendlichen Bedauern scheint mir die Dichtung zu entstammen. »Der nächste Freiheitskampf der Menschheit«, sagt Wedekind in seinem programmatischeren Werke »Hidalla«, wird gegen den Feudalismus der Liebe gerichtet sein! Die Scheu, die der Mensch seinen eigenen Gefühlen gegenüber hegt, gehört in die Zeit der Hexenprozesse und der Alchymie. Ist eine Menschheit nicht lächerlich, die Geheimnisse vor sich selber hat?! Oder glauben Sie vielleicht an den Pöbelwahn, das Liebesleben werde verschleiert, weil es häßlich sei?! Im Gegenteil, der Mensch wagt ihm nicht in die Augen zu sehen, so wie er vor seinem Fürsten, vor seiner Gottheit den Blick nicht zu heben wagt! Wünschen Sie einen Beweis? Was bei der Gottheit der Fluch, das ist bei der Liebe die Zote! Jahrtausende alter Aberglaube aus den Zeiten tiefster Barbarei hält die Vernunft im Bann. Auf diesem Aberglauben aber beruhen die drei barbarischen Lebensformen, von denen ich sprach: Die wie ein wildes Tier aus der menschlichen Gemeinschaft hinausgehetzte Dirne; das zu körperlicher und geistiger Krüppelhaftigkeit verurteilte, um sein ganzes Liebesleben betrogene alte Mädchen; und die zum Zweck möglichst günstiger Verheiratung bewahrte Unberührtheit des jungen Weibes. Durch dieses Axiom hoffte ich den Stolz des Weibes zu entflammen und zum Kampfgenossen zu gewinnen. Denn von Frauen solcher Erkenntnis erhoffte ich, da mit Wohlleben und Sorglosigkeit einmal abgerechnet war, eine frenetische Begeisterung für mein Reich der Schönheit.« Nichts ist billiger als sittliche Entrüstung. Ein kultiviertes Publikum – nicht nur die Vorsicht der Polizeibehörde, auch der Geschmack der Veranstalter sorgt für seine Zusammensetzung – verschmäht billige Mittel der Abwehr. Es verzichtet auf die Gelegenheit, seiner eigenen Wohlanständigkeit applaudieren zu können. Das Gefühl dieser Wohlanständigkeit, das Gefühl, den auf der Bühne versammelten Spitzbuben und Sirenen moralisch überlegen zu sein, ist ein gefesteter Besitz, den nur der Protz betonen zu müssen glaubt. Bloß er möchte auch dem Dichter seine Überlegenheit zeigen. Dies aber könnte uns nie abhalten, auf die fast übermenschliche Mühe stolz zu sein, die wir daran wandten, dem starken und kühnen Dramatiker unsere Achtung zu beweisen. Denn keinem haben sich wie ihm die Striemen, die seelisches Erleben schlug, zu Ackerfurchen dichterischer Saat gewandelt. Die chinesische Mauer Ein Mord ist geschehen und die Menschheit möchte um Hilfe rufen. Sie kann es nicht. Sie, die Lärmvolle, immer bereit, mit dem stärksten Schrei den kleinsten Stoß zu rächen, sie, die sich das Maß der Schöpfung dünkt und nur der Mißton ist in der Musik der Sphären, schweigt. Aber wir hören dieses Schweigen, es gellt über Länder und Meere, und wo immer es losbrach, antwortet ihm ein Echo, so stumm wie der Ruf, der einen Mord verkündet. Der Mund der Welt steht offen und aus den Augen starrt die Ahnung, daß sich das Größte begeben hat. Ringsum ist alles gelb. Wie der Tag, an dem der alte Gott sein Gericht hält. Gelb wie eine Chinesenhand und rot wie das Blut einer Christin. Die Hand hat sie gewürgt, daß sie nicht schreien konnte. Die Hand hält uns alle am Hals und läßt uns nicht mehr los. Ist es das Ende einer Moral, die die Fessel als Schmuck trug? Nun hat sie ein gelbes Halsband, das ihr den Atem nimmt. Sie, die nicht beten konnte, ohne zu huren. Sie, die nicht huren konnte, ohne zu beten! Die die Sünde profaniert hat durch die Reue, die Lust versüßt hat durch die Qual. Sie, die in jenem unerforschlichen Trugschluß, der 500 nach Confucius in die Welt gesetzt wurde, ein ewiges Sterben ertrug und um hellerer Hoffnung willen die dunkle Erfüllung in Kauf nahm. Sie, deren Leben Todesangst war und Furcht vor dem Leben. Da geschah es ihr, daß sie, nicht wissend, wo ihre Pflicht und wo ihre Lust sei, gewarnt und verführt, auf dem Wege, wo Herzklopfen die Tür der Freude öffnet, in den Opiumnebel geriet, der lichtere Seligkeit als selbst der Weihrauch ihr verhieß. Da geschah es ihr, daß sie an die gelbe Hand stieß, die sie karessierte, würgte und in den Koffer packte. Die Knie durch Stricke unter das Kinn gezogen, das Gesicht mit ungelöschtem Kalk beworfen – so kam sie aus dem blauen Himmelbett in den Koffer ... Und nun riecht es in der Welt nach Verwesung. Es ist das größte Ereignis, das die moralische Menschheit erlebt hat, seitdem ihr das Ereignis der Moral widerfuhr. Dazwischen lagen Taten oder Zufälle, Entschlüsse des Geistes und Widerrufe der Natur. Siege und Verluste einer erdenstolzen Technik, die durch ein Achselzucken der Erde erst zum Problem erhoben wird. Hier aber hat die himmelsichere Ethik ihr Messina erlebt. Hier ist alles problematisch geworden, was sich seit zwei Jahrtausenden von selbst versteht. Auf einem Krater, den wir erloschen wähnten, haben wir unsere Hütten gebaut, mit der Natur in einer menschlichen Sprache geredet, und weil wir die ihre nicht verstanden, geglaubt, sie rühre sich nicht mehr. Sie aber hat durch all die Zeit ihre heißen Feste gefeiert und an unserer gottseligen Sicherheit ihren Erdenbrand genährt. Wir haben das Geschlecht für verjährt gehalten; wir haben die Konvention getroffen, von ihm nicht mehr zu sprechen. Die angetraute Metze Natur, in sozialer Bindung gezähmt, schien nur so viel Wärme zu spenden, als unserm Behagen unentbehrlich war, und was sie sonst an Feuer hatte, reichte hin, unsere Suppe zu kochen. Da kommen wir ihr darauf, daß sie all die Zeit ihre Wonne nicht unserm Wahn geopfert, nein, unsern Wahn ihrer Wonne dienstbar gemacht hat. Da entdecken wir, daß unser Verbot ihr Vorschub, unser Geheimnis ihre Gelegenheit, unsere Scham ihr Sporn, unsere Gefahr ihr Genuß, unsere Hut ihre Hülle, unser Gebet ihre Brunst war. Was es an Hemmungen der Lust in der Welt gibt, wurde zur Hilfe, und die gefesselte Liebe liebte die Fessel, die geschlagene den Schmerz, die beschmutzte den Schmutz. Die Rache des verbannten Eros war der Zauber, allen Verlust in Gewinn zu wandeln. Schön ist häßlich, häßlich schön, und was den wachen Sinnen ein Abscheu ist, lockt sie in die Betäubung der Wollust. Die Prinzen des Lebens konnten es nicht fassen. Aber die Prinzessinnen lagen bei den Kutschern, weil es Kutscher waren, und weil es die Prinzen nicht fassen konnten. Was immer der Liebe an Greueln widerstrebt, besiegte sie und suchte es auf, um es zu besiegen. Zucht ist ein Pfand der Unzucht, Hoheit die Bürgschaft des Falls. Warnung weckt Wunsch; Entfernung nähert. Der ausgehungerte Eros, dessen Geschmack sublimiert werden sollte, ist nicht wählerischer geworden, aber kriegerischer. Er wählt, was man ihm vorenthält. »Laßt uns ein Lied der Liebe singen! Die Liebe wird uns noch alle zugrunde richten. O Kupido, Kupido, Kupido!« So ging eine Griechenwelt unter. Die christliche ließ kein Lied der Liebe singen, erkannte deren antisozialen Charakter und machte aus ihm ein Genußmittel. Die christliche Liebe konvertiert alles, selbst den Glauben. Der getaufte Eros liebt nicht alles, aber er nimmt mit allem vorlieb. Nichts ist ihm unerreichbar. Er sagt, daß er die Nächstenliebe sei, und weidet sich an verwundeten Kriegern. Er rettet gefallene Mädchen und bekehrt ungläubige Männer. Er ist neugierig und klettert über die chinesische Mauer. Er besucht Opiumhöhlen, um dort zu sagen, wie schön es in den Kirchen sei. Er frißt alles und läßt sich sogar die Kultur des Weibes schmecken, die täuschende Zubereitung verdorbener Weibnatur. Denn Bildung, sozialer Stolz und Frauenrechte finden im Bett so gut ihren Anwert wie ein gepflegter Körper, und Seele ist erst unter den Fäusten des Kuli ein Hochgenuß ... Wir haben uns vermessen, an dem heiligen Feuer, das einst den männlichen Geist zu Taten erhitzte, unsere Füße zu wärmen. Nun zündet es uns das Haus an. Das soziale Gebälk, zu seiner Hut und unserm Schutz errichtet, ist willkommener Brennstoff. Wir haben einen Ofen um eine Flamme gebaut. Nun verbrennt sie den Ofen. Hast du denn kein Urteil? Hast du denn keine Augen? Verstehst du, was ein Mann ist? Sind denn nicht Geburt, Schönheit, gute Bildung, Redekunst, Mannhaftigkeit, Verstand, Menschenfreundlichkeit, Tapferkeit, Jugend, Freigebigkeit und dergleichen die Spezerei und das Salz, um einen Mann zu würzen?« So fragt ein Shakespearischer Kuppler. Und die Schöne antwortet: »O ja, ein Mengelmuß von einem Mann; und so in der Pastete gehackt und gebacken, gibts ein Muß von lauter Mängeln«. Es geht um Troilus, dem sie den Achilles vorzuziehen scheint. Aber sie könnte ihm auch den Thersites vorziehen. Sie braucht nur vor ihm gewarnt zu sein. »Habt ihr Augen?« fragt Hamlet, »die Weide dieses schönen Bergs verlaßt ihr, und mästet euch im Sumpf? ... Sehn ohne Fühlen, Fühlen ohne Sehn, Ohr ohne Hand und Aug', Geruch ohn' alles, ja nur ein Teilchen eines echten Sinns tappt nimmermehr so zu!« Der Mann vermißt sich, sein Maß unterscheidender Empfindlichkeit an die unteilbare Gewalt der Weibersinne zu legen. Aber das Weib trägt die moralischen und ästhetischen Begriffe, die der Mann ihr spendet, wie jeden andern Schmuck, durch den sie sich begehrlich macht. Der Tragiker, der irren Königen und Narren die Erkenntnisse zuschieben muß, die eine Lügenwelt sprengen könnten, läßt die Tugend als Köder der Lust entlarven: Sieh dort die ziere Dame, Ihr Antlitz weissagt Schnee in ihrem Schoß; Sie spreizt sich tugendlich und dreht sich weg, Hört sie die Lust nur nennen: Und doch sind Iltis nicht und hitz'ge Stute So geil in ihrer wilden Brunst. Vom Gürtel nieder sinds Centauren, Obschon darüber Weib. Nur bis zum Gürtel eignen sie den Göttern, Alles darunter ist des Teufels Reich, Dort ist die Hölle, dort die Finsternis, Dort ist der Schwefelpfuhl, Gestank, Verwesung ... Gib mir 'ne Unze Bisam, Apotheker, Meine Phantasie zu versüßen! Aber die Phantasie selbst ist Bisam, der den männlichen Verstand versüßt und ohne den er es nicht zu Ende denken könnte, daß das Weib aus dem Schwefelpfuhl sich die göttergleiche Schönheit holt. Wer solche Vorstellung nicht dem eigenen Fühlen einzugliedern vermag, zerschellt den Kopf an diesem Rätsel einer englisch-teuflischen Verbindung, und dem nüchternen Untersucher zerfällt sie in ihre Teile. Die christliche Ethik ringt verzweifelt die Hände, daß es ihr nicht gelingt, die Schönheit, soweit sie dem Leben unentbehrlich ist, durch seelischen Zuspruch zu erhalten. Die große Frage, die offen blieb seit dem Tage, da man der Entsagung auf den Geschmack gekommen ist, mahnt uns, wie uns die Erde mahnt, wenn wir sie durch technische Spiele beruhigt glauben: Wie wird die Welt mit den Weibern fertig? Sie sieht, daß jedes seelische Bemühen flugs das Gegenteil bewirkt, einen seelischen Widerstand, der ein Kuppler der Lust ist. Sie sieht, wie nicht Erziehung die Fehler des Weibes wettmacht, deren rechte Gruppierung doch die Anmut schafft, sondern wie die Fehler des Weibes in jedem Ensemble die Erziehung aufheben. Sie sieht, wie Neugierde allein imstande ist, die ganze Arbeit der christlichen Kultur am Weibe rückgängig zu machen. Sie siehts und kanns nicht glauben. Immer wieder dies Staunen über eine Natur, die zwei Geschlechtern nicht mit demselben Maß von Dürftigkeit zugemessen hat; die das Weib geschaffen hat, dem die Lust nur ein Vorschmack ist der Lust, und den Mann, den sie ermattet. Er fühlts und wills nicht wissen. Er hat tausendmal mit dem Anderen gerungen, der vielleicht nicht lebt, aber dessen Sieg über ihn sicher ist. Nicht weil er bessere Eigenschaften hat, aber weil er der Andere ist, der Spätere, der dem Weib die Lust der Reihe bringt und der als Letzter triumphieren wird. Aber sie wischen es von ihrer Stirn wie einen bösen Traum; und wollen die Ersten sein. Sie können es nicht glauben. Bis sie die ziere Dame, jene, die mit dem Ruf »shocking« auf die Welt kam, in den Laden des chinesischen Wäschers schleichen sehen. Von keiner Garde als von der Moral und etwa dem Vertrauen des liebenden Gatten begleitet. Er ist der Besitzer; er hat ein Recht, nicht zu wissen, was den weiblichen Sinnen, die er reich versorgt hat, der andere Mann bedeutet. Aber wenn er vollends ahnte, wie sie der andere Mann der anderen Rasse beherrscht! Eine Vorstellung, die wie ein Wurm am Gehirn fräße, wenn sie je über die Schwelle dieses Selbstbewußtseins kriechen könnte, wird in dem Wäscherladen von Chinatown täglich hundertmal zur Wirklichkeit. Der Stinkteufel, an dem die weiße Seele erst ihrer Gottähnlichkeit inne wird, hat sich mühelos mit der Frau vergnügt, um die die weiße Seele so oft verschmachtet. Die Schwierigkeit der Verständigung erleichtert den Verkehr zwischen Krämer und Kundin; der Chinese ist ein Muster der Pflichterfüllung. Auch als Kellner stellt er seinen Mann. Seine Teufelsküche hält alle Leckerbissen feil, ja taktvoll geht er selbst auf den Wunsch ein, sich zum Christentum bekehren zu lassen, wenn eine Feinschmeckerin auf das Hors d'oeuvre der ethischen Absicht schon nicht verzichten will. Und aus dem großen Lustbad, das der schmutzigste Winkel der Weltstadt bedeutet, steigen täglich treue Gattinnen und unschuldige Töchter in erneuter Schönheit zum Standard ihrer sozialen Ehre empor. Manchmal bleibt eine und verträumt ihr Leben im Opium, die andere wird einen europäischen Grafen heiraten – den meisten färbt das Glück die Wangen rot, die honeste Langweile ihres Tags um eine Stunde zu betrügen. Was wissen Gatten und Väter davon! Eine starb. Vielleicht, daß ein Prostituierter sein Herz an sie verlor und eifersüchtig wurde; vielleicht hat er sie nicht aus Leid, sondern zur Lust gemordet; vielleicht hat ihre Weigerung, sich prostituieren zu lassen, ihrem Leben den kürzeren Prozeß gemacht. Der Mordfall ist eine Unregelmäßigkeit; er zeigte uns die Einrichtung und beweist nichts gegen sie. Elsie Siegls Tod ruft die moralische Welt in Waffen, aber was er enthüllt, zwingt sie, die Waffen zu strecken. Sie müßte sie gegen ihre Weiber wenden, um aller Enttäuschung für allemal Herr zu sein. Wie anders sollte sie dieser fürchterlichen Bundesgenossenschaft der weißen Frau und der anderen Rasse, dem Einverständnis verstoßener Naturmächte, ein Ende setzen? Sie könnens nicht fassen und ziehen zur Erklärung vielleicht Magie und Zauberei heran. Wenn sie das Nest leer finden, mag ihre Verzweiflung mit den Worten von Desdemonas Vater rufen: O Gott! Wie kam sie fort? O Blutsverrat! – Väter, hinfort traut euern Töchtern nie Nach äußerlichem Tun! – – – O schnöder Dieb! Was ward aus meiner Tochter? Du hast, verdammter Frevler, sie bezaubert; Denn alles, was Vernunft hat, will ich fragen, Wenn nicht ein magisch Band sie hält gefangen, Ob eine Jungfrau, zart und schön und glücklich, So abhold der Vermählung, daß sie floh Den reichen Jünglings-Adel unsrer Stadt Ob sie, ein allgemein Gespött zu werden, Häuslichem Glück entfloh an solches Unholds Pechschwarze Brust, die Grau'n, nicht Lust erregt! – – Ein Mädchen, schüchtern, Von Geist so still und sanft, daß jede Regung Errötend schwieg – die sollte, trotz Natur Und Jugend, Vaterland und Stand, und Allem, Das lieben, was ihr Grauen schuf zu sehn? Weil sie den Zaubertrank, den die Sinne selbst bereiten, nicht in ihrer Hausapotheke führen, ist Vätern und Gatten die Erscheinung fremd. Man lügt ihnen die weiße Haut voll, und wenn nicht der Zufall einen Mord ausriefe, würden sie nie erfahren, welches Kolorit der Geschmack ihrer Liebsten war. Der Ernst des Lebens, dieser lächerliche Verwalter ihres geistigen Inventars, hat ihnen das eheliche Vergnügen nur dort gestattet, wo sie es als eheliche »Pflicht« fatieren können. So bedarf es schon starker Reizungen, um ihr Interesse auf ein Lebensgebiet zu lenken, wo der Wechsel der Ereignisse sich nur stiller, nicht spärlicher vollzieht als im Kommerz. Die Leiche im Koffer ist die notwendige Sensation, ohne deren Vermittlung für eine geräuschvolle Zeit Erkenntnisse nicht zu haben sind. Daß Elsie Siegl starb, ist ein Lokalfall, zu dem die Reporter noch Worte finden mögen. Aber daß bei dem Kellner Leon Ling zweitausend Liebesbriefe von Frauen exquisiter Lebenshaltung gefunden wurden, das macht die Klatschmäuler verstummen und gibt dem Ereignis seine kulturbange Größe. Die Presse, die sich den Kopf der Welt dünkt und nur ihr Schreihals ist, kann uns nicht einmal mit Entrüstung dienen. Kein »Sumpf der Großstadt« ist entdeckt worden; nicht die Fäulnis jener, die die Moral verletzen, ist aufgebrochen, sondern die Fäulnis der Moral. Hier hat Naturnotwendigkeit des Geschehens über die Lüge der Anschauung das Urteil gesprochen. Amerika macht es nur deutlich; es gibt Entwicklungen und Katastrophen das Maß. John ist unbedenklicher als Hans und hat größere Achtung vor der Genußfähigkeit seiner Frau als der gefühlvolle Vetter, der ihr eine Seele gönnt und sie »mit dem Weltganzen verknüpfen« möchte, wenn ihre Sinne hungrig sind. Blaustrümpfe mögen sich der Überzeugung freuen, daß die freiere Fasson der amerikanischen Frau der Grund ihrer Zügellosigkeit sei, uind daß der deutsche Mann davor sicherer wäre, vom Chinesen betrogen zu werden. Aber in allen Städten, in denen dunkle Truppen ihre Zelte aufschlugen, haben sich brave Bürger eines Familienzuwachses erfreut, den sie ihr Leben lang mit mischfarbigen Gefühlen besahen. Der Eindruck, den die andere Rasse im plastischen Ton des andern Geschlechts, in der immer formwilligen Sexualität des Weibes erzeugt, ist so mächtig, daß es leiblicher Vermischung nicht bedarf, um auf einen lichten Stamm ein dunkles Reis zu pfropfen. Die rohe Riesenstatue eines Chinesen, um die sich ein Ringelspiel dreht, könnte zu der Erklärung ausreichen, warum mancher Wiener Schusterbub mit Schlitzaugen auf die Welt kam. Und wenn es nur ein Symbol ist, daß sich die Lust um den Chinesen dreht, so schreckt es am heiligen Sonntag die weißen Männer aus dem Weltprater. Der gigantische Hohn, dessen nur die rachsüchtige Natur fähig ist, hat diesen Anschluß des Weibes an das verachtete Blut befehligt. In dem Wäscherladen von Chinatown werden in einer stummen Stunde alle Menschheitsfragen laut: Geschlecht und Rasse paaren sich zu weltproblematischem Grauen. Aber der weiße Mann, der seine Frau sucht, entdeckt noch, daß sie ihm die Religion mitgenommen hat, als sie zum Chinesen ging. Die Findigkeit des Eros, mit den gegebenen Mitteln auszukommen, ist unerschöpflich. Wenn die Natur ihr Mütchen an der sozialen Welt kühlt, schont sie keines der im Staate anerkannten Vorurteile, ihr Witz macht fromme Mädchen zu Bettschwestern, und die Mission endet im Bordell. Die Autorität des Gottes Buddha hat nie als Vorwand solcher Spiele gedient. Der Chinese begeht keine Sünde, wenn er sie begeht. Es bedarf der Gewissensskrupel nicht, um in der Lust die Lust zu finden. Er ist rückständig, weil er mit den gedanklichen Schätzen, die ihm Jahrtausende gehäuft haben, noch nicht fertig wurde. Er ist zukunftsfähig und überdauert die Schäden, die in anderen Welten Medizin und Technik zusammenflicken. Er hat keine Nerven, er hat keine Furcht vor Bazillen, und ihm kann auch nichts geschehen, wenn er tot ist. Er ist ein Jongleur, der Leben und Liebe spielend mit dem Finger bewältigt, wo der Athlet keuchend seine ganze Person einsetzen muß. Er arbeitet für ein Dutzend Weiße und genießt für hundert. Er hält Genuß und Moral auseinander und bewahrt dadurch beide vor der Krätze. Von dem, was wir Ausschweifung nennen, kehrt er an Leib und Seele unverändert zu den Normen des Tagwerks zurück, worin er sich höchstens unterbricht, um eine weiße Lady zu bedienen. Er ist unsentimental und hat nicht jenen Mangel an seelischer Ökonomie, den wir Moral nennen. Er kennt die Pflicht der Nächstenliebe nicht, die da verlangt, daß an einem Strick zwei sich aufhängen. Er lebt fern einer bresthaften Ethik, die den Starken schwächt, indem sie ihm den Schutz des Schwachen vorschreibt. Er ist grausam; er begeht Fruchtabtreibung wiewohl er sicher ist, daß auch der unerwünschte Sohn des Himmels dem Gotte ähnlicher würde als jener Bankert aus Hysterie und Journalismus, der sich im Okzident unter der Protektion des Gesetzes auswächst. Aber er lebt in der Fülle und hat die Humanität nicht notwendig. Sein Reich umfaßt mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung der Erde, seitdem es im letzten Jahrhundert allein einen Zuwachs von neunundneunzig Millionen bekommen hat. Und sie alle haben bloß den Ehrgeiz, Chinesen zu sein und nicht die Affen fremder Eigenart. Während die Japaner an deutschen Universitäten Strafgesetze studieren, sind die Chinesen vollauf damit beschäftigt, sie zu übertreten. Und dieses Volk wahrt und mehrt seine dämonische Lebenskraft durch Verschwendung. Es kennt den Raubbau der Askese nicht, und seine Männer haben Lust am Manne wie am Weibe. Den Chinesen, sagt ein Forscher, habe ihre Päderastie so wenig Abbruch getan, daß die Holländer, als sie zum erstenmal nach China kamen, vor Staunen über die Volksmengen, die sie überall antrafen, immer nur die Frage laut werden ließen, ob denn die chinesische Mutter zwanzig Kinder auf einmal zur Welt bringe. Die Sündenmoral dezimiert ein Volk mehr als das Zweikindersystem. Sie bringt die Pathologie zur Welt und mit ihr jene geborene Homosexualität, die das erbärmliche Widerspiel der erotischen Vielgestalt bedeutet. Der Chinese liebt das Weib, er liebt es im Knaben, und er würde sich nicht das Recht nehmen lassen, die Züge des gesuchten Frauentypus in einem Katzenkopf zu lieben. Aber er sucht nicht den Mann, zu dem die abendländische Perversität tendiert, die keine erotische Bereicherung ist, sondern eine pathologische Folge der Verkrüppelung des Geschlechtslebens durch die Moral. Die Erforscher des männlichen Buhlwesens in China führen die Tatsache an, daß ein junger Schauspieler, der eine anmutige Mandarinin darzustellen hat, »der zierlichste Frauenkopf genannt wird, »den man in China überhaupt zu Gesicht bekommen könne«. Die chinesische Päderastie sei der öffentlichen Meinung »eine Sache, die durchaus nichts Absonderliches vorstellt und der sich jeder unbedenklich hingibt. Man verhält sich zu dieser Art Wollust völlig indifferent und die öffentliche Moral regt sich über sie nicht im geringsten auf. Weil die Handlung dem, der sie treibt, gefällt und weil der, mit dem sie getrieben wird, damit zufrieden ist, so findet die chinesische Moral hier alles in Ordnung. Das chinesische Gesetz liebt es nicht seht, sich mit allzu intimen Angelegenheiten zu befassen. Die Päderastie wird sogar als eine Sache des guten Tons, als ein kostspieliger Luxus und ein vornehmer Sport angesehen«, Die Frau ist in China als Ehefrau wie als Hure so unwissend und ungebildet, wie es der wissende und gebildete Mann braucht, der nicht in dem Wahn lebt, das Weib zur ebenbürtigen Partnerin seiner ureigenen Domäne machen zu können, und nicht ihre Notwendigkeiten schmälert, indem er ihr Rechte verleiht. »Da er Verse, Musik und Aussprüche der Philosophen liebt, so verkehrt er, wenn seine Mittel es ihm irgend erlauben, gern in gebildeter männlicher Gesellschaft, wo er gewiß ist, mit literarischen Kenntnissen ausgerüstete und auch zum Beischlaf erbötige junge Männer anzutreffen.« »Priester, Militärpersonen, die Sittenpolizei, Mandarinen, einige Dichter und etliche Kaiser« werden in den wissenschaftlichen Untersuchungen ausdrücklich unter den Praktikern der gleichgeschlechtlichen Liebe angeführt. Die Residenzstadt Peking weise eine Sondereinrichtung: »eine Truppe von Buhljungen für die möglichen Bedürfnisse des Herrschers« auf; »diese Einrichtung amtlicher Beischläfer des Kaisers soll seit langer Zeit als möglichenfalls erforderlich durch den Minister der Kirchengebräuche getroffen worden sein und demnach eine staatliche Anerkennung und Sanktionierung der Päderastie in sich schließen«. Ganz besonders ausgebreitet sei sie unter den Beamten der chinesischen Sittenpolizei, und bei der Militärbeörde erfreue sie sich direkten Schutzes – weil sich noch kein Vaterlandsretter gefunden hat, der das »erweislich Wahre« in diesen Verhältnissen ausspionierte. Auch würden sie ihre Folter nie dazu mißbrauchen, einem herzkranken Greis die Beichte seiner Jugendsünden zu erpressen. Dem Chinesen geht eben in jedem Belang Lebensweisheit über Kenntnisse. Er ist ein Raumkünstler in der Nußschale des Daseins; er nützt es aus und verstellt sich den Weg nicht durch Überflüssiges. Und stellt sich selbst nicht in den Weg. Von seiner Ersetzlichkeit überzeugt, bewährt er im Transzendenten einen sozialen Sinn, der in der abendländischen Ethik verkleideter Egoismus ist. Er weiß Platz zu machen; seine Nächstenliebe wirkt nicht in räumlicher, sondern in zeitlicher Dimension. Er lebt nicht im Wahn der Individualität, die sich an der Tatsachenwelt beweist. Er taucht unter im Gewimmel und ist sich selbst so wenig unterscheidbar wie dem fremden Auge. Weil alle gleich sind, können sie der demokratischen Wohltat entbehren. Ihr Gesetz hat schwerere Strafen, weil der Täter schwerer zu finden ist. Ein Zopf entkam: eine Ratte ... Das »Verhör des dritten Grades«, das die New-Yorker Polizei anwendet, lockt keinem Volksgenossen ein Geständnis heraus. Die Untersuchung, wer ein Christenmädchen ermordet hat, kann nur das Ergebnis haben: Niemand. Aber die Untersuchung, wer ein Christenmädchen verführt hat, das Ergebnis: Alle! Und allen wird es ferner gelingen. Die amerikanische Behörde wird in den gelben Bezirken Ordnung machen, und vermehrter Wunsch wird die vermehrte Wachsamkeit überwinden. Das Geheimnis wird den Reizverlust, den es durch die Publizität erlitten haben könnte, durch den Gewinn an Gefahr reichlich hereinbringen. Und der Schrecken selbst – unseliges Erbe der konvertierten Lust! – zieht an, der blutige Schein verführt, und auf die ferne Welt hat die Entdeckung gewirkt, als ob der Taifun über den Ozean eine erotische Glutwelle geworfen hätte. Und bei dem Gedanken an China, vor dieser zauberhaften Individualität der mongolischen Masse, wird jeder weiße Mann zum Hahnrei. Die gelbe Gefahr ist dem Lebensnerv der christlichen Kultur von einer Richtung nahegekommen, in die die Völker Europas nicht gelugt haben. Wenn sie ihre heiligsten Güter, die Reinheit der Gattin und die Virginität der Tochter, wahren wollen, mögen sie dazu schauen! Der Chinese legt auf beide nicht den geringsten Wert, aber er wird sie ohne Schwertstreich erobern. Gegen eine Rasse, die ihre Naturnotwendigkeiten nicht mit der Bagage des Gewissens bepackt hat, ist aller Widerstand hoffnungslos. Ein Volk, das sich daheim nicht in dem Bürgerkrieg der Sitte gegen die Natur zerreiben muß, zieht ungeschwächt ins Feld. Wenn sie kommen, die Weiber werden sich ergeben; und die Männer, die längst Weiber sind, werden sich auch nicht lange sträuben. Eine Nation, die die Virginität verabscheut und ihre neugebornen Töchter durch eine Operation dem künftigen Berufe weiht, ist die legitime Anwärterin des Bereichs einer erledigten Zivilisation. Einer, die beim Fortschritt sich selbst auf die Füße trat, weil sie ohne Moral nicht ausgehen konnte; welche Panzerschiffe gebaut, aber den Tanz um den Fetisch einer Jungfernhaut aufgeführt hat. Wilde Völkerschaften, elektrisch beleuchtete Barbaren wird Asien entdecken. Aber es wird großmütig auf jeden Bekehrungsversuch verzichten. Sie, die dem Weib die einzige Mission zuerkennen, vorwandlos der Freude zu dienen, werden den Ungläubigen keine Missionärinnen ins Bett schicken. Sie werden auf eine Rasse stoßen, deren Völker einander mit Krieg und Nächstenliebe überziehen und nur einig sind in der Verachtung aller, die nicht ihre Gesichtsfarbe haben und eine Ausdünstung. Osten und Westen stellen einander den Teufel vor und halten sich die Nase zu. Aber die Chinesen vertragen mehr. Sie finden, daß die andern – die andern Männer – leinen faden Leichengeruch« ausströmen; und solche Wahrnehmung könnte mehr bedeuten als eine Empfindung der Unlust. Hier lebt etwas in Verwesung, des Erlösers gewärtig, der es vom Leben errettet. Hier siecht eine Lust, deren Arzt die Furcht war und das Leiden. Hier ist etwas bei lebendigem Leib begraben und etwas Totes hält die Grabwacht. Sie werden durch unsere Finsternisse schreiten und den Weg zum Leben nicht verfehlen. Ihre unterirdischen Gänge sind ein Paradies neben den Katakomben, die unsere Liebe sich gemauert hat, seitdem man ihr das Licht nahm. Als die christliche Nacht hereinbrach und die Menschheit auf Zehen zu der Liebe schleichen mußte, da begann sie sich dessen zu schämen, was sie tat. So trat man ihr die Augen aus. Da lernte sie die erotische Blindenschrift. So legte man sie in Ketten. Da liebte sie die Musik der klirrenden Ketten, also die Perversität. Aber sie schämte sich der Gefangenschaft nicht; sondern der Gedanken, auf die sie darin verfiel; nicht der Ketten, aber des Geräusches. Sie hatte sich der Freiheit ihrer geschlechtlichen Natur geschämt, und sie schämte sich der Perversion, welche die Kultur der sexuellen Unfreiheit ist. Sie brannte und verstellte sich den Notausgang. Und trug Stein um Stein herbei, bis eine Mauer ihr Reich der Mitte umgab, ihr himmlisches Reich. Dieses geschah um 500 nach Confucius. Die große chinesische Mauer der abendländischen Moral schützte das Geschlecht vor jenen, die eindringen wollen, und jene, die eindringen wollen, vor dem Geschlecht. So war der Verkehr zwischen Unschuld und Gier eröffnet, und je mehr Pforten der Lust verschlossen wurden, um so ereignisvoller wurde die Erwartung. Da schlägt die Menschheit an das große Tor, und ein Weltgehämmer hebt an, daß die chinesische Mauer ins Wanken gerät. Und das Chaos sei willkommen – denn die Ordnung hat versagt! Eine gelbe Hoffnung färbt den Horizont im Osten, und alle Glocken läuten Sturm. Und überall ein Gewimmel. »Aus dem Rauche des Schlundes kamen Heuschrecken über die Erde und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpionen auf Erden Macht haben ... Und hatten Haare wie Weiberhaare, und ihre Zähne waren wie die der Löwen ... Und ihre Schwänze waren den Schlangen gleich und hatten Häupter und mit diesen schadeten sie ... Und die Zahl des Heerzuges der Reiterei war zweihundert Millionen. Ich hörte ihre Zahl ...« Ein Fortinbras naht, auf dem Trümmerfeld der Sünde die Herrschaft anzutreten. »Wo ist dies Schauspiel?« Aber damit lebe, was begraben ist, muß er dem Toten erst den Todesstoß geben. Seine Hand greift nach der Kultur, die ihn durch ihr letztes Augendrehn versöhnen möchte, und würgt sie mit Lust. Kein Entrinnen, die Arbeit geht im Hui – die Knie durch Stricke unter das Kinn gezogen, das Gesicht mit ungelöschtem Kalk beworfen, so verschwand eine Leiche im großen Koffer des Chinesen. Die Entdeckung des Nordpols Die Entdeckung, oder wie sie auch genannt wurde, Eroberung des Nordpols fiel in das Jahr 1909. Sie war das Werk eines kühnen Amerikaners und wurde mit um so größerer Genugtuung begrüßt, als in demselben Jahre durch die Abtretung vieler Amerikanerinnen an chinesische Kellner das nationale Ansehen eine empfindliche Einbuße erlitten hatte. Aber nicht nur in Amerika, nein, in der ganzen Welt fühlte sich das kulturelle Selbstbewußtsein gehoben, man begann wieder Mut zu fassen und einer Vorsehung zu vertrauen, die durch die Entdeckung des Nordpols die zivilisierte Menschheit offenbar für die unerfreulichen Entdeckungen derselben Saison entschädigen wollte. Ein einziger Missionär der Wissenschaft, der heil von den Eskimos wiederkehrt, ist reichlicher Ersatz für ein Dutzend Forscherinnen des Glaubens, die im Chinesenviertel zurückbleiben; und man nahm es dabei nicht als Zufall, sondern als eine besondere Aufmerksamkeit des Schicksals, daß gerade das deutsche Nationalbewußtsein wieder an der Eroberung des Nordpols durch einen Mann, der früher Koch geheißen haben soll, beteiligt war, wie im andern Sinne an der Ermordung der Elsie Siegl. Man schwankte keinen Augenblick, welches von den beiden das größere Ereignis sei; hatte doch das neue vor dem andern allein schon die Annehmlichkeit voraus, daß man endlich wieder das Maul aufreißen konnte. In diesem Punkte mußte man es geradezu als Erholung empfinden. Denn als die Kunde in die Welt ging, daß die gelbe Gefahr der Geschmack der weißen Frau sei, da wurde – unseliges Farbenspiel! – der weiße Mann noch weißer, da hatte er eben noch die Geistesgegenwart, die Moral hervorzuziehen, nicht ahnend, daß gerade sie es war, die ihn so weit gebracht hatte, und nun stritten Scham und Furcht um den Vorrang, der Welt den Mund zu schließen. Es entstand jenes eisige Schweigen, in das endlich der erlösende Ruf drang: Der Nordpol ist entdeckt! Da war es, als ob das Weiß dieser Region der gefundene Hintergrund wäre, auf dem das Antlitz der weißen Kreatur wieder Farbe bekam, und die erstarrte Welt belebte sich, erwärmte, taute auf an der Erkenntnis, daß die Eskimos doch bessere Menschen sind. Man muß nur, so hieß es, ihre Sprache verstehen, ihnen etwas mitbringen oder in die Hand drücken, dann zeigen sie dem Fremden bereitwillig den Weg zum Nordpol. Von ihnen war noch etwas zu hoffen, von den Chinesen alles zu fürchten. Die geben keine Auskunft, wenn man sie nach der Entwicklung fragt, und grinsen nur, wenn ein höflicher Ausländer sich erkundigt, wer von ihnen seine Frau ermordet habe. Im Jahre 1909 war es, daß die christliche Kultur vor dem Osten zu retirieren und sich nach dem Norden zu konzentrieren begann. Ja, man baute auf die Eskimos. Denn nicht nur als einen Ausweg aus der Verlegenheit, sondern auch als die Erfüllung eines alten Herzenswunsches empfand man die Entdeckung des Nordpols. Seit Jahrhunderten hatte der Menschheit, die immer vorwärts schritt, ein letztes Etwas zu ihrem Glücke gefehlt. Was war es nur? Wovon fieberten Tage und Träume? Was hielt eine Welt in Atem, deren Puls nach Rekorden gezählt wird? Was war das Paradigma aller Begehrlichkeit? Der Trumpf der Streberei? Die Ultima Thule der Neugier? Der Ersatz für das verlorene Paradies? Die große Wurst, nach der auf dem irdischen Jahrmarkt die Wissenschaft alle Schlittenhunde hetzte? Ach es litt die Menschheit nicht beim Tagwerk: der Gedanke, daß da oben ein paar Quadratmeilen waren, die ein menschlicher Fuß noch nicht betreten hatte, schien unerträglich. Freudloser als der »freudlose Fleck«, den es endlich zu finden gelang, war das Leben, solange er nicht gefunden war. Es war eine Blamage, daß wir, denen die Welt gehört, uns ihr letztes Endchen vorenthalten lassen sollten. Wir schämten uns seit der Entdeckung Amerikas und hofften all die Zeit, daß Amerika sich erkenntlich zeigen werde. Es war keine Lust, in einer Welt zu leben, über die man nicht vollständig orientiert war, und mancher Selbstmord aus unbekanntem Motiv geschah vielleicht, weil es auch auf Erden noch ein unentdecktes Land gab, von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrte. Und in der Kinderstube der Menschheit scholl der Frage: Was möchtest du werden? immer wieder die Antwort entgegen: Entdecker des Nordpols! Aber das Kind lernt die Ideale ablegen, während der Mensch die kurzen Hosen nicht austrägt. Er muß den Nordpol wirklich haben! Wenn es schon seine Lieblingsvorstellung ist, daß der Nordpol entdeckt wird, so genügt sie ihm nicht: er dringt auf Erfüllung. Doch undankbar wie der befriedigte Idealist nur sein kann, zögert er nicht, der jungfräulichen Natur die Achtung zu versagen, sobald sie seiner Werbung sich ergeben hat. Ich war enttäuscht! ruft Herr Cook, und nennt das Idol der Menschheit einen freudlosen Fleck. Denn an dem Nordpol war nichts weiter wertvoll, als daß er nicht erreicht wurde. Einmal erreicht, ist er eine Stange, an der eine Fahne flattert, also etwas, das ärmer ist als das Nichts, eine Krücke der Erfüllung und eine Schranke der Vorstellung. Die Bescheidenheit des menschlichen Geistes ist unersättlich. Die Entdeckung des Nordpols gehört zu den Tatsachen, die sich nicht vermeiden ließen. Sie ist der Lohn, den sich die menschliche Ausdauer selbst erteilt, wenns ihr schon zu lange dauert. Die Welt brauchte einen Nordpolentdecker, und wie auf allen Gebieten sozialer Betätigung entschied auch hier weniger das Verdienst als die Konjunktur. Nie war der Moment günstiger gewählt als in den Tagen, da der Geist zur Erde strebte und die Maschine sich zu den Sternen erhob, da der entseelte Fortschritt, gefolgt von einer lustigen Witwe, zu Grabe ging. Als auf Erden nur noch jene Witze verstanden wurden, die aus dem gemeinsten Stoff geschnitzt waren, da geschah die Entdeckung des Nordpols. Sie ist ein wirksames Extempore einer abgespielten Entwicklung. Sie geschah und schlug ein. Man brauchte einen Nordpolentdecker, und er war da. Um keinen Preis der Welt hätte sich die Welt ihn ausreden lassen, sie, die die vollzogenen Tatsachen liebt und über den Zweifeln der Wissenschaft mit der Beruhigung schlafen geht: Seien wir froh, daß wir einen Nordpolentdecker haben! Eine rationalistische Kindsfrau ist es, die dein Kind den Zinnsoldaten, den es umklammert hält, mit der Motivierung zu entreißen sucht, er könne nicht marschieren. Muß man den Nordpol entdecken können, um den Nordpol zu entdecken? Aber die Zweifel der Wissenschaft gehören zu dem Kinderspiel, das sie zu stören sucht. Als Herr Cook erzählte, woher er komme, vollzog sich die Teilung der Welt in Idealisten und Skeptiker. Nie zuvor hatte es so viele Vertreter beider geistigen Richtungen gegeben. Und sie waren einander wert. Die Idealisten, das waren vor allem die Männer, die die Leitartikel zu schreiben und dafür zu sorgen haben, daß der letzte langohrige Abonnent und treue Esel unseres Blattes die Würde des Zeitgenossen zu tragen bekommt. Die Skeptiker, das waren die Männer der Wissenschaft, also die Herren von der Nordpolkonkurrenz. Denn wie auf allen Gebieten sozialer Betätigung entscheidet auch hier – mit einem Wort, die Idealisten waren die sympathischere Partei. Es war erhebend, als ihr Führer, der Redakteur vom Börsenteil, begeistert ausrief, die Entdeckung des Nordpols sei eine Angelegenheit, die jeden einzelnen angehe; als er sie einen moralischen Gewinn der Menschheit nannte und den Idealismus pries, der in dieser von materiellen Interessen beherrschten Welt doch noch stecke. Leider besann er sich aber und begann, sich um das allerletzte noch ungelöste Problem eines arrivierten Zeitalters zu bemühen, das da lautet: Wem gehört der Nordpol? Der Generalstaatsanwalt von Washington nämlich hatte in dieser Situation sofort getan, was Staatsanwälte immer und schon mit einer Reflexbewegung zu tun pflegen: er hatte den Nordpol beschlagnahmt. Der Idealist vom Börsenteil aber meinte, das gelte nicht, sondern die Okkupation müsse »effektiv« sein, und fing an, von der Zeit zu träumen, wo erst der Zinsfuß die Region des ewigen Eises betreten wird. Die Skeptiker waren aber auch nicht faul und verlegten sich darauf, das Vorleben des Herrn Cook zu erforschen, da sie einsahen, daß zu den größten menschlichen Schwierigkeiten nebst der Erreichung des Nordpols der Beweis des Gegenteils gehört. Denn jenes Geschäft, das den höchsten Kredit beansprucht und ihn am leichtesten erhält, ist das des Nordpolfahrers, und auf keinem Gebiet hat die Wissenschaft so sehr mit populären Strömungen und günstigen Winden zu rechnen wie auf diesem. Es gibt Zeiten, wo die Angabe, den Nordpol erreicht zu haben, eine Genietat ist, neben der die Erreichung des Nordpols nur noch als Fleißaufgabe in Betracht kommt, und wo die Behauptung, man sei aus Christiania eingetroffen, Skeptiker findet, und die Versicherung, man komme vom Nordpol, Idealisten. Da ist es denn auch vergebene Mühe, im arktischen Vorleben eines Menschen eine dubiose Besteigung des Mount Mac Kinley zu entdecken, und kein noch so gegründeter Zweifel wäre so bald imstande, der Welt den Nordpolfinder zu entreißen, den sie einmal hat. Erst wenn ihrer zwei sind, wird die Dummheit mißtrauisch. Das ist der Anfang der Politik. Die Grenze, die die Idealisten von den Skeptikern trennt, verwischt sich, und es bilden sich dafür zwei zielbewußte Parteien, von denen die eine auf Cook, die andere auf Peary schwört, nein, wettet, und vom erledigten Problem des Nordpols beginnt sich der menschliche Geist in die Höhe des welthistorischen Turfskandals zu erheben. Die Duplizität der Ereignisse ist eine wohltätige Einrichtung, die dem Fassungsvermögen der Gehirne entgegenkommt, indem sie ihnen Zeit läßt, selbst noch das Ah des Erstaunens zu buchstabieren. Doppelt hält besser, meinte das gutgelaunte Schicksal, als es mit dem Helden bei der Festtafel anstieß und ihm zu verstehen gab, daß er da oben ein Rendezvous versäumt habe. Entgeistert stand Herr Cook. Entgeistert stand die Zeitgenossenschaft vor einer Kühnheit, die dem Gedanken des unlautern Wettbewerbs bis in die Region des ewigen Eises Bahn gebrochen hat, dort wo der Mensch auf die Vorräte eines andern angewiesen ist und die Benützung fremder Eskimos und Hunde anfängt. Aber allmählich gewann Überlegung die Oberhand und das Volk entschloß sich, die Lorbeeren so zu verteilen, daß es einem der beiden Männer unbedingt die Priorität des Nordpolerfinders zuerkannte. Hätte Pearys Leistung noch auf den Jubel rechnen können, den Cooks Behauptung eingeheimst hatte? Konnte sich ein schlichter Nordpolentdecker neben einem Manne sehen lassen, der das Bedürfnis der Welt nach einem Nordpolentdecker entdeckt hat? Die Ehren, die man für jenen noch übrig, hatte, waren Lampions neben den Flammen der Begeisterung, die ein aktuelles Wort entzündet hatte. So setzt die Welt das Verdienst, den Nordpol erreicht zu haben, auf das verdiente Maß herab. Man hatte sich ja für die Sache begeistert, nicht für die Person. Ob sich da einer zu Unrecht einer Gunst rühmte, die der andere genoß, ob Herr Cook den Sieg davontrug, den Herr Peary errungen hatte, – der gute Ruf des Nordpols war dahin. Das Ideal war erledigt, und alles Interesse gehörte jetzt dem wissenschaftlichen Raufhandel. Cook war unehrlich genug, dem andern Prosit! und Peary ehrlich genug, dem andern Pfui Teufel! zuzurufen. Cook war so loyal, jede Nordpolentdeckung nach der eigenen zu glauben. Er hatte längst das seine getan, den wissenschaftlichen Beweis zu erbringen. Denn er hatte sich nicht damit begnügt, zu versichern, daß er kein Schwindler sei, und die Bitte hinzuzufügen, daß man ihm dies glauben möge, weil man ihm dann auch die Entdeckung des Nordpols glauben würde. Er hatte sich nicht damit begnügt, Proben einer feuilletonistischen Begabung zu erbringen, die auch den nüchternsten Zeitungsleser davon überzeugen mußte, daß er wirklich den »Gipfelpunkt der Erde« erklommen habe. Nein, er hatte ein übriges getan und die Skeptiker geradezu aufgefordert, selbst nach dem Nordpol zu gehen! Auf eine solche Antwort waren sie nicht gefaßt und horchten auf. Am Nordpol, sagt er, könne man eine amerikanische Flagge finden, und unter ihr vergraben, sagt er, eine Metallröhre, in der er eine Urkunde über seine Expedition deponiert habe, sagt er. Da wagte sich nur noch die schüchterne Frage hervor, ob denn das Eis auf dem Nordpol nicht treibe. Dies sei natürlich der Fall, aber er habe ja alles bereits zur Genüge gesagt, sagt er. Was das Eis auf dem Nordpol treibe, das, wollte er offenbar sagen, gehe ihn nichts an, und da hätte er wahrlich recht gehabt. Auf diese Erklärung hin schrie das Volk Hurra!, selbst Frau Cook zweifelte nicht mehr, sondern rief: »Ich wußte, daß es ihm gelingen würde; er war so fest davon überzeugt, als er abfuhr, ich wußte, es konnte ihm nicht mißlingen!«, und ein Varietédirektor bot dem Forscher für zehn Wochen 16 000 Mark. Da aber ein amerikanischer Verleger für eine Depesche das Doppelte bot, so meinte Herr Georg Brandes, Cook wäre ein Narr, wenn er zum Varieté ginge. Von dieser Seite hatten die Idealisten den Nordpol noch nicht betrachtet, und schon begann das liberale Weltblatt, das der Fachmann von der Börse leitet, sich für die Familienverhältnisse des Entdeckers zu interessieren. Frau Cook, hieß es, habe mit ihm seinen Ehrgeiz und ihren Reichtum geteilt. Eine andere Meldung entrollte ein düsteres Familienbild. Die Frau hatte »während der Abwesenheit des Mannes mit materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen und mußte Wertgegenstände und Kunstobjekte verkaufen, um sich und ihre Kinder zu ernähren«, während der Hallodri den Nordpol entdecken ging. Nun erreichte ihn sein Schicksal. Frau Peary, so hieß es, habe ihm die Fähigkeit wissenschaftlicher Messungen abgesprochen, und wenn nicht im letzten Moment Frau Rasmussen für ihn Partei ergriffen hätte, die Nachbarinnen der arktischen Zone hätten ihm die Nordpolentdeckung nicht geglaubt. Überhaupt kamen da nette Dinge zur Sprache. Von Peary hieß es, er habe »die Geschmacklosigkeit begangen, zu viele Begleiter zuzulassen«, und er sei nur deshalb nicht als erster hinaufgelangt, »weil er seine Frau und eine Hebamme zum Nordpol mitnahm«. Als dann das Kind kam, fehlte es freilich an der Amme. Cook war auch hierin gewitzter. Er brauchte keine Amme, er wußte, daß man ihm die Erzählungen vom Nordpol auch so glauben werde, und fand richtig einen Verleger, der ihm anderthalb Millionen Mark dafür bot. In der Fülle gewinnender Züge, die uns an dem Familienleben zweier Polarforscher teilnehmen ließen, darf aber die Ansprache nicht vergessen werden, die die Frau Peary vom Balkon ihrer Villa an die Kurgäste eines Seebades hielt und in der sie die Absicht kundgab, ihren Mann »fortan für sich allein zu behalten«. Damit schien wenigstens die Frage, wem der Nordpolentdecker gehört, für alle Zeiten entschieden. Doch wie hart klingt auf so rührendes Bekenntnis aus einem Frauenmund die Rede, die ein Kontre-Admiral plötzlich vernehmen ließ: Peary sei »der größte Schwindler, den Amerika je hervorgebracht habe«. Also auch hier wieder zwei, die um die Palme ringen? Wer hat zuerst den Nordpol nicht entdeckt? Man fängt ernstlich an, sich nicht mehr auszukennen, und hofft täglich von der Wissenschaft das entscheidende Wort zu hören. Denn die Wissenschaft liest genau, was in den Zeitungen steht und achtet auf alle Widersprüche, um sie sich anzueignen. Sie gibt Gutachten ab, sobald ihr ein erfundenes oder entstelltes Telegramm unter die Nase gehalten wird, sie fühlt sich vor dem Reporter verantwortlich, und sie weiß, daß sie wirklich nicht den Nordpol erreicht haben muß, um zu Ehren zu kommen, sondern bloß die unwirtliche Gegend einer Nachtredaktion. Und nur einem glücklichen Zufall hat es die Welt zu verdanken, daß von der Wissenschaft die Meldung nicht approbiert wurde, Herrn Cook sei es gelungen, »eine von Wilden reich bevölkerte Gegend zu entdecken«. Diese Meldung stand nämlich in einem von der Wissenschaft weniger gelesenen Blatte, während in dem führenden Organ der Wissenschaft die richtige Fassung zu lesen war, daß die Expedition »ein wildreiches Gebiet entdeckt« habe. Und das muß wahr sein, denn das hat schon Jules Verne behauptet. Trotzdem kann sich auch die Wissenschaft bei einer so schwierigen Materie, wie es der Nordpol ist, und angesichts des Umstandes, daß er vor den Herren Peary und Cook bestimmt noch nicht entdeckt war, nur darauf einlassen, Kredit abwechselnd zu geben oder zu nehmen. Unbeirrt steht sie auf dem Standpunkt, sie sei nicht geneigt, sich mit zwei Eskimos und einer Fahne aufs Treibeis führen zu lassen. Denn noch unverläßlicher als die Fahne seien die Eskimos. Cook hatte sich auf die Herren Itukisut und Avila als Tatzeugen für die Entdeckung des Nordpols berufen, und sie sollten wie die leibhaftigen Schächer sein Martyrium umrahmen, als die Frage laut wurde: Was ist Wahrheit? Dem Einwand Pearys, daß die Eskimos bekanntlich lügen, hatte er heftig gewehrt. Als nun Peary depeschierte, die beiden Begleiter Cooks hätten ihm gesagt, daß er keine nennenswerte Entfernung in nördlicher Richtung zurückgelegt habe, da blieb Herrn Cook nichts übrig, als sich auf das Axiom zu berufen, daß die Eskimos lügen, nachdem es Herr Peary bereits für ein Vorurteil erklärt hatte, und wieder standen wir vor der Frage: Was ist Wahrheit? Denn das ist das spezifische Geheimnis dieses Geheimnisses, daß die Mitternachtssonne nicht jene ist, die es an den Tag bringt. Sie scheint überhaupt nicht so sehr der Wahrheit förderlich wie der Grobheit. Während nämlich Cook noch vorgab, er sei stolz auf Peary, riet diesem schon ein anderer Arktiker, er solle das Maul halten. Ob aber Herr Cook ein Proviantdieb oder Herr Peary ein Koffereinbrecher sei, darüber ließ man die gelernten Geographen sich die Köpfe zerbrechen, und das Bezirksgericht sollte entscheiden, wer den Nordpol entdeckt habe. Mochten diese Instanzen zusehn, wie sie zwischen Ehrendoktorat und Ehrenbeleidigung die Wahrheit fänden. Die Idealisten verhielten sich zu dieser Seite des Nordpols ablehnend. Die ganze Affäre, deren tägliche Neuheiten die satirischen Erwartungen des Vortags pünktlich erfüllten, versprach keine Überraschungen mehr. Man hatte den Nordpol satt bekommen. Und nie zuvor war ein Sturz aus allen Himmeln so jäh und schmerzhaft erfolgt. Man war zu einem Fest der Menschheit geladen, und es verlief zum Familienkrakeel, bei dem die Heroen einander die Ideale an den Kopf warfen. Eine Kirchweih hatte mit einer Prügelei der Heiligen geendet. Das Volk stob auseinander, der Nordpol war eine so kompromittierte Sache, daß niemand mehr mit ihm zu tun haben wollte, nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten, und vielfach begann sich bereits die Aufmerksamkeit dem Südpol zuzuwenden ... Die Wissenschaft wird einen letzten Versuch machen und ihre Schiedsrichter entsenden. Sie werden hoffentlich feststellen, daß es einen Nordpol wirklich gibt, weil sie ihn vom Hörensagen kennen, und er wird froh sein, wenn er mit heiler Haut aus dieser Affäre herauskommt, dieser selbstzufriedene Punkt, »von dem aus überall Süden ist« und überall Gemeinheit, ein freudloser Fleck, seit dem er mit menschlichen Dingen in Berührung kam. Denn es steht geschrieben, daß die Welt größer wird mit jedem Tag. Ist sie im Innern so befriedigt, daß sie auf Eroberungen ausgehen kann? Oder führt sie nicht eben der innere Feind, die Dummheit, auf diesen Pfad? Die Presse, der Kropf der Welt, schwillt von Eroberungslust, platzt vor Errungenschaften, die jeder Tag bringt. Eine Woche hat Raum für die kühnste Klimax menschlichen Expansionsdranges: von der Eroberung Niederösterreichs durch die Tschechen über die Eroberung der Luft zu der Eroberung des Nordpols. Kombinationen sind nicht ausgeschlossen, und wenn nicht Herr Cook das Wort gehabt hätte, so wäre der Nordpol sicher vom Zeppelin durch die kaum eroberte Luft erobert worden. Die allgemeine Bereitschaft zum Maulaufreißen findet ein noch nicht dagewesenes Entgegenkommen bei den Ereignissen, und mit der Dimension der Bewunderung wächst die Dimension der Tatsachen, bis im Wettlauf den Gaffern wie dem Schicksal der Atem ausgeht. Und ein Hinauflizitieren aller Werte und Bedeutungen hebt an, von dem sich jene keine Vorstellung machen könnten, die einst wert und bedeutend waren. Der größte Mann des Jahrhunderts ist der Titel einer Stunde, die nächste schon verleiht ihn einem andern. Es ist erreicht!, kaum noch die Devise einer ad astra weisenden Schnurrbartfasson, ist gleich wieder der Gruß, der kühneren, wenn auch nicht weniger bestrittenen Erfindungen entboten wird. Der Fortschritt, der den Kopf unten und die Beine oben hat, strampelt im Äther und versichert allen kriechenden Geistern, daß er die Natur beherrsche. Er belästigt sie und sagt, er habe sie erobert. Er hat Moral und Maschine erfunden, um der Natur und dem Menschen die Natur auszutreiben, und fühlt sich geborgen in einem Bau der Welt, den Hysterie und Komfort zusammenhalten. Der Fortschritt feiert Pyrrhussiege über die Natur. Der Fortschritt macht Portemonnaies aus Menschenhaut. Als der Mensch mit der Postkutsche reiste, kam die Welt besser fort, als da der Kommis durch die Luft fliegt. Was nützt das Tempo, wenn unterwegs das Gehirn ausgeronnen ist? Wie wird man den Erben dieser Zeit die primitivsten Handgriffe beibringen, die notwendig sind, um die kompliziertesten Maschinen in Gang zu setzen? Die Natur kann sich auf den Fortschritt verlassen: er rächt sie schon für die Schmach, die er ihr angetan hat. Sie aber will nicht warten und zeigt, daß sie Vulkane hat, um sich von lästigen Eroberern zu befreien. Ihre Weiber verkuppelt sie mit den Todfeinden der Zivilisation, zündet mit der Moral die Wollust an und schürt sie mit der Rassenfurcht zum Weltbrand. Man tröstet sich und erobert den Nordpol. Aber die Natur klopft ihnen an die Tore der Erde und rüttelt an ihrer angemaßten Hausherrlichkeit. Man tröstet sich und erobert die Luft. Gegen Glatteis hat man noch keine andere Hilfe als das »Aufstreuen«, und wenns regnet, bleibt vorläufig nichts übrig, als den Regenschirm aufzuspannen. Aber sonst hat man es gelernt, der Natur auf die kunstvollste Art zu imponieren. Die Natur liest keinen Leitartikel und weiß darum noch nicht, daß man gerade jetzt damit beschäftigt ist, »die Welt der elementaren Gewalten in ein Vernunftreich zu verwandeln«. Könnte sie hören, daß die Meldung vom erreichten Nordpol bei allen Laufburschen der Erde »das Gefühl der Überlegenheit über die Natur gesteigert« hat, sie hielte sich den Bauch vor Lachen, und Städte und Staaten und Warenhäuser würden dann ein wenig in Unordnung geraten. Sie zuckt ohnedies schon öfter, als es der Überlegenheit ihrer Bewohner zuträglich ist. Binnen ein paar Wochen haben die elementaren Gewalten in einer so deutlichen Weise ihre Bereitwilligkeit bekundet, in ein Vernunftreich einzulenken, daß es auch das große Publikum verstehen muß. Indem sie durch Erdbeben, Springfluten, Taifune, sintflutartige Regen Hunderttausende von Menschen und Millionenhunderte von Vermögen in Amerika, Asien und Australien vernichteten, und nur in Europa den Redakteuren die Hoffnung ließen, daß »der Wille des Menschen« schon demnächst »alle Hebel der Natur bewegen« werde. Jedem Parasiten der Zeit ist der Stolz geblieben, ein Zeitgenosse zu sein. Man führt die Rubrik »Eroberung der Luft« und muß die Nachbarschaft »Erdbeben« nicht beachten, und in dem Jahre von Messina und des täglichen Nachgrollens der Erde bewies der Mensch seine Überlegenheit über die Natur und flog nach Berlin. 1909 opferten die Idealisten den ungnädigen Elementen Makkaroni und schafften für die verlorenen Ideale Ersatz am Nordpol. Denn es ist Sache des Idealismus, sich für den Verlust des Alten damit zu trösten, daß man etwas Neues angaffen kann, und wenn die Welt untergeht, so triumphiert das Überlegenheitsgefühl des Menschen in der Erwartung eines Schauspiels, zu dem nur die Zeitgenossen Zutritt haben. Die Entdeckung des Nordpols war unabwendbar. Sie ist ein Schein, den alle Augen sehen, und vor allen anderen jene, die blind sind. Sie ist ein Ton, den alle Ohren hören, und vor allen anderen jene, die taub sind. Sie ist eine Idee, die alle Gehirne fassen, und vor allen anderen jene, die nichts mehr fassen können. Der Nordpol mußte einmal entdeckt werden. Denn jahrhundertelang war durch Nacht und Nebel der menschliche Geist gedrungen, in hoffnungslosem Ringen mit den mörderischen Naturgewalten der Dummheit. Den Weg bezeichnen die Blutspuren jener Ungezählten, die für die geistige Tat den Kampf gegen eine erstarrte Menschheit immer wieder gewagt hatten. Wie viele Pioniere des Gedankens waren verhungert und wurden ein Fraß jener wahren Bestien des Eismeers, deren bloßes Dasein die Sperre der geistigen Zone bedeutet! Nicht einen Fußbreit hat Phantasie dem Reich jenes weißen Todes abgewonnen, dort, wo selbst die Hoffnung versank, die Welt der menschlichen Gewalten in ein Vernunftreich zu verwandeln. Man hat so lange den Walrossen Gedichte vorgelesen, bis sie schließlich die Entdeckung des Nordpols mit verständnisvollem Kopfnicken begleiteten. Denn die Dummheit war es, die den Nordpol erreicht hatte, und sieghaft flatterte ihr Banner als Zeichen, daß ihr die Welt gehört. Die Eisfelder des Geistes aber begannen zu wachsen und rückten immer weiter und dehnten sich, bis sie die ganze Erde bedeckten. Wir starben, die wir dachten. Die europäische Kultur hält ihren Einzug Neue Freie Presse, 11. März 1913: [Lehar in Tripolis.] Der »Corriere della Sera« bringt eine Nachricht, die sicher einiges Interesse finden wird. In Tripolis wurde dieser Tage das erste Theater eröffnet, und zwar mit Franz Lehars »Eva«. Es war ein sehr großer Erfolg, und sowohl die italienischen Regierungsvertreter, Offiziere und Beamten, als auch das einheimische Publikum haben sich glänzend unterhalten. Aus dieser Tatsache geben zwei erfreuliche Momente hervor. Man erfährt aus ihr, daß in der Wüstenstadt nach dem langwierigen Krieg wieder ganz behagliche Zustände herrschen und daß endlich europäische Kultur dort ihren Einzug hält . Die Dinge haben sich blitzschnell entwickelt. Vor ein paar Jahren war dieses Tripolis noch ein sonniges, staubiges Wüstennest, in dem die arabischen Muselmänner nicht die geringste Ahnung von der Köstlichkeit einer Theateraufführung hatten, und nun sind sie mitten drinnen im Vergnügen , können sich allabendlich an Leharscher Musik begeistern und ihre braunen Köpfe im Takt zum »Eva«-Walzer wiegen . Vielleicht werden sie darüber alle Revanchegelüste und die Trauer um den Verlust des Landes vergessen . Aber auch vom höheren politischen Standpunkt ist der Einmarsch Lehars in Tripolis sehr erfreulich. Man hätte schließlich auch mit Mascagni den Anfang machen können, war aber artig genug, dem Wiener Komponisten den Vortritt zu lassen . Eine Courtoisie, die symptomatisch ist. Übrigens haben die Itiliener dadurch gezeigt, daß sie wahrhaft Realpolitiker sind. Sie haben sich eine Musik gesucht, von der sie glauben konnten, daß sie auch den ungeübten arabischen Ohren lieblich erklingen werde. Lehar zieht überall, warum soll er nicht auch in Tripolis ausverkaufte Häuser machen? Der eingeschlagene Weg ist gut und muß fortgesetzt werden, Wenn man abends »Die lustige Witwe« und »Den Mann mit den drei Frauen« genossen hat, so ist man nachher sicher nicht mehr zur Revolution aufgelegt , abgesehen davon, daß es mit der Zeit auch den kleinen italienischen Theatermädchen gelingen kann, die Beziehungen zu den Eingebornen inniger zu gestalten. Jedenfalls lehrt aber die ganze Geschichte, daß auch der Krieg seine Segnungen haben kann. Denn – man denke nur – wenn die Italiener Tripolis nicht erobert hätten, wo würden die Tripolitaner jemals etwas von Lehar erfahren haben! Warum solln sie sich nicht amüsieren, die Tripolitaner, recht ham sie. »Allah, wenn man so zurückdenkt« – sagte ein arabischer Kommerzialrat im Parkett nachdenklich vor sich hin – »vor ein paar Jahren war das noch ein sonniges, staubiges Wüstennest, und jetzt hat ma die Lustige Witwe!« Er versank in Träumerei. Die Gattin neben ihm, die immerzu ihren Kopf im Takt wiegte, sagte: »Abdullah mein Gold, bist du traurig über den Verlust des Landes?« »Lass mich in Ruh mit solche Narrischkatn«, sagte er und sann vor sich hin. Sie aber wiegte ihren Kopf im Takt und summte: »Dort bin ich sehr intim...« Ein junger arabischer Konzipient, der etwas an Treumann erinnerte, näherte sich und bemerkte: »Was sagen Sie zum Duett, gnädige Frau? Fesch, was? Ich sag Ihnen, es gibt nur ein Wien. Einen Karczag braucheten wir zum Aufmischen! Wenn wir den haben, pfeif ich auf Mohammed.« Der alte Araber sagte: »Nu, 's is ein intressantes Stück ...« Die Gattin meinte: »Eigentlich muß man froh sein, daß die Italiener das Land erobert haben. Schön mopsen möcht ma sich heut ohne ihnen.« »Fatme, du bist gerecht«, versetzte der Kommerzialrat, »aber wart ab die Kritik, sag ich dir.« »Du wirst sehn, sie wird großartig sein. Ich bin wirklich froh, daß wir besiegt sind. Da haben wir einen Treffer gemacht.« »Wissen Sie nicht von wem das Programm ist?« fragte der arabische Konzipient, indem er die Gelegenheit benützte, Fatme feurig anzublicken. »Ich glaub, von Batka Bey. Er verdient hübsch«, sagte Fatme. »Sprech nicht so laut im Theater, sonst gibt Karpath Effendi dich hinein in die Unarten und Rücksichtslosigkeiten.« »Liegt mir stark auf. Is das nicht Korngold Pascha, der dort siehst du, der in den dort hineinredt?« »Ob ich seh. Wahrscheinlich spricht er wegen dem Buben, recht hat er.« »Geschmacksache«, versetzte der junge Araber, »ich finde, daß er eine Pascha-Wirtschaft etabliert.« »Was denn soll er, genieren wird er sich«, warf Fatme hin, »wenn er nicht einmal das davon haben soll, daß er Kritiker is? Er tuts doch für das eigene Kind?« »Das ist wahr. In Wien sollen sie sich noch weniger genieren.« »Natürlich«, bejahte Fatme, »und wir müssen trachten, uns ein Beispiel zu nehmen in jeder Hinsicht. Wien hab ich mir sagen lassen ist bekanntlich das Mekka der Librettisten.« »Und das Wasser was sie dort haben sollen!« bemerkte Abdullah. »Apropos«, versetzte der Konzipient, »haben Sie schon gehört, daß wir ein Telephon streng nach Wiener Muster bekommen –« »Ich hör gar nichts. Ich bin außer Verbindung.« »Unterbrechen Sie mich nicht. Das Störungsbureau soll eine Sehenswürdigkeit werden. Und wissen Sie schon, von wem die neuen italienischen Uniformen entworfen sind? Von Meister Schönpflug! Nämlich eine Kriegslist. Man verspricht sich, daß uns übel wird beim geringsten Aufstand.« »Aber was tut Allah, sind wir begeistert! Wir haben den Wiener Geschmack.« »Apropos, Herr Kommerzialrat, was is mit der Revolution morgen? Mir scheint es steht mies.« »Das hätt ich Ihnen im Voraus sagen können. Und warum? Unsere Leut sind alle bei der Lustigen Witwe. Bittsie heutzutag! Revolution zieht nicht. Passen Sie auf, wie das Lind aufblühn wird unter Lehar. Warum soll er nicht auch in Tripolis ausverkaufte Häuser machen, recht hat er. So wahr ich Abdullah heiß, 600mal en suite, in arabischen Ziffern! Lassen Sie jetzt nur noch den Rastelbinder geben und keine Katz denkt mehr in das Vaterland. Schaun Sie sich Österreich an. Die hätten auch Krieg führen sollen, aber sie sind gewitzigt und gehn lieber hinein in die Eva. Die singen überhaupt den ganzen Tag. Wie Rußland gedroht hat, haben sie einfach gesagt: Pipsi, holde Pipsi – und die Entspannung war fertig. Ich sag Ihnen, hätte Schükri Zigeunerblut geben lassen, rechtzeitig, hätten wir heut noch Adrianopel! Nein, etwas e Heldentod muß er sterben!« »No, Herr Kommerzialrat, aber im Notfalle werden Sie sich, wie ich Sie kenne, auch nicht ausschließen.« »Sagen Sie! Ich aber sag Ihnen, wenn man abends die Lustige Witwe gehört hat, is man früh nicht mehr aufgelegt zur Revolution ... Fatme, Schnitzler grüßt aus der Loosch, grüß zurück.« »Ja, richtig, wissen Sie schon das Neueste? Der Professor Bernhardi wird aufgeführt! Der Wali, wie Sie wissen, hat es verboten, aber Heller aus Wien kommt eigens und führt es auf. Er hat sich geäußert, wenn der Wali sich auf den Kopf stellt, er laßt es sich nicht nehmen, Kultur nach Tripolis zu tragen.« »Tüchtiger Mensch! Haben Sie gelesen, wie ihn der Fackelkraus angegriffen hat?« »Was hat er gegen Heller?« Hier warf Fatme ein: »Ah du meinst den, der was immer nur zerstören und nix aufbauen kann?« »Ja, den mein ich«, sagte Abdullah; »Sehn Sie, in allem stehn wir doch heut schon so da, daß wir uns mit Wien vergleichen können. Aber Allah behüt, um diesen Vogel beneiden wir sie nicht, die, wie heißt mer sie nur – die Phäaken!« »Was sagst du Phäaken? Phaiaken, sagt Harden, sagt man.« Hier warf Abdullah ein: »Ah du meinst den, der was die greßeren Themas hat?« »Ja, den mein ich«, sagte Fatme. »Sie müssen nämlich wissen, Doktor, meine Frau schwärmt für Harden! Er sagt statt Tripolis Dreistadt, und dos is ihr Geschmack.« »Das is aber auch fesch«, schmunzelte der junge Araber, »aber wissen Sie, über den Fackelkraus kann ich Ihnen etwas verraten, was hier in Tripolis noch niemand weiß. Warum glauben Sie schimpft er ineinemfort auf die Neue Presse?« »Was, auf die Presse schimpft er, die so angesehn is im Ausland, der Lump?« »Und wie! Also warum schimpft er? Raten Sie! Weil er nicht hineingekommen is!« »Was Sie nicht sagen! Aber woher wissen Sie?« »Woher? Weit es doch klar is, daß man das doch sonst nicht verstehn könnte! Wenn er hineingekommen wär, möcht er doch nicht schimpfen?« »Das seh ich ein.« »Wenn wir in der Situation wären, wir möchten auch schimpfen! Aber passen Sie auf, wenn er hineinkommt, gibt er Ruh.« »Das glaub ich auch.« »Wenn wir hineinkommen möchten, wir möchten doch auch Ruh geben?« »Selbstredend. No aber – kommt er hinein?« »No kommt er hinein? Konträr, so schimpft er weiter.« »lntressant. Sie wissen es also ganz sicher?« »Authentisch. Wie ich letzten Sommer in Wien war, hat ganz Wien davon gesprochen. Die Toilettefrau im Imperial hat gesagt, daß sie es direkt von einem Polyhistor weiß, der alles weiß und dort viel verkehrt.« »Was Sie nicht sagen! Also hörst du, sie weiß es von einem, der viel weiß und alles verkehrt. Intressant. Und weiß er es selbst – er?« »Wer?« »Der Fackelkraus!« »Er weiß es auch, aber er will nicht, daß man es ihm sagt. Er macht scheint es ein Geheimnis daraus. Er soll sich einmal geäußert haben, er klagt jeden, wer es erzählt.« »Es is also bei Gericht erwiesen?« »Es is erwiesen.« »Fatme, was sagt man, es is erwiesen!« »Bei Allah«, rief Fatme, »wenn es erwiesen is und wenn ich nicht täglich jetzt zur Lustigen Witwe gehn müßt, ich fahret auf der Stelle nach Wien –« »Schrei nicht, Karpath hört!« »Laß mich, in dem Fall wird er entschuldigen, ich fahret nach Wien so wahr ich da leb nicht ausstehn kann ich den Kerl und möcht ihn anspucken! Das ist doch das Geringste, wo Wien so viel für uns getan hat! (Das Orchester intoniert: »Ich bin eine anständige Frau« und während die braunen Köpfe sich im Takt wiegen, hebt sich der Vorhang.) 1. In einer englischen Provinzzeitung ist das folgende Inserat erschienen: Gesucht eine wirklich häßliche, aber erfahrene und tüchtige Gouvernante zur Beaufsichtigung und Erziehung von drei Mädchen, deren ältestes 16 Jahre alt ist. Die betreffende Person muß musikalisch sein und Deutsch und Französisch verstehen. Brillante Konversationsgabe, liebenswürdige Manieren und körperliche Schönheit nicht gewünscht, da der Vater viel zu Hause ist und außerdem erwachsene Söhne vorhanden sind. Das Inserat hat sofort Zuschriften an die englischen Tageszeitungen veranlaßt, in denen darüber Klage geführt wird, daß ein hübsches Gesicht und liebenswürdige Manieren für eine Gouvernante ein wahres Danaergeschenk seien. Die unvernünftigste und undankbarste Person, heißt es in einem Briefe, für die man als Gouvernante tätig sein kann, ist die verheiratete Frau vorgerückten Alters, deren Schönheit dahin ist und die nun eifersüchtig auf ihren Gatten ist. Ich habe vor Kurzem eine gute Position in Bayswater verloren, schreibt eine Andere, weil Mrs. X. glaubte, ich liebäugelte mit ihrem Bruder, einem kahlköpfigen Offizier. Es war nicht wahr – er hielt sich nur häufig in der Kinderstube auf, weil er die Kinder gern hatte. Soll ich nun hungern, weil ich hübsch, bin? Mehrere Stellenvermittlungsbureaus haben mir bereits gesagt, ich sei zu jung und sehe zu »mädchenhaft« aus. 2. Beim Polizeikommissariat Mariahilf lief gegen eine junge, hübsche, zur damaligen Zeit gerade ohne Engagement befindliche Schauspielerin die anonyme Anzeige ein, daß sie geheime Prostitution betreibe. Das Polizeikommissariat leitete hierauf Erhebungen ein, ließ die Schauspielerin bewachen und lud eine Anzahl Leute vor, die bei ihr verkehrt hatten. Obwohl nun alle diese Zeugen die Angezeigte entlasteten, verurteilte der Polizeikommissär die Schauspielerin dennoch wegen gewerbsmäßiger Unzucht zu achtundvierzig Stunden Arrest. Die Quartiergeber der Schauspielerin hatten angegeben, daß absolut nichts Unzüchtiges vorgekommen sei. Wohl sei es öfter vorgekommen, daß mehrere Herren zu gleicher Zeit auf Besuch waren, doch geschah dies immer in Gegenwart der Hausleute. Gegen die Quartiergeber, denen der Polizeikommissär gleich von allem Anfang an Schub und das Einsperren in Aussicht gestellt hatte, wurde hierauf auch tatsächlich eine Anzeige wegen Kuppelei erhoben. In der Verhandlung wurde die Schauspielerin als Zeugin einvernommen. Sie gab zu, einen ziemlich großen Bekanntenkreis und auch viele Verehrer zu haben. Die Zeugin führt das eben darauf zurück, daß sie Schauspielerin, hübsch und dabei von liebenswürdigen Umgangsformen sei. Man könne sie aber unmöglich dafür verantwortlich machen, daß diese ihre Bekannten ihre Gesellschaft suchen. Wenn sie zu ihr kamen, so geschah es nur, um mit ihr zu plaudern oder Karten zu spielen. Die Besucher seien nie mit ihr allein gewesen. »Dat veniam corvis, vexat censura columbas:« es trifft die Sexualheuchelei der Gesellschaftsordnungen, die Männermoral der Generationen bis ans Ende der Welt. Alles verzeihen die Sittenrichter den Raben und peinigen die Tauben. Die Frau darf nur, was der Mann will, aber nur, wenn sie es selbst nicht will. Und wehe, wenn das schwächere Gefäß der Sittlichkeit unsanftester Berührung nicht Stand hält! Ist es zierlich, greift man gern danach und wirft's, wenn man sich satt geschlürft, verächtlich in die Ecke ... Die beiden Zeitungsnotizen, die ich hier zusammenstelle, habe ich an demselben Tag gefunden. Ist's nicht das Halali der Hetzjagd auf die schöne Frau? Männermoral und die Eifersucht der Häßlichkeit sind hinter ihr her. Aus dem bürgerlichen Erwerbsweg geworfen, verfällt sie der Feme, wenn sie den andern betritt. Für die aufreizende Wirkung dieser Parallele ist die Frage belanglos, ob die Schauspielerin wirklich – wie's im Jargon gesetzgeberischen Stumpfsinns heißt – »gewerbsmäßige Unzucht« getrieben hat oder nicht, ob außer dem Angriff gegen Geschlecht und Selbstbestimmungsrecht ihr auch eine persönliche Unbill zugefügt wurde. Belanglos, ob hier wirklich ein »Grund« vorlag, die Tücke eines aus engstirnigem Geist gebornen Gesetzes spielen zu lassen, oder ob bloß ein Polizeigehirn die Lust angewandelt hat, in Machtvollkommenheit zu glänzen und die Späße eines Indizienprozesses in die Verwaltungssphäre zu übertragen. Der Nachweis »geheimer Prostitution« würde an der Scheußlichkeit der Sache nichts ändern. Man fragt sich, in welchem Jahrhundert man eigentlich lebt, wenn gemeldet wird, daß eine Frau die Behörde darüber beruhigen mußte, daß ihre Besucher nicht mit ihr allein im Zimmer waren, daß sie bloß geplaudert und sonst nichts getan haben, was den Herrn Kommissär irritieren könnte. Wozu Polizisten auf der Welt sind, erkennt man also nicht nur, wenn Raubmörder und Taschendiebe unentdeckt bleiben. Aber daß sie auf der Welt sind, kann man sich nur daraus erklären, daß doch hin und wieder noch etwas geschieht, was »das Schamgefühl gröblich zu verletzen geeignet« ist. Oder sollten am Ende die Sexualrichter ihr Dasein der Paarung eines Paragraphen mit einer Gesetzesnovelle zu verdanken haben? ... Daß ein Mädchen auch ohne finanzielle Absicht Besuche empfangen kann, ist »hieramts« undenkbar. Man sollte aber meinen, daß sie auch im anderen Fall kein Rechtsgut verletzt und daß die Gefährdung ihrer Ethik höchstens ihren Freund, ihren Vater, ihren Gott, aber nie und nimmer ihren Polizeikommissär angeht. Die tiefe Unsittlichkeit einer Sittenpolizei, die Lizenzen für Prostitution erteilt, die gewerbsmäßige Unzucht Unbefugter nicht duldet und vielleicht nächstens auch auf diesem Gebiet den Befähigungsnachweis einführen wird, die unter allen Umständen sich der schwersten Eingriffe in Privatleben und Selbstverfügungsrecht der Frauen schuldig macht, redet sich vergebens auf hygienische Notwendigkeiten aus. Jeder Versuch der Reglementierung scheitert an ihrer tiefbegründeten Aussichtslosigkeit, und das Mißverhältnis zwischen behördlichem Eifer und der organischen Größe einer in Frauennatur und Gesellschaftsstruktur wurzelnden Erscheinung ist nur ein witziger Kontrast. Daß man wirklich die Hygiene will und nicht die Sittlichkeit, würde erst beweisen, wenn Männer Gesetze gegen Männer schüfen, wenn's Paragraphen gäbe, die die bewußte Übertragung einer venerischen Erkrankung mit Zuchthaus bedrohen. Der bürgerlichen Welt, die aufschreit, wenn die Sittenpolizei irrtümlich eine »anständige Frau« brutalisiert hat, geschieht nur Recht von ihrem eigenen Recht. Nicht der »Mißgriff«, der Griff empört die Menschlichkeit, und jeder »peinliche Zwischenfall«, der die gute Gesellschaft aufregt, aber die normale Bestialität der Behandlung prostituierter Frauen erkennen läßt, ist erfreulich. Eine Gesellschaftsordnung, deren bessere Stützen die besseren Beutelschneider sind, hat ausschließlich dem Weib sittliche Lasten aufgebürdet und peinigt statt der Raben die Tauben. »Sittlich« ist, was das Schamgefühl des Kulturmenschen gröblich verletzt. Die Mütter »Als Angeklagte erschien vor dem Schwurgericht in Glatz die 27jährige Dienstmagd Anna Werner aus Steinwitz. Sie ist beschuldigt, ihr elf Monate altes uneheliches Kind Hedwig am 5. April 1908 ermordet zu haben. Die angeklagte Mutter ist selbst unehelicher Geburt und mußte bereits als Schulkind in Dienst treten. Sie hatte schon vor der Geburt der Hedwig zwei Kinder. Für diese hat sie liebevoll gesorgt; beide Kinder sind aber eines natürlichen Todes gestorben. Das kleine Mädchen wurde von der Mutter zunächst bei einer Frau in Glatz untergebracht. Diese behielt es aber nicht. Die Angeklagte brachte es zur Großmutter. Auch da blieb es nur einige Wochen und wurde ihr dann auf dem Felde wieder überbracht. Die Mutter fuhr dann überall herum, um eine Unterkunft für das Kind zu finden, wurde aber überall abgewiesen. Insbesondere wurde sie auch von den Gemeinden abgewiesen. Ja, die Gemeinden wehrten sich auch dann, als eine Pflegestelle sich fand, dagegen, daß das Kind dort bleibe, damit nicht etwa für das Kind die Gemeinde vorläufig sorgen müsse. Die Mutter suchte den Vater des Kindes und die Mutter des Vaters in Ullersdorf auf, aber diese nahm es auch nicht. Um das Kind selbst pflegen zu können, ging die Mutter einige Wochen hindurch jeden Abend von Oberhansdorf nach Niederhansdorf und übernachtete da und kehrte nach Oberhansdorf am andern Morgen zurück. Der Vorsteher in Oberhansdorf gab es nicht zu, daß das Kind dort untergebracht werde. Auch aus Niederhansdorf, wohin es in Pflege getan war, mußte es fortgenommen werden, weil der Gemeindevorsteher widersprach. Schließlich brachte die Mutter das Kind bei einer Frau in Glatz unter. Sie zahlte zehn Mark monatliches Pflegegeld, während ihr Lohn nur elf Mark fünfzig Pfennig betrug. Von dem Vater des Kindes, der wegen Körperverletzung ins Gefängnis gekommen war, erhielt sie keine Unterstützung. Der Angeklagten wurde dann mitgeteilt, das Kind könne auch nicht in Glatz bleiben, die Polizei fordere die Fortschaffung des Kindes binnen vierundzwanzig Stunden. Die Mutter bat den Vormund, mit ihr den Bürgermeister zu ersuchen, das Kind in Glatz zu lassen. Der Vormund lehnte das ab. Er meinte, der Bürgermeister würde sie beide doch nur rausschmeißen. Sie ging dann selbst zum Bürgermeister Lind bat ihn flehentlich, das Kind in Glatz in der Pflege zu belassen. Der Bürgermeister wies aber die Bitte der Mutter ab. Nun wußte die Mutter nicht, wo sie das aus Oberhansdorf, Niederhansdorf, Ullersdorf, Glatz hinausgejagte Kind unterbringen könne. In ihrer Verzweiflung beschloß sie, das Kind zu töten. Sie legte es in eine Lehmgrube und bedeckte die Leiche mit Lehm und Erde. Erst ein Jahr später wurde durch Zufall die Leiche des Kindes aufgefunden und durch die Kleider die Herkunft des Kindes ermittelt. Der Waisenrat, an den sich der Vormund Rat suchend gewendet hatte, hatte diesem erklärt: ,Man muß es den ledigen Personen nicht so leicht machen, sonst kommen sie fortwährend mit Kindern.' Nach dieser Antwort glaubte der Vormund der Pflicht enthoben zu sein, dem Vormundschaftsgericht selbst mitzuteilen, daß für das Kind keine Pflegestelle aufzutreiben war. Ein Gemeindevorsteher wurde als Zeuge befragt, warum denn das Kind fortgeschoben sei, zumal doch keinerlei Kosten der Gemeinde erwachsen, da die Gemeinde ein Recht auf Wiedererstattung seitens der Unterstützungsgemeinde habe. Er erklärte, das verursache viel Scherereien; um den Scherereien aus dem Wege zu gehen, schiebe man Personen, von denen man befürchtet, sie könnten unterstützungsbedürftig werden, dem Gesetz entsprechend ab. – Die Geschwornen bejahten die Frage, ob vorsätzliche und mit Überlegung ausgeführte Tötung vorliege. Das Urteil erging dahin, daß die Angeklagte zum Tode und zum Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt wurde. Der Vorsitzende leitete die Verkündung des Urteils mit den Worten ein: ›Wer Blut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden‹.« »Um das Kind im Mutterleibe zu taufen, hatte man früher zwei Methoden. Es wurde per vias naturales das Taufwasser entweder mit dem Finger oder mit einer Spritze auf den Fötus übertragen. Bei der ersten Methode wird das Wasser, ehe es den Kindsteil erreicht, abgestreift. Bei der zweiten Methode müßten die Eihäute erst perforiert werden, was unter Umständen für die Geburt schädlich wäre. Dann mußte durch Fingerkontrolle die Uterinspritze auf den Kindsteil dirigiert werden. Dies wäre bei engem Muttermund unmöglich, namentlich zu schwierig für eine ungeschickte Hebamme. In früheren Monaten der Schwangerschaft ist selbstverständlich diese Methode der Taufe unmöglich. Deshalb schlägt A. Treitner, Arzt in Innsbruck, eine neue Methode vor. ›Es wird eine Heilserumspritze mit 10 g Taufwasser gefüllt. Alle antiseptischen Kautelen, Desinfektion der Haut usw. werden gewahrt. Nur darf die Spritze nicht mit Desinfizientien desinfiziert werden, denn es könnte ein Rest der Desinfizientien in der Hohlnadel bleiben und in das Taufwasser gelangen, wodurch, namentlich wenn das Desinfiziens riecht, die Gültigkeit der Taufe in Frage gestellt würde. Das Taufwasser muß reines Wasser sein. Die Hohlnadel hat eine Länge von 10 cm. Bei Kopflage, also in 96 % aller Fälle, wird die Nadel zwei Querfinger oberhalb der Symphyse senkrecht eingestochen. Vorher soll die Mutter urinieren. Die Hohlnadel wird eingestochen, bis man auf eine resistente Stelle gelangt, welche auch durch mäßiges Andrücken der Nadel nicht überwunden werden kann. Diese Resistenz bieten die Kopfknochen dar. Findet man diese Resistenz nicht, so wird die Spritze bis an die Bauchhaut zurückgezogen, sie wird in anderer Richtung nach rechts, nach links, nach oben und unten eingestochen, bis man den Kopf findet. Gelingt es auch dann nicht, den Kopf zu finden, so zieht man die Hohlnadel völlig heraus, sticht sie 1-2 cm von der ersten Einstichöffnung ein, um sämtliche Kombinationen zu wiederholen. Mehr als drei bis vier erneute Einstiche brauchen kaum gemacht zu werden. Falls etwa einer sterbenden Mutter eine Entkleidung zu beschwerlich fallen würde, so kann auch der Einstich der Nadel ganz leicht über dem Hemde vorgenommen werden. Ja selbst aufs Geratewohl kann man an einer beliebigen Stelle des vorgewölbten Bauches durch die Kleidungsstücke hindurch den Einstich machen. Dann besitzt allerdings die Taufe nur wahrscheinliche Gültigkeit. Hat man den Knochen mit der Nadelspitze gefunden, so wird die Nadelspitze mit ziemlicher Kraftanwendung so weit als möglich in den Knochen eingespießt. Es soll nämlich das Taufwasser auch das Unterhautzellgewebe des Kindskopfes bespülen, weil ja der Kopf mit Vernix caseosa bedeckt sein kann, dann flösse das Wasser von dem Fette wirkungslos ab, was die Gültigkeit der Taufe in Frage stellen würde. Die Anwendung eines hohen Druckes ist ein notwendiges Erfordernis, damit durch den gewaltsam eingepreßten Wasserstrahl das die Taufstelle umgebende Fruchtwasser möglichst weit beiseite gedrückt werde. Beim Ausspritzen des Wassers werden dann die Taufworte gesprochen. Diese Art der Taufe soll nicht vor Mitte der Schwangerschaft angewendet werden, da die Schwangerschaft vorher von Nichtärzten nicht mit Sicherheit zu diagnostizieren ist. Es könnte ja ein Tumor vorliegen. Bei plötzlichen Todesfällen der Mutter soll man die bedingungsweise Taufe noch fünf bis sechs Stunden nach dem Tode, ja man kann sie noch zehn bis zwölf Stunden nach dem Tode spenden‹. Der Verfasser hält seine Methode für den Fötus nicht für schmerzhaft, weil die Gehirnsubstanz empfindungslos ist, auch nicht für gefährlich, denn die Erfahrungen der Gehirnchirurgie haben ergeben, daß ein Stich in die Gehirnhemisphäte, selbst mit einem Messer, nicht nur nicht tödlich, sondern nicht einmal gesundheitsschädlich ist. Die Pfarrämter sollen ihre Taufutensilien mit dieser Taufspritze komplettieren, um diese dann im Bedarfsfalle der Hebamme des Ortes zu überlassen.« Die Schuldigkeit Eine Lehrerswitwe in der Provinz, die gehört hat, daß einmal ein Artikel der Fackel über die Pension der Offizierswitwen »viel zur Regulierung dieser Sache beitrug«, wendet sich im Namen der Genossinnen ihres Elends an mich. Sie klagt, daß das Land die Witwen von Männern, die ihm fast ein halbes Jahrhundert gedient haben, hungern und frieren lasse, und belegt diese Klage mit Daten und Ziffern. Eine Frau V. in Frankenfels etwa muß im Alter von über achtzig Jahren in einer Mühle arbeiten, weil ihre jährliche Pension nur dreihundert Kronen beträgt. Ihr Mann hatte vierzig Dienstjahre. »Und wie schwer früher der Dienst war, das weiß ich von meinem Vater her; sein Anfangsgehalt betrug jährlich zwölf Gulden und die Kost, dabei mußte er als Mesner, Schreiber, ja sogar als Totenbeschauer fungieren. Ohne Organistendienst konnte der Lehrer damals kaum leben. Die Folge dieses schweren Berufes war ein Herzleiden. Als Schwerkranker schleppte Vater sich im November 1893 in die Schule, weil er die nächste Gehaltserhöhung erreichen wollte. Doch da diese erst 1895 ins Leben trat und Vater 1894 starb, beträgt die Witwenpension trotz der fünfundvierzig Dienstjahre nur siebenhundert Kronen« ... Die gute Frau, die sich die Mühe genommen hat, mir in langem Brief, mit Worten und Zahlen dieses Elend zu beschreiben, weiß nicht, daß sie sich an die unrichtige Adresse gewendet hat. Soziale Hilfe unmittelbar anzuregen, war nie die Pflicht der »Fackel«, wenngleich sie sie früher gelegentlich dort erfüllte, wo es ihr um den Beweis zu tun war, daß die Verpflichteten aus Feigheit oder Feilheit sie verletzt hatten. Auch hier freilich bin ich bereit, den Hilferuf zu hören, um durch ihn den größeren Jammer zu entdecken. Denn das Schreiben der Frau schließt mit einer Pointe des Grauens, die alles Elend der Lehrerswitwen überbietet, über die Not einer sozialen Gruppe hinaus in die schmerzlichste Schmach der Zeit trifft. Ein Majestätsgesuch ist nicht befördert worden; so glauben sie, daß es noch eine Instanz gibt: die Presse. Und die Wortführerin setzt ihrer Schilderung das folgende Postskriptum hinzu: »Im Falle Sie, sehr geehrter Herr, die Güte hätten, unsere Notlage in der »Fackel« zu beleuchten, worum wir Sie recht herzlich bitten, so wollen Sie mir unsere Schuldigkeit hiefür mitteilen «. – – Die Bittstellerinnen wissen von der Fackel nicht mehr, als daß sie über jenes gedruckte Wort verfügt, von dem Hilfe erhofft werden kann. Das aber wissen sie, daß die Hilfe, die das gedruckte Wort verspricht, bezahlt werden muß. Es ist jener gesunde Volksglaube, den die Aufklärung an die Stelle des Aberglaubens gesetzt hat. Presse ist etwas, wofür man zahlt. Und die Pension von fünfzehn Lehrerswitwen in und um Krems ist nicht so klein, als daß sie nicht noch so viel zusammenbrächten, um einen Publizisten für ihre Not zu interessieren. Wird halt die Achtzigjährige täglich eine Stunde länger in der Mühle arbeiten! ... Die Vorstellung solcher Bereitschaft sollte uns alle, die wir an die soziale Sendung der Presse glauben, in den Schlaf verfolgen. Und diese Vision ist das einzige, was mein antisozialer Sinn der Lage der Lehrerswitwen absehen kann. Ich höre den Notschrei, aber ich kann ihn nur weitergeben. Mögen die Vertreter jener Publizistik, deren Interesse dem bürgerlichen Wohl gehört, nach der Mühle in Frankenfels eilen und schauen, wie sie zu ihrem Geld kommen. Und wenn es dort einen Mühlstein gibt – er möge aufstehn und sich seiner biblischen Schuldigkeit erinnern! Die schweigenden Ärzte Ein Gerichtsfall hat das ärztliche Berufsgeheimnis zur Diskussion gestellt und die journalistischen Berufsschwätzer hatten wieder einmal Gelegenheit, den Kapazitäten die Tür einzurennen. Es war allen Beteiligten sichtlich eine Freude, sich für das Schweigen aussprechen zu können. Daß nicht immer die Schwatzsucht, sondern auch ein Gewissenszwang das Opfer der Standesehre nahelegt, davon wissen jene nichts, deren Mund jedem Interviewer offen steht und die die Standesehre so hoch halten, daß sie mit freiem Auge nicht mehr wahrnehmbar ist. Aber viel schlimmer als die Warnung vor einer Heirat, zu der sich Tripper und Mitgift verbinden, ist das Gebaren solcher verläßlichen Ärzte, die sich mit jedem Laufburschen der öffentlichen Meinung einlassen und andeutend von den Fällen erzählen, in denen sie das Berufsgeheimnis gewahrt haben. Da ist vor allem jener vielgenannte Samariter, der den Ruf der Wiener Mehlspeisen in Messina begründet hat. Er tritt entschieden dafür ein, daß die Krankheit ein Geheimnis bleibe, aber er würde sich gewiß nicht zu einer Moral bekehren, die gebietet, daß auch über den Arzt nicht gesprochen werde. Zu weit geht er nicht; man muß doch hin und wieder Gelegenheit haben, sich seiner Diskretion zu rühmen. So zum Beispiel wurde einmal die Rettungsgesellschaft in ein Haus gerufen, wo ein Mann in Ohnmacht und bei einer Frau lag, deren Gatte in einer halben Stunde zurückkehren sollte. »Die Dame bat mich auf den Knien, den Erkrankten nur rasch fortzuschaffen, da ihr Mann von dessen Anwesenheit nichts erfahren durfte.