Ueble Laune. Ein Schauspiel in vier Akten. Von August von Kotzebue.     Leipzig bei Paul Gotthelf Kummer 1799.     Personen.         Brüder, beide außer Dienst:     Geheimderath Herrmann von Edelschild .     Hauptmann Tobias von Edelschild . Fräulein Ulrike von Edelschild , ihre Schwester. Therese , des Geheimderaths Tochter. Walther , dessen Kammerdiener. Der Obriste von Hammer . Patzig , sein Kammerdiener. Der Lieutnant Wayse . Fabian , sein Reitknecht. Hanns Bornmann , ein hundertjähriger Greis. Bediente. (Die Scene ist auf einem Gute des Geheimderaths. Zu Anfang des dritten Aktes in einem Dorfe, unweit davon.)     Erster Akt. (Ein Saal mit angrenzenden Zimmern.) Erste Scene. (Es ist Morgen. Ein Bedienter deckt den Theetisch. Ein anderer wischt den Staub von den Möbeln. Fräulein Ulrike tritt herein, sehr knapp und sauber gekleidet. ) Ulr. Guten Tag Kinder. Es schläft wohl noch Alles? Bed. Das gnädige Fräulein ist im Garten. Ulr. Ja, die ist immer die Erste. Gerade wie ihre selige Mutter. War eine brave Frau! wenn der Hahn zum drittenmahl krähte, husch aus dem Bette. – Hier, Franz, hier liegt noch viel Staub. – Damals galt das Sprüchwort: Morgenstunde hat Gold im Munde. Ist nur noch für Tagelöhner. Das liebe Gold hat sich längst in Kupfer verwandelt. – Franz, den Spiegelrahmen. Du wischest so obenhin. Man muß nichts in der Welt obenhin thun, denn daher kommt es eben, daß man so vieles zweymal thun muß. Bed. Die verdammten Fliegen – Ulr. Du hast Recht, mein Sohn. Ich hasse kein Gottesgeschöpf, aber die Fliegen – es ist unreinliches Vieh. Keinen Löffel Suppe kann man in Ruhe essen. Jeden Kronleuchter muß man in Flor hüllen. Sie respektiren nicht einmal das Portrait meines seligen Herrn Großvaters. Nein, da lobe ich mir den Winter. Bed. Man könnte Gift auf die Fenster stellen. Ulr. Nicht doch. Man muß nichts auf der Welt vergiften, nicht einmal eine Fliege. Gott wird wohl wissen, wozu er die Fliegen geschaffen hat, ob ich gleich in Demuth bekenne, daß ist es nicht begreife – (zu dem andern Bedienten) Sieh nur Peter, da zwischen dem Henkel ist die Tasse nicht rein gewaschen. Bed. Die Jungfer – Ulr. Ey was Jungfer! das ist deine Sache. Merke dirs mein Sohn, du bist noch ein Neuling: durch Reinlichkeit empfiehlt man sich hier im Hause. Reine Hände, pflege ich immer zu sagen, reine Herzen; ein blanker Körper, eine blanke Seele. Wer sich und sein Kämmerlein reinlich hält, der ist selten ein Bösewicht. Bed. Aber die Jungfer ist überhaupt – Ulr. Nun was denn? sie ist eine Jungfer, eine brave Jungfer, ein gutes Gemüth, und Alles an ihr schneeweiß gewaschen. Ich kann das nicht leiden, mein Sohn, wenn Dienstboten sich verklagen, Verträglichkeit macht beliebt bey Hohen und Niedern. Zwischenträgerey ist eine große Schmeißfliege, brummt vor allen Fenstern, besudelt Alles. Der Bediente (will antworten) Ulr. (mit Strenge) Geh er, und mach' er die Tasse rein. (die Bedienten entfernen sich.)   Zweyte Scene. Ulrike allein. (sie schenkt sich Kaffee ein. Der Löffel fällt von ungefähr auf die Tasse, und besprüht sie ein wenig.) Hm! hm! sieh da, ein Kaffeefleck auf meinem weißen Rocke. (sie taucht den Zipfel ihres Schnupftuches in ein Glas Wasser, und wäscht den Flecken aus) Auch der reinlichste Mensch bleibt nicht immer frey von Flecken; auch der beste hat seine Fehler; bis wir einmal dort oben in die große Wäsche kommen; wohl dem, der dann nur Kaffeeflecken auszuwaschen hat. – Drum sey geduldig Ulrike; murre nicht wenn Herrmann brummt. Seine Launen sind ja auch keine Dintenflecke.   Dritte Scene. Tobias und Ulrike . Tob. (trägt einen Rosenstock ohne Blätter.) Guten Morgen, Schwester. Ulr. Guten Morgen, Bruder Tobias. Tob. (sehr fröhlich) Sieh nur, sieh nur. Ulr. Was denn? (gutmüthig scherzend) Ich glaube gar du willst eine Satyre auf mich machen? Tob. Satyre? ich? Ulr. Ich bin freylich auch nur ein verdorrter Rosenstock. Tob. Verdorrt? den Henker auch! siehst. du nicht die grünen Knospen, die da hervorkeimen? – (mit froher Geschwätzigkeit) Ich gab ihn schon verlohren. Seit 14 Tagen begossen, in die Sonne gestellt, in den Regen getragen, Alles vergebens! und nun kommt er doch. Ich freue mich wie ein Kind. Ulr. (lächelnd) Ja wohl wie ein Kind. Tob. Siehst du Schwester, man muß nie verzweifeln, weder an Menschen noch an Rosenstöcken. Der Winter entblättert Diese, das Unglück beugt Jene; aber pflegt sie nur mit Liebe, so schießen die Knospen wieder nach. Ulr. Du hast doch immer fertige Applicationen von unvernünftigen Pflanzen auf Gottes Ebenbild. Tob. Glaube mir Schwester, wir sind auch Pflanzen, nur daß wir herum wandeln. Und vielleicht wäre es besser – Ulr. (lachend) Wenn wir am Boden fest gewachsen wären? Tob. Allerdings. Zufrieden mit seinem Platze, es treffe ihn die Sonne am Morgen oder am Abend, wäre dann ein Jeder so froh als ich. Ulr. Gott hat dir die Gabe verliehn, aus jedem Blümlein einen Honigtropfen zu saugen. Tob. Hat er das? (er sezt den Rosenstock nieder, und faltet die Hände) Nun, lieber Gott! dann hast du mich vor Tausenden hoch beglückt! Ulr. Und deine Gicht? Tob. Ey was! wenn kein Schmerz auf der Welt wäre, so gäbe es auch kein Vergnügen. Ulr. Du verkältest dich in Wind und Wetter. Deine Gartenliebhaberey – Tob. Die laß mir zufrieden. Ich bin der glücklichste Monarch. Der Gärtner ist mein Premierminister. Die Unterthanen gedeihen. Sie kennen mich nur durch Wohlthaten, und belohnen mich durch Früchte. Ulr. Wenn die liebe Gärtnerey nur nicht so schmutzig wäre. Tob. Schmutzig? wieso? Ulr. Du kömmst zuweilen mit Händen zur Tafel – Tob. An denen hin und wieder ein bisgen Erde klebt? was thut das? der Mensch ist ja selbst nur ein Erdenklos. Ulr. Ach Bruder! das ist ein fataler Gedanke! da gebe ich mir nun alle Mühe, jedes Stäubgen wegzuwischen, und am Ende wird doch meine ganze Person zu Staub. Tob. Schwester, ich rede nicht gern vom Tode. Er ist der privilegirte Freudenstörer, der Büttel der ganzen Natur. Sie mögen ihn immerhin Freund Hayn nennen, oder als Engelein mit der umgekehrten Fackel mahlen; wäre ich ein Mahler, ich würde ihn als Flußgott abbilden, mit einer Urne, aus welcher Thränen stürzen. Ulr. Perlen in den Kranz des Gerechten. Tob. Freund Hayn! das ist so eine kaufmännische Redensart, weil der Tod mit jedermann Geschäfte treibt. Aber frohe Menschen sind seine hartnäckigsten Feinde; frohe Menschen muß er lange bitten, ehe sie mit ihm nach Erfurt zum Todtentanze wallfahrten. Ulr. Mögte doch Bruder Herrmann die schöne Kunst, stets froh zu seyn, von dir lernen. Tob. So etwas lernt sich nicht. Ulr. Seine Launen sind zuweilen unerträglich. Tob. Es sind die Launen eines Bruders. Ulr. Wohl wahr, aber oft ohne alle Ursach – Tob. Desto besser, so nagt uns kein Vorwurf. Ulr. Oft um Kleinigkeiten – Tob. Dann find' ich es lustig. Ulr. Zuweilen mit so vieler Bitterkeit – Tob. Das verdirbt ihm seinen eignen Magen. Ulr. Wenn man nicht wüßte, daß er im Grunde es herzlich gut meynt – Tob. Eben weil man das weiß, warum soll man sich ärgern? Ihn verzehrt das Gift, uns juckt es nur auf der Haut. Ulr. Es brennt doch auch zuweilen recht empfindlich. Tob. Giebt es doch so viele arme Menschen, die fremden Uebermuth erdulden müssen. Laß uns Gott danken, daß wir nur die Launen eines Bruders zu ertragen haben.   Vierte Scene. Walther . Die Vorigen . Walther (kommt verdrüßlich aus seines Herrn Zimmer) Das ist zu arg. Ulr. Was hast du Walther? Walth. Eine Tasche voll Scheltworte, mein tägliches Morgenbrod. Ulr. Ist dein Herr aufgestanden? Walth. Ja. Tob. Und brummt wieder? Walth. Brummt. Ulr. Weswegen? Walth. Erst rauchte der Kamin ein wenig, da schalt er über den Schornsteinfeger; und dann über den Baumeister, der das Haus gebaut, und endlich über den Mann, der die Kamine erfunden hat. Tob. Ha! ha! ha! Ulr. Der Rauch sezt sich an die Vorhänge, da hat er nun wohl Recht. Walth. Hernach wurde er wieder ganz aufgeräumt, als er das schöne Wetter sah. Er schwatzte und lachte, bis ich ihm die neuen Schuh anzog, die waren unglücklicher Weise zu eng. Tob. Da wird es über den Schuster hergegangen seyn. Walth. Ich erzählte ihm geschwind von der Stallfütterung und dem spanischen Klee, den er den Bauern geschenkt, daß er so herrlich aufgegangen, und das ganze Dorf eine Freude drüber habe. Ulr. Was gilts, das hat ihn wieder umgestimmt? Walth. Augenblicklich. Er wurde ganz lebendig, und machte neue Plane, den Nahrungsstand seiner Bauern zu verbessern. Weiß der Henker, wie es zugieng, daß ich seine Dose auf das Fenster gestellt hatte – sie muß immer auf dem kleinen Tische neben der Uhr stehn – er suchte sie einige Minuten, nannte mich einen Taugenichts, und jagte mich zur Thür hinaus. Tob. Ein hastig Wort, ein kalter Blitz. Walth. Fast mögte man wünschen, lieber aus dem Hause gejagt zu werden. Tob. Er meynt es nicht böse. Ulr. Gewiß nicht. Walth. Ach bester Herr Kapitain! was kann mir das helfen? oft wäre ein freundliches Wort mir lieber, als das Legat, das er mir in seinem Testamente versprochen. Tob. Das macht dir Ehre. Walth. Vormals war es anders. In der Stadt – bey Hofe – die mancherley Geschäfte – es gab doch immer hier und da einen Unglücklichen, dem sein Vorwort aus der Noth half. Heiter öfnete er die Augen, und heiter schloß er sie wieder. Tob. Da machte er es gerade wie ich. Walth. Es war ein unglücklicher Gedanke, daß er seinen Abschied nahm. »Auf dem Lande« sprach er: »auf meinen Gütern, lieber Walther, da wollen wir das Leben genießen« – Ich freute mich wie die Kinder Israel, als sie aus Egypten zogen. Da sitzen wir nun, haben nichts zu thun, und brummen vor Langerweile. (ab.) Ulr. Ey! ey! alle Nachbarn hat er schon verscheucht. Ich fürchte, der ehrliche Walther werde endlich auch sein Bündel schnüren.   Fünfte Scene. Der Geheimderath . Die Vorigen . Der Geh. R. (kommt verdrüßlich aus seinem Zimmer, sezt sich an den Theetisch, und brummt in den Bart) Guten Morgen. Tob. (sitzt an der andern Seite der Bühne, vor ihm steht der Rosenstock auf der Erde, zu dem er sich herabbückt, und den er, während dieser Scene, von allen Seiten beschaut) Guten Morgen lieber Bruder. Ulr. (geschäftig und freundlich ) Wohl geschlafen? Geh. R. Schwester, du kennst mich. Es giebt zwey Redensarten, die mich immer in üble Laune versetzen: wie befinden Sie sich? und wie haben Sie geschlafen? das sind unausstehliche Lückenbüsser, denn von 100 Menschen fragen 99 den Henker darnach, ob ich gut oder schlecht geschlafen habe. Ulr. So bin ich der Hundertste. Tob. Und wo bleib' ich denn? Ulr. (mit Herzlichkeit) Glaube mir, Herrmann, das Frühstück schmeckt mir nicht, bis ich weiß, mein guter Bruder, dem ich es verdanke, hat sanft geruht. Geh. R. (reicht ihr die Hand) Schenke mir ein, gute, alle Seele. (gutmüthig scherzend) ich will dir auch eine Redensart in den Bart werfen: es schmeckt von deiner Hand mir besser. Ulr. Ich höre das lieber aus meines Bruders Munde, als wenn vor 30 Jahren ein junger Herr es mir vorlog. (sie schenkt ein) Geh. R. (zu Tobias) Was beschaust du da so emsig, Bruder Hofgärtner? Tob. Ich freue mich. Geh. R. Ja das thust du immer. Worüber denn diesmal? Tob. Ueber ein Rosenblatt, das da hervorbricht. Geh. R. Geh in mein Treibhaus, dort kannst du blühende Rosenstöcke zu Dutzenden bekommen. Tob. Habe sie aber nicht selbst gezogen. Es ist eine gar schöne Gottes Einrichtung, daß nur solche Dinge Freude gewähren, um die man Sorg' und Mühe gehabt hat. Geh. R. (verdrüßlich) Mein Gott, der Kaffee ist ja kalt. Ulr. (ängstlich.) Ich will ihn sogleich wärmen lassen. (sie nimmt die Kanne, geht an die Thür und ruft einen Bedienten.) Geh. R. Da sitze ich nun mit nüchternem Magen. Tob. Dann sind die Geisteskräfte am lebhaftesten. Geh. R. Ich will aber keine Geisteskräfte, ich will Kaffee. Tob. Du wirst ihn bekommen. Geh. R. Aufgewärmtes Zeug. Ulr. Ich lasse frischen machen. Geh. R. Das wird eine halbe Stunde dauern. Tob. Es gieng mir neulich auch so, und ich freute mich darüber. Geh. R. (ärgerlich) Schon wieder. Tob. Wem Alles entgegen gebracht wird, der genießt nur halb; wer warten muß, genießt zweifach. Geh. R. Bruder, ich glaube, wenn einmal der Himmel einfällt, so freust du dich auch. Tob. Allerdings. Geh. R. (spöttisch) Weißt du aber auch warum? Tob. O ja; ich habe mir immer einen schnellen Tod gewünscht, und wenn der Himmel einfällt, so drückt er uns Alle platt wie die Pfannkuchen. Geh. R. (wider Willen lächelnd) Du bist ein närrischer Kautz. Man muß über dich lachen, wenn man auch noch so ärgerlich ist. Tob. Siehst du Bruder, da machst du mir eine große Freude. Geh. R. Dacht' ichs doch! ha! ha! ha! Tob. (herzlich einstimmend) Ha! ha! ha! ha! ha! Ulr. Bruder Tobias ist ein guter Mensch, nur Schade, daß er so viel in der Erde wühlt, und in den Hecken herumkriecht. Da sitzt ihm nun schon wieder eine Raupe auf der Achsel. (sie nimmt sie ihm ab, und wirft sie aus dem Fenster) Bald sind es Spinnegewebe, bald Raupennester – Tob. Ich lasse Manches sitzen, um dir die Freude nicht zu verderben, mirs abzunehmen. Ulr. Schaff mir nur Blumen genug zur Hochzeit. Tob. Doch nicht zu deiner eigenen? Ulr. Spötter! (sie wendet sich zu dem Geheimderath) Lieber Bruder, ich habe eine Bitte. Geh. R. Liebe Schwester, du bist so karg mit deinen Bitten, und so bescheiden, daß ich Amen spreche, ehe ich noch weiß wovon die Rede ist. Ulr. Du kennst meine Pflegetochter Lenchen? Geh. R. Ein braves Mädgen. Ulr. Gott sey Dank! das ist sie. Als unser wackerer Prediger starb, da gelobte ich ihm auf seinem Todtbette, für die arme, Vater- und Mutterlose Wayse Sorge zu tragen. Ich habe mein Gelübde erfüllt, ich habe sie christlich und reinlich erzogen. Geh. R. Das hast du, und wer noch Einmal sagt, daß alte Jungfern in der Welt zu nichts nützen, der hat es mit mir zu thun. Ulr. Es ist kein Wirkungskreis so klein, und kein Mensch so gering, er kann Nutzen stiften, wenn er nur will. Tob. Und Freude genießen, wenn er nur will. Ulr. Alles Gute belohnt sich; warum denn weniger, wenn eine alte Jungfer es thut? – Das Schicksal versagte mir das Glück, Mutter zu werden; meine Sorgfalt und mein Herz haben mir dieses Glück dennoch bescheert. Ich bin Mutter. Ich habe mir in Lenchen ein dankbares Kind erzogen. Gestern kam ein feiner junger Mann aus der Stadt, ein Kaufmann, reinlich und ordentlich gekleidet; der hat seine Worte um Lenchen bey mir angebracht. Er soll ein anständiges Auskommen haben, und sein Haus soll so zierlich und reinlich seyn, wie ein Puppenschränkgen. Geh. R. So gieb sie ihm in Gottes Nahmen. Ulr. . In Gottes Nahmen! Geh. R. Für die Aussteuer werde ich Sorge tragen. Tob. Die Myrthen zum Kranze werde ich liefern. Ulr. Herzlichen Dank, lieber Bruder. Nun hätte ich mir aber auch noch eine Freude ausgedacht. Tob. Eine Freude? ich bin dabey. Ulr. Ich wünschte, daß die Hochzeit hier im Hause gefeyert würde, wenn du nichts darwider hättest? Geh. R. Nicht das Geringste. Ulr. Ich wollte das gute Mädgen selbst zur Kirche führen, und sie vor dem nemlichen Altar trauen lassen, vor dem sie einst getauft wurde. Tob. Schön, schön. Ulr. Ich habe also deine Einwilligung? Geh. R. Von ganzer Seele; und Alles was Küche und Keller vermögen, steht zu deinen Diensten. Ulr. Gott vergelt es! o! das wird mir ein Ehrentag seyn! Tob. Und mir ein Freudentag. Ulr. (froh geschwätzig) Dann will ich das ganze Haus von unten bis oben scheuern lassen; alle Spiegel und Fenster sollen mit Brandtwein und Kreide gewaschen werden. auch dein Studierzimmer will ich in Ordnung bringen – Geh. R. (heftig) Was? mein Studierzimmer? Ulr. Ja Bruder, ich begreife nicht, wie du in dem Staub und Schmutz leben kannst. Geh. R. Das geht dich nichts an. Ulr. Auf den Tischen kann man mit den Fingern schreiben. Geh. R. Desto besser, so braucht man keine Federn. Ulr. Wenn ich mit einer Schleppe hineintrete, so giebt's Wolken von Staub. Geh. R. Du hast dort nichts zu suchen. Ulr. Alle Fensterscheiben sind blind. Geh. R. Wenn du mir den Kopf warm machst, so lasse ich sie gar zumauern. Ulr. Du fährst einen Nachmittag spazieren, und unterdessen – Geh. R. . Ich fahre nicht! ich will nicht fahren! und ehe ich das zugebe, mag lieber die Braut mit sammt dem Bräutigam zum Henker fahren! Tob. Aber Bruder Herrmann – Geh. R. Aber Bruder Tobias! ich bin auf dem besten Wege in üble Laune zu gerathen. Tob. Du mußt ablenken. Die Wege zur üblen Laune sind niemals gute Wege. Du mußt bedenken, daß du der Schwester Ulrike eine Freude machst, wie ich mit meinen Raupen. Geh. R. Mit deinem Wohlnehmen, Herr Bruder, wer allen Menschen Freude machen will, ist ein Thor ohne Charakter. Tob. (immer sehr gelassen) Aber ein fröhlicher Thor. Geh. R. Ein Teig, der sich in aller Welt Fingern kneten läßt. Tob. Eine Blume, die willig für Jeden duftet. Geh. R. Ein Grashalm, der jedem Winde gehorcht. Tob. Und von keinem Sturm geknickt wird. Geh. R. Ein Mensch ohne Festigkeit kann nur Weibern behagen. Tob. Ein Herz das jeder Freude offen steht, findet überall Vertrauen. Geh. R. (der immer heftiger wird.) Volle Herzen, leere Köpfe. Tob. (stutzt und sieht ihn bewegt an. Nach einer Pause pfeift er die beiden Ersten Takte des bekannten Volksliedes: Freut euch des Lebens \&c .) Geh. R. Wer keine Selbstständigkeit besitzt, der schmiegt sich in fremde Launen. Tob. . (pfeift die beyden folgenden Takte.) Geh. R. Es ist eine elende Furchtsamkeit, eine Geistesleere – Tob. (pfeift die beyden folgenden Takte.) Geh. R. (springt auf) Geh zum Teufel mit deiner Pfeife! (er rennt hinaus) Tob. (pfeift die beyden folgenden Takte.) Ulr. Ach! der Bruder macht es auch gar zu arg. Tob. (bückt sich über seinen Rosenstock, wischt sich verstohlen eine Thräne aus dem Auge, und singt:) »Freut euch des Lebens –« Ulr. In Einem Augenblicke Sonnenschein, im Andern Sturm. Tob. »Weil noch das Flämmgen glüht –« Ulr. Er scheucht Alles von sich. Tob. »Pflücket die Rose –« Ulr. Und verbittert sich selbst das Leben. Tob. »Eh sie verblüht.