Alexander L. Kielland Sultan I. Fräulein Thyra trat ans Sprachrohr und rief: »Sind Sultans Koteletts noch nicht bald fertig?« »Sie stehen zum Abkühlen im Fenster; sobald sie gut sind, bringt Stine sie rauf« – also tönte Jungfer Hansens Stimme aus der Küche herauf. Sultan hatte es gehört, ging ruhig hin und legte sich auf den Kaminteppich. »Er versteht viel besser als ein Mensch«, pflegte der Großhändler zu sagen. Am Frühstückstisch saß außer den Familienmitgliedern noch ein alter Feind Sultans – der einzige, den er hatte. Aber der Rechtskandidat Wiggo Hansen war so vielen Dingen hier in der Welt feind, und seine bissige Zunge war in ganz Kopenhagen wohlbekannt. In dieser Familie hatte er sich nach vieljährigem freundschaftlichen Verkehr eine besondere Offenherzigkeit zugelegt: und wenn er schlechter Laune war, was immer der Fall war, ließ er seine Bosheit schonungslos an allem und allen aus. Namentlich dem Sultan saß er fortwährend auf dem Nacken. »Dieses große, gelbe Biest«, pflegte er zu sagen, »wird hier gehätschelt und getätschelt und mit Braten und Karbonade gefüttert, während so manches Menschenkind sich um ein Stück trockenes Brot in die Finger beißen muß.« Hier war indes der wunde Punkt, und der Kandidat hätte sich hüten sollen, daran zu rühren. Sobald jemand Sultan mit einem Worte zu nahekam, das nicht unbedingt Bewunderung war, bekam er von der ganzen Familie einen vereinten Blick, und der Großhändler hatte dem Kandidaten sogar offen heraus gesagt, eines schönen Tages könnte er leicht mal ernstlich böse werden, wenn er von Sultan nicht in passendem Tone sprechen wollte. Fräulein Thyra aber haßte den Kandidaten deshalb geradezu: und obgleich Waldemar jetzt erwachsen war – jedenfalls schon Student –, so machte er sich doch immer noch ein Vergnügen daraus, dem Kandidaten die Handschuhe aus der Tasche zu stehlen und sie Sultan zum Zerreißen zu übergeben. Ja sogar die gnädige Frau, die doch so mild und süß wie Teewasser war, mußte den Kandidaten zuweilen vornehmen und ihn ernstlich tadeln: wie er's nur übers Herz bringen könne, so böse von dem süßen Tier zu sprechen. Das alles verstand Sultan sehr wohl; aber er verachtete den Kandidaten und nahm keine Notiz von ihm. Er ließ sich dazu herbei, die Handschuhe zu zerreißen, weil das seinem Freunde Waldemar nun einmal Freude machte; im übrigen aber tat er, als sähe er den Kandidaten gar nicht. Als die Koteletts kamen, verspeiste Sultan sie still und diskret. Er zermalmte die Knochen nicht, sondern nagte sie ganz sauber ab und leckte den Teller aus. Dann ging er zum Großhändler und legte seine rechte Tatze auf dessen Knie. »Mahlzeit – Mahlzeit, alter Knabe!« rief der Großhändler gerührt; er wurde jeden Morgen wieder gerührt, sooft sich das wiederholte. »Du kannst Sultan doch nicht alt nennen, Papa«, sagte Student Waldemar etwas überlegen. »Na – weißt du! – er hat nun bald seine acht Jahre auf dem Nacken.« »Ja aber, lieber Mann,« sprach die Frau milde, »ein Hund von acht Jahren ist doch noch kein alter Hund.« »Nicht wahr, Mama!« rief Waldemar eifrig: »du stimmst mir bei, – ein Hund von acht Jahren ist noch kein alter Hund.« Und im Nu war die ganze Familie in zwei Parteien geteilt – in zwei sehr eifrige Parteien, die mit einem unaufhaltsamen Wortstrom darüber zu debattieren anfingen, ob man einen Hund von acht Jahren einen alten Hund nennen könne oder nicht. Man wurde auf beiden Seiten warm; und obgleich alle wieder und wieder unverändert und gleichzeitig ihre Meinung aussprachen, so sah es doch nicht danach aus, als ob es zu einer Einigkeit kommen würde, nicht einmal, als die alte Großmutter von ihrem Stuhl auffuhr und absolut von dem Leibmops der hochseligen Königin-Witwe erzählen wollte, den sie die Ehre gehabt habe, von der Straße her zu kennen. Aber mitten in den unlenkbaren Wortwirbel kam eine Stockung, als einer auf die Uhr sah und rief: »Der Dampfer!« Alle standen auf; die Herren, die nach der Stadt mußten, stürzten davon; die ganze Gesellschaft zerstreute sich in alle Winde, und die Frage, ob man einen Hund von acht Jahren einen alten Hund nennen könne oder nicht, blieb ungelöst. Nur Sultan rührte sich nicht. Er war diesen Familienlärm gewohnt, und die ungelösten Fragen interessierten ihn nicht. Er ließ seine klugen Augen über den verlassenen Frühstückstisch gleiten, senkte seine schwarze Schnauze auf die mächtigen Tatzen und schloß die Augen zu einem kleinen Frühstücksschlummer. Solange man hier draußen auf dem Lande war, gab es auch nicht viel anderes zu tun als essen und schlafen. Sultan war ein echter, dänischer Rassenhund aus dem Zoologischen Garten; seinen Bruder hatte sogar der König gekauft, was allen, die im Hause verkehrten, ausdrücklich erzählt wurde. Aber trotzdem hatte er eine ziemlich harte Jugend gehabt; denn seine ursprüngliche Bestimmung war gewesen, Platzhund zu werden draußen auf den großen Kohlenlagern des Großhändlers in Kristianshafen. Dort führte sich Sultan musterhaft auf. Des Nachts wild und rasend wie ein Tiger, war er tagsüber so still und freundlich, ja demütig, daß der Großhändler auf ihn aufmerksam wurde und Sultan vom Platzhund zum Stubenhund beförderte. Und eigentlich erst von diesem Augenblick an entwickelte das edle Tier all seine Vollkommenheiten. Von Anfang an hatte es eine eigene bescheidene Art, an der Tür stehen zu bleiben und den, der hineinging, demütig anzublicken, so