« Versteht sich. Nach wenigen Minuten war der Kranke transportfähig. »Einige Tage nach dieser Intervention kam der Gatte jener Dame zu mir und sagte, er habe durch das Gerede der Hausparteien erfahren, daß wir in seiner Wohnung erschienen waren. Er verlangte von mir nun Auskunft.« Denn die Freiwillige Rettungsgesellschaft könnte eher unter Diskretion in Sizilien landen und ohne daß eine Zeitung etwas davon erfährt, als daß sie die Aufmerksamkeit der Wiener Nachbarsleute vermeiden könnte. Was tat Charas? »Ich verweigerte ihm die Auskunft mit Berufung auf mein Berufsgeheimnis und habe damit das Glück einer Ehe erhalten.« Hoch klingt das Lied vom braven Mann. Und hätte er nicht nach einigen Jahren einem Reporter die Auskunft erteilt, wir hätten nie erfahren, wie diskret ein Arzt von der Freiwilligen Rettungsgesellschaft sein kann. Der Gatte ging damals beruhigt nachhause, machte dem Gerede der Nachbarsleute durch Berufung auf das Berufsgeheimnis ein Ende, und die letzten Zuckungen der Eifersucht beschwichtigte die Gattin selbst mit dem plausiblen Einwand, daß das Erscheinen der Rettungsgesellschaft ein Tratsch der Nachbarn sei und die Diskretion der Ärzte ein Beweis für das Nichterscheinen. So lebten die Eheleute in Frieden dahin, bis eines Tages im Neuen Wiener Journal die Erinnerung an jenes Abenteuer zu lesen war, bei dem die Charitas der Venus aus der Patsche half. Namen waren – bis auf den des Retters – nicht genannt. Aber da die Nachbarsleute noch leben und auf das Neue Wiener Journal abonniert sind, so machten sie den Ehemann auf den interessanten Artikel aufmerksam und fragten ihn, ob der Fall nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem von damals habe, als das ärztliche Berufsgeheimnis sie beinahe um den Ruf gebracht hätte, wahrheitsliebende Nachbarsleute zu sein. Eine abermalige Anfrage des Ehemannes bei Herrn Charas prallte abermals an der Berufung auf das Berufsgeheimnis ab, und abermals war es gelungen, das Glück einer Ehe zu erhalten. Man glaubt immer, daß es nur die Pflicht des Arztes sei, zu heilen. Der wahre Samariter verteilt Makkaroni an die Nebenmenschen, und erhält nicht nur das Glück der Lebenden, sondern auch die Ehre der Toten. Was bleibt der ärztlichen Kunst noch zu tun übrig, wenn einer ohnehin schon tot ist? Der Arzt kann sich damit begnügen, die Rechnung einzuschicken; er kann aber auch noch ein übriges tun, nämlich die Ehre des Verstorbenen retten. Eines Falles, in dem es ihm gelang, darf sich der Chefarzt der Freiwilligen Rettungsgesellschaft mit Recht rühmen. Diese sei einmal in die Josefstadt gerufen worden. »Wir fanden da in der Wohnung einer Halbweltdame eine bekannte Persönlichkeit tot auf. Da mir bekannt war, daß der Mann verheiratet war, ordnete ich seine sofortige Abtransportierung durch unseren Wagen an – obwohl wir zum Leichentransport nicht verpflichtet sind – und überführte ihn in die nächste Leichenkammer mit der Motivierung, daß er erst im Wagen gestorben ist. Ich habe dadurch die Ehre eines Toten gerettet, der Witwe aber eine häßliche Erinnerung erspart.« Hätte das Neue Wiener Journal von der Sache früher erfahren, so hätte es vielleicht nicht versäumt, die Wohnung der Halbweltdame zu beschreiben und zu melden, daß dort u. a. eine bekannte Persönlichkeit anwesend war. Aus der Schilderung des Herrn Charas aber spricht ein diskretes Verständnis für die Peinlichkeit der Situation, in der sich eine bekannte Persönlichkeit befindet, wenn sie in der Wohnung einer Halbweltdame stirbt. Die Rettungsgesellschaft ist zwar zur Hilfe in dieser Lage nicht verpflichtet, aber der Humanität sind keine Schranken gesetzt. Was ein rechter Samariter ist, sagt sich in solchem Fall, daß es da nichts gibt als wegschaffen und schweigen, bis einst ein Reporter kommt und sich die interessantesten Fälle erzählen läßt, in denen man geschwiegen hat. Die Halbweltdame schweigt länger. Sie ist nicht einmal an die Witwe der bekannten Persönlichkeit herangetreten, um ihr eine häßliche Erinnerung zum Kaufe anzubieten. Und wenn die Witwe nicht glücklicherweise Abonnentin des Neuen Wiener Journals wäre, hätte sie bis heute von der Sache nichts erfahren. So aber hat sie wenigstens den Argwohn, der ihr auch durch eine direkte Anfrage bei der Rettungsgesellschaft nicht genommen werden kann, weil man dort bekanntlich mit Berufung auf das Berufsgeheimnis die Auskunft verweigert. Wie unberufen wichtig diese Schweigepflicht des Arztes ist, beweist uns ein anderer Samariter, nämlich der Direktor jenes Wiener Sanatoriums, in welchem die Kapazitäten ihre Finanzoperationen ausführen. »Ein Beispiel. Ich habe in meinem Institut einen an Krebs erkrankten Kaufmann liegen. Ein Geschäftsfreund von ihm erkundigt sich bei mir über den Zustand und die Art der Krankheit. Würde ich in diesem Falle die Wahrheit sagen, dann wäre die nächste Folge, daß dieser jenem den Kredit entzieht. Ich hätte also durch die Preisgabe des Berufsgeheimnisses die Existenz eines Menschen untergraben, vielleicht sogar vernichtet. Es kann doch der Fall sein, daß der Mann noch zehn oder mehr Jahre am Leben bleibt und nach wie vor kreditfähig ist.« Goldene Worte eines Samariters. Die Anständigkeit ist immer etwas, das der Begründung durch ökonomische Rücksichten bedarf. Es gilt nicht, eo ipso zu schweigen, nicht gegen die selbstsüchtige Neugier des Geschäftsfreundes statt von der Pflicht zu schweigen, vom Recht des Hinauswerfens Gebrauch zu machen; sondern es gilt die Kreditfähigkeit des Patienten zu erhalten. Daß die ärztliche Kunst, soweit sie sich in Sanatorien betätigt, vor allem darauf ihr Augenmerk richten muß, versteht sich von selbst. Ihre Sorge um die wirtschaftliche Wohlfahrt der den besseren Ständen angehörenden Krebskranken gehört zu ihren vornehmsten Aufgaben. Und wie wichtig überhaupt die Erhaltung der Kreditfähigkeit ist, wenn es sich darum handelt, die Dauer der Behandlung festzustellen, weiß man. Es kann der Fall sein, daß einer zehn und mehr Jahre behandelt wird und nach wie vor kreditfähig ist. Hier hilft eben die Natur. Patienten, von deren gesunder Anlage ein geschickter Diagnostiker wie der Professor Noorden sich mit einem Blick überzeugt, werden für die Kürze der ärztlichen Visite durch deren Häufigkeit entschädigt. So erscheint angesichts der Fülle wohlhabender Patienten, die ein Sanatorium beherbergt – denn die Klienten des Professors Noorden waren über die ganze Welt zerstreut, ehe sie hier eingesammelt wurden –, immerhin ein System durchgeführt, durch das weder der Kranke noch der Arzt verkürzt wird; und wenn die zwischen Tür und Angel hingeworfene Frage: »Wie gehts? Etwas besser? Na also, nur essen, tüchtig essen!« mit vierzig Kronen berechnet wird, so mag man die allgemeine Teuerung beklagen, aber niemand wird sein Mitleid an jene verschwenden, die mit einem Luxusartikel nichts anderes einkaufen, als das Bewußtsein, ihn erschwingen zu können. Und wen sollte das Walten einer ökonomischen Nemesis nicht befriedigen, die das Geld, das im Osten erwuchert wurde, in jenem großen Zug zum Noorden dahintreibt? Mag die Stadt Frankfurt einen verlorenen Sohn im Namen des Fremdenverkehrs um Rückkehr anflehen – Wiens Sorge sei es nur, daß jene Fremden, deren es endlich habhaft wird, nicht durch eine allzu ausgedehnte ärztliche Behandlung zu Einheimischen werden. Kreditfähig empfangen, gesund entlassen: das sollte eine klinische Regel sein. Kreditentziehung schwächt mehr als Blutverlust, und wir haben es ja aus dem Munde eben jener Autorität gehört, daß zu den günstigen prognostischen Anhaltspunkten bei Zuckerkrankheit »gute äußere Lebensverhältnisse« gehören, während wiederum zu den ungünstigen prognostischen Anhaltspunkten »ungünstige äußere Lebensverhältnisse« zu zählen sind. Die guten Einwirkungen eines Konkurses auf das Allgemeinbefinden sind von der Wissenschaft längst festgestellt, aber immerhin empfiehlt es sich, die Operation vorzunehmen, solange Patient noch im ersten Stadium der Kreditfähigkeit ist. Zur Kampferinjektion ist immer noch Zeit. Nicht immer freilich muß operiert werden. Noorden selbst ist es, der bei hohem Perzentsatz Stoffwechselprolongierungen empfiehlt. Die Voraussetzung ist stets, daß der Patient nicht bei Bewußtsein, aber kreditfähig ist. Manchmal bannt ein besorgter Blick des Operateurs den Assistenten, der schon die Instrumente mustert. »Was werden wir dem Patienten abnehmen, Herr Kollega?« »Ich denke doch nicht, daß wir amputieren müssen!« »Nein ich meine ja –!« »Ach so – ja, das möchte ich diesmal lieber nicht sagen, der Kranke ist nämlich mein Bruder.« Das sind Zwischenfälle, auf die ein Operateur gefaßt sein muß. Und nicht jeder ist so glücklich, daß ihm für die Schwierigkeiten seines Berufes eine ehrenvolle Entschädigung durch die Malerei zuteil wird, die sich doch hin und wieder von dem Moment begeistern läßt, wie der Chirurg das Messer an die Bauchwunde einer Dame setzt. Denn noch immer ordinieren die meisten Kapazitäten nicht bildlich, sondern schriftlich, nicht in der Kunstausstellung, sondern in der Lokalrubrik der Zeitungen. Das Berufsgeheimnis wird hier wie dort in ausgesprochener Weise gewahrt. Und es muß sich nicht allemal um wirtschaftliche Dinge handeln, auch die Ehre hat ihre Existenzberechtigung. Es muß nicht immer die Kreditfähigkeit eines alten Juden auf dem Spiel stehen, auch die Heiratsfähigkeit einer jungen Jourbesucherin ist ein Gut, das dem Schutze der Medizin empfohlen ist. Der Sanatoriumsdirektor weiß wieder ein Beispiel. »Vor nicht allzu langer Zeit kam eine junge Dame aus sehr vornehmem Hause zu mir, die mir gestand, daß sie guter Hoffnung sei. Ihre Eltern wüßten aber nichts davon und dürften auch nichts erfahren. Die Dame brachte im Sanatorium ein Kind zur Welt, ihre Eltern lebten und leben im Glauben, daß sie eines Frauenleidens wegen bei uns operiert wurde. Die junge Dame ist heute die glückliche Gattin eines glücklichen Mannes und kein Mensch hat eine Ahnung von dem, was sich hinter den Mauern dieses Hauses abgespielt hat. In diesem Falle hat die Wahrung des Berufsgeheimnisses das Glück einer ganzen Familie erhalten und neu aufbauen geholfen. Hätten wir aber die Pflicht gehabt, die Eltern zu verständigen, dann wäre allen geschadet, aber niemand genützt gewesen. Darum möge auch in Zukunft an der Schweigepflicht festgehalten werden.« Der Mann hat nur zu recht. Aber er hat vergessen zu erwähnen, daß das Schweigen in solchen Fällen auch dem Besitzer des Sanatoriums eine Frucht trägt. Sie wäre noch ergiebiger, wenn man die andere beseitigen dürfte. Das verbietet ein törichtes Gesetz, durch dessen Übertretung sich freilich noch kaum ein Gynäkolog in der Karriere hat behindern lassen. Immerhin wird die Diskretion über eine Geburt noch besser bezahlt als die Preisgabe einer Fruchtabtreibung. Die jungen Damen aus vornehmem Haus, die in guter Hoffnung und gutem Glauben in das Sanatorium kommen, würden sichs künftig überlegen, wenn die Nachfrage der Eltern die Entbindung vom ärztlichen Berufsgeheimnis bedingte. Es wird ihnen ohnehin nicht angenehm sein, daß von offizieller Seite im Neuen Wiener Journal für alle Zukunft das harmloseste Frauenleiden als Schwangerschaft verdächtigt wird. Manche Frau, die es sich versagen möchte, dem Reporter jenes zarte Geheimnis ins Ohr zu flüstern, das sie ihrem Gatten vorenthalten muß, wird den Weg in ein Sanatorium scheuen, wo man sich allzu laut des Schweigens rühmt. Und vor allem wird vielleicht jene junge Dame selbst fortan unter dem Argwohn der Eltern und des glücklichen Mannes zu leiden haben; denn sie konnte zwar die Existenz ihres Kindes verheimlichen, aber das Neue Wiener Journal kommt ins Haus, und eines Tages erkennt sie, daß ihr Aufenthalt im Sanatorium nicht ohne Folgen geblieben ist. So hat die ärztliche Diskretion wieder einmal das Glück einer Ehe, nein, das Glück einer ganzen Familie erhalten, nein, mehr als das: neu aufbauen geholfen. »Darum möge auch in Zukunft an der Schweigepflicht festgehalten werden«, nein, mehr als das – die Ärztekammer sollte sogar gegen jene einschreiten, die nicht geneigt sind, sie auf den Verkehr mit Reportern auszudehnen! Nimmt dieser überhand, so besteht die Gefahr, daß die ärztliche Diskretion zu einer sozialen Kalamität erwächst. Durch die Aufhebung der Schweigepflicht könnte der Gesunde vor dem Kranken geschützt werden, die Ruhmredigkeit der Diskretion gibt auch den Kranken preis. Ob die Medizin sich dazu hergeben soll, das Glück einer bürgerlichen Ehe, die durch Einheirat des Trippers zustande kommt, zu erhalten, ist wenigstens eine prinzipielle Frage. Aber die Vergiftung der Humanität durch die Reklame, die Verwendung ethischer Ideale für einen unethischen Betrieb, das Geschwätz über Diskretion sind erledigte Standpunkte. In Berlin sind die angetrauten Männer der Wissenschaft jüngst überführt worden, daß sie, um der viel strapazierten Dame Kunden zu verschaffen, Zutreiber in ihrem Dienst hielten. Bei uns gehen sie selbst auf die Gasse und scheuen sich nicht, zwischen Lokalreportern und Feuilletonisten ihre Ware anzubieten. Wer besser kurieren kann, das soll sich in freier Konkurrenz erweisen, und wer besser schweigen kann, der beweist es durch die lautere Stimme. Eine Kupplerin, die einmal gefragt wurde, ob sie auch diskret sei, rief entrüstet: »Ich? Glauben Sie, daß ich sonst eine so noble Kundschaft hätte? Erst gestern war der Graf Matsch von Rückenmark bei mir! Wissen Sie, der die Tochter vom alten Lustgewinn geheiratet hat! Morgen kommt er selbst. No, die war auch keine Jungfrau mehr. Das ist doch die, die die Geschichte im Sanatorium gehabt hat, fragen Sie den Herzfeld, meinen Cousin – lieber Herr, wenn unsereins nicht schweigen möchte –!« Die Welt der Plakate Schon als Kind war ich weniger darauf erpicht, das Leben aus den großen Werken der Kunst zu empfangen, als aus den kleinen Tatsachen des Lebens es zu ergänzen. Unbewußt ging ich den rechten Weg ins Leben, indem ich es mit jedem Schritt eroberte, anstatt es als eine Überlieferung an mich zu nehmen, mit der der junge Sinn nichts zu beginnen weiß. Die Erwachsenen, die noch immer eine kindische Freude haben, den vor der Tür des Lebens Wartenden den Christbaum mit den Geschenken einer fertigen Bildung zu behängen, wissen nicht, wie unempfänglich sie die Kinder für alles das machen, was die wahre Überraschung des Lebens bedeutet. Meine Neugierde war immer stärker als solche Befriedigung. Instinktiv ging ich der Versuchung aus dem Weg, in mich aufzunehmen, was weisere Leute gedacht hatten, und während meine Kameraden schlechte Sittennoten bekamen, weil sie unter der Bank Bücher lasen, war ich ein Musterschüler, weil ich auf jedes Wort der Lehrer paßte, um ihre Lächerlichkeiten zu beobachten. Ich war früh darauf aus, vom Menschen Aufschluß über den Menschen zu erlangen, und ich ließ eigentlich nur eine Form künstlerischer Mitteilung gelten, die mir das Wissenswerte unaufdringlich an den Mann zu bringen schien: das Plakat. Auch ein sentimentaler Gassenhauer, den am Sommersonntag ein Leierkasten vor unserem Landhaus spielte, hatte Macht über mein Gemüt; ich ließ ab, Fliegen zu fangen, und die Mysterien der Liebe gingen mir auf. Andere, die sich rühmen, daß der Tristan eine ähnliche Wirkung auf sie geübt habe, fangen noch heute Fliegen. Ich war stets anspruchslos, wenn es die Wahl der äußeren Eindrücke galt, um zu inneren Erlebnissen zu gelangen, und ich verschmähte jene starken Reizmittel, welche die schwachen Seelen brauchen, um eine trügerische Wirkung mit vermehrtem Schaden zu erkaufen. Kurzum, die vielen Bibliotheken und Museen, an denen ich im Leben vorbeigekommen bin, hatten sich über meine Aufdringlichkeit nicht zu beklagen. Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen! Es sind wertvolle Aufschlüsse, die ich den Affichen jener Zeit zu danken habe, da die ersten Versuche gemacht wurden, das geistige Leben auf die Bezugsquellen des äußeren Lebens hinzuweisen. Denn immer deutlicher wurde das Streben, dem Betrachter, dessen Denken von höheren Interessen abgelenkt war, einen vollgültigen Ersatz in den Plakaten zu bieten. Die geistigen Werte, deren er scheinbar entwöhnt wurde, sollte er eben dort wiederfinden, wo er sie am wenigsten vermutet hatte, und umso größer mußte seine Überraschung sein, die Schuhwichse, deren Beachtung er eben noch Kunst und Literatur geopfert hatte, just in Verbindung mit diesen unentbehrlichen Lebensgütern anzutreffen. Bis dahin war also die Erkenntnis von der Zweckdienlichkeit und Billigkeit eines Hosenstreckers eine Angelegenheit, die mit der Malerei, mit der Spruchweisheit, mit dem Gefühlsleben nichts zu schaffen hatte. Wenn wir aber den Hosenstrecker in der Verpackung künstlerischer oder geistiger Werte erhalten, warum sollten wirs nicht zufrieden sein? Warum sollten wir zwei Wege machen, wenn die Seligkeit auf einem zu erreichen ist? Warum sollten wir für kulturelle Ideale zahlen, die als Emballage für einen Hosenstrecker nicht einen Pfennig kosten? Mochte immerhin bei der Monopolisierung der Lebensgüter durch den Kaufmann die bildende Kunst noch da und dort die Freiheit behaupten, selbst Ware zu sein, anstatt der Ware zu dienen – daß das Wort des Schriftstellers seine Berechtigung außerhalb der industriellen Reklame verlieren müsse, schien gewiß. Nicht als ob das geistige Leben eine Verdrängung durch die merkantilen, Interessen zu befürchten hätte. Aber es wird aus seiner brotlosen Beschaulichkeit zu einem sozialen Beruf geführt werden, und manche artistische Begabung, die im Nebel undankbarer Probleme erstickt wäre, wird leben, um der Überzeugung zu dienen, daß »für die Ewigkeit« nur ein Eßbesteck sei und noch dazu staunend billig zu haben. Als man anfing, das geistige Leben in die Welt der Plakate zu verbannen, habe ich vor Planken und Annoncentafeln kaum eine Lernstunde versäumt. Und lange ehe ich das Wesen des Plakats als die Empfehlung einer Ware erkannte, empfand ich es als eine Warnung vor dem Leben. Ich wußte bald um den Stand des Geistes Bescheid. Mit der Offenbarungskraft eines Erlebnisses wirkte es auf mich, als ich einmal in einem Schaufenster die Darstellung zweier Männer sah, deren einer sich mit seiner Krawatte plagte, während der andere triumphierend danebenstand, auf sein fertiges Werk zeigte und schadenfroh rief: »Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so? Kaufen Sie sich Schlesingers Kragenhalter, der hält Ihnen Kragen und Krawatte fest!« Daß die Menschheit einen Anschauungsunterricht in diesem Fache nötig habe, bedachte ich nicht. Ich nahm vielmehr an, daß es eine realistische Darstellung sei, daß in der guten Gesellschaft täglich solche Dialoge geführt werden und daß es viele Menschen geben müsse, deren Zentrum jenes Problem ist und deren Leben bloß einen Vorwand bedeutet, um den endlichen Zusammenschluß von Kragen und Krawatte zu erreichen. Und plötzlich sah ich es auf der Straße von solchen Leuten wimmeln, überall sah ich diese Gesichter, den verdrossenen Kämpfer und den fröhlichen Sieger des Lebens, ich lernte den Choleriker vom Sanguiniker unterscheiden, wiewohl beide einen aufgewichsten Schnurrbart und Schnabelschuhe hatten. Den ersten, entscheidenden Eindruck von einer Menschheit also, die in ihrer überwiegenden Majorität aus Ladenschwengeln besteht, empfing ich von jenem Bilde, und mit einem Male war ich es, vor dem sie sich alle zu» der Frage einten: Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so? ... Dies trieb mich wieder zu den Plakaten, die mir den Schreckensgehalt des Lebens wenigstens im Extrakt darboten. Gern stellte ich mir vor, daß alle Geistigkeit übernommen sei, daß alles, was die Literatur an Zitaten, die Sprache an Sprüchen, das Herz an Empfindungen bietet, nur mehr dort verwendet werde, und daß das Leben außerhalb der Annoncen ein leerer Schein sei und höchstens eine wirksame Reklame für den Tod. Eines Tages brach die Sintflut des Merkantilismus herein, Gevatter Schneider und Handschuhmacher gebärdeten sich als die Vollstrecker eines göttlichen Willens, und es entstand die Mode, die Köpfe dieser Leute an den Straßenecken zu konterfeien. Da verfolgte mich durch all die Jahre ein Gesicht, in dessen Zügen ich mindestens den Stolz auf eine gewonnene Schlacht zu lesen vermeinte. Ich wurde älter, aber das Gesicht bekam keine Runzeln, und ich wußte, daß es mich überleben und dem Jahrhundert das Gepräge geben wird. Einst war es die Physiognomie Napoleons, die auf die schwangeren Frauen der Zeit so nachhaltig wirkte, daß noch das Gesicht der Urenkel sie der ehelichen Untreue verdächtigt hat. Das Antlitz, das heute einen ähnlichen Eindruck in den Seelen der zeitgenössischen Welt hinterläßt, gehört einem Uhrmacher. Weil er sich rühmt, daß seine Uhren die besten seien, hat er auch den Mut der Persönlichkeit; er gibt seinen Kopf zum Pfand und seinen treuen Blick als Garantieschein ... Wo tue ich das Gesicht nur hin? fragte sich manch einer, sann und kam nicht darauf. Er war einem Manne begegnet, hatte ihn wie einen alten Bekannten gegrüßt, und wußte doch nicht, wer es gewesen sei. An der nächsten Straßenecke aber grüßte ihn ein Plakat zurück. Ein Gastwirt wars oder ein Hutmacher oder der uns allen liebgewordene Schmierölerzeuger, von dem wir nur nicht vermutet hätten, daß er uns leibhaftig begegnen könnte, weil ja auch Beethoven nicht von seinem Sockel steigt. Gibts denn ein Leben außerhalb der Plakate? Wenn uns die Eisenbahn aus der Stadt holt, so sehen wir freilich eine grüne Wiese aber die grüne Wiese ist nur ein Anschlag, den der Schmierölerzeuger im Bunde mit der Natur ausgeheckt hat, um uns auch dort seine Aufwartung zu machen! Kein Entrinnen! So wollen wir die Augen schließen und in das Paradies der Träume flüchten ... Aber wir haben selbst hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der gerade das Traumleben für eine passende Gelegenheit hält, sein Gesicht in unsere Nähe zu bringen! Fürchterliches wird offenbar. Der Merkantilismus hat es gewagt, noch die Schwelle unseres Bewußtseins als Planke zu benutzen. Die Welt des Tages bot nicht Raum genug, und so ist die grausige Möglichkeit, deren bloße Ahnung einem die Kehle zuschnürt, betreten worden: man hat als jene hypnagogischen Gestalten, die im Halbschlaf unser Lager umstehen, Reklamegesichter verwendet! Und da es auch hypnagogische Geräusche gibt, Gehörshalluzinationen, denen der schlaftrunkene Sinn geneigt ist, so hat man dazu – ein Schauer erfaßt mich – alle jene Devisen und Rufe bestimmt, die unser Bewußtsein bei Tage erfüllen. Welch eine Mahnung! Wir liegen da und büßen für Macbeths Schuld. Es erscheinen der Reihe nach die Könige des Lebens: der Knopfkönig, der Seifenkönig, der Manufakturkönig, der Ansichtskartenkönig, der Teppichkönig, der Kognakkönig, und als letzter: der Gummikönig. Seine Augen mahnen uns an unsere Sünden, aber seine Züge sprechen für die Unzerreißbarkeit menschlichen Vertrauens. Und doch, und doch! ... Ein buschiges Haupt taucht auf und stöhnt: »Ich war kahl!« Und wieder: Hier sind noch Gesichtspickeln, dort sind sie nach dem Gebrauch verschwunden. Ach – ein andres Antlitz, eh sie geschehn, ein anderes zeigt die vollbrachte Tat ... Ein »heller Kopf « erscheint; es ist jener, der nur Dr. Ötkers Backpulver verwendet. »Wo ißt und trinkt man gut?« summt's in der Luft und schon öffnet sich ein Maul, um ein Gulasch zu verschlingen, und schon zeigt eines, wie man Bier trinkt. Wer kommt denn dort herein? Wilhelm Tell mit seinem Sohne? »Ich soll vom Haupte meines Kindes –« Da schwankt er! Aber zur Schutzmarke einer Schokoladenfirma gibt er sich her ... Seht, seht, wer bricht sich Bahn? Ein Weib, dessen Haar länger ist als sie selbst, ein Weib also, das Grund hat, seine Persönlichkeit zu betonen; sie ruft: Ich, Anna ... Aber ihre Rede verhallt im Gerassel eines Wagens, dessen Lenker mir zuruft: »Sie fahren gut – wenn Sie Feigenkaffee –« »Entfernung ist kein Hindernis!«, unterbricht ihn ein Weltweiser, der der Welt von Herrschaften abgelegte Kleider gönnt. Und nun ist das Chaos der Maximen entfesselt: »Verlangen Sie überall ... Schönheit ist Reichtum, Schönheit ist Macht ... Verblüffend rasch heilt ... Das Entzücken der Frau ist ... Fort mit den Hosenträgern! ... Geben Sie eine Krone ... Wer probt, der lobt ... Haben Sie schon Kinderwäsche? ... Jeder Firmling wünscht ... Weltberühmte prämiierte Olmützer Quargel ... Das ist's, was Sie brauchen ... Ihr Magen verdaut schlecht ... Wollen Sie stark und gesund werden? ... Reizend schön wird jede Dame ... Leiden Sie an den Folgen ... So sehe ich in einem meiner Korsetts mit rationeller Front aus, ohne dasselbe zu fühlen ... Der weiße Rabe spricht ... Rasiere dich im Dunkeln! ... Wenn eine Mutter nicht in der Lage ist ... Gratis 10 000 Kronen ... Allen, die sich matt und elend fühlen ... Wanzen und Insekten jeder Art ... Musik erfreut des Menschen Herz –« Ja, sie will mir den Schlaf bringen und lockt zu erotischem Traum. Es erklingt das Lied: »Ich liebe die Eine, die Feine, die Kleine ...« Aber ich bin genarrt, denn es handelt sich bloß um eine Pastille. Was tanzt dort in der Luft? »Ich bin ein Gummihandschuh! Kennen Sie mich noch nicht, gnädige Frau?« Romulus und Remus erscheinen unter einem Regenschirm. Wie! Ist die Gründung Roms wegen ungünstiger Witterung abgesagt? »Ein Verbrechen!« brüllt es – begeht jeder, der nicht – – Ich habe Fieber. Aber schon stehen ein Hofrat und fünf Ärzte an meinem Lager, die eidlich begutachten. »Männerschwäche!« murmelt einer von ihnen verächtlich. »Ein Griff, ein Bett!« antwortet es verständnisinnig. »Trinken Sie Sodawasser!« rät ein Unberufener. »Das ist der gute Krondorfer, der fehlt nie auf unserem Tische!« entgegnet es. »Trinken Sie Geßlers Altvater!« höre ich und spüre, wie ein Bart mich kitzelt. »Kauen Sie schon Ricci?« fragt ein Kobold. »Wie werde ich energisch?« wimmert einer, dem in diesem Zimmer angst und bang wird. Und ein Alp, der mir auf der Brust kauert, glotzt mich an und hat nur den einen Wunsch: »Wenn ich Sie persönlich sprechen könnte!« Hilfe, Hilfe! – Ah, wer ruft dort um Hilfe? Wer rennt mit dem Kopf durch die Wand? Rauft sich das Haar? Verzweifelt und frohlockt, jubelt und klagt, springt herum und bearbeitet das Fenster mit den Fäusten? Oh, es ist einer, der unglücklich ist, weil man ihn seine Kleider nicht beim Gerstl einkaufen läßt, und der schließlich doch seinen Willen durchsetzt! »ich bring mich um – !« droht er, wenn man ihn hält; »Wa–s? ist's möglich!!!« ruft er, weil er die Preise zu billig findet; »Freiheit der Wahl!« brüllt er und bringt damit auch die Demokratie auf seine Seite, wiewohl es sich sofort herausstellt, daß er nur die Wahl der Stoffe meint. Und nun tobt alles durcheinander – ich unterscheide die Branchen nicht mehr – hundert Fratzen tauchen auf – hundert Rufe werden laut. Ich verstehe nur noch Ratschläge, wie: Koche mit Gas! Wasche mit Luft! Bade zu Hause! – – Und da das Leben in solcher Fülle mein Schmerzenslager umbrandet und alle Bequemlichkeiten, alle automatischen Wonnen bietet, deren man um diese Stunde nur habhaft werden kann – so merkt ein Waffenhändler, daß ich mich nicht mehr auskenne, und übertönt den Lärm mit der Reklame: Morde dich selbst! Ein Überfall der Justiz Der Wiener Appellsenat genießt einen Weltruf. Denn seine Methode, schlechte bezirksgerichtliche Entscheidungen zu bestätigen und vernünftige abzuändern, ist unfehlbar. Aber es gehört kein Mut zur Dummheit, wenn viere über einen kommen. Da hat am 25. Mai der Vorstand des Bezirksgerichts Josefstadt, Landesgerichtsrat v. Heidt, wegen Beleidigung des Herausgebers der »Fackel« den Leiter des Cabarets »Nachtlicht«, Herrn Achille Vaucheret, genannt Henry, zu einer einmonatigen Arreststrafe und seine Freundin Marie Biller, genannt Delvard, zu einer Geldstrafe von 300 Kronen verurteilt. Er hat zu solcher Strafbemessung nicht erst der Erinnerung an jenen Ministerialerlaß bedurft, der auf Verhängung von Arreststrafen in Fällen schwerer Ehrverletzung dringt. Er überblickte die ungeheuerliche Situation, in der sich ein Schriftsteller dem artistischen Leiter eines Champagnergeschäftes gegenüber befindet, der ihn wegen einer kritischen Bemerkung angefallen hat und sich dann öffentlich und um dem Geschäft die Preßgunst zu sichern, der Faustschläge, aber nicht der antisemitischen Beschimpfung rühmt, mit denen er den Schriftsteller regaliert hat. Er mag auch die Situationen erwogen haben, die erst herbeigeführt würden, wenn sich der Überfall auf einen verhaßten Publizisten mit einer Geldstrafe begleichen ließe. Nicht nur daß mancher Rowdy einen Kapitalisten fände, der in seiner Freude über die Verprügelung des Störers der Wiener Gemütlichkeit gern ein paar Hunderter »springen ließe«; vielleicht fände auch manch ein Kapitalist einen Rowdy, der die Arbeit zur Zufriedenheit des Auftraggebers ausführte. »Sitzredakteure« sind für solche Fälle schwieriger aufzutreiben, aber »Verantwortliche«, denen die Strafsumme vom Unternehmer bezahlt wird, gibt es in Fülle. Herr Vaucheret selbst hatte sich, wie gerichtlich festgestellt ist, vorher nach der Höhe der zu gewärtigenden Geldstrafe erkundigt und seine Geneigtheit, sich's eventuell tausend Kronen kosten zu lassen, gesprächsweise kundgegeben. Hatte der Erstrichter zudem jenen Paragraphen im Auge, der ihm ausdrücklich die Berücksichtigung der angegriffenen Person vorschreibt, so war es klar, daß hier dem Sinn der Strafe erst durch die Statuierung eines Exempels Genüge geschehen konnte. Bei einem Wirtshauskonflikt zweier Privatleute mag die Buße das Äquivalent der Tat bedeuten. Ward einem Schriftsteller die Ausübung seines kritischen Berufs brachial vergolten, so soll die Strafe perspektivisch auch als Schutz gegen künftige Möglichkeiten physischer Vergewaltigung aufgefaßt, sollen dem Täter gegenüber die Vorstufe eines andern, der ähnlich gehandelt hat, und die Neigung anderer, dem Beispiel zu folgen, als erschwerend angenommen werden. Die Tat könnte ein Beispiel sein, also sei die Strafe ein Exempel. Bedenkt man schließlich, daß noch kein Raufer mit einer Tat, die er vor Gericht demütig mit Trunkenheit entschuldigt, in ähnlich berechnender Weise vor der Öffentlichkeit von hundert Zeitungen geprunkt hat, wie jener Herr Vaucheret, so muß man die von der ersten Instanz bemessene Strafe gerecht, wenn nicht milde finden, so drakonisch sie vom Gesichtspunkt einer schlechten Praxis – nicht des Gesetzes, das bis zu sechs Monaten geht – erscheinen mag. Am 7. September hatte ich endlich das Vergnügen, eine Verhandlung vor dem Wiener Appellsenat aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Ich bedaure es nicht. Möchte im Gegenteil wünschen, daß auch einmal der Justizminister, der ja, einem dunklen Gerücht zufolge, ein »moderner Mensch« sein soll, sich die Herrschaften ansehe. Beileibe nicht, um die Unabhängigkeit ihrer Gedankenarmut anzutasten! Aber das Menschenmaterial sollte er kennen lernen, das in Österreich für das Strafrichteramt herangezogen wird. Schon die Verlesung des Referats durch einen Landesgerichtsrat, der jeden französischen Eigennamen als Verkehrshindernis empfindet, ist aufschlußreich. Und diese Physiognomien! Was nützen in solchem Milieu alle modernen Erlässe der Justizverwaltung! Der Pissoirgeruch des Wiener Landesgerichts dringt durch die Tünche, mit der es kürzlich renoviert wurde. Als ich diese Richter sah, wußte ich sofort: Hier wird dem Angeklagten Trunkenheit als wesentlich mildernder Umstand zugebilligt! Ja, auf diesen Gesichtern lag volles Verständnis für das wichtigste Argument der Verteidigung. Übrigens eine ziemlich verbreitete Erscheinung unter osterreichischen Richtern. Ein böhmisches Kreisgericht hat einst einem Menschen, der wegen boshafter Sachbeschädigung angeklagt war – er hatte die Einrichtung des Wirtshauses, in dem er zehn Minuten auf das Bier warten mußte, demoliert –, als mildernden Umstand »die begreifliche Aufregung des Angeklagten« zugebilligt. Und im Prozeß Rutthofer wurde neulich der Münchener Psychiater scharf ins Gebet genommen, weil er den getöteten Herrn Landesrat wegen eines täglichen Liters Wein als »Alkoholiker« zu bezeichnen wagte. Im allgemeinen macht man die Erfahrung, daß die österreichische Justiz den Geschlechtsverkehr für ein belastendes, Trunksucht für ein entlastendes Moment ansieht. Wer sich hierzulande Mut zu einer Gemeinheit antrinkt, findet mehr Entgegenkommen bei Gericht, als einer, der den Mut schon hat. Auch wer im Rausch eine größere Gemeinheit begeht, als er nüchtern geplant hat. Er versetzt sich in einen Zustand, in dem er für sein Tun nicht verantwortlich ist, sollte also schwerere Verantwortung tragen. Aber die Justiz straft ihn nicht für seine Verwandlung, sondern entschuldigt sein Tun. Wer Hemmungen ausschaltet und dann zufällig eine Straftat begeht, müßte den Zustand so verantworten, wie die Tat. Wer Hemmungen ausschaltet, um eine Straftat zu begehen, müßte ihn schwerer verantworten. Es ist geistlos, mit Trunkenheit eine Tat zu exkulpieren, aber es ist die ausgemachteste Justiztorheit, mit ihr auch einen Plan zu tilgen. Und in beiden Fällen ist es verfehlt, »Volltrunkenheit« nachsichtiger zu behandeln als »Angetrunkenheit«. Denn weil es unverantwortlich ist, sich unverantwortlich zu machen, müßte es verantwortet werden. Der Einzelrichter des Prozesses Henry, der offenbar von der Meinung ausging, daß Besoffenheit kein besonderes Verdienst sei, wurde von dem Bierrichtersenat des Landesgerichts eines Bessern belehrt. Dieser sprach dem Angeklagten das Verdienst, das ihm die Zeugen bestritten hatten, ohne weiteres zu. Zwar hatte sich Herr Vaucheret ein paar Stunden nach der Tat aller Details erinnert und konnte sie jedem Reporter, der da gelaufen kam, aufzählen; hatte seine Heldenleistung in Interviews des Lippowitzblattes – die Schere putzt das Nachtlicht – besingen lassen und sich bei reichsdeutschen Blättern, die sie nachdruckten, später bedankt. Immerhin machte ihn schon die Ausrede der Trunkenheit dem Appellsenat sympathisch. Und so kam es, daß dieser enunzierte, der erste Richter habe »die hochgradige Aufregung infolge übermäßigen Alkoholgenusses nicht genügend gewürdigt«. Der erste Richter hatte bloß die Zeugen gehört, die aussagten, Herr Vaucheret sei nicht betrunken gewesen. Der Appellsenat hörte den Angeklagten, der ein anheimelndes Zugeständnis machte. Der erste Richter schöpfte sein Urteil aus dem Verhör der Tatzeugen, aus fast unmittelbarer Anschauung der Situation. Der Appellsenat stößt das Urteil um, weil ihm der Angeklagte nach fünf Monaten sagt, es sei doch anders gewesen. Man sieht, wie notwendig die »Überprüfung« des erstrichterlichen Urteils durch einen Appellsenat ist. Aber so eine zweite Instanz ist auch erfinderisch. Warum Herr Henry statt eines Monats 600 Kronen Geldstrafe bekommen mußte, war klargestellt. Wie aber sollte die Umwandlung der 300 Kronen des Fräulein Delvard in 150 motiviert werden? Keine ihrer Beschimpfungen war in Abrede gestellt worden. Da überraschte der Appellsenat den Verteidiger mit der Entdeckung, das Wort »Pest« sei nicht erwiesen worden. Aber da die Dame nicht wegen eines Wortes, sondern wegen eines Satzes geklagt war, so muß sie in jener Nacht offenbar den Ausruf getan haben: »Wien würde mir danken, wenn ich es von dieser ... befreite.« Die Pest als die gefährlichste Krankheit schien dem Appellsenat immerhin 150 Kronen wert, also genau soviel, wie alle anderen Beschimpfungen und Tätlichkeiten zusammen ... Ei nun – ein Überfall der Justiz, durch den sie sich wenigstens die Zufriedenheit des »Neuen Wiener Journals« erworben hat. Eine neue Form der Banalität [Richard Dehmel in Hamburg unbekannt.] Man schreibt uns: Dieser Tage kam ein an den größten Lyriker des heutigen Deutschland in seine zweite Heimat Hamburg gerichteter Brief als unbestellbar zurück, weil die genaue Adresse fehlte. Das war vollständig an der Ordnung, denn, kann ein deutscher Postbeamter erwidern, wenn er aus dem Konversationslexikon festgestellt hat, wer der Adressat war, 1)ist bei allen Sendungen Straße und Hausnummer anzugeben, 2)ist es nicht Sache der Reichspost, ihre Beamten in moderner deutscher Literatur zu unterrichten, und 3)ist der Adressat Richard Dehmel überhaupt im Bestellbezirk Blankenese bei Hamburg, Kreis Pinneberg, Regierungsbezirk Schleswig, Königreich Preußen, postalisch zuständig. Und der deutsche Beamte würde mit allen drei Antworten so recht haben wie je ein deutscher Beamter. Aber ein Privatmann möchte an seine Mitprivatmenschen doch die bescheidene Gegenfrage stellen, ob sie wirklich glauben, daß etwa eine an August Strindberg nach Schweden dirigierte Sendung dem Absender wieder zurückgegeben würde, auch wenn noch nicht einmal der Wohnort des Adressaten angegeben wäre. Und der ist doch schließlich auch nur – Schriftsteller. Der Gedankenstrich und der Gedanke ermöglichen mir nach meinem typographologischen Verfahren die vollständige Herstellung der zeitgenössischen Physiognomie, die hinter solcher Bitterkeit steckt. Es ist die Stellung des Idioten (Privatmanns) zum Staat. Die Intelligenz ist nicht mehr imstande, die Bestimmung des Dienst- und Schutzverbandes, den sie erschaffen hat, zu begreifen. Alle bureaukratische Unzulänglichkeit wird durch eine liberale Kritik, die der Individualität dort Rechte zuschanzen möchte, wo sie sie nicht hat, ins Recht gesetzt, und der Staat kann sich in die Polizeifaust lachen, wenn ihm die Intelligenz ihren Standpunkt klar macht. Nicht die Vorstellung allein, daß so ein Gebildeter der Frankfurter Zeitung sein Herz darüber ausschüttet, daß die Post einen Dichter nicht kennt, und daß er sich einbildet, er stehe deshalb dem Dichter näher als ein Briefträger, macht diese Art von Kurzsichtigkeit, die einen Zwicken trägt, zur wahren Staatsplage. Solche Individuen, die aus Reih und Glied einer Quantität treten und die in ihrem Umkreis angestaunt werden, wenn ihnen eine Zuschrift gedruckt wurde, sind in der ihnen ausschließlich offenen Perspektive des sozialen Lebens nicht imstande, einen Fortschritt weit zu denken. Die Post erfüllt ihre Idee, den Boten zu ersetzen, durch Beschleunigung und Verbilligung. Nicht durch »Findigkeit«, wie die Spaßmacher glauben. Dem Dienstmann, dem es überlassen bliebe, den Adressaten zu suchen, ehe er ihm die Botschaft übermitteln kann, müßte der Lohn erhöht werden. Der liberale Sinn betreibt nur scheinbar die Popularisierung der Betriebsmittel, in Wahrheit setzt er die Ausnahme für jeden Einzelfall voraus und, im luftleeren Raum denkend, nicht imstande, sich die Quantität vorzustellen, deren Begriff er allein sein Dasein verdankt, macht er immer den ganzen Apparat seiner dürftigen Individualität tributpflichtig und für jede Vernachlässigung verantwortlich. Antisoziale Scherzhaftigkeit hat das Lob der »findigen Post« aufgebracht, deren Spürsinn man die versteckteste Adresse zu apportieren aufgibt. Nur in Österreich, wo auch die Bureaukratie weniger dem Verkehrsinteresse als dem Streben nach falscher Persönlichkeit entgegenkommt, pflegt sich die Post aus solchem ihr auferlegten Zeitvertreib – Such's Herrl! – eine Ehre zu machen, und in diesem Staate mag es schon vorkommen, daß das »Mir san mir« als Adresse eines Briefes genügt, etwa noch ergänzt durch die Straßenbezeichnung »Eh scho wissen«. Ein Prüfstein für die Findigkeit der Post ist auch das Porträt eines Dichters, das ein Scherzbold auf das Kuvert gezeichnet hat, und zur Freude aller Beteiligten, des bekannten Dichters, des lustigen Zeichners und der findigen Post wird, wenns gelungen ist, das »postalische Kuriosum« im Extrablatt abgebildet. Sie alle aber spüren nicht, daß Popularität, Humor und Findigkeit Beweise gegen das Milieu sind, in dem diese Eigenschaften wurzeln, und daß nichts sowohl gegen den Geist wie gegen die Post eines Landes mehr spricht als der Glaube, daß die Kultur von der Zustellbarkeit ungenügend adressierter Briefe abhängt und daß der Dichter es dort am besten hat, wo ihn die Briefträger kennen. Und zwar so, daß sie entweder schon wissen, wo er wohnt, oder wenigstens bereit sind, aus Hochachtung nachzuschlagen. Der Liberalismus stellt sich vor, daß die Wirkung, die ein Dichter auf seine Zeit ausübt, in der Notorietät seiner Adresse zum Ausdruck kommt, und die Wirkung, die er auf die Nachwelt hat, in der Geläufigkeit seiner Biographie. Und der findigen Post ist es überlassen, das Nemo propheta in sua patria als hinreichende Adresse anzusehen, es wäre denn, daß hier der Vermerk am Platze ist: Adressat abgereist oder verstorben. Der Briefträger soll im kleinen Finger haben, was der besser bezahlte, weniger geplagte, aber dafür unnützere Literarhistoriker nicht einmal ahnt. Wenn Herr Eduard Engel mich nicht kennt und ehe er mich plündert, mir eine falsch adressierte Karte schickt, auf der er mich bittet, mich plündern zu dürfen, so soll der Briefträger wissen, wem es zugedacht ist. Die Gebildeten, die sich gestern über die Kunst informiert haben, schütteln den Kopf über die »breiten Massen« – eine Vorstellung, auf der die Intelligenz zu sitzen scheint –, die immer ach so spät erst nachrücken. Die liberale Enttäuschung in solchen Fällen klingt mir wie der Seufzer, den Ebermanns »Athenerin« (deren Adresse heute festzustellen der findigsten Post nicht mehr gelingen dürfte) ausstößt, weil ein Mann aus dem Volke auf die Frage, ob er nicht wisse, wo Sokrates wohnt, sie mit der Gegenfrage, wer denn das sei, chokiert: »Wie wenig kennt das Volk doch seine Geister!« Besonders voraussetzungsvoll sind in diesem Punkte die Literaten, die sich ehedem eine Ankunft in Christiania schwer anders vorstellen konnten, als daß Ibsen und Björnson auf dem Perron stehen und sich erbötig machen, das Gepäck zu tragen. In einer Humoreske war einmal die Enttäuschung eines Berliners in Wien geschildert, der gleich nach der Ankunft seinen Wiener Begleiter angesichts jedes Herrn mit schwarzem Schnurrbart in die Rippen stieß und ausrief: »Nich wahr, aber dies ist doch Johann Strauß!« Nur hatte der Autor nicht bedacht, daß diese Agnoszierungsversuche eines Berliners in Wien noch berechtigt sind, wo tatsächlich sechs Persönlichkeiten auf dem Opernring herumstehen und eine davon umso leichter Johann Strauß sein kann, als alle sechs davon durchdrungen sind, daß sie es sind. Aussichtsloser wäre die analoge Mühe, die sich ein Wiener auf dem Potsdamerplatz gäbe, und man hat ja gehört, daß bedeutende Wiener Feuilletonisten sich in Berlin nicht akklimatisieren konnten und eingingen, weil oft ein Jahr verstrich, bis sie auf der Straße ein »djehre Herr Dokter!« zu hören bekamen und weil es dann erst nur ein Wiener Operettenliebling war, der in Berlin ein Nachtlokal aufgemacht hat. Aber der Liberale aller Länder ist schmerzlich enttäuscht, wenn der Fortschritt nicht vor ihm Halt macht und wenn der Betrieb, den er für den letzten Zweck aller Schöpfung hält, es nicht speziell auf ihn abgesehen hat und nichts zu seiner Förderung auf Kosten aller anderen Passagiere beitragen will. Vor dem Autobus steht ihm die Bildung, und ein Bestandteil der Bildung ist ihm die Kunst. Er hat seinerzeit den Kopf geschüttelt, als ihm die Statistik verriet, wie wenig deutsche Soldaten wußten, wer Bismarck war, und die Hände gerungen, als er erfuhr, daß es mit der Popularität Goethes nicht besser bestellt sei. Er versteht nämlich nicht, daß geistige Werte auch in eine Zeit wirken können, welche die Schöpfer nicht einmal dem Namen nach kennt. Er weiß nicht, daß die Lebensform auch des literarisch Ungebildetsten von der Existenz Shakespeares irgendwie bedingt ist. In dieser Ahnungslosigkeit, mindestens jedoch in der Überschätzung unmittelbar übertragbarer Wahrheiten, also politischer Werte, wird er von den Dichtern selbst heute unterstützt. Der verrannte Betätigungsdrang der Ästheten, die jetzt einen Leitartikler für ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft halten, kommt der schwachgeistigen liberalen Intelligenz sehr zu Hilfe. Was soll man noch gegen die Leute, die sich für Versammlungsheroen und für politische Megären begeistern, ernstlich einwenden, wenn ein Dichter Konventtöne kopiert und nicht allein deshalb für das romanische Leben schwärmt, weil dort die Kriegsschiffe »L'humanite« heißen, sondern weil sie zuweilen auch »Voltaire« heißen! Ich hingegen bin schon mißtrauisch gegen Kulturen, deren Briefträger die Namen ihrer Repräsentanten kennen und sich womöglich über eine genaue Adresse kränken, weil sie einen Zweifel an ihrer Bildung bedeuten könnte. Ich argwohne, daß die Post dort, wo sie Dichter ohne Straßenbezeichnung findet, vollständig adressierte Briefe überhaupt nicht zustellt. Es scheint mir für eine gut organisierte Post zu sprechen, wenn sie in Hamburg nicht weiß, wo Richard Dehmel in Blankenese wohnt. Vielleicht hat ein Briefträger, der diesen Dichter nicht persönlich kennt, auch mehr literarisches Urteil als ein Schmock, der ihn für den größten deutschen Lyriker hält. Aber hier stehen andere Qualitäten in Frage; ich will zur Ehre der schwedischen Post annehmen, daß sie die an Strindberg gelangenden Briefe nicht bloß deshalb zustellt, weil er der Strindberg ist, sondern weil seine Adresse genau angegeben war, und für meine Person muß ich gestehen, daß ich zufrieden wäre, wenn mir die Wiener Post auch den größeren Teil der richtig adressierten Briefe nicht zustellte, und daß ich über die Popularität untröstlich bin, die sich darin zu erkennen gibt, daß ein Briefträger, der nur meinen Namen ohne Straße und Hausnummer vor sich hat, »Fakl« davorschreibt. Wenn man sich sagt, daß neun Zehntel der Korrespondenzen, mit denen diese armen Teufel an einem Wiener Tage tausend Stock hoch laufen müssen, der gröbste Unfug sind, der mit Papier und Tinte seit deren Erfindung getrieben wurde; wenn man das schamlose Überhandnehmen der Geschäftsreklamen, Wohltätigkeitslose, Wahlaufrufe, Künstlerhausfirnißtageinladungen bedenkt und all des Mistes, der nicht nur gedruckt, sondern auch zugestellt wird, so gelangt man unschwer zu einem Punkt sozialer Einsicht, wo man nicht extra noch der Bildung des Briefträgers zumutet, was seine Lunge nicht mehr leisten kann. Dem intelligenten Esel, dem die soziale Einsicht immer nur so weit imponiert, als sie eine Phrase ist, und dessen Phantasiearmut beim Nebenmenschen immer just den Kulturgrad voraussetzt, an den er selbst sich gestern erst anschmarotzt hat, wird es nie begreiflich zu machen sein, daß die Kultur von der Überschreitung der Pflichtkreise nicht fett, sondern mager wird. Er wird es nie verstehen, daß die Leistung eines Organs über seine Funktionspflicht hinaus nicht eine Errungenschaft der Bildung, sondern eine Anmaßung ist, die im gegebenen Fall zugleich eine lästige Intimität und eine wertlose Popularität beweist, und daß ein unbestellbarer Brief mehr für die Rücksichtslosigkeit des Absenders spricht als für die Zurücksetzung des Adressaten im Vaterlandes Man muß die fortschrittliche Visage, die solchen Vorfall begrinst, an der Geringfügigkeit ihrer Sorgen feststellen; denn man muß sie feststellen, wo immer man sie findet. Es gibt ärgere Versäumnisse als ein Versäumnis der Post, und gewiß auch größere Tatsachen als eine Zeitungsbeschwerde. Aber die großen Ereignisse verdecken zu leicht das Antlitz der Zeit. Wenn's am lautesten zugeht, ist es am schwersten zu bestimmen, wo's am dümmsten ist. Erst wenn die Zeitungen Platz haben, isolieren sich die Vorkämpfer der Banalität und man erkennt die Typen, mit deren Dasein sich abzufinden nur dem geborenen Selbstmörder gelingt. Eine Prostituierte ist ermordet worden Journalisten führen den Leichnam zum Galgen. Nachrichter bestätigen das Todesurteil und vollstrecken es noch einmal für das peinliche Gericht der Moral. »A Hur war's!« begründen die einen, »Gegenstand!« sagen die andern, aber alle halten das, was eine angestellt hat, bevor sie ermordet wurde, für den Tatbestand. Der Raubmörder kam und entkam, er blieb anonym wie die Sittenrichter; die Leiche hat man. Kein Fall, mit dem sich viel Ehre aufheben läßt. Daß das ethische Hochgefühl sich von so dürftigem Anlaß regen lassen muß, vermehrt nur die Schuld der Ermordeten. Aber hierzuland, wo bescheidene Verhältnisse herrschen, wo die Liebesheldinnen Zimmer vermieten müssen und in den Hotels keine Gräfinnen ermordet werden, muß man vorlieb nehmen. Auch der Widerpart der sittlichen Autorität muß vorlieb nehmen. Sieht er, wie eine Prostituierte tot oder lebendig der Moral genügt und wie ihr der Fall ermöglicht, zum Bürgerkrieg gegen das Geschlecht zu hetzen, so muß er in jener die beleidigte Ehre der Natur beschirmen. Nicht ob der Fall des Problems würdig sei, hat er zu prüfen, wenn die Lüge prinzipiell wird. Nicht ob sie erotische Werte trifft, an denen Künstler sich entzünden, oder nur solche, an denen Bürger sich befriedigen können; ob sie eine Andacht oder nur ein Vergnügen stört. Nicht untersuchen darf er, ob die Institution – die schließlich genug leistet, wenn sie der Gesellschaft ihre brauchbarsten Mitglieder stellt und dem Staat seine besten Steuerzahler – Spielraum läßt für die Persönlichkeit. Nicht Qualität ist abzuschätzen, wenn jeglicher Fall dem Hasse dienlich ist, die Liebe zu ersticken. Der wählt sein Beispiel gleichwohl mit Bedacht. Er holt es von der Straße, weil überall sonst die Angelegenheiten der Wollust mit den Angelegenheiten der Gesellschaft so verfilzt sind, daß er, ohne anzustoßen, nicht sagen könnte, was er auf dem Herzen hat. Die sozial Geringste ist ihm eben recht. Nur dort wo die Lüge die äußerste Freiheit mit dem äußersten Zwang gestraft hat, erfrecht sie sich der Rüge; nur unter dem Vorwand, etwas gegen die Prostitution zu sagen, wagt sie sich gegen die Natur. Darum muß jeder Anlaß, der den Kannibalen der Kultur genügt, dem Unmenschenfresser willkommen sein. Auch vermag die Prostitution schon als Extrem dessen, was die gute Gesellschaft verabscheut, zu einer Debatte zu helfen, in der man die Moral beim Wort nimmt. Beim Wort Prostitution, mit dem der männliche Geschlechtsneid eine Fähigkeit schmäht, die ihm versagt ist. Weil eine Handlung, die die Natur das andere Geschlecht ohne Verlust an Wert und Kraft vollziehen läßt, die Preisgabe der Männlichkeit bedeutet, weil hier innerhalb einer begrenzten Lust nichts ohne ethische Haftung geschieht und dort Freiheit herrscht, hat sich die Konvention, die nur ein Ausgleich der Sitte mit der Geilheit ist, zu einer schamlosen Begriffsvertauschung verstanden. Man glaubt zu »schwächen«, und man wird geschwächt. Der Moralbegriff, vom eifersüchtigen Bewußtsein des männlichen Lustminus bezogen, stellt die Frau, der die Schöpfung den Ichdefekt versüßt hat und in der jedes sittliche Minus lustbefangen ist, unter die sittliche Verantwortung, von der sie den Mann befreit. Der Bürger rächt sich an der Natur, die ihm etwas vorenthalten hat, durch Verachtung und nennt das, was ihn prostituieren würde, am Weibe Prostitution. Er schmäht und sagt »Geschöpf«. Er hat sich nach seiner Schöpfung selbständig gemacht, er steht auf eigenen Füßen. Er hat sich Instinkte angeschafft, die ihn überall dort sich abkehren lassen, wo er das Ebenbild Gottes wittert: Er selbst ist mehr, er ist die unbeglaubigte Kopie. Nimmt man dazu, daß auch Individuen, denen die geistig-sittliche Entschädigung für den Vorzug des Weibes nicht zuteil wurde und die innerhalb der physiologischen Grenzen wohl prostituierbar sind, nicht anders über das Weib denken, das doch immer im Einklang mit seinem Gebote bleibt, so kann man ermessen, aus welchem Labyrinth des Irrsinns und aus welchen Abgründen der Verworfenheit die sittenrichterliche Entscheidung hienieden bezogen wird. Verkündet von den Bütteln der Freiheit, von den Zuschreibern der öffentlichen Meinung, den Zuhältern jener Prostituierten, an der ein Mord zur gottgefälligen Handlung wurde. Von den Prostituierten des Geistes, denen ich in die Gelegenheit ihrer Terminologie folgen muß, um sie selbst zu treffen. Das Wort sei von den Freudenmädchen auf Geschöpfe abgewälzt, die öffentlich meinen, jedem fremden Wunsch zuliebe schreiben können und durch eine zweifelhafte Anmut oft noch unter den Strich gesunken sind. Denn während es bei den Frauen eine natürliche und nur durch die zivilisatorischen Mächte, durch Lüge und Hysterie verdorbene Fähigkeit des Geschlechts verfehlt, trifft es hier eben jenen Verrat, den die zerstörenden Kräfte der Zivilisation an der männlichen Natur begehen. Vollends wird sich die Bezeichnung dann empfehlen, wenn man es Journalisten, die zwei Wochen lang von Prostituierten sprechen, vom Gesicht ablesen kann, daß sie nur aus Anstand ein anderes Wort unterdrücken, und wenn man weiß, daß es ein hurischer Grundzug ist, das, was man selbst ist, der andern zum Vorwurf zu machen und kein ärgeres Schimpfwort zu kennen als den eigenen Beruf. Der Raubmörder, dem also allgemein nachgetragen wird, daß er sich in schlechter Gesellschaft bewegt hat, soll dem Hotelstubenmädchen zugerufen haben: »Sie, das Frauenzimmer lassen Sie noch schlafen. Sie hat sich von innen abgesperrt. Ich komme zum Frühstück wieder!« Man weiß zwar nicht ganz sicher, ob er sich so ausgedrückt hat, aber man nimmt es gern an. Wie sollte sich denn ein Raubmörder über so eine ausdrücken? Das »Extrablatt«, dem die Raubmörder ihre Lebensart verdanken, behauptet zwar, er habe gewünscht, daß man »das Fräulein« schlafen lasse, aber es geht ihnen diesmal mit schlechtem Beispiel voran, indem es selbst auf den Markt schreit: »Ein Frauenzimmer erdrosselt aufgefunden«. Da wäre es denn wirklich kein Wunder, wenn so ein Raubmörder von einer Frau, die er im Hotelzimmer erdrosselt hat, in wegwerfendem Tone spräche. Nachdem er der Leiche den Schmuck geraubt hat, darf der Journalist noch die Sensation wegtragen, aber er tuts mit sichtlichem Widerstreben. Eine Zeitung, die im Gegensatz zur Mizzi Schmidt nicht zeitweise von einem Offizier, sondern ständig vom Minister des Äußern ausgehalten wird, ist mit voller Verachtung am Werke. Sie nennt den Prostituiertenmord »das scheußlichste aller Verbrechen«, aber natürlich nicht, weil dabei eine Prostituierte ermordet , sondern weil eine Prostituierte ermordet wird. Würde an einem Wucherer ein Verbrechen begangen, der Stand hätte keine Perlustrierung zu fürchten. Der Mord im Hotel zeigt tiefere Gefahr: Hütet euch vor den Prostituierten! Hier hat alles Perspektive, und in den Zeiten der Wahlprostitution, da sich herausstellt, daß ein liberaler Wähler fünf Gulden kostet, erscheint der Nachweis, daß Mädchen nicht teurer sind, erheblich. Denn das Geld, das vom Mörder geraubt wird, wurde von der Ermordeten »mit ihrer Schande erworben«. Solches Geld soll man nicht rauben, solche Besitzerin nicht morden. Sie ist »eine jener traurigen Erscheinungen des großstädtischen Nachtlebens« und »eines dieser vom Schicksal enterbten und von der menschlichen Gesellschaft geächteten Wesen«, die oft »von Ekel über ihr Gewerbe geschüttelt« sein mögen, kurzum, ein allgemeines Mädchen. Es ist bemerkenswert, daß die Allgemeine Zeitung, die freilich bei Nacht gesperrt ist und schon um 6 Uhr auf den Strich geht, von solchen Empfindungen völlig frei ist. Nie noch war sie, nie noch war aber auch eine ihrer Kolleginnen von Ekel geschüttelt, wenn sie sich für Geld jenen Cafétiers willfährig zeigten, die von den traurigen Erscheinungen des Nachtlebens bei Tag leben, die vom Schicksal Enterbten auswurzen und in den Geächteten ihre beste Stammkundschaft schätzen. Nicht einmal die »Sonn- und Monttagszeitung«, die freilich die ermordete Mizzi Schmidt nicht zu den Wesen zählt, sondern bloß »eines jener Geschöpfe« nennt, »die man zur Nachtzeit in der Kärntnerstraße und ihrer Umgebung herumschwärmen sieht«, ist solcher Selbstbesinnungen fähig. Und dabei unterscheidet sich die »Sonn- und Montagszeitung« von den Prostituierten, die immer nur herumschwärmen, durch ihre größere Zielbewußtheit. Denn einer Prostituierten ist noch nie nachgewiesen worden, daß sie einen Gründungsschwindler, den sie schließlich dann doch erhört hat, ursprünglich kränken und sich dadurch teurer machen wollte, während in der »Sonn- und Montagszeitung« einmal der Titel »Goldminenschwindel« über einer sympathischen Würdigung der Aktiengesellschaft »Fortuna« irrtümlich stehen geblieben ist. Der Unterschied dürfte im allgemeinen wohl darin zu suchen sein, daß Prostituierte für Geld Gunst erweisen, aber ohne Geld sich passiv verhalten, während Journalisten sich damit zugleich auch die Ungunst abkaufen lassen, die sie ohne Geld erweisen könnten. Daß es ein Unterschied zugunsten der leiblichen Prostitution ist, liegt auf der Hand, da die Gunst der öffentlichen Mädchen nur im Privatleben dessen wirkt, dem sie erwiesen wird, und zumeist eine Wohltat für den Empfänger bleibt, während die Gunst der öffentlichen Herren eine allgemeine Angelegenheit ist und die Wohltat für den Empfänger immer zugleich auch eine Gefahr für das Publikum bedeutet. Man könnte einwenden, daß auch im andern Fall die private Wohltat zu einer Öffentlichen Gefahr, zwar nicht zu einer wirtschaftlichen, jedoch zu einer sanitären werden kann. Aber dieser Einwand wäre darum unberechtigt, weil die Verbreitung einer solchen Gefahr fast nie wissentlich erfolgt und vor allem nicht durch die Prostitution, sondern durch den Geschlechtsverkehr bewirkt wird, während der Journalismus nicht nur durch die Tätigkeit als solche, sondern auch durch die Käuflichkeit Schaden stiftet. Bedenkt man dazu, daß die Korruption sich zumeist in der Unterlassung des Schreibens betätigt, während die Prostitution nur um der Ausübung willen, nie aber um der Enthaltung willen getadelt wird, und daß anderseits die Prostituierten von Fall zu Fall nur immer einem einzigen Kapitalisten zu willen sein können, während die Journalisten gleich ganze Aktiengesellschaften auf einmal befriedigen, so kann kein Zweifel bestehen, welchem Betrieb vom strengsten sittlichen Standpunkt der Vorzug zu geben wäre. Darum ist der Hochmut gegen die Prostitution, zumal bei Redakteuren, die gewerbsmäßig viel mit Bankdirektoren verkehren, vorweg als durchsichtiges Manöver abzuweisen. Die »Zeit«, eine Solide, die gleich im Anfang ihrer Laufbahn zu einem Kohlenbaron aufs Zimmer ging und von da an unter meiner sittenpolizeilichen Kontrolle stand, schreibt einen witzigen Bericht über das Begräbnis der Marie Schmidt, die »sozusagen »im Dienst'« gestorben sei und der darum »die Ehrlosen, die Verfehmten«, »diese Dinger«, »wie eine stille Organisation der Schande«, das Geleite gegeben hätten. Es ist ja unbestreitbar, daß Korpsgeist und das Gefühl der Kameradschaft bei der Prostitution stärker entwickelt sind als bei der Korruption. Ein Freudenmädchen gönnt der andern neidloser eine Wurzen, als eine Zeitung der andern auch nur die Annonce eines Freudenmädchens. So eine freut sich nicht, wenn die Kollegin »geblitzt« wird, wohl aber so eine, wenn der Kollegin ein Grubenhund widerfährt. Eine Solidarität der Zeitungen gibt sich nur vor der Gemeinheit, die eine der ihren begeht, zu erkennen, nicht gegenüber dem Unglück, das einer von ihnen zugestoßen ist. Wenn dereinst die »Zeit« eingeht, so wird die Trauer der Kollegenschaft sich mit den Kundgebungen zum Fall der Marie Schmidt auch nicht annähernd vergleichen können. Denn während hier, wie die »Zeit« höhnt, »die ganze Zunft von der Möglichkeit ähnlichen Schicksals bedrückt ist«, wäre sie im Fall der »Zeit« nur eine Schmutzkonkurrentin los, und auch von einer Teilnahme des Publikums wäre kaum etwas zu bemerken. Und allzu stürmisch dürfte selbst die Wehklage der Angehörigen eines Etablissements nicht ausarten, aus dem lange vor dem Fall Riehl herzzerreißende Notschreie über Ausbeutung in die Öffentlichkeit gedrungen sind. Man sieht, Zeitungen tun in keinem Falle gut, sich irgendwie in die Vergleichsnähe eines Berufs zu bringen, der es in allen Belangen mit ihnen aufnehmen kann. Die traurige Verwahrlosung im Journalbetrieb, das glänzende Elend verlorener Talente, die in der Redaktion untergehen, hat in der andern Sphäre kaum ihresgleichen. Dagegen muß zugegeben werden, daß die Nutznießer beider Geschäfte, die Bordellwirte der öffentlichen Meinung und die der öffentlichen Liebe, die gleichen Chancen haben, und vor allem dort, wo sich die Konkurrenz am gleichen Material betätigt. Denn man darf nicht glauben, daß die Zeitungsherausgeber bloß die Talente ausbeuten, die sich der Journalistik ergeben; sie leben auch von solchen, welche sich durch ihre Vermittlung eben jener Prostitution ergeben, über die sich die Zeitung moralisch entrüstet. Der Liebesmarkt ist zwar nicht die ausschließliche, aber eine gewiß einträgliche Domäne der verlegerischen Tätigkeit, und es ist hier wie dort: zur Ausbeutung durch hohe Annoncenpreise, die weit mehr als die Hälfte des erzielbaren Liebesgewinns ausmachen, kommt die Mißhandlung durch die redaktionelle Moral, deren Zuchtrute es mit den Hausmitteln der Madame Riehl schon aufnehmen kann. Die Zeitungen hassen sonst das Leben nur, soweit es sich der Insertion nicht fügt. Hier aber herrscht dieselbe sittliche Entrüstung, welche die Bordellwirtinnen gegen ihre Opfer aufbringen, ein Hochmut, der so tut, als ob er sich nur hinter seinem Rücken bereicherte, seinen gut entwickelten Inseratenteil auch nicht im Spiegel sehen könnte, und der die Erfüllung aller sadistischen und masochistischen Verheißungen, die da geboten werden, glatt perhorresziert. Und dies, wiewohl die Zeitungsleute das Handwerk, doch ohne die Gefahr treiben, die den Kupplerinnen droht. Der Herausgeber und der verantwortliche Redakteur, die mit ihren Namen dicht unter dem Angebot der energischen Dame, einen fügsamen Lustgreis auf die Promenade zu führen, eine gewisse Garantie zu geben scheinen, daß es auch gehörig geschehen werde, verleugnen auf einmal alles, sie stecken hinten die Provision ein, um vorne zu behaupten, der Gewinn sei ein Schandlohn und da täten sie nicht mit. Eine empfiehlt ihre Spezialität als »Miß Howart« unter »Birch 25«, eine andere sucht einen »vornehmen Faun«. Man hilft beim Vertrag, findet ihn aber unsittlich. Und man treibt das Handwerk nicht nur ohne die kriminelle Gefahr, die für die Kupplerinnen besteht, sondern auch mit der ökonomischen Sicherheit, die den Prostituierten fehlt. Denn nach österreichischem Gesetz kann zwar die Inserentin, die ihren Körper vermietet hat, den Gewinn nicht einklagen, wohl aber der Verleger die Provision. Sie dürfte ihm den Anteil an einem Geschäft nicht vorenthalten, um das sie selbst betrogen wurde. Die Sorte kann nicht geblitzt werden! Vorn halten sie die Ideale hoch, hinten die Preise; vorn rechnen sie mit der Prostitution ab, hinten mit den Prostituierten. Rauher sind freilich die, die weniger Annoncen haben. Das »Extrablatt«, das seinen Raubmördern die Glacéhandschuhe verübelt, die sie nach der Erdrosselung von Frauenzimmern anlegen, macht mit jenen Prostituierten, die noch nicht einmal Ermordete, sondern nur Leidtragende sind, kurzen Prozeß: »Hart und unerbittlich leuchtete die Mittagssonne hinein in diese Gesichtet.« Aber sie dürfte auch den Gesichtern der »Extrablatt«-Redakteure nicht gerade schmeicheln, sie werden sich zu rächen wissen und wenn es der Sonne vollends gelingen sollte, das Geheimnis dieses Mordes an den Tag zu bringen, so werden sie sagen, es sei der Polizei gelungen. Die Mittagssonne ist übrigens fast so streng mit den Prostituierten wie die um dieselbe Zeit erscheinende »Mittagszeitung«, die der Polizei nicht gegen die Mörder, sondern gegen die Prostituierten hilft. Wenn sie ermordet werden, haben sie es sich selber zuzuschreiben, aber sie sollen nicht in der Kärntnerstraße vor den Geschäften stehen bleiben! Die Mittagszeitung wird aber doch nicht so weit gehen zu behaupten, daß nur die Kärntnerstraßenmädchen, über deren Vermehrung sie sich beschwert, einem für bares Geld etwas zuliebe tun? Gewiß ist die Kärntnerstraße eine »Dirnenstraße« geworden, aber man kann doch nicht gut übersehen, daß es mit andern Gegenden der Innern Stadt nicht viel besser bestellt ist und daß beispielsweise in der Schulerstraße sich eine Administration neben die andere drängt, so daß sie bald nur mehr als Zeitungsstraße gelten wird. Die »Mittagszeitung« stimmt gegen den Gassenstrich für Bordelle, in denen Drangsalierung und Ausbeutung durch eine stärkere polizeiliche Kontrolle zu verhindern wäre. Aber wer hat die Leute, die in der »Elbemühl« arbeiten, so fühllos gegen verwandtes Schicksal gemacht? »Was menschlich ist, ist eben menschlich und darf auch ausgesprochen werden«, sagen sie, um ihre Unmenschlichkeit zu entschuldigen. Was hat jene, die sich durch Geistesschande mehr Adjektiva zugelegt haben, als alle Freudenmädchen Brillanten tragen, und für die ein Mord noch Schmucknotizen abwirft, was hat die Nachdenklichen so gewalttätig gemacht, daß sie sich vom Ende einer Prostituierten auch den Ruin aller andern erhoffen? Aber nicht minder peinlich ist die Couleur des Tour comprendre, die etwa den Tonfall hat: »Da mag es denn wohl geschehen, daß manche strauchelt, manche fällt.« Das »Neue Wiener Tagblatt«, welches den Mantel der christlichen Nächstenliebe vom Rothberger bezogen hat, scheint zu verzeihen. Es erzählt, ein Wiener habe vor dem Plakat, das die polizeiliche Belohnung für die Ergreifung des Täters verlautbart, ausgerufen: »Ganz recht is ihr g'scheg'n!« Vor diesem Wiener, der vom Schicksal offenbar zum Obmann der Schwurgerichtsverhandlung gegen den Mörder ausersehen ist, plaidiert das Tagblatt, menschlich wie es ist, auf mildernde Umstände für die Ermordete. Die Schandtaten, die sie vor ihrer Ermordung begangen hat, werden ja nicht geleugnet, jener Wiener wird nicht aufgefordert, unterzugehen, aber das »Neue Wiener Tagblatt« spricht sich die Fähigkeit zu, »über die Dinge dieser Welt und ihre tieferen Ursachen nachzudenken und sich von Vorurteilen freizumachen«, und meint, man könne »beim Fall dieses ermordeten Mädchens leicht auf Probleme stoßen, die allerernstester Erwägung wert sind«. Eben deshalb muß es jedoch verzichten. »Hier ist nicht die Stelle«, meint es bescheiden, »an der brennende soziale Fragen, und an eine solche rührt das Schicksal der Schmidt-Mizzi, ihrer Lösung entgegengebracht werden können.« Und nichts wäre wahrer. Denn hier ist nur die Stelle, von der der Ruhm des gigantischen Kaffeesieders, der immer erst ab zwei Uhr nachts die Schmidt-Mizzis hineinläßt, in die Welt getragen wird. Hier ist vor allem die Stelle, wo einem freizügigen Gewerbe die Kasernierung der Prostitution im Inseratenteil vorgezogen wird. Hier ist die Stelle, wo man sterblich ist, aber auch ehrlich genug, einzusehen, daß man nicht wie die andern Zeitungen »Haltet die Prostituierte!« rufen darf. Denn man wünscht nichts sehnlicher, als daß die Prostituierten »Haltet das Tagblatt!« rufen. Man ist interessiert, ohne gerade dem Neid des »Neuen Wiener Journals« zu verfallen, das der Mizzi Schmidt ihre Einkünfte vorrechnet, wie einer, die bis zu ihrer Ermordung ausgesorgt hat. Man ist objektiv, ohne die vornehme Zurückhaltung der »Neuen Freien Presse« mitzumachen, die sich für eine »Mondaine« hält, nicht von der Straße lebt, sondern mit der baute finance verkehrt, eine, die mehr verdient als sie verdient, une dame sévère et impérieuse, die dem Staat imponiert, von mir aber ihre Kopfstücke kriegt. Was freilich das »Deutsche Volksblatt« anlangt, so steht die Sache wesentlich anders. Es ist deutsch-christlich und infolgedessen von Natur leicht geneigt, gegen das Laster intolerant zu sein. Ernst kann das »Deutsche Volksblatt« den Fall einer erdrosselten Prostituierten jedenfalls nicht nehmen: es lacht nicht gerade, aber es hat genug feine Ironie zur Verfügung, um sie in solchem Fall zu verwenden. »Das Opfer«, schreibt es, »ist eines jener » Dämchen «, die des nachts die Kärntnerstraße auf und ab promenieren, um Herrenbekanntschaften zu machen ...« Man dürfte nicht fehl gehen, wenn man behauptet, daß hier die Seele eines schlecht gepflegten Vollbartes spricht, in dem noch beim Anblick einer Toten Raum für ein dreckiges Lächeln bleibt. Jene Seele, die sich auf Nächstenliebe versteht und die auf der Leitmeritzer Geschwornenbank heiter wurde, als man ihr zumutete, die Menscher gegen die Mörder zu schützen. Jene treudeutsche Seele, die auf einem arschen Bewußtsein sitzt und wenn sie selber einmal ein Verlangen hat, ein Verlangen, das nur Ziel, nicht Richtung kennt, ein Verlangen, das nur sie zum Tier macht und nicht das Objekt, und wenn sie es befriedigt hat und wenn sie selbst einen Augenblick der Ekstase in ihrer Erinnerung bewahrte, dennoch unfehlbar für das Erlebnis das Wort »benützen« benützen wird. Eine Redaktion, der noch nie einer, der sie benützte, einen Augenblick der Ekstase verdankt hat, die kaum die Notdurft ordentlich befriedigt, eine Schriftleitung ohne Wasserspülung, ja die muß so fühlen und sprechen. Sie hat ja, schon ehe ein Mörder ihr recht gab, sich über die Prostituierten entrüstet und sie »die am tiefsten gesunkensten Geschlechtsgenossinnen« genannt. Was nur so eine für Wäsche am Leichnam hat! Die Leut' leben! Aber dort, wo das Leben nur ein Lebenswandel war und wo der Tod nur ein Vorleben abschließt, soll man sich gar nicht echauffieren. Lass' mr das Frauenzimmer schlafen! Sie hat sich selbst abgesperrt. Wir kommen zum Frühstück wieder. Wie steht's Herr Nachbar mit der Sinnenlust? Wir wollen uns nichts vormachen. Die Statuten des Vereines Menschheit, wonach das am meisten verachtet werden muß, was man am meisten begehrt, hat die Natur nicht genehmigt. Wie? Das einzige Bedürfnis, dessen Erfüllung nicht wie Essen, Verdauung und Schlaf nur der Gewohnheit schmeckt, sondern der immer festlichen Stunde, dankt jenen nicht, die sich ihm opfern, sondern schmäht sie? Wie, eine Welt, die für Geld alles tut und nur für Geld und auch was sie nicht kann und auch das Schlechte, verpönt den Tausch von Geld und jener Gabe, durch die das Weib erst die ihm zukommende Sittlichkeit beweist? Ich weiß nicht, wie das zugeht. Aber das weiß ich, daß die ärmlichste Masseuse, deren Geld der Zeitungsverleger nicht verachtet, die letzte Handlangerin der Lust, und bliebe ihr Gesicht im Dunkel und wäre sie mißgestaltet, und kehrst du ihr den Rücken – nur dafür, daß sie ihn betasten kann, deinem Glück und Geist näher steht als die Leistung sämtlicher Journale, Kollegien und sonstigen Einrichtungen im Staat, die Wohltat und Fortschritt dir besorgen und deren Dasein schon, nicht deren Leistung, dich aufhält und betrügt, verarmt und schwächt. Kitzeln der Haut dient dem Geist besser als eure Bildung – bei der Ehre der Natur! Ihr alle aber lügt ja nur und peitscht für eure Lüge die, deren Leib noch wenigstens die Wahrheit sagt. Der Geist wehrt sich nicht gegen den Sinnengenuß und erliegt ihm nicht; er weiß und bewahrt den Zusammenhang alles Elementaren. Aber alle Mittelmäßigkeit wehrt sich gegen Geist und Natur, alle bärtige Bildung, die über dem Leben hängt, schwarz wie ein Haarsack, wie die Sonne beim Weltuntergang. Nehmt euch in Acht vor euch! Es ist ja alles Lüge, was ihr treibt; wahr seid ihr nur im Bett! Weil aber eure Wahrheit euern Weibern nicht genügt, so lügt ihr. Ihr lügt, ihr speit sie an, ihr treibt sie auf die Straße, damit ihr vor ihnen die gute Stube voraushabt, in der eure Ehrbaren modern. Denn auch ihnen, den einmal nur fürs Leben Prostituierten, den euch allein und stets nur einmal Prostituierten, genügt die Ehre nicht. Sie möchten auf die Straße und ihr macht aus Wut die draußen nur noch schlechter. Ihr seid zu feig, die draußen und die drin gleich auf der Stelle zu ermorden. Mir wollt ihr eure Ehre vormachen? Eure Stimmen kenne ich, eure Kehlköpfe habe ich nachts auf meinem Schreibtisch und droßle sie, weil sie den einzigen Wohllaut, den Gott erschaffen hat, erdrosselt haben. Seit euch im Hals der Adamsapfel steckt, schiebt ihr es auf das Weib. Nun lügt weiter! Lacht, Kehlköpfe krächzt, Kahlköpfe quiekt, grölt, flucht, Kohlköpfe! Weiter! Erkennt, daß nur die Weiber nackend sind, schämt euch für sie und nicht für euch! Glaubt weiter, ein Kondukt von Prostituierten sei weniger wert die Ehre zu erweisen, die ihr die letzte nennt und die die erste ist, die Menschlichkeit, seit der Geburt entstellt zur Bürgerfratze, seitdem sie lebt der Menschlichkeit erweist. Glaubt, daß ein Zeitungs- und Regierungsrat, der auf den Tod von reichen Juden lauert, um von den Partezetteln Zins zu nehmen, Gott mehr gefällt als eine arme Hure, die nichts ihm zu verdienen gab, als sie gestorben war. Das Opfer der bestialischen Tat ist eines jener Mädchen, die ihren Leib auf der Straße feilbieten, eine jener traurigen Erscheinungen des großstädtischen Nachtlebens, denen die Straße ihren Erwerb bietet.... Diese vom Schicksal enterbten und von der menschlichen Gesellschaft geächteten Wesen sind derartigen Gefahren mehr als andere ausgesetzt. Ihr Gewerbe bringt es mit sich, daß sie sich mit fremden Männern einlassen müssen, ohne lang nach dem Woher und Wohin zu fragen.... Manch eine, die auf irgendeine Weise auf diesen traurigen Weg geraten ist ... mag von Ekel über ihr Gewerbe geschüttelt sein und muß doch freundlich lächeln, und auf der Bahn des Lasters weiterschreiten, weil ihr die Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft versagt ist.... Das Geld, das sie mit ihrer Schande erworben hatte, trieb einen Mann zu dem furchtbaren Verbrechen, dem scheußlichsten aller Verbrechen, dem Prostituiertenmord. Marie Schmidt war, wie uns mitgeteilt wird, bei aller Sparsamkeit gern wohltätig und unterstützte häufig in Not geratene Freundinnen. Dabei trachtete sie zu vermeiden, daß die Beschenkten erfuhren, wer die Spenderin war. Als Marie Schmidt vor einem Jahre erfuhr, daß eine ihrer Freundinnen in Not geraten und der Unterstandslosigkeit preisgegeben. war, lud sie die Freundin ein, bei ihr zu wohnen und zu essen. Um bei der Freundin aber nicht das drückende Gefühl des erhaltenen Almosens aufkommen zu lassen, kleidete sie die Einladung in die Form, daß sie die Freundin als Gesellschafterin engagierte, da sie sich allein in ihrer Wohnung langweile. Tatsächlich behielt sie damals ihre notleidende Freundin einige Wochen bei sich. Wie ist es möglich denn, daß Druckerschwärze nicht mit der Meinung selbst die Farbe wechselt und den Benützern zeigt, wie man errötet? Wie ist es möglich nur, daß Jud und Christ sich immer so in den Vokabeln irren, nicht dort die Schmach zu finden, wo sie stehn, und immer dort nur, wo ihr letzter Auswurf die letzte Spur von Menschentum begräbt! Man zuckt die Achseln. Jeder Meinungsschlampen, der auf sich hält, muß da die Achseln zucken. Denn wenn sich die Wesen und die Geschöpfe, diese Dinger, die in den Redaktionen sitzen, vor der Leiche eines Freudenmädchens nicht Mut machten – bei Gott, sie würden vielleicht eines Tags von Ekel geschüttelt, vom Schicksal enterbt und dann auch endlich von der menschlichen Gesellschaft geächtet werden! Er ist doch e Jud Geehrter Herr! Daß Sie in der letzten Nummer der »Fackel« die Zuschrift eines Lesers aufgenommen haben, in welcher der Ausruf: »Er ist doch e Jud« wiedergegeben wird, kann ich nicht als vollen Beweis von Mut betrachten. Dagegen muß es Mut und Wahrhaftigkeitsgefühl bekunden, wenn Sie der Beantwortung folgender zwei Fragen, die sich ja schon alle Ihre Leser gestellt haben müssen und die für viele, darunter auch für mich ein psychologisches Rätsel bedeuten, nicht aus dem Wege gehen. 1. Glauben Sie, daß Ihnen nichts von allen den Eigenschaften der Juden anhaftet? 2. Welche Stellung nehmen Sie zu dem Satze der Rassenantisemiten, dem auch Lanz-Liebenfels beipflichtet, ein: »Aus der Rasse kann man nicht austreten«? Ich halte in Ihrem Interesse die Auseinandersetzung mit Ihrem Leserkreis über diese Fragen für notwendig. Hochachtend ... Ich bin anderer Ansicht und halte die Auseinandersetzung in meinem Interesse mit meinem Leserkreis über gar keine Frage für notwendig. Ich halte in meinem Interesse auch Zuschriften, wiewohl ich sie noch immer bekomme, nicht für notwendig und halte sogar alle Sorgen, die sich die intelligenten Leute im allgemeinen und über mich im besondern machen, nicht für notwendig. Auch ist es nicht meine Sache, mir meinen Kopf von fremden Leuten zerbrechen zu lassen. Auch ist es nicht mein Geschmack, mit andern Leuten in einem gemeinsamen Problem zu wohnen oder das nächstbeste zu beziehen, das mir einer offenhält. Denn so pflegen meine Arbeiten nicht zu entstehen. Ferner muß ich es ablehnen, außer den Proben von Mut und Wahrhaftigkeitsgefühl, die ich schon von selber liefere, mir noch Fleißaufgaben stellen zu lassen. Da mein Tag ohnehin mehr Überstunden als Stunden hat und ich mit der Nacht nicht auskomme, wollen wir uns diese Zugaben gar nicht erst einführen. Dennoch muß ich bekennen, daß Dinge, die ich sagen wollte, oft auf das Stichwort eines beliebigen Lesers gewartet haben und daß ich manchmal für die Offerierung eines vorhandenen Mißverständnisses dankbar war, um die längst vorbereitete Antwort loszuwerden. Der Stein des Anstoßes, den ich wegräume, darf aber darum ja nicht glauben, daß er mir den Weg geebnet hat. Ich will antworten, ohne den Schein einer Korrespondenz auf mich zu laden. Und ich antworte umso lieber, als mir die Gesinnung, die da fragt, des Ausrufs: »Er ist doch e Jud« hinreichend verdächtig erscheint. Ich bemerke vorerst, daß ich, sorglos, so aus dem Tag herauslebend, mir über so wichtige Probleme wie über das Rassenproblem noch gar keine Gedanken gemacht habe. Denn sich Gedanken machen heißt nicht einmal die haben, die es schon gibt, und gerade die machen sich die Leute. Meine Unbildung bringt es mit sich, daß ich über das Rassenproblem kaum so viel auszusagen wüßte, als notwendig ist, um in einem halbwegs anständigen Kegelklub, der auf sich hält, noch für einen intelligenten Menschen zu gelten. Trotzdem war es möglich, daß ein Fachmann wie der Dr. Lanz von Liebenfels, auf den sich auch mein Prüfer beruft, mich als den »Retter des Ario-Germanentums« angesprochen hat. Wie das zugeht, weiß ich nicht, da doch diese Rassenantisemiten auch den Satz aufgestellt haben: »Aus der Rasse kann man nicht austreten.