« Geh. R. (kommt zurück, und reicht Tobias die Hand) Bruder, ich habe dich beleidigt, vergieb mir. Tob. ( schüttelt ihm die Hand) Sieh Bruder, da machst du mir eine herzliche Freude. Geh. R. Keinen Groll, guter Tobias. Tob. Groll? ich weiß nicht was das ist. Groll ist ein Ding, aus dem sich keine Freude schöpfen läßt, und folglich kein Ding für mich. Geh. R. Die Ausdrücke entfuhren mir so. Tob. Wären sie dir nicht entfahren, so hätte ich jezt nicht die Freude, in dein Bruderherz zu schauen. Ein Bedienter (tritt herein) Der Kammerdiener des Obristen Hammer ist so eben gekommen. Geh. R. Endlich! laß ihn hereintreten.   Sechste Scene. Patzig . Die Vorigen . Patzig . Mein gnädiger Herr sendet mich, Ew. Gnaden zu seiner Ankunft Glück zu wünschen. Geh. R. Wo ist er? Patzig . Im Wirthshause. Geh. R. Warum nicht hier? Patzig . Er will das gnädige Fräulein durch seine Staatsuniform überraschen. Geh. R. Geh, sag' ihm, an alten Freunden sieht man die Schlafröcke lieber, als die Staatsuniformen. (Patzig will gehn) Noch Eins, ich hoffe, dein Herr kommt mit Sack und Pack? Patzig . O ja, hier ist gut Hütten bauen. Geh. R. Welche Verfügungen hat er mit seinen Gütern getroffen? Patzig . Hm! – die werden von einer fürstlichen Commission disponirt. Geh. R. Wie? ich will nicht hoffen – Patzig . Er hofte es auch nicht, aber es geschah doch. Geh. R. Also Schulden –? Patzig . Mehr als Dachziegel. Geh. R. Gleichviel! Freund ist Freund; je ärmer, je willkommner. Geh, ich erwarte deinen Herrn mit Sehnsucht. Ulr. Und wenn Er wieder kommt, mein Freund, so trage er nicht so viel Staub in das Zimmer. Patzig . (ab)   Siebente Scene. Die Vorigen ohne Patzig . Geh. R. (sehr heiter.) Freut euch Kinder! Tob. Herzlich gern. Worüber denn? Geh. R. Was meynst du Schwester, wenn dein Lenchen und meine Therese an Einem Tage Hochzeit machten? Ulr. Ey, da würde es viel Arbeit geben. Tob. Aber auch viel Vergnügen. Wie verstehst du das Bruder? hat sich denn schon ein Schwiegersohn gemeldet? Geh. R. Hörtest du nicht, wer eben angekommen? Tob. (stutzend) Der Obriste – Hammer? Geh. R. Eben der. Ulr. Der alte Obriste Hammer? Geh. R. Alt! alt! er ist noch keine 50 Jahr. Tob. Und Therese? Geh. R. . Ist ein Kind – Tob. Eben deswegen. Geh. R. Dessen Glück mir am Herzen liegt. Ich habe schon Heyrathen genug gesehn, aus Mondschein und Nachtigallentrillern, die an einem warmen Apriltage geschlossen wurden; hinterdrein kam ein Frost – weg war die Blüte. Tob. Man pflegt aber auch keine Rosen auf ein Feld zu pflanzen, wo der Herbst über die Stoppeln fährt. Geh. R. Wählen etwa die Mädgen gut, wenn sie selbst wählen? Tob. Nicht immer. Geh. R. Fragen sie den Jüngling von 20 Jahren, ob er Eigenschaften habe, die 10 Jahr ausdauern werden? Tob. Selten. Geh. R. Er hat eine hübsche Figur; er tanzt gut; er sitzt schön zu Pferde; er schwatzt über nichts, und lacht über Alles; er veranstaltet Bälle; er sitzt in Schauspielen hinter ihr, und steht in Assembleen vor ihr; er verwahrt ihren Fächer in seiner Tasche, und eine verlorne Schleife in seinem Busen – Ach! das schmeichelt der Eitelkeit! ein so artiger Jüngling sollte kein guter Ehemann werden? Flugs Hand in Hand! husch zum Altar. Ulr. Ja ja, Bruder Herrmann hat Recht. Geh. R. Kurz, nur der gegenwärtige Augenblick bestimmt die Neigungen und Entschlüsse der Mädgen. Sie wählen die Männer wie die Hauben, und wechselten sie dann auch gern eben so. Nein, solchen Jammer will ich meinem Kinde nicht bereiten. Darum verließ ich den Hof, und erzog es fern von der großen Welt. Tob. Hast du sie vor der Liebe versteckt, so ist das vergebens; der Schalk findet sie mit verbundenen Augen. Ulr. Ohne meinen Rath wird Therese sich nicht verlieben. Tob. Gute Schwester, Rath in der Liebe ist gewöhnlich nur ein Titulairrath. Ulr. Wenn der Oberste nur nicht so viel Tabak schnupfte; Finger und Nase sind ganz gelb davon. Geh. R. Er ist mein lieber, alter Freund. Tob. . Die Mädgen lieben nun einmal nichts Altes, nicht einmal alten Wein. Geh. R. Wir sind zusammen aufgewachsen, Pagen gewesen, in Dienste getreten. Ich war ein armer Teufel, er hat mir oft aus der Noth geholfen. Tob. So heyrathe du ihn. Geh. R. Er hat das Seinige im Dienst zugesetzt. Tob. Keine Empfehlung bey dem Vater. Geh. R. Er ist ein rascher Wittwer. Tob. Keine Lockung für die Tochter. Geh. R. Daß ich ein reicher Mann bin, hab ich vielleicht nur ihm zu danken; denn der Zufall wollte – doch das ist zu weitläuftig. Kurz, er bedarfs, und ich will mit ihm theilen. Tob. Wenn du ihm Theresen giebst, so schenkst du ihm die große Hälfte. Geh. R. Ihr Herz ist frey, sie wird mir gern gehorchen. Tob. O ja, wenn du nur Gehorsam verlangst – Geh. R. Wenn ihr wüßtet, wie diese Hofnung mich ergötzt, ihr würdet mir die frohe Laune nicht durch Winke und Achselzucken verderben. Tob. Bewahre der Himmel! ein froher Mensch ist für mich ein Kleinod, das in der Sonne schimmert; ich hüte mich wohl meinen Schatten darauf zu werfen. Geh. R. Empfangt ihn liebreich. Tob. Ist er fröhliches Herzens, so soll er mir willkommen seyn. Geh. R. Laßt es ihm an nichts fehlen. Ulr. Die Gastzimmer sind bereit, er wird kein Stäubgen darinn finden. Geh. R. Ein gutes Glas Wein – Tob. Der Wein erfreut des Menschen Herz. Geh. R. Ein paar leckere Schüsseln – Ulr. Das ist meine Sorge. Geh. R. Was meynst du Schwester? die Rebhühner die ich gestern geschossen – Ulr. (etwas verlegen) Die Rebhühner – Geh. R. Du verstehst sie so treflich zuzurichten. Ulr. Ach Bruder! es thut mir leid; die Rebhühner kann ich dir nicht vorsetzen. Geh. R. Warum nicht? Ulr. Die Katze hat sie gefressen. Geh. R. Da haben wirs! nichts kann man für sich behalten! auf nichts wird Acht gegeben! die Katzen regieren das Haus! Ulr. Die Speisekammer blieb nur einen Augenblick offen – Geh. R. Da bin ich nun den halben Tag herumgelaufen, habe gekeucht und geschwitzt, habe einen Braten geschossen – für wen? für die Katzen. Ulr. Das schlaue Vieh schleicht überall herum. – Geh. R. Und die Fräulein Schwester schleicht nirgends herum. Wenn die nur Kaffee und Flachs hat, so bekümmert sie sich den Henker um ihren alten Bruder. Ulr. Das war hart! – Tob. Aber Bruder – Geh. R. Aber Herr Bruder! hast du nicht schon wieder Lust dich zu freuen, daß die Katzen meine Rebhühner gefressen haben? Tob. Wenigstens – Ulr. Die arme Lise hat mehr dabey eingebüßt als du. Geh. R. Lise? was geht es die an? Ulr. Sie wollte der Katze nachlaufen, fiel die Treppe herab, und verrenkte sich die Hüfte. Geh. R. Sapperment! und das sagt man mir nicht gleich? – Walther! Walther, meine Hausapotheke! ( er rennt fort) Tob. (lachend) Vergessen sind die Rebhühner. Ulr. Verziehen ist der Katze und mir. Tob. Kann er der Lise helfen, so ist die gute Laune wieder hergestellt. Ulr. Auf wie lange? – Ach Bruder! man mögte – Gott verzeih mirs! – wünschen krank zu werden, denn die Kranken haben es bey ihm am besten. (sie geht ab) Tob. Vielleicht weil er selbst ein armer Kranker ist. Drum soll man auch mit ihm Geduld haben. Und warum nicht? wir können seiner Laune aus dem Wege gehn; Er muß sie mit sich herumschleppen. – Ein Glück daß die Krankheit nicht ansteckt. Aber wahr ist es: die Türken sollte man aus der Litaney wegstreichen, und die üble Laune dafür hineinsetzen.   Achte Scene. Therese und Tobias . Therese (stürzt hastig und frölich herein) Lieber Oheim! er ist gekommen! Tob. . Ist er schon da? Ther. Der Reitknecht. Vermuthlich ist sein Herr nicht weit. Tob. Er zieht die Staatsuniform an. Ther. Warum das? Tob. Je nun, ein Mann in seinem Alter sucht alles hervor, um zu gefallen. Ther. Ach! er bedarf keines geliehenen Schmucks. Tob. (verwundert) So? – würklich? – ey! hätte ich doch kaum geglaubt, daß ein Mann, der mit deinem Vater Page gewesen, noch so schnelle Eroberungen machen könne. Nun, das freut mich. Ther. (verwundert) Ich verstehe Sie nicht. Tob. Vielleicht verstehst du dich selbst nicht. Ther. Sie bleiben so kalt bey meiner Botschaft? wenn Sie sonst von Ihrem Pflegesohne hörten – Tob. (hastig) Von meinem Pflegesohne? sprichst du von ihm? Ther. Von wem sonst? Tob. (springt auf) Wo? wo?   Neunte Scene. Fabian . Die Vorigen . Fab. (tritt steif herein, und bleibt militairisch gerichtet an der Thüre stehn) Tob. (mit lauter Freude.) Fabian! sey willkommen ehrlicher Bursche! tritt doch näher. Fab. (marschirt einige Schritte näher.) Tob. Was bringst du Gutes? Fab. Unterthänigen Rapport vom Herren Lieutnant. Ther. Ist er gesund? Fab. Gott sey Dank! die Gesundheit ist gar nicht attakirt worden. Tob. Wo ist er? Fab. Auf dem Marsche. Ther. Hieher. Fab. Wills Gott! Die Schwadron hält heute Rasttag in Ebersdorf, eine Meile von hier. Wenn der Dienst es erlaubt, so stutzt er diesen Nachmittag auf ein paar Stunden herüber. Ther. (will ihm Geld geben) Nimm Fabian, trink auf meine Gesundheit. Fab. (ohne sich zu rühren) Hernach gnädiges Fräulein. Draußen. Tob. Nimm nur, wir sind nicht auf der Parade. (er setzt sich) Fab. (nimmt es halbverstohlen, und fährt damit in die Tasche.) Tob. Warum hat dein Herr so lange nicht geschrieben? Fab. Wir haben das Papier zu Patronen verbraucht. Tob. Seyd ihr oft im Feuer gewesen? Fab. Fast alle Tage. Ther. Ist dein Herr nicht verwundet worden? Fab. Ein paar Hiebe ausgenommen – Ther. (ängstlich) Hiebe? Fab. Und einen Streifschuß – Ther. Ach mein Gott! Fab. (schmunzelnd) Kleinigkeiten. Eine Batterie haben wir gestürmt – Tob. (springt auf) Eine Batterie? Fab. Da gieng es warm her. Tob. (ganz lebendig) Laß doch hören. Fab. Es war bey – bey – Tob. Gleichviel. Fab. Die feindlichen Kartätschen hatten schon ein Bataillon Infanterie hingestreckt, daß nur noch einzelne Köpfe hervorragten, wie ein Dutzend Kornähren nach dem Hagelwetter. Tob. (ungeduldig) Laß die Vergleiche weg. Nun? weiter. Vermuthlich bekam die Kavallerie Ordre? Fab. Wir sprengten an. Ther. Und dein Herr? Fab. War mitten darunter. Als wir noch ein paar hundert Schritt entfernt seyn mogten, pfiff eine Kugel – Ther. O weh! Fab. Weg war der Rittmeister. Ther. Und dein Herr? Fab. Der sprang rasch vom Pferde. Tob. (der immer lebendiger wird) Abgesessen Kinder! nicht wahr? Fab. Flugs waren wir Alle von den Gäulen. Den Pallasch in die Faust! schließt euch! Tob. (schließt sich unwillkührlich fest an Fabian) Weiter! weiter! Fab. Vorwärts! Marsch! (er marschirt einige Schritte, Tobias mit ihm.) Ther. Ich zittre – Fab. Das that mein Herr nicht, er sprach uns Allen Muth ein. Tob. Wohlan Fabian! jezt müssen wir schon unter den Kanonen stehn. Fab. Allerdings – aber da ist ein verwünschter Schlammgraben, der hält uns noch auf. Tob. Wir müssen durch. Fab. Den Pallasch zwischen die Zähne – Tob. Den Karabiner hoch – Fab. . Jezt waten wir – Tob. Jezt klettern wir – Fab. Jezt sind wir oben! Tob. Victoria! Ther. Und dein Herr? Fab. Mein Herr bekam ein Kreutz ins Knopfloch, und ich diese Medaille. Tob. Ein Kreutz? braver Junge! was mir der Mensch schon für Freude gemacht hat! – Geh, reite, trabe, gallopire! er soll kommen! ich will ihn sehn! ich will mich freuen! Sag' ihm, daß ich die Gicht habe, daß ich mich aber den Henker drum bekümmere, und allen Aerzten zum Possen noch immer ein froher Mensch bin. (er läuft fort.) Ther. Sag' ihm auch von mir – (sie stockt) Fab. Was denn, gnädiges Fräulein? Ther. (verlegen) Was du willst. Fab. (schalkhaft) Sie begehrten zu wissen, ob er auch blessirt sey? Ther. (ängstlich) Nun? ich will nicht hoffen – Fab. Er trägt sich mit einer schlimmen Wunde. Ther. Wo? wo? Fab. (deutet mit einer taktischen Bewegung auf das Herz, läßt die Hand eben so steif wieder sinken, macht rechts um kehrt euch, und marschirt ab) Therese (heftet das Auge an den Boden, und bleibt verschämt lächelnd stehn. Nach einer Pause legt sie die Hand auf das Herz. Dann richtet sie den Blick gen Himmel. Dann faltet sie die Hände mit Innigkeit. Dann läßt sie die Hände wieder in den Schoos sinken, und schüttelt wehmüthig den Kopf.)   Zehnte Scene. Tobias und Therese . Tob. Liebe Nichte – Ther. (fährt zusammen.) Tob. Na, wovor erschrickst du? Ther. Ich – ich weiß nicht – ich glaube, ich erschrack vor mir selbst. Tob. Ich kam, dir eine Frage vorzulegen. Kennst du den Lieutnant Wayse? Ther. Sie scherzen. Wie sollte ich Ihren Pflegesohn nicht kennen? Tob. Recht Theresgen, er ist nicht mein Sohn; er ist nur mein Pflegesohn. Ther. Macht er Ihnen nicht eben so viel Freude als ein leibliches Kind? Tob. Freylich thut er das, aber davon ist nicht die Rede. Weißt du auch wie ich an den jungen Menschen gekommen bin? Ther. Sie haben mir das mehr als Einmal erzählt. Tob. Du scheinst es dennoch vergessen zu haben. Wir waren in de Affaire bey – Ther. Es wurde ein Dorf geplündert. Tob. Er war damals Korporal – Ther. Und drang mit einigen Grenadieren in ein brennendes Haus. Tob. Ich dachte: Schade um den feinen jungen Menschen, daß er sich auch schon auf das Plündern legt – Ther. Aber er trug ein Kind aus den Flammen – Tob. Brav Kammerad! rief ich ihm zu: ist das deine Beute? Ther. Er gab es der Mutter zurück, und seine Börse obendrein. Tob. Nach der Affaire suchte ich ihn auf – Ther. Er verbarg sich. Tob. Ich fand ihn aber doch. Wer bist du, wackerer junger Mensch? Ther. Eine Wayse. Tob. Wie nennst du dich? Ther. Wayse. Tob. Hast du sonst keinen Nahmen? Ther. Keinen. Tob. Merke dirs, Therese, er hatte sonst keinen Nahmen. Ther. Was kümmert mich das? Tob. Viel, sehr viel. Es giebt leider manche Dinge in der Welt, über die ich sogar mich nicht freuen kann, und dahin gehören auch die Nahmen. Aber sie sind nun einmal da. Ther. Und bedeuten nichts. Tob. Und gelten viel. Ther. Wenn das Ihr Ernst wäre, so würden Sie sich seiner nicht so väterlich angenommen haben. Tob. Das that ich, weil es mir Freude machte. Mir ist das unverboten. Verstehst du mich Theresgen? ich darf Freude haben über einen Menschen ohne Nahmen, du nicht. Ther. Warum denn nicht? Tob. Weil ich vermuthe, daß es deinem Vater wenig Freude machen wird. Ther. Mein Vater ist ein guter, vernünftiger Mann. Tob. Kind, es geht mit der Vernunft wie mit der Gesundheit: einen ganz gesunden Menschen giebt es gar nicht auf der Welt; und wäre es auch nur ein Hünerauge, ein Ueberbein, eine Narbe aus der Kindheit – Du verstehst mich – und ich – ich habe dich auch verstanden. Als du so hastig herein stürztest, mir Fabians Ankunft zu melden – als du ihm ein Goldstück – ich hab' es wohl gesehn – ein Goldstück in die Hand drücktest – als du so lebhaft nach seines Herrn Gesundheit forschtest – als du beym Stürmen der Batterie blaß wurdest – sieh mich an. Ther. (blickt verschämt zu ihm auf) Tob. Ja, ja, ich habe dich verstanden. Ther. (ergreift seine Hand.) Lieber Oheim! Sie, der Sie sonst Alles von der lachenden Seite betrachten, warum auf einmal so ernsthaft? Tob. Es wird mir sauer genug. Aber dein Vater hat Absichten. Ich liebe dich, und mögte Unheil verhüten, ehe es zu spät wird. Oder – (er betrachtet sie forschend) ist es etwa schon zu spät? – Du antwortest mir nicht? Ther. (verlegen, drückt seine Hand an ihr Herz, dann an ihre Lippen, und entflieht.)   