Jean Paul Der Jubelsenior Ein Appendix (1797) Inhalt: Prodromus galeatus Erster offizieller Bericht: Der Konsistorialbote – Fräulein von Sackenbach – der Ring und Star – empfindsame Reiseroute – Beitrag zum Titel de contractibus bilateralibus Erster Hirten- und Zirkelbrief: Über Briefform – Verjährung des Verdienstes – ehelichen Haß – und über das Kinderspiel des Lebens Zweiter offizieller Bericht: Der Spitzbubenstreich – Nöten – der Rest der Rezension – die Clairvoyante aus dem Kaffee Zweiter Hirten- und Zirkelbrief: Gravamina der deutschen Schauspielergesellschaften, die mörderischen Nachstellungen der deutschen Tragiker betreffend Dritter offizieller Bericht: Deus ex machina – und dessen schöne Supplik Dritter Hirten- oder Zirkelbrief: Über den Egoismus Vierter offizieller Bericht: Über die grüne Schote welker Kerne – Ankunft – Lob des Petschafts – Höllenangst vor einem magnetischen Wels und vor einem Vexierbild – Auflösung des Knotens Vierter Hirten- oder Zirkelbrief, worin die drei versprochenen Ausschweifungen gemacht werden Fünfter offizieller Bericht: Morgenmilch der Freude – Kirchgang – die funfzehn Strophen oder Stufen der Himmelsleiter – Weissagungen – Predigten die Landkarten – der Buchdrucker – über das Schnupfen der Weiber – Goldschleien – neuer Akteur – Ende mit Schrecken und Freude Appendix des Appendix oder meine Christnacht Prodromus galeatus Eine Vorrede soll nichts sein als ein längeres Titelblatt. Die gegenwärtige braucht am meinigen bloß das Wort Appendix zu erläutern, und weiter nichts. Eine Biographie oder ein Roman ist bloß eine psychologische Geschichte, die am lackierten Blumenstab einer äußern emporwächset. Es gibt kein ästhetisches Interesse ohne Schwierigkeiten und Verwicklungen, d. h. keine Neugierde nach Dingen, die man – weiß. Nun kann der Dichter, wie das Schicksal und Fürsten, nur über die materielle Natur auf seinem Papier gebieten, nicht über die geistige ; er kann aus dem Glückshafen und der doppelten Jupiters-Tonne seines Dintenfasses Registerschiffe, Quinternen, Pestilenzen, Sonnenschein, Gewitterwolken und ganze Inseln ziehen und damit seine Leute aus Papier und Dinte beschenken oder bestrafen, aber er ist niemals imstande, in einem Lovelace mit allem Weihwasser seines Dintenkessels den Teufel zu ersäufen, oder einen Tom Jones zum puritanischen Durchbruch und Klosterprofeß zu bringen, oder das heilige Feuer eines Agathons mit Dinte auszugießen. Der Dichter – das Widerspiel des Menschen – ändert die Form an der materiellen Welt mit einem Schlage seines eingetunkten Zauberstabs, aber die der geistigen nur mit tausend Meißelschlägen; er kann – als sein eigner Gegenfüßler – z. B. leichter reich machen als gut . Daher bedanken wir uns auch nicht bei ihm, wenn er noch so viele Leute tot macht oder gesund – oder arm – oder elend; d. h. wenn er physische Knoten zerschneidet, anstatt moralische aufzuknüpfen. Daher ist den Dichtern die materielle Welt, d. h. das Reich des Zufalls , nur eingeräumt als Grundierung – ferner als Folge und Wirkung moralischer Ursachen – ferner nimmt ihnen kein Mensch den Zufall, wenn dieser den geistigen Knoten vergrößert , aber nicht löset Ohne alles Bedenken kann ein Dichter morden, rauben, krönen, heilen, wenn er dadurch die Schlingen seines Helden, kurz die moralischen Rätsel verwickelt und verdoppelt. – ferner wenn der Eidotter und die ganze materia medica und peccans des Zufalls, der hinten alle Schwierigkeiten besiegt, schon vornen in der Exposition, obwohl ungesehen, verborgen lag usw. Gleichwohl muß sich die moralische Ver- und Entwicklung hinter die materielle verhüllen – wie der Schöpfer der Natur hinter die Gesetze der Natur –: die innere Kausal-Kette laufe verdeckt unter der äußern fort, die Motive kleiden sich in Örter und Zeiten ein, und die Geschichte des Geistes in die des Zufalls. Diesen romantischen Polyklets-Kanon und Dekalogus, dieses herrliche Linienblatt haben die meisten Deutschen entzweigerissen, und sogar in den Märchen von 1001 Nacht find' ich die Allmacht des Zufalls schöner mit moralischen Mitteltinten verschmolzen als in unsern besten Romanen, und es ist ein großes Wunder, aber auch eine ebenso große Ehre, daß meine Biographien hierin ganz anders aussehen, nämlich viel besser. Meine unvergeßlichen Splitter-, Fem- und Kunstrichter hab' ich leider durch meine Digressionen irre gemacht, obgleich Digressionen die psychologische Geschichte nur verschieben , nicht verfälschen , indes andere Schreiber sie durch ihre Zufälle vernichten und durch ihre Episoden verdoppeln . Eine Episode macht aus einem Kunstwerk oder Interesse zwei , und die spätere Verbindung vergütet ja die frühere Zertrennung nicht, sondern es ist geradeso, als wenn man Nicolais Nothanker darum an Thümmels Wilhelmine binden und löten und beide für ein Kunstwerk geben wollte, bloß weil jener auf diese fundieret ist. O, gutes Schicksal! verleihe mir einmal ein Halbjahr, um darin sowohl meine biographische Kameradschaft als meine akademische Gerichte weniger satirisch anzufahren als ernsthaft! So, nach einem solchen ästhetischen Metrum muß der von der Natur wie von einem übenden Schullehrer zerworfne Vers der äußern Geschichte zusammengeschoben werden. Aber etwas anders ist freilich ein Appendix. Der erste und älteste Appendix, wovon uns die Literaturgeschichte Nachricht gibt, steht hinten in meinen biographischen Belustigungen und ist, wie bekannt, vom Schöpfer dieser neuen Dichtungsart selber gemacht, nämlich von mir. Der zweite Appendix, den unsere Literatur aufweiset, tritt in diesem Buch in Druck und erscheint sogleich nach dieser Vorrede. Jetzt, da ich einmal das Muster eines Appendix geliefert habe und hierin selber als die Akademie und das lebende Modell auf dem Gestelle bleibe, ists den Ästhetikern leicht gemacht, aus wirklichen Appendixen eine Theorie und Heilsordnung und brauchbare Vorschriften für diese Dichtungsart abzuziehen und festzusetzen und nach meiner ausübenden Gewalt ihre gesetzgebende zu modeln und zu mustern, so wie auch in allen unsern Staatsverfassungen nicht die Gesetze die Macht, sondern diese jene geben oder doch zähmen. Nun liegen, dünkt mich, sowohl im ersten als im zweiten Appendix – hab' ich anders die beiden einzigen Protoplasmata dieser ganz neuen Dichterform genug studiert – folgende Regeln und Richtscheite deutlich gegeben: ein guter Appendix erzählt wenig und scherzt sehr – er wendet wie Voltairens Klio den historischen Bildersaal nur als Vehikel und Narrenschiff reicher Ladungen von Einfällen und Scherzen an – der echte Appendix verachtet die Malerei der Charaktere und das Bonnetsche Entwicklungssystem einer innern Geschichte, er spielet aber unter dem leichten Schein von beiden uns die wichtigsten Satiren in die Hand. Schon aus dieser flüchtigen Poetik des Appendix erhellet, daß ich die schönen Wissenschaften mit einer dramatischen Gattung bereichert habe, die nur eine sehr entfernte Seitenverwandte des Romans, ja wenn nicht dessen feindliche Stiefmutter, doch Stiefschwester ist. In der Tat ist das im Appendix Ziel und Schmuck, was im Roman Irr- oder Ausweg und Makel ist. Die Schmetterlingsflügel bunter Einfälle, die das Insektenkabinett oder den Glaskasten des Appendix putzen und füllen, durchziehen nur als fremdes Einschiebsel den solidern deutschen Roman, so wie wahre Schmetterlingsflügel nach Buffon als unverdauliche residua aus den Exkrementen der Fledermäuse schimmern. Die Digression ist nie im Roman Hauptsache, darf hingegen nie im Appendix als Nebensache behandelt werden; dort ist sie wartendes Auskehricht, hier ist sie ein musivisch in den Stubenboden eingelegtes, ein poetisches Asaroton, so wie die Alten auf ihren Fußböden musivisches Vexier-Stroh, Knochen und dergleichen, kurz die Stube des Auskehrichts wegen hatten. Es ist zwar sehr schwer und mißlich, aus so wenigen Mustern von Appendixen, deren wir leider nur zwei haben, schon für die ganze Gattung Gesetzbücher zu entwerfen, und man läuft überall Gefahr, individuelle Zufälligkeiten des Kunstwerks als allgemein geltende Maximen der Gattung aufzustellen, Überbeine als Tiergerippe – und Aristoteles war vielleicht als epischer Theorist in keiner größern Schwierigkeit, da er auch nichts weiter vor sich hatte als die Ilias und die Odyssee –; aber was mir hilft, ist, daß ich in dieser Sache zwar den Aristoteles vorstelle, aber auch den Homer. Ich müßt' es feiner anfangen, wollt' ichs verstecken, wer mir zu dieser schönen Erfindung die ersten Winke gegeben: in der Tat ist der Appendix, der die Entwicklung der Charaktere und der Seelengeschichte wichtigern Schönheiten aufopfert, viel zu sehr mit dem jetzigen deutschen Roman verwandt, der jene Entwicklung vergisset, als daß ichs einen Augenblick verdecken könnte, wie nahe mir eine so glückliche Textur des deutschen Romans meine Erfindung legte. Doch mußten es ganz andere als die englischen oder auch die von Schulze, Wieland und Thümmel sein, es mußten solche mit historischen und psychologischen Zäsuren und Hiatussen von Belang sein, wenn ich auf einen Appendix fallen sollte, so wie die roten Färbkräfte der Orseille nicht wären ausgemittelt worden, hätte sich nicht im 14ten Säkulum ein Florentiner Handelsmann auf einen levantischen Felsen gestellt und auf besagte Steinflechte – gepisset. Die Muster, die ich meine, waren gleichsam die Schweinsrüssel, die den Bauriß zum Zisterzienser-Kloster Eberbach im Rheingau wühlten – gleichsam die dumpfigen Mauerflecken, von denen da Vinci (der Aristoteles der Zeichner) malerische Ideen zu entlehnen rät. – – Jetzt nehme nun der Leser den zweiten Appendix, der in der Welt ist, den Jubelsenior, selber vor, halte aber der Odyssee den Abstand von der Ilias zugute. Er freue sich mit den Freuenden im Appendix und weine mit den Weinenden! Das Schicksal fasse den Leser wie einen Kanarienvogel stets mit warmen Händen an! Es stecke ihm immer ein Stückchen Zucker zwischen die Stäbe seines Käfigs und verhänge letztern nie mit etwas Dunklerem als mit dem grünen Hühnerdarm der Hoffnung und schenk' ihm, wie der russische Kaiser dem Kosciuszko und den 14052 verwiesenen Polen, Freiheit, ferner Freiheit, endlich Freiheit! – Hof im Voigtland, am frohen Tage, als ich die Baireuther Zeitung las und letzteres darin fand. Jean Paul Friedr. Richter Erster offizieller Bericht Der Konsistorialbote – Fräulein von Sackenbach – der Ring und Star – empfindsam Reiseroute- Beitrag zum Titel de contractibus bilateralibus Auf der Erde hat man tausend feine unvergängliche reiche Freuden in der – Erinnerung: unsere Obstkammer ist ein pomologisches wächsernes Kabinett der Phantasie. Hingegen auf dem Fruchtteller des Glücks treff' ich selten weichere Obstarten an als Steinobst. Dem Philosophen – diesem edlern Nußknacker aller Schalen – kömmt dergleichen sichtbar zustatten: leere elende Freuden, die nicht zu genießen sind, kann er wenigstens erforschen und bis ins Innerste untersuchen, weil er mit dem Dickschnabel oder Kernbeißer wetteifert, der den süßen Überzug der Kirsche wegwirft und nur den Stein auskernt. Ein Mädchen aber wie Alithea bricht sich lieber die sogenannte kleine Pflaume ab, in der nichts Hartes ist, kein Stein. Es war gerade vor 14 Tagen – den 3. September 1796 –, daß Alithea mit ihrem Obstpflücker eine solche Frucht erreichte, die an einem Konsistorialboten hing, namens Lederer . Das Mädchen stand eben im Vorholz und konnte noch nicht fünfmal mit dem Kamme durchgefahren sein – es war kein Stahl- oder Hornkamm, dieser architektonische Kälberzahn des weiblichen Säulenschafts, sondern einer von Holz, womit man in Thüringen dem Moose die Preiselbeere abkämmt –, als gedachter Lederer über den Anflug wegschritt und unter dem Abreiben seines blanken Konsistorialbotenschildes Alitheen fragte, wie weit er noch hinhabe nach Neulandpreis . Dieses flachsenfingische Walddorf liegt bekanntlich mitten in einem großen Birken-Gehau. Sie flog wie ein Stern der Weisen oder wie ein Kiebitz vor dem Boten voraus, vielleicht ebensosehr aus Neugierde wie aus Gefälligkeit: denn eben der Senior Schwers , an den der geistliche Pedell etwas hatte, war ihr Pflegevater. Das Pfarrhaus hatte schon lange auf diesen Evangelisten aufgesehen: daher wollte die Pflegetochter, die noch röter vom Erwarten als vom Bücken war, den Boten unterwegs aus liebender Vorsorge für die Pfleg- und Pfarrfamilie ausfragen. Er hielt aber an sich. Er schien freilich ein kleines Kanaan und Eldorado in seinem Tornister zu tragen; aber er schnallte ihn nicht auf. Ein Republikaner, der nach Neufranken reiset, sieht den ersten Frankreicher, der ihm vornen im Heidenvorhof des Freistaats aufstößet, für einen Republikaner an – ein Tory würd' ihn für einen Tory nehmen – in einem Trauerspiele oder in einem Roman, wovon ich noch nichts durch Rezensenten erfahren, setzt mir jeder junge Mensch, der darin heraustritt, in den Kopf, nun komme der Held; das präsumieret auch ein Mädchen, das zum Fenster hinaussieht und den ihrigen erwartet. Aus demselben Grunde halten nun Kandidaten, die um Pfarrdienste nachgesucht haben, jedes papierne Oblongum für eine Vokation. Alithea dachte, der Bote bringe eine. Denn der Senior Schwers hatte seinen jüngsten Sohn – namens Ingenuin – von der Glashütte der Akademie zu einem guten geistlichen Arzneiglas blasen lassen, dem nur der lange Gebrauchszettul der Vokation, die Tektur der Perücke, das bunte Papier der schwarzen Kleidung und der Bindfaden des Kragens fehlte. Der Vater hätte ebensogern einen Koadjutor und römischen König – d. h. einen Adjunktus – bei sich auf seiner Kanzel gehabt als ein geistlichen Kurfürst und römischer Kaiser. Vater und Sohn hatten aber noch einen besondern Grund, warum sie um die Neulandpreiser Adjunktur bei dem Konsistorium anhielten, ja sogar die Resolution schleunigst innerhalb 14 Tagen haben wollten; und der war, weil der Senior in 14 Tagen sein Amtsjubiläum beging und am Jubeltage gern sein Kind als Nachfahrer auf der Kanzeltreppe sehen wollte. Aber das Konsistorium schien ein Taubstummer zu sein. Der Senior hatte zwar seinen ältesten Sohn, einen Buchdrucker, in der Stadt, den er als Maschinengott und Maschinenmeister bei dem Konsistorio hätte brauchen können; er hielt es aber für gottlos. Unter allen Treppen, die auf eine Kanzel heben, ist wohl keine wurmstichiger und ausgefaulter als der gradus ad Parnassum, oder auch diese Jakobsleiter im Traum; man lege dafür die Sturmleiter der Grobheit, die Galgenleiter der Simonie an die Kanzel und laufe hinauf – oder man spanne die Flughaut einer Schürze aus, oder setze sich in die ärostatische Maschine eines Verwandten –: kurz man steigt auf allen Treppen - heimlichen gar – schneller auf als auf der Schneckentreppe des Verdienstes. Dieselbe freie Gnadenwahl, die (nach den Kalvinisten) ohne Rücksicht auf Verdienste diejenigen ausersieht, die in den Himmel kommen, dieser voluntas antecedens erkieset auch die, die in ihn führen. – – So standen die Sachen im Pfarrhaus, als der Konsistorial-Envoyé mit Alitheen hineinkam und an die Seniorin, die in der einsamen Stube für ihren alten Mann statt der Hemden kleine Schreibbücher zu Jubel- und andern Predigten nähte, die Frage tat, wo ihr Herr Sohn Ingenuin sei. Dea – das ist die mütterliche Abbreviatur vom Namen Alithea – holte ihn aus dem Museo her, wo er mit dem Vater an einer langen Tafel studierte. Der Sohn hatte gerade einen elenden Sonnabend: er saß droben im Purgatorium und Reverberierfeuer und hatte auf dem Kopfe statt des Lorbeerkranzes einen heißen Pechkranz auf, den ihm die Jenaische Literaturzeitung geflochten hatte. Es ist aus dieser bekannt, daß Ingenuin eine »Kritik der kirchlichen Liturgik nach kantischen Prinzipien« ans Licht gestellt, an der Rezensent die wegwerfende Kühnheit ernstlich rügen mußte. Denn nach Ingenuins Prinzipien fielen offenbar die Perücke, das Chorhemd und Kommunikantentüchlein hinweg. Der Fortsatz der abgebrochenen Rezension, der noch einige Brandkugeln mit Haken verhieß, konnte erst in acht Tagen anlangen. Ich kenne nur zwei Ewigkeiten, die beinahe so lange dauern wie die der Höllenstrafen und die man ebenso elend verbringt wie diese: die erste besteht aus den drei oder acht Tagen, die ein Autor durchleben muß, bis die Rezension, die im letzten Stücke abgebrochen wurde, im nächsten fortgeschrieben wird. Der Himmel und der Redakteur wende es doch von jedem ab, der, wie ich, lieber ein Wund- und Kanonenfieber aussteht als das abscheuliche Gefängnisfieber des Wartens! – Die zweite Ewigkeit, die wenigstens nicht kurz ist, besteht in dem langen Johannistag, den ein blutarmes Mädchen hier in Hof, in Baireuth, Halle, Berlin versitzt, bis der Abend kömmt und den Geburtstags-Ball des Königs mitbringt, für den die Gute die herrliche Frisur aufspart, die ihr der Perückenmacher, weil diesem den ganzen Tag der Kamm nicht aus den Händen kam, schon vor tags um ½6 Uhr erbarmend zugeworfen hatte. Zum Glück für Ingenuin blieb der Verfasser des getadelten Werks sowohl dem Publikum als dem Vater verborgen. Die freie starke Seele des Seniors hatte sich in die anerzogene Kirchentaktik eingefügt wie ein kräftiger Krieger in das militärische Zeremonialgesetz. Gleich den Scholastikern hatt' er in der Philosophie Flügel und in der Theologie Fesseln. Das göttliche – Ebenbild, das nach den Sozinianern in der Herrschaft über die Tiere besteht, wurd' an ihm durch die höhere über die Menschentiere um ihn und über das platonische eiserne Vieh seiner eignen Triebe klar; aber ein zartes Gewissen und ein hohes Alter gaben oft der Subordination unter äußere Gebräuche den Schein und die Ängstlichkeit der Heuchelei. Der Sohn ging hinunter zum Boten, an dem er nicht einmal etwas anders kannte als das blechene Wappenwerk (der Antezessor war erst gestorben), und überkam von ihm ein Oblongum, überschrieben: »An den Adjunktus Ingenuin Schwers in Neulandpreis.« Ingenuin gehörte nicht zur Oktobergesellschaft der Genies, die jede Staatsbedienung ausschlagen: eine Vokation war ihm erfreulicher als eine Rezension. Gleichwohl trug er das Testament, das ihn zum Kanzel-Erben einsetzte, versiegelt aus Ehrfurcht seinem Vater zum Erbrechen hinauf. Schwers memorierte vorher den Perioden der Sonntagspredigt zu Ende – denn so lange der alte Mann noch zwei Beine heben konnte, um eine Kanzeltreppe zu ersteigen, und zwei Arme, um eine Kanzeluhr umzudrehen, so lange bracht' ihn kein Mensch aus der heiligen hölzernen Eremiten-Konchylie Kahlschwänze oder Eremiten heißen die Krebse, die ihren nackten Schwanz in ein Schneckenhaus einmieten. heraus –, und dann erst las er gleich gemeinen Leuten die Bestallung laut ab, sogar bis auf jeden Namen der unterschriebenen Konsistorialräte. Ob es gleich der Sohn nun vernommen hatte, daß er adjunctus cum spe succedendi (mit der Hoffnung, Pfarrer zu werden) geworden, so sagte doch der Greis mit einer feierlichen Stimme: »Das hochpreisliche Konsistorium in Flachsenfingen beruft dich zum adjuncto cum spe succedendi bei deinem Vater. Aber, o junger Mensch, wenn denn der Herr so ungemein viel auf deine Schultern legt: so unterstütz' er dich auch und rüste dich aus zu einem nicht unwürdigen Sukzessor deines Vaters. Denn einst werd' ich schwere Rechenschaft von dir fordern. Und ich wünsche dir zu deiner Veränderung auch viel Heil und Segen. Amen.« Eine andächtige Umarmung verknüpfte den weichen Sohn und den festen Greis. Langsam und mit glänzenden Augen und ernsten Zügen ging Ingenuin als Botschafter seines Avancements hinab zur Mutter, für welche diese Freude ein erwärmter aufgewachter Sommervogel in den Wintermonaten ihres Alters war. Ihr Herz schlug ihr darum in den kalten Tagen ihrer Jahrszeit so warm, weil gerade in das Jubiläum des Amts die Feier ihrer Silberhochzeit fiel, wenn man 16 Tage für nichts rechnete: Geistliche können leicht beide Jubelfeste an einem Tage begehen, weil sie immer die Kanzel und das Ehebette zu einer Zeit besteigen und weil ein Kirchenlicht, sobald das Konsistorium es angezündet hat, leicht die Brautfackel ansteckt. – Theodosia (so hieß die Mutter) mußte ihr von Freuden verengtes Herz hinauf zu ihrem Manne tragen, dem sie weniger an der starken Brust als am starken Herzen lag, bloß weil sie mit ihm drei Götter verachtete, Geld, Lüge und Putz. Nur sie und der Sohn durften seine Studierstube – ein verfinstertes, von Federwildpret schwarz ausgeschlagenes Allerheiligstes – betreten; Alithea durfte nur anklopfen. Es war nur der Nonnenschleier für den mütterlichen Seelen-Erguß, daß sie sich vom Senior das Gratial und die Provision für den vozierenden Boten wollte dekretieren lassen, obwohl nicht aushändigen: denn die alte Mutter war die Bankodirektrice und Säckelmeisterin des Schwersschen Gemeinsäckels. Als der Sohn fort war: hatte der Senior den Elenchus seiner Predigt gar auswendig lernen wollen; aber da es gerade die auf den 15ten Trinitatis war, worin er die Mutteraugen und Mutterarme der ewigen Vorsicht schilderte, so mußt' er mitten im Memorieren die Mütze abziehen aus Rührung, und zuletzt verlas er den Schluß des Sermons gar als ein heutiges Abend- und Dankgebet. Dann stellt' er sich im frommen Staunen und Sinnen ans Fenster – und die silberne Vespersonne, gleichsam die erleuchtete Angelos-Kuppel, glänzte als ein zweiter höherer Tempel auf der Peterskirche der Natur, und ihr Leuchtregen schlug von den Birkengipfeln mit waagrechten Strömen an die offnen Augen des alten Mannes an, und eine zweite Sonne schwamm um seine betäubten befeuchteten Augen. – Als die erste schon die grüne Mosis-Decke aus Gipfeln vor sich zog, umflatterte ihn die Nebensonne noch – und als er die Augenlider zuschloß, so blieb der Glanz – aber da er sie wieder öffnete vor seiner Gattin, so schwebte die Erde und das enge Zimmer verklärt und durchbrochen vor ihm, und in seliger Blindheit zog er die von Jahren geknickte Geliebte an seine umgebogene Brust herauf – und sie vergossen die edelsten Freudentränen, die elterlichen. – – Dann fragte sie ihn um den Konsistorialboten-Lohn. Er war in Trankgeldern genau, in Kaufschillingen gerecht und nur in milden Beisteuern verschwenderisch: bloß acht Gulden rh. resolvierte das Seniorat. Das wurde drunten in der Stube allgemein für wenig befunden, zumal als unscheinbares bleiches Silbergeld. Die nachgebende Mutter, die niemals log, mußte doch eine Tripelalliance von drei Ständen mit der schlauen, aber sanften Tochter und mit dem offnen, aber weichen Sohn formieren und es leiden, daß man den gemeinschaftlichen grauen Brot- und Großherrn ebensosehr betrog als liebte und achtete, bloß weil es ihnen wie dem Alter unmöglich war, diesen vom Medusenkopf der Vernunft, nämlich von seinem eignen hellen Kopf versteinerten Alten zu beugen; die Mutter mußte also gezwungen Alitheens Bille unterschreiben, daß man statt des Silbers einen Doppel-Dukaten geben könne. Es hing im ganzen Hause nur einer, und zwar an Deas Halse: sie trug ein goldnes Paternoster aus drei Dukaten, deren kleinsten einige Perlen betaueten. Es ging über Ingenuins Empfindungen ein schmelzender Tauwind, da er diese Konviktoristin seines Vaters für ihn zahlen sah – sie war eigentlich eine Hausarme aus der Schweiz und hieß Alithea Zwicki  –, aber es war nicht zu ändern; und wer konnte ihm das Wiedervergeltungsrecht abstreiten, ihr ein größeres und wärmeres Halsgehenk zu geben? Diese Wohltäterin hatte nämlich außer ihrem schönen stillen Herzen nichts im Vermögen als ein – zweites, ebenso stilles, das adjungierte. Er war eine Feldtaube, sie eine Haustaube; er gehorchte seinem Vater wie einem Alten vom Berge, sie seiner Mutter wie einer Äbtissin und Päpstin Johanna. Der Stern der Liebe gleicht oft denen Fixsternen, die nach Euler schon lange am Himmel stehen können, ehe das Licht den weiten Weg zu uns heruntergefallen ist. In solchen Seelen besonders, worin ein gemäßigter Himmel ist, grünt die Aloepflanze der Liebe jahrelang ohne Blühen und Duften, bis vor irgendeinem warmen Zufalle die reife Knospe aufspringt. Die Konsistorial-Ordonnanz Lederer schnitt, wie es schien, mit ihrem Papier diese zwei festen Nelkenknöpfe auf; wenigstens ist das Folgende nicht wider diese Vermutung. Der neue Adjunktus, der vielleicht der galanteste artigste Elegant in ganz Neulandpreis war, verfügte sich ins Schloß hinüber, das so groß war wie ein Invalidenhospital, aber selber invalid. Es saß darin ein alttestamentliches Fräulein von mehr Jahren als Ahnen, namens Amanda Gobertina von Sackenbach . Ich wollt' ihr jetzt ihr Alter vorwerfen; aber ist es billig, daß die Menschen an einander entgegengesetzte Qualitäten meistern, an dem einen die Jugend, an dem andern das Alter, am Fetten den Speck, an mir Haut und Bein? Amanda von Sackenbach hatte sonst meine Jahre gehabt, war Gesellschaftsdame oder fille d'honneur der vorigen Landesmutter gewesen, ist darauf ihre eigne Gesellschaftsdame und fille d'honneur geworden – und das ist sie eben jetzt, und eine Pension (wozu die Kammer bloß eine milde Armen-Stiftung verwandte) überwächset und putzet sie in ihrer Gruft mit Laubwerk aus Gold, wie etwan Goldadern einen verschütteten Bergknappen im Schacht durchwachsen. Ob sie gleich in ihrem Kontumazschloß so leicht mit der Liebe anzustecken ist wie Europäer mit der Pest, die schon wie die Liebe durch einen Degenknopf, durch einen Brief, durch einen wollenen Rock, durch ein Goldstück weiterkam, so sucht sie doch zarte und elegante Empfindungen wie Schulden und Wanzen nur in großen Häusern. Ein Neulandpreiser hatt' ihr wenig an. Übrigens war sie nicht nur der Stolz, sondern auch die Dienstfertigkeit und Heilkunde selber: sie sprang dem gemeinsten Patienten bei und verrichtete dieses Fußwaschen am grünen Donnerstage, diese Notzüge ohne Nachteil ihrer vorigen Ehrenzüge, so wie ohne Standeserniedrigung sowohl Madame Maintenon als Peter der Große von unten auf dienten, dieser bei der Soldateska, jene unter den Nonnen. Mit herzliches Mitfreude fassete sie die Nachricht der durch Lederer promulgierten Standeserhöhung auf: denn sie hatte die sämtlichen Pfarrleute so lieb, daß sie allemal, wenn sie nach Hause kam, sich über ihr herablassendes Wohlwollen Gewissensvorwürfe machte, weil sie zwar gebrüstet kam, aber weichherzig schied. Sie legte unbefangen – der gewisseste Beweis ihres Herabsehens – dem Adjunkt die Bitte vor, sich nach einer Adjunktin umzuschauen: ohne Mariage sei er zu empfindlich für die Reize ihres Geschlechts. Das war richtig: der Adjunktus konnte keiner weiblichen Seele je einen härtern Text lesen als den Hochzeittext, sein Herz war immer ein Weiber- oder Kunkellehn, und sein Auge lebte in einer Kryptogamie und Cicisbeatura gegen alle auf einmal, Wassernixen und Sibyllen und Täuflinge eingerechnet. Solche Männer und Männchen stellet gegen den Glanz der über halb Europa hinstrahlenden Schönheit nichts als eine ordentliche Hausfrau sicher, wie im nächtlichen Blitzen nur Leute nicht erblinden und leiden, die ein Nachtlicht angezündet haben. – Der Adjunktus versetzte: »falls nur einmal sein Herz verdiente, ein weibliches zu fesseln: so wär' er wohl den Augenblick bei der Hand.« Er glaubte fest, nur ein Gott verdiene eine Göttin, nämlich eine Frau, nur ein Großkreuz eine Kreuzdame, nur ein Apostel eine Marie, und er fassete die Vermessenheit wenig, sich zu verloben; – und hierin sticht er allerdings zu seinem Nachteil gegen unsere Libertins und sabinischen Räuber ab, worunter keiner so wurmstichig, morsch und rissig ist, der nicht seine gichtbrüchige Hand mit Freuden einer Gebenedeieten gäbe; ein fatales Aufblähen, das leider die Bedingung großer Vorzüge ist, denn (nach Rochefoucault) notre orgueil s'augmente souvent de ce que nous retranchons de nos defauts. Überhaupt liebt der Mensch heißer und treuer bei gleicher Gegenliebe und Tugend die Seele über ihm als die Seele unter ihm; das seh' ich nicht nur aus dieser Neigung der Libertins zu rechtschaffenen Mädchen, sondern auch aus der ähnlichen, die Affen mehr gegen unsere Weiber als gegen ihre tragen: so ist auch der Hund mehr Menschenfreund als Hundsfreund; und den Teufel kann ich mir als Misanthropen gar nicht gedenken. Fräulein Gobertina streckte dem Pfarrhaus einen halben Truthahn vor als Konsistorialvogel für den Konsistorial-Brieftauber Lederer: sie hätte noch eine halbe Woche am Vogel zehren können. Ihr Appetit war größer als ihre Pension: gleichwohl kam nichts auf ihre Tafel, das nicht ein Herr von Hofe hätte fordern können, gesetzt auch, er hätt' es nachher dem hungrigen Menschen hinter dem Sessel gelassen. Es wär' ihr zu verächtlich und hofwidrig gewesen, andere Tauben und Schweine auf ihr Tischtuch zu lassen als wilde; denn sie wußte, daß man Herrentafeln nicht gern mit etwas Zahmen (die Gäste ausgenommen) besetzt. Ingenuin zog fort; aber zu Hause verlas er den Schenkungsbrief des Truthahns nur vor einer trüben Seele. Alithea hatte ihren goldenen Ring, weil er ihren in der Wärme aufgedunsenen Finger zu sehr quetschte, mühsam abgeschraubt und den Faden, der ihn verengte, abgewickelt und ihn bis auf weitere Zurüstung, unter der Kochstunde für den Boten, hingelegt. In diesem stillen reinen Hause drehte nie der Argwohn sein Katzenauge. Sie ging hinaus und fand wiederkommend den Zirkularboten in einer Koppeljagd hinter dem Starmatz, der, wie er sagte, auf den Tisch geflogen sei und den Ring in den Schnabel genommen und verschleppet habe. Der schöne Ring war so wenig zu finden wie Salomons Siegelring: mir ists glaublich, daß ihn der Embaxador zu seinem Gebrauche gestohlen hat. Inzwischen nannte der Bote den Star immerfort einen Spitzbuben, und der Vogel, ein gefederter Fiskal oder Frevelknecht, retorquierte die Injurie auf der Stelle und hieß den Boten einen Dieb. Die Mutter hielt aus Achtung für die Menschheit, die Pflegetochter aus Achtung für das Konsistorium den Star für den Schnapphahn. Alithea, die doch den Doppeldukaten so gern von ihrem Halse abgelenkt hatte, konnte ihre Tränen über den ausgeraubten – Ringfinger nicht mehr mit der Kochschürze abtrocknen; und als der Senior vorbeiging, so maß sie – da er trotz seiner grauen Jahre noch über Unvorsichtigkeiten und über irdische und unfruchtbare Tränen auffuhr – dem Rauche der Küche das bewölkte Auge bei und schloß daraus leicht auf – trübes Wetter. Als der Bote nach der Füllung der Magen-Montgolfiere und nach der metallischen Einsprützung seines Beutels endlich Abschied genommen: so hob eine feierliche stumme Wonne die vier befreundeten Herzen empor. Der Senior gehörte zur königlichen Linie jener Menschen, die gerade im Freudengesang oder vielmehr im Lied der Freude aufwärts steigen und die in den Himmel streben, wenn ihn die Wolken verlassen, wie die gefangne Lerche in der Stube ihre mit Fäden gebundene Flügel ausstreckt und aufspringt, wenn sie zu singen anfängt. Schwers streckte seinen Arm wie einen bemalten Arm am Wege aus und zeigte damit auf die Blumenstaub- und Sonnenwege der Vorsehung, die gerade sein Jubiläum mit der Adjunktur zusammenbringe. Theodosia setzte noch dazu: »Und unsere Silberhochzeit feiern wir ja doch auch.« – Ingenuin blickte Alitheen an, und ihr Auge drückten größere Tropfen, und beide dachten an den vertragnen Ring; aber Dea weinte weder aus Freude noch Rührung noch Trauer fort, sondern aus allen Gründen auf einmal: alle ihre Nerven waren frische Zweige einer Sinnpflanze, die noch unter keinem zu häufigen Betasten erschlafft und gesunken waren. Das junge Paar hielt eine scheinbare und fliegende Abendmahlzeit vom Abhub des Boten und wirkte sich die Erlaubnis einer Abend-Wallfahrt aus. Auf dem Dorfe gibt man jungen Leuten Freiheitsmützen und Handels- und akademische Freiheit; in Städten gewinnen sie kaum einige rules um ihre Kings-Benchs, kaum vier neue Luft- und Schießlöcher im alten Sklavenschiff oder Burgverlies – keine Freiheit wird aber öfter verletzt und verscherzt als die eingeschränkte. Beide eilten aus dem eingebaueten Dorfe, das in lauter frischen Einfassungsgewächsen stand, nämlich in Birken, hinaus und hinauf auf einen runden Hügel, der drei aneinander gedrängte Hänge- oder Trauerbirken trug, aus denen die Landpreiser nicht viel machten, weil aus ihnen nicht wie aus andern Birken Stubenbesen zu binden waren. Der Birken-Dreifuß war mit einer hölzernen Bank und Gurt gerändert, auf die sich das Paar niederließ. Der abendrote Zauberring des Horizonts lag wie ein glimmendes Feuerrad um sie – ihre Augen schaueten über alle lichtgrünen Gipfel hinab – Das weite Oratorium der Erde war um ihre grüne Empor umhergezogen – und über ihnen schwebte ein arbeitendes, an den Enden anglimmendes Gewitter, das auf dem Purpur-Zirkus und Feuerrade des Horizonts aufstand und wodurch das Brausen einer Waldung ohne die Erdstöße des Donners zog – und das sanfte Sonnenauge stand verhangen vom Regentuche des Gewitters – – Die Wolke warf keine Katarakte, sondern nur einen warmen Staubbach auf den Herbstflor der Erde, und statt der Feldschlange und Zündrute des Blitzes überfloß nur die schimmernde Naphthaquelle eines sanften Heiligenscheins die ganze Nebelbank. Ingenuins Liebe gegen Alithea wuchs heute immer tiefer und fester in sein Herz, und wurzelte immer weiter hinweg von der Zungenwurzel, nicht nur darum, weil er heute so feierlich war wie die Natur über ihm, noch weil sein Vater ihr eine emporhebende Achtung zuwog – ihn aber liebte die Mutter mehr –, sondern besonders, weil das Schicksal in der einen Hand ihm einen Freudenkelch und in der andern ihr einen Leidenskelch gereicht und weil Alithea so gern ihr Gold für ihn vom Halse abgebunden hatte. Er legte immer statt des Gelübdes der Liebe das des Stillschweigens ab. Endlich entsann er sich des Nachmittags und erzählte ihr, daß heute seine Mutter von ihrem grünen Zilizium, von ihrer seidenen Dornenkrone, nämlich von dem aus Draht und grüner Seide und welker Myrte gebundenen Brautkranz den antiken Staub weggeblasen habe, um vor ihm, wegen der Nähe der Silberhochzeit, diesen falben Nachflor ihrer davongezognen Lebens-Sommermonate aufzudecken. Hier tat Alithea fröhlich eine kleine Sammlung von Briefen heraus, die sie der Mutter, die dem Trotze zu wenig und der Bitte zu viel gewährte, zum Lesen abgeschmeichelt hatte. Es waren die Liebesbriefe des Seniors an Theodosia. Alithea bat den Sohn, die veralteten Handzüge vorzulesen. Einem guten Kinde ist es nicht nur schwer, sich seinen Vater in den wilden Renommistenjahren des Jünglings oder auf Akademien oder als Lichtgießer von Brautfackeln zu denken, sondern auch angenehm: die Achtung rückt der süßern Liebe zu. Ingenuin gewann unter den Vorlesungen nicht bloß seinen Vater lieber aus dem vorigen Grunde, sondern auch seine Dea aus dem kommenden: am Morgen, wo ein Freund heiratet, wollen alle seine männlichen Bekannten, und am Nachmittage, wo eine Schwester sich verlobt, wollen alle ihre jüngern Schwestern es nachtun – wie viel mehr ein leiblicher Sohn, der die erotische Brieftasche seines Vaters durchsieht! – Dea machte bloß, sooft in den Briefen ein Trauring vorkam, einen eingesperrten Seufzer aus ihrem Busen frei, und ihr Auge glänzte feuchter, und sie sah beschämt auf ihre nackte Hand. Ingenuin blickte sie fragend und mitleidend an; »ach nur mein Ring! und ich wollte doch nichts sagen, hätten Sie ihn an!« sagte sie unschuldig; und ebenso unschuldig erwiderte er: »Wahrlich, Sie sollten ihn dann wieder haben und meinen dazu!« Nun sank die von Blitzen genährte Sonne feuertrunken aus dem roten Gewitter heraus, und tausend Flammen flogen aus der widerscheinenden nassen Erde auf. Ingenuin deckte mechanisch von weitem seine durchbrochene scharlachene Hand vor ihr Angesicht. Sie kehrt' es von den fünf durchsichtigen Fächerstäben weg gegen ihn und schauete ihm recht voll und herzlich ins geblendete Auge. Und als sie einander lange anblickten, in der blinden Einsamkeit des Glanzes und verloren in den Donner und in die Sonne: so bewegten sich schmerzlich-süß ihre jungen unerfahrnen Herzen, und jedes sah am andern die aufquellende Träne unter dem zuckenden Augenlid, und jedes wunderte sich über das andere. »Ach Sie!« sagte Ingenuin mit einem neuen Tone, den er von sich selber noch nicht gehört hatte. Sie antwortete: »Auch mir tut das ganze Herz so weh, aber ich hab' es gern – Sie wollten was?« – »Nein, nein!« sagte Ingenuin; und als er ihr die väterlichen Blätter wiedergab und die pulsierende Hand berührte: sank das entkräftete Gewölk mit einem langen nachdonnernden Falle in Osten darnieder und den gereinigten entblößeten Abend durchschnitt die nackte Sonnenlohe und aus dem Gewitter warf eine Engelshand kleine Rosenknospen oder weiche Rubinen herüber und die Wälder bogen sich und brauseten und der Wolkenhimmel floh nach Morgen und donnerte. – Nicht die zwei Liebenden, sondern die Liebe drückte ihre Hände ineinander, und Ingenuin sagte: »Ja ich werde heute unsern Vater fragen, ob ich Ihrer würdig bin: denn ich liebe Sie unsäglich; ja! – Nicht?« – Alithea erwiderte: »Nein: er wird schon sagen, wie wenig an mir ist, wenn ich Sie auch liebe.« – »O Teuerste, können Sie das?« fragte hastig Ingenuin, zu sich kommend. – »Ach Sie haben ihn ja nicht gefragt« (sagte Alithea) – »kommen Sie lieber, es kühlt!« – – Großer Genius der Liebe! ich achte dein heiliges Herz, in welcher toten oder lebendigen Sprache, mit welcher Zunge, mit der feurigen Engelszunge oder mit einer schweren, es auch spreche, und ich will dich nie verkennen, du magst wohnen im engen Alpental oder in der Schottenhütte oder mitten im Glanze der Welt, und du magst den Menschen Frühlinge schenken oder hohe Irrtümer oder einen kleinen Wunsch oder ihnen alles, alles nehmen! Sie stiegen langsam vom erleuchteten Pindus ihrer Seelen nieder. Das Dorf lag verschattet in seiner weiten Birkenlaube und Gartenwand. Die Sonne fassete schon das Nachtstück der Erde in den goldenen Rahmen glimmender Wolken. Die Abendglocke läutete die ermüdende Messe des Tages aus – und die Abendschmetterlinge wacher Träume und dunkler Wünsche fingen ihren müden Flug durch die Seele an. – Die zwei Kinder fanden ihre matten Eltern in einem einsamen leisen Abendgesang, gleichsam im Konduktgesang des erblasseten Tags. Sie störten die harmonische Erhebung nicht, sondern begleiteten sie leiser. Nach dem Ende traten sie vor den verherrlichten Greis, dessen Seele in jedem Jahre um die überirdische Sonne, wie die veraltende Erde um die irdische, hinaufgezogen kürzere und nähere Kreise beschrieb. Der Vater erriet aus der Hand, die der Sohn genommen hatte, die Bitte desselben; denn die Mutter hatt' alles noch eher aus der Erweiterung des Ringes vermutet und dem Vater ihre Beobachtungen mitgeteilt. Denn sie hing ihrem Gatten auf eine ungewöhnliche Weise noch stärker als ihren Kindern an, und alle Strophen ihres langen Ehestandes gingen, wenige weibliche Reime ausgenommen, nach der Sphärenmelodie des Flitterjahrs. Sie hatte nur eine fehlerhafte Weiblichkeit – den Haß und Argwohn jeder fremden. Theodosia endigte ihre andächtige Rührung mit einer mütterlichen über die liebende ihres Sohnes und brach in süße Tränen aus. Der Vater erschwerte durch eine Aufmerksamkeit, womit er einen neuen Kanarienvogel aushörte, das Exordium des Sohnes, und als dieser anfing, wollte Alithea sich aus seinen Fingern winden und fliehen. Aber die lebhafte Mutter sagte gerade heraus: »Segne sie nur ein, Vater, denn sie wollen doch einander.« – Als er kaum gesagt hatte: »Unser aller Vater geb' euch seinen Segen, und werdet so glücklich und alt wie euere Eltern« – – so ließ ihm eine erstickende Wehmut nur die stummen Buchstaben der Mienen, bis Theodosia sowohl die Entdeckung der Einbuße des Ringes als die zarte Überspannung durch den Rat verhütete: »Aber Verlobung und Ringwechsel sollt ihr bis zu unserem Hochzeittage verschieben, wenn meine andern Kinder zugegen sind.