daß es ganz unmöglich war, ihn nicht in den Salon mit hineinschlüpfen zu lassen. Und dort fand er sich bald zurecht, anfangs unter dem Sofa, später aber auf dem weichen Teppich vor dem Kamin. Und je mehr die übrigen Mitglieder der Familie seine seltenen Eigenschaften schätzen lernten, um so weiter avancierte Sultan, so daß der Kandidat Hansen behauptete, er wäre der eigentliche Herr im Hause. Und allerdings hatte er jetzt in seinem ganzen Auftreten etwas, das deutlich zu erkennen gab, daß er sich der Stellung, die er einnahm, wohl bewußt war. Er blieb nicht mehr demütig an der Tür stehen, sondern ging selbst voraus, sobald jemand öffnete. Und wurde ihm nicht sofort geöffnet, wenn er scharrte, so erhob sich das mächtige Tier auf die Hinterbeine, legte die Tatzen auf die Türklinke und öffnete sich selbst. Als er dies Kunststück zum erstenmal machte, rief die Hausfrau entzückt: »Ist er nicht reizend? – Ganz wie ein Mensch, nur viel besser und treuer.« Das war auch die Meinung der anderen im Hause, daß Sultan besser sei als ein Mensch. Und jeder von ihnen schien gewissermaßen etwas von seinen eigenen Sünden und Schwächen loszuwerden durch diese bewundernde Verehrung des edlen Tieres; und jedesmal, wenn einer mit sich selbst oder mit anderen unzufrieden war, erhielt Sultan die allervertraulichsten Mitteilungen und die heiligsten Versicherungen, daß er doch schließlich der einzige sei, auf den man sich verlassen könne. Wenn aber Fräulein Thyra enttäuscht von einem Balle kam oder ihre beste Freundin treulos ein schrecklich großes Geheimnis verraten hatte, dann warf sie sich weinend über Sultan: »Nun hab' ich nur noch dich, Sultan! Außer dir gibt es niemand – niemand – niemand auf Erden, der mich lieb hat. Nun sind wir beide ganz allein in der weiten, weiten Welt. Du aber wirst deine arme, kleine Thyra nicht verraten – das mußt du mir geloben, Sultan!« – und dann weinte sie, daß es über Sultans schwarze Nase hinuntertropfte. Deshalb war es auch nicht zu verwundern, daß Sultan im Hause mit einer gewissen Würde auftrat. Aber auch auf der Straße konnte man's ihm ansehen, er fühlte sich sicher, und war stolz darauf, Hund zu sein in einer Stadt, in der die Hunde die Macht haben. Wenn man auf dem Lande wohnte, pflegte Sultan im allgemeinen wöchentlich nur einmal mit in die Stadt zu gehen, um alte Bekannte zu beschnuppern. Hier draußen auf dem Lande lebte er ausschließlich seiner Gesundheit: badete, wälzte sich in den Blumenbeeten und ging dann in die Zimmer, um sich an den Möbeln, den Damen und schließlich an dem Kaminteppich trocken zu reiben. Für den übrigen Teil des Jahres aber stand ihm ganz Kopenhagen zur Verfügung und er verfügte über die Stadt mit der größten Verwegenheit. Was war das für ein Genuß, zu Beginn des Frühlings, wenn auf den öffentlichen Plätzen, die kein menschlicher Fuß betreten durfte, das Gras zu sprießen anfing, mit einigen guten Freunden auf und ab und rings im Kreise herum zu rennen, daß die Grasbüschel hoch in die Luft flogen. Oder wenn die Leute des Gärtners zum Mittagessen nach Hause gegangen waren, nachdem sie sich den ganzen Vormittag mit den seinen Blumen und Büschen beschäftigt hatten, – wie amüsant war es da nicht, so zu tun, als grabe man nach Maulwürfen: die Schnauze mitten im Blumenbeet in die Erde zu stecken, zu prusten und zu blasen und dann die Erde mit den Vorderbeinen aufzugraben: ein wenig innezuhalten, dann die Schnauze wieder hineinzustecken, zu blasen und nun die Erde aus allen Kräften aufzugraben, bis das Loch so tief war, daß ein einziger kräftiger Stoß mit den Hinterbeinen einen ganzen Rosenstock mit Wurzeln und Erdreich hoch, hoch in die Luft schleudern konnte. Wenn Sultan nach einer solchen Tat in der warmen Frühlingssonne still mitten auf dem Rasen lag und die Menschen im Staub oder Schmutz bescheiden um den Rasenplatz herumkeuchen sah, dann wedelte er sich in aller Stille selbst mit dem Schwanze an. Und dann die großen Raufereien in den Anlagen und rings um das Pferd auf dem Neumarkt. Von dort ging's im Sturm naß und beschmutzt hinauf über die Östergade zwischen Menschenbeinen hindurch, wobei er sich an Röcken und Herrenhosen rieb, alle Damen und Kinder umrannte, bald in einen Hofraum stürzte, die Hintertreppe hinauf einer Katze nach, bald Schrecken und Verwirrung verbreitete, indem er einem alten Feinde, den er traf, an die Gurgel fuhr – oder bisweilen konnte sich Sultan auch dadurch amüsieren, daß er unmittelbar vor einem kleinen Mädchen, das für seine Mutter einen Gang machte, stehen blieb, dem Kinde die schwarze Nase gerade ins Gesicht stieß und dann aus vollem Rachen brüllte: wau – wau – wau! Dann mußte man die Kleine sehen! Das Gesicht wurde blau, die Arme hingen steif herunter, es trippelte mit den Füßen, konnte aber keinen Angstschrei hervorbringen. Aber die erwachsenen Damen auf der Straße schalten sie und sagten: »Bist du ein kleines Närrchen! Wie kannst du vor solch einem schönen, prächtigen Hunde Angst haben! Er wollte ja nur mit dir spielen; schau, wie groß und prachtvoll er ist, willst du ihn nicht streicheln?