Eilfte Scene. Tobias allein. (Er schüttelt den Kopf) Hm! darüber kann ich mich nicht freuen. – Edelmann – Bürger – wenn denn doch eine Kluft zwischen beyden seyn muß, warum ist sie nicht noch weiter? – warum kann man immer noch von einem Ufer zum Andern hinüber schauen und sich verlieben? – Da hat entweder die Natur einen dummen Streich gemacht – oder der Mensch. (er geht ab)     Zweyter Akt. Erste Scene. Geheimderath und Tobias . Tob. (steht am Fenster und schaut hinaus.) Geh. R. (geht verdrüßlich auf und nieder) Verdammter Regen! Tob. Schöne, fruchtbare Witterung. Geh. R. Ich gehe so selten aus – Tob. Daran thust du sehr übel. Geh. R. Und gerade heute, da ich fort will, meinen alten Freund zu empfangen, Hut und Stock schon in der Hand habe – Tob. Kommt ein herrliches Gewitter. Geh. R. Was gilts, der freut sich wieder. Tob. Allerdings! denke nur, wie das deine Felder und meine Blumen erquicken wird. Geh. R. Und die Eichen im Park zersplittern. Tob. Wie bald zieht es vorüber, und läßt nur Segensspuren hinter sich. Geh. R. . Ja, wie neulich, da es mir fünf Schaafe tod schlug. Tob. Welch ein Genuß! nach einem Gewitterregen hinaus ins Freye zu treten, und gleichsam Gottes Schöpfungskraft in sich zu saugen. Geh. R. Da kann man wohl mit Recht sagen: ein Mensch, der seine Freuden aus der Luft holt. Tob. Siehst du Bruder? dort ist der Himmel schon wieder blau. Geh. R. Und deine Einbildungskraft rosenroth. Tob. Desto besser! eine rosenrothe Einbildungskraft ist heilsamer als Ailhaudisch Pulver. Geh. R. Dieß kann ich kaufen, jene nicht. Tob. Kaufen nicht, aber erwerben. Geh. R. Sie ist ein Geschenk des Zufalls. Tob. Mit nichten. Wenn Plutarch Recht hat; wenn selbst die Tugend nur eine lange Gewohnheit ist; warum denn nicht auch die Kunst, sich Freuden der Einbildung zu zaubern? Geh. R. Ich weiß wohl, daß ein Mann einen dicken Quartanten geschrieben hat, über die Kunst stets frölich zu seyn; aber ich habe noch nicht gehört, das irgend ein armer Teufel dadurch froh geworden wäre. Tob. Aus Büchern lernt man das auch nicht. Geh. R. Wie denn? Tob. Ein fröliches Hingeben; ein Herablassen , wenn du es so nennen willst, zu kleinen, kindlichen Ergözlichkeiten; nicht zu hoch gespannte Erwartungen vom Menschen , aber die höchsten von der Natur; – ein Blick in das nächste Jahr, oft nur in die nächste Stunde , wenn die gegenwärtige trübe ist; – eine gewisse ökonomische Schwelgerey im Genießen, da man sich heute eine kleine Lust versagt, um sie morgen für eine leere Stunde aufzusparen; – eine kluge Wahl solcher Freuden, die nicht zu stark erschüttern , und folglich nicht abstumpfen; – ein ruhiges Gewissen, nicht durch Gebete eingehandelt – o Bruder Herrmann! der Mensch ist reich, wenn er nur nicht, wie ein Kind, sich seine Schätze für höfisches Spielwerk ablocken läßt. Geh. R. Ich war so ein Kind? das meynst du doch? Tob. Ich meyne, daß ich ein Thor bin, hier zu predigen, indessen die erquickte Natur mich zur Freude einladet. Das Gewitter zog vorüber, es regnet nur noch sanft; ich muß geschwind meine Pommeranzenbäume hinaustragen. (ab.)   Zweyte Scene. Der Geheimderath allein. Guter Bruder! – Ja, wenn der Mensch immer befolgen könnte, was er als wahr und gut erkannt hat dann müßten die Philosophen Halbgötter seyn und das sind sie leider nicht! Mit allen ihren Moralprincips machen sie dumme Streiche, so gut als ein anderer Erdensohn. Der Körper und sein Regent der Magen o! man thut ganz recht, die Engel blos als geflügelte Köpfe zu mahlen. Gebt ihnen Magen, und schnell werden die Flügel sinken.   Dritte Scene. Der Obriste v. Hammer . Der Geheimderath . Der Obriste (steif gekleidet, stark gepudert, den Hut unter dem Arm, ein kurzes Rohr in der Hand) Herr Bruder, da bin ich. Geh. R. Herzlich willkommen! (er umarmt ihn) Obrist. (erwiedert die Umarmung, doch mit einiger Schonung seiner Frisur) Du siehst, ich habe mich, meiner Braut zu Ehren, aufgedonnert, als gienge es zur Wachparade. Geh. R. Du kömmst also würklich, um mein Schwiegersohn zu werden? Obrist. Auf Ehre! Mit der Zeit wird man alt man hat keine Kinder Geh. R. Noch immer keine Nachricht von deinem entlaufenen Sohne? Obrist. Habe ich dir nichts davon gemeldet? Geh. R. Nein. Obrist. Ist vergessen worden. Ein halbes Jahr nach seiner Entweichung, schrieb er mir einen herzbrechenden Abschiedsbrief, und stürzte sich in die Donau. Geh. R. Tod? Obrist. Mausetod. Ist auch so besser. Der Bursche war ein Romanenheld, es wäre doch nichts rechtes aus ihm geworden. Sintemal ich nun allein bin, und Pflege bedarf, so habe ich, nach der Väter Sitte, mich entschlossen, ein junges Weib zu nehmen. Geh. R. Aber meine Therese ist noch ein halbes Kind. Obrist. Desto besser! Kinder schmiegen sich an wie die Bohnen. Geh. R. Sie ist rasch. Obrist. (stellt sich in Positur) Was bin ich denn? Geh. R. (lächelnd) Du Herr Bruder? hast auf ihrer Mutter Hochzeit brav getanzt. Obrist. Eine Polonoise mache ich auch jezt noch mit. Geh. R. Gleichviel. Die besten Tänzer sind oft die schlechtesten Ehemänner. Obrist. Recht Herr Bruder! unsere Voreltern tanzten wenig und tranken viel. Heutzutage ist es umgekehrt; das kommt vom Lesen. Geh. R. Es giebt keine Gesellschaften mehr ohne Weiber. Obrist. Sogar in die Klubbs fangen sie an sich einzudrängen. Geh. R. Wochenstuben, Spinnstuben, und höchstens eine Kaffeevisite, das war vormals der Cirkel unserer Frauen. Obrist. Getanzt wurde nur auf Hochzeiten. Geh. R. Jezt springen sie alle Tage herum. Obrist. Und die Kinder wachsen unter den Bedienten auf. Geh. R. Arien trillern und Taschenbücher sticken, das lernen sie. Obrist. Aber Sauerkohl einmachen und Gurken, das verstehn sie nicht. Geh. R. Wie viele Kleider ihre Nachbarin hat, das wissen sie. Obrist. Aber wie viel Garn ein Pfund Flachs giebt, das wissen sie nicht. Und weißt du, woher das kommt? das kommt vom Lesen. Geh. R. Zu unserer Zeit war es anders. Obrist. Als wir noch bey deinem Großvater auf dem Schlosse Greifenstein erzogen wurden Geh. R. Da saßen die Mädgen bey Tafel wie die Kerzen. Obrist. Konnten in den engen Schnürleibern kaum Athem holen. Geh. R. Wurden roth wie Scharlach, wenn man sie ansah. Obrist. Redeten nur, wenn sie gefragt wurden. Geh. R. So bald die Flaschen auf den Tisch kamen Obrist. O! da mußten die Weiber aufstehn. Geh. R. Dann zechte mein Großvater Obrist. Und wir stahlen uns in den Garten Geh. R. (der durch die Jugenderinnerungen immer lebendiger wird) Kletterten auf den großen Birnbaum Obrist. Und saßen oben bis der Hofmeister rief Geh. R. Herrmann! Leopold! Obrist. Wo steckt ihr Buben? Geh. R. Wir hielten uns Mäusgenstill Obrist. Aber der verdammte Gärtner gab ihm einen Wink Geh. R. Dann stand er und drohte Obrist. Und wir kapitulirten über die Strafe. Geh. R. »Wer ist zuerst hinaufgestiegen?« brummte er Obrist. Aber keiner verrieth den andern. Geh. R. Wollte er uns herunter haben zum Cornelius Nepos Obrist. So mußte er gute Worte geben Geh. R. . Sonst säßen wir noch oben. Obrist. Dafür ließ er uns auch bey den verdammten Büchern schwitzen Geh. R. Bis die Glocke sechs schlug Obrist. Dann sahen wir uns an und schmunzelten. Geh. R. Erinnerst du dich noch des Tons der Glocke? Obrist. Wenn ich mahlen könnte, ich wollte den Klang jezt noch mahlen. Geh. R. Auf von den Stühlen! Obrist. Das Buch unter den Tisch! Geh. R. Ueber Hals und Kopf die steinerne Wendeltreppe hinab Obrist. Arm in Arm hinaus auf die Wiese Geh. R. Den ledernen Ballen aufgeblasen Obrist. Und dann in die Luft geprellt! (Die beyden Alten fangen im Geist an Ball zu spielen.) Geh. R. Ich schlage ihn so hoch als das Schloßdach. Obrist. Ich fange ihn doch wenn er herunterkömmt. Geh. R. Ich treibe ihn seitwärts, damit er nicht über den Zaun fliegt. Obrist. Ich prelle ihn rückwärts gegen die Mauer. Geh. R. Nur nicht in meiner Mutter Fenster. Obrist. (thut einen mächtigen Schlag) Hoch über den Giebel! Geh. R. (thut ein Gleiches) Höher den Thurm hinauf! Obrist. Am höchsten bis zur Wetterfahne! Geh. R. . Da liegt er in der Dachrinne. Tobias (der während des Spiels hereingetreten, und mit Erstaunen zugesehn, bricht in ein lautes Gelächter aus.) (Die beiden Alten erschrecken und stehen beschämt.) Tob. Laßt euch nicht stören. Die Motion ist gesund. (er geht ab) Obrist. Herr Bruder, wir haben gespielt wie die Kinder. Geh. R. Hat nichts zu sagen. Kinderspiel ist wahre Arzeney für den Greis. Ich bin ganz jung und frohes Herzens dabey geworden. Ein alter Freund, der solche Erinnerungen aus dem versunkenen Herculanum unserer Jugendfreuden gleichsam ausgräbt, verjüngt schneller als Semmlers Luftgoldsalz. Obrist. Hercules und Semmler! wie kommen die zusammen? Geh. R. Darum sollst du auch meine Tochter heyrathen. Obrist. Je eher, je lieber. Geh. R. Mir am Kamin Gesellschaft leisten Obrist. Das will ich. Geh. R. Jeden kindischen Muthwillen, jede Knaben-Schelmerey mir ins Gedächtniß rufen Obrist. Stoff für manchen lustigen Abend. Geh. R. Jede Laune des Alters im Becher unserer Jugendfreuden ersäufen! Obrist. Wohlan Herr Bruder! wann eher machen wir Hochzeit? Geh. R. Mensch, du hast ja die Braut noch nicht einmal gesehn . Obrist. . Ja wohl habe ich sie gesehn, sie machte damals gerade die Ersten Zähne. Geh. R. Sie hat sich seitdem sehr verändert. Obrist. Damals schlug sie nach mir, wenn ich ihr zu nahe kam. Geh. R. Jetzt ist sie ein sanftes, vernünftiges Geschöpf. Obrist. Vernünftig? doch nicht zu viel? Geh. R. Wie verstehst du das? Obrist. Liest sie auch? Geh. R. O ja. Obrist. Was liest sie? Geh. R. Allerley. Obrist. Schlimm! ein Mädgen muß nicht allerley lesen. Eine Bibel, ein Kochbuch, ein Kalender, und allenfalls Millers moralische Schilderungen, sonst wird ihr in Zukunft nichts gestattet. Geh. R. Warum nicht? Obrist. Herr Bruder, die Viehseuche ist schlimm, aber das Lesen ist noch weit schlimmer. Als die wackern Ritter noch nicht lesen konnten; als sie noch ein X statt der Unterschrift mahlten; das Schwerdt zogen, und den Degenknopf unter die Urkunde drückten; da waren gute Zeiten. Geh. R. Hm! wie mans nimmt. Obrist. Durch das Lesen gieng meine selige Frau zu Grunde; durch das Lesen liegt mein Bube in der Donau. Geh. R. Es hat doch auch seine gute Seite. Obrist. Die leeren Seiten, die vorn und hinten an die Bücher gebunden werden, das sind die guten Seiten. Sogar für den Bauersmann werden heutzutage Noth- und Hülfsbüchlein geschrieben. Das sey Gott geklagt! Wenn der Bauer in Noth ist, so mag er beten , aber nicht lesen . Geh. R. Meine Therese ist kein Bauermädgen. Obrist. So mag sie fein vornehm die Hände in den Schoos legen, denn lieber wollte ich einen Galan bey ihr finden, als ein Buch. Geh. R. Da kommt sie eben mit einem Buche in der Hand. Obrist. O weh! (er kramt ein paar weiße Handschuh aus der Tasche.)   Vierte Scene. Therese . Die Vorigen . Geh. R. Komm näher, Therese. Ich stelle dir hier den Obristen Hammer vor, und wünsche, daß er dir gefallen möge. Ther. (sich mit Anstand verneigend) Des Vaters Freund hat ein Recht auf die Hochachtung der Tochter. Obrist. (stellt sich in Positur.) Holdseliges Fräulein! ich wünsche Dero Ritter zu werden. Ther. So bald mein Vater ein Turnier anstellt, werde ich den wackern Ritter in meine Farben kleiden. Obrist. Ich werfe meinen Handschuh auf die Erde, und behaupte gegen männiglich: daß Therese von Edelschild das schönste und tüchtigste Fräulein im ganzen Gau ist. Ther. Ich werde auf den Preis denken, den ich meinem Kämpfer schuldig bin. Geh. R. Daran hat er schon selbst gedacht. Obrist. Sintemal jedoch die schönen Zeiten vorüber, wo man, seiner Dame zu Ehren, ein Roß tummelte und eine Lanze brach; so will es sich gebühren, durch anderweitige Liebesproben den süßen Minnesold zu verdienen. Es sey mir daher vergönnt (er nähert sich ihr mit zierlichen Komplimenten, nimmt ihr sehr höflich das Buch aus der Hand, und wirft es gelassen zum Fenster hinaus.) Ther. (erstaunt.) Herr Obrister! was machen Sie? Obrist. Ich bekämpfe Ihre verwegensten Feinde. Geh. R. Herr Bruder, bist du toll? Obrist. Mitnichten. Ther. Ein ganz neues Buch Obrist. Ein neues Verderben. Ther. Noch ungelesen Obrist. Desto besser! Ther. (zu ihrem Vater) Es waren Schillers Xenien, die ich erst diesen Morgen aus der Stadt bekam Obrist. Sie liegen im Schloßgraben. Ther. (schaut durch das Fenster) Wahrhaftig, Papa. Schillers Xenien liegen mitten im Schlamme. Obrist. Dahin gehören sie auch. Ther. (empfindlich) Ich weiß nicht mein Herr, was das bedeuten soll Obrist. Ein wohlmeynendes Kennzeichen Ther. Die Ehrfurcht vor meinem Vater hält mich zurück Geh. R. (lachend.) Sey ruhig Kind, seine Absicht ist gut. Er glaubt, das Lesen verderbe die Weiber, und da er dich zu seiner Gemahlin erkohren hat Ther. (ganz versteinert) Mich? Obrist. Ja, Sie, mein holdes Fräulein. Ther. Verzeihen Sie, Herr Obrister; ein Liebhaber, der damit anfängt, meine Bücher zum Fenster hinaus zu werfen Obrist. Ist ein wackerer Edelmann von altem Schrot und Korn. Geh. R. Nun, nun, Herr Bruder, es war immer zu rasch. Solche Dinge erlaubt man sich wenigstens nicht vor der Hochzeit. Obrist. Ich handle offen nach der Väter Weise. Ther. Ihr Scherz ängstigt mich, lieber Vater. Geh. R. Kind, es gilt dein Glück, und damit scherze ich nie. Ther. Wie? Sie wollten im Ernst Geh. R. Ich will nicht, aber ich wünsche . Ther. Daß ich diesem Herrn Geh. R. Daß du diesem Herrn deine Hand reichest. Ther. Als Frau? Geh. R. Nun als was denn? Ther. Sein Alter Geh. R. (lächelnd) Bürgt dir vor Untreue. Obrist. Auf Ehre mein Fräulein! ich werde Ihnen so treu seyn! als Herkuliskus seiner Herkuladisla. Ther. (schüchtern) Gewisse Manieren Obrist. Ich liebe die Sitten unserer Väter. Geh. R. Kind, du wirst unverschämt. Ther. Zürnen Sie nicht bester Vater! mein Herz Geh. R. Ich hoffe, du weißt noch nicht, daß du ein Herz hast. Obrist. Es ist eine verdammte neue Mode mit den Herzen! Ther. Bin ich denn meinem guten Vater so lästig geworden, daß er mich opfern will? Geh. R. Opfern? Obrist. Romanensprache. Geh. R. Therese, ich war so vergnügt, so innig froh, weil ich Gehorsam von dir erwartete. Ther. Gehorsam nur? Geh. R. Ich meynte, es sollte dir leicht werden, deines Vaters Ruhe mit einem freyen Herzen zu erkaufen. Ther. (seufzend) Und meine Ruhe!? Obrist. Seyn Sie unbesorgt, mein Fräulein, Ihre Ruhe soll bey mir nicht gestört werden, nein, auf Ehre! Sie sollen schlafen bis Mittag, und spazieren gehn bis auf den Abend; nur nicht lesen. Ther. Herr Obrister, Sie lieben der Väter Weise? Obrist. Allerdings. Ther. Folglich auch Offenherzigkeit? Obrist. . Ist meine Favorittugend. Ther. So muß ich Ihnen bekennen, daß ich zu eines ehrbaren Ritters ehrbarer Hausfrau gar nicht tauge. Obrist. Bescheidenheit. Ther. Ich kann weder spinnen noch weben, weder kochen noch backen Obrist. Wird pardonnirt. Ther. Ich kann nur lesen und schreiben. Obrist. Beydes überflüssig. Ther. Ich verstehe weder Kräuterwein noch Wundsalben zuzubereiten. Obrist. Ist heutzutage nicht vonnöthen. Die Hamburger Zeitung liefert Arcana die Menge. Ther. Statt einer Hausapotheke besitze ich eine ganz artige Bibliothek. Obrist. Die wandert in den Schloßgraben. Ther. Ich würde mich hinterdrein stürzen. Obrist. Gerade wie mein Bube. Das kommt vom Lesen. Geh. R. Wird die Ziererey bald ein Ende nehmen? Ther. Ach mein Vater! Geh. R. (rauh) Geh auf dein Zimmer. Ther. Verstoßen Sie mich nicht! Geh. R. (sanfter.) Glaubst du daß ich dich liebe? Ther. Wie könnte ich zweifeln! Geh. R. Meynst du, ich wollte dein Unglück? Ther. Wollen gewiß nicht. Geh. R. Ist dein Herz frey? Ther. (stockend) Ja. Geh. R. So thue ich dir ja keine Gewalt an. Du verbindest dich mit einem wackern, soliden Manne. Er wird nicht tändeln, aber er wird dein Freund seyn, und das ist mehr . Ther. In seinem Alter bedarf man nur der Freundschaft, aber in dem Meinigen Geh. R. Du wirst deinen alten Vater froh machen. Du wirst ihm vergelten, daß er dir keine Stiefmutter gab. Brauche ich dir mehr zu sagen? Ther. (ringt ängstlich die Hände.) Geh. R. Ist das deine ganze Antwort? Ther. (faltet bittend ihre Hände.) Geh. R. Geh' mir aus den Augen! ich kann solche Manieren nicht leiden. Ein Kind, das die Hände ringt, wenn es seinen Vater glücklich machen soll, kennt weder Pflicht noch Liebe. Geh auf dein Zimmer, blättre in deinen Romanen; und wenn du Einen findest, der Ungehorsam predigt, so wirf ihn in den Schlamm zu Schillers Xenien. Ther. (entfernt sich weinend.)   