Wilhelm Jensen Aus See und Sand – Erster Band I. Der junge Dorflehrer in Loagger, Tilmar Hellbeck, kam von einem Nachmittagsausgang ins Schulhaus zurück. Ein Gebäude war's, in seiner Bauart den anderen Häusern des Strandkirchdorfes gleich, einstöckig, von weit niederhängendem, dunkelbemoostem Strohdach bedeckt; nur wenig Fenster sahen darunter hervor, wie Augen unter übernickendem Haar, doch jedes aus vielen winzigen Scheiben zusammengesetzt. Nach Westen auf die Nordsee blickte keines aus, hier wie überall; von dort kam fast beständig durch das ganze Jahr der Wind, oft als Sturm, Seewasser oder Sand durch die feinsten Ritzen peitschend, und alle Dorfhäuser kehrten ihm feste Mauern zu, meistens die Rückwand der mit dem Wohnhaus zu einem verbundenen Scheune. Die fehlte jedoch dem Schulgebäude, zu dem kein Acker- oder Weideland gehörte. Nur für die winterliche Unterbringung eines halben Dutzend von Schafen befand sich ein kleiner Stallanbau an der Westseite. Tilmar Hellbeck war von schmächtiger Gestalt und schmalem, blaßfarbigem Gesicht; seine Augen boten die Ähnlichkeit mit den Fenstern des Schulhauses, daß sein Haar Neigung trug, vom Stirnrand auf sie herunterzufallen und ihn veranlaßte, es gewohnheitsmäßig, manchmal mit einem leichten Aufruck, wieder emporzuwerfen. Das Haar gehörte der blonden Art an, doch machte es trotzdem einen dunklen Eindruck; aus der Entfernung erschien es wie vorzeitig ergraut, mußte indes täuschen, denn er stand erst in der Mitte der zwanziger Jahre, und beim Näherkommen zeigte es sich von einer mattem Stahl ähnelnden Färbung. Seine Kleidung war nicht bäuerisch, sondern städtisch, erkennbar mit einer gewissen Sorglichkeit gehalten, doch abgetragen, an Stellen beinahe fadenscheinig. Sie sprach von ärmlichen Verhältnissen, wie deutlicher noch die Magerkeit der Züge von karger Ernährung. Den Umständen gemäß war das Lehrergehalt in Loagger ein recht klägliches. Trotzdem hatte er sich vor drei Jahren glücklich geschätzt, die Stellung zu bekommen. Durch mühevolle Arbeit und Entbehrung seiner Mutter war's ihm, der seinen Vater kaum mehr gekannt, ermöglicht worden, sich zum Volksschullehrer auszubilden. Jahrzehnte schweren Lebenskampfes waren es für jene gewesen, da sie, nach der landläufigen Benennung von »besserer« Abkunft, nicht in der Voraussicht aufgewachsen, sich und ihrem Kinde einmal mit ihren Händen den Unterhalt verdienen zu müssen. Doch Mutterliebe hatte sie ausdauernd zur Erreichung des Zieles gemacht, das sie sich für ihren Knaben vorgesteckt, ihn vor der Nötigung zu einem Handwerk zu bewahren. Wenn es ihr auch nicht möglich geworden, ihn der Überlieferung ihrer Familie gemäß auf eine gelehrte Laufbahn zu bringen, machte der Lehrerberuf ihn doch einem Bildungsstande zugehörig. Rastlos, mit eisernem Fleiß hatte er selbst gearbeitet, die Hoffnung seiner Mutter zu erfüllen, ihre Mühen und Sorgen vergelten zu können, denn sein Herz hing an nichts auf der Welt, als an ihr, wie das ihrige an ihm. Und so war's geschehen, im letzten Augenblick höchster Bedrängnis; als ihre Kräfte erschöpft zusammengebrochen, sie nicht mehr weiter gekonnt, der Hungertod ihnen ins Gesicht gestarrt, hatte die Schulbehörde ihm die durch Todesfall erledigte Lehrerstelle in Loagger übertragen. Kümmerlich war sie, aber ließ nicht verhungern, gewährte ihm das Höchste, jetzt seine Mutter, die früh Gealterte, erhalten zu können. Wie ein vom Himmel herabgefallenes Glück hatte er das Amt in dem einsamen, weltentlegenen Stranddorf übernommen; eine erste Stufe wenigstens, auf der er Fuß gefaßt, sich von ihr höher und freier weiter zu heben. Spätnachmittag im Aprilanfang war's, und eine weiche Luft kündigte Herannahen des Frühlings. Wie der junge Lehrer, eine alte blecherne Botanisierbüchse am Band über der Schulter tragend, von seinem Ausgang zum Schulhaus zurückkam, saß Frau Margret Hellbeck, mehr weiß- als grauhaarig, auf einer Bank vor der Tür, nach Bauernfrauenbrauch altmütterlich mit den mageren Fingern an einem Spinnrocken tätig. Halb überrascht begrüßte sie den Herantretenden: »Kommst du schon wieder, Til? Ich dachte, bei dem schönen Wetter bliebest du länger aus. Der Winter war lang, da tut's wohl im Freien.« Er antwortete: »Aber macht auch müde, man muß sich erst wieder gewöhnen. Ja, liebe Mutter, dir tut's gut hier draußen, das macht mich froh; du siehst prächtig aus.« Das Aussehen der alten Frau war in der Tat ein gesundes, weit besseres, als es bei ihrer Hierherkunft vor drei Jahren gewesen. Sie hob den Kopf auf, doch schüttelte sie ihn zugleich und erwiderte: »Von dir kann ich's nicht sagen, du bist blaß, und in deinen Augen sieht man nicht, daß du froh bist. Schon länger sah ich's und kann's mir wohl denken; dein junges Leben paßt nicht hierher, hat zu wenig, du hast gedacht, daß du schneller vorwärts kämst. Hättest du nicht um meinetwillen die Stelle hier angenommen, wärst du wohl auch schon weiter, aber ich bin dir ein rechter Klotz am Bein.« Auch er machte jetzt rasch eine verneinende Kopfbewegung. »Du weißt, liebe Mutter, ich bin gern hier – um deinetwillen.« Das letzte schien er etwas unbedacht beigefügt zu haben, trachtete danach, es anders auszulegen: »Ich meine, mir kann's nur wohlgehen, wenn du gesund und rüstig bist, und dir bekommt die Luft hier besser, als in einer Stadt. Mir fällt es heute besonders auf, wie hell du aus den Augen siehst.« Margret Hellbecks Mund hatte sich lange Jahre des Lachens entwöhnt gehabt, doch die erdrückende Bürde jener Zeit war von ihr abgefallen, und das Leben lag noch einmal vor ihr wie zu einem fröhlichen Aufstieg. Die Naturanlage ihres Gemüts mochte eine heitere gewesen sein, um die alten Lippen spielte ihr gegenwärtig ein beinahe schelmischer Ausdruck, so gab sie Antwort: »Mir hat das linke Ohr gejuckt, und vorhin flog eine Möwe übers Dach, die rief etwas. Verstehen konnt ich's nicht, aber ich glaube, Til, es muß heute etwas Gutes für uns geben; deshalb halte ich die Augen recht auf, damit es nicht an ihnen vorbeikommen kann, ohne daß ich's sehe. Alte Weiber sind einmal abergläubisch, und ich will's doch versuchen, ob ich's nicht auch noch lernen kann, Karten zu legen und aus dem Kaffeesatz zu prophezeien.« Nun lachte sie wirklich, ein liebes, altes Gesicht war's. Der Sohn nickte freundlich: »Das würdest du gewiß und eine weltberühmte Wahrsagerin werden, von der Kaiser und Könige sich weissagen ließen. Nur müßten wir uns erst Kaffee zum Trinken anschaffen; schade, daß er so teuer ist und aus unserer großen Zukunft deshalb nichts wird. Doch auch zum Trinken wäre er für eine frühaufstehende Frau – für ein altes Weib – besser als Milchsuppe; mir wär's ein Glück, wenn unsere Einnahme dazu ausreichte, Kaffee für dich ins Haus zu bringen, liebe Mutter.« Das letzte klang vom Herzen her, ein zum erstenmal über die Lippen gebrachter Wunsch, dessen Erfüllung die Umstände versagten. Nun trat Tilmar auf den gestampften Lehmboden des Hausflurs; zur Linken führte eine niedrige Tür in den Wohnraum der beiden, gegenüber nach rechts lag die Schulstube von wenig Umfang. Drei kurze Bank- und Tischreihen hintereinander wiesen auf nur geringe Besucherzahl hin, dem kleinen Schulsprengel gehörten außer Loagger bloß noch zwei landein belegene Heidedörfer an. Die blankgeputzte Holzdiele legte Zeugnis von der Arbeitsamkeit und Sauberkeit Frau Margrets ab, sie hielt alles im Hause selbst imstand, wie sie auch die Wirtschaft ohne eine Beihilfe besorgte; dazu hätten die Einkünfte gleichfalls nicht ausgereicht. Auf den Schultischen lagen da und dort einige abgerissene Katechismen, Gesangbücher und zersplissene Schiefertafeln, von den am Vormittag stattfindenden Lehrstunden redend. Offenbar füllte sie nur der niedrigste Elementarunterricht aus; die Vorstellung, daß Tilmar Hellbeck, ihn erteilend, täglich lange Stunden vor barfüßigen Dorfkindern auf dem alten wackelnden Pult zubringe, einem Lebensberuf damit Genüge leiste, stimmte nicht recht mit dem Ausdruck seiner Züge und seinem Wesen überein. Unverkennbar trug er mehr in sich von natürlicher Begabungsmitgift wie durch erworbene Kenntnisse Anwartschaft auf eine höhere Tätigkeit. Wohl fehlte ihm klassische Bildung, da er kein Gymnasium zu besuchen vermocht, nur für Aufnahme in einem Lehrerseminar befähigt gewesen. Doch über die Obliegenheiten seiner hiesigen Stelle ragte er entschieden weit hinaus, hätte eher angemessene Aufgabe an einer Bürgerschule gefunden. Seine Mutter hatte recht, er mußte sich unbefriedigt fühlen und von hier fortsehnen. Aber aus Liebe zu ihr verneinte er diesen natürlichen Drang, stellte sich vollzufrieden mit seinem Aufenthalt in Loagger, um zu verhüten, daß sich in ihr ernstlich das Gefühl festsetze, ihm für sein Weiterkommen hinderlich zu sein. Das wußte sie auch, denn er war der beste, opferwilligste Sohn. Indes aus seiner Gesichtsfarbe, seinen Augen und einer Veränderung seines Wesens sprach ihr schon seit längerem, was sein Mund verschwieg. An die Schulstube stieß ein kleines Gelaß, das er sich als Arbeitskammer eingerichtet hatte. Auf Wandgestellen, von ihm selbst aus Bretterabfällen gezimmert, standen seine Bücher, zum Teil für seine Lehrerausbildung und seinen Beruf notwendig gewesene. Doch machten sie nur die Minderzahl aus, ungefähr ein Viertel; der übrigen hätte er als Dorflehrer nicht bedurft. Allen sah man an, daß sie bei Büchertrödlern, wahrscheinlich auf Jahrmärkten umziehenden, als wertlose, von niemand mehr begehrte Ware um Groschenpreise billigst zusammengekauft seien; eine kleine Ansammlung von alten, schlechtgedruckten geographischen, historischen, naturgeschichtlichen Leitfäden und Lehrbüchern war's, fast alle aus dem vorigen Jahrhundert stammend. Ebenso ein Dutzend Bändchen mit schönwissenschaftlichem und poetischem Inhalt, herausgerissene Hefte aus den Schriften Herders, defekte früheste Ausgaben Schillerscher und Goethescher Gedichte, ein anfang- und schlußloses Stück von Wielands Oberon. Für alles miteinander hätte ein Antiquar schwerlich einen Taler zum Ankauf aufgewendet. Auch die nicht von den Büchern eingenommenen Gestellbretter waren, wenngleich andersartig, doch ebenso dicht besetzt oder richtiger belegt. Verschiedenartige Steine vom Strand, Muscheln, getrocknete Seesterne lagen darauf; zwei kleine besondere Abteilungen enthielten vom Wasser ausgeworfene Petrefakten und ein paar aus Kieseln zurechtgefertigte Messer und Pfeilspitzen der Steinzeit. Sämtliche Gegenstände befanden sich geordnet, mit Blättchen versehen, die zum Teil eine Aufschrift zeigten, zum Teil leer waren. Einen Bord füllten mehrere Stöße zwischen grauem Papier gepreßter Pflanzen, unter denen gleichfalls zumeist Namen geschrieben standen, deutsche, doch auch manche lateinische, die letzteren überall in sorgsam hergestellter Schönschrift. Keine Sammlungen wissenschaftlicher Bildung waren es, sondern die eines Ungelehrten: aber man sah ihnen Eifer an, heißes Bemühen, in ihre Gebiete einzudringen, die Gegenstände mit Namen zu bestimmen, nach ihrer Zusammengehörigkeit zu ordnen, Kenntnisse zu erwerben und zu erweitern. Nebenan stand Tilmar Hellbeck als Lehrer vor dem Pult, hier dagegen saß er als Lehrling, nur auf sich selbst und seine alten, ihm vom Zufall in die Hände getragenen Bücher angewiesen. Aus ihnen suchte er einen Wissensdurst seines Innern zu stillen, doch einem Schöpfen karger Tropfen in hohler Hand glich's. Seine kleinen dilettantischen Sammlungen boten ein ziemlich treues Abbild dessen, was er sich autodidaktisch im Kopf angesammelt hatte. Überall gebrach's ihm an Wissen und an den einschlägigen Hilfsmitteln, hauptsächlich vielleicht an richtiger, im Knabenalter nicht erworbener Schulung des Geistes. Aber heftiger Drang nach höherer Ausbildung desselben lebte in ihm, und in seinen Augen stand zu lesen, hinter der schmächtigen Stirn arbeite eine Phantasiemitgift, die ihm oft mangelnde Kenntnisse ersetzte, eine lebendige Anschauung vor den Blick bringe, wo seine Kunde nicht ausreiche. Nun setzte er sich vor den Tisch der engen Kammer und leerte den mitgebrachten Inhalt seiner Blechbüchse auf ihn aus, einige Pflanzen mit hartem, salzdurchtränktem Blattwerk, stahlfarbig sich als überwintert offenbarend. Nur ein Kraut zeigte, eben vom Frühling aufgetrieben, schmale, hellgrüne Blättchen, doch noch ohne Andeutung eines Blütenstiels; April war's erst und unter dem nordischen Breitengrad die Knospenzeit noch nicht gekommen. Der junge Selbstlehrer nahm einen vergriffenen Band vom Gestell herunter, ein altes botanisches Handbuch ohne Titelblatt, abbildungslos, dürr-systematisch. Nach dem bemühte er sich, freilich nicht selten vergebens, seine Funde zu bestimmen, und suchte dies auch jetzt zu tun. Die kleine blütenlose Pflanze bot wenig Aussicht auf Erfolg, aber Glück kam ihm heut entgegen, so daß er nach einer Weile des Untersuchens und Prüfens zur Kielfeder griff und auf ein Blatt schrieb: »Strandnelke, Armeria maritima. « Er sprach es laut vor sich hin, doch bei dem letzten Wort den Akzent falsch auf die vorletzte Silbe legend; es ließ hören, daß er kein Latein gelernt habe, so betone, wie der Klang ihm am besten gefalle. Auf die halmartigen Blättchen schauend, sagte er nochmals laut: »Wie mag sie blühen? Ich kann mich nicht erinnern, sie gesehen zu haben.« Seine deutsche Ausdrucksweise war die eines Vollgebildeten, und die Stimme besaß einen schönen, eigenartigen Ton. Er neigte dazu, mit sich selbst zu sprechen, die Einsamkeit seiner Lebensführung hatte ihn daran gewöhnt, wohl im Verein mit der regen Tätigkeit seiner Phantasie, die das Gedachte und Gefundene, gleichsam zur Vergewisserung, gern auch dem Ohr vorhielt. Die Vorjahrsstrandpflanzen mit den scharfkantigen und stachlichten Blättern harrten noch der botanischen Bestimmung, und er stand im Begriff, diese fortzusetzen. Doch das Licht in der Kammer veränderte sich, ward, obwohl der Tag sank, nicht dunkler, sondern heller. In einiger Entfernung fiel die abendlich schräge Sonne jetzt auf die weiße Rückwand der Dorfkirche, so daß der Abglanz in die kleinen Fensterscheiben des Schulhauses herüberspielte. Tilmar ließ den Arm mit einer zur Hand genommenen dürren Strandkarde auf den Tisch niedersinken und blickte hinaus. Eine Zeitlang, in der die Strahlen drüben auf den alten Findlingsblöcken der Kirchenmauer blinkerten; wie diese Granitsteine einmal in menschenlos-ferner Vorzeit hierher in die sonst felslose Gegend gekommen seien, wußte er, es stand auch in seinen Büchern, zwar nicht in einem gedruckten, sondern in einem geschriebenen, das sein Amtsvorgänger hier, Jasper Simmerlund, hinterlassen. Ein alter, alleinstehender Mann war's gewesen, der vierzig Jahre lang die Lehrerstelle gehabt, ohne Kinder, überhaupt ohne Verwandte gestorben, so daß der Nachfolger sein bißchen dem Staat als Erben zugefallenen Hausrat für ein billiges übernehmen gekonnt. Unter dem Nachlaß hatte sich ein dicker, grauer Pappband befunden, eine Art Chronik enthaltend, die Simmerlund in der langen Zeit geführt; wie es schien, nach seiner zeitweiligen Stimmung, war manches nur mit ein paar Worten angemerkt, anderes ausführlich berichtet. Er mußte ein einsiedlerischer Sonderling gewesen sein, der sich seine eigenen Gedanken gemacht und ihnen guten Ausdruck zu geben verstanden, jedenfalls geistig auch über seine Schulmeisteraufgabe in Loagger hinausragend. Nun lag er drüben hinter dem Erdwall, der den Kirchhof zum Abhalten des Flugsandes umgürtete, und das Rückspiegeln der Sonnenstrahlen flimmerte augenscheinlich über seinen Grabstein. Seinen jungen Nachfolger überlief's einmal mit einem leichten Schauer; es war ihm noch nie so zum Bewußtwerden, zur Vorstellung gekommen, daß der drüben Begrabene so unendliche Jahre hindurch einsam zwischen diesen Wänden gesessen, jung gewesen, alt geworden sei, sein ganzes Leben hier verbracht habe. Leiblich hatte Tilmar Hellbeck ihn nicht mehr gekannt, konnte sich kein Bild von ihm machen, nur ein geistiges aus der Niederschrift in dem graugebundenen Buch, das er schon mehrmals vom Anfang bis zum Ende durchgelesen. Doch er las gern noch wieder drin; aus allerhand kurz oder länger eingeflochtenen Dingen hatte er mancherlei ihm unbekannt Gewesenes gelernt. Auch daß die Findlingsblöcke, aus denen die Kirche gebaut worden, in einer Eiszeit von Gletschermassen hergetragen und hier abgelagert worden seien; er meinte wenigstens, daß er die Kenntnis aus den Aufzeichnungen des Alten geschöpft habe, und wohl durch den Anblick der beglänzten Kirchenmauer daran erinnert, blickte er sich nach ihnen um. Dazu sprach er wieder laut vor sich hin: »Ich glaube, von daher weiß ich's.« Er mußte sich darüber vergewissern, sichtlich zog's seine Hand, die jetzt die dürre Karde fortlegte und sich nach einem Bord ausstreckte. Das Handschriftbuch Simmerlunds herunternehmend, schlug er es auf. Das erste Blatt von grobkörnigem Papier zeigte mit schon bräunlich werdender Tinte den Titel geschrieben: »Hochfluten, Stürme und Unwetter, Unfälle und Begebenheiten, die ich in Loagger mitangesehen oder mir zu Gehör gekommen.« Darunter stand, mit anderer Tinte offenbar in späterer Zeit erst nachgesetzt: »Es kommt alles und geht, und ist alles eitel, als der Prediger sagt, was der Mensch denkt und hoffet,« Nun blätterte der junge Dorflehrer, um die gesuchte, von den Findlingssteinen der Kirche redende Stelle aufzufinden. Manchmal erstreckte eine Mitteilung sich über mehrere Seiten, oft nahm sie nur ein Stück von einer solchen ein, deren Rest unbeschrieben war. Die meisten, in Klammern vorgesetzten Inhaltsangaben lauteten: »Starke Flut – Sturm, Schiffbruch« am soundsovielten Monatstage des und des Jahres, doch auch »Feuersbrunst – Gefährlich ansteckende Krankheit – Tod durch Blitzschlag« und manch anderes wechselten dazwischen ab. Ungefähr am Schluß des ersten Viertels der Aufzeichnungen stand auf einem Blatt allein vermerkt: »Der bisherige Pastor aus dieser Zeitlichkeit abgeschieden. Hatte sein gutgemessen Teil daran gehabt und war's wohl zufrieden. An seine Stelle ernannt Herr Hans Christian Hollesen, anher noch candidatus gewesen, zuerst hier im Amt. Hat alsbald nach seinem Antritt seine Braut als Ehefrau heimgeführt, und sind beide in unserer Kirche vom Herrn Probsten, der aus der Nachbarstadt herausgekommen, kopuliert worden. Verhoffe ich auf Fortdauer guten Verhältnisses mit dem neuen Pfarrherrn wie mit dem abgestorbenen. Es ist Gewöhnung des Menschen Wegbegleiterin, daß ihm nicht leicht fällt, sie zu missen. Aber Jesus Sirach redet: ›Ein neuer Freund ist ein neuer Wein, laß ihn alt werden, so wird er dir wohl schmecken!‹« Tilmar Hellbecks Blick war über die zufällig aufgeschlagene Seite hingegangen; er sah noch einmal auf die Jahreszahl, rechnete kurz und sagte: »Es sind also schon über dreißig Jahre, daß Pastor Hollesen hier steht, zehnmal die Zeit meines Hierseins.« Nun ging er seinem Zweck, zu dem er das Buch hergenommen, weiter nach, fand indes das Gesuchte nicht. Doch verweilten seine Augen hier und dort; obwohl er alles kannte, zog manches ihn zum Weiterlesen an. Ähnliche Vorgänge wiederholten sich wohl, aber der Schreiber tat's in der Abfassung seines Berichtes nicht, verlieh jedem ein besonderes und anschauliches Gepräge. So boten die häufigen Schilderungen der Wasserbedrohungen und Schiffsstrandungen doch immer etwas Verschiedenes und Neues; zwischen sie hinein indes mischten sich auch außergewöhnliche Vorkommnisse. Ein solches geriet dem Blätternden mit unter die Hand, das er las: »(Unglücksfall.) Es sind unter diesem dato an einem Juniusmorgen in der Frühe die beiden jungen adeligen Herren, die von Kindsbeinen auf unzertrennliche Freunde gewesen, Meinolf von Rhade und Dietrich von Ulfsleben, von dem Hafen der Stadt aus, wie sie's schon zu öfteren Malen getan, jeder in einem Boot selbander auf die See hinausgefahren, um nach ihrer Liebhaberei ein Wettsegeln unter sich anzustellen, beide der Segelhandhabung und des Steuerns wohl kundig. Ist ein schöner Tag gewesen, doch gegen Mittag im Westen ein dunkles Unwetter aufgezogen, das auch wir hier besahen, da der Blitz in Kaspar Jungklauhens Kate eingeschlagen, sie vollständig niedergeäschert. In der Gewitterbö aber das Boot dessen von Rhade umgeschlagen und von selbigem nichts wieder zum Vorschein gekommen. Denn weil plötzlich schwerer Regen eingefallen und so dicht wie ein Nebel auf Bootslänge alles unsichtbar gemacht, hat auch der von Alfsleben nichts von dem Unfall wahrgenommen, erst als das böse Wetter vorbeigegangen, nirgendwo mehr das Segel seines Freundes gesehen. Vergebens nach ihm gesucht bis zum Abend, da er ganz von Kräften rückgekehrt, anerst kaum sprachfähig, zu berichten, was sich zugetragen, ohne daß er angeben gekonnt, wie es geschehen. Das Boot hat hernach Johann Altschwager auf unserer kleinen Insel Herdsand angetrieben gefunden, als er dort nach seinen Schafen gesehen. Der so in der Jugend Verunglückte war der einzige Sohn des Freiherrn von Rhade auf dem Schloß Helgerslund, des größten Gutsherrn unserer Gegend. Sagt Wohl mit Recht die Schrift: ›Denn der Reiche komm' um mit großem Jammer, und so er einen Sohn gezeuget hat, dann bleibt nichts in der Hand.‹ Und item spricht der Psalmist von unserm Leben: ›Es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.‹ Mich aber will es bedünken, der Mensch sei wie ein Korn Sandes, das nicht Macht hat, zu bleiben, wo es will, sondern an den Platz muß, wohinnen es vom Wind geweht wird.« Diese letzte Bemerkung, mit der Jasper Simmerlund seinen Bericht über den Unglücksfall geschlossen, entsprach augenscheinlich der Anschauung seines jungen Nachfolgers nicht. Er verneinte einmal mit einer Kopfbewegung und sprach dazu: »Der Mensch muß Kraft und Mut haben, gegen den Wind anzukämpfen.« Im übrigen hatte Tilmar Hellbeck den ihm bekannten Inhalt des Blattes nur überflogen; das Geschehnis selbst, von dem es Mitteilung machte, konnte bei dem heutigen Leser keine Anteilnahme mehr wachrufen. Der im Gewittersturm Verunglückte war ihm nichts als ein fremder Mann, gleich tausend anderen, und das Datum der Aufzeichnung zeigte schon bald achtzehn Jahre darüber vergangen. Auf den nächsten Blättern folgten kurz mancherlei Mißgeschicke anderer Art; der Chronist hatte weniger Freudiges als Übles zu überliefern gefunden, oder es lag wohl daran, daß menschliches Glück selten Aufsehen und Gerede verursachte, sondern sich, einer Blüte im windgeschützten Winkel ähnelnd, in der Stille barg. Nun ließ das Buch noch unter derselben Jahreszahl, doch im Spätherbst, etwas Ungewöhnliches erscheinen, eine ganze Anzahl zusammenhängend beschriebener Seiten. Offenbar war Jasper Simmerlund angeregt gewesen, hier etwas ausführlich wiederzugeben, und es schien, daß Tilmar vom Anfang die Vermutung gehegt, darin das von ihm Gesuchte zu finden, und nur hier und da umhergeblättert habe, an diese Stelle zu gelangen. Er bückte seine Augen näher auf die manchmal ein wenig undeutliche Schrift und las: »(Providentia.) Es ist am letzten Adventssonntag gewesen, daß Pastor Hollesen eine Predigt in seiner Weise gehalten, darin er die Ankunft des Heilandes unter den Menschen mit dem Kommen des Frühlings in Vergleich gezogen. Denn so wie dieser die Erde aus der Winterstarre erlöse, in warmen Lüften gute Saat aufsprießen lasse und die Bäume mit freudigem Blütenkleid schmücke, schmelze auch die Verkündigung des göttlichen Menschensohnes alles Eis des Hasses, der Selbstsucht, Herzensverhärtung und unlauteren Begehrens aus der Brust fort, daß sie sich zur Aufnahme des Samenkornes der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der Rechtschaffenheit für hundertfältige Ernte bereite. Es sei der Zimmermannssohn von Nazareth die in Menschengestalt herabgestiegene und mit Menschenwort redende lichte Sonne, die am Tage seiner Geburt sich aus winterlicher Verdunklung wieder aufhebe, um ihr gütiges Werk zu beginnen. Gegen solchen, in schönem Ausdruck vorgebrachten Zusammenhalt habe ich auch nicht Einwand, doch will es mich bedünken, der Prediger hätte den Hörern deutlicher zu Gemüte führen dürfen, daß er die Person und Lehre des Heilandes nur in ein Gleichnis fasse, das ein Vorgang in der Natur ihm geeignet darbiete. Wie mich denn schon hin und wieder eine ähnliche Empfindung überkommen, daß er die göttliche Seele des Menschen für die Fassungskraft der dörflichen Gemeinde nicht immer genügsam klar von der Natur unserer leiblichen Beschaffenheit, als mit dieser außer Zusammenhang befindlich, abgetrennt halte. Worüber ich bereits früher einmal, auf der Seite 117, eine Anmerkung gemacht, bei Gelegenheit seiner damaligen Predigt, in der er der Findlingssteine, aus denen unsere Kirche erbaut worden, Erwähnung getan. Denn es steht den neueren Erforschungen nach die Hierherkunft dieser Blöcke allerdings zu der Zeitrechnung der biblischen Genesis in einem scheinbaren Widerspruch, den als nur auf einer Täuschung beruhend zu erhellen, wohl in der Aufgabe des Kanzelredners gelegen hätte. Statt dessen er nur angab, nach Berechnungen der geologischen Wissenschaft müsse jene Eiszeit vor hunderttausenden von Jahren stattgefunden haben.« Da hatte der Lesende in der Tat das Aufgesuchte entdeckt oder wenigstens die Seitenzahl, wo sich wahrscheinlich die eigentliche Mitteilung über die Granitblöcke befinden mußte. Doch er erregte den Eindruck, inzwischen den Zweck, zu dem er das Buch vom Bord genommen, völlig vergessen zu haben, denn er schlug nicht nach der Seite 117 zurück, sondern las fort: »Habe ich jedoch während des Anhörens der Predigt nicht solcherlei Aussetzung an ihr geübt, weil ich selber von der Wärme, die aus ihr gekommen, mit durchdrungen gewesen, sonderlich von dem Teil, in dem sie den Eltern unter den Zuhörern ans Herz gelegt, welch höchste Dankbarkeit sie dem Himmel schuldeten, wenn ihnen in gesunden, fröhlichen und wohlgeratenen Kindern ein neuer Frühling von Sonnenlicht und Blütenknospen im Hause beschert sei, sorglich darüber zu wachen, daß sie zu gutem Fruchtansatz gelangten. Denn es erklang dies aus dem Munde des Pastors Hollesen wohl anders, als wenn es sonst ein Prediger gesprochen, da jeglicher in der Gemeinde wußte, sein eigner höchster Lebenswunsch stehe nach solcher jungen Freudigkeit im Pfarrhause, doch sei ihm die Erfüllung bisher in seiner schon zwölfjährigen Ehe versagt geblieben. Es verfällt ein alter Junggeselle sonst nicht leicht auf derlei Gedanken, aber an diesem Tage habe ich mich der Vorstellung nicht erwehren können, es würde ingleichen mein Leben, wenn ihm Kinder zuteil geworden, einen anderen Inhaltskern besessen haben und nicht wie jetzt einsamem Ausgang entgegenharren. Darüber ich sinnen gemußt, bis der Pastor das Schlußgebet gesprochen und in diesem die Bitte mit vorgebracht: Wolle auch, o Herr, unsern Strand gesegnen! Mag solche Fürbitte auch aufs erste und für das Ohr von Fremden vielleicht etwas einen absonderlichen Klang besitzen, als erhoffe sie aus Eigennützigkeit das Unglück und Verderben von Mitmenschen, so ist sie doch nach Vorväterüberlieferung allzeit hier, wie an anderen Orten gleichfalls, derartig von der Kanzel vorgebracht worden und anderen Sinnes aufzufassen. Sofern sie nämlich besagt, wenn der unerforschliche Ratschluß der Vorsehung das Scheitern eines Schiffes bestimmt habe, möge gnädige Fügung den Wellen gebieten, die ihnen preisgegebene und herrenlos gewordene Ladung nicht zu verschlingen, sondern bei uns an den Strand auszuwerfen, damit sie nicht nutzlos umkomme, vielmehr den Bedürftigen helfe und zum Guten diene. Solche Bitte ist, wenngleich anders, als sie vermeint gewesen, unter obigem Dato erfüllt worden. Denn da ich von der Kirche nach Hause gekehrt, kam bald Hinnerk Lehmkuhls ältester Junge, mein Schüler, gelaufen und rief mir aufgeregt wider seine Art zu, er hätte zusamt anderen eine Kugel aus Gold gesehen, mit der das Wasser wie mit einem Wurfball spiele, sie hervorrolle, auf der Schaummähne hüpfen lasse und wieder mit sich zurückreiße. War die Entfernung bis an den Platz, nach Norden zu, nicht weit, daß ich mitging, und sah's so aus, wie er beschrieben, daß eine Goldkugel von den Wellen her und wider gerollt werde. Die Phantasie mochte sich's auch wohl so vorstellen, als bringe die See jene wie von einer Küste Ophir zu uns, mir verhalf aber alsbald eine Erinnerung zu richtiger Erkenntnis. Denn weil ich in meiner Knabenjugend einmal nach Hamburg gekommen, ging ein Gedächtnis mir auf; ich machte den Jungens Mut, daß auch einer seine Kleider auszog, sich in das kalte Wasser hineingetraute und mit dem rotgelben Ball in der Hand zurückkam. Da war die Kugel nicht hart von Metall, sondern hatte eine weiche Schale, wie ein ganz goldheller Apfel, und ich nahm wahr, die Jungen zu belehren, es sei eine eßbare, süße Frucht aus südlichen Ländern, Apfelsinen geheißen nach dem fernen Lande Sina, eigentlich China, von woher sie ursprünglich stammen; die Schiffsmatrosen aber glaubten, ihr Name bedeute einen Apfel von Messina im italienischen Land, weil sie jetzt zumeist von dorther zu uns kommen. Der sie in den Fingern hielt, biß, als er hörte, daß sie gut zum Essen sei, in die Schale hinein, doch machte er ein Gesicht gleich einem, der Schlehen zwischen die Zähne bekommen, denn sie schmeckte nicht süß, sondern, ob das Seesalz in sie eingedrungen, oder noch von Unreife, herb und sauer. Worüber ich ihn vertröstete, es würden bald noch viele andere und bessere nachkommen, denn es müßte von einem Schiffbruch draußen auf der See her eine zerschlagene Kiste mit Apfelsinen herangetrieben sein. Doch obwohl die Jungens begierig bis zur Dunkelheit warteten und mit Möwenaugen den ganzen Strand absuchten, fanden sie nichts weiter auf, und ist merkwürdig nur der einzige Goldapfel zu uns gelangt. Es war, wie's im Dezembermonat herkömmlich, schon seit Wochen stark böige Zeit, daß wir von manchem gehört, den Ran in ihr Netz heruntergezogen und wohl mehreren noch, deren Ab- und Untergang niemandem zur Kunde geraten. Doch ließen die Zeichen heut mutmaßen, es stehe absonders schlimme Nacht bevor, zumal auch der Mond voll ward, und es kam noch über die Erwartung hinaus. Wie wir dann in menschlicher Kurzsichtigkeit nicht verstehen, warum unser Herrgott zu Zeiten der weißgesichtigen Ran alle Macht überläßt, ihre erschreckliche Lust und Gier an hilflosen Menschengeschöpfen zu befriedigen, daß sie ihnen ihr langes Tanghaar um den Leib schlingt und mit unbarmherzigen Armen mancher Mutter und Witwe Kind und Lebensstütze den warmen Atem aus der Brust preßt. Ist freilich ein gleich mit der unerklärlichen Macht, die dem bösen Feind belassen, Menschenseelen in Versuchung zu führen, vom rechten Wege abzulocken, in seine Netze der Arglist, Lügen und Laster zu verstricken und zu verderben. Daß man die Ran wohl das Teufelsgespons heißen könnte. So sind Weststurm und Hochflut in der Nacht miteinander losgebrochen, und als die Turmuhr zehn geschlagen gehabt, hat Matz Sengebusch Lärm im Dorf gemacht, daß nach Herdsand zu etwas in Not sein müsse. Alsbald fast alles aus den Betten heraus, wie auch ich, nach Brauch am Strand gewesen, um hinüberzusehen, doch umsonst, ob zwar der runde Mond hoch am Himmel gestanden. Aber Wind und Wasser in der Luft haben schier die Augen zugeklebt, daß man sie kaum dagegen aufmachen können. Es war von Loagger niemand auf See, so daß keiner sich in Angst und Sorge befunden, vielmehr nach einer Weile die Meinung aufgekommen, Matz habe sich geirrt, und einer lachend gesagt, daß er wohl im Traum gelegen. Blieb er aber dabei, daß er Hilfegeschrei gehört, wie er noch einmal hinausgegangen, um zu sehen, ob sein Boot fest sei, und Sönne Ewers, der die schärfsten Augen im Dorfe hatte, stand ihm bei: ›Gott verdamm mich, da is wat, awer kennen kann't de Düwel nich.‹ Es ist solches Fluchausstoßen nicht löblich, vielmehr sündhaft, und Pastor Hollesen und ich eifern gleicher Weise dawider. Doch wer niemals in solcher Nacht am Strande gestanden, weiß nicht, was das Heulen in der Luft, der fliegende Gischt und die Spannung von Auge und Ohr über die Zunge fahren lassen, daß solcher es leicht schlimmer achtet, als es gemeint wird. Denn es ist Matz Sengebusch sonst ein braver und gottesfürchtiger, Mann, und hat auch Pastor Hollesen, der daneben gestanden, ihn nicht über den Ausruf zur Rede gestellt, sondern ihm nur im Tatsächlichen beigepflichtet: ›Ich glaube auch, es befinden sich draußen Menschen in Gefahr.‹ Da hat denn keiner mehr gegengeredet, denn es weiß ein jeder, daß der Pastor nicht unbedacht und zwecklos mit solchem Ausspruch Leben aufs Spiel setzt, und ein anderer müßte da unsere Strandleute nicht wohl kennen, der glaubte, sie bedächten sich lang, wenn's drauf ankommt, der Wut Rans Leben selbst von unbekannten Menschen aus den Händen zu reißen. Mag vielleicht auch die Aussicht, sich einen kleinen Lohn und Gewinn für ihr ärmliches Dasein einzubringen, mit dazu beitragen, daß sie keine Furcht kennen, aber im Augenblick der Not wirkt dieser Gedanke wohl nur unwissentlich bei ihnen mit, und es ist zuvörderst das Gebot der hilfsbereiten Nächstenliebe, daß sie mutig ihr eigenes Leben daransetzen läßt. Solche Samenkörner hat freilich Pastor Hollesen, ob ich sonst auch nicht in allem mit ihm einverstanden bin, fleißig unter seiner Gemeinde ausgesäet. Es ist aber in der Nacht und überhaupt ihnen für ihre Mühsal keinerlei Eintrag an irdischem Hab und Gut zuteil geworden, sondern der Verlauf also gewesen. Von einem gestrandeten Schiff haben sie und niemand hernach etwas zu Gesicht bekommen, dagegen mit ihrem Hilfsboot so ziemlich noch im letzten Augenblick mitten in der Vorbrandung ein Boot und Mannschaft von einer Schonerbark gerettet, die weit draußen in See aufgestoßen oder sonst Leck gekriegt und rasch mit Sinken gedroht. Noch ein anderes Boot von ihr, drin sich auch der Kapitän und Steuermann ausgesetzt, ist der Wahrscheinlichkeit nach alsbald bei der groben See gekentert, nirgendwo eine Spur davon ans Land gekommen. Es wirft die Welle die einen hierhin, die anderen dorthin und bekümmert sich mitnichten, ob zum Leben oder zum Tod. Wir haben wohl an die drei Stunden dagesessen und gewartet, es bedeutet das eine lange Zeit, wenn Mütter und Frauen nicht wissen, ob ihre Söhne und Ehemänner aus dem höllischen Orgelspiel von Wind und Wasser wieder zurückkommen, hält auch das gläubigste Vertrauen auf den Beistand des höchsten nicht immer dabei zu Ende aus. Aber mir ist laut vom Mund geklungen, wie wenn ich den Gesang in der Kirche anzustimmen gehabt: Ehre sei ihm in der Höh'! Denn dann sahen wir das Hilfsboot, gleich als ob ein schwarzer Buttskopf durch den Schaum und Sprühgischt heranschnaubt, bald hoch aufgehoben, bald wie weggetaucht, und so warf's die alte fauchende Seekatze mit ihren Tatzenhieben wie eine Maus, mit der sie spielte, wieder zu uns her. Auf den ersten Blick wohl dreimal so voll, als es abgefahren, denn acht Mann hatten sie mit Haken und Tauwerk aus der Brandung lebendig zu sich hereingeholt. Sahen die aber jetzt mehr wie vom Knochenmann schon mit der dürren Hand Angepackte aus, nach der Erfahrung, daß der Mensch seine Kraft wohl anspannen kann, solange er um sein Leben kämpft. Doch wenn es dabei über seines Leibes Vermögen gegangen und ihm im Letzten wider Verhoffen noch Beistand geworden, fällt er zusammen, als ob der Tod ihn bereits zu fest im Arm gehalten, daß er ihm nicht mehr wegzureißen gewesen. So lagen die Geretteten, lauter Matrosen in wassertriefenden Öljacken und Lederhosen, weil sie nicht selber mehr die Hände zu rühren gehabt, von Erschöpfung, Kälte und Nässe gleich im Frost starrgliedrig Gewordenen da; mehrere waren in Schlaf gefallen, aus dem sie nicht zu wecken, daß man sie tragen gemußt, die anderen gingen taumelnd, wie vom Trunk von Sinnen Gebrachte, nebenher. Da aber das Schulhaus am nächsten war, habe ich angeordnet, sie zu möglichst baldiger Erwärmung hierherzuschaffen, und sind sie alle auf den Boden in die Schulstube gelegt, der Ofen geheizt und schnell Wasser kochend gemacht worden. Während welcher Bedachtnahme ihnen allmählich die Gliedmaßen gleichsam aufgetaut und ihr Blut wieder zu fließen angefangen, wozu dann gut mitgeholfen, daß ich seit Jahren für alle Fälle eine Flasche St. Thomasrum aufbewahrt gehabt, die ein Freund mir als geborgenes Strandgut zum Geburtstagsgeschenk verehrt. Und habe ich im stillen dem Schöpfer einen Lobpsalm gesprochen, daß er uns arme Kreaturen mit solchem Labemittel für Leibesnöte bedacht, denn da ich mit Maßen, nicht zu viel, doch auch nicht zu wenig, damit der Zweck nicht verfehlt werde, von dem Rum zu dem heißen Wasser geschüttet, auch des besseren Geschmacks halber die richtige Menge von Zucker hinzugetan und von dem Kesselinhalt so den Verfrorenen zu trinken gereicht habe, sind sie in Bälde alle wieder zu sich gekommen, daß sie aufgerichtet zu sitzen vermocht, zu sprechen und zu fragen begonnen. Wobei sie auch Kraft gewannen, ihre Gläser und Tassen erstaunlich schnell auszuleeren, daß man kaum hätte glauben sollen, es seien dieselben Leute, die eben zuvor noch ausgestreckt dagelegen, als ob ihnen der letzte Atemzug vom Munde gehe. Solch ein Unterschied der Einwirkung auf die menschliche Natur ist zwischen dem salzigen Seewasser und dem anderen, das ich ihnen durch die Zähne gebracht, und war ingleichem der Anblick der Schulstube in der Nacht absonderlich verschieden von demjenigen, den sie sonst bei Tage darbietet, wenn die Anfänger der Lese- und Schreibekunst beiderlei Geschlechts mit ihren Katechismen und Schiefertafeln auf den Bänken dasitzen.« Tilmar Hellbeck wandte einmal die Augen von der Handschrift ab und ließ einen Blick durch die offenstehende Kammertür in die Schulstube hineingehen. So ausschließlich nur trockner Betrachtung, Amts- und Lebensführung hingegeben, mußte Jasper Simmerlund hier zwischen diesen Wänden seine Tage nicht verbracht haben; ähnlich wie aus dem Palimsest einer Mönchschrift schimmerte durch die Zeilen der letzten Seite fast ein bißchen schalkisch eine Hindeutung hervor, daß dem Schreiber seine Kundigkeit von der verschiedenartigen Wasserwirkung aus die Menschennatur nicht zum erstenmal an jenem Abend aufgegangen sein möge. Doch sein heutiger junger Nachfolger ward sichtlich nicht von solchen Gedanken berührt, sondern seiner Phantasie gestaltete sich lebendig eine Vorstellung, welchen anderen Anblick in der Nacht die Schulstube geboten habe. Hinüberschauend, sagte er laut: »Ich war damals sieben Jahre alt.« Dann bückte er den Kopf zurück und las weiter: »Wie's gang und gäbe bei Schiffsmannschaft, waren's Matrosen aus allerlei Herren Ländern, auch solche von ausländischen Zungen darunter, ist aber einer gewesen, dem man an Haar und Augen unsere Landesart angesehen und hat auch einen Namen danach getragen, da er Henning Wittlop geheißen. Den hatte es am ärgsten mitgenommen gehabt, daß er erst als der letzte wieder zu sich gekommen, aber auch dann noch nicht recht die Besinnung gefunden, zu begreifen, wo er hingeraten sei. Er sagte nur, wie er die Augen aufgemacht: ›Wo ist's?