« Ebensowenig wie aus der Schule, in der das Leben unerträglich ist, weil man geprüft wird. Ich habe aber das unbestimmte Gefühl, daß man auch aus dem Leben nicht austreten kann, wenn man sich auch umbringt, und daß man, ohne sich umzubringen, jenes höhere Leben des Geistes führen kann, dem man doch rettungslos verfallen wäre, wenn man sich umbrächte. So glaube ich wohl, daß man auch innerhalb der Rasse jenen höheren Zustand bewähren mag, der einmal keiner Rasse versagt war oder der, ihr einmal erreichbar, sie nie unerträglich gemacht hätte. Und so ist es mir wohl auch möglich, Eigenschaften zu hassen, die ich auf jenem Stand der Judenheit, wo sie sich noch nicht von Gott selbständig gemacht hatte, vergebens suchen würde. Dagegen zu behaupten, und damit die erste Frage zu beantworten: daß ich nicht nur glaube, sondern wie aus der Erschütterung eines Offenbarungserlebnisses spüre, daß mir nichts von allen den Eigenschaften der Juden anhaftet, die wir nach dem heutigen Stand der jüdischen Dinge einverständlich feststellen wollen. Wenn wir aber auch zugeben, daß hundert Jahrgänge sämtlicher antisemitischer Drucksorten ein elendes Stammeln sind neben der Sprache, die eine einzige Glosse der Fackel spricht, so wollen wir doch der Tendenz solchen Judenhasses die Ehre lassen, daß sie zu einem Ursprung strebt und nie zu einem Ziel. Ich glaube von mir sagen zu dürfen, daß ich mit der Entwicklung des Judentums bis zum Exodus noch mitgehe, aber den Tanz um das goldene Kalb nicht mehr mitmache und von da an nur jener Eigenschaften mich teilhaftig weiß, die auch den Verteidigern Gottes und Rächern an einem verirrten Volk angehaftet haben. Ich weiß nun doch nicht, was heute jüdische Eigenschaften sind. Wenn es nur eine gibt, die alle andern, besseren verstellt, Macht- und Habgier, so sehe ich diese auf alle Völker des Abendlandes gleichmäßig und nach dem Ratschluß teuflischer Gerechtigkeit verteilt, und wenn dann nur noch eine bleibt, der singende Tonfall, in dem sie ihre Geschäfte besorgen und besprechen, so sage ich, daß ihn die anderen auch treffen könnten, denn es ist der Tonfall, der das Rollen des Geldes wohlgefällig begleitet. Es ist die Sprache der Welt, es ist ihre Sehnsucht und wir dürfen sie, müssen sie darum als einen jüdischen Zug ansprechen, weil es die Mission der Juden war, dank ihrer Überredungsgabe, Ausdauer und größeren Übung im durch die Welt kommen, dieser eben diese Eigenschaften anzuhängen. Nun lebt aber jener inferiore Antisemitismus, der, zu feige, um dem Ansturm des kosmopolitischen Judentums nicht zu erliegen, sich an der ehrwürdigen Beute einer vom Judentum selbst verratenen Lebensart schadlos hält. Und diesem Antisemitismus ebenbürtig lebt ein Renegatentum, dessen Beweggrund nicht jener heimliche Altruismus ist, der in die Zeiten wirkt und kommenden Geschlechtern das Leben erleichtert, sondern das um einer unmittelbaren sozialen Geltung willen sich den Feinden anbietet. Hier ist der Einwand: »Er ist doch e Jud« völlig an jenem Platze, den der Jude selbst um den Preis zu beherrschen sucht, daß er Christ wird. jetzt frage ich aber eine der zehntausend christlichen oder jüdischen Hundeseelen – das Wort nur im Menschensinn, nicht in dem der besseren Kreatur verstanden – die mir, seitdem ich sie hasse, mein Judentum apportieren: ob sie wirklich auch nur einer Zeile, die ich je geschrieben habe, oder einer Handlung, die ich getan habe, das Streben anriechen können (wenngleich wollen), mich durch eine Aversion gegen jüdische Dinge in jenen Kreisen lieb Kind zu machen, deren Aversion gegen die jüdischen Dinge ein wohlfeiler Spott ist und ein Kinderspiel gegen die meine. Ob sie mich wirklich für einen solchen zielstrebigen Trottel oder auf den Kopf gefallenen Haderlumpen halten, daß ich Händlern und Wechslern nur nahetrete, um deren eigenes Geschäft zu machen. Ob sie wirklich glauben, daß ich darauf aus sei, das Judentum, dem ich entstamme, zu »verleugnen« um etwa mit Grafen, Offizieren und Prälaten verkehren zu dürfen. Ich will es ja nicht in Abrede stellen, daß ich, jenseits aller politischen Anschauung, Grafen, Offiziere und Prälaten im Prinzip für bessere Verbündete der menschlichen Gesittung halte, als Spekulanten, Psychologen und Originalberichterstatter. Daß ich allen Rückschritt nur perhorresziere, weil er sich vom Fortschritt zur Umkehr verleiten läßt, und allen Zwang nur, weil er die Erpressungen der Freiheit duldet, und daß meine Auflehnung nur einem Staate gilt, der ein Schutzverband ist seinen Feinden, und mein Feuer einem Hausherrn, der seinen Einbrechern die Laterne hält – die Karyatiden vorn, die sind noch sein Besitz! Wer aber glaubt darum, daß ich um einer schäbigen Ambition, um eines Geschäftes, um einer Eitelkeit willen solch armen Besitzern zuliebe rede, kurz um aller jener Wünsche willen, die ich in den für Ambition, Geschäft und Eitelkeit sachverständigen Kreisen viel müheloser, schneller und ausgiebiger befriedigen könnte? Wer glaubt, daß ich den Vorteil, den ich nicht fände, mir von der Verachtung, die ich ernten würde, versüßen lassen wollte? Und daß nicht selbst dort mehr Ehre zu holen wäre, wo mehr Geld ist und mehr Presse? Wo die Unterdrückten die Unterdrücker unterdrücken? Jeder Schritt, den ich getan habe, war ein verzweifelter Versuch, an einer Geltung einzubüßen, die zu gewinnen die Hoffnung eben jener ist, die kalten Herzens ihren Stamm verraten würden, wenn solche Anstrengung heute noch nötig und wenn es nicht viel schöner wäre, ein Jud zu sein und dennoch Österreich zu beherrschen! Es konnte also nur die maßlose geistige Unterernährung, die das Leben der Phrase herbeigeführt hat, solche Verkennung meiner Absichten ermöglichen. Aber sie ist so toll, daß ich vielmehr glaube, das Entsetzen einer auf den Vorteil eingerichteten Gesellschaft vor einem, der gegen den Vorteil lebt, habe sich hier in die Notwehr der Verleumdung gerettet. Das Um und Auf meiner politischen Gesinnung besteht darin, daß ich diesem aller Männlichkeit abtrünnigen und allen Glauben zu sich herabzweifelnden Wesen den Ruin der Welt und des Staates im besondern zuschreibe, dieses Staates, der in Wahrheit der Exponent aller Unruhe ist und allen femininen Verfalls. Ich kann daraus keinen Leitartikel, aber tausend Gedichte machen. Und weiß dabei nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, an jeden Atemzug, den ein Gedanke braucht, um Wort zu werden, so viel Leidenschaft und Weltentbehrung zu wenden, daß man es einem Werk von fünfzehn Jahren nicht ansieht, und so die Zeit zu vergeuden, die sich die Händler und Genießer der Literatur nur vertreiben wollen. Ich weiß nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, das Buch Hiob lesenswert zu finden, oder ob es Antisemitismus ist, ein Buch Schnitzlers in die Ecke des Zimmers zu werfen. Ob es jüdisch gefühlt ist oder deutsch, zu sagen, daß die Schriften der Juden Else Lasker-Schüler und Peter Altenberg Gott und der Sprache näher stehen, als alles was das deutsche Schrifttum in den letzten fünfzig Jahren, die Herr Bahr lebt, hervorgebracht hat. Mit der Rasse kenne ich mich nicht aus. Wie sich die Dummheit deutschvölkischer Schriftleiter und Politiker das denkt, wenn sie mich als einen von ihren Leuten anspricht, und wie sich der koschere Intellekt das zurechtlegt, wenn er mich als einen von unseren Leuten reklamiert, und umgekehrt – das weiß ich nicht, das geniert mich nicht, das geht mir bei einem Ohr hinein und zum Hals heraus. Ich weiß nicht, ob es antisemitische Streberei ist, den Ringstraßenjuden, der nie in den Tempel geht, aber am 18. August in die Pfarrkirche von Ischl, für beiweitem keine so erfreuliche Erscheinung zu halten wie Herrn Bielohlawek, und ich weiß nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, einen alten Schnapsschänker im Kaftan kulturvoller zu finden als ein Mitglied der deutsch-österreichischen Schriftstellergenossenschaft im Smoking. Ich weiß das alles nicht. Wie es mit mir beschaffen ist, kann ich nicht sagen, wenn es nicht aus meinem Lebenswandel ersichtlich ist, und ist es das, so muß ichs nicht sagen. Ich glaube, daß hier wie überhaupt bei der Erschaffung des Menschen und bei der Erschaffung der Werke durch den Menschen, höhere Einflüsse im Spiele sind, als sich bei gebildeter Betrachtung des Rassenproblems zeigen mag. Denn wer beim Wissen stehen geblieben ist, wo man geradezu ahnen kann, wird mit diesen Dingen ja doch nicht fertig. Immerhin ist es gut, daß ein Prüfer, der mehr fragt als hundert Weise beantworten können, mich auf Lanz von Liebenfels verweist, der dem Problem allerdings als Forscher, nicht als Versammlungsredner gegenübersteht. Dieser hat mich für den Retter des Ario-Germanentums erklärt, da er aber inzwischen durch Information erfahren haben dürfte, daß ich jüdischer Abkunft sei, sich offenbar eines Mißgriffs schuldig gemacht. Oder er wußte es, weiß es, und hält seine Meinung trotzdem aufrecht: dann ist er eines Widerspruchs verdächtig. In jedem Fall hätte nicht ich, sondern er die Sache aufzuklären. Er hat es aber schon getan und der Prüfer wird nichts dagegen haben, daß ich ihn zur Lösung des psychologischen Rätsels an den Sachverständigen zurückverweise, von dem er gerade kommt. Der sagt, man könne nicht aus der Rasse austreten, und ich solle nun zusehen, wo ich bleibe. Aber im Jahr 1910, im 40. Heft der Monatsschrift »Ostara«, hat jener ein Gutachten erstattet, das zu zitieren nicht die jüdische Eigenschaft der Eitelkeit, sondern die christliche der Nächstenliebe gegen einen Fragenden gebietet: Im Grunde sind sie eine mediterran-mongoloide Mischrasse; bei den höherstehenden und edler veranlagten Typen ist stets heroischer Rasseneinschlag. ... Diesem blonden Judentypus entstammen sehr viele Genies, die sich teils durch hervorragenden Intellekt, teils durch ehrenwerten Charakter auszeichnen, letzteres insbesonders dann, wenn der mongolische Einschlag nicht gar groß ist. Dem intellektuellen Typus gehörte z. B. Heinrich Heine an, während z. B. Spinoza und Karl Kraus, der Herausgeber der Wiener »Fackel« (entschieden der größte jetzt lebende deutsche Prosaist), jenem Typus angehören, der hervorragenden Intellekt mit einer vornehmen Gesinnung verbindet. Man sieht, der Sachverständige hilft sich mit blond und schwarz. Die Eitelkeit gebietet nur festzustellen, daß ich den Fall Heinrich Heine vielmehr jenen Fällen angliedern möchte, die schwarz sind und deren intellektuelle Hochzüchtung sie weitab vom Genius führt. Dagegen glaube ich nicht, daß diesem der mongolische Einschlag unbequem und die Weltordnung ausschließlich auf die Erhaltung des germanischen Typus abgezielt ist. Doch darüber weiß ich nichts und ich wurde ja zum Glück nur aufgefordert, Farbe über meine Rasse zu bekennen, nicht die Farbe meiner Rasse. Auch ob meine Antwort hinreichend Mut und Wahrhaftigkeitsgefühl bekundet hat, kann ich nicht wissen. Wenn es der Fall ist, möchte ich mir die Gegenfrage erlauben, ob es jüdische Eigenschaften sind, oder vielmehr solche, die für jüdische Eigenschaften keinen Spielraum mehr lassen. Eine meiner schlechtesten Eigenschaften ist gewiß, daß ich im Gegensatz zu meinen Lesern mir nur ungern Meinungen bilde und daß ich meine, es sei viel besser, Eigenschaften als Meinungen zu haben. Ich meine aber, wenn sich ein Schwergeprüfter doch eine Meinung erlauben darf, daß es Eigenschaften gibt, die andere Eigenschaften ausschließen. Bin ich zum Beispiel mutig und wahrheitsliebend, so kann ich nicht auch praktisch und gewinnliebend sein. Meint eben jener Ariogermane von eben diesem gebornen Juden: »Sein Wesen aber ist sein großes tief menschlich fühlendes, jedes fremde Unrecht als einen persönlichen, körperlichen Schmerz empfindendes Herz und seine unbestechliche Rechtlichkeit«, so kann er nicht auch der Meinung sein, daß ich jeden fremden Schmerz als Wohltat empfinde und jede Sensation als Gelegenheit. Bin ich ein Vielschreiber, dem jeder Buchstabe zum Wundmal wird – wer wird behaupten können, daß ich ein Journalist bin? Es müßte denn eine jüdische Eigenschaft sein, keine zu haben. Das kann vorkommen, so sind schon Religionen entstanden, aber unsere Zeit ist vor solchen Weiterungen bewahrt. Bleibt nur, daß es eine jüdische Eigenschaft sein könnte, eine »Doppelnummer«, der die armen Schächer des Humors genau das doppelte Geschäft von einer einfachen Nummer nachweisen können, vernichten zu lassen, weil ich entdecke, daß ein Fragezeichen der Welt nur eine Grimasse schneidet, anstatt daß ein Rufzeichen ihr eine Zuchtrute stellt! Eros und Themis Manchmal fragt man sich, ob das Alles, was wir so im Lauf eines Jahres an öffentlicher Erörterung und krimineller Behandlung sexueller Dinge erleben, nicht ein Scherz sei, ausgeheckt von freien Hirnen, die ihren Zeitgenossen bloß ein Schreckbild der Heuchelei vorführen möchten. Ein solcher Abgrund der Sittlichkeit kann sich vor unseren Augen nur im Bilde, nicht in der Wirklichkeit auftun. Sollte die Menschheit, deren Weg angeblich die Befreiung von den Strangulierern individueller Rechte bedeutet, mit befreitem Willen ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht opfern? Nein, die Nachricht muß falsch gewesen sein: Oscar Wilde lebt, er ist nicht für eine Laune seiner Nerven schändlich hingemordet worden. Und Maxim Gorki mußte nicht Schimpf erdulden, weil er aus dem Gefängnis zum Krankenbette seiner Geliebten eilte. Es ist nicht wahr, daß die Menschen den Ursprung ihres Werdens und den Quell ihrer Glückseligkeit fliehen, wie man einen pestverseuchten Ort flieht, daß sie am Tag besudeln, was sie des Nachts ersehnen, daß der Mann sich belügt und die Frau um ihre Lebensfülle betrügt, und daß er die Huldinnen dieses armen Daseins in den sozialen Verachtungstod hetzt. Es ist nicht wahr, daß er dieselbe Tugend, auf deren Zerstörung seine Instinkte zielen, zum Maß der Frau macht, und daß er den Wert der Frau ins verkehrte Verhältnis zu der Summe der Freuden setzt, die sie gespendet hat ... Ja, wäre die Furcht, in der die Menschheit vor ihren Hoffnungen lebt, nur ein häßlicher Traum! Aber wir wachen mit unerbittlicher Bewußtheit. Wir wachen vor den Schlafzimmern unserer Nebenmenschen. Wir fühlen uns noch immer verpflichtet, jenes öffentliche Ärgernis beizustellen, das eine Privatsache nicht hervorrufen würde, wenn sie unseren Blicken verborgen bliebe. Wir halten die Zeitung in der Hand, die es uns gewissenhaft meldet, wenn irgendwo zwei interessante Leute sich zu geschlechtlichem Tun gesellt haben, und wir kritzeln hocherfreut an den Rand den Namen der Frau, der in einem Prozeß mit impertinenter Diskretion so angedeutet wurde, daß wir ihn besser behalten, als wenn er genannt worden wäre. Ein junger Mann ist des Betruges angeklagt. Zum Beweise der Tat muß sein Sexualverkehr, nach Intensität und Richtung, vor den Geschwornen erörtert, müssen die Liebesbriefe einer Künstlerin, die so unvorsichtig war, sich nicht vor der Entscheidung ihrer Geschlechtsnerven eine Leumundsnote über den Erwählten zu verschaffen, in geheimer Verhandlung verlesen werden. In einer Verhandlung, die so geheim geführt wird, daß die Fanghunde der öffentlichen Meinung Gelegenheit haben, die pikantesten Brocken zu erhaschen. Und siehe, wieder einmal geht ein grenzenloses Staunen durch die Welt, daß es noch so etwas wie geschlechtlichen Verkehr gibt, und seine letzte Repräsentation wird mit all dem sittlichen Unflat beworfen, den die öffentliche Meinung nur in der Eile zustandebringen kann. Die ewige Nachbarin öffentliche Meinung! Daß ein Lump Betrügereien verübt hat, erklärt sie ohneweiters aus der Tatsache, daß eine Künstlerin Liebesbriefe geschrieben hat. Liberale Diskretion nennt diese bloß die »bekannte Schauspielerin«, aber ein christlichsozialer Lümmel, der seine Entrüstung nur in Rufzeichen, seinen Hohn nur in Gänsefüßchen und seine Dummheit nur in Gedankenstrichen ausdrücken kann, erstarrt vor Entsetzen bei der Vorstellung, daß ein Betrüger mit dem Plan umging, die »Dame« (!) zu – – heiraten«. Der Vorsitzende hieß nicht Feigl, sondern Hanusch. Daß es einen Paragraphen im Strafgesetz gibt, der die Mitteilung ehrenrühriger Tatsachen aus dem Privat- und Familienleben ahndet, schien er nicht zu wissen. Und richterliche Unkenntnis des Gesetzes schützt bekanntlich den Angeklagten nicht vor Strafe und den Zeugen nicht vor der Pein des Verhörs. Eine Frau mußte es büßen. Mit Vergnügen ging der Gerichtshof auf die tiefsinnige Absicht des Verteidigers ein, die anormale Geistesverfassung seines Klienten durch die »Perversität« seiner Geschlechtsübungen zu beweisen. Die Belege der Unzurechnungsfähigkeit dienen dann einer hartgesottenen Kriminalistik als Beweise jener sittlichen Verlotterung, der auch ein Betrug zuzutrauen ist, und eine pikante Abwechslung ist nicht zu verschmähen. Der populäre Wahn, der Geist und Charakter des Menschen – vor allem des Nebenmenschen – von der Richtung seines Sexualgeschmacks bestimmt sein läßt, wird von Juristen und Psychiatern als ein Grundsatz geheiligt, aus dem sie nur verschiedene Konsequenzen ziehen. In Wahrheit wäre höchstens die von Geburt an auf das eigene Geschlecht gerichtete Sexualtendenz pathologisch zu deuten. Und bloß die des Mannes, die den Mann fälschlich als sexuelles Wesen bejaht und als den Träger von Ethik und Vernunft ausschaltet, könnte die Gesellschaftsordnung berühren. Im Weib, als dem an sich sexuellen und antisozialen Wesen, vermag auch die Wendung zum eigenen Geschlecht nicht ein neues antisoziales Moment zu schaffen. Aber welche Überhitzung oder Raffinierung normaler Triebe könnte anders denn als Geschmackssache und somit Privatsache der Beteiligten aufgefaßt werden? Sind wir noch immer nicht über den geistigen Horizont eines Krafft-Ebing hinaus, der sich über die Resultate seiner wissenschaftlichen Forschung sittlich entrüstet? Der Phantasie für krankhaft und Krankhaftigkeit für ein Laster hält? Er spricht von einer Ausgeburt höllischer Phantasie, wenn der sinnliche Strom einmal wo anders mündet, als es in den Normalien vorgezeichnet ist, wenn zwei Menschen das tun, was die Asexualität, die über die bloße Andeutung der Gefühle nicht hinauskommt und sich darum fast stets prostituiert, als »Perversität« verfehmt, was aber gesunde Unbewußtheit seit Erschaffung der Welt als selbstverständlichen Ausdruck der Leidenschaft betätigt. In der Liebe gibt es nichts Anstößiges, solange der unbeteiligte Moralrichter nicht seine Nase hineinsteckt und die Nachtwandler zur Besinnung ruft. Eine Schauspielerin kann eine große Frau und eine große Künstlerin sein, auch wenn die »Konstatierungen«, die ein Gerichtshof vorzunehmen sich unterfängt, »kraß« sind. Vielleicht noch größer, wenn noch krasser! »Die Ergebnisse dieses Teiles des Beweisverfahrens entziehen sich der Veröffentlichung«. Dieser Satz bedeutet mehr als die Veröffentlichung; der grinsende Reporter sagt mehr als der sprechende. Aber die »Neue Freie Presse« ist so nachsichtig, in solchem Falle »auf eine stark ausgesprochene Geistesstörung zu schließen.« Nichts ist, wie man weiß, in den Augen einer Kupplerin verächtlicher, als die Sphäre, in der sie wirkt. Aber daß sich die alte Fichtegasslerin noch immer entrüsten kann, ist erstaunlich. In derselben Nummer, in der sie über die krasse Perversität von Privatleuten das Maul verzog, trug sie auf ihrem Hinterteil die Ankündigung der folgenden sinnigen Namen von Masseusen: Hedwig Faust, Ida Schlage, Wanda Stockinger, und zwei Wanda Schläger, die in verschiedenen Gassen wohnen . Ein paar Tage später auch die folgenden: Minna Beinhacker, Jeanette und Wanda Stock, Paula Ruthner, Carola Prügler. All diese Trägerinnen vielversprechender Pseudonyme dienen einem Bedürfnis, an dessen Verbreitung in den höchsten Schichten der Gesellschaft der Moralrichter nicht glauben könnte. Haben somit ihre Existenzberechtigung. Auch die »Neue Freie Presse«, die ihre Annoncen bringt, dient diesem Bedürfnis. Hat somit auch ihre Existenzberechtigung. Ich frage aber, wer dabei den höheren Anspruch auf die sittliche Anerkennung der Menschheit hat: die Masseusen, die die »Neue Freie Presse« bezahlen, oder die »Neue Freie Presse«, die von ihnen Bezahlung nimmt und im Textteil die ihr anvertrauten Interessen schmählich verrät? Hat die abgehärtetste Meinungsdirne ein Recht, den Wert der Virginität zu preisen? Werden wir doch einmal vernünftig! Gewöhnen wir uns doch endlich den Ton des Erstaunens ab, der höchstens noch einem Staatsanwalt ansteht, wenn er eine »Lasterhöhle« ausgehoben hat, in der sichern Überzeugung, daß dies die letzte sei, in der sündige Menschen den Versuch machten, Naturgebote zu erfüllen und Strafparagraphen zu übertreten! Lassen wir die Dummköpfe unter sich und nehmen wir ihnen den Wahn, daß sie wirklich die Vollstrecker unserer Ethik seien! Wenn wir fortfahren, mit dem, was zwischen vier Wänden geschah, die »Ehre« zu belasten, so könnten wir Gefahr laufen, daß ein mutiger Mann oder eine mutige Frau uns das Klatschmaul mit dem gewissen Paragraphen stopft, der zwar auch so rückständig ist, unsere Heimlichkeiten »ehrenrührig« zu nennen, aber doch so gerecht, ihre öffentliche Erörterung zu untersagen. Achten wir diesen Paragraphen, der die Stelle bedeutet, wo unser altes Strafgesetz feinfühlig ist, und der uns sogar einen kulturellen Vorzug vor den reichsdeutschen Bürgern gibt, die es sich gefallen lassen müssen, daß die Angelegenheiten ihres Sexus in das Gebiet des »erweislich Wahren« gerückt werden. Achten wir diesen Paragraphen, der wie ein Wächter vor unserem Alkoven steht, mag darin geschehen, was wolle, diesen Paragraphen, in dem die christliche Sexualmoral gleichsam das Gebot der Nächstenliebe erfüllt hat. Achten wir Zuschauer einer Gerichtsverhandlung ihn, wenn ihn schon Richter nicht achten! Das Schauspiel, wie Männer in Amt und Würde sich an den Briefen einer Frau ergötzen, auf jedes Detail einer Liebesnacht mit verglasten Augen starren und die Wonnen der Imagination mit zwölf angeregten Ehemännern aus dem Volke teilen – wir wollen es nicht haben, wir wollen dieses Vergnügen sozusagen aus zweiter Hand nicht genießen. Es ist pervers, und »die Ergebnisse dieses Teiles des Beweisverfahrens entziehen sich der Veröffentlichung«. Die geheimen Verhandlungen sind die geheimen Sünden der Justiz. Die Gerechtigkeit welkt in verbotenen Freuden und wird hysterisch. Themis spielt Blindekuh mit Eros, sie sieht den schönen Knaben nicht, aber sie spürt die Nasenstüber, die er ihr ohne Unterlaß versetzt. Er zupft sie am Unterrock und foppt sie beim Wägen ... Wir aber haben keine Binde vor den Augen. Wollten wir den Versuch, nach der Geschmacksrichtung des Menschen seine moralischen und geistigen Werte zu bestimmen, ernst nehmen, wollten wir von allen Häusern die Dächer und von allen Schlafzimmern die Decken heben, wir müßten unseren Glauben an die Menschheit verlieren. Wenn er ausschließlich in dem Vertrauen zur normalen Geschlechtspflege seine Wurzeln hat, stehen uns arge Enttäuschungen bevor. Welche Mühsal auf der Suche des Glücks! Welche Qual der Freude! Im Schweiße deines Angesichts sollst du deinen Genuß finden ... Wie plagt sich der Mann um die Liebe! Aber wenn eine nur Wanda heißt, wird sie mit der schönsten sozialen Position fertig. Die Decken ab: Wir sehen hier einen tüchtigen General, wie er von einer Prostituierten geschlagen und zur Kapitulation gezwungen wird, oder wie er in dem »Anbinden«, das doch als Militärstrafe längst abgeschafft wurde, eine Wohltat erblickt, dort einen Geistlichen, der am Fensterkreuz stöhnt; hier einen Minister, der der Frau eines Subalternbeamten den Schuh küßt oder die Schleppe nachträgt, dort einen Gelehrten, der vor den Reizen einer Gassencirce sieht, daß wir nichts wissen können. Und sie alle sind – etwa mit Ausnahme des Ministers – in ihrem Berufe tüchtig und angesehen und obliegen ihren Besonderheiten in vollster geistiger und körperlicher Frische bis in das Alter des Psalmisten, und wenn ihr Leben köstlich gewesen ist, so ist's Mühe und Arbeit gewesen. Ethik und Strafgesetz »Er hat, um einem Universitätsprofessor den Gerichtsskandal zu ersparen und der gekränkten Familienmoral dennoch eine Genugtuung zu verschaffen, über jenen den Verlust des Lehramts nebst mehrjähriger Landesverweisung zu verhängen gewünscht«. Aber das ist doch nicht einmal eine Unanständigkeit?, dachten und sagten die Leser des Artikels »Erpressung«; wie sollte es eine strafbare Handlung sein? Wenn Leser wirklich immer zu lesen verständen, hätten sie auch verstanden, daß ich jene Handlung, da ich sie in dem oben zitierten Satz formulierte, selbst nicht als unanständig werte, hätten sie auch die ausdrückliche Betonung dieser Meinung dort nicht übersehen, wo ich die Möglichkeit offen lasse, eine »bessere Absicht als Gesetzeskenntnis« könne hier bestimmend gewesen sein. Zweifellos hat der Rechtsanwalt und Vater, wenn ihm nicht mehr vorzuwerfen ist als die Tat, deren er sich in einer Zuschrift an die Tagespresse selbst zieh, ethisch einwandfrei gehandelt. Und dennoch strafbar? Wir können uns nicht daran gewöhnen, Sittlichkeit und Kriminalität, die wir so lange für siamesische Begriffszwillinge hielten, von einander getrennt zu sehen. Vom Tyrannenmörder, der die Not seiner Volksgenossen endet, bis hinunter zum Mitglied des Tierschutzvereins, das seinem Hündchen den Zwang des Maulkorbs ersparen will, erfüllen sie alle das sittliche Gebot, die Selbsthelfer – und können dennoch vor dem Strafgesetz nicht bestehen. Das macht: die schönste Entfaltung meiner persönlichen Ethik kann das materielle, leibliche, moralische Wohl meines Nebenmenschen, kann ein Rechtsgut gefährden. Das Strafgesetz ist eine soziale Schutzvorrichtung. Je kulturvoller der Staat ist, umso mehr werden sich seine Gesetze der Kontrolle sozialer Güter nähern, umso weiter werden sie sich aber auch von der Kontrolle individuellen Gemütslebens entfernen. Wenn ich mein eigenes materielles, leibliches, moralisches Wohl gefährde, wenn ich hazardiere, von der Eisenbahn abspringe, mich prostituiere, so kann nur die Beschränktheit in Volksschulzucht zurückgebliebener Gesetzgeber mich »schuldig« werden lassen. Aber gerade der Staat, der sich Vormundsrechte anmaßt, wird die familiäre Sorge bis zur Vernachlässigung sozialer Rücksichten treiben. Mit beichtväterlicher Liebe zürnt er meinen Lastern und sieht nicht, entschuldigt es vielleicht, wie meine Tugenden den Wohlstand meines Nächsten gefährden. Ich bin so »anständig«, nicht sofort zum Staatsanwalt zu laufen, wenn ich einen Hausfreund im Verdacht einer kriminellen Handlung habe; ich »begnüge mich«, selbst die Sühne zu bestimmen, die er zu leisten hat. Aber dies kulante Entwederoder, das mir mein Zartgefühl eingegeben hat, bedrückt den Schuldigen, dessen Schuld der Staat vielleicht mit einer geringern Strafe ahnden wird, als ich ihm zuerkenne, peinigt den Unschuldigen. Vor Gericht kann er leugnen und wird vielleicht freigesprochen, vor meinem Privatrichterstuhl muß er sich schuldig bekennen, um der Gnade meines Willkürrechts sicher teilhaftig zu werden. Dies sollte, wenn hundertmal Familienrücksichten und andere sittliche Regungen mich bestimmten, statthaft sein? Nur die Grausamkeit des geltenden Gesetzes hindert uns, in einem Fall, der sämtliche Merkmale jenes Delikts trägt, von dem der Erpressungsparagraph handelt, dessen Anwendung zu wünschen. Wer getan hat, was hier beschrieben ward, ist nun einmal – das Laiengefühl behält ja Recht – kein »Erpresser«, kein »Verbrecher«. Aber sicherlich wäre er, wenn unter Aufrechterhaltung seines Sinns Terminologie und Strafausmaß des Gesetzes vernünftig abgestuft würden, ein »Nötiger«, ein »Übertreter«. Kein sittlicher Makel bliebe an ihm hängen, wenn er, der aus sittlicher Erwägung in das Strafmonopol des Staates eingegriffen hat, entsprechend gestraft würde. Hunde müssen nun einmal, und gehörten sie den zartfühligsten Tierfreunden, Maulkörbe tragen! Es mag paradox klingen, aber wo kämen wir hin, wenn alle moralischen Handlungen ungestraft blieben? Und wo kommen wir hin, da noch immer so viele unmoralische Handlungen gestraft werden? Ein Gegenstück zu der Erpressung aus Gemüt ist etwa die Gelegenheitsmacherei. Man muß es immer wieder sagen, daß sie als bloße Vermittlung oder Vermietung einer Gelegenheit für den geschlechtlichen Verkehr zwischen zwei willigen und mündigen Menschen kein wirkliches Rechtsgut verletzt, daß ihre Bestrafung eine Dummheit ist, daß eine Gerichtsverhandlung über dieses Delikt nicht die sittliche Läuterung der beteiligten Kreise, sondern höchstens das Bedauern über das zu späte Bekanntwerden einer Adresse zur Folge hat. Wird aber, wer die Kriminalität der Gelegenheitsmacherei leugnet, darum behaupten, daß sie eine ethische Handlung ist? Das wird nicht einmal der Kulturmensch tun, der Menschliches nach Menschenmaß beurteilt, sittliche Entrüstung nur in dringenden Fällen verausgabt und das Seelenheil von alten Weibern, die von den spärlichen Erwerbswegen den bequemsten wählen und einer unausrottbaren Naturnotwendigkeit eine stille Gasse öffnen, für keine soziale Frage hält. Aber nur, wenn wir diese Naturnotwendigkeit, nach dem Buchstaben eines hundertjährigen Gesetzes, an sich als ein »unerlaubtes Verständnis« ansehen, wenn wir jenen Akt, ohne den höchstwahrscheinlich kein Gesetzgeber, kein Staatsanwalt und kein Polizeikommissär auf die Welt gekommen wäre, an sich für strafwürdig halten, dürfen wir Prostitution und Gelegenheitsmacherei in den Bereich der Kriminalität verweisen. Aber auf dem Gebiete der Sexualmoral können bloß die Unmündigkeit, die freie Selbstbestimmung und die Gesundheit als Rechtsgüter in Betracht kommen, nie und nimmer die Sittlichkeit als solche; und nur für die Schädigung des andern Teils kann ich zur Verantwortung gezogen werden. Jene Ethik aber, die Rechtsgüter nicht achtet, sondern gefährdet, könnte man die blinde Ethik nennen. Wir haben gesehen, daß sie vor allem die »Nötigung« verschuldet, gegen die das harte Gesetz anzurufen man sich scheut, die aber, wenn sie völlig straflos bleibt, das schlimmste Präjudiz der Selbsthilfe schafft. Auch im Problem der »Bestechung« spielt sie eine Rolle. Sich bestechen lassen, ist immer unsittlich. Bestechen ist nur dann unsittlich, wenn der Zweck, zu dem ich's tue, an sich ein unsittlicher ist oder wenn er die Erlangung eines mir zwar gebührenden Vorteils bedeutet, der aber in keinem Verhältnis zu dem der Öffentlichkeit aus der Korruption erwachsenden Nachteil steht. In Österreich wäre nur der Beamte, der sich bestechen ließe, strafbar, nicht der Zeitungsmann und nicht der Parlamentarier. Nur strafbar, wer einen Beamten, nicht wer einen Zeitungsmann oder einen Parlamentarier zu bestechen versuchte (ich sage »versuchte«, weil an die Möglichkeit eines Gelingens namentlich bei den journalistischen Funktionären nicht zu denken ist). Gewiß ist es wünschenswert, daß ein kommendes Gesetz nicht nur die unparteiische Führung der Staatsgeschäfte als Rechtsgut schützt, sondern auch – da wir nun einmal in einem konstitutionellen Staate leben – die Freiheit der parlamentarischen Abstimmung und – angesichts einer täglich wachsenden Preßmacht – die Unverfälschtheit der öffentlichen Meinung. Aber wenn die Bestechung eines Journalisten auch strafbar würde, müßte sie nicht in jedem Fall unsittlich sein. Sie wäre und ist es nicht, wenn die Besprechung häuslicher Intimitäten nur durch Verabreichung von Schweigegeld hintanzuhalten ist. Sie wäre und ist unsittlich – und ihre Strafbarmachung ein Bedürfnis –, wenn sie die Besprechung einer gefälschten Bankbilanz verhindern soll. Der vergangene Sommer ward von Entrüstungsstürmen, die aus dem Osten kamen, erschüttert. In Ungarn – man denke nur, in Ungarn – sollte der Versuch gewagt worden sein, Abgeordnete zu bestechen. Und noch dazu mit ganz geringen Summen! Die demokratische Meute in Cis und Trans war auf den armen Grafen Szapary losgelassen, den man so frevler Geringschätzung des ungarischen Parlaments beschuldigte. Er hatte der Regierung seine Hilfe geboten, die Mäuler der Obstruktion zu stopfen. Daß er sittlich gehandelt hat, da er in höherem, patriotischem Interesse korrumpieren oder vielleicht bloß Korruption benützen wollte, ist zweifelhaft: nicht die Ethik, nur der Verstand des ungeschickten Vermittlers, dessen Bemühung ruchbar wurde, konnte durch den Handel kompromittiert sein. Und er hätte auch sittlich gehandelt, wenn er nach dem Gesetz strafbar gehandelt hätte, während das Zuckerkartell oder der Verwaltungsrat einer Bank, die volkswirtschaftliche Redakteure bestechen, auch bei leider unabänderlicher Straflosigkeit gegen die Moral verstoßen. Nicht immer ist, nicht immer sollte strafbar sein, was unsittlich ist, und das Sittliche nicht immer straflos. Den Grundzug einer modernen Gesetzgebung kann nur die Entlastung individuellen Gemütslebens zu Gunsten sozialer Interessen bilden. Sicherlich würden dabei – der Staatsfreund kann beruhigt schlafen – mehr Rechtsgüter gewonnen als aufgegeben werden. Fahrende Sänger Am Geburtstag des neuen Österreich Der Fußschweiß des Fortschritts, der jetzt die soziale Atmosphäre dieser Stadt erfüllt hat, wirkt nicht weniger drückend, weil der Wiener Männergesangverein das Stimmrecht in Amerika ausübt. Anschauliche Reiseberichte machen die Entwicklung der Unkultur vom Männergesang zum Männergebrüll fühlbar. Je lauter der Lärm und je schlechter die Luft, desto klarer die Erkenntnis, daß in dem Kampf um das Freiheitsrecht, der Zeit ihre Phrase zu prägen, Bier fließt. Es ist gleichgültig, ob die Morgenröte besungen oder begröhlt wird. Die Phantasie braucht den Siegeszug des demokratischen Gedankens nicht mitzumachen; sie begnügt sich mit dem Sturm auf das Büfett, den der Wiener Männergesangverein in allen Stationen bis Genua unternommen hat, und mit der Kapitulation konservativer Schiffsköche. Wir müssen uns nicht erst die ästhetischen Möglichkeiten der Wahlreform vorstellen: seit Wochen ist unser Horizont mit Schmerbäuchen verhängt. Seit Wochen erleben wir etwas, was bis jetzt noch nicht erlebt ward: den Triumph der Unappetitlichkeit. Denn als der Wiener Männergesangverein Ausflüge in die Wachau unternahm, hatte die Presse des Landes noch Raum für die Betrachtung anderer Ereignisse. Jetzt aber steht man wie betäubt und ahnt den gemeinsamen Zweck der beiden Taten, die die Welt neugestaltet haben: der Entdeckung Amerikas und der Erfindung der Buchdruckerkunst. Was die Wiener Presse jetzt begeht, ist nichts anderes als eine spontane Übertragung der so lange zurückgehaltenen Anerkennung für Kolumbus auf Herrn Schneiderhan, und die Wiener Bevölkerung, die über die Wirkungen einer Schiffs-Table d'hôte sozusagen auf dem Laufenden gehalten wird, freut sich der Gelegenheit, eine alte Dankesschuld für Johann Gutenberg an den Korrespondenten der Neuen Freien Presse abzustatten. Aber müssen nicht auch die Bewohner des Festlandes vomieren, wenn die Wogen der journalistischen Begeisterung häuserhoch gehen? Soweit ich alte Teerjacke zurückdenke, kann ich mich eines ähnlichen Sturmes nicht entsinnen. Vielleicht bin ich voreingenommen, weil mir, wie ich offen gestehe, schon übel wird, wenn der Wiener Männergesangverein, statt auf einer Seereise durch vierundzwanzig Stunden im Tag zu »lunchen«, im Lande bleibt und sich redlich von Rindfleisch nährt, oder wenn er etwa nach Potsdam geht und den deutschen Kaiser dazu hinreißt, sich auf den Schenkel zu schlagen. Ist mir doch nichts in der Welt zuwiderer als ein Aufgebot von singenden Männern mit Bärten, Brillen und Bäuchen, als eine Schar von Rechnungsräten und Fabrikanten, die sich plötzlich zusammenfinden, um den Abendstern zu begrüßen, den Schöpfer zu loben oder zu beteuern, daß nur wer die Sehnsucht kennt, wissen könne, was jeder einzelne der Herren leidet, dem das Eingeweide vor Verlangen nach einem Gulasch brennt. Vielleicht bin ich voreingenommen. Aber wer bei der Schilderung der animalischen Vorgänge zwischen Genua und New-York, wer vor einer Berichterstattung standhaft bleibt, die keinen Rülps dieser Wiener Unkulturträger totschweigt, der muß Magennerven haben, die so stark sind wie die Schiffstaue der »Oceana«! Die Wiener Presse gebärdet sich, als ob es die Entdeckung Amerikas durch ein paar kühne Tarockspieler gälte. Mehr als das, es scheint auch die erste Gelegenheit gekommen, den Lesern zu zeigen, wie man auf einem Schiff Hunger und Notdurft befriedigt, und wie man sich in einer Kajüte auszieht. Daß sich die Pariserin manchmal zu Bett begibt, wußten wir schon aus kinematographischen Vorführungen. Aber wie das ist, wenn ein Mitglied des Wiener Männergesangvereins seine Hosenträger nicht finden kann: das uns anschaulich darzustellen, blieb der Neuen Freien Presse vorbehalten. Man traut seinen sämtlichen Sinnen nicht. Auch die durch alle Scheußlichkeiten einer detailgierigen Journalistik abgehärtete Wiener Phantasie kann es nicht glauben, daß in einem Blatt, das seit der ersten Entdeckung Amerikas als Weltblatt gilt, folgende Schilderung Platz haben soll: »Nur mit den Getränken, da hat es seine Not. »Dreher Lager vom Faß« steht auf der Karte, und die Kehlen der braven Sänger sind trocken ... »Hieher, Hieher!« schallt es von allen Tischgenossen. »Ich bediene nur auf dieser Seite«, wehrt der gegnerische Steward ab. »Also dann mir! Ich habe zwei Glas bestellt.« – »Haben Sie schon ein Ticket ausgestellt?« – »Freilich, ich war der erste.« ... »Wir möchten gern rascher bedienen,« entschuldigt ein Steward, »aber beim Faß stehen fünfunddreißig Stewards und keiner bekommt etwas.« – »Ja, warum denn nicht?« – »Das Rohr von der Kohlensäurepression ist gebrochen, deshalb müssen wir warten.« – »So, das auch noch! Pression bei dem Absatz«, ereifert sich ein Sachverständiger, »unser Schwechater verderben? Da könnt's es selber trinken – ich gewöhn' mirs Bier ab! Und deswegen fahr'n wir nach Amerika?« ...« Nun, eine Table d'hôte-Unterhaltung, wie sie eben Wiener führen; mögen sich die Stewards, die sonst nicht gewohnt sind, unter ihrem gesellschaftlichen Niveau zu servieren, darüber ihre Meinung bilden. Aber man höre einmal die Kajütengespräche, die der Vertreter der Neuen Freien Presse erlauscht hat. Zuerst die Beratung zweier Sänger, »wer das obere Bett benützen soll«. Dann heißt es wörtlich. »Da braucht man ja einen Aufzug, um hinauf zu kommen.« – »Bitt' Sie, trinken S' und essen S' nicht zu viel während der Seereise«, mahnt der untere, es ist wegen der Seekrankheit.« – »Ich kann wenigstens auf die Uhr schau'n«, konstatiert der obere mit Befriedigung, »hab' das Licht vor der Nase.« Das müssen hunderttausend Leser auf dem Festland mitanhören. Man legt sich mit der Banalität zu Bett. Und, o Grauen, man steht mit der Gemeinheit auf. Denn: »die Nachbarn verlangen vom Badesteward ein Bad. »Jetzt ist es besetzt.« – »Wie lange wird es dauern?« »Eine halbe Stunde«. ... »Ja, wann kommen denn wir dran?« – »Wahrscheinlich um zwei Uhr nachmittags«, eröffnet der Badedirektor, »es sind noch siebzehn vorgemerkt.« – »Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?« fragen gleichzeitig beide Tenoristen. »Weil Sie sich erst abends vormerken lassen können.« ... » Ich hab' mich ja eh' vorige Woche dreimal gebadet, es ist nur, daß der Schwitz »runterkommt, und so«, erklärt der untere und geht ans Waschen. » Wo ist denn mei' Reibsackl?« – »Verbrauchen S' nicht 's ganze Wasser!« warnt der obere. – »Es bleibt Ihnen eh' noch ein halber Liter; wo haben S' denn wieder mein' Hosenträger hinmanipuliert«; ... Welch homerische Gegenständlichkeit! Und wie werden Individualitäten, die sonst im Wirbel der Weltgeschichte untergetaucht wären, mit ein paar markanten Strichen hingestellt! Die Stimmung der Reisegesellschaft ist deprimiert. Das Wetter! » Sie regnet«, sagt der launige Wiener in solchem Falle, wenn er daheim ist. Aber auf einer Seefahrt! »Man ist zu nichts aufgelegt. Viele machen es wie Herr Ackerl, legen sich nach dem Frühstück in die Bordstühle und schlafen weiter.« Man wird sich den Namen Ackerl merken müssen. Oder wie anschaulich wirkt es, wenn wir lesen: » Da schlängelt sich Herr Dworaczek von einer Gruppe zur anderen, die Verlegung der nachmittägigen Probe auf elf Uhr vormittags ankündigend, weil abends das Kapitänsdiner stattfindet«. Und nun das Entsetzen, das sich mit dem Gerücht verbreitet, man werde zum Essen den Frack anziehen müssen. Da sich dieses Entsetzen aller Betroffenen bemächtigt, unterbleibt die Aufzählung von Namen. »Was, den Frack soll ich auspacken? – da geh' ich gar nicht 'nunter, hab' keinen Platz zum Einpacken.« – »Dieser Gedanke«, sagt der Vertreter der Neuen Freien Presse, »ist in allen Variationen zu hören, und mancher fährt aus seinem Schlummer mit dem Schreckenswort: »Was? Frack?« Die Gedankentätigkeit der Wiener Sänger läßt sich indes durch solche Zumutungen von der Hauptsache, dem Essen, nicht ablenken. Und einem Schiff, das elftausend Kilo Rindfleisch mitführt, können sie sich beruhigt anvertrauen ... Damit man aber nicht glaube, daß die Mitglieder eines Männergesangvereins sich außer der Verdauung nur noch mit Tarockspiel und die gebildeteren etwa mit dem Schreiben von Ansichtskarten beschäftigen, versichert der Korrespondent, daß sie sich auch für Delphine interessieren, die sich aber ihrerseits für den Chorgesang durchaus nicht zu begeistern scheinen. Ungemein plastisch ist die folgende Schilderung: »Der Ruf: »Delphine!« wirkt wie ein Alarmsignal. – »Wo? Wo?« – »Hier, dort, aha, hier auch einer, o, viele!« – »Singen wir etwas, vielleicht kommen sie näher!« Aber sie denken nicht daran, sie sind weit entfernt näherzukommen, sie suchen nicht mehr Anschluß in Zeiten, da Gesangsvereine die Meere bevölkern und statt der picksüßen Weisen eines Arion die Schrammeln und das Hallodriquartett locken ... Doch wo Männer und Frauen auf einem Deck versammelt sind, darf ein intelligenter Berichterstatter nie versäumen, neben dem Appetit auch der zarteren Triebe zu gedenken, galante Spiele zu beobachten und aufzupassen, wann der Schneiderhahn balzt. Im Nu entwickelt sich jene erotische Stimmung, die der Dichter so unvergleichlich in dem Liede festgehalten hat: »Weibi, Weibi, sei doch nicht so hart! – Bist so spröde, wart' nur, Schlimme, wart'! – Denk', mein süßes Zuckerkanderl! – Jedes Weiberl braucht ein Manderl!« »Geh'n S' weg, Sie Schlimmer!« antwortet ein Chor von Frauenstimmen. Und nachdem wir erfahren haben, daß in Genua außer den selbstverständlichen elftausend Kilo Rindfleisch auch ein ebenso großer Proviant an Schöpsernem, Kälbernem, Lämmernem, Schweinernem usw., usw. aufgeladen wurde, wirkt es erst sinnig, wenn der Vertreter der Neuen Freien Presse zur nachfolgenden Schilderung ausholt: »Schwerer ist es, die Zerstreuung der Damen zu schematisieren. Nur in einem Pläsierchen sind fast alle ausnahmslos zu beobachten. Hingegossen auf die Deckchaiselongues, kokettieren sie mit ihren eigenen Füßchen, deren Zierlichkeit selbst von den verschämtesten Bässen nicht übersehen wird. Dabei wird übrigens das Schöne mit dem Nützlichen verbunden. Ein Buch, eine Handarbeit vervollständigen – allerdings sehr selten – den Reiz der Attitude . Zumeist frönen die Äuglein in Bewunderung der Natur. Die Damen – (acht Namen) und andere fehlen bei keinem Sonnenuntergang, dessen Stadien Frau F. (Name) skizziert, während Fräulein H. (Name) ihre Empfindungen dem Tagebuch anvertraut. Bei diesem unvergleichlichen Schauspiele unterbricht auch Frau Schneck die Stickerei der Autogramme hervorragender Mitglieder der Reisegesellschaft, und selbst die Häklerei der nie untätigen Frau S. (Name) sinkt in den Schoß.« Von diesem Anblick gebannt, taucht die Sonne nur langsam ins Meer. Und wenn dann der Korrespondent der »Zeit«, der sich darüber beklagt, daß er auf dem Schiffe so oft baden muß und sobald er nur vom Steward geweckt wird, schon die Vorempfindungen » peinlicher Sauberkeit« hat; wenn Herr Bendiener den verfluchten Kerl spielt, von heimlicher Augensprache und stummen Händedrücken diskret berichtet und zugleich die »Hüterin seines eigenen Hauses« aus der Ferne neckisch beruhigt, so sind wir allmählich in die Stimmung eines Sommernachtstraums gerückt, die bloß durch die Nennung der Firma Jensen \& Schwidernoch, welche das Reisetagebuch geliefert hat, ein wenig beeinträchtigt wird. Das macht aber nichts: wir nähern uns ja schon der so anzüglichen Küste von Tarifa ... Und der eintönige Ruf der in ihrer Art auch beziehungsvollen »Mastwache« klingt durch die Stille, »unten aber schlafen Hunderte in Sicherheit und träumen von Liebem, Süßem«, von der Heimat und deren Zeitungen, in denen sie alle ihre Namen gedruckt finden werden. Daß auf solch einer Fahrt »der Humor nicht zu kurz kommt«, versteht sich von selbst. Der Vertreter des Neuen Wiener Tagblatts hatte Gelegenheit, Zeuge einer originellen Szene zu sein. Ein erwachsener Oberrechnungsrat »nimmt eine Prüfung aus den Reisemitteilungen vor. Mit großer Strenge fragt er den Kandidaten: »Wie ist das Klima der Vereinigten Staaten?« Jede Antwort ist natürlich ungenügend. Sie lautet richtig: »Das Klima ist keineswegs.« Der betreffende Satz in den Reisemitteilungen lautet nämlich in Wirklichkeit: Das Klima an der Ostküste der Vereinigten Staaten ist keineswegs, wie vermutet werden könnte, ein ozeanisches. ... Zweite Frage: »Was ist der Amerikaner?« Antwort: »Er ist stolz« ... »auf sein Land und seine kulturelle Entwicklung« heißt es natürlich in den Mitteilungen weiter. Diese und ähnliche Fragen erwecken stürmische Heiterkeit.« Wie denn auch nicht? Aber was ist das alles gegen die gute Laune der Frau des Vereinskassiers, die »ein über das andere Mal ausruft: »Das heutige Tagblatt möcht i haben!« oder: »Bitt schön, wie komm i denn auf den Franziskanerplatz?« Natürlich bleibt die Seekrankheit, mit ihren Indizien, mit ihrem Ausbruch, mit ihrem Verlauf, das weitaus beliebteste humoristische Motiv, wird aber von den mitreisenden Ästhetikern in die Kategorie des »Tragikomischen« eingereiht. »Wohl dem«, sagt der Ironiker der Neuen Freien Presse in kaustischer Umschreibung, »der ein verläßliches Vis-à-vis mit gutem Magen und festen Nerven hat, sonst ist es um den Frack geschehen, eine Gefahr, die durch Languste mit Remoulade, Freibier und Sekt nicht gemildert wird.« Aber leider muß er melden, daß sich einige Reisegefährten »bereits in unauffälliger Weise mit dem bekannten Seeheiligen ins Einvernehmen gesetzt haben«. Der resolute Vertreter des demokratischen Organs hingegen spricht geradezu von der »Anrufung des heiligen Ulrich«. Die Neue Freie Presse ist dafür wieder das besser informierte Blatt. Wo die anderen bloß ein Stimmungsbild entwerfen, gibt sie eine Statistik. Und es dürfte wohl zum erstenmal der Fall sein, daß jene Herren und Damen, die auf einer Seefahrt ihren Mageninhalt entleeren mußten, in einer Zeitung genannt, wie in einer Liste repräsentativer Persönlichkeiten »u. a.« angeführt werden. »u. a.« war zwar immer ein Brechlaut; aber es scheint vielleicht doch des Guten zu viel getan, wenn auch solche Leistungen der Nachwelt übergeben werden. Denn so stark hier der produktive Anteil der Persönlichkeit im Vergleich zu der bloßen Anwesenheit bei einem Sonnenuntergang sein mag, so ist es doch eine trostlose Vorstellung, daß noch Kinder und Kindeskinder von solchen Verdiensten unserer Zeitgenossen erzählen werden. Darüber macht sich aber die Neue Freie Presse keine Gedanken; ihr ist das Leben ein ununterbrochener Concordiaball, und schon notiert der Toiletteberichterstatter: »Das natürliche Weiß kleidet manche Dame umso besser, als es verläßlich unverfälscht ist«. Wörtlich wird dann, im Tone der Verherrlichung eines Bahnbrechers, gemeldet: » Der erste Seekranke war Herr Sild schon in den ersten Tagen der Reise und laboriert seither noch immer daran«. Folgt wirklich und wahrhaftig die Aufzählung der »Leidensgenossen leichteren Genres«, eine Serie speiender Notabilitäten, kotzender Kommerzialräte, vomierender Hoflieferanten. »Man wird vornehmer, feiner auf hoher See«, meint ein anderer Berichterstatter, »darüber ist kein Zweifel. Man sieht tiefer in die Geheimnisse des Lebens«. Ach ja, Männer und Frauen werden bis in jene Winkel ihres Privatlebens verfolgt, in die sie streng separiert flüchten mußten. Hätte einer die rechte Tür verfehlt, der Vertreter der Neuen Freien Presse hätte gewiß nicht verfehlt, in besonderer Kabeldepesche von einem »lustigen Quiproquo« zu sprechen ... Der Ekel beginnt selbst den Leser eines Weltblattes zu würgen, und auch er muß dorthin, wo der Journalist sein Interview verrichtet. Wenn sich aber das Meer über so schamlosen Mißbrauch von Druckerschwärze endlich beruhigt hat, wenden sich Sänger und Schmöcke wieder heiteren Spielen zu, und die Gefälligkeit der Berichterstattung fließt mit dem Humor dieses Künstlertums zu einer Symphonie der Gehirnerweichung zusammen, in der Anklänge an die »Lustige Witwe« – man nennt launig eine »vielumworbene« Mitreisende nach ihr – natürlich nicht fehlen dürfen. Kein Mißton aus jenen Gegenden, in die der Vertreter der Neuen Freien Presse soeben gekrochen war, stört mehr die Lebensfreude dieser Schlaraffen, zwischen Wimpeln und Wampeln geht froh die Fahrt, die Magenwinde sind günstig, und ungetrübte Heiterkeit weckt ein Advokat, der mit offenem Munde schläft und in dieser »überwältigenden« Situation selbstverständlich photographiert wird. Überhaupt ist das Vergnügen an den »Tücken« des photographischen Apparates unbändig. »Man fordert sich auf Apparate, trägt Händel mit Apparaten aus, aber auch die Damen«, versichert der galante Vertreter der Neuen Freien Presse, »gewähren die höchste Gunst nur mit ihren Apparaten«. Und wehe dem Herrn, setzt er schalkhaft hinzu, »der sich, endlich einmal unbemerkt wähnend, dort kratzt, wo es ihn ausnahmsweise einmal beißt!« Mitglieder des Männergesangvereins kratzen sich nämlich immer, wenn es keiner sieht, und diejenigen unter ihnen, die es dann doch sehen, finden es humoristisch. Es ist also ganz harmlos aufzufassen, wenn der Korrespondent sagt, daß es in der Reisegesellschaft Damen gebe, »die nur auf Spezialmomente männlicher Natürlichkeit lauern«, um dann eben mit ihren Apparaten die höchste Gunst zu gewähren ... Aber der Humor des Kratzens, die Komik verschwitzter Socken und verlegter Reibsackeln, ja selbst der Spott, den eine zerstörte Damenfrisur oder die Unbequemlichkeit des Frackanziehens in der Kajüte hervorruft, kann mit jener tief satirischen Erfassung menschlicher Schwächen, die sich in dem befreienden Lachen über die Seekrankheit ausdrückt, nicht wetteifern! Der Abdominalwitz ist und bleibt die eigentliche Domäne singender Vereinsbrüder. Doch neben dem Vergnügen an der Aufnahme und Wiedergabe des täglichen Brotes soll auf einem Dampfer die Andacht, die dafür dankt, nicht fehlen, und eine Sonntagspredigt, der die Reisegesellschaft »ohne Rücksicht der Konfession« beiwohnen darf, versetzt die anwesenden Schmöcke in gerührte Stimmung. Aber wenn »Friede« durch solche Seelen zieht, wird die Luft nicht besser. Ja man sehnt sich nach den verschlagenen Winden des Humors zurück, wenn einmal die Vertreter der Wiener Presse den Zusammenhang mit dem Weltganzen zu ahnen beginnen, wenn Rezensenten, die nicht wissen, wo Gott wohnt, ihn loben, als ob er der Chormeister selber wäre. »Eine Probe Kremsers hat den Wert einer akademischen Demonstration, sie ist nicht einpaukend für ein Lied, sondern bildend für die Kunst des Vortrages.« So wie etwa eine Probe des journalistischen Deutsch nicht beibringend für eine Reklame ist, sondern bildend für die Kunst des Ausdrucks. Und Gott? Und was ist mit dem Weltganzen? Gott über die Welt, beinah hätten wir vergessen: »In dem weiten Kreise, den das Auge aus dem Mittelpunkte überblickt, ein einziges Gebilde von Menschenhand, ein auf dem wogenden tückischen Elemente schwankendes Schiff, das winzige Stück festen Bodens zwischen dem Leben von Hunderten und den unerforschten Tiefen des Ozeans!« Ein wahres Glück, daß wenigstens die Menukarte erforscht ist und man mit einiger Sicherheit nach Wien berichten kann, daß es heut Rebhendeln gibt ... Das Tafelleben entschädigt die journalistischen Mitesser für manche Enttäuschung. Sie durften auf Madeira nicht landen, weil dort die Pocken herrschen. Journalistische Tantalusqualen: »Wir sahen das Ganze zum Greifen nahe, aber die Barkasse durfte nicht in unsere unmittelbare Nähe kommen«... Da ich diese pietätvolle Reiseschilderung vom Standpunkt des in Wien zurückgebliebenen Lesers entwerfe, sind die Berichte über die Landung und über das Benehmen der Wiener in Amerika noch nicht eingetroffen. Gigantisches steht uns bevor. Die furchtbare Plastik, mit der das begleitende Schmocktum jeden Rülps auf dieser Banausenfahrt verewigt hat, wird amerikanische Dimensionen annehmen. Die Sentimentalität des Bauches wird in die Höhen der Wolkenkratzer emporfahren und das Motiv der Heimatssehnsucht, das schon in St. Pölten losgelassen wurde, bis in die Zelte der Indianer dringen. Aber diese Rindfleischbewußten, denen eine Schiffahrt eine Mastkur bedeutet, sie werden sich schließlich auf die Eindrücke einer fremden Kultur ausreden, wenn ihnen der sogenannte Gesichtskreis erweitert wurde, und behaupten, daß ihnen das deutsche Wams zu enge sei. Gemütliche Wiener, lebend und leben lassend, fröhliche Sänger, fahrend und fahren lassend! ... Diese triumphalen Ausschreitungen eines öden Genießertums, die einem die Freude an der Lebensfreude benehmen könnten, geschehen in den Tagen, in denen ein ebenso stimmkräftiger Männerchor die Geburt eines neuen Österreich verkündet. Ich bekenne aus tiefstem Unglauben die Überzeugung, daß keine Wahlreform der Welt jenen Geschmack verändern wird, der einen Transport von Spießbürgern zum Ereignis macht! Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser; Österreich ist ein Männergesangverein. Hier, in der stimmberechtigten Gemeinheit, sind die starken Wurzeln seiner Kraft. Österreichs politische Repräsentanz wird auf sein Schicksal weniger Einfluß haben, als ein Leichenkutscher auf die Unsterblichkeit der Seele. Franz Ferdinand und die Talente Zu den Erkenntnissen, welche die Ereignisse vergebens dem Gebrauch empfehlen, gehört die vom Unwert der politischen Werte, da doch ein ungewaschener Intelligenzbub um acht Uhr früh schon wissen kann, daß er mittags einen Staat auf den Kopf stellen wird, und daß es ihm mit geringeren Umständen als einem Napoleon gelingen könnte, die Landkarte Europas zu verändern. Hinter solcher Möglichkeit scheint eine tiefere Gefahr verborgen als serbischer Nationalhaß. Wie sollten Machthaber verhindern können, daß Schulknaben sie absetzen, da die Schulknaben doch zuvor die Machthaber absetzen können? Es gibt Dinge zwischen Septima und Oktava, von denen sich die Staatsweisheit nichts träumt, und solange die Kräfte und Unkräfte des Lebens mit politischen Maßen gemessen werden, so lange wird der Unbefugte den Mechanismus besser zum Stehen bringen als den Funktionär zum Gehen. Wie ahnungslos recht hat die Politik, wenn sie argwöhnt, daß »hinter diesem Drucker, der die Bombe geschleudert, und hinter diesem Mittelschüler, der den Erzherzog und seine Gemahlin erschossen hat, andere stehen, die nicht zu fassen sind und diese Werkzeuge ausgerüstet haben«. Keine kleineren Mächte als Fortschritt und Bildung stehen hinter dieser Tat, losgebunden von Gott und sprungbereit gegen die Persönlichkeit, die mit ihrer Fülle den Irrweg der Entwicklung sperren will. Der Todessturz eines Thronfolgers an der Ecke der Franzjosephs- und der Rudolfsgasse ist nur ein österreichisches Symbol. Aber sie war der Hinterhalt intellektueller Gewalten, und was Druckerschwärze und Talent gegen die Welt vermögen, erfahren die Machthaber erst mit der Schallwirkung. Franz Ferdinand scheint in der Epoche des allgemeinen Menschenjammers, der in der österreichischen Versuchsstation des Weltuntergangs die Fratze des gemütlichen Siechtums annimmt, das Maß eines Mannes besessen zu haben. Was sein Leben verschwieg, davon spricht sein Tod und die Halbtrauer der Schwäche ruft es durch alle Gassen. Ihre Kondolenz ist die Heimkehr zu sich, zurück aus der Verzweiflung, in die er sie gejagt hatte. Wie sollte sie um einen trauern, der ihr selbst erlag ihrer Notwehr, die auch technische Behelfe hat! Solche Affäre sieht bloß an der Oberfläche serbisch aus. In Wahrheit wird das Leben mit unzeitgemäßen Menschen fertig, und Fanatismus ist nur der Mut der Feigheit. Die wahren Mächte der heutigen Welt, in allen Staaten am Ruder, sind beiweitem nicht so rückschrittlich gesinnt, um sich des serbischen Nationalhasses als eines Motivs und nicht als eines Vorwands zu bedienen. Politik ist das, was man macht, um nicht zu zeigen, was man ist, ohne es zu wissen. Ganz im Vordergrund der Erscheinung gibt sich eine Katastrophe der Menschennatur als eine Demonstration vor einer Gesandtschaft aus. Was sagt uns die dürftige Chiffreschrift des politischen Lebens, wenn jeder, der will, sie verwirren kann? Franz Ferdinand war die Hoffnung dieses Staats für alle, die noch glaubten, daß im Vorland des großen Chaos ein geordnetes Staatsleben durchzusetzen sei. Kein Hamlet, der, wär' er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt hätte; sondern Fortinbras selbst. Aber wenn selbst Fortinbras fällt, muß etwas faul auch außerhalb des Staates sein. Nicht, daß er die Hoffnung der sogenannten Reaktion, aber daß er die Furcht des Fortschritts war, und daß sein Leben wie ein Schatten auf der abscheulichen Heiterkeit dieses Staatswesens lag, sichert seinem Andenken etwas von dem Respekt, den eine weltverbannte, jedoch gleichwohl bestehende Verpflichtung zum Geist nie an falschem Ort bekennt. Und die Furcht des Liberalismus verlor nichts von dem Wert einer schönen Vorstellung durch die Möglichkeit, daß sie sich nie erfüllt hätte. Und selbst nichts durch die Erfahrung, daß sie die schmählichsten Orgien kultureller Verluderung nur begleitet, nicht aufgehalten hat. Dennoch, die Frechheit ging so sicher mit einem Herzklopfen zu Bett, wie sie jetzt mit einem Gefühl der Erleichterung aufsteht. Zu ihm hatte sie nur den einen Weg gemütlicher Verständigung: seinen bürgerlichen Kunstverstand, der aber als radikale Vertretung der Schablone gegen eine falsche Modernität noch die Persönlichkeit bewies; einen Geschmack, der dem Volk einen Ziergarten von populärster Verständlichkeit für etliche Tage freigab – diesen Park, der sich nach einer Ansprache sehnte, Anlagen von geringem Adel, die von rechtswegen das ganze Jahr dem Schutze des Publikums hätten empfohlen sein müssen. Aber Bismarck war doch ganz in Shakespeare gehärtet und hatte eine leere Stelle, die ihn für Buchholzens Reise nach Italien empfänglich machte. Und Franz Ferdinands Wesen war, alles in allem, den Triebkräften österreichischer Verwesung, dem Gemütlichen und dem Jüdischen, unfaßbar und unbequem. Ihm wird nicht nachgerühmt, daß er fünfzigmal den »Walzertraum« gehört, für ein Papageien-Kabaret geschwärmt und sein Schlafzimmer mit Schönpflug-Bildern austapeziert habe: es würde doch im Relief seiner Geistigkeit nur gegen Aug und Ohr beweisen, nichts gegen den Kopf, und man wüßte, daß ihm der Inhalt dieser Dinge nicht Lebensbasis war und daß seine Persönlichkeit seinem Geschmack widersprach. Der falschen Individualität eines Staatslebens, welches davon lebt, daß man's gewöhnt ist, und weil man sich das Gegenteil nicht vorstellen kann, und damit eine Ruh' ist – war er der Erzfeind, und zwischen den Zeilen einer heuchlerischen Erschütterung erfährt man erst, wie wenig er sich mit der Herablassung zu einer niedrigen Gemütsart angestrengt hat und vor allem, wie fremd ihm jener elastische Schritt einer Gesinnung war, die man Leutseligkeit nennt, und jener noch unentbehrlichere Sinn, der als die eigentliche Unsere-Leut-Seligkeit den Mächtigen zur Karriere nach unten hilft. Er war kein Grüßer. Nichts hatte er von jener »gewinnenden« Art, die ein Volk von Zuschauern über die Verluste beruhigt. Auf jene unerforschte Gegend, die der Wiener sein Herz nennt, hatte er es nicht abgesehen. Ein ungestümer Bote aus Altösterreich wollte er eine kranke Zeit wecken, daß sie nicht ihren Tod verschlafe. Nun verschläft sie den seinen. In einer kläglich reduzierten Trauer, die es mit einem nassen, einem heitern Auge versteht, den Zuzug Leidtragender fernzuhalten, in einer dankbaren Pietät, die sich an der irdischen Hülle einer allzu starken Seele für die Zurücksetzung rächt, die ihr erspart geblieben ist, in einem Arrangement, an dem sich die wahre Obersthofmeisterschaft zu bewähren scheint, in einer Toleranz, die die Grenzen des spanischen Zeremoniells durch einen Jahrmarkt erweitert und den Sarg eines Thronfolgers im Kassenraum eines Bahnhofs ausstellen läßt, in einem Skandal, der mit der Hoheit des Toten die des Todes selbst verhöhnt und hundertmal mehr seinen Protest verdient hätte als das Dasein von Serben in Österreich – in dieser Operette des Grauens verrät sich mit jener Offenheit, deren nur die ehrliche Feigheit fähig ist, für wie stark sie den gehalten hat, dessen Atem eine Gefahr war für ihr Lebenslicht. Und was uns geblieben ist, steht im Gesicht des Liberalismus geschrieben, das sich zwischen die Rücken der Höflinge drängt, deren tiefe Gebeugtheit ein Zustand ist und keine Gemütsbewegung. »Er war«, lesen wir, »unstreitig eine Persönlichkeit; gewiß keine solche, der sich das Urteil vorbehaltlos verpflichten konnte und die nicht auf Widerspruch stoßen mußte. Er hatte jedoch einen Zug von tiefem Ernst, und seine Strenge hätte, gemildert durch einige Nachsicht mit den menschlichen Irrtümern und durch den Wunsch, die Talente zu erhalten, zu einer Politik grundsätzlicher Auffassung der großen Fragen des Staates führen können.« Hier spricht am Grab der Vertreter jener dunkeln Welt der Aufklärung, aus deren Umklammerung der Tote die Welt Gottes befreien zu können wähnte. Er hätte zu diesem Zweck die Talente nicht erhalten, sondern nur mit eisernen Ruten niederhalten dürfen. Und es wäre doch nicht geglückt! Aber weil er es im Schilde führte, hat ihn eines von jenen mitten durch die Gurgel getroffen. Girardi Er will zur Berliner Bühne übergehen und kehrt wahrscheinlich nicht mehr nach Wien zurück. Das ist keine Theaternachricht. Aber die Bedeutung der Neuigkeit reicht auch über den Leitartikel hinaus. Denn der Leitartikel dient bloß dazu, uns über die kulturellen Sorgen mit politischem Kinderspiel zu betrügen, wie einst das Theater dazu gedient hat uns über die politischen Sorgen zu beruhigen. Wenn heute in Pilsen um eine Straßentafel gerauft wird, so ist das eine Angelegenheit, die den Leitartikel füllt. Wenn aber der Wiener Kultur das Herz herausgeschnitten wird, so ist es ein Lokalfall, und einer, über den man schweigt. Gäb's eine Presse, die als Arzt den Puls der kranken Zeit fühlt, anstatt als Spucknapf deren Auswurf zu übernehmen, sie zeigte jetzt ein sorgenvolles Gesicht. In keiner Rubrik dürfte über anderes als über das lokale Symptom einer tödlichen Erkrankung gesprochen werden. Wenn sich der publizistische Schwachsinn wochenlang an die Affäre eines rabiaten Tenoristen klammert, so ist dieses Interesse ein Kulturdokument: denn hier ist unser Horizont mit der Lampenreihe abgesteckt. Aber ein Blitzlicht erhellt ihn, da wir beim Fall Girardi gleichmütig bleiben. Unsere Theatromanie ist eine kulturelle Angelegenheit; aber eine viel wichtigere ist unsere Teilnahmslosigkeit vor einem kulturellen Skandal, der zufällig in der Theatersphäre spielt. Wenn der Wiener Kultur das Herz herausgeschnitten wurde und sie weiterleben kann, so muß sie tot sein. Sollte das Warenhaus Wertheim nächstens auf die Idee verfallen, uns den Stephansturm abzukaufen, weil es doch unbedingt notwendig ist, daß ein erstklassiger Basar in der Abteilung für Türme auch das beliebte Wiener Genre auf Lager hält, so würden wir uns geschmeichelt fühlen, wenn wir es nicht schon für selbstverständlich hielten. Die Weltausstellungsreife der Wiener Eigenart, das ethnologische Interesse das man an uns nimmt, die Zärtlichkeit der Berliner für uns – dies alles ist fast so tragisch wie unsere Unempfindlichkeit gegen solches Schicksal. Wir freuen uns, wie sie Stück für Stück von uns ausprobieren und immer mehr Geschmack an unseren Spezialitäten haben und so lange an allem, was wir haben, teilnehmen, bis sie uns eines Tages ganz haben werden. Sie setzen den Wiener auf ihren Schoß, schaukeln ihn und versichern ihm, daß er nicht untergeht. Das macht beiden Teilen Spaß und ist ein Zeitvertreib, der über den Ernst eines Fäulnisprozesses hinweghilft. Wir sind auf unsere Tradition stolz gewesen, aber wir waren nicht mehr imstande, die Spesen ihrer Erhaltung aufzubringen. Unsere Gegenwart war tot, unsere Zukunft ungewiß, aber unsere Vergangenheit war uns noch geblieben. Sollten wir auch die verkommen lassen? Da war es doch klüger, sie einem Volk in Kommission zu geben, das eine hinreichend starke Gegenwart hat, um sich den Luxus einer fremden Vergangenheit leisten zu können. Wir mußten im Luxus darben. Darum war es geraten, unsere Tradition in eine G.m.b.H. umwandeln zu lassen. Als Ausstellungsobjekt wird unsere Echtheit erst zur Geltung kommen; es war ein Irrwahn, von ihr unmittelbar leben zu wollen. Bis die Hypertrophie der technischen Entwicklung, der die Gehirne nicht gewachsen sind, zum allgemeinen Krach führt, ist es das Schicksal der von Müttern gebornen, rindfleischessenden Völker, von den maschinengebornen und maschinell genährten Völkern verschlungen zu werden. In Berlin ißt man, um zu leben, ißt angeblich schlecht und wird fett davon. In Wien lebte man, um zu essen, und verhungerte dabei: weil man vom Essen allein nicht leben kann, so ißt man schließlich vom Leben. In Berlin lebt man, weil man das Leben nicht der Notdurft, sondern die Notdurft dem Leben unterordnet. Wir haben gelebt, wir haben ein Jahrhundert dem Glauben gelebt, daß es nur in Wien die wahren Kipfel gebe. Aber nun stellt sich heraus, daß man in Berlin seit der Einigung Deutschlands durch Bismarck auch über das richtige Kipfelrezept verfügt. Die Echtheit läßt sich als Surrogat herstellen, und den Nerven schlägt es gut an, wenn man nicht für jede Mehlspeis wie für eine Gottesgabe danken und nicht jede Unart eines Kellners als Ausdruck von Individualität bewundern muß. Aber selbst die echte Echtheit ist den Berlinern nicht unerschwinglich: sie sitzt den Wienern so lose, daß man sie ihnen einfach abknöpfen kann. Wir haben dem Aufputz des Lebens dieses selbst geopfert, und jene biegen sich das Geschmeide bei, das an unserem Leichnam hängt. Wir sind hinter künstlerischen Fassaden obdachlos geworden, und diese werden den Berliner Häusern gute Dienste tun. Auf das »Fahr' ma Euer Gnaden?« gibts nur mehr die Antwort: »Nach Berlin!«, und wenn Girardi dort seit zwei Monaten an jedem Tag das Fiakerlied singen muß, so klingt es wie eine Friedensbedingung, die die Eroberer einem unterjochten Staat diktiert haben. Preußen führt unsern Schick und unsern Schan als Kriegsgefangene durch die Siegesallee: denn »so wie die zwa trappen, wern S' no net g'segn haben!« Diese Österreicher sind doch dolle Kerls, aber wenn wir ihnen ihre »Fiaka« nehmen, dann haben wir sie endgültig um die Großmachtstellung gebracht ... So hoch mag sich preußischer Optimismus versteigen. Aber die Okkupation Girardis ist wirklich eine vaterländische Schmach. Nicht weil wir einen der begabtesten Menschendarsteller, die je auf einer Wiener Bühne gestanden sind, verlieren werden. Das wäre eine Theatersache. Und eine solche, die etwa schon jene ernsthaften Esel nicht kümmert, die die Bedeutung eines Schauspielers an der Literatur, die er fördert, messen. Girardi wiegt mehr als die Literatur, die er vernachlässigt. Er läßt sich von einem beliebigen Sudler ein notdürftiges Szenarium liefern, und in dieses legt er eine Geniefülle, deren Offenbarung erhebender ist als die Bühnenwirkung eines literarischen Kunstwerks, dessen Weihen doch nur der Leser empfängt. Es ist gleichgültig, ob Girardi ein Buch oder eine Buchbinder-Arbeit für seine künstlerischen Zwecke benützt. Spielt er einmal Literatur, so kann sie ihm auch nichts anhaben. Sein Valentin ist das größte Ereignis des Wienerischen Theaters, und wenn man sich erinnert, daß nach diesem Vollmenschen der Siebenmonatsschauspieler Kainz sich an die Rolle wagte, dann möchte man wohl mit den Zähnen knirschen über den verkommenen Geschmack einer Bevölkerung, die nicht einmal der Gedanke an solche Gefahr gemahnt hat, den ureigensten Besitz besser zu hüten. An den Schmarren aber, den Girardi zubereitet, wagt sich kein Stümper, und unsere genießende Erinnerung dieser Gestalten, die eben keines Autors Gestalten sind, bleibt ungetrübt. Die Leere ist hier Spielraum der Persönlichkeit. Und Girardi ist eine der eigenmächtigsten, die je die szenische Gelegenheit zu schöpferischer Darstellung gebraucht haben. Wenn er in einer klebrigen Posse etwa den Rat gab, jeden Menschen in einem Ringstraßenpalais wohnen zu lassen: » und die soziale Frage ist gelöst!« – so war er ein Weiser. Denn der Text war ein seichter Spaß, aber der Akzent war die tiefste Verspottung demagogischer Phrase. Freilich, der Abgang eines Künstlers, der solcher Wirkung fähig war, wäre an und für sich bloß ein Verlust am künstlerischen Kapital unseres Theaterlebens. Und solche Verluste stehen in den letzten Jahren auf unserem Repertoire. Unser Theaterhumor ist landflüchtig geworden. Die aufdringliche Wiener Librettoschande läßt den Individualitäten keinen Quadratmeter Raum, und die ausgestattete Humorlosigkeit der neuberlinischen Tanzposse gelangt bei uns zu Ehren. Darum ist auch jene nestroyfähige Komik, die im Zeitalter der Karczags nur noch in der Provinz hin und wieder ein Obdach findet, vom Theater an der Wien direkt nach Berlin übersiedelt. Oskar Sachs, dessen Schuster Knieriern und dessen Hausknechte – durch ihre Ursprünglichkeit und durch ihre Stilechtheit – theaterhistorischen Wert haben, konnte hier keine Beschäftigung mehr finden, und ähnlich wird es Herrn Straßmeyer ergehen, der unser letzter Volkskomiker ist. Für Wien ist kein Platz mehr in Wien, es gibt unaufhörlichen Zuzug aus Budapest, und wir ergötzen uns an der szenischen Gewandtheit eines Kommishumors, den uns der geistesverwandte Feuilletonismus psychologisch verklärt. Aber für unsere Echtheiten aller Genres beginnt sich die Berliner Warenhauskundschaft zu interessieren. Adele Sandrock ist im Basar des Herrn Reinhardt ausgestellt; denn man muß dort neuestens auch Temperamente haben, nachdem so lange nur Konserven, Krawatten, orthozentrische Kneifer und Tischlampen verlangt worden sind. Die Berliner sind auf den Geschmack der Persönlichkeiten gekommen, der märkische Sand träumt von der Schönheit der Berge, und der feuerspeiende Matkowsky, dessen Schlacken wertvoller sind als alle Schätze des naturalistischen Flachlands, fühlt sich bald nicht mehr vereinsamt. Wenn jetzt auch Girardi hinübergeht, so ist es die schmerzlichste Theatersache, nicht weniger fühlbar im Wiener Kunstleben als der Hingang eines der letzten Burgtheatergroßen. Nur, daß der Verlust Girardis eben doch mehr als eine Theatersache vorstellt. Denn er bedeutet, daß Wien selbst nach Berlin gegangen ist. Wie groß muß der Überdruß am Österreichischen sein, wenn auch schon Österreich auswandert! Lebt der Körper noch, der die Umzapfung seines Blutes klaglos erträgt? Ich habe kein Gefühl für den stolzen Besitz der Ringstraße an sich selbst. Aber die Ringstraße müßte dieses Gefühl haben. Daß die Donau jetzt über Passau nach Berlin fließt und in die Nordsee mündet, ist eine Angelegenheit, die der Donau nahegehen müßte. Doch sie denkt sich: da kann man halt nix machen, und wenn man den Wienern erzählte, Österreich habe sich nach Königgrätz verpflichtet, den Girardi an Preußen abzutreten, sie glaubten's und wären nur froh, den Karczag behalten zu dürfen. Und schon geht der Besitzer von Kastans Panoptikum mit dem Plan um, die Kapuzinergruft zu erwerben, und der Gemeindevorstand von Rixdorf hat beschlossen, zur Belebung der Gegend den Kahlenberg anzukaufen. Und wenn schließlich alle österreichischen Werte, Reliquien, Besonderheiten und Fehler in preußischem Besitz sind, dann erst wird es sich bewahrheiten, daß der Wiener nicht untergeht; er geht nämlich über ... Und während jenes Berlin, das den musikalischen Genuß bisher in Form des Grammophons gekannt hat, sich allmählich auch den Luxus der Musik gönnt, geben uns Wienern von dem lieben Menschen Alexander Girardi nur noch ein paar Grammophonplatten Kunde. Er war Patriot genug, uns vor seiner Übersiedlung etwas hineinzusingen. Ich lasse mir die alten Lieder manchmal aufspielen, denn, klangen sie stets wie der Abschied versinkender Herrlichkeit, so gibt ihnen jetzt das Geräusch des von der Maschine eingefangenen Lebens einen schaurig ergreifenden Ton. »Doch sagt er: Lieber Valentin – mach keine Umständ', geh –« Und dann –: »Ein Aschen! Ein Aschen!« Grimassen über Kultur und Bühne Feuilletonkorrespondenten, die mit einer schweißigen Beobachtungsgabe aus dritter Hand unser Geistesleben im Ausland repräsentieren, beklagen sich über den Wiener Komödiantenkultus. Es gibt Erkenntnisse, durch die man beweist, daß man keinen Geist hat. »Wohl dem Manne, der in Wien Schauspieler-Histörchen zu erzählen weiß! Er wird rasch gesellschaftlich beliebt; kennt er aber sogar einen der Lieblinge persönlich, dann wird es ihm an Einladungen nie fehlen, und die Huld schöner Frauen ist ihm sicher.« Das wäre ein ausgeleiertes Gedankenwerkel, wenn nicht die immerhin neue Auffassung mitspielte, wie man in Wien die Huld schöner Frauen erringt. Doch läßt sich über Vorurteile nicht streiten, und die Wahrheit, daß die verhätschelten Schauspieler »in den Größenwahn hineingetrieben werden«, ist unbestreitbar. Bemerkenswert ist lediglich die Wahl des Beispiels, an dem die Erkenntnis dargetan wird. Wer ist gemeint? Welcher Wiener Komödiantentypus wäre so recht bezeichnend für das Übel, auf das unsere Sozialkritiker ihr schärfstes Auge haben? Ich denke, es müßte einer sein, dessen Popularität ein Maß wäre für den kulturellen Tiefstand der Gesellschaft, die ihm Ehren erweist; und Kunst und Begeisterung müßten zu einem Gesamtbilde des Ekels verschmelzen, das uns, wie aus dem Schaufenster jeder Ansichtskartenhandlung, in höchster Vollkommenheit noch angrinste, wenn man einen Querschnitt durch die soziale Struktur machen könnte. Wir formen den Ausdruck unseres kulturellen Bewußtseins, und wir haben den Schauspieler, den wir lieben. Besehen wir die Figur, die beim Bleigießen unserer Lebenswünsche zustande kam. Bei Gott, wenn sie nicht einem Handlungsreisenden gleicht, dann gleicht sie dem Schauspieler, dem Dichter, dem Advokaten, dem Komponisten, dem Maler, den wir lieben. Aber es stellt sich heraus, daß sie alle, alle dem Handlungsreisenden gleichen. In Manufaktur oder Literatur, in Juristerei oder Musik, in der Medizin oder auf der Bühne – immer ist es der sieghafte Überkommis, der den »Platz« beherrscht. An dem Wandel der Vorstellung etwa, die einst mit dem Namen Siegfried verknüpft war, mag man die Überlegenheit seines heutigen Trägers erkennen. Seine Haut hat auch nicht eine Stelle, die nicht hörnen wäre, und den Weg zum goldenen Hort kennt er besser als sein Vorgänger, denn seine Platzkenntnis ist verblüffend. Mühelos hat er sogar den deutschen Leutnant verdrängt, der nach Sedan schlecht und recht den heroischen Ansprüchen des Publikums genügte, bis er in die Karikatur entartete, und es ist eine überholte Anschauung, die das deutsche Leben heute noch vom zweifarbigen Tuch verhängt glaubt. Nicht die es tragen, sondern die in dem Artikel reisen, sind jetzt die Repräsentanten des Weltwarenhauses unserer Kultur. Der Offizier und der Beamte haben noch etwas »vorgestellt«; der Kommis und der Redakteur »vertreten« bloß. Gehört ihnen aber die Welt, die sie vertreten, so will es mich bedünken, daß ihnen auch die Bühne zu gehören hat. Über unseren Tragödien senkt sich ein Vorhang, und schon erfahren wir, wo man die billigste Kunstbutter bekommt. Und dabei wird sie wahrscheinlich gar nicht erzeugt, sondern nur verkauft. Ehedem hatte der Schuster ein persönliches Verhältnis zu seinem Leder; heute hat der Dichter keines zu seinen Erlebnissen. Es gibt keinen Erzeuger mehr, es gibt nur noch Vertreter. Darum können wir ohne einen Girardi leben; aber wehe, wenn man uns den Herrn Treumann verhaften wollte! Die Kraft einer humoristischen Natur, die uns durch ein Augenzwinkern in eine Welt des Frohsinns versetzte – so tief hat sie nie in der Zeit gewurzelt, wie die Technik des tanzenden Kommis. Wir verzichten auf die erdgewachsene Kunst und schätzen, was am Platz begehrt ist. Jene geben wir an den Berliner Basar ab, wo zwischen Hausrat und Schmückedeinheim jetzt auch lebendige Werte verlangt werden. Girardi in Berlin – und uns begrüßt an allen Plakatsäulen das bedeutende Antlitz des wiedereroberten Herrn Josephi, den das Mutteraug' sogleich erkannt hat. Und wie würde es erst jenen flotten Geist entbehren, um den jetzt die Exekutionsbeamten mit den Enthusiasten raufen müssen? Das ist mein Wien, die Stadt der Lieder! dürfte eine Girardische Betonung lauten. Hat dieser Götterliebling wirklich jemals so gut das Wiener Volkstum repräsentiert wie jener Ghettoliebling (wieder nur eine falsche Aussprache) die herrschende Engros-Kultur? Girardi hat nichts vertreten; er war. Doch die Engrossisten, für die heute Theater gespielt wird, wollen für ihr Geld sehen, was einer nicht ist, nur was er kann. Der Kommis muß heute gesellschaftlichen Schliff haben, er muß perfekt Konversation führen, er muß tanzen können – sonst geht die Partie zurück. Die Töchter und die übrige Partieware an den Mann bringen, ist Lebensinhalt. Das Theaterspiel, das immer eine Eskomptierung der Lebenswünsche bedeutet, darf an keine andern Probleme rühren. Vor zwanzig Jahren noch saß eine Gesellschaft im Parkett, deren Väter die Kaution in der Brust höher gehen fühlten, wenn der Leutnant, der Schwerenöter, auf der Szene erschien. Dann kam die Zeit der schweren Not, die Weber aßen Hundebraten und das Bürgertum rief: »Die Kunst soll uns erheben, den Schmutz der Gasse haben wir zu Hause!« Endlich wird es wieder hell, verirrte Wünsche finden in den Hafen und zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. Der tanzende Prokurist erobert sich lustige Witwen und Dollarprinzessinnen, er wird sich auch noch, der Schwerenöter, die Tochter der Firma Bachstelz \& Biach erobern, die ohnedies schon nach einem Autogramm vom Fritz Werner fiebert, aber bisher mit einem Brief von Peter Altenberg vorliebnehmen mußte. (Dessen Pathos wahrlich seine eigene Unterschrift hat, wenngleich es sich oft in der Adresse irrt, und dessen Humor zu dem Besten gehört, was wir heute nicht verstehen. Auch einer, den die Zeit in schlechte Gesellschaft gebracht hat; einer für sich und darum keiner für alle. Das Gesindel nimmt ihn nicht ernst, wenn er heiter ist. Bleibt er bei der Kunst, so wird sein Ton nicht gehört.) Gott, wie fesch! rief Fräulein Isolde Biach, während der Dichter sie auf die adelige Seele hin untersuchte; Gott, wie fesch, rief sie, als die Devise aufkam: Der Zeit ihren Treumann! Es war der Augenblick, da man das kolossale Defizit an Humor, das die moderne Salonoperette belastet, als einen Überschuß an Psychologie zu deuten begann. Unseren Feuilletonisten gelang es, den Viktor Leon für die Kultur zu retten. Sie waren nicht so ehrlich, zu bekennen: was sich da oben auf der Operettenszene abspielt, gefalle ihnen, weil es nach der Branche riecht. Nein, der Pofel, der es zu Jubiläen bringt, weil die Volksseele jetzt der Hausiererfrechheit applaudiert, sollte ein Versuch zur Psychologisierung der Operette sein. Dem Dichter der »Lustigen Witwe«, dessen Einfluß auf das Geistesleben der Gegenwart ja unbestreitbar ist, wurde von dem Psychologen Salten nachgesagt, »seine biegsame Natur sei halt von der Epoche langsam gemodelt worden«. Denn er habe den Stoff des »Attaché« sich nicht bloß beigebogen, sondern in eine exotische Sinnlichkeit getaucht und es sei ihm nicht so sehr um die Tantimen, als um die »Enthüllung des Triebhaften« zu tun gewesen. In Herrn Treumann tanzte Dionysos selbst über die Bretter, die wieder eine lichtere Welt bedeuten sollten; nicht ohne daß Nietzsche als Claquechef bemüht wurde, erschien der Typus des Feintuchreisenden als das Idealbild kommender Kulturen hingestellt. Es war ganz meine Meinung, wenn ich von unserm Theater auf unser Leben schließe; nur mit dem Unterschied, daß sie mich lebensüberdrüssig macht, während ein perfekter Psycholog alle Engel den dummen, dummen Reitersmann singen hörte. »Etwas so restlos Freies, Schwerloses, Schwebendes, das wie eine große Schönheit ist«, wurde am Herrn Treumann bemerkt, und die Fähigkeit, »einen erhöhten Zustand des Menschlichen zu geben«. Ohne Zweifel: um die Reste herunterzuholen, um auf der Leiter zu schweben und im nächsten Moment wieder unten bei der Kundschaft zu sein, dazu ist schon eine gewisse Gelenkigkeit notwendig. Ob das aber gerade eine schauspielerische Qualität bedeutet? »Vom Psychologischen läßt er nicht«, hieß es vom Herrn Treumann. Nein, das tut er nun einmal nicht. Weil er zum Beispiel eine eingelegte Ballade nicht singen kann, wie es die früheren Operettenhelden konnten, so wird er wohl oder übel zum »Menschendarsteller:« »er packt die ganze schöne Einlage, sprengt sie mit seiner Eifersucht auseinander, zerfetzt sie und wirft sie der Geliebten keuchend, stückweise, abgerissen ins Gesicht; er singt keine Ballade, er ist dazu im Augenblick nicht gelaunt...« Welch ein eigenwilliger Moderner! Er verschmäht die billigen Mittel einer angebornen Komik, die ihm fehlt. Er hat keine Stimme, er hat Psychologie; er ist kein Sänger, er ist ein rasender Balladenschwengel. Auch findet seit langer Zeit bekanntlich ein Ausverkauf mit dem Worte »schlamperte Grazie« statt, und es schwebt mir vor, daß es zu den »abfallenden Schultern der müden Kulturen« paßte und zu jener »karessanten Sinnlichkeit«, die gleichfalls an Herrn Treumann beobachtet wurde. Es hieß, er sei »so lyrisch, daß sich alle Mädchen in ihn verlieben müssen«, und anderseits »so aus dem Geblüt geschmackvoll, daß er auch auf alle Männer wie eine Erquickung wirkt, und ich erinnere mich, daß das Umkippen seiner Stimme in dem Ausruf: »Njegus ... Ge . . lieb.. ter, komm her« – zweifellos das Widerwärtigste, was ich je in einem Theater erlebt habe – in vielen Wiederholungen als ein Echo des Lebensrufes gepriesen wurde. »Und hat mans nur einmal von ihm gehört, dann sagt mans ihm tagelang alle Augenblicke unwillkürlich nach: Njegus ... Ge. . lieb . . ter. .« Beneidenswert, wen die Gehirnqual dieser Lustigkeit, die das Wiener Publikum fünfhundertmal bestanden hat, zu einer neuen, rosigeren Weltbetrachtung stimmen konnte! Ich möchte mich aus solcher Gedankenwelt nach Hallstatt flüchten, um wieder Sprudelgeistern zu begegnen, und wenn ich dort einen Kretin fände, der Tag und Nacht seine Katze streichelt, ich fände den Glauben an die Menschheit wieder. Aber diese wahrlich scheint den Lärm der Geistesarmut zu ihrem Glücke zu brauchen, und die tanzende Humorlosigkeit ist es, was sie heute auf der Bühne zu sehen verlangt. Hat einer schon einmal untersucht, welche Elemente es sind, die die unaussprechliche Gemeinheit dieses neuen Operettenwesens zusammensetzen, und was im Grunde jene tobsüchtige Begeisterung in allen Kulturzentren bewirkt, auf welche die Erde schließlich mit einem Beben antwortet? Man bedenke, daß die charmante Pracht einer Offenbachschen Welt versunken ist, und daß sie einst mit allen ihren Wundern nicht das Entzücken verbreitet hat, das heute ein bosniakischer Gassenhauer findet, den ein Musikfeldwebel geschickt instrumentiert, oder selbst nur der Tonfall, mit dem ein humorloser Komiker die Worte »Njegus, Geliebter, komm her!