Jean Paul Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele     Inhalt I. Merkur         Familiennachrichten von der alten Kampaner Reisegesellschaft – Ausmalung des Vernichtglaubens – Gewitterpartie Erste Unterabteilung   Des Rittmeisters Karlson Vergangenheit und Gegenwart – dessen Einladung des Verfassers Zweite Unterabteilung   Karlsons Brief Dritte Unterabteilung   Der Vernichtglaube Vierte Unterabteilung   Die Gewitterpartie   II. Venus oder Morgen- und Abendstern Gang nach Wiana – Henrions Bild – Selinas Lieben und Leben – der Glanz des All – neueste Nachricht Erste Unterabteilung Der Weg nach Wiana – Selinas Erscheinung – Wilhelmis Wiedersehen – Selinas Leben und Lieben Zweite Unterabteilung Der Glanz des All – Loyds Kaffeehäuschen   III. Erde Über die Seelenwanderung – Selinas Begebenheiten Erste Unterabteilung Vorgespräch – die Seelenwanderung Zweite Unterabteilung Selinas Begebenheiten   IV. Mars Der Gesandtschaftrat – Wanderung nach dem Wetterhorn – Schlaf, Traum, Alter und Sterben als Zweifel an der Unsterblichkeit – Schlaf, Traum und Alter mit der Unsterblichkeit versöhnt – Verhältnis zwischen Geist und Leib Erste Unterabteilung Der Gesandtschaftrat – Wanderung nach dem Wetterhorn Zweite Unterabteilung Schlaf, Traum, Alter und Sterben als Zweifel an der Unsterblichkeit Dritte Unterabteilung Schlaf, Traum und Alter mit der Unsterblichkeit versöhnt Vierte Unterabteilung Verhältnis zwischen Leib und Geist   V. Vesta Schöne Woche, Abendschalmeien – noch keine Trauernachricht – Schluß aus dem Dasein Gottes   VI. Juno Belohnung und Bestrafung – gegen das Radikal-Böse   VII. Ceres Recht auf Glücklichsein – Schluß aus hiesigem Schmerz – Sarg der Gichtbrüchigen – Schluß aus der Sehnsucht und aus höhern Anlagen   VIII. Pallas Selinas verschlossener Schmerz über den Verlust der Mutter – aufgeregt und selbermagnetisch – Traum der Brustwunde – offizielle Nachricht davon – Entschluß und Vorbereitung zum Magnetisieren   IX. Jupiter Erstes Magnetisieren – Rede von Henrions Geist – Karlson gegen Körpertrauer – Erklärung des Anteils am Leichnam – Teufels-Advokat gegen Wiedersehen – gegen plötzliche Vollendung in Kenntnissen, Glück, Wert – Träume anderer Völker – Mangel an Gedächtnis zum Wiedersehen – Beweis des Gedächtnisses Erste Unterabteilung Erstes Magnetisieren – Rede von Henrions Geist – Karlson gegen Körpertrauer – Erklärung des Anteils am Leichnam Zweite Unterabteilung Advokat gegen Wiedersehen – gegen plötzliche Vollendung in Kenntnissen, Glück, Wert – Träume anderer Völker – Mangel an Gedächtnis zum Wiedersehen Dritte Unterabteilung Beweis des Gedächtnisses     I. Merkur Flächeninhalt Familiennachrichten von der alten Kampaner Reisegesellschaft – Ausmalung des Vernichtglaubens – Gewitterpartie Erste Unterabteilung Des Rittmeisters Karlson Vergangenheit und Gegenwart – dessen Einladung des Verfassers Es war eine selige Zeit –denn im Innern war es fast noch Jugendzeit –, als ich vor dreißig Jahren unter meinen vielen Fußreisen – denn die Jugend will auf Reisen sein, sogar in der Nacht, so wie das Alter immer übernachten, sogar am Tage – als ich da, sag' ich, die schönste Reise in der schönsten Gesellschaft machte durch das Kampaner Tal und als um mich bloß Liebende waren und um uns lauter Glückliche bis hinauf zu der sanften grünenden Bergkette, wo junge Hirten herabsangen zu den arbeitenden Männern in dem Gebirg-Abhang und zu den Hirtengreisen unten, welche von den Jugendjahren in stillem Glücke schon auf der Erde, nicht in ihr ausruhten. [S. Madame Genlis, Les Souvenirs de Félicie L.] Unsere Reisegespräche betrafen, wie meine Leser aus dem kleinen Buche darüber wissen, meistens die Seelenunsterblichkeit; an die Aussichten in das Zaubertal und auf die Zauberhöhen wurden die Aussichten in die zweite Welt gereiht wie die blumige Erde sich an den gestirnten Himmel schließt. Nur der Rittmeister Karlson nahm den Gottesacker für den ewigen Brachacker ohne Saat; daher dichtete er seine » Klage ohne Trost « Kampaner Tal S. 124 , als er die von ihm im stillen geliebte Braut seines Freundes Wilhelmi nach einer falschen Nachricht gestorben glaubte. Der Baron Wilhelmi war mit ihr in Spanien in dem Zauberschlosse geblieben, wohin die Kampaner Tagreise sie zur Trauung geführt hatte; den Rittmeister Karlson aber hatten sein liebetrauerndes Herz und sein Dichtergeist gleichsam auf vier 1108 Flügeln nach andern Ländern, auf neue Berghöhen der Musen und in neue Tempe-Täler der Sehnsucht getragen. Rechte Leser des Kampanertals werden leicht, wenn auch traurig durch den Nonnenschleier gesehen haben, den seine Liebe für Gione genommen. Keine Liebe ist so rührend als die verhehlte, die sich selber ihre Klostermauern zum Entsagen baut. Aber nur durch die irrige Nachricht von Gionens Tode konnte man wie durch eine Wunde so tief in seine Brust hineinsehen. Denn seine großartige Gesichtbildung ließ überhaupt durch den melancholischen Schatten, der sie überschwebte, besonders durch einige Leidenszüge um den Mund das Alter seiner Schmerzen schwer bestimmen und man konnte ihm leicht vergangne als gegenwärtige unterschieben. Wenn nun ein Mann seine Gefühle ins Kloster versteckt: so bewohnt natürlicherweise eine Jungfrau mit den ihrigen gar eine unsichtbare Kirche; und Gione konnte, wenn anders ein Seufzer oder ein feuchter Blick zuweilen dem edeln Karlson zugehörte, beide nur den höhern Gegenständen des Gesprächs über die Unsterblichkeit zuwenden und ihr Herz sogar sich selber verschweigen. Bloß ihre heitere Schwester Nadine, die nur die Abzuggräben überhüpfte, aber die Furchen der Blumenbeete ernst durchschritt und welche höchstens ins eigne Herz hinein, aber nicht nach außen auf die Wangen weinte, war ihr noch aus der Kampanerreisegesellschaft zurückgeblieben, gleichsam als Halbfarbe und Mitteltinte zwischen ihrem Ernste und der Lebenslustigkeit Wilhelmis. Karlson legte endlich seine Flügel zusammen und ließ sich auf sein Rittergut Falkenburg in Deutschland nieder. Um sich nun recht in den Strahlen seines geliebten Zwillinggestirns der Dichtkunst und der Philosophie zu sonnen, gab er sein reines, aber wogendes Herz einem seltenen Wesen auf immer zum Beherrschen aller seiner Wellen hin. Es war die Gräfin Josepha von ***, welche ungeachtet ihrer Jugend von einem Fürstenpaar wie Albano und Idoine zur Oberhofmeisterin einer Prinzessin auserwählt worden, die aber nur dem andern Leben halten konnte, was sie diesem versprochen. 1109 Nun hatte noch der französische Krieg und König zu Karlsons Vollglück seinen Freund, den Baron Wilhelmi aus Spanien in seine Nähe getrieben. Dieser hatte sich eine reizende Besitzung in so herrlicher Ferne von der rittmeisterlichen gekauft, daß beide nur die bunten Flügel eines großen Parks zu bilden schienen. Freilich waren die Familien nicht wie in Städten durch bloße laute breite steinige Hauptstraßen voneinander abgesondert, sondern man hatte Eichen- und Lindenwälder, Dorfschaften, bunte Brücken, Weinberge und Blumen-Wüsten zurückzulegen, bis man endlich zueinander kam nach einem Wege von guten anderthalb englischen Meilen. Aber doch durchzogen später die Kinder beider Freunde diese grüne Naturstraße als eine Handelstraße, die durch keine Karawanen-Wüste lief, täglich mehr als einmal zum Aus- und Eintausche ihrer Freudenwaren. Öfter hatten mich beide Freunde in ihr verdeutschtes Kampanertal eingeladen, aber immer wurde die Reise verschoben; – und ein neuer Beweggrund bot sich dazu an. Denn als sogar das prosaische erfrorne Deutschland sich entzündete durch Druck auf Druck: so konnte sein Herz sich nicht länger halten; und als das preußische Volk im großen Jahre, wo man die Freiheit mit Leichenfackeln suchte, sich wie ein Meer bewegte und, lange vorher von einem feindlichen Gestirne über sich festgehalten, endlich als eine donnernde Flut zurückbrausete auf seinen von ableerenden Feinden gefüllten Strand und ihnen über die Ufer nachdrang: da schwamm er mit der Flut und half vertilgen. Krieg ist eine poetische Prose des Handelns, daher ihn Jünglinge aufsuchen; Apollo und Pallas tragen Waffen. Wie sollte sie der begeisterte Karlson liegen lassen? – Aber kurz darauf, als er voll erfüllter Hoffnungen, eigner und fremder, heimgekommen war: so erschien das Schicksal, das gern dem Einzelnen zum Volkjubel einen Seufzer beimischt, so wie es oft umgekehrt diesen unter einem überwölkten Volke mit einem Sonnenblick bestreift; – die bewahrte treue Freundin Gione verließ ihn und – die Welt, nachdem sie zum Glück so lange gelebt, daß sie ihm und ihrem Gatten ein volles Echo ihres Herzens und 1110 einen reinen Spiegel ihrer Gestalt zum innigsten Fortlieben dalassen konnte, ihre Tochter Selina. So hatt' ich denn, um auf das Aufschieben meines Besuchs zurückzukommen, dadurch ein herrliches Wiedersehen eingebüßt. O der Mensch sollte kein Wiedersehen, nicht einmal das eines teuern Jugend- oder Kindheitortes, lange verschieben; die Flamme kann ihn auf immer verwehen oder die Flut ihn entführen und deine schönste Vergangenheit stirbt dir noch einmal; aber am wenigsten sollst du mit dem Umarmen des zerbrechlichen Geliebten säumen, der vielleicht schon von hinnen flieht, wenn du eben auf dem Wege zu ihm bist. Jetzo nach dem Verluste des Wiedersehens zögerte ich noch länger. Aber man kennt überhaupt das Alter, es will unverändert haben, sogar sich, es ist ein Josua, der gern Sonne und Mond zum Stehen und Ruhen brächte, nicht um länger auf den Feind loszugehen, sondern um selber länger zu sitzen und zu liegen. Dazu kommt freilich der schwere Artilleriezug von Wehrmitteln gegen das feindliche Heer von Bedürfnissen, indes ein Jüngling ins Feld zieht und über Feld mit nichts bewaffnet als mit seinem Körper und Geist. Gegenwärtiger Verfasser dieses wünscht daher nicht, daß ihn geneigte Leser, die ihn früher im Sommerkleide, dessen Taschen seine Mantelsäcke waren, und in Bänderschuhen – das einzige von schwarzem Kutschenlederwerk unter ihm – von Leipzig nach Halberstadt zu seinem Freunde Gleim oder zum zweiten Male nach Weimar zu Herder fliegen sahen, daß geneigte Leser denselben Mann (wünscht' ich nicht, sagt' ich) zusammenhielten mit ihm selber, wie er in der Kutsche sitzt und die Beine kaum ausstrecken kann zwischen dem Gepacke von Pappkästen, Büchern, Flaschen, Stiefeln und Hüten, noch abgesehen vom Koffer in Ketten hinten. – – Als ich aber im Jahre 1822 aus dem Wagen ausstieg, der mich aus dem schönen Dresden heimgebracht: so setzt' ich mich bald wieder hinein, weil ich drei Einladungen, nach Falkenburg zu kommen, antraf, zwei kurze und eine lange. Eine vom alten Kampaner Freunde, dem Baron Wilhelmi, der mich herzlich bat, seiner Tochter Selina ihre erste Bitte zu gewähren, da sie mich noch 1111 so eifrig und noch fleißiger und ernster lese als er. In dem noch kürzern Einladbriefchen wünschte diese von ganzer Seele, den alten Freund ihrer Mutter, die so oft seiner Gespräche im Kampanertal gedacht, näher als aus Büchern kennenzulernen; sie wolle ihm in dem freundlichen Wiana Auch bei Sigmaringen lag in alten Zeiten ein Wiana. S. Barths Urgeschichte der Deutschen. B. 2. alle Lauben und Anhöhen zeigen, wo ihre Mutter von Frühling zu Frühling ihre Freuden gefunden. – Den längern Brief von Karlson geb' ich hier mit wenigen Auslassungen.   Zweite Unterabteilung Karlsons Brief – – Sie müssen endlich mein und meines Wilhelmi Kinderglück mitgenießen, zumal in so blauen längsten Tagen und in einem so reichen landschaftlichen Garten, worin Korn- und Blumenfluren und Täler und Dörfer, samt Falkenburg und Wiana liegen. Sie kennen eigentlich niemand von uns allen als mich und den Baron; – und kaum uns vollständig, denn wir haben nicht bloß unser Außen geändert –; aber die andern alle kennen Sie. Erfreuen und überraschen würde den alten Kampaner Freund Gionens unsere Selina, ein weibliches Wesen, von dem ich wegen einer ungewöhnlichen Vereinigung von fortschwebender Phantasie und fortgrabender Philosophie gar keine scharfe feste Schilderung zu geben weiß. Da sie mich oft besucht und mit mir über die höchsten Sterne, aber nicht Sternschnuppen des menschlichen Wissens und Strebens, spricht und liest: so ist mir zuweilen als sei sie eben von ihrer verklärten Mutter zu uns herabgeschickt und habe noch einigen Schimmer von ihr im Gesicht. Ihre ganze Seele ist offen, ja durchsichtig wie der Diamant, und doch ebenso fest und dicht wie der Edelstein. Aber ihr ist eine echte Freundin unentbehrlich; und dies ist ihr das treue Ding, meine Tochter Nantilde. Verweilen Sie nur halb so lange bei uns als ich wünsche, so sieht Sie vielleicht mein teurer Sohn Henrion, der jetzo noch vor 1112 der Festung Napoli di Romania steht. Auf der Akademie hatt' er, obgleich dem Kriege eigentlich gewidmet, sich so warm und opfernd der Philosophie und der griechischen und römischen Geschichte und besonders den Musen hingegeben, als woll' er nie statt des Streitrosses etwas anderes besteigen als den Katheder. Aber nun erschienen die blutenden Griechen ohne Ketten im Felde und da entbrannte sein Herz und er schlug seine Bücher zu. Ich konnte ihn nicht tadeln und nicht abmahnen, sowohl aus Liebe für die hohe Sache, als meines eignen Beispiels wegen, das ich ihm zu seiner Rechtfertigung gegeben, da ich sogar als Familienvater den Ritterzug zum heiligen Grabe der gekreuzigten Freiheit mitgemacht, von welcher nur Erdbeben und Engel den Grabstein wälzen konnten. Aber fast alles um mich her war darwider, sogar mein Freund Wilhelmi (nur Selina nicht), und im stillen meine Gattin, ob sie gleich, wie sie sagte, sich gern in alles ergab im Vertrauen auf Gott; am meisten jedoch Nantilde und Alexander. Ja, da sie einmal ein ungewöhnliches Feuer gegen das gewagte Hineinlassen eines so guten Jünglings in die grimmigen Tiergefechte von Barbaren aufbot, verband sich sogar der so freisinnige Alexander mit ihr und sagte: »Spießen lass' ich mir zur Not noch gefallen; aber das gräßliche Anschirren an türkische Sklavenpflüge und das Heimtreiben in Menschenställe und der entblößte tiefgekrümmte Rücken vielleicht einer Apollogestalt, die unter der schneidenden Peitsche ihre Furchen zieht – Gott, lieber Tod, Tod vorher; und diesen mußt du mir auch versprechen.« – »Aber«, sagte Henrion, »da dieses schwarze Sklaven-Los doch am Ende irgendeinen Kämpfer treffen muß: so kann ich mich ja auch von ihm treffen lassen für einen andern. Und wo gibt es denn für einen Jüngling, der Feldzüge sucht, einen bessern und weltbürgerlichern Krieg als den in Griechenland, und was sind die meisten andern Kriege dagegen, die nie wie er das allein opfernde und geopferte Volk mit seiner eignen Veredlung belohnen?« – »Es reiche uns auch hin,« sagte der Gesandtschaftrat Alexander. , »daß die andern Kriege die Thronsitze höher polstern – oder die 1113 Hoheitpfähle ausreißen und weiter einstecken – oder daß sie im Völkerduell auf Kavalleriehieb und Artillerieschuß Genugtuung für die Injurie gegen eine Maitresse nehmen – oder daß herrliche Erbfolgekriege in der Geschichte vorhanden sind, die Religionkriege nicht einmal mitgezählt.« »O«, versetzte Henrion, »ein Erbfolgekrieg ist schon der griechische, ob nämlich Bildung oder wieder Barbarei auf den Thron gelangen soll, und ein Religionkrieg dazu, aber nicht zwischen Meinungen, sondern zwischen Recht und Unrecht.« Zum Glücke hatte mir Henrion sein Wort geben müssen, an der Wiedererrettung Moreas nicht länger mitzuhelfen, als bis ein entscheidender Schlag alle Hoffnungen recht befestigt habe; aber erst nach mancher Verrückung der Grenzsteine seines Mitkämpfens hat er endlich die Eroberung der so wichtigen Festung Napoli di Romania, wovor er unter seinem General Normann steht und deren Fall ganz nahe ist, zum Wiederkommen festgesetzt. – Und so würde der Gute Sie hoffentlich bei mir noch sehen. Zwischen beiden Brüdern gab es freilich noch andere Kriege als die über den Krieg; und ich freue mich sehr darauf, wenn Sie einmal meinen Gesandtschaftrat Alex zu sehen und wohl gar zu bekehren bekommen, besonders über einen gewissen Punkt. Henrion nämlich glaubt glühend an die Seelenunsterblichkeit, – so wie ich jetzo auch –, Alex aber streitet und sagt, wenigstens falsche Beweise wahrer Sätze könn' er nicht ausstehen; auch woll' [er] die einzige Freiheit, die auf der Erde übrig sei, da die des Handelns, des Wollens und des Empfindens von Gott und Menschen gebunden sei, die Freiheit des Denkens vorbehalten haben und der Henker hole alle Systeme und Dogmatiken. Da der Mensch, wie Sie bemerken, so oft Worte nur dünnen toten Worten entgegensetzt, die man ihm bloß zu Gefühlen zu verdichten und zu beseelen brauchte, damit er sie anders behandelt: so hab' ich für Alexander einen Versuch gemacht, ihm den Vernicht-Glauben recht nahe vor Aug und Herz zu rücken und ihn gerade hinunter steilrecht in finstern Raum ohne Himmel und ohne Hölle, ja ohne Raum sehen zu lassen. Ich sende Ihnen hier diesen Versuch, schäme mich jedoch, daß mir in der Jugend selber 1114 eine solche Hülfe nötig war, da ich bei Gionens erdichteten Tode die »Klage ohne Trost « mit allem Trotze der Verzweiflung niederschrieb. Aber die Jugend hat bei aller Lebendigkeit der Gefühle ordentlich einen Hang zur Ableugnung und Verspottung derselben, so wie bei aller noch warmen Religiosität einen zum Unglauben oder bei allem Frohgefühl einen zur Melancholie und eine Vorliebe für schwarze Nachtgedanken und Trauerspiele; denn ihr Freiheittrieb will über alles Alte und Zwingende, und wohnte es sogar [in] ihrer eignen Natur, wegspringen. Mir war von jeher jeder hochsinnige Glaube ein ordentlich Lebensbedürfnis, so wie die Zerstörung eine von einem heiligen Jerusalem. So drückte mich ordentlich das jetzo gewöhnliche Ableugnen der Endursachen, das eigentlich den Isisschleier der Gottheit bloß verdoppelt überhängt, so wie mich das neuliche Anerkennen derselben von meinem tiefsinnigen Herbart Siehe dessen geniale Einleitung in die Philosophie. Zweite Auflage. Seite 220: »Wir kennen nur die Erde, [und was wir hier sehen, das ist der Gegenstand einer Bewunderung, die kein Newtonisches Attraktionsgesetz jemals aufheben wird. Die einzige Frage: wie es zugehe, daß die Leiber der edlern Tiere von außen, der Schönheit gemäß, symmetrisch gebaut sind, während im Innern, ohne Spur des Schönen, ohne Spur von Gleichheit des Baues der rechten und linken Seite, alles auf den Nutzen abzweckt: – diese Frage ist unendlich viel verwickelter, als die nach dem Laufe der Weltkörper in elliptischen Bahnen.«] herzlich erfreute. Ja mich peinigt, wenn ich es Ihnen gestehen darf, eine Darstellung der Aufgußtierchen, als könnte ein Lebendiges aus seelenlosem Körperbrei gerinnen, oder eine Ausbauung der Schädellehre, als erschaffe und regle der Knochen das Geistige, anstatt daß dieses jenen zuründet – oder die mathematischen Weltbauten oder Weltkugelfabrik und Universums-Manufaktur der Franzosen, oder die ganze chemische Musaik, die auf den Thron eines liebenden Schöpfers kalte Spinnmaschinen und eiserne Webstühle des Daseins setzt. Am meisten haßt' ich schon von frühster Zeit die Enzyklopädistenschule, die den Eigennutz zum Prinzip des Handelns, d. h. die Unmoralität zum Prinzip der Moralität erhebt und so den treibenden Kern des Herzens zu schwarzem Wurmmehl zerfrißt; und ich konnte zuweilen bloßer moralischer Theorien wegen mit Bekannten brechen. Wenn manche neben mir sich 1115 ordentlich erfreuen über jeden neuen Beweis, daß niemand etwas tauge und die Völker nichts werden – und daß alle den Menschen mit Erleuchtung und Erhebung beglückenden Wissenschaften nur als Mistbeetfenster für das Gedeihen der Finanzen und des Handels einzusetzen sind – und daß jeder den Göttern und den Menschen nichts zum Opfer darbringe als bloß die Opferknochen des Altars, die Fettstücke aber selber verzehre – und daß keine Frau jungfräulich denke oder bleibe: so leg' ich Bücher mit solchen Beweisen in tiefer Betrübnis weg und höre Schüler und Lehrer derselben nicht einmal bis zum Widerlegen aus, ob ich mir gleich nicht verberge, daß ein edler Mensch mit Freuden für eine unedle Theorie, sobald er ihr einmal ergeben ist, neue Verstärkungen aus bloßem wissenschaftlichen Geiste ergreifen muß. – – Aber warum sprech' ich so lange von den Meinigen und viel zu lange von mir? – Kommen Sie nur recht eilig und lieben Sie uns, wie Sie geliebt werden. Karlson.       Du edler Mensch! Deine Nähe wird meine Seele erquicken und ich werde zum zweiten Male das Kampanertal durchreisen. Hier folgt seine Ausmalung des Glaubens an Vernichtung.   3. Unterabteilung Der Vernichtglaube Manche Irrtümer erscheinen, wie der Mond, aus der Ferne in milder Gestalt und Dämmerung; tritt man aber nahe vor sie, so zeigen sie wie der Mond vor dem Sternseher, ihre Abgründe und Feuerberge. Tretet näher zum Glauben der Seelensterblichkeit und sehet in seine Grüfte und Krater. Nehmet einmal recht lebhaft an, daß wir alle nur Klangfiguren aus Streusand sind, die ein Ton auf dem zitternden Glase zusammenbauet und die nachher ein Lüftchen ohne Ton vom Glase wegbläset in den leeren Raum hinein: so lohnet es der Mühe und 1116 des Aufwandes von Leben nicht, daß es Völker und Jahrhunderte gibt und gab. Sie werden gebildet und begraben, höher gebildet und wieder verschüttet; aber was nützt es, daß mühsam gepflegt Kraut nach Unkraut, Blume nach Blatt erwächst? Über den untergepflügten Völkern liegt der Gottesacker; der Vergangenheit hilft die Gegenwart nichts; und der Gegenwart die Zukunft nicht. Ewig steigen die Wissenschaften, ewig fallen die Köpfe ab worin sie gewesen und höhlen sich unten von allem aus. Verleiht endlich irgendeinem Volke alles Höchste von Wissenschaft, Kunst und Tugendbildung, womit große späte Völker alle frühern überbieten und lasset Jahrtausende ihre geistige Ernten und ihren Reichtum in die Menschenmenge von Klangfiguren niederlegen: in funfzig Jahren verfliegen die Figuren und die Schätze und nichts ist mehr da als das Dagewesensein. – Der Glanz der Schöpfung und der Geister ist erloschen; denn es gibt keinen Fortschritt mehr; nur Schritte; es bleiben nichts als zerstreuete lose Wesen übrig – höchstens die vergangnen mischt die Asche zueinander –; und alles Höhere muß sich von neuem zusammenbauen. Gott sieht seit Ewigkeiten nur unaufhörliche Anfänge hinter unaufhörlichen Enden; und seine Sonne wirft ein ewiges falbes welkes Abendrot, das nie untergeht, auf den unabsehlichen Gottesacker, den Leichen nach Leichen ausdehnen. Gott ist einsam; er lebt nur unter Sterbenden. Man verlege und verschiebe hier die Unsterblichkeit nicht etwan auf Wesen über uns. Denn halten die Erden- oder Menschengeister das Sein nicht aus: so vermögen es die Sonnengeister ebensowenig; denn der Unterschied des Grades, die höhere Stufe geistiger und organischer Kräfte kann keinen Unterschied der Art, wie der zwischen Fortdauer und Nichtsein ist, erzeugen, so wie nicht das Kind, der Cretin sterblich sein kann, der Mann und Sokrates aber unsterblich; – und so muß auch der Erzengel zuletzt am Fuße des göttlichen Throns seine Flügel abwerfen und vergehen. Wenn nun bei diesem allgemeinen Geistersterb alle Planeten nur als Leichenwagen der Völker um die Sonnen ziehen; so sind alle Zwecke des Lebens und jede Lösung seiner Rätsel durch die ungeheuere Weltensense zerhauen und verstümmelt, 1117 und ein Chaos ist viel regelmäßiger als das Geister-All; denn im Chaos herrscht wenigstens ein Kampf von Kräften ohne bestimmte Abkürzung und Durchschneidung des Erfolges und Ausgleichens, und wenigstens der Gegenstreit erhielte sich als sein eignes Ziel; aber im All der Geistervernichtung, des unaufhörlichen Aufhörens und Anfangens zum Wiederaufhören ginge jede Regelmäßigkeit in ein altes Chaos über, in Vergleich mit welchem ineinanderstürzende Welten nur chemische Prozesse lieferten. Unser Leben verdankt den dürftigen Schein seiner Länge bloß dem Umstande, daß wir in die gegenwärtige Zeit die vergangne hineinrechnen; aber es kriecht zum spitzen Augenblick ein, wenn man es neben die unermeßliche Zukunft stellt, die mit einem breiten Strom auf uns zufließt, von dem aber jeder Tropfe versiegt, der uns berührt; ein Leben zwischen den beiden zusammenstoßenden Ewigkeit-Meeren, die einander weder vergrößern, noch verkleinern können. Denke dir nun, wir würden anstatt sechzig Jahre bloß sechzig Sekunden alt – und eigentlich werden wir vor dem Angesicht der grenzenlosen Ewigkeit nicht älter, ja nicht einmal so bejahrt – was ist daran gelegen, was ein solches Einminutenwesen eine halbe Minute lang denkt, begehrt, bezweckt, um seine Saat und Ernte wieder auf ein anderes Einminutenwesen zu vererben und fortzupflanzen? Was hat die Aufklärung und das Leuchten eines Sekundenvolks, d. h. einer Staubsammlung von Geigenharzpulver für Wert, das so lange blitzt und glänzt, als es durch die Flamme des Lebens geblasen wird? – Und kann die tote Neben-Unsterblichkeit von Bibliotheken und Kunstwerken, welche sich in dem verfliegenden abbrennenden Hexenmehl aufhält und widerscheint, ein Leben erwärmen und beseelen, das einem ewigen Erlöschen – oft schon vor seinen durchlebten und zurückgelegten Sekunden – bloßsteht? Verliehe das immerwährende Hineinmischen und Eindrängen der aufblühenden Generation in die abwelkende nicht der letzten einen festen Schein von Bestand und Fortdauer, als ob sie ein Elektrizitätträger der Wissenschaften wäre; sondern fiele jede Generation allzeit mit 1118 der verjüngenden unvermengt als ein Ephemerenschwarm gestorben nieder aus den Abendstrahlen ins Wasser: so würde uns alles Leuchten und Glänzen der Völker nur das verschwindende von Johanniswürmchen, die ihren kleinen Bogen durch die Nacht auf die Erde ziehen, erscheinen. – Und so muß jeder Einzelne mitten in seinem Anlauf und Auffluge zu fremder und eigner Veredlung ermatten durch den Gedanken, daß irgendein Windstoß einer Wunde auf einmal den Grabstein als Fallgatter auf alle Aufstrebungen niederwerfe. Und gehen wir von den sterbenden Völkern zu sterbenden Einzelwesen über: so schmerzt es die Seele, nur auf einen Augenblick sich ein Lieben zwischen Vergehenden und Vergehenden ganz auszumalen. Aus dem langen Nichts erwachen ein paar Menschen in ihren Sterbebetten und blicken aus ihnen einander mit Augen voll inniger Liebe an und schließen dann die Augen wieder zu sogleich nach einigen Minuten zum ewigen Nichts; – dies ist nun die unvergängliche Liebe der Menschen untereinander, der Eltern, der Kinder, der Gatten, der Freunde. Ohne Unsterblichkeit kann niemand sagen: ich liebte; du kannst nur seufzen und sagen: ich wollte lieben. Das Herz steht einsam auf der Erde; bis es endlich in der Sarah-Wüste unter ihr nicht mehr einsam ist, sondern selber nichts. Es kann nicht einmal betrauern und beweinen; denn der Schatten dazu, der einen Augenblick warm und gefärbt dastand, ist nicht kühl und dunkel geworden sondern unsichtbar in der weiten unsichtbaren Nacht; auch das bißchen Warm und Rot, was du dein liebendes Herz nennst, wird vielleicht im Augenblick, wo es noch beweint, auch zur unsichtbaren unfühlbaren Nacht, nicht ein Teil von ihr, (denn sie hat keinen) sondern eine Nacht selber. – Weinender, nimm dem Beweinten keine Locke und kein Denkmal ab und richt' ihm keines auf; es wäre das Denkmal von einem Nichts und jede Reliquie wäre lebendiger als der Vergangne, der nicht einmal selber eine mehr sein kann. – Lieben fodert Leben; aber die Geistersterblichkeit vernichtet mit dem fortgesetzten Leben sogar ein anfangendes, und kein Herz bleibt der Liebe lebendig – überall geht durch die Welt und das All nur hölzerne 1119 Instrumentalbegleitung, keine lebendige Singmusik – und alles Leben und Herz ist Schein und Maschine und sargt sich schon über der Erde stehend ein. Aber was ist denn die Erde, das leblose All? Eine schimmernde Antiparos-Höhle, gefüllt mit allen Widerscheinen des Lebens; auf dem Boden der Höhle stehen Wäldchen mit hohen Stämmen von durchsichtigem Kristall und der Pfad schlängelt sich durch kristallenes Gesträuch – und von oben hangen herrliche Frucht- und Blumenschnüre starr und kalt herab und jeder Hügel der Höhle ist von Kristall begraset. Das Kristallisationwasser, welches das Gebilde zusammenhält, ist die Träne eines Augenblicks; ist diese versiegt, so ist das Gebilde zerfallen. O tretet schnell aus der Höhle der schimmernden Erstarrung und blickt wieder über die lebendige Breite der grünen Welt hinüber und atmet frischer! – Wie die Leere eines Unglaubens an Unsterblichkeit nicht schmerzlich genug empfunden wird: so wird auch die Fülle des Glaubens daran nicht recht gemessen; und wenn dort der eine Mensch nicht zum offnen Abgrund und Grabe niederschaut, so blickt der andere nicht tief genug in den offnen Himmel hinein; die alltägliche Ebene der Erde, die Mitte des Lebens erhält die Blicke im Schwanken. Es ist, als hätten die Menschen gar nicht den Mut, sich recht lebhaft als unsterblich zu denken: sonst genössen sie einen andern Himmel auf Erden als sie haben, nämlich den echten – die Umarmung von lauter Geliebten, die ewig an ihrem Herzen bleiben und wachsen – die leichtere Ertragung der Erdenwunden, die sich wie an Göttern ohne Töten schließen – das frohere Anschauen des Alters und des Todes, als des Abendrotes und des Mondscheins des nächsten Morgenlichts – Die Gottheit bleibt durch die Ewigkeiten hindurch vor dir stehen, denn dein Auge verweset nicht – das blitzende Sternengezelt ist nicht mehr ein gesticktes Bahrtuch über deinem Geiste, denn er wird nicht begraben, sondern er durchzieht ewig das unermeßliche Sternenlager – die Wissenschaften vermehren sich ihm wie die Sonnen, je weiter er in ihren Himmel dringt – Und alle Mühseligkeiten des Lebens sind die unter dem Ersteigen eines Ätna, um 1120 dessen Krater Meere und Italien liegen – Und der alte, von den wiederkäuten Neuigkeiten der Erde übersättigte Mensch geht und stirbt neuen Wundern entgegen – Alles Gute und Kostbare was ich in fremde Seelen pflanze, findet seinen späten reifenden Himmelstrich und auch meine findet den ihrigen. – Zwar ein matter lauer Nachschein aller dieser Wirkungen des Unsterblichkeit-Glaubens wird gewöhnlich gefühlt und zugestanden; aber wie verschwindet er gegen das Feuer der lebendigen Anschauung der Fortdauer! – Was dieses himmlische Feuer halb erstickt, mag ich gar nicht näher betrachten, da es vorzüglich zwei Erbärmlichkeiten des Lebens tun; wovon die erste ist, daß der begrabne Körper die Phantasie so sehr hinabzieht und drückt, daß sie den Geist gar nicht lebendig wieder aus dem Sarge bringen kann, sondern unten eingesperrt lässet. Die zweite Erbärmlichkeit ist die hergeerbte tausendjährige Enge der theologischen An- und Aussichten; durch welche das Bestimmte und Lebendige unserer Sehnsucht sich in Unbestimmtes und doch Einengendes jüdisch-christlicher Lehre verwandelt. Der philosophischen Systeme gedenk' ich nicht einmal, vor deren Atem schon das jetzige sichtbare Leben einschrumpft, geschweige das künftige unsichtbare. Selig ist, wer wie ich jetzo – nicht wie ich sonst, als ich noch die Ferne der Geisterwelt in umgekehrter Täuschung der Luftspieglung erblickte und das lebendige erquickende Wasserreich für Wüstensand ansah – sich seine Welt ganz mit der zweiten organisch verbunden und durchdrungen hat: die Wüste des Lebens zeigt ihm über den heißen Sandkörnern des Tags die kühlenden Sterne größer und blitzender jede Nacht. –   4. Unterabteilung Die Gewitterpartie Ich hatte im freundlichen Fürstentum meines Albano nur noch eine halbe Tagreise zu Karlsons Falkenburg zu machen. Schon am Morgen kündigte der um den westlichen Horizont gelagerte 1121 Dunst Gewitter an, bloß weil er sich nicht durch die Hitze in Wolken ausformte. Je früher eigentlich sonst der Himmel sich mit Nebel umsäumt, desto leichter wächset der Nebel durch die Vormittaghitze zu einer kühlen Laube gegen die Sonne auf und läßt sie an keinem Blitze brüten; hingegen weiße Eisgebirge, die des Mittags erscheinen, richten sich abends als schwarze Vulkane auf. Auch der Wind blies ohne Standwechsel, aus der nämlichen Kompaßecke fort; ein zweites gutes Gewitteranzeichen – – Man verzeihe diese Ausführlichkeit, durch die ich nichts bezwecke als bloß einem und dem andern Wetterlaien und Donnerscheuen einige wissenschaftliche Brosamen und Gerstenbrote zuzuwerfen, wovon mir noch immer Brotkörbe genug übrig bleiben. Unterwegs sind mir Gewitter – sobald sie nur mich und den Kutscher nicht erschlagen – ganz erwünscht und oft Himmelfahrtfeste, zu welchen der Wagen mir als niedriger Tabor und als Sternwarte dient und die ich feiern kann ohne große Ausgaben von Zeit, indes man hingegen in der Studierstube seine wichtigsten Stunden unter den Gewittermonaten durch das ewige Hinlaufen ans Fenster und das Besichtigen der Wolken zusetzt. Ich hatte noch eine Viertel-Meile zu Karlsons Gute, als ein starkes Donnerwetter – denn es kam von Norden – schon gerüstet in seiner Schlacht- und Schlagordnung zum Angriff der Erde über dem halben Himmel stand. Vom Horizonte herauf lagerte sich ein ebenes schwarzes Meer, in das die gebirgigen Wolken unter heißen Silberblicken zerliefen, und am Himmel hing ein Orkus mit Flammen hinter einer Nacht. – Unter dem Schauen nach ihm war ich unvermerkt in eine seltsam-schöne Gegend gekommen, die mit zahllosen Baumgruppen und Baumgängen, langen Wasserspiegeln und Wasserwindungen und breiten Gängen durch unabsehliche Kornfluren sich bis an ferne Gebirge ausdehnte. Mitten in der grünen Fülle bäumte sich ein einsamer Fels wie ein vom Himmel gefallnes Zauberschloß empor. Auf dem Felsen stand ein von Weinreben umsponnenes Gartenhaus oder vielmehr Gartenturm mit unzähligen Fenstern. Hoch im Freien schwebten, wie es im Gewitterdunkel schien, zwei goldne Sterne über dem Turm. An der mir halbabgewandten 1122 Seite führten mehre Gärtchen als geräumige blühende Stufen hinauf, wie etwan unschuldige Freuden den Dichter auf seine Kunstgipfel geleiten.