‹ fühlte nach etwas an sich mit der Hand, redete weiter: ›Ja, ich hab's, da ist's noch‹ und machte die Augen nochmals zu. Kurz zu vermelden, dauerte es noch eine ganze Weile, eh' er so weit war, zu verstehen, was ich sprach; flog ihm dann aber einmal unvermutet mit einem Lachen vergnügt vom Mund: ›Loagger – da bin ich ja zu Haus, blos ein paar Meilen weiter davon – na, dann is es ja gut‹ Und hinterdrein, wie er einen tüchtigen Schluck aus dem Grogglas getan: ›Ja, das kann es doch noch nich trinken, sondern muß was anders kriegen, Durst hat's ja gewiß auch.‹ Und wickelte er dazu ein paar wollene Tücher von einem Bündel los, welches er bisher, auch in seiner halben Sinnlosigkeit, immer fest in einem Arm an der Brust gehalten. Dachte ich natürlich, es sei was drin von Habseligkeit, die er von Bord mitgenommen, wie die Leute nicht gerade selten kopflos nach irgendwelchen Kleiderstücken greifen, als wär's Gott weiß was für eine Kostbarkeit. War's aber noch weit Verwundersameres, denn es kam unter dem letzten Tuch das Gesicht eines ganz winzigen Kindleins zum Vorschein, schätze ich dessen Alter nach meiner geringen Erfahrenheit in solcherlei Richtung zum höchsten auf etliche Wochen. Bis zu diesem Augenblick mochte es wohl im Schlaf oder auch Bewußtlosigkeit gelegen haben, wachte nunmehr von der Befreiung aus den Decken aber auf und begann ein leises, klägliches Geschrei vom Mund zu bringen, zu dem Henning Wittkop ganz beglückt abermals lachte und sagte: ›Das is ja man gut, daß es noch schreien kann, verdenken kann man's ihm nich, denn seit heut in der Früh hat's ja nichts mehr in seinen kleinen Mund gekriegt.‹ Es stand aber der Pastor Hollesen grad' dicht daneben, wie denn viele vom Dorf mit in die Schulstube hereingekommen, und bei dem jämmerlichen Ton des Geschöpfchens fuhr er mit dem Kopf herum: ›Was ist das?‹ hörte nur noch, was der Matrose dazu sagte, und hatte dann das Kind ergriffen, ihm gegen die Nachtluft sorglich die Tücher wieder übers Gesicht geschlagen und war bereits durch die Tür fort verschwunden. Wie er denn auch danach angetan, in allen Lagen schnell das Richtige zu vollbringen, erkannt hatte, daß Eilfertigkeit not tue, das schwache Lebenslichtchen nicht auslöschen zu lassen, und es hurtig ins Pfarrhaus hinübertrug, weiblicher Fürsorge seiner Frau das hungernde Menschenwürmlein zu übergeben. Denn, wessen dieses bedurfte, war bei mir im Hause, obwohl ich durch glückliche Fügung für die anderen das Ersprießliche beschaffen gekonnt, zur Stunde nicht zu finden.« Ein anderer Leser hätte vielleicht Anlaß gefunden, den letzten Satz wieder mit einem leisen Lächeln aufzunehmen, doch Tilmar Hellbecks Augen suchten nichts zwischen den Buchstaben, sondern sahen groß und ernsthaft drein. Er drehte nur den Kopf nach der Tür, durch die vor siebzehn Jahren Pastor Hollesen in der Nacht mit der unerwarteten Bürde davongegangen war, blickte dorthin wie einer, der in eine weite Ferne hinaussieht, und kehrte zu Jasper Simmerlunds Bericht zurück: »Es ist alsdann der Herr Pastor binnen kurzem wieder erschienen, hat sich zu uns gesetzt und auf seine Fragen Henning Wittkop in völliger Erholung nacheinander Antwort angegeben, die ich in Kürze zusammengefaßt niederschreiben will. ›Die Schonerbark, des namens ›Providentia‹, hatte in Messina auf der Insel Sizilien Apfelsinen nach Hamburg geladen gehabt, die sie, vorweg gesagt, des Lecks halber schon gestrigen Abends zum größten Teil über Bord werfen gemußt, so daß daher, wie die Wellen es sonderbar im Sinn haben, wohl die eine allein am Mittag zu uns an den Strand gekommen. Waren sie bei guter Luft an Gibraltar vorbeigelaufen, auch noch durch die spanische See und den Kanal, danach aber hatte der Wind in dickem Nebel ihnen den Kurs versetzt, daß sie zu weit gegen das englische Nordende zu gekommen und sich nicht mehr ausgekannt. Die haarige Luft wurde den anderen Tag wohl um was dünner, doch viel half's nicht, nur so weit, daß sie um Mittag eine Brigg gewahr werden konnten, die ihnen grad' ins Fahrwasser lief. Davon erzählte Wittkop mit seinen Worten: ›Wir mußten ja meinen, sie paßten auf ihr nich auf, und da wir uns doch nich von ihr anrennen lassen wollten, drehten wir bei, obgleich's uns natürlich leid um den Wind war, denn unsere Leinwand fiel dabei fast herunter. Na, ein bißchen ging's noch, daß wir ihn weghalten konnten, aber da rief Bentien, der, wo da mit dem Grog in der Tasse sitzt: De will uns jo wul rein to Lief! und richtig, da hielt die Brigg wieder mit'n Bugspriet gradwegs auf uns los. Das war denn doch kein Spaß, sie mußten ja wie die jungen Katzen an Bord sein oder hatten alle zu viel warmes Wasser im Magen, denn verdammt frisch war's ja freilich und gönnen konnte man einem Christenmenschen wohl einen Schluck. Aber so konnt's doch nicht angehn, daß sie wie ein unklug gewordener Bulle gegen uns zulief, das hatte noch keiner von uns in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Dick wie die Luft immer noch war, wurd's ja nicht klar, was für'n Landsmann es denn wär', bloß daß er nich viel Segel bei hatte, und in dem weißen Rahm, den es vorn vorm Bug machte, sah der höllisch schwarz aus. Und gibt's bei unsereins ja immer welche, die ihre Kopfkiste mit altem Schnack voll haben, und da rief denn auch richtig einer, das müßt' der Holländer sein, aber unser Kapitän ließ sich keine Seifenblasen machen und sagte: Der is 's nich, aber 'ne Schraube is bei ihm los und besser, Jungens, wir rammen ihn, als er uns. Denn auslassen will er uns nich, da hat was die Finger am Ruder, was nich richtig is.‹ Das habe ich aus Henning Wittkops Mund nachgeschrieben, und ist es so geschehen, daß ihnen geglückt, dem fremden Schiff mit guter Manier in Lee längsseitig beizukommen und in die Wanten hinüberzuentern. Fanden da aber auf der Brigg keinen einzigen lebendigen Menschen am Deck noch irgendwo, sondern war sie von der Mannschaft verlassen worden, nicht wahrzunehmen, aus welcherlei Anlaß, denn auf den Blick hin schien nicht gefährliche Havarie daran, aber die Bootstaue waren gekappt und niemand an Bord geblieben. ›Bloß einzig,‹ berichtete Henning, ›als wie ich die Treppe hinunter in eine kleine Koje kam, lag da eine junge schöne Frauensperson im Bett, aber so weiß von Gesichtsfarbe, daß man ihr gleich ansah, in ihr war' auch kein Leben mehr drin. Und bei ihr an der Seite lag das kleine Geschöpf, das mußt' ich glauben, war' auch ebenso tot. Kriegt einer auch im Salzwasser ja allerlei zu sehen, aber ein Schiff, worin's so zuging, war mir doch nich vor die Augen gekommen, und ich kann's wohl sagen, mir wurd's ein bißchen was gruselig dabei. Gedacht hab' ich mir nich viel und sah bloß so darauf hin, da schrein sie auf einmal oben auf'm Deck, wer unten war', sollt schnell in die Höh' kommen, und ganz genau dazu macht das Kind seine beiden Augendeckel groß auf und sieht mir darunter so blau ins Gesicht, wie's manches Mal die Ostsee tun kann. Weiter kann ich gar nichts sagen, als ich muß es ja mit den Händen gegriffen haben und mit ihm die Treppe herauf sein, denn hernach hatt' ich's bei uns an Bord. Zeit war's aber auch, daß wir wieder herüber und von der ›Thetis‹ loskamen, den Namen konnten wir bloß noch eben am Spiegel lesen. Wir hatten ja gedacht, wir schleppten sie mit, und das gab' guten Bergverdienst, aber sie muß ja doch einen bösen Schaden weggekriegt haben, denn eins, zwei, drei fing sie an, mächtig Wasser zu ziehen, und es war noch nicht mal ganz dunkel geworden, da sackte sie uns auf ein paar Kabel vor den Augen weg. Der Kapitän und die Mannschaft haben wohl gewußt, daß es nich gut anders kommen könnte, aber ich denk' meistens, daß sie's auch mit dem Aberglauben im Kopf gehabt, weil die tote Frau in der Koje lag, und nu meinten sie, vom Schiff weg, je eher desto lieber. Und an das Kind hat dabei natürlich kein einer gedacht, daß es nicht von Salzwasser leben könnt', oder sie haben auch wohl gemeint, es wär' nicht mehr lebendig und brauchte nichts anderes mehr, wie ich's zuerst selber auch geglaubt. Es ist offenbarlich die fremde Frau, kurz nachdem sie auf der See des Kindes entbunden worden, verstorben gewesen, und mag wohl in der Tat der vielfältig umgehende Seemannsaberglaube, das auf dem Wasser Geborene gehöre der See zu und sie lasse es sich nicht nehmen, die Mannschaft getrieben haben, eilfertiger als sie's sonst getan, das beschädigte Schiff zu verlassen. So aber ist das Kind wunderbar vom Tode errettet worden, da ihm zu guter Fügung, wenn auch sonst zu unheilvoller, die Frau des Kapitäns der ›Providentia‹ sich mit an Bord aufgehalten und verstanden, den Säugling mit passender Nahrung zu bedenken. Hat sie als Lohn dafür nach dem uns verborgenen Ratschluß der Allmacht um ein paar Tage später ihren frühzeitigen Tod in den Wellen gefunden, während Henning Wittkop, gleich einem vom Himmel gesetzten Beschützer des Kindleins, dieses zum anderen Male vom sinkenden Schiff mit sich genommen und treulich behütet, so daß er es selbst in der Besinnungslosigkeit nicht aus seinem Arm losgelassen, sondern lebendigen Zustandes hierher ans Land gebracht. Schon am anderen Tage haben sich die Schiffbrüchigen reichlich gekräftigt und erholt gezeigt, wohl betrübsam um das Ableben ihres Kapitäns und der übrigen, doch von rauher Gewöhnung und ständiger eigener Todesbereitschaft der Traurigkeit nicht lange überlassen, vielmehr alsbald wieder ihrer Lebensnötigung und ihres Berufs gedenk. Und sind sie deswegen nach der Hafenstadt aufgebrochen, um dort Verklarung abzulegen, sowie neue Heuer zu suchen, nur Wittkop einstweilen nordwärts zur Verwandtschaft in seinen Heimatsort davongegangen. Natürlich ohne das Kind mitzunehmen, da er außerstande, weiter für dasselbe zu sorgen, sondern es ist dieses, bis man seine Herstammung und Angehörige von ihm wird ermittelt haben, im Pfarrhause in Obhut verblieben.« Damit endete der ungewöhnlich ausführliche Bericht Jasper Simmerlunds über die Strandung der »Providentia«, und die nächsten Blätter enthielten Mitteilungen von dem nachgefolgten besonders harten Winter, in dem sogar die See eine ganze Strecke weit zugefroren war, so daß man zu Fuß nach der Insel Herdsand hinüberzugehen vermochte. Doch Tilmar Hellbeck wußte, es komme im Beginn des anderen Jahres noch ein Nachtrag oder eine Wiederaufnahme des Dezembervorgangs, schlug danach um und fand auch rasch die gesuchte, an ihrer eingeklammerten Über- oder Vorschrift erkennbaren Seite: »(Ozeana.) Alle Nachforschungen, die in betreff des von Henning Wittkop an unseren Strand gebrachten Kindes, eines Mägdleins, angestellt worden, haben zu keinem anderen Ergebnis geführt, als daß um die Zeit von Hamburg ein Schiff des Namens ›Thetis‹ ausgelaufen und nicht an seinem Bestimmungsort eingetroffen ist. Es kehrt dieser Name nicht nur häufig wieder, sondern es sind in den damaligen langen und heftigen Novembersturmwettern mehrere so benannte Fahrzeuge in Verlust geraten, daß nicht einmal hat festgestellt werden können, ob die von der ›Providentia‹ verlassen auf der Westsee angetroffene ›Thetis‹ die von Hamburg aus in See gegangene gewesen. Was mich dessen hier nochmals Erwähnung zu tun veranlaßt, ist, daß Pastor Hollesen am gestrigen Sonntag nach dem Predigtschluß vor der versammelten Gemeinde verkündigt hat, es bestehe keinerlei Aussicht mehr, über die Herkunft des fremden Mädchens einen Aufschluß zu gewinnen, und habe deshalb er mit seiner Frau den Entschluß gefaßt, dasselbe an Kindesstatt anzunehmen, hörte wohl ein jeder an seiner Stimme dabei, daß es ihm nicht schwer gefallen, sich dahin zu entscheiden, er vielmehr über die Erfolglosigkeit aller Nachforschungen von innerlicher Freudigkeit erfüllt sei, und hat er aus dem Anlaß noch eine Rede nachgefügt, ich meine, ob auch nur kurz, doch die schönste, die ich jemals aus seinem Munde vernommen, gleich einem Predigttext und Thema voranstellend, daß er am Morgen jenes Schiffbruches im Gebet gesprochen, der Herr wolle unseren Strand gesegnen. Diese Bitte aber sei ihm selber wundersam in Erfüllung gegangen, an jenem Tage Segen in sein Haus gekommen, der ihm aus der Hand der göttlichen Providentia durch eine irdische Trägerin ihres Namens zuteil worden. Und hat er danach auch sogleich in der Kirche die Taufe des Kindes vollzogen, bei der er geredet: Das Mägdlein sei auf dem Ozeanus geboren, der es mit seinen Wellen in der ersten Wiege geschaukelt. Danach würde er es ›Ozeana‹ benennen, wenn solches ein Name im christlichen Kalender wäre. So jedoch taufe er es mit der zweiten Hälfte desselben ›Anna‹, und ist ihm, weil Henning Wittkop es zweimal vom Untergang gerettet, noch der in Friesland gebräuchliche Name ›Witta‹ mitgegeben, daß es im Kirchenbuch als ›Anna Witta Hollesen‹ eingetragen worden. Es hat, wie ich gesehen, da ich dicht daneben gestanden, bei der Besprengung mit dem Wasser die Augen, aufgeschlagen und ist von ihnen ein blauer Schein ausgegangen, wie, von einem kostbaren Stein, den ich einmal in einem Fingerring an der Hand einer fürnehmen Dame wahrgenommen; seines Namens kann ich mich nicht besinnen, hat trotz der Kälte des Wassers nicht zum Weinen den Mund verzogen, wie Täuflinge es wohl in der Gewohnheit haben, nur einmal mit dem Kopf gemacht, wie wenn es die Tropfen von sich abschütteln wolle und in den nach dem Kirchengewölbe sehenden Augen einen absonderlichen Ausdruck getragen, als ob es sich verwundert zu besinnen versuche, wo es sei und was mit ihm vorgehe.« Jasper Simmerlunds Bericht von der Taufhandlung schloß oben auf einer Seite, deren Rest er bei der Weiterführung seiner Aufzeichnungen leer belassen. Doch in späterer Zeit, wie die Tinte erkennen ließ, hatte er noch ein paar Bemerkungen darunter gefügt: »Ist von klein auf, wie auch des heutigen Tags, ein sonderbares Kind gewesen, anders als sonstige im Aussehen, Stimme und Gang, nicht wie einer, der auf festem Boden geht, sondern sich in der Luft drüber wiege, gleich einem Strandvogel, der beim Laufen weniger die Füße als die Flügel zu gebrauchen scheint. Erinnert mich aber sonst an einen anderen Vogel, bei uns seltenen Vorkommens, den sie Pfingstvogel, Golddrossel oder auch Pirol heißen, baut nach den Jahren ab und zu sein Nest drüben in dem hohen Eichbaum des Feldholzes am Heidrand, und klingt's wie von seinen Rufton aus ihrer Stimme, wenn man sie von weitem vernimmt. Wie denn auch die Farbe ihres Haares derjenigen seines Federkleides an Kopf und Brust nahekommt, oder bei ihrem Anblick mich an den Goldapfel gedenken läßt, den die Wellen, gleichsam als sei er ein Vorbote von ihr, kurz bevor sie selber zu uns hergelangt, an unseren Strand getragen. Es benennet sie aber im Dorf kaum einer nach ihrem Taufnamen ›Anna‹, sondern mit dem, welchen Pastor Hollesen ihr beizulegen gewünscht und mit dessen Verkürzung sie im Pfarrhause Zea gerufen wird. Kann ich indes diese Benennung nach einem alten Heidengott nicht billigen, insonders da mich bedünkt, daß es ihr besser geschähe, durch Ansprache mit ihrem Taufnamen an ihre christliche Zugehörigkeit gemahnt zu werden. Doch ist sie ja freilich zurzeit noch ein unbesonnenes Kind, bei dem die Zukunft alles zum Nichtigen gestalten mag, was zu erzielen ich mich in den Schulstunden nach meinen Kräften befleißige. Weiß man sich nämlich nicht zu sagen, ob man sie ein zutunliches und aufgewecktes Kind heißen soll, von guter Gemütsbeschaffenheit, oder ein scheues, verschlossenes, mit geringen Anlagen zum Lernen, denn bald will es so bedünken und bald zum Gegenteil verwendet. Sie ist in diesem letzten Jahre nur knapp nochmals einer Lebensgefahr entronnen, da sie bei einem Unwohlsein ein Brausepulver nehmen sollen und nur durch Zufall noch eben rechtzeitig entdeckt worden, daß in dem einen Stöpselglas nicht das zugehörige Pulver enthalten gewesen, vielmehr, wie eine Untersuchung des Apothekers in der Stadt herausgestellt, eine Vermischung mit Arsenik, ob zwar niemand sich erinnern könne, daß seit langem solches Rattengift im Pfarrhofe benutzt worden.« Es ist gleichfalls in diesem Jahre Henning Wittlop, nachdem er inzwischen noch zu häufigen Malen auf der See gefahren, in seine Heimat als ein gesetzter Mann auch mit einigem sparsam Erübrigten wiederum zurückgekehrt und hat den ledig gewordenen Posten als Strandvogt an unserer Küste überkommen, dazu die freie Wohnung im Häuschen des Verstorbenen, eine halbe Stunde von uns gegen Norden. Wie es geredet wird, daß die Landesregierung im Sinne trägt, das alte Strandrecht aus langer Vorväterzeit fortan nicht weiter in Haltung zu belassen und auch durch Vorschrift des Kirchenkonsistoriums die sonntägliche Fürbitte von der Kanzel in Wegfall zu bringen. Denn es ändert sich die Zeit, wie der Prediger Salomo spricht: ›Der Mensch weiß nicht, was gewesen ist, und wer will ihm sagen, was nach ihm werden wird?‹« – Es war so dämmernd geworden, daß Tilmar Hellbeck das letzte kaum mehr zu lesen vermocht hatte, trotzdem schlug er nochmals um, ein Paar Augenblicke gedankenabwesend mechanisch an dem Blatt, fingernd, da es ihm dicker als die sonstigen vorkam und er statt des einen zwei gefaßt zu haben glaubte. Das beruhte zwar augenscheinlich auf einer Gefühlstäuschung oder das letzte Papierstück war von gröberer Art, doch er gelangte auch nicht zu dem Versuch, noch in dem hinterlassenen Buch seines Vorgängers weiter fortzufahren, denn durch die Schulstube her trat seine Mutter zu ihm herein. Sie hielt ihm einen Brief hin: »Den hat Jons Druswitz eben aus der Stadt für dich mitgebracht.« In den Augen der alten Frau glimmerte es dabei, sie konnte nicht zurückhalten, noch hinterdrein zu sagen: »Ich glaube beinah, Til, mir hat das Ohr heut nachmittag nicht ohne Grund gejuckt.« Merklich wartete sie darauf, daß er den Brief lesen solle; sich vom Stuhl hebend, brach er das beträchtlich umfangreiche Siegel auf, schlug den großen Papierbogen auseinander und trat damit dicht ans Fenster. Doch schien's, als gelinge es ihm auch so nicht mehr, die Schrift herauszubringen, sein Blick senkte sich vom Oberrand des Blattes tiefer herab, aber er sah ohne eine Äußerung darauf. Enttäuscht und etwas kleinlaut sagte Frau Margret: »Da ist's also doch nichts. Ich hatte gedacht –« Nun drehte er halb den Kopf. »Was – was hattest du gedacht?« »Daß etwas Gutes für dich drin sei, eine Verbesserung.« Er nickte kurz. »Von der Schulbehörde ist's, sie bietet mir eine andere Stelle an, an einer Stadtschule.« »Gott sei gedankt!« stieß die Alte frohlockend aus. »Siehst du wohl – auch die Möwen – und bekommst du dort mehr?« »Ja, ungefähr das Doppelte.« Sie schlug in freudiger Erregung die Hände zusammen: »Das ist ja ein Glück vom Himmel!« Tilmars Hände falteten das Schreiben zusammen, daß es zwischen seinen Fingern leicht knisterte. In unrichtige Falten, so daß er's wieder ausglätten mußte und schweigend aufs neue in die rechten brachte. Dann erst antwortete er: »Nein, eine Verbesserung bringt's nicht – wenn man nachrechnet – wir wissen's ja – wie viel teurer das Leben in der Stadt ist, schon allein die Wohnung. Aber, wenn's auch ein bißchen wäre – dir bekommt die Luft hier an der See so gut, liebe Mutter – du siehst so viel besser und jünger aus als damals, wie wir herkamen. Das macht mich froh, und darum kann's mir auch nirgendwo besser zumut sein als hier. Das wäre kein Platz für mich – wir sind's nicht mehr zwischen den engen Straßen gewöhnt – und die Strand- und Heidepflanzen hier, ich brauche noch Zeit, alle zu sammeln, kennen zu lernen und zu bestimmen, du weißt, wieviel Freude das mir macht. Nein, liebe Mutter, wir wollen auf etwas Besseres warten – das kommt gewiß auch noch – ich will der Schulbehörde natürlich dankbar antworten –« Margret Hellbeck hatte ihrem Sohn mit einem Gesichtsausdruck völliger Enttäuschung zugehört, wußte sichtlich nicht recht, was sie erwidern solle und wolle. So brachte sie hervor: »Meinst du wirklich, Til, daß es in der Stadt so viel teurer – etwas ist's ja wohl, aber das Doppelte – und ich fühle mich so gesund, daß ich an kein Krankwerden weiter denke. Doch du weißt es ja – verstehst es natürlich besser – denn ich hatte gedacht, du würdest mit Freuden jede andere Stelle nehmen, wenn man dir nur eine anböte. Und Pflanzen fändest du dort in der Umgegend, gewiß auch – und –« Sie hielt einen Augenblick an, ehe sie mit ein bißchen lächelnden Mundwinkeln, denen es aber nicht wirklich drum war, hinzusetzte: »Und du sagtest vorher, wenn unsere Einnahme dazu ausreichte, wäre Kaffee für ein altes Weib besser als Milchsuppe.« »Liebe Mutter!« Der junge Dorflehrer griff hastig mit beiden Händen nach den ihrigen. »Ja, aber – nein du irrst dich, die Pflanzen hier sind ganz andere, und ich hoffe, daß ich's so weit bringe, etwas über sie schreiben und damit so viel verdienen zu können, um uns die Ausgabe für den Kaffee möglich zu machen. Siehst du, wenn ich studiert hätte – nein, daran war ja gar kein Gedanke, beste Mutter, daß du mit deiner schweren Arbeit das hättest zusammenschaffen können – aber so muß ich suchen, durch mich selbst höher heraufzukommen – an Wissen und Bildung – dazu bleibt mir hier ganz anders Zeit, als in der Stadt, dort könnt' ich nichts als meine Unterrichtsstunden geben mit der Vorbereitung für sie. Und ich möchte, liebe Mutter – möchte es im Leben noch zu anderem bringen als zum Volksschullehrer – das ist keine Hoffart, sondern liegt mir wohl im Blut, habe ich aus deiner Familie geerbt. Darum wirst du begreifen, daß ich auf den Brief nicht anders antworten kann.« Unverkennbar aus innerer Erregung hervor hatte Tilmar Hellbeck das stockend abgerissen und rasch zugleich gesprochen und suchte einem etwaigen weiteren Einwand seiner Mutter auszuweichen, denn er griff eilig nach seinem Hut und ging schnellen Schrittes an ihr vorbei noch wieder an den sich dunkel überdämmernden Strand hinaus. II. Das Dorf Loagger lag auf einer alten Dünenschwellung, die, sich mäßig abflachend, bis zur See hinunterging, Hier bedurfte es deshalb, eine ziemliche Strecke weit, keiner Schutzdämme gegen die Flut, dann indes zeigten im Norden wie im Süden wagrecht abgeschnittene, gleichmäßig ins Endlose sich verlängernde Deiche die das Ufer begrenzende Marschniederung an. Auf dieser weideten Rinder und der fruchtbare Boden trug seinen Eigentümern Wohlstand ein. Doch Loagger nahm nicht teil daran; über der Sandunterlage seines Umkreises hatte sich nur da und dort eine dünne Ackerkrume gebildet, die mageren Ertrag an Hafer, hauptsächlich aber an Buchweizen gab. Die Mehrzahl der Bewohner lebte nicht vom Feldbau, sondern vom Fischfang; von alters griffen die heranwachsenden jungen Burschen zumeist zum Schiffergewerbe, gingen als Deckjungen in die Weite, als Matrosen um die Erde, in der Hoffnung, einmal mit Zurückgelegtem in der Tasche an ihren Kindheitsstrand heimzukommen. Aber selten erfüllte sich's einem; diesem versagte es eigene Schuld, in Kneipen und bei gefälligen Schönen fremder Küsten lief ihnen der schwerverdiente Lohn leichtflüssig aus den Fingern; Wollen und Vollbringen des jungen Blutes gingen nicht Hand in Hand. Andere zog die weißarmige Ran, die immer nach jungen Männern Begierige, in ihre Arme, überall auf sie lauernd, in der Glut zwischen den Wendekreisen, wie im Eismeer, im fernen Ozean, wie dicht am. heimischen Strand. Manchmal kam nach kürzerer oder erst nach langer Zeit eine Botschaft davon, manchmal auch blieb jede Kunde aus. Vater und Mutter, Geschwister und Braut warteten umsonst, bis eines Sonntags der Pastor auf der Kanzel den Namen des Verschollenen in die Fürbitte für die nicht mehr Wiederkehrenden einflocht. Man sah den aus der Kirche Rückschreitenden an, daß der Prediger ausgesprochen, was sie selbst schon lange schweigsam gedacht. Hartes hatte er verkündigt, doch zugleich eine Last von ihnen genommen. Mit einer Träne im Augenwinkel gingen sie an ihr Tagesgeschäft, die gleichfalls harte Arbeit des Lebens fortsetzend. Ein ärmliches und einsames Stückchen Welt war's hier mit angesiedelten Menschenleben zwischen ihren drei Eigentümern aus Urzeit, Wasser, Sand und Wind. Unveränderlich blieben sie, während die Geschlechter jenes Lebens kommend und gehend wechselten. Aber das nämliche hatten die ersten gesehen, wie das heutige, immer Tropfen, die ruhlos der Wind ans Ufer trieb, und Körner, die er rastlos am Dünenhang rollte. Und so war's ein Erdenfleck, der da und dort in einem Kopf die Vorstellung regen konnte, auch die Menschheit komme, gehe und bleibe wie Wellen und Sand. Daran mochte sich auch wohl der Gedanke knüpfen, was für jene in diesem Gleichnis der Wind sei und zu welchem Ende er sein nie endendes Spiel betreibe. Die hinterlassene Niederschrift Jasper Simmerlunds ließ aufschimmern, daß ihm hin und wieder solche Fragen gekommen und er sich Antwort drauf zu geben gesucht. Doch zugleich auch, er habe sich nicht mit ihnen abzufinden vermocht oder vielmehr sei, ehe er dazu gelangt, vor ihnen umgekehrt. Er war ein Dorfschullehrer gewesen, wohl mit stärkerem Antrieb zum Denken und weiterem Gesichtskreis, als die Mehrzahl der mit ihm auf gleicher geistiger Ausbildungsstufe Stehenden. Noch man empfand, seine Augen waren zurückgeschreckt, mit dem Blick über eine Grenze hinauszutrachten, an der er sich beschied. Und auch das ließen seine Aufzeichnungen erkennen, er hatte sich, mehr im Ungewissen Gefühl als mit deutlicher Auffassung, nicht immer in Übereinstimmung mit dem Dorfpastor Hans Christian Hollesen befunden. Die Strohdachhäuser Loaggers lagen auf dem Dünenrücken, in ihrer Mitte und zugleich am höchsten die Kirche. Sie hob sich über ihnen auf wie ein aus starkem Felsgestein errichteter Schutzbau, dessen Mauern Beängstigten Zuflucht vor Bedrohung und Gefahr verhießen, einer Burg des Mittelalters gleich, unter deren Schirmhut sich wehrlose Landbebauer zu einer Gemeinschaft zusammengetan. Wollte man den Vergleich weiterbilden, so war Pastor Hollesen der Burgherr, um dessen Burgfried seine Hörigen hausten. Dem Wind und dem Sand konnte er nicht gebieten, sie besaßen älteres Bodenanrecht als er. Auch an der Westseite des Kirchhofswalles häufte der erstere unablässig Korn auf Korn, eine schräge Böschung anschwellend, um den Sand über den Oberrand des Schutzdeiches hinüberzuwälzen. Als Pastor Hollesen nach Loagger gekommen, hatte er einmal gestanden und dem Weiterschritt dieses Vorganges zugesehen. Schweigend, mit einem Ausdruck, als erkenne er sich nicht die Befugnis zu, in ein Recht der Natur, der großen Grundbesitzerin, einzugreifen. Aber dann hatte er angeordnet, die hochaufwachsende Körnermasse abzutragen und an den Strand zurückzukarren. Im Weitervordringen hätte der Flugsand die kargblühenden Pflänzchen auf den Grabhügeln überschüttet und erstickt; die Natur bekämpfte sich selbst, ließ ihre Angehörigen miteinander ringen, und Christian Hollesen sprach sich doch ein Recht ihr gegenüber zu. Er beschützte das Schwächere, weil es dem Menschengefühl das Schönere war. Der Turm über den Findlingsblöcken der Kirchenmauer trug eine alte Dachhaube, der matten Farbe grauweißen Schneeises gleich. Er ragte nicht hoch, doch bildete er den höchsten Punkt im Umkreise vieler Meilen, und wie er schon fernher sichtbar war, so ging der Blick aus seinem Glockenschalloch weithin nach allen Seiten. Von der See aus gewahrte der Schiffer ihn als ersten Verkünder der noch nicht sich über dem Wasser aufhebenden Küste, und ähnlich sah er landein über endlose, sich in grauen Dunst verlierende Flächen. Bald hinter Loagger begann die Heide, den größten Teil des Jahres hindurch wie von einem dunkelbraunen Schorf bedeckt, hell gestreift und gescheckt von weißen Sandstrecken. Sie war nicht wirklich eben, wie sie aus der Weite erschien, sondern ihrem Dünenursprung gemäß mannigfach gewellt, zu niedrigen Hügellücken ansteigend und kleinen Tälern einsinkend; hin und wieder zeigten niedriger Buschwuchs und silberrindig flimmernde Birkenstämme das Vorhandensein der Schöpferin und Ernährerin des Lebens, zwischen der Dürre angesammelter Feuchtigkeit. Dort mischten Moorgründe sich ein, zuweilen mit scharf abgekanteten, fast schwarzen Rändern auf Torfstich durch die entfernten Umwohner deutend; einzelne vermorschte Hütten aus grauem Lattenwerk, mit Heidebülten zugedeckt, boten Unterschlupf gegen jäh ausbrechende Unwetter. Frei ging der herrschende Westwind auch hier über das Land, und wie er aus der Meerfläche die Wellen aufkämmte, so strich er das Gezweig von Bäumen und Sträuchern, das er auf der Heide fand, gleich Haarsträhnen gegen Osten zurück. Dann traf er aus festeren Widerstand eines weitgedehnten Waldgürtels, den die Natur und die Menschenhand gemeinsam hergestellt, denn aus dem Laubbaumwuchs der ersteren stachen mit dunklerer Färbung Tannen hervor. Man erkannte vom Kirchhof des Dorfes aus an der verschiedenen Höhe der Wipfel, daß der Boden unter ihnen sich stellenweise zu stärkeren Hügelwölbungen anheben müsse, von deren einer ein turmartiger Aufbau neben dem Oberrand eines langgestreckten Helmdaches über Buchenkronen wegsah; das war Schloß Helgerslund, uraltes Besitztum der Freiherren von Rhade, nach dem Tode des letzten dieses Namens in die Hand des Herrn Friedrich von Brookwald übergegangen, der die Erbtochter des Abgeschiedenen, eine Schwester des beim Wettsegeln auf der Nordsee jung verunglückten Meinolf von Rhade, geheiratet hatte. Etwa zwei Stunden weiter nach Süden, von Loagger ungefähr gleichweit wie Helgerslund entfernt, umschloß der Wald noch ein Herrenhaus, das der Freiherrn von Alfsleben, doch es lag tiefer eingesenkt, so daß nichts von ihm sichtbar ward. Überhaupt traf die Rundschau weit und breit wenig Menschenbehausungen an, ließ auch die anderthalb Meilen südlich entlegene kleine Hafenstadt nur an ihrer Kirchturmspitze ahnen, denn eine Umbiegung des Deiches verdeckte völlig die Häuser. Ja, ein ärmliches und einsames Stückchen Welt und Menschenleben, an zwanzig Dächer in einem Halbbogen um die Dorfkirche hingestreut, zwischen ihnen sandiger Grund oder eine kurznarbige, mehr graue als grüne Grasdecke. An den Ostseiten der Häuser ab und zu, in ihrem Windschutz, der kümmerliche Versuch eines Gärtchenanbaus, doch nur am Pastorat wirklich zum Bild eines kleinen Gartens aufgediehen, von sorglicher Pflege und Ausdauer zeugend. Ein paar Spalierbäume kletterten an der Wand empor, hinter der Wandung verflochtener Lattenzäune waren einige Gesträuche in die Höhe gekommen und beschirmten wieder zwischen sie hineingeborgene Blumenbeete. Das Pfarrhaus, dem Kirchhof an seinem Südrand benachbart, war nicht von anderer Bauart als die Dorfhäuser, nur umfänglicher und augenscheinlich in seiner Anlage schon aus ferner Zeit stammend, denn es zeigten sich stellenweise einzelne kleinere von den Granitsteinen, die vermutlich bei dem Kirchenbau nicht mehr erforderlich gewesen, in seine Wände eingemauert. Das gab ihm etwas Gefestetes, sicher auf sich Ruhendes, in einem Gegensatz zu dem weiter an den Strand hinabgerückten Schulgebäude. Klein, aus wenig haltbarem Baumaterial zusammengefügt, lag dies auf dem Flugsandbette, als sei es von Wind und Wellen dorthin getragen, ein Spielzeug ihrer Laune, das sie ebenso wieder mit sich fortnehmen könnten. Doch hatten sie bis jetzt kein Gelüst danach gehegt, und Menschenhände nahmen nur wenn die Zeit gekommen, aus dem Schulhause, wie aus jedem anderen, den Inwohner fort, um ihn hinter den Kirchhofswall zutragen, in den allersichersten Schutz, den die Burg des Pastors Christian Hollesen zu verleihen imstande war. Am Morgen nach dem Aprilabend, an dem Tilmar Hellbeck die ihm unerwartet gebotene besser besoldete Lehrerstellung ausgeschlagen, wanderte von Norden her ein Mann in mittleren Jahren Loagger zu, den Seestrand entlang. Er ging gemächlich, nach der Gewöhnung von Leuten, die mehr Lebenszeit auf dem Wasser als auf festem Grunde zugebracht, etwas mit den Hüften schlingernd; seine kleinen blaßblauen Augen richteten sich aus gutmütigen Zügen, doch unverkennbar scharfsichtig, wechselnd auf das Nahe und in die fast ruhige Meerweite hinaus. Einer der wenigen war's, die sich selbst widerstanden und Ran aus den manchmal schon zugreifenden Händen geschlüpft, mit etwas erspartem Tascheninhalt zur Heimatlichen Küste zurückzukommen, an ihr für den Tagesrest zu landen, Henning Wittkop, der Strandvogt. Er fing an, sich mit seinem Namen ein wenig in Einklang zu setzen, wenn auch noch nicht durch weiße Haarfarbe, doch mit einem anhebenden grauen Schimmer an den Schläfen; so schritt er, mit dem Umblick seines Amtes waltend, daher. Jasper Simmerlunds Mutmaßung hatte sich bestätigt, ein Gesetz schon seit manchen Jahren strengere Vorschriften hinsichtlich antreibenden Strandgutes gemacht. Ner alte unbeschränkte Aneignungsbrauch aus Vorväterzeit her hatte zwar nie wirklich als ein Recht bestanden, nun indes war ei widerrechtlich geworden, und jeder Fund mußte erst dem staatlich bestellten Aufseher zur Anzeige gebracht, ihm Übergeben werden. Diese Aufsicht führte, ungefähr bis zu einer Meile Entfernung nord- und südwärts von Loagger, Henning Wittkop, ebenso gewissenhaft sorglich seiner Amtspflicht, wie der rechtlichen Ansprüche der Finder bedacht. Aufmerksam schaute er um, denn vor zwei Tagen war ein verspäteter heftiger Sturm über die Nordsee gefahren, daß er wohl Unfälle draußen mitgebracht haben konnte. Noch keinerlei Anzeichen ließen sich gewahren und die langen Wellen zogen so gleichmäßig und ruhig heran, als könne ihnen niemals einfallen, sich zerschlagene Schiffsplanken und darauf treibende Menschenköpfe als Fangbälle zuzuwerfen; die See war heut eine spielende Katze, die Krallen einziehend und nur weiche Sammetpfötchen ausstreckend. Über dem Wasser klafterten ein paar große scharfäugende Möwen zur Seite des Wanderers dahin und vor ihm über den Ufersand lief vielstimmig singend eine Schar kleiner Strandpfeifer manchmal in blitzschnellem Flug ein Stück fortschießend und schräg wieder zu Boden schwirrend. Sonst befand sich nichts Lebendes ringsumher. Nur aus der Richtung des kleinen würfelförmigen Strandvogteigebäudes, von dem Wittkop hergekommen, tauchte jetzt noch eine Menschengestalt auf und bewegte sich ihm nach, dem Kirchdorf entgegen. Ein Mann, dessen Gangart ihn schon aus ziemlicher Ferne erkennen ließ, denn er knickte beim Auftreten mit dem linken Knie etwas ein und zog das Bein langsamer nach. Daran sah man, Nathan Aronsohn müsse es sein mit dem immer gleichen schäbigen Anzug und dem unveränderlichen großen groben Sack über der Schulter. Er hauste drüben in einer kleinen Spelunke der Hafenstadt, doch war er wohl ein halb Dutzend Meilen rundum in jedem Dorfe und Gehöft allbekannt, denn seinem Humpeln zum Trotz zog er weit in die Runde, Lumpen und Plunder jeder Art sammelnd, mit Mägden um Knochen und mit Schindern um Häute feilschend, nach Scheiben suchend, oft Unglaubliches aus Abfallhaufen und Grabensielen mit seinem Haken herausstochernd. Nichts Wertloses gab es für ihn, er stoppelte alles in seinem Sack zusammen, legte sich, bis dieser voll geworden, bei Nacht hinter einen Zaun, oder in den Heuwinkel einer offenen Scheune und kehrte erst mit strotzender Last zu seiner Tochter Miriam nach Haus. Wie er seinen schmutzigen Trödel für Geld an den Mann bringe, war jedem unverständlich, aber er fristete sein Leben davon, dessen Benötigung allerdings äußerst gering schien; niemand sah ihn unterwegs einen Bissen zu sich nehmen und er bettelte nie um Speise oder Trank. Ebensowenig konnte jemand ihm nachsagen, daß er sich je etwas einem anderen Gehöriges unrechtmäßig angeeignet habe; es ging ein Wort in der Gegend um: Ehrlichkeit bringt Segen, sagt der Jude Nathan. So kam Nathan heute auf seiner Umsuche von Norden her am Seestrand entlang angehinkt, und auch sein mageres Gesicht mit dem spärlich um die Ohren zottelnden Haar ward erkennbar. Henning Wittkop wartete auf ihn und sprach ihn an: »Ihr schleppt heut schwer, scheint's, Nathan, mir deucht, Ihr knickt stärker mit dem Bein als sonst.« Der Lumpensammler zog die breite Schirmmütze vom Kopf. »Wunder, Herr Strandvogt, hat mir doch der gnädige Herr geschenkt ein Wetterglas im Bein, daß es mir sagt, ob's wird geben Regen. Weil der gnädige Herr Baron drüben ist gewesen bei guter Laune, hat er mir gerufen: ›Wenn du hast Hunger, Jud', friß den Knochen!‹ und hat mir geworfen einem Eichenknüppel ans Schienbein, daß es davon ist gebrochen in der Mitte durch. Haben Sie Neubegier, Herr Strandvogt, einzusehen in meinen Sack?« Der Sprecher lud diesen von der Schulter ab und band den oben drumgeschnürten Strick auf. Wittkop antwortete: »Ich bin nicht neugierig, Nathan, was Ihr drin habt, es ist bloß, weil's so sein soll.« »Was soll sein? Abfall, wie er ist für mich; es würden sich nicht raufen drum unterm Herrentisch die Hunde.« Ein Sammelsurium buntester Art kam zum Vorschein: Seetangknollen, verwitterte Korkpfropfen, Bretterstücke, Muschelschalen, ein Dorschkopfskelett, tote Taschenkrebse, ein paar bläuliche Sturmmöwenflügel, alles angeschwemmter, völlig wertloser Kram, fauligen Geruch verbreitend. Der darauf Hinblickende, obwohl nicht von derwöhnten Sinnen, drehte die Nase ab und sagte: »Packt's ein und verderbt die Luft nicht. Geht Ihr auch fischen? Ich hab' gemeint, es wär' wider Brauch Eures Stamms, mit dem Salzwasser zu tun zu haben.« Nathan Aronsohn schob die Sachen in den Sack zurück, »heißt's bei den Christen, der Jud' geht nicht zu Wasser; muß er sich doch ernähren von Wasser und Brot und nicht verachten das Brot, ob es schwimmt im Wasser, auch wenn es hat mehr Salz, als ist für den guten Geschmack.« Nicht die Nase des Strandvogts allein hatte ihn abgehalten, den Sackinhalt weiter zu untersuchen, auch sein Gesichtssinn. Von Loagger her kam etwas am Strand auf ihn zu, und in seine Augen geriet ein Glimmern, wie wenn ein Sonnenstrahl auf blaues Wasser fällt. Auch Nathan, sich den Sack wieder auf die Schultern ladend, hielt den Blick vorgerichtet, dazu kam ihm vom Mund: »Es wirft mancherlei aus das salzige Wasser, man sollt's nicht glauben. Es kommt als ein kleines Samenkorn und geht auf als eine große Blume aus der Fremde.