Fünfte Scene. Der Geheimderath . Der Obriste . Geh. R. (dreht unmuthig sein Schnupftuch und kaut an den Zipfeln.) Obrist. Sey unbesorgt, Herr Bruder, jungfräuliche Schaamhaftigkeit, weiter nichts. Das giebt sich. Geh. R. Und ihr Widerwille? Obrist. Der giebt sich. Geh. R. Ihre Thränen? Obrist. Vertrocknen. Geh. R. Ihre Seufzer? Obrist. Verstummen. Geh. R. Ich mögte rasend werden! Habe den Plan so lange mit mir herumgetragen! ihn gepflegt wie ein Gärtner das Bäumgen, von dem er im Alter Schatten hoft. Obrist. Hättest ihr keine Bücher geben sollen. Das kommt Alles vom Lesen. Geh. R. Ey warum nicht gar! (ärgerlich) Obrist. Denn warum liest man fremde Gedanken? um seine eigenen zu vergessen. Geh. R. Wenn die eigenen Gedanken dumm sind, so thut man sehr wohl daran. Obrist. Das Lesen ist Geh. R. Ein angenehmer Zeitvertreib. Obrist. Die Zeit ist edel, man soll einst Rechenschaft davon geben aber das Lesen ist Geh. R. Besser als Toback rauchen. Obrist. Mit nichten, Herr Bruder! beym Toback rauchen kann man allerley schöne Betrachtungen anstellen. Eine Rauchwolke Sic transit gloria mundi . Aber das Lesen ist Geh. R. Ich bitte dich ums Himmelswillen, Herr Bruder, höre auf! du siehst daß ich brenne, und du gießest noch Oel ins Feuer. Obrist. So laß uns Zerstreuung suchen. Wir wollen in den Stall gehn. Hast du schöne Pferde? Geh. R. Nein. Obrist. Hast du Hunde? Geh. R. Nein. Obrist. Pfeifenköpfe? Geh. R. Nein. Obrist. Nun was hast du denn? Geh. R. Eine Tochter hab' ich, die mir den Kopf warm macht. Obrist. Schaff dir Pfeifenköpfe an. Ein warmer Kopf wird vortrefflich abgekühlt durch einen warmen Pfeifenkopf . Geh. R. (spöttisch) Würklich? Obrist. Ich lasse die meinigen aus Pohlen kommen, und kann dir die besten Addressen geben. Geh. R. (mit verbissenem Zorn) Ey das ist ja herrlich! Obrist. Sonst, Herr Bruder, wirst du angeführt; denn es giebt Gewissenlose Unchristen, die unächte Köpfe machen, sie in Leinöl und Drachenblut kochen Geh. R. (faßt ihn unsanft bey der Hand) Komm, komm Herr Bruder, ich will dich führen. Obrist. Wohin? Geh. R. Wohin du willst. Obrist. Pferde hast du nicht, Hunde auch nicht; hast du vielleicht eine Gewehrkammer. Geh. R. Ja, die hab' ich. Obrist. Schön, schön, da sollst du meine Kenntnisse bewundern Geh. R. Du wirst sie freylich in Unordnung finden Obrist. In Unordnung! ey! ey! das kommt vom Lesen. Geh. R. Schon wieder? (mit lachender Wuth) Ich habe neulich einen tollen Hund tod geschossen, meynst du, der sey auch vom Lesen toll geworden? Obrist. Wohl möglich. Wer viel liest, der vernachlässigt seine Hunde, und da muß das arme Vieh wohl endlich toll werden. Geh. R. Geh zum Teufel! (er läuft davon) Obrist. Der Teufel sitzt in den Bibliotheken, aber nicht in den Gewehrkammern. (er geht ihm nach)   Sechste Scene. Tobias . Ihm folgen einige Bediente , die Blumentöpfe tragen. Tob. Tragt mir nur die Töpfe hieher vor dieses Fenster, das hat die Abendsonne. (Die Bedienten stellen die Blumentöpfe hin und gehn.) Tob. (sich mit den Blumen beschäftigend) Im Grunde haben es die Blumen besser auf der Welt als die Menschen. Wer trägt wohl einen Menschen in die Abendsonne, wenn er nicht mehr selbst hineingehen kann? Eine gute Blume wird gewartet und gepflegt, ein guter Mensch weit seltener; und wie oft wird eine herrliche Menschenpflanze vernichtet, weil sie einem vornehmen Unkraut im Wege steht. Komm her, du schöne Hyacinthe so öffne deine Kelche. Bist freylich schon beynah verblüht bist mein Ebenbild die ersten Glocken welken schon aber, lieber Gott! du gabst mir ja auch ein wenig Sonne am Abend meines Lebens!   Siebente Scene. Therese und Tobias . Ther. (sieht sich schüchtern um, dann eilt sie hastig herbey) Ach lieber Oheim! Tob. Nun was giebts? du weißt daß O! und Ach! mir nie willkommen sind. Ther. Ich muß seufzen! denn mein Vater will, ich soll mein junges Leben verseufzen! Tob. Das will er nicht. Ther. Ich soll den alten fatalen Obristen heyrathen. Tob. Hm! wenn ich diese Lilie an einen dürren Stock binde, so geb' ich ihr eine Stütze. Ther. Bedarf ich deren, so lange mein Vater lebt? Tob. Aber dein Vater wird nicht ewig leben. Ther. Ist der Obriste denn jünger als er? Tob. (verlegen) Nein, das wohl nicht. Ther. Und kann ich ihn lieben? Tob. (die Achseln zuckend) Das weiß ich nicht. Ther. Nein, ich kann ihn nicht lieben! glauben Sie mir, lieber Oheim, ich kann ihn wahrhaftig nicht lieben. Tob. So sag' ihm das. Ther. Ich habe es ihm gesagt. Tob. Und er glaubt es nicht? Ther. Wenigstens kehrt er sich nicht daran. Tob. Er mag wohl denken, daß eine so junge Dirne noch nicht weiß was Liebe ist. Ther. Ach! da irrt er sich. Tob. So? das thut mir leid. Ther. (ihn umschlingend) Lieber Oheim! helfen Sie mir! Tob. Wozu denn? Ther. Sie haben längst errathen Tob. Was denn? Ther. Ersparen Sie mir das Bekenntniß Tob. Bist du etwa in mich verliebt? Ther. Sie spotten Tob. Danke für die Schmeicheley. Ther. Sie sind so gut Tob. Willst du mich bestechen? Ther. Sie sehen gern glückliche Menschen Tob. Nur nicht auf fremde Unkosten. Ther. Meine Wünsche Tob. Deine Wünsche müssen deinen Pflichten untergeordnet seyn. Ther. Ich glaubte immer, alle meine Pflichten stünden in meinem Herzen. Tob. Das hoffe ich. Ther. Warum finde ich denn diese nicht darunter? Tob. Vermuthlich hat die Leidenschaft sie herausgejagt. Ther. Was muß ich denn thun? Tob. Die Leidenschaft ausrotten. Ther. Und wenn ich das nicht kann? Tob. Dulden, schweigen, gehorchen. Ther. Sie sind heute so ungewöhnlich ernsthaft. Tob. Gehörst du auch zu den Leuten, deren Freundschaft man verscherzt, wenn man ihnen nicht immer nach dem Munde redet? Ther. Nein, mein bester Oheim! mein zweyter Vater! ich will Ihnen folgen, aber Sie müssen mit nur umgehn wie mit einem Kinde, dem man Linien vorzieht, damit es nicht krumm schreibe. Tob. (klopft sie auf die Achsel) Braves Mädgen! Ja, ich will dein Schreibmeister werden. Ther. Nicht wahr, Sie wünschen meine Zufriedenheit? Tob. Allerdings. Ther. Und wenn es möglich wäre Tob. Was denn? Ther. Ach! ich liebe ihn von ganzer Seele! Tob. Wen denn? Ther. Und nun, da er einen Orden hat, ist er ja wohl ein Edelmann so gut als Siegfried von Lindenberg? Tob. Wenn er auch nur eben so reich wäre als Jener. Ther. Dessen achtet mein Vater nicht. Tob. Kennt der junge Mensch deine Gesinnungen? Ther. O ja. Tob. Hat er sich unterstanden dir Anträge zu machen? Ther. O nein! Tob. Und doch seyd ihr einig? Ther. Das kommt, man weiß nicht wie. Tob. Blieb es nur bey der Augensprache? oder Ther. (verschämt) Ich habe ihm einen Ring gegeben. Tob. Einen Ring? Ther. Zum Andenken. Tob. Und er dir? Ther. (blickt schüchtern auf ihren kleinen Finger, an dem sie einen Ring von Haaren trägt.) Tob. So, so, ich verstehe die Pantomime. Mädgen, du hast einen dummen Streich gemacht. Ther. Von ganzer Seele. Tob. Desto schlimmer! und mein Pflegesohn hat einen schlechten Streich gemacht. Ther. Sie thun ihm Unrecht. Er ist der bescheidenste, wackerste Jüngling! Tob. Aber der Ring Ther. Er hat mir hundertmal wiederholt, daß er keine Hoffnung nähre Tob. Aber der Ring Ther. Er hat mich hundertmal gebeten, mein Herz einem Würdigern zu schenken. Tob. Warum thust du es denn nicht? Ther. Weil weil ich noch keinen Würdigern gefunden habe. Tob. Und weil es vermuthlich nicht sein Ernst war. Seyd klug, trennt euch. Solche Blumen gedeihen nicht. Der Frost des väterlichen Fluchs Ther. (schaudernd) Dafür wird Gott und mein Herz mich bewahren! Tob. Vertraue auf Gott, aber nicht auf dein Herz. Ther. Liebe veredelt. Ich kann mich für meinen Vater opfern, wenn es seyn muß . Tob. Denkt der Bursche nicht eben so, so war er deiner Liebe unwerth. Ther. Reden Sie sanft mit ihm. Tob. Wann hast du mich jemals unsanft reden hören? Ich wollte nur, es ist mir gar nicht recht daß er herkommt. Ihr dürft euch vor der Hand nicht sehen. Ther. Wie lange? Tob. In den ersten 30 Jahren rathe ich nicht dazu. Ther. Sie scherzen. Wer weiß, wie die Würfel noch fallen? Tob. Wer vor seiner Zukunft steht, wie vor einem Spieltisch, und auf blinden Zufall harrt, der ist ein Thor. Ther. Wenn ich nur frey bleibe! wenn ich nur den alten Obristen nicht heyrathen muß! rathen Sie mir, bester Oheim! nur das nicht! Tob. Ja, liebes Kind, was soll ich dir rathen? wende dich geradezu an ihn selbst; entdecke ihm freymüthig den Zustand deines Herzens. Ist er ein edler, sein fühlender Mann, je nun, so wird er von selbst zurücktreten. Ther. Ja das will ich! Vielleicht gelingt es mir ihn zu rühren; ihn sogar zu meinem Fürsprecher zu machen. Tob. Ho! ho! da schwingt sich die Hoffnung schon wieder in die Wolken! Wenn ihre Flügel nur nicht von Wachs sind. Sey behutsam! gieb dich nicht blos. Wer langsam geht, sticht sich keinen Dorn in den Fuß. (Er klopft sie auf die Backen, sie küßt ihm die Hand, er geht.) Ther. Ein Herzensguter Mann! Schade daß er nie geliebt hat! sonst würde er wissen, daß ein Pfeil im Herzen weher thut, als ein Dorn im Fuße.   Achte Scene. Der Obriste . Therese . Obrist. Auf Ehre, mein Fräulein, es ist mir lieb Sie anzutreffen, denn unter uns gesagt, die Gewehrkammer Ihres Herrn Vaters taugt nichts. Ther. Er ist kein Kenner. Obrist. Ueberall Franzosen, hier und da ein Mayländer, lauter Fabrikwaare. Eine einzige Cronacher Büchse von Johann Limmer, die ist gut, aber verrostet. Ther. Mein Oheim war vormals Obrist. Nein, da sollen Sie bey mir ganz andere Dinge schauen. Ich habe Pickelbüchsen, Millerbüchsen, Stegelinsbüchsen Ther. Dürfte ich Obrist. Ich habe Salzburger von Johann Stegreiter Ther. Bester Herr Obrister Obrist. Ich habe Villinger von Melchior Wetschgen. Ther. Ich verstehe mich gar nicht darauf. Obrist. Was, Sie sind ein loser Schelm! Sie haben mich getroffen, als ob Sie mit einer Karrenbüchse nach mir geschossen hätten. Ther. Ganz wider meinen Willen Obrist. Nun, nun, es hat nichts zu sagen. Wenn eine solche Diana erscheint (belehrend) Diana war bey den blinden Heyden die Göttin der Jagd. Ther. Und eine Feindin der Männer. Obrist. Sie sollen es, geliebt es Gott, noch so weit bringen, als meine wohlselige Frau Mutter, die schoß ihren Hasen vom Gaul herunter, und wenn sie allein war, so rauchte sie wohl auch ihr Pfeifgen. Ther. Bey dem Andenken an diese vortrefliche Mutter beschwöre ich Sie Obrist. Holdes Fräulein, nichts von Beschwörungen; das ist Satans Werk. Ther. Im Vertrauen auf Ihre Großmuth Obrist. Ja, das lasse ich gelten. Großmuth ist eine Rittertugend. Ther. Sie haben mir die Ehre zugedacht Obrist. Gehorsamer Diener! die Ehre ist auf meiner Seite. Ther. (mit Bescheidenheit.) Aber nicht die Liebe. Obrist. Desto besser! Ther. Wie, Herr Obrister? Obrist. Ich weiß wohl, daß seit einiger Zeit die verdammte Mode eingerissen ist, sich vor der Hochzeit zu verlieben; aber das muß nicht seyn, das ist gar nicht nach der Väter Sitte. Ther. Nach meinen Begriffen Obrist. Kind, Sie haben Ihre Begriffe durchs Lesen. Vor 300 Jahren las man nicht und verliebte sich auch nicht. Ther. Die Ritterromane behaupten das Gegentheil. Obrist. Ich wollte, daß die Romanenschreiber alle in den Ruinen meiner alten Stammburg säßen. Ein züchtiges Fräulein im funfzehnten Säculo sah ihrem Eheherrn, drey Tage nach der Hochzeit, zum Erstenmal in die Augen. Ther. Und wenn er ihr mißfiel Obrist. So liebte sie ihn dennoch wie sichs gebührte. Ther. Herzen und Bauern waren damals noch Leibeigen. Obrist. Wenn Dieselben mich daher versichern, daß Sie mich noch nicht lieben; so ist mir solches erfreulich zu vernehmen Ther. Ach! das ist auch die einzige Freude die ich Ihnen machen kann. Obrist. Weil ich daraus zur Gnüge ersehe, daß Dieselben in Zucht und Ehrbarkeit aufgewachsen, wie es einem deutschen Fräulein geziemt. Ther. Auch würde ich ein Jahr früher mich glücklich geschätzt haben, einen Mann von Ihren Verdiensten Obrist. Gehorsamer Diener! Ther. In dem die Biederkeit der alten Ritter wieder auflebt Obrist. (immer freundlicher) Gehorsamer Diener! Ther. Durch meine wenigen Reize zu fesseln Obrist. Dero gefesselter Sklave. Ther. Aber ich liebe bereits einen Andern Obrist. (stutzt) Was? Ther. Den treflichsten Jüngling! Obrist. (hustet verlegen, zupft an den Manschetten u. s. w.) So? Ther. Ich liebe ihn mit solcher Innigkeit und Wärme Obrist. Das kommt vom Lesen. Ther. Er hat mein ganzes Herz! Obrist. Er muß es wieder herausgeben. Ther. Nimmermehr! Obrist. Er hat es gestohlen. Ther. Ich hab es ihm geschenkt. Obrist. Ohne des Vaters Willen. Ther. Ueberrascht von der Liebe Obrist. Ein Mädgen muß sich nie überraschen lassen, das hat zuweilen gar üble Folgen. Ther. Sie sind ein edler Mann Obrist. Allerdings, meine Familie ist Stiftsfähig. Ther. Sie werden mein offenes Bekenntniß nicht mißbrauchen. Obrist. Ganz und gar nicht; ich werde dem jungen Menschen den Hals brechen, und damit holla! Ther. Meine Liebe würde ihm ins Grab folgen. Obrist. Dort gönne ich sie ihm von Herzen. Ther. Mögten Sie Ihre Gattin immer schwermüthig sehn? Obrist. Dafür schaffe ich Rath; wir gehen auf die Jagd; mein Weckauf, das ist ein Hund! der ergötzt das Gemüth! Ther. Sie spotten, Herr Obrister, das habe ich nicht verdient. Obrist. Kind, Sie verdienen einen wackern Mann, und der soll Ihnen werden. Ther. Ihre Edelmuth war meine einzige Hoffnung. Obrist. (sich verstellend) Nun ja doch! ich habe Mitleid mit Ihrer Jugend. Des Nächsten Fehler soll man mit Menschenliebe decken. Ther. So dachten die biedern Ritter! Obrist. Da Sie nun von guter Geburt, und folglich mein Nächster sind Ther. Auch Er ist Ihrer Freundschaft werth! Obrist. So (er hustet) Wie heißt er denn? Ther. (mißtrauisch) Sie werden doch nicht Obrist. Kind, wenn ich helfen soll, so muß ich doch wissen wie er heißt. Ther. Nun wohl er nennt sich Wayse . Obrist. Wayse? von Wayse? die Familie ist mir nicht bekannt. Ther. Er ist nur reich durch Verdienst, nur adelig durch sein Herz. Obrist. Was? nicht einmal ein Edelmann? Ther. Er hat den schönsten Adel erworben; er schwang sich durch eigene Kraft vom Gemeinen zum Lieutnant empor, und erkaufte mit seinem Blute den Orden pour le mérite . Obrist. Also ein Chevalier de fortune . Wo ist denn der junge Held? Ther. Nicht weit von hier, in Ebersdorf, rastet er heute mit seiner Schwadron. Obrist. Sehr wohl. Ich werde mit ihm reden. Ther. Versichern Sie ihn meiner unwandelbaren Treue. Obrist. Ich werde ihn versichern, daß er ein Bube ist. Ther. Wie, Herr Obrister? Obrist. Daß er die Familie von Edelschild beschimpft hat. Ther. (mit Unwillen) Nur heimtückische Gesinnungen beschimpfen. Obrist. Daß er auf der Stelle Ihnen schriftlich entsagen Ther. Das wird er nicht. Obrist. Oder meine Pistolen von Lazarino Comminazzo pfeifen hören soll. Ther. Sie haben ein argloses Mädgen hintergangen; Sie haben mir den Nahmen und Aufenthalt meines Geliebten entlockt; Sie wollen zwey gute Herzen trennen; Sie wollen mich mit Gewalt zum Altar schleppen; das, mein Herr, das beschimpft Ihre Ahnen. Obrist. Was! ich beschimpfte meine Ahnen? Ther. Aber es soll Ihnen nichts helfen, ich heyrathe Sie doch nicht! Obrist. Das wollen wir sehn. Ther. Auf Ihre Drohungen mag der Lieutnant Wayse antworten. Obrist. Der Lieutnant Wayse, ha! ha! ha! Ther. Ist er mit einer Batterie fertig geworden, so wird ein Invalide ihm auch keine Furcht einjagen. Obrist. Ein Invalide? Sapperment! Ther. Nur das muß ich Ihnen noch sagen, Herr Obrister, weil Sie doch schon Alles wissen, und weil ich es nicht der Mühe werth halte, Ihnen jezt noch etwas zu verschweigen: der Lieutnant hat einen Ring von mir; er empfieng ihn als ein Unterpfand meiner Treue. Nur wenn er mir diesen Ring durch die Hand seines Nebenbuhlers zurücksendet , so war unsere Abrede, nur dann bin ich wieder frey. (mit einem spöttischen Knixe) Versuchen Sie Ihr Heil: bringen Sie mir den Ring, und ich bin Ihre Braut. (ab)   Neunte Scene. Der Obriste allein. (Er stampft mit dem Stock auf die Erde) Das kommt vom Lesen. Aber habe ich sie nur erst auf meiner Burg, dann soll mir kein Buch über die Schwelle kommen. Dann will ich mir einen Visitator aus Berlin verschreiben, der soll an der Pforte stehn, und jedem Mausefallenkrämer die Taschen umwenden, damit auch kein Almanach durchschlüpfe. He! Patzig!   Zehnte Scene. Der Obriste und Patzig . Obrist. Du verfügst dich sogleich nach Ebersdorf, Patzig. Patzig . Ebersdorf. Obrist. Dort fragst du nach einem gewissen Lieutnant Wayse. Patzig . Lieutnant Wayse. Obrist. Husar, Dragoner, Kürassier, was weiß ich! kurz, von der Kavallerie. Patzig . Kavallerie. Obrist. Du vermeldest ihm einen Gruß von deinem Herrn Patzig . Von dem gnädigen Herrn Obristen von Hammer. Obrist. Nicht doch, schlechtweg von deinem Herrn. Der Kerl ist ein Bürgerlicher, ich darf nicht einmal laut werden lassen, was ich mit ihm vorhabe. Patzig . Wenn er aber fragt, wer mein Herr ist? Obrist. So antwortest du ihm: er werde mich noch immer zu früh kennen lernen, denn ich sey gesonnen, ihm das Gehirn zu zerschmettern. Patzig . Prr! Obrist. Weil er sich unterfangen, ein kühnes Auge auf meine Braut zu werfen. Patzig . Wenn er aber das Kompliment übel nimmt Obrist. Ich sage dir, er ist ein Bürgerlicher. Patzig . (sich den Rücken reibend) Die bürgerlichen Fäuste Obrist. Halt das Maul und reite. So bald ich meine Pistolen geputzt und geladen habe, schwinge ich mich auf den braunen Hengst, und sprenge dir nach. Patzig . Das ist wider den Respekt, dann wären Ew. Gnaden hinter mir. Obrist. (hebt den Stock auf.) Patzig . (zieht sich furchtsam zurück) Ja, das ist ein Anders. Obrist. (treibt ihn immer weiter nach der Thür) Kennst du diesen? Patzig . Leider! Obrist. Hast du mich verstanden? Patzig . Vollkommen. Obrist. Du reitest? Patzig . Ich reite. (er schiebt sich demüthig hinaus.) Obrist. Es ist doch eine herrliche Sache um einen tüchtigen Stock (er schwingt ihn) Stellt mir ein Dutzend Philosophen hieher, und ich disputire sie Alle zu Schanden. Ich glaube, der Kerl fängt auch an zu lesen. Das greift um sich wie die Pest. Wenn dem Unheil nicht bald gesteuert wird, so werden die Menschen noch alle Subordination aus der Welt herauslesen. (ab)     Dritter Akt. (Eine Bauerstube in Ebersdorf.) Erste Scene. Lieutnant Wayse allein. (Er steht vor dem Fenster mit verschränkten Armen) Es ist nicht möglich! der Kerl ist gestürzt, oder es muß ihm sonst ein Unglück widerfahren seyn. (Er geht unruhig auf und nieder, und schaut von Zeit zu Zeit durch das Fenster) Er hat einen Gaul, der, wenn es eine Wette gilt, in 25 Minuten eine deutsche Meile rennt, (Pause) Sollte man ihn dort aufhalten? sollte Therese ihn aufhalten? (Pause) Mein guter Pflegevater wird doch nicht krank seyn? oder Therese? (mit Ungeduld) Fabian! Fabian! ich bat dich zu eilen (er erblickt ihn in der Ferne) Endlich! dort kommt er um die Ecke. Verdammter Kerl! Schritt vor Schritt. (er winkt ihm hastig mit der Hand) Nun freylich, wenn er so spazieren geritten ist, dann war es kein Wunder, daß er mich hier vor Ungeduld verzweifeln ließ.   