Karl Kraus Gedichte und Aufsätze zur deutschen Sprache Abenteuer der Arbeit Was leicht mir in den Schoß fiel, wie schwer muß ich's erwerben, bang vor des Worts Verderben. O daß mir dieses Los fiel! Zuerst war's in der Hand mir, dann wollt' es sich entfernen, da mußt' ich suchen lernen; es schwindet der Verstand mir. Das Wort hier ist ein Zunder für das an jener Stelle Gleich brennt die ganze Hölle. Das Wort ist mir ein Wunder. Wie öffnet es die Lider, die sonst geschlossen waren. Hier gibt es nur Gefahren. Ich kenn' das Wort nicht wieder. Tausch' ich es, wird's mich täuschen. Wie es sich an mich klettet, seitdem ich es gerettet aus vielfachen Geräuschen. Das was mir einfiel, hat mich, der ich's nie haben werde, ich steh' auf schwanker Erde und setze selber matt mich. Ich wähl' im Zweifelsfalle von zweien Wegen beide. Ich röste mich am Leide, bin in der Teufelsfalle. Ein unerschrockner Tadler will ich mir nichts erlauben, als aus dem reinsten Glauben zu spielen Kopf und Adler. Und wenn der Kopf aufs Wort kam, der Adler fällt getroffen – so blieb der Zweifel offen, ich weiß nicht, wie ich fortkam. Wer mit dem Geist verwandt ist, in Bildern und in Schemen die Welt beim Wort zu nehmen – beim Himmel kein Pedant ist! In sprachzerfallnen Zeiten im sichern Satzbau wohnen: dies letzte Glück bestreiten noch Interpunktionen. Wie sie zu rasch sich rühren, wie sie ins Wort mir zanken – ein Strich durch den Gedanken wird mich ins Chaos führen; obgleich ein Strichpunkt riefe , dem Komma nicht zu trauen : ein Doppelpunkt läßt schauen in eines Abgrunds Tiefe! Dort droht ein Ausrufzeichen wie von dem jüngsten Tage. Und vor ihm kniet die Frage: Läßt es sich nicht erweichen? Wie ich es nimmer wage, und wie ich's immer wende, ein Werk ist nie zu Ende – am Ausgang steht die Frage. Und eh' mein Herz verzage, den Ausgang zu erreichen, setz' heimlich ich ein Zeichen – dem Zeichen folgt die Frage. Es zündet immer weiter der Blitz, der mich zerrissen. Mein eignes besseres Wissen will Antwort vom Begleiter. Mit angstverbrannter Miene stock' ich vor jeder Wendung, entreiß' mich der Vollendung durch eine Druckmaschine. Wie schön ist es gewesen, am Wege waren Wonnen. Was heimlich süß begonnen, nun werden's Leute lesen. O Glück im Wortverstecke des unerlösten Denkens, Versagens und sich Schenkens – was bog dort um die Ecke? Noch nicht erseh'n, erseh'n ich's. Vorweltlich Anverwandtes, eh' ich's gesetzt hab', stand es, und nun mir selbst entlehn' ich's. Entzückung fand der Gaffer am tausendmal Geschauten. Aus tagverlornen Lauten erlöst er die Metapher. Im Hin- und Wiederfluten der holden Sprachfiguren folgt er verbotnen Spuren posthumer Liebesgluten. In Hasses Welterbarmung verschränkt sich Geist und Sache zu weltverhurter Sprache chiastischer Umarmung. Wer sprechen kann, der lache und spreche von den Dingen. Mir wird es nie gelingen, sie bringen mich zur Sprache. Das Wort trieb mit den Winden und spielt mit Wahngestalten. Im Wortspiel sind enthalten Gedanken, die mich finden. Wenn ich so weiter fortspiel', vor solchem kühnen Zaudern wird es die Nachwelt schaudern. Denn alles war im Wortspiel. Dem ewigen Erneuern, zum Urbild zu gelangen, entrinn' ich nur, gefangen in neuen Abenteuern. Durch jedes Tonfalls Fessel gehemmt aus freien Stücken, erlebt sich das Entrücken auf einem Schreibtischsessel. Was leicht mir in den Schoß fiel, wie schwer muß ich's erwerben, bang vor des Worts Verderben. O daß mir dieses Los fiel! Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen Geehrter Herr Kraus, Innsbruck, 25. August 1920 Zufällig ist mir die letzte Nummer Ihrer »Fackel« in die Hände gekommen (ich war bis 4./II.. 1. J. Abonnentin) u. ich möchte mir gestatten Ihnen betreffs des von Ihnen so sehr bewunderten Briefes der Rosa Luxemburg Einiges zu erwidern, obwohl Ihnen eine Zuschrift aus dem ominösen Innsbruck vielleicht nicht sehr willkommen ist. Also: der Brief ist ja wirklich recht schön u. rührend u. ich stimme ganz mit Ihnen überein, daß er sehr wohl als Lesestück in den Schulbüchern für Volks- u. Mittelschulen figurieren könnte, wobei man dann im Vorwort lehrreiche Betrachtungen darüber anstellen könnte, wie viel ersprießlicher und erfreulicher das Leben der Luxemburg verlaufen wäre, wenn sie sich statt als Volksaufwieglerin etwa als Wärterin in einem Zoologischen Garten od. dgl. betätigt hätte, in welchem Fall ihr wahrscheinlich auch das »Kittchen« erspart geblieben wäre . Bei ihren botanischen Kenntnissen u. ihrer Vorliebe für Blumen hätte sie jedenfalls auch in einer größeren Gärtnerei lohnende u. befriedigende Beschäftigung gefunden u. hätte dann gewiß keine Bekanntschaft mit Gewehrkolben gemacht. Was die etwas larmoyante Beschreibung des Büffels anbelangt, so will ich es gern glauben, daß dieselbe ihren Eindruck auf die Tränendrüsen der Kommerzienrätinnen u. der ästhetischen Jünglinge in Berlin, Dresden u. Prag nicht verfehlt hat. Wer jedoch, wie ich, auf einem großen Gute Südungarns aufgewachsen ist , u. diese Tiere, ihr meist schäbiges, oft rissiges Fell u. ihren stets stumpfsinnigen »Gesichtsausdruck« von Jugend auf kennt, betrachtet die Sache ruhiger. Die gute Luxemburg hat sich von den betreffenden Soldaten tüchtig anplauschen lassen ( ähnlich wie s. Z. der sel. Benedikt mit den Grubenhunden) wobei wahrscheinlich noch Erinnerungen an Lederstrumpf, wilde Büffelherden in den Prärien etc. in ihrer Vorstellung mitgewirkt haben. – Wenn wirklich unsere Feldgrauen , abgesehn von den schweren Kämpfen, die sie in Rumänien zu bestehen hatten, noch Zeit, Kraft u. Lust gehabt hätten, wilde Büffel zu Hunderten einzufangen u. dann stracks zu Lasttieten zu zähmen, so wäre das aller Bewunderung wert, u. entschieden noch erstaunlicher, als daß die urkräftigen Tiere sich diese Behandlung hätten gefallen lassen. Nun muß man aber wissen, daß die Büffel in diesen Gegenden seit undenklichen Zeiten mit Vorliebe als Lasttiere (sowie auch als Milchkühe) gezüchtet u. verwendet werden. Sie sind anspruchslos im Futter u. ungeheuer kräftig, wenn auch von sehr langsamer Gangart . Ich glaube daher nicht, daß der » geliebte Bruder« der Luxemburg besonders erstaunt gewesen sein dürfte , in Breslau einen Lastwagen ziehn zu müssen u. mit »dem Ende des Peitschenstieles« Eines übers Fell zu bekommen . Letzteres wird wohl wenn es nicht gar zu roh geschieht – bei Zugtieren ab u. zu unerläßlich sein, da sie bloßen Vernunftgründen gegenüber nicht immer zugänglich sind , – ebenso wie ich Ihnen als Mutter versichern kann, daß eine Ohrfeige bei kräftigen Buben oft sehr wohltätig wirkt! Man muß nicht immer das Schlimmste annehmen u. die Leute (u. die Tiere) prinzipiell nur bedauern, ohne die näheren Umstände zu kennen. Das kann mehr Böses als Gutes anrichten. Die Luxemburg hätte gewiß gerne , wenn es ihr möglich gewesen wäre, den Büffeln Revolution gepredigt u. ihnen eine Büffel-Republik gegründet, wobei es sehr fraglich ist, ob sie imstande gewesen wäre, ihnen das – von ihr – geträumte Paradies mit »schönen Lauten der Vögel u. melodischen Rufen des Hirten« zu verschaffen u. ob die Büffel auf Letzteres so besonderes Gewicht legen . Es gibt eben viele hysterische Frauen, die sich gern in Alles hineinmischen u. immer Einen gegen den Anderen hetzen möchten; sie werden, wenn sie Geist und einen guten Stil haben , von der Menge willig gehört u. stiften viel Unheil in der Welt, so daß man nicht zu sehr erstaunt sein darf , wenn eine solche, die so oft Gewalt gepredigt hat, auch ein gewaltsames Ende nimmt . Stille Kraft, Arbeit im nächsten Wirkungskreise, ruhige Güte u. Versöhnlichkeit ist, was uns mehr not tut, als Sentimentalität u. Verhetzung. Meinen Sie nicht auch? Hochachtungsvoll Frau v. X-Y. Was ich meine, ist: daß es mich sehr wenig interessiert, ob eine Nummer der Fackel »zufällig« oder anderwegen einer derartigen Bestie in ihre Fänge gekommen ist und ob sie bis 4. II. 1. J. Abonnentin war oder es noch ist. Ist sie's gewesen, so weckt es unendliches Bedauern, dal sie's nicht mehr ist, denn wäre sie's noch, so würde sie's am Tage des Empfangs dieses Briefes, also ab 28. VIII 1. J. nicht mehr sein. Weil ja bekanntlich die Fackel nicht wehrlos gegen das Schicksal ist, an solche Adresse zu gelangen. Was ich meine, ist: daß mir diese Zuschrift aus dem ominösen Innsbruck insofern ganz willkommen ist, als sie mir das Bild, das ich von der Geistigkeit diese Stadt empfangen und geboten habe, auch nicht in einen Wesenszug alteriert und im Gegenteil alles ganz so ist wie es sein soll. Was ich meine, ist, daß neben dem Brief der Rosa Luxemburg, wenn sich die sogenannten Republiken dazu aufraffen könnten, ihn durch ihre Lesebücher den aufwachsenden Generationen zu überliefern, gleich der Brief dieser Megäre abgedruckt werden müßte, um der Jugend nicht allein Ehrfurcht vor der Erhabenheit der menschlichen Natur beizubringen, sondern auch Abscheu vor ihrer Niedrigkeit und an dem handgreiflichsten Beispiel ein Gruseln vor der unausrottbaren Geistesart deutscher Fortpflanzerinnen, die uns das Leben bis zur todsichern Aussicht auf neue Kriege verhunzen wollen und die dem Satan einen Treueid geschworen zu haben scheinen, eben das was sie anno 1914 aus Heldentodgeilheit nicht verhindert haben, immer wieder geschehen zu lassen. Was ich meine, ist – und da will ich einmal mit dieser entmenschten Brut von Guts- und Blutsbesitzern und deren Anhang, da will ich mit ihnen, weil sie ja nicht deutsch verstehen und aus meinen »Widersprüchen« auf meine wahre Ansicht nicht schließen können, einmal deutsch reden, nämlich weil ich den Weltkrieg für eine unmißdeutbare Tatsache halte und die Zeit, die das Menschenleben auf einen Dreckhaufen reduziert hat, für eine unerbittliche Scheidewand – was ich meine, ist: Der Kommunismus als Realität ist nur das Widerspiel ihrer eigenen lebensschänderischen Ideologie, immerhin von Gnaden eines reineren ideellen Ursprungs, ein vertracktes Gegenmittel zum reineren ideellen Zweck – der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante Drohung über den Häuptern jener, so da Güter besitzen und alle andern zu deren Bewahrung und mit dem Trost, daß das Leben der Güter höchstes nicht sei, an die Fronten des Hungers und der vaterländischen Ehre treiben möchten. Gott erhalte ihn uns, damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein und aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde, damit die Gesellschaft der ausschließlich Genußberechtigten, die da glaubt, daß die ihr botmäßige Menschheit genug der Liebe habe, wenn sie von ihnen die Syphilis bekommt, wenigstens doch auch mit einem Alpdruck zu Bette gehe! Damit ihnen wenigstens die Lust vergehe, ihren Opfern Moral zu predigen, und der Humor, über sie Witze zu machen! Zu Betrachtungen, wie viel ersprießlicher und erfreulicher das Leben der Luxemburg verlaufen wäre, wenn sie sich als Wärterin in einem Zoologischen Garten betätigt hätte statt als Bändigerin von Menschenbestien, von denen sie schließlich zerfleischt ward, und ob sie als Gärtnerin edler Blumen, von denen sie allerdings mehr als eine Gutsbesitzerin wußte, lohnendere und befriedigendere Beschäftigung gefunden hätte denn als Gäterin menschlichen Unkrauts – zu solchen Betrachtungen wird, solange die Frechheit von der Furcht gezügelt ist, kein Atemzug langen. Auch bestünde die Gefahr, daß etwaiger Spott über das »Kittchen«, in dem eine Märtyrerin sitzt, auf der Stelle damit beantwortet würde, daß man es der Person, die sich solcher Schändlichkeit erdreistet hat, in die Höhe hebt, wenn man nicht eine Ohrfeige vorzöge, die, wie ich Ihnen versichern kann, bei kräftigen Heldenmüttern sehr wohltätig wirkt! Was vollends den Hohn darüber betrifft, daß Rosa Luxemburg »mit Gewehrkolben Bekanntschaft gemacht« hat, so wäre er gewiß mit ein paar Hieben, aber nur mit jenem Peitschenstiel, der Rosa Luxemburgs Büffel getroffen hat, nicht zu teuer bezahlt. Nur keine Sentimentalität! Larmoyante Beschreibungen solcher Prozeduren können wir nicht brauchen, das ist nichts für die Lesebücher. Wer auf einem großen Gut Südungarns aufgewachsen ist, wo das sowieso schon schäbige und rissige Fell der Büffel kein Mitleid mehr aufkommen läßt und ihr stets stumpfsinniger »Gesichtsausdruck« – ein Gesichtsausdruck, der mithin nicht nach der Andacht einer Luxemburg, sondern nach Gänsefüßen, nach den Fußtritten einer Gans verlangt – sich von dem idealen Antlitz der südungarischen Gutsbesitzer unsympathisch abhebt, der weiß, daß man in Ungarn noch ganz andere Prozeduren mit den Geschöpfen Gottes vornimmt, ohne mit der Wimper zu zucken. Und daß die Gutsbesitzerinnen mit den Kommerzienrätinnen darin völlig einig sind, sichs wohl gefallen zu lassen. Ich meine nun freilich, daß man weder für Revolutionstribunale sich begeistern noch mit dem Standpunkt jener Offiziere sympathisieren soll, die sich aus dem Grunde, weil das Letzte, was ihnen geblieben ist, die Ehre ist, dazu hingerissen fühlen, ihre Nebenmenschen zu kastrieren. Aber so ungerecht bin ich doch, daß ich zum Beispiel Damen, die noch heute »unsere Feldgrauen« sagen, verurteilen würde, den Abort einer Kaserne zu putzen und hierauf »stracks« den Adel abzulegen, von dem sie sich noch immer, und wär's auch nur in anonymen Besudelungen einer Toten, nicht trennen können. Allerdings meine ich auch, daß unsere Feldgrauen, abgesehen von den schweren Kämpfen, die sie in Rumänien zu bestehen hatten und zwar nur deshalb, weil die Lesebücher bis 1914 noch nicht vom Geist der guten Rosa Luxemburg, sondern von dem der Gutsbesitzerinnen inspiriert waren, faktisch auch Zeit, Kraft und Lust gehabt haben, Büffel zu stehlen und zu zähmen, und ferner, daß, solange die Bewunderung deutscher und südungarischer Walküren für die militärische Büffeldressur vorhält, auch die Menschheit nicht davor bewahrt sein wird, mit Vorliebe zu Lasttieren abgerichtet zu werden. Was ich aber außerdem noch meine – da ja nun einmal meine Meinung und nicht bloß mein Wort gehört werden will – ist: daß, wenn das Wort der guten Rosa Luxemburg nicht von der geringsten Tatsächlichkeit beglaubigt wäre und längst kein Tier Gottes mehr auf einer grünen Weide, sondern alles schon im Dienste des Kaufmanns, sie doch vor Gott wahrer gesprochen hätte als solch eine Gutsbesitzerin, die am Tier die Anspruchslosigkeit im Futter rühmt und nur die langsame Gangart beklagt, und daß die Menschlichkeit, die das Tier als den geliebten Bruder anschaut, doch wertvoller ist als die Bestialität, die solches belustigend findet und mit der Vorstellung scherzt, daß ein Büffel »nicht besonders erstaunt« ist, in Breslau einen Lastwagen ziehen zu müssen und mit dem Ende eines Peitschenstieles »Eines übers Fell zu bekommen«. Denn es ist jene ekelhafte Gewitztheit, die die Herren der Schöpfung und deren Damen »von Jugend auf« Bescheid wissen läßt, daß im Tier nichts los ist, daß es in demselben Maße gefühllos ist wie sein Besitzer, einfach aus dem Grund, weil es nicht mit der gleichen Portion Hochmut begabt wurde und zudem nicht fähig ist, in dem Kauderwelsch, über welches jener verfügt, seine Leiden preiszugeben. Weil es vor dieser Sorte aber den Vorzug hat, »bloßen Vernunftgründen gegenüber nicht immer zugänglich« zu sein, erscheint ihr der Peitschenstiel »wohl ab und zu unerläßlich«. Wahrlich, sie verwendet ihn bloß aus dumpfer Wut gegen ein unsicheres Schicksal, das ihr selbst ihn irgendwie vorzubehalten scheint! Sie ohrfeigen auch ihre Kinder nur, deren Kraft sie an der eigenen Kraft messen, oder lassen sie von sexuell disponierten Kandidaten der Theologie nur darum mit Vorliebe martern, weil sie vom Leben oder vom Himmel irgendwas zu befürchten haben. Dabei haben die Kinder doch den Vorteil, daß sie die Schmach, von solchen Eltern geboren zu sein, durch den Entschluß, bessere zu werden, tilgen oder andernfalls sich dafür an den eigenen Kindern rächen können. Den Tieren jedoch, die nur durch Gewalt oder Betrug in die Leibeigenschaft des Menschen gelangen, ist es in dessen Rat bestimmt, sich von ihm entehren zu lassen, bevor sie von ihm gefressen werden. Er beschimpft das Tier, indem er seinesgleichen mit dem Namen des Tiers beschimpft, ja die Kreatur selbst ist ihm nur ein Schimpfwort. Über nichts mehr ist er erstaunt, und dem Tier, das es noch nicht verlernt hat, erlaubt ers nicht. Das Tier darf so wenig erstaunt sein über die Schmach, die er ihm antut, wie er selbst; und wie nur ein Büffel nicht über Breslau staunen soll, so wenig staunt der Gutsbesitzer, wenn der Mensch ein gewaltsames Ende nimmt. Denn wo die Welt für ihre Ordnung in Trümmer geht, da finden sie alles in Ordnung. Was will die gute Luxemburg? Natürlich, sie, die kein Gut besaß außer ihrem Herzen, die einen Büffel als Bruder betrachten wollte, hätte gewiß gern, wenn es ihr möglich gewesen wäre, den Büffeln Revolution gepredigt, ihnen eine Büffel-Republik gegründet, womöglich mit schönen Lauten der Vögel und dem melodischen Rufen der Hirten, wobei es fraglich ist, »ob die Büffel auf Letzteres so besonderes Gewicht legen«, da sie es selbstverständlich vorziehen, daß nur auf sie selbst Gewicht gelegt wird. Leider wäre es ihr absolut nicht gelungen, weil es eben auf Erden ja doch weit mehr Büffel [Büttel?] gibt als Büffel! Daß sie es am liebsten versucht hätte, beweist eben nur, daß sie zu den vielen hysterischen Frauen gehört hat, die sich gern in Alles hineinmischen und immer Einen gegen den Anderen hetzen möchten. Was ich nun meine, ist, daß in den Kreisen der Gutsbesitzerinnen dieses klinische Bild sich oft so deutlich vom Hintergrund aller Haus- und Feldtätigkeit abhebt, daß man versucht wäre zu glauben, es seien die geborenen Revolutionärinnen. Bei näherem Zusehn würde man jedoch erkennen, daß es nur dumme Gänse sind. Womit man aber wieder in den verbrecherischen Hochmut der Menschenrasse verfiele, die alle ihre Mängel und üblen Eigenschaften mit Vorliebe den wehrlosen Tieren zuschiebt, während es zum Beispiel noch nie einem Ochsen, der in Innsbruck lebt, oder einer Gans, die auf einem großen südungarischen Gut aufgewachsen ist, eingefallen ist, einander einen Innsbrucker oder eine südungarische Gutsbesitzerin zu schelten. Auch würden sie nie, wenn sie sich schon vermäßen, über Geistiges zu urteilen, es beim »guten Stil« anpacken und gönnerisch eine Eigenschaft anerkennen, die ihnen selbst in so auffallendem Maße abgeht. Sie hätten – wiewohl sie bloßen Vernunftgründen »gegenüber« nicht immer zugänglich sind – zu viel Takt, einen schlecht geschriebenen Brief abzuschicken, und zu viel Scham, ihn zu schreiben. Keine Gans hat eine so schlechte Feder, daß sie's vermöchte! Meinen Sie nicht auch? Sie ist intelligent, von Natur gutmütig und mag von ihrer Besitzerin gegessen, aber nicht mit ihr verwechselt sein. Was nun wieder diese Kreatur vor jener voraus hat, ist, daß sie sichs im Ernstfall, wenn's ihr selbst an den Kragen gehen könnte, beim Himmel mit dem Katechismus zu richten versteht und daß sie dazu noch die Güte für sich selbst hat, einen zu ermahnen, man müsse »nicht immer das Schlimmste annehmen und die Leute (u. die Tiere) prinzipiell nur bedauern, ohne die näheren Umstände zu kennen; das kann mehr Böses als Gutes anrichten.« Böses vor allem für die prädestinierten Besitzer von Leuten (u. Tieren), deren Verfügungsrecht einer göttlichen Satzung entspricht, die nur Aufwiegler und landfremde Elemente wie zum Beispiel jener Jesus Christus antasten wollen, die aber in Geltung bleibt, da das Streben nach irdischen Gütern Gottseidank älter ist als das christliche Gebot und dieses überleben wird. So meine ich! Bei den Tschechen und bei den Deutschen Meinungen, Richtungen, Weltanschauungen – es kommt doch zuerst und zuletzt auf nichts anderes an als auf den Satz. Die ihn nicht können, fangen beim Lebensinhalt an, welchen sie infolgedessen nicht haben und welcher da ist, wenn der Satz gelingt. Es wird kaum je einen Autor gegeben haben, dem Stofflicheres Wirklicheres, Zeitlicheres abgenommen werden konnte als dem, der meine Schriften geschrieben hat, und doch habe ich mich mein Lebtag um nichts anderes als um den Satz geschoren, darauf vertrauend, daß ihm schon das Wahre über die Menschheit, über ihre Kriege und Revolutionen, über ihre Christen und Juden, einfallen wird. Wenn man es las, war es Politik. Wenn man liest, was ich davon halte, ist es l'art pour l'art. Das kommt davon, daß man weder jenes noch dieses versteht, und davon kommt, daß alle Kritik, aller Widerspruch und aller Einwand von »Widersprüchen« an mir abgleiten muß, von mir nur beachtet und gefürchtet wie alles, dessen Stumpfheit mich anregt und das mich betrifft, auch wenn es mich nicht meint. Ob es nun so ist, daß mich der Stoff überwächst oder ob ich an der Unmöglichkeit, ihn zu bestreiten, wachse; und in welche Beziehung man mich immer zu dieser Wirklichkeit setzen will, und ob meine Feinde glauben, daß ich Mücken seige und Kamele, so groß wie sie, verschlucke: ich bleibe ihrer Kritik unerreichbar, weil ich weder dies noch jenes tue, sondern Sätze schreibe. Weil das bisher in der deutschen Literatur noch so selten der Fall war und ganz gewiß nie mit solch erschöpfender Ausschließlichkeit des Interesses an dem, was den Beruf des Schriftstellers ausmacht, so sind es die Leser nicht gewohnt, es verwirrt sie und sie sprechen darum, da sie ja doch von etwas sprechen müssen, so gern von etwas anderm, was mit dem Beruf des Schriftstellers gar nichts zu tun hat, und legen ihm dessen Erfüllung als Marotte und das Bewußtsein um dessen Erfüllung als Eitelkeit aus. Denn nichts verstehen die Menschen weniger, über nichts staunen sie mehr, als daß der Schriftsteller es mit dem Wort, der Maler es mit der Farbe zu schaffen haben möchte; daß sie Erlebnisse haben möchten, die nicht das geringste mit dem eigentlichen Gegenstande zu schaffen haben, also mit einer Gerichtsverhandlung oder mit einer Madonna. Sie maßen sich in diesen Dingen ein Urteil aus dem Grunde an, weil ja, soweit sie in der Anordnung der Worte und der Farben den Gegenstand erkennen, doch wirklich so etwas wie die Gerichtsverhandlung oder die Madonna herauskommt, und dies eben gibt ihnen das Recht, diese und jene zu agnoszieren. Anstatt der Kunst dankbar zu sein, daß sie einen den Gegenstand verkennen lehrt, »stehn sie hier auf ihrem Schein«. Würden sie einen Satz so oft lesen als er erlebt wurde, so würden sie den Gegenstand nicht mehr sehen, den sie beim einmaligen Lesen eben noch erkennen. Die von mir sagen, daß ich einen guten Stil schreibe, wissen das sicher nur vom Hörensagen; denn in Wahrheit ist für sie noch nie ein schlechterer geschrieben worden. Die Erlaubnis, auf Druckfehler aufmerksam zu machen, hat dies in einer umfassenden Weise offenbart. Man könnte aus den Fällen, wo ein Sprachwert als Druckfehler angezeigt wird, einen Roman der wildesten Abenteuer des Geistes, also eine Sprachlehre machen. Es »jückt« mich in den Fingern. (Auf diese Begegnung einer faustischen mit einer jüdischen Nuance in einem Vokal haben etliche Leser von »Literatur« als auf einen Druckfehler aufmerksam gemacht.) Stil kann man getrost als das definieren, was der Leser nicht versteht. Denn er ist schon dadurch, daß er die Sprache spricht, der Fähigkeit überhoben, sie zu hören. Er ist und bleibt auf nichts anderes eingestellt, als daß der Autor die Meinung, die er als der vermutlich Klügere haben könnte, ihm sage, die Gegenmeinung oder alles ironisch Gemeinte in Gänsefüßchen setze, und wenn er dazu noch einen Gedanken hat, den der Leser von ihm nicht erwartet, auf diesen durch einen Gedankenstrich schonend vorbereite, damit er ihm nicht entgehe. Daß Stil nicht der Ausdruck dessen ist, was einer meint, sondern die Gestaltung dessen, was einer denkt und was er infolgedessen sieht und hört; daß Sprache nicht bloß das, was sprechbar ist, in sich begreift, sondern daß in ihr auch alles was nicht gesprochen wird erlebbar ist; daß es in ihr auf das Wort so sehr ankommt, daß noch wichtiger als das Wort das ist, was zwischen den Worten ist; daß dem, der im Wort denkt wie ein anderer in der Farbe und wieder ein anderer im Ton, es nicht nur die Welt aufmacht, sondern sie auch wechseln läßt, wenn jenes da steht oder dort; daß nicht immer nur eine Mehlspeise, sondern manchmal auch ein Gedicht ein solches sein kann, ja sogar eine Prosazeile, und daß weit hinter dem Begreifen des Sinns eine Letter ein Gedanke sein könnte: solcherlei geht dem Leser so wenig ein, daß er vor dem klarsten Abbild jenes Erlebnisses, in dem nur die Verbindung von Sprachlichem und Stofflichem ein Rätsel bleibt, strauchelt und den Satz, der alles was in ihm enthalten ist sich selbst verdankt und sich darum von selbst versteht, mißversteht. Der intellektuelle Ehrgeiz, das »verstehen« zu wollen, was nur empfunden werden darf, um aufgenommen zu werden, was nur gesehen und gehört werden muß, wie es empfunden wurde, spielt, vom Dummkopf aufwärts, beim Lesen die verhängnisvollste Rolle. Was die Verstandesmäßigkeit aber am schlechtesten kapiert, ist die Ironie, die sie herausfordert. Da sie sich um keinen Preis wiedererkennen will, so wird das einfache Hinausstellen dessen, was sie denkt, die ironische Wiederholung ihres Motivs, bei ihr am wenigsten verfangen. Sie wird es für die Meinung des Autors halten. Ein Satz hat vor ihr nie ein Gesicht, er lacht nicht, er spielt und schielt nicht, er zwinkert nicht, sondern er hat die Meinung, die er hat, wenn man ihn aus der psychischen Situation, in der er steht, herausschneidet. Einer der ergiebigsten Fälle, die mir je untergekommen sind, ist der folgende: Da hat einmal, vor dem Krieg, eine jener deutschen Lese- und Redehallen, deren Mitglieder weniger lesen und mehr reden als unbedingt notwendig ist, an einen deutschen Dichter, der zeitweise wirklich einer war, eine jener Kundgebungen gerichtet, die zwar flammen und zünden können, deren Pathos aber durch den Humor, den es verbreitet, zugleich gelöscht wird. Sie sprach davon, daß Zorn und Empörung uns die Feder in die Hand drücke, uns, »auf deren Fahnen die Freiheit des Geistes und der Wissenschaft geschrieben steht und die wir in einem Lande leben, wo Haß und Heuchlertum gar manche häßliche Erfolge zu zeitigen vermochten«. Die Geschichte spielt also in Prag: wo »wir wissen, was es bedeutet, wenn falsche Unterwürfigkeit und launische Willkür ungebärdiger Höflinge die Wahrheit in den Staub zu zerren vermag. Doch zu herbstem, bitterstem Ingrimm wächst unser Unmut, wenn –«. Ich fuhr dazwischen. Gerhart Hauptmann war – man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist Tatsache – der »zurückgezogenste Dichterfürst« genannt worden, kurzum, es war ein Deutsch, das schon ohne alle Bomben auf Nürnberg ein Kriegsgrund war und vor dem es jede Sau im deutschen Lande, jedoch nicht dessen Bürger graust: die Sprache derer, die zwar deutsch fühlen, aber nicht können. Ein Lebenszeichen jener durch Not und Tod unverwischbaren Couleur, die darum noch heute, öffentlich oder privat, in Wäldern oder in Vereinen, auf Anstandsorten oder außerhalb, dem Vaterland zuspricht, daß es ruhig sein mag, aber selbst nichts dazu tut, sondern im Gegenteil Lärm macht. Die rote Kappe auf dem Kopf, das schwarze Brett vor und den weißen Terror im Kopf, war diese Geistigkeit in Prag durch den freisinnig-jüdischen Einschlag wesentlich gemildert, wenngleich in der Phraseologie unverkürzt. Ich habe nun, da ich – in kriegsferner Zeit – mit dem zurückgezogensten Dichterfürsten das Schicksal teilte, eine Einladung zu einem Vortrag vor solchem Auditorium zu bekommen, alle Elemente jenes sittlichen Pathos auf meinen Fall bezogen und geschrieben: Auch ich habe dort einmal einen Vortrag gehalten und ich weiß, was es bedeutet, wenn Jugend, die nicht falscher, nur echter Unterwürfigkeit fähig ist, mich in der Pause um hundert Autogramme bittet, meinen Namen in das goldene Buch des Vereins einträgt, mich stürmisch zu einem zweiten Vortrag auffordert, und wenn dann die Freiheit des Geistes zaghaft wird, zurückweicht, sich davonschleicht wie die Bürger in »Egmont« und sich nicht traut, den zweiten Vortrag zu veranstalten, weil der zweitzurückgezogenste Dichterfürst, der Hugo Salus, etwas dagegen hat und weil deutsch gesinnte Jünglinge in einem Lande, wo Haß und Heuchlertum – bei den Tschechen – gar manche Erfolge zu zeitigen vermochten, auf die Gefahr aufmerksam gemacht wurden, daß es ihnen in der Karriere schaden könnte. Und nun rate man, bei welcher der beiden Nationen – bei den Tschechen oder bei den Deutschen – mir diese Bemerkung in meiner Karriere schaden mußte. Bei den Deutschen? Nein, »bei den Tschechen«! Denn ich hatte den Zwischensatz doch offenbar hingeschrieben, um mich bei den Deutschen beliebt zu machen und nur ja zu betonen, daß ich ihnen Haß und Heuchlertum keineswegs vorwerfen wolle. Wofür ja schon das Lob der deutschgesinnten Jünglinge spricht, die in einem Lande, wo die Tschechen sich so heuchlerisch gebärden, sich in geistigen Angelegenheiten um ihre Karriere besorgt zeigen. Dieses »bei den Tschechen« nun sollte mein Charakterbild, nicht mehr von der Parteien Haß und Gunst verwirrt und nicht mehr in der Geschichte schwankend, sondern ganz eindeutig als das eines ausgesprochenen Tschechenfeindes überliefern, und schon vor dem Krieg hat es diese Mission erfüllt, indem es einer aus eben jener Geistesmitte in einer Hochschulzeitschrift den Tschechen denunziert hat mit dem eingestandenen Zwecke, zu verhindern, daß die tschechische Presse fürder Notiz von mir nehme. Und nach dem Krieg, als ich, auf das kurze Gedächtnis meiner Prager Kenner spekulierend, mich an die Tschechen anbiedern wollte, wurde es mir (vielleicht von derselben Feder) als Dokument entgegengehalten. Es war mein eigener Text, ja mein eigener Druck, den ich wiedererkennen mußte, die Stelle war angestrichen und der Absender hatte an den Rand geschrieben: »K. K. der jetzige Tschechenfreund!«. Daß es mir wenigstens nicht gelänge, mich über diesen krassesten meiner Widersprüche hinwegzuschwindeln. Gelingt es mir aber trotzdem, so würde ich doch meinem Schicksal nicht entgehen, da ja künftig jeder Leser mir nun die Seite angestrichen ins Haus schicken könnte, auf der ich soeben zugegeben habe, daß ich mich eines krassen Widerspruchs schuldig machte. (Und doch wieder von dem Lande gesprochen habe, wo die Tschechen sich so heuchlerisch gebärden.) Da hülfe mir dann nichts mehr. Außer, ich kehre zu der Methode älterer Ironiker zurück, deren beißender Spott auch dem Minderbemittelten zugänglich war, indem sie sich einen Setzerlehrling hielten, der ihnen mit einer Anmerkung in die Rede fiel, ei ei oder hi hi machte, guck guck oder schau schau, und der in diesem Falle todsicher ausgerufen hätte: »Bei den Tschechen? Soll wohl: Bei den Deutschen heißen? Anm. d. Setzerlehrlings«. Ich glaubte mit zwei Gedankenstrichen mein Auslangen zu finden. Einer wäre mehr gewesen. Dieser, oder der Setzerlehrling, oder irgendeine Bitte an den Leser, mich nicht mißzuverstehen, da ich's ja nur ironisch meine, und dieser böhmische Löwe sei gar kein Löwe, sondern bloß eine Retourkutsche gegen die Deutschen – so irgendwas, oder Gänsefüßchen und Eselsohren, alles, nur nicht die Sprache selbst, es hätte mich vor jedem Mißverständnis bewahrt oder ich hätte mir wenigstens bei den Tschechen nicht geschadet, welche zwar nicht Deutsch verstehen, aber immerhin doch besser als die Deutschen. Bekenntnis Ich bin nur einer von den Epigonen, die in dem alten Haus der Sprache wohnen. Doch hab' ich drin mein eigenes Erleben, ich breche aus und ich zerstöre Theben. Komm' ich auch nach den alten Meistern, später, so räch' ich blutig das Geschick der Väter. Von Rache sprech' ich, will die Sprache rächen an allen jenen, die die Sprache sprechen. Bin Epigone, Ahnenwertes[r?] Ahner. Ihr aber seid die kundigen Thebaner! Den Neubildnern Wer seinen Durst am Sprachquell stillet, dem winken ungeahnte Wonnen. Wem sich das alte Wort erfüllet, der hat es wahrlich neu begonnen. Es schwelgen mißgeborne Knaben in adjektivischen Gefilden. Sie müssen eine Krankheit haben: der Krebs nur neigt zu Neugebilden. Der Feuilletonist Wie macht er das? Wie kommt er zu dem Glanze, der schimmernd seine Sprache schmückt und ziert? Aus Nichts entsteht zwar Nichts, jedoch das Ganze ist gut geglättet und so schön geschmiert. Der Irrgarten Die Sprache ist, dies glaubt mir auf mein Wort, ein Zwist, bei dem ein Wort das andre gibt. Es leben Lust und Zweifel immerfort im Zwiespalt und es neckt sich, was sich liebt. Was treibt es nur? Geburt zugleich und Mord? Ich steh' dabei und habe nichts verübt. Wie kam ich an den zauberischen Ort? Die Welt ist durch das Sieb des Worts gesiebt. Der Reim Er ist das Ufer, wo sie landen, sind zwei Gedanken einverstanden. Hier sind sie es: die Paarung ist vollzogen. Zwei werden eins im Verständnis, und die Bindung, welche Gedicht heißt, ist so für alles, was noch folgen kann, zu spüren wie für alles, was vorherging; im Reim ist sie beschlossen. Landen und einverstanden: aus der Wortumgebung strömt es den zwei Gedanken zu, sie ans gemeinsame Ufer treibend. Kräfte sind es, die zu einander wollen, und münden im Reim wie im Kuß. Aber er war ihnen vorbestimmt, aus seiner eigenen Natur zog er sie an und gab ihnen das Vermögen, zu einander zu wollen, zu ihm selbst zu können. Er ist der Einklang, sie zusammenzuschließen, er bringt die Sphären, denen sie zugehören, zur vollkommenen Deckung. So wird er in Wahrheit zu dem, als was ihn der Vers definiert: zum Ziel ihrer spracherotischen Richtung, zu dem Punkt, nach dem die Lustfahrt geht. Sohin gelte als Grundsatz, daß jener Reim der dichterisch stärkste sein wird, der als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen, sei es, daß sie kraft ihrer Naturen, gleichgestimmt oder antithetisch, zu einander streben, sei es, daß sie nun erst einander so angemessen, angedichtet scheinen, als wären sie es schon zuvor und immer gewesen. Ist diese Möglichkeit einmal gesetzt, so wird der Weg sichtbar, wie es gelingen mag, dem Reim eine Macht der Bindung zu verleihen, die jenseits des bisher allein genehmigten Kriteriums der »Reinheit« waltet, ja vor der solche Ansprüche überhaupt nicht geltend gemacht werden könnten. Denn nicht das Richtmaß der Form, sondern das der Gestalt bestimmt seinen Wert. Den Zwang zum Reim bringt innerhalb der Bindung des Verses nicht jede dichterische Gestaltung, die diese auferlegt, er kann sich aber, wie am Ende einer Shakespeare-Schlegel'schen Tirade gleichsam als das Fazit einer Gedankenrechnung ergeben, worin die Angleichung der dargestellten Sphären ihren gültigen Ausdruck findet. Der ganzen Darstellung förmlich entwunden, dem gegenseitigen Zwang, der zwischen der Materie und dem Schöpfer wirksam ist, lebt er in einer wesentlich anderen Region des Ausdrucks als das äußerliche Spiel, das er etwa in einer dürftigen Calderon-Übersetzung oder gar in einem Grillparzerschen Original vorstellt. Die Notwendigkeit des Reimes muß sich in der Überwindung des Widerstands fühlbar machen, den ihm noch die nächste sprachliche Umgebung entgegensetzt. Der Reim muß geboren sein, er entspringt dem Gedankenschoß; er ist ein Geschöpf, aber er ist kein Instrument, bestimmt, einen Klang hervorzubringen, der dem Hörer etwas Gefühltes oder Gemeintes einprägsam mache. Die gesellschaftliche Auffassung freilich, nach der der Dichter so etwas wie ein Lebenstapezierer ist und der Reim ein akustischer Zierat, hat an ihn keine andere theoretische Forderung als die der »Reinheit«, wiewohl dem praktischen Bedürfnis auch das notdürftigste Geklingel schon genügt. Aber selbst eine Kritik, die über den niedrigen Anspruch des Geschmackes hinausgelangt, ist noch weit genug entfernt von jener wahren Erkenntnis des Reimwesens, für die solches Niveau überhaupt nicht in Betracht kommt. Wenn man den ganzen Tiefstand der Menschheit, über den sie sich mit ihrem technischen Hochflug betrügt, auf ihre dämonische Ahnungslosigkeit vor der eigenen Sprache zurückführen darf, so möchte man sich wohl von einer kulturellen Gesetzgebung einen Fortschritt erhoffen, die den Mut hätte, die Untaten der Wortmißbraucher unter Strafsanktion zu stellen und insbesondere das Spießervergnügen an Reimereien durch die Prügelstrafe für Täter wie für Genießer gleichermaßen gefahrvoll zu machen. Entnehmen wir dem Reim »landen – einverstanden« das Reimwort »standen« als solches, wobei wir uns denken mögen, daß es als abgeschlossene Vorstellung den Sinn eines Verses erfülle. In dem Maß der Vollkommenheit, wie hier die äußere Paarung (landen – standen) in Erscheinung tritt, scheint die innere zu mangeln, die das tiefere Einverständnis der beiden Gedanken voraussetzt. Im Bereich der schöpferischen Möglichkeit – jenseits einer rationalen Aussage, die sich mit etwas Geklingel empfehlen läßt – wird kaum ein Punkt auftauchen, wo »landen« und »standen« Gemeinschaft schließen möchten. Doch nicht an der Unterschiedlichkeit der Vorstellungswelten, welche in der äußeren Übereinstimmung umso stärker hervortritt, soll die Minderwertigkeit eines Reimes dargetan sein. Vielmehr sei fühlbar gemacht, wie durch die Verkürzung des zweiten Reimworts, gerade durch eine Präzision, die den reimführenden Konsonanten mit dem Wortbeginn zusammenfallen läßt, das psychische Erlebnis, an dem der Reim Anteil hat, verkümmert wird. Widerstandslos gelangt der Reim zum Ziel der äußeren Deckung, hier, wo jede Reimhälfte isoliert schon bereitsteht, sich der anderen anzuschmiegen. Wie lieblos jedoch vollzieht sich dieser Akt! Denn es ist ein erotisches Erfordernis, daß eine der beiden Hälften sich von ihrer sprachlichen Hülle erst löse oder gelöst werde, um die Paarung zu ermöglichen, hier die zweite, die von der reimwilligen ersten angegangen und genommen wird. Dieser, der auf die Wortenergie angewiesenen, obliegt es, das Hindernis zu überwinden, das ihr jene durch eine Verknüpfung mit ihrer sprachlichen Region entgegenstellt. Man könnte gleicherweise sagen, daß die Liebe keine Kunst ist und die Kunst keine Liebe, wo nichts als ein vorübergehendes Aneinander erzielt wird. Setzen wir den Reim »landen« und »sich fanden«, so wäre schon ein Widerstand eingeschaltet, dessen Überwindung dem Vorgang eine Lebendigkeit zuführt, die das Reimwort »fanden« als solches in der Berührung mit »landen« entbehrte. Nun ermesse man erst den Zuschuß, der erfolgt, wenn die eine Reimhälfte mit einer Vorsilbe, gar mit zweien behaftet oder mit einem zweiten Wort , verbunden ist. Welch einen Anlauf hat da die andere zu nehmen, um trotz der Hemmung solcher Vorsetzungen zum Reimkörper selbst zu gelangen! Welche »Kraft« stößt, ungeachtet der Leiden, an »Leidenschaft« ! Nur dort, wo die gedankliche Deckung der Sphären schon im Gleichmaß der Reimwörter vollzogen ist, wie bei »landen – stranden«, muß aus der Wortumwelt nicht jene Fördernis erwartet werden, die der Reim dem Hindernis, dem Zwang zur Eroberung verdankt, wiewohl auch hier ein »landet – gestrandet« als der stärkere Reim empfunden werden mag und es sonst erst aller rhythmischen Möglichkeit und umgebenden Wortkraft bedürfen wird, um der gefälligen Glätte entgegenzuwirken, die das Ineinander der Reimpartner gefährdet. Wem es eine Enttäuschung bereiten sollte, zu erfahren, daß Angelegenheiten, von denen er bisher geglaubt hat, sie würden von einer »Inspiration« besorgt, dem nachwägenden Bewußtsein, ja der Willensbestimmung zugänglich sind, dem sei gesagt, daß ein Gedicht im höchsten Grade etwas ist, was »gemacht« werden muß, (es kommt von »poiein«); wenngleich es natürlich nur von dem gemacht werden kann, der »es in sich hat«, es zu machen. Man mag sich sogar dazu entschließen, man braucht keiner andern Anregung ein Gedicht zu verdanken als dem Wunsch, es zu machen, und innerhalb der Arbeit können dann jedes Wort hundert Erwägungen begleiten, zu deren jeder weit mehr Nachdenken erforderlich ist als zu sämtlichen Problemen der Handelspolitik. Sollte es wirklich vorkommen, daß ein Lyriker barhaupt in die Natur stürzen muß, um seinen Scheitel ihren Einwirkungen auszusetzen und eigenhändig erst den Falter zu fangen, den er besingen will, so hätte er diesen umgaukelt, er wäre ein Schwindler, und ich würde mich außerdem verpflichten, ihm auch den Trottel in jeder Zeile nachzuweisen, die durch solche Inspiration zustandegekommen ist. Betrachten wir weiter den Fall, von dem als einem Beispiel und Motto diese Untersuchung ausgeht – wobei wir ganz und gar den Sinngehalt des einzelnen Reimworts ausschalten wollen –, so würde also das Höchstmaß der äußeren Deckung: landen – standen den den niedrigsten Grad der dichterischen Leistung vorstellen, den höheren: landen – verstanden, den höchsten: landen – einverstanden, weil eben hier mit einem durch den Silbenwall gehemmten und mithin gesteigerten Impetus das Ziel der Paarung erreicht wird; weil der Reim einen stärkeren Anlauf nehmen mußte, um stärker vorhanden zu sein. Er mußte sich sogar den Ton der Stamm- und eigentlichen Reimsilbe erobern, der auf die erste der beiden Vorsilben abgezogen war, und es bleibt eine geringe Diskrepanz zurück, dem Ohr den Einklang reizvoll vermittelnd: nicht unähnlich dem ästhetischen Minus, das dem erotischen Vollbild zugute kommt, ja von dem allein es sich ergänzen könnte. Das Merkmal des guten Reimes ist nebst oder auch jenseits der formalen Tauglichkeit zur Paarung die Möglichkeit der Werbung. Sie ist in der wesentlichen Bedingung verankert: vom Geistigen her zum Akt zu taugen. Denn die Deckung der Sphären muß mit der der Worte so im Reim vollzogen sein, daß er auch losgelöst von der Wortreihe, die er abschließt, das Gedicht zu enthalten scheint oder die aura vitalis des Gedichtes spüren läßt. Der Reim ist nur dann einer, wenn der Vers nach ihm verlangt, ihn herbeigerufen hat, so daß er als das Echo dieses Rufes tönt. Aber dieses Echo hat es auch in sich, den Ruf hervorzurufen. Die zwei Gedanken müssen so in ihm einverstanden sein, daß sie aus ihm in den Vers zurückentwickelt werden könnten. Herz – Schmerz, Sonne – Wonne: dergleichen war ursprünglich ein großes Gedicht, als die verkürzteste Form, die noch den Gefühls- oder Anschauungsinhalt einschließen kann. Wie viel sprachliches Schwergewicht müßte nunmehr vorgesetzt sein, um dem Gedanken die Befriedigung an solchem Ziel zu gewähren! Doch eben an der Banalität des akustischen Ornaments, zu dem das ursprüngliche Gedicht herabgekommen ist, gerade am abgenützten Wort kann sich die Kraft des Künstlers bewähren: es so hinzustellen, als wäre es zum ersten Male gesagt, und so, daß der Genießer, der den Wert zum Klang erniedrigt hat, diesen nicht wiedererkennt. Die Vorstellung, daß der Reim in nichts als im Reim bestehe, ist die Grundlage aller Ansicht, die die lesende und insbesondere – trotz ihren tieferen Reimen – die deutschlesende Menschheit von der Lyrik hat. Er ist ihr in der Tat bloß das klingende Merkzeichen, das Signal, damit eine Anschauung oder Empfindung, eine Stimmung oder Meinung, die sie ohne Schwierigkeit als die ihr schon vertraute und geläufige agnosziert, wieder einmal durchs Ohr ins Gemüt eingehe oder in die Gegend, die sie an dessen Stelle besitzt. Da Kunst ihr überhaupt eine Übung bedeutet, die nicht nur nichts mit einer Notwendigkeit zu schaffen hat, sondern eine solche geradezu ausschließt – denn sie möchte dem Aufputz ihrer »freien« Stunden auch nur die Allotria seiner Herstellung glauben –, so vermag sie vor allem dort nicht über formale Ansprüche hinauszugelangen, wo hörbar und augenscheinlich die Form dargebracht ist, um ihr das, was sie ohnehin schon weiß, zu vermitteln: am Reim. Wie der Philister den letzten Lohn der erotischen Natur entehrt und entwertet hat, so hat er auch die Erfüllung des schöpferischen Aktes im Reim zu einem Zeitvertreib gemacht. Wie aber der wahrhaft Liebende immer zum ersten Male liebt, so dichtet der wahrhaft Dichtende immer zum ersten Mal, und reimte er nichts als Liebe und Triebe. Und wie der Philister in der Liebe ästhetischer wertet als der Liebende, so auch in der Dichtung ästhetischer als der Künstler, den er mit seinem Maße mißt und erledigt. Daraus ist die Forderung nach dem »reinen Reim« entstanden, die unerbittliche Vorstellung, daß das Gedicht umso besser sei, je mehr's an den Zeilenenden klappt und klingt, und der Hofnarr des Pöbels umso tüchtiger, je mehr Schellen seine Kappe hat, bei noch so ärmlichem Inhalt dessen, was darunter ist. In dieser Vorstellung hat das erotische Prinzip der Überwindung des Widerstandes zum Ziel der Gedankenpaarung keinen Raum. Da gilt nur das äußere Maß und eben diesem, welches fern aller Wesenheit bloß nach dem Schall gerichtet ist, wird auch der Mißreim genügen. Umgekehrt wird die Erfassung des Reims als des Gipfels der Gedankenlandschaft zwar auch dem verpönten »unreinen Reim« solche Eignung zuerkennen, aber umso hellhöriger alles abweisen, was nur so klingt wie ein Reim, oder klingen möchte, als wäre es einer. Und solche Sachlichkeit darf auch vor den Lakunen eines Dichtwerks, und wäre es das größte, nicht haltmachen. Wie wenige deutsche Ohren werden das Geräusch vernommen haben, womit der Mephistopheles seinen dramatisch so fragwürdigen Abgang vollzieht und worin die Torheit, die seiner sich am Schluß »bemächtigt« – mit einer Kläglichkeit des Ausdrucks, die fast der Situation gerecht wird – einer Erfahrenheit antwortet, die sich »beschäftigt« hat. Wenn das teuflische Mißlingen hier nur durch einen Mißreim veranschaulicht werden konnte, so wäre solches immerhin gelungen. Doch ließe sich das Kapitel der Beiläufigkeiten, mit denen dichterische Werte besät sind und deren jede ein Kapitel der Sprachlehre rechtfertig würde, in der deutschen Literatur gar nicht ausschöpfen. Beträchtlich in diesem Zusammenhange dünkt mir die Erscheinung eines Dichters wie Gottfried August Bürger, der außer starken Gedichten eine ungereimt philiströse Reimlehre geschrieben hat – welche als literarhistorisches Monstrum dem polemischen Unfug Grabbes gegen Shakespeare an die Seite gestellt werden kann –, nebst dieser Theorie aber auch wieder Reime, die es mit seinen abschreckendsten Beispielen aufzunehmen vermögen. Von irgendwelcher gedanklichen Erfassung des Problems weit entfernt und mit einer Beckmesserei wütend, die ziemlich konsequent das Falsche für richtig und das Richtige für falsch befindet, begnügt er sich, die »echt hochdeutsche Aussprache« als das Kriterium des Reimwertes aufzustellen. Somit dürfe sich nicht nur, nein, müsse sich Tag auf sprach, Zweig auf weich, Pflug auf Buch, zog auf hoch reimen. Welcher Toleranz jedoch sein Ohr fähig war, geht daraus hervor, daß er den Mißreim des gedehnten und des geschärften Vokals zwar tadelt, aber, wo es ihm darauf ankommt die Ungleichheit der Schlußkonsonanten zu verteidigen, das Beispiel »Harz und bewahrt's« als tadellosen Reim gelten läßt (anstatt hier etwa »Harz und starrt's« heranzuziehen). Nachdem er aber »drang und sank« in die Reihe de »angefochtenen Reime« gestellt hat, »deren Richtigkeit zu retten« sei, erklärt er kaum eine halbe Seite später, »am unrichtigsten und widerwärtigsten« seien die Reime g auf k und umgekehrt, und nimmt da als Beispiel: »singt und winkt«. Wozu wohl gesagt werden muß, daß, wenn der grundsätzliche Abscheu vor solchen Reimen schon eine unvermutete Ausnahme der Sympathie zuläßt, diese doch weit eher dem Präsens-Fall gebührt als dem andern, weil dort die Gleichheit der Schlußkonsonanten den Unterschied von g und k deckt, während er bei ›drang‹ und ›sank‹ offen und vernehmbar bleibt. Wird doch vorn feineren Gehör selbst der zwischen ›lang‹ (räumlich, sprich lank) und ›lang‹ (zeitlich, sprich lang) empfunden und eben darum, wo die Form »lange« nicht vorgezogen wird, durch den Apostroph bezeichnet: die Bank, auf die ich etwas schiebe, reimt sich also auf lang, solang' sie die Metapher bleibt, der die räumliche Vorstellung zugrunde liegt; sie ließe sich jedoch, in die Zeitvorstellung aufgelöst, nicht so gut auf lang' reimen (höchstens im Couplet, wo die Musik die Dissonanz aufhebt, oder zu rein karikaturistischer Wirkung wie bei Liliencron: »Viere lang, zum Empfang«). Auf lang reimt sich Bank, auf lang' bang. Ist es also schon ein Mißgriff, den Reim »drang und sank« zu empfehlen, so ist es völlig unbegreiflich, daß er als die Ausnahme von einer Unmöglichkeit gelten soll, die ein paar Zeilen weiter mit dem durchaus möglichen »dringt und sinkt« belegt wird. Das Wirrsal wird noch dadurch bunter, daß der Reimtheoretiker neben solches Beispiel als gleichgearteten Fehler das Monstrum »Menge und Schenke« setzt und neben dieses wieder den zweifellos statthaften Reim »Berg und Werk«. Dafür ergeben ihm, in anderem Zusammenhang, »Molch und Erfolg« eine tadellose Paarung zweier Vorstellungswelten, deren Harmonie ihm offenbar so prästabiliert erscheint, daß er den Schritt vom Molch zum Erfolch vielleicht auch dann guthieße,wenn die Aussprache ihm ein besonderes Opfer auferlegte. (Wiewohl mit jenem ein Dolch oder ein Strolch, im Sinne des Strengen mit dem Zarten oder des Starken und des Milden, einen bessern Klang gäbe.) Doch während er eben für das »g« auf dem echt hochdeutschen »ch« besteht und solchen phonetischen Problemen zugewendet ist, macht er sich über eine innere Disposition des Worts zum Reim, also über das worauf es ankommt, nicht die geringsten Gedanken, und wenn ich mich bei einer Methode, der nur das entscheidend ist, worauf es nicht ankommt: das nebensächlich Selbstverständliche oder das ungewichtig Unrichtige, überhaupt aufhalte, so geschieht es, um an dem Exempel eines Dichters die allgemeine Unzuständigkeit des Denkens über den Reim anschaulich zu machen. Wie dieser Bürger, so denkt jeder Bürger über die Dichtkunst, ohne doch gleich ihm ein Dichter zu sein. Er hat natürlich ganz recht mit der Meinung, daß der Reim des gedehnten und des geschärften Vokals keiner sei. Wenn aber »Harz« und »bewahrt's«, so unbequem sie es schon von der Natur ihrer Vorstellung aus haben, zu einander finden können, dann möchte man doch fragen, warum »so unrein und widerwärtig als möglich« Fälle wie »schwer und Herr«, »kam und Lamm« sein sollen. Und vor allem, wieso denn eine Widerwärtigkeit, die sich ergibt, »wenn man geschärfte Vokale vor verdoppelten Konsonanten und gedehnte vor einfachen aufeinander klappt«, unter anderen Beispielen durch solche darzustellen wäre wie: »siech und Stich«, »Fläche und bräche«, »Sprache und Sache«. Wo ist da bei aller Unterschiedenheit im Vokal die zwischen einem verdoppelten und einem einfachen Konsonanten? Aber von diesem Wirrwarr abgesehen und von unserm guten Recht, hier die Reimmöglichkeit zu verteidigen, beweist insbesondere der Versuch, »Sprache und Sache« als einen Fall von Unreinheit und Widerwärtigkeit hinzustellen, nichts anderes als die Weltenferne, in der sich solche Doktrin vom Wesentlichen einer Sphäre hält, die sich hier schon im Material des gewählten Beispiels beziehungsvoll erschließt. Denn man dürfte wohl nicht leugnen können, daß zwischen Sprache und Sache eine engere schöpferische Verbindung obwaltet als zwischen »Harz und bewahrt's« (Reimpartner, denen nachgerühmt wird, daß sie für jedes deutsche Ohr »vollkommen gleichtönend« seien), ja als zwischen Molch und Erfolch. Und beinahe möchte ich vermuten, daß es im Kosmos überhaupt keinen ursächlicheren Zusammenhang gibt als diesen und auch keinen anderen Fall, wo gerade die leichte vokalische Unstimmigkeit den vollen Ausdruck dessen bedeutet, was als Zwist und Erdenrest einer tiefinnersten Beziehung, eines Gegeneinander und zugleich Ineinander vorhanden bleibt und einen Reim, der von Urbeginn da ist, noch im Widerstreit der Töne beglaubigt. Die strengste Verpönung des vokalischen Mißreims wird bei nur einigermaßen gedanklicher Anschauung eben diesen Ausnahmsfall zulassen und ihn nicht mit dem Schnelligkeitsmesser in der Hand in die Reihe der Mißbildungen wie »schämen und dämmen«, »treten und beten« verweisen. Aber Bürger, der das Gesetz, daß g wie ch auszusprechen sei, als Grundlage der Reimkunst statuiert ist im Vokalischen unerbittlich und will sogar naturhafte Verbindungen wie »Tränen und sehnen«, »sehnen und stöhnen«, »Blick und Glück« höchstens als »verzeihliche Reime« gelten lassen. Warum er jedoch in dieser Reihe auch an »Meer und Speer« Anstoß nimmt, ist wieder rätselhaft. »Ein Dichter von feinem Ohr«, sagt er, werde »zumal in denjenigen lyrischen Gedichten, worin es auf höchste Korrektheit angesehen ist, sich erst nach allen Seiten hin drehen und wenden, und nur dann nach solchen Reimen greifen, wenn gar kein Ausweg mehr vorhanden zu sein scheint«. Trotz allem Anteil, den ich dem Wollen und Erwägen an der Erschaffung des Verses einräume und wiewohl ich es für die eigentliche Aufgabe des Dichters halte, sich nach allen Seiten des Wortes hin zu drehen und zu wenden, so möchte ich mir den Prozeß doch weniger mechanisch, weniger als den einer Ansehung auf höchste Korrektheit vorstellen, vielmehr glauben, daß die Formgebundenheit zwar kein Mißlingen verzeihlich und keine Relativität begreiflich macht, daß aber der scheinbar und von außen gesehn minderwertige Reim dem Gesetz der gleichen Notwendigkeit folgt wie alles andere und daß sich eben Blick auf Glück und Tränen auf sehnen selbst dann reimen müßten, wenn sie es nicht dürften und nicht an und für sich unbedenkliche Reime wären. Aber Beispiele für mangelnden Wohlklang sind diesem Onomatopoieten, Wortmaler, Dichter des »Wilden Jägers« und Vortöner Liliencrons plötzlich wieder Reime wie »ächzen und krächzen« (wo doch der Mißklang der Reimwörter keinen Mißklang des Reimes ergibt), und in derselben Kategorie »horcht und borgt« (wiewohl man ja »borcht« sagen muß und es an anderer Stelle ausdrücklich verlangt wird), und dann ein Reim – einen bessern findst du nicht – wie »nichts und Gesichts«. »Die Gesetze wenigstens des feineren Wohlklangs« erscheinen ihm beleidigt durch männliche Reime wie »lieb und schrieb«, wenn sie allzunahe beieinander vorkommen, und in ebensolchem Falle durch weibliche wie »heben und geben«, »lieben und trieben«, »loben und toben« ; denn ein wichtiges Erfordernis des Wohlklanges sei »Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten«. Da kann man nur die Inschrift auf dem Teller zitieren, den man in deutschen Hotelportierlogen häufig angebracht sieht: »Wie man's macht, ist's nicht recht«, ohne daß einem gesagt würde, wie man's recht machen soll, insbesondere um die Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten bei weiblichen Reimen herbeizuführen. Dagegen zeigt sich der Unerbittliche befriedigt von Reimen auf »bar, sam, haft, heit, keit, ung« : an ihnen – nämlich als männlichen Reimsilben, welche »voll betont sein müssen« – sei »in dieser Rücksicht nichts auszusetzen«, also wenn sich etwas auf »Erfahrenheit reimt – aber nicht etwa Zerfahrenheit, was insbesondere in diesem Zusammenhang ein richtiger Reim wäre, sondern zum Beispiel: »Tapferkeit«. (Was schon fast an die französische Allreimbarkeit hinanreicht, und in Bürgers »Lenore« reimen sich sogar Verzweifelung und Vorsehung.) Weniger taugen ihm die Ableitungssilben »ig« und »ich«, noch weniger »en« (das wäre allzu französisch) : so sind ihm »Huldigen und Grazien für männliche Reime nicht tönend genug«. Eine Einsicht, die ihn freilich nicht gehindert hat, gerade diese beiden Wörter für tauglich zu halten, sich in der »Nachtfeier der Venus« auf einander männlich zu reimen. Sie wird thronen; wir Geweihte Werden tief ihr huldigen. Amor thronet ihr zur Seite, Samt den holden Grazien. Wie man da überhaupt zu einem »männlichen Reim« kommen kann, ist unvorstellbar, aber Bürger hat sogar nichts dagegen, daß man »Tapferkeit und Heiterkeit« reime, und vielleicht hat er es irgendwo getan. Mit nicht geringem Selbstbewußtsein findet, er nach all dem: »es täte not, daß das meiste«, was er da vom Reim gesagt habe, »Tag für Tag durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin sowohl den deutschen Dichtern als auch den Dichter- und Reimerlingen zugerufen würde. Wie? Auch den Dichtern? Jawohl!