« Ein Gleichnis zutreffender Art brachte er vor, in der Tat einer schlank aufgeschossenen Blume ähnlich, schritt es heran, nur nicht von landfremder Erscheinung. Anna Witta oder Zea Hollesen war's; nach den Jahrangaben der Berichte Jasper Simmerlunds muhte sie jetzt siebzehnjährig sein. Ihre Tracht ließ sich nicht bäuerisch und auch nicht eigentlich städtisch nennen; ein Kleid aus einfachem, sandfarbigem Stoff umgab sie, über den Hüften von einem Gürtel zusammengefaßt, doch nach Zuschnitt und Farbe stand's ihr, wie von der Natur ihr mitgegeben, als lasse sie sich nicht in anderem vorstellen. Unter dem Saum sahen ihre bloßen Füße hervor, denn wie die Dorfmädchen ging sie in Sommerszeit am Strande barfüßig; Schuhe taten ihr Zwang an, und sie konnte kein beengendes Gefühl ertragen. Ihre Pflegemutter fand es nicht angemessen, daß sie es noch aus ihrer Kindheit so fortsetzte, doch Pastor Hollesen willigte drein. Einige Strandläufer trippelten vor ihr her, aber flogen, von ihr eingeholt, nicht auf, sondern wichen nur ein wenig zur Seite aus. Sie mochten das Kleid und die kleinen Füße als ihrer Uferwelt mit zugehörig ansehen, augenscheinlich hegten sie vor der zwischen ihnen Dahinschreitenden keine Furcht. Das Mädchen streckte die Hand aus. »Guten Morgen, Onkel Henning, ich sah dich kommen.« So redete sie ihn an und duzte ihn, wie er sie; es war selbstverständlich, daß das immer so Gewesene auch so blieb. Daß sie auf der Erde hier ging, dankte und schuldete sie ihm, zweimal hatte er ihr Leben erhalten. Behutsam nahm er ihre schmalen Finger in seine derbe Matrosenhand, doch freudig aufglänzenden Gesichts. Es bedurfte nicht vieler Kunst in der Deutung des Ausdrucks von Menschenzügen, um zu erkennen, daß Henning Wittkop hier Strandvogt geworden sei, in der Nachbarschaft des Mädchens sein Leben zuzubringen. »Guten Morgen, Witta«, erwiderte er. Niemand als er nannte sie so nach seinem Namen, auf den sie mitgetauft worden; es beglückte ihn, die besondere Anrede für sie zu haben, er empfand sie dabei als etwas ihm Angehörendes. Beide sahen aus blauen Augen, doch nur in der allgemeinen Bezeichnung stimmten diese überein. Diejenigen Wittkops waren von matter Wasserfarbe, während Jasper Simmerlund die Irissterne des Täuflings wohl zuerst mit dem ihm unbekannten kostbaren Ringstein in Vergleich gebracht hatte, den er einmal an der Hand einer vornehmen Dame gesehen. Ein Saphir mußte es gewesen sein. »Guten Tag, Nathan«, sagte Zea Hollesen nun auch. »Ihr habt's noch schwer, bis Ihr nach Haus kommt. Wie geht's Eurer Tochter?« Natürlich war er ihr ebenfalls lang bekannt. Er krümmte, vor dem Mädchen eine bückende Bewegung machend, den Rücken. »Es wird ihr sein eine Auszeichnung, wenn ich ihr sage, daß sich das Fräulein hat erkundigt nach ihrem Wohlbefinden. Ist es sonst nicht der Brauch, daß die Taube tut eine Frage nach der Dohle.« Zea gab zurück: »Heißt Ihr Eure Tochter so, Nathan? Davon hat sie doch nichts, deucht mich.« »Hat sie doch schwarzes Haar um den Kopf und nicht das Gefieder von einer Seeschwalbe, welches ist weißer noch, als das von einer Taube.« Die Antwort des Juden enthielt einen neuen Vergleich des Mädchens, und dieses hatte etwas an sich, das auch dazu Anlaß geben konnte. Nicht sowohl durch die helle Farbe ihres Gesichtes, als durch eine eigene Art ihrer Bewegungen. Jasper Simmerlund hatte von ihr, als noch kleinem Kinde, schon geschrieben, sie gehe nicht wie einer, der auf festem Boden schreite, vielmehr als hebe sie sich drüber in die Luft. Das war ihr geblieben, und auch das Emporheben ihres Armes konnte an das Auslüften eines leichten Flügels erinnern. Ein hübsches Gleichnis mit dem anmutigen Wesen der Seeschwalbe war's, doch merklich hatte Nathan es nicht angewandt, um ihr zu schmeicheln, sondern nur um des drin Zutreffenden willen. Zea Hollesen war mit den beiden umgekehrt, die Morgensonne zeichnete den Schattenriß des Juden mit dem Sack und dem einknickenden Bein lang als eine phantastische Ungestalt auf den Sand. Um ein Stück vor ihnen belebte sich jetzt der Dünenrücken zur See hin: es war vormittägige Unterrichtspause, und ein Dutzend von Kindern drängte sich aus der Schulhaustür, jagte an dem Strand abwärts. Hinter ihnen tauchte Tilmar Hellbeck auf, er schien gleichfalls ein Erfrischungsbedürfnis zu fühlen, sich durch einen kurzen Gang Bewegung machen zu wollen. Rasch ausschreitend wandte er sich nach Norden, der kleinen von dorther nahenden Gruppe entgegen, doch ein Ruf seines Namens hielt ihn an. Seitwärts kam Pastor Hollesen aus einer Pforte der Kirchhofumwallung herab und begrüßte freundlich den jungen Lehrer. Dann fügte er die Frage nach: »Ist's schon so spät, daß die Kinder sich tummeln können? Der Tag läuft auf Rädern, und mich dünkt, jeder sucht's noch schneller zu tun, als sein Vorgänger.« Der Angesprochene versetzte: »Ja, es ist zehn Uhr, Herr Pastor, die Zeit der Pause.« Ins letzte Wort indes fiel ihm vom Kirchturm her ein Doppelanschlag der Glocke, ließ Hollesen den Kopf drehen und danach erwidern: »Sie haben sich versehen, lieber Hellbeck, es schlägt erst halb. Nun, den Beinen und Lungen kommt's zu gut.« Am Haarrand Tilmars flog eine leichte Röte auf, er wiederholte: »Versehen? – ich meinte doch –«, und nach dem Zifferblatt an der Kirche hinüberblickend, wandte er den Kopf ab. Die Zeiger der Uhr bewährten, daß es erst halb zehn sei, doch der Pastor entgegnete: »So meint sie's vielleicht gut mit dem jungen Volk und geht unrichtig.« Er war ein Mann in der Mitte der Fünfziger, an den Schläfen ergrauend, mit klugen und schönen Augen, ohne etwas Pastorales in Haltung und Gesicht, dessen feinausdrucksvolle Züge eher einen Gelehrten vermuten ließen. Aus seinem Wesen sprach leiblich und geistig fest auf sich Ruhendes; an Körpergröße wohl ein wenig unter Tilmar Hellbeck zurückbleibend. überbot er diesen fraglos ebenso an sicherem Wissensumfang und klassischer Bildung, wie an Lebensjahren und ihrer Erfahrung. Doch lag in seiner Sprache und Miene dem jüngeren Lehrer gegenüber nichts von Überhebung, sondern aufrichtiges Wohlwollen für einen weniger günstig vom Leben Gestellten. So fügte er seinen letzten Worten nach: »Meine Frau hat Ihre gute Mutter heute morgen gesprochen und von ihr erfahren, daß Ihnen eine einträglichere Stelle angeboten, doch von Ihnen nicht angenommen worden ist. Es hat mich überrascht, die Jugend pflegt in solchen Fällen rasch zuzugreifen –« Der Sprecher brach ab, auf die See hinausblickend, wo ein schmächtiges Segelfahrzeug sich nahe unter der Küste entlang hielt. »Das scheint Knut Dibbern mit seinem Kahn. Er tut richtig, nicht weit hinauszugehen, kleine Böte müssen am Strande bleiben, sagt ein guter Spruch.« Der Pastor wandte sich dem Lehrer wieder zu. »Aber es freut mich, lieber Hellbeck, daß Sie bei uns bleiben wollen, von unserer Schule und Ihnen selbst abgesehen, auch um Zeas willen, daß sie einen Begleiter beim Pflanzensuchen auf der Heide behält. Doch Sie wollen sich auch etwas Bewegung in der Pause machen, die will ich Ihnen nicht verkürzen.« Er nickte freundlich, während Tilmar, an seinen Hut fassend, leicht verwirrt erwiderte: »Ja, ich dachte, einige Schritte –«. Die Augen niedergeschlagen haltend, ging er, doch nicht in der eingeschlagenen Richtung weiter, sondern gegen das Schulhaus zurück. Ein abermaliger Anruf indes ließ ihn wieder halten und sich umdrehen; die am Strande dem Dorf zugewandte kleine Gruppe war nahe herangekommen, und Zea Hollesen trat, eine Pflanze in der Hand aufhebend, gegen ihn hin: »Was ist das, Tilmar? Ich hab's noch nie gefunden.« Sie hatte, als er die Stelle in Loagger angetreten, noch ein halbes Jahr lang Rechenstunde bei ihm gehabt; darin war sie zurückgeblieben, für Zahlen fehlte es ihr an Begabung, die gleichfalls nicht die Stärke des Pastors bildeten. Doch auch ein anderer Gegenstand, dem sie sich mit lebhaftem Interesse zugewandt, lag ihm zu fremd ab, als daß er ihr, wie sonst in allem, darin Unterricht hatte erteilen können. Er war wohl ein Freund der Blumen, aber nicht pflanzenkundig, und statt bei ihm hatte sie die Belehrung, nach der sie auf diesem Gebiet Verlangen trug, bei Tilmar Hellbeck und seinem alten botanischen Handbuch zu finden vermocht. So war er in gewisser Weise bis heute ihr Lehrer gewesen; sie sammelten im Sommer oft eifrig miteinander, ihr Vater sah nicht gern, daß sie allein weit in die Heide ging, zwischen deren Büscheln hier und da sich Kreuzottern aufhielten. Ein vertrautes Kameradschaftsverhältnis war aus diesem gemeinsamen Interesse und Umherstreifen bei ihnen entstanden; als seine Rechenschülerin, die sie als ein völliges Kind noch von niedrigem Wuchs gewesen, hatte er sie mit du angeredet, wahrend sie ihn Sie genannt. Dann wuchs sie in kurzer Zeit, fast plötzlich, hoch auf, und unwillkürlich eines Tages änderte er seine Ansprache. Aber dazu lachte sie, ob sie nicht mehr dieselbe wie gestern sei und er Spott mit ihr treiben wolle. Das gab ihm die Antwort in den Mund, wenn er sie du fortnennen solle, müßte sie bei ihm das gleiche tun, und sie versetzte, das komme ihr auch natürlicher vor, denn alle Leute im Dorf heiße sie von Kindheit her so und das Sie habe ihr immer Fremdes auf der Lippe gehabt, da er doch näher mit ihr befreundet sei als die übrigen. In die Stadt kam sie nur selten, fühlte sich dort nicht auf heimatlichem Boden und wußte kaum von städtischem Verkehrsbrauch. So ging sie jetzt auf ihn zu, fragte: »Weißt du's?« und er nahm die Pflanze ihr vorsichtig aus den Fingern, dieselbe zu betrachten. Doch dazwischen sprach sie nochmals: »Ich vergaß, daß ich dich heut noch nicht gesehen habe. Guten Morgen, Tilmar!« Und sie reichte ihm die Hand. Die nämliche, noch knospenlose Pflanze war's, die er gestern mit heimgebracht, und er stieß schnell heraus: »Die Strandnelke ist's – Ameria maritima .« Etwas Freudiges, über seine Kenntnisse Frohlockendes klang aus dem Tom, allein gleich danach färbte ein Rot ihm die Schläfen, denn der Pastor wiederholte mit anderer Betonung den Namen: »› Armeria maritima ‹ – mir tut's leid, so unwissend in der Botanik zu sein, aber was einem in der Jugend nicht zuteil geworden, holt man nicht ein.« Er kehrte sich begrüßend zu Henning Wittkop: »Strandnelke – den Namen hatte man auch Eurem Fund geben können, und er hätte ihm gut gestanden.« Sein Blick haftete dabei mit einer Mischung von Zärtlichkeit und Stolz auf der schlanken Gestalt Zeas; der Strandvogt gab Antwort: »Wenn's sein soll, Herr Pastor, dünkt's mich noch mehr – ich weiß nicht, wie sie heißt, aber es gibt so eine, die ganz weiß aufm Wasser schwimmt und blüht. Das stimmt ja bei ihr, denn aus dem Wasser ist sie ja aufgegangen.« Es hatte etwas Merkwürdiges, doch zugleich Begreifliches, daß Zea Hollesen mit mancherlei Dingen verglichen wurde, ihr Ursprung und ihre Art legten es jedem nahe. Schwerlich aber war's je geschehen, daß sie von einem Munde mit etwas Unschönem zusammengebracht worden Auch an den Weggenossen Wittkops richtete der Pastor einen Gruß, Zeugnis von seiner menschlichen Gleichstellung des Juden, doch ebenso von einer Neigung zu launigem Humor bei ihm bekundend, denn er fragte: »Nun, weiser Nathan, ist's Euch geglückt, den echten Ring Eurer Vorfahren aufzufinden und in Eurem Sack heimzutragen?« Ein Scherzwort ohne spöttischen Beigeschmack war's, ließ erkennen, es sei nicht zum erstenmal zwischen den beiden davon die Rede und der Angesprochene mit dem Bezug vertraut. Die abgezogene Mütze in der Hand haltend, erwiderte Nathan Aronsohn: »Streuet doch hin der Wind den Sand über alles. Herr Pastor; hätt' ich auch ausgegraben unter den Körnern den echten Ring, würd' ihn doch vielleicht nicht einmal kennen mehr der, dem er hat angehört. Hat er vermutlich ihn weggeworfen, daß er würde zugedeckt mit dem Sand und nicht wieder sichtbar für Augen. Weiß ich, Sie wollen nur machen einen Spaß, Herr Pastor, daß Sie mich heißen weise, und nicht lassen fallen Verdacht auf mich, daß ich trage nach Haus Gold in meinem Sack. Könnt' es mir doch nicht zukommen mit Recht wie altes Eisen, und wer nimmt fremdes Gut, nimmt sich den Schlaf. Haben Sie doch gehabt richtigen Grund zu sagen, weiser Nathan! Denn ich bin geworden ein alter Mann und will nicht nehmen mir den Schlaf.« Gleichmütig, ohne von einem Gekränktsein zu reden, war's erwidert, nur ein bißchen Abwehrendes klang hindurch, Christian Hollesen entgegnete: »Laßt es gut sein, Nathan; Ihr wißt, ich lese gern in Eurer Propheten Büchern, denn es sind Goldkörner der Weisheit drin, ausgesiebt aus dem Meersand des Lebens. Geht Euer Weg noch weiter, Wittkop, oder kehrt Ihr bei mir vor?« Der Strandvogt griff sich, den Kopf schüttelnd, an den Nacken. »Nein, weiter wollt' ich nicht, Herr Pastor, bloß mal so weit, ob ich Witta nicht zu Gesicht kriegte, ihr die Tageszeit zu sagen. Aber ich Hab seit gestern Tags ein bißchen was Ziehen hier hinten am Hals; ich glaub fast, ein reines Wort im ›Krug‹ tät gut dafür.« Er verkürzte in Gegenwart des Geistlichen die landesübliche Bezeichnung des Kornschnapses, doch Christian Hollesen fiel lächelnd und in gewisser Weise das Ausgelassene ergänzend ein: »Was findet Ihr seinem Namen gemäß am besten neben dem Hause Gottes in dem des Predigers und es wird dort noch wohltätigere Wirkung üben, als im ›Krug‹. Gewiß ist's anratsam für Euren Zustand im Nacken; da wir keinen Doktor zur Stelle haben, nehm' ich's auf mich, Euch das Mittel zu verordnen.« Eine Einladung ins Pfarrhaus statt der Schenke, nicht die erste, war's, und Henning Wittkop antwortete durch ein leichtes Schmunzeln, daß er ihr gern Folge leiste. Der junge Lehrer hatte mit Zea über die Strandnelke fortgesprochen, eifrig, so weit sein Wissen reichte, die Familienzugehörigkeit der Pflanze erläuternd; eine ihm entfallende Äußerung schien darauf zu deuten, er müsse während des Unterrichts von seinem Lehrpult aus durchs Fenster das Vorüberkommen des Mädchens am Schulhause wahrgenommen haben. Wiederum schlagend zeigte die Turmuhr jetzt den Ablauf der vormittägigen Pause an, und Tilmar Hellbeck legte offenbar Beflissenheit an den Tag, sich nicht den Vorwurf einer Zeitversäumnis zuzuziehen. Sich rasch umwendend, ließ er einen Pfiff auf dem Finger zum Strand hinuntertönen, ein Zeichen, das seine Schüler zurückrief, und die Gruppe der im Gespräch beieinander Stehengebliebenen löste sich auf. Der Lehrer begab sich wieder in die Schulstube, Nathan Aronsohn hinkte allein am Ufer entlang weiter, während Henning Wittkop den Pastor und Zea den Dünenrücken hinan unter dem Kirchhofswall fort zum Pfarrhaus begleitete. Bei der frühlingsmilden Luft hieß Christian Hollesen ihn sich hier auf die Bank einer kleinen Laube des Gärtchens setzen, wohin er, ins Haus tretend, nach kurzem mit einem wohlangefüllten Glase zurückkehrte. Der Gast schien ein wenig dran nippen zu wollen, tat indes statt dessen einen recht herzhaften Schluck, und der Pastor beschäftigte sich neben ihm mit dem Aufrichten eines von hereinfahrendem Windstoß niedergedrückten, grünaustreibenden Gesträuchzweiges. Doch nahm sein Gesicht dabei einen nachdenklichen Ausdruck an, seine sonst geschickten Finger hantierten nicht recht zweckgemäß. Dann drehte er einmal dem Sitzenden den Kopf zu und fragte: »Als meine Tochter vorgestern nachmittag zu Euch ging – ich war an der Kirche und mein Blick geriet einmal in die Richtung nach Eurem Haus, aber es fing schon an zu dämmern – habt Ihr sich etwas auf der Heide bewegen sehen?« Der Strandvogt nickte. »Ja, mir kam's so vor, aber es war schon sehr grau und grad hinterm Birkenhaar.« Hollesen schwieg einen Augenblick. »Aus welcher Richtung däuchte Euch's, daß es käme?« »So aus Osten her.« »Mir war's auch so – da« – der Pastor streckte die Hand nach Helgerslund zu. »Ja, so die Gegend mocht's sein.« Es machte im Moment eigentümlich den Eindruck, wie wenn Christian Hollesen Henning Wittkop weniger zu dem Zweck hierher eingeladen habe, ihm durch das reine Wort Gottes den Rückenschmerz zu bessern, als um die eben laut gewordenen Fragen an ihn zu stellen, und auch der letztere schien von solcher Empfindung überkommen zu werden. Die beiden sahen sich ein paar Sekunden lang, ohne etwas weiter zu äußern, ins Gesicht. Dann sagte der Strandvogt: »Das Wetter aus Osten zog auf, und ich dachte mir, es würde rasch dunkel, darum brachte ich Witta hier bis an die Tür zurück. Sie wollt's nicht haben, aber ich sagt's ihr so, der Wind könnt' sie mir sonst vielleicht ins Wasser blasen.« Kaum hörbar näherte sich vom Hausflur her ein leichter Schritt bloßer Füße dem Garten, und die Stimme Zeas rief: »Bist du noch da, Onkel Henning?« Lachend fügte sie nach: »Nimm nur nicht zu viel von des Vaters Medizin!« Der Pastor griff eilig wieder nach dem grünen Zweig und ebenso Henning Wittkop nach dem Glas. Er führte es zum Munde, tat mehr scheinbar als in Wirklichkeit einen langen Zug und erwiderte, das Glas absetzend: »Müssen die Lachmöwen überall fliegen, wo sie nichts zu fischen haben? Aber sie haben mal so ihre Manier, wie alles, was aus'm Salzwasser kommt.« Und das Mädchen mit seinen kleinen Augen nicht minder zärtlich ansehend, wie der Pastor, erkundigte er sich bei diesem, von wem der Kornschnaps gekauft sei, als habe er eben mit ihm über Wirtschaftsangelegenheiten geredet. III. Nathan Aronsohn ging schon so klein in der Ferne, daß er in seiner Fortbewegung an einen beinlahm angeschossenen dunklen Vogel erinnerte. Sein Blick suchte überall am Boden umher, manchmal stand er still und purrte mit dem Haken in einer leichten Aufwölbung des Sandes, die jedem anderen Auge unauffällig geblieben wäre. Noch er nickte darauf nieder und redete laut vor sich hin: »Es ist nichts ohne Grund und Ursache in der Welt,« und immer stellte sich heraus, daß dieser Spruch sich auch bei dem von seiner Achtsamkeit Wahrgenommenen bewährte. Ein Stein oder ein Brettstück oder sonst etwas bildeten den Anlaß der Erhöhung in dem ebenen Strandboden, meistens vollständig, ober doch allein für den Lumpen- und Trödlersammler nicht wertlos. So kam er mit oftmaligem Anhalten nur langsam weiter, der Tag zeigte sich, wenigstens jetzt, nicht ausgiebig für ihn, selten einmal lud er den Sack ab, einen Plunder hineinzutun, und nur ungefähr zu zwei Dritteln erst war jener gefüllt. So schon zu Haus zu kehren, lag nicht in seinem Brauch; einmal den Inhalt übermessend, ließ er vom Mund kommen: »Was man hat heute getan, hat man nicht nötig mehr zu tun morgen. Ist er doch ein Nimrod zu unserer Zeit, daß er vielleicht findet gutes Gefallen an dem Ding, daß ich hab' an meinem Finden auch ein gutes Gefallen.« Mittagsstunde war's geworden, doch Nathan setzte die Richtung der Stadt zu nicht weiter fort, sondern bog nach links ab quer ins Land hinein. Nach einiger Zeit ließ er sich auf eine etwas erhöhte Heidebulte nieder, zog ein Stück alttrocken Brotes als Mittagsmahlzeit aus der Rocktasche, und seine noch guterhaltenen Zähne krachten durch die harte Rinde. Die linde Frühlingssonne hatte schon wieder mannigfaches Leben der Tierwelt aus dem Winterleben hervorgelockt, auch eine schwarzblaue Blindschleiche ringelte sich unter einem Strauch heraus auf den warmen Sandboden. Der Rasthaltende sah ihr zu und sagte: »Es bleibt alles in der Welt, wie es ist gewesen von Anfang her. Sie hat versucht die Eva mit dem Apfel, wird der Apfel wohl sein gewesen von Gold.« Doch er zeigte sich nicht sonderlich schlangenkundig, denn er redete die harmlose Schleiche an: »Bist du von der Sorte, davor hat Besorgnis der Christenrabbi, sie könnt' die Seeschwalbe vergeben mit einem Giftzahn, daß er sie nicht gern will laufen lassen mit den bloßen Füßen über das Heideland. Warum sollte das Gewürm beißen ihr in den Fuß? Aber es ist wohl nicht, daß er's meint so, sondern daß ich auch nicht ließe gehen die Miriam allein weit über die leere Heide.« Nathan hatte zu Ende gekaut, blieb indes, sichtlich über etwas nachgrübelnd, noch ein Weilchen sitzen, dann machte er sich wieder auf den Weg oder richtiger auf den kaum wahrnehmbaren Pfad zwischen dem braunen Gestrüpp. Doch er war hundertmal hier gegangen und fehlte keinen Tritt; ein Heidedorf, ein Häuflein ärmlicher Hütten hob sich als nächstes Ziel vor ihm auf. Aber für seinen Sack gab es keine besitzlose Armut; spähend und suchend humpelte er von Hofstall zu Hofstall, meistens umsonst an sich nehmend, was niemand mehr wollte, ab und zu einmal handelnd und aus einem altersschwarzen ledernen Schnürbeutel ein paar schmutzverkrustete Kupferstücke herausfingernd. Dann blieb das Dörfchen hinter ihm, wie eine abgeweidete Koppel, von der die Herde weiterzieht, und er ging wieder auf der freien Fläche. Seine Richtung hielt sich dem näherrückenden breiten Waldgürtel im Osten entgegen. Bisher war immer sein Schatten neben ihm, allgemach vor ihm auf gewandert, doch nun ward derselbe bleich und schwand rasch völlig weg. Die Aprilsonne in seinem Rücken konnte sich noch nicht zum Untergang anschicken, aber er hatte mit Recht gesagt, daß er ein Wetterglas im Bein trage, und es kündigte ihm für heut noch einen Umschlag am Himmel an. Das bestätigte sich, wie er den Kopf jetzt umdrehte. Eine Wolkenbank schob sich, die Sonne deckend, über der See herauf, vorauslaufender Wind ging mit einem Stoß durch die da und dort noch an den Stengeln haften gebliebenen vorjährigen dürren Heideglöckchen und ließ sie leise rascheln. Nathan Aronsohn redete zu sich selbst: »Ist es doch der Jahresmonat, der nicht weiß, was er will, ob er will scheinen lassen heiß die Sonne oder wehen mit kaltem Sturm. Es ist in seiner Jugend noch das Jahr, sie hat in sich beieinander Sonne und Sturm.« Der Wind blies, und das Gewölk stieg rasch höher, den ganzen Himmel einzunehmen. Kein Regen fiel, doch es ward ein grauluftig rußiges Wetter; am Waldrand, den der Wanderer nun erreichte, knarrte das Geäst. Zwischen alten Buchen hindurch ging er auf sich verbreitendem besserem Weg, der auf anderes als bäuerisches Besitztum hindeutete. Ein Klang scholl durch die Stämme heran, jetzt als ein Hufschlag erkennbar, gleich danach tauchte um eine Krümmung her ein Reiter auf. Ein junger, höchstens erst zwanzigjähriger Mann mit aristokratischen Gesichtszügen, einen unter ihm tänzelnden feingliedrigen Fuchs zu langsamem Schritt zügelnd. Sich an den Wegrand drehend und die Mütze abziehend, blieb der Jude stehen, das Pferd vorüberzulassen, doch unerwartet hielt der Reiter, ihn ins Auge fassend, an und sagte: »Läufst du noch immer mit dem Sack, Nathan? Man glaubt's kaum, daß zu Haus alles Tag um Tag so bleibt. Setz' auf.« Der Angesprochene sah, ohne dem letzten Geheiß nachzukommen, ungewiß auf, eh' er entgegnete: »Weiß ich nicht, ob ich mich lasse täuschen von meinen Augen und ob es ist der gnädige Herr Junker Meinold von Alfsleben, der mir erweist die Gnade, mich zu kennen und zu benennen mit meinem Namen?« Der junge Herr lachte. »Sind deine Augen alt geworden, Nathan, oder ich so anders in den dritthalb Jahren, seit ich zuletzt hier war? Ich habe dich doch früher oft genug gefragt, was du im Sack hättst. Nu siehst freilich nicht grad' wie eine Fee aus, aber als Knabe war's mir, als müßt' einmal das Köstlichste aus ihm herauskommen, wie nur der Karfunkelstein im Märchen.« »Wunder, Herr Junker, Wunder, das wird geschaffen von der Zeit. Hat sie doch mitgebracht dem Herrn Baron über der Lippe wie weiche Fäden von Seide ein Wachstum von braunem Haar, daß ist geworden aus dem feinen Knaben ein schöner Mann und er mir nicht mehr kenntlich geblieben in seiner Veränderung.« »Glaubst du, ich hätte dich angehalten, um mir ein Kompliment von dir machen zu lassen?« lachte der Reiter wieder mit weißvorschimmernden Zähnen. »Wenn du das willst, kannst du mich ›Herr Doktor‹ anreden; wir treffen uns gewiß manchmal wieder. Ich habe große Lust, hier in die Weite zu reiten, die See hat's mir oft in der engen Stadt angetan, und mich trieb's gleich heute hinaus. Du kommst von draußen her, zwischen den Bäumen sieht man nicht recht, aber mich deucht, der Himmel wird anders.« Nathan hatte seinen Sack von der Schulter heruntergenommen und band ihn auf. Dazu antwortete er: »Wird er anders, hat er mich doch vielleicht geführt mit guter Absicht auf diesen Weg, zu begegnen dem Herrn Junker, der in früherer Zeit oft hat geglaubt, daß ich trage Köstliches in meinem armen Sack. Habe ich drin auch heut keine Kostbarkeit, aber ein Stück, was könnte gefallen einem Liebhaber von alten Gewaffen, daß ich es wollte vorweisen auf dem Schloß dem hochgnädigen Herrn Vater, weil er ist wie ein Nimrod in unserer Zeit.« Unter dem Sammelsurium seines Sackes kramte Nathan von zu unterst eine Sattelpistole herauf, die augenscheinlich lange feucht gelegen, und an der er sich bemüht, stellenweise den braunen Rost wegzuputzen. Doch nur am Kolben war dies einigermaßen geglückt, so daß sich zu den Seiten eingelegte silberne Arabesken erkennen ließen; am Hahn und Laufe hatte der Säuberungsversuch nichts genützt. Nun hielt er die kleine Schußwaffe zu dem Reiter ausgestreckt, der, sie zur Hand nehmend und betrachtend, zunächst erwiderte: »Sehr alt scheint die Pistole mir nicht grad', und das aus dem Märchen, was ich in deinem Sack glaubte, ist sie noch weniger.« Nathan fiel ein: »Der Herr Junker wird doch sein ein Kenner, zu sehen, daß sie schon muß gedient haben zu Großvaters Zeit.« Meinolf Alfsleben versuchte umsonst, den eingerosteten Hahn zu spannen und versetzte dabei: »Hatte man damals schon Perkussionsschlösser? Ich verstehe nicht viel von Feuergewehren, aber mich deucht, über dreißig Jahre kann sie kaum alt sein. Hast du sie am Strand aufgefunden?« Die letzte Frage kam ihm, weil bei einem Umdrehen der Pistole einige weiße Sandkörner aus dem Lauf fielen, und den Juden mit einem leicht schalkhaften Blick ansehend, fügte er nach: »Hat der Strandvogt sie dir durchpassieren lassen, Nathan?« Dieser zuckte die Schulter. »Ist es doch altes Eisen, das gehört keinem Menschen und hat keinen Besitzwert für irgendeinen, als für den Liebhaber. Das Wasser hat's einmal gebracht an den Strand und der Sand hat's genommen in sich und hat's heute gegeben mir, als ich bin vorbeigekommen. Was hält' ich bemühen sollen den Strandvogt um ein Stück Eisen, das ich selber nicht hätte aufgehoben, wenn mir nicht wäre eingefallen, es könnte machen ein Vergnügen dem gnädigsten Herrn Baron. Weil ich habe gehabt das Glück, hier zu begegnen dem Herrn Junker, brauch' ich vielleicht den Fuß nicht weiter zu setzen bis ans Schloß, denn es hat ausgemacht ein Gewicht in meinem Sack, es zu tragen bis hierher.« In einem Begleitblick des Sprechers lag Erwartendes, das dem Hörer nochmals ein Auflachen abnötigte. »Das heißt, ich soll das Ding nehmen, es meinem Vater zum Geschenk zu machen, und weil dein Rücken dran zu schleppen gehabt, hat das alte Eisen, wenn's auch nicht aufhebenswert ist, doch einen Preis.« Er steckte die Pistole in den Halfter, griff nach seiner Tasche und reichte dem Juden zwei Talerstücke in die Hand hinunter. »Das wird Wohl genug sein, Nathan, für dein Kompliment von vorhin; mehr schätz' ich meine Schönheit nicht wert, und dem rostiges Stück geht drein. Aber treff' ich dich wieder, hoff' ich immer noch, du hast mal den Karfunkelstein im Sack.« Sein Pferd antreibend, ritt er weiter. Es ließ nicht Zweifel, er habe die Silberstücke nicht für die unbrauchbare Waffe gegeben, sondern aus Gutherzigkeit und weil's ihn erfreut, ein aus Kinderzeit altbekanntes Gesicht wiederzusehen. Nathan Aronsohn stand noch auf dem Fleck und redete, die beiden Taler betrachtend: »Hätt' ich bemüht den Strandvogt mit dem alten Gerümpel, es wär' nicht geworden irgend jemandem zunutz. Und hätt' ich's gebracht dem Vater, er war' nicht gewesen so freigebig dafür, wie der Sohn. Es muß alles finden seine richtige Zeit und den richtigen Mann.« Wen Kopf aufhebend, blickte er dem zwischen den Stämmen Verschwindenden nach. »Was heißt der Karfunkelstein aus dem Märchen das junge Blut? Will's bedünken, es würde sein hochfreigebig dafür, wenn ich ihn könnt' seinen Augen herausholen aus dem Sack,« Diesen jetzt wieder aufladend, folgte er der Straße nicht mehr, sondern bog weglos rechtsab in den Wald, die nächste Richtung zur Stadt einschlagend. Der Tag war zum Schluß doch noch einträglich gewesen, denn auf so viel hatte er seinen Strandfund nicht veranschlagt, und zufrieden zog er das knickende Bein seiner noch beträchtlich entfernten Behausung zu. Der Reiter war der Richtung gefolgt, aus der Nathan gekommen, und vor den Waldrand hinaus gelangt. Hier traf der bisher aufgegangene Wind ihn ins Gesicht, die Dämmerung brach noch nicht an, aber ein trübes, unschönes Licht lag über der Heide, nur matt noch im weiten Halbbogen die graue See und davor rechtshin den Kirchturm von Loagger erkennen lassend. Der junge Mann hatte sich das Ziel seines Ausrittes anders vorgestellt, statt des erwarteten Sonnenglanzes breitete sich eine traurige Unterweltsbeleuchtung über alles hin und lockte ihn nicht, heut zum Wachrufen heiterer Knabenerinnerungen weiterzureiten. Wenigstens nur eine kurze Strecke noch, dann wandte er seinen Fuchs um und schlug den Rückweg ein. Unter den Bäumen fing jetzt vorzeitig Zwielicht zu spinnen an, doch wie der Waldgürtel sich ungefähr nach einer Viertelstunde wieder lichtete, hob sich aus freiem Raum noch deutlich ein Landschloßgebäude auf. Das Herrenhaus des adeligen Gutes Ekenwart war's, seinen Namen vermutlich von einem noch daneben ansteigenden, mit dickknorrigen Eichen bedeckten Hügel tragend, der ein Hünengrab ferner Vorzeit unter sich bergen mochte. Das breite, aus grauem Gestein errichtete Gebäude nahm sich, da und dort Verwitterungsspuren zeigend und von Vernachlässigung redend, nicht sonderlich anheimelnd aus. Nach seiner Bauart mußte es bereits aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammen, und ebensolange befand das Gut sich im Besitz der Herren, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts Freiherrn von Alfsleben. Der gegenwärtige Eigentümer war Dietrich von Alfsleben, der Vater des heimkehrenden jungen Reiters. Vollständig wider eigene Neigung und Willen hatte Dietrich Alfsleben in frühester Jugendzeit, fast noch als ein halber Knabe, von einem Gebot seines herrischen Vaters gezwungen, sich mit einer reichen Erbin verheiratet, deren Mitgift das Gut von einer erdrückenden Hypothekenlast befreite. Leidenschaftlich veranlagt, bäumte er sich zuerst jäh gegen den Zwang auf, aber der Wille des Alten, der ihm kurzweg nur die Wahl zwischen Hochzeit und Enterbung ließ, drückte ihn nieder, und mit gebrochener Widerstandskraft brach er auch innerlich unter dem aufgenötigten Joch zusammen. Er wurde wortkarg, in sich geschlossen, verdüstert und menschenflüchtig, jeden anderen Verkehr abbrechend als mit seinem Kindheitsgespielen und intimsten gleichalterigen Freunde Meinolf von Rhade, dem einzigen Sohn des Herrn von Helgerslund. Mit jenem ritt er im tollen Jagen durch Tage und Nächte weit ins Land oder segelte, oft bei wilddrohendem Sturm, in die See hinaus; sein Begleiter ward zuweilen von dem Gedanken angerührt, daß er stürzend oder mit dem Boote umschlagend den Tod suche. Doch dann kam ihm unerwartet Erlösung, kaum ein Jahr nach dem Beginn seiner Ehe einem Sohn Leben gebend, verlor die junge Frau das ihrige im Wochenbett, und er war frei, dabei unabhängig und reich. Nach dem Freunde ließ er den Knaben Meinolf taufen, begab sich selbst mehrere Jahre hindurch auf Reisen in südliche Länder. Stattlich, mit scharfgeschnittenen, schönen Gesichtszügen ward er dort vielfach zum Zielpunkt von Frauenaugen und Eroberungsgelüsten, doch sein heißungestümes Blut schien durch den erlittenen Ehezwang kaltgedämpft, er achtete auf keine, knüpfte selbst kein flüchtiges Verhältnis an, sondern lehrte ungebunden, von der Nachricht des plötzlichen Ablebens seines Vaters zurückgerufen, nach Haus, hier zeigte er, seiner Natur gemäß, keine Trauer, da er keine empfand, machte vielmehr den Eindruck von einem, der einen bösen Traum abgeschüttelt und sich seines Aufwachens im heiteren Morgenlicht freut. So ward er wieder Meinolf Rhades unzertrennlicher Genosse, der alte, doch das letztere nicht in Wirklichkeit, denn beide standen erst im Anfang der zwanziger Jahre, in freudigster Frühsonne des Lebens. Wie ehemals ritten sie miteinander und segelten, und Dietrich Alfsleben lachte wieder wie vor seiner Heirat; sein Herz zog ihn nicht zum anderen Geschlecht, der Freund war seine Liebe. Ein Jahr lang, da riß eines Tages der Wettersturm Meinolf Rhade beim Segeln weit draußen auf der Nordsee in die Tiefe, und Dietrich Alfsleben kam allein zurück. An dem Tage hatte er die wiedergewonnene Lebensfreudigkeit zum andernmal verloren und fand sie nicht mehr; bei dem Jugendfreunde lag sie drunten am Meeresgrunde. Sein Wesen nahm das schon einmal über ihn Geratene und Abgeschwundene aufs neue an, schweigsamdüster, menschenscheu, alles von sich weisend, saß er in dem alten Herrenhaus. Plötzlich einmal griff er wieder zu dem einst angewandten Mittel, sich auf weite Reisen zu begeben. Aber diesmal versagte es ihm die Besserung, im gleichen seelischen Zustande kehrte er nach Ekenwart heim, freudlos-einsam in dem weitleeren Väterschloß sitzend, das er niemals zum Aufsuchen von Standesgenossen in der Nachbarschaft verließ. Überhaupt hielt er mit keinem Menschen Umgang, selbst nach Helgerslund hatte er nie mehr den Fuß gesetzt, obwohl er naturgemäß früher auch zu der Schwester Meinolf Rhades in naher freundschaftlicher Beziehung gestanden. Man wollte wissen, er habe sie heimlich geliebt und der Abbruch seines Verkehrs mit ihr stamme von ihrer Verlobung her, doch war er schon monatelang, ehe Herr von Brookwald zuerst dort ins Haus gekommen, nicht mehr in diesem vorgekehrt. Nur eines brachte ihn aus der Tür hervor; etwas Sonderlingstum hatte seit Vorvätern den Alfsleben im Blut gelegen und ebenso Trieb zum Jagen, der bei ihm sich freilich in der Jugend nicht gezeigt, sondern erst nach der zweiten Rückkehr von seinen Reisen zum Ausbruch gekommen. Dann aber steigerte dieser Anreiz sich rasch in ihm, und sein einziges Trachten ging auf die Jagd hinaus, mit Vorliebe in Mondnächten, die er häufig bis zum Morgen im Wald verbrachte, sich den Tag über zum Schlafen zu legen. Die von Nathan Aronsohn auf ihn angewandte Nimrodvergleichung traf zu, eine im Schloß schon vorhanden gewesene alte Waffensammlung vermehrte er stets noch. Der Wald zog sich, mit Lichtungen durchsetzt, wildreich weit landein, bot ihm ein großes Revier zum Umschweifen, doch nützte er es lediglich gegen Osten, ging westwärts nie bis an den offenen Heiderand hinaus. Er wich dem Anblick des Wassers aus; die erfindungsreiche Fama hatte sich wieder eine Geschichte zurechtgemacht, daß er doch einmal im Süden eine Liebschaft gehabt, die in irgendeiner tragischen Weise auf dem Mittelländischen Meer ihr Ende genommen. Die Leute vermochten nicht für wahr zu halten, er sei nie von einer Leidenschaft entflammt gewesen, denn Frostigkeit nach dieser Richtung lag gleichfalls nicht im Alfslebenschen Blut, dem man in der Gegend aus früherer Zeit manch wildtolle Dinge nachredete. Doch der wirkliche Grund, der ihn vom Waldrand im Westen zurückhielt, war, daß er die Nordsee vermied, sie nicht sehen konnte, weil Meinolf Rhade in ihr ertrunken lag; noch heute nicht, wie seit achtzehn Jahren. Sein Kopf, obwohl erst kaum der eines Vierzigers, ward von vollständig grauem haar überdeckt, nach seinem Anblick hätte man ihn auf zwanzig Jahre mehr schätzen können. Auch sonst täuschte sein Aussehen in manchem; hinter der düsteren Miene barg sich keine ihr ähnliche finstere und bösartige Gesinnung. Seine Untergebenen und Gutsangehörigen fürchteten ihn nicht; ein Gefühl persönlicher menschlicher Zuneigung zu ihm konnte zwar nicht in ihnen rege werden, da er kaum je ein Wort an sie richtete, aber sie hatten sämtlich Anlaß, Dankbarkeit für ihn in sich zu hegen. Er war selbstsuchtslos bedacht, ihre Lage zu verbessern, sie günstiger als auf anderen Gütern zu stellen; nicht nur solche allgemeine und offenbare, auch heimliche Wohltaten gingen von ihm aus, in Not- und Unglücksfällen zu helfen. Ein Physiognomiker hätte diese Sinnesbeschaffenheit nicht hinter seinem verdüsterten Ausdruck, sondern bei dem breit gutmütigen des fast immer von einem Anflug zum Lachen überlagerten Gesichts seines nördlichen Gutsnachbars Friedrich von Brookwald gesucht, doch wäre dabei ebenso, nur in umgekehrter Richtung, einer Täuschung unterlegen. Denn die Züge des letzteren spiegelten gleichfalls nicht sein inneres Wesen zurück; er besaß eine karg zumessende, am liebsten sich schließende Hand, und diese war's gewesen, die dem linken Bein Nathan Aronsohns das dauernde Gedächtnis an einen übelgelaunten Tag hinterlassen hatte. Von Anfang an war Meinolf Alfsleben der Fürsorge einer Wartefrau anheimgegeben gewesen. In den ersten Jahren bedurfte er naturgemäß weiblicher Pflege, und während der zweimaligen langen Reiseabwesenheit seines Vaters konnte sich daran nichts ändern. Doch auch nach der letzten Rückkunft bekümmerte sich Dietrich Alfsleben kaum um den inzwischen fünfjährig gewordenen Knaben. Das Kind einer Frau war's, die er nicht geliebt, nur als Zwang und Last empfunden hatte, und er trug kein väterliches Gefühl in sich, kein Bedürfnis, den Kleinen um sich zu haben, sich mit ihm M beschäftigen. Es war gesorgt, daß es diesem an nichts mangelte, weiter ging die Anteilnahme des Vaters nicht. Niemals rief oder benannte er den Knaben bei seinem Namen, es schien, daß er bereute, ihm den immer die Erinnerung aufweckenden seines verunglückten Freundes gegeben zu haben. Gegen den sonstigen Brauch auf den adeligen Gütern stellte er, als die Unterrichtszeit herangekommen, keinen Hauslehrer für Meinolf an, sondern schickte ihn gleich aufs Gymnasium in einer ziemlich entfernten Stadt unter Obhut und Erziehung von seiten eines der oberen Klassenvorsteher. Von dort kam der Schüler nur ein paarmal im Jahr für die Ferienzeit nach Ekenwart, kurze Wochen hindurch, in denen er kein häusliches Heimatsgefühl gewinnen konnte, und gleicherweise setzte sich's fort, als er, um Jurisprudenz zu studieren, die Universität bezog. Noch weniger entstand ein Zugehörigkeitsverhältnis zwischen ihm und seinem Vater, der für ihn lediglich ein stets aufs reichhaltigste freigebiger Ausspender von Geldmitteln war. So kam's im Fortgang der Zeit dahin, daß Meinolf sich eigentlich vor dem Aufenthalt in Ekenwart scheute, wo nur das Wiederfinden aus der Kindheit vertrauter Plätze und die See ihm Freude verhießen. Das Haus mit seinen weiten toten Räumen umgab ihn trüb-unfreudig, um so mehr als er im Innern heimlich an seinem Vater hing. Von lebhaft erregbarer, leicht ungestümer, sogar etwas wilder Knabennatur, trug er daneben ein bedürftiges Herz in sich, das bei seinen Universitätsgenossen wenig Nahrung fand und, begehrlich verlangend, für den ihm im Leben am nächsten Gestellten Liebe aufwachsen ließ. Aber sie blieb ohne Erwiderung, ihre tastenden Versuche trafen stets auf Ablehnung, und sie zog sich in scheue Schweigsamkeit zurück; Dietrich Alfsleben erschien keines väterlichen Gefühles fähig. So schreckte Meinolf immer mehr vor einem Nebeneinandersein mit ihm, das kein Zusammenleben bildete, zurück; in den letzten dritthalb Jahren war er auch während der Ferien nicht mehr nach Haus gekommen, sondern unter bereitwilliger Zustimmung seines Vaters zu seiner Ausbildung, die jedoch für ihn selbst nie einen Vorwand abgegeben, bald hierhin, bald dorthin auf weite Reisen gegangen. Nun indes hatte er sein juristisches Examen vortrefflich bestanden und eine unbezwinglich angestiegene, namenlose Sehnsucht hatte ihn wieder hergebracht. Ihm war's gewesen, ein sonnenhaftes Glück, eine volle Darbietung alles dessen, was er bisher entbehrt, warte seiner hier. Doch nach der langen Zwischenzeit war der Empfang gestern nur ein treuliches Abbild jedes früheren geblieben. Kühl hatte sein Vater ihm die Hand gereicht, mit einigen Worten sich über eine vorteilhafte äußere Veränderung des Ankömmlings ausgesprochen, doch gleichgültig, ohne einen Klang innerer Teilnahme. Wie ein frostiger Winterschatten war's auf den Herzenstrieb, die lebensfreudige Jugend und Hoffnung Meinolfs gefallen. Nun hatte in anderer Weise heute das nachmittägige Einfallen der grauen Luft ihm die Erwartung, die er auf seinen Ausritt gesetzt, vereitelt, so daß auch dieser Tag wiederum eine Enttäuschung für ihn mit sich gebracht. Wie er im ersten Dämmerungsbeginn zum Schluß zurückkam, gewahrte er in einiger Entfernung seinen Vater, der, vom Förster und mehreren Teckelhunden begleitet, mit übergehängter Jagdflinte davonging. Meinolf hätte ihn noch erreichen können, er hatte eben auf dem Heimwege den Vorsatz gefaßt, einmal geradezu einen Schritt zu offenem Aussprechen zu unternehmen. Doch die Mitanwesenheit eines Dritten trat gegenwärtig dazwischen, und er begab sich in das einsame, große Wohngemach des Herrenhauses. Der augenblickliche Begleiter Dietrich Alfslebens ließ im Äußeren erkennen, daß er diesen erheblich an Jahren übertreffe; sein Haar zeigte gleiche Farbe, wie sein völlig weißer, ihm bis auf die Brust fallender Vollbart, doch sein Ausschreiten und seine Bewegungen sprachen nicht von Alter, vielmehr noch von kraftvoller Rüstigkeit. Er befand sich erst seit einem halben Jahr auf Ekenwart, wohin er an einem stürmischen Novembertag gekommen, sich um die erledigte Stelle des mit dem Tode abgegangenen Gutsförsters zu bewerben; sein Name war Dirk Westerholz. Mit guten Zeugnissen seiner Fachtüchtigkeit versehen, hatte er durch wortkarge, zurückhaltende Art das Gefallen Alfslebens erweckt; trotz dem Standes- und Bildungsunterschiede boten beide Männer in ihrem Wesen eine gewisse Ähnlichkeit. Daß der Bewerber sich als leidenschaftlicher Jäger kundtat und ein ausgezeichneter Schütze war, nahm den Freiherrn noch mehr für ihn ein, so daß ihm nach kurzer Rede und Antwort die Försterstelle zuteil ward. Westerholz war ein Landessohn, vom Osten her, doch als er im Anfang der Vierziger gestanden, über den Atlantischen Ozean fortgegangen, sich am Missouri im Urwalde als Farmer anzusiedeln. Von dort war er erst im letzten Herbst in die Heimat zurückgekommen, nicht ohne Ertrag seiner Arbeit und Mühe, daß er davon zu leben vermocht hätte. Aber es duldete ihn nicht in untätiger Ruhe, er mußte ein Revier unter sich haben und jagen können; so hatte er sich, da er von dem freigewordenen Posten vernommen, für diesen gemeldet und Alfsleben sich seitdem bald gewöhnt, seine Jagdgänge nicht mehr allein zu machen, sondern Dirk Westerholz bei sich haben zu wollen. Sie sprachen fast nie anderes miteinander, als das Notwendigste, auf ihren Zweck Bezügliche, doch verstanden sie sich an hingeworfenen Worten. Heute nachmittag hatte der Förster den Gutsherrn benachrichtigt, daß er etwas Seltenes in der Gegend, einen Dachsbau, entdeckt habe, dessen Insasse vermutlich mit Eintritt der Nacht seinen Stollen verlasse und schußrecht werde. Helles Mondlicht stand zu erwarten; so waren beide, die Teckel statt eines Spürhundes mitnehmend, aufgebrochen. Auch die Dachshunde gaben keinen Laut von sich; was sich um Dietrich Alfsleben befand, war an schweigsames Verhalten gewöhnt. Nun dämmerte es rasch unter dem zwar noch unbelaubten, doch von braunen Knospen verdichteten Gezweigdach der alten Buchen; wortlos zwischen diesen schritten die Jagdgenossen fort, Westerholz führte. Es sollte wieder heller werden, aber die Voraussicht traf nicht zu, der Mond mußte hinter schweren Wolken stehen. Mit knisterndem Ton schlugen einzelne Tropfen durch die dumpf murrenden Baumkronen, wie etwas greifbar Anrückendes wuchs die Dunkelheit. Der Förster hielt einmal an, und Alfsleben fragte: »Was ist, Dirk?