– – Jetzo fuhr Gewitterfeuer in einen einsamen Baum; und unter dem Schlage stand eine glühende Kugel über dem Gipfel. Die Goldsterne über dem Gartenhause entbrannten hell und ich erkannte nur unter dem Blitzen die beiden in vergoldete Spitzen auslaufenden Gewitterstangen. Plötzlich wurde mir bei meinem Namen oben von einer bekannten Stimme zugerufen: hinaufzukommen aufs Wetterhorn. – Ich war bald die äußere Bergtreppe hinauf, deren Stufen aus Gärten bestanden, die sich mir unter dem Wechsel von Blitz und Nacht gigantisch vergrößerten. Da trat mir ein langer schlanker Mann entgegen, mit dem Kopfe etwas vorgebückt, mit einem festen ungeblendetem Augenpaare und mit einem von dem Überleuchten der Blitze wunderbar gehobenen Kraftgesicht und Gliederbau. Es war mein alter Freund Karlson, der mich mit dem gewöhnlichen scharfen Blicke und Gedächtnis der Kriegleute viel früher wiedererkannt hatte als ich ihn; da ich mehr nur Stimmen behalte. Er machte mich in der Eile mit seinem sogenannten Wetterhorn bekannt, das er so einrichten lassen, um hinter einer Wache von Eisenstangen dem hohen Riesenkriege der Wolken mit freierem Genusse zuzuschauen. Schon vormittags zieht er bei einiger Hoffnung zu dessen Ausbruch mit den Seinigen auf das Wetterhorn. – Warum aber suchen und achten überhaupt die Menschen nicht mehr das Erhabene der Erde, wenn es ihnen entgegenwandelt als Gewitter, als Meer, als Sternhimmel, sondern bauen sich lieber ein Miniatur-Erhabenes in Parks und Operhäusern oder tragen das natürliche Große auf Miniaturpinseln zu Nest? Ich ließ es durch kein Reden zu einer Störung eines so vorüberrauschenden Genusses kommen, zumal da eben ein Gegengewitter in eine hohe Tanne einschlug, über welcher wieder eine Kugel glühte. Der Rittmeister hatte nämlich über einen frei stehenden Baum einen Wilsonschen Knopfableiter so aufrichten lassen, daß dieser unweit des Gipfels absetzte und folglich den 1123 abspringenden Blitz als einen vollen Schlag dem Baum zulenkte. Alles wurde immer reicher und wilder. Zahllos flogen die Blitze mit Brautfackeln der Befruchtung und mit umgestürzten Todesfackeln über die Welt und standen unten in den Wassern als Grubenlichter und Silberadern und liefen über die Wolken als Steppenfeuer; und bald schauten lange Wälderzüge, bald zahllose Berghäupter als Riesen auf den Festungmauern der Erde den Menschen im Flugtage des Blitzes an. Herrlich schlug der Donner die Regennacht auf zackigen Wolkenschutthaufen entzwei und die weißen Schneekoppen und die schwarzen Feuerberge des Gewölkes deckten sich mit ihren ineinandergekeilten Gipfeln auf und der Himmel hing als ein der Erde zugekehrter Ätna herab. So war das stille Blau, zu dessen Frieden und Kühle der Mensch so oft aus seiner Erdenhölle sich zu trösten aufblickt, in ein feuriges Schlachtfeld verwandelt. Endlich schloß der Himmel seinen Frieden und einen schönern als gewöhnlich die Menschen; denn keine Stunde der Natur ist lieblicher als die erste lichte nach einem Gewitter, gleichsam eine Liebe nach der Versöhnung – das besänftigte Nachdonnern der Ferne ohne die gewöhnlichen Schlußakkorde der Kanonenschläge, und auf den stillen Regenmeeren des Horizontes das milde Nachleuchten der vorigen Blitz-Dreizacke; – und das kühle stumme Blitzen der getränkten Blumen und ihr frisches Duft-Behauchen der Menschen – das scheidende Herüberblicken der sanften halbverweinten Sonne auf dem hohen Gebirg, welche die stolzen Berge der Nacht überließ, aber über die fernen Hügel und Täler mit der goldnen Wiegendecke des Abendrotes zog. – O wie reicher und schneller vergütet die Natur als der Mensch! Froh über die alte und neue Zeit gingen ich und mein wiedergefundner Freund nach seinem Schlosse Falkenburg zur Familie und er sagte mir unterwegs, wie diese ihm sein Spätjahr in Frühjahre des Lebens umtausche. Da kam uns über die Wiesen sein Sohn Alexander entgegen, welcher bisher das Gewitter anstatt auf dem Wetterhorn, durch Herumlaufen im weiten Freien zu genießen gesucht, weil er, wie er sagte, alles lieber vom lebendigen Naturaste als aus dem Einmachglase nehme. – Es war ein 1124 blühendes derbgesundes einnehmendes Köpfchen, an welchem die halbgerollten Naturlocken über den Ohren wie ein Paar Merkurflügel vorstanden, wie denn auch alles am Jüngling Flügel hatte, Gang, Sprache und Gedanke. – Beiläufig! erst der erwachsene Sohn maß mir das Alter des Vaters und damit auch das meinige vor; denn alte Bekannte behalten für einander immer die alternden Ähnlichkeiten bei; Kinder hingegen zeigen durch ihre Jahre die fremden. – Alex, wie ihn die Familie abkürzte, zeigte sogleich, als Karlson etwas von der Pracht des Gewitters vorbrachte, seine Natur und Sitte, überall die warmen Leute auch an die Nordseite der Gegenstände hinzuführen; er machte – um vielleicht das bewundernde Pathos des Vaters abzuwenden – die Anmerkung: so erhaben auch ein Gewitter vorkomme, wenn man unter ihm zittere: so verlier' es doch seine Pracht, wenn man über ihm auf einer Alpe stehe und das Niederschießen der Blitze und das vertiefte Donnergerolle wahrnehme; es borge sonach einen Teil seiner Größe von der menschlichen Stellung. »Schwerlich viel!« (versetzte ich) »es steht nur das Größere neben dem Großen, erstlich der Zug der Gebirgketten, vor welchen sogar die weiten Ebenen und die unabsehlichen Flüsse einkriechen; dann thront ja hoch der Himmel mit seiner Sonne über den Wolken und natürlich versinkt das Irdische gegen das Himmlische.« »So wollen wir es« – antwortete Alex – »noch anders nehmen. Ich habe mir oft eine umgekehrte, nämlich eine verkleinernde Astronomie vorgestellt. Ja ich konnte sie sogar erblicken, wenn ich das Teleskop umkehrte. Alle die Sternbilder und Nebelflecke und die unermeßlichen Räume dazwischen wären doch durch ein unendliches hohles Glas vor einem unendlich-scharf gedachten Auge zusammenzuziehen bis sogar zu der Größe eines Plafonds in einem Gartenhause; – denn wo sollte die Verkleinerung aufhören bei meiner Annahme eines hohlsten Glases und schärfsten Blickes? Auf diese Art möchte doch das oben an der Gartenhausdecke hausierende und rotierende Weltgebäude uns weniger erschüttern und erheben als es bisher getan.« 1125 »Aber darum« – sagt' ich – »wäre das Große nicht verloren, sondern es bliebe sogar zweimal da, und noch ein unendlich Größeres dazu. Denn einmal war unser Gedanke ein großer, und keine äußere Wirklichkeit könnte seine innere vernichten und verkleinern; sogar einem höheren Geiste erschiene unsere Vergrößerung als eine fort, wenn er in ihr auch eine irrige und leihende Anwendung fände. Zweitens gibt es auf der Erde keine Vergrößerungen, sondern nur Verkleinerungen; und der Floh ist noch größer als er unter jedem Vergrößerglas erscheint Den längern Beweis dieses Satzes findet man in . . . . , weil wir das stärkste, d. h. die nächste Nähe noch nicht kennen und haben. Jede Ferne verkleinert und belügt, und so wird der winzige Floh so gut von ihr verringert als die riesenhafte Sonnenwelt.« »Sie haben mir einen nun einmal ins Ohr gesetzt: so mag er da hantieren und seine Elefantengröße zeigen. Denn dies vermag der kleine Riese wirklich, und alle die erhabnen Donnerschläge – um auf das bewunderte Gewitter zurückzukommen – tun die Sprünge eines einzigen auf dem Paukenfelle nach. Wo bleibt hier das Erhabene des Gehörs?« »Eben da,« versetzt' ich, »wo das Erhabene des Gesichts noch ist, erstlich im Geiste, der einmal erhaben empfunden, und zweitens in der Außenwelt, in welcher jeder Klang gewaltiger stürmt, als wir ihn jemals aus seiner Ferne vernehmen; denn wir hören keine Sache in ihrer höchsten Nähe. Ist der Klangorkan, der in der nahen Glocke brauset, eine Einbildung?« – »Nein, er wird eine, wenn er bloß als ein dünner Stundenschlag sich tot vom Turm herunterfällt«, versetzte der Rittmeister mit inniger Freude über die gerettete Wahrhaftigkeit der menschlichen Erhebungen. »Sie haben recht« – – sagte der Gesandtschaftrat, indem er meine Hand ergriff – »immer bleibt die größte Nähe das Beste, wenn man Menschen gewisser Art ihrem Werte gemäß hören und sehen will.« Schon im Dorfe empfing uns die Rittmeisterin Josepha voll Freude über den ganzen, in mehr als einer Rücksicht reichen Abend. Eine wahre Palmengestalt durch Natur und durch Kunst, 1126 welche künftig nicht einmal durch die Jahre die gerade Haltung verlieren wird! Solchen ruhigen liebevollen, und doch durchdringenden Blicken konnte freilich der Rittmeister bei seinem französischen Feldzuge leicht seine beiden Söhne anvertrauen, obgleich Söhne sonst schwerer von weiblichen Händen zu lenken sind als deren Väter. Das wenige, was sie mir über meine Werke sagte und über mein Verhältnis zu ihrem Gatten, zeigte nur Würde – die für das Volk dem Stolz gleichgilt –, und ruhige Wärme – die es für Kälte ansieht –, und keine Kreuz- und Querzüge des Gesprächs, die man sonst wohl von Weibern und Weltleuten erwartet. So hatte denn die Vorsehung, wie es schien, dem sich leicht poetisch verflatternden Charakter Karlsons, anstatt Gionen, die ihm für das lange Glück der Ehe vielleicht zu ähnlich war, ein kälteres, mehr abwägendes Wesen zugeführt, das mit andern Kräften den Himmel seines Lebens aufbaute und trug. Nun flog aber ein ganz anderes Wesen zur Türe hinein, seine Tochter Nantilde, die zu Fuße so spät noch von Wiana, nämlich von Selina zurückkam. Da sie meinen Namen hörte, fiel sie mir – sie muß mich wahrscheinlich noch für zehn Jahre älter angesehen haben – drei Sekunden lang geradezu um den Hals und sagte: »O, Gott sei Dank! – Das soll Selina heute noch wissen!« – Sie wollte wirklich diesen Abend noch nach dem Rittergute fahren und ihre Freundin herholen; denn beide Familien tauschten so vertraulich ihre Schlösser wie eigne Zimmer. Aber die Gräfin bemerkte, so spät möcht' es wohl den Baron beschweren, er möge nun zu Hause bleiben oder mitkommen; dafür reise man morgen sämtlich dahin. »Sie ist eben ein ewiger Sturmzephyr«, sagte Karlson. »Sie sehen jedoch,« sagte jene zu mir, »wie innig unsere Tochter ihre Freundin liebt« und schien damit zugleich der vorigen Umarmung die rechte Auslegung geben zu wollen. Mich labte sehr die Liebe rings umher, das rein zusammengestimmte Gattenpaar und die sich im Necken liebenden Geschwister; und ich sah mit jugendlichen Blicken dem Reisemorgen entgegen, der mich zum zweiten alten Kampaner-Bekannten und zu einer so vielgeliebten Tochter der edeln Gione bringen sollte, 1127 damit ich wenigstens aus der Ferne wieder in das Kampanertal der lieben Jugendzeit hineinsähe. – Nur ein glänzendes Stück war aus dem liebereichen Familienzirkel ausgebrochen und eine Wolke füllte die Lücke des Regenbogens: Henrion, Karlsons zweiter Sohn stand auf dem Schlachtfeld. Alle schienen mit warmer Liebe am Jüngling zu hangen. Der Vater wiederholte allen zu Liebe den alten Trost, daß Henrion, welchem er bei einem so unbestimmten Kriege ein gewisses Ziel der Heimkehr setzen müssen, nach manchen Verrückungen dieser Grenzsteine endlich sein Wort gegeben, bei der Wiedererrettung Moreas nicht länger zu bleiben, als bis die wichtige Festung Napoli di Romania, wovor sein General Norman liege, sich ergeben habe. »Dann ist er wieder da,« rief Nantilde entzückt »und morgen soll Jean Paul sein Bild besichtigen und selber wieder ein Bild uns davon machen.« – Die Rittmeisterin setzte hinzu, daß das Bild bei dem Freunde Wilhelmi hange. »Er lebe!« rief Alex. »Er streite und lebe!« rief Karlson. – Jetzo umfaßte eine gewisse feierliche Kirchenstille den ganzen Kreis und vor jedem Herzen schien innerlich der Geliebte zu stehen, aber auch die Feinde neben ihm. Ich weiß nicht, wie ich jetzo zu dem an sich beziehlosen Worte kam: »Es gibt mehr unbekannte als bekannte Leiden; die Menschen schlafen nebeneinander mit ihren Träumen, aber selten weiß einer, wenn der andere eben einen schweren hat; er würd' ihn sonst wecken.« Genug die heitere Nantilde wurde darauf ganz still – – wovon ich erst später die ganze Ursache erfuhr. Der Gesandtschaftrat lenkte bald die ernsten Betrachtungen zu heitern um: »Wahrlich«, fing er an, »ein ehrlicher Jüngling, der in einen guten vernünftigen Krieg hineinverlangt, wo für etwas Tüchtiges Blut und Leben daranzuwenden ist, wenigstens für Freiheit, kann sich keine bessere Zeit wünschen als unser Jahrhundert; es ist das Ding nicht viel jünger als ich, nämlich 22 Jahre, und doch hat es schon eine Menge der besten Freiheitkriege geführt, zwei in Spanien – wovon der eine noch dauert – mehre in Deutschland, ein paar in Frankreich, einen in Welschland und eine Unzahl in der neuen Welt: einem hochherzigen 1128 Menschen bleibt ja heutzutage ordentlich die Wahl gelassen, für welche Freiheit er fechten will, ob für die amerikanische oder die spanische oder die griechische, indes er in frühern Zeiten nur in elenden Erbfolgekriegen für einen Louis und andere sich mit den Völkern verbluten konnte.« »Ein wahres Lob«, fiel ich ein, »für das corps diplomatique , das eigentlich immer das erste Treffen aller Armee-Corps ist; wenn nicht die Väter, doch die Geburthelfer, oder wenigstens die prophetischen Wettermännchen des Kriegs.« – Mit einiger Wärme erklärte er sich gegen seinen eignen Stand, den er nächstens aufgebe und umtausche, weil die Interessen eines großen Hofs, wofür der Gesandte arbeite, einem hochgesinnten wenig gefallen, und die Interessen eines untergeordneten Hofs ihm noch weniger gelingen könnten. – Ich nahm seinen Posten, der ja auch meiner war als Hildburghäuser Legationrat, mit allen Kräften in Schutz und verteidigte solchen, da ich Titular- oder Scheinlegationrat war, mit so vielen Scheingründen als ich nur eilig auftreiben konnte. – »Wohl«, versetzte Alex, »sind Sie glücklich, da Sie mit Ihrer Legation keinem Lande etwas schaden oder kosten; – aber ich sattle um zur Finanzwissenschaft; ich kann damit doch etwas tun. Kein Land hat ietzo Geld – und bloß Geld, nicht aber wie Montesquieu meinte Ehre, ist das Prinzip der Monarchien –; es ist jedoch, als ob den Staaten, je mehr neue Metalle die Chemiker jährlich entdecken, desto erbärmlicher die alten ausgingen. Für die Theologen ist wegen ihrer Baurisse der Zukunft, der Kirchhof der goldne Boden des Handwerks, oder die Pandorabüchse mit der Hoffnung – für den Arzt ist er ohnehin ein goldner Boden, weil ihm die Rechnung für seine Gänge bezahlt wird, sobald die des Patienten aufgehört – für den Offizier ebenfalls, weil er hinaufrückt, es mögen nun seine Kameraden hineinkommen, oder durch ihn der Feind – Aber nur gerade für die zahlreichste Menschenklasse, den Landmann, der jetzo lauter Eisfelder bauet, ist der Grund und Boden ein Blutacker . . . . . Das hole der Henker! Aber ich will wenigstens damit anfangen, daß ich dem Landtage einen Vorschlag einreiche, die verdammten halben Kreuzer und drei Pfennige und einen Heller, welche durch die dicksten 1129 Steuerrechnungen zur Plage und Mühe der Rechner und Schreiber unaufhörlich herumrollen und klingeln, zum Vorteile der Steuerpflichtigen geradewegs zu streichen, zumal da sie zusammengeschmolzen sogar aus großen Summen am Ende keine der Mühe und der Dinte werte abwerfen – ich sage zu streichen und den Steuerpflichtigen zu erlassen, dieselben Kreuzer, Pfennige und Heller aber den Besoldeten überall, wo solche in Tabellen vorkommen, abzuziehen und sie zurückzulegen, so daß durch diese beiden Handgriffe am Ende von einer Sparkasse für den armen untergeackerten Landmann nach Jahren die Rede sein möchte.« So freundlich und hell verging uns allen der Abend als ein Vorläufer eines noch reichern Morgen.   Streckvers über den Kapitel-Planeten Merkur Das Weltkörperchen fängt, hell-schimmernd und leicht-fliegend, die Planeten-Reihen nah an der Sonne an: dies will das erste Kapitel auch nachtun. Gefällt es euch aber als Irrstern nicht: so werde der Anfang Merkurius der Götterbote genannt, denn er bringt euch ja neueste Nachrichten von denen, die im Kampans-Elysium Götter waren, ja er führt sogar, wie jener geflügelte, eine Seele von hinnen, Gione.   II. Venus oder Morgen- und Abendstern Flächeninhalt Gang nach Wiana – Henrions Bild – Selinas Lieben und Leben – der Glanz des All – neueste Nachricht Erste Unterabteilung Der Weg nach Wiana – Selinas Erscheinung – Wilhelmis Wiedersehen – Selinas Leben und Lieben Wie rein und wolkenlos war der Morgen – und jedes Gemüt! Nantilde trieb in allen Zimmern mit Spornrädern der Worte und Mienen zum eiligen Ausmarsch; die Sache war freilich, sie hatte 1130 schon vor tags eine Botschaft von meiner und von unserer Ankunft an Selina vorausgeschickt. Auf dem Hügel sah Nantilde ihre Freundin schon in den Ährenfluren gehen und flog ihr entgegen. Seltsam bewegte sie mein Inneres, als sie vor mir stand mit großen durchsichtigen, wie verklärten Augen – in ihrem blauen, unter dem Blau des Himmels lichtern Kleide glänzend so edel-schön wie ihre Mutter Gione, bloß etwas länger, mit reinem Glanze der Schönheit den Jüngling zugleich treffend, und von sich haltend, daß auch der edlere nicht wagte, sie laut zu lieben – und mit dem Blütenweiß der Wangen, zu welchem das ihnen nur aufgehauchte Blütenrot durch das Entgegeneilen verflogen war. Als sie nun sagte und meine Hand ergriff: »Wir freuen uns alle recht über heute, lieber J. P.!« und ich völlig den Ton der mütterlichen Stimme hörte: so hob sich mir eine dunkel-blühende Vergangenheit wie eine alte Insel aus der Tiefe; und doch war mir immer, als müßt' ich mich noch etwas Tief-Versenkten erinnern. Aber ich erinnerte mich nicht, bis mir später Nantilde erzählte, daß Selina die Lieblingfarbe ihrer Mutter, das Blau, und alle Kleider derselben, soweit es nur angehe, immer vorziehe und trage: nun hatt' ich alles, Gione hatte auf der ganzen Tagreise durch das Kampanertal das blaue Kleid getragen. – Wie wandelten wir alle so beglückt! Das Schloß Wiana lag mit seinen überlaubten Altanen schon im offnen Dorfe aufgedeckt vor uns, weniger ein Ritterschloß als Gartenhaus und mehr grün als weiß. Überall liefen Bäche und Steige und Baumreihen buntgemalten Dörfern zu und aus der Ferne sahen Kirchtürme und Maibäume her – und hinter den dunkeln Gipfelketten Wianas bewegten sich die weißen Segel der Fahrzeuge und die fernen Gebirge standen hell im dunkeln Blau. – Der wehende Himmel umflutete uns mit seinem blauen Meere, und seine Wogen schienen uns zu tragen und zu heben; und wir sahen oft einander stumm und selig an . . . . Auf einmal war mein alter Freund Wilhelmi an meiner Brust, voll Wohlwollen und Ruhe zugleich. – – Spätes Wiedergesehenwerden nach langen Jahren bekommt nur moralisch-wachsenden Menschen physiognomisch 1131 vorteilhaft. Auf das blühende Gesicht des Mädchen sind die Fehler nur unsichtbar mit sympathetischer Dinte geschrieben, welche durch die Wärme der Leidenschaften und Jahre endlich gelb und schwarz aufgetragen erscheinen. Die dem männlichen Gesicht als junger grüner Frucht eingeritzte Perlschrift schwillt später an manchem als ausgewachsenem Kürbis zur Grobmissalfraktur und unförmlichen Schramme auf. Durch gespannte Magerheit verliert im Alter das weibliche Gesicht, durch hangende Fülle das männliche. Wilhelmis volles Gesicht vergrub keinen einzigen schönen Zug seiner Jugend, ob er gleich gute Gerichte – er war eben von seinem Trink- und Eßfrühstück auf dem Altan zu uns herabgeeilt – im Alter so sehr liebte als gute Menschen. Wohlwollen und Wohlbehagen blickten zusammen aus seinen Augen. Er hatte die ganze ökonomische und malerische Veredlung nicht bloß seiner Dörfer, sondern auch der rittmeisterlichen übernommen – mein Karlson, sagt' er, muß in seinen Büchern bleiben und höchstens daraus gehen in seine Pflanzungen und Gärten, wann ich sie fertig gebracht –; und Karlson ließ ihn gern, sogar in Falkenburg anordnen und beglücken und verschönern. Den Kirchweihen, die in manchen Staaten mehre Dörfer zugleich an einem einzigen Tage, gleichsam einem Allerseelentag, wegfeiern müssen, gab er durch Auseinanderrückung Zeit und Raum zur Lust; und letzlich impfete er den Maibäumen noch Sommer-, Herbst- und Winterbäume ein. Wie süß schmeichelte Selina seiner Jagdlust nach fremdem Frohmachen durch die immerwährende Darstellung einer andern beredtern und flüchtigern Seligkeit, als sie in ihrer tiefsten Seele genoß und verhüllte! – Ich hatte mir sie früher so ernst wie Gione vorgestellt; dann später das Gegenteil für Harmonie mit Nantilden genommen, aber endlich als Einklang zum Vater gefunden. So tat sie ihm den Gefallen, recht hungrig zu sein, wenn sie mit ihm allein bei Tische saß, weil sie seine Schüsseln nicht bloß bereiten, auch genießen sollte. Aber wie wurde sie rings umher geliebt! Karlson blickte als ein zweiter warmer Vater in ihr Auge und er konnte sie nicht oft 1132 genug in seinem Schlosse haben, bloß damit sie ihn recht oft hörte – über alles Große und Göttliche in den Wissenschaften. Auch die bestimmte, jedes Wort berechnende Josepha nannte sie nie anders als ihre Tochter Selina. Sogar der kühne Alex legte vor ihr am Morgen den logischen Reif nieder, wodurch er gern seine Disputiersprünge machte, und schritt etwas ruhiger zu Werk. Da ihm nun vollends bei ihrer Erscheinung ein Rot angeflogen war, als entzünd' eine aufgehende Sonne die nächste Wolke: so schloß ich, daß er sie liebe; aber eine untergehende macht die Wolke auch rot und mein Scharfblick wurde vom nächsten Zimmer widerlegt. Es war Selinas Zimmer, worein der Baron mich zu führen befahl, damit ich das so sehr gewünschte Bildnis Henrions zu sehen bekäme, dessen Farben über diese kleine warme Welt der Liebe als ein ferner unberührbarer Regenbogen hingen. Mein Auge kam im Zimmer erst über eine breite Karte von Griechenland, die den Nähtisch bedeckte, zu des teuern Jünglings Bild an der Wand. »So muß der Sohn aussehen, der eines edeln, kühnen, hochgesinnten Vaters würdig ist«, dachte jeder bei dem Erblicken des Bilds. Ein blaues, aber trotziges, ja blitzendes Ritter-Auge – wie ja der Blitz nicht bloß aus der schwarzen Wolke fährt, sondern auch zuweilen aus dem hellen Blau – ein Blitz, der oft in den alten deutschen Wäldern aus blauen Augen auf die Römer schlug – eine gewölbte Dichter-Stirn und vordringende gebogne Nase und doch bei allem diesen zum Kampf gerüsteten Ernst des Lebens ein Gesicht voll weicher zarter Jugendblüten und einen üppigen Mund voll entgegenquellender Liebe! – Überall mehr dem Kopfe seines Vaters ähnlich als dem runden beweglichen seines Bruders. Als ich fragte, wer diese strenge Männlichkeit so treu wiedergegeben und abgemalt, antwortete nach einigem Schweigen Selina leise: »Mein Vater wünschte es von mir.« Wie aber eine weibliche Hand ein solches Kraft- und Ernstgesicht ohne alles Wegschmeicheln und Abglätten nachschaffen können, wurde mir erst später aus dem Wesen Selinas begreiflich, die das Schöne wie das Gute behandelte und bei jenem wie bei diesem jede Schein- und Gefallsucht verschmähte; so wie sie sogar ihrem Vater eine einzige Gabe versagen mußte, nämlich das gäng 1133 und gebe Knallsilber und Rauschgold der modischen Trillerzieraten bei ihrem Gesang, der mit seiner Bruststimme, oder Herzstimme vielmehr die Seele gewaltsam in Wehmut und Sehnsucht untertauchte. Sie sang schwach, rein, innig und schmucklos und man weinte, ohne zu loben. – O wie sehnt' ich mich nach Selinas Geschichte ihres Lebens und Liebens! – Zum Glück sehnte sich Nantilde ebenso stark, sie mir zu geben – und so bekam ich sie noch denselben Vormittag. Sie erklärte der Gesellschaft, sie wolle als die jüngste flinkste im Schlosse – denn die feurig-tätige für Kranke wie für Gäste kochende Selina trug schon ihres Vaters wegen die Küchenschürze als eine weibliche Freimaurerschürze, obwohl mit honigreichern Rosen besetzte als die Schweigzeichen der Brüder Redner sind – mit mir alle reizenden Anlagen und Zulagen der beiden Rittergüter und Ritterparks kursorisch durchlaufen und dem guten Hans Paul jeden Zierwinkel und jeden Zierbengel von Bauer zeigen und doch zum Essen mit ihm pünktlich wiederkommen. Aber wahrlich, ich nahm von dem breiten Garten voll kleiner Gärten, voll Wäldchen und Dörfer und dem ganzen besetzten Weihnachttische voll malerischer Schönheiten wenig wahr unter der Geschichte des seltenen, sich in der Küche opfernden Wesens. Gione starb ihrer Selina gerade im 15ten Jahre, wo das ganze Innere einer Jungfrau Traum ist und die Außenwelt nur Folie des Traums. Sinnig und verhüllt im eignen Herzen lebend, hatte sie mit ihrer Mutter fast bloß den Rittmeister und dessen philosophische Unterhaltungen, die sie den heitern leichtern des Vaters vorzog, besucht. Die letzte Erdenstunde, da Gione sich verklärte, hatte keinen Zeugen als Selina allein; Abschied, letzter Laut und Blick und letztes Ausatmen der schweren irdischen Luft, alles Letzte blieb ein Geheimnis der Tochter. Aber mit der Mutter verklärte sich die Tochter, wiewohl auf irdische Weise; und wie man neben Raffaels Sarge seine letzte Kunstgeburt, die Verklärung aufstellte: so stand Selina neu erglänzend neben der Hülle ihrer Schöpferin. Sie, sonst so eingeschleiert und schweigend, wurde auf einmal heiter, belebt und 1134 aufgeschlossen, sogar es gegen Nantilde noch mehr als sonst. Ihr Träumen wurde lauter Handeln, und von der Küche ihres Vaters an nahm sie ihren täglichen Weg durch die Krankenstuben der Leidenden und durch die Arbeitstuben der Armut und hielt sich für glücklich in Vergleich mit Fürstinnen, denen an ihren Nähtischen so wenige Mühen für andere zugelassen sind. Aber ihre vordringende Phantasie und Kraft und ihr Dürsten nach recht vielen und schnellen Beglückungen, kurz eben ihr Charakter gaben ihr überall eine schöne, aber aufreibende Ungeduld und jeder kam ihr zu langsam vor, sogar sie sich. Heißes Vorstreben saugt mehr Kräfte auf als heftiges Ausführen, weil jenes geistig und unausgesetzt fortarbeitet. Die hochsinnige Jungfrau wurde darum zuweilen von dem Verdachte beleidigt, sie habe von der sterbenden Mutter die Hoffnung eines nahen Nachfliegens unter ihre überirdischen Schwestern empfangen und teile daher wie eine Abschiednehmende und wie eine Sterbende an die Zurückbleibenden unaufhörlich Geschenke aus. Die beste Widerlegung war ihr Fortblühen und Fortopfern von einem Jahr ins andere. Und doch grenzte der Verdacht an eine Wahrheit: Die scheidende Mutter hatte ihr versprochen, ihr zuweilen im Traume zu erscheinen und zwar so oft, als sie recht zufrieden mit ihrem Leben sei – Gione erschien recht oft. – Darum lebte die Jungfrau so freudig und tätig und öffnete die Arme für das gute Herz und die Hände für das bedürftige. Der feuer- oder blitzhaltige Gesandtschaftrat Alexander fand bei seiner Rückkehr von der Gesandtschaft sie als eine ganz neue Zauberin im Zimmer seines Vaters – die frühere ernste zog ihren Fixsternweg zu hoch und fern von seiner Trabantenbahn – und die veränderte Selina allein führte den alten Unglaubigen an Weiber, in die seligmachende Kirche der echten Liebe zurück; aber er legte vor der Zauberin kein öffentliches Bekenntnis seiner Religionänderung ab; – denn ungleich andern Gesandten konnte er einen Korb hinnehmen, der weibliche wurde seinem Ehrgefühl ein Maulkorb zum Schweigen, so wie ein männlicher ein Schanzkorb zum Angreifen. Sein Welt- und Weiberblick nun fand bei ihr bloß die wärmste – Freundin eines Sohnes des 1135 Rittmeisters, und ihr ganzes jungfräuliches Wesen stand ihm so hoch und glänzend-rein, daß er einmal zu seiner Mutter Josepha sagte: »Gewissen jungfräulichen Seelen kann man so wenig die Liebe anbieten als Prinzessinnen den Tanz, sie müssen selber auffordern.« – Dagegen bewahrte er Selinen eine ewige Liebe, welches weniger die unerhörte, als die ungehörte ist. Nun kam auf dem Wege von der hohen Schule, der des Lernens, nach der höchsten, der des Handelns, Alexanders Bruder Henrion in das väterliche Haus, jeden überraschend durch seine vollendete Aufblüte – noch länger und stolzer gebaut als selber sein Vater – mit Heldenfeuer gefüllt – glühend von Gesundheit, Kraft, Mut und Kriegerzorn – eine hohe Palme einfach ohne Prunkzweige, aber voll Stacheln zur Abwehre, und im Gipfel Palmenwein und Frucht; und für welche das Gewächshaus eines Schlosses zu enge war und nur ein März- und Schlachtfeld geräumig genug oder ein Berg. Selina empfand für den ihrem geistigen Pflegevater Karlson so ähnlichen Jüngling Verehrung bis Demut; und dem Jüngling, der sie früher so oft an dem Herzen und Munde ihrer Mutter Gione gesehen, war Selina das Heiligtum, das ein hinübergeflogner Geist sich geweiht und welches nur fromme Hände anrühren durften. Und so lebten beide Seelen miteinander beinah vertraut beisammen, in Mitteilung der hohen Ansichten einander die edeln Herzen nur aufschließend, aber nicht anbietend. Nantilde suchte beide zu nähern, was oft bei solchen, die schon beisammen sind, entfernen heißt; und der weltkluge Alexander setzte schon den Austausch ihrer Herzen voraus und sagte zur Schwester: sie beten aneinander ihre gegenseitigen Eltern an. Vor Henrions Abreise nach Griechenland drang Selinas Vater auf ein Bildnis von ihm; allein der Jüngling hatte nie einem Maler sitzen wollen; auch war keiner in der Nähe. Aber eine Malerin war zu finden, Selina. Die Tochter willigte zaghaft und schwer in den väterlichen Wunsch; Henrion folgte ihrem kindlichen Gehorsam; nur gab er statt des Vollgesichts bloß das Halbgesicht den Farben hin, wiewohl aus einem für manche Jünglinge unerwarteten Grund: nur die beschäftigte Zeichnerin, 1136 aber nicht der ruhige Gegenstand dürfe in seinem Müßiggange in einem fort anblicken, und gegen eine Selina sei ein genießendes Anschauen ohne den Zweck der Rede zu kühn. Vielleicht gab dieses Halbverstecken des Auges dem Urbilde den Schein eines Abwesenden und dadurch der Bildnerin die größere Freiheit und wärmere Phantasie der Behandlung. In jedem Falle aber bleibt für zwei junge Herzen Malen und Sitzen immer etwas Gefährliches, und der Pinsel kehrt sich zu einem Amors-Pfeil um. Die herzüberfüllte Selina hatte an und in den Jüngling so lange geschaut wie in ein klares tiefes Meer hinab, in das man sich endlich zu stürzen schmachtet. Und Henrion, vor welchem das ihn anblickende, so nahe und doch ferne Wesen voll Liebe und Opfer gegen ihn mehr bloß im Geiste stand, hatte einen blauen Himmel voll unsichtbarer Sterne neben [sich], welche das Herz am Tage anbeten möchte. – Es war am Morgen, wo Selina ihrem Vater das Bildnis vollendet übergeben, kurz vor Henrions Abreise nach Griechenland, als beide von nichts begleitet als Schmetterlingen und Lerchen, – wider die auf dem Lande ungewöhnliche Polizeimeisterei des Anstandes – ganz allein miteinander durch die lauten Fluren und endlich der Hitze wegen in die stillen Wäldchen lustwandelten. Auf einmal wurd' es in einem Wäldchen finsterer und doch über den Gipfeln nicht dunkel im Blau. Plötzlich war in Osten ein schwarzes feuerspeiendes Ungeheuer von Gewitter erwacht und spie auf der Schwelle des Tags sein wildes Feuer neben der stillen blassen Sonne. Zur Freude für beide Menschen stand das Wetterhorn nicht weit vom Wäldchen. Henrion sah mit entzückten Augen in den feurigen Morgensturm, in die auflodernde Wolkenschlacht, zwischen deren Feuer die Sonne als Heerführerin vorleuchtete. »Dort in Osten«, rief er begeistert, »seh ich das Wetterleuchten der griechischen Waffen und höre Kanonendonner der Griechen über ihre Tyrannen rollen und niederfahren.« – Ein Sturm jagte aus dem weitgelagerten schwarzen Gewitterheerhaufen eine lange Wolke näher heran, die sich unaufhörlich entlud und lud, bis sie über der Blitz lockenden Kugel des Gewitterableiters stand. – »O könnt' ich einst sterben für die Freiheit, sobald ich nicht mehr streiten kann 1137 für sie. O Gott, wie schön ist der Tod, Selina, wenn er vom Himmel kommt als ein weißer blitzender Todes-Engel!« Da schoß eine Feuerschlange in zwei Sprüngen aus dem Schwarz auf die nahe Goldkugel und der Himmel strömte und alle Wolken donnerten unersättlich nach. – »Ach lieber Henrion!« rief Selina erschrocken aus; er sah sich um und fand ihr Angesicht mit Tränen bedeckt und ganz bleich. »Selina, weinst du, weil du mich liebst?« sagte er und sie neigte langsam den Kopf wie zum Ja, zur Trauer, aus Scham zugleich und hüllte das Gesicht durch das Trocknen der Tränen ein. »O, du himmlisches Wesen,« rief er, »du nimmst mich an? So bleib' ich dein, im Leben und im Tode, wenn ich falle, und wenn ich wiederkehre.« – »Ziehe nur froh deinen Weg,« antwortete sie, »mein Henrion, und Gott wird mit uns beiden sein.« – Die Sonne brach hervor, das Gewitter war regnend nach Westen geflohen, und ein hoher Regenbogen hatte sich über die Arme des Gebirges gespannt. – »Siehe, das Tor nach Griechenland ist aufgetan«, sagte Henrion, denn sein westlicher Weg nach Griechenland ging über Frankreich. So schloß sich der Bund der beiden Seelen ineinander. Wie ganz anders sah ich, als ich mit Nantilden zurückkam aus den Gärten voll himmlischer Blumen und Früchte, Selina an, in deren heiliges Paradies ich im aufgedeckten Herzen nun blicken konnte. – Und ich mußte beiden Vätern eines solchen Paars glückwünschend die Hände drücken, als Nantilde, die aus nichts, selten aus einem Geheimnis eines machte, ihnen geradezu sagte: sie habe mir unterwegs alles gesagt. – »Nun soll Ihnen auch Selina«, sagte Wilhelmi, »den letzten herrlichen Brief von Henrion zu lesen geben, der mich durch seine heitern Ansichten des Daseins noch immer so innig erquickt.« – »Und mir ist«, sagte der Rittmeister, »sein Glauben und Beweisen der Unsterblichkeit am liebsten; ich wollte nur, Sie könnten meinen Alexander auch dazu bekehren.« Bald darauf kam Selina eilig mit dem Briefe in der Hand und ihr Gesicht drückte nicht sowohl die Einwilligung in das Lesen als die Entzückung aus, daß nun eine gute Seele mehr in die Seele ihres Freundes schauen werde. Ich ging mit den Blättern hinaus 1138 auf den freien Altan und Selina folgte mir und stellte sich hinter meinen Stuhl, um jede Seite, wie sie sagte, noch einmal, mit mir ganz langsam obwohl im stillen, wiederzulesen.   