« Denn es ärgere weit mehr, »wenn ein so guter Dichter, als z. B. Herr Blumauer, ein so nachlässiger Reimer ist«, als wenn es sich um einen ausgemachten Dichterling handle. Von der gleichen Empfindung für einen weit größeren Dichter beseelt, hätte diesem ein kritischer Zeitgenosse eine Reimtheorie vorhalten müssen, wenngleich nicht die von Gottfried August Bürger, an die er sich leider doch zuweilen gehalten hat. Nur zu begreiflich die Bescheidenheit, mit der er sie »Kurze Theorie der Reimkunst für Dilettanten« betitelt. Es dürfte der perverseste Fall in der Literaturgeschichte sein, daß ein wirklicher Dichter wie ein Schulfuchs, dem die Trauben des Geistes zu sauer sind, von diesen redet, völlig ahnungslos, in Aussprechschrullen verbohrt (vom »Achton« und »Ichton« des ch, den das g habe) und auf allen falschen Fährten pedantisch. Ernsthaft spricht er, wenngleich ablehnend, von einem »Vorschlag«, der gemacht worden sei, »wegen unserer Armut an Reimen bloß ähnlich klingende Reimwörter gutzuheißen«, und im Allerformalsten bleibt er mit der Erkenntnis befangen, daß »dem Dichter, der seine Kunst, seine Leser und sich selbst ehrt und liebt, wie er soll, auch das Kleinste keine Kleinigkeit ist«. Nur ein Schimmer einer naiven Ahnung vom Wesentlichen taucht auf, wenn er mahnt, abgebrauchte Reime wie Liebe, Triebe, Jugend, Tugend zwar zu meiden, »ohne jedoch hierin gar zu ängstlich zu sein. Die Schönheit des Gedankens muß man darüber nicht aufopfern«. Es könne »sehr oft mit sehr alten und abgedroschenen Reimen ein sehr neuer und schöner Gedanke bestehen, und wenn dies ist, so vergißt man des abgenutzten Reimes völlig«. Hie ist immerhin an das Geheimnis gerührt, dessen Enthüllung ergeben würde, daß es auf nichts von dem ankommt, was da durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin den Dichtern hätte beigebracht werden sollen und was hoffentlich kein Radio nachholen wird: weil das Problem eben darin liegt, daß zwar noch immer Liebe und Triebe ein Gedicht machen können, aber nicht die Grazien, denen wir huldigen. Einen Verdruß wie über Herrn Blumauer kann man, wie gesagt, Bürger nachempfinden, und selbst über noch bessere Dichter. Derartige Grazienreime sind ja die Schillerlocke einer ganzen »ersten Periode«, geradezu die Geistestracht des Stadiums, wo sich »zitterten« auf »Liebenden« reimt und »Segnungen« auf »Wiedersehn«. Daneben ist es schon ein Ohrenschmaus, wenn sich »Blüten« zu »hienieden« findet und dergleichen mehr, was Bürger auf das mißachtete, von der »echt hochdeutschen Aussprache« abweichende Schwäbisch hätte zurückführen müssen, wenn er es sich nicht selbst geleistet hätte. Dort gehen »Werke« von geringer dichterischer Höhe und »Berge« von Pathos eine Paarung ein, an der der Theoretiker Bürger freilich sogar im SinguIar Anstoß nimmt. Aber noch in der »dritten Periode« ist Fridolin – in einem der peinlichsten Gedichte, deren Ruhm jemals im Philisterium seinen Reim fand – »ergeben der Gebieterin«. Und gleich daneben finden sich doch, wieder zwischen Plattheiten, die herrlichen Verse von den dreimal dreißig Stufen, auf denen der Pilgrim nach der steilen Höhe steigt. (dessen Reim auf »erreicht« hier gar nicht stört und Bürgers Ansprüche befriedigt), und so etwas wie die Gestaltung des Drachenkampfes: »Nachbohrend bis ans Heft den Stahl«. Doch was reimt sich nicht alles im »Faust«, was sich nicht reimt! Nicht außen und, schlimmer, nicht innen. Um es darzutun, bedürfte es keineswegs einer so schwierigen Untersuchung wie der des »Faust-Zitats« ('hohe Worte machen – Lachen'), die ich einmal vorgenommen habe. Doch jene andere, durch die Zusammenziehung der Präposition fragwürdige Stelle, von der damals die Rede war, wird gern unvollständig zitiert, nämlich: »Vom Rechte, das mit uns geboren«. Und zwar mit dem Recht, das derjenige hat, der die Stelle nicht genau kennt und der wohl einen durchaus organischen Reim auf »verloren« angeben würde, wenn man ihn nach dem Wortlaut befragte. Der Vers lautet aber:« ... das mit uns geboren ist«, und den Reim bildet nicht etwa ein voraufgehendes »verloren ist«, sondern die Vorzeile geht männlich aus: Weh dir, daß du ein Enkel bist! Vom Rechte, das mit uns geboren ist, Von dem ist leider nie die Frage. Nun wäre hier zwar eine Deckung der Sphären »geboren« und »Enkel« gegeben, aber sie tragen zum Reime nichts bei, welcher vielmehr im völlig äußerlichen Einklang des Hilfszeitworts mit dem leeren Zeitwort besteht. Wohl wären in einer Antithese von Wesenheiten auch »bist« und »ist« reimkräftig, hier haben jedoch die Reimpartner überhaupt keine andere Funktion als die, ihren Vers grammatisch abzuschließen. »bist« enthält noch etwas, aber im »ist« hat kein Gedanke Raum. Dichterisch entsteht ein weit größerer Defekt als durch den Mißklang der Reimlosigkeit: wenn etwa »geboren ward« stünde. Es ist einer jener unzähligen, auch bei Klassikern nicht seltenen Fälle, wo die Überflüssigkeit des Reims durch die Erkenntnis handgreiflich wird, daß er keiner Notwendigkeit entspringt, ja der trügerische Klang bereitet dem Gehör, das die Vorstellung der Wortgestalt vermittelt, ein ärgeres Mißbehagen als wenn die Stelle bloß äußerlich leer geblieben wäre. Das Recht, das eine falsche Reimtheorie auch dem »guten Dichter« gegenüber betont, darf eine, die auf das Wesen dringt, vor dem besten nicht preisgeben, und Goethe selbst, der im »Faust« wie das All auch die eigene sprachliche Welt von der untersten bis zur höchsten Region umfaßt, hätte aus dieser in die Beiläufigkeiten nicht mehr zurückgefunden, worin ein Nebeneinander von Sinn und Klang etwa das Zitat, aber nicht die Gestalt sichert. Von solchen Beispielen hätte Helena in jener bedeutenden Szene, wo der Reim als ein Vor-Euphorion der Wortbuhlschaft entspringt, ihn nimmer gelernt. Wie erschließt sich dort – »die Wechselrede lockt es, ruft's hervor« – sein innerstes Wesen! Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen, Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt, Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen. Und diese Liebe macht den Vers, und dann ist auf die Frage der Helena »So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?« auch gleich der Reim da: »Das ist gar leicht, es muß vom Herzen gehen. Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt, Man sieht sich um und fragt –« »Wer mitgenießt.« Und sie lernt es, bis sich an seine Frage, wer dem »Pfand« der Gegenwart Bestätigung gibt, der unvergleichliche Ton der Liebe schmiegt: »Meine Hand«. Aber ihr Ohr ist erfüllt von dem unerhörten Erbieten des Lynkeus, der mit den Worten davonstürmt. Vor dem Reichtum des Gesichts Alles leer und alles nichts also mit eben dem großartigen Reim, den Bürger als ein Beispiel in der Reihe derer anführt, die »nicht für wohlklingend geachtet werden können«, weil sie »sich zu weit von dem reinen Metallton entfernen«, indem »der Vokal durch die Menge der über ihn her stürzenden Konsonanten erstickt wird«. Solche Laryngologenkritik hat jenes Beispiel ja nicht erlebt, wo die Erstickung des Vokals durch die über ihn her stürzenden Konsonanten die Gewalt des Reims bedingt, die in dem ganzen Lynkeus-Gedicht hörbar wird als der reine Metallton der Liebespfeile,von denen Faust sagt: Allwärts ahn' ich überquer Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum. Könnte es denn eine absolute Ästhetik des Reimes geben, abgezielt auf die Klangwürdigkeit dessen, was sich zwischen Rachen, Gaumen und Lippe begibt und was doch, möchte es an und für sich noch so »unrein« wirken, in die so ganz anders geartete Tonwelt des Kunstwerkes eingeht? Und ergibt sich nicht als das einzige Kriterium des Reims: daß der Gedanke in ihm seine Kraft bewährt bis zu dem Zauber, den an und für sich leeren Klang in einen vollen, den unreinen und in einen reinen zu verwandeln? So sehr, daß der Reim als die Blüte des Verses noch abgepflückt für das Element zeuge, dem er entstammt ist. In dem Sinne nämlich, daß das Gedicht auf seiner höchsten Stufe den Einklang der gedanklichen Sphären im Reim mindestens ahnen lassen wird. Ein Schulbeispiel für das Gegenteil bei vollster lautlicher Erfüllung bildet ein Reim Georges in einem auch sonst verunglückten Gedicht (»Der Stern des Bundes«): Nachdem der kampf gekämpft das feld gewonnen Der boden wieder schwoll für frische saat Mit kränzen heimwärts zogen mann und maat: Hat schon im schönsten gau das fest begonnen Von allem orthographischen und interpunktionellen Hindernis abgeschen: nur lesbar und syntaktisch zugänglich, wenn man sich die Imperfekta der Mittelverse – welche unmöglich von »nachdem« abhängen könnten – als eingeschaltete Aussage zwischen Gedankenstrichen denkt. Aber welch einen Mißreim bedeutet dieses »Maat« (Schiffsmaat, Gehilfe); welche Überraschung für die Saat, die doch von Natur höchstens auf Mahd gefaßt wäre. Wie wenig sind hier die zwei Gedanken einverstanden und wie anschaulich fügt sich das Beispiel in das Kapitel der Beiläufigkeiten, »mit denen dichterische Werte besät sind«. Und wie blinkt dieser Reim doch vor Reinheit! Ein ästhetisches Gesetz wäre dem Vorgang der Schöpfung, der im poetischen Leben kein anderer ist als im erotischen – und wundersam offenbart sich diese Identität eben in der Wortpaarung zwischen Faust und Helena –, eben nicht aufzuzwingen. Etwas anderes ist es, von den Kräften auszusagen, die da am Werke sind; und ganz und gar ohne den Anspruch, sie dort, wo sie nicht vorhanden, verleihen zu können. Der Nutzen einer solchen Untersuchung kann füglich nur darin bestehen, daß den Genießern des Dichtwerks der Weg zu einer besseren Erkenntnis und damit zu einem Genuß höherer Art gewiesen wird. Und der Einblick in das, was im Gedankenraum der gebundenen Sprache das Wort zu leisten vermag, wird sich gewiß einer Betrachtung des Reimes abgewinnen lassen als der Form, die in Wahrheit den Knoten des Bandes und nicht die aufgesetzte Masche bedeutet. Wenn wir Lyrik nicht dem Herkommen gemäß als die Dichtungsart auffassen, die die Empfindung des Dichters zum Ausdruck bringt – was doch jeder literarischen Kategorie vorbehalten bleibt –, sondern als die unmittelbarste Übertragung eines geistigen Inhalts, eines Gefühlten oder Gedachten, Angeschauten oder Reflektierten, in das Leben der Sprache, als die Gabe, das Erlebnis in der andern Sphäre so zu verdichten, als wäre es ihr eingeboren, so wird sie alle Gestaltung aus rein sprachlichen Mitteln vom Liebesgedicht bis zur Glosse umfassen. Einmalig und aus dem Vor-Vorhandenen geschöpft ist jede echte Zeile, die in diesem Bereich zustande kommt, aber nicht dem Rausch (welcher vielleicht die Grundstimmung ist, die den Dichter von der Welt unterscheidet), sondern dem klarsten Bewußtsein verdankt sie die Einschöpfung ins Vorhandene. Und zwar in dem Grade der Bindung, die ihr Rhythmus und Versmaß auferlegen, deren eigenste Notwendigkeit zu ergreifen doch vorweg nur dem geistigen Plan gelingt. Andere Sprünge als den einen, den die Rhodus-Möglichkeit gewährt, versagt die gebundene Marschrichtung des Verses. Je stärker die Bindung, desto größer die sprachliche Leistung, die innerhalb der gegebenen Form – und die »neue« ist immer nur der Ausweg des Unvermögens – den psychischen Inhalt bewältigt. Der Verdacht einer rein technischen Meisterung auf Kosten des sprachlichen Erlebnisses wächst mit der Kompliziertheit der Form, während die Enge des Rahmens die wahre Bindung bedeuten wird, in der sich ein originaler Inhalt entfaltet. In dieser Hinsicht kann ein »Gstanzl« kunstvoller als eine Kanzone sein. Wenn eine meiner zahlreichen Zusatzstrophen zur Offenbach'schen Tirolienne lautet: Ungleichheit beschlossen hat die Vorsehung wohl. Nicht alle Genossen hab'n a Schloß in Tirol. so ist in die Nußschale von 24 Silben mit dem Zwang zum Doppelreim die ihm entsprechende Gegensätzlichkeit einer ganzen Sphäre eingegangen, und die große Schwierigkeit solcher Gestaltung liegt noch in dem Erfordernis, daß sie von der Leichtigkeit der Form verdeckt sei. Eine Erleichterung, die von der Musik ohneweiters verantwortet würde, wäre jene hier wie sonst übliche Beschränkung der Reimkorrespondenz auf den zweiten und den vierten Vers, welche mir aber dermaßen widerstrebt, daß ich auch die Grundstrophe mit dem typischen Text, der doch nur den Anlaß zu lustigem Geblödel und Gejodel bietet: Mein Vater is a Schneider A Schneider is er, Und wann er was schneidert, So is's mit der Scher' durch die so naheliegende Wendung verbessert habe: Und macht er die Kleider. Ohne die musikalische Unterstützung jedoch empfinde ich den Vierzeiler, der erst in der Schlußzeile die Vergewisserung der Harmonie bringt, förmlich als die Beglaubigung jenes Dilettantismus, der von Heine ins Ohr der deutschen Menschheit gesetzt wurde, und seine satirische Leier als ein Geräusch, weit unerträglicher als der Gassenhauer, der im Hof gespielt wird, während man Musik macht. Mithin ganz als die, die hier gemeint ist: Mißtönend schauerlich war die Musik. Die Musikanten starrten Vor Kälte. Wehmütig grüßten mich Die Adler der Standarten. Es wäre ja in den meisten dieser Fälle – besonders in »Deutschland, ein Wintermärchen« – auch kein Gedicht, wenn es durchgereimt wäre. Aber hin und wieder hinkt sogar der eine Reim, auf den diese ganze rhythmisch geförderte Witzigkeit gestellt ist, wie das von mir schon einmal hervorgehobene Beispiel dartut: Von Köllen bis Hagen kostet die Post Fünf Taler sechs Groschen preußisch. Die Diligence war leider besetzt Und ich kam in die offene Beichais'. Selbst wenn man also aus irgendeinem unerfindlichen dialektischen Grund »preußesch« sagen dürfte, hätte die Beischäs dermaßen geholpert, daß ihrem Passagier gar ein »preuscheß« nachklang. (Akustisch etwas plausibler wird der – nur in einer berühmten Satire mögliche – Reim: »Wohlfahrtsausschuß – Moschus«, zwar nicht durch einen Mauschus, aber immerhin durch einen Oschuß.) Wenn's ebener geht und der Reim glückt, ist er in seiner Vereinzelung doch nur die Schelle, mit der die Post nach Deutschland läutet und zu der sich dem Reisenden, wie heute zum Geratter der Eisenbahn, eine Melodie einstellen mochte. Ich verbinde mit solchen Versen mehr noch als die akustische eine gymnastische Vorstellung, eine, die ich der Erfahrung verdanke, daß wenn man im Finstern eine Treppe hinuntergeht, die letzte Stufe immer erst die vorletzte ist. In der Heine-Strophe (deren Vorbild geschicktere Nachahmer entfesselt hat) glaubt man in der dritten Zeile auf festen Reim zu treten, tritt darum ins Leere und kann sich sehr leicht den Versfuß verstauchen. Wenn's gut abgeht, ist man nach der vierten Zeile angenehm überrascht. Da sich jedoch immer von neuem diese Empfindung einstellt, so stellt sich auch die einer lästigen Monotonie ein, welche von der Durchreimung eines satirischen Kapitels keineswegs zu befürchten wäre, weil der Reim dann eher als Ausdrucksmittel wirkte, als Selbstverständlichkeit und nicht immer wieder als Draufgabe auf eine skandierte Prosa. So aber erweist er nicht nur seine Überflüssigkeit, sondern auch seinen Mangel. Denn was sich da vor jedem sonstigen Eindruck dem Leser aufdrängt, ist das Gefühl, daß der Verfasser sich's noch leichter gemacht habe, als er's ohnedies schon hatte. Ist das Reimen nur eine Handfertigkeit, dann zeigt sich dies vollends an der geringeren Leistung. Und umsomehr dann, wenn von Gnaden des Zufalls plötzlich doch ein Reim hineingerät, der das System verwirrt und den Leser erst recht auf das aufmerksam macht, was der Verfasser sonst nicht getroffen hat. König ist der Hirtenknabe, Grüner Hügel ist sein Thron; Über seinem Haupt die Sonne Ist die große, goldne Kron'. Mit aller Dürftigkeit im vorhandenen und im nichtvorhandenen Reim fast etwas Geschautes – das sich dann leider in die Schäkerei fortsetzt von den Kavalieren, die die Kälber sind und sich, da sie den dritten Vers füllen, nicht auf die Schafe reimen, welche bloß Schmeichler sind. Dann vollends niedlich, aber doch durchgereirnt: Hofschauspieler sind die Böcklein; Und die Vögel und die Küh', Mit den Flöten, mit den Glöcklein, Sind die Kammermusici. Warum geht's denn jetzt? Gewiß, dieser Reim, der sich per Zufall gefunden hat, ist – im Gegensatz zu Küh' und Musici – nicht einmal unorganisch; umso organischer der Mangel, ihn nur ausnahmsweise eintreten zu lassen, da doch gerade in diesem Gedicht die Kontrastelemente des Landschaftlichen und des Höfischen, so billig die Erfindung sein mag, durchaus den Wechselreim erfordern würden und erlangen müßten. Abgesehen von der Ungerechtigkeit einer Weltordnung, in der die Kühe Kammermusiker, während die Kälber Kavaliere sind, und weggehört von einem Konzert, das die Vögel, deren Flöten doch nur eine Metapher sind, mit den Kühen aufführen müssen, die wirkliche Glöcklein haben, freut man sich, diese zu hören, denn sie sind ein unerwarteter Einklang mit den Böcklein, welche, ausgerechnet, Hofschauspieler sein dürfen. Im weiteren aber bleibt man wieder nur auf den Schlußreim angewiesen, den man umso lieber gleichfalls entbehren möchte. Ja, durch eine Entfernung dieses Aufputzes ließe sich die sprachdünne Strophe im Nu kräftigen. Man mache einmal den Versuch und setze statt des Endreims ein beliebiges Wort zur Ergänzung des Verses, selbst ohne Rücksicht darauf, ob es dem Sinn gemäß wäre, und die reimlose Strophe hat schon etwas von einem Gesicht und Gedicht. (Nur soll man es nicht gerade mit dem Kehrreim in »Deutschland« versuchen: ›Sonne, du klagende Flamme!', der, wenngleich bloß »der Schlußreim des alten Lieds«, hier doch dichterisch empfunden und verbunden ist.) Wenn ich solchen Eingriff ohne Rücksicht auf den Inhalt empfehle, so spreche ich freilich als einer, der es vermag und gewohnt ist, die Sprachkraft und Echtbürtigkeit eines Verses jenseits der Erfassung des Sinns, den ich geflissentlich wegdenke, zu beurteilen, fast aus dem graphischen Bild heraus. Heines Reim schließt einen Sinn ab, kein Gedicht. Man wird es vielleicht doch nicht als eitel auslegen, daß ich unweit von Beichais' und Moschus mich selbst zitiere, aber es kann sehr wohl eine Reimlosigkeit geben, die eben als solche Gestalt hat, und die drei einleitenden Gedichte des VII. Bandes der »Worte in Versen« sind Beispiele für die verschiedenartige, immer stark hervortretende Funktion einer ungereimten (letzten) Strophenzeile. In dem Gedicht »Die Nachtigall« betont und sichert sie, an den Wechsetreim anschließend, den Vorrang der Vögel vor den Menschen: Ihr Menschenkinder, seid ihr nicht Laub, verweht im Wald, ihr Gebilde aus Staub, und vergeht so bald! Und wir sind immer. Diese Gegenüberstellung ist durch zwei weitere Strophen (»Wir weben und wissen«, »Wir lieben Verliebte«) fortgeführt, bis, entscheidend, nur noch der Vorrang – schließlich auch vor den Göttern – zum Ausdruck gelangt, immer aber dank der Besonderheit des letzten, hinzutretenden Verses, der die Besonderheit, der Erscheinung zusammenfaßt. In »lmago« ist solche Absonderung durch den Nichtreim vom ersten zum vierten Vers bewirkt: Bevor wir beide waren, da haben wir uns gekannt, es war in jenem Land, dann schwand ich mit dem Wind. Hier ist der Nichtreim die Gestalt dieses Schwindens: »und immer war ich fort«, »ich gab mich überall«, »die Welt hat meinen Blick«. Dann dient er dem Kontrast, die Bindung an eben diesen Verlust zu bezeichnen (welchem Wechsel auch die begleitende Melodie gerecht wird): In einen Hund verliebt, in jede Form vergafft, mit jeder Leidenschaft ist mir dein Herz verbunden. Von da an bleibt die Isolation eben diesem Verbundensein vorbehalten: »und nennest meinen Namen«, »in deinem Dank dafür«, um endlich sein Beharren bis zur Verkündung der Schöpferkraft zu steigern: Und reiner taucht mein Bild aus jeglicher Verschlingung, wie du aus der Durchdringung der Erde steigst empor. In »Nächtliche Stunde«, wieder absondernd, gehört die ungereimte letzte Zeile dreimal der Vogelstimme, die das Erlebnis der Arbeit über die Stufen der Nacht, des Winters und des Lebens begleitet: Nächtliche Stunde, die mir vergeht, da ich's ersinne, bedenke und wende, und diese Nacht geht schon zu Ende. Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag. Seine Stimme ist die Eintönigkeit: widerstrebend dem Einklang. Der erlebten Monotonie ist die des Ausdrucks gemäß, die nur die bange Steigerung zuläßt: »Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling«, »Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod«. Man ermesse aber die ungewollte Monotonie, den Greuel einer Ödigkeit, die entstünde,wenn in diesem Gedicht die Schlußzeile in einem Reim auf »vergeht« abwechselte. Doch vor der Möglichkeit solcher Abwechslung sichert es der durchwaltende Wille, hier nur wiederholen und nicht einklingen zu lassen; der einzige Reim, aus dem es besteht, dreimal gesetzt: »wende – Ende« gibt die ganze Trübnis des Gedankens, welcher die Dissonanz: Tag, Frühling, Tod – entspricht. Indem es dreimal dieselbe Strophe ist, an der sich nichts verändert als die einander entgegengestellten Zeitmaße von Nacht zu Tod, ist eine solche Einheit von Erlebnis und Sprache erreicht, eine solche Eintönigkeit aus dem Motiv heraus, daß nicht nur der Gedanke Form geworden scheint, sondern die Form den Gedanken selbst bedeutet. Hat hier also die erlebte Eintönigkeit ihre Gestalt gefunden, so bewirkt die Reimlosigkeit innerhalb der epigrammatischen Strophe eine Monotonie, die der vorgestellten Gegensätzlichkeit alle Kraft des Eindrucks nimmt. Der Vers ist eine Welt, die ihre Gesetze hat, und die Willkür, die in ihr schaltet, hebt mit den Gesetzen die Welt auf. Mit der reimlosen dritten Zeile läßt sie sie in das Nichts vergehen. Der Dilettant ist des Zwanges ledig, dem sich der Künstler unterwirft, um ihn zu bezwingen: das Ergebnis wird hier freier und müheloser sein als dort. Ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, schlechte Verse zu machen. Wenn ich für solche Vorstellung Heine anführe, den für seine Folgen verantwortlich gemacht zu haben, mir eben diese nicht verzeihen können, so beziehe ich mich auf sein Typisches, das die Ausnahme derjenigen (späten) Gedichte selbstverständlich macht, in denen nicht die klingende Begleitung eines Sentiments oder Ressentiments ins Gehör, sondern ein wortdichter Ausdruck des Erlebnisses ins Gefühl dringt. In der typischen und populären Heinestrophe, welche ich gegen eine Welt des journalistischen Geschmacks für die Pandorabüchse des Kunstmißverstandes und der Sprachverderbnis erkläre, ist der Reim so wenig gewachsen wie der Nichtreim, jener überflüssig und dieser nur notwendig aus Not. Er ließe sich verheimlichen durch die Zusammenlegung je zweier Verse zu einer Langzeile, in der die Cäsur den Nichtreim ersetzt: die geistige Gestalt würde sich durch solchen Eingriff, der an Organischem unmöglich wäre, kaum verändern, aber die Leier, die diese Form so geläufig macht, auch wenn's bloß einmal dazu klingelt, ginge verloren. Wie zwischen Trochäus und Jambus, Daktylus und Anapäst nicht der Zufall entscheidet, so bestimmt er auch nicht die Vers-Einteilung. Man versuche die hier empfohlene Operation an meinen Versen »Traum«, die ich mit dem Selbstbewußtsein, das kunstkritische Untersuchungen sachlich fördert (so anstößig es, im sozialen Leben sein mag), nun der Heinestrophe entgegenstelle, weil sie das Beispiel sind für eine organische Möglichkeit, die dritte Zeile reimlos zu gestalten. Denn eben dieser Mangel ist hier Gestalt: Stunden gibt es, wo mich der eigne Schritt übereilt und nimmt meine Seele mit. Dieser kurze Schritt übereilt den Läufer so, daß er den aufhaltenden Reim nicht brauchen könnte, er jagt jenen fiebrig in der Welt des Traums als eines vorlebendigen Lebens, durch alle Wirrsale und Seligkeiten von Kindheit und Liebe. Es ist alles jäh, unvermittelt, abgehackt, durch die Vereinigung je zweier Kurzzeilen wäre dieses Tempo aufgehoben und der Vers vernichtet; denn seine Wirksamkeit besteht darin, daß hinter ihm keine Cäsur steht, sondern ein Abgrund, über den er hinüberjagt. Dagegen wäre wieder das Gedicht »Jugend« mit einem reimlosen dritten Vers ein unvorstellbares Gerassel; eine der Schwingen wäre gebrochen, auf denen der Flug in das Erlebnis der Kindheit geht. Diese Funktion des Reims oder Nichtreims darf natürlich nicht so verstanden werden, daß sie an jeder Strophe nachweisbar sein muß. Eine Unterbrechung der Linie, ausdrucksmäßig schon gesichert, läßt nicht etwa einen plötzlichen Wechsel des Ausdrucks zu. Gerade die Hast, die im »Traum« tätig ist, gibt einem Innehalten die vollere Anschauung: Staunend stand ich da und ein Bergbach rinnt und das ganze Tal war mir wohlgesinnt. In der langen Dehnung dieses Tals (mit allen umgebenden »a«) ist fast der Reim auf »da« bewirkt, der in anderer sprachlicher Landschaft wirklich eintreten müßte. Dann geht es wieder rapid: Und der Wind befiehlt, damit leichtbeschwingt alles in der Luft heute mir gelingt. »Immer heißer wird's« nun auf dieser Bahn, bis sie in den Ruhepunkt mündet: Wär' mein Tag vorbei! Wieder umgewandt kehrt' ich aus der Zeit in das lichte Land. Noch in die Ruhe tönt es von dem eiligen Schritt. Und hier ist auch ein Beispiel für die Kraft des Reimes, zu dem zwei Partner von ungleicher Quantität gepaart sind: umgewandt – Land. (»Quantität« nicht als Lautmaß: der Silbenlänge oder -kürze, sondern als Maß der Größe des Reimwortes.) Nur daß es hier der erste Partner ist, der sich von der Fessel der Vorsilben lösen muß, um die Paarung zu ermöglichen. Aber können wir uns ihn als den aktiven Teil vorstellen und daß der andere sich dem schon geschwächten Partner ergebe? Aus dem Phänomen der Einheit, das der Reim bedeutet, wird die erotische Tendenz auch in umgekehrter Richtung vorstellbar; man erkennt, daß die Eroberung immer von dem Teil ausgeht, der begrifflich stärker erfüllt ist. In dem Beispiel also, mit dem die Untersuchung einsetzt, vom ersten Gedanken: »landen«, hier aber (wo es, in der Tat »umgewandt« ist) vom zweiten: »Land«. Hier ist es die Vorzeile, die die stärkere Belastung, die Nachzeile, die das größere Gewicht hat. Selbstherrlich wirkend, hat sie so viel Atem und Widerstand zwischen den Worten, daß sich das letzte nicht so leicht ergeben würde: darum kommt, anders als im ersten Beispiel, ihr die Eroberung zu. Wie immer sich nun die Kräfte messen, um sich in den Reim zu ergeben, so wird ersichtlich, daß entweder der äußeren Quantität eine innere gegenübersteht oder daß der Unterschied auch bloß innerhalb dieser zur Geltung kommen kann. Den Widerstand, dessen Überwindung die Reimkraft nährt, wird sie nicht bloß dem Unterschied der sichtbaren, sondern auch dem der wägbaren Quantitäten verdanken. Er kann auch dem isolierten Reimkörper anhaften, vermöge der gedanklichen Stellung, die das Wort im Vers behauptet, und gemäß dem schöpferischen Element der Sprache, das nicht allein im Wort, sondern auch zwischen den Worten lebendig ist und die »sprachliche Hülle« noch aus dem Ungesprochenen webt. Echte Wortkraft wird, jenseits der äußeren Quantität, die glückliche Reimpaarung auch dort erreichen, wo sonst nur Gleichartigkeit ins Gehör dränge. Am vollkommensten aber muß die Wirkung sein, wo innere und äußere Fülle ins Treffen geraten, mag man nun hier oder dort den Angriff erkennen. Die metrische Terminologie unterscheidet in einem äußerlichen Sinn und fern von jeder Ahnung einer Erotik der Sprachwelt zwischen männlichen und weiblichen Reimen. Angewendet auf die eigentlichen Geschlechtscharaktere, die die Gedankenpaarung ergeben, würde diese Einteilung jeweils die Norm eines gleichgeschlechtlichen Verkehrs bezeichnen. Natürlicher wäre die ganz andere Bedeutung, daß ein männlicher und ein weiblicher Vers das Reimpaar bilden, jener, dem die innere, und dieser, dem die äußere Fülle eignet. Ein anschauliches Beispiel für solches Treffen – von der rückwirkenden Art wie bei »umgewandt, Land« – bietet eine jener guten, manchmal leider nur beiläufig fortgesetzten Strophen Berthold Viertels (der mit Schaukal, später mit Trakl und Janowitz zu den heimischen Lyrikern gehört, die durch Zeilen wertvoller sind, als die beliebteren durch Bücher). Es war eine schöpferische Handlung, dem Gedicht »Einsam« drei Strophen zu nehmen und nur diese erste, die das Gedicht selbst ist, in der Sammlung »Die Bahn« stehen zu lassen: Wenn der Tag zu Ende gebrannt ist, Ist es schwer nachhause zu gehn, Wo viermal die starre Wand ist Und die leeren Stühle stehn. Wie starr steht hier, innerhalb der ganzen aus dem geringsten Inventar bezogenen Vision, viermal endlos, diese Wand: dem zu Ende gebrannten Tag entgegen! Schließlich fügen sich die Welten in den Reim wie der Heimkehrende in den Raum, wo das Grauen wartet. Wie ist hier alles Schwere des Wegs bewältigt und alles Leere am Ziel erfüllt. Die Fälle in der neueren Lyrik sind selten, wo sich die Wirkung so an den eigentlichsten Mitteln der Sprache nachweisen läßt. Hätte Nietzsche die Anfangsstrophe seines Krähengedichts von den folgenden befreit und gar von dem Einfall, den Wert durch Wiederholung zu entwerten, es wäre ein großes Gedicht stehen geblieben. Das von einer Nährung der Reimkraft durch den Widerstand, durch die Möglichkeit von Werbung und Eroberung Gesagte wird wohl vorzüglich für die unmittelbare Paarung zu gelten haben, welche durch das äußere Gleichmaß der Reimkörper leicht zu einer glatten und schalen Lustbarkeit wird. Im Wechselreim ist dank dem Dazwischentreten des fremden Verses, der wieder auf seinen Partner wartet, diese Gefahr verringert. Gleichwohl wird auch hier und immer die Deckung der verschiedenen Quantitäten (oder Intensitäten) das stärkere Erlebnis bewirken, und auch da wird etwa die vokalische Abwegigkeit, die der Umlaut bietet, zur Lustvermehrung des Gedankens dienen, welcher nun einmal »es in sich« hat, trotz allen Normen der Sitte und Ästhetik seine Natur zu behaupten; denn wie nur ein Erotiker formt er sich das Bild der Liebe nach der Vorstellung und weil er die Vorstellung selbst ist, so hat er noch näher zu ihr. Der »unreine Reim« – die Hände ihm zu reichen, schauert's den Reinen – wird für die Ächtung durch den Gewinn entschädigt sein und dem »Blick«, der ihn strafend trifft, stolz sein »Glück« entgegenhalten. Der Reimphilister (unerbittlicher als der Reim-Bürger, der in glücklichen Stunden seiner eigenen Strenge vergaß) stellt Forderungen, die in der Welt der Dichtung nicht einmal gehört werden können, obgleich sie nichts als Akustisches enthalten. »Menge – enge« darf gelten, doch »Menge – Gedränge«, an und für sich schon ein Gedicht, weniger. »Sehnen und wähnen« weniger als »sehnen und dehnen«, »Ehre und Leere« eher als »Ehre und Chimäre«. Der Reimbund »zwei und treu« wird erst in der Leierei anerkannt, die eine so volle begriffliche Deckung entstellt: Er schlachte der Opfer zweie Und glaube an Liebe und Treue! Von der Funktion der Widerstandssilbe weiß man vollends nichts: davon, daß sich der Reim in dem Maße der Verschiedenheit dessen verstärkt, was dem Reim angegliedert ist. Diesseits aller schöpferischen Unerschöpflichkeit, diesseits dessen, was nicht ermeßbar ist, ließe sich, soweit Geistiges sich der Quantität selbst entnehmen läßt, vielleicht ein Schema aufstellen. Da wäre der Reim am stärksten, wenn das isolierte Reimwort der einen Zeile dem komplizierten der andern entspricht: Halt und Gewalt. (Oder das komplizierte dem komplizierteren: Gewalt und Vorbehalt.) Schwächer im Gleichmaß der isolierten Reimwörter: Halt und alt. Noch schwächer im Gleichmaß der komplizierten: Gehalt und Gestalt (oder: Vollgehalt und Mißgestalt). Am schwächsten, wenn sich bereits die Vorsilben reimen: behalt und Gestalt. Denn je selbständiger sich beiderseits der Klang der Vorsilbe macht, umsomehr Kraft entzieht er dem Reim. Im stärksten Fall dient die Vorsilbe dem Reimwort, dem sie alle Kraft aufspart, da sie sich selbst an kein Gegenüber zu vergeben hat. Fehlt sie, so ist der Reim auf sich allein angewiesen. Ist sie da wie dort vorhanden, so wird ihm umsomehr entzogen, je reimhafter sie selbst zu ihrem Gegenüber steht. Ein Wortspiel, das in der Prosa noch ein Witz ist, erfährt im Vers eine klangliche Abstumpfung, die den Witz aufhebt. Erzählte etwa jemand, die menschlich saubere Persönlichkeit des österreichischen Bundespräsidenten sei irgendwo beim Händedruck mit einem Finanzpiraten beobachtet worden, und würde daraus ein Epigramm, so könnte der starke Kontrast der Sphären den Reim ergeben: »Hainisch – schweinisch«, also einen Einfall, der in der Prosa gewiß keine sonderliche Kraft hätte. Dagegen würde eine Gegenüberstellung: »Hainisch – Haifisch« einen Witz als dürftigen Reim zurücklassen. Gegen das Spiel der betonten Vorsilben kann sich der Reim nicht halten. Die Verödung tritt aber auch im sogenannten männlichen Reim ein, der als solcher die Tonkraft bewahrt. »Unternimmt – überstimmt«, »übernimmt – überstimmt« : je analoger der Vorspann, auch wenn er den Ton nicht völlig abzuziehen vermag, umsomehr entwertet er den Reim. Wird die Ähnlichkeit der Vorsilbe gar zum Vorreim, so tritt eine solche Schwächung des Reims ein, daß sie zur Lähmung führen kann, indem die Reime einander aufheben. Das wird anschaulicher werden an der Entwicklung bis zu dem peinlichen Reim der zusammengesetzten Wörter, der in der Witzpoesie eine so große Rolle spielt. Am stärksten: Gestalt – Hochgewalt; schwächer: Dichtgestalt – Hochgewalt; noch schwächer: Dichtgestalt – Dichtgewalt; am schwächsten: Dichtgestalt – Richtgewalt. Oder: Gast – Sorgenlast; schwächer: Gast – Last; noch schwächer: Erdengast – Sorgenlast; am schwächsten: Morgengast – Sorgenlast. Der Zwillingsreim ist von altersher, dem Ohr und Humor widerstrebend, Element der gereimten Satire; wohl auch seit Heine, bei dem es von Monstren wie »Dunstkreis – Kunstgreis«, »Walhall-Wisch – Walfisch« wimmelt. Leider hat Wedekind, dessen Sprache der leibhaftigste Feuerbrand ist, in den Papier aufgehen konnte, diesen Reimtypus, welchen ich den siamesischen nennen möchte, wenngleich doch nicht ohne plastischere Wirkung, übernommen: Heute mit den Fürstenkindern, Morgen mit den Bürstenbindern. Und gar: »Viehmagd – nie plagt« (unmöglich, dem »plagt« den ihm zukommenden Ton zu retten), »niederprallt – widerhallt« (der männliche Reim macht es möglich), »weine und – Schweinehund«, »Tugendreiche – Jugendstreiche«. Besser wäre der einheitliche Viersilbenreim: Tugendreiche – Jugendreiche; nimmt man ihn als Doppelreim, so wirkt die Gefolgschaft, die jeder der zweiten Reimkörper erhält, fördernd wie sonst der Vortrab, der zu einem der beiden stößt: Reiche – Jugendstreiche. Schwächer wäre: Reiche – Streiche, noch schwächer. Tugendreiche – Mädchenstreiche, und am schwächsten ist eben die Form des Originals »Tugendreiche – Jugendstreiche«, wo der Doppelreim doppelt paralysierend wirkt. Die Teile heben einander aus den Angeln, ehe jeder zu seinem Gegenüber gelangt, und es ist in der Konkurrenz der Tonkräfte kaum möglich, auch nur einem der Paare zu seinem Recht zu verhelfen. Dieser Doppelmißreim ist nicht etwa die Zusammensetzung des Reims mit einem Binnenreim, der eine stärkende Funktion hat. Er gleicht vielmehr einer Vorstufe zu jenem »Schüttelreim«, der sein Spiel völlig außerhalb der dichterischen Zone treibt, aber als die sprachtechnische Möglichkeit, die er vorstellt, durch die deutliche Wechselbeziehung der Konsonanten den Reimklängen doch ein gewisses Gleichmaß der Wirkung sichert. Ein (nur von Musik noch tragbarer) Mißreim ist ferner der zweier Fremdwörter: kurieren – hofieren, weil sich auch in solchem Fall, der die leerste Harmonie darbietet, eine begriffliche Parallelleistung vollzieht, bevor der Reim eintritt, der dann nur in der Gleichartigkeit der Fremdwort-Endung beruht: der reimführende Konsonant hat nicht dieselbe Geltung wie im deutschen Wort. (Auch hier in abschreckendster, kneiphumoriger Ausprägung bei Heine, zumal im Namengereime wie »Horatius« auf »Lumpacius« – in einer Strophe, die sich über den Reim bei Freiligrath lustig macht – und »Maßmanus«, nämlich der lateinsprechende Maßmann, auf »Grobianus«. Anders und karikaturhafte Gestalt geworden, in der Nachbildung des Geschniegelten und Gebügelten, der Sphäre, die das Fremdwort als Schmuck trägt, bei Liliencron: »Vorne Jean, elegant«.) Umso stärker der Reim, wenn ein Fremdwort mit einem deutschen gepaart wird: führen – kurieren; in welchem Beispiel freilich noch das Mißverhältnis der Quantitäten fördernd hinzukommt wie bei regen – bewegen, eilen – verweilen. Ein Notausgang ist der sogenannte »reiche Reim«, von welchem Bürger im allgemeinen mit Recht meint, daß er eher der armselige heißen sollte, freilich nicht ohne selbst von ihm reichen Gebrauch zu machen: Hilf Gott, hilf! Sich uns gnädig an! Kind, bet' ein Vaterunser! Was Gott tut, das ist wohlgetan. Gott, Gott erbarmt sich unser! Oder schlimmer, weil benachbart: Graut Liebchen auch vor Toten? »Ach nein! – doch laß die Toten!« Und wieder: Graut Liebchen auch vor Toten? »Ach! Laß sie ruhn, die Toten !« »Wenn es die Umstände erfordern«, sagt Bürger, wohl im Bewußtsein solcher Lücken, »daß einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen komme, so ist nichts billiger, als daß er auch mit ebendemselben Worte bezeichnet werde«. Solches dürfen aber die Umstände nie erfordern, weil sie sonst auch alles andere erfordern könnten, wie daß etwa plötzlich anderes Versmaß oder Prosa eintrete. Was die Umstände erfordern, hat freilich zu geschehen und zu entstehen, aber innerhalb der künstlerischen Gesetzlichkeit, die die Umstände erfordert. Wenn einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, so ist dies eben die Schuld der zwei Verse, und dann gewiß »nichts billiger«, als ihn mit demselben Wort zu bezeichnen. Was aber an das Ende zu stehen kommen muß, ist nicht einerlei Begriff, sondern die Kongruenz der zweierlei Begriffe. Der »reiche Reim«, der keineswegs durch ein Versagen der Gestaltungskraft gerechtfertigt wird, den aber sie selbst erfordern könnte, vermag recht wohl auch die Kongruenz zum Ausdruck zu bringen. Der Ruf an Euphotion: Bändige! bändige, Eltern zu Liebe, Überlebendige Heftige Triebe! offenbart nicht nur die Verjüngung des ältesten, sondern auch den Reichtum desjenigen Reims, der nur ein reicher ist. Dank Umlaut und Silbenvorspann, dank der unvergleichlichen Übereinstimmung der Sphären, in denen Gewalt und Kraft leben, wird hier die Gleichheit des reimführenden Konsonanten, wird die Reimlosigkeit gar nicht gespürt. Es ist durch dichterische Macht ein Ausnahmswert der Gattung: im Lebendigen erscheint das, was zu bändigen, förmlich enthalten und entdeckt. Der »reiche Reim« wird also gerade nur dort gut sein, wo nicht einerlei Begriff dasselbe Wort verlangt, sondern zweierlei sich zu ähnlichen Wörtern finden, deren gleicher Konsonant dem vokalischen Einklang nicht die Reimkraft nimmt. Vielleicht ist Bürgers Entschuldigung eine Verwechslung mit dem sehr erlaubten Fall, wo allerdings einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, aber aus dem Grunde, weil einerlei Begriff beide ganz und gar erfüllt – mit dem Fall, wo die gewollte Gleichheit des Gedankeninhalts die Verse selbst gleichlautend oder doch gleichartig macht. Das dürfen sie sein und reimen dann stärker als mit einem Reim. Ein solcher Fall kommt gleichfalls in der »Lenore« vor: Wie flogen rechts, wie flogen links Gebirge, Bäum' und Hecken! Wie flogen links und rechts und links Die Dörfer, Städt' und Flecken! Das ist – da es so und nicht anders weitergeht – namentlich durch die Variation »und rechts« ungemein stark, stärker als es etwa ein Reim mit »ging's« und stärker als es ein Nichtreim (etwa: »rechts und links und rechts«) wäre. Ein Vers könnte aber zu stärkster Wirkung auch völlig gleichlautend wiederholt sein, wie etwa bei Liliencron das alle Lebensstadien begleitende Gleichnis: Es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder. Hier wäre kein Reim denkbar außer dem der Identität, dem innern Reim auf »immer wieder«, dem Kehrreim einer ewigen Wiederkehr. Doch mehr noch als Identität, mehr selbst als der Übereinklang des echten Reimes kann der eingemischte Nichtreim dem dichterischen Wert zustatten kommen. Von allen Schönheiten, die zu dem Wunder vom »Tibetteppich« verwoben sind (welches allein EIse Lasker-Schüler als den bedeutendsten Lyriker der deutschen Gegenwart hervortreten ließe), ist die schönste der Schluß: Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon. Der vorletzte Vers, dazwischentretend, hat nirgendwo in dem Gedicht, das sonst aus zweizeilig gereimten Strophen besteht, seine Entsprechung. Wie durch und durch voll Reim ist aber dieses »wohl«, angeschmiegt an das »schon«, süßes Küssen von Mund zu bunt, von lange zu Wange vermittelnd. Auf solche und andere Werte ist einst in einer verdienstvollen Analyse – von Richard Weiß in der Fackel Nr. 321/322 – hingewiesen worden, mit einer für jene Zeit (da zu neuem Aufschluß der Sprachprobleme wenig außer der Schrift »Heine und die Folgen« vorlag) gewiß ansehnlichen Erfassung der Einheit in Klang- und Bedeutungsmotiven, wenngleich vielleicht mit einer übertreibenden Ausführung der Lautbeziehungen, die im Erspüren einer Gesetzmäßigkeit wohl auch der Willkür des Betrachters Raum gab. Achtungswert aber als der Versuch, in jedem Teile den lebenden Organismus darzustellen und zu zeigen, wie »in jeder zufälligst herausgegriffenen Verbindung der mathematische Beweis höchster notwendiger Schönheit nur an der Unzulänglichkeit der Mathematik scheitern könnte«. Vielleicht auch an der Unzulänglichkeit des Kunstwerks, wenn der Autor diesen Versuch mit einem Gedicht von Rilke unternommen hätte, mit welchem er Else Lasker-Schüler verglich. Während bei ihr – in den männlichsten Augenblicken des Gelingens – zwischen Wesen und Sprache nichts unerfüllt und nichts einem irdischen Maß zugänglich bleibt, so dürfte die zeitliche Unnahbarkeit und Unantastbarkeit von Erscheinungen wie Rilke und dem größeren George – mit Niveaukünstlern und Zeitgängern wie Hofmannsthal und gar Werfel nicht zu verwechseln – doch keinem kosmischen Maß erreichbar sein. Else Lasker-Schüler, deren ganzes Dichten eigentlich in dem Reim bestand, den ein Herz aus Schmerz gesogen hatte, ist aber auch der wahre Expressionist aller in der Natur vorhandenen Formen, welche durch andere zu ersetzen jene falschen Expressionisten am Werk sind, die zum Mißlingen des Ausdrucks leider die Korrumpierung des Sprachmittels für unerläßlich halten. Trotz einer Stofflichkeit unter Sonne, Mond und Sternen (und mancher Beiläufigkeit, die solches Ausschwärmen begleitet), ist ihr Schaffen wahrhaft neue lyrische Schöpfung; als solche, trotz dem Sinnenfälligsten, völlig unwegsam dem Zeitverstand. Und wie sollte, wo ihm zwischen dem Kosmos und der Sprache keine Lücke als Unterschlupf bleibt, er anders als grinsend bestehen können? Selbst ein Publikum, das meine kunstrichterliche Weisung achtet und lyrischer Darbietung etwas abgewinnen kann, sitzt noch heute ratlos vor dieser Herrlichkeit wie eben vor dem Rätsel, das die Kunst aus der Lösung macht. Wie könnten aber solche Werte, wie könnte das Befassen mit ihnen den Leuten eingehen, die zu der Sprache keine andere Beziehung haben, als daß sie verunreinigt wird, weil sie in ihrem Mund ist! Sie in solchem Zustand als das höchste Gut aus einem zerstörten Leben zu retten – trotz allen greifbareren Notwendigkeiten, die es nicht mehr gäbe, hätte der Mensch zur Sprache, zum Sein zurückgefunden –, ist die schwierigste Pflicht: erleichtert durch die Hoffnung, daß der Kreis derer immer größer wird, die sich durch solche Betrachtungen angeregt, ja erregt und belebt fühlen. Es ist Segen und Fluch in einem, daß solchen Denkens, wenn es einmal begonnen, kein Ende ist, indem jedes Wort, das über die Sprache gesprochen wird, deren Unendlichkeit aufschließt, handle es nun von einem Komma oder von einem Reim. Und mehr als aus jedem anderen ihrer Gebiete wäre aus eben diesem zu schöpfen, wo die Fähigkeit der Sprache, gestaltbildend und -wandelnd, am Gedanken wirkt wie die Phantasie an der Erscheinung, bis, immer wieder zum ersten Mal, im Wort die Welt erschaffen ist. In solcher Region der Naturgewalten, denen wirkend oder betrachtend standzuhalten die höchste geistige Wachsamkeit erfordert, muß jeder Anspruch vor dem ästhetischen gelten; denn die formalen Erfordernisse, auf die es dieser absieht, betreffen beiweitem nicht den Klang, der dem Gedanken von Natur eignet und den ihm ein die Sphäre erfüllendes und noch in der Entrückung beherrschendes Gefühl zuweisen wird. Der Reim als die Übereinstimmung von Zwang und Klang ist ein Erlebnis, das sich weder der Technik einer zugänglichen Form noch dem Zufall einer vagen Inspiration erschließt. Er ist mehr »als eine Schallverstärkung des Gedächtnisses, als die phonetische Hilfe einer Äußerung, die sonst verloren wäre« ; er ist »keine Zutat, ohne die noch immer die Hauptsache bliebe«. Denn »die Qualität des Reimes, der an und für sich nichts ist und als eben das den Wert der meisten Gedichte ausmacht, hängt nicht von ihm, sondern durchaus vom Gedanken ab, welcher erst wieder in ihm einer wird und ohne ihn etwas ganz anderes wäre«. Aber lebt er einmal im Gedicht, so ist es, als ob er noch losgelöst dafür zeugte. Ich könnte, was er alles vermag, was er alles ist und nicht ist, stets wieder nur mit jenen Reimen sagen, von denen man nun – um das Landen der Einverstandenen herum – alle behandelten Arten des Reims, sofern er einer ist, ablesen kann; und deren jeder man die begriffliche Deckung zugestehen wird: daß er nicht Ornament der Leere, des toten Wortes letzte Ehre, daß er so seicht ist und so tief wie jede Sehnsucht, die ihn rief, daß er so neu ist und so alt wie des Gedichtes Vollgestalt. Und daß dem Wortbekenner das Wort ein Wunder und ein Gnadenwort ist. Denn »reimen« – bekannte ich – »kann sich nur, was sich reimt; was von innen dazu angetan ist und was wie zum Siegel tieferen Einverständnisses nach jenem Einklang ruft, der sich aus der metaphysischen Notwendigkeit worthaltender Vorstellungen ergeben muß«. Der Reim Der Reim ist nur der Sprache Gunst, nicht nebenher noch eine Kunst. Geboren wird er, wo sein Platz, aus einem Satz mit einem Satz. Er ist kein eigenwillig Ding, das in der Form spazieren ging. Er ist ein Inhalt, ist kein Kleid, das heute eng und morgen weit. Er ist nicht Ornament der Leere, des toten Wortes letzte Ehre. Nicht Würze ist er, sondern Nahrung, er ist nicht Reiz, er ist die Paarung. Er ist das Ufer, wo sie landen, sind zwei Gedanken einverstanden. Er ist so seicht und ist so tief wie jede Sehnsucht, die ihn rief. Er ist so einfach oder schal wie der Empfindung Material. Er ist so neu und ist so alt wie des Gedichtes Vollgestalt. Orphischen Liedes Reim, ich wette, er steht auch in der Operette. Wenn Worte ihren Wert behalten, kann nie ein alter Reim veralten. Fühlt sich am Vers ein Puls, ein Herz, so fühlt es auch den Reim auf Schmerz. Aus allgemeinrer Sachlichkeit glückt neu der Reim von Leid auf Zeit. Weist mich das Wort in weitere Fernen – o staunend Wiedersehn mit Sternen! Der erdensichern Schmach Verbreitung bedingt dafür die Tageszeitung und leicht trifft einem irdnen Tropf der Reim den Nagel auf den Kopf. Dem Wortbekenner ist das Wort ein Wunder und ein Gnadenort. Der Reim, oft nur der Verse Leim, ist der Gedanken Honigseim. Hier bietet die Natur den Schatz, dort Technik süßeren Ersatz. Ein Wort, das nie am Ursprung lügt, zugleich auch den Geschmack betrügt. Dort ist's ein eingemischter Klang, hier eingeboren in den Drang. Sei es der Unbedeutung Schall: ein Schöpfer ruft es aus dem All. Dort deckt der Reim die innre Lücke und dient als eine Versfußkrücke. Hier nimmt er teil am ganzen Muß, die Fessel eines Genius, Gebundnes tiefer noch zu binden. Was sich nicht suchen läßt, nur finden, was in des Wortglücks Augenblick, nicht aus Geschick, nur durch Geschick da ist und was von selbst gelingt, aus Mutterschaft der Sprache springt: das ist der Reim. Nicht, was euch singt! Desperanto Neuerlicher Versuch einer Übersetzung aus Harden So dornig der Pfad auch ist, der bildungshungrige Leser zum Verständnis dieser merkwürdigen Sprache führt, in der die geheimsten Zauber von Delphi und Grunewald aufzuklingen scheinen, der Übersetzer hat es sich zur Pflicht gemacht, nicht zu erlahmen, sondern die Deutschen durchaus zu jenem Genuß zu erziehen, auf den sie einen Anspruch haben: daß sie nämlich verstehen, was sie seit achtzehn Jahrgängen mit so lebhaftem Interesse lesen. Ist es denn nicht ein unerträglicher Zustand, daß einer die politischen Geschicke Deutschlands lenkt und die politischen Geschicke Deutschlands ihm aufs Wort parieren, ohne zu wissen, was das Wort bedeutet? Ist es nicht endlich an der Zeit, dem anerkannt ersten Publizisten Deutschlands zu der ihm gebührenden Stellung zu verhelfen? Indem es gelingen mag, seine gedankliche Leistung losgelöst von allen Eigentümlichkeiten formaler Natur dem Publikum zu bieten, wird auch der gemeine Mann in der Lage sein, die letzte Entscheidung über die sozialen und kulturellen Probleme der Epoche zu vernehmen, während dem Feinschmecker wieder die esoterischen Reize einer Sprache offenbar werden sollen, die niemand spricht, so daß er sie genießen und zugleich in angenehmer Entfernung erkennen wird, wie schwer das Leben ist. Auch diesmal aber muß der Übersetzer, der sich für andere plagt, Nachsicht für jene Stellen erbitten, wo unüberwindbare Hindernisse ihm den eindeutigen Ausdruck verwehrt oder gar noch größere Verlegenheit bereitet haben. Welches Deutschen Bildung wäre heute so ausgereift, daß er, namentlich in der Sommerfrische, immer jene Behelfe wie Zettelkasten, Brockhaus und so weiter bei der Hand hat, die nun einmal notwendig sind, um hinter die eleusinischen Mysterien eines politischen Leitartikels zu kommen? Wahrlich, diese Sprache ist leichter erlernt als verstanden. Sie hat ihre Vorzüge und ihre Nachteile, und sie ist durch ihre chiffrierende Art, zugleich zu verkürzen und zu verwirren, dem Diplomaten ein quälender Zeitvertreib und dem Privatmann eine angenehme Tortur. Die Desperantosprache bietet wie keine andere die Möglichkeit, sämtliche Nationen auf dem gemeinsamen Boden gegenseitigen Mißverstehens zusammenzuführen. Wenn man zum Beispiel einem Japaner zuriefe: »Schälle täuben«, so würde er es unfehlbar für einen russischen Schlachtruf halten und sich zurückziehen; ein Russe würde sagen, es sei die Bezeichnung für einen hyperboreischen Volksstamm, der bei der Völkerwanderung zurückgeblieben ist; ein Hyperboreer würde glauben, es sei deutsch; und ein Deutscher würde sich die Ohren zuhalten, womit er instinktiv das Richtige träfe, denn der Satz ist nicht nur abscheulich, sondern bedeutet nichts anderes als: »Gerüchte sind trügerisch«. Aber wer kann das sogleich wissen? Wer weiß, was ein Wort bedeutet? Wenn ich nicht einst dem Schöpfer dieser Sprache auf den Kopf zu gesagt hätte, daß der Satz »Strählt die Miauzer«, so viel bedeuten müsse, wie »Streichelt die Katzen!