« spricht. Man bedenke, daß die Anmut Johann Straußscher Walzer bei weitem nicht so bühnenfremd war wie die Kitschigkeit ihrer Nachahmungen. Man sage sich, daß die lieblichen Werke der Lecocq, Audran, Sullivan, Suppé heute durchfallen, wenn sie neu in Szene gehen; daß kein Direktor es wagt, es mit den guten Theaterstücken Millöckers, wie »Apajune«, »Gasparone«, dem »Vize-Admiral«, zu versuchen, welche doch schon durch einen gewissen Mehlzusatz dem musikalischen Geschmack des heutigen Wienertums entgegenkamen ... Kein Zweifel, diese Fülle von Wohlklang, Grazie und Humor hat sich überlebt. Wir mögen es glauben, daß die Zeit noch kommen wird, in der der Freudengenius eines Offenbach an die Seite Mozarts tritt: heute sehen wir ihn von dem dürftigsten Walzerspekulanten verdrängt; und daß kein Ton jener Heiterkeit aufkomme, die einst von den Namen Orpheus, Helena, Blaubart, Gerolstein und Trapezunt in unsere Herzen schlug, dafür sorgt der von der Mischpoche gemodelte Herr Viktor Leon. Man vergleiche nicht etwa »Pariser Leben« mit der »Lustigen Witwe«; man höre nur ein paar Takte aus einer der unberühmten, stets verstoßenen Operetten am Klavier, etwa das Lied vom heiligen Chrysostomus aus Offenbachs »Schönröschen:« und wenn man solchen Schimmer von den Reichtümern empfangen hat, die einmal mit der Stunde verschüttet wurden, dann frage man sich, warum wir unsere Armut so in Ehren halten! . . Der Grund von all dem: die Welt wird vernünftiger mit jedem Tag; wodurch naturgemäß ihr Blödsinn immer mehr zur Geltung kommt. Sie beschnuppert die Kunst auf ihren Wahrscheinlichkeitsgehalt und wünscht ihn von allen Symbolen entkleidet. Darum hat sie das Märchen und die Operette in die ästhetische Rumpelkammer geworfen. Die Funktion der Musik: den Krampf des Lebens zu lösen, dem Verstand Erholung zu schaffen und die gedankliche Tätigkeit entspannend wieder anzuregen – diese Funktion, mit der Bühnenwirkung verschmolzen, macht die Operette, und sie hat sich mit dem Theatralischen ausschließlich in dieser Kunstform vertragen. Denn die Operette setzt eine Welt voraus, in der die Ursächlichkeit aufgehoben ist, nach den Gesetzen des Chaos, aus dem die andere Weit erschaffen wurde, munter fortgelebt wird und der Gesang als Verständigungsmittel beglaubigt ist. Vereint sich die lösende Wirkung der Musik mit einer verantwortungslosen Heiterkeit, die in diesem Wirrsal ein Bild unserer realen Verkehrtheiten ahnen läßt, so erweist sich die Operette als die einzige dramatische Form, die den theatralischen Möglichkeiten vollkommen angemessen ist. Das Schauspiel kann immer nur trotz oder entgegen dem Gedanken seine Bühnenhaftigkeit durchsetzen, und die Oper führt durch die Inkongruenz eines menschenmöglichen Ernstes mit der wunderlichen Gewohnheit des Singens sich selbst ad absurdum. In der Operette ist die Absurdität vorweg gegeben. Hier klafft kein Abgrund, in dem der Verstand versinkt; die Bühnenwirkung deckt sich mit dem geistigen Inhalt. Im Schauspiel siegt das Schauspielerische auf Kosten des Dichterischen, denn um uns zu Tränen zu rühren, ist es ganz gleichgültig, ob Shakespeare oder Wildenbruch die Gelegenheit bietet; in der Oper spottet das Musikalische des Theatralischen, und die natürliche Parodie, die im Nebeneinander zweier Formen entsteht, macht auch den tatkräftigsten Vorsatz zu einem »Gesamtkunstwerk« lächerlich. Das Theater ist die Profanierung des unmittelbaren dichterischen Gedankens und des sich selbst bedeutenden musikalischen Ernstes; es ist der Hemmschuh jedes Wirkens, das eine Sammlung beansprucht, anstatt sie durch die sogenannte Zerstreuung erst herbeizuführen. Das Wortdrama wird an dem Ausbreitungsbedürfnis des letzten Komödianten zuschanden, und die Andachtsübungen einer Wagneroper sind ein theatralischer Nonsens. Zu einem Gesamtkunstwerk im harmonischesten Geiste aber vermögen Aktion und Gesang in der Operette zu verschmelzen, welche eine Welt als gegeben nimmt, in der sich der Unsinn von selbst versteht und in der er nie die Reaktion der Vernunft herausfordert. Offenbach hat in seinen Reichen phantasielebender Unvernunft auch für die geistvollste Parodierung des Opernwesens Raum: die souveräne Planlosigkeit der Operette kehrt sich bewußt gegen die Lächerlichkeit einer Kunstform, die im Rahmen einer planvollen Handlung den Unsinn erst zu Ehren bringt. Daß Operettenverschwörer singen, ist plausibel, aber die Opernverschwörer meinen es ernst und schädigen den Ernst ihres Vorhabens durch die Unmotiviertheit ihres Singens. Wenn nun der Gesang der Operettenverschwörer zugleich das Treiben der Opernverschwörer parodiert, so ergibt sich jene doppelte Vollkommenheit der Theaterwirkung, die den Werken Offenbachs ihren Zauber verleiht, weit über die Dauer aller politischen Anzüglichkeiten hinaus, auf die die Nichtversteher seines Wesens den größten Wert legen. An der Regellosigkeit, mit der sich die Ereignisse in der Operette vollziehen, nimmt nur ein verrationalisiertes Theaterpublikum Anstoß. Der Gedanke der Operette ist Rausch, aus dem Gedanken geboren werden; die Nüchternheit geht leer aus. Dieses anmutige Wegspülen aller logischen Bedenken und dies Entrücken in eine Konvention übereinanderpurzelnder Begebenheiten, in der das Schicksal des Einzelnen bei einem Chorus von Passanten die unwahrscheinlichste Teilnahme findet, dies Aufheben aller sozialen Unterschiede zum Zweck der musikalischen Eintracht, und diese Promptheit, mit der der Vorsatz eines Abenteuerlustigen: »Ich stürz' mich in den Strudel, Strudel hinein« von den Unbeteiligten bestätigt und neidlos unterstützt wird, so daß die Devise: »Er stürzt sich in den Strudel, Strudel hinein« lauffeuerartig zu einem Bekenntnis der Allgemeinheit wird – diese Summe von heiterer Unmöglichkeit bedeutet uns jenen reizvollen Anlaß, uns von den trostlosen Möglichkeiten des Lebens zu erholen. Indem aber die Grazie das künstlerische Maß dieser Narrheit ist, darf dem Operettenunsinn ein lebensbildender Wert zugesprochen werden. Ich kann mir denken, daß ein junger Mensch von den Werken Offenbachs, die er in einem Sommertheater zu hören bekam, entscheidendere Eindrücke empfangen hat als von den Klassikern, zu deren verständnisloser Empfängnis ihn die Pädagogik antrieb. Vielleicht konnte ihm das Zerrbild der Götter, den wahren Olymp erschließen. Vielleicht wurde seine Phantasie zu der Bewältigung der Fleißaufgabe gespornt, sich aus der »Schönen Helena« das Bild der Heroen zu formen, das ihm die Ilias noch vorenthielt. Und er zog aus der bukolischen Posse, die die Wunderwelt des »Blaubart« einleitet, mehr lyrische Stimmung, von dem spaßigen Frauenmord mehr echtes Grauen und echte Romantik, als ihm Dichter bieten konnten, die es darauf abgesehen haben. Von dem Entree eines Alcalden, den zwei Dorfschönen um seine Perücke herumdrehen, mochte ihm das Bild der lächerlichen Hilflosigkeit geblieben sein, wenn sich ihm einst die Kluft zwischen Gesetz und Leben öffnen wollte, und alle Ungebühr in Politik und Verwaltung offenbarte sich ihm schmerzlos in der Wirrnis, die die Staatsaktionen der Operette zur Folge haben. Eine Gesellschaft aber, die das Lachen geistig anstrengt und die gefunden hat, daß sich mit dem Ernst des Lebens bessere Geschäfte machen lassen, hat den blühenden Unsinn zum Welken gebracht. Sie imponierte sich mit ihrer Pfiffigkeit, als sie die Unwahrscheinlichkeit einer Operettenhandlung entdeckte. Und wie sollte es denn möglich sein, den im Verdienerleben unaufhörlich tätigen Intellekt für einen ganzen Abend auszuschalten? Auch ist der Feuilletonlektüre eine vordem nie geahnte Ausbreitung der Bildung gelungen, und diese läßt sich mit Schäferspielen und märchenblauen Unmöglichkeiten nicht mehr abspeisen. Der aufgeweckte Verstand hat den Unsinn entlarvt und seine Rationalisierung durchgesetzt. Was geschieht? Der Unsinn, der früher das Element war, aus dem Kunst geboren wurde, brüllt losgebunden auf der Szene. Unter dem Protektorat der Vernunft entfaltet sich eine Gehirnschande, die ihre dankbaren Dulder ärger prostituiert als ihre spekulativen Täter. Die alten Operettenformen, die an die Bedingung des Unsinns geknüpft bleiben, werden mit neuer Logik ausgestopft, und der Effekt läßt sich etwa so an, als ob nun die opernhafte Lächerlichkeit von einer Bande entfesselter Tollhäusler demonstriert würde. Die Forderung, daß die Operette vor der reinen Vernunft bestehe, ist die Urheberin des reinen Operettenblödsinns. Jetzt singen nicht mehr die Bobèche und Sparadrap, die Erbprinzen und die Prinzessinnen von Trapezunt, die fürchterlichen Alchymisten, in deren Gift Kandelzucker ist, keine musikalische Königsfamilie mehr wird vom bloßen Wort »Trommel« hingerissen, kein Haus des Tyrannen wirft einen falsch mitsingenden Höfling um. Aber Attachés und Leutnants bringen sachlich in Tönen vor, was sie einander und uns zu sagen haben. Psychologie ist die ultima ratio der Unfähigkeit, und so wurde auch die Operette vertieft. Sie verleugnet den romantischen Adel ihrer Herkunft und huldigt dem Verstand des Commis voyageur. Der Komiker, der keine Komik hat und sein Lied schlecht singt, muß freilich ein Menschenschicksal darstellen: wer aber ein Menschenschicksal darstellt, macht die Narrheit, dabei zu singen, komplett, und das Gedudel im Orchester setzt den Respekt vor einem Seelendrama wie der »Lustigen Witwe« beträchtlich herab. Doch die ernstgemeinte Sinnlosigkeit auf der Bühne entspricht durchaus der Lebensauffassung einer Gesellschaft, die auf ihre alten Tage Vernunft angenommen hat und dadurch ihren Schwachsinn erst bloßstellte. Und ihren Blößen die Stoffe zurechtzumachen, ist eine Legion talentloser Flickschneider am Werke. Der Drang, das Leben der musikalischen Burleske zu verifizieren, hat die Gräßlichkeiten der Salonoperette erzeugt, die von der Höhe der »Fledermaus« – des Übels Urquell – über die Mittelmäßigkeit des »Opernballs« in die Niederung der »Lustigen Witwe« führen. Von der natürlichen Erkenntnis verlassen, daß ein phantastisches oder exotisches und mindestens ein der Kontrolle entrücktes Kostüm notwendig ist, um das Singen in allen Lebenslagen plausibel zu machen, und ohne Ahnung, daß ein singender Kommis im Smoking eine Gesellschaftsplage sei, wagt diese neue Industrie das Äußerste. Aber sie darf es wagen. Denn ihrem Publikum dient die heutige Operette bloß als ein Vorwort zu den grölenden Freuden des Nachtlebens. Auf die weit aufgesperrten Mäuler der Volkssänger, die der »Champagnerwurzen« das Vergnügen durch den Trost »Es muaß ja net der letzte sein« erhöhen, will man durch den Theatergesang vorbereitet werden. Vom Psychologischen lassen sie nicht. Und vielleicht erklärt uns ein Feuilletonist noch diesen protzigen Mangel an Genußfähigkeit als tiefere Bedeutung. Wir vermöchten sonst in dem Tasten nach einer roheren Gegenständlichkeit der musikalischen Genüsse nur den vollbusigen Geschmack wiederzuerkennen, die Kolatschenweltanschauung, die jetzt mit dem Stolz der kulturellen Überlegenheit getragen wird. Die Wiener Operette hat sich mit dem Geist des »Drahrertums« verbündet und verzichtet auf das Opfer der Phantasie, das sie einst ihren Genießern zugemutet hat. Ihre Entartung ins Volkssängerische, ihre neue Tendenz, dem niedrigsten Nachtlokalpatriotismus zu schmeicheln und die Welt als einen großen Guglhupf aufzufassen, mit der Wienerstadt als dem einzigen Weinberl darin, ihre Anbiederung an den Stefansturm, auf dessen Spitze Herr Gabor Steiner gedacht wird, wie er eine Schenkelparade der himmlischen Heerscharen inszeniert – diese ganze Entwicklung der Operette ins Walzerische und Drahrerische würde ihre Satire in einer musikalischen Burleske verdienen, wie sie Offenbach aus der Lächerlichkeit der opernhaften Gebärde geschaffen hat. Der Spott ergäbe sich umso müheloser, als die neue Operette auf der Höhe ihrer Verknödelung sich selbst des Operngestus bedient und einen Fünfkreuzertanz mit einem Posaunenfest der Instrumentation beschließt. Die Satire, die hier einzusetzen hätte, wäre eine vollkommene Rehabilitierung des wahren Kunstwertes der Gattung. Nun kehrt sich die Parodie vom »Petroleumkönig«, die in einem Wiener Kabarett großen Zulauf findet, allerdings gegen die volkssängerhaften Allüren der modernen Ausstattungsoperette. Aber es ist hundert Vorstellungen gegen eine zu wetten, daß die Verfasser ihren Erfolg nicht diesem Spott, der von geringer Dichtigkeit ist, sondern der Vorliebe des Publikums für das Objekt des Spottes verdanken. Weil es zwei sind, die den Text dieser Parodieleistung zustandegebracht haben – jedem für sich wäre ja Witz nicht abzusprechen –, so wird das Publikum in dem Glauben bestärkt, es handle sich eben um eine jener feierlichen Operetten, denen es die Riesenerfolge zu bereiten pflegt, und es scheint entschlossen, auch an dieser hier seine Ausdauer zu bewähren. Da sie besser ist als die anderen, wäre den Autoren ein solcher Lohn zu gönnen, und mindestens möchte, wer ihre Absicht durchschaut, den Librettisten und ihrem Komponisten raten, einmal Ernst zu machen und eine lustige Operette zu schreiben. Diesmal hatten sie den kunstwidrigen Einfall, die alten Operettenformen zu verhöhnen, um deren neuen Mißbrauch lächerlich zu machen. Aber das Publikum freute sich sogar an jenen wieder und lachte über einen komischen Diener, der im Hintergrund die Gebärden seines Herrn mitmacht, ohne zu merken, daß diese Komik tiefere Absicht sei, nämlich ein Spott auf die Komik. Das Publikum lachte unrichtig, und daraus können die Librettisten die Lehre ziehen, daß sie es das nächste Mal genau so machen sollen. Sie hatten den Vorsatz, den »Operettenblödsinn« zu geißeln. Was jedoch gegeißelt werden soll, ist das blödsinnige Streben der heutigen Operette, sich einen Sinn beizulegen, der die Albernheit ins Unmittelbare rückt, ihr Eifer, den Mangel an Komik durch Logik wettzumachen und die Stelle, auf der ein Sänger stehen sollte, mit einem Psychologen zu besetzen. Konsequenz der Charaktere und Realität der Begebenheiten sind Vorzüge, zu denen nicht erst Musik gemacht werden muß. Daß ein schlafendes Liebespaar von einem Polizistenchor nicht geweckt wird, ist in der Welt der musikalischen Unberechenbarkeit durchaus möglich, und die Wahrscheinlichkeit, daß es im Leben anders geschieht, ist die wertlose Erkenntnis einer rationalistischen Satire, die sich nicht zu hoch über das Niveau eben der Intelligenz erhebt, der die beglaubigte Albernheit der modernen Operette ihre spottwürdigen Triumphe verdankt. Ich fürchte, wenn diese Intelligenz bei der fünfhundertsten Aufführung des »Petroleumkönig« erfährt, daß er eine Parodie sei, wirds bei dieser Aufführungsziffer sein Bewenden haben. Was im Bannkreis der Operettenschande am stärksten auffällt, ist die demokratisierende Wirkung, die von ihr ausgeht. Man gewahrt eine förmliche Lust, sich mit Helden und Schicksalen der neuen Operettenwelt zu encanaillieren, und eine Gesellschaftsschicht, die gewiß ihrer Dienerschaft winkte, wenn befrackte Handlungsreisende mit roten Schweißtüchern in ihre Salons eindrängen, läßt sich von diesen ihre Liebesabenteuer und Eifersuchtsszenen vorsingen. Es herrscht eine Neugierde nach den Privatangelegenheiten der Kommis, die einen Menschen, der nach zwanzig Jahren wieder einmal in eine Operettenvorstellung kommt, geradezu deprimieren muß, und wenn solch ein koscherer Schwerenöter mit den Worten des Meisters Leon versichert: »So eine Depesche ist oft fatal – o Elektrizität! – Es gibt Zeiten, wo man wünschte – daß man dich nicht erfunden hätt«, dann ruft ein anscheinend den besseren Ständen angehörendes Publikum nicht »Hinaus!«, sondern tobt vor Begeisterung. Es gibt keine gesellschaftlichen Vorurteile mehr. Die Teilnahme des Publikums an den Intimitäten der Operettengestalten wäre noch entschuldbar, wenn Stumpfsinn und Gemeinheit nicht ohne hinreichende musikalische Bedeckung sich hervorwagten und vor allem in der bizarren Tracht entfernter Länder oder Zeiten. Unbegreiflich ist aber, daß wir in der sozialen Nähe der Salonoperette den Insult ihrer Zumutungen nicht spüren. Und es ist dann wieder nur zu begreiflich, daß wir unser Interesse für die unvermummten Träger der Handlung auch auf ihr Leben außerhalb der Bühne erstrecken. Der Naturalismus des singenden Kommis erleichtert die Identifizierung mit der Privatperson, und der Schauspielerkultus, der ehedem ein gerechter Lohn der künstlerischen Leistung war, ist heute bloß die Konsequenz einer übernommenen gesellschaftlichen Verpflichtung. Ihr unterwerfen sich selbst solche Kreise des Publikums, von denen man annehmen müßte, daß sie in einem Feintuchreisenden, der tanzen kann, noch nicht den Gipfel der kulturellen Entwicklung erblicken. Daß vollends die Schichten, die heute die Theaterwerte kotieren, nicht anders denken, ist natürlich. Überraschend freilich, daß das Pathos, mit dem sie sich zu Herrn Treumann bekennen, bis zu revolutionären Stimmungen wachsen kann. Das Schicksal eines Sängers, der so verzwickte Kontraktbrüche begeht, daß die Jurisprudenz versagt, weil sie nicht genug Mathematik gelernt hat, und daß sie sich mit der einstweiligen Verhaftung helfen muß, mag die Theatertinterl und Freikartenschnorrer eines Kaffeehauses immerhin alterieren. Daß sich aber dieses Interesse bis zur Einmengung in eine Amtshandlung, Gewaltanwendung gegen die Schergen des Exekutionsgerichts und bis zu flammenden Reden der studentischen Jugend erhitzen kann, ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß in Wien der Kulissenklatsch politische Begeisterung noch nicht ertötet hat und daß diese jederzeit mobil zu machen ist, wenn es den Kulissenklatsch gilt. Und was wiegt die Erinnerung an den Einzug der Wache in das Parlament gegen dieses Erlebnis! Unvergeßlich bleibt der Augenblick, da ein Tarockspieler die Meldung brachte: »Das Kaffeehaus ist von Polizei besetzt!« Als aber gar einer der Anhänger des Herrn Treumann den Ruf ausstieß: »Es lebe die Freiheit!«, bezog diesen einer der vielen Direktoren, denen der Mann die Treue hielt, auf den Gratiseintritt und verteilte auf der Stelle siebzig Freikarten. Hätte er Messina aufgebaut, der Jubel einer Welt hätte den Tumult der Dankbarkeit nicht überbieten können, den solche Hochherzigkeit auf dem sicheren Wiener Boden erregt hat. Aber warum duldet der schweigend? Warum stellt sich kein Erdstoß ein, der uns künftig eine Zeitungsnachricht ersparte wie die, ein Theateragent habe dem Volke zugerufen: »Hier ist er! In Freiheit vorgeführt!«. Warum wurde uns nicht durch ein Elementarereignis rechtzeitig der Anblick des Konterfeis entzogen, das einen kaiserlichen Rat und Hoflieferanten darstellt, wie er eben damit beschäftigt ist, bei der versuchten Verhaftung des Herrn Treumann dabei zu sein? Für die versuchte Verhaftung wird sich die Polizei vor den Billardspielern zu verantworten haben. Aber warum erbarmt sich nicht die kleinste Pestilenz und verhindert uns, Bulletins über den Gesundheitszustand, über Lektüre, Wäschebeschaffung, Aufregungszustände des präsumtiven Häftlings zu empfangen? So sind wir den entfesselten Zeitungsgewalten hilflos preisgegeben. Und an die gelinderen Schrecken der Natur erinnert nur die Tatsache, daß bei solchen Gelegenheiten Weiber zu Hyänen werden. Sie benützten nämlich das Gedränge, das bei der versuchten Verhaftung entstanden war, um die Tränen des Herrn Treumann zu trocknen und für ihn zu weinen, und eine Meldung besagt sogar, daß sie sich zwischen den Liebling und die Hermandad geworfen hätten. Das war denn das einzige Moment, das über die Staatsaktion hinaus an das Walten der Naturmächte erinnerte. Aber die sind blind; und ich möchte bezweifeln, daß der Liebling für die Damen eingetreten wäre, wenn die Polizei sie wegen Einmischung in eine Amtshandlung verhaftet hätte ... Ohnmächtig stehen wir den Katastrophen der Kultur gegenüber und wenn uns der Schrecken des Überstandenen und die Angst vor der Wiederholung die Ruhe eines Rückblicks gönnen, dann sehen wir, wie sich das Bild dieser Stadt verändert hat, seitdem sie sich den Zwischenhändlern des Geistes übergab. Sind dies die oft beklagten Exzesse des Schauspielerkultus? Sind es nicht vielmehr Ausbrüche des Selbstbewußtseins einer angelangten Kaste, die an ihrem Weltbesitz nicht rütteln läßt und noch das Recht, das dem einzelnen widerfährt, als ein Unrecht gegen ihre Gesamtheit abwehrt? Das Theaterinteresse mag dem Tenor zu Hilfe eilen – aber die Bedrängnis des Kommis ruft jene große Solidarität herbei, die heute vor einem Schuldturm so pathetisch wird, wie einst vor einer Teufelsinsel. Nein, das sind nicht mehr die Auswüchse eines Kultus, das sind die Zeichen einer Kultur! ... Wenn aber der Sozialkritiker, dessen Geist am Eingang dieser Betrachtung stand, in der Schauspielerverehrung unsern ganzen Jammer sieht, wohl ihm! Und wenn er behauptet, der Inbegriff dieses Jammers sei die Verehrung Alexander Girardis, so ist wahrlich der Jammer größer, der dem Feuilletonkommis Druckerschwärze an die Hand gibt, um den Glanz eines Künstlernamens zu beschmieren. Nein, er meint nicht den Treumann; er meint Girardi! »Es gab nur Girardi-Stücke mit Girardi-Rollen«, klagt er, und freudig stellt er fest, daß nach dem Abgang des Mannes, dem eine Stadt den Humor eines Vierteljahrhunderts verdankt, »die Operette befreit aufatmet«, daß sie »ohne und gegen Girardi ihre Welterfolge errang«. Und das ist die Wahrheit. Denn das bloße Dasein dieses Schauspielers vermochte von der Nichtigkeit einer dramatischen Produktion abzulenken, die ihm nur das Stichwort gab. Nun verlangt aber diese Nichtigkeit Beachtung. Die Leere möchte nicht mehr bloß Spielraum einer Persönlichkeit sein; die Gemeinheit will um ihrer selbst willen geliebt werden. Solchem Anspruch ordnen sich die Nullen des Operettentheaters unter. Dekorateure und Tänzer sorgen dafür, daß das Publikum den Ausfall an schauspielerischem Vermögen nicht merke. Dem Zug der Künstler zum Varieté entspricht die Verpflanzung boxender Känguruhs auf das Theater. Es gibt keine Girardi-Stücke mehr, aber es gibt Girardi-Stücke ohne Girardi, und da die Welt den Blödsinn ohne den Kommentar der Kunst verständlicher findet, so atmet der Blödsinn befreit auf und erringt seine Welterfolge. Und der Komödiantenkultus ändert seinen Kurs. Die alte Theaterliebe verfolgte den Schauspieler ins Privatleben, aber der Mißbrauch, der die Person umlärmte, gehörte zu dem guten Brauch, die Persönlichkeit zu verehren. Und die Neigung der Menge, dem Wagen eines Künstlers die Pferde auszuspannen, schien das natürliche Verhältnis der beiderseitigen Bestimmungen wiederherzustellen. Heute ist sie noch bescheidener geworden: sie wiehert schon begeistert, wenn ein Roßtäuscher im Wagen sitzt. Lob der verkehrten Lebensweise Ich hatte die traurigen Folgen einer normalen Lebensweise, mit der ich es eine Zeitlang versuchte, nur zu bald an Leib und Geist zu spüren bekommen und beschloß, noch einmal, ehe es zu spät wäre, ein unvernünftiges Leben zu beginnen. Nun sehe ich die Welt wieder mit jenen umflorten Blicken, die einem nicht nur über die Wirklichkeit der irdischen Übel hinweghelfen, sondern denen ich auch manch eine übertriebene Vorstellung von den möglichen Lebensfreuden verdanke. Das gesunde Prinzip einer verkehrten Lebensweise innerhalb einer verkehrten Weltordnung hat sich an mir in jedem Betracht bewährt. Auch ich brachte das Kunststück zuwege, mit der Sonne aufzustehen und mit ihr schlafen zu gehen. Aber die unerträgliche Objektivität, mit der sie alle meine Mitbürger ohne Ansehen der Person bescheint, allen Mißwachs und alle Häßlichkeit, entspricht nicht jedermanns Geschmack, und wer sich beizeiten vor der Gefahr retten kann, mit klaren Augen in den Tag dieser Erde zu sehen, der handelt klug, und er erlebt die Freude, darob von jenen gemieden zu werden, die er meidet. Denn als der Tag sich noch in Morgen und Abend teilte, wars eine Lust, mit dem Hahnenschrei zu erwachen und mit dem Nachtwächterruf zu Bett zu gehen. Aber dann kam die andere Einteilung auf, es ward Morgenblatt und es ward Abendblatt, und die Welt lag auf der Lauer der Ereignisse. Wenn man eine Weile zugesehen hat, in wie beschämender Art sich diese vor der Neugierde erniedrigen,wie feige sich der Lauf der Welt den gesteigerten Bedürfnissen der Information anpaßt und wie schließlich Zeit und Raum Erkenntnisformen des journalistischen Subjekts werden – dann legt man sich aufs andere Ohr und schläft weiter. »Nehmt, müde Augen, eures Vorteils wahr, den Aufenthalt der Schmach nicht anzusehn!« Darum schlafe ich in den Tag hinein. Und wenn ich erwache, breite ich die ganze papierene Schande der Menschheit vor mir aus, um zu wissen, was ich versäumt habe, und bin glücklich. Die Dummheit steht zeitlich auf, darum haben die Ereignisse die Gewohnheit, vormittags zu geschehen. Bis zum Abend kann immerhin noch manches passieren, aber im allgemeinen fehlt dem Nachmittag die lärmende Betriebsamkeit, durch die sich der menschliche Fortschritt bis zur Stunde der Fütterung seines guten Rufs würdig zeigen will. Der richtige Müller erwacht erst, wenn die Mühle stillesteht; und wer mit den Menschen, deren Dasein ein Dabeisein ist, nichts gemein haben will, steht spät auf. Dann aber gehe ich über die Ringstraße und sehe, wie sie einen Festzug vorbereiten. Vier Wochen hallt der Lärm, wie eine Symphonie über das Thema von dem Geld, das unter die Leute kommt. Die Menschheit rüstet zu einem Feiertag, die Zimmermeister schlagen Tribünen und die Preise auf, und wenn ich bedenke, daß ich all die Herrlichkeit nicht sehen werde, beginnt auch mein Herz höher zu schlagen. Führte ich noch die normale Lebensweise, so hätte ich wegen des Festzugs abreisen müssen; nun kann ich dableiben und sehe trotzdem nichts. Ein alter König bei Shakespeare winkt ab: »Macht kein Geräusch, macht kein Geräusch; zieht den Vorhang zu! Wir wollen des Morgens zu Abend speisen.« Ein Narr, der die Verkehrtheit dieser Weltordnung bestätigt, setzt hinzu: »Und ich will am Mittag zu Bette gehen.« Wenn aber ich am Abend frühstücken werde, wird alles vorbei sein, und aus den Zeitungen erfahre ich bequem die Zahl der Sonnenstiche. Alle größeren Unglücksfälle geschehen am Vormittag; so bewahre ich mir den Glauben an die Vortrefflichkeit der menschlichen Einrichtungen. Doch in den Abendblättern steht nicht nur was geschehen ist, sondern auch wer dabei war, man fühlt sich in eine sichere Entfernung von einer Brandstätte gerückt und bat dennoch Gelegenheit, die Häupter jener Lieben zu zählen, die rechtzeitig u. a. bemerkt wurden, so daß kein einziges fehlt. Man mache sich die Verwandlung des Weltenraumes in einen lokalen Teil zunutze, so gut man kann, man bediene sich des Verfahrens, das unter dem Namen Zeitung eine Konserve der Zeit herstellt. Die Welt ist häßlicher geworden, seit sie sich täglich in einem Spiegel sieht, darum wollen wir mit dem Spiegelbild vorlieb nehmen und auf die Betrachtung des Originals verzichten. Es ist erhebend, den Glauben an eine Wirklichkeit zu verlieren, die so aussieht, wie sie in den Zeitungen beschrieben wird. Wer den halben Tag verschläft, hat das halbe Leben gewonnen. Alle größeren Dummheiten geschehen am Vormittag: der Mensch sollte erst erwachen, wenn die Amtsstunden zu Ende sind. Er trete nach Tisch ins Leben hinaus, wenn es frei von Politik ist. Daß auch die Attentate vormittags geschehen, wird er allerdings nicht aus den Abendblättern entnehmen können; denn sie werden zumeist auch von den Korrespondenten verschlafen. Es gibt eine Zeitung, die einen Vertreter nach dem andern nach Paris schickte, um die Attentate auf die Präsidenten rechtzeitig zu erfahren; und siehe da, ein Präsident nach dem andern kam ums Leben, und jedesmal war der Tod eines Präsidenten der Zwillingsbruder des Schlafs eines Korrespondenten. Als neulich die deutschen Fürsten in unserer Stadt weilten und alles auf den Beinen war, wußte ich nichts davon. Aber auch sonst hatte dieser Zwischenfall keine nachteiligen Folgen für mich, höchstens, daß es zum erstenmal geschah, daß ich zum Frühstück mein gewohntes Rindfleisch nicht bekam, also einer Neigung entsagen mußte, durch die ich bis dahin meine Zugehörigkeit zu der Stadt, in der ich lebe, demonstrativ bekundet hatte. Der Kellner entschuldigte sich und verwies mich zum Trost auf die Festigung des Dreibunds. Die hatte ich verschlafen. Wenn ein Theologe sich dazu durchringt, nicht mehr an die unbefleckte Empfängnis zu glauben, so geschieht es am Vormittag, wenn ein Nuntius sich blamiert, so geschieht es am Vormittag, und es ist wahrlich immer noch besser, daß ein Sturm der Bauern auf eine Universität oder der Ruf »Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht!« uns den Schlaf des Vormittags stört als die Ruhe des Nachmittags. Nur einmal kam ich zufällig des Weges, wie ein Minister nach Tisch demissionierte. Aber wie unordentlich ist es auch damals zugegangen! Die Polizisten hieben um drei Uhr auf die Volksmenge ein, die »Abzug!« gerufen hatte, und sagten schon um viertel auf vier. »Geht's ham, Leuteln, der Bodens is a schon gangen!« Wie steht es mit der Justiz? Sie ist nur am Vormittag blind, und geschieht ausnahmsweise einmal noch in vorgerückter Stunde ein Justizmord, so handelt es sich gewiß um einen besonders skandalösen Fall. Oder es kann in Deutschland passieren, daß in einer geschlechtlichen Affäre die Wahrheit auf dem Marsche ist, und zwar seit fünfundzwanzig Jahren, und dann muß sie wohl die Nachmittage zu Hilfe nehmen. Um einem solchen Ereignis zu entfliehen, nützt es auch nichts, sich wieder ins Schlafzimmer zurückzuziehen, da sich bekanntlich gegenüber dem Wahrheitsdrang gerade dieses als der am wenigsten sichere Ort herausgestellt hat. Gehört es aber sonst immerhin zu den Annehmlichkeiten des Lebens, dessen Unannehmlichkeiten verschlafen zu können, so muß ich leider zugeben, daß ich auf einem Gebiete mit meiner Praxis überhaupt kein Glück habe, und zwar im Bereich der schönen Künste. Denn es ist eine alte Erfahrung, daß die meisten Theaterdurchfälle gerade abends geschehen. Dafür ist in der Nacht in allen Betrieben öffentlicher Betätigung Stillstand. Nichts regt sich. Es gibt nichts Neues. Nur die Kehrichtwalze zieht wie das Symbol einer verkehrten Weltordnung durch die Straße, damit der Staub verbreitet werde, den der Tag zurückgelassen hat, und wenns regnet, so geht auch der Spritzwagen hinterher. Sonst ist Ruhe. Die Dummheit schläft – da gehe ich an die Arbeit. Von fern klingt es wie das Geräusch von Druckpressen: die Dummheit schnarcht. Und ich beschleiche sie und ziehe aus der meuchlerischen Absicht noch Genuß. Wenn am östlichen Horizont der Kultur das erste Morgenblatt erscheint, gehe ich schlafen ... Das sind so die Vorteile der verkehrten Lebensweise. Menschenwürde Die Stellung des Künstlers zur Menschheit ist noch immer nicht geklärt. Entweder ist ihre Würde in seine Hand gegeben oder es faßt ihn ihr ganzer Jammer an. Fühlt er aber die Identität dieser beiden Möglichkeiten, so macht er sich unmöglich. Ich habe mich viel und eingehend mit der Menschenwürde beschäftigt, habe in meinem Laboratorium die verschiedensten Untersuchungen darüber angestellt,und muß bekennen, daß die Versuche in den meisten Fällen schon wegen der Schwierigkeit der Beschaffung des Materials kläglich verlaufen sind. Die Menschenwürde hat die Eigentümlichkeit, immer dort zu fehlen, wo man sie vermutet, und immer dort zu scheinen, wo sie nicht ist. Die Fähigkeit gewisser Tiere, die Gestalt lebloser Körper oder Pflanzen anzunehmen, jene Vorkehrung, die man Mimikry nennt und durch die die Natur sie in den Stand gesetzt hat, ihre Verfolger zum Narren zu halten, sie tritt beim Menschen als die sogenannte Würde in Erscheinung. Der Mensch zieht ein Kleid an und stellt sich in Positur. Der Hauptmann von Köpenick aber war es, der dieser unterhaltlichen Schutzvorrichtung selbst wieder einen Possen gespielt und die menschliche Mimikry entlarvt hat. Als er mit der Würde daherkam, ergab sich die Würde, als er mit Trommeln und Pfeifen einzog, ging die Autorität flöten, und darum ist es begreiflich, daß er ins Zuchthaus mußte. Man sagt, er habe sich bloß den Scherz einer Verkleidung erlaubt; aber in Wahrheit hat er mehr getan, er hat die Verkleidung eines Ernstes enthüllt. Wenn ein Shakespearischer König wahnsinnig wird, so benützt er die Gelegenheit, um Weisheiten auszusprechen, die man ihm sonst übelnähme. man würde ihn für verrückt halten. Auch der Narr ihm zur Seite genießt die Vorteile seiner Stellung: nähme man ihn ernst, man ließe sich von ihm auch nicht die kleinste Wahrheit gefallen. Er darf seinen König einen Narren nennen, der König darf die Behauptung wagen, daß man »dem Hund im Amt gehorcht«, und der Schuster in der Uniform kann beweisen, daß der Hund im Amt dem Schuster in der Uniform gehorcht. Einem Mann, der lange Zeit im Kostüm eines persischen Generals die höchsten Kreise einer Residenzstadt zu seinem eigenen Besten gehalten hatte, kam man endlich dahinter, daß er eigentlich gar kein persischer General oder, wenn er einer sei, daß er noch avancieren müßte, um den Rang eines österreichischen Korporals zu erreichen. Jener wahnsinnige König hat sofort die Wahrheit erkannt; denn er sagte: »Euch, Herr, halte ich als einen meiner Hundert; nur gefällt mir der Schnitt Eures Habits nicht. Ihr werdet sagen, es sei persische Tracht; aber laßt ihn ändern.« Wenn er ihn nun ändern läßt und sich etwa zur Uniform des Schweizer Admirals aus »Pariser Leben« entschließen sollte, wird er darum nicht weniger beliebt sein. Die Würde, mag sie selbst als Takowa-Orden verliehen oder als päpstliche Jubiläumsmedaille um den Hals gehängt werden, sie gewährt in allen Formen Schutz vor Verfolgung und trägt den Respekt aller jener ein, die noch nicht auf die Idee verfallen sind, sie sich zu verschaffen. Die Würde, die das Verdienst einst um den Vermittlungspreis bekam, ist jetzt unter dem Herstellungspreis zu haben. Vorbei die Zeiten, da irgendein Gregers Werle mit der idealen Forderung umherging, die Medaillen, welche die Bahnhofportiers auf der Brust tragen, müßten revidiert werden. Heute schafft der Besitz die Berechtigung. Früher hatten die Hochstapler von der Dummheit gelebt; jetzt bereichert sich die Dummheit auf Kosten der Hochstapler und beutet sie in der rücksichtslosesten Weise aus. Denn die Würde verleitet zur Erzeugung falscher Ehrenzeichen und wenn der Schwindler eine Zumutung zurückweist, dem Dummen gelingt es stets noch, ihn zu überlisten. Vor allem aber wollen die Leute einen Titel hören, unter dem sie sich nichts vorstellen können. Man kann dem übermütigsten Beamten den Fuß auf den Nacken setzen, wenn man ihm zuruft: »Ich bitte mir diesen Ton aus, Sie scheinen nicht zu wissen, wer ich bin. Ich bin Exhibitionist!« Die Menschenwürde hat die Eigenschaft, sich selbst so zu imponieren, daß sie sofort nachgibt, wenn sie aufbegehrt. Ich kenne eine Stadt, in der sie an jeder Straßenecke solche Siege feiert. Auch dort hat jetzt endlich ein Kutscher die gleichen politischen Rechte wie ein Baron, aber wenn er ihn zum Wahllokal befördert hat, so sagt er zu ihm: »Küß die Hand, Euer Gnaden!« Als der Staatswagen dahintorkelte, riß das Volk die Tür auf. Doch es stellte sich heraus, daß es nur Wagentürl-Aufmacher waren. Man fragte sie, was sie wollten, und sie sagten: »Euer Gnaden wissen eh!« Sie wollten ein Trinkgeld, man gab ihnen die Menschenwürde, und sie brummten: »So a notiger Beutel! ...« Ich habe eine wahre Hochachtung vor dem Menschenrechte der Freiheit, so sehr, daß ich der Freiheit das volle Recht auf die Menschen zuerkenne, die sie verdient. Ich habe eine unbegrenzte Ehrfurcht vor den politischen Rechten. Solange aber der Absolutismus des Trinkgelds nicht abgeschafft ist, glaubt das Volk, ein Achtundvierziger sei die Rufnummer eines Fiakers, und ein Unnumerierter sei nobler. Ich kenne einen Hoflieferanten, der sich ins Privatleben zurückgezogen hat, nicht ohne daß ihm der Verkehr mit den hohen Herrschaften, die er bedient hatte, zu Kopf gestiegen war. Er benimmt sich noch heute in jeder Lebenslage so, als ob er eine Lieferung für die Königin von Hannover zu effektuieren hätte. Die geheimsten Wünsche und Beschwerden des Bürgerherzens kommen so ans Tageslicht, und als er einmal in einem öffentlichen Lokal eines leibhaftigen Aristokraten ansichtig wurde, verbeugte er sich und rief: »Zu Füßen des Herrn Grafen, zu Füßenl« Es war mir wie die Vision eines unblutig niedergeworfenen Aufstands. Ein radikales Gemüt aber kann wieder auf Lebenszeit von einer Leitartikelphrase verwirrt werden. Ich glaube, daß die Politik entweder daran krankt, daß die Ideen aus kleinen Köpfen in kleinere Herzen, oder daß sie aus kleinen Herzen in kleinere Köpfe übergehen. Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, dann bekommt er die Masern, dann die Würde, und mit der weiß er schon gar nichts anzufangen. Ausgenommen, wenn er Sekundant wird. Das ist nämlich die einzige Situation, in der der Philister herumgeht, als ob er Kartellträger der Vorsehung wäre. Weh dem, der ihn in dieser Würde nicht ernst nimmt, er erhebt sich mit einem »Pardon, dann habe ich hier nichts mehr zu suchen!«, und das Protokoll, diese Reinschrift der Würde, ist fertig. Wenn nicht hin und wieder ein Kommis »fixiert« würde, wir wüßten nichts von den ehernen Gesetzen, die uns an das Schicksal binden. Würde ist die konditionale Form von dem, was einer ist. Wenn aber Würde nicht wäre, gäbs keine Würdelosigkeit. Sie provoziert die Gaffer, und wo Gaffer sind, stockt der Verkehr. Die Überwindung der Menschenwürde ist die Voraussetzung des Fortschritts. Sie taugt nichts. Ich habe sie in allen Situationen gesehen. Sie glaubte sich unbeobachtet: da sah ich, wie ein Kellner vor einem Trinkgeld, das ein Gast auf dem Tisch zurückgelassen hatte, sich verbeugte und »Ich danke vielmals« sagte. Ein anderes Mal bemerkte ich, wie er sich bückte, um eines Kreuzers, der in einen Spucknapf gefallen war, habhaft zu werden. In einem doppelten Symbol faßte mich der Menschheit ganzer Jammer an. Wo ist die Würde? fragte ich. Jener verstand schlecht, glaubte, ich wolle eine abgegriffene Zeitung, und sagte: Bedaure, sie ist in der Hand! Messina Als Stiefmutter Erde ihren Kindern dort unten grollte, war man durch nichts so sehr erschüttert wie dadurch, daß die Natur mit den Verbrechern gemeinsame Sache gegen die Gesellschaft machte. Die Meldung, daß sie aus den Gefängnissen ausgebrochen waren, schien unter allen Meldungen, die die Haare der Menschheit sträubten, die stärkste. Daß die Gelder der Wohltätigkeit gestohlen, daß bis dahin unbescholtene Gauner verlockt wurden, aus sich selbst auszubrechen, wirkte weniger erschreckend als die Tatsache, daß Verbrecher, die man schon hatte, aus den Gefängnissen entkommen waren. Die Sträflinge von Messina waren die einzigen Menschen, von denen man verlangen konnte, daß sie genügend Besinnung und genügend Respekt vor der staatlichen Autorität haben, um die destruktiven Tendenzen der Natur nicht zu unterstützen. Die Enttäuschung, die sie den europäischen Zeitungslesern bereitet haben, mag tief sitzen. In allen Kulturzentren regt sich jetzt die Besorgnis, daß man im Fall eines Erdbebens gegen Eigentumsdelikte, und gegen solche, die schon vorher begangen wurden, nicht gesichert sei. Daraus spricht jener Heroismus, der bei der Wahl zwischen Leben und Börse sich zum Verzicht auf das Leben entschließt. Die Gesellschaft denkt das »fiat justitia, et pereat mundus« mit äußerster Konsequenz zu Ende und bis zu dem Wunsch, daß die letzten Häuser jene, die einem Erdbeben getrotzt haben, die Gefängnisse sein mögen. Und wenn der Wunsch nicht in Erfüllung gehen sollte, dann ists eine schmackhafte Vorstellung, daß die Leichname der Verbrecher Ketten tragen ... So reißt ein Erdbeben die Gedankenwelt der Erwachsenen auf. Sie denken an den Verbrecher. Kinder denken an den Teufel, und fürchten ihn nicht mehr. Die Größe des Unglücks befreit sie von der Angst, daß darüber hinaus noch etwas geschehen könnte. Die Eltern halten sich die Taschen zu – ein Kind findet vor dem Unermeßlichen Worte, wie sie ein Dichter spricht. »Der Teufel« hörte ich es sagen, »hat ein Erdbeben angerichtet, das war so groß, daß der Teufel selbst dabei zugrund gegangen ist!« Mutterschutz Es ist nicht anzunehmen, daß die in Paragraphenwaffen starrende Niedertracht, die den innersten Besitz an menschlicher Freiheit bedroht und den Uterus zu Abgaben zwingt, sich mit einem Mal eines Bessern besinnen, daß die staatliche Schamhaftigkeit, die den Geschlechtsverkehr lediglich für eine lästige Formalität bei der Fortpflanzung ansieht und unter allen Lebewesen bloß den Störchen eine gewisse Freizügigkeit gewährt, sich plötzlich ihrer selbst schämen werde. Aber der Nachweis, daß das Verbot der Fruchtabtreibung das größte Verbrechen ist, das ein Strafgesetz – das alte und natürlich auch das kommende – begeht, dient doch wenigstens der Aufrüttelung jener Gehirne, die immer in der besten aller Welten leben. Die Dummheit sitzt freilich so tief, daß sie solchem Weckruf mit dem Einwand begegnet: wenn die Fruchtabtreibung gestattet würde, fiele die letzte Hemmung, die sich weibliche Keuschheit heute noch auferlege. Daß doch die Keuschheit überhaupt die Neigung hat, die Keuschheit aufzugeben! Und daß es eines Strafgesetzes bedarf, sie davon zurückzuhalten! Die Furcht vor dem Landesgericht so offen als die Tugend des Weibes gepriesen zu sehen, ist erquickend. Und ebenso erquickend, die Spezialität der Jungfernschaft als ein ausschließliches Interesse der Männer deklariert zu wissen. Aber stiege denn nicht der Liebhaberwert dieses Besitzes mit der Leichtigkeit seiner Entäußerung? Wären nicht, wenn's keine virgo mehr gibt, die wenigen, die es dann immer noch gibt, umso brünstiger umworben? Nicht weiblicher Keuschheit, die doch selbst der Idealist einmal kaputt macht, sondern weiblicher Treue gelten in Wahrheit seine Besorgnisse, und seine Eifersucht ist es, die den geliebten Leib so zärtlich hütet, daß sie ihn mit der Sanktion eines Verbrechensparagraphen umgibt. Der Paragraph ist ein Präservativ gegen die Untreue, aber, unvollkommen wie jeder Paragraph, trifft er nicht jede Form der Fruchtverhinderung. Die Untreue kann sich vom Strafgesetz bange machen lassen, aber sie schrickt nicht davor zurück, sich selbst mit einer Lustverminderung zu bestrafen. Indes, vielleicht fürchten die Herren der Schöpfung gar nicht, daß den Frauen die letzte Hemmung verloren gehen könnte – das könnte den Herren ja aus vielen Gründen und nicht zuletzt wegen der Alimente ganz recht sein –, sondern bloß daß sie selbst um das unbezahlbare Reizmittel eines Hindernisses kämen. Zu einem so feinen Erotiker hat die christliche Moral schließlich auch den stumpfsten Stier gemacht, daß sein Sexus für den Wert eines Verbotes Verständnis hat. Den Steuerzahlern könnten die Jungfern verloren gehen, die es heute dank einem Paragraphen noch gibt, bis es sie dank ihrem persönlichen Eingreifen nicht mehr gibt. Sexualparagraphen treiben auch dann zu, wenn sie das Abtreiben verbieten. Das Virginitätsideal ist aus den Wünschen jener geboren, die entjungfern wollen. Es gibt eben Leute, die gern Kalbfleisch essen und das »Schweinische«.verachten. Vielleicht ließen sich hier die speisegesetzlichen Ursprünge eines religiösen Sittengesetzes nachweisen. Fleischesser sind sie darum doch alle. Die Wiener goutieren das Rindfleisch, unterscheiden es in »Vorderes« und »Hinteres«, ziehen aber in allen Fällen »Unterspicktes« vor. In dieser Geschmackszone ist es dem Weibe strenger als anderswo verboten, selbst zu essen: es gehe in seiner Bestimmung auf, »Hausmannskost« zu sein. Nur mir sonderbarem Schwärmer macht es noch Vergnügen, die ehrbaren Genießer dieser Stadt beim Essen zu stören. Aber wenn ich ihnen durch das Aussprechen von Bitterkeiten den Appetit verderbe, so räche ich mich bloß dafür, daß sie mir durch ihren Appetit die für das Leben unentbehrlichsten Wahrheiten verderben. Wer die lebfrische Dummheit, die in Schrift und Tat, in Worten und Blicken immer zudringlicher wird, fast als körperlichen Schmerz empfindet, hat von der Gemeinheit der Menschen nichts mehr zu fürchten: er gewinnt leicht den Mut zu solcher Vergeltung. Man muß mich entschuldigen. Aber da ich mich beschieden habe, die meisten meiner Mitmenschen als traurige Folgen einer unterlassenen Fruchtabtreibung zu betrachten, kann ich von ihnen keine Verteidigung jenes Verbotes hinnehmen, höchstens die Verwahrung dagegen, daß die Kritik als ein persönlicher Angriff gemeint sei. Nach dem Erdbeben Die Neue Freie Presse vom 18. November 1911 brachte das Folgende: » Die Wirkungen des Bebens im Ostrauer Kohlenrevier .« Von Herrn Dr. Ing. Erich R. v. Winkler, Assistenten der Zentralversuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke, erhalten wir folgende Zuschrift: Gestatten Sie, daß ich Ihre Aufmerksamkeit auf eine Beobachtung lenke, die ich, dank einem glücklichen Zufall, gestern abends zu machen in der Lage war und die durch Veröffentlichung in Ihrem hochangesehenen Blatte auch außerhalb unseres Vaterlandes hohe Beachtung aller technischen und speziell montanistischen Kreise finden dürfte. Da ich gestern abends mit dem Nachtzuge nach Wien fahren mußte, so benützte ich die vorgerückte Stunde, um noch einige dringende Arbeiten in unserer Versuchsanstalt zu erledigen. Ich saß allein im Kompressorenraum, als – es war genau 10 Uhr 27 Minuten – der große 400pferdekräftige Kompressor, der den Elektromotor für die Dampfüberhitzer speist, eine auffällige Varietät der Spannung aufzuweisen begann. Da diese Erscheinung oft mit seismischen Störungen zusammenhängt, so kuppelte ich sofort den Zentrifugalregulator aus und konnte neben zwei deutlich wahrnehmbaren Longitudinalstößen einen heftigen Ausschlag (0,4 Prozent) an der rechten Keilnut konstantieren. Nach zirka 55 Sekunden erfolgte ein weit heftigerer Stoß , der eine Verschiebung des Hochdruckzylinders an der Dynamomaschine bedingte, und zwar derart heftig, daß die Spannung im Transformator auf 4,7 Atmosphären zurückging , wodurch zwei Schaufeln der Parson-Turbine starke Deformationen aufwiesen und sofort durch Stellringe ausgewechselt werden mußten. Da bei uns alle Wetterlutten im Receiver der Motoren zusammenlaufen, so hätte leicht ein unabsehbares Unglück entstehen können, weil auf den umliegenden Schächten die Förderpumpen ausgesetzt hätten. Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab. Ich erlaube mir bei dieser Gelegenheit anzuregen, ob es im Interesse der Sicherheit in Bergwerken nicht doch angezeigt wäre, die schon längst in Vergessenheit geratene Verordnung der königlichen Berginspektion Kattowitz vom Jahre 1891 wieder in Erinnerung zu bringen, die besagt, daß: » ... in Fällen von tektonischen Erdbeben die Auspuffleitungen aller Turbinen und Dynamos stets zur Gänze an die Wetterschächte derart anzuschließen sind, daß die explosiblen Grubengase selbst bei größtem Druck nicht auf die Höhe der Lampenkammer gelangen können.« Mit der Veröffentlichung des Vorgesagten glaube ich einen kleinen Beitrag zu den nie rastenden Bemühungen unserer Bergbehörden zwecks Sicherung des Lebens der Bergarbeiter geleistet zu haben, und bitte Sie, hochverehrter Herr Redakteur, den Ausdruck meiner aufrichtigen Hochschätzung entgegennehmen zu wollen. Die ältesten Leute können sich nicht erinnern. Seit dem 22. Februar 1908 hat es keine Katastrophe gegeben, welche sich mit dieser vergleichen ließe, und die aus den hauptsächlich betroffenen Gegenden einlaufenden Nachrichten lassen es bereits heute als feststehend erscheinen, daß das Ereignis vom 18. November 1911 selbst jenes in den Schatten stellt, das damals die Ahnungslosen so schwer heimgesucht hat und dessen Folgen noch heute nicht vollständig verschmerzt sind. Erst allmählich vermag man die ganze Ausdehnung der Katastrophe zu überblicken. Der Jammer ist grenzenlos. Wo gestern noch Lebensfreude und Zuversicht herrschten, ist Trauer eingezogen. Herzzerreißende Szenen sollen sich in der Neuen Freien Presse, aber auch in den umliegenden Redaktionen abgespielt haben, und überall suchten sie sich zu vergewissern, ob nicht auch bei ihnen etwas geschehen sei. Da und dort verließen sie fluchtartig die Arbeitsräume, und bis vollständige Beruhigung eingetreten wäre, wurde beschlossen, im Freien zu redigieren, um vor dem Einlauf von Briefen geschützt zu sein. Freilich erlebte man auch bei dieser Gelegenheit wieder das so unsäglich traurige Schauspiel, daß die menschliche Natur, wenn sich einmal die Bande der Ordnung gelockert haben, zu anarchischen Gewalttaten neigt, die sich wider den Nächsten kehren; die Bestie im Menschen erwachte, und überall sollen die gefangenen Nachtredakteure ausgebrochen sein. In Scharen ziehen besorgte Einleger vor die Redaktion, um ihre Erdbebenbeobachtungen zurückzuziehen. Um das Gebäude der Neuen Freien Presse ist ein Kordon gezogen, die Schätze der Bildung sind, soweit menschliche Voraussicht noch etwas zu sagen hat, in Sicherheit gebracht, und Patrouillen bewachen die vorn Wüten der Elemente verschont gebliebenen Güter des Fortschritts. Aber was nützt das alles, da auf den Trümmern des Autoritätsglaubens, aus denen man soeben einen alten Abonnenten vom Beginn des Erscheinens hervorgezogen hat, die Leichenräuber des Witzes herumschleichen und die Gelegenheit benützen, um im Trüben zu fischen? Zur Verzweiflung gesellt sich der Verrat, der Redakteur mißtraut dem Redakteur und die seriösesten Zuschriften werden unterdrückt, weil man nicht wissen kann, während man früher immer alles gewußt hat. Deutschland wird Frankreich den Krieg erklären, und sie werden es nicht bringen, weil sie es nicht glauben; was immer von jetzt an geschehen mag, es könnte den Zweck haben, sie hineinzulegen, und in das Gefühl der Genugtuung bei den befreundeten Redaktionen mischt sich die bange Empfindung, daß das jedem von uns passieren kann. Ein schwacher Trost ist, daß der Appell an die Mildtätigkeit der Inserenten sowie einige Erpressungen nicht ohne Erfolg bleiben, und während die Fürstin Pauline Metternich auf der Unglücksstätte erschien, um sich an der Ausspeisung der Redakteure zu beteiligen, haben die Banken beschlossen, Subventionen zu bewilligen, weil sie sich sagen, daß der volkswirtschaftliche Teil der Neuen Freien Presse noch immer ernst zu nehmen ist. Trotzdem dürfte an den heute noch unabsehbaren Schaden kein Versuch, die Not der Ärmsten der Armen zu lindern, auch nur hinanreichen. Was man zunächst befürchtet, ist die Möglichkeit, daß die explosiblen Grubengase neuerlich in die Lampenkammer eindringen könnten. Einer unserer Mitarbeiter, der Gelegenheit hatte, mit Professor Eduard Sueß zu sprechen, berichtet, daß der Gelehrte sich zwar zuversichtlich, aber skeptisch geäußert habe. Denn selbst die Geologen können heute nicht mehr umhin, zuzugeben, daß die Wissenschaft keinen hinreichenden Schutz gegen die Satire bietet. Die Wissenschaft ist konsterniert. Sie fühlt, daß der Antigelehrte, der unter der Maske eines Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler die Neue Freie Presse beriet, zwei Fliegen von einem Grubenhund hat schnappen lassen. Denn nicht allein der Journalismus, jene Offenbarungsmacht, die sich jeder Analphabet zulegen kann, wenn er zur Druckerschwärze greift, ist durch den Fall entblößt, sondern auch die Wissenschaft selbst. Nicht nur die Allwissenheit des Trottels hat den Kredit verloren, sondern auch die Spezialdummheit der Wissenschaft. Was hier ein Fachmann geschrieben hat und was die Fachleute noch mehr als die Journalisten beklagen müssen, ist nichts Gelinderes als die ad-absurdum-Führung des wissenschaftlichen Tonfalls. Mein schlichter Berdach hat bloß die Zeitung gefoppt, aber der Mann der Wissenschaft beide. Ein Ingenieur hatte seiner Tischgesellschaft proponiert, dem anmaßendsten Intelligenzblatt das Stärkste zuzumuten, was ein gegen den Wahn erbitterter Hohn bisher erfinden konnte, und hat die Wette gewonnen. Wer diesen Sieg nur für einen Ulk hält und das Hineinlegen vielbeschäftigter Redakteure, die ja auch nur Menschen seien, für eine billige Wirkung, ist ein Tropf. Ein solcher ist unfähig, das Weltbild, das der Satiriker gerade in den Belanglosigkeiten überrascht, zu erkennen, und reduziert es auf den unverantwortlichen Redakteur. Der Tropf, der nicht nur kein Weltbild hat, sondern es auch nicht sieht, wenn es ihm die Kunst entgegenbringt, muß von einer satirischen Synthese so viel für sein Verständnis abziehen, daß ein Nichts übrig bleibt, denn dieses versteht er; er gelangt auf dem ihm gangbaren Wege der Vereinzelung bis zu den Anlässen, die der Satiriker hinter sich gelassen hat, und er identifiziert sich liebevoll mit dem Detail, gegen das sich nach seiner Meinung der Satiriker wendet. Der Tropf muß sich auch durch eine Satire getroffen fühlen, die ihm nicht gilt oder weitab von seiner Interessensphäre niedergeht. Ich weiß nicht, ob der Philister ein Vakuum im Weltenraume vorstellt, oder ob er nur die Wand ist, die von dem Geist durch eine Torricellische Leere getrennt bleibt. Aber ob Minus oder Schranke, er muß gegen die Kunst prinzipiell feindselig reagieren. Denn sie gibt ihm ein Bewußtsein, ohne ihm ein Sein zu geben, und sie treibt ihn in die Verzweiflung eines cogito ergo non sum. Sie würde ihn zum Selbstmord treiben, wenn sie nicht die Grausamkeit hätte, ihn bei lebendigem Leibe zum Beweise seiner Nichtexistenz zu zwingen. Ob ein Bild gemalt oder ein Witz gemacht wird, der Philister führt einen Kampf ums Dasein, indem er die Augen schließt oder sich die Ohren zuhält. Der Witz kann durch die stoffliche Erheiterung für die tiefere Bedeutung entschädigen. Ist der Philister aber von der Partei derer, denen auch die stoffliche Beleidigung gilt, so wird er rabiat. Rufe und Briefe aus verschiedener Richtung beweisen mir, daß die Leistung des »Dr. Ing. Ritter v. Winkler« ein satirischer Meisterschuß war, der durch zwei Zentren des intellektuellen Wahns getroffen hat. Der Journalismus, den die meisten noch immer für einen Wahrsager, viele für einen Ausrufer, aber wenige für eine Schießbudenfigur halten, wackelt und klappert, und hinter ihm schnarrt die Wissenschaft, ins Herz getroffen, ihren Tonfall. Auch sie überhob sich über ihre praktische Nutzbarkeit. Was aber ist sie einem geistigen Bedürfnis wert, was gilt sie im Kosmos, wenn es gelingen mag, ihre Termini so toll zusammenzukoppeln, daß mit dem Maß der Tollheit der Respekt des Bürgers wächst und das Interesse des dem Bürger dienstbaren Journalisten? Es versteht sich, daß es die Sachen, die hinter dieser Sprache stecken, samt und sonders gibt und daß sie nützlich sind. Aber auch die willkürliche Gruppierung dieser Begriffe deckt eine Welt, ja der Geist des Bürgers könnte in ihr noch atmen, wenn die Termini erfunden wären. Nicht der Laie ist der Wissenschaft hereingefallen, sondern beide beiden. Denn die Wissenschaft ist von Natur so gebaut, daß Überraschungen nicht ausgeschlossen sind, und ihr Kredit beruht auf Verwechslung. Indem sie den Journalismus hineingelegt hat, hat sie ihre Identität bewiesen und sich selbst dazugelegt. Hier kam der Tonfall dem Gehör entgegen. Der Wahn hatte die Wissenschaft erwartet, und er hatte guten Grund, sie zu erwarten, weil sie noch nie ein Bedenken getragen hat, mit Händlern und Hausierern jene schmutzige Herberge zu teilen, die sich Presse nennt. Der Tonfall klopfte an und ihm ward aufgetan. Selbst seinen lebendigen Grubenhund ließ man ein. Mit dem Tonfall ist die Welt als ganze zu erobern. Schreiet Mordio, so ist ein Mord begangen, murmelt Abracadabra, so ist es Religion, schreibet Auspuffleitungen von Dynamos, und es ist Wissenschaft. Diese, am äußeren Bau der Welt verdienstlich beschäftigt, hat es nicht gelernt, sich von dem Ehrgeiz fernzuhalten, mehr Glauben finden zu wollen als sie verdient. Darum geschieht ihr recht, wenn sie in jene Gegenden des Geistes gezerrt wird, wo der Schwindel den Glauben erledigt hat. Der Hereinfall des Schwindels ist der letzte Witz, der einer verstimmten Kultur einfällt. Wäre Wissen eine Angelegenheit des Geistes, wie könnte es durch so viele Hohlräume gehen, um, ohne eine Spur seines Aufenthaltes zurückzulassen, in so viele andere Hohlräume überzugehen? Nahrung ist eindrucksfähiger als Bildung, ein Magen bildsamer als ein Kopf. Aber was die Lehrer verdauen, das essen die Schüler, während Zeitungspapier seine unhygienische Bestimmung schon am andern Tag hinter sich hat. Der Ritter von Winkler hat es gut gemeint, da er die Wissenschaft auf solches Papier projizierte. Die Folgen sind nicht auszudenken. »Also das erste wird jetzt sein« – daß man sein Mißtrauen nicht wird zersplittern müssen, sondern gegen die Presse vorsichtiger sein wird, indem man der Wissenschaft nicht über die Fichtegasse traut. Mein schlichter Berdach hat bloß den Betrug der Zeitung betrogen. Winkler, der Mann der Wissenschaft, ist eine Blasphemie auf beide; auf die falsche Bildung und auf die wahre, auf die Einrichtungen und auf die Errungenschaften und überhaupt auf alles, was es notwendig hat, sich vor dem Lachen in Acht zu nehmen. Man kann sich den Mann des sozialen Ernstes von jetzt an nur mehr als Hanswurst und den Mann der Wissenschaft nur noch als Wissenschaftlhuber vorstellen. Der Fachmann lebt fortan wie der Clown im Kompressorenraum der Versuchsanstalt, der alles parat hat, um es im geeigneten Moment nicht verwenden zu können. Sie werden befangen sein, sie werden, ehe sie uns einen Vortrag halten, erst nachschauen müssen, ob wir nicht lachen. Wie soll man ihnen noch den Ernst glauben, der genau so spricht wie der Ritter von Winkler und genau so knurrt wie ein Grubenhund? Und ich will wetten, selbst manche unter ihnen haben an Hund und Herrn geglaubt, und etwa noch ergänzende Aufschlüsse gegeben. Denn die Wissenschaft imponiert vornehmlich durch das, was jene nicht wissen, die ihr zuhören. So sind sie alle. Und wenn von Technik die Rede ist, so haben sie diese fabelhafte Geistesgegenwart von Ostrau, die noch im letzten Augenblick irgendetwas angekurbelt und etwas ausgekuppelt hat, und dem, der's hört, vergeht der Atem. Wie der Knockabout alle Mittel an- und um- und aufwendet, die geeignet sind, unfehlbar den Zweck zu verfehlen, den unpraktische Leute durch Zurückhaltung erreichen: so sind sie alle, die in ihrem Herzen eine Versuchsanstalt tragen oder irgendeinmal behaupten könnten, daß sie Assistenten von der in Ostrau waren, wo es keine gibt, ohne daß man ihnen dieses und jenes beweisen kann. Indem aber der Ritter von Winkler bewußt das tat, was sie alle unbewußt tun, hat er den wissenschaftlichen Tonfall entlarvt, der dem gesellschaftlichen Leben notwendiger war, als die Wissenschaft der Gesellschaft. Ich kann mir denken, daß in vielen Kreisen jetzt eine Panik ausgebrochen ist. Die heimlichen Winkler, die unbewußten, sind beleidigt, fühlen sich beim Auskuppeln des Zentrifugalregulators und beim Auswechseln der Schaufeln durch Stellringe ertappt, und schützen die Wissenschaft gegen die Satire. Aber indem sich jetzt die Notwendigkeit ergeben hat, die Grubenhunde an der Leine zu führen, haben wir viel von der Ungezwungenheit des Lebens eingebüßt, in welchem es immer einen gab, der erzählte, und viele, die zuhörten. Die sich jedoch zwischen diesen und jenem das Amt der Vermittlung anmaßten, die Journalisten, sind auf exponiertem Posten von der Katastrophe mitgenommen worden. Was soll man ihnen noch glauben, wenn sie nicht selbst lügen, sondern selber angelogen werden? Aber man glaubt ihnen nicht nur nicht, man lacht über sie. Man lacht in Mährisch-Ostrau, man lacht im ganzen Kronland, man schüttelt sich in Österreich, man gröhlt in Deutschland, wo man umso lieber lacht, als man sich manchen Verdruß wegzulachen hat, und noch nie hat man bei einem Erdbeben, wo es sonst nur Makkaroni zum Trost gibt, so viel lachende Gesichter gesehen. Ja, diese Heiterkeit ist eine Ehrenpflicht Europas geworden, und zu einem Weltblatt gehört schließlich, daß die ganze Welt sich kugelt. Aber dieser Humor hat einen tragischen Zug: er kommt von der Herzlosigkeit des einmal enttäuschten Glaubens. Dieselbe Intelligenz, die sich alles bieten läßt, solange man sie nicht aufmerksam macht, verleugnet ihre Blutsverwandtschaft mit einer Journalistik, die ihr alles geboten hat, und verleugnet bei einem Erdbeben sogar die eigenen Beobachtungen. Als ob die Erde, die jetzt wankt, nicht dieselbe wäre, die sie trug, Leser und Schreiber. Es geht drunter und drüber; und sie rütteln noch an den Säulen, die das Unglück verschont hat. Alles gemeinsam erlebte Glück ist vergessen, auf den Trümmern des Autoritätsglaubens, aus denen man soeben einen alten Abonnenten vom Beginn des Erscheinens hervorgezogen hat, gibt er sein Abonnement auf, seinen Geist, und nichts gelten alle Eroberungen des Fortschritts neben dieser einen Niederlage. Tausende und Abertausende – wollen nicht mehr. Der Fortschritt vergeht, die Versuchsanstalt besteht nicht. Was taugt das schönste Bollwerk, wenn durch die Bresche ein Grubenhund sprang und den Sieger in die Wade biß! Nestroy und die Nachwelt Zum 50. Todestage Wir können sein Andenken nicht feiern, indem wir uns, wie's einer Nachwelt ziemt, zu einer Schuld bekennen, die wir abzutragen haben. So wollen wir sein Andenken feiern, indem wir uns zu einer Schuld bekennen, die wir zu tragen haben, wir Insassen einer Zeit, welche die Fähigkeit verloren hat, Nachwelt zu sein... Wie sollte der ewige Bauherr nicht von den Erfahrungen dieses Jahrhunderts lernen? Seitdem es Genies gibt, wurden sie als Trockenwohner in die Zeit gesetzt; sie zogen aus und die Menschheit hatte es wärmer. Seitdem es aber Ingenieure gibt, wird das Haus unwohnlicher. Gott erbarme sich der Entwicklung! Er lasse die Künstler lieber nicht geboren werden, als mit dem Trost, wenn sie auf die Nachwelt kommen, würde diese es besser haben. Diese! Versuche sie es nur, sich als Nachwelt zu fühlen, und sie wird über die Zumutung, ihren Fortschritt dem Umweg des Geistes zu verdanken, eine Lache anschlagen, die zu besagen scheint: Kalodont ist das Beste. Eine Lache, nach einer Idee des Roosevelt, instrumentiert von Bernhard Shaw. Es ist die Lache, die mit allem fertig und zu allem fähig ist. Denn die Techniker haben die Brücke abgebrochen, und Zukunft ist, was sich automatisch anschließt. Diese Geschwindigkeit weiß nicht, daß ihre Leistung nur wichtig ist, ihr selbst zu entrinnen. Leibesgegenwärtig, geisteswiderwärtig, vollkommen wie sie ist, diese Zeit, hofft sie, werde die nächste sie übernehmen, und die Kinder, die der Sport mit der Maschine gezeugt hat und die Zeitung genährt, würden dann noch besser lachen können. Bange machen gilt nicht; meldet sich ein Geist, so heißt es: wir sind komplett. Die Wissenschaft ist aufgestellt, ihnen die hermetische Abschließung von allem Jenseitigen zu garantieren. Die Kunst verjage ihnen die Sorge, welchem Planeten soeben die Gedanken ihrer Vorwelt zugutekommen. Was sich da Welt nennt, weil es in fünfzig Tagen sich selbst bereisen kann, ist fertig, wenn es sich berechnen kann. Um der Frage: Was dann? getrost ins Auge zu sehen, bleibt ihr noch die Zuversicht, mit dem Unberechenbaren fertig zu werden. Sie dankt den Autoren, die ihr das Problem, sei es durch Zeitvertreib abnehmen, sei's durch Bestreitung. Aber sie muß jenem fluchen, dem sie – tot oder lebendig – als Mahner oder Spielverderber zwischen Geschäft und Erfolg begegnet. Und wenns zum Fluch nicht mehr langt – denn zum Fluchen gehört Andacht –, so langt's zum Vergessen. Und kaum besinnt sich einmal das Gehirn, daß der Tag der großen Dürre angebrochen ist. Dann verstummt die letzte Orgel, aber noch saust die letzte Maschine, bis auch sie stille steht, weil der Lenker das Wort vergessen hat. Denn der Verstand verstand nicht, daß er mit der Entfernung vom Geist zwar innerhalb der Generation wachsen konnte, aber die Fähigkeit verlor, sich fortzupflanzen. Wenn zweimal zwei wirklich vier ist, wie sie behaupten, so verdankt es dieses Resultat der Tatsache, daß Goethe das Gedicht »Meeresstille« geschrieben hat. Nun aber weiß man so genau, wieviel zweimal zwei ist, daß man es in hundert Jahren nicht mehr wird ausrechnen können. Es muß etwas in die Welt gekommen sein, was es nie früher gegeben hat. Ein Teufelswerk der Humanität. Eine Erfindung, den Kohinoor zu zerschlagen, um sein Licht allen, die es nicht haben, zugänglich zu machen. Fünfzig Jahre läuft schon die Maschine, in die vorn der Geist hineingetan wird, um hinten als Druck herauszukommen, verdünnend, verbreitend, vernichtend. Der Geber verliert, die Beschenkten verarmen, und die Vermittler haben zu leben. Ein Zwischending hat sich eingebürgert, um die Lebenswerte gegeneinander zu Falle zu bringen. Unter dem Pesthauch der Intelligenz schließen Kunst und Menschheit ihren Frieden ... Ein Geist, der heute fünfzig Jahre tot ist und noch immer nicht lebt, ist das erste Opfer dieses Freudenfestes, über das seit damals spaltenlange Berichte erscheinen. Wie es kam, daß solch ein Geist begraben wurde: es müßte der große Inhalt seines satirischen Denkens sein, und ich glaube, er dichtet weiter. Er, Johann Nestroy, kann es sich nicht gefallen lassen, daß alles blieb, wie es ihm mißfallen hat. Die Nachwelt wiederholt seinen Text und kennt ihn nicht; sie lacht nicht mit ihm, sondern gegen ihn, sie widerlegt und bestätigt die Satire durch die Unvergänglichkeit dessen, was Stoff ist. Nicht wie Heine, dessen Witz mit der Welt läuft, der sie dort traf, wo sie gekitzelt sein wollte, und dem sie immer gewachsen war, nicht wie Heine wird sie Nestroy überwinden. Sondern wie der Feige den Starken überwindet, indem er ihm davonläuft und ihn durch einen Literarhistoriker anspucken läßt. Gegen Heine wird man undankbar sein, man wird die Rechte der Mode gegen ihn geltend machen, man wird ihn nicht mehr tragen. Aber immer wird man sagen, daß er den Horizont hatte, daß er ein Befreier war, daß er sich mit Ministern abgegeben hat und zwischendurch noch die Geistesgegenwart hatte, Liebesgedichte zu machen. Anders Nestroy. Keinen Kadosch wird man sagen. Keinem Friedjung wird es gelingen, nachzuweisen, daß Der eine politische Gesinnung hatte, geschweige denn jene, die die politische Gesinnung erst zur Gesinnung macht. Was lag ihm am Herzen? So viel, und darum nichts vom Freisinn. Während draußen die Schuster für die idealsten Güter kämpften, hat er die Schneider Couplets singen lassen. Er hat die Welt nur in Kleingewerbetreibende und Hausherren eingeteilt, in Heraufgekommene und Heruntergekommene, in vazierende Hausknechte und Partikuliers. Daß es aber nicht der Leitartikel, sondern die Welt war, die er so eingeteilt hat, daß sein Witz immer den Weg nahm vom Stand in die Menschheit: solch unverständliches Kapitel überblättert der Hausverstand. Blitze am engen Horizont, so daß sich der Himmel über einem Gewürzgewölbe öffnet, leuchten nicht ein. Nestroy hat aus dem Stand in die Welt gedacht, Heine von der Welt in den Staat. Und das ist mehr. Nestroy bleibt der Spaßmacher, denn sein Spaß, der von der Hobelbank zu den Sternen schlug, kam von der Hobelbank, und von den Sternen wissen wir nichts. Ein irdischer Politiker sagt uns mehr als ein kosmischer Hanswurst. Und da uns die Vermehrung unserer intellektuellen Hausmacht am Herzen liegt, haben wir nichts dagegen, daß die irdischen Hanswurste Nestroy gelegentlich zum Politiker machen und ihn zwingen, das Bekenntnis jener liberalen Bezirksanschauung nachzutragen, ohne die wir uns einen toten Satiriker nicht mehr denken können. Die Phraseure und Riseure geben dann gern zu, daß er ein Spottvogel war oder daß ihm der Schalk im Nacken saß. Und dennoch saß er nur ihnen im Nacken und blies ihre Kalabreser um. Und dennoch sei jenen, die sich zur Kunst herablassen und ihr den Spielraum zwischen den Horizonten gönnen, so von der individuellen Nullität bis zur sozialen Quantität, mit ziemlicher Gewißheit gesagt: Wenn Kunst nicht das ist, was sie glauben und erlauben, sondern die Wegweite ist zwischen einem Geschauten und einem Gedachten, von einem Rinnsal zur Milchstraße die kürzeste Verbindung, so hat es nie unter deutschem Himmel einen Läufer gegeben wie Nestroy. Versteht sich, nie unter denen, die mit lachendem Gesicht zu melden hatten, daß es im Leben häßlich eingerichtet sei. Wir werden seiner Botschaft den Glauben nicht deshalb versagen, weil sie ein Couplet war. Nicht einmal deshalb, weil er in der Geschwindigkeit auch dem Hörer etwas zuliebe gesungen, weil er mit Verachtung der Bedürfnisse des Publikums sie befriedigt hat, um ungehindert empordenken zu können. Oder. weil er sein Dynamit in Watte wickelte und seine Welt erst sprengte, nachdem er sie in der Überzeugung befestigt hatte, daß sie die beste der Welten sei, und weil er die Gemütlichkeit zuerst einseifte, wenn's ans Halsabschneiden ging, und sonst nicht weiter inkommodieren wollte. Auch werden wir, die nicht darauf aus sind, der Wahrheit die Ehre vor dem Geist zu geben, von ihm nicht deshalb geringer denken, weil er oft mit der Unbedenklichkeit des Originals, das Wichtigeres vorhat, sich das Stichwort von Theaterwerkern bringen ließ. Der Vorwurf, der Nestroy gemacht wurde, ist alberner als so manche Fabel, die er einem französischen Handlanger abnahm, alberner als sich irgendeines der Quodlibets im Druck liest, die er dem Volk hinwarf, das zu allen Zeiten den Humor erst ungeschoren läßt, wenn es auch den Hamur bekommt, und damals sich erst entschädigt wußte, wenn es mit einem Vivat der versammelten Hochzeitsgäste nach Hause ging. Er nahm die Schablone, die als Schablone geboren war, um seinen Inhalt zu verstecken, der nicht Schablone werden konnte. Daß auch die niedrige Theaterwirkung hier irgendwie der tieferen Bedeutung zugute kam, indem sie das Publikum von ihr separierte, und daß es selbst wieder tiefere Bedeutung hat, wenn das Orchester die Philosophie mit Tusch verabschiedet, spüren die Literarhistoriker nicht, die wohl fähig sind, Nestroy zu einer politischen Überzeugung, aber nicht, ihm zu dem Text zu verhelfen, der sein unsterblich Teil deckt. Er selbst hatte es nicht vorgesehen. Er schrieb im Stegreif, aber er wußte nicht, daß der Ritt übers Repertoire hinausgehen werde. Er mußte nicht, wiewohl jede Nestroysche Zeile davon zeugt, daß er es gekonnt hätte, sich in künstlerische Selbstzucht vor jenen zurückziehen, die ihn nur für einen Lustigmacher hielten, und der mildere Stoß der Zeit versagte der Antwort noch das Bewußtsein ihrer Endgiltigkeit, jenen seligen Anreiz, die Rache am Stoff im Genuß der Form zu besiegeln. Er hätte, wäre er später geboren, wäre er in die Zeit des journalistischen Sprachbetrugs hineingeboren worden, der Sprache gewissenhaft erstattet, was er ihr zu verdanken hatte. Die Zeit, die das geistige Tempo der Masse verlangsamt, hetzt ihren satirischen Widerpart. Die Zeit hätte ihm keine Zeit mehr zu einer so beiläufigen Austragung blutiger Fehde gelassen, wie sie die Bühne erlaubt und verlangt, und kein Orchester wäre melodisch genug gewesen, den Mißton zwischen seiner Natur und der nachgewachsenen Welt zu versöhnen. Sein Eigentlichstes war der Witz, der der Bühnenwirkung widerstrebt, dieser planen Einmaligkeit, der es genügen muß, das Stoffliche des Witzes an den Mann zu bringen, und die im rhythmischen Wurf das Ziel vor dem Gedanken trifft. Auf der Bühne, wo die Höflichkeit gegen das Publikum im Neglige der Sprache einhergeht, war Nestroys Witz nur zu einer Sprechwirkung auszumünzen, die, weitab von den Mitteln einer schauspielerischen Gestaltung, wieder nur ihm selbst gelingen konnte. Sein Eigentlichstes hätte eine zersplitterte Zeit zur stärkeren Konzentrierung im Aphorismus und in der Glosse getrieben, und das vielfältigere Gekreische der Welt hätte seiner ins Innerste des Apparats dringenden Dialektik neue Tonfälle zugeführt. Seiner Satire genügte vorwiegend ein bestimmter Rhythmus, um daran die Fäden einer wahrhaft geistigen Betrachtung aufzuspulen. Manchmal aber sieht sich die Nestroysche Klimax an, als hätten sich die Termini des jeweils perorierenden Standesbewußtseins zu einer Himmelsleiter gestuft. Immer stehen diese vifen Vertreter ihrer Berufsanschauung mit einem Fuß in der Profession, mit dem andern in der Philosophie, und wenn sie auch stets ein anderes Gesicht haben, so ist es doch nur Maske, denn sie haben die eine und einzige Zunge Nestroys, die diesen weisen Wortschwall entfesselt hat. Was sie sonst immer sein mögen, sie sind vor allem Denker und Sprecher und immer in Gefahr, coram publico den Gedanken über dem Atem zu kurz kommen zu lassen. Dieser völlig sprachverbuhlte Humor, bei dem Sinn und Wort sich fangen, umfangen und bis zur Untrennbarkeit, ja bis zur Unkenntlichkeit umschlungen halten, steht über aller szenischen Verständigung und fällt darum in den Souffleurkasten, so nur Shakespeare vergleichbar, von dem auch erst Shakespeare abgezogen werden muß, um die Theaterwirkung zu ergeben. Es wäre denn, daß die Mission einer Bühnenfigur, die ohne Rücksicht auf alles, was hinter ihr vorgeht, zu schnurren und zu schwärmen anhebt, vermöge der Sonderbarkeit dieses Auftretens ihres Beifalls sicher wäre. Noch sonderbarer, daß der in die Dialoge getragene Sprach- und Sprechwitz Nestroys die Gestaltungskraft nicht hemmt, von der genug übrig ist, um ein ganzes Personenverzeichnis auszustatten und neben der Wendung ins Geistige den Schauplatz mit gegenständlicher Laune, Plastik, Spannung und Bewegung zu füllen. Er nimmt fremde Stoffe. Wo aber ist der deutsche Lustspieldichter, der ihm die Kraft abgenommen hätte, aus drei Worten eine Figur zu machen und aus drei Sätzen ein Milieu? Er ist umso schöpferischer, wo er den fremden Stoff zum eigenen Werk erhebt. Er verfährt anders als der bekanntere zeitgenössische Umdichter Hofmannsthal, der ehrwürdigen Kadavern das Fell abzieht, um fragwürdige Leichen darin zu bestatten, und der sich in seinem ernsten Berufe gegen einen Vergleich mit einem Possendichter wohl verwahren würde. Wie alle besseren Leser reduziert Herr v. Hofmannsthal das Werk auf den Stoff. Nestroy bezieht den Stoff von dort, wo er kaum mehr als Stoff war, erfindet das Gefundene, und seine Leistung wäre auch dann noch erheblich, wenn sie nur im Neubau der Handlung und im Wirbel der nachgeschaffenen Situationen bestünde, also nur in der willkommenen Gelegenheit, die Welt zu unterhalten, und nicht auch im freiwilligen Zwang, die Welt zu betrachten. Der höhere Nestroy aber, jener, der keiner fremden Idee etwas verdankt, ist einer, der nur Kopf hat und nicht Gestalt, dem die Rolle nur eine Ausrede ist, um sich auszureden, und dem jedes Wort zu einer Fülle erwächst, die die Gestalten schlägt und selbst jene, die in der Breite des Scholzischen Humors als Grundtype des Wiener Vorstadttheaters vorbildlich dasteht. Nicht der Schauspieler Nestroy, sondern der kostümierte Anwalt seiner satirischen Berechtigung, der Exekutor seiner Anschläge, der Wortführer seiner eigenen Beredsamkeit, mag jene geheimnisvolle und gewiß nicht in ihrem künstlerischen Ursprung erfaßte Wirkung ausgeübt haben, die uns als der Mittelpunkt einer heroischen Theaterzeit überliefert ist. Mit Nestroys Leib mußte die Theaterform seines Geistes absterben, und die Schablone seiner Beweglichkeit, die wir noch da und dort in virtuoser Haltung auftauchen sehen, ist ein angemaßtes Kostüm. In seinen Possen bleibt die Hauptrolle unbesetzt, solange nicht dem Adepten seiner Schminke auch das Erbe seines satirischen Geistes zufällt. Nur die fruchtbare Komik seiner volleren Nebengestalten hat originale Fortsetzer gefunden, wie etwa den Schauspieler Oskar Sachs, dessen Art in ihrer lebendigen Ruhe dem klassischen Carltheater zu entstammen scheint. Aber als Ursprung und Vollendung eines volkstümlichen Typus dürfte ein Girardi, der, ein schauspielerischer Schöpfer, neben der leeren Szene steht, die ihm das Bühnenhandwerk der letzten Jahrzehnte bietet, über den theatralischen Wert der Nestroyschen Kunst hinausragen, welche ihre eigene Geistesfülle nur zu bekleiden hatte. Darum konnte auch ein Bühnenlaie wie Herr Reinhardt einem Girardi einen Nestroy-Zyklus vorschlagen. In Girardi wächst die Gestalt an der Armut der textlichen Unterstützung, bei Nestroy schrumpft sie am Reichtum des Wortes zusammen. In Nestroy ist so viel Literatur, daß sich das Theater sträubt, und er muß für den Schauspieler einspringen. Er kann es, denn es ist geschriebene Schauspielkunst. In dieser Stellvertretung für den Schauspieler, in dieser Verkörperung dessen, was sich den eigentlichen Ansprüchen des Theaters leicht entzieht, lebt ihm heute eine Verwandtschaft, die schon in den geistigen Umrissen der Persönlichkeit hin und wieder erkennbar wird: Frank Wedekind. Auch hier ist ein Überproduktives; das dem organischen Mangel der Figur durch die Identität nachhilft und zwischen Bekenntnis und Glaubhaftigkeit persönlich vermittelt. Der Schauspieler hat eine Rolle für einen Dichter geschrieben, die der Dichter einem Schauspieler nicht anvertrauen würde. In Wedekind stellt sich – wenn ich von einem mir näher liegenden Beispiel sprachsatirischer Nachkommenschaft absehe – ein Monologist vor uns, dem gleichfalls eine scheinbare Herkömmlichkeit und Beiläufigkeit der szenischen Form genügt, um das wahrhaft Neue und Wesentliche an ihr vorbeizusprechen und vorbeizusingen. Auf die Analogie im Tonfall witzig eingestellter Erkenntnisse hat einmal der verstorbene Kritiker Wilheim hingewiesen. Der Tonfall ist jene Äußerlichkeit, auf die es dem Gedanken hauptsächlich ankommt, und es muß irgendwo einen gemeinsamen Standpunkt der Weltbetrachtung geben, wenn Sätze gesprochen werden, die Nestroy so gut gesprochen haben konnte wie Wedekind. »Sie steht jetzt im zwanzigsten Jahr, war dreimal verheiratet, hat eine kolossale Menge Liebhaber befriedigt, da melden sich auch schließlich die Herzensbedürfnisse.« Eine solche biographische Anmerkung würde, wie sie ist, auch von einem der Nestroyschen Gedankenträger gemacht werden, wenn er sich mit dem gleichen Schwung der Antithese über das Vorleben seiner Geliebten hinwegsetzen könnte. Und im »Erdgeist« könnte einer ungefähr wieder den wundervollen Satz sprechen, der bei Nestroy vorkommt: »Ich hab' einmal einen alten Isabellenschimmel an ein' Ziegelwagen g'sch'n. Seitdem bring' ich die Zukunft gar nicht mehr aus'm Sinn.« Vielleicht aber ist hier das absolut Shakespearische solch blitzhafter Erhellung einer seelischen Landschaft über jeden modernen Vergleich erhaben. Es ist ein Satz, an dem man dem verirrten Auge des neuen Lesers wieder vorstellen möchte, was Lyrik ist: ein Drinnen von einem Draußen geholt, eine volle Einheit. Die angeschaute Realität ins Gefühl aufgenommen, nicht befühlt, bis sie zum Gefühl passe. Man könnte daran die Methode aller Poeterei, aller Feuilletonlyrik nachweisen, die ein passendes Stück Außenwelt sucht, um eine vorrätige Stimmung abzugeben. An solchem Satz bricht der Fall Heine auf und zusammen, denn es bietet sich die tote Gewißheit, daß ein alter Isabellenschimmel zu sinnen anfinge: Wie schön war mein Leben früher – Heut' muß ich den Wagen zieh'n – O alter Zeiten Gewieher – Dahin bist du, dahin! – Der Wagen aber sprach munter – Das ist der Welten Lauf – Geht der Weg einmal hinunter – so geht er nicht wieder hinauf ... Und wir wären über die Stimmung des Dichters inklusive der ironischen Resignation vollständig informiert. Bei Nestroy, der nur holperige Coupletstrophen gemacht hat, lassen sich in jeder Posse Stellen nachweisen, wo die rein dichterische Führung des Gedankens durch den dicksten Stoff, wo mehr als der Geist: die Vergeistigung sichtbar wird. Es ist der Vorzug, den vor der Schönheit jenes Gesicht hat, das veränderlich ist bis zur Schönheit. Je gröber die Materie, umso eindringlicher der Prozeß. An der Satire ist der sprachliche Anspruch unverdächtiger zu erweisen, an ihr ist der Betrug schwerer als an jener Lyrik, die sich die Sterne nicht erst erwirbt und der die Ferne kein Weg ist, sondern ein Reim. Die Satire ist so recht die Lyrik des Hindernisses, reich entschädigt dafür, daß sie das Hindernis der Lyrik ist. Und wie hat sie beides zusammen: vom Ideal das ganze Ideal und dazu die Ferne! Sie ist nie polemisch, immer schöpferisch, während die falsche Lyrik nur Jasagerei ist, schnöde Berufung der schon vorhandenen Welt. Wie ist sie die wahre Symbolik, die aus den Zeichen einer gefundenen Häßlichkeit auf eine verlorene Schönheit schließt und kleine Sinnbilder für den Begriff der Welt setzt! Die falsche Lyrik, welche die großen Dinge voraussetzt, und die falsche Ironie, welche die großen Dinge negiert, haben nur ein Gesicht, und von der einsamen Träne Heines zum gemeinsamen Lachen des Herrn Shaw führt nur eine Falte. Aber der Witz lästert die Schornsteine, weil er die Sonne bejaht. Und die Säure will den Glanz und der Rost sagt, sie sei nur zersetzend. Die Satire kann eine Religionsstörung begehen, um zur Andacht zu kommen. Sie wird leicht pathetisch. Auch dort, wo sie ein gegebenes Pathos nicht anders einstellt als ein Ding der Außenwelt, damit ihr Widerspruch hindurchspiele. Ja und Nein vermischen sich, vermehren sich, und es entspringt der Gedanke. Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe. Das Ergebnis dieser vollkommenen Durchdringung, Erhaltung und Verstärkung polarer Strömungen: eine Nestroysche Tirade, eine Offenbachsche Melodie. Hier unterstreicht der Witz, der es auslacht, das Entzücken an einem Schäferspiel; dort schlägt die Verzerrung einer schmachtenden Mondscheinliebe über die Stränge der Parodie ins Transzendente. Das ist der wahre Übermut, dem nichts unheilig ist. »Mich hat ein echt praktischer Schwärmer versichert, das Reizendste is das, wenn von zwei Liebenden eins früher stirbt und erscheint dem andern als Geist. Ich kann mich in das hineindenken, wenn sie so dasitzet in einer Blumennacht am Gartenfenster, die Tränenperlen vom Mondstrahl überspiegelt, und es wurd' hinter der Hollerstauden immer weißer und weißer und das Weiße wär' ich – gänzlich Geist, kein Stückerl Körper, aber dennoch anstandshalber das Leintuch der Ewigkeit über'n Kopf – ich strecket die Arme nach ihr aus, zeiget nach oben auf ein' Stern, Gotigkeit, dort werden wir vereinigt' – sie kriegt a Schneid' auf das Himmelsrendezvous, hast es net g'sehn streift die irdischen Bande ab, und wir verschwebeten, verschmelzeten und verschwingeten uns ins Azurblaue des Nachthimmels ...« Gewendetes Pathos setzt Pathos voraus, und Nestroys Witz hat immer die Gravität, die noch die besseren Zeiten des Pathos gekannt hat. Er rollt wie der jedes wahren Satirikers die lange Bahn entlang, dorthin wo die Musen stehen, um alle neun zu treffen. Der Raisonneur Nestroy ist der raisonnierende Katalog aller Weltgefühle. Der vertriebene Hanswurst, der im Abschied von der Bühne noch hinter der tragischen Figur seine Spässe machte, scheint für ein Zeitalter mit ihr verschmolzen, und lebt sich in einem Stil aus, der sich ins eigene Herz greift und in einem eigentümlichen Schwebeton, fast auf Jean Paulisch, den Scherz hält, der da mit Entsetzen getrieben wird. Frau von Zypressenburg: Ist sein Vater auch Jäger? – Titus . Nein, er betreibt ein stilles, abgeschiedenes Geschäft, bei dem die Ruhe seine einzige Arbeit ist; er liegt von höherer Macht gefesselt, und doch ist er frei und unabhängig, denn er ist Verweser seiner selbst; – er ist tot . – Frau von Zypressenburg (für sich): Wie verschwenderisch er mit zwanzig erhabenen Worten das sagt, was man mit einer Silbe sagen kann. Der Mensch hat offenbare Anlagen zum Literaten. Und es ist die erhabenste und noch immer knappste Paraphrase für einen einsilbigen Zustand, wie hier das Wort um den Tod spielt. Dieses verflossene Pathos, das in die unscheinbarste Zwischenbemerkung einer Nestroyschen Person einfließt, hat die Literarhistoriker glauben machen, dieser Witz habe es auf ihre edlen Regungen abgesehen. In Wahrheit hat er es nur auf ihre Phrasen abgesehen. Nestroy ist der erste deutsche Satiriker, in dem sich die Sprache Gedanken macht über die Dinge. Er erlöst die Sprache vom Starrkrampf, und sie wirft ihm für jede Redensart einen Gedanken ab. Bezeichnend dafür sind Wendungen wie: »Wann ich mir meinen Verdruß net versaufet, ich müßt' mich g'rad aus Verzweiflung dem Trunke ergeben.« Oder: »Da g'hören die Ruben her! An keine Ordnung g'wöhnt sich das Volk. Kraut und Ruben werfeten s' untereinand', als wie Kraut und Ruben.« Hier lacht sich die Sprache selbst aus. Die Phrase wird bis in die heuchlerische Konvention zurückgetrieben, die sie erschaffen hat: »Also heraus mit dem Entschluß, meine Holde!« »Aber Herr v. Lips, ich muß ja doch erst...« »Ich versteh', vom Neinsagen keine Rede, aber zum Jasagen finden Sie eine Bedenkzeit schicklich.« Die Phrase dreht sich zur Wahrheit um: »Ich hab die Not mit Ihnen geteilt, es ist jetzt meine heiligste Pflicht, auch in die guten Tag' Sie nicht zu verlassen!« Oder entartet zu Neubildungen, durch die im Munde der Ungebildeten die Sprache der höheren Stände karikiert wird: »Da kommt auf einmal eine verspätete Sternin erster Größe zur Gesellschaft als glanzpunktischer Umundauf der ambulanten Entreprise ...« Wie für solche Absicht die bloße Veränderung des Tempus genügt, zeigt ein geniales Beispiel, wo das »sprechen wie einem der Schnabel gewachsen ist« sich selbst berichtigt. Ein Ineinander von Problem und Inhalt: »Fordere kühn, sprich ohne Scheu, wie dir der Schnabel wuchs!« Nestroys Leute reden geschwollen, wenn der Witz das Klischee zersetzen oder das demagogische Pathos widerrufen will: »O, ich will euch ein furchtbarer Hausknecht sein!« Jeden Domestiken läßt er Schillersätze sprechen, um das Gefühlsleben der Prinzipale zu ernüchtern. Oft aber ist es, als wäre einmal die tragische Figur hinter dem Hanswurst gestanden, denn das Pathos scheint dem Witz beizustehen. Echte Herzenssachen werden abgehandelt, wenn ein Diurnist zu einer Marschandmod' wie in das Zimmer der Eboli. tritt: »Ihr Dienstbot' durchbohrt mich – weiß er um unsere ehemalige Liebe?« Witz und Pathos begleiten sich und wenn sie, von der Zeit noch nicht gereizt, einander auch nicht erzeugen können, so werden sie doch nie aneinander hinfällig. Der Dichter hebt zwar nicht den eigenen Witz unverändert in das eigene Pathos, aber er verstärkt ihn durch das fremde. Sie spielen und entlassen sich gegenseitig unversehrt. Wenn sich Nestroy über das Gefühl hinwegsetzt, so können wir uns darauf verlassen, und wenn sein Witz eine Liebesszene verkürzt, so erledigt er und ersetzt er sämtliche Liebesszenen, die sich in ähnlichen Fällen abspielen könnten. Wo in einer deutschen Posse ist je nach der Verlobung der Herrschaften das Nötige zwischen der Dienerschaft mit weniger Worten veranlaßt worden: »Was schaut er mich denn gar so an?« »Sie ist in Diensten meiner künftigen Gebieterin, ich bin in Diensten ihres künftigen Gebieters, ich werfe das bloß so hin, weil sich daraus verschiedene Entspinnungen gestalten könnten.« »Kommt Zeit, kommt Rat!« Und wenn es gilt, an Nestroyschen Dialogstellen sein Abkürzungsverfahren für Psychologie zu zeigen, wo steht eine Szene wie diese zwischen einem Schuster und einem Bedienten: »Ich gratuliere zum heimlichen Terno, oder was es gewesen und, aber auf Ehr', ich war ganz paff.« »Der Wirt gar! Der hat noch ein dümmeres Gesicht gemacht als Sie. Wetten S' 'was, daß ich ihm jetzt zehn Frank' schuldig bleib', und er traut sich nix zu sagen ... Ja, einen Dukaten wechseln lassen, das erweckt Respekt.« »Kurios! (Beiseite.) Aber auch Verdacht ... Unser Herr ist verschwunden. Bei dem Proletarier kommt ein Dukaten zum Vorschein ... Hm ... Sie sind Schuster?« »So sagt die Welt.« »Haben vermutlich einen unverhofften Engländer gedoppelt?« »Ach, Sie möchten gern wissen, wie ein ehrlicher Schuster zu ei'm Dukaten kommt?« »Na ja ... auffallend is es ... Das heißt, interessant nämlich...« »Als fremder Mensch geht's Ihnen eigentlich nix an ... aber nein, ich betrachte jeden, den ich im Wirtshaus find', als eine verwandte Seele. (Ihm die Hand drückend.) Sie sollen alles wissen.« (In neugieriger Spannung.) »Na, also?« »Seh'n Sie, die Sach' ist die. Es liegt hier eine Begebenheit zu Grunde ... eine im Grunde fürchterliche Begebenheit, die kein Mensch auf Erden je erfahren darf, folglich auch Sie nicht.« »Ja, aber...« »Drum zeigen Sie sich meines Vertrauens würdig und forschen Sie nicht weiter.