Zweyte Scene. Der Lieutnant und Fabian (ein wenig betrunken.) Lieutn. Sage mir, ums Himmelswillen! wo hast du so lange gesteckt? Fab. In einer frölichen Haut Herr Lieutnant. Lieutn. Kerl, ich glaube du bist besoffen? Fab. Besoffen? nein! Fabian Krummholz besäuft sich nie. Nur ein kleiner Hieb, hä! hä! hä! Lieutn. Wer hat dir zu trinken gegeben? Fab. Der Wirth in der weißen Taube. Sie kennen ja den rothnasigen Patron, eine Stunde von hier. Lieutn. Ist es möglich! statt nach Schloß Edelschild zu reiten, hast du im Wirthshause gezecht? Fab. Bewahre der Himmel! ich komme ja eben von Schloß Edelschild. Lieutn. Ist Alles gesund dort? Fab. Kerngesund, außer das Fräulein Lieutn. (hastig) Wie? die ist krank? Fab. Anzusehen ist ihr wohl eben nichts, aber sie muß doch wohl krank seyn, denn sie wollte haben, ich sollte auf ihre Gesundheit trinken. Lieutn. Narr! wie du mich erschreckt hast. Fab. Das hab' ich denn auch redlich gethan, und nun wird sie wohl schon in der Besserung seyn. Lieutn. Was sagte sie? Fab. Sie gab mir ein Goldstück, und sagte: »Da ehrlicher Fabian, trinke auf meine Gesundheit.« Lieutn. War das Alles? Fab. Wenigstens war es das Beste. Lieutn. Fragte sie nicht nach mir? Fab. Allerdings, sie fragte. Lieutn. Nun? was denn? Fab. So so wie man zu fragen pflegt. Ich mußte erzählen, wie wir die Batterie gestürmt hatten, und der Herr Kapitain war so gut, und stürmte sie noch Einmal mit. Als wir durch den Graben marschirten, wollte das gnädige Fräulein vor Angst vergehn. Lieutn. (sehr heiter) Würklich? Fab. Als der Herr Kapitän Victoria! rief, da funkelten ihre Augen. Lieutn. Und ein Goldstück gab sie dir? Wo ist es? Fab. Der Wirth in der weißen Taube hat es eingewechselt. Lieutn. Tölpel! ich hätte dir noch Einmal so viel dafür gegeben. Fab. Aber ich mußte trinken, so lautete meine Ordre. Als die Flasche leer war, ritt ich langsam und wohlgemuth hieher. Lieutn. Langsam , vortreflich! Fab. Der Kopf war mir ein wenig schwer geworden. Lieutn. Daß deinem Herrn unterdessen das Herz immer schwerer wurde, daran dachtest du nicht. Fab. Nein, daran dacht' ich mein Seel nicht! Das Fräulein und der Wein, der Wein und das Fräulein, das waren meine einzigen Gedanken. Lieutn. Ich will hinreiten. Fab. Soll ich satteln? Lieutn. Dumme Frage! Allerdings. Schon seit einer Stunde sind meine Geschäfte abgethan. Fab. Hätte nur das Fräulein mir keine Geschäfte in der weißen Taube aufgetragen. (Er will gehn.)   Dritte Scene. Patzig . Die Vorigen . Patzig . Logirt hier der Lieutnant Wayse? Fab. Der Herr Lieutnant Wayse logirt hier. Patzig . Für dich mag er wohl ein Herr seyn. Fab. Grobian! wo haben wir Brüderschaft getrunken? Lieutn. Wer ist Er mein Freund? was will Er? Patzig . Mein gnädiger Herr läßt seinen Gruß vermelden Lieutn. Wer ist Sein Herr? Patzig . Ein Kavalier. Lieutn. Wie heißt er? Patzig . Er will seinen Nahmen in dieser Affaire nicht compromittiren. Lieutn. In welcher Affaire? Patzig . Als Kavalier aus einem alten Hause kann er sich mit keinem Bürgerlichen duelliren. Lieutn. Je nun, so mag er es bleiben lassen. Patzig . Wichtige Gründe nöthigen ihn dennoch, Ihnen das Gehirn zu zerschmettern. Lieutn. Mir. Patzig . Wenn Sie der Lieutnant Wayse sind? Fab. (zeigt ihm die geballte Faust) Der Herr Lieutnant! Lieutn. Laß den Narren schwatzen. (zu Patzig) kenne ich Seinen Herrn? Patzig . Nein. Lieutn. Kennt er mich? Patzig . Nein. Lieutn. Und der Nahme ist ein Geheimniß? Patzig . Ja. Lieutn. Auch die Ursache der Ausfoderung? Patzig . Mein Herr hat Sie in seinem Gehege ertappt. Lieutn. . Dann irrt er sich, denn ich jage nie. Patzig . Das bedeutet, bildlich gesprochen, seine Braut. Lieutn. Braut? welche Braut? Patzig . Das altadeliche Fräulein Therese von Edelschild. Lieutn. Was! die wäre versprochen? die wäre Braut? Patzig . Und in acht Tagen gnädige Frau. Lieutn. . Du lügst, elender Mensch! Patzig . Schimpfen Sie nur, mein Herr wird mich schon rächen. Lieutn. Geh, sage deinem trotzigen Anonymus, er soll nur kommen, wenn er Lust hat ein Narr zu seyn. Aber bald! bald! sonst mögt' ich vielleicht ihn besuchen. Patzig . Werden nicht lange warten dürfen. (will gehn) Fab. Kammerad Patzig . (verächtlich) Kammerad? ich diene bey einem Kavalier. Fab. Also nicht Kammerad; sondern Flegel! Wenn unsere Herren sich schießen, so, denke ich, nehmen wir die Säbel in die Faust, und putzen uns wechselseitig die Bälge. Patzig . Wenn Er einmal meiner Braut nachstellt, dann will ich sehn, ob ich mich so weit herablassen kann. (ab.)   Vierte Scene. Der Lieutnant und Fabian . Lieutn. (geht in großer Unruhe auf und nieder) Was ist das? wäre es möglich! Therese Braut?! Therese meyneidig?! Ich habe freylich kein Recht auf sie ihr freywilliger Schwur soll sie nicht binden das war mein letztes Wort in der Scheidestunde aber daß ich diesen grausamen Entschluß zuerst durch einen fremden Bedienten erfahren muß daß sie nicht einmal so barmherzig war, mir selbst einen mitleidigen Wink davon zu geben Fab. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Herr Lieutnant, (er schlägt ein Schnippgen) ich glaubte nicht so viel von dem ganzen Wischiwaschi. Lieutn. Wer ist dieser Bräutigam ohne Nahmen, der mir den Hals brechen will, nachdem er mir das Herz gebrochen? Fab. Vermuthlich ein armer Coridon, der abgewiesen worden. Mit dem Fräulein kann er sich nicht schlagen, so hält er sich an Sie. Lieutn. Sahst du denn einen Fremden auf dem Schlosse? Fab. Nein, aber ich entsinne mich, daß man von der Ankunft eines Fremden sprach. Lieutn. Eines Bräutigams? Fab. Bewahre der Himmel! ich habe auch keine Spur von Hochzeit im Hause gesehen. Keine Kuchen, keine Weinflaschen Lieutn. Gieb mir meine Pistolen. Fab. (nimmt sie von der Wand) Sie sind noch geladen. Aber Herr Lieutnant Lieutn. Was willst du? Fab. Wenn es wieder eine Batterie zu stürmen gäbe, so spräche ich: in Gottes Nahmen! Aber sein Leben um jedes Narren willen in die Schanze schlagen Lieutn. Ist es meine Schuld. Fab. Würden Sie ihm folgen, wenn er ins Wasser spränge? und das Eine ist doch, mein Seel! eben so vernünftig als das Andere. Verzeihen Sie mir meine Dreistigkeit. Sie sind ein braver Herr, aber ein junger Herr, und als Ihr Pflegevater den alten Fabian zu Ihrem Begleiter erkohr, da gab er mir das Recht, ein Wort mehr zu reden, als sonst wohl schicklich wäre. Lieutn. . Ich danke dir ehrlicher Mann! Du hast Recht, und in jedem andern Falle würde ich auf meine Brust deuten, und sagen: ich habe Muth fürs Vaterland bewiesen, ihm gehört mein Leben. Aber hier es gilt Theresen! ich werde meiner Vernunft nicht mächtig bleiben. Fab. (einen Blick durchs Fenster werfend.) Da steigt Einer vom Pferde. Lieutn. Ha, mein Blut kocht! Fab. Der ist brav geritten, der Gaul dampft. Lieutn. Ist ers? Fab. Ein Mann in Uniform. Er schreitet auf das Haus zu. Lieutn. Bewaffnet? Fab. Er trägt ein Paar Pistolen unter dem Arm. Lieutn. (greift nach der Pistole, die auf dem Tische liegt) Er mag nur kommen.   Fünfte Scene. Der Obriste . Die Vorigen . Lieutn. (fährt zusammen, läßt die Pistole fallen, wendet sich, schlägt die Hände vor das Gesicht, und murmelt:) Mein Vater! Obrist. Junger Herr, sind Sie der Lieutnant Wayse? Lieutn. (steht noch immer abwärts gekehrt, in größter Verwirrung.) Obrist. Wenn Sie sich schämen Ihr Antlitz zu zeigen, so bitte ich, wenigstens den Obristen von Hammer einer Antwort zu würdigen. Lieutn. (wendet sich fast demüthig zu ihm. Mit etwas veränderter Stimme) Ich ja, ich bin der Lieutnant Wayse. Fab. (drückt durch seine Geberden das höchste Erstaunen über das Benehmen seines Herrn aus.) Obrist. Sie haben das Fräulein von Edelschild verführt. Lieutn. Der Ausdruck ist hart. Obrist. Sie haben ihr von Liebe vorgeschwatzt. Lieutn. Daß ich sie liebe ist kein Verbrechen. Obrist. Allerdings, Sie sind nur ein Bürgerlicher. Lieutn. . Ich durfte hoffen mich durch Thaten ihrer Hand würdig zu machen. Obrist. Aber ihre Hand ist bereits versagt. Lieutn. Darf ich fragen: an wen? Obrist. An mich, junger Herr. Lieutn. (zuckt die Achseln) Das Fräulein darf nach Gefallen mit ihrer Person schalten. Obrist. Sie entsagen also Ihren Ansprüchen? Lieutn. Ich hatte nie dergleichen. Obrist. (spöttisch) Würklich? das geht besser als ich glaubte. Man hatte mir Sie als einen Eisenfresser geschildert. Lieutn. Von meinem Muthe ist mein König überzeugt. Obrist. Sehr wohl. Ich bin gekommen, um zweyerley von Ihnen zu fodern. Lieutn. Fodern Sie. Obrist. Erstens: Ihr Ehrenwort, daß Sie das Fräulein von Edelschild nie wieder sehen wollen. Lieutn. Ach! wenn sie würklich Braut ist, so gebe ich es gern. Obrist. Zweytens, müssen Sie mir einen gewissen Ring ausliefern, den Sie einst von ihr erhalten. Lieutn. Einen Ring? Obrist. Ja, mein Herr, einen Ring. Ohne diesen gehe ich nicht von der Stelle. Lieutn. Ich bitte Sie, Herr Obrister, begnügen Sie sich mit den Triumph, den Sie über einen armen, verwaysten Jüngling davon getragen. Lassen Sie mir diesen Ring, der jezt mein ganzer Reichthum ist. Obrist. Nichts, nichts! den Ring muß ich haben. Lieutn. Sie vermählen sich mit dem Fräulein; Therese wird Ihre Gattin; wozu dient Ihnen der unbedeutende Ring? Obrist. Nichts, nichts! den Ring muß ich haben. Lieutn. Seyn Sie großmüthig! Obrist. Ich will nicht. Lieutn. Sie hatten einst einen Sohn er war mein Freund Obrist. Saubere Spießgesellen. Lieutn. Lassen Sie mir den Ring, als die väterliche Erbschaft Ihres Sohnes. Obrist. Ohne Umstände, ich thue es nicht. Lieutn. (mit Festigkeit) Herr Obrister, ich habe gethan, was mir die Pflicht gebot, aber von dem Ringe trenne ich mich nicht. Obrist. Nicht? das wollen wir sehn. Lieutn. Thun Sie was Sie recht dünkt. Obrist. Zu den Pistolen gegriffen Distanz abgemessen Lieutn. Ich schieße mich nicht. Obrist. Vielleicht verstehen Sie sich besser auf die Klinge? o! auch da sollen Sie Ihren Mann an mir finden. (er legt die Pistolen weg und zieht den Degen.) Lieutn. Ich schlage mich nicht. Obrist. Feige Memme! zieh! Lieutn. Schimpfen Sie, wie Sie wollen, ich ziehe nicht. Obrist. (wüthend) Bube! ich renne dir den Degen durch den Leib. Lieutn. Nun wohl, so ermorden Sie Ihren unglücklichen Sohn. Obrist. (läßt den Degen sinken) Meinen Sohn? Lieutn. Ja ich bin es! ich bin der arme Karl, den Sie aus dem väterlichen Hause verstießen; der lange als Bettler in der Welt herum irrte, bis er, von einem Biedermanne unterstützt, sich selbst den Pfad der Ehre bahnte, und den Adel zu verdienen suchte, auf den er einst freywillig Verzicht that. Obrist. (stützt sich auf seinen Degen) Du bist würklich mein Sohn Karl? Lieutn. Blieb denn keiner meiner Züge in Ihrem Herzen? Obrist. Ja, ja, ich erkenne dich. Warum schriebst du mir denn, du habest dich in die Donau gestürzt? Lieutn. Um Sie vielleicht durch meinen Tod zu versöhnen. Obrist. Du hast dich brav gehalten, wie ich höre? Das ist mir lieb. Gieb mir den Ring und ich bin versöhnt. Lieutn. Mein Vater Obrist. Du bist mir Gehorsam schuldig. Lieutn. Das weiß ich. Obrist. Drum gehorche. Lieutn. O mein Vater! wer hat höhere Begriffe von kindlicher Pflicht als ich Obrist. Beweise es mir. Lieutn. Ist Entsagung aller Rechten, die unschuldige Liebe mir gab, nicht der sprechendste Beweiß? Obrist. Aber sie nimmt mich nicht, wenn ich ohne den Ring heimkehre. Lieutn. Lieben Sie Theresen wie ich sie liebe? Obrist. Nein. Lieutn. Und doch Obrist. Ich muß sie heyrathen, sonst muß ich verhungern. Lieutn. (erstaunt) Wie? Obrist. Mein Vermögen ist zum Henker! Schulden überall; man droht mir mit Gefängniß. Lieutn. Ich verbürge mich für Sie. Obrist. Du? Herr Lieutnant von Habenichts? Lieutn. Lassen Sie mir das Fräulein, und nehmen Sie ihr Vermögen. Obrist. Ich sollte von der Gnade meines Sohnes leben? Lieutn. Von der Liebe Ihres Sohnes. Obrist. Nein, das thue ich nicht. Laß nun sehn, was aus dir geworden ist. Du behauptetest ja immer, das Lesen veredle das Herz, kläre den Menschen über seine Pflichten auf, präge sie ihm tiefer ein? laß nun sehn, was du aus deinen Büchern gelernt hast. Hier steht ein alter Vater ohne Brod; ein Mann von Ehre, den man ins Gefängniß werfen will; ihm gegenüber steht sein Sohn; er kann ihn retten, er darf nur einen kleinen elenden Ring vom Finger ziehn, so ist der Vater geborgen. Was sagen deine Bücher? was muß ein guter Sohn in solchem Falle thun? Lieutn. (nach einem kurzen innern Kampfe) Er muß und wenn es ihm das Herz abstieße (er zieht den Ring vom Finger) Hier mein Vater. Obrist. (steckt den Ring hastig zu sich.) Endlich! so erfüllt man das vierte Gebot nach der Väter Weise. Nun sollst du auch wieder mein Sohn Karl seyn. Zu mir kommen darfst du nicht; wegen der Stiefmutter, Du verstehst mich. Aber ich erlaube dir, Briefe an mich zu schreiben, und will dir auch zuweilen antworten. Leb wohl! (er will gehn) Lieutn. (schmerzhaft) Mein Vater! soll ich denn, für alle diese Aufopferungen, nicht einmal das lang entbehrte Glück genießen, in Ihre Arme zu sinken? Obrist. Komm her, umarme mich. Lieutn. (stürzt auf ihn zu, und drückt ihn feurig an seine Brust.) Obrist. (mit Mühe einen Rest von Empfindung bekämpfend) Schon gut. Leb wohl. Lieutn. Ich werde gehorchen ich werde Sie nicht wieder sehn aber wenn sie einst krank werden, und die Herannäherung Ihrer Todesstunde fürchten sollten, versprechen Sie mir wenigstens dann, mich an Ihr Lager zu rufen, und mir Ihren väterlichen Segen zu ertheilen. Obrist. (wider Willen bewegt, verschluckt seine Rührung, reicht ihm die Hand, und sagt:) Auf Ehre! (Pause. Man sieht es ihm an, daß väterliche Aeußerungen aus seiner Brust sich Luft zu machen streben, aber er unterdrückt sie, spricht hastig:) Gott segne dich! (und geht rasch ab)   Sechste Scene. Der Lieutnant und Fabian . Lieutn. (steht betäubt.) Fab. Mit Gunst Herr Lieutnant, Sie haben da einen gnädigen Papa, der Lieutn. (mit Ernst) Vor dem du Respekt haben mußt. Fab. O ja, aus Liebe zu Ihnen, denn Sie haben gehandelt wie Lieutn. Wie ein Sohn. Fab. Unbegreiflich ist mir die Geschichte. Lieutn. Auch wirst du am besten thun, sie ganz zu vergessen. Fab. Wie soll ich Sie denn in Zukunft tituliren? Lieutn. Wie bisher. Fab. Hm! ein Edelmann der sich für einen Bürgerlichen ausgiebt Lieutn. Das pflegen sonst nicht die schlechtesten Edelleute zu seyn. Fab. Weiß denn Ihr Pflegevater Lieutn. Nein, er weiß nichts, und soll auch nichts wissen. Fab. Sie sind ihm Zutrauen schuldig. Lieutn. Und meinem Vater Schonung. Fab. Wir müssen aber doch hinreiten. Lieutn. Hast du schon vergessen Fab. Er wird Sie erwarten. Lieutn. (nachdenkend) Freylich wird er das. Fab. Was soll er denken, wenn Sie nicht kommen? Lieutn. Mein Vater wird ihm erzählen Fab. Ja, das wird er wohl bleiben lassen. Lieutn. So gehe es wie Gott will! Fab. Der gute Alte wird Sie für leichtsinnig halten. Lieutn. Freylich wohl. Fab. Für undankbar. Lieutn. O! das würde mich schmerzen! Fab. Drum denke ich, wir satteln und reiten. Lieutn. Nimmermehr! ich gab mein Wort. Fab. Nun so will ich reiten. Ich habe mein Wort nicht gegeben. Lieutn. Ja das sollst du. Ich will an meinen Pflegevater schreiben. Ein Vorwand findet sich leicht. Eine plötzliche Marschordre, oder etwas dergleichen. Aber du darfst nicht plaudern, hörst du? Fab. Dann darf ich auch nicht bey dem Wirth in der weißen Taube einkehren, denn sonst lößt der Wein die Zunge. (beyde ab.)   