« Aber das wollte die Kleine unter keiner Bedingung: und als sie dann zur Mutter nach Hause kam, steckte das Schluchzen ihr noch in der Kehle. Aber weder ihre Mutter noch der Doktor konnte später begreifen, warum das muntere, frische Kind bei dem geringsten Schreck blau und steif wurde und keinen Laut hervorbringen konnte. Indes all diese Belustigungen waren blaß und zahm im Vergleich zu den grandes cavalcades d'amour , und bei diesen war Sultan immer einer der ersten. Sechs, acht, zehn, zwölf große gelbe, schwarze und rote Hunde mit einem langen Gefolge von kleinen und ganz kleinen, die so zerbissen und beschmutzt waren, daß man kaum sehen konnte, was es für Geschöpfe waren, aber trotzdem alle sehr mutig, die Schwänze hocherhoben und vor Eifer ganz außer Atem, obgleich sie gar keine andere Chance hatten, als von neuem Prügel zu bekommen und im Schmutz gerollt zu werden – und dann in wildem Galopp durch Straßen und Gärten, über Märkte und Blumenbeete, raufend und heulend, blutig und beschmutzt, mit heraushängenden Zungen, – aus dem Wege Menschen und Kinderwagen, Platz für der Hunde Kampf und Liebe – so rasten sie wie die Aasgaardsschar durch die unglückliche Stadt. Von den Menschen auf den Straßen achtete Sultan niemand außer den Polizisten. Denn mit seinem scharfen Verstande hatte er längst eingesehen, daß die Polizei dazu da war, ihn und seine Mithunde gegen die mancherlei Übergriffe der Menschen zu schützen. Deshalb blieb er immer wohlwollend stehen, wenn er einen Polizisten traf, um sich hinter dem Ohr krauen zu lassen. Besonders wohlwollend war er gegen einen guten, dicken Freund, den er oft oben in Aabenraa traf, wo Sultan seit vielen Jahren eine Liaison hatte. – Wenn der Polizeidiener Frode Hansen eine Kellertreppe hinaufstieg, was er sehr oft tat, denn er war ein gemütlicher Bursche, den zu einem Glase Bier einzuladen ein Vergnügen war, dann hatte sein Gesicht viel Ähnlichkeit mit der aufgehenden Sonne; denn es war rund und rot, warm und strahlend. Aber wenn er dann in voller Figur auf dem Trottoir stand und einen strengen Blick die Straße hinauf und hinunter warf, um zu untersuchen, ob irgendeine übelgesinnte Person gesehen, wo er hergekommen war, dann tauchte eine Erinnerung auf an etwas, das wir als junge Menschen in der Physik studierten und das wir, glaub ich, den Ausdehnungskoeffizienten nannten. Denn wenn man den tiefen Einschnitt betrachtete, den sein starker Gurt vorn und hinten und zu beiden Seiten machte, erhielt man unwillkürlich den Eindruck, in dem Magen des Polizisten Frode Hansen müsse solch ein Koeffizient sitzen, mit dem außerordentlich starken Drange, sich auszudehnen. Und die Leute, die ihm begegneten – besonders wenn er gerade seinen starken Bierschlucken hatte –, wichen ängstlich einen Schritt auf die Seite. Denn sollte es mal passieren, daß der Koeffizient da im Innern über den starken Gurt siegte, so würden die Stücke, und vor allem die Bauchschnalle, mit einer Gewalt herumfliegen, daß sie sogar Spiegelscheiben zertrümmerten. Im übrigen war es nicht gefährlich, Frode Hansen nahezukommen; er galt sogar für einen der unschädlichsten Polizisten. Äußerst selten machte er irgendwelche Anzeige. Trotzdem war er bei seinen Vorgesetzten gut angeschrieben. Denn wenn von anderen erst etwas gemeldet war, brauchte man bloß Frode Hansen zu fragen; er konnte über alles mögliche immer die eine oder andere Aufklärung geben. Auf diese Weise ging es ihm gut in der Welt; ja er war beinahe beliebt in Aabenraa und weiter unten in der Wagenmacherstraße, und selbst Frau Hansen fand zuweilen Mittel und Wege, ihn zu einem Glase Bier einzuladen. Und sie hatte doch nicht viel zu verschenken. Arm und dem Trunk ergeben, hatte sie genug zu tun, um sich mit ihren beiden Kindern durchzuschlagen. Was nicht so zu verstehen ist, als ob Frau Hansen gearbeitet oder versucht hätte, sich vorwärts oder gar emporzuarbeiten. Wenn es nur für die Miete reichte und dann noch ein wenig für Kaffee und Branntwein übrigblieb, so hegte sie weiter keine Illusionen. In Wirklichkeit ging – selbst in Aabenraa – die allgemeine Meinung dahin, daß Frau Hansen eine Vettel war. Und wenn man sie fragte, ob sie Witwe sei, pflegte sie zu antworten: »Ja, sehen Sie – das kann man so leicht nicht wissen.« Die Tochter zählte etwa fünfzehn Jahre; der Sohn war ein paar Jahre jünger. Auch in bezug auf diese beiden war die allgemeine Meinung in und bei Aabenraa die, daß ein ärgeres Geschwisterpaar in dieser Gegend selten aufgewachsen sei. Waldemar war ein kleiner, bleicher, schwarzäugiger Bursche, glatt wie ein Aal, voller Bosheit und List, mit einem Gesicht wie Fensterleder, das in einer Sekunde die wildeste Frechheit mit der schafsartigsten Unschuld vertauschen konnte. Auch von Thyra war weiter nichts Gutes zu sagen, als daß sie anscheinend ein hübsches Mädchen zu werden versprach. Aber es wurden schon allerhand häßliche Geschichten von ihr erzählt, und sie trieb sich zu sehr verschiedenen Zwecken überall in der Stadt umher. Frau Hansen wollte diese Geschichten niemals hören; sie schlug sie in den Wind. Ebensowenig achtete sie auf den Rat der Nachbarn und Freundinnen: die Kinder sich selbst zu überlassen – sie wären wirklich verkommen genug dazu – und lieber ein paar Aftermieter zu nehmen, die bezahlten. »Nein – nein!« antwortete Frau Hansen, »so lange sie bei mir eine Art Heim haben, kriegt sie die Polizei doch nicht ganz in die Klauen und sie kommen auch nicht vollständig abseits.