« Wie gern setzten sie nach dem innern Verein den äußern hinaus! – Ingenuin sah jetzt auf dem einfarbigen Meere seines Lebens eine ganze blühende neue Welt vor sich hinliegen: die Unruhe und der innere Lärm seiner Freude und der Preßzwang, da er jetzt so voll wachsender Liebe verstummen mußte, trieben ihn mit Alitheen von den stillen Eltern, die der Sonnabend und die Müdigkeit der Freude in die Arme des Schlummers legte, weg auf den alten Göttersitz zurück. Wie war alles seit dem Wandelglöckchen des Abendgeläutes verwandelt und vergöttert! Der Herbst war ein Frühling geworden – die weißen Schlösser in der grünen Ebene waren zu schillernden Eispalästen und Sonnentempeln verklärt – über die weiße Landstraße krümmte sich die himmlische Milchstraße, und beide schienen einander auf dem fernen Gebirge zu berühren, und die Wolken waren wie Portalflügel des Himmels weit zurückgelehnt – – Aber in Alitheens Seele stiegen weiße Nebel, wie auf dem dunkeln Strome unter ihr, so groß wie Gräber auf, und unter den abgeteilten Hügeln aus Rauch lagen ihre Eltern – das eindringende Glück erschreckte ihre Nerven und richtete ihre Augen nach den Alpen, unter deren Fuß ihr Vater und ihre Mutter sich abblätterten und der schwarzen Erde Rinde und Mark und Wurzeln wiedergaben. Der Nachklang eines in den Wäldern verschallenden Posthorns und die Rauchsäulen verglimmender Feuerhaufen der Hirten auf den Feldern und zwei fliegende Irrlichter richteten im Geiste der beglückten Tochter die alten umgefallenen Grabmäler der teuern Eltern wieder auf, und sie weinte daran ohne Maß. Sie begriff sich nicht, und sie fragte sich immerfort selber: »Wie bist du gerade heute nicht aufgeräumt?« – Endlich fragte auch Ingenuin die Stille, weil er ihre Trauer fälschlich keiner Freude zuschrieb. »Ich denke eben,« versetzte sie, »meine guten seligen Eltern sollten mich heute in meiner Freude sehen, und das macht mich betrübt.« Und hinter dieser Spitzenmaske drangen alle ihre kindlichen Tränen hervor; aber der schuldlose reine Freund ihrer Seele hielt jeden Rebentropfen des zerschnittenen vollen Herzen für heilig und nahm jeden sanft hinweg, aber nicht mit den Lippen: denn er sah den kindlichen Gram über die entflognen Eltern für zu fromm und ehrwürdig an, als daß er ihn mit den Wünschen seines verbündeten Herzens hätte stören mögen. So ruhten sie lange vor dem stummen Nachthimmel, und ein Stern und eine Träne nach der andern sank hinab; aber die unschuldigen und unwissenden Geliebten schlossen den ersten Maiabend ihrer heißen Liebe ohne den ersten Kuß derselben, und die schönen Lippen hatten einander alles gegeben, nur sich selber nicht..... O schließet eueren Abend willig so und brecht am Zauberschloß der Liebe das Gerüste des Körpers ab! – Trunkner Mensch, du bleibst es nicht, sondern wirst nüchtern, wenn du deine Geliebte nicht suchst und liebst wie die Tugend, die keinen Körper annimmt, wenn nicht Blicke deine Worte und deine Wünsche bleiben, da doch die Hyazinthe der Liebe so leicht blühend über dem Blumenglase, das zwei Tränen füllen, schwebt! – Unbesonnener, der du nicht weißt, daß die reine Liebe gleich dem Gletscherwasser am besten genossen wird, ehe sie die Erde berührt, und daß unsere höchsten Empfindungen den Paradiesvögeln gleich sind, die sich selten mehr vom Boden erheben, sobald sie auf ihn gesunken sind! Erster Hirten- und Zirkelbrief Über Briefform – Verjährung des Verdienstes – ehelichen Haß – und über das Kinderspiel des Lebens   Teuerster Freund! Die Briefform ist eine der gefälligsten Einkleidungen, wenn man an den andern etwas schreiben will: ihrer bediente sich sogar der heilige Dominikus in seinen Briefen an die heilige Dreieinigkeit, Galen in seinen aus der Hölle an Paracelsus und Omar im Schreiben an den Nilfluß. Ich berühre nicht einmal die unzähligen Menschen, die etwas auf die Briefpost geben. Diese schöne Form der Anschauung, diese niedliche Fassung des Gesundbrunnen der Wahrheit tat der Literatur schon so viele Dienste wie dem Postwesen. Steifen dürren Sätzen und Pilastern, unscheinbaren Teichdocken und Bohlen des Wissens, z. B. der ganzen Astronomie, Physik, Botanik, teilten oft die Deutschen dadurch eine reizende korinthische Form und Laubwerk zu, daß sie über den Anfang der Abhandlung setzten »Teuerster Freund« und unter ihr Ende »Ich bin etc.« Der teuerste Freund war das dreifache Blätterwerk, die 16 Schnörkel und 8 Stengel des Kapitells; und das »Ich bin etc.« gab dem Fußgesimse Hohlkehle, Karnies und Karnieslein. Unter dem Titel »Briefwechsel, Geschichte« lieset das Publikum gern trockne Abhandlungen, so wie die Liguisten Kälber und Schafe gern an Fasttagen als Fische verspeiseten, wenn ihnen die Priester diesen Namen durch eine ordentliche Taufe gegeben hatten. S. Antons Geschichte der Deutschen I. 357. Gerade umgekehrt dachten die Brasilianer, daß ein Wilder, den sie fressen wollten, durch die Taufe der Jesuiten schlechteres Fleisch erhalte, daher diese nur einen Teil des Täuflings und Bratens mit einem nassen Tuche berührten. Wolfs Geschichte der Jesuiten. 1. T. Nur befürcht' ich, teuerster Freund, ich ziehe mit dem Schmuck der brieflichen Einkleidung das Publikum zu sehr an und vom Gefüllsel selber ab, und über der Porzellankonchylie werde mein Schaltier übersehen. Nehm' ich nicht dasselbe an den Paulinischen Briefen und an Hirtenbriefen wahr, über deren äußern Reiz Exegeten und Diözesani gänzlich den Inhalt sowohl übersahen als übertraten? Brachte nicht jedes Jahrhundert dem Neuen Testament einen neuen Inhalt mit? Und wenn ich das erste und das achtzehnte ausnehme und wenn ich bloß die Ausleger aus den andern betrachte, die auf eine unglaubliche Weise den Kern in Wurmmehl und die Schale zu einem Kerne nagten: so ist es mir, als säh' ich ganze Stände voll Krippenbeißer, bekannte Pferde, die statt des Futters die Krippe anpacken, wiewohl ich gern die zwei Vorteile dabei geständig bin, daß sie das Gebiß abschleifen und daß sie sich mit Wind aufblasen. Vielleicht sind solche Exegeten den Zigeunern noch ähnlicher (als den Pferden), die das alte ausgeräucherte Tabaksröhrchen, wenn sie keinen Rauchtabak mehr haben, endlich selber aufkauen. Jede Menschenseele hat ihr eignes Idiotikon, wie jedes Jahrhundert seine Germanismen und Gallizismen. Ein genialischer deutlicher Autor ist ewig dunkler als ein schlechter verworrener, dessen geistige Patavinität immer mit den Provinzialismen des Jahrhunderts in eins zusammenfällt. Um den Autor zu fassen, muß man den Menschen begreifen – um aber einen Menschen, d. h. einen Charakter, rein zu fassen, muß man ihn mit der besonnenen Allmacht des Genies, die alle Zustände in Objekte verkehrt und die nicht nur die Farbe, sondern auch das Licht bemerkt, vom eignen Ich absondern und wegstellen und ihn beherrschend beschauen. Aber wenige Menschen fassen einen Charakter – wie eben darum noch wenigere einen malen. – Ich werde überhaupt erst in meinen versprochenen kritischen Briefen Über den Humor, den Witz, den Roman und die Satire. die sonderbare Operation des menschlichen Geistes zerlegen – und dadurch selber begreifen –, wodurch sich in uns die Idee eines fremden Charakters zusammenstellet, den uns doch die äußere Welt in zerworfnen physiognomischen Fragmenten, in disjectis membris einhändige. So viel hab' ich, ohne noch für die Presse darüber nachgedacht zu haben, heraus, daß in unserer Idee von der Totalität eines jeden Menschen ein Hauptzug, ein Brennpunkt, ein punctum saliens vorglänze, um welches sich die Nebenpartien abstufend bilden. Aber wie der Brennpunkt entstehe etc. und alles übrige, das bleibt mir, bevor ich für die Presse etwas darüber ausarbeite, noch ein tiefes Rätsel und ein ferner Nebelfleck. Um einen Menschen vollkommen zu verstehen, müßte man seine Doublette sein und noch dazu sein Leben gelebt haben. Die Sprache ist ein Gewölke, an dem jede Phantasie ein anderes Gebilde erblickt. Sogar sich selber, nämlich sein eignes Buch, fasset man, wenn uns eine Reihe unähnlicher Zustände umgearbeitet hat, bloß durch das Erinnern an den, worin man es machte. Ich kehre zum Appendix zurück. Es ist ein eigener Reiz für mich, daß ich die folgenden leeren Seiten aufblättern und durchschauen und zu mir sagen darf:»Du kannst doch dasmal auf ihnen handeln, wovon du willst.« Um aber gleichwohl an irgendein Gesetz und Leitseil gebunden zu sein, will ichs voraussagen, was ich verhandeln will. Ich mache mich anheischig, hier in diesem Zirkelbriefe von der Verjährung der Verdienste zu sprechen und von dem ehelichen Hasse und im Postskript von dem Kinderspiele des Lebens: dann schließ' ich das Schreiben. In einem guten Staate verjähren Verbrechen und Verdienste aus gleichen Gründen, und der Täter hat nichts mehr zu gewarten. Man injuriiere, man hure, man stehle, man breche eine Ehe doppelt: so fährt man gut dabei und kann nicht gezüchtigt werden für das erste Verbrechen nach 1 Jahre, für das zweite nach 5 Jahren, für das dritte nach 20, für das letzte ebenfalls nach 20 (in Sachsen), gesetzt sogar, man ginge selber in die Gerichtsstube und verwaltete sein eignes Fiskalat selber. Ebenso belohnet ein konsequenter Staat verjährte Verdienste nicht: hat ein Gemeiner im Janustempel seine Votiv-Beine aufgehangen, oder hat ein Schulmann einer Schule seine Kräfte, ein Minister dem ganzen Lande seine Uneigennützigkeit und Zeit gewidmet: so kann der erste nach einem Jahre und die zwei andern nach fünf Jahren kein Prämium, nicht einmal eine Zeile auf der Meritentafel, der tabula rasa der Erinnerung, fodern. Der Zier-, Spieß-, Treff-, Inventions- und Jungferndank verjährt schon darum, weil er ihnen gebührt und weil ihn ein anderer besitzt: denn schon das Zivilrecht spricht dem rechtmäßigen Besitzer das Eigentum ab, das ein unrechtmäßiger 10 Jahre lang besessen, nur daß die Abwesenheit des wahren Eigentümers die Verjährung der Belohnung nicht wie die eines Feldstücks um 10 Jahre verschiebt, sondern um 10 beschleunigt. Die Gründe sind für Verbrechen und Verdienste dieselben. Jene verjähren, weil man annimmt, der Mensch sei schon durch die Gewissensbisse mit heißen zwickenden Zangen, mit effigie-Strang und mit Staupenschlag justifizieret worden Quistorps peinl. Recht §. 864. der 1. Aufl. ; – diese verjähren, weil das Gewissen den Menschen in so langer Zeit mit hundert Bürgerkronen und Meritorden belohnet hat. Die Schwierigkeit, die Beweise aufzutreiben, haben alte Sünden und alte Verdienste gemein. Das lange Stillesitzen des Verbrechers und des Verdienstvollen lassen billig annehmen, daß die bewußten Handlungen mehr dem Zufalle und der Übereilung als der Absicht beizumessen seien. Daher wollen sogar klassische Autores die Präskription ihres Ruhms durch neue Auflagen alter Werke unterbrechen. Freilich ist in jedem Lande einer, der – so wie der Bock in der Wüste oder der Adam in Halberstadt Am Aschermittwoch ließen die Halberstädter einen Bürger, der kein Engel war, schwarz, barfuß, verhüllt von einer Kirche zur andern gehen und für die übrigen büßen. alle fremde Sünden auf sich nahm – ebenso, als Bevollmächtigter und Repräsentant des Verdienstes, der Hebungsbediente und Kollekteur aller Prämien ist, die dem Verdienste gehören. Bekannter ist der Kollekteur unter dem Namen: der Günstling. Wie nun ein Geräte, das einen toten Juden berührte, seine Verunreinigung einem zweiten Geräte und dieses einem dritten leiht Misch. 6. Seder. oder wie ein unreines Leichenhaus eine ganze Judengasse levitisch besudelt: so teilt sich auch die moralische Reinigkeit durch die Nähe eines solchen Prinzipalkommissarius des Verdienstes mit, und auf seine ganze Familie geht sein indossierter stellvertretender Wert und die damit verbundene Löhnung über. Da aber ein Verbrechen, nämlich das der beleidigten Majestät, nicht verjährt: so kann auch das Verdienst der geschmeichelten nie verjähren: ein Verdienst um den Hof (nicht um das Land) kann wie die delicta excepta leicht bewiesen werden, durch einen Zeugen, durch Kinder, durch Blödsinnige. Die Handlungen des Inhabers tragen alle, wie sonst die Kinder der Puritaner, den Namen Tugenden. Er ist ein besserer Repräsentant eines Fürsten, besser als die auswärtige Ambassade, oder vielmehr er ist der ans Land abgeschickte innere Ambassadeur und hat ebenso viele Ähnlichkeiten mit dem Fürsten (die Stigmen ausgenommen) als der heilige Franziskus mit Christo, deren Zahl Pedro d'Alva Astorgain bescheiden auf viertausend ansetzt. Haben zwei Herren dasselbe Verdienst um einen Hof: so gehört die Belohnung – so wie bei dem Tugendfeste im elsässischen Blotzheim unter zwei gleich tugendhaften Jünglingen keinem der Preis zufällt als dem ärmsten – dem reichsten. – – Auf den ehelichen Haß bringt mich das Schwerssche Paar durch seine eheliche Liebe. Es ist sonderbar und schlimm, daß in unsern Tagen gerade die Sorgen, die in der Ehe von vier Schultern getragen werden, und der gegenseitige Kaltsinn der Träger miteinander zunehmen. Auf den Leidenskelch müßte man vorzüglich das Wort eingraben, das auf den Bierkrügen der Paulaner Mönche steht: charitas (Liebe); aber nur Ehen, worin man aus der Kürbisflasche der Freude trinkt, haben immer dieses Wort auf den Kürbissen. Dieses alles hat mich oft auf den Gedanken gebracht – ich hab' es aber unter dem Schreiben vergessen –, den Theaterregisseurs die Frage vorzuhalten, ob es sanft und schonend sei, daß sie, wie sie oft tun, in unsern Tagen, wo die Frau den Gatten, wie der Weise den Tod, weder flieht noch wünscht und wo der Mann an ihr seit ihrer Erdnähe nichts vom alten Glanze verspüren kann, wie die Erde, die als ein leuchtender Stern im Himmel herumzieht, uns Leuten, die wir den Fuß darauf haben, bloß als eine schwarze kalte Lichtschnuppe erscheint, ich frage nämlich, ob solche Direktores schonend handeln, daß sie in diesen Zeiten des ehelichen Indifferentismus den Ehemann nötigen, auf dem Theater eine Liebhaberrolle gegen seine angetraute Frau zu übernehmen – gegen diese sich öffentlich etwas anders zu stellen als kalt und fremd – z. B. in Goethes Tasso als Torquato der Fürstin (seiner Frau) dasselbe Herz als eine Zuckerdose und ein indisches Nest der Liebe zu präsentieren, das er ihr einige Minuten vorher in der Kulisse als einen Sauertopf und Giftbecher des Zorns vorgehalten. Ich ließe mirs noch gefallen, wenn das Paar geschieden wäre; aber der Regisseur bedenke, wie es ihm bekäme, wenn er in so nahen Verhältnissen, wie die ehelichen sind, die Gastrolle der Zärtlichkeit zu übernehmen hätte, indes er noch dazu (wie leicht verlangt das nicht die Ökonomie des Stücks) gegen seine nicht weit davon stehende wahre Geliebte den Kalten spielen müßte! – Ich bin, teuerster Freund, Ihr Jean Paul. N. S. Noch muß ich, Bester, erinnern, daß die Menschen Kinder sind und die Erde ein limbus infantum. Ich halte oft an volkreichen Tagen, z. B. der Märkte, der öffentlichen Aufzüge, mein Hohlglas als einen Hohlspiegel vor und lasse die Leute zu Zwergen einlaufen, wovon ein ganzer Landtag oder ein ganzes Konsistorium unter dem Deckel einer Schnepfenpastete Sessionen halten könnte. Hab' ich es so weit, so stell' ich mir leicht vor, ich sähe lauter Kinder. (Im Grunde bleibt es auch so, wenn ich das Hohlglas weglege: denn der gebückte alte Mensch krümmt sich wie die Ewigkeitsschlange zur Kindheit zurück, aus der er auseinanderschlug, wie ein Tonstück nach den Wanderungen durch alle Tonarten doch in der verklingt, worin es begann.) Ich will die dunkle Kinderstube, worin die Kleinen spielen und greinen, ein wenig weiter aufmachen. Ein paar Wechselkinder oder Kielkröpfe, die den ganzen Tag fressen und schreien, hat der Teufel vorn auf die Schwelle gelegt. Über alle ragt ein kleiner Junge auf einem hohen Kinderstuhl hervor, der sein ordentliches foramen ovale oder Aschenloch hat und vielleicht so hoch ist wie ein Thron, und ruft aus: »Jetzt muß ich euer König und Korporal sein, und ich will euch alle den Augenblick ins Hundeloch schmeißen«; das Kind nimmt sich gut genug mit der Gerte des Vaters aus (es hat keinen Zepter) und schlägt damit stark umher. Das eine Kind sagt: »Reite mich, dann reit' ich dich« – das andere: »Sei der Mühlpursch, und ich muß dein Esel sein, und du mußt mich hauen.« – Blindekuh und Ballschlagen (oft Bälle von 24 Pfund), Soldatens und Köpfen – das eine sitzt auf dem Sessel, und das andere schlägt ihm mit einem Lineal zwei- oder dreifache aufeinandergesetzte Hüte ab – sind gewöhnliche alte Kinderspiele; so richtig bemerkt Arbuthnot, daß die Kinderspiele sich von Jahrhundert zu Jahrhundert unverändert konservieren. Die Buben spielen recht gut Soldatens, und wenn sie mit dem Munde ihr heftiges Kartätschenfeuer geben – sie schreien heftig Puff! –, so läuft allemal der Teil der Feinde davon, mit dem es vorher ordentlich abgeredet worden; von den zu Kriegen nötigen Geldwägen (diesen wahren Streit- und Zauberwägen) scheinen die guten Kleinen nichts bei Großen gesehen zu haben. Das Kind auf dem porösen durchbrochnen Stuhl möchte gern ein paar Landes-Kinder und Bauern zum Aufwarten haben; aber es fehlt an Buben, unter denen das Puffschreien einen bethlehemitischen Kindermord anrichtete. Die Mädchen lassen ein wenig taufen – ist anders den Geburtslisten zu trauen – und liegen sanft im Kindbette und kochen, was in der Eile zu haben ist. Ich und der Kindesvater sind darwider, daß sie die neugeborne Puppe, die selten sein Werk ist, in der Puppenwiege so sehr rütteln und schütteln, daß diese dumm werden müßte, wenn sie es nicht schon wäre. Wächst die Kleine ein wenig heran, so macht die Kindbetterin eine ordentliche Putzdocke aus ihr; versäumt aber doch nicht, dem hölzernen Dingelchen alle die guten Lehren und Homilien einzuprägen, die ihr die alte Mutter selber gegeben und die freilich Docke und Wöchnerin selten befolgen. Schön ists und ein frappanter Beweis der weiblichen Vorliebe für das weibliche Geschlecht, daß die Mädchen nicht männliche, sondern weibliche Docken zuerst sowohl gebären Bekanntlich sind die Erstgebornen Mädchen. als putzen. Am Fenster – damit sie besser zum Schreiben sehen können – find' ich schon einige reifere Knaben von Hoffnung um einen Fußschemel, den sie ein Schreibepult nennen, seßhaft, worunter einer aussieht wie ich selber – die kleinen Teufel wollen gern ein Buch machen wie ihr alter Vater (ein wahrer Kinderfreund), und da er ihnen etliche Papierabschnitzel zugeworfen, so kratzen die Närrchen darauf etwas hin und sagen: »Kein übles Werk!« – Um sie schreien die kleinsten Kinder sehr, sie müßten denn schlafen. Handel und Wandel steht in der ganzen Stube in Flor – es wird alles im Lande selber gemacht, was man braucht – Geldmangel ist unerhört, weil sie Papier und eine Schere haben und soviel Kinderd'or damit schneiden können, als sie brauchen – alle Handwerker werden gespielt, und die Bäcker schaben fleißig Kreide zu weißen Semmeln um und setzen sie gegen Geld oder Geldeswert ab – und alles ist zu kriegen. Nur sollten sie das alles nicht in die Papierspäne einwickeln, worauf klassische Jungen ihre unleserlichen Gedanken geäußert haben. Ich weiche ganz von einem und dem andern Schulhalter und Konduitenmeister ab, der behauptet, in der Kinderstube werde nur gespielt, aber nichts gelernt für die Zukunft; wahrlich die Spielstunden sind nur freiere Lehrstunden , und die Kinderspiele sind die Maler-Studien und Schul-Imitationen der ernsten Geschäfte der größern Menschen ohne Kinderschuhe außerhalb der Kinderstube. Als ich eben zur Türe hineinsah, kam hinter mir ein alter kahler Lakai und Jockey des Vaters, von keinem sonderlichen Aussehen, namens Freund Hein, der die großen Kinder zuerst – die unmündigen zuletzt – nach einigen Kammstrichen und Abwaschungen hinausführt ins Freie, in den großen blühenden Garten, wo der Vater in einer Jelängerjelieber-Laube freundlich auf sie wartet und mit ihnen unter den hängenden Blütenbeeten großer Bäume die ausländische Flora und unter den Ringeltänzen der Schmetterlinge und Mücken, die sich nach der Gartenmusik der Vögel drehen, und unter lauter Glanz und Leben das Hauptsächlichste aus der Naturgeschichte vornimmt. Aber der etwas staubige Pedell mit seiner verschimmelten Physiognomie weckte mich – freilich erst zum vorletzten Male – durch sein Wegführen auf; und ich ersah, daß ich nicht an der Stubentüre stand, sondern drinnen am Fußschemel mit saß und meinen Papier-Lappen vor mir hatte. Ich wollte aber unter so vielen emsigen Jungen nicht allein schlafen; und fuhr daher mit neuem Eifer auf dem Papierschnitzel fort im.... Zweiten offiziellen Bericht Der Spitzbubenstreich – Nöten – der Rest der Rezension – die Clairvoyante aus dem Kaffee Außer dem Konsistorium, das zur Sektion der Ehe nichts weiter verlangt als die vorhergehende Kopulation, scheidet wohl niemand so oft von Tisch und Bett und Herz als der Teufel: dieser Konsistorial-Prosektor der Seelen bestand ja in den Konkordaten, die er mit dem Doktor Faust abschloß, sogar auf dem Artikel, daß der Doktor gar nicht heiraten sollte; – und denselben Separatartikel hab' ich in allen Hausverträgen angetroffen, die der Satan mit jungen Millionären machte. Denn da die uneheliche Verbindung eine Zahlungsrechnung ist, die eheliche aber nur ein Tauschhandel : so ist den Millionären wie den Buchhändlern bei der Zahlungsrechnung die Rückgabe der Exemplare verstattet.  Nach acht Tagen – das brachte mich eben auf den Teufel – kam aus Flachsenfingen ein Konsistorial-Dekret samt der Literaturzeitung nach Neulandpreis. Der Vater machte sich an jenes, der Sohn an diese. Plötzlich las der Vater leiser und sagte endlich laut. »Trag es standhaft, Ingenuin: die Adjunktur ist dir abgeschlagen, und Gott weiß, wie alles zusammenhängt.« Der arme scheinlebendige Ingenuin fing über den herrlichen Chodowieckischen Kupferstich, den das Schicksal aus seinem Lebensbuche riß, bitter zu weinen an; und dann erst zu widersprechen. Sie machten miteinander eine Kondolenzvisite den Weibern unten. Alithea wurde bleich und welk, wie eine glühende Rose sich weiß verfärbt, wenn sie brennender Schwefel berührt; aber die Mutter focht die Echtheit des Widerrufs des Edikts von Nantes, obwohl mit nassen Augen, an. Ingenuin lief während dieses Äquinoktiumssturmes unter ein Wetterdach – ins Ritterschloß. Das Fräulein von Sackenbach bedauerte dieses herbstliche Entlauben aller seiner Hoffnungen mit der herzlichsten gerührtesten Stimme, setzte aber sogleich mit einer aufgeheiterten den Trost dazu: »sie wolle noch heute abends nach Hof schreiben und den geringen Einfluß, den sie da habe, für ihn verwenden.« Gering war der Einfluß, weil er auf einen längst versiegten hinauslief, den sie in ihren Jugendjahren auf einen gewissen Herrn von Esenbeck in Flachsenfingen gehabt. Es war bloß so: Herr von Esenbeck, jetziger maitre de plaisirs der Fürstin, war damals Jagdpage des Fürsten gewesen, wiewohl der Weidmann damals am liebsten auf die Kessel- und Klapperjagd nach Damen ging. Er war da noch in den Jahren, wo jede weibliche Gottheit wie sonst eine heidnische den Mann, der sie erblickt, rasend nachlässet, gerade in denen, wo man glaubt, eine Heirat müsse man, wie ein Bonmot, ohne Vorbereitung aus dem Stegreif machen. Kurz er hatte sich, um Gobertinen zum Altar zu führen, schon den Arm ausgebeten, von dem ein kurzer Weg zur Hand hin ist. Aber Amanda war im entgegengesetzten Falle Solons: als man diesen fragte, was ihm so viel Mut zum Widerstande gegen den Pisistratus gebe, so sagte er: »Mein Alter« – und Gobertina hätte, wenn sie von ihrem vergangnen Widerstand gegen den maitre de plaisirs hätte einen Grund angeben müssen, versetzt: »Meine Jugend.« Das mattete aber den Junker ab, er ließ sie sitzen und stehen und fragte wenig nach der Regel der Mütter und Schachspieler, daß man eine (weibliche) Figur, die man berühret habe, auch ziehen müsse, und wär's zum Schaden des Königs. – Gobertina schickte ihm nachher oft Briefe, wenigstens um die vorigen zurückzufordern; aber er gab nicht einmal eigne dafür: sie war aufs Land gesetzt und noch dazu auf halben Sold; welche Rose hätt' er ihr noch abzuverlangen oder zuzuwenden gehabt als die des Stillschweigens? – Gleichwohl setzte sie aus Liebe zu den Pfarrleuten ein Briefchen an den maitre auf, das eine Fischreuse für sein plattiertes Glatteis-Herz oder doch ein Garnbock für ihre Weife und zugleich ein Lukas- und Agathazettel und Hülfswort für die Schwersschen werden sollte. Sie schrieb drittehalbe Bogen und schnitt sie, so gut sie konnte, ganz nach Gellerts Definition von einem Briefe zu, daß er ein Gespräch mit einem Abwesenden sei. Denn die Bogen hatten – da ein Gespräch weder Kolon noch Semikolon noch Orthographie einmischt – auch nichts davon. Ingenuin fand bei der Zurückkunft seine Dea in größern Tränen und – an ihrer Hand wieder ihren Ring. In der Stube glühte der Kantor Scheinfuß , auf dem Tische wieder der verschenkte Doppeldukaten. Wer wird uns über dieses närrische Titelkupfer eine Erklärung geben? – Ein Halunke, der obige Lederer. Dieser zog, begleitet wie ein Konsul von Liktoren oder Häschern, durch Neulandpreis, und ihn schüttelte schon auf der offnen Straße das Gefängnisfieber. Wenige verstehen mich; es war aber das: Flachsenfingen besetzt nämlich so gut als irgendein Land die wichtigem Posten seiner streitenden Kirche, die volkreichen Pfarreien, geschickt, d. h. nicht mit jungen Kadetten, sondern mit Veteranen, mit Leuten, die den Psalter in den Jahren erklären, worin ihn David verfaßte, nämlich in den letzten. Das Judentum und das Papsttum sind die zwei Vorhöfe des Luthertums. In jenem wurde keiner ein Priester, der noch nicht ein Dreißiger war: daher setzen wir noch bis diese Minute keinen jüngern in den Schuldturm einer Pönitenzpfarre, geschweige in den babylonischen einer reichen. Anlangend das Papsttum, so sind größere Pfarreien nichts als kleinere Kirchenstaaten; wie nun der heilige Vater des größten Kirchenstaats nur in dem Alter gewählet wird, worin er kein Vater in einem weltlichem Sinne mehr sein kann, nämlich unter den Sechzigern selten, so tragen nur die, die das Akzessit des Kirchhofs erlangten, den Preis einer Peterskirche davon. Denn es ist mehr daran gelegen, dünkt mich, daß ein weiter Kirchensprengel einen veralteten exemplarischen Ex- und Erzvater ohne alle Leidenschaften – diese Fettaugen und Fettschwänze der Jugend – überkomme, als daß dem Sprengel bloß ein Mann zufalle, der ihn versieht. Man würde daher schon längst aufgehöret haben, sich zu wundern, wie ein so reiches Pastorat, als Neulandpreis ist, einem so jungen Pastor fido Alitheens angefallen sei, eine Stelle, auf die wegen der vielen Eingepfarrten (eine Meile weit müssen einige in die Kirche) vielleicht der älteste schon halbtote Senior im Lande Anspruch machen konnte – ich sage, man würde schon längst aufgehöret haben, sich zu wundern, hätte man bedenken wollen oder können, daß die ganze Sache nichts ist als – lauter Wind, eine rechte Spitzbüberei, in die man jetzt den Leser näher einweihen will. Lederer ist der Spitzbube. Dieser Mensch griff nämlich zu einer Schiefertafel und stach in gravierter Arbeit auf dem Stein das Konsistorial- und Regierungsinsiegel nach, und die Hände dieser Kollegien malte er nach – und dann machte sich der Hofsteinstecher reisefertig. Stieß diesem nun irgendwo ein Pönitenzpfarrer, ein amtssässiger Hauptschuldner und matter Supplikant, ein fahler ausgekernter Amtmann auf: so fuhr ein guter Geist in ihn, und er sperrte sich ein und fertigte eine überraschende Vokation für das darbende Subjekt. So belohnte und postierte er, indem er als verkappter Kalif das Land durchstrich, echtes Verdienst nach bestem Wissen und Gewissen. Er selber, der Agioteur, hatte wenig davon, daß er, wie ein nuntius a latere, neben dem Landesherrn gute Stellen besetzte, das Recht der ersten Bitte exerzierend: sein Selbstverlag von Beförderungen zweckte mehr auf fremde Freuden ab als auf seine, er war fähig, die besten Ämter im Fluge zu verschenken, ohne Schmeichelei, ohne Suppliken, ohne halbe Intraden oder – wurd' er gerade in adeligen Dörfern Patronatsherr – ohne Mitbelehnschaft und Maskopie für eine Kammerjungfer zu begehren. Das wenige, was er sich aufzwingen ließ und was er zum Scheine gern einsteckte – um den Konsistorialboten frappanter nachzuspielen, welches auch die einzige Stelle war, wozu er sich selber berufen –, war das Mahl und Gratial, womit das vozierte Subjekt erkenntlich sein wollte. Daß freilich nachher der Landesherr keine einzige seiner Standeserhöhungen bestätigte, sondern die ganze Dienerschaft absetzte und ihn dazu – das war dem Schiefersteinmetz nicht aufzubürden. Schlimm wars, daß eine solche zerstörliche Einrede auch den schuldlosen Adjunktus kassierte und das von Hoffnungen aufgeblähte Herz seiner armen Braut eindrückte. Der Kantor Scheinfuß saß gerade in der Schenke, als der Vokationen-Falsarius und Prokonsul mit seinen Liktoren eintrat: dem Kantor, dem gerade Glühwein auf den Wangen saß, hatt' es das Pfarrhaus zu danken, daß er dem Arrestanten durch das Hersagen einiger Strophen aus dem Liede »O Ewigkeit, du Donnerwort« den Ring und den Dukaten wieder abjagte, die beide zum Glücke weder versoffen waren noch angefeilt. Aber dieser Krebsgang des schönen Braut- und Himmelswagen, worauf die zwei Liebenden gestiegen waren, entfernte sie nicht nur auf Jahre lang von ihrem schönsten Tag, sondern auch beide voneinander. Der Senior Schwers ließ nämlich in Beisein des Kantors die zwei stummen, um ihre Hoffnungen Leidtragenden vor sich treten und verordnete und verkündigte: eines von ihnen müßte aus dem Haus. Es war keine Frage wer. Dea konnte nicht für den Senior predigen: also sollte sie so lange, bis dieses vom Schicksal niedergetretene Rosenfeld und bowling-green wieder nachgewachsen wäre, aus dem Hause nach Flachsenfingen zur schwangern Buchdruckerin (seiner Schwiegertochter) ziehen, weil weder den Leuten und ihren Zungenflegeln – da jeder beide nun als Verlobte ansähe – zu trauen wäre noch dem Teufel. Was sagte das zerritzte weinende Paar dazu? – nichts als Ja: geduldig und stumm liefen die zwei Lämmer hinter seiner Hand, und nur als dieser Sonnenball, der Alte, weg war, so verlosch der doppelte Regenbogen, der vor ihm heiter geschimmert hatte, und der frohe Trug sank als dunkler Regen nieder. Alithea lief weg und brachte das trockne Herz, in dem dieses Erdbeben des Verhängnisses alle süßen Quellen ihres Lebens verschüttet hatte, in die Arme ihrer Mutter Theodosia und bat sie mit schwacher Stimme, daß sie doch nur wenigstens bleiben dürfe bis zum Jubiläum und zur Silberhochzeit; sie könnte sich sonst gar nicht fassen. »Du wirst bleiben«, sagte die Mutter und ging zum Vater Schwers hinauf; – und wie hätte der Silberbräutigam eine so freundliche Bitte seiner Silberbraut so nahe an dem Tage verderben können, wo beide sich umdrehen und noch einmal, ehe sie auf die beschattete Pappelinsel des Grabes ausstiegen, hinüberblicken wollten mit weitsichtigen Augen nach den reichen warmen Südsee-Inseln ihrer Jugendtage? – Er erhörte die alte Freundin und sagte: »Aber gleich den Montag darauf, das weißt du schon, zieht sie in Gottes Namen aus.« Ingenuin nahm jetzt im dunkeln Museum wieder die Literaturzeitung zur Hand und überblickte bebend die abgebrochene Rezension seines Buches. Beim Himmel! statt der wenigen schon geschmolzenen Schneeballen, womit ihn der Rezensent vor acht Tagen beworfen hatte, sah er jetzt vor sich einen Obeliskus aus Schnee – wie die Armen 1785 dem armen Ludwig XVI. einen physischen für seine Holzspenden aufballeten – als einen Lohn für seine »Kritik der kirchlichen Liturgik nach kantischen Prinzipien« aufstehen! – Er wünschte von Herzen, er könnte seinen Vater um die Ehren-Spitzsäule führen und es sagen, ihm sei sie gesetzt; aber der Jubelgreis ließ sich das Kommunikantentüchlein, die Perücke und das Chorhemd, lauter Dinge, die der Sohn mit seiner kantischen Kritik kühn angegriffen und erschüttert hatte, nicht nehmen. So milderte die Hand des Schicksals die Krämpfe seiner Qual und streichelte den Nervenpatienten mit wenigen Strichen, die sie mit den Rezensenten-Schreibfingern um seine Stirne führte, in einen magnetischen Schlaf. Womit lösete aber dieser Magnetiseur, dessen Manipulation ebensooft weckt als einschläfert, den starren Marter-Tetanus der emigrierenden Alithea auf? Wenn ich den Doppeldukaten und den Ring ausnehme, wozu ihr noch dazu fast der fremde Ringfinger mangelte: so werd' ich wenig Linderungen ihrer Folter gewahr, aber wohl manche Schärfung derselben durch die Zurüstungen auf das Freudenfest. Und so gibt immer, wie der Moschus mit der ersten Stärke seines Wohlgeruchs die Nase bluten macht, die Liebe, zumal die erste, dem weiblichen Herzen ebenso viele Wunden als Freuden, wenn nicht mehrere. Alitheas Sonnenschein wurde vom Brennspiegel des Schmerzens in einen Sonnenstich verwandelt und auf ihr Herz geworfen, und sie stand gefesselt vor dem Brennpunkte bis einige Tage vor der Silberhochzeit, wo eine alte Frau ein kühles Wölkchen davor zog. Eine alte Kaffee-Prophetin sagt' ihr nämlich die sonderbarsten Sachen voraus. Es kam diese runzlichte Zeichendeuterin Freitags Nämlich den 16. Schaharimeh dieses Jahrs, wie ich sonst mit andern Illuminaten statt des ebenso deutlichen 16. Septembers schrieb. in der schwarzen Stunde zu ihr. Sie trieb Aktiv- und Passivhandel mit der Zukunft und mit Preiselbeeren und schlug einen grünen oder vielmehr roten Markt mit den letztern auf. Sie sah an Deas Auge den roten Titelbuchstaben des innern Martyrologiums leserlich geschrieben und eröffnete ihr freundlich, wenn sie eine halbe Tasse vom Kaffee dort daran verwende, so könne sie vielleicht noch heute erfahren, was ihr fehle und wie es künftig gehen werde. Ach um diesen Gewinst stand Alitheen eine ganze Kaffeeplantage feil. Die kumäische Sibylle zog vor allen Dingen den warmen Setzteich ab, um die auf dem Schlammgrunde des Kaffeesatzes bleibende Zukunft herauszufangen. Dann vergaß sie die notwendigsten Operationen bei diesem prophetischen Prozesse nicht und fing an zu sehen und zu reden. Das ganze von Honthorst gemalte Nachtstück der Vergangenheit lag auf dem schwarzen Pulver hin: sie teilt' es mit und weissagte Alitheen alles, was ihr bisher begegnet war. Nun rückte vor der Seherin auch der Saturn der künftigen Zeit aus seiner dunkeln Immersion: sie verhielt der Gläubigen nicht, daß ihr am Jubeltage ein außerordentliches Glück bevorstehe, daß schon Sonnabends ein vornehmer Herr von 49 Jahren, prächtig angeputzt und kahlköpfig, mit zwei Tigerpferden werde von Karlsbad gefahren kommen, der ein wahrer Schutzengel für das ganze Haus sein werde. Weiter aber, das gestand sie gern, konnte sie ins innere Afrika der Zukunft nicht hineinsehen. Alitheens Herz zerlief in Freudentränen, nicht weil sie die frohe Nachricht glaubte , sondern bloß weil sie solche dachte . Man hinterbrachte etwas davon dem Gaste der schwarzen Stunde, dem Fräulein Amanda, die mehr vom Kaffee als von dessen Präzipitat einen wenig prophetischen Gebrauch machte: Amanda trat ins Gesindestübchen, vernahm alles, zog die Seniorin in die Visitenstube zurück und sagte, das Sonderbarste sei, daß Herr v.Esenbeck ihr heute geschrieben und morgen zu kommen versprochen, und nach den Tigerpferden und Haaren zu urteilen, meine die Alte niemand weiter als den leibhaften Herrn v.Esenbeck. Sie ging eilig zurück, sagte mit einem männlichen Mute (einem Spätling ihres Hoflebens) zur Augurin: »Aber, meine Frau, man wird Sie bis morgen hier behalten, und wenn Sie gelogen hat, so wirft Sie mein Justitiar ins Hundeloch.