« Solche Werte sind versunken und vergessen. Zeitmangel hat wie überall in der Kunst so vor allem im Theater das Publikum zur Umständlichkeit gewöhnt. Nur diese ermöglichte dem von den Geschäften ermüdeten Verstand, sich auch die Genüsse zu verschaffen, deren Vermittlung er so lange für die Aufgabe der höheren Dramatik hielt: die Fortschritte der neueren Seelenkunde kennen zu lernen, einer Psychologie, die nur Psychrologie ist, die Lehre, sich auf rationelle Art mit den Geheimnissen auseinanderzusetzen, in Spannung gelangweilt von Instruktoren, in Schönheit sterbend vor Langeweile, von der französischen Regel de Tri bis zum nordischen Integral. Kein Theaterbesucher, der es über sich gebracht hätte, ohne die nötige Problemschwere zu Bett zu gehen. Dazwischen der Naturalismus, der außer den psychologischen Vorschriften noch andere Forderungen für den Hausgebrauch erfüllte, indem er die Dinge beim rechten Namen nannte, aber vollzählig, daß ihm auch nicht eines fehle, während das Schicksal als richtig gehende Pendeluhr an der Wand hing. Und all dies so lange und so gründlich, bis sich die Rache der gefesselten Bürgerphantasie ein Ventil schuf in der psychologischen Operette. Im abseitigsten Winkel einer Nestroyschen Posse ist mehr Lebenskennerschaft für die Szene und mehr Ausblick in die Soffitte höherer Welten als im Repertoire eines deutschen Jahrzehnts. Hauptmann und Wedekind stehen wie der vornestroysche Raimund als Dichter über den Erwägungen der theatralischen Nützlichkeit. Anzengrubers und seiner Nachkommen Wirkung ist von der Gnade des Dialekts ohne Gefahr nicht loszulösen. Nestroys Dialekt ist Kunstmittel, nicht Krücke. Man kann seine Sprache nicht übersetzen, aber man könnte die Volksstückdichter auf einen hochdeutschen Kulissenwert reduzieren. Nur Literarhistoriker sind imstande, hier einen Aufstieg über Nestroy zu erkennen. Aber daß dieser, selbst wenn seine Ausbeutung für die niedrigen Zwecke des Theatervergnügens auf Undank stieße, als geistige Persönlichkeit mit allem, was auf der Bühne eben noch Hand und Herz oder Glaube und Heimat hat, auch nur genannt werden darf, wäre doch ein Witz, den die Humorlosigkeit sich nicht ungestraft erlauben sollte. Auf jeder Seite Nestroys stehen Worte, die das Grab sprengen, in das ihn die Kunstfremdheit geworfen hat, und den Totengräbern an die Gurgel fahren. Voller Inaktualität, ein fortwirkender Einspruch gegen die Zeitgemäßen. Wortbarrikaden eines Achtundvierzigers gegen die Herrschaft der Banalität; Gedankengänge, in denen die Tat wortspielend sich dem Ernst des Lebens harmlos macht, um ihm desto besser beizukommen. Ein niedriges Genre, so tief unter der Würde eines Historikers wie ein Erdbeben. Aber wie wenn der Witz spürte, daß ihn die Würde nicht ausstehen kann, stellt er sie schon im Voraus so her, daß sie sich mit Recht beleidigt fühlt. Könnte man sich vorstellen, daß die Professionisten des Ideals eine Erscheinung wie Nestroy vorüberziehen ließen, ohne einen sichtbaren Ausdruck ihres Schreckens zu hinterlassen? Die Selbstanzeigen der Theodor Vischer, Laube, Kuh und jener andern besorgten Dignitäre, die sich noch zum hundertsten Geburtstag Nestroys gemeldet haben, sind so verständlich, wie die Urteilspolitik Hebbels, der Nestroy ablehnt, nachdem Nestroys Witz ihm an die tragische Wurzel gegriffen hat, Herrn Saphir lobpreist, von dem weniger schmerzliche Angriffe zu erwarten waren, freilich auch Jean Paul haßt und Heine liebt. Speidels mutige Einsicht unterbricht die Reihe jener, die Nestroy aus Neigung oder anstandshalber verkennen mußten. Was wäre natürlicher als der Widerstand jener, die das heilige Feuer hüten, gegen den Geist, der es überall entzündet? So einer mußte alle Würde und allen Wind der Zeit gegen sich haben. Er stieß oben an die Bildung an und unten an die Banalität. Ein Schriftsteller, der in hochpolitischer Zeit sich mit menschlichen Niedrigkeiten abgibt, und ein Carltheaterschauspieler mit Reflexionen, die vom Besuch des Concordiaballs ausschließen. Er hat die Katzbalgereien der Geschlechter mit Erkenntnissen und Gebärden begleitet, welche die Güterverwalter des Lebens ihm als Zoten anstreichen mußten, und er hat im sozialen Punkt nie Farbe bekannt, immer nur Persönlichkeit. Ja, er hat den politischen Beruf ergriffen – wie ein Wächter den Taschendieb. Und nicht die Lächerlichkeiten innerhalb der Politik lockten seine Aufmerksamkeit, sondern die Lächerlichkeit der Politik. Er war Denker, und konnte darum weder liberal noch antiliberal denken. Und wohl mag sich dort eher der Verdacht antiliberaler Gesinnung einstellen, wo der Gedanke sich über die Region erhebt, in der das Seelenheil von solcher Entscheidung abhängt, und wo er zum Witz wird, weil er sie passieren mußte. Wie verwirrend gesinnungslos die Kunst ist, zeigte der Satiriker durch die Fähigkeit, Worte zu setzen, die die scheinbare Tendenz seiner Handlung sprengen, so daß der Historiker nicht weiß, ob er sich an die gelobte Revolution halten soll oder an die verhöhnten Krähwinkler, an die Verspottung der Teufelsfurcht oder an ein fanatisches Glaubensbekenntnis. Selbst der Historiker aber spürt den Widerspruch des Satirikers gegen die Behaftung der Menschlichkeit mit intellektuellen Scheinwerten und hat kein anderes Schutzmittel der Erklärung als Nestroys Furcht vor der Polizei. Der Liberale ruft immer nach der Polizei, um den Künstler der Feigheit zu beschuldigen. Der Künstler aber nimmt so wenig Partei, daß er Partei nimmt für die Lüge der Tradition gegen die Wahrheit des Schwindels. Nestroy weiß, wo Gefahr ist. Er erkennt, daß wissen nichts glauben heißt. Er hört bereits die Raben der Freiheit, die schwarz sind von Druckerschwärze. Schon schnarrt ihm die Bildung ihren imponierenden Tonfall ins Gebet. Wie erlauscht er das Rotwelsch, womit die Jurisprudenz das Recht überredet! Wie holt er die terminologische Anmaßung heraus, mit der sich leere Fächer vor der wissensgläubigen Menschheit füllen. Und statt der Religion die Pfaffen, wirft er der Aufklärung lieber die Journalisten vor und dem Fortschritt die Wissenschaftlhuber. Man höre heute den Gallimathias, den der Kometenschuster im Lumpazivagabundus erzeugt. Nach einem unvergleichlichen Aufblick, mit dem er einer skeptischen Tischlerin nachsieht: Die glaubt net an den Kometen, die wird Augen machen ... fährt er fort: Ich hab' die Sach' schon lang heraus. Das Astralfeuer des Sonnenzirkels ist in der goldenen Zahl des Urions von dem Sternbild des Planetensystems in das Universum der Parallaxe mittelst des Fixstern-Quadranten in die Ellipse der Ekliptik geraten; folglich muß durch die Diagonale der Approximation der perpendikulären Zirkeln der nächste Komet die Welt zusammenstoßen. Diese Berechnung is so klar wie Schuhwix ... Und klingt so glaublich, als ob Nestroy das Problem des »Grubenhundes« an der journalistischen Quelle studiert hätte. Der Satz hätte, wie er ist, achtzig Jahre später, als wieder statt eines Kometen die Astronomen sich persönlich bemühten, in der Neuen Freien Presse gedruckt werden können. Ich behalte mir auch vor, ihn gelegentlich einzuschicken. Aber noch jenseits solcher Anwendbarkeit in dringenden Fällen will Nestroy nicht veralten. Denn er hat die Hinfälligkeit der Menschennatur so sicher vorgemerkt, daß sich auch die Nachwelt von ihm beobachtet fühlen könnte, wenn ihr nicht eine dicke Haut nachgewachsen wäre. Keine Weisheit dringt bei ihr ein, aber mit der Aufklärung läßt sie sich tätowieren. So hält sie sich für schöner als den Vormärz. Da aber die Aufklärung mit der Seife heruntergeht, so muß die Lüge helfen. Diese Gegenwart geht nie ohne eine Schutztruppe von Historikern aus, die ihr die Erinnerung niederknüppeln. Sie hätte es am liebsten, wenn man ihr sagte, der Vormärz verhalte sich zu ihr wie ein Kerzelweib zu einer Elektrizitätsgesellschaft. Der wissenschaftlichen Wahrheit würde es aber besser anstehen, wenn man ihr sagte, der Vormärz sei das Licht und sie sei die Aufklärung. Zu den Dogmen ihrer Voraussetzungslosigkeit gehört der Glaube, daß zwar früher die Kunst heiter war, aber jetzt das Leben ernst ist. Und auch darauf scheint sich die Zeit etwas einzubilden. Denn in der Spielsaison, die die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ausfüllt, habe man sich ausschließlich für die Affäre der Demoiselle Palpiti vulgo Tichatschek interessiert, während man jetzt im allgemeinen für die Affäre des Professors Wahrmund schwärmt und nur gelegentlich für die Affäre Treumann. Wenn es sich so verhält, wohl dem Vormärz! Aber der Unterschied ist noch anders zu fassen. Im Zeitalter des Absolutismus war das Theaterinteresse ein Auswuchs des vom politischen Druck aufgetriebenen Kunstgefühls. In der Zeit des allgemeinen Wahlrechts ist der Theatertratsch der Rest der von der politischen Freiheit ausgepoverten Kultur. Unser notorisches Geistesleben mit dem des Vormärz zu vergleichen, ist eine so beispiellose Gemeinheit gegen den Vormärz, daß nur die sittliche Verwahrlosung, die fünfzigtausend Vorstellungen der »Lustigen Witwe« hinterlassen haben, den Exzeß entschuldigen kann. Die große Presse allein hat das Recht, mit Verachtung auf das kleine Kaffeehaus herunterzusehen, das einst mit lächerlich unzulänglichen Mitteln den Personenklatsch verbreitete, ohne den man damals nicht leben konnte, weil die Politik verboten war, während man heute ohne ihn nicht leben kann, weil die Politik erlaubt ist. Ein Jahrzehnt phraseologischer Knechtung hat der Volksphantasie mehr Kulissenmist zugeführt als ein Jahrhundert absolutistischer Herrschaft, und mit dem wichtigen Unterschied, daß die geistige Produktivkraft durch Verbote ebenso gefördert wurde, wie sie durch Leitartikel gelähmt wird. Man darf aber ja nicht glauben, daß sich das Volk so direkt vom Theater in die Politik abführen ließ. Der Weg der erlaubten Spiele geht durchs Tarock. Das müssen die liberalen Erzieher zugeben. Wie sich die Rhetorik des Fortschritts verspricht und die Wahrheit sagt, ist zum Entzücken in der Darstellung eines Sittenschilderers aus den achtziger Jahren nachzulesen, der die alte Backhendlzeit des Theaterkultus ablehnt und den neugebackenen Lebensernst wie folgt serviert: Die Zeit ist eine andere geworden, als wie sie anno Bäuerle, Meisi und Gleich war, und wenn auch die alte Garde des unvermischten Wienertums, die ehrenwerten Familien derer von »Grammerstädter, Biz, Hartriegel und Schwenninger« ihrem ererbten Theaterdrange insoferne Genüge leisten, als sie bei einer Premiere im Fürstschen Musentempel oder bei einer Reprise der »Beiden Grasel« in der Josefstadt nie zu fehlen pflegen, so ist doch das Gros ihrer Kompatrioten durch die mannigfachsten Beweggründe von dem Wege ins Theater längst abgelenkt worden und widmet die freie Zeit einem Tapper, einer Heurigenkost oder den Produktionen einer Volkssängerfirma, die just en vogue ist – Zeit und Menschen sind anders geworden. Später wurde dann das Leben noch ernster, es kamen die Probleme, die Gschnasfeste, die geologischen Entdeckungen, die Amerikareise des Männergesangvereins, und für noch spätere Zeiten wird es wichtig sein, daß sie erfahren: Nicht im Vormärz ist in den Wiener Zeitungen die folgende Kundmachung erschienen: Die gestrige Preiskonkurrenz beim »Dummen Kerl« brachte Fräulein Luise Kerntner, der Schwester der bekannten Hernalser Gastwirtin Koncel, mit dem kleinsten Fuß (19 1/2) und Herrn Moritz Mayer mit der größten Glatze den ersten Preis. Heute werden die engste Damentaille und die größte Nase prämiiert. So sieht Wien im Jahre 1912 aus. Die Realität ist eine sinnlose Übertreibung aller Details, welche die Satire vor fünfzig Jahren hinterlassen hat. Aber die Nase ist noch größer, der Kerl ist dümmer, wo er sich fortgeschritten glaubt, und die Preiskonkurrenz für die größte Glatze ist das Abbild einer Gerechtigkeit, die die wahren Verdienste erkennt, neben den Resultaten einer Verteilung des Bauernfeldpreises. Ein Blick in die neue Welt, wie sie ein Tag der Kleinen Chronik offenbart, ein Atemzug in dieser gottlosen Luft von Allwissenheit und Allgegenwart zwingt zur vorwurfsvollen Frage: Was hat Nestroy gegen seine Zeitgenossen? Wahrlich, er übereilt sich. Er geht antizipierend seine kleine Umwelt mit einer Schärfe an, die einer späteren Sache würdig wäre. Er tritt bereits seine satirische Erbschaft an. Auf seinen liebenswürdigen Schauplätzen beginnt es da und dort zu tagen, und er wittert die Morgenluft der Verwesung. Er sieht alles das heraufkommen, was nicht heraufkommen wird, um da zu sein, sondern was da sein wird, um heraufzukommen. Mit welcher Inbrunst wäre er sie angesprungen, wenn er sie nach fünfzig Jahren vorgefunden hätte! Wie hätte er die Gemütlichkeit, die solchen Zuwachs duldet, solchen Fremdenverkehr einbürgert, an solcher Mischung erst ihren betrügerischen Inhalt offenbart, wie hätte er die wehrlose Tücke dieses unschuldigen Schielgesichts zu Fratzen geformt! Die Posse, wie sich die falsche Echtheit dem großen Zug bequemt, nicht anpaßt, ist ihm nachgespielt; der Problemdunst allerorten, den die Zeit sich vormacht, um sich die Ewigkeit zu vertreiben, raucht über seinem Grab. Er hat seine Menschheit aus dem Paradeisgartel vertrieben, aber er weiß noch nicht, wie sie sich draußen benehmen wird. Er kehrt um vor einer Nachwelt, die die geistigen Werte leugnet, er erlebt die respektlose Intelligenz nicht, die da weiß, daß die Technik wichtiger sei als die Schönheit, und die nicht weiß, daß die Technik höchstens ein Weg zur Schönheit ist und daß es am Ziel keinen Dank geben darf und daß der Zweck das Mittel ist, das Mittel zu vergessen. Er ahnt noch nicht, daß eine Zeit kommen wird, wo die Weiber ihren Mann stellen und das vertriebene Geschlecht in die Männer flüchtet, um Rache an der Natur zu nehmen. Wo das Talent dem Charakter Schmutzkonkurrenz macht und die Bildung die gute Erziehung vergißt. Wo überall das allgemeine Niveau gehoben wird und niemand draufsteht. Wo alle Individualität haben, und alle dieselbe, und die Hysterie der Klebstoff ist, der die Gesellschaftsordnung zusammenhält. Aber vor allen ihm nachgebornen Fragen – die der Menschheit unentbehrlich sind, seitdem sie die Sagen verlor – hat er doch die Politik erleben können. Er war dabei, als so laut gelärmt wurde, daß die Geister erwachten, was immer die Ablösung für den Geist bedeutet, sich schlafen zu legen. Das gibt dann eine Nachwelt, die auch in fünfzig Jahren nicht zu bereisen ist. Der Satiriker könnte die große Gelegenheit erfassen, aber sie erfaßt ihn nicht mehr. Was fortlebt, ist das Mißverständnis. Nestroys Nachwelt tut vermöge ihrer künstlerischen Unempfindlichkeit dasselbe, was seine Mitwelt getan hat, die im stofflichen Einverständnis mit ihm war: diese nahm ihn als aktuellen Spaßmacher, jene sagt, er sei veraltet. Er trifft die Nachwelt, also versteht sie ihn nicht. Die Satire lebt zwischen den Irrtümern, zwischen einem, der ihr zu nahe, und einem, dem sie zu fern steht. Kunst ist, was den Stoff überdauert. Aber die Probe der Kunst wird auch zur Probe der Zeit, und wenn es immer den nachrückenden Zeiten geglückt war, in der Entfernung vom Stoff die Kunst zu ergreifen, diese hier erlebt die Entfernung von der Kunst und behält den Stoff in der Hand. Ihr ist alles vergangen, was nicht telegraphiert wird. Die ihr Bericht erstatten, ersetzen ihr die Phantasie. Denn eine Zeit, die die Sprache nicht hört, kann nur den Wert der Information beurteilen. Sie kann noch über Witze lachen, wenn sie selbst dem Anlaß beigewohnt hat. Wie sollte sie, deren Gedächtnis nicht weiter reicht als ihre Verdauung, in irgend etwas hinüberlangen können, was nicht unmittelbar aufgeschlossen vor ihr liegt? Vergeistigung dessen, woran man sich nicht mehr erinnert, stört ihre Verdauung. Sie begreift nur mit den Händen. Und Maschinen ersparen auch Hände. Die Organe dieser Zeit widersetzen sich der Bestimmung aller Kunst, in das Verständnis der Nachlebenden einzugehen. Es gibt keine Nachlebenden mehr, es gibt nur noch Lebende, die eine große Genugtuung darüber äußern, daß es sie gibt, daß es eine Gegenwart gibt, die sich ihre Neuigkeiten selbst besorgt und keine Geheimnisse vor der Zukunft hat. Morgenblattfroh krähen sie auf dem zivilisierten Misthaufen, den zur Welt zu formen nicht mehr Sache der Kunst ist. Talent haben sie selbst. Wer ein Lump ist, braucht keine Ehre, wer ein Feigling ist, braucht sich nicht zu fürchten, und wer Geld hat, braucht keine Ehrfurcht zu haben. Nichts darf überleben, Unsterblichkeit ist, was sich überlebt hat. Was liegt, das pickt. Mißgeburten korrigieren das Glück, weil sie behaupten können, daß Heroen Zwitter waren. Herr Bernhard Shaw garantiert für die Überflüssigkeit alles dessen, was sich zwischen Wachen und Schlafen als notwendig herausstellen könnte. Seiner und aller Seichten Ironie ist keine Tiefe unergründlich, seiner und aller Flachen Hochmut keine Höhe unerreichbar. Überall läßt sichs irdisch lachen. Solchem Gelächter aber antwortet die Satire. Denn sie ist die Kunst, die vor allen andern Künsten sich überlebt, aber auch die tote Zeit. Je härter der Stoff, desto größer der Angriff. je verzweifelter der Kampf, desto stärker die Kunst. Der satirische Künstler steht am Ende einer Entwicklung, die sich der Kunst versagt. Er ist ihr Produkt und ihr hoffnungsloses Gegenteil. Er organisiert die Flucht des Geistes vor der Menschheit, er ist die Rückwärtskonzentrierung. Nach ihm die Sintflut. In den fünfzig Jahren nach seinem Tode hat der Geist Nestroy Dinge erlebt, die ihn zum Weiterleben ermutigen. Er steht eingekeilt zwischen den Dickwänsten aller Berufe, hält Monologe und lacht metaphysisch. Nulla dies ... Kein Tag vergeht, ohne daß ein Gerichtsfall die Erkenntnis von der wahren Bestimmung aller Gesetzlichkeit und Behördlichkeit predigte: ein Hohn ihrer Bestimmung, ein Lohn ihrer Verhöhnung zu sein. Seit langer Zeit ahnt man es, aber die Ahnung wird zur Gewißheit erwachsen, wenn erst ein neues Strafgesetz die Gehirnschande besiegelt haben wird: Diese dreiste Richterspielerei erwachsenen Schulknaben, denen man durch Ministerialerlässe die Lebensfremdlichkeit abzugewöhnen sucht, taugt nichts. Diese ganze Institution »Justiz« kann in einer Welt, der der Mensch ein Fremdling ist und der nur die Tat gilt, nie etwas anderes bedeuten als die kostbare Gelegenheit für eine Rotte schlechtbezahlter Sünder, sich an den Gerechten zu rächen, nie etwas anderes als die wollüstige Bereitschaft der Spießruten, zwischen denen der Menschenwert hindurch muß und von allen Lebensgütern zuerst das Schamgefühl verblutet. Kreaturen, die höchstens durch ihren Ursprung aus dem Aktenstaub der Schöpfungsprotokolle an eine göttliche Absicht glauben lassen, deren Anblick aber in keinem Falle die Feststellung, daß es gut war, provoziert haben kann, sind berufen, über Menschen zu richten. Das Weltbild, das uns die Justiz an jedem Tage bietet, zeigt, daß die Flüsse an ihrer Mündung entspringen und in ihre Quelle münden. Das Verbrechen beginnt mit der Gerichtsverhandlung. Alle bösen Triebe sind zur Sitzung versammelt, aller dolus der Welt ist aufgeboten, um eine culpa zu schaffen. Die Menschheit verblutet unter dem trostlosen Scharfsinn einer Wissenschaft, die operiert und nicht verbindet. Wie lange noch wird sie's ertragen? Wie lange werden ihre Richter ungestraft strafen dürfen? Gäbe es doch eine Statistik der durch die Gerechtigkeit erzeugten Übeltaten! Die Summe moralischen und materiellen Schadens, der einem Volk durch seine Verbrecher zugefügt wird, ist nichts neben der Summe moralischen und materiellen Schadens, den seine Richter bewirken. Der Strafe mag es gelingen, Verbrecher abzuschrecken. Einen Richter hat sie noch nie abgeschreckt. Der Landesschulrat hat beschlossen, in eine neue Ausgabe der Fibel das folgende Lesestück aufzunehmen: »Im Juli 1894 – also vor mehr als zwölf Jahren – wurde der gegenwärtig 27 Jahre alte Privatbeamte L. P. unter eigenartigen Umständen vom Bezirksgerichte Favoriten wegen Übertretung des Diebstahls zu acht Tagen Arrest verurteilt. P., der damals 15 Jahre alt und in der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft E. als Lehrling bedienstet war, hatte in Favoriten auf der Straße ein kleines Kind weinend angetroffen, das sich verirrt hatte und nicht anzugeben wußte, wo seine Eltern seien. Aus Mitleid führte der Lehrling das Kind auf die nächste Wachstube, wo sich inzwischen die Eltern des Kindes bereits gemeldet hatten. Als der Lehrling sich aus der Wachstube entfernen wollte, fragte ihn der diensthabende Polizeibeamte, woher er die zwei Zinkpole, einen Metalltaster und eine Platte, die aus einer inneren Rocktasche hervorlugten, habe. Der Lehrling gab freiwillig an, daß er die Metallstücke aus der Fabrik genommen habe, um sie für häusliche Arbeiten zu verwenden. Er wurde nun beim Bezirksgerichte Favoriten wegen Diebstahls der beiden Zinkpole im Werte von 80 Kreuzern angeklagt. In der im Juli 1894 durchgeführten Verhandlung gab P. zu seiner Verantwortung an, daß er der Meinung war, die beiden Metallstückchen für häusliche Arbeiten mitnehmen zu können. Auf Grund seines Geständnisses wurde der Lehrling wegen Diebstahls zu acht Tagen Arrest verurteilt. Die Eltern des Knaben waren von der Verhandlung nicht verständigt worden. Der Verurteilte wurde sofort in Haft behalten und büßte die Strafe ab. In späteren Jahren aber konnte er wegen der verbüßten Strafe nirgends Arbeit finden. Er wendete deshalb alles auf, um die Verurteilung rückgängig zu machen. Ein von ihm überreichtes Majestätsgesuch blieb erfolglos, ebenso ein Gesuch um Wiederaufnahme des Strafverfahrens. Erst eine von seinem Rechtsfreund überreichte Beschwerde hatte Erfolg. Es wurde dem Bezirksgerichte Favoriten die Vornahme einer neuerlichen Verhandlung wider P. aufgetragen. Der Angeklagte beteuerte jetzt, daß er sich, als er als Lehrling die beiden Metallstücke aus der Fabrik nach Hause nahm, nicht bewußt war, eine strafbare Handlung zu begehen. Es sei oft vorgekommen, daß Arbeiter kleine Metallstücke für ihren Gebrauch anstandslos nach Hause nahmen. Der als Zeuge vernommene Professor R., der im Jahre 1894 Direktor der Fabrik war, entlastete den Angeklagten, indem er angab, daß er ihm, wenn er darum ersucht hätte, ohne weiters die Metallstücke geschenkt hätte. Seitens der Fabrik sei auch keine Anzeige gegen den Angeklagten erstattet worden. Auch ein als Zeuge vernommener Werkführer bestätigte die Richtigkeit der Verantwortung des Angeklagten, der nun von der vor zwölf Jahren verbüßten Strafe freigesprochen und rehabilitiert wurde.« Die Moral: Sei nicht mitleidig, sonst wirst du in späteren Jahren keine Arbeit finden. Wenn du ein verirrtes Kind auf der Straße findest, führe es nicht auf die Wachstube, sonst kann es dir geschehen, daß du dort behalten wirst und dann als verirrtes Kind auf der Straße stehst. Laß dich von fremden Tränen nicht rühren, damit du nicht eigene trocknen mußt ... So findet's der Bürgersinn in Ordnung. Er geht an der Gerichtssaalwelt vorüber: es ist nichts. Die Märtyrer wohnen auf der Teufelsinsel. Aber die diensthabenden Polizeibeamten und die Bezirksrichter wohnen in Wien, zertreten Existenzen und sind auch nach zwölf Jahren noch davor geschützt, daß die Chronik, die ihre Taten kündet, auch ihre Namen verrät. Zwölf Jahre hat der Angeklagte gebraucht, um sich zu rehabilitieren. Die Diensthabenden waren in all der Zeit nicht müßig und sind avanciert. Wenn sie Mut haben, mögen sie vortreten. Schlimmere Lynchjustiz, als sie geübt haben, kann ihnen nicht widerfahren. Man wird sie als Vertreter des verbreitetsten Amtstypus höchstens fragen, ob die Wichtigmacherei auf Kosten des Menschenglücks zu den Grundbedingungen des staatlichen Lebens gehört. Man wird einen Polizeibeamten, der ausschließlich jene Platten für gefährlich hält, die aus der inneren Rocktasche eines Lehrlings hervorlugen, fragen, ob die Deklassierung der Ehrlichen eine Aufgabe der behördlichen Fürsorge sei. Der arme Junge wollte den Verstand darüber verlieren, daß gerade er zu einem tragischen Konflikt mit der Gesellschaftsordnung ausersehen sei. Die acht Tage Arrest für die Einmengung in die Untätigkeit einer Behörde leuchteten ihm ein. Aber die zwölf Jahre Ehrverlust empfand er als grausame Verschärfung. So lange Zeit mußte er sehen, daß die Welt sich zwischen zwei Zinkpolen bewege, – und hatte vordem nicht einmal geahnt, daß man Metallstücke auch zum Schutz gegen einen diensthabenden Peiniger verwenden könne. Wehe einer Gerechtigkeit, die solche Erkenntnisse vorbereitet! Eher noch möchte eine Feuersbrunst durch Hineinspucken gelöscht werden, als daß ein Ministerialerlaß jene freiheitliche Errungenschaft ersticken könnte, die wir als die richterliche Unabhängigkeit von Takt, Würde, Einsicht und Erbarmen kennen. Nulla dies ... Aber derselbe Tag sah nebeneinander die folgenden publizistischen Tatsachen: »Das Justizministerium will nicht behaupten, daß diese Mahnungen fruchtlos geblieben sind; aber einige Fälle neueren Datums, in denen das Verhalten der Vorsitzenden in der Öffentlichkeit nicht ohne Grund einer herben Kritik unterzogen wurde, verpflichten, auf diesen Gegenstand zurückzukommen und die eben erwähnten Mahnungen des Erlasses vom Jahre 1892 in Erinnerung zu bringen ... Wenn menschliche Schwächen des Beschuldigten und Verirrungen, die mit der Tat selbst in keinem Zusammenhange stehen, in gesuchter Weise hervorgekehrt, dessen Antworten mit ironischen oder mißgünstigen Bemerkungen begleitet oder gegen ihn auffahrend und rauh verfahren würde, so steht das nicht bloß mit den Pflichten des Vorsitzenden als Richter und Verhandlungsleiter in Widerspruch, sondern ein derartiges Verhalten vermag auch Konflikte aller Art heraufzubeschwören, Leidenschaften zu wecken und das Urteil zu trüben. Der Vorsitzende soll durch die gelassene und sachgemäße Methode seines Verfahrens beruhigend und ernüchternd wirken und darf nicht der Versuchung unterliegen, seinen Scharfsinn, seine Gewandtheit, seinen Witz im Lichte der Öffentlichkeit glänzen zu lassen oder sonst durch die Art der Vorführung der Beweise und der Fragestellung die Sensationslust zu fördern ... Der Vorsitzende wird überdies mit aller Sorgfalt zu verhören haben, daß Vorkommnisse des Privat- und Familienlebens, sei es eines Zeugen, sei es des Angeklagten, die in keiner Beziehung zur Sache stehen, unnütz zur Erörterung gelangen und der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Unser Strafgesetz hat die nicht durch besondere Umstände gerechtfertigte Veröffentlichung ehrenrühriger Tatsachen des Privat- und Familienlebens unter Strafsanktion gestellt. Der Gerichtssaal darf nicht als eine Stätte gelten, an der diese Vorschrift ungescheut übertreten werden kann. Daß der Richter sich von derlei Mitteilungen fernhalten müsse, ist selbstverständlich. Er wird aber auch bei der Leitung der Verhandlung darauf Bedacht zu nehmen haben, daß Fragen unterbleiben oder zurückgewiesen werden, die darauf abzielen, Privat- oder Familienangelegenheiten ohne zwingende Ursache in die Verhandlung einzubeziehen. Ebensowenig wäre es zu billigen, wenn ein Vorsitzender an der Handlungsweise der Zeugen und an ihrem Verhalten in bestimmten Lebenslagen Kritik üben oder von der Aufgabe und dem Zwecke der gerichtlichen Verhandlung abschweifend, über allgemein gesellschaftliche sittliche, religiöse und ähnliche Fragen individuelle Urteile und Auffassungen oder sonst persönliche Ansichten in einer Art äußern würde, die den Zeugen bloßstellen oder das Gericht in ein schiefes Licht setzen könnte. Der Vorsitzende als Leiter der Verhandlung wird zu solcher Kritik am allerwenigsten berufen und berechtigt sein.« »Vor dem Schwurgerichte unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Dr. Engelbrecht hatte sich der 26jährige Holzdrechslergehilfe Leopold Sch. wegen Verbrechens der Notzucht zu verantworten. Die Anklage vertrat Staatsanwaltssubstitut Dr. Wiesner, als Verteidiger fungierte Dr. L. Der Angeklagte bewohnte seit Mai 1906 bei einer Frau und deren 13jähriger Tochter im 16. Bezirk als Aftermieter ein Kabinett. Nach einigen Monaten fiel der veränderte Zustand des Kindes auf und es gestand der Mutter, daß seine Niederkunft bevorstehe. Sch. gibt die intimen Beziehungen zu dem Mädchen zu, er habe dessen Alter gekannt und sei auch der strafbaren Folgen seines Tuns sich bewußt gewesen. Auf die Frage des Präsidenten, warum er dann so gehandelt habe, antwortete er einfach: ›Ich hab' sie lieb gehabt.‹ Später fügte er dann noch hinzu: ›Seit Jahren hab' ich sie gern gehabt und dann hab' ich mir gedacht, wenn die Zeit kommt, wirst du sie heiraten.‹ – Verteidiger: ›Haben Sie auch jetzt noch diese Absicht?‹ Angeklagter: ›Ja, wenn sie vierzehn Jahre alt ist, werden wir heiraten.‹ Die 13jährige Maria H., ein kräftig entwickeltes, hübsches Mädchen, bestätigt die Verantwortung des Angeklagten. Sie gibt an, daß sie am 6. März d. J. eines Mädchens genas, das sich in Pflege befindet. Die Zeugin sagt verschüchtert aus, worauf der Präsident bemerkt: ›Genieren Sie sich nicht, Sie haben sich früher auch nicht geniert. Wenn Sie schon die sonstigen Begriffe von Anständigkeit und Moral nicht gehabt haben, mußten Sie doch wissen, daß das eine unerlaubte Handlung ist.‹ - Zeugin (leise): ›Ich habe es nicht gewußt.‹ – Präsident: ›Daß es eine Sünde ist, haben Sie wissen müssen.‹ – Zeugin: ›Ich habe es nicht gewußt.‹ – Präsident: ›Warum haben Sie Ihre Schamhaftigkeit nicht gewahrt?‹ Zeugin schweigt. – Präsident: ›Sind Sie nicht während der Zeit in der Beichte gewesen? Sie mußten doch vom Priester hören, daß das nicht gestattet ist.‹ – Zeugin schweigt. Verteidiger: ›Wären Sie bereit, den Sch. zu heiraten, wenn Sie vierzehn Jahre alt sind?‹ - Zeugin: ›Ja. Ich hab' ihn gern.‹ – Staatsanwalt: ›Wissen Sie denn überhaupt, was das heißt, einen Mann gern haben, mit Ihren dreizehn Jahren? Ich glaube, das sind Begriffe, die bei Ihnen nicht vorhanden sein können.‹ – Zeugin: ›Ich hab' ihn sehr gern.‹ - Der Staatsanwalt plädiert für die Schuldigsprechung des Angeklagten und hebt hervor, daß das Gesetz sich eine zu große Selbstbeschränkung auferlegt habe, indem es die Grenze mit vierzehn Jahren setzte. Der Verteidiger bittet um Freispruch seines Klienten, die Geschwornen mögen Gnade üben und drei Existenzen retten. – Die Geschwornen verneinten die Schuldfragen mit sieben gegen fünf Stimmen, worauf der Präsident den Freispruch des Angeklagten verkündete.« Aber wenn Erlasse nicht helfen, wird man mit einer Justiz, die sich's nicht versagen kann, an einen Angeklagten die Gretchenfrage nach der Religion zu stellen oder ein Gretchen als böser Geist in der Domszene zu quälen, in einer anderen Sprache sprechen müssen. Es ist in Österreich möglich, daß eine Sühne, wie sie die Kundgebung des Justizministers nach den schmachvollen Offenbarungen des Rutthofer-Prozesses bedeutet, auf der Stelle durch eine Tat wettgemacht wird, die alles hinter sich läßt, was bis dahin in Österreich möglich war. Nie hat kriminalistischer Wahn blinder am Leben vorbeigetappt als in diesem Zeitalter einer barbarischen Humanität, aber nie war das Ärgernis der Sehenden größer als in diesem letzten Gerichtsfalle. Wenn ein Meßner den Staatsanwalt machte und ein Kerzlweib präsidierte, könnte das Liebesleben einer Zeugin nicht fühlloser mißhandelt werden. Wieder einmal ist in einer österreichischen Gerichtsverhandlung die Natur mit ihren Ansprüchen auf den Kirchenrechtsweg verwiesen worden. Aber daß darüber gleich auch judiziert worden ist und der Gerichtshof sich für kompetent erklärt hat, einer Zeugin das Beichtgeheimnis abzunehmen, ist das Besondere des Falles Engelbrecht-Wiesner. Diese Kompagnie erdreistet sich, eine Gerichtsbarkeit der »Sünden« auszuüben, hält das Kruzifix, das auf dem Gerichtstisch steht, dem Zeugen nicht zum Schwur, sondern zum Gebet vors Antlitz. So mag dem Priester künftig nichts mehr übrig bleiben als die erstaunte Frage an sein Beichtkind, ob es denn nicht in der Gerichtsverhandlung gewesen sei und ob ihm der Landesgerichtsrat nicht gesagt habe, daß der außereheliche Geschlechtsverkehr verboten ist. Aber ein Hirn, in dem eine Altarkerze brennt, ist immer noch heller als eines, an dessen Paragraphenwindungen sich die Strahlen des Lebens brechen. Man sehe nur, wie sich in den Köpfen des Wiener Landesgerichts die Sexualentwicklung eines jungen Mädchens malt. Zuerst bekommt es die « sonstigen Begriffe von Anständigkeit und Moral«. Dann erfährt es, daß der Geschlechtsverkehr eine unerlaubte Handlung sei. Dann kommt die Schwurgerichtsperiode. Ein unbezähmbarer Naturtrieb zwingt das Mädchen, »seine Schamhaftigkeit zu wahren«. Hat es sich gegen diesen Naturtrieb ausnahmsweise vergangen, so hat es auch schon das Recht verwirkt, nachträglich vor einer Schar unbeteiligter Landesgerichtsräte seine Schamhaftigkeit zu wahren. Es gibt junge Mädchen, die sich kein Gewissen daraus machen, mit ihrem Geliebten Dinge zu tun, über die sie später vor Herrn Engelbrecht am liebsten schweigen möchten. Das täte ihnen so passen. In einem Kabinett sündigen und nachher im Gerichtssaal rot werden! Das Schamgefühl eines Landesgerichtsrates gröblich verletzen und sich gegen eine Verletzung des Schamgefühls durch einen Landesgerichtsrat sträuben! Herr Engelbrecht duldet keine Heimlichkeiten. Aber während er bei einem dreizehnjährigen Mädchen die Begriffe von Anständigkeit und Moral wenigstens bis zu ihrem Eintritt in den Gerichtssaal voraussetzt, glaubt der Staatsanwalt, daß die »Begriffe des Gernhabens« bei ihr überhaupt nicht vorhanden sein können. Eine dreizehnjährige Mutter! Das bringt eine Kriminalistik, die der Entwicklung des Menschen von rückwärts Rechnung trägt und aus dem idealen Zustand jenseits von Potenz und Klimakterium zur »Altersgrenze« hinablangt, außer Fassung. Aber ein Mädchen, das noch die Fibel liest, kann lebensreifer sein als ein Landesgerichtsrat, der das Leben nach Fibelbegriffen wertet und vom Geschlechtsgenuß nichts weiter weiß, als daß er unmoralisch ist. Und ein Mädchen, welches das Schamgefühl verletzt, handelt gottgefälliger als ein Richter, der die Verletzungen des Schamgefühls demonstriert. Daß sich die Geschlechtstriebe der Judikatur so schwer anpassen, ist die rätselvolle Tatsache, vor der jeder Kriminalist, von der Pubertät bis zum Ablauf des Staatsdienstes, staunend steht, die er an seinem eigenen Leib erleidet und darum an fremden Leibern ahndet. Die Göttin der Gerechtigkeit ist blind, verstopft sich die Ohren und legt einen Keuschheitsgürtel an. So gerüstet, hat sie von den neuen Erkenntnissen nichts zu fürchten. Und wenn Herr Engelbrecht von einem Forscher erführe, daß der Mensch eigentlich sein ganzes Leben hindurch, von der Geburt bis zur Hinrichtung, daß der Säugling beim Stuhlgang und der Delinquent, dem die Schlinge um den Hals gezogen wird, Sexualempfindungen haben, er glaubte es nicht. Sonst würde er den Todeskandidaten und den Säugling mit dem Vorwurf einschüchtern: »Wenn Sie schon die sonstigen Begriffe von Anständigkeit und Moral nicht gehabt haben, mußten Sie doch wissen, daß das eine unerlaubte Handlung ist!« Peter Altenberg Er feiert nun wirklich diesen oft versprochenen, oft verschobenen fünfzigsten Geburtstag. Aber mag das Datum schwankend sein wie das Urteil über den Mann, ja schwankend selbst wie das Urteil des Mannes, die Gelegenheit, ihn respektvoll zu grüßen, möchte sich einer nicht versagen, der dabei war, als jener seine Haare ließ, um einen Kopf zu bekommen. Und nichts steht heute fester in unserem Geistesleben als dies Schwanken, nichts ist klarer umrissen als diese knitterige Physiognomie, nichts bietet bessern Halt als diese Unverläßlichkeit. Unter den vielen, die hier etwas vorstellen, ist einer, der bedeutet; unter den manchen, die etwas können, ist einer, der ist. Unter den zahllosen, die ihre Stoffe aus der Literatur geholt haben und Migräne bekamen, als es an die Prüfung durchs Leben ging, ist einer, der im schmutzigsten Winkel des Lebens Literatur geschaffen hat, gleich unbekümmert um die Regeln der Literatur und des Lebens. Weiß der liebe Herrgott, wie die andern ihren Tag führten, ehe sie zu ihren Büchern gelangten: die Nächte dieses einen waren allzeit der öffentlichen Besichtigung preisgegeben, und manch ein champagnertrinkender Pferdedieb dürfte um die Zeugung dessen Bescheid wissen, was für alle Zeit den Werten einer lyrischen Prosa zugehören wird. Dieses Künstlerleben hatte einen Zug, den in seiner Welt die Weiber verloren haben: Treue im Unbestand, rücksichtslose Selbstbewahrung im Wegwurf, Unverkäuflichkeit in der Prostitution. Seitdem und so oft er vom Leben zum Schreiben kam, stand das Problem dieser elementaren Absichtslosigkeit, die heute leichtmütig eine Perle und morgen feierlich eine Schale bietet, in der Rätselecke des lesenden Philisters. Die bequemste Lösung war die Annahme, er sei ein Poseur: er, der zeitlebens nichts anderes getan hat als die Konvention der Verstellung durchbrechen. Oder es sei ein echter Narr. Denn das Staunen des gesunden Verstandes, dessen niederträchtige Erhabenheit sich hier voll entfaltet, sieht bloß die gelockerte Schraube und fühlt die bewegende Kraft nicht, die den Schaden schuf, um an ihm zu wachsen. Aber wenn die Dichter zu nichts anderm taugen, als daß die Advokaten an ihnen ihrer Vollsinnigkeit inne werden, so haben sie ihren Zweck erfüllt, und die Advokaten sollten darauf verzichten, in das Verständnis der Dichter tiefer eindringen zu wollen, als zum Erweise ihrer eigenen Daseinsberechtigung notwendig ist. Mag sein, daß der Altenbergsche Ernst solche Art mechanischer Betrachtung auf Kosten der lebendigen Persönlichkeit verschuldet hat. In diesem Ernst kreischt die Schraube, und verlockt die Neugierde einer wertlosen Intelligenz, die man besser ihren Weg ziehen ließe. Es ist dieser künstlerischen Natur zu eigen, das Unscheinbare aus der Höhe anzurufen; und solche Aufmerksamkeit wird ihr unversehens zur Kunst, wenn die Kontraste sich im Humor verständigen. Er ist Lyriker, wenn er sich zur unmittelbaren Anschauung seiner kleinen Welt begibt, und er ist Humorist, wenn er sich über sie erhebt, um sie zu belachen. Er ist persönlich und reizvoll in und über den Dingen, und wir haben ihm hier und dort Kunstwerke zu danken, die ihm keiner nachmachen kann, weil er selbst ohne Vorbild ist. Aus einer Grundstimmung zwischen Überlegenheit und lyrischem Befassen, aus einer umkippenden Weisheit, die vor einem Kanarienvogel ernster bleibt als vor sich selbst, aus einer Bescheidenheit, die sich nur vorschiebt, um die Welt in einer Narrenglatze zu spiegeln, könnte er uns eine »Empfindsame Reise« beschreiben, die er, aus Ersparnisrücksichten und Phantasie, im Kinematographentheater mitmacht. Ich gebe für ein paar Zeilen seiner »Maus« oder seines »Lift«, seines »Spazierstock« oder seines »Gespräch mit dem Gutsherrn« sämtliche Romane einer Leihbibliothek her. Dazu freilich auch jenen P. A., der die Distanz zu seiner Welt durch Lärm ausgleichen möchte. Ich kann es verstehen, daß dem Künstler die Geduld reißt und daß er eines Nachts dazu gelangt, das Leben im Vokativ anzufahren. Er ist in solchen Augenblicken erregt, aber nicht eben schöpferisch. Ich sehe ihn hoch, aber der Abstand, der Humor verlangt, schafft sich ihn von selbst, wenn der Betrachter pathetisch wird. In dieses Kapitel scheint mir die Altenbergsche Gastrologie zu gehören mitsamt jenem Materialismus der Frauenseele und jenem Spiritualismus der Materialware, und mit der Unerbittlichkeit jenes »erstklassigen« akrobatischen Evolutionsgedankens, daß der Affe vom Menschen abstammt. P. A., der vor einer Almwiese zum Dichter wird, wird vor einer Preisjodlerin zum Propheten. Er ist ein Seher, wenn er sieht, aber er ist bloß ein Rufer, wenn er ein Seher ist. Seine Schrullen sind schöpferische Hilfen, wenn sie sich selbst entlarven; sie sind Hindernisse, wenn sie auf sich bestehen. Die zarteste Künstlerhand beschwichtigt sie, und zu einer widrigen Unsprache lassen sie sich alarmieren. Und das ist der Humor davon. An ihn hält sich der Philistersinn, wenn diese Fülle sich selbst zu einer Sonderbarkeit verkleinert, die mit visionärer Verzückung Küchenrezepte verfertigt, tant de bruit pour une omelette macht und die Anweisung gibt: O nähme man doch endlich drei Eier!?! Gewiß bildet diese ausfahrende Sucht, die eine alltägliche Sache unterstreicht, ein Teil von jener Kraft, die eine alltägliche Sache erhöht, und ich möchte den Mißton in der Zigeunermusik dieses Geistes nicht entbehren. In der restlosen Ehrlichkeit, die das Unsagbare sagt, ist er wohl liebenswerter als ein Preziösentum, das vom Sagbaren nur die Form hat; und beschleunigte Herztätigkeit ist es, was den Menschenwert des Predigers über die Zweifel der Lehre erhebt. Aber der Lärm der Lehre scheint mir von der Schwerhörigkeit des Philisters gefördert und er bedeutet jenen Trotz, der die Konzession des Künstlers ist, der keine Konzessionen macht. Und wie sollte die stärkste Stimme nicht heiser werden in einem Vaterlande, in dem der Prophet der Niemand ist, aber der Poet ein Journalist? Peter Altenbergs Ruhm ist aus dem sicheren Ausland noch nicht nach Wien gedrungen und das intellektuelle Gesindel dieser Stadt hat noch nicht geruht, ihn so ernst zu nehmen wie ihre Jourdichter und Journalisten. Dennoch sollte man solchen Reichtum der Mittel sich nicht auf Kosten des Inhalts entfalten lassen. Man müßte eine Zeitung, die diesem Temperament die Interpunktionen ihrer Druckerei zu schrankenloser Verfügung überläßt, boykottieren, man müßte Preisrichter der Literatur, die eine Persönlichkeit von solchem Wuchs in der Varieté-Kritik exzedieren lassen, aber jahraus jahrein harmonische Plattköpfe auszeichnen, auf der Straße verprügeln. Kurzum, man müßte alles das tun, wodurch man den Zorn P. A.'s auf sich laden könnte, den einzigen stadtbekannten Zorn, der um seiner selbst willen wertvoll ist und auch dort noch berechtigt, wo der Eigentümer mit Unrecht glaubt, man habe es auf seine Freiheit abgesehen. Denn man hat es in Wahrheit darauf abgesehen, ihn in den Stand zu bringen, wo er die wohlverdiente geistige Anerkennung endlich für die Ehre eintauscht, die Zielscheibe der Betrunkenheit zu sein. Oder gar das Merkziel jener vollsinnigen Betrachtung, die die Kunst P. A.'s als eine Privatangelegenheit belächelt, aber vor seinem Nachtleben wie vor einer Praterbude steht, und die überglücklich ist, wenn sie eine Probe seiner Urteilswütigkeit kolportieren kann. Daß hier ein ewiges Temperament bei der Sache ist, ob es nun für oder gegen die Sache ist oder beides zugleich, schätzt keiner. Aber auch die Ansichten der Natur sind geteilt, auf Schön folgt Regen und es ist ein und derselbe Ackerboden, der den Vorteil von solchem Widerspruch hat. Dieser Dichter hatte Anhänger, die ihm abtrünnig wurden, weil sie den Zufällen seiner klimatischen Verhältnisse nicht gewachsen waren. Nun, wen es peinlich betrifft, zwischen dem Einerseits einer höchsten Begeisterung und dem Anderseits einer tiefsten Verachtung zu leben, der bleibe zu Hause, aber er preise die Allmacht des Schöpfers und rümpfe nicht die Nase über die Natur. Denn die Natur ist weise, sie nimmt ihre Donner nicht ernst, und ihre Sonne lacht über die eigene Inkonsequenz. Ach, wir haben genug Köpfe, die mit fünfzig Jahren dasselbe sichere Urteil bewähren werden wie mit zwanzig. Gott erhalte sie als ganze. Von Peter Altenberg genügt uns eine Skizze. Razzia auf Literarhistoriker Wo ich geh' und steh', wimmelt es jetzt von Literarhistorikern, also von Historikern, die in keinem Zusammenhang mit der Literatur stehen und darum nur Literarhistoriker heißen. Was soll ich mit den Leuten anfangen? Ich will die, die es schon sind, verstümmeln und darum die nachfolgenden verhindern. Ich will das Handwerk verächtlich machen. Ich will den Totengräbern zeigen, daß der Henker mehr Ehre aufhebt. Ich sammle die Fälle und bitte um Unterstützung. Stille Kreuzottern zu töten, ist schnöde und der steirische Landtag zahlt für jede zwölf – (hier will sich mir eine unerwünschte ldeenassoziation mit Herrn Rudolf Hans Bartsch ergeben). Ich zahle für jeden Literarhistoriker dreizehn Heller. Man folge mir in die Seminare, aber man scheue auch die Redaktionen nicht. Gerade dort nisten sie. Einmal habe ich mich dafür interessiert, wann Lawrence Sterne gestorben sei und wann – da es doch nun einmal der Fall ist – Max Kalbeck geboren. Ich fand, daß über diesen genau so viel stand, wie über jenen. Seit damals glaube ich, daß der Brockhaus, wenn er über die Entfernung der Kassiopeia von der Erde Auskunft gibt, von einer Clique bedient ist. Über Jean Paul fand ich die Bemerkung, er sei eigentlich kein Dichter gewesen, bezeichnend sei ja hiefür, daß er keine Verse geschrieben habe. Seit damals glaube ich, daß die Sphärenmusik von Charles Weinberger ist und das Buch der Schöpfung von Buchbinder. Einer, der's gut mit mir meint, vermißte meine Biographie. Er teilte mir mit, er habe die Firmen Meyer und Brockhaus darauf aufmerksam gemacht, daß sie von ihren Vertretern am Wiener Platz infam belogen werden, weil die Fackel, wenn schon nicht, wie viele glauben, für den Geist, so doch für das Wiener Geistesleben mehr in Betracht komme, als die Werke des Herrn Dörmann. Die Firmen antworteten, daß sie sich auf ihre Vertreter verlassen müßten, und es blieb dabei, daß die Fackel selbst in der Rubrik »Wiener Zeitungswesen«, dem sogar die »Pschüttkarikaturen« nachgerühmt worden, fehlte. Zweifelt einer noch, daß ich die persönliche Sache aus anderen Motiven führe als weil sie das beste Beispiel für die allgemeine Unsachlichkeit ist? Glaubt einer noch, daß ich einen besseren Schulfall fände als mich? Mein Lebenslauf fühlt sich nur wohl dabei, wenn er von den Herren Walzel und Hauser nicht durch Beachtung aufgehalten wird. Der Strom mündet ins Meer und mit ihm fließt der Kehricht. Der Kehricht tut so, als ob's ihm der Strom zu danken hätte. Aber es dürfte wohl das Gegenteil der Fall sein. Noch unwirtlicher aber ist's jetzt auf dem Semmering. Nicht wegen der Tuberkeln, aber wegen der Talente. Ein Berliner Verleger ist angekommen und nunmehr sollen die Hotels dort oben den deutsch-österreichischen Anthologien gleichen. Herr Sami Fischer könne keine Stunde mehr am Busen der Natur ruhen, ohne daß ihm die Literatur den ihren hinhält. Zweihundert fein differenzierte Begabungen, die aber voneinander nicht zu unterscheiden sind, haben sich schon jede ihr Zimmer gesichert. Lungern ihm vor der Tür, laufen voran, lauern hinter Bäumen, machen Waldzauber. Führen dem Verleger die Wunder der Natur vor, kopieren den Hahnenschrei, um ihn zu wecken, machen ihm das Echo, melken ihn. Auf den Waldwegen, wo sonst nur Stullenpapiere und Kurszettel vorkamen, liegen jetzt Manuskripte und Kontrakte herum, und der Semmering, diese idyllische Zuflucht der Börseaner, ist zur Börse geworden. Das hat der Mann vor fünfundzwanzig Jahren sich nicht träumen lassen, und wenn er, nachdenklich wie er ist, die Zeiten vergleicht, mag er finden, daß zwar die Literatur mehr trägt, aber die Kommittenten der Möbelbranche bessere Manieren hatten. Wie verkennt mich der anonyme Esel, der mich neulich der Gemeinheit für fähig hielt, dem Manne einen »Vorwurf« daraus zu machen, daß er früher ein anderes Geschäft hatte. Es war kein Angriff auf die Möbelbranche, die ich für nützlich, ja für unentbehrlich halte und vor allem für ein ehrlicheres Geschäft als die Literatur. Ich habe ihr aber den Vorwurf nicht ersparen können, daß sie ihre Leute nicht halten kann und daß einer der Ihren und sicherlich der Besten einer sich auf Romane geworfen hat. Jetzt sieht er, in welche Gesellschaft er geraten ist. Von Herrn Otto Hauser, einem Übersetzungsbureau, heißt es: Otto Hauser ist eine Art Kardinal Mezzofanti für die deutsche Literatur, niemand weiß genau zu sagen, wieviel Sprachen er eigentlich beherrscht (einige davon so vollendet, daß er sogar eigene Gedichte in fremden ldiomen wagen durfte), aber nach seinen bisherigen Publikationen und der staunenswerten Leistung seiner Geschichte der Weltliteratur dürften es wohl mehr als zwanzig sein. Ich möchte bei Hauser nicht übersetzen lassen, finde aber sein Wagnis, eigene Gedichte in fremde Idiome zu übersetzen, sympathisch. Mit den Übersetzern ist's eine eigene Sache. Sie glauben immer, es genüge, wenn sie die andere Sprache können. Darum ist es wirklich nicht viel, wenn Hauser zwanzig Sprachen beherrscht, und wir, die nur deutsch sprechen, können uns dann eben zwanzigmal schwieriger mit ihm verständigen. Was haben wir denn davon, daß Hauser Gedichte des Li-Tai-Po lesen konnte? Übersetzt er sie in eine ihm fremde Sprache, so ist es ein Trugschluß, zu glauben, sie seien nun deutsch geworden, weil sie nicht mehr chinesisch sind. Zwanzig Sprachen zu beherrschen, ist eine traurige Eigenschaft, die den, der sie besitzt, früh welken macht. Was hat er von seinem Leben, wenn er immer Acht geben muß, daß ihm keine Verwechslung passiert? Unter allen Umständen mag eine solche Gabe den Betroffenen oft in Verlegenheit bringen, weil sich die Passagiere nur zu leicht versucht fühlen, ihn auch nach den Zugsverbindungen zu fragen. Nie jedoch würde es mir in den Sinn kommen, mir von einem athenischen Hotelportier die Odyssee übersetzen zu lassen. Am tragischen Fall Trebitsch hat es sich gezeigt. Zwischen dem Englischen und dem Deutschen war plötzlich jede Verständigung unterbrochen, und wenn wir auch nicht gerade bedauern mußten, daß uns die Kenntnis des dubiosen Herrn Shaw erschwert wurde, so war doch am Deutschen eine unerlaubte Handlung verübt worden. Wozu übersetzen? Es heißt eine Fliege mit zwei Schlägen treffen. Die Herren sollen, wenn sie Courage haben, in Privathäusern Lektionen geben. Mir kann's ja egal sein, was mit dem Portugiesischen geschieht; daß sich mit dem Deutschen nicht spaßen läßt, weiß ich zufällig. Wenn sich aber zwanzig Sprachen von Herrn Hauser beherrschen lassen, so geschieht ihnen recht. Aus einer Literaturkritik: Kein Zweifel, die Novellenfolge bietet ein gutes Diner: die obligate Suppe, diskret, nur ein paar Löffel, ein Glas Sherry darin – ein sanfter Fisch, ein leicht verdauliches Entree, ein sorgsam gebratenes Fleisch mit der Jahreszeit entsprechenden Gemüsen – noch eine Platte Spargel, dann Eis –; aber, wie nach solchen Diners, ist man am Ende des Buches noch hungrig. Es war alles ganz gut, aber es war nichts, wobei man sagen müßte: deliziös! Oder, um diesen prosaischen Vergleich zu beenden : Der »Falke« dieser Novellen ist ein ausgestopfter, ein konservierter Falke ... Sorrent, das Meer – das ist mit echter Meisterschaft gemalt. Knapp, statt gedankenvoll. Lassen die anderen Erzählungen zuweilen daran denken, daß die Vorwürfe zu ihnen Brosamen von einem reichen Tisch sind – der »kindliche Knabe« ist vollwertige Produktion. Bitte auch etwas Speisepulver! »Dichtung und Dichter der Zeit. Eine Schilderung der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte« von Albert Sörgel. Mit 345 Abbildungen. A. Voigtländers Verlag, Leipzig. »Meiner Braut gewidmet.« – Solche Intimitäten werde ich dem Herrn bald abgewöhnt haben. Daß die Fortpflanzung der Literarhistoriker nicht erwünscht ist und tunlichst erschwert werden soll, habe ich bereits zu verstehen gegeben. Heiratet dennoch einer, so erspare er dem Publikum die Anzeige! Wäre ich ein Weib und fiele auf mich die Wahl, den Sörgel glücklich zu machen, weiß Gott, ich überlegte mir's nach diesem Buch und täte es nicht. Über den Stil ist weiter nichts zu sagen, als daß die Befassung des Herrn Sörgel mit der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte purem Übermut entspringt. Oberflächlich wie ich bin, habe ich nur geblättert. Das tue ich immer und muß bekennen, daß ich mich eigentlich nur in meine eigenen Bücher vertiefen kann und auch nur, solange sie noch nicht erschienen sind. Hotelrechnungen und Literaturgeschichten überfliege ich; und merke doch sogleich, wenn dort etwas zu viel aufgeschrieben ist und hier etwas zu wenig. Und kenne doch den Sörgel weit besser als irgendeiner, der ihn studiert hat. Versenkte ich mich in ihn, so wäre ich bald unten durch; aber wenn ich ihn nur flüchtig berühre, so haben wir beide einen Jux davon. Ich behaupte also infolge oberflächlicher Kenntnis des neunhundert Seiten starken Werkes, daß es im Stil eines Chef de reception geschrieben ist, der aus den kleinen Verhältnissen von Zwickau (Sachsen) ohne Übergang in ein Hotel in Ostende geriet und sich dort einfach nicht auskennt. Er kommandiert mit den Leuten herum, belagert ihnen die Tür, wenn sie nicht auf die Minute die Wochenrechnung zahlen, will sie – in Ostende – eegalganz auf ihren Leumund prüfen und es kommt überhaupt zu peinlichen Weiterungen zwischen Zwickau und dem großen Leben. So scheint mir das Buch geschrieben. Alles was er über die Schönheit der Gegend in Reisebüchern gefunden hat, weiß das Männeken herunterzuschnattern, und ist dabei objektiv. »Nur so kann, meine ich, der Leser die literarischen Geisteskämpfe wirklich noch einmal erleben – als unparteiischer Zuschauer oder als Mitkämpfer auf der einen oder andern Seite: dem Leser ist oft die Wahl gelassen.« Badeabonnements, Eintrittskarten für den Gletscher besorgt die Direktion, Warmwasserheizung, Freiluft- und Liegekuren, photographische Dunkelkammer, eigene Hochwildjagd, feinstes Orchester, Lift, Forellenfischerei im Hause. Wie gewissenhaft und gerecht aber der Sörgel in der Literatur die Werte unterscheidet, beweist er hinreichend. Zum Beispiel: »Eine Zeitlang löste der Name Max Dreyer den Namen Otto Ernst aus . Nicht, daß Otto Ernst später als Dreyer in der Literatur heimisch wurde, mit ähnlichen Werken wie der Rostocker, nein : schon 1888 erschien von dem Hamburger Volksschullehrer Otto Ernst Schmidt ein Band Gedichte, ein Jahr später ein Band Essays ... Aber eine Zeitlang zwang das Volksschullehrerdrama »Flachsmann als Erzieher« an das Schauspiel vom »Probekandidaten« zu denken und eins mit dem andern zu vergleichen. Diese Gedankenverknüpfungen schwinden jetzt. Das Bild des Dramatikers Otto Ernst verblaßt, der Plauderer , der Erzähler, der Lyriker gewinnt. Zum Glück.« Über allem aber strahle das »Lächeln eines unbeirrten Optimismus«. Und nicht bloß, weil der Herr Otto Ernst geglaubt hat, »Die Liebe höret nimmer auf« werde im Burgtheater Kassa machen. Von Hermann Bahr »führen manche Fäden« zu dem nur wenig älteren Schnitzler. Aber ich durchschneide sie. Wedekind gegenüber kommt sich natürlich ein Hotelsekretär als Dichter vor. Denn »wenn Wedekinds Personen reden, dann reden sie ein schwulstiges Papierdeutsch, das halb der schlechten Zeitung, halb dem Kolportageroman angehört ... Dieser schwulstige oder stumpfe Stil ist mit daran Schuld, daß Wedekinds Dramen, hintereinander gelesen oder gesehen, bald langweilig werden.« Das schreibt der Mann, der sich »gezwungen« fühlt, Flachsmann als Erzieher mit dem Probekandidaten zu vergleichen und an beide zu denken. Solche Schweinerei ist heute in Deutschland möglich und wird dank ihr selbst und dank den schönen Bildeln, die ihr beigegeben sind, massenhaft unter den deutschen Familien abgesetzt. Vom Herrn Sörgel ist eben zu erfahren, was man über die modernen Dichter und Denker zu sagen hat, denn er hat nicht nur sämtliche Klischees und Waschzettel der letzten Jahrzehnte gelesen, nein, er weiß auch Bescheid, wer bei den Gründungen der Literaturvereine in den achtziger und neunziger Jahren im Gasthaus dabei war und daß eine hochfeine Bowle getrunken wurde. Er weiß Bescheid und tut ihn. Er hat sich sogar ein Porträt des Herrn Felix Holländer verschafft, der Sappermenter! Er weiß auch, daß dem Herrn Hanns Heinz Ewers, dem Commis voyageur ins Transzendente, fünf Seiten gebühren und Peter Altenberg zwei, Herrn Weigand sieben und Heinrich Mann drei, von den »Ausländern, die die deutsche Literatur entscheidend anregten«, d'Annunzio zwei Seiten und Strindberg eine halbe Zeile. Er weiß, daß in eine moderne Literaturgeschichte die delle Grazie und die Böhlau gehören, aber beileibe nicht die Else Lasker-Schüler. Er ist objektiv. Über Peter Altenberg hat er einen Geburtstagsartikel aufgepickt und da gelesen, daß ihn die Wachmänner und Marktweiber in Wien kennen; er gibt nicht die Quelle an, aber er bestreitet es wenigstens nicht. Er hat auch erfahren, es sei Altenbergs Wunsch, »daß die Seele durch ihn an Terrain gewinne«; er nimmt Notiz davon. Er weiß auch auf den ersten Blick, den er selbst auf die erste Seite eines Altenbergschen Buches geworfen hat, daß dort Mandarinenschalen gekaut werden; er erkennt, daß es ein sonderbarer Heiliger sei. Dieser Sörgel schreibt einen einheitlichen Stil, nämlich den Stil von fünfhundert gleichwertigen Literaturreportern, deren Meinungen ihm zugänglich und geläufig wurden. Er ist objektiv. Er kann sich die letzten Jahrzehnte ganz ohne mich denken. Während ich so ungerecht bin, mir die letzten Jahrzehnte ohne den Sörgel nicht denken zu können. Er gehört hinein. Ich würde ihn um keinen Preis totschweigen. Daß ich ihn nenne, wird mir bei der Presse nicht schaden. Würde der Sörgel, dem man Uninformiertheit nicht nachsagen kann, meiner Tätigkeit nur mit einer Silbe gedenken, würde er auch nur mit einem Achselzucken zu verstehen geben, daß er um sie weiß, es hätte dem Weihnachtsgeschäft, das mit seiner Literaturgeschichte gemacht wurde, geschadet und wäre bis zur Ostermesse nicht von Vorteil. So muß sich Sörgel damit begnügen, von mir seine Meinung über Herrn Harden zu beziehen. Wenig genug und auch das in plumpster Fasson. »Eine rätselhafte Natur!« schreibt Sörgel zunächst hin. Mehr wußte er nicht. Da kam ich und löste das Rätsel in nichts auf. Noch nannte Sörgel den Mann einen »Meister der Antithese«, aber er wurde durch die Lektüre meiner Aufsätze unterbrochen, in denen an einem von Gesundheit strotzenden Stil der Bandwurm festgestellt erschien. Sörgel, selbst ein Meister der Antithese, verband nun die höchste Anerkennung, die einer Sprache zuteil werden kann, mit einem Tadel, der die Sprache zur lästigen Rede herabsetzt. Er ist eben objektiv. Natürlich fällt es mir nicht ernstlich ein, die Meinungen, die man mir so jahraus jahrein abschöpft, zu reklamieren. Nicht daß die Leute, deren Lippen noch vom Trunke feucht sind, die Quelle nicht nennen, aber daß sie deren Existenz leugnen möchten, vergiftet die Quelle. Solch ein Sörgel hat immer Recht. (Ich kann beeiden, daß an dieser Stelle der Setzer »Tölpel« gesetzt hat, und ich habe den Druckfehler »Sörgel« daraus gemacht.) Er ist objektiv und konsequent. Denn das Benehmen der Leute mir gegenüber, der ihnen nichts getan hat, ist immer die Antwort darauf, daß ich ihnen etwas tun werde. Herr Harden ist im Buche des Sörgel mit der Feder in der Hand photographiert – aha ein Schriftsteller –, von mir ist nur die Fed–r übernommen und vom Sörgel gar nur die Hand. Schnitzler-Feier Als er fünfzig Jahre alt wurde, mußte er dem Ansturm der Bewunderung entfliehen und den ereignisvollen Tag fern von Wien, »irgendwo am Meere«, zubringen. Es hat Dichter gegeben, die älter wurden und unbelästigt von Gratulanten an ihrem Wohnsitz bleiben konnten. Unsere Explosionen haben keine Ursache mehr. Die Zeit ist ein Knockabout: eine Flaumfeder fällt, und die Erde dröhnt. Wie kann ein Zarter so von Begeisterung umtobt werden? Es ist im Geschlechtscharakter der Generation begründet. Sie alle sind Söhne des Hermes und der Aphrodite, und ein Kräftiger könnte ihnen nur beweisen, daß sie Weiber sind. Die Position Schnitzlers im Weichbild der Gegenwart soll damit nicht geleugnet, sondern zugegeben werden. Dem Unbeträchtlichen, das sie sich zu sagen hat, vorbestimmte Form zu sein, ist auch etwas, das von der Gnade einer schöpferischen Notwendigkeit stammt. Auch diese Zeit hat ihre Dichter, die sie sich aus der Unfähigkeit schafft, Dichter gegen die Zeit zu sein. Ein Zeitdichter aber darf auch nicht mit solchen verwechselt werden, die sich die Zeit hält und die unter dem Diktat des fremden Bedürfnisses schreiben. Sie sind bloß das Zubehör und nicht der Ausdruck der Überflüssigkeit, und Arthur Schnitzler, ein konzentrierter Schwächezustand, soll mit dem Geschmeiß nicht verglichen werden, das Musik macht, weil sich der Ernst des Lebens erholen will. Er steht zwischen jenen, die der Zeit einen Spiegel, und jenen, die ihr einen Paravent vorhalten: irgendwie gehört er in ihr Boudoir. Nicht nur in seinen Anfängen; viel mehr noch später, als er nachdenklich wurde und ihr sagte, daß sich über uns ein Himmel wölbt und daß man nie wissen kann, wie die Sache ausgehe. Schnitzlers Seichtigkeit war das Abziehbild eines Jahrzehnts der schlechten Gesellschaft und als solches von Wert für ein weiteres Jahrzehnt; Schnitzlers Esprit war die Form der für ein Zeitalter maßgebenden Männerschwäche. Schnitzlers Tiefe, mit dem Verlust der Liebenswürdigkeit bezahlt, ist der karge metaphysische Rest, der sich ergibt, wenn Anatol Kaiserlicher Rat wird oder sagen wir, Conseiller imperial. Da der Autor die Verwandlung dieses Lebenstypus in Treue mitgemacht hat, so kann ihm die Liebe jener nicht fehlen, die, ohne die Nichtigkeit ihres Daseins zu erkennen, von dem Vorhandensein einer Unendlichkeit sich überzeugen lassen und denen nach dem schicksalswidrigen Handel ihres Tages gut und gern die Erkenntnis einleuchtet, daß wir nur Marionetten sind in der Hand einer höheren Macht und was dergleichen Gedanken mehr sind, die, jenseits der Kunst vorgetragen, weniger sind als eine Zibebe, welche ein Dichter anschaut. Schnitzler wird immer etwas bleiben, was als eine Verständigung zwischen Ibsen und Auernheimer, der Gesellschaft die Befassung mit Problemen erleichtert. Aber ich glaube beinahe, daß seine Lebemänner Gestalten sind und seine Ewigkeit ein Feuilleton. Helfen die Anwälte seiner Vertiefung, helfen die Worte, die sie finden, nicht diesem Verdacht? »Hier waltet auch schon das Schicksal, wie Schnitzler es ansieht, jenes Schicksal, das Pointierungen liebt ...« Das Schicksal ist ein besseres Feuilleton als jenes, dem dieser Satz entnommen ist, das Schicksal dürfte fast schon mehr ein Leitartikel sein. Ich glaube, daß nur ein Mangel an Plastik von den Gegenständen zu den »Zusammenhängen« abschweift, und die fertige Vorstellung, daß »der große Puppenspieler uns alle an unsichtbaren Fäden hält«, nur eine Ausrede ist für das schuldbewußte Unvermögen, die Stricke zu sehen, mit denen wir uns strangulieren. Wenn die höhere Macht, deren Hand uns zu fassen kriegt, ein Dichter ist, dann braucht er die Verantwortung nicht auf das Schicksal abzuwälzen, und dann erst hat er das Recht, es zu tun. Nichts ist begrenzter als die Ewigkeitsidee, zu der ein Tändler erwacht, und von dem, was die Liebe mit dem Tod vorhat, davon hat ein Schnitzlerscher Sterbemann noch nicht die leiseste Ahnung; wenn auf solch amouröse Art die Zeit vertrieben ist, folgt nichts nach, und Herzklopfen war nur eine physiologische Störung. Daß Schnitzler Arzt ist, damit mag es zur Not zusammenhängen. Daß Medizin und Dichtung sich in ihm wundersam verknüpfen, ist uns bis zum Unwohlwerden von den Feuilletonisten auseinandergesetzt worden. Das, worauf es ankommt in der Kunst, das Patientenerlebnis, haben sie weder behauptet, noch hätten sie es zu beweisen vermocht. Um Dichter zu sein, muß man nicht eigens Laryngologie studiert haben, ihr etwaiger philosophischer Hintergrund läßt sich mit der Praxis bequem ausschöpfen, und wenn man selbst in der Medizin gedanklich weiter vorgedrungen wäre, als der Beruf erfordert und erlaubt, so würde das noch immer nichts neben der geistigen Eigenmächtigkeit bedeuten, die im künstlerischen Schaffen begründet ist. Nur eine Plattheit, deren Jargon von einem, der sich über den Tod Sorgen macht, behauptet, er mache sich über den Tod Gedanken, scheint es auch für ein geistiges Verdienst zu halten, und wenngleich Schnitzler gewiß besser ist als jene, die ihn so richtig verstehen, so hat sein Werk doch Anteil an der Banalität einer Auffassung, die es mit der zweifelhaften Geistigkeit der Medizin zu verklären sucht. Diese ist ihr »die geheimnisvolle Wissenschaft, die geradenwegs in die Geheimnisse des Menschen und des Lebens hineinführt«. Ein Rachenkatarrh ist die Gelegenheit, um alles zu erfahren, und wenn man den Leuten nur tief genug in den Mund hineinsieht, so weiß man auch, was sich im Herzen tut. Schnitzler ordiniert zwar nicht mehr, aber von der alten Gewohnheit kann er nicht lassen: »er auskultiert noch immer, wenngleich ohne Hörrohr, er klopft die Menschen im Gespräch sorgfältig ab, er fühlt ihnen den Puls und er schaut ihnen in die Augen.« Versteht sich: nur bildlich, und es kommt trotzdem nicht mehr heraus als bei der Ordination. So ist nämlich das Leben, daß es nicht so ist. Es läßt sich nicht in allegorische Artigkeiten »einfangen«, und hat überhaupt etwas gegen diese Beschäftigung, deren Schlagwort die Marke aller um Schnitzler gruppierten Literatur ist. »Der Duft und die Farbe, der Zauber und die musikalische Anmut dieser Stadt«, solches läßt sich zur Not von diesen zarten Schindern »einfangen« – das Leben nicht. Dort helfen hundert Assoziationen, die schon durch hundert Hände gegangen sind, und ein Hautreiz genügt, um den, der am Grinzinger Bachl spazieren geht, zum Dichter zu machen. Der Dichter vor dem Leben hat leider einen schweren Stand, und ihm ist es geradezu überlassen, alles, was noch nicht ist, zum Dagewesensein zu steigern. Was haben die Laubsägearbeiten dieser Schnitzler und Abschnitzler mit dem Chaos zu schaffen? Was die Sorgfalt der äußern Form mit der ordnenden Gewalt des Sprachgeists? Was geht den guten Geschmack die Kunst an? Der Schöpfer wird keinen Augenblick »nachdenklich«; würde ers, es wäre um die Kreatur geschehen. Dem Denker ziemt es, nicht verstanden zu werden. Aber der Nachdenkliche wird so gut verstanden, daß er für den Denker gehalten wird, versteht sich von jenen, die nicht einmal nachdenklich sind. Es geht ihm so, wie dem Gutgelaunten, den die Humorlosigkeit für einen Humoristen hält. Schnitzlers Melancholien lassen sich bequem von jenen »aufzeigen« – auch eine neue literarische Beschäftigung –, die sich nicht einmal die Gedanken machen können, die ihnen längst vorgemacht sind. Kaum einen Festartikel habe ich gelesen, in dem nicht erkannt war, daß Schnitzler aus den Bezirken der Erotik »ins weite Land gegangen« sei, aus den Problemen des gesellschaftlichen Lebens »den Weg ins Freie gefunden« habe, hierauf »dem Ruf des Lebens gefolgt« sei und »den einsamen Weg beschritten« habe, »um in den »Marionetten« zu den tiefsten Aufschlüssen vom Puppenspiel des Lebens zu gelangen«. Wie es für den Künstler zeugt, daß jeder, der sich mit ihm befaßt, immer wieder mit seinen Worten seine Werte zu fassen bekommt, so ist die stereotype Berufung auf jene allzu schmackhaften Symbole für deren Bereiter charakteristisch. Die Schicksalsküche stellt andere Genüsse her als Bilderrätsel und Buchtitel, die jeden ausgewachsenen Anatol nachdenklich stimmen, und die Hingabe ans Grenzenlose, die das Rathausviertel mitmacht, ist mir verdächtig. Es ist ein Aberglaube, daß der Künstler für das Klischee nicht verantwortlich sei, das mit ihm fertig wird, und so glaube ich, daß ein Buch, durch welches »mit Stundenglas und Hippe Freund Hein schreitet, vom Eingang zum Ausgang«, nicht zu hoch über dem Niveau leben kann, auf dem solche Vorstellung zustandekommt. »Man hört das Schnitzlersche Problem anklingen, die ewige tieftraurige Frage des Dichters überhaupt«; aber solcher Frage ist solches Ohr nicht unerreichbar. Die Zusammenhänge des Schicksals sind dunkel genug, aber bei weitem nicht so verdächtig wie die eines Buches. Das Schnitzlersche Problem, das neue, wächst im Schnitzlerschen Milieu, dem alten, es ist ein Ornament, wie alles Höhere, das für ein Inneres gesetzt wird. Es ist eine fertige Sache wie der liebe Gott, an den sie glauben, weil er einmal da ist, aber mit einem Glauben, der nicht stark genug wäre, Gott zu schaffen, wenn er nicht Gott sei Dank da wäre. Fertig hat Schnitzler das ganze Inventar dieser Unendlichkeit übernommen, die sich über dem irdischen Boudoir so gut wie über der irdischen Handelskammer wölbt. Fertig bis auf die Nomenklatur ist die ganze Vorstellung seiner Romanwelt. Eine »Bertha Garlan« ist nicht in Wien zuständig, sondern aus einem Roman nach Wien gekommen, um in einen Roman wie in eine Pension einzuziehen. Auch das Wienertum von mehr konfessioneller Färbung zieht von der vorrätigen Poesie an, und es entsteht neben einer »Frau Redegonda« ein »Dr. Wehwalt«, der gewiß Wigelaweia getrieben hat, ehe er in unsere Mitte kam. Es ist wohl möglich, daß die Reporter recht haben, wenn sie behaupten, »die Wiener Gesellschaftskreise hätten eine Zeitlang im Tone der Schnitzlerischen Dialoge geplaudert, geflirtet, verliebt, zärtlich und melancholisch getan«, wie nach Wildes Ausspruch die englische Natur die Präraffaeliten nachgeahmt habe. Denn die Natur geht so gern mit der Kunst wie die Unnatur mit der Unkunst. In der empfänglichen Niederung jener Wiener Gesellschaft, die für die lebensbildctide Kraft Schnitzlerscher Dialoge in Betracht kommt, dürften sich solche Verwandlungen schon zugetragen haben, und die Bedeutung Schnitzlers als eines Befreiers gebundener Unkraft, Dichters eines bestimmten Lebenscottages, soll keineswegs geleugnet werden. Merkwürdig in die Irre geht diese Intimität nur, wenn sie höhere Anforderungen an ihren Autor stellt, und von ihm mehr will, als ihrer eigenen Gesundheit zuträglich wäre. »Vielleicht gibt er uns das reine Lustspiel, vielleicht auch den großen Roman ...« Nun, hier werden keine Kräfte gereizt, die imstande wären, die Daseinsform jener Kreise unmöglich zu machen, die ihren Geschmack zu solcher Begehrlichkeit steigern. Der tiefen Erkenntnis des Literarhistorikers Weilen stimme ich zu. »Daß Schnitzler bisher das Beste, was in ihm lag, noch nicht gegeben, ist die sicherste Gewähr für seine weitere Entwicklung«; so weit gehe ich noch mit. Aber dann höre ich die nachdenkliche Frage: »Soll sie uns das ersehnte deutsche Lustspiel schenken, das zu schaffen er wie kein anderer berufen scheint? Wir wissen es nicht. Aber eines scheint uns sicher: Wenn er erst klar und deutlich den Ruf des Lebens vernimmt, dann hat er gefunden, was er mit so unermüdlichem Eifer, so strenger Selbstzucht sucht: den Weg ins Freie.« Und indem ich zweifle, ob dieser Weg zum deutschen Lustspiel führt, sucht mich eine Plaudertasche zu überreden: »Wer weiß, vielleicht schenkt er der deutschen Bühne schließlich doch noch das Lustspiel, das viele seiner Freunde und Verehrer von ihm erwarten ... Daß er noch kein größeres geschrieben hat, würde nichts beweisen, denn das Lustspieltalent reift auch bei den Berufenen spät und entwickelt sich langsam.« Sie können es nicht erwarten, die Verantwortlichen der Entwicklung; dieses Trauerspiel sehnt sich nach einem Lustspiel – und es ist schon da, denn die Gesellschaft steht besorgt vor ihrem brütenden Dichter, mästet ihn mit Zureden, und es kommt nichts heraus. Wie sollte es? Das Lustspiel »gibt« man denen nicht, die es wollen, und gibt jener nicht, von dem sie es wollen. Gibt nicht die Liebenswürdigkeit eines Talentes, das sich in üble Laune verzogen hat, weil die gute Laune eben nicht zum Lustspiel langte. Schnitzlers Tendenzen waren so dünn, daß sie wohl oder übel einer Weltanschauung weichen mußten. Es ist das Los der Süßwasserdichter, daß sie die Begrenzung spüren, sich unbehaglich fühlen und dennoch drin bleiben müssen. Am genießbarsten sind sie noch im Abschildern ihres Elements. Aber sie suchen vergebens mit derselben oratorischen Weitläufigkeit Anschluß an Meerestiefen, wie ehedem an das Festland der sozialen Gesinnungen. »Er ficht«, hieß es damals, »gegen das gesellschaftliche Vorurteil, welches den Gefallenen die einstige Verfehlung nicht vergißt und den Weg zu späterem Glücke versperrt.« Schon faul! Er ficht gegen die Verführung der Theaterdamen durch kleine Gagen. Er ficht gegen das Duell. Das ficht uns nicht an. Die Rebellion eines sozialgemuten Schnitzler konnte die Gesellschaft ertragen. Es ist jene Freiheit, zu der sie fähig ist, und die hundertmal schlimmer ist als die doch irgendwo von einem geistigen Punkt gerichtete Unfreiheit. Selbst Schnitzlers Humor wird keine Verwirrung stiften. Er blickt jetzt empor. Aber hat etwa der Autor des »Reigen« die Hoffnung auf die große Lache geweckt, zu der nur der Blick von oben auf Menschliches fähig wäre? Seine erotische Psychologie geht auf eine Nußschale der Erkenntnis, langt darum nicht zum Aphorismus, nur zur Skizze, die in der Form über dem Wiener Feuilleton, im Einfall unter dem französischen Dialog steht. Dieser Humor geschlechtlicher Dinge lebt von der Terminologie und erst recht von deren Unterlassung: dem Gedankenstrich. Dieser Blick auf Physiologisches kommt nicht von der Höhe, und darum kommt auch die Metaphysik Schnitzlers nicht von den Abgründen. Schnitzlers Séparée und Schnitzlers Kosmos sind von einem Wurzellosen angeschaut. Die geistigen Spitzen der Schnitzlerschen Welt stechen in die Augen: jeder weist darauf hin, das Zitat, das in den meisten Festartikeln wiederkehrt, ist wirklich »die Formel Schnitzlers:« diese Predigt der »Unbeirrtheit«. Sie könnte das Erlebnis eines großen Ethikers sein, aber er würde sie schwerlich in solchem Text halten: »Jeder muß selber zusehen, wie er herausfindet aus seinem Ärger, aus seiner Verzweiflung, oder aus seinem Ekel, irgendwohin, wo er wieder frei aufatmen kann. Solche Wanderungen ins Freie lassen sich nicht gemeinsam unternehmen, denn die Straßen laufen ja nicht im Lande draußen, sondern in uns selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren Weg zu finden. Dazu ist es notwendig, möglichst klar in sich zu sehen, den Mut seiner eigenen Natur zu haben, sich nicht beirren zu lassen.« Das ist mit Augen zu greifen. Unbestreitbar, daß auf solchem Weg ins Freie nicht gemeinsam zu spazieren ist; das liegt in der Natur dieser Allegorie, die in dem Vergleichsobjekt leider nicht restlos aufgeht. Der »innere Weg« ist ein einsamer Weg, führt aber auch zum Romantitel. Jeder in sich, Gott in uns alle. Aber es ist, weiß Gott, weniger Glaube, weniger Metaphysik als das bekannte Insich-Geschäft der neueren Psychologie. Schnitzler ist ihr dichterischer Ausdruck, wie jene Kulturschwätzerin versichert, die jetzt jeden Abend um sechs nachsieht, ob nicht schon etwas Kunstgewerbliches unter unserm Bette steht. Sie hat noch nie »an« die Pflicht der Kunst, uns die Lebensnotwendigkeit zu schmücken, vergessen, aber sie begreift alles, was Kultur ist, und fragt deshalb an Schnitzlers Geburtstag: »Begegnen wir nicht gleich an der ersten Gabelung seines Entwicklungsganges der unbewußten Anwendung der Mach'schen Ich-Lehre, die in der Zergliederung des Ich-Bewußtseins gipfelt?« Traurig genug, aus dem Mund eines Weibes eine solche Frage zu hören. Aber recht hat sie schon. Schnitzler ist wirklich einer jener psychologischen Bittsteller, denen die eigene Tür vor der eigenen Nase zugeschlagen wird, jener gehemmten Eindringlichen, die vor der Bewußtseinsschwelle umkehren müssen und darüber unglücklich sind: außer sich. Wirklich einer von jenen, die auf der Lauer liegen, wenn sie vorübergehen. Aber hier ächzt nur als schmerzliche Neugierde intellektueller Nerven, was in den großen Versuchern als die tragische Sehnsucht wehrhafter Gehirne brüllt. Es ist – wenngleich in der ehrlichsten und saubersten Art – der Typus, der aus einem fehlenden Ich zwei macht. Das weiß sogar der Hermann Bahr, daß diese Form von Verinnerlichung nur innere Schwäche ist: »Furcht von Menschen, die sich bewahren wollen, weil sie noch nicht wissen, daß dies der Sinn des Lebens ist: sich zu zerstören, damit Höheres lebendig werde«. Immerhin, wenn Schnitzler sich bewahren will, wird doch etwas mehr lebendig als wenn Bahr sich vergeuden will; aber Höheres kommt dort und da nicht heraus, und es ist peinlich, den Attinghausen von Ober-St. Veit, der seinen Uli vom Griensteidl nicht mehr erkennt, mit dem Aufgebot der letzten Gradheit in einen Lehnstuhl von Olbrich zurücksinkend, verkünden zu hören: »Ich kann Dir heute nichts anderes sagen, nichts besseres wünschen, Du bist mir zu lieb. Du bist mir zu lieb, denn täusche Dich doch nicht: Du bist kein Hofrat unserer Pharaonen, laß Dich nicht dazu machen ... Bescheide Dich nicht, ergib Dich nicht an Wien, erhöre Dich selbst! Vorwärts, aufwärts, werde was Du bist!« (Stirbt.) Wie anders Dörmann. »Wohl dir«, ruft er, »daß du gegangen den selbsterwählten Pfad, daß Sinnen und Verlangen ausreiften dir zur Tat. Es grüßt dein reines Wirken, es drückt dir warm die Hand von anderen Bezirken – ein Freund aus »Jugendland'.« Es kann, wiewohl die Sätze hier fortlaufend gedruckt sind, auch dem Laien nicht auf die Dauer verborgen bleiben, daß es sich um Verse, ja sogar um Reime handelt. Sie bringen mit stiller Nachdenklichkeit die Wehmut zum Ausdruck, die sich immer einstellt, wenn ein Dichter erkennt, daß er in ganz andere Bezirke gekommen ist, als in der Jugend geplant war, nämlich auf die Wieden und in die Leopoldstadt. Indem aber ein Libretto auf Empfehlung eines Zigarrenagenten von einem Fürsten Lubomirski zur Komposition angenommen wurde, zeigt sich, daß das Schicksal zwar seine Zusammenhänge, aber auch seine guten Seiten hat, und daß Baudelaire ein Pechvogel war. Von einer ähnlichen unbegründeten Schwermut erfüllt sind schon die Jugendgedichte Arthur Schnitzlers selbst, mit denen der »Merker« seine Festnummer eröffnet hat, offenbar, um mit diesem aus Dämmer und Schimmer gewobenen Kitsch zu beweisen, daß der Jubilar nie ein Lyriker war. Der »Merker« werde bekanntlich, und wie er selbst wünscht, so bestellt, daß weder Haß noch Lieben das Urteil trüben, das er fällt. Da er keines zu haben scheint, so ist die Forderung leicht erfüllbar. Herr Georg Hirschfeld, dessen schicksalhafte Zusammenhänge mit der deutschen Literatur darin bestehen, daß er zuweilen mit Schnitzler durch die stillen Gassen der Wiener Vorstadt geht, da er an der Seite Gerhart Hauptmanns schneller überflüssig wurde und weniger profitieren konnte, dankt jenem nicht nur für das »Durchdringen in der Kunst, wo er sein ehrlicher Förderer geworden«. »In Maitagen, die Schnitzlers Geburtsfest umschließen«, sei er mit ihm gewandelt, und »nicht schwach an der Seite dieses Starken« gewesen. »Leise, leise« habe sich eine positive Lust am Dasein in ihm gemeldet. »Wie oft folgte ich Schnitzlers Blick, wenn er die schönen Mädchen der Josefstadt betrachtete, die Christinen (mit einem n) und die Schlagermizzis.« Leise, ganz leise zieht's durch den Raum ... Aber das ist ja von Dörmann und aus dem »Walzertraum« – nein, »es zog ein holdes Grüßen durch die Luft. Ich aber, im Schatten dieses Dichters, durfte schauen und atmen, wortlos fragen zum reinen Wiener Himmel empor.« Aber wahre Dich, Wien! mahnt Hirschfeld, anders als Bahr. Wahre Dich. »Du hast einen großen Dichter noch, der dein Erbe wahrt, dein unersetzliches Erbe.« Dieser entartete Berliner verdient wirklich nicht, daß es eine Untergrundbahn gibt. Wir wollen ihn in Wien zuständig machen und ihn mit jenem andern Hirschfeld verwechseln, der plaudern kann. Ein Herr Ernst Lothar, den man gleichfalls verwechseln möchte, sagt, Schnitzler sei uns Führer gewesen, »hinaus zu den Grenzen des Letzten und Geheimnisvollsten«. Es kommt eben darauf an, wie weit man diese Grenzen steckt, das ist Standpunktsache, für manche Leute beginnt dort schon die Ewigkeit, wo ich noch den Zeitvertreib sehe, und manche stehen schon dort vor den Rätseln, wo andere nur eine Rätselecke finden. Es ist aber leider nicht zu leugnen, daß zwischen allerlei Feuilletonvolk auch die Dichter Wedekind, Heinrich und Thomas Mann die Gelegenheit, die sie anrief, benützt haben, um die Bedeutung des Schnitzlerschen Schaffens weit über alles in der heutigen Literatur vorrätige Maß anzuerkennen. Wenn man selbst die Liebenswürdigkeit, die der Anlaß zur Pflicht macht, abzieht, bleibt noch so viel übrig, daß für die kritische Potenz der Gratulanten nicht viel übrig bleibt. Sie sind wohl auch zur Kritik nicht verpflichtet. Wenn aber Frank Wedekind behauptet, daß Schnitzler ein Klassiker und der einzige Dramenschöpfer sei, der nach zwanzig Jahren deutscher Produktion lebe, so ist weder die Selbstlosigkeit solchen Lobes noch die Verkennung Hauptmanns begreiflich und die Frage gestattet, ob Wedekind wirklich die theatralische Haltbarkeit des »Weiten Landes« oder die journalistische Haltbarkeit des »Freiwilds« neben »Erdgeist« und »Pippa« für diskutabel hält. Solche Äußerungen eines von seiner Produktion auf gewerbliche Probleme abirrenden Genies sind unerquicklich und sollten von einer innern Zensur unterdrückt werden, solange es Redaktionen gibt, die ihnen Vorschub leisten. Ich glaube, daß Wedekinds Bedeutung für das deutsche Drama länger vorhalten wird als seine kritische Autorität, deren Äußerungen zugleich mit jenen Geistern veralten werden, denen sie gelten. Arthur Schnitzler »Meister« zu nennen, möge Herrn Zweig überlassen bleiben, der es mit Recht tut, nicht ohne die beruhigende Zusicherung zu geben, daß seine Generation, wiewohl sie »anderes wolle«, die frühere nicht entwurzeln werde. Was sie will, die Generation des Herrn Zweig, weiß ich, und Herr Zweig weiß es auch. »In unserer Zeit, da die Kunst sich gern der Popularitätssucht, der Geldverdienerei, der Journalistik und Gesellschaftlichkeit kuppelt«, sei der Anblick Schnitzlers erfreulich. Nichts lenke mehr »von der Vista auf die Werke ab, als jene kleinen Unsauberkeiten des Charakters, die uns die Indiskretion der Nähe leicht preisgibt«. Herr Zweig kennt sich aus und hat ganz recht, wenn er Schnitzler von dem Drang zur Geldverdienerei, zur Journalistik und zur Gesellschaftlichkeit ausnimmt. Es ist nur die Frage, warum die neue Generation, die zu all dem inkliniert, die es weiß, und die ihr Ende bei der Neuen Freien Presse voraussieht, sich nicht lieber umbringt, und was Schnitzler anlangt, so ist gewiß zum Lobe seiner Person zu sagen, daß er sich nie um jene zweifelhaften Subsidien mangelnder Persönlichkeit umgesehen hat, sondern daß sie von selbst zu ihm gekommen sind. Schnitzler ist von ihnen umringt und sitzt in der Fülle aller Leere, ohne daß er das Talent jener Betriebsamkeit aufwenden mußte oder konnte, die heute den Wert ersetzt. Seine Position ist zwischen Bedeutung und Geltung, und eine geheimnisvolle Verwandtschaft mit ihm muß die Welt so hingerissen haben, daß sie ihm gern entgegenkam. Schrecken der Unsterblichkeit Denn er war unser. Nämlich der Minor, Kalbeck, Blumenthal, Holzbock, Lothar usw. Sie werden hervorkriechen, ich ahnte es, sie werden hervorkriechen. Wenn ein Denkmal renoviert wird, kommen unfehlbar die Mauerasseln und die Tausendfüßer ans Licht und sagen: Denn er war unser! Das sind die Leichenwürmer der Unsterblichkeit. Was aber Schillers Andenken zu Recht verkleinert, ist die Möglichkeit solcher Patronanz. Sein Stoffliches war so sehr das Stoffliche aller Welt, daß sich die schwärmerische Impotenz ihm blutsverwandt glaubt, daß sich die Lebensblindheit, die den Blick »gen Himmel« richtet, die Taubheit, die auf Sphärenmusik eingestellt ist, und alles Nichts, das sich durch ein ideales Streben präsentabel macht, an seinem Ehrentag geschmeichelt fühlt. Was immer in Deutschland in seines Nichts durchbohrendem Gefühle vergehen müßte, wenn ein Dichter gefeiert wird, lebt auf, wenn dieser Dichter gefeiert wird. So daß es ungeheuer schwer hält, durch die Schatzkammern der Banalität, die diesem Dichter vor allen andern den Zuspruch der Nachwelt verschafft haben, zu seinem wahren Lebensgehalt vorzudringen. Denn hinter ihm, vor ihm, neben ihm liegt, was uns alle bändigt, das Gemeine. Ja, einen Aufwand übermenschlicher Gerechtigkeit verlangt die Pflicht, dahinter zu kommen, daß Schiller besser war als sein Ruf. Wo sind die Nerven, die, stündlich von den Schmarotzern des Wahren, Guten und Schönen beleidigt, sich zur Ruhe solcher Untersuchung bequemten? Im Kampf gegen sein Gefolge, und möge dabei auch Schiller selbst verletzt werden, wirkt man für sein Andenken am besten. Sein Unsterbliches wird erst erstehen, wenn jene fatale Unsterblichkeit dahin ist, die ihm eine glückliche Mischung von Minderwertigkeiten erringen half. Ehe wir von dem Künstler reden wollen, muß unbedingt auch nur die entfernteste Möglichkeit beseitigt sein, daß um eine Schillerbüste ein Männergesangverein Aufstellung nimmt. Bliebe doch sein zweihundertster Geburtstag vor solchen Zwischenfällen bewahrt! Daß bis dahin alle kompromittierenden Beziehungen zwischen einem Genius und den gestärkten Vorhemden aufgehört haben – das walte Gott! Bis zu diesem Termin werden die Leute, die sich heute noch als Kostgänger des Schillerschen Ruhmes lästig machen, reichlich Gelegenheit haben, selber die Unsterblichkeit zu erwerben. Besser, es gelingt ihnen durch die Kraft ihrer Reklame und durch die Ausdauer, mit der sie hinter Särgen gelaufen sind, als daß der Typus noch weiter das Gesichtsfeld der Mitlebenden verunziere oder gar bei späteren Dichterehrungen anwesend sei. Denn es ist dringend zu wünschen, daß die Leute, die, sobald von Kunst die Rede ist, die Schönheit zu reklamieren beginnen, die mit den Idealen auf dem besten Fuß stehen und bei der Anrufung Schillers uns das Himmelsgewölbe eindrücken, endlich zur Ruhe kommen. Was will das Pack? Wenn Schiller bloß die Verse gedichtet hätte: »Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde – Das ist das Los des Schönen auf der Erde!