« Dieser Wunsch, daß die Kinder nicht vollständig abseits kommen sollten, war in ihrem bißchen Gehirn der letzte Punkt geworden, um den sich alles sammelte, was nach einem Leben wie dem ihrigen von einer Mutter übriggeblieben war. Und darum plackte sie sich weiter, schalt und schlug die Kinder, wenn sie zu spät nach Hause kamen, machte ihnen das Bett zurecht und gab ihnen ein wenig zu essen und fesselte sie so an sich – in der Art, wie es nun einmal war. Gar manches hatte Frau Hansen in ihrem Leben versucht: und alles hatte sie von Stufe zu Stufe immer weiter heruntergebracht: vom Dienstmädchen zur Aufwärterin, dann herunter an der Waschfrau vorbei zu dem, was sie jetzt war. Früh am Morgen, ehe es hell wurde, kam sie mit einem schweren Korbe an jedem Arm über die Knippelsbrücke nach der Stadt. Aus den Körben guckten Kohlblätter und gelbe Rüben heraus, so daß man glauben konnte, sie machte ein Geschäft daraus, bei den Bauern draußen auf Amager Gemüse einzukaufen, um es in Aabenraa und da herum wieder zu verkaufen. Trotzdem war es nicht ein Gemüsehandel, den Frau Hansen betrieb, sondern ein kleiner Kohlenhandel. Sie betrieb ihn halb im geheimen und in kleinen Portionen für Leute, die so arm waren wie sie selbst. Auf diesen augenscheinlichen Widerspruch achtete man in Aabenraa nicht; nicht einmal der Polizist Frode Hansen schien an Frau Hansens Geschäft etwas auffallend zu finden. Wenn er ihr des Morgens begegnete, wie sie mit den schweren Körben angeschleppt kam, konnte er im Gegenteil ganz freundlich fragen: »Nun – liebe Frau Hansen, waren die Rüben heute billig?« Und war sein Gruß weniger freundlich, so wurde er später am Tage mit einem Glase Bier traktiert. Dies war eine ständige Ausgabe für Frau Hansen. Sie hatte noch eine andere. Jeden Abend kaufte sie ein großes Stück Wiener Brot mit Zucker darauf. Sie aß das nicht selbst; auch für die Kinder war es nicht bestimmt: niemand wußte, was sie damit machte, und es achtete auch niemand sonderlich darauf. War keine Aussicht auf ein Glas Bier, so führte Polizeidiener Frode Hansen seinen Koeffizienten die Straßen auf und ab mit großer Würde spazieren. Begegnete er dann Sultan oder einem seiner Freunde unter den Hunden, so blieb er immer lange stehen, um ihn hinter dem Ohr zu krauen. Und wenn er dann die große Ungeniertheit beobachtete, mit der die Hunde sich auf der Straße aufführten, so war es ihm ein wahres Vergnügen, sich mit Strenge auf ein unglückliches Menschenkind zu stürzen und seinen vollen Namen nebst Adresse zu notieren, weil es sich gestattet hatte, irgendeinen Papierfetzen in den Rinnstein zu werfen. II. Im Spätherbst gab der Großhändler ein Diner. Die Familie war schon längst vom Lande wieder in die Stadt übergesiedelt. Die Unterhaltung floß lange matt und stockend, bis sie sich plötzlich löste und zu einem wilden Wasserfall wurde. Denn unten an der Ecke des Tisches, wo die Hausfrau saß, war die Frage aufgetaucht, ob man eine Dame eine feine Dame – eine wirklich feine Dame nennen könne, von der bekannt wäre, daß sie auf einem Dampfschiff ihre Füße auf ein Taburett gestellt habe – niedrige Schuhe und gestrickte Strümpfe. Und – seltsam genug, als ob jeder sein halbes Leben in der Gesellschaft damit zugebracht hätte, diese Frage zu erörtern, warfen alle ihre fertige, unerschütterliche Meinung auf den Tisch; im Nu hatten sich die Parteien geteilt; die unerschütterlichen Überzeugungen stießen aufeinander, fielen herab, wurden wieder aufgenommen und mit steigendem Eifer von neuem hingeworfen. Oben am andern Ende des Tisches nahm man an dieser lebhaften Unterhaltung nicht teil. In der Nähe des Wirtes saßen meist ältere Herren, und wie glühend ihre Damen auch wünschen mochten, jene Frage dadurch zur entscheidenden Lösung zu bringen, daß sie ihrerseits ihre unerschütterliche Überzeugung aussprächen, so mußten sie das doch aufgeben, denn der Brennpunkt jener lebhaften Unterhaltung befand sich bei einigen jungen Kandidaten ganz unten bei der Hausfrau und der Abstand war zu groß. »Mir scheint, ich sehe das große gelbe Biest heute nicht«, sprach Kandidat Wiggo Hansen in seinem mürrischen Tone. »Nein, leider! Sultan ist heute nicht hier. Der arme Bursche! Ich mußte ihm zumuten, mir einen unangenehmen Dienst zu erweisen.« Der Großhändler sprach von Sultan immer wie von einem hochgeachteten Geschäftsfreunde. »Sie machen mich wirklich neugierig. Wo ist denn das süße Tier?« »Oh – verehrte gnädige Frau, es ist eine langweilige Geschichte. Denn – sehen Sie – draußen auf unsern Kohlenlagern in Kristianshafen ist gestohlen worden.« »Oh – aber um Gottes willen! – gestohlen!« »Vermutlich haben die Diebe ihr Geschäft schon längere Zeit betrieben.« »Haben Sie denn bemerkt, daß die Vorräte sich verminderten?« Aber da mußte der Großhändler lachen, was er selten tat. »Nein, nein – bester Herr Doktor, – entschuldigen Sie, daß ich lache: aber Sie sind wirklich naiv. Da draußen liegen jetzt ungefähr hunderttausend Tonnen Kohlen: Sie werden also einsehen, es gehört etwas dazu, um – « »Da müßte mit zwei Pferden vom Morgen bis zum Abend gestohlen werden«, warf ein jüngerer Geschäftsmann dazwischen, der witzig war. Als der Großhändler ausgelacht hatte, fuhr er fort: »Nein – sehen Sie! Der Diebstahl ist dadurch entdeckt worden, daß gestern etwas Schnee fiel.« »Was! Schnee – gestern? Davon weiß ich nichts.« »Es war auch nicht zu der Tageszeit, gnädige Frau, wo wir wach sind. Aber ganz frühmorgens fiel gestern etwas Schnee. Und als meine Leute nach dem Kohlenplatz kamen, entdeckten sie die Spur des Diebes oder der Diebe. Es stellte sich heraus, daß ein paar Bretter in dem Plankenwerk lose, aber so kunstvoll zusammengestellt waren, daß niemand darauf aufmerksam werden konnte. Und dahindurch werden also Nacht für Nacht die Diebstähle bewerkstelligt, – ist das nicht empörend?