« Zum allgemeinen Erstaunen sagte die Ambassadrice der Zukunft dazu ein freudiges Ja. Gobertina gab ihr also im Schlosse Hausarrest und vier schielende Augen zur Ehrenwache. Da ich Gott danke, daß ich endlich die Neugierde des Lesers aufgeregt: so würd' es einfältig lassen, wenn ich solche im zweiten offiziellen Berichte befriedigte und nähme; sie mag ihn so lange quälen, bis ich sie im dritten stille. Zweiter Hirten- und Zirkelbrief Gravamina der deutschen Schauspielergesellschaften, die mörderischen Nachstellungen der deutschen Tragiker betreffend   Teuerster Freund! Viele Regisseurs der bessern deutschen Theater lagen mich schon sei langem an, daß ich dem Reichskorpus die Füsilladen und Mordtaten, welche die Autoren jeden Schauspielabend unter ihnen verüben, einmal ernsthaft und fiskalisch und klägerisch vortrüge. Ich ließ mich nicht bereden, sondern gab sogar im Reichsanzeiger die Antwort, ich müßte besorgen, die sämtlichen Reichstagskollegien nähmen meine gravamina für Spaß, gesetzt auch, die Klage wäre von allen den Akteurs und Aktricen unterschrieben, die von den Tragikern schon totgeschlagen worden. Indessen setzt' ich doch die Klage auf, schickte aber nichts nach Regensburg. Zum Glücke für die dezimierten und lanternisierten Theatertruppen wurden jetzt im September die Reichstagsakten – ehe die Franzosen sie zur Einsicht abfoderten – inrotuliert und verschickt aufs Rathaus zu Hof im Voigtland. Ich ging da um diese papierne Bergkette mit sonderbaren Gedanken herum; denn die eingesargte papillotierte Zukunft ganzer Reichskreise stand in den Würfeln vor mir. Auf einmal fiel ich auf die frappante Idee, mein fiskalisches Klagschreiben zu einem Quartanten durch Emballage aufzuschwellen und den Quader unter die Blöcke zu schieben. Es kann sein, daß ich ohne den französischen Gelehrten Chaterinot Menagiana. gar nicht darauf gekommen wäre, der seine Werke, weil sie liegen blieben, selber einsteckte und mit dieser Taschenausgabe in den Pariser Buchläden herumschlich und, sooft der Buchhändler den Rücken wandte, einige Exemplare unter andere Werke einschwärzte. Unter dem Inkorporieren selber macht' ich mich dadurch herzhafter, daß ich mir auf der einen Seite den Jammer der umfallenden Spieler ausmalte, die jetzt (es war abends) eine Tragödie wie sonst der 108. Psalm totbetet, und auf der andern die Bürgerkrone meines innern Menschen, die er aufbekäme, brächte der Erzkanzler wirklich das Schreiben zur Diktatur. Die tägliche sizilianische Vesper und Aufreibung der besten Schauspieler gehöret meines Erachtens zur Reichspolizei; und ich habe mich oft auf dem Parterre gewundert, wenn der Generalreichsfiskal selber in der Frontloge heraussah und den Menschenmord sah, ohne sich oder seine Feder zu regen. Ich weiß es, den Unterrichtern (den Kunstrichtern) kömmt es zu, den tragischen Würgengeln und Mordtaten zu steuern; aber wenn diese das Ihrige vergeblich getan haben, dann ist man offenbar von einer hohen Reichsversammlung gewärtig, daß sie sich dareinschlage, die öffentliche Sicherheit der Theater herstelle und den Musensöhnen den tragischen Degen abfordere. Ist es hier nicht so wie mit Irrlehrern, denen am Ende, wenn Fakultäten und Konsistorien sie nicht zum Schweigen bringen konnten, Fürsten eines auferlegen müssen? Ja im Notfall wurden oft solche phosphoreszierende Lichtputzer selber statt der Gassen- Reverberen aufgehangen oder aufgehenkt. Hier ist indes die Kopie des zu den Akten gelegten Klageschreibens, worin ich alle Kurialien vertausche gegen die Formel: das hohe Reichscorpus. * Die Gravamina der Akteurs etc. Hochwürdige, Hochgeborne, Hoch- und Wohlgeborne, auch Wohl- und Hochedelgeborne, Hochedelgestrenge, Fest- und Hochgelahrte, Gnädige, auch Hochgeneigte und Hochgeehrteste Herren! Bekanntlich wird ein solches Schreiben nicht an die Reichsstände, sondern an deren Gesandten adressiert. Sub Litteris A B C D. werden Zeugenrotuls von 8000 Personen angebogen – gerade die Zahl der Subskribenten unter der formula concordiae –, die es für wenige Groschen oder Gulden gesehen und gezählet haben, wie oft Endesunterschriebene – trotz der karolinischen Halsgerichtsordnung und der französischen Kunstrichter – erschossen, erstochen, erdrosselt worden: unschuldige Akteurs, sie mögen den ganzen Tag gelebt und memorieret haben, wie sie wollen, bedecken abends, von Federmessern abgemäht oder vom Fliegengift des Dintenpulvers gefallen, die Bühnen. Die deutschen Tragiker, die oft von uns und unsern Benefizstücken leben, sind es, die uns selber verwehren zu leben und die gleich einem römischen Triumphator nicht eher den Lorbeerkranz zu verdienen meinen, als bis sie 5000 Mann getötet – anstatt gespeiset – haben. Nicht nur das ganze weibliche Publikum sitzt dabei und labt sich sehr und hat solche ludos funebres gern, die den römischen gleichen, worin jedem Magnaten einige hundert Gladiatoren nachstarben: sondern sogar die Rechts- und Schöppenstühle, judices a quibus und ad quos, Leuteranten, dritte Instanzen und deren Aktuarien, die vom Herzen bis zum Kopfe mit Karolinen und Theresianen vollgeschlichtet sind, sogar Edelleute, die mit der obern Gerichtsbarkeit belehnt sind und sonst mit Henkergeldern knickern, alle diese erlegen gern die peinlichen Kosten unter dem Namen Entreegelder und wünschen herzlich wie der Pöbel bei Hinrichtungen den Frais- und Todesfall, um nur die Freude einer müßigen Rührung zu haben. Das ist es ganz kurz, was wir einem hohen Reichscorpus weitläuftig vorzutragen willens sind. Vor 45 Jahren sahen wir allerdings nicht ein, was wir damals hatten auf unserem hölzernen Planiglob: jeder Spieler war da seines Lebens sicher – reimend kam er in die tragische Welt – reimend fuhr er wieder hinaus – den Helden machten nicht Schlachten, Wunden, aktives und passives Ermorden, sondern eine in Tränen gesäete und in Reimen geerntete Liebe – Racine und Schlegel brachten selten einen Nebenchristen um und köpften wenigstens gar zu große Spitzbuben nur wie Große heimlich, und selber Voltaire machte ehrliche Spieler lieber verächtlich und lächerlich als tot. Das war unser saturninisches philanthropisches Zeitalter. Jetzt leben wir im poetischen Terrorismus. Deutsche Landfriedensbrecher zielen aus den Krähenhütten ihrer Museen und pürschen uns herab. Alle Todesstrafen, die Beccaria aufhob, indem er aus dem Schwert der Themis bloße Hand- und Beinschellen schmiedete, werden auf dem Theater durch den Dolch der Muse vollstreckt, und die poetische Gerechtigkeit wird von grausamern und weniger aufgeklärten Frais- und Zentherren gepflegt als die peinliche . Einer hohen Reichsversammlung kann nicht unbekannt sein, daß wir oft im Weggehen von diesem Tyburn und Greveplatz – das ist die deutsche Bühne – die Hand an den Kopf gelegt: das taten wir bloß, wie jener türkische Minister bei dem Weggehen vom Sultan, um zu fühlen, ob er noch auf dem Halse sitze. Wieder andere tragische Dichter ziehen sich abends elend an und verstecken sich von 6 bis 8 Uhr in Kulissen und passen, wie englische Räuber mit Schießgewehr, wie Feimer mit Stricken, wie Ärzte mit Krankheitsmaterien bewaffnet und wie Türken und Wilde durch Getränke zu finstern Werken gestärkt, so passen sie Spielern beiderlei Geschlechts böslich auf und machen ihnen den Garaus, bloß um vom Ertrage dieser Gewalttätigkeiten einmal zu soupieren, so wie man nach Dapper täglich 200 Menschen für die Tafel des Königs von Macoco schlachtet. Ein solcher Tragikus nimmt oft in seinem Wolfshunger den fettesten Akteur aus dem Ankleidezimmer und wirft ihn in den Hungerturm und lässet ihn da elendiglich vor den Augen des Publikums in drei Stunden verhungern. Heißet das christlich, jüdisch, türkisch gedacht? – Es kann dargetan werden, daß oft hart nach der Ouvertüre ein frischer neugeborner Akteur, der kaum das Licht der – Bühne erblickte, schon vom Theater und mit Tod abgehen mußte: das rufende Taufglöcklein wurde seine Zügen- und Totenglocke, und er sah dann nur als revenant aus der Kulisse heraus. Andere fristen ihr Leben ein paar Akte länger, aber mit verdammter aqua toffana im Geäder – und am langsamen schleichenden Gift welken sie in einigen Stunden ab. Kömmt vollends das Ende der Tragödie heran: so kennen wir außer dem Kriegstheater nichts Schrecklichers als ein deutsches – wie am Ende des Herbstes, wo der ganze Bienenkorb gemeinschaftlich am Drohnenmord arbeitet, so gehts da her – es hilft kein Flehen, kein Geschlecht, kein Stand, alles, das Kind im Mutterleibe, wird ausradiert und harpuniert vom tragischen Dolch – der Held oder König ohnehin zuerst, wie die Raubbienen zuerst den Weisel des Stocks erbeißen – aber auch alle seine Verwandte und Bekannten – unbescholtene, gesunde, rote Leute, die sich vergeblich durch die fünf Zonen der Akte durchgeholfen haben – es ist freie Pürsch, alles muß fallen...... nur ein einziges Wesen kömmt davon, über welches die Todessense, wie über Gras im Tritte eines Hufs, ohne Schaden wegfährt: es ist der Souffleur, der in seinem Seitenhöhlchen und Dachskessel ohne Wunden hockt und lachen kann. Wie weit dieser Jammer in deutschen Städten gediehen ist, das mag vielleicht ein oder der andere Personalist, falls er sie gelesen, aus der Grabschrift noch besser ermessen haben, die wir einem bekannten Akteur mit dem Spitznamen Peter Schwenz setzen ließen und die so lautet: »Hier liegt Peter Schwenz, deutscher Regisseur, der – nachdem er anfangs natürlichen, dann gewaltsamen Todes (nicht zu gedenken des geistlichen) verfahren, nachdem ihn zwei tödliche Apoplexien und im nächsten Abend darauf eine Hemiplegie getroffen, nachdem er geköpfet und kurz darnach gehangen, nachdem er zweimal von seinen Kameraden und dreimal von sich selber erschossen worden, nachdem er die stärksten Gifte und Krankheiten gehabt und neben seiner Julie beigesetzt worden als ein Würmerfraß – endlich weniger lebens- als sterbenssatt das Theater der Welt verlassen hat, um hier unten zu privatisieren.« – Meistens sind die Tragiker, die das Recht des türkischen Kaisers So viel kann der Großsultan ohne Tyrannei und auf Rechnung göttlichen Antriebs täglich morden. Kantemirs Geschichte des osmanischen Reichs. exerzieren, täglich 14 Menschen aus Inspiration zu töten, blutjunge Menschen und ebenso viele Belege zur Bemerkung, die Voltaire in einem Brief an Friedrich II. macht, daß immer Jünglinge fanatische Königsmörder (z. B. Heinrichs IV. etc.) gewesen. Weiber begehen zwar Zungen-, aber selten Federtotschlag, wie denn unter 100 justifizierten Mördern nur 4 Weiber Dictionnaire philosophique, Art. Homme. sind. Bekanntlich macht ein Verfasser solcher erhabenen Werke auf das Privilegium eines maitre des hautes oeuvres Anspruch, der sich ehrlich und zum Doktor richtet, wenn er 110 Personen entkörpert und entseelet. Ein tragischer maitre des hautes oeuvres fragt nichts nach fremden Leiden, wenn er nur imstande ist, sich aus einem Autor zu einem Genie und seine Broschüren, die Stempelgeld erlegen, zu Broschürensammlungen, die keines geben, hinaufzutöten. Dagegen haben wir nun folgendes: Der Schauspieldichter steht kaum in geistlicher Seitenverwandtschaft mit dem Schauspieler. Der Dichter erbauet sein Kunstwerk, sein Zauberschloß, ohne dazu den Spieler weder als Gerüste noch Baumateriale nötig zu haben; der Spieler verdoppelt nur das Kunstwerk und verdichtet das Luftschloß zu einem Schauspielhaus. Die Rollen, die im Schauspiel zu machen sind, können nicht schwieriger sein als die im längern Heldengedicht und Roman – und diese werden recht gut von einer chamäleontischen Aktrice gemacht, von der Phantasie des Lesers. Kurz die theatralische Verwandlung der Bilder in Statuen soll das dramatische Kunstwerk weder fortsetzen noch vollenden, sondern nur begleiten und kopieren, wie die Liedermelodie das Gedicht und der Chodowieckische Kupferstich die Romanszene. Kurz man kann Virgils geschilderten Laokoon und sein Nattern-Gewinde recht gut genießen, ohne den steinernen dazu neben das Lesepult aufgestellt zu haben. Aber ebensowenig steht die Schöpfung und der Genuß des gemeißelten Anthropolithen in Verbindung mit dem Virgilianischen Exemplar: der Schauspieler ist ein vom Schauspiele des Dichters ganz verschiedenes abgesondertes Kunstwerk. Seine von der Schönheitslinie der Tanzkunst und Malerei umschriebene Mimik entlehnet ihren Wert ebensowenig vom dargestellten Gegenstande – vom dichterischen Kunstwerk –, als ein historisches Gemälde den seinigen von irgendeinem Historiker borgt: ihre Darstellung behielte den Glanz, wenn auch der Gegenstand derselben ein schlechtes Kunstwerk oder eine prosaische Szene aus dem wirklichen Leben wäre. Das mimische Kunstwerk und das dramatische formen sich nach ganz verschiedenen Gesetzen: ihre Vereinigung oder ihr Simultaneum fordert ein drittes Gesetzbuch, so wie überhaupt bisher nur für die Alleinherrschaft einer Kunst, nicht für die vermischte Regierungsform von zweien, z. B. von der Ton- und Dichtkunst, Grenzen und Regeln geboten. Der dramatische Dichter als Dichter kennt so wenig Schranken der Zeit, des Raums und überhaupt der wirklichen Welt als der epische – die Einheit des Interesse bedeckt und vergütet die mangelnde des Ortes und der Zeit – die Phantasie des Lesers verträgt Ugolinos Hungerturm, Kents ausgeleerte rote Augenhöhle, vollgeblutete Tücher, abgehauene Hände, Schlachtfelder und eine aneinandergedrängte fliehende Leichenprozession totenblasser Szenen. – Aber das Auge des Zuschauers versöhnet sich mit einer solchen blutigen Wirklichkeit nicht. Wie schon Gorgonen und Mißgestalten nicht aus dem Reiche der Malerei in das Gebiet der Bildhauerkunst auswandern dürfen: so dürfen sich noch viel weniger gewisse tragische Kolossen aus der unermeßlichen Geisterwelt der epischen Kunst in das enge hölzerne Rund der Bühne drängen, da der Unterschied des Umfangs zwischen dem epischen und mimischen Reiche größer ist als der zwischen dem malerischen und plastischen. Ja die Malerei kann sich erlauben, was sich die Mimik untersagen muß. Große körperliche Zerreißungen, lange Gegenwart eines Leichnams werden auf der Bühne entweder lächerlich oder schmerzhaft; denn entweder die Illusion wird vollendet – und dann tritt die Wirklichkeit mit ihren Schmerzen ein –, oder sie wird vertilgt – und dann quälet uns der Streit komischer Anwandlungen und ernsthafter Wünsche. Die schwerfällige Verkörperung des Theaters hebt alle Brüche der Einheit des Ortes und der Zeit stärker heraus; die Statuen-Gruppierung hält alle eilende Leidensstationen mit einer schmerzlichen Versteinerung fest, vergrößert und verknöchert alle Wunden und Tränen und beschwert überhaupt die ätherischen Gestalten des Dichters, alle seine verklären Leiber mit einem massiven Kubikinhalt und Blei-Inguß. Daher werden die meisten Tragödien mit schönerer Wirkung gelesen als aufgeführt; die Lustspiele aber umgekehrt. Besonders büßen zwei Tragödien durch die theatralische parastatische Verkörperung ein: die, worin der Zuschauer von einem Sturzbad und Blutbad wilder Szenen ins andere fället, z. B. Lear; und die bessern, worin statt der äußern oder körperlichen Aktion die innere oder psychologische verwaltet, ohne die im Grunde jene keine ist, z. B. Goethes Tasso. Die theatralische Tragödie würde die Diagonallinie zwischen beiden entgegengesetzten Stößen gehen. Daher ist der einsilbige Dialog, der in Ifflands neuern Stücken dem Leser mißfällt, dem Zuhörer angenehm. Ein für die Vorstellung bestimmtes Stück hat nur so wenige Worte nötig, als die zusammengehäufte körperliche Aktion zu Exponenten bedarf. Die bessern Schauspiele waren bisher immer die, deren dazu nötige Theaterkasse, Anziehstube, Theaterpersonale bloß in einem – Kopfe war. Nach diesen Grundsätzen werden die Sterbebetten hinter die Kulissen geschoben, wenn man nicht gar auf den Dolch der mimischen Melpomene die Inschrift der Siener-Schwerter schreibt: ne occidas. Die Mimik legt bei einem theatralischen Tode die Poussiergriffel weg und überträgt dem weichern Pinsel der Phantasie den letzten gräßlichen Zug. Eine Totenglocke ist zehnmal mehr auf einer Bühne wert als zehn Sterbebetten. Das ist aber nicht der einzige Grund, den wir den theatralischen Neuntätern entgegenzusetzen haben. Zweitens setzen die häufigen Theatermorde einen ebenso gewissen, obwohl dünnern Kallus auf weichen Herzen an als Fechtermorde, Tierhatzen, Bürgerkriege. Nichts wird leichter kallös und schwielicht als das mitleidige Gefühl. Daher härten große Städte durch die Wiederholung schrecklicher Taten ab, deren eine ein Dorf, besser wie eine Mord-Predigt das Gewissen, wach und wund erhält. Dazu kömmt, daß eine dichterische Blutschuld immer auf ihre Nachahmung in der Wirklichkeit einigen verschönernden Dichter-Glanz wirft. Drittens erhellet aus dem fünften Gebot und aus der Karolina und den Reichsabschieden, daß man nichts totschlagen soll: derselben Meinung fallen auch angesehene peinliche Rechtslehrer bei, ein Böhmer, Berger, Carpzov, Meister passim und unter den Neuern Quistorp. Ja das Ordensreglement der Franziskaner willigt nicht einmal in das Entleiben einer Laus, geschweige ihres Territorialherrn. Schon darum allein sollte man das tragische Blut nicht öfter als das des heiligen Januars in Fluß bringen. Viertens ist es betrübt und bekannt, daß außer einem Friedensschluß wohl nichts auf der ganzen alten Welt zerbrechlicher ist als ein Akteur und seine Frau: ein Tropfen Dinte strecket sie hin, wie der Tropfe, der vom Schwert des jüdischen Todesengels rinnt. Es muß daher den dramaturgischen Stoßvögeln nichts Neues sein, daß der bloße Donnerschall eines Gewitters den gesündesten und fettesten Akteur, wie einen jungen Kanarienvogel, leichtlich erschlägt; denn der Blitz fährt bekanntlich nur aus Geigenharz und verfängt nichts, höchstens versehrt er nur den innern Menschen ohne Schaden des äußern, wie der obere Blitz nur den Degen, nicht die Scheide zerreißet. War nicht eine hohe Reichsversammlung nach den Sessionen abends Zeuge, daß wir vor wenigen Worten des zischenden Souffleurs, wie Ananias und seine Ehefrau vor denen des Petrus, maustot umgesunken sind? Haben nicht Front- und Seitenlogen es häufig durch Operngucker angesehen, daß wir – so sehr übermannt uns unsere Phantasie – völlig gleich den Delinquenten, denen man nur die bloße Todesangst anzutun vorhatte, vom bloßen Anstreifen des Richtschwertes erblichen vom Sessel gerollet sind? – Sooft man die giftigen Spezies, die vielleicht schon jeden von uns in die andere Welt gesendet haben, chemisch auseinandertat: so kams heraus, daß es bloßer Fusel oder Danziger Lachs oder gar nichts war, was den Jammer angestiftet; so leicht lassen sich aus unsern Bühnen die Beispiele der medizinischen Kasusbücher anhäufen, daß unzählige Male bloße Semmelkrumen, nacktes Wasser und dergl. im Patienten als echte Purganzen und Vomitive getrieben, bloß weil der Mann sich vorgestellt, er trinke und schlucke abführende Mittel. Dennoch erfrechen sich die tragischen Schächter folgender zerstörlichen Exzeption: »Dato lebten und klagten ja die Theatertruppen noch – und nichts wäre lächerlicher als ihre Beschwerden über ihre Ermordungen. Etwas anders wär' es, wären die deutschen Theater die römischen, auf denen (nach Cilano) verurteilte Sklaven zu wahren Todesfällen genützet wurden, wiewohl auch dann das Sachsenrecht für den toten Spieler, der in den Rechten schon vorher tot war, in dem Falle, wo ers ohne Rechte und in der Wirklichkeit war, keine Buß auferlegte als den Schein oder den Schatten eines Mannes.« Hommel rhapsod. obs. DXLVI. Unser dreistündige Tod gilt so gut einem immerwährenden gleich als ein anderer dreitägiger nach den Theologen dem ewigen. Allerdings sterben wir oft – aber schon Seneka sagt von allen Menschen: mors non una fuit, sed quae rapuit, ultima mors est. Die Hauptsache ist, man setzt immer seine gesunden Glieder zu, wenn man ums Leben kömmt – viele von uns wurden unpäßlich nach einer tödlichen Ration Mäusegift – in unsern Schlachten, worin wir gleich dem Zobel und dem Strauß nicht mit Kugeln, sondern mit Prügeln erleget werden, weil man wie bei jenen die Garderobe schonen will, in Schlachten bekommen wir immer Schläge – ein zarter Julius Cäsar, den das Riemenstechen von 23 Dolchstichen durchlöchert hatte, wurde mit blutendem Nasenloche fortgetragen – selten wird einer ohne alle Läsion des Kopfes dekolliert, und ein Sturz vom Naxos- oder vom tarpejischen Felsen hat manche Aktrice erschüttert. Wir schreiten jetzt zu Bitten, die wir einer hohen Reichsversammlung vorzulegen wagen: Wir halten die erste nicht für ungerecht, daß dem Tragikus für jeden ermordeten Akteur ein Wehrgeld (ein doppeltes für eine entleibte Aktrice) an seiner Benefiztragödie möge abgezogen werden – Stempelgeld und Totenfall müßt' er miteinander abreichen –, wiewohl ihm doch (er bringt sonst das Stück nicht zuwege) zwei steuerfreie Morde, die des Helden und der Heldin, nachgelassen sein können. Unsere zweite Bitte ist, daß man von Reichs wegen die Autoren anhalte, uns dramaturgisch nur Seelenleiden zu machen: innere Wunden des Herzens, Verzweiflung, Angst, Selbstverachtung sollen uns willkommen sein, nur keine körperliche Läsion. Unser Gefühl zieht ferner auf dem Theater alle Todesarten einem Backenstreich, den der ehrliebende Deutsche niemals duldet, oder andern Schlägen vor. Mit Freuden sistieren und drängen wir uns wie die alten Blutzeugen zum Tode; ja wie die Bergknappen des Harzes den Tod im Schacht so rühmlich halten, daß sie nach der Stelle eines darin verschütteten eifrig ringen, so nehmen viele von uns gerade die Rollen am liebsten, in denen ihre Kollegen sterben mußten. Da die tragische Ligue gleich den Pariser Insurgenten aus dem Arsenal der Bellona und Melpomene Waffen aller Art wegschleift und umlegt, womit sie uns aus dem Theater und Leben wegschafft: so sollte das künftig untersagt und uns wie dem Sokrates die Wahl der Todesart verstattet sein; und dann wünschten wir von Herzen, entweder wie Hannibal an Gift oder wie Attikus vor Hunger zu sterben, welche letztere Todesart für uns an ihrer rechten Stelle (nämlich auf dem Theater) besondere Reize hat, weil sie wie andere sauere Sachen den Appetit schärft. Auf die dritte Bitte werden wir außer unserer Neigung noch mehr von einem Könige in Dänemark gebracht, der anno 1707 allen jungen Weibspersonen auf der Insel Island vergönnte, sechs Bastarde – weil die halbe Insel ausgestorben war – ohne die geringste Schande zu gebären, damit sich das Eiland wieder füllte. Nun wissen wir nur gar zu gut, daß Zuhörer und Leser wie die Schweißhunde in Romanen und Tragödien nur verwundetem Wildpret nachlaufen und es aus dem unverletzten ausklauben; mithin werden sie immer unser langsames Sterben wie die Römer das des Fisches Mullus Senec. nat. quaest. III. 18. Die Römer töteten den Fisch langsam auf ihren Tafeln, um sich am Wechsel seiner sterbenden Farben zu laben. lieben und fodern. Deshalb sind wir erbötig – wenn wir dürfen –, da wir einmal so sehr an der Vergrößerung der Sterbelisten arbeiten, auch das Unsrige für die Vergrößerung der Geburtslisten zu tun, die der vorige König in Preußen so gern durchsah. Hinter den Kulissen, wo bisher (wenigstens in Frankreich) der theatralische Mord geschehen mußte, setzten wir bisher diesem Mord die einzige mögliche Reaktion in transitorischen Kryptogamien nach Vermögen entgegen und hoben durch miracula restitutionis die Nachteile der tragischen Wunderwerke zeitig weg. Einem hohen Reichskorpus bleibt es, da man bisher in den Kulissen aus Mangel an Aufmunterung weniger agierte als auf der Bühne, überlassen, eine solche unentbehrliche Palingenesie (den besten Antagonismus gegen theatralische Rasur) durch ausdrückliche Befehle gemeiner zu machen. Wir schließen unser langes Bittschreiben mit der Hoffnung, von einer hohen Reichsversammlung kein anderes Zeichen zu erhalten als das des – Kains; bescheiden uns aber gern, daß es sich vielleicht nicht eher machen lässet als in der nächsten kaiserlichen Wahlkapitulation – oder auch in der von geistlichen Kurfürsten –, wo man es als einen neuen Artikel leichter einschieben wird, daß des Türken, Papstes und der Theaterdichter Tyrannei, Gewalt und Blutvergießen gewehret werde. Die wir verharren Euerer Exzellenzien, Hochwürden, Hochgeboren, Hoch- und Wohlgeboren, auch Wohl- und Hochedelgeboren untertänigste etc. * Ich aber bin (denn jetzt ist die Supplik aus), teuerster Freund, der Ihrige J. P. Dritter offizieller Bericht Deus ex machina – und dessen schöne Supplik Natürlicherweise schreib' ich ewig fort. Ja, es hälfe dem Tode nichts, wenn er mich ein halbes Säkulum am Schreibpult stehen und dann erst durch eine gütige venia aetatis, d. h. venia exeundi aus der Schreibstube der Erde laufen ließe: ich wende mich doch noch unter der Stubentüre um und sage, mehr lebens- als schreibenssatt: »Nur den dritten Teil lasse mich gar liefern, ich weiß, wie die Rezensenten sind.« – Als Jupiter Arnob. advers. Gent. I. 5. den Atys wieder beleben sollte: ließ ers bleiben und beseelte nichts daran als den kleinen Finger , der darum in einem fort vibrierte:... auf eine ähnliche Weise bleiben, wenn der Strom der Zeit einen Autor wie der Karlsbader Sprudel ganz übersintert und versteinert hat, doch seinen Schreibfingern die motus vitales unbenommen. Man gewinnt nichts über sich, wenn man sich täglich vorhält, wie leicht man es zwar habe, die köstlichsten Gedanken aus sich zu schöpfen, aber wie ungemein schwer auch hernach, solche Gedanken aus dem Kopfe aufs Papier zu heben mit dem Schreib-Arm, so wie ein gefüllter Eimer, solang' er im Wasser steigt, ohne Schwere aufwärts geht, aber, sobald er heraus soll, kaum zu heben ist. Wie gesagt, man lässet nicht nach. Da man nun Voltairen glücklicherweise vorgeworfen, daß er in seinem Alter Einfälle gehabt, die er schon in seiner Jugend geprägt und deponiert hätte in einem Spartopf: so bewerb' ich mich um diesen Vorwurf und lass' in meinen jungen Tagen einen ähnlichen Spartopf von meiner Töpferscheibe laufen. – Kurz ich reise, um im Alter eine Reisebeschreibung zu liefern: diese grünt im Glashaus meines Museums unter andern Früchten, die auch erst im Eismonat meines Lebens, wie die Venusbrust (eine Birn) im physischen, reifen und gelben. Diese Reisebeschreibung betrifft nur Länder, die ich selber wie andere Seefahrer zuerst gesehen und getaufet habe, nämlich die drei sündlich vergessenen biographischen Fürstentümer Scheerau, Flachsenfingen und Haarhaar. Ich dachte, wenigstens der treffliche Fabri würde dieses wichtige Länderkleeblatt berühren; aber auch er regt sich nicht. Deswegen reise ich nun jedes Jahr darin herum, um einmal mit grauen Haaren nicht als Menschen-, sondern als Länder-Biograph aufs Theater zu treten. – Und eine solche eines Herodotus werte Bestimmung führte mich nun nach – Neulandpreis, nur einige Tage früher als die Kaffee-Lektorin. Schon seine schönen Ziegeldächer, die eine gehäufte Schüssel roter Krebse formieren, ziehen einen Geographen an. Rote Dächer stellen gleichsam eine befestigte eingebrannte frohe Morgenröte vor, sie spannen einen purpurseidenen Sonnenschirm über die verhüllten Bewohner. Ich ging anfangs nur müßig um die Fenster des Orts; aber da man in einem Dorfe zuerst nach der Kirche sieht – bloß in einer Stadt zuletzt – und da gerade dieses um den Bethesda-Teich gebauete Brunnenhaus offenstand: so ging ich hinein. Es war nichts darin als auf dem Altar zwischen den Wachskerzen der Schulmeister Scheinfuß, der eine lange, oben mit einem Borstwisch infulierte Stöhrstange zu regieren suchte. Der Plan des Schuldieners war, mit der verlängerten Zahnbürste die gesamten himmlischen Heerscharen aus Holz, was nämlich von den neun Hierarchien herabhing, sauber abzureiben samt einem und dem andern Apostel. Ich trat grüßend ans Altargeländer und fragte höflich, warum er die Engel so mühsam abbürste. Der Altarfeger senkte den langen Spinnrocken auf den nächsten Apostelkopf und sagte: »Ich wische schon seit voriger Woche, und es tut wahrlich not – Sonntags, geliebts Gott, begeht unser Herr Senior sowohl sein Amts- als Ehejubiläum zum Wohlgefallen hiesiger Pfarrgemeinde und sämtlicher eingepfarrten Imparochierten: wenn es nun hinkte, so legten es viele dem Kantorat zur Last. Dort drinnen wäscht Mamsell Dea auch....« Ich wandte mich links herum: im Pfarrgitterstuhl bürstete parterre selber ein Engel. – Der Engel war mir lieber als ein silberner in einer Kathedralkirche, er gab dem Teiche Bethesda eine offizinelle Bewegung. Alithea, obwohl eine Landhonoratiorin, war doch knapper, weißer und fester eingekleidet und eingeschnürt, als sonst die Kameradschaft ihres Standes ist. Ein Herr von Esenbeck und von Hofe hätte nichts an ihr rügen und meistern können, als daß die zwei Schneeballen oder zwei magdeburgische Halbkugeln, womit die Guerike die Versuche der Kohäsion anstellen, anstatt in das goldne, von der griechischen Helene hergeschenkte Käsenäpfchen zu gehen, etwan eine Kürbisflasche füllen konnten. Mehr hätte Esenbeck nicht vorwerfen können. Aber wie himmlisch und gleichsam aus Glas über die Seele geblasen war der Rest! Denn wiewohl sie am kirchlichen Jalousieladen bügelte und bohnte und sich ein wenig unter den umgekehrten Holzfächer wechselnd niederbückte: so nahm ich doch den glatten Guß ihres (Schnür-) Leibchens um die Seele wahr, ja ich konnte durch das schwarzseidene Spitzen-Fallgatter – denn eine breite rabenschwarze Samtbinde umschloß ihre neugewaschene gleitende Bürgershaube – einige von den schweren Tropfen fallen sehen, die die Kelter des Schmerzes über das erwähnte Jubelfest aus dem zerquetschten Herzen warf. Sie antwortete dem Schulmeister nicht, sondern tauchte sich bloß tiefer zum Fußschemel des Gitterstuhles mit dem wollenen Bügeleisen unter, um zwei Vergißmeinnicht-Augen, in die Huysum und Mignon keine schönern Tautropfen legen konnten, betauet hinter die Dämmerung zu verstecken. Nasse Augen sind allmächtig über stummen Lippen: die gütige Natur nimmt der gelähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Busens ab und erzählet sie uns mit einer einzigen Träne. Alithea drückte sich immer tiefer nieder, weil sie wußte, der Schulmeister werde nun vor dem Fremdling auf ihre Leidensgeschichte kommen und sie werde dann stärker weinen. Er näherte sich wirklich der Historie und sagte: »Ganz Neulandpreis freuet sich auf den großen Jubeltag; aber man hatte sich davon hier und da noch ganz andere Dinge versprochen, die nun klar kapores gehen.« Der Schulmeister setzte sich auf den Altar und stattete mir die bisherigen zwei offiziellen Berichte noch weitläufiger ab als ich dem Leser. Er wußte alles: auf dem Lande werden alle einheimische Angelegenheiten auswärtige, und jedes Familienschauspiel wird auf einem Nationaltheater abgespielt. Wenn auf zwei Bergen, z. B. auf dem Horeb und Sinai oder auf den zwei Gipfeln des literarischen Gesetzberges, des Parnasses, nur zwei Menschen wohnten, auf jedem einer: so würd' es dem einen Älpler ebenso wichtig sein, ob sein Nachbar drüben raucht oder obs der Ätna tut, und er würde mit dem Fernrohr die silbernen Westenknöpfe desselben wie ein Herschel eichen oder zählen. Der sonderbare Anteil, womit auch der weise und gute Mensch die kleinen Stadt- und Stubenneuigkeiten des andern aufnimmt, ist bisher mehr satirisch und moralisch angefochten als philosophisch erforscht und geschonet worden. Schon ehe Scheinfuß sein Zeitungskollegium zu lesen anhob, war die eingepreßte Heldin gebückt aus dem Gitterstuhl in die Sakristei und aus dem Dom entwischt; sie floh vor dem Augen- und Ohrenzeugen ihrer Wunden: in dem Leben wie auf Gemälden duldet der Kummer nur wenige Nebenfiguren. Das Mitleiden mit der getäuschten Familie führte in meiner Seele von weitem ein Gerüste zur Reparatur ihres baufälligen Lustschlosses auf. Man soll mehr davon hören; dem Schulmeister aber konnte nichts mitgeteilt werden als der flüchtigste Umriß einer Hoffnung. Ich schrieb vor ihm mit einer wichtigen Physiognomie alle Namen ins Souvenir und sagte kalt: »Es ist gut – der maitre de plaisirs, Herr v.Esenbeck, soll viel hören – Sein Vorgesetzter, Herr Kantor, hat Ihm viel Dank zu wissen für den Dienst, den Er ihm bei mir erwiesen. Gegen das Ende der Woche dürften sich Dinge zutragen, Herr Scheinfuß, die Ihn frappieren. Von hier nach Flachsenfingen rechn' ich in jedem Falle 24 Wersten, wenigstens 12 englische Meilen, oder doch 6 französische.« Und so reist' ich, von Planen glühend, zurück. Ach, wenn es dir gelänge, dacht' ich, das grobe Geschütz, womit noch das Schicksal den Hafen euerer Ruhe, ihr Alten, bestreichen kann, wegzufahren oder zu vernageln! – Noch denselben Abend flog ich mit andern Sphinxen und Phalänen ins Esenbecksche Haus, um aus dem Brief der Fräulein v.Sackenbach fortgesetzte Aufschlüsse zu holen. Dieser Herr, der in meinem für edlere Gegenstände pulsierendem Adernsystem nichts wert hält als meine dünne satirische Hohlader, war eben aus Karlsbad zurück und freuete sich unendlich, mich zu sehen, ob er sich gleich nicht so sehr betrübte, mich zu entbehren. Ich hatte einen guten Vorwand, nämlich eine Bitte um die Produktenkarte oder den Passagierzettel der Karlsbader Kurgäste bei der Hand, der dieses Mal so lang war wie die Pränumerantenmatrikel vornen vor Klopstocks Gelehrtenrepublik. Esenbeck öffnete die während seiner Kurreise aufgehäuften Briefschaften; und als er auf das Sackenbachsche Schreiben stieß, warf ers verschlossen beiseite. »Ich weiß schon, was diese will« (sagte er) – »nichts als mich. Die Sackenbach hat ein außerordentliches Gedächtnis – sie weiß sich noch völlig ihrer Jugend und meines Pagenstandes zu entsinnen. Die Götter haben mich mit ihr in einen wahren Schlözerischen Briefwechsel verwickelt, worin man nur Briefe bekömmt, aber nicht beantwortet. Länger ists nicht, lieber J. P., als ungefähr zwanzig Jahre, daß ich und sie einander nicht einmal gesehen haben. Aber nachgerade wird sie mir lästig.« Mit Freuden steckt' ich ihren Wechsel- und Hirtenbrief, den ich mir erbat, als einen Kreditbrief, als ein Notariatssiegel der scheinfußigen Erzählung ein. Ich las ihn daheim: es war alles richtig, und mich dauerte nicht nur das getäuschte Brautpaar, sondern auch die sehnsüchtige fille d'honneur. Es wurde nun meine Pflicht, das Unmögliche, wie einige das Mögliche nennen, zu versuchen. Ich ging zu dem flachsenfingischen Fürsten, den die auf den Hesperus eingepfarrten Leser unter dem Namen Jenner schon seit Jahren kennen. Der Anfang war gar nicht unangenehm: denn ich fand im Vorzimmer den Herrn von Esenbeck höchst verdrüßlich, der mir sagte, der Fürst sei es noch mehr, er habe ihm gerade eine Bitte rund versagt. Esenbeck hatte das Kabinettssekretariat für einen jungen vortrefflichen Menschen, aber zu andringend und mit zu großer Rechnung auf die gerechte Sache nachgesucht: hätte der Mensch die Stelle nicht verdient, so würde Esenbeck sie vorsichtiger geworben und sie also erstanden haben. Das war mir lieb: denn Januar gehörte nicht zu den Fürsten, die sich vom Darius unterscheiden, der befahl, in 30 Tagen alles von ihm, und nichts von Gott zu bitten, und die umgekehrt gern nur von diesem alles zu verlangen erlauben: er machte lieber ein Nein gegen den einen durch ein Ja gegen den andern wieder gut. Ich konnte hoffen, der Ablaßkrämer für die Sünde gegen seinen heiligen Geist zu werden. Ich fand ihn in seinem Boudoir, das der gebrochene Schimmer aus einer mattgeschliffenen Kabinettslaterne von Beinglas in eine weiße Rosenlaube umkleidete. Ich erzählte alles, eh' ich etwas bat; ich machte zwar nur einen flüchtigen pragmatischen Auszug aus den Pfarr-mémoires und nur einen kurzen Wundzettel ihrer Schmerzen, aber ich war dafür in der Prospektmalerei des Jubelfestes und der Familien-Wonne desto reicher, die das Pfarrhaus durchströmen würde, brächt' ich wirklich die Ratifikation der Adjunktur zurück. Glücklicherweise blickt' ich im Kabinett umher und sah den Kupferstich der schönen, über die vergeltende Zurückkunft eines mildern Geschicks entzückten Familie des Jean Calas vor mir hängen. »Nein,« (sagte ich) »die Gruppierung eines solchen Entzückens über eine dreifache Jubelfeier wäre gar noch nicht gemalt; aber – – wohl« (ich wies auf den Stich) »hier in Kupfer gestochen.« Ich finde in dieser Prozedur nichts, als was mir gefällt: nichts greifet stärker und schöner in einen Eigentümer ein, als wenn er dem harten trocknen Aaronsstecken der alltäglichen Nachbarschaft um sich durch eine geistreiche Wendung plötzlich eine transzendente Blüte gegeben sieht. »Der Sohn soll die Pfarrei bekommen,« (sagte der Fürst) »und ich goutiere die Idee so sehr, daß ich am Jubelsonntage selber kommen und den Effekt bemerken will, den die Vokation auf alle macht. Recht gern unterschreib' ich sie.« Das setzte mich nicht sonderlich in Freude: denn ich selber wollte allein die Vokation einhändigen, um ins zitternde Herz, wenn es sich weit und gewaltsam zur Aufnahme der großen Wonne öffnen muß, tief hineinzusehen. Da aber die Menschen, besonders die Großen und die Weiber, hundertmal eine Bitte erhören oder auch versagen, bloß weil sie eine frappante Idee ist – oder weil ihnen ein Bonmot dazu beifällt – oder eine Lustpartie von einer Minute – oder weil der Bittsteller gerade nieset, hustet, lächelt – oder weil sie schon einmal dasselbe getan haben – oder weil sie keine geringere Ursache dazu haben als die Freiheit des Gleichgewichts (libertas aequilibrii): so war weiter kein Spaß und zum Einwenden kein Ort; ich hätte den Adjunktus mit drei dummen Worten um Braut und Kanzel bringen können. Ich verfiel vielmehr auf etwas noch Besseres: ich konnt' unmöglich die armen büßenden Brüder und Schwestern bis auf den Sonntag nachmittag in ihren Mortifikationen lassen, ohne einer einzige Maiblume ihres künftigen Wonnemonats, nämlich ohne eine einzige Hoffnung. Ich gestand also dem Fürsten, ich würde den Scherz ansehnlich verstärken, wenn ich am Sonnabend nach Neulandpreis abreisete und mich da bei dem obsoleten Fräulein für den Herrn von Esenbeck ausprägte – das mußte ich tun, denn unter meinem eignen unbekannten Namen würde mich das ganze Dorf bloß für einen Nachflor, Postlapsarier und Adjunktus des Spitzbuben Lederer genommen haben – und wenn ich also für die guten, vom Glatteis des Nachwinters überzognen Seelen den Frostableiter und den Frühling abgäbe, um bei ihnen den warmen Sommer einzuleiten, da der Mensch so leicht am schnellen Wechsel der Temperatur umkommt. Ich wollte nur zwei, drei hoffnungsvolle Winke fallen lassen und der schwimmende Seetang und Seevogel sein, womit auf dem leeren Meere eine blühende Insel ihre Nähe ansagt. Jenner hatte nicht das geringste darwider. Ich schied und ging sofort zu Esenbeck und brachte ihm die Nachricht, daß mir Ihro Durchlaucht gern verstattet hätten, über seinen Namen zu disponieren. Die hieher gehörige Digression, daß es weit weniger Egoisten gebe, als (besonders) diese glauben, ist im dritten Zirkelbriefe befindlich. Anfangs verstand er mich, nachher nicht mehr. Anfangs dachte er – und das billigte er ganz –, ich hätte nichts als ein erotisches Aal- und Schifferstechen nach dem Herzen der Neulandpreiser Gesellschaftsdame unter seinem Namen vor: er gehörte zu den unter den höhern Ständen gewöhnlichern Koketten mit einem Bart, die gleich der schwermachenden Materie des Baron Wolfs (materia gravifica) alles (nämlich jedes weibliche Herz) schwer machen und durchdringen, selber aber ohne Schwere sind. Er begriff mich indes sogleich nicht mehr, als ich sagte, ich tät' es der Pfarrleute wegen: er zählte diesen Einfall zu den vielen Moresken und Bambocchiaden, die er auch aus meinen Schriften streichen möchte. Bloß mit der Beredsamkeit nicht eines Cicero, sondern eines Demosthenes bettelte ich ihm ein Handschreiben an Gobertinen ab, worin er ihr auf den Sonnabend seine – nämlich meine – Himmelserscheinung mit drei Zeilen verbürgte. Es war ihm gar nicht beizubringen, was ein Adjunktus oder eine Pastorhaushaltung sei. Die Großen schöpfen zwar aus schalen unmeublierten gallischen Idyllen – und aus der Nachbarschaft ihrer Landsitze – eine matte Idee von dem Landmann, die sie nachher skandieren und singen; aber vom Kriegs- und Friedensetat eines Armenkatecheten, Kammersekretärs, Weginspektors und Zolleinnehmers ist ihnen zehnmal weniger bekannt als diesem Personale von ihrer Hofhaltung. Man erlaube mir, dieses gelehrt zu erklären. Schon die Peripatetiker und mit ihnen Plotinus Die Stelle lautet in Scalig. de Subtilit. ad Cardan. exercitat. CCCVII. sect. 2. so: superiores intelligentias ab inferioribus intellectione comprehendi, non inferiores a superioribus. – Die Endabsicht davon steht oben im Texte. erweisen: daß zwar die niedern Intelligenzen (z. B. die Menschen) die höhern (z. B. die Cherubim) fassen, aber nicht diese jene; ja nicht einmal von der Materie wird Engeln ein Begriff zuteil – – und zwar darum, weil vorauszusehen ist, daß die höhern Intelligenzen am Ende das würden, was sie dächten. Das Nämliche gilt, wenn man von der andern Welt auf die erste geht: die Großen können sich, ohne ihren eignen Nachteil, keine Idee von den Kleinen machen, obwohl diese von ihnen. Hohe Orte, z. B. Thronen, Berge, tragen zwar kleinere Geschöpfe als die Ebene, aber diese werfen, wie man auf dem Brocken und Ätna sieht, ein vergrößertes und mit einem Heiligenschimmer umfaßtes Abbild Auf dem Berge Buet z. B. sah jeder an sich alles verlängert. Bourrits Reise auf d. apenninisch. Gebirg. in den Nebel des Gipfels; sie können also im Nebel leicht eine Gruppe von Riesen sehen, aber der Dunst sowohl als die Ferne verbergen ihnen das infusorische Chaos des Volks, das unten wimmelt. Allein welche Last warf ich auf meine Schultern! Es war so viel, als kroch ich in eine Felsenhöhle und bäumte mich darin auf, um den Felsen aus seinen Wurzeln zu treiben. Ein Mensch, der den Freudenmeister (maitre de plaisirs), den Herrn von Esenbeck, geschickt vorstellen will, muß schon dazu geboren, d. h. dazu erzogen sein. Es fehlte mir (seine Glatze, Magerheit und sein Längenmaß und eine auf zwanzigjährige Abwesenheit gegründete Ähnlichkeit ausgenommen) fast alles dazu; besonders die Seele und das tragbare Ammeublement. Ich war im Falle des Malers Klinsky, dem, als er bei der Prager Ephorie um die Erlaubnis nachgesucht, die Landschaft um Töplitz aufzunehmen, die obrigkeitliche Einwilligung sogleich zuteil ward mit der durch die militärische Kautelarjurisprudenz der Taktik notwendigen Einschränkung: »doch möchte er bei der Abzeichnung der Landschaft sich hüten, einen Berg, Fluß, Wald oder ein Tal mit abzureißen und zu porträtieren.