Zweite Unterabteilung Der Glanz des All – Loyds Kaffeehäuschen Hier ist der Brief unverändert. »Nächstens, meine Selina, haben wir die Festung und ich habe euch und ihr mich; denn mein Wort ist gegeben. Freuden und Taten verlass' ich hier; aber ich finde neue bei dir wieder, Geliebte. Du gutes Herz, meinetwegen denkst du zu oft an Sterben und Unsterblichkeit. Aber glaube mir, nirgend denkt man seltener an das Sterben als im Lager unter Sterbenden. Der Mensch ist hier Flamme, nicht Asche; man sieht die wehende Fahne der Laufbahn, nicht die Gräben und Gräber, die sie durchschneiden; und das zuckende Sterben, sogar das eigne, erscheint nur als die letzte Bewegung gegen den Feind. Bloß Recht und Stärke schwellen die Gefühle, keine Stubenangst drückt sie zusammen. Mitten im Reiche der Ideen und der Taten, die beide nirgend als im Kriege so nahe aneinander stehen, ist das äußere Dasein so leicht hinzugeben; und wenn ein einziges Griechenkind, oder ein zitternder Greis bloß in deinen Retterhänden steht, so fährst du als ein Löwe gegen die Barbarenhorde daher, und der Pulverblick sieht wie ein Silberblick des Lebens aus. Wahrlich die augenblickliche und entscheidende Verteidigung der Unschuldigen ist der Vorschmack eines göttlichen Reichs, wo die Unschuld ihren Rächer neben sich hat und jede Gewalt eine zweite. Fürchte aber nicht, Selina, daß der dicke Nebel der Schlachtfelder und Schlachttäler mir das reine Licht der Philosophie verfinstere, das still und gerade in meinem Busen brennt und das alles daraufstürzende Nachtgevögel des Kriegs nicht erstickt, nur anfacht. Ich höre durch den Donner des Mords doch – wie der taube Tonkünstler die Musik – dich und meinen Vater über das Leben reden und darüber die Dichter auf den Musenbergen der Griechen singen. Für mich ist eigentlich alles im Leben 1139 erhaben, vom Sternenhimmel an bis zum Weltmeer nieder, und was klein erscheint, wie das Wölkchen droben und die Welle unten, wird vom Großen umgeben oder ist bloß das herausgebrochene Teilchen eines Großen; das Sandkorn baut die Wüste und der Korallenwurm den Scheiterhaufen der Schiffe und hebt Inseln in die Luft. Die Schneeflocke auf der Alpe wird zum Donner im Tale, und ihr weißes Gewitter zerbricht Wälder und Dörfer. Mir ist jede Jahrzeit erhaben, sogar der Winter mit seinem schmucklosen Blau und Weiß und mit seiner weiten zugedeckten Welt im Schlafe, die sich vor der Maisonne blühend und fliegend aufrichtet. – Und so zieht die Geschichte, sogar die sündige, in den Säulengängen ihrer Zeiten hin, und die Kolossen der alten Reiche stehen wie halb untergegangne Sternbilder am Horizont, und die großen Gesetzgeber, die Völkerheerführer und Zeitenfürsten, ein Moses, ein ungenannter Hoher, ein Lykurg, ein Solon bewegen mit der Magnetnadel ihrer Gesetze die schweren Staatschiffe allmächtig den Strom der Zeit hinauf. Das Große jedoch schau' ich hier nicht in der Menge der verbundnen, aber doch kleinen Einzelwesen, noch in der geistigen Kraft des Gesetzgebers, der freilich mit dem langen Hebelarme seine Welt leichter bewegt, aber ich schaue das Große in der Macht, die Millionen Geister zu einem Bunde berechnete und aneinanderschloß. Und dieses prangende All ist in jedem Geiste, der es denkt, zum zweiten Male geschaffen, und im Spiegelzimmer der Geisterwelt werden die Himmel und die Welten zahllos wiederholt. – Dennoch konnte ein d'Alembert das undankbare Wort ausrufen: le malheur d'être! Aber ich segne das Glück, zu sein, und noch mehr das, fortzusein. O meine Selina, wie wird mir täglich das Leben gleichsam lebendiger, und der Glaube an Fortleben wurzelt weit unter die Schlachtfelder hinunter! – Zeigt mir irgendwo das Vergehen! Leben und Entstehen zeigt euch jeder Schritt und jeder Blick. Keine Kraft stirbt unterwegs, sondern ihr Stillstand ist nur Fortdauer ihres Widerstands; und selber das Leblose ist nicht zu töten, sondern verdoppelt sich bloß wie ein Polype, durch 1140 Zertrennen, und der Diamant fliegt unter dem Brennspiegel in tausend kleinere verwandelt davon. O wie bleibt die Erde doch mit allen ihren Vergänglichkeiten und Gräbern so lebendig! Klage mir keiner, das Leben mit seiner Freude sei nur ein schnell aufbrennendes Feuerwerk nah am Wasser mit einem ebenso flüchtigen Widerschein der Erinnerung, und wie viele Anstalten zum kurzen Glanze gemacht werden, wie viel Säulen und Bildsäulen und Gebäude zum Verkleiden des Gerüstes gemacht werden. Es ist ja aber Pulver genug dazu da, und ein einziger lebendiger Funke entwickelt eine Feuerwelt. Warum soll die Natur mit Untergängen geizen, da sie mit Aufgängen und Schöpfungen wuchert? Nur in den Händen des Menschen zerspringt die Leuchtkugel in Leuchtkügelchen, aber in der Natur umgekehrt das Weltchen in Welten, das Kleine ins Große, und der Ätna hebt sich höher, indem er Berge auswirft. Der Sternhimmel hebt, allmächtig erfassend, mein Herz am meisten empor, so ernst und ungeheuer schaut er herunter. Rücke nur so viele Tausende der Millionen Sonnen über uns dem Erdballe herein, als nötig sind, um mit ihren Glanzscheiben unser ganzes Himmelblau zu überdecken; und schaue dann hinauf und dann in dich, in dein betendes Herz. Aber was ist diese Zahl gegen jene, wo ein Herschel ein halbes Jahrtausend braucht, um die Sterne bloß unsers Himmels, also bloß des halben zu zählen; – und hier wird er ja nur durch das größte Verkleinerglas, durch die Ferne gesehen mit seinen Sternen der tausenddreihundertundzweiundvierzigsten Größe, oder Kleinheit eigentlich, und die Ameise eines Weltkügelchens, der Mensch, weiß Sonnen keinen Namen mehr zu geben, sondern nur Ameisenbuchstaben; – und nur die kurzen Demarkationlinien aus Spinnenfäden zieht er zwischen ungeheuern blauen Ländern und Reichen der Sonnen.[ [Fontana spannt im Sehrohr Spinnfäden statt Silberfäden auf.] ] So viel ist des Unermeßlichen, und doch nicht zu viel für den darüber hinaus und alles in sich hinein messenden Menschengeist. Aber der Himmel deckt bloß die Unermeßlichkeit des All, die Erde hingegen die Unerschöpflichkeit seines Lebens auf. Unter 1141 dem Kugelregen von Weltkugeln stehen die Wasserkügelchen und Tröpfchen und wimmeln lebendig, und das mikroskopische Meer ist Lebens-Wasser, aber kein totes Meer. Wenn ich so sehe, daß eine tote Tierfaser nur ein paar Tropfen Wasser verlangt, damit darin eine kriegende Völkerschaft größerer und kleinerer Tierchen auferstehe – ja wenn ich dürre Heustengelchen, eine bloße Rinde, bloße Holzkohle sich im Wasser zu jagenden, ja zu gebärenden Tieren auflösen sehe und zuletzt, wenn sich im bloßen Regentropfen allein eine Welt von fünf verschiedenen Tierarten gebiert Joblot fand (S. Zimmermanns geographische Geschichte der Menschheit B. 3) 6 Arten Aufguß (Infusion)-Tiere im Heuaufguß, und in frischem Heu andere als in altem, ebenso viele in Austerwasser; zwanzig Arten im Aufgusse der Eichenrinde. (Auch die lebendige Eiche hegt unter allen Bäumen die meisten Insektenarten) – Ja nach Dr. Gruithuisen (Oberdeutsche Lit. Zeitung 1808 Okt.) entstehen in destilliertem kalten Wasser ohne Fäulnis Aufgußtiere in einem Tage; aber (gegen Oken) nicht der ganze Fleisch- und Pflanzenstoff zerteilt sich in neue Lebendige, sondern der größere Teil bleibt als Schleim für die Nahrung derselben zurück. – Schon Müller und Fabritius beschrieben 390 Gattungen Aufgußtiere; gleichsam ebenso viele lebenvolle Nebelflecke auf der Erde. : so frag' ich, wo ist denn Versiegen des Lebens denkbar mitten in der Überschwemmung von zahllosen Springquellen desselben, die rings um uns die Erde bedecken; und wenn ich diesen Vordrang des Lebens überall arbeiten sehe, daß jedes Blatt nach Goethe sich zum Baume ausstrecken würde, hielten nicht die Mitglieder desselben es nieder Goethes Bemerkung erweitert sich noch durch die von Darwin (S. dessen Zoonomie B. 2. S. 440), daß alle tierischen Glieder einem ungemeßnen Fortwuchse zustreben, aber sich dem einfassenden fügen müssen. Z. B. nach Wegnahme der Haut treibt das Fleisch neues oder wildes fort; nach Wegnahme des Beinhäutchen verdicken sich die Knochen. – Swammerdam sagt in seiner Bibel der Natur, der Anfang der Ameise sei ganz so wie der zum Elefanten angelegt; nur die schwächere Kraft des Herzens lasse sie nicht zur ähnlichen Größe gelangen. – So wachsen, setz' ich dazu, die Meertiere – vielleicht durch Ebenmäßigkeit der Temperatur und der Nahrung und des nachgiebigen Elements begünstigt – ins Ungeheuere, so wie eben darum Tiere in der Erde zu Zwergen einrunzeln. – und wenn alles sich bewegt, von den Flammen an bis zu den Welten, was kein Totes vermöchte: so freu' ich mich des Lebens, des weiten breiten unaufhörlichen, und dadurch des meinigen auch und ich frage, wenn alle die kleinen Aufgußtiergeisterchen sich im kalten magern dünnen 1142 Wassertropfen ihr Leibchen und Leben erbauen und gewinnen können, wie sollt' es nicht künftig tausendmal leichter dem starken gereiften Geiste [sein], mitten unter dem Reichtum der Kräfte umher sich neue Schwingen an[zu]setzen zum Flugkörper nach jenseits? Wahrlich, die Natur überbaut ganz anders und fruchtbringender als der Mensch, die Gräber mit Taufgebäuden Neugeborner Die ersten Christen bauten ihre Baptisterien oder Taufgebäude über Gräbern. und die Toten mit Tempeln der Lebens-Menge. Und wie kann alsdann ein lebendiger Menschengeist zu erkalten und zu erlöschen fürchten, mitten im warmen leuchtenden Meere schwimmend, und um ihn sonnet sich daseinsfroh die Mückenwelt? Wohnt nicht die Unsterblichkeit schon vor dem Sterben unten bei uns? – Erst durch das zahllose Leben um uns her werden mir die Sternen zu etwas, und die ungeheuren Bergketten von Sonnen über uns fangen an zu grünen, und in die unübersehliche in unendliche Fernen hineingebaute Stadt des Himmels ziehen Bewohner. O meine teure Selina! In solchen Geisterminuten der Weltbetrachtung wünsch' ich am wärmsten bei dir zu sein, weil dein Verstehen mich begeistert und mich bestätigt. Sieh, darum schick' ich dir anstatt der Nachrichten um mich her lieber die friedlichen aus meinem Innern; und in deine Seele soll nur wieder eine Seele ziehen, nicht der Körpertroß. Aber jetzo schlägt ohnehin die große Stunde bald aus, wo die höchste Festung [Napoli di Romania.] als der Wetterableiter der feindlichen Blitze in unsere Hände übergeht und nach welcher ich in Deutschland mich des geliebten Griechenlands erfreuen darf. Dann halt' ich leichter den vaterländischen Frieden aus, weil zu mir die Wetterstangen mit ihren Spitzen und Kugeln herüberleuchten, an welchen sich die rohen Hagelwolken brechen müssen, die ich über die alten fruchtreichen Paradiese des menschlichen Geistes ziehen sehe. Mein lieber Vater soll wahrlich einige hohe Stunden von der großen Vergangenheit der griechischen Kämpfe durch mich bei meiner Rückkehr ernten, und ihm soll unter meinem Erzählen zuweilen so werden, als steh' er selber 1143 wieder wie vor Jahren mit seinen Waffen auf einem Feindes-Boden neben der Göttin Freiheit, um ihr zu opfern, die Feinde oder sich. Wie viel ruhiger werd' ich von nun an die alten Griechen in ihren Werken lehren und singen hören, da doch nicht mehr der heiße Schmerz über das faule Zusehen bei dem Foltern ihrer Enkel in mir stechen und klopfen wird. O es brennt überhaupt ein verzehrender Krieg im Herzen eines Jünglings zwischen seinen zweifachen Wünschen und Kräften, zu lernen und zu handeln, sich in die Wissenschaft einzugraben und sich ins helle Leben zu stürzen! – Freilich sagt mein Bruder, lernen ist auch handeln; aber handeln ist doch auch lernen. Und jedes von beiden muß ganz und glutvoll und mit allen feurigen Opfern geschehen. Wie dank' ich meinem Vater, daß er mich zu seinem Ebenbilde erziehen will und ganz den Wissenschaften, und besonders der Dichtkunst leben läßt, ohne Rücksichtnahme auf die engbrüstigen und hungrigen Gebote des adeligen und kriegerischen Fortkommens! – Aber, meine Selina, ich will mich auch tapfer anstrengen und den Parnaß wie eine Festung sogar an den steilsten Wänden zu ersteigen suchen; denn ich habe zumal für dich, zarte Luna gar zu viel Wangenrot noch vom Feldzug her und ich muß etwas bleicher werden durch Studieren. Und was werd' ich noch für dich, du Muse meiner Musen? Sag es mir. O Selina, wenn wir in die Feste werden gezogen sein und meine teuern Waffenbrüder um mich her im herrlichen Jubeltoben ihre Herzen lüften werden: mit welcher Überfülle werd' ich auf die Zinnen der griechischen Schirmstadt treten und über den weiten Hafen hinüberschauen ins unermeßliche Meer, das sich doch an deinen Ufern abbricht, und zu mir sagen: ja, drüben, da wohnt dein Himmel, dein künftiges Leben, der Geist, vor welchem deiner immer höher streben und wachsen wird und der dir größere Wunden belohnen würde als du empfangen, welchen kein platter Charons-Nachen führt aus dem stolzen Hafen, sondern ein hohes siegendes Kriegschiff! Und dies alles gebe Gott, meine Geliebte! Henrion.«       So sprach der Sohn meines Freundes und der Geliebte meiner Freundin, wenn ich Selina schon so nennen darf. Wenn eine Seele 1144 wie Selina so voll Opfer, so voll Liebe gegen alle Guten und alles Gute ist und sich nun ganz aufgetan hat einer andern Seele, um von ihr geliebt und beglückt zu werden auf immer: wie mußte mich die innere Schönheit des Jünglings erfreuen, dem sich die Stille wie einem Gott geweiht und hingegeben hatte, und der allein den Lohn und Kranz einer solchen Jungfrau in seinen Händen hielt. – Ich sagte weiter nichts zu ihr als: »Er ist Ihrer würdig.«. Unter dem Mittagmahle zeigten Wilhelmis Mienen eine Freudigkeit, die nicht von etwas Vergangnen, sondern von etwas Zukünftigen zu entspringen schien. Der Rittmeister aber erfreute sich gegen mich vorzüglich Henrions Glauben an die Unsterblichkeit und besonders seiner Verwendung der Aufgußtiere – für den Materialisten sonst Sarg- und Bohrwürmer unserer Hoffnungen – zu Mitträgern des Lebens und emporbauenden Koralleninwohnern der glückseligen Inseln. Nur der Gesandtschaftrat Alexander sagte, er hebe einige Bemerkungen über manche Schlüsse aus dem allgemeinen Leben für eine längere Stunde auf. Er wollte eigentlich in der Gegenwart Selinas, die er überall zärter als jeden andern zu behandeln schien, nicht scharf an dem Geliebten widerlegen. Endlich erklärte sich Wilhelmis prophetische Heiterkeit, als er sagte: »Wir wollen den Abend in Loyds Kaffeehäuschen zubringen.« Dieses Wort verklärte alle Augen und Nantilde erzählte mir mit blitzenden, daß der Baron ein allerliebstes Gartenhaus auf einer nahen Anhöhe so nenne, in welchem er allzeit seine frohen Postberichte oder Briefe austeile und zu welchem man leider nur gar zu viele Meilen den heißen Briefhunger zu tragen habe. – Im Kaffeehäuschen endlich – Nantilde kam aus Neckerei am letzten nach – teilte uns der Baron aus den Briefen seines alten Korrespondenten und Schnellschreibers der griechischen Geschichte den er sich in Marseille hielt, die Nachricht mit, daß die Festung Napoli di Romania sich den 30ten Mai durch Kapitulation an die Griechen ergeben habe, und daß sich ihr gemeinschaftlicher Freund Henrion schon für seine Rückkehr ein kurzes Absteigequartier bei dem Korrespondenten bestellen lassen. »Er kommt, er kommt«, rief seine Schwester; und Selina faltete langsam die 1145 Hände und in den ruhigen Augen hing ein nasser Schimmer, der zu keiner Träne wurde. Zu den frohen Aussichten lag das Gartenhaus so schön, aus dessen vielen Fenstern man überall auf Pfade und Landstraßen sah, gleichsam auf die Gassen der Welt. Besonders der Rittmeister liebte einen solchen Mittelpunkt von zusammenlaufenden Kanälen und Brücken des Menschentreibens, auf denen jedes Auge auf einer andern seine Hoffnungen und Erwartungen ausschickt ins Weltmeer. Hinter den fernen Baumgipfeln flatterten an diesem Abende einige Segel hin, und es war mehr als einem Herzen als führen [sie] aus den Strömen ins Meer, um den geliebten Kämpfer abzuholen in Loyds Kaffeehäuschen hinein. – Der Baron war geflügelte Freude. Sogar ich Fremder vermehrte die allgemeine Lust. Und zuletzt trat noch gar der blaue Himmel mit allen seinen Sternen, von denen er auch nicht den kleinsten verbarg, herunter ans Herz. – Als wir alle schieden, um von den höhern offnen Träumen in den bedeckten Träumen des Nachtreichs auszuruhen, blieb nur Nantilde in Wiana bei ihrer Selina zurück, um in der Nacht ihr alles zu wiederholen vom Tage und darin diesen wie ein bononischer Stein ab- und nachzuglänzen. Beide versprachen mir, am Morgen recht zeitig in Falkenburg einzutreffen.   Streckvers auf den Kapitelplaneten Venus Lasset gern das Kapitel mit dem prangenden Venussterne sich brüsten! Tritt nicht darin Selina auf und ihre erste Liebe? – Und ist nicht ihr Leben, gleich jenem Sterne der Liebe, mit manchen spitzen Riesenbergen bedeckt, die nicht zu übersteigen sind, nur zu überfliegen in der letzten Minute? – Aber noch schimmerst du uns, milde Selina, am Abendhimmel des Lebens als Hesperus und wirfst uns den stillen Glanz deiner Mutter zu, wie der Abendstern den der untergegangnen Sonne, der er nachzieht. Gehe nur nicht zu bald unter hinter ihr! 1146   III. Erde Flächeninhalt Über die Seelenwanderung – Selinas Begebenheiten Erste Unterabteilung Vorgespräch – die Seelenwanderung Am Morgen kam der Gesandtschaftrat auf mein Zimmer und nach einer Viertelstunde auch der Rittmeister. »Ich wollte nur gestern«, sagte Alexander, »der Frauen wegen, zumal Selinas, es nicht sagen, daß das allgemeine Leben, das mein Bruder überall und am reichsten folglich im größten Elemente antrifft, im Wasser, das über zwei Drittel des Festlands ausmacht« – »Wenn nicht«, fiel ich ein, »der Luftkreis gar noch größer ist, da er beide umschließt« – – »ich wollt' es nicht sagen, mein' ich, daß sein weit und breites Leben, mich weniger zu einer Unsterblichkeit des Menschen als zu einer Weltseele führt, die den ungeheuern Leib, der aus dem sämtlichen Tier- und Pflanzenreich gebaut ist, bewohnt und belebt; sie setzt die Tiere als Glieder an sich an, oder sondert sie wieder ab und lebt, wie wir in jedem Nervenästchen, so in jedem Elefanten und Eichbaum.« – »Neben meiner Seele«, sagt' ich, »kann ich nicht gut noch eine einquartieren. Oder bin ich die Weltseele selber und schränke mich in dem einen Körper zu einem andern Ich und Bewußtsein als in dem andern ein? So wäre sie dann zur nämlichen Zeit eine Sammlung mehrer Ich? Oder schrumpft sie ferner absichtlich mit einem Stück von sich zu einem Käfer-Ich vorher zusammen, um damit die Baumeisterin ihres Gehäuses zu werden, oder macht sie vorher den Schalenbau fertig, um dann mit einem eingekrümmten Stücke von sich darein zu kriechen? – Wollen Sie aber, um dieser spinozistischen endlichen Göttin, der ungeheuern Weltseele voll Seelen und voll Ich zu entkommen, den Unterschied zwischen 1147 Leben und Geist ergreifen und lieber sagen, daß sie nicht beseele, sondern nur belebe, die Blume und das Aufgußtier und die Muskelfaser? – Tun Sie's: so holen Sie sich den alten Stein des Anstoßes wieder her; denn auch das Weltleben der Weltseele kann, da es doch als ein Zusammenhangendes und Ganzes genommen werden muß, nicht zu gleicher Zeit im einen Tiere erkalten, im andern erwarmen und sich mit sich selber millionenfach entzweien, vervielfältigen, zerstücken. Soll endlich das allgemeine Leben die einzelnen Organisationen sich zu seinen Absteigequartieren erbauen, woher die unergründliche Künstlichkeit derselben und dann wieder deren hohen und tiefen Stufen des nämlichen Lebens, das die Fische als Fischerhütten, die Schweine als Koben, die Spinnen als Spinnhäuser, die Austern als Drahtkäfige, die Elefanten als Schlösser und die Menschen als Sonnentempel aufrichtet und bezieht? Denn aus Ferne und Nachbarschaft der Baumaterialien erklärt sich diese Verschiedenheit nicht; in demselben Treibkasten mit einerlei Erde, Luft, Wärme und Wasser wachsen zugleich nebeneinander Rosen, Nelken, Knollengewächse und Gräser. – Oder fangen und saugen umgekehrt die schon fertig gemachten Organisationen das Leben ein und setzen einen frühern Werkmeister voraus?« – – »Lieber Paul,« versetzte Alex, »so weit hab' ich [mich] wahrlich weder verstiegen, noch vertieft. Ich könnte wohl noch allerlei vorbringen, aber ich helfe mir auf andere Weise. So führ' ich es z. B. gar nicht aus – die Mädchen kommen ohnehin sogleich –, daß das allgemeine Leben der Wärmmaterie nicht einmal, sondern bloß der Frostmaterie zu gleichen brauche, die im Zimmer aus warmer Ausdünstung auf kalten Glasscheiben ganze Palmenwälder modelliert. Aber wollen wir doch statt der Weltseele Weltseelen annehmen, nämlich die Seelenwanderung: so hat man sich das allgemeine Leben erklärt und sich eine Art von Unsterblichkeit, da doch nicht jeder an die gewöhnliche glaubt, gesichert. Der Leichenbitterjammer über Vernichtung und Vergehen verstummt. Meine Seele wandert auf und ab, logiert im einen Jahrhundert in einer Kneipe, im andern in einem Schlosse, das heißt bald in einem Zaunkönig, bald in einem Adler.« 1148 »Fahren Sie nur fort,« sagt' ich, »ich will nachher Ihre Meinung unterstützen, wenigstens über eine Viertelstunde lang.« Er fuhr fort: »Der Frauen wegen wollt' ich gestern nicht davon reden. Schwerlich hätten Weiber die Seelenwanderung, wenigstens nicht in Tiere, erfunden, für die keine Toilette und Kleiderschrank anzubringen wäre.« – »Warum aber nicht in Blumen,« sagte der Rittmeister, »die ohne Nachttisch reizend sind.« – »Und wär's nur,« setzt' ich dazu, »um von einem geliebten Herzen gebrochen zu werden und an dieses gesteckt; denn sie wollen fortlieben, folglich über die Zeiten und Räume des Lebens hinaus. Ja schon im jetzigen kann es der Liebe wohltun, immer unter Menschen zu leben in jeder taubstummen Einsamkeit und wie Sakontala Lämmer und Nachtigallen und Blumen für geliebte teure Seelenhüllen anzusehen.« »Nun bitt' ich Sie wirklich«, sagte Alexander, »um die versprochne Viertelstunde, worin Sie mit mir eins sein wollen. Die Hypothese wird mir immer lieber; nicht etwa, weil man durch sie von dem dummen Gedanken des Vergehens wegkommt; wahrlich in ein Schicksal, das die halbe, ja ganze Welt trüge, fände man sich am Ende wohl auch, besonders am Ende jedes Endes.« Ich gab ihm nun seine verlangte Viertelstunde, die in nichts bestand als in einer Abhandlung über die Seelenwanderung, die er, während ich den beiden Freundinnen entgegenging, lesen mochte. Sie wurde vor Jahren für den Rittmeister, als ihm kein Glaube an die Unsterblichkeit im Kampaner Tal zu geben war, geschrieben, um einigermaßen ihn zu diesem Glauben zuzubereiten, ja anzunähern. Hier stehe [sie] denn auch für den Leser.   Über die Seelenwanderung Da die Kraft, welche über die Welt organisch-dienender Kräfte herrschte, nicht untergeht, wenn ihre Diener sich verlaufen – was die Menschen sterben nennen–: so bleibt ihr für eine Wiedereinsetzung und neue Regierung immer im Notfalle die Seelen-, eigentlich die Körperwanderung offen. Wir wollen diese nicht in dem engen Sinne der Indier, Ägypter und Talmudisten 1149 annehmen, welche die Seelen zum Lohne und zur Strafe hin- und herfahren lassen. Die albernen Kabbalisten z. B. – die als Juden in allem Großen kleinlich sind, wie in dem Körpersteckbriefe ihres Riesengottes – lassen böse Männerseelen in Weiberkörper als in eine Engelsburg oder la petite Force [oder] Wiener Rumorhäuser ziehen, fromme Weiberseelen aber in Männerleiber als in Lustschlösser und neue Jerusalems – stolze Seelen in Bienen – Ehebrecherinnen in Hasen – und ein anderes Gemenge sogar ins Pflanzenreich, ins Gestein und ins Gewässer. Im Wasser soll nach ihnen eine Seele viel ausstehen, besonders in Mühlen, wobei wohl die scharfen Denker hätten bestimmen mögen, wie breit und lang der Wasserleib eigentlich sei, in welchen die Seele zieht, ob in einen länderlangen Fluß mit hundert Mühlengefällen, oder in einen Bach, oder Brunnen, oder Tautropfen. Ferner jagen sie Seelen in Fische – die daher am Sabbat zu schlachten sind –, endlich in Blätter, die daher im Herbste mit Schmerzen abfallen –, ja sogar in Teufel, was rein unbegreiflich, da nicht Seele in Seele fahren kann und ein teuflischer Leib schon vorher seine Besatzung hat. Flügges Geschichte des Glaubens an Unsterblichkeit. B. 1. Nach den grotesk-phantastischen Ägyptern nimmt die Seele mit ihrem Leichnam, sobald er ganz bleibt, d. h. Mumie ist, 3000 Jahre lang als Witwensitz vorlieb, bis sie einen frischen Leib bezieht; im andern Falle muß sie sich zu tierischen Quartieren und Erdgeschossen bequemen, wiewohl ich lieber in einem regsamen dahinschießenden Fisch und Vogel leben und beleben möchte als in einem ausgeweideten ledernen steifen Futteral von Mumie. – Welche Belohn- und Bestraf-Tierleiber die Hindus für abgeschiedene Seelen offen halten, ist bekannt genug. Aber bedenken denn die Hindus und die Ägypter und die Kabbalisten nicht, daß diese Leiber wechselnd glücklich und unglücklich machen können und daß z. B. eine Stutzerseele, die ihre Höllenstrafe in einem Weiberleibe abbüßen soll, gerade darin einen Himmel anträfe am Nachttisch? So könnte man die seelenwandernden Völker fragen, wohin denn, in welche passende Menschenleiber die Seelen der ersten Eltern und ersten Kinder sich zu begeben hatten? – Wie viele Freiquartiere neugeborne Seelen den altgestorbnen lassen konnten? Aber diese antike Hypothese ist vor der Hand mehr zu setzen 1150 als zu zersetzen. Eigentlich macht jeder eine Seelwanderung schon vor dem Tode durch seinen eignen Leib, der sich alle drei Jahre in einen andern verwandelt; vom Körper aus der Kindheit ist zum Körper im Hochalter vielleicht ebensoweit als von beiden in einen Tierleib. Ja vor der Geburt durchwandert das junge Ich im Mutterleibe alle Tierreiche und wird nacheinander Wurm, Insekt, Amphibium und Vogel. Wird das tägliche Umziehen aus dem wachen Körper in den schlafenden noch dazugerechnet, so erleben wir schon ungestorben eine ab- und aufsteigende Seelwanderung. Auch ist diese ja nicht ein Einzug in einen schon fertig und seelenleer dastehenden Leib, sondern jedesmal der Bau eines ganz neuen durch den Geist als Bauherr mehr denn als Baumeister; nur ob die Baute ein Fuchsbau oder ein Schneckenhäuschen oder ein Sonnentempel werde, d. h. ob darin ein Fuchs, eine Schnecke, ein Mensch körperlich erscheine, dies kommt auf die zahllosen, aber uns verhüllten Bedingungen an, unter welchen sich eine geistige Kraft und eine Hülle wechselseitig zu einem Organismus vereinen und paaren; aber diese Bedingungen gehen notwendig zugleich von zwei Seiten aus, vom Baumeister und vom Bauzeug so wie die Biene zu ihrem den Blumenstaub und der Bieber zu seinem Holzstämme bedarf. Die Hypothese kann dreierlei setzen; aber mit dem meisten Rechte das erste, daß die Seele von der organischen Pflanze herauf, sich durch Leben und Beleben und gleichsam durch Bilden bilde, und so dann als eine Nomaden-Monade immer höher aus ihrer großen tour um und durch die Tierwelt entwickle, so daß von selber die durch Leben gesteigerte Kraft sich einen höhern Körper wählt und die Schlagweite des geistigen Funkens mit seiner Größe zunimmt. Ja, wenn nach Leibniz die Materie selber ihrem Wesen nach nur eine Völkerschaft schlafender Monaden ist; und wenn über diese nach meiner Meinung die Geisterwelt wachender regiert: könnten nicht diese Nomaden-Monaden auf dieser geistigen Völkerwanderung die einzelne immer an der Masse zu höhern Kräften läutern, so daß am Ende ein Engel einen Leib von Seelen umhätte? Waren und sind nicht unendliche 1151 Zeitlängen, so wie unermeßliche Welträume zu diesem Vergeistigen und Destillieren vorhanden? – Will die Hypothese einen Rückgang der Seelen in Tiere annehmen, gleichsam einen Schub oder eine Landesverweisung ins Tierreich: so kann sie anführen, daß z. B. ein Krebsgang in einen Krebs darum noch kein geistiger Verlust und Fleischergang ist, sondern nur eine andere Stellung gegen die Einflüsse des Weltall. Kann denn nicht die Menschenseele überhaupt zum Auffassen menschlicher, d. h. vielseitiger Emp[find]ungen das Vorüben in tierischen einseitigen nötig gehabt haben, zumal da sie Auszug und Quintessenz der lebenden Erdschöpfung ist? Sie legt zwar die Tierorgane auf ihren Fortreisen ab, aber als Geist, der allein sich gewöhnen und verstärken kann, behält sie Nachwirkungen. Nur suche man unter diesen nicht moralische Narben. Denn das Tier hat allemal recht, sogar das grausamste; und wenn schon im Menschen der Affekt nur eine falsch angewandte Sittlichkeit ist und der Zorn z. B., durch die Eile und Schwäche Strahlen zu einem stechenden Brennpunkte gegen einen ganz andern Gegenstand verdichtet und richtet als da ist: so ist das besinnlose Tier aus lauter elektrischen Kondensatoren seiner Vorstellungen zusammengesetzt. Der Lämmergeier schwebt im Äther zornig als ein lebendiges Schlachtmesser über der kleinern Tierwelt, aber sein heißer Zorn ist heißer Hunger und sein Schnabel schlachtet unschuldiger als unser Messer. Und doch wohnt auch Liebe und Aufopferung im Geierherzen; denn als Geierlamm teilt er seine Jagd auf Kosten seines unersättlichen Magens mit seinen Jungen. – Eine Menschenseele in einem Raubtierleib eingekerkert und wie aus einem Parkhäuschen mit roten und gelben Fenstern die Welt anschauend, würde nichts in ein freieres Leben hinausnehmen als die geübte Sehkraft. Endlich lassen manche Völker die Menschenseelen nicht als Wiederkömmlinge und Gespenster, sondern als Neugeborne wiederkehren. Herder (in seinem Gespräche über die Seelenwanderung) spricht beklommen und erdensatt gegen dieses Aufwärmen des hiesigen Menschentreibens [und] Jung- und Lang- und Altwerdens; und in der Tat möcht' ich selber nicht zum 1152 zweiten Male, geschweige zum zehnten Male wieder Buchstaben-Lesen und Noten und lateinische Ausnahmen und hebräische Zeitwörter lernen; dies möcht' ich nicht – sag' ich jetzt in meinem 60ten Jahre; aber dieses Jahr hätt' ich eben nicht in einer wiederkehrenden Kindheit und alles ginge von vornen an wieder so frisch wie das erste Mal. Vielmehr würde als ein solcher wiederkehrender Komet der Mensch sein Leben zugleich verdoppeln und bunt verkleiden – die schöne Jugend mit allen ihren ersten Entzückungen könnt' er wieder bekommen – und endlich würd' er nicht eben vorige Körper und Rollen zu übernehmen erhalten, bei der so großen Mannigfaltigkeit anderer offner Lebens-Stellen zum Besetzen und Verwalten; der arbeitsame Landmann z. B. aber würde ohne Schmerzen als ausru[hender] Hofmann wiederkommen, der Dichter als Königsohn, der Krieger als bequemer Gelehrter u. s. w. Ja ein Professor der Geschichte könnte sogar zum zweitenmal als ein Professor der Geschichte aufzutreten wünschen, bis zum dritten, vierten und fünften Male, um das Schauspiel der Welt- und Völkerentwicklung, aus welchem er nach dem ersten Akte fortgemußt, bis zum zweiten, dritten, vierten, fünften auszuhören und es so endlich zu erfahren, was aus China, Afrika und Deutschland mit der Zeit geworden. Nur zweierlei ist gegen diesen Seelenumlauf am wenigsten einzuwenden, erstlich das Vergessen dieser Reisen, so wie andern Reisenden durch den schnellen Wandel der Gegenstände während ihres eignen sich diese flacher eindrücken. Denn sogar im eignen Leibe, ohne Körperhemdwechsel, entschwinden ungleichartige Zustände für das Gedächtnis, z. B. den in der Wildnis erwachsenen Kindern nach der Zähmung alle Erinnerung der Wildnis – dem Nervenentseelten die der Krankheit und dem Nüchternen nach dem tiefen Rausche die Ereignisse desselben – und der Hellseherin nach dem Erwachen der Durchgang durch die ganze Glanzwelt, aus welcher nicht so viel feurige Spuren bleiben als ein Schiff in das leuchtende Meer einschneidet. – Wie sollte nun hienieden Erinnerung gar aus verschiednen Leibern und noch verschiedneren Zuständen körperlich-möglich sein? Ebensowenig trete uns hier die Einwendung des Zeitverlustes 1153 auf der Wanderung in den Weg, da sie Lessing schon durch die Frage zurückwies: »Welche Zeit hab' ich denn zu verlieren? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?« – Himmel! Zeit muß überhaupt der Geist einbüßen durch Kindheit und Alter und Schlaf. Und kann sie denn eingebüßt werden, insofern man existiert? Wirkt nicht jeder Augenblick und Zeittropfe und höhlt aus, oder setzt an? Bei der Wiederkehr alles Zeitlichen konnt' ich jede lange Vergangenheit ohne Verlust einbüßen, weil die noch längere Zukunft sie mir mit Überschuß wieder bescheren kann. Und welches Verspäten der Entwicklungen auch eintrete: so gibt es ja niemand, der sobald er nicht von Ewigkeit war, nicht um eine ganze verspätet wurde. Aber der Mensch – verwöhnt an sein Ich – hebt aus den beiden unermeßlichen Zeiträumen sich das Räumchen seines Lebens heraus und stellt es als eine hohe Insel in das unendliche Zeitmeer und mißt von ihr aus die Unendlichkeit. Jeder glaubt, zugleich mit ihm müsse das All auslaufen, fortlaufen und anlanden; und er sei der Mittelpunkt eines unendlichen Kreises, der lauter Mittelpunkte umgibt. Lasset einer Ansicht des Daseins, welche ein Plato, ein Pythagoras und ganze Völker und Zeiten nicht verschmähten, wenigstens ihr volles Licht zukommen. Denkt euch das menschliche Seelenreich als ein Reich geistiger Kräfte durch die Organisationen ziehend, von den tiefern an bis zu den höchsten hinauf. Die geistige Kraft wird von den Destillier- und Sublimiergefäßen der aufsteigenden Leiber von Pflanzen und Tieren feiner geläutert und der Geist abgezogen im höhern Sinne; sie wirft den Pflanzenleib ab und eignet und baut sich mit höhern Kräften und für höhere einen Tierleib zu; so wie sich in kleinem Zwischenräumen derselbe Wechsel der Hinaufläuterung am eignen Körper wiederholt. – Der Instinkt, dieser durch das Körperpreßwerk gleichsam nach einem Punkte hingetriebne einseitige Verstand, kann [sich] in der freiern Luft oder Verkörperung des höher gestiegnen Wesens – wie die eingewickelten Flügel der Raupe nach der Entpuppung mitten im Fliegen plötzlich zu breiten Schwingen sich spannen – zur weiten Besonnenheit entfalten und vorüben; und in manchem kunstreichen Insekte kann der klare 1154 umsichtige Elefant als Zögling für die Zukunft wohnen. Ja wenn es nicht zu kühn wäre, so könnte man den Embryonen- und Fötusseelen, welche davongetrieben wurden, ehe sie das Grün der Erde erblickten, unter den höhern Tieren angemessene[re] Absteigequartiere anweisen als die Theologen tun, die solche noch nicht einmal zu Tieren gereifte Seelen in die hohe Versammlung verklärter Menschengenien einführen. Aber laßt uns die Seelen lieber im Familienzirkel der Menschheit behalten und umzuwandern nötigen, ein Zauberkreis, innerhalb dessen uns alle Schätze des Lebens offenstehen, wie außerhalb desselben das Unheimliche und Unsichere wartet und droht. – Lasset denn eine Seele so oft wiederkehren als sie will, die Erde ist reich genug, sie immer mit neuen Gaben zu beschenken, mit neuen Jahrhunderten und neuen Vergangenheiten und mit neuer Zukunft – mit neuen Ländern und Geistern und Entdeckungen und Hoffnungen. Kein Geist ging so reich davon, dem nicht bei jeder Rückkehr das Leben der Erde frische Reichtümer entgegentragen könnte. Nur werfe man bei solchen Betrachtungen keine Fragen auf, die über den Anfang des Lebens hinausgreifen, hier z. B. über die ersten verkörperten Seelen, über ihre Zahl u. s. w. Jede Antwort wäre eine über der Welt und verlangte eine zweite. Lasset uns nicht die Vergangenheit statt der Gegenwart, oder vielmehr nicht die Ewigkeit statt der Zeit erforschen. Warum wollen wir uns nicht recht kühn und recht feurig und glaubig eine Menschenerde vor uns ausbreiten und ausmalen? Bewohnt auf einen Augenblick eine solche Menschenerde, wo jede Seele neben dir schon einmal, ja öfter gelitten hat – wo das glatte schönfarbige Gesicht eines Kindes vielleicht einen Geist bedeckt, der schon in den finstern Abgründen und Bergwerken des Lebens gearbeitet und nun oben herausgestiegen ins Kindergärtchen vor die Sonne zum Ausruhen – wo wir unter Geistern der Vorwelt leben, ja zugleich der Nachwelt – wo vielleicht einer Seele für alte Bürden eines abgeladenen Lebens einige Freuden im neuen zu geben sind – wo die Seelen aller Völker und Zeiten durcheinander leben und oft lieben, bis endlich einmal in einer 1155 andern Welt [durch] das gemeinschaftliche Abfallen aller irdischen Schleierkleider und Decken alle, die die Erdennacht hindurch miteinander gesprochen, sich wie vor dem Morgenlichte erkennen und die Entferntesten aus Zeit und Ort beisammen sind. So bliebe denn die verschwisterte Menschengemeinde in ihrem Brüder- und Schwesterhause der Erde zusammenwohnend, bis allen endlich das Einstürzen desselben, das ihm die Jahrtausende unvermeidlich bereiten, neue Erden und Wohnungen aufdeckt im unermeßlichen Himmel, in welche nur ein unendlicher Arm das Menschengeschlecht heben kann. Denn ohne eine Gottheit gibts für den Menschen weder Zweck, noch Ziel, noch Hoffnung, nur eine zitternde Zukunft, ein ewiges Bangen vor jeder Dunkelheit und überall ein feindliches Chaos unter jedem Kunstgarten des Zufalls. Aber mit einer Gottheit ist alles wohltuend geordnet und überall und in allen Abgründen Weisheit; und daher wird sie, so wie sie die ersten Verkörperungen und Behausungen nicht vom bloßen Zufalle unter die Seelen der ganzen Erde verteilen ließ, ebensowenig die zweiten und folgenden ihn haben ordnen lassen; und so wird endlich drittens am allermeisten die ganze Masse der jahrtausendalten Menschheit ihre zweite Weltkugel, ihren neuen Hörsaal des Universums und ihren zweiten Tempel der Natur finden. – Und so laßt uns wandern und hoffen!   [Zweite Unterabteilung] [Selinas Begebenheiten] Man wird sich erinnern, daß ich, nachdem ich diese Untersuchung dem Gesandtschaftrate übergeben hatte, – um ihn dem Glauben an eine höhere Unsterblichkeit auf immer höhern Stufen zu nähern – die Morgengefilde voll Sehnsucht und Freuden-Erwartungen aufsuchte, damit ich die beiden lieben Freundinnen so früh als möglich, unter den Blumen und Ähren zu sehen und hören bekäme. Es war noch so viel über gestern zu reden übrig, über Henrions Herz und Schicksal und über allerlei aus dem Gartenkaffeehause. Auf meinem alten Umschau-Hügel sah ich wieder wie das vorige Mal Nantilde allein durch die Wiesen kommen, aber mit ungewöhnlicher Eile. Sie sei, sagte sie, ihrer Freundin 1156 ein bißchen vorgelaufen, um ein wenig mit mir allein zu reden. Selina besuchte nämlich alle Morgen eine alte Pfarrwitwe, die seit zehn Jahren in die Folterkammer der Gicht eingesperrt war und die darin so viele fromme Tage mit lauter Nächten einer Missetäterin beschloß. Spreche daher niemand von Krankheiten als Strafen, da gerade das enthaltsamere weibliche Geschlecht nach langen Nerven- und Gebärleiden endlich mehr als das männliche zu jener Gichttortur, härter und dauerhafter als die gerichtliche, zu Daumen- und Fingerschrauben, zu spanischen Stiefeln, zu Haarschnüren und Zangenzwicken und zu Krummschließen verurteilt wird. Besonders weh tat es der alten Pfarrwitwe unter ihren Schmerzen, daß sie nicht mehr, wie sonst auf die Knie fallen konnte zum Beten in ihrer liegenden Zusammenkrümmung – wiewohl diese ja auch ein Knien war, nur ein waagrechtes. Doch ließ sie wenigstens die knotenvollen Hände, obwohl durch fremde und unter harten Martern, sehr unvollkommen zusammenfalten zur Andacht. Bloß Selina war imstande, ihr die geschwollnen Finger ohne alle Schmerzen in- und auseinanderzulegen, ja die Kranke spürte unter dem Beten Linderung ihres Wehs und eine Erhörung der Seufzer. Selina blieb so lange bis sie ausgebetet, um dann die Finger schonend auseinanderzunehmen. Beide guten Seelen irrten sich aber im Erklären des Gebens und Nehmens; denn Selina wirkte hier bloß mit magnetischen Kräften, mit welchen sie so wie mit dem ins Mitgebet gekleideten Willen die reißenden Tiere der Gicht besänftigte und so durch ihr Berühren heilte. Die Freundinnen leiteten freilich die Heilung höher ab. Nach dem gestrigen Abend – dessen Rot die Farben für viele Festtage zu bereiten schien – hatt' ich die frohe Nantilde viel froher erwartet; aber sie erzählte mir nun, daß Selina, welche nach einem so funkelnden Sternenlichte ihrer Zukunft gar keine dunkeln Träume hätten drücken sollen, ihr schlafendes Leben sehr schwer geführt. Sie rief im Traum: »Ach Henrion, Henrion, du bist zu tief verwundet. Du wirst nicht zu uns wiederkommen. Wie leidet deine treue Brust mit der offnen Wunde!« So hatte sie öfter im Schlafe gerufen und die Wunde und den Ort genau 1157 beschrieben, wo ihm zwei Tage vor der Übergabe von Napoli di Romania eine Kugel die Lunge getroffen. Schon seit einigen Wochen, setzte Nantilde hinzu, habe ihre Freundin im Schlafe heftig geweint und geseufzet; und aus Angst sei sie im Mondschein an ihr Bette getreten, habe aber ihr Gesicht ganz verklärt, jedoch erblaßt gefunden. Diesesmal standen viele Tränen auf den Rosenwangen. Zum Glücke waren die Augen schnell getrocknet und aufgehellt, sobald sie solche aufschlug. Diesen Morgen vollends sei sie zu einer solchen Heiterkeit, wie von stillen Hoffnungen gestärkt, erwacht, daß ihre Freundin ihr auch nicht mit einem Schattenriß ihrer Traumgestalt den hellen Tag verdunkeln wollte, »ob ich gleich«, setzte Nantilde dazu, »es fast tun möchte, da ja Träume eben ihr Gegenteil bedeuten und traurige das Glück.« Ich bat sie recht herzlich um ein Schweigen gegen die ganze Welt, gegen Selina am ersten; denn mir ging eine ganz neue Sternennacht auf, nämlich die des wachsenden Selbermagnetismus, in welcher Selina nach allen Zeichen sich befand – daher auch die magnetische Heilkraft ihrer Betfinger bei der Witwe –; in welcher das verzerrte Schreckbild der durchbohrten Brust sich erhob und näherte leider aus der Zukunft so lange, als es wie bei andern Hellseherinnen als Wahrheit dastand; nur daß sich ihr Selbermagnetismus erst unreif aus der Traumhülse entwickelte. Armes, armes Wesen, konnt' ich deiner Freundin, der ich nicht einmal den Grund meiner Bangigkeit und Bitte sagen durfte, das Gelübde des Schweigens feierlich genug auflegen, damit du einige balsamische und sonnige Tage für die Wunden schneidenden Nächte behieltest? – Es gibt weibliche Wesen, von einer gewissen Heftigkeit bei aller Zartheit, mit einem schnellen Fieberpuls in allen Bewegungen, welcher Untergehen ankündigt; und so mußten Selinas Anstrengungen für alles Geliebte endlich in das körperliche, zu dünne Florkleid ihrer Seele Risse machen. So sucht das Ätherische immer den Äther, und nichts Zartes will bei uns bleiben. Endlich kam Selina durch die Ähren geflogen; entschuldigte aber sehr ihr Verspäten mit dem späten Aufstehen ihres Vaters, den sie vorher sehen wollen und der ihr auch den herrlichen Brief 1158 aus dem Kaffeehäuschen noch einmal lesen müssen. Ihre Augen glänzten im vollen Vertrauen auf Henrions Glück und Wiederkehr, und sie fragte öfter, ob dieser blaue Morgen mit seinen glänzenden Wolkenschäfchen nicht der schönste im ganzen Jahre sei. Sie eilte mit uns den Freunden auf der Falkenburg zu. Vor dem Schlosse bat sie mich recht dringend, sie ja bei allen Untersuchungen über die Unsterblichkeit gegenwärtig sein zu lassen. Auch Nantilde wurde wieder so heiter wie gewöhnlich und vergaß über die Fröhlichkeit ihrer Freundin alle Drohgestalten der Nacht.   Streckvers auf den Kapitelplaneten Erde Die Völker lassen auf dir, runde Wohnerde, die Seelen lange wie abgeschiedne Geister wandern, immer in neue Körper gekleidet; und deine Oberfläche wäre grün und blumig genug zu kurzen Spaziergängen, aber zu einer ewigen Zirkelreise um dich, wo dein Osten und dein Westen ewig ineinander schwimmen, ist kein Menschenherz gemacht; wenn nicht irgendwo auf dir eine Himmelleiter steht, die über die fernsten Sterne hinausträgt. – Aber deine Erdfälle, die uns den Himmel verdecken, erscheinen öfter als deine Anhöhen, die ihn uns entwickeln; und schon tust du dich hie und da auf dem blühenden Fußpfad auf, den die schuldlose Selina geht!   IV. Mars [Flächeninhalt] [Der Gesandtschaftrat – Wanderung nach dem Wetterhorn – Schlaf, Traum, Alter und Sterben als Zweifel an der Unsterblichkeit – Schlaf, Traum und Alter mit der Unsterblichkeit versöhnt – Verhältnis zwischen Geist und Leib] Erste Unterabteilung [Der Gesandtschaftrat – Wanderung nach dem Wetterhorn] Wir fanden bei unserer Ankunft den Gesandtschaftrat über die Seelenwanderung ganz froh, fast lustig. Er brachte manche für 1159 den Glauben der Frauen fast zu kecke Einfälle vor und sagte z. B., das Seelenwandern gefalle ihm mehr als das immer ewige langweilige Sitzen in Abrahams Schoße, und es wäre gar zu arg, wenn nach der Langweile der Zeit noch gar die Langweile der Ewigkeit folge – Vielleicht treff' er doch auf seinem seelenwandernden Rösselsprunge durch die künftigen Staaten einmal nach Jahrhunderten einen Staat ohne Schulden und wohl eingerichtet, da man bisher den Tünchermeistern geglichen, die das ganze Jahr hindurch nur zerrüttete beschmutzte, in Unordnung gebrachte Stuben voll Schutt, Mauergestelle und Tüncherkübel betreten. Nantilde sagte: »So spricht er immer und greift das Schönste an, was man glaubt; aber heute soll er Ihnen, lieber Paul, standhalten, wenn wir auf das Donnerhäuschen gehen und immer alle beisammen sind. Da mag er alle seine Zweifel über die Unsterblichkeit auspacken und dann einpacken.« »Von Herzen gern,« versetzte Alexander, »ich gebe meine Irrtümer mit Vergnügen jedem, der sie haben will; was sind überhaupt die paar Dutzend oder Tausend Irrtümer eines Einzelnen, wenn ein Theolog herumsieht, wie ja die ganze Erdkugel rundum von Völkern zu Völkern, von Jahrhunderten zu Jahrhunderten, von Gehirnkugel zu Gehirnkugel mit nichts als falschen Sätzen vollgepflanzet ist, so daß am Ende der Theolog in Wahrheit alle die wahren Sätze bloß bei sich antrifft und der Mann sich ordentlich seines Wertes schämt. Und wie lange behalt' ich denn meine Irrtümer? In zwanzig, dreißig Jahren erlöset mich schon der Tod von ihnen; ja, wenn eine Unsterblichkeit hinter ihm ist, gibt er mir gar die herrlichsten Wahrheiten dafür.« »Du bist ja heute kühner als je, Alex«, sagte der Rittmeister. – »In Untersuchungen und Fragen über die Welt hinaus«, versetzte Alex, »ist alles kühn und das Glauben noch kecker als das Zweifeln.« – »Irrtümer«, sagte Karlson, »können auch zu Handlungen aufwachsen, darum sind sie weniger gleichgültig; die Scheiterhaufen für junge Witwen in Ostindien und für alte Weiber in Europa und die für Andersglaubige in allen Weltteilen wurden von lauter anfangs schuld- und sinnlosen Meinungen zusammengetragen. Wär' ich ein Autor, ich würde mich bei jedem 1160 kühnen Satze vor der Allmacht fürchten, die er sich erschleichen könnte; – und doch ließ' ich es darauf ankommen und wagte; – was wäre das Leben ohne Wagen?« – »Ja wahrlich«, fiel Alexander ein, »man wohnt in einem Gletschertal und rundum steht alles voll von hohen und allerhöchsten Thronen voll Schneeflocken, die ein lautes Wort, ein Mauleselglöckchen zu Lawinen kugelt – am besten ist, man schießt seine Pistole ab, läßt die Donner ausrollen und reiset dann weiter.« Endlich wurde bei der allgemeinen Fröhlichkeit ausgemacht, daß wir alle nach dem Wetterhorn oder Donnerhäuschen gehen und auf dem anmutigen, gleichsam Kampaner Spaziergange dahin länger über die Unsterblichkeit sprechen wollten. – »Und herrlich wär' es,« bemerkte Nantilde, »denn in allen Dörfern, wodurch wir ziehen, finden wir an der Kirche einen gewaltigen Lindenbaum mit Bänken wie Kirchstühle, darauf können wir sitzen und disputieren und der Gesandtschaftrat mit, und so kann er bekehrt werden nahe an der Kirche.« Die Rittmeisterin Josepha, die sonst ihre Freude mehr bedeckte als enthüllte, ließ ihre Heiterkeit aus allen Mienen schimmern, weil religiöse, sogar bloße wissenschaftliche Gespräche von jeher am stärksten ihr Herz anzogen; daher sie diesmal ihrem Sohne, der jeden jünger machte, er mochte so alt sein als er wollte, alle lebhaften Künste fremder Verjüngung nachsah. – Nur nahm an diesen sonnigen Stunden, die man nur empfangen, nicht erschaffen, weniger säen als ernten kann, der ein wenig bequeme Baron Wilhelmi einen kleinern Anteil, weil er spät nach seinem Frühstück anlangte, da wie er sagte, ein früher Morgengang für den halben Tag erschöpfe. Aber seinem wohlwollenden freundlichen Aussehen hätte ein gutmütiges Auge sogar eine größere Ähnlichkeit [mit] jenen Alten verziehen, die sich mit Messer und Gabel gegen die Sense der Jahre wehren und mit eingeknöpftem Tellertuche als Brustschilde dem Tode entgegentreten. – Nur eine kleine Wolke, die aber nicht, wie sonst kleine Wölkchen vor schönem Wetter, kleiner wurde, verrückte sich in seinen Mienen nicht. Nachmittags traten wir in der zweiten Hälfte unsers 1161 Idyllentags – denn nur Idyllen-Vor- und Nachmittage und Abende und Mitternächte gibt es auf dieser durchwölkten Erde und nur für kleine Seelenvereine, aber keine Idyllenjahre und Idyllenländer für stumpfe träge Hirtenvölker und für kriegführende Freundschaftinsulaner – nachmittags, sagt' ich, traten wir unsere Wanderung nach dem Donnerhäuschen recht bequem und langsam an. Denn eine halbe Meile von Falkenburg, nämlich schon unten in dem zur Burg gehörigen Dörfchen ließen wir uns auf den Bänken der großen Linde neben der Kirchentüre nieder. Hier bat ich nun den Gesandtschaftrat, in der Sache der Unsterblichkeit den Teufels-Advokaten zu machen, damit er ununterbrochen »funktioniere« und spreche. – »Mit Freuden« – versetzte er – »der Teufels-Advokat ist der einzige in Rom und in der Welt, der allemal unrecht behält und niemal unrecht hat; kein Mensch kann zu einem Heiligen gesprochen werden durch Ihre Heiligkeit, nicht einmal Ihre Heiligkeit selber.«   Zweite Unterabteilung Schlaf – Traum – Alter und Sterben als Zweifel an der Unsterblichkeit »Drei bis vier Einwürfe,« fing Alexander an, »welche die Unsterblichkeit angriffen, sah ich auf einmal in einer Nacht leibhaftig vor mir. Es war bei der nächtlichen Leichenwache des flachsenfingischen Fürsten. Ein junger lebhafter Kammerjunker war vor langer Weile eingeschlafen; – erster Einwurf. Ein alter Zeremonienmeister, der sich des tiefsten Schlafs erwehrte – wenn nicht sein Wachen einer war – saß gebückt Wache und war heillos von den Jahren zugerichtet und zerknittert wie ein alter Bettelbrief, ohne alles Gedächtnis und ohne die meisten Sinne, – ja ohne Sinn; – zweiter Einwurf! Und der kalt daliegende gekrönte Leichnam war ohnehin der dritte Einwurf, und der beste dazu.« »So wären es denn«, fiel Nantilde, den Bruder nicht ganz verstehend, ein, »drei Verstorbne gewesen, allein warum nicht ebensogut drei Schläfer oder drei Alte?« – »Wohlan,« erwiderte Alexander, »so sei der Kammerjunker der erste Opponent in seinem Schlafe. Wären wir nicht so an die Alltäglichkeit des Schlafs 1162 gewöhnt, zumal die Langschläferinnen, so würden wir ihn nicht bloß wie Alexander, unter die stärksten Beweise unserer hinfälligen Menschlichkeit, sondern wie Adam in Miltons Paradiese seinen ersten, für ein Sterben halten. Die Rabbinen nehmen nur Prozente und halten ihn bloß für den 60ten Teil des Todes. Man kann, da im ganzen alles nach Sonnenuntergange von einem Weltteil und Weltgürtel zum andern schläft, immer der untergehenden Sonne nachziehend die Kugel mit lauter hingestreckter, wie von Saturns Sense umgelegter und geernteter Menschen-Welt erblicken – einen der längsten Kirchhöfe – das wahre Totliegende der Menschheit – alle kraftlos, sinnlos, bewußtlos – der Geistreichste dem Einfältigsten gleich, der Kraftvollste dem Schwächsten – Mich nimmt bei der Sache nicht die Schlafsucht unsers ganzen Geschlechts wunder, sondern die Schlaftrunkenheit der Philosophen, welche das täglich wiederkehrende Sterben und Begraben der Seele in einem frischen kräftigen unversehrten Körper sehen können, und doch nach dem Zusammenbrechen und Zerquetschen des ganzen Gehäuses auf einen recht empfindenden, denkenden, ja erhöhten Geist aufsehen.« »Ich habe immer«, fiel Selina ein, »etwas Tröstlicheres schon aus den Nachtwachen geschlossen, wenn ich zuweilen in schlaflosen Nächten die tausend Unglücklichen vor mir liegen sah, die in ihren Krankenbetten, oder gar auf gesunden Lagern im Kerker die Nächte peinlich und langsam durchleben und schlaflos die Augen bald zutun, bald öffnen und unerquickt und doch sehnlichst dem Taglicht entgegenseufzen – und noch unglücklicher sind die mit kranker Brust aufrecht sitzenden vor ihrer Nachtlampe, sogar des ausruhenden Liegens beraubt. – Ach der Balsam des wunden Lebens kann doch nicht zugleich den auflösenden Gift desselben vorbedeuten?« »Es beweiset nur noch mehr, liebe Selina,« versetzte Alexander, »wie nötig uns der Schein des Todes zum Leben ist und wie wir so schnell ablaufen und ausrinnen, daß wir wie Schiffuhren alle zwölf Stunden wieder zum Gehen müssen umgelegt werden. Aber das Entscheidende dabei, wenigstens für einen Teufels-Advokaten, bleibt, daß der kräftigste lichteste Geist, wie der 1163 kräftigste wärmste Wille täglich bloß von dem Körper zu einem Untergange – denn von ihm ist ein wahrer Stillstand des Wirkens nur durch die Zeitlänge verschieden – ohne Gnade verurteilt wird.« »Ich dächte doch,« warf Nantilde ein, »daß wenn wir in dem so toten Schlafe träumen, [wir] da manches vermögen, was wir nicht einmal im Wachen konnten, z. B. fliegen, dramatisieren, weissagen?« – »Das erste oder das Wichtigste,« versetzte Alex, »was dein Träumen anlangt, so setz' es nur aus, ob du gleich darin so hoch fliegst, daß du nach dem Erwachen noch nicht ganz herunter bist. Denn mir wäre völliges Eingraben und dickes erdiges Überschütten mit dem Schlaf- und Betthügel – wie eigentlich bei den derb gesunden Leibern gewöhnlich ist, ja sogar bei dem geist- und blitzreichen Lessing – sogar noch lieber als das Träumen; denn unter die undurchsichtige Bettdecke der Bewußtlosigkeit könnte ein Philosoph ein ganzes Himmelreich von geistigen Kräften lagern und man müßte ihm glauben; aber den Traum kennen wir desto deutlicher mit all seinen Unsinnigkeiten und er übt weit uneingeschränktere Lehnsherrlichkeit des Körpers als selber der Schlaf aus.« – »Hier«, sagte Karlson, »hat Alexander recht. Ich weiß noch aus meinen Jünglingjahren, wie ich in meinen Träumen tobte, verwüstete, umbrachte und das Bette zur Bühne abspielender Tyrannen machte.« – »Wie oft vor dem Einschlafen«, fuhr Alexander fort, »sag' ich mir: nun reisest du sogleich in ein Land, wo du nichts voraus kennst und nichts durchsetzest, dein ganzer diplomatischer Charakter nicht den jüngsten Kabinettsekretär, geschweige dessen Fürsten, der deinen zugemachten Augen erscheint, lenken kann, ja nicht einmal dich selber, weil du im Bette wider alle bessern Vorsätze Dinge begehen kannst, wofür man gehangen zu werden verdient. Ich bedauere daher manche zarte Seele, welche nach einem unter der schönsten Herrschaft des Gewissens rein durchgeführten Tag sich ängstlich in das unbändige zügellose Traumreich hineinbegeben, wo sie alle moralische Freiheit an der Grenze hinter sich lassen muß.« Hier schüttelten die Frauen die Köpfe, als sei es nicht so. »Im 1164 ganzen« – fiel ich zur Rechtfertigung der geschüttelten Köpfe ein – »sind die weiblichen Träume weit moralischer als die männlichen, so wie sie auch selten solche verrenkte Zerrwelten wie die des wachen italienischen Prinzen von Palagonien vorführen. – – Aber ich will Sie, Herr Gesandtschaftrat, nicht etwa sozusagen stückweise bekämpfen und bekehren, sondern Sie sollen Ihr Ganzes vortragen, damit wieder ein Ganzes dagegen aufstehe. Darum eben erobert wechselseitiges Disputieren so wenig, weil nur Sätzchen wiederum Sätzchen, Teilchen die Teilchen angreifen und höchstens umstürzen; aber der Glaube ruht nicht auf vereinzelten Beweisen wie auf Pfählen oder Füßen, die man nur umzubrechen brauchte, um ihn umzustürzen, sondern er wurzelt mit tausend unsichtbaren Fasern auf dem breiten Boden des Gefühls. Daher kann man jemand bis zum Verstummen widerlegen, ohne ihn doch zu überzeugen; das Gefühl überlebt die Einsicht, wie der Schmerz die Trostgründe.« »Daher soll man«, fiel Alex ein, »Schriftsteller nicht eines Ungeschicks im Dialogisieren anklagen, wenn sie ihre Leute anstatt zerstückender Gesprächworte bloß lange Reden miteinander wechseln lassen.« – Der Leser aber sieht wohl leicht, daß ich hier von der Wirklichkeit selber dazu genötigt werde. »Was nun der Teufels-Advokat« – fuhr Alex fort – »aus Schlaf und Traum gegen das geistige Überleben des Körpers schließt, ist, was er noch stärker aus dem Alter schließen kann; denn der Schlaf ist eigentlich nichts als ein tägliches Greisenalter, bloß mit entkräfteten Sinnen, Stumpfheit, Vergeßlichkeit und Kalt- und Trübsinn begleitet; nur endigt sich dieses Alter so lange täglich in Jugend, bis am Ende der Nachtgreis auch als Taggreis aufsteht. Übrigens soll dem Teufels-Advokaten das Alter oder der gekrümmte Oberzeremonienmeister der fürstlichen Leichenwache so viel als alle mögliche Krankheiten, Wunden und Eß- und Trink-Abhängigkeit gelten und vereinen, womit der Leib den Geist als seinen Leibeignen einkettet und nachschleppt. Denn wahrlich was sind Fieber, ja Wahnsinn, Ohnmacht, welche alle an der Zeit nicht wachsen, sondern verfliegen und wofür es Herstellungen gibt, gegen das höhere Alter, dieses 1165 unaufhaltsame Erkranken und Einsinken in die Erde, ähnlich jener Märchen des Eintanzens von Glied zu Glied in den Kirchhof. Wahrlich der Anblick eines gekrümmten Weisen im Alter, eines Newtons, Kants und Linné, der unter seinen eignen Schüler herabgesunken, als geistige und leibliche ausgetrocknete Mumie, als ein lebloses Selbstreliquiarium verflogner Kräfte unverständig und stammelnd mich anhört und nicht versteht, dieser schlägt mich weit mehr nieder als der Anblick ihres Todes vermöchte; denn der bloße Leichenkörper erinnert mich nicht mehr an einen sich mit dem Leibe bückenden Geist, dem ich freiere Verhältnisse leihen kann, und ein gestorbner Greis und ein gestorbner Jüngling sind sich gleich.« »Bringe aber doch auch« – sagte Karlson – »die Greise in Rechnung, die sich wie der mehr als 100jährige zu Rechingen in der Pfalz ganz spät wieder verjüngten, neue Zähne und Haare bekamen« – – »Jedoch weiter nichts,« antwortete der Sohn, »gestärkte Geistkräfte nicht; – Zähne dauern und Haare wachsen aber sogar unter der Erde fort« – – »Und sollen denn Menschen nicht gerechnet werden,« fuhr der Vater fort, »welchen bis ins höchste Alter ungeschwächte Denk- und Behaltkräfte blieben und denen man das Alter nur ansehen, nicht anhören konnte? Wenn man das Alter gewöhnlich in Verknorpeln, Verknöchern und Versteinerung der Körpergefäße setzt, als ob der Mensch noch vor dem Tode sein eigner Grabstein und seine eigne Bildsäule werden müßte; aber fühlt nicht der Geist erst spät nach Jahren diese Verhärtungen und bewegt sich noch frei im erstarrenden Element? – Und wird sein Niederbeugen so groß und tief wie das Einsinken und Zusammenkriechen des Leibes? Hat der Körper lichte, den Spätabend unterbrechende Sonnenblicke wie die Seele, die sich dann an den niedergebrannten Freudenfeuern fremder und eigner Vorzeit wärmt?« – »Ich fand«, setzte Josepha hinzu, »bei mehren Personen, sogar bei Männern, daß sie gerade in spätern Jahren einen schmerzlichern Anteil an jedem Dahinscheidenden nahmen, ja nicht bloß an Leiden, auch sogar an Kunstfreuden.« – »Ganz wahr,« setzte 1166 der Rittmeister hinzu, »was oft als Erkältung gegen außen erscheint, ist bloß höhere Foderung höherer Anlässe. – So werde denn immer durch das Alter alles zu Eis um den Menschen; aber wie in geistigen Getränken umfängt die dicke Eisrinde einen desto glühendern, Herz bewahrenden Mittelpunkt.« »Indessen wollen wir doch wieder zu den Leibern zurück,« sagte Alex, »welche aus kindlichen Flügelkleidern zu Zwangwesten des Alters werden. Gerade diese Greise sprechen für mich so gut sie noch sprechen können. Denn die meisten, denen der Geist im alternden Körper nicht unterging, waren Landleute, Mönche, und solche, welche eben im blühenden Körper den Geist nicht sonderlich steigerten, zumal meine lieben Mönche und Eremiten; so wie eben Bettler, Matrosen, Soldaten, kurz gedankenarmes Volk doch über die gemeinen Lebens-Grenzen hinaus dauerten. Der Teufels-Advokat aber zieht seinen melancholischen Schluß auf Gleichzeitigkeit des Doppeluntergangs eben aus dem Umstande, daß der Geist, der sich die größern Reichtümer und Stützen angeschafft zu haben scheint, desto leichter mit dem Körper zusammensinkt und -bricht. – Was soll er nun vollends sagen und schließen, wenn es gar vom Alter zum Tode geht? – Es ist schon alles geschlossen. Nur dies kann er noch nachschießen, daß er jedesmal gelacht oder verachtet hat, wenn in Romanen, oder am häufigsten in Trauerspielen ein junger Mensch mit seinen Gefühlen die Unermeßlichkeit atmet und verschluckt und als blasender Walfisch daherbrauset und mit der Nase schwimmende Inseln umzuwerfen droht und mit seinen wasserspeienden Nasenlöchern die Sonnen überregnet [und] wahren Trotz gegen das Weltall verspürt und gar nicht verheimlicht: da den wasserspeienden Walfisch-Vulkan eine eingestochne Stricknadel in die Schläfe oder ein eingegebner Teelöffel Blausäuere auf einmal in seinen Wellen anhält und einsenkt. Die Liebhaber zumal auf und außer dem Papier sind solche Donnergötter. Aber man kann es doch besser ausdrücken und ohne besondere Walfischphrasen und -ejakulationen von sich geben: das wärmste Herz, die frömmste Seele, der stärkste Geist versiegen nicht langsamer an einer Körperwunde als das bettelhafteste Ding von einem Menschen; die 1167 Scheidungzwischen sogenanntem Leib und Geist tut sich in einem Lessing so leicht ab als in einem stumpfen Ketzermacher, in einem blühenden Helden so leicht als in einer abgelebten Kreuzträgerin.« »Es ist daher« – fügte Josepha hinzu – »für das so leicht trotzige Menschenherz die tägliche Erinnerung an seine Hinfälligkeit durch den Schlaf eine recht heilsame Wohltat.« »Nun wird man es dem Advokaten des Teufels nicht zu sehr verargen, daß er nach allem den Schluß, nämlich das Gleichnis macht: wenn ihr im königlichen Schloß zu Versailles in die bekannte Stockuhr von Morand hineinseht und alle die zusammenarbeitenden fassenden Räder durchmustert, aus denen kein Zahn ohne Zerrüttung des ganzen Uhrgangs zu brechen ist, und wenn ihr seht, wie diese von der Schwere getriebenen Räder wieder ein Männchen heraustreiben, das mit seinem Stabe die Stunden als die Ergebnisse des ganzen Ganges angibt und schlägt – und wenn noch einige Kunst-Nebenräder gar ein Glockenspiel und hinter diesem den heraustretenden Louis XIV. liefern, ganz wie er auf dem Place de Victoire aussieht: so werdet ihr gewiß nicht denken, daß jenes Männchen oder dieser Louis das Geh-, Zeig- und Schlagwerk regieren, oder vollends überleben könne, da das Männchen und der König auf der Stelle stillstehen mit dem ersten Rädchen, das stockt. – Nun unser kunstreicher Körper ist eben das Morandsche Uhrwerk und unser erscheinende Geist ist der hervorfahrende Ludwig der Große, ganz wie er auf dem Place de Victoire aussieht; und der Glaube an Unsterblichkeit ist der Glaube an des Louis des Großen Überdauern nach dem Stocken der Uhrräder. Das gilt nun von uns sämtlichen Bilderuhren, wovon einige wie die Dichter wahre Spieluhren sind und andere wie die Theologen Guckguckuhren oder auch schnarrende Wecker.« – – So weit vor der Hand der Teufels-Advokat.   Dritte Unterabteilung Schlaf, Traum und Alter mit der Unsterblichkeit versöhnt Die sämtliche streitende Kirche stand jetzo auf, um der triumphierenden über Alexander in dem sogenannten Dörfchen zuzuhören. So hieß Josephas stilles Vergangenheit- und 1168 Zukunft-reiches Denkplätzchen, weil hier auf Willen ihres Gemahls alle ihre Kinder, Henrion, Alexander, Nantilde und ein verstorbenes, Taufe und Abendmahl empfangen hatten. Nie konnte Josepha die enge niedrige Kirche mit dem kurzen Turme ohne Bewegung ansehen; und an dem Nachmittage des Gesprächs über Alter und Tod drückte sie nach ihrer stummen Weise ihrem Gemahle mehrmal die Hand. Ich fing, als wir auf den Ruhebänkchen neben dem Kirchlein saßen, an: »Die drei Schwierigkeiten von Schlaf, Alter und Tod, welche sich gegen unsere höchsten Aussichten verfinsternd erheben, drängen und führen auf die Untersuchung über das Verhältnis der Seele zum Körper hin. Sie unterscheiden sich eigentlich wie die drei Verfinsterungen der Sonne durch den Mond; der Schlaf ist die partiale Sonnen- und Seelenfinsternis, zumal da er durch den Traum noch eine Lichtseite läßt; das Alter ist die ringförmige, wo der Mondkörper in der Mitte stehend nur einen Randschimmer zuläßt; und der Tod oder die totale mit Verweilen deckt die ganze Sonne zu. Ich will aber zuerst über Schlaf und Traum einige Worte sagen, da beide das geistige Verhältnis zum Körper und zu unsern Hoffnungen mehr auf den lichtern Seiten zeigen. Eigentliches Bild des Todes und Untergangs ist der Schlaf selber am wenigsten; und den alten wie den wilden Völkern war er bloß Tempelvorhang des geistigen Lebens, und Heilgötter und Abgeschiedne besuchten in seinem Dunkel die mehr von Menschen abgesonderte Seele; ja der nordamerikanische Wilde glaubt sogar, diese verreise ohne ihren schwerfälligen Gefährten in ferne Gegenden, Schlaf ist überall Lebens-Amme und Säemaschine; und den längsten, tiefsten und fruchtbarsten hat der Mensch vor der Geburt, (so wie immer kürzern und seichtern im Alter, wo für die Erde wenig Leben mehr nötig ist) und gerade im neunmonatlichen Sommerschlafe des Menschen, der wie der sechs- und mehrmonatliche der Tiere, auf den Frühling des Daseins zurüstet, ist das geistigste aller Organe, das Gehirn – dieser Himmelglobus des Erdglobus der Organisation – am größten und verhält sich zum spätern Gehirne wie 8 zu 1. 1169 Nur Einschlafen, nicht Schlafen grenzt mit Sterben zusammen.« – »Doch ein Wörtchen dazwischen«, sagte Nantilde. »Unterschied muß genug da sein, denn wir können ja unser Einschlafen aufschieben, aber nicht unser Entschlafen. Es muß also noch viel Leben im Schlafe zu unserer Verfügung bereit stehen. Aber wie ich höre, nur Einschlafen, nicht Schlafen hat mit Sterben Ähnlichkeit; das Verdunkeln der Sinne, das Erlöschen der Bewegkräfte, das kurze Erkalten, das Stammeln, ja das Irrereden.« – »Aber sogleich nach diesem Ersterben fängt neues Aufleben an. Der Schlaf selber hingegen ist, schon von der Körperseite her betrachtet, bloß steigendes, gesteigertes Leben, wie Pulsschlag, Verdauung, Wangenrot, Atem und am besten seine – Schlußrechnung des Morgens beweisen im ganz neuen und erneuerten Menschen. Überall ist der Schlaf nur die stille Puppe, in die sich die Entfaltung einspinnt. Den längsten hat daher die stärkste Entwicklung nötig; und wirklich erhält ihn auch der schlaftrunkne Neugeborne, den nach Hufeland ein 24stündiges Wachen töten würde. So schlafen die Puppen der Insektenwelt ihrem Beflüglen entgegen; und die Pflanzen, die nach dem Abblühen alle schlaflos sind, bedecken ihre kleinen Früchte mit keinem Schlummer mehr. Vielleicht ist der Schlummer ebensogut Stärkmittel als Wehre gegen Nachtkälte; daher die amerikanischen Pflanzen ja an unserem warmen Tage schlafen; und die winterschlafenden Tiere würden in der Kälte eben durch den Schlaf umkommen, wäre dieser nur Ermattung und Nachlaß, nicht Kräftigung des Lebens.« »So ist«, fiel der Rittmeister ein, »doch der Schlaf wenigstens im tröstenden Sinne ein Vorbild des Todes.« »Dies«, sagt' ich, »läßt sich noch weit mehr künftig bei Mutmaßungen über die Art unserer Fortdauer entwickeln. Ich will auch jetzo nur vorübereilend den magnetischen Schlaf – diesen Prediger in unserer Wüste und Missionar einer zweiten Welt – berühren; er, der nicht den gesunden Körper, sondern sogar den zerrütteten herstellt und neu beseelt. Wenn nach Goethe alles Leben nur unter Oberflächen, unter Haut und Rinde tätig ist: so ist der Schlaf die schönste Haut und Rinde der geheimern tiefern Lebens-Kräfte. 1170 So verwandelt sich denn die anfängliche Ansicht der Schläfer welt als einer weiten Begräbnisstätte der halben Kugel jetzo in die einer stillen Schäfer welt, wo der Schäfer ruht und flötet, nämlich träumt, während sein Vieh weidet und wächset, nämlich der Leib. So liegt denn die im Schatten ausruhende Kugelhälfte der Erde als eine große Kinderstube und Wiege besänftigter Leiden und Leidenschaften vor uns, die aneinandergebauten Schlafkammern als die Sennenhütten und Klostergebäude der Tausende, die vor dem Entschlummern getobt oder gejammert oder gesündigt haben und mit denen das Leben einen, wenn auch kurzen Waffenstillstand geschlossen. Ist nun der Schlaf so große Stärkung und Entwicklung des Körpers: so muß er während derselben auch eine der Seele werden. Wirft man mir dagegen die Unbändigkeit der Träume mit ihrer Zügellosigkeit ein: so halt' ich den Einwurf gerade für einen Beweis mehr. Erstlich gibt es Träume voll Witz, voll Scharfsinn und Philosophie und zumal bei Frauen voll historischen Zusammenhang; ein einziger geistreicher aber widerlegt alle aus tausend geistlosen gezognen Schlüsse gegen die Entgeisterung durch den Schlaf. – Ja im magnetischen Schlafe bilden die geistvollen Träume sogar die Mehrzahl nicht etwa der Träume (denn es gibt darin gar keine sinnlosen) sondern die Mehrheit ähnlicher Gedanken im Wachen. Aber sei denn auch die Schlafkammer eine Bedlams-Zelle: so ist es wahrlich mehr ein Wunder, wenn ein Mensch in einer weitläuftigen, vernünftig geordneten und bewohnten Welt um sich her seine eigne Vernunft verliert, als wenn er diese in einer einsamen leeren Welt einbüßt, die er allein bauen, unterhalten und bewohnen muß. Muß nicht im Traume der Geist in eigner Person ganz allein und auf einmal Schauspieldichter – und Schauspielertruppe – und Maschinist – und Bühnenmaler – und Orchester und zuletzt das ganze Publikum sein? Dazu gehört in der Tat mehr Verstand als man ins Bett hineinbringt. – Und wer erkennt denn über den Verstand der Träumer als einen Tollen? Die Wachenden; wenn aber über unsern wachen wieder höhere Wache entschieden, oder wenn wir aus unserem hiesigen Wachen 1171 selber heller hinauferwachten: wahrlich wir würden uns derselben willenlosen Knechtschaft wie der im Traume, des nämlichen Irredens und Irrhandelns beschuldigen, sobald wir unsere Irrtümer und Leidenschaften nicht hinabwärts mit der Nacht verglichen, sondern hinaufwärts mit dem unbekannten Tag.