«, so wäre ja die Aufregung noch begreiflich. Aber so? Warum rückt denn diese ganze freiwillige Feuerwehr aus, wenn Schiller Geburtstag hat? Warum begeht man dieses schreiende Unrecht an Wildenbruch, der doch all das in noch viel handlicherer Form bietet, was ein deutsches Herz zu Schiller zieht, und der doch auch in der Fürstengruft begraben liegt? Muß denn ein Dichter erst hundertfünfzig Jahre alt werden, um der allgemeinen Anerkennung solcher teilhaftig zu werden, die bloß der Gedanke berauscht, daß es so etwas gibt, wie das Teilhaftigwerden der allgemeinen Anerkennung? Lebt nicht ein Lauff? Steht er nicht auch schon mit einem Fuß in der Fürstengruft? Und wäre dieser armselige Reichtum an Idealen nicht schließlich sogar durch unsern Paul Wilhelm der Jugend zu bieten, wenn sich ein Kultusministerium entschlösse, einen neuen Gymnasialklassiker zu kreieren? Diese Jugend, die mit ein bißchen Schall fürs Leben versorgt ist, wird ja erst bei einer Revision ihrer Begeisterungen lebensüberdrüssig. Da muß man aber doch sagen, daß der einzige ehrliche Kulturfaktor im deutschen Sprachbereich der Burgtheaterdirektor Hofrat Schlenther ist. In stürmischer Zeit, da ihn die Demissionsgerüchte nur so umschwirren, wohnt er am Schillertag, unter der Devise: Die Lebenden fordern ihre Rechte, der Berliner Premiere eines Werkes von Kadelburg bei. Für die Wochentage muß auch gesorgt sein. Dagegen wohnten der Schillerfeier im Königlichen Schauspielhause, wie der Beiwohner Holzbock meldet, einige »Kollegen des großen Dramatikers Schiller« bei, nämlich die Herren Lindau, Blumenthal, Philippi, Lubliner, Zobeltitz, Bernstein usw. Nichts stelle ich mir aufreibender vor als die Repräsentationspflichten, die so eine Berliner Saison an die deutschen Dichter stellt. Eine Zeitungsnotiz vom selben Tage und im Stil der Berichte über die Schillerfeier spricht von dem »Ereignis im Berliner Gesellschaftsleben«, welches das Diner bedeutet habe, »mit dem der Kommerzienrat Jacob seine Wiedergenesung von schwerer Krankheit feierte. Die Literatur war vertreten durch Lindau, Blumenthal, Fulda, Zobeltitz«. Eine einfache Verhebung wohl, wie sie im Zeitungsbetrieb so häufig vorkommt, hat die Verwechslung verschuldet. Natürlich sollten die Herren Lindau, Blumenthal, Fulda, Zobeltitz bei der Schillerfeier als schlichte Vertreter der Literatur erscheinen und bei der Jacobfeier als die Kollegen des großen Kommerzienrats. So weit sind eben die Welten, in denen unsere Zeitgenossen leben, ihr Schiller und der Kommerz, nicht voneinander entfernt, daß der Irrtum nicht begreiflich wäre. Finden wir sie doch geradezu vereint in der Tätigkeit des Herrn Holländer, der als Dramaturg des Herrn Reinhardt nicht nur mit den großen Dramatikern, sondern auch mit den großen Kommerzienräten Fühlung hat und schon deshalb berufen war, den Kunden des Passage-Kaufhauses mit einem Vortrag über Schiller aufzuwarten. Die entscheidende Anregung zu diesem Entschlusse mag freilich das Gerücht gegeben haben, daß Schiller sich irgendwo selbst als Kollegen des großen Kommerzienrats bekannt habe, nämlich in dem Ausspruch: Euch, ihr Götter, gehört der Koofmich. »Wie sagt doch Schiller...« Alle jene, die so anfangen, wenn sie zur Quelle ihre Banalität führen wollen, müssen erst vom Schauplatz des deutschen Geisteslebens entschwinden, ehe wir uns überhaupt wieder in ein Verhältnis zu Schiller setzen lassen. Was sie an ihm anbetungswürdig finden, sind Ideen, die als Phrasen gestorben sind, wenn sie nicht als Phrasen geboren wurden. Wenn seines Geistes Blut in ihnen lebte, so gerann es und taugte nicht zum Lebenssaft nachkommender Geister. Von einer Gebärde der Verzückung, die wir als Erbe bewahren, würde unsere Kultur auf die Dauer nicht leben können. Was die Schillerfeierer der Jugend einimpfen wollen, kann in Wahrheit nicht das sein, was wir ihm zu danken haben. Schlimm stünde es um Deutschland, wenn wir mit diesem Schutt einer zu den Sternen emporgereckten Voraussetzungslosigkeit, wenn wir in den baufälligen Wolkenkratzern des Pathos durch die Jahrhunderte wirtschaften sollten. Ist Schiller nur erst als Ofenschmuck des deutschen Heims entfernt, so kann er noch als Revolutionär in dieses zurückkehren und die züchtige Hausfrau, die drinnen waltet, zum Erröten bringen, ja selbst Laura am Klavier an die Tage erinnern, da er die Brüste des Weibes »Halbkugeln einer bessern Welt« genannt hat. Damals nämlich, als noch in keinem Haushalt der Zitrone saftiger Kern zu populär-philosophischen Vergleichen gepreßt wurde, da noch nicht des Zuckers lindernder Saft die herbe Kraft des Dichters zähmte, noch nicht des Wassers sprudelnder Schwall seinem Temperament sich vermischt hatte, und überhaupt der Punsch des Lebens ganz anders zubereitet wurde. O, damals lohte noch ein Moralhohn und tobte so laut, daß er heute selbst die Feiertagsglocke übertönen möchte, daß er die ministeriellen Redner verstummen, die Säkularfresser sich erbrechen ließe und alle jene sich bekreuzigen, die im überkommenen Glauben ihr »Denn er war unser« beten. Was heute in Deutschland an Schiller glaubt, an ihn »voll und ganz« glaubt, sind die Leeren und Halben. Die den Gipfel der Poesie darin erblicken, daß sich alles reimt, und vor allem Leben auf Streben. Denen der Fortschritt eine Wandeldekoration ist, vor der sie staunend stehen bleiben. Alle Maulaffen der Zivilisation und alle Dunkelmänner der Freiheit. Alles Ungeziefer des Ruhms: Germanist, Schöngeist und Reporter; Totengräber, Tausendfüßer und Holzbock. Alle, die sich ihrer Persönlichkeit erst bewußt werden, wenn sie die Menschheit ans Herz drücken, und die vor dem Sturz ins Chaos sich bewahren, indem sie einen Verein gründen. Pastoren, Demokraten, Schlaraffen, Mitglieder des Vereins »Flamme«, Mitglieder des Vereins »Glocke«, überhaupt Mitglieder. Obmänner, nicht Männer. Alle, die da sagen, daß für das Volk das Beste gerade gut genug sei, und alle, die da sagen, daß uns die Kunst erheben soll, und überhaupt alle, die da sagen, was alle sagen. Sie sind es, die nur eine Frage frei haben an das Schicksal: Wie sagt doch Schiller? Hätte er sie geahnt, hätte er sie heraufkommen sehen, wie sie die Kultur umwimmeln, wie sie mit ihren Plattköpfen an seinen Himmel stoßen und mit ihren Plattfüßen seine Erde zerstampfen, so daß kein Entrinnen ist vor der Allgewalt ihrer Liebe – er hätte sich die Unsterblichkeit genommen! 1. Herr K. hat mich, seit ich ihn als einen Mitarbeiter der »Wage« kennen lernte, mit überschwänglicher Liebe, Bewunderung, Anbetung verfolgt, das hat mich gerührt und ich habe den talentvollen jungen Menschen, weil ich ihn für sauber hielt, leider nicht weggestoßen. Wenn ich nach Wien kam, holte er mich vom Bahnhof ab, und ließ mich nicht los, bis ich wieder im Zuge saß. Da er von fast allen, die mir in Wien bekannt und interessant sind, verachtet wurde und wird, verzichte ich, aus Mitleid mit dem armen Teufel, auf das Vergnügen, diese Menschen zu sehen. Wenn er nach Berlin kam, war er bei mir wie Kind im Hause, saß, ohne Rücksicht auf meine knappe Zeit, stundenlang, halbe Tage lang bei mir. Ungefähr jede Gefälligkeit, die man erweisen kann, habe ich ihm erwiesen. So habe ich ihm fürs erste oder fürs zweite Heft seiner »Fackel« (deren ganzen Plan, innere und äußere Gestaltung ich auf sein Bitten mit ihm durchsprach) einen Artikel geschrieben, nicht nur umsonst, sondern auch in dem sicheren Vorgefühl, welchen Haß ich mir dadurch in Wien zuziehen würde. Das geschah auch noch, ich war verfemt und die »N.F.P.« lehnte einen Aufsatz Björnsons über mich ab. Für seinen Prozeß mit Bahr habe ich, trotzdem ich Bahr sehr schätze und immer für einen unbestechlichen Menschen hielt, ihm ein Gutachten geschrieben. U. s. w. Seine Bilder, Briefe, Karten strotzen von »Bewunderung« und Liebe. Er nennt mich nach einem Wiener Aufenthalt den Unvergeßlichen usw. Daß mir seine Tätigkeit mehr und mehr mißfiel, mußte er merken. Seine ewige Bitte: Ihn und seine »Fackel« in der »Zukunft« zu erwähnen, konnte ich nicht erfüllen, zweimal mußte ich ihm Artikel ablehnen. Daß ich sein Vorgehen gegen Bahr, seine Campagne für die ... widrig fand, verhehlte ich nicht. Zu einer Kritik erdreistete er sich zum ersten Male, als ich über die ..., die das Berliner Bühnenleben mit ihrer Geldmacht vergiftet hatte, einige unfreundliche Worte schrieb. (Er hatte gemeinen Privatklatsch über die ... breitgetreten, war seit seinem grotesken Roman mit der ... aber empfindlich in diesem Punkt geworden.) Ich antwortete schroff und ließ ihn bei seiner nächsten Anwesenheit nicht mehr zu mir kommen. Seitdem schimpft er ... Ich bin der Selbe geblieben, der ich in der Zeit seiner Verhimmelung war, habe nur gearbeitet. Sein Blatt habe ich seit zwei Jahren nicht mehr geöffnet, er schickt es mir und es bleibt in dem Umschlag liegen. Ekelhaft war mir's längst, bevor er mich angriff. Jetzt steht er mit »N.F.P.« und »N.W.T.« in Reihe und Glied gegen mich. Habeat. Maximilian Harden (7. Juni 908) 2. Ich bin ein alter Leser der »Zukunft«. Ein alter und treuloser Leser. Mein Vorurteil gegen Herrn Maximilian Harden ist gewiß unter allen Antipathien, die er sich seit der Gründung seiner Zeitschrift erworben hat, die beachtenswerteste, weil er mir persönlich so gar keinen Grund zu ihr gegeben hat. Das belastet in Wien, der Stadt der Verbindungen und Beziehungen, die sich die Niederlassung des Herrn Harden redlich verdient hätte, mein Schuldkonto. In der Reihe verlorener Freundschaften, die dem Lebensweg des Herrn Maximilian Harden unberechtigter Weise das ehrenvolle Dunkel der Einsamkeit verliehen haben, bedeutet mein schroffer Abfall die bitterste Enttäuschung. Bei allen anderen Verlusten konnte er die literarische Verfeindung auf die persönliche reduzieren. Meine Untreue nahm den anderen Weg. Ich habe Herrn Maximilian Harden aus blauem Himmel angegriffen. Welch' tief unbegründete Abkehr! Wie bereute ich es, daß sie notwendig war, wie schämte sich mein Verrat des früheren Glaubens! Ich erkannte damals, daß der Altersunterschied zwischen uns sich umsomehr verengte, als ich mir erlaubte, die Kriegsjahre des Herrn Harden nur einfach zu zählen. Der Fünfundzwanzigjährige hatte neben dem Fünfunddreißigjährigen den Nachteil, aber zehn Jahre später den Vorteil der Jugend. Zuerst konnte er nicht sehen, und dann sah er einen Blinden. Die Jugend sollte sich nur von abschreckenden Beispielen erziehen lassen und sich die Vorbilder für die Zeit der Reife aufheben. Was ihr im weiten Umkreis deutscher Kultur sich bietet, ist ein so sicherer und tief fundierter Schwindel,daß selbst die Originale Surrogate sind. Nur die Phantasie wird mit ihnen fertig, zieht sie dem Leben vor. Wie sah der große Einzelkämpfer aus, dessen Meinung gegen jenen Strom schwamm, zu dem sich alle journalistischen Schlammgewässer vereinigen? Er sah aus, wie ich mir ihn schuf, und Herr Maximilian Harden lieferte für meine Erfindung die Gebärde. Ich sah seine Blitze zucken, und hörte seine Donner krachen; denn in mir war Elektrizität. Ich war ein Theatermeister, den das Gewitter, das er erzeugt, erzittern macht. Welchen Respekt hatte ich vor Herrn Maximilian Harden, weil seine Leere meinem Ergänzungstrieb entgegenkam. Solches Entgegenkommen wird zum Erlebnis, bleibt aber nur so lange das Verdienst des Andern, als man für die Werte, die man zu vergeben hat, nicht in sich selbst einen besseren Platz findet. Dann wohnt in den öden Fensterhöhlen das Grauen. Karl Kraus (31. Oktober 1907) Seit längerer Zeit werden in den Kreisen, die sich für literarische Personalien interessieren, Wetten abgeschlossen: Wird er antworten oder wird er nicht? Ich entmutigte die Hoffenden. Er wird nicht, sagte ich allen, die mich fragten und die mit Recht annahmen, daß ich über die Hemmungen des Herrn Maximilian Harden besser informiert bin als er über die Triebe des Grafen Moltke. Er wird nicht. Denn er ist vornehm. Er hält's auch hierin mit der Religion der »Neuen Freien Presse«, welche die Abtrünnigen mit dem dumpf grollenden Fluch dreimal spaltet: Nicht genannt soll er sein! Und er ist noch viel vornehmer. Denn wer die Betten der Fürstlichkeiten zu lüften gewohnt ist und grundsätzlich nur die Kübel der feinsten Herrschaften hinausträgt, wird nicht zu Leuten hinabsteigen, die weder für die literarischen Aufgaben eines Domestiken Verständnis noch Achtung vor dem Journalisten haben, der seinen Beruf so wenig verfehlt hat. Jeden Morgen beim Aufräumen des Schlafzimmers der Frau Gräfin den Lassalle zitieren, aussprechen, »was ist«, und der Nachbarschaft erzählen, daß der Herr Graf sich wieder einmal gänzlich abgeneigt gezeigt hat, mein Gott im Himmel, wer eine solche Leistung gering schätzt, versteht wirklich nichts von den Angelegenheiten der großen Welt. Wer es ferner nicht begreift, daß ein Nachkomme der Jesaias und Hutten das Recht haben muß, dem Richter, der ihm pariert, »eines Holbein Haltung und Haupt« nachzurühmen, und dem Richter, der ihn verurteilt, die Zuckerkrankheit vorzuwerfen, dem ist nicht zu helfen. Ich, in meiner publizistischen Weltabgeschiedenheit, sage: In die Lücke des deutschen Gesetzes, das dem privatesten Leben des Staatsbürgers den Schutz versagt hat, trete man ihn, daß er darin ersticke, den Kerl, der uns jetzt, nach monatelanger Qual, noch von der »schlimmen Krankheit« erzählt, die jener Graf »in die Ehe mitbrachte«. Indem ich aber so spreche, beweise ich nur, daß ich ein armer Teufel bin, dessen enger Horizont die großen Aufgaben der Politik nicht zu fassen vermag. Es wäre müßig, sich mit mir in eine Polemik einzulassen. Ich spüre ja doch nur den Gestank, den einer über das Vaterland verbreitet, und merke nicht, daß er fürs Vaterland stinkt. Ich entsetze mich über die kulturelle Scheußlichkeit, nein, über die geistige Minderwertigkeit einer Wahrheitsforschung, die mit Enthüllergebärden die deutsche Moraljustiz antreibt, in zwei Wochen nachzuholen, was sie in fünfundzwanzig Jahren versäumt hat, und die es endlich dahin bringt, daß ein Henkerparagraph verschärft und ein friedlicher Gebirgssee von Untersuchungsrichtern ausgemessen wird. Ich gedenke eines der markantesten Worte Maximilian Hardens: Lieber ein Schweinehund sein als ein Dummkopf! und beklage es tief, daß ihm die Entwicklung der politischen Dinge die Wahl schwerer gemacht hat, als er sich ursprünglich vorgestellt hatte. Denn wer der Freiheit des Geschlechtslebens eine Schlinge legt und sich in ihr verfängt, der ist wahrlich zu bedauern, er überschlägt sich, weiß nicht mehr aus noch ein, und schreibt schließlich Artikel, die zwar von weitem nach erpresserischer Gesinnung riechen, aber in der Nähe sich bloß als die Hilferufe eines ungeschickten Angebers erweisen, den die Konsequenz einer einmal begangenen Lumperei um den Verstand gebracht hat. Er glaubt noch ein Denunziant zu sein, und er ist schon längst der geistige Bundesgenosse des Milchmeiers Riedel, und mitleidig wiederholt der Leser die bekannte Frage: »Was ging's dich an, Tropf, damischer?« Er sehnt sich nach den alten Zeiten, da ihm eine anonyme Schmähkarte an die Redaktion des »Vorwärts« nachgewiesen wurde, durch die er Otto Erich Hartleben aus seinem Kritikeramte drängen wollte, und da er durch das Wort vom Schweinehund die peinliche Situation zur allgemeinen Zufriedenheit klärte. Jetzt zieht er aus Verzweiflung gegen die Schweinehunde vom Leder, weist ihnen täglich irgend eine erotische Beziehung zu den Fischerknechten nach, doch, ach, längst ist ihm selbst die geistige Mutualität mit dieser Sorte nachgewiesen. Er muß so tun, als ob er eine innere Befriedigung spürte, so oft ein bayrischer Hiesl unter dem auf ihn einstürmenden Bernstein endlich zugibt, der Fürst habe ihn »die Gaudi, die Lumperei« gelehrt. Und will es das Unglück, daß der Abreißkalender gerade Huttens Geburtstag anzeigt, so ersteht dem deutschen Volk aus diesem Chaos von Wahrhaftigkeit und Ekelhaftigkeit der Anblick einer Bruderschaft, bei der man nicht mehr weiß, ob Bismarck oder dem Riedel die Einigung Deutschlands zu danken und ob unter dem »aufrechten Milchmann« nicht vielleicht doch Lassalle zu verstehen ist. Er kann nicht mehr zurück. Sein Tagwerk beginnt mit einer gefährlichen Drohung und endet mit einer Enthüllung. Kein deutscher Mann, der sich heute als Ehegatte schlafen legt, kann wissen, ob er nicht morgen als »Kinäde« aufsteht, bei der Nacht kommt alles an den Tag, und auf die Gefahr hin, offene Hosentüren einzurennen, verkündet der Retter des Vaterlands: »Pardon, ihr Tüchtigen, wird nicht mehr gegeben!« Mindestens soll mit allen abgerechnet werden, die sich der Wahrheit auf ihrem Marsche aus München nach Berlin entgegengestellt haben. Ob unter den Bedrohten auch ich gemeint sei – denn auch »die im schwarzen Schreiberrock« sind in Aussicht genommen –, darum geht seit langem in literarischen Kreisen die Wette. Er wird nicht! sagte ich. Zwar habe ich Schlimmeres getan als die Mitglieder jenes »Grüppchens« von Berliner »Preßpäderasten«, auf das der Normenwächter nicht ohne tiefere Absicht hinweist. Sie begnügten sich, zu sagen, daß es verfehlt sei, die vermeintliche Gefahr eines politischen Einflusses durch Anspielungen auf die genitalen Irrtümer einiger alten Herren bannen zu wollen. Ich habe diese Taktik als eine politische Tat gelten lassen, und dann erst gezeigt, wie sie der Menschheit ins Gesicht schlägt. Ich sagte: Der Kerl ist vielleicht ein Patriot, ein Kulturmensch ist er gewiß nicht. Und ich habe noch Schlimmeres gewagt. An einem Stil, der hier wirklich den Mann bedeutet, die große Unbedeutung dieses literarischen Charakters nachgewiesen. Das war eine Enthüllung, die sich vor die Enthüllungen des Herrn Maximilian Harden stellt; von der er spürt, daß sie ihm die gedankenlose Anerkennung seiner Zeitgenossen gestört hat, und von der ich weiß, daß sie ihn unsterblich machen wird. Anstatt mir nun dankbar zu sein, weil seine literarische Eigenart wenigstens in meiner Kommentierung auf die Nachwelt kommt, hegt er unauslöschlichen Groll gegen mich und sagt jedem, der es hören will, ich sei treulosen Gemütes, rachsüchtig und handle bloß aus verletzter Eitelkeit. Seitdem ich mit besorgter Miene die Schrecken der Elephantiasis an seinen Satzgliedern nachgewiesen habe, hat sich sein Leiden nicht gebessert. Wie sollte man glauben, daß er in diesem Zustand sich erheben und mir antworten könnte, er leide nicht? Ich habe in meiner Sünden Maienblüte bei ihm zu Mittag gegessen, ich war »wie Kind im Hause«, und jetzt greife ich ihn an. Beides ist sozusagen erweislich wahr, die Tat wie die Reue. Aber was sind alle Leiden der »kranken Physis« gegen den Alpdruck einer hochgestiegenen literarischen Jugend, die man einst bewirtet hat und die einem jetzt in die Suppe spuckt? In solchem Zustand rafft man sich zu keiner Polemik auf. Er wird nicht! Mit jedem Satz, den er gegen mich schriebe, würde er meine Feindseligkeit gegen seinen Stil rechtfertigen. Er, der immer gelitten hat, keinen seiner Briefe je ohne das Postskriptum ließ, daß er unsäglich leide, die Fatierung eines Einkommens von 52 000 Mark nie ohne vollständige Gebrochenheit vollzogen hat, in der Festung Weichselmünde mehr als Dreyfus litt und in Danzig sogar Champagner trinken mußte, um die Leiden der Festung ertragen zu können, er leidet jetzt mehr denn je. Seinen Körper hat Herr Schweninger behandelt, sein Geist leidet unter meiner Massage. Wie sollte sich der Unglückliche zu einer Abwehr aufraffen, der kürzlich einen Leitartikel mit diesem Satz begann: »Vor hundertzwanzig Jahren, als der dicke, pomphaft thronende, aus unkriegerischem Festlärm gern in seichte Salonmystik schweifende Sohn August Wilhelms just seine Eitelkeit mit dem nährkraftlosen Erfolg im holländischen Wilhelminenhandel gefüttert hatte, wurde eine Druckschrift bekannt, die, unter dem Titel »Considérations sur I'état présent du corps politique de l'Europe«, schon fünfzig Jahre vorher entstanden war«. Wer so schreibt, sollte mir antworten können? Er wird nicht! Er weiß, daß ich ihn für ein literarisches Deutschland, das die Größe des Sprechers nicht nach der Länge seiner Stelzen beurteilt, erledigt habe. Er hat meinen Nachruf gehört und er ahnt, er könnte, wenn er nur im geringsten Miene macht, sich für scheintot auszugeben, eine Schändung seines literarischen Grabes erleben, die das Maß meiner gewohnten Pietätlosigkeit weit übersteigt. Er wird sanft ruhen und sich nicht mit mir in einen Wortwechsel einlassen. Tut er aber doch so, als ob er lebte, so reicht in der Besinnungslosigkeit des Schlachtens, das er sich in Deutschland erlauben darf, seine Klugheit auch heute noch so weit, die Grenzen seiner polemischen Möglichkeit richtig abzuschätzen. Nach siechen Fürsten, die ihre Feder höchstens in einem gefühlvollen Briefwechsel versucht haben und heute in der Charité liegen, langt sein publizistischer Mut. Mich kennt er. Er hat noch vor einem Jahre vor Frank Wedekind, der sich später nach Kräften um eine Versöhnung unvereinbarer Gegensätze bemühte, seine höchste Achtung meines literarischen Wesens bekundet. Die Versöhnung mußte leider an der Ungleichheit der gegenseitigen Schätzung scheitern. Wer aber fühlte so tief wie er die Lächerlichkeit des Versuchs, mich zu einer persönlichen Polemik herauszufordern? Nein, aus dem erhofften Hahnenkampf kann infolge Unpäßlichkeit des Gegners nichts werden. Er wird krähen, wenn er auf den Mist seiner Affären steigt. Er wird möglicherweise auch vom »feindlichen Federvölkchen« sprechen und selig im Stolz einer Unfähigkeit sein, die zu Diminutiven ihre Zuflucht nimmt. Er wird von einem Bürschchen sprechen, das einst aus seinem Schüsselchen gegessen hat. Vielleicht in einem Wiener Montagsblättchen, wenn zufällig ein Revolvermännchen auf die gute Idee kommt, ihn zu fragen, was er gern sagt. Beileibe nicht in der »Zukunft'. Das könnte die Aufmerksamkeit erregen und Moritz und Rina zur Bestellung der »Fackel« verleiten. Und so geschah es. Immerhin ist es die Antwort des Herrn Harden auf meine Angriffe, wenn sie auch bloß die Antwort auf die Frage eines Montagsjournalisten ist. Er macht seinen Feinden mit Vorliebe außerhalb Preußens den Prozeß. Nur unterscheidet sich mein Fall von dem des Fürsten Eulenburg dadurch, daß ich der Gerichtsverhandlung beiwohnen und dem Zeugen Harden sofort auf die Schwurfinger schlagen kann. Für einen Augenblick wird das Niveau meines Hasses gedrückt. Mein Kampf gegen die Verpestung Deutschlands, meine Enthüllung des Mißverhältnisses zwischen einer literarischen Winzigkeit und ihrem Geräusch, mein ganzes öffentliches Bemühen soll zu einer Privataffäre erniedrigt werden, zu einem Wettkampf mit Herrn Harden, den jeder unbefangene Zuschauer für einen Akt der Feigheit halten könnte. Ich muß aus Humanität darauf verzichten, einen mit hundert Kilo Bildung beladenen, auf Stelzen daherkommenden Ritter mit dem Rapier anzugehen. Um es ihm leichter zu machen, soll ich ihm auf das mir fremde Gebiet privater Tatsächlichkeit folgen. Ich bin dazu zu haben, aber man wird mir den Widerwillen glauben müssen, erweisliche Unwahrheiten, die ich längst verdaut habe, zu korrigieren. Immerhin mußte ich darauf gefaßt sein, daß er mir ein paar Zitate an den Kopf wirft, wenn nicht aus den Korintherbriefen, so doch wenigstens aus meinen eigenen. Er kann nachweisen, daß ich ihn einst bewundert habe. Es nützt nichts, daß ich es nicht leugne, nie geleugnet habe und ihm feierlich verspreche, daß ich es nie leugnen werde. Für alle Fälle ist es gut, daß ich die Beweise der gegenseitigen Zuneigung nicht vernichtet habe, und daß auch ich die Ausdauer besitze, aus dem Chaos meines Archivs zu holen, was ich brauche. Ich gebe zu; daß ich im Kampf der Dokumente den kürzern ziehen muß und daß meine Zuneigung zu Herrn Harden kompromittierender ist als die seine zu mir. Aber anderseits muß ich doch wieder betonen, daß sein Urteil, das er als reifer Mann über mich gefällt hat, rechtsverbindlicher ist als das Vorurteil eines schwärmerischen Neulings, und es besteht für Herrn Harden immerhin die Gefahr, daß die literarische Forschung von ihm das Lob meines Schaffens beziehen könnte, während sie sicherlich meine Begeisterung für seine Werke als die Meinung eines unreifen Jungen verwerfen wird. Der künstlerische Vorzug, den er vor mir voraus hat: daß er seine Briefschaften besser ordnet und registriert und jedem Gegner durch einen Handgriff beweisen kann, daß man ihm vor zehn Jahren mit vorzüglicher Hochachtung geschrieben hat, wird ihm dabei nicht das geringste nützen. Ich möchte ihm nicht nur den Handgriff ersparen, sondern sogar versichern, daß die Hochachtung meiner Briefe mehr als eine Formalität war. Aber ich leide unter der Zudringlichkeit eines Menschen, der nach Jahren auf der alten Bewunderung besteht, die ich ihm nach reiflicher Überlegung entzogen habe. Nicht genug, daß Herr Harden in Bekanntenkreisen über die Veränderung, die mit mir vorgegangen ist (daß sie in mir vorgegangen ist, hält seinesgleichen für ausgeschlossen), sich bitter beklagt oder wie er sagen würde, »stöhnt«; daß er seinen Besuchern die »persönlichen Motive« auftischt, die er meinen Angriffen zugrundelügt – jetzt flüchtet er mit seinen Beschwerden noch in die Öffentlichkeit. Ich will ihm entgegenkommen und die Publizität seiner Anklage vergrößern. Schon um die Erfahrung zu verdichten, daß ein Denunziant und Moralphilister sich in keiner Lebenslage verleugnet. Die Antwort des Herrn Harden, im schmutzigsten Winkel des Wiener Preßpfuhls deponiert, liegt vor, und siehe, sie ist ganz im Geschmack der Aktionen, denen meine Angriffe gegolten haben. Er hat »nur gearbeitet«; aber während ich am Schreibtisch saß, ist er unter mein Bett gekrochen. Ich will ihn von der Stelle jagen! Wenn er unfähig ist, meinem öffentlichen Wirken Wunden zu schlagen, so wird er sichs künftig überlegen, Wunden meines privaten Fühlens aufzureißen. Doch wahrlich, man braucht nicht bis zu der Stelle zu gelangen, wo ich sterblich bin und er niedrig wird, um eine Nase voll von diesem Charakter mitzunehmen und von diesem Geiste. Zunächst möchte ich auf den Dummkopf größeren Wert legen als auf den Schweinehund. Jener hilft sich, so gut er kann. Er sagt, daß ich, Karl Kraus, einen Brudermord begangen habe. An einem Bruder, den ich einst liebte. Da ich nun weder die Liebe noch den Mord leugne und jene sogar bereue, so sagt er, der Mord habe ein »persönliches Motiv:« Mein Bruder hat mit einmal einen Apfel, den ich haben wollte, nicht geschenkt. Ich habe also aus Rachsucht gehandelt. Ich empfinde es nun als eine Zumutung von unbeschreiblicher Ledernheit, die Legende, die der ermordete Bruder in die Welt setzt, zu entkräften und dokumentarisch zu beweisen, daß ich den Apfel bekommen habe. Ich könnte getrost zugeben, daß ich ihn nicht bekommen habe, und die Geistesschwäche dieses Motivs für einen Brudermord zur Diskussion stellen. Aber nicht einmal solcher Mühe müßte ich mich unterziehen. Denn der Gegner selbst scheint den Apfel für faul zu halten und läßt durchblicken, daß viel mehr noch als meine Rachsucht meine Undankbarkeit zu beklagen sei. Ich habe also den Apfel eigentlich doch bekommen. Da er mir verweigert wurde, beging ich den Mord aus Rache, und wiewohl er mir gegeben wurde, aus Undank. Nun scheint es freilich notwendig, sich endlich einmal für das eine oder für das andere Motiv zu entscheiden. Beide zusammen, so sollte man meinen, sind nicht gut verwendbar. Beide Argumentationen, jede für sich und ihre Verbindung, sind leichtfertiger auf die Dummheit des Lesers basiert, als es erlaubt sein sollte. Aber es glückt trotzdem. Denn wenn ich einen des Taschendiebstahls beschuldigen will und vor versammeltem Volke den Verdacht damit begründe, daß der Mann schielt, so wird vielen die Erweislichkeit des Körperfehlers so sehr imponieren, daß sie auch den Diebstahl glauben werden. Ich habe nach einem Apfel vergebens gehascht, das ist meinetwegen erweislich wahr, und jeder ruft: Aha! Jetzt verstehen wir! Aber es gehört schon eine Vereinigung besonderer Charakterschäbigkeit und raffinierten Schwachsinns dazu, das Bild der Situation so darzustellen: Ich, H., habe dem K. Unfreundlichkeiten erwiesen, darum greift er mich an, also aus rein persönlichen Gründen; und dies, wiewohl ich ihm Freundlichkeiten erwiesen habe: ich hätte erwarten können, daß er mich aus persönlichen Gründen schonen würde ... Ich könnte mich nun damit begnügen, zu sagen: Aus Dankbarkeit zum Lügner werden, hielte ich für tadelnswerter, als aus Rachsucht die Wahrheit zu sagen. Aber ich werde mich zum Beweise herablassen, daß ich sie aus Undankbarkeit gesagt habe. »Hätt' Wahrheit ich geschwiegen« oder gesprochen, in jedem Fall geschah es aus rein persönlichen Gründen. Anders verstehts der gesunde Menschenverstand nicht und sein publizistischer Diener mutet ihm nichts zu, was er nicht versteht. Daß es anders gewesen sein könnte, ist unmöglich. Ich gebe die Liebe zu und den Mord. Ich gebe auch zu, daß Herr Maximilian Harden »der Selbe geblieben ist« – meinetwegen sogar in dieser Schreibart –, derselbe, der er in der Zeit meiner Verhimmelung war. Daß ich ein anderer geworden sein könnte, daß ich das Recht hatte, zwischen zwanzig und dreißig ein anderer zu werden, das wird im Reiche der erweislichen Wahrheit nicht anerkannt. Sie muß sich, um zu ihrem Ziel zu kommen, mit erweislichen Lügen behelfen. Meine Entwicklung, die heute – wenn's niemand hört und sieht – meinen Todfeinden Achtung abnötigt, wird nach wie vor offiziell auf die Verweigerung des Apfels zurückgeführt. Er wurde mir zuerst bekanntlich von der Neuen Freien Presse verweigert und dann von Herrn Harden. Seitdem schimpfe ich ... Aus Juvenal zitieren sie nicht: »Facit indignatio versum« oder »Difficile est satiram non scribere«, um mein Verhältnis zu ihnen dem Publikum klarzumachen, sondern immer nur: »Hinc illae lacrimae!« Habeant. Aber ich muß leider darauf eingehen. Ich muß die Legende der Rachsucht zerstören, damit die Undankbarkeit übrig bleibe. Ich muß immer wieder mit den Engagementsanträgen, die mir die Neue Freie Presse gemacht, und den Gefälligkeiten, die mir Herr Harden erwiesen hat, renommieren, damit auf die dümmste Erklärung für meinen Haß, die der Intelligenz verständlichste, endlich verzichtet werde. Herrn Harden beruhige ich mit der Versicherung, daß ich jetzt auch beim Anblick jener publizistischen Leistungen, durch die er damals mein Entzücken erregt hat, annähernd denselben Brechreiz verspüre, den mir seine heutigen Artikel verursachen. Ich hatte viel nachzuholen. Aber es ging, und für alle Lektüre, die ich damals beschwerdelos vertrug, habe ich nachträglich das Gefühl, als ob mir eine Stelze dieses kühnen Turners in den Rachen gesteckt würde. Wenn ich den Artikel, mit dem er die »Zukunft« eröffnet hat: »Vom Bel zu Babel« mit meinem Eröffnungsattikel »Die Vertreibung aus dem Paradies« – den ich heute Satz für Satz umbauen müßte –, vergleiche, so verstehe ich nicht, wie ich je an Herrn Maximilian Harden etwas anderes als die Fähigkeit bewundern konnte, Temperamentsmangel zu dekorieren, oder höchstens die, beim Schwingen von Riesengewichten aus Papiermaché wirklich zu schwitzen. Herr Harden ist der Selbe geblieben. Ich Gottseidank nicht. Aber auch ich »habe gearbeitet«, und mehr als Herr Harden. Besser als Herr Harden. Und ich reinige jetzt meine Arbeit vom Schutt des Tages, und entdecke, daß der Schutt mehr Gehalt hat als seine Edelsteine. Ich fühle meinen Verrat vor dem Forum der Erkenntnis gerechtfertigt als eine tiefere Treue gegen mich selbst, und die Literaturgeschichte wird sagen, er sei eine Rehabilitierung für meine Liebe. Nicht nach »persönlichen« Motiven werden meine Richter forschen; nichts anderes werden sie sich zu fragen haben, als die Frage, ob die »Persönlichkeit« weit genug war, um sich, wenn auch im Alter der geistigen Entwicklung, so ausgreifende Schwankungen des Urteils zu erlauben. Der Tatbestand reicht über Herrn Harden hinaus. Ich denunziere mich. Zwei Dritteile des literarischen Werts meiner Arbeit werfe ich freiwillig hin, ein Dritteil der Meinung. Damit mir meine Gegner nicht immer nur Widersprüche, sondern einmal auch eine Entwicklung nachweisen. Ich darf mich verleugnen, und mit mir selbst vieles, was andere zur »Fackel« beigetragen haben, die heute in meine Lebensanschauung passen wie der Wagner in Fausts Entzückung. Den »ganzen Plan der »Fackel«, innere und äußere Gestaltung«, hat Herr Harden mit mir durchgesprochen; trotzdem wurde ich ihm untreu. Aber bin ich dem Plan der »Fackel«, ihrer innern und äußern Gestaltung, treu geblieben? Ich bereue keine meiner Taten; ich verlange nur, daß sie im Zusammenhang mit mir selbst beurteilt werden. Ich bereue sogar meine Sympathie für Herrn Maximilian Harden nicht. Aber ich mache ihm den Vorwurf der Undankbarkeit. Denn er hat mich schmählich getäuscht. Er hat untreu an mir gehandelt; denn er hat mir eine Begeisterung zerstört. Ich mußte damals, als sich mein Temperament nur in den schmalen Grenzen sozialer Ethik echauffieren konnte und im Kampf gegen die Korruption die Lebensanschauung eines idealen Staatsbürgertums bejahte, in dem Manne, der um etliche Jahre früher in der Presse ein Übel erkannt hatte, die Ausnahmserscheinung sehen. Die Vorgängerschaft mußte auch dem imponieren, der schon damals die Intensität des Kampfes voraus hatte, wie er jene Erkenntnis der intellektuellen Korruption voraus hatte, die im Journalismus – jenseits volkswirtschaftlicher und politischer Gefährlichkeit – den Todfeind der Kultur sieht. Die glückliche Zufallsstellung, in die Herr Harden gegen die öffentliche Meinung Deutschlands geraten war, mußte an eine junge Phantasie das Bild eines Kämpfers heranbringen und sie etwa auch zum Widerstand gegen eine Raison reizen, die ihr damals gesagt hätte, daß jener Herkules sichs am Scheideweg lange überlegt hat und jener Luther auch anders gekonnt hätte. Die Zeit zur Enttäuschung war noch nicht gekommen; ich wäre jedem an die Gurgel gefahren, der mir damals über meinen Harden ausgesprochen hätte, »was ist«. Daß er ein Philister ist, der es glaubt, oder ein Kujon, der es den Leuten einredet: daß einer um einen Apfel bereit sei, eine Liebe zu verraten; oder ein Antikorruptionist, der es in Ordnung findet: daß einer für ein Mittagessen in der Villa Harden eine eroberte Erkenntnis preisgibt. Was will denn das Pack von mir? Glaubt es wirklich, daß die Gluten meines Hasses aus »Motiven« stammen? Dann wäre meine Entzündbarkeit ein Wert für sich oder meine Tätigkeit ein mechanisches Kuriosum. Wie, dieser ausgepichte Meinungswechsler, der im Alter von vierzig je nach Bedarf die Homosexualität entschuldigt oder bekämpft, den Meineid rechtfertigt oder verfolgt, Kolonialminister in den Himmel hebt und sie beschimpft, wenn sie öffentlich von ihm abrücken – der, gerade der wagt es, mir eine Entwicklung, die sich aus Gefühltem zu Gedachtem hindurchgeschmerzt hat und die in ein inneres Leben führt, von dem sich freilich die Zettelkastenweisheit nichts träumen läßt, als die Rache eines refusierten Besuches auszulegen? Welch ein großzügiger Dummkopf! Aber, indem er meine Rachsucht zu stark betont, unterschätzt er wahrlich meine Undankbarkeit. Ja, er hat mir für das zweite Heft der »Fackel« einen Artikel geschrieben, und nicht nur »umsonst«, sondern auch vergebens. Umsonst: wie hätte ich ihm ein Honorar anzubieten gewagt, da er eine lobende Einführung der »Fackel« geschrieben hatte? Ich wußte nicht, daß er auf Bezahlung hoffte, als er meinen Witz und meine Kraft pries, und ich stelle das Honorar nachträglich – mit den in neun Jahren aufgelaufenen Zinsen – zu seiner Verfügung. Vergebens: Er hat sich in diesem offenen Briefe der Wiener Journalistik in einer Art angebiedert, die schielend zwischen mir und jener zu vermitteln hoffte. Genützt hat's ihm nichts, denn die Verbindung mit mir hat zu der von ihm tief beklagten Verstimmung der Neuen Freien Presse geführt. (Ich müßte ihm also gar noch Schadenersatz leisten.) Aber auch bei mir hat es ihm nichts genützt; denn ich bin ihm schon damals – in jenem zweiten Heft – verehrungsvoll über den Mund gefahren. Er lügt aber, wenn er behauptet, daß ich ihm dauernd bei der Neuen Freien Presse geschadet habe. Er lügt, wenn er behauptet, daß ich ihn in Wien durch meine Gesellschaft dermaßen fesselte, daß er zu den interessanten Leuten nicht gelangen konnte. Er hatte immer noch Gelegenheit, sich heimlich zur Neuen Freien Presse zu schleichen, wenngleich ich nicht in Abrede stellen kann, daß er erst nach unserem Bruch zum Sacher ging, um sich an der redaktionellen Tafel zwischen den Herren Bacher und Benedikt fetieren zu lassen. Er spricht die Wahrheit, wenn er sagt, daß ich fast von allen Wiener Leuten, mit denen er gern verkehrt hätte, verachtet wurde und werde. Verachtet werde ich von den Bankräubern, den Gesellschaftsparasiten, den talentlosen Literaten, den Revolverjournalisten, denen Herr Harden jetzt Briefe schreibt, und überhaupt von all den ihm bekannten und interessanten Leuten, von deren Verkehr ich ihn eine Zeitlang abgehalten habe. Nicht immer wäre mirs gelungen und nicht immer tat ich es. Bei seinem ersten Wiener Aufenthalt, vor mehr als zehn Jahren, damals, als er mir fast den ganzen Tag widmete, war ich in der schlechten Gesellschaft noch nicht verachtet, damals war die »Fackel« noch nicht gegründet und Herr Harden hat sich, ohne beiderseits Anstoß zu erregen, getrost zwischen mir und Herrn Benedikt geteilt. Meine Undankbarkeit ist grenzenlos. Denn obschon ich ihn bewundert habe, so kann ich doch nicht leugnen, daß auch er mir volle Anerkennung widerfahren ließ und bei jeder Gelegenheit meiner rühmend gedachte. Und ein ganz so armer Teufel war ich damals nicht mehr. Die »Demolierte Literatur« war erschienen, hatte ziemlich starkes Aufsehen gemacht und mir außer unerbetenen Rezensionen von Fritz Mauthner, Friedrich Uhl, Conrad und anderen die besondere Anerkennung des Herrn Harden eingetragen. Auch in jenem unbezahlten Artikel im zweiten Heft der »Fackel« nannte er sie eine »allerliebste Satire«, sprach darin von meinem »starken Talent und der neidenswerten Frische meines Witzes«, freute sich »meines Mutes und meiner jungen, frischen Kraft, die sich im ersten Heft der »Fackel« so pantherhaft heftig in Zorn und Spott austobt«. Freilich wäre dieses hohe Lob wertlos, wenn es nur in der Erwartung eines Honorars geschrieben war und die wahre Meinung des Herrn Harden über den armen Teufel, der damals nichts gezahlt hat, erst jetzt an den Tag kommt. Ich lebte in dem Glauben an eine gegenseitige Anerkennung, wenn auch die meine, die des um zehn Jahre jüngeren und um hundert heftigeren Naturells, füglich den ungestümeren Ausdruck fand. Wenn er nach Wien kam, verständigte er mich rechtzeitig von seiner Ankunft und ließ mich nicht los, »bis er wieder im Zuge saß«. Seine Bilder, Briefe, Karten strotzen von wärmster Anerkennung und Liebe. Seine Bücherwidmungen lassen mir alle Ehre widerfahren und in seinen Conférencen war die Auskunft über mich und meine literarische Rolle nicht wenig schmeichelhaft. Ich kann mir's nicht denken, daß das herzlichste Mitleid mit einem armen Teufel eine jahrelange Korrespondenz und den Verzicht auf die schöne Beziehung zur Neuen Freien Presse gelohnt hat. Es ist mir peinvoll, mich auf das Niveau eines Tatsachenkampfes herunterzulassen und im Wust meiner Papiere nach Beweisen dafür zu suchen, daß ich Herrn Harden meine Bewunderung nicht wie ein Betteljunge seine Schuhriemen aufdrängte, und daß er mir nicht Mitleid, sondern Freundschaft und hohe Anerkennung gezollt hat. Aber da man solche Wahrheitsucher nur mit Tatsachen abspeisen kann, so ist es geboten, jede einzelne seiner Behauptungen als Lüge zu erweisen. Es wäre mir nicht im Schlafe bei der Lektüre seines Sardanapal-Artikels eingefallen, ihm seine einstige Hochschätzung meines Könnens zum Vorwurf zu machen. Aber weil er mit meinen Jugendsünden großtut und die Mutualität ableugnet, muß ich zu den Dokumenten greifen. Hat er also aus Mitleid sich von einem armen Teufel seine kostbare Zeit stehlen lassen, oder hat er vielleicht gefunden, daß meine Gesellschaft ihn für den Umgang mit den interessanten Leuten entschädige? Von einem gemeinsamen Bekannten, der mich damals noch nicht verachtet hat, heißt es: 30. Nov. 1900 ... schrieb mir einen bösen Brief ... Ich hätte mich nur um Sie gekümmert ... Ihnen danke ich noch herzlich für all Ihre liebenswürdige Teilnahme. Ich hoffe, die zwei Tage waren Ihnen nicht unangenehm ... Noch lieblicher als die N.F.Pr. war die Arbeiterztg... . Ach, wie ekelhaft ist das alles. Und wie sehr wünsche ich Ihnen Frohsinn und Kraft! In Prag wird die Fackel viel gelesen. Und ich sagte, wie gern ich Sie habe ... Bitte, grüßen Sie Adler (Anm.: Prof. Dr. Karl Adler), Altenberg, Loos und sagen Sie allen Dreien, daß ich mich freuen würde, wenn sie mir Beiträge schickten. 26. August 1903 ... Schade, wir hätten auf Helgoland 3-4 schöne Tage verlebt ... Vor 15. September braucht die »Fackel« nicht zu leuchten. Dann umso heller ... 30. August 1903 ... Vielleicht geht's, daß wir später mal auf ein zehntägiges Billet zusammen Paris sehen? Das wäre herrlich ... Nun ja, aus Mitleid mit einem armen Teufel nimmt man ihn schon gelegentlich nach Helgoland oder Paris mit. Aber in Berlin, wo man zu tun hat, wird man doch nur belästigt. Stundenlang halbe Tage lang saß ich ihm, ohne Rücksicht auf seine knappe Zeit, im Hause. Zwar, eine Depesche nach Wien lud mich, wenn ich die Absicht kundgegeben hatte, nach Berlin zu kommen, »für ein Uhr zum Mittagbrot«. Aber dann war ich nicht fortzubringen: 7. März 1900 ... Ich freue mich sehr, wenn Sie kommen, sehr sogar. Wie wäre es, wenn wir hier (1. April) den Geburtstag der »Fackel« feierten? Dann kämen Sie am 28. März. Los von Wien! Herzliche Grüße von Emil, Helene, Max Hotel Kaiserhof, 17. April 1903 Journé des dupes. Der Mann unten sagt auf wiederholte Frage: Herr K. ist zu Haus. Als ich keuchend vor Nr. 223 stehe, ist die Tür verschlossen. Schade ... 17. April 1903 Ich ließ 9 Uhr früh bei Ihnen antelephonieren und sagen, daß ich Sie um 12 erwarte, zu Mittag zu bleiben bitte, da ich nachmittags in die Stadt müsse. Es wurde, mit m. Namen und Telephonnr., aufgeschrieben und teleph. wiederholt. von 12-12 3/4 wartete ich, dann ging ich Ihnen entgegen bis ? 2. Schade. Wir wären von 12-4 zusammengewesen. Nun ist alles umgeworfen und ich komme um das Vergnügen, Sie noch einmal zu sehen. Sie hätten hier Schweninger für Ihren Finger konsultieren können ... Eben. Während er noch suchte, war Kind schon im Hause und nicht fortzubringen. 15. Oktober 1903 Die Aussicht, Sie bald einmal hier zu sehen, freut mich sehr. Und nicht minder die Damen. Alles Gute! Ihr alter H. 29. Oktober 1903 ... ich habe sehr bedauert, daß ich Sie (Anm.: im Hotel) verfehlte und nachher nicht mehr erreichen konnte. Sonst hätte ich den Tag frei gehabt. Wer hat die Freundschaft verraten? Der sie ablegte, da er sich ihr entwachsen fühlte, aber zugibt, daß er sie einst trug? Oder der später höhnt, sie sei ein Narrenkleid gewesen? Er beschimpft die Freundschaft; ich bereue sie nicht einmal. Ich sage, daß ich mit Herrn Harden befreundet war, bis ichs nicht mehr sein konnte. Er sagt, daß er aus Mitleid mich ertrug, bis er Undank erlebte. Aber der arme Teufel, der sich ihm aufdrängte, hat außer den gedruckten Versicherungen höchster Bewunderung wiederholt briefliche Beweise der Achtung und Anerkennung empfangen. Ich finde nur ein paar, vielleicht nicht einmal die stärksten. 30. März 1899 Liebster Kraus, ...eben, 2 Uhr, kommt die »Fackel«. Tausend gute Wünsche! Ich lese sie sofort und schreibe Ihnen. 1. April 1899 ... Meinen und Bertholds Glückwunsch zum trefflichen ersten Heft. Excelsior! ... Ich mache Notiz über Sie, sobald Notizbuch erscheint . Herzlichen Ostergruß. 9. April 1899 ... Sie haben Recht, ich auch – und so soll's in guten Dramen sein. Herzlichen Dank für Ihren Brief und besten Glückwunsch zum großen Erfolg. Qu. felix faustumque sit. 5. Mai 1900 Die Speidel-Feier war toll ... Sehr freute ich mich über Ihre Enthüllung der Münchener Sonnenthalaffäre. Eine niedliche Bande. Daß sich das Publikum das gefallen läßt, ist das einzig Traurige ... Schade, daß Sie nicht hier jetzt Ihre Schmöcke an der Arbeit sehen können. Daß Franz Joseph ein »großer und weiser Kaiser« ist (W. II. Trinkspruch), wird Sie interessiert haben. Schonen Sie Ihre Kraft! 12. Mai 1900 (Verteidigt sich gegen die Beschuldigung der »Zeit«, er unterhalte »gute Beziehungen zur »Neuen Freien Presse««) ... Das ist Alles. Oder noch die Visitenkarte an Speidel: »sendet dem starken deutschen Stilmeister herzl. Glückwünsche«. Und das tat ich, weil Sie gesagt hatten, er spreche gut über Sie . Daß mein Ehrgeiz dahin geht, ihr Korrespondent zu werden ist herrlich ... Herzlich grüßt Sie, lieber Karl, Ihr H. 13. Mai 1900 ... Ihre Abwehr kontra »Arbeiterzeitung« scheint mir recht wirksam. Und sehr gut sind die Theatersachen ... 2. Juni 1900 ... »Wien bleibt Wien«. Das mit dem » Privatbrief « habe ich gar nicht verstanden. Ich habe das ja nie getan. Denn bei Mamroth handelt es sich um Provokation u. nicht um e. Sache, die »privat« war. Aber das Alles ist so ekelhaft. »Arbeiterzeitung« gegen Sie bubisch gemein... . Freue mich, daß wir über »Pauline« einig sind. 6. Juni 1900 Herzlichen Dank, lieber Don Karl, für den Ruf vom Semmering. Daß Sie nach der Büberei gleich den Beitrag von Liebknecht hatten, war ein famoser Trumpf, den ich gern in Ihrer Hand sah. Ich bin neugierig, zu hören, was Sie über die Wahlen sagen werden ... 24. Dezember 1900 Herzlich danke ich Ihnen für das liebenswürdige Weihnachttelegramm, das eben kam, als ich Ihnen einen Gruß senden wollte. Wie mag es Ihnen gehen? Ist die Depression gewichen? Ich glaube es, denn Ihr »Goethe« ist frisch und allerliebst. Von Herzen wünsche ich, das neue Jahr möge Ihnen Befreiung von Sorgen und frohe Arbeitskraft bringen. Sie sind jung, haben in ganz kurzer Zeit Außerordentliches erreicht – und werden nicht eingesperrt ... Es würde mich, uns sehr freuen, wenn Sie vor meiner Abschiebung nochmal herkämen. Herzlichen Händedruck und: Prosit Neujahr! Grüßen Sie Peter den Größeren. Ihr alter H. 9. Jänner 1901 ... Ich freue mich auf die wiener Wahl-Fackel ... 28. November 1902 ... Altersunterschied, mein Herr. J'ai passé par là; deshalb dünkt der leise Groll, den ich in Ihren Worten spüre, mich nicht gerecht... Also ich hoffe, Sie bald hier zu sehen. Und zu hören, daß Sie nicht ganz so wütend auf mich sind, wie mirs scheint. Glauben Sie mirs: ich bin arg zerbrochen und wünsche Ihnen vom Herzen, diese Erlebnisse möchten Ihnen erspart bleiben. Bismarcktag 1903 Herzlichen Dank für Ihren liebenswürdigen Zuruf. Rara avis. Ich glaubte schon an völlige Ungnade. Sprach neulich mit Berger, der 5 ? Stunden bei mir war, viel über Sie ... Ostern 1903 ... und freuen uns darauf, Sie bald wieder einmal im Grunewaldhäuschen zu sehen. Lassen Sie sichs in der Festzeit gut gehen. Maxa war ganz stolz und gerührt; drei Karten: Schweninger, Kraus, Mauthner. Für vier Lebensjahre Alles Mögliche. 1. Mai 1903 ... Siegfried J. (Jacobsohn), der sehr ertzückt über Ihr Beisammensein schrieb, war bis 1. 5. bei der »Zeit« ... Ich denke ernstlich an die »Fackel« (Anm.: wegen eines versprochenen Beitrags) ... Bald mehr. Wir 3 grüßen Sie herzlich. Guten Mai! 8. Mai 1903 ... Dank auch für boy-goi. ... Ich habe eine üble Nervenerkrankung. Aber Sie haben mir ja oft hier gesagt, ich »jjammerte immer«. Wenn ich im Narrenhaus sitze, wirds Ihnen leid tun. Behandelt haben Sie mich ja neulich ganz human, wofür ich dankbar bin. Übrigens war dieser Absatz der F. besonders gut geschrieben, Aufrichtig wünsche ich Ihnen gute Tage; und Nächte. 10. Dezember 1903 ... Die Waiß-Sache [?] freilich stark; aber soll man Sachen nach 28 Jahren ausgraben? ... Die »Fackel« zeigt, daß Sie frisch und munter sind. Das freut mich aufrichtig. Herzlich Ihr Moriturus. 19. Dezember 1903 Lieber Herr K., Ihre Notiz über Weinberger ist das Allerliebste , was ich lange von Ihnen las. Ganz reizend. Neulich war Berger bei mir. Wir sprachen von Ihnen ... Eine Aufforderung Concordia, zur Damenspende beizusteuern. Das ist Unsterblichkeit... . Ihr alter H. Daß ihm meine Tätigkeit mehr und mehr mißfiel, mußte ich demnach merken. Nicht minder, daß er sich durch die Verbindung mit mir bei der Concordia unmöglich gemacht hatte. Meine ewige Bitte, mich und die »Fackel« in der »Zukunft« zu erwähnen, konnte er nicht erfüllen ... Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn darum gebeten habe. Er sehe in meinen Briefen nach. Die seinen ignorieren meine Zudringlichkeit ganz und gar. Möglich ist es, daß ich ihn an eine Zusage, es zu tun, erinnert habe. Diese Zusage war freiwillig gemacht. Das scheint wohl aus dem Briefe, den er am Tage der ersten Ausgabe der »Fackel« schrieb – 1. April 1899 –, hervorzugehen: »Ich mache Notiz, sobald u. s. w.« Doch warum sollte es mir damals nicht erwünscht gewesen sein? Wenn er es nicht tat, so muß er gefürchtet haben, was ich hoffen mochte: daß der »Fackel« Eingang in Deutschland verschafft werde. Und wenn er es im Jahre 1899 nicht tat – warum sollte ich ihn erst 1904 dafür angegriffen haben? Ich glaube nicht, daß ich je später auf sein Versprechen oder auf meinen Wunsch zurückkam. Tat ich's, welchem Esel würde die Versagung einer Notiz bei fortgesetzter persönlicher Beziehung meine späteren Angriffe plausibel machen? Höchstens, daß das Motiv der Versagung – um auf ein »starkes Talent« das deutsche Publikurn nicht aufmerksam zu machen – zu meiner Erkenntnis von dem Wesen des Mannes beigetragen hätte. Aber auch hier läßt sich eine Gegenseitigkeit nicht in Abrede stellen. Ich weiß nicht, ob ich Herrn Harden mit der Bitte, die »Fackel« zu nennen, zudringlich wurde. Vielleicht hatte ich einmal wirklich Anspruch darauf: eine wichtige Äußerung Liebknechts in der »Fackel« hatte er ohne Quellenangabe zitiert. Aber ich bin in der angenehmen Lage, zu zeigen, wie schwer es Herr Harden trug, in einer ihm wichtigen Sache – gleichfalls Liebknecht betreffend – in der »Fackel« nicht genannt zu werden. 31. Dezember 1899 Lieber Herr Kraus, ich wünsche Ihnen ein gutes Jahr. Und, daß Keiner komme und sage: Siehe, in Sachen Liebknecht, den er allwöchentlich als Finder neuer Weisheit preist, hat auch er, der stets über »Totschweigen« redet, totgeschwiegen. Bleiben Sie gesund und freuen Sie sich Ihres Lebens. Einen Gruß von H. Ich ahnte, daß er sein Monopol als Antidreyfusard durch Liebknechts »Fackel«-Publikation gefährdet sah. Aber Liebknecht braucht nicht gegen den in einem bittern Brief erhobenen Vorwurf geschützt zu werden: 5. Jänner 1900 Lieber Herr Kraus, mir ist's nur spaßhaft. Seit Jahren führe ich diesen Kampf, habe dabei Abonnenten (und Freunde, wie Björnson) verloren und Beschimpfungen gewonnen. Da gibt mein früherer Freund Dr. Berthold dem alten Liebknecht meine Artikel (Zolas Fall u. s. w.). Il s'emballe, wiederholt alle meine Argumente, fügt einiges hinzu, was mir töricht scheint, und wird nun in der »Fackel« stets als Einer hingestellt, der den Mut gehabt habe, der Katze die Schelle umzuhängen, und der deshalb »totgeschwiegen« werde. Im Grunde ist's gleich. Aber durfte ich es Ihnen gegenüber nicht scherzend erwähnen? Hier hat man viel darüber gelacht, meinen Todfeind L. in meiner Garderobe zu sehen.... In der »Fackel« war bloß von der Verlegenheit der sozialdemokratischen Presse die Rede gewesen, die Liebknechts Artikel totschwieg. Natürlich hat dieser nie die Informationen des Herrn Harden gebraucht, ihm war es eine Angelegenheit des Temperaments. Die Garderobe des Herrn Harden hätte ihn gewiß lächerlich gemacht – ungefähr: Ein Ritter im Ballerinenkleid. Aber Herr Harden legte auf die Anführung seines Verdienstes in der »Fackel« großen Wert. Aus einer Unterlassung solcher Art leitet er Todfeindschaften ab. Darum mag er glauben, daß ich die angebliche Ablehnung zweier Beiträge aus meiner Feder nicht verschmerzen konnte. Ich erinnere mich nur an einen, gebe aber grundsätzlich zwanzig zu. Die Verteidigung wäre hier abgeschmackter als der Vorwurf. Wenn Herr Harden mir Manuskripte ablehnte, so konnte mir dies höchstens wieder seinen inneren Widerstand gegen die Förderung eines von ihm anerkannten »starken Talents« deutlich machen, also einen beruflichen Zug von Mißgunst, den man kaum an irgend einem deutschen Publizisten vermissen, ihm kaum übelnehmen wird. Aber soll es eine Abkehr so vehementer Art wie die meine begründen? Meinen Ehrgeiz, an der »Zukunft« mitzuarbeiten, hatte er durch wiederholte Aufforderung zu befriedigen gesucht, aber jener scheint nicht so brennend gewesen zu sein, da ich dieser nie entsprochen habe. Ich weiß nur, daß ich ein einzigesmal ihm einige Aphorismen sandte, um die er mich bestimmt nicht gebeten hatte und von denen ich voraus wußte, daß sie für seine Leserschaft zu starke Kost bedeuten würden. Es machte mir damals schon Spaß, Herrn Harden mit ein paar Unmöglichkeiten erotischer Psychologie zu versuchen. Aber ich wollte auch seinen wiederholt geäußerten Wunsch erfüllen und schrieb etwa, wenn er sie nicht mehr in die nächste Nummer nehmen könne, erbäte ich sofortige Rücksendung. Er antwortete – gewiß war's nur höfliche Ausflucht –, es sei zu spät gewesen. Wir blieben trotzdem in freundschaftlichem Verkehr. Aber es nagte, wie ich jetzt erfahre, an meinem Herzen. Wenn's mir um die Mitarbeit an der »Zukunft« gegangen wäre, hätte ich in fünfjähriger Beziehung wohl öfter die mir dargebotene Gelegenheit ergriffen, dort anzukommen. Herr Harden »mußte« mir etwas ablehnen. Einen Schriftsteller, dem er Geist, Humor, Kraft, Grazie mündlich, brieflich und auf Druckpapier nachrühmte, soll er für unwürdig gehalten haben, neben den Beiträgen seiner lyrischen Advokaten Platz zu finden! Das glaubt er selbst nicht. Ich habe seit zwölf Jahren keiner deutschen Zeitschrift unaufgefordert einen Beitrag geschickt. Wenn ich je für ein anderes Blatt neben der »Fackel« schrieb, so geschah es auf Grund ehrenden Anerbietens. Ich glaube nicht, daß selbst noch im Jahre 1903 meine Zumutung, mitzuarbeiten, irgend ein deutsches Blatt unglücklich gemacht hätte. Und kein Vollsinniger wird glauben, daß die Ablehnung eines Beitrags den Brudermord verursacht hat. Herr Harden überschätzt durchaus meine Rachsucht auf Kosten meiner Undankbarkeit. Er hielt schon fünf Jahre vor diesem Ereignis so außerordentlich viel von mir, daß er spontan an Herrn Benedikt eine Visitkarte schrieb, auf der er mich als den einzig Berufenen empfahl, das Erbe des Satirikers Daniel Spitzer in der Neuen Freien Presse anzutreten. Herr Benedikt machte mir bald darauf den Antrag. Ich gründete die »Fackel«, habe also auch gegen ihn undankbar gehandelt. So treulos war ich gegen Herrn Harden, der mich empfahl, und gegen die Neue Freie Presse, die mich wollte, daß ich es vorzog, mir über beide klar zu werden. Als mir die Tätigkeit des Herrn Harden mehr und mehr zu mißfallen anfing, sprach ich es aus. Er seinerseits, der mit mir in derselben Lage gewesen sein will, sprach es nicht aus. Aber er weint, ich müsse es doch gemerkt haben. So hat er zum Beispiel mein Vorgehen gegen Bahr »widrig« gefunden. Er lieferte mir zwar ein Gutachten gegen ihn, aber er gab mir doch deutlich zu verstehen, daß er mein Vorgehen widrig finde. Zum Beispiel: 14. Februar 1901 L. K. Gern, offen gestanden, mische ich mich nicht hinein. Und anders könnte ichs nicht. Will Ihr Anwalt den Brief so, wie er ist, in toto benützen, dann ists mir recht ... Aber Sie brauchen mehr Gutachten. Lammasch! U. s. w. Die Mausefallen in m. Brief werden Sie nicht übersehen . Kann Hofmannsthal nicht auch seine Ansicht sagen? Müller-G.! Der wird auch was von Laube wissen. Ihr Anwalt wird doch versuchen, Bukovics unter den Zeugeneid zu kriegen. Da wäre über die »Zumutungen« (Anm.: Zumutungen des Kritikers an den Theaterdirektor) wohl manches herauszupressen . Nachdem ich mit Bahr eben freundschaftl. Briefe gewechselt, muß ich mich anständiger Weise persönlich zurückhalten . Das kann auch Ihrer Sache nur nützen ... Ein »H.Y.-St.« heute im »Tag« gegen Sie, ohne Namen, perfid, à la Ganz... . »Pattai als Zeuge:« ich meine: es wäre gut, wenn unter irgend e. geschickten Vorwande solche, angesehene, den Geschwornen sympathische Leute als Zeugen über diese Art von Preßherrschaft vernommen werden könnten. Geht's nicht – schade. Steht in Bahrs alten Büchern nichts gegen ähnliche Korruption? Über Speidel u. Kainz steht was drin. Vielleicht auch in d. Artikel über mich (»Antisemitismus«). Lob meiner Preßkämpfe? Von Brahms weiß ich nichts. Blumenthal polemisiert ja immer gegen B. Am Ende? Schreiben Sie doch an ihn (Tiergartenstraße), er habe doch Kritikeramt, trotz Erfolgen, aufgegeben, ob er nicht Inkompatibilität finde. Weidmannsheil, nochmals! Herr Harden hat also meine Kampagne gegen die Vereinigung des Kritiker- und Autorenberufs widrig gefunden. Er lügt. In Wahrheit nahm er Herrn Bahr bloß gegen den Vorwurf in Schutz, daß er nicht immer Originales drucken lasse. (Ein oben ausgelassener Satz lautet: »Bahr ist doch viel begabter als Bracco. Wie sollte er den plagiieren!«) Daß Herr Harden die Aktion selbst gut, heilsam und notwendig fand, ist wohl erwiesen. Aber ich mußte »merken«, daß er sie mißbillige; und darum griff ich ihn vier Jahre später an. Er wiederum merkt, daß ich ihm mein Blatt noch heute schicke. Er lügt natürlich. Meinen ersten Angriffen hat er mit einer Einstellung des Tauschexemplars der »Zukunft« geantwortet. Ich habe die Komik dieses Schrittes damals festgestellt. Darum mußte ich es verschmähen, meiner Expedition den Auftrag zu gleicher Kinderei zu erteilen. Als ich im folgenden Jahre einmal die Liste der Personen durchsah, die die »Fackel« kostenlos bekornmen, ließ ich natürlich die Karte, auf der sein Name stand, ablegen. Er bekommt die »Fackel« seit Jahren nicht. Wenn er sie trotzdem im Umschlag liegen läßt, kann ich nichts dafür. Wenn er sie aber lesen sollte, so möchte ich ihn für die Widrigkeiten, die ihm jetzt aufstoßen, nicht um Entschuldigung bitten. Und die früheren habe ich nicht gemerkt. Doch, eine: er fand meine Kampagne für die ... widrig. Gemeint ist der Fall Hervay. Nach meinem ersten Artikel schrieb er mir mit einem Kompliment seine Ansicht, daß die Dame, die er kannte, anders sei, als ich sie darstelle, gar nicht fein und mondain, sondern so, daß sie die unflätigsten Beschimpfungen auf offener Karte verdient hatte. Ich antwortete, daß dies nichts an meiner Auffassung des Falles ändern könne. Es komme darauf an, wie die Frau auf den österreichischen Bezirkshauptmann gewirkt habe, der sie sein »Märchen« nannte. Je unbegründeter eine solche Bezeichnung sei, um so mehr sei meine Auffassung am Platz. Nicht über die Frau, sondern zur Psychologie des Mannes hätte ich geschrieben und über die Wirkung, der die Welt Mürzzuschlags erlag. »Und schließlich – vielleicht hatte sie doch bessere Unterwäsche als die Mürzzuschlagerinnen.« Das war meine letzte Korrespondenz mit Herrn Harden, Sommer 1904. Mir ging's um eine Erkenntnis, ihm um eine Information. Es war die erste publizistische Äußerung, die mir auch die Gegner gewann. Jede Post brachte Anerkennungen. »Ein Leser, der nicht sehr oft Ihr Anhänger sein kann, beglückwünscht Sie zu der Einsicht, zu dem Mute und zur Fähigkeit, im Kleinen das Große zu erkennen, die Ihr Artikel über Hervay kundgibt«, schrieb mir Professor Freud, den ich nicht kannte. Eine tatsächliche Richtigstellung schrieb mir Herr Harden, den ich erkannte. Sein eigener Artikel über die Sache, den ich heftig angriff, war damals noch nicht erschienen. Jener freundschaftlichen Auseinandersetzung folgte nur noch – nach Karlsbad – eine Karte mit dem Bilde seines Töchterchens: 20. Juli 1904 Guten Tag wiener Onkel! Es grüßt Deine Grunewaldnichte Maximiliane Harden. Das war – abgesehen vom väterlichen Stileinfluß – ein durchaus erfreulicher Gruß. Seitdem habe ich nichts gehört. Herr Harden spricht von einer »schroffen Antwort«, die sein letztes Zeichen gewesen sei. Jene Karte kann er nicht meinen, wiewohl sie sein letztes Zeichen war. Er meint also ein anderes, das ich nicht empfangen habe. »Zu einer Kritik erdreistete er sich zum ersten Male, als ich über die ... einige unfreundliche Worte schrieb«. Gemeint ist mein Ausfall gegen ihn wegen seines Artikels über die eben verstorbene Schauspielerin Jenny Groß. Diese Kritik, die zugleich seine Haltung im Fall Coburg betraf, erschien Anfang Oktober 1904. Herr Harden »antwortete schroff und ließ wich bei meiner nächsten Anwesenheit nicht mehr zu sich kommen«. Seitdem schimpfe ich. Herr Harden lügt. Es ist die letzte in der Reihe der erweislichen Unwahrheiten, durch die er meine Abkehr praktisch zu motivieren sucht. Eine einfache, glatte Lüge. Der schroffe Brief ist verloren gegangen. Wenn Herr Harden eine Abschrift haben sollte, möge er sie vorweisen. Aber der Brief ging mit Recht verloren. Welchen Sinn hätte er gehabt? Hätte ich ihn erhalten, wie sollte er meinen späteren Angriff begründen, da er doch die Folge eines früheren Angriffs sein soll? Ich schimpfte, er antwortete schroff, seitdem schimpfe ich. Das ist dümmer, als nötig wäre. Wie kann schroffe Ablehnung meines Verkehrs die Ursache meiner Angriffe sein, wenn sie die Antwort auf meine dreiste Kritik bedeutet? Meine Dreistigkeit hatte zugegebenermaßen einen Vorsprung. Und wer wird mir zutrauen, daß ich nach einem heftigen Ausfall gegen Herrn Harden und nach einer schroffen Antwort von seiner Seite noch den Versuch gemacht habe, in den Grunewald einzudringen und Herrn Harden die Nachmittage wegzunehmen? Er »ließ mich nicht mehr zu sich kommen«. Eine Lüge, wenn es besagen soll, daß ich kommen wollte, aber eine Wahrheit insofern, als er mich ja auch jetzt nicht »zu sich kommen läßt« – jedenfalls eine Zweideutigkeit. Ich soll nach meiner publizistischen Abweisung seines Verhaltens im Fall der toten Jenny Groß noch auf den Verkehr in seinem Hause aspiriert haben? Ich hatte ihm ungefähr vorgeworfen, daß er vom Leichnam einer Frau Profit ziehe, indem er sie der Verwertung ihres Leibes bezichtige! Ich habe seit dem Sommer, der meinem Angriff vorherging, weder von ihm, noch hat er von mir eine Zeile, ein Lebenszeichen erhalten, weder aus Wien noch während einer späteren Anwesenheit in Berlin. Ich erdreistete mich der Kritik in den Fällen Groß und Coburg, ich erdreistete mich anderer Kritik in spontaner Undankbarkeit. Wer mich für irrsinnig hält, wird glauben, daß ich dazwischen den Versuch machte, zu Herrn Harden zu gelangen. Auf diesen Versuch wäre eine schroffe Antwort glaubhaft. Besitzt Herr Harden ein Dokument von meiner Hand, das ihm nach meinem Eintreten in der Sache Groß meinen Wunsch, ihn zu besuchen, kundgab, durch das ich ihm etwa meine Anwesenheit in Berlin anzeigte? Dann möge er es produzieren. Tut er's, so beeide ich, daß es gefälscht ist. Sieht man nicht die klägliche Motivenkleisterung für den unerklärlichen Sprung der Freundschaft? Der Gedankengang ist: ich habe geschimpft, folglich läßt er mich nicht zu sich kommen, folglich schimpfe ich. Aber so einfach ist die Sache nicht und mein Rückzug aus dem Grunewald hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Hinauswurf aus dem Sachsenwald. Ich habe dort zwar manchmal »Vanilleneis« bekommen, mir aber nie durch einen Vertrauensmißbrauch den Zorn des Hausherrn zugezogen, und kein Graf Finckenstein, Mitglied des preußischen Herrenhauses, lebt, der behaupten könnte, daß mir infolge einer nicht genehmigten publizistischen Aktion das Haus verboten worden sei. Ich will Herrn Harden verraten, was mir schon vor meinem öffentlichen Auftreten gegen die Sexualschnüffelei, die mir inzwischen »ekelhaft« geworden war, den Entschluß nahegelegt hat, den Grunewald nicht mehr aufzusuchen. Es hängt wohl mit einem Vertrauensmißbrauch zusammen, aber mit einem, den der Hausherr auf dem Gewissen hatte. Als ich das letzte Mal über seine dringende Bitte ohne Rücksicht auf seine knappe Zeit bei ihm weilte, sprach ich mit ihm über den dürftigen belletristischen Teil der »Zukunft« und fragte, warum seiner angesehenen Revue nicht bessere Beiträge zukämen. In der letzten Nummer war nämlich eine besonders schwache Skizze eines Wiener Autors und liebenswürdigen Menschen (der inzwischen gestorben ist) erschienen. Herr Harden erwiderte: »Sehen Sie, und der Mann beklagt sich noch, daß ich ihm zu wenig Honorar geschickt habe!« Fragte mich, indem er mir einen grausam niedrigen Betrag nannte, ob das nach meiner Ansicht denn nicht genug sei. Vor der peinlichen Alternative, meinem Gastgeber den notorischen Geiz des reichen Besitzers der »Zukunft« zu bestätigen, oder über das wirtschaftliche Interesse eines Bekannten zu entscheiden, sagte ich: Den Beitrag halte ich für wertlos, nimmt man aber auf den Namen des Autors Rücksicht, so scheint mir die Rekrimination berechtigt. Als ich einige Tage später in Wien den Bekannten traf, grüßte er unfreundlich. Auf meine dringende Frage nach der Ursache seiner Veränderung wies er mir eine lange Abhandlung des Herrn Harden vor, in der dieser mit einer Emsigkeit, als ob es die Anlegung einer homosexuellen Zeugenliste gälte, seinen Honorarsatz verteidigte und sich auf mich als Sachverständigen berief, der gleichfalls gemeint habe, der Betrag sei entsprechend. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich Herrn Harden einen Vorwurf daraus gemacht habe, glaube es aber. Vielleicht schrieb ich jene »schroffe Antwort«, auf die kein Besuch mehr gefolgt ist. jedenfalls begann sich damals meine Gesinnung mit meinem Magen umzudrehen. Sie zögerte noch mit dem Ausbruch, und im Sommer wurden ein paar Grüße gewechselt. Im Oktober erfolgte mein erster Angriff. Inzwischen hatte sich die Kluft zwischen seinem mehr auf nationalökonomische Fragen und meinem mehr auf Dinge des inneren Lebens gerichteten Interesse geöffnet. Der Anstoß, auszusprechen, was ist, waren die Fälle Coburg und Groß. Ich hab's gewagt; wiewohl ich selbst ein unreines Gewissen »in diesem Punkt« hatte. Ich habe nämlich »gemeinen Privatklatsch über die ... breitgetreten«. Was soll das heißen? Wen meint der Herr? Wann habe ich dergleichen getan? Ich zerbreche mir den Kopf und erinnere mich, daß ich einmal ein Feuilleton, das Frau Odilon geschrieben oder einem Berliner Journalisten in die Feder diktiert hatte, in der »Fackel« berührt habe. Natürlich so, daß ich das Privatleben der Schauspielerin aus der publizistischen Sphäre hinausstieß, nicht selbst der Sensation preisgab. Damals hatte ich nur den Standpunkt gegenüber der journalistischen Gefahr bezogen, mich noch nicht zur Bejahung eines solchen Privatlebens an und für sich durchgerungen. Später habe ich das Dasein von Freudenspenderinnen, auch von solchen, die nicht aus der Fülle einer Natur schöpfen, auch von jener Toten, gegen die sich Herr Harden verging, für wertvoller gehalten, als die Tätigkeit eines Leitartikelschreibers. Verunglimpft hätte ich eine solche Frau nie, auch im Leben nicht. Was Herr Harden breitgetretenen Privatklatsch nennt, kann sich nur auf die gegen das Schmocktum gerichtete Zitierung einiger Sätze aus dem Feuilleton der Frau Odilon beziehen. Und wem – rate man verdankte ich die Kenntnis des Feuilletons? Herrn Harden, der es mir, dicht besät mit hämisch kommentierenden Bleistiftnotizen zugeschickt hatte, mit Beweisen einer Orientiertheit über die Herkunft und den Wert von Realitäten, die auch in späteren Briefen wiederkehrte und ein Material an mich zu vergeuden schien, für das Herr Lippowitz dankbar gewesen wäre. Von dem Verkehr mit diesem, der gewiß zu den interessanten Wiener Leuten gehört, die mich verachten, habe ich Herrn Harden abgehalten. Ich bedaure es und kann nur zu meiner Entschuldigung sagen, daß ich ihn bald freigegeben habe. Er wurde ein Intimus des Korrespondenten, den Herr Lippowitz in Berlin hat, und geht heute mit ihm und den Polizeihunden Edith und Ruß gemeinsam auf die Jagd nach Sittlichkeitsverbrechern. Ich habe ihm den Schaden, den er durch seine Verbindung mit der »Fackel« erlitten hat, durch meinen Verrat reichlich vergütet. Ich gebe zu, daß ich damals sein Lob meines Witzes nicht honoriert habe, ich bedaure auch, daß ich ihn um ein Lob des nach Dreyfus wieder versöhnten Björnson (welches aber vielleicht sogar der Neuen Freien Presse zu schwachsinnig war), gebracht habe. Gewiß, ich habe seine Beziehungen zu den Wiener Preßleuten eine Zeitlang lahmgelegt. Aber heute ist längst alles wieder gut und die Meinung, Neue Freie Presse und Neues Wiener Tagblatt hielten es mit mir gegen ihn, ist gewiß nur ein Wahn des Verängstigten, der sich noch verfolgt glaubt, da längst schon die schmierigsten Hände hilfreich sich ihm entgegenstrecken und sogar ein Montagsrevolver bereit ist, es mit ihm gegen mich zu halten. Einer hat eine Wahrheit gesagt; aber das tat er nur, weil man seinen Gruß nicht erwidert hat. Die Enthüllung enthüllt den Enthüller. Wer die Wahrheit erlitten hat, beweise, daß sie unwahr ist oder er schweige, ehe er zu so jammervoller Motivierung ausholt! Und wenn einer von der Hetzjagd auf das Privatleben deutscher Staatsmänner noch so kaput ist, so trostlose Beweise geistiger Ermüdung dürfte er nicht von sich geben. Aber wenn er, um doch in Ehren zu bestehen, sich von der mißglückten Motivensuche in mein Privatleben zurückzieht, weil er glaubt, daß der gewohnte Weg zum Ziel führen könnte, dann, sage ich, hat er mich überhaupt nie gekannt. Ob ich aus dem oder jenem ihm seelisch naheliegenden Motiv so oder so schreibe, das mag er prüfen, und er mag, solange ich mich nicht auf einen lästigen Dokumentenbeweis einlasse, mit meiner Entlarvung dem gesunden Menschenverstand, der sich's längst gedacht hatte, imponieren. Geht er aber weiter, zieht er zur Erklärung meines kritischen Erdreistens auch meinen » grotesken Roman mit der ...« heran – seit welchem ich empfindlich in diesem Punkt geworden sei – so hört für mich die Geneigtheit zu einer literarischen Erledigung auf! Denn hier ist der Punkt, wo ich noch heute empfindlich bin. Und ich sage Herrn Harden: Die ganze Lächerlichkeit seiner Erwiderung hat ihren Spaß für mich verloren. Doch um dieses einen Satzes willen lasse ich ihn nicht mehr los. Hier ist er in der Bahn, auf der er heute in Deutschland mit vollem Dampf fährt – aber durch meine Reiche kommt er nicht unbeschädigt. Hier ist die Gemeinheit am Ende. Und sie zeigt noch einmal, was sie kann. Jetzt erst fühle ich ihre Möglichkeiten, jetzt erst begreife ich den Plan, der ihren Vorstößen gegen das privateste Erleben zugrundeliegt: Die Unfähigkeit, vor dem Geist zu bestehen, vergreift sich am Geschlecht. Mein grotesker Roman lag Herrn Harden nicht als Rezensionsexemplar vor, aber er wußte von ihm, weil ich ihn besuchte, wenn ich auf meinen Reisen zu einem Sterbebett in Berlin Station machte. Für die groteske Art dieses Romans leben Zeugen wie Alfred v. Berger, mit dem er so viel über mich gesprochen hat, und Detlev v. Liliencron. Deutschlands großer Dichter weiß, wo der Roman beendet liegt, und hat das Grab in seinen Schutz genommen. Herr Harden in seinen Schmutz. Ich aber sage ihm: Ein Roman, den der andere grotesk findet, kann mehr Macht haben, eine Persönlichkeit auszubilden, als selbst das Erlebnis, von einem Bismarck geladen, von einem Bismarck hinausgeworfen zu sein. Aus den Erkenntnissen dieses grotesken Romans erwuchs mir die Fähigkeit, einen Moralpatron zu verabscheuen, ehe er mir den grotesken Roman beschmutzte. Was weiß er denn von diesen Dingen! Von ihm hätte ich nicht gelernt, die unauslöschliche Schmach dieses Zeitalters zu fühlen, dessen Männer Iris-Beete verunreinigen. Bei dem Gedanken zu erbleichen, welcher Art von Menschheit Frauenschönheit als Freudengabe in den Schoß gefallen ist! Herr Harden ist tot – der groteske Roman lebt. Er hat die Kraft, immer wieder aufzuleben, und ich glaube, ich verdanke ihm mein Bestes. Wenn ich gegen dieses Heroengezücht losziehe, so ist's mir, als ob mir der Geist noch heute aus leuchtenden Augen zuströmte. Ich tauche meine Feder nicht in das Spülwasser aristokratischer Wirtschaften. Wäre ich einer von jenen, die jetzt in Deutschland unter einem ungerufenen Domestiken leiden, ich würfe die Feder hin und forderte diesen vor meine Klinge, aber ohne ihm meine Zeugen zu schicken und ohne ihm Zeit zu lassen, im Lexikon nachzuschlagen, wie sich die Duellregeln historisch entwickelt haben. So aber gelobe ich ihm dieses: Für seine Kritik meines grotesken Romans wird er mir Rede stehen. Nicht in seinem Blatte. Denn dies könnte meine Gegenrede bewirken, und er ist von meiner Unerschöpflichkeit überzeugt. Er wird nicht. Aber jetzt ist der Augenblick gekommen, wo sich dem Motiv des Undanks wirklich das der Rachsucht gesellt. Die vertrete ich nicht publizistisch. Doch verspreche ich ihm: Wenn er wieder einmal nach Wien kommen sollte und Frauenvereine durch das Feuerwerk seiner Belesenheit aufregen wird, wenn er sich am Schlusse des Vortrags mit Fragezetteln bewerfen und seine Herzensabwesenheit als Geistesgegenwart bewundern läßt, dann wird ihm diese Frage gestellt werden: Glauben Sie, daß einer schon darum kein Dummkopf ist, weil er es vorzieht, ein Schweinehund zu sein? Halten Sie nicht den für einen Schuften, der ohne Nötigung an das privateste Fühlen eines Anderen greift, und ohne das Bedenken, selbst ein Grab zu beschmutzen? Und verdient nach Ihrer Ansicht der, der solches tut, nicht rechts und links Ohrfeigen? Sollte Herr Maximilian Harden dann noch gestimmt sein, auszusprechen, was ist, so werden sie ihm bei Gott und in Gegenwart des Frauenvereines appliziert werden. Er ahnt gar nicht, und niemand ahnt es, welcher Gesetzesübertretungen ich fähig bin, wenn es gilt, einen grotesken Roman gegen einen nichtswürdigen Rezensenten zu schützen! Selbstbespiegelung »... so hat auch er so lange an seinem eigenen Beifalle zu zehren, ehe eine Welt nachkommt. Inzwischen wird ihm auch jener verkümmert, indem man ihm zumutet, er solle fein bescheiden sein. Es ist aber so unmöglich, daß, wer Verdienste hat und weiß, was sie kosten, selbst blind dagegen sei, wie daß ein Mann von sechs Fuß Höhe nicht merke, daß er die andern überragt ...« Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung »Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist. Sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist.« Sprüche und Widersprüche Daß ich den Vorwurf der Selbstbespiegelung als die Feststellung eines mir bekannten Wesenszuges hinnehme und nicht mit Zerknirschung, sondern mit einer Fortsetzung des Ärgernisses erwidere, daran sollten sich meine Leser endlich gewöhnt haben. Natürlich tue ichs nicht ihnen zu Trotz, und nicht einmal mir zuliebe. Indem ich über mich spreche, will ich keinen kränken und keinem gefällig sein, sondern nur als Vertreter des österreichischen Geisteslebens der Gefahr vorbeugen, daß es einmal heißen könnte, hierzulande habe niemand über mich gesprochen. Die Wiener Geistigkeit sollte mir dankbar sein, daß ich ihr eine Mühe abnehme und einen Ruf bewahre. Daß aber auch die Freude über ein anerkennendes Wort seiner Wiederholung zugrunde liegt, warum soll ichs leugnen? Wer das Lob der Menge gern entbehrt, wird sich die Gelegenheit, sein eigener Anhänger zu sein, nicht versagen. Phantasie hat ein Recht, im Schatten des Baumes zu schwelgen, aus dem sie einen Wald macht, und es gibt keinen lächerlicheren Vorwurf als den der Eitelkeit, wenn sie sich ihrer selbst bewußt ist. Ich bin so frei, alles Glück der Koterien mir selbst zu bereiten. Der böswilligste Tropf wird nicht glauben, daß ich Wert darauf lege, ein Liebling der Wiener Kritik zu sein, und daß ich mich beklage, weil ichs nicht bin. Aber festzustellen, daß sie ihre täglich wachsende Achtung hinter einer feigen Konvention verbirgt und sich mundtot macht, selbst wo sie sprechen möchte, ist eine Aufgabe, die mir gerade dann obliegt, wenn man mich bloß für einen Aufseher über die korrupten Machenschaften einer Stadt hält. Was hätte ich denn von diesem Schweigen, wenn ichs nicht hörbar machte? Es wäre eine faule Retourkutsche, nicht darüber zu reden. Aber die Zitierung ausländischer Urteile entspricht auch einer allgemein kunstkritischen Einsicht. Sie bezeichnen nämlich die Distanz, in der fernstehende Leser sich zu einer Produktion befinden, die von lokalen, aktuellen oder zufälligen, fast immer unscheinbaren Anlässen zu perspektivischer Gestaltung gelangte. In dem Milieu, in dem diese Produktion wurzelt, kennt man die Anlässe zu gut, um die Gestaltung zu verstehen. Dieser Unterschied scheint dafür zu sprechen, daß hier von der zeitlichen Entfernung zu erwarten ist, was dort schon die räumliche besorgt, und daß meine Sachen nur veralten müssen, um auch in Wien Aktualität zu erlangen. Zu solcher Hoffnung berechtigt vor allem das Kopfschütteln, mit dem viele meinen »persönlichen« Publikationen begegnen, und selbst solche Leser, die einem Autor, der sein Tagebuch als Zeitschrift herausgibt, ein für allemal das Recht auf Überraschungen zubilligen. Von einem, der nur den stofflichen Anlaß von Aphorismen sucht, von dem erwarte ich natürlich nichts anderes als die Frage, »gegen wen« sie sich richten. Ich antworte ihm: Gegen mich, ausschließlich gegen mich! Aber das Recht auf Selbstmord will er mir nur dann einräumen, wenn ich ihm auch das Motiv angebe. Sie lesen: »Er« und fragen: »Wer«. Lesern, die ein Liebesgedicht für eine Adresse und die satirische Gestaltung eines Typus für einen Angriff halten, kann ichs und möchte ichs nicht recht machen. Andere wieder kennen den zufälligen Anlaß meiner Selbstzerfleischung: Da wird ihr stoffliches Interesse an dem Fall so sehr befriedigt, daß sie darüber die Perspektive übersehen, und wären sie auch sonst imstande, sie wahrzunehmen. Daß ein Dramatiker das Recht hat, die belangloseste Lebensfigur zu überschätzen und ihre Besonderheiten zu verwerten, wenn sie ihm für die Herausarbeitung des Typischen dienlich scheinen, räumen solche Leser wohl im Prinzip ein. Aber gegebenenfalls benehmen sie sich doch wie vor einem Schlüsselstück. Sie sehen nur das Porträt der ihnen bekannten Person, verkennen den Kunstwert, der die Erinnerung an ein gleichgültiges Modell tilgen müßte, und meinen, es sei diesem »zu viel Ehre« widerfahren. Nur jene werden dem Ausdruck eines Zornes oder einer Liebe gerecht, die den Anlaß nicht suchen und nicht kennen. Sie verlangen nicht, daß einer eine Königin besinge oder einen König tadle, sie würdigen das Gedicht, zu dem ein Narr oder eine Närrin hergehalten hat. Das Recht, sich vom kleinsten Anstoß erregen zu lassen, darf schließlich keinem empfindenden Menschen bestritten werden; und den Anstoß zu prüfen, wenn die Erregung gut war, ist eine Methode, die jedem künstlerischen Unterfangen den Garaus macht. Wer Aphorismen, deren Berechtigung um ihrer selbst willen schon die deutliche Variation desselben Gedankens erkennen läßt und deren Eigenwert nur erhöht scheint, wenn ihr Tempo noch vom Erlebnis beflügelt – wer sie für eine Polemik hält, der mag jedes dramatische Werk, dessen Beziehungen ihm zufällig bekannt sind, für ein Schlüsselstück halten. Er hat eine Prämisse, die er nicht braucht, und glaubt gerade deshalb, daß sie dem anderen fehlen werde. Aber in jenen Aphorismen war für den Fremden nichts vorausgesetzt, nur für den Eingeweihten. Und wo eine Zeile Polemik zu viel wäre, dort können zehn Seiten Satire zu wenig sein. Polemik setzt Notorietät des Übels voraus und erfordert, daß die Gestalt mit der Person kongruent sei. Aber die Lust an der satirischen Gestaltung von Erlebnissen, die objektiv nur wenig bedeuten mögen, habe ich mir nie durch die Furcht benehmen lassen, das Objekt erst bekannt oder beliebt zu machen. Ich habe immer dem kleinsten Anlaß zu viel Ehre erwiesen. Wem so subjektive Willkür nicht beliebt, mag den Autor meiden; aber er hat nicht in jedem Einzelfalle das Recht, ihn um seiner Konsequenz willen zu tadeln. Daß ich vollends Persönliches persönlich durchgestalte, sollte keinen überraschen, und mir zu verübeln, daß ich mich in den Mittelpunkt meiner eigenen Erlebnisse stelle, ist eine Ungebühr, die ich nicht verdient habe. Der langohrige treue Leser, der mir vorrechnet, wie oft »ich« und »mein« in einer Publikation vorkommen, deren »publizistische« Berechtigung ich nicht Esel genug bin zu behaupten, hat ja von seinem Standpunkt aus recht. Nur begreife ich nicht, warum er so indiskret ist, in das Tagebuch eines andern hineinzusehen. Daß ich so anmaßend bin, es drucken zu lassen, rechtfertigt solche Neugierde noch lange nicht. Betrachtungen über die »Lage« wird man darin nicht finden, und die Nutzarbeit des Putzens einer Reichsfassade kann man von mir nicht erwarten. An solchem Werk wäre allerdings kein »Ich« beteiligt. Aber mir fernstehende und fernlebende Menschen messen den Wert literarischen Schaffens nicht an dem stofflichen Gehalt, der hierzulande meine einzige Daseinsberechtigung ausmacht, sondern erkennen jenen, weil dieser ihrem Verständnis entrückt ist. Die Enthüllung der Eitelkeit bat noch nie ein Schriftsteller seinem Leser leichter gemacht als ich. Denn wenn er es schon selbst nicht merkte, daß ich eitel bin, so erfuhr er es doch aus den wiederholten Geständnissen meiner Eitelkeit und aus der rückhaltlosen Anerkennung, die ich diesem Laster zuteil werden ließ. Die lächelnde Informiertheit, die eine Achillesferse entdeckt, wird also an einer Bewußtheit zuschanden, die sie schon vorher freiwillig entblößt hat, Aber ich kapituliere. Wenn der fruchtloseste Einwand auch zum zehnten Jahr meiner Unbelehrbarkeit erhoben wird, dann hilft keine Replik. Ich kann pergamentenen Herzen nicht das Gefühl für die Notwehr, in der ich lebe, einflößen, für das Sonderrecht einer neuen publizistischen Form und für die Übereinstimmung dieses scheinbaren Eigeninteresses mit den allgemeinen Zielen meines Wirkens. Sie können es nicht verstehen, daß, wer mit einer Sache verschmolzen ist, immer zur Sache spricht, und am meisten, wenn er von sich spricht. Sie können es nicht verstehen, daß, was sie Eitelkeit nennen, jene nie beruhigte Bescheidenheit ist, die sich am eigenen Maße mißt und das Maß an sich, jener demütige Wille zur Steigerung, der sich dem unerbittlichsten Urteil unterwirft, welches stets sein eigenes ist. Eitel ist die Zufriedenheit, die nie zum Werk zurückkehrt. Eitel ist die Frau, die nie in den Spiegel schaut. Bespiegelung ist der Schönheit unerläßlich und dem Geist. Die Welt aber hat nur eine psychologische Norm für zwei Geschlechter und verwechselt die Eitelkeit eines Kopfes, die sich im künstlerischen Schaffen erregt und befriedigt, mit der geckischen Sorgfalt, die an einer Frisur arbeitet. Die Welt will, daß man ihr verantwortlich sei, nicht sich. Der Welt ist es wichtiger, daß einer sein Werk nicht für groß halte, als daß es groß sei. Sie will die Bescheidenheit des Autors; die der Leistung würde sie übersehen. Und zur endgültigen Abfertigung des täglich unbescheideneren Schwachsinns, der mir die Befassung mit mir, meiner Stellung, meinen Büchern, meinen Feinden verübelt und mahnend oder höhnend nachweist, daß sie »die Hälfte meiner literarischen Tätigkeit« ausfülle, während sie doch in Wahrheit meine ganze literarische Tätigkeit ausfüllt; und weil man sich vor diesem Pöbel, dem man als Lebender nie zur Autorität wird, nur durch Berufung auf Autoritäten Ruhe verschaffen kann; zur Abführung aller anonymen Ratgeber, und um die Bildung jener weltweisen Nobodys, die gern in Büchern nachschlagen, zu vervollständigen, sei das Wort Schopenhauers mir willkommen: »Daß einer ein großer Geist sein könne, ohne etwas davon zu merken, ist eine Absurdität, welche nur die trostlose Unfähigkeit sich einreden kann, damit sie das Gefühl der eigenen Nichtigkeit auch für Bescheidenheit halten könne ... Die bescheidenen Zelebritäten habe ich stets im Verdacht, daß sie wohl Recht haben könnten ... Goethe hat es unumwunden gesagt: »Nur die Lumpe sind bescheiden.