Georg Christoph Lichtenberg Unterhaltsame Aufsätze Von dem Nutzen, den die Mathematik einem Bel Esprit bringen kann Ohneracht wir jetzt in so aufgeklärten Zeiten leben, daß niemand leicht mehr den Nutzen der Mathematik leugnet, von dem Logiker an, der sie sonst beschuldigte, sie machte ihre Verehrer zu Zweiflern, da er hätte sagen sollen, zu Leuten, die nicht glauben können, was nicht wahr ist, bis zu dem galanten, allerliebsten leeren Kopfe, der, weil er nicht Geld genug hat, seinen Verstand und seine Sitten zu Paris in loco selbst zu verderben, sich in Deutschland mit Histoires amoureuses und Lettres galantes eben so weit bringt; ohneracht sage ich, diese den Nutzen der Mathematik nicht mehr leugnen, so kann es doch zuweilen nützlich sein, ihn noch in besonderen Fällen darzutun, wo er nicht so deutlich in die Augen fällt. Auf diese Art hat uns ein großer deutscher Meßkünstler ihren Nutzen in der Moral gezeigt, und ihren Wert gewiesen, wenn man sie als einen Zeitvertreib betrachtet. Ohne meine Untersuchung im geringsten, sowohl was die Richtigkeit des Gegenstandes, als die Ausführung selbst betrifft, den eben erwähnten Abhandlungen an die Seite zu setzen, will ich meinen Lesern zeigen, daß auch die sogenannten Schöndenker oder witzige Köpfe von Profession, Nutzen aus der Mathematik ziehen könnten, wenn sie deutsch genug dächten, dieselbe weiter zu erlernen, als bis an die Geometrie im Wolffischen Auszuge aus einem Auszuge. Dieses ist freilich schon viel von einem schönen Geist verlangt. Ich habe dieses etwas zu spät bedacht. Wenn mich also die meisten, denen ich eigentlich nützlich sein wollte, nicht verstehen sollten, so muß ich mich mit der Unmöglichkeit entschuldigen, Leuten deutlich zu schreiben, die in der ganzen Reihe der menschlichen Wissenschaften überhaupt nur bis an die freundschaftlichen Briefe, oder bis auf die gemeine poetische Kenntnis von Mägden, Wein und Westwinden gekommen sind. Die Gelegenheit zu dieser Untersuchung gab mir das Vorurteil, welches ich schon längst unter einigen Leuten bemerkte, daß sie nämlich glauben, die Schäfer-Natur sei nur allein fähig, Gleichnisse und Anspielungen abzugeben, alle andere Dinge hätten die Kraft nicht, und die Mathematik sei ganz ungeschickt dazu. Ich werde also diesen Herren zu Gefallen einen Versuch machen, und ein paar, auch in andern Absichten erbauliche Wahrheiten mit solchen Anspielungen vortragen; vielleicht, wenn sie dieselben loben hören, so werden sie aus Neugierde Meßkünstler, so wie sie aus Neugierde Steganographen oder Freimäurer werden.   Der Begriff von entgegengesetzten Größen, und der schöne Ausdruck, weniger als nichts , sind von vielen Schriftstellern mit Vorteil gebraucht worden. Jedermann weiß es, wie erbaulich der letzte schon längst dem Stutzer geworden ist. Denn weniger als nichts , ist vielmals ihr Vermögen. Kästner.   Ich gestehe gerne, daß er schon schön vor sich ist, ohne daß man ihn als eine Anspielung auf gewisse Lehren in der Mathematik betrachtet. Er ist es auch würklich ohnedem gewesen. Im 62ten Psalm wird er gebraucht, und er sagt so vieles mit so vieler Kühnheit, als 20 Hexameter mit aller ihrer genauen Weitläuftigkeit nicht sagen würden. Einige Schriftsteller haben sich sehr an diesem Ausdrucke geärgert. Herr von Justi greift ihn in einer Schrift an, wo man es vielleicht nicht gesucht hätte Staatswirtschaft T. I. pag. 473. , allein auf eine Art, die mich zweifeln läßt, ob er ihn jemals, so wie ihn der Mathematiker braucht, verstanden habe. Er sagt, das Nichts habe keine Grade; aber wer wird denn dieses nicht wissen? Und wer wird mit allen Zurüstungen der Metaphysik einen so unschuldigen Ausdruck anfallen? Heißt dieses nicht so viel, als Anstalten zum Begräbnis machen, wenn ein Erschrockener spricht: Ich bin des Todes, oder wenn ein verliebter Marquis mit gesundem Herzen sagt: Je meurs d'amour. Meine Absicht ist nicht, diesen Ausdruck zu erklären; es ist dieses schon längst geschehen Kästners Anfangsgr. der Arith. und Geometr. Cap. I. §. 95. , und wem nach dieser Erklärung, auf die ich hier den Leser verweise, noch einige Zweifel übrig bleiben, der tut überhaupt besser, wenn er sich mit anderen Dingen abgibt, die den Verstand nicht so angreifen, und ihn in der Falte ruhig lassen, die er im 15ten Jahre angenommen hat. Ich will hier nur überhaupt erinnern, daß sich der Meßkünstler oft solcher Ausdrücke bedient, um schnell und kurz zu sagen, was sonst kaum ein langsam konvergierender Paragraphe würde gesagt haben, und dieses verdiente in allen Wissenschaften, wo es ohne Undeutlichkeit geschehen kann, nachgeahmt zu werden; allein vielleicht fürchtet man sich vor einer solchen Erfindung in denen Wissenschaften, wo noch Platz übrig ist, und wo nicht, wie in der Mathematik alles noch voll bliebe, wenn man auch gleich ganze Kapitel durch eine einzige Zeile darstellte. Wem bekannt ist, was man in der höheren Geometrie Asymptote nennet, wird vieles in der Natur kurz, und dennoch mit einer Deutlichkeit beschreiben können, deren selten eine Umschreibung fähig ist. So kann man sagen, Homer und Virgil seien die Asymptoten der neueren epischen Dichter, Praxiteles und Lysippus der Bildhauer, Raffael der Zeichner; wenn ich sagen wollte, die Natur sei es, so ist dieses nicht mehr so eigentlich gesprochen; die Künstler bleiben bei der größten Näherung noch immer unendlich weit von der Natur weg; das Bild in der Camera obscura ist schon viel weiter, als der Künstler jemals kommt; hier ist die Wolke gemalt, daß sie sich bewegt, und die Sonne ist nicht allein rund und helle, sondern sie brennt auch. Ich hoffe, es wird niemanden befremden, daß ich den Homer und Virgil zu Asymptoten gemacht habe. Sie waren es würklich bisher, man hat nach diesem Muster gearbeitet, und dieses mit Recht. Diese Schriftsteller sind so zu reden Charten von der Natur, auf die man sich fast immer verlassen kann, wenn man in diesem Felde gehen will. Allein man konnte mit der größten Bemühung nicht richtiger gehen als sie, weil so gehen wie sie, bloß richtig hieß. Da man aber jetzt anfängt, die Regeln nicht mehr im Homer, sondern da zu suchen, wo sie Homer