« »Dies alles« – versetzte Alex – »lass' ich gerade am liebsten gelten; und der allertollste Traum macht der Geistes-Unabhängigkeit mehr Ehre als gar – keiner; aber jene tägliche, auch oft stündliche Aufhebung aller geistigen Kräfte, jene Seelenohnmacht der Traumlosigkeit übersteigt noch eine Leibesohnmacht, da diese nie alle Teile durchgreift.« »Wir träumen eben allzeit,« sagt' ich, »ein vollendeter Wirkstillstand des geistigen Teils wäre einseitiger Tod und ihm müßte der verknüpfte körperliche nachsterben. Denn unser späteres Vergessen der dunkeln Traumvorstellungen spricht diesen ihr Dasein nicht ab, da ja die hellsten und lebendigsten der Hellseherinnen bis sogar auf ihre Handlungen mit dem Schlafe entschwinden für die Erinnerung.« »Aber« – versetzte Alexander – »wie steht es dann, wenn Fallsüchtige, besonders Starrsüchtige den Gedanken oder Redesatz, in dessen Mitte sie ihr Anfall unterbrach, sobald dieser vorüber ist, fortsetzen und zu Ende führen? Offenbar stockte während des stundenlangen Anfalls das ganze Vorstellwerk, da keine dritte Idee zwischen die beiden ausgesprochnen Ideen trat.« »Der Einwurf ist tapfer«, sagt' ich. »Aber [er] hält nicht stand. Unser Geist, schon im Traume mehr Zuschauer des Gehirns, im Wachen mehr Schauspieldirektor desselben, in jenem mehr geleitet, in diesem mehr leitend und herrschend, muß noch mehr in einer gesteigerten Gehirn- und Nervenumwälzung und ihrer ungehorsamen Selberherrschaft zum bloßen Empfangen und Zuschauen überwältigt und plötzlich von seiner vorigen selbertätigen Innen- und Außen-Welt, worin er zugleich Regent und Zuschauer war, abgeschnitten werden. Er kann daher im Nebel der Starrsucht einem Gedankenzuge nachfolgen, welcher, wie durch Aufwachen verscheucht, im Taglichte der Gesundheit wieder der frühern abgebrochnen, ganz verschieden geformten 1172 Ideenreihe, die sich an die äußere Welt anschließt, Platz macht. Umgekehrt führten Nachtwandler, Träumer, Hellseher ebenso wieder häufig die Geschichte der einen Nacht in der andern fort und ließen neben der Tagwelt noch eine nächtliche Beiwelt frei und ledig herlaufen. Setzt nicht auch die Kraft, zu einer vorgenommenen Stunde aufzuwachen, irgendeine durch den Schlaf hinlaufende geistige Tätigkeit z. B. des Zählens voraus?«   Vierte Unterabteilung Verhältnis zwischen Leib und Geist »Wollen wir aber die Sache lieber an der Wurzel fassen; denn alle Einwendungen von Traum, Alter und Sterben aufgestellt, treiben doch zuletzt auf das Verhältnis der Seele zum Körper zurück und müssen von da aus betrachtet und erwogen werden. – Was ist der Leib? Der eigentliche Kernmensch, oder nur der Scheinmensch? Ist er das Gewächshaus, der Treibkasten der Seele oder das Gewächs selber, wovon uns außen nur die Rinde erscheint? – Oder bloß der hölzerne Bienenstock, worin die Psyche ihre Brut und ihren Honig macht und ohne den sie ebensogut im Freien fliegen und leben könnte? Ist er die Puppe oder Chrysalide im Winter des hiesigen Dasein, welche der Tod für die Psyche zersprengt für eine wärmere Jahrzeit? Wenige wird es – sie müßten denn in der französischen Akademie der Wissenschaften zu Paris sitzen – noch mit dem veralteten abgelebten Irrtum geben, daß unser Geist, d. h. unser Vorstellen, Bewußtsein, Empfinden und Wollen nichts sei als die mécanique céleste unserer Körperteile ohne eine besondere Kraft, welche alles aufnimmt und zusammenhält. Dies wäre ein Planetensystem ohne Sonne, ein Widerschein ohne Licht. Spricht sich ein solcher Mechanikus des Unmechanischen aus: so muß er das Ich mit seiner Fülle zu einem Kinde der körperlichen Bewegung machen; aber er erkläre nur vor der Hand das Leben daraus, das doch tiefer steht. Das Leben des Wurms, ja der Pflanze beherrscht, verknüpfet und gestaltet die einzelnen Bestandteile aber diese machen das unteilbare Leben nicht, so wenig als [man] 1173 durch alle chemischen Bestandteile des Bluts außerhalb des Körpers etwas anders nachzumachen imstande ist als ein totes Scheinblut. Nur das Leben tut das Wunder der neuen Wieder-Schöpfung verlorner Glieder, sogar der Augen z. B. in den Schnecken, ein Kunstgebilde, das schon die Rechnungen des Optikers, und noch mehr die toten Nachbildungen des sehenden Menschen übersteigt. – Das Leben ist weder irgendein bestimmter Körperteil, noch in irgendeinem gefangen; es wohnt im Schleim, Fett, Blut und Muskel und Knochen; und der Brei des Aufgußtiers und der Schleim des Weichtiers, der Frost des Fisches und das Feuer des Vogels, das Gebirge des Walfisches und das Sonnenstäubchen der unsichtbaren Tierchen auf Tierchen, alles wird gleich bequem vom Leben bewohnt, so wie beherrscht und erhalten. – Säet in einen beetgroßen Treibkasten einen ganzen Garten aller unähnlichsten Blumen und Fruchtgewächse: das Leben gestaltet aus demselben Licht- und Wärmestoff, aus denselben Luft- und Erdarten, Düngesalzen und Feuchtigkeiten, aus dem Einerlei das üppige Mancherlei von Duft und Farbe und Blatt und Frucht. Der Mechanikus des Geistigen kann also schon das niedriger gehende Leben nicht zum Abkömmling einzelner Teile, nicht einmal des Ganzen machen, das vielmehr dessen Sohn und Diener ist; wie will er nun mit dem Geiste, den er wenigstens für ein himmelhoch gesteigertes Leben ansehen muß, verfahren, um ihm einen unadeligen, d. h. körperlichen Stammbaum zu unterschieben? Er muß, da er als vollständiger Materialist, nichts als den Leib zum Schauplatz und Schauspieler der ganzen Menschenrolle gebrauchen kann, gerade die körperliche Hälfte der Leibnizischen Hypothese von der prästabilierten Harmonie annehmen und unsern ganzen Lebenslauf in ein – von einem allmächtigen Uhrmacher aufgezognes – in siebzig bis achtzig Jahren abrollendes Empfind-, Vorstell- und Triebwerk setzen, dessen innere Räder (sobald man überhaupt Einwirken zuläßt) mit den großen Rädern der Weltuhr ineinander eingreifen. Das ganze Gehwerk der Vorstellungen wie das Schlagwerk des Redens wird freilich von etwas, welches man Bewußtsein nennt, unbegreiflich begleitet; aber dieses Etwas muß der Mechanikus ebensogut unter die 1174 körperlichen Räder rechnen, nur muß ers als Rädchen alle Räder begleiten oder durchlaufen lassen. Irgendein Eingreifen und Richten, Hemmen, Ordnen durch eine geistige Kraft, ausgenommen auf ein einziges Mal die göttliche oder irgendeine allmächtige, muß der Materialist-Mechanikus durchaus abweisen. Eine so ungelenke unbeholfene einbeinige Prästabilier-Hypothese bringt den Mechanikus des Geistigen nicht weit, und er greift daher, daß sie zweifüßig besser stehe, zu einer Seele, die er als Perpendikel oder Unruhe mit dem körperlichen Räderwerk verknüpft. Dadurch gewinnt er sich ein bequemes hin- und herziehendes Schach oder eine Zwickmühle zwischen ungleichartigen Kräften; die körperliche bestimmt und nährt die geistige, die geistige ist sich ihrer und [der] andern bewußt und sieht vielen zu und ordnet in etwas. Obgleich eine Vorstellung z. B. von einer Bewegung nicht einerlei sein kann mit einer Bewegung selber: so bleibt doch dem Mechanikus, da die Materie nur durch Bewegung tätig ist, nichts übrig als diese im Gehirn zum Erklären oder vielmehr Aufheben der geistigen Tätigkeit. Man wählt nun dazu Fibern – Spannungen – Gehirn-Eindrücke – Gehirnbilder – Wasserkügelchen – Elektrizität – Nervenäther und endlich Nervengeist oder Nervengeister – und aus allen diesen Materien (aus den Nervengeistern aber vorzüglich, deren Name schon Mitteltinten und Halbschatten von Geist vorspiegelt) – läßt sich gerade das rechte magische Helldunkel gewinnen, worin man als Gegenspieler der Taschenspieler, die in ihrem Zauberrauche Körper und Bilder die Geister spielen lassen, mit umgekehrter Magie Geister für Körper ausgeben kann. Nicht einmal für die Empfindungen und die Vorstellungen – vom Bewußtsein und Wollen versteht es sich ohnehin – kann der Mechanikus im Gehirn etwas Begleitendes, geschweige Entsprechendes auftreiben; denn die sogenannten Eindrücke, Spuren, Bilder, Spannungen sind bloß als metaphorische Zustände in der Seele vorhanden, aber nicht als eigentliche in Gehirn und Nerven möglich. Das Gehirn ist ein Knäul von Nerven, die das Rückenmark aufeinandergewickelt hat; dieser dickste Nerve 1175 besteht wie jeder dünnste aus Eiweißstoff, fettiger Materie, wenigem Salz und vielem Wasser. Ein Nerve überhaupt ist geflochten aus Fäden, die Fäden sind gesponnen aus Fasern, die Fasern sind zusammengereiht aus Markkügelchen. Die nun aus Kügelchen geformte oder geballte Gehirnkugel besteht, ungleich der Erdkugel, wovon nur zwei Drittel Meer sind, aus vier Fünftel Wasser. Nach Vauquelin, Fourcroy. Ja Gall fand in Wasserköpfen oft vier Pfund Wasser (also fast so viel Gewicht als Gehirn) gehäuft ohne Nachteil der geistigen Kräfte, durch deren Frühzeitigkeit vielmehr jenes sich entwickelt. Wie sind nun diesen Wasser- und Markkügelchen Spannungen, oder Eindrücke, oder Bilder aufzunötigen, nur wenn von bloßen äußern Einwirkungen der Sinnenwelt die Rede ist, geschweige von den innern unzähligen der Seelenwelt? Müßten nicht die Eindrücke des nämlichen Sinnes im Gehirne auf das Ende seines Nerven oder seines Nervenpaars erdrückend und verschlichtend aufeinanderfallen? Welche Feuchtigkeit oder Körperlichkeit überhaupt könnte die ins Unübersehliche reichende abgeteilte Fülle der Empfind- und der Vorstellwelt fassen und beherbergen? – Zwischen dem kleinen Gehirn, das den beiden Welten dienen soll, und dem Rückenmark, das es nicht tut, und den Nervenknoten, die Gehirnchen vorstellen, findet die Zergliederung keine Unterschiede. Noch mehr wird durch die Beobachtung Sömmerings entschieden, daß das Gehirn eines dreijährigen Menschen schon so groß ist wie das eines erwachsenen, der vieljährigen Schatz-Anhäufung gar nicht zu gedenken am Gehirn, da man doch sonst nach dessen Größe Verstandes-Größe schätzen will, obgleich die Maus und der Spatz nach Verhältnis ein größeres haben als wir und der Elefant ein kleineres als beide. – In den Gehirnen vollends der verschiednen Geister-Menschen ist auch nicht das Kleinste, was die so große Verschiedenheit wie die zwischen Wilden, Künstler, Mathematiker, Philosophen, Krieg- und Tatenmenschen und Gedächtnishelden auch nur durch Perlschrift, geschweige durch erhabene oder vertiefte Buchstaben ansagte. – Warum zeigt sich die Verdopplung der Gehirnglieder nicht als eine der Empfind- und Gedächtnisbilder, 1176 sondern gibt als Doppelklavier nur Einfachheit der Töne? – Sowenig es auf der einen Seite Verdoppelung gibt, so wenig nimmt auf der andern die Verkleinerung, indes eine unschädliche von mehren Loten bei dem geringen Gehirngewicht und besonders bei dem durchgängigen Ineinanderlaufen und -greifen der ganzen Kugel und bei der Zartheit der wechselseitigen Beziehungen sich durchaus als beraubend erweisen und ganze Gedächtnisfelder verheeren müßte. Alle Gefühle und Leidenschaften arbeiten – schon nach Plato und nach den besten Physiologen – ausschließlich im Herzen, die Liebe, die Freude, die Trauer u. s. w.; indes oben das Gehirn selber nichts von ihnen spürt, so wie wiederum das Herz keinen körperlichen Anteil an den Anstrengungen des Denkens und Empfindens, welche im Gehirne vorgehen, verrät; denn z. B. den Herzkranken schadet die kleinste Gemütbewegung, aber nicht die tiefste Geistanstrengung. Warum läßt man nun nicht ebensogut allen Gefühlen besondere Körperspuren im Herzen entsprechen wie den Gedanken im Kopfe und setzt leibhafte Anlagen und Ein- und Nachdrücke von Rührung, Melancholie, Weichheit in den vier Herzkammern voraus? Warum [macht] man, noch toller, nicht das Rückenmark als Vater des Gehirns, so gut wie dieses zum Denkwerkzeug? Noch etwas, und zwar etwas recht Gefügiges, ein körperlicher Proteus, der sich dem geistigen nachverwandelt, bleibt übrig, der Nervensaft, den man immer feiner destillierte bis zu Nervengeist und Nervenäther hinauf. Aber eigentlich könnte man es besser umkehren; die rohere dickere Feuchtigkeit trüge leichter den Nachen der Empfindungen zum Geiste als der dünnere Weingeist. Prägt doch einmal einem elektrischen Strome oder Bächelchen den Schatz der vieljährigen Gedächtnisbilder ein, damit er sie jahrelang festhalte, oder lenkt und zerfällt ihn für die tausend kleinen Fingersprünge eines Klavierspielers oder teilt diese Wasser- oder Ätherkügelchen rollend an die fortlaufenden geistigen Bewegungen aus, an die Phantasiebilder, an die Begriffe u. s. w. – – Wahrlich reiner Körper allein, oder reiner Geist sind mir hellere lichtere Rätsel als beider Verbindung zur Auflösung des Rätsels.« »Auch ich«, versetzte Alex, »denke dabei so wenig, als hätt' ich 1177 Tonsur und stände an heiliger Stätte. Aber dies muß man der Sache doch lassen, daß man einen Nerven unterbinden kann und dadurch wirklich den Strom der Empfindungen hinaufwärts, so wie den Strom der Woll- und Bewegeinwirkungen herabwärts abzuschneiden vermag. Hier sind offenbar Röhren, Brunnenröhren, Geistwasserleitungen.« »Ich kann Ihnen sogar«, sagt' ich, »dieses Röhrenwerk noch verhundertfachen: Ein starker Druck auf das Gehirn, das Einschneidungen bis zu einer gewissen Tiefe ohne Schmerzen und löffelweise Herausschöpfungen ohne Ohnmacht erträgt, versenkt es in Unempfindlichkeit und Schlaf. Da nun das Gehirn nichts ist als ein ineinandergewundnes Nervenbündel: so wäre das Einschläfern durch ein Niederquetschen und Verschließen der Nervengeistes-Leitröhren zu erklären. Freilich hätte diese Erklärung einen starken Einwurf gegen sich, daß nämlich die Verzweigung (Anastomose) der Nerven ineinander so gut als die ähnliche der Adern dem Fließen immer Nebenwege offen halte und das Blut z. B. bei stundenlangem Liegen oder Sitzen, folglich Zusammenquetschen der Adern doch freie Seitenadern findet. So viel ist gewiß, daß Niederdrücken und Unterbinden durch die Empfind-Unterbrechungen, die sie machen, die Hypothese einer elektrischen Flüssigkeit, die in den Nerven die Wunder der Erscheinung verrichte, völlig aufheben, da diese Flüssigkeit wenigstens den bloßen verengernden Niederdruck durchbrechen würde. Dabei laufen alle Nerven so vielfach und unaufhörlich ineinander und auseinander, daß eine elektrische Flüssigkeit, wirke sie nun stehend oder angeregt, gleich dem Blitze in keinem geraden Wege zu einer Wirkung bleiben könnte und z. B. der Wille, der durch sie den kleinen Finger bewegen wollte, statt desselben ebensogut Hals, Haut, Schulter anregen müßte, da die Nerven dieser und noch mehrer Teile sich auf dem Arme durchkreuzen. Ja der sogenannte Nervengeist besitzt nicht einmal die gewöhnliche Kraft des elektrischen Funkens, welcher durch Hin- und Herschlagen seine Gewalt nicht einbüßt, indes der Nervengeist sich durch sein Zuströmen erschöpft.« »Und warum hat man denn« – fiel jetzo Karlson ein – »nur für 1178 Vorstellen und Empfinden im Gehirne begleitende Körperspuren nachgewiesen, d. h. nachzuweisen gesucht? Warum nicht auch für das herausarbeitende Reich des Willens, für die Tugenden, für die Laster, für die ästhetischen Freuden und Leiden, und für die Gefühle und Bestrebungen, welche den Geist jahrelang durchrauschen, leibliches Ufer und Beet gefunden? – Aber ich habe nie gehört, daß man etwa wie zwischen den Gehirnen der Wahnsinnigen und der Weisen, so zwischen den[en] der Bösewichter und der guten Menschen Unterschiede gesucht und angenommen. So bliebe denn gerade der halbe Geist oder das ganze Herz ohne körperliche Bezifferung seiner Grundtöne.« – »Nun wären wir denn«, sagte Alex lachend, »weit genug. Bewiesen ist – und zwar hinlänglich – daß Gehirn und Nerven, ohnehin als unanmeßbare (inkommensurable) Größen zu jeder Gleichung mit den geistigen Tätigkeiten unfähig, die Unzähligkeit dieser Tätigkeiten nie aufnehmen und nachspiegeln können; inzwischen erkennt und erduldet man doch jede Verbindung zwischen Seele und Leib; worin besteht sie denn nun? Wie verknüpfen sich Außenwelt und Sinnwerkzeuge zur Einwirkung aufs Ich?« – »Ich antworte so: was ist denn eigentlich die Materie, die wir stets dem Geiste entgegensetzen? Sie ist eine Erscheinung, die wir nur durch unsere Sinnen kennen und durch die wir also nicht umgekehrt unsere Sinne kennenlernen können. Nur eine Kraft ist uns unmittelbar bekannt, unsere geistige. Bei der Materie müssen wir die Kräfte voraussetzen, ohne welche sie nicht existieren und nicht wirken könnte, die aber in keiner Zusammensetzung oder Erscheinung ihren Aufenthalt haben können, sondern in ihren wahren und letzten Bestandteilen. Uns ist nur eine Kraft und zwar unmittelbar bekannt, unsere eigne, die denkt und will und tut; denn unsere Sinne können uns wohl Bewegung, Widerstand, Anziehung, Schwere (die letzte ist nach einer unveränderlichen Richtung) und Undurchdringlichkeit erscheinen lassen, aber alle diese sinnlichen Erscheinungen einer Gesamtheit sprechen uns weder Kräfte der Bestandteile aus, noch überhaupt die Kraft. Gelangen wir nun zu dem Innern der Materie: so ist ihr Schein aufgelöst, in einen Kräfteverein; und da wir uns 1179 schlechterdings nichts Absolut-Totes denken können, und eine tote Kraft (nicht eine gehemmte) so viel ist als ein totes Leben und wir nur die geistige Kraft kennen: so wird uns die scheinbare Körperwelt zu einer lebendigen Unterseelenwelt, zu einem (Leibnizianischen) Monadensystem. Kurz alles ist Geist, nur verschiedner. Nur darin ist nicht der ganze Leibniz lebendig zitiert, daß er einer Seele oder Monade in seiner vorherbestimmten Harmonie die ganze Welt und Geschichte aus ihrem angebornen Knäul abwinden und zusammenweben läßt, ohne den kleinsten angesponnen[en] Faden von außen; denn in der Wahrheit greift und drängt das ungeheure Seelenmeer wirkend ineinander, obwohl mit verschiedener Richtung und Einschränkung. Der eigentliche Leib der Seele ist der Nervenbaum, dessen Krone wie die der Palme, das Gehirn, das Köstlichste des Gewächses enthält und der zu ihr von dem unten gegliederten Rückgrat (dem Pferdeschweif) als Rückenmarkstamm mit seinen Nervenzweigen aufsteigt. Der übrige Körper ist nur Borke, Treibkasten und Moos dieses wahrhaften Baums des Lebens und der Erkenntnis, welchen die Seele, die Hamadryade desselben, bewohnt wie der spiritus rector die Pflanze in allen Teilen. Die Nerven machen den eigentlichen innern Menschen aus, der gleichsam als Verwandter und Vermittler dem Ich am nächsten steht und ihm die fremde Außenwelt offenbart und darstellt und bekannt macht. Wie auf der einen Seite der Nervenorganismus noch tief unter dem Ich, so steht wieder tief unter jenem die äußere Welt, auch die organisierte, insofern sie keinen Teil seines Organismus ausmacht: so ist wieder jener dem Ich der Seele genug verwandt und genähert, um diese bei ihm einzuführen. Der Organismus oder das Leben unterscheidet sich vom Unorganischen oder Toten am stärksten dadurch, daß er oder das Leben lauter ungleichartige Stoffe unter ein Gesetz und eine Form zusammenzwingt, welchem Gesetze wieder alle neuen gehorchen müssen, indes das Unorganische in großen Massen aus gleichartigen Teilen, z. B. Luft, Erde, Wasser, Elektrizität, Metalle, Gestein, die Erde füllt. Daher bleibt das Unorganische nach allen Trennungen und Teilungen unbeschädigt und unzerstört 1180 und als ein Klein-, wenn auch Schein-Ganzes zurück. Daher eilet das durch Fäulnis befreite und losgebundne Organische wieder seinen Gesamtverwandten zu, zum Wasser, zur Luft, zur Erde u. s. w. Das Formlose der Wärme, des Lichts und kurz der Massen wird vom Leben in Formen umgearbeitet und befestigt. Das Organische nun, das sich als Sinnwerkzeug gegen die Außenwelt kehrt, wird von ihr bloß durch Flüssigkeiten unmittelbar berührt, das Auge vom Licht, das Ohr von der Luft, der Riechnerve von Gasen, der Geschmack vom Wasser und den Auflösungen darin, das Gefühl von der Wärmmaterie; nur das Getast als der Sinn des Allernächsten macht eine, vielleicht doch zu erklärende Ausnahme. Denn es hat das Sonderbare wie der Geschmack, daß es nicht ohne allen Zeitzwischenraum die Empfindung zubringt, als ob es erst wie jener durch tiefere Feuchtigkeiten wirke. Nun ist der ganze Kunstbau der Sinnennerven bloß dem Außen als dem Fremden und Feindlichen zugekehrt bis sogar auf die Zungen- und Gefühlwärzchen herab. Hingegen nach innen zu laufen die Seh-, die Hörnerven u. s. w. aus ihren Kunstgrotten als unscheinbare Fäden des Weltlabyrinths und einander an Farbe und Stoff ähnlich ins Gehirn hinein und manche zerfasern sich in unsichtbare Enden. Und doch spiegeln nur diese dünnen Brei-Enden und Fäden im Brei-Gehirne dem Geiste die Raffaels-Gemälde, die Mozarts-Tonstücke, kurz das Sinnen-All oder die äußere Schöpfung vor. Denn daß der Geist nicht etwan auf der Augennetzhaut niste oder auf dem Tapeziernerven des noch künstlicher als das Auge gebauten Ohres klebe und die Hörwelt erlausche, erweist sich dadurch leicht, daß er ebenso gewiß blind und taub wird, wenn bloß die Enden der Augen- und Ohrennerven gequetscht und verletzet werden, als wenn die Kunstanfänge derselben in diesen Fall kommen. Überhaupt nur gegen außen herrschet die Verschiedenheit; im Innern des Menschen ist alles Eintracht und Einfachheit; Gehirn und Rückenmark und Nerven leisten ohne besondere Uniform die verschiednen Dienste bei der Seele, welche bald phantasiert, abstrahiert, Leidenschaften hat und die Muskeln anstrengt. So gibts nirgend so viele 1181 freundschaftliche Vikariate in der Not als im Körper, und fast alles ist darin Verzweigung, nicht bloß das Adersystem; der Schlag der Arterien ersetzt den Schlag des Herzens, ein Lungenflügel verwaltet das Amt des verwesten Flügels, die Hohlader vertritt die rechte Herzkammer, die Aorte die linke; und vollends die Absondergefäße und Drüsen z. B. Milchgefäße. sind in Krankheiten füreinander Geschäftträger und Stellvertreter. Wenn die äußere Welt als die niedere Seelenwelt durch die Nervenwelt als durch eine höhere Seelenwelt unserem Ich assimiliert und gegeben wird: so fallen die Fragen, als ob Bewegungen, Eindrücke, Körperspuren dem innern und äußern All des Ich entsprechen müßten, von selber weg. Die Schwierigkeit des Einwirkens, die ohnehin in allen Systemen wenigstens das Einwirken der Seele auf die Muskeln begleitet, verringert sich durch das Verhältnis des Gleichartigen zu dem Gleichartigen wenigstens zum Teil; aber ist überhaupt Wirken, sogar das des Ich auf sich selber nicht unerklärlich? Und ist das Erzeugen der Empfindungen durch äußere geistige Seelenkräfte denn unfaßlicher als das Erzeugen der Gedanken durch die innern? Wie wirken denn Gedanken aufeinander und einer erschafft und verstärkt den andern? Sogar die fremde Seele des Magnetiseurs drängt ihre Gedanken zuletzt ohne die frühern grobsinnlichen Umwege in die Seele der Hellseherin, und ohne lange Mittelreihen; obgleich im gemeinen und gesunden Leben Seelen einander die abgekürzten Zugänge verschließen. Wenn, wie schon bewiesen, keine Bewegungen, Eindrücke, überhaupt Körperspuren dem innern All des Ich im äußern des Gehirns entsprechen können; wenn überhaupt kein mechanischer Weg das Sehen, Hören u. s. w. möglich macht Im Museum die Poren bei der Durchsicht. : so wirkt die Unterseelenwelt des Organismus auf die Oberseele oder Regentmonade bloß nach geistigen Gesetzen ein und vermittelt das Unorganische. Denn nirgend ist so viel Platz – nämlich unermeßlicher –, so viel Mannigfaltigkeit, so viel Verträglichkeit des Widerspenstigen und Unbegriffenes als im Ich. Das Körperliche 1182 als solches oder das Unorganische zeigt sich als das Widerspiel; das Goldstäubchen z. B. behält ewig dieselbe Schwere und Dichtigkeit, ohne Wechsel innerer Zustände und ist keiner Übung fähig. Nur das Organische und der Geist können sich ab- und angewöhnen und sich üben. Der Geist wirkt abgesetzt, der Leib unausgesetzt. Herbart und andere lassen dem Ich keine Verschiedenheit der Seelenvermögen zu; aber ist bei einem einfachen Wesen oder einer Kraft denn Verschiedenheit der Zustände gedenklicher? Oder auch bei verschiedenen Wesen Unterschiede ihrer Kräfte selber? Und wohnet nicht in der Einfachheit des höchsten Wesens die ganze Unermeßlichkeit aller Kräfte und Zeiten, wogegen das All zur Endlichkeit einschwindet? Nur im Ich wohnt Entgegengesetztes, neben der Einheit und Verknüpfung, indes das Äußere nur erst in ihm den Schein derselben annimmt, und zweitens die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit, die es außen anschaut und innen selber besitzt. Wir machen aber von dem Länderreichtum des Ich viel zu kleine oder enge Messungen, wenn wir das ungeheure Reich des Unbewußten, dieses wahre innere Afrika, auslassen. Von der weiten vollen Weltkugel des Gedächtnisses drehen sich dem Geiste in jeder Sekunde immer nur einige erleuchtete Bergspitzen vor und die ganze übrige Welt bleibt in ihrem Schatten liegen; und ein Gelehrter wie Böttiger brauchte vielleicht Jahre, wenn seine aufgehäuften Sach- und Sprachschätze, nur in jeder Sekunde ein fremdes Wort oder eine Tatsache oder eine Idee vor ihm vorüberziehen oder fliegen sollte – Aber unser geistige Mond, der uns nur in schmalen Sicheln erleuchtet aufgeht, hat noch wie der himmlische eine Welthälfte, die er unserem Bewußtsein gar nicht zuwendet, die Regiergeschäfte der Muskeln durch die Nerven. Will man mir die unwillkürlichen, folglich unaufhörlichen und desto unabänderlichern Bewegungen, wie die des Herzens u. s. w., nicht als Werke des Geistes gelten lassen, wofür sie der tiefe Stahl in seiner Hypothese nimmt: so bleiben mir doch bei Menschen, bei Tieren sogar die Tausende Gang-, Sprung-, Wurfbewegungen, die Flügelschläge und Fingersetzungen übrig, welche die ersten 1183 Male mit Willen, Bewußtsein und Berechnung gelernt und vollführt wurden, später aber ohne mithelfenden Geist zu geschehen den Anschein haben, was eben unmöglich ist; denn das Körperliche an sich erlernt und behält nichts, noch abgezogen, daß jede berechnete Bewegung, sogar die Sprungweite in jedem einzelnen Falle neues Rechnen sogar vom Tiere verlangt. Noch zwei wichtige Erscheinungen stellen sich im Reiche des Geistes auf, um uns zu zeigen, daß wir seine Schätze und seine Fundgruben nicht nach dem, was auf der Oberfläche des Bewußtseins bloßliegt, sondern nach dem zu schätzen haben, was in der Tiefe der Unsichtbarkeit ruht. Unsere geistigen Wurzeln laufen viel weiter, breiter und länger aus als unsere Zweige. Ich gebe nur ein Beispiel. Die feinsten und neusten Bemerkungen über Menschen und Welt werden ohne allen Beweis ausgesprochen; und doch findet sie der Leser richtig und folglich bewiesen; mithin muß der Beweis schon in ihm voraus fertig gelegen haben, also die ganze dunkle Reihe der Erfahrungen; so ists auch mit unsern eignen Bemerkungen, ein einziger Fall reicht uns eine, welche ohne unser Wissen 1000 vorige Fälle umfaßt. So wird oft ein ganzes schweigendes Leben von dem Wunderworte eines Dichters ausgesprochen, und nun spricht es selber fort. – So fühlt man die Unhaltbarkeit mancher Behauptungen lebendig und man weiß entschieden, sie fielen zusammen, wenn man sie nur ein wenig antastete; aber man läßt es dabei und so braucht man nicht immer zu prüfen, um zu widerlegen. – Ich komme nun auf ein Rätsel, das die meisten für kein großes halten und doch elend lösen und das uns selber andere Rätsel aufschließen kann, ich meine den Instinkt. Die gemeine Entzifferung desselben – die nicht einmal eine musikalische Bezifferung ist – läßt ihn in einem künstlichen Gliederbau für gewisse Lebens-Kunstwerke bestehen, welcher die Tierseele zur Ausführung derselben durch ein Bedürfnis reizt, anregt und bestimmt. So treibt nach Darwin z. B. die Hitze der Brust die Vögel zum Sitzen über den Eiern, der Kühlung wegen, und die Milchfülle der Brust das Säugtier zum Säugen. Aber was kann denn eigentlich für den Instinkt anders im Körper vorbereitet sein als 1184 Arbeitstoff und Arbeitzeug, z. B. in der Spinne die Fadenmaterie und die Spinnwarzen samt den Spinnfüßen? Wo ist aber damit nur im geringsten die geometrische Kunst der konzentrischen Vielecke und Zirkel gegeben, und sind die Spinnmaschinen Webstühle, die ohne eine geistige abmessende Weberin die Vergrößerung der Umkreise, die Abänderungen nach den Orten des Gewebes und die Verbesserung nach den Zeiten ausführen? Ein Handwerkzeug ist noch kein Handwerker, Sprachwerkzeuge geben noch keine Sprache. – Nirgends weder für die Wehr-, noch für die Nähr- und Fangkünste legte die liebende Allmutter so zusammengesetzte Instinkt-Getriebe an als in den kleinen Müttern für die Brut-Erhaltung; und gerade die winzigsten und die unscheinbarsten Tiere, die Insekten, sind die größten bildenden Künstler gegen die höhern und großen Tiere mit wenigen Jungen. Der größte Teil des Schmetterling- und Käferreichs fliegt über sich hinauf, verrichtet eine Wundertat des Instinkt-Testaments und sinkt dann untergehend zu Boden. Wenn nun ein Darwin und andere wieder wie bei Vögeln mit Drang und Reiz der Eier und Brut das Elterliche motivieren wollen: so ziehen gerade fünf Insektenvölker gegen sie aus, die Bienen, Wespen, Hummeln, die Ameisen und die Termiten, und bekriegen sie. Nämlich nicht die Eltern pflegen die junge Nachkommenschaft, sondern bloß die geschlecht- und kinderlosen Bienen und Ameisen. Weiset mir nun in den Nerven, Gefäßen, Muskeln der Arbeitameisen irgendeinen andern Unterschied als den des mangelnden Geschlechts nach, welcher ihre nach Zeit und Ort und Mühe so zusammengesetzten und abwechselnden Arbeiten erklärte, ihr Bauen, ihr Sonnen der Puppen, ihr Enthülsen oder ihre Hebammendienste bei ihnen, das Füttern der Neugebornen bis zu ihrem Davonfluge! Eben dies gilt von den Pflege- und Baukünsten der geschlechtlosen oder Arbeitbienen, welche mit bloßer platonischer Liebe der Königin heiß anhängen und (falls sie selber Weibchen sind) so unbelohnt die trägen Drohnen füttern und die für eine ferne Zukunft einer ihnen folglich noch ganz unbekannten Brut, die mit keinen Sinnenreizen besticht, Wiegen, Wiegendecken, Brot und Honig 1185 bereiten und ihre kurzen Flugtage des Lebens opfern. – Ich führe flüchtig nur noch das Nächste an, daß z. B. bei den Vögeln das Männchen frei ohne Brut- und Eierdrang, ebenso in der lustigsten Zeit sich selber zum unermüdeten Baugefangnen verdammt und der Bau- und Bettmeisterin des Nestes treu die Handdienste leistet. Noch mehr ists, daß der rege, kräftige, singende Mann ohne Selbbedürfnis und in der wärmsten schönsten Zeit (ganz beschwerlicher als die Männer gewisser Völker) das Kindbett hütet. Und endlich sehe man den Schwalben nach, welche, ungeachtet sie schon ein Troglodyten-Loch zur Wohnung haben, noch früher als das Bette vor der Wiege die Kinderstube machen, und zwar so lange vor aller Ahnung einer Nachkommenschaft und mit einer so seltsamen Abweichung von jeder Vogelweise. Ein langsames bissenweises Zusammenschleppen eines schmutzigen, mehr den Sumpfvögeln gewohnten Elements – ein freies Halbrundformen von zwei Schnäbeln zugleich, dem nicht wie bei den einfachern Zellen der Bienen die Nachbarschaft den Bauriß aufdringt – und sogar die schmale, nicht zu große Öffnung, die zu schätzen ist; dieses Logen-Arbeiten an den Mauern ist eine höhere, aber geheimnisvollere als die der Freimäuerer hinter den Mauern. Ich will mich aber nicht einmal mit meinen Fragen bei diesen leichtern Fällen aufhalten – noch überhaupt bei dem ganzen ausgebreiteten Vorrate der übrigen tierischen Kunstfertigkeiten, sondern ich will nur fragen, wo sind in den Nerven, Gefäßen, Muskeln, kurz im ganzen Körperbau organische Zwanganstalten und Kunstbestecke aufzuweisen, wodurch nur ein Vogel sich vom andern so unterschiede wie sein Nest, oder gar Bienen und Ameisen sich wie ihre dreifache Lebensweise? Und die Superlative des Instinkts erscheinen gerade bei den kleinsten und vergänglichsten Tieren, den Insekten, die nicht einmal Herz und Blut und Umlauf und statt eines Nervensystems bloß zwei dicke Fäden mit Knötchen und statt eines Gehirns bloß zwei Knoten besitzen, zu welchen die Fäden sich knüpfen. Wo aber nun soll denn der Instinkt doch sitzen und lenken? Da er in der Vielheit vergeblich gesucht wird, so bleibt nur die Einheit übrig, kurz die 1186 Tierseele, welche man bisher bloß als die leidende Zuschauerin und als die mitgetriebne Maschine der treibenden Maschine gelten ließ. Auf welche Weise freilich der Ur-Mechanikus das ganze Räderwerk einer Zukunft in einer geistigen Kraft aufgestellt und aufgezogen zu einem bis im Kleinen unabänderlichen Ablauf: dies ist bloß eine Unbegreiflichkeit, die im Geiste ohnehin schon ihresgleichen mehr als einmal hat. Aber [keine] größere [als] die der langen Reihe einer handelnden Zukunft, gleichsam als ob eine Seele sie nicht faßte; denn Himmel! welch ein All von Anlagen, Gesetzen, Trieben und Ideen beherbergt nicht ein Geist! Und kann er in seine Einfachheit eine weite vergangne Welt aufnehmen, warum nicht ebensogut in sich eine kommende bereithalten und bewahren, welche er gebiert? – Aber eine andere Unbegreiflichkeit oder eine Nacht bleibt es für uns – die wir ohnehin nur zwischen Nächten und Dämmerungen wechseln –, wie einer geistigen Kraft oder Seele eine unabänderliche Vorstellreihe, die sich an Zeit und Ort entwickelt, einzuschaffen und einzupflanzen sei. Aber ist nicht die Gedanken schaffende Seele überhaupt eine Sonne, zu deren Boden wir durch das Lichtgewölk, das über ihr liegt, nicht hinuntersehen können? Wir können, da wir in der Werkstätte selber arbeiten, ja nur aus ihr, nicht in sie schauen. Ganz irrig legen wir den groben dicken Maßstab der Körperwelt, in der nie ein Schaffen, sondern nur ein Nacheinanderfolgen und Mischen des Alten erscheint, an die Seelenwelt an, worin im eigentlichen Sinne geschaffen wird, mithin Neues gemacht, so schnell es auch als Wille und als Gedanke hervor- und vorüberfliege. Noch niemand, selber kein Herbart hat den unbegreiflichen Bund zwischen dem unaussetzenden Entstehen und Emporspringen der Vorstellungen und ihrer Abhängigkeit von einem Wollen, [das] ihnen [bei ihrer] Geburt eine zweckmäßige Aufeinanderfolge aufzwang, ohne Gewalttätigkeit vermitteln können; denn ohne jenen Bund könnte niemand sich vornehmen, nachzusinnen und zu ersinnen. Aber am stärksten tritt das Wunder in Künstlern und unter diesen in Tonkünstlern hervor. Ein Mozart kann wohl die Harmonie und ihre Erweiterung, die Instrumentalbegleitung, aus- und 1187 errechnen, da sie als ein Zugleich kann gemessen und verglichen werden; aber die Melodie als ein vielseitiges, freies Nach- und Auseinander steigt in neuen, fremden Gestalten aus den Tiefen der Empfindungen empor und wieder in die der unsrigen hinunter und weckt, was schwieg. Mozart, unbekannt mit großen Begebenheiten, großen Dichtern und mit dem ganzen ausgedehnten Abgrunde großer Leidenschaften, kurz dieses Kind an Verstand hört bloß sein Inneres an – und hört darin die Zauberflöte. Und das Erhabene und das Rührende und das Leidenschaftliche, kurz jedes Tonwort ist wahrhaft aus tausend Seelen gesprochen. So empfängt denn der Tonkünstler im weit stärkern Sinne Eingebungen als der mehr besonnen schaffende Dichter. Genug, uns ist neben der Körperwelt noch die wunderbare Seelenwelt aufgetan, über deren Tiefe freilich unser Wurfblei nur schwimmend hangt und nicht fest greift, weil lauter Unbegreiflichkeiten Vorordner und Vorgeordnete sind, empfangne und gebärende Fülle, und Schaffen nach Endabsichten (was irgendwo nach dem längsten Verschieben doch einmal eintreten muß) in der geistigen einfachen Kraft zusammenkommen, von den Instinkttaten an bis zu den menschlichen Ideenschöpfungen. – Man kann mir einen wichtigen Einwurf zu machen glauben und sagen, es gebe ja außer Leib und Seele noch ein Drittes, und dies tue noch größere Wunder als beide, die Lebenskraft; denn das Lehrgebäude, das Tongebäude, das Schwalbenhaus sei leichter gebaut als ein ausgeschnittenes Schneckenauge, oder vielmehr das ursprüngliche selber und jedes Glied; denn was seien alle tierische und menschliche Wunderwerke gegen einen organischen Körper, ein Labyrinth voll Labyrinthe von sich bekämpfenden und sich helfenden Kräften, ein All voll tierischer Bewegungen, wogegen die himmlischen der Weltkörper nur eine leichte Rechenaufgabe sind, eine bis über das Kleinste hinaus durchgearbeitete Repetier- und Sekundenuhr, die sich selber aufzieht und ihre ausgebrochnen Räderzähne selber einsetzt; und wer schaffe und erhalte diesen Körper als das Leben? – Aber der Einwurf ist selber eine schöne Erweiterung meiner Sätze. Denn kann dieses Leben oder Beleben eine einzige allgemeine unteilbare Kraft sein, die 1188 wie Anziehung oder Wärme alle Wesen durchzieht und sich auf eine unbegreifliche Weise einschränkt und individualisiert, und zerspaltet in die verschiedenen Tierleiber, wie man sonst den Gott Spinozas darstellte, die zu gleicher Zeit hier den Polypen wiedererzeugte – dort eine abgesprengte Krebsschere oder einen Salamanderschenkel oder das Fleisch einer Wunde? Doch wozu bestimmte Wiedererzeugung, da es ja die Zeugung und Erhaltung aller Leiber besorgt? – Kann dieselbe unteilbare Kraft zu gleicher Zeit in den verfliegenden Aufgußtieren als kunstlos und in den langlebenden Menschenleibern kunstreich gestaltend erscheinen? Nähme man jedes Leben als ein drittes Wesen zwischen Leib und Seele an: so bekäme man einen Wolkenschwarm neuer Wesen, für welche kein Himmel und kein Orkus, ja gar kein Gedanke zu finden wäre. Wolfart S. 123. – Aber wem sollen wir nun die organisch bauende und erhaltende Lebenskraft, deren unfaßliche Wunder doch offenbar täglich vor uns und in uns fortdauernd vorgehen, zuschreiben und einverleiben? Offenbar keinem Kreuzen und Wirbeln und Strudeln von elektrischen, galvanischen oder andern unorganischen Kräften, welche ja den ganzen organischen Kunstbau voraussetzen müßten, um ihn zu benützen und zu beleben; ebensowenig den an sich unorganischen Teilen des Leibes, welche eben die Lebenskraft zu einem organischen Ganzen bändigt und ausgleicht und befreundet. Also bleibt nichts übrig für den Aufenthalt und Thron der Lebenskraft als das große Reich des Unbewußten in der Seele selber. Denn daß nur niemand, wie Haller, den für unser Bewußtsein kaum zu fassenden Verstand in dem Kunstgebäude und den Kunstarbeiten des Körpers für unverträglich mit der Seele halte, da er ja denselben Verstand mit allen seinen Wunderwerken doch einem unbekannten blinden bewußtlosen Dinge, Leben genannt, zuschreiben muß, wenn er nicht zur Gottheit hinaufspringen und droben an die Gottheit alle Fäden zu allen augenblicklichen Bewegungen der Tierwelt befestigen will.