« – »Zu wenig Licht, Herr Baron, die Stämme sind sich gleich. Ich verließ mich auf den Himmel.« »Besser auf eine Leuchte. Aber laßt's Euch um mich nicht kümmern,« Aus der Antwort des Freiherrn klang's hervor, nicht an der Jagdbeute sei's ihm gelegen, mehr am nächtlichen Streifen im Wald; besser in diesem umherzuirren, als die Stunden im Schloß zuzubringen. Sie suchten die Richtung nach ihrem Ziel, doch vergeblich, gerieten in dichtes, dornverranktes Unterholz. Ohne weitere Worte zu tauschen, arbeiteten sie sich durch, aber offenbar wußte auch der Spürsinn des Försters nicht mehr, wohin sie sich halten sollten. Dann fuhr unerwartet einmal pfeifender Windstoß ihnen ins Gesicht, sie mußten auf eine Lichtung ins Freie heraustreten; unterscheiden ließ sich nichts mehr: gleichmäßig lag alles rundum in Finsternis. »Wißt Ihr, wo wir sind?« fragte Alfsleben. Kaum gewahrten sie sich noch wechselseitig. »Nein. Aus dem Wald.« Westerholz schien noch etwas nachfügen zu wollen. doch Plötzliches schnitt es ihm am Mund ab. Nathan Aronsohns Bein hatte richtig vorausgesagt, ein erstes Gewitter des Jahres schloß den sonnigen Frühlingstag. Jäh schoß ein blendend funkelnder Blitz herunter, im gleichen Augenblick schmetternd krachenden Donner mit sich niederreißend. Taghell überflammt lag für einen Moment dürrbraunes Heideland umher, und an seinem Rand, weit im Halbbogen gestreckt, hob etwas Graues sich herauf, geisterhaft wie mit dem Weiß leerer Augen ansehend; die sturmgepeitschte, hohe Schaumwogen ans Ufer rollende Nordsee war's. Nun fragte der Förster in dem polternd verrollenden Donner: »Was ist, Herr Baron?« Eine Hand hatte nach seinem Arm gegriffen, fest die Finger in ihn eindrückend, als ob sie sich an ihm halte; ein Rütteln durchlief sie. Westerholz gab selbst auf seine Frage Antwort: »Ja, das ging dicht an uns vorbei – da schießt's auf.« Nicht weiter als hundert Schritte seitwärts von ihnen mußte der Blitz am Waldesrand in einen Baum gefahren sein und gezündet haben; eine Flamme loderte empor. Zugleich jetzt begann schwerer Wassersturz aus den Wolken zu prasseln. »Wir müssen unterducken«, sagte der Förster. »Ja – in den Wald zurück.« »Der deckt noch nicht, aber da ist ein Dach.« Die Lichtflamme hatte es auch gezeigt, eine der mit Heidebulten zugedeckten Unterschlupfhütten, aus alten Bretterabfällen zusammengenagelt, und der brennende Baum ließ sie wieder gewahren, nach drei Seiten gegen den Wind geschlossen, die vierte offen, Alfsleben ging hastig darauf zu und setzte sich in eine Ecke auf eine Ballenbank, das nämliche tat sein Begleiter ihm gegenüber; in dem kleinen Raum lag Halbhelle, der flackernde Brandschein fiel nicht durch die Öffnung herein, doch an ihren Rand. Der Förster stand wieder auf und sagte ausblickend: »Der lodert nieder wie ein Strohdachhaus, aber auf die andern gießen die Wolkenkühe ihre Milch, und weiter greift's nicht.« Kurz sprach er noch die draußen vor der Hütte in die Lohe starrenden Dachshunde an: »Duckt euch auch vorm Wasser, ihr Narren!« trat zurück und setzte sich wieder. In seinen Augen glimmerte es, als spiegele noch ein Abglanz der Flammen aus ihnen, doch war's Täuschung, sie fielen nicht mehr hinein. Vor sich hin wiederholte er mit anderen Worten: »Der Regen hütet den Wald; wär's dürr, würd' ein gutes Stück von ihm zu Asche.« Der Freiherr hatte schweigend gesessen, doch ließ sich's merken, die Stille in der Hütte sei ihm zuwider, er wünsche, den Stimmenfang in ihr fortzuhören. Aufblickend fragte er: »Habt Ihr einmal in Amerika einen Waldbrand gesehen, Dirk?« »Drüben? Nein.« Der Erwidernde brach ab und fügte nach: »Ich wußte nicht, daß Sie Gewitterfurcht hätten, Herr Baron, sonst hätt' ich Ihnen vom Fang heut abgeraten.« »Gewitterfurcht? Ihr schwatzt in den Tag.« Auch Alfsleben brach ab. »Ich sah einmal einen Waldbrand.« »Ich auch.« »So erzählt mir's! Kam er vom Blitz, wie der? Das Licht ist gut, davon zu hören.« »Ja, das Licht ist gut, davon zu sprechen.« Dirk Westerholz gab's zurück, doch verstummte danach, bis der Freiherr kurz äußerte: »Nun? Was schweigt Ihr?« »Wollen Sie's hören, Herr Baron? Ich sprach's noch keinem.« Im Ton des Försters klang etwas, daß ihn's von innen dränge zu sprechen. Er schickte hinterdrein: »Töricht war's von mir. Ich bin dann wohl Förster auf Ekenwart gewesen,« »Warum?« »Weil ich unvorsichtig war und gezeigt, daß ich nicht dazu tauge.« »Mich wird's nicht kümmern.« »Auch nicht, wenn – wenn Ihr Förster einmal seine Kugel statt einem Wild einem Menschengeschöpf in den Leib gejagt?« Der Hörer machte eine jäh-zuckende Bewegung, mit der er seinen Kopf gegen den Sprecher vorrückte, »Ihr? Drüben – einem Wilden?« »Nein, Auch keine Kugel war's. Nur etwas zu große Wärme –« Westerholz hielt nochmals an, eh' er fortfuhr: »Der Baum da hat's mir lebendig gemacht, als sollt's sein. Es ist lang, ich will's kurz sagen. Wenn Sie morgen zur Stadt fahren wollen, Herr Baron, an die richtige Tür, um es weiter zu erzählen, mir tut's nichts an.« Dietrich Alfsleben entgegnete nichts und doch war's, als komme eine Antwort aus seinem Schweigen; noch um etwas weiter bog seine Stirn sich vor. Nun hatte der Förster sich zu weit forttreiben lassen, um einen Rückweg einschlagen zu können. Doch er suchte auch nach keinem, hörbar lag ihm nichts an irgendwelchen Folgen seines Redens, und er sprach: »Ich hatte Glück, Herr Baron, daß ich mir jung ein junges Weib nehmen konnte. Wir lebten da hinüber, wo die Sonne aufgeht, weit von hier; als Förster stand ich im Dienst eines großen Grundherrn, eines sehr hohen Herrn. Der Hausname meiner Frau war Zurhaiden, Swenna Zurhaiden, ich führ's an, weil sie nach ihm aussah. Nicht wie die Heide jetzt, sondern im Hochsommer, wenn sie rosenrot steht, die Sonne drüber, Blau und möwenweiße Wolken. Sie machte mich sehr glücklich und stolz, denn wer sie sah, tat's mit meinen Augen und neidete mich. Auch der hohe Herr war gnädig gegen sie, wie gegen mich und guter Laune, wenn er mit mir sprach; mir gab er wichtigen Auftrag nach Schweden hinüber, dort seltene Bäume für den Schloßpark zu wählen und mit dem Wurzelreich heimzuschaffen; große Kosten machte es, aber er sah nicht drauf und ließ mir volle freie Hand. Und noch glücklicher sollte ich werden, im nächsten Frühling, denn ich bekam eine Tochter. Die wuchs fröhlich heran, man sah's bald, sie trug's in sich, an Schönheit mit ihrer Mutter zu wetten. Nur – ich weiß nicht was es war, Herr Baron – wenn des Glücks zu viel wird, hält der Mensch wohl nicht mit seinen Sinnen dawider Stand. Zum mindesten konnt' ich's nicht mit meinen; wann's zuerst so gekommen und wie, kann ich nicht sagen, aber es war da und ging nicht wieder fort. In den Augen lag's, die nicht mehr so sahen wie vordem und sie machten's wohl, daß ich auch meinen Dienst nicht mehr wie früher versah. Der hohe Herr konnte mich nicht drin belassen, aber er entließ mich nicht in Ungnaden, sondern als einen, mit dem er zufrieden gewesen, denn zum Abschied gab er mir einen Verdienstorden mit. Nicht auf der Brust, der hätte mir nicht viel genutzt, ich hätte davon nicht mit Frau und Kind essen und leben können. Ein großer Orden war's, in dem wir zu dritt Platz fanden, ein hübsches Häuschen mit einem Gärtchen dran und dann Wald dicht umher, wie's ein Förster gern hat. Das alles schenkte mir die Gnade meines hohen Herrn zum Eigentum, weil er merkte, daß ich unfähig geworden und es nicht mehr gut tat, mich länger in meiner Stellung zu lassen. So kam ich, weit fort von ihm, in diese Gegend her, darin mein schönes, geschenktes Häuschen lag.« Der Freiherr hob den Kopf mit einem kurzen Ruck auf. »Hierher? In unsere Gegend? Wohin?« Der Befragte streckte flüchtig den Arm aus. »Da drüben: ein halb Dutzend Meilen ins Land. Wald und Haus gehörten dem hochgnädigsten, von einer Erbschaft glaub' ich. Ich hatte das Revier unter mir zur Aufsicht, auch jagen und schießen durft' ich drin nach Gefallen, Einsam und unbewohnt war's weitum, da hatt's nicht viel Gefahr, daß einer, dem's nicht ganz richtig im Kopf ist, sich einmal versehen könnt', einen Menschen für einen Fuchs halten und auf ihn anlegen. Sie wollten's hören, Herr Baron, aber ich will Sie nicht langweilen, denn das müßt's tun, wollt' ich Ihnen vorerzählen, was die Tage und Jahre in dem hübschen Haus aus mir machten. Der Schnee lag draußen, und was meine Frau im Garten gepflanzt, ward grün und blühte, oft, ich weiß nicht, wie vielmal. Meine Tochter wuchs auf wie die Blumen, und wenn einmal jemand von außen her sie sah, da sagte er, glaub' ich, sie werde schöner, als die schönste von ihnen. Mir war's wie durch Nebel, denn es ging abwärts mit meinem Verstand, immer weiter. Sie können's draus abnehmen, Herr Baron, ich hatte im Wald ein Vogelnest aufgefunden; drauf verstand ich mich von Kindesbeinen an und wußte an der Art, Grasmücken hätten's gebaut. Unnötige Wissenschaft war's zudem, denn ich sah die Alten heranfliegen, im grauen Federwerk, ein Junges drin zu füttern. Aber von Tag zu Tag – oder war's von Jahr zu Jahr – sah ich's und erkannt' ich's deutlicher, es bekam keine grauen Federn, sondern sie fingen an, ihm goldfarbig an der Kehle zu schimmern. Darüber brütete ich nach; wie kam ein Pirol in das Grasmückennest? Denn das ward's und war's, immer klarer ließ es am Kopf und Gefieder keinen Zweifel mehr, ich kannte die Pirolart genau. Wenn einer über so etwas zu brüten angefangen hat und es sich ihm im Hirn runddreht, Herr Baron, da ist's ein Zeichen, daß es nicht anders ausgehen kann, als mit Verrücktheit. Wen hätt' ich fragen sollen, wie's so wider die Natur geraten sei? Die Grasmücke? Von der hätt' ich nicht Antwort bekommen; die Weibchen sind stumm, geben keinen Laut, Und der junge Pirol? Er wußt's selbst nicht, daß er's sei; Nestvögel sind einfältig, er hielt sich für eine Grasmücke. Aber herausbringen mußt' ich's, denn wie ein böser Schwamm an einem Baumast saß es mir auf der Brust, wuchs nach innen, ich konnte nicht mehr Luft bekommen. Da kam mir ein Gedanke, an einem Maimorgen war's, am Tag, an dem vor neunzehn Jahren meine Hochzeit gewesen –« Von der anderen Bank der Hütte klang's nachgesprochen herüber: »An einem Maimorgen?« Und Dietrich Alfsleben fügte nach: »So lange hattet Ihr's getragen?« Der Förster nickte. »Wenn Sie's tragen nennen wollen, Herr Baron, aber ich trug's nicht mehr; zuletzt bricht die Schulter und der Kopf. Lange trocken war es in dem Frühjahr gewesen, wie seit Menschenerinnern kaum, selbst das Gras stand gelb und dürr. Da kam der Gedanke mir – einem, den der Wahnwitz am Gehirn riß, Herr Baron –« Da Dirk Westerholz anhielt, fragte Alfsleben: »Was für ein Gedanke?« »Das Nest war mein, ich konnt' mit ihm tun, was ich wollte, für gut hielt. Und ich fand für gut, damit ich nicht mehr darüber zu brüten brauchte, es von der Erde wegzuschaffen, in die Luft fort, als Rauch, fliegende Asche –« Ein augenblickskurzer, jäh herausgeflogener Stimmenton schnitt dem Sprecher das letzte Wort vom Mund. Ein Laut war's gewesen, wie der einer durch Sturmwind fortschießenden Möwe, halb Schrei, halb Lachen; dann sagte Dietrich Alfsleben: »Was heißt das? Heißt's, Ihr zündete an dem Maimorgen Euer Haus an?« »Da Sie's wissen, Herr Baron, muß ich's schon verständlich gesagt haben. Es gehörte mir, mit dem was drin war; zu Bett war ich in der Nacht nicht gegangen, denn ich schlief doch nicht, seit lange nie mehr. Dafür tat ich anderes, häufte in meiner Kammer unterm Strohdach Reisig und Späne, und die Läden an den Fenstern rundum schloß ich von außen gut mit Nägeln und Klammern. Noch sehr früh am Tag war's, eh' die Sonne kam, ich hatte ein Licht nötig zu meiner Arbeit. Doch danach nicht mehr, so daß ich's in der Kammer stehen ließ, als ich hinunterging, durch die Haustür und sie hinter mir schloß. Ein Brunnen war daneben, sein Wasser klatschte, denn ich warf den Schlüssel hinein; er rostet wohl heut' noch drin.« Dem Freiherrn flog vom Mund: »Ihr tatet's, Dirk? Ihr setztet das Haus in Flammen?« Die beiden Fragen zeugten hörbar von einer inneren Erregung des Sprechers. Sie konnten nichts anderes wollen, als Ungläubigkeit oder Schreck über die Tat des Försters ausdrücken, doch sie taten's mit unrichtiger Betonung, denn beidemal legten sie diese auf das Anredewort »Ihr«. Westerholz entgegnete: »Ich weiß nicht, was es getan, Herr Baron, wie's so geschehen, nur daß eine Flamme aus dem Dach schlug, als ich mich umsah. Aber wenn's mich nicht kümmerte, ging's keinen sonst an. Denn das Haus gehörte mir mit dem, was drin war.« »Ich denke, der Pirol nicht. An ihn hattet Ihr kein Recht.« »Das hat der Verstand der klügeren Leute ausgefunden, Herr Baron. Was ist Recht für einen, der seine Sinne nicht beisammen hat? Doch der Golddrossel waren Flügel gewachsen. Ich habe wohl gedacht, sie könne auf ihnen davonfliegen, wenn's ihr im Rauch nicht gefalle.« »Die Golddrossel muß noch einen anderen Namen gehabt haben. Wie hieß sie sich selbst?« »Wenn Sie's zu hören wünschen, Vorschrift ist's, daß ein Kind den Namen führt, den seine Mutter bei der Hochzeit bekommen; wie hätte sie's anders sollen? Nur hieß ich mich damals anders als jetzt, und so nannte sie sich Eduv Nordwalt.« »Eduv Nordwalt« Der Freiherr Dietrich von Alfsleben sprach den Namen nach, stand auf, trat an den offenen Rand der Heidehütte und blickte nach dem brennenden Baume hinüber. Etwa eine Minute lang, dann kehrte er zurück und sagte: »Ihr hattet recht, er zündet nicht weiter und lischt von selbst aus. Aber Euer Haus – das brannte nieder?« Aus den Worten klang kein Ton der Entrüstung oder Verurteilung. Es machte den Eindruck, der Freiherr habe bei seinem Verweilen und Hinausblicken nach der verglühenden Buche sich die Tat seines Försters abgewogen. Dieser versetzte kurz: »Ich vermute es. Ich sah's nicht mehr.« »Und Eure Frau und – ihre Tochter?« »Ich weiß es nicht, Herr Baron. Mein Hochzeitstag war's und im Rückgedenken an ihn ging ich davon. Nur aus der Weite zeigte zu breitgestreckter Rauch mir, daß ich mich als ein unvorsichtiger Förster benommen. Zu lang war's dürr gewesen und der Wald in Brand geraten.« Alfsleben nickte. »Mir kommt's ins Gedächtnis, einmal davon gehört zu haben. Der Brand dehnte sich weit; durch eines Försters Unbehutsamkeit, hieß es, sei's geschehen, und er habe sich ertränkt.« »Er hätt's wohl besser getan, aber er ging nur aufs Wasser und drüberhin.« »Mit anderem Namen. Wie sagtet Ihr? Nordwalt?« »In den Wald im Westen ging ich, danach nannte ich mich. Ein neuer Mensch brauchte einen neuen Namen, und er paßte mir, wie ein umgewendeter Rock. Seit bald zwanzig Jahren hab' ich des alten nicht mehr gedacht. Der Waldbrand da weckte ihn auf, und Sie haben's gewollt, Herr Baron. Fahren Sie morgen in die Stadt, dem Richter anzuzeigen, Dirk Nordwalt, der Mordbrenner, sei wieder hier, damit der Hanf ihm in der Luft nachholt, was das Wasser nicht getan.« Der Feuerschein draußen hatte sich rasch abgeschwächt, in der Hütte war's dunkel geworden, kaum ließ sich etwas unterscheiden. Nach einem Schweigen scholl die Stimme des Freiherrn: »Ich danke Euch, Dirk, für Eure Unterhaltung. Ihr versteht Euch nach Försterbrauch auf Jagdgeschichten. Oder war ich hier in der Ecke eingeschlafen und habe geträumt, Ihr erzähltet etwas? Dem Dachs kommen wir heute nicht mehr bei. Wir wollen nach Hause gehen.« Er setzte den Schritt vor, Dirk Westerholz folgte; der Regen hatte nach kurzem heftigem Niedersturz aufgehört, durch die sich verdünnende Wolkendecke kam jetzt ein mattes Licht der falben Mondscheibe und ermöglichte das Einschlagen des richtigen Wegs. Bis sie den Waldrand wieder erreicht, hielt Alfsleben das Gesicht von der Seeseite abgewandt, er ging wortlos, erst vorm Schloßtor sagte er: »Gute Nacht, Dirk. Wenn es morgen abend heller ist, wollen wir versuchen, ob wir besseres Glück haben.« Ein Lichtschein vom Hause her ließ gewahren, er streckte dazu dem Förster die Hand hin. Das hatte er noch nie getan, und merklich war's einem unbedachten Impuls entsprungen. Denn wie er auf die entgegengehobene Hand dessen traf, der sich ihm selbst Mordbrenner benannt, zog er, sie kaum fassend, die seinige rasch zurück, wiederholte nochmals kurz: »Gute Nacht« und trat ins Schloß, dessen Uhr aus der Höhe grade die elfte Vollstunde herabschlug. Er begab sich ins große, hellerleuchtete Wohnzimmer des Erdgeschosses, mehrere Lampen und Armleuchterkerzen brannten, es mußte nach seiner Vorschrift bis in jeden Winkel hell sein, wenn er sich abends drin aufhielt. Bei seinem Eintritt hob sich, ein Buch zur Seite legend, Meinolf aus einem Sessel auf; die Bewegung ließ den Freiherrn zurückstutzen, ungewiß sah er einen Augenblick lang in das Gesicht seines Sohnes. Dann sagte er: »Du? Ich hatte vergessen – es ist erst seit gestern und ich bin nicht gewöhnt, jemand hier anzutreffen. Hast du den Nachmittag gut zugebracht? Ich glaube, du rittest aus.« Über die Züge des jungen Mannes ging ein schmerzlicher Ausdruck; er antwortete: »Ja – als ich zurückkam, sah ich dich zur Jagd fortgehen. Ich wäre dir gern nachgegangen, aber –« Meinolf hielt zögernd an, sein Vater fragte: »Was aber – ?« »Du warst nicht allein, mit dem Förster.« »Warum hielt der dich ab?« »Weil ich dir etwas unter unseren vier Augen sprechen wollte.« »Hast du große Schulden?« Der Erwidernde setzte den Fuß vor, es erregte den Eindruck, er beabsichtige, sich zu einer Kasse zu begeben, Meinolf das Erforderliche auszuhändigen. Doch der letztere faßte haltend mit der Hand ihm nach dem Arm: »Vater –« »Was hast du?« »Ich nicht – du hast Schulden, Vater, lang angehäufte – eine große Schuld –« Der Freiherr fuhr mit dem Arm zurück, sein Mund stieß hervor: »Du? Was, will deine Hand? Will sie –?« »Dich halten, Vater – einmal – heut' – eh' es zu spät ist. Du sagtest es, du hattest vergessen, daß ich hier war – mein Leben lang hast du's vergessen, daß ich dein Sohn bin. Ich weiß nicht, ich hab's gehört – nicht von dir, von fremden Leuten – daß meine Mutter dir nicht lieb gewesen – und ich weiß auch nicht, ob es ihre Schuld war, die du mich bis heute zahlen ließest. Aber mein Herz klagt gegen dich, Vater, daß du dir eine Schuld an mir angehäuft hast, denn es suchte nach deinem, immer wenn ich hierherkam. Doch sein Verlangen, seine Liebe fand dich nicht – niemals – auch gestern nicht, als ich fast drei Jahre fern gewesen – und heute fragst du, ob ich Geld gebrauche. Ist's denn wahr, wie sie sagen, daß dein Herz keine Liebe kennt und nach keiner auf der Welt je verlangt hat?« In heftiger Gemütsbewegung, ungestüm, mehr fordernd als bittend, hatte Meinolf es herausgerungen, doch an den Wimpern glänzten ihm Tränen. Sein Vater stand mit starr aufgeweiteten Lidern; etwas irr Flackerndes, das bei seiner letzten Entgegnung ihm durch die Augen gegangen, war aus ihnen weggeschwunden, ein weich aus ihrer Tiefe aufquellender Glanz hatte sie angefüllt. Seinen Körper durchlief ein Rütteln, mühsam, nur halbverständlich brachte er von zitternden Lippen: »Du –? Du liebst mich –?« Staunen und Glückseligkeit malte sich in den Zügen des Befragten, der mit dem Blick am verwandelten Gesicht seines Vaters wie an einem noch nie gesehenen hing. Ein jubelnder Ton durchklang seine Stimme: »Fühlst du's zum erstenmal? Ich wußte es, du bist gut und warm – meine Augen sehen es. Laß mich's auch hören, gib mir den Namen, mit dem mich niemand auf der Welt nennt, mit dem du mich nie benannt – zum erstenmal, Vater!« »Meinolf – mein lieber Sohn.« »Mein lieber Vater! Hab' Dank – das ist ein Name, von dem ich weiß, daß du ihn geliebt hast, der mir sagt, daß du lieben konntest. Du gabst ihn mir wie ein Kleinod, als einen Schlüssel zu deinem Herzen, und heute hat sich's ihm geöffnet. Was ist dir, Vater.?« »Nichts – es kam mir zu unerwartet.« Dietrich Alfsleben hatte die Hände auf die Schultern seines Sohnes gelegt, ein Zeichen seines Gefühls, ein väterliches Erfassen war's gewesen. Doch sie begannen schwerer zu lasten, man sah, er hielt sich mit ihnen an einer Stütze aufrecht. Seine Knie trugen ihn nicht, zurückschwankend ließ er sich auf einen Sessel herunter, schloß die Augen, wie von einem Schwindel befallen. Halblaut, als Bitte kam ihm vom Mund: »Bleib' bei mir!« Meinolf kniete vor ihn hin, und sein Vater legte ihm die Hände aufs Haar. Wo sie die Stirn und Schläfe streifend berührten, fühlten sie sich kalt, wie leblos an. Beide waren von tiefer Erschütterung bewältigt und die Schwäche, die den Freiherrn überkommen, wohl begreiflich. Nach zwanzig Jahren plötzlich hatte er einen Sohn gefunden; er mußte mit diesem im gleichen Wahn gelebt haben, daß kein Band des Herzens zwischen ihnen vorhanden sei. Aber diese Stunde bewies, er habe die nämliche Sehnsucht nach Liebe in sich getragen, und zurückgezwungen, gezagt und gebangt, sie zu offenbaren, als ob er ihre Erwiderung unmöglich gehalten, sich vor einem Erbteil in der Brust Meinolfs gefürchtet. Was sein Verhalten gegen die Gutsangehörigen kundtat, war hier deutlich vor Augen getreten. Seinem düsteren Äußern entgegen hatte die Natur ihn im Innern nicht hart gepanzert; er besaß ein weiches, jäh zu ergreifendes und ihn überwältigendes Herz. Beide verharrten eine Weile schweigend in ihrer Stellung, Dann fand die Jugend zuerst die Sprache wieder, das letztgesprochene Wort aufnehmend: »Ich soll bei dir bleiben – wie in dieser Stunde möcht ich's – lange. Willst du mich den ganzen Sommer behalten, Vater?« Die Hände Dietrich Alfslebens preßten sich um den Kopf des Sohnes. »Ja, bleibe bei mir – immer. Komm, steh auf! Du sollst nicht vor mir knien – mir kam's zu vor dir, dir zu danken.« Nun saßen sie beisammen, miteinander redend, wie sie's noch nie im Leben getan. Die hohe Flut der Empfindung, von der sie sich entgegengeführt worden, beschwichtigte sich, der Mannesnatur gemäß, doch von der Zunge Meinolfs klangen auch die gewöhnlichen Worte fort wie in einem Freudenrausch gesprochen, und die Augen seines Vaters, ihnen fremdartig folgend, erhellte ein Glück. Der erstere erzählte von seinem Leben, seinen Reisen, seinen Zukunftsplänen; dieser gedachte er mit lachendem Munde. Sie lagen ihm von der letzten Stunde fern in die Weite entrückt; was er wie ein Traumgefühl in sich getragen, daß etwas Sonnenhaftes hier auf ihn warte, hatte sich doch heute erfüllt, und nur die schöne Gegenwart hielt ihn umfangen, der Gedanke an den Sommer im heimatlich gewordenen Haus. »Frau Themis wird sich trösten, wenn sie noch darauf warten muß, daß ich mich ihr als Staatsanwalt vorstelle.« Dann und wann war ein Glockenklang von der Schloßuhr gekommen, jetzt schlug es langandauernd langsam Mitternacht. »Die Geisterstunde,« lächelte Meinolf; »hier findet sie gute Geister aufgeweckt. Aber du bist müde von deinem Jagdgang, lieber Vater, und ich bin's vom Glück; zum ersten Male lern' ich's, daß es sich auch auf die Augen legt. Hast du gute Beute heimgebracht?« Er war aufgestanden, sein Vater tat das gleiche. »Ja, unerwartete,« erwiderte er, und fügte nach: »das heißt, nicht wirklich. Wir gingen auf etwas Seltenes bei uns aus, einen Wachs, doch wir fanden ihn nicht.« »Das freut mich für ihn,« flog's Meinolf heiter vom Mund, »denn ich fühle heut', wie schön es ist, zu leben.« Zufällig ging sein Blick seitwärts, und er streckte die Hand nach dem Tisch, an dem er gesessen. »Ich habe dafür etwas gefunden, eigentlich nicht ich, sondern Nathan Aronsohn, der Jude, der's irgendwo am Strand aus dem Sande gescharrt und in seinen Sack gesteckt. Aber ich hab's ihm abgehandelt für deine Sammlung, wenn's dir einen Platz drin wert ist. Das Ding scheint nach dem Rost lang im Wasser gelegen zu haben, bis eine Sturmflut es herausgeworfen.« Der Freiherr nahm die Pistole. »Ich danke dir, daß du schon an diesem Abend an mich gedacht hast; das gibt ihr Wert für mich, sonst hat sie freilich wohl keinen besonderen.« »Wenigstens spannen läßt sie sich nicht mehr,« lachte der junge Mann, »oder ich verstand mich nicht darauf,« Er fügte das letztere hinzu, denn sein Vater hatte den Daumen auf den verrosteten Hahn gelegt und ihn mit geübter Hand doch in Bewegung versetzt, daß er sich vom Piston aushob; nun knackte er und stand. Dietrich Alfsleben bog den Zeigefinger um den Drücker und sagte, die kleine Feuerwaffe näher an eine Lampe haltend: »Sie ist einmal von nicht schlechter Art gewesen, auf dem Kolben scheint etwas eingelegt.« Das Licht ließ jetzt die von Nathan Aronsohn einigermaßen wieder herausgeputzten silbernen Arabesken am Griff unterscheiden, doch im selben Augenblick erfolgte ein scharf klappernder Ton, und ein anderer, schreckhafter flog dem Freiherr« vom Mund. Sein Finger hatte eine Rückbewegung gemacht, und der Hahn war niedergeschlagen; Meinolf stieß unwillkürlich aus: »Was hast du, Vater? Warum?« »Nichts – ich war ungeschickt. Ein Eisensplitter scheint abgesprungen und mir in die Hand. Man muß sich mit solchem alten Plunder vorsehen. Der Jude hat dir natürlich das unnütze Ding für guten Preis angehängt.« Alfsleben legte geringschätzig die Pistole auf den Tisch zurück und schloß ans letzte Wort: »Nu hast recht, es ist spät und Schlafzeit. Laß uns geh'n!« Sie stiegen zusammen die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf; vor der Schlafzimmertür des Freiherrn hielt Meinolf, seine Rechte ausstreckend, an. »Gute Nacht, lieber Vater. Schlafe gut!« »Gute Nacht.« Der Antwortende versetzte es kurz, seine linke Hand nahm die des Sohnes, der verwundert fragte: »Warum gibst du mir die?« »Die andere kann ich dir nicht geben – sie tut weh –« »Dann ist der Splitter wohl noch drin, ich will nachsehen.« »Nein,« Alfsleben öffnete seine Tür. »Es schmerzt nur noch nach, morgen wird's vorüber sein. Schlafe du gut, mein Sohn! Deine Jugend bedarf des Wunsches nicht.« Er trat rasch ein, und Meinolf begab sich durch den alten gewölbten Gang weiter nach seinem Schlafgemach. Dasselbe war's, das er von Kindheit auf innegehabt, wenn er in den Ferien hier gewesen, wie alle Räume des Schlosses groß und hoch, alte Bilder sahen von den Wänden. Es hatte nie Trauliches für ihn besessen, manchmal sogar beim Zubettgehen ihn mit einer Scheu überkommen; heut' zum erstenmal fühlte er sich drin in seiner Heimat. Er war sehr glücklich, kehrte sehr anders in den Raum zurück, als er am Nachmittag zu hoffen gewagt, daß er ihn wieder betreten werde. Betrachtend stand er vor einem der Porträtgemälde, das seine Mutter als junges Mädchen darstellte, mit ihr hierher und nach ihrem Tode in dies Zimmer gekommen war. Die Züge besaßen Unschönes, Hartes, ließen begreifen, daß sein Vater sie nicht geliebt hatte. Meinolf selbst sah das Bild als das einer Fremden an, mit der ihn kein Zusammenhang verknüpfte. Sein weiches Gefühl regte sich, ihm aus diesem Empfindungsmangel einen Vorwurf zu machen, doch er konnte sich nicht wider seine Natur zwingen. Die seines Vaters lebte in ihm, und dies Gesicht hatte ihm auch nicht Liebe einzuflößen vermocht. Freilich hatte noch keines je solche in ihm geweckt; er wandte sich ab, trat an ein Fenster, öffnete es und blickte in die Nacht hinaus. Es hatte wieder zu regnen begonnen, doch in eigener Art. Sacht durch linde, stillgewordene Luft kam's herab, nichts regte sich, das Ohr vernahm nur ein gleichmäßiges Rauschen. Darin lag etwas Melodisches, dem sich harmonisch eine zwiefache Lichthelle gesellte. Die eine war bleibend, entstammte fraglos dem selbst nicht sichtbaren Mond, der hochher mit einem Schimmer den nur mehr dünnen Gewölkschleier durchdrang. Am Horizont dagegen lag noch dichtere Wolkenmasse, aus der ab und zu ein Blitzschein aufflog. Noch ohne nachfolgenden Donner, kein Gewitter mehr war's, nur ein Geleucht blauer, spielender Flammen. Wie ein plötzlich auftauchender und wieder verschwindender zauberischer Vorhang erschien's, hinter dem sich die Aufführung eines märchenhaften Schauspiels bereite. Das Gefühl sprach auch davon, was es sei: der Einzug des Frühlings im wallenden Mantel des warmen Regens. Doch es ließ nicht Zweifel, wenn der Morgen komme, werde er das graue nächtliche Kleid mit einem Goldgewand vertauschen, sich in leuchtender Herrlichkeit zu zeigen. Und auch ein Musikklang kündigte jetzt die Eröffnung des freudigen Spieles an, aus einem Busch in der Parkferne her schlug eine Nachtigall. Sie mußte zugleich mit Meinolf, als eine nicht wahrgenommene Reisegenossin, vom Süden eingetroffen sein, tat ihre Ankunft zum erstenmal kund. Geraume Weile hatte der junge Mann sich aus dem Fenster gelehnt und mit tiefen Zügen die köstliche Luft eingeatmet, denn der Halbschlag der Schloßuhr tönte. Nun wandte er sich zurück, allein die Müdigkeit war ihm vergangen, er fühlte, daß er noch nicht schlafen werde. Nach kurzem Besinnen nahm er seine Kerze, sich von unten das Buch heraufzuholen, in dem er am Abend gelesen. Der Gang und das ganze Haus lagen dunkel, die Dienerschaft hatte alle Lichter gelöscht, und am Fuß der Treppe blies unvorhergesehene Zugluft von einem offenstehenden Flurfenster her ihm auch das seinige aus. Doch er kannte jeden Schritt im Hause, bedurfte der Kerze nicht, sondern fand die Wohnzimmertür und tastete sich dem Tisch zu; der war's, auf den sein Vater die rostige Pistole zurückgelegt, daneben mußte das aufgeschlagene Buch sich befinden. So verhielt sich's auch, der Himmel kam ihm zu Hilfe und goß kurz einen blauen Wetterschein durch die Stube, bei dem er die weißen Blätter wahrnahm und gleich darauf mit der Hand gefaßt hielt. Um ihn war's wieder finster; hatte er sich doch vielleicht geirrt, ein anderes Buch von einem anderen Tisch genommen? Die Empfindung überkam ihn, er wußte zuerst nicht, weshalb; dann erklärte sie sich ihm daraus, daß er bei dem flüchtigen Aufleuchten nur das Buch, doch nicht die Pistole daneben gesehen. Seine Hand tastete über den Tisch, aber dieser war leer. Meinolf dachte einen Augenblick nach, erinnerte sich indes nicht, daß irgendwo ein anderes aufgeschlagenes Buch gelegen; er mußte das gesuchte in der Hand halten, der Diener beim Auslöschen der Lampen die alte Schußwaffe beiseite geräumt haben. Wie er in sein Zimmer zurückkam, zeigte sich auch, daß er das richtige mitgebracht; ein Döbereinersches Platin-Feuerzeug ermöglichte ihm, seine Kerze wieder anzuzünden. Aber jetzt hatte die Müdigkeit sich seiner aufs neue voll bemächtigt, er las doch nicht mehr, stand nur noch einmal auf, das Fenster wieder zu öffnen. Leise rauschte der Frühlingsregen; mit geschlossenen Augen sprach Meinolf Ulfsleben ein paar ihm besonders liebe Verse eines altrömischen Dichters vor sich hin: » Quam juvat, inmites ventorum audire susurros, Et dulces somnos imbre juvante sequi. « Schon in halbem Traum kam's ihm von den Lippen, und auf den Schlag der näher ans Schloß herangekommenen Nachtigall hörend, fiel er in Schlaf. IV. Letzter Wochentag war's gewesen, und als der Morgen anbrach, kündete die Kirchenglocke von Loagger den Sonntag über Land und Wasser. Weitum ging ihr Ruf durch stille Luft; nicht ein Sonntag nur war's, auch ein Sonnentag, erfüllend, was die weiche Regennacht verheißen. Dem Schiffer, der, sich über die Planke lehnend, draußen unter kaum gebauschtem Segel auf kleinem Deckboot langsam dem Ufer entlang zog, klang's wie ein singender Ton aus den leis' dünenden Wellen. Den Strand lief's entlang, wie ein Wettspiel mit den huschenden Vögeln. Fern auf die Heide hinaus ging's eilend und bleibend, allgegenwärtig, ihr noch schmuckloses Gesträuch wie jeden grünknospenden Birkenzweig umsummend; aufhorchend da und dort hoben die Eidechsen ihre Köpfe ins freudige Licht. Nach dem Waldrand im Osten schien der Schall hinüberzutrachten, doch bis dahin gelangte er nicht; kaum zu empfinden zwar, stand die Luftbewegung ihm entgegen, seine Schwingungen lähmend, wie Schwingen eines sich ermüdet zum Boden herabsenkenden Vogels. Sonntagsgeläut, seine Mahnung zur Abwendung vom Irdischen war's, aber im Ohr tönte sie wie ein lieblicher Gruß des Frühlings, ein holder Weckruf zum Erblühen und zur Freude. Und auf die Kanzel stieg der Pastor Christian Hollesen und verkündigte das Evangelium, die Botschaft des Himmels an die Menschen, daß alle Herzen bereit seien, mit freudigem Dankgefühl sich der einigen Güte und Liebe zu öffnen. »Sehet, sie schreitet draußen über Feld und See im goldenen Gewand. Zu jedem tritt sie heran, denn keiner achtet sie gering. Ob die Lippe schweigt, ihr gilt als Gebet der Glückstrahl eines Auges, das Klopfen eines Herzens. In ihm tragt ihr den Wahrspruch, euch selbst zu kennen, ob ihr der Gaben wert seid, die euch zugemessen, euch ihrer zu erfreuen oder vor ihnen zu erschrecken. Denn es leuchtet gleicherweise der Sonne Licht über Gerechte und Ungerechte, die unser Blick oftmals nicht scheiden kann im Dunkel ihrer Brust, doch in ihr fället jeglicher sich sein Gericht.