«, noch heute würde man in jenem Dunkel tappen, in dem zwar die Miauzer sehen können, aber nicht die, welche sie strählen sollen. Da diese Sprache heute nur einer ganz und gar beherrscht, so können die andern von Glück sagen, wenn sie ein Zipfelchen des Verständnisses erhaschen. Sie ist ein schweres Kleid von Brokat, das einer gezwungen ist schwitzend über den alltäglichsten Gedanken zu tragen. Diese zu enthüllen und in einem übertrieben alltäglichen Gewand, in dem sie sich wohler fühlen, zu präsentieren, soll nicht zuletzt der Zweck der philologischen Übung sein. Jeder mag aus ihr lernen, wie leicht es ist, eine schwer verständliche Sprache zu sprechen, und daß nur die liebe Not ein so prunkvolles Leben fristet. Freilich ist neben dem Mangel an Humor und Temperament auch eine gewisse Ausdauer und Zähigkeit des Charakters erforderlich. Anfänger, die den Ehrgeiz haben, sich im Desperanto zu vervollkommnen, seien darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht genügt, sich einige ausgestopfte Banalitäten anzueignen, sondern daß auch die Erwerbung eines Zungenfehlers unerläßlich ist. Schwerer als das viele Neue, das sie zulernen müssen, wird es ihnen ankommen, in den wichtigsten Augenblicken ihres Lebens auf das »s« zu verzichten, zum Beispiel beim Zeugungakt. Ich warne Neugierige. Der Meister selbst, dem sie nacheifern, ist einmal an einer der größten Schwierigkeiten, die sich ihm bei seinem Neuerungswerk entgegenstellten, gescheitert. Er hatte schon für alle sprachlichen Skrupel, die sich ergaben, einen »Schwichtigunggrund« gefunden, und kein »s«, das nicht etwa der Genitiv mit sich brachte, wurde im Haushalt geduldet. Er war bei dieser asketischen Lebensweise fünfundvierzig Jahre alt geworden, alle Deutschen huldigten ihm, von den Regierungräten abwärts bis zu den Handlunggehilfen, und besonders diese. Da gratulierte ihm sein Dämon zum – Geburttag. Er brach zusammen. Denn das ging wirklich nicht. Nie hat er das Wort geschrieben. Sondern behalf sich mit Abkürzungen wie etwa: »der Tag, an dem der erste Blick ins Sonnenlicht sich jährt«, »die Wiederkehr der Stunde, die den heut zur Mannheit Emporgereckten ins Dasein rief«, und dergleichen. Nie hat er das Wort geschrieben. Es ist die geheime Tragik in seinem Leben ... Wen nur der Glanz seiner Sprache lockt und nicht ihre Schatten nüchtern, wen ihre Schälle täuben und nicht ihre Stöße schüttern, wen nur ihr Ruch tört und nicht ihr Stank stört, der folge mir getrost durch diesen Deutschungversuch. Vor vierzehn Tagen habe ich hier versucht, das vor und nach der Weihnacht des Jahres 1907 im allensteiner Haus des Majors Gustav von Schoenebeck Geschehene mit dem von der Psychopathologie gelieferten Werkzeug abzutasten und dem Menschensinn zum Verständnis des ihm unverständlich Scheinenden zu helfen In der vorletzten Nummer habe ich mich an dem Fall Schoenebeck, ohne die Quelle des Herrn von Schrenck-Notzing zu nennen, detailmalerisch ergötzt und mich dabei bemüht, das Verständliche unverständlich zu machen Ihr evangelisches Bewußtsein ist, auch wenn sie es erst etliche Jahrzehnte nach den Steckkissentagen erworben haben, von mimosiger Empfindsamkeit Ihr Christentum ist, auch wenn sie erst lange nach der Geburt getauft wurden, von mimosenhafter Empfindlichkeit Wer je genötigt war, seinen Namen unter ein Gerichtsprotokoll zu setzen, vergißts nicht so bald. Seine Aussage mag noch so einfach sein: ... was er in lebendiger Rede rasch vorbringt, wird in den altfränkischen Pomp der Gerichtssprache gekleidet ... Und in neun von zehn Fällen bleibt der Vernehmende Sieger. Er meints so gut, quält sich so redlich, die Laienrede in sein geliebtes Juristendeutsch zu übertragen ... Das Einfache wird verkünstelt. Ein alter Übelstand, über den sich auch die Richter beklagen, wenn sie wieder den schlichten altfränkiscben Pomp ihrer Sprache in den byzantinischen Prunk einer deutschen Wochenschrift gekleidet sehen Soll man dem Geplagten, vor dessen Tür ein Bäckerdutzend Beschuldigter oder Zeugnispflichtiger wartet, das Amtsleben noch mehr bittern? Soll der geplagte Richter auch noch diesen Satz lesen? An diese Aussage waren sie fortan gekettet ... Die conviction intime der Geschworenen ist an keine Paragraphenvorschrift geknotet ... Müssen die Zeugen an den Rahmen des Gedächtnisbildes genagelt werden, das freilich frisch ist, oft aber nur die Mängel des flüchtig hinwischenden Impressionismus erkennen läßt? ... Begreift Ihr wirklich nicht, warum der Arme nicht von dem Glauben loszuhaken ist, die gröbste Form der Klassenjustiz sei im Alltagsgebrauch? Folterbräuche der preußischen Strafjustiz und der deutschen Satzbildung In einem Grenznest, wo die Garnison ein ummauertes Städtchen bildet, hat keiner gemerkt, daß die Frau des Majors vom Stabe ihren Hausschlüssel in der Runde kreisen ließ, mit dem Taschentuch ihren Buhlen Fensterflaggensignale gab, im Schlafzimmer ihnen Mahlzeiten servierte, mit ihnen in Königsberg und in Haffbädern zusammenwohnte, an der Alle in Kattunkleid und Kopftuch Sexualabenteuer suchte An der Alle hat man nichts gewußt In Berlin war sie als leicht erraffbare Ware bekannt; hatte die Christgeschenkeinkäuferin vor einzelnen Stundenbesitzern sogar die Namensmaske gelüftet In Berlin hat man Alles gewußt Dieser Vorsitzende ähnelt nicht dem ersten Kaiser Ferdinand, von dem Julius Wilhelm Zincgref in seinen »Apophthegmata« erzählt hat: ... Dieser Vorsitzende verhielt sich zu Kaiser Ferdinand wie eine Melone zu einem Zettelkasten Der Nation und allem auf der Erdfeste Kribbelnden künden Der Nation und der Menschheit verkünden Allmählich verdüsterte sich auf dem Goebenbildnis der Grundton so, daß selbst des Schwärmers frommer Glaube von Skepsis angenagt ward Mit der Zeit wurden selbst die Anhänger Goebens wankend Ins Irrenasyl befördern Ins Irrenhaus sperren Wenn Madame Antoinette Lust hat, kann sie mit oder schon vor den Schwalben südwärts ziehen Wenn Frau v. Schoenebeck will, kann sie im Herbst oder schon früher nach dem Süden gehen (Was ihr zu gönnen wäre. Anm. d. Übers.) Frau Antoinette sitzt gemächlich in der Hardenbergstraße und kann sich, wenn's ihr paßt, den Amphibien westlicher Nachtkaffeehäuser gesellen Herr Maximilian regt sich im Grunewald an solchen Vorstellungen auf, setzt den Frauen mit den Ruten seiner Moraaal zu und züchtigt die Männer mit den Skorpionen seiner Sprache Wer bürgt für die Erstattung der wider alle Norm hohen Fahrtkosten? Fahrtkosten, die normwidrig sind, werden nicht gutgeheißen Fragt in Alt-Moabit die Gerichtsdiener, wie viele Zeugen täglich pro nihilo bestellt werden Man frage die Gerichtsdiener in Moabit nach den zeugen Riedel und Ernst; das verstehen sie sofort Heuertsensation Sensation im Juli Das fünfundsechzigste Haus der Wilhelmstraße Wilhelmstraße 65 Phili tuschelt den allzu Spottlustigen aus der Gunst Eulenberg verdrängt Kiderlen Theobaldus Cunctator Der Reichskanzler Der präsidierende Erni Reichspräsident Prinz Ernst zu Hohenlohe Berni Bernhard Dernburg Eine Schicksalsstunde ruft die zwistlos gesammelte Kraft deutscher Menschheit herbei Die Stunde der Entscheidung verlangt ein einiges Deutschland Sein Wollen blößen Seinen Plan enthüllen Fritzischies Kriegsglück Preußisches Kriegsglück Das Adlerland Preußen Er muß in den Weg ihres Willens einschwenken Er gibt ihr nach Sie vermag ihn vom Ziel seines Wollens abzudrängen Sie kriegt ihn herum Vor dem Bilde der mirower Ahnfrau erblassen Sich vor dem Andenken der Königin Luise schämen Der Kanalvetter England Der heitere King Eduard VII Unter dem milden Juliusmond Im Juli Der vom Kehlkopfkrebs Getötete Der an Kehlkopfkrebs Verstorbene Botschafter an Alfonsens Hof Botschafter am spanischen Hof Die Russen zäumten die Zunge nicht so straff Die Russen waren gesprächiger Der Gortschakowepigone, der ihr internationales Geschäft leitet Iswolsky Das Reich des Tenno ? Japanische Größensucht Japanischer Größenwahn Der Italerkönig Der König von Italien Der Schillingsfürst Hohenlohe Der Kniephofer Bismarck Der Menschenfischer im Koller Bismarck Der winzige Sohn des Widukindlandes Windthorst Sich mit frevler Hand aus dem Sonnenbezirk jäten Sich umbringen Wähnen auch wir noch, jede Entschleierung des aufrecht schreitenden Zweizinkentieres müsse der inneren Magdschaft gefährlich werden? Fürchten auch wir noch von der sexuellen Aufklärung einen Schaden für die seelische Jungfräulichkeit? Ins Schulgehäus darf von der Geschlechtswallstatt kein Windhauch wehen In der Schule darf von geschlechtlichen Dingen nicht gesprochen werden Dünkt ihn die Vorstellung, der rotbeinige Herr Adebar hole die Kinder aus einem von Sumpfkröten umquakten Teich und beiße, um den Tag seiner Einkehr zum Fest zu wandeln, die Mama ins Bein, heiliger, ehrwürdiger als die Erkenntnis, daß in dem von Vaters zärtlicher Liebe befruchteten Mutterschoß ein Geschwister erwuchs? Ist ihm das Storchmärchen sympathischer als die erweisliche Wahrheit der Zeugung? Dicht vor der Maturität Kurz vor der Matura Mehr noch als läßlichen Fehltritt die Heuchelschmach meiden, die alles sittliche Empfinden unaufhaltsam zerbeizt Wenn's schon einmal geschehen ist, wenigstens aussprechen, was ist Je ernster ihr Blick sich auf den Brennpunkt der Gattung heftet, desto schwerer wirds lüderlichem Getuschel, ihr Ohr gegen die Notsignale nahender Jungferngefahr zu täuben Je mehr man auf die Sache sieht, umso sicherer wird sie bewahrt bleiben, so daß die sexuell Aufgeklärten keinen Schaden und die sexuellen Aufklärer doch ihre Freude dran haben Vollreifen Mädchen von Verführungfährnis sprechen Mit erwachsenen Mädchen Alliteration treiben und ihnen im entscheidenden Moment doch das »s« vorenthalten Die Sprache Der Versuch: der Sprache als Gestaltung, und der Versuch: ihr als Mitteilung den Wert des Wortes zu bestimmen – beide an der Materie durch das Mittel der Untersuchung beteiligt – scheinen sich in keinem Punkt einer gemeinsamen Erkenntnis zu begegnen. Denn wie viele Welten, die das Wort umfaßt, haben nicht zwischen der Auskultation eines Verses und der Perkussion eines Sprachgebrauches Raum! Und doch ist es dieselbe Beziehung zum Organismus der Sprache, was da und dort Lebendiges und Totes unterscheidet; denn dieselbe Naturgesetzlichkeit ist es, die in jeder Region der Sprache, vom Psalm bis zum Lokalbericht, den Sinn dem Sinn vermittelt. Kein anderes Element durchdringt die Norm, nach der eine Partikel das logische Ganze umschließt, und das Geheimnis, wie um eines noch Geringeren willen ein Vers blüht oder welkt. Die neuere Sprachwissenschaft mag so weit halten, eine schöpferische Notwendigkeit über der Regelhaftigkeit anzuerkennen: die Verbindung mit dem Sprachwesen hat sie jener nicht abgemerkt, und dieser so wenig wie die ältere, welche in der verdienstvollen Registrierung von Formen und Mißformen die wesentliche Erkenntnis schuldig blieb. Ist das, was sie dichterische Freiheit nennen, nur metrisch gebunden, oder verdankt sie sich einer tieferen Gesetzmäßigkeit? Ist es eine andere als die, die am Sprachgebrauch wirkt, bis sich ihm die Regel verdankt? Die Verantwortung der Wortwahl – die schwierigste, die es geben sollte, die leichteste, die es gibt –, nicht sie zu haben: das sei keinem Schreibenden zugemutet; doch sie zu erfassen, das ist es, woran es auch jenen Sprachlehrern gebricht, die dem Bedarf womöglich eine psychologische Grammatik beschaffen möchten, aber so wenig wie die Schulgrammatiker imstande sind, im psychischen Raum des Wortes logisch zu denken. Die Nutzanwendung der Lehre, die die Sprache wie das Sprechen betrifft, könnte niemals sein, daß der, der sprechen lernt, auch die Sprache lerne, wohl aber, daß er sich der Erfassung der Wortgestalt nähere und damit der Sphäre, die jenseits des greifbar Nutzhaften ergiebig ist. Diese Gewähr eines moralischen Gewinns liegt in einer geistigen Disziplin, die gegenüber dem einzigen, was ungestraft verletzt werden kann, der Sprache, das höchste Maß einer Verantwortung festsetzt und wie keine andere geeignet ist, den Respekt vor jeglichem andern Lebensgut zu lehren. Wäre denn eine stärkere Sicherung im Moralischen vorstellbar als der sprachliche Zweifel? Hätte er denn nicht vor allem materiellen Wunsch den Anspruch, des Gedankens Vater zu sein? Alles Sprechen und Schreiben von heute, auch das der Fachmänner, hat als der Inbegriff leichtfertiger Entscheidung die Sprache zum Wegwurf einer Zeit gemacht, die ihr Geschehen und Erleben, ihr Sein und Gelten, der Zeitung abnimmt. Der Zweifel als die große moralische Gabe, die der Mensch der Sprache verdanken könnte und bis heute verschmäht hat, wäre die rettende Hemmung eines Fortschritts, der mit vollkommener Sicherheit zu dem Ende einer Zivilisation führt, der er zu dienen wähnt. Und es ist, als hätte das Fatum jene Menschheit, die deutsch zu sprechen glaubt, für den Segen gedankenreichster Sprache bestraft mit dem Fluch, außerhalb ihrer zu leben; zu denken, nachdem sie sie gesprochen, zu handeln, ehe sie sie befragt hat. Von dem Vorzug dieser Sprache, aus allen Zweifeln zu bestehen, die zwischen ihren Wörtern Raum haben, machen ihre Sprecher keinen Gebrauch. Welch ein Stil des Lebens möchte sich entwickeln, wenn der Deutsche keiner andern Ordonnanz gehorsamte als der der Sprache! Nichts wäre törichter, als zu vermuten, es sei ein ästhetisches Bedürfnis, das mit der Erstrebung sprachlicher Vollkommenheit geweckt oder befriedigt werden will. Derlei wäre kraft der tiefen Besonderheit dieser Sprache gar nicht möglich, die es vor ihren Sprechern voraus hat, sich nicht beherrschen zu lassen. Mit der stets drohenden Gewalt eines vulkanischen Bodens bäumt sie sich dagegen auf. Sie ist schon in ihrer zugänglichsten Region wie eine Ahnung des höchsten Gipfels, den sie erreicht hat: Pandora; in unentwirrbarer Gesetzmäßigkeit seltsame Angleichung an das symbolträchtige Gefäß, dem die Luftgeburten entsteigen: Und irdisch ausgestreckten Händen unerreichbar jene, steigend jetzt empor und jetzt gesenkt, Die Menge täuschten stets sie, die verfolgende. Den Rätseln ihrer Regeln, den Plänen ihrer Gefahren nahezukommen, ist ein besserer Wahn als der, sie beherrschen zu können. Abgründe dort sehen zu lehren, wo Gemeinplätze sind – das wäre die pädagogische Aufgabe an einer in Sünden erwachsenen Nation; wäre Erlösung der Lebensgüter aus den Banden des Journalismus und aus den Fängen der Politik. Geistig beschäftigt sein – mehr durch die Sprache gewährt als von allen Wissenschaften, die sich ihrer bedienen – ist jene Erschwerung des Lebens, die andere Lasten erleichtert. Lohnend durch das Nichtzuendekommen an einer Unendlichkeit, die jeder hat und zu der keinem der Zugang verwehrt ist. »Volk der Dichter und Denker« : seine Sprache vermag es, den Besitzfall zum Zeugefall zu erhöhen, das Haben zum Sein. Denn größer als die Möglichkeit, in ihr zu denken, wäre keine Phantasie. Was dieser sonst erschlossen bleibt, ist die Vorstellung eines Außerhalb, das die Fülle entbehrten Glückes umfaßt: Entschädigung an Seele und Sinnen, die sie doch verkürzt. Die Sprache ist die einzige Chimäre, deren Trugkraft ohne Ende ist, die Unerschöpflichkeit, an der das Leben nicht verarmt. Der Mensch lerne, ihr zu dienen! Die Sprache Mit heißem Herzen und Hirne naht' ich ihr Nacht für Nacht. Sie war eine dreiste Dirne, die ich zur Jungfrau gemacht. Dienst der Kunst Die Kunst, sie diene mir zum Schutz vor dieses Lebens Qualen. Da ist die Malerei nicht nutz, den Leuten was zu malen. Auch die Musik geht nicht drauf aus, es ist ihr nicht zu eigen, um einem gutbesuchten Haus gehörig heimzugeigen. Nur mit der Wortkunst halt' ichs drum, die ist für mich und jeden, sie hilft, um mit dem Publikum doch einmal deutsch zu reden. Franz Werfel Daß Gewure auf deutsch die Kraft heißt, weiß man schon aus jener getadelten »Melancholie« und hätte damit zum Verständnis der Weimarischen Richtung in der neueren deutschen Lyrik genug profitiert. Vielleicht war es aber noch nötig, zur besseren Einfühlung in den Euripides zu erfahren, daß conzph auf deutsch Frechheit heißt. Diese nun unternimmt ihre hoffnungslosen Versuche immer dann, wenn sich herausstellt, daß ich, was so oft im Lauf der letzten zehn Jahre der Fall war, in der Entwicklung eines hochbegabten Literaten zurückgeblieben bin und plötzlich nicht mehr imstande war, seine leidenschaftliche Verehrung für mich zu teilen. Ich kann wahrhaftig die Enttäuschung eines jungen Dichters viel besser nachempfinden als er ein Goethesches Gedicht, und ich könnte daraus doch nur klappernde Verse machen, von denen er mit Recht behaupten würde, sie seien nicht meine Sprache – nur wäre der Unterschied eben der, daß ich mich in solchen Erlebnissen parodistisch einstellen müßte, wobei also meine Sprachschöpfung im Geräusch der niedrigeren Region wirkte, während sein Formtalent sich mit dem Pathos der höheren Sphären anfüllen darf. Der Franz Werfel ist zweifellos der weitaus glücklichste von allen Zauberlehrlingen des Wortes, die heute Wunder »auch« tun, und zum Glück zeigt er sich in seinen Gedichten noch informierter über das Mysterium als in seinen Briefen. Von den Stationen, die ich auf der Höllenfahrt durch das literarische Scheinmenschentum durchzumachen hatte, war die Bekanntschaft mit dem jungen Werfel sicherlich eine, deren Schein von einer Sonne schien und die eine Zeitlang das Jungsein, den »schönen strahlenden Menschen« darzubieten schien. Aber es ist nun einmal das Verhängnis der Erscheinungen, deren Materie der Glanz ist, daß dem Betrachter im Augenblick, und wie durch diesen selbst, der gesehene Schein sich in den erkannten Schein verwandelt. Denn was die Natur dem Schmetterling und der Frau als tragischen Vorzug gewollt hat, verbleibt im Reich des Geistes als ein trauriger Defekt. Daß ich nun der Mann war, solche Unstimmigkeit mit der Schöpfung durchproben zu müssen und dann verwerfen zu können, daß von mir angezogen wurde, was von mir abzustoßen war, durfte die Generation zwar jeweils enttäuschen, aber endlich nicht mehr überraschen. Wo sich mir einmal der Spalt zwischen Wort und Wesen auftat, da konnte ich mit Stolz sagen, daß der Ephialtes ein Muster der Nibelungentreue gegen mich gewesen ist. Denn mir ist es, wie ich dem Franz Werfel an den von ihm bemängelten Sprachbeispielen und an der von ihm getadelten Lebenshaltung beweisen will, mit jener einzigen Verbindung, die ich je im Leben angestrebt habe, furchtbar ernst und, ein gründlicher Kenner jenes hysterischen Zwitterzustandes, der die eigene Duplizität an der Einheit rächen möchte, indem er sie ihr vorwirft, kann ich das Mitleid mit den Teilbaren – mit den an mir leidenden Hälften, von denen die eine mich liebt, die andere mich haßt, oder mit den Individuen, die nur die Halbscheit sind – keineswegs in eine Raison hineinsprechen lassen, die mit dem Rest zwischen Dichten und Trachten als dem einzigen Bestand der heutigen Geisteswelt unerbittlich aufräumt. Ich weiß mich nicht frei von Schuld: »Ich bin« ; und darum bin ich auch schuld an den Verwirrungen jener, die »Wir sind« bekennen. Ich weiß schon, daß ich, wie ich der Erreger solcher Unruhe und der Anreger solchen Zerfalls bin, auch Schuld daran trage, daß sich die arme Haut nun wund reibt an mir, daß eine zuerst in Ekstase und dann in Selbstbehauptung vergehende Jugend in der Debatte mit mir sich selbst auseinandersetzt, und ich bin nicht fühllos gegen den Anblick, wie sie die Pfeile, die sie zu ihrem Schutz erhob, in ihrem Fleisch nach Hause trägt. Aber was sollten zwei Adjektive, die miteinander im Streit sind, gegen ein Hauptwort ausrichten können, als die Botschaft der Ohnmacht? Werfel tut ganz recht, zu versichern, daß ihn das menschliche Problem »an sich wenig interessiert«, aber ich weiß mich, wie er gleichfalls mit Recht vermutet, von der Rückständigkeit eines solchen Interesses, pro domo et mundo, nicht ganz frei und werde ihm beweisen, wie übertrieben seine besondere Gefälligkeit war, den bürgerlichen Komment gegen mich schützen zu wollen, obschon es sich weniger um diesen als um den menschlichen handelt. Es ist die eigenste lyrische Note des Franz Werfel, daß er das Kindheitserlebnis, welches ihn eine Zeitlang an der Hand der Sprachkönnerschaft in den Verdacht der Echtheit gebracht hat, über die Altersgrenze hinaus hätschelt, und wenngleich ich nicht imstande war, dem Aufschwung des Dichters aus dem Kinderpark in den Kosmos bewundernd nachzublicken, sondern im Gegenteil auch hierin nur eine Kinderei erblickt habe, so muß ich doch sagen, daß jene pantheistischen Sonntagsausflüge Horizont hatten im Vergleich mit der Kinderei dieser Auseinandersetzung, die der Autor bereits in einem alliebenden und allverzeihenden Gedicht versucht hat, mit dem im Gegensatz zu meinem keine Sprachkritik etwa beabsichtigt war. Seine Frage, ob es möglich sei, daß der Verfasser der »Chinesischen Mauer« und des »Prozeß Veith« die eine Zeile hat drucken lassen und der Besessene der Sprache die zwei Verse geschrieben hat, beantwortet sich am besten mit der Versicherung Nestroys, daß Wirklichkeit immer das schönste Zeugnis für die Möglichkeit ist, eine Erkenntnis, der allerdings wieder Goethes Konklusion entgegensteht, er habe es gesehen, aber er glaube es nicht. Ich selbst kann es nicht leugnen. Ja mehr als das. Jene Verse hat sogar der Verfasser des Gedichtes »Der Reim«, als den er sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu erkennen gab, drucken lassen und jene Zeile der Verfasser von »Abenteuer der Arbeit«. Herr Werfel scheint ihn aber für fast so dumm zu halten wie er sich stellt, wenn er glaubt, daß einer, dem der Wortdienst nicht nur Tätigkeit, Problem, Lebensluft ist, sondern auch Inhalt dieser Sprachabenteuer wie der bemängelten Arbeit selbst, nicht gemerkt und nicht verhütet habe, daß ihm so etwas passiert. Er kann ja, wenn er Lust dazu hat, die Zeile »denn wer nur am Worte reibt sich« für wertloser halten als die Lyrik, der sie gilt: – zu glauben, daß einem Gedanken, dessen Material die Sprachkritik ist, eben das widerfahren sein könnte, was der Gedanke tadelt: ein »sich nur am Worte reiben«, ist zu simpel. Denn die naheliegende Vorstellung, daß man sich an dem Worte reiben könnte, hätte die Korrektur geboten. Also sei ihm, von dem ich wie von dem letzten zufälligen Zeugen meiner Arbeit jederzeit einen Rat im Zweifelsfalle annähme, dessen Urteil nach getanem Werk aber eine Anmaßung ist, Aufschluß über den Prozeß erteilt, den das Wort durchgemacht hat, bis es die Unzufriedenheit eines Sprachkünstlers erwerben konnte. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß manche Zeilen, die ich geschrieben habe, die Herren Presber und Leipziger zustande brächten und manche mit größerem Geschick. Wo einer recht hat, hat er recht. Und ich gehe sogar so weit, einzuräumen, daß sie einen Werfelschen Vers, nicht zustande brächten. Dagegen sicher einen von Goethe. Wie das nur kommen mag? Ich verwirre den Tadler noch mehr, wenn ich das Problem so fasse: Die meisten Verse von mir könnten die Herren Presber und Leipziger mit größerem Geschick schreiben als ich, wenn auch nicht mit so großem wie Herr Werfel, an den die beiden keineswegs hinanreichen. Aber ich bin noch unbescheidener: ich glaube, daß die drei Herren eine Zeile von mir, wie sie ist, hinschreiben könnten, und wie gesagt auch eine von Goethe, von Klopstock, Claudius, Eichendorff usw. Das Geheimnis besteht nur darin, wer die Zeile schreibt, in welchem Gedicht sie steht, in welcher Luft sie lebt und atmet. Mit dem Vers geht's da nicht anders zu als mit dem Wort selbst, das allen gehört und das alle treffen. Sollte der Presber nicht imstande sein, das Schlußwort der Iphigenie: »Lebt wohl!« zu verfassen, diesen größten Abschied, den es in deutscher Sprache gibt? Und der Leipziger nicht fähig, »leider« zu sagen wie Claudius in dem Satz. »'s ist leider Krieg.. .«, diesen tiefsten Komparativ von Leid, vor dem alle Leidenslyrik vergeht? Die Zeile: »denn wer nur am Worte reibt sich« ist an und für sich schlecht und der Reim auf Leipzich an und für sich billig. Teuer wird er mir erst in dem Zusammenhang und Zusammenklang der Sphären, die hier sächselnd und jüdelnd einander zusprechen. Ein »sich am Worte reiben« soll Gestalt bekommen und bekommt sie in einem klappernden: »denn wer nur am Worte reibt sich« und dieses Geräusch ist, wenn's auch dem Lyriker unfaßbar scheint, zugleich mit der Reim »Leipzich« dagewesen und nicht diesem zuliebe erfunden worden. Daß es keinen andern Reim auf Leipzig geben kann, muß etwas zu bedeuten haben, und es klappert nicht durch mein Ungeschick oder durch mein Versehen, sondern es klappert das, was klappert und so dargestellt werden soll. Herr Werfel ahnt gar nicht, wie unbewußt hier das Gelingen und wie bewußt hier das Mißlingen ist, und er nehme getrost an, daß da keine andere Arbeit geleistet wurde als an jedem der andern Gedichte, als an jeder Zeile der Chinesischen Mauer, und nur ein geringerer Wert zustande kam, wenn das Erlebnis der Drucklegung Werfels etwa ein geringeres ist als das der europäischen Moral oder meiner Wortschöpfung oder des Anblicks eines tangotanzenden Mörders, dessen Beschreibung in Versen ihn zu ekstatischem Beifall hingerissen hat. Der Wertunterschied meiner Abenteuer geht ihn aber herzlich wenig an, und sollten die Kraus-Philologen mit der Ansicht, daß mein Wort mit der Nichtigkeit des Anlasses wachse, recht haben, weil ja auch der Wert der Gottesschöpfung mit der Nichtigkeit ihrer Zerstörer wächst, so sollte er, anstatt »hochmütig« zu werden und von dem Unwert meiner Zeile auf seinen eigenen Wert, lieber umgekehrt von seinem Unwert auf den Wert der Zeile schließen und beruhigt nach Hause gehen. Wenn es »dorten« angelangt ist und den Zorn abgelegt hat, möge er den Grimm zur Hand nehmen. Aber nicht die Märchen, die seiner Entwicklung ja doch nicht mehr angemessen sind, sondern das Wörterbuch. Dorten wird er finden, daß diese deutsche Form, die sicherlich eine unorganische Form für dort ist, »schon im sechzehnten Jahrhundert«, also zu einer Zeit, wo die junge Prager Lyrik noch nicht die Freiheit hatte, sich in deutsche Sprachhändel einzulassen, »vorkommt und sich bis jetzt erhalten hat«. Hans Sachs: »und heiß aufsitzen dorten den Hüter meiner Ehrenporten«. »Dorten« sagt auch Kant. Wieland: »Bald da, bald dorten hin«. »Und die dorten liegen erschlagen am Boden«: Tischbein in Mercks Briefen. »Mit dem Vorsatz dorten Fabriken anzulegen«, »Den Professor Garve habe ich auch dorten kennen lernen«, »Ich fand in der Beschreibung von Mähren, daß es dorten eine Art Leoparden geben soll«: Karl August, Herzog von Weimar in Mercks Briefen. Womit wir uns sowohl bereits dem Zeitalter der alten Weimaraner bedenklich nähern als auch schon in Mähren sind. Wie sagt doch Goethe? »Liebe und lieble dorten nur, dorten«, »Die Bude die man dorten schaut«, »Eine Antwort von Rom – weil man dorten das Alte weder aufheben noch das Neue verhindern wollte«, »Von dorten soll sie in das fernste Land«, »Und es rauschte hier und rauschte dorten«, »Dorten zeigt sich das Meer und das Land und die Inseln der Ferne«, »Denn nicht die Gestalt, die in der Kunst ruht, gelangt in den Stein, sondern dorten bleibt sie, und es gehet indessen eine andere geringere hervor«. Das mag sein, aber man soll nicht leugnen, daß sie von der Kunst herkommt. »Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung«. Womit wir vielleicht schon bei den jungen Pragern angelangt wären. Wie sagt doch Schiller (nicht der am Graben): »Denn dorten fand ich, die ich nie gesucht.« Und er rät: »Und frage mir die Knechte dorten, ob sie getan nach meinen Worten«. Nein, sie haben sie nur bewundert, aber nicht nach ihnen getan, und weil ich ihre Worte und ihre Taten nicht bewunderte, meine Worte geschmäht und meine Taten. Werfel drängt sich an meinen Schreibtisch und in mein Leben. Wie sagt doch Goethe? »Nein, nein, mein Herr, dort dorten ist Ihr Platz.« Und in welche Richtung weist wieder Schiller, wenn er sagt: »Das Wort klingt immer gut von dorten her« ? Aber er scheint es nicht mit dem Weltfreund zu halten: »Dorten wirst auch du uns wieder finden, wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht.« Wie sagt doch Rückert? »Hie und dorten, früh und spat bin ich nach dem Schein gezogen.« Ja, das ist mein Fall, und nun büße ich's; aber Platen tröstet: »Quacken mag im Sumpfe dorten jenes tückische Gelichter«. Und damit wären wir in der Tat im Café Arco eingetroffen. Nun würde es sich nur noch darum handeln, Belegstellen aus einem Milieu und einer Epoche zu erbringen, die einen jungen Prager leichter erschließbar sind, wenn ihm schon gegen alle Erwartung die Sitte der Dioskuren, »dorten« zu sagen, nicht geläufig war. Und hier muß ich ihm ein Geständnis machen. Ich verzichte freiwillig auf jede Chance, mich von den Klassikern verteidigen zu lassen: »dorten« ist ein, wenn auch geheiligter, Mißbrauch, ich will sogar zugeben, daß es nicht deutsch ist, ich will, meinetwegen, offen einbekennen, daß es jüdisch ist. Ich habe die Anwendbarkeit der Form nur bewiesen, um Herrn Werfel zu zeigen, welche Leistung von mir an dieses Wort gewandt wurde, welche Skrupel ich zu überwinden hatte. Ich wußte nämlich, daß »dorten« leider auch deutsch ist, und ich wollte durchaus, daß es nur jüdisch sei! Herrn Werfel ist die deutsche Anwendung nicht bekannt, nur die jüdische. Das ist mir eine Beruhigung. Denn ich habe die jüdische Form gebraucht, wie einen Bissen von Brod und gefürchtet, man werde es für deutsch halten. Nun benimmt Werfel meinen Zweifel und es ist mir dabei ganz gleichgültig, daß er nicht die Absicht versteht, die mich geleitet hat, und mir diese als Entgleisung anstreicht. Ich wollte entgleisen und er beweist mir, daß es mir gelungen ist. Er ist sachverständig; und jetzt weiß ich, daß das Milieu dorten, das ich in einem Wort fassen wollte, durch dieses glücklich gefaßt ist. Hielte er »dorten« für gut deutsch, was es ja leider auch ist, so wollte ich die Zeile lieber so setzen: »Dort, o Freunde...« Aber der einfachere Vokativ »Freunde« ist mehr schillerisch und ich brauchte das zu dem jüdischschillernden Doppelgesicht, das jede Zeile haben soll. Es wäre also, wenn dorten rein jüdisch wirkt, mit »dorten, Freunde« in hohem Grade getroffen, so schön wie mit »zwo Gewuren«. Ist es nicht ein Spaß, daß das leibhaftige »Dorten«, das in Prag auf zwei Beinen steht, sich dagegen sträubt, gesehen zu werden? Daß einer, den ich höre, darum behauptet, ich könne nicht deutsch? Was wollte ich denn anderes, als daß aus dem Café Arco das »dorten« förmlich herausspringt, wenn man nur in Gedanken vorbeigeht? Was hörte ich denn anderes als den Dialog: »Bittich Haas, hast du Werfel nicht gesehn?« »Werfel ist herich noch im Arco!? Is er nicht dorten?« »Ich war dorten mit Brod, Werfel is nicht dorten!« »Ich hab ihn doch dorten gesehn!?« »Ich hab doch dorten gewartet!?« »Schau her – dorten kommt er !« Wäre ich dabei, so würde ich ihn fragen, ob er nun meine Absicht versteht; daß sie erfüllt ist, könnte er nicht mehr leugnen. So wenig wie ich sein Recht, einen Reim wie den auf das Café Arco zu verpönen, der doch wahrlich der Poesie so schlecht ansteht wie dieser Begriff als solcher. Der Mangel, den er anstreicht, würde die Erhabenheit seiner Sprachwelt sicherlich herabmindern. Aber soll er das nicht? Will er nicht der beabsichtigte Schritt zum Lächerlichen sein? Man darf nur nicht zu schüchtern zitieren: der Satz ist nicht zu Ende, es folgt die sehr undeutsche Wendung von dem Nachruhm, der dorten »stark aufliegt«. Wieder paart sich etwas, es gibt ein »unerlaubtes Verständnis« zweier Gedanken im Reim, also ein Einverständnis, das keinen Sprachsittenrichter angeht: zwischen dem »stark aufliegen« und einem pathetischen Element, jenem Vokativ »o«, der Herrn Werfel geläufiger ist als Schillern und den er der neufranzösischen Lyrik verdankt. Es ist ein weiterer Spaß, daß Herrn Werfel die jüdische Färbung in der Form »dorten« sogleich, wenn auch nicht als meine Absicht, eingeleuchtet hat, während er den Nachruhm, der »stark aufliegt« anstandslos passieren läßt und alle die andern Jargongreuel, von denen das Gedicht strotzt. Bei »Gewure«, das ausdrücklich übersetzt ist, mag ja Herr Werfel verstanden haben, daß es nicht die Sprache des »Besessenen der Sprache« ist, aber Wendungen wie »ausgerechnet«, »unberufen«, »morgen hat er wieder andere Sorgen« sind ihm gar nicht aufgefallen, weil sie ja äußerlich deutsch sind, während »dorten«, das er äußerlich für eine Mißbildung hält, ihm den Verdacht eingab, daß mein »unsicheres Bewußtsein« sich eine Jargonwendung habe entgleiten lassen. Für seinen Zweifel, der den meinen (daß es für deutsch gehalten werden könnte) beseitigt hat, bin ich ihm dankbar. Er hat ganz recht, wenn er meint, daß es nicht die Sprache dessen ist, der die Sprache an allen jenen, die sie sprechen, rächen will; es ist wirklich die Sprache aller jener, die sie sprechen. Daß es mir aber darauf ankam, diese nachzusprechen, und daß meine Sprache auch die Kraft ist, dies zu vermögen, versteht er nicht oder er tut so, als ob er es nicht verstände. Nur ist es dann, so oder so, unbegreiflich, warum er nicht die hunderttausende von jüdischen, wienerischen und berlinerischen Wortfetzen, die von meinem Sprachstrom mitgenommen werden, tadelnd auffischt und behauptet, daß es schlechtes Deutsch sei. Ich glaube, er hat recht: Der Anlaß ist mir wirklich nicht gewachsen. Ich glaube, daß eine größere Dummheit nicht einmal von einem Oberlehrer in Leipzich versucht werden könnte, der etwa zum erstenmal ein Heft der Fackel in die Hand bekommt und nun aus der Glosse »Vor dem Höllentor« zu dem Eindruck gelangte: Ist es möglich, daß dieser Krause, der so'n gediegenes Deutsch schreiben soll, dieses lächerliche Negerlallen zustande gebracht hat? Mit der »Peinlichkeit dieses Kunstwerks« fällt nun aber für Herrn Werfel, wie er versichert, »die Unantastbarkeit eines menschlicheren Problems« zusammen. Er beginnt also anzutasten. Er kommt mir wie jeder Patient, in dessen Brust zwei Larven wohnen, psychoanalytisch bei und überführt mich seiner Schwäche. Er weiß nunmehr, daß die Zweiheit in mir sitzt; daß mein Bewußtsein so lange unkontrolliert dahin gelebt hat, bis es von ihm, ausgerechnet oder unberufen, kontrolliert wurde; daß es in der unbewußten Tiefe unsicher ist und mir darum immer den Streich lächerlicher Verse spielen wird. An meinen Früchten wird mich Werfel fortan erkennen. Ich bin bescheidener und habe mich damit begnügt, die Früchte Werfels an ihm selbst zu erkennen. Ich habe so lange nicht gewußt, ob seine Verse etwas taugen, bis ich gewußt habe, daß er nichts taugt. Wenn ich nun wieder die Probe auf ihn machen müßte, so würde mir statt seiner Verse die Kritik, die er an den meinen übt, vollauf genügen. Er bezieht sie hauptsächlich auf sich und beweist wohl schon damit allein, daß er es mit Recht tut. Ich kenne die seelische Wurzel dieses Drangs, sich an meinem Wort zu reiben, ich habe zu lange im Zwielicht solcher Dioskuren-Seelen gelebt, um ohne jede psychoanalytische Vorbildung den Fall beurteilen zu können. Herr Werfel vermißt sich also, ganz in der Art, wie schon weniger begabte Abkömmlinge meines Lebenskreises, mir die Halbschlächtigkeit, die sein Ganzes bildet, zum Vorwurf zu machen. Er ist in ungereiztem Zustand sicherlich ein guter Junge und sein in die Nächstenliebe zurückgezogenes Literatentum keines schlechten Planes fähig. Er will mir wohl im Ernst nicht intriganten Neid und ein zimmerunreines Betragen vorwerfen, sondern wohl nur aus Ärger jene Disposition zu Bewußtseinstrübungen anheften, von der er sich gern befreien möchte. Es ist aber nötig, die Angelegenheit, in der die Beschwerde spielt, klarzustellen, damit diese nicht die Form jener Gerüchthaftigkeit annehme, die heute Druckerschwärze zur Verfügung hat, und damit ich Werfel ohne viel Federlesens davon überzeuge, wie schon Hans Sachs es mit mir hielt, als er justament sagte: »und heiß aufsitzen dorten den Hüter meiner Ehrenporten.« Herr Werfel also nennt mich einen »Gast«, der den »gemeinsamen Hausherrn« heimlich, aber öffentlich überreden möchte, einen andern Gast nicht mehr einzuladen. Dies findet er taktlos, wenngleich der Hausherr die Bereitwilligkeit hatte, für mich »in einem Nebenzimmer decken zu lassen«. Und um so taktloser scheint es ihm, als er, der andere Gast, es war, der die Einladung an mich überbracht hat, die ich »doch annahm«. Wenn die Manieren des anderen Gastes so schlecht wären, wie sein Gedächtnis, würde ich wirklich für den Hinauswurf stimmen. Nun stimme ich ja auch so für den Hinauswurf, aber ganz anders als er sich das vorstellt. Sein Vergleich ist verfehlt. Ich will nicht, daß der Gast entfernt werde, der unter den Gästen dieses Hauses beileibe nicht einer der übelsten ist, sondern ich will, daß das Haus gesperrt, das heißt von den Gästen gesäubert und von den »Stützen« befreit werde. Auch wenn damit auch mein Zutritt ins Nebenzimmer, wo für mich (begreiflicherweise) eigens gedeckt ist, unmöglich wäre. Nun liegt aber der Fall so, daß ich gar nicht essen will! Daß ich zu dem »Hausherrn« gar keine anderen Beziehungen habe, als die, daß er mir angenehm ist und daß ich ihn für einen der seltenen deutschen Menschen halte, deren Seele noch an den Wundern des neuen Deutschland Schaden nehmen kann; daß ich ihm wünsche, er wäre kein Hausherr, und daß ich ihn beklage, weil er, ehe er mein Wirken kannte, aus dem reinen Glauben an jungdeutsche Möglichkeiten Opfer für deren furchtbarste Erfüllungen gebracht hat. Durch eben die Errichtung des Hauses, bei der Herr Werfel als »Stütze« und Berater geholfen hat; durch eben die Gründung des Kurt Wolff-Verlags, der einem Menschen gehört, dessen Haut, wenn es noch einen Glauben an Menschliches gibt, an dem »Jüngsten Tag«, der bei ihm einbricht, welken muß. Dieser von mir als »edler Jüngling« öffentlich angesprochene, öffentlich in Gegensatz zu den Autoren seines Verlages gebrachte und nicht etwa in Privatbriefen um die Beseitigung des Herrn Werfel gebetene Verleger schien mir durch die stürmische Bewerbung um mein Werk, dessen Problem, Stoff, Inhalt, Sprache gegen die Existenz der Autoren des Kurt Wolff-Verlags, gegen das Chaos der Literaturhysterie denkt, handelt, wirkt, lebt, zu beweisen: daß es ihn menschlich angeht. In ungezählten Briefen, Telegrammen, Unterredungen hat er mir seinen sehnlichsten Wunsch bekundet, um die Verbreitung meiner Schriften in Deutschland bemüht zu sein. Auch Herr Werfel, dem die Befähigung zur Überbringung einer Botschaft nie bestritten wurde, war der Bote solchen Wunsches, den ich jedesmal unter Hinweis auf den grausamen Kontrast meines literarischen Daseins zu der Richtung jenes Verlags abgewiesen habe. Gerührt durch die Selbstlosigkeit, die sich mit einem so unbequemen, unbeliebten, jedem Verlag, ja dem eigenen Vertrieb hinderlichen Autor abgeben wollte, beruhigt durch die Versicherung, daß die Art der Administrierung mich außer die Reihe der andern Autoren stellen würde, schloß ich einen Vertrag, durch den sich der Verleger auch zur kostspieligen Übernahme des damals sieben Jahre stehenden Satzes von »Kultur und Presse« verpflichtete. Aller materiellen Vorteile ungeachtet, entsagte ich ein Jahr später diesem Vertrag, weil einer der typischen Literarhysteriker, die in dem Verlag erscheinen, mich in einem Briefe, dessen Bote gleichfalls Herr Werfel war, mit den Worten anredete: »Ich weiß jetzt, daß Sie christushaft sind!« Ich wußte jetzt, daß mein Auftreten unter solcher Truppe, deren Bestand und Möglichkeit mich immer intensiver beschäftigte, eine Literaturpikanterie ohnegleichen wäre, und bat Herrn Kurt Wolff in einem April 1914 verfaßten Dokumente, das eine volle Klarstellung des Gegensatzes enthielt zugleich mit der Anerkennung seiner Freundschaft, der ich das Opfer bringen wollte, in keinem andern deutschen Verlag zu erscheinen, um Auflösung des Vertrages, denn ich wäre statt eines günstigen Kontrakts einen heillosen Kontrast eingegangen. Wie er den Widerspruch, in dem er zu der von ihm genährten Literatur mir zu leben scheine, in sich selbst austragen wolle, müsse ich ihm überlassen. Ausdrücklich war jeder Versuch eines Eingriffs in die wirtschaftliche Existenz der in ihrem geistigen Dasein gehaßten Literatenklasse vermieden, jede Möglichkeit, mein Erscheinen im Kurt Wolff-Verlag an die Bedingung des Nichterscheinens anderer zu knüpfen, abgewiesen und klipp und klar die Wirksamkeit meines Entschlusses bis zu dem Zeitpunkt erstreckt, da Herr Wolff die Unvereinbarkeit in sich selbst bereinigt habe, wobei ich es schließlich begreiflich fand, daß man einer reinern Lebenserkenntnis zuliebe wohl die Fackel schreiben könne und müsse, aber nicht aufhören müsse und könne, Verleger zu sein. Unter voller Würdigung meiner Beweggründe verzichtete er auf Einhaltung des Vertrags; und ohne daß sich das geringste an unserer persönlichen Beziehung geändert hätte. Ich hatte auf die günstigste Möglichkeit einer Verbreitung meiner Werke in Deutschland, auf einen unmittelbaren Vorteil, der sich aus dem Vertrag ergab, verzichtet, und dies alles, weil es mir unmöglich war, mit meinen glühenden Verehrern an einem Tische zu sitzen. Da kam Herr Wolff, etwa nach einem Jahr, mit dem Vorschlag, ein Nebenzimmer, nein, eine streng separierte Wohnung mit eigenem Eingang, für mich aufzusperren, einen besonderen Verlag für meine Werke zu gründen. Diese von ihm manifestierte vollständige Trennung von Tisch und Bett der Literatur-Liebschaften durfte mir genügen. Ihr Vollzug gibt aber auch hinreichend deutlich zu verstehen, daß mir die Luft in jenem andern Zimmer, die Gesellschaft dorten, ihre Gespräche, ihre Tischmanieren nicht erwünscht waren, nicht etwa umgekehrt. In meiner Entfernung ist so klar meine Aversion, mein Urteil über jene Gesellschaft, die Respektierung dieses Urteils durch den Verleger ausgesprochen, daß sie mit viel mehr Recht die Tatsache selbst als jede weitere Bemerkung, die ich dazu mache, mir, oder ihm, verübeln könnte. Worin die Taktlosigkeit bestehen soll, wenn ich im weiteren Verlaufe vor der Außenwelt, vor der ich keine Geschäftsgeheimnisse habe, in einer Anrede an den Hausherrn (die im Hause selbst reproduziert werden wird) ausdrücklich sage: »Ich sitze hier, weil dorten zuviel geschwätzt wird«, ist unerfindlich. Natürlich wünsche ich weiterhin und immer mehr, je näher ich den sympathischen Hausherrn kennen lerne, daß er von dem Unglück verschont bleibe, solche Gäste zu haben. Aber das ist doch weiß Gott ein menschliches und ein Literatur-Problem zugleich. Ich mißgönne ja keinem das Essen, jeder hat recht, wenn er so tief und so ungezogen in die Schüssel langt, wie er nur will und es in der Kinderstube gelernt hat: – nur daß ich eben lieber sähe, der Gastgeber wäre ein Agent aus Budapest-Berlin und kein Gentleman. Der Gast Werfel verlangt doch etwas zuviel von mir, wenn er mir zu bedenken gibt, daß jener durch manches Opfer mit ihm verknüpft sei, und mich ermahnt, bei meinem Tadel auf eben das Rücksicht zu nehmen, was ich tadle. Wären es selbst Opfer, die Herr Werfel gebracht hat, so ginge es mich wenig an. Aber mir die vorzuwerfen, die der Verleger ihm gebracht hat und von mir dafür Dankbarkeit zu verlangen, heißt denn doch die hysterische Auffassung des Lebens übertreiben. Ich muß immerhin sagen, daß ich einen Wink in Dingen des Anstands grundsätzlich lieber von alten Weimaranern als von jungen Pragern annehme, und ich denke wohl, daß jene mir bestätigen würden, daß es, seitdem sie abgeschieden sind, keine reinere, weniger auf Gewinn gerichtete Beziehung zwischen einem Autor und einem Verleger gegeben hat als die zwischen mir und Herrn Kurt Wolff. Ich kann von ihm nicht verlangen, daß er meine Forderungen verwirkliche. Ich kann ihm wünschen, daß er seinen Erfüllungen entsage und aufhöre, Verleger zu sein, auch wenn dies meine Aussperrung bedeuten würde, worüber ich – der »Tisch« kann das nicht fassen – ganz fidel wäre. Ich muß es ihm überlassen, mit dem Konflikt fertig zu werden, da er ihn doch wohl erlebt. Daß er darum auf die reinlichste Art bemüht ist, weiß ich. Er wieder weiß, daß ich in geistigen Dingen keine Relativität zulasse und, wiewohl ich Werfel für besser halte als Presber, immer noch eher dafür bin, Wurst und Presber zu verlegen, als Brod und Werfel. Wohl nimmt der Händler des Genußmittels einen höheren Rang ein als jener, der von dem Fluche lebt, daß die Kunst ein solches geworden ist. Ist die Befriedigung eines Bedürfnisses zum Zwecke der Selbsterhaltung eine doppelt notwendige Funktion, so ist die Erniedrigung der Literatur zum Bedürfnis ein Kulturübel. Aber das gibt es schon und es bleibt als soziale Kategorie übersehbar. Schlimmer ist die Verfälschung des geistigen Nahrungsmittels, die Duldung der Begünstigung der scheinbaren Individualitäten, die Kreierung der farbigen Literatur, die Nährung und Honorierung der Hysterie, denn solcher Fortschritt stiftet Verwirrung und verschiebt die Grenzen der Kunst, die doch von den Unterhaltungen des Publikums nicht alteriert wird. Hier ist immer eine Trennung möglich, dorten Vermischung unausbleiblich, die Kunst wird das Opfer des Unterhaltungsdrangs, und sie leidet schwerer durch die Verwechslung des Schwindels mit ihr als durch die Bevorzugung des Handwerks vor ihr. Zehn schlechte Schmierer richten bei weitem keinen so großen Schaden an wie ein guter Expressionist, dessen halbe Seele sich gefährlicher in den Betrieb dieser neuen Welt fügt als die Hand des Romanhändlers, der vom Betrieb die Inspiration empfängt. Ich kann mir denken, daß im Zwang der Tatsachen ein anständiger Mensch einen Literaturhandel treibt wie irgend ein Unternehmen, wovon der Leib leben will, und ich weiß wohl, daß das Leben des andern nicht die Konsequenz meines Denkens vorstellen muß, ohne vor diesem schuldig oder auch nur zweifelhaft zu sein. Aber ich fürchte für den, der diesem Denken entgegenlebt und einer neuen Geistigkeit, die doch nur eine Fiebererscheinung der aufgegebenen Zeit ist, zu nahe kommt. Der Hausherr weiß, wie ich's meine, und daß ich's gut meine. Der Gast aber, dem ich für nichts als für die Nötigung, etwas zu äußern, zu danken habe, soll nicht glauben, daß ich ihm die etwas lebhafte Darstellung dessen, was taktlos ist, übel nehme. Im Gegenteil bin ich bemüht, ihm für seine weitere Entwicklung einen Halt zu geben, indem er doch in Gefahr ist, sich durch jeden Vorwurf, den er gegen seine Mitmenschen erhebt, zu nahe zu treten. Ich wüßte ja gar nicht, daß er »dorten« sagt, wenn er es mir nicht vorwürfe, und ich erführe nicht, daß er in geistigen Dingen aus der Gefühlssphäre der Konkurrenz heraus Stellung nimmt, wenn er es mir nicht zutraute. Er sollte bei der Nächstenliebe bleiben. Dieser Allerbarmer, der zum Schluß seiner Feldpostbriefe und Weltpostgedichte den Haß, den er mir nebst dem Neid zuschreibt – nach der Methode, mit der die neudeutsche Hysterie das Weltkriegsmotiv verschiebt –, immer am Tatort zurückläßt, ist zu schonungslos gegen sich selbst. Er vergißt, unter den Dingen, die ihm auf Erden Mitleid einflößen und die »sind«, damit er sich ihrer lyrisch erbarme, sich selbst in seinem Konflikt mit mir zu bedenken. So ist es an mir, den mir weltfreundlich zugestandenen Haß wieder abzulehnen und zu beweisen, daß auch ich des Mitleids fähig bin. Und so möchte ich ihm sagen, wie sehr es auch mir von Herzen leid tut, ihm auf seinen notgedrungenen Brief antworten zu müssen. Zumal jetzt. Denn ach, ich habe schon traurigere und würdigere Feldpostbriefe empfangen, und es ist wahrlich eine Zeit, in der das Herz nur eins ist mit dem Wort, wenn sie beide zerrissen sind, und nicht danach angetan, Fassung und wohlgesetzte Rede zu bewahren. Ich bemühe mich, weiß Gott, nur die Gurgellaute nachzusprechen, die unter dem Schicksalsgriff noch hörbar werden, und man tut Unrecht, mit mir über gutes Deutsch zu streiten. Ach, wir verfehlen es alle, und am sichersten gehen jene, die sprachlos stehen vor dem, was sich hienieden begibt! Denn selbst die es überstanden haben, rufen noch im traurigsten Distichon, das je einen Schmerz durch die Zeiten trug, einen Fehler ins Leben. Wie sagt doch Schiller? Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl. Ein Brief Rosa Luxemburgs Dem Andenken des edelsten Opfers widme ich die Vorlesung de folgenden Briefes, den Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Weibergefängnis Mitte Dezember 1917 an Sonja Liebknecht geschrieben hat: Jetzt ist es ein Jahr, daß Karl in Luckau sitzt. Ich habe in diesem Monat oft daran gedacht und genau vor einem Jahre waren Sie bei mir in Wronke, haben mir den schönen Weihnachtsbaum beschert ... Heuer habe ich mir hier einen besorgen lassen, aber man brachte mir einen ganz schäbigen mit fehlenden Ästen – kein Vergleich mit dem vorjährigen. Ich weiß nicht, wie ich darauf die acht Lichteln anbringe, die ich erstanden habe. Es ist mein drittes Weihnachten im Kittchen, aber nehmen Sie es ja nicht tragisch. Ich bin so ruhig und heiter wie immer. Gestern lag ich lange wach – ich kann jetzt nie vor ein Uhr einschlafen, muß aber schon um zehn ins Bett –, dann träume ich verschiedenes im Dunkeln. Gestern dachte ich also: Wie merkwürdig das ist, daß ich ständig in einem freudigen Rausch lebe – ohne jeden besonderen Grund. So liege ich zum Beispiel hier in der dunklen Zelle auf einer steinharten Matratze, um mich im Hause herrscht die übliche Kirchhofsstille, man kommt sich vor wie im Grabe: vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne, die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hört man nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeigehenden Eisenbahnzuges oder ganz in der Nähe unter den Fenstern das Räuspern der Schildwache, die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die steifen Beine zu bewegen. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen Schritten, daß die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt in die feuchte, dunkle Nacht. Da liege ich still allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langweile, Unfreiheit des Winters – und dabei klopft mein Herz, von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem Leben, wie wenn ich irgend ein zauberndes Geheimnis wüßte, das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und muß wieder lächeln über mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Samt, wenn man nur richtig schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen, schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schönes Lied vom Leben – wenn man nur richtig zu hören weiß. In solchen Augenblicken denke ich an Sie und möchte Ihnen so gern diesen Zauberschlüssel mitteilen, damit Sie immer und in allen Lagen das Schöne und Freudige des Lebens wahrnehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie über eine bunte Wiese gehen. Ich denke ja nicht daran, Sie mit Asketentum, mit eingebildeten Freuden abzuspeisen. Ich gönne Ihnen alle reellen Sinnesfreuden. Ich möchte Ihnen nur noch dazu meine unerschöpfliche innere Heiterkeit geben, damit ich um Sie ruhig bin, daß Sie in einem sternbestickten Mantel durchs Leben gehen, der Sie vor allem Kleinen, Trivialen und Beängstigenden schützt. Sie haben im Steglitzer Park einen schönen Strauß aus schwarzen und rosavioletten Beeren gepflückt. Für die schwarzen Beeren kommen in Betracht entweder Holunder – seine Beeren hängen in schweren, dichten Trauben zwischen großen gefiederten Blattwedeln, sicher kennen Sie sie, oder, wahrscheinlicher, Liguster; schlanke, zierliche, aufrechte Rispen von Beeren und schmale, längliche grüne Blättchen. Die rosavioletten, unter kleinen Blättchen versteckten Beeren können die der Zwergmispel sein; sie sind zwar eigentlich rot, aber in der späten Jahreszeit ein bißchen schon überreif und angefault, erscheinen sie oft violettrötlich; die Blättchen sehen der Myrte ähnlich, klein, spitz am Ende, dunkelgrün und lederig oben, unten rauh. [Sonjuscha, kennen Sie Platens: »Verhängnisvolle Gabel« ? Könnten Sie es mir schicken oder bringen? Karl hat einmal erwähnt, daß er sie zuhause gelesen hat. Die Gedichte Georges sind schön; jetzt weiß ich, woher der Vers: »Und unterm Rauschen rötlichen Getreides!« stammt, den Sie gewöhnlich hersagten, wenn wir im Felde spazieren gingen. Können Sie mir gelegentlich den neuen »Amadis« abschreiben, ich liebe das Gedicht so sehr – natürlich dank Hugo Wolffs Lied –, habe es aber nicht hier. Lesen Sie weiter die Lessing-Legende? Ich habe wieder zu Langes Geschichte des Materialismus gegriffen, die mich stets anregt und erfrischt. Ich möchte so sehr, daß Sie sie mal lesen.] Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken. Die werden hier abgeladen, in den Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt statt mit Pferden mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen. Die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benützen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie das Wort gilt »vae victis«... An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenützt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. – Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! »Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid«, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eins blutete ... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die ward zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still erschöpft und eines, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll ... ich stand davor und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien, saftigen, grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten! Und hier – diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt ... O mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins im Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. Derweil tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber steckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei ... Soniuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem. Eine Richtigstellung Weniger würdig einer Antwort als ihrer dringend bedürftig ist das Folgende: Wien, 29. März 1921 In Ihrem Aufsatz ..., der den aussichtslosen Versuch unternimmt, den Dichter Anton Wildgans in seiner hervorragenden Bedeutung herabzusetzen, zitieren Sie nach der Reichspost: Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger Des Schicksals große Stunde wies, Stand dies Volk der Tänzer und der Geiger Wie Gottes Engel vor dem Paradies wobei Sie jedoch die Möglichkeit nicht ausschließen, der rhythmische Fehler in der 3. Verszeile, den wohl jeder Volksschüler herausfinden und korrigieren könnte, sei auf falsche Wiedergabe zurückzuführen. Hätte sich der Herausgeber der »Fackel« die Mühe genommen die Strophe im Original nachzulesen (Im Inselverlag, Österr. Bibliothek Nr. 12. S. 12), so wüßte er, daß die betreffende Stelle richtig heißt: Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger Die große Stunde der Geschichte wies, Stand dieses Volk der Tänzer und der Geiger Wie Gottes Engel vor dem Paradies was ihm allerdings die Feststellung einer »Fülle von Schicksal und Geschick« unmöglich gemacht, ihn aber dahin unterrichtet hätte, daß in dieser geschmähten Lyrik das Gedicht »Legende« enthalten ist: vielleicht hätte er auch in Erfahrung gebracht, daß dieser Kriegsdichter Wildgans der Verfasser des Dramas »Armut« ist, einem Werke, das weder in der Reichspost noch in der Neuen Freien Presse abgedruckt war, daher dem Verlag der »Fackel« bisher – gottlob – entgangen zu sein scheint. Es ist doch der Vorteil des Briefschreibens, daß eine Intimität, die etwa bei einer mündlichen Ansprache nicht über das Lampenlieber hinauskommen könnte, bis zu der Preisgabe dessen, was sich so in einem Gehirn tut und wie es auf Lyrik reagiert, gelangen kann. Und wenn die Bedenken, dergleichen mit dem Hochgefühl des Beachtetseins auszustatten, gewiß nur von der Pflicht einer tatsächlichen Richtigstellung überwunden werden können, so muß man doch auch dankbar sein für jene Anlässe, die, wo immer sie wachsen, in der Zeitung, auf der Straße, in Briefen, mit der Pein der Befassung zugleich die Freude am Typischen gewähren. Und wenn man sich auch mit dem besten Grund von der Welt, dem, daß es ihrer sowieso schon mehr gibt als man bewältigen kann (in der Wirklichkeit und besonders in der Vorstellung), gegen ihren Zudrang wehrt: sobald sie einmal da sind und eben das bringen, was man sonst vielleicht erfinden müßte, kann man sich doch wieder das, was einem das Leben erschwert, jeweils als Berufserleichterung zurechtlegen und es zufrieden sein. Ist es nicht, wenn man schon das Erlebnis hat, von einem Wildgans-Verehrer »gestellt« zu werden (und mithin zu erfahren, daß es solche nicht nur in der Presse, sondern auch in der Natur gibt), jedenfalls eine Annehmlichkeit, authentische Wildgans-Zitate zu bekommen, die einem die Lektüre des Originals ersparen und alles Wissenswerte noch mit dem Unterschied von Lesarten auf einer Briefseite zusammenfassen? Denn die scherzhafte Anspielung darauf, daß mir von der zeitgenössischen Literatur vieles entgeht, was nicht in der Reichspost oder in der Neuen Freien Presse, also nicht fehlerhaft zitiert ist, rührt mit dem Finger an eine Wunde, an eine nie vernarbte Bildungslücke. Was mich einzig entschuldigt, ist meine ungeheure Anregungsfähigkeit, die sich eben, da ihr ja doch nur ein einziges Menschenleben mit seinen Tagen und Nächten zu Gebote steht, gewisse Schranken setzen muß. Denn wenn ich über Müllers »Flamme«, ohne sie zu kennen, neun Seiten schreibe, welche Arbeit müßte ich erst zu bewältigen haben, wenn ich sie kennen lernte? Ein paar Zitate in der Neuen Freien Presse mußten mir genügen, aber selbst das war zu viel, ich hätte, was ich zu sagen hatte, schon auf das bloße Gerücht hin schreiben können, daß ein Stück von Hans Müller aufgeführt wird, wo kein Zoller, sondern a Hur vorkommt. Ich muß mich dessen schuldig bekennen, daß ich Wildgans gegenüber, dessen Drama »Armut« mir tatsächlich unbekannt ist, weil es weder in der Reichspost noch in der Neuen Freien Presse gedruckt oder auch nur zitiert war, nicht gründlicher vorgegangen bin. Aber wenn ich im Begriffe bin, über eine Strophe von ihm, die ich nicht einmal im Original aufsuche, einen Essay zu schreiben, zu wieviel Büchern würde mich erst ein Buch von ihm anregen? Ich gestehe ohne Umschweife, daß ich eigentlich nicht viel mehr von Wildgans weiß als daß er fromm und bieder, wahr und offen für Recht und Pflicht steht, aber als Christ es beiweitem nicht so überzeugend zum Ausdruck bringt wie gerade Hans Müller. Ich kenne seine berühmtesten Gedichte, die ich für einen großen Dreck halte, wobei natürlich mein Sonderstandpunkt berücksichtigt werden muß, von dem aus alles, was nicht Kunst ist, in seiner hervorragenden Bedeutung umso mehr herabgesetzt erscheint, je gefälliger oder virtuoser, kunstgewerblich anziehender und irreführender es sich bietet, im Vergleich mit jeder andern Dilettantenarbeit. Es ist quantitativ wenig, was ich von ihm kenne, aber da es qualitativ nicht viel ist, so ist es mehr als genug. Es gibt Autoren, von denen ich noch weniger kenne und doch ebenso viel, als ich von ihnen halte, nämlich nichts. Womit beileibe nicht gesagt sein soll, daß ich von Wildgans, weil ich mehr von ihm kenne, auch mehr halte. Zwar begnüge ich mich aus Übergewissenhaftigkeit keineswegs damit, aus der bloßen Tatsache, daß einer heute lebt, auf seine Nichtigkeit zu schließen, aber immerhin hat mir schon manchmal eine Zeile genügt, die über einen irgendwo gesagt war, und wenn ich dazu noch eine Zeile von ihm selbst zitiert fand, so glaube ich mehr als genug getan zu haben, um mir ein volles Bild der Persönlichkeit zu machen. Ich würde mir also Unrecht tun, wenn ich sagen wollte, daß ich von den Leuten, die ich für schlechte Dichter halte, gar nichts weiß. Und wer hätte mir denn je nachsagen können, daß ich nicht bescheiden mein Ahnungsvermögen, sondern mein Wissen gegen die heutige Literaturwelt ausgespielt habe? Da ich auch mit jenem schließlich Recht behalte, brauche ich diesem nicht mehr zuzumuten, als meine Nervenkraft, die doch schon mit dem Gefühl solcher Existenz überlastet ist, vertragen könnte. Wohl weiß ich, daß, sobald ich einmal eingestehen wollte, wie wenig ich im Grunde von den heutigen Dichtern weiß und daß ich zum Beispiel von Sternheim lange Zeit nur ein Telephongespräch kannte, also noch weniger als von Wildgans, man mich der Leichtfertigkeit im Tadel beschuldigen würde. Wenn ich mir selbst das Zeugnis ausstelle, »Armut« nicht zu kennen, so darf ich auch sagen, daß es beiweitem keine solche Schande ist wie stolz darauf zu sein, »Armut« zu kennen. Wäre ich Theaterkritiker, so wäre ich freilich verpflichtet, »Armut« zu kennen oder wenn ich mich nach dem ersten Akt entfernte, mein Urteil nicht ohne diesen Umstand dem Publikum mitzuteilen. So aber begnüge ich mich der deutschen Literatur gegenüber mit dem Standpunkt jenes sachverständigen Dr. Kastan, der in Berliner Premieren beim Aufgehen des Vorhangs »Schon faul!