« »Aber warum halten dort der Herr Großhändler keinen Platzhund?« »Tu ich ja; aber es ist ein junges Tier – übrigens ausgezeichnete Rasse – halb Bluthund –, und wie zum Teufel diese Racker es auch anfangen mögen, es steht so aus, als stünden sie mit dem Tier auf freundschaftlichem Fuße; denn man fand die Spuren des Hundes mitten zwischen den Füßen des Diebes.« »Das ist doch merkwürdig; und nun soll also Sultan versuchen – « »Jawohl – ganz recht – heut' hab' ich Sultan hinausgeschickt; er wird mir die Kanaillen schon abfassen.« »Könnte man die losen Bretter nicht ordentlich festnageln?« »Das könnte man allerdings, Herr Kandidat Hansen. Aber die Burschen sollen gefaßt werden; sie sollen ihre wohlverdiente Strafe erhalten; mein Rechtsgefühl ist auf das tiefste verletzt.« »Es ist doch etwas Schönes um so ein treues Tier.« »Ja, nicht wahr, gnädige Frau? Wie wir Menschen doch mit Scham bekennen müssen, daß wir in mancher Hinsicht weit hinter den unvernünftigen Tieren zurückflehen.« »Ja – aber, Herr Großhändler, Sultan ist auch eine Perle. Er ist unbedingt der schönste Hund in ganz –« »Konstantinopel«, unterbrach Kandidat Hansen. »Das ist ein alter Witz des Herrn Hansen«, erklärte der Großhändler; »er hat das nordische Athen in das nordische Konstantinopel umgetauft, weil er der Ansicht ist, hier seien zu viel Hunde.« »Das ist gut für die Hundesteuer«, meinte einer. »Ja, wenn die Hundesteuer nicht so ungerecht verteilt wäre«, knurrte Kandidat Hansen. »Das hat doch keinen Sinn, daß eine honette, alte Dame, die sich einen Hund in ihrem Strickbeutel hält, ebensoviel bezahlen soll, wie einer, der sich den Scherz macht, seine Mitmenschen dadurch zu belästigen, daß er sich ein halbwildes Tier von der Größe eines kleinen Löwen hält.« »Wie würden – wenn man fragen darf – der Herr Kandidat die Hundesteuer berechnen?« »Nach dem Gewicht selbstverständlich«, antwortete Herr Wiggo Hansen, ohne sich lange zu bedenken. Die alten Großhändler und Stadtverordneten lachten über diese Idee, die Hunde nach dem Gewicht zu besteuern, so herzlich, daß die untere Hälfte des Tisches, wo man noch immer eifrig mit unerschütterlichen Überzeugungen herumwarf, aufmerksam wurde und seine Überzeugungen fallen ließ, um dem Gespräch über die Hunde zuzuhören. Und die Frage, ob man eine Dame eine feine Dame – eine wirklich feine Dame nennen kann, von der bekannt ist, daß sie auf einem Dampfschiff ihre Füße auf ein Taburett gestellt – niedrige Schuhe und gestrickte Strümpfe – blieb ebenfalls ungelöst. »Sie scheinen ja geradezu ein Hundehasser zu sein, Herr Kandidat«, sagte seine Tischdame, noch immer lachend. »Die Sache ist die, Frau Hansen,« rief der Doktor über den Tisch hin, »er hat eine schreckliche Angst vor den Hunden.« »Aber eines,« fuhr Frau Hansen fort, »eines müssen Sie doch einräumen, Herr Kandidat, daß nämlich der Hund zu allen Zeiten der treue Begleiter des Menschen gewesen ist.« »Ja, das ist wahr, gnädige Frau. Und ich könnte Ihnen sogar erzählen, was der Hund vom Menschen und der Mensch vom Hunde gelernt hat.« »Ach, erzählen Sie – erzählen Sie!« wurde von mehreren Seiten gerufen. »Mit Vergnügen .... Zunächst hat der Hund vom Menschen das Schweifwedeln gelernt.« »Das wäre doch höchst seltsam«, rief die alte Großmutter. »Dann hat der Hund sich all die Eigenschaften angeeignet, welche die Menschen gemein und unzuverlässig machen: kriechendes Schmeicheln nach oben und Roheit und Verachtung nach unten; das engherzigste Festhalten an dem Eignen und Mißtrauen und Feindschaft wider alles andere. Ja, so gelehrig ist das edle Tier gewesen, daß es sogar die rein menschliche Kunst versteht, die Leute nach den Kleidern zu beurteilen; gutgekleidete Leute läßt es gehen, die zerlumpten aber beißt es gleich in die Waden.« Hier wurde der Kandidat durch einen vielstimmigen Ausruf des Mißbehagens unterbrochen, und Fräulein Thyra ballte erbittert ihre kleine Hand um das Obstmesser. Aber es waren doch einige da, die hören wollten, was denn der Mensch vom Hunde gelernt habe, und Herr Wiggo Hansen fuhr fort – immer eifriger und bitterer: »Der Mensch hat vom Hunde gelernt, auf die hündische, unverdiente Verehrung Wert zu legen. Wenn alle Ungerechtigkeiten, alle Mißhandlungen nichts anderes zu gewärtigen haben, als dieses ewige Schweifwedeln, Bauchrutschen und Speichellecken, so kommt es schließlich dahin, daß der Herr glaubt, er sei ein Prachtkerl, dem all diese Hingebung mit Recht zuteil werde. Und indem er seine Erfahrungen mit dem Hunde auf seinen Umgang mit Menschen überträgt, tut er sich keinen Zwang an – in der Erwartung, wedelnde Schwänze und leckende Zungen zu finden. Und sieht er sich dann getäuscht, so verachtet er den Menschen und wendet sich mit hohen Lobreden dem Hunde zu.