« So sanft die Stimme Christian Hollesens klingen konnte, so mächtig auch vermochte sie das Kirchengewölbe zu durchhalten und tat dies gegenwärtig bei dem letzten Satz. Allerdings zur Hebung des Tones auch durch einen äußeren Anlaß genötigt, um sich bei einem vom Fliesenboden aufdröhnenden Geräusch von Fußtritten vernehmbar zu machen. Ein Wagen war draußen vorgefahren, aus dem die Gutsherrschaft von Helgerslund, Herr Friedrich von Brookwald, seine Frau und seine Tochter gestiegen. Sie fehlten niemals beim sonntäglichen Gottesdienst, stellten sich gewöhnlich noch vor seinem Beginn ein. Doch heut' hatten sie sich verspätet; im Vorschreiten das Gesicht dem Prediger zuwendend, ließ der Schloßherr einen Ausdruck des Bedauerns darüber aus seiner gutmütig jovialen Miene sprechen. Er war nicht eigentlicher, wenigstens nicht alleiniger Patronatsherr der Kirche, deren Verhältnisse nach dieser Richtung von alter Zeit her nicht recht klar gelegen, bis sie einmal von seiten des Staates dahin fester geordnet worden, daß dieser sich mit den Gütern Helgerslund und Ekenwart in das Patronat geteilt. Doch bekümmerte er sich kaum um Zustände und Bedürfnisse der abgelegenen Pfarre und noch minder der jetzige Freiherr von Alfsleben, der seit bald zwei Jahrzehnten den Fuß nicht hierhergesetzt. So war Fritz Brookwald – mit dem Namen ward er in der Gegend zumeist von seinen Standesgenossen benannt – der einzige, an den sich der Pastor in äußeren Angelegenheiten der Kirche mit Erfolg zu wenden vermochte, und es hatte sich daraus zwischen ihnen ein Verkehr gestaltet oder richtiger der fortgesetzt, welcher vorher zwischen dem Pfarrhaus und dem verstorbenen Besitzer von Helgerslund, dem Schwiegervater Brookwalds, bestanden. Christian Hollesen hatte die Frau des letzteren noch als Kind gekannt, sie wie ihren in der Nordsee ertrunkenen Bruder konfirmiert und die Trauer über diesen jähen, erschütternden Unglücksfall mit ihr und ihrem Vater geteilt. Dann war die Trauung Gertruds von ihm vollzogen worden, so verknüpften ihn langjährige Beziehungen mit ihr. Nun war die Zeit weitergeschritten, eine neue Geschlechtsfolge heranreifend, denn Unna Brookwald stand bereits nah davor, ihr siebzehntes Jahr zu erreichen. Die zu spät Gekommenen nahmen ihren besonderen Stuhl ein, mit Ausnahme Unnas, die sich an die Seite Zea Hollesens setzte, von dieser durch eine etwas fortrückende Bewegung dazu aufgefordert. Es ließ Neigung und Befreundung zwischen den beiden jungen Mädchen erkennen; die erst jetzt Eingetroffene faßte unter dem überspringenden Tischrand zu einer stummen Begrüßung nach der Hand ihrer Nachbarin und behielt sie in der ihrigen, während ihr Vater zu einem kurzen Gebet vor sich nieder sah und dann andächtig aufmerksam der Predigt zuhörte. Frau Gertrud von Brookwald tat das gleiche, doch lag in dem Falten ihrer Hände etwas von Gewöhnung Ausgeübtes, bei dem ihr Denken nicht anwesend sei. Sie zeigte in den Gesichtszügen Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, natürlich dem Unterschied der Jahre gemäß. Indes war sie, wenn auch von mehr als doppeltem Alter, keineswegs eine alte Frau, hätte, kaum über die Mitte der Dreißiger hinaus, fast noch zu den jungen gezählt werden können. Doch sie sah älter aus, wenigstens überwogen auf den ersten Blick das schon leicht ergrauende Haar und leis' die Stirn durchziehende Schattenstriche das Jugendliche, das ihren Zügen noch geblieben und erst bei genauerer Betrachtung hervortrat. Aus ihren blauen, großen Augen sprach Milde; sie hingen am Munde des Predigers, doch nicht eigentlich mit einem Ausdruck kirchlicher Andacht. Ohne Zweifel kam sie willig, von eigenem Trieb geführt, hierher, den Worten Hollesens zuzuhören. Aber nicht der Pastor war's, der vor ihr von der Kanzel redete, sondern ein Mensch, mit dem sie lange Freundschaft, Verehrung und Vertrauen von Kindheit auf und Übereinstimmung der Gedanken verband. Zuweilen erschien's, als nehme ihr auf sein Gesicht hin gerichteter Blick auch ihn nicht gewahr, sondern sehe durch ihn hin in eine Weite. Wie immer stillten die zur Gemeinde Gehörigen den kleinen Kirchenraum dicht an, auch Henning Wittkop befand sich in sonntäglichem Anzug drin. An einem Pfeiler stehend, hörte er sichtlich der Predigt, sowohl mit schuldiger Achtsamkeit, wie auch gern zu, doch hielt diese kirchliche Pflichterfüllung ihn nicht ab, in jeder Minute nach den nebeneinander sitzenden jungen Mädchen zu schauen und einmal sogar wohl ohne Selbstwissen halb- oder viertelslaut in seinen Bart hinein zu reden: »Sie sind richtig als wie ein Seeschwalbenpaar, bloß daß die Witta noch weißer von Federn ist.« Unweit von dem Strandvogt stand auch Tilmar Hellbeck; sein Blick hatte nichts stetig Verbleibendes, ging durch die Kirche umher, hob sich nach den von Sonnenstrahlen glitzernden Fenstern und schweifte wieder abwärts. Er schien an Pflanzen und Blumen draußen auf der Heide am Seestrand zu denken, wenigstens deutete Zea Hollesen sich es so, die aufschauend einmal seinen Augen begegnete und den Anflug eines Lächelns um ihre Lippen spielen ließ. Manchmal nahm sie am sonntäglichen Gottesdienst teil, manchmal versäumte sie ihn, blieb draußen in der Sonne. Ihr Vater verlangte nicht, daß sie zugegen sei, hatte nie ein Wort der Mißbilligung, wenn sie nicht gekommen. Doch wußte sie, ihre Gegenwart erfreue ihn, und ihr bereitete es gleichfalls Freude, dem, was er von der Kanzel sprach, zuzuhören, so war sie heute hier anwesend. Wohl aber begriff und fühlte sie auch, daß man sich trotzdem aus dem engen Kirchenraum fortsehnen könne, in die Weite, unter das blaue Himmelsdach hinaus, und dies Verständnis geheimen Wunsches Tilmar Hellbecks drückte das leise Lächeln ihres Mundes aus. Doch der junge Lehrer faßte es kaum auf, sein Blick ging rasch nur an ihr vorüber. Ein einziges Mal waren seine Augen in die Richtung ihres Platzes geraten und zufällig gerade die ihrigen mit ihnen zusammengetroffen. Es wiederholte sich nicht, denn sein Gesicht kehrte nicht mehr nach ihrer Seite zurück. Christian Hollesen aber nahm am Schluß seiner Predigt noch einmal den Gedanken auf, dem er gerade bei der Ankunft der Helgerslunder Gutsherrschaft Ausdruck gegeben. In seiner Art, sich gerne der Bilder zu bedienen, welche die Natur um Loagger darbot, tat er's und sprach: »Es hält sich oft verborgen des Menschen Trachten und Tun gleich dem Grunde des Meeres, wohin nicht Auge und Ohr reicht, daß er es wohl verdeckt wähnt und nicht sorgt, das Licht des Tages könne drauf fallen. Aber ein Wind braust daher, den er nicht vorgesehen, und läßt die Welle aus der Tiefe aufrauschen, daß sie Verschwiegenes emporhebt und dem Blick ans Ufer trägt. Sei es eine Sünde des Gedankens, sei es eine Missetat, sie werden zeugen gegen den, der sie gehegt oder begangen, denn Gerechtigkeit hält die Schalen der Wage, jeglichen zu wägen nach seiner Gebühr. Ob auch die Zeit über eine Schuld sich legen mag gleich dem Flugsand, es wandert doch die Düne wieder ab von ihr, und entblößt liegt sie vor der Sonne für die Stunde des Gerichts. Ist einer unter eurer Zahl, dem vor solchem bangt, da kehre er in Reue sein Herz, abzulassen vom bösen Trieb, In sich, als sein eigener Richter, spreche er sein Urteil und finde Vergebung, wenn er sie in sich selbst zu finden vermag.« Der christliche Pastor hatte das nämliche Gleichnis von dem alles überdeckenden Sand gebraucht, wie gestern der Jude Aronsohn, es lag gleichsam draußen vor der Kirchentür, und für die Strandanwohner konnte kaum ein Bild etwas deutlicher bezeichnen. Auch Henning Wittkop nickte mit dem Kopf und nach seiner Gewohnheit murmelte er, als Tonlaut halbverständlich für das Gehör der ihm zunächst Stehenden vor sich hin: »Ja, Sand in die Augen.« Doch was er mit dieser an sich selbst gerichteten Bemerkung besagen wollte, war nicht zu entnehmen; seine Stirn hob sich dabei zu einem kurzen, durch die Kirche hin über die Gankreihen der Dorfeinwohner weggehenden Aufblick, dann verwandte er seine Achtsamkeit auf die Predigt zurück. Sie war nicht lang mehr, das Schlußgebet klang bald von der Kanzel, der Gesang hob wieder an, verhallte, und die Kirche leerte sich. Sehr schön war's, aus dem kalten Licht des kühlen Raums in den warmüberfließenden Sonnenglanz hinauszutreten; Unna hielt den Arm in den Zeas gelegt, so gingen sie miteinander, die junge Brust beider atmete wie wetteifernd in unbewußter Freudigkeit die kräftige Frühlingsluft ein. Sie kamen nicht oft, nur am Sonntagvormittag und auch dann meistens nur für kurze Zeit zusammen, doch unverkennbar hing Unna Brookwald mit dem Herzen an ihrer Begleiterin. Sie war ungefähr nur ein Jahr jünger, schlank und schön aufgewachsen, aber ein Kind noch an Leib und Gemüt, fröhlich wie ein Falter in der Sonne. Ihre Augen gingen über den Friedhof, doch sahen nur das Flimmern und Spielen der Lichter auf den Kränzen und Grabsteinen, die Schatten, die von ihnen über den Boden hinfielen, rührten sie nicht an. Den leichten Fuß einmal haltend, sagte sie mit heiterer Stimme: »Da ist Onkel Meinolfs Stein; es sieht aus, als wäre der Efeu im Winter noch gewachsen, man kann kaum mehr die Inschrift lesen.« Die Leiche Meinolfs von Rhade hatte das Meer nicht herausgegeben, doch seine Schwester ihm auf dem Kirchhof von Loagger ein Gedächtnismal gesetzt, als liege er darunter bestattet. Eine weiße Marmorplatte war in den Granitblock eingelassen, auf ihr stand der Name des Toten und ein Grabspruch, den Christian Hollesen hinzugefügt. Der Efeu hing verdeckend darüber, nicht, weil er sich zu stark verdichtet, der Wind hatte lose Ranken herabgedrückt. Die Hand Zeas schob sie jetzt beiseite und sie sprach dazu: »Für mich ist's' nicht nötig, ich weiß von Kindheit auf auswendig, was darauf steht. Aber der Spruch meines Vaters ist schön und gehört in die Sonne.« Sie stand zwischen dieser und dem Stein, so daß ihr Schatten auf ihn fiel, doch die Inschrift trat jetzt deutlich hervor: »In Jugend, sprachen die Alten, gehen dahin, die von den Göttern geliebt werden: Leidlos aus der Sonne entrafft jäh sie der Blitzstrahl. So leben sie immer jung dem Gedenken.« »Mich deucht's doch besser, älter zu werden,« sagte Unna Brookwald, »ich möchte noch nicht sterben. Oder du?« Sie mußte zu der letzten Frage lachen, und Zea antwortete frohsinnig: »Glaubst du, ich habe die Sonne weniger gern?« Der Grabstein warf für sie beide keinen Schatten, verknüpfte ihnen keine Vorstellung. Sie hatten den, dessen Gedächtnis er erhielt, nicht gekannt. Doch Unnas Mutter, die jetzt auch herzukam, sah man an, sie trage die Erinnerung in sich. Wie immer, wenn sie die Kirche verließ, nahm sie den Weg hier vorüber, den Stein mit einem mitgebrachten Gedenkzeichen zu schmücken; heut waren es erste Veilchen, die ihr Bruder besonders geliebt. In ihren Augen stand, wahrend sie die kleinen Duftblüten schweigend zwischen den Efeuranken befestigte, sie bringe die Gabe ihm, doch auch sich selbst, einer Vergangenheit, in der sie noch lebe, die sie an dieser Stelle wie noch seiend vor sich gewahre. Dann wandte sie sich, Zea freundlich zu begrüßen; aus der Art, wie sie dem Mädchen die Hand reichte, sprach, daß sie die Zuneigung ihrer Tochter teile. Ihr Mann war zurückgeblieben, auf das Herauskommen des Pastors aus der Kirche zu warten, mit dem er eine Pfarreiangelegenheit zu besprechen hatte. Christian Hollesen trug die vorgeschriebene geistliche Summartracht nur auf der Kanzel, legte sie stets erst in der Sakristei an und wechselte sie dort wieder gegen seine gewöhnliche Kleidung um. Nun näherte er sich in dieser im Gespräch mit Herrn von Brookwald gleichfalls heran; der letztere blickte den Weg vorauf, brach von der Unterredung ab und sagte, sich die auf die beiden Mädchen vorgerichteten Augen mit der Hand beschattend: »Dort, glaube ich, stehen meine und Ihre Tochter, man kann sie bei der Sonnenblendung kaum voneinander unterscheiden, ihre Größe ist fast gleich, Unna muß im letzten Jahre stark gewachsen sein.« Der Pastor ordnete noch etwas an seinem umgetauschten Rock, ehe er antwortete: »Ja, auch ihre Gesichter haben etwas Ähnlichkeit miteinander.« »Finden Sie? Das ist mir noch nicht aufgefallen; freilich bei meiner Kurzsichtigkeit kann's mir begegnen, daß ich eine Holztaube für eine Elster ansehe und darauf losknalle.« Fritz Brookwald erwiderte es in seiner, den ersten besten ihm auf die Zunge kommenden Ausdruck nicht abwägenden, halb derben, halb saloppen Sprechweise; sie gab ihm etwas offen Natürliches, dem gesuchte Worte fremd und ungelegen seien. Er fügte nach: »Da muß ich sie mir einmal betrachten«, und gegen Zea hinantretend, redete er sie an: »Laß dich einmal unter die Lupe nehmen, Kind – oder mir gehen heute wohl die Augen auf, daß es an der Zeit geworden ist, ›Fräulein‹ zu sagen und sich dahinter mit der dritten Person zu inkommodieren. Nein, lieber Pastor, allen Respekt vor Ihren guten Augen, aber weiter als im Längenmaß kann ich nichts Ähnliches bei den zwei ins Kraut geschossenen Pflanzen ausfinden. Die Sorten kommen mir doch ganz verschieden vor.« Vielleicht klang aus dem letzten ein bißchen aristokratischer Hochmut, der von vornherein eine Artverschiedenheit zwischen der Tochter des Sprechers und dem bürgerlichen Adoptivkind des Geistlichen als selbstverständlich betrachtete, und Hollesen beeilte sich, zu entgegnen: »Natürlich, mir konnte nicht einfallen, beide weiter als in der oberflächlichen Erscheinung vergleichen zu wollen,« Brookwald versetzte lachenden Mundes: »Ich glaube, ich habe einmal wieder Zeug geschwatzt, verstehen Sie's nicht falsch, lieber Freund, Sie kennen meine schlechte Gewohnheit, nicht lange nachzudenken, was mir herausfährt. Übermäßig zartfühlend bin ich ja nicht zur Welt gekommen, aber ich hoffe, für so geschmacklos halten Sie mich nicht, daß ich –« Eine launige Miene ergänzte den Schluß und der Sprecher fuhr fort: »Übrigens hat mir heute Ihre Predigt ganz besonders zugesagt. Unsereins weiß leider Gotts, wie not es tut, den Leuten manchmal ordentlich ins Gewissen zu reden. Wenn's Ihnen recht ist, gehe ich mit in Ihre Studierstube, daß wir die Patronatssache dort besprechen. Ich bleibe ja doch einmal vor dem Rest damit, der Staat läßt sich den Schlaf nicht dadurch verderben und mein Nachbar auf Ekenwart noch weniger. Sein Sohn, der Meinolf, hör ich, hat sich einmal wieder eingefunden, da kriegt er vermutlich einen Kumpan für sein herumknallen und seine Schrullen; die Äpfel Pflegen nicht weit vom Stamm zu fallen.« »Ihre Anerkennung ist ehrend und erfreuend für mich, Herr Baron. Wenn es Ihnen beliebt, ich stehe zu Dienst.« Christian Hollesen beobachtete dem Patronatsherrn gegenüber einem seinem Munde fremdstehenden förmlichen Ton, der die joviale Weise nicht erwiderte, sondern sich merkbar mit Zurückhaltung unterordnete. Fritz Brookwald war nicht freiherrlichen Standes, doch der ihm von dem Pastor gegebene Titel warb ihm allgemein gebräuchlich beigelegt; die Besitzer von Helgerslund waren seit Menschengedenken Barone gewesen. Seine Kurzsichtigkeit mußte nicht so hochgradig sein, wie er sie dargestellt, denn er hatte bemerkt, daß bei einem der von ihm lachend gesprochenen Worte seine Frau leicht gezuckt und ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht hingegangen. Er wandte sich jetzt zu ihr: »Was hast du? Ach so, der Name deines Bruders war. Entschuldige, aber ich bin nicht sentimental veranlagt, und mich dünkt, du könntest nach so langer Zeit dies empfindsame Gefühl auch einmal ablegen, liebe Gertrud. Wir müssen alle sterben, und wäre er nicht –« Brookwald führte den Satz nicht zu Ende. Das Ungesprochene ließ verschiedene Deutungen zu, doch als die wahrscheinlichste, daß ihm auf der Zunge gelegen, fortzufahren: »Wäre er nicht gestorben, so würdest du nicht die Erbin von Helgerslund gewesen sein.« Gertrud entgegnete nichts, aber ihr stand im Gesicht zu lesen, sie habe es so verstanden. Ein Antlitzausdruck war's, der in seiner Schweigsamkeit noch mehr redete, zwischen ihr und ihrem Manne bestehe kein innerliches Verhältnis, die früheren Schattenstriche auf ihrer Stirn und das graudurchspielte Haar seien nicht in einem Widerspruch mit ihrer Lebensführung. Allein sichtlich war sie gewöhnt, sich zu beherrschen, keinen Laut ihres Inneren offenbar werden zu lassen. Mit einem blassen, freundlichen Lächeln wendete sie sich jetzt Mathilde Hollesen, der Frau des Pastors, entgegen, die, nach ihr suchend, um die Kirche herzukam. Die beiden Frauen begrüßten sich, freundschaftliche Beziehung an den Tag legend, und schlugen miteinander den Weg nach dem Pfarrhofe ein, wohin Herr von Brookwald und der Pastor schon vorausgegangen. So blieben die beiden jungen Mädchen wieder allein, standen nach wie zuvor beisammen, und Zea sagte: »Deine Mutter war traurig.« Unna Brookwald antwortete, der Genannten nachsehend: »Ja, Mama ist manchmal empfindlich und verträgt dann das Spaßen meines Vaters nicht.« Es lag ein Unterschied in ihrer Bezeichnung der beiden; sie fuhr fort: »Mir tut's weh, wenn ich dabei bin; so wie ihr kann's mir ja nicht sein, aber ich fühl's doch mit, der Onkel Meinolf muß ein prächtiger Mensch gewesen sein, ganz anders als – als sonst viele und jedenfalls auch als der, der nach ihm den Namen bekommen hat. Daß der wieder da ist, meinetwegen hätt' er's nicht nötig gehabt. Kannst du dich noch an ihn erinnern?« »An wen?« »Meinolf Alfsleben; mein Vater sagte ja, er wäre wiedergekommen. Da kann man sich in acht nehmen, daß einem die Glieder heil bleiben; wo er dabei ist, riskiert man immer geradezu sein Leben, Man kriegt etwas an den Kopf geworfen oder er stößt einen blindlings in den Teich.« Zea Hollesen fiel ein: »Ach der, ja, mir fällt's ein, es muß lange her sein. Aber er holte dich auch wieder heraus, ist's mir.« »Natürlich, sonst könnt ich mich heut wohl nicht daran erinnern.« Unna lachte fröhlich, sie war ein Kind, dem einen Augenblick der schmerzliche Zug im Gesicht ihrer Mutter nah' gegangen, aber der Frohsinn brach rasch wieder in ihr durch. »Mama kam, wie er mich, von oben bis unten triefend, ins Haus trug, er selbst war natürlich ebenso pudelnaß, und sie litt nicht, daß er so wegging, sondern er mußte sich auch erst bei uns trocken umziehen. Das weiß ich noch gut, denn ich hoffte, Mama würde ihn gehörig ausschelten und heruntermachen für seine Fahrigkeit, aber statt dessen war sie nur dankbar und zärtlich gegen ihn, daß er mich herausgezogen und mir das Leben gerettet hatte, und er bekam ein großes Glas voll von einem schönen, warmen Getränk, von dem ich nur ein kleines abbekam.« »Ja, gesehen hab' ich ihn wohl auch ein paarmal, aber bis hier heraus ist er vermutlich selten gekommen; wie er aussieht, weiß ich nicht mehr,« Zea drehte sich halb und erwiderte auf einen Gruß: »Guten Morgen, Tilmar. Dir ward es heut bei der Sonne zu eng in der Kirche.« Der junge Lehrer war, da und dort eine Grabinschrift lesend, der letzte auf dem leergewordenen Kirchhof geblieben, jetzt den Weg entlang geschritten und hatte vor den beiden Mädchen den Hut gelüftet. Es schien in seiner Absicht gelegen zu haben, vorüberzugehen, doch die Anrede ließ ihn stehenbleiben und entgegnen: »Guten Morgen, Anna. Weshalb meinst du's?« »Ich las dir's in den Augen. Worüber lachst du, Unna?« Die Befragte drückte sich die Zähne auf die Lippe. »Mir kommt's so komisch vor, daß jemand dich Anna nennt. Warum sagen Sie denn nicht Zea?« Tilmar Hellbeck stieg ein leichtes Rot ins Gesicht. »Was kommt mir nicht – kommt mir nicht auf die Zunge. Ich habe Fräulein Hollesen Anna genannt, als sie noch meine Schülerin war –« Das ließ auch ihr ein Lachen um den Mund spielen. »So hast du mich noch nie genannt. Liegt's heute in der Luft, auch Unnas Vater wollte mich so neu anreden.« Er stand etwas ungewiß, ob er noch bleiben oder weitergehen sollte; sie setzte hinzu: »Was hast du heut morgen vor? Der Sonntag ist dir der beste Tag.« »Ich dachte, nach Herdsand zu rudern, nachzusehen, ob dort schon etwas zu finden ist.« Nicht die Worte, doch ihr Ton regte das Gefühl, eine Antwort zu erwarten; Zea fiel ein: »Dahin möcht ich mit dir, es muß heute schön drüben sein. Kannst du nicht mit, Unna?« Die Befragte schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, meine Eltern werden bald zurückfahren.« »Wir wollen uns erkundigen. Sieh dich nach mir am Strande um, Tilmar; wenn's geht, komme ich.« Der junge Lehrer lüftete den Hut wieder und ging; die Verabschiedungsart galt dem adeligen Fräulein, Zea hätte solche Grußweise von ihm nicht verstanden. Die Mädchen wandten sich jetzt nach dem Pfarrhause; wie er aus der Hörweite gekommen, sagte Anna Brookwald: »Mich reizt es auch schon zum Lachen, wenn ich Tilmar Hellbeck sehe. Ich weiß nicht warum, er ist so komisch,« »Er ist der beste, außer meinem Vater, mein liebster und einziger Freund; wenn ich ohne ihn sein sollte, das könnte ich mir nicht denken. Was du sagst und tust, ist kindisch, Unna, und steht dir schlecht an. Du kennst ihn nicht, nichts weiter, als daß er bei dir, wenn er dich mit mir trifft, etwas verlegen ist. Du kommst ihm vermutlich wie etwas anderes vor als ich.« Unwillig, beinahe hastig war's Zea Hollesen vom Mund gekommen. Unna Brookwald erschrak und griff rasch nach ihrer Hand. »Sei mir nicht böse, ich bin ja einfältig. Was du lieb hast, ist gewiß gut, ich lache nur gern, und zu Hause ist's mir selten recht danach. Hast du mich auch wieder lieb?« Sie streichelte zärtlich die langbefingerte seine Hand Zeas, die ihren Unmut schnell wieder ausglich. Den Kopf der Reumütigen an sich ziehend, küßte sie Unna rasch einmal auf die Lippen; für einen Zuschauer war's in diesem Augenblick täuschend gewesen, als biege sich ein junges Gesicht seinem eigenen, aus einer Spiegelfläche zurückkommenden Bild entgegen. Merklich war's ein Kuß von nicht an solches Tun gewöhnten Lippen, auch die Empfängerin schien davon überrascht, doch mehr noch beglückt. Ihren erschreckten, bittenden Augen gegenüber hatte Zea ein plötzlicher Antrieb gefaßt, die erzürnt ihr entfahrenen Worte so wieder gutzumachen; nun fügte sie nach: »Ich weiß ja, daß du nichts böse meinen kannst. Warum ist's dir denn zu Hause nicht zum Lachen?« »Mir wär's immer, wenn ich dich bei mir hätte.« Die Antwortende griff wieder nach der Hand der Freundin. »Komme heute mit! Wir haben genug Platz im Wagen. Seit wie lange bist du nicht bei uns gewesen! Tu's!« »Wenn mein Vater mich wieder einmal zu euch mitnimmt. Allein darf ich den weiten Weg nicht gehen, er hat's mir verboten,« »Sonst verbietet er dir doch nichts.« Über die Freudigkeit Unnas war ein Schatten gefallen, »Hin führest du ja mit uns, mehr Schutz brauchst du doch nicht. Und was sollte dir denn unterwegs zustoßen?« »Mein Vater sagt, auf den Koppeln bei euch vorm Wald ist zuweilen ein böser Stier los, der könnt auf mich zustoßen mit den Hörnern. Ich habe keine Furcht davor, aber meine Eltern würden sich ängstigen. Sonst ginge ich gern mit dir, auch auf der Heide muß es heut schön sein.« »Du, warum sind die Stiere eigentlich im Frühling oft so bös, viel ärger als sonst? Das kommt mir ganz unnatürlich vor, grad um diese Zeit, wenn alles so schön wird, könnt ich's doch am wenigsten sein.« Darauf wußte Zea keine Antwort, aber sie mußte lachen. Wohl hauptsächlich über die Vorstellung, Unna solle sich wie ein bösartiges Tier behaben, indes auch über die Frage; die hätte sie nicht getan, sie war doch um ein Jahr älter. Nun erreichten die Mädchen das Pfarrhaus, vor dem der Helgerslunder Wagen schon zur Rückfahrt bereithielt. Die beiden Frauen saßen beisammen im Gärtchen, sie hatten miteinander gesprochen oder eigentlich Mathilde Hollesen allein. Wie ihr Mann, wenn er den Summar abgelegt, nichts von einem Geistlichen an sich trug, so hatten auch ihr Gesicht und Wesen nichts von dem, ziemlich allgemein im Lande ähnlich Wiederkehrenden der Frau eines Pastors. Sie war Frau von Brookwald um zehn Jahre voraus, ungefähr in gleichem Altersverhältnis, wie es zwischen den Männern bestand, doch in ihrem Verhalten der adligen Dame gegenüber lag nichts von Steifheit, vielmehr ein völliger Gegensatz. Sie hatte eine kleine Weile mit ihren freundlich-stillen, doch von innerer Teilnahme zeugenden Augen schweigend in den Sonnenglanz umhergeblickt und sagte gegenwärtig etwas gedämpften, aber zum Herzen gehenden Tons: »Ich sah Ihnen an, Gertrud, daß es schmerzend in Ihnen aufgewacht sei. Wenn der Tag so schön ist, bringt er's wohl mit sich, die Sonne ruft den Schatten. Daß die Haare grau werden, ändert's nicht – bei Ihnen freilich ist's zu früh – aber in sich, deucht mich, wird man dadurch nicht älter. Ich wenigstens bin's noch nicht geworden und fühle mit Ihnen wie an dem Tag, als Sie zu mir kamen und bei mir weinten, wie bei einer Mutter. Damals suchte ich Sie zu trösten, und glaubte selbst noch daran, an sein Wiederkommen. Das ist nicht geschehen, und heut glaube ich, es war besser so für Sie, Mein Mann hat es auf den Stein geschrieben: ›So leben sie jung dem Gedenken‹; das gilt nicht für die Toten allein. Ein ungelöstes Rätsel ist mir's auch, aber es ist manch Dunkles um uns auch im hellsten Licht. Ich meine – da kommen die Kinder, Ihre eigene Tochter, liebe Gertrud. Die meinige macht mich gewiß so glücklich, wie ich es wünsche, doch das Schicksal war Ihnen gütiger gesinnt. Ich mußte mir erst aneignen, erobern, was es Ihnen freiwillig gab.« Die Absicht eines Trostes klang nicht gerade aus den letzten Worten hervor, aber der freudige Augenausdruck der Sprecherin konnte nicht fehlen, in ihrer Herzensempfindung sei kein solcher Unterschied vorhanden. Einfallend wiederholte Gertrud von Brookwald: »Gütiger! Gab es Ihnen nicht, Ihren – ?« Sie sprach nicht aus, es schien, daß sie um der in den Garten eintretenden Mädchen willen abbrach, doch ein Zucken der Lippe lieh ihrem Innehalten andere Deutung. Im Studierzimmer des Pastors endeten die beiden Männer ihre Besprechung; Hollesen hatte nach herkömmlicher Weise eine Portweinflasche auf den Tisch stellen lassen, von deren Inhalt der Patronatsherr mit Wohlgefallen getrunken. Nun ordnete der Pastor, ihm kurz den Rücken wendend, einige benutzte Papiere in sein Schrankfach zurück; er nahm dabei eigentlich unnötig eine schräge, etwas unbequeme Stellung ein, die Fritz Brookwald äußern ließ: »Als Praktikus sind Sie nicht auf die Welt gekommen, lieber Pastor, das hätten Sie mit weniger Inkommodität zuwege bringen können.« Er streckte die Hand nach dem Tisch, sein Glas zu fassen, wie Christian Hollesen es trotz seiner Abkehrung wahrnehmen konnte, denn er stand gerade so, daß ihm ein in halbdunkler Ecke hängender kleiner Wandspiegel ein Widerbild seines Gastes zurückgab. Den Blick darauf hingerichtet haltend, beendete er sein Tun; wie er den Kopf danach wieder umdrehte, sagte Brookwald lachend: »Man muß sich bei Ihnen einladen, um etwas Gutes zu kriegen, neben der Kanzel wachsen die besten Reben. Das ist alter Brauch und vermutlich der Weinberg des Herrn, von dem die Schrift redet. Aus meinem Mund werden Sie's nicht als Blasphemie nehmen, lieber Freund, es gehört sich, daß die göttliche Weltordnung auch ordentlich für ihre Diener sorgt. Aber ich denke, Sie werden mit mir, als Ihrer Handhabe für die Kirche in Loagger, gleichfalls zufrieden sein; wo geistlich und weltlich Regiment einträchtig Hand in Hand gehen, kann gute Ernte nicht ausbleiben. Also auf Ihr Wohl den Rest des ausgezeichneten Trunks!« Der Pastor verneigte sich. »Ich freue mich für unsere Kirche, daß die Angelegenheit durch Ihre Zustimmung erledigt worden, Herr Baron, Darf ich Ihnen das Glas noch einmal füllen?« »Nein, danke, danke! Sie wissen, ich habe leider Gotts mancherlei Untugenden, aber von der über den Durst lasse ich mich nicht an der Kehle fassen. Im Grund ist's haarsträubend, daß ich Ihnen oft Sonntags Ihren guten Wein austrinke und Sie mir nie Gelegenheit geben, mich zu revanchieren. Na, ich hoffe doch bald mal! Jetzt heißt's, den Gäulen ein Paar überziehen, daß wir nach Haus kommen. Ich habe vor Tisch noch allerlei zwischen die Finger zu nehmen, es ist immer dafür gesorgt, daß es was gibt, Wochentag und Sonntag, Dabei läuft einem dann das Leben auch durch die Finger.« Hollesen geleitete den Helgerslunder Schloßherrn hinaus, der, seine Frau und seine Tochter herbeirufend, den Wagen bestieg, auf dem er die Zügel ergriff, während der Kutscher einen Hintersitz einnahm. Die Pastorin und Zea winkten den Abfahrenden Grüße nach; es waren zwei Familien, deren weibliche Angehörigen in freundschaftlichem Verhältnis zueinander standen. Ebenso verhielt sich Fritz Brookwald in seiner treuherzig-biedern Art gegen den Pastor, und nur dieser wich nicht von den gemessenen Formen ab, die er sich in seiner Stellung dem adligen Patronatsherrn gegenüber vorgeschrieben. Seit mehreren Jahren schon beobachtete er sie in immer gleichbleibender Weise. Das elegante Jagdfuhrwerk rollte ostwärts über die Heide fort; aufgeräumt sprach Brookwald zu den hinter ihm sitzenden Frauen zurück. »Ein närr'scher Kauz, der Hollesen mit seiner Steifheit! Ich glaube, er tut sich was auf die seine Manier zugut, Leute aus seinem Stand haben's manchmal so an sich. Na, jedem sein Vergnügen! Nur, ich sagt's ihm auch, es ist mir nachgrabe nicht angenehm, daß ich Sonntags immer seinen schlechten Portwein heruntertrinke und ihm fast nie etwas wieder vorsetzen kann, Hast du deine Freundin eingeladen, Unna, daß man sich wenigstens auf diese Art etwas revanchiert? Sie könnte ja mal ein paar Wochen bei uns bleiben.« Die Befragte antwortete: »Ja, aber sie darf nicht, ihr Vater hat's ihr verboten.« Durch die Wimpern Fritz Brookwalds ging ein kurzes Jucken, er wiederholte: »Verboten? Wer? Ihr Vater? Ihr Adoptivvater meinst du! Dummes Zeug! Du muht dich verhört haben. Warum sollte er's ihr verbieten?« »Es war' ein böser Stier bei uns auf der Koppel, über die der Weg geht,« »So, darum. Da soll man den Bullen einsperren, ich will dafür sorgen. Sag's ihr am nächsten Sonntag; zu albern, was die Leute sich oft für überflüssige Hirngespinste machen. Also vergiß es nicht, der Pastoralwein kratzt mir sonst noch mehr in der Kehle. Na, macht mal Beine!« Die trotz dem sandigen Weg rasch forttrabenden Pferde gaben eigentlich nicht Anlaß zu den heftigen Peitschenhieben, die Fritz Brookwald ihnen überzog. Ihn mußte etwas verdrossen haben, und er gab zu erkennen, daß seine spaßlustige Laune dadurch jäh ins Gegenteil umschlagen könne, wie's das Bein Nathan Aronsohns vor Jahren zu bleibendem Gedächtnis erfahren. Christian Hollesen war, dem Wagen nachblickend, noch vorm Pfarrhause stehengeblieben; des Wegs vorbeikommend, trat jetzt grüßend Henning Wittkop an ihn heran. »Das waren wohl die Helgerslunder, Herr Pastor?« »Ja.« Der Angesprochene erwiderte es kurz, sichtlich mit einem Nachdenken beschäftigt. Dann hob er den Kopf. »Macht die Luft heut trocken, Henning?« »Na, so'n bißchen was davon ist ja bei Sonnenschein immer drin.« »Da könnt' ein bißchen Feuchtigkeit ja nicht schaden. Ihr habt's hier näher als im ›Krug‹, Herr von Brookwald hat einen Rest in der Flasche gelassen.« Eine Einladung war's, die nicht in Zweifel ließ, daß Hollesen die Gesellschaft des Strandvogts augenblicklich erwünscht falle. Dieser machte halb komisch etwas wie an einem Glas kostende Lippenbewegung und fragte dann: »Ist die Flasche gut, Herr Pastor?« Doch offenbar kam ihm das Unangemessene der, als spreche er mit dem Krugwirt, herausgeflogenen Frage zum Bewußtsein, denn er fügte gleich drein: »Wenn die vornehme Herrschaft draus getrunken, ist sie freilich für mich eher zu gut. Aber wenn Sie mich dazu einladen –« Die beiden gingen in die Stube, wo Christian Hollesen ein Glas vollschenkte, das Henning Wittkop zum Mund führte. Doch nippte er vorerst nur dran, setzte es ab und sagte: »Ja, das ist gut, bloß was kräftig, zu viel darf einer nicht davon trinken, wenn er seine Zunge noch gut festhalten will; das hat der Herr Baron ja auch nicht getan, Auf'm Schiff kriegt man so was nicht; was es da gibt, is freilich noch was deftiger, daß einer sich davor noch besser in acht haben muß, wenn nicht alles klare Sicht auf der See ist. Vorkommen tut's ja freilich wohl mal, aber dafür hatten wir an Bord ein altes Sprichwort, das einem dann wieder Trost machte: »En ehrlichen Kerl süppt sick wol mal dun, en Schalk awer höd't sick davor.« Der Pastor nickte: »Ja, an Bord – setzt Euch doch, Henning. Ihr habt mir öfter erzählt, wie's an Bord und unterm Deck auf dem Schiff ausgesehn, das Ihr damals ohne Mannschaft auf der Nordsee traft. Aber einiges davon ist mir doch aus dem Gedächtnis geraten, und Ihr habt's wohl auch nicht mehr so deutlich vor Augen. Doch vielleicht kommt's Euch in Erinnerung, wenn ich danach frage. Ihr kamt also von Eurer ›Providentia‹ auf die ›Thetis‹ hinüber und die Treppe hinunter in die kleine Koje, wo die tote Frau auf dem Bett lag, mit dem Kinde neben sich. Dachtet Ihr Euch – oder brachte irgend etwas um sie her Euch darauf, zu denken – sie sei vielleicht keine verheiratete Frau gewesen?. Ich hörte Euch gern noch einmal alles recht genau beschreiben, was Ihr im Gedächtnis behalten habt.« Sonntag war's, zur Kirche war Zea Hollesen heut nicht barfüßig gegangen, und so ging sie auch jetzt in Schuhen an den Strand hinunter. Sie suchte nach Tilmar Hellbeck, sah ihn indes nirgendwo; so wanderte sie nordwärts einem Dünenvorsprung zu, ob er an einer kleinen Einbucht hinter diesem warte. Auch dort war er nicht, doch sie begab sich nicht zurück, sondern blieb stehen. Summend liefen die Wellen ihr zu den Füßen hin, sonnenglimmernd, in beweglichem Spiel, immer gleichkommend und umkehrend. Sie blickte darauf nieder, dann in die Seeweite und vergaß darüber ihre Absicht, bis nach einer Weile hinter ihr die Frage klang: »Glaubtest du mich hier?« Den Kopf drehend, sah sie den jungen Lehrer einen Augenblick etwas abwesend an, eh' sie antwortete: »Ja, weil du drüben nicht warst. Ich habe dich nicht kommen gehört, das Wasser fingt heut so. Konntest du mich hier sehen?« »Nein, aber ich sah deine Fußspur im feuchten Sand.« »Die hätten dich leicht täuschen können, es sind viele.« »Ich kenne sie draus hervor.« »Ja so.« Das Mädchen blickte vor sich nieder. »Weil ich Schuhe heut trage. Hast du ein Boot?« »Ich fand's nicht gleich, aber jetzt hab' ich eins. Du fährst also mit?« »Ja, mir ist die Welt noch nie so schön vorgekommen wie heute.« »Mir ist's auch so. Der Frühling tut's wohl.« Sie gingen an den Platz zurück, wo das Fischerboot lag und stiegen hinein. Zea nahm eines der Ruder, er wollte ihr's wehren und sagte: »Nein, laß mich allein, es strengt dich an.« Doch sie versetzte: »Tu' ich's nicht immer? Warum sollt's mich heut anstrengen? Glaubst du, meine Arme werden schwächer?« Sie schlug das Ruder ein, unter dem Kleid bog sich ihre kräftige Brust vor, im Rhythmus mit der Armbewegung tief einatmend. Ein kleines Fahrzeug mit nur einer Bank war's, sie mußten nebeneinander sitzen; Tilmar rückte, so weit er konnte, nach seiner Seite, um mit dem Arm nicht den des Mädchens zu behindern, das dagegen ab und zu an seine Schulter traf. Dann sagte sie lachend: »Ich bin ungeschickter als du und muß noch wieder bei dir in die Schule gehen.« Sie wiederholte es mehrfach mit etwas anderen Worten; das Zusammenstoßen der Schultern hatte Spaßhaftes für sie, fast schien's, sie führe es manchmal absichtlich herbei. Das leichte Boot flog rasch und die Entfernung nach Herdsand war nicht groß; in einem halben Stündchen erreichten sie das kleine Eiland. Doch die Flut befand sich nicht mehr auf der Höhe, hatte schon so weit abgenommen, daß sie nicht am trockenen Ufer landen konnten; der Kiel stieß vorher auf den Schlickboden, und Wasser, wenn auch seicht, umgab das Fahrzeug, Zea sah darauf und sagte: »Die dummen Schuhe! Wozu hab' ich sie angezogen, nun kann ich sie wieder ausziehen.« Sie bückte sich, dies zu tun, ließ jedoch davon ab. »Nein, besser ist's, du trägst mich hinüber, da geht's schneller, wir haben nicht viel Zeit bis Mittag. Und klüger ist's für mich auch, da hast du die Müh' und ich keine.« Tilmar stand, sie anblickend, ohne sich zu regen. Einen Atemzug lang auch ohne zu erwidern, dann fragte er: »Erlaubst du's mir?« »Was?« »Dich hinüberzutragen.« Nun fiel sie ein: »Das war recht und gehörte mir drauf. Ich hätte sagen sollen: ›Bitte, trag' mich.‹ Aber du hast mich verwöhnt, daß ich mich vor keinem Klaps bei dir fürchte.« Sie stieg auf die Ruderbank und legte, wie er zu ihr hintrat, den Arm um seinen Nacken; so hob er sie auf, vorsichtig dann über die Bootplanke mit ihr fortschreitend. Das Wasser reichte ihm kaum zu den Knöcheln, und er brauchte nur wenige Schritte zu machen, sie niederlassen zu können. Doch er ging um das Doppelte weiter, so daß ihr vom Mund kam: »Wohin willst du denn mit mir? Wir sind ja schon lange auf dem Trocknen.« Das ließ ihn stillstehen, und sie glitt von ihm herunter. Ihr Blick fiel auf seine Schuhe und sie sagte: »Verzeih' mir, ich war unbedacht und selbstsüchtig, nun hast du nasse Füße. Du bist zu gut gegen mich.« Er schüttelte nur den Kopf, sie fuhr fort: »Doch! Und so schwer war ich dir auch, ich seh's dir an.« Sein Gesicht hatte sich in der Tat beinah' weißgefärbt, wie nach einer zu großen körperlichen Anstrengung. Abermals mit einer kurzen verneinenden Kopfbewegung entgegnete er indes: »Gar nicht – du bist leicht.« Sie wiederholte: »Doch! Ich hör's sogar, es muß dein Herz sein, was so klopft.« Völlig lautlos war's umher, und der leise hastige Ton, der bis zu ihr hinklang, konnte von nichts anderem herrühren. Tilmar Hellbeck schien ein »Nein« antworten zu wollen, aber er schloß die Lippen wieder. Und für einen Augenblick, wie in einem Schwindelgefühl, auch die Lider, dann fragte er: »Klopft dein Herz nicht?« »Wie käm's dazu, ich habe ja nichts Schweres getragen. Nun kommt das Blut dir ins Gesicht zurück; wir wollen langsam gehen, das tut am besten. Ich kenne es bei mir auch, wenn ich zu stark gelaufen bin.« Still und leer lag die kleine Insel vor ihnen, auf der noch kein Vieh weidete, man sah kaum, daß der Boden später ausreichenden Graswuchs dafür aufschießen lassen werde. Nur da und dort schimmerten aus der Einfarbigkeit kleine gelbe, blaue und rötliche Blüten, kurzgestielt, und eine Lerche trillerte drüber. Doch das Auge nahm nichts von ihr gewahr, sie stand zu hoch, oder das Blau um sie leuchtete zu hell. Die beiden gingen über das Eiland hin, der junge Lehrer bückte sich ab und zu, um zu pflücken, dabei sprach er botanische Namen, meistens lateinische. Zea hörte zu, doch sagte einmal: »Mir ist's heute, als wär' es eigentlich gleichgültig, wie sie heißen, und komme nur darauf an, daß man sich daran freut. Die Namen hat ihnen jemand gegeben, sie selbst, glaub' ich, wissen's gar nicht, und wollte man sie anders nennen, blieben sie doch ebenso.« »Ja, wie du auch,« »Ich? Was meinst du?« »Du wirst auch so verschieden genannt, nach dem Kirchenbuch Anna, und Henning Wittkop heißt dich Witta.« Das Mädchen stand still und legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich wollt's dir schon öfter sagen, Tilmar, mir klingt's auch komisch, sonderbar meine ich, wie Unna Brookwald aus deinem Mund, Warum nennst du mich nicht Zea? Anna sagt doch niemand sonst zu mir. Gefällt dir das besser?« »Nein – ja – daß es niemand sonst sagt. Aber Zea klingt hübscher.« »Daraus werd' ich nicht klug,« »Anna heißen viele, aber Zea bist du, beides zusammen – Ozeana.« »So wollte mein Vater mich nennen.« »Ich tät's auch am liebsten.« »Nein, das ist zu lang, und man kann's nicht rufen. Aber sag' künftig Zea, Anna klingt mir immer fremd.« »Ich habe dich immer so genannt.« »Aus deinem Mund auch nicht, aber ich höre auch von dir lieber Zea. Komm, laß uns auf die Düne.« Nah vor ihnen schloß nach Westen die Insel ein niedriger Dünenwall, als ihr Beschirmer gegen die Flut, ab. Auf dem Sandlücken wuchs nichts als der grasgrün flimmernde Halm, fast stets vom Wind leis' bewegt, heut standen die schmalen Blätter in seltener Ausnahme regungslos aufrecht. Zea stieg voran und setzte sich auf den warmen, weich unter ihr fließenden Körnerboden; sie sagte: »Ich wußte, es müsse heute so schön hier sein, wie noch nie, darum wollte ich gern mit dir. Fühlst du's nicht auch so? Wir tun's gewöhnlich beide gleich.« »Ja, schöner als je noch – so fühl' ich's auch.« Er ließ sich neben ihr auf den Sand nieder; unter ihnen dehnte sich die offene See uferlos an den Horizont. Nur ein weißer Schein kam und ging auf und über ihr, näher oder weiter manchmal eine kleine Schaumwelle und in der Luft eine schneehelle Möwenbrust. Über die endlose Fläche hinschauend, sprach das Mädchen: »Wie sanft sie daliegt, kaum zu denken scheint's, daß die Sturmflut in ihr schläft, und ich glaube, wie die Blumen ihre Namen nicht kennen, so weiß sie es selbst auch nicht. Eigentlich bin ich ihr Kind, du sagtest es vorhin mit dem Namen; den du mir gabst, aber sie ist eine Mutter, die sich nicht um ihr Kind bekümmert. Nu hast eine wirkliche Mutter, hast du sie sehr lieb?