« Aber noch unfehlbarer wäre die Behauptung gewesen, daß die, welche so eifrig von andern Bescheidenheit fordern, auf Bescheidenheit dringen, unablässig rufen: Nur bescheiden! um Gottes willen, nur bescheiden!« zuverlässig Lumpe sind, das heißt: völlig verdienstlose Wichte, Fabrikware der Natur, ordentliche Mitglieder des Packs der Menschheit.« Sittlichkeit und Kriminalität »Tod um Ehbruch? – Nein! Der Zeisig tut's, die kleine goldne Fliege, Vor meinen Augen buhlt sie. Laßt Üppigkeit gedeihn!« »Lear«, IV. 6. » – Wenn ihr nur zehn Jahre lang hintereinander alle die hängen und köpfen laßt, die sich in diesem Stücke vergehn, so könnt ihr euch bei Zeiten danach umsehen, woher ihr mehr Köpfe verschreiben wollt. Wenn dies Gesetz zehn Jahre in Wien besteht, will ich das schönste Haus drin für einen Dreier per Tag mieten.« »Maß für Maß«, II. 1 »Meiner Sendung Amt Ließ manches mich erleben hier in Wien: Ich sah, wie hier Verderbnis dampft und siedet Und überschäumt. Gesetz für jede Sünde; Doch Sünden so beschützt, daß eure Satzung Wie Warnungstafeln in des Baders Stube Da steht, und was verpönt, nur wird verhöhnt.« »Maß für Maß«, V. 1. »Bedenkt, mein werter Richter ('Von dem ich weiß, Ihr seid sehr streng in Tugend), Ob in der Regung eignet Leidenschaft, Wenn Zeit mit Ort gestimmt, und Ort mit Wunsch, Ob, wenn des Blutes ungestümes Treiben Das Ziel erreichen mochte, das Euch lockte, Ob Ihr nicht selber dann und wann gefehlt In diesem Punkt, den Ihr an ihm verdammt, Und dem Gesetz verfallen?« »Maß für Maß«, II. 1. »Könnten die Großen donnern Wie Jupiter, sie machten taub den Gott: Denn jeder winz'ge kleinste Richter würde Mit Jovis Himmel donnern, – nichts als donnern! O gnadenreicher Himmel! Du mit dem scharfen Flammenkeile spaltest Den unzerkeilbar knot'gen Eichenstamm, Nicht zarte Myrten: Doch der Mensch, der stolze Mensch, In kleine, kurze Majestät gekleidet, Vergessend (was am mind'sten zweifelhaft) Sein gläsern Element, – wie zorn'ge Affen, Spielt solchen Wahnsinn gaukelnd vor dem Himmel, Daß Engel weinen, die, gelaunt wie wir, Sich alle sterblich lachen würden.« »Maß für Maß«, 11. 2. »Der neue Richter Weckt mir die längst verjährten Strafgesetze, Die gleich bestäubter Wehr im Winkel hingen, So lang, daß neunzehn Jahreskreise schwanden, Und keins gebraucht je ward; und läßt aus Ruhmsucht Nun dieses schläfrige vergess'ne Recht Frisch wider mich erstehn: ja, nur aus Ruhmsucht!« »Maß für Maß«, I. 3. »Du schuft'ger Büttel, weg die blut'ge Hand! Was geißelst du die Hure? Peitsch dich selbst! Dich lüstet heiß mit ihr zu tun, wofür Dein Arm sie stäupt. »Lear«, IV. 6. I Es gibt eine Art unproduktiver Empörung, die sich gegen jeden Versuch, sie literarisch auszudrücken, wehrt. Seit Monatsfrist würge ich an der alle Kulturillusion vernichtenden Schmach, die ein Doppelprozeß wegen Ehebruchs, seine Führung und seine journalistische Behandlung uns angetan hat. Der Zwang, zu jedem Ereignis ein Sprüchlein zu sagen, befeuert den nicht, den der Gedanke lähmt an ein Wirrsal von Unwahrscheinlichkeiten, einen Wettlauf von Brutalität und Heuchelei, an das Walten einer Gerechtigkeit, bei der Vernunft Unsinn, Wohltat Plage wird. Jetzt beruhigt die Aussicht, daß des Wahnsinns noch lange kein Ende sein, der Prozeß seine Fortsetzungen finden und der Ehemann das Protokoll im Buchhandel erscheinen lassen werde, das Gewissen des Publizisten, dem im Widerstreit zwischen Abscheu und Pflichtgefühl die Feder entglitten ist. Jetzt stachelt ihn wieder die Furcht vor der Erhaltung einer beschämenden Aktualität aus allen zögernden Stimmungen zu einem vernehmlichen Protest gegen jeden weiteren Versuch, unsere von tausend Sorgen belastete Öffentlichkeit mit den Eifersuchtsanfällen eines Bezirksothello zu belästigen. Shakespeare hat alles vorausgewußt. Die Dialogstellen aus »Maß für Maß« und »Lear«, die ich zum Motto dieser Betrachtung wählte, enthalten das letzte Wort, das über die Moral, die jenen Prozeß ermöglichte und blähte, zu sagen ist, und selbst der Zufall, der den Dichter für die Eigenart einer moralverpesteten Stadt den Namen Wien finden ließ, mag den Glauben an die in alle Fernen reichende divinatorische Kraft des Genies bestärken. Ich habe den Ruf eines Heutigen: »O Gott, was bist du für ein Shakespeare!« nie für eine Gotteslästerung, wohl aber desselben Autors Behauptung, daß in der Westminsterabtei »Shakespeare und die anderen englischen Könige ruhen«, stets für eine Majestätsbeleidigung Shakespeares gehalten. Von ihm müßten die Moralbauherren aller Völker Werkzeug und Mörtel entlehnen, von seiner Höhe bietet jede Weltansicht, die konservative wie die fortschrittliche, ein dem Schöpfer wohlgefälliges Bild; dort ist Kultur, wo die Gesetze des Staates paragraphierte Shakespearegedanken sind, wo mindestens, wie im Deutschland Bismarcks, Gedanken an Shakespeare das Tun der leitenden Männer bestimmen. Nach seinen Erkenntnissen greife, wer berufen ist, zwischen Gut und Böse die kriminalistische Grenzwand zu errichten oder zu erneuern. Und er wird finden, daß die alte Mauer da und dort nicht die natürliche Linie zog, weil sie an den Hindernissen engstirniger Zeitalter: Schlagwortwahn und Heuchelei, vorbei mußte. So reift ein hundertjähriges Gesetz zur Menschenqual: Der Eifer, der da schützt, was des Menschenschutzes nicht bedarf, hatte es mit der Langmut gezeugt, die gewähren läßt, was dem gesunden Sinn strafwürdig scheint. Aus der Beschränktheit einer Generation erschaffen, hat es dennoch für alle Zeiten, die es währte, gelebt, weil es den Schlechtesten seiner Zeit genug getan. Wessen Beruf es ist, vor den Gefahren zu warnen, die die Entwicklung der merkantilen Meinungspresse für die allgemeine Kultur und für das Wohl der Nationen heraufbeschwört, wer für die Erhaltung aller konservativen Gewalten gegenüber dem Einbruch einer traditionslosen Horde eintritt, wer selbst den Polizeistaat – und nicht nur im ästhetischen Sinne – der Etablierung einer Willkürherrschaft von der Journaille Gnaden vorzieht, wer es gradaus bekennt, daß er auf allen Gebieten öffentlicher Erörterung schon aus Ressentiment die Partei der Schlechten gegen die Schlechteren ergriffen, ja zuweilen selbst die gute Sache aus Abscheu gegen ihre Verfechter im Stich gelassen hat: der darf hoffen, daß auch ein Bekenntnis, das manchem unerwartet kommen mag, als unverdächtig gewertet und als der reine Ausdruck einer Überzeugung geachtet werde. Und so bekenne ich, daß ich den Standpunkt des Staatsfreundes, der von der Gesetzgebung immer wieder das verlangt, was der manchesterliche Schwindelgeist höhnisch »Bevormundung« nennt, ausschließlich dann beziehe, wenn ich das Geltungsgebiet ökonomischer Werte betrachte. Daß mir hier die strengste Überwachung geboten scheint, daß ich den neuen Formen neue Paragraphen an den Hals wünsche und nichts für dringlicher halte, als daß mit den tätigen Zerstörern der materiellen Wohlfahrt des Volkes auch die Helfer der Presse in der fester gezogenen Schlinge Platz fänden: dies betonen, hieße Eulen nach Athen, Bauernfänger auf die Börse und Zutreiber in die liberale Presse tragen. Aber mit der Sorge für die wirtschaftliche Sicherheit halte ich die Mission des Gesetzgebers beinahe für erfüllt. Er möge dann noch über der Gesundheit und Unverletzlichkeit des Leibes und des Lebens und über anderen greif- und umgrenzbaren »Rechtsgütern« seine Hand halten. Ich weiß nicht, wie viele ihrer das alte Strafgesetz schützt und ob das neue die Zahl vermehren oder vermindern wird. Aber es sind ihrer zu viele; und wenn Menschen über Menschen richten dürfen, so sollten sie stets der Grenzen ihres Erkenntnisvermögens eingedenk sein. Gerade ein Gesetz, das auch religiöse Gefühle behütet und die Beleidigung des Glaubens straft, dürfte sich nimmer vermessen, in die irdischem Einfluß verschlossenen Tiefen der Menschenbrust gelangen zu wollen. Und gerade konservative Geister, denen man »klerikale Gesinnung« nachsagt, müßten, anstatt die staatliche Justiz zur Überwachung psychischer Geheimwege anzutreiben, kein anderes Bestreben kennen, als darauf zu achten, daß neben der irdischen Gewalt, die straft, auch dem Vertreter der überirdischen, die ermahnt, Spielraum bleibe. Schon das Gut der »Ehre« ist bei beamteten Wächtern in zweifelhafter Hut, und mindestens wäre hier – unter Vermeidung der Gefahr einer Cliquengerichtsbarkeit – der Aufteilung in leichter faßbare Berufs- und Kreisehren das Wort zu sprechen, wäre dahin zu wirken, daß das Gesetz nicht vorweg ein vages »Ansehen«, in dem auch der ärgste Lump »herabgesetzt« werden kann, annehme, sondern den Nachweis des Ansehens – etwa durch Einführung von Leumundszeugen – zulasse, der erst den Nachweis der »Herabsetzung« und die Bestimmung ihres Grades ermöglicht. Von burlesker Wirkung ist ein Sühneverfahren, mittelst dessen der Millionendieb sich durch die unrichtige und unbeweisbare Beschuldigung, auch fünf Gulden gestohlen zu haben, gekränkt fühlen und durch Bestrafung des »Beleidigers« ein vollgültiges Zeugnis der Ehrenhaftigkeit sich verschaffen kann. Aber wenn die Gesetzgebung, die mit Falstaff-Schläue an der Definierung des Begriffes »Ehre« herumarbeitet, hier gleich dem prahlerischen Taugenichts Vorsicht als der Tapferkeit besseres Teil erkennen muß, so ist sie gegenüber jenem andern Feinde völlig wehrlos, der hinter der Maske »Moral« seine Tücken treibt. Sie ziehe sich zurück und lasse ihn gewähren. Gespenster bannen liegt nicht in ihrem Machtbereich; sie kreuzen ihr, wo sie's am wenigsten vermutete, den Weg, und wo ihr Fuß hintrat, dort wachsen sie aus der Erde. Und wieder muß Shakespeare heran, der die Narrenweisheit die Geschichte von der albernen Köchin erzählen läßt, die die Aale lebendig in die Pastete tat: »sie schlug ihnen mit einem Stecken auf die Köpfe und rief: hinunter ihr Gesindel, hinunter! ... Ihr Bruder war's, der aus lauter Güte für sein Pferd ihm das Heu mit Butter bestrich«. Solch zweckloser Mühe unterzieht sich die staatliche Aufsicht, die mit Feuer und Schwert der »Unsittlichkeit« an den Leib rückt. Ein grandioses Mißverständnis hat hier die beste Kraft und die lauterste Absicht auf Irrwege geführt. Von der Aufgabe, dem Ärgernis, das öffentliche Unsittlichkeit bereitet, eine rechtliche Sühne zu erwirken, ward der Gesetzgeber zu dem Trugschluß verlockt, daß Unsittlichkeit öffentliches Ärgernis bereitet. Und als das öffentliche Ärgernis wirklich durch die Verfolgung privater Unsittlichkeit gegeben war, hatte der nach Tatbeständen jagende Sinn die Fähigkeit, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden, verloren. Wer nach der Schablone denkt, würde es nicht fassen, daß einer für die lex Heinze eintreten und vor jedem Eingriff der Gesetzgebung in das sittenloseste Privatleben warnen könnte; daß man den Staatsanwalt auf Kuppelannoncen hetzen und die »Gelegenheitsmacherei«, die zwei Mündige und Willige zusammenführt, straffrei sehen möchte; daß man zur Schau getragene Unflätigkeit, die den, der nicht will, belästigt und den, der nicht darf, verführt, unter schärfere Kontrolle gestellt wissen möchte und zugleich wünschen, daß jeder im stillen Kämmerlein nach seiner Fasson selig werde. Aber ein Verstand, der solch gegensätzliche Anschauungen vereinen könnte, geht noch weiter. Er sagt: Das »Rechtsgut der Sittlichkeit« ist ein Phantom. Mit der »Moral« hat die kriminelle Gerichtsbarkeit nichts, hat nur die des Bezirksklatsches zu schaffen. Was die Justiz hier erreichen kann, ist der Schutz der Wehrlosigkeit, der Unmündigkeit und der Gesundheit. Auf diese noch arg verwahrlosten Rechtsgüter werfe sich die Sorge, die heute das Privatleben von staatswegen belästigt. Der Gesetzgeber als schnüffelnder Reporter, der vor der Öffentlichkeit die Dessous des Lebens lüpft; Gerechtigkeit als indiskreter Dienstbote, der an Schlafzimmertüren horcht und durch Schlüssellöcher späht! So wenigstens nach dem Ideal eines heute in Wien wirkenden Professors, der in seinem Schweizer Strafgesetzentwurf sich für den nuancierten Verkehr der Geschlechter interessiert und jede Abweichung vom horizontalen Pfad der Tugend unter Strafsanktion stellt. Man könnte über dergleichen kriminelle Mikoschwitze hell auflachen, wenn sie nicht die Allgewalt jenes Philistersinns, vor dem es kein Entrinnen gibt, mit so erschütternder Deutlichkeit bewiesen. Wie mögen solche Gesetzesweisen vor der philosophischen Einfalt bestehen, die einst aus Kindermund – auf die Frage, was unschicklich sei – das Wort sprach: »Unschicklich ist, wenn jemand dabei ist!« Der erwachsene Gesetzgeber möchte immer dabei sein. Außer ihm errötet über die Vorgänge in einem Alkoven niemand, – wofern man nicht das »öffentliche Ärgernis« aus der bekannten Beobachtung herleiten wollte, daß die Wände Ohren haben, und aus der Vorstellung, daß sie demgemäß auch bis über die Ohren erröten könnten. Die Zudringlichkeit einer Justiz, die die Beziehungen der Geschlechter reglementiert, hat stets noch der ärgsten Unmoral, die vom Strafgesetz nicht zu fassen ist, oder schweren Vergehungen und Verbrechen Vorschub geleistet. Wäre ernstlich zu befürchten, daß jener demokratische Biedersinn, der den Schweizer Entwurf erfüllt, auch auf die bevorstehende Reform unseres Gesetzes Einfluß gewinnen könnte, man müßte bei dem bloßen Gedanken an die Folgen einer Cabinet particulier-Justiz – Züchtung des häuslichen Denunzianten- und Erpressertums – erschrecken. Immer werden für ein Rechtsgut, das geschützt wird, eines oder mehrere andere preisgegeben; es fragt sich nur, welches relevanter ist: das einer »Sittlichkeit«, deren Gefährdung keines Menschen Auge beleidigt, oder das der Freiheit, des Seelenfriedens und der wirtschaftlichen Sicherheit. Vor solche Wahl gestellt, müßte jeder Gesetzgeber, der den Mut seiner Einsicht hätte, sich sofort etwa für die Straflosigkeit homosexuellen Verkehrs entscheiden. Und er dürfte sich dabei auf die Petition berufen, die seinerzeit ein paar hundert Männer von wissenschaftlichem, künstlerischem und sozialem Ansehen, die sicherlich nur die niedrigste Spießbürgergesinnung des »pro domo«-Sprechens verdächtigen könnte, an den Deutschen Reichstag gerichtet haben. Ich weiß nicht, ob in jener Adresse der einzige Gesichtspunkt, von dem auch den Widerstrebenden die Dringlichkeit der Lösung des Problems zu zeigen ist, genügend zur Geltung gebracht wurde. Der Gesetzgeber begnügt sich hier erst recht nicht damit, die Vergewaltigung zu strafen, die Unmündigkeit und die Gesundheit zu schützen; aber er will hier nicht nur der Moral, die ihm verletzt scheint, sondern auch dem natürlichen Geschmack, dem zuwidergehandelt wurde, eine Satisfaktion verschaffen. Er eifert stets dort, wo Trieb und freier Wille mündiger Menschen ein Einverständnis schufen. Bei allen sexuellen Möglichkeiten. Wie erst bei den homosexuellen! Die Moral erhält – wenn der Delinquent nicht zufällig den Besten und Edelsten der Nation angehört (in welchem Fall psychopathische Naturanlage angenommen wird) – ihre Genugtuung: der einer perversen Handlung Überführte wird durch die mehrmonatliche Gewöhnung an schlechtere Kost sittlich geläutert. Aber inzwischen blüht auf dem Fettboden der Strafsanktion der Weizen der Erpressung. Ja, wendet der Kriminalist ein, der Erpresser ist doch mitgefangen und muß sogar doppelte Schuld büßen! Natürlich; und der Staatsanwalt kennt nicht einmal die Pflicht der Dankbarkeit gegenüber dem Anzeiger, dessen Prämie wahrhaftig in der Verurteilung wegen zweier Delikte besteht. Wie aber, wenn der Erpresser nicht zum Denunzianten wird, wenn der auf das Opfer geübte Druck die gewünschte Wirkung tut und die Unterlassung der Strafanzeige mit täglichen Höllenqualen und dem wirtschaftlichen Ruin erkauft wird? Hier versagt des Nurtheoretikers Weisheit, und gewohnt, auf der Faulenzerunterlage der »Statistik« zu denken, bleibt er die Antwort schuldig, weil es leider noch keine Statistik von nicht erstatteten Anzeigen und von gelungenen Erpressungen gibt. Und da ihm ein dürftiger Besitz an Phantasie und Lebenserfahrung die Zahlenweisheit nicht ersetzen kann, so ahnt er nicht, daß in derselben Stunde, in der er sich einer Weltordnung freut, die Unsittlichkeit und Vergewaltigung unter Strafe setzt, in seines Vaterlandes Gauen tausend unglückliche Menschen in Furcht und Schrecken des nahenden Erpressers harren ... Zwei Delikte auf dem Papier: aber sie machen einander straflos und eines leistet dem anderen Vorschub. Man öffne das Moralventil, und die Erpressungen, die bisher bloß nicht angezeigt und nicht verfolgt wurden, werden auch nicht begangen werden. Oder wollte man auf ein schönes Verbrechen aus dem Grunde nicht verzichten, weil jene Sorte von Kriminalwissenschaft, die vom Zählen zum Denken gelangt, an der Aussichtslosigkeit verzweifeln müßte, ein Statistik der nicht begangenen Erpressungen zu erhalten? Der Psychiater Albert Moll schrieb: »Den Homosexuellen wird manchmal, auch von Wohlmeinenden, der Vorwurf gemacht, sie agitierten zu viel. Was aber sollen sie tun? Wenn sie nicht agitieren, erreichen sie ihr Ziel niemals. Sie hätten dann höchstens noch einen anderen Weg: sie müßten suchen, nach Art eines rücksichtslosen Feldherrn oder Politikers über einen Berg von Leichen ans Ziel zu kommen. Sie brauchten nur die Namen von Männern öffentlich zu nennen, deren Homosexualität notorisch und jeden Augenblick zu beweisen ist. Sicher würde dann mancher, der die Homosexualität aus tiefster Seele verabscheut, der aber Homosexuellen, ohne deren geschlechtliche Neigung zu kennen, nah steht, über die Enthüllung erstaunt sein. Mancher hohe Beamte, mancher einflußreiche Politiker würde sich schließlich verwundert sagen: Ich glaubte stets, die Homosexuellen seien das elendeste Pack der Welt, nun höre ich aber, daß mein Neffe, mein Sohn, mein Freund gleichgeschlechtlich verkehren. Und er ist doch ein so braver, ausgezeichneter Mensch. Wenn er auch so ist, dann muß man doch anders über die Sache denken.« Dieser Standpunkt wäre rücksichtslos, und zahllose Existenzen würden dabei sozial vernichtet werden. Einflußreiche Personen aber würden dadurch unmittelbar für die Sache interessiert und ein schneller Erfolg wäre mehr als wahrscheinlich. Trotzdem wäre solches Vorgehen entschieden zu tadeln. Ich erinnere an diesen Weg nur, weil man den Homosexuellen, die ihn nicht beschreiten, nicht verwehren soll, sachlich zu agitieren.« – Und bekannt ist die Außerung eines preußischen Ministers, dem der Polizeichef die Liste jener Personen überreichte, gegen die gerade ein gerichtliches Verfahren im Sinne des § 175 des deutschen Strafgesetzes eingeleitet werden sollte: »Furchtbar feudale Gesellschaft! Man muß sich rein schämen, daß man nicht auch drauf steht ... « Im ewigen Reich der sinnlichen Triebe, die selbst älter sind als der Drang nach Heuchelei, wird der Gesetzgeber immer vergebens stümpern. Wenn's glimpflich abgeht, belustigt er in der Melderolle des beflissenen Polizisten, der nächtens auf verschwiegener Stätte »ein beischlafähnliches Geräusch« gehört haben will, oder jenes andern, der einmal einem Wiener Amt buchstäblich die folgende Relation gebracht hat: »Ich kam gerade dazu, wie auf einer Bank im Stadtpark ein Mann einen Soldaten küßte und umarmte. Ich kam leider zu früh und kann darum keinen Unzuchtsakt melden.« Aber der Moralschutzmann kann auch rechtzeitig kommen und Unheil anrichten. Mit Pflastern und Salben deckt er geschäftig moralische Bläschen zu, und der soziale Körper beginnt an inneren Stellen zu eitern. Wie die Verfolgung geschlechtlicher Abarten die Chantage fördert, so löst auch jeder andere Versuch, das Privatleben mit einem Paragraphenzaun zu umhegen, neue Unmoral, neue Strafwürdigkeiten aus. Die pathetisch beklagte Schmach des Mädchenhandels wäre den Kulturnationen erspart geblieben, wenn ihre Gesetzgeber besser erzürnen als erröten könnten, wenn sich an der Debatte über das Thema »Prostitution« die Vertreter der Schamhaftigkeit nie beteiligt hätten. Wucher und Ausbeutung gedeihen, solange den Liebeshändlern das strafgesetzliche Risiko mitbezahlt werden muß, und auch das Verbot jener harmloseren Vermittlung, die bloß Gelegenheit schafft, nicht vergewaltigt, mehrt nur die Chancen des Zwischenhändlergewinns: es drückt auf den Lohn, der empfangen wird, und treibt den Preis, der gezahlt wird, in die Höhe. Und von grimmigem Humor war die Lehre, die ein Sittlichkeitsexzeß des alten preußischen Landrechts nach sich zog. Um der Prostitution beizukommen, machte man Frauen, denen Geldannahme im Geschlechtsdienst nachgewiesen werden konnte, des Anspruchs auf Alimente verlustig. Was taten die Herren der Schöpfung? Sie zeigten vorweg ihre Noblesse; sie prostituierten die Frauen und ersparten die Alimente. Zur bevorstehenden Hundertjahrfeier des österreichischen Paragraphendickichts wäre eine Zusammenstellung aller Verbrechen, Vergehen und Übertretungen lehrreich, deren sich das Gesetz und seine konsequenten Ausleger schuldig gemacht haben. Ich denke nicht nur an jene schmerzhaften Kontraste, wie sie das systemisierte Unrecht auf Schritt und Tritt offenbart: Der hungernde Krüppel, der, zu stolz zum Betteln, von weißen Mäusen »Planeten« ziehen läßt, muß – wegen »Übertretung des Kolportageverbotes« – in den Arrest, und die bestialische Mutter, die ihr Kind »zum erstenmal« röstet, erhält eine Verwarnung ... Nein, dort, wo dies Strafgesetz vom Jahre 1803 sich selbst verurteilt, hätte der feierliche Säkularbetrachter mit einem heitern, einem nassen Auge einzusetzen. Daß es dem Verbrechen der Erpressung in beispielhafter Weise Vorschub leistet, daß es gegen den Paragraphen verstößt, der da verbietet, »öffentlich wider jemanden ehrenrührige, wenn auch wahre Tatsachen des Privat- und Familienlebens bekannt zu machen«, und dadurch wieder jenes »gröbliche und öffentliche Ärgernis verursacht«, das der Sittlichkeitsparagraph ahndet, sind nur die wichtigsten Fälle, in denen sich die Schlange in den Schwanz beißt. Und bedeutet nicht dort, wo ein »Rechtsgut« verletzt wurde, das kein Rechtsgut ist, die Verhängung der Gefängnisstrafe eine »Beschränkung der persönlichen Freiheit«? II Und damit kehre ich zu dem Schulbeispiel gesetzlich geförderter Unmoral zurück, das den entsetzten Blicken der Wiener Öffentlichkeit neulich vorgeführt wurde: Zu dem »Ehebruchsprozeß P.«, wie ihn eine verlotterte Presse, die kein Detail, kein Bruchstück dieser Ehe ihren Lesern vorenthalten wollte, an der Spitze spaltenlanger Berichte diskret genannt hat. Ausgleich, Petroleumkartell und Preßreform, ja selbst die vom Obersten Gerichtshof angetastete »Ehre der Zeitung« hatten den Zerwürfnissen eines Gattenpaares Platz machen müssen, und Arm in Arm mit einem aufgeregten Ehemann raste die Justiz über die Szene, zu der das Tribunal ward. Arm in Arm mit dem Privatkläger, der sich zum Anwalt staatlicher Interessen erhöht fühlen konnte, weil er eine in französischen Possen wie im Leben abgedroschene Kalamität gerichtsordnungsmäßig feststellen ließ. Und wenn man, ermüdet und belästigt von diesem Veitstanz der Gerechtigkeit, bei dem der engagierte Gatte seine Hörner als Schmuck tragen durfte, zwischen Tat und Sühne die Resultante suchte, so gelangte, wer trotz dem Vertrauen in Moralparagraphen das Schämen noch nicht verlernt hat, zu einer grotesken Erkenntnis. Die geständige Ehebrecherin, die lange vorher schon die Martern einer häuslichen Justiz mit Revolver, Peitsche und Haarschere ausgestanden hatte, bot keinen verabscheuungswürdigen Anblick. Was sie gelitten, war häßlicher als was sie getan, und im tiefsten Sinne unmoralischer als Ehebruch war ein gerichtliches Verfahren, das dank dem Ehrgeiz eines unverbrauchten Gerichtssekretärs das Publikum zum Zeugen der geheimsten Möglichkeiten, für die ein eheliches Schlafgemach Raum hat, anrief. Wäre der Name »Mayer« nicht ein Sammelname, wahrlich, jener Prozeß hätte ihm zu unverwüstlicher Popularität verholfen. Wenn Meyers Lexikon vergilben sollte, wird Mayers Sittenkodex sich noch sprichwörtlichen Rufes erfreuen und Kulturforschern ein wertvoller Behelf sein bei der Ergründung jener Anschauungen über die Rechte des Gatten und die Pflichten der Frau, die in Wien am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts maßgebend waren. Ein Schatz von geflügelten Worten bewahrt die Erinnerung an die zwei Tage, da der Strafrichter des Bezirksgerichtes Wieden schwertrasselnd das Rechtsgut der Heiligkeit einer durch den Schadchen geschlossenen Ehe zu schützen unternahm. Noch nie zuvor war ein Geständnis freier und williger abgelegt worden. Die Angeklagte erzählte, wie sie durch Vermittlung zur Ehe und durch Mißhandlung zum Ehebruch gelangte. Ein anderer Richter – von denen, die es in Österreich noch gibt – hätte nach diesem Anfang ein Beweisverfahren für überflüssig erachtet und wäre zur Urteitsfällung geschritten; hätte der Majestät des Gesetzes – o schlotterichte Königin – durch möglichst gelinde Strafbemessung flüchtig Reverenz erwiesen, als mildernd das offenbare Rachebedürfnis des Gatten, zu dessen Befriedigung sich die Justiz nicht hergeben dürfe, gelten lassen, und ohne weitern Sachverständigenbeweis – mit der Wertlosigkeit der Ehe die Schmerzlosigkeit des Bruchs begründet. Ein anderer Richter hätte, sei es durch Abkürzung, sei es durch absolute Geheimerklärung des Prozesses, der auf Skandal lauernden Journaille, der referierenden und der plaudernden, der der Tages- und jener der Witzblattpresse, es unmöglich gemacht, die sittliche Atmosphäre einer Stadt auf Wochen hinaus zu verpesten und den Flugsand einer Unmoral zu verbreiten, der das Schmutzstäubchen der verhandelten Untat reichlich zudeckt. Vielleicht hätte sogar ein anderer an eigener Lebenserfahrung die Unvollkommenheit des Gesetzes gemessen, an die Verfolgung eines Antragsdelikts nicht prinzipielles Pathos verschwendet und nicht den Kontrast zwischen dem einen angezeigten und den tausend – dem Himmel sei dank – nicht judizierten Fällen zu jenem unsittlichen Grad von Deutlichkeit getrieben, bei dem der Hohn zu fragen beginnt, ob denn in Wiens Bezirken nun jede Ehe gesichert, jeder Ehebruch ausgeschlossen sei ... Anders Herr Mayer. Seitdem der natürliche Grenzstreit zwischen richterlicher Autorität und Freiheit der Verteidigung zur ständigen Störung der österreichischen Rechtspflege gediehen ist, habe ich keine Gelegenheit versäumt, für die Unabhängigkeit der Justiz nach unten einzutreten und den geplagten Verhandlungsleiter gegen die Zumutungen zu schützen, die immer wieder die Reklamesucht taktloser Phrasendrescher an seine Geduld stellt. So bin ich wohl ein unverdächtiger Beurteiler, wenn ich bekennen muß, daß der Verteidiger mit jedem Wort, das er in jenen beiden Verhandlungen zur Abwehr eines noch nie erlebten Autoritätsexzesses sprach, im Recht war. Und diese Meinung fällt umso schwerer ins Gewicht, als mich selbst die schmerzliche Erfahrung, daß Wiener Tagesblätter sie teilten, nicht von ihr abzubringen vermocht hat. Es war ungeheuerlich. Herr Mayer hat zwar einige Stellen des Verhandlungsberichtes, der in den Zeitungen erschien, richtig gestellt, und fern sei es von mir, ihm den berühmten Dogmensatz: »Ich irre nie« (Herr Mayer sagte bloß: »Ich irre mich nie«) noch einmal vorzuwerfen; seine Sinnlosigkeit liegt klar zutage: es irrt der Mensch, so lang er strebt, woraus folgt, daß gerade jüngere Gerichtsbeamte sehr häufig Irrtümern ausgesetzt sind. Unbestritten aber ist das Wort geblieben: »Kraft meines richterlichen Amtes bin ich souverän. Eine Verwahrung gegen richterliche Konstatierungen gibt es nicht.« Unbestritten ist, daß Herr Mayer, Leiter einer Prangerjustiz gegen die Frau und eines Rehabilitierungsverfahrens für den Mann, diesem das feierliche Attest ausstellte: »Kraft meiner richterlichen Autorität kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß in der heutigen Verhandlung nichts vorgekommen ist, was auch nur den Schein rechtfertigen würde, daß Sie von dem Gebaren Ihrer Frau gewußt und daraus Vorteil gezogen haben!« Man griff sich an den Kopf und fragte, wie denn ein Richter dazukomme, die Rechtsvertretung einer Partei zu übernehmen und geradezu das Urteil eines Ehrenbeleidigungsprozesses zu antizipieren, den der Gatte erst anstrengen müßte, wenn wirklich irgend ein Bezirksverleumder ihn, den steinreichen Mann, des Zuhältertums bezichtigt hätte. Unbestritten blieb, daß Herr Mayer eine Bemängelung der Art, wie die Gegenseite ihre ehelichen Pflichten auffaßte, der »Ehebrecherin« mit den Worten abschnitt. »Sie sollen sich heute verantworten, nicht Ihr Mann!«, daß er Fragen, die sich auf dies Thema bezogen, »als irrelevant und unpassend« nicht zuzulassen erklärte und daß er, der vierzehn Tage später über gewisse Dienstbotenabenteuer des in seiner Familienehre schwer gekränkten Gatten richten sollte, einer auf jede Weise gedemütigten Angeklagten das Wort zurief. »Ich muß bemerken, daß nur Sie Ihren Mann erniedrigt haben.« Irrt Herr Mayer nicht doch? Und wäre das Gesetz nicht völlig um jeden Sinn gebracht, wenn es anginge, heute über Antrag des Gatten mit dem schwersten Geschütz gegen eine Ehebrecherin aufzufahren und morgen über Antrag der Gattin – mit einem allerdings minder schweren – gegen den Ehebrecher? Die »Heiligkeit der Ehe«, die geschützt werden soll, ist naturgemäß die einer Ehe, die bloß von einer Seite bedroht wurde: hier könnte vielleicht von einem Rechtsgut die Rede sein, das des Schützers bedürftig und des Schutzes noch wert ist. Wäre der Ehebruch kein Antragsdelikt und treuloses Verhalten an und für sich und aus öffentlich-sittlichen Rücksichten verfolgbar, so wäre das Einsperren beider Teile und die Etablierung der Strafzelle als Ehhegemach immerhin logisch. Herr Mayer aber hätte, da schon die Kompensation, die im gegebenen Fall eintreten müßte, im Gesetz nicht vorgesehen ist, mindestens das Schuldmaß der einander untreuen Gatten vergleichen, beide mit einer kleinen Geldstrafe aus dem Saale weisen und darüber belehren müssen, daß der Geber des Gesetzes zwar an die Möglichkeit seines Mißbrauchs nicht gedacht habe, aber die Justiz es ablehne, ihren Arm der Befriedigung wechselseitiger Rache zu leihen. Herr Mayer hat allerdings den Grundsatz der Wechselseitigkeit nicht allzu stark betont. Der Kläger wurde liebreicher als die Geklagte, der Geklagte milder als die Klägerin behandelt. Von den zahlreichen »Höhepunkten« des Prozesses ist ja noch die folgende Szene in Erinnerung: Die Frau verwahrt sich – mit Recht – dagegen, der Vernehmung der »schwangeren Geliebten« ihres Gatten, einer Köchin, beizuwohnen. Der Richter verhängt über sie »wegen Beschimpfung der Zeugin« eine Geldstrafe von fünfzig Kronen und fordert sie auf, diese Strafe »sofort zu erlegen«; die Angeklagte macht sich des weiteren Verbrechens schuldig, das Geld nicht bei sich zu haben, worauf der Richter mit der »sofortigen Umwandlung der Geldstrafe in eine Arreststrafe« droht; der Verteidiger erlegt den Betrag. Solches geschah in einem Wiener Gerichtssaal am 25. Juli 1902. Vierzehn Tage später fühlt sich der Gatte durch die Zeugenschaft einer Dienstmagd geniert; denn diese ist erschienen, um den mit ihr begangenen Ehebruch zuzugeben. »Alles erfunden«, ruft er, erregt aufspringend, »wie können Sie so etwas sagen?« – Richter: »Mäßigen Sie sich doch, Sie müssen ruhig bleiben!« – Angeklagter: »Ich kann nicht. Bitte, Herr Richter, sehen Sie sich doch die Person an, mit einem solchen Häring soll ich mich vergangen haben?« – Richter: »Aber mäßigen Sie sich doch!« ... Der Standpunkt ästhetischen Alibibeweises schien diesem parteiischen Sittenrichter, der nur die Frau Moralgesetzen unterwirft, zu behagen; denn bald darauf spielte sich die folgende Szene ab: Eine Bonne tritt auf, die den Ehebruch des Hausherrn mit einer Dienstgenossin bestätigt und einen Kosenamen, den diese erhielt, verrät. »Ja, wenn ich gut gelaunt war«, wirft der Gebieter ein, »habe ich allen solche Scherznamen gegeben, auch meiner Frau. Habe ich Sie nicht auch manchmal irgendwie gerufen?« – Zeugin: »Ja, Dudli haben Sie mich gerufen.« – Angeklagter: »Sagen Sie nur die Wahrheit, Sie waren doch die Appetitlichste unter meinem Gesinde, und Sie können trotzdem – –«. Hier brummt der Vertreter der Klägerin die unabweisliche Bemerkung in den Bart: »Harem!« Richter: »Herr Doktor, ich muß Sie energisch aufmerksam machen, daß derartige Äußerungen unzulässig sind!« Der Angeklagte (ermutigt): »Pfui!« Der Advokat: »Nun, nun, beruhigen Sie sich!« Angeklagter: »Pfui! Pfui!« Richter zum Advokaten: »Ich verweise Ihnen die von Ihnen gemachte Bemerkung!«... Daß hier eine brüchige Ehe gebrochen ward, daß barbarische Behandlung dem »Treubruch« voranging und dieser im Grunde erst der Scheidungsabsicht helfen sollte, mag Herr Mayer wohl erkannt haben. Vielleicht auch, daß er mit den an den Gatten (der den Liebhaber mißhandelt hatte) gerichteten Worten: »Ihre Frau wollte durch ihr Geständnis das Leben des Geliebten retten, wenn auch um den Preis ihrer eigenen Schande« dieser das höchste Maß ethischer Anerkennung spendete. Dennoch hielt Herr Mayer den Kolportageton der großen Vergeltung, der das Bezirksgericht Wieden zum Weltgericht machen sollte, mit erstaunlicher Zähigkeit fest: »Was dachten Sie sich, als die Frau ihre eigene Schande preisgab?« fragte er den Kläger und ließ ihn die schönen Worte sprechen: »Ich dachte, daß sie sich auf den letzten Gang vorbereiten wolle«. Mit den Schrecken des jüngsten Gerichtes aber, die damals über die arme Sünderin trotz alledem nicht hereingebrochen sind, sollte erst Herr Mayer, der jüngste Richter, dienen, und er rief ihr gleich zu Beginn ihrer Vernehmung die Worte zu: »Sie stehen nach langen Irrfahrten vor Ihrem Richter. Bleiben Sie bei der Wahrheit!« Ich zitiere nach Gerichtssaalberichten, denen der § 19 bisher nicht widersprochen hat; es wäre immerhin möglich, daß in dem auf Kosten des Klägers angefertigten Protokoll der Satz ein wenig anders lautet und daß vor einem Richter, der nie irrt, auch eine Angeklagte gestanden ist, die nie Irrfahrten unternommen hat. Aber der Ton dürfte getroffen sein. Herr Mayer traf allerdings auch den Ton freiwilligen Humors. Und daß diesem weitester Spielraum ward, versteht sich von selbst bei dem fortwährenden Kommen und Gehen von beeideten Stubenmädchen, Zimmerkellnern und Gasthofbesitzern, die aus dem Salzkammergut herbeigeeilt waren, nicht um eine Ehebrecherin der Schuld zu überführen, sondern um vor Herrn Mayer deren Geständnis zu bestätigen. »Hat er seine Frau auch aufgefordert, in den See zu gehen?« Eine Köchin antwortet stotternd: »Ja, er hat sie gefragt, ob sie einverstanden ist, daß sie in den See geht.« Richter: »Sie war aber nicht einverstanden!« (Heiterkeit). – Richter zur Angeklagten: »Hat er Sie tatsächlich gezwungen, sich das Haar abzuschneiden?« »Ja, den ganzen Zopf. Was ich hier trage, ist falsches Haar.« Richter: »Es ist sehr unangenehm für Sie, daß Sie diesen Schmuck verloren haben, aber ich fürchte, daß dies nicht der einzige Schmuck ist, der Ihnen in jener Nacht in Verlust geraten ist.« Hier sprach dieselbe Delikatesse, die kein Rügewort fand, als aus dem Auditorium ein unflätiges Halloh den in den Saal getragenen Divan begrüßte, auf dem die sich unwohl fühlende Angeklagte – der eifervolle Richter hatte persönlich die Zögernde aus der Krankenstube geholt – Platz behalten durfte. Aber in Schimpf und Ernst sollte dieser Frau keine Demütigung erspart bleiben, und die Ehebrecherin erlitt, an den Pranger einer verhundertfachten Öffentlichkeit gepfählt, Torturen, welche ein Mittelalter, das bloß Daumenschrauben und nicht die Presse kannte, nicht zu vergeben hatte. Ein so seltenes Delikt mußte eben exemplarisch bestraft werden, und schon vor der Verhängung der grausamen Strafe von zwei Monaten. Der Richter verlas, nachdem das ehebrecherische Paar längst das Geständnis abgelegt, die Liebesbriefe, die sie miteinander gewechselt hatten, und jedes darin vorkommende »Liebe Mausi« weckte das Echo einer mit Entrüstung versetzten Heiterkeit. Dank einem schweren Eingriff in das Privatleben geständiger Angeklagter, der keinem Richter zusteht, schien endlich der Nachweis gelungen, daß Liebesleute einander nicht »Ew. Wohlgeboren« schreiben. Aus der Zeugenaussage eines Advokaten, mit dessen Hilfe die Angeklagte einst ihre Ehescheidung hatte durchführen wollen, erfährt Herr Mayer, daß schon lange vor der Verletzung der ehelichen Treue Verletzungen am Oberarm konstatiert wurden und daß der Gatte »die Mißhandlungen nicht in Abrede stellte«; als deren Grund habe er »vermögensrechtliche Dinge« angegeben: die Kränkung darüber, »daß seine Frau ihm nicht das Vermögen zugebracht habe, das ihm versprochen worden sei«; und »stand übrigens auf dem Standpunkt, er sei als Gatte berechtigt, seine Frau so zu behandeln«. Die Mehrzahl der Herren der Schöpfung, die, ach, so oft Herren der Zerstörung sind, mag diesen Standpunkt teilen. Und die Versicherung einer Frau, die Beziehungen zum Geliebten seien ihr »als der einzige Ausweg erschienen«, um aus der »elenden Ehe«, die der Gatte freiwillig nicht lösen wollte, herauszukommen – der Drang, ein Hörigkeitsverhältnis zu verlassen, könnte an sich schon die meisten ein Frevel dünken, der mit zwei Monaten Arrests nicht hart genug gestraft ist. Als Operettenrefrain ist ihnen Nietzsches Weisung, die Peitsche mitzunehmen, wenn sie zum Weibe gehen, geläufig; nicht aber Zarathustras: »Und besser noch Ehe brechen als Ehe biegen, Ehe lügen. So sprach mir ein Weib: Wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe mich!« Sie harren in Ungeduld des Ausganges, den der vorläufig vertagte Prozeß gegen den Gatten nehmen wird; daß ein ehrlicher Mann wegen solch unvermeidlicher Ausflüge aus dem ehelichen Schlafgemach ins nahe Dienstbotenzimmer zum Märtyrer werden könnte, wäre wirklich »nur in Österreich möglich«... Sonst würden der brutalen Männermoral unserer Tage ein Strafgesetz, das alles straft, und eine Exekutive, die eine Auswahl gestattet, gleichermaßen zusagen. Der berühmte Herr P., der an die Freunde gedruckte Einladungskarten zur Gerichtsverhandlung sandte, der die Zeitungen aufforderte, ehrenrührige Tatsachen aus seinem Privat- und Familienleben mitzuteilen, und der in sticklufterfülltem Saale die Heiligkeit seiner Ehe von einem Richter und acht Polizisten bewachen ließ, ist ihr erwachsenster Typus. Wäre die gesamte Wiener Presse so anständig wie die Neue Freie, die mit zehn vornehmen Zeilen über das Sensationsschauspiel hinwegging, würden alle Zeitungen gleich ihr sich die Verschweigung eines Ehebruchsprozesses mit dem Jahrespauschale des Bankvereins verrechnen lassen – der Schwiegersohn des Präsidenten war nämlich einer der Akteure –, man müßte gegen die Öffentlichkeit derartiger Prozeduren kein Bedenken tragen. Aber alle Erfahrung drängt zu einer gesetzlichen Reform, die richterlichen Losgehern auf dem Moralterrain Zügel anlegt. Nirgends ist Unbefangenheit schwerer zu bewahren, nirgends tritt Lebensunkenntnis oder Verbitterung des Richters leichter in Erscheinung als gerade hier, wo über Allzumenschliches verhandelt wird. Ich will den Donnerer, der neulich Jupiter taub machte, weder der übersättigten Erfahrung noch der freudlosen Unerfahrenheit in Dingen der Geschlechtsmoral zeihen, und fern liegt es mir, seine Persönlichkeit in eine Beziehung zu bringen, die der – natürlich wahnsinnige – König Lear zwischen einem Büttel und einer Buhlerin herzustellen wagt und an die man bei der Behandlung prostituierter Steuerzahlerinnen durch die Organe der Polizei immer denken muß. Ich wollte durch Anrufung Shakespeares nur irdische Richter, die irren können, und nicht Vertreter einer höheren, menschlichen Einflüssen entrückten Gerichtsbarkeit zur Selbstbesinnung mahnen und die schiefe und lächerliche Beziehung zwischen Kriminalität und Sittlichkeit treffen. Sittlichkeit und Kriminalität: Die große Gelegenheit, ihre Unverträglichkeit zu zeigen, ist der Ehebruchsprozeß. Der Typus der Frau, die zwar zu schön ist, um treu, aber auch zu gesetzeskundig, um untreu zu sein, lebt nur in einer einfältigen Doktrin. Deutsche Philosophen, die in den idealsten Höhen der Sittlichkeit gedacht haben, sind für die Ausscheidung des Ehebruchs aus dem Strafrecht und dafür eingetreten, daß der Frau die Scheidung erleichtert werde. Denn die Heiligkeit der Ehe würde, sobald sie aufhörte »Rechtsgut« zu sein, beträchtlich gemehrt werden. Sie wäre nicht mehr von jener unseligen Heuchelei beleidigt, unter der Menschen fortleben, die längst erkannt haben, daß sie, als sie »in die Ehe traten«, keinen andern »Fehltritt« mehr begehen konnten – man müßte denn das Heraustreten aus allen Dingen, in die einer auf der Lebensstraße treten kann, als Fehltritt bezeichnen ... Aber dies ist vom Standpunkt vergangener und hoffentlich kommender Zeiten gesprochen, nicht aus dem Herzen der Gegenwart. Sie ist beruhigt, ihre Ideale in gesetzlicher Hut zu wissen, und braucht sie darum nicht zu befolgen. Sie sehnt sich nicht nach Reformen. Eine Gesittung, die der zwischen Arbeitstier und Lustobjekt gestellten Frau gleißnerisch den Vorrang des Grußes läßt, die Geldheirat erstrebenswert und die Geldbegattung verächtlich findet, die Frau zur Dirne macht und die Dirne beschimpft, die Geliebte geringer wertet als die Ungeliebte, muß sich wahrlich eines Strafgesetzes nicht schämen, das den Verkehr der Geschlechter ein »unerlaubtes Verständnis« nennt. Die Sitte ist geschützt. Und die Sittlichkeit könnte arg überhandnehmen, wenn's nicht Verbote gegen die Unsittlichkeit gäbe. Unbefugte Psychologie Die Psychoanalytiker, der Auswurf selbst dieser Menschheit, ein Beruf, in dessen Namen schon die Psyche mit dem Anus verbündet erscheint, sind in Gruppen geteilt, die jede zur Vertretung ihrer Sonderart, Gott zu lästern, die Natur zu schänden und die Kunst zu erklären, ihre eigene Zeitschrift unterhält. Das »Zentralblatt für Psychoanalyse« und sonstigen Unfug brachte nun im 12. Heft des III. Jahrgangs auf anderthalb Seiten einen unbefugten Nachdruck von Aphorismen aus der Fackel, »die wir« – schrieb es – »hier ohne jede Polemik wiedergeben wollen«. Schade. Unter den Aphorismen, die so in die Umgebung der besten Scherze aus der psychoanalytischen Ordination kamen, befanden sich auch Sätze, denen füglich selbst der psychoanalytische Wahnwitz keine Beziehung zu seinem Problem imputieren könnte. Worte wie: »Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen« waren unter dem Titel »Aphorismen über die Psychoanalyse« wiedergegeben. Aber warum soll man, wenn schon einmal die Libido zum Nachdrucken erwacht ist, sie verdrängen und nicht den ganzen Komplex von Aphorismen glatt herübernehmen? Einen autorrechtlichen Schutz gegen eine Verstümmelung des Gedankens, die den Text schont, gibt es nicht und so blieb nichts übrig, als das Eigentumsrecht an dem Text zu reklamieren und den Seelenforscher auf das Titelblatt der Fackel zu verweisen. Er berief sich mit scherzhafter Entschuldigung darauf, daß er »immer auf das Innere losgehe und die äußere Hülle vernachlässige«. Aber diese psychoanalytische Gründlichkeit, die an und für sich ein Fehler ist und nur gegen wehrlose Patienten angewendet wird, macht hier umso weniger straffrei, als der Vermerk »Nachdruck verboten« auch wiederholt im »Innern« zitiert und besprochen war, und es bedürfte weder der Beachtung des Umschlags noch des Vermerks selbst, um von Anstands und Gesetzes wegen einen Nachdruck, um dessen Erlaubnis nicht angesucht wurde, zu einem unerlaubten zu machen. Dies hat der Herausgeber des »Zentralblatts«, der immerhin einsah, daß man nicht zu stürmisch auf das Innere losgehen dürfe, zumal wenn es nicht einem zahlenden Neurotiker zugehört, auch verstanden; er bat scherzhaft um eine »angemessene Strafe« und erklärte sich bereit, den für den unbefugten Nachdruck verlangten Betrag einem »philanthropischen Zwecke« zuzuführen. Die angemessene Strafe hätte sich am besten in der Wahl des Zwecks ausgedrückt: wenn ich mich etwa für einen Kinderschutz-Verein oder auch für einen zu errichtenden Fonds zur Unterstützung verarmter Opfer der Psychoanalyse entschieden hätte. Von solcher Härte wurde indes Abstand genommen und nicht so sehr auf Strafe als auf ein Nachdruckshonorar erkannt, welches mit 50 Kronen – schon mit Rücksicht auf die odiose Umgebung der nachgedruckten Aphorismen – gewiß nicht zu hoch bemessen erschien. Der Herausgeber des Zentralblatts wurde hierauf vom Rechtsanwalt aufgefordert, diesen Betrag abzureagieren, der, wie ihm mitgeteilt wurde, für Frau Else Lasker-Schüler bestimmt war, für jene Dichterin, die, wiewohl sie weit mehr für die Menschheit leistet, mit ihren eigenen Träumen auch nicht annähernd so viel verdient als ein Psychoanalytiker mit fremden. Soweit wäre die Sache in Ordnung. Unerledigt bleibt eine Angelegenheit, die der Herausgeber des »Zentralblattes für Psychoanalyse« am Schlusse seines Briefes ohne mein Hinzutun berührt: ... Zugleich erlaube ich mir Ihnen eine Arbeit einzusenden. Eine flüchtige Einsicht wird Sie überzeugen, daß ich mich gegen die großen Gefahren und Fehler der Psychoanalyse nicht verschließe . Ich habe mich auch bemüht, die lächerlichen Übertreibungen zu mildern und schließlich von der Analyse nur den Weg zu behalten und nicht die Methode. Die Parteiungen innerhalb jener Menschenklasse, die der Psychoanalyse aktiv oder passiv – was zumeist auf dasselbe hinausläuft – zugänglich ist, interessieren mich wenig. Es ist klar, daß bei den intellektuellen Bestrebungen alles so ausgehen muß, daß immer einer noch gescheiter ist als der andere. Die Psychoanalyse – dieses neueste Judenleid, denn die älteren Patienten haben noch Zucker – kann von mir nur als ganze betrachtet werden, jedoch, trotz aller Terminologie, nicht als die Wissenschaft, sondern als die Leidenschaft der zu keiner andern mehr fähigen Generation. (Diese Wendung ist mit Recht doppelsinnig: die Generation ist weder zu einer andern Leidenschaft noch zu einer andern Generation fähig.) Die ganze Richtung paßt mir sehr, weil sie dorthin führt, wohin der Mist gehört. Psychoanalytiker sind immer zugleich Ärzte und Patienten, und sie können als Ärzte geheilt werden. Auch das gelingt nicht immer. Wenn aber solche Bekenner vor mit mit der Versicherung brav tun, daß sie »nur den Weg« beibehalten haben, so zeigt das, wie schlechte Psychologen die Psychoanalytiker in Wahrheit sind. Nicht nur weil sie glauben, daß ich für Nuancen innerhalb der unbefugten Seelenforschung Verständnis habe, sondern auch weil sie mich überhaupt Kaptivierungsversuchen zugänglich wähnen. Aber weder, daß einer dem Professor Freud abtrünnig wird, noch daß er mirs mitteilt, kann ihn mir sympathischer machen, und die Versicherung, daß er »ein eifriger Leser der Fackel« sei und als Hörer – er ist auch Hörer, ich höre – eine meiner Ausführungen »treffend« gefunden habe, könnte bei mir viel eher schaden als nützen, wenn nicht auch ich immer auf das Innere losginge und dieses schon wertlos genug fände. Wiewohl ich nun viel zu tun habe und eigentlich einer eingesandten Arbeit prinzipiell mißmutig gegenüberstehe, muß ich doch zugeben, daß das Anstreichen von Stellen eine gewisse Erleichterung bietet, für die ich dankbar bin, ohne jedoch selbst durch solche Gefühle mein Urteil beeinflussen zu lassen. Eine flüchtige Einsicht überzeugt mich zunächst und hauptsächlich davon, daß das Deutsch, in welchem diese Leute ihre Ordinationswitze vorbringen, eines ist, das von schlecht verdrängten Jugendeindrücken wimmelt. Wie aber die Psychoanalyse aussieht, wenn man ihre lächerlichen Übertreibungen mildert und – im Januar – von ihr nur den Weg behält und nicht die Methode, zeigen jene »Beobachtungen«, die im Septemberheft des »Zentralblattes« meine Aphorismen umgeben. Ein Herr berichtet dort mit vollem Namen – Psychoanalytiker bleiben nie anonym – »zur Psychologie der Kinderstube«. Der Mann heißt – und das gehört in meinen Traum von der Psychoanalyse – Niedermann: Nachdem an einem Morgen meine Frau umsonst nach dem Nachttopf meines 5?jährigen Töchterchens gesucht hatte, wurde es selbst nach dessen Verbleib gefragt. Es holte den Topf hinter dem Ofen hervor und erklärte: »Ich habe ihn versteckt, damit ihr ihn nicht ausleert. Dann mache ich immer mehr hinein, und dann wird er immer voller. Er soll einmal so voll werden wie der eurige. « Soviel aus Kindermund. Soviel zu der Anschauung, die die Not der Seele aus Drang und Sehnsucht des Kindheitslebens erklärt. Aber diese Wissenschaft, die sich nicht geniert, die Geheimnisse der eigenen Kinderstube zu lüften und in diesem besondern Fall sogar umsonst nach dem Nachttopf sucht, während sie gemeiniglich viel Geld dafür verlangt, sie umfaßt mit empirischem und ökonomischem Elan das ganze Menschenleben von der Wiege bis zum Grabe. Über einen interessanten Fall von Nekrophilie aus seiner Praxis – interessant durch ein »determiniertes Versprechen« – weiß der Herausgeber des »Zentralblattes« persönlich auszusagen: Ein Kranker, der an nekrophilen Instinkten leidet, sagt: Ich werde beute beim Friedhof speisen. Das Restaurant heißt aber Riedhof . Damit erscheint das Versprechen nur oberflächlich motiviert. Sehr wohl. Denn so witzig das Unbewußte eines Nekrophilen schon sein mag, ausgerechnet den Scherz dürfte eher das Bewußte des Arztes gemacht haben. Aus dem weiteren Materiale ergibt sich folgender Zusammenhang: Er interessiert sich für eine Dame, von der er weiß, daß sie von Dr. Samenhof, dem Erfinder des Esperanto , der Augenarzt ist, behandelt wird. Er hatte plötzlich den Gedanken, daß Dr. Samen hof der Dame den Hof machen würde. Ein ganz unmotivierter Gedanke, der nur sein latentes Mißtrauen und seine Eifersucht verrät. Wenn er sie bei einer Untreue ertappen würde, so wäre das ihr Tod. Sicher der Tod seiner Liebe. ( Friedhof !) Der Name Samenhof ergibt weitere Assoziationen. Er leidet unter der Angst steril zu sein. Er untersuchte seinen Samen und fand lebende Spermatozoen. Aber er ist ein Zweifler . Er kann sich ja geirrt haben und sein Samenhof ist nur ein Friedhof. Er dachte an die Möglichkeit der Gravidität dieser Dame, die ihm aus ökonomischen Gründen unangenehm wäre. Nun möchte man Atem holen und meinen, der Weichselzopf sei zu Ende geflochten. Nun juckt uns schon allen, die wir suggestibel sind, die Kopfhaut. Nun möchte man glauben, der liebe Gott sei schon müde, eine Welt erschaffen zu haben, deren Bewegung ein Dreh ist. Aber es ist wohl nur mein Widerstreben gegen eine gesunde Psychologie, und dieses Widerstreben ist verdächtig. Die Analytiker rufen hinter jedem, dem es vor ihnen graust: »Aha, der bekannte Widerstand!« Denn Harmonie hat vor dem Mißklang etwas zu verbergen. Haß macht sich verdächtig, wenn er sagt, daß Liebe nicht von den Filzläusen komme. Ich bin ein Neurotiker, der den Arzt fürchtet: das bekannte Symptom! Vor der Psychoanalyse gibt es kein Entrinnen; ich gebe es zu. Der Zweifler schützt sich vor dem Glauben. Wer aber rettet sich vor dem allumfassenden Zweifel? Das einzige, was ich bewußtermaßen von der Psychoanalyse zu fürchten habe, ist unbefugter Nachdruck. Gewiß, aber wer garantiert für mein Unbewußtes? Davon weiß ich ja nichts, davon wissen nur die Psychoanalytiker. Die wissen, wo das Trauma begraben liegt, und hören das Gras über einem Komplex wachsen. Diese Zwangshandlungsgehilfen sind überall zur Stelle; sie haben sich die Fälle Grillparzer, Lenau und Kleist nicht entgehen lassen, und vor Goethes Zauberlehrling waren sie nur uneinig, ob hier Masturbation oder Bettnässe »sublimiert« sei. Sage ich ihnen, daß sie mich gern haben können, so habe ich eine anale Zone. Kein Zweifel, sagen die Zweifler, mein Kampf ist die Auflehnung gegen den Vater, und das Inzestmotiv lauert hinter jeder meiner Zeilen. Der Schein spricht gegen mich. Vergebene Mühe, meine Alibido nachzuweisen – sie haben mich erwischt! Grüßt einer – ich bitt Sie heutzutag – einen Leichenzug, so ist er nicht religiös oder taktvoll veranlagt, sondern nekrophil. Ist einer aber nekrophil veranlagt, so höre man, was sein Unterbewußtsein für Stückeln spielt: Doch das Versprechen hat auch Beziehungen zu mir. Er fragte mich, was das zu bedeuten habe, er leide unter der Zwangsvorstellung, sogar einem Zwangsimpuls, mir und anderen Männern die Hand zu küssen. Das Restaurant Riedhof läßt auf Bezichungen zur Mundzone schließen. Vor einigen Tagen hatte er die Phantasie, er mache einem Manne eine Fellatio! Gestern bestellte er im Restaurant unvermutet Kaviar ! (Samen der Fische!) Dann einen Hering ! Asonderliche Gelüste, die er sich nicht erklären konnte. Sein Mund soll ein Friedhof sein, er will die Spermatozoen vernichten. (Fellatio!) Jetzt gesteht er, er wollte mir gestern ein Geschenk kaufen. Eine Ausgabe von Eugen Dühring in Esperanto. Er verspricht sich wieder, denn er meint Albrecht Dürer . Dühring ist ihm aus einem Werke bekannt: Der Ursprung der Syphilis . Die Syphilis ist ihm aber ein Symbol des Verbotenen, Schmutzigen, also auch der Homosexualität . Er will mir seine Liebe erklären und zwar in der mir unbekannten Sprache des Dr. Samenhof. Weitere Determinationen müssen hier entfallen. Schade. Es ist eben schon die gemilderte Psychoanalyse. Man hätte sonst mehr über diese Wissenschaft erfahren, und welche Kalauer das Unbewußte der Patienten noch machen kann, wenn der Arzt in seinen freien Stunden Feuilletons und Ischler Plaudereien schreibt. Man hätte, um eine seiner Wendungen zu gebrauchen, erfahren, was »am Grund der Seele wohnt«. Denn es ist identisch mit allem, was am Alsergrund wohnt. Ich kann mich mit dieser Gegend nicht verständigen. Die Sprache des Dr. Samenhof ist auch mir unbekannt, aber wenn man es mir auf psychoanalytisch sagt, so bekomme ich eine Neurose. Ich leide unter dem Zwangsimpuls, manchen Menschen nicht die Hand zu küssen, sondern einen Fußtritt zu geben. Denn die Iphigenie ins Esperanto zu übersetzen, ist bloß der Versuch von Kaufleuten, die wissen, daß es in dieser Welt auf schnelle Verständigung zwischen Angebot und Nachfrage ankomme. Aber die Iphigenie ins Psychoanalytische zu übersetzen, ist der Versuch der Reblaus, neben der Sonne in Ehren zu bestehen, wenns einen guten Wein gilt. Ausgerechnet den siebenten Tag, an dem Gott der Ruhe pflegt, benützt der Analytiker, um zu zeigen, daß die Welt nicht von jenem sei. Er kann nicht anders. Er unterscheidet sich vom Teufel dadurch, daß er von Gott nicht abfallen kann, ohne ihn zu leugnen. Nur so kann er, was nicht vorhanden ist, behaupten: sein Ich. Helden und Heilige darfs nicht geben, weil sonst am Ende der Schleim lebensüberdrüssig würde. Das Weibmaterial, das in einer Zerfallszeit nicht mehr imstande ist, Anmut zu bilden, fliegt in der Welt herum und taugt eben noch, sich am Manne zu rächen. Das Weib analysiert den Mann, die Intelligenz den Geist, immer sie, weil sie nicht ist wie er. Und ihre Rache heißt: er sei wie sie. Dies ist die wahre und einzige Psychoanalyse, die ich bekenne: Das verschmähte Femininum, nicht mehr tauglich, den Mann anzuregen, überträgt den tiefgekühlten Mangel auf ihn und ruft ihn beim eigenen Namen. Ein Echo, das nicht mehr antwortet und darum glaubt, die Stimme sei sein Echo. In der dem Schöpferwillen zuwiderlebenden Entwicklung, im jüdischen Lauf der Weltdinge, dringt die Schwäche immer sieghafter ins Gebiet der Kraft vor. Sie weiß mit Intelligenz Bescheid, wie man ans Ende aller Tage kommt. Wenns der Journalismus nicht erreicht hat: ihr letzter, bis zur Verzweiflung hoffnungsvoller Aufstand heißt Psychoanalyse. Den unbewußt erliegenden Scheinmächten Staat und Kirche geschieht kein Unrecht. Und Hauptmann dankt Breslau, 13. Juni. Die »Schlesische Zeitung« bringt die Nachricht, daß der Kronprinz als Protektor der Breslauer Jahrhundertausstellung sich nach der Lektüre des Hauptmannschen Festspiels darüber in entschiedener Weise ablehnend geäußert habe. Die »Schlesische Zeitung« hat auch Anlaß anzunehmen, daß der Kronprinz die zuständige Instanz von seiner Auffassung in Kenntnis gesetzt habe und daß er bereit sei, die Konsequenzen zu ziehen. Hauptmann darf sich über diesen Tadel mit dem Bewußtsein trösten, daß er, indem er die Sympathien der Reaktionäre sich verscherzt, diejenigen aller Unabhängigen und Freigesinnten im Lande sich erworben hat. Wenn er auch durch seine dichterische Leistung wieder einmal enttäuscht hat, so hat er doch durch seine Gesinnung die Erwartungen gerechtfertigt, die man auf den Dichter der » Weber« setzen durfte und man muß es ihm danken, daß er ... auch als Verfasser eines vaterländischen Festspieles ein aufrechter Mann geblieben ist. Wenn Gerhart Hauptmann, nachdem er alle an ihn gerichteten Telegramme sämtlicher Lese- und Redehallen, Monistenbünde, Kultusgemeinden und Gesinnungsgremien persönlich beantwortet hat, die Situation überblickt und dann nicht zu der Einsicht kommt, daß die Unzufriedenheit des Kronprinzen seiner Künstlerwürde weniger nahetritt als die Zufriedenheit des Paul Goldmann, dann müssen wir ihn wohl aufgeben. Dann liegt der Fall vor, daß einem edlen Dichtertum die Kraft gefehlt hat, sich ohne die peinlichste Gemeinsamkeit zu behaupten und jenen erhabenen Mangel an Gesinnung zu bewähren, der jede Verbindung mit liberalen Journalisten unerträglich macht. Dann ist entweder eine von Kunst nicht ganz gedeckte Menschlichkeit von der Phrase gekapert worden oder ein vom Leben verlassenes Artistentum sucht, wie jener Fichtenbaum an die Palme, Anschluß an die Politik. Die zweite Wendung ist die Normalkatastrophe des großstädtischen Literatentums; Hauptmanns Fall dürfte das naivere Schicksal sein. Hier wie dort empfängt die Gesinnungstüchtigkeit einen verlorenen Sohn mit offenen Armen, freut sich, daß er nicht mehr »l'art pour l'art« treibe und hält Gott, der es weiterhin ablehnt, statt Menschen Politiker zu erschaffen, für einen unverbesserlichen Ästheten. Hauptmann war so sehr Dichter, daß selbst ein Gesinnungsstoff wie der der »Weber« ihn nicht in die Gefahr bringen konnte, Gesinnung zu haben. Weil aber das kunstfremde Pack nichts außer dem Stoff schmeckt, so zog sich Hauptmann durch sein Hungerdrama die Sympathie der Goldmänner zu, die er sich später durch stofflich unsoziale Dichtungen bis zum Haß entfremdet hat. Dasselbe Verstandesbewußtsein, das immer bis irgendwohin noch mitgeht, jedoch nicht so weit, um einem Dichter eine Dichtung nicht übelzunehmen, und das »Pippa« und die »Ratten« mit den Eierschalen seines faulen Witzes bewarf, klopft jetzt dem Dichter für einen Beweis seiner Verständlichkeit auf die Schulter – und Hauptmann dankt. Der Mensch Gerhart Hauptmann bringt es über sich, den »Aufrecht- und Geradegesinnten«, bei denen alles bis auf die Nase aufrecht und gerade ist, die Hand zu drücken, die ihn für die Bekenntnisse heiliger Herzensnot geschlagen hat. Wenn dieser Fall nicht anzeigt, wo wir halten und wohin wir im Siegeslauf der Phrase, die Gott, Kunst und Menschenwert wie ihre schäbigen Bollwerke erobert, gelangen werden, dann hat die Phrase alle, die's noch merken konnten, blind und taub gemacht. Könnte man noch lachen, dann müßte man's vor dem Opfermut eines Dichters, in dessen Werke, dort, wo es ging, das Gesindel so viel Gesinnung gelegt hat, daß er sich endlich entschließt, sie zu haben. Er hört noch auf Reden und spricht nur mehr im Ton von Dringlichkeitsanträgen des Fortschritts gegen die Reaktion. Er hofft, daß es »den Fängen der Parteipolitik nicht gelingen wird, das Antlitz der Wahrheit unkenntlich zu machen:« aber es ist nur die andere Partei gemeint und daß die eigene das Antlitz der Kunst unkenntlich mache, ist nunmehr politische Nebensache. Er merkt gar nicht, warum er so viel neue Freunde hat. Sie protestieren mit der einen Hand dagegen, daß sein Festspiel »statt vom künstlerischen vom politischen Standpunkt« kritisiert werde, und preisen mit der andern die Tendenz, die sie für die künstlerische Wertlosigkeit entschädigt. Politik ist ihrem Künstlersinn verhaßt, wenn sie die andern treiben: über die Mängel der Kunst hilft ihnen die Gesinnung, die sie selbst haben. Die Konservativen sagen, das Stück sei schlecht; darauf antworten die Liberalen mit Recht, das sei Politik, und finden das Stück gut, weil die andern sagen, es sei nur liberal. In solche Diskussion hat sich ein Dichter begeben. Er stellt seinen Kopf unter, wenn Biergläser fliegen. Er ist vom Geist zu den Intellektuellen übergetreten, und ehe er ins Volksbewußtsein einging, kam er in die Volksversammlung. Jetzt hat er ein paar tausend Freunde, weil er keinen hatte, der ihn verwundert ansah, als er den Antrag des Breslauer Magistrats zur Abfassung eines patriotischen Festspiels annahm. Der ihn fragte, ob er denn die Anreger nicht die Treppe hinuntergeworfen habe. Gerhart Hauptmann hört nicht, daß seine Freunde den Breslauer Magistrat an den »Auftrag« erinnern, den er dem Dichter gegeben habe, »das Stück zu dichten« – er hört nur das Lob seiner liberalen Gesinnung. Und Hauptmann dankt. Sie berufen sich auf den deutschen Geist und auf das bürgerliche Gesetzbuch. Er aber hat sich einem Zweck attachiert, und es gibt keinen Respekt vor dem Geist, wenn es die Frage gilt, ob die Leistung dem Zweck entspreche. Ein Dichter dürfte eher Schuhe als Festspiele liefern, und der Auftraggeber hätte das Recht, ihn einen schlechten Schuster zu nennen. Es hat Zeiten gegeben, in denen die Anregung des Bestellers die Inspiration durch den Genius nicht ausschloß. Gerhart Hauptmann mußte wissen, daß man für heutige Breslauer nicht Verse schreibt und daß das Ergebnis weder den Lieferanten, der aus einer toten Region seines Geistes schöpft, noch den Besteller befriedigen werde. »Nicht weniger als fünfmal«, heißt es, »hatte er die Mitteilung an den Magistrat von Breslau gelangen lassen, daß er das Festspiel lieber nicht schreiben wolle«. Wie kann ein Dichter etwas lieber nicht schreiben« wollen, anstatt es lieber nicht zu schreiben? Wenn ein Festspiel gemacht werden soll, so hat der Dichter der »Weber« den Herren Lauff und Glücksmann nicht das Brot wegzunehmen, und wenn er fünfmal abgelehnt hat, umso schlimmer für ihn, daß er das sechstemal angenommen hat, anstatt dem Magistrat von Breslau zu sagen, er möge ihn gern haben und zu Ehren des Vaterlandes die Pippa aufführen. Er muß sich jetzt den Hinauswurf gefallen lassen, den er damals unterlassen hat. Aber er sollte ihn nicht für eine schwerere Kränkung halten als die Einladung, die ihm widerfuhr. Wenn er sie angenommen hätte, um ins deutsche Heim, weil wir grad so gemütlich beisammen sind, revolutionäre Gesinnung einzuschmuggeln, wär's eine Taktfrage. Von der Familie Honorar zu nehmen, um gegen sie im Geburtstagsgedicht zu polemisieren, ist vielleicht auch Vertrauens- und Vertragsbruch. Gerhart Hauptmann hat nicht sich vor dem Magistrat und den Magistrat nicht vor sich gewarnt und ist nun empört darüber, daß der Magistrat hereingefallen ist. Junker und Pfaffen sind nun einmal Junker und Pfaffen. Bürger sind Bürger und wollen ein Festspiel. Aber ein Dichter ist kein Dichter, wenn er es schreibt, und ein Festspiel, das er schreibt, ist kein Festspiel. Kriegervereine, die schließlich mehr Daseinsberechtigung haben als Journalistenvereine, Veteranen, die vielleicht ehrlichere Leute sind als Rezensenten, wollen es nun nicht vertragen, daß ihnen zur Feier der Freiheitskriege unter Beweis gestellt wird, daß der Krieg Mord sei, und daß man ihnen mit historischen Enthüllungen über den König von Preußen eine Begeisterung ausreden möchte, die nun einmal da ist und nur etwas Reizung durch poetischen Klingklang gebraucht hat. Solch vorhandenes Pathos, das von dem schlechtesten Vershandwerker am besten bedient wird, steht immer noch über dem Kunstgefühl von Tinterln, die von einem »geschändeten Kunstwerk« sprechen, wenn Besteller sich darüber beschweren, daß ihnen die falsche Tendenz geliefert wurde. Die journalistische Intelligenz, die nicht imstande ist, diesen einfachen Sachverhalt zu erkennen, macht sich über Kriegerverbände lustig, deren jüngstes Mitglied, das noch keine Schlacht mitgemacht hat, immerhin das Verdienst hat, noch keinen Kriegsbericht geschrieben zu haben. ... Auch Max Reinhardt befindet sich, was selbstverständlich ist, auf Seite der Opposition. Er ist gewillt, des Dichters Widersachern, die zugleich seine eigenen sind, ein Scharmützel zu liefern; er hat den gesamten Festspielfundus aufgekauft und wird das Spiel in Berlin, in seinem Hause zur Aufführung bringen. Man darf gespannt den Hindernissen entgegensehen, die man der Verwirklichung dieses Gedankens in den Weg rollen wird. Was wird alles mobil gemacht werden, Zensur und Kriegerverbände und Jägerwäsche und Veteranenkapellen; aber hoffentlich ist Reinhardts Energie auch diesmal stark genug ... Er wird sich opfern für die reine Kunst. Er wird, wiewohl er im Bankfach aufgewachsen ist, ein Scharmützel liefern, als ob er einer vom Kriegerverband wär. Er hat, weil er im Bankfach aufgewachsen ist, schon jetzt kein Opfer gescheut und den ganzen Fundus aufgekauft. Nichts wird er davon haben außer hundert volle Häuser. Aber er darf sich die Generalregie der Freiheit, diese ganze Müller-Meiningerei nicht entgehen lassen. Freiheit zieht, aber Freiheit mit Zensur zieht noch besser. Bis dahin hagelt es Kundgebungen. Die Ratten des Freisinns sind los. Alles, was fortschreitet und freimauert, alles, was Fahnen hat und Resolutionen anzettelt, ist zur Stelle. Aus Prag kommt eine sensationelle Meldung: Die Lese- und Redellalle deutscher Studenten hat an Gerhart Hauptmann ... eine Zuschrift gerichtet, in welcher es heißt: « ... Und so drückt Zorn und Empörung uns die Feder in die Hand. Wir, auf deren Fahnen die Freiheit des Geistes und der Wissenschaft geschrieben steht und die wir in einem Lande leben, wo Haß und Heuchlertum gar manche häßliche Erfolge zu zeitigen vermochten, wir fühlen mit Ihnen. Wir wissen, was es bedeutet, wenn falsche Unterwürfigkeit und launische Willkür ungebärdiger Höflinge die Wahrheit in den Staub zu zerren vermag. Doch zu herbstem, bitterstem Ingrimm wächst unser Unmut, wenn wir vernehmen, daß gerade Gerhart Hauptmanns Kunst, dieses von dem stillsten, zurückgezogensten Dichterfürsten dem Vaterlande geweihte Werk Niedrigkeit und Unverstand zu weichen hatte.« Die Lese- und Redehalle richtete in Gerhart Hauptmann die Einladung, in Prag einen Vortrag zu halten. Und Hauptmann dankt. »Mögen Sie nie alt werden in dem, worin Sie jetzt so erquickend jung sind.« Der Ausschuß der Lesehalle hat diesen Dank Hauptmanns durch Anschlag ans Schwarze Brett zur Kenntnis der Mitgliedschaft gebracht. Auch das wird telegraphiert. Gerhart Hauptmann wird wohl den Vortrag halten. Auch ich habe dort einmal einen Vortrag gehalten und ich weiß, was es bedeutet, wenn Jugend, die nicht falscher, nur echter Unterwürfigkeit fähig ist, mich in der Pause um hundert Autogramme anbettelt, meinen Namen in das Goldene Buch des Vereins einträgt, mich stürmisch zu einem zweiten Vortrag auffordert, und wenn dann die Freiheit des Geistes zaghaft wird, zurückweicht, sich davon schleicht wie die Bürger im »Egmont«, und sich nicht traut, den gewünschten Vortrag zu veranstalten, weil der zweitzurückgezogenste Dichterfürst, der Hugo Salus, etwas dagegen hat und weil deutsch gesinnte Jünglinge in einem Lande, wo Haß und Heuchlertum – bei den Tschechen! – gar manche Erfolge zu zeitigen vermochten, auf die Gefahr aufmerksam gemacht wurden, daß es ihnen in der Karriere schaden könnte. Es dürfte noch viel Schmalz aus einer Redehalle fließen, ehe Gerhart Hauptmann den Braten riecht. Der »Akademische Verband für Literatur und Musik« in Wien, eingedenk der Hermann Bahr-Feier und der »akademischen Traditionen von 1813«, begrüßt ihn. Und er dankt allen Geradegesinnten, die, wie er sich schon parlamentarisch ausdrückt, »in Breslau noch immer die erdrückende Mehrheit bilden«, »allen aufrecht gesinnten Herren« und besonders dem Herrn Ablaß – die Männer der fortschreitenden Entwicklung heißen in der Regel Zulauf und Ablaß –, und er versichert ihnen, daß die Ehrenstellung, die ihm der Liberalismus eingeräumt hat, identisch sei mit einer »Mission, die ihm das Fatum zuteilt«. Sein Wahlspruch sei: »Geh deines Weges gerade, schenken wird sich dir Gnade«. »Womit ich aber«, fügt er hinzu, »nicht die Gnade von irgend Jemand außer Gott meine, der allein sie zu vergeben hat.« Und Gerhart Hauptmann wähnt, daß er auch mit diesem Bekenntnis liberalen Ohren imponieren werde. Bis zu der Ablehnung kaiserlicher Gnade gehen sie noch mit, aber die höhere lehnen sie selbst ab. Gerhart Hauptmann will trotz seinem Gottesglauben Fortschrittsmann werden und er merkt nicht, daß sie bedenkliche Gesichter machen und ihn nur in die Fraktion aufnehmen wollen, wenn er auch den Gottesglauben draußen läßt. Gott? Nich zu machen. Er telegraphiert etwas von der »Nacht des mittelalterlichen Wahnsinns:« Redner wird beglückwünscht. Oskar Blumenthal richtet im »Berliner Tageblatt« folgendes Gedicht an Gerhart Hauptmann: Du solltest zur Jahrhundertfeier / Aus Versen winden einen Kranz. / Entklingen sollte deiner Leier / Der Freiheitskriege Not und Glanz. / Doch mußte dir dein Werk mißlingen, / Weil du verkannt hast deine Pflicht: / Die Kriege durftest du besingen – / Die Freiheit nur, die Freiheit nicht. Welch ein Kämpe! Dieser ausgewitzte Kulissenonkel – Moritz Arndt ist ein Börseaner gegen ihn – stellt traun noch immer seinen Mann. Er hat vielleicht noch die Premiere von »Vor Sonnenaufgang« mitgemacht, wo die aufrechten Männer, die gerade und richtiggehenden Berliner eine Geburtszange schwangen. Und Hauptmann hofft im Stillen, daß er seinen Gott doch durchdrücken werde. Und er, der »Hannele« geschrieben hat und die Verse der Engel, dankt. Die Ratten sind über ihn gekommen. Er dankt den Monisten, denselben, die aus einem Arndt'schen Lied Gott entfernt und durch Haeckel ersetzt haben. Gott gebe, daß die nächste Dichtung, die Gerhart Hauptmann wieder auf eigenes Geheiß schreibt, nicht ihren Besteller, wohl aber seine Gratulanten enttäuscht! Untergang der Welt durch schwarze Magie Ich habe Erscheinungen von dem, was ist. Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Ist das keine Kunst? Zauberer sind die andern, die das Leben in die Mückenplage verwandelt haben. Und der Mücken werden immer mehr. Oft kann ich sie nicht mehr unterscheiden. Tausend habe ich zu Hause und komme nicht dazu, sie zu überschätzen. Bei Nacht sehen sie wie Zeitungspapier aus und jedes einzelne Stück lacht mich an, ob ich nun endlich auch ihm die Verbindung mit dem Weltgeist gönnen wolle, von dem es stammt. Gegen die Plage dieser Ephemeren gibt es keinen Schutz, als sie unsterblich zu machen. Das ist eine Tortur für sie und für mich. Doch wachsen sie nach und ich werde nicht fertig. Finde ich da ein Stück: Man hat ihn mit Geschenken, Blumen, Reden gefeiert. Die Vertreter der Stadt und des Landes, das Zivil wie hohe Offiziere wetteiferten darin, diesem Jubilar zu zeigen, daß so redliche Tüchtigkeit nicht nur Ehre, sondern auch herzliche Zuneigung einbringt. Was war das nur? Warum habe ich das aufgehoben? »Man hat ihn ...«: dieser Ton muß einer Feier gelten, die schon etwas Selbstverständliches hat. Was kann es nur sein, wobei Stadt und Land, Zivil und Militär wetteifern? Grillparzer? Der Ausschnitt ist doch nicht so alten Datums, und damals hat man sich noch nicht so ins Zeug gelegt für die Jubilare. »Herzliche Zuneigung:« das würde für Alfred Grünfeld sprechen, aber da gibts keine Vertreter des Landes. »Redliche Tüchtigkeit:« für Schnitzler, aber da rückt wieder das Militär nicht aus. Auch dürfte es sich nicht um einen der Fünfziger handeln, die heuer wie falsches Geld herumlaufen, sondern eher um einen, der seit fünfundzwanzig Jahren – ich weiß es nicht, aber man sollte mir helfen. Man muß doch schließlich schon viel besser als ich wissen, wem ein verlorener Tonfall gehört. Ich habe die Übersicht verloren. Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen: So haben die Wiener einen ihrer titanischen Kaffeesieder gefeiert. Denn inzwischen ist ein Geschlecht von Epigonen nachgewachsen, und denen wird auch schon gehuldigt. Ich sehe zum Beispiel irgendwo ein Bild: ein Ehepaar. Er ein Charakterkopf. Darunter steht – wie eben immer die Tat, die den Mann berühmt gemacht hat, mit einem Schlagwort, gleich unter dem Bild und vor der eigentlichen Biographie, umrissen wird: Cafetier Anton Stern, der Besitzer des Wiener Café Prückl, und seine Gattin, die in eigenen Autos die Gäste gegen Erlag einer Krone in ihre Wohnungen führen lassen. Ja, so hat er ausgesehen, das hat er vollbracht; ein Blick, und man übersieht ein Leben und ein Werk. Überall Bild und Wort zur Feier genialer Initiative. Aber das Wort klingt wieder anders. Gibt es da noch Varianten? Fest steht: er hat den Gedanken gehabt, die Gäste gegen Erlag einer Krone – – Endlich der vertraute Hinweis: »Heuer zaubert er ...« Nämlich aus den Souterrainlokalitäten das Schmuckkästchen hervor, weiß schon weiß schon. Wo ich hinschaue, lese ich und sehe ich das jetzt. Das ist eine Welt von Taten und Tönen, die mich vollends bezaubern würde, wenn ich nicht neben mir die Stimme des Advokaten hören müßte, der mir fortwährend zuraunt: Aber das weiß doch so jeder Gebildete, daß das bezahlt ist! Oder: Wissen Sie sich keine ärgere Ibel zu beleuchten? Harden hat doch greßere Themas ... Nun weiß ich ja nicht, ob die Fähigkeit, solche Stimmen zu hören und gleich mitklingen zu lassen, wenn ich die Gefahr eines Cafetiers überschätze, mir nicht doch endlich als das größte Thema angerechnet werden wird. Fast glaube ich, daß ich nie einer Gesellschaft, die Einwände erhebt, begreiflich machen werde, daß der Einwand die Überschätzung erst berechtigt, ja mit dem Übel selbst übereinstimmt, und daß der Zeuge identisch ist mit dem Täter. Denn diese Gesellschaft läßt sich nur das begreiflich machen, was sich begreiflich machen läßt, aber ihre eigene Unbegreiflichkeit, die ein Motiv künstlerischer Ahnung ist, entzieht sich ihrem Verständnis. Der Advokat soll und darf den für irrsinnig halten, der dabei bleibt, daß der gesamte Balkan viel unwichtiger ist als eine einzige Kaffeesieder-Annonce. Der Advokat ist da des Einwands überhoben, daß man ein Ästhet sei, wenn man die Politik für unwichtig hält. Ist man denn ein Ästhet, wenn man sich statt für gute Luft und schöne Linie für das Heiratsangebot eines Budapester Spezialarztes interessiert? Es ist so furchtbar schwer, sich mit Leuten, die ihre fünf Sinne beisammen haben, zu verständigen. Lassen wirs. Dem letzten Tier, das jetzt den Ehrgeiz hat, in der Kärntnerstraße zwischen sieben und acht links zu gehen, versichere ich, daß ich es, das Tier, für tausendmal wichtiger halte als den Dr. Danew. Das wird ihm, dem Tier, doch genügen. Was ich zu tun habe, ist unwichtig. Es ist bloß der Versuch, Gott zu geben, was Gottes, und dem Tier, was des Tieres ist. Es ist bloß das Gestammel der Sehnsucht, den Geist zu trennen von den Dingen, die gebraucht werden. Und wenn ich darüber nachdenke, will ich Heine belangen. Und schon ist der Advokat da und sagt: Heine ist doch für die Journalisten, die später auf die Welt gekommen sind, nicht verantwortlich und das Lob der Cafetiers ist doch bezahlt! Der Advokat hat, da er nichts anderes hat, Recht. Er hat nicht nur dort recht, wo er recht hat, sondern immer. Er begreift nur die Verantwortung, und im Staat gibts größere Übel als jene. Aber das größte ist das kleine, für das niemand verantwortlich ist und jeder, der es nicht ist. Vor allem der, der früher gelebt hat und also schon tot ist. Ich kann dem lebendigen Advokaten keine andere Antwort auf die viertausend anonymen Briefe geben, die er mir schon geschrieben hat. Der Advokat ist nützlich und soll auch in der Welt einen Platz finden, die die andere wäre. Aber in der würde die Leistung des Advokaten oder des Cafetiers die ihr zukommende Wertung finden und nicht jene, die ihre Termini aus dem Reich des Genius holt. Denn wenn der Apparat des geistigen Lebens dem sozialen Zweck für Geld zur Verfügung steht, ist die Welt zu Ende. Der Advokat meint natürlich: wegen der Korruption meinen Sie? Nein, wegen der Erleichterung der Schamlosigkeit, die geistige Werte vergibt. Es ist gar kein Zweifel, daß die Beethovens verkürzt werden, wenn über die Kaffeesieder gesagt wird, daß sie Schöpfer sind, und sie werden umso gewisser verkürzt, wenn die Administration über den Wortschatz verfügt, den die Redaktion vom weiland Geiste gestohlen hat. Eine Gesellschaft ist dann auf dem Krepierstandpunkt, wenn sie zum Schmuck des Tatsachenlebens Einbrüche in kulturelles Gebiet begeht und duldet. Nirgendwo auf der Welt erlebt sich das Ende so anschaulich wie in Österreich. Hier kann sich die Entwicklung, deren Sendbote Heine war, täglich zweimal im Spiegel sehen. Die grauenvolle Abbindung der Phantasie durch die Ornamentierung geistiger Nachttöpfe hat hier schon zu jener vollständigen Verjauchung geführt, die der europäischen Kultur im Allgemeinen noch vorbehalten bleibt. Die Zeitung ruiniert alle Vorstellungskraft: unmittelbar, da sie, die Tatsache mit der Phantasie servierend, dem Empfänger die eigene Leistung erspart; mittelbar, indem sie ihn unempfänglich für die Kunst macht und diese reizlos für ihn, weil sie deren Oberflächenwerte abgenommen hat. Die Zeitung ist eine unlautere Konkurrenz, die beim Nachbarn Einbruch begeht und gegen die Kundschaft Gewalt anwendet. Wenn der alte journalistische Typus in den Krieg zog, so log er. Aber er begnügte sich damit, unwahre Tatsachen mitzuteilen. Der neue ist dazu unfähig und stiehlt Stimmungen. Natürlich verfaulen sie in seiner Hand sofort zur Phrase, deren Mißgeruch noch gegen den ersten Erzeuger einnimmt. Von Wippchen zu Zifferer sind wir arg heruntergekommen; die Lüge eines türkischen Siegs wäre schöner als die Poesie einer bulgarischen Landschaft. Hier sind wir ganz im Elend. Die Vorstellung ist pfutsch, es kann keinen Dichter mehr geben, weil schon der Reporter einer ist, und der Staat hat nicht mehr genug Phantasie, um die letzte Steuer zu erfinden, die wenigstens etwas wie ein Ausweg wäre und wie der ehrliche Versuch, aus dem geistigen Elend Kapital zu schlagen: die Phrasensteuer . Oder den Zehent an Nuancen. Tausendmal größer noch wäre der wirtschaftliche Gewinn als bei jener Ersparnis am Ornament, auf die es einer der seltenen Antiwiener, Adolf Loos, abgesehen hat, ein Rechtsgeher der Kultur, der das Parsifal-Motiv von den Automobilhuppen separieren will und den der Idiotismus deshalb für einen Bejaher der Automobilhuppen hält und nicht für den Befreier des Parsifal-Motivs. Was ist aber der faule Zauber um die surrogatbedürftige Leere des Zeitgenossen, der ohne Zierat nicht fahren und nicht essen kann, gegen die furchtbare Anwendung des Geistes auf die Dinge des journalistischen Hausgebrauchs, auf eine Nutzbarkeit oder Unentbehrlichkeit, die sich in der Meldung, daß geschossen wurde, daß einer angekommen ist und daß ein Cafetier sein Lokal vergrößert hat, nicht mehr ausleben kann ohne Stimmung, Plastik oder Bedeutung? Für Reklame muß auch in anderen publizistischen Regionen gezahlt werden und sie bekommt im Ausland sogar den Platz vor der Politik, wenn sie mehr einträgt. Eine Presse, die sich auf den Ehrgeiz beschränkt, eine Bedürfnisanstalt zu sein, wird dem Cafetier, der sein Geschäft empfehlen will, den Platz von Herrn Iswolsky ausnahmsweise zur Verfügung stellen. Aber sie wird an ihn nicht den Vorrat von Geistigkeit wenden, den sie Künstlern vorenthält, nachdem sie ihn von Künstlern gestohlen hat. Nur eine infame Meinungspresse, wie wir sie haben, nur die Vertretung jenes schamlosen Anspruchs, daß ein meldender Bote Geist und eine Plakatsäule Gemüt habe, ist auch bereit, die Grenze zu verschieben. Die Korruption, die zwischen Textteil und Annoncenteil Schiebungen macht, ist völlig belanglos neben der Schweinerei, die in allen Rubriken dichtet. Es kommt nicht darauf an, wo, sondern wie ein Händler gelobt wird; es ist besser, wenn im Leitartikel eine Ware empfohlen wird, als wenn ein Jobber dort poetischen Unfug treibt, und es ist besser, wenn im Text die Ware beschrieben, als wenn im Annoncenteil der Händler besungen wird. Nicht im letzten Provinznest, wo schließlich der Kaffeesieder auch Bürgermeister sein kann und überhaupt der bedeutendste Mensch in der ganzen Gegend, nicht in Arad, nur in Wien, nur in einem Kulturzentrum, wo ein schlichtes Frühstück, bestehend aus Kaffee, Butter und Eiern, plötzlich auf den Namen »Prückl-Frühstück« hört und zehn Individualitäten auf einmal für eine die Meldung ausbrüllen: »Ein Prückl-Frühstück für den Herrn von Politzer!