« Wiederum wurde er unterbrochen; einige lachten; aber die meisten ärgerten sich. Inzwischen war Wiggo Hansen in Zug gekommen. Seine kleine, scharfe Stimme durchdrang die Einwendungen und er behielt das Wort: »Und da wir vom Hunde sprechen, muß ich mir gestatten, eine außerordentlich tiefsinnige Hypothese von mir selbst aufzustellen. Sollte nicht etwas für unseren Nationalcharakter höchst Eigentümliches darin liegen, daß gerade wir diese edle Hunderasse hervorgebracht haben: diese berühmten, echten, dänischen Hunde? Dieses starke, breitbrüstige Tier mit den schweren Tatzen, dem schwarzen Maul und den fürchterlichen Zähnen, aber dabei so gutmütig, unschädlich und liebenswürdig, – erinnert das nicht an die berühmte unverwüstliche dänische Loyalität, die für alles Unrecht, für alle Mißhandlungen niemals etwas anderes übrig hatte als dies ewige Schweifwedeln, Bauchrutschen und Speichellecken? Und wenn wir dies Tier, das nach unserem eigenen Bilde geschaffen ist, bewundern, liegt da nicht eine Art wehmütiger Selbstberäucherung darin, wenn wir ihm den Kopf streicheln und sagen: du bist doch ein guter, treuer Bursche, ein richtiger Prachtkerl!« »Hören Sie, Herr Kandidat Hansen, ich kann nicht umhin, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in meinem Hause gewisse Dinge gibt, die –« Der Wirt war böse; aber ein gutmütiger Verwandter des Hauses beeilte sich, ihn zu unterbrechen: »Ich bin Landwirt, und Sie werden doch wohl zugeben, Herr Kandidat, daß ein guter Hofhund für uns geradezu eine Notwendigkeit ist – he?« »O ja – ein kleiner Köter, der kläffen kann, so daß der Knecht wach wird.« »Nein, danke! Wir müssen einen ordentlichen Hund haben, der die Kanaillen bei den Beinen packt. Ich habe nun einen prächtigen Bluthund.« »Und wenn dann ein anständiger Mensch gelaufen kommt, um Ihnen zu melden, daß es im Hintergebäude brennt, und Ihr prächtiger Bluthund ihm an die Kehle fährt – was dann?« »Ja – das wäre ein Reinfall«, lachte der Landwirt, und die anderen lachten ebenfalls. Herr Wiggo Hansen entwickelte jetzt einen solchen Eifer, nach allen Seiten hin zu antworten – auch mit den unsinnigsten Paradoxen –, daß vor allem die Jugend sich köstlich amüsierte, ohne auf die wachsende Verbitterung sonderlich zu achten. »Aber die Platzhunde, die Platzhunde! Die wollen Sie uns doch lassen, Herr Kandidat?« rief ein Kohlenhändler lachend. »Durchaus nicht! Nichts Unvernünftigeres, als daß ein armer Mann, der keine Kohlen hat und kommt, um seinen Sack an einem Kohlenberge zu füllen, daß der von einem wilden Tiere zerrissen werden soll. Zwischen einem so geringen Vergehen und einer so fürchterlichen Strafe existiert doch gar kein vernünftiges Verhältnis.« »Dürfen wir vielleicht erfahren, auf welche Weise Sie Ihren Kohlenberg beschützen würden, wenn Sie einen hätten?« »Ich würde den Platz mit einem dauerhaften Bretterzaun umgeben, und wenn ich sehr ängstlich wäre, würde ich mir einen Wächter halten, der höflich aber bestimmt zu dem Mann, der mit dem Sack käme, sagen sollte: Entschuldigen Sie, aber mein Herr nimmt es in diesem Punkte sehr genau. Sie dürfen Ihren Sack nicht füllen; Sie müssen sich schleunigst wieder entfernen.« Während des allgemeinen Lachens, das diesem letzten Paradoxon folgte, sprach ein ernster, geistlicher Herr unten bei den Damen: »Es kommt mir so vor, als fehle etwas in dieser Diskussion – etwas, das ich das ethische Moment nennen möchte. Haben wir nicht alle, die wir hier sitzen, in unserem Herzen eine bestimmte, klare Empfindung für das Empörende des Verbrechens, das wir Diebstahl nennen?« Allgemeine warme Zustimmung. »Und des weiteren: empört es uns nicht, daß wir hören müssen, wie ein Verbrechen, das sowohl das göttliche wie das menschliche Gesetz als eines der schlimmsten bezeichnet, wie ein solches Verbrechen als ein geringfügiges und unbedeutendes Vergehen hingestellt wird? Ob nicht solches Beginnen in hohem Grade geeignet ist, umstürzlerisch und gemeingefährlich zu wirken?« »Gestatten Sie auch mir,« antwortete sofort der unermüdliche Kandidat, »auf ein ethisches Moment hinzuweisen. Haben nicht Unzählige, die hier nicht sitzen, in ihrem Herzen eine bestimmte, klare Empfindung für das Empörende des Verbrechens, das sie Reichtum nennen? Und des weiteren: muß es nicht die, welche selbst keine anderen Kohlen besitzen als einen leeren Sack – muß es die nicht empören, wenn sie sehen, daß einer, der sich gestattet, zwei- bis dreimalhunderttausend Tonnen zu besitzen, wilde Tiere zur Bewachung seines Kohlenberges losläßt und dann zu Bett geht, nachdem er an das Tor geschrieben: ›Achtung, Hunde!‹ Muß nicht ein solches Beginnen in hohem Grade aufreizend und gemeingefährlich wirken?« »Ih – aber du grundgütiger Gott und Vater, das ist ja ein Sansculot!« rief die alte Großmutter. Die meisten murmelten ebenfalls mißvergnügt; er gehe zu weit; das sei nicht mehr spaßhaft. Nur einige wenige lachten noch: er meint es gar nicht so; das ist nur so seine Art und Weise, – prost Hansen! Aber der Wirt nahm die Sache ernster. Er dachte an sich selbst, und er dachte an Sultan. Mit unheimlicher Höflichkeit begann er: »Darf ich zunächst fragen, was der Herr Kandidat unter einem vernünftigen Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafe versteht?« »Zum Beispiel,« antwortete Herr Wiggo Hansen, der nun ganz wild war, »wenn ich von einem Großhändler hörte, der zwei-, dreimalhunderttausend Tonnen Kohlen besäße, daß dieser es einem armen Teufel verwehrt hätte, seinen Sack zu füllen, und daß dieser selbe Großhändler zur Strafe dafür von wilden Tieren zerrissen worden wäre – ja, das wäre ein Fall, den ich sehr wohl begreifen könnte; denn zwischen einer so großen Herzlosigkeit und einer so grausamen Strafe wäre doch ein vernünftiges Verhältnis –« »Meine Damen und Herren! Meine Frau und ich wünschen Ihnen eine gesegnete Mahlzeit!