« Noch dazu hing dem Freudenmeister gerade mitten über die Stirn ein dünnes Purpur-Feuermal von der Gestalt eines Minutenzeigers herab, das auf die Nase hinzuweisen schien. Der Zeiger soll davon auf seine Stirne wie eine steilrechte Falte gekommen sein, daß seine Frau Mutter, als sie gerade sich einer dunklen Kammer (camera obscura) bediente, um wenigstens eine von den Attitüden der Lady Hamilton nachzubringen, entsetzlich zusammenfuhr, da sein Herr Vater (der junge Esenbeck kann damals kaum ein hüpfender Punkt gewesen sein) im Finstern vor ihr stand und ein Turiner Lichtchen schnell zerbrach, um sie anzuleuchten: diese fürchterliche Flammen-Spitze brachte nachher, von der Enkaustik des Schreckens eingebrannt, der neugeborne – maitre de plaisirs an der Stirn mit auf die Welt. Da ich sehe, daß ich den Herrn von Esenbeck (zumal künftighin) in ein immer lächerlicheres Licht stelle: so bitt' ich jeden, der weiß, wie er heißet – denn Esenbeck ist fingiert –, den wahren Namen bis zur zweiten Auflage – entweder meines Buchs oder des Herrn v.Esenbecks – schonend zu verschweigen: ist das so schwer, und tu' ichs nicht auch? – Ich habe bloß aus ästhetischer Teleologie und Absicht einen solchen Lärm über die Schwierigkeiten, den Freudenmeister mit der Kopiermaschine meines Körpers zu machen, aufgeschlagene: denn mit einigen Schmink-Bezetten oder Färbeläppchen konnt' ich mir das Kainszeichen des roten Minutenzeigers auflinieren – die Equipage und Garderobe konnt' ich, wie andere Schauspieler, aus der ganzen Stadt zusammenborgen – und was den innern Esenbeckschen Menschen und Weltmann anlangt, der mir zu machen oblag, so braucht' ich ihn auf dem Lande gar nicht zu machen, sondern bloß zu entstellen. Auf dem Dorfe, wo man Welt- und Hofmännern noch nirgends begegnet war als auf Romanenpapier und auf hölzernen Bühnen, hätte eine reine Kopie, die kein Vergrößerungsspiegel gewesen wäre, mich gerade in den Verdacht gebracht, daß ich betröge und das nicht wäre, was ich spielte – welches ohnehin seine Richtigkeit hatte. Meine Pflicht war, den Hofmann bald mit dem langen, bald mit dem kurzen Ende des Storchschnabels abzumalen, um gleich den Romanen-Malern desselben durch ein alternierendes zweckmäßiges Umwenden des Fernrohrs den Mann bald größer, bald kleiner zu zeigen, als er ist. – Ich arbeitete die ganze restierende Woche als Maschinenmeister und Dekorateur und Rollenschreiber an meiner hohen opera seria – dasselbe tat man in Neulandpreis, wo man Kothurne und Chöre und Theatervorhänge zum Jubeldrama anschaffte – Die Komödienproben liefen gut ab – der Sonnabend erschien – das Intrigenstück begann – und der dritte offizielle Bericht beschloß. Der vierte sperret die vier heiligen Jubelpforten auf und zeigt den Menschen alles. Aber jetzt in diesem dritten Bericht ist der Leser noch glücklich durch Hoffen auf den vierten: hat er diesen ausgenossen und ausgelesen, so ist seine Freude (aber auch das Buch) zu Ende; so zeigt uns das Fernglas der Hoffnung wie ein anderes die weiten Gegenstände in einen bunten Regenbogen-Kreis gefasset; so entkräftet den Rosmarin die Blüte, die man ihm daher ausrauft.... Noch lebt der Leser im dritten Bericht.... Dritter Hirten- oder Zirkelbrief Über den Egoismus   Teuerster Freund! Die sonderbarsten Translokationen nehm' ich vorzüglich mit dreierlei Menschen vor, mit Brobdignaks, mit Lilliputern und mit mir als dem Gulliver: ich versetze sie wie eine algebraische Größe mit allen Zeiten und Räumen und sehe dann nach, ob ich sie noch kenne. So hab' ich z. B. den königlichen Geist Friedrichs zu vielerlei gemacht, um ihn zu prüfen, zum Papst – zum Großherrn – zu einem spanischen Ephorus – dann zu einem geistlichen – ich vozierte ihn darauf zum Rektor eines Lyzeums und dann von Ragusa – promovierte ihn zu einem Kirchenvater des ersten Jahrhunderts – zum Bakkalaureus des 16ten – zum Mitarbeiter an der Literaturzeitung – – oft nahm ich ihm diese Kenntnisse bis auf wenige wieder weg und setzt' ihn in mehrerern naturalibus als pontificalibus auf die Zahnküste aus, in ein arabisches Zelt, in eine Sennenhütte und gab ihm ein Alphorn.... Ich kann nicht beschreiben, welcher Anstrengung des Blicks ich nötig hatte, um diesen Visthnu in seinen zehn Menschwerdungen immer zu verfolgen und zu enthülsen. Leichter schuppte und lederte ich den abscheulichen zweiten Philipp von Spanien ab, wenn er vor mir die ganze Theatergarderobe meiner Phantasie hatte anprobieren müssen, wenn dieses Lithopädium der Zeit, dieser geistige Zoolith vor mir ein Konsistorialrat – ein valet de fantaisie – ein Mautoffiziant – ein Sadduzäer – ein Werboffizier – ein erster Christ – ein Arkadier – ein Berliner – ein Höfer gewesen war. – Noch lehrreicher ists, wenn man mit sich selber diese Völker- und Seelenwanderung versucht. Ich erwählte mich in Frankfurt – um zu sehen, wie ich mich dabei betrüge – zum römischen Kaiser Nach der Goldnen Bulle könnt' ich dazu recht gut, sogar von der Kurfürstenbank, erwählet werden; denn was mich und ebenso Fürsten, Landgrafen etc. vom deutschen Kaiserthron ausschließet, ist bloß die Besorgnis, daß wir uns, zumal wenn wir heiraten, nicht vom Throne allein erhalten können, falls wir nicht besondere Neben-Renten haben. Indes würde doch der Fall dieser Sorge bei mir viel weniger als bei den andern Kronwerbern statthaben, wenn man mir unter meinen kaiserlichen Reservaten nur das kleine (man streich' ein großes dafür weg) bewilligte, daß alle meine Reichskinder das kaufen müßten, was ich schriebe (z. B. meine Kaiserstadt Wien den Hesperus) – meine Bücher wären dann die Panisbriefe für mich selber, und ich wäre mein eigner Panist und Prezist. Aber das bleiben wohl utopische Träume. – zu einem Apostel – zu einem alten Ritter – zum Gouverneur der Bastille – zu einem von den neun Aussätzigen – zu einem Buschneger – Minoriten – Hohenpriester – Kardinal – und Pariser Stutzer; ich lebte nicht nur wie der ewige Jude oder St. Germain zu Christi oder nachher zu des Antichrists Zeiten und im 12. Säkulum mit dem Johannes de temporibus (dem Wagenmeister Karls des Großen), der 361 Jahre alt wurde, sondern schon vorher in Nebukadnezars und Apis' Zeiten. Was war die Folge? – Demut und Gerechtigkeit. Ich nenne dieses die höhere vergleichende Anatomie , wodurch man, wie ein Daubenton, viele beschämende Ähnlichkeiten ausgräbt: man errät sich und den andern, aber auf umgekehrte Kosten, man hält dann die waagrechte Entfernung auf derselben Sprosse der Wesenleiter für keine steilrechte von mehrerem Sprossen und denkt dann ganz billig – wenigstens gegen Tote, Freunde und Fremde. Dieses lehret, daß es auf der Erde größere und häufigere Ähnlichkeiten gibt als Verschiedenheiten. Die Hamadryade im Baum voll Früchte würde, wenn sie wäre und spräche, die in demselben Baum voll Blüten verachten, und diese die Hamadryade im Baum voll Blätter verkennen – der Schmetterling, die Puppe, die Raupe würden, wenn sie urteilten, zwischen einander so wenig Verwandtschaft zulassen als die drei Stände vor ihrer Vereinigung, oder als Price in London, der unter drei verschiednen Charakterlarven schön sein Wechsel-Mundieren und Imitieren verbarg. Da die Natur in dem einen Jahrhundert ungefähr so viele Menschen mit bösen Anlagen und Menschen mit guten austeilt als in dem andern: so ist weder die Verschlimmerung noch die Verbesserung des Menschengeschlechts so groß, als sie der Augenblick malt. Die Laster mancher Zeiten sind nur Antonins Schelten im hitzigen Fieber oder die Bisse in der Wasserscheu oder die Eßsucht der Schwangern; die Tugenden mancher Zeiten sind nur die Häuslichkeit in einer Bastille und die Sparsamkeit und Keuschheit auf einem Kauffahrteischiff. Die Sparter und die ersten Römer konnten nicht wissen, daß sie groß sind: nur ihre kleinen Nachkömmlinge sahens hinterdrein. So kann es auch sein, daß an unserem Jahrhundert und an uns allen viel ist; das können aber nicht wir, sondern nur die fühlen, die uns künftig angaffen und uns vergeblich nachsteigen. So kann eine große Handlung dem Täter zwar lange zuvor und lange darnach, aber nicht im Augenblicke der Forcerolle selber erhaben erscheinen: in der Mittagsglut der innern Sonne erglänzt ein höheres Ziel vor ihm, als das erreichte ist, und mit der Wirklichkeit wird das Ideal gehoben. Unsere Unwissenheit der kleinern Hülfen und Nebenumstände zeichnet uns große Menschen und Taten der alten Zeit höher und kühner vor, als sie waren, so wie wir die alten Bergschlösser auf steile schroffe verwaschene Felsenkuppen gebauet glauben, indes erst das Alter und das Wetter den Berg entkleidete, spitzte und schärfte. Wenden Sie dieses auf den Egoismus an, teuerster Freund! In allen Briefen und Städten find' ich Klagen über die einreißende Selbstsucht, diesen häßlichen Brust- und Herzenskrebs, oder diese eigentliche Seelen-Dörrsucht. Oft klagt eine ganze Stadt über den Egoismus der – ganzen Stadt. Schon die Klage ist ein gutes Zeichen: auf der Goldküste wird man sich nicht über die vielen braunen, von der Sonne verbrannten Gesichter beschweren. Der vollständige Egoist würde sich an einem andern vollständigen Egoisten so wenig wie an seinem Affen stoßen, der dort sitzt und bloß auf seinen Vorteil spintisiert. – Das Sehnen nach Liebe ist selber Liebe. Unter einem rohen Volke und unter dem gemeinen ist Freundschaft nur Mittel und Rückenwind zum Weiterkommen, nicht Ziel und in die Brust gesogne Lebensluft ; aber die Kultur, die überall mit dem Stahl des Körpers nur Funken der Seele schlagen will, erzieht das Herz für das fremde und lehret uns die Freundschaft höher achten als die Zeichen und Vorteile der Freundschaft. Wir lieben in der Wissenschaft, in der Tugend und in der Freundschaft anfangs die Renten derselben, dann sie selber auf Kosten unserer Renten. Die Freundschaft roher Zeiten und Menschen fodert nur einträgliche Taten; die höhere Freundschaft begehrt nichts als ihr tausendsilbiges Echo. Im Mittelalter konnte ein Odelmann Von Od oder Öde, ein Gut oder Allodium; daher Ödelmann, Ödelinge, Athelinge. seinem Freund und Waffenbruder ein Loch in den Kopf schlagen, ihr eisernes Band der Liebe hielt es aus, und den andern Morgen durchlöcherten beide bloß Fuhr- und Kaufleuten den Kopf: in unsern Tagen lassen sich kaum Todfeinde ausprügeln. Mit der wunden Zärte des innern Menschen nehmen zugleich unsere Foderungen und unsere Schmerzen zu. Aber eben diese größere Wärme verfälschet unser Urteil über die äußere Temperatur; wir gleichen Badgästen, die aus dem heißen Zuber in die Sommerstube springen und die im Sonnenschein frösteln wie Alexanders Haushofmeister. Diog. Laert. L. IX. Daher trifft niemand so viele gefühllose Menschen auf der Erde an als der gefühlvolle Jüngling: ja bestecke die Erde bloß mit Werthers, sie werden alle einander für Eiszapfen erklären, für Schneemänner. Erlauben Sie mir, mein Freund, hier den guten Feuersalamandern, die den Rest für Wassersalamander verschreien, ein Wort zu seiner Zeit zu sagen: »Seid immerhin warmblütig, aber sehet nur nicht jeden für ein kaltblütiges Amphibium an, der gerade euch nicht liebt, sonst aber die Viertels-Welt, oder dessen Liebe einen andern Dialekt als euere spricht. So haben sogar die kaltblütigen Insekten, die Bienen, Lebenswärme, wie ich erstlich aus ihrem schwülen Korb im Winter und zweitens aus dem eingesunknen Schneemännchen wahrnehme, das eine verirrte Biene im Schnee ausschmilzt. Nein, der innere Mensch biegt sich, wie die verschattete Pflanze im Winterhaus, um den eisernen Pfosten herum einer warmen Sonne entgegen, d. h. einem warmen Herzen, und solang ihr noch liebende Gatten und liebende Eltern und helfende Menschen um euch seht, so fodert zwar Liebe, aber schmähet und versaget keine. Ihr schreibst mit ebenso vielem Recht – d. h. Unrecht – den Männern Kälte zu, die unter zu verschlungnen Verhältnissen und Bedürfnissen nur ein entkräftetes zerteiltes Herz zu tragen scheinen, wie die Magnetnadel neben Stahl- und Eisenware transitorisch ihre Richtung nach dem großen magnetischen Pol aussetzt, als jene euch das Übermaß der Glut verdenken.« Die Hauptsache ist aber die, daß jeder Mensch – besonders ein junger – darauf leise schwört, seine Fata und Historien zu Wasser und zu Lande – seine Fähigkeiten – sein Unstern – sein Glücksstern – seine Liebe – und alles in und an ihm sei ein seltenes Wunderkind und Naturspiel des üppigen unerschöpflichen Geschicks – er sei ein Meer- oder Landwunder und Schwanzstern, und er schlägt daher einige Kometenmedaillen auf sich – seine Erden-Rolle sei nur einfach, mit ihm, höchstens wie in der Pariser Oper mit einer Doublette besetzt (o! mit tausend ists jede), und Leibniz nenne sein Ich daher ganz recht eine Monas im arithmetischen Sinn, und bloß dadurch werde Einheit des Interesse ins verwickelte Schauspiel der Erde gebracht.... Darum denket jeder, nur er liebe genug und sei der lange breite ziehende Magnet in der Erdachse. Wahrlich ich habe nichts dagegen: ich ehre und liebe solche schöne und tugendhafte Irrtümer; aber es tut mir nur weh, daß sie niemand widerlegen kann als der Schmerz und die Zeit. Ich bin, Bester, Ihr J. P. Postskript einiger Gleichnisse Dennoch will ich nicht ableugnen, daß in den höhern Menschenklassen einige egoistische Asphyxie des Herzens bleibe, und daß da die Gewitter der Leidenschaften nicht durch Sonnenhitze , sondern durch grimmige Kälte reifen. Das muß aber so sein. Ihre Ehen können recht gut (und noch mehr ihr im kalten Schatten anschießender Kinder-Salpeter) ohne viele Wärme gemacht werden, da die Ehen und Kinder nichts sein sollen als fein, so wie feines Brot einen viel weniger geheizten Backofen nötig hat als grobes. Indessen vereinen sie, wie Geleen, zugleich Süße und Kälte. Zweitens fodert ihr Stand Luchsaugen und folglich kaltes Klima, so wie man in der Kälte die meisten Lichter zieht. Drittens hat sich von jeher der feine Mann durch Galle und Kälte, und nur der niedere durch Liebe und Feuer gehoben, so wie man mehr Hefen und Sauerteig bedarf, wenn ein feiner Teig zu heben ist; Pumpernickel braucht wenig. – Adieu! Vierter offizieller Bericht Über die grüne Schote welker Kerne – Ankunft – Lob des Petschafts – Höllenangst vor einem magnetischen Wels und vor einem Vexierbild – Auflösung des Knotens Der Verfasser dieses, der die Parüre über das Negligé hinaussetzt – bei Damen, denn ein Herr verlohnet kaum, daß man ihn anzieht –, hält den Putz vorzüglich an ältlichen Fräulein hoch, die ohne ihn aussehen wie Hummer in der Mause. Schon am Morgen schnallte Fräulein von Sackenbach sich mit der Tellerfalle oder dem Magen-Wappen des Ceinturons in das Degengehänge ohne Degen, in die Schärpe, so wie man einen Taubenschlag durch einen blechernen Gurt gegen aufkletternde Katzen verwahrt. Sie dachte, ich wäre die Katze. Zweitens fädelte sie sich von Kopf bis auf die Arme und Beine in einen bunten Überzug, dergleichen etwan listige Wirte ihren Betten geben, ein: sie wußte, Bunt kleide das Alter, wie schon Bäume im Herbst und sieche Gewächse sich mit buntem Laubwerk decken. Ich bin vielleicht der einzige, der es wünscht, das weibliche Alter, zumal eheloses, in das türkische Papier der bunten Tracht eingewickelt zu sehen. Durch nichts kann eine Seniorin der Natur mehr zeigen, daß sie sich oder andere an den Tod erinnert, als durch eine illuminierte Farbengebung, wie um Gehenkte lauter Regenbogen tanzen vor der völligen Gewitternacht. Eine kouleurte Alte gleicht dem Glase, dessen Auflösung sich mit einem bunten Farbenspiel anmeldet. Die farbige Tracht ist ein immergrüner Traueranzug, so wie er sich für sie schickt, daher die französischen Könige und die venezianischen Nobili violett trauern. Es kann aber auch noch eine Nebenursache da sein, warum eine ehelose Seniorin sich bunt färbt – sie will zeigen, daß sie andere schwarz mache während ihrer Haussuchung nach fremden Fehlern, so wie schon bei den Römern Cilanos Altert. 2. T. derjenige einen buntscheckigen Anzug hatte, der das Haus durchsuchte, oder so wie der Großherr die Stummen (das Widerspiel der Rednerinnen), welche strangulieren sollen, in die Farben, die nachher um den Erdrosselten selber flattern, kleiden lässet, nämlich in blühende. – Der Teufel der Gleichnisse besitzt mich einmal wieder; aber man lass' ihn ruhig noch wenige Blätter durch mit mir herumsetzen: der Satan wird doch so gut müde als der Leser. – Oft kömmts mir sogar vor, als sei diese farbige Hülse eine Frucht des Alters, das sich stets aufs Land hinaussehnt oder doch es nachahmt. Der weibliche Marmor bricht aber auf dem Lande bekanntlich bunt. Je weniger Menschen in einem Orte sind, desto mehr Farben hängen an einer Honoratiorin desselben, so wie Gewächse in Scherben bunter werden als in Gärten. Es kann auch sein, daß Landmädchen von Stande den Städterinnen beweisen wollen, sie seien ihres Orts auch zahm, weil bekanntlich nach Buffon zahme Tiere einen farbigern Pelz als wilde tragen – oder daß sie aus Bescheidenheit glauben, an ihnen falle wie an den Schützen-Vögeln kein Holz ins Gewicht und Gesicht als angefärbtes – ja es ist nicht unmöglich, daß der lebendige Putzteufel selber in ihnen sitze.... Da nun dieser eben aus mir ausgefahren ist: so verfolg' ich ungehindert meinen Weg und wende mich zum Sonnabend. Ich hab' es schon gesagt, wie sich Gobertina meinetwegen sehnte und schmückte. Die alte inhaftierte Seherin des Kaffeesatzes blieb dabei, der Satz treffe zu und ein Herr ohne Haare komme noch. An drei Fenstern standen Hochwächter. Am Pfarrfenster stand Dea und gab einem silbernen Eßlöffel einen Eßlöffel voll Kreidenpulver ein und purgierte ihn damit – am Schulfenster saß Scheinfuß und observierte die Bewegungen am Schloßfenster, an welchem das gesprenkelte Fräulein stand und die Arbeiter der Chaussee beobachtete, ob diese nicht daraus entsprängen vor einem daherrollenden Wagen. Auf einmal verlegten vielmehr die Arbeiter wie ebenso viele Alcibiadesse den Weg: es schoß wirklich eine mit Tigerpferden geflügelte Jagdwurst daher (ich ritt die Wurst), und plötzlich hielt das Flugwerk. Diese Unter-Chausseeeinnehmer hatten den Verfasser des Jubelseniors geschnürt, um mit dieser Angelschnur ein Extra-Chausseegeld aus meinem Beutel zu erfischen von meiner Freigebigkeit. Fräulein von Sackenbach ärgerte sich hinter dem Fenster, daß ich die letztere bewies und später hereinfuhr: denn sie wurde noch närrischer durch die alte Prophetin, die immerfort sagte, das sei gerade der Herr, den sie auf dem Kaffeesatz gesehen. Beiläufig! Ich weiß mir das auffallende Phänomenon dieser Kaffee-Typologie aus nichts anderem zu erklären als aus zwei Erfahrungen. Die erste ist, daß vielleicht mehr der Kaffeetrank als sein Niederschlag instand setzt, die wässerigen Meteoren der Zukunft wahrzunehmen, zumal da diese geistige Kraftbrühe schon Profanskribenten wie mich und Voltairen in der Punktierkunst unserer so oft prophetischen Schreiberei so sichtbar unterstützt. Meine zweite Erfahrung, womit ich der eingetroffenen Weissagung das Übernatürliche größtenteils benehmen will, ist die, daß ich selber der alten Frau in Flachsenfingen die Weissagung meiner Ankunft mitgegeben und sie gebeten habe, sie nach Neulandpreis zu tragen und da als Prophetin aufzutreten. Ich wollte den armen Pfarrleuten eine größere Hoffnung und dem Fräulein eine leichtere Überzeugung verschaffen. – – Ich will mir im Verfolge der Historie, wie man Schauspielern tut, den Namen meiner Rolle geben und mich häufig Herr von Esenbeck oder Freudenmeister oder maitre de plaisirs benennen, wär' es auch nur, um überhaupt bescheidener zu scheinen durch Weglassen des Ichs. Die nähere Jagdwurst hob die Alte aus den zwölf kleinen Propheten unter die vier großen hinein. Der Freudenmeister saß darauf mit einem negligé raffiné oder modernen Schanzlooper und mit den Patentschuhschnallen der Herren Boulton \& Smith – er hielt eine lederne Badine in der Hand und hatte, als er unten am Schloßfenster wie ein Hoogkyker Eine Familie auf der Insel Wieringen muß wegen gelähmter Augenlider den Kopf ganz zurücklegen, um etwas zu sehen. hinaufsah und den Hut abtat, nicht nur die Esenbecksche Glatze auf dem Kopfe, sondern auch den roten Taktstrich auf der Stirn. Esenbeck setzte wie ein Erdstoß ganz Neulandpreis in Bewegung. Dieser Herr ließ sogleich die Jagdwurst auspacken und das abheben, was er mitgebracht: einige Zahnstocher mit schön geschnitztem figurierten Schaft (der eine stellet den Kopf eines Saksaks vor, der andere einen Zoiluskopf) – ferner eine Kleidergeißel – hinlängliche Schaugerichte – eine gläserne Bowle mit drei Goldfischchen – ein Porzellan-Schreibezeug, das einen aufgerichteten Bock vorstellet, der ein weißes Herz, worein ich jetzt eintunke, in den Vorderfüßen hält Das Schreibzeug ist wirklich das Esenbecksche Wappen. Man könnt' es leichter verwechseln mit dem Wappen der Stadt Chur , die einen aufgerichteten Bock im gelben Felde führt, wenn seiner nichts in den Füßen hielte. Es ist auch sehr vom Wappen der Stadt Zwingenberg verschieden, das drei rote Herzen über einem halben Löwen hat. – und einige anonyme Lappalien. Endlich standen die zwei himmlischen Körper in Konjunktion beisammen, ich und sie. Beide erstaunten. Gobertina besonders: denn der Pseudo-Esenbeck hatte in seinem negligé raffiné, mit seiner ledernen Spießrute und mit seinem chaotischen anagrammatischen Gesichte etwas ungemein Sonderbares und in Neulandpreis Ungesehenes. Ohne das chirographische Instrument des roten Interpunktions- und Ausrufungszeichens hätte sie sich nicht einreden lassen, daß sich bisher der Hof und der Herr von Esenbeck so sehr geändert haben; aber sie hielt sich an den roten Strich. Mich frappierte das Fräulein noch mehr: zwei umgeschwungene Brandkugeln voll Freudenfeuer in den Augenhöhlen – das ringelnde Geäder von Demarkationslinien auf dem Gesichte, die wie streitende Heere im Nordschein in- und auseinanderschossen – eine durch das verengte Mundstück der Lippen zugespitzte scharfe Stimme und ihre Quäker-Glieder, die häufig Terzien-Pralltriller schlugen, diese Erscheinungen setzten eine Person zusammen, die die wenigen Eckenbeschläge aus Gold und Tressen, die sie vom Hofe aufs Land hinausgenommen, draußen zu einem goldflitternen Opern- und Schleppkleid in der Einsamkeit ausgehämmert hatte, das dem lahngoldnen Wappenrocke glich, worin man sonst Alchimisten aufhing. Esenbeck brachte anfangs gerade so viel Visiten-Unsinn vor, als er glaubte, daß Gobertine von ihm erwarte, welches so viel war, als sie selber verdiente. Esenbeck erinnerte sie an die schöne Zeit, wo er Page und sie Gesellschaftsdame war, und sagte im kältesten Ton von der Welt – er stellte dabei die lederne Gerte und Wünschelrute aufrecht auf den Zeigefinger und wollte den Stengel steilrecht tragen –: »Ich bin ganz enthusiasmiert, Sie zu sehen. Warum kommen Sie nicht an den Hof? Waren Sie in der Gemälde-Versteigerung? Gefiel Ihnen ein Pipi oder Julius Romanus. ganz? Haben Sie Schafe von Klaase?« Es gibt eine Art zu fragen, die etwas von den peinlichen Fragstücken in Gerichtsstuben an sich hat, welche fortrollen und fortschließen, Inkulpat mag antworten, was er will. »Klaase?« (sagte sie endlich) »Klaus werden Sie meinen; wir haben hier nur einen Schäfer, der so heißet; mir wintert er bloß zwei Hammel aus.« Da ich ihr mit einem geringen Lächeln ihren Irrsal und meine Kenntnisse in den schönen Künsten zeigte (denn ich hatte vorher nicht etwan einige Seiten artistischer Vokabeln, wie prahlende oberflächliche Abderiten tun, sondern einen ganzen räsonierenden Gemälde-Katalog memorieret): so war es wohl entschieden, daß Herr von Esenbeck dastand; denn ein Hof ist ein verkleinertes Italien oder eine vergrößerte Hadrians-Villa, überall laufen da Kunstkenner und Kunstwerke, die größten Mythologen und Mythen entgegen. Fräulein von Sackenbach war nicht sonderlich in Bilderkabinetten bereiset, und in ihrer Kunstgeschichte glänzte nicht mehr als ein einziger Meister, der berühmte Maler ihrer Eltern und ihrer eignen Person, gleichsam eines dreiköpfigen Geryon. Ich hatte mir eine viel schönere und traurigere Amanda in den Kopf gesetzt, als außer ihm dastand; die äußere schien zugleich lustig, tugendhaft und gefallsüchtig und zwar alles bis zur Ziererei zu sein und machte mich völlig verwirrt. Nach ihrem Brief an Esenbeck hätt' ich geschworen, daß sie empfindsam Halbtrauer anhaben und ihren alten arkadischen Schäfer mit einem Schnupftuch voll Tränen empfangen würde: ich war zu einiger Rührung willfährig und wollte gern mit den Knien auf der Erde, um zu büßen, und mit den Ellenbogen auf dem Tische, um zu dichten, knien; zwei Glieder, die sich an einem solchen Liebhaber wie die Einlegmesser immer krumm werfen und die er so sehr wie ein Schorsteinfeger abnützt, der daher nirgends Lederbeschräge hat als an Ellenbogen und Knien. Aber wie erstaunt' ich, als sie früher lachte wie ich. Ich war daher kaum eine halbe Stunde bei ihr, als ich mich herzlich ins Pfarrhaus hinübersehnte und auf dieser seligen Insel wenigstens ein Strandbewohner werden wollte; aber ich hätte, wenn ichs merken ließe, mit meinem ganzen Oberleibe durch meine Esenbecksche Charaktermaske durchgestochen und durchgeschimmert: ich durfte höchstens nur auf Gelegenheiten lauern, über die glücklichen Jubel-Insulaner kalte Fragen hinzuwerfen. Ich schauete deswegen beständig durchs Fenster. Jungfer Dea schleppte endlich Bierkannen aus der Pfarr-Kellerei heraus. Ich wollte jetzt kühn sein und den Freudenmeister Esenbeck täuschend spielen und machte mir kein Bedenken daraus, epigrammatisch zu bemerken: »Es ist wahr, die Amazonen schafften sonst den halben Busen fort, um die Armbrust gewisser anzulegen; aber wahrhaftig Amors Geschoß trifft noch schärfer in jede Brust, wenn man es auf einer ganzen ansetzt.« – »Scharmant,« sagte das Fräulein, »ganz scharmant!« – »Pfui« oder »warum nicht gar« oder doch »hm, hm«, hatt' ich gerechnet, würde es sagen; nun aber verglich ich sie ohne Bedenken innerlich mit den alten Peruanern, welche (denn sie brachte auch mir ihre vermooseten Tage und ihre morschen wurmstichigen Neigungen, kurz nur ihr Alter der Tugend zum Opfer) ihren Königen Zwerge und mißgestalte Kinder und (nach Garzilaso de Vega) den Landeshauptmännern Läuse als Steuern und Gaben überreichten. Indes wurden wir doch durch die Kellnerin mit dem Amors-Böller und Obergewehr ins Pfarrhaus gebracht, unser Gespräch wurd' es nämlich; und Amanda fing an, die guten getäuschten Leute zu beschützen, zu erheben, für sie vorzubitten, ihnen vorzuarbeiten. Sie tat das alles so herzlich, sie legte den Pfarr-Insassen mit einer solchen Freude im Blick und Ton den Krönungs- und Kurhabit des moralischen Lobes an, daß es mich reuete, diese Putzjungfer selber von Fuß bis auf den Kopf vorher in das fatale Demutskleid des heiligen Alexis gesteckt zu haben. »Beim Himmel!« sagt' ich innerlich, »und wenn der Teufel und seine Großmutter und sein Großvater und seine 32 Ahnen mit allen Sünden in der engen Brust eines Mädchens als Mietleute sitzen, so verdrängen sie doch daraus das gute hülfreiche Herz für den leidenden Mitchristen nicht, es schlägt mitten in dieser Gehenna noch warm für andere fort.« – Ich gab ihr zum ersten Male ein ernsthaftes Lob und die ernsthafte Versicherung: »ich hätte mit dem Fürsten aus der Sache gesprochen, und es sei auf etwas zu rechnen.« – – Plötzlich schien ein ganzes Pagenkorps die Treppen wie eine Feuerleiter heraufzulaufen; und ein Mann mit gebogener Nase, mit freier Stirne unter glatt zurückgestrichnen Haaren trat nach einem einzigen Anklopfen herein, stülpte den geraden steilrechten Rücken nur ein wenig vorwärts und rief unter dem Zumachen hinter sich zurück: »Ihr bleibt mir draußen.« Er meinte seinen Nachtrab und Nachschwarm von einem halben Dutzend freundschaftlicher kurzstämmiger Jungen. Es war des Jubelseniors zweiter Sohn, seines Handwerks ein Pitschierstecher, Zifferblättermacher und Schnallen-Händler. Sein Avant-propos war: »Ich will nur Ew. Gnaden meine Aufwartung machen – und um sechs Sessel bei Ihnen anhalten, mein junges Volk draußen soll sie tragen. Wir müssen uns drüben sonst aufeinander selber setzen.« Ich bitte jeden Schulmann, Privatdozenten und philosophischen Adjunktus, den ersten besten Handwerksmann wie eine Akademie zu studieren als ihren Vorfechter und Exerzitienmeister, ders ihnen vormachen kann, wie man vor höhern Personen die Unterordnung des Bürgers zugleich mit der stolzen Freiheit des Menschen vereinigt: ein Orbilius will immer hinter den aufgeschwollenen Bürger den zusammengefallenen Menschen verschanzen. Die Gefühlspitzen und Sehnerven eines Handwerkers befühlen an jeder Seele zuerst das, was sie etwan von seinem Gewerke um sich hat; der Schuster hält seine papierne Diogenes-Laterne zuerst an die Stiefel, der Schneider an den Frack, der Friseur an die Locken, der Pitschaftstecher an die Uhrkette, woran etwas Sphragistisches hängt. An meiner kundschaftete der Siegelgräber das entlehnte Esenbecksche Petschaft aus: »Auch meine Arbeit!« (rief er) – »Ich sag' immer, es sticht keiner einen solchen Helm und Kopf wie ich!« – »Hier ist aber ein Kopf, Herr Schwers,« (sagt' ich) »den einmal einer nachdrucken sollte im bas-relief, damit man ihn nachher in haut-relief auf den Briefen hätte.« Es war Dantes Kopf. Der Schnallenhändler brachte sogleich eine Handvoll Petschafte heraus, um damit zu besiegeln, wie weit ers treibe. Warum soll ich so lange antichambrieren, eh' ich den Lesern gerade die Gründe vorzähle, aus denen ich dem lustigen Kirmesgast der Erde Dantes Gesicht zum Nachstechen anvertrauete, um mit der Physiognomie dieses Höllenmalers künftig zu siegeln? Nämlich hundert oder einige tausend Petschaftskunden möcht' ich von Herzen gern dem Schwersschen Sohne zuwenden, falls er den Kopf gut nachgravierte; und ich ersuche einige hundert Leser, an mich zu schreiben, damit ich ihnen eine Antwort geben und diese mit Dantes Pantomime bedrucken kann: in der Vorrede steht schon, wo ich lebe. – Die vielen Privat-Prägstöcke oder Münzstempel des Schnallenmachers ließen in mir eine neue Reflexion zurück, die ich hier hervorlange. In unsern Tagen darf man alles loben – die Narrheit wie Erasmus, den Esels-Schatten wie Archippus, den Steiß wie Coelius Calcagninus, den Teufel wie Bruno, ja den Nero wie Linguet – alles, nur sich nicht, wenn ich den Poeten auf dem lyrischen Musenpferd ausnehme, das ein Bassa mit einem Roßschweif ist. Der Tempel, das Pantheon, worin sich ein Mensch in unsern Tagen wie Kaligula eigenhändig anbeten und wie dieser mit Opfern aus Geflügel ehren kann, das ist sein eigner dunkler, fest verschlossener – Kopf: in diesem Lararium, in dieser Filial-Rotunda mag er seine Hausandacht vor sich selber verrichten. Es ist bekannt, wie ichs vermeide, mich zu loben, ja wie ich sogar, gleich einem Negersklaven, der lieber ein Ladenhüter als ein abgehender Warenartikel sein will und der deswegen den versteigernden Parentator seiner guten Eigenschaften Lügen straft, wie ich sogar, sag' ich, das von andern mir zugedachte Lob teils beschneide, teils ablehne, teils zurückgebe. Wahrlich es gibt schon Speisesäle, wo man (wie in den Hörsälen der kritischen Philosophie, die das Ich gar in einen im unbekannten X schwimmenden Ideen-Schleim mazerieret) gar nicht mehr sagen darf »Ich«, obgleich oft gute Menschen ihr Ich nur zum Malergestelle des Universums machen und aufs Individuelle bloß das Allgemeine zeichnen, indes andere die Erdkugel zum Stativ ihrer Winzigkeit unterstellen und wie die Franzosen, wenn sie man sagen, zwar 110 375 Millionen Menschen So viel sollen von Adam an bis auf Esenbeck Menschen gewesen sein. nennen, aber keinen meinen als einen. Beim Himmel, kann denn einer von uns aus seinem Ich heraus, und womit? Ists gescheut, daß jeder sich ordentlich schämt, mit einem Ich behaftet zu sein, und daß ers doch am Nebenmann preiset und dieser an jenem? – Also, wie gesagt, ich und die Leser würden für unsere eigenhändigen Belobungs- und Rekommendationsschreiben nirgends eine Stelle finden als auf unsern weißen Leichensteinen, deren erhobene Arbeit und Festungswerke unsers Ruhms doch die Zeit so eilig schleift und wegnimmt mit dem Schlichthobel ihrer Sense; das würden wir, sag' ich, wenn nicht – – (jetzt schlag' ich mich, nach meiner Gewohnheit, mit einer lang aufgesparten Aufhebung alles dessen dazwischen, was ich vorher zu verfechten geschienen) – wenn nicht.... das Petschaft wäre. Aber das ist unser Bette der Ehren: in der eingelegten Arbeit des Metalls, auf der erhabenen des Siegellacks sitzt ein Ich sicher und ohne Gefahr wie auf einer Zirbeldrüse und in einem Hasenlager. Man spricht da nicht nur wie eine englische Zeitung bloß von sich, sondern auch mit der größten Selbst-Achtung: es wird nicht gewehret, sondern vielmehr erwartet, daß man seinen Namenszug in herrliche Einfassungsgewächse, in Girlanden, in jede schmeichelnde Fassung drücke, in Genienarme lege, auf Prachtkegeln setze, an Sonnen hänge. Ganz unverhohlen dürfen wir da einmal es sagen und zeigen, was wir von uns halten; das Petschaft ist der Treflebube, worauf der Kartenmacher seinen Namen, oder der Wagen, worauf der Römer die Statue eines Vergötterten, oder der Turm, den der Sineser einem großen Manne setzt. – – Aber zurück! Das tat der Petschierstecher auch und ging. Die Gesellschaftsdame setzte auf die sechs Sänftenträger die sechs Tragesesseln mit einem gastfreien Vergnügen, das wie ein Abendrot ihrer Seele recht schöne Farben und Züge verlieh. Ich hatte mit meinen Augen den letzten Jungen mit seinem Sessel kaum bis an die Pfarrtüre begleitet, als daraus der Adjunktus Ingenuin heraustrat, mit dem weiblichen Glättzahn überfahren und geglättet wie ein Almanach oder Käfer, rotwangig, rotlippig, sanftäugig, bescheiden, still, ernst, nett und weich. Der Ketzer und Stylit Simeon verrichtete seine Säulenandacht bloß in Beugungen, deren einmal ein Zuschauer unten bis an eintausendzweihundertundvierundvierzig zählte (weiter mocht' der Zuschauer nicht); der Adjunkt hingegen machte vielleicht kaum die Hälfte dieser Biegungen, als er oszillierend in das Zimmer des Fräuleins trat. Doch ließ diese Krümmung seines Rückens seine Seele aufrecht und ehrlich, so wie Bäume, die sich mit dem Stamme niederbeugen, doch den Gipfel nach Osten gegen die Sonne drehen. Der junge Mensch, viel fröhlicher, als ich gedacht hätte, war heute eben in keinem Besitz einer überflüssigen Zeit: er mußte die Ancora-Traurede für seine Eltern auf morgen bearbeiten, und Geistliche haben überhaupt in einer Woche, wie die Frankreicher in einem Jahre, nur fünf Fest- und Sanskulottentage, und die zwei andern, der Sonn-Abend und –Tag, starren von Geschäften. Deputatus lud ein aufs Jubelfest, nicht nur die fille d'honneur, auch den chevalier d'honneur. Esenbeck dankte ihm sehr und versicherte: »er könne auf ihn zählen.« Ich fragte nun den Adjunktus aus – und zur sichtbaren Freude Gobertinens, daß ein maitre de plaisirs sich des jungen Menschen annehme –, was er noch für Verwandte habe: drei Brüder hatt' er, den erstgedachten Schnallenlieferanten, den oben gedachten Buchdrucker und den Weginspektor (er hatte mich mit geschnürt), der zugleich ein Hamstergräber war; zwei Schwestern hatten sich schon lange hinter den Bretterverschlag des Sarges verzogen und arbeiteten im unterirdischen Ankleidezimmer aller Blumen für ein längeres Jubiläum als die Adoptivschwester Alithea. Von Enkeln sprang morgen im Hause – wenn ich einen noch ungebornen hermaphroditischen Kokon der Buchdruckerin mitrechne – gerade eine Saat von Zwölfen um uns. Kurz der ganze Frei-Hafen des Pfarrhauses war durch die Herings-Einkehr von Kindern und Enkeln so gesperrt, daß kein neuer dürrer schwedischer Heringskönig nach- und durchkonnte. Ich fragte wundershalber den Kandidaten noch, was sie heute drüben täten (denn ich wäre herzlich gern noch Sonnabends mitten unter sie getreten). »Nicht das geringste mehr« (sagt' er) – »nach dem Essen setzen sich die Kinder und die Enkel um den Tisch, und der Vater und die Mutter danken mit ihnen Gott für alles: denn es ist rührend, ein solches Fest wie morgen. Mein Vater hält selber die Jubelpredigt Die hieher gehörige erste Ausschweifung über den Kirchenschlaf sieh im vierten Zirkelbrief nach. , und ich trete dann auf den Altar heraus und segne meine lieben Eltern nach einer kurzen Rede Die hier nötige zweite Digression über Traureden ist im vierten Zirkelbrief zu finden. wieder ein. Der Vater ist gottlob noch ungemein stark und isset so viel wie ich und geht des Tages noch eine Stunde weiter als ich selber. Allein ich habe mich am kantischen System krank gesessen: mein Alter will nicht daran; aber ich zieh' es vielen andern vor und heb' es in meinem Koffer auf seinetwegen, weil er bei weitem nicht so frei denkt wie ich.« – Im Grunde wurde mir, je mehr sich meine Seele an diese unbefleckte hing, immer elender zumute: wer gab mir Brief und Siegel, daß beides zu geben nicht morgen der Fürst vergesse und weder komme noch voziere? Und dann wurde meine ganze Freude zu Wasser und mehr als ein Herz. – Amanda war ebenso liebreich gegen ihn als er höflich gegen sie. Innerlich deferierte ich mir einen Eid, den ich willig akzeptierte, daß ich nämlich abends nicht hinüberlaufen, daß ich den reinen vollen Sternenhimmel drüben nicht mit meinem Sternschneuzen übersprengen und durchschneiden wollte. Äußerlich freilich wurd' ich durch die verdammten Romanenschmierer genötigt, mich zu stellen, als wär' ich ohne alle Religion: darin mögen sie auch bei ältern Weltleuten recht gehabt haben; aber jetzt ist wohl das erlogen. Kein Weltmann von einiger Kraft hat jetzt mehr gegen tugendhaften Schein einzuwenden als gegen den allerlasterhaftesten: und wie jeder gute Akteur oder Dichter sucht er seinen Wert nicht im Stoff , sondern in der Form , nicht in der Wahl der Rolle, sondern im Spiel derselben. Hier ist die dritte Ausschweifung über den vornehmen Unglauben nötig und ist gleichfalls im vierten Zirkelbriefe befindlich. Sobald der Pfarrsohn die Türe zugezogen hatte, so sah' ich den Haftbefehl für mich auf den ganzen Abend ausgefertigt und mich der bunten Schließerin angeschnallt. Mir wurde ängstlich vor dem Blaufarbwerk des blauen Dunstes, womit ich, gleichsam wie mit einer ganzen blauen Bibliothek, den Zwischenraum bis morgen auszufüllen hatte. Um nur nicht ewig über meinen Pagenstand als Falsarius zu sprechen, zeigt' ich ihr das Ernteregister des Karlsbader Siechkobels, nämlich das Pränumerantenverzeichnis der ankommenden Gäste; ja ich schämte mich nicht, ihr hinten in meinem Musenalmanach die italienische Buchhalterei über Haben und Soll im Spiel vorzulesen, um ihr durch mein entsetzliches Malheur im Whist – auf der Jagdwurst wurd' es erlebt und registriert – zu zeigen, der Neulandpreiser Esenbeck sei der Flachsenfinger. Beiläufig! unsere Tage konföderieren und vereinigen viel: die katholische Kirche mit unserer – den ersten Stand mit dem dritten – die Spielrechnungen mit dem lehrreichen Taschenbuch – den Korkzieher mit dem Souvenir. Nach und nach aber merkt' ich, daß die Gesellschaftsdame etwas Großes und Bedenkliches für und gegen mich im Schilde führe. Der andere Esenbeck in Flachsenfingen gehörte ohnehin unter die Libertins, die viele Weiber berufen und wenige auserwählen und die, gleich andern befiederten Raubvögeln Nach Aristoteles und Plinius. , alles vom weiblichen Sangvogel aufschmausen, nur aber das Herz ungenossen liegen lassen; ja was noch schlimmer war, durch Gobertine konnte, wie es schien, ein Mann so gefesselt werden wie der Greifgeier in Indien, den ein weiches Menschenbild aus Ton herunterlockt, das ihn dann, wenn ers gestoßen hat wie ein lebendiges, an seinen eingewühlten Krallen festhält. Beim Henker! der Flachsenfinger kann ja, dacht' ich, sich mit der fille d'honneur verlobt haben und bürdet nun seinem armen Namensvetter das Beilager auf: »Ich hätt' ihn« (fuhr ich bei mir fort) »fein travestieren wollen; und er hätte mich noch feiner dupiert und den ruhigen Festhasen aus seinem Lager aufgetrieben, und mir führen jetzt die Windspiele nach, indes der gehetzte Berg-Hase gelassen in meiner Staude hockte – Das wäre verdammt!.... Aber ich springe, wie ein Aal-Stummel, schon halbgesotten noch aus der warmen Pfanne des Torus.« – Es milderte meine Bangigkeit schlecht, daß Amanda von Zeit zu Zeit typische und mystische Winke von einem gewissen magnetischen Wels oder Scheidfisch fallen ließ: ich dachte, ich wäre der Wels, und sah die Kommunikationsgräben zwischen ihr und Esenbeck immer tiefer und länger werden. Da bei jeder Bewegung von ihr zu erwarten war, daß der Vorhang auffahre und mir blitzendes Geigenharzpulver und den Naxos zeige und eine Ariadne oben darauf: so macht' ich ihr nachmittags um 5 Uhr unter dem herrlichsten Sonnenschein weiter kein Geheimnis daraus, daß der magnetische Raubhecht oder Wels aus meinem Gedächtnis ordentlich weggeblasen sei. Sie sperrte heiter eine Hausapotheke, aus der sie willig ein clinicum und einen Gesundbrunnen für alle Eingepfarrte machte, auf und hob einen liegenden Oktavband – mit der Rückentitulatur Schatzkästlein – heraus. »Das Buch ist sein Ehepfand,« dacht' ich, »so wie dumme Dorfliebhaber bei ihren Bräuten ein Gesangbuch zum postillon d'amour und Ehe-Mörtel brauchen.