« auf die Szene rief und sich sodann entfernte; wenngleich mit dem Unterschied, daß ich auch dem Schauspiel, wie der Vorhang aufgeht, nicht beiwohne. Aber alles in allem, und um nicht nur den Autoren, sondern auch mir selbst gerecht zu werden, muß ich doch sagen, daß ich nach bestem Wissen und Gewissen vorzugehen glaube, wenn man mir eine Strophe eines Lyrikers reicht und ich dann über diesen wie den Dramatiker ein Urteil fälle, ohne jedoch damit auch über seine möglichen Fähigkeiten als Postbeamter zu entscheiden. Denn nur in der Kunst, wo mir eine Zeile die Persönlichkeit aufschließt, scheint mir die Eignung fürs »Fach« keiner weiteren Untersuchung bedürftig, und darüber hinaus gehe ich nicht. Wenn wir uns also an die Lyrik halten, in welcher ja als der engsten und strengsten Sprachprobe das Wesentliche, wenn ein solches da ist, zum Vorschein kommt – und alles andere ist Umweg und Zeitverlust –, so stünde nun die Sache so, daß ich Gelegenheit bekam, Wildgans nach dem Urtext zu prüfen, wenigstens soweit mir ihn ein glaubwürdiger Gewährsmann vermittelt, eine Gelegenheit, für die ich mehr noch dem Zufall dankbar sein muß, der mir ihn ursprünglich verstümmelt überliefert hat. Einer Frivolität, diesen Zufall ergriffen zu haben, weiß ich mich aus dem Grunde nicht schuldig, weil ich in dem einen Punkt selbst auf die offenbare Verslücke hingewiesen habe und was den anderen betrifft, von der Reichspost als einer Kennerin und Schätzerin der Wildgans'schen Lyrik mir eine so schnöde Beiläufigkeit unmöglich versehen konnte. Ebenso wenig aber hätte ich geglaubt – und es enttäuscht mich an Wildgans –, daß der Dichter auf die richtige Wiedergabe seines Textes keinen Wert legen und die Verstümmelung nicht sofort und ehe ich danach langte, an Ort und Stelle berichtigen würde. Dies umso weniger, als er ja im telephonischen Verkehr mit der Tagespresse reichlich Gelegenheit gefunden hätte, auch von ihr eine Gefälligkeit zu erbitten, die nur die Erfüllung einer Pflicht gewesen wäre. Doch sei dem wie immer und wenngleich den Dichter, der offenbar mit Direktionsgeschäften überhäuft ist, selbst die falsche Wiedergabe seiner Verse in der Fackel unberührt läßt – ich zum Beispiel würde sofort die Burgtheaterdirektion hinwerfen, wenn sie mich an der Wahrung des wichtigsten Autorrechts behinderte –, so ist es jedenfalls ein Glück, daß die Wildgans-Verehrer Zeit haben. Sonst erführe man nicht, daß mein Spott über die »Fülle von Schicksal und Geschick« ganz unberechtigt war, weil die Stelle nicht lautet: Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger Des Schicksals große Stunde wies sondern: Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger Die große Stunde der Geschichte wies ... Das ist allerdings insofern ein Unterschied, als man in der ersten Fassung, die also die Reichspost gedichtet hat, irgend etwas von einer mißglückten gedanklichen Wendung vermuten konnte – etwa Geschick als die waltende Instanz, Schicksal als das jeweils Verhängte –, während in der richtigen Fassung die reine Wildgans-Banalität zu ihrem Recht kommt, jene Dichterei, die im tiefsten Einklang mit dem, was das Publikum zu hören wünscht, ihm das einsagt, was es aus Zeitmangel nicht selbst dichtet und was ihm ins Ohr und sozusagen ins Herz geht; das Mund- und Handwerk, das fertige Ornamente zusammenreimt und Phrasen, die dem Zeitungsleser schon verdächtig wären, wieder genußfertig an den Mann bringt. Also die große Stunde der Geschichte! Und die Reichspost, die doch sicher am 1. August 1914 das Wort gefunden hat, der es auf den Lippen lag wie nur einer, ließ sich das entgehen. Daß es platterdings nur die Geschichtsstunde ist und bleiben wird, in der der österreichische Mittelschüler durchfiel, ist ein Moment, das der wirklich bloß noch in einem Wildgansgedicht möglichen Redensart etwas Beize gibt. Dagegen scheint der österreichische Volksschüler in Deutsch gut abzuschneiden. Nicht weil er weiß, daß Wildgans nicht »der Verfasser des Dramas ›Armut‹ ist, einem Werke«, sondern eines Werkes. Wohl aber weil er »sofort herausfinden könnte«, worauf ich mir weiß Gott was zugute tat, nämlich daß es heißen muß: Stand dieses Volk der Tänzer und der Geiger Wie Gottes Engel vor dem Paradies. Was freilich der Volksschüler, selbst wenn er schon ein Wildgans-Verehrer wäre und einen rhythmischen Fehler nicht nur herausfände, sondern auch wüßte, daß man ihn mit h schreibt – was er unmöglich herausfinden könnte und was ich nur verschwiegen habe, als ich gleisnerisch dem Wildgans den Wert »dieses« zuerkannte, ist: daß ich es nur als Wildgans-Restaurator, nur in seinem Stil hergestellt habe, und daß das falsche »dies« tausendmal besser ist. Ja, daß die Zeile Stand dies Volk der Tänzer und der Geiger schlechthin ein Kunstwerk ist, das sogar mit der widerlichen Vorstellung von d' Geigerbuam, die in d' Cherubim verwandelt sind, fertig wird und das Wildgans keinesfalls hätte schreiben können. Denn nicht weil mir eine Silbe gefehlt hat, sondern weil sie dem Dichter gefehlt hat, habe ich' sie reklamiert. Im Druck- oder Schreibfehler, in dem rhythmischen Verstoß liegt der Wert. Weiter: in diesem Unterschied zwischen »dieses« und »dies«, in der vollkommenen Beeinflussung des ganzen Gefühlsinhaltes der Zeile durch die Möglichkeit, dies oder dieses zu wählen, in dem Spüren und Wissen, daß die korrekte Auffüllung nur eine leblose Gruppe aus Stearin herstellt, nein, eine schäbige Redensart, die nicht einmal diesen Anblick gewährt, während die Verkürzung die volle, rein lyrische Anschauung eines eben noch heiter bewegten Ensembles darbietet, das sich plötzlich sammelt und steht: darin ist so ziemlich alles enthalten, worauf es in der Kunst ankommt, was die Sprache vermag und was sie Dilettanten wie Epigonen vorenthält, und wer diesen Unterschied durchfühlen kann, dem wird sich der Blick in ein Gebiet auftun, über dessen Angelegenheiten er bisher schwätzen zu dürfen glaubte, weil er ihren oberflächlichen Sinn, ihre Übereinstimmung mit seinen Privatgefühlen, den Geschmack ihrer äußeren Form erfaßt hatte. Ich wußte, daß Wildgans dieses belebenden (und die beabsichtigte Starrheit eben aus dem zuvor Lebendigen bewirkenden) Wörtchens nicht fähig war, und es ihm lassen, hieße ihn mit fremden Federn schmücken. Man achte nur auf den Zauber dieser Veränderung, die das Aufgeben des äußern Rhythmus zugunsten eines innern bedeutet; man beachte, welche Eindringlichkeit dieses »Stand« als erste betonte Silbe mit einem Mal empfängt und wie eben an diesem Halt, durch die eintretende Verkürzung, alles rings herum locker und beweglich erscheint, ganz wie es war, ehe es in die Stellung, die der nächste Vers ihm anweist, überging. So unmittelbar ist die Wirkung, daß sie, ganz entgegen dem Fibelpathos, das die große Stunde der Geschichte wies und pries, heute an die Tragik eines Volkes rührt, dem es bei Gott besser erspart geblieben wäre, aus seinem lockeren Gefüge in die Habtachtstellung von Erzhausengeln zu geraten. Man sieht sie tanzen und man hört sie geigen. Der Ton und das Bild selbst des Geigenstrichs wird lebendig. Aus dem zahmen Gänsemarsch: ^ – ^ – ^ – ^ – ^ – ^ wird dieser Tanz: – ^ – ^ – ^^^ – ^ Mit den drei kurzen Füßen: Tänzer und der (Tänzerrunde) dreht sich alles, losgebunden von dem ein für allemal gestellten »Stand«. Und nun vergleiche man damit das in die Senkung gefallene »Stand« in Verbindung mit »dieses« : wie öd, wie leer dieses Vergnügungslokal ist und wie nur die animierte Leblosigkeit das »stehende«, herumstehende Volk mit dem der Tänzer und der Geiger verbindet, das eine Feuilletonphrase ist, ein tausendmal durchzitiertes »Volk der Phäaken«, das dasteht wie beim Gotterhalte im Nachtcafé. Und dieser gottverlassene Stand soll der der Engel vor dem Paradies sein! Nun habe ich freilich den Kunstwert der einen Zeile vor Augen, ohne auf die Gräßlichkeit des Vorhergegangenen Bedacht zu nehmen, das ja natürlich auch sie zweifelhaft oder als Zufallswert erscheinen lassen müßte, als einen, der durch die Schlamperei des Dichters so gut wie durch die des Nachdruckers entstanden sein konnte. Ferner wäre die Schwierigkeit zu bedenken, die sich, über das Maß der beabsichtigten Verwandlung hinaus, im jähen Tonwechsel zwischen der dritten und der vierten Zeile ergeben würde. Denn so kostbar der Vers ist, den der Dichter nicht geschrieben hat, so reizvoll die Vorwegnahme des »Stand« wäre, um ihm die Bewegung, die er doch ablöst, rhythmisch noch zu verdanken, so unglaubhaft muß die Ruhe wirken, zu der sie sich gleich wieder zu sammeln hätte. Wäre Wildgans jener Zeile fähig gewesen, so hätte er die drei andern, mindestens die ersten zwei nicht geschrieben und vor allem die Geschichtsstunde geschwänzt. Ich ließ ihm noch einen Ausweg offen: »Da stand – –«, ein Mittelmaß, das weit stärker als der originale Vers ist, schwächer als der falsche (indem zwar das Stehen sichtbar wird, doch nicht die Bewegung, da durch die nach »Volk« ent-stehende Pause die Tänzer und die Geiger auch wieder zur Redensart werden), aber immerhin einen Übergang des Tones gestattet. Ich wußte, daß er auch dieser Wendung nicht fähig war, sondern, daß seine Zeile eben lauten mußte: »Stand dieses – –« und daß alles, was über dieses Niveau emporragt, nur ein Druckfehler sein kann. Ich glaube, daß, wenn ich die Methode meiner Prüfung auf eine größere Quantität von Wildgans'schem Werk anwenden wollte, für die Qualität wenig hinzukäme. Ob das Gedicht »Legende« gut täte, von mit kennengelernt zu werden, bleibe unentschieden. Mir genügt »Infanterie«, das doch eines von denen ist, die bei einem Publikum, bei einer Literaturkritik und bei allen Instanzen, die in sprachlichen Dingen im Gegensatz zu mir kein Vorurteil kennen, sondern alles was sich reimt fressen, den Dichter berühmt gemacht haben. Es hätte mir aber auch die eine Strophe genügt, von der ich nunmehr glaube, daß sie, auf ihren wahren »Stand« gebracht, so richtiggestellt erscheint, als es nur irgendmöglich ist und der hervorragenden Bedeutung des Dichters entspricht, in der ihn herabzusetzen zwar ein aussichtsloser, aber nicht unberechtigter Versuch ist. Ich würde um alles in der Welt der erfrischenden Naivität, mit der das Publikum die Unversehrtheit seiner Lieblinge von mir reklamiert, auch nicht ein Wort, wie es ihr Dichter geschrieben hat, vorenthalten wollen. Eingedeutschtes Ich lese die Oktobernummer der Fackel und da ich gerade erfüllt hin von der Richtigkeit der Ausführungen, zu schmeichelhaft – die Eduard Engel in seinem Buche »Sprich deutsch« bringt, ach so – erlaube ich mir, ich, sonst ein scheues Mädchen, an Sie ein paar Worte zu schreiben. Wovon ein junges Mädchen erfüllt sein kann! Sonst scheu, werden sie dann selbst vor mir keck, »von dessen Bedeutung, Gerechtigkeitssinn und erwärmender Güte« diese im Übrigen »durchdrungen« ist. Anstatt nun infolgedessen dem Eduard Engel einen Brief zu schreiben und ihm begreiflich zu machen, daß er trotz seiner Aversion gegen Fremdwörter – jawohl, Aversion – keine Ahnung von der deutschen Sprache hat, muß sie mir schreiben, denn sie ist enttäuscht: sie war ja überzeugt, daß dem Engel »wenn schon überraschenderweise nicht jeder Deutsche, so gewiß die größten unter den großen beistimmen müssen«. Im Oktoberheft der Fackel hat sie – trotz Engel – Fremdwörter gefunden, und das kann sie sich nun ganz und gar nicht erklären. Sie »begreift nämlich nicht«, wieso auch ich »die Aufforderung Engels nicht befolge«, die ich »doch sicherlich kenne«. Und die Erklärung ist so einfach. Das Mädchen ist scheu, wenngleich nicht gescheut. Dies Kind – kein Engel ist so rein – hat denselben gelesen, und »das Nächste, das sie nach dieser gewonnenen Überzeugung in die Hand nimmt«, ist eben jenes Oktoberheft der Fackel, und sie glaubt nun, daß es unmittelbar nach der Lektüre des Engel auch geschrieben sei. Wäre dieses der Fall, so hätte ich mich natürlich zusammengenommen und die Fremdwörter, die mir in die Feder kamen – und Stil ist ja bekanntlich das, was einem in die Feder kommt – selbstverständlich ausgemerzt, das heißt übersetzt. Ich hätte alles »eingedeutscht«, also das getan, was jetzt die besten deutschen Hausfrauen tun, die sich auf einen Winter der Isolierung vorbereiten müssen. War man schon immer eingekreist, so deutscht man sich jetzt selber ein. Wir verdanken dieser Kriegswelt den Ekel der Ersatzspeisen und bezahlen sie gern mit dem Hundertfachen, wenn wir auch noch den Ekel der Ersatznamen drauf kriegen. Jetzt heißt es eben, sich rechtzeitig eindecken, und wir fragen nicht, woraus das Eingemachte, das Eingesottene besteht, wenn es nur ein Eingedeutschtes ist. Hätte ich meinen Engel gelesen, ich hätte ohneweiters statt Adresse »Anschrift«, statt zehn Prozent »zehn vom Hundert« gesagt, oder wie unsere »Postler« – ein prächtiger Beruf, der mir jede »Korrespondenz« verhaßt macht – meine Leserinnen aufgefordert, sie nicht mehr zu frankieren, sondern freizumachen (und mich von ihr), und hätte mich nicht mehr des höllischen Telephons bedient, sondern des tadellosen Fernsprechers, wiewohl dieser nicht so sehr das Ding bezeichnet als den Menschen, der daran zu schanden wird. Aber ich war bis zu jenem Oktoberheft ungewarnt. »Meinem Gefühle nach« – sie muß gestehn – »möchte ich sagen, die Fackel ist flüchtig geschrieben und deshalb mit Fremdwörtern versetzt.« Nun eben. Und was widerspricht diesem Eindruck? Die Fackel? Nein, »dem widerspricht eine Bemerkung von Ihnen darüber, wie genau Sie jeden Satz prüfen, bevor sie ihn der Öffentlichkeit übergeben. Trotz ernstester Arbeit also Fremdwörter«. Nicht trotz, sondern wegen, Engelchen. Denn was nur Fremdwörter sind, sind deutsche Worte, Engelchen. Ich prüfe jeden Satz, bevor ich ihn der Öffentlichkeit, dieser Öffentlichkeit, übergebe, und wäre imstande, noch schnell ein deutsches Wort in ein Fremdwort zu verwandeln. Ich »scheine mich demnach gleich den Gelehrten und vielen Schriftstellern für die Mengselsprache einzusetzen oder deren Beseitigung nicht für wichtig zu halten«. Nicht ganz so, Mausi, aber so ähnlich. Ich setze mich für nichts ein und halte nichts für wichtig. Aber ich lebe von der Hand in den Mund. Wess Brot ich esse, des Lied ich singe. Ich spreche, wie der Zeit der Schnabel gewachsen ist. Wenn der Engel und seine Putti imstande sind, dafür zu sorgen, daß ihr ein anderer Schnabel wächst, werde ich in zweihundert Jahren anders sprechen. Sollen die Sprachputzer und -putzerinnen schnell das ihre tun, aber so schnell, daß man ihre Sorgfalt nicht mehr spürt, daß sie schon aus dem Haus draußen sind, wenn man drin wohnen möchte – und sie werden staunen, wie ungastlich ich gegen Fremdwörter bin. Aber sie werden's nicht erleben. Und bis dahin wird es ihnen kaum gelingen, mir einen Satz von mir nachzuweisen, dessen Kraft und Farbe, also dessen Deutsch vom Ersatz des fremden durch das deutsche Wort nicht beeinträchtigt würde. Ich denke da nicht an die ungezählten Fälle, in denen meine Sprache bloß die der Welt nachäfft oder nachspricht. Auch wo sie selbst spricht, dient ihr die vorhandene als Schalltrichter. Würde sie etwa statt der Redakteure die Schriftleiter berufen, so,würde der lebendige Haß gegen jene, die die Sprache verhunzen, zersplittert an der Vorstellung solcher, die sie gar reinigen wollen. Ich kann eine Polemik tot machen, wenn ich ihr das Fremdwort ausreiße. Das fremdwörterscheue Mädchen beklagt sich, daß sie immer erst nachschlagen muß. Das macht nichts. Der Atem geht nicht verloren oder stellt sich wieder her, und man empfängt den Gedanken, auch wenn man nicht im Fremdwörterbuch nachschlägt, sondern ungebildet bleibt. Aber welch ein Deutsch wäre das, für das man im Deutschwörterbuch nachschlagen müßte! Die Leute, die mich lesen und mithin wenn schon nicht mein Wort, so doch wenigstens meine Meinung empfangen haben müßten, wissen noch immer nicht, daß ein Satz, der nur aus Fremdwörtern besteht, besser deutsch sein kann, als wenn man ihn verdeutschte, ja daß zwischen meinen Fremdwörtern mehr Deutsch ist als in einem Buch von Eduard Engel. Der oder das verwechselt noch immer die Wortgestalt mit dem Kostüm (Anzug) und meint, es könne auch, ein Reformkleid sein. Sie glauben, deutsch sei das, was man entweder in eine fremde Sprache oder in was man diese übersetzen kann. Ich aber sage: Wenn die deutschen Literaturprofessoren lieber ihren Vollbart reinigen wollten, wärs um unsre Sprache besser bestellt. Wenn ich »gegen den einleuchtenden Aufruf Engels verstoße«, so möchte sie sichs am liebsten damit erklären, daß ich »von ihm nichts weiß« und daß ich »wie Heine, Goethe und viele andre« Fremdwörter gebrauche, ohne zu bedenken, daß diese mit der Zeit unverständlich werden, Mindergebildeten es schon heute sind. Ich glaube, das Mädchen aus der Sprachfremde weiß weniger von mir als ich vom Engel, sie weiß nicht, daß über diese Dinge hundertmal in der Fackel gesprochen wurde, deren Verehrerin sie sich nennt, und sie weiß als solche nicht, daß am Vergleich mit »Heine, Goethe« mich vor allem diese Reihenfolge kränken muß. Sie versteht unter Literatur, daß man »einfach deutschen Lesern alle Gedanken, die einer Veröffentlichung wert sind, in deutscher Form und Sprache mitteilt«. Trotz dieser niedlichen Auffassung ist sie mir »für viel Anregung und Erhebung« dankbar und verehrt mich »aus tiefster Seele«. Im Namen vieler Tausende bittet sie mich um Antwort auf die Frage, die ihr schier das Herz zersprengt. Ich will ihr eine Handbreit Volant ansetzen. Was sie da geschrieben habe, gesteht sie scheu, »ist im Wesentlichen alles dem Buche Engels entnommen«. Mit Ausnahme der Verehrung für mich, die sie nicht vom Engel hat, wiewohl auch der mir schon für viel Anregung ohne Quellenangabe gedankt hat. Dieser Purist hat nämlich seinerzeit eine Postkarte an den Professor Friedrich S. Krauß gerichtet, auf der Anschrift den Vornamen durch »Carl« ersetzt und angefragt, ob er, nämlich ich, ihm nicht leihweise mal irgendwas, was ich gegen Harden mal geschrieben haben soll und so, überlassen könnte. Darauf hat er sich, ohne meine Mitwirkung, mal was verschaffen können und richtig auf mein »Desperanto« mit einem Satz hingewiesen, um sich für die übrigen meiner Beispiele zu bedienen. Ich habe darüber schon einmal mit dem Verfasser von »Sprich deutsch« deutsch gesprochen und halte ihn ganz abgesehen davon, daß ihm mein Name ein Fremdwort ist, für das was er ist, nämlich für einen, Literaturhistoriker, also für einen von jener Zunft, deren Urteilskraft ich stets unter die der Zeitungskritik gestellt habe. Mir ihn als sprachlichen Zuchtmeister zu rekommandieren (empfehlen), kann nur einem scheuen Mädchen einfallen. Warum ich mich aber mit scheuen Mädchen einlasse? Weil ich mich noch immer dem Glauben hingebe, daß wenn eine durch mich zu Falle gekommen ist, sich hundert abhalten lassen werden, mir Briefe zu schreiben. Ich bin aber schon zufrieden, wenn die eine sich abhalten läßt. (Für alle Fälle: bitte nicht schreiben, sondern sich sein Teil denken! Nicht mehr verehren, sondern für verrückt halten!) Und warum ich Briefschreiber überhaupt beachte? Weil ich, wenn sie einmal da sind, sie für noch betrachtenswürdiger halte als Zeitungsschreiber. Denn diese sind, wenn man will, nur einzelne, die allerdings die allgemeine Dummheit bewirken. Dort aber hab ich die Dummheit als Resultat (Ergebnis). Harden-Lexikon In der Reihe der Übersetzungen, durch die man die Meisterwerke der fremdsprachigen Literatur dem deutschen Leserpublikum zugänglich zu machen sucht, hat bis heute eine verständnisvolle Bearbeitung der Prosa Maximilian Hardens gefehlt. Immer war es nur ein kleiner Kreis von Liebhabern, der die Arbeiten dieses interessanten Schriftstellers, der wie kein zweiter den Ziergarten einer tropischen Kultur von Stilblüten und Lesefrüchten gepflegt hat, durchaus zu genießen imstande war. Die Schwierigkeiten des sprachlichen Erfassens mußten sich hier um so schmerzlicher fühlbar machen, je populärer die Gegenstände wurden, die unserem Autor am Herzen liegen, und je weiter sich das Gebiet eines vielseitigen Wissens auszudehnen begann, dem heute, wie man ohne Übertreibung behaupten kann, zwischen der Homosexualität und der Luftschiffahrt nichts Menschliches fremd ist. Die Erkenntnis, daß heutigen Tages jeder, der nur deutsch schreiben kann, seinen Zulauf findet, während hier eine wahre Fülle geistiger Schätze ungehoben liegen muß, brachte mich zu dem Entschlusse, ein Lexikon anzulegen, das deutschen Lesern als ein Führer auf den verschlungenen Pfaden einer Prosa dienen soll, deren Schönheiten sie bis heute gewiß öfter geahnt als genossen haben. Es ist hohe Zeit, daß solche, die von der geistigen und kulturellen Potenz des Autors bisher nur überzeugt waren, sich von ihr auch angeheimelt fühlen. Gerne wird man mir eine Nachsicht gewähren, die einem Versuche auf unerforschtem Gebiet unter allen Umständen zugute kommen muß. In der Übersetzungsprobe, die ich gebe, dürfen selbst Lücken nicht allzu rigoros beurteilt werden. Mancher Stelle konnte ich nur mit einiger Freiheit der Auffassung beikommen; manche blieb unübersetzbar. Vorweg aber möchte ich die Verantwortung für die Möglichkeit ablehnen, daß hier und dort mit der Fremdartigkeit einer Wendung auch deren künstlerische Schönheit genommen wäre. Eine Übersetzung aus dieser Sprache wird wohl ihren Zweck erfüllt haben, wenn es ihr, selbst unter Preisgabe des dichterischen Momentes, gelungen ist, den Sinn der Darstellung für das Verständnis zu retten. Daß meine Übersetzung die in Deutschland einzig autorisierte ist, brauche ich wohl nicht erst hervorzuheben. Der Fahrenheidzögling Eulenburg Der Adlerritter Eulenburg Der von den alten Feinden aus der Holzpapierwelt plötzlich Gehätschelte Eulenburg, für den sich plötzlich die Presse wieder einsetzt Die Legende der Grotta Azzurra Die Gerüchte über Krupp Ein Thronender Ein Monarch Iphigeniens Schöpfer, der in langem Erleben nicht oft einen Freund gefunden hat Goethe, der in einem langen Leben nicht viel Freunde gehabt hat Der brave Bill Shakespeare Der wilde Georg Riedel Er hat auf einem Bau gefront Er war Bauarbeiter Der Stank verfliegt schnell Das Gerücht erweist sich als haltlos Wer dem verführten Mädchen aus voller Kasse des Lebens Notdurft bezahlt Der Aushälter Noch wissen zwei zum Wahrspruch berufene Männer nicht, was in der Isarau geschehen ist Zwei Geschworenen scheint die Starnberger Geschichte noch immer nicht glaubhaft Eine, die sich dem Herd verlobt hat Eine Hausfrau Sie küßt ihn, dem Angstschweiß die Haarwurzeln feuchtet, mit heißer Lippe rasch, wie einst, aufs Ohr, während der Eheherr Zigarren aus dem Rauchzirnmer holt Charakterbild einer Buhlerin Der Klavierträger Schömmer, den ein Herrn Phili eng befreundeter Graf in einem starnberger Hotel zu Homosexualbefriedigung verführt hat und der durchs Guckloch einer verschlossenen Tür die beiden Grafen dann gepaart sah Ein Kampfgenosse des Herrn Harden Als er den Diener Dandl ans Bein faßte Datum in der preußischen Geschichte Der verirrte Geschlechtstrieb scheut so ängstlich das Licht, daß selbst in die Polizeiakten meist nur Gerüchte sickern Alles menschliche Wissen ist begrenzt Der schwache Widerhall seines Leugnens kann die dröhnende Stimme der Wahrheit nicht übertönen Er hat den Diener Dandl doch ans Bein gefaßt! Niemand hat den Fischermeister bedrängt; der Richter ihm väterlich zugesprochen und Zeit zur Sammlung angeboten; der Anwalt nicht eindringlicher gemahnt, als jeden Tag hundert Ankläger und Verteidiger tun; einmal nur, mit leiser Stimme, ihn aufgefordert, nicht durch Verschweigen des Wesentlichsten sich selbst ins Zuchthaus zu bringen (Seite 169) Doch Philipp kennt seinen Jakob. Den kranken, schwerhörigen, scheuen Menschen, dem die Zeugenpflicht ein Martyrium ist, der immer noch der so lange angestaunten Macht des Herrn zu erliegen fürchtet und keine Silbe, keine Vorgangsschilderung herausbringt, die nicht mit den Zangen der Inquisition aus seinem dunklen Hirn geholt ward (Seite 170) Der Fischerjackl hat unter Daumschrauben freiwillig die Wahrheit gesagt Unter dem Heumond Im Juli Der Phrasenspuk, der so lange schon das Ohr täubt Das Gerede, das so lange schon das Ohr betäubt Als Bismarck ins Sachsenwaldhaus geschickt war Als Bismarck demissioniert hatte Den Überbleibseln des Memalik-iOsrnaniie eine Verfassung gewähren ? Padischahim tschock jascha Vergleiche Polyglott-Kuntze, Türkisch Der King Eduard VII. Der liebste Kömmling Der willkommenste Besuch Er wird in Ischl den Geschäftsführer der austro-ungarischen Monarchie sehen Er wird in Ischl den Kaiser Franz Joseph sehen Den Makedonenknäuel entwirren Die macedonischen Wirren beenden Die Scherifenenttäuschung Die Enttäuschung der Türkei Der Greis, der im Glanz hockt Der Sultan Menschen; deren Lebensflamme gestern ein Wink seiner müden Hände erlöschen ließ Menschen, die er gestern noch töten lassen konnte Musulmanen Muselmanen Abd ul Aziz Abdul Aziz Abd ul Hamid Abdul Hamid Abd ul Kerim Abdul Kerim Der schwache Prasser Der genußsüchtige Schwächling Die Stadt Konstantins Konstantinopel Die Osmanenflanke zerstücken Albanien teilen Der Mähre Philipp Langmann Der wiener Ungar Schlechtes Kompliment für Herrn Felix Salten, der sich als Zionist lieber einen Pester Juden genannt hörte Über der Löwenbucht verglüht der fünfte Augusttag Marseille, 5. August Auf dem Cornicheweg ists leerer als sonst beim Dämmern eines Sommerabends Ich bin zum erstenmal in Marseille, aber so leer war's noch nie Das immer hastige Leben der Phokäerstadt scheint in die Herzkammer zurückgedrängt Marseille ist wie ausgestorben Zwischen der Rue Honorat und der Cannebière regt sichs Meine Lokalkenntnis ist verblüffend Der Fremde merkt bald, daß im Sinus Gallicus das Blut heute besonders schnell kreist Unverständliche Stelle, aus der nicht hervorgeht, ob das Blut im Meerbusen oder das Wasser im Busen der Marseiller aufgeregt war Die mit Bouillabaisse und Südwein Genährten Die Bewohner von Marseille Der konstanzer Graf Graf Ferdinand Der alte Reitersmann Ikaros, den eines Gottes Eifersucht empfinden lehrt, daß nur Wachs, in der Sonnennähe zertropfendes, ihm die Flügel an den Rumpf geklebt hat Der Krieger und Wolkenthronwerber Der Luftbeherrscher Der deutsche Graf Verschiedene Bezeichnungen für den Grafen Zeppelin Die Patres Lana und Guzman ... Die Brüder Montgolfier, Etienne und Michel ... Memoires sur la machine aerostatique ... Pilätre de Rozier ... Nach den Erfahrungen der Charliere ergänzt ... Charles aus Beaugency, Pilätre aus Metz, Blanchard aus dein Departement Eure ... Biot, Gay-Lussac, Sivel, Tissandier, Hermite, Renard, Giffard; bis zu Santos-Dumont und Lebaudy ... Der Fallschirm ... Zigarrenformat ... Starres System ... Halbstarr oder unstarr ... De la Vaulx, Berson und Elias ... Giffard ersann, um die Widerstandsfläche zu verkleinern, das längliche Format und führte den Dampfmotor ein; Dupuy de Löme das Ballonett; Wölfert den Daimler-Motor; Schwarz die Aluminiumhülle; Renard und Krebs ... Parseval und Groß ... Von Andre, dem Nordpolsucher, kam uns nie eine Kunde; die Patrie ließ in Irland eine Riesenschraube mit Zubehör fallen; der britische Nulli secundus zerbröckelte über der Paulskathedrale Ich kenn mich in der Luftschiffahrt aus Unter den Lebenden haben Edison, Koch, Van't Hoff, Behring, Röntgen und mancher Andere der Menschheit Nützlicheres geleistet. Für die moderne Kriegführung waren die Erfindungen und Kombinationen der Nordenfelt, Zédé, Romazotti, Laubeuf vielleicht wichtiger als eine Erleichterung der Aeronautik Ich kenne mich auch sonst aus Zeppelins haben unter Fritz, unter Melas bei Marengo und im deutschen Befreiungskrieg mitgefochten Ich weiß überhaupt alles Man wird im Ballon, statt auf stählernem Gleis über Zossen und Elsterwerda, ins Paradies der Weihnachtstollen reisen Ein Bild der »Zukunft« Das stürmende Temperament der großen Persönlichkeit sacht ins Schreibstubentempo zügeln Dem Grafen Zeppelin eine Kommission beistellen Die Summen, die ihm die Flut jetzt ins Schwabenheim geschwemmt hat Die Summen, die dem Grafen Zeppelin jetzt zugeflossen sind Der Paktolos strömt in den Bodensee Graf Zeppelin bekommt viel Geld Erwins Kirche Der Straßburger Dom Wie ein Golfstrom braust es erwärmend durch Aller Herzen, schmilzt die Eisrinde und schält ehrfürchtige Liebe aus dem Kalten Wall Wahrscheinlich ist hier gemeint, daß man sich irgendwo für die Sache Zeppelins erwärmt hat Aus dem Glutstrom, der den Kalten Wall überströmte, ist auch anderer Gehalt zu schöpfen als das Tränensalz, das feuchten Augen die Freude an schönem Tiefblau gewährte Weiß Gott Millionen in den Bodensee werfen, um mit dem Opfer des Hortes, wie der Tyrann von Samos mit seines Ringes, feindliche Gewalten zu schwichtigen Riskieren, daß ein Karpfen im Bodensee mit der Verdauung des Ringes, wie der Leser mit des Genitivs, Schwierigkeiten hat und daß selbst den Rheintöchtern übel wird Anm. d. Übers.: In den dieser Übersetzung zugrunde liegenden Kapiteln hat der sonst so gewissenhafte Autor leider einige Druckfehler übersehen. Statt »Entwicklungsgang« und »Befreiungskrieg« muß es natürlich heißen: Entwicklunggang und Befreiungkrieg. Erwähnt sei noch, daß den Publikationen des Autors im Original unmittelbar ein Annoncenteil folgt, zu dessen Verständnis das Lexikon nicht herangezogen werden muß, und in welchem zumal jene Annonce einer populären Wirkung sicher ist, die mit den Worten beginnt: Allen, die sich matt und elend fühlen ... Heine und die Folgen Zwei Richtungen geistiger Unkultur: die Wehrlosigkeit vor dem Stoff und die Wehrlosigkeit vor der Form. Die eine erlebt in der Kunst nur das Stoffliche. Sie ist deutscher Herkunft. Die andere erlebt schon im Stoff das Künstlerische. Sie ist romanischer Herkunft. Der einen ist die Kunst ein Instrument; der andern ist das Leben ein Ornament. In welcher Hölle will der Künstler gebraten sein? Er möchte doch wohl unter den Deutschen wohnen. Denn obgleich sie die Kunst in das Patentprokrustesbett ihres Betriebs gespannt haben, so haben sie doch auch das Leben ernüchtert, und das ist ein Segen: Phantasie gewinnt, und in die öden Fensterhöhlen stelle jeder sein eigenes Licht. Nur keine Girlanden! Nicht dieser gute Geschmack, der dort drüben und dort unten das Auge erfreut und die Vorstellung belästigt. Nicht diese Melodie des Lebens, die meine Musik stört, welche sich in dem Gebrause des deutschen Werktags erst zu sich selbst erhebt. Nicht dieses allgemeine höhere Niveau, auf dem es so leicht ist zu beobachten, daß der Camelot in Paris mehr Grazie hat als der preußische Verleger. Glaubt mir, ihr Farbenfrohen, in Kulturen, in denen jeder Trottel Individualität besitzt, vertrotteln die Individualitäten. Und nicht diese mediokre Spitzbüberei der eigenen Dummheit vorgezogen! Und nicht das malerische Gewimmel auf einer alten Rinde Gorgonzola der verläßlichen Monotonie des weißen Sahnenkäses! Schwer verdaulich ist das Leben da und dort. Aber die romanische Diät verschönert den Ekel: da beißt man an und geht drauf. Die deutsche Lebensordnung verekelt die Schönheit, und stellt uns auf die Probe: wie schaffen wir uns die Schönheit wieder? Die romanische Kultur macht jedermann zum Dichter. Da ist die Kunst keine Kunst. Und der Himmel eine Hölle. Heinrich Heine aber hat den Deutschen die Botschaft dieses Himmels gebracht, nach dem es ihr Gemüt mit einer Sehnsucht zieht, die sich irgendwo reimen muß und die in unterirdischen Gängen direkt vom Kontor zur blauen Grotte führt. Und auf einem Seitenweg, den deutsche Männer meiden: von der Gansleber zur blauen Blume. Es mußte geschehen, daß die einen mit ihrer Sehnsucht, die andern mit ihren Sehnsüchten Heinrich Heine für den Erfüller hielten. Von einer Kultur gestimmt, die im Lebensstoff schon alle Kunst erlebt, spielt er einer Kultur auf, die von der Kunst nur den stofflichen Reiz empfängt. Seine Dichtung wirkt aus dem romanischen Lebensgefühl in die deutsche Kunstanschauung. Und in dieser Bildung bietet sie das utile dulci, ornamentiert sie den deutschen Zweck mit dem französischen Geist. So, in diesem übersichtlichen Nebeneinander von Form und Inhalt, worin es keinen Zwist gibt und keine Einheit, wird sie die große Erbschaft, von der der Journalismus bis zum heutigen Tage lebt, zwischen Kunst und Leben ein gefährlicher Vermittler, Parasit an beiden, Sänger, wo er nur Bote zu sein hat, meldend, wo zu singen wäre, den Zweck im Auge, wo eine Farbe brennt, zweckblind aus Freude am Malerischen, Fluch der literarischen Utilität, Geist der Utiliteratur. Das Instrument zum Ornament geworden, und so entartet, daß mit dem kunstgewerblichen Fortschritt in der täglichen Presse kaum noch jene Dekorationswut wetteifern kann, die sich an den Gebrauchsgegenständen betätigt; denn wir haben wenigstens noch nicht gehört, daß die Einbruchsinstrumente in der Wiener Werkstätte erzeugt werden. Und selbst im Stil der modernsten Impressionsjournalistik verleugnet sich das Heinesche Modell nicht. Ohne Heine kein Feuilleton. Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat. Wie leicht wird man krank in Paris! Wie lockert sich die Moral des deutschen Sprachgefühls! Die französische gibt sich jedem Filou hin. Vor der deutschen Sprache muß einer schon ein ganzer Kerl sein, um sie herumzukriegen, und dann macht sie ihm erst die Hölle heiß. Bei der französischen aber geht es glatt, mit jenem vollkommenen Mangel an Hemmung, der die Vollkommenheit einer Frau und der Mangel einer Sprache ist. Und die Himmelsleiter, die zu ihr führt, ist eine Klimax, die du im deutschen Wörterbuch findest: Geschmeichel, Geschmeide, Geschmeidig, Geschmeiß. Jeder hat bei ihr das Glück des Feuilletons. Sie ist ein Faulenzer der Gedanken. Der ebenste Kopf ist nicht einfallsicher, wenn er es mit ihr zu tun hat. Von den Sprachen bekommt man alles, denn alles ist in ihnen, was Gedanke werden kann. Die Sprache regt an und auf, wie das Weib, gibt die Lust und mit ihr den Gedanken. Aber die deutsche Sprache ist eine Gefährtin, die nur für den dichtet und denkt, der ihr Kinder machen kann. Mit keiner deutschen Hausfrau möchte man so verheiratet sein. Doch die Pariserin braucht nichts zu sagen als im entscheidenden Augenblick très joli, und man glaubt ihr alles. Sie hat den Geist im Gesicht. Und hätte ihr Partner dazu die Schönheit im Gehirn, das romanische Leben wäre nicht bloß très joli, sondern fruchtbar, nicht von Niedlichkeiten und Nippes umstellt, sondern von Taten und Monumenten. Wenn man einem deutschen Autor nachsagt, er müsse bei den Franzosen in die Schule gegangen sein, so ist es erst dann das höchste Lob, wenn es nicht wahr ist. Denn es will besagen: er verdankt der deutschen Sprache, was die französische jedem gibt. Hier ist man noch sprachschöpferisch, wenn man dort schon mit den Kindern spielt, die hereingeschneit kamen, man weiß nicht wie. Aber seit Heinrich Heine den Trick importiert hat, ist es eine pure Fleißaufgabe, wenn deutsche Feuilletonisten nach Paris gehen, um sich Talent zu holen. Wenn einer heute wirklich nach Rhodus fährt, weil man dort besser tanzen kann, so ist er wahrlich ein übertrieben gewissenhafter Schwindler. Das war zu Heines Zeit notwendig. Man war in Rhodus gewesen, und da glaubten sie einem den Hopser. Heute glauben sie einem Lahmen, der in Wien bleibt, den Cancan, und mancher spielt jetzt die Bratsche, dem einst kein Finger war heil. Der produktive Anteil der Entfernung vom Leser ist ja noch immer nicht zu unterschätzen, und nach wie vor ist es das fremde Milieu, was sie für Kunst halten. In den Dschungeln hat man viel Talent, und das Talent beginnt im Osten etwa bei Bukarest. Der Autor, der fremde Kostüme ausklopft, kommt dem stofflichen Interesse von der denkbar bequemsten Seite bei. Der geistige Leser hat deshalb das denkbar stärkste Mißtrauen gegen jene Erzähler, die sich in exotischen Milieus herumtreiben. Der günstigste Fall ist noch, daß sie nicht dort waren; aber die meisten sind leider doch so geartet, daß sie wirklich eine Reise tun müssen, um etwas zu erzählen. Freilich, zwei Jahre in Paris gewesen zu sein, ist nicht nur der Vorteil solcher Habakuks, sondern ihre Bedingung. Den Flugsand der französischen Sprache, der jedem Tropf in die Hand weht, streuen sie dem deutschen Leser in die Augen. Und ihnen gelte die Umkehrung eines Wortes Nestroys, dieses wahren satirischen Denkers: ja von Paris bis St. Pölten gehts noch, aber von da bis Wien zieht sich der Weg! (Wenn nicht auf dieser Strecke wieder die Heimatsschwindler ihr Glück machen.) Mit Paris nun hatte man nicht bloß den Stoff, sondern auch die Form gewonnen. Aber die Form, diese Form, die nur eine Enveloppe des Inhalts, nicht er selbst, die nur das Kleid zum Leib ist und nicht das Fleisch zum Geist, diese Form mußte nur einmal entdeckt werden, um für allemal da zu sein. Das hat Heinrich Heine besorgt, und dank ihm müssen sich die Herren nicht mehr selbst nach Paris bemühen. Man kann heute Feuilletons schreiben, ohne zu den Champs Elysées mit der eigenen Nase gerochen zu haben. Der große sprachschwindlerische Trick, der sich in Deutschland viel besser lohnt als die größte sprachschöpferische Leistung, wirkt fort durch die Zeitungsgeschlechter und schafft aller Welt, welcher Lektüre ein Zeitvertreib ist, den angenehmsten Vorwand, der Literatur auszuweichen. Das Talent flattert schwerpunktlos in der Welt und gibt dem Haß des Philisters gegen das Genie süße Nahrung. Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen; aber diese Locken gefallen dem Publikum besser als eine Löwenmähne der Gedanken. Esprit und Grazie, die gewiß dazu gehört haben, auf den Trick zu kommen und ihn zu handhaben, gibt er selbsttätig weiter. Mit leichter Hand hat Heine das Tor dieser furchtbaren Entwicklung aufgestoßen, und der Zauberer, der der Unbegabung zum Talent verhalf, steht gewiß nicht allzuhoch über der Entwicklung. Der Trick wirkt fort. Der Verschweinung des praktischen Lebens durch das Ornament, wie sie der gute Amerikaner Adolf Loos nachweist, entspricht die Durchsetzung des Journalismus mit Geistelementen, die aber zu einer noch katastrophaleren Verwirrung führen mußte. Anstatt die Presse geistig trocken zu legen und die Säfte, die aus der Literatur »gepreßt«, ihr erpreßt wurden, wieder der Literatur zuzuführen, betreibt die fortschrittliche Welt immer aufs neue die Renovierung des geistigen Zierats. Das literarische Ornament wird nicht zerstampft, sondern in den Wiener Werkstätten des Geistes modernisiert. Feuilleton, Stimmungsbericht, Schmucknotiz – dem Pöbel bringt die Devise »Schmücke dein Heim« auch die poetischen Schnörkel ins Haus. Und nichts ist dem Journalismus wichtiger, als die Glasur der Korruption immer wieder auf den Glanz herzurichten. In dem Maße, als er den Wucher an dem geistigen und materiellen Wohlstand steigert, wächst auch sein Bedürfnis, die Hülle der schlechten Absicht gefällig zu machen. Dazu hilft der Geist selbst, der sich opfert, und der Geist, der dem Geist erstohlen ward. Der Fischzug einer Sonntagsauflage kann nicht mehr ohne den Köder der höchsten literarischen Werte sich vollziehen, der »Volkswirt« läßt sich auf keinen Raub mehr ein, ohne daß die überlebenden Vertreter der Kultur die Hehler machen. Aber weit schändlicher als diese Aufführung der Literatur im Triumph dieses Raubzugs, weit gefährlicher als dies Attachement geistiger Autorität an die Schurkerei, ist deren Durchsetzung, deren Verbrämung mit dem Geist, den sie der Literatur abgezapft hat und den sie durch die lokalen Teile und alle andern Aborte der öffentlichen Meinung schleift. Die Presse als eine soziale Einrichtung, weils denn einmal unvermeidlich ist, daß die Phantasiearmut mit Tatsachen geschoppt wird, hätte in der fortschrittlichen Ordnung ihren Platz. Was aber hat die Meldung, daß es in Hongkong geregnet tat, mit dem Geist zu schaffen? Und warum erfordert eine arrangierte Börsenkatastrophe oder eine kleine Erpressung oder gar nur die unbezahlte Verschweigung einer Tatsache den ganzen großen Apparat, an dem mitzuwirken Akademiker sich nicht scheuen und selbst Ästheten den Schweiß ihrer Füße sich kosten lassen? Daß Bahnhöfe oder Anstandsorte, Werke des Nutzens und der Notwendigkeit, mit Kinkerlitzchen dekoriert werden, ist erträglich. Aber warum werden Räuberhöhlen von Van de Velde eingerichtet? Nur deshalb, weil sonst ihr Zweck auf den ersten Blick kenntlich wäre und die Passanten sich nicht willig täglich zweimal die Taschen umkehren ließen. Die Neugierde ist immer größer als die Vorsicht, und darum schmückt sich die Lumperei mit Troddeln und Tressen. Ihren besten Vorteil dankt sie jenem Heinrich Heine, der der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert hat, daß heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können. Das Gräßliche an dem Schauspiel ist die Identität dieser Talente, die einander wie ein faules Ei dem andern gleichen. Die impressionistischen Laufburschen melden heute keinen Beinbruch mehr ohne Stimmung und keine Feuersbrunst ohne die allen gemeinsame persönliche Note. Wenn der eine den deutschen Kaiser beschreibt, beschreibt er ihn genau so, wie der andere den Wiener Bürgermeister, und von den Ringkämpfern weiß der andere nichts anderes zu sagen, als der eine von einem Flußbad. Immer paßt alles zu allem, und die Unfähigkeit, alte Worte zu finden, ist eine Subtilität, wenn schon die neuen zu allem passen. Dieser Typus ist entweder ein Beobachter, der in schwelgerischen Adjektiven reichlich einbringt, was ihm die Natur an Hauptwörtern versagt hat, oder ein Ästhet, der durch Liebe zur Farbe und durch Sinn für die Nuance hervorsticht und an den Dingen der Erscheinungswelt noch so viel wahrnimmt, als Schwarz unter den Fingernagel geht. Dabei haben sie einen Entdeckerton, der eine Welt voraussetzt, die eben erst erschaffen wurde, als Gott das Sonntagsfeuilleton erschuf und sahe, daß es gut war. Diese jungen Leute gehen zum erstenmal in ein Bad, wenn sie als Berichterstatter hineingeschickt werden. Das mag ein Erlebnis sein. Aber sie verallgemeinern es. Freilich kommt die Methode, einen Livingston in der dunkelsten Leopoldstadt zu zeigen, der Wiener Phantasiearmut zu Hilfe. Denn die kann sich einen Beinbruch nicht vorstellen, wenn man ihr nicht das Bein beschreibt. In Berlin steht es trotz üblem Ehrgeiz noch nicht so schlimm. Wenn dort ein Straßenbahnunfall geschehen ist, so beschreiben die Berliner Reporter den Unfall. Sie greifen das Besondere dieses Straßenbahnunfalls heraus und ersparen dem Leser das allen Straßenbahnunfällen Gemeinsame. Wenn in Wien ein Straßenbahnunglück geschieht, so schreiben die Herren über das Wesen der Straßenbahn, über das Wesen des Straßenbahnunglücks und über das Wesen des Unglücks überhaupt, mit der Perspektive: Was ist der Mensch? . . . Über die Zahl der Toten, die uns etwa noch interessieren würde, gehen die Meinungen auseinander, wenn sich nicht eine Korrespondenz ins Mittel legt. Aber die Stimmung, die Stimmung treffen sie alle; und der Reporter, der als Kehrichtsammler der Tatsachenwelt sich nützlich machen könnte, kommt immer mit einem Fetzen Poesie gelaufen, den er irgendwo im Gedränge an sich gerissen hat. Der eine sieht grün, der andere sieht gelb – Farben sehen sie alle. Schließlich ist und war alle Verquickung des Geistigen mit dem Informatorischen, dieses Element des Journalismus, dieser Vorwand seiner Pläne, diese Ausrede seiner Gefahren, durch und durch heineisch – möge sie auch jetzt dank den neueren Franzosen und der freundlichen Vermittlung des Herrn Bahr ein wenig psychologisch gewendet und mit noch etwas mehr »Nachdenklichkeit« staffiert sein. Nur einmal trat in diese Entwicklung eine Pause – die hieß Ludwig Speidel. In ihm war die Sprachkunst ein Gast auf den Schmieren des Geistes. Das Leben Speidels mag die Presse als einen Zwischenfall empfinden, der störend in das von Heine begonnene Spiel trat. Schien er es doch mit dem leibhaftigen Sprachgeist zu halten und lud ihn an Feiertagen auf die Stätte der schmutzigsten Unterhaltung, damit er sehe, wie sie's treiben. Nie war ein Kollege bedenklicher als dieser. Wohl konnte man mit dem Lebenden Parade machen. Aber wie lange wehrte man sich, dem Toten die Ehre des Buches zu geben! Wie fühlte man, hier könnte eine Gesamtausgabe jene Demütigung bringen, die man einst eßlöffelweise als Stolz einnahm. Als man sich endlich entschloß, den »Mitarbeiter« in die Literatur zu lassen, erdreistete sich Herr Schmock, die Begleitung zu übernehmen, und die Hand des Herausgebers, verniedlichend und verstofflichend, rettete für den Wiener Standpunkt, was durch eine Gruppierung Speidelscher Prosa um den Wiener Standpunkt zu retten war. Ein Künstler hat diese Feuilletons geschrieben, ein Feuilletonist hat diese Kunstwerke gesammelt so wird die Distanz von Geist und Presse doppelt fühlbar werden. Die Journalisten hatten Recht, so lange zu zögern. Sie waren in all der Zeit nicht müßig. Man verlangte nach Speidels Büchern – sie beriefen sich auf seine Bescheidenheit und gaben uns ihre eigenen Bücher. Denn es ist das böse Zeichen dieser Krise: der Journalismus, der die Geister in seinen Stall treibt, erobert indessen ihre Weide. Er hat die Literatur ausgeraubt er ist nobel und schenkt ihr seine Literatur. Es erscheinen Feuilletonsammlungen, an denen man nichts so sehr bestaunt, als daß dem Buchbinder die Arbeit nicht in der Hand zerfallen ist. Brot wird aus Brosamen gebacken. Was ist es, das ihnen Hoffnung auf die Fortdauer macht? Das fortdauernde Interesse an dem Stoff, den sie »sich wählen«. Wenn einer über die Ewigkeit plaudert, sollte er da nicht gehört werden, solange die Ewigkeit dauert? Von diesem Trugschluß lebt der Journalismus. Er hat immer die größten Themen und unter seinen Händen kann die Ewigkeit aktuell werden; aber sie muß ihm auch ebenso leicht wieder veralten. Der Künstler gestaltet den Tag, die Stunde, die Minute. Sein Anlaß mag zeitlich und lokal noch so begrenzt und bedingt sein, sein Werk wächst umso grenzenloser und freier, je weiter es dem Anlaß entrückt wird. Es veralte getrost im Augenblick: es verjüngt sich in Jahrzehnten. Was vom Stoff lebt, stirbt vor dem Stoffe. Was in der Sprache lebt, lebt mit der Sprache. Wie leicht lasen wir das Geplauder am Sonntag, und nun, da wirs aus der Leihbibliothek beziehen können, vermögen wir uns kaum durchzuwinden. Wie schwer lasen wir die Sätze der ›Fackel', selbst wenn uns das Ereignis half, an das sie knüpften. Nein, weil es uns half! je weiter wir davon entfernt sind, desto verständlicher wird uns, was davon gesagt war. Wie geschieht das? Der Fall war nah und die Perspektive war weit. Es war alles vorausgeschrieben. Es war verschleiert, damit ihm der neugierige Tag nichts anhabe. Nun heben sich die Schleier ... Heinrich Heine aber – von ihm wissen selbst die Ästheten, die seine Unsterblichkeit in einen Inselverlag retten (die zweckerhabenen Geister, deren Hirnwindungen im Ornament verlaufen), nichts Größeres auszusagen, als daß seine Pariser Berichte »die noch immer lebendige Großtat des modernen Journalismus geworden sind« ; und diese Robinsone der literarischen Zurückgezogenheit berufen sich auf Heines Künstlerwort, daß seine Artikel »für die Bildung des Stils für populäre Themata sehr förderlich sein würden«. Und wieder spürt man die Verbindung derer, die gleich weit vom Geiste wohnen: die in der Form und die im Stoffe leben; die in der Linie und die in der Fläche denken; der Ästheten und der Journalisten. Im Problem Heine stoßen sie zusammen. Von Heine leben sie fort und er in ihnen. So ist es längst nicht dringlich, von seinem Werke zu sprechen. Aber immer dringlicher wird die Rede von seiner Wirkung, und daß sein Werk nicht tragfähig ist unter einer Wirkung, die das deutsche Geistesleben nach und nach als unerträglich von sich abtun wird. So wird es sich abspielen: Jeder Nachkomme Heines nimmt aus dem Mosaik dieses Werks ein Steinchen, bis keines mehr übrig bleibt. Das Original verblaßt, weil uns die widerliche Grelle der Kopie die Augen öffnet. Hier ist ein Original, dem verloren geht, was es an andere hergab. Und ist denn ein Original eines, dessen Nachahmer besser sind? Freilich, um eine Erfindung zu würdigen, die sich zu einer modernen Maschine vervollkommnet hat, muß man die historische Gerechtigkeit anwenden. Aber wenn man absolut wertet, sollte man da nicht zugeben, daß die Prosa Heinrich Heines von den beobachterisch gestimmten Technikern, den flotten Burschen und den Grazieschwindlern übertroffen wurde? Daß diese Prosa, welche Witz ohne Anschauung und Ansicht ohne Witz bedeutet, ganz gewiß von jenen Feuilletonisten übertroffen wurde, die nicht nur Heine gelesen, sondern sich extra noch die Mühe genommen haben, an die Quelle der Quelle, nach Paris zu gehen? Und daß seiner Lyrik, im Gefühl und in der korrespondierenden Hohnfalte, Nachahmer entstanden sind, die's mindestens gleich gut treffen und die zumal den kleinen Witz der kleinen Melancholie, dem der ausgeleierte Vers so flink auf die Füße hilft, mindestens ebenso geschickt praktizieren. Weil sich ja nichts so leicht mit allem Komfort der Neuzeit ausstatten läßt wie eine lyrische Einrichtung. Sicherlich, keiner dürfte sich im Ausmaß der Übung und im Umfang intellektueller Interessen mit Heine vergleichen. Wohl aber überbietet ihn heute jeder Itzig Witzig in der Fertigkeit, ästhetisch auf Teetisch zu sagen und eine kandierte Gedankenhülse durch Reim und Rhythmus zum Knallbonbon zu machen. Heinrich Heine, der Dichter, lebt nur als eine konservierte Jugendliebe. Keine ist revisionsbedürftiger als diese. Die Jugend nimmt alles auf und nachher ist es grausam, ihr vieles wieder abzunehmen. Wie leicht empfängt die Seele der Jugend, wie leicht verknüpft sie das Leichte und Lose: wie wertlos muß eine Sache sein, damit ihr Eindruck nicht wertvoll werde durch Zeit und Umstand, da er erworben ward! Man ist nicht kritisch, sondern pietätvoll, wenn man Heine liebt. Man ist nicht kritisch, sondern pietätlos, wenn man dem mit Heine Erwachsenen seinen Heine ausreden will. Ein Angriff auf Heine ist ein Eingriff in jedermanns Privatleben. Er verletzt die Pietät vor der Jugend, den Respekt vor dem Knabenalter, die Ehrfurcht vor der Kindheit. Die erstgebornen Eindrücke nach ihrer Würdigkeit messen wollen, ist mehr als vermessen. Und Heine hatte das Talent, von den jungen Seelen empfangen und darum mit den jungen Erlebnissen assoziiert zu werden. Wie die Melodie eines Leierkastens, die ich mir nicht verwehren ließe, über die Neunte Symphonie zu stellen, wenns ein subjektives Bedürfnis verlangt. Und darum brauchen es sich die erwachsenen Leute nicht bieten zu lassen, daß man ihnen bestreiten will, der Lyriker Heine sei größer als der Lyriker Goethe. Ja, von dem Glück der Assoziation lebt Heinrich Heine. Bin ich so unerbittlich objektiv, einem zu sagen: sieh nach, der Pfirsichbaum im Garten deiner Kindheit ist heute schon viel kleiner, als er damals war? Man hatte die Masern, man hatte Heine, und man wird heiß in der Erinnerung an jedes Fieber der Jugend. Hier schweige die Kritik. Kein Autor hat die Revision so notwendig wie Heine, keiner verträgt sie so schlecht, keiner wird so sehr von allen holden Einbildungen gegen sie geschützt, wie Heine. Aber ich habe nur den Mut, sie zu empfehlen, weil ich sie selbst kaum notwendig hatte, weil ich Heine nicht erlebt habe in der Zeit, da ich ihn hätte überschätzen müssen. So kommt der Tag, wo es mich nichts angeht, daß ein Herr, der längst Bankier geworden ist, einst unter den Klängen von »Du hast Diamanten und Perlen« zu seiner Liebe schlich. Und wo man rücksichtslos wird, wenn der Reiz, mit dem diese tränenvolle Stofflichkeit es jungen Herzen angetan hat, auf alte Hirne fortwirkt und der Sirup sentimentaler Stimmungen an literarischen Urteilen klebt. Schließlich hätte man der verlangenden Jugend auch mit Herrn Hugo Salus dienen können. Ich weiß mich nicht frei von der Schuld, der Erscheinung das Verdienst der Situation zu geben, in der ich sie empfand, oder sie mit der begleitenden Stimmung zu verwechseln. So bleibt mir ein Abglanz auf Heines Berliner Briefen, weil mir die Melodie »Wir winden dir den Jungfernkranz«, über die sich Heine dort lustig macht, sympathisch ist. Aber nur in den Nerven. Im Urteil bin ich mündig und willig, die Verdienste zu unterscheiden. Die Erinnerung eines Gartendufts, als die erste Geliebte vorüberging, darf einer nur dann für eine gemeinsame Angelegenheit der Kultur halten, wenn er ein Dichter ist. Den Anlaß überschätze man getrost, wenn man imstande ist, ein Gedicht daraus zu machen. Als ich einst in einer Praterbude ein trikotiertes Frauenzimmer in der Luft schweben sah, was, wie ich heute weiß, durch eine Spiegelung erzeugt wurde, und ein Leierkasten spielte dazu die »Letzte Rose«, da ging mir das Auge der Schönheit auf und das Ohr der Musik, und ich hätte den zerfleischt, der mir gesagt hätte, das Frauenzimmer wälze sich auf einem Brett herum und die Musik sei von Flotow. Aber in der Kritik muß man, wenn man nicht zu Kindern spricht, den Heine beim wahren Namen nennen dürfen. Sein Reiz, sagen seine erwachsenen Verteidiger, sei ein musikalischer. Darauf sage ich: Wer Literatur empfindet, muß Musik nicht empfinden oder ihm kann in der Musik die Melodie, der Rhythmus als Stimmungsreiz genügen. Wenn ich literarisch arbeite, brauche ich keine Stimmung, sondern die Stimmung entsteht mir aus der Arbeit. Zum Anfeuchten dient mir ein Klang aus einem Miniaturspinett, das eigentlich ein Zigarrenbehälter ist und ein paar seit hundert Jahren eingeschlossene altwiener Töne von sich gibt, wenn man daraufdrückt. Ich bin nicht musikalisch; Wagner würde mich in dieser Lage stören. Und suchte ich denselben kitschigen Reiz der Melodie in der Literatur, ich könnte in solcher Nacht keine Literatur schaffen. Heines Musik mag dafür den Musikern genügen, die von ihrer eigenen Kunst bedeutendere Aufschlüsse verlangen, als sie das bißchen Wohlklang gewährt. Was ist denn Lyrik im Heineschen Stil, was ist jener deutsche Kunstgeschmack, in dessen Sinnigkeiten und Witzigkeiten die wilde Jagd Liliencronscher Sprache einbrach, wie einst des Neutöners Gottfried August Bürger? Heines Lyrik: das ist Stimmung oder Meinung mit dem Hört, hört! klingelnder Schellen. Diese Lyrik ist Melodie, so sehr, daß sie es notwendig hat, in Musik gesetzt zu werden. Und dieser Musik dankt sie mehr als der eignen ihr Glück beim Philister. Der ›Simplicissimus‹ spottete einmal über die deutschen Sippen, die sich vor Heine bekreuzigen, um hinterdrein in seliger Gemütsbesoffenheit »doch« die Loreley zu singen. Zwei Bilder: aber der Kontrast ist nicht so auffallend, als man bei flüchtiger Betrachtung glaubt. Denn die Philistersippe, die schimpft, erhebt sich erst im zweiten Bilde zum wahren Philisterbekenntnis, da sie singt. Ist es Einsicht in den lyrischen Wert eines Gedichtes, was den Gassenhauer, den einer dazu komponiert hat, populär werden läßt? Wie viele deutsche Philister wüßten denn, was Heine bedeuten soll, wenn nicht Herr Silcher »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten« in Musik gesetzt hätte? Aber wäre es ein Beweis für den Lyriker, daß diese Kundschaft seine unschwere Poesie auch dann begehrt hätte, wenn sie ihr nicht auf Flügeln des Gesanges wäre zugestellt worden? Ach, dieser engstirnige Heinehaß, der den Juden meint, läßt den Dichter gelten und blökt bei einer sentimentalen Melodei wohl auch ohne die Nachhilfe des Musikanten. Kunst bringt das Leben in Unordnung. Die Dichter der Menschheit stellen immer wieder das Chaos her; die Dichter der Gesellschaft singen und klagen, segnen und fluchen innerhalb der Weltordnung. Alle, denen ein Gedicht ihre im Reim beschlossene Übereinstimmung mit dem Dichter bedeutet, flüchten zu Heine. Wer den Lyriker auf der Suche nach weltläufigen Allegorien und beim Anknüpfen von Beziehungen zur Außenwelt zu betreten wünscht, wird Heine für den größeren Lyriker halten als Goethe. Wer aber das Gedicht als Offenbarung des im Anschauen der Natur versunkenen Dichters und nicht der im Anschauen des Dichters versunkenen Natur begreift, wird sich bescheiden, ihn als lust- und leidgeübten Techniker, als prompten Bekleidet vorhandener Stimmungen zu schätzen. Wie über allen Gipfeln Ruh' ist, teilt sich Goethe, teilt er uns in so groß empfundener Nähe mit, daß die Stille sich als eine Ahnung hören läßt. Wenn aber ein Fichtenbaum im Norden auf kahler Höh' steht und von einer Palme im Morgenland träumt, so ist das eine besondere Artigkeit der Natur, die der Sehnsucht Heines allegorisch entgegenkommt. Wer je eine so kunstvolle Attrappe im Schaufenster eines Konditors oder eines Feuilletonisten gesehen hat, mag in Stimmung geraten, wenn er selbst ein Künstler ist. Aber ist ihr Erzeuger darum einer? Selbst die bloße Plastik einer Naturanschauung, von der sich zur Seele kaum sichtbare Fäden spinnen, scheint mir, weil sie das Einfühlen voraussetzt, lyrischer zu sein, als das Einkleiden fertiger Stimmungen. In diesem Sinne ist Goethes »Meeresstille« Lyrik, sind es Liliencrons Zeilen: »Ein Wasser schwatzt sich selig durchs Gelände, ein reifer Roggenstrich schließt ab nach Süd, da stützt Natur die Stirne in die Hände und ruht sich aus, von ihrer Arbeit müd'«. Der nachdenkenden Heidelandschaft im Sommermittag entsprießen tiefere Stimmungen als jene sind, denen nachdenkliche Palmen und Fichtenbäume entsprossen; denn dort hält Natur die Stirne in die Hände, aber hier Heinrich Heine die Hand an die Wange gedrückt ... Man schämt sich, daß zwischen Herz und Schmerz je ein so glatter Verkehr bestand, den man Lyrik nannte; man schämt sich fast der Polemik. Aber man mache den Versuch, im aufgeschlagenen »Buch der Lieder« die rechte und die linke Seite durcheinander zu lesen und Verse auszutauschen. Man wird nicht enttäuscht sein, wenn man von Heine nicht enttäuscht ist. Und die es schon sind, werden es erst recht nicht sein. »Es zwitscherten die Vögelein – viel' muntere Liebesmelodein.« Das kann rechts und links stehen. »Auf meiner Herzliebsten Äugelein« : das muß sich nicht allein auf »meiner Herzliebsten Mündlein klein« reimen, und die »blauen Veilchen der Äugelein« wieder nicht allein auf die »roten Rosen der Wängelein«, überall könnte die Bitte stehen: »Lieb Liebchen, leg's Händchen aufs Herze mein«, und nirgend würde in diesem Kämmerlein der Poesie die Verwechslung von mein und dein störend empfunden werden. Dagegen ließe sich etwa die ganze Loreley von Heine nicht mit dem Fischer von Goethe vertauschen, wiewohl der Unterschied scheinbar nur der ist, daß die Loreley von oben auf den Schiffer, das feuchte Weib aber von unten auf den Fischer einwirkt. Wahrlich, der Heinesche Vers ist Operettenlyrik, die auch gute Musik vertrüge. Im Buch der Lieder könnten die Verse von Meilhac und Halévy stehen: Ich bin dein Du bist mein Welches Glück ist uns beschieden Nein, es gibt So verliebt Wohl kein zweites Paar hienieden. Es ist durchaus jene Seichtheit, die in Verbindung mit Offenbachscher Musik echte Stimmungswerte schafft oder tiefere satirische Bedeutung annimmt. Offenbach ist Musik, aber Heine ist bloß der Text dazu. Und ich glaube nicht, daß ein echter Lyriker die Verse geschrieben hat: Und als ich euch meine Schmerzen geklagt, Da habt ihr gegähnt und nichts gesagt; Doch als ich sie zierlich in Verse gebracht, Da habt ihr mir große Elogen gemacht. Aber es ist ein Epigramm; und die Massenwirkung Heinescher Liebeslyrik, in der die kleinen Lieder nicht der naturnotwendige Ausdruck, sondern das Ornament der großen Schmerzen sind, ist damit treffend bezeichnet. Jene Massenwirkung, durch die der Lyriker Heine sich belohnt fühlt. Es ist ein Lyriker, der in einer Vorrede schreibt, sein Verleger habe durch die großen Auflagen, die er von seinen Werken zu machen pflege, dem Genius des Verfassers das ehrenvollste Vertrauen geschenkt, und der stolz auf die Geschäftsbücher verweist, in denen die Beliebtheit dieser Lyrik eingetragen stehe. Dieser Stolz ist so wenig verwunderlich wie diese Beliebtheit. Wie vermöchte sich eine lyrische Schöpfung, in der die Idee nicht kristallisiert, aber verzuckert wird, der allgemeinen Zufriedenheit zu entziehen? Nie, bis etwa zur Sterbenslyrik, hat sich eine schöpferische Notwendigkeit in Heine zu diesen Versen geformt, daß es Verse werden mußten; und diese Reime sind Papilloten, nicht Schmetterlinge: Papierkrausen, oft nur eben gewickelt, um einen Wickel vorzustellen. »Das hätte ich alles sehr gut in guter Prosa sagen können«, staunt Heine, nachdem er eine Vorrede versifiziert hat, und fährt fort: »Wenn man aber die alten Gedichte wieder durchliest, um ihnen, behufs eines erneuerten Abdrucks, einige Nachfeile zu erteilen, dann überrascht einen unversehens die klingelnde Gewohnheit des Reims und Silbenfalls . . .