Siebente Scene. (Saal im Schlosse.) Therese . Ulrike . Tobias (der eben seine Pfeife ausklopft, und sie auf den Tisch legt.) Ulr. Wo mag unser Gast hingeritten seyn? Tob. Wären die Kreuzzüge noch in der Mode, so würde ich hoffen, er habe eine Reise zum heiligen Grabe unternommen. Ulr. Er sprengte zur Pforte hinaus, wie der Tod in Bürgers Lenore. Ther. So wird er mich auch heim holen. Tob. Vielleicht verdroß ihn deine Aufrichtigkeit, und er skisirte sich in der Stille. Ther. Ach nein! er drohte nach Ebersdorf zu reiten. Tob. Nach Ebersdorf? Ther. Um das alte Faustrecht zu handhaben, und dem Lieutnant meinen Ring abzutrotzen. Tob. Da kommt er an den Rechten. Aber zum Henker! wie erfuhr er denn des Lieutnants Aufenthalt und Nahmen? Ther. Durch mich. Tob. Das war albern. Ther. Er machte mich treuherzig. Tob. Das kann eine dumme Geschichte geben. Ther. Sie ängstigen mich. Tob. (durchs Fenster blickend) Sollte etwas vorgefallen seyn, so ist wenigstens dein alter Galan mit heiler Haut davon gekommen, denn eben sprengt er frisch und gesund auf den Hof. Ther. O! welche peinliche Lage! Ulr. Kind, jezt hast du Gelegenheit, dich in den weiblichen Tugenden zu üben: Geduld und Sanftmuth. Tob. Verunzieren auch keinen Mann. Ulr. Und gewähren einen leichtern Uebergang vom Schmerz zur Freude. Tob. Selbst in der Tugend nehmen die Weiber das beste für sich. Ulr. Doch nur, weil ihr es verschmäht.   Achte Scene. Der Obriste . Die Vorigen . Obrist. Victoria! mein Fräulein, Ihr Ritter hat gesiegt. Ther. Ich verstehe Sie nicht Hr. Obrister. Obrist. (um sich schauend, leise) Wenn wir allein wären Ther. Ich weiß von keinem Geheimniß unter uns. Obrist. (verstohlen zu ihr) Haben Sie schon vergessen? den Ring Ther. (laut) Mein Oheim und meine Tante dürfen Alles hören. Obrist. Auch das vom Ringe? Ther. (ungeduldig) Ich wünschte, Sie brächten mir den Ring des Gyges, damit ich mich vor allen Ueberlästigen unsichtbar machen könnte. Obrist. (die Achseln zuckend) Den Ring des Gyges! das kommt vom Lesen. Ulr. Der Herr Obriste haben viel Staub mitgebracht. Obrist. Ich bin geritten wie ein Husar. Ulr. Man sieht jeden Fußtapfen. Obrist. In drey Stunden nach Ebersdorf, hin und zurück. Tob. Interessante Geschäfte vermuthlich? Obrist. Cupido lieh mir seine Flügel. (zu Theresen belehrend) Cupido war bey den blinden Heyden der Liebesgott. Ther. Ist Ihnen außer dem Liebesgott, niemand begegnet? Obrist. Niemand. Ulr. Wir erwarten Besuch von Ebersdorf. Obrist. Werden vergebens warten. Tob. Mein Pflegesohn, der Lieutnant Wayse Obrist. Wird nicht kommen. Tob. Wie so? Ther. (Angst verrathend) Ich will nicht hoffen, daß Obrist. Hoffen Sie immer. Ulr. Kind, du zitterst? Obrist. Jungfrauen müssen zittern, wenn Ritter um den Preiß kämpfen. Ther. Ich will nicht hoffen, daß Blutvergießen Obrist. Ruhig. Der zärtliche Damöt ließ es so weit nicht kommen. Ther. Sie haben den Lieutnant gesprochen? Obrist. Auf Ehre! Tob. Und sich mit ihm geschlagen? Obrist. Dazu hatte er keine Lust. Ther. (empfindlich) Weil er nie Lust hat, eine Thorheit zu begehn. Obrist. Jenun, da er zu Kreutze kroch, so war mirs auch recht. Ther. (spöttisch) Er kroch zu Kreutze? Obrist. Er wand sich wie ein Wurm. Tob. (lachend) Ha! ha! ha! wie ein Lindwurm. Ther. Und der Herr Obriste war der Ritter Sankt Georg. Tob. Darf man wissen, was Sie dem armen Wurme ausgepreßt haben? Obrist. Sein Ehrenwort, das Fräulein nie wieder zu sehn. Ther. Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich ihn noch heute wieder sehen werde. Obrist. Was gilt die Wette? (schmunzelnd) Ther. (im Ausbruch des Unwillens) Ach Hr. Obrister! wenn Ihnen Cupido nichts weiter geliehen hat, als seine Flügel, so flattern Sie einsam über Berg und Thal. Obrist. Doch, doch; er hat mir auch einen Ring geliehen. Ther. Geht es Ihnen doch fast mit dem Ringe, wie, nach Lessings Behauptung, andern Leuten mit den Tugenden: (spöttisch) Man spricht am meisten von den Dingen, die man nicht hat. Obrist. (greift in die Tasche) Hokus Pokus! (er zieht den Ring hervor, und hält ihn Theresen triumphirend vor die Augen.) Ther. (wirft einen Blick darauf und schreyt) Tob. Ist er es würklich? Obrist. Auf Ehre! Ther. Ja er ist es. Sie haben den Lieutnant ermordet! Obrist. Keinesweges, wir sind als die besten Freunde von einander geschieden. Ther. Dieser Ring, schwur er mir, solle ihm ins Grab folgen. Obrist. Er befindet sich sehr wohl. Tob. Ernsthaft, Hr. Obrister, ich nehme großen, väterlichen Antheil an dem Jüngling. Obrist. Ernsthaft, Hr. Hauptmann, ich sage auf Ehre! und bin ein Edelmann. Tob. Er gab ihnen den Ring gutwillig? Obrist. Gutwillig. Tob. Und entsagte meiner Nichte? Obrist. Nun ja doch! ist es denn ein so großes Wunder, daß eine Romanenliebeley plötzlich ihre Endschaft erreicht? Ther. (heftig) Was sprach er? ich will wissen was er sprach? Obrist. Er sprach nichts. Er gab mir den Ring, ich denke das ist genug. Ther. Ach! nur zuviel! Ulr. Unbegreiflich! Tob. Hm! hm! das gefällt mir nicht. Zwar bin ich herzlich froh, daß diese zwecklose Verbindung aufgehoben worden; aber die Manier gefällt mir nicht. Obrist. Was sollt' er thun? Als er hörte, das Fräulein habe es zur Bedingung gemacht, diesen Ring aus der Hand seines Nebenbuhlers zu empfangen Ther. So gab er ihn? Obrist. So gab er ihn. Ther. (bricht in Thränen aus) Weh mir! ich bin betrogen! Obrist. Das kommt vom Lesen. Ther. Er verdiente meine Liebe nicht! Obrist. Ein Bürgerlicher. Ther. Reiße dich los armes Herz! Obrist. Bravo! Ther. Strafe ihn mit Verachtung! Obrist. Bravissimo! Ther. Und dann verschließe dich der Liebe auf ewig! Obrist. Halt! halt! Sintemal Sie mir verheißen und gelobet Ther. Recht Herr Obrister! Sie will ich lieben! wenigstens will ich sagen, daß ich Sie liebe. Geben Sie mir den Ring. Ich liebe Sie! ich liebe Sie unaussprechlich! Obrist. Dacht' ichs doch, es wird sich geben. Soll ich den gnädigen Papa rufen? Ther. Rufen Sie wen Sie wollen. Ulr. (zupft sie) Kind! Kind! Obrist. Damit wir nach der Väter Weise auf der Stelle unsere Verlobung feyern? Ther. Ja, ja, auf der Stelle. Obrist. Und die Hochzeit? Ther. Je eher, je lieber. Ulr. (warnend) Kind! Kind! Ther. Aber der Lieutnant muß dazu gebeten werden. Obrist. Er wird nicht kommen. Ther. Er muß kommen. Ich werde mich festlich schmücken, ich werde alle Toilettenkünste aufbieten, um recht schön zu seyn. Obrist. Desto besser! Ther. Ich werde scherzen, lachen, tanzen! mit ihm selbst will ich scherzen, mit ihm selbst will ich tanzen. Obrist. Ho! ho! das Eisen glüht! jezt muß man schmieden. (er läuft fort)   Neunte Scene. Die Vorigen ohne den Obristen . Ther. (kommt zu sich selbst und erschrickt) Er geht? Ulr. Er geht deinen Vater zu rufen. Ther. Ach Gott! was hab' ich gethan! Tob. Du hast dich albern benommen. Ein Entschluß, den man par depit faßt, ist gewöhnlich ein dummer Entschluß. Ther. Entschuldigen Sie den Lieutnant wenn Sie können. Tob. Entschuldigen kann ich ihn nicht, aber ungehört verdammen mag ich ihn auch nicht. Ther. That ich das? o! dann war ich mehr als kindisch! habe an dem besten, treusten Herzen mich versündigt! Gewiß, er ist unschuldig! Tob. Er kann den Ring verlohren haben. Ther. Er hat ihn verlohren! ohne Zweifel hat er ihn verlohren! Das Räthsel wird sich enthüllen, und ich werde beschämt vor ihm stehn. Tob. Als Frau Obristin von Hammer. Ther. Sie sind grausam, bester Oheim! Ulr. Du wolltest ja selbst über Hals und Kopf Hochzeit machen? Ther. Nimmermehr! Ulr. Das geht auch nicht an, denn da ist noch so vieles zu besorgen. Ther. Nun wird mein Vater kommen Tob. Freylich. Ther. Der Obriste wird ihm sagen. ich hätte eingewilligt Tob. Das hast du auch. Ther. (ringt die Hände) Gott! in welches Labyrinth hat mich meine Unbesonnenheit gestürzt!   Zehnte Scene. Fabian . Die Vorigen . Tob. (als er ihn erblickt) Ah Fabian! nun wird sichs aufklären. Ther. (fliegt auf ihn zu) Wo ist dein Herr? Fab. (marschirt, ohne zu antworten, auf Tobias los, und überreicht ihm einen Brief) Ther. Lebt dein Herr? Mensch! antworte! Fab. Ich habe Ordre, nicht zu antworten. Tob. Kind! Kind! er hat geschrieben, folglich muß er wohl leben. (er öffnet den Brief und brummt den Innhalt für sich.) Ther. (hängt mit ängstlich forschenden Blicken an seinem Gesichte.) Tob. (endigt, und schüttelt den Kopf.) Ther. Nun? Tob. In dem Briefe steht nichts. Ther. Nichts? Tob. Eine plötzliche Marschordre er kann nicht kommen er nimmt Abschied wünscht dir Glück zu deiner Vermählung Ther. Wünscht mir Glück! vortreflich! Tob. Bursche, was soll das heißen? Fab. Ich bin stumm. Tob. Habt ihr würklich Marschordre? Fab. Wenn es in dem Briefe steht, so muß es wohl wahr seyn. Ther. Hast du einen Fremden bey deinem Herrn gesehn? Fab. Ja. Tob. Gab dein Herr dem Fremden einen Ring? Fab. Ja. Ther. (außer sich) So ist es doch wahr! Tob. Gab er den Ring gutwillig? Fab. Ja. Ther. Und wünscht mir Glück zu meiner Vermählung! Tob. Hörtest du was sie zusammen sprachen? Fab. Ja. Tob. Erzähle. Fab. Ich darf nicht. Ther. (will ihm einen Beutel geben) Nimm das, ehrlicher Fabian, und erzähle. Fab. Der ehrliche Fabian nimmt kein Geld, um seinen Herrn zu verrathen. Tob. Hat er dir so streng verboten? Fab. Ja. Ther. So sage mir mindestens ober lebt? wo er ist? was er thut? Fab. Er weint. Ther. Er weint? (sie bricht in Thränen aus) O sieh! ich weine auch! Fab. Gnädiges Fräulein, so müssen Sie mir nicht kommen. Ich habe schon genug mir meinem armen Herrn ausgestanden. Den Wein hab' ich auch noch im Kopfe und dann noch solche Thränen. da mögte Einer zum Schelme werden. Tob. Fabian, du kennst mich. Fab. Der Hr. Hauptmann von Edelschild. Tob. Bin ich dir sonst nichts? Fab. (gerührt) Mein alter, guter Herr! mein Wohlthäter! Tob. Und habe dir nie zu einem schlechten Streich gerathen. Fab. Und werden es auch nie. Tob. Wenn ich also von dir begehre, du sollest meines Pflegesohnes Ehre retten Fab. Seine Ehre? Tob. Er hat, dem Scheine nach, nicht brav gehandelt. Fab. Sapperment! er hat gehandelt, wie der wackerste Edelmann bey der ganzen Armee. Tob. Kannst du das beweisen, so thue es. Ther. Bedenke in welchem Lichte er erscheint, und vor wem? vor seinem Pflegevater, seinem Wohlthäter. Fab. Ganz recht. Man soll freylich gehorchen ohne zu raisonniren; und wenn es blos auf meines guten Herren zeitliches Glück ankäme (er legt den Finger auf den Mund) Mäusgen still! Aber seine Ehre! potz Element! die lasse ich nicht antasten. Ther. So rede. Fab. . Ich werde reden aber Herr Hauptmann gnädiges Fräulein Sie müssen mir einen Revers ausstellen, daß ich nicht betrunken bin. Tob. Wozu das? Fab. Denn sehn Sie, wenn ich einen dummen Streich mache, so kann mein Herr doch nicht sagen: Kerl! du warst besoffen! sondern höchstens: Kerl du warst ein Esel, aber du hast es gut gemeynt . Tob. Mein Zeugniß soll dich schützen. Ther. Und das meinige. Ulr. Fabian, du bist ein reinlicher Bursche, aber viel zu weitläuftig. Fab. Nun in Gottes Nahmen! Mein Herr hat den Ring ausgeliefert, das ist wahr; aber an wen hat er ihn ausgeliefert? Tob. An den Obristen, Ulr. Den Obristen von Hammer. Ther. Ach! das gilt gleichviel, er mußte ihn gar nicht ausliefern. Fab. Auch seinem Vater nicht? Ther. (erstaunt) Seinem Vater!? Tob. Kerl! bist du toll? Ulr. Fabian, du mögtest doch wohl ein wenig betrunken seyn. Fab. Ich sage, der Herr Lieutnant Wayse ist der eheleibliche Sohn des Hr. Obristen von Hammer. Tob. Sagst du? Fab. Ich sage, er wollte den Ring unter keiner Bedingung herausgeben Ther. Aber ? Fab. Aber der Herr Obriste sprachen von drückenden Schulden; von der Nothwendigkeit, eine reiche Braut zu suchen Tob. So, so. Fab. Sie erwähnten des Gefängnisses, des Hungers, et caetera Ulr. Ey! ey! Fab. Das Herz meines guten Herrn entbrannte in kindlicher Liebe, und er gab den Ring, um seinem alten Vater aus der Noth zu helfen. Ther. (nimmt ihren Oheim beym Kopfe und küßt ihn mit Heftigkeit; dann macht sie es eben so mit ihrer Tante, dann dringt sie Fabian ihren Beutel auf.) Fabian, ich bitte dich um Gottes willen! nimm! die Freude, die du mir gemacht hast, bezahlt kein Gold! (mit frohem Entzücken) Er ist unschuldig! er ist unschuldig! Tob. (mischt sich eine Thräne aus dem Auge) Das ist er, der brave Junge. Ulr. Und ein Edelmann obendrein. Fab. So gut als sein Vater. Tob. Besser als sein Vater. Ther. Nun, lieber Oheim, nun darf ich ihn doch lieben? Tob. Meine Erlaubniß hast du. Ulr. Und meinen Segen. Tob. Es würde mir eine große Freude seyn. Ulr. Ich würde Alles aufs beste zurichten. Tob. Wenn nur dein Vater Ulr. Und der Seinige Ther. Unsere Bitten Tob. Geh Fabian, warte unten auf Depeschen. Fab. (marschirt ab) Ulr. Ich fürchte nur, du hast, durch deine Voreiligkeit, das Spiel verdorben. Tob. Und der junge Herr hatte kein Zutrauen zu seinem Pflegevater. Hätte er mir früher einen Wink von seiner Geburt gegeben, so hätten wir die Sache von langer Hand einfädeln können. Aber die jungen Leute schwatzen und schweigen , beydes zur Unzeit. Ther. Er wollte sein Glück keinem elenden Zufalle verdanken; er wollte durch Kopf und Herz gewinnen Tob. Pst! pst! ich höre kommen. Gott geb' uns Freunde!   Eilfte Scene. Der Geheimderath . Der Obriste . Die Vorigen . Geh. R. (sehr heiter) Recht so, Theresgen, das ist brav! nun bist du wieder meine gute Tochter. Obrist. Ich sagte es ja wohl, es giebt sich Alles. Geh. R. Kinder, laßt uns einen frohen Abend feyern. Ihr klagt zuweilen über meine böse Laune; aber heute sollt ihr mich lustig sehn! heute kann mich nichts aus meiner Fassung bringen. Ulr. Das gebe der Himmel! Obrist. Ist auch Einmal eine vernünftige Heyrath nach der Väter Weise. Der Bräutigam, ein Mann von gesetzten Jahren, hat, wie sichs gebührt, sich zuerst an den Vater gewandt; und die Braut, ein züchtiges Fräulein, hat pflichtschuldige Folge geleistet. Geh. R. Nichts von Entführung, nichts von Mondschein. Obrist. Nichts von girrenden Täubgen. Tob. Oder von zärtlicher Wonne. Obrist. Sintemal und alldieweil wir hier versammelt sind, um nach der Väter Weise Geh. R. Halt Herr Bruder! die vollen Humpen fehlen noch. Tob. Halt Herr Bruder! die Liebe fehlt noch. Geh. R. (ernsthaft) Bruder, was soll das heißen? störe mir meine Freude nicht. Tob. Wenn ich das thue, so bin ich zum Erstenmale in meinem Leben ein Freudenstörer. Ulr. Besser er redet jetzt, als wenn es zu spät ist. Geh. R. Er soll aber nicht reden! er hat nichts zu reden. Tob. Herr Obrister, Sie erwähnen so oft der Väter Weise. Darf ich Ihnen sagen, wie unsre Väter es hielten? Obrist. Das weiß ich schon längst. Tob. Ich zweifle. Wenn unsere Väter wackere Söhne hatten, so waren sie stolz darauf. Geh. R. Wozu der Schnickschnack? Tob. (ohne sich irre machen zu lassen) Und wenn sie ihnen nichts geben konnten, so mogten sie ihnen doch auch nichts nehmen . Obrist. (verlegen) Ich weiß nicht Herr Kapitain Geh. R. Sag' mir ums Himmels willen, Bruder, wo hast du deinen Kopf? Tob. Frage diesen Herrn wo er sein Herz hat? Obrist. Noch hat Niemand an meinem Herzen gezweifelt. Tob. Ja, wenn es so viel bedeutet als Degen . Geh. R. Du vergißt, daß du in meinem Hause bist. Tob. Er vergißt, daß er einen Sohn hat. Geh. R. Gehabt. Tob. Er hat ihn noch. Ther. (bey Seite.) Gott! steh dem guten Oheim bey! Obrist. Ein Romanenheld. Tob. Pfuy Herr Obrister, das hat er nicht um Sie verdient. Geh. R. Habt ihr mich zum Besten? ich verstehe nicht ein Wort. Tob. Es bedarf nur Eines Worts um dir die Augen zu öfnen. Mein Pflegesohn der Lieutnant Wayse, ist sein Sohn, der Lieutnant von Hammer. Geh. R. So? nun desto besser! so lade ihn zur Hochzeit. Tob. Aber er liebt Theresen. Geh. R. Desto schlimmer für ihn. Tob. Aus kindlicher Pflicht hat er seine Rechte abgetreten. Geh. R. Rechte? Sapperment! welche Rechte? Tob. Therese liebt ihn. Geh. R. Mädgen! ich will nicht hoffen Obrist. Das kommt vom Lesen. Geh. R. Du antwortest nicht? Obrist. Romanen-Tändeley. Geh. R. Du schlägst die Augen nieder? Tob. Besser daß du sie mit niedergeschlagenen, als mit thränenvollen Augen siehst. Geh. R. Ich will sie gar nicht mehr sehn! ich will sie verstoßen! Obrist. So ists Recht. Ther. Vater! Geh. R. Ich bin nicht der Vater einer Dirne, die sich dem ersten besten Landstreicher an den Hals wirft. Obrist. So ists Recht. Geh. R. Sprich! willst du gehorsam seyn? willst du mir Freude machen? Ther. Mit meinem Blute. Geh. R. . Hier ist nicht von deinem Blute die Rede. Obrist. Eine Romanen-Floskel. Geh. R. Willst du dem Obristen deine Hand reichen? Ther. Ohne mein Herz ? Geh. R. So reiße denn dein sanftes Taubenherz los von dem Herzen deines Vaters! hänge dich an einen Buben! entlaufe, so wie er, dem väterlichen Hause! entsage, gleich ihm, deinem ehrlichen Nahmen! und schleppe dich, so wie er, mit dem väterlichen Fluche belastet, von Elend zu Jammer! Ther. Ach Gott! ach Gott! (sie ringt die Hände und geht ab) Obrist. Das war die ächte, alte Rittersprache. Tob. Jammerschade, Herr