« Aber sie zog das Erbauungsbuch auseinander, es war bloß ein hohles ausgeweidetes Vexierbuch, und drinnen steckte statt des Spruchkästchen nur ein Fischkästchen, worin ein magnetischer Wels und ein eisernes Fischchen als Köder am Angelhaken für spielende Kinder lagen. Ich will lieber tausend Rätsel machen, als funfzig lösen: kurz, so deutlich alles war, daß der magnetische Scheidfisch den Freudenmeister bedeute und daß das umgoldete Fischlein, das mit dem Raubfisch zusammenklappte, das redende Wappen Gobertinens sei, ja ob ich gleich aus der Naturgeschichte wußte, daß der Mann das beste Vorbild am Welse habe, der auch mit seinen Bartfasern die Fischchen ködert und täuscht und der diese dann mehr hineinsäuft als hineinfrisset: so bracht' ich doch nicht eher etwas heraus, als bis mir einfiel, daß Esenbeck Gobertinen einmal die umgekehrte Sirene (oben ein Fisch) geheißen, und bis sie selber mich gefragt hatte: »ob es nicht ein sonderbarer Einfall von mir gewesen wäre, ihr so etwas zu schenken.« – »Die Esenbecks« sagt' ich, »waren nie recht gescheut.« – Da von ihr in jeder Minute bald die Küchenmeisterin ein Responsum, bald ein Kind aus dem Pfarrhaus ein Gewürz oder Möbel holte und uns, das Brautpaar, unterbrach: so sagte sie freundlich: »Nach dem Essen hab' ich Ihnen etwas Wichtiges zu proponieren: man stört uns jetzt zu oft.« – Ich verwünschte den verfluchten Qualenmeister Esenbeck, der gern weibliche Festungen eroberte, aber nicht als Festungsgefangner der Ehe drinnen hausen wollte: im Triampole – im Quarampole – im Toccategli – im Triomph und Bestiaspiel wünscht' ich ihm, daß heute alles zum Teufel ginge, gleichsam vor dem Eigner als Gepäcke voraus: mit der Ehelottospielerin neben mir schien ich mir Misery im Boston zu spielen, das, worin der gewinnt, der keine Stiche macht. Ich suchte mich daher bei ihr nach meinen geringen Kräften verhaßt zu machen und die Esenbecksche Rolle matt und falsch zu spielen und in meine eigne zurückzufallen. »Hier ist weiter« (dacht' ich) »nicht zu spaßen, und die Ehe ist dir noch näher als deren Scheidung: sie begehrt wahrhaftig, wie Israel unter den Richtern, einen König, und ich werde zum Saul gemacht – – nein und nein und nein!« Hätt' ich nicht die schönste Glücks- und Ehrenlinie der guten Jubelleute drüben ausgestrichen, wahrlich mit Freuden hätt' ich den roten Truthahnszapfen auf meiner Stirn verwaschen und verwischt. Wenigstens aber stand mir frei, weniger zu interessieren und durch moralischen Schein meine Ähnlichkeit mit dem Flachsenfinger Freudenmeister zu schwächen. »Jetzt,« (schloß ich) »da vor der Schwersschen Silberhochzeit eine Silberverlobung mit mir vorauszulaufen droht, sind kühne Anmerkungen über Amors Geschosse und Amazonen gefährlich, und man nimmt damit ein.« Leider nahm ich gerade mit dem Widerspiel eine Person vom Lande ein: ich gefiel bedenklich durch Dezenz. Ein verhenkerter Charakter! sagt' ich. Ich bat mir fünf einsame Minuten auf meinem Zimmer aus. Zorn ist wie alle Leidenschaften ein berauschendes Mittel von innen, und man hat darin die besten Einfälle, die man nicht verrauchen lassen soll. Ich schrieb in meiner Stube moussierend folgendes über alte Jungfern : »Sie hätten nachdenken und heiraten sollen. Wahrhaftig wenn der Mann, der so viel zu machen hat – Eroberungen – Bücher – Protokolle – Predigten – Verse – die Rezensionen davon – die Antikritiken darauf – närrische Streiche aller Art –, unter solchen kanonischen Hindernissen keine Hochzeit machte (wie er doch nicht tut): so wär's ihm nachzusehen; aber wenn eine Schöne, die die größte Muße hat, sich zu verlieben, und die erst am Traualtar eine Heilige wird, welche sich auf ihn stellen kann, um da nicht von Anbetern, sondern von Männern angebetet zu werden, und deren Verdienste, d. h. deren Kinder täglich wachsen, wenn die es nicht tut, was soll man da anders machen als – folgendes Gemälde von ihrem Zustand im 61sten Jahr? – Freilich dachte sie im 16ten Jahr, sie verbleibe durch das ganze Leben 16 Jahre alt, die Sommerhäuser und Sommerkleider der Jugend würden nie kalt und überschneiet, die Gespielinnen ihres blumigen Lenzes überblühten an ihrem Arm die Vergißmeinnicht und kröchen weder in ferne dicke Kinderstuben noch tiefer unter die grüne Wiegendecke aus Erdschollen – – Aber nach wenigen Jahren steht alles, was mit ihr Blumen und Sterne suchte, ganz verändert und weggetrieben auf andern Inseln, und sie sieht allein und weinend hinüber. Ich will es aufrichtig inventieren, was ihr noch bleibt im 61sten Jahr (ich setze aber voraus, daß sie absichtlich den Ringfinger krümmte, wollt' ihr einer den Ehe-Reif und Anschrot applizieren): – Ihre jetzigen Freundinnen sind Mägde, ihre Freunde zwei alte Erbschleicher, die die Durchgangsgerechtigkeit durch ihr Herz ausüben, um in ihr Testament zu kommen – ihre Korrespondentinnen antworten ihr selten und nichts als das: ich lieg' im Kindbette – sie putzt sich im Spätjahr des Lebens, aber niemand freuet sich darüber als der Schnitthändler, dem eine Ladenhüterin den Ladenhüter abnimmt, statt daß über die geschmückte Mutter sich der erinnernde Mann und der teilnehmende Sohn ergötzt – und statt eines Eheherrn kann sie niemand plagen als den Schoß-Kater, der, unähnlich jenem, gerade knurrt und den Kamm, d. h. den Schweif hoch trägt, wenn ers am besten meint – anstatt der Kinder informiert und füttert sie Kanarienvögel – und statt des schöpferischen Verdienstes einer Mutter, die wie Gott kleine Adamlein und Evchen in das Paradies unter den Lebensbaum setzt, hat sie keines als das, entweder als entzündeter Cherub an fremden Paradiesen zu stehen oder auf irgendeinem Erkenntnisbaum den Eltern das Obst zu preisen, das sie selber verdauet – und wenn sie nun nach einem ausgetrockneten magern Leben voll großer Langweile und großer Gebetbücher und voll scharfer ätzender Seufzer über jeden schönen Tag, weil ihn niemand länger, und über jeden schlimmen, weil ihn niemand kürzer macht, und über jeden ersten Feiertag, weil sie da allein essen, und über den Thomastag, weil sie ihre immergrünen Jugendtage niemand malen kann als einer alten zerknüllten, weniger ihre Freuden als ihre erblichen Kleider und Jahre nachzählenden Soubrette, wenn sie nun nach einem naßkalten Leben voll aufgewärmter Leichenessen, erfroren unter Regenschauern, abgemattet sinkt und einsam verlischt: ach so schleicht sie aus einer Erde, wo alles so bald vergisset und vergessen wird, ungesehen hinunter, und kein Gatte, kein Sohn, keine Tochter sagt: ich vergesse dich nicht.« Ich stand auf und schauete voll Sehnsucht in den glücklichen Abend hinaus: nicht bloß im Pfarrhaus, auch in jedem profanen wurde Putz und Fleisch für morgen ausgesucht, und im Häuschen des Schulmeisters waren wie von einer feindlichen Plünderung alle Fenster ausgehoben zum Waschen. Das waren aber für mich tiefen Sumpfvogel ferne, im Äther hängende Luftschlösser: ich mußte zu Gobertinen zurück, voll leiser Flüche gegen den Flachsenfinger, daß er sie nicht geheiratet hatte; da der Mann ein Fels sein muß, der nicht nur die Klippe , woran das weibliche Bucentauro- und Kaperschiffchen scheitert, sondern auch das Ufer ist, auf dem die Bewindheberin desselben gerettet aussteigt. Als ich wieder in ihr Zimmer kam, setzt' ich mich aus Verlegenheit sofort nieder; und als ich merkte, ihre abgeschnittenen Schneckenfühlhörner des Gefühles wüchsen von Minute zu Minute stärker nach – denn Weiber regenerieren, ungleich den Vögeln, die nur die unempfindlichen Teile, Krallen und Federn, wieder erzeugen, immer einen empfindlichen, und wär' er ihnen noch so oft genommen, nämlich das Herz –, als ich das sah, setzte ich den Schuhabsatz aus Angst auf den Henkel einer kleinen Wiege, die das Grahams-Bette und der Federtopf für einen alten dreibeinigen Schoßhund war, so wie im Magdalenen-Kloster Naumburg in Schlesien die Nonnen hölzerne Jesuskindlein in den Wiegen haben und schaukeln. Ich wollte den Hund in den Schlummer rütteln, als er daraus auffuhr und bellend aus dem Lager sprang. Wir speiseten endlich. Aber die drei Goldkarpfen, die als Schaugericht von der Jagdwurst abgeladen wurden, ließ ich nicht agieren, aus Furcht vor dem magnetischen Wels. Nach aufgehobener Tafel sucht' ich eine Freistätte auf der Tastatur eines alten Klaviers. Der schöne Kopf eines kleinen Mädchen hing oben darüber an der Wand, das ich (verzeihe mirs die Menschenliebe) für das leibhafte Kind der fille d'honneur ansah, bloß weil es einige Familienzüge von ihr hatte. Endlich kam sie mit einer Brieftasche und fragte mich bang, ob ich denn alles vergessen hätte. »Einen elendern Witwensitz als mein Gedächtnis gibt es für die Vergangenheit nicht; in diesem Briefgewölbe ver schimmelt alles«, sagt' ich. Sie gab mir still die Brieftasche zum Lesen und begleitete jede Epistel, die ich durchlief, mit einem flüchtigen Klavierauszuge nach den Regeln des reinsten Satzes. Beim Himmel! mein spitzbübischer Maskopeibruder und Lehnsvetter in Flachsenfingen hatte die Liebesbriefe an gegenwärtige Kontrapunktistin adressiert. Aus jeder Zeile blies Liebes-Tauwind, Hof-Stickluft und der Passatwind der Eitelkeit: wie die Theologen sonst jedes Glied zum Beweise und Pfeiler einer Gottheit machten – z. B. Morus das Auge – Schmid das Ohr – Donatus die Hand – Hamberger das Herz – Sloane den Magen S. Derhams Astrotheologie.  –, so regt ein junger Fant kein Glied, das ihm nicht den erfreulichen Beweis eines existierenden Gottes oder Halbgottes oder Venerabile (er selber ist nämlich der Gott oder das Venerabile) darreichte, und er schauet in sein göttliches Wesen. Unter dem Lesen nahm ich mir vor, es ihr zu gestehen, daß hier zwei Betrüger die Hand im Spiele hätten, nicht bloß der Flachsenfinger, auch ein neuer. Jeder Esenbecksche Brief war gleichsam der Avisobrief und Mortifikationsschein einer neuen, richtig erhaltenen Gunstbezeugung und der Bettelbrief um eine größere: ja da sich ein solcher Klimax doch beschließet, so schien es mir, es wären höchstens noch zwei periodische Blätter möglich – und ich sah, mit tiefgesenkter Registratur dieser französischen Papiere, beklommen das kleine gemalte Töchterlein an, und es war mir, als schrie mir das Tableau herunter: Papa! So hetzt einen Menschen eine einzige Lüge in Irrgängen herum; es ist ebenso unmöglich, mit einer Lüge als mit einer Kinder-Blatter durchzukommen: eine überdeckt den ganzen Menschen mit Pockenmaterie. »Ich hab' es schon längst gewunschen,« (sagte sie, über mein Sinnen froher) »daß Sie einmal Ihre eignen Briefe wieder zu Handen bekämen: sie sind ebenso von Wichtigkeit als die meinigen; wie konnten Sie aber bei solchen Umständen meiner Bitte immer einen stillschweigenden réfus geben?« – »Wie?« (wiederholt' ich; denn zum Glück schnüret manches schlimme Wort, das durch die Kehle soll, wie ätzendes Sublimat diese zu, und man kann sich also nicht damit vergiften) – »Wie alt ist wohl das liebe – Bild da oben?« – Ich wollte diesen Geburtsschein still mit dem Datum der letzten Epistel konfrontieren und dann sehen, was dabei herauskäme. »Ach wozu das? – Vierzig Jahre ist es alt« – »Unmöglich!« sagte ich. –»Ich bin ja selber«, fuhr sie fort, »über die Dreißiger hinaus – und war gerade zehn Jahre alt, als es gemacht wurde.« Kurz nur sie war als Kind gemalt. – »Aber warum weichen Sie wieder meiner Bitte aus? O Gott, geben Sie mir meine Briefe wieder!« – »Hier!« sagt' ich und konnte mich vom Schrecken über meine sündige Hypothese und über meinen Kinderglauben (fides implicita) daran, der zum Glück kein Mundglaube geworden war, kaum ermannen. Sie nahm die Briefschaften zitternd, und diese zogen die gelähmten Hände belastend nieder, und sie sagte: »Das hab' ich nicht verdient. Sie haben etwas, das wußt' ich lange, mit meinen Briefen vor.« Jetzt merkt' ich erst, wo der Knoten saß und die Auflösung desselben dazu – Nicht meine, sondern ihre Briefe hatte sie begehrt. Der gewissenlose Flachsenfinger hatt' ihr die Edition ihrer erotischen Dokumente aus Eitelkeit, Trägheit, Flattersinn und Bosheit abgeschlagen. Sie hatte aber die Bitte um die Auswechslung dieser brieflichen Gefangnen, aus Scheu vor fremden Augen, häufig unter die Bitte um seine Besuche versteckt. Ich verdacht' es ihr wenig, daß sie ihre Liebes-Pfandscheine einzulösen suchte: sie hatte auf dem Lande viel von der Hof-Kühnheit verloren und sorgte, die Welt jage ihren Papieren so nach wie spanische Jesuiten königlichen, und dann werde durch solche aufgehangene flatternde Papierschnitzel jeder Zaunkönig verscheucht, der sie zur Zaunkönigin, zur Frau erheben wolle. Man sah es ihr gar nicht mehr an, daß sie fille d'honneur am Hofe gewesen, wo man die Güte der Weiber und des Wassers in die Geschwindigkeit setzt, worin sie sowohl warm werden als kalt . Wahrhaftig große Schamröte ist in der höhern Welt dem echten Liebhaber schöner Künste, als eine zu grelle Farbengebung, so verhaßt wie rotes Haar, so wie auch Tolle, Spechte, Truthühner und Magnetiseurs (oft lauter Verwandte) die rote Farbe meiden. Weiber von Stande nehmen wie die Baumwolle alle Farben lieber an als die rote; das wenige Rotwildpret darunter muß suchen, eine mit dem Blute der Schamröte leicht unterlaufene Wange durch die Rötelzeichnung der Schminke zu bedecken, wie Blumenstücke die Risse des Porzellans verhehlen. Mit den Weibern ists wie mit den Häusern, deren Preis desto mehr fällt, je mehr die Miete derselben steigt; in der Stadt aber wohnen mehr Familien zu Miete, und auf dem Lande ist jeder ein Häusling oder Hausherr. Ich kann es den Lesern nicht beschreiben, mit welchem Freuden-Fieber ich endlich hinter Amandas Wünsche kam. Mit einer gefährlichen Fröhlichkeit schwur ich ihr, jedes Blatt werd' ihr in acht Tagen geschickt – die Esenbecks wären überhaupt lüderliche Menschen, sie mischten Papiere wie Karten und Lose, und sie wären Freimäuerer am babylonischen Turm, wenn nicht ein solcher Fuchsturm selber – die Familie hätte, setzt' ich dazu, wie der lüderliche Richelieu noch ein halbes Felleisen unaufgebrochener Briefe, gerade als wär' ein Esenbeck ein Minister, der alle einlaufende Briefe erbricht, die ausgenommen, die an ihn selber adressieret sind. – Ich gab mein heiliges Ehrenwort, ihre Briefe an mich ihr zurückzuliefern, wenn sie mir meine zustelle. Sie schwankte, aber sie entschloß sich dazu, nach einem sonderbaren Mortifikationsschein, den ich über das Dagewesensein meiner Briefe anbot und wirklich nachließ, den ich aber hier abdrucken zu lassen bloß aus Furcht anstehe, man lache. Ich mußte mich aber gewaltsam in den Besitz der Esenbeckschen Expektanzdekrete setzen, um den Flachsenfinger zu bezwingen; das erotische Haberrohr, die Schäferpfeife, die ich vom Flachsenfinger in Händen hatte, konnt' ich ihm als eine zweite Famas-Trompete, als eine Spitzbuben- und Komödienpfeife auf dem Parterre seines Liebhabertheaters vorhalten und zu ihm sagen: »Herr! wie Sie wollen: entweder Sie geben die Sackenbachischen Briefe heraus – oder ich promulgiere die Esenbeckischen, und dann soll der Teufel Ihren Namen holen.« In den Sprachzimmern der großen Welt ist, wie in den Hörsälen einiger Philosophen, das Lachen das Zeichen, man sei ein Mensch – und wer verlacht werde, der sei keiner. »Esenbeck muß, das weiß ich«, sagt' ich. Jede Leserin von einigem Mitleiden, die nicht gern einer Gartenspinne das zitternde Bein abnimmt, kann sich jetzt meine Qualen und Amandas ihre denken, die ich dadurch vermied, daß ich ihr nicht heraussagte, wer ich war – beim Namen Jean Paul wäre sie in Ohnmacht gefallen und dann ich. Sie sagte mir nun vertrauter, welcher Grabstein von ihrem wundgedrückten beerdigten Herzen abgewälzet sei – wie sie nun weniger fürchte, daß ihr Ruf das Schicksal eines flatternden Blättchen teile – und daß sie nun leichter die irrigen Fußstapfen ihrer Jugend teils zurücktue, teils vermische. Jetzt war ich ein ganz anderer Mensch, und deswegen schien sie mir auch ein ganz anderer zu sein: so sehr ist unser Urteil über fremden Wert das heimliche natürliche Kind des Verhältnisses, worin der unsrige mit ihm steht. Seitdem ich gewisser war, daß ich sie nicht mehr heiraten mußte, bracht' ich vieles Gute, was sie hatte, leicht heraus, und die jungen Kiele, die ich vorher angefühlet und für solche erkannt hatte, womit der Amor die Flügel der Psyche bekielt, wuchsen offenbar, als ich dem Fittich weiter nachgriff, aus der Schwinge eines Engels und versprachen viel. Es kann doch wahrlich nicht für gar nichts gerechnet werden, daß sie dem Beichtvater und seinen Beichtkindern -und noch dazu mit einer Freundlichkeit, die ich noch sehe – ihr Schloß als ein Leihhaus aller Möbeln auftat; ferner, was ich noch gar nicht gesagt, daß sie der Köchin gern alle Hasenbälge und alle Aschen-Krüge des Ofens von jeher ließ als Gnadenholzasche und Gnadenbälge, und daß bisher kein Mensch im ganzen Dorf sich an die Arabesken und Zerrbilder Zerrbild ist die Campische Version von Karikatur. Kein Schriftsteller wird die Campischen unverständlichen Verdeutschungen verständlicher Termen öfter gebrauchen als ich, weil ich die Termen behalten und die Verdeutschungen auch annehmen will. Man hat kaum Halbfarben und Halbtöne genug; ich empfange also mit Freuden neue Viertelsfarben und Viertelstöne. Allerdings werd' ich noch einen niedrigen stechenden kaltblütigen Menschen mit einer Herzkammer ein »Insekt« nennen, ob es gleich Campe verbeut; aber ich werd' auch gern, wenn ich die Mitteltinte einzumalen habe, daß dieser Mensch viel Schulden oder Sünden auf dem Kerbholz hat oder daß er selber ein Bruch der Natur ist, mit Campe verdeutschen und schreiben: Kerbtier ; man passe auf! und Phantasieblumen ihrer Affektation versehrte und stieß als ein einziger Falschmünzer, der sie mehr täuschte als sie ihn (ich nenn' ihn nicht) und der ihre Gefallsucht für Eroberungssucht , ihre Revue für eine Winterkampagne nahm. Eine Bemerkung, womit ich alles dieses noch bewähre, ist sehr treffend, die: daß ich das unausstehliche gezierte Wesen, das oft bloßen Novizen und Inzipienten der Bildung und Leuten auf dem Lande und in der Einsamkeit beiwohnt (indes Geselligkeit nur konvenienzmäßige, nicht persönliche Ziererei verstattet), immer am Ende so abscheulich nicht gefunden habe als am Anfange: der aufgelaufene Schaum eines lang verpetschierten Getränkes kroch bald zusammen, und ich hatte das beste Kordial vor mir stehen. Affektation wohnt hundertmal nur auf der körperlichen Rinde (als Nachlaß schlechter Erziehung, schlechter Muster etc.), und nicht im geistigen Mark, und dieser Wurm naget an den Menschen wie der an Erbsen wenigstens den Keim nicht entzwei; daher beide, wenn nicht zum Genießen, doch zum Treiben guter Früchte taugen. Ich komme zur Geschichte. Amanda spielte und sang alte rührende Sachen, ich hörte rührend zu. Auch sann ich mir unter den Liedermelodien hingeworfne Lobreden auf die häufigen Blutreinigungen ihrer Zimmer aus und auf ihre ganze weibliche Humoralpathologie des Hauswesens: denn alte Jungfrauen heiraten die Ordnung, alte Jung- und Altgesellen die Lüderlichkeit; jene sind ein ewiges Fegefeuer, Fegewasser, Fegeelement, diese machen eines nötig. Ich verhalt' es nicht, ich wollte die Wunde meines Gewissens vergeblich mit Schlußketten vernähen, oder doch – wie man Hautwunden mit Spinnengewebe stopft – das Bluten mit dem Spinnengewebe des Trostes stillen, daß Amanda ja morgen bloß durch mich den unschätzbaren Anblick des Fürsten und später die Briefe erringe. Besser würd' es mir zugeschlagen haben, hätt' ich mit der Liebe herausgehen dürfen, die ich eben empfand; aber ich konnte damit neues Unheil anstiften. Das Singstück – worin, wie gewöhnlich, der Komponist und der Dichter sich wie Eheleute, ohne einander zu kennen, verbunden hatten und zankend nebeneinander hantierten – griff mich am meisten an, weil ich zu Amandens verjüngten Mädchenbilde an der Wand hinaufsah und mir vorstellte, das Porträt singe. Indem ich zwischen dem jugendlichen und zwischen dem veralteten Gesicht hin- und hersah, so war mir, als verglich' ich die Freude mit dem Gram, als richtete ich in einem Dezember ohne Schnee den Blick vom reinen blauen Himmel des Frühlings wieder auf die leere erstorbene zerrüttete Wintererde. War denn nicht der frische Pastellstaub, den die Kunst auf den Papillonsflügel des Kindes fixieret hatte, unter den groben rauhen Griffen des Lebens von den nackten kalten Flughäuten abgerieben? – O wenn vor der Mutter dieser umsinkenden Tochter (dacht' ich, als ihr Lied verwelkte entblätterte Tage betrauerte) vormals gerade in der Stunde, wo sie das lachende gleißende Bild ihres Kindes bewegt anblickte und seine lichten Augen, die zugleich genossen und hofften, und den geröteten, an warmen Freudenstrahlen gereiften Mund und diesen ganzen kleinen Planiglob einer frohen Schäferwelt, wenn dann vor der träumenden Mutter ein böser Genius schnell diese dunkle verlassene Gestalt, dieses von den Blattminierern der Sorgen ausgesogene und gerollte Gesicht vorbeigezogen hätte und wenn ihr neben den Blumenstücken ihrer mütterlichen Hoffnungen dieses Blätterskelett und diese Bildernaht ungezählter Schmerzensstiche erschienen wäre: o wie heftig würde sie jede männliche Faust, die die fressenden Giftfarben zu diesem Bilde rieb, zurückgeworfen und das unschuldige lächelnde Kind an sich genommen und gesprochen haben: »Sei fröhlich, sei fröhlich, Tochter, solange du noch bei mir bist: ach du Arme bist nur in der Kindheit glücklich.« Wenn ich neben Menschen stehe, deren Erinnerung von ihrem Garten des Lebens ein sinesischer Garten mit zu vielen düstern Partien, voll Pfeiler mit Trauergeschichten beschrieben, voll Eulen und voll Zypressenwälder ist, dann phantasier' ich mich in ihre Phantasien und bringe ins Gemälde ein Gemälde, ins Schauspiel ein Schauspiel – und dann, wenn schon die eigne Vergangenheit mit einem erweichenden Mondlicht über den Hintergrund der Seele aufgeht, so wirft die fremde noch bleichere und trübere Strahlen und ist eine von der Wasserfläche wiederholte, tief unten schimmernde Mondnacht. – – Jetzt aber konnt' ich den Pinsel, womit ich bisher der Getäuschten die vorigen Trugbilder ausmalte, nicht mehr in Händen halten: ich schied für heute und sagte ihr, da noch dazu der Kapuziner seine Nachtmütze über sich gezogen hätte Eine bekannte Art Wettermännchen, die ihre Kapuze über den Kopf ziehen, eh' es regnen will. , so wollt' ich noch, ehe der Himmel sich wie dieser bedeckte, ihn genießen und früher in das Dorf als in das Bette gehen. Das kühle Souterrain des Tages, die entglimmende Eisgrube der Nacht umzingelte mich mit ihren schwankenden Zaubergestalten, und das Sphären-Euphon der gestirnten Natur wurde über mir gespielt; aber das dissonierende Intervall der Reue über meine heutigen Täuschungen verschmolz kein Leitton mit der großen Harmonie. Endlich vernahm ich auch außerhalb meiner Phantasien einen vielstimmigen Gesang. Er zog und führte mich, und ich ließ mich gern von ihm an das mit Fensterläden versperrte Pfarrhaus bringen, worin die sanfte musikalische Akademie ihre Sitzung hatte. Durch die leuchtende Ladenfuge konnt' ich die ganze, um einen Tisch gehaltene Singschule von Eltern und Kindern und Enkeln besehen und prüfen. Mein Blick reichte sogar bis in die offengelassene Gesindestube hinein, worin die leis' nachsingende Alithea, gleichsam abgetrennt und noch nicht auf die Familie gepelzt, einsam die Falltüre eines Bettisches aufhob, der wie unsere Erde zugleich den Schlaf und die Speise trug. Ich konnte leicht bemerken, daß ihre Lippen so schwarz wie ihre Augen waren, da sie einen Brei von schwarzen Beeren wie Pillen erst kurz vor dem Bettegehen genommen hatte, weil sie anstand, am Tage mit verkohlten Lippen herumzulaufen. Alles war, so spät, noch an ihr nett und glatt, sogar der Sonnenweiser ihres Halstuchs-Triangels zeigte noch gerade auf das Rückgrat nieder. Am Tische nahm ich die drei Professionisten und hinter ihnen die über ihre Achseln ins Gesangbuch schielenden Weiber und oben den Adjunktus wahr, der seiner gebückten Mutter, die für ihn noch so spät ein heute von einem Brautpaar dieser Woche verehrtes Schnupftuch einsäumte, den Zwirn durch das unsichtbare Öhr einfädelte. Den betenden musikalischen Familienzirkel durchbrachen die kleinen, auf den wiegenden Knien entschlummerten und an Eltern-Herzen gesunknen Kinder, wie unter der lauten Kirchengemeinde die taubstummen Toten liegen und schlafen. Der Greis aber saß mit dem unverhüllten Silberkopf allein in einem dunkeln Winkel und sang die Danklieder auswendig – denn über seine Augen begann schon der Schleier des Todes vorzufallen, so wie man zum tötenden Boa-Upas-Baum mit zugehüllten Augen geht. Sein Haupt bog sich nicht, sein Blick senkte sich nicht, als er täglich tiefer in die Minotaurus-Höhle des Alters hineinging, in der der Schwertstreich des Todes ihn suchte im Finstern: sondern er streckte nur liebend seine Hand zurück, um seine treue alte Gefährtin nicht zu verlassen und zu verlieren, und aus der reichen Erde wollt' er nichts mehr behalten als ihre bekannte teuere Hand. Aber sein ungetrübter fortglänzender Geist trug ihm wie einem Reisenden In erhabenen Gegenden nehmen einige Reisende Spiegel, um die Reize der zurückgelegten Bahn zum zweiten Mal vor das fliehende Auge zu bringen. in den nächtlichen Höhlen einen Spiegel vom ganzen langen durchgangnen, mit Auen und Ernten, mit Blumen und Ähren durchschnittenen Leben vor. Nur Theodosia schien sich mit lauter schweren tauben eingeschlafenen Gliedern auf das letzte Lager zu begeben; aber ihr heißes Herz war wach: o in diesem Herzen – das sagte ihr Auge – hatten viele Abrisse der idealischen Welt und dreischneidige Schmerzen und hohe Wünsche gewohnt, die viel zu edel waren, um einzutreffen. Ach als ich dieses beruhigte Paar, das ohne Ängstlichkeit das Glöckchen zur Torsperre des Lebens ziehen hörte, weil es wußte, daß über den zwei Höhlen seines in Holz gefaßten Erdenstaubes ein weiter, von ihm gesäeter, lebendiger Menschengarten sich grünend ausbreite, als ich diese zwei Nach-Schöpfer des verhüllten Ur-Schöpfers mit der vergessenen, einsam aussterbenden Amanda drüben verglich: so kam mir die stille Verarmte noch ärmer, ihre Räuber noch härter und alle ihre Wunden geöffnet vor, und meinen optischen Betrug, der mich stärker verklagte, löschte die verdienstliche Hoffnung nicht aus, morgen aus dem Freudenhimmel der heitern Familie um mich die letzte Wolke zu treiben. Die Dankgesänge beschlossen – der Mond, der wie ein Mensch die ersten und die letzten Grade seiner Laufbahn schneller durchläuft, glänzte schon weiß und rein auf den scharfen Dächern – die Menschen waren ausgelöscht wie ihre Lichter – die Arme drüben, die noch niemand als sich unglücklich gemacht hatte, schloß ihr Fenster zu, und der Schein ihres Zimmers verging, und sie selber, die wahrscheinlich einer fremden Freude nachgesungen hatte, fiel schweigend an die sanfteste Lage ihres Lebens zurück – und da mir vorkam, als fiele ihr Leben, das aufgegangen war wie ein Tempel, über ihr zu wie ein Sarg: so ging ich traurig in ihr dunkles Schloß zurück. Vierter Hirten- oder Zirkelbrief worin die drei versprochenen Ausschweifungen gemacht werden   Mein Lieber! Hier folgen endlich die drei verheißenen Abhandlungen. Indes steh' ich nicht dafür, daß ich nicht einmal in einem meiner neuesten Werke öffentlichen Gebrauch davon mache. Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde; Briefe sind nur dünnere Bücher für die Welt. Ich will wie Heyne und Heidenreich die Abhandlungen Exkursus nennen. Mein erster Exkursus über den Kirchenschlaf ist dieser: Viele wollen ihn nur auf lange Buß- und Fasttage einschränken, weil nach den Ärzten Schlaf Hunger und Durst und Sedes nimmt. Ich glaube aber gerade umgekehrt, eben weil man bei leerem Magen am gesündesten und ruhigsten schläft, wird das Essen an Bußtagen verboten. Ja Kirchenschlaf ist das erste, worein ein Kanzelredner einen Menschen bringen muß, den er aus dem Gewissensschlafe haben will. Denn will er Zuhörer, die hereinkommen, um sich nach acht Tagen geistlich zu häuten – wie der Frosch sich nach ebenso vielen körperlich ausbälgt –: so kann er ihnen den alten Adam wie Kindern nicht besser als im Schlummer ausziehen, wie man dem Dalai Lama die Nägel nur beschneiden darf, wenn er schnarcht. Will er seine Beichtkinder beobachten: so sagt Lavater, daß Schlafende am besten physiognomischen Observationen halten und dienen. Will er wie Alexander erhärten, daß der Mensch ein Mensch sei (nämlich etwas Gebrechliches): so hat er von den drei Beweis-Mitteln, womit es jener dartat, nur eines übrig, den Schlaf, und er kann dem wachen Mitbruder den entschlafnen von der Kanzel zeigen. Will er einem unbußfertigen Schächer die Hölle recht heiß und den Teufel schwarz abmalen: so wird sich dieser Donner im Nachhall des Traums um vieles verstärken, und der Sünder erwacht getroffen und in Morgenschweißen; so erzählt auch Isibord Breviar. num. 26. , daß bei einem Benediktiner die geträumte Einnahme einer Purganz, die er im Wachen nehmen wollen, so gut an- und durchgeschlagen, daß er am Morgen gar nicht nötig hatte, die rezeptierten Pillen zu nehmen. – Ein anderes ist, wenn er eine Trauungsrede auf dem Altar hält: hier kann niemand schlafen, der steht. Dieses führet mich unvermerkt auf den zweiten Exkursus von Traureden . Wenige aus den höhern Ständen treten in die Ehe, ohne die Absicht, solche nachher ordentlich, wenn nicht zu brechen, doch aufzuheben; – und dennoch versäumen es die meisten im Ehezärter und setzen darin (wie sie offenbar sollten, wie Rekruten in längern Kapitulationen) es mit keinem Worte fest, wenn sie eigentlich wieder auseinandergehen wollen. Daher laufen ebenso viele trockne Scheidungen durch Feuer vor der nassen durch Dinte voraus; daher die jahrelangen Martern, daher die offnen Schäden des Herzens; daher der Henker und seine Großmutter. Warum bereitet denn, wenn nicht der Strohkranzredner, doch der Trauredner das junge Paar mit keinem Wort auf die Scheidung vor, die der Tod und das Konsistorium drohen? – Könnt' er es nicht zum geduldigen Ertragen dieser Ehe-Wetterscheide ermahnen? – Könnt' er nicht sagen, was der Zweck der Ehe sei, nämlich der, sie abzustellen, wie der Zuckerbäcker seinem Lehrjungen die Süßigkeiten nur erlaubt, um ihm alle zu verleiden? Kann er nicht wie Epiktet die Brautleute bitten, nie ihr Herz aneinander zu hängen, sondern ans Scheiden zu denken? Ist dem Hochzeitredner der Zweck einer lutherischen Ehe so wenig bekannt, daß er vergessen kann, daß eben die Trennung unter die Unterscheidungslehren unserer Konfession gehört, eine Fundamentallehre, die in unsern Zeiten der papistischen Proselyterei ein jeder eifrige Lutheraner durch seinen Wandel in erhabener Schrift gleichsam mit Punzen aussticht? – Allerdings liegt ein katholisches Ländchen oft mitten zwischen protestantischen Ländern, und die Stimme der Wahrheit geht ungehört darüber hinweg, wie in elliptischen Sprachgewölben gerade der kein Wort vernimmt, der nicht an den zwei Polen, sondern in der Mitte steht; aber welche Schande, wenn der Irrtum lauter wäre als die Wahrheit, die Pest ansteckender als die Gesundheit! – Ists zuviel, wenn ich von einem Hochzeitredner erwarte, daß er den Brautleuten nicht nur die Gefahren einer gegenseitigen Liebe aufdecke, sondern daß er auch die besten Mittel dagegen an die Hand gebe? Denn die gemeinen sind unkräftig: gute Pädagogen raten an, man solle Jünglinge und Jungfrauen oft einander sehen und sprechen lassen, um ihre wechselseitige Allmacht abzuschwächen, und auf diese Abschwächung durch Umgang wird in guten Ehen hingearbeitet; aber wie ist das in den weiten Palästen der Großen zu erreichen, die wie die Lazarette (wegen ähnlicher Bestimmung) gebauet sein müssen, welche nach Pringle gerade noch einmal so viel Raum, als die Patienten darin füllen, der Gesundheit wegen enthalten sollen? – Kann sich denn nicht der Trauredner, gesetzt er hätte einen schwachen Kopf, damit helfen, daß er die theologischen Gründe, die gegen die romantische Liebe vor der Ehe sprechen, versammelt und gegen die in ihr aufstellt? Denn alsdann könnt' er dem Bräutigam zeigen, daß Liebe einem Manne nicht anstehe, daß sie ihn so weich mache wie ein Weib, daß sie ihn sowohl gegen die Mängel des Gegenstandes als gegen alle Vorteile verblende, die auf einem Scheidebriefe liegen..... Das ist ein kleiner Predigtentwurf von einer Traurede meiner Art, und ich schicke ihn so gleichsam wie die hamburgischen Pastoren am Sonnabend in der Stadt herum. – – Mein dritter Exkurs soll den vornehmen Unglauben berühren. Es muß auffallen, daß ich ihn gar leugne, Bester! – Man darf nur zwei verschiedene Zeiten nicht vermischen, die vorige und die jetzige. Unter der Regierung Rochesters und seines Königs – und nachher unter der Regierung La Mettries und seines Königs, sollte man denken, habe reiner echter Unglaube geherrscht; man höre aber weiter. In Johnsons vortrefflichem Rambler, der für uns flüchtige Deutsche viel zu ernsthaft ist, hab' ich gelesen, daß der Ritter Matthias Hale , der ein religiöser guter Mann war, sich öffentlich für einen Bekenner des Unglaubens ausgegeben, um, sagt' er, mit seinen Schwachheiten keinen Schatten auf die Religion selber zu werfen. Das ist für mich der Schlüssel zum Erraten der damaligen Weltleute. Rochester, La Mettrie und tausend Welt- und Hofmänner wußten recht gut, daß sie einem Adam, Petrus und den lieben Engeln in nichts weniger unähnlich waren als im – Fallen ; aber sie hatten im Herzen ungemein viel Tugend und Religion: das seh' ich daraus, weil sie, um solche nicht durch ihre Handlungen zu beschimpfen, sich wie der obige Ritter Hale gerade für das entgegengesetzte Glaubensbekenntnis nicht ohne Schein erklärten. Dadurch gewannen sie noch dazu den Vorteil, daß sie mit allen Eisen- und Rostflecken ihrer Praxis nachher ihre Maske der irreligiösen Theorie beklecksen konnten, und sie erlebten das reine Vergnügen, zu lesen, wie die Geistlichen die Sünden dem Bekenntnis aufluden, die den Bekenner belasteten. An Höfen ist der Fall oft, daß man sich für eine Sache erklären muß, die man nicht anders hintertreiben kann als durch Ratgebungen, die sie zu unterstützen scheinen. In unsern Tagen hat das aufgehört: man zeige mir einen Maulunchristen oder Maulchristen von Erziehung. Ein Pastor primarius, ein Frühprediger, ein Zionswächter kann tagelang ohne Sorge mit einem Weltmann reiten, karten, sprechen: kein Wort über die Religion wird diesem entfahren, ja er wird nur höchst ungern die Wörter Gott, Unsterblichkeit, Keuschheit, Schamhaftigkeit Daher Cicero sagt, die Schamhaftigkeit werde nicht gern von einem Schamhaften genannt; – die Keuschheit nicht von einer Keuschen, sagt irgendeine fühlende Schriftstellerin. auf die Zunge bringen. In England wird jetzt leicht der Test geschworen, und jeder nimmt sein Abendmahl und sein Amt und beugt die Knie vor dem einen und dem andern – es gibt keinen Hofmann, der sich ein Bedenken machte, ein geistlicher Kurfürst zu werden, weil er vor der Mittagstafel des neugekrönten Kaisers ein reichsherkömmliches Gebet verrichten muß – oder der sich weigerte, König in Polen zu werden, weil dieser den Beisatz »der Orthodoxe « führen muß – ich sehe vielmehr täglich, wie die feinsten Leute nach dem Ruhm, orthodox oder gar allerchristlich von ganz Europa genannt zu werden, jagen und greifen. – – Aber genug, mein Bester! Mehr als dreimal hatt' ich nicht auszuschweifen. Meine Geschäfte halten mich ab, Ihnen künftig so fleißig zu schreiben wie bisher. Noch hab' ich auf meine vier Zirkelbriefe keine Zeile Antwort. Sind Sie krank? Leben Sie gesund! Ihr Jean Paul. N. S. Melden Sie mir nur mit drei Zeilen, ob Sie gegenwärtigen Hirtenbrief erhalten haben oder nicht: ich richte mich darnach. Fünfter offizieller Bericht Morgenmilch der Freude – Kirchgang – die funfzehn Strophen oder Stufen der Himmelsleiter – Weissagungen – Predigten – die Landkarten – der Buchdrucker – über das Schnupfen der Weiber – Goldschleien – neuer Akteur – Ende mit Schrecken und Freude Den Kunstrichtern, die ihren Eiszapfen als einen Feuermesser an meine und andere Sonnen legen, wie Lavoisier und de la Place aus wahrem Eise Pyrometer machen, steh' ich nicht dafür, daß ich mit dem Zentralfeuer, das ich in diesem Kapitel anschüre, nicht ihren Calorimetre und sie gänzlich zerstöre. Ich beleidige ihren Stolz, daß ich ihnen keine Langweile mache – denn moralisch und physisch sind Ausdehnen und Gähnen beisammen –; allein ich muß darhinter sein, daß ich mir einen ewigen Namen erschreibe; das brauchen sie hingegen nicht. Die gelehrten Zeitungen sind, gleich den politischen, Monatskäfer, nämlich Mai-, Junius-, Juliuskäfer, und können nicht schnell genug einander erstatten durch Nachwuchs; ihr längstes Leben ist vor ihrer Erscheinung, und man kann fünf Jahre lang von einer Rezension sprechen, die man – erwartet: ist sie heraus, so lebt sie noch einen Monat. So wühlt z. B. der Maikäfer unter dem Namen Engerling als Larve fünf Jahre unter der Erde und Saat; steigt er entpuppt, und fliegend heraus, so frisset er noch einen Monat, und dann ists um das Kerbtier getan. – Ich hingegen bin auf eine der längsten Unsterblichkeiten aus, da die körperliche Sterblichkeit jährlich so wächst. Man rennt jetzt so schnell durch die kurzen Jahre, daß man kaum Zeit hat, im Laufe seinen Namen an eine Buchhändlertüre oder auf einen Leichenstein anzuschreiben: vom Autor und der Tugend bleibt selten mehr übrig als der Name. Noch besser und feuriger aber würd' ich geschrieben haben, wär' ich wirklich dahin gezogen, wo ich mich einmal ansiedeln wollte – nach Paris: dort hat man nicht Zeit, sich durch drei Meisterstücke zu verewigen, durch eines muß man es erringen, weil dort die ewigen Freudenfeuer des Genusses den Lebensfaden versengen und die Guillotinen ihn zerschneiden, besonders als Robespierre über das Land mit dem Kometenschweif ging und ihnen jährlich fünf Festtage und David Schirmerischen Wanzentod zuwarf, so wie der Komet Whistons aus seinem Schweif Schwaden und Sterblichkeit und fünf neue Tage über die Jahre der Menschen schüttelte. Whiston beweiset wirklich, daß die zweistündige Berührung dieses Schweifs das Leben kürzer und das Jahr von 360 Tagen um 5 neue länger machte. Und eben diese Kürze des sterblichen Lebens, in der man das unsterbliche erangeln muß, sollte für mich (so scheint es) bei Rezensenten das Wort reden und es exkusieren, daß ich nicht nur so viel schreibe, sondern auch so gut. – – Um 4 Uhr läutete Scheinfuß schon die Gebetglocke und machte ganz Neulandpreis irre und wach – denn um 5 Uhr gehörte sichs –; aber er war selber beides und hatte so nahe am Proludium des Jubeltags keinen Schlaf und unter dem Morgensegen keine Andacht. Meinen Kopf klingelte er auch vom Kissen ans Fenster: es war noch nichts zu hören und zu fühlen als der Küstenwind des Morgens, der die Goldküste der Aurora kühlte, und nichts ging noch im Pfarrhause herum als das Nachtlicht, wahrscheinlich mit Alitheen. Ich schlug mir ein Morgenlicht und setzte mich vor meinen Dintenbock und sein Herz und streckte den Legestachel des gegenwärtigen Appendix aus: denn hab' ich solche Geschichten unter der Feder, die noch nicht ganz vorgegangen sind, so mach' ich so lange, bis sie sich begeben, Ausschweifungen, Schalttage, Hirtenbriefe. Gerade als man die Fensterläden aufstieß, war ich mit dem vorstehenden vierten Zirkelbriefe zustande. Da die Arbeitsstube das schönste Vorzimmer in dem Pavillon und der Sommerstube der Freude ist: so sollte ein Gast durch eine Arbeit, es sei eine nürnbergische oder Lyoner, wie durch ein dissonierendes Intervall die harmonischen Grundtöne des Vergnügens lieben – unser Herz verwirft so gut wie unser Ohr (Lebens-)Fortschreitung durch Oktaven oder Geigen-Quinten. Ich setze daher in jedem Sinne über jeden prunkenden Festtag einen halben Feiertag; nur muß sich die Rangordnung umwenden und die Feier nachmittags anfangen. Mit dem Morgengewölke legt' ich zuletzt das Frührot auf meiner Stirne auf, den bekannten Esenbeckschen Zodiakalschein, die rote Zorn- und Zündrute. Es war ein besonderes Glück, daß ich, da diese feurige Zunge ein wenig rechts überschlug, das noch wußte, nachdem ich mich schon abgewaschen hatte: sonst hätt' ich mich mit einem linken Klinamen des Penduls nicht bloß ungemein lächerlich machen können, sondern auch verdächtig. Dennoch sah Gobertina, als der Schönfärber vor ihrem Kaffeebrett erschien, mir lange auf die Stirn und deren Rötelzeichnung: »Ich weiß es recht gewiß,« (dacht' ich und sah in den Spiegel) »der Strich flektiert sich rechts.