«, nur in Wien, wo eine Torte eines Tages als Zehetbauer-Creme-Torte erwacht, wo ein Speisenträger Napoleon heißt, aber ein Zahlkellner mit »Herr Zwirschina« angesprochen wird, nur in Wien, wo der Knödel ein Gedicht ist und die Musen Köchinnen, wo der Mensch darauf angewiesen ist, seinen Gefühlsbesitz an die Verrichtungen des äußeren Lebens zu wenden und aller Spielraum für Persönliches zwischen Essen und Verdauen gesucht und geboten wird, nur in Wien ist eine Annonce möglich, in der auf ein Kaffeehaus in der Porzellangasse nebst allem Stimmungszauber bereits die Erkenntnisse der benachbarten Psychoanalyse angewendet sind: Eine Londoner Gesellschaft ohne Bibel ist geradeso undenkbar wie ein Wiener ohne eine Kartenpartie . Nicht allein das, es ist eine Haupteigenheit des Wieners, seine Lebensenergie gerade im Kaffeehause abzureagieren . Und dazu gehört Stimmung, mit einem Wort, ein echtes, elegantes »Wiener Café«. Eine solche Stätte par excellence ist das »Café City«. Es ist unbestritten das vornehmste und mit allen der anspruchsvollen Zeit entsprechenden Forderungen eingerichtete Kaffeehaus im IX. Bezirk . – – Die vornehme Intimität, insbesondere des Souterrainlokals, lädt unwiderstehlich zu Arrangements von Kegelabenden, Versammlungen und Unterhaltungen ein. Im Augenblick ist die vorzügliche Kegelbahn auf die praktischste Art und Weise in einen veritablen, exquisiten Ballsaal umgewandelt. Die Wände sind mit Malereien von Künstlerhand geschmückt. Nicht vergessen erwähnt zu werden darf der reizend und diskret eingerichtete Ecksalon im ersten Stock, der für Damen den angenehmsten Aufenthalt bildet. Von der Güte dieses Lokals des IX. Bezirks kann sich der Besucher überzeugen, wenn er am späten Nachmittag , am Abend durch seine Säle schreitet. Kunst und Großindustrie, das vornehmste Literatentum, Vertreter der Wiener Presse erblickt er in heiterer, zufriedener Laune, zu der den Hauptbeitrag auch die Bequemlichkeit des Cafés liefert, versammelt . Diese berechtigten und würdigen Erfolge kommen nicht von selbst. Sie sind die Frucht des distinguierten Geschmackes und der warmen Liebenswürdigkeit des Herrn Laufer, eines der routiniertesten Cafétiers Wiens . Es ist ja klar, daß ein Vertreter des vornehmsten Literatentums des IX. Bezirks das Gedicht verfaßt haben muß, und man könnte meinen, daß diese spezifische Verbindung von Farbe und Ton das Übel, das sich hier erbricht, bloß auf den IX. Bezirk reduziert erscheinen läßt. Aber das wäre Täuschung. Denn es ist ein weltumfassender Glaube, der hier im Jargon der psychologischen Bildung spricht, und vielleicht ist von ihm wirklich nur jene Londoner Gesellschaft ausgenommen, die eine furchtbare Erkenntnis hier auf die Bibel vertröstet. Jedes Wort, das in der Annonce geschrieben steht, ist wahr und tief. Was nützte es, einen Kordon um einen Stadtteil zu ziehen, der ein Weltteil ist? Nicht vergessen erwähnt zu werden darf hier etwas: Eine Presse, die im Kriege den Mut zur Plauderei findet; die jetzt vor einer Ereignisfülle, wie sie sie auf dem heutigen Stand journalistischer Entwicklung in solcher Nähe noch nicht erlebt hat – denn 1866 hielt man den Rotz noch nicht für wichtiger als die Nase –, ihre ehrloseste Niederlage erlebt; eine Presse, die Mordbuben der Phantasie ausschickt, um betende Soldaten zu verhöhnen; eine Presse, die aller Verachtung trotzend den verruchten Ehrgeiz hat, gegen den Krieg die Schrecknisse einer im Frieden verreckenden Kultur zu mobilisieren, die fröhliche Geistesarmut einer ausgefressenen Zeit dick aufzutragen und allen Ekel ihrer malerischen Gemeinheit zu überbieten; eine Presse, die von einer kriegführenden Macht die Erlaubnis erpreßt, daß ihre dringenden Feuilletons über die Stimmungen des Kriegskorrespondenten vor den Staatstelegrammen befördert werden,die vor Europa mit der Nachdenklichkeit ihrer Schmöcke protzt, den ausrangiertesten Mist vor Kanonen erfinden läßt, der Welt nicht nur die Namen von Individuen aufdrängt, die ein Schlachtfeld in eine Judengasse verwandeln, sondern auch den Stolz dieser Individuen auf ihre Mission die Leistung der Soldaten im Kriege als Bagatelle behandeln läßt und »Eindrücke« für ehrenvoller hält als Narben; eine Presse, die im Angesicht des Blutes hunderttausende Kronen statt dem Roten Kreuz, dem schwarzen Strich zuwendet und für die lausigste Befriedigung des »Blattgefühls« und des Größenwahns eines Journalneros jene Opfer bringt, die selbst der Abonnent verabscheut; eine Presse, die das Bedürfnis des Publikums nach Erbärmlichkeit in einer Art sättigt, daß sich dem Publikum der Magen umdreht; eine Presse, die bereits die Zuchtrute jener Verworfenheit ist, deren Vertretung sie übernommen hat, weil sie alles übertrumpft, was tagszuvor die satirische Entrüstung ihr andichten wollte, und vor der wirklich nichts zu tun übrig bleibt als sie unaufhörlich nachzudrucken – von dieser Presse will ich eine gute Tat melden. Sie hat, ehe die Schande dieser Kriegsberichterstattung dem letzten Sklaven ihrer Macht die Augen geöffnet hat, in einem grandiosen Fall den Beweis erbracht, daß sie des schlichten Ausdrucks eines reinen Gefühles fähig sei. Diese Presse also, welche für jede Gelegenheit, der sich Personalien ablausen lassen, für jeden Zuckerlbazar, wo die Frau Schapira dem Herrn Schapiro ein belegtes Brot verkauft und dieser sich mit dem Fräulein Schapire in den Löwenanteil des Erfolges teilt, Schmalz und Pfanne bereit hält; diese Presse, die's unter fünfunddreißig Spalten nicht tut, wenn ein Gesangsverein auf der Amerikareise die Seekrankheit bekommt; diese ausgiebige Presse, die immer ihre eigenen Defekte noch einmal verdaut und nach allen Details über das Unwohlsein eines Ministers, während deren Aufzählung er sich erstaunlicher Weise erholt hat, noch einmal meldet, daß er unwohl wurde und noch einmal und zum letzten Mal, und die also bei der Versteigerung jeder Sensation es auf den meistbietenden Leser abgesehen zu haben scheint; diese aus Krätze und Wohlwollen zusammengesetzte Presse, die für das elende Gewäsch auf einem Juristenbankett ihren ganzen Trog reserviert, die kein Zimmerfeuer vorübergehen läßt, ohne die Einrichtung zu beschreiben, keine Zugsverspätung, ohne mit der Verwandtschaft der verspäteten Gänslerin zu sympathisieren, kein Ereignis ohne Poesie, kein Nichts ohne Erschütterung, keine Tatsache ohne Furz, keinen Furz ohne Wiederholung – diese gottverlassene Presse hat den Einzug des Kardinal-Legaten in einem Bericht von stiller Schlichtheit beschrieben. Nie zuvor hat sich das facit indignatio versum in einem tieferen Sinne bewährt. Denn hier entstand das Gedicht aus Zurückhaltung, die die Wut gebot. Wäre der Oberrabbiner von Tarnow, dessen befeuernde Ansprache an die Soldaten uns unter »Personalnachrichten« gemeldet ward, feierlich in Wien eingezogen, zwanzig Kolumnen mit allem Schmuck der Sprache, der ihnen gegönnt sei, hätten Spalier gestanden. Es wäre nicht nur das große Ereignis gewesen, dem der Leitartikel vorbehalten ist, sondern auch das erhabene Schauspiel, das nur von der Eindrucksfähigkeit einer Koppel Stimmungsmenschen vom lokalen Teil bewältigt werden kann. Alle Töne der Jerichoposaune, alle Farbenpracht des Orients, alle Wohlgerüche Arabiens, kurz die Wunder von Tausend und einer Nachtredaktion hätten eben noch hingereicht, um dem feierlichen Moment gerecht zu werden. Für die Ankunft des päpstlichen Legaten in Wien war der Raum einer halben Spalte vorgesehen, kaum mehr als für einen konzentrierten Bericht aus Kurorten und Sommerfrischen oder, um im Gebiet katholischer Dinge zu bleiben, für die Mitteilung der näheren Umstände, wenn Herr Angelo Eisner am 18. August sich über allgemeines Drängen entschließt, zögernd, aber doch, wie alljährlich so auch heuer, den Antrag auf Absendung einer Huldigungsdepesche an das Allerhöchste Hoflager zu stellen, und die Genugtuung erlebt, daß dieser Antrag auch angenommen wird. Eine bis zur Siedehitze gesteigerte Wut, die aus allerlei Anspielungen auf die »Veräußerlichung des christlichen Glaubens« schon seit Wochen hervorgebrodelt hatte, führte endlich den entscheidenden Schlag gegen den Eucharistischen Kongreß. Die Stimme des Herrn gab das Gebot: Wenn der Kardinal einzieht – keine Plastik! Du sollst dir keine Bilder machen! Und das Unerhörte einer verinnerlichten Reportage über katholische Dinge begab sich am 11. September 1912. Es wird ein Datum bleiben in der Entwicklung von Heine und den Folgen. Aus Wut erschien ein anständiger Bericht, aus Rache brachte man es fertig, vornehm zu sein. Ein überzeugter Ritualmörder hatte ein Kind getauft. Zum erstenmal seit Jahrzehnten erschien ein Artikel, der das Antlitz der Menschenwürde trug: und das geschah aus Niederträchtigkeit. Stiller und würdiger konnte kein Zeuge vor einem Schauspiel stehen, das wie keines in der Welt der Redensarten entbehren kann und wie keines in der Welt der Teilnahme des journalistischen Rituales entrückt ist. Alle Paramente des Worts mit dem Fuß von sich stoßend, stand ein heftiger Protestant vor dem Gottesbild, ein Puritaner vor dem Glanz, ein neuer freier Presbyterianer vor dem Kardinal; und wußte nicht, wie recht er hatte. »Es war die Zeit des großen Kirchenfestes, von Pilgerscharen wimmelten die Wege.« Ein anderer Mortimer – doch auch seinerseits in finsterm Haß des Papsttums aufgesäugt – ließ er sich nicht gleich vom ersten Eindruck zu einer Schilderung hinreißen, sondern wurde dem Ungewöhnlichen durch Enthaltsamkeit gerecht. Dies Schauspiel bot der Sinne Reiz genug: wozu da noch nachhelfen? Daß es stattfand, reißt schon alle Pforten der Vorstellung auf; der Titel genügt, und wir sind Teilnehmer. Die klerikale Berichterstattung zelebrierte ein Hochamt der Phrase und trug alle jene Kostbarkeiten zusammen, um die sie, nicht ohne Talent, den Judengeist beneidet. Die Neue Freie Presse war schlicht. Es war wieder wie in den Tagen, ehe die alles beschreibende Schande in die Kultur einbrach: der Phantasie blieb etwas, um die Andeutung zum Gedicht fortzusetzen. Und darum war schon die Andeutung das Gedicht: Der Vertreter des Papstes am 32. Internationalen eucharistischen Kongreß, Kardinal Wilhelm van Rossum, ist heute nachmittags in Wien angekommen. An der Diözesangrenze war der Kardinallegat auf dem Bahnhofe von Rekawinkel durch den Weihbischof Dr. Pfluger begrüßt worden und hatte dann die Fahrt mit dem Sonderzug, der ihn nach Wien brachte, fortgesetzt. Seine Ankunft auf dem Westbahnhofe erfolgte um 3 Uhr 30 Minuten nachmittags. ... Zahlreiche Häuser waren dekoriert und mit Fahnen geschmückt.... Vor der Hofoper war ein Zelt errichtet worden, in dem die Begrüßung des Legaten durch den Kardinal Dr. Nagl und den Bürgermeister Dr. Neumayer erfolgte. Die Kärntnerstraße war um 1/2 4 Uhr nachmittags vom Stephansplatz bis zur Hofoper für den Verkehr geschlossen worden. Zu beiden Seiten hatte sich ein starkes Spalier gebildet. Die Ankunft des Legaten in Wien war durch das Läuten der Glocken sämtlicher Wiener Kirchen angekündigt worden.... Folgen noch einige sachliche Angaben. Speidel hätte aus dem Läuten aller Glocken auch nicht weniger und nicht mehr gemacht. Man hörte sie noch in einer Sprache, die nicht mit allen Schellen läutete. Es ist freilich heute schwer, dem taubgewordenen Sinn die Eindringlichkeit der Stille zu predigen. Doch dem hörenden Ohr mögen Sätze, die ehedem über den Anspruch einer Meldung nicht hinausgingen, eben darum jetzt als Dichtung wirken. Wenn ein Geräusch plötzlich aufhört, so spüren wir die Stille zuerst als Druck, und so kann die ruhige Feststellung das Gewicht des künstlerischen Ausdrucks gewinnen. Der Bote, der aussagt, ist kein Dichter: aber er wird es an der Distanz, die zwischen ihm und dem einsagenden Schmarotzer unserer sämtlichen Sinne liegt. An dem Übermaß dieses unsere Vorstellung störenden, mit unsern Ohren hörenden, mit unsern Augen guckenden, mit unseren Nerven zuckenden, uns auf die Zunge spuckenden, uns ins Gehirn einschreibenden, uns nichts schuldig bleibenden, uns blendenden, uns betäubenden, uns unsere Witze beizenden, uns unsere Hitze heizenden, uns unsere Nase schneuzenden, mit unsern Händen redenden, uns durchaus stellvertretenden Agenten – wird Trockenheit zur künstlerischen Weisheit, die nicht nur sagt, was sie zu sagen hat, sondern auch erspart, was sie nicht zu sagen hat, und Pflichterfüllung ist Zurückhaltung vor einem Rest, den der andere sich selbst schöner ergänzt. Was eine zügellose Soldateska des Feuilletons seit vierzig Jahren in Krieg und Frieden so zusammenrafft, lebt im Hohlraum der schwindenden Phantasie, die einst in der Lücke der Beschreibung Platz hatte und gedeihen konnte, und für das heutige Gefühl, soweit es noch der Erlösung zugänglich ist, wird der alte Reporter zum Dichter. Gelingt heute einem diese vornehme Wirkung, so geschieht es aus purer Gemeinheit. Der Verzicht auf den Dreck ist eine Tücke, die der Herr aller Phrasen dem feindlichen Unternehmen ansinnt. Die Galle geht ihm heraus vor dem Kardinal und er tut ihm das Ärgste an, was man dem Feind antun kann: einen schmucklosen Bericht. Die Häuser dürfen geschmückt sein, fertig! – eine Blume von uns ist nicht dabei. Die Glocken dürfen läuten, fertig! – kein Ton von uns kommt dazu. Sollen die Glocken selbst läuten, wenn sie können! Wie, es gibt nichts, was das Läuten der Glocken besser ausdrücken könnte als das Läuten der Glocken? Kleinigkeit, bei unseren Leuten braucht man einen andern Klöppel! Man muß es ihnen immer wieder von neuem vormachen; denn die wissen ja nicht mehr, wie Glocken läuten. Und – höre da! – nun erfahren sie's just, weil der Zeitungsschwengel nicht in Aktion tritt. Aber damit sie es auch behalten, genügt nicht der Ausnahmefall, wie der journalistische Reichtum es vermocht hat, dem Prunk der Kirche einen schmucklosen Bericht anzutun. Wir wollen zurück in die Zeiten gehen, wo der Freisinn, der den Tag mit Druckerschwärze verhängt, noch jung war. Einige Blätter aus dem Jahre 1848 liegen vor mir, in denen wohl schon die politische Sprache das Bild findet, daß der Kaiser »aus den Klauen seiner Schranzen gerettet« sei. Er soll nach Wien zurückkehren. Wie aber wird der Einzug beschrieben? 12. August. War in Wien schon seit einiger Zeit die frühere, harmlose Heiterkeit wieder eingekehrt, so biethet es doch heute eben ein großartig feierliches Bild. Den Jubel sieht man Jedem im Gesichte an, jedes Herz hebt sich rascher in überschwenglicher Freudigkeit; ein großer, lange ersehnter Tag ist uns ja gekommen, der Tag, an dem der Kaiser wieder einzieht in seine Residenz! Schon in aller Frühe trug ein mit Fahnen gezierter Dampfer die Gewählten aus dem Bürger-, Sicherheitsausschusse und aus anderen Personen bestehend von Nußdorf Donauaufwärts bis Stein, um dort zuerst das kaiserl. Paar und die kaiserl. Familie zu begrüßen. Mittags rückten die Nationalgarden, Bürger und Studenten aus, mit dem Militär Spalier zu bilden von Nußdorf bis Schönbrunn; das Ministerium, die Reichstag-Männer und alle Beamten des Staates und der Stadt, die hier anwesende Generalität etc. verfügte sich nach Nußdorf um dort den Kaiser feierlich zu empfangen. – Eine ungeheuere Menschenmenge zieht durch die Straßen, die ganze Bevölkerung ist auf den Beinen. Um 4 Uhr erscheint das Dampfschiff von Linz in dem Gesichtskreis; da plötzlich erhebt sich maßloser Jubel in die Lüfte, Geschütze donnern und die Glocken ertönen von allen Thürmen der Stadt. Majestätisch rauscht der prächtig geschmückte Dampfer heran. Nach dem feierlichen Bewillkommungsakte beim Aussteigen verfügte sich der Kaiser und die kaiserliche Familie zu Wagen nach dem Lustschlosse Schönbrunn, allenthalben vom herzlichsten Jubelrufe begrüßt. Triumphpforten aus grünem Reisig waren errichtet; weißgekleidete Mädchen und Frauen mit Kränzchen und Blumensträußen geschmückt, hatten sich überall aufgestellt, und an jeder Kirche, an der der Kaiser vorüberfuhr, wurde er von der sämtlichen Geistlichkeit feierlich begrüßt. Von dem majestätisch rauschenden Dampfer abgesehen, der zwar insofern in seinem Wirkungskreise bleibt, als er eine Majestät trug und keinen Gesangsverein: eine Dichtung; die alles enthält, weil sie noch mehr wegläßt. Wie würde der Bericht heute aussehen? Wie, wenn schon damals einer unserer Mitarbeiter Gelegenheit gehabt hätte? Das Dampfschiff würde nicht in dem Gesichtskreis erscheinen, sondern am Horizont, denn er hat sich erweitert; und die Folgen wären nicht auszudenken. Wien hätte Festschmuck angelegt; und was dann geschieht, weiß man. Der heutige Tag hätte Kaiserwetter gebracht, und alles wäre im Zeichen gestanden. Die Rettungsgesellschaft hätte in so und so vielen Fällen den Charas an der Spitze gehabt und die Leute hätten sich massiert. »Bei der Oper«, »Vor dem Burgtor«, »Auf der Mariahilferstraße« und überall wären Augenzeugen gewesen, freiwillige Helfer im Anschauungsunterricht. Jedes Mitglied der Reichsversammlung wäre einzelnweis geschildert worden, Bart für Bart, alle wären sie markant gewesen, die Nationalgarde wäre interviewt worden und das Ministerium hätte sich entschließen müssen, seinen Standpunkt, seine Eindrücke und seine Maßnahmen einer informierten Seite anzuvertrauen. Jeder Bericht über eine Kaiserfeier in der Sommerfrische Weißenbach strahlt heute besser. Der Vormärz steht beim Fortschritt mit Recht im Rufe der Kleingeisterei. Die Zensur hungerte den politischen Artikel aus, aber wir sollten meinen, daß es umso erwünschter war, den Tratsch sich mästen zu sehen. Man hat sich doch bekanntlich, je entrückter die großen Angelegenheiten des Staates waren, umso mehr für die kleinen lokalen Dinge erhitzen dürfen und müssen. Immerhin, dieser Mangel an Fülle ist auffallend. Da werden aber doch wohl spaltenlange Artikel erschienen sein, wenn der Männergesangverein ausrückte, den's ja damals schon gab? Wien . Gestern Abends sollte Fackelzug in Schönbrunn vom Gemeindeausschuß veranstaltet sein, wobei sich der Männergesangverein beteiligt. Wie, man wußte nicht einmal, ob? Aber wenn man wußte, so schickte man doch rechtzeitig Referenten: – Eine solenne Feier fand gestern auf dem Glacis Statt, – die Fahnenweihe der Josefstädter Nationalgarde. Aber schließlich muß doch für die Mitteilung der Dinge, die im Reichstag vorkamen, ein gewisser Apparat verwendet worden sein? Ein Leitartikel, ein Entrefilet, eine allgemeine Einleitung, eine besondere Einleitung, in der alles noch einmal steht, die Reden selbst, dann die Eindrücke und die Schnurrbärte? Wenn Kritik verboten war, mußte der Geist doch auf die Stimmungen im Couloir verfallen: Auf der Ministerbank: Kraus, Schwarzer, Doblhoff, Bach, Hornbostl. Das Protokoll wurde angenommen, Urlaubsgesuche bewilliget und die eingelangten Eingaben verlesen. Einige Abgeordnete hatten an den Vorstand die Anfrage gestellt, ob ... Wahlprüfungen werden verlesen ... Abg. Zimmer hat ... Abg. Löhner wünscht ... Abg. Selinger fragt den Minister des Innern, ob auch in den Spitälern Anstalten für die Wasserkur getroffen seien. Minister Doblhoff antwortet, daß keine bestimmte Curart vorgeschrieben sei ... Der Ausschuss beantragt elf Punkte, welche wir morgen unseren geehrten Lesern mitteilen werden. Wie? Das hat Zeit? Aber die Revolution selbst muß doch eine gewisse Plastik empfangen haben? Am Abende des 16. d. M. wollte wieder etwas losbrechen, indem die Redakteure des Studentenkuriers wegen eines Preßvergehns eingesperrt werden sollten, und wirklich wurden sie schon ins Gefängnis in der Preßgasse eingeführt, aber auf dem hohen Markte rotteten sich so Viele zusammen, die Miene machten, das Gefängniß zu bestürmen; doch zum Glücke eilte der biedere Füster herbei und befreite die Eingesperrten mittelst Lösegeld. Eine Rubrik heißt: »Was erzählt man Neues in Wien?« Hier wird doch erzählt werden? Da ging dieser Tage das Gerede unter den Arbeitern: »Erzherzog Johann habe bei seiner Abreise eine Million Gulden zur Verteilung an die Arbeiter zurückgelassen.« – Das Gerede machte Aufsehen, fand Glauben, und sogleich sollte ein Krawall gemacht werden; – und es war doch Alles eine Lüge. So seid ihr; dem Nächstbesten, der da kommt, und euch etwas vorschwatzt, dem glaubt ihr, ohne euch doch eher am rechten Orte zu verständigen.... Nun, das war ein Gerücht. Heute wird es eben durch die Zeitung verbreitet und nicht berichtigt. Aber auch damals muß es doch Tatsachen gegeben haben? – Die bürgerlichen Hutmacher meinten, die befugten Hutmacher mögen 10 fl. erlegen, um in die Reihen der bürgerlichen treten zu können; die befugten aber meinten, sie mögen keine 10 fl. erlegen, denn auch ohne dem würden bald alle in gleiche Reihen gestellt sein. Ja, zum Henker, aber es ging doch wirklich etwas vor: – Gestern, die ganze Nacht hindurch machten Garden, Bürger und Studenten zu Fuß und zu Pferd, ununterbrochen starke Patrouillen durch die Stadt, die Vorstädte und in der nächsten Umgegend; eine lobenswerthe Maßregel, wohl durch die Umstände geboten; es kam aber nicht ein einziger ungebührlicher Fall vor. Aber Todesfälle müssen doch interessiert haben! Der Name des Selbstmörders und die näheren Umstände! Und wenn er in einem hinterlassenen Brief gebeten hätte, seinen Fall zu verschweigen, so wäre doch wenigstens das gemeldet worden? Und wenn nicht, so hätte man doch immerhin gefragt: Wer weiß etwas? Mittags ½ 12 Uhr stürzte sich einige Schritte unter der Ferdinandsbrücke ein unbekannter Mann von etlichen 50 Jahren in die Donau, obgleich nach wenigen Minuten herausgezogen, war er bereits tod. Ja, aber die Hof- und Personalnachrichten? – Der Graveur C. Lange hat eine Denkmünze auf die Ernennung des Erzherzogs Johann zum Reichsverweser angefertigt; sie enthält auf der einen Seite das Bild des Prinzen, auf der anderen den deutschen Reichsadler. Der Vormärz muß ungemütlich gewesen sein. Er spricht so wenig. Aber da – da ist eine Rubrik »Wie geht es in der Welt zu?« Na also. Zum Beispiel in Salzburg. Das ist ja nicht einmal so weit, da kann man ja viel und bald erfahren. Der Bericht ist am 13. August erschienen. Salzburg , 7. August. (Corrcsp.) ... Abends war ein brillantes Fest wegen den Siegen unsrer italienischen Armee; die Kaiserin Mutter und Max waren anwesend. Während dem Feste langte die Nachricht aus Innsbruck an: »Der Kaiser komme Mittwochs Mittag hier an, um Donnerstag seine Reise nach Wien fortzusetzen.« – Dem Himmel sei Dankl Frankreich! Da wird wohl ein Frischauer dreinfahren und etwas ausführlich werden? In Marseille hatte sich ein Pariser Juny-Aufstand vorbereitet, wurde aber noch bei Zeiten unterdrückt. Aus Paris ist Lucien Murat, ein Sohn des einstigen Königs von Neapel mit einer wichtigen Depesche nach Italien abgegangen, die gewiß auf den Krieg bedeutenden Einfluß haben wird. Was ist's mit den Serben? Ungarn . Die Serben sollen von Weiskirchen bereits verjagt worden sein. – Dagegen meldet man wieder von ihren Siegen bei St. Thomas. – Bei Verbacs fand mit den serbischen Aufrührern ein Scharmützel Statt, wobei ein junger Graf Zichy blieb, der als Freiwilliger von Pest mitgezogen war. Was ist's mit den Juden? – In Pressburg sollte dieser Tage schon wieder eine Judenhetze Statt finden; sie wurde aber glücklich verhindert. Wie ist das Wetter? Kärnthen . Viele Orthschaften um Greifenburg sind durch einen Wolkenbruch völlig verheert worden. Wie stehts mit der Humanität? – Die Kleinkinder-Bewahranstalten sollen in den Vorstädten vermehrt werden. Nein, ich kann den Gedanken nicht los werden: es war ja Krieg, da muß es doch eine gewisse Anschaulichkeit gegeben haben, wenn man schon nicht nachdenklich wurde bei der Stimmung. Und es war doch ein österreichischer Krieg! Italien . FML. Welden ist in Bologna eingezogen. Das ist es eben, man hatte für die große Politik nicht so viel Interesse übrig, um zu fragen, was der Feldherr anzog, als er einzog, und ob die Herbstzeitlosen schon blühten, als Österreich es mit Italien zu schaffen bekam. Italien. Aus dem Hauptquartier S. Donato nächst Mailand (5. August): Wir sind noch hier. Diese Nacht sahen wir mit freiem Auge, wie die schöne Stadt Mailand an acht Orten brannte; außerordentlich aber an zwei Orten. Heute Früh 4 Uhr kamen 3 piemontesische Generale als Parlamentäre in's Hauptquartier. Ergibt sich Mailand nicht bis zum Abend*, so wird es bombardiert. So eben war auch der Erzbischof an der Spitze einer Deputation bei unsern Feldherrn, und erbat, dass mit dem Bombardement bis Morgen Früh 8 Uhr eingehalten wird. * Die Übergabe ist bereits gemeldet. C'est la guerre. Und Mailand war schön und lag, dennoch nicht da wie eine schöne Frau vor seinen Augen, so daß er sie erobern wollte, der von der Zeitung. Gott, Gott, war das eine nüchterne, eine miese Zeit! Und gleich darunter wieder der Reichstag, wortkarg wie ein Stummerl: Alles ist in Galla wegen des Empfanges des Kaisers – Aber die Gala wird doch geschildert? Nein, getadelt: wir sehen auch mehrere Abgeordnete in Nationalgardeuniformen und mit ihren Dienstschärpen; ist der Rang eines Abgeordneten nicht höher, als der eines Offiziers, weil die Herren ihre Charge trugen? ... und fragt die Versammlung, ob sie nicht dem Te Deum in der Stefanskirche beiwohnen wolle? wird angenommen. Abgeordneter Löhner fragt den Präsidenten, ob die Rede des Präsidenten beim Empfange des Kaisers nicht dem Reichstage mitgetheilt werde? Präsident antwortet, dass Präsident Schmitt seine Rede schon im Vorstandsbureau vorgelesen habe; hat dabei sein Bewenden . Ferner Eingaben vorgelesen. ... Hierüber erhebt sich eine Debatte, die öfters in Persönlichkeiten übergeht, endlich wird es zur Abstimmung gebracht, dass zur Tagesordnung übergegangen werde, welches angenommen wird. Auf diese Weise wird wieder zu der wirklich ermüdenden Lesung und der weitschweifigsten Begründung der weiteren Verbesserungsanträge geschritten. Und weder die weitschweifigen Begründungen noch die »Persönlichkeiten« werden angeführt? Nicht einmal diese? Die man heute beklagt, um sie aufzählen zu können, wobei man auch alle die Persönlichkeiten aufzählt, die dabei waren? Nein, hat dabei sein Bewenden. Wie ist denn aber die Sprache des Leitartikels? Doch die von Leuten, die kaiserliche Räte werden wollen? Nein, nur die von Männern, die dem Kaiser einen Rat geben: ... Euere Majestät! Sie sollen und dürfen als ein konstitutioneller Regent Nichts beschließen und Nichts veröffentlichen, ohne ... Es ist aber auch die Pflicht der Presse, dieses Organs des Volkes, Euere Majestät dringendst darauf aufmerksam zu machen ... Werden Euere Majestät in diesem Sinne handeln, so werden wir mit doppelter Freude an den Tag zurück denken, der Euere Majestät wieder in unsere Mitte führte.... Wie verhielt sich das Volk? Am Sonntag strömte den ganzen Tag hindurch eine ungeheure Menschenmasse nach Schönbrunn, um in der Nähe des Kaisers zu sein. Bis spät in die Nacht war der Park gedrängt voll mit Menschen gefüllt, und ruhig und taktvoll verhielt sich das Volk. Aber die Cholera war im Land! Gabs da keine Zuschriften dagegen? – Alle Vorkehrungen gegen die Cholera werden getroffen; das erste Auftreten dieser Krankheit in Wien im Jahre 1831 fiel auf den 12. und 13. September. Aber dafür wurde man wohl umso beredter, wenn von anderen Debuts die Rede war? Das alte Wien ist doch von dem Wien der Treumänner verachtet wegen seines Kulissenkultus? In fünf Zeitungsnummern habe ich nicht eine Zeile über Theaterdinge gefunden. Also was soll das heißen! Aber über die sonstigen Handelsinteressen zwischen Wien und Ungarn werden sie doch wenigstens geschmust haben? -Man spricht, die Getreide-Ausfuhr aus Ungarn sei verboten; das wäre ein schöner Zug von unseren brüderlichen Nachbarn. Nun, ich kann mir nicht helfen, ich habe noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, etwas zu finden, was für irgendein lebendiges, intelligentes Interesse spricht. Eine gewisse Vertrautheit mit Personalien, eine kleine Intimität mit dem Leben und Treiben, ein Alzerl Verständnis für einen Wohltätigkeitsbazar! Gestern fand ein großes Fest im Augarten zu Gunsten der deutschen Flotte statt. Ja, schweigt denn alles? Was erwiderte der Kaiser auf die Ansprache des Reichstagspräsidenten? »Man hat mich gerufen, und ich bin freudig nach Wien zurückgekehrt.« Kein Interview, wenn ein bekannter liberaler Parteiführer ankam, sondern nur das folgende: Ihr Schwarzgelben zittert, und ihr Radicalen jauchzet, denn der Doktor Schütte ist angekommen. Und wenn der Parteiführer auftrat? Im Arbeiterverein hielt am 16. d. Dr. Schütte einen Vortrag; die Adresse des demokratischen Vereins an die Frankfurter Linke wurde zur Unterzeichnung vorgelegt. Herr Naaer richtete einige Worte an die Versammlung. Sander erstattet Bericht über die zu dem Minister Schwarzer abgeschickte Deputation ab. Aus dem Sicherheitsausschuß: Es wird die Neuigkeit vom Kriegsministerium bekannt gemacht, dass ein sechswöchentlicher Waffenstillstand in Italien gemacht wurde, was von Einigen übel und von Andern freudig aufgenommen wird. Aber der heute noch als Vater Radetzky vielberufene Feldmarschall muß doch bei Lebzeiten unaufhörlich in aller Munde gewesen sein? Und überhaupt der Krieg? Italien . Feldmarschall Radetzky hat in Mailand die Entwaffnung des Pöbels angeordnet. Ja, faßte man sich denn kürzer als ein Leitfaden, wo ein Leitartikel nötig war? Aber Kudlich, von dem noch heute Nachrichten kommen, muß doch en vogue gewesen sein! Nun kamen die Reden über den Kudlich'schen Antrag, und zwar Trojan, welcher zum Teil für, zum Teil gegen den Antrag in einer beiläufig eine Stunde währenden Rede spricht. So fiel der Robot? ... Wie spricht ein Minister? Kraus. Die Vorkehrungen werden getroffen werden. Aber der Kriegsminister Latour meldet nun noch, daß Radetzky einen äußerst vorteilhaften Waffenstillstand mit Karl Albert abgeschlossen habe. Die Flotte, sowie die piemontesischen Truppen werden von Venedig zurückgezogen. Wie sieht das »Neueste« aus? Triest . Die Flotte und die Landtruppen sind aus den venetianischen Häfen ausgezogen, um nach Sardinien zurückzukehren. Modena, Parma und Piazenza sind geräumt. Aber es muß doch eine Sensation geben! – Die Nationalgarde-Heerschau, heute von dem Kaiser auf dem Glacis abgehalten, war eine großartige; Volkswehr aus der ganzen nächsten Umgebung war dabei anwesend. Eine Feldmesse wurde abgehalten, deren erhabenste Momente durch Geschützdonner bezeichnet wurden; auch unsere Reichsversammlung war dabei anwesend. Das kann durch Kürze kaum für den Mangel an Ausführlichkeit entschädigen. So einfach macht man das einfach nicht! -In Köln erwartet man zum 13. die Ankunft des Erzherzogs Reichsverwesers, des Reichsministeriums und einer großen Zahl Abgeordneten zur deutschen Nationalversammlung. Es sind zum würdigen Empfange dieser Gäste große Vorbereitungen getroffen worden. In ähnlicher Weise werden noch Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn und alle übrigen Städte und Orte längs des Rheins, zwischen Mainz und Köln, diese Reisenden begrüßen. Der König von Preußen ist in Koblenz am 12. d. M. eingetroffen, um den Reichsverweser zu empfangen und ihn nach Köln zu begleiten. Wenn heute der Wiener Gemeinderat in Köln erwartet würde, würde sich in Wien mehr tun. – Am 27. v. M. hielten die deutschen Kaufleute in der City zu London im Hotel zu Greenwich ein Festmahl zu Ehren des deutschen Reichsverwesers. Toaste wurden auf die Nationalversammlung, die deutschen Universitäten und das deutsche Heer ausgebracht. Der amerikanische Gesandte hielt die beste Rede, in welcher er darauf hinwies, daß die vier Millionen Deutschen in Amerika stets dahin streben werden, das Band der Freundschaft zwischen Deutschland und Amerika fest zu knüpfen. Kein Text, kein Name, kein Menu, kein Geist. Wenn heute ein Verein reisender Kaufleute in der »City« eintrifft, wird die Zusammengehörigkeit und was sonst dazu gehört ganz anders herausgestrichen. Und wie auf Verabredung, wie aus Bosheit, wie um der geschwätzigen Zukunft eins auszuwischen, ist ganz Europa knapp und leise: Heidelberg . Hier bilden die Studenten ein Freikorps, um den deutschen Brüdern in Schleswig gegen die schlechten Dänen zu Hilfe zu eilen. Frankreich scheint nun doch auch im italienischen Kriege mit auftreten zu wollen; die Alpenarmee rückt an die Grenze vor, und deren kommandierendem Generale Oudinot ist es freigestellt, nötigenfalls die piemontesische Grenze zu überschreiten. Frankreich will, daß Italien frei sei. Und keine Mitteilungen aus unterrichteten Kreisen über Krisen, Demarchen und Merkmale der beginnenden Entspannung! Keine beruhigenden Mutmaßungen von besonderer Seite über die Stimmungen als Symptome für die Entwicklungsmöglichkeiten der Situation, keine Erklärungen über Ententen, Detenten und Enten, kein Meer von Informationen über ein Nichts. Serbien . Karagyorgyewich, der Fürst von Serbien, hielt eine Versammlung in Kragujevaz, wo beraten wurde, was in der kroatisch-ungarischen Sache von Seite Serbiens vorzunehmen sei; der Beschluß ist noch nicht bekannt. Und wenn er bekannt wird, entsteht auch kein Geschrei. Serbien .... Der Krieg wird mit gegenseitiger furchtbarer Erbitterung und Ausübung grausamer Repressalien geführt, wobei stets eine Partei die andere der unerhörtesten Barbarei beschuldigt . Frankreich . Als Grundlage der englisch-französischen Vermittlung in Italien gibt man an: – einmal die Unabhängigkeit Italiens von Österreich, die Theilung der Lombardei zwischen Piemont und Toskana, Venedig und das Venezianische bleibe Österreich. – Und da haben wir Tausende von Menschen hingeopfert um Nichts . Das war ein schöner Krieg ! Und ganz ohne Herbstzeitlosen! – Aber das Äußere ist doch nicht immer langweilig: Portugal . Ganz Portugal nebst der Königin befinden sich in gesegneten Umständen. Seit vielen Jahren hat man dort nicht eine so reichliche Ernte gehalten; ebenso sieht man einem vortrefflichen Weinherbste entgegen. Der Gemal der Königin ist vom Pferde gestürzt und auf den Kopf gefallen. Man macht nicht hohe Politik, sondern wartet, bis man etwas zu melden kriegt: – Die sämtlichen Gesandten der deutschen Fürsten wollen demnächst in Wien eine – heimliche Zusammenkunft halten. So schreibt man aus Braunschweig. Wir sind indeß in Erwartung. Wir nie. Wir wissen es schon. – Ein Attentatsgerücht: – Am verflossenen Samstage wurde nahe an der Schönbrunner Brücke ein Mann arretirt, welcher in dem dortigen Gebüsche ein Doppelgewehr versteckt hatte. Derselbe ist ein bekannter Gärtner, welcher in jener Gegend wohnt. Er hatte sein Gewehr nur blind geladen, um bei der Rückkehr des Kaisers Freudenschüsse abzufeuern. Dessenungeachtet hat dieser Umstand sogleich zu dem Gerüchte eines beabsichtigten Attentates Veranlassung gegeben. Das Aufatmen würde heute zehn Spalten brauchen. –Ein Brandbericht mit den Versionen über die Ursache: – Am 13 d. Mittags hat sich das Steinkohlen-Magazin auf der Nordbahn wahrscheinlich von selbst entzündet, da die Kohlen dort bereits Monate lang gelagert waren. Es muß aber schon damals ein Neues Wiener Journal gegeben haben: Wer eine Notiz lesen will, in welcher jedes angeführte Faktum eine Lüge ist, wer sich von der gefährlichen Authentie (Glaubwürdigkeit) der Neuigkeiten, welche uns die berüchtigte Gassen-Literatur bringt, überzeugen will, der nehme das Blatt Nr. 22 der National-Zeitung zur Hand ... Wir finden es nicht der Mühe werth, eine rechte Entgegnung darüber zu schreiben, um unsere Ehre zu retten, nein! nur um dem Lese-Publikum einen Beweis von der Nichtswürdigkeit solcher Berichterstatter zu geben, die alle Kneipen-Gerüchte und Kaffee-Tratschereien in Beschlag nehmen, daraus artige Notizen qualifizieren, um ihre Journal-Spalten damit zu füllen, sie dann als frisch gekochte Wahrheit der Lesewelt übergeben, die nun nolens volens ihre Wißbegierde damit sättigen soll. ... Es handelt sich um eine harmlose Lüge von sieben schlichten Zeilen. Wenn wir heut solche Lügen hätten, wäre uns geholfen! Wie werden die behandelt, die genannt sein wollen? Auch L. Eckhardt hatte gesprochen, von einer Adresse oder was; unser Referent hat ihn deßhalb nicht angeführt, weil es sich so zu sagen von selbst versteht, Herr Eckhardt war dabei, Eckhardt muß überall dabei sein; nächstens wird ein »Altweibertratsch-Verein« errichtet, – Herr Eckhardt geht als Deputierter dahin; ein Windelkinder-Klub, – Hr. Eckhardt ist Mitglied und Sprecher. Nur berühmt, nur berühmt um jeden Preis! Wie sprach der Ruhm? – Offiziere, die von der Armee aus Italien hier ankommen, können des Rühmens nicht fertig werden über die Wiener Freiwillige n. Im Vereine mit den Kaiserjägern sollen sie wahre Heldentaten bei Voltra ausgeführt haben Sonst nichts? Wie würde man heute des Rühmens nicht fertig werden! Welche Literatur blüht uns ! Impressionistische Einfälle in Feindesland! Siegreiche Einfälle für die Schmucknotiz! Die Armee wird mehr Rezensenten als Soldaten haben , und selbst die Soldatenwerden noch Eindrücke haben und Auskünfte erteilen. Wie war's, als sie auszogen? Salzburg . Am achten dieses Monats marschierten hier zwei Divisionen Deutschmeister nach Italien durch. Ohne journalistische Aufregung und ohne amtliche Beruhigung. Sie marschierten. Die anständigste Gelegenheit, alle die namentlich anzuführen, die dabei waren, sie ging vorüber. In einem kommenden Krieg wird sie auch vorübergehen. Wegen der allgemeinen Wehrpflicht? Nein, wegen Raummangels. Denn es werden alle die genannt werden, die nicht dabei waren, die schon im Frieden bemerkt wurden, die Telephon-Abonnenten, die Nichtraucher, die Trinkgeldverweigerer, die Mißvergnügten der Eisen- oder Straßenbahn, die verzweifelten Anrainer, die Kotillonarrangeure, die Gratulanten und Kondolenten, die Patrioten, alle, alle, nur nicht die Soldaten. Wird deren Leistung die Quelle kultureller Erneuerung oder publizistischer Sensation sein ? Wird sie den Staat von dem parasitischen Geschlecht , dessen Antlitz und Sprache er angenommen hat , befreien ? Wird Blut das Blut erneuern , das wie Druckerschwärze fließt und stinkt ? Eher stürzt der Islam ein als der Glaube an das Wort , das gedruckt ist ! Die Unbesiegten sind die , die nicht in den Krieg ziehen . Sie sind nicht mehr die Boten, sie sind die Dichter der Taten und darum die Schöpfer der Gefahren . Will man ihrer Macht und Möglichkeit eine werden, dann betrachte man nicht die Weihnachtsnummer von heute, sondern eines jener vergilbten Blätter, auf welchen die Druckerschwärze wie der Botenlohn einer Bescheidenheit liegt, die für die Erleichterung der Pflicht noch Dank zu haben, nicht für den Mißbrauch der Maschine Dank zu begehren scheint. Die wichtigsten Probleme sind noch ein Redaktionsgeheimnis; sie werden nicht ausgeplaudert. Kultur ist ein Inhalt, noch kein Tapetenmuster. Krieg und Frieden sind noch Gedanken, und Gedanken denkt man noch selbst, anstatt sie zu abonnieren. Und wie stehts, um über solchem Tand die letzten Dinge nicht zu vergessen: mit den Annoncen? Nebbich. In fünf Nummern zwei. Ein Kalligraph übernimmt alle in sein Fach einschlagenden Arbeiten, als: die elegante Anfertigung von Lehr- und Meisterbriefen, Stammbuchblättern etc. und verspricht die prompteste Ausführung. Adressen hat die Redaktion dieser Blätter. Ein geübter Musiker gibt gründlichen Unterricht im Forte-Pianospiel und Gesang. Adressen beliebe man gefälligst alte Wieden, Hauptstraße, 2ten Stock, zum Schlüssel, abzugeben. Die Jauche der Bedürfnisse ergoß sich noch nicht in den Kanal des Geistes. Keine Nachfrage entsprang noch keinem Angebot. Man schrieb schön und spielte piano. Es war eine erbärmliche Zeit. Man erfuhr, was man wissen wollte, aber nicht mehr. In ihrem trostlosen Zustand versuchte es die Technik gar nicht erst, in jene Gegend einzudringen, die der Geist seinem ureigenen Bedürfnis vorbehielt. Wofür denn hoben sich diese altväterischen Gehirne auf? Wofür entzogen sie sich dem Versuch, ihnen unter geistigem Vorwand Tatsächliches einzupfropfen? Für den Geist. Den müssen sie wohl oder übel noch irgendwo gehabt und noch irgendwie gehütet haben. Sonst hätten sie nicht die Kraft gehabt, sich der journalistischen Überredung zu entziehen; sonst hätte es jenes fluchwürdigste Experiment, das je am Menschengeist gewagt wurde, damals schon gegeben. Sonst wären schon damals die Ereignisse abhängig gewesen vom Bericht und die Welt Augenzeugin des Treibens dieser Augenzeugen, die vor dem Heldentod, den Mut und Menschlichkeit im Kampf mit Pferdekräften sterben, vor Menschenopfer nun erhört des schuftigen Amtes der Causerie walten . Sonst wäre schon damals die Farbe gestorben; denn die Redner hätten sie nicht nur bekannt, sondern die Schreiber beschrieben. Sonst wäre die grauenvolle Künstlerschaft jenes schmählichen Reporters, der ohne Bewußtsein des Kontrasts und ohne Ahnung der Perspektive, nur dank der symbolisierenden Gewalt, die der Geist auch über den Geistlosen vermag, die Partie Sechsundsechzig der österreichischen Journalisten mit dem Abendgebet der moslimischen Soldaten konfrontiert hat – schon damals möglich gewesen! Sonst hätte es schon damals statt der Wanzen, die ein überlebter Vorwurf gegen den Balkan sind, Kriegskorrespondenten auf dem Balkan gegeben! Sonst hätte solches Gezücht, das den Lebenswillen der Bulgaren und die Todesverachtung der Türken zugleich hat, schon damals im Balkan wie in einem Rezensionsexemplar gehaust. Sonst hätte die graue Welt der Technik schon damals in der Buntheit imbeziller Persönlichkeiten geglänzt, und wäre schon damals das Jubiläum eines Kaffeesieders geschmückt worden, wie damals die Heimkehr eines Kaisers nicht geschmückt wurde. Sonst wäre schon anno 48 ein Gewerbe frei geworden, ein Schandwerk kreiert, das seine Leute nährt, ein Beruf, den es nie zuvor gegeben hat: ohne Eingebung, ohne das zwingende Muß des Geistes, nur im Dienst des ruchlosen Bedürfnisses menschlicher Neugierde, zu fremdem Unglück Impressionen haben zu müssen, nein, es zu können, aus fremdem Erlebnis für die Stimmung der andern zu dichten und ohne Gedanken nachdenklich zu sein. Sonst wäre eben damals mit jenem Schein der Freiheit der schändlichste Robot: die Geisteigenschaft eingeführt worden. Schon damals alles Blut der Literatur abgezapft und für die elende Nachfrage einer durch das Angebot immer mehr korrumpierten Kundschaft als Stehwein verhökert. Sonst hätte sich wahrlich schon damals die Empfänglichkeit, die sich dem Glück geistiger Befruchtung erhielt, in die sterile Hysterie verwandelt, die allein vor dem Kitzel der Neuigkeit beweist, daß sie überhaupt noch ein Zustand ist. Und daß sich dort noch ein Organisches regt, wo kein Atem mehr antwortet, wenn das Ewige seine Wiederbelebungsversuche anstellt! Aber, wo noch Gesicht ist, sehe es zu, und wo noch Gehör ist, höre es: Wird im Konsilium von Kunst und Natur ein grausamer Wille beschließen, daß dem verdorrten Schoß noch einmal etwas wie eine Zukunft entspringt, dann wird sie sportgelenk, aber mit verpichten Ohren und mit verklebten Augen auf diese Welt fallen, und wenn sie noch einen Mund hat, ihre Mutter des schändlichsten Ehebruchs beschuldigen. daß sie einen Apollo mit einem Lumpenkönig betrog, den Geist mit dem Zeitgeist! Und dann wird sich weisen, daß die Neugebornen, die Verstümmelten, die die Gegenwart in ihrem Schoße trägt, ein tieferes Gefühl für das Weh ihrer Menschheit haben, als die Jugend, die heute im gottlosen Glanz dieser Gegenwart lebt und glaubt, daß sie lebe. Dann wird der Gesellschaft im Besitz von ehrlichen Krüppeln jeder Schein von Gesundheit, mit dem sie heute prahlt, benommen sein, und fern aller Schwindel einer mechanistischen Glückstheorie, der jetzt allen Kastraten den Vorwand gibt, sich als Männer zu fühlen. Und unmöglich, daß jene Jugend, die da kommen wird, von sich dann noch behaupten wird, sie habe akademische Ziele. Und wenn ich unter dieser Jugend leben könnte, dann möchte ich mir nicht mehr einbilden, daß sie je ein Wort von mir empfangen hat. Diese Täuschung kann ich nur in der Gegenwart erleiden; denn sie hat die Qualität des Betruges. Nur ihr ist es möglich, mir zu der holden Illusion zu verhelfen, ich spräche zu einer Jugend und diese Jugend wäre der reifende Ersatz für jenes preßkranke Alter, dem ich den Todesstoß gebe, und diese Jugend machte den Tauschhandel von Wert und Macht, den ein Kadaver noch versucht, nicht mit. Nur in ihr hat eine Jugend Spielraum, ihre erlebte Unfähigkeit zur Größe nicht in zitterndem Schweigen zu begraben, sondern mit respektlosem Schwall sich vor dem Unerreichbaren bemerkbar zu machen und in jämmerlich umgelogener Furcht vor dem Geist ihm soziale Talente gegenüberzustellen, dem Ideal das selbst dieser Sorte einmal Erreichbare: den Rekord. Der Himmel des Heute ist die Zuflucht dieser nunmehr von einem englischen Clown der Gottlosigkeit bedienten Schwäche, und der Trost dieses Shaw, der am Sterbebett der Menschheit seine Lazzi macht, hat schon manchem Leib über die Unbequemlichkeiten des Glaubens hinweggeholfen. Mit einem Witz, der den Zweck des Lebens mit dem Zweck eines Gebrauchsgegenstandes verwechselt, setzt sich die maßlose Banalität über das hinweg, was sie mit dem Mikroskop nicht wahrnehmen kann: die Größe. Da es aber den Geist irgendwo gibt, so bleibt auf Erden nichts übrig als Unruhe. Die Überlegenheit rettet sich, je nachdem, in die Maschine oder in die Psychologie, immer in die Druckerschwärze, die schon für sich eine Weltanschauung ist und allein die Handhabe bietet, den Selbstmord des Generals Nogi lächerlich zu finden, eine »fatale höfische Faxe« zu nennen und einem toten Helden, der » nichts zu tun hatte und darum in einer antiquarischen Samurai-Moral geschäftig wurde«, einen quietschlebendigen Roosevelt vorzuhalten, der » zu tun ha t«. In dem Manifest einer sich als Jugend fühlenden Gemeinschaft, mit der mein Name das Unglück hatte, zeitweise in einen äußerlichen Zusammenhang gebracht zu werden, findet sich das Ungeheuerliche und offenbart sich die Möglichkeit, daß ein Knabe von der Empörung über den Selbstmord des japanischen Generals, »der sich dem modernen Energieausnützungsgedanken entzogen habe«, derart geschüttelt wird, daß er in den Ruf »Fort mit den Asiaten aus Europa l« ausbricht und »weg damit!« Es ist der Schwäche eigentümlich, daß sie, anstatt aus Pietät für die Überlebenden Selbstmord zu begehen, ihre Zähigkeit in Ausfällen gegen die Kraft beweist. Belanglosigkeit und Komik, die der einzelne Fall für sich geltend machen kann, wandeln sich aber zu einem Bild des Grauens, wenn sich der Blick an den Typus wendet. Und da verschwindet die Gefahr der heute Erwachsenen, die hinter dem Ideal ihre soziale Notdurft verrichten, die es leugnen, aber nicht verhöhnen, vor dem Ausbund einer Jugend, die die Notdurft verherrlicht und am Ideal verrichtetl Da fragt man sich, ob man den Kommerzialräten nicht Unrecht getan hat; denn ihre der Tat des Generals Nogi abgekehrte Weltanschauung begnügt sich mit der Feststellung, daß der Brauch uns fremd ist, und liefert uns Feintuche. Sie opfert sich auf für das Geschäft. Und der alte Redakteur hat nichts Schlimmeres getan, als das Harakiri unpassend für eine aufgeklärte Zeit zu finden und achselzuckend zu bedauern: »Auf was die Leut für Ideen kommen, wenn sie nichts zu tun haben!« Es ist gespenstisch, wie die Realität meiner Satire folgt. Schatten werfen Körper. Und jetzt erfüllt die neue freie Jugend, was ich der alten Presse andichte! So sieht die Generation aus, die den Vätern antwortet. Sie liefert dem Rebbach das philosophische Fundament. Verzweifelnd blickt man sich nach einer anderen Jugend um. Denn die hier ist brauchbar! Und wenn sie sich nur so manifestierte, daß sie im Gänsemarsch um einen Gaskandelaber herumginge statt um einen toten Helden, sie soll willkommen sein! Und ein Rudel Galerieenthusiasten, der dem schlechtesten Schauspieler für den Schall eines Schiller-Verses huldigt, erscheine getrost als Erneuerer der Menschheit neben den Claqueuren des Herrn Roosevelt, neben den Pathetikern der Maschine, die einem Chauffeur die Pferde ausspannen wollen, und neben den Krafttinterln, die die Technik deshalb dem Ingenium vorziehen, weil sie vor diesem verloren, hinter jener aber, selbst sie, Helden sind. Man kurbelt; das ist so schnell wie schreiben und noch unpersönlicher. Man analysiert Gott und die Liebe, und das ersetzt beides. Die Schwäche ist ein wahrer Jungbrunnen für die Schwäche. Psychologie ist das Rezept für den Mangel, der zu ihr inkliniert, und Technik macht das kranke Bein zur Krücke. Das ist praktisch. Aber wenn die Krücke den Menschen anfaßt und behauptet, daß er ohne sie nicht gehen kann, so hat ein Zauberlehrling über dem »Zweck« das »Wort« vergessen, dem auch ein Stock sein Dasein verdankt, ein Besen, ein Knecht! Und an Goethes erhabenem Symbol, in dem sich jedes Unterfangen am Geiste und darum auch das entsetzliche Gewässer dieser Zeit begreift, die »Wunder auch tun« will, haben sich die analytischen Zauberlehrlinge der Deutung vermessen, es sei »die Sublimierung der Bettnässe«! Dieses furchtbare Ineinander, durch das ein Gedicht zum doppelten Sinnbild der Gottlosigkeit wird, bezeichnet das Maß des Opfers, zu dem die talentierte Zeit gegen den Geist fähig ist. Vom erforschlichen Ratschluß des Afters beziehen sie die Gnade, und ihre Wissenschaft, die ein Afterglaube ist, erdreistet sich eines Appells »an alle jene, die ausgegangen sind, den Ort zu suchen, wo eine neue Wahrheit in der Krippe liegt«. Dies Wort ist gesagt und hier bleibt nur ein letztes Wunder: wie die Schamlosigkeit nicht vor ihrem letzten Ausdruck erschrickt, und daß Menschen, deren Dasein an sich schon eine Blasphemie ist, auch noch mit dem Mut der Schmutzkonkurrenz in eine Welt geweihter Vorstellungen brechen. Man zweifelt an der Zurechnungsfähigkeit dieser Rechnungsfähigen; man fühlt das Dunkel, aus dem diese Erklärer kommen, um mit der schäbigen Laterne ihres Bewußtseins die Mysterien zu behelligen. Der Rationalismus der Deuter und Dreher läßt nur ein Rätsel ungeschoren: sich selbst. Und vor den Versicherungen der Technik bleibt nur eine Sicherheit zweifelhaft: ihre eigene. Man hofft immer noch, daß sie auch das nicht glauben, was sie wissen. Sicht man sie an (die philosophischen Pferdekraftmeier, die das Müllern mit Recht für gesünder halten als das Harakiri, und jene gar, die ihnen nachmüllern und sich die neue Gesundheit mit blasser Tinte verschreiben), so fragt man sich, ob es wohl denkbar ist, daß aus dem Mund eines Zwanzigjährigen Sätze kommen könnten, die aus seiner Feder kommen. Denn man weiß, daß Schreiben nicht mehr das ist, was einer verantwortet, sondern die ultimo ratio der Unverantwortlichkeit. Und faßt es dennoch nicht, daß als ein Dokument der Jugend der Ruf gelten soll: »...Wir haben keine Heldenlieder mehr, dafür aber Zeitungsberichte, die für den Augenblick den Namen eines Helden in tausenden Exemplaren kundtun. Deshalb ist auch der Begriff des »Helden des Tages« etwas zeitgemäßer ... Für das Außerordentliche haben wir keine Zeit ...« Und daß diese Jugend diese Wahrheit nicht als schmerzlichen Gemeinplatz mir abgenommen hat, nein, eine freudige Entdeckung, macht! E s ist nicht anders: die dunkle Rache verstoßener Weiblichkeit muß in das Mannsbild gefahren sein, sich selbst an dem neuen schwachen Geschlecht verhärtend, das nun seine Schwäche anmutlos am Haß gegen die Liebe verschwärmt, gegen die Erinnerung der Natur und des Ideals, auch wieder von dem Bedürfnis getrieben, sich zu verhärten. Aber diese Emanzipation ist nicht wie jene ein interessantes Minus, sondern führt empor zur Null. Und so häßlich ist dies Versteckenspiel der Geschlechter, daß man immer wieder dem Schein glaubt, nun spreche das rechte. Aber es ist immer das unrechte, und vor diesem Mischmasch verzichten Wüstling und Philosoph. Nicht, als ob es nicht möglich wäre, diese Jugend, wenn man sie nur recht fest anschaut, flugs wieder zur gegenteiligen Weltansicht zu bekehren. Aber will man denn dort die Macht üben, wo man von der Machtlosigkeit des Wertes überzeugt wurde? Der Blick auf die Entwicklung wird ja erst durch die Wahrnehmung dieser Fähigkeit, zu fluktuieren, so entsetzlich, und der Ausweg in die Erbärmlichkeit sei ihr von rechtswegen gegönnt. Nur möchte man, da man so die Jugend in der glücklich errungenen Freiheit sieht, selbst einen Ausweg finden. Denn in dieser Zeitgenossenschaft zu verschmachten, macht den Eintritt in die Hölle hoffnungsvoll. Die jungen Leute dort dürften wissen, wofür sie erglühen. Hier ist Druckerschwärze und hysterische Hitze. Alle sehen wie jeder aus. Hier bleibt nichts übrig als Erkenntnisse, von denen man nicht leben kann. Sich der Jugend seiner Zeit zu schämen, ist kein Ziel. Es entschädigt nicht dafür, daß man die Männer seiner Zeit nicht achtet und die Greise bedauerlich findet. Es ist die letzte Stufe auf dem Weg, der zur Warte der Aussichtslosigkeit führt. Wenn man nur durchkommen könnte! Wenn nur der Zwang nicht wäre, im Nebel das verkehrte Leben zu erkennen und die Sprache zu finden gegen den Druck, der sie nimmt! Verbrecher gesucht »Mit der autoritären Gewalt wird die Justiz verschwinden. Das wird ein großer Gewinn sein – ein Gewinn von wahrhaft unberechenbarem Wert. Wenn man die Geschichte erforscht, nicht in den gereinigten Ausgaben, die für Volksschulen und Gymnasien veranstaltet sind, sondern in den echten Quellen aus der jeweiligen Zeit, dann wird man völlig von Ekel erfüllt, nicht wegen der Taten der Verbrecher, sondern wegen der Strafen, die die Guten auferlegt haben; und eine Gemeinschaft wird unendlich mehr durch das gewohnheitsmäßige Verhängen von Strafen verroht, als durch das gelegentliche Vorkommen von Verbrechen. Daraus ergibt sich von selbst, daß, je mehr Strafen verhängt werden, umso mehr Verbrechen hervorgerufen werden, und die meisten Gesetzgebungen unserer Zeit haben dies durchaus erkannt und es sich zur Aufgabe gemacht, die Strafen, soweit sie es für angängig hielten, einzuschränken. Überall, wo sie wirklich eingeschränkt wurden, waren die Ergebnisse äußerst gut. Je weniger Strafe, umso weniger Verbrechen. Wenn es überhaupt keine Strafe mehr gibt, hört das Verbrechen entweder auf, oder, falls es noch vorkommt, wird es als eine sehr bedauerliche Form des Wahnsinns, die durch Pflege und Güte zu heilen ist, von Ärzten behandelt werden.« Das sind Worte Oscar Wildes. Aber der Gegenwartsstaat kann dem Ideal des Denkers nicht plötzlich reifen. Er kann die Hälfte seiner Strafparagraphen, nicht alle streichen. Eine spontane Freigabe des Diebstahls und Raubes in einer vom Eigentum besessenen Gesellschaft wäre fast so unheilvoll, wie der Schutz, den ihr die Holzinger, Feigl und deren sächsische Blutsverwandten angedeihen lassen. Die sofort durchführbare Reform müßte sich mit einer Schiebung von Rechtsgütern begnügen, mit der Milderung und Individualisierung der Strafen, und vor allem mit der Sicherung, daß der Staat nicht Verbrecher erzeuge . Gerade diese erweist sich in Österreich immer wünschenswerter. Denn nirgends ist der Glaube an den Selbstzweck der staatlichen Gewalten so festgewurzelt wie hier, wo noch immer das Publikum als eine zur Bedienung der Beamtenschaft bestimmte Einrichtung oder als eine lästige Begleiterscheinung, ohne die sich's leichter amtieren ließe, aufgefaßt wird. Eine Amtshandlung ist hierzulande etwas, in das man sich einmischt. Es entspricht dem allgemeinen Wesen österreichischer Amtlichkeit, daß es unserer Justiz nicht so sehr darauf ankommt, Verbrechen zu verhindern, als sie zu strafen. Die Polizei erzeugt Verbrechen im eigenen Wirkungskreis. An zwei krassen Fällen – ich glaube, innerhalb einer Woche – ist dies kürzlich klar geworden. Der eine ist in einer Zuschrift der »Arbeiter-Zeitung« behandelt, in der die Frage gestellt wird: »Wenn der Sicherheitspolizei bereits fünf Monate vor Anfertigung, respektive vor der Ausgabe der Hundertkronenfalsifikate durch Liebel die Tatsache bekannt war, daß die Brüder Liebel sich mit der Absicht tragen und im Begriffe sind, ein Verbrechen zu begehen, worauf nach österreichischem Gesetz lebenslänglicher Kerker steht, warum hat dann die sogenannte »Sicherheitspolizei« nicht früher eingegriffen?« Durch eine einfache Vorladung des Verdächtigen, durch einen Vorhalt der Mitteilungen des Angebers wäre, meint der Einsender, Liebel ein- für allemal kuriert gewesen, der Staat wäre vor einem umfangreichen Gerichtsverfahren bewahrt geblieben und die Mitbürger wären vor dem zu erwartenden Schaden im Voraus geschützt worden. Es sei nicht nötig gewesen, »vier Familien zuschauend ins Verderben rennen zu lassen und dann erst einzugreifen, wenn neben dem hohen Schandlohn für den Vertrauensmann auch der Schandlohn für den sicherheitspolizeilichen Schlachtenlenker zu erwarten war: ein Orden oder eine Anerkennung der »außerordentlichen Verdienste« in anderer Form, worauf Herr Stukart ebenso versessen ist wie der Konfident auf die Prämie.« Es gehe nicht an, beabsichtigte Verbrechen »auslaufen« zu lassen, nur um dann auf Erfolge hinweisen zu können. §1 des Strafgesetzes sagt, daß »zu einem Verbrechen böser Vorsatz erfordert« wird. Aber der §1 der Reklameordnung des Wiener Sicherheitsbureaus braucht zu einem bösen Vorsatz ein Verbrechen. In der Tat, da die Tat verhindert werden konnte, hatte sich der Banknotenfälscher bloß des bösen Vorsatzes schuldig gemacht. In keinem Paragraphen des Strafgesetzes ist von der Strafbarkeit des bösen Vorsatzes, in §8 bloß von der Strafbarkeit des Versuchs einer Übeltat die Rede. »Insolange sich die strafgesetzwidrige Absicht nicht in einer Handlung objektiviert, kann von strafbarem Versuche keine Rede sein« – so hat das höchste Gericht wiederholt entschieden. Ich kann straflos die Absicht äußern, einen Diebstahl zu begehen. Eine behördliche Warnung wird wahrscheinlich hinreichen, mich an der Ausführung dieser Absicht zu hindern. Aber zugegeben, der böse Vorsatz des Banknotenfälschers wäre an sich strafbar. So wäre er doch nicht so schwer bestraft worden wie die Tat, zu der man ihn »ausreifen« ließ und durch die wirklich nur Herrn Stukart ein Nutzen erwachsen ist. Dieser praktische Kriminalist, dem selbst eine Lücke im Gesetz ein offenes Knopfloch bedeuten könnte, scheint tatsächlich die Überführung eines Verbrechers als persönliche Angelegenheit zu betrachten und sie weniger »im Hinblick auf die öffentliche Sicherheit« als im Hinblick auf den Franz Josephs-Orden zu besorgen. Acht Monate mußte der angeklagte Fälscher in Untersuchungshaft sitzen, damit der Liebling des »Extrablatts« und Chef des Sicherheitsbureaus in offener Gerichtsverhandlung mit seinem »Material« glänzen könne, das jenen sofort zum Geständnis bewogen hätte, wenn es dem Gericht früher vorgelegen wäre. Die Methode, die Ahndung eines Verbrechens für ersprießlicher zu halten als daß keines geschehe, ist auch in dem Prozeß wegen des Diebstahls im Palais Henckel-Donnersmarck enthüllt worden. Die Geschwornen sprachen einen geständigen Dieb frei, weil ihn die Polizei außerdem zum Verleumder gemacht hatte. Ich preise auch hier nicht das heilsame Korrektiv der Amtlichkeit, als das man die Geschwornenjustiz noch immer auffaßt. Ich beklage die Ungerechtigkeit der Milde, die aus dem Unrecht der Verfolgungswut entsteht. »Stift wurde zur Polizei vorgeladen und gestand beim zweiten Verhör den Diebstahl zu, fügte aber bei, daß er im Einverständnis mit dem Diener Johann S. des Grafen gehandelt habe. Beide hätten die Tat verabredet und S. ihm in der Nacht zum 21. Dezember die Eingangstür zur Wohnung des Grafen geöffnet. Einige Tage später gab Stift an, S. habe von dem Diebstahl nichts gewußt und er habe ihn ungerecht als Mittäter beschuldigt. Bei dieser Angabe blieb Stift auch in der landesgerichtlichen Untersuchung ... In der Verhandlung bekannte sich der Angeklagte des Diebstahls schuldig und gab an, er habe den Diener S. nur deshalb als Mittäter genannt, weil der Polizeikommissär beim ersten Verhör sagte, er könne den Einbruch nicht allein verübt haben, ein Bediensteter des Grafen müsse mit ihm einverstanden gewesen sein.« Der Präsident zum Polizeikommissär: Der Angeklagte sagt, sie seien in ihn gedrungen und haben ihm sogar die Enthaftung in Aussicht gestellt, wenn er seinen Komplizen nenne. – Zeuge: Ich habe nur gesagt, er kann eher frei werden, wenn er ein volles Geständnis ablegt. Präsident: Das war etwas weit gegangen, denn über die Enthaftung in solchen Fällen hat nicht die Polizei zu entscheiden. – Der Verteidiger, der den Fall Liebel wohl schon vergessen hatte, führte aus: »Während sonst die Polizei Verbrechen, die begangen wurden, aufzuspüren und die Begehung von Verbrechen zu verhindern sucht, ist in diesem Falle ein nichtbegangenes Verbrechen konstruiert und der Angeklagte zur Begehung eines neuen Verbrechens gezwungen worden.« Soweit er den einzelnen Kommissär traf, war der Vorwurf gewiß ungerecht. Er sollte bloß dem System gelten. Nicht jeder Polizeibeamte ist ein Reklamejäger, und der Mann, in dessen Protokoll ein Unschuldiger zum Dieb und ein Dieb zum Verleumder wurde, hat nichts Schlimmeres getan, als was die meisten Kollegen tun würden. Nicht immer bringen sie den Dienst ihrer Person, oft genug ihre Person dem Dienst zum Opfer. Aber dem Dienst frommt solches Opfer nicht. Müdegehetzt – von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends hatte jener Kommissär nichts gegessen, bis 11 Uhr amtiert – wollen sie zu einem Ende kommen. Schäbig genug dankt das System seinen Dienern, schlecht lohnt der Staat jenen, die sich von ihm mißbrauchen lassen. Von den Gesichtern Was mich immer tief alteriert hat, das ist die Selbstverständlichkeit, mit der die meisten Menschen ihr Gesicht tragen. Gefiel mir eines oder das andere nicht, so kam, wie um das Maß voll zu machen, die Beschönigung eines unbeteiligten Dritten dazu: der Mann könne doch für sein Gesicht nicht. Kein Standpunkt ist haltloser. Denn die Verantwortung, die einer für seine Nase übernimmt, ist mindestens so begründet wie die, die er für seine politische Überzeugung trägt. Für die politische Überzeugung kann der Mensch in den meisten Fällen überhaupt nicht verantwortlich gemacht werden, da sie ihm von Geburt oder durch fehlerhafte Erziehung, durch mitgebrachte Schwäche der geistigen Veranlagung oder durch das verderbliche Beispiel der Umgebung anhaftet. Dagegen entspringt eine krumme Nase einem Mangel an Rücksicht, der bei der reichen Auswahl von Sekretionsgelegenheiten mehr als peinlich berührt. Doch man macht die Beobachtung, daß die Träger eines Gesichts, dem die Schöpfung den Stempel der Ausschußware deutlich aufgeprägt hat, nicht nur nicht aus Bescheidenheit vor der Verschandelung des Weltbildes zurückschrecken, sondern alles dazu tun, sich als das Merkziel der Betrachtung ihren Nebenmenschen zu empfehlen. Man kann sicher sein, daß einer, der Henkelohren hat, nie auf den Vorhalt hören würde, sein Gesicht gleiche dem Nachttopf des Königs Attila, sondern in dem Glauben leben wird, es gleiche dem Bildnis des Dorian Gray. Keine Spur von reuiger Ergebung in die Einsicht, verpfuscht zu sein. Vielmehr läßt die Zuversicht, die aus solchen Zügen spricht, darauf schließen, der glückliche Besitzer halte sein Gesicht für die endgültige unter den zahllosen möglichen Formen, ja für eine solche, die bei künftigen Schöpfungsakten als die allein maßgebende und modemachende in Betracht kommen wird. Die angeborne Schönheit ist viel zu ehrgeizig, um sich für vollkommen zu halten; aber nichts geht über den Stolz der angebornen Häßlichkeit. Wer sie von der Verantwortung freispricht, beleidigt ihr Selbstbewußtsein. Das »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« ist eine Entschuldigung, die sogar eine krumme Nase aufrecht hält. Unbedingt verwerflich aber ist die Eigenschaft, einem andern ähnlich zu sehen. Die Gesichtszüge sind noch das einzige Merkmal, durch das sich die Trivialität von der Alltägchkeit unterscheidet. Fehlt es, so entsteht eine heillose Verwirrung, aus der man in Deutschland allerhöchstens in der Richtung der Schnurrbartspitzen hinausfindet. Es kann aber gerade in diesem Punkt wieder die Eitelkeit eine fatale Rolle spielen und Ähnlichkeiten schaffen, die den Betrachter in die peinlichste Verlegenheit bringen. Geradezu verhängnisvoll wäre es, wenn er Hurra riefe und es stellte sich heraus, daß diese Kundgebung einen Wachtmeister erfreut hat, der den Schnurrbart nach dem alten Kurs trägt, inzwischen aber führe unerkannt ein Hochgestellter vorüber, dessen milder Gesichtsausdruck sich noch nicht eingelebt hat ... In jedem Fall gehören die Ähnlichkeiten zu den mißlichsten Komplikationen des Lebens. Man könnte sich damit begnügen, der Schöpfung Fahrlässigkeit zum Vorwurf zu machen, wenn sie nicht durch die Institution der Zwillinge eine Planmäßigkeit des Vorgehens bewiesen hätte, die sich von selbst richtet. Unübersehbar sind die Schwierigkeiten, denen man sich ausgesetzt fühlt, wenn man einen Esel meint und dessen Bruder schlägt, und der einzige Trost in solcher Lage ist die Hoffnung, daß auch dieser Schlag einen Esel getroffen hat. Zwillinge haben sichs in allen Fällen selbst zuzuschreiben. Ein unerquicklicher Anblick ist es, wie da immer der eine Teil den andern mitreißt. Kürzlich erst konnte man lesen, wie einer dieses Zustandes überdrüssig wurde und sich infolgedessen beide erschossen haben. Sie waren Offiziere und hatten es gemeinsam bis zum Major gebracht. Seit einigen Jahren, hieß es, hatten sie mit Schulden zu kämpfen. Im Kartenspiel und am Turf sollen sie viel Geld verloren haben. Es bestand die Gefahr, daß sie die Offizierscharge verlieren würden. Es war ihnen nicht möglich, ein Akzept einzulösen, sie gingen auf das Platzkommando, kamen um viertel eins nachhause, schrieben mehrere Briefe, sandten ihre Offiziersdiener damit fort, und erschossen sich. Der eine im rechtsseitigen Zimmer in die linke Schläfe, der andere im linksseitigen Zimmer in die rechte Schläfe. Nur so waren sie schließlich zu unterscheiden. Hätten sie in günstigeren Verhältnissen ihr Leben fortgesetzt, der unausbleibliche Wirrwarr hätte sie am Ende doch zur Verzweiflung getrieben. Denn der Bericht schließt mit der Erklärung, es sei »bemerkenswert, daß sich die beiden Brüder durch ein Heiratsprojekt rangieren wollten, welches zunichte wurde«. Aber auch sonst hätte der eine halten müssen, was der andere versprach, wenn nicht dieser vergessen hätte, woran sich jener nicht erinnern konnte. Die untereinander eingegangenen Verbindlichkeiten haben das Ende der Zwillinge herbeigeführt. Zu Zwillingen entschließt sich die Natur nur im äußersten Falle. Sie liefert bloß dann Duplikate, wenn für den verfügbaren Mangel an Persönlichkeit, der zur Erschaffung des Dutzendmenschen dient, einer allein nicht ausgereicht hat. Daß einer seufzen muß, wenn der andere verliebt ist, ist ein Zustand, dessen Lächerlichkeit auch ohne den Verlust der gemeinsamen Offizierscharge tötet. Aber auch die Ähnlichkeit zwischen Vätern und Söhnen ist oft von den übelsten Folgen begleitet. Sie wäre eine Familienangelegenheit, wenn nicht in den Fällen, die die Söhne berühmter Männer betreffen, andauernd öffentliches Ärgernis geboten würde. Nie erbt doch so ein Kerl das Talent, und immer die Nase! Ist es nun schon an und für sich traurig, daß Männer, die auf irgendeinem Gebiete schöpferisch tätig sind, den Ehrgeiz haben, es auch in geschlechtlicher Beziehung zu sein, so müßte doch wenigstens darauf geachtet werden, daß jede Spur von Ähnlichkeit beim Nachwuchs im Keime erstickt wird. Was soll um Gotteswillen aus einem jungen Menschen werden, der ganz so aussieht, wie sein Vater, der berühmte Komponist, und absolut nicht komponieren kann? Um nicht komponieren zu können, dazu braucht man doch nicht der Sohn eines berühmten Komponisten zu sein? Das Aufreizende hiebei ist aber nicht die Unfähigkeit, sondern die Ähnlichkeit. Da ist der Vater in einem Palazzo von Venedig gestorben, die Fremden pilgern zu der geweihten Stätte – am Lido aber badet die irdische Hülle des teuren Verblichenen, und den unersättlichen Fremden bleibt auch dies unvergeßlich. Man bewundert ein Naturspiel, aber man sollte es verurteilen. Wozu dienen solche Attrappen der Natur? Um mit Ähnlichkeiten zu verblüffen, genügt das ausgeschnittene Profil einer Leinwand – in das Loch steckt ein altes Weib sein Gesicht, stellt sich auf den Sessel eines Wirtshausgartens und sagt: jetzt werden die Herrschaften den Richard Wagner sehn, zuerst aber bitte ich um ein kleines Trinkgeld oder Douceur ... Es laufen heute in Europa ein paar höchst unverdiente Träger berühmter Namen herum. Man hat es aus falscher Humanität unterlassen, sie rechtzeitig im Kaukasus, im Dovregebirge oder in der Sächsischen Schweiz auszusetzen, und nun müssen wir sehen, wie die Folgen eines Geschlechtsakts sich vor die besseren Schöpfungen der berühmten Männer stellen. Man zwinge jene von Gesetzes wegen zur Annahme eines Pseudonyms und einer veränderten Barttracht, und warte ab, ob sie dann noch lebensfähig sind. Der Sohn Goethes hat sich von keinem literarhistorischen Standpunkt aus zur Aufnahme in die Gesamtausgabe von Goethes Werken empfohlen. Aber wenn gar einer so aussieht, daß er erst das »Sternengebot« schreiben muß, damit einem der Ruf »Der ganze Papa!« in der Kehle stecken bleibe, so verwünscht man diese ewigen Foppereien der Natur. Nein, es ist nichts mit den Ähnlichkeiten. Sie dienen nicht einmal dem Größenwahn, der den Sohn auszeichnet. Denn der wird immer behaupten, daß er darin selbständig ist. Von den Sehenswürdigkeiten In der russischen Kreisstadt Rybinsk, lese ich, werden die Summen, die für die Instandhaltung der Monumente bestimmt sind, zur Instandhaltung der Bedürfnisanstalten verwendet. In anderen Städten wird die umgekehrte Methode geübt. Eine Einteilung ist nirgends zu erzielen. Wenn ich aber die Wahl habe, entscheide ich mich unbedenklich für das System von Rybinsk. Aus manchen meiner Äußerungen wird man schon entnommen haben, daß ich ein Feind von Sehenswürdigkeiten bin. Nicht als ob ich für die künstlerischen Vorzüge eines Reiterstandbildes blind wäre. Aber ich glaube, daß die Fülle von Reiterstandbildern, durch die sich unser armes Dasein hindurchwinden muß, uns in unserer Entwicklung dermaßen hemmt, daß wir schlechterdings unfähig werden, Reiterstandbilder zu schaffen. Dies war ehedem paradox, aber nun bestätigt es die Zeit, sagt Hamlet. Sein Grab ist heute eine Sehenswürdigkeit von Helsingör. Aber wie konnte es sich als solche erhalten, da doch pietätvolle englische Badegäste die Steine, die die Grabstelle bezeichnen, als Andenken mitzunehmen pflegen? Es konnte sich als Sehenswürdigkeit erhalten, weil der Hotelportier vor Beginn der Saison eine neue Fuhre bestellt, so daß der Vorrat nicht ausgeht. Wenns aber nach der Pietät der englischen Badegäste ginge, gäbe es längst kein Grab Hamlets mehr. Und ähnlich verhält es sich mit allen anderen Sehenswürdigkeiten. Es gibt deren so viele, daß man sich ganz aufs Sehen verlegt und das Schaffen verlernt. Die Kunst dient dazu, uns die Augen auszuwischen. Wenns auf der Weltbühne nicht klappt, fällt das Orchester ein. Und selbst die ästhetischen Werte des Menschen scheinen bloß die Bestimmung zu haben, uns für eine Lumperei zu kaptivieren. Nun würde ich mich gern von einem Wiener Kutscher überhalten lassen, wenn ers nur nicht mit dem echten Gemütston täte! Und mir von einem italienischen Wirt die Gurgel abschneiden zu lassen, wäre erträglich, wenns nicht mit diesem träumerischen Zug geschähe! Die Unbequemlichkeiten des Daseins nehme ich nur ohne ästhetische Entschädigung in Kauf, und wenn ich einen Verdruß habe, will ich mich nicht bei den Attitüden aufhalten. Schlechte Instrumente taugen nicht, aber wenn sie sich als Individualitäten aufspielen, dann ist doppelte Vorsicht geboten. Der pittoreske Dreck ist die einzige Illusion, gegen die ich ein Vorurteil habe. Ich weiß, nicht alle denken so. Der Philister, der nicht imstande ist, sich seine Gemütserhebungen selbst zu besorgen, muß unaufhörlich an die Schönheit des Lebens erinnert werden. Selbst zur Liebe bedarf er einer Gebrauchsanweisung. Erst wenn ihm eine Schangsonette versichert hat, daß ach die Liebe, ja die Liebe so schön sei, nur müsse man den Zauber auch verstehn – erst dann glaubt ers. Und sein Ehrgeiz ist geweckt; denn: »wer die Liebe zu genießen nicht versteht, der lass' es lieber gehn, der ist ganz einfach blöd«. Man hat die Wahl, für blöd zu gelten oder die Liebe zu genießen, und zieht natürlich das zweite vor. In Liebe und Leben muß man vor eine fertige Sache gestellt werden, sonst sieht man deren Wert nicht. Man geht über einen Platz, auf dem Gemüsefrauen ihren Stand haben. Der Philister vermißt etwas. Seitdem sich aber zwischen den Gemüsefrauen ein bronzener Feldmarschall erhebt, ist die Sache in Ordnung. Die Lebenswerte müssen ihm vor die Nase gehalten werden. Eine Chansonettensängerin erklärt ihm die Liebe, ein Denkmal mahnt ihn an noch höhere Interessen, und in keiner Lage vermag er des Anschauungsunterrichtes zu entraten. In Rybinsk wäre er unglücklich. Denn setzen wir den Fall, er käme dort auf dem Bahnhof an und hätte sogleich das Bedürfnis, ein Monument aufzusuchen – die Folgen wären nicht auszudenken. Er müßte warten, bis er wieder nach Berlin kommt. Dort ist vorgesorgt. Denn als ich einmal im Tiergarten einen Schutzmann fragte, wo hier das nächste –, ließ er mich gar nicht erst zu Ende sprechen, sondern verwies mich auf das Denkmal Ottos des Faulen. Da aber erfahrungsgemäß bloß die Hunde so klug sind, Sehenswürdigkeiten vom Standpunkt der Utilität zu betrachten, und hiebei selbst vor Marksteinen der preußischen Geschichte nicht zurückschrecken, ist es für uns Menschen eine schwere Zeit der Not, in der wir leben. So weit wir uns umsehn können, war eigentlich nur die Wiener Stadtverwaltung bis heute erfinderisch genug, einer Lösung des Problems, wie man das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet, einigermaßen nahezukommen. Nur sie war so klug, den ästhetischen Bedürfnissen des Bürgers gleich an Ort und Stelle Rechnung zu tragen. Hier – wir befinden uns im Zentrum der Stadt – führen ein paar Stufen abwärts zu einer Sehenswürdigkeit, für deren Instandhaltung man selbst in Rybinsk ein Herz hätte. Denn neben allen Wundern einer modernen Architektonik ist es die anmutige Überraschung eines Aquariums, die den Besucher dazu bestimmt, länger zu verweilen, als es unbedingt notwendig wäre, und gern befolgt man die Weisung, vor dem Verlassen der Anstalt die Goldfische zu betrachten. Es dient dem Fremdenverkehr, und man sagt, daß sie den Ort in Begleitung von Fremdenführern besuchen, die diesen Programmpunkt zwischen die Besichtigung der Museen und die Besteigung des Riesenrads einzuschieben pflegen. An Sehenswürdigkeiten, die bloß das Auge erfreuen, ist ja diese Stadt so überreich. Ihre Straßen sind mit Kultur gepflastert, während die Straßen anderer Städte bereits mit Asphalt gepflastert sind. Die Vergangenheit reicht in die Gegenwart hinein, und daraus erklärt sich die bekannte Wiener Unpünktlichkeit. Bahnzeit ist hier einige Minuten hinter der Stadtzeit zurück, aber Stadtzeit einige Jahrzehnte hinter der mitteleuropäischen Zeit. In der Vergangenheit sind wir den andem Völkern weit voraus. jedoch gerade diese bunte Mischung der Zeiten macht unser Stadtbild besonders anziehend. Wenn aus einem Nachtcafé das Volkslied dringt: »Kinder, wer kein Geld hat, der bleibt z'haus, heut komm ich erst morgen früh nach Haus«, so beweist dies an und für sich schon eine gewisse Schlamperei der Consecutio temporum. Aber nur ein paar Schritte hat man vom Nachtcafé ins Mittelalter, denn gerade gegenüber steht der Stephansdom, dem zur Linken ein Einspännerstandplatz und zur Rechten das Grab Neidharts von Reuenthal sich befindet. Ebenso bequem haben es die Besucher eines Champagnerlokals, die, ohne erst lange suchen zu müssen, gleich vor dem Ausgang das Denkmal Karls des Großen und Omnibusverkehr nach allen Richtungen haben. Wer »d'Grinzinger« verläßt, sieht sich einer Fürstengruft gegenüber. Und wer auf dem Gassenstrich manchem ehrwürdigen Wahrzeichen von Wien begegnet ist, bleibt endlich auch vor jenem stehen, in das einst sämtliche wandernden Schlossergesellen ihren Nagel einschlugen, und findet ein Täfelchen daneben, auf dem die Worte zu lesen sind: »Die Sage vom Stock im Eisen ist beim Portier um zwanzig Heller zu haben.« Dieser Portier ist besser dran als sein dänischer Kollege, er kann die Sage verkauf en und muß die Nägel nicht erneuern. Man wird zugeben, daß hierzulande ein moderner Zug durch die Historie geht. Die praktischen Einrichtungen dieser Stadt mögen nicht immer sehenswert sein, ihre Sehenswürdigkeiten sind durchaus praktisch eingerichtet. Aber es sind eben doch nur Sehenswürdigkeiten, und es gibt deren zu viele. Bedenkt man dazu, daß auch die Menschen dieses Landes einem mehr dekorativen als realen Zweck entsprechen, so bekommt man einen Begriff von der Schwierigkeit des hiesigen Lebens. Im deutschen Norden ist der Sinn für das Ornamentale gerade so weit entwickelt, daß kein Käse ohne Salat auf den Tisch kommt. Der Salat, mit dem die Österreicher sich als ganze servieren, ist ein Orden. Und es gibt hier Menschen, die ganz und gar eine Salatexistenz führen. Der Salat zum Selbstzweck erhoben, ist zum Beispiel ein Stationsvorstand, der von Hoheiten angesprochen wird. Er sieht schön aus, wird zu jedem Schnellzug gezeigt, findet jedoch keine praktische Verwendung. Der Vorstand der nächsten Station, der das ganze Jahr zu keiner Hoheit kommt, muß für nüchterne Betriebszwecke herhalten. In der Regel jedoch haben die Staatsbeamten dekorativen Wert, und zu ihrer Instandhaltung wird an den ästhetischen Sinn des Publikums appelliert, dessen Schutz sie empfohlen sind. Ein besonderer Schmuck unserer Stadt ist neuestens ein Polizeirat, der im Gerichtssaal weint, weil böse Menschen ihn einer geschlechtlichen Betätigung für fähig gehalten haben. Ähnlich geht es in anderen Lebensverhältnissen zu, das Stigma des Malerischen, vor dem ich gewarnt habe, ist hier Ehrenzeichen und Bürgschaft der Karriere, und überall verschwinden die Nutzmenschen hinter den Salatmenschen. Die Leute, die uns bedienen, sind Sehenswürdigkeiten. Der Kutscher ist eine Individualität, und ich komme nicht vorwärts. Der Kellner hat Rasse und läßt mich deshalb auf das Essen warten. Der Kohlenmann singt vergnügt auf seinem Wagen, und ich friere. Aber wir dürfen nicht murren. Denn die Menschheit ist frei, sie hat sich nach schweren Kämpfen das allgemeine Qualrecht erobert. Sie darbt lieber zwischen den Monumenten, als daß sie sichs in den Bedürfnisanstalten wohl gehen ließe. Nur manchmal, manchmal erfaßt uns eine heimliche Sehnsucht nach der russischen Kreisstadt Rybinsk. Weihnacht Als ich am heiligen Abend mit einem Freunde reiste, um der Stimmung zu entgehen, zu der uns die Stimmung fehlte, erkannte ich, wie sich das Bild der Welt verändert hat, seitdem ihr die Stimmung vorgeschrieben ist. Drei Handlungsreisende, die in der dritten Wagenklasse nicht mehr Platz gefunden hatten, drangen in unser Coupé und begannen sofort von Geschäften zu sprechen. Sie sprachen aber in einem Ton, der etwa den Ernst jenes Lebens offenbarte, aus dem die Anekdoten ihren Humor schöpfen. Wir räumten das Feld, und nachdem wir eine Weile von draußen einem Kartenspiel hatten zusehen müssen, bekamen wir Plätze in der ersten Klasse angewiesen. Dort erkannte ich die Bedeutung dieses Abenteuers in dieser Nacht. Wer ohne Abschied von Gott den Zug bestiegen hat, wird ihn als guter Christ verlassen. Er ist bekehrt, er sehnt sich wieder nach dem Duft von Harz und Wachs und Familie. Ihm, nur ihm wurden solch heilige drei Könige gesendet ... So hätten auch wir unsere Weihnacht erlebt, wenn nicht die Stimmung, der wir uns also ergeben mußten, durch eben jene wieder gestört worden wäre. Denn sie drangen nun auch in die erste Klasse und verlangten Genugtuung, weil sie vermuten zu können glaubten, daß wir uns über ihr morgenländisches Betragen beim Schaffner beschwert hätten. Sie sagten stolz; sie seien Kaufleute. Sie zogen die Stiefel aus und spielten Tarock. Sie borgten sich die Ehre von Gott in der Höhe, nahmen den Frieden von der Erde und waren den Menschen kein Wohlgefallen. Wir aber, die den Weihnachtstraum wieder entschwinden sahen, beugten uns vor der Übermacht der Religion, für die sie reisten ... Wer vermöchte sich ihr zu entziehen? Sie drang aus der dritten empor in die zweite Klasse und sie übt Vergeltung bis in die erste Klasse. Im Diesseits und im Jenseits gewinnt sie um geringern Lohn den bessern Platz. Sie läßt das Leben nicht zur Ruhe kommen und in der Kunst erreicht sie es mühelos, daß man ihr die bequeme Geltung einräumt. Sie ist da, und man flüchtet auf den Korridor. Zieht man sich dann aber in die Unsterblichkeit zurück, so verschafft sie sich auch dort Einlaß. Sie ist da und dort. Vor der Allgewalt des Geschäftsreisenden ist in der Welt des heiligen Geistes kein Entrinnen. Zum Prozeß Rutthofer Ich habe neulich über den Prozeß Rutthofer nicht gesprochen, sondern bloß der Sprachlosigkeit Ausdruck gegeben. Die trockene Aneinanderreihung von Zitaten ergab ein grauenhafteres Bild unserer Justizschande, als die lebhafteste Aussprache der Empörung. Heute kann man immerhin das Wort zur Feststellung finden, daß es unsagbar war. Daß jedes österreichische Kronland sein Leoben zu haben scheint. Daß der Tiroler Labres Tarter heißt und der Reimoser von Innsbruck Tschurtschenthaler. Die Affäre des getöteten Landesrats war vielleicht doch um einen Grad noch scheußlicher als der Fall Hervay. Hier wie dort wurde ein Frauenleben durchschnüffelt. Aber während in Leoben Bigamie durch Leutnantsbekanntschaften bewiesen wurde, waren in Innsbruck »gepfefferte Gedichte« ein Indizium für Mord. Freuen wir uns, daß Johann Gabriel Seidl und Johann Nepomuk Vogel, die vaterländischen Dichter, nie hätten verdächtig werden können! In der gebirgskretinistischen Stimmung solcher Prozesse gedeiht erst die journalistische Psychologie. Typisch ist die Wendung: »Ihr Lebenswandel war nichts weniger als einwandfrei.« »Sie betrog ihren Gatten in der schamlosesten Weise und gab dies sowie auch den Umstand ohne weiteres zu, ihren Mann nur deshalb geheiratet zu haben, um auf diese Art in angenehmer Weise versorgt zu werden.« So schreibt das in deutscher Sprache erscheinende »Deutsche Volksblatt«. Daß ein nicht einwandfreier Lebenswandel eine Verurteilung wegen Totschlags rechtfertigt, wollen wir in Gottes Namen – wenigstens für Tirol und Vorarlberg – hinnehmen. Aber daß eine Frau einen Mann heiratet, »um auf diese Art in angenehmer Weise versorgt zu werden«, scheint doch auch in Kreisen des »Deutschen Volksblatts« öfter vorzukommen und dürfte nicht einmal als Überschreitung der Notwehr gegenüber dem Leben qualifiziert werden. Allzu angenehm muß übrigens die »Weise« dieser Versorgung durch die Heirat mit einem impotenten Alkoholiker, der seine Frau Sterbegebete sprechen ließ, nicht gewesen sein. Herr Rutthofer war ein Tiroler Landesrat, der, wie der Präsident hervorhob, dennoch alle 14 Tage ein Bad nahm. Er hatte aber, schon lange bevor er in die Dienste des Landes trat, autonome Selbstbefleckung getrieben, und als er seine Hand endlich einer Frau antrug, sich von dieser eine gestempelte Urkunde ausstellen lassen, worin sie ihm auch für den Fall eines Unvermögens, die ehelichen Dienstpflichten zu erfüllen, ihre Treue garantieren mußte. Daß dieser Vertrag eine causa turpis war, nicht seine Verletzung, liegt sozusagen auf der Hand; und »schamlos« sollte der Betrug, den ein lebenslustiges Weib an ihrem morschen Gatten begeht, einem Zeitungsherausgeber nicht erscheinen, der es mit – wie sagt man doch – Obligationen selbst nicht so genau nimmt ... Bahnbrechend auf dem Gebiete der Dummheit ist aber auch die »Deutsche Zeitung«. Sie beweist in einem Leitartikel über den Fall Rutthofer, daß an allem die Juden schuld sind. Sie beruft sich auf das »noch immer und überall gültige Sittengesetz: »Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten!«, und will mit dieser sinnigen Verbindung zweier Verbote offenbar sagen, daß jedem, der das Verbrechen der Untreue begeht, auch die Unsittlichkeit des Mordes ohne weiteres zuzutrauen sei. Die Juden aber glorifizieren Verbrechen und Unmoral. Es ist bezeichnend »für den femininen Charakter ihrer Rasse«, daß die Juden in der Beurteilung des Falles Rutthofer gegen den Mann und für die Frau sind. Die »Negation aller männlichen Ideale und Gefühle bildet ja einen Grundzug ihres Wesens und Handelns, Verweiblichung und Verweichlichung nicht nur ihrer selbst, sondern auch ihrer Umgebung, den Grundzug ihres Strebens und Sehnens, das sie nicht vergessen, trotz tausendjähriger Emigration. Wir aber, die wir Arier sind, wollen nicht Verweiblichung, haben auch andere, höhere Ideale, ein ernsteres Streben«. Man muß wirklich schon alle männlichen Ideale und Gefühle negieren, wenn man im Fall Rutthofer gegen den Mann ist. Daß er, wie in der Verhandlung konstatiert wurde, »stets selbst den Kaffee gekocht« und die Wohnung aufgeräumt hat, tut gar nichts zur Sache. Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem. Es dürfte sich durch die Innsbrucker Matrik, die schließlich rechtsgültiger ist als die spätere Urkunde, die er sich ausstellen ließ, unschwer nachweisen lassen. Oder man könnte zugeben, daß auch den Grundzug seines Wesens und Handelns Verweiblichung und Verweichlichung bildete, und da waren jedenfalls die Juden daran schuld. Mit Unrecht hält die »Deutsche Zeitung« die jüdische Journalistik für klüger als sich selbst. Auch die »Neue Freie Presse« macht geltend, daß Frau Rutthofer »moralisch höchst verkommen« war. Die Hornochsen sind eben durch keine Parteifarbe unterschieden. Aber die »Neue Freie Presse« behauptet auch, die Frau sei »intellektuell tief stehend« und der Mann »schon vermöge seines Berufes ihr an Bildung weit überlegen« gewesen. Daß Herr Rutthofer seiner Gattin an Bildung weit überlegen war, ist wohl für den Tatbestand des Totschlags ziemlich relevant. Sicher aber ist, daß man der Rutthofer eher die Mordabsicht als intellektuelle Minderwertigkeit bewiesen hat. Nur die intellektuelle Minderwertigkeit der Gerichtssaalberichterstattung ermöglicht eine solche Beobachtung. Frau Rutthofer war das Opfer einer beispiellosen Gerichtssaalhetze, aber ein wehrhaftes. In drangvoller Enge hat die Angeklagte Worte gefunden, die den Vorhang von ihrem ganzen Ehejammer zogen und zugleich die richterliche Preisgebung ihres Privatlebens straften. Als ein Zeuge nach dem andern aufmarschierte, um die Friedfertigkeit des toten Amtskollegen und Stammtischbruders zu bestätigen, rief die Angeklagte: »Es tut mir leid, daß ihn niemand aufgeregt gesehen hat. Bei Nacht waren wir immer ohne Zeugen.« Ein Wort, das alle weiteren Experimente der Sexualjustiz überflüssig machen könnte. Diese Frau gab ihre Sache verloren, aber sie kämpfte. Selten noch hat ein Angeklagter schlagfertiger die Zumutungen der Gerechtigkeit abgewehrt, überlegener einen pflichtvergessenen Gerichtshof in seine Schranken gewiesen. Und die Frage. »Was für Anschauungen hatten Sie von der Religion?« schien sie manchmal mit der Frage zu parieren: Was für Anschauungen haben Sie von der Strafprozeßordnung?