« Ein ganz leiser schwermütiger Hauch schwebte über den Worten, wie die leicht zitternde Sonnenluft über dem Wasser; hin und wieder einmal, von jeher, konnte es so aus der Stimme Zea Hollesens aufklingen. Der junge Lehrer antwortete: »Ja, sehr.« »Ist sie dir das Liebste auf der Welt?« »Nein.« Ihm entflog's; halb erschreckt fügte er rasch nach: »Sie hat so viel für mich getan und entbehrt, wie's eines Menschen Liebe auf der Erde kann. Undankbar und unrecht ist's von mir, wie ein Stich tut's mir im Herzen weh. Aber ich habe mir mein Herz nicht gegeben –« Seine Zuhörerin nickte: »Nein, das hat man und weiß nicht woher. Ich fühl' es mit dir.« Er versetzte hastig: »Du hast ja beides, Mutter und Vater –« »Ja, sie sind so gut, ich habe sie sehr lieb.« Einen Augenblick, langsam Atem schöpfend, schwieg Tilmar Hellbeck, dann brachte er mit beklommener Stimme die Frage hervor: »Hast du denn etwas noch lieber als sie?« Lea schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, aber ich möcht's, mir ist, als könnt' es sein. Mich müßte jemand noch lieber haben, dann glaub' ich, wüßt' ich's auch. Mir tut's weh, wie dir, und doch wär's so schön, schön wie die Sonne. Zuweilen ist's mir – heute nacht wachte ich auf, da war's mir so – meine Mutter hätte mich so lieb gehabt, meine wirkliche – da –« Sie hob die Hand und deutete über die See hinaus, es schien, die leis' dünenden Wellen trügen ihr das sehnsüchtig schwermütige Gefühl heran, Tilmar antwortete nichts und sie sprach weiter: »Auf dem Stein ist geschrieben: ›Sie leben immer jung dem Gedenken.‹ Der, von dem der Spruch redet, liegt auch da vor uns, irgendwo, wie meine Mutter. Vielleicht sind sie nah' beieinander, aber sie wissen's nicht. Das dachte ich öfter als Kind schon, darum behielt ich die Inschrift; mir war's, als gelte sie meiner Mutter. Nur lebt sie mir nicht, wenn ich an sie denke, denn ich kann sie mir nicht vorstellen; der Onkel Henning allein kann's, sonst hat sie niemand mit den Augen gesehen. Doch er spricht mir nicht von ihr, und zu Hause tun sie's auch nicht; ich glaube, sie halten's besser für mich. Aber das ist's nicht, sie sehen mir nicht in die Brust hinein; auf die kommt's mir manchmal wie die Wellen, so weich, und so schwer wie sie, daß ich nicht Atem mehr habe. Nur in deinem Buch von Simmerlund steht's; als du mir zuerst davon gesprochen, zog's mich zu dir, wie zu keinem anderen. Nachher las ich's selbst bei dir, aber Geschriebenes auf dem Blatt ist nicht eine Sprache von den Lippen, die Augen hören nicht. Im Ohr klingt's so traurig-schön, wenn du es sagst, denn ich höre draus, du fühlst es mit, wie ich, das tut sonst keiner. Mir war's lieb, daß du noch einmal wieder sprächest, wie es dir aus dem Buch im Gedächtnis ist – heute – hier – da wird's mir sein, als sagten's die Wellen selbst.« Der nämliche Wunsch war's, den drüben im Pfarrhaus Christian Hollesen gegen Henning Wittkop geäußert, und wie dieser dort, so kam auch Tilmar Hellbeck ihm nach. Fast ebenso genau vermochte er's, denn jedes Wort der Niederschrift Jasper Simmerlunds stand ihm ins Gedächtnis eingeprägt, und Leas Empfindung hatte unfraglich recht, aus seiner Stimme klang innerste Teilnahme hervor. Sie saß, den Kopf auf die schmale Hand stützend, so blickte sie unbeweglich auf die See hinaus und hörte zu, nur selten atmend. Geraume Zeit verging, ehe der junge Lehrer zum Ende kam; als er dann innehielt, sah sie ihn groß mit den blauleuchtenden Augen an und sagte: »Ich danke dir – wenn du nicht wärst, müßt' ich's allein tragen. Aber du hilfst mir und verstehst, was ich –« Sie saßen so nah nebeneinander, daß sie ihre Hand ausstrecken und auf die seinige legen konnte. Ihr Mund war, das Begonnene unvollendet lassend, verstummt. Nach einem kurzen Schweigen fragte sie: »Glaubst du, daß die Toten noch sprechen können?« Er brachte stockend mühsam hervor: »Ich weiß nicht – was meinst du?« »Ob sie noch einmal zu mir sprechen wird.« Es ließ nicht Zweifel, wer damit gemeint sei. Tilmar verneinte mit einer Kopfregung. »Zu lange ist's – achtzehn Jahre fast – da kommt nicht Kunde mehr aus der Tiefe.« Er brach ab, seine letzten Worte weckten eine Vorstellung, die er schnell wieder auszulöschen trachtete, und er fügte rasch nach: »Nu allein bist gekommen und sie sagen's, woher.« Sein Blick hatte sich, in den ihrigen gerichtet, fortgehalten, doch sie verstand jetzt nicht, wovon er sprach und sagte: »Wer sagt?« »Deine Augen, daß sie dorther aus der See gekommen, denn sie sind wie ein Stück von ihr.« Das Mädchen nickte ernst. »Sie ist meine Mutter. Ich will zu ihr, sie soll mich in ihre Arme nehmen.« Die Sprecherin machte eine Bewegung aufzustehen, er fiel ein: »Was – wohin willst du?« »Bleib' du hier, ich gehe dort hinunter an den Dünenrand. Hab' keine Sorge um mich, du weißt, ich schwimme gut.« »Du willst dich in der See baden – drüben?« Ein Schreck ging durch Tilmar Hellbecks Augen, er stieß hastig hinterdrein: »Nein, das sollst du nicht – das Wasser ist noch zu kalt. Ich darf's nicht leiden – dein Vater würde dir's verbieten, und ich muß es für ihn tun!« Seine Hand hatte sich um ihren Arm gelegt und hielt ihn. Es war mit einem plötzlichen Antrieb über sie gekommen, nun besann sie sich und versetzte: »Du hast recht, es ist noch zu früh. Mir kam's nur und war's, als würde ich sie in den Armen halten. Ja, es wäre kalt gewesen –« Mit einem fröstelnden Schauer überlief sie's, ihre Hand griff wieder nach der ihres Gefährten, und sie wiederholte: »Du hast recht, in der Sonne ist's besser und bei dir, deine Hand ist warm. Der Himmel hat es gut für mich bedacht, als er dich zu mir hierher brachte,« Sie stutzte beim letzten Wort, sichtlich kam ihr etwas Beunruhigendes, und rasch sprach sie's aus: »Aber er kann dich auch wieder von mir nehmen, gestern sagte es jemand, man wolle dich anderswohin und dort hättest du's besser, könntest mehr für deine Mutter sorgen. Willst du fort von hier? Nein, geh' nicht – bleib' bei mir!« »Nein,« antwortete er verhaltenen Tons, die eine Hand auf die Brust drückend, als dränge sie dort etwas zurück: »Nein, ich gehe nicht fort, Zea – ich kann es nirgendwo besser haben, als hier.« Zum erstenmal war's, daß er sie so genannt, doch hatte seine Zusicherung ihre aufgewachte Furcht noch nicht völlig beschwichtigt. Sie fiel ein: »Aber deine Mutter kann's, die du so lieb hast.« »Ich sagte dir vorhin, sie ist mir nicht das Liebste auf der Welt. Sie war's, aber ist's nicht mehr.« »Was ist dir denn noch lieber?« »Mit dir hier zu sein – wie heut – und zu denken, es bliebe immer so, mein Leben lang.« Tilmar Hellbeck hielt kurz an, wie Kraft und Mut sammelnd, dann sprach er weiter. Nicht ungestüm, in der äußeren Art kaum anders als sonst, nur leise Schwingungen eines sehnsüchtigen Verlangens bebten in seiner Stimme. So sagte er: »Ich gehe nicht fort, weil du hier bist, Zea, denn ich kann nicht von dir. Mir wäre alles nichts, wo du nicht bist; nur wo du bist, ist die Sonne und das Glück. Für mich brachte der Himmel dich hierher; könnt' ich immer mit dir sein, wäre mein Haus ein Palast, und die Schulstube wäre wie ein Königssaal. Aber das kann nicht geschehen, und das höchste Glück meines Lebens kann ich nur draußen finden, am Strand und auf der Heide, dort mit dir zu gehen.« Das Mädchen hatte ihm, vor sich hinblickend, zugehört und nickte nun, aufstehend. »Ich wußte, daß du mich lieb hast, aber nicht, daß ich dir das Liebste auf der Welt bin, das macht mich froh. Mir wär's auch am schönsten, immer mit dir zu sein; warum sagst du, das kann nicht geschehen? Deine Mutter wird alt und braucht bald eine junge Hilfe; hast du noch nicht daran gedacht, dich zu verheiraten? Wenn du mich zu deiner Frau nähmest, wohnte ich mit dir im Schulhause.« Ein Ruck durchfuhr Tilmar Hellbeck, er saß wie von einem unsichtbaren Blitzschlag gelähmt, weißentfärbten Gesichts, wie zuvor, als er Zea an den Strand getragen. Zitternd und stotternd brachte er vom Mund: »Du – ? Du wolltest meine Frau sein?« Sie erwiderte, ein Helles Lachen bekämpfend: »Unna hat recht, du bist manchmal komisch. Du hast mich lieb und ich dich, das ist doch die Hauptsache, wenn man gut zusammen leben soll. Oder bin ich dir als deine Frau nicht klug genug? Dann gehe ich weiter bei dir in die Schule und du machst mich dazu. Sieh, da kommt die Lerche auf den Boden herunter und setzt sich, ihr Nest muß drüben in dem Heidekraut sein.« Der junge Lehrer war noch unfähig zu sprechen, stumm folgten nur seine Augen der deutenden Hand Zeas. Dann wiederholte er traumhaften Tones: »Ja, sie kommt vom Himmel herunter –« Die schwermütige Anwandlung war von Zea abgesunken, fröhlich fiel sie ein: »Dann haben wir auch ein Nest, wie sie, und werden auch Kinder bekommen und deine Mutter wird sich freuen. Und von meiner lesen wir zusammen in dem Buch, immer wird's so schön sein wie heute. Wie gut war's, daß ich mit dir fuhr? Aber dir scheint's – ist's dir doch nicht ganz recht und willst du lieber eine andere Frau?« Jetzt hatte er so weit Herrschaft über sich gewonnen, daß er zu sagen vermochte: »Du willst mir deine Hand geben?« Wer darin liegende Sinn war ihr fremd, sie verstand's anders und entgegnete: »Ja, ich gebe dir die Hand darauf, daß ich zu dir ins Haus komme, wenn du's sagst. Du kannst dich ja noch besinnen, ob du's gern tust.« Er hielt ihre Hand, aus seinen Augen kam ein Glanz, wie ein jauchzender Klang, doch einst und schüchtern, fast scheu: »Mich besinnen?« sprach er wieder nach – »wenn ich's dir sage?« Einem Schatten gleich lief ein ängstlicher Zug über sein Gesicht, er setzte schnell hinzu: »Wir wollen es keinem sagen – du auch nicht – laß uns allein davon wissen. Nun ist mein Haus ein Palast geworden und meine Stube ein Königssaal – aber andere sehen's nicht und würden's nicht gut genug für dich halten. Ich muß bessern daran, es so zu machen, das will ich bei Tag und Nacht, nichts anderes denken. Doch vorher darf's niemand merken – und ich will nicht so oft mehr mit dir auf die Heide gehen –« »Nein, dann würd's ja weniger schön, als bisher.« Das Mädchen dachte einen Augenblick nach. »Aber du hast recht, mein Vater könnte meinen, du wärest nicht reich genug, eine Frau zu haben. Noch ich kann leicht durch mein Fenster hinaus – so geht's gut – da komme ich manchmal bei Nacht zu dir, wenn der Mond scheint. Der ist nicht einmal nötig, ich finde auch im Dunkeln den Weg.« Ein jähes Erschrecken, wie schon vorher, gab sich in den Zügen Tilmar Hellbecks kund, und wie damals stieß er aus: »Nein, das darfst du nicht, nie, gelob' es mir auch mit deiner Hand! Du mußt bei Nacht schlafen, das ist notwendig für dich. Und krank könntest du dich machen, aus der Wärme des Betts in den kalten Wind, der von der See kommt.« »Du denkst gleich an alles und bist viel vernünftiger als ich, aber du bist ja auch älter und weißt mehr. Wenn ich so alt werde und immer mit dir zusammen war, da bin ich's gewiß auch. Sei nicht bange drum, ich will mir recht Mühe geben, daß ich eine vernünftige Frau werde. Hör', da schlägt's vom Turm, der Wind steht her. Das ist Mittag, wir müssen hinüber.« Glockenhall kam luftgetragen verzitternd vom Dorf; der junge Lehrer sagte betroffen: »Schon Mittag? Wie schnell ist die Zeit vergangen – tut's dir auch leid?« »Ja, aber wir dürfen uns nicht mehr verspäten, sonst warten sie drüben.« So eilten die beiden über die Insel zurück, halb laufend, Hand in Hand, Das war nichts Besonderes des Tags, hatten sie schon öfter getan; manchmal, wenn er sie an der Hand gefaßt, ihr über etwas fortzuhelfen, gingen sie eine Zeitlang so weiter. Die Ebbe war beträchtlich stärker geworden; als sie wieder an ihr Fahrzeug gelangten, lag es völlig auf dem Trockenen, und sie schoben es miteinander an den Wasserrand vor. Auch das war ihnen gewohntes Tun, nicht viel Anstrengung erfordernd, doch kam's Zea heut nicht so leicht als sonst vor, daß sie fragte: »Wem gehört das Boot? Das ist nicht Brede Rinnings.« »Nein, der fuhr grad' ab mit seinem, drum bekam ich nicht gleich eins. Paul Dibberns ist's.« Das Boot war's, dem Pastor Hollesen am Tage vorher während eines Gesprächs mit dem Lehrer nachgesehen und dazu geäußert: »Kleine Böte müssen am Strande bleiben.« Demgemäß erheischte es, wenn auch um etwas schwerer, doch keinen zu großen Kraftaufwand; wie sie's, zum Wasser hingebracht, sagte das junge Mädchen: »Wart' noch, ich will erst hineinsteigen.« Aber Tilmar wehrte ihr: »Nein, dann kommen wir nicht los, ich trage dich wieder.« Sie lachte: »Da bist du wieder vernünftiger als ich,« und er bückte sich rasch, hob sie auf die Arme und ließ sie im Boot nieder. Ihn ansehend, sagte sie: »Diesmal bist du nicht blaß davon geworden, sondern rot, es war nicht so weit, da ging's leichter.« Nun ruderten sie und gelangten schnell zurück; vom Turm schlug's erst halb eins, als sie anlandeten. Der gemeinsame Weg führte sie vom Strand zum Schulhaus, Zea blieb davor stehen, betrachtete es und äußerte: »Ich freue mich darauf, alles drinnen und außen recht hübsch zu machen. Hier, wohin der Westwind nicht kommt, will ich ein Gärtchen anpflanzen, wir müssen viel miteinander dafür zusammensuchen. Was wächst dort auf unserm Dach? Das habe ich noch nicht gesehen?« Zea wies zum Strohdach auf, aus dessen dunklem Moosüberzug sich eine kleine rötliche Pflanze mit hellgrünen schuppenartigen Blättern höher heraushob. Der junge Lehrer blickte ebenfalls hin und erwiderte: »Das ist – ich sah's auch zum erstenmal – der Wind muß den Samen hergetragen haben, in Loagger, glaub' ich, ist's, sonst nirgends – es kann nichts andres sein als die Hauswurz. Auch Donnerkraut heißt's, weil es vor dem Blitzschlag schützt; überhaupt, wo es wachst, bringt's nach dem Glauben alles Gute, Glück und Zufriedenheit. Wie schön, daß es zu uns gekommen und wir es grade heut entdecken! Dein Abbild, du selbst bist's, wirst das alles mitbringen.« Freudenvoll sprach er's, Zea fragte: »Wie nanntest du's? Hauswurz?« Er dachte nach. »Ja – warte, ich hab's gleich – auf lateinisch:› Sempervivum tectorum ‹.« »Was heißt das auf deutsch?« »Immer – semper ist immer – Immergrün, weil es auch im Winter aushält.« »Und – was sagtest du noch? – tectorum?« »Das gehört dazu, bedeutet nichts weiter – ist der Artname, vielleicht von einem, der so geheißen.« Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Mir kommt's vor, als müßt's etwas anderes bedeuten, aber ich versteh's ja nicht. Nun muß ich geh«, leb' wohl, Tilmar. Also wenn du's sagst, dann komme ich.« Sie reichte ihm die Hand, nicht anders als an jedem Tag, während er die seinige um ihre zusammenschloß und sie festhielt. Doch Zea wiederholte: »Ich muß nach Haus, es ist jetzt hohe Zeit.« So ließ er sie los und blickte ihr nach, wie sie dem Pfarrhause zuging und hinter der Umbiegung des Kirchhofwalles verschwand. Ihm im Rücken trat Margret Hellbeck aus der Tür und sagte: »Das Mittagessen ist fertig, Til; ich sah schon einmal nach dir aus. Warst du mit dem Kinde fort?« Er fuhr leicht zusammen und antwortete, noch angewandt bleibend: »Ja, liebe Mutter, wir haben auf Herdsand Blumen gesucht. Seh' die Suppe nur auf den Tisch, ich komme gleich.« Die Alte ging zurück; er glaubte, Zea müsse an einer Stelle noch einmal sichtbar mit dem Kopf wieder über dem Wall auftauchen. Doch er wartete umsonst, ihr Goldhaar kam nicht mehr zum Vorschein, und vor sich hinsprechend: » Sempervivum tectorum – was kann es heißen?« trat er ins Haus. V. In stets gleichmäßigem Gang schritten von je die Tage und schritten die Jahre über das stille Stranddorf. Sie brachten auch hier den allgemeinen Wechsel im Jahresrundlauf und im Menschenleben mit sich, Winter und Sommer, ruhende Luft und Stürme, Werden, Vergehen und Wiedererstehen in der Natur, wie unter den vermoosten Strohdächern. Es wiederholten sich Arbeit und Ruhe, Erfolg und Mißgeschick; Gesundheit und Krankheit lösten sich ab, hier begann eine Geburt neues Dasein, dort setzte der Tod länger oder kürzer Gewesenem ein Ende. Noch das Bild, der Bestand des Ganzen, erhielt sich immer unverändert; ob der einzelne draus fortschwand, blieb die Gesamtheit die nämliche. Wer aus den letzten Schlafkammern um die Kirche her einmal aufzustehen und in die Runde zu schauen vermocht hätte, und wenn er ein Jahrhundert schon drunten verbracht, würde kein neuentstandenes Haus, nirgendwo etwas Fremdes gewahrt haben. Wohl unbekannte Gesichter, aber auch nur für den ersten Hinblick, beim näheren Sehen und Hören hätte er sie gleichfalls als aus seiner Zeit wiedergekehrte erkannt, vor allem hätte nichts Fremdes ihn aus ihrem täglichen Tun, ihrem Sprechen und Denken angerührt. So wie heute war es immer gewesen, nur, wie in der hochsommerlichen Mittagssonne die kurzen Schatten der Hausgiebel, wuchs unmerklich ein junges Geschlecht weiter, bis es die Größe seines Vorgängers erreicht hatte, allmählich an dessen Stelle trat. Am Strand auch kamen und gingen unablässig flutend und ebbend die Wellen, doch die See blieb ohne Unterschied, die sie immer gewesen. Als ein kleines, doch treuliches Abbild dieser Stetigkeit im Wechsel lag das Pfarrhaus von Loagger da. In ihm ebenfalls glich sich der Gang der Jahre wie der Tage, und seit langem waren es sturmlos-friedliche, gute und schöne; Zea Hollesen hatte nie andere darin gekannt. Im Dorfe fanden sich wenige, vielleicht niemand, der befähigt war, den Pastor Christian Hollesen wirklich zu verstehen. Alle achteten und liebten ihn, fühlten, er sei geistig hoch über ihnen und gehöre eigentlich nicht auf dies abgeschieden ärmliche Fleckchen Erde. Die kirchliche Landesbehörde dachte ähnlich, hatte ihm mehrfach eine seinen Gaben besser angemessene, reicher dotierte Stelle geboten, obwohl er von jeher unter den Strenggläubigen mißliebig gewesen und als ein weitgehender Rationalist gegolten. Aber wie Tilmar Hellbeck in diesen Tagen, hatte er jede derartige Verbesserung abgelehnt, beschied sich seit bald dreißig Jahren mit der kleinen Pfarrei und der geringen Einnahme in Loagger. Aus anderem Beweggrund als der junge Dorflehrer, nicht allein für das Verständnis seiner Gemeinde nicht, überhaupt für nur wenig Menschen begreifbarem. Doch er stand in der Tat auf einer selten erreichten, das Leben überblickenden Höhe, es mit anderem Begehren und Trachten als die meisten abschätzend. Ruhige, innere Befriedigung während der flüchtigen irdischen Daseinstage erschien ihm als das einzig wertvolle und höchste Ziel, das er hier in seinem engen Wirkungskreis gefunden, kein äußerer Schein lockte ihn davon ab. Was das Leben einem Menschengemüt an wahren Gütern bieten konnte, besaß er; ihm blieb nur, es zu behüten. Mehr an Glück erzeugte die Erde nicht als die Liebe einer treuen mitalternden Lebensgenossin und eines jung aufblühenden Kindes, heitere Sorgenfreiheit, die immer bereite, harrende Freude am Schönen oder Gewaltigen der Natur, geistig erhebende, selbstbelehrende oder andere fördernde Tätigkeit. Er verletzte keine kirchliche Vorschrift, kleidete, was er zu seinen Hörern sprach, in sichergewählte, der Kanzel wie der Fassungskraft jener angemessene Worte. Aber er war hoch über dem ihm vertrauten Amte, die geistliche Form mit menschlichem Inhalt erfüllend. Ob etwas nach dem Irdischen sein werde, vermaß er sich selbst nicht zu bejahen, noch zu verneinen. Eine Frage enthielt's ihm, für deren Beantwortung die Mitgift des Menschen nicht ausreiche; seine Weltanschauung hatte er an der von Weimar ausgegangenen klassischen Dichtung genährt. Noch jugendlich unklar in sich selbst, war er durch den Wunsch, die unbemittelte Lage seiner Eltern zur geistlichen Berufswahl veranlaßt worden, eine Zeitlang innerer Kampf daraus für ihn erwachsen. Doch ein lange zu Ende geführter; seitdem er sein Amt angetreten, stand er in keinem Widerspruch zu diesem, trug keinen Zwiespalt in sich. Im höchsten Sinn war er ein Seelsorger seiner Gemeinde, für die Beschränktheit denkend, mit dem Unglück fühlend, tröstend und aufrichtend, doch nicht minder für das leibliche Wohl eines jeden als Berater und Helfer besorgt. Auf seiner philosophischen Höhe, wie der des Gemütes, war er doch auch ein in vielem praktisch erfahrener, umsichtiger und kluger Mann, allem offene Augen zuwendend, mit unbemerktem Blick beobachtend und prüfend. So lebte Christian Hollesen in weiser Zufriedenheit, bedacht, das, was er seinem Verlangen entsprechend als vollendetstes mögliches Erdenglück erkannt, zu behüten, und so hatte er im Verein mit seiner Frau über dem leiblichen und geistigen Gedeihen seiner »Tochter«, des ihm von der Nordsee ins Haus gebrachten Kindes, Obhut gehalten. Jahrelang war er im stillen bemüht gewesen, irgendeine Spur aufzufinden, die zu einer Entdeckung der Herkunft des seltsamen Fundes Henning Wittkops leiten könne; doch umsonst, nichts gab den geringsten Anhalt. Innerlich ihm zur Beglückung, denn er fürchtete sich vor einem solchen, der ihn zu nötigen vermocht hätte, das ihm zugefallene »Geschenk der Vorsehung« an einen Berechtigten zurückzugeben. Dann aber, seines Eigentums sicher geworden, umfaßte er es mit ganz sich hingebender Liebe väterlichen Gefühls, so sorglich, wie seine Hände die hilflose Kleine in der Sturmnacht gefaßt hatten, sie aus der Schulstube Jaspar Simmerlunds ins Pfarrhaus hinüberzubringen. Das einzige, was ihm noch gefehlt, war ihm mit ihr gegeben; sein Herz war des Dankes voll dafür, und alles in ihm richtete sich darauf hin, ihre Kindheit von so viel Sonne erhellen und durchwärmen zu lassen, wie einem jungen Leben zuteil werden kann, jeden Schatten von ihr zu halten. Kummerloser hatte nie ein Kind sein Jugendglück genossen, eine Freiheit, nur von unsichtbaren und unfühlbaren Schranken umhegt; Zea Hollesen wußte nicht, was Sorge und Leid, nicht, was ein ungestillter Wunsch sei. Was sich der Pastor im Gange seines Lebens gewonnen, die Erkenntnis der einzig wertvollen Güter des Daseins und das Trachten nach ihnen, wollte er ihr als unbewußte Mitgift ins Gemüt legen; die höchste seiner Aufgaben war's ihm, an seinen Goldfäden lenkte er ihr Geist und Herz, Das ärmliche Stranddorf ließ nicht ahnen, welch reiche Aussaat sie empfangen, die in ihr aufgekeimt, doch sie selbst trug am wenigsten ein Bewußtsein davon in sich. Sie empfand es nicht als sorglich bereitete und weitergenährte Bildung, ihr war's ein selbstverständlicher Besitz, natürlich, so zu denken und zu fühlen. Nicht methodischen Unterricht hatte Christian Hollesen ihr erteilt, doch ihr den Trieb und Wunsch geweckt, lernen und begreifen zu wollen. Dazu brachte sie unverkennbar ein Erbteil leicht auffassender Begabung mit, etwas Angeborenes, das nur des Haltes, der richtigen Leitung bedurfte, wie eine mit dem Drang, sich zum Licht aufzuheben, ausgestattete, an der Richtschnur emporrankende Pflanze. Und sie ins Licht zu heben, daß sie sich selbst drin entfalte, sorgte des Pastors unmerkbares Bemühen; er war kein Lehrer, der sie mit einem Übermaß des Wissens belastete. Was er an üblichen Schulkenntnissen für nötig erachtete, empfing sie von ihm gleichsam im Vorübergehen, als wohl Erforderliches, doch an innerem Wert Geringes. Unterlaßlos aber regte und reifte er ihr den Sinn für die Duftblüten des Menschengemütes, für hohe über das Tägliche hebende Gedanken und die Freude am Schönen; wie er edler Dichtung die Hauptnahrung seines Wissens entnommen, nützte er sie für das Gedeihen seines Kindes. Man sah dem Dorfpfarrhaus nicht an, welches Besitztum an besten Büchern es in sich trage, und dem barfüßig, gleich den Bauernkindern, gehenden Mädchen nicht, welche Gaben es aus jenen im Kopf und Herzen empfangen. Eine Bildung anderer Art war's, fast völlig entgegengesetzter, als die allgemeine des jungen Geschlechts aus den sogenannten guten Häusern; in diesen wäre Zea Hollesen vermutlich mannigfach, als in wichtigsten Unterrichtsgegenständen und der Erziehung zu junger Damen Brauch vernachlässigt; bemitleidet worden. Doch der letztere Begriff war ihr gleicherweise fremd, wie Vorschriften des Anstandes und der Schicklichkeit; Unbewußtes bestimmte ihr Tun und Lassen, umgab sie bei allem mit der Anmut freier Regung und Entwicklung jedes Wachstums der Natur. Kein Gedanke rührte sie an, daß sie über jemandem stehe, aber ebensowenig der einer Unterordnung. Weder das Elternhaus, noch die Welt drumher hatte sie jemals einen Zwang kennen gelehrt; in schöner Freiheit lebte sie, nur selbst sich gebietend. So glich sie den weißen Vögeln, die, von der See kommend, nach eigener Flugwahl am Strand und auf der Heide über ihr kreisten. Einen Keim gab's, den Hollesen nicht in die Seele des Mädchens hineingelegt, der von diesem mitgebracht schien, auch dorther, von wo die Möwen zum Land herüberkamen. Zea wußte, daß sie nicht die wirkliche Tochter ihrer Pflegeeltern sei, und ein Begehren, zu erfahren, wer ihre Mutter gewesen, war in ihr erwacht, als sie zu einem Verständnis dafür reif geworden. Doch schon vorher, als kleines Kind noch, hatte sie dann und wann am Strand bei einem Spiel mit Steinen und Muscheln plötzlich den Kopf gehoben und, die Hände reglos lassend, mit weitgeöffneten Augen auf die See hinausblickend gesessen. Daß sie von dieser herstamme, mochte einmal in ihrer Gegenwart gesagt worden und unverstanden in ihr haften geblieben sein; im Sonnenschein und bei Meeresstille rührte es sie nicht an, doch konnte aus einem Möwenschrei, dem Aufrauschen einer Welle oder hohlaufpfeifendem Windstoß so über sie kommen. Henning Wittkop meinte: »Das geht ja ganz natürlich zu, denn das war ja auch so'n Heulen in der Luft damals, als ich sie aus der Koje auf der ›Thetis‹ an Deck mit herausnahm, und das Wasser klatschte nicht schlecht und das Vogelzeug hatt' es wie unklug mit seinem Schnabellärm, davon weiß sie ja natürlich nichts, dafür war sie doch noch nicht klug genug; bloß liegt's ihr so als wie eine Erinnerung im Kopf, und wenn sie's wieder hört, dann ist es ihr, sie weiß nicht recht was und macht verwunderte Augen.« Von einem wirklichen Gedächtnis konnte allerdings bei ihr nicht die Rede sein, und die von Kindheit auf wind- und wellengenährte Phantasie Hennings ließ dem Pastor ein Lächeln um den Mund gehen. Das zeitweilig absondere Behaben der Kleinen erschien, ihm als das etwas plötzlich einmal wie zum erstenmal staunend anblickender Kinderart, und er bekümmerte sich nicht darum. Doch als Zea dahin gekommen, die Erzählung des Strandvogts, wie er sie gefunden und hierhergebracht, zu verstehen, und sie danach immer wieder fragte und bat und mehr von ihrer Mutter hören wollte, da bedünkte Hollesen dies als ein kindlicher Neugiertrieb, dem besser die Zufuhr entzogen werde. Er besorgte, die junge Einbildungskraft könne sich zu stetig und schädlich überwuchernd mit dem Bericht Henning Wittkops beschäftigen; so hieß er diesen, wie auch Simmerlund, dem Wunsch des Mädchens nicht mehr willfahren, und im Pfarrhause blieben weitere Fragen Zeas ebenfalls ohne Beantwortung. Der Pastor sah lieber, daß sie, anstatt sich am Strande aufzuhalten, in die Heide hinausging, und suchte sie unvermerkt daran zu gewöhnen; freilich war eines Tags einmal ein Gedanke über ihn und eine Beunruhigung in ihn geraten, die er vorher nicht gekannt, sie könne dort einer Gefahr – der, von einer Kreuzotter gebissen zu werden – ausgesetzt sein. Deshalb durfte sie sich nicht zu weit vom Dorf entfernen, besonders nicht gegen Norden, wo er ein häufigeres Vorkommen der Schlangen befürchtete; nach Süden hin verstattete er ihr freiere Bewegung. Wenn er den Tod Jasper Simmerlunds auch bedauert hatte, war ihm doch die Berufung des neuen jungen Dorflehrers nach zweifacher Richtung sehr erwünscht gefallen. Tilmar Hellbecks botanisches Interesse weckte auch ein solches in Zea, zog sie mehr vom Wasser ab auf Landwege, und sie gewann an jenem einen Begleiter und Behüter. Zum erstenmal aber auch einen Vertrauten, bei dem sie das in ihr gebliebene, nun nicht mehr laut gewordene Verlangen stillen konnte, zwar in geringem Maße, nur mit dem wenigen, von der Handschrift Simmerlunds Überlieferten. Doch mehr wußte überhaupt niemand, und der stärkste Drang in ihr hatte danach getrachtet, einen Menschen, einen Freund zu haben, mit dem sie über das sprechen könne, wovon ihr sonst alle schwiegen. Daraus war ihr Anschluß an Tilmar Hellbeck entsprungen, sie mit immer festerem Band an ihn zu knüpfen. Oftmals seit Jahren hatten sie hier und dort, wie heute, auf der Düne nebeneinander gesessen und über die See hinausblickend von dem geredet, was stumm ihre Tiefe verbarg. Der Pastor ahnte nichts davon, er glaubte, Zea denke nicht mehr an das einmal zu lebhaft in ihre Kinderphantasie Eingedrungene; kein Heimlichtun und Verhehlen der beiden ihm gegenüber war's, nur eine ungesprochene Übereinkunft, etwas allein zu behalten, wofür niemand außer ihnen gleiches Gefühl und Verständnis habe. Tilmar hätte auch kaum Anlaß gefunden, jemandem davon zu sprechen, er betrat das Pfarrhaus nur selten, lebte für sich allein mit seiner Mutter. Und dem Mädchen kam die alte Anwandlung nur draußen, dann und wann, aus dem Rauschen der Wellen herauf, folgte ihr nicht über die Schwelle des Hauses. In diesem ging nie ein Schattenanflug durch den jungen Frohsinn ihrer Augen. Nur heut' am Mittagstisch verschwieg sie zum erstenmal etwas mit Bewußtsein und Absicht, daß sie Tilmar die Hand darauf gegeben, seine Frau zu werden. Sie hatte ihm versprechen müssen, noch nichts davon zu sagen, und sie selbst empfand es auch als besser so. Sein Einkommen war gering, ihre Eltern hätten sich vermutlich deshalb Sorge gemacht. Ihr Schweigen bedrückte sie auch mit nichts; es war ja eigentlich nichts von Bedeutung, und alles blieb fast ebenso wie früher. Statt der alten Mutter sorgte sie drüben für die Hauswirtschaft, doch ließ diese ihr Zeit genug, ebensoviel wie immer hier zu sein. Auch um der Bücher willen, denn was Tilmar an solchen besaß, war mit ein paar Ausnahmen armseliger Art, ließ eigentlich kaum begreifen, daß er daraus hauptsächlich seine Kenntnisse und seine geistige Bildung gewonnen habe. Die Nächte mußte sie gleichfalls hier in ihrem Zimmer zubringen, in dem wenig geräumigen Schulhaus war keine unbenutzte Kammer vorhanden. Das nötigte sie zu frühem Aufstehen und Hinübergehen, um das Frühstück herzurichten. Zur Sommerzeit ging das auch leicht und war schön, doch im Winter mußte die Schulstube rechtzeitig geheizt werden, das mochte zuweilen eine recht kalte Besorgung sein. Es ging ihr bei dem Gedanken einen Augenblick ein bißchen fröstelnd über den Rücken. Am Tisch war's heute stiller als sonst. Allein nicht Zea gab den Anlaß dazu, sondern ihr Vater. Er sprach nicht nach gewohnter Weise und nicht mit der sorglosen Heiterkeit der Züge; ein Nachdenken schien ihn in Anspruch zu nehmen. Ihr kam's einmal, er hege doch vielleicht eine Vermutung von dem eben auf Herdsand Geschehenen, und sie stand, trotz der Abrede, im Begriff, davon anzufangen, um ihn nicht in einer Beunruhigung zu lassen, zumal da er die Frage tat: »War Hellbeck heute vormittag mit dir?« Aber wie sie darauf »ja« geantwortet, fuhr er fort: »Das ist gut, bitte ihn immer, dich zu begleiten. Es ist mir lieber, für dich lehrreicher, als wenn du allein gehst, um Pflanzen zu suchen.« Das stand zweifellos in vollem Gegensatz zur Annahme einer Besorgnis des Pastors, so daß Zea von ihrem kurz gefaßten Vorsatz wieder abließ. Statt dessen fragte sie ihn, da es ihr gerade ins Gedächtnis geriet, ob er wisse, welche Bedeutung der lateinische Pflanzenname Sempervivum tectorum haben könne. Mit einem leichten Lächeln erwiderte Hollesen: »Hat dein Freund Tilmar dir das nicht übersetzt?« Das Mädchen entgegnete: »Ja, er meinte, es heiße Immergrün und das zweite Wort sei ein Name.« Nun kam dem Pastor wirklich ein Lachen von den Lippen: »Ganz trifft's nicht zu, mit dem Raten geht's nicht gut, wenn jemand eine Sprache nicht gelernt hat. Es heißt ›das immer auf den Dächern Lebende‹; ein Lateinschule! aus den untersten Klassen hätte dir's verdeutschen können, ohne irgend etwas von Botanik zu wissen. Die Halbbildung ist immer ein gefährliches Ding, sie läßt gern irrig an sich selbst glauben und erzeugt leicht den Drang in sich, nach Unerreichbarem zu streben; zu spät bereitet dann richtige Erkenntnis bitterliche Enttäuschung. Hellbeck ist ein vortrefflicher, über seine Lehrerstelle hier geistig hinausragender Mensch, aber von seinem wissenschaftlichen Dilettantentum sollte er lassen, dazu reichen die Mängel seiner Bildung und Kenntnisse nicht aus. Freilich, wenn es ihm Freude macht, bessere Frucht kann der Mensch von seinem Acker nicht ernten. Doch er hätte klüger getan, die ihm gebotene einträglichere Stellung anzunehmen, und ich habe ihm gestern dazu geraten, doch allerdings selbstsüchtig hinzugesetzt, es freue mich um deinetwillen, daß er bei uns bleiben wolle.« So ausführlich hatte der Pastor sich noch kaum über Tilmar Hellbeck geäußert und ein entschiedenes Wohlwollen und Zuneigung trotz den angefügten Ausstellungen aus seinen Worten gesprochen. Zea war im Gefühl ihrer Verheimlichung ein wenig errötet, hörte dann aber innerlich erfreut zu. Sie wußte, ihr Vater schätzte nichts höher, als daß jemand ein vortrefflicher Mensch sei, und was Tilmar für sie außerdem noch war, wie kein anderer sonst, konnte sie allein beurteilen. Es war zweifellos, ihre Eltern würden, vielleicht nach anfänglicher Überraschung, ganz einverstanden mit dem sein, was sie heut' vormittag auf Herdsand gesagt und getan. Vom Tisch aufstehend, ordnete sie nach täglichem Brauch noch dies und jenes; sie war eine erwachsene Tochter des Hauses und hatte schon seit einem Jahr ihrer Mutter mancherlei wirtschaftliche Besorgungen abgenommen. Nach ihrer Verrichtung begab sie sich mit einem Buch ins Gärtchen, um zu lesen, heut' zum erstenmal wieder seit dem Herbst, im Sommer war es ihr gewohntes Nachmittagstun. Doch nach einer Weile lockte der Sonnenglanz sie weiter ins Freie hinaus, stellte ihr auf der Heide einen Lieblingsplatz vor Augen, den sie den Winter hindurch nicht mehr aufgesucht; dort mußte sich's schöner weiter lesen. Die sonntägigen Schuhe fielen ihr lästig; sich ihrer rasch im Zimmer entledigend, ging sie davon, nach der Vorschrift ihres Vaters eine Zeitlang in südlicher Richtung. Kurz hatte sie geschwankt, ob sie Tilmar zum Mitgehen holen solle, aber nach seiner Äußerung auf der Insel hielt er für gut, daß er sie nicht so oft mehr begleite. Nach dem was ihr Vater heut' mittag gesagt, entsprang das freilich einer durchaus unnötigen Besorgnis, übertriebener Ängstlichkeit, allerdings in einem Zusammenhang mit der Art Tilmars; etwas Ängstliches lag überhaupt in seinem Wesen, Unsicheres, sich selbst nicht recht Vertrauendes. Es nahm eigentlich Wunder, daß er seine Schuljungen in Ordnung und Zucht zu halten vermochte; Zea konnte sich ihn nur sich unterordnend und bittend vorstellen, nicht fordernd und befehlend. Ungewiß hatte sie einige Schritte auf das Schulhaus zu gemacht, doch bog sie wieder ab. Sie trug sich ja auch mit der Absicht, auf dem Heidesitz zu lesen, das konnte sie nur allein und war außerdem am Vormittag mit Tilmar mehrere Stunden zusammen gewesen. Danach blieb ihnen für heut' nichts gemeinsam zu bereden, so ließ sie davon, ihn zum Mitgang aufzufordern. Ein Viertelstündchen wanderte sie dem Ufer entlang, um zur Linken landein den Weg einzuschlagen, auf dem Nathan Aronsohn gestern fortgehinkt, jenem ungefähr ebenso lange folgend. Dann jedoch verließ sie ihn, pfadlos weiter zu gehen; deutlich erkennbar lag oder hob sich ihr Ziel in einiger Weite vor ihr von der Fläche auf. Zumeist ward diese nur von niedrigem Strauchwerk oder da und dort vereinzelten Kiefern unterbrochen, doch an jener Stelle stiegen mehrere benachbarte schlanke und höhere Stämme empor, mit weiß in der Sonne blinkender Rinde sich als Birke kündend und auf besser nährenden, feuchten Bodengrund deutend. Ein wenig seitwärts von ihnen streckte sich flach etwas Dunkles hin, einem Schatten gleich, doch beim Näherkommen körperhaft, einer der in der Landschaft verstreuten großen Steinblöcke; graue Flechten überzogen ihn, wie eingebettet lag er im Heidekraut, an seinen Seiten rankten sich Erdbeeren- und Kronsbeerenpflanzen mit eben sich grün entwickelnden Blättchen herauf. Das war Zeas liebster Sitz, sie fühlte sich auf ihm einer Herrin gleich, der alles um sie her gehöre und ihr Untertan sei. Die Umgebung bot nicht, wie sonst umher, Einförmiges, sondern Mannigfaltigkeit, der Fleck bildete eine kleine, auch mit Wasser begabte Oase. Vorzeiten hatte man hier Torf zu graben versucht, davon standen noch senkrecht abgestoßene braune Wände, von langhalmigen Gräsern und Farnkräutern überwachsen, die sich auch durch den Winter ihre Farbe forterhalten; darunter, einem Schwarzspiegel ähnlich, sah ein kleines dunkles Moorgewässer auf. Es lag reglos, wie's auch die Luft darüber war, und doch schienen die von ihm zurückgeworfenen Widerbilder der Birkenzweige sich zu bewegen, als Würden sie von leisem Wind hin und her gewiegt. Der Frühling war gekommen, alles Leben wachte auf, und winzige, stahlblau schillernde Wasserkäfer schossen unablässig auf der besonnten Fläche hin und her, zu klein, um wirkliche Wellchen zu erzeugen, aber sie breiteten ein zitterndes Spiel darüber. So war's seit vielen Jahren hier immer gewesen, und so war's nun wieder. Zea setzte sich auf den Granitstein und schlug ihr Buch auf, aber sie betrachtete erst noch den grünen Schimmer, mit dem sich das Birkenlaub ankündigte. Ein freudiges hervordrängen kam aus jedem Zweig, aus allem ringsumher; vereinzelte Bienen summten, sie fanden noch nicht, was sie suchten, hatten nutzlos den weiten Weg hierher gemacht und schwirrten davon. Die junge Herrin sah ihnen nach, sagte einmal zu einer: »Weshalb kommst du schon? Ich habe dich noch nicht gerufen.