« Es ist in der Tat nichts anderes als ein skandierter Journalismus, der den Leser über seine Stimmungen auf dem Laufenden hält. Heine informiert immer und überdeutlich. Manchmal sagt ers durch die blaue Blume, die nicht auf seinem Beet gewachsen ist, manchmal direkt. Wäre das sachliche Gedicht »Die heiligen drei Könige« von einem Dichter, es wäre ein Gedicht. »Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie, die heil'gen drei Könige sangen.« Das wäre die Stimmung der Sachlichkeit. So ist es doch wohl nur ein Bericht. Ganz klar wird das an einer Stelle des Vitzliputzli: Hundertsechzig Spanier fanden Ihren Tod an jenem Tage; Über achtzig fielen lebend In die Hände der Indianer. Schwer verwundet wurden viele, Die erst später unterlagen. Schier ein Dutzend Pferde wurde Teils getötet, teils erbeutet. Einer indianischen Lokalkorrespondenz zufolge. Und wie die Sachlichkeit, so das Gefühl, so die Ironie: nichts unmittelbar, alles handgreiflich, aus jener zweiten Hand, die unmittelbar nur den Stoff begreift. Im Gestreichel der Stimmung, im Gekitzel des Witzes. Die Tore jedoch, die ließen Mein Liebchen entwischen gar still; Ein Tor ist immer willig, Wenn eine Törin will. Diesen Witz macht kein wahrer Zyniker, dem seine Geliebte echappiert ist. Und kein Dichter ruft einem Fräulein, das den Sonnenuntergang gerührt betrachtet, die Worte zu: Mein Fräulein, sein Sie munter, Das ist ein altes Stück; Hier vorne geht sie unter, Und kehrt von hinten zurück. Nicht aus Respekt vor dem Fräulein, aber aus Respekt vor dem Sonnenuntergang. Der Zynismus Heines steht auf dem Niveau der Sentimentalität des Fräuleins. Und der eigenen Sentimentalität. Und wenn er gerührt von sich sagt: »dort wob ich meine zarten Reime aus Veilchenduft und Mondenschein«, dann darf man wohl so zynisch sein wie er und ihn – Herr Heine, sein Sie munter – fragen, ob er nicht vielleicht schreiben wollte: dort wob ich meine zarten Reime für Veilchenduft und Mondenschein, und ob dies nicht eben jene Verlagsfirma ist, auf deren Geschäftsbücher er sich soeben berufen hat. Lyrik und Satire – das Phänomen ihres Verbundenseins wird faßlich –: sie sind beide nicht da; sie treffen sich in der Fläche, nicht in der Tiefe. Die Träne hat kein Salz, und dieses Salz salzt nicht. Wenn Heine, wie sagt man nur, »die Stimmung durch einen Witz zerreißt«, so habe ich den Eindruck, er wolle dem bunten Vogel Salz auf den Schwanz streuen; ein altes Experiment: der Vogel entflattert doch. Im Fall Heine glückt die Illusion, wenn schon nicht das Experiment. Man kann ihm das Gegenteil beweisen; ihm, aber nicht den gläubigen Zuschauern. Er wurde nicht nur als der frühe Begleiter von Allerwelts lyrischen Erlebnissen durchs Leben mitgenommen, sondern immer auch dank seiner Intellektualität von der Jugendeselei an die Aufklärung weitergegeben. Und über alles wollen sie aufgeklärt sein, nur nicht über Heine, und wenn sie schon aus seinen Träumen erwachen, bleibt ihnen noch sein Witz. Dieser Witz aber, in Vers und Prosa, ist ein asthmatischer Köter. Heine ist nicht imstande, seinen Humor auf die Höhe eines Pathos zu treiben und von dort hinunter zu jagen. Er präsentiert ihn, aber er kann ihm keinen Sprung zumuten. Wartet nur! ist der Titel eines Gedichtes: Weil ich so ganz vorzüglich blitze, Glaubt ihr, daß ich nicht donnern könnt'! Ihr irrt euch sehr, denn ich besitze Gleichfalls fürs Donnern ein Talent. Es wird sich grausenhaft bewähren, Wenn einst erscheint der rechte Tag; Dann sollt ihr meine Stimme hören, Das Donnerwort, den Weterschlag. Gar manche Eiche wird zersplittern An jenem Tag der wilde Sturm, Gar mancher Palast wird erzittern Und stürzen mancher Kirchenturm! Das sind leere Versprechungen. Und wie sagt doch Heine von Platen? Eine große Tat in Worten, Die du einst zu tun gedenkst! – O ich kenne solche Sorten Geist'ger Schuldenmacher längst. Hier ist Rhodus, komm und zeige Deine Kunst, hier wird getanzt! Oder trolle dich und schweige, Wenn du heut nicht tanzen kannst. »Gleichfalls fürs Donnern ein Talent haben« – das sieht ja dem Journalismus ähnlich. Aber von Donner kein Ton und vom Blitz nur ein Blitzen. Nur Einfälle, nur das Wetterleuchten von Gedanken, die irgendwo niedergegangen sind oder irgendwann niedergehen werden. Denn wie eigene Gedanken nicht immer neu sein müssen, so kann, wer einen neuen Gedanken hat, ihn leicht von einem andern haben. Das bleibt für alle paradox, nur für jenen nicht, der von der Präformiertheit der Gedanken überzeugt ist, und davon, daß der schöpferische Mensch nur ein erwähltes Gefäß ist, und davon, daß die Gedanken und die Gedichte da waren vor den Dichtern und Denkern. Er glaubt an den metaphysischen Weg des Gedankens, der ein Miasma ist, während die Meinung kontagiös ist, also unmittelbarer Ansteckung braucht, um übernommen, um verbreitet zu werden. Darum mag ein schöpferischer Kopf auch das aus eigenem sagen, was ein anderer vor ihm gesagt hat, und der andere ahmt Gedanken nach, die einem schöpferischen Kopf erst später einfallen werden. Und nur in der Wonne sprachlicher Zeugung wird aus dem Chaos eine Welt. Die leiseste Belichtung oder Beschattung, Tönung und Färbung eines Gedankens, nur solche Arbeit ist wahrhaft unverloren, so pedantisch, lächerlich und sinnlos sie für die unmittelbare Wirkung auch sein mag, kommt irgendwann der Allgemeinheit zugute und bringt ihr zuletzt jene Meinungen als verdiente Ernte ein, die sie heut mit frevIer Gier auf dem Halm verkauft. Alles Geschaffene bleibt, wie es da war, eh es geschaffen wurde. Der Künstler holt es als ein Fertiges vom Himmel herunter. Die Ewigkeit ist ohne Anfang. Lyrik oder ein Witz: die Schöpfung liegt zwischen dem Selbstverständlichen und dem Endgültigen. Es werde immer wieder Licht. Es war schon da und sammle sich wieder aus der Farbenreihe. Wissenschaft ist Spektralanalyse: Kunst ist Lichtsynthese. Der Gedanke ist in der Welt, aber man hat ihn nicht. Er ist durch das Prisma stofflichen Erlebens in Sprachelemente zerstreut, der Künstler schließt sie zum Gedanken. Der Gedanke ist ein Gefundenes, ein Wiedergefundenes. Und wer ihn sucht, ist ein ehrlicher Finder, ihm gehört er, auch wenn ihn vor ihm schon ein anderer gefunden hätte. So und nur so hat Heine von Nietzsche den Nazarenertypus antizipiert. Wie weitab ihm die Welt Eros und Christentum lag, welche doch in dem Gedicht »Psyche« mit so hübscher Zufälligkeit sich meldet, zeigt er in jedem Wort seiner Platen-Polemik. Heine hat in den Verwandlungen des Eros nur das Ziel, nicht den Weg des Erlebnisses gesehen, er hat sie ethisch und ästhetisch unter eine Norm gestellt, und hier, wo wir an der Grenze des erweislich Wahren und des erweislich Törichten angelangt sind, hat er vielmehr den seligen Herrn Maximilian Harden antizipiert. In dieser berühmten Platen-Polemik, die allein dem stofflichen Interesse an den beteiligten Personen und dem noch stofflicheren Vergnügen an der angegriffenen Partie ihren Ruhm verdankt und die Heines Ruhm hätte auslöschen müssen, wenn es in Deutschland ein Gefühl für wahre polemische Kraft gäbe und nicht bloß für das Gehechel der Bosheit, in dieser Schrift formt Heine sein erotisches Bekenntnis zu den Worten: Der eine ißt gern Zwiebeln, der andere hat mehr Gefühl für warme Freundschaft, und ich als ehrlicher Mann muß aufrichtig gestehen, ich esse gern Zwiebeln, und eine schiefe Köchin ist mir lieber, als der schönste Schönheitsfreund. Das ist nicht fein, aber auch nicht tief. Er hatte wohl keine Ahnung von den Varietäten der Geschlechtsliebe, die sich am Widerspiel noch bestätigt, und spinnte diese weite Welt in das grobe Schema Mann und Weib, normal und anormal. Noch im Sterben ist ihm ja die Vorstellung von der Kuhmagd, die »mit dicken Lippen küßt und beträchtlich riecht nach Mist«, geläufig, wiewohl sie dort nur eine bessere Wärme als der Ruhm geben soll und nicht als die warme Freundschaft. Wer so die Seele kennt, ist ein Feuilletonist! Feuilletonistisch ist Heines Polemik durch die Unverbundenheit, mit der Meinung und Witz nebeneinander laufen. Die Gesinnung kann nicht weiter greifen als der Humor. Wer über das Geschlechtsleben seines Gegners spottet, kann nicht zu polemischer Kraft sich erheben. Und wer die Armut seines Gegners verhöhnt, kann keinen bessern Witz machen, als den: der Ödipus von Platen wäre »nicht so bissig geworden, wenn der Verfasser mehr zu beißen gehabt hätte«. Schlechte Gesinnung kann nur schlechte Witze machen. Der Wortwitz, der die Kontrastwelten auf die kleinste Fläche drängt und darum der wertvollste sein kann, muß bei Heine ähnlich wie bei dem traurigen Saphir zum losen Kalauer werden, weil kein sittlicher Fonds die Deckung übernimmt. Ich glaube, er bringt das üble Wort, einer leide an der »Melancholik«, zweimal. Solche Prägungen – wie etwa auch die Zitierung von Platens »Saunetten« und die Versicherung, daß er mit Rothschild »famillionär« verkehrt habe – läßt er dann freilich den Hirsch Hyacinth verantworten. Und dieser Polemiker spricht von seiner guten protestantischen Hausaxt! Eine Axt, die einen Satz nicht beschneiden kann! Seiner Schrift gegen Börne geben die wörtlichen Zitate aus Börne das Rückgrat, aber wenn er darin Börne sprechend vorführt, spürt man ganz genau, wo Heine über Börne hinaus zu schwätzen beginnt. Er tuts in der breitspurigen Porzellangeschichte. Auf Schritt und Tritt möchte man redigieren, verkürzen, vertiefen. Einen Satz wie diesen: »Nächst dem Durchzug der Polen, habe ich die Vorgänge in Rheinbayern als den nächsten Hebel bezeichnet, welcher nach der Juliusrevolution die Aufregung in Deutschland bewirkte, und auch auf unsere Landsleute in Paris den größten Einfluß ausübte«, hätte ich nicht durchgehen lassen. Die Teile ohne Fassung, das Ganze ohne Komposition, jener kurze Atem, der in einem Absatz absetzen muß, als müßte er immer wieder sagen: so, und jetzt sprechen wir von etwas anderm. Wäre Heine zum Aphorismus fähig gewesen, zu dem ja der längste Atem gehört, er hätte auch hundert Seiten Polemik durchhalten können. Von Börne, der in dieser Schrift als sittlich und geistig negierte Person den Angreifer überragt, sagt er: »Alle seine Anfeindungen waren am Ende nichts anderes, als der kleine Neid, den der kleine Tambour-Maitre gegen den großen Tambour-Major empfindet – er beneidete mich ob des großen Federbusches, der so keck in die Lüfte hineinjauchzt, ob meiner reichgestickten Uniform, woran mehr Silber, als er, der kleine Tambour-Maitre, mit seinem ganzen Vermögen bezahlen konnte, ob der Geschicklichkeit, womit ich den großen Stock balanciere usw.« Die Geschicklichkeit ist unleugbar, und der Tambour-Major stimmt auch. In Börnes Haushalt sieht Heine »eine Immoralität, die ihn anwidert«, »das ganze Reinlichkeitsgefühl seiner Seele« sträubt sich in ihm »bei dem Gedanken, mit Börnes nächster Umgebung in die mindeste Berührung zu geraten«. Er weiß die längste Zeit auch nicht, ob Madame Wohl nicht die Geliebte Börnes ist »oder bloß seine Gattin«. Dieser ganz gute Witz ist bezeichnend für die Wurzellosigkeit des Heineschen Witzes, denn er deckt sich mit dem Gegenteil der Heineschen Auffassung von der Geschlechtsmoral. Heine hätte sich schlicht bürgerlich dafür interessieren müssen, ob Madame Wohl die Gattin Börnes oder bloß seine Geliebte sei. Er legt ja noch im Sterbebett Wert auf die Feststellung, er habe nie ein Weib berühret, wußt' er, daß sie vermählet sei. Aber in dieser Schrift sind auch andere peinliche Widersprüche. So wird Jean Paul der »konfuse Polyhistor von Bayreuth« genannt, und von Heine heißt es, er habe sich »in der Literatur Europas Monumente aufgepflanzt, zum ewigen Ruhme des deutschen Geistes«. . . Der deutsche Geist aber möchte vor allem das nackte Leben retten; und er wird erst wieder hochkommen, wenn sich in Deutschland die intellektuelle Schmutzflut verlaufen haben wird. Wenn man wieder das Kopfwerk sprachschöpferischer Männlichkeit erfassen und von dem erlernbaren Handwerk der Sprachzärtlichkeiten unterscheiden wird. Und ob dann von Heine mehr bleibt als sein Tod? Die Lyrik seines Sterbens, Teile des Romanzero, die Lamentationen, der Lazarus: hier war wohl der beste Helfer am Werke, um die Form Heines zur Gestalt zu steigern. Heine hat das Erlebnis des Sterbens gebraucht, um ein Dichter zu sein. Es war ein Diktat: sing, Vogel, oder stirb. Der Tod ist ein noch besserer Helfer als Paris; der Tod in Paris, Schmerzen und Heimatsucht, die bringen schon ein Echtes fertig. Ich hör' den Hufschlag, hör' den Trab, Der dunkle Reiter holt mich ab – Er reißt mich fort, Mathilden soll ich lassen, O, den Gedanken kann, mein Herz nicht fassen! Das ist andere Lyrik, als jene, deren Erfolg in den Geschäftsbüchern ausgewiesen steht. Denn Heines Wirkung ist das Buch der Lieder und nicht der Romanzero, und will man seine Früchte an ihm erkennen, so muß man jenes aufschlagen und nicht diesen. Der Tod konzentriert, räumt mit dem tändelnden Halbweltschmerz auf und gibt dem Zynismus etwas Pathos. Heines Pointen, so oft nur der Mißklang unlyrischer Anschauung, stellen hier selbst eine höhere Harmonie her. Sein Witz, im Erlöschen verdichtet, findet kräftigere Zusammenfassungen; und Geschmacklosigkeiten wie: »Geh ins Kloster, liebes Kind, oder lasse dich rasieren«, werden seltener. Das überlieferte Motto »dieu me pardonnera, c'est son metier« ist in seiner vielbewunderten Plattheit vielleicht eine Erfindung jener, die den Heine-Stil komplett haben wollten. Aber es paßt zum Ganzen nicht schlecht. Im Glauben und Unglauben wird Heine die Handelsvorstellung nicht los. Selbst die Liebe spricht zum Gott der Lieder, »sie verlange Sicherheiten«, und der Gott fragt, wieviel Küsse sie ihm auf seine goldene Leier borgen wolle. Indes, der Zynismus Heines, diese altbackene Pastete aus Witz und Weh, mundet dem deutschen Geschmack recht wohl, wenn ers auch nicht wahr haben will. Zu Offenbach, in dessen Orchester der tausendjährige Schmerz von der Lust einer Ewigkeit umtanzt wird, verhält sich dieser Schmerzspötter wie ein routinierter Asra zu einem geborenen Blaubart, einem vom Stamme jener, welche töten, wenn sie lieben. ... Was will die einsame Träne? Was will ein Humor, der unter Tränen lächelt, weil weder Kraft zum Weinen da ist noch zum Lachen? Aber der »Glanz der Sprache« ist da und der hat sich vererbt. Und unheimlich ist, wie wenige es merken, daß er von der Gansleber kommt, und wie viele sich davon ihr Hausbrot vollgeschmiert haben. Die Nasen sind verstopft, die Augen sind blind, aber die Ohren hören jeden Gassenhauer. So hat sich dank Heine die Erfindung des Feuilletons zur höchsten Vollkommenheit entwickelt. Mit Originalen läßt sich nichts anfangen, aber Modelle können ausgebaut werden. Wenn die Heine-Nachahmer fürchten mußten, daß man sie entlarven könnte, so brauchten sie nur Heine-Fälscher zu werden und durften getrost unter seinem Namen en gros produzieren. Sie nehmen in der Heine-Literatur einen breiten Raum ein. Aber die Forscher, denen ihre Feststellung gelingt, sind nicht sachverständig genug, um zu wissen, daß mit dem Dieb auch der Eigentümer entlarvt ist. Er selbst war durch einen Dietrich ins Haus gekommen und ließ die Tür offen. Er war seinen Nachfolgern mit schlechtem Beispiel vorangegangen. Er lehrte sie den Trick. Und je weiter das Geheimnis verbreitet wurde, umso köstlicher war es. Darum verlangt die Pietät des Journalismus, daß heute in jeder Redaktion mindestens eine Wanze aus Heines Matratzengruft gehalten wird. Das kriecht am Sonntag platt durch die Spalten und stinkt uns die Kunst von der Nase weg! Aber es amüsiert uns, so um das wahre Leben betrogen zu werden. In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst eins aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe. So ist Heine wirklich der Vorläufer moderner Nervensysteme, als der er von Künstlern gepriesen wird, die nicht sehen, daß ihn die Philister besser vertragen haben, als er die Philister. Denn der Heinehaß der Philister gibt nach, wenn für sie der Lyriker in Betracht kommt, und für den Künstler kommt Heines Philisterhaß in Betracht, um die Persönlichkeit zu retten. So durch ein Mißverständnis immer aktuell, rechtfertigt er die schöne Bildung des Wortes »Kosmopolit«, in der sich der Kosmos mit der Politik versöhnt hat. Detlev von Liliencron hatte nur eine Landanschauung. Aber mir scheint, er war in Schleswig-Holstein kosmischer als Heine im Weltall. Schließlich werden doch die, welche nie aus ihrem Bezirk herauskamen, weiter kommen als die, die nie in ihren Bezirk hineinkamen. Was Nietzsche zu Heine gezogen hat – er hatte den Kleinheitswahn, als er im Ecce homo schrieb, sein Name werde mit dem Heines durch die Jahrtausende gehen –, kann nur jener Haß gegen Deutschland sein, der jeden Bundesgenossen annimmt. Wenn man aber den Lazzaroni für ein Kulturideal neben dem deutschen Schutzmann hält, so gibt es gewiß nichts deutscheres als solchen Idealismus, der die weglagernde Romantik schon fürs Ziel nimmt. Das intellektuelle Problem Heine, der Regenerator deutscher Luft, ist neben dem künstlerischen Problem Heine gewiß nicht zu übersehen: es läuft ja daneben. Doch hier ward einmal Sauerstoff in die deutschen Stuben gelassen und hat nach einer augenblicklichen Erholung die Luft verpestet. Daß, wer nichts zu sagen hat, es besser verständlich sage, diese Erkenntnis war die Erleichterung, die Deutschland seinem Heine dankt nach jenen schweren Zeiten, wo etwas zu sagen hatte, wer unverständlich war. Und diesen unleugbaren sozialen Fortschritt hat man der Kunst zugeschrieben, da man in Deutschland immerzu der Meinung ist, daß die Sprache das gemeinsame Ausdrucksmittel sei für Schreiber und Sprecher. Heines aufklärende Leistung in Ehren – ein so großer Satiriker, daß man ihm die Denkmalswürdigkeit absprechen müßte, war er nicht. Ja, er war ein so kleiner Satiriker, daß die Dummheit seiner Zeit auf die Nachwelt gekommen ist. Gewiß, sie setzt sich jenes Denkmal, das sie ihm verweigert. Aber sie setzt sich wahrlich auch jenes, das sie für ihn begehrt. Und wenn sie ihr Denkmal nicht durchsetzt, so deponiert sie wenigstens ihre Visitkarte am Heine-Grab und bestätigt sich ihre Pietät in der Zeitung. Solange die Ballotage der Unsterblichkeit dauert, dauert die Unsterblichkeit, und wenn ein Volk von Vereinsbrüdern ein Problem hat, wird es so bald nicht fertig. Im Ausschuß der Kultur aber sitzen die Karpeles und Bartels, und wie immer die Entscheidung falle, sie beweist nichts für den Geist. Die niedrige Zeitläufigkeit dieser Debatte, die immerwährende Aktualität antiquierter Standpunkte ist so recht das Maß einer literarischen Erscheinung, an der nichts ewig ist als der Typus, der von nirgendwo durch die Zeit läuft. Dieser Typus, der die Mitwelt staunen macht, weil er auf ihrem Niveau mehr Talent hat als sie, hat in der Kunst der Sprache, die jeder, der spricht, zu verstehen glaubt, schmerzlichen Schaden gestiftet. Wir erkennen die Persönlichkeiten nicht mehr, und die Persönlichkeiten beneiden die Techniker. Wenn Nietzsche Heines Technik bewundert, so straft ihn jeder Satz, den er selbst schrieb, Lügen. Nur einer nicht. »Die Meisterschaft ist dann erreicht, wenn man sich in der Ausführung weder vergreift noch zögert«. Das Gegenteil dieser untiefen Einsicht ist die Sache des Künstlers. Seine Leistung sind Skrupel; er greift zu, aber er zaudert, nachdem er zugegriffen hat. Heine war nur ein Draufgänger der Sprache; nie hat er die Augen vor ihr niedergeschlagen. Er schreibt das Bekenntnis hin: »Der Grundsatz, daß man den Charakter eines Schriftstellers aus seiner Schreibweise erkenne, ist nicht unbedingt richtig; er ist bloß anwendbar bei jener Masse von Autoren, denen beim Schreiben nur die augenblickliche Inspiration die Feder führt, und die mehr dem Worte gehorchen, als befehlen. Bei Artisten ist jener Grundsatz unzulässig, denn diese sind Meister des Wortes, handhaben es zu jedem beliebigen Zwecke, prägen es nach Willkür, schreiben objektiv, und ihr Charakter verrät sich nicht in ihrem Stil«. So war er: ein Talent, weil kein Charakter; bloß daß er die Artisten mit den Journalisten verwechselt hat. Und die Masse von Autoren, die dem Wort gehorchen, gibt es leider nur spärlich. Das sind die Künstler. Talent haben die andern: denn es ist ein Charakterdefekt. Hier spricht Heine seine unbedingte Wahrheit aus; er braucht sie gegen Börne. Aber da er objektiv schreibt und als Meister des Worts dieses zu jedem beliebigen Zwecke handhabt, so paßt ihm das Gegenteil gegen Platen. In ihm sei, »ungleich dem wahren Dichter, die Sprache nie Meister geworden« ; er sei »dagegen Meister geworden in der Sprache, oder vielmehr auf der Sprache, wie ein Virtuose auf einem Instrumente«. Heine ist objektiv. Gegen Börne: »Die Taten der Schriftsteller bestehen in Worten«. Gegen Platen: er nenne seine Leistung »eine große Tat in Worten« – »so gänzlich unbekannt mit dem Wesen der Poesie, wisse er nicht einmal, daß das Wort nur bei dem Rhetor eine Tat, bei dem wahren Dichter aber ein Ereignis ist«. Was war es bei Heine? Nicht Tat und nicht Ereignis, sondern Absicht oder Zufall. Heine war ein Moses, der mit dem Stab auf den Felsen der deutschen Sprache schlug. Aber Geschwindigkeit ist keine Hexerei, das Wasser floß nicht aus dem Felsen, sondern er hatte es mit der andern Hand herangebracht; und es war Eau de Cologne. Heine hat aus dem Wunder der sprachlichen Schöpfung einen Zauber gemacht. Er hat das höchste geschaffen, was mit der Sprache zu schaffen ist; höher steht, was aus der Sprache geschaffen wird. Er konnte hundert Seiten schreiben, aber nicht die Sprache der hundert ungeschriebenen Seiten gestalten. Wenn nach Iphigeniens Bitte um ein holdes Wort des Abschieds der König »Lebt wohl!« sagt, so ist es, als ob zum erstenmal in der Welt Abschied genommen würde, und solches »Lebt wohl!« wiegt das Buch der Lieder auf und hundert Seiten von Heines Prosa. Das Geheimnis der Geburt des alten Wortes war ihm fremd. Die Sprache war ihm zu Willen. Doch nie brachte sie ihn zu schweigender Ekstase. Nie zwang ihn ihre Gnade auf die Knie. Nie ging er ihr auf Pfaden nach, die des profanen Lesers Auge nicht errät, und dorthin, wo die Liebe erst beginnt. O markverzehrende Wonne der Spracherlebnisse! Die Gefahr des Wortes ist die Lust des Gedankens. Was bog dort um die Ecke? Noch nicht ersehen und schon geliebt! Ich stürze mich in dieses Abenteuer. Herrin und Magd Die Sprache beherrschen? Das wär' mir recht; spricht man nur laut, gleich ist sie still? So beherrsch' ich die Sprache, die ihr sprecht die meine macht mit mir, was sie will! Hier wird deutsch gespuckt Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos. ... Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches künstliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her. Goethe Wenn die Herren die große Zeit, anstatt sie mit Sprachreinigung zu vertun, lieber darauf verwenden wollten, ihren Mund zu reinigen, so wären die Voraussetzungen für eine spätere internationale Verständigung vielleicht gegeben. Gewiß, man muß Fremdwörter nicht gerade dort gebrauchen, wo es nicht notwendig ist, und man muß nicht unbedingt von Kretins sprechen, wo man es mit Trotteln zu tun hat. Aber das eine sei ihnen doch gesagt: daß ein Fremdwort auch einen Geschmack hat und sich seinerseits auch nicht in jedem Mund wie zu Hause fühlt. Freilich bin ich ja nicht kompetent, weil ich mit der Sprache nur eine unerlaubte Beziehung unterhalte und sie mir nicht als Mädchen für alles dient. Aber ich habe auch bloß den Schutz jenes Sprachgebrauchs im Sinn, den die Leute für die Sprache halten. Mehr ihnen zu sagen, wäre vom Übel. Sie verstehen ihre eigene Sprache nicht, und so würden sie es auch nicht verstehen, wenn man ihnen verriete, daß das beste Deutsch aus lauter Fremdwörtern zusammengesetzt sein könnte, weil nämlich der Sprache nichts gleichgültiger sein kann als das »Material« aus dem sie schafft. Wenn's ihnen Spaß macht, mögen die Leute, die sich selbst diese Zeit noch vertreiben müssen, da selbst diese Zeit versäumt hat, sie zu vertreiben, in ihren Journalen, Büros und Restaurants Abteil für Coupé, Schriftleitung für Redaktion oder Schlackwurst für Zervelat sagen – die Sprache wird, solange das Vorstellungsleben unvollkommene deutsche Termini sich in gute Fremdwörter zurückübersetzen muß, mit dem gewohnten Material arbeiten. Eine Zeitung hat einen Erlaß abgedruckt, in dem angeblich von Sachwaltern die Rede war. Da die Sache dadurch mißwaltet schien, besah ich das Original, in welchem tatsächlich von Funktionären die Rede war und einmal von hohen Funktionären. Weil aber der »Schriftleiter« nicht von »hohen Sachwaltern« sprechen konnte, indem er hier plötzlich den Unterschied zwischen einem Rangbegriff und einem Wertbegriff spürte, so ließ er einfach das Attribut weg und nahm der Darlegung den Verstand. Nein, Funktionären, und just den journalistischen, fehlt viel zu Sachwaltern, und die spezifische Farbe der Stupidität wird weder von der Dummheit noch von der Einfalt je ersetzt werden können. Gibt es auf Erden noch eine zweite Kultur, die sich fortwährend so neugeboren fühlt wie die deutsche und jeden Augenblick Komiteebeschlüsse über ihre Umgangssprache faßt? Vorschriften erläßt, wie man zu sprechen, welche Worte man zu vermeiden hat? Die zu den hunderterlei Verboten, mit denen hier das Leben bespickt wird, weil der summarische Anstand kein Gebot ist, auch noch eine Sprechordnung beschließt, wie sie eine Gehordnung beschlossen hat. Und die, weil die Sprache nur ein Kleid, eine Konfektionsware ist, den größten Wert darauf legt, daß sie vor dem Verlassen der Anstalt in Ordnung gebracht werde, während man nichts dagegen hat, daß jeder Ladenschwengel öffentlich in den Sprachquell spuckt. Aber das heutige Deutsch ist eben keine Sprache, sondern ein Betrieb, der erst wie das ganze Etablissement »in der Einrichtung begriffen« ist, dem Bedürfnisse der Kundschaft angepaßt werden muß und sich deshalb so wenig selbstverständlich vorkommt, daß jeder Tag eine Überraschung bringen kann. In Berlin spricht man rechts, und der Schutzmann blickt zufrieden: in Wien fleht der Wachmann: Bitte links! Es ist höchste Zeit, daß mit den Fremdwörtern auch noch die letzten deutschen Wörter abgeschafft werden und daß endlich, damit jede Schwierigkeit beseitigt sei, nicht nur die Iphigenie ins Esperanto übersetzt wird, sondern auch alle jene Gedanken, die sich die Leute so den Tag lang mitzuteilen haben. Sakrileg an George oder Sühne an Shakespeare? Selbst der, der nicht staunend vor der Pathologie des Geisteslebens einer Gesamtheit steht, sondern Dekaden für grassierende Kulturseuchen als Einrichtung anerkennt; selbst der, der allerlei Erbschaft des neunzehnten Jahrhunderts zwischen Dionysischem und Psychologischem noch in der Reduktion auf Kunstgewerbe, Feuilleton und Regie als geistige Daseinsmöglichkeit begreift; selbst der, der alles bejaht, was die Giftmischerin der Menschheit, die Tagespresse, als ihren Zweck oder Vorwand betreibt – selbst der steht ratlos vor dem Begriff Stefan George. Das heißt, nicht so sehr vor der Erscheinung als solcher, die zu durchdringen ja nicht so schwer ist wie die Esoteriker vermuten, sondern vor dem Phänomen, wie dieser Kredit der Undurchdringlichkeit zustandekam, mehr noch: wie es jenseits der durchgehaltenen Ehrfurcht vor einer durchgehaltenen Gebärde – oder sagen wir, der berechtigten Schätzung einer Energie –, wie es jenseits der Begeisterung einer Zivilisation für den, der ihr in unkontrollierbare Schönheitsgegend entwich – wie es gelingen konnte, diesen Begriff Stefan George noch dort zu züchten und unversehrt zu erhalten, wo nur der geringste Versuch unternommen wurde, ihn in die allergefährlichste Verbindung zu bringen: in die mit dem Begriff der Sprache, als eines Elements, von dem wahrscheinlich in jedem andern Lebensgebiet mehr enthalten ist als in der Literatur, ihre sämtlichen Nobelpreisträger und Nobelpreisträgerkandidaten inbegriffen. Denn daß einer journalisierten und auf jeglichen Humbug dressierten Öffentlichkeit die abweisende Aufschrift eines Werkes: »Unbefugten ist der Eintritt verboten« – zumal mit kleinen Anfangsbuchstaben – hinreicht zu dem Glauben, was dort getrieben wird, sei Fug; und daß ein profanum vulgus automatisch den heilig spricht, der odisse et arcere behauptet, das wäre ja zur Not aus einem, namentlich in Mitteleuropa vorrätigen Drang der Masse nach Subalternität zu verstehen. Ein tieferes Mysterium jedoch als die vermuteten Geheimnisse ist die Möglichkeit einer Erkennung sprachlichen Wertbestandes innerhalb einer rein kunstgewerblichen Angelegenheit, die von einem außergeistigen Willen bestimmt und mit beträchtlicher Folgerichtigkeit geführt wird. Ich kann nicht finden, daß dieser Aufwand an Zucht auch nur im geringsten sprachlich wirksam wäre. Die versprengten lyrischen Zeilenwerte, dem Vorsatz zur Vereinfachung, zum Volksliedhaften entstammt, als dem immerhin vorstellbaren Erlebnis eines Verschnörkelten, eines sakral Ornamentierten – diese Stäubchen Goldes wiegen auf der Waage meines Sprachbewußtseins ja doch die massige Mühsal nicht auf, deren geistiger Inhalt und Sprachwert mich keineswegs als die Flucht aus der Zeit in die Ewigkeit überzeugt, aber durchaus als die Flucht eines Zeitgenossen ins Hieratische, als die Ausflucht dessen, der vor der ewigen Gefahr der Sprache im sichern Hort des Kommerz- und Journalstils geborgen ist und von diesem Zustand durch gewisse Zeremonien ablenken möchte. Solches, trotz und mit allem Feinschmeckertum für ausgediente deutsche Vergangenheitswörter, an tausend Beispielen von Sprachferne und Zeitnähe zu erweisen – zu solchem Sakrileg bin ich erbötig. Aber es genügen vorläufig Teile von jener besonderen Geistestat, deren Bewunderung, deren unbehinderte Möglichkeit ich zu den gravierendsten Fakten der deutschen Kulturgeschichte zähle. Es handelt sich um die Übersetzung, genannt Umdichtung, der Sonette Shakespeares. Daß ein verbreitetes Bedürfnis nach Denkmalschändung, wie es auf den Bühnen namentlich in der Zurichtung Shakespeares und Offenbachs sich geltend macht – unter dem Vorwand zeitlicher Anpassung: wiewohl an den Resultaten nichts der Zeit angepaßt ist als der Drang, der sie bewirkt hat, nichts aktuell als die Büberei um ihrer selbst willen –; daß ein solches Bedürfnis nicht nur Shakespeares Dramen, sondern auch die schöpferische Leistung der Schlegel und Tieck den Worttaten von Kommis oder libertinischen Oberlehrern ausgeliefert hat, ist trostlos. Aber es ist nichts im Vergleich zu dem, was mit den Sonetten, Shakespeares persönlichster, verwundbarster Partie, gewagt wurde, deren Nachdichtung schon die ganze Literatur hindurch eine widerliche Veräußerlichung des erotischen Problems, eine Verödung des Dämons, eine Versimplung des Genius vorstellt, kurzum eine Mischung von Dilettantismus und Spießbürgerei, in einer Art, daß es vielleicht noch zweifelhaft sein konnte, ob die Täter aus dem Englischen, aber klar sein mußte, daß sie höchstens gesinnungsmäßig ins Deutsche übersetzt haben. Durch alle Varianten der Banalität – welch ein Geklapper diese angehängte Sentenz; welch eine Übereinstimmung in dem Unvermögen, der shakespearisch zusammenfassenden Gewalt des Abschlußreimes habhaft zu werden! Doch unfaßbar die Ausdauer der Respektlosigkeit, beinah selbst Respekt gebietend (mindestens würdig dessen, was in der Sprache Geores »ein Gestaun« heißt); bewundernswert der immer neue Aufwand von Strapaze, da der Doppelfrevel an Shakespeare und der deutschen Sprache zumeist in der Benützung und Verschlechterung des Vorgängers betätigt erscheint. In keinem Gebiet gesellschaftlichen Schaffens wäre ja doch die Usurpation durch die leibhaftige Unberufenheit in dem Maße und mit der Selbstverständlichkeit wie in dem der professionellen Sprachübung, deren Instrument Gemeingut ist und darum jeden, der eine Zunge hat, zum Fachmann macht. Die Übersetzungen der Shakespeare-Sonette zeigen, wie kaum ein deutsches Original, was die Sprecher der tiefsten und schwierigsten Sprache dieser für würdig, innerhalb ihrer für möglich halten, und was man in Deutschland unter einem Gedicht, unter einem Vers, unter einem Reim versteht. Sie beruhen auf der Vermessenheit lyrischer Nullen, Shakespeare-Empfindungen, die in der Glut zwischen Jüngling und Dame kreuzen – Sehnsucht nach Erhaltung des männlichen Schönheitsbildes, Eifersucht, die das weibliche umloht – kurz das lebendige Chaos in das eigene sprachliche Nichtdasein zu domestizieren. Oder sie bestehen mit der gleichen Nichtbeziehung zum Pathos in dem Unternehmen, eine scheinbare Wörtlichkeit mit Prokrustesmitteln ins Versbett zu bringen, den Leichnam der Wortgestalt auf die Versfüße: eine Idiotie, die das Eigenleben zweier Sprachen negiert, ein Gedanke, an dem sich das Unvermögen, in beiden zu denken, entschädigt. Wahres »Über-Setzen« könnte natürlich nie von dieser fixen Ideelosigkeit ausgehen, nur von dem Plan, der bisher den Bodenstedts überlassen war: schöpferisch zu ersetzen, in das eigene Erlebnis zu versetzen. Es wäre ein Nachdichten, das durch doppelte Bindung sich mit weit größerer Verantwortlichkeit zu beglaubigen hätte als das Dichten im eigenen Erlebnisraum; es wäre der Versuch, Gefühle und Gedanken so in jener des Nachfühlenden und in die der andern Sprache zu übertragen, so daß der Eindruck zwingend werde, der Dichter hätte, in dieser Welt und Sprache lebend, nicht anders gedichtet. Es käme da auf die Kraft an, den Atem zu erhalten, die Lebensfülle zwischen den Worten und nicht deren Identität, die doch in der anderen Sprache eine andere Beziehung ergibt; und da die Schwierigkeit vor allem in der Bewältigung der einfachsten aller Sonettformen gelegen ist und mit ihr in der Einförmigkeit des gleichartigen Erlebnisinhaltes, so wäre weit und breit nur die Gefahr zu erkennen, daß das Nachgedicht besser würde, shakespearehafter – denn die größere und häufigere Gefahr, daß es schlechter würde, hat durch rechtzeitige Scham die Produktion zu verhindern, oder die Achtung des Ungehemmten, der sich am Geist vergriffen hat, zur allgemeinen Kulturpflicht zu machen. Denn wenn schon jeder ein Dilettant auf eigene Faust sein darf, weil das Gemeingut der Sprache kein Rechtsgut ist, so dürfte doch selbst im Umkreis einer schäbigen Staatsaufsicht, die, wenn's ihr paßt, jeden Krempel bewacht und selbst nichts ist als boshafte Beschädigung fremden Eigentums – so dürfte doch keiner ungestraft Dilettant am fremden Geisteswerk sein, weil ein solcher strafbarer erscheint als der Pfuscher, Fälscher, Dieb am materiellen Gut. Stefan George ist ein Verwörtlicher, dem es von der Natur nicht gegeben ist, jenem Unikum der Geistesgeschichte nahezukommen, das der Fall Schlegel-Tieck vorstellt durch die Erschaffung gleichsam einer dritten Sprache als eines Amalgams. Man soll sehen und hören, wie dieser gebenedeite Schönheits-Sucher, der sie noch nicht gefunden hat, wie dieser Hohepriester des Unglaublichen, dieser Erdferne, der bei Lebzeiten die Äonen vorwegnimmt, in denen seine Spur untergehen wird – wie er es zustandegebracht hat, die »Anbetung vor der Schönheit« und den »glühenden Verewigungsdrang«, eben das, was er vorwörtlich als den Gehalt der Shakespeareschen Sonette erkannte, aus diesen zur Anschauung, zur Anhörung zu bringen. Dieses Werk, 1909 erschaffen, hat mit einer bescheidenen Auflage den Weltkrieg durchgehalten. Unmittelbar nach ihm, ›und wenn die Welt voll Teufel wär', neu erstanden, hervorgeholt in den Tagen, da alles Deutschtum Zuversicht in George suchte, macht es den Eindruck eines Planes kultureller Vergeltung, in dem Sinne, dem damals noch verbreiteten Wunsch, daß Gott England strafen möge, die Tat auf dem Fuße folgen zu lassen. War dies der Fall, so ward, Gott sei's geklagt, die Rute schwerer gezüchtigt; das Deutsche hat noch mehr gelitten. Ich, der in so vielen Lebensgebieten Schmach und Gram empfindet, die aus den Fugen geratene Zeit einrichten zu sollen – dies noch immer in Schlegelscher Übersetzung –, ich bin nach dieser Tat, und nach dem Vergleich mit früheren und späteren Taten deutscher Kriegführung gegen die eigene Sprache, zu dem Entschlusse gelangt, es mit Shakespeare zu versuchen und mit George aufzunehmen, wozu ich nicht so sehr der Kenntnis des Englischen als des Deutschen bedarf. Das Englische gibt mir George. Da ich nun an einigen Beispielen einer Gegenüberstellung Anhörungsunterricht erteilen will, Sprachlehre im wahren Sinn der Sprache, so besteht die Gefahr, daß eine karikierende Absicht der Hervorhebung vermutet werde. An dieser bin ich aber unschuldig, sie stammt, wie der nachprüfende Anschauungsunterricht jedem Hörer bestätigen kann, von einem Lyriker, der eine so eigenartige Beziehung zur Sprache unterhält, eine so eigenartige Auffassung von der Natur des Verses betätigt, daß er grundsätzlich das gedanklich in Unbetonte in die Hebung und das Betonte in die Senkung bringt, so daß ich, um den Vers richtig zu sprechen, den Gedanken falsch skandieren muß. Es geschieht bei George nicht durch Wahl, sondern durch Zwang, er kann sich nicht anders helfen und ich infolgedessen auch nicht. Die reizvolle Schwierigkeit der kleinen Anfangsbuchstaben – der ich den ganzen Zauber zuschreibe – läßt sich dem Hörer leider nicht vermitteln. Das ist bedauerlich; der Leser kann sie für Konstruktionen wie »dein schlimm« oder »jed gut« ohneweiters nachholen. Es ist eine harte Schule, in die das Sprachgehör genommen werden soll, die es aber hoffentlich leichter durchmachen wird als der Glaube, der immer sitzen bleibt; denn es ist nicht nur eine Exekution mit Beweisen, deren Kraft dem Glauben an die Sprache entstammt, sondern einmal auch der Anspruch der Kritik, es besser machen zu können. Als ich ihn kürzlich in München erhob, soll die Meinung laut geworden sein, ein solches Beginnen sei nicht sittlich, wenn Stefan George nicht persönlich zugegen sei. Wiewohl er ohne Zweifel die Möglichkeit hat, der Drucklegung, bei der er gleichfalls nicht persönlich zugegen ist, sei es durch eine Antwort, sei es durch bessere Sonette zu entgegnen, so bedauert niemand mehr seine Abwesenheit als ich, der ich ja noch selten das Glück hatte, daß eines meiner Themen im Saal anwesend war. Wenn ich die geringste Aussicht gehabt hätte, daß jener vom Teppich des Lebens oder von den Pilgerfahrten, vorn Stern des Bundes oder aus dem siebenten Ring den Weg in einen profanen Vortragssaal würde, so hätte ich ihn gern eingeladen, sich einmal seine Sonette anzuhören, den Hochgesang von der »weltschaffenden Kraft der übergeschlechtlichen Liebe«, den er nachgedichtet hat für jene, die, wie er sagt, von ihr »nicht einmal etwas ahnen können«. Ich traue mir schon zu, daß ich auch ihm eine Ahnung beigebracht hätte. Und damit die Fähigkeit zu der Entscheidung, was mein Tun eher bedeute: Lästerung des Hohepriesters oder Reinigung des Heiligtums, das er entweiht hat; Sakrileg an George oder Sühne an Shakespeare! Die Ausdehnung der Literatur im Volke wird von ihr überschätzt. An Hauptmann wurde, gewiß nicht unzutreffend, kürzlich durch eine Enquete nachgewiesen, daß ihn »das Volk nicht kennt«. Das hindert einen ignoranten Schmock nicht, in der gleichen Berliner Zeitungsnummer von Herrn George auszusagen, daß ihn »das Volk liebt«. Die Menschen seien »zu zählen, die diesen Mann schon von Gesicht zu Gesicht gesehen haben« ; aber jene seien nicht zu zählen, »die seine Gedichte sich vormusiziert haben«. Und solche Gegenüberstellung spreche für den Mann sowohl wie für das Werk. Wir wollen heute eine andere Gegenüberstellung sprechen lassen und versuchen, uns Georgesche Gedichte vorzumusizieren. Der Anhörungsunterricht, der von dem Gedanken ausgeht, daß, wer nicht fühlen will, hören soll, erfolgt nach der Methode der Gegenüberstellung. Vor dieser ist es leider unerläßlich, für die Art, wie die Shakespeare-Sonette in der Zeit vor George übersetzt wurden, ein Beispiel Bodenstedts anzuführen, dessen leere Bildungssprache zwar in keinem Fall das Nachgedicht als Gedicht, aber doch auch nicht als Mißgeburt erkennen läßt: CXVI Nichts kann den Bund zwei treuer Herzen hindern, Die wahrhaft gleichgestimmt. Lieb' ist nicht Liebe, Die Trennung oder Wechsel könnte mindern, Die nicht unwandelbar im Wandel bliebe. O nein! Sie ist ein ewig festes Ziel, Das unerschüttert bleibt in Sturm und Wogen , Ein Stern für jeder irren Barke Kiel, Kein Höhenmaß hat seinen Wert er wogen. Lieb' ist kein Narr der Zeit, ob Rosenmunde Und Wangen auch verblühn im Lauf der Zeit – Sie aber wechselt nicht mit Tag und Stunde, Ihr Ziel ist endlos, wie die Ewigkeit. Wenn dies bei mir als Irrtum sich ergibt, So schrieb ich nie, hat nie ein Mann geliebt. George ist da viel moderner: Man spreche nicht bei treuer geister bund Von hindernis! Liebe ist nicht mehr liebe Die eine ändrung, säh als ändrungs-grund Und mit dem schiebenden willfährig schiebe O nein, sie ist ein immer fester turm Der auf die wetter schaut und unberennbar. Sie ist ein stern für jedes schiff im sturm: Man mißt den stand, doch ist sein wert unnennbar. Lieb' ist nicht narr der zeit: ob rosen-mund Und -wang auch kommt vor jene sichelhand ... Lieb' ändert nicht mit kurzer woch und stund, Nein, sie hält aus bis an des grabes rand. Ist dies irrtum der sich an mir bewies, Hat nie ein mensch geliebt, nie schrieb ich dies. Abgesehen davon, daß »treue Geister« dienstbare Geister sind; daß sich wohl Tag und Stund, Jahr und Stund, Mond und Stund, aber nicht Woch und Stund dichterisch verbinden; abgehört von allem Ungetüm der Sprache, von dem unmöglichen Konjunktiv präsentis nach dem richtigen Konjunktiv imperfecti: Liebe ist nicht mehr Liebe, die säh und schiebe (statt, wenn dies Greuel schon gedichtet sein soll, »schöbe« oder mit indikativer Nuance »schiebt«) – abgehört davon und bei aller Wörtlichkeit ist der Schluß mißverstanden und verdorben. Der vorletzte Vers Ist dies Irrtum der sich an mir bewies ist unschwer zu verbessern: Ist Irrtum dies, der sich an mir bewies dann klänge es umso schöner weiter: Hat nie ein Mensch geliebt, nie schrieb ich dies. Es klingt aber nur (selten genug bei George). Der weit und breit einzige gute Reim beruht auf einem Mißverständnis. Denn Shakespeare will, sich beglaubigend, sagen: Wenn dies, mein Treuegelöbnis, unwahr ist, so habe ich nie etwas geschrieben. George sagt: Wenn dies, mein Treuegelöbnis, ein Irrtum ist, ziehe ich es zurück. CXVI Nichts löst die Bande, die die Liebe bindet. Sie wäre keine, könnte hin sie schwinden, weil, was sie liebt, ihr einmal doch entschwindet; und wäre sie nicht Grund, sich selbst zu gründen. Sie steht und leuchtet wie der hohe Turm, der Schiffe lenkt und leitet durch die Wetter, der Schirmende, und ungebeugt vom Sturm, der immer wartend unbedankte Retter. Lieb' ist nicht Spott der Zeit, sei auch der Lippe, die küssen konnte, Lieblichkeit dahin; nicht endet sie durch jene Todeshippe. Sie währt und wartet auf den Anbeginn. Ist Wahrheit nicht, was hier durch mich wird kund, dann schrieb ich nie, schwur Liebe nie ein Mund. George übersetzt das erste Sonett, das erste der sogenannten »Fortpflanzungssonette«, in denen der Dichter dem Jüngling zur Verehelichung zuredet: I Von schönsten wesen wünscht man einen sproß »Von schönsten Wesen« gibt es nur in der Kommerzsprache; bei Artikeln hat der Superlativ keinen Artikel: Schönste Wesen hier vorrätig. Überdies ist der Superlativ falsch eingestellt, so daß er das Gegenteil bedeutet: Von den schönsten Wesen wünscht man einen Sproß, warum nicht sogar von dir? Und mit solchem Vers begann George das Werk! Daß dadurch nie der schönheit rose sterbe: Und wenn die reifere mit der zeit verschoß Ihr angedenken trag ein zarter erbe. Doch der sein eignes helles auge freit Du nährst dein licht mit eignen wesens loh , Machst aus dem überfluß die teure-zeit, Dir feind und für dein süßes selbst zu roh. Du für die welt jezt eine frische zier Und erst der herold vor des frühlings reiz: »Erst der Herold« des Frühlings, also weniger als dieser. In eignet knospe gräbst ein grab du dir Und, zarter neider, schleuderst weg im geiz. Gönn dich der welt! Nicht wie ein schlemmer tu: Eßt nicht der welt behör, das grab und du! Des Wesens Loh und die Teure-Zeit: alles hat doch im Kunstgewerbe Raum! I Ein schönes Wesen wünscht man fortgesetzt, daß nie der Schönheit Rose ganz vergehe, und welkt sie durch die zeit, daß unverletzt im schönen Sproß das Schöne auferstehe. Du aber, nur dem eignen Strahl verbunden, du, nur genährt, verzehrt von deinem Glanze, du hast, dich neidend, deinen Feind gefunden, der dir im Allbesitz mißgönnt das Ganze. Du, der die Welt beglückt mit jedem Reiz, des Frühlings Herold, der mit vollen Händen versagt im Spenden, du gewährst dem Geiz, dich endlich in dir selber zu verschwenden. Gewähre dich der Welt, der zugehört die Schönheit, die das Grab der Zeit verzehrt. V Die stunden die mit holdem Werk umziehn Liebliche schau drauf jedes Auge ruht Entzieren was am zierlichsten gediehn Und treffe ganz das gleiche ding mit wut. Den sommer treibt die zeit die nimmer steht Greulichem winter zu und tilgt ihn dort: Saft dürr im Frost und üppig Laub verweht! Schönheit vereist! Kahlheit an jedem ort! Doch bliebe flüssig nicht in glases haft Als geist zurück des sommers filterung, So wär mit schönheit auch der schönheit kraft Geraubt – es schwände selbst erinnerung. Doch geist der blumen, ob auch winter grüße, Entbehrt nur form: es lebt die innre süße. Wann hätten sich, in Ding und Wort, jemals »Filterung« und »Erinnerung« gereimt? Und Winter grüßt nicht, tut nicht dem Reim zuliebe, was der Frühling tut; sondern dräut, wütet u. dgl. Selten dürfte ein holdes Werk so mit Wut getroffen und »entziert« worden sein. Saft dürr! George schildert den Winter mit Rufzeichen. Er behält recht: Schönheit vereist! Kahlheit an jedem Ort! Ich habe mich bemüht, die innere Süße zu erhalten. V Das Werk der Zeit, das unsern Sinn entzückt, den Augen Wonne, dem Verstand ein Wunder, tyrannisch wird es von ihr selbst entrückt, zerstückt, zerpflückt und abgetan zum Plunder. Nicht ruht die Zeit und treibt das Sommerglück in Winterelend, um es zu verderben. Natur erstarrt in Frost, und Stück für Stück muß unter Eis und Schnee die Schönheit sterben. Und bliebe nicht des Sommers süßer Geist im Glase als ein schmerzlich blasses Wähnen, dann lebte nichts, was Schönheit uns beweist, und kein Besinnen bliebe und kein Sehnen. So aber wirkt, wenn Winter noch so wüte, der Sommer fort in seines Wesens Blüte. Es ist ein einfaches Landschaftsbild. Nun aber soll die Anwendung des Landschaftlichen auf das Menschliche kommen, angeschlossen bei Shakespeare mit »darum«. Das hat George verfehlt: VI Sei nicht durch winters knorrige hand verdorrt Dein lenz eh deinen duft ein filter faßt! Mach eine phiole süß! schmück einen ort Mit schmuck der schönheit eh sie in sich blaßt! Der nutz ist nicht verpönt als wucherlich Der den beglückt der zahlt für williges lehn. Erzeuge für dich selbst ein andres ich – Und zehnmal mehr glück, sinds statt einem zehn! Du wärst zehn mal beglückter als du bist Wenn zehn von dir dich zehn mal dargestellt. Was nimmt der tod wenn deine zeit um ist Da er dich lebend läßt für spätre welt? Sei nicht selbst willig: du bist viel zu hold Für todesbeute und der würmer sold. »Sei nicht« (1. Vers) ist nur als Imperativ fühlbar, unmöglich für »Es sei nicht«. Im vorletzten Vers ist es richtig angewendet (Sei nicht so). Mach eine Phiole süß: abgehört davon, daß da zwei Silben mit einer Klappe getroffen sind, bleibt die Frage offen, ob eine Phiole süß gemacht oder eine Phiolesüß gemacht werden soll. »Drum« macht man es besser gleich so: VI Drum, eh der Winter deinen Sommer kränkt, sollst seinen Duft in ein Gefäß du fassen. Von dir ein Abglanz sei von dir geschenkt der Welt, bevor der Glanz ihr muß erblassen. Vermehrung ist nicht Wucher, wenn gewillt zum Dank man schuldet. Daß dein Gut du mehrst, gewährt von deinem Wesen uns ein Bild, Und zehnmal schöner, wenn du zehn gewährst. Und zehnmal größer wär' dein eigen Glück, könntst zehnfach sehn du jedes von den zehn. Dann blickst getrost du auf dich selbst zurück, und trotz dem Tod siehst du dich fortbestehn. Weit besseren Entschluß soll Schönheit fassen, als nur den Würmern sich zu hinterlassen. Sonette an die Dame: Von welcher kraft hast du die mächtige kraft Daß unvollkommenheit mein herz regiert, Ich wahres schaun bezeichn als lügenhaft Und schwöre daß das licht den tag nicht ziert? Woher nimmst du fürs schlechte wohlgestalt Daß noch sogar im abhub deiner tat Soviel gewähr von kunst ist und gewalt, Mein geist dein schlimm mehr als jed gut bejaht? Was ists das mich dich mehr zu lieben zwingt Je mehr ich grund zum hassen hör und blick'? Wenn meine lieb auch Andren abscheu bringt Verabscheu nicht wie andre mein geschick! Wenn dein Unwert die lieb erweckt in mir Bin ich mehr wert geliebt zu sein von dir. Aber, aber! Das Mehr in »mehr als« und »mehr wert« verlangt die Hebung (wie in »mehr zu lieben« und »Je mehr ich«), nicht zu verwechseln mit »nicht mehr« oder »nur mehr«, welche Verbindung ich nicht einmal durch einen Zeilenumbruch trennen ließe, damit das unbetonte »mehr« keinen Ton erhalte. Wie anders George! Und doch wird es Leute geben, die sein schlimm mehr als jed gut von mir bejahen, zum Beispiel als dieses: CL Sag, welche Macht gab dir die Allgewalt, daß deine Schwäche meine Kraft zerbricht? daß ich ein Trugbild schwöre zur Gestalt und mir die Nacht erscheint als Tageslicht? Sag, was bewirkt den Zauber des Gesichts, den Schein, der so dem Schlechten ward verliehn, daß nichts verbleibt, als dein verwünschtes Nichts der Tugendfülle andrer vorzuziehn? Wie kommt's, daß stets mit heißern Liebesflammen gerechter Grund zum Haß mein Herz entflammt? Wenn alle mich und dich darob verdammen, von dir allein drum sei ich nicht verdammt. Daß ich nach deinem Unwert so begehrt, das wahrlich macht mich deiner Liebe wert! Und die beiden Gedichte, in denen Shakespeare zwischen dem Willen der Dame und seinem Vornamen Will ein entzückendes Wortspiel treibt! George ist ein Wortspielverderber, indem er es sofort verrät, den Willen ausnahmsweise groß schreibt und auch im Dativ und Akkusativ zum »Will« dekliniert; noch plumper als die andern, die aber alle wie der Ungar in der Anekdote mit der Pointe herausplatzen. CXXXV Man che hat ihren wunsch – du deinen Will Und Will dazu und Will noch obendrein. Ich überflüssig tu dir die unbill Bei deinem süßen willen auch zu sein. Läßt du nicht, mit dem willen weit und groß, Einmal in deinem meinen willen ruhn? Magst du genehmigen andrer willen bloß, Und meinem willen nicht die ehr antun? Die see ganz wasser trägt den regen still Und hält, schon voll, den zufluß noch für wert. So, Willen-reiche, füg zu deinem Will Mei nen der deinen großen Will noch mehrt! Die freundlich bittenden verweis nicht schrill . Nimm all für eins und mich im einen Will! Eine schwere Belästigung der Geliebten. CXXXV Die, was sie will, auch hat im Überfluß, dir ist's erfüllt, kein Will' bleibt ungestillt: bis auf den einen: der sich melden muß, weil ganz so, wie er heißt, er ist gewillt. Will denn dein Will', im Walten ungehemmt, nicht auch den meinen einmal einbeziehn? Läßt denn der Will' von andern, die dir fremd, dich mir, weil ich nichts andres will, entfliehn? Du willst so viel, du gleichst darin dem Meer, das alle Wasser faßt: so gleich ihm ganz; die Willensfülle würde mein Begehr noch mehren, noch ein Will' will Toleranz. Laß alle wollen, doch gewähr die Bill: Wo eins der Will', will auch der eine Will . Auf die folgende Art aber macht sich George ihr noch deutlicher: CXXXVI Schilt deine seele dich: ich käm zu nah, So schwör der blinden seel, ich sei dein Wille . Und wille, weiß sie, ist mit rechten da. Soweit , mein lieb, mein liebessehnen stille! Will will vollfüllen deiner liebe schatz. So füll ihn voll mit Wills und sei ich einer Bei dingen großen Umfangs gilt der satz: In einer zahl sieht einer aus wie keiner. Wieso denn? Das gilt für eine Anzahl, niemals für eine Zahl! Bei deiner güterzählung laß mich fern, Doch unter deinen schätzen dulde mich. Sieh für ein nichts mich an, siehst du nur gern Dies nichts als etwas süßes an für dich . Lieb meinen namen nur, dann bin ich still! Du liebst dann mich: mein name ist ja Will. Das wäre kein Kunststück, gemeint ist aber: Lieb deinen Willen nur, dann liebst du auch mich, der so heißt! Da kann man mit Shakespeare nur fragen: Ward je in solcher Laun' ein Weib gefreit? Und darf der liebende Shakespeare leibhaftig in solche Erscheinung treten? Eines Philisters, der nicht Humor, aber die Gabe hat, sich unverständlich zu machen? Gewiß, er geht ihr mit dem Wortspiel förmlich nach, aber er soll sie durch galanten Witz rühren, nicht anöden! Ein Liebessklave, der es mit Geistlosigkeit erzwingen will, wird mit Recht mißhandelt. Doch vielleicht reagiert sie williger auf solches Angebot: CXXXVI Wenn's dich verdrießt, daß ich zu nah dir trat, so mach mit einem Trost den Vorwurf still: dein eigner Will' verteidigt deine Tat, was aber wär' ich andres als dein Will? Und will nichts andres, als den Herzensschatz vermehren dir, so gut ich eben kann. Dort, wo so viele finden ihren Platz, kommt's wahrlich auf den einen nicht mehr an. Nicht zählen mußt du mich; ich sei dir nichts, ich bin nicht da; und falle dennoch auf. Entbehrt mein Wert auch scheinbar des Gewichts, urn eines Umstands nimmst du mich in Kauf. Dein Will' sei alles dir; ich dulde still: du liebst mich, merkst du einst: ich bin dein Will . Aber nun die Eifersucht auf das Spiel der Geliebten! Was ist aus diesem süßen Liebesgedicht geworden, an dem vor allem bemerkt werde, daß so in der zeitlichen Mitte zwischen Shakespeare und Wedekind jene Laura am Klavier saß. CXXVIII Wie oft wenn du, mein klang, die klänge spielst Auf dem beglückten holz dess regung tönt Von deiner süßen hand und sanft befiehlst Der drähte einhall der mein ohr umdröhnt : Beneid ich diese tasten die mit eil Das zarte innre küssen deiner hand ... Indeß mein armer mund, reif für solch teil, Errötend bei des holzes kühnheit stand. Um so gestreift zu sein nähm er in kauf Tanzender schnitze formunggg und befund Darauf dein finger geht mit sanftrm lauf, Tot holz beseligend statt lebendigen mund. Da freches werkzeug so beglückt sein muß Gib ihm den finger, mir den mund zum kuß. Umdröhnt ist falsch. Gestreift unmöglich. Befund hoffnungslos. Totholz jede Zeile. CXXVIII Wie oft, wenn deine lieben Finger leihen dem toten Holze der Befühlung Glück und lassen ihm die Wohltat angedeihen, die meinem Ohr zuteil wird als Musik, bin ich ein Bettler bloß vor solchen Tasten, die spielend küssen deine holde Hand, dieweil mein stummer Mund, verdammt zum Fasten, nicht Töne hat wie jener Musikant. Wie neidet er das Ding, das so genießt und tief sich bückt, dem süßen Druck ergeben, und wie's beglückt von Wohllaut überfließt, weil deine Gnaden totes Holz beleben. Sei weiter gnädig, doch gerecht auch, und: gib ihm zum Kuß die Finger, mir den Mund! VIII Musik dem ohr, was hörst du musik traurig? Kein Wunder; es müßte einfach umgestellt werden: Musik dem Ohr, was hörst Musik du traurig? Süß kämpft mit süß nicht, lust ist froh mit lust. Warum du liebst was du empfängst als schaurig Und gern empfängst woran du leiden mußt! Schlägt wohlgestimmter töne treue einheit, Verknüpft zum bunde, quälend an dein ohr: Sie schelten sanft dich der du in alleinheit Sie störst, weil deine stimme fehlt im chor. Merk wie sich eine saite süß verbinde Der andren, auf sie treff im wechselgang, Beglückten eltern gleichend mit dem kinde, Versammelt all zu Einem holden klang. Wortloser sang, aus vielen, scheint nur einer. Er singt dir zu: »einzeln wirkst du als keiner.« Mu sik, so falsch gesetzt, muß traurig wirken. VIll Der selbst Musik hat, dich verstimmt Musik? Dein süßes Wesen weigert sich der Süßen? Und bittres Leid genießt dafür das Glück, als wär's Musik, ins Herz dir einzufließen? Wird dein Gehör von Harmonien, so ist's, weil's diese wie ein Mißton störte, daß du, dich dem Konzerte zu entziehn, der Einklang bliebst, der Einklang nicht begehrte. Hör ihn ihn im Spiel verliebter Saiten dort, bereit, daß holder Tonbund sie vermähle, wie es sich mehrt, und schwellend zum Akkord, Entzücken aus der Seele dringt zur Seele. Mit allen Stimmen schallt es dir im Chor: »Steht einer einsam, stellt er keinen vor!