« Es entstand ein heimliches Flüstern und Wispern, und unter den Gästen herrschte eine gedrückte Stimmung, während man sich in den Salons verteilte. Der Wirt ging mit einem strammen Lächeln umher, und sobald er damit fertig war, jedem einzelnen eine gesegnete Mahlzeit zu wünschen, wandte er sich ab, um Kandidat Hansen aufzusuchen und ihm mit unzweideutigen Worten für alle Zeit die Tür zu weisen. Aber das war nicht mehr nötig; Herr Wiggo Hansen hatte sie schon gefunden III. Es hatte seine Richtigkeit mit dem Schnee, wie es der Großhändler erzählt hatte. Obschon kaum erst Winters Anfang war, fiel doch mehrere Tage nacheinander etwas nasser Schnee in der Morgenstunde; wenn aber die Sonne aufging, verwandelte er sich in einen feinen Regen. Übrigens war dies eigentlich das einzige Anzeichen, daß die Sonne heraufgekommen war; denn viel heller wurde es den ganzen Tag nicht, und auch nicht wärmer. Die Luft war dick von Nebel – nicht von dem weißgrauen Seenebel, sondern von dem braungrauen, dichten, toten Russennebel, der dadurch nicht leichter geworden, daß er über Schweden hingezogen war; und der Ostwind kam mitgezogen und verpackte ihn gut und fürsorglich unten zwischen die Häuser der Stadt Kopenhagen. Unter den Bäumen am Festungsgraben und in den Anlagen sah es ganz schwarz aus infolge des Herabtröpfelns von den Zweigen. Aber mitten auf die Straße und oben auf die Hausdächer legte der Schnee eine dünne, weiße Schicht. Drüben bei Burmeister \& Wain war's noch ganz still. Aus den Schornsteinen wirbelte der schwarze Morgenrauch empor, und der Ostwind warf ihn hinab auf die weißen Dächer, so daß er noch schwärzer wurde, und breitete ihn über den Hafen aus mitten in das Takelwerk der Schiffe, die in der grauen Beleuchtung trübselig und schwarz dalagen, mit weißen Schneestreifen auf dem Geländer. Auf dem Zollamt sollten die Bluthunde bald eingesperrt und die Tore geöffnet werden. Der Ostwind war heftig, er wälzte die Wellen hinein gegen die Lange Linie und brach sie in graugrünem Schaum zwischen den schlüpfrigen Steinen, während lange Wellenkämme in den Hafen hinübergingen, unter der Zollschranke plätscherten und große Namen und erhabene Erinnerungen im Kriegshafen umherrollten, wo die alten Holzfregatten abgetakelt und überdacht in ihrer ganzen imponierenden Unbrauchbarkeit lagen. Der Hafen war noch voll von Schiffen; auf den Landungsbrücken und in den Packhäusern lagen die Waren hoch aufgestapelt. Niemand konnte wissen, was für einen Winter man bekäme; ob man monatelang von der Welt abgeschlossen sein oder ob man mit Nebel und Schneefällen davonkommen würde. Deshalb lagen da viele Reihen von Petroleumfässern, die im Verein mit den ungeheuren Kohlenbergen auf einen strengen Winter lauerten. Und da lagen Röhren und Oxhofte mit Wein und Kognak, die geduldig auf neue Verfälschungen warteten. Tran und Talg und Eisen – alles lag da und wartete, ein jedes auf das seine. Überall lag da Arbeit und wartete – schwere Arbeit, grobe Arbeit und feine Arbeit unten vom Boden der schweren englischen Kohlendampfer an bis oben hinauf zu den drei vergoldeten Rettichen auf der neuen Kirche des Kaisers von Rußland in der Breiten Straße. Aber noch war niemand da, der zugriff. Die Stadt schlief so schwer, und die Luft war so schwer, und der Winter war im Anzug; und auf den Straßen war es so still, daß man das Wasser aus dem Schnee, der auf den Dächern schmolz, mit tiefem Glucksen in die Dachrinnen hinabfallen hörte, als ob selbst die großen Steinhäuser noch im Halbschlaf schluchzten. Drüben auf dem Holm begann eine kleine schläfrige Morgenglocke zu läuten; da und dort wurde eine Tür geöffnet, und ein Hund kam heraus, um zu bellen. Gardinen wurden aufgerollt und Fenster geöffnet, das Stubenmädchen ging in den Zimmern umher und räumte bei offenem Lichte auf, das da stand und flackerte; im königlichen Schloß lag ein betreßter Lakai im Fenster und polkte sich in der frühen Morgenstunde in der Rase. Dick lag der Nebel über dem Hafen und hing noch in dem Takelwerk der großen Schiffe wie im Walde: Regen und nasse Schneeflocken machten ihn noch dichter: aber der Ostwind preßte ihn zwischen die Häuser und füllte den ganzen Amalienplatz an, so daß Friedrich V. wie in den Wolken dasaß und die stolze Nase unbekümmert seiner halbfertigen Kirche zukehrte. Mehrere schläfrige Glocken fingen jetzt an: und mit einem Höllenpfiff setzte eine Dampfpfeife ein. In den Schenken, die ›vor dem Glockenläuten‹ geöffnet werden, ward schon mit warmem Kaffee und Schnaps Frühmesse gehalten; aus den Seemannshäusern am neuen Hafen kamen Mädchen nach einer wilden Nacht mit lose über den Rücken herabhängendem Haar und machten sich daran, schläfrig die Fenster zu putzen. Die Luft war scharf, und wer über den Neumarkt mußte, eilte schnell an Öhlenschläger vorüber, den sie da barhäuptig vors Theater gestellt hatten, die Vatermörder voll Schnee, der schmolz und ihm in den offenen Hals hinabrann. Nun kamen die langen, unerbittlichen Pfiffe der Dampfpfeifen aus den Fabriken der ganzen Stadt, und im Hafen schossen die kleinen Dampfer umher und pfiffen ohne jeden Zweck. Die Arbeit, die überall wartete, begann die vielen kleinen dunklen Gestalten zu verschlingen, die schläfrig und verfroren zum Vorschein kamen und rings in der Stadt verschwanden. Und es entstand beinah ein stilles Gewimmel auf