« Dann bückte sie den Kopf vor und las eifrig, sichtbar mit freudiger Teilnahme; die Aprilsonne hatte noch weit bis zum Seehorizont, doch sie zeigte, schrägere Bahn nehmend, daß sie nicht anhalte, sich fortschreitend dorthin bewege. Trotz dem augenscheinlichen Interesse der Lesenden an dem Buch hob Zea ab und zu den Blick, so daß er über das Blatt fortging. Dann traf er auf die kleine Wasserfläche und die Insekten, die wie glitzernde Weberschiffchen darüberhin von Rand zu Rand schossen, und wenn sie wieder auf die Seite zurücksah, ging das zitternde Spiel ihr vor den Wimpern noch fort, als ob die Buchstaben lebendig würden, selbst sich in hin und her schnellende Käferchen verwandelten. Gleich einem leichten Schleier wallte ihr's vor den Augen, doch auch in diesen lag's wohl; sie hatte den Tag zum größten Teil im Freien zugebracht, und die erste linde Frühlingsluft machte leicht etwas müde. Ihr Blick senkte sich einmal seitwärts nieder; mit einer kurzen Bewegung konnte sie sich neben dem Steinsitz auf weichen Boden strecken, wie eine zubereitete Lagerstätte war's. Prüfend schaute sie um, ob etwas von einer Schlange wahrnehmbar sei; daß es solche auf der Heide gäbe, ließ sich wohl nicht anzweifeln, doch die Besorgnis ihres Vaters erschien ihr übermäßig, sie war mit Ausnahme eines einzigen, ihr nur dunkel im Gedächtnis gebliebenen Falles aus früher Kindheit noch nie auf eine Otter gestoßen. Es mutete köstlich an, sich dorthin zu legen, mit dem Kopf auf eine kleine Hebung wie auf ein leicht emporgehöhtes grünes Kissen, und nun hatte sie der Lockung nachgegeben, lag da und sah zu einer schneeweiß über ihr langsam durch das Himmelsblau ziehenden Wolke auf. Das Getriller einer Heidelerche klang gleichfalls von oben herab, weckte ihr Erinnerung an die auf Herdsand und zugleich an ihr vormittägiges Zusammensein dort mit Tilmar Hellbeck. Sie hatte hier nicht mehr daran gedacht; unwillkürlich kam ihr jetzt noch anderes dabei; die Pflanze auf dem Schulhaus und der lateinische Name. Ein Schuljunge, hatte ihr Vater gesagt, hätte ihr verdeutschen können, es heiße »das immer auf dem Dach Lebende«. Oder unter dem Dach? Sie konnte sich nicht ganz besinnen, die Gedanken gingen ihr ein bißchen durcheinander. Wenn das Letzte gewesen, dann paßte es auch auf sie, war sie selbst solche Hauswurz, die künftig immer unter dem Schulhausdach lebte. Halblaut und halblachend sprach sie vor sich hinaus: » Semervivum tectorum «. Vor dem Blick gesellte sich ihr etwas dazu, wie ein vom Blau zu ihr herunterflatterndes ganz goldenes Blatt, ein Zitronenfalter war's, der dicht über sie hingaukelte. Doch nahm sie ihn nur einen Augenblick lang gewahr, er verschwand ihr sogleich wieder. Nicht weil er wirklich weiter taumelte, vielmehr kehrte er, wie neugierig, ein paarmal zurück. Aber sie sah ihn nicht mehr, denn die Lider waren ihr zugefallen. Ihr war's nicht in den Sinn gekommen, sich hinzulegen, um zu schlafen, doch dem Frühlingstag gefiel's so, seine Macht an ihr zu bewähren. Auch wußte sie nicht, daß sie geschlafen habe, oder war nach ihrer Meinung wenigstens gleich wieder aufgewacht. Nur lag, wie sie den Kopf aufhob, das Licht anders um sie, nicht mehr strahlenblendend, sondern mit einem gedämpften rötlichen Glänze. Im Ohr klang ihr etwas nach, ein eigentümliches Geräusch, und sie hatte ein Gefühl in sich, als ob sie davon aufgeweckt worden sei; sich zum Sitzen emporrichtend, blickte sie um sich, was es gewesen sein könne. Da kam's wieder, ein schnaubender Ton, und auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt sah sie den Urheber, den Kopf eines braunen Reitpferdes; daneben, abgestiegen, stand ein hochgewachsener junger Mann, der die Augen auf sie gerichtet hielt. Etwas von Verwunderung tat sich in ihnen kund, und er fragte jetzt: »Willst du die Nacht hier bleiben?« Noch nicht recht zur Besinnung gekommen, blickte sie ihn an. Ein Fremder war's, nach der Kleidung von vornehmerer Art als die Landleute der Gegend, vermutlich ein junger Herr aus der Stadt. So antwortete sie nach einem Moment ungewissen Hinblicks: »Haben Sie den Weg verloren und wollen zur Stadt? Dort liegt sie.« Ihre Hand deutete, doch er versetzte: »Nein, das ist nicht meine Absicht, auf der Heide gefällt's mir besser,« Zu einer Umschau den Kopf drehend, fügte er nach: »Wo sind denn deine Gänse?« Das Mädchen wiederholte verständnislos: »Meine Gänse?« »Oder was du sonst hütest. Sind's Schafe?« Dafür angesehen zu werden, war ihr noch nie geschehen, und sie mußte ein Lachen bekämpfen. »Wofür halten Sie mich denn?« Er stutzte ein klein wenig bei dem Ton der Frage, versetzte dann indes: »Für das, was deine Füße sagen.« Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie ihre Füße unter den Kleidsaum zurück, während er, sie betrachtend, hinzusetzte: »Dein Kleid ist freilich nicht so, wie die Bauernmädchen sich's machen, ich seh's jetzt, und deine Sprache ist auch anders. Warum gehst du denn barfuß?« Es trieb Zea, aufzustehen; sie lag oft so mit Tilmar Hellbeck zusammen und sprang hurtig in die Höhe, wenn sie weiter gehen wollten. Doch gegenwärtig zauderte sie ein bißchen, wußte ihre Absicht nicht gleich auszuführen und tat's dann in weniger geschickter Weise als sonst, fast etwas unbeholfen. Selbst fühlte sie's, und es verdroß sie, und dazu auch noch etwas anderes. Nach dem Landbrauch war sie gewöhnt, zumeist mit »Du« angeredet zu weiden, auch vom Mund eines fremden Bauernburschen war's ihr nicht ausgefallen. Doch der vor ihr Stehende war ein Städter, der an anderen Brauch gewöhnt sein mußte; ihr lag etwas Geringschätziges darin, daß er diesen bei ihr nicht innehielt, zumal sie ihn mit »Sie« ansprach. So sagte sie, aufgestanden: »Na Sie erkennen, daß ich keine Bauerntochter bin, und wohl auch, daß ich kein Kind bin –« Weiter kam sie nicht, einesteils wußte sie selbst nicht recht, was sie hinzusetzen wollte, zum anderen malte sich in seinen Augen ein lebhaftes Erstaunen über die Veränderung ihrer hoch vor ihm aufgewachsenen Gestalt und ließ ihn einfallen: »Wer bist du denn?« Offenbar hatte er den Sinn ihrer letzten Äußerung nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Das zweite erschien als das Mutmaßliche, denn er fügte hübsch auflachend drein: »Bist du die Herrin hier?« Zea Hollesen überkam Unbekanntes, geweckt von etwas ihr zum erstenmal im Leben entgegengebotenem Unbekannten, ein Aufwallen in ihrem Innern, ein trotziges Sichauflehnen. Sie erwiderte: »Ja, ich bin die Herrin hier«, und drehte sich kurz ab, um davonzugehen. Doch hinter ihr klang seine Stimme nochmals: »Du vergißt, dein Buch mitzunehmen.« Sie hielt den Fuß an, obwohl ihr's unangenehm war, sich wieder zurückwenden zu müssen; lieber hätte sie das Buch liegen lassen und morgen geholt. Aber da er sie hörbar mit einem leicht spöttischen Ton auf ihre Nachlässigkeit aufmerksam gemacht hatte, entschloß sie sich zur Umkehr und trat, so viel Würde, als ihr möglich fiel, in der Haltung zusammennehmend, auf den Stein zu. Zugleich indes setzte auch er den Schritt vor und fragte, den Arm ausstreckend: »Was liest du denn?« Das Mädchen gab keine Antwort mehr, sondern faßte nur rasch nach dem Buch, doch im selben Augenblick tat er das gleiche und zog's ihr mit festem Zugriff aus der Hand. »Wart', ich will's erst sehen. Wenn du auch die Herrin bist, mußt du dich doch daran gewöhnen, daß ich der Herr hier bin, wenigstens hab' ich mich bis jetzt dafür gehalten.« Nicht herrisch gesprochen war's, doch mit einem heiterjugendlichen Übermut, einem merklich daran Gewöhnten, nach seiner Lust und Laune zu handeln. Nun schlug er das Titelblatt auf und las laut: »Hermann und Dorothea.« Verwundert hob er den Kopf und fragte ungläubigen Tones: »Verstehst du das?« Zea stand schweigend, nur eine leichte Bewegung ihrer Kleidärmel verriet, daß die Arme darunter ein Zittern durchlief. Nach einem kurzen Anhalten setzte er hinzu: »Wer bist du denn eigentlich?« Sie hatte die Zähne auf die Unterlippe gedrückt, kein Wort mehr hervorzulassen, doch die Frage bot ihr willkommene Gelegenheit, ihm eine beschämende Zurechtweisung zu erteilen, und, ihren Vorsatz ändernd, entgegnete sie, ihre Erregung zu möglichstem Gleichmutsanschein beherrschend: »Wenn Sie danach fragen, ich bin die Tochter des Pastors Hollesen in Loagger.« Eine durchaus andere Wirkung ergab's, als sie bezweckt. Wohl drückte sich im Gesicht des Hörers eine Überraschung aus und er bemaß die Züge des Mädchens wie mit einem suchenden Blick. Dabei aber flog ihm lachend der Ausruf hervor: »Also einer beim anderen!« Das war völlig unverständlich, und gegen ihren Willen kam Zea die Frage vom Mund: »Was heißt das?« Er deutete nach dem Granitblock. »Zwei Findlinge, beide vom Wasser hergebracht und sich ähnlich wie Zwillinge, mißvergnügt, daß ich ihre Unterhaltung gestört. Doch jetzt find' ich's wieder heraus, du hast's wie die Birke da gemacht, seit ich sie zuletzt gesehen. Aber du bist – warte, dein Name steckt mir irgendwo in einer Ecke, mit der See ist's was, natürlich – nein, mit dem Ozean, das war's – Ozeana – ich lachte darüber, als ich's hörte – ›Zea‹ riefen sie dich – Zea Hollesen bist du. Wenn eine Ente wird wie ein Schwan, kommt man nicht darauf, daß es noch der gleiche Vogel ist. Kennst du mich nicht mehr?« Die Befragte blickte ihn wortlos an, nur aus ihren Augen sprach Verneinung. Er warf launig hin: »Deine Augen sind anders, als die Nathan Aronsohns, aber seine haben ein besseres Gedächtnis. Vielleicht weiß dein Ohr es noch – Meinolf Alfsleben hieß ich einmal, und dabei ist's auch geblieben.« »Du bist –?« Eine unbewußte Erwiderung Zeas war's, man sah, aus dem Namensklang kehrte ihr auch eine Erinnerung des Gesichtssinnes. Doch unmittelbar danach verbesserte sie, die Hand vorstreckend: »Geben Sie mir mein Buch, Herr Baron, ich will fort.« Ihm flog heraus: »Wie albern das aus deinem Mund kommt! Freilich, du bist nicht nur groß geworden, sondern auch gebildet und liest Goethe. Ich hätte dich wohl auch mit ›Sie‹ anreden und ›Fräulein‹ nennen sollen? Entschuldige, daß du mir nicht danach vorkommst, auch eh' ich wußte, wer du bist.« Sie entgegnete nichts, tat nur das gleiche, wie er zuvor, indem sie, rasch zugreifend, ihm das locker gehaltene Buch entriß. Doch ebenso schnell streckte auch er wieder die Hand danach unter dem Ruf: »So verschlagen bist du? Ich dachte, du wolltest mir die Hand geben, als Gruß aus der Kinderzeit und als Abbitte für deine spöttisch gemachte Anrede. Deine Art ist sonst nicht so höflich, scheint mir.« Beide hielten das Buch, zogen es ein paarmal hin und her, heftig erregt stieß das Mädchen aus: »Es ist meins – was wollen Sie damit?« »Es noch behalten. Ich hätte dir's zurückgegeben, aber mit List und Trug wegnehmen lasse ich's mir nicht.« Ein Ringen ward's, seine linke Hand umfaßte plötzlich ihren Arm und zwang ihn herunter. Ihr durchfuhr eine Erinnerung den Kopf, daß sie ohne Besinnen über die Lippen brachte: »Willst du mich ins Wasser stoßen wie Unna Brookwald?« Ein helles Auflachen klang dicht an ihrem Ohr. »Warst du dabei? Das war spaßhaft! Nein, dich da wieder herauszuholen, wär' mir zu umständlich und schade für deine sauberen Füße, wenn sie von dem Moorwasser braun würden. Ich will dir nur beweisen, daß ich der Herr hier bin und mehr Kraft habe als du.« Das bewies er, denn rückhaltlos seine Stärke gebrauchend, zwang er sie, ihm das Buch zu lassen. Mit Meinolf Alfslehen war seit gestern abend, dem stürmischen Ausbruch, in dem er um die Liebe seines Vaters gerungen und gesiegt, eine Verwandlung vorgegangen; wie ein Rückschlag in vergangene Zeit hatte es ihn gefaßt. Er war augenblicklich ganz der übermütig tollende, bedachtlose, ungebärdige Knabe von ehemals, der seinen Kopf drauf stellte, durchzusetzen, was ihn reizte. So hielt er triumphierend das eroberte Buch und sagte jetzt: »Auf Ekenwart ist's nicht, ich habe grade Lust, ›Hermann und Dorothea‹ wieder zu lesen, morgen bekommst du's zurück. Ich bring's deinem Zwilling da, von dem kannst du's dir holen, Heut' nehm' ich's mit, die Nachtigall wird heut' nacht wieder schlagen, dabei liest sich's gut. Hab' ich dich zu hart angefaßt und dir weh getan? Das kommt von deinem Trotz.« Zea stand gelähmt, sah ratlos auf ihr Handgelenk nieder, das er bei dem Ringen fest umfaßt gehalten, einen roten Streifen ließ es gewahren, Ihr Gesicht dagegen war blaß entfärbt, ihre Brust atmete nicht rasch, wie sonst nach einer heftigen Anstrengung, sondern bewegte sich kaum. Etwas Eigenartiges geschah; ein Zitronenfalter, vermutlich der, welcher vor Stunden hier in der Sonne gegaukelt, mußte sich an dem durchwärmten Findlingsstein zur Nachtrast niedergelassen haben und von dem Handgemenge noch einmal aufgescheucht worden sein. Er flatterte wieder und zwar einige Male, wie im Halbschlaf taumelnd, um den Kopf des Mädchens, daß es aussah, als drehe der Wind ein goldenes Blatt um sie im Kreis. Dann kauerte er sich, die Flügel zusammenfaltend, an den Granitblock zurück. Meinolf hatte dem plötzlichen Auftauchen und spielenden Flug des Schmetterlings stummverwundert zugesehen. Nun sagte er: »Gehört ihr auch zueinander? Da sitzt er wieder und will die Nacht hier schlafen. Wäre ich nicht zufällig hierhergekommen und du davon aufgewacht, hättest du's wahrscheinlich ebenso getan. So hab' ich dich wohl vor einer kalten Nacht bewahrt, Zea Hollesen, und du mußt für mein Kommen dankbar sein.« Nicht mit ironischem Klang waren die letzten Worte gesprochen, doch gab ihrem Inhalt der Mienenausdruck Zeas solche Färbung, denn in ihm tat sich alles eher als Dankbarkeit kund. Was für Gedanken und Empfindungen in ihr seien, ließ indes das Gesicht nicht lesen: es hatte etwas Sonderbares, als ob sie eigentlich überhaupt nichts denke und fühle. Nur das eine, die Richtigkeit des von Meinolf Alfsleben Gesagten, daß er mehr Kraft habe als sie und daß sie mit Gewalt nichts gegen ihn ausrichten, ihm das Buch nicht wieder entringen könne. Auch was sie wolle, wußte sie nicht, oder wenigstens ward ihr gleichfalls nur eines deutlich, sie wollte nach Hause gehen. Dazu aber mußte sie den Fuß heben, und ihr kam's vor, als ob er eingewurzelt sei und sie habe keine Herrschaft über ihn. Dann indes gelang's ihr doch, sie nahm alle Stärke zusammen, löste ihn mit einem Ruck vom Boden, wandte sich und schritt fort. Anfänglich ganz langsam – hinter ihr klang noch einmal seine Stimme: »Du weißt also, wo du dein Buch wiederfindest.« Danach blieb's still, und nun ging sie rascher, allmählich beinah wie laufend. Der Abend fiel ein, es begann zu dämmern, nur über der See im Westen lag noch roter Himmelsrand. Wie der Heidegrund unter ihr verschwand und ihre Füße auf den weichen Dünensand traten, blieb sie stehen und sah verdutzt um sich. Vor ihr, in der Entfernung einer Viertelstunde, hob sich im Zwielicht ein Turm auf mit grauer Dachhaube, den sie nicht kannte; sie mußte in falscher Richtung, nach der Stadt zu, gegangen sein. Doch dann war's, als falle ihr etwas vor den Wimpern weg, und nun war es der Kirchturm von Loagger. Der lange Aufenthalt draußen und daß sie geschlafen hatte, ging ihr offenbar wunderlich in den Augen nach; im Weitergehen sah sie beständig einen kleinen dunklen Wasserspiegel vor ihnen, über dem sich glitzernde Käfer hin und her schnellten. Sie dachte noch immer nichts, nur als linkshin das Schulhaus wie ein dunkler Würfel von der Düne aufstieg, kam ihr die Erinnerung, wie sie am Nachmittag hier gegangen, habe sie sich gewundert, daß Tilmar Hellbeck seine Schulkinder in Ordnung und Zucht zu halten vermöge, da er sich nicht fordernd und befehlend, sondern nur bittend und unterordnend vorstellen lasse. Doch daß sie dies hier gedacht, kam ihr nicht wie von heut', sondern wie seit Tagen vor; das mußte auch davon herrühren, weil sie so lange auf der Heide geschlafen hatte. Auf dem Hausflur traf sie ihre Mutter, die zu ihr sagte: »Du kommst spät, das Abendessen wartet schon.« Trotzdem ging sie erst noch in ihre Stube; als sie in dieser stand, wußte sie freilich nicht, wozu. Nur daß sie mechanisch eine Schublade aufgezogen hatte, darüber dachte sie nach, weshalb, und besann sich, es sei ihr kalt, sie friere und es komme von den bloßen Füßen her. Eilig legte sie Strümpfe und Schuhe an und begab sich ins Wohnzimmer an den Tisch. An dem Tische war's wie allabendlich, nur wie am Mittag richtete der Pastor ab und zu den Blick auf Zeas Gesicht; er schien darin nach etwas zu suchen, doch zu vermeiden, daß sie es merke. Jedenfalls lag in dieser Art, wie er sie ansah, anderes als sonst, übte, ohne daß sie sich sagen konnte, warum, eine abhaltende Wirkung auf ihr Vorhaben, von dem, was ihr begegnet war, zu erzählen. Doch fehlten ihr auch die richtigen Worte für das Fremde, ihr zum erstenmal im Leben Geschehene, sie wußte nicht, wie sie das Benehmen Meinolf Alflebens gegen sie benennen solle. Oder das wohl, junkerhaft anmaßend und hochfahrend, herrisch und gewalttätig war's gewesen; was ihr eigentlich den Mund schloß, war Scham und Unmut über ihr eigenes Verhalten dabei, ihre Unfähigkeit, ihm die gleiche selbständige Sicherheit entgegenzusetzen. Freilich hatte er seine überlegene körperliche Kraft angewandt, und wenn sie sich auch wohl getrauen würde, gegen Tilmar in einem Ringen zu bestehen, hatte sie es natürlich mit ihm nicht aufnehmen gekonnt. Aber das änderte nicht ab, daß sie ihm unterlegen war, sich seinem Willen hatte unterordnen müssen. Ihr klang's als ein Wort, mit dem sie selbst über sich gespottet habe, im Ohr nach, wie sie auf seine Frage zurückgegeben, ja, sie sei die Herrin hier. Das war sinn- und bedachtlos gewesen, bekam durch das weiter Vorgegangene etwas kinderhaft Einfältiges. Sie fühlte bei der Erinnerung daran ein Klopfen in den Schläfen. So schwieg Zea aus Mißmut über sich selbst von ihrer Begegnung mit Meinolf Alfsleben, griff, um nicht auffällig stumm dazusitzen, manchmal eilig nach diesem und jenem, davon zu sprechen, und tat's mit etwas lauterer Stimme als sonst; ihre Nerven befanden sich noch in einem unbekannten Zustand von Erregung. Doch kam trotzdem und obwohl sie draußen geschlafen hatte, früh Müdigkeit über sie, so daß sie bald gut' Nacht sagte und in ihre Stube ging. Der Pastor blickte ihr nach, und seine Frau sagte: »Mich dünkt, das Kind war sonderbar heut' abend; dir scheint's auch aufgefallen.« Er wiederholte: »Sonderbar? Warum meinst du? Ja, sonderbar war's mir heut' –« Nach einem kurzen Anhalten setzte er hinzu: »Ist dir nichts aufgefallen?« »Ich weiß nicht, was du jetzt meinst.« »Mir kam heut' morgen und bis eben in der Vorstellung die Ähnlichkeit zwischen ihr und Unna Brookwald noch vergrößert vor, stärker als je, fast wie die zwischen Schwestern. Und ich müßte mich sehr täuschen, wenn es Herrn von Brookwald, als wir zusammen auf dem Kirchhof standen, nicht ebenso gegangen.« Mathilde Hollesen hob den Kopf und sah ihren Mann überrascht mit einem staunend-fragenden Ausdruck an, »Du meinst – das kann nicht sein. Sie hat Dietrich Alfsleben sehr geliebt und lange auf ihn gehofft, das weiß ich am besten. Aber dafür würde ich dein und mein Leben verbürgen – ich kenne Gertrud –« Den Kopf schüttelnd, fiel der Pastor ein: »Ich auch, und wie soll ich von ihr sprechen? Du verdenkst dich – daß die tote Frau in der Kajüte ihre Mutter gewesen, kann wohl nicht zweifelhaft sein. Wohl aber, ob sie in anderem Sinn eine Frau war – ich sprach auch mit Wittkop darüber und glaube –« Fortfahrend dämpfte er die Stimme noch mehr: »Ich bin überzeugt, ihr Vater befindet sich am Leben, und wir haben ihn heut' morgen gesehen.« Die Hörerin fuhr zusammen, über ihr Gesicht flog etwas Schreckhaftes, doch mit Ungläubigkeit gepaart; sie versetzte: »Unna gleicht nicht ihm, sondern ihrer Mutter, hat ein Rhadesches Gesicht.« Die Miene des Pastors ließ erkennen, daß der Einwand ihn nicht in seiner heute gefaßten Überzeugung beirre. Er antwortete: »Die Natur teilt gewöhnlich dem Kinde von beiden Eltern zu, nur sieht man's oft erst bei näherer Vergleichung. Ich finde auch Züge von ihm an Unna, und vielleicht besaß die Tote mit Gertrud Ähnlichkeit.« »Und du glaubst – er ahnt – er weiß es –?« Eigentümlich zögernd war die Frage hervorgebracht, und mit einem Ton, als berge etwas Ungesprochenes, doch für den Hörer dennoch Verständliches sich unter ihr; erwartungsvoll hielt sich der Blick Mathilde Hollesens in den ihres Mannes gerichtet, der langsam erwiderte: »Von uns nicht Begriffenes – schon lange hinter uns – könnte sich daraus erklären –« Mit noch mehr herabgeminderter Stimme als vorher hatte er es entgegnet, doch brach er, auf die Tür sehend, ab: »Wir wollen in unser Schlafzimmer hinübergehen.« Draußen im Flur scholl der Fußtritt der Hausmagd; gleichzeitig mit seiner letzten Äußerung stand Christian Hollesen auf, ging voran und seine Frau folgte ihm schweigend nach. Zea schlief bereits, doch es war ihr kühl, denn sie lag nicht in ihrer Stube, sondern war irgendwo unter freiem Himmel eingeschlafen. Neben ihr hockte ein Schmetterling und sagte: »Ich bewahre dich vor einer kalten Nacht«, und dazu schlug er große Flügel auseinander, daß sie sich wie zu einem goldenen Dach über ihr breiteten. Aber eigentlich war's, trotz der Nachtzeit, eine Decke aus Sonnenstrahlen, von der jetzt Wärme über die Träumende hinging. Sie dachte nach, wo sie sei; eine Lerche trillerte. Danach befand sie sich vermutlich auf der Düne von Herdsand; und ihr kam's auch, Tilmar Hellbeck sitze neben ihr, obwohl sie nichts von ihm sah, und sie habe ihn eben gefragt, ob er nicht einverstanden wäre, daß sie seine Frau werde. Aber dann war's kein Lerchengesang, der eines anderen ihr unbekannten Vogels; sie dachte weiter darüber nach, eine Nachtigall mußte es sein. Um Loagger, am Strand und auf der Heide gab's keine solche, doch im buschigen Parkgarten von Helgerslund, dort hatte sie vor langem einmal mit Unna zusammen eine gehört und kannte daher noch den Gesang. Also war sie auch wohl dort, nur stimmte nicht damit überein, daß der Falter sie fragte: »Soll ich dich heiraten?« Sie mußte dazu lachen, denn er sprach jetzt mit der Stimme Tilmars, und dieser stand auch vor ihr und bückte sich, um sie aufzuheben. Ein seichtes Wasser lag unter ihr, aber nun rief plötzlich Unna Brookwald: »Nimm dich in acht, er wirft dich hinein! Bei ihm riskiert man immer sein Leben.« Dabei flog der goldene Schmetterling über das tief und dunkel werdende Wasser hin fort, einem entfernten Waldrand zu, und alles war still und leer. Zea lag schlafend auf der Heide neben dem alten Findlingsstein und wußte, daß sie unsinnig geträumt habe. Doch sah sie in der Weite noch den Falter wie ein im Winde flatterndes Blatt, und in ihr war etwas geblieben, ein Verlangen, fast eine Sehnsucht, die Nachtigall noch einmal schlagen zu hören. Sie horchte auf, aber umsonst. Bis nach Helgerslund war's zu weit; um ihren Wunsch erfüllt zu bekommen, mußte sie dort im Parke sein. Als sie aus dem Schlaf aufwachte, lag der Morgen mit gleichem Frühlingssonnenglanz um sie wie gestern. Spät schon erschien's nach der Helle, so daß sie hurtig die Kleider überwarf; im Gefühl war's ihr, es sei wieder Sonntag, und mechanisch legte sie auch die Strümpfe und Schuhe an; dann erst besann sie sich, aber da sie's einmal getan, beließ sie's so. Unter häuslichen Arbeiten verging ihr die Hälfte des Vormittags; als sie ihren Obliegenheiten nachgekommen, wollte sie sich zum Lesen in den Garten setzen, begab sich in ihre Stube, den Band mit der Goetheschen Dichtung zu holen. Er lag nicht an seinem Platz; sie hatte während ihrer Beschäftigung Empfindung davon in sich getragen, doch als ob sie nur in der Nacht geträumt habe, daß er nicht dort sei. Nun sah sie, das Buch fehlte in der Tat, und ihr kam zurück, sie habe es wirklich nicht, sondern es liege draußen auf dem Granitblock. Das hieß, wenn Meinolf Ulfsleben es schon dorthin zurückgebracht, oder wenn ihm überhaupt einfiel, seine Zusage zu halten; wahrscheinlich dachte er heute gar nicht mehr daran. Zea fühlte ihren gestrigen Unmut beinah noch verstärkt wiederkehren; ihr lag augenblicklich alles daran, »Hermann und Dorothea« weiter zu lesen, und sie konnte es nicht. Es war innerlich empörend, daß jemand aus anmaßender Willkür sie nötigte, darauf Verzicht zu leisten; adliger Hochmut gab sich darin kund. Er hatte sie anfänglich für ein Bauernmädchen gehalten, doch auch die Pastorentochter galt ihm nicht mehr, und obendrein noch ein Findling, Sie hörte ihn lachend die Worte sagen: »Zwei Findlinge, einer beim anderen.« Mißächtlich klang's ihr nach, nur daneben wundernehmend, daß er eine Erinnerung daran bewahrt hatte. Nachträglich entsann sie sich allerdings seiner jetzt auch aus lange vergangener Zeit, zuletzt wohl vor fünf oder sechs Jahren, daß er ab und zu einmal im Brookwaldschen Wagen am Sonntag mit herübergekommen, und im Grunde mochte er sich nicht sehr verändert haben; ihr kam's, daß er sie schon damals ausgelacht, warum, wußte sie natürlich nicht mehr, aber mit Mißachtung war ihr noch nie ein Mensch begegnet; daß jemand Hand an sie legen könne, sie zu etwas zu zwingen, hätte sie bis gestern nicht für denkbar gehalten. Zea war aus der Haustür getreten und einige hundert Schritte in südlicher Richtung fortgegangen, um sich das Buch aus der Heide zu holen, doch sie kehrte jetzt wieder um. Vermutlich hatte er es noch nicht zurückgebracht, oder wenn, so lief sie Gefahr, dort abermals mit ihm zusammenzutreffen. Das schuf ihr eine widrige Vorstellung, und sie verschob den Gang bis zum Nachmittag, machte sich auch an diesem erst ziemlich spät auf den Weg. Aus der Entfernung ging ihr Blick über die Fläche nach ihrem Ziel vorauf; die weißrindigen Birken standen einsam still in der schrägen Sonne, nichts Ungewohntes, kein Pferdekopf ragte neben ihnen in die Höhe, nur die niedrige Platte des großen Granitsteins. Auf ihm lag nichts, die scharfsichtigen Augen des Mädchens unterschieden es bereits von ziemlich weit her; offenbar traf das zu, was sie auch am wahrscheinlichsten bedünkt, er dachte überhaupt nicht mehr an die Rückgabe des Buches, wenigstens kam's ihm nicht in den Sinn, deshalb den Weg von Ekenwart hierher zu machen. Nur den Namen kannte sie und wußte, das Herrenhaus liege hinter dem Waldrand; dort war sie nie gewesen, hatte nur dann und wann gehört, der Freiherr von Alfsleben sei ein unzugänglicher, sich von allem Verkehr abschließender Mann. Jedenfalls auch aus mißächtlich auf andere herabsehendem Hochmut, sein Sohn diente ihm zur Erläuterung. Obwohl ihre Hierherkunft sich so als zwecklos bestätigte, ging Zea doch weiter auf den Findlingsblock zu und setzte sich auf seinen Rand; ihr alter Lieblingsplatz war's, ein langjähriges Eigentum, als dessen Herrin sie sich heut' wieder fühlen konnte. Sie atmete einmal tief die weiche Luft ein, ein leiser, warmer Wind strich um sie, sonst lag alles unbewegt in der Sonnenstille. Da erklang unweit von ihr eine Menschenstimme: »Du hast mich lange warten lassen, Zea Hollesen.« Etwas seitwärts her kam sie, von einer durch einen Wachholderstrauch halbverdeckten Heidebulte, die außerdem gegen die schräg fallenden und blendenden Strahlen lag. So wurde Zea auch jetzt nichts von dem Urheber der unerwarteten Anrede gewahr; sie fuhr nur schreckhaft zusammen und wollte aufstehen. Doch nur ein Antrieb des ersten Augenblicks war es, dann schwoll ihr aus dem Innern Selbstgefühl und ein trotziger Stolz auf. Fast mit einer Befriedigung desselben überkam's sie, daß Meinolf Alfsleben glaubte, seine Willkür nochmals an ihr auslassen, sie zu einem Spielzeug seiner Laune nutzen zu können. Doch sie ließ sich durch ihn nicht von ihrem Sitz vertreiben; er war nicht für sie vorhanden, mochte sprechen, was er wolle, durch kein Zeichen gab sie kund, daß eine Stimme ihr ans Ohr töne. Unbeweglich behauptete sie den Platz, blieb, und wenn es nacht werden solle, bis er seines herrisch-anmaßenden Vorhabens müde ward, davonging und sie hier als die Herrin zurücklassen mußte. Er hielt das gestern von ihm mitgenommene Buch aufgeschlagen auf den Knien und fügte seiner Ansprache kurz nach: »Du hast ein Zeichen eingelegt, wie weit du gekommen bist, soweit habe ich heut' nacht auch gelesen. So können wir zusammen fortfahren, ich lese dir's vor; da hast du's nicht nötig, und wenn der Zitronenfalter wieder irgendwo sitzt, kann er auch zuhören.« VI. Der Frühling war gekommen, und er schritt weiter vor. Nach seiner Weise im nordischen Land leisen Ganges, kaum merkbar, oft wie zögernd und anhaltend. Seine Zeit war's, und er kam als Gebieter, der keine Auflehnung wider sein Geheiß zuließ. Doch nicht herrisch trat er auf, sondern sich sanft einschmeichelnd, nirgendwo ein Gefühl weckend, daß er sich Gehorsam erzwinge. Halme und Blätter schimmerten in lichterem Grün, in verborgenem Kelchschoß bildeten sich Ansätze von Knospen; jeder Lebenstrieb war dem großen Willen Untertan. Dem eigenen Drang dabei folgend, aber unbewußt; alles geschah wie in einem Traum, dessen Vorgänge ohne Zusammenhang mit der hellen Tageswirklichkeit erschienen. Da und dort am Strand und auf der Heide hob sich aus dem sandigen Boden eine Pflanze wie trotzig abgekehrt auf, als wolle sie im winterlichen Stande verharren. Doch lächelnd sah der Frühling mit dem goldenen Sonnenauge auf sie nieder; er wußte, wie sie sich auch weigere, zuletzt müsse sie ihm doch gehorchen. So schwand Tag um Tag die leblos braune Farbe mehr von der Heide ab, daß diese aus der Weite leicht einer von grünen Wellen überkräuselten Wasserfläche zu gleichen begann, und so bedeckte sich an ihrem Ostrand der Buchenwald mit jungem Laub. Nur die Eichen standen, von fern gesehen, noch winterlich kahl dazwischen, allein näher kommend, gewahrte man, auch in ihnen rege sich ein frischer Safttrieb, zaudernd, nur langsam sich aufringend, doch Zeugnis von wiederkehrendem Lebensdrang ablegend. Einer solchen Eiche ähnelte der Freiherr Dietrich von Alfsleben. Auch ihn hatte eine Frühlingskraft gefaßt und im Innern durchdrungen, die entdeckte, lautgewordene Liebe seines Sohnes für ihn. Mit einer Sonnenmacht war sie über ihn gekommen, dunkle Wolken jäh durchbrechend und abscheuchend; wohl nicht aus völlig entschatteten Augen, doch die bisher vorgesenkte Stirn freier hebend, blickte er auf. Er war in dem öden Hause nicht allein mehr, die Stimme Meinolfs klang um ihn, und an der Stelle freudlos-inhaltsleerer Verbringung seiner Tage erwuchs ihm wie aus lange brach gelegenem Acker ein neuer, tätiger Daseinszweck. Seitdem er zum Besitzer Ekenwarts geworden, hatte er sich niemals um die Bewirtschaftung des großen Gutes bekümmert, alles einem Verwalter überlassend; welche jährlichen Einkünfte es ihm brachte, war ihm bedeutungslos gewesen, seine tägliche Lebensführung machte kaum mehr Ansprüche als die des einfachsten Landmannes. Doch jetzt nahm der Besitz ihm plötzlich ein verändertes Gesicht an, gewann einen Wert für ihn als das Erbe, das er seinem Sohn hinterließ. Zum erstenmal sein Augenmerk auf die Zustände des Gutes richtend, sah er, daß sich gewohnheitsmäßige Vernachlässigung, in manchem fast zu einer Verwahrlosung ausartend, eingeschlichen habe, unter seiner eigenen Leitung bei achtsamer Aufsicht der Ertrag sich um das Doppelte steigern könne. Das schloß ihm ein weites Gebiet der Untersuchungen und Beschlußnahmen auf, diente gleichfalls zu einer völligen und günstig auf ihn wirkenden Umwandlung seines früheren zwecklosen Abwartens, daß der Morgen zum Abend werde. Unter Beihilfe des Försters griff er nach der Art lange untätig Gewesener eifrig die Aufgabe an, die er sich vorgesetzt; Dirk Westerholz erwies sich als nicht nur in seinem Fach umsichtig und tüchtig, auch als Landwirt hatte er bei der Urbarmachung seiner Farm in der amerikanischen Wildnis nützlichste Erfahrungen gesammelt. Auf das, was er in der Heidehütte während des Unwetters aus seinem Vorleben hier im Lande kundgegeben, war der Freiherr mit keinem Wort zurückgekommen. Er hatte es damals eine Jagdgeschichte benannt; nicht Zweifel litt's, er sehe die Tat des Försters auch mit dessen Augen an, fühle keine Verpflichtung, sie gerichtlich zur Anzeige zu bringen. Offenbar hatte Westerholz für ihn ein Menschenrecht gehabt, der unablässig an seinem Innern fressenden, ihm den Kopf mit Irrsinn umnebelnden Marter ein Ende zu setzen, und schließlich nichts weiter vollbracht, als ihm Gehöriges, sein Haus, die Stätte seiner Qual, vom Boden weggetilgt. Was aus seiner treubrüchigen Frau und der, die nicht seine Tochter war, geworden, wußte er selbst nicht; die Mutmaßung, daß sie sich trotz den verschlossenen Fenstern und Türen doch aus dem brennenden Gebäude gerettet hatten, lag am nächsten. Doch was immer an dem Maimorgen, über den eine lange Reihe von Jahren hingegangen, sich zugetragen haben mochte, Dietrich von Alfsleben fand in sich keine Nötigung, heute noch dafür eine Ahndung zu veranlassen. Vielmehr lieh sich empfinden, sein Vertrauen zu dem Förster habe sich noch erhöht, mit einer menschlichen Anteilnahme und Zuneigung verbunden; einen Ausdruck dafür lieferte gewissermaßen, daß er ihn unter vier Augen öfter mit seinem ursprünglichen Namen Nordwalt ansprach. Vor den neuen Anforderungen an die Tätigkeit Alfslebens trat jetzt die Jagd zurück, doch viele Stunden des Tages sahen ihn, stets von Dirk Westerholz begleitet, seinen Grund und Boden bald hier, bald dort in Augenschein nehmen, um Mißstände zu beseitigen. Auf solchem Weg schreitend, der ziemlich weit nach Norden bis an die Grenze der Güter Ekenwart und Helgerslund führte, trafen die beiden eines Morgens in einem Gehölz unvorhergesehen mit einer alleingehenden Dame zusammen. Gertrud von Brookwald war's; um eine Wegkrümmung kommend, hemmte sie unwillkürlich in einer kleinen Entfernung den Schritt, und das gleiche tat Dietrich Alfsleben. Trotz der Nachbarschaft hatten sie sich seit bald zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen, ungewiß hielten sie die Augen gegeneinander gerichtet. Sichtlich nicht im Zweifel, wer der andere sei, ungeachtet der langen Zeit erkannten sie sich auf den ersten Blick. Doch wußten offenbar beide nicht gleich, wie sie sich bei der unerwarteten Begegnung verhalten sollten; kein Bruch oder Zerwürfnis hatte zwischen ihnen stattgefunden, nichts Feindseliges schied sie, nur war Alfsleben nie mehr nach Helgerslund gekommen. Dem Förster war die nachbarliche Gutsherrin von Angesicht bekannt, und er lüftete zu respektvollem Gruß den Hut. Dann hob Gertrud Brookwald zuerst das befangene Zaudern auf, tat das Einfache, Natürliche. Sie ging auf den Jugendfreund zu, und ihre Anrede an ihn drückte aus, daß nichts zwischen ihnen sei, sondern sie alt-unveränderte Gesinnung in sich trage. Wie ehemals den unzertrennlichen Genossen ihres Bruders sprach sie ihn an, sagte freundlich, fast herzlichen Tones: »Das war eine gute Fügung, die mich hierher gehen ließ, dich zu treffen, Dietrich.« Nicht anders klang's, als ob sie ihn vor kurzen Tagen zuletzt gesehen, und sie hielt ihm die Hand entgegengeboten. Er mußte antworten, und ihr Vorgang gab ihm auch die Fähigkeit dazu; wenngleich etwas stockend, erwiderte er: »Ja, Gertrud, ich freue mich, dir zu begegnen.« Doch seine Hand blieb regungslos niederhängend, er schien die Absicht der ihrigen nicht wahrzunehmen. Nochmals die wieder geschlossenen Lippen öffnend, fügte er nach: »Wir haben uns lange nicht gesehen; mir war nicht danach, das Haus zu verlassen, ich suchte niemand auf.« Keine Begründung gab's, doch ward daraus die Absicht vernehmlich, nicht mit Stillschweigen über sein Fortbleiben wegzugehen. Als ob ihr die Erklärung genügte, rührte auch Gertrud nicht weiter daran, sondern versetzte nur: »Dein Sohn, hab' ich gehört, ist zurückgekommen.« Die Züge Alfslebens überhellten sich, rasch entgegnete er jetzt: »Ja, zu meiner Freude – er kam früher manchmal zu euch hinüber, ich hoffe, das wird er nun wieder tun. Du warst immer nachsichtig und gütig gegen ihn, ich weiß, er erzählte mir's zuweilen, dafür hätte ich dir gern gedankt. Verzeih', ich war – unser Zusammentreffen war so unvermutet – du wolltest mir die Hand geben, kommt mir jetzt erst. Wenn du es noch willst –« Sie hatte den Arm langsam zurücksinken lassen, doch hob ihn nun wieder. »Du sahst es nicht«, antwortete sie, und mit den Worten: »Ich danke dir heut' dafür«, faßte er jetzt ihre Hand. Doch nur einen Augenblick lang, denn wahrend sie erwiderte: »Ob er auch manchmal ungebärdig herumtollte, freute ich mich immer, wenn Meinolf zu uns kam«, ließ er schnell ihre Hand wieder aus der seinigen und versetzte dazu: »Ich kannte ihn kaum so, in meiner Gegenwart war er immer still, dafür tobte er sich Wohl bei euch aus. Jetzt ist's anders geworden, ich habe auch kennen gelernt, daß er ungestüm sein kann und heftig Aufstürmendes ihm im Blut ist. Wohin gehst du?« Die letzte Frage fügte Dietrich Alfsleben, von dem ihr Vorausgegangenen kurz abbrechend, eilig nach und schloß gleich daran: »Wenn du nicht lieber allein gehst, so begleite ich dich ein Wegstück.« Ein Nicken Gertruds gab nicht zu mißdeutende Antwort; der Förster, der sich etwas zurückgehalten, trat heran und fragte, ob er die beabsichtigte Anordnung des Freiherrn zur Ausführung bringen lassen solle. Doch der letztere entgegnete rasch: »Nein, bleibt, Dirk, folgt uns nach; ich gehe nachher mit Euch weiter.« So hielt Westerholz sich nur etwa zehn Schritte hinter den miteinander durch das Gehölz Fortschreitenden; Gertrud Brookwald erwiderte jetzt auf eine vorherige Äußerung ihres Begleiters: »Ja, er erinnerte mich öfter an dich, wie du in seinem Alter warst; ich fand's auch, dasselbe Blut war's in ihm. Dir konnte ebenso plötzlich etwas durch den Kopf schießen, daß du es tatest und ausführtest, fast eh's dir bewußt ward. Später verändertest du dich – mein Bruder sagte mir's, ich sah dich nicht viel mehr, du kamst nur nach Helgerslund, ihn abzuholen und mit ihm auszureiten. Doch als dann dein Meinolf zu uns kam, hätte ich ihn gleich erkannt nicht am Gesicht allein, auch am Wesen. Sein Name zog mich zuerst zu ihm hin, daß ich den wieder sprechen, ihn damit rufen konnte.