« Das wäre freilich erst ein Problem, in welchem Fall einer, der einsam steht, keinen vorstellt, und in welchem Falle doch einen! Und nun, von manchen noch entstandenen, die ja bald zu lesen sein werden – befreit von George, ein wahres Shakespeare-Sonett, das Sonett mit dem Gelöbnis der Verewigung der Geliebten, das George als Irrtum zurückziehen müßte. Denn er schließt mit dem Versprechen, sie werde fortleben, wenn alle »Haucher« dieser Zeit verwest sein werden. Dann lebst du noch – mein wirken ist der grund – Wo hauch am meisten haucht: in menschenmund. LXXXI Leb' ich noch an dem Tag, der dich begräbt, bist du noch da, wenn ich zu Staub zerfallen: kein Tod hat Macht, und dein Gedächtnis lebt der Erdenwelt, die lang' vergaß mein Wallen. Unsterblich bleibst du, wenn ich dich verlasse, und an mein Ende schließt sich dein Beginn, weil ich mein Lied von dir zu Herzen fasse und deine Schönheit in der Nachwelt Sinn. Mein Vers sei Denkschrift dir, in der zu lesen noch Ungebornen einstens wird vergönnt; und wer dann sein wird, weiß, daß du gewesen. Ich setze dir mein Wort als Monument. Der Geist, der es erschuf, kann Macht verleihn: Solange Menschen leben, wirst du sein! Schändung der Pandora Es ist vielleicht noch auszurechnen, wie viel Zeit und Blei in der großen Zeit und im neuen Deutschland durch die Ausrottung der meisten Apostrophe in den Druckereien schon für Munitionsbeschaffung und sonstige Kriegsdienstleistung gewonnen wurde. In der Insel-Ausgabe der »Pandora« hat das Verfahren – bei allerlei kunstgewerblicher Entschädigung – die volle Anschaulichkeit einer Tempelschändung. Dieses Sprachheiligtum dürfte auf Goethes Volk ohnedies durch die Weisung des Prometheus Eindruck gemacht haben: »Nur Waffen schafft! Geschaffen habt ihr alles dann«, wobei freilich bereits der Nachsatz: »auch derbster Söhne übermäß'gen Vollgenuß« auf immer stärkere Zweifel stößt. Der deutsche Apostrophenraub, der den Indikativ »ich raub'« nicht mehr vom Imperativ »raub« unterscheiden läßt und gar den Konjunktiv des Imperfekts »ich schrieb'« nicht mehr vom Indikativ »ich schrieb«, macht jede moderne Ausgabe eines Klassikerwerkes schon zur Augenqual, wenn nicht zur vorgestellten Ohrenpein. Abgesehen von der Verwechslungsgefahr, welche manchmal durch den Sinn paralysiert wird, ist das eindeutige Monstrum eines »ich bänd« unerträglich. Diese Zeitsparmaschinen ahnen nicht die Bedeutung eines im Apostroph nachschwingenden Vokals und setzen auch getrost ein raumhaftes »lang« für das zeithafte »lang'«, ohne daß doch in beiden Fällen »lank« zu sprechen wäre. Der Inseldruck der »Pandora« ist ferner dadurch ausgezeichnet, daß das Ende der Dichtung genau bis zum Rand einer rechten Seite reicht, so daß der keinen Abschluß gewahrende, von keiner Abschlußlinie gewarnte Leser die Rede des Eos fortsetzen möchte und umblättert, um das Fragment weiterzulesen, wodurch das Pathos dieses wundervollen Ausgangs zerknickt wird. Die primitivste, von der stilistischen Notwendigkeit erschaffene Druckerregel, daß ein Abschluß von weither sichtbar sei und ein Werk weder rechts unten noch links oben ende, damit eben der Leser rechtzeitig den geistigen Atem auf das Ende einstelle, wird hier mit einer den erhabenen Schlußton, den Gedanken tötenden Ruppigkeit mißachtet. Der Leser muß vollends glauben, daß noch etwas komme, weil er ja noch Blätter in der Hand hält, welche ihn dann freilich mit einem bloßen »Schema der Fortsetzung« überraschen. Der Umstand, daß die »Pandora« ein Fragment ist, also ein Werk, dessen Abschluß aus keinem dichterischen Plan erfolgt war, könnte den Barbarismus nicht als Absicht rechtfertigen, da der Teil als solcher kein Fragment ist; auch wenn noch einer käme, wäre ja jener zu Ende und dürfte nicht rechts unten zu Ende sein. Es ist nichts als Fühllosigkeit, deutsche Raumgewinnsucht und jene typographische Unfähigkeit, die mir seinerzeit die »Luxusausgabe« der Chinesischen Mauer zu einem sechs Monate währenden Leidenskapitel gemacht hat. Von einem Wiener Sachverständigen mußte die berühmte Leipziger Firma (Poeschel \& Trepte, deren dekorativen Leistungen auf der »Bugra« Feuilletons in deutschen Blättern gewidmet wurden und die eine der Nährmütter des bibliophilen Snobismus ist) immer wieder belehrt werden, wie man den Satz mit dem auf jene Art ruinierten Schluß (damals links oben, statt rechts Mitte) umgestalte; wie man Zitate einzustellen habe; daß das Wort »neugeboren« nicht nach »neuge« abzuteilen sei u. dgl. Doch sind dies – abgesehen von der Vernichtung des Schlußgedankens Dinge, die hauptsächlich nur die Ehre des Druckers berühren. Was aber das Heil des Geistes, die Sicherheit des textlichen Bestandes anlangt, so läßt sich summarisch behaupten, daß in Deutschland das Schicksal der deutschen Klassiker besiegelt ist; denn kein Vermerk »Vor Nachdruck wird gewarnt« (der hier kein materielles Autorrecht mehr zu schützen hätte) bewahrt das geistige Gut vor Einbruch. Welche Instanz aber sollte auch den Dichter gegen die Gefahren des Nachdrucks schützen, den Leser davor warnen, da jedem Greisler dessen Vorteile zustehen? Ist einer dreißig Jahre tot, so fressen ihn, zugunsten der Volksbildung, die Verleger. Bezeichnend für die stumpfe Ahnungslosigkeit der »Herausgeber«, der für Leichenschändung bezahlten Ausgräber, wären hunderte von klassischen Versen und Sätzen. Das eindringliche Beispiel aus Lichtenberg, das durch die Jahrzehnte fortgewälzt wird, habe ich einmal graphisch illustriert; jammervolle Verwüstungen am Worte Goethes, Jean Pauls, Schillers könnte ich zitieren. In der heiligen »Pandora« hat der Inselmensch den Setzer an einem der bedeutendsten Verse sich austoben lassen oder, weil er den Gedanken für einen Druckfehler hielt, bewußt und gewissenhaft die nichtswürdigste Änderung bewerkstelligt. Prometheus ruft den Kriegern zu: Auf! rasch Vergnügte, Schnellen Strichs! Der barsch Besiegte Habe sichs! Der Dichter nennt mit einer kostbaren Abbreviatur, die an sich schon dem kriegerischen Wesen gerecht wird, die Nutznießer eines Sturmlebens, worin der Tag gepflückt und halbgenossen vertan wird – eine ganze, in Weinfässer mündende Offensive ist darin –: »rasch Vergnügte«. Dem Drucker oder dem herausgebenden Literaten schien's richtiger und logischer so: Auf, rasch! Vergnügte, Schnellen Strichs! Der barsch besiegte Gedanke habe sichs! Die Krieger sind schlechthin vergnügt, weil's immer feste druff geht. Die Leser gleichfalls. Und ich wette hundert versenkte Tonnen gegen eine, daß diese Wiederherstellung den Insel-Verlag und die nach dessen Vorlage weiterdruckenden Händler nicht hindern wird, die deutschere Version beizubehalten. Sprachlehre Zu den Vorurteilen gegen mich, die wohl nicht mehr aus der Welt zu schaffen sein werden, gehört die Vermutung, daß ich die Zeitungen lese, »um etwas zu finden«,woran ich Anstoß nehmen könnte, während ich in Wahrheit im Blätterwalde so für mich hingehe und nichts zu suchen mein Sinn ist. Ja bereit, die Herren Journalisten zu bestechen, damit ich nur ja nichts zu finden brauche, was mich zur Wiederherstellung der Natur nötigt, komme ich mir wie der Nestroysche Hausmeister vor, der »lieber selber einer jeden Partei ein Sechserl schenken möchte«, um nur seine Ruh' zu haben. Und oft denke ich mir, wie gern ich die Zeit, die sie mir rauben, daran wenden würde, ihnen rechtzeitig zu heIfen, alles das zu unterlassen, was mich in Tätigkeit setzt. Denn ich bedarf doch wahrlich nicht mehr ihrer Anstöße, um mir über die Gestalt, die sie der Welt gegeben haben, etwas einfallen zu lassen. Wenn sie nur gewillt wären, mir täglich ihre ihre Bürstenabzüge zur Korrektur zu schicken, so wäre ich erbötig, bei voller Belassung der moralischen Eigenart, ihnen das Gröbste im Stilistischen und Grammatikalischen abzutun und gerade dadurch ihre schlechten Absichten wirksamer herauszuarbeiten. Ich muß diese Arbeit ja oft genug an Zitaten besorgen und manchen Formfehler beseitigen, um die Aufmerksamkeit nicht von dem Schwachsinn der Gedankenführung oder der Lumperei der Gesinnung abzulenken. Sie wissen es nicht, merken es nicht und ich stiller Wohltäter mache kein Aufheben davon. Aber natürlich wäre ich auch bereit, in den Inhalt einzugreifen, zu dämpfen, zu beleben, zu veredeln, kurz eine Textgestalt herzustellen, die vor meinem Witz sicher sein kann. Weiß Gott, es wäre gar nicht übel, die Vorzensur, die sich im Krieg bloß auf die Unterdrückung von Artikeln beschränkt hat, die die Siegeszuversicht herabmindern konnten, in meine Hände zu legen, welche doch für einen weit kulturvolleren Zweck tätig wären. Aber wie ich die Herren Journalisten kenne, werden sie diese Idee als eine unerlaubte Zumutung an die Freiheit der Prostitution stolz von sich weisen, und was ich seit Jahrzehnten als Zensor ihrer Resultate leiste, hat, ach, nicht einmal an der äußersten Oberfläche der Sprachkorrektur seinen erzieherischen Einfluß bewährt. Man kann es mit dem ihnen geläufigsten Worte sagen: sie haben »daran« vergessen, auch wenn es ihnen noch so oft eingetrichtert wurde; und wenn sie auch nichts wissen, sie »brauchen nicht lernen«. Aber vielleicht kommen wir einander ein wenig näher, wenn ich von Zeit zu Zeit die ärgsten sprachlichen Mißbildungen förmlich ausstelle – ohne an bestimmte Fälle anzuknüpfen, denn da täten sie's justament! Um nur, was mir gerade zur Hand liegt, zu erwähnen: » wieso kommt es«, daß sie so schlechtes Deutsch schreiben und daß diese Frage, die der Tandelmarkt frei hat an das Schicksal, immer wieder gestellt wird? Also man fragt: wie (oder woher ) kommt es (das andere bedeutet etwas ganz anderes). » Nach vorwärts« geht es in keinem Fall, sondern es sollte bloß »vorwärts« gehen. Dies gilt natürlich auch wo es »rückwärts geht«. Dagegen soll nie etwas »rückwärts sein«, sondern nur hinten . Völlig unmöglich aber ist es, die Fremden, die man nach Wien lockt und denen man solche Lokalismen als Sehenswürdigkeiten bietet, »Gäste von auswärts « zu nennen, weil da zwei entgegengesetzte Richtungen karambolieren. Die Herren Journalisten werden sagen: Wir »verbieten uns« diese Kontrolle. Aber was mich betrifft, ich kann weder ihnen noch mir ihr schlechtes Deutsch verbieten, ich kann es mir nur – gleichfalls ohne Aussicht – verbitten . Denn ich kann ihnen nicht gebieten, daß sie besser schreiben, ich kann sie nur darum bitten. (Wenn ich's erpressen könnte, würde ich es tun.) Imperfektum: nicht er »verbot sich etwas«, sondern er »verbat« es sich. Perfektum: nicht »er hat es sich verboten«, sondern »verbeten«. Wie kommt das? Woher kommt das? Eben nicht von »bieten«, sondern von »bitten«. (Der Nestroysche Sprachwitz, in der wienerischen Üblichkeit begründet, ist ein rein akustischer: »Ich werd' mir das verbieten!«. »Sich können Sie verbieten, was Sie wollen, aber mir nicht!«. Wenn die Gegenfigur deutlich sagte: Ich werd' mir das verbitten!, wäre der Witz nicht möglich.) Bei dieser Gelegenheit: Wenn ich einem etwas »geboten« habe, so kann das sowohl von »bieten« wie von »gebieten« kommen: nicht zu verwechseln mit: »gebeten«, das von »bitten« kommt und wieder nichts zu tun hat mit »gebetet«, das von »beten« kommt. Die Sache ist nicht leicht, aber da wir zum Publikum sprechen, so müssen wir doch, nicht wahr, mit gutem Beispiel vorangehen. Nun, ich mute ihnen zu , es sich zu merken, ohne daß ich ihnen diese Fähigkeit zutraue . Sie aber beklagen sich: ich »mute ihnen zu, es nicht zu wissen« – was so viel bedeutet als: ich verlange von ihnen, daß sie es nicht wissen, während ich doch das gerade Gegenteil von ihnen verlange, wenngleich nicht erwarte, es ihnen also nicht »zutraue«. Denn sie haben mich, wie sie sagen würden, nicht »allzu verwöhnt«. Eine arge Misere ist diese Verbindung von »allzu« mit einem Zeitwort. Der gebildete Schmock schreibt, einer habe »allzu dominiert«. Nun wäre wohl seine »allzu dominante« Stellung denkbar, aber er könnte natürlich nur »allzu sehr « dominieren. Etwas mag allzu lieb, selbst allzu geliebt sein (wenn das Partizip mehr als Adjektiv denn als Zeitwort gedacht wird), aber man kann nur »allzu sehr« lieben. Einer kann allzu groß sein, aber nicht allzu gewachsen. Es wäre auch möglich, daß er »allzu verwöhnt ist«, aber er »wurde allzu sehr verwöhnt«. Komplizierter wird es, wenn der Schmock schreibt, man dürfe »einem nicht allzu unrecht tun«. Man kann sich wohl »allzu unrecht« (unrichtig) ausdrücken, aber man kann nur »allzu sehr unrecht« tun (allzu großes Unrecht). Tue ich das? Es gibt kaum einen sprechenden oder schreibenden Menschen in Wien, der sich nicht erlaubte, »bißchen« schlampig zu sein statt » ein bißchen« (das von einer sehr realen Sache, nämlich einem kleinen Bissen stammt.) Vollends mit dem »bis«, wird aber verfahren, daß es schon nicht mehr schön ist und die Bedeutung auf dem Kopf steht: sie werden einem etwas sagen, »bis er kommt«. Aber sie meinen natürlich nicht, daß sie es ihm so lange sagen werden, bis er kommt, sondern erst sagen werden, wenn er kommt. In Wien geht der Krug erst dann zum Brunnen, wenn er bricht, weshalb er meistens zu spät kommt. Und wird »bis« schon einmal richtig statt für den Zeitpunkt für die Zeitstrecke verwendet, so kann man sicher sein, daß ein »nicht« seine Begleitung anbietet: ein Gnadengesuch, mit dessen Erledigung so lange gewartet werden sollte, bis die Entscheidung des Oberlandesgerichtes ... nicht vorlag. Fast alle diese Bildungen sind spezifisches Wiener Gewächs, dessen jüdische oder nichtjüdische Herkunft nicht mehr feststellbar ist. Wenn die Wiener heute »am Land« sind, so ist es kaum mehr das alte: »aum« (auf'm) Land. Hier kann man jüdisch oder zur Not alldeutsch sprechen, deutsch keineswegs. Ein Franzose, der schlecht französisch spricht, ist kaum vorstellbar, dagegen ist er stolz darauf, wenn er schön französisch spricht. Eine verstorbene Freundin, die für diese Werte ein besseres Gefühl hatte als die ganze Kollektion, die Kürschners Literaturkalender umfaßt, schilderte mir einmal, wie sie in einem kleinen Laden einer Pariser Vorstadt nach etwas vergebens fragte, aber nicht von einem Klachel in einem undefinierbaren Dialekt angeschnauzt wurde, sondern freundlich an einen Konkurrenten gewiesen, der die Ware bestimmt vorrätig habe: »Und außerdem spricht er ein so schönes Französisch!« Man versuche sich vorzustellen, daß eine solche Auskunft bei uns, in Kauderwelschland, erteilt würde. Die Zusammenhänge mit dem Infanterieregiment Nr. 4 sind in Wien weit lebendiger als mit den Deutschmeistern. Die Perversität aber, daß die gedruckte Sprache auf einem noch tieferen Niveau angelangt ist als die gesprochene, ist das geistige Unikum, das diesem Klima, vorbehalten blieb. Die öffentliche Meinung ist zur Wand eines Abtritts geworden, auf der nicht nur jede Büberei der Gesinnung Platz hat, sondern auch jede Missetat an der Sprache. Setzt der jüdische Journalist die Wendung hin: »worauf man darauf folgern kann«, so antwortet der Arier: »wonach hervorgeht«. Die Lokalredakteure müssen als Volksschüler doch ein besseres Deutsch geschrieben haben; sonst wären sie es noch heute. Kürzlich schrieb einer: Die Anklage wird auf einen weiteren sich gestern zugetragenen Vorfall ausgedehnt. Dem geschätzten Autor würde man natürlich auch nicht begreiflich machen können, daß er durch das Fehlen des Kommas nach »weiteren« ausgedrückt hat, die Anklage habe sich auf einen abermals »sich gestern zugetragenen« Vorfall bezogen. Aber sie können nicht nur nicht die Wörter richtig zusammenstellen, nein, da liest man täglich auch solche, die es gar nicht gibt: »insbesonders« dieses. Der Dichter der ›Wiener Stimmen‹, von dem man doch annehmen müßte, daß er, wenn schon nichts anderes, so zum mindesten eine Muttersprache habe, beginnt ein Verslein mit dem Wörtlein: »zumindestens«, das sich ihm aus dem Vorrrat von »mindestens«, »zumindest« und »zum mindesten« geballt hat: »zumeistens« würde er kaum riskieren. Einer, der trotz seinem Mauscheldrang ein kerndeutscher Mann ist, prophezeite kürzlich, ein Jargonstück werde »durch Wochen lang« zugkräftig sein. Dem Grafen Keyserling – der gewiß eine fatale »Einstellung« zur deutschen Sprache hat und ehe er die Schule der Weisheit gründete die andere geschwänzt haben muß – korrigierte er einen ausnahmsweise korrekten Satz. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Wenn ich nun einen Menschen ... fragte, worin also die Lehre des Grafen Keyserling bestünde, so würde ich ... Der Konjunktiv ist sicherlich eine schwierige Angelegenheit der deutschen Sprache, die auch den besten Schriftstellern schon Kummer bereitet hat. Selbst wenn jenes »fragte« ein inneres Imperfektum wäre – das es hier ja nicht sein kann –, ihm also »ich fragte« und nicht »ich frage« zugrundeläge, so müßte es heißen: »worin die Lehre bestehe «. Der Konjunktiv des Imperfekts wäre nur dann richtig, wenn der Satz bedingt gedacht oder in eine Bedingung fortgesetzt würde: »bestünde, wenn ...« Er wäre richtig, wenn der Satz nicht die Frage enthielte: »Worin besteht die Lehre?«, sondern: »Worin bestünde die Lehre?«. (Dies wäre etwa möglich, wenn bereits alles, worin sie nicht besteht, dargestellt wäre und der Schluß übrig bliebe, daß sie in nichts besteht. Im Falle Keyserling zwar denkbar, aber hier nicht beabsichtigt.) Immerhin ist es vielleicht das Bemühen um eine consecutio temporum, die im Deutschen so leicht wider den Gedanken geht. Aber der Konjunktiv imperfecti ist an und für sich das Prunkstück der Bildung. Ein geräuschvoller Advokat, der sich auch in der Presse als Polemiker lästig macht, schrieb kürzlich: Und er findet, daß alles prächtig vorwärts ginge . Eine ausnahmsweise richtige Konstruktion – wenngleich durch andere Fehler wettgemacht – ist der Neuen Freien Presse passiert: Der Inspektor erklärte, daß er die Angeklagte, trotzdem sie ihm beschimpft habe, hätte laufen lassen, wenn sie nicht eine Beschwerde gegen ihn erstattet hätte. »Ihm« ist der typische Setzfehler der Wiener Druckereien; vom Schreiber, der vielleicht so spricht, ist zu vermuten, daß er »beschimpfen« doch mit dem Akkusativ konstruiert. »Trotzdem« als führendes Bindewort des Konzessivsatzes (statt »obgleich«) mag als ein tief eingewurzelter Mißbrauch hingehen. Aber der Satzbau ist in Ordnung. Hier ist das »hätte laufen lassen« richtig, weil ihm der Konditionalsatz folgt: »wenn sie nicht erstattet hätte«. Hätte sie aber die Beschwerde nicht erstattet und hätte er sie laufen lassen, wäre also der Sachverhalt das Gegenteil, so hätte die Zeitung wohl trotzdem geschrieben: »Der Inspektor erklärte, daß er die Angeklagte hätte laufen lassen«. Anstatt richtig zu schreiben: »Der Inspektor erklärte, daß er die Angeklagte habe laufen lassen«, »laufen ließ« oder »er habe sie laufen lassen«. Der ›Abend‹, der außer dem Namen seines Herausgebers kein Fremdwort in seinen Spalten duldet, der sich grundsätzlich nicht an die Adresse, sondern an die Anschrift der Proletarier wendet und dessen Sätze zu neunzig vom Hundert nicht deutsch sind, stellte kurz und bündig fest: Das Berliner Gesundheitsamt meldet , die Krankenhäuser wären überfüllt. Man erwartet etwa die Fortsetzung: wenn nicht schleunigst neue eröffnet worden wären. Richtig muß es heißen: »die Krankenhäuser seien überfüllt« oder »daß die Krankenhäuser überfüllt sind«. »Sie wären überfüllt« würde geradezu bedeuten, daß das Blatt die Meldung des Berliner Gesundheitsamtes als Lüge hinstellen will. Ein Zweifel an ihr wäre schon angedeutet durch den Konjunktiv präsentis: »daß sie überfüllt seien« (während »sie seien überfüllt« bloß den Ersatz für den daß-Satz mit Indikativ vorstellt). Selbst wenn das regierende Verbum die Zeitform des Imperfektums oder Perfektums hätte: »das Amt meldete« oder »hat gemeldet«, so wäre fortzusetzen: »daß die Krankenhäuser überfüllt sind« oder »sie seien überfüllt«. Dies, wenn der Inhalt des abhängigen Satzes für den Berichterstatter feststehen soll. Ohne diese Tendenz darf sich hier der »daß« -Satz mit dem Konjunktiv präsentis anschließen: »meldete, daß sie überfüllt seien«. Der Konjunktiv imperfecti nur dort, wo der des Präsens nicht in Erscheinung tritt, z. B. »er versicherte, da sie kommen müßten« (statt »müssen«). Sonst aber würde er immer den Zweifel an der Aussage bezeichnen. Sanders hat hier ein vorzügliches Beispiel aus Schiller, das, gleichfalls eine Krankmeldung betreffend, nebeneinander die Vermutung der Lüge und die Behauptung der Wahrheit durch Modus wie Tempus ausdrückt: Mir meldet er aus Linz, er läge krank. Doch hab' ich sichre Nachricht, daß er sich zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas. Bedenklich dagegen ist die von Sanders angeführte und nicht ausdrücklich getadelte Wendung bei Goethe: Da er hörte, daß ich viel zeichnete und Griechisch könnte . Wäre hier der Konjunktiv unerläßlich, so wäre zwar »zeichnete« richtig, da »zeichne« als Konjunktiv nicht hervortritt; »könnte« jedoch ist nicht richtig und die gedankliche Diskrepanz hebt sich nur im Mitklang auf. Immerhin regiert hier das Imperfektum. Unmöglich aber ist es, von einem Präsens das Imperfektum des Konjunktivs abhängig zu machen, ohne damit die Aussage als unglaubwürdig oder als bedingt hinstellen zu wollen. Da hat eine Berlinerin mit Rilke gesprochen: Er erzählte, daß er im Wallis bei Sierre wohne, in einem kleinen, alten Schloß, ganz einsam, Jahr für Jahr, und nur selten, wenn es nicht mehr anders ginge , einen kurzen Flug in die Welt hinaus mache. Der Kanton Wallis sei das Landschaftsbild, welches ihm durch seine Romantik und Üppigkeit am nächsten käme , und was ihn außerdem so sehr an seinen Aufenthalt in Spanien erinnere. Wie man nur aus einem Gespräch mit einem deutschen Dichter so schlechtes Deutsch bewahren kann! Von dem »was« abgesehen – warum denn »ginge« und »käme« ? warum dann nicht auch »wohnte«, »machte«, »wäre« und »erinnerte« ? »Wenn es nicht mehr anders ginge« ? Es ginge nicht mehr anders, wenn –! Aber in der deutschen Presse geht es wirklich nicht mehr anders. Vor dem Konjunktiv wird alles, was Deutsch schreiben möchte, scheu. Freilich anders, als es »der Wustmann« meint, welcher es verkehrt meint, gerade in diesem Kapitel seinem Namen, der geradezu ein Symbol der Sprachverwirrung geworden ist, Ehre macht und dem Titel seines berühmten Buches »Allerhand Sprachdummheiten« zu einem unbeabsichtigten Sinn verholfen hat. Auch er verwendet zufällig das Beispiel einer Krankmeldung, aber freilich um jede Sprachsimulation zu erlauben. Es sei »ebensogut möglich, zu sagen« : er sagt , er wäre krank, wie: er sagte, er sei krank u. dgl. Aber das erste ist in Wahrheit, nur möglich, wenn der Krankmeldung das stärkste Mißtrauen entgegengesetzt wird. Über den Bedeutungsunterschied der Formen macht er sich so wenig Gedanken, daß er schlicht erklärt, der Konjunktiv der Gegenwart werde von vielen »als das Feinere« vorgezogen; »wenn sich aber jemand in allen Fällen lieber des Konjunktivs der Vergangenheit bedient«, so sei auch dagegen »nichts ernstliches einzuwenden«. Gleich darauf beklagt er aber die »fortschreitende Abstumpfung unseres Sprachgefühls«, von der er selbst, ohne es zu ahnen, die lebendigsten Beweise gibt. Der Mann, der die Verderbnis unserer Schriftsprache von dem Übel herleitet, daß man nicht schreibe, wie man spricht – wiewohl man es doch längst tut, ja noch schlechter schreibt als man spricht –, bringt es zuwege, Wendungen, die natürlich und richtig sind, für »papieren« zu erklären und die papiernen für natürlich und richtig. Eine der fixen Ideen dieses Wegweisers, der in Deutschland so beliebt ist, weil er einen flachen Ernst mit einem seichten Humor verbindet, ist sein Kampf gegen das Relativpronomen »welcher«, welches man nicht schreiben dürfe, weil man es nicht spricht. Findet er es bei Goethe und Hölty, so ist es »nichts als ein langweiliges Versfüllsel, eine Strohblume in einem Rosenstrauß«. Aber wenn man bedenkt, daß so ziemlich aller Wert der geschriebenen Wortschöpfung jenseits aller Sprechbarkeit besteht und daß kaum je ein Satz aus der »Pandora« zur Verständigung im täglichen Umgang gedient haben dürfte, so kann man ermessen, auf welchem Niveau sich diese Sprachkritik bewegt. Um bei dem »welcher« zu bleiben: es ist natürlich nicht nur, wie Wustmann großmütig zugesteht, zur Not in einer Folge von abgestuften Relativsätzen, im Wechsel mit dem einzig konzessionierten Pronomen »der« anwendbar, sondern es waltet da wohl ein Bedeutungsunterschied, der nicht nur dem Wustmann, sondern auch solchen Grammatikern fremd ist, die das »welcher« ohne Angabe der Gründe tolerieren. Ich will das Gefühl für diesen Unterschied an einem der verbreitetsten Fehler zu wecken versuchen. In einem Blatt, das zwar großdeutsch, aber nicht deutsch geschrieben ist, heißt es: Die Art, wie das Gedenken um Rainer Maria Rilke ... zum Ausdruck kam, ist sicher eine der besten und schönsten, die für einen solchen Anlaß ... möglich war . Es muß natürlich heißen: ... eine der besten, die waren . Der Nonsens, den der Singular ergibt, hätte den folgenden Sinn: die Art ist eine der besten und sie war denn auch für einen solchen Anlaß möglich. Es würde also von der besten Art noch ein Weiteres ausgesagt. Wäre dies der Sinn, so würde ihm »welche« eher gerecht als »die« : eine der besten welche eben hier möglich war (welche = und eine, die). Um es an einem gegenständlicheren Beispiel zu erläutern: »Eines der besten Bücher, das ich gelesen habe«. So sprechen und schreiben die Leute, die sagen wollen: Eines der besten Bücher, die ich gelesen habe. Das heißt: von den Büchern, die ich gelesen habe, eines der besten. Es soll aber nicht von einem der besten Bücher die Rede sein, die als solche schon feststehen, nicht von einem unter ihnen, von dem noch besonders gesagt wird, daß ich es gelesen habe. Wäre dies – also eine bloß beigeordnete Aussage – beabsichtigt, so träte der Fall ein, wo das Relativpronomen »welches« vorzuziehen ist: »eines der besten Bücher« als eine für sich stehende Charakteristik, »welches ich gelesen habe« als ein hinzutretender Umstand. (Also: eines der besten Bücher und eines, das ich gelesen habe.) Dagegen: »Eines der beste Bücher, die ich gelesen habe« – hier hat der Relativsatz eine bestimmende Funktion. Es handelt sich nicht um die besten Bücher als solche, sondern um die besten von denen, die ich gelesen habe. Diese Aussage enthält das wesentliche Kennzeichen der Bücher, keinen bloß hinzutretenden Umstand, denn es sind die besten der von mir gelesenen Bücher, von deren einem ich spreche und über die ein anderer anders denken wird. Hier ist das Relativpronomen »die« zu setzen, nicht »welche«. Zwischen »der« und »welcher« fühle ich einen Unterschied, der etwa dem zwischen einer determinativen und einer attributiven Beziehung gleichkommt. Der Relativsatz, den ich mir, ohne das Wesentliche der Vorstellung des Gegenstandes zu verletzen, auch eliminiert denken könnte, ist eher mit »welcher« anzuschließen. Der Relativsatz, der diese Vorstellung erst bildet oder wesentlich ergänzt, nur mit »der«. Diese Form (die im Genitiv »dessen« ohnehin die andere verschlungen hat) wird freilich beiden Bedeutungen gerecht, und innerhalb des gedanklichen Unterschieds werden Rücksichten des Wechsels, des Klanges und allerlei sonstiges Stilgeheimnis die Wahl bestimmen – keineswegs aber irgendwelche ungeistige Vorschrift. »Der schlechteste Sprachlehrer, den ich gekannt habe« : das ist nicht der schlechteste Sprachlehrer überhaupt, sondern der schlechteste von denen, die ich gekannt habe. Sage ich: »Der schlechteste Sprachlehrer, welchen ich gekannt habe«, so spreche ich von dem überhaupt schlechtesten, von einem, der als solcher schon dargestellt ist, wozu ich nur noch bemerke, daß ich ihn gekannt habe. Das Relativpronomen kann eine schwierige Unterscheidung erleichtern: »Eine der anmutigsten Frauen, die ich gesehen habe« : da wird der Relativsatz wohl vom Plural abhängen. »Eine der anmutigsten Frauen, welche ich gesehen habe« : hier wohl von der einen. Beim Maskulinum und beim Neutrum ist die Unterscheidung, ob Singular oder Plural, von selbst gegeben. »Einer der reichsten Männer, der eine Zeitung subventioniert« : das dürfte der typische Fehler sein, den solche Zeitungen machen, und es ist wohl gemeint: einer der reichsten Männer, die eine Zeitung subventionieren. Nehmen wir aber den einfacheren Fall: »Der reichste Mann, der eine Zeitung subventioniert« und »Der reichste Mann, welcher eine Zeitung subventioniert«. Dort ist von dem größten Zeitungskapitalisten die Rede: der Relativsatz gibt das Wesen. Hier ist von dem größten Kapitalisten die Rede, von welchem auch gesagt wird, daß er Geld für eine Zeitung übrig hat: der Relativsatz fügt dem Wesen etwas hinzu. Daß da ein weltenweiter Abstand der Relativbegriffe vorliegt, daran ist nicht zu zweifeln. Ob ich diesem Abstand durch meine Verteilung von »welcher« und »der« gerecht werde, mag jeder beurteilen, der über diese Dinge nachdenkt. Es könnte sich ihm – gleich mir selbst – ergeben, daß manchmal einer andern, gar der gegenteiligen Entscheidung nahekommt; jedenfalls wird er, an den geeigneten Beispielen, des von mir gewiesenen Unterschiedes und seiner Gesetzlichkeit habhaft werden. Scheinbar kommt ja der Form »welcher« die stärkere Beziehungsfähigkeit zu, wie sie auch die Fügung »derjenige, welcher« dartut. Aber diese deutlichere Relation spielt sich erst innerhalb des hinzutretenden Umstandes ab, den ich die Form »welcher« bezeichnen lasse, und nachdem die allgemeine Begriffsbestimmung der Person oder Sache schon vollzogen ist. Dies ist gerade an Fällen nachweisbar, wo die attributive Beziehung in die determinative überzugehen scheint; wenn kontrastierende Gegenstände durch eine Aussage von einander unterschieden werden sollen, die keineswegs ihrer wesentlichen Bestimmung dient. Wenn ich von zwei Leuten erzählen will, die ich getroffen und deren einen ich gegrüßt habe, so sage ich: »Den einen, welchen ich gegrüßt habe, kenne ich seit langem ...«. Ich will von ihm sagen, daß ich ihn seit langem kenne etc. Ich mache ihn in der Erzählung aber kenntlich durch den eingeschalteten Relativsatz, der ihn sofort von dem andern unterscheiden soll, welchen ich nicht gegrüßt habe. Dieser Relativsatz mit »welcher« könnte auch zwischen Gedankenstrichen oder in Klammern stehen, ja für den Hörer, der den Sachverhalt schon erfaßt hat, sogar wegfallen. Eben in ihm ist das »derjenige, welcher« enthalten. Dieses »welcher« hat die Gabe der Erläuterung oder der Absonderung, es bezeichnet ein hinzutretendes, oft unterscheidendes Merkmal, es bestimmt aber keineswegs den Begriff der Person oder Sache als solcher, von der ich aussage. Es ist scheinbar determinativ, in Wahrheit attributiv. Schriebe ich nun: »Der eine, den ich gegrüßt habe...«, so erhielte der »eine« leicht die stärkere Betonung als »gegrüßt«, es ergäbe zunächst den Sinn, daß ich beide gegrüßt habe und von jedem der beiden Gegrüßten etwas aussagen will. Wäre dies beabsichtigt, so könnte vor »den« sogar das Komma entfallen, denn es handelte sich um »den einen Gegrüßten« (von ebensolchen zweien), nicht um »den einen, den Gegrüßten«. Bei »welcher«, welches die Tonkraft dem eigenen Prädikat zuschiebt (»welchen ich gegrüßt habe«), ist dem Relativsatz begriffliches Eigenleben erhalten; das schwächere »der« liefert es dem regierenden Satze aus. Dieses Prinzip wird man an allen Beispielen bestätigt finden, wiewohl die Verhextheit gerade dieser sprachlichen Region immer wieder zu neuen Zweifeln verführen mag. Ist es aber nicht Resultat genug, sich verführen zu lassen? Die Grammatiker haben es nicht getan und Wustmann ist weit davon entfernt. Er macht sich wohl über allerhand Sprachdummheiten Gedanken, aber nicht ohne jene durch diese zu vermehren. Namentlich hat es ihm auch der Konjunktiv angetan, zu welchem ich darum gern zurückkehre. Er spricht von der »kläglichen Hilflosigkeit unserer Papiersprache«, der er etwa die korrekte Wendung zuschreibt: Es ist eine Lüge, wenn man behauptet, daß wir die Juden nur angreifen, weil sie Juden sind. Es müsse »unbedingt« heißen: » angriffen«, denn »es muß der Konjunktiv stehen, und das Präsens ›angreifen‹ wird nicht als Konjunktiv gefühlt«. Das zweite ist wahr, das erste ist falsch, denn es muß der Indikativ stehen. (»Angriffen« würde aber als der Indikativ imperfecti gefühlt werden.) Selbst wenn es schlechthin hieße: »es ist eine Lüge, wenn man behauptet, daß wir die Juden angreifen«, so wäre der Indikativ nicht unrichtig, wiewohl wir die Juden tatsächlich nicht angreifen. Was vom Berichtenden hier als falsch hingestellt wird, ist zwar der Inhalt einer bestimmten Behauptung, jedoch einer, die eben in ihrer Bestimmtheit ausdrücklich schon als Lüge deklariert ist. »Mir meldet er aus Linz, er läge krank«: da wird der Inhalt der Meldung erst durch den Konjunktiv angezweifelt. Nun heißt es aber vollends, es werde behauptet, daß wir die Juden » nur angreifen, weil sie Juden sind«. Es wird sogar der Inhalt der Behauptung, daß wir die Juden angreifen, bestätigt und nur der Grund des Angriffs in Abrede gestellt. »Weil sie Juden sind « : das wollte Wustmann offenbar nicht bezweifelt wissen; Wunder genug, daß er nicht trotzdem »seien« verlangt »wären« erlaubt hat. Hervorragend ist der Mangel an Unterscheidungsfähigkeit, mit dem er seine Vorschriften erläßt. Er führt eine Reihe von Sätzen an, die nach seiner Meinung falsch sind, und setzt »das richtige immer gleich in Klammern daneben«. Da findet sich denn: Er hatte ... den Wunsch geäußert, die Soldaten mögen (möchten!) ... nicht zielen. Richtig, aber nicht weil der Satz den Konjunktiv erfordert – auch »mögen« ist einer –, sondern weil der Konjunktiv – und der vom Indikativ unterscheidbare des Imperfekts – hier als Ersatz für das fehlende »daß« auch dann eintreten müßte, wenn diesem der Indikativ folgte. Es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, daß sich die Ziele ... von selbst ergeben (ergäben!). Es ist ein Irrtum: hier ist kein Konjunktiv beabsichtigt. Von dem Gedanken, daß in Lothringen ähnliche Verhältnisse vorliegen (vorlägen!) ... muß ganz abgesehen werden. Hier kann ein Konjunktiv beabsichtigt sein, darum wäre das Imperfekt – der Unterscheidung wegen – möglich. Es wird mir vorgeworfen, daß ich die ursprüngliche Reihenfolge ohne zwingenden Grund verlassen habe (hätte!). Verlassen hat er sie ja, vorgeworfen wird ihm nur die Grundlosigkeit, also ist der Indikativ richtig. Dagegen: »es wird mir (schlechthin) vorgeworfen, daß ich sie verlassen hätte « : es ist nicht wahr, ich habe sie nicht verlassen. Aber es dürfte – wie oben bei dem Angriff auf die Juden – berichtigt werden: »es ist eine Lüge, wenn mir vorgeworfen wird, daß ich sie verlassen habe «. Die Unwahrheit des Vorwurfs kann ich durch den Konjunktiv charakterisieren, wenn ich aber den Vorwurf ausdrücklich schon eine Lüge nenne, so bedarf ich des Konjunktivs nicht mehr. Durch diesen würde ich meine eigene Aussage über den Vorwurf als zweifelhaft hinstellen. H. Grimm geht von der Voraussetzung aus, daß ich den Unterricht bekrittelt habe (hätte!). Hier hat Wustmann recht, denn es wird eine falsche Voraussetzung Grimms angenommen, die nicht anders als durch den Konjunktiv entwertet werden kann, während oben die Behauptung, daß sich die Ziele ergeben, als solche feststehen muß, um eben als »Irrtum« entwurzelt zu werden. Aber er schließt summarisch: »daß die Verfasser dieser Sätze den Indikativ hätten gebrauchen wollen, ist nicht anzunehmen; sie haben ohne Zweifel alle die Absicht gehabt, einen Konjunktiv hinzuschreiben« ; und sie hätten eben fälschlich den papierenen Konjunktiv präsentis oder perfecti erwischt, der als solcher nicht erkennbar ist. Aber woher wußte Wustmann, daß sie, wenigstens zum Teil, nicht den Indikativ beabsichtigt haben? Und wie hätte er in diesem Falle bewiesen, daß es fehlerhaft sei? Wustmann schreibt, es sei nicht anzunehmen, daß sie den Indikativ hätten gebrauchen wollen. Ich nehme an, daß selbst er hier den Indikativ hat gebrauchen wollen, also zu sagen gehabt hätte: »daß sie den Indikativ haben gebrauchen wollen«. Sein eigener ist ja durch die Negation im Hauptsatz (»nicht anzunehmen«) konsumiert und was er geradezu »nicht annimmt«, ist als Tatsache zu setzen. (Sonst würde er ja seine eigene Nichtannahme bezweifeln.) Wenn ich nun soeben schrieb: »daß er sagen gehabt hätte «, so stellt dieser Konjunktiv den besonderen Fall einer gedachten Bedingtheit vor, auf den ich schon hingewiesen habe. Auch in direkter Aussage würde es hier heißen: »er hätte zu sagen gehabt« (ergänze: statt daß er gesagt hat). Er aber hätte vermutlich sogar das Folgende gesagt oder erlaubt: »Es ist nicht anzunehmen, daß die Verfasser behaupten würden, die Sätze, die sie geschrieben hätten , seien Indikativsätze.« Hier liegt der Fall vor (den Sanders richtig heraushebt), daß der Zwischensatz eine Bemerkung des Aussagenden ist und nicht eine Bemerkung dessen, von dem ausgesagt wird, es also heißen muß:«... behaupten würden, die Sätze, die geschrieben haben , seien Indikativsätze«. Vielfache stilistische Rücksicht kann hier wie überall gegen die Vorschrift geIten. Aber umsomehr gegen eine Erlaubnis, die von keinem Gedanken bezogen ist. Supra grammaticos wird immer die künstlerische Entscheidung stehen und ein scheinbarer Fehler dürfte manchmal gegen alle Regel alles Recht von der gedanklichen Vollmacht seiner Umgebung erhalten. Eben solchem Wert kann sprachlogisches Bemühen, das Richtige vom Unrichtigen zu unterscheiden, nur zugute kommen. Richtig gebaut ist zum Beispiel ein Satz in einer Erklärung, die ich in einer Polemik der Arbeiter-Zeitung zitiert finde und die eine Ausnahme vom Wiener Amtsdeutsch zu bilden scheint: In den letzten Tagen ist in Versammlungen wiederholt behauptet worden, Vizekanzler Dr. Dinghofer habe sich gegenüber einer Abordnung des Reformverbandes der Hausbesitzer geäußert, die Hausbesitzer könnten sich auf den vielumstrittenen Beschluß der steiermärkischen Landesmietenkommission auch ohne amtliche Kundmachung des Beschlusses berufen. Demgegenüber wird festgestellt , daß der Vizekanzler eine solche Erklärung nicht abgegeben hat . Er hat nach den Ausführungen des Sprechers der Abordnung, der seine eigenen Ansichten vortrug, lediglich bemerkt usw. Weit entfernt, aus dem richtigen Ausdruck des Sachlichen auf die sachliche Richtigkeit zu schließen, gehe ich zu der polemischen Antwort über. Sie enthält eine kuriose Fügung, der man häufig bei einem Publizisten begegnet, dessen Fehler besser sind als die Vorzüge anderer Zeitungsleute: Wonach es wohl so sein wird, daß Herr Dr. Dinghofer den Hausbesitzern das gesagt habe, was sie hören wollten ... Aber da es doch einem entgegengehalten wird, der seine Worte verleugnen möchte, so könnte es gar keinen indikativeren daß-Satz geben als diesen und er müßte natürlich lauten: »daß ihnen gesagt hat «. Hier hat wohl das »wohl« des regieren Satzes den indikativen Charakter des abhängigen Satzes zu Unrecht beeinflußt. Warum sollte denn ein Zweifel an der eigenen Deutung ausgedrückt sein? Es soll doch nur das vom andern Teil Gesagte entwertet werden, nicht die Entgegnung, welche durch das »wohl« ja noch ironisch verstärkt wird. Nun, es ist wohl der Absprung einer jähen Feder, während die Willkür in modis und temporibus geradezu das System einer Tagesschriftstellerei ausmacht, die im falschen Modus gern ihre Bildung und im falschen Tempus deren Imperfektheit zeigt. Was aber bedeuten selbst solche Formsünden in einer Sphäre, wo fast jedes Wort, das hervorkommt, Sünde wider den Geist ist? wo überhaupt nur mehr gestottert wird, um den schäbigsten Sachverhalt an einen Leser heranzubringen, der es vielleicht doch etwas besser sagen könnte, wenn er nicht täglich diesem verderblich Einfluß ausgesetzt wäre, so daß er schließlich selber zum Journalisten taugt! Ein Theaterkritiker, dessen apodiktische Ödigkeit sich in kurzen Absätzen auslebt, die jeder für sich nur ein Satz, aber dafür einen schlechten, bilden, beschwert sich über seinen Sitznachbarn: ... der junge Mensch vergnügte sich damit, die Schnur an das Aluminium des Feldstechers zu reiben , was ein kreischendes, kratzendes, Nerven erregendes Geräusch verursachte. Kein Wunder, wenn »an etwas reiben« als Akkusativ konstruiert wird. Aber das Geräusch hört nicht auf, denn: ... er wetzte die Schnur ausschließlich dann an das Fernglas, wenn der Vorhang hochgegangen war. »An etwas wetzen« als Akkusativ ist freilich auch eine rechte Störung im Theater. Damit man aber sieht, was so ein Sitznachbar imstande ist, faßt der Kritiker seine Eindrücke noch einmal zusammen: ... Er rieb und wetzte die verdammte Schnur an das verdammte Aluminium. Für meine Erfahrung war das eine neue Nuance. Für meine auch. Es muß schrecklich sein, so empfindlich für alle Geräusche, aber so verlassen von allem Sprachgefühl im Theater zu sitzen. Offenbar verwechselt man »reiben« und »wetzen« mit »rühren« und »stoßen«. In diesen Wörtern ist auch die Bewegung »an den« Gegenstand hin enthalten, »an dem« sich der Vorgang abspielt, während dort nur dieser selbst ausgedrückt wird. Man stößt sich an dem oder an das (gegen die Sitte anstoßende) Benehmen des Sitznachbarn, der aber die Schnur bloß an dem Aluminium reiben oder wetzen kann. Freilich, in der Wiener Presse würde es heißen: »man stoßt sich«, wie man ja dort auch » lauft «. Das Analphabetyarentum ist geradezu erfinderisch in Ausbau und Vertiefung dessen, was als Zeitungsdeutsch schon eingelebt ist. Daß in diesen Kreisen »nachdem« längst auf die temporale Bedeutung zugunsten der kausalen verzichtet hat, ist bekannt. ›Bühnen'-Ausflüge fanden statt, nachdem der Wettergott ein Einsehen gehabt hatte: aber nicht »als«, sondern »weil«. Sie finden sogar statt, nachdem heute schönes Wetter »ist«. Daß aber »nachdem« nebst dem Präsens-Charakter sogar einen futurischen sich zuziehen kann, bedeutet eine große Errungenschaft. Beides ist in dem Folgenden geglückt: Man wird sich überall in allen Theatern, die für Frau Roland in Betracht kommen, fragen, weshalb die Roland eigentlich aus dem Burgtheater weg mußte, nachdem Schauspieler und Schauspielerinnen, die sich mit dieser Frau beiweitem nicht messen können, seit Jahren behaglich im Burgtheater sitzen und wahrscheinlich bis an ihr seliges Ende dort sitzen bleiben werden . Dieses »nachdem« mit dem Präsens bedeutet schon nicht mehr »weil«, sondern »während hingegen«. Aber nachdem etwas geschehen wird : einen temporellen Inhalt da hineinzudenken, dürfte ohne Kongestion nicht möglich sein. Es gelänge auch nicht am Beispiel einer bequemeren Materie, etwa: Man wird sich überall fragen, weshalb Herr Bekessy eigentlich von Wien weg mußte, nachdem seine Redakteure in Wien schreiben und wahrscheinlich bis an ihr seliges Ende hier weiter schreiben werden. (In Wien sitzen wird nicht einmal er.) Daß der Tandelmarktjargon druckreif geworden ist, ja daß es überhaupt keine andere Schriftsprache mehr gibt als ihn, offenbart der flüchtigste Blick in ein Zeitungsblatt. Es ist bereits möglich geworden, daß eine Wendung in Druckerschwärze erscheint wie diese: Nach und nach entdeckte sie, daß es ihm an Sachen fehle, was jeder andere ... besitzt. Oder diese: weil sie mit ihm Nachtmahl essen war. Man fragt sich nun, wie (nicht wieso) insbesondere (nicht insbesonders) solches möglich ist. Denn es versucht geradezu den Jargon konstruktiv einzurichten. Schon die Wendung: »Ich war mit ihm essen« ist im Privatleben selten. Man hört gerade noch: »Ich war essen« und nur als Antwort, nämlich durch die Verführung der Frage: Wo warst du? Man kann sich akustisch vorstellen, daß einer bekennt: »Ich war baden«, aber doch nur als Antwort auf die Frage, was er unternommen habe. Fragt man einen, der sich nebenan im Badezimmer aufhält: Was tust du?, so könnte er natürlich nicht antworten: Ich bin baden. Auf Frage, was er tun werde, nicht antworten: Ich werde baden sein. Für die Vergangenheit geht es irgendwie vom Mund. Nie aber selbst von diesem innerhalb einer festen Fügung, mit dem nachgestellten Hilfszeitwort: weil ich baden war, weil ich essen war, oder gar. »weil ich mit ihm Nachtmahl essen war«, also als richtiggehende Begriffsfolge. Hier ist Neuland des Jüdelns erobert. Außer bei ganz wenigen einfachen Verrichtungen des täglichen Lebens wie »essen«, »baden«, eventuell »tanzen«, »eislaufen«, also was man so zu tun hat – aber schon nicht bei »schlafen«, welches doch nicht so kurz abgemacht wird – ist dieser entsetzliche Infinitiv mit diesem entsetzlichen »war« kaum vorstellbar. Dem Leser, der das, was ihm im intimsten Kreis von der Lippe fließt, als kausale Konstruktion gedruckt findet, wird sogar noch das Mauscheln verhunzt. Er liest von einem Mann, der einen Preis gewonnen hat (denn mit so etwas entschädigt jetzt die Zeitung ihre Opfer): ... ist nach einer halben Stunde noch so aufgeregt, daß er den Bleistift nicht führen kann, um sich die Adresse zu notieren, an der er heute photographiert werden soll. Aber der Reporter kann die Feder führen. Ein anderer schäkert: Schauen Sie sich den blauen Luftballon an, mit seinen schwellenden Formen, der so hübsch an der zierlichen Hand Ihrer Nachbarin in die Höhe ragt . Oder er plaudert im Metapherndrang über Orangenschalen: Der Fuß stolpert leicht über die dicke Haut des süßen Obstes. Sonst rutscht man in solchem Falle nur aus; aber die Metapher bleibt insofern doch heil, als man von derlei Geistern eben sagen kann: Das stolpert über eine Orangenschale! Wenn sie nur die Feder in die Hand nehmen, sehen sie schon nicht mehr das Ding, das sie beschreiben wollen, und verlieren noch die Vorstellung, die sie nicht haben. Auf diese Art können aber sogar Zeichnungen entstehen. Im Analphabetyarenblatt ist eine erschienen: ein alter Mann steht vor einer Wiege, in der ein Säugling schreit. Titel: »Breitner ist Vater geworden«. Text: – Was, nur ein Mäderl? Bei der Steuerpolitik, da muß man Junge kriegen ... Versteht man, was da passiert ist? Der Analphabetyar, der die »Idee« gehabt hat, war der Meinung, daß die Redensart: »Da muß man Junge kriegen« den Plural von »ein Junge« enthalte. Daß zu den Jungen, die man kriegt, gleichfalls ein Mäderl gehören kann, ahnte er nicht. »Ein Junges« (»das Junge«), Plural »Junge« (»die Jungen«) – »Ein Junge« (»der Junge«), Plural »Jungen« (»die Jungen«). Läßt man nun den Blödsinn zu, daß der Steuerpolitiker selbst »Junge kriegt«, während die Verzweiflung, die in der Redensart ausgedrückt wird, doch der Zustand der Besteuerten ist, so hätte der »Witz« natürlich lauten müssen: »Was, ein Kind? Ja, bei der Steuerpolitik, da muß man Junge kriegen!« Oder, dem Sachverhalt entsprechender: »Wie, er ist Vater geworden? Und wir haben geglaubt, daß wir Junge kriegen müssen!« So ist denn ein Zeichner das Opfer eines geworden, der nicht schreiben kann. Da heißt es immer, daß aller Anfang schwer sei; weit schwieriger ist alle Endung. Der Analphabetyar wird sich im Zweifelsfalle immer für die unrichtige entscheiden. Er spricht davon, daß die Luxussteuer »für eine ganze Reihe von Artikel aufgehoben« wurde. Gleich darauf wird aber »der erste der drei Gruft deckeln abgehoben«. So geht es auf und ab, aber immer falsch. Ein sehr häufiges Wort in diesen Kreisen ist doch »Mädel«; also wäre als Mehrzahl zu merken: die Mädel, der Mädel, den Mädeln. (Wozu gleich ein für allemal gesagt sei, daß der Genitiv von »Fräulein«: des Fräuleins, jedoch der Plural: die Fräulein heißt.) Die Endung »-el« scheint in der Wiener Presse geradezu panikartig zu wirken. Sie wissen nicht, daß die Mehrzahl des Neutrums wie des Maskulinums nur im Dialekt (oder dort wo die stilistische Absicht diesen verlangt) das »n« verträgt. Also vielleicht »Mäderln«; keineswegs aber »Erdäpfeln«, dagegen »Kartoffeln«. Im Zentralblatt der Bildung hat kürzlich einer geglaubt, daß eine Epistel sächlichen Geschlechtes sei und folgerichtig konstruiert: » Eines dieser Epistel lautet«. Vor dem Fehler: »Eines dieser Episteln« hat er sich gehütet; doch vielleicht lernt er noch, daß »eine dieser Episteln« das beste ist. Offenbar hat er gedacht, mit »Epistel« sei das so wie mit »Kapitel«. Aber einer, der die Artikel verwechselt, sollte höchstens Episteln schreiben, und keine Artikel. All dies und speziell »eine ganze Reihe von Artikel« ist gewiß bloß aus der Einschüchterung durch mich zu erklären. Ich hatte den analphabetyarischen Plural »die Artikeln« ebenso wie »die Titeln« gerügt, und da traute man sich halt nicht mehr. Es ist wohl eine der kulturell besondersten Tatsachen, daß der Beruf, dessen Aufgabe es ist, Artikel zu schreiben und Titel darüber zu setzen, sogar an der Bezeichnung dessen strauchelt, was er nicht kann. Und weil sie das Wesentliche nicht wissen, so wissen sie auch nicht, daß »ein Trottel« selbst in der Mehrzahl nur Trottel ergibt. Subjekt und Prädikat Wie alles, was zur »Sprachlehre« gehört, und mehr als alles andere, bietet diese Untersuchung die Aussicht einer Mühsal zu keinem größern, keinem geringeren Ergebnis als dem des Einblicks in eine Unbegrenztheit von Beziehungen, die das Wort, und das kleinste unserer Sprache, durchzuleben vermag. Also einer Ahnung davon, daß es in jeder Form seines mechanischen Gebrauchs ein Organismus sei, umgeben und gehalten vom Leben des Geistes. Die Berührung dieses Geheimnisses – und möchte es am Ende die Klärung einbeziehen und würde Bewiesenes erst problematisch –: sie eröffnet den Zugang in ein Wirken der Sprache, das denen, die sie sprechen, bis nun verschlossen war; und hätte man vergebens nachgedacht, so wäre dies der Gewinn. Wie vor allem, was zur Sprachlehre gehört, muß sich der Leser entscheiden, einer zu sein, dem solches die Mühsal lohnt, oder es nicht zu sein. Es »Von diesem Wörtchen, welches im Deutschen von einem überaus großen Gebrauche ist« (wie Adelung sagt), wäre immer noch mehr zu sagen: zu dem, was dem Leser von jener Abhandlung zur »Sprachlehre« (1921) im Gedächtnis geblieben ist oder was er zu leichterer Erfassung des nun Folgenden nachholen müßte. »Es« hat sich dort um den Nachweis gehandelt (in solcher Fügung – wie in eben dieser – ist »es« wohl auch dem Grammatiker klar): daß die Schablone den Subjektcharakter des Wörtchens in Fällen wie »Es werde Licht!« verkenne, indem sie ihm auch hier bloß Bedeutung oder Nichtbedeutung eines »dem Subjekt vorangestellten Es« anweist. Wenn nun dieses führende und nicht bloß vorangehende »Es« in seine Rechte eingesetzt ist, und wenn der Grammatiker zugäbe: Es geht mir ein Licht auf so wäre dies freilich nicht der Fall, sofern er glaubte, »Es« spiele hier dieselbe Rolle. Es wäre das Chaos, das wüste Gewirr, das Tohuwabohu, das dem Lichtwerden bekanntlich »vorangeht«. (Während »es« wieder in solchem Satz – wie in eben diesem – als unverkennbares Subjekt einen Gedanken fortsetzt: eine Bestimmung, die auch die Grammatiker nicht leugnen.) Der gewissenhafte Sammler und oft feinfühlige Korrektor Sanders aber ist tatsächlich der Ahnungslosigkeit schuldig, das Licht-Beispiel mit dem Fall »Es zogen drei Burschen« in eine Kategorie zu rücken und das »Es« dort wie hier für einen »Hinweis auf das erst nachfolgende Subjekt« zu halten. Untersuchen wir zur Erfassung des himmelweiten Unterschiedes einige geflügelte oder stehende Redensarten. (Das unverkennbare und anerkannte Subjekt fortsetzender Art bleibe aus dem Spiel.) Die Position des »Es« – also: ob es bloß auf ein Subjekt hinweist oder ein solches selbst schon ist – wird daran ersichtlich werden, ob die Aussage auch ohne das »Es« Subjekt und Prädikat enthielte: da tritt es wohl voran, aber nicht hervor; oder ob sie ohne das »Es« nicht möglich wäre, weil eben von ihm als dem Subjekt etwas ausgesagt, eben sein Inhalt prädikativ entwickelt wird: da tritt es nicht bloß voran, sondern auch hervor. Eine auch ohne das »Es« vollständige Aussage bieten die Beispiele: Es irrt der Mensch, solang' er strebt Es erben sich Gesetz und Rechte ... Es ist ihr ewig Weh und Ach ... zu kurieren Es kann die Spur ... nicht in Äonen untergehn Es bildet ein Talent sich in der Stille Es wächst der Mensch mit seinen größernZwecken Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht Es lebt kein Schurk' im ganzen Dänemark, der nicht ... Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen Es war einmal ein König Es lebe der König Es möchte kein Hund so länger leben Hier folgt tatsächlich das Subjekt nach. In vielen dieser Fälle hat freilich die Voranstellung des »Es« ihre gedankliche und dichterische Funktion einer Vorbereitung. In ihm kündigt sich das Subjekt an; es ist an diesem beteiligt. Besonders »Es war einmal ein König« wäre durch die Aussage »Ein König war einmal« nicht ersetzt: erst aus der Zeit hat er hervorzugehen. Am gewichtlosesten in »Es lebe der König«, bedeutet es wieder ein förmliches Zeremoniell der Ranganweisung in: Es soll der Sänger mit dem König gehen (wie anstatt. »Drum soll« füglich zitiert wird. »Der Sänger soll« wäre eine Zurechtweisung des Subjekts, das nicht will). Ganz dichterisch – wie es aber die Umgangssprache gleich dem Dichter der »Wacht am Rhein« trifft – ist es auch in: Es braust ein Ruf ... indem hier das Brausen zuerst gehört wird, das Prädikat vor dem Subjekt (das dann zum Donnerhall wächst). Auch in der österreichischen Nationalhymne: Es wird ein Wein sein und wir wer'n nimmer sein indem hier die Unvergänglichkeit vor dem Gegenstand selbst empfunden wird. Ähnlich betont erscheint die Vergänglichkeit in: Es gibt keinen Wein mehr. In dieser Aussage oder Absage ist nun eigentlich überhaupt kein Subjekt enthalten, es versteckt sich (wohlweislich); ganz offen tritt es aber hervor in: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, Es gibt zuletzt doch noch 'nen Wein. Reines Subjekt (fast eines der fortsetzenden Art), Zusammenfassung des Sichgebärdens, eigentlich »er« selbst, der Most. »Wein« ist das Objekt, das es geben, nämlich ergeben wird. Hieße es: »Es ist zuletzt doch noch ein Wein« so wäre dieser das Prädikat. (Das Ding stellt sich als Wein heraus.) In: »Es ist zuletzt ein Wein vorhanden« wäre er jedoch das Subjekt, wie in »Es wird ein Wein sein. . .«. Wenn es aber statt dessen hieße: »Es wird einen Wein geben« (nicht: ergeben), wäre er nur scheinbar Objekt (nicht verwandelbar in: gegeben werden), in Wahrheit ein umschriebenes Subjekt (er wird vorhanden sein). Ohne das »Es« nun wäre die Aussage nicht möglich, weil eben von ihm als dem Subjekt etwas ausgesagt wird, in Fällen wie: Es war die Nachtigall und nicht die Lerche. Was da sang und was wir hörten. Es ist ein Traum. Oder Weil es doch nur ein Traum ist. Was wir da erleben. Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen, Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein. Was nicht erlebt wurde. (Hier aber vielleicht einfach fortsetzender Art.) Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche. Eben dieses. Der Relativsatz ist das Subjekt, vorweggenommen als das gereichte »Es« (Es, das ich ...). Arznei und Gift sind Prädikat. (Was ich dir reiche, ist ...) So auch: Es tut mir lang' schon weh, Daß ich dich in der Gesellschaft seh'. Eben das tut ihr weh. Der Bedeutungswechsel tritt klar hervor zwischen: Es sind viele Stunden her und Es waren schöne Stunden. Beidemal bewirkt das plurale Hauptwort den Plural des Zeitworts. Gleichwohl ist jenes nur im ersten Fall Subjekt, im zweiten jedoch Prädikat. Das Subjekt-Es ist unverkennbar in: Es ist spät oder Wie spät ist es? Keineswegs tritt »es« jedoch zurück in: Es regnet. (Der Wiener Greuelscherz »Sie regnet« spürt das Subjekt der Tätigkeit: die Natur.) Es ist ein Unterschied zwischen »il pleut« und dem es-losen »vive le roi«. Wer wollte aber das Subjekt in dieser Feststellung verkennen und meinen der »Unterschied« sei es? Nein, er ist es nur in dem soeben Gesagten, oben jedoch ist es: Es. (Das eben ist der Unterschied, um den »es« sich handelt – und hier, im Relativsatz, ist »es« das Subjekt.) Und nicht anders in: Es muß doch Frühling werden. Nämlich, das, was nicht ausgedrückt, aber groß vorhanden ist: die Gottesschöpfung. (In dem Gedicht »Nächtliche Stunde« trägt es, eben »es«, dreimal das Erlebnis: Tag, Frühling, Tod.) In solchen Fällen nun und ausdrücklich für: Es tagt wird es – für die Kategorie der »unpersönlichen Zeitwörter« von den Grammatikern anerkannt. Wie könnte es dann aber in: Es wird Tag etwas anderes, geringeres sein? (Tagt Es ihnen da nicht?) Nur das Prädikat ist verwandelt, doch ganz unzweifelhaft besteht das Subjekt »Es«. Wie in jenem »Es will Abend werden«, das einst der Anfangspunkt der Untersuchung war. Und wie in der Metapher: Es ist noch nicht aller Tage Abend (= Dieses scheinbare Ende ist noch nicht das Ende.) Und in dem ungeheuren kleinen Wort: Es ist vollbracht. Fällt »Es« einem nicht »wie Schuppen von den Augen«? Zu dem Problem könnte – nach späterer mosaischer Quelle – nur gesagt werden: Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu. Und hoffentlich sagen sie nun nicht mehr: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Wenn trotzdem, so gilt freilich: Es muß auch solche Käuze geben. Das bestätigt Sanders, da er kurioser Weise gerade in dieser Einräumung dem »Es« den Subjektcharakter zuerkennt, indem er es für dasselbe wie in »Es regnet«, »Es donnert« u. dgl. hält. In einem Abschnitt, der mir bisher entgangen war und der eben die »unpersönlichen Zeitwörter« behandelt, setzt er tatsächlich, und mit richtigem Gefühl, eine unsichtbare Kraft als den mit »Es« bezeichneten Faktor, dessen Wirksamkeit er in »Es werde Licht« verkannt hat. Dort geht er nun in der Subjektivierung so weit, die »unbekannte Macht, etwa: das Schicksal« mitwirken zu lassen an einem Fall wie: »Es gibt im Menschenleben Augenblicke«, was natürlich bloß der Verführung durch den Vorstellungsinhalt zuzuschreiben ist. Denn in der Rückverwandlung der so äußerlichen Objektbeziehung in die Aussage: »Es sind im Menschenleben Augenblicke vorhanden« hätte er mit Recht nur das bekannte dem Subjekt vorangestellte »Es« gelten lassen. (Dieses hat etwa in »Es war einmal ein König« weit mehr Anteil an einem Schicksal.) Danach erhöht er es auch für den Fall: »Es gibt solche Menschen«; und, verleitet von der Vorstellung, daß die Menschen, die es gibt, »erschaffen« sind, führt er aus: »Das Unbekannte, die Menschen Schaffende läßt solche entstehen«. Wie offenbar doch hier das Sprachdenken durch die stoffliche Assoziation beeinflußt ist! Begrifflich enthält der Satz nichts anderes als: »Es existieren solche Menschen«, welche eben auch in der Konstruktion »Es gibt« kein reines Objekt, sondern nur das umschriebene Subjekt sind. Die unmögliche Subjektivierung »Es sind solche Menschen gegeben« belehrt über den Inhalt des »gibt«, welches kein Schaffen bedeutet. Der Trugschluß führt aber noch zu der Deutung des Zitats der Käuze: daß »das Allwaltende auch solche haben will«. Also wäre es auch an der metaphysischen Auskunft der Köchin beteiligt, daß es Fleisch gibt, wie an dem Bescheid des Kellners, daß es keinen Wein mehr gibt. Wenn dieser »gegeben« wird, wird er »hergegeben«, woran kein Schöpferwille beteiligt ist. Daß es aber »zuletzt doch noch 'nen gibt«, nämlich: ergibt, müßte gewiß auch der Grammatiker auf eine sehr reale Kraft – eben diejenige, die den Most verwandelt – zurückführen, obschon sie ja gleichfalls der allwaltenden Natur zugehört. Gewiß gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, aber es gibt auch Zeitungen im Kaffeehaus, kein Papier auf der Eisenbahn und manchmal etwas zu lachen. »Es gibt Schläge«, in die Subjektbeziehung übersetzt, heißt keineswegs: »Es werden Schläge gegeben«, wiewohl auch diese Form der Bedeutung entsprechen mag, sondern etwa: »Es sind Schläge zu haben«. Dieses »Es gibt«, ob es nun etwas so Reales oder andere Augenblicke im Menschenleben betrifft, zielt auf kein Objekt, sondern gehört noch immer dem Subjekt zu, dessen »Existieren«, »Vorhandensein« u. dgl. nur umschrieben wird. Ganz anders als bei den eigentlichen »unpersönlichen Zeitwörtern«, für die der Grammatiker mit Recht das »Es« als Subjekt anerkennt und bei denen es als tätiges Element gewiß vorstellbar ist. Es läutet. Wer denn sonst als »Es«, wo nichts anderes da ist, bevor ich weiß, daß es er oder sie ist. In »Man läutet« wäre ich schon eher auf die Person gefaßt, während ich dort nur das Läuten wahrnehme. Aber Erlebnis und Ursache sind vereinigt in: Es läuten die Glocken. Ein alltägliches, allstündliches Gedicht. Der akustische Eindruck geht voran. (Der Glockengießer oder der Volksschüler sagt aus: Die Glocken läuten). Es ist, wie in vielen Zitaten, eine Mischform: das »Es« als die primäre Wahrnehmung dem Subjektcharakter angenähert, das Subjekt »Glocken« entrückt, erst durch das Bewußtsein vermittelt. (Dichterische Funktion wie in den Märchenfällen »Es war einmal. ..« oder etwa auch in der schönen Fassung: »Es bildet ein Talent sich in der Stille...«, die eben mehr als die Aussage bedeutet, daß sich ein Talent in der Stille bildet.) Das nächste Stadium wäre: Es war ein Mann, nehmt alles nur in allen ... Hier ist schon nicht »Mann« das Subjekt, sondern »Es«: Dieser Mann war ein Mann; darum sinngemäß zitiert: »Er war ein Mann...« (Nicht zu verwechseln mit: Es war einmal ein Mann.) Anders dagegen und schwieriger: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Subjekt ist nicht »Es«, sondern: alles was glänzt, Prädikat: Gold. Leichter der Trost: Es muß ja nicht alles von Gold sein ... Subjekt: alles. Womit wir beim Sprachphilosophen Karl Vossler angelangt wären. Er unterscheidet »grammatische und psychologische Sprachformen« und hat damit, ob nun die Einteilung von ihm oder von Gabelentz sein mag (der sie noch weniger erfaßt zu haben scheint), zweifellos recht. Aber die Erkenntnis eines »psychologischen Subjekts« sollte hinreichen zu der Bestimmung, daß es eben auch das grammatische sei, und nicht den Grammatikern die Freiheit lassen, es zu verkennen und das Prädikat dafür zu halten. Über das »Es«-Problem, das der eigentliche Ausgangspunkt wäre, um vom Psychischen her die Äußerlichkeit und Fehlerhaftigkeit der grammatikalischen Schablone nachzuweisen, hat sich Vossler (»Gesammelte Aufsätze zur Sprachphilosophie«, 1923) keine Gedanken gemacht. Er ist in einer seiner Betrachtungen – die nach Angabe des Vorworts schon 1910 bis 1919 im »Logos« erschienen sind und die ich vor meiner Betrachtung des »Es« (1921) nicht gekannt habe – dem Problem nahegekommen, ohne es zu berühren: Wenn Uhland seinen Prolog zum »Herzog Ernst von Schwaben« beginnt: »Ein ernstes Spiel wird euch vorübergehn. . .«, so kommt der Grammatiker und zeigt, wie hier »ein ernstes Spiel« das Subjekt und »wird ... vorübergehn« das Prädikat ist. Denn nach seinem hergebrachten Grammatiker-Leisten fragt er: Wer oder was wird euch vorübergehn? – und antwortet: ein ernstes Spiel, welches demnach das Subjekt des Vorübergehens ist. So hat es aber Uhland nicht gemeint . Uhland fragt und antwortet ja gar nicht, sondern kündigt uns an, daß das zu Erwartende, das an uns vorüberziehen wird, den Charakter eines ernsten Spiels trägt. »Wird euch vorübergehn« gilt in seiner Meinung als Subjekt, wozu ein ernstes Spiel das psychologische Prädikat ist. Man kann sich davon am besten überzeugen, wenn man den Uhlandschen Vers in eine möglichst verstandesmäßige Sprachform, etwa in französische Prosa, übersetzt: Ce qui va passer devant vous est une tragddie. Das Fehlen des se hat wohl nicht der Romanist, sondern der Drucker verschuldet. Aber der Gedanke ist wichtig durch das, was im Wesentlichen fehlt. Zur Not wäre nämlich vorstellbar, daß auch in deutscher Prosa gesetzt sein könnte: Was an euch vorüberziehen wird, ist ein ernstes Spiel; aber zu sagen ist, daß der französische Prosasatz nicht bloß verstandesmäßig, sondern auch dichterisch den Uhlandschen Vers übertrifft, wenn der Dichter ein »ernstes Spiel« aus dem Moment der Ankündigung hervortreten lassen wollte. Denn ein Vers kulminiert im Pathos des Ausgangs und somit wird »ein ernstes Spiel« entwertet, betont jedoch, daß es »vorübergehn« wird: als etwas Flüchtiges, wie ein Zeitvertreib, mithin ganz widersprechend seinem Charakter. Gemeint ist: Was nun kommt, ist ein ernstes Spiel; die Verskraft aber fördert das Gegenteil: Laßt euch durch die Bezeichnung »ernstes Spiel« (etwa auf dem Theaterzettel) nicht irre machen, es wird vorübergehn wie eine Posse. »Vorübergehn« erhält im Vers den Hauptton, der eben dem Wortinhalt gemäß die Vorstellung von etwas anschlägt, was nicht und wobei man nicht verweilt. Das Ungewichtige, das eben nicht »gemeint« war, erlangt Gewicht. Aber ganz recht hat Vossler mit seiner Deutung dessen, was Uhland im Gegenteil gemeint hat: das, was jetzt kommen wird, ist ein ernstes Spiel. Natürlich »fragt und antwortet« der Dichter nicht. Doch der Grammatiker tut es mit Recht, und er könnte, wenn er hier Subjekt und Prädikat so richtig wie Vossler nachwiese, füglich fragen und antworten: »Was ist ein ernstes Spiel? Was euch vorübergehn wird«. Hier gelangt man zum »Es«, welchem ich auf logisch-psychologischem Wege den Subjektcharakter zugesprochen habe. Denn in der Wendung: Es ist ein ernstes Spiel, was euch vorübergehn wird ist die Funktion des »Es« nicht bloß als eines Vorläufers, sondern als Stellvertreters für das Subjekt (»was . . wird«), und somit die eigene Subjekthaftigkeit erkennbar. Der es erkannt hat, war seiner richtigen Entscheidung, logisch und sprachfühlend, nicht gewachsen. Es ist der Vater ... In einer Polemik gegen H. Paul, der dem Fragepronomen (Wer hat ... ?) mit Recht den Charakter des Prädikats zuerkennt, führt er aus: Dies mag für das Pronomen der informativen Frage im allgemeinen zutreffen, z. B.: »Wer hat diesen Krug zerbrochen?«, denn hier kann man zerlegen: »Der diesen Krug zerbrochen hat« (psychologisches Subjekt), »wer ist es?« (psychologisches Prädikat). Ohne Frage; denn diese steht nur für: »ist der X«. Aber das »informative« Moment ist kein verläßliches Kriterium, wie sich zeigen wird, und könnte gerade aus dem Gesichtspunkt Vosslers auf die gegenteilige Möglichkeit weisen. Man sieht also zunächst nur einen zerbrochenen Krug, keinen Täter. Es soll nicht von einem ausgesagt werden, daß er den Krug zerbrochen habe, sondern es soll von einem, der es getan hat, ausgesagt werden, wer er sei. (Ganz wie von dem, »was euch vorübergehen wird«: daß es ein ernstes Spiel sei.) Die Information ergibt: »Der den Krug zerbrochen hat, ist X.« Dieser ist das Prädikat, und er bleibt es zunächst auch noch, wenn ich abschließend sage: »X. ist (also) der, der den Krug zerbrochen hat«. Selbst in dem Geständnis der Antwort Ich habe den Krug zerbrochen ist »Ich« das Prädikat: »Der den Krug zerbrochen hat, das bin ich «. Wenn freilich das Verhör einen kleinen Umkreis betrifft – ein Vater, der nebst dem zerbrochenen Krug zwei Jungen vor sich hat –, so wird es schon schwerer sein, den Charakter des Subjekts nicht dem »Wer« beizulegen (Einer von euch hat ...). Vollends, wenn es eine strafende Frage ist, die einen einzigen betrifft: Wer hat ... ! (Rufzeichen statt des Fragezeichens) = Du hast ... Gleichwohl würde ich für Frage, Antwort oder Feststellung, den Wechsel zugunsten des psychologischen Moments, den Vossler richtig erkannt hat, gelten lassen: solange der Täter vor der Person steht, und bis irgendeinmal, jenseits der Untersuchung, von der Person ausgesagt wird, daß sie der Täter sei. Aber Vossler ist der Meinung, daß bei Fragen, die »die Antwort in sich« haben, der Wechsel nicht stattfinde. Dann könnte das Beispiel vom Krug zerbrechlich sein. Er wählt nun eines, wo nach seiner Meinung die Frage überhaupt keine ist: eines, wo im Gegensatz zu jenem Fall »Wer« darum als Subjekt aufzufassen sei, weil es sich um eine »rednerische Frage« handle. Es wird sich zeigen, was ein Sprachphilosoph unter einer solchen versteht, welchen Fall er für eine solche hält; und wenn er glaubt, der Fall sei der logischen Entscheidung entrückt, so wird es sich herausstellen, daß er selbst von ihr entfernt war: Bei der bewegten und rednerischen Frage aber, die keine bestimmte Adresse hat und ihre Antwort in sich selbst birgt, wäre eine solche Zerlegung sinnlos. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Goethe fragt ja nicht deshalb, weil er wissen will, wer der Reiter ist; er fragt eigentlich gar nicht, sondern von einem noch dunklen Subjekte »wer«, das ein Vater mit seinem Kinde ist, erzählt er eine ahnungsvolle Geschichte. An Stelle des »wer?« könnte man, ohne die seelische Grundmeinung zu verfälschen, ein hinweisendes »der« setzen und das Fragezeichen wegnehmen. Dann wäre zwar die grammatische, aber nicht die psychologische Kategorie verstümmelt. Wieso die grammatische Kategorie, die der Grammatiker in dem Subjekt »der« doch erst recht bejahte, ist nicht klar, aber die psychologische wäre verstümmelt und mit ihr das Gedicht. Selbst wenn hier das »informative« Moment fehlte, und gerade weil es fehlt, wäre, ganz wie beim zerbrochenen Krug, und noch mehr, die Zerlegung des Falles in den Handelnden und die noch unsichtbare Person möglich. Denn die Goethesche Frage ist im sprachlichen Erlebnis, also jenseits der Sphäre einer realen Untersuchung, ganz so eine Frage wie die nach jenem Täter. Eine »bewegte« Frage ist sie gewiß, eine rednerische« keineswegs, wiewohl sie »keine bestimmte Adresse hat«, ja ihr die Beantwortung durch den, der sie gestellt hat, auf dem Fuße folgt. Nehmen wir getrost an, daß der Dichter niemanden frage und sich nach nichts erkundigen wolle: was jedoch sieht er zunächst und was will er uns vorstellen? Wie dort nur ein Krugzerbrecher vorhanden ist, aber noch keine Person, so ist hier zunächst nur etwas vorhanden, was durch Nacht und Wind reitet, noch weit mehr unerkannt, als was dort verborgen ist. (Mag auch der Dichter vor uns »wissen«, wer es sei; er tut eben, als wüßte er's noch nicht.) Die Erscheinung eines Reitenden, der Reiter, wird sich allmählich – denn Nacht und Wind sind vorgelagert – als der Vater mit seinem Kind herausstellen. Bis dahin bleibt sie »fraglich«. Und mit umso mehr Grund, je mehr man den Fall vom Realen entfernt und im Gebiet der Vision beläßt, tritt die Erforschungsfrage ein, und sie läßt sich »zerlegen«: Der so spät Reitende (psychologisches Subjekt), wer ist es? (psychologisches Prädikat). Oder gemäß dem Grammatiker-Schema: »Wer oder was ist der Reitende?« Antwort: »Wer«. (Und nicht, wie der Grammatiker es verwenden würde: »Wer oder was ist Wer? Der Reitende«.) Ebenso für die Antwort im Gedicht: »Wer oder was ist Es?« »Der Vater« (Und nicht: »Wer oder was ist der Vater? Es.«) Die Frage im Gedicht stellt den »Wer« als reines Prädikat heraus. Ein »dunkles Subjekt« ist auch der Krugzerbrecher, auch er wird sich bald in einen und weit klareren »der« (mit Ruf- statt Fragezeichen) verwandeln, während beim Reitenden das Dunkel die bleibende Sphäre bildet, an die sich keine rednerische, jedoch eine dichterische Frage knüpft, die ganz gewiß eine »eigentliche«, ja die eigentlichste von allen Fragen ist. Der rationalistischen Äußerlichkeit, mit der Vossler diesen Fall begreift, kann nur eine Verwechslung mit dem Subjekt-Wer in den Fällen zugrundeliegen, wo tatsächlich die rhetorische Frage vorhanden ist, welche auch dann nur die Umschreibung für eine nüchterne Aussage bleibt, wenn sie versifiziert ist, und der allerdings das Fragezeichen weggenommen und durch ein Rufzeichen ersetzt werden kann: Wer zählt die Völker, nennt die Namen ... ? Niemand. Wer wird nicht einen Klopstock loben ... ? Jeder. Ebenso in einem Jargon, wo mit der Frage geantwortet wird (»Wer denn soll ... !«, »No wer wird schon ... !« oder »Was sagt man!«) Obgleich man in ähnlichen Fällen wieder schwanken könnte. Etwa wenn ein soeben Vorausgesagtes eintrifft und man nun fragend feststellte: Was hab' ich dir gesagt? Gewiß nur eine rednerische Umschreibung für »das« (wie bei jener strafenden Frage: Wer hat ... !); gleichwohl wäre es möglich, das Gesagte als psychologisches Subjekt und das grammatische Objekt »Was« (oder eben »das«) als Prädikat zu denken, wie dieses im Französischen hervortritt, als wollte es eine reine Frage einleiten: Qu'est-ce que je te disais? (Gedacht wäre: Das dir Gesagte ist Das, nämlich das eben Geschehene.) Unverkennbar ist das Fragewort ein Prädikat in: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp ... ? Der zu tauchen wagt, sei er Rittersmann oder Knapp, wer ist es? Wer hat Amerika entdeckt? Vossler bleibe getrost bei seiner Unterscheidung, die ihn berechtigt, hier »Wer« ganz so für das Prädikat zu halten wie die Antwort »Columbus«; welcher dagegen Subjekt wird, wenn von ihm biographisch ausgesagt wird, daß er Amerika entdeckt hat. Auch beim zerbrochenen Krug verwandelt sich der eruierte Wer in ein solches, wenn die Aussage einmal Beichte oder Leumund wird; wenn er der wird, der bekennt (nicht nur gesteht : denn da ist er noch Prädikat) oder dem nachgesagt , also von dem als dem Subjekt ausgesagt wird: daß er einen Krug zerbrochen habe. »Wer ist da?« »Ein Bote!« Dieser ist Prädikat wie »Wer«, der Daseiende ist Subjekt. Das ganze Problem liegt zwischen Denkinhalten, die so kleinen Raum haben wie diesen: Ich bin es und Ich bin es. Jenes: Antwort auf die Frage »Wer ist da?«, dieses: auf die Frage »Bist du es?«. Dort ist Ich das Prädikat (Der da ist, bin ich). Hier ist Ich das Subjekt (Ich bin der, der da ist). In der ganzen Tirade vorn Räuber Jaromir ist »ich« Subjekt. Bin der Räuber Jaromir: ich (Subjekt) bin nichts anderes; die Person stellt sich als der Räuber heraus. (Dagegen wäre es in: » Ich bin der Räuber Jaromir« Prädikat, der Räuber Subjekt: kein anderer ist es; der Räuber stellt sich als die Person heraus.) Ebenso die Bertha von ihm: Ja, er ist's, der mich gerettet. Das ergibt durch den Ton im Vers wie durch das »Ja« den Sinn, daß die Person, die da ist, als der Retter erkannt wird: »er« ist Subjekt. (Dagegen wäre in » Er ist's, der mich gerettet« Er Prädikat: er und kein anderer hat mich gerettet; der Rettet wird als die Person erkannt.) » Wer ist er?« »Er ist mein Retter .« In Frage und Antwort »er« Subjekt. Ebenso: »Ist er dein Retter ?« »Er ist es.« Dagegen Prädikat (»Wer« und »Er«): » Wer ist dein Rettet?« » Er ist es.« Wer so spät durch Nacht und Wind reite, mag keine wirkliche Frage sein und ihr die Antwort auf dem Fuße folgen, aber diese – Vision wie jene! – sagt nichts von einem Vater aus, hingegen von einem »Es«, daß es der Vater sei. Auch ohne die Frage wäre er das Prädikat, »Es« das Subjekt. Uhland »fragt« ja noch weniger als Goethe, aber wenn das Vorübergehende ein ernstes Spiel ist, so kann doch gewiß der Reitende der Vater sein, freilich mit dem Unterschied, daß die Goethesche Darstellung versgerecht ist. Es stellt sich immer heraus, daß das Subjekt zwar den Vordergrund der Vorstellung, aber das Prädikat den Hauptton hat, weshalb der Vers, der ihm diesen vorenthält, ein schlechtes Gedicht ist, vollends, wenn er das Subjekt an den Ausgang rückt, der gemäß der Versnatur auch reimlos den Hochpunkt behauptet. Goethe hat so gedichtet, daß der Vers im Prädikat, worin sich die Erscheinung als die Person herausstellt, gipfelt; Uhland aber, daß euch das ernste Spiel, welches doch den Inhalt des Kommenden bedeuten soll, nicht sehr aufhalten wird. Um den Ernst zu betonen, müßte man den Ausklang des Verses fallen lassen: also gleichsam zum Gipfel hinabsteigen. Durch Gedankenwidrigkeit wurde der Vers erlangt – der Gedanke wird durch Verswidrigkeit vermittelt. Was ausgedrückt werden soll, wäre in der Umstellung versgerecht: »Vorübergehn wird euch ein ernstes Spiel« (oder, da dieses Zeitwort den Nebensinn des Vergänglichen nicht loswird: »Was sich nun abspielt, ist ein ernstes Spiel«). Was ist Es? Einst wird kommen der Tag, da ... Hier zeigt die Dichtung den von Vossler richtig erkannten Wechsel von Subjekt und Prädikat, aber auch seine volle Bewältigung im Vers. »Gemeint« ist nicht, daß ein solcher Tag (Subjekt) kommen wird (wie er auch dahingehen oder ausbleiben könnte), sondern daß, was kommen wird, ein solcher Tag (Prädikat) ist; das Einst wird der Tag sein. Dieses spricht der Prophet, jenes würde nur der vorwärts gewendete Historiker aussagen. Was kommen wird (Subjekt), ist der Tag (Prädikat), der den Untergang Trojas bringt, nicht etwa ein Freudentag. Auch ohne solche begriffliche Ausführung des Prädikatinhalts ist ein Gebilde, das eine Dichtung des Sprachgebrauchs bedeutet, wie: Es kommt der Abend ja selbst Der Abend kommt beinahe jenes Wechsels teilhaft, indem ja doch nicht von einem bereits vorrätigen Subjekt »der Abend« ausgesagt wird, daß er kommt (weil es seine Eigenschaft ist, zu kommen, wie er auch dahingehen kann), vielmehr daß, was da kommt, der Abend ist (und nicht etwa eine andere Tageszeit). Es wäre mithin eine Vorstufe zu dem reinen Subjekt-Es in »Es wird Abend« oder jenem »Es will Abend werden«, in welchen Fällen man, um zum innern Subjekt zu gelangen, nicht erst wie dort »zerlegen« muß in ein: »Was es wird (oder werden will), ist Abend«. Hierin zeigt sich deutlich das Subjekt-Es, das in dem Subjekt-Relativsatz abermals enthalten ist, während »Es« in »Es kommt der Abend« bloß der vorbereitende Faktor ist, der an die Kraft des Subjekt-Es noch nicht hinanreicht. (In der Zerlegung »Was kommt, ist der Abend« ist »es« verschwunden.) Zutreffend ist, daß das Französische dem Problem leichter beikommt. Die Logik, ein Irrlicht der Wege deutschen Sprachdenkens, erhellt dort immer und gleichmäßig die Konstruktion. (Weshalb jeder Franzose französisch und jeder Deutsche gebrochen deutsch spricht.) Man beachte, wie sich die Aussage, der die wesentliche Vorstellung im Deutschen erst entschält werden muß, klar vom Prädikat aus oder auf dieses hin gliedert und schon durch das c'est qui oder c'est que jene »Zerlegung« als Resultat bei sich hat: c'est je savoir-faire qui te manque (Dir fehlt ...) / c'est vous qui les donnez (Sie geben ...) / Ce West pas pour vous que nous ferions des fa~ons (Für Sie werden wir keine ...) / ce n'est pas vous qui je ferez changer d'avis (Sie werden nicht ...) Das letzte bekäme im Deutschen seine Klarheit nur durch Ausführlichkeit: »Sie sind nicht der Mann, der imstande wäre...« (Musset:) Ah! Ce n'est pas a elle que je demandetais na instant de bonheur; c'est ne pas elle qui me le donnera. (Ihr werde ich keinen ... ; sie wird mir keinen ...) Wie oben: »Sie ist nicht die Frau, von der ... ; sie ist nicht die Frau, die. . .«. Sogar: C'est aujourd'hui que le tapissier doit venir toucher sa note (heute soll ...) Der Gedanke ist ein Heute; es wird nicht vom Tapezierer ausgesagt, daß er heute kommen wird, sondern von seinem Kommen, daß es heute (Prädikat) stattfindet: Begründung dafür, daß Geld vorbereitet sein muß. Immer ist das Prädikat durch das ce herausgehoben und von dem Schein seiner Subjekthaftigkeit abgelöst, die dem Relativsatz zugewiesen wird. Selbst im Titel des Zeitungsberichts: C'est par jalousie que l'Italien Dalle Ore tua a Saint-Tropez son compatriote Garonne Ein Eintretender sagt: C'est moi. Wie klar stellt sich hier das eintretende Subjekt »Das« als das Prädikat »ich« heraus! Der eintritt, ist: ich. Wie verbirgt sich dagegen dieses Prädikat in: Ich bin es! Es stellt sich nur durch Betonung: » Ich bin es« heraus und wird eben darum für das Subjekt gehalten, welches es doch nur wäre in: Ich bin es. Aber wenn selbst gesagt werden dürfte: »Es ist ich«, oder wenigstens »Es bin ich«, so würde der Grammatiker doch sagen, »ich« sei Subjekt. Wie bei »Das bin ich«. Er würde fragen und antworten: »Wer oder was bin ich? Das!« anstatt zu fragen und zu antworten: »Wer oder was ist Das? Ich l« Bei L'état c'est moi ist es leicht, Subjekt und Prädikat zu bestimmen, da kann man sich an dem Gegenstandswort anhalten und auf die Reihenfolge verlassen. Aber bei »c'est moi« (wiewohl das Subjekt gleichsam vor dem moi eintritt) wird's schwerer, am schwersten bei »Ich bin es«. Gewährte der deutsche Sprachgeist die logische Konstruktion »Das ist ich«, die Schulgrammatik wäre kaum davon abzubringen, daß das Hauptwort oder das hauptsächliche Wort auch das Subjekt sei. Nun tritt aber noch diese geheimnisvolle Anziehung hinzu, die im Deutschen das Prädikat auf Person und Zahl des Verburns ausübt. Im Französischen heißt es sogar: c'est nous. Die Verwandlung, die im Deutschen die logisch erforderte dritte Person der Einzahl des Zeitworts (ist) in die erste und zweite Person (bin, bist) durch die Prädikate »ich, du« erleidet, oder in die erste und zweite Person der Mehrzahl (sind, seid) durch die Prädikate »wir, ihr, sie«, verschafft diesen vollends den Anschein des Subjekts: Das bin ich, Das bist du (Bei »Das ist er« erfolgt die Deckung der logischen Rektion von »Das« und der grammatischen von »er«.) Das sind wir (sie). Das seid ihr. Dieser Prozeß tritt freilich auch im Französischen bei Substantiven ein. Im Deutschen aber setzt sich die logische dritte Person wieder in dem Relativpronomen durch, das von dem persönlichen Fürwort der ersten oder zweiten Person abhängt: Ich (Du), der es getan hat kann stehen für: Ich (Du), der ich (du) es getan habe (hast). Diese Möglichkeit wie das ganze Prädikat-Problem des persönlichen Fürworts beachtet Vossler nicht, der zwar die Konstruktion c'est moi qui a fait cela berührt, doch das »l'etat c'est moi« lediglich sozio-mythologisch behandelt. Aber in jeder Form erscheint im Französischen das Prädikative herausgearbeitet: Il y a dix ans qu'il me sert. Es soll nicht von einem ausgesagt werden, daß er mir zehn Jahre dient, sondern von zehn Jahren, daß sie seine Dienstzeit ausmachen. Man erbittet cinq miautes d'entretien eine Unterredung, für die vorweg die kurze Dauer betont werden soll. Beim Kartenspiel: Du gibst! Bedeutung: Du gibst! Der jetzt zu geben hat (Subjekt), bist du (Prädikat): a toi a donner. Am anschaulichsten jedoch die Zerlegung der Aussage, die einen Kontrast enthält, ohne ihn auszusprechen. Ein Wärter sagt: C'est toujours Pierre qu'on demande warum nicht mich, Nicolas? Da spricht der Neid (on dirait qu'il n'y a que Pierre ici). Immer wird Pierre verlangt könnte auch heißen: anstatt daß man ihn in Ruhe läßt; da spräche die Rücksicht (Pierre wäre Subjekt). Es soll aber nicht einfach von ihm ausgesagt werden, daß er immer verlangt wird, sondern es soll gesagt werden, daß derjenige, der verlangt wird, immer Pierre ist. und kein anderer. Pierre ist Prädikat. Subjekt ist jenes »ce« (in Stellvertretung für den Verlangten). Es ist die Kategorie der zu verlangenden Wärter, der die Individuen entnommen werden, aus der aber als der Verlangte Pierre hervorgeht. »Es« tritt vor ihm in Erscheinung: ganz wie der Reitende vor dem Vater. Es könnte auch konstruiert werden (und es wäre eine reine Frage, wiewohl ihr die Antwort auf dem Fuße folgt): Wer wird immer verlangt? oder: Der immer verlangt wird, wer ist es? Es ist Pierre. Es ist der Vater mit seinem Kind. Und wie »Es« da die Antwort einleitet, wäre es als »psychologisches Subjekt« leicht zu entdecken gewesen. Aus dieser Antwort aber, die die prädikative Bestimmung des Vaters anzeigt (so klar, wie es das Dunkel zuläßt), geht auch die analoge des »Wer« hervor. Von dem, was zunächst nur als Kategorie »Reitender« wahrzunehmen war, wird ausgesagt, daß es der Vater mit seinem Kind sei. Das Gedicht, das bis dahin bloß Erwartung ausdrückt, »meint« eben nicht: Der Vater reitet, sondern: Der Reitende ist der Vater (wie der französische Satz, der bis dahin nur Unwillen ausdrückt – »toujours« – nicht meint: Pierre wird immer verlangt, sondern: Der immer Verlangte ist Pierre). Vosslers Unterscheidung, zutreffend an dem Vers Uhlands wie an dem Prosabeispiel vom zerbrochenen Krug, hat vor dem dichterischen Gefüge und Gebilde, an dem sie sich erst bewähren könnte, nicht standgehalten und ist an das Problem des »Es« (welches sich erschließt, indem es Aufschluß über das »Wer« gibt) nicht einmal angestoßen. »Was ist Es?« Der Reiz des Problems ist, daß es sich dem, der sich darein versenkt, öffnet und offen bleibt. Es muß ein Subjekt sein; denn es ist Subjekt der Frage »Was ist Es?« Ein Sinnbild der Schwierigkeit wäre der Versuch, eben sie grammatisch zu zerlegen. Das ergäbe nicht: »Was ist Was?« Antwort: »Es«. Sondern wieder nur die gleiche Frage: »Was ist Es?« und die Antwort: »Was«, und so ad infinitum, also auf schönem Weg – den's nur zu finden gilt – zu lohnendem Ziel. Was; der und welcher Es verknüpft sich da bald mit dem abgründigen Problem des Relativpronomens. Verknüpfung, der Fluch des Sprachdenkens, wurde ja auch diesem zuteil, als es wieder das Problem der verknüpften Präposition einbegriff (» Vom Bäumchen, das andere Blätter hat gewollt«). Es wurde die Verschiedenheit der relativen Beziehungen nachgewiesen und der Versuch gemacht, die Anpassung von »der« und »welcher« an die Typen des determinierten und des attributiven Relativums (in den Verhältnissen der Subordinierung und Koordinierung) zu begründen. Die Wahl von »welcher« sollte sich bei der Entsprechung der aus dem Begriff des Relativsatzes abzuleitenden Frage ergeben. Das Prinzip scheint heute durch die Verführung des gewählten Beispiels da und dort aus der Bahn geraten. Vielleicht erweist es sich probefester in solcher Unterscheidung: Der Löwe, der entsprungen ist, stammte aus Afrika. Der Löwe, welcher der König der Tiere ist, brüllt. Dort ist ein Löwe von einem andern, dem, der nicht entsprungen ist und aus Asien stammt, unterschieden; hier wird die Charakteristik des Löwen als solchen durch ein Attribut ergänzt. Im ersten Fall ergibt sich die entsprechende Frage nicht aus dem Begriff des Relativsatzes, sondern des Hauptsatzes: Welcher Löwe stammt aus Afrika? Antwort: der entsprungen ist. Also: der stammt aus Afrika. Dieses hinweisende »der«, welches schon im Artikel vor Löwe enthalten ist, ergibt das Relativum »der«; das Komma nach Löwe könnte fehlen (»der entsprungene Löwe«). Im zweiten Fall ergibt sich die Frage nicht aus dem Begriff des Hauptsatzes (welcher Löwe brüllt?), sondern aus dem des Relativsatzes: welcher = welches Tier ist der König der Tiere? Statt des Kommas könnte ein Doppelpunkt (auch eine Klammer oder Einschließungsstriche) angebracht sein, denn der Relativsatz ist eine Parenthese (der König der Tiere). (Dieses »welcher« = »ein wie beschaffener« bewährt seine etymologische Verbindung mit qualis, quel.) Natürlich vollzieht sich auch in dem attributivisch aufgefaßten »welcher« eine Determinierung und zwar so: Der Löwe, welches Tier = der Löwe, das(jenige) Tier, das. Die Determinierung geht nicht vom Löwen, sondern vom Ersatzbegriff aus. In diesem Sinne erscheint die Form »derjenige, welcher« begrifflich überfüllt. Die scheinbar attributive Funktion kann aber auch als solche dem Zweck einer Determinierung dienen. Aufschlußreich wäre da das Beispiel: Ein Kanadier, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte ... (Gemeint ist übrigens in Seumes schlichtem Gedicht: die übertünchende Höflichkeit, denn übertüncht ist die Roheit.) Es ist nicht an und für sich determinierend gedacht, indem etwa ein Kanadier vorgestellt wird, der von seinen Landsleuten, die schon von der Kultur beleckt sind, zu unterscheiden wäre, eine Art oder ein Ausnahmskanadier, also: »ein solcher, der...« Die Zusammenziehung ergäbe da: »Ein nicht kennender Kanadier«. Der Gegenpol ist nun: »welcher«. Da wäre dem Kanadier etwas Wesentliches zuerkannt. (Wie man etwas Hauptsächliches nebenbei bemerken will: »übrigens«.) Die Zusammenziehung müßte ergeben: »Ein Kanadier, der nicht Kennende« (im Gegensatz nicht zu andern Kanadiern, sondern zu andern Erdenbewohnern, welche Europa schon kennen.) Das entspräche dem Gedanken, der ihn als solchen ja vorstellt und ihm ein Attribut, das ihn wohl auch identifizieren könnte, gleichsam in Klammern beilegt. Der Gedanke will aber noch etwas anderes. Er will aus diesem Wesentlichen, das der Relativsatz beifügt, das Erzählte motivieren. (Während doch die Königswürde des Löwen, die ihn gleichfalls identifiziert, nicht geradezu das Brüllen begründen muß.) Solches geschieht zwar nicht unmittelbar im Hauptsatz, aber in der späteren Darstellung. Der Gedanke will den Kanadier – zum Unterschied von andern Erdenbewohnern, welche schon gewitzigt sind und denen solche Enttäuschung an einem Europäer nicht widerfahren könnte, weil sie eben Europa kennen – durch das Attribut determinieren (»nämlich«). Die Zusammenziehung ergibt: »Ein Kanadier, ein (oder: als) nicht Kennender«. Wir hätten also: 1) Derjenige Kanadier, der; 2) Derjenige Mensch, der; 3) Derjenige Mensch, als der (die Bedeutung, die in der Form »als welcher« so häufig bei Schopenhauer vorkommt. Die Frage wäre bei 1): Welchem Kanadier kann so etwas widerfahren? Dem, der noch nicht kannte. Bei 2) wäre die Frage: Welcher Mensch kannte noch nicht Europens übertünchende Höflichkeit? Der Kanadier. Bei 3): Welchem Menschen kann es widerfahren? Einem Kanadier (als solchen). Somit: Wenn der Relativsatz einer begrifflichen Bestimmung dient, so ist die entsprechende Frage aus dem Hauptsatz abzuleiten und mit »der« zu beantworten; Relativum determinierender Art: »der«. Wenn der Relativsatz einer begrifflichen Erläuterung dient, so ist die entsprechende Frage aus ihm selbst abzuleiten und mit dem Substantiv zu beantworten, an das jener angeschlossen ist; Relativum attributiver Art: »welcher«. Stellt der Relativsatz, der an und für sich bloß erläuternder Natur wäre, einen innern Zusammenhang her (kausal oder konzessiv, einem »weil« oder einem »wiewohl« gemäß), so kann die Frage doppelt bezogen sein: beiderlei Relativa. Mit diesem Problem verknüpft sich nun das »Es«, in Fällen, die ähnlich wie im Französischen konstruiert sind. Etwa, wenn »Er hat den Weg gefunden« so ausgeführt wird: Er war es, der den Weg gefunden hat. Das könnte die Aussage von einem Subjekt »Er« sein, dann wäre das Prädikat: daß er es ist, was im weiteren definiert wird: der den Weg gefunden hat. Es würde ihm eine Leistung zugeschrieben; der Relativsatz, der sie bezeichnet, hätte den Hauptton. Es soll aber bedeuten, daß nicht von ihm, sondern von der Leistung gesprochen, daß sie nur ihm zugeschrieben wird, daß derjenige, der den Weg gefunden hat, er und kein anderer sei; dann ist der Relativsatz das Subjekt, von dem ausgesagt wird, daß es Er ist, und dieser das Prädikat, welches den Hauptton hat. Der Kategorie »Wegfinder« wird das Individuum entnommen. »Der den Weg gefunden hat« ist im ersten Fall Fortsetzung des Prädikats »es« (ein solcher, der); im zweiten Fortsetzung des Subjekts »es« (derjenige, der). Dort wird eine Erscheinung begrifflich determiniert, hier ein allgemeiner Begriff auf die Erscheinung bezogen. Im ersten Fall tritt – in der vorausgesetzten Auffassung des Unterschieds von »der« und »welcher« – nur »der« ein, im zweiten auch »welcher« (wohl der Fall 3, attributiv-determinierend). »Er war es, welcher den Weg gefunden hat«: da prägt sich durch ein hineingedachtes »der Mann« oder ein Demonstrativum »der«, »derjenige« (als Begriff der Kategorie) deutlich der Subjektcharakter des Relativsatzes aus. Die Frage, die das Relativum bestimmt, lautet im ersten Fall: Was war er? (Antwort: Ein solcher, der ...); im zweiten: Welcher (Wer) hat ... ? (Antwort: Er.) In beiden Fällen steht freilich ein Individuum einer Kategorie gegenüber, aber was in dem einen Fall Individuum ist, ist im andern Kategorie. Dies wird an der folgenden Schreibung und Betonung anschaulich: Er war es, der den Weg gefunden hat. Er war es, welcher den Weg gefunden hat. Im ersten Fall wird einem allgemeinen Begriff Person der Gattungsbegriff Wegfinder entnommen: zur Unterscheidung von anderen Gattungsbegriffen, die er enthalten könnte, wie etwa Organisator. Solches mögen andere Personen sein. (Zum Beispiel der X. dort.) Dieser da war Wegfinder ; ich bezeichne ihn (er war derjenige, der ...). Im zweiten Fall wird dem Gattungsbegriff Wegfinder der Einzelbegriff Person entnommen: zur Unterscheidung von anderen Einzelbegriffen, die er nicht enthält, somit zur Identifizierung des Gattungsbegriffs Wegfinder mit dem Individuum Person. Kein anderer war es, kein anderer hat es getan. (Zum Beispiel der X. dort nicht.) Wegfinder war er ; ich erkenne ihn (derjenige der ... war er). Versuchen wir dasselbe an einem Begriff der äußeren Kategorie, der nicht wie »er« einfach ist, vielmehr schon in sich die Sonderung ermöglicht: Es war das Zinshaus, in dem er geboren wurde. Es war das Zinshaus , in welchem er geboren wurde. Im ersten Fall wird einem allgemeinen Begriff Zinshaus der Gattungsbegriff Geburtshaus entnommen: zur Unterscheidung von anderen Gattungsbegriffen, die er enthalt könnte, wie etwa Vereinshaus. Solches mögen andere Zinshäuser sein. (Zum Beispiel das dort.) Dieses da war Geburtshaus ; ich bezeichne es (es war dasjenige Zinshaus, in dem ...). Im zweiten Fall wird dem Gattungsbegriff Geburtshaus der Einzelbegriff Zinshaus entnommen: zur Unterscheidung von anderen Einzelbegriffen, die er nicht enthält , somit zur Identifizierung des Gattungsbegriffs Geburtshaus mit dem Individuum Zinshaus. Kein anderes Haus war es, in keinem andern hat es sich begeben. (Zum Beispiel im Palast dort nicht.) Geburtshaus war das Zinshaus ; ich erkenne es (dasjenige Haus, in dem ... war das Zinshaus). Man beachte, wie im ersten Fall »Zinshaus« dieses anderen Zinshäusern gegenübersteht, im zweiten anderen Häusern . »Dasjenige« findet zwar hier wie dort Unterkunft, aber ganz verschiedener Art. Oben ist es die hinweisende Stütze des Prädikats: »dasjenige Zinshaus, in dem«; unten ist es einzuschalten als der Hinweis des Subjekts, als die Kategorie: »Es war das Zinshaus dasjenige Haus , in dem«. (Hier ist auch erkennbar, wie die Form »welcher« sich als die Zusammensetzung aus »derjenige, der«, aber nur im Subjektanschluß, im Anschluß der Kategorie, herausstellt.) Vor »in welchem« habe ich als Begriff der Kategorie »dasjenige Haus « zu denken, während beim einfachen Begriff »Er« (Wegfinder) »derjenige« hinreicht. Die verschiedene Bedeutung von »das« fällt in die Augen; oben Fürwort (dasjenige), unten der bestimmte Artikel. (Dasselbe wäre bei »ein« der Fall: oben = ein solches, unten der unbestimmte Artikel.) Vielleicht ergibt sich rückwirkend eine Erleichterung des Verständnisses, wenn für Oben und Unten der beiden Beispiele das Folgende aufgestellt wird: Er (Zinshaus) zum Unterschied von anderen Personen (Zinshäusern) die andere Inhalte haben; und zum Unterschied von anderen Personen (Häusern), die diesen Inhalt nicht haben. Der Unterschied ist der, daß in dem einen Fall der Begriff des Hauptsatzes an dem Merkmal des Relativsatzes, in dem andern der Begriff des Relativsatzes an dem Merkmal des Hauptsatzes erfaßt wird; dort hat das Prädikat des Relativsatzes, hier das des Hauptsatzes den Ton: »Pierre ist einer, der immer verlangt wird« und »Es ist immer Pierre , der verlangt wird«. Greifen wir noch auf ein Beispiel zurück, das seinerzeit für die Bestimmung der Relativa gewählt wurde, um es nunmehr mit dem ›Es‹ zu verknüpfen. Es ist der älteste Wein, den ich getrunken habe. Es ist der älteste Wein, welchen ich getrunken habe. Dort sage ich von einem Wein, daß er der älteste der von mir getrunkenen Weine ist; hier von dem Wein, den ich getrunken habe, daß er der älteste ist. (Der Wein ist der älteste von denjenigen, die ich ... und: Derjenige, den ich ... ist der älteste Wein, oder auch: Was ich getrunken habe, ist.) Im ersten Fall ist es die Unterscheidung der von mir getrunkenen Weine, im zweiten die der Weine überhaupt; der erste Begriff erfährt aber noch eine Sonderung in sich: »derjenige älteste, den ich« = »unter denjenigen, die ich. . ., derjenige, der der älteste ist«. Gleichwohl verhält es sich wieder so: der Begriff des Hauptsatzes wird dort an dem Merkmal des Relativsatzes erfaßt und der Begriff des Relativsatzes hier an dem Merkmal des Hauptsatzes; dort ist jenes, hier dieses betont. Dort setzt das Relativum das Prädikat fort, hier leitet es das Subjekt ein, welches im Relativsatz enthalten ist, und vor diesem ist als Begriff der Kategorie eingeschaltet zu denken: »der Wein« oder »derjenige«. (Welchen ich getrunken habe, ist der älteste Wein.) An diesem Beispiel nun den oben dargestellten Wechsel der Begriffe durchzudenken, bleibe Lesern überlassen, die nicht nur Lust bekommen haben, zu klettern, sondern auch auf einem Seil zu gehen, das zwei Klippen über einem Abgrund verbindet. Aber sie werden ihre Kräfte noch brauchen. (Verraten sei, daß oben dem allgemeinen Begriff »ältester Wein« der Gattungsbegriff »von mir getrunken« entnommen ist: andere älteste Weine mögen eine andere Verwendung haben, also etwa: der älteste, den ein anderer getrunken, den einer verkauft hat u. dgl. Unten ist dem Gattungsbegriff »von mir getrunken« der Einzelbegriff »ältester Wein« entnommen: ein anderer wäre ein jüngerer.) Im zweiten Fall nun kann mit streng logischer Konstruktion statt »welcher« – für welches Geschlecht immer – »was« gesetzt werden. Im Lessing-Zitat: Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche ist »was ich dir reiche« das Subjekt, von dem ausgesagt wird, daß es Arznei ist und nicht Gift. Der allgemeine Begriff des Gereichten wird auf die Erscheinung zurückgeführt. »Gift, das ich dir reiche« wäre falsch; da der Relativsatz keine nähere Bestimmung des Giftes ist. Der Satz hätte den Sinn: Es (Subjekt) ist nicht das dir gereichte Gift. Der Sinn ist aber: Was (Welches) ich dir reiche, ist nicht Gift. Also nicht: »Arznei ist dasjenige, das.. .«, sondern: »dasjenige, was ... ist Arznei«. »Was« ist hier keineswegs durch das sächliche »Gift« bedingt. Es wird namentlich im Anschluß an ein Hauptwort abstrakten Inhalts ohne Rücksicht auf dessen Geschlecht erforderlich sein. Nehmen wir ein abstraktes Femininum: Es ist seine Haltung, die mir an ihm imponiert wäre falsch, denn es würde bedeuten, daß von ihr schon die Rede war, die nun zusammenfassend »seine Haltung« genannt und von der ausgesagt wird, daß sie mir imponiere. Das hieße: »Seine Haltung ist diejenige, die ...«; es soll aber heißen: »dasjenige, was ... ist seine Haltung«. Also richtig: »was mir an ihm imponiert«, als das Subjekt, von dem ausgesagt wird, daß es seine Haltung ist. »Welche« würde aus dem Grunde nicht den Subjektcharakter des Relativsatzes herstellen, weil vor diesem kein Begriff der Kategorie einzuschalten wäre: weder »diejenige« noch etwa »die Eigenschaft«. Das zweite trifft zwar dem Sinne nach zu, wäre aber der sprachgedanklichen Natur zuwider. Anders als oben »der Mann« (»derjenige«), wo die Person den Begriff der Kategorie enthält, und »der Wein« (derjenige), der sich aus dem Vielheitsbegriff »der älteste« ermöglicht. Es kann nur »was« kommen, und das persönliche Relativum ist, so leicht es von der Zunge mitgenommen wird, fehlerhaft. Denn wenn im Deutschen das Prädikat zwar die Kraft hat, Person und Zahl des Verbums zu bestimmen, so kann ihm doch nicht die Kraft innewohnen, sich durch die Anziehung eines Relativpronomens, das dem Subjekt zugehört, zu eben diesem abschwächen zu lassen und es in das Prädikat, also in sich selbst, zu verwandeln. Diese mißbräuchliche Verwandlung führt bei einem pluralen Prädikat dahin, daß der Sinn, wenn er auf den Satz selbst angewiesen bliebe, unauffindbar wird. Es dürfte wenige deutsche Autoren geben, die nicht blind den Relativsatz an das Prädikat auch dort anhängen würden, wo er von ihm nicht abhängt, sondern das neutrale Subjekt bildet, und gewiß nicht viele, die, auf den Fehler hingewiesen, den Unterschied, auch wenn er ihnen erklärt wird, erfassen würden. Kommt man ihnen mit Sprachproblemen, so könnten sie, da sie bekanntlich andere Sorgen haben, richtig antworten: Es sind die Geschäfte, was uns interessiert. Sie würden es aber für fehlerhaft halten und korrigieren: Es sind die Geschäfte, die uns interessieren. Dies hätte nun den Sinn: Es sind die Geschäfte, die uns interessieren. Damit würden sie sich aber nicht abgeneigt, sondern interessiert zeigen, und es wäre richtig gesagt, wenn Sprachprobleme als Geschäfte bezeichnet würden und etwa vorher von anderen Geschäften (die sie angeblich nicht interessieren), die Rede gewesen wäre. In diesem Fall wäre jedoch entweder »die« – welches kein Artikel, sondern ein hinweisendes Fürwort ist! – oder »interessieren« betont (oder beides). Sie wollen jedoch in Wirklichkeit sagen: Uns interessieren nicht Sprachprobleme, sondern, was uns interessiert, sind Geschäfte. Sie wollen diese von jenen unterscheiden, nicht die Geschäfte untereinander (und gar zugunsten der Sprachprobleme). Nicht: die Geschäfte sind »diejenigen, die uns«; sondern: »dasjenige, was uns« sind die Geschäfte. Warum sagen sie aber dann nicht »Es sind die Geschäfte, was uns interessiert«, was doch der klarste und kräftigste Ausdruck der Abweisung wäre? Weil sie als deutsche Schriftsteller einen jargonhaften Einschlag scheuen? (Vielleicht sagen sie es also doch und treffen fälschlich das Richtige.) Wenn man freilich meint, daß das Relativpronomen von den Geschäften, die man als Hauptwort für das Subjekt hält, abhänge, dann müssen einem »Geschäfte, was« bedenklicher erscheinen als »Geschäfte, die«. Aber Sinn und Konstruktion werden klar, Subjekt und Prädikat werden erkennbar, wenn man im Zweifelsfalle die klanglich empfehlenswerte Umstellung wählt: »Was uns interessiert, sind die Geschäfte«. Es sind die Kinder, die uns Sorgen machen. Es sind die Nächte, die eine Qual sind. Wenn »die« richtig wäre, würde das erste etwa bedeuten: die Kinder, die zurückgeblieben sind, im Gegensatz zu andern, die uns Freude machen; das zweite: die Nächte im Hochsommer, im Gegensatz zu denen im Winter. Gedacht ist aber etwa: Was uns Sorge macht, sind die Kinder, nicht die Eltern; was eine Qual ist, sind die Nächte, nicht die Tage. Da wie dort besteht, wenn für diesen Sinn das bezügliche Fürwort »die« gewählt wird, die alte Gefahr, daß der Artikel »die«, der vor dem Hauptwort »Kinder« und »Nächte« steht, zum hinweisenden Fürwort »diejenigen« wird. Das wäre aber ein anderes »diejenigen«, als das für den Kategoriebegriff stehende, der hier (wie bei den Geschäften) nicht Platz hat. Denn welcher Kategorie sollte der Gedanke: »Welche uns Sorgen machen, sind die Kinder« entsprechen? Die Einschaltung »Familienmitglieder« wäre so äußerlich wie oben (bei: Haltung) »die Eigenschaft«. Es ist natürlich eine stilistische Frage, ob und wann der Vorstellung von Personen ein »was« gesellt werden kann. Syntaktisch ist es hier unerläßlich. (Das Deutsche gewährt hier die logische Möglichkeit, die wieder das Französische nicht hat, wo das Relativum sich mechanisch solchem Hauptwort anpaßt: qui font chagrin. Immerhin bietet es die logische Konstruktion der Voranstellung ce que fait diagrin.) Wie vertrackt der Anschluß von »die« an einen Plural sein kann, der zugleich Mehrheit und Typus ausdrückt, und wie hier vom intendierten Sinn abgewichen wird, zeigt das Beispiel: Es waren die Parteien, auf die sich die Regierung stützen wollte. Es soll ausgedrückt werden, daß sie keine Diktatur plante, es kommt aber heraus, daß etwa von Zentrum und Volkspartei die Rede sei. Um den Sinn (»dasjenige, das«) herzustellen, hilft nur »was« (aber nicht etwa weil es »System, sondern weil es eine wirkende Macht deckt), also: »worauf«. Dagegen konstruiert Bürger allzu richtig: Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen denn »an denen« fände in dem Sonderungsbegriff (»diejenigen«) seine volle Deckung. Gemeinhin aber wird fälschlich selbst bei einem Abstraktum die Was-Form gemieden, welche nur zugänglicher scheint, wo sie sich mit einem Verhältniswort einläßt: Es ist das Sprachgefühl, woran es ihnen mangelt. Nur wenn hier sehr stark die Kategorie »das Gefühl« (im Gegensatz zu einem andern Gefühl) hineinzudenken wäre, ließe eben das Sprachgefühl »an dem« zu. Häufig genug wird sich die Ergänzung von selbst einstellen und das Relativpronomen mit Recht dem Hauptwort des Prädikats entsprechen, von welchem es allem Anschein zum Trotz nicht abhängt. Es ist dasselbe Relativpronomen und wäre doch ein anderes, Denn: Es ist nicht derselbe Fall, um den es sich handelt. Subjekt ist hier »Es« als Vorläufer eines Falles, um den es sich handelt. Das Relativum ist aber nur scheinbar an das Prädikat »ein und derselbe Fall« angeschlossen, wie die meisten Sprecher, Schriftsteller, ja Grammatiker (geschweige Journalisten) vermuten dürften, die gewiß »derselbe Fall« für das Subjekt halten. In Wirklichkeit hängt der Relativsatz, welcher das Subjekt ist, wieder von einem »dasjenige« oder einem elidierten »Fall« ab, der »es« ist und der im »es« präformiert erscheint. (Es sind ja zwei vorhanden.) »Der Fall, um den es sich handelt, ist nicht derselbe Fall.« Hier kann mit Recht das persönliche Relativum gesetzt werden und ohne Gefahr der Mißdeutung (wie bei den »Geschäften ... .. Kindern«, »Nächten« und »Parteien«), da die begriffliche Absonderung bereits im Inhalt der Aussage vollzogen ist wie bei dem »ältesten Wein« oder den »schlechtesten Früchten« und der Begriff der Kategorie: »der Fall« oder »derjenige« sich ohneweiters einschaltet. Es besteht nicht die Gefahr, daß von einem bereits besprochenen Falle gemeint sei, er sei nicht »derselbe Fall, um den es sich handelt« (also: »wie der, um den«). Die Elision wird deutlich in der Trennung: »Nicht derselbe Fall ist es, um den. . .« Es ist also in Wahrheit der Fall, in dem »welcher« gesetzt werden kann. Äußerlich genauer wäre: »worum« (für: um was). Die Neutralisierung ginge natürlich nicht für den folgenden, der aber gleichfalls den Ersatzbegriff in sich trägt: Es ist ein und derselbe Mann, den (welchen) ich gesehen habe. Der Relativsatz hängt wieder von einem elidierten »Mann« oder »derjenige« ab, der durch »Es« vertreten ist. (Getrennt: »Ein und derselbe Mann ist es, welchen. . .