« – Ich war heiterer als gestern, sie auch; sie dachte an ihren heutigen Glanz, ich an meine heutigen Verdienste. Auch war es mir von Herzen lieb, daß ihr Lebens- Monodrama sich einem britischen Trauerspiel näherte, das, trotz alles Blutens und Weinens in der Mitte, doch nicht nur einen lustigen Prolog voraus-, sondern auch einen ebenso spaßhaften Epilog nachschickt: ich hatte das Verdienst dabei. Gerade als wir uns beide zum Abzug in die Pfarre anschickten, als ich schon meinem Menschen anbefohlen hatte, creme de Bretagne von Hampe nicht zu sparen, sondern die Stiefel und den Schwanzriemen tapfer zu wichsen und unter der Kirche die Schaugerichte und die Goldschleien ins Pfarrhaus zu schaffen: so schritt Scheinfuß herein und invitierte uns dahin. Der Schuldiener hatte heute, statt der Biersuppe im Magen, warmes Bier im Kopf und hielt sich im ganzen für den – Jubilar selber: die Promotion war zu schnell, der Mann zu schwach – ach der innere Mensch schwindelt wie der äußere, wenn er sich zu hurtig aufrichtet. Der Schulherr fing langsam an: »An einem solchen feierlichen Tage werd' ich aus dem hochehrwürdigen Pfarrhaus abgesandt, Ew. beide Gnaden einzuladen zu einer Tasse Kaffee, und nachher dem heiligen Werk in dem Tempel mit uns allen beizuwohnen und zu vollenden. Ein wichtiges Jubelfest! ein exzellentes! – Und für Kirchenmusik hab' ich in etwas gesorgt – der junge Hasler, gnädiges Fräulein, paukt, und der Schmieds-Tobias schlägt die Orgel: denn ich muß den Takt schlagen und bin der Bassist und dirigiere alles, weil ich die Partitur vor mir habe.« – Gobertina fragte ihn menschenfreundlich nach der Tonart und dem Musikschlüssel im Pfarrhaus; er versetzte: »Jubel hinten und vorn! Aber freilich die Pfarrmamsell (Alithea), die greint erbärmlich! Mamsell, sagte ich heute zu ihr, es gibt ja alte Jungfern, die noch immer auf ihren Mann aufsehen: warum bricht denn einem so jungen Blut wie Ihr das werte Herz? – Und dann sagt sie allemal: sie verließe sich gern auf mich, ich tröstete.« Der Schuldiener und -meister harrte auf unsern Mitgang: wir traten ihn an, nachdem vorher das Fräulein einen blonden weißfarbigen Frönersbuben als Großalmosenier und Kollator ihrer milden Stiftung eingesetzt und ihm eine papierne Armenbüchse, mit einem Pfennigkabinett gefüllt, gelassen hatte, damit er mit dem Gelde das Bettelvolk dotierte unter der Kirche. Der Schulherr entsprang uns am Bache in sein Haus, er sagte, er müsse auf den Turm laufen, um herabzublasen. Ingenuin kam uns im Pfarrhaus entgegen, dessen Hühnerviehe und Hofhunde der Hof verboten war, damit die Beichtkinder leichter aus- und eingingen. Durch die Sternbilder froher neugieriger Enkel-Gruppen kamen wir endlich ins Zimmer vor den im bunten Hof aus Kindern strahlenden Sonnenkörper neben seiner blassen Luna. Feierlich lächelnd, aber mit einer abwesenden und an höhern Gedanken hängenden Seele empfing uns der Greis, und er machte alles um sich her so ernst, daß ich nicht begriff, wie der Petschierstecher einen Kuchentriangel anbeißen konnte, und mir war, als äß' er in einem Kirchenstuhl. So sieht, sagt' ich zu mir, ein unerschütterlicher Freund aus! Diese breite gewölbte Brust wankte nie am geliebten Herzen, dieses dunkle, aber scharfe Auge schlug sich nie beschämt nieder, diese steilen Augenknochen sind das steile hohe Ufer eines tiefen, aber hellen Sinnes. Diese Gestalt hat ein Mann, sagt' ich, der im magischen Kreise der Tugend, ohne aufzustehen, fortkniet, wenn die gaukelnde Nacht ihm mit überrennenden Wägen und mörderischen Larven droht. Die zweite Welt hatte ihn mit der ersten befreundet, und das Alter bückte seine Seele, mehr wie sonst die Jugend, nach den letzten Blumen der Erde nieder. Sein Amt und sein Herz hatten ihn mit dem großen festen Land hinter dem Leben und hinter dessen Fluten so einheimisch und vertraut gemacht, daß er sich jetzt wie der Demokritus vorkam, der achtzig Jahre aus seinem Vaterland weggewesen, um Kenntnisse einzutragen. Nur er verdiente die funfzigjährige Liebe seiner Lebens-Genossin: er war ihre erste Liebe gewesen und wurde jetzt ihre letzte, bloß den Zwischenraum hatte die mütterliche erfüllt. Jetzt da ihre Sorgen geendigt und ihre Kinder gesegnet waren: so kam sie im stillen Nachsommer des Lebens mit der Herbstrose der erneuerten Liebe an die unvergeßliche Brust zurück und drückte im Gatten alle ihre Kinder ans Herz; bloß von ihren zwei Töchtern, die der Tod in seinen eisernen Armen hielt, wandte ihr innerer Mensch die weinenden und liebenden Augen nicht ab. – Die Morgenuhr ihres Lebens hatte den Schatten auf schwärmerische Stunden, auf den Blumentau süßer Tränen, auf Morgenträume, auf überirdische Hoffnungen geworfen, und ihre Seele war emporgestiegen, um auf das ferne Grab herabzusehen, das noch nicht geöffnet ist: jetzt da die Abenduhr vor der ebenso tiefen Sonne einen ebenso langen Schatten wie am Morgen und auf die Ziffern desselben Namens wirft, jetzt rücken die gefärbten Schatten der alten Vergangenheit wieder vorüber, aber in Heiligenbilder verkehrt, und sie schmachtet nach der Sargmuschel unter dem Meer, in der ihre Träne , nämlich ihr Herz, zur festern Perle reift, und die Seufzer der ersten Tage voll Liebe wachen als Gebete auf. O so soll es euch auch sein, geliebten Freundinnen **, wenn die Nachmittagsstunden des kurzen Namenstags eueres Lebens ausgeschlagen haben! Frei, weit und klar blicke abends euer Auge um sich, wenn das Leben gelichtet und entblättert ist, wie man im physischen Herbste weiter und mehrere Dörfer sieht, weil das gesunkne Laubwerk keine mehr verbauet! – Ach es ist keine unter euch, die ich nicht oft in den Stunden der verheimlichten Rührung mit der Hoffnung angesehen habe: »O wie zauberisch werden einmal diese Tage zu deinem langsamem gelähmten Herzen umkehren! O wenn deine Lebens-Frühregen davongezogen oder herabgefallen sind, wenn dein Himmel und dein Abend blau über dir ruht und die letzte Gewitter-Wolke erkaltet ist, wenn dein Weg durch die flüchtigen Freuden nahe an der ewigen abbricht, dein Flug durch die 11 beweglichen Himmel am festen Die alten Astronomen ließen die Planeten und Sonnen von 11 Himmeln drehen, der zwölfte (das Empyreum) stand fest. : so werden die Verklärungen deiner Jugend von neuem entglimmen und die jugendlichen Erhebungen deines Herzens die veraltete Brust bewegen. O wie weich, aber nicht wund wirst du jeden Frühling besuchen und wirst sagen: willkommen, schöne Zeit, jetzt erinnerst du mich nicht wie sonst an den stummen stechenden Herbst des Lebens, sondern nur an den Frühling, den ich verlebt habe, und an den schönern Frühling, der mir nie verblüht.«...... Und dann wenn sie sanft weinend und träumend vom Spaziergange nach Hause kömmt, so fall' ihr dieses Blatt in die Hand und erinnere sie weicher an den Freund ihrer vorigen erhabnen Stunden, und sie leg' es hin, von hohen Erinnerungen innigst bewegt, und schaue die stumme Vergangenheit an mit großen warmen Tränen nicht nur der Wehmut, auch der Freude! – Alle Gesichter der Söhne schmückte und verjüngte eine feierliche Freude und eine erneuerte Liebe: nur die bange Alithea verbarg sich mit ihrem weinenden Herzen unter einsame entfernte Geschäfte. Die Söhne – ausgenommen Ingenuin, dem die Nachfeier des Amts näher als die der Hochzeit lag – wurden durch die schöne Nachkirchweih des elterlichen Vermählungsfestes wärmer und dichter an die ehrerbietige Empfindung ihres Ursprungs und ihrer kindlichen Pflichten gerückt, und die Erwachsenen wurden zu hülflosen dankenden Kindern verjüngt. Und aus demselben Herzen stieg die elterliche und eheliche Flamme neben der kindlichen auf: die Silbervermählung der Eltern machte ihnen ihre Kinder und ihre Weiber lieber und zeigte ihnen auch weit draußen im Alter, mitten unter dem Auskehrig und den Scherben der Jahre, einen reparierten geputzten Traualtar. Endlich fing die bunte Reihe den frohen Kirchgang an. Ich sah mich unter dem Ziehen draußen vergeblich nach dem ausgehenkten Gliede, das aus dieser beglückten Wesenkette fehlte, um, nach Alithea – und ich sah die Zurückbleibende einen Schritt vom Fenster mit freudigen Augen, deren rinnende Tränen sie zu trocknen vergaß, und mit zusammengelegten, gleichsam zum Gebete für alle Geliebte gefalteten Händen stehen, und als das Geläute anfing, wurde ihr der Schmerz oder die Freude zu schwer, und sie wandte sich um. Auf dem Turme wurden alle Glocken und auf dem Chore alle Orgelregister gezogen – und aus dem Schalloch zielte und schauete Scheinfuß als Hornist mit einem Parforcehorn in die heraufsteigende Sonne hinein (er wollte vergeblich unter dem Blasen niedersehen), und innen neben dem Glockenstuhl rührte zu seinen Füßen sein Ripienist eine schwache Pauke. Die geputzten Enkel kamen zuerst, dann die Kinder mit ihren Vermählten und dann Vater und Mutter, und die zwei Hinterräder wurden von dem Freudenmeister und dem alten Fräulein formiert, und beide machten als das einzige Zölibats-Paar einen erbärmlichen Absatz. Mehrere Beichtkinder gingen in einiger Entfernung gleichen Schrittes mit den ordentlichen Kindern; aber die meisten hatten sich am Kirchentore angelegt und angehäuft, und das rote Meer lief auseinander, um den Kindern dieses Israels den Durchgang zu lassen: das hohe unvermählte Paar sah wie der nachsetzende Pharao aus. Ich habe meine guten Gründe, anzuführen, daß ich unter der Jubelpforte einen scharfen Blick auf die gedruckte Liedertafel tat und daß ich auf dem einblätterigen Register den stählernen, wie an ein Abcbuch gebundnen Griffel, den spitzen Zeigefinger des jedesmaligen Liedes, heute in dem bekannten »O daß ich tausend Zungen hätte« eingestochen sah, ein langer Gesang von 15 langen Strophen. In Sackenbachs Kirchenloge war sowohl aus Höflichkeit geheizt als des Septembers wegen, über den die Römer wie über eine zweite Venus den Vulkan zum Herrn erhoben. Unter den Vorerinnerungs- und Initialliedern und Ermahnungen macht' ich imgeheim den Flachsenfinger Esenbeck und Amanden lächerlich und mehr als einen Hof. Indes der mittlere und niedere Stand die Surpluskasse, die Verlagskasse der Menschheit ist, gleichsam das Schiffswerft des politischen Schiffs: so ist der obere die wüste Region, der Brachacker der Menschheit und weiset wenig andere Kinder auf als moralische im Handeln oder physische aus Alter. Doch ist es billig, auf der andern Seite auch einzuräumen, daß ein Hof einem schönen englischen Garten, worin keine Bäume gelitten werden, die etwas tragen, näher komme als einer vollen Kernschule; und daß überhaupt die Menschen den Birnen gleichen, von denen die Obstgärtner bemerken, daß gerade die Kerne der feinsten nicht aufgehen, aber die der Holzbirnen gern. Die betende Alithea kam nicht aus meinem Kopfe und zum Unglück nicht in die Kirche, oder vielmehr zum Glück. Ich schäme mich nicht, es zu berichten, daß ich aus der Kirche hinauswollte – und es auch tat –, um mit der Guten ein vernünftiges einsames Wort zu reden. Es war mir freilich so gut bekannt als einem, daß nicht nur das 24. Kapitel des vierten karthagischen Konziliums Seml. Sel. capita. jeden in den Bann tat, der unter der Predigt herausläuft, sondern auch der Pfarrer, der sie hält. Aber ich konnte auch von den Karthagern und den Predigern fodern, daß sie Vernunft annehmen und bekennen, etwas ganz anders sei es, wenn einer nur aus dem Hauptlied läuft, um vor dem Kanzellied wieder da zu sein. Und das war mein Fall. Das Lied »O daß ich tausend Zungen hätte« war lang, wenn mans durchlas, geschweige durchsang. Es war ohnehin vorauszusehen, da Scheinfuß jede Strophe um einen Ton höher anstimmte, daß man sich mit diesem crescendo wie Gläser auseinanderschreien müsse. Da es noch dazu keinen ersten oder zweiten Sänger gibt, der nicht besser singt als ich, der gleich dem Papagei mehr ein Sprach- als Sangvogel ist, und da ich überhaupt nicht so lange über eine Zeile denken kann, als man an ihr singt (daher les' ich allezeit das Lied aufmerksam voraus durch und höre still der unverständlichen Gemeinde zu): so marschiert' ich frei aus der Loge ins Pfarrhaus und wollte als Paraklet mein Trostamt antreten. Alithea hatte durch die offnen Fenster eine stete Kommunikation mit der kirchlichen Singschule unterhalten, um leise einzufallen. Ich fiel auch ein, aber ins Haus. Ich sagt' ihr sogleich (vor Schrecken arbeitete sie fort und stark), ihre Augen voll Tränen, die ich unter der Prozession gesehen, hätten mich hergebracht, weil ich wüßte, ich könnte ihr unter dem Hauptliede einige davon nehmen und trocknen. »Christus hat«, sagt' ich, »(nach Robert Holkoth) in seinem Leben siebenmal geweint; ich weiß leider, daß Sie es in einer Woche ebensooft getan, an jedem Tage einmal. Aber Fräulein von Sackenbach hat sich Ihrer angenommen, und Sie haben große Freunde in der Residenz, wovon hier einer zu stehen die Ehre hat.« Ich hätte mein negligé raffiné darum gegeben, hätt' ich ihr zersprungnes Herz aus dem Briefschwerer und Preßbengel der drückenden Vexier-Vokation mit der Nachricht der wahren ziehen dürfen; aber der Fürst litt es ja nicht. Etwas tat ich doch. Ich bat sie, mir zuzutrauen, daß ich auf Träume wenig hielte, und mich nicht für abergläubig anzusehen, wenn ich meinen Traum in der vorigen Nacht nicht ganz verwürfe. »Es träumte mir,« sagt' ich, »die heiligen drei Könige wären ins Pfarrhaus gekommen und hätten Gold hingelegt und Hochzeitmusik aufgespielt und gesungen: › Sie darf nicht fort, sie soll nicht fort.‹ Auf solche Nachtwinde der Seele gibt sonst wohl niemand weniger acht wie ich; aber das werden Sie, Mademoiselle, so gut wissen wie ich, daß alles, was man in einem Hause träumt, worin man das erstemal schläft, wunderbar eintrifft.« – Vor großen Entscheidungen des Verhängnisses ergreift alle Menschen der Aberglaube: ich ersuchte sie um ihre Hand zu einer kleinen chiromantischen Visitation und Übersicht. Ich schlug die linke aus und bestand auf der größern – das ist die rechte bei Leuten, die damit an größern Tischen arbeiten als an Spieltischen –, weil ich alle Züge, woraus etwas zu nehmen wäre, sagt' ich, lieber mikroskopisch und entwickelt studierte. Ich hatte nicht lange in die hohle Hand und deren prophetische Handzeichnung geschauet, als ich Alitheen mein Erstaunen über diesen Fingerkalender der Zukunft, über diese auf der Chaussee des Lebens Weg-weisende Hand nicht recht mehr verhehlen konnte. »Gut,« (sagt' ich vor mir hin unter dem Examen und Tentamen) »der Berg Jovis, der Berg Veneris und selber Mercurii haben ihre Höhe – aber wahrhaftig Ehrenlinien von dieser Länge kamen mir selten vor, Ihre läuft über den Ballen heraus – und gerade so lang ist allezeit bei Mädchen die Glückslinie .« Ich schüttelte freudig den Kopf und hielt ihr meine Hand hin, damit sie darin meine elende kurze Wolle von Glücks- und Ehrenlinien vergliche mit ihrer langen: »Bloß die Lebenslinie« (setzt' ich dazu) »zieht sich auf meiner Rechten ungemein weit aus; das kann aber ebensogut bloß die Schriften, die ich damit mache, als mich selber bedeuten.« Ich sah nach ihrer Heiratslinie: »Sie haben sich heute verlobt?« fragt' ich. Sie schüttelte. »Unmöglich« (sagt' ich) – »die 12 himmlischen Interpunktionszeichen der Hand setzen hier recht deutlich die Verlobung auf den 18ten September, und den haben wir.« Sie beteuerte Nein. »Nun,« (sagt' ich kalt) »er ist noch nicht vorbei; denn der Verlobung entkommen Sie wohl heute nicht.« »Ich kann es gleich heraushaben«, fuhr ich fort und ersuchte sie, den Ring, den ihr bekanntlich der Verfasser der Pseudo-Evangelien und –Vokationen gemauset, an ihre rechte Hand zu stecken. Darauf zog ich sogenannte chiromantische Temperamentsblätter hervor, die, wie bekannt, das Temperament dessen, in dessen Hand sie liegen, durch Aufrollen bezeichnen; je feuriger er ist, desto mehr krümmt sich das Blatt. »Ein solches Zauberblatt, Mademoiselle,« sagt' ich, »ringelt sich immer mehr zusammen, je mehr die Hand, worein man es breitet, sich bald verloben und beringen will.« Ich legt' es vorher in meine halb erfrorne: das Blatt warf sich kaum so krumm, als ihre Augenbraunen waren; »ich werde noch«, sagt' ich, »zu passen haben auf ein hohes Beilager.« Ich drückte das sibyllinische Blatt in ihre von der Arbeit geheizte Hand: es rollte sich wie Rolltaft oder eine Schlange zusammen. »So sah' ichs noch nie zusammenfahren«, sagt' ich – »es stehen Ihnen heute die wichtigsten Dinge bevor, aber äußerst liebe und traute.« Ihre Augenwimpern waren ohnehin von jeher Saussuresche Feuchtigkeitsmesser aus Haaren; auch die Sonne des Glücks und der Freude zog bei ihr Wasser, und dieses Morgenrot und der vorige Nebel mußten in warme Tropfen zerrinnen. Sie war nur vom heutigen Tage übermannt: sonst hätte sie alle meine Weissagungen mit einem kalten Schweigen bestritten. Ihre Seele und ihre Zunge glichen der hebräischen Sprache, in der nicht einmal ein unreines Wort vorhanden ist – Theodosia war, was in Nürnberg ein Patrizius ist, die Kronenhüterin der Reichskleinodien ihrer Seele –; sie war gegen alle Menschen weich, und ihre Armenbüchse hatte statt der engen Bresche eine offne Türe, und sie hätte gern (das sah ich heute unter dem Liede) dem bleichen Handwerkspurschen nicht bloß die Almosenkasse, sondern auch die Almosenbüchse dazu gegeben und ihm den Opferstock geopfert; – nur hatte sie den einzigen Fehler, daß ihr nicht alles zu glauben war; sie brauchte vor dem andern nichts lieber als einen Schleier , einen Räuchopferaltar und ein Hörrohr . Die Mädchen halten die Lebens-Partie oder den bal paré und déparé des Lebens für eine Freiredoute und gehen, wenn nicht in einer masque en chauve-souris oder in einer noble masque, doch mit einer auf dem Hute oder am Ärmel herum und schreiben einem oft kein wahres Wort – in die Hand. Sie war indessen (wie es meistens ist) ebenso sanft als – falsch nicht sowohl als wie scheu. Sie trauete meinem Temperamentsblatt mehr wie meinem Gesicht, und meinen Weissagungen mehr als meinen Schwüren. Denn ich leistete einige der letztern ab, daß es ihr wohl gehen werde und daß mir das von Herzen lieb sein würde. Es kann nicht mit Stillschweigen übergangen werden, daß das Liederbuch aufgeschlagen auf der Fensterbrüstung lag und daß ich von Zeit zu Zeit wie auf ein Zifferblatt hinsah, um zu wissen, wie weit sie drinnen dieses hohe Lied für mich, dieses canticum canticorum, schon herabgesungen hätten. Vom Mandel Verse war schon die Halbscheid fort – beim 15ten mußt' ich wieder in der Loge stehen, weil der Jubelsenior die Kanzel heraufkam und sich gegen die Herrschafts-Empor verbeugte – ich hätte gewünscht, der Liederdichter hätte diesem Gelegenheitsgedicht die mäßige Länge eines Heldengedichts erteilt. Wie gesagt, ich tat Haupteide, sie werde heute noch jubilieren: ich unterstützte alles noch mit einigen Vernunftschlüssen in Festino und Ferison und gab ihr zuletzt ohne Bedenken mein Wort, ich harrete so lange in Neulandpreis aus, bis ich sie glücklich sähe statt reisefertig, und beteuerte, ich bliebe, um zu beweisen, daß sie nicht ginge. Die Neulandpreiser singen sich offenbar wie erfrorne Kurrentschüler oder laufende Leichensänger mit solchen kursorischen Galoppaden durch ihre Hauptlieder, daß sie jetzt schon – denn ich ließ mein Opernbüchelchen nicht aus den Augen während meiner hohen Oper – den 12. Versikel anstimmten. Der 15te zog mich, wie ein alter Zaubergesang den Mond, aus meinem Himmel herab: Mit ihren langen Augenwimpern zog sie mich gefänglich ein wie ein Federbuschpolype seinen Wurm: ich wurde von diesen schwarzen Spitzen durchschossen, sooft sie zuckten, es waren Froschschnepper für mich. Dea war erstlich ungemein hübsch, und zweitens sah ich sie nie mehr allein unter einem Hauptlied: das war ebenso klar. Meine Sing- und Konzertuhr im Tempel drüben schlug 13, nämlich den 13ten Vers. »Verdammt!« sagt' ich halb laut. Sie sah mich an. »Schön, verdammt schön! mein ich,« (sagt' ich) »ich singe ihnen drüben innerlich nach, jetzt haben sie den Leibvers.« »Drum reiß' ich mich jetzt aus der Höhle.« Ach mein tausendjähriges Reich, d. h. mein tausendaugenblickliches, stand noch auf den schwachen zwei Füßen von zwei Versikeln, und dann war der hohe Fest- und Pfingst-Sonntag in einen matten Fastensonntag umgesetzt. Ich drückte ihre Hand und sagte eilig: »sie solle nur die größten Beweise meines Anteils und der Wahrhaftigkeit, die sich daraus ergibt, abfodern; ich wäre erbötig.« Sie stotterte und sagte: »sie wüßte gar nicht, womit....«; sie wollte gar hinaussagen: womit ihre Wenigkeit eine solche kosmopolitische Menschenliebe von einem Flachsenfinger Herrn und maitre de plaisirs verdienet hätte. Aber ihr mangelte Diktion. Jetzt ließ sich die Leichenmusik und der Konduktgesang des 14. Versikels hören, und nun war weiter nicht mehr zu passen: in meinem erotischen Siechkobel lagen zwei Kranke, die ich herstellen sollte, Alitheen vom Stammeln, den Freudenmeister vom Reden. Es war mir bei meiner pragmatischen Aufmerksamkeit in der Staatengeschichte gar nicht entgangen, womit sonst die österreichischen Erz-Herzoge leicht das Stammeln heilten – nicht durch Berühren wie die fränkischen Könige, sondern durch Küssen. Der Minutenzeiger der poetischen Zeilen lief, der Sekundenzeiger der Silben flog – kurz ich eilte und prophezeiete: »Gerade so viele (zählen Sie selber) gibt Ihnen heute noch ein Bräutigam.« »Ja wenn der Mund wird kraftlos sein, So stimm' ich doch mit Seufzen ein.« Diese zwei letzten Zeilen des 14ten Versikels sucht' ich bei ihr so zu skandieren, daß ich ihnen einige poetische Härten benahm. Dann ging ich in die Kirche – und das Fräulein von Sackenbach war gerade vom Singen aufgestanden, um vor dem Jubilar, der noch gebückt an der Kanzeltreppe betete, sich zu einem Wechsel-Bückling zuzurüsten. Mir entfiel vorhin ein Wort vom zweiten Patienten, von mir. Ich meine nämlich ganz ernsthaft so, daß ein Mensch, der unter dem Hauptliede »O daß ich tausend Zungen hätte« den Wunsch äußert: o daß ich tausend Lippen hätte, nicht besser herzustellen ist, als wenn er letztere brauchen darf, wie er nur will. Hundertmal hätte eine hoffnungslose Liebe abgewendet oder die Verwandlung (der Anthropomorphismus) der Liebe in Freundschaft vollendet werden können, wenn die Geliebte nicht lauter verbotene Früchte, verbotene Blätter, verbotene Zweige gehabt, ich meine, wenn die Freundin dem Freunde nicht das versagt hätte, was ihm ein Freund gegeben hätte, wenn sie nicht auf Küsse und Worte einen Wert geleget hätte, der einen größern in Gefahr setzte. Aber leider versagen die meisten nur darum zu viel, weil sie entweder fürchten oder wünschen, nachher zu viel zu geben. Ich sah, der Jubilar war auf der Kanzel so einheimisch wie in einem Großvaterstuhl, und er verrichtete darauf nur seine Hausandacht. Er legte sich unbefangen seine Kanzelbibliothek zurecht und sah unter den Galerien herum, was drinnen sei, und zog die Brille aus dem Futteral zum Lesen. Dann fing er an. Ich hatte vorausgesetzt, er werde sich nach dem Kirchenrat Seiler richten und seinen Affekt nach der Menge der anwesenden Auskultanten steigern und ihn mit jedem neuen Kopf, der nachkam, schüren Seiler sagt in seinen Grundsätzen zur Bildung künftiger Volkslehrer S. 109: je mehr Leute in der Kirche sind, desto heftiger darf der Affekt werden, worein der Volkslehrer gerät. ; aber sanft hob er an, und heiter und sanft ging er weiter. Im Evangelio des 17ten Trinitatis, das vom Wassersüchtigen handelt, lag seine Proposition von der Demut des Menschen, wenn man es ein wenig enthülsete und abschälete, wie in einem Kernhaus versteckt. Ich hatte wieder fälschlich präsumiert, er werde bloß von seinem Jubel handeln: im ersten Teil vom Amtsjubel, im zweiten vom Silberjubel, im Elenchus vom Adjunktus, nachdem er vorher im Eingang den Sonnabend berühret hätte. Aber er ließ, wie gesagt, sein Ich an seinen Ort gestellt, der (nach Sömmering) der Gehirnhöhlen-Weiher für diesen Flußgott ist. Der Adjunktus saß neben der Mutter im Pfarrgitterstuhl und fing mit der Falle seiner aufgespannten Gehörknochen jedes Wort des Alten weg, nicht als Kritikus, sondern als gehorsamer Pfarr- und Beichtsohn: ich bin überzeugt, manche Predigt des Alten besserte ihn aus, ob er sie gleich beurteilen konnte. Ja da der Jubilar im zweiten Teile sich wie ich zu einem kleinen Extrablatt und Hirtenbrief entschloß und mit dem Laodizeischen Konzilium und mit Augustin gegen das unschuldige Sonntagstanzen einen geistlichen Kriegstanz machte: so bemerkt' ich nicht, daß der Sohn den Kopf geschüttelt hätte, ob er gleich in seiner Kritik der kirchlichen Liturgik nach kantischen Grundsätzen, als Waffenträger und Brautführer der Schönen, natürlicherweise auch der Vorbitter und Protektor ihrer Tänze geworden war. Auf der Kanzel nahm der Sohn seinen Vater für den heiligen Vater. Unter dem Kanzelliede überlegt' ichs hin und her, ob ich mich gleichgültig stellen sollte und frivol als Freudenmeister Esenbeck. Anfangs schien viel dafür zu sein: ich war ein Mann aus der Residenz, und für mich schickt' es sich wenig, Religion zu zeigen. Die ersten deutschen Kirchen standen in Städten auf – daher der Name Heiden, pagani (von pagus, Dorf) herkömmt –, mithin fallen sie in jenen früher wieder ein. In Norden Olaf Dalins Geschichte des Königr. Schweden. I. 372. wurden die Fürsten und Großen früher als ihre Sassen Christen (in Süden war der Weg umgekehrt); folglich konnten jene früher reifen zum Abfall: ich gedenke nicht einmal, daß die Religion wie jedes Geschöpf keinen bessern Wohnort haben kann als seinen Geburtsort, und der ist die Wüste . Herder nennt die arabische Wüste die Geburtsstätte der drei berühmtesten Religionen. Aber genauer betrachtet, schien eben dieses ein Motiv zu sein, warum ich mich zwar nicht aufmerksam, aber ebensowenig taub anzustellen verbunden war, sondern bloß kalt. Denn der gute Ton fodert, daß man von der Religion wie von sich weder etwas Gutes noch etwas Schlimmes sage; ja man würde den Verdacht, daß man welche hege, eher bestärken als vermeiden, wenn man sie nicht mit derselben höflichen Achtsamkeit betriebe und beschauete, die man den Silber-Sponsalien des Doge mit dem polygamischen Meere oder einer fürstlichen Fußwäsche an grünen Donnerstagen widmet. So behält auch jeder Weltmann Hochzeit und Taufe bei, ob er gleich weiß, wo er seine wahre Frau und seine wahren Kinder zu suchen habe. Ich konnte mich also darauf verlassen, man werde meine Aufmerksamkeit auf den Jubilar für nichts Schlimmers als die gewöhnliche verbindliche Gleichstellung eines Weltmanns nehmen, der sich bewußt ist, über die Religion hinweg zu sein, und der also den Schein derselben nicht ängstlich meidet. Doch darf ich hier eine sonderbare Besorgnis nicht bergen: wenn in Leipzig 1786 Schillers »Räuber« eine junge Knappschaft versuchten, sie nachzuahmen und sich mit den Spolien nach England reisefertig zu machen; – wenn in diesem England 1772 die Friedensrichter der Grafschaft Middlesex den großen Garrick baten, mit den Repräsentationen von Gays Bettler-Oper abzubrechen, weil sie neue Diebe erzöge; – wenn sogar der berühmte lüderliche Schauspieler Baron in Paris, sooft er einen Helden von Corneille gespielet hatte, sich halbe Wochen lang außerstand gesetzt sah, seinen parisischen und theatralischen Ausschweifungen vorzustehen; wenn das alles und mithin die allmächtige Reaktion des Scheins auf das Sein so unbezweifelt ist: so kann niemals, dünkt mich, ein Mann zu belachen (wohl aber zu beherzigen) sein, der Höfen und Residenzstädten die Frage vorlegt, ob sie gewiß sind, daß religiöse Anstellung nicht am Ende in Wahrheit umschlage. Ich gebe diesen Fall für nichts aus, als was er ist, für eine bloße Möglichkeit. Aber zurück! – Jedoch noch ein Wort über diese wichtige Sache sei mir zugelassen: hängen nicht die Großen, sogar die lutherischen, gerade dem schwersten Fundamentalartikel aus dem Papismus an, nämlich dem übermäßigen Fasten ? – Ja fasten sie nicht in den lichtesten Zeiten geradeso, wie mans in den schattigsten tat? Der Große im Mittelalter nämlich tat das Gelübde eines dreijährigen Fastens und erfüllte dasselbe in ebenso vielen Tagen, indem er bloß 700 Menschen statt seiner fasten ließ. Lassen nicht gerade die Großen, sogar die Fürsten, die doch genug zu essen haben, jahraus jahrein für sich fasten durchs Lumpenvolk, und ist wohl ihre Enthaltsamkeit von der übertriebnen einiger Juden, die in der ganzen Woche nur einmal, nämlich am Schabbes essen, weit entfernt, wenn sie ihre Fasten-Plenipotenziars (wozu wohl gar jene Juden mit gehören) nur am Sonntag essen lassen? – Zurück! – Ich entschloß mich also, meine wahre Aufmerksamkeit auf den guten Jubelgreis hinter eine scheinbare zu verstecken. Übrigens blieb mir noch allemal in dem Fall, daß mich der Greis zu sichtbar rührte, nämlich bis zu Tränen, unbenommen, den Kopf auf den Arm zu legen und zu tun, als sänk' ich in Schlaf. Gobertina würde mich des scheinbaren durch ihren wahren überhoben haben, wenn man sie in Ruhe gelassen hätte. Kaum war der Lärm des Kanzelliedes gedämpft, so kam der Wecker des Klingelbeutels in die Loge. Daher sollte man diese Personensteuer des Christenschutzes – wie es einen Judenschutz gibt – schon unter dem Hauptliede oder wie die Kalvinisten an der Kirchtüre zu erlegen haben, um nicht in der Predigt beunruhigt zu werden wie Yorick durch Stationsgelder in seiner Chaise. Kaum war dieses Wandel- und Sturmglöckchen hinaus und im dritten Kirchengeschoß, so wurden dem Fräulein, das vor Getöse die Augen kaum schließen konnte, diese wieder aufgezogen durch einen rasselnden Wagen, der durchs Dorf so heftig donnerte, daß ich dachte, der Fürst sitze darin, weil Fürsten gern alles schnell wie ihr Leben haben wollen, besonders Fahren, Referieren und Bauen. Daher ist es ein menschenfreundliches Polizeigesetz, daß in manchen Städten unter der Predigt kein Wagen das Pflaster rädern darf, weil wohl nichts eine stille Kirchenversammlung so stört als das. Schwers stach in die hebende Schwimm- und Luftblase des Menschen, daß sie zusammenfiel und er nicht mehr stolz aufsteigen konnte. Er zeigte gut, aber sanft und warm, worauf der Mensch stolzieren könne – auf Gold und Seide so wenig als die Mine und die Raupe, die beides früher tragen – auf den umgehangnen schönen Körper ebensowenig, da ihn ein Judas oft habe und ein Christus Nach Tertullian und Klemens von Alexandrien. S. Pertschens erstes Jahrhundert. oft misse und da sich in diesem Falle die verbuttete eingesunkne Hausmutter vor ihrer blühenden Tochter neigen müßte – man könne aber auch ferner ebensowenig auf Talente wie auf Ahnen prahlen, da beide ein Neujahrsgeschenk wären, aber kein Arbeitslohn und da der Ingenienstolz (Geniestolz) so ungerecht als der Bauernstolz (der Ahnenstolz nämlich) sei – Und worauf, mußt' er natürlich weiter fragen, kann man denn sich etwas zugute tun, wenn man es auf nichts darf, was man ist, hat und wird ? Darauf bloß, was man tut und will ; aber ach, das ist so wenig, die Minuten des Tages oder der Woche, worin wir eine gute Tat erwählen, werden so oft vom – Sekundenweiser halbiert, daß ein Mensch, der noch seine Wünsche und seine Freuden und seine Kräfte gegen seine Taten hält, diese beschämende Rechnung gar nicht anfangen mag, sondern dem unendlichen Genius statt des goldnen Buchs bloß sein schwarzes voll eigner Schulden reichen und sagen muß: ach ich habe nichts verdient als kaum – Vergebung. Mein innerer Mensch stand gebückt vor der schweren Wahrheit, und ich dachte gar nicht mehr an die wohltätige Fiktion meiner scherzhaften Promotion. Und dann wurde der ehrwürdige Greis immer weicher, und er kam stotternd auf den heutigen reichen Tag, der ihm alles zeigte, was er liebte und besaß, und alles belohnte, was er getan; und er sagte, obwohl nicht mit diesen Worten, aber doch dieses Inhalts: an diesem Tage, wo jedes Herz sich erhebe, sei das seinige nur erweicht, und seine Seele sei froh, aber demütig – er schaue in die 50 Jahre zurück, worin sein Lohn größer als seine Last, seine Ernte reicher als seine Saat gewesen – er schaue zurück wie von einem Grabe in die abgeernteten umliegenden Jahre hinter seinem Rücken, und er denke an die Schmerzen und Verdienste, die der Stifter des Christentums in 3 Jahren sammelte, und er blicke nieder und erröte und zähle seine nicht – Und hätt' er alle die guten Taten vollbracht, nach denen sich ein redlicher Mensch in zwei Stunden so sehr sehnet, in der einen, wo er sein Amt beginnt, und in der andern, wo ers beschließet: o Gott, so wären 50 fromme Jahre mit 50 heitern und reichen gekrönt und überwogen, das Amtsjubiläum mit dem Ehejubiläum. Und hier fiel er auf die Knie und dankte dem Geist hinter den unabsehlichen Himmeln für seine zweite Feier des Herzens, für die vielen Jahre, worin er an der sanften Hand seiner Gattin über die Hügel und Berge des Lebens gehen durfte – und für seine beglückten Kinder, zwischen deren Armen fröhlich geführet er und ihre Mutter sanft und ohne Trauer und scherzend an den bedeckten Gang unter der Erde gelangten – und für sein ganzes Leben dankte er dem Ur-Geiste strömend in Worten, strömend in Tränen und dann mit sprachloser erhabener Andacht. Und da jetzt seine errötende und zerrinnende Gattin, deren Name nie mitten in einer Predigt erschienen und die heute von allen ihren geliebten Menschen und von allen ihren seligsten Erinnerungen umgeben war, gleichsam unter dem letzten, zu schweren Freudenhimmel, den das alte Herz nicht tragen konnte, zusammensank – und da alle ihre Kinder und am heftigsten ihr geliebter Ingenuin große Tränen vergossen – und da die kleinen Enkel in unschuldigem Mißverständnis die Rührung ihrer Eltern so teilten wie einen Schmerz – und da die Beichtkinder, ungewohnt, ihren alten Lehrer über sich selber in Tränen zu sehen, und beklommen, weil sie einen lauten Dank in ihrer Brust verschließen mußten, einen ebenso innigen Anteil am Feste seiner Liebe nahmen als am Feste seines Amts – und da der Greis, von fremden Herzen und von der eignen Rührung überwunden, womit der Mensch jedes Fest begeht, das er zugleich zum ersten und zum letzten Male feiert, da er seine Augen zu seinen beiden über den engen tiefen Himmel der Erde erhobenen Töchtern aufrichtete, deren verklärte durchsichtige Schwingen die Flügeldecken aus harter Erde abgeworfen hatten in zwei nahe Gräber der Kirche, und da er, gebückt vor der Hoheit der Toten, sie anredete: »Seligen Kinder, kennt ihr eure Eltern noch, sehet ihr von euern Höhen unserer Feier zu? Aber bloß eine Minute steht zwischen uns und euch, und dann feiern wir alle nur ein einziges Fest und ein unaufhörliches« – – – : o wie groß standen dann die Wünsche und Bilder der unsterblichen Welt vor jedem weinenden Auge und wie klein die Qualen und Freuden der sterblichen! Jedes Auge hatte Tränen, jede Brust hatte ein Herz, und jeder Geist hatte Flügel, und unter so vielen hundert Augen war keines so verwelkt und ausgetrocknet, aus dem nicht die heiße Quelle der Rührung aufgestiegen wäre als sanfter warmer Regen für die nächsten Blumen und für jeden bessern Keim. Nach dem Schlusse der Rede wandte jeder eine stärkere Aufmerksamkeit auf die abgelesenen alten Gebete etc., um damit die vorige Rührung zu ernähren und zu verknüpfen; aber der Abstand war zu grell. Bloß als der Greis eine bezahlte Vorbitte für einen siechen Greis – am Schlagfluß lag er darnieder – tat, so veredelte sich die einfache Bitte zu einer doppelten, und die ganze Kirche schickte innerlich, im zweifachen Gebet, eines für den Greis hinauf, dessen Fußboden schon das Minierkorps des Todes unterhöhlte und lud: nur der Senior selber verfiel in seinen Bitten für andere nicht auf sich, ob ihn gleich die täglich aufsteigende Erde in seinen Adern und Gefäßen noch besser an sein nahes Lager in derselben erinnern konnte, als alle Erde im Purpursäckchen sonst die Kaiser ermahnte. Acacia, ein rotes, mit Erde gefälltes Säckchen, trugen sonst die konstantinop. Kaiser, um sich an die Erdscholle des Ursprungs und an die, die sie deckt, zu erinnern. Du Fresne Gl. gr. p. 38. Langsam, gleichsam wie das letztemal, ging er von der Kanzel. Dann fing ein Orgel-Adagio an, das graue Paar wie aus einer Familiengruft an den Altar zu rufen, damit vor ihnen Engel, wie Kinder, den vorigen Fest- und Frühlingstag der Liebe auf einem großen Morgenrot vorübertrügen. Und in die von den Jahren vollgeschriebenen Gesichter fiel ein roter Widerschein vom Frühling, der vorüberzog, wie in der ewigen Nacht des Pols ein tägliches Morgenrot über die Berge geht und ohne seine Sonne verlischt. Ihr Ingenuin trat auf den Altar, um seine Eltern einzusegnen. Und als diese das Dankgebet ihres Sohnes zum Himmel steigen sahen: so durchdrang eine unerwartete erhabene Erheiterung und Erhellung das Angesicht und das Herz des Greises und machte sein ganzes Herz zu Licht, in das ganze, vom Eise seines Alters überzogene Weltgebäude wurden wie in jenen Eispalast tausend große Fackeln getragen, und es schimmerte himmelan, und vom dunkeln Krater des Grabes wurde die Asche weggetrieben, und eine Demantgrube, die im eingesognen Schimmer untergesunkner Sonnen brannte, entblößte vor ihm ihre stille Farben-Glut – und er fassete fester die Hand seiner Geliebten an, um der nachglänzenden Jugend und Liebe nachzufliegen ins Land, wo die ewige wohnt. Aber seine Gattin war unaussprechlich erweicht – die Tage der Jugend waren Träume geworden und flohen mit einem Bildergewimmel vorüber – ach viele Hoffnungen flatterten voraus und überstreueten den Lebensweg mit Blüten, und wenige Freuden kamen nach und ließen nur einiges Fallobst zurück – aber was sie über den Flug der Zeit und über die langen, hinter die Flügeldecken der Nächte verborgnen Flügel der Tage tröstete und was ihre Tränen süßer machte, ohne sie zu stillen, das war jedes glückliche Kind, das sie erzogen hatte, und jeder Schmerz, den sie ertragen hatte und der durch die stille Geduld zu einer Tugend geworden war, wie die Perlenmuschel das in sie geworfne Sandkorn, das sie drückt, mit Glanz umzieht und zur Perle macht. – – Auf einmal hemmte eine neue Rührung Ingenuins sanften Segen, und der Strom in der Brust sperrte sich selber den Weg: Ingenuin stritt mit den unwillkürlichen Tränen und schien sein Auge vor einem Gegenstand zu hüten, der sie zu fließen zwang. Ich fand ihn: es war die arme verlassene Alithea, die sich zwischen andere Zuschauerinnen an die Kirchentüre gedränget hatte, um gleichsam von dem Nachklang und Nachhall der Äols-Harfe der Liebe einige Töne in ihr offnes Herz zu fassen. Ach diese Töne zogen Wunden darin, und jede Freude hing voll Schmerzen, und der Palmbaum bedornte seinen Palmwein mit Stacheln. Alithea war mit allen Zuschauern ihres Kummers so vertraut und befreundet, daß sie nicht errötete, ihn zu zeigen und zu erleichtern durch alle ihre Tränen. Endlich fiel der Vorhang vor diese Szenen der weichen Erinnerung – man zog wieder aus der Kirche, aber mit einem halb erleichterten, halb erschöpften Herzen – das Getümmel der Musik und der Menschen und der freie blaue wehende wärmende glänzende Himmel umfingen die Augen, aus denen die Nebel des Grams in Gestalt eines warmen Regens gesunken waren, mit Freiheit und mit hellen offnen Alleen der Zukunft und mit Leben und Kraft – der zweite Tempel der Liebe war aufgebauet, und die Sonne warf einen breiten Glanz in ihn, und niemand blieb betrübt, nicht einmal Alithea mehr, die wieder der Tumult des Gastmahls betäubte. Das erste, was das eingesegnete Paar im verjüngten Pfarrhause, in der neuaufblühenden Laube gaben, war ein elterlicher heißer Kuß auf Alitheens verweinte Augen. Ach in dieser Minute hätt' ich die Vokation des Sohns mit allen Freuden dieses Jahrs gekauft, um das Land der Liebe zu arrondieren mit einem neuen Augarten. Unsere ganze Kirchenschiffs-Mannschaft ging ins Erdgeschoß; im zweiten Stockwerk standen die nötigen Teller und Gläser und diejenigen Sessel, worauf man das kirchliche Vorlegewerk, nämlich die erste Kleider-Rinde abwarf. Unten in unserer Stube waren beinahe über drei lange Stubenbretter die Goldblättchen des Sonnen-Barrens ausgebreitet, und an dem Plafond schwankte das Deckenstück mit dem Schattensilber des Widerscheins gemalt, der von einem vorbeiquellenden Bach aufflatterte. Ich warf in jede Ecke dieser Stube, die das Kadettenhaus und der Treibscherben dieser Kinder und das Winterhaus der funfzig Jahre war, aufmerksame antiquarische Blicke. An der Wand hingen zwei homannische Spezialkarten, eine vom Fürstentum Flachsenfingen und eine vom fränkischen Kreise. Wahrscheinlich hatten sonst die erwachsenen Söhne ihre Länderkunde auf dem klassischen Boden von beiden geholt. Die flachsenfingische Karte war durch Entdeckungsreisen der Zeigefinger so sehr geschleift und wie Manschetten durchbrochen, daß wirklich vom ganzen Flachsenfingen, das alle deutsche Kreise wie ein Einschiebessen durchschießet, nichts mehr zu sehen ist als die Kreise allein. Franken fuhr noch schlimmer: durch die ewigen forcierten Märsche und Remärsche der Finger und durch das Rochieren der lehrenden und der irrenden Hand war das schöne Bamberg und Würzburg zu einer solchen tabula rasa abgeleert – indes das Gedächtnis der Kinder eine zu sein aufhörte –, daß ich nichts mehr darauf erkennen konnte als einen neuen Fluß oder Kanal, der die Saale, die Rednitz und den Main unverhofft verband: die Fliegen hatten den Strom nach ihrer bekannten Interpunktion oder punktierten Arbeit, die eine stereographische Projektion der Flüsse auf den Karten ist, als Flußgötter mappieret. Konnt' es mir unerwartet sein, daß auch die Reichsstadt Nürnberg – die so wichtig für Kinder ist, nicht sowohl durch die Spielware als durch die geographische Lage, da sie von Deutschland, wie Jerusalem nach den Juden von der Erde, der Nabel ist – völlig durch den Knochen- und Salpeterfraß der Zeit oder durch die Erdbohrer der Schreibfinger dermaßen weggebohret war, daß ich vom Solitäre nichts mehr vorfand als die preußische Fassung (die Angrenzung)? – Ich hob im Storchennest dieser Stube jeden Stecken auf und sah ihn an. In die eine Vertiefung war eine kurze Bank gemauert, auf der sonst die Kinder saßen, wie ich an den ausgehöhlten Nischen der Lambris ersah, in deren Stampftrögen der Fallbock ihres Stiefels gearbeitet hatte. Auf der Fensterbrüstung sucht' ich eingelegte Schnitzarbeit ihrer Hände auf. Auf dem Ofen stand eine aus einem Kartenblatt geschnittene Schneckentreppe, deren Zentrum auf dem Kopf einer Stecknadel ruhte und die die Wirbel der erwärmten Ofenluft umdrehten: es war die einzige tolerierte Spielkarte im Haus. Die alten Schreibbücher der Kinder lagen auf dem italienischen Dache eines Gitterbettes aufgebahret, als gingen diese morgen damit wieder zu Scheinfuß: bloß ihre Abcbücher waren als Fleißgeschenke in den Händen hausarmer Abcschützen. Die Weihnachts-Spielwarenlager der vier Herren Söhne wurden am heutigen Adjudikationstermin den zwölf Enkeln zugeschlagen und ausgehändigt, denen wie den Aposteln einer aus dem Dutzend fehlte. Ich und der Jubelsenior gingen als die Magnaten unter den Mannspersonen miteinander vor dem Essen auf und ab und beurteilten die jetzigen Kriegs- und Friedensplane; die drei Handwerker saßen, und Scheinfuß stand, und dieser besetzte Gerichtsstand beurteilte wieder, und der höfliche Ingenuin sprang den Weibern bei und stellte nicht den elendesten grand maitre de garderobe vor: inzwischen horcht' er manches von uns weg. Ich reizte den Jubilar zu Erzählungen, um meine zu behalten, d. h. meine Esenbeckschen Mythen: ich achtete ihn jetzt viel zu hoch, um ihn noch mit dem kleinsten notwendigsten Hokuspokus zu blenden. In seiner Seele war der ganze Wolken-, Sternen- und Freudenhimmel wieder licht und blau: die Gewohnheit macht in einem Geistlichen den Weg von der Rührung zur Lust gebahnt, und er rutschet die Himmelsleiter wie Matrosen einen Mastbaum so leicht herab als hinauf. Schwers gehörte ohnehin zu den Menschen, die (nicht mit einer leichtsinnigen, sondern mit einer starken Hand) das nasse Auge bald trocknen, so wie ein echter Demant nach dem Behauchen leichter wieder glänzt als ein falscher. – Er legte mir freudig den Bauriß auseinander, den er zu einem bessern Pfarrhaus von der Bauinspektion mit 30 Suppliken endlich erbettelt hatte: »Ich erlebe den Bau nicht,« sagt' er ernsthaft und gutmeinend, »aber meinem Kinde, denk' ich, soll es zugute kommen.