« Fühlen ließ sich's, die Sprecherin befliß sich, kein Schweigen eintreten zu lassen, sondern suchte von dem, womit sie begonnen, fortzureden. Zu sonderbar war's, wie sie hier nebeneinander gingen und nicht an dem rührten, was sie beide gleicherweise stumm in sich tragen mußten; an dem Unerklärten des jähen Abbruchs ihrer Kindheits- und Jugendfreundschaft, daß sie seit so unendlicher Zeit nie mehr zusammengekommen. Von Dietrich Alfsleben war es ausgegangen; man sprach, er habe die Schwester seines Freundes geliebt und Helgerslund nicht mehr betreten, weil sie die Braut Fritz Brookwalds geworden. Doch sie wußte, ein leeres Gerede sei's; nicht er, sie hatte ihn schon von früh auf geliebt und lange auf seine Wiederkehr gehofft, auch noch, am meisten, als der Tod die ihm von seinem Vater aufgezwungene Ehe gelöst, und auch ihres Bruders stiller, höchster Wunsch war's gewesen, daß sie seine Frau werde. Hatte er diese stumme Hoffnung in ihren Augen gelesen und, da er die Liebe nicht erwiderte, nach dein schreckvollen Tode seines Freundes den Entschluß gefaßt und ausgeführt, ihr nicht mehr zu begegnen? Wie sie's eben gesagt, in seiner Jugend konnte ein Augenblick ihm Plötzliches, Unberechenbares eingeben, ihn damit überwältigen; der Schlüssel zu dem Rätsel seiner Abkehrung von ihr mußte darin verborgen liegen. Nun ging sie zum erstenmal wieder neben ihm, wie in einem anderen Leben, und doch war es noch das nämliche. Sie trug ihn noch im Herzen wie damals; hätte sie's nicht getan, wäre sie seit langem schon einmal in Ekenwart eingekehrt, ihm die Hand der alten Kinderfreundschaft entgegenzureichen. Sie hätte dabei lächeln, vielleicht von dem, was in ihr gewesen und vergangen, sprechen können, aber es war nicht ausgelöscht; wann sie seinen Knaben gesehen, hatte sie's gefühlt, und heut' bei seinem ersten Erblicken mit alter Kraft und altem Leid. Und so ging sie jetzt wieder an seiner Seite, glücklich und angstvoll zugleich. Wenn er auch damals von ihrer Liebe gewußt; daß diese noch ebenso in ihr lebe, mußte sie verbergen, im Blick der Augen und im Klang der Stimme, Und sie redete, selbst nicht das Klopfen in ihrer Brust zu hören, was in ihr war, sich und ihn mit Worten zu übertönen. Unverkennbar war's gewesen, daß er nicht allein mit ihr gehen gewollt, deshalb dem Förster mitzukommen geboten habe. Er hätte es auf andere Art vermeiden, sich von ihr verabschieden können, ohne sie zu begleiten. Aber das hatte er ebenfalls nicht gewollt; fühlen ließ sich, er griff danach, festzuhalten, was der Zufall heut' gefügt, die alte, durch nichts zerrissene und doch so sonderbar sich fremd gewordene Freundschaft neu wieder zu beleben. Nur ihre Hand zu fassen, hatte er gezögert, und das klopfende Herz sagte ihr, warum. Er wußte, die Hand war's, die sie ehemals fürs Leben in die seinige zu legen bereit gewesen wäre, und die er nicht gewollt. Das ließ ihn ungewiß zaudern, denn in ihm lang begrabene Erinnerung ward von der Hand belebt. Nun gingen sie nebeneinander, und mit ihnen ging Ungesprochenes, von dessen schweigsamem Druck sie sich durch wechselnd lautes Reden zu entlasten suchten. Über ihnen am Waldweg flimmerte das junge Frühlingslaub, dann traten sie in die Sonne, und ihre Schatten kamen, sie zu begleiten. So waren sie einst oftmals zusammen gegangen, als heranwachsende Kinder, nur fehlte der dritte, der immer mit ihnen gewesen, der Bruder Gertruds. Nicht wie Gegenwart und Wirklichkeit lag der Apriltag um sie, sondern traumhaft, und so auch klangen ihnen gegenseitig ihre Stimmen, wie aus einer weiten, schönen Ferne her. Einen altvertrauten Ton hatten sie, und unvermerkt alte Vertraulichkeit gewannen sie zurück. Dietrich Alfsleben hielt einmal an und sagte, nach dem niedrig dicht über dem Boden breithin gestreckten, seltsam verflochtenen Geäst einer Buche deutend: »Dort hatten wir uns eine Sommerhütte eingerichtet – ich wollte, sie wäre noch, Gertrud.« »Aber ihr Dach hielt nicht dicht, das Gewitter brach los und wir wurden durch und durch naß. Doch als wir am anderen Tag wiederkamen, war eine große Matte durch die Äste geflochten, in der Nacht hatte Meinolf sie mühsam hergeschleppt und empfing uns lachend – was willst du?« Er hatte nach seiner Uhr gegriffen. »Es ist spät – ich muß nach –« Noch sie fiel ein: »Heut' ist ein Tag, wie er lang nicht mehr gewesen; mich deucht, er liegt außer der Zeit und dem, was sie von anderen fordert. Zum erstenmal sah ich's, daß man von hier unser Dach über den Erlenbusch hin wahrnimmt; mir scheint, es hat sich aufgereckt, nach dir auszublicken, und wäre enttäuscht, wenn es dich vor ihm umkehren sähe.« Die erste Äußerung Gertruds war's, die sich in eine scherzende Form kleidete, und ein leichtes Lächeln begleitete sie. Noch die Stimme vermochte keinen Klang des Scherzes in die Worte hineinzulegen; sie kamen ernsthaft von den Lippen und sprachen mit einem verhaltenen Ton innerer Bewegung eine Bitte. Alfsleben erwiderte nichts, aber sein Fuß hob sich zum Weitergehen auf; was ihn überkommen haben mochte, das ihn zur Umkehr veranlassen gewollt, er hatte es von sich getan, folgte der Aufforderung der Jugendgespielin, nach unendlicher Zeit wieder unter das von drüben herblickende Dach zu treten. Obwohl sie zusammen fortgeschritten, war's im Anfang gewesen, wie wenn ein trennender Wasserlauf sich zwischen ihnen hinziehe, an dessen Rändern sie hüben und drüben gegangen. Doch nun waren sie hinüber und zueinander gekommen; Dietrich Alfsleben hatte stumm den Schritt drübergesetzt, indem er den Entschluß kundgab, mit bis zum Hause zu gehen. Die ferne Vergangenheit hatte sich wieder mit der Gegenwart zusammengeknüpft, die das fremd dazwischen Hingedehnte gleich nicht Gewesenem vergessen wollte, in seinem Dunkel ließ, wie die Sonne jetzt neben ihnen das wirkliche Gewässer eines Baches, der in gewundenem Lauf hier und dort hell im Licht spiegelnd hinzog, doch dazwischen unter dem übergebogenen, tiefverschattenden Erlenbusch dem Blick entschwand. Bald trat nun das Helgerslunder Herrenhaus offen hervor, heller und heiterer als das von Elenwart, obwohl der Bauart nach aus der nämlichen Zeit stammend. Doch verschieden gealtert erschienen sie; dies hier hatte sich jünger erhalten, oder zeigte wenigstens nach außen einen durch bessere Pflege jugendlich bewahrten Anstrich. Zwei efeuumwachsene, oben umzinnte Flankentürme hielten das Schloßgebäude zwischen sich, das nirgendwo von Vernachlässigung redete; ein Bild heutigen Lebens bot es im Gegensatz zu dem Eindruck halber Abgestorbenheit, den der Alfslebensche Wohnsitz verursachte. So zog sich auch wohlgeordnet der Park drumher, überall von ihm auferlegter Vorschrift zeugend; sichtlich steuerten der Eigenwilligkeit jungen Wachstums Messer und Schere des Gärtners, dem aus den Schrankentreiben alter Bäume Säge und Beil. Alles stand in einer gewissen Paradehaltung; im Einklang dazu sahen von genau abgezirkelten Beeten nach der Schnur gereihte Krokos und Hyazinthen auf. Aber sie blühten und durchdufteten die Luft, und bunte Schmetterlinge fragten nicht, ob sie von Menschenhand hierher gepflanzt und gezüchtet seien. Was freudig aus ihnen trieb, war doch dieselbe Naturkraft, der gleiche Frühlingsweckruf, der draußen in Feld und Wald allem Leuen aufzuwachen gebot. Dies anders zu gestalten, als es ihm im Keime vorgebildet worden, lag nicht in Menschenmacht, und die Falter, in der Sonne sich auf den Bluten wiegend, sahen in ihnen kein zum Prunk hingestelltes Erzeugnis der Gärtnerkunst, sondern die freie, nur ihrem Gesetz folgende Entfaltung jedes Kelches. Und ebenso erfreute sich an ihnen auch, als an einer Gabe aus der Hand der Natur und des Frühlings, Anna Brookwald, augenblicklich vor einem der Beete niedergekniet; die Schönheit und der Duft einer lichtblauen Hyazinthe hielten ihr die Augen und den Geruchsinn gefangen. Jetzt rief ihre Mutter sie an, daß sie aufstand und herzukam. Gertruds Begleiter war ihr fremd, sie begrüßte ihn stumm, nicht in damenhafter, sondern noch in halb kindlicher Weise; ihm kam fragend vom Mund: »Ist das deine Tochter?« Doch er beantwortete es selbst sich gleich danach: »Ja, deine Tochter ist's.« Gertrud nickte. »Man sieht's ihr wohl an. Aber wenn sie Knabenkleider trüge, glaub' ich, würde sie dich mehr noch an Meinolf erinnern, als stände er wieder da, wie vor einem Vierteljahrhundert.« »Du meinst – ich finde, sie gleicht dir – ganz wie du warst«, versetzte Dietrich Alfsleben, doch sein Blick betrachtete das Mädchen nicht näher, ging während des Sprechens am Gesicht Annas vorbei und heftete sich auf das Haus. Dazu fügte er rasch drein: »Ein Vierteljahrhundert – man sieht's dem Efeu da am Turm an. habt ihr ihn drinnen ausgebessert? Weißt du's noch, wir kletterten einmal die alte Wendeltreppe hinauf, unter dem Fuß krachte es uns und brach, und ein Wunder war's, daß wir lebendig wieder zurückkamen.« Der Sprecher hatte es schnell vorgebracht, seine Augen hafteten auf dem Turm, als ob dieser ihn am meisten durch Wachrufen der Erinnerung fessele. Im Klang seiner Stimme jedoch lag dabei völlig Gleichgültiges; Gertrud fühlte, er habe nur nach etwas gegriffen, um von einem Weiterreden über die Ähnlichkeit zwischen ihr und Anna abzulenken, und sie erwiderte im gleichen anteillosen Ton: »Es ist drinnen noch ebenso, glaub' ich, mein Mann hat deshalb die Zugangstür verschlossen.« Der, von dem sie sprach, Herr von Brookwald, trat in diesem Augenblick unter dem Schloßportal hervor und ging, den Hut lüftend und schwenkend, auf die Ankömmlinge zu. »Das ist seltene Ehre, Herr Nachbar, da muß ich mir rote Farbe für den Kalender suchen. Aber willkommen! willkommen! Gute Nachbarschaft kommt nie zu spät, nicht zu spät und nicht zu früh! Mich freut's, wie Sie aussehen! Vortrefflich, als ob Sie im Jungbrunnen herumgesprattelt hätten. Nehmen Sie's nicht krumm, ein Bauer hat nicht gleich die richtig gewählten Worte auf der Zunge. Die Gesinnung bleibt die Hauptsache, Freut mich außerordentlich, Sie hier zu sehen.« Fritz Brookwald und Alfsleben kannten sich kaum, nicht weiter als vom Ansehen und dann und wann einmal im Gang der Jahre vorgekommenem kurzem Grußaustausch bei zufälligen Begegnungen im Freien. Doch wußte der Helgerslunder Gutsherr von dem früheren Gerede, seine Heirat habe den Anlaß gegeben, daß der ehemalige Jugendfreund der Geschwister im Rhadeschen Hause nie mehr den Fuß hierhergesetzt, und ihm die Hand bietend, fügte er seiner Begrüßung hinzu: »Hat meine Frau Sie eingefangen? Das war vernünftig von ihr und von Ihnen, alte Freundschaft macht's wie guter Wein, wird mit der Zeit immer besser. Im Leben kommt allerhand anders, als man denkt, aber dafür kriegt man ja in unseren Jahren die Vernünftigkeit in die Kopfscheune eingefahren und hat's im August nicht mehr auf Maitrank stehen. Bitte, einzutreten, Herr Nachbar, ich lasse ein anderes, gutes Glas aus dem Keller holen; um die Jahreszeit macht das Gehen am Trockensten in der Kehle. Sie haben ja meinen verstorbenen Schwager noch gekannt und können sich mit meiner Frau von ihm unterhalten. Damit tun Sie ihr ein bene an, ich kann's nicht, denn als ich zuerst hier ins Haus kam, lag er schon unter der Erde oder eigentlich unterm Wasser. Entschuldigen Sie, ich dachte nicht daran, Sie wissen das ja besser als ich, und Ihnen ist's auch nah gegangen. Natürlich, einen Freund so jung verunglücken sehen und ihm nicht helfen können, das gehört nicht zum besten im Leben. Ich höre gern mit zu, wenn Sie zusammen von ihm sprechen; ist Fritz Brookwald wohl auch ein bißchen verbauert und hat Anlage dazu mit auf die Welt gebracht, ganz von der Sorte, wie das liebe Vieh auf der Weidekoppel ist er doch noch nicht geworden.« In seiner offen-treuherzigen, etwas unbedacht und derb herausfahrenden Manier hatte er gesprochen, im Anfang zu einem Ausdruck gebracht, daß ebensowenig bei ihm die Unvernunft einer Eifersuchtsregung zu besorgen sei, als ihm ein noch heutiges Fortbestehen eines ehemaligen Wunsches bei seinem Ekenwarter Nachbarn möglich vorkomme. Gertrud hatte ihr sich mit einer Röte bedeckendes Gesicht abgekehrt, doch auch die Züge Ulfslebens zeigten eine verworrene Unschlüssigkeit, ob er der Einladung Folge leisten solle. Der bis hierher mitgekommene Förster war in einiger Entfernung zurückgeblieben, Brookwald nahm ihn jetzt gewahr und fragte: »Ist's Ihr Begleiter, so bitte ich ihn auch, uns drinnen bei einem Trunk Gesellschaft zu leisten.« »Ja, mein neuer Förster Dirk Nordwalt –« Die Augen des Helgerslunder Gutsherrn waren gegen die Sonne gerichtet und offenbar geblendet, denn er schlug einmal mit kurz-unwillkürlichem Jucken die Wimpern zusammen und erwiderte: »Wer? Ich sehe nicht recht.« Aus der Frage kam Dietrich Alfsleben erst zum Bewußtwerden, daß er mit abwesenden Gedanken geantwortet, statt des gegenwärtigen Namens des Försters seinen früheren genannt habe. So verbesserte er: »Ich versprach mich, er ist noch nicht lange bei mir und sein Name mir noch nicht im Mund geläufig, daß ich ihn leicht verwechsle. Er heißt Westerholz.« Nun lachte Fritz Brookwald: »Ja, damit kann's einem komisch gehen, die Zunge ist manchmal wie ein Pferd, der Kutscher will rechts und der Gaul bockt und geht links. Ihren alten Förster kannte ich ganz gut, aber den neuen hab' ich noch nirgends getroffen. Na, Namen machen die Menschen ja nicht anders und ihren Durst auch nicht. Also, lieber Westerholz, kommen Sie dem Herrn Baron und mir nach!« Gertrud Brookwald hatte die ihr noch einmal wiedergekehrte Befangenheit überwunden, sie trat zu dem Jugendfreund hinan und sagte: »Wie schade, daß dein Meinolf nicht bei uns ist, in meinem Gefühl gehört er mit hierher. Heiß' ihn recht bald kommen, die Tante zu begrüßen!« Sie lächelte zu den letzten Worten, und kurz begegneten ihre Augen sich mit denen Dietrich Alfslebens. Der Blick sprach noch etwas von den Lippen nicht Gesagtes, ließ jenen unwillkürlich den Kopf nach der Seite, wo Unna stand, hinwerfen. Dann nickte er: »Ja, ich will ihn veranlassen, daß er morgen sich euch vorstellt; ich wußte ihn bei dir immer gut aufgehoben, Gertrud, und es wäre mir lieb, wenn er den alten Platz bei dir neu einnähme.« Etwas nur von den beiden Verstandenes lag darin, eine Kundgabe der Übereinstimmung mit dem, was die Augen derjenigen, die sich lächelnd die Tante Meinolfs benannt, gesprochen. Mit einer raschen Bewegung bot Dietrich Alfsleben ihr seinen Arm, sie durch die Tür des Hauses zu führen, das er nach bald zwanzig Jahren zum erstenmal wieder betrat. Eine Vertraulichkeit war zwischen ihnen zurückgekehrt, die den Blick vom Vergangenen abwendete, auf die Gegenwart, in die Zukunft richtete. Im großen Schloßflur drehte Alfsleben umschauend den Kopf: »Deine Tochter kommt doch mit uns?« Und das gleiche tat und sagte hinter ihnen Fritz Brookwald: »Sie kommen doch mit, lieber Westerholz?« Etwa eine Stunde ging hin, bis Alfsleben und der Förster wieder aus der Tür hervortraten, um den Rückweg einzuschlagen. Der Hausherr geleitete sie hinaus und verabschiedete sich draußen von seinen vormittägigen Gästen. »Auf ein baldiges Wiedersehen, Herr Nachbar! Sie wissen jetzt den Weg hierher und daß er nicht saurer zu gehen ist als früher. Das heißt, so verbauert bin ich doch noch nicht, daß ich Ihnen nicht erst pflichtschuldig meinen Gegenbesuch mache. Nächster Tage, wenn Ihr Sohn zu uns kommt, kann er mir vielleicht Nachricht mitbringen, wann ich Sie zu Haus treffe. Wir sind ja als Kirchenpatrone so was wie geistliche Gevattern; freilich, Sie machen keinen Gebrauch davon, natürlich, jeder nach seinem Gusto! De gustibus non est disputandum ! So viel, Latein kann ich auch noch, und wo's fehlt, müssen Sie christlich mit mir vorlieb nehmen. Also guten Heimweg – Wiedersehen, mein lieber Förster!« Mit der Hand schwenkend, sah Fritz Brookwald den Fortschreitenden noch ein paar Augenblicke nach, dann kehrte er in das Zimmer, aus dem er gekommen, zurück. Unna war davongegangen, seine Frau befand sich allein darin. Er leerte einen noch in seinem Glas verbliebenen Weinrest aus und sagte danach: »Ich bin ganz deiner Meinung, der Gedanke war mir noch nicht gekommen, aber er ist gut, euch steckt eben der Kuppelpelz von Haus im Kopf. Hypotheken sind nicht auf Ekenwart, und bei besserer Wirtschaft kann's das Doppelte einbringen. Zeit, daran zu denken, ist's ja auch; du warst klüger als ich und hast's vermutlich schon vorgehabt, als du den Jungen manchmal kajoliertest; angemerkt hab' ich's dir heut' zuerst, aber, item, ich bin's zufrieden, und du wirst schon richtig weiter machen, daß die beiden auch nichts davon merken, der Junge und der Alte. Ich glaube wahrhaftig, du sitzt ihm noch im Kopf und er kam, um wieder mit dir zusammen zu sein. Das ist Eisen, was sich leicht schmieden läßt und vorteilhafter nicht zu wünschen. Tu' nur nicht spröd', wenn er einmal die alte Liebhaberei aufs Tapet bringt, dann könnt'st du's verderben. Daß er ein verrückter Kauz ist, hat er genug bewiesen – ich meine nicht, weil er noch ein Auge auf dich hat, wenn's auch komisch ist – aber er muß vorsichtig angefaßt werden, auf das Wie wirst du dich selbst verstehen. Eurer Eitelkeit oder Weiblichkeit, wie ihr's nennen wollt, ist's am Ende doch nicht zuwider, wenn ein verschmähter Liebhaber nach zwanzig Jahren noch im Netz zappelt, und so kann's einmal heißen: ›den Schwiegersohn mein' ich, den Schwiegervater streichl ich‹. Unna ist noch ein einfältiges Ding; sag' ihr, wenn der junge Alfsleben kommt, so soll sie sich nicht zieren und ihn ›Sie‹ anreden, sondern mit Vornamen und ›Du‹, wie sie's früher getan. Das bringt leichter zusammen; du hast's vernünftigerweise mit dem Alten ja auch beibehalten und kannst das als Grund angeben. Ich habe in meiner Stube etwas nachzusehen.« Brookwald verließ das Zimmer; er hatte gezeigt, daß er gut zu beobachten verstehe, einen verschwiegenen Wunsch und eine Absicht seiner Frau erkannt habe. Nur täuschte seine Scharfsichtigkeit sich in dem Verhältnis zwischen ihr und Dietrich Alfsleben, maß diesem zu, was sich in ihrem Innern barg. Er hatte nie in einem Gemütszusammenhang mit ihr gestanden, um sie bei ihrem Vater geworben, weil sie die Erbin von Helgerslund geworden, und wußte nichts von dem geheimen Leben ihres Herzens. Doch wenn er hineinzublicken vermocht hätte, wäre die Entdeckung ihm jedenfalls durchaus gleichgültig gewesen, er würde darüber nur gelacht haben. Sie gingen nebeneinander hin, gewohnheitsmäßig auch Gertrud so neben ihm, aber sie kannte ihn im Innern gleichfalls nicht, nur daß sein Gesicht und Wesen im Verkehr mit anderen eine Maske von Treuherzigkeit und derber Biederkeit trug, unter der sich rechnende Vorteilssucht verbarg. Seiner Frau gegenüber hielt er jenen Anschein nicht aufrecht, zeigte sich, wenigstens in dieser Richtung, unverhohlen; wie sie über ihn denken mochte, galt ihm auch gleich, er trachtete weder nach ihrer Liebe, noch nach ihrer Achtung. In noch einer Hinsicht aber kannte sie ihn ebenfalls als von durchaus kaltem, leidenschaftlicher Wallung unfähigem Blute, und wenn sie bei dem Gespräch Christian Hollesens mit seiner Frau zugegen gewesen wäre, würde sie unbedingt erklärt haben, die Annähme desselben, daß Zea einem früheren Liebesverhältnis Brookwalds entstamme, beruhe auf einer Täuschung. Sie hätte wahrscheinlich überhaupt nicht recht zu begreifen vermocht, warum und wie der sonst alles mit ruhig-verständigem Blick bemessende Pastor lediglich durch eine allgemeine Ähnlichkeit seiner Pflegetochter mit Unna zu solcher sonderbaren, phantastischen Vermutung gelangt sei. So hatte Gertrud den Äußerungen ihres Mannes schweigend zugehört, wohl von seiner Erkenntnis ihres geheimen Wünschens und Trachtens überrascht, doch sonst ohne Befremden, da sie im voraus gewußt, daß bei ihm nur ein rechnender Beweggrund für das Erstrebenswerte einer Verbindung zwischen seiner Tochter und Meinolf Alfsleben ausschlaggebend sein könne. Wie verschieden davon der ihrige war, fühlte sie sich durch die unerwartete Kundgabe seines Einverständnisses erleichtert und freudig erregt; ihr Leben gewann noch einmal einen Zweck und Inhalt, der ihr die Empfindung mit der Schönheit eines Traumes anrührte. Nur hatten die letzten, fast unbemäntelt zynischen Andeutungen und Ratschläge ihres Mannes ihr ein Rot in die Schläfen getrieben, und sie blieb nach seinem Weggang noch sitzen, mit den Händen sich das Blut aus dem Gesicht zurückdrückend. Es gab ihr eine jugendlich blühende Färbung; sie mußte nicht nur überaus anmutig und lieblich gewesen sein, sondern war es so noch, und es legte ein sprechendes Zeugnis der Unempfänglichkeit Dietrich Alfslebens für weiblichen Schönheitsreiz ab, daß er von dem der Schwester seines unzertrennlichen Jugendfreundes nicht erfaßt worden, ihre Liebe zu ihm nicht erwidert hatte. Fritz Brookwald war in seine Stube gegangen, deren Türschlüssel er eintretend rasch umdrehte. Seine Augen ließen erkennen, daß die Gedanken hinter ihnen sich gespannt auf etwas gerichtet hatten; er öffnete ein verschlossenes Schrankfach, dem er einen ziemlich umfänglichen Quartband entnahm. Das Buch besaß eine Geschichte, die im Zusammenhang mit dem nachschleppenden Bein Aronsohns stand, der eines Tags, vor mehr als zehn Jahren, gekommen, um Brookwald eine alte, mit Bildern durchschossene Hausbibel zum Kauf anzutragen. Er hatte gesagt: »Warum soll ich nicht handeln damit, was ist durch Zufall geraten in meine Hand, und es bringen dem Herrn Baron, der ist ein fromm-gläubiger Herr und zu sehen jeden Sonntag in der Christenkirche; wird ihm das heilige Buch nicht geworden sein weniger achtungswert, weil ich es habe aufgefunden, und was ich nicht kann gebrauchen für mich, gebe ich fort um billigen Preis.« Das war in der Tat der Fall gewesen, so daß der Hausherr die Bibel dafür genommen, doch um einige Wochen später einen Diener zur Stadt geschickt, um Nathan nach Helgerslund herauszubestellen, und als dieser in Erwartung eines Geschäfts eingetroffen, ihn empfangen: »Du hast mich betrogen, in der Bibel lag ein beschriebenes Blatt, das zu ihr gehörte, aber nur eins; ein anderes noch muß dabei gewesen sein, wo hast du's?« Davon hatte der Befragte nichts gewußt und geantwortet: »Hab' ich doch nicht gelesen in dem Buch, Herr Baron, für das sind meine Augen zu schlecht, und nicht umgeschlagen die vielen Blätter, daß ich könnt' wissen, was drin ist gewesen hochheiliges gedruckt oder geschrieben.« Weiteren Aufschluß hatte Brookwald nicht erlangen können und war darüber in so besinnungslosen Grimm geraten, daß er dem zur Tür hinausflüchtenden Juden wie einem Hunde den dicken Eichenknüppel nachgeworfen, von dem Nathan Aronsohn der linke Unterschenkel zerschlagen worden. Seit dem Tag hatte er oft bei verriegelter Tür die alte Bibel aus dem Fach geholt, nicht um in ihr, sondern um das wieder zu lesen, was auf dem zwischen den Blättern von ihm zufällig aufgefundenen Blatte stand, und von irgendeinem Anlaß dazu bewogen, las er es heut' abermals: »Wenn ich morgen nicht komme, so wird dies statt meiner zu dir gelangen. Ich schreibe nach Mitternacht, die Zeit ist kurz. Und auch nur kurz darum kann ich dir sagen, was du nicht weißt. Daß ich's muß, wirst du nachher verstehen, erst den Anfang. »Wir, D. und ich, hatten uns ein weites Ziel vorgenommen und ritten ohne Anhalt eine Mondnacht im letzten Mai durch, weit ostwärts. Als der Morgen kam, sahen wir plötzlich aus einem Wald hohen Rauch aufsteigen, hielten darauf zu und fanden ein einsam belegenes Haus, aus dessen Dach Flammen schlugen. Ein sonderbarer, halb wie gespenstischer Anblick war's in der ersten Frühlingssonne; ganz ohne Leben lag's, niemand schien drin zu wohnen. Aber dann scholl ein Hilferuf und zwei Frauen wurden an einem oberen Fenster sichtbar. Wir begriffen nicht, warum sie sich nicht durch die Haustür retteten, und riefen's ihnen zu, doch sie machten Zeichen, die wir erst verstanden, als wir ihnen durch die Tür zu Hilfe kommen wollten, denn sie war verschlossen und ebenso alle Läden unten an den Fenstern. Zeit aber gab's nicht mehr zu verlieren; die beiden oben, eine ältere und eine junge, drohten vor Rauch, der hinter ihnen quoll, zu ersticken, und die erstere sprang in der Atemnot herunter. Sehr hoch war's nicht, doch sie fiel unglücklich; ich wollte sie auffangen, kam aber zu spät, konnte sie nur noch rasch wegtragen, damit sie nicht von niederstürzendem Balkenwerk getroffen würde. Wie D, währenddessen die andere rettete, sah ich nicht, blitzschnell jedenfalls. Du weißt, wie gewandt er ist; er sagte mir nachher, daß er eine Möglichkeit entdeckt, bis nah unter das Fenster hinaufzuklettern; auf sein Geheiß hatte sie sich gleiten lassen, er sie glücklich gefaßt, und ich nahm sie erst gewahr, wie er sie auf den Armen neben ihre Mutter hintrug. Frau und Tochter eines Försters waren es, der hier in der Waldeinsamkeit wohnte. Von ihm bekamen wir nichts zu sehen, erfuhren überhaupt nichts, als daß er Dirk Nordwalt hieß.« Fritz Brookwald hielt kurz an und ließ die Augen durchs Fenster hinausgehen, dann las er weiter: »Ich habe nicht Zeit, mehr als das Nötigste zu schreiben. Die Mutter hatte sich bei dem Sturz wahrscheinlich innerlich verletzt, kam kaum mehr zum Bewußtsein und starb noch am selben Tage, eh' ein Arzt geholt werden konnte, in dem nächsten Heidehof, den wir auffanden. Eduv, die Tochter, nahmen wir mit und brachten sie, halbwegs bis zu uns her, in einem vereinzelten Gehöft unter. Sie war von allem wie betäubt, wußte über nichts Aufschluß zu geben, weder wo ihr Vater sei, noch wie das Feuer entstanden, das sie im Schlaf überrascht hatte. Noch von weitem sahen wir, daß der Wald mit in Brand geraten war. Ich habe, als ich an dem Abend heimkam, nichts davon erzählt, dir und den Eltern nicht. Ein unbestimmtes Gefühl hielt mich ab und ebenso D. bei sich zu Haus. Bald, nach wenig Tagen schon, blieb mir kein Zweifel über den Grund meines Geheimhaltens; ich wußte, daß unser Vater sich nicht bewegen lassen würde, mir seine Einwilligung zur Heirat mit der Tochter eines Försters zu geben. Und so verschwieg ich auch dir, zum erstenmal in meinem Leben, etwas, um dich nicht zu erschrecken und zu ängstigen. Denn ich fühlte, es könne nicht anders geschehen, so sei Liebe. Meine erste war's und ist's und meine einzige wird es sein. Mir schneidet ins Herz, was ich schreiben muß. D. und ich litten in den ersten Tagen zusammen nach dem Gehöft, um nach Eduv zu sehen; wir betrachteten sie wie vom Himmel unter unseren Schutz gegeben. Dann – ich brauche nicht mehr zu sagen, warum – begab ich mich allein zu ihr; was ich vorschützen wollte, fiel unnötig, D. schien keine weitere Obhut über sie erforderlich zu halten, nicht mehr an sie zu denken; er unterließ es, mich wie vorher abzuholen. Wohl zwei Wochen dauerte es, in denen ich ihn kaum flüchtig sah, er sagte, eine Erbschaftssache seiner verstorbenen Frau nähme ihn sehr in Anspruch. So befand ich mich täglich des Morgens mehrere Stunden lang allein mit Eduv; sie war schüchtern, sprach wenig, doch in ihre wunderbaren Augen kam nach und nach Helleres, ein Glanz, wenn ich hereintrat. Einmal ward ich verhindert, daß ich sie erst am Nachmittag, gegen Abend aufsuchen konnte. Wir saßen in dem kleinen Garten unter einem blühenden Busch, es fing an zu dämmern, und beim Sprechen faßte ich zum erstenmal ihre Hand, die sie mir stumm ließ. Da tönte ein hastiger Fußtritt heran, und plötzlich stand D. vor uns. Auch er war, ohne daß ich es ahnte, täglich um diese Zeit wiedergekehrt, und Eduv hatte keinem von dem Kommen des anderen gesprochen. Sie wußte nichts von Liebe in sich, doch da er und ich nicht mehr miteinander kamen, hatte ein dunkles Empfinden ihr mit einer Ungewissen Scheu den Mund geschlossen. Weiter, weiter. Vor mir steht D., als ob er vom Blitz getroffen und gelähmt sei, wie er mich Hand in Hand mit ihr sitzen sieht. Dann brach jählings ein Sturm aus ihm hervor, wie ich ihn in keines Menschen Brust, am wenigsten aber in seiner für möglich gehalten. Er war sinnberaubt, Tränen entstürzten ihm, fordernd, stehend, jammernd rief er Eduv an, er habe ihr Leben gerettet, sie gehöre ihm. Alles an ihm sprach, er könne es nicht anders glauben, sie müsse ihm in die Arme fliegen, auf denen er sie aus dem brennenden Haus getragen. Lautlos, zitternd stand sie und ich halb wie betäubt, erschüttert von einem inneren Durchriß, von der nie geahnten, übergewaltigen Leidenschaft des Freundes, den ich gleichgültig für allen weiblichen Zauber geglaubt. Endlich, mit Mühe fand ich Worte: ›Sie soll wählen zwischen uns.‹ Da fuhr ein Zucken durch Eduvs Glieder, sie verstand, was in ihrem Herzen zu schlagen angefangen, schluchzte auf und warf ohne Worte ihre Arme um meinen Hals. Ich begriff's nachher, begreife es in diesem Augenblick mehr denn je, daß er mußte, nicht anders konnte. Sähest du sie, wie sie schlafend wenige Schritte von mir entfernt liegt – im halben Licht der Lampe, die ich verschattet – du hieltest sie nicht für die Tochter eines Försters, sondern für ein Königskind aus einem alten Märchen, zu dem die Sonnenstrahlen und das Himmelsblau, weiße Sommerwolken und die blühende Heide gekommen – jede ihr einen –« Mit dem letzten Wort endete das auf zwei Seiten eng beschriebene Quartblatt, offenbar fehlte ein zweites, das die Fortsetzung enthalten. Die Handschrift trug ein ihr eigenartiges Gepräge, das sie sofort von anderen unterscheiden ließ, doch sprach von fliegender Hast der Feder. Und mit solcher auch mochte der Schreiber das vollgefüllte Blatt rasch in die neben ihm liegende alte Bibel hineingelegt haben, denn die letzte Zeile, deren Tinte noch nicht trocken gewesen, war halb verwischt. Oftmals seit zehn Jahren hatte Fritz Brookwald das ihm durch Zufall in die Hand geratene Schriftbruchstück gelesen, den Jähzorn, mit dem er damals Nathan Aronsohn mißhandelt, bereut und, soweit es möglich war, gutzumachen gesucht. Gegen seine Gewohnheit zeigte er sich bald nachher ungemein freigebig, dem Juden ein Pflaster auf die Wunde zu legen, bestellte ihn, als das Bein geheilt worden, durch ein eigenhändiges Schreiben wieder nach Helgerslund heraus, unter Zusicherung, daß ihm keinerlei Schaden, nur Vorteil draus erwachsen solle. Wie Nathan dann angehinkt kam, sah Brookwald ihm schon erwartungsvoll am Parkrand entgegen, fragte eilig, wo der Trödler bei seinem Herumziehen die alte Bibel gekauft habe, nötigte ihn, trotz seinem noch mühseligen Schleppen in geschwindem Schritt mit nach dem meilenweit entlegenen Gehöft zu gehen, aus dem das Buch herstammte. Doch alle Erkundigungen dort blieben fruchtlos; die früheren Insitzer des ärmlichen Hofes waren vor Jahren gestorben und die neuen, auf niedrigster Geistesstufe stehend, wußten nichts, als daß das alte Buch im Haus gewesen und sie es gern für einen Taler weggegeben hatten, weil sie doch nicht drin lesen konnten. Dunkel erinnerten sie sich an ein Hörensagen, oben in der Dachstube, wo die Bibel im Staube auf dem Schranke gelegen, habe einmal eine Zeitlang eine fremde junge Frauensperson gewohnt, die, so wie sie gekommen, eines Tages auch wieder weggelaufen wäre, keiner habe etwas mehr von ihr gesehen und gehört. Weiter vermochte alles Nachfragen und eifrigstes Suchen des Gutsherrn in der Stube nichts herauszubringen; Nathan aber gereichte damals der schmerzhafte Weg keineswegs zu dem verheißenen und erhofften Vorteil. Denn wenn auch Fritz Brookwald ihm nicht aufs neue tätlichen Leibesschaden zufügte, jagte er ihn doch, wieder in Wut versetzt, abermals mit Schimpfworten wie einen räudigen Hund davon und der Jude hütete sich seitdem, in die Nähe von Helgerslund zu geraten. Nun hatte heut' etwas Brookwald veranlaßt, das beschriebene Blatt aus dem sorgfältig verschlossen gehaltenen Fach zu nehmen und es wieder einmal bis zu dem mitten im Satz abgebrochenen Schluß zu überlesen. Danach wiederholte er, was er im Gang der Zeit wohl schon einhalb dutzendmal getan. Alle Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß der Schreiber das fehlende Stück der Handschrift gleichfalls in das Buch hineingelegt habe, in der Hast, mit der er geschrieben, vielleicht an eine andere Stelle, und der heutige Inhaber der alten Bibel schlug vom Anfang bis zum Ende achtsam Blatt um Blatt um, ob das Gesuchte sich etwa doch noch irgendwo dazwischen verborgen gehalten habe. Aber das Ergebnis blieb wie früher, nichts fand sich, und Fritz Brookwald drückte knirschend die Zähne aufeinander. Ihm mußte außerordentlich viel an dem verlorengegangenen Blatt gelegen sein, doch er konnte es sich nicht herbeischaffen, nur Gedanken darüber im Kopf umwälzen, was es noch enthalten haben möge. Diesem Tun hatte er oftmals nachgehangen, war zu einer Vermutung gelangt, die ihm zur Überzeugung geworden. Nur gebrach's ihm an der Möglichkeit, sich eines aufzuhellen, das für ihn überhaupt dem Schriftstück seine Bedeutung gab, das allein Wichtige daran war. Nach dieser Richtung gewann er aus ihr heute so wenig Aufschluß wie früher; jeder Anhalt, jede Andeutung nur fehlte. Trotzdem drückte seine Miene gegenwärtig anderes, als nach dem sonstigen Überlesen des Blattes aus, er verschloß es zurück, stand auf und trat ans Fenster. Sein Blick richtete sich nach dem Weg hinunter, auf dem Dietrich Alfsleben und der Förster davongegangen waren, und er schien von einem heftigen Antrieb gefaßt, ihnen nachzufolgen. Doch mit besonnener Überlegung stand er von der Ausführung dieses Vorhabens für heute ab, bezwang sich, warf den schon ergriffenen Hut wieder hin und ging pfeifend in seiner Stube auf und ab. Das vornehme Helgerslunder Schloß und das ärmliche Schulhaus von Loagger standen in keinerlei Beziehung zueinander, doch gab sich im letzteren heut' ähnlicher Beschäftigung, wie Herr von Brookwald, auch der junge Lehrer Tilmar Hellbeck hin. Freilich nicht gleichzeitig, sondern erst am Abend; wie er es gleichfalls schon häufig getan, holte er in seiner Kammer die Handschrift Jasper Simmerlunds vom Wandbord, um vor dem Schlafengehen noch wieder die Mitteilungen über das kleine, hilflose Kind zu lesen, das nun zu so wunderbarer Schönheit aufgewachsen war und seine Lebensgenossin hier unter dem vermoosten Dach werden sollte. Oft Wohl waren seine Augen über die Berichte hingegangen, doch noch nie mit so stillem, traumhaft-seligem Glanz. Jedes Wort wie unheimlich ihn anblickendes Glück in sich aufnehmend, las er vom Anfang bis zum Schluß, seine Finger zitterten leicht, wie er das letzte Blatt mit ihnen hielt. Ihm kam bei diesem Gefaßthalten desselben wieder die Empfindung, daß es sich dicker anfühle, als die übrigen, doch deutlicher wie sonst. Die Verschiedenartigst des Papiers in dem Buch war merkwürdig, nicht recht begreiflich, sein Finger spielte am Rand des dicken Blattes, das sich dabei plötzlich an einer Stelle spaltete, und er entdeckte zum erstenmal, daß sich zwei Blätter fest wie zu einem aneinander geheftet hatten. Nun löste er sie und sie trennten sich mit einem leisen Knistern, als ob zwischen die Ränder eine klebrige Flüssigkeit hineingeraten sei, die sie zusammengeleimt habe, und zwar erst nach ihrer Benutzung, denn die beiden Seiten zeigten sich beschrieben. Was auf ihnen stand, gehörte nicht zum weiter Folgenden, sondern noch als ein Nachtrag zum Vorangegangenen, enthielt die Aufzeichnung: »Es ist die angenommene Tochter des Pastors Hollesen, bald nachdem sie fast der Vergiftung durch Arsenik unterlegen wäre, in ihrem neunten Jahre nochmals einer großen und rätselhaften Lebensgefahr ausgesetzt gewesen. lediglich durch einen glücklichen Zufall ist an einem Sonntag abend die Frau Pastorin noch mit in die Schlafkammer des Mädchens gegangen und hat etwas an dem Bett in Ordnung zu bringen gefunden, wobei ihre Hand, auf etwas Glattes und sich kaltschlüpfrig Anfühlendes gestoßen ist, so daß sie selbige hurtig zurückgezogen. Da auf ihren Ruf der Herr Pastor gekommen, hat sich herausgestellt, daß in dem Bettlinnen eine große Kreuzotter, von denen der schwarzen Hautfarbe, die das Volk ›Höllennatter‹ nennt, verwickelt gelegen, die zischend den Kopf aufgerichtet, jedoch alsbald durch einen wohlgezielten Streich zu Tode unschädlich gemacht worden. Es ist zwar die Stube Anna Hollesens ebenerdig nach dem Garten zu belegen und ein Lattengeländer zum Anhalt für Birnenbäumchen unter dem Fenster durchgezogen, so daß eine Schlange sich wohl daran heraufwinden könne. Aber es hat seit Menschengedenkzeit keiner eine solche jemals im Dorfe angetroffen, noch überhaupt die schwarze Art auch auf unserer Heide gesehen, geschweige denn, daß eine Otter in ein Haus eingedrungen wäre, wie es allerdings in den heißen Ländern von Giftschlangen mannigfach zu schrecklichster Lebensgefährdung der Einwohner geschehen soll, da eine Regung im Schlaf ihnen alsdann leichtlich, bevor sie noch recht erwachen, den Tod bringt. Also hätte es auch dem Kinde geschehen mögen, daß man es am Morgen entseelt im Bette aufgefunden. Es ist Pastor Hollesen danach, wie es denn Wohl zu begreifen, von einer Besorgnis vor der Wiederkehr solcher Lebensgefahr seiner Tochter befallen worden, daß er sie abgehalten, allein weiter auf die Heide hinauszugehen, wie sie's gern getan, weil er vermutlich dafür hält, es könne grade dort in heimlicher Stille derartiges Unheil wieder auf sie lauern und ihr unvorgesehen zustoßen. Und scheint es auch ratsam, ein Kind, das zweimal so bösem Zufall ausgesetzt gewesen, sorglicher zu behüten, da Wohl in den beiden Fällen über ihm ein besonderer Schutzengel gewacht, doch es darum dem Menschen nach der ihm vom Schöpfer gegebenen Vorschrift und Einsicht nicht zusteht, sich zum Dritten unachtsam auf die gleiche Beihilfe zu verlassen. Wenn wir auch solche immer in die Hand der Vorsehung befehlen müssen, da unsrer Augen Sehkraft nicht ausreicht, was sich im Dunkel verbirgt, zu gewahren.« Ein Schreck hatte Tilmar Hellbeck beim Lesen der ihm bisher unbekannt gebliebenen Mitteilung, daß nochmals eine derartige Bedrohung über dem Leben Zeas geschwebt, durchfahren, und er verstand jetzt erst die ihm nie recht erklärlich gewesene Furcht des Pastors vor den Ottern auf der Heide. Zugleich indes erkannte er bei einer näheren Besichtigung, daß die beiden Blätter nicht zufällig, sondern zweifellos durch einen an ihren Rändern aufgetragenen Klebestoff zusammengehalten worden seien, Jasper Simmerlund mußte aus irgendeinem Grunde für besser geachtet haben, einem Leser seiner Aufzeichnungen diesen letzten Bericht zu entziehen, und als ein zweites ging aus der nachfolgenden Fortsetzung des Buches hervor, daß der Schreiber ursprünglich die beiden Seiten freigelassen, wie wenn er ein Vorgefühl in sich getragen, ihrer noch zu einer Nachfügung zu bedürfen. Ein doppeltes und gleicherweise nicht verständliches Verfahren Simmerlunds sprach daraus, über das der junge Lehrer einige Augenblicke, doch umsonst, nachdachte. Gestalt und Antlitz derjenigen, von deren Kindheit die Blätter redeten, drängten sich seiner Einbildungskraft dazwischen, standen wie lebend vor ihm. Seine zukünftige Frau war's; seltener als sonst und nur für kurze Dauer hatte er sie im Gang der letzten Woche gesehen; sie kam dem von ihm für ratsam befundenen Verhalten nach, begrüßte ihn nur flüchtig dann und wann, doch ohne ihn aufzufordern, sie zu begleiten. Aber er bedurfte ihrer wirklichen Nähe auch nicht, sie war ihm immer und überall gegenwärtig, wie vor den Augen, so horte er ihre Stimme. Gleich hastig ins Sonnenlicht emporstrebenden Frühlingsblüten rankten sich wunderholde Bilder der Zukunft um ihn her; dann losch einmal plötzlich die Sonne aus, daß er erschreckt auffuhr und sah, der Docht seiner niedergebrannten Talgkerze sei umgefallen. Doch ließ ein letztes Glimmern ihm noch die aufgeschlagenen Seiten der Niederschrift seines Vorgängers entgegenschimmern; ein unwillkürlicher Schauder überlief ihn, das Buch weglegend, begab er sich rasch zu Bett, Aber ein Traum kam über ihn, in dem er auf der Heide stand und eine schwarze Otter sich gegen Zea heraufschnellen sah. Er wollte ihr zu Hilfe eilen, doch war er zu weit entfernt, konnte es nicht mehr und wachte, wie aus der Luft niederfallend, halb auf. Und nicht angstvoll, denn er horte sie fröhlich lachen; eine Hilfe war ihr noch rechtzeitig gekommen, woher und wie wußte er nicht, aber er atmete befreit, sie war gerettet, und eine Stimme, welche die Jasper Simmerlunds sein mußte, sagte: »Es hat wider Verhoffen somit auch zum Dritten ihr Schutzengel doch noch wiederum über ihr die Wache gehalten.«