Obrister, daß Sie zu spät und zu früh auf die Welt kamen. Obrist. Wie so? Tob. Zu spät für sich selbst, und zu früh für meine Nichte. Geh. R. Bruder, ich verbitte mir deine beißenden Anmerkungen. Tob. Ich rede freylich keine Rittersprache. Geh. R. Ich wäre schon zufrieden, wenn du nur vernünftig sprächest. Tob. Damit schmeichle ich mir zuweilen. Geh. R. Du schmeichelst dir zu viel. Tob. Die gewöhnliche Eigenliebe der Menschen. Geh. R. Du bist ein Brausekopf, der gleich Feuer fängt Tob. (gutmüthig lächelnd) Ich? Geh. R. Vor jeder Thräne hinschmilzt Tob. Die Schuld meines Jahrhunderts. Geh. R. Sich von jeder poetischen Lüge bethören, von jedem Windbeutel hinters Licht führen läßt Tob. Besser hintergangen werden als hintergehn. Geh. R. Du bist Schuld an dem ganzen Wirrwarr Tob. Ich hielt es für Bruderpflicht. Geh. R. Hast dem Mädgen Dinge in den Kopf gesetzt Tob. Sie saßen ihr schon längst im Herzen. Geh. R. Bist ein Verführer der Jugend Tob. (sieht ihn wehmüthig an. Nach einer kurzen Pause pfeift er die beyden Ersten Takte des Liedes: Freut euch des Lebens .) Geh. R. (der immer erbitterter wird) Hast deine Freude daran, einem armen alten Vater das Herz zu zerreißen Tob. (pfeift die beiden folgenden Takte) . Geh. R. (wüthend) Kurz du du du bist ein Narr! Tob. (hört auf zu pfeifen, und sieht ihn wehmüthig an.) Geh. R. (hämisch) Nun, warum pfeifst du nicht? Tob. (sehr bewegt) Bruder, ich kann jezt nicht pfeifen. Gott verzeihe es dir, daß du deinen Bruder so weit gebracht hast. (er geht ab) Ulr. Um Gottes willen! Bruder Herrmann! besinne dich. Geh. R. Worauf soll ich mich besinnen? daß du auch noch da bist? daß du auch die ungerathene Dirne gegen ihren Vater verhetzen hilfst? Ulr. Ach Gott nein! Geh. R. Vermuthlich trägt der Lieutnant etwa reinere Manschetten als sein Vater, und damit hat er dein gewaschenes Herz gewonnen. Ulr. Bruder! Geh. R. Ich rathe dir, den Benjamin Schmolk in die Hand zu nehmen, und deine indianischen Hüner zu füttern. Ulr. Bruder! Geh. R. Aber alte Jungfern kuppeln gern Ulr. Das ist zu viel! (sie geht ab) Obrist. So recht, Herr Bruder, zeige dich als Herrn im Hause. Geh. R. Aber die Wahrheit zu gestehn, zeigst du dich eben nicht als einen liebenswürdigen Bräutigam. Obrist. Nach der Väter Sitte Geh. R. Unsere Väter hatten keine Sitten! sie waren Tölpel, die man heutzutage in keiner honetten Gesellschaft dulden würde. Obrist. Die ehrwürdigen Ritter Geh, R. Aber meine Tochter braucht keinen Ritter, sondern einen Mann von Welt, der vernünftig mit ihr umgeht. Obrist. Ich denke, Herr Bruder Geh. R. Du denkst zu wenig. Obrist. Aber Potz Element! ich fühle Geh. R. Du fühlst gar nichts, und das ist noch schlimmer, als wenn man zu viel fühlt. Obrist. Ich merke wohl, daß ich dir aus dem Wege gehen muß. (ab) Geh. R. (allein) Alle laufen sie davon. Keiner, an dem ich meinen Unmuth auslassen kann. (Er rennt einigemal auf und nieder, bleibt dann stehn, und kaut an den Nägeln) Mit Bruder und Schwester hab' ich es freylich wohl zu arg gemacht. (Pause. Er nimmt die Tabakspfeife vom Tische, welche Tobias liegen ließ, zerbricht sie in kleine Stücke, und wirft ein Stück nach dem andern mit Hastigkeit von sich, während der Vorhang fällt.)     Vierter Akt. Erste Scene. Der Geheimderath allein. (Er kömmt hastig auf die Bühne, geht an die Eine Seitenthür und will sie öffnen) Verschlossen. (Er klopft an) Keine Antwort. Die Fräulein Schwester ist aufgebracht. Sie hat Recht. (Er geht an die andere Thür und klopft) Eben so. Der Herr Bruder zürnt. Er hat Recht. Therese winselt im Park die Bedienten gehn mir aus dem Wege die Mägde verstecken sich der Einzige Lesefried verfolgt mich mit seinen Gemeinsprüchen, und macht mir vollends den Kopf warm Ich habe mich übereilt, es ist wahr und nichts auf der Welt giebt dem Menschen mehr üble Laune, als das Bewußtseyn Unrecht zu haben.   Zweyte Scene. Hanns Bornmann und der Geheimderath . Bornm. Guten Tag, gnädiger Herr. Geh. R. (verdrüßlich) Großen Dank. Bornm. Es war eben kein Bedienter im Vorzimmer mich zu melden; da dachte ich, der alte hundertjährige Hanns Bornmann kann ja wohl Einmal ungemeldet zu seinem Herrn treten. Geh. R. Was willst du Alter? Bornm. Kommende Woche wird mein Enkel Hochzeit machen, da kam ich selbst, um die gnädige Herrschaft zu bitten, das Brautpaar in die Kirche zu geleiten. Geh. R. (grinsend) Vortreflich! Bornm. Und dann auch ein Stück Hochzeitkuchen in meiner Hütte zu verzehren. Geh. R. Hochzeit! Hochzeit! verdammt! das fehlte noch. Alter, ich glaube du treibst deinen Spott mit mir? Bornm. Ja wohl ist Gott mit mir! Er schenkt im hohen Alter mir Freude die Fülle. Ich bin gesund und rüstig; ich bin die zwey Stunden zu Fuße herübergewandert; ja zu Fuße, und so denke ich auch wieder heimzukehren. Geh. R. (in den Bart brummend) Je eher je lieber. Bornm. Nur mein Gehör fängt an schwach zu werden; doch Kinder und Enkel haben Geduld mit dem Greise. In meinem Hause wird immer geschrieen. Wer vorbey geht und weiß es nicht, der sollte denken, es sey ewiger Hader und Zwietracht in meiner Hütte, aber sie schreyen aus Liebe zu mir. Geh. R. Wenn doch alle meine Hausgenossen das anhörten! mit mir hat Niemand Geduld! Bruder Schwester Tochter Niemand! (er schlägt sich vor die Stirn) O! ich (in einem Ausbruch von Unmuth) Pack dich fort Alter! du wirst mich rasend machen! Bornm. (stutzend) Wie gnädiger Herr? was ich jezt hörte schäme dich Alter, du bist taub, du hast deinen guten Herrn nicht recht verstanden. Geh. R. Ich sage dir, du sollst gehn. Bornm. Ohne ein freundliches Wort ward ich noch nie entlassen. Es gab Zeiten, wo ich mehr bedurfte als Worte, und auch dann kam ich nie vergebens. Anno87 das Viehsterben Anno90 der Hagelschlag meine Kinder jammerten, ich aber war gutes Muthes. Ich gehe zum Herrn, sagt' ich, und ergriff meinen Stab; der wird wohl helfen und er half. Geh. R. (sanfter) Schon gut. Bornm. Es war in diesem Zimmer, gnädiger Herr; ich mußte mich setzen; ich mußte ein Glas Wein trinken; und mir ward geholfen mit Vieh und Aussaat. Auf dieser Stelle habe ich meine dankbaren Thränen geweint ich kann diese Stelle nicht verlassen ohne Segenswunsch. Geh. R. Setze dich, Alter, setze dich. Bornm. Nicht wahr, Sie schlagen mirs nicht ab? Sie kommen zur Hochzeit? der Wohlstand meines Hauses, die Liebe Ihrer Unterthanen, beyde sind Ihr Werk. Meine Familie besteht aus 26 Kindern und Enkeln, Alle lieben und verehren Sie! das hat der alte Bornmann von Jugend auf in ihr Herz gepflanzt. Geh. R. Ich werde kommen. Bornm. Froher Jubel wird Sie bewillkommen. Geh. R. Sage mir, Graukopf, wie fängst du es an, daß die Deinigen dich lieben? Bornm. Ich liebe sie wieder. Geh. R. Daß sie die Schwächen deines hohen Alters mit Geduld ertragen? Bornm. Ich ertrage die Schwächen ihrer Jugend. Geh. R. Daß sie, mit kindlichem Vertrauen, sich ohne Scheu zu dir nahen? Bornm. Ich brumme nie bin immer heiter verderbe Niemanden seine Freude. Vor mir darf keiner sich Zwang anthun; ich hab' es gern, wenn das junge Volk sich lustig macht; haben sie sich müde getanzt, so erzähle ich ihnen Geschichten aus dem siebenjährigen Kriege, oder von Kometen und doppelten Sonnen. Sind meine Kinder auf dem Felde, so spiele ich daheim mit den Enkeln; sie stehen mit ihren Abcbüchern zwischen meinen Knieen, und freuen sich über den Affen         – der gar poßirlich ist, zumal wenn er vom Apfel frißt. Hat ein rascher Bube einen Topf oder ein Glas zerbrochen, so nehme ich die Schuld auf mich. In kleiner oder großer Noth kommt Jung und Alt zu mir; ich rathe gern, und helfe auch zuweilen. Fällt etwa eine Unordnung im Hause vor, so werde ich nicht gleich verdrüßlich; ich thue lieber, als würde ich es nicht gewahr. Wird Einmal mein Frühstück vergessen, so trinke ich ein Glas Wasser und schweige. Ist die Suppe angebrannt, so schlinge ich sie hinunter und schweige. Ich weiß doch, daß meine Schwiegertochter mehr dabey leidet als ich; und warum soll man sich über Dinge ärgern, die man in der nächsten Stunde vergessen hat? Sehn Sie, gnädiger Herr, so falle ich Niemanden zur Last, bin Keinem im Wege, und habe die frohe Ueberzeugung, daß von meinen Kindern und Enkeln keiner auf meinen Tod hoft. Ja ich weiß wenn ich hinüber schlummre es wird ein lautes Wehklagen in meinem Hause geben und im ganzen Dorfe. Geh. R. (gerührt) Meynst du? Bornm. (mit Innigkeit) Ja gewiß! sie werden Alle um mich weinen, und, Gott sey Dank! das werden die Einzigen Thränen seyn, die ich meinen Nebenmenschen ausgepreßt habe. Geh. R. Ich bitte dich, Alter, lehre mich die Kunst, immer gleichmüthig zu seyn, nie durch üble Laune die Menschen von mir zu scheuchen. Bornm. Ueble Laune? ich weiß auch was das ist, doch nur wenn ich krank bin, und dann schließe ich mich in meine Kammer, und spreche: Kinder, laßt mich allein. Aber ein gesunder Mensch hat gegen diesen Feind ein herrliches Mittel in seiner Gewalt. Geh. R. Und das wäre? Bornm. Arbeit , gnädiger Herr, Arbeit! ein arbeitsamer Mensch ist auch ein frölicher Mensch. Ich bin 100Jahr alt, ich habe kaum zweymal in meinem Leben üble Laune gehabt, und beydemale entstand sie aus langer Weile . Als ich nicht mehr recht arbeiten konnte, da wurde mir auch bang vor dieser Pest; aber flugs machte ich mir allerley zu schaffen; ich legte mir Seidenwürmer zu; ich erzog Kanarienvögel und lehrte Dompfaffen singen; ich las Geschichtbücher, und wenn mir die Augen weh thaten, so strickte ich Strümpfe. Ein Strumpf, gnädiger Herr, ein Strumpf ist eine herrliche Sache, und ich sage es oft: die Männer haben blos deshalb mehr üble Laune als die Weiber, weil sie keine Strümpfe stricken. Geh. R. Ich danke dir, Alter; du hast mir heilsame Wahrheit gepredigt, und ich werde sie nutzen. Der graue Hofmann mußte beym schlichten Bauer in die Schule wandern. Geh, ich komme zur Hochzeit. Dann wollen wir auf den Abend bey einem Becher Wein uns in den Winkel setzen, und ich will dir die Kunst ablernen, Frühlingsblumen aus Winterschnee zu locken. Geh, geh, (er schüttelt ihm die Hand) doch laß dich vorher mit Speis' und Trank erquicken. Bornm. (seinen Händedruck bescheiden erwiedernd) Ich bin schon erquickt durch Ihre Güte. (ab)   Dritte Scene. Geheimderath allein. Er hat Recht. Ich war immer an Thätigkeit gewöhnt. Ein Geschäftsmann mag sich wohl vorsehn, ehe er es wagt, dem Strudel zu entrinnen, der alle seine Kräfte spannte, und plötzlich in stillem Wasser seinen Anker zu werfen Ich will eine Baumschule anlegen eine Akacienpflanzung ich will Sümpfe austrocknen, und Sandwüsten urbar machen Bruder Tobias soll mich die Gärtnerey lehren und im Winter? nun da will ich ein Buch schreiben! wären es auch nur Wetterbeobachtungen, oder eine Abhandlung über die Gestalt der Schneeflocken.   Vierte Scene. Der Geheimderath und Walther . Walth. Gnädiger Herr Geh. R. Was willst du Walther? Walth. (bescheiden) Ich bitte um meinen Abschied. Geh. R. (erstaunt) Du? Walth. Werden Sie nicht ungehalten Sie sind ein guter, vortreflicher Herr ich bin Ihnen weiß Gott! von ganzer Seele ergeben aber ich habe so eine empfindliche dumme Gemüthsart ich kann es nicht mehr aushalten. Geh. R. Wieso? Walth. Seit wir hier auf dem Lande wohnen ich wollte so gern Alles recht machen aber vergeht wohl ein Tag, an dem Sie mich nicht ausschelten? Geh. R. Weil du es verdienst. Walth. Ich mag es wohl oft verdient haben mit meinem Willen gewiß nie! oft bin ich auch unschuldig. Geh. R. Das ist nicht wahr, ich thue keinem Menschen Unrecht. Walth. Mit Ihrem Willen auch nicht, aber es überrascht Sie. Oft sind es Kleinigkeiten, kaum der Rede werth, und ich muß einen Schlingel oder Schurken in die Tasche stecken. Es sind leere Worte, ich weiß es, aber sie thun dennoch weh. Ich bin von guten Eltern, mein Vater war Förster, Armuth zwang mich zu dienen. Armuth beugt Verachtung noch mehr Verdacht am meisten. Gnädiger Herr, als Sie heute Ihren Beutel suchten, und ihn nicht gleich finden konnten, weil Sie ihn selbst verlegt hatten; als Sie da, in übler Laune, ein Wort von Mißtrauen gegen mich fallen ließen Geh. R. Narr, es war mein Ernst nicht. Walth. Nein, es war Ihr Ernst nicht, aber es schnitt mir wie Messer durchs Herz, und ich dachte: du willst lieber um geringern Lohn dienen; willst lieber hungern, als länger deine Ehre so mißhandeln lassen. Sie lächeln, gnädiger Herr? oja! ein Bedienter hat auch Ehre, und die Herrschaften sollten dieß Gefühl nicht zu ersticken suchen. Geh. R. (stolz) Du hofmeisterst mich? Walth. Bewahre der Himmel! Geh. R. Geh zum Henker! Walth. (nach einer schmerzhaften Pause) Ich hätte freylich wohl gewünscht, auf eine liebreichere Art entlassen zu werden; ich hätte gern zum Abschied die Hand geküßt, der ich manche Wohlthat verdanke; es soll nicht seyn! Geh zum Henker armer Walther! (er will fortschleichen) Geh. R. Walther! Walth. Gnädiger Herr. Geh. R. Du hast mir 20 Jahre gedient. Walth. 20 Jahr. Geh. R. Und nun willst du fort? Walth. (seufzend) Ja gnädiger Herr! Geh. R. (hastig) So geh! geh! Walth. (will gehn) Geh. R. Walther! Walth. Gnädiger Herr! Geh. R. Warst du es nicht, der, als die Hofkabale mich in die Festung sperrte, allein bey mir aushielt? Walth. Ich war es. Geh. R. Der mir Mäuse kirren und Spinnen abrichten half? Walth. Das that ich. Geh. R. (nach einer Pause, mit Rührung) Bleib bey mir. Walth. Ach! Geh. R. Nimm das. (Er reicht ihm seinen Beutel.) Walth. Nein, gnädiger Herr, um Gottes willen nicht! kein Geschenk in diesem Augenblicke. Es würde mich schwerer drücken, als Scheltworte. Geh. R. (steckt den Beutel ein) Ich habe deine Ehre gekränkt. (Er reicht ihm die Hand) Vergieb mir. Walth. (ergreift seine Hand mit Heftigkeit, drückt sie an seine Lippen, will reden, fängt an zu schluchzen, und läuft davon.)   Fünfte Scene. Geheimderath allein. (Er wischt sich eine Thräne aus den Augen) Fast mögte man zuweilen Unrecht thun, um das Vergnügen zu haben, es wieder gut zu machen Die Leute haben Recht ich muß anders werden aus Liebe zu mir selbst. Ich darf es mir nicht einmal zum Verdienst anrechnen; denn wer gewinnt dabey? ich. (Zwey Bediente kommen aus der Thür rechter Hand, und tragen einen Koffer nach der Mittelthür.) Geh. R. Was ist das? was schleppt ihr da? Bed. Der Herr Kapitain will verreisen. (ab) Geh. R. Verreisen? da sey Gott für! so ernstlich wird mein guter Bruder es doch nicht genommen haben? (Zwey Bediente aus der Thür linker Hand, tragen auch einen Koffer.) Geh. R. Noch mehr? wo wollt ihr hin? Bed. Das gnädige Fräulein will mit Jungfer Lenchen nach der Stadt fahren. (ab) Geh. R. Auch meine Schwester? das ist zu hart! Nun ja! ja! ich habe mich übereilt; ich habe einen dummen Streich gemacht aber deshalb gleich aufzupacken mich allein zu lassen wie einen Aussätzigen das ist zu hart!   Sechste Scene. Der Obriste . Der Geheimderath. Obrist. Ich sehe hier allerley Reiseanstalten? Geh. R. Bruder und Schwester wollen fort. Obrist. Glück auf den Weg! Geh. R. Und Unglück über mein Haus! Obrist. Hm! was verlierst du denn eben viel? Geh. R. In unserm Alter, Herr Bruder, wird man mit jedem Jahre ärmer. Schlimm genug wenn unsere Lieben sterben; aber schlimmer noch wenn sie uns verlassen. Obrist. Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Geh. R. Warum nicht? Obrist. Glücklich ist, wer das vergißt Geh. R. Was einmal nicht zu ändern ist. Ich bitte dich, Herr Bruder, bleib mir mit deinen Versen vom Leibe. Obrist. Es ist ein alter, schöner Denkreim. Du siehst daraus, daß ich auch gelesen habe. Geh. R. Ey freylich. Obrist. Und daß ich wohl im Stande bin, dir an langweiligen Winterabenden Geh. R. Aus dem Stammbuch vorzulesen, Obrist. Kurz, Herr Bruder, laß ziehen in Frieden was nicht bleiben mag. Auf Ehre, ich ersetze dir Alles. Geh. R. Du versprichst viel. Obrist. Und halte Wort nach der Väter Weise Des Morgens rauchen wir unser Pfeifgen zusammen Geh. R. Ich rauche keinen Tobak. Obrist. Du wirst es schon lernen. Des Mittags machen mir ein Spazierrittgen Geh. R. Ich reite nicht. Obrist. Nach dem Essen schlafen wir Geh. R. Gute Nacht! Obrist. Dann spielen wir Trictrac Geh. R. Ich spiele nicht. Obrist. Des Abends schneiden wir Pfeifenköpfe auf Ehre Herr Bruder! die Façon die ich den Pfeifenköpfen gebe, und die Art wie ich sie braun schmauche Geh. R. (ergreift ihn hastig bey der Hand) Ja, ja, wir wollen zusammen schmauchen, bis wir im Dampf ersticken! Aber jezt bitte ich dich, laß mich nur noch einen Augenblick allein. Obrist. Ich will denn noch ein wenig in den Stall gehn. Geh. R. Thu das. Obrist. Und dann will ich meine Braut aufsuchen, damit sie sich bey Zeiten an den erquickenden Stallgeruch gewöhne. (ab)   Siebente Scene. Geheimderath allein. Dieser Mann soll mir Schwester und Bruder ersetzen? – Welch ein Tausch! – Es ist schlimm, wenn man einem Menschen Dank schuldig ist, und ihn nicht hochzuachten vermag.