den Straßen, einige liefen, andere schleppten sich nur so dahin – nicht bloß alle, die in die Kohlendampfer hinüber sollten, sondern auch die hinauf mußten, um die Rettiche des Kaisers von Rußland zu vergolden, und tausend andere, die von jeder Art Arbeit verschlungen wurden. Und die Wagen begannen zu rasseln, die Ausrufer zu schreien, die Maschinen erhoben ihre ölglänzenden Schultern und drehten die sausenden Räder, und allmählich vibrierte die schwere dicke Luft in einem gedämpften Gesumme von der vereinten Arbeit vieler Tausende von Menschen; der Tag hatte begonnen; das fröhliche Kopenhagen war erwacht. Den Polizisten Frode Hansen fror es bis in seinen innersten Koeffizienten. Es war eine ungewöhnlich schwere Wache gewesen, und ungeduldig ging er in Aabenraa auf und ab und wartete auf Frau Hansen. Sie pflegte um diese Zeit oder sogar noch früher zu kommen, und heute war er fest entschlossen, es bis zu einer Flasche Bier oder einer Tasse warmen Kaffee zu treiben. Aber Frau Hansen kam nicht; und er begann darüber nachzudenken, ob es nicht doch seine Pflicht sei, sie anzuzeigen; sie trieb es doch zu arg; das konnte nicht länger so gehen, die Spiegelfechterei mit diesen Kohlblättern und diesem Kohlenhandel. Auch Thyra und Waldemar hatten schon mehrmals in die Küche hinausgelugt, ob die Mutter noch nicht gekommen sei und den Kaffee aufgesetzt habe. Aber es war noch schwarz da unter dem Kessel und in der Luft so finster, und in der Stube so kalt, daß sie wieder ins Bett hüpften, ins Stroh krochen und sich damit amüsierten, sich einander vor den Leib zu stoßen. Als sie das große Tor zu des Großhändlers Hansen Kohlenlager in Kristianshafen öffneten, saß Sultan da und schielte beschämt zur Seite. Es war aber auch eine widerwärtige Arbeit, die man ihm da übertragen hatte. In einem Winkel fanden die Arbeiter zwischen zwei leeren Körben einen Haufen Lumpen, aus dem es schwach herausstöhnte. Auf dem Schnee fanden sich ein paar Tropfen Blut und unmittelbar daneben lag unberührt ein Stück Wiener Brot mit Zucker darauf. Als der Werkführer den Zusammenhang begriff, wandte er sich nach Sultan um: das verdiente ein Lob. Aber Sultan war schon nach Hause gegangen; die Sache war ihm unbehaglich. Nun lasen sie die in der Ecke auf, so wie sie war – naß und eklig, und der Werkführer bestimmte, daß sie mit dem ersten Kohlenwagen, der zur Stadt fuhr, fortgeschafft würde; dann konnte man beim Hospital anhalten und dann konnte der Professor nachsehen, ob sich eine Reparatur verlohnte. Gegen zehn Uhr begann sich die Familie des Großhändlers am Frühstückstisch zu sammeln. Thyra kam zuerst. Sie eilte auf Sultan zu, streichelte und küßte ihn und überschüttete ihn mit zärtlichen Worten. Aber Sultan rührte seinen Schwanz nicht; kaum daß er die Augen erhob. Er fuhr fort, sich die Pfoten zu lecken, die von den Kohlen etwas geschwärzt waren. »Gott, liebe Mama!« rief Fräulein Thyra, »Sultan ist bestimmt krank. Natürlich hat er sich heute nacht erkältet; es war aber auch abscheulich von Papa.« Aber als Waldemar kam, erklärte dieser mit Kennermiene, Sultan fühle sich beleidigt. Da warfen sich alle drei über ihn mit Bitten und Entschuldigungen und freundlichen Worten. Aber Sultan sah kalt von dem einen zu dem anderen; es war klar, Waldemar hatte recht. Da lief Thyra hinaus zum Vater, und der Großhändler kam herein, ernst und etwas feierlich. Soeben war ihm durchs Telephon vom Kontor erzählt worden, wie gut Sultan aufgepaßt hatte, und indem er jetzt auf dem Kaminteppich vor Sultan niederkniete, dankte er ihm gerührt für den großen Dienst. Das stimmte Sultan etwas milder. Nun erzählte der Großhändler der Familie – noch immer kniend und Sultans Pfote in der seinen haltend – wie es heute nacht zugegangen war. Daß der Dieb ein verkommenes Frauenzimmer gewesen – eines der allerschlimmsten –, das sogar – man denke einmal! – einen ziemlich schwunghaften Handel mit den gestohlenen Kohlen getrieben habe. Sie war so gerieben gewesen, den jungen Platzhund mit einem Stück Feinbrot zu bestechen; aber natürlich nützte ihr das bei Sultan nichts. »Und das erinnert mich daran, wie eine gewisse Person, die ich nicht nennen mag, oft mit gewissen Redensarten um sich warf, es sei eine Schande, daß ein Tier Brot verschmähe, für das mancher Mensch dankbar sein würde. Sehen wir jetzt nicht, wozu das gut war? Gerade vermöge dieser – hm! – dieser Eigentümlichkeit war Sultan imstande, ein abscheuliches Verbrechen aufzudecken, zur gerechten Bestrafung der Missetat beizutragen und auf diese Weise nicht bloß uns, sondern auch der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen.« »Aber höre, Papa,« rief Fräulein Thyra, »willst du mir eines geloben?« »Was denn, Kind?« »Daß du von Sultan so was nie wieder verlangen willst; laß sie lieber ein wenig stehlen.« »Das gelobe ich dir, Thyra, – und dir ebenfalls, mein braver Sultan«, sprach der Großhändler und richtete sich mit Würde auf. »Sultan hat Hunger«, sagte Waldemar mit seiner Kennermiene. »Mein Gott, Thyra, hol ihm doch seine Koteletts!« Thyra wollte in die Küche hinunterstürzen; aber in demselben Augenblick brachte Stine sie schon heiß herauf. Vermutlich hatte der Professor gefunden, daß sich bei Frau Hansen eine Reparatur nicht verlohnte; denn sie kam nie wieder zum Vorschein, und die Kinder gingen ganz um die Ecke. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. –