« Ich sagte: »Sie sehen wie David den Aufriß des Tempels im Traum, aber sein Sohn Salomo kann ihn aufführen und betreten.« Er nickte und hielt es für Ernst und führte mich mit dem Ohrfinger in alle abgezeichnete Gemächer und Holzkammern des Architekturstücks hinein und sagte, er hoffe, darin sei schon Platz genug, etwas Hübsches aufzustellen. Er klagte, wie Landgeistliche pflegen, überhaupt über die fürstliche Kammer und führte das abgedroschene Sprichwort an: In Camera non est Justitia Das heißet: das Kammer- und das Regierungskollegium kommunizieren immer miteinander. , und über die Regierung, die mit jener aus einer Karte spiele, und über die Erbverbrüderung der Kollegien und Machthaber in Residenzstädten, wogegen kein armer Kandidat auf den Dörfern aufkomme. Dadurch frischte er ein elendes Kriegshistörchen in meinem Kopfe auf, das ich ihm gern erzählte wie jetzt dem Leser. Im siebenjährigen Krieg ritten durch einen Marktfleck schwarze Husaren, die, wie sich alle unsere Autoren ausdrücken – denn ihre Einkleidung ist die eines wandernden Simultan-Wachtrocks –, gern alle Blümchen pflückten, die am Lebenswege dufteten. Die Freudenblümchen, worauf die pflückenden Husaren stießen, waren Semmel und Blutwürste. Das Detachement, das vor dem Bäckerladen vorbeiritt, nahm jene, das andere, das vor der Fleischbank vorüberging, nahm diese als Geiseln mit. Als die terminierenden Detachements wieder nebeneinander ritten und jedes etwas anderes in Händen hatte, alliierten und konföderierten sie die Viktualien so: ein Held mit einer Semmel trabte auf seinem Pferd zu einem mit einer Wurst – er reichte seinem Sattel-Nachbar (man ritt immer weiter) die Semmel zu einem Abbisse hinüber und sagte: »Beiß, Kamerad!« – dieser hielt seinen Nahrungszweig, die Wurst, über das zweite Pferd und sagte: »Beiß, Kamerad!« – und so ritt und aß dieser Wehr- und Nährstand im Straßen-Pickenick unter gleichen Schritten und von einerlei und auf zwei Sätteln wie auf zwei Tellern weiter, wert, im Verse einer Borussias länger zu essen und zu reiten. – – Daran denk' ich, sooft ich sehe, daß in einem Korrelationssaal zwei Dikasterien oder auch zwei Fürsten, wenn sie nebeneinander reiten, einander Wurst und Semmel alternierend über die Pferde geben und sagen: »Beiß, Kamerad!« Endlich wurde zur Tafel weniger geläutet als gepfiffen (mit dem Munde), der Senior betete. Die Enkel hatten es bei den Müttern herausgebracht, daß sie an einer zweiten freiern Tafel, draußen am Bettische der Nebenstube, sich zusammensetzen und so viel Tunke und so wenig Brot, als sie wollten, nehmen durften, so wie bei der Krönung, aber aus schlechtern Gründen, der Kaiser mit seiner Krone an einen Tisch gesetzt wird, die Kaiserin an einen tiefern und an einen noch tiefern die Kurkonklavisten. Der Freudenmeister Esenbeck saß mit Vergnügen weit von seiner Kebs-Braut oder Speditions-Verlobten Gobertine ab, und sein rechter Tischnachbar war ein leerer Sessel oder Thron, worauf sich die schöne Adjunktussin selten setzte, weil sie tausend Dinge an der Herrentafel zu besorgen hatte und hundert an der Kinderbank. Suppe wie Kaffee feuchten jede menschliche Sprachmaschine elend an, daß sie verquillt und stockt; und nur mit dem Rauche von beiden zieht die stumme Langweile davon: hingegen wenn die Extrakte kommen, die unsere Sprachwalzen einölen, die Bischof-, die Punschextrakte, die Trauben-Auszüge, dann laufen in den anscheinenden Koch- und Tee-Maschinen die lauten Räder einer Sprachmaschine um, und jeder will des andern Bruder und noch dazu der Bruder Redner werden, und die feurigen Zungen sind nicht mehr zweizüngig, und die welken dünnen Infusionstierchen und Kleisteraale von Ideen leben von wenigen auf sie gesprützten Tropfen wimmelnd auf und rudern sehr – und es kommt immer ein vernünftiger Diskurs zustande. Der Langweile der Noachischen Suppenflut – oder wars dem ebenso beschwerlichen Sägeblock aus Rindfleisch? – hab' ich die Schreckenspost zu danken, die damals wie ein Maifrost mitten in meinen Wonnemonat mit Eiszapfen fuhr und die noch bis diese Minute ihren Gift behalten, da ich auch den jetzigen Mai des Lesers mit diesem Schrecken erkälte. Der Jubilar erkundigte sich nämlich, um nur eine Materie zum Reden an die Hand zu geben, was für eine Kutsche unter dem Gottesdienst durchs Dorf gerasselt sei. Kein Mensch wußt' es als der fatale Scheinfuß, welcher antwortete, er sei unter dem ersten Teile ein wenig auf den Gottesacker hinausgegangen, um nach den Chorjungen zu sehen, ob sie einander nicht mit Knochen erwürfen. (Welcher entsetzliche Falsarius! der Wirbelwindbeutel bleibt wie alle Kantores in keiner Predigt, er glaubt, er müsse, wie in einer andern Mühle, nur wenn der Same des Worts zusammengemahlen ist, mit seiner Orgel klingeln.) »Da hab' ich mich,« fuhr er fort, »als ich etwas fahren hörte, auf ein Grab gestellt und am Wappen es gesehen, daß es die Kutsche Seiner Durchlaucht wäre, und Höchstdieselben saßen auch persönlich darin und schliefen und machten sich eine Lustfahrt nach der Insel, wie ich vom Vorreiter habe.« Es ist die bekannte Insel der Vereinigung. Ungefähr wie Gichtmaterie setzte sich diese Schreckensmaterie in mein Handgelenk, und mein Löffel sank. Es war mir alles recht faßlich – von der entlegnen Insel konnte der Fürst heute nicht wiederkommen – es war überhaupt unbegreiflich, daß ich nicht eher weder die unwahrscheinliche Unschicklichkeit bedachte, daß der Fürst mit der Vokation als sein eigner Kanzleibote aufs Land fahren werde, noch die Möglichkeit; ihm sei eine so kleine Sache und ein mit so wenigen Umständen entlocktes Versprechen entfallen. Kurz das schien gewiß, daß wenigstens heute der Adjunktus noch keiner werde und daß morgen die Geliebte weinend fliehe. Das schmerzte mich. Der so oft erledigte heilige Stuhl neben mir hielt mir immerfort ihre morgendliche Auswanderung aus dem Vaterland der Stube vor, und ich hörte sie aus der Zukunft herüber klagen, und mich nagten die Hoffnungen, wodurch ich über ihre Knochensplitterung und Exfoliation nur ein dünnes Häutchen gezogen hatte. Alithea verbarg aus unschuldiger Eitelkeit den vertraulichen Rapport nur wenig, in den sie die Temperamentsblätter und das lange Lied mit mir gesetzet hatten; aber ich war innen zu versehrt, um die Früchte von Weissagungen zu brechen, welche Lügen wurden. In dieser Gleichgültigkeit gegen meine dürre unfruchtbare Rolle übersah ichs ganz, daß man meine zwei Schaugerichte, die Goldschleien und den alabasternen Tafelaufsatz – er stellte Tempelruinen vor –, gar nicht aufgetragen hatte. Die freundliche Familie verstrickte sich immer inniger mit allen meinen 40 Nervenpaaren. Ich schloß mit dem Hamstergräber einen wichtigen Kaufkontrakt über zwei Scheffel Hamsterkorn Man findet oft im Bau eines solchen unterirdischen Kornjuden 100 Pfund Getreide. : »Wir Esenbeck«, sagt' ich, »essen das Brot aus einer Hamster-Verlassenschaft ungemein gern.« Ich hoffte, dieser Hamsterschatzgräber sollte mich im Handel ansehnlich betrügen; indes tat er, was in seinem Vermögen stand. Gemeine Leute meiden und hassen den Betrug, ausgenommen den, den sie in ihrem Handwerk begehen können. Der Hamster-Spion war ein guter Nachbar, ein besserer Vater und der beste Hauswirt; aber ein wenig derb und sportelsüchtig: er glich der Flachsenfinger Bürgerschaft, die Christum ersuchen würde, die Teufel lieber in sämtliche Bürger als in ihre Schweine fahren zu lassen. – Was den Buchdruckerherrn anlangt, so sagte ich ihm, ich schriebe für die gelehrte Welt jährlich einige Manuskripte, und er sollte die Freude haben, eines zu drucken, das ich dem heutigen Feste zu Ehren betiteln wollte »der Jubelsenior«: er wird sich wundern, wenn er diese Zeile hier auf dem Aushängebogen erblickt. Es ist ein ehrliebender feiner leiser Mann, der sich nichts rühmt als seiner Schwachheit, nämlich seiner Kunst, und der mit den Benediktinern Nach dem 38. Kap. der Ordensregeln des heiligen Benedikts muß wirklich der Pater, der über dem Essen vorlieset, täglich dieses Gebet abschicken. täglich Gott anruft, er solle ihn nicht darüber übermütig und zum Narren werden lassen, daß er lesen kann. Er griff in die Tasche und zog vier Lot große R und ein Viertelpfund Gedankenstriche heraus: »Ich habe« (sagt' er) »nur nichts bei mir; aber Sie sollen sehen, was Berliner Druck ist und was meiner. Frau, du kennst meine grobe Sabon-Fraktur, die grobe Missal-Fraktur, die kleine Missal-Fraktur, ferner die Doppel-Mittel-Fraktur, ferner die Borgeois-Fraktur, auch die Nomparel-Fraktur – Frau, sage du, was zu sagen ist!« – Sie antwortete außer allem Kontext: »Und vom Setzen laufen meinem Manne die Beine erbärmlich auf. Wenn ich glücklich niedergekommen bin, so will er selber alles verlegen und seinen eignen Buchhandel anfangen.« – »Das können wir gottlob«, sagt' er ungemein zufrieden. »Im Grunde«, sagt' ich, »schwillet ein Schrift-Steller so gut auf als ein Schrift-Setzer, nur jeder mit dem leidenden Teil: ich weiß das von mir.« Ich hob (um auf etwas anders zu kommen) wägend die vier Lot Kapital-R auf und nieder, um so lieber, da es mein eigner Namens-Initialbuchstabe ist und da ich schon 30 Stunden, wie Brockes ein Gedicht von 70 Versen, ohne mein R vollendet hatte, wiewohl ich das Leben in den Tagen ohne R (z. B. als Seraphinenritter im ersten Appendix) wie Krebse in den Monaten ohne R am schmackhaftesten finde. Nichts ist wohl einem Menschen schwerer, als gleich dem Rektor Uhse eine Weihnachtspredigt, oder gar wie der Neapolitaner Cardone ein Gedicht von 2000 Versen unter dem Titel: L'R sbandita zu verfassen ohne ein einziges R. Unter die Vorrede dieses Appendix hab' ich meinen Namen mit einem R aus jenen 4 Loten setzen lassen. – Es ist leicht nachzuzählen und nachzuwägen, daß ich wirklich das ½ Pfund Schwersscher Gedankenstriche, dieser Gedanken-Exponenten, in gegenwärtigem kleinen Werk rein aufgebraucht: dieses Halbpfund war mir so lieb wie ein Gebind Gehirnfibern oder ein Strang und Dickicht Weisheitsbarthaare; denn Gedankenstriche sind die wahren Narben und Runzeln einer angestrengten Stirnhaut. – – Auf diese Art hatt' ich den drei Söhnen des Jubelgreises – denn der Pitschierstecher stach den Dante nach – etwas zugewendet; und der vierte war im Grunde noch immer nicht um seine Adjunktur: der Fürst hielt doch Wort, wenn auch erst übermorgen; nur ich blieb in einigen Lügen. Jetzt fingen in diesem Sitze der Seligen die Himmelsbürger allmählich an zu glänzen und zu schreien, und das letztere geschah auch im limbus infantum in der Nebenstube – der Christophlet Ein Likör aus Pontak, Branntwein und Nelken. wiederholte seine Ronde unter lauter Anabaptisten, und nur ich entzog mich der Injektion und lauerte auf Wein – mit derselben Enthaltsamkeit ließ ich auch alle erste Gerichte, alle Mond- und Sonnenscheiben der Teller voll sauerer Karauschen, aufgerollter Plinzen, geräucherter Heringe kalt vorüberlaufen und war entschlossen, mich bloß auf den Hammelziemer, den ich unter dem Hauptliede zu einem Wildziemer überspicken sehen, einzuschränken und nachher auf den Prophetenkuchen, den der meinige (das Temperamentsblatt) und meine Prophetenschule mehr parodierte als verdiente. Nicht ohne Vergnügen nehm' ich wahr, daß ich bisher das Fräulein von Sackenbach ganz vergessen habe: denn sie gewinnt wenig dabei, wenn ich ihrer gedenke, und ich gar nichts. So traut und warm sie mir am Samstag erschienen war: so kahl und fahl kam sie mir am Sonntag vor. Ich hörte erstlich das Radschlagen ihres mit 32 Schwanzfedern besteckten Adelstolzes näher und das Rauschen ihres Stammbaums. Dazu kam zweitens, daß ihre Tabaksdose allen den jungen hübschen Weibern, die keine hatten, ein Eckstein, ein Zorngefäß und eine Pandorabüchse wurde. Es ist überhaupt ein angenehmes Schauspiel, zu bemerken, wie der bloße niedrige Stand solche Personen hindert, das Plombieren mit diesem Dinten-Pulver nur einigermaßen mit der hohen Reinheit der weiblichen Reize und der weiblichen Arbeiten zu vereinbaren: sie würden sich noch lieber mit diesem Futterkraut eine Pfeife stopfen als eine Nase. Mir hingegen war ein solches Ziborium voll Nasen-Häcksel nie ein anderes Zeichen, als der Bart der Schweizer ist Im 60. Jahr dürfen sie einen behalten. , nämlich das eines schönen Alters ohne Eitelkeit, das sich aus seinen Reizen und Farben wenig mehr macht. Die Strafe, die Peter der Große auf das Schnupfen setzte, nämlich Aufschlitzung der Nasenflügel, vollziehet jeder Schnupfer nur langsamer an seinen selber; und da man noch dazu allen Blumen, die beinahe mehr für die Weiber als für die Männer zu wachsen scheinen, den kleinen Hafen durch dessen Füllen sperret oder vielmehr durch das Sandbad versanden lässet: so kann man, dünkt mich, nur von alten Damen fodern, daß sie schnupfen, von jungen kann man es höchstens wünschen. Einer alten Person stehet (wie alles Dunkle) dieses Schwarz auf Weiß , als ein Dokument des schönen Verzichttuns auf Gefallen, unbeschreiblich an, sie hält die volle Tabatiere gleichsam als das abgebrochene volle Stundenglas des Todes in Händen; der Tabak ist das reife Mutterkorn in der reifen Ähre; aber junge Damen sind selten imstande, die Dose aufzumachen und sich damit Blumen und Liebhaber miteinander zu nehmen; und die wenigen, die schnupfen, sollten nie auf die heruntersehen, die es nicht vermögen. – – Ich hörte jetzt aus der Kinderstube die liebe Alithea zu den Dutzend Dutzenduhren sagen: »sie dürfe nicht, es gehöre dem fremden Herrn.« Ich fragte näher: es war mein Tafelaufsatz mit dem ruinierten Kathedraltempel, den die kleine Bruttafel draußen für mitgebrachte Spielware genommen hatte. Jetzt war es doch wahrlich Zeit, die zwei optischen Gaukel-Gerichte der erwachsenen Eßtafel vorzusetzen. Man trug sie herein, die Schleien und die Ruinen: »Solche Gerichte hat man« (sagte die fille d'honneur) »am Hofe alle Tage.« Der Hamstergräber dachte, als er den gläsernen Fischkasten sah, es sei eine Schüssel seltener ausländischer Karpfen, und hoffte anzuspielen, verhehlte aber nicht dabei (er hatte Christophlet im Kopfe), » die Gräten fräß' er allein auf«, bis man ihn verständigte, daß solche Fische auf die Tafel kämen, nicht um gegessen, sondern um gefüttert zu werden, und zwar mit Semmelkrumen. So wenig weiß ein gemeiner Mann von den Skulptur-Viktualien der Großen, die – so ungleich den Gegenständen der groben Liebe – nicht anders genossen werden können als die der platonischen, nämlich durch anhaltendes Anschauen; Gerichte, für die es keinen elendern Koch gibt als den besten für grobe, den Hunger. Die künstlichen alabasternen Scherben des geistlichen Schafstalls (des Tempels) sah der Jubelsenior für ein gut herpassendes Modell des jerusalemitischen Tempels an, das seinen Jubel ziere. Am Ende kam doch Wein und früher als der optische Wildziemer: ich hatte noch wenig gegessen und nichts getrunken. Wie belebte diese Feuertaufe, mit der ein Taufengel zu uns hereinflog, sämtliche Täuflinge! Die Kinder erwuchsen – die Stummen sprachen – und die Sehenden sahen mit zwei Augen – der angefeuchtete Faden der Rede spann sich leichter zwischen den Fingern durch, und der Demant des schimmernden Lebens wurde auf dieser Folie zu einem Doppelstein vergrößert, wenn nicht gar zu einem Stein vom ersten Wasser versilbert durch das bunte. Der Koadjutor Ingenuin wurde so kühn, Fragen an den Freudenmeister abzulassen und überhaupt frei zu denken in Fundamentalartikeln, z. B. der Altar-Servietten, ja sogar des heiligen Geistes. Fragt' er mich nicht, ob man am Hofe redliche Heterodoxen dulde? Und konnt' ich nicht zu meiner Freude antworten, man toleriere da wie in Holland gern jede Sekte, nicht nur Kopten, Lappen, Hindus, sondern auch Christen? »Zu meiner Zeit«, sagte die alte Fräulein, »glaubten wir noch viel von Helvetius und Voltaire.« Ich sagte, sogar der Unglaube sei jetzt eine Art von Frostnebel und so kalt wie der Glaube, und jeder könne sich ungestört in alle große Städte oder auch in feine Bücher wagen; so wie man über den Kot, wenn ihm der Frost Festigkeit gegeben, unbesudelt schreitet. Der Kandidat klagte, das Konsistorium denke leider anders und hälfe nur leeren Köpfen auf und vollen hinunter; »geradeso wie man«, sagt' ich, »nur leere Fässer« – das Gleichnis war nicht weit hergeholet – »aufrichtet und nur volle umlegt; überhaupt nimmt man klüger die Vernünftigen statt der Vernunft gefangen, und am Ende kömmt doch diese mit jenen ins Loch.«... Ich habe mich darüber aus meinem feurigen Perioden verlaufen. Der Hamstergräber, der seine Pillen nie anders als bloß verzinnte, konnte sie jetzt nur noch verblechen – der Buchdrucker bat mich, in meinem Manuskript vom Jubelsenior wenig zu korrigieren und auszustreichen, weil es angenehmer zu drucken sei, und die Kunstrichter begehren gerade das Widerspiel, weil es dann angenehmer zu lesen sei – Ingenuin sah seine Verlobte wärmer an und liebte sie mitten unter dem Essen, und ich tats ihm nach in beidem und hätte gern mehr getan, wäre nicht mein Sonntag im doppelten Sinn zu einem Fastensonntag geworden, der den ersten Christen das Küssen untersagte – und die kurzen Entfernungen vom Sessel und die längere vom Hause gossen Alitheen für mich und den Kandidaten zu einem Brennspiegel um, der (seine Chorda oder Sehne trug eine Elle aus) desto heißer auf uns schien, je länger der Weg seines Fokus war, so daß seine Strahlen in unserem Ich zu einem 28064mal kleinern Raum, als der Spiegel hatte, zusammengehen mußten – (Noch währet mein langer Periode fort) – Und wie wurden vollends, fast von einem Balthasar Denner , die beiden Jubelältesten auf meine Netzhaut gemalt, wie göttlich er, wie himmlisch sie! – Er, der Altvater, der glänzende Nestor, nicht nur aufgerichtet mit dem Leibe, auch mit dem Geist, er, der unter der Zahl jener wenigen Menschen stand, die der Sonnenfunke Gottes glühend aufriß vom Schmutz und Eise des Bodens, indes die andern seelenlos und wühlend auf der Erde umliegen Saturnin lehrte, die Engel hätten wie Gott Menschen schaffen wollen, hätten sie aber nicht emporzustellen vermocht, bis ein Funke von Gott die hingestreckten Gebilde erhob. – Sie, die fortliebende Altmutter, die von ihrem reinen Herzen nie mehr als eine Auflage von nicht mehr als einem Exemplar für nicht mehr als einen guten Freund gemacht hatte – diese beide, noch so unzerrüttet, unter so vielen Kindern, aber selber keine, da doch sonst Alter und Kindheit sich in einem Geiste berühren, wie man Vorrede und Ende des Buchs (und in diesem vielleicht) auf einem Bogen abdruckt – Sie beide, die nun, mit dem aufgewärmten Brautkuchen in der Hand und vor dem Abhub des vorigen Liebesmahls auf ihrem Teller, das weite, nie brach liegende Zuckerfeld ihrer alten Liebe um sich blühen und wallen sehen – sie, die noch einander die steifen, aber arbeitsamen Hände drücken und unter grauen Wimpern in Augen schauen können, in denen sonst die Flammen der ersten Liebe und vor denen sonst die Blüten-Reize der nun entlaubten Gestalt gewesen waren, sie, die jetzt, unter der nachsprossenden bunten Welt um sich, noch allein um ihre vorige Ähnlichkeit mit dieser und um ihre von der Zeit vermischten Schönheitslinien wußten, die aber ihre ausgelöschten Züge und Wünsche mit elterlichem Entzücken auf den Angesichtern ihrer lieben Kinder wiederfanden und die nun auf der einbrechenden Erde nichts mehr brauchten als jeder Gatte die treue Brust des andern, die so lange einerlei Banden und Freuden, eiserne und Blumenketten an die andere geschlungen hatten und die nun die Schlange der Ewigkeit vereint umwinden soll, gleichsam als der letzte, obwohl kühlste Ring der Erde.... Nein, ich vermag und verdien' es noch nicht, die Erinnerungen und Freuden und Herzen eines stummen Paars zu malen, das, gebückt unter der niedrigen Todespforte der andern Welt, an der kalten langen Katakombe die Hände nicht auseinander lässet – – aber irgendeinen Greis oder eine Matrone, der oder die mich lieset, will ich erfreuen mit der innigen Teilnahme an ihrem verkannten Gefühle, mit der Hochachtung für verstummende Menschen, die das junge laute Jahrhundert vergisset, und mit der herzlichen Liebe für jede Brust, die einmal warm gewesen, und für jedes Auge, das einmal geweint hat. – – – Gerade diese Phantasien warfen mich an der Schwersschen Eßtafel, fast wie jetzt am Schreibtisch, aus meiner Fröhlichkeit in eine höhere.... Denn obgleich der Vexier-Wildziemer schon eingelaufen und dem Hamstergräber unter das Skalpell seiner Schneidemühle gestellet war: so kehrt' ich mich doch an nichts, sondern stand mit einem Ordensbecher auf, um die Tisch-Kommunikanten zu einem gratulierenden Toasten aufs Wohl der alten Leute zu befeuern, und sagte, weit vom Becher: »Auf Ihre künftigen schönen Tage, Sie guten Alten!« und hier standen alle Kinder auf – »und darauf, daß alle Ihre Stunden still und froh vergehen – und daß alle Ihre Kinder glücklich sind – und daß alle Ihre Enkel gut und glücklich werden –- und auf Ihr langes, langes Wohlergehn!« – Der Greis sah erhaben auf und fügte bei: »und auf unser sanftes Sterben.« Seiner Gattin gingen die Augen über, und sie sagte: »so schön, wie meine seligen Töchter gestorben sind.« Hier umfaßten sich die zwei Alten sanft in ergebener Rührung, und kein Mensch sprach, und jeder weinte. Der Schulmeister suchte seine eigene Erweichung dadurch zu verkleiden und zu steigern, daß er anriet: »man sollte die alten Hochzeit-Carmina, die damals auf die Vermählung des Herrn Seniors gedruckt wurden, jetzt vorlesen, weil darin die schönsten Wünsche ständen.« Er hoffte, sie selber vorzulesen. Die Seniorin brachte sie erfreuet. Der Buchdrucker rief seinen kleinen Karl her und sagte zu ihm: »Dein Großvater will hören, ob du lesen kannst.« – »Ja wohl kann ichs schön«, sagte das herandringende frohe, aber ein wenig blasse Kind und nahm das Hochzeitgedicht und stellte sich zwischen die Großeltern und las es laut und langsam ab. Ich beschreib' es nicht, wie tief jedes Wort und jeder Tonfall des unschuldigen Enkels in lauter weiche Herzen ging, da er jetzt neben dem vollendeten Lustschloß der Alten den prophetischen und dichterischen Bauriß desselben aufschlug und aus der Vergangenheit die frühen Bilder und Wünsche der jetzigen Gegenwart heraufzog. Die Stimme des unbefangnen Kindes, das den poetischen Wunsch zahlreicher Enkel ohne die Beziehung auf sich ablas, klang rührend wie ein redendes Herz; und zu den zwei veralteten Menschen, die schon so tief drunten unter der dumpfigen Erde standen, wehten die Töne und Lüfte der freien hellen Jugend hinab, wie sich in die Bergwerke der Blütenduft des äußern obern Frühlings zieht. – Ein fliegender Sonnenglanz, den entweder eine aufgehende Fenstertafel des Schlosses oder ein blendender Spiegel eilig über das fromme stille Angesicht des Greises zog, ließ eine solche Verklärung darauf zurück, daß ich hingehen und mich näher an den verschönerten Alten und den kleinen Leser drängen mußte. – – Und hier trat Alithea, für die Nachmittagskirche aufgeschmückt, röter vom Putzen und Schämen herein; und als sie in Amandens, in meinen und in den alten Augen so viele Tropfen stehen sah: brachen ihre gern in die lang bezwungnen Tränen aus, und sie weinte mit, ohne zu wissen worüber, und das überladene Herz konnte nicht unterscheiden, zerrinn' es vor Freude oder vor Schmerz. Nein, sie konnt' es nicht eher unterscheiden, als bis die Mutter ihre Hand ergriff und sie mit einer neuen Liebe drückte. O wenn es schon das Herz bewegt, nur zwei Menschen zu erblicken, die sich einander an den kindlichen – oder elterlichen – oder freundschaftlichen – oder verschwisterten Busen fallen, wenn der Akkord oder das Duodrama eines harmonischen Menschenpaares schon so himmlisch in uns widertönt: mit welcher gewaltsamen Wonne wird unser Innerstes erschüttert, wenn das ganze vollklingende Doppelchor eines Familienschauspiels der Liebe unser zitterndes Herz mit tausend Tönen fortzieht! Der Einsame mit dem vergeblichen Wunsche der Liebe erquicket mich schon, aber er erzürnt mich gegen die Menschen, unter denen er verarmt; allein dann kann ich schöner alle Menschen lieben, wenn ich statt eines glühenden Herzens ein Sonnensystem verwandter Herzen sich aneinander ziehen und zusammen brennen sehe. – – Der Tropfen der Rührung verdunkelt das Auge, indem er die Gegenstände vergrößert und verdoppelt; und in dieser schönen mikroskopischen Verfinsterung wollt' ich den erweichten Vater bitten, seine tugendhafte leidende Tochter morgen nicht aus dieser heiligen Stätte auferstandner Freuden zu verweisen, da sich gewiß ein schöner Wechsel ihres Schicksals nahe; aber als ich meine Bitte anfing, unterbrach sie der seltsamste Zwischenfall... Ein vergoldeter Wagen rasselte um die Fenster und hielt an. »Wahrhaftig der Fürst!« sagt' ich warm (denn künstlich-kalt hätt' ichs gesagt, wenn ich ihn noch vermutet hätte). Die Söhne blieben alle stehen und setzten nur die Gläser nieder, doch nehm' ich den Prosektor des Hammelziemers aus. Viele fuhren hinaus – Scheinfuß hinein (in die Kinderstube) – die zwei Alten und ich und das zuckende Fräulein gingen entgegen – nur der Hamstergräber allein verharrte am Tische und kredenzte im Sturme den Ziemer – Alithea weinte vor freudiger Angst und ängstlicher Freude und glaubte an wahre Propheten.... Endlich hob ein Bedienter und der Adjunktus den glasierten, getäfelten, appretierten Herrn heraus – ach Gott, es war der bloße echte Esenbeck . In wenig Epopöen von Bodmer und Blackmore steckt eine Hyperbel für meinen Todesschrecken über eine solche Konfrontation des Zufalls... Das Jämmerlichste war allezeit die rote Stirn-Arabeske und Kosekante des Muttermals... denn unsere purpurne Magnetnadeln deklinierten verschieden, seine östlich, meine (wie im 16ten Jahrhundert) nach Abend – im Spiegel wich zwar auch meine östlich ab, aber (das hatt' ich am Morgen nicht erwogen) eben weil er von allem umgekehrte Gemälde gibt – – Der Original-Esenbeck wurd' ein wenig beschämt über den roten nachgemachten Elektrizitätszeiger am Pseudo-Esenbeck; aber er verbiß das Staunen und sagte aus Vergessenheit oder Bosheit, wer er sei, und gab mir, was er brachte: es war freilich ein fürstliches Handbillett und die Vokation. Aber o Himmel, wer schildert die unähnlichen Pulse staunender – erzürnter – erfreueter – verdutzter Menschen ab! Niemand als Doktor Gaubius, der einen wallenden Puls (undosum) – einen zweischlägigen (dicrotum) – einen aufhüpfenden (caprizantem) – einen krabbelnden (formicantem) – einen ausgezackten (serratum) – einen versinkenden (myurum) kennt und nennt. Am meisten mußte mich Amandens Erschrecken – erschrecken: ihr echter Amoroso stand mit seinem redenden Stirn-Wappen gegenüber dem Falschmünzer, der gestern ihre Vergangenheit vernommen hatte und in dessen Händen nun ihr erotisches Brieffelleisen war. Die Jubelleute hielten heimlich in ihren Köpfen den Lügen-Esenbeck mit dem Lügen-Lederer zusammen und zogen Schlüsse. – Noch immer sagt' ich nichts von der Vokation. Der genuine maitre de plaisirs ging höflich, unter der gleichgültigen Erwartung des langweiligen Effekts, den die abgegebene Vokation unter allen mache, zum Fräulein von Sackenbach und freute sich höchstens, solches einmal zu sehen. Amanda, die ihn jetzt recht leicht von seinem Kopisten und Postiche-Namensvetter absonderte, konnte vor Grimm und Staunen die Zunge nicht heben. Der Hofmann fand in der Langweile des Erstaunens wenig Kurzweile. Niemand als ich und er wußte den Inhalt der Vokation voraus. Ich sagte jetzt zu dem Fräulein und der Jubel-Genossenschaft: »ich hätte keine bessere Charaktermaske gewußt, um meinen Prophezeiungen einer Beförderung des Herrn Kandidaten Glauben zu erwerben, als eben die des Herrn von Esenbecks, der für alle meine alttestamentlichen Weissagungen die neutestamentliche Erfüllung gütig mitgebracht habe.« Das neue unwissende Staunen amüsierte Esenbecken nicht sonderlich. In der Eile wußte das Jubelpersonale nicht recht, was es mit dem vornehmen gütigen einsilbigen Herrn vornehmen solle; aber er selber wußte noch weniger, was er mit dem Personale anzufangen habe – da er nun zu dem Verdruß, den ihm meine Stirn schon gemacht, sich von Amanden noch neuer Zuschüsse versah: so nahm er einen verbindlichen Abschied und setzte sich froh in seinen Wagen, besonders da er, wie er sagte, noch heute auf die Insel nachmüsse. Ich kann nicht behaupten, daß mir seine Auswanderung und Kotzebuische Flucht (nach Paris) äußerst zuwider war: denn außer dem, daß er in dem lymphatischen System unserer Empfindsamkeit nichts war als ein Extravasat, so wurde durch ihn, durch Gobertinen und mich ein erbärmliches dürres Zölibats-Kleeblatt formiert, das – denn Esenbecks kontrakte Kontrakte von Kebs-Ehen zähl' ich für nichts – so wenig Kinder vorzuweisen hatte als das kanonische Kleeblatt der drei geistlichen Kurfürsten. Nun war es Zeit, geheimnisvoll zum Fräulein zu treten und solches zu beruhigen und zu verständigen: ich sagte ihm geradezu, ich sei nichts als ein Bücherschreiber und also insofern nur mein eigner maitre de plaisirs, hielt um Ablaß für meine bisherige Kühn- und Falschheit an, beteuerte aber zweierlei: »erstlich sie werde sogleich hören, daß durch den kurzen Gebrauch des Esenbeckschen Namens dem ganzen Pfarrhaus großes Heil widerfahren sei – zweitens sei ihr (Amanden) selber die Rückkehr ihrer Briefe assekuriert, da ich nun durch den Besitz der seinigen imstande wäre, ihn mit der Promulgation derselben zu bedräuen und zu ängstigen.« Denn in der Tat konnt' ich jetzt ihn – aber sie konnt' es vorher nicht –, wenn er nichts herausgab, zum Helden eines Lust- und Mokierspiels erheben, da keine Muskeln einem Weltmann größere Narben stoßen als Lachmuskeln und keine scharfe Spitze tiefere als die am Epigramm. Kurz er mußte. – Am Ende konnte die Sackenbach – so groß die Risse und Frakturen ihres Adelsdiploms und so klein mein papierner und gelehrter Adel war – doch mit dem gegenwärtigen Epopten in ihren eleusinischen Mysterien voll Göttergeschichten und mit dem Schutzheiligen und Messias des erretteten Pfarrhauses nichts weiter machen als – Friede. Jetzt war es meine Pflicht, endlich einmal die Vokation zu promulgieren. Ich promulgierte und verlas solche und setzte bei, dem Fräulein von Sackenbach habe jeder von ihnen bei der Sache das meiste zu danken. Die Sippschaft war sprachlos – dann gab ich dem Senior das Dekret und die Brille – und als ers halblaut vor uns allen gelesen hatte, sagt' er: »Ja, Gott hat geholfen – du, mein jüngster Sohn, trittst in meine Fußstapfen und bist jetzt zum zeitigen Adjunktus in Neulandpreis aus Gnaden voziert.« – Ingenuin nahm das Blatt eilig, aber er konnt' es nicht lesen und fassen, das rote Titelblatt der Entzückung stand auf seinem Gesicht, er mußte ohne Besinnen es mir verbeugend geben. Nun blieben auf allen Zungen die Laute aus, aber in keinem Auge die Tränen. Der alte Vater nahm freundlich seiner Tochter Hand und sagte: »Du kömmst also morgen nicht von mir, und nun bleibst du bei deinen Eltern, bis sie sterben.« – Die Mutter fiel freudetrunken dem beglückten Sohn ans Herz und sagte: »Gott schenkt mir heute mehr Freude, als mein altes Herz wird tragen können.« – Und Alithea fassete dankbar weinend meine Hand und sagte mir: »Ja wohl haben Sie heute recht geweissagt«, aber sie besann sich schnell – denn eine Verlobung hatt' ich prophezeiet – und setzte dazu – »Aber das wußten Sie doch nicht voraus, was wir Ihnen zu danken kriegten.