«) Hier wie oben ist »der« von dem Inhalt des »es« abhängig; nicht von »ein und derselbe Mann«, welcher nicht Subjekt ist. Dieses ist vielmehr wieder der Relativsatz selbst. Zu denken ist nicht (wiewohl es der »Sinn« ist): ich habe einen und denselben gesehen (der es ist! Was? der vorher Dargestellte?), sondern daß ich einen (den Elidierten) zweimal gesehen habe. Ich sehe ja nicht den »einen und denselben«, sondern nur einen, den ich als denselben erkenne. Ebenso: Es ist ein alter Mann (der Mann,) den ich erblicke. Es ist die neue Brücke (die Brücke,) über die ich gehe. Es ist ein schlechtes Buch (das Buch,) das ich lese. Dies, ohne mich der Gefahr auszusetzen, ich wollte bloß von einem alten Mann sagen, daß ich ihn erblicke, und von einem schlechten Buch, daß ich es lese, während ich doch von einem Mann, den ich erblicke, sagen will, daß er alt, und von einem gelesenen Buch, daß es schlecht sei. Die persönlichen Relativa sind nicht vom alten Mann und vom schlechten Buch abhängig, sondern von den elidierten Kategoremen Mann und Buch, die Relativsätze sind klare Subjekte. (Also: welcher.) Wie nun aber, wenn keine derartige Möglichkeit begrifflicher Absonderung durch ein Attribut vorhanden ist? Es ist ein Mann, den ich erblicke wäre falsch. »Was« ginge nur, wenn der Prozeß der Eindrucksbildung sehr scharf dargestellt würde und das »Es« als etwas Undeutliches hervortreten sollte; dann wäre die logische Konstruktion ein stilistisches Mittel. Sonst wäre es nur in einer umschreibenden Wendung zu finden wie etwa: »Die Person, die ich erblicke, ist ein Mann«. Wohl ginge die einfache Umstellung: »Was ich gelesen habe, ist ein Buch«; aber nur in der Darstellung von etwas Überwirklichem, Traumhaften wäre möglich: Es ist eine Brücke, worüber er geht; es war ein Berg, worauf ich stand. Es ist der Sohn, den er rief. Es ist die Tochter, die er rief. Hier ergibt sich – im Gegensatz zu dem Beispiel von dem erblickten Mann – die begriffliche Absonderung (derjenige, diejenige), wenn der Namensruf im ersten Fall den Sohn von einer andern männlichen Person, etwa dem Diener, im zweiten Fall die Tochter von einer andern weiblichen Person, etwa dem Dienstmädchen, unterscheidet. Falsch wäre das persönliche Relativum, wenn Sohn und Tochter unterschieden werden sollten. (Da »was« nicht möglich, müßte dann anders stilisiert werden.) In jedem Fall wäre falsch: Es war das Kind, das er rief. Das hieße nur: Das Kind, das er rief, war es (war da od. dgl.). Eher noch, je nach dem Geschlecht: »den« oder »die«, in scheinbarer »Konstruktion nach dem Sinn«, in Wirklichkeit nach einem gedachten »derjenige« oder »diejenige«, wieder im Gegensatz zu Diener oder Dienstmädchen. Bei konkreten Inhalten also, bei einer Person oder etwas Personifiziertem ist das persönliche Relativum dann unmißverständlich, wenn sich der elidierte Begriff der Kategorie, an welchen es sich tatsächlich anschließt, von selbst einstellt, indem die begriffliche Absonderung schon im Inhalt vollzogen ist. Das neutrale Relativum wäre hier undenkbar. (Es existiert nur in Fällen, wo kein Individuum, sondern eine Mehrheit oder ein Typus vorgestellt wird: Was sich liebt, das neckt sich. Früh übt sich, was ein Meister werden will. Worin aber das Neutrum nicht etwa von einem »Kleinen«, einem »Kind« bezogen ist. [Hier könnte auch »Wer« stehen.] Der Relativsatz stellt sich deutlich als Subjekt dar, ohne daß freilich eine Verbindung mit einem prädikativen Hauptwort vorläge.) Falls das Prädikat ein Abstraktum, eine wirkende Kraft, ein Element ist, erweist sich das neutrale Pronomen als unerläßlich, wenn nicht auch hier die Kategorie, ein »der-, die-, dasjenige« oder das analoge Hauptwort eingeschaltet werden kann, von dem der Relativsatz abhängig zu machen wäre. Also: Es war die Halsstarrigkeit, woran er scheiterte. Möglich aber: Es war die Einbildungskraft, die ihn zum Handeln trieb (als eine Kraft). Doch wieder nicht: Es ist Gewinnsucht, die ihn kennzeichnet. Weil hier kein Ersatzbegriff Raum hat (und keineswegs etwa eine von den Süchten). Ist ein Ersatz durch das Analogon (oder »derjenige«) undenkbar, so kann in solchen Fällen nicht das persönliche Relativum eintreten, sondern nur das neutrale. Andernfalls würde zwischen dieser und jener Form das Moment des Klanges entscheiden (welches beiweitem keine Äußerlichkeit vorstellt), oder die Rücksicht auf die Gefahr eines Mißverständnisses durch irgendwelche falsche Verbindung. Die gefährlichste aber: die mit dem nächstliegenden Hauptwort des Prädikats, die zur Sinnverkehrung führt, wird am wenigsten gescheut, und das persönliche Relativum, das sie bewirkt, mit Vorliebe verwendet. Richtig: Es ist die Tat, was ich wünsche. Das heißt: nicht Worte. Fälschlich wird eben dafür gesagt: Es ist die Tat, die ich wünsche. Ohne daß ein einzuschaltender Begriff der Kategorie die Sicherung böte. Es wäre der richtige Ausdruck für eine besondere Tat, die ich wünsche. Diese und keine andere, während doch ausgedrückt werden muß, daß die Tat und nichts anderes , die Tat katexochen gewünscht wird, das Tun im Gegensatz zum Reden. Hier ist die »Tat« betont, im andern Fall das Wünschen oder »die« vor der Tat (welches zum Demonstrativum wird), oder beides, je nach dem Pathos der Aussage. Es war das Vergnügen, das er gesucht hat. Und kein anderes. Es war das Vergnügen, was er gesucht hat. Und nichts anderes. Was bestimmt nun in einem Fall der Gleichwertigkeit beider Relativformen die Wahl und den Wechsel: Und doch ist es dieselbe Beziehung zum Organismus der Sprache, was da und dort Lebendiges und Totes unterscheidet; denn dieselbe Naturgesetzlichkeit ist es, die in jeder Region der Sprache den Sinn dem Sinn vermittelt. Beidemal ist es dieselbe gedankliche Funktion, was oder die sowohl diese wie jene Form erlaubt. »Was« als das Übergeordnete, als das Subjekt (es), von dem die Beziehung (Prädikat) wie die Naturgesetzlichkeit (Prädikat) ausgesagt wird; »die« als die Ausführung sowohl einer »Beziehung« wie einer »Naturgesetzlichkeit«, die als Begriffe der Kategorie elidiert sind. (Es sind je zwei vorhanden.) Im ersten Satz aber soll die stärkere Form, das Neutrum als der Ausdruck des Elements, die Führung haben, und »was« ist da auch wegen der Gefahr vorzuziehen, daß »die« sich mit dem Hauptwort »Sprache« verbände, welches noch dem Wortkomplex der Beziehung zugehört; im zweiten Satz ist die »Naturgesetzlichkeit« schon konkreter als die »Beziehung« im ersten und klingt darum besser mit dem persönlichen Relativum überein, das von dem leicht einzuschaltenden Analogon abhängt. Es ist der Geist ... Die ganze Problematik, die den Subjektcharakter des »Es« und die falsche Verbindung des persönlichen Pronomens mit dem Prädikat betrifft, soll an einem klassischen Beispiel dargestellt werden, dessen Geläufigkeit und Eingänglichkeit sie schwieriger macht. Wenn der Gedanke nicht durch die Umgebung gesichert wäre und die Zitatgewöhnung ihn nicht befestigte, wäre es leichter, seine Alterierung in dem Vers aus »Wallenstein« zu spüren: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Verstanden ist es schneller als durchdacht, und die Kompliziertheit des Gebildes dürfte mit der Betrachtung wachsen; aber was sich von selbst versteht, wenn an Sprachbauten Gerüste angelegt werden, ist die Warnung, die Unbefugten den Eintritt verbietet. Das gilt vor allem für diesen Geistbau. Der Außensinn der Sentenz ist – auch wenn man sie losgelöst von der Umgebung im Monolog betrachtet – unverkennbar; aber was er über die Aussage hinaus ergibt: daß der Geist sich den Körper baut, überläßt er der Deutung. Da kreuzen sich nun zwei Gedanken, und wir wollen sehen, ob beide bewältigt sind, einer oder keiner. Diese beiden Gedanken sind: a) Nur der Geist, nichts anderes baut sich den Körper b) Der Geist baut sich den Körper, und nicht etwa umgekehrt der Körper den Geist. Wir nehmen an, daß der erste Gedanke der Inhalt des Satzes sei. Dann wäre statt »der« »was« zu denken; denn die Kraft, die das Bauende ist und von der ausgesagt wird, daß sie der Geist sei, kann von naturwegen nur ein Neutrum sein. »Es« ist das vorlaufende Subjekt, stellvertretend für das, was sich usw. Dieses nicht Ausführung des Prädikats, sondern der Inhalt des Subjekts. »Geist« das betonte Prädikat. Aber durch »der« wird der gedankliche Sachverhalt völlig verändert. Wenn nicht Umgebung und Geläufigkeit die Richtung wiesen – doch diese Umstände gehen uns nichts an, wenn wir den Sprachbestand eines Verses zu prüfen haben –, so brächte das persönliche Relativum zweierlei logische Gefahr mit sich: Das »Es« wäre kein vorlaufendes, sondern ein übernommenes Subjekt, aus einer Darstellung des Geistes, von dem bereits die Rede war und von dem nunmehr, etwa abschließend, noch gesagt wird, daß er sich den Körper baue (weil ihm allerlei Fähigkeit hiezu bereits nachgerühmt wurde): der Geist, der, schon begrifflich absolviert, nun noch ein Attribut erhält, das vielleicht sein Wesen zusammenfaßt. Oder – gefährlicher – es wäre von einem besonderen Geist die Rede, in Verbindung mit einer andern Art, von der er nun unterschieden wäre: es ist der Geist, der sich den Körper baut, während ein anderer etwa der bei Goethe ist, »der stets verneint«. (Dann würde »der« zum Demonstrativum, wogegen nur die schwache Sicherung durch die Verssenkung schützte.) Der im Vers genannte Geist wäre so oder so das Prädikat, das ein Subjekt fortsetzt, und der Relativsatz seine Ausführung (während dieser doch in Wahrheit das im »Es« präformierte Subjekt ist). Die zweite Gefahr ist die normale Gefahr des »der«; die erste bewirkt den Sinn, dem »welcher« gerecht wird. Es wäre also die Aussage von dem »Es« als dem Geist oder einem Geist, dem nunmehr, entweder um noch etwas von ihm auszusagen oder um ihn durch ein Merkmal von anderen Geistern zu unterscheiden, die körperbauende Funktion zuerkannt wird. Er hätte die Kraft, die im Relativsatz ausgedrückt wird, aber er wäre nicht sie selbst, mit der ihn zu identifizieren doch der Gedanke des Verses ist. Denn es ist nicht: ein bauender oder der bauende Geist, sondern: der Geist, der Bauende, das Bauende. Während im Goethe-Vers der, der stets verneint, tatsächlich von anderen Geistern, die anderes tun, unterschieden ist (zunächst wohl von einem; der stets bejaht), wird im Schiller-Vers – wie er gedacht, nicht wie er konstruiert ist – der Geist als solcher von anderen Kräften abgesondert, die das nicht können, was er vermag: den Körper bauen. Goethe sagt nicht, daß »der Geist« stets verneint (Ich bin der Geist, welcher ...), sondern nur, daß es ein besonderer Geist ist, der diese Eigenschaft hat. Bei Goethe ist er zwar auch Prädikat, von dem aber der Relativsatz mit »der« richtig abhängt, welcher den »Geist« erst definiert. Daß solches auch im Schiller-Zitat der Fall sein könnte, bildet dessen Gefahr. »Der stets verneint«, das soll sich als Bezeichnung des Geistes an ihn anknüpfen; »der sich den Körper baut«, das soll »den Geist« katexochen bedeuten. Jenes wird von »der« bewirkt, dieses könnte nur von »was« bewirkt werden. Dort ist der Relativsatz das determinierende Merkmal, hier die Identität, dort wird beschrieben, hier agnosziert: dort stellt sich ein Geist vor, hier stellt sich etwas als der Geist heraus. Das persönliche Pronomen erschiene nur durch das hineingedachte Maskulinum eines analogen Begriffs (oder »derjenige«) zu halten. Was gäbe es da? »Der Faktor« – das wäre eine Krücke des Sinns, aber kein Organ sprachdenklicher Verbindung. Vorstellbar ist nur die Kraft, das Element, das Prinzip, eben das »Es«, also das »was«. »Es ist derjenige Geist, der« kann ich denken, aber soll ich nicht denken. »Es ist der Geist derjenige, der«: die Unvorstellbarkeit dieser Form zeigt den vorhandenen Fehler an. Der Gedanke ist nicht: »er ist derjenige, der«, sondern: »dasjenige, was, ist er«. Wie in dem Nathan-Zitat:« ... nicht Gift, was ich dir reiche«. Wohl ist die klangliche Verbindung »Gift, was« leichter als die von »Geist, was«, aber falsch wäre auch jene, wenn »was« vom Gift abhinge – etwa als dialekthafte Verschlechterung des falschen »Gift, das« –; und die Härte wäre durch die Umstellung vermieden: Was sich den Körper baut, es ist der Geist. Damit soll natürlich kein gültiges Gedicht des Gedankens erzielt sein, aber er ist dargestellt und mit ihm der Fehler des »der«. Es handelt sich bisher um ein logisches Problem und nicht um die Frage, ob dem klanglichen Vorzug der Umstellung ein Stilwert zum Opfer fiele, den dann eben nur ein anderes Gedicht ersetzen könnte. Da sich jedoch die Einheit von Form und Inhalt am Gedicht noch im Mißlingen beweist, so ist dem logischen Problem auch aus der Gesetzlichkeit der Versnatur beizukommen. Versmäßig erzwingt sich die Betonung des Ausgangs, sprachdenklich die des Prädikats. Darum bleibt bei Goethe der Gedanke, daß ein Geist sich prädikativ als der verneinende vorstellt, unverkümmert. Bei Schiller verbinden sich Konstruktion und Verston, um das Subjekt zum Prädikat und den Geist, der das Bauende ist, zu einem zu machen, der bauen kann. Ist nun durch »was« die gedankliche Gefahr der Aussage abgewendet, so würde die Umstellung auch den Fehler im Versbau beseitigen. Er besteht darin, daß die dynamische Verteilung des Gedankens antimetrisch ist, indem, dem Zwang der Versnatur gemäß, den Hauptton das Bauen des Körpers (Subjekt) erhält, wodurch das Gewicht des Prädikats »Geist«, in welchem doch der Gedanke kulminiert, geschwächt wird. Der Vers will: Es ist der Geist, was sich den Körper baut. Das ist gedankenwidrig. Der Gedanke will: Es ist der Geist , was sich den Körper baut. Das ist verswidrig. Wie bei Uhland (»Was sich nun abspielt, ist ein ernstes Spiel«) erschiene im umgestellten Satz die Gewichtverteilung im Lebensraum des Verses gerechter durchgeführt. Man merke nur, wie durch die Tonkraft des Verses das »der« den Gedanken geradezu in die Gefahr treibt: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Da bleibt – wenn man nicht informativ wüßte, was gemeint ist – gar nichts als die falsche Deutung, es werde vom Geist ausgesagt, daß er solches kann und – mit verswidriger Betonung des ersten »der« –: daß er sich dadurch von anderen Geistern unterscheidet. Die leichtere, weil schwerer durchzudenkende Gefahr: daß es immer ein und derselbe bestimmte Geist sei (oder auch der Geist als solcher), »welchem« noch ein letztes Attribut verliehen erscheint. Das Merkmal mag da die Identität enthalten, die den Sinn des Verses bildet. Aber die Identifizierung soll umgekehrt erfolgen: nicht der Geist hat mit der Kraft identifiziert zu werden, sondern diese mit ihm. Es wäre beiweitem nicht die Identität, die im Schillerschen Vers jene Ausschließlichkeit bedeutet, an der keine andere Kraft als eben die identifizierte teil hat. Noch immer wäre, wenngleich nicht im Gegensatz zu einem anderen Geistindividuum, von einem oder dem Geist etwas ausgesagt, während doch von etwas ausgesagt werden soll, daß es der Geist sei. Also auch nicht: »welcher« (welchem keine Kategorie entspricht), sondern nur »was«. Die unvermeidliche Gedankenbahn aber, in die jenes »der« führt, ist die der Unterscheidung. Aus: »keine andere Kraft, nur der Geist« wird: »kein anderer Geist, sondern dieser«. Es wäre somit wohl dargetan, daß der Gedanke a) syntaktisch und dichterisch nicht bewältigt ist. Warum wollte man jedoch die Mängel einer Wortgestalt nachweisen, wenn sich herausstellte, daß sie die Vorzüge einer andern sind? Und sollten nicht Konstruktion und Tongebung, wie sie sind, die taugliche Gestalt des Gedankens b) ergeben? Nur noch etwas Tonkraft für den Geist, die ja der Vers gewährt: Es ist der Geist , der sich den Körper baut und wir haben mit dem »der«, welches nun richtig ist, den Ausdruck für den Gedanken, daß »der Geist sich den Körper und nicht etwa umgekehrt der Körper den Geist baut«, ja wir haben ihn in einem Maße, daß die Tonverteilung die Antithese ausdrückt, ohne daß sie ausgesprochen wird. (Sogar das »sich« hat sich seinen schönen Sinn vindiziert, der dem Geist doch für die persönliche Beziehung zum Körper vor jeder andern Kraft zugehört.) Wie kommt es denn aber, daß nun »der« plötzlich richtig ist, da sich doch an dem neutralen Element nicht nur nichts geändert hat; sondern es im Gegenteil jetzt doppelt gedacht ist: »was sich den Körper« und »was sich den Geist« baut? Kann denn nunmehr ein Kategoriebegriff eingeschaltet werden? Freilich kann er. Beinahe ginge jetzt, in der Relation der Kräfte: »der Faktor«. Aber er geht noch immer nicht. Dafür läßt die Darstellung dieses Gegenspiels von Teilen, von Partnern, ein anderes abstraktes Maskulinum zu: den Teil , den Partner . Zwei sind konfrontiert, die ihre Gemeinsamkeit noch dazu im Relativpronomen finden, das Gleichgewicht der Kräfte ist hergestellt, jetzt geht »der Partner«, »der Teil« und darum auch bloß »derjenige«. (Solch ein gemeinsamer Nenner wäre selbst bei verschiedenen Zählern vorhanden, die also verschiedene Relativpronomina hätten. Die starke Vorstellung eines Gegenüber muß es bewirken, nicht die Männlichkeit und Gleichartigkeit des Geschlechts; auch »Seele« würde es mit »Körper«, wie »Geist« mit »Hülle« aufnehmen.) Es ist fast eine Personifikation gegeben, wie in dem folgenden Fall, wo das Verhältnis zweier Gegner, die nicht Personen sind, deutlich zur Anschauung kommt, ohne daß die Antithese ausgesprochen ist, ja ohne daß von einem Widerpart die Rede wäre: »Der Karnickel hat angefangen!« Ein Musterbeispiel für die Möglichkeit, daß das scheinbare Subjekt, das vortretende und einzig vorhandene Hauptwort, Prädikat ist. Die Antwort auf die Kriegsschuldfrage, welche ja immer eine »eigentliche Frage« ist und immer den »Wer« zum Prädikat hat, wie die Antwort den »Der«. Der Satz bedeutet also: Derjenige, der angefangen hat (und darum totgebissen wurde), ist »der Karnickel« (Prädikat). Im Französischen: c'est le lapin qui a commence! Es ist der Hase, der den Hund gereizt. Wäre nun der Gedanke, daß »der Geist derjenige ist, der den Körper. . und nicht umgekehrt«, von Schiller gedacht worden, so wäre es ihm doch nicht gelungen, auch den sich vordrängenden Gedanken, daß »nichts anderes als der Geist, was« es ist, in Einem zu bewältigen. Die beiden Gedanken würden einander ausdrucksmäßig und prosodisch durchkreuzen. Die Doppelantithese wäre ja überhaupt nicht unter das Obdach des einen Verses zu bringen. Der primäre Gedanke, der den Geist betont, hat an und für sich seine Gestalt nicht gefunden, und er ginge durch eine Mitbetonung der Rolle des Körpers (der Rolle, die er nicht hat) verloren. Das Doppelspiel der Gedanken: daß »nichts als der Geist den Körper und dieser nicht den Geist baut«, ist nicht bewältigt und war nicht zu bewältigen. Der Anschluß »was« würde (verswidrig) den ersten sichern, reichte aber nicht auch für den zweiten; der Anschluß »der« reicht nur für den zweiten, denn für beide würde er den Inhalt erfordern: »kein anderer Geist als dieser und nicht der Körper diesen«. Da nun aber ein solches Übermaß nicht verlangt werden kann und der Gedanke b) den besten Ausdruck findet, so bliebe nur noch die Frage, ob der Dichter ihn gedacht hat. Ein Absolutum der Wortgestalt gibt es nicht, da das Wort noch jenseits seiner eigenen Problematik vielfältige, immer wechselnde Beziehungen mit dem Wort eingeht. Das eben bewirkt den gefährlichen Zauber der Sprache, daß noch die primitivste Aussage zu voller Eindeutigkeit auf ihre Sphäre angewiesen bleibt. Es ist kein Ende der Abenteuer innerhalb der syntaktischen Grenzen und eben an ihnen. Aber ob sie vorhanden sein müssen, wäre der einzige Zweifel, den die Sprache nicht zuläßt. Ein Vers, noch dazu einer, der die Gültigkeit einer Sentenz anzusprechen scheint, darf sich nicht auf die Umgebung verlassen, um seinen Gedanken faßbar zu machen; er darf aber auch nicht isoliert einen Gedanken ergeben, der nicht gedacht war. Das ist hier der Fall. Gegen die Deutung, die den Gedanken und das Wort zu versgerechter Deckung brächte, meldet sich ja sogleich das Bedenken, ob Schiller, anstatt des primär zu entnehmenden idealistischen Sinnes, der dem Geist jene ausschließliche Macht zuschreibt, eine polemische Spitze gegen eine naturwissenschaftliche oder materialistische Weltauffassung anbringen wollte, die Absage an den Standpunkt, daß die Seele vom Wachstum der Zellen abhänge oder – wobei es der Metapher nicht mehr bedürfte – die Persönlichkeit von den sozialen Umständen bedingt sei. Das könnte, jedenfalls das erste, wohl eine Sentenz im Munde Schillers ergeben – im Munde Wallensteins wäre sie ein Anachronismus wie der bekannte Blitzableiter. Ohne jede Spur einer Möglichkeit, daß so etwas zu denken wäre, wird in jenem Monolog ausschließlich die schöpferische Macht des Geistes betont. Denn: – – was Ein Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren. Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen, Da steh' ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen Im Marke lebt die schaffende Gewalt, Die sprossend eine Welt aus sich geboren. Schon einmal galt ich euch statt eines Heers, Ich Einzelner. Dahingeschmolzen vor Der schwed'schen Stärke waren eure Heere, – – Da wandte man die Augen Auf mich, den Helfer in der Not; – – Ich sollte aufstehn mit dem Schöpfungswort Und in die hohlen Läger Menschen sammeln. Ich tat's. Die Trommel ward gerührt. Mein Name Ging, wie ein Kriegsgott, durch die Welt. – – – Noch fühl' ich mich denselben, der ich war! Es ist der Geist, der sich den Körper baut, Und Friedland wird sein Lager um sich füllen. – – Wenn Haupt und Glieder sich trennen, Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte. Am Schluß ist zwar die Ohnmacht von Gliedern ohne Haupt berührt, aber auch da nicht die Vorstellung, daß Glieder Haupt schaffen könnten, als Gegenansicht bestritten. (Die absurde Deutung, daß überhaupt keine Metapher vorliege, indem der Körper einfach der des Sprechers sei, der »sich noch denselben fühlt, der er war«, kommt nicht in Betracht. Sie würde höchstens auf den besonderen Kunstfehler hinweisen, der solche Assoziation herbeigeführt hat: die Vorstellung einer körperlichen Wirklichkeit (»sich fühlen«) war zu vermeiden, sie durfte nicht unmittelbar vor die Metapher treten, deren Grundlage eben die Erfahrung bildet, daß der Leib vom Geist her besteht, Der vorwaltende Sinn reicht in dieser sprachlichen Region auch hier zur Abwehr der Mißdeutung; der Körper Wallensteins ist nicht gemeint, wohl aber, daß sein Geist die Armee belebe.) Der Gedanke ist also ganz und gar als die Bejahung des Geistes geführt: der Kraft, die ausschließlich eine Welt erschaffen könne; mögen so hohe Worte auch bloß dem Geist des Feldherrn gelten und dem Plunder einer Machtwelt, also einer Welt der Zerstörung. Gesagt wird, daß das Ingenium des Führers es ist, was sich das Heer schafft (nicht etwa das Kriegsministerium oder der kaiserliche Wille). Der Gegensatz muß nicht ausgesprochen sein, aber er steckt im Gedanken. Der andere müßte ausgesprochen sein, aber es ist keine Rede davon, keine Widerrede dagegen, daß das Heer sich den Führer machen könnte. Höchstens bliebe noch Raum für die Antithese: daß der Körper sich nicht selbst baut. Aber diese erschließt sich nicht aus der Sentenz, welche mit syntaktischem und prosodischem Mangel tatsächlich den Gedanken a) bezweckt, der bloß den Gegensatz zu einem andern Element enthält, und sie ist, selbst wenn man sie aus der Umgebung erschlossen hat, schwer in die Sentenz hineinzudenken (»nichts als der Geist baut sich den Körper und dieser sich nicht selbst«). Zu der Verknüpfung mit b) jedoch würde solche Partnerschaft des Körpers nicht ausreichen. Der Gedanke, daß dieser sich nicht selbst baut, würde erst existent, wenn der Vergleich durch das Verglichene erläutert wird, wenn die Vorstellung auf die Wirklichkeit zurückgeht: daß eine Armee sich nicht von selbst bildet. So hat denn der Vers die Merkwürdigkeit, daß er einen Gedanken bewältigt, den der Dichter nicht hatte. Psychologie und Grammatik Erscheint es nun hier dem Geist nicht mit dem Wortbau gelungen, so ist es eben einer der Fälle, wo der unverkennbare Außensinn durch Versifizierung Klangwert erhält. Mag die Musik auch dem Inhalt widerstreben, so sind doch zwei Tonstützen da, die mit Hilfe eines Konstruktionsfehlers das Gleichgewicht herstellen und das Nachdenken so lange aufhalten, bis sie vor ihm hinfällig werden. Was so manchem Wort die Flügel gibt, ist der Vorzug, vermöge seiner logischen Unebenheit verstanden zu werden. Denn Der Ton macht die Musik. Wie ist es zu betonen? C'est le ton qui fait la musique zeigt an, wo im Deutschen Subjekt und Prädikat sind. (Es wäre schön, »qui« als Neutrum zu denken: wie ein vorangestelltes »ce que fait. .«) Wie bei jenem Geist ist der Inhalt wieder nicht die Aussage vom Ton, daß er Musik mache, sondern: daß nur der Ton sie macht. Es ist der Ton, was usw. (Oder mit besserer Musik: was sie macht, ist der Ton. Dieser ist Prädikat.) »Der« brächte wieder die Gefahr, daß ein bestimmter Ton, von dem schon die Rede war, sie mache, im Gegensatz zu einem andern (etwa zu dem Lessing'schen, den man »vor Gericht stellen« möchte). Der Satz will aussagen, daß der Ton sie macht und kein anderer »Faktor« (der aber nicht hineinzudenken ist). Wieder nicht:«... er ist derjenige, der«, sondern: »dasjenige, was, ist er«. Hier kommt nur a) und nicht b) in Betracht, da die Antithese, daß nicht die Musik den Ton mache, nicht gedacht sein kann. Den Gefahren jenes Geistes ist auch dieser Ton ausgesetzt, und ein Kategoriebegriff (derjenige) weit und breit nicht zu finden. Aber auch hier hilft der Ton, welcher eben die Gabe hat. Da war es denn sein Spott – jener herrliche Spott, den auch das Objekt als Frucht genießen mußte –, der mich heilte. Was sie heilte, war der Spott, der sie genießen ließ. Der an das zweite Prädikat »Spott« richtig angeschlossene Relativsatz läßt deutlich den Konstruktionsfehler des andern hervortreten, der sich fälschlich an das erste Prädikat »Spott« anschließt. Die Gelegenheit, endlich zu einem Subjekt zu gelangen, hat das Objekt des Spottes versäumt. Jenes käme ganz zum Schluß, aber es wäre in einem »was« rein vorhanden. Und nicht bloß als »psychologisches Subjekt«. Die Unterscheidung zwischen dieser und der grammatischen Form ist dann erst berechtigt, wenn Psychologie und vor allem Logik die richtig erkannte Form in ihr grammatisches Recht einsetzen. Die Sprachphilosophen, die den Unterschied erkannt haben, ohne ihn immer zu spüren, zerbrechen sich dafür überflüssigerweise den Kopf, ob die Verteilung von Subjekt und Prädikat nicht von der »Stellung« alteriert werde, die diese einnehmen. Da rühmt Vossler die Erkenntnis eines andern, der also, offenbar in der Polemik gegen einen dritten, erkannt hat: Wenn auf die Bemerkung »Müller scheint ein verständiger Mann zu sein« geantwortet wird: »Ein Esel ist er«, so kann dieser »Esel« doch dadurch, daß er vorangestellt wird, nicht zum psychologischen Subjekte werden, sondern bleibt in psychologischer so gut wie in grammatischer Hinsicht das Prädikat. Goldene Worte (umsomehr, als hier doch auch das grammatische Recht anerkannt wird). Und ebenso bleibt er in beiderlei Hinsicht das Subjekt, wenn jener etwa dupliziert: Du bist ein Esel! Der Wechsel der Bedeutung ist hier ohne Rücksicht auf den Wechsel der Stellung vollzogen, und der Esel ist so und so das Subjekt (das psychologische und also grammatische), wie in dem naheliegenden und deutlicheren Beispiel: ... Müllers Esel: das bist du! Wenn ich nun sage: Es ist ein Glück, daß wir so verständige Sprachführer haben so mag es ihnen noch gelingen, »Glück« als das (meinetwegen psychologische) Prädikat zu erkennen; vielleicht auch in der Umkehrung: Ein Glück ist es, daß ... und sogar in der Ellipse: Ein Glück, daß wir ... Die Stellung kann das Problem nicht berühren, und es wird auch bei Aussagen, die an und für sich doppeldeutig sind, einzig darauf ankommen, welche Beziehung sie darstellen wollen. Die Psychologie wird den Standpunkt aus der Sphäre bestimmen und die Logik wird die Richtung weisen. Weil wir also schon bei Fällen halten, wo der Dumme das Glück hat: Der Gewinner des Loses ist Müller. Müller ist der Gewinner des Loses. Die Stellung ist es nicht, was die Bedeutung bewirkt (»Stellung«: Prädikat). Bei der Lotterie (oben) ist Müller das Prädikat, in der Biographie (unten) das Subjekt. Dort könnte auch ausgerufen werden, Müller sei es; hier könnte auch gesagt werden, Losgewinner sei er gewesen. Wenn er nun einen anspricht: »Ich bin usw.«, so hat sich das Subjekt »Ich« als Prädikat »Gewinner« vorgestellt; wenn die Antwort lautet: »Sie also sind usw.«, so hat sich das Subjekt »Gewinner« als Prädikat »Sie« herausgestellt. Die Frage des Grammatikers, der bei diesem psychischen Sachverhalt auf das Subjekt kommen will, hat nicht zu lauten: »Wer oder was ist Müller?«, sondern ganz normal und der Neugierde gemäß: »Wer ist der Gewinner?« Antwort: »Müller« (Prädikat). Und was wäre nun das Subjekt dieser Frage? Da muß wieder gefragt werden: Wer ist der Gewinner? Antwort: Wer (Prädikat). Und dabei bliebe es ad infinitum (wobei leider nie herauskäme, daß es der Müller ist). Die Stellung ist gleichgültig, und Müller wäre Subjekt geworden, wenn es in der Biographie – lange nach der Lotterie – von ihm hieße: Auch Gewinner eines Loses war Müller. Die Bedeutung hängt vom Gedanken ab; nicht von der Stellung, sondern von Beziehung und Betonung: Der Tanz beginnt . Da folgt dem Subjekt das Prädikat. Vom Tanz, der schon vorgestellt ist, wird ausgesagt, daß er nun beginne. (Er kann auch enden.) Umgekehrt: Es beginnt ein Tanz . Da ist »Es« (das Beginnende) Subjekt und der Tanz Prädikat. Es bedeutet: Was nun beginnt, ist Tanzen. (Es könnte auch anderes beginnen.) Ein Tanz beginnt. Da ist, so erstaunlich es sein mag, der Tanz noch immer das Prädikat. Der Satz besteht nur aus diesem. Das Subjekt ist versteckt: es wird getanzt. Was da anhebt, könnte auch (da es ein moderner Tanz ist) Akrobatik sein. (»Das soll ein Tanz sein?«: »Das« ist Subjekt.) Wenn ich das Zitat von Arznei und Gift so zusammenfasse: Arznei reiche ich dir! so ist diese noch immer zunächst Prädikat und nur äußerlich Objekt des Reichens; denn es bedeutet: »Was ich dir reiche, ist ...«. Auch in: Ich reiche dir Arznei! Da macht eben wirklich der Ton die Musik. Es ist die Antwort an den Mißtrauischen, der gefragt hat, was das Gereichte sei. Eine noch schwierigere Aufgabe für Grammatiker, selbst für Psychologen, wäre die so gestellte: Eins nur würde mich verdrießen – wenn es ihnen nicht gelänge, hier das Subjekt zu finden. Darum sei verraten, daß es nicht das betonte Wort ist – denn dieses ist Prädikat –, sondern: »Was mich verdrießen würde« (ist das eine, daß usw. Dies und nichts anderes). Dagegen freut mich daß sie's nun gefunden haben. Es ist der Daß-Satz. Ihr Scharfsinn gefällt mir (nicht ihre Gelehrtheit. Was mir gefällt, ist ...). Dagegen: Ihr Scharfsinn gefällt mir (mißfällt mir nicht. Subjekt: Scharfsinn). Wenn eine erotische Beziehung in der Aussage dargestellt wird: Ihre Kälte gewann ihn, so kann die Kälte sowohl Subjekt als Prädikat sein. Entweder war, was ihn gewann, ihre Kälte (und nicht ihre Schönheit); oder ihre Kälte gewann ihn (anstatt ihn abzustoßen). Mich beruhigt der Ausgang (nachdem mich die Sache bis dahin beunruhigt hat. Was mich beruhigt, ist ...) ; Mich beruhigt der Ausgang (und erschüttert mich nicht). Das Betonte ist Prädikat: Eins; ihr Scharfsinn; ihre Kälte; der Ausgang. (Auch so zu erkennen: Es ist eins; Es ist ihr Scharfsinn; Es ist ihre Kälte; Es ist der Ausgang.) Subjekt ist: Was mich verdrießen würde; was mir gefällt; was ihn gewann; was mich beruhigt. In allen diesen Fällen wirkt die Antithese: nicht etwas anderes, sondern das. Ganz wie: »Es ist der Geist ...« Und er baut sich auch den Körper der Grammatik, was ihm noch an dem schwierigsten aller Sprachprobleme, die vielfach mit dem einen verknüpft sind, an dem »Es« gelingen muß, ohne der Gestaltung irgendeinmal ein Opfer der Logik zuzumuten. Denn ist es Gefahr und Genuß der Sprache, daß ihre Gesetzmäßigkeit als ein Wirrsal erscheint, so führt das Denken in ihr zu dem Punkt, wo höchste Mathematik zum Einmaleins wird und ein Labyrinth zur Wandelbahn, mag es sich auch eben dann wieder verschlingen. Dem kleinsten und häufigsten Wort auf den Grund zu kommen – und »es« hat in dieser Untersuchung wahrlich die Vielzahl der Fälle vermehrt –, muß Autoren nicht gelingen; auch dem dieser Schrift nicht. Aber unter den Grammatikern ist es schon dem alten Adelung (der Fälle wie »Es war einmal ein Mann«, »Es sind keine drei Wochen« und »Es wird Ernst« zusammentat) mißlungen. Immerhin hat er erkannt, wie schwierig es sei: Es ist hier noch bey weitem nicht alles gesagt worden, was von diesem Wörtchen, welches im Deutschen von einem überaus großen Gebrauch ist, gesagt werden könnte. Indessen erhellet schon aus diesem wenigen, wie schlecht dasselbe unsern meisten Sprachlehrern bekannt gewesen. Übersetzung aus Harden Seit Jahren gehen die deutschen Leser der »Zukunft« des eigentlichen Genusses verlustig. Sie haben das Gefühl, daß hier die wertvollsten Gedanken in einer fremden Sprache vorgetragen werden, von der sie nur ahnen können, daß sie viel schöner ist als die ihnen geläufige. Wiederholt ist deshalb die dringende Bitte an mich ergangen, ein Lexikon anzulegen, welches, wenngleich mit Preisgabe des dichterischen Moments, das gerade für den politischen Leitartikel unentbehrlich ist, über den Sinn der einzelnen Sätze trockenen Aufschluß gibt. Ich habe dem allgemeinen Drängen nachgegeben und will die Arbeit durchführen, soweit es mir bei dem Stand meiner Bildung möglich ist und soweit neugriechische und hyperboräische Sprachelemente, die den deutschen Satzbau erst zu seiner ornamentalen Geltung bringen, mir nicht unüberwindliche Hindernisse in den Weg legen. Ich muß mindestens für den ersten Versuch um Nachsicht bitten. Mancher Stelle konnte ich nur mit einiger Freiheit der Auffassung beikommen; manche blieb unübersetzbar. Anderseits glaube ich nicht fehl zu gehen, wenn ich gewisse Bezeichnungen, die der Autor anzuwenden liebt, wie z. B. »Fritzenstaat« oder »Reussenkaiser« als Telegrammadressen auffasse und in solchen Fällen die Klarheit der Kürze vorziehe. Durchwegs aber möchte ich die Verantwortung ablehnen, wenn etwa mit der Fremdartigkeit auch der aparte Reiz einer Wendung verloren ginge. Der vom württembergischen Wahlkreis Biberach Abgeordnete Der Abgeordnete von Biberach Der meininger Müller Der Abgeordnete Müller-Meiningen Der Heilbronner Der Abgeordnete von Heilbronn Freisinnshäuflein Die Freisinningen Genossenfraktion Die Sozialdemokraten Wallotbräu Deutscher Reichstag Herr Gröber runzelt über dem Bartdickicht die Stirn Herr Gröber, der einen dichten Bart hat, runzelt die Stirn Wahrscheinlich, daß nur jähe Wut den Tort gebar Wahrscheinlich, daß der schwäbische Abgeordnete nur im Zorn Unrecht tat Wie Herr Landgerichtsrat Gröber, wenn er in Kätchens Heimat auf der Sella säße, darüber urteilen würde Wie Herr Gröber als Richter in Heilbronn darüber urteilen würde Die denunciatio des Herrn Müller Die Denunziation des Herrn Müller Korypho Korfu Die Stadt Konstantins Konstantinopel Den Sitz Konstantins erklettern Den byzantinischen Thron besteigen Die Beute des geflügelten Markuslöwen werden Von Venedig besiegt werden Johannes Zimiskes, der im cubiculum die brünstige Theophano umarmt, wehrt dem Romäerreich die Slavengefahr ab ? Unter dem Kalimafkon, dem prächtig wallenden Trauerschleier, verwest der Leib des von großen Kriegern und Organisatoren geschaffenen Staates ?? Von dem Basileus erbt der Zar der Moskowiter, der die Palaeologentochter freit, den Stirnreif des Konstantinos Monomachos ??? Der Kongreß der von Bonapartes Tatze zerstückten Europa Der Wiener Kongreß Ein vom deutschen Volk Abgeordneter Ein deutscher Abgeordneter Der vom Sultan Gesandte Der türkische Gesandte Das Tier mit den zwei Pigmentschichten unter der Chagrinhaut Das Chamäleon Die für den Kaiser gedeckte Tafel wird mit allen Wundern südlichen Lenzes geschmückt An der Hoftafel wird junges Gemüse serviert Unterm Wonnemond ein borussisches Sodom bezetern Im Mai über preußische Sittenverderbtheit klagen Onans Schatten schleicht durch Schulen und Internate In Schulen und Internaten geht's zu Schnellschreiber Reporter Der oft gebüttelte Milchmann Riedel Der Milchhändler Riedel, der oft mit der Polizei zu tun hatte Schritt vor Schritt Schritt für Schritt Die Kränkelnden Die Päderasten Der Skalde, Fasanenjäger und Krückensimulant wird mit seinem Girren dem Reich nicht mehr schaden Fürst Eulenberg wird mit seinem süßlichen Wesen keinen Schaden mehr stiften können Vier Häupter sanken bleichend vom Rumpf Vier Personen sind unmöglich gemacht Unterm Sonnensegel den Lehren alter Geschichte nachträumen Vor einem Zettelkasten seekrank werden Auf dem Gerichtstisch der Kruzifikus Auf dem Gerichtstisch das Kruzifix Ein Wort den Hirnzentren einprägen Ein Wort sich merken Hundertmal ist aus keuchender Brust auf Eissprossen die Furcht in den Kopf geklettert, nicht zu dauern, bis all dies Grausig-Skurrile den Mitlebenden erzählt ist ? In dem rotwangigen Weißkopf zitterts vor verhaltener Erregung Bernstein ist aufgeregt Der Antaios, der wieder auf heimischen Boden ringt Bernstein plaidiert wieder in München Ein gutmütiger Oberbayer, der Zunge und Faust nicht gern feiern läßt, wenn ihm ein Läuslein über die Leber gelaufen ist Der resolute Milchhändler Riedel, der die Wahrheit sagen muß, wenn ihm Herr Harden über eine tiefer unten liegende Partie gelaufen ist Ein Vergnügen, dem Mann zu lauschen. Hold wuchs ihm der Schnabel nicht; aber er ziert sich auch nicht und jedes Wort hat den Schmack des Erlebten Er ist ein Grobian; aber wenn er erzählt, was er vor fünfundzwanzig Jahren erlebt hat, so lauscht jeder Schmock mit Vergnügen Unser Richter sucht bei der Übertragung ins Hochdeutsche dem Wort seinen Wesensruch zu wahren Mayer sucht bei der Übertragung ins Hochdeutsche dem Wort seinen wesentlichen Gestank zu wahren, was schwerer ist als bei der Übertragung ins Desperanto Ungefähr dreißigmal haben Polizei und Gerichte ihn gepönt Der Riedel ist leider vorbestraft Nicht für schlimm makelnde Tat Nicht für entehrende Handlungen (z. B. sexuelle) Des Sexualtriebes Befriedigung hat die junge Seele schon gekitzelt Der Riedel war keine Unschuld mehr Er ging ins Zivile Er quittierte Der Zeigfinger Der Zeigefinger Der Feldafinger Der Riedel Seit diesen Vorgängen ist viel Wasser durchs Würmbett gelaufen Lang, lang ist's her Der in der Thurmstraße Gebietende Isenbiel »Was gings Dich an, Tropf, damischer?« fragt Frau Riedel Überaus seltene Dialektwendung der Grunewaldbauern, ähnlich nur noch bei den Kuhmägden von Mürzzuschlag, die bekanntlich seinerzeit über den Bezirkshauptmann Hervay sagten: »Der kann in der Brautnacht ein Mensch nicht von einer Jungfer unterscheiden und will im Mürzbezirk hier der Höchste sein!« »Die Augen mühen sich, dem Ausfrager zu sagen: »Redst damisch daher, Tropf Du, eiskalter« Siehe oben Das Gehirn assoziiert im Gangliondunkel die Möglichkeiten Der Fischerjackl hofft doch noch, daß nichts herauskommen wird Wer scharf hinschaut, ahnt in dem ganglion ciliare die Furcht, hinter dem pupillarischen Spottversuch die bange Frage, was die nächste Minute wohl bringen könne Dem Fischerjackl wird entrisch zu Mut Die Herren, die vom Mann heischen, was dem Normalen das Weib gewährt Die Homosexuellen Vor Gericht die Spinatgartenschande ausspreiten Als päderastischer Zeuge von Herrn Harden geführt werden Das Ohr läßt von außen her keine Schallwelle durch das ovale Fenster ins knöcherne Labyrinth Man hört nichts Die Magennerven langen nach Futter Man ist hungrig Das Gefäß, dem ein Kindlein entbunden werden kann, mag Eifersucht bewachen Auf eine Frau kann man eifersüchtig sein Die im Pflichtbett lieblos gezeugte Brut Die Kinder verheirateter Homosexueller Die Gefühlsdominante bergen Seine Anlage verheimlichen Die weit von der Norm abbiegende Wesenskurve verhüllen Den homosexuellen Trieb verbergen Küsse, die von Gethsemane her unter Männern in Verruf sind Judasküsse nach § 175 Im Hagestolzenheim, das dem Tarifeden einer Luxusdirne ähnelt, neben dem breiten Himmelbett das neuste Buch des just in die Mode gelotsten Sexualmystagogen haben In seiner eleganten Junggesellenwohnung sich auch geistig beschäftigten (Tarifeden lies Tarif-Eden) Soll der Schoß deutscher Frauen aus edel gezüchtetem, unerschöpftem Stamm verdorren, weil dem Herrn Gemahl Ephebenfleisch besser schmeckt? Sollen die deutschen Hausfrauen unbefriedigt ausgehen, weil sie einem kultivierten Geschmack zu langweilig sind? Der Ruch der Männerminne Der Verdacht der Homosexualität Der Justizrat fältelt die Wange Bernstein wird nachdenklich Britenfräuleinromane Gouvernantenromane Zwei Interviews aus der ersten Maidekade Zwei Interviews vom Anfang Mai Der Schänder ehrlich reifender Mannheit Eulenburg Die zurückgestaute Wahrheit stürzt über die Beinpfosten der Mundschleuße Einer beeilt sich, auszusprechen was ist Von Humor und Lyrik In diesem Sommer habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, die überwältigende Humorlosigkeit der deutschen Literatur von zahlreichen berühmten Beispielen auf mich einwirken zu lassen. Das Wesen des deutschen Humors, dem Betrachter eine Belustigtheit aufzudrängen, die er selbst dann nicht mitmachen könnte, wenn er auch nur imstande wäre, ihre Ursache zu ergründen, hat sich mir am faßlichsten in Gerhart Hauptmanns »Jungfern vom Bischofsberg« offenbart, einem Lustspiel, das ich aus Furcht vor einer Enttäuschung am Dichter des Hannele und der Pippa seinerzeit gemieden hatte und das mir nun durch das Mitleid mit dem Humor jenes archäologischen Fundes einer Wurst geradezu die Bedingungen einer Gerhart Hauptmann-Tragödie zu erfüllen schien. Es war sicherlich kein Zufall der Wahllosigkeit, daß ich unmittelbar vorher Nietzsche, an den die fröhliche Wissenschaft um dieses blamierte falsche Gelehrtentum sichtlich anknüpft – eine Zopfneckerei, die pedantischer und enger ist als alles Zopftum –, gelesen und mich an Witzen, wie etwa, daß die deutsche Kultur an der »Rhinoxera« leide, delektiert hatte und an ähnlichem polemischen Geist, der nun einmal – ja, so sind sie diese Deutschen – der Unsterblichkeit einverleibt ist. Und mit dem Respektmangel, zu dem einen kein anderer Autor so sehr autorisiert wie der, der Kant einen Idioten genannt hat, darf auch gesagt sein, daß ich unmittelbar darauf zu den höchsten Vorbildern deutschen Mißhumors vordrang. Zu den Dioskuren der Witzlosigkeit, deren Xenien ich bis dahin noch nicht in ihrer erschöpfenden Fülle genossen hatte. Ich fand sie in einem merkwürdigen Band »Nachträge zu Goethes sämtlichen Werken, gesammelt und herausgegeben von Eduard Boas, Leipzig, Verlag von L. H. Bösenberg 1841«, der einfach vorbildlich ist für alle falsche Optik, durch die sich die Literaturgeschichte vor jeder andern menschlichen Betätigung auszeichnet. Es muß wirklich so sein, daß schon die bloße Möglichkeit, sich berufsmäßig mit Dingen des Geisteslebens zu befassen, den Menschen dahin bringt, das Kleine groß und das Große klein zu sehen. Die Xenien sind ganz bestimmt nichts anderes als die Ausführung des Vorsatzes zweier Schriftsteller, weil sie sich langweilten, es darum auch andern zu tun, und sie hätten das Jahr ihrer Entstehung kaum überlebt, wenn nicht eben zwei Namen darunter stünden, die wie ein gemeinsamer Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen und doch nicht Lustigen nur dem Staunen Raum lassen, daß es im geistigen Gebiet solche Verwandlungen geben kann. Es ist denn auch wirklich schwer, die Dioskuren auseinanderzuhalten und die Spuren Schillers von jener tieferen Humorlosigkeit, die die Satire »Götter, Helden und Wieland« oder die »Aufgeregten« geschrieben hat, zu unterscheiden und umgekehrt. Verdrießlich ist dabei nicht, daß der Schöpfer der Helena und der Pandora keine Heiterkeit verbreiten konnte, wohl aber daß er es wollte, und erstaunlich ist, daß es ihm gelang. Denn die Urteilslosigkeit der Literaturgeschichte kann sich mit Recht auf die Empfänglichkeit der Zeitgenossenschaft berufen, die von jenem Boas wie folgt vermerkt wird: Am 31. Oktober 1517 ward die kirchliche Reformation in Deutschland begonnen; im Oktober 1796 nahm die literarische ihren Anfang. Damals schlug Luther seine Thesen zu Wittenberg an, jetzt erschien der Schillersche Musenalmanach mit den Xenien . Niemals zuvor hatte Einer den Mut gehabt, alle sanktionierten Dummheiten so schonungslos aufzurütteln, die Heuchler so scharf zu geißeln. Unermeßlichen Vorteil zog das deutsche Schrifttum aus diesem Ereignis, und wir wollen hier einen kurzen Abriß seiner Geschichte geben. – – Da erzürnten sich endlich die Leuen zu Jena und Weimar heftig; sie beschlossen, einmal furchtbar Gericht zu halten , und Schiller ging mit dem gewohnten Feuer darauf ein, als Goethe den Anschlag zu den Xenien machte. Alles Kraftlose, Gemeine, Altersmorsche und Selbstsüchtige sollte befehdet, jedoch die Grenze des frohen Humors nicht überschritten und alles Kriminelle vermieden werden, damit die Musen dem Scharfrichter nicht ins Handwerk fielen. So ging man denn lustig ans Werk, und in ganzen Schwärmen wie Zugtauben flatterten die bunten Epigramme mit der Botenfrau zwischen Jena und Weimar hin. – – Auch die frische, unbefangene Jugend jauchzte laut den Xenien entgegen, und viele derjenigen Literaten, welche verschont geblieben waren, freuten sich hämisch der Flamme auf des Nachbars Dach ... Die aber (die Dioskuren) saßen lächelnd und unnahbar in ihrer Götterruhe, machten psychologische Studien an der fieberhaften Aufregung ihrer lieben Zeitgenossen, und ließen sich durch alles Gebell und Gewinsel nicht stören ... In voller Nachlebensgröße tritt hier weniger sympathisch die Doppelgestalt hervor, die, schon in Marmor, psychologische Studien an der Erregung macht, als die ahnungslose Botenfrau, die mit den Epigrammen zwischen Jena und Weimar hin- und herflattern mußte. Schiller schrieb den 12. Dezember 1796 an Goethe: »Ich werde, wenn der Streit vorbei ist, Cotta vermögen, alles, was gegen die Xenien geschrieben worden, auf Zeitungspapier gesammelt drucken zu lassen, daß es in der Geschichte des deutschen Geschmackes ad Acta kann gelegt werden.« ... In diese Geschichte des deutschen Geschmackes gehört nicht so sehr alles, was gegen die Xenien geschrieben wurde, wiewohl es ja auch trostlos genug sein mag, sondern das Werk selbst und die Begeisterung dafür. Zwar ist die frische, unbefangene Jugend jenes Zeitalters, die sich somit kaum von der heutigen unterschied, sofort als das Literatentum agnosziert, das sich hämisch der Flamme auf des Nachbars Dach freut; aber die Anspruchslosigkeit, die hier eine Flamme gewahrte, zeigt, welches Minimum von Satire damals genügt hat, um den Instinkt der Schadenfreude, der dieser Zunft wie keiner andern eingeboren ist, in Betrieb zu setzen. Das Feuer hätte schon an den schlechten Hexametern ein natürliches Hindernis finden müssen. Gleich das erste Distichon, das den »ästhetischen Torschreiber« fragen läßt: Halt Passagiere! Wer seid Ihr? Weß Stand es und Charakters? Niemand passieret hier durch, bis er den Paß mir gezeigt deutet an, daß hier in der Tat ein großer Widerstand zu überwinden war, um die Grenze des frohen Humors zu überschreiten, und gar nicht so uneben wie solche Distichen war jenes, mit dem einer geantwortet hat: – ^ ^ – – – – – ^ ^ – ^ ^ – – In Weimar und in Jena macht man Hexameter wie der; – ^ ^ – ^ ^ – – – – – ^ ^ – Aber die Pentameter sind doch noch excellenter. Gewiß gehört aber in die Geschichte des deutschen Geschmackes mehr als solche Polemik die Art, wie der Literarhistoriker auf die Gegenschriften reagiert. Unter einem Dutzend, das er anführt, bespricht er eine folgendermaßen: 10. Urian's Nachricht von der neuen Aufklärung, nebst einigen anderen Kleinigkeiten. Von dem Wandsbecker Boten. (Hamburg, 1797.) Herr Claudius gehört zu den Leuten, die den Mund gern etwas voll nehmen, und von Allem, was sie betrifft, recht viel Spektakel machen. So freute er sich gewiß auch innerlich über den Xenienangriff ; denn er konnte doch eine Entgegnung schreiben, und die Leute sprachen nun von ihm. Zuerst berichtet Herr Urian den Dänen über das neue Licht, das in Frankreich aufgegangen, denn schießt er grobe, plumpe Epigrammenpfeile auf Schiller und Goethe ab. Nur ein witziger Vers steht unter allen: Der Wilhelm. Wie er so leidig spielt mit Namen! Nennt seinen Liebling Nickel, Und seine Nickels Damen. Das Xenion aber lautet: 18. Erreurs et vérité. Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote von Wandsbeck. Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den brachtest du fort! Dazu die Erläuterung des Herrn Boas: Matthias Claudius in Wandsbeck, der Übersetzer des Buchs »Des erreurs et de la vérité« von Marquis St. Martin, wovon jener sehr naiv gestand: »Dies Buch ist ein sonderliches Buch, und die Gelehrten wissen nicht recht, was sie davon halten sollen, denn man versteht es nicht. – Ich verstehe es auch nicht.« Claudius, der sich mithin im Gegensatz zu den zeitgenössischen Literaten der Flamme auf dem eigenen Dach gefreut haben muß, hatte gewiß nicht mehr Humor als dem besten Deutschen von der Natur zugemessen wurde, immerhin etwas weniger gewaltsamen, als in 413 Xenien enthalten ist. Daß aber der Dichter des Abendliedes ein Reklameheld war, diese Entdeckung konnte nur der deutschen Literaturgeschichte gelingen, und daß unter die Leute, die den Mund gern etwas voll nehmen, ein Literarhistoriker Claudius einreihen kann und nicht etwa Claudius den Literarhistoriker, gehört zu den Dingen, die eben nur in der deutschen Literaturgeschichte möglich sind. Noch im Jahre 1841 also, 26 Jahre nach seinem Hingang, konnte über einen Mann, dessen edlen Sinn jedes Wort, das er geschrieben hat, verbürgt und der nicht Goethes Umfang und Größe, aber tiefere lyrische Augenblicke als selbst er erreicht hat, in so niedrigem Ton geschrieben werden. Den Begriff, den jener Boas von der lyrischen Schöpfung hat, offenbart er aber auch in allem, was er für Goethe zu sagen hat; etwa so: Goethe war eine viel künstlerischere Natur; er beherrschte seine Werke immer und warf nichts aufs Papier, ehe es nicht glatt und vollendet vor seinem Geiste stand. Trotzdem gibt's aber Varianten bei Goethe, durch deren Mitteilung sich Boas ja ein Verdienst erworben hat: – – wir belauschen den Dichter, wie er doch zuweilen noch glättete , oder neue Linien eingrub, und finden dadurch ein Mittel, seinem hohen Bildungsgange folgen zu können. Was nun diese Varianten betrifft, so geht ihre Bedeutung dem Literarhistoriker nicht aus ihnen selbst hervor, sondern: Übrigens bin ich gegen den Einwand gewaffnet, »daß diese Varianten, sowohl in Hinsicht auf Masse als Inhalt, zu geringfügig seien, um hier mitgeteilt zu werden.« Ein im deutschen Sprachgebiet, wo man den Wald vor lauter Blättern nicht sieht, wohl möglicher Einwand, dem Boas aber wie folgt begegnet: Ich denke, es reicht vollkommen hin, wenn ich darauf erwidere: Die Veränderungen müssen doch wohl nicht so ganz bedeutungslos sein, da Goethe sonst gewiß Alles gelassen hätte, wie es früher war. Ohne Zweifel. Und da geschieht es dem Literarhistoriker, der zuerst die endgültige Fassung von Wanderers Nachtlied mitteilt, daß ihm der Drucker den Schluß so hinsetzt, wie etwa der Ungar in der Anekdote ein Reimwort zitiert. Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; Die Vöglein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest auch du . Wird hier durch die Umstellung zweier Worte das Werk entwertet, so zeigt die Urfassung in der Tat, wie wenig Worte verändert werden mußten und wie weit doch der Weg zu einem Gipfel deutscher Lyrik war: Unter allen Gipfeln ist Ruh; In allen Wäldern hörest du Keinen Laut! Die Vögelein schlafen im Walde; Warte nur! balde, balde Schläfst auch du! (Man hätte nur »Die Vögelein schlafen « erhalten gewünscht.) Dieser Goethesche Ernst rührt doch mit jedem Buchstaben an tiefere menschliche Gründe als der Entschluß, die Grenze des frohen Humors nicht zu überschreiten, aber auch nicht zu erreichen. Und wann wäre dieses Gebiet von einem deutschen Geist jemals betreten worden? Wobei ich natürlich mit dem denkbar größten Respekt jenen Humor außer allen Zweifel stelle, den die Humorlosen als so etwas wie ein metaphysisches Schmunzeln über sämtliche Schwächen der Menschheit definiert wissen wollen und der zwar behaglicher und geruhsamer, aber nicht dankenswerter ist als alle Versuche, sie mit Langeweile zu geißeln. Man wird schon gemerkt haben, daß ich Humor mit Witz verwechsle, aber ich tue es gern, indem ich tatsächlich nicht weiß, was das Wesen des Humors ist, wenn ihm der Witz fehlt. Ich will ja nicht behaupten, daß ich zur Beurteilung dieser Dinge kompetent sei, aber an den großartigsten Beispielen von deutschem Humor ist er mir als die Eigenart erschienen, keinen zu haben und für diese menschliche Schwäche ein verstehendes Lächeln aufzubringen. Jean Paul, der gewiß in vielem verehrungswürdige und trotz umfassender Bildung unbeschränkte Geist, sagt, daß der Humor, als das umgekehrte Erhabene, nicht das Einzelne, sondern das Endliche durch den Kontrast mit der Idee vernichte; es gebe für ihn keine Toren, sondern nur Torheit und eine tolle Welt. Es wird wohl noch wenigen Lesern gelungen sein, an des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz diese Erkenntnis zu überprüfen; aber ich glaube, daß der Witz unzweifelhaft daran festzustellen ist, daß er im Einzelnen das Endliche durch den Kontrast mit der Idee vernichtet, während der Humor eigentlich daran zu erkennen ist, daß er durch die Ausflucht in das Allgemeine dieses Kontrastes gar nicht habhaft und seine Beziehung auf die Idee oder seine Vernichtung des Endlichen nur glaubhaft wird, weil er nicht das Temperament hat, sich zu dem Einzelnen so herabzulassen, daß es nicht mehr vorhanden ist, was diesem doch widerfährt, wenn sich der Witz nur zu regen beginnt. Da ich infolge einer angeborenen Unzulänglichkeit Romane nicht zu Ende lesen kann, indem ich, der imstande ist, sechzehn Stunden ohne Unterbrechung und ohne Ermüdung zu arbeiten, schon beim geringsten Versuch, mir zu erzählen, daß Walter beim Betreten des Vorzimmers auf die Uhr sah, was mich so wenig angeht wie alles was weiter geschah, in tiefen traumlosen Schlaf verfalle, so sind mir sicherlich, nebst allem, was die Menschheit in Spannung versetzt, zahllose Perlen entgangen, die gesammelt ein Schatzkästlein deutschen Humors ergeben würden. Selbst die anerkanntesten Abkürzer – von Kleist, der mit einem »dergestalt daß« über alles Unwesentliche bei der Vergewaltigung der Marquise von O. hinweggeht, bis zu Heinrich Mann, der überhaupt nur jenes Wesentliche andeutet, das ihm die Erscheinungen sowie Hintergründe des mondänen Lebens erschlossen haben – konnten mir's nicht leichter machen, da ich mir eben nichts »erzählen« lasse und mir die letzte Lokalnotiz oder deren Dichtung bei Peter Altenberg stets unendlich mehr gesagt hat als jedes Werk einer Kunstform, die, wie keine andere, der Sprachschöpfung entraten kann (um alles andern willen was nichts mit der Sprache zu schaffen hat, wie Bericht und Psychologie) und in deren unkontrollierbarer Weise die wirkende Persönlichkeit zugunsten der Wirkung abdankt. Es scheint mir überhaupt keine andere Wortkunst zu geben, als die des Satzes, während der Roman nicht beim Satz, sondern beim Stoff beginnt. Dagegen vermöchte ich von der Lyrik nichts Höheres auszusagen, als was mir ein Berliner Raseur, ungefragt aber bedankt, ins Ohr geflüstert hat: »Ja, der Bart hats in sich!« Im Drama bleibt die reine Schöpfung um die Notwendigkeit verkürzt, sie durch szenische Anweisungen und Behelfe für die reale oder vorgestellte Bühne zu ergänzen. Was die humoristischen Vertreter der Gattung betrifft, so möchte ich gestehen, daß mich seit der Minna von Barnhelm, die bekanntlich ein echt deutsches Lustspiel ist, eine unbestimmte Furcht vor dem Genre beseelt hat, welche durch Freytags »Journalisten« nicht behoben werden konnte, so gern ich einräume, daß es großen Schauspielern gegeben war, in den Rollen solcher Stücke eine gewisse Heiterkeit zu verbreiten. Die typische Hoffnung der Literarhistoriker, daß dieser oder jener Autor dem Publikum endlich »das deutsche Lustspiel schenken« werde, habe ich immer als eine bange Erwartung mitgemacht und erlöst aufgeatmet, sooft nichts daraus wurde. Was Grabbe in seiner maßlos einfältigen Schrift über die »Shakspero-Manie« (die in jeder Zeile belustigender wirkt als ein deutsches Lustspiel und zum Beispiel sein eigenes) gegen den Falstaff sagt, ist so übel nicht: »Ein Charakter, der bloß des Lebensgenusses wegen komisch und witzig ist«, sei »von der Grundlage der deutschen National-Komik, welche auch das Lustige unmittelbar auf Ideale bezieht und daher schon dessen Erscheinung als solche schätzt, weit entfernt«. Das ist er in der Tat. Man vergleiche nur jede Geste dieser Gestalt – die erst in der dem deutschen Publikum bekannten Oper »Die lustigen Weiber von Windsor« zur Leibhaftigkeit ihres Genies herabgekommen ist – mit allem, was das deutsche Lustspiel auf der Grundlage der deutschen National-Komik hervorgebracht hat. Wann aber hätte gerade sie das Lustige auf andere Ideale bezogen als auf das Fressen und Saufen, hinter dessen Komik doch nicht die Spur eines tragischen Zugs, wie er jener ritterlichen Verlumpung anhaftet, wahrnehmbar wird! Siebzig Jahre ›Fliegende Blätter', die den Frohsinn einer Nation von deutscher Burschenherrlichkeit zu deutscher Philisterschäbigkeit fortgebracht haben, sprechen wohl ebenso viele Bände für das Wesen deutscher Erlustigung: in Wort und Bild Illuminierung des Umstands, daß »Humor« Feuchtigkeit bedeutet. Die Charaktere, die aus solcher Belletristik in solches Leben hineingewachsen sind und umgekehrt, haben mit dem Falstaff nicht einmal den Lebensgenuß, sondern bloß dessen Mittel gemeinsam; ganz gewiß nicht den Ertrag der Komik und des Witzes. Wenn die deutsche Literatur nur an das Thema des Fressens und Saufens rührt, so stellt sie die lebendige Atmosphäre der Unappetitlichkeit her, die die physische Zeugenschaft dieses Aktes zur Pein macht, und es vollzieht sich alles mit dem Anspruch, daß die Aufnahme von Lebensmitteln an und für sich etwas Bemerkenswertes und Komisches sei. Nichts wird dem deutschen Humoristen zum größeren Erlebnis als die Vorgänge der Verdauung, und man erinnert sich noch, daß eine deutsche Sängerschar auf einer Ozeanfahrt sich und die Leser in der Heimat mit nichts Besserem zu zerstreuen wußte als mit der gegenseitigen Beobachtung der Seekrankheit und ihrer Begleiterscheinungen. Daß ein Wein gepantscht sein kann, ist ein Motiv, das von jeher deutsche Lustigmacher zu einem Grimm befruchtet hat, der in einem befreienden Lachen seinen versöhnlichen Ausklang zu finden hatte, und der deutsche Humor macht den Säufer nicht zum abschreckenden Beispiel, sondern sich zum Kumpan. In die Kategorie solcher urwüchsigen Geistlosigkeit gehört ein Gedicht, das ich in einer deutschen Zeitschrift, »Die Meister«, finde, die sich die Aufgabe gestellt zu haben scheint, vor deren Lektüre zu warnen. Von Ludwig Anzengruber, den die Liberalen zum Dichter gemacht haben, weil er den »Pfarrer von Kirchfeld« geschrieben hat, und dem, da er längst keiner mehr ist, die Klerikalen noch seine anständige Gesinnung nachtragen, rührt das Folgende her, das als Muster feuchtfröhlicher Fadaise schon ganz geschluckt werden muß: Herr Wirt Herr Wirt, was war das nächtens für Ein gottverfluchter Tropfe ? Es schmerzt mich heute morgens schier Ein jedes Haar am Kopfe! Wie muß die edle Gottesgab' Verschändet und ver hunzt sein? Mein Seel, was ich getrunken hab', Das war wohl eitel Kunstwein ! Ei, heb' die Hand beteuernd nicht, Daß dieser Soff Natur ist. Man weiß ja doch, verdammter Wicht, Daß leicht wie Spreu dein Schwur ist. Üb' Iieber Treu und Redlichkeit, Schreib's an die Etikette, Damit sich sachte noch beizeit Ein Christmensch davor rette. Du hättest nur wie vor und eh ' was Kellerei betrieben Und dir sei an organische Chemie ganz fremd geblieben?! Hör du, es ist doch ganz umsunst , Hier Lügen zu erstinken, 's ist Kunstwein, denn 's ist eine Kunst, Von diesem Wein zu trinken. Von der Banalität abgesehn, die solche Anstrengung braucht, um zu solchem Einfall zu kommen, und nebst aller Versquetscherei ist der Reim »verhunzt sein« und »Kunstwein« bemerkenswert. Es ist aber der typische Reim der deutschen Lustigkeit, den die von ihr Befallenen noch als Reim hören. Heine ist gewiß von anderer Art, da er mit etwas mehr wurzellosem Witz als urkräftigem Behagen die Herzen aller Hörer zwingt. Aber in einer seiner Klapperstrophen, die durch die Lizenz, daß sich der dritte Vers nicht reimen muß, einer Welt von Frechheit Mut zur Satire gemacht haben, reimt sich der vierte folgendermaßen: Von Köllen bis Hagen kostet die Post Fünf Taler sechs Groschen preußisch. Die Diligence war leider besetzt Und ich kam in die offene Beichais'. Hier ist wirklich die äußerste Einheit gedanklichen und klangliches Wertes erreicht. Der Dichter hat getrost einen Hinweis unterlassen können, daß »preußisch« »preußäsch« ausgesprochen werden soll, um den Reim zu ermöglichen. Es hätte ihm ohnedies nichts geholfen, da »Beichais« – man weiß zuerst gar nicht, was das ist – leider nun einmal »Beischäß« und nicht »Baißäsch« ausgesprochen wird. Da kann einer nur das Dichterwort zitieren, daß die Diligence leider besetzt war; bei solchem Mangel an Sorgfalt für das Wort muß man wohl oder übel in die Beichais' kommen. Aber ein Dichterohr merkt keinen Unterschied und eine Kultur hat von der Lieder süßem Mund, der die Vorstellung »preußisch« mit einer »Chaise« in Harmonie bringt, ihren Begriff von Lyrik abgenommen. Und ein erschrockener Wildgans-Verehrer fragt mich, ob ich am Ende auch das Buch jener Lieder meine, das »einen Teil des deutschen Kulturbesitzes ausmacht«, wenn ich von einer Lyrik spreche, die im tiefsten Einklang mit dem, was das Publikum zu hören wünscht, ihm das einsagt, was es aus Zeitmangel nicht selber dichtet. Er hat's erraten, aber ich meine es nicht nur auch, sondern auch nur es, denn alles weitere kommt ja davon, ist ja bereits von einem Publikum, das sich ausnahmsweise Zeit genommen hat und unter die Literaten gegangen ist. Und um den, der die Rechnung ohne den Wirt Humor gemacht hat, beim Wort zu nehmen: wem könnte es ferner liegen, als mir, zu bestreiten, daß die Heine'sche Lyrik einen Teil des deutschen Kulturbesitzes ausmacht. Nicht zu ihm gehören Couplets von Nestroy, der von diesem Wirt keinen Kunstwein bezieht und dafür auch ein sprachliches Charakterbild von Versoffenheit hergestellt hat, das auf festeren Beinen schwankt als die gesamte deutsche Lustigkeit von Goethe und Schiller bis Anzengruber und Hauptmann. In der Fortsetzung des »Lumpazivagabundus« tritt der schon ganz verkommene Knieriem mit dem folgenden Entree auf die Szene: Herr Wirt, ein' saubern Slibowitz, Ich hab' jetzt g'rad auf einen Sitz Drei Hering' 'pampft in mich hinein. Drauf 'trunken a vier Halbe Wein, Hernach hab' ich ein' Heurig'n kost't, Acht Würsteln und sieb'n Seidel Most, Dann friß ich, denn das war net gnua, Fünf Brezeln und ein 'Kaas dazua, Drum möcht' ich, denn ich hab' so Hitz', Mich abkühl'n mit ei'm Slibowitz. Hab'n Sie 's schon g'hört, daß s' drent beim Rab'n Mich heut hinausgeworfen hab'n? A jede Ripp' in mir hat 'kracht, Mein Plan zur Rache ist schon g'macht. Die Gäst' drent hab n mir d' Freud' verdurb'n, Jetzt beutl' ich z'Haus den Schusterbub'n, Und wenn mich jemand hier tuschiert, Wird heut mein Weib noch malträtiert; Ich lass' gern , komm' ich schiach nach Haus, Mein' Zorn an der Familli aus! Das wiegt natürlich – und kein Mensch kennt es – als Gestalt einen ganzen Schalanter auf und ist einfach das Denkmal eines Volkstums. Vor solcher Vergeistigung des Ordinärsten wird der deutsche Humor der Viktualien kleinlaut. Aber gegen diese Lyrik, in der man nach den Schlägen, die das Weib bekommt, skandieren kann, und gegen dieses versoffene Organ, in dem sich so organisch die Rache mit dem Krachen der Rippen zum Reim fügt, hat halt doch auch die Loreley einen schweren Stand. Nebst den scharfen Spuren, die er bei Lichtenberg und bei Busch hinterließ, dürfte der deutsche Humor, jener, der nicht von der eigenen Belustigung lebt – der Humor der Sprache, nicht der des »Stoffes« (Alkohols) – ganz auf Nestroy aufgegangen sein. Und da er in ihm konzentriertester Spiritus war (und nicht bloß jene Feuchtigkeit, die den deutschen Sinn in Laune versetzt), so ergab er auch den echten Lyriker. Aber zum deutschen Kulturbesitz gehört das Bewußtsein, daß Humor sich dann bildet, wenn der Wein gepantscht ist, und Lyrik, wenn sie wie eine Blume ist. Wiewohl sie dann doch auch nur eine Kunstblume ist.