– So hab' ich ihn nicht gekannt. Die Jugend prüft nicht und in reifern Jahren hatten zufällige Dienste eine Glorie um seinen leeren Kopf gezogen. Fort mit ihm! er nehme mein Vermögen, und gebe mir meine Geschwister zurück! Muß man denn immer den Werth eines Gutes erst durch den Verlust fühlen lernen?   Achte Scene. Ulrike und der Geheimderath . Geh. R. (mit beklommenen Herzen) Schwester, ich höre du willst reisen? Ulr. (eben so) Ja Bruder. Geh. R. Du wirst es doch nicht wie die fremden Minister machen, wenn ihr Hof den Krieg erklärt, und ohne Abschied von mir gehn? Ulr. Bewahre der Himmel! ich habe viele frohe Stunden in diesem Hause genossen; ich glaubte mein leztes Stündlein werde mich hier treffen, und eben so still vorüber gehn, wie seine ältern Brüder. (seufzend) Es soll nicht seyn! Geh. R. (sanft) Warum denn nicht? Ulr. Was ich etwa gegen dich auf dem Herzen habe, Bruder Herrmann, ist nicht Groll, sondern Wehmuth. Was unter uns vorgegangen, hebt meinen Dank nicht auf. Geh. R. Mein Gott! was ist denn vorgegangen? Ulr. Du hast mir schnöde begegnet. Geh. R. . Aber Schwester, du kennst meine Art. Ulr. Ich weiß du meynst es nicht böse; auch hab' ich immer Alles mit Geduld und Liebe ertragen. Geh. R. Nur heute Ulr. Unter vier Augen ist manches nur ein Nadelstich, was unter sechs Augen tiefe Wunden schlägt. Heute hast du in Gegenwart eines Fremden, deine Schwester deine arme Schwester die das Gnadenbrod von dir genießt empfindlich beleidigt. Geh. R. Gnadenbrod dummer Ausdruck. Ulr. Ja, ich schäme mich nicht, es laut zu bekennen: du hast seit dem Tode unserer Mutter an mir gehandelt als ein Vater Geh. R. Und zuweilen gebrummt wie ein Vater. Ulr. Ohne dich hätte ich in meinem Stift unter Fremden suchen müssen, was hier die Bruderliebe mir reichlich gab. Aber Herrmann ein Wohlthäter übernimmt freywillig schwere Pflichten! Was er giebt, ist das wenigste, wie er's giebt, das macht den Werth. Geh. R. Predige nur, alte gute Seele, predige nur. Ulr. Ich habe immer geschwiegen, laß mich jezt auch Einmal sagen, was ich denke: so, denke ich, muß der König Saul gewesen seyn, als David auf der Harfe vor ihm spielte. Aber wir haben weder David noch Harfe, um dich zu besänftigen. Geh. R. Sie hat Recht. Ulr. Ich ziehe von dir. Verachte meine schwesterlichen Ermahnungen nicht. Hast du treue Leute, so halte sie wohl. Zanke nicht um jeden Bettel. Begehre nicht, daß die Bedienten vollkommen seyn sollen, da doch keine Herrschaft auf Erden vollkommen ist. Sieh nur auf Reinlichkeit und guten Willen, daran laß dir genügen. Ich bitte dich, Bruder Herrmann, gedenke meiner Worte, damit nicht das Herz blutet mir es zu sagen damit du nicht in deiner Todesstunde allein bleibest! Geh. R. Sollte meine einzige Schwester mich in der Todesstunde verlassen? Ulr. Nein Bruder, ich komme wenn du meiner begehrst. Geh. R. Aber jezt ? Ulr. Jezt gehe ich weil ich muß. Geh. R. Wer zwingt dich? Ulr. Ach! mein zerrissenes Herz. Geh. R. Du gehst? Auch wenn ich in Gegenwart aller Hausgenossen bekenne, daß ich mich albern gegen dich aufgeführt? Ulr. Auch dann. Geh. R. Und daß es nie wieder geschehen soll? Ulr. Auch dann. Vergieb mir Bruder, du hast mir das schon oft versprochen. Es scheint leider wohl, du kannst es nicht halten. Geh. R. Ich habe freylich keinen Bürgen dir zu stellen, als mein Herz. Ulr. Der Bürge ist redlich, aber er trägt die Fesseln deiner Laune. Geh. R. Mein Gott! wo willst du denn hin? Ulr. . In die Stadt, zu meiner Pflegetochter. Sie und ihr Bräutigam haben mir mit nassen Augen geschworen, mich als Mutter zu ehren. Sieh nun, wie wohl es thut, durch Bande der Liebe, die stärker sind als Bande der Natur, gute Seelen an sich zu fesseln. Geh. R. (schmerzhaft) Von deinem Bruder willst du ziehn Ulr. Zu meiner Tochter. Geh. R. Zu einem Fremden, den du nicht kennst Ulr. Ich erzog ihm ein braves Weib; er wird dankbar seyn. Geh. R. . Und wenn du dich irrst ? Ulr. So gehe ich in mein Stift und erwarte den Tod.   Neunte Scene. Tobias . Die Vorigen . Tob. (reisefertig) Bruder Herrmann, gieb mir deine Hand. Geh. R. Ja Bruder Tobias, wenn du mir versprichst, sie nur im Tode fahren zu lassen. Tob. Das kann ich nicht. Geh. R. Kinder, ihr geht hart mit mir um! Tob. Gedenke der verflossenen Stunde. Geh. R. Ich habe sie vergessen, und auch dir traute ich ein brüderliches Gedächtniß zu. Tob. Du kennst mich Bruder, ich bin gern frölich und wohlgemuth; ich freue mich über Alles, und nur die Freude erhält mich beym Leben. In deinem Hause es thut mir weh es zu sagen in deinem Hause kann ich mich nicht mehr freuen. Du wirst mit jedem Tage unleidlicher. Geh. R. Scheltet aber vergebt. Tob. Deine heutige Bitterkeit Geh. R. War eine Eseley. Aber Tobias, alter, ehrlicher Tobias! mein Herz wußte nichts davon; laß dein Herz auch nichts davon erfahren. Tob. Guter Bruder, ich kenne dich, und weiß, daß du in diesem Augenblicke gern dein halbes Vermögen darum gäbest, den Auftritt ungeschehen zu machen Geh. R. Weiß Gott! das thäte ich gern. Tob. Nun das freut mich; aber ich weiß auch eben so gewiß, daß du in der nächsten Minute nicht für ein da Capo stehen kannst, wenn die Furie der bösen Laune über dich kommt. Drum laß uns scheiden ohne Groll. Geh. R. (mit gepreßter Empfindung) Bruder darf ich dich erinnern, daß deine Pension nur klein ist? nimm mirs nicht übel, es geschieht aus gutem Herzen. Tob. Ich nehme dirs nicht übel, Bruder Herrmann; im Gegentheil es freut mich. Geh. R. Du hast noch obendrein das Wenige mit deinem Pflegesohne getheilt? Tob. An ihm ist es jezt mir zu vergelten, und das wird er. Geh. R. Du wolltest von mir ziehn, und nicht einmal von meinem Ueberfluß Tob. Rede nicht aus. Ich gehe zu einem alten Kriegskammeraden, der zwar nur Ein Bein, aber ein gesundes, frohes Herz hat. Seine Einkünfte reichen gerade so weit als die meinigen. Mit heiterer Laune wollen wir uns schon durchhelfen. Geh. R. (mit steigender Angst.) Ach Gott! Kinder! ihr beugt mich armen, alten Mann! Ulr. (zitternd) Bruder, hier sind die Schlüssel von Allem was du mir anvertrautest. Geh. R. Schwester Ulrike! ist denn der Schlüssel zu deinem Herzen nicht darunter? Tob. Willst du mir Freude machen, wenn ich dich besuche, so laß mein Gärtgen und meine Blumen pflegen. Geh. R. Kinder! ist es denn euer Ernst? soll ich würklich ganz allein bleiben? soll ich erwachen ohne Morgengruß und schlafen gehn ohne Händedruck und sterben wie ein Pilger in der Wüste? soll ich Miethlinge kaufen an meinem Krankenlager und Thränen bezahlen an meinem Sterbebette?   Zehnte Scene. Therese . Die Vorigen . Ther. (die während der lezten Scene schüchtern hereintrat, fliegt zu ihrem Vater, und umschlingt ihn mit beyden Armen) Vater! Vater! haben Sie meiner ganz vergessen!? Geh. R. Ja dich hab' ich noch! o! wenn auch du mich verlassen könntest! Ther. (mit dem kindlichsten Enthusiasmus) Nimmermehr! ich weiche nicht von Ihnen! Ich will Alles aufbieten Ihnen Schwester und Bruder zu ersetzen! ich will eine gute Wirthin werden wie meine Tante; ich will immer frölich seyn, wie mein Oheim. Am Tage besorge ich die Wirthschaft, des Abends lese ich Ihnen vor. Sie sollen mich nie verdrossen finden, Sie sollen nie eine Falte auf meiner Stirn erblicken. Geh. R. Auch wenn ich dir so unfreundlich begegne wie vorhin? Ther. Begegnen Sie mir wie Sie wollen, ich weiß doch daß Sie mich lieben. Geh. R. (sehr bewegt) Ja ich liebe dich. Ther. Als ich noch ein kleines Mädgen war, und an den Pocken schwer danieder lag, da hab' ich Ihre Angst, Ihre Thränen um mich gesehn. Noch hab' ich nichts thun können, um diese väterlichen Thränen zu vergelten; heute fodert das Schicksal mich auf zu kindlicher Dankbarkeit! ich traure über die Abreise meiner Verwandten, und freue mich, daß mein Daseyn für meinen Vater unentbehrlich wird. Ich entsage allen Hoffnungen, die ein liebendes Herz mir vorgauckelte; ich war eher Tochter als Geliebte. Ich entsage einer Wahl, die mein Vater mißbilligt. Bey ihm will ich bleiben! mich nie vermählen sein Alter pflegen seine trüben Stunden erheitern diese Wahl wird er nicht mißbilligen. Ulr. (weint im Stillen) Tob. (klopft Theresen freundlich auf die Schulter) Geh. R. (ihr väterlich liebkosend) Mein Kind! mein gutes Mädgen! ja, du wirst den Abend meines Lebens oft erheitern. Aber kannst du auch mit mir in die dämmernden Gefilde meiner Jugend schweifen? kannst du dich mit mir an den Tagen meiner Kindheit letzen? das konnten nur diese . Wenn ich an einem Winterabend recht froh seyn wollte, so sezte ich mich zwischen diese beyde. Wir durchkrochen miteinander das väterliche Haus; wir spielten Blindekuh und zeigten uns die Narben, die wir auf der steilen Treppe holten Schwester Ulrike erinnerst du dich dieser Narbe noch? (er zeigt auf seine Stirn) Ulr. (bewegt) O ja. Geh. R. Tobias hatte deine Puppe auf einen Baum geworfen. Du schriest, ich kletterte hinauf Ulr. Du fielst und blutetest Geh. R. Ich kam mit dieser Narbe davon. Vielleicht empfieng ich sie zur guten Stunde, um dich in einer bösen Stunde zu erinnern, daß ich dich seit funfzig Jahren liebe. Du bist bewegt Schwester? nimm deinen Entschluß zurück! Gedenke der Freude unserer Eltern, wenn sie uns alle drey so einig sahn! Sind wir denn Hand in Hand bis hieher gewandelt, um uns im Angesicht des Grabes zu trennen? Gedenke der lezten Nacht meines braven Weibes als ich trostlos herumwankte (mit erstickter Stimme) und du mir schwurst mich nie zu verlassen! Ulr. (schluchzend) Gieb mir die Schlüssel wieder. Geh. R. (entzückt) Da! da gute Schwester! und mit ihnen den feyerlichsten Eyd Tob. Schwöre nicht. Geh. R. Ja Bruder, ich darf schwören, denn mir ward ein bewährtes Mittel gegen diese unselige Krankheit offenbart. Tob. Ein Arcanum? laß hören. Geh. R. Arbeit Thätigkeit Tob. Sieh Bruder, da machst du mir eine große Freude, denn warlich! du hast ein wahres Wort gesprochen! Geh. R. Willst du, im Vertrauen auf dieses Mittel, deinem kranken Bruder beystehn? Tob. Ich komme wieder so bald du genesen bist. Geh. R. (nach einer Pause) Du wirst mir doch wenigstens die Hochzeit deines Pflegesohnes feyern helfen? Tob. (stutzt) Meines Pflegesohnes? Geh. R. Therese, ich lese noch immer Schwermuth in deinen Blicken. Laß sehen, ob ich, trotz meiner üblen Laune, die Kunst errathe, dich und den Oheim mit mir auszusöhnen. Nicht wahr Bruder, du stehst mir für des Jünglings Redlichkeit? Tob. (gespannt) Mit Leib und Seele. Geh. R. (zu Theresen) Und du? Ther. (schlägt schamroth die Augen nieder) Geh. R. So sey das Erste Symptom meiner gelobten Besserung, die Vereinigung zweyer Liebenden. (Er nimmt Theresen bey der Hand, und führt sie Tobias zu) Empfange sie, Bruder, im Nahmen deines Sohnes. Tob. Würklich? ists Ernst? Ther. (an ihres Vaters Halse) Vater! Tob. Sapperment! das freut mich! Juchhey! das macht mir viel Freude! Habe Dank Bruder, ich bleibe bey dir. Hol mich der Teufel! ich bleibe bey dir, und wenn du mit Füßen auf mir herumträtest. Ulr. Das hast du brav gemacht! nun will ich auch gleich Anstalten zur Hochzeit treffen. Geh. R. Laß Alles waschen und fegen auch mein Schreibzimmer wenn du willst. Ulr. Alles blank und rein! mit frohem Herzen! Geh. R. Aber kommt nun auch Einmal wieder in meine Arme. Es ist doch immer, als sey noch ein Rest von Groll zurückgeblieben, ehe die Herzen nicht wieder Brust an Brust geklopft haben. (Er nimmt Tobias in den Einen Arm, Ulriken in den Andern; Therese umfaßt seine Kniee.) Tob. Wackerer Bruder! Ulr. Guter Herrmann! Ther. Lieber Vater! Geh. R. Gott! wie viel schöner ist es, sich geliebt fühlen, als nur gefürchtet werden!   Eilfte Scene. Der Obriste . Die Vorigen . Obrist. Nun? die Reisekaleschen sind angespannt, die Koffer aufgepackt, aber Niemand reist. Geh. R. Niemand reist! und Alle bleiben gern bey mir! Obrist. So? wie hat sich denn das Alles so plötzlich gemacht? Geh. R. Herr Bruder, vor allen Dingen, ein Wort von deinem Sohne. Obrist. Ich lese keine Romane, und spreche auch nicht gern von Romanenhelden. Geh. R. Laß uns bekennen, daß wir beyde bis jetzt in einem Romane nicht sonderlich figurirt haben würden. Obrist. Ist auch niemals mein Ehrgeiz gewesen. Geh. R. Du hast deinem Sohne das Daseyn gegeben, sonst aber blutwenig für ihn gethan. Obrist. Weil er ein Narr war. Geh. R. Ich bin dir manche Verbindlichkeit schuldig, und wünschte sie abzutragen. Obrist. Die Hand deiner Tochter wird Alles ausgleichen. Geh. R. Aber sie hat keine Lust dich zu heyrathen. Obrist. Das kommt vom Lesen. Geh. R. Es komme, wovon es wolle, kurz, sie hat keine Lust. Obrist. Die verdammten Bücher! Geh. R. Sie liebt deinen Sohn. Obrist. Das geht mich nichts an. Geh. R. Ich hoffe, dem Vater zu vergelten, indem ich den Sohn beglücke. Obrist. Da hoffst du zu viel. Geh. R. Ich trete ihm zwey Güter ab, und überlasse es dann seinem kindlichen Herzen für dein Alter zu sorgen. Obrist. Soll ich dir sagen, Herr Bruder, was daraus entstehen wird? Geh. R. Nun? Obrist. Die Leute werden den ganzen Tag nichts thun als lesen. Geh. R. In Gottes Nahmen! Obrist. Ins Henkers Nahmen! Gott verzeih mir die Sünde! Geh. R. Ich muß dir sogar bekennen, daß auch in meinem Hause in Zukunft eine andere Lebensweise statt finden wird. Obrist. Fange damit an, deine Bibliothek zu verbrennen. Geh. R. Zu vermehren, willst du sagen, denn von heute an wird jeden Vormittag ein Dutzend Gedichte laut vorgelesen. Obrist. Gedichte? prr! Geh. R. Des Nachmittags ein Roman. Obrist. Vortreflich! und des Abends? Geh. R. Ein Schauspiel. Obrist. Allerliebst! Geh. R. Sämmtliche Hausgenossen sollen bey dieser Lektüre gegenwärtig seyn. Obrist. In Jahr und Tag kannst du sie Alle ins Tollhaus setzen lassen. Geh. R. Ich hoffe, du wirst deine Wohnung bey uns aufschlagen? Obrist. Ich? meine Wohnung? also auch ein Hausgenosse? also auch gegenwärtig? (mit erstickter Wuth) Wie hieß der verdammte Kerl, der die Buchdruckerkunst erfand? nun er möge geheißen haben wie er wolle, wenn er nur in der Hölle brennt! (er rennt fort.) Ulr. Er wird sich schon eines bessern besinnen. Ther. Wenn wir ihn vom Lesen dispensiren Geh. R. Ihm ein paar gute Reitpferde halten Tob. Und eine Batterie von Pfeifenköpfen anschaffen   Zwölfte Scene. Fabian . Die Vorigen . Fab. (steckt schüchtern den Kopf durch die Thüre) Tob. (erblickt ihn) Nur näher, ehrlicher Fabian. Da kömmst wie gerufen. Fab. Ich wollte den Herrn Kapitain unterthänigst um meine Abfertigung bitten. Tob. Sattle dein Pferd. Fab. Sehr wohl. Tob. Und reite was du kannst. Fab. Sehr wohl. Tob. Und bringe deinem Herrn Ther. Einen Kuß von mir. Fab. (erschrocken) Einen Kuß? der gnädige Papa hat es gehört. Geh. R. Ja, ja, sage deinem Herrn, das Fräulein Therese von Edelschild sende ihm einen Kuß, und der gnädige Papa habe es gehört. Fab. (sieht sie Alle wechselsweise mit funkelnden Blicken an) Das bedeutet ja wohl gar Tob. Reite nur, dein Herr wird schon wissen, was es bedeutet. Fab. Da mögte man ja wahrhaftig den schuldigen Respekt aus den Augen setzen und sich freuen wie ein Kind. Tob. Freue dich, alter Knabe; Freude ist Gott angenehm, und also auch nicht gegen den Respekt vor Menschen. Fab. (ganz versteinert) Ey du mein Gott! da muß ich ja wohl Tob. Machen daß du fort kommst. Fab. Machen daß ich fortkomme. (er läuft spornstreichs davon.) Tob. Endlich hat er doch einmal das Marschiren vergessen. Geh. R. Nun Bruder, wie war das Lied, womit du mich heute ärgertest? Tob. (singt) Freut euch des Lebens Geh. R. Halt! halt! fast hätte ich meinen Arzt vergessen. (schnell ab) Tob. Seinen Arzt? Ulr. Was will er damit sagen? Tob. Ist ein Fremder bey ihm gewesen? Ther. Ich habe Niemanden gesehen.   Lezte Scene. Geheimderath . Hanns Bornmann . Die Vorigen . Geh. R. (führt den alten Bornmann herein; holt einen Stuhl und sezt den Greis in die Mitte der Bühne) Da ist der Mann, der mir das böse Geschwür aufgestochen hat. Der ist es, der mir das Heilkraut der Thätigkeit empfahl. Hörst du Alter? wir wollen zusammen unserer Kinder Hochzeit feyern. Meine Tochter und dein Enkel sollen an Einem Tage getraut werden. Bornm. Gottes Segen, liebes Fräulein. Geh. R. Die Braut deines Enkels führe ich zum Altare, und du Graukopf, führst meine Tochter. Bornm. Ach gnädiger Herr! eine solche Ehre Geh. R. Nun Bruder, nun stimme dein Lied an. Hier sitzt ein lebendiges Buch über die Kunst stets frölich zu seyn . Tobias (hebt an)         Freut euch des Lebens – Alle fallen ein. Weil noch das Flämmgen glüht; Pflücket die Rose, Eh' sie verblüht. Therese allein. Nur Thätigkeit macht leichtes Blut, Nur Arbeit schaffet frohen Muth; Der bösen Laune Dämon flieht Wo jener Engel wacht. Alle . Drum ringt nach Freude Durch unverdross'ne Müh! Wer Blumen pfleget, Dem blühen sie.