« – Und dann blickte mich die alte Mutter mit dem redlichsten weichsten Auge voll überschwenglichen Lohnes an. – O ihr guten Alten, die ihr gleich den Federnelken tief in das Erdenbeet (nur wenige Blätter liegen noch auswärts) eingesenket seid, ihr guten Kinder, denen das Schicksal, wie gefüllten Hyazinthen, bei dem Versetzen den Boden recht hart zusammentrat, wie unbeschreiblich schön und schimmernd und erquickt steht ihr alle unter der Wässerung der Freudenzähren – und ein laues Wehen spült die Tropfen weg, und eine ganze heiße helle Sonne liegt auf eueren Blumenkelchen!... Aber das Saitenspiel der Entzückung mache nun kleinere Schwingungen! Unser aller voriger Bund war zertrennt – ein neuer geknüpft – das Glockenspiel der innern nachklingenden Entzückungen machte taub, und der Leuchtregen der frohen Tränen machte blind – die Kinder lachten lauter und liefen schneller – Scheinfuß läutete heftig zum Nachmittagsgottesdienst, und niemand hörte und gehorchte – – – Aber endlich gingen doch schon beim vierten Verse die zwei Jubelleute in die Kirche. Hingegen die überraschten erhitzten Professionisten blieben sämtlich sitzen und wollten kein Gebet mehr tun als das nach dem Essen und suchten sich an den oft angezognen Ziemer (er stand bisher wie ein alter Klassiker oder wie ein neuer ungenossen da und wurde kalt unter Warmen) gleichsam wie an ihre Kiblah, an ihre Handwerkslade zu halten, oder wär's ihr Schwerpunkt und primum mobile. Der neue Adjunktus selber wäre freudig bei der lustigen Brüdergemeine verblieben, hätt' ihn das Zuggarn des Jubilars (es war aus einigen Mienen gestrickt, die dem Neuvozierten statt der profanen Werkstatt eine heiligste zeigten) nicht weggeschleppt. Gobertina wollte nach; Alithea mußte nach. Nur mich brachte niemand in die Kirche: nachmittägige Kirchenandacht kömmt mir oft vor wie vormittägige Abendmusik. Jede Vesperrührung, die etwan zu gewinnen war, wurde nicht nur durch die größere des Morgens verschattet und verbauet, sondern auch durch das Magenfieber vom Mittags-Kleefutter: die mit dem Honig der Nahrung verpichten Bienen-Flügel tragen die Seele auf keine Blume. Aber die Wahrheit zu sagen, die Sache war die, ich wollte gern den – gegenwärtigen fünften offiziellen Bericht des Appendix schließen: noch ist er nicht geschlossen, die Sonne steht schon tief und mehr an der Feder als auf dem Papier, und jede Minute muß ich aufsehen, daß Alithea aus dem Pfarrhause heraufkommt und mich fragt, ob ich ewig sitzen und schreiben will. Man muß nämlich wissen, daß ich vor drei Stunden, als die Kirchleute noch sangen, mit dem vollen Herzen meines Bocks und mit gegenwärtigem Papier auf den bekannten Birkenhelikon gestiegen bin und mich vor ein eingewurzeltes Tischchen auf die um die drei Hängebirken wie ein Kragen gekrümmte Zirkelbank gesetzt habe, wo ich – eben sitze und den heutigen Sonntag abschatte. Ich bat den Buchdrucker, niemand auf den Berg zu lassen, und es werde sein eigner Schade nicht sein. – Er tats. Nun sitzt der Leser vor dem vollendeten Sonntagsstück und vor der stereographischen Projektion erhabener Fakta – – – und jetzt seh' ich nicht ein, warum ich nur noch einen Strich dem Tableau geben soll. Ingenuin ist voziert – Alithea ist adjungiert – der Senior ist das erstere von neuem – die Seniorin das zweite von neuem – das Fräulein ist in integrum restituiert – die drei Handwerker haben Arbeit von mir – – – wahrhaftig wenn ein Autor es so weit gebracht hat mit seiner Mannschaft und Kolonie, daß er sie alle auf eine solche Ruhe- und Fürstenbank niedergesetzt, so darf er schon von seiner aufstehen und fortgehen. Als Artist lös' ich mich von der Familie ab, als Mensch und Gast verquick' ich mich erst recht mit ihr: denn ich gehe vor acht Tagen nicht aus Neulandpreis, die ich auf eine kritische Beschneidung des Herzens, der Ohren und Lippen dieses Werkleins verwenden will, und trage noch, wo Ausschweifungen fehlen, die nötigsten gleichsam als Extravasate und Speckgeschwülste im mystischen Körper nach, oder in einer schönern Metapher, ich putz' ihn mit Garnituren von Barockperlen. Dennoch würd' ich mir nichts daraus machen, den Malern nachzuschlagen, die das arrondierte Gemälde mit einem Besatz und Anschrot fremder Gegenstände vom Rahmen isolierend entfernen wollen: aber ich will bekennen, was ich fürchte. Ach wenn alte eingewinterte Herzen schnell in der schnellen Wärme der Freudentränen wie gefrornes Obst auftauen: so hält sich die zertriebene Textur nicht lange mehr. – Der Mensch, der vor der Marter aufrecht blieb, wird oft von der auflösenden schwülen Entzückung gebeugt und bis auf die Erde, wie Klosterbilder sich krümmen, wenn man sie warm behaucht. Und wenn dann von diesem für einen Ton bestimmten Saiten-Paar der Ehe die eine Saite unter dem heftigen Anschlagen der Freude risse, so würde bald auch die andere springen. – Und diese zwei Leichen hätt' ich dann in diesem meinem Sommer-Pavillon, wie in einer kalten päpstlichen Kirche, auszusetzen. Wie toll! – Seh' ich nicht jetzt drüben auf dem reparierten Straßendamm die zwei alten Leute zwischen ihren Söhnen gehen, und der Weginspektor, der Hamstergräber, zeigt ihnen, wie alles ist? Alithea fehlt, denn sie kocht; inzwischen war sie gegen vier Uhr hier auf meiner hohen Lehrstelle und Loge zum hohen (physischen) Licht gewesen, um mir, wie sie sagte, den gravierten Zahnstocher mit dem furnierten Zoilusgriff unter die Birken nachzutragen – – leider wird auch mehr als ein Leser im fünften Bericht den schattenden Durchgang einer solchen Venus durch meinen Phöbus oder auch durch die Abendsonne observieret haben. Wir sind jetzt einander viel näher, seitdem sie weiß, daß ich in der Welt gerade so viel Figur mache , als ich habe , nämlich nur meine eigne statt der des vornehmen Herrn v.Esenbeck. Ich sagte gleichwohl der Lieben, der Appendix und der Tag schlössen sich nur vereint, und darnach könnte sie in Gottes Namen wiederkommen und mit mir treiben, was sie wollte. Und in acht Minuten (das weiß ich, da die Sonne, wie unterirdisches Schatz-Gold, immer weiter versinkt mit ihrem überirdischen, durch ein Abendrot nach dem andern) steht sie da. Überhaupt welch einem Abende seh' ich entgegen! Denn das prophetische Gerüste aus Kaffeesatz, aus rastriertem Hand-Geäder und krummen Temperamentsblättern trag' ich so wie die Esenbecksche rote Goldader und Stirn-Äquatorlinie ab, da nun die größte Favorita endlich fertig steht; und ich brauche weder (wer zwänge mich?) mehr zu weissagen noch zu lügen noch freizudenken, sondern kann so viel Religion haben, als wär' ich zwischen meinen vier Pfählen. – Mit welcher süß schauernden Brust werd' ich, halb von Morgen-Phantasien, halb von Abendwolken rotgefärbt, an Alitheens Hand, die ich heute in die weiche ihres Geliebten betten helfen, von diesem glimmenden rauschenden Vorgebürge der guten Hoffnung hinunterziehen ins geheiligte beruhigte Abendzimmer unter lauter Menschen ohne Falsch! – Noch dazu kann ich alles genießen, ohne daß ich im geringsten aufpassen oder abservieren und memorieren muß, weil dieser Appendix dann schon abgeschnappt und unfähig ist eines neuen Nachtrags von lebendigen Zügen. – Mit welcher reinerer Wonne, als ich heute fühlen konnte, werd' ich die fromme der befriedigten Alten teilen, deren schlaffen Mund jetzt nur das lächelnde Entzücken, nicht der Schlagfluß verzieht und die so spät im Leben Wohllaute der Jugend, wie Sterbende Musik, vernehmen! – Und mit welcher Stärke werd' ich, da die Menschen sonst füreinander nur die Echos ihrer Hiobsklagen sind, wie im Mausoleum der Cäcilia ein Widerhall als Repetierwerk der Trauerstimmen eingebauet war, unter so vielen groben und klaren, nahen und fernen Echos der Freudentöne selber eines vorstellen! – Und dann, wenn wir alle an der großen Eßtafel das sorgenvolle Herz ausgeschüttet und es wieder mit dem Labewein der Freude, der Liebe und der Tugend nachgefüllet haben, und wenn die zwei müden Alten und die abgehetzten Enkel eingeschlafen und die Handwerker stummer und träger geworden sind, mit welcher labenden Erweichung, die den schwülen Lebens-Jubel kühlt, werd' ich schon ganz spät, wenn die Silbersolution des Mondes in großen Silbertropfen von den regen Birkenblättern gleitet, und wenn die Ewigkeit die Leichenfackeln der Sterne um die schwarze Bahre der verhüllten Erde stellt, werd' ich so spät, sag' ich, mich von den weichen, tief gerührten Brautleuten auf den Gottesacker führen lassen, wo die keuchende Menschenbrust gleichsam unter den Zypressen der Insel Kandia Dorthin brachten sonst die orientalischen Ärzte ihre Lungensüchtigen, weil die Zypressenwälder die Luft für die offizinell und heilsam machen. einen erleichterten Atem holt! – Und dann, wenn wir über die grünen Stoppeln des abgemähten Kirchhofs gehen, den die weißen Grenzsteine und die braunen Maulwurfshügel des Lebens zerstücken, über diese verschüttete Grubenzimmerung des stumm arbeitenden Todes und über diesen vollen zugedeckten untersten Schiffsraum der schwimmenden Erde, wenn alsdann das tropfende, vom Hügel niedergezogne Auge seine Träne fallen lässet, indem es aufwärts blickt unter seine Sterne hinein, und wenn uns dann der sanfte Ingenuin vor die zwei buntbestrichnen hölzernen, aber nun bleichern und morschen Schließquadrate der Lebensbücher seiner Schwestern bringt, und wenn er schon weint und seine Braut und ich, eh' er noch gesprochen hat, wie süß und leicht wird dann mein Herz zergehen! – Und wenn endlich der Bruder spricht und uns die Namen und die Reize der entflohenen Schwestern sagt und wenn der volle Puls der heutigen Freude das enge Menschenherz mit dem zugegossenen Blute nicht nur voll und schwer macht, sondern auch weich, und wenn zuletzt der überwundne Jüngling die warme Hand seiner nachweinenden Alithea wie einen Trost ergreift und sagt: »Nun bist du meine einzige Schwester....« Nein, sage das nicht, Ingenuin, ich hatte ebenso viele Schwestern wie du, und die Erde hat sie verhüllt, ich will sie nicht so spät heraufsteigen sehen aus dem toten Meere der Vergangenheit... Ach warum soll sich denn der Mensch lieber nach der Vergangenheit als nach der Zukunft sehnen, da bloß ein Gott eine vergangne Ewigkeit hat und der Mensch nur eine künftige?.... Du bist hinuntergezogen, goldne Sonne, und hast die abblühende Rose unsers Abends mitgenommen und sie den erwachten Menschen der neuen Welt als die Rosenknospe eines frischen Morgens gegeben!.... – Wie? ich hätt' es nicht merken sollen, daß eine schwer atmende Brust hinter mir poche, die meine fliegenden Zeilen im Entstehen erhascht? – – Nein, nein, geliebte erste Leserin, nur sanft zusammenfahren über die Anrede sollst du jetzt vor so vielen Lesern, du beste, mit dem Monde hinter mir stehende und glänzende – Alithea!... Ende der Geschichte Appendix des Appendix oder meine Christnacht Männer, die gegenwärtigen Nachsommer des eben geendigten Herbst- und Jubelfestes den fünften Hirten- und Zirkelbrief an den Leser nennen, haben Verstand: denn die vier andern waren wirklich an diesen gestellt, und er ist der verkappte Freund. Der Leser kann sich, so gut wie jener Kühhirt zu Chaunay unter Heinrich dem Vierten, den Jedermann oder tout le monde nennen. – Ich glaube nicht, daß ein Autor etwas lieber schreibt als seine Vor- und seine Nachrede: hier darf er endlich reden, was ihn letzt, seitenlang von sich, und was am meisten labt, von seinem Werk – er hat aus dem Raspelhaus und Sklavenschiff des Buchs den Sprung auf diese beiden Spielplätze und Lustlager getan und hat zwanzig akademische Freiheiten bei sich und eine Freiheitsmütze auf dem Kopfe und lebt da froher als sein Leser. Vom grauen Altertum sind uns diese Saturnalien zuerkannt und eingeräumt, und keiner von uns muß sich seine zwei Freiheitsfeste nehmen lassen: werden nicht deswegen noch immer zwei leere Blätter, eines an die Vorrede, eines an den Beschluß, vom Buchbinder vor- und nachgestoßen, gleichsam als weiße Türspäne zum Zeichen der Immission, zum Zeichen, das nächste Blatt sei ebenso unbewohnt und ebenso offen beliebigen Schreibereien? Doch sind diese den Garten des Buchs einfassende leere Hahas auch die Wüsteneien, die ein Buch vom andern sondern müssen, wie große leere Räume die Reiche der Germanier oder die der Nordamerikaner oder die Sonnensysteme auseinanderstellen. Daher wird mirs niemand verdenken, daß ich mir meine Vorredner und Beschlüsse – denn ich spitze mich darauf vom Titelblatt an – für besondere Tage aufspare, für utopische, für Tage, die ich von den Rheingegenden der Hoffnung umzogen sehe, namentlich für Neujahrs- – und Schalttage – für die längsten – für die kürzesten Tage – für die Geburtstage meiner geliebtesten Menschen – und auch für einundzwanzigste Märztage (woran ich selber auf unsere glatte Kugel heraustrat) und für erste Christtage... Einen der letztern begehen wir heute, und alle Kirchen singen eben um mich. – – – Es könnte viel Stichhaltiges angeführet werden, um es zu verteidigen und zu verschanzen, daß ich mir gegenwärtigen Appendix des Appendix für den ersten Feiertag wie anderes Lagerobst aufbewahrt. Besonders möcht' es sich hören lassen, daß ich darum das Christfest abgepasset, um daran so gut meine Weihnachtsfreude zu haben, als wär' ich mein eigner Sohn und würde vom guten alten Vater reichlich beschenkt und beschüttet: wenigstens können Männer, die Doxologien und Appendices machen und sich selber ein Weihnachtsgeschenk bescheren als ihre eigne Christkindlein – man ist ohnehin sein eigner Ruprecht oft genug –, sich keck mit jauchzenden Kleinen messen und solche fragen: »Seht her, ob man nicht ebensogut seine Weihnachts-Belustigung haben kann, wenn man so viele Jahre wie Zähne und Ahnen hat und seine Jubelseniores beschließet, als wenn man ein Jubeljunior ist und mehr Zuckerwerk und Gaumen hat als Gebiß, seht nur her, Schäker!« Das tun sie aber schwerlich: o eine gute Limoniade Die Nymphe der Auen. bringt ihnen jetzt auf der Schwelle der Gartentüre des Lebens – wie Hofgärtner tun – einen großen Blumenstrauß zum Geschenk entgegen, ob sie gleich nachher im langen dicken Hofgarten des Lebens mehr zu besehen als abzublatten, abzupacken und abzubeeren kriegen. Was inzwischen mich bewog, den heutigen Tag dazu auszustechen, war hauptsächlich der gestrige: – der magische Christheilige Abend ist nicht schöner zu genießen als durch eine Hoffnung; daher macht' ich mir die, ihn heute auf meine papierne Kupferplatte einzuätzen mit der Ätzwiege und mir gestern zu seinem Aufriß und zu diesem Appendix die schönsten Züge und Farbenkörner einzutragen... Ach unsere Fruchtstücke sind unsere Früchte , unsere Tuschschalen sind unsere Zuckerdosen und Regenbogenschüsseln und Zutschkännchen , und der Dinten- und Farbentopf ist unser Blumentopf. Der belogne Lügenprophet, der Mensch, hebt seine besten dicksten Schinkenknochen für die Jahre auf, wo ihm die Zähne ausfallen; ja nicht bloß dem falben Herbste unsers entlaubten Seins werden die schönsten Freuden aufgespart – wie auf den meteorologischen Herbst alle Kirmesse warten –, sondern auch dem Ende des bloßen Kalender-Jahrs, dem Ende und Schwanze eines Buchs, eines Epigramms, eines Gastmahls, eines Krebses wird das beste Fleisch, das Dessertservice, kurz Weihnachten aufgehoben. Ich würde gestehen und versichern, so etwas sei toll und zweifelhaft, es sei nicht gescheut gedacht, würd' ich fortfahren, die Knochen im Fleischfaß des Lebens wie in einem andern obenauf zu schlichten und solche vor allen Dingen und allen Fettstücken wegzukochen und wegzuessen, weil auf den Sterbelisten so wenig Hoffnung sei, das Fleischfaß nur bis auf die mittlern Reifen auszuleeren, ich würde das gestehen (gestand ich), wenn nicht jeder Mensch gerade so glücklich wäre , als er zu werden glaubt , wenn nicht, mein' ich, das Sparen nur ein geistigeres Verschwenden und Genießen wäre, wenn nicht das innere Auge weiter reichte als der innere Gaum, kurz wenn nicht, da unser Sternen- und unser Wolkenhimmel sich nirgends wölbt als unter unserer Gehirnschale, es weniger gleichgültig als nötig wäre, daß der innere Himmel den äußern, der selten einer ist, erstatte, reflektiere, verbaue. Und das ists, warum ich niemand schelte und warum ich glaube, daß sich das Aufbewahren eines Genusses in nichts vom Antizipieren und Verlängern desselben trenne als (vorteilhaft) in der Geistigkeit. »Aber zurück zur Sache!« wollt' ich jetzt sagen, und sah erst unbeschreiblich-vergnügt, daß ich gar von meiner Sache nicht abkommen kann, ich mag mich verbreiten, worüber ich will. Den gestrigen heiligen Abend genoß ich durch die Hoffnung, daß ich ihn heute am Christtage beschreiben würde: diesen genieß' ich jetzt dadurch, daß ich mich des gestrigen Tags erinnern will. Nicht nur die Logik hat ihren Zirkel , den philosophische Dürer leicht und fertig machen: auch die Freude hat ihren Zauberkreis, ihren glänzenden Ring um den bleifarbigen Saturn der Zeit. Fast alle Menschen lieferten gestern Zuckerrohr in die Zuckerraffinerie meiner Lust, bloß die Schneidermeister in den preußischen Staaten ausgenommen: denn diese mußte ich bedauern. Diese Gewerkschaft hat noch am heutigen Festtag die Nadel in der Hand, übermorgen fädelt sie wieder ein, weil ihr die Gesetze den dritten Ton aus dem Fest-Dreiklang, den dritten Feiertag, wegnehmen; also bleibt ihr nur einer übrig, gleichsam ein bloßer Sonntag. Das ist nicht viel für ein hohes Fest; aber genug. Denn ob man gleich der produzierenden Klasse als Ersatz für die drei Grade der Tortur ebensoviel Himmel, nämlich Feiertage gönnen möchte – besonders da ihr Lebens-Frühling gerade dem Frühling des Mondes gleicht, der nie länger währt als drei Tage –: so muß man doch auch hören, was die Vernunft sagt. Diese sagt aber ganz laut, daß die gemeinen Leute Gott danken sollen, wenn ihnen der Staat nur noch Werkeltage lässet, geschweige Sonntage: hohe Feste gehören eigentlich für den hohen Adel, Sonntage für den niedrigen, Apostel- und Marientage für Honoratiores und etwan ein halbierter Aposteltag fürs Volk. Nehmen denn nicht die höhern Klassen die Feier der heiligen Ruhetage, die man den niedern erlässet, mit Freuden auf sich und geben dafür diesen solche her, an denen etwas zu verdienen ist? Denn ein Kammerherrnstab, ein Hofmarschallsstab, kurz ein Hofstab bewahrt vielleicht noch die schönsten Sittenreste der alten, von Tacitus abgezeichneten oder vielmehr abbossierten Deutschen; wenigstens weiß ich nicht, wo ich eine größere altdeutsche Liebe zum freien Leben und zum Spiel, eine schönere, allen freien Wilden gemeine Flucht der Arbeit, die ihnen bloß Jagd und Krieg erlaubt, noch suchen soll. Nicht nur die freien Nationen, z. B. Griechen und Römer, verbrachten drei Viertel des Jahrs in hohen Festen, sondern auch noch jetzt die freien Leute auf der Kurial-Heide. Nehm' ich aber, wie gesagt, die preußischen Schneider aus, so ging vor meinem Fenster kein Mensch vorbei, der nicht eine vergrößerte Zuckerfigur für meine Phantasien wurde...... Ich sehe aber nicht, warum ich nicht den ganzen Sonnabend abmale. – Es muß schon in den mannheimischen Wetterbeobachtungen verzeichnet stehen, daß gleich gestern am Morgen das Wetterglas stieg, der Schnee fiel und der Wind umsprang und vor den heiligen drei Königen vorauslief als Stern. Dann ging der Tag und die Arbeit an, der ich zusah, um heute eine zu haben. Ich sah auf der Gasse keinen einzigen Menschen, der schlich, sondern lauter Luftspringer, Sturmläuferinnen mit dem Läuferschurz und Renner nach dem dreitägigen Leben , das, wie Christi dreitägiger Tod , der Exponent einer Ewigkeit war. Der arme Teufel, die arme Teufelin, die vormittags säen und abends ernten und zwischen deren Saatkorn und Brotkorn der kleinste Unterschied der Zeit und des Ertrages ist, erzwingen und erbeuten nicht nur durch den Überschuß ihrer Anstrengung drei ruhende Tage, sondern auch drei verschwendende – so daß also der Staat oder Fürst – d. h. der Staat im Staat – nichts dabei verlieren kann..... Bei Gott! warum soll meine Brust nicht so gut warm und unmutig werden wie Mösers seine? Warum soll ichs nicht ohne alle ironische Umschweife – denn der ironische Bogenschuß wird verziehen, aber nicht der ernsthafte Kernschuß , weil die Hohen und Höchsten der Erde lieber sich die größten Wahrheiten sagen lassen, als den Niedrigen und Niedrigsten ihres schweren Throns die kleinsten – warum soll ichs nicht heraussagen, daß es erstlich entsetzlich hart ist, nicht nur den überladenen, nicht für alte, geschweige für neue Arbeitstage besoldeten Schulleuten – den befrachteten gekrümmten Dikasterianten – den sogenannten weißen Christensklaven oder Dienstboten, die, wie die schwarzen, besondere eigne Allodial- und Freietage zu eignen Arbeiten haben, nämlich Fest- und Feiertage, letztere gänzlich bis den letzten unerbittlich wegzureißen – daß es zweitens noch härter ist, die hebenden Hoffnungen niedergebeugter Fröner des Geschicks und ihre religiösen Wünsche zugleich zu verkürzen und anzufallen und ihre Arbeiten ohne ihre Kenntnisse , sondern die alten Irrtümer zugleich mit neuen Seufzern zu verdoppeln – daß es drittens nicht bloß unmoralisch. sondern auch unnötig, wenn nicht finanzwidrig ist (und dieses berührt den wahren einsichtigen Staatsmann schon näher), unsere einzigen Volksfeste (das sind die Kirchenfeste) zu schmälern, da die Freude, nicht die Notdurft, da nicht Wasser und Brot, sondern Meisterbier und Meisteressen oder gebranntes Wasser und Himmelsbrot die Muskeln und Flechsen der Arbeit spannt und stählt Ein Mensch, der nur nicht verhungern will, braucht und tut nicht viel: das zeigen die Bettler und die Italiener und Spanier und Portugiesen. , da ferner die Sterbelisten der westindischen Neger es verbieten, die Kraft wie etwan in der Mechanik durch die Zeit zu ersetzen, da endlich die ähnliche oder größere Blüte anderer protestantischer Länder voll Feste und die natürliche Auswanderung gezwungner Sabbatsschänder und Schanzarbeiter in jene feiernden Länder und die Reichsunmittelbarkeit und Machtvollkommenheit der Handwerkspursche den metallischen Ertrag aufgehobener Festtage um die Hälfte verkleinern? – – Und doch glaub' ich kein Wort von allem vorigen. Denn was könnt' ich einem Etatsminister mit Grund antworten, wenn er mich fragte: ob nicht die Menschen bloß dann so denken lernen wie Esel, wenn sie ebenso tragen müssen wie diese, und ob nicht, wenn man das Mühlenroß verfinstert , damit es besser umlaufe und ziehe , umgekehrt der schnellere Umlauf und Zug ebensogut Verfinsterung und Schwindel verspreche? – Denn in der Tat, die Finken blendet man zwar, damit sie singen , aber die Menschen offenbar, damit sie schweigen . – Die Wolken ballen und spalten sich jetzt immer schöner und größer, und der hohe ferne Himmel schauet blauäugig durch sein Nebel-Gitter auf unsern schnellen Freudentag herein... warum keif' ich und groll' ich und seufz' ich? – Kann ich denn nicht den gestrigen wieder vornehmen und malen und damit den heutigen erleuchten? – Ich fahre also fort. Ich sagte schon, daß jeder gestern lief. Die Schweißtropfen der Anstrengung flossen über lauter erheiterte Gesichter, und die Arbeit und die Hoffnung zugleich verdoppelten den Herzensschlag; – ich sah auf der Gasse lauter galoppierende Kinder und plaudernde soeurs servantes, nämlich Mägde, aber zu Hause saßen jene und liefen diese, um für die künftige Wohltat schon ebensowohl zu danken als zu werben . – Meine Phantasie tat Haussuchung und fand die jüngern Kinder mit einiger Werkheiligkeit in einem neuen Leben wandelnd, indes die ältern mehr durch Glauben als gute Werke selig werden wollten; ja sogar die Eltern fand ich – ich sah wie der heilige große Christophel in die Fenster – aus einem Revolutionstribunal in bloße Gesetzprediger verkehrt, die die frommen Kleinen nicht mehr zum aktiven Schiffsziehen, sondern nur zum passiven, nämlich mildern Kielholen verurteilten. Ich sah in Häuser, worin die Kinder, als englische Kopiermaschinen ihrer Eltern, mit aufgewärmten Spielwaren voriger Christtage sich einander Titular-Christgeschenke bescherten und vorher einander als alternierende Ruprechte entsetzlich erschreckten. Ich hörte alle Mutterherzen lauter schlagen und sah die Mutteraugen länger wach – und in jeder ermüdeten sorgenden Mutter kam mir der alte Gedanke und die alte Freude entgegen, daß die Mütter unserem Geiste Wärme geben und die Väter Licht, daß wir jenen die frühere Anbrütung und warme Belebung des Herzens durch Liebe früher verdanken als diesen die Bereicherung des Kopfes, wie die neugeborne Taube einige Tage nur erwärmet werden muß, ehe sie geätzet zu werden braucht. Die Ärmste, deren Lebensfaden sich aus der Wolle dreht, die sie spinnt, will ihren guten Kleinen wenigstens einen Morgen lang etwas Weißeres zu brocken und zu beißen geben als Haus-Brot – und die Menschenställe, deren Klausner in der wilden Schweinshaut, die ausgebreitet als Vorgrund schöner Zimmer den Schmutz abputzt und wegbürstet, selber stecken, sind mit goldnem Regen und silbernen Schneeflocken gestickt und punktiert – und die junge Mutter will den erstgebornen eingewindelten Säugling mit seiner dunkeln Seele vor den beladenen, mit den Goldquasten von Äpfeln und mit den Nuß- und Fruchtschnüren und Häng-Zucker illuminierten Baum des Erkenntnisses tragen, weil das gebende sehnsüchtige Mutterherz die Jahre nicht erwarten kann, worin der reifere Liebling das pränumerierte Geschenk genießet und begreift. – Und so fielen in den Veilchensirup aus gesammelten verblühten Veilchen, den meine Phantasie verdeckte und blau kochte, keine Stiele und versprungnen Kohlen, ausgenommen die durchpassierenden Rekruten, die keinem andern abgehauenen Christbaum entgegenmarschierten als dem, woraus der Korporal seinen Stock ausbricht, und die am Christmorgen noch vor tags mit den Werbern aus dem Gasthofe, vor lauter erleuchteten, mit Gold gestickten Fenstern vorbei, ins Freie wandern mußten: die Postknechte ritten doch am Morgen zu ihren entgegenhüpfenden, neu drapierten Kindern zurück. Was mich gestern so sanft anklang wie das gewöhnliche Fest-Einläuten, waren drei fremde Kinder, die ich belog. Ich gesteh' es Rezensenten und Atheisten, ich befestigte die drei gläubigen Jünger, so sehr ich konnte, im erwiesenen Irrtum eines existierenden – Christkindleins: es fliege hoch und golden (macht' ich ihnen weis) über die Häuser und schaue herab auf gute und böse Taten der Kinder und belohne jene und bestrafe diese. Ich zeigte ihnen ohne Bedenken eine entfallne Pfauenfeder desselben (wie man in mittlern Zeiten des Erzengels Michael Federkiele wies), da es auf der umkreisenden Turmfahne die Schwingen ausdehnte und wieder zusammenschlug.... Es ist kindisch und pedantisch, aus Kindern freudige Irrtümer auszujäten, die nur Rosenabsenker und keinen Nesselnsamen tragen können. Jagt den Ruprecht fort, aber lasset das magische Christuskind mit grüngoldnem Gefieder zwischen den widerscheinenden Dezemberwolken ziehen; denn jener richtet sich einmal grimmig mit gezahnten Tatzen im Fieber auf, aber dieses fliegt einmal vergoldend und anlächelnd durch einen dunkeln Traum und durch die letzten Abendnebel auf dem Sterbebette und durchbricht mit hellen laufenden Goldpunkten den finstern Dunst. – – Der hohe Glaube der Kinder an ein Menschenwort und also ihre Bereitwilligkeit, grobe Täuschungen gläubig aufzunehmen, ist so groß und so tätig als ihre – herumgreifende Aufmerksamkeit, die das gemalte blinde Tor der Täuschung trotz der Torsperre öffnen will; – und daher kömmt es, daß der Verfasser des Jubelseniors, als er noch Husar (ich meine, im Husarenpelz) war, nicht vermochte, aus allen gepackten Körben und aus allen Zubereitungen zum Christgeschenk und aus allen Gerüchen des angemalten Spielzeugs und des heißen Backwerks und aus dem Augenschein selber (da er wirkliche Menschen bescheren sah) herauszubringen, daß niemand weiter die Hand in diesem glücklichen Spiele habe als eben Menschen: ich nahm wenigstens gleich einem Theologen an, das Christuskind greife, da ich die unmittelbare Einwirkung aufgehoben sah, zur mittelbaren und schenke durch fleischerne Erdenhände. Und dann als auch dieser bunte Nebel zu Wasser wurde: so gab ich keinen Groschen fürs ganze Geschenk. Ich erinner' mich noch wohl meiner damaligen erschlaffenden öden – Entzauberung:... und so wird mein Geist und jeder Geist, auf den die unsichtbare Luftsäule des Lebens in unserer Erden-Tiefe herunterdrückt, ewig seine Arme und Flügel nach einem höhern Äther ausstrecken – ewig wird unser armes, in die Klausur der Brust, in den Block des schweren Erdenbluts, in die Laufbänder der Nerven gefesseltes dumpfes Herz sich sträubend und schwellend und oft brechend gegen das Element aufschließen, in dem es schlagen soll – denn die Unermeßlichkeit ist unser Ort, und die Ewigkeit ist unsere Zeit, und das Geschöpf ist nur der Vorläufer unsers geliebten Schöpfers. – – O daher verlieret jene Jugendzeit, wo die Wirklichkeit größer und lichter war als der gedruckte enge Wunsch in der Kinderbrust, niemals ihren Schein: dort war es schön, da über den kleinen Kopf sich noch kein größerer Himmel wölken konnte, als der über ihm stand, und da wir noch aus der Morgenluft (unserer Lebensluft) unsere Luftschlösser, d. h. unsere Lustschlösser bauen durften... dort war es schön, wo uns noch der Schlafrock des Vaters so warm und dicht umhüllte wie der Mantel des Schlafes, wo die Erde noch die Phantasie, nicht diese jene bevölkerte und wo wir uns statt der Ewigkeit nichts wünschten als Jahre und nichts Höhers sein wollten als Eltern... Daher grub ich mir gestern, als die Nacht meinen Lustgang und Himmelsweg der Gasse sperrte, auf den Stubenbrettern das verfahrne Gleis von neuem auf, das der Laufwagen meiner kindischen Jahre mit den Ezechielsrädern eines Himmelswagen gezogen hatte. Alles ruhte neben mir und in mir – überall setzte ich gewisser als sonst beglückte Sterbliche voraus – das Treiben der häuslichen Arbeit hatte aufgehört, die weiblichen Brandungen waren geglättet, die Fenster- und Bett-Vorhänge hingen und gleißten, der Meersboden der sandigen Stube blinkte, die Mehl-Barren oder gekneteten Back-Blöcher und Wellbäume tauchten aus und wurden kalt – alles Geliebte um mich saß und hoffte – ich lief und hoffte -ja ich sah den Paradiesvogel der Freude neben dem Adventsvogel Die Norweger glauben, er komme nur am vierten Advent. fliegen und uns mit dem regen schillernden Gefieder blenden. – – In einem solchen Enthusiasmus war mirs unmöglich, ein geringeres Buch zu ergreifen als die – Fibel. Wenige Bücher, die ich kaufe oder mache, les' ich mit solchem Entzücken als dieses am häufigsten aufgelegte Werklein, dieser vergoldete Türgriff an allen Universitäts- und Lehr- und Lerngebäuden. Ich mache mir mein Entzücken dadurch begreiflich, daß ich es aus dem großen alten ableite, womit ich das erste Abcbuch mit seiner goldnen Metallschrift auf der hölzernen bunten Flügeldecke in meinen kindlichen Händen glänzen sah. Schon das Innere des Buchs, nämlich die 24 Buchstaben sind mir nicht gleichgültig, da ich von ihnen lebe, indem ich sie bloß gehörig wie Karten oder Lose mische; aber doch zieht mich das Werkchen stärker an, wenn es zu ist und ich das goldne Abc aus meinem goldnen Zeitalter auf dem Letterholz der Schale vor mir flimmern sehe wie einen durchbrochnen illuminierten Namenszug auf einem Ehrenbogen. – – Aber da ich gestern die mit Goldfarbe aufgefrischte Trümmer der Vergangenheit beschauete: so wurde mir plötzlich wie einem, der aus einem langen Schlaf erwacht, und mir kam vor, ich hätte nur eine Stunde geschlafen, nämlich gelebt – ich fragte mich: kann denn die Zeit so weit zurückgesunken sein, deren Grabschrift in erhobenen metallenen Lettern so hell vor und in dir steht – ist denn der Tag des Lebens nicht bloß, wie der Christabend, so dunkel und kalt , sondern auch ebenso kurz ? – – Aber ich gab mir selber ein Trauerreglement und ließ, um meine vier Gehirnkammern nicht schwarz auszuschlagen, über diese wie über eine dunkle Kammer die gefärbten lebendigen Morgenbilder aller der Freuden ziehen, die jetzt um andere Länder flattern. Ich versetzte mich statt in alle Gassen nun in alle Zonen. Ich konnte mit Gewißheit zu mir sagen: »In dieser Stunde rasten tausend Müde – tausend Säuglinge schlummern trunken an den sanft herübersinkenden Müttern ein – jetzt steigt die Sonne wie das Haupt des Meergottes aus dem entzündeten Meere und wirft Rosen auf Inseln, und diese beschauen ihre bekränzten Ufer im Zauber-Wasser- und in dieser Minute weicht sie von den breiten Ernten anderer Länder und versteckt sich hinter Orangengipfel, dann hinter Weizenähren und zuletzt hinter drei Rosen voll Laub und strahlet endlich verschleiert nur in der gerührten Seele eines nachblickenden Dichters fort – Wie viele Liebende fallen in dieser Stunde einander ans Herz! Wie viele Getrennte erblicken sich wieder! Wie viele Kinder schlagen jetzt unter unsern Wolken zum erstenmal die Augen auf, und ihre Eltern lächeln statt ihrer! – Welchen schönen Perlenbach von Freudentränen sieht jetzt der glückliche Genius der Erde unter Nachtigallentönen und Freudenfesten niederfallen! –Ach wie freudig seh' ich die bunte Wesen- und Blumenkette heller abgetrockneter Augen und wonnevoller Herzen um die Erde gehen! Und, o du guter Genius, gehör' ich denn, indem ichs sehe, nicht auch dazu?« – Ach ich riß mich bald vom bekränzten Zuge ab, weil meine aufgerüttelte Phantasie mir auch einen zweiten parallelen trauernden zeigte, der, gesenkt und in Flor gehüllt, schweigend oder klagend durch das enge Theater geht. Aber ich will euch nicht in das dunkle Trauerbilder-Kabinett hineinführen, das ich mit den Nachtstücken des Trauergefolges dieser Stunde behing, und worin ich es malte, wie viele Wunden und Gräber in dieser Minute gemacht werden – wie viele Seufzer steigen – wie viele unserer Geschwister trostlos erbleichen – wie viele geschieden, verlassen, verachtet, zertreten und durchbohrt werden...... Nein, diese Trophonius-Höhle, diesen düstern Trauersaal schließe die Hoffnung zu. – Aber in dieser aus Schmerz und Wonne zusammengemischten Wehmut, die bald kraftlos gegen die tiefen Gewitterwolken der Leiden wie gegen die physischen kein Mittel auf dem Lebens-Wege kennt, als sich hinzulegen in die sicherste und letzte, aber kälteste und engste Höhle, bald aber sich lieber mit lächelnden Schmerzen aufrichtet und im Gewölke des Grams das Bild des Unendlichen und seines Himmels leichter erkennt, wie wir die kleinere Sonne nur im überflorten Spiegel betrachten, – – in diesem vermengten Zustande voll kämpfender Träume sucht' ich den Schlummer auf, der mit einem leichtern kürzern Traume den Zwist der andern schlichtet. Aber ich fand ihn nicht. Die Winterstunden zogen träge mit ihren langen Schatten vorüber. Meine innern Bilder wurden von elektrischen Funken lichter und reger und bewegten sich endlich im schwarzen Raum der Nacht, anfangs vor den geschlossenen Augen, dann vor den geöffneten. Ich sah sehnlich der erleuchteten Morgenstunde des heutigen Tages wie einem betaueten Frühling entgegen. – Ich ging ans Fenster, um den Nachtfrost als Alpenschnee in den heißen Zaubertrank meiner Phantasien zu werfen; auch wollt' ich die nahe gewöhnliche Christnachts-Musik, die vom umwehten eisernen Turmgeländer über taube Häuser geblasen wird, näher und voller auftrinken. Unten vor mir lag eine schlafende Gasse erloschener Beinhäuser – über die Bleiche aus Schnee zog die schwarze Trauerschleppe des geschmolzenen Stroms den langen Faltenwurf – nackte Bäume vergitterten die weiße Ebene mit ihren schwarzen Gerippen, und der breite Trauerrand düsterer Wälder endigte die bleichen Hügel – über den blauschwarzen Himmel wurde aufgelöstes Gewölke, gleichsam vergrößerte Schneeflocken, getrieben, und um die ewigen tiefen Sonnen gaukelte der flatternde Dunst der Erde. – – Als der Nachtwind, der einzige lebendige Atem der Natur, meine erhitzte Stirn und meine geschlossenen Augen kühlend überspülte und sich wie Frühlingslaub um meine Träume aufblätterte: so kamen wahre Träume und der starre Schlaf. Der Traum und das Alter spielen den Menschen in die Kindheit zurück, und in der kalten Nacht von beiden überkriecht das lichtscheue Erdgewürm des kindischen Wahns wieder das Herz. Mir träumte, ich stiege auf den höchsten Eisberg der Erde, um auf seinem Gipfel kniend mein Ohr an das verschlossene Kirchen- und Gottesackertor der Zukunft dieses Jahrs zu legen und sie zu belauschen. Unter dem Eisgebürge lagen die Städte und Kirchhöfe der Erde weit umher in dämmernder Tiefe – alles schlief, nichts leuchtete, nichts regte sich, und die ganze Erde war von einer Stadt zur andern wie vom Krater des Grabes mit stiller Asche hoch beschneiet. Aber als ich gen Himmel sah, so zogen die zuckenden Sternbilder und verfolgten einander – jedes Bild malte mit zusammenschießenden Strahlen wie mit sprühenden Gewitterwolken seinen lichten Umriß ins Blaue – der Himmel bewegte sich unter dem Kampfe der funkelnden regen Gestalten – der Drache zog am Gipfel des Himmels herauf und verschlang die Sonnen seiner Bahn und den Polarstern – am erhabenen Orion lagen nagend der Skorpion und der Hund – der Krebs durchbohrte mit seinen zwei Scheren die Zwillinge – und auf der Jungfrau hackte der Rabe, und die Wasserschlange hielt sich aufgebäumt auf der Flucht zurück. Die Geisterstunde rückte immer näher. Unaufhörlich sprachen die Glocken unter mir und schlugen jede Minute zur elften Stunde. Ich schauete furchtsam nur auf die entschlummerte eingeschattete Ebene nieder. Endlich schlugen alle ferne Uhren die sechzigste Minute aus, und die Geisterstunde ging an. Da fuhr ein Sturm unter der Erde am Horizonte herauf und erschütterte die aufgehenden Sternbilder und trieb sie auf die Erde herein, und die Totenasche drehte sich auf, und die wandelnden Bilder blitzten durch das Aschengestöber – und die lichten Gestalten waren Geister und bestanden aus Augen. Die Lichtgeister zogen die Totenasche an und verhüllten sich in sie und formten Menschenkörper daraus und Gestalten, die ich kannte. Sie spielten das Getümmel des Lebens nach – die Geister im Staub weinten wie die schlafenden Menschen, und andere lachten mit den Aschenlippen – sie machten Gräber und legten Kindergestalten hinein, andere hielten Mutterarme auf und drückten kleine Wesen an die kalte Brust – Dann trieb eine neue Windsbraut die Totenstaub-Wolke aus den weißen dürren Schlachtfeldern der vorigen Jahre heran. Und die blinkenden Geister wickelten sich in den Heerrauch und spielten verkörpert mit altem ruhenden Staub grimmig die künftigen Schlachten vor, und die fallenden Krieger stöhnten nur im Fallen, aber aus der Asche flossen keine Tränen und kein Blut. Und da ich voll Klage meine Augen auf zum Himmel hob und betete: »O Vater des Trostes, gib den armen wahnsinnigen Menschen Friede und Liebe!« so sah ich den gestirnten Drachen zwischen dem Arkturus und Kynosura die Flügel wie Wolken aufschlagen und herunterziehen – und wie er glühend tiefer sank, so fiel der Berg aus Eis geschmolzen ein, und die nahe Asche flatterte um mich, und eine spielende Gestalt wollte in meinen Körper dringen, um mein Vergehen nachzuspiegeln, und die nahe Erde, dieser Aschenzieher unsers warmen Staubs, ergriff mich, und dem hängenden Drachen entfiel auf mein Herz ein glühender Stern – – Da war mein Geist befreiet und loderte empor über sein zerbrochenes, auf die Erde gebauetes Gehäuse.... Ich schwebte fest und unbewegt über den Strudeln der rollenden Erde, und die umlaufende Welt führte ihre Länder und Völker unter mir vorbei. O wie viel Jammer und wie viel Wonne flohen vorüber! Bald wälzte die Kugel ein stürmendes schreiendes Meer und taumelnde Schiffe mit angeketteten nachfliegenden Särgen vorbei – bald ein persisches Tal, glühend von Nelken und Lilien und Narzissen und rauchend von hängenden Blumen-Gärten auf Pfirsichstämmen – Schfachtfelder voll umklammernder Würgengel verfolgten duftende Gärten mit umarmenden weichen Geliebten – bald kamen zwei Arme, die das staunende Entzücken, bald zwei andere, die der Jammer aufhob – und die Kugel zeigte mir auf ihren weichen Blumen den glücklichen Schläfer und unter ihm den liegenden, gleich einer lebendig beerdigten Leiche arbeitenden Bergmann und Minen-Neger – Regenbogen auf erkälteten Gewittern und auf erhabenen Wasserfällen, niederbrennende Städte unter Donnerwettern und schillernde Auen im Morgentau –, die Totenglocke summte in das Freudengeläute, das Morgenrot zerfloß ins Abendrot, und die reißende Kugel rückte das an ihr hängende Menschengeschlecht, alle seine verweinten, erhabenen, zerdrückten, verwesenden Gestalten und alle unsere Tränen und Kränze und Siechbetten und Spiele zusammen, und der Schmerz und die Seligkeit riefen nebeneinander fliehend: ich bin ewig  – – Da stand in meinem Geiste der Stolz und die Kraft der Unsterblichkeit auf, und er sagte: eile hinab, schmutzige Kugel, mit deinen geflügelten Schmerzen, mit deinen geflügelten Freuden, du bist viel zu vergänglich für einen Unsterblichen! Aber als der wegziehende Erdkreis seine Sonne entblößte und die Sonnen hinter ihr – und als mein gereiftes Auge um die andern Sonnen tausend Erden schwimmen und alle dunkle Klumpen mit der umgewälzten Nachbarschaft der Paradiese und der Gräber, des Jammers und des Jubels eilen sah, so brach meine Brust unter der Verzweiflung, und ich rief aus: »Unendlicher, sind denn deine Endlichen nirgends glücklich? O wenn wird denn die ermüdende Seele gesättigt?« Ein sanftes Tönen antwortete: »Auf keiner Erde – aber nach dem Sterben – bei der unendlichen Liebe, bei der unendlichen Weisheit.« – Und hier kehrte die Erde von ihrem Jahre zurück und flog oben von der Sonne herab, und das Tönen sang schöner und leiser nach: »Geh auf deine Erde, du bist noch nicht gestorben.« Und hier wurde aus allen in der Tiefe fliegenden Welten ein zitterndes Glockenspiel, und meine getröstete Seele stieg der alten niederfallenden Erde sanft gezogen entgegen – und ein funkelnder Zirkel aus zwei verknüpften Regenbogen war um ihr rundes Ufer gelegt – und sie riß mich erschüttert zu sich, und ich wachte auf...... Um den Turm flogen die heiligen Töne des Christmorgens, und der Morgenwind brachte sie schweigend – unter mir ging der finstere Strom mit seinen alten Wellen und mit ewigen Tönen – die Sternbilder des Himmels standen fest und hell, und die Wolken lagen, vom Nachtwind getürmt und von der tiefen heraufziehenden Sonne gefärbt, bergig in Osten – und in einigen der nächsten Häuser waren schon die Frucht- und Zuckerbäume angezündet, und die von der Musik zu bald geweckten Kinder hüpften um die brennenden Zweige und um das versilberte Obst..... Ende