« 1189 Ich endigte das Herausheben dessen, was die gegenwärtigen Fragen unsers Geistes am meisten berührte und beantwortet; denn über das Leben selber, über sein Hinablaufen in das dunkle Pflanzenreich unter der Erde und über sein Zerspringen in Aufgußtierchen, am meisten aber über das Wunder, womit es sich selber anfängt und über das, womit es sich verdoppelt, war die Untersuchung anderswo und länger anzustellen. Aber mit Anteil sahen die meisten das Reich des Unbewußten von mir aufgeschlossen. Der Rittmeister sagte: es hab' ihn oft bei einer Menge Menschen ordentlich gequält, ja geekelt, daß er bestimmt alle ihre Ansichten und Kenntnisse anzugeben und die Zweige und Wurzeln ihres Herzens bis auf das kleinste Fäserchen zu verfolgen wußte und dann darüber hinaus nichts weiter fand. »Man sieht«, fuhr er fort, »bei gewissen Menschen sogleich über die ganze angebaute Seele hinüber bis an die Grenze der aufgedeckten Leerheit oder Dürftigkeit. Ja oft könnt' ich aus ähnlichen Gefühlen mich selber nicht recht ertragen, wenn mich nicht die lange Perspektive eines unabsehlichen Verbesserns tröstete. Aber Ihr Reich des Unbewußten, zugleich ein Reich des Unergründlichen und Unermeßlichen, das jeder Menschengeist besitzt und regiert, macht den Dürftigen reich und rückt ihm die Grenzen ins Unsichtbare.« – – »Und mir«, versetzte Alex, »kann das Reich des Unbewußten auch nichts schaden, wenn ich in manchen Stunden widerlicher Bescheidenheit mich aufrichten kann, daß ich ein ganzes geistiges Warenlager gleichsam unsichtbar auf dem Rücken trage, das ich am Ende wohl auch einmal vorwärts herumdrehen kann auf den Bauch.« »Und ernsthaft, warum nicht?« sagt' ich. »Bis zum Unendlichen hinauf, der nichts ist als lauter Besonnenheit und dem nichts verborgen sein kann[ Gäb' es ein absolut Verborgnes: so wäre dies der Herr des All. ], nicht einmal er sich selber, steigert sich auf unzählichen Stufen das Bewußtsein so schnell, daß dem Weisen ganze dem Wilden tief verschattete Gründe und Abgründe des Innern erleuchtet daliegen.« »Ach,« sagte Selina, »ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, dieser verdeckte Reichtum in unserer Seele? Können wir nicht 1190 hoffen, daß wir unbewußt Gott vielleicht inniger lieben als wir wissen und daß ein stiller Instinkt für die zweite Welt in uns arbeite, indes wir bewußt uns so sehr der äußern übergeben? – Vielleicht kommen daher manche Rührung, manch[e] Andacht, manche innere schnelle Freudigkeit, deren Grund wir nicht erraten. Und wie wohl tut es, daß wir an allen Nebenmenschen auch unscheinbaren, das zu achten haben, was Gott allein kennt.«   Endlich mußt' ich in meinen Darstellungen abbrechen, wo es gerade dem Menschen am schwersten wird, nämlich in der Mitte, und in dieser befindet sich jeder unter dem Philosophieren so wie unter dem musikalischen Phantasieren. Auch lagen die Dörfchen mit ihren Lindenbänkchen mehr seitab und das erhabne Wetterhorn sah uns ganz in der Nähe an. »Lange Untersuchungen sind leichter zu haben als lange Tage«, sagte der Baron Wilhelmi. – Wie reicher kam ich mit der begeisterten Gesellschaft unter vergoldenden Abendlichtern oben an als am ersten Abende von Blitzen verfolgt. Die Welt umher war versöhnt und die Baumfamilien atmeten ohne Zittern den Himmels-Äther ein, in welchem keine Donnerschläge zum Herabsprunge auf sie lauerten. Auch die Gärtchen, die Staffeln des Turms, lächelten in ihrem kindlichen Blühen die Sonne mit allen ihren kleinen Farben an. Und das Auge stieg von den kühlen Schatten, welche das Gewölke statt des vorigen Feuers warf, erquickt empor und begegnete im Himmel den goldnen Sternen der Gewitterableiter, die nur von Abendstrahlen blitzten; und ging selig langsam an den fernen Gebirgen auf ihrem Abenddunkel hinauf an die sonnenhellen Häupter, denen die Sonne wie eine wechselnde Krone zusank. Wie ganz anders sieht ein Geist die blühende Natur an, der mit ihr und hinter ihr fortzublühen glaubt, als einer, der als ein ewiges Skelett auf ihr zu bleiben fürchtet und dem sie jetzo selber eines dadurch wird; sowie der Gottunglaubige eine viel unbelebtere Welt erbl[ickt] als der Gottglaubige. Des Rittmeisters innere war eine fortgehende Entzückung. Große Gegenstände des Lebens gingen vor ihm vorüber, denn im Menschen stehen 1191 nie erhabene Gefühle einsam, so wenig wie Berge, sondern sie verbinden sich wie Gebirgketten. Karlson suchte ordentlich seiner geliebten Selina es recht lebhaft darzustellen, wie in dem Zeitpunkt, wo die Seele ihren organischen Zepter niederlegt, ihr nur die bisher beherrschte niedere Welt von Kräften entweiche, sie aber in ihrem ungetrübten Reichtum zurücklasse und wie die Regentin nicht darum untergehe, weil ihre Diener von ihr abfallen. Manche höhere Wahrheiten wirken sogar zu denen hinab, die sie nicht anzuerkennen glauben, und die unbewußt und heimlich von ihnen durchdrungen werden, so wie der Regen sogar zu Pflanzen, die tief unterm Wasser stehen, erquickend hinabgreift. Aber Selina freute sich freilich am meisten über alle Untersuchungen, weil an diesem Abend überhaupt mehre Engel, die ihr gaben, sich in ihrem Herzen begegneten. Das Sprechen und Hören über den größten Gegenstand des Lebens, der auch ihre Mutter so ergriffen und festgehalten – das Leben neben zwei alten Freunden der Mutter, mir und dem edlen Karlson – und die Erlaubnis und Aussicht, daß sie diese Nacht in der geheiligten Wohnung ihres Henrions übernachten werde. »Nein,« brach sie mit ihrer gewöhnlichen Begeisterung aus, »gerade des Besten ist der Mensch nicht wert. Kann er gut und unschuldig genug sein, um die unschuldige Natur rein in sich aufzunehmen, und harmonisch in sich selber genug, um mit ihren Schönheiten zu harmonieren?« – Diese lieblichen Worte zwangen mich ordentlich, den Magnetismus noch zuletzt in unsere Untersuchung hereinzuführen, da alles das, was mir an diesem Morgen Nantilde über Selinas bange Träume von Henrions Verwundung mitgeteilt, auf einen sich schmerzlich ausbildenden Selbermagnetismus des bescheidnen Mädchens hinwies. »Und warum wollen wir hier«, sagt' ich, »nicht mit einem Worte des Magnetismus gedenken, dessen hohe Erscheinungen so sich an den Seelen- oder Monadenbund zum Dienste eines höhern Ich anschließen, daß sie alle die Kräfte und Reichtümer, die man vor seiner Offenbarung dem Geiste zugeschrieben, jetzo lebendig aufdecken und zeigen?« Ich sah voraus, daß der Magnetismus einem so edlen Wesen einmal die Flügel lüften würde, welche empor wollten, da edlen Geistern 1192 so viele Sterne unter dem Horizonte stehen, die sie nur von oben erblicken können. Wir schieden nun alle von dem Wetterhorn und dem erhabnen Abende, die Frauen gingen nach Falkenburg zurück; Selina mit unverhohlner Freude, in der Wohnung ihres Geliebten zu übernachten, und sie bemerkte nicht einmal Nantildes heimlichen Trübsinn, welcher mitten durch die Abendröte und Abendsterne die Besorgnis drohte, daß der liebenden Seele, die ohnehin heute sich mit ihm erfüllt habe, die Nachbarschaft so vieler alter Geister seiner Vergangenheit die Träume schauerlich durchschwirren [werde]. Der Baron Wilhelmi bat uns Männer, ihn ein wenig auf seinem Weg nach Wiana zu begleiten, weil er uns etwas Wichtiges zu entdecken habe; und jetzt erfuhr ich erst, warum dieser sonst so helle Mond und Satellit jeder Gesellschaft heute mit einem dunstigen Hofe umzogen gewesen. Der Baron teilte einen Brief mit – der aber leider nicht im frohen Kaffeehäuschen heiterer Neuigkeiten zu geben war – worin sein Korrespondent aus Marseille berichtete, daß Henrion bei der Eroberung [von] Napoli di Romania eine obwohl nicht tödliche Brustwunde erhalten. Der Vater brach sogleich in den Entschluß aus, nach Marseille zu seinem Sohn zu reisen, und suchte hinter diese Hastigkeit seinen Schmerz zu verbergen; aber der Baron widerriet ihm kräftig diese Reise, weil er dadurch die Hoffnungen der Frauen in lauter bange Aussichten verwandeln würde. Alexander setzte noch dazu, viel leichter könne ja er selber reisen und seinen Bruder pflegend zurückbringen. Am Ende überließ man alles der bald heller entscheidenden Zukunft; aber mich durchschnitt desto heißer dieses unerwartete Kometenschwert des Himmels, da ich nun sah, daß Selina, vor welcher Henrion im Traume mit der Brustwunde darniedergelegen, wirklich eine magnetische Seherin sei und in ihren Träumen die ganze Gegenwart von Marseille vorgehen sehe. Ach, sie wird noch viel leiden müssen! 1193   Streckvers auf den Kapitelplaneten Mars Blutroter am Himmel! Blutroter auf der Erde! Die Sternseher beweisen, kein Wandelstern ist dir so ähnlich als der unsrige in Leben und Gestalt. Kein Licht holen wir nun so oft vom Himmel als rotes, um die Völker zu erleuchten, und die Rosen des Schlachtfeldes blühen unter deinem Strahle üppig auf der Erde. O werde immerhin gestritten, aber nur von Geistern in Geistern und nur der Irrtum falle, nicht der Streiter!   V. Vesta [Flächeninhalt] [Schöne Woche, Abendschalmeien – noch keine Trauernachricht – Schluß aus dem Dasein Gottes] Es sollte eben eine milde stille Woche für uns alle werden; Glück-Rad und -Rädchen griffen ineinander. Nantilde hatte meinen Rat – weil eine Frau selten einen unverbessert befolgt – dahin verbessert, daß sie sich nahe genug an Selina betten ließ, um die ganze Nacht ihre Hand in der ihrigen zu behalten. Möge nun dieser freundschaftliche Ableiter die magnetischen Flammen und Wogen zerteilet, oder die Wohn- und Lebensstube des Geliebten sanfte Einflüsse in sie gemischt haben: genug Selina schlummerte ohne Stöhnen und Weinen und sang nur leise: »Schwellet nicht hoch, ihr Wogen, flieget nicht reißend, sprecht nicht laut, ihr Winde, damit er weich schiffe und walle und nicht fühle das Erschüttern des Lebens.« – Zu allem Frohen gesellte sich noch, daß auch der Rittmeister von seinem frühern deutschen Waffenbruder, der in Marseille als Ehemann einer edeln Gallierin häuslich zurückgeblieben war, außer der Nachricht der eroberten Festung Romania noch die aussichtreiche von der Einschiffung mehrer deutschen Mitbelagerer erhielt samt dem Versprechen der schnellsten Berichte über seinen Sohn und dessen Ankommen und Schicksal. Die ängstliche Nantilde wollte nun sogleich Selinas Schifferliedchen zu einer magnetischen Weissagung erheben; 1194 aber ich fragte sie, ob sie denn sein Kommen anders träumen könne als auf einem Schiffe? Wie auch in unserm schönen Beisammenleben die Gespräche gleichsam in den Kreuzgängen eines Lustparks abwechseln mochten: so kamen sie doch immer wieder wie das Menschenleben selber auf das Leben nach dem Sterben zurück. Aber nirgends konnte eine Peinlichkeit bestellter Disputierübungen eintreten oder eine Ausrüstung zu Religionkriegen mit Unglaubigen oder ein Treiben von Künsten des Besiegens und Erlegens, sondern es wurde eben über alles was zur echten Religion des Herzens gehört, gesprochen und auf die Unsterblichkeit, womit jene ja anfängt und schließt, führte uns leicht alles, der Sternhimmel das Abendrot, ja das Abendgeläute, jede Rührung, vielleicht mancher Schmerz. – – Es war an diesem stillen lichten Abende, als man auf den fernen Bergen zwei Schalmeien hörte, die einander bloß anredeten und dann schwiegen und man mir sagte, daß damit zwei fromme Hirten sich auf entlegnen Gipfeln gegenseitig das Zeichen gäben, ihr Abendlied gemeinschaftlich abzusingen. Innig rührte mich der Berggesang in der Weite, denn ich hörte in den stillen Lüften nicht den leisesten Ton, aber die Ferne malte mir die Töne, die selber nur Ferne der Räume wie der Zeiten darstellen, mit desto größerem Zauber. »Diese guten Menschen«, sagte endlich die Rittmeisterin, »sind gewiß ohne alle Untersuchungen ganz ihrer Unsterblichkeit versichert, bloß durch ihren Glauben an Gott, zu dem sie beten. – Mir waren bisher alle Ihre Beweise von der Unabhängigkeit der Seele vom Körper sehr angenehm, soweit ich sie verstand; aber zuletzt kommt doch alles auf eine Gottheit an, die uns unsterblich macht und mein Herz vertraut ganz auf meinen Gott.« – Mein Inneres wurde sehr ergriffen und ich sagte: »Ja, so ists. Er, er mit seiner Wahrheit, mit seiner Liebe, mit seiner Heiligkeit redet unser Herz an und sagt: du kannst nicht vergehen. – Allerdings könnte sogar der Gottleugner ein zweites Leben aus den Gründen ohne Gott annehmen, nach welchen ja ohne ihn schon ein erstes da ist. Aber zum Glücke wird uns das Grausen vor 1195 einer einsamen vaterlosen Unsterblichkeit erspart, worin eine lange Ewigkeit und ein ausgebreitetes Chaos vor uns lägen, welche gerade hinreichten, alle Höllen zu vervielfachen und zu vertiefen; denn ohne einen allgütigen Geist ist ein Himmel nur die Ausnahme und die regellosen Höllen sind die Regel und das Chaos wäre der Urteufel als Allherr.« »Ohne einen Gott gäb' es für alle Geister nur Einsamkeit und zwar eine gräßlichere als jede irdische ist.« »Nun auch diese wirkt schon arg und schmerzlich genug«, sagte Wilhelmi. »Die Gesellschaft, d. h. die Mehrheit der Stimmen gibt dem schwankenden, übereiligen Menschen Halt, Maß und Bestand der Ansicht, und Regeln, mit denen man sich ausgleichen und abfinden muß; denn jeder Einzelne übertreibt mehr als die Menge; und daher waren die Einsiedler immer Tolle, und hätten am Ende zu profanen Tollen zusammengesperrt werden müssen, wenn ihnen nicht von Zeit zu Zeit Glaubige und Verehrer einige fromme Gesellschaft geleistet hätten, was immer etwas war. Die Seelenwüste der Einsamkeit gleicht den großen Wüsten, wo die Gegenstände nicht feststehen, sondern schwimmend aufwallen und Schilf zum Wald, und Menschen zu Riesen schwellen.« »Wollen wir uns einmal die Unsterblichkeit aus der Erdschöpfung wegdenken, aus dem Menschengeschlechte: so steht vor dem Unendlichen ein ewiges unaufhörliches Geisterverstäuben, ein Aufflattern und Einsinken von Seelen, deren Sekunden-Freude, Tugend und Erkenntnis eines kleinsten Augenblicks dem Alliebenden und dem Allheiligen und Ewigen kein Zweck sein könnte, so wie nicht einmal uns Eintagmücken Terzienfliegen, welche bloß einen Augenblick lang froh und fromm und weise wären und stets im zweiten zerstäubten, der Betrachtung geschweige des Erschaffens würdig vorkämen. Wenn obwohl nicht unser Geist – denn dieser kann als einfaches Wesen fortbestehen –, aber alle seine Entwicklungen vernichtet werden und rein für nichts und zu nichts entstanden sind; wenn wir auf der Erde alle fliegende Stahlfunken sind, welche aus dem dunkeln Kiesel geschlagen werden, um einen Augenblick zu glühen und zu glänzen 1196 und dann auf immer als glanzlose graue Splitterchen niederzufallen: so kann auf allen Welten kein anderer Gott regieren als einer, der in ihre Nächte Millionen Seelenfunken zum Erlöschen schlägt; denn die meisten Planeten können bei ihrer Erdähnlichkeit nur menschenähnliche Geister – manche vielleicht wie Jupiter und Saturn mit ihren ewigen Stürmen und Wolkentreibjagden, nur Untermenschen – tragen und selber auf der Sonne als einer ungeheuern Erdenkonglomeration kann der Menschentypus trotz ihrer Helle und Wärme (wenn beide auf ihrem dunkeln Boden und ebensogut auf ihr als über ihr sind) so wenig verschwinden als bei uns gegen den Äquator und Pol. – Dasselbe gälte dann von allen Sternen, als nur fernern Sonnen, und von den Bewohnern auf ihnen. (Bloße Grade des Geisterwertes könnten in der Allgemeinheit des Untergehens so wenig Ausnahmen und Unterschiede [machen] als bei uns.) So stände die Gottheit im Himmel aus einem unermeßlichen steigenden und fallenden Nebel gemacht als ein einsamer Stern; – ein Gott bloßer Gottesäcker – der alliebende Vater von einem unendlichen Geisterdunste umzogen, der ewig in einen neuen zerfließt, – die Gottheit die Sonne über einem bunten fliegenden Seifenblasen-All von Weltkugeln – Die Wasserfälle der dunkeln kalten Totenflüsse durchrauschen die ganze Schöpfung unter dem göttlichen Sonnenauge; aber die hellen Regenbogen von Seelen, welche glänzend auf dem Fließen festzustehen scheinen, sind nur ewig fallende und erlöschende Tropfen. – – Was will dann die ganze Schöpfung? Da ihr Zweck nur in ihrem lebendigen Teil zu suchen und zu erfüllen sein kann – denn den toten Luft- und Wassermeeren und Welt- und Sonnenklumpen ist alles gleichgültig und ihnen bleibt nur als Mitteln Wert – so frag ich wieder, was will denn die Schöpfung, was hat der Unendliche bei diesem Verschwenden und Verschwinden des Lebens für Zwecke?« – »Und wir wollen einen des Unendlichen erraten, indem wir ihm unsre leihen?« sagte Alex. »Und der Knabe, der neben dem glatten glänzenden Marmorblocke steht, von welchem ein Michel-Angelo mit seinem gewaltigen Meißel umherfliegende Trümmer sprengt, will ihn der 1197 zwecklosen Zerstörung anklagen, weil ihm die Idealgestalt in der großen Künstlerseele nicht erscheint? – Aber wahrlich wenn die alten Völker die Gottheit durch einen unbehauenen viereckten Stein und durch einen Pfahl körperlich darzustellen glaubten, so meinen wir sie geistig nachzubilden und unsere Seelen sind die Pfähle und Steine dazu. Hat denn überhaupt der Unendliche Zwecke und kennen wir ihn so genau?« »Ja,« sagte ich, »wir kennen ihn vielleicht besser als unser dünnes flüssiges Wesen selber. Nur er, der Allerheiligste – keine Notwendigkeit der Verhältnisse, kein Chaos des Zufalls – konnte jenen geistig-organischen Bildungtrieb in uns legen, der den innern Menschen zur moralischen Schönheit entwickelt; eine Überschattung durch seinen heiligen Geist, damit göttliche Ebenbilder hervorgehen, die aber freilich, da der Endliche vom Unendlichen überall unendlich, nicht endlich absteht, nur Tugenden, nicht Tugend haben. Die Moralität ist der schöne Gliederbau moralischer Schönheit des ganzen innern Menschen. Hat sich nun der Mensch allmählich entwickelt zu einem moralischen Kunstwerk: so erscheint der Tod und zerschlägt die Antike. So malt die Gottheit von Jahrtausend zu Jahrtausend ihr Ebenbild in die Millionen Geister, damit diese samt dem Bilde nach einigen Minuten auf immer verwischt werden. – Die moralische Vollkommenheit kennt nur ihre Unaufhörlichkeit, so unabhängig und unbefriedigt von der Zeit, daß sie sogar Ewigkeit bedarf. Zwar wird der Edle – wie ja so viele alte Griechen und Römer als Todes-Glaubige bewiesen – bei aller Gewißheit seines ewigen Untergangs so wenig vom seligen Genusse seines reinsten Sein ablassen als der unglaubige Weltmensch keine Flasche und keinen Teller von der Henkers-Mahlzeit vor seiner Vernichtung ungeleert verläßt; aber wenn die Zeit gleichsam wie eine Sünde, am Ende dem innern Menschen das Herz ausreißt: so gehört gar zu viele Kraft dazu, etwas Hohes anzufangen, das man nie ausbauen kann. Der höhere Mensch vertraut ja eben darauf, daß er doch wenigstens in einer spätern Zeit hinter der hiesigen sein moralisches Stückwerk zu einem Ganzen und Kunstwerk ausarbeiten könne; – denn wahrlich die schönsten Seelen können im wilden Wetter des Lebens 1198 sich und andern nur stückweise und zerrissen erscheinen; sie sind Feuerwerke im Regen abgebrannt, die schönste Zusammenreihung brennt mit zerrissenen Gliedern ab, die hohen Namen verlieren Buchstaben und kein Ganzes leuchtet im Himmel. Nicht der Verlust einer Belohnung – denn Tugend kann so wenig belohnt werden als Glückseligkeit, am wenigsten mit dieser selber – sondern der Verlust ihrer Fortdauer ist dem guten Herzen das Schreckliche, das mit seinen schönsten Bestrebungen und Genüssen unter dem aufgehobnen Opferbeil der Vernichtung schlagen und zagen muß. Und endlich verschwindet vor ihr alles, und alles Höchste, nicht bloß Tugend, nicht bloß die Endlichkeit, sondern sogar der Unendliche.« »Und sogar der Unendliche –« fiel die bisher so stille Selina mit einem sehr bewegten Tone ein und fuhr fort: »Wunderbarerweise dacht' ich nie so oft an die Vernichtung als seit den einigen Tagen unserer Gespräche über die Unsterblichkeit. Und daher ist wohl mein seltsamer Traum gekommen, dessen Qual bald und leicht verschwinden mußte. Ich sah nämlich meine teure Mutter auf ihrem letzten Ruhelager immer bleicher werden und die bebenden Hände zum letzten Scheiden nach uns allen ausstrecken. Da sie und wir weinten: murmelte eine harte kalte Stimme hinter uns in der Ecke: das Siechbett ist kein Siegbett, mit dem Tod ist alles aus, auch der Tod und das Nichts und Alles und das Nichts. ›Jawohl‹, sagte unerwartet meine Mutter und zog ihre Hände aus unsern und faltete sie und suchte sie, wiewohl vergeblich emporzuheben und betete: ›Nun muß ich nach dem Scheiden von allen meinen Geliebten, noch vom Allergeliebtesten den bittersten Abschied nehmen, von dir, mein Gott! Ach wie hast du mich geliebt, du Alliebender! Alle meine schönen Tage hast du mir aus deinem Himmel gesandt und meine Tränen hast du gestillt oder zu Freudentränen gemacht und immer immer war mein Herz bei dir. – O, nun muß ich auf immer vergehen und kann dich nie mehr denken, und kann dir nicht danken durch Besserwerden und meine Fehler gegen dich vergüten! Du glänzst fort durch die Ewigkeiten und sie schauen dich und ich bin zunichte gemacht. So nimm denn meinen letzten Dank; 1199 mein Herz liebt dich bis es steht.‹« ... Selinas Stimme stockte; »ich kann doch nicht die übrigen Worte des Traums hinauserzählen, ob mich gleich ein so unwahrer nicht wider mein Versprechen so bewegen sollte«, und sie verließ mit nassen Augen das Zimmer. Auch wir unterbrachen unsere Gespräche, weil der Gedanke an den Größten des All mit Gedanken überströmt für welche nur die Einsamkeit Platz hat, nicht die Gesellschaft oder die Zunge. So werde auch dieses kleine Kapitel geschlossen, worin von dem Throne des Allerhöchsten ein schöneres Licht auf unsere Gräber und auf die weiten elysischen Felder fällt als sozusagen von der Ebene der ganzen Naturwelt.   Streckvers auf die Vesta Klein bist du, Vesta, unter allen Wandelsternen der kleinste, aber unter allen der hellste und einer Sonne am ähnlichsten. Sei auch diese Vesta so licht als klein und gebe dem Herzen warme Sonnenstrahlen!   VI. Juno [Flächeninhalt] [Belohnung und Bestrafung – gegen das Radikal-Böse] »Recht lieb war mirs,« sagte der Gesandtschaftrat, »daß Sie nicht die Kanzelsporen und die Kanzelzügel, nämlich Himmel und Hölle oder künftige Belohnung und Bestrafung unter die Beweise der Unsterblichkeit gestellt. Die Menschen lassen Tugend leicht ihr eigner Lohn sein, aber weniger das Laster seine eigne Strafe. Sie haben aber aus Tugendhitze eine solche Strafsucht, daß sie an einem holländischen Pflanzer auf dem Kap, der einen Sklaven totgeißeln läßt, sogleich dieselbe Geißelung an ihm selber wiederholen würden; und so gibt es keine Grausamkeit der Türken, die sie diesen nicht wiedergeben wollten; so daß zwischen der türkischen und der christlichen nur das Vorher und Nachher unterscheiden. Nur die Theologen vergelten 1200 nicht Gleiches mit Gleichem sondern stets mit Ungleichem – wie Tugend so Untugend – Zeit mit Ewigkeit, und einen Schmerz, den man gab, mit zahllosen Schmerzen, die man empfängt. Die Theologen haben nun die Unsterblichkeit nötig, um mehr als drei Viertel der Menschheit zu strafen und zu martern – Ich glaube, gäb' es lauter Gute, so könnten sie zur Not die Fortdauer entbehren. Diese muß da sein – und zwar eine ewige, weil sonst die Qual zu kurz und schwach ausfiele und eine zu ein paar Jahrtausenden abgekürzte einem langen Sündenleben von ein paar Jahren nicht gleichwöge. Aber man muß erst den Menschen zu einem Teufel machen, um ihn wie einen und wie einer zu behandeln. Deshalb nun [muß] ein Radikal- oder Wurzelböses im Menschen festgesetzt werden, da es eine Menschenmittelklasse gibt, wie die Wilden, die ganz Ungebildeten, die Minderjährigen, deren tiefe, einander fast das Gleichgewicht haltende Grade von unentwickelter Moralität und Unmoralität weder eine himmlische, noch höllische Unsterblichkeit der Vergeltung verdienen und begründen. Suchen wir aber je das Böse als Böses, und nicht als Mittel der Begierden? Verträgt sich mit einer wurzelbösen Natur jene innige Freude und Bewunderung, welche jeder, sogar der gesunkne Mensch an der Anschauung und Darstellung edler Taten, und noch mehr edler Menschen genießt? Müßte nicht eine böse Natur sich von einer verwandten angezogen und gerade von einer unähnlichen schönen abgestoßen fühlen? – Und beruht nicht die Süßigkeit der Dichtkunst, zumal der theatralischen für unsere verdorbne Städte auf dem Herz-durchdringenden und begeisternden, wonnevollen Anschauen moralischer Helden, die wir nicht zu erreichen hoffen, und die uns weniger schmeicheln als vorrücken? Selber die Geschichte ist obwohl ohne ästhetischen Goldrahmen ein Spiegel bloßer fremder Schönheit und keiner eignen für moralisch Blatternarbige und doch stehen sie bewundernd davor. Der Teufel würde den Plutarch ganz anders und verstimmter lesen als wir. Liebe zum Guten als Guten spürt der Mensch wenigstens zuweilen; aber statt der Liebe zum Bösen als Bösen trifft er in allen seinen Sünden nur Vorliebe zum Genuß – der ja an und für sich verstattet 1201 ist – Überwältigung durch Gewohnheit und Verblendung an, und die Reue über die böse Vergangenheit wie die Freude über die gute beweisen am besten, was er liebt. Wahrlich, der Unendliche, der das ganze Innen und Zeit-Außen eines Menschenlebens, das unsichtbare Bäumchen im Kerne durch die ganze Geschichte seiner einwirkenden Erden, Lüfte, Sonnenstrahlen und Regentropfen vollendet kennt, wird die Früchte des Gewächses ganz anders und ganz milder als ein engsichtiger Theolog würdigen, dem vom ganzen tiefen Innern und weiten historischen Außen des Menschen nur ein augenblickliches herausgeschnittenes Probestückchen erscheint. Der Kampf zwischen Du und Ich, der alle menschliche Blicke verfälscht, fällt auch bei den göttlichen hinweg.« »So hör' ich dich gern, Alex «, sagte die Schwester. »Was sagen Sie dazu, lieber J. P.?« fragte er. Ich sagte: »Ganz dasselbe, aber ich werd' es einmal noch stärker sagen gegen die orthodoxen neuauflebenden Zerrmaler der menschlichen Natur.« »Das Bestrafen fodert demnach keine Unsterblichkeit; aber das Belohnen ebensowenig, Schwester! J. P. bekennt es selber, daß Tugend ihr eigner Lohn ist und daß für diese weißglänzende Götterstatue die Zutat irgendeiner Nebenglückseligkeit nichts weiter wäre als das Farbenanstreichen einer Götterstatue. Aber wahrlich es ist an uns Menschen überhaupt nicht viel zu belohnen. Unser bißchen Gutsein ist so windstoßweise – so ein Sonntaganhang an die Geschäftwoche – so untermengt und verpackt in hundert andern Bestrebungen und Wünschen – und so wechselnd an Grad und an Auswahl, daß niemand für einige Stunden und partielle Sonnenunfinsternisse seiner Moralität einen ewigen Himmel verlangen kann. Bei den meisten hat ohnehin die Tugend nur Durchganggerechtigkeit. Die Menschen sind überhaupt, wenn sie sich auch noch so sehr durch moralisches Glänzen voneinander abzusondern glauben, etwa so verschieden wie nach der neuern Sternkunde die Sonnen, Planeten und Monde einander ähnlich sind und sich nur im Grade unterscheiden.« »Gegen dein Vorwerfen unseres moralischen Stückwerks und Vereinzelns wend' ich ein,« sagte der Rittmeister, »daß es 1202 überhaupt gar nicht auf irgendeine Zahl von Handlungen [ankommt], da die Sittlichkeit nichts Endliches weder in Zeit noch Zahl anerkennt; eine einzige große Tat des Herzens offenbart wie ein helles stilles Meer, den ganzen Himmel über uns und nimmt ihn in seiner Größe in sich auf; eine einzige Tat gilt einem Leben gleich und zeigt die Kraft.« »Ich nehm' es an,« erwiderte Alex, »aber ich setze etwas dazu: es durchlaufe jeder sein sittliches Leben und zähle die wenigen Handlungen, die ihm selber gefallen; so wird er finden, daß dieselbe Art immer wiederkommt, von der frühen bis zur späten Zeit, aber selten Handlungen ganz verschiedener Art; der Wohlwollende wird sich vieler Wohltaten und Verzeihungen, der Kraftcharakter sich kühner mutiger Taten, fester Wahrhaftigkeit erinnern; und jeder wird sich einer andern moralischen Fruchtbarkeit freuen und rühmen. Aber das ganze Geheimnis, bei dem man einige Demut lernen kann, liegt in der angebornen moralischen Mitgabe und Ausrüstung eines jeden und die ganze Tugendhaftigkeit ist Naturell, nicht Entschluß und Opfer. – Und doch ist die irdische Gebrechlichkeit wieder so groß, daß wenn sie meinen Vorwurf des fragmentarischen Gutseins vermeiden und bloß auf dem engen Weg gegen die enge Pforte ohne Blick und Tritt neben hinaus zugehen will, [sie] nichts liefert als enge Heilige, sieche Selbbußprediger und feige Märterer ihres zänkischen Gewissens ohne Liebe zu Kunst und Leben und Wissenschaft. Ich mag sie gar nicht, die ganze Compagnie in Kannes geweihter Invaliden-Kaserne.« »Und doch,« antwortete ich endlich, um wieder näher auf die Unsterblichkeit zu kommen, »wenn auch unsere Tugend keinen Anspruch auf Seligkeit machen kann: so kann es doch etwas anders, nämlich unsere Existenz.« Davon, lieber Leser, im nächsten Kapitel, dessen Aufschrift: Ceres [sich] besser dazu schickt; die des jetzigen Juno paßt nicht einmal zu einem Streckverse, den ich daher lieber gar nicht versuche. 1203   VII. Ceres [Flächeninhalt] Recht auf Glücklichsein – Schluß aus hiesigem Schmerz – Sarg der Gichtbrüchigen – Schluß aus der Sehnsucht und aus höhern Anlagen] Den Eingang zur Betrachtung über das Recht der Wesen, glücklich zu werden, machte eine an sich trübe Nachricht für Selina, daß nämlich die von der Gicht gequälte Pfarrfrau, der sie immer die Hände zum Beten zurechtlegte und faltete, – durch den Tod der wenigen Bewegungen, in die ihre schmerzglühenden zerrissenen Glieder noch zu bringen waren, endlich enthoben worden und daß ihr Körper nun das eigentliche Ruhebette gefunden, worin sich nichts mehr bewegte. Selina weinte nicht lange, sondern sagte: »Nun betet sie wieder allein.« »Zwei Erscheinungen stehen hart an, ja wider einander, die Fülle der Erdenfreuden, die aus der Fülle der unendlichen Liebe rinnt, und die Fülle der Erdenschmerzen, welche die irdische Zeit als Rätsel trübt, dessen Auflösung nicht sie selber gibt. Wer einen einzigen Frühling erlebt hat – und alle Länder haben einen, ja in manchen hört er gar nicht auf – oder wer eine Kindheit und Jugend durchflogen mit allen ihren Morgenröten und Regenbogen, der kann nur in der unseligen theologischen Verblendung zu einem Jammertal sich ein Tempetal perspektivisch umstellen. Der Allheilige hat durch die ganze Schöpfung alles für die Glückseligkeit – die man daher loben und wünschen darf – getan und noch mehr als für die Sittlichkeit, deren hohen Sonnenumlauf, so wie die Ausgleichung der Störungen er mehr unserer Freiheit überließ; und selber das kleinste Tierchen war ihm nicht zu winzig für die Freude, welche das einzige ist, was alle Wesen, höchste und niedrigste teilen und was aus der untersten Schöpfung hinaufreicht bis sogar zum Schöpfer selber. Das Leben der Tiere also des größten Teils der Schöpfung) ist ein ewiger Hin- und Hergang zwischen Speisetisch und Ruhestätte und Spielplatz und Jungen-Neste und vorausgenießender Jagd-Begierde; denn das [Tier] kennt, glücklicher als der Mensch, keine fürchtende Zukunft, nur eine gehoffte durch Begierde; und der Tod ist ihm 1204 daher – wenigstens außer dem Bezirke quälender Menschen – noch weniger als uns ein Sterben im tiefsten Schlaf. Nur Hegel, der Philosoph, sieht einen dunkeln Trauerrand um das weite tierische Leben gezogen, den er mit trüber Philosophie in ihre leichten flüchtigen Empfindungen hineinträgt. Noch weniger lieb ist mirs, daß sogar der poetische Schubert aus trüber Theologie einer weiten Mondschatten über den Auen der Natur verbreitet sieht. Aber die neuere Theologie behängt überhaupt alles, vom innern Menschen an bis zum Tempel der Natur mit Trauerlampen und nur ein sonnenhelles, aber weit entrücktes Plätzchen der ganzer Schöpfung bleibt übrig, das Paradies. Wie erquickend für das Gott-liebende Herz macht dagegen der einschneidende Denker Herbart, der die sinnlichen Erscheinungen so oft zerdenkt, die teleologische Bemerkung, daß die edlern Tiere bloß auf der Oberfläche für die Schönheit durch die Symmetrie ihrer Glieder gebaut dastehen, indes ihre zugedeckte Innenseite ohne alle symmetrischen Reize der linken und rechten Seite bloß dem Nutzen dienstbar ist und daß dies aus keinem Mechanimus der Notwendigkeit sondern bloß aus der Endabsicht des unendlichen Geistes, mit Schönheit zu erfreuen sich erklären lasse.[ Herbarts Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie Seite 221. ] Man könnte sagen, die Natur habe die Fortdauer und Tätigkeit der lebendigen Wesen, die sie für ihre verhüllten Zwecke verlangte, nicht anders als durch den anregenden Reiz der Freuden erreichen können; man sag' es nicht; es läßt sich eine Welt denken, deren tierisches Räderwerk bloß durch die Gewichtsteine der Schmerzen ohne irgendein Öl der Freude umliefe; denn die Scheu vor gewiß dastehenden Schmerzen spornte so unaufhaltsam fort als die ungewisse und zuletzt entbehrliche Lust anlocken würde. [Auch ließen sich die Schmerzen weit mehr erhöhen sowie ins Kleine vervielfältigen als die Freuden. – Welch ein Widerspruch, Gott der Allselige gegenüber einer unseligen Welt!] – Aber die unendliche Liebe hatte eben höhere Zwecke, nämlich die Zwecke der Liebe. Und so hat der große Geist selber die Foderung der Glückseligkeit dadurch geheiligt, daß er alles für sie getan. Wir dürfen 1205 daher sagen, so wie er kein unmoralisches Wesen schaffen darf, ebensowenig ein unglückliches; und zwar nicht zu irgendeiner Freudenfülle, deren unbestimmtes Maß schon sich mit keiner Notwendigkeit vertrüge, aber zur Schmerzenlosigkeit hat jedes Geschöpf ein Recht, insofern nicht ein Leiden entweder Arzenei voriger Freude oder Nährmittel künftiger ist; anderer Schmerz hätte als solcher an sich keinen Wert und gegen außen wär' er nur Grausamkeit oder Rache. Was nun für alle Wesen gilt, dies gilt auch für das tiefste so gut wie für das erhobenste, ja noch weit mehr und der Wurm an der Angel war nicht bloß für die Angel erschaffen oder für den Vorteil der Fischesser. Kein Wesen kann auf seine ewigen Kosten zum breitgequetschten Unterbau des vollsten Lustschlosses für das ganze All daliegen und es würde das übrige All als seinen Schuldner und Räuber anklagen. Nur frage man unter der Regierung des Allgütigen nicht, wer gibt uns denn das Recht zu so entschiedener Abweisung eines freudenlosen Daseins? Er ja allein und zuerst durch die Sternensaat seiner Gaben, die das All zu einer silbernen Blumenau des Morgens und zu einem goldnen Fruchtgarten des Herbstes macht. Aber er tat noch etwas hinzu zu diesem Recht, nämlich las Mitleiden, das er mit fremden Schmerzen in jede Brust einsetzte und durch das er zum zweiten Male seine Liebe für Glücklichwerden aussprach. Alles Erhabene, z. B. die Wahrheit, hat die Glückseligkeit im Gefolge, und sogar das Erhabenste, die Tugend, ist die Freundin der Glückseligkeit und nimmt von ihr den zweiten Lohn außer ihrem eignen an.« »So hätte denn nach allem diesem«, sagte Alex, »das zweite Leben an dem jetzigen wenig auszugleichen.« – »Für den Traum des Tiers vielleicht,« sagt' ich, »aber nicht für den Menschen, sei er auch so glücklich wie jenes. Es waltet hier überhaupt der alte Irrtum, als müsse der Mensch für die Freuden durchaus Schmerzen bezahlen, entweder voraus oder nachher, oder als sei es notwendig, daß er nach vielen heitern Tagen endlich dunkle erlebe. Denn daß auf Regen Sonnenschein und auf Wunden Wundbalsam komme, dies ist ein ganz anderer Satz – denn er ist wahr – 1206 als der umgekehrte aber irrige, daß der Mensch aus der Brautkammer ohne Murren in die Marterkammer zu gehen habe, als ob Schmerz so gut Regel anstatt Ausnahme wäre wie Freude und beiden Wechselregierung gebührte.« »Ach,« sagte der Rittmeister, »warum all' dieses? Gibt es denn keine unendliche Sehnsucht? – Ist uns denn nichts gestorben? – Gott ist voll Liebe, aber die Welt ist voll Schmerz; und er sieht ihn zucken von Erdgürtel zu Erdgürtel, von Jahrtausend zu Jahrtausend. Ich habe mir es zuweilen ausgemalt, es aber nicht lange ausgehalten, welche ungeheuere Welthölle voll Menschenqualen in jedem Augenblicke vor dem Alliebenden aufgetan ist, wenn er auf einmal alle die Schlachtfelder der Erde mit ihren zerstückten Menschen überschaut – und alle die Kranken- und Sterbezimmer voll Gestöhn und Erblassen und Händeringen – und die Folterkammern, worin verrenkt wird – und die angezündeten Städte – und alle die Selbmörder hintereinander mit den unsäglichen Qualen, die sie in den Tod treiben – – Nein, das menschliche Auge kann nicht mit hinblicken; es muß über den Erdball hinausschauen, damit es wieder seine Wunden stille, wenn es sieht, daß nach allen scharfen Schlägen des Schicksals nicht ein auf immer zerschmetternder der letzte ist. Oder hielte eine Seele den Gedanken aus, daß das Opferbeil, nachdem dessen Schneide eine Ader nach der andern im unschuldigen Leben geöffnet, in der letzten Minute die stumpfe breite Seite vorkehre zum Todes-Schlage auf ewig?« Zufällig wurde bei diesen Worten des Rittmeisters unten im Dorfe ein ganz ungestalter, breiter, vieleckiger buntangestrichner Kasten vorbeigetragen, dessen Gebrauch bei seiner Formlosigkeit gar nicht zu erraten war. Endlich erfuhr man, daß es der Sarg der nun erlösten gichtbrüchigen Pfarrfrau war, deren Glieder der Schmerz zu einem verworrenen Knäul und Klumpen, für welchen gar keine Form als das Grab sich fand, zusammengewunden hatte. Selina sah lange nach, faltete die Hände hoch und schwieg, mußte aber doch ihrer Freundin weinend um den Hals fallen, als schäme sie sich des großen Schmerzens über die zweite Hülle einer schon entseelten Hülle, über den Schein des Scheins. – – 1207 – »Und der,« sagt' ich, »vor welchem die Millionen Paradiese durch die zahllosen Welten hin liegen, sollte keines aufmachen für ein jahrelang gequältes Wesen, das schuldlos aus dem gemeinschaftlichen Paradiese vertrieben außen an dessen Schwelle verschmachten und verdorren mußte?« »Aber,« sagte Alex, »warum verdunkeln wir uns denn absichtlich die Erde so künstlerisch, bloß um vom Himmel herab sie desto besser zu erleuchten und wollen recht zu leiden scheinen, um recht zu hoffen? – Verlangen denn die großen Herden der wilden Völker, die Berg- und Jagdvölker, die Wüstenaraber, die kaum am Alter sterben können, die Idylleninseln der Otaheiter, der müßige schwelgende Orient, verlangen denn alle diese vom Leben etwas anderes als wieder das Leben selber und dessen unaufhörliches ancora , und nehmen sie nicht daher, damit sie ihr hiesiges Leben bis in die Ewigkeit fortfristen, ein künftiges an, das doch einen Nachstich und Schattenriß des hiesigen fortliefert? Ja man braucht nicht einmal über die Grenze zu reisen; man sieht ja die zufriednen Landleute und die tausend heitern Mittelmenschen um sich, welchen das platte Land der Wirklichkeit das einzige gelobte Land ist und welche sich innig an ihrem Magen ergötzen und an ihrem geglätteten Kommunion- und Bratenrocke und an ihrem Winterholze und an jedem Monate und Festtage insbesondere. Inzwischen werden doch diese nicht ihr Glück ganz außerordentlich belohnt haben wollen, nämlich durch ein ewig fortgesetztes oder gar gesteigertes.« »Ach,« sagt' ich, »es ist ja von etwas Besserem die Rede bei uns und allen Bessern. Endlich hebt sich doch im Menschen eine wunderbare Inwelt, aber nicht empor, mehr als Schleier und Dämpfer der Sinnenwelt, denn als ein Nebenplanet derselben, und welche auf die grelle Sinnenwelt weniger Sonnen- als Mondschein wirft. Wir sehen aus dem Schiffe wie durch eine Meertiefe unten in einem gewölbten Himmel eine steigende Glückseligen-Insel – und unsere Sehnsucht wird unendlich – Wir entdecken Land unter, nicht vor uns, und unser Sehnen hinab, in diese Unterwelt, wächst unendlich; das verworrene hölzerne finstere Gerümpel unsers Erdenschiffs wird uns drückend gegen das helle 1208 Land unten. Diese tiefe, aber unstillbare Sehnsucht – dieses beinahe quälende seltsame Heimweh nicht nach einem alten verlassenen sondern nach einem unbetretenen Lande – ergreift uns wider Erwarten gerade nicht in Leiden, sondern in unsern Freuden und zwar nur in Freuden einer gewissen Art. Die Genüsse der Speise, des Tranks, des Wärme- und Erfrischunggefühls, der Bewegung und der Ruhe fodern über ihren höchsten Grad nichts hinaus, keine Steigerung ins Weite, umgekehrt ein Zurücksteigen ins Enge. Aber vom Genusse des Mondscheins und des Sonnenglanzes und der Abendröte an bis hinauf zum Erhabenen der Gebirge und der Künste und bis zum Hingeben und Sterben vor unendlicher Liebe und bis zu den Wonnetränen vor Rührung regiert die Sehnsucht nach etwas Höhern und das Herz fließt über und wird doch nicht gefüllt. So gleicht denn im Genusse das Herz dem Zugvogel, welcher obwohl im warmen Zimmer aufbewahrt, doch zur Zeit, wo andere Vögel in die schönen wärmern Länder ziehen, sich ihnen nachsehnt und davonfliegen will. Dieses Innere der höhern menschlichen Natur fängt besonders vor einer Kunst wach und laut zu werden an, deren Eigentümlichkeit und Auszeichnung vor jeder andern Kunst noch nicht recht erkannt werden; ich spreche eben nicht von Dichtkunst und von Malerei, sondern von der Tonkunst. Warum vergißt man darüber, daß die Musik freudige und traurige Empfindungen verdoppelt, ja sogar selber erzeugt – daß die Seele sich in die Reize ihrer Tongebäude wie in Tempel verliert – daß sie allmächtiger und gewaltsamer als jede Kunst uns von Freude zu Schmerz ohne Übergänge in Augenblicken hin- und herstürzt – ich sage, warum vergißt man eine höhere Eigentümlichkeit von ihr? Ihre Kraft des Heimwehs, nicht jenes nach einem alten verlassenen Lande, sondern nach einem unbetretenen, nicht nach einer Vergangenheit, sondern nach einer Zukunft? Dieses Heimweh, das sie für zärtere Seelen in alle ihre andern Wirkungen der Entzückung wie der Trauer mischt und das eben aus ihr alle unmoralischen als Mißtöne und alles Unreine ausschließt, drückt sich aus durch den Seufzer, den sowohl der 1209 Glückliche als der Traurige ohne Rücksicht auf eine Vergangenheit, aber voll einer unaussprechlichen Zukunft bei den Tönen holt. Nicht erst die Aufeinanderfolge oder Melodie, sondern sogar der einzelne Ton – lange fortgezogen, besonders als Dreiklang gehoben – fährt tief in die Nacht unserer Inwelt ein und weckt darin ein Klagen. Daher kommt die Tränengewalt des langsam einsickernden Adagio statt des überrauschenden Platzregens des Allegro, wiewohl sogar das lustige Presto einen Schmerz im Hinterhalte hegt. Daher bei den meisten Völkern (z. B. Griechen, Neapler, Russen) die Volklieder in Molltönen sowohl jauchzen als jammern. – Warum aber gerade die Musik unter allen Künsten unserem Innern so vor- oder vielmehr nachtöne, ist aus den Zahlen ihrer Bewegungen nicht ganz erklärlich. Sonderbar genug bauen ihre körperlichen Bewegungen bestimmte geregelte Klangfiguren; und dieses Bauen muß sie gar auf irgendeine Weise in den zärtern Nerven fortsetzen; aber von hier aus haben wir noch weit in die Tiefe des Geistes. Aber wozu soll nun im Menschen die doppelte Richtung, gleichsam neben der einen des Wurzelkeimchens, das hinabwärts dringt und in der Erde sich voll befriedigt, die andere eines Stengelkeimchens, das sich aufwärts drängt nach einem himmlischen Blau und Licht? Aus zwei Gründen offenbar nicht zu seinem irdischen Wohlsein. Soll der Himmel – was er schon uns verbietet – selber das Hohe zum Dienste des Niedrigen gebrauchen und die Blüten zum Dünger der Knollengewächse pflücken? Können uns die Triebe und Seufzer nach einer höhern Welt, nach einer höhern Liebe, die Ideen der Gottheit und der Sittlichkeit nur als bloße Täuschungen eingepflanzt sein, welche das Frohgefühl des irdischen Lebens erhöhen und als tropische Gewürze den Freuden der Sinnen und Erdentriebe mehr Gehalt und Geschmack verleihen? – Aber zweitens ist [?] es gerade umgekehrt – und die glücklichen Mittelmenschen, wovon die Rede war, fangen an zu leiden, wenn sie sich erheben aus ihrer Klasse. Die längsten und schärfsten Schmerzen wohnen nur in der edlern Seele und sie genießt das Leben nur hinter Schleiern und Dämpfern, aber die 1210 Leiden bekommt sie unverschleiert und ungedämpft. Fragt nur gewisse Herzen, sie kennen kein anderes Vergnügen als ein künftiges; übrigens bluten sie; so ist es mit den geistigen Höhen wie mit den körperlichen, auf welchen auf Bergen, oder auf Luftschiffen das Blut unwillkürlich aus den Antlitzteilen vorquillt. Ja schon überhaupt bereitet Erhöhung des Geistes und Herzens Schmerzen vor, die der Sinne hingegen mehr Freuden vor. Die Leiden der höhern Liebe, die innigere und längere Trauer um Dahingegangne beziehen sich nicht auf die bloßen Gaben und Bedürfnisse dieser Erde. Auch ist hier nicht von einigen Ausnahm-Menschen als tropischen Pflanzen eines wärmern Klima die Rede. Ausnahmen des Menschengeschlechts, insofern sie nur Entwicklungen, nicht Verrenkungen desselben sind, werden endlich Regeln; und wie die Wissenschaft anfangs nur einige Barbaren, nachher ganze Völker erobert bis ihr fortrückender Lichtstreif zuletzt die ganze Oberfläche der Erde überdeckt, so muß durch die Jahrhunderte das höhere Gefühl nicht mehr die Ausnahmen, sondern die Menge [be]wohnen und der innere Mensch muß sich aus immer zärtern Häuten schälen. Und so muß der Schmerz der Sehnsucht und die Erhöhung der Gefühle sich immer mehr ausbreiten. Der Unendliche muß uns doch durch alle die Ahnungen etwas Besseres geben, als die Schmerzen, die uns, wenn jene lügen, hier zu nichts helfen. Welcher Instinkt der Millionen verschiedenen Tiere hat nicht jedem bewußtlosen, nichts erwartenden das verschiedene Versprechen gehalten? – Aber welcher Unterschied zwischen dem bloßen Instinkte der Tiere und jenem Bauriß einer künftigen Welt im Menschen! Der Tierinstinkt spricht seine prophetischen Verheißungen und Foderungen in nächtlicher Unbestimmtheit aus und zieht und schiebt mit unsichtbaren Händen im Finstern ans Ziel; so wirkt z. B. der Trieb zum Nestmachen oder zum Futtersammeln für die Insektenbrut mit schweigender Gewalt für die ungekannte ungeborne Nachkommenschaft. Hingegen im Menschen fängt der Instinkt der Ewigkeit seine Erfüllung schon hier an, indem er der Hoffnung und der Sehnsucht das nennt, was er verspricht. Unsere heiligsten Güter sind ja 1211 schon die Anfänge der Seligkeit, nach der wir schmachten; und obgleich das Reich unsers Herzens nur als ein bunter farbenreicher Wolkenklumpe tief am Horizonte auf der Erde liegt, der den irdischen Tagen keine Heiterkeit ansagt Bekanntlich bedeutet das bunte Wolkenstückchen am Horizont, die sogenannte Wassergalle, Regenwetter; ein ganz glänzender Regenbogen hingegen, der nach langer Nässe erscheint, verkündigt schöne Tage. , so ist er doch der Anfang des Regenbogens, der über die schmutzige dunkle Erde mit Glanzfarben als eine Pforte des ewigen Friedens durch den Himmel fliegt und der Zukunft lauter Sonne verspricht. In der uralten Vergleichung der Entwicklungen des Schmetterlings und der Psyche wohnen mehre Wahrheiten als man darin sucht; denn in der Raupe findet der Instinkt schon den Bauriß der Zukunft, den er auszuarbeiten haben [wird] wie im Menschen der heilige; schon in der Raupe liegt nach Swammerdam die Puppe vorbereitet und diese schließt wieder den Schmetterling mit seinen zusammengelegten Flügeln und Fühlhörnern ein; und nun arbeitet und drängt diese bleiche eingesperrte Gestalt sich durch Absprengen von Häuten, durch das bängliche Einspinnen in neue Ketten und Einmauern in einen starren Puppen-Kerker und endlich durch das Durchbrechen desselben in die Freiheit hinaus, um in den Lüften fern vom dicken Blätterkraut nur über Blumen zu wogen ohne einen Raupenmagen – ohne Kriechfüße – nur Honig und Liebe suchend – Ach! wie sprechen diese Ähnlichkeiten die Wünsche unserer Psyche an – wie er unter seiner Entpuppung will sie gern ihren Tropfen Blut vergießen, um entpuppt zu werden und auf einmal die schlaffen Flügel weit und straff auszuspannen; denn wie er hat sie mit tausend Leiden an ihrer Entfaltung gearbeitet und Hunger und Schmerzen erlitten. [Wär' es nicht] gar zu hart und widersprechend, wenn nun nach allem schmerzhaften Hautabsprengen, engen Einwindeln, und Greisen-Erstarren in eine kaum rege Puppe zuletzt nichts herauskäme oder eigentlich nichts darin bliebe als ein verfaulter Schmetterling im hangenden Puppensarg? – Aber die Menschen glauben wider die Gottheit alles leichter als für sie – ein[en] ganzen Lebenslauf voll göttlichem 1212 Sonnenschein löscht ein Wolkentag aus, also noch leichter das kurze dunkle Sterben die lange lichte Zukunft. Wir leben freilich in einer wunderbaren Nacht des Daseins und die Ahnung ist unser Mondschein; aber setzt denn dieser keine Sonne voraus?« »Wir können indes,« sagte Alexander, »den Menschen einige Entschuldigungen leihen, wenn sie in der Wüste an Luftspieglung glauben und das für Wüste halten, was von weitem den Durst zu löschen verspricht.« »Ohne Wahrheit gäb' es keine Täuschung, und Wasser hatten sie doch vorher einmal getrunken, eh sie sich irrten,« sagt' ich und so schließt das Kapitel vom Planeten Ceres genannt.   Auf den Kapitel-Planeten Nein, Ceres, als Wandelsternchen, ja als Göttin, welche die Erde mit Ernten erhält, erquickt, bist du nur ein zu kleines Bild der ewig und alles gebenden Gottheit, welcher die Zeit zu enge ist für ihre Gaben und nur die Ewigkeit mit ihren unzähligen Totenreichen weit genug und deren Geschenke Verheißungen sind und deren Verheißungen Geschenke. Ein Gedanke voll Himmel, wie das Meer der Seligen immer weiterwächst und höher schwillt und überall glänzet unter dem Auge der göttlichen Liebe.   VIII. Pallas [Flächeninhalt] [Selinas verschlossener Schmerz über den Verlust der Mutter – aufgeregt und selbermagnetisch – Traum der Brustwunde – offizielle Nachricht davon – Entschluß und Vorbereitung zum Magnetisieren] Mir ist das Innere so voll, daß ich den kurzen Streckvers auf den Kapitelplaneten Pallas sogleich an den Anfang setze anstatt wie sonst erst ans Ende. Minerva, im Kriege härteste der Göttinnen, du vergießest Blut – auf deiner Brust wohnt der Schlangenkopf, der zum Tode versteinert, und auf deinem Helme schaut die possenhafte Eule, die 1213 in der Nacht mordet. Warum schickst du in das Haus, wo nur Liebe und Hoffnung ihre Feste still begehen, die schreiende wehansagende Todes-Eule? – Wirst du auch die Medusenschlangen nachschicken, die starr machen, das junge Herz im Kriege, alle die liebenden Herzen, die um das verlorne trauern?   Wir haben bisher unter dem Aufsuchen der Stelle, wo die Sterne unserer Zukunft und Hoffnung am Himmel stehen, Selina und ihren Freund Henrion lange ziemlich aus den [Augen] verloren; jetzo wollen wir desto länger ihre gemeinschaftliche Geschichte verfolgen und uns mit diesen edeln Seelen erheben, wenn das Schicksal sie beugen will. – Selina hatte den Verlust ihrer Mutter gerade im Maieintritt ihres Lebens wie der Jahrzeit zu erdulden, in ihrem 14ten Jahre, wo innerer und äußerer Frühling das Herz wie eine Knospe zugleich schwellen und weichmachen. Süße und schmerzliche Sehnsucht durchwurzelten einander. Aber ihr kindlicher Schmerz trieb und wuchs mehr unter sich, weil sie ihn außen niederdrücken und überdecken mußte vor ihrem Vater, der ungern andere Schmerzen um sich wie in sich sah, als die allerunentbehrlichsten, weil er die letzten Meilen seiner Reise um seine Welt zur Ausschiffung gern singend und wohlgemut machen wollte, als ob er erst sich einschiffte. Sie entschleierte vor niemand ihr Herz als zuweilen vor dem treuen Freunde ihrer Mutter, vor Karlson; aber alles, was sie tat, war, daß sie bei dem wehmütigen Sternenlichte ihn lange mit nassen Augen ansah und sie dann gegen die Sterne aufhob und nichts sagte; aber er verstand sie ganz. Auch wird eine gute Seele, glaub' ich, es gewiß nachsichtig aufnehmen, daß sie verstohlens mit dem altmodischen Reisekleid samt dem großen Reisehut, welche ihre Mutter auf [dem] Hochzeittag und Reisetag durch das Kampanertal getragen, zuweilen stundenlang, ja länger bloß vor den Augen ihrer verschwiegnen Herzensschwester sich schmückte und darin umherging, wenn gerade niemand da war, den es hätte schmerzen können, weder ihr Vater, noch sogar der Rittmeister, welcher in jenes Zaubertal und in jenen Reisetag noch immer wehmütig hineinblickte. Ach das Kleid eines Verstorbenen ist reich besetzt, 1214 aber mit Perlen von anderem Wasser, und ist gefärbt, aber mit den Farbenspektris der Vergangenheit! – Selina konnte die veralteten mütterlichen Kleider nicht lange ansehen, ohne zu weinen. Diese zurückgedrängten Tränen des äußern Auges wurden zuletzt auflösendes Königwasser für ihre Nerven und brachten unter dem Zersetzen eine Glut in ihr Wesen, die sich nicht anders Luft zu machen vermochte als durch die größte Tätigkeit, ja Heftigkeit im Erwählen und Ausführen von lauter Geschäften, nach denen selber sie eigentlich nichts fragte, wie Kochen, Ausschmücken der Zimmer, ja ihrer selber (für das väterliche Auge), Scherzmachen, Tanzen. Ihre angeborne Milde klagte sie oft einer Heftigkeit gegen andere an, von welcher diese oft [nicht] das Geringste empfunden hatten. Jetzo nun vollends zogen die Gespräche über die Unsterblichkeit sie unaufhörlich in die zweite Welt hinauf, und sie ging da – weil Frauen alles Sachliche auf Personen beziehen – sogleich zu ihrer Mutter hin und liebte sie noch heißer und wünschte ihr nachzusterben. So blühte nun ihr schönes Angesicht immer mehr ab oder vielmehr zurück, und die Rosen ihrer Wangen zogen sich zu zwei hellroten Knospen zusammen und die Lilien breiteten sich aus; nur die Augen nahmen immer mehr Glanz und Verklärung an, gleich den Sternen, die im Winter über der bleichen Welt ohne Blumen gerade am lebhaftesten glänzen. Wenn von äußerer Gewalt die körperlichen Außenwerke, ja die ganze Festung erobert sind: so ist darum noch nicht der Geist überwunden; er zieht sich wie in ein Allerheiligstes in die Burg des Gehirns zurück, in den höhern Nervenkörper, wovon der äußere nur die Mauer und Befestigung ist. Auch der Wahnsinn muß der Seele eine uneroberte heilige Nervenstelle lassen, wie die vernünftigen Träume und vernünftigen Sterbeaugenblicke der Wahnsinnigen beweisen. So hatte denn in Selina alles Nervenlicht sich im Innersten ihres Wesens angehäuft und das letzte Kleid ihres Ich wie auf einem Tabor glänzend gemacht; und dieses schimmerte nun, wie im Dunkeln der lichteinsaugende Diamant, im Dunkel des Traums. 1215 Eine Nacht samt ihrem Tage darauf entschied für das bisher noch ungewisse Dasein des Selbmagnetismus, welcher durch einen fremden stärkern zu einem lauten, der seine Arzeneimittel angab, gesteigert werden mußte. Sie träumte nicht weit von Henrions Bilde, er liege in Marseille an einer Brustwunde gefährlich darnieder – eine Kugel hatte unweit des Herzens die kostbare Lunge durchbohrt, welche nur die Luft der Freiheit trank und nur dem Edeln Stimme gab und hinter der sich nie das Herz versteckte. Selina beschrieb, soweit ihre eigne Stimme vor Schmerz nicht stockte, ihrer Nantilde alle Menschen, die den Verwundeten umgaben, vom Freunde des Rittmeisters an, in dessen Haus er lag, bis zum Wundarzte – sogar, was ihr fürchterlich war, die vielen Köpfe des langen Brustverbandes – sie sah sogar, wie er einen Brief an sie zu schreiben anfing, worin er sich auf die Absendung eines frühern mit der Nachricht seiner Ankunft an ihrem Geburttage bezog, wie er aber den Brief vor Schwäche und vor Bluten und unter Augen des scheltenden Wundarztes nicht fortschreiben durfte. Sie erwachte gleich einem Sterbenden aus ihrem Schmerze, wie gewöhnlich, zur Heiterkeit, und Nantilde hütete sich wohl, ihr Gedächtnis zu sein. Am Morgen darauf kamen drei Briefe aus Marseille, einer an den Baron Wilhelmi von seinem Bankier; einer an den Rittmeister vom alten Feldzuggenossen, in dessen Hause Henrion mit seiner Wunde lag; und einer von diesem selber an Selina. Alle Orakel der Nacht wurden wörtlich bestätigt und erfüllt. Der Brief des Bankiers sprach viele Hoffnungen aus und wünschte der Braut Glück zu des Geliebten baldiger Genesung und Heimkehr. Dieser Brief konnte Selina gern gegeben werden; aber nicht gut der vom deutschen Offizier an den Rittmeister, worin die Gefahr mit weniger barmherzigen Farben geschildert und vollends ein Zeugnis des Wundarztes mitgegeben ist, daß jede Aufwallung der Liebe und Freude unausbleiblich tödliche Verblutung herbeiführen und daß ein plötzliches Erscheinen eines geliebten Menschen das Heranfliegen des zweiten Mordbleies für die durchlöcherte Lunge sein würde. Und dieses Zeugnis traf in die rechte Stunde; denn der Bruder und noch vollends der 1216 Rittmeister konnten nur durch die Gewißheit, dem verwundeten Jüngling durch ihre Umarmung den schwachen Lebensfunken zu erdrücken, von einer Reise nach Marseille gewaltsam zurückgehalten werden. Auch die Rittmeisterin war auf der Seite des kaltblütigen Wundarztes. Und doch war unter den edel Traurigen eine Erfreute, nämlich Selina mit Henrions Brief am Herzen. Es stand nichts drin als dies wenige: »Meine Selina! O wie viel hab' ich zu erzählen von mir und zu vernehmen von dir! Aber der Tag, unser Geburttag wird kommen, unser Geburttag, den ich bloß bei dir feiern kann und wo ich, wenn mir Gott nicht alle Kräfte entzieht, ganz gewiß bei dir eintreffen werde, und sollt' ich erst mit dem Erdschatten kommen, der in der Geisterstunde sich über den Mond legt. Am zweiten August (1822) fing eine große Mondfinsternis nachts um 11 Uhr 32 Minuten an. Denn jetzo erst ist mir mein sonst so gleichgültiger Geburttag ein frohes Fest, weil es ja zugleich der deinige ist. – Der Wundarzt glaubt leider, ich habe schon viel geschrieben und nimmt mir die Dinte unbarmherzig . . . Aber am 2ten August komm' ich gewiß und sollt' ich nachher untergehen. O könnt' ich jetzo in mein Blut eintunken, Selina! Dein                                 dich . . . . .« – Aber das Dintentröpfchen in der Feder war verschrieben und der Arzt gab kein neues her. Selina war entzückt über die Kraft, womit der Verwundete sich ausdrückte, und sie schloß aus dem Feuer des Briefes auf das Feuer seiner wiedergenesenden Jugend; aber ihre Freunde fanden statt des Flügelschlages seiner vorigen Briefe in diesem nur den müden Pulsschlag eines fortblutenden, noch sehr gesunknen Lebens. Bloß das Feuer ihres Herzens, das sie in seine Worte übertrug, verlieh diesen den Schein der Kraft. Himmel! wie rückten in unsere ruhigen unbefangnen, nur um Sachen bekümmerten Untersuchungen auf einmal die 1217 Bedürfnisse der Gegenwart hinein und das schwere tränenvolle Herz dachte nun dem Kopfe gleichsam voraus! – Und wunderbar und schauerlich tat sich in Selinas Träumen ein fremdes prophetisches Reich auf, das auf die Gegenwart, die darin vorging, einen seltsamen Widerschein warf. Da die Marseiller Briefe Henrions Lage ganz geoffenbaret hatten, so machte Nantilde aus Selinas prophetischen Träumen, welche längst allen Nachrichten vorgeeilt, kein Geheimnis mehr weder vor der Prophetin selber, noch vor uns allen. Jetzo wurde es Pflicht, für die immer sich im schönern Sinne vergessende Jungfrau der Vormund ihres Körpers zu werden und ihr, die immer andere in Heilanstalten trieb, aber selber außen umkehrte, um neue Kranke zu holen, zu raten und zu helfen. Die Gottesackererde zog den Körper, dem der kräftige Geist seine Flugbewegung mitteilte, in einer immer schnellern Bogenkrümmung an sich, und er mußte bald niederfallen. Der Selbmagnetismus brauchte bloß vom Kunstmagnetismus erzogen zu werden und bis zur Sprache und hellern Freiheit ausgebildet zu werden, damit der neue Zustand zugleich Heilmittel werde und Heilmittel ansage. Aber sie war schwer unter eine magnetische Hand zu locken und sie begriff uns alle nicht, warum wir es nur wollten, da ihr so wenig fehle und für sie eine solche ärztliche Auszeichnung zu bedeutend sei. Dies war ihr schönster Ernst; denn für den Magnetismus hatte sie verehrenden Glauben, höchstens einige Scheu vor seiner Seelenallmacht. Bei Menschen von großer Gefälligkeit und Liebe ist ein kleiner Widerstand bloß die Hülle eines stärkern; aber der ihrige wurde endlich doch dadurch besiegt, daß sie vernahm, wie sie – was ihr vor der Ankunft von Henrions Trostbriefe verhalten geblieben – bei ihrem Geliebten und dessen Leiden in Marseille mit ihrem magnetischen Auge gegenwärtig gewesen. »Ach!« sagte sie, »dann könnt' ich ja wohl im verstärkten Magnetismus jeden Tag seines Leidens klarer mit ihm zusammen leben; und wenn ich erwachte und alles hätte vergessen müssen, so würde mir gewiß eine teilnehmende Seele alles wiedererzählen, was ich erlebt hätte.« – Kann man einen Seufzer, ja ein 1218 nasses Auge nicht dem guten armen Vater des Verwundeten verzeihen, welcher über den teuern Verwundeten, von welchem Ferne und Ärzte ihn so unerbittlich scheiden, jeden Abend durch die Taubenpost der frömmsten Taube ein Flugwort vernehmen konnte? Zwei Betrachtungen entschieden endlich ganz die gute Jungfrau, erstlich die, daß sie durch die magnetische Heilung mit gesündern Blütenzweigen ihren Geliebten empfangen könne, und zweitens, daß dieses Traumleben gleichsam eine Wiedergeburt des Herzens sein solle und daß auch sie in ihm frömmer und besser werde. Jetzo konnte sie nach ihrer schnelltätigen eilfertigen Natur kaum die Stunde, geschweige den Tag erwarten, da ich meine magnetische Hand auf ihren Kopf und auf ihre Herzgrube drückte – denn darin sollte die ganze äußerliche Behandlung bestehen –; und daher wurde lieber sogleich der nächste Abend dazu gewählt.   IX. Jupiter [Flächeninhalt] [Erstes Magnetisieren – Rede von Henrions Geist – Karlson gegen Körpertrauer – Erklärung des Anteils am Leichnam – Teufels-Advokat gegen Wiedersehen – gegen plötzliche Vollendung in Kenntnissen, Glück, Wert –Träume anderer Völker – Mangel an Gedächtnis zum Wiedersehen – Beweis des Gedächtnisses] Erste Unterabteilung [Erstes Magnetisieren – Rede von Henrions Geist – Karlson gegen Körpertrauer – Erklärung des Anteils am Leichnam] Selina erbat sich zu ihrem Kunstschlummer das Donnerhäuschen, weil man da die schönste und weiteste Aussicht hatte nach Westen und nach Frankreich, von woher sie ihren Henrion früher kommen sehen konnte – vielleicht noch vor seinem Geburttage. Wie der Organismus ein reicher Gestalten-Proteus ist – sogar in seinen Mißbildungen und Heilungen – so ist ers auch im Magnetismus; keine einzige Hellseherin geneset und phantasiert der 1219 andern ähnlich. Kaum hatt' ich einige Minuten meine Hände auf Haupt und Herzgrube gelegt: so entseelten sich die großen Lichtaugen und drückten sich wie gestorbne selber zu – und plötzlich verklärte sich das ganze Gesicht wie das [einer] in eine höhere Welt Dahingegangnen. Sie zeigte mehrmal wie etwas wünschend nach dem Abendhimmel und endlich recht bestimmt nach der Sonne, als wolle sie auf dem Kanapee sitzend ihr gerade entgegengerückt sein. Da mußte sich plötzlich etwas Seltsames in ihrem Geiste ergeben, das verklärte Gesicht wurde ein erhabenes, durch die Bleichheit und die geschloßnen Augen gleichsam das Marmorbild einer Göttin. »Du bists« – rief sie freudig – »du hast keine Wunde – sie ist weit von dir – du hast kein Erdenkleid wie die Lebendigen und die Verstorbnen. Der Geist wohnt im Worte, aber er entfliegt nicht mit dem Worte.« – »Wen siehst du, Selina?« sagt' ich. »Unterbrich mich nicht,« sagte sie, »er spricht; bevor die Sonne untergeht, antwort' ich dir. Fahre fort, geliebter Geist! Deine Worte sind meine Flügel; sie tragen mich aus den Körpern unter die Geister und in allen Gräbern sind keine Menschen und die leeren Öffnungen ihr[er] Klüfte gehen durch die Erde hindurch und durch die Millionen Grüfte schimmern unten die Sonnen des zweiten Sternenhimmels herauf. In den Gräbern sind unsere Menschen nicht.« Jetzo schien sie mit steigendem Entzücken dem Geiste wieder zuzuhören. Endlich sagte sie: »Ach er ist verschwunden, weil ich erwache wenn die Sonne untergeht. – Nun höre Johannes, was Henrion mir sagte. Überall um ihn floß Licht, aber alles Leblose umher wurde vom Lichte entfärbt und verhüllt; nur seine Gestalt glänzte hell durch die Strahlen hindurch. ›Bist du schon vom Körper geschieden, Geliebter?‹ – ›Nein‹, sagt' er. ›Aber was geht dich dieses an, Selina? Und willst du einmal um mein Überkleid, um etwas trauern, was ich nie war, um mein Kleid, um mein ausgehöhltes Wachsbild, weil es früher an der Sonne schmolz und später von den Erdschollen eingedrückt wird? Nein, eine Geliebte verliert nie das Ebenbild ihres Geliebten, denn es 1220 wohnt in ihrem Herzen und in keinem Sarge.« – Und hier fing Henrion an, erhabener vom Leben zu sprechen als mein Geist je gedacht und mein Herz je empfunden – von den Liebenden, die hienieden miteinander, wie nach dem nordischen Glauben abgeschiedne Geister, nur auf lockern Gewölke leben und wohnen, das bald unter ihren Füßen vertropft und auseinanderfliegt und die nur beisammen bleiben, wenn sie miteinander auffliegen – vom zerronnenen Gewölke – und von den Höhen des Menschenlebens, die wir nur unten vom Grabe aus sehen können, wie wir am Tage die Millionen Sterne des Himmels nur erblicken können, wenn wir die Sternwarte nicht hinauf-, sondern hinuntersteigen in die Tiefe – O die Wonne! Die qualbefreite Brust! – Johannes, sage mir alles wieder nach meinem Erwachen! Die Sonne ist schon mit halber Scheibe eingesunken; Johannes, bringe mich jedesmal an die Stelle, in dieser Stunde, damit ich erwache, wenn die Sonne scheidet.« – – Mit dem letzten Sonnenblicke tat sie ihre Augen auf. Ängstlich suchten diese in den unsrigen Zeichen dessen, was sich ihr und uns in ihrem Traume verraten. Da sie aber bloß von ihrer Erhebung über das Betrauern geliebter Überreste und von der Unsichtbarkeit ihres Verwundeten hörte: so schlug es die im Traume so emporgerichtete Seele nieder und sie fragte: »Hab' ich denn nicht recht geweint?« Und als sie das Nein vernahm, weinte sie jetzt. Sie war nun wieder das weibliche Wesen, das wie der Mond ohne Aurora und ohne die Ausrufe der Morgensänger aufgeht und still im Dunkeln mit milden Strahlen bei den Kranken und den Wanderern und den Liebenden ist. Aber im Schlafwachen war die Luna eine Sonne; und wenn die magnetische Alchemie sogar Seelen von gemeinem Gehalt in edle Metalle verwandelt und ihnen Hochdeutsch, Hochgefühle, Dichterflug und frommes Herz verlieh: wie muß erst eine Selina, die sogleich von dem Tabor ihres Lebens mit glänzendem Gewand ins magnetische Ätherschiff ging, sich oben in ganz neuen Höhen verklären! Ich bereitete ihr aus ihren Erscheinungen, welche sie ängstlich über Henrions Leben zurückließen, gerade Tröstungen zu. Das 1221 ätherische Eben- und Spiegelbild Henrions, sagt' ich, sei bloß der Repräsentant ihres erhöhten Ichs und dessen Ideen, so wie andere Hellseherinnen als Lehn- und Geschäftträger ihres Innern bald ein Kind – oder einen Greis – oder einen Anverwandten oder eine ganz unbekannte Gestalt vor sich haben, welche ihnen alles das verkündigt und anrät, was sie eigentlich selber dieser Gestalt eingeben; – und so habe denn die gute Selina lieber ihren Henrion verdoppelt und aus Verehrung ihn zum Stellvertreter seiner selber gemacht. » O Sie gute Seele,« sagt' ich, »Ihnen war nicht einmal ein Genius gut genug zum Echo Ihrer Liebe für den Leidenden, sondern der Geliebte selber mußte es sein.« – – – »Und das ätherische Ebenbild versicherte zu unser aller Trost, daß mein Sohn lebe«, sagte der Rittmeister, dessen glühender Geist die Wunder des Magnetismus durstig und glaubig einsog und in eigne Kraft verwandelte. Darauf erklärte er sich in voller Übereinstimmung mit der ätherischen Gestalt oder eigentlich der Hellseherin, gegen die Täuschung der Menschen, welche den verlornen und verflognen Menschengeist in dem zurückgebliebenen Bodensatz des Körpers betrauern und wiederfinden. »Man sollte doch«, behauptete der Rittmeister, »alles was man nur von Macht der Klarheit und des Verstandes besäße, aufbieten, um die unsinnige grundlose Wirkung abzuwehren oder zu schwächen, welche uns eine kalte tote Sammlung von Knochen, Säften, Fasern und Häuten geben, als wäre sie eine lebendige Seele – und nun gar das dumme Totenkleid – und nun vollends den dummen bunten Verwestrog und Schluß-Erdenkäfig, den sie Sarg nennen – und endlich die herausgestoßne Maulwurferde, die sie über den Käfig schlichten unter dem Namen Grab. So gebietet doch der taschenspielerischen Phantasie, daß sie den scheidenden Geist so gut von dem Körper absondert als von dem Zimmer, das er verläßt. Tue man ihr doch mehr Einhalt als das Volk, das weit heftiger trauert am Grabe als am Sterbebette, da er doch eigentlich auf diesem uns verläßt, wenn Aug' und Stimme brechen. Nein, fern sei dem Manne die sinnlose Gottesackerschau und der Jammer über das Seelenlose und die Trauer über den Bodensatz und Niederschlag des Menschen – Dann werden 1222 die Schmerzen der Leidtragenden milder werden; denn gerade jenes Sinnliche des Toten zertritt mit Gewalt das Herz, so wie ein angeschauter Feind mit seiner körperlichen Äußerlichkeit uns viel heftiger aufregt als ein gedachter mit allen seinen Handlungen.« – Und so kämpfte der Rittmeister gegen das Leidtragen um die Körperreste mit einem Feuer fort, als such' er sich im voraus gegen den Hinterhalt irgendeiner tückischen Zukunft [zu] waffnen und [zu] üben. Aber derber griff der Gesandtschaftrat, der von Natur alle Irrlichter, Gespenster und Popanze, theologische, politische und die des Herzens grimmig verfolgte, die Trauerabgötterei mit dem Leichnam an. »Die Leute«, fing er an, »verraten trotz alles ihres Pochens auf eine Unsterblichkeit des Geistes den geheimen Glauben, daß eigentlich der Leib ihre Summa summarum ist und des Menschen wahrer esprit de corps . Daher muß der Leib, bis der Geruch und das Zerfallen sie immer weiter verjagt, ihnen den Geliebten darstellen. Was gibts denn eigentlich Bleibendes und Bestehendes am Außenmenschen, der nach Reil alle 4 Jahre einen neuen Körper ansetzt und welchen verdunstende und verfaulende Bestandteile umgeben, was gibt es denn Bestehendes als das (obwohl nur im Sarge, nicht im Leben beständige) Gerippe? Unter diesem stellen wir, wenn die Gaditaner in seinem Bilde den Tod anbeteten, das Leben vor. – Wenn der Verwandte einen Fuß oder Arm im Kriege verliert und begraben läßt, warum stellest du dich nicht vor die Gruft dieses Fußes oder Arms und bist untröstlich?« – »Hier würde«, fiel ich ein, »ein Lustaufsatz meiner frühern Zeit herpassen, wo ich am Grabe einer abgeschossnen Hand eine Leichenrede hielt und nun sagte, wie die Hand auf immer erkaltet sei, die uns sonst unsere Finger gedrückt.« »So sollte man auch den ähnlichen verwandten Irrtum nicht leiden, welcher von dem Ruhen der Toten, ihrer Gebeine und Körper redet. Mit ists gleichgültig, und wenn hundert Völker diesen Irrtum in ihren Steinen eingraben und befestigen; dieser Völker-Consensus beweiset nur Gemeinschaftlichkeit der Quellen, irriger wie wahrer. Einer sage doch einmal: ›Wie diese 1223 Gerippe so sanft ruhen! Sanft schlafen diese Knochen unter den Stürmen der Zeit.‹ Gerade in der Verwesung fängt die Unruhe und Bewegung der einzelnen Teile, welche vorher unter der Regierung des Organismus gefesselt dienten, erst recht an. Überhaupt ruht ja nie ein Körper, und selber die feststehende Zentralsonne Lamberts müßte als All-Schwerpunkt und Sonnen-Schwungrad in unaufhörlicher Anziehung tätig sein. Nun wer soll denn sonst ruhen und schlafen, ihr Prediger? Wahrscheinlich die Seele, wenn sie unsterblich wird; wozu hat sie aber dann die lange Unsterblichkeit? – Und wovon wollt ihr denn eine Ewigkeit lang ausruhen? Für ein Arbeitjahrzehnt unendliche Schulferien? – Ich dächte vielmehr, gerade nach der Spielgeschäftigkeit in unserer irdischen Kinderstube müßte bei höherer Reife die Tätigkeit eben recht anfangen. Wo liegt denn eigentlich das Grab eines Menschen? In Konstantinopel, wenn der Kopf da liegt, der einem Griechen in Morea abgenommen worden? – Oder in Grenoble, wenn das Herz einem Gretry angehört und durch einen Prozeß endlich erstritten worden? – Oder in drei verschiednen Kirchen, wenn man wie sonst ein Erzherzog von Östreich, mit Herz und Zunge in die Lorettokapelle bei der Hofkirche zu den Augustinern, mit den Eingeweiden und Augen in die h. Stephanskirche und mit dem Rumpfe in die Gruft bei den Kapuzinern beigesetzt würde? – Der eigentliche äußere Mensch wäre das Gerippe; aber niemand mag doch diese Reliquie zu seinem Heiligenkörper der trauernden Verehrung machen; und zwar, weil es erstlich vor dem Liebenden sich während des Lebens versteckt gehalten, weil zweitens jedes dem andern ähnlich ist und keine auszeichnende Unterschiede darbietet und weil es drittens spät und erst nach der Stillung der größten Trau[er]schmerzen erscheint. – Ja, diese Verwechslung des äußern Menschen mit dem innern und die Übertragung der Trauer vom einen auf den andern äußert sich nicht mehr bei ganzen vollständigen Toten, wenn sie veraltet genug sind bis zu halben Mumien, wie die eingedorrten Gestalten im Bleikeller des Doms zu Bremen oder die aneinander gelehnten Erfrornen im Hospiz auf dem Bernhardusberg. 1224 Übrigens seltsam genug ists überhaupt, daß die Menschen denselben Leib, welchen sie bei seinen Lebzeiten theologisch und philosophisch nicht tief genug unter die Seele herunterstoßen können, auf einmal wenn er ein kalter Klumpe statt eines warmen ist, weil ihn die hohe liegen lassen, als sein vollständiges Ebenbild verehren und betrauern. – Aber die theologische Lehre von der Auferstehung, welche den kalten Körper schon voraus ein wenig verklärt, indes sie vorher den warmen kreuzigen und abtöten hieß, mag wohl zu allen diesen Trauertäuschungen auch mit helfen.« So weit der Gesandtschaftrat. Aber er widersprach mit seiner Rede dem Herzen aller Frauen; »ach,« sagte Selina, »soll uns denn nichts vom Geliebten übrig bleiben, was wir noch mit Tränen anblicken und mit innigster Liebe umfassen, wenn er selber uns entzogen ist?« »Wenn nun«, versetzte Alex, »doch alle Herzens-Verhältnisse sich im Leben wie ein Paternoster endigen entweder mit einem Kreuz oder mit einer Reliquie: so weiß ich wenigstens etwas Besseres zum Andenken, als so wie jene römischen Seeräuber ihre Gefangnen an Tote banden, sich an den Toten knüpfen und obwohl in kleinerem Grade und auf kürzere Zeit wie einige Trauersonderlinge den Körper ihrer verstorbnen Geliebten im Sarge bei sich behausen und mit sich herumführen. Will also jemand eine Reliquie, so sag' ich, er erbe und nehme den Alltag- und Arbeitrock des Verstorbnen, worin er ihn mit kleiner poetischer Optik noch die Mühseligkeiten des Lebens durchmachen, jahrelang sich abarbeiten und sich froh und anders bewegen [lassen] kann. Zum Überfluß kann man neben den Wochenrock noch sein schönes Feierkleid hinhängen, worin das arme Wesen gewöhnlich einmal recht freudig war und sich im Freudenrausche manche Hoffnungen machte, ja worin es sogar etwas stolzierte und heruntersah. – Höchstens kann man noch vor der Beerdigung vom Kopfe selber eine Locke für das Gefühl sogar der Finger abschneiden.« »Lieber Alex« – sagt' ich endlich – »Sie haben vollkommen recht; aber die Empfindungen haben auch recht. Allerdings sollte jede kräftige Seele sich mit Ihnen gegen den Anblick des Todes 1225 im Körper und gegen die verwundenden Angriffe teuerer Überreste und gegen Särge und Gräber als fremdartige gleichgültige Behältnisse von Behältnissen, ohne den längst entflohnen Bewohner, mit Gewalt verhärten und verpanzern und gerade zu sich sagen: vergöttere das Gebäck aus irdischen Stoffen nicht durch dein Betrauern; geh unbewegt durch die Kirchhöfe; die andere Welt ist der Allerseelenkirchhof und das All die Kirche der Seelen, nur lauter lebendiger. « »Ja, so ists, so ists,« rief der Rittmeister, »und schöner und weniger stürmisch würden wir das Dahinziehen unserer Geliebten beweinen, wenn wir unsre Augen männlich von hohlen Schreckbildern wegkehrten.« »Aber die Empfindungen«, sagt' ich, »haben auch recht. Das Gesicht ist eigentlich für uns der Mensch, das Auge und die Stimme sind der innere Mensch, oder die einzige Menschwerdung des verborgnen Geistes. Wir wandeln eigentlich unter unsichtbaren Geliebten, – denn wir lieben Geister – aber durch eine göttliche Vorherbestimmung und Nötigung ist die Stimme ein geistiges Sprachrohr aus der Geisterferne und der Blick des Auges eine luftige zarte Geisterscheinung. Das Angesicht mit seinen Farben und Bewegungen ist nur das vergrößerte Augenbild. Und so lieben und genießen wir das fremde Herz nur im Widerschein und Widerhall. Das Volk knetet entweder Leib und Seele in eins zusammen und diese ist nur die Hefe und der eingesprengte Spiritus, wodurch das Gebäcke gärt und sich hebt; oder es sieht die Seele nur für einen innwendigen zweiten Leib, für eine durchsichtige luftige Gestalt, gleichsam für ein[en] noch gut gearteten und befreundeten Gespenstgeist an. Bricht das Auge, bricht die Stimme unsers geliebten Menschen: so ist uns noch immer nicht die ganze Seele gestorben, sondern sie ist nur blind und stumm und das Angesicht lebt, obwohl bleich, mit allem seinem geliebten Widerscheine der Vergangenheit noch fort. Daher sucht nun der weinende Mensch noch die kurze Zwischenzeit, die ihm die Verwesung zum Selbertäuschen gönnt, das entseelte Bild des Geliebten fortzulieben und fortzubesitzen als wär' es noch das beseelte. – Aber immer bleibt Ihr Satz richtig, lieber Gesandtschaftrat, bestehen: man bringe in den ohnehin so durchdringenden Schmerz über das Scheiden 1226 der Geliebten nicht noch einen träumerischen über ihre scheidende Hülle. Nur das entflohene Herz werde betrauert, nicht das zurückgebliebne in der Brusthöhle.«   [Zweite] Unterabteilung [Advokat gegen Wiedersehen – gegen plötzliche Vollendung in Kenntnissen, Glück, Wert – Träume anderer Völker – Mangel an Gedächtnis zum Wiedersehen] Den Frauen schienen die männlichen Ausfälle auf den Körper und dessen Betrauern nicht recht erfreulich und siegreich vorzukommen; »so streifen sie uns«, sagte Nantilde, »unsere Leiber wie eine Raupenhaut ab und lassen uns als nackte entkleidete Seelchen herumfliegen. Ich will sogar im Himmel meinen Körper behalten und mag die Nase meiner Selina nicht um eine Viertel-Linie gerader haben als sie ist. Ich lobe mir die Auferstehung, da bekommt man seine Nase wieder und eine verklärte dazu, lieber Alex!« – »Ein oder ein paar Jahrtausende hindurch dieselbe Nase zu sehen, das will ich noch aushalten,« versetzte er, »aber Ewigkeiten hindurch vermöcht' ich wahrlich nicht, Schwester!« So waren beide Geschwister fast in nichts einig als in ihrer Liebe gegeneinander und gegen ihre Geliebten. Die Frauen sehnten sich, vorzüglich etwas über künftiges Wiedersehen – den Fundamentalartikel ihres Herzens – von mir zu hören und überhaupt von den Verhältnissen der menschlichen Fortdauer. Der Gesandtschaftrat stimmte mit in ihre Bitte von seiner Seite; um so mehr, sagte er, weil er hierüber recht viele Zweifel und Fragen, die aufgelöset sein wollten, vorzubringen habe. Da ich wußte wie der kräftige Gang und die warme zusammenfassende Begeisterung durch das kalte Dazwischenkriechen feindlicher Einwürfe sich abmatte und verwirre und wie mühsam am Ende nur ein immer[?] aus seinen Fugen getrieben[es] Ganze übrigbleibe: so bat ich ihn, lieber alle seine Einwürfe auf einen Haufen hintereinander zusammenzustellen und sie geradezu als zeitiger Teufels-Advokat gegen die ganze Lehre anzuführen. Er versprach sein möglichstes. 1227 Die Gesellschaft ging gegen Abend wieder auf die schöne Gewitteranhöhe, wo Selina in ihren magnetischen Schlummer gesunken war. Nantilde und selber Selina freuten sich auf Henrions Erscheinung und sogar auf einige Worte gegen die Ansichten des Teufels-Advokaten. Aber wider Erwarten widerstrebten Selinas Nerven aller Einschläferung, weil vielleicht ihre Sehnsucht darnach und ihr Ideenfeuer zu heftig brannten, oder vorzüglich weil die liebe Sonne, bei deren Untergehen sie allemal erwachte, diesmal hinter ihren Wolken blieb. – Desto bequemer konnte Alex die seinigen, seine Einwürfe, über uns herziehen lassen. Er fing also an: »Man verzeihe mir das Durcheinander, nicht bloß Prediger haben einen Freibrief dazu, auch Leute, die aus dem Stegreif sprechen. Sie selber haben, glaub' ich, irgendwo bemerkt, daß die meisten Unglaubigen an Unsterblichkeit durch die Unbestimmtheit und Dunkelheit gebildet werden, in welche sie, wenn man ihr nähertritt, zerrinnt. Ich behaupte aber, der anfangs von der Erde her noch glänzende weiße Nebel wird immer dicker und finsterer, je länger man in ihm geht, bis man zuletzt nichts mehr, nicht einmal sich selber mehr darin sieht. Ein Leben ohne Ende, ohne Ende, wie ist dies zu erfüllen, zu ertragen? Man will die Endlosigkeit der Zeit umgehen, indem man dafür die Ewigkeit setzt, als Aufhebung aller Zeit. Aber wie kommen wir Endliche, Eingeschränkte zum Besitze einer Schrankenlosigkeit, die nur dem Unendlichen gehört? Heißen denn wir Ewige, wie er allein der Ewige? – Ist ein Gehen in die Ewigkeit aus der Zeit denkbarer als eines aus der Ewigkeit in die Zeit? – Freilich wären wir nach einer so kurzen Spanne Zeit Ewige geworden, daß wir kaum je Zeitliche gewesen. Ferner zu einer Ewigkeit gehört ein Gott, ein Allvollendeter, ein Unveränderlicher; wie sollen denn wir mit unserer Leere in eine hineinpassen? Gleichwohl gesellen die so scharfsinnigen Theologen diesen ewigen Geistern gar ewige Leiber zu, die sie noch dazu aus hiesiger, obwohl fein durchsiebter Erde backen, so wie sie alle inwohnenden Seelen, von den gemeinsten erdigen und hölzernen an, mit gleicher Ewigkeit begaben. So wird derselbe Leib und 1228 Madensack, den der geistliche Pöbel, das Mönchtum, in der ersten Welt nicht genug aushungern, durchgeißeln und beschneiden kann, in der andern mit Ewigkeit und Verklärung belohnt, obgleich ein frommer Madensack nicht mehr Moralität hat als ein ruchloser. Nur möcht' ich wissen, wie die mehr scharfsinnigen als polyhistorischen Theologen in der Wahl der Leiber entscheiden, welchen sie einem Menschen droben unter einem ganzen Kleiderschrank aussuchen und umhängen, da er nach den gewöhnlichen Physiologen alle 11 Jahre, nach Reil aber gar alle vier Jahre stück- und teilchenweise einen neuen ansetzt und aus der alten Krebsschale schleicht. Und welche auferstandne Leiber laufen überhaupt in der zweiten Welt herum? Lauter solche von einerlei Statur; der alte Theolog Gerhardus teilt uns im achten Quartbande seiner locorum theologicorum hierüber alle seine und fremde Meinung[en] mit. Er selber aber nimmt die Statur an, die jeder beim Tode hatte, andere aber die der ersten Eltern – noch andere die, welche man im 32. Jahre und dritten Monate (wenn man so alt wurde) besaß – Bucklichte und Krüppel gehen ganz artig und wohlgebaut einher – verstümmelte Märterer wiedererzeugen nach dem h. Augustin wie Würmer der Naturforscher, jedes abgeschnittene Glied, doch die Narben werden ihnen gelassen als Ehrenzeichen – Kinder (die schon auf der Erde schnell wachsen) sind so lang und stark wie ihre Eltern nach demselben Augustin und von Embryonen, hienieden an die Stecknadel in Spiritus gespießt, wird der Kirchenvater dasselbe behaupten müssen, obgleich dann aus ihrem Flügelkleidchen von Leib so gut als gar nichts zu machen ist und ein ganz neuer Körper geschaffen werden muß – sogar halb menschliche, halb tierische Mißgeburten läßt der Kirchenvater auferstehen, nur aber trennt er das Tier vom Menschen ab und führt diesen menschlich aus. Darüber sind sie aber alle eins, daß ein Seliger keinen Magen und kein Gedärme – wie mehre Schmetterlinge nach ihrer Entpuppung – bei sich trage, so auch keine Milchgefäße, Nägel, Haare und mehres. Dann aber riet' ich, auch die Blutgefäße, da diese ohne Milchgefäße nichts zu tun haben, und aus 1229 demselben Grunde auch die Lunge und aus wieder demselben auch das Herz wegzuwerfen und so den ganzen auferstandnen Menschen zu einem hohlen Wachsbilde auszuweiden oder zu einer ägyptischen Mumie, die schon vor der Auferstehung ausgeleert dasteht; und die Theologen könnten so die ganze körperliche zweite Welt bloß mit verklärten Häuten und Knochen bevölkern. Denn das eigentliche Stelldichein der theologischen Grillen ist droben in der Höhe hinter dem Tode, so wie für die Fledermäuse die Pyramiden als Begräbnistürme und unsere Kirchtürme an den Kirchhöfen. Denn von dem Kirchhof aus regieren sie alle Höfe vom fürstlichen an bis zum Bauerhof, er ist ihr Märzfeld und Territorium, und der Punkt außer der Erde, den Archimedes verlangte, um sie zu bewegen, ist eben die Erde des Grabhügels. Setzen wir einmal den Leib beiseite und sehen zu, wie es drüben oder drunten oder droben mit dem Geiste steht. Unendlich vortrefflich, sagen sie. Wie Lavater den seligen Leib in Adelstand erhebt und zum Ritter aller Orden schlägt – denn der Selige kann ihn nach Belieben unendlich zusammenziehen, unendlich auseinanderdehnen, er kann von Sonne zu Sonne schreiten, er spricht in musikalischen Tönen und zwar in mehren zugleich, so daß jede Rede ordentlich ein Konzert ist – ebenso wird die selige Seele ausgestattet mit einer Tugendhaftigkeit ohnegleichen hienieden, mit einer Detto-Kenntnis, mit einer Detto-Seligkeit. Aber wie kann denn das bloße Ablösen und Abbrechen des Körpers von der Seele, das Abbrechen der Muschelschale vom Perlenwurm auf einmal und allein – denn weiter geschieht nichts am Menschen – eine bleibend-geadelte Seele, eine reinste Unionperle geben? Wie verwandelt ein Augenblick ohne sittliche Anstrengung einen gewöhnlichen Menschen in ein moralisches Wesen, in einen moralischen Helden und Sieger, wozu hier ein zehnjähriger Tugendringer sich nicht bilden, stärken und heben konnte? Dasselbe Wunderwerk der Vollendung tut sich am verklärten Kopfe eines Seligen [auf], bloß weil er den irdischen eingebüßt. Eine solche Wissenschaft und Kenntnis für die ganze Ewigkeit 1230 hindurch entwickelt sich auf einmal im Geiste in einem Nu und Ruck, und mit solcher Pracht und Fülle bricht und platzt der Erkenntnisbaum wie eine Aloe mit ihren ein Halbjahrhundert verhakenen [Blüten] in einer Nacht, z. B. bei einem Handwerker, den Weltweise ein Leben lang beschämen konnten, in der Nacht des Sterbens auf – und die Irrtümer des Denkens sind dort nicht etwa so selten wie hier bei uns Wahrheiten, sondern alles Irren ist dort so wenig mehr menschlich und jeder Selige hat durch die Ewigkeit hindurch so unerwartet immerfort recht als eine vox populi oder eine Papst-Reihe – daß man den so scharfsinnigen Theologen, welche dies alles behaupten, ordentlich den Tod und Himmel wünscht, um nur an ihnen selber und diesen Behauptungen selber den besten Beweis zu sehen. Nach den beiden unsterblichen Sprüngen ( salto immortale ) oder Sprungflügen zur himmlischen Frömmigkeit und zur himmlischen Einsicht wird der dritte getan, der zur himmlischen Seligkeit; und zwar wieder durch das Abwerfen des alten Elias-Mantels von Körper und das Ausbreiten des Faust-Mantels von einem verklärten. So versprechen sich nun alle arme Teufel von Völkern, jeder sich droben nach einem mit Freuden nur selten durchbrochnen Wolken-Leben [nicht] etwa ein paar Sonnenblicke mehr, sondern sogleich einen ganzen vollen Polar-Sonnentag, ein Höchstes und ein Längstes der Wonne. Da nun der Mensch in der Unterwelt nur eine Wiederholung und Verdopplung der Oberwelt antrifft, oder voraussetzt, so wie der aufgedeckte Meerboden unten die Berge, die Täler, den Grasboden und sogar die Quellen der Landoberfläche wiederholt: so setzt sich freilich bei dem Lappen der Himmel aus Renntieren zusammen und dem Grönländer aus Seehunden und dem Otaheiter aus Brotbäumen, an denen aber die Frucht schon gar und gut ausgebacken und zu essen ist – Welches ganz anderes Himmelreich bereitet sich dagegen der Jude, der eben an Festtagen reich ist wie der Christ an Fasttagen, vollends zu, nämlich durch den Lebensbaum im Paradiese, wovon er 500 000 köstliche Früchte brechen kann, und durch zwei besondere Himmel für jeden Weisen, worin ein Freuden-Extrakt von 310 Welten zu genießen steht. – 1231 Schwedenborg nimmt weit weniger Freuden seliger Geister an, nämlich nur 478 Gattungen. Und jede Jüdin gebiert dem Juden jeden Tag ein Kind Flügges Geschichte des Glaubens an die Unsterblichkeit B. 1. – So zeigt [sich] hier wieder, wie ich schon bei ihrer Beschreibung ihres Nationalgottes angemerkt, ihre bettelhafte Phantasie in bloßen Dithyramben von bloßen Zahlen als wäre das dichterische Leben ein kaufmännisches. , was bei der Menge der Tage in einer Ewigkeit schon eine bedeutende Nachkommenschaft und Judenschaft auswirft. Das tägliche Gegenteil der verklärten Jüdin wird die Houri des Türken, nämlich nicht eine Mutter sondern eine Jungfrau. Nur das Christenvolk hat einen farblosen durchsichtigen, die Erde nicht widerspiegelnden Himmel, der für [das] gemeine Christenvolk bloß die letzten Messiade-Gesänge voll Gesänge, Gebete und Langweile sein muß, oder die andere Welt ein Maskensaal voll Völker in lauter Andachtübungen. Daher auch mehr die Höllenscheu den gemeinen Mann abtreibt als die Himmellust anspornt, in der er seine hiesige Andacht mit unaufhörlicher droben belohnet antrifft und die er sich höchstens in seinem Glaubens-Wirrwarr noch durch die Hoffnung des ewigen Ausruhens versüßt. – Aber mit welcher Möglichkeit (und mit welchem Rechte) nehmen die sonst so scharfsinnigen Theologen eine höchste und noch dazu unaufhörliche Freude künftig an, da die menschliche Natur ihre größern Freuden nicht nach einer großen Freude, sondern nach einem großen Schmerzen empfindet? Die Erde bereitet uns eben nicht auf Aushalten der Freuden vor durch hiesige. Zum Glücke aber stellen die denkenden Leichenprediger die Seligkeit so unbestimmt, gestaltlos, so entfremdet dar, daß ihre Grenzenlosigkeit doch Platz im menschlichen Herzen finden kann; und nur eine einzige ewige Freude haben sie dem hiesigen Leben nachkopiert, das Wiedersehen und Fortlieben.« – »Ach, diese Liebe und die Liebe zu Gott sind schon genug für die Ewigkeit«, sagte leise Selina, um nicht zu unterbrechen. Der Gesandtschaftrat hatt' es gehört; fuhr aber unbefangen fort und sagte: »Besonders macht das Wiedersehen und Wiederlieben in den Fragstücken des weiblichen Glaubens-Katechismus den ersten Artikel, denn ihr Herz entwirft sie. Zum 1232 Wiedererkennen oder Wiedersehen gehört Wiedererinnrung, zu dieser Gedächtnis und dazu doch einiges Gehirn. Woher sollen [wir] aber, wenn schon bei Drücken, Überfüllen, Einschlafen und Verkleinern des Gehirns ein hiesiges Leben hier vergessen wird, irgendeine Gedächtnissäule in einer ganz andern Welt auftreiben, wenn alle vier Gehirnkammern eingestürzt sind und verstäubt? Jede große Umkehrung in einen neuen Zustand bedeckt mit ihm den vorigen, wie eine Oberfläche die Unterfläche, z. B. in den zahm gemachten Wildniskindern, ja schon in den europäisch gebildeten Wilden erlischt das Andenken ihrer ganzen Vergangenheit. Versandet nun die Erinnerung des hiesigen Lebens schon bei einigen Wellen des hiesigen selber: wie soll sie unbegraben durch das Totenmeer durchkommen und – in einer ganz fremden Welt ohnegleichen voll neuer unverbundner Zustände fortbestehen? Ebensogut könnte der feurige Jüngling sich seiner Lebens-Geschichte als Fötus und der frohen und trüben Tage erinnern, die er mit seinen Mit-Zwillingen durchlebte. – Aber das Wiedersehen erfolge: so weiß ich nicht wie die meistens erbärmlichen Erdenherzen und Erdengesichter eine Ewigkeit lang auszuhalten. Immer vergessen die Leute bei der Verpflanzung ihrer vorüberschießenden Erdenverhältnisse in die zweite Welt die ewige Dauer, die sie dadurch diesen Eintagfliegen aufnötigen. Ebenso vergessen sie bei dem Übertragen und Verewigen ihres engen Lebenskreises und Lebenslaufs die Geistermillionen, die Weltenmillionen [und] ihr eignes erhöhtes Selbst. Die Verdammten ließ ich bisher in meiner Teufels-Advokatur ganz aus; gibts keine Seligen, so fallen die Verdammten ohnedies weg. – So viel ist ersichtlich, je näher man der zweiten Welt, desto mehr verliert sie ihre Farbe und Gestalt, wie auch der physische Himmel sein heiteres Blau einbüßt, je näher man ihm auf Bergen zusteigt, bis er endlich als schwarzes Leichentuch sich über die Welt ausspannt. Jetzo bin ich fertig«, sagte Alexis – Bei diesen Worten trat plötzlich die Sonne aus dem Wolkenhimmel und ging unter mit warmem Scheideblick auf uns. 1233   [Dritte] Unterabteilung [Beweis des Gedächtnisses] Ich hob des Gesandtschaftrates freimütige Entschiedenheit in seiner Rolle und dessen Trotz gegen alles Nachbeten und Vorbeten absichtlich hervor, um den Teufels-Advokaten ein wenig für die schlechten Advokaturgebühren zu entschädigen, die er sich von dem Schweigen der Frauen versprechen konnte. »Gerade als er aufhörte,« sagte Nantilde, »wurd' es hell und die Sonne kam ein bißchen.« – Allmählich hatte sich der ganze Wolkenhimmel zurückgezogen und in Osten aufeinandergefaltet und der Halbmond stand hell über uns und ließ die Sterne recht nah an sich kommen, ohne ihnen das Licht zu nehmen. Selina blickte ihn freudig an und sagte: »Nun kommt er bald, mein lieber . . . . . Vollmond.« Sie wollte sagen Henrion; denn dieser wollte ja an seinem Geburttage, am nächsten Vollmond zurückkommen. »Unser Freund Alexis«, fiel Wilhelmi ein, »hat sich des Teufels als des Fürsten der Finsternis in der Wolkenzeit recht wacker angenommen; jetzo zerstreuen Sie uns, lieber J. P., ein wenig sein Werk der Finsternis, da Ihnen wenigstens der Halbmond Licht gibt.« – Ich versetzte: »Auch sein Licht kommt von der Sonne, und nur auf einem kleinen Umwege zu uns. Aber zuerst, um bei dem Ende den Anfang zu machen, hat der H. Gesandte und Advokat über das Gedächtnis, womit er uns zugleich das Wiedersehen nehmen will, ganz etwas anderes als recht. Wer bekommt und trägt denn eigentlich die ganze immer wachsende Welt von Erfahrungen? Offenbar kann sie nicht auf und in die Gehirnkugel wie Städtenamen auf einen Erdglobus aufgetragen sein. Enthält der Klumpe von weichen Kügelchen eine Sammlung der Wörterbücher eines Gelehrten und mit welchen Spuren, da das gelehrteste Gehirn aussieht wie das ungelehrteste? Wie entsteht geistige Ordnung und Verbindung durch den organischen Brei? – Und da der Sehnerve alle seine Bilder z. B. gedruckter Wörter auf der nämlichen Stelle des Gehirns absetzt und sozusagen aufschlichtet: so müßte irgendeine verständige Kraft die Bilderschichten in Bildergalerien auseinanderlegen und geordnet 1234 und gereiht ausbreiten. Doch der ganze Widersinn eines sich selber erinnernden Gehirns ist ja längst niedergemacht. Aber ein Stück von ihm erhält sich an der natürlichen Erscheinung lebendig, daß das Gedächtnis durch Wunden, durch Krankheiten, durch Alter des Gehirns sinke und schwinde. Aber man hat ja die Erscheinung noch näher und alltäglicher: der Traum reicht uns im Schlaftrunk eine Lethe für das Wachen; das Wachen schenkt wieder eine für die Träume ein; und so vergessen wir zweimal täglich, einmal den Tag, einmal die Nacht. Ist denn aber darum dem Geiste der Inhalt ebensooft entschwunden und ebensooft wiedergekehrt? So hätte also z. B. eine gänzliche Bewußtlosigkeit meine ganze Seele ausgeleert und ein einzelner Augenaufschlag die geplünderte man weiß nicht wie wiederum angefüllt? – Ist und hat denn der Geist selber nichts? Aber er hat eben allein alles, nur kann er die Weltkugel von Ideen, auf der er wohnt, wie jede andere Kugel nicht übersehen, sondern nur umschiffen. Dem Vielwisser treten von allen seinen Millionen Ideen in jedem Augenblicke nur ein paar in den Gesichtkreis, alle übrigen bleiben unsichtbar unter dem Horizont, bis auch sie aufgehen. Oder eigentlich passender: aus dem gleichsam mit Ideen gestirnten Himmel unsers Geistes rückt in jedem Momente nur ein Stern oder Gedanke in das Feld unsers innern Sehrohrs; die andern bedeckt die Nacht. – Nun, wenn manche Wörter- und Namen-Reihen oft jahrelang oder gar nicht mehr, oder wie zuweilen erst kurz vor dem Tode wieder in die Erinnerung treten: wurzeln sie denn deshalb weniger im Geiste als das ganze Reich ruhender Vorstellungen? – Nur das Gehirnorgan, womit die Seele an der Erinnerung dagewesener Gedanken arbeitet, ist bei der Vergeßlichkeit gelähmt oder verletzt. Denn in jener unerklärlichen Linkerhand-Ehe zwischen Seele und Leib, worin entweder alles oder gar nichts verbunden ist, und worin der erhabenste Gedanke so gut Körperteilchen bewegt als der niedrigste Trieb, wirken Gedächtnis und Gehirn so zusammen wie Leidenschaften und Blut; aber das Werkzeug ist darum nicht der Werkmeister, so wie das Gehirn so wenig eine Reliquiensammlung von Eindrücken darstellt als das 1235 Herz, das alle Empfindungen nachschlägt, eine von frohen und trüben. Aber obgleich die Muskelbewegung nicht das Wollen ist, wodurch wir sie erzeugen: so fühlen wir doch geistige Anstrengung, wenn wir sie verstärken; und ebenso empfinden wir ein Einwirken auf das Gehirnorgan, wenn wir uns, besonders vergeblich, zu erinnern suchen. Wenn jenem Prediger der auswendig gelernte Virgil, den er 30 Jahre lang vergessen hatte, auf ein[mal] wieder ins Gedächtnis kam; oder wenn jene Jungfrau nach einem unnatürlichen Schlafe alles vergaß und alles Bekannte von Buchstaben an bis zu Freunden wieder kennen lernen mußte; wenn sie nach einigen Monaten in einem zweiten neuen Langschlafe wieder vergaß, aber bloß das nach dem ersten Erlernte, hingegen auf alles vor ihm Gewußte sich wieder besann; und wenn dieser Gedächtnis-Umwechsel mehre Jahre dauerte: so tut ja dies alles dar, daß gerade die Seele den Gedächtnis-Inhalt aufbewahrte, ihn aber nach den Wechseln des Organs bald mobil machen konnte, bald unbeweglich lassen mußte; und besonders die Jungfrau glich einem Klavierspieler, der in Tauschlähmungen der rechten und der linken Hand bald nur Baß-, bald nur Diskantsaiten anschlagen kann. Bleiben die Blumen der Kindheit im Gedächtnis sogar bis ins kalte Alter noch unverwelkt und lebendig, indes der Greis die Saat der spätern Jahre um sich verdorret erblickt: so wird dieses Immergrün nicht durch den weichen Boden des Gehirns erhalten, der ja nicht in dem verhärteten des Alters mit stecken kann, sondern im kindlichen, hungrigen, empfänglichen, unbesetzten Geiste voll Adams-Erde schlugen alle Empfindungen die Wurzeln tiefer und weiterlaufend. In spätern Jahren fehlt das ursprüngliche Interesse; allein ein Interesse kann doch nur der Geist, nicht ein Körper haben. Endlich erscheint die Hellseherin mit ihrem Wundergedächtnis und fragt uns, woher denn ihr Erinnern so wie ihr Vergessen komme, jenes, das in die Fernen und Nächte ihres Lebens, in die tiefsten Kinderjahre und tiefsten Ohnmachten reicht, und ihr Vergessen; da nach dem Schlafe sich das Auge wie eine Theaterversenkung oder wie ein Erdfall auftut und alle die neuen Reiche 1236 des Lebens verschlingt. Aber ist das Erinnern und Heraufholen untergesunkner Zeiten aus dem Meerboden der Vergessenheit nicht ein Beweis, daß es gleichsam noch ein ätherisches zweites Gehirn gibt, das bloß vom schweren drückenden des Tags befreit zu sein braucht, damit es den feinern ätherischen Anregungen des Geistes folgsam sich bequeme? Und nun zuletzt jene damit verwandte Erscheinungen, wo kurz vor dem Sterben wie dem Wahnsinnigen die Vernunft, so dem Kranken das jahrelang eingesunkne Reich des Gedächtnisses wiederkehrt und wiederblüht! – Löset sich nicht der absterbende Körper mit seiner dicken steifen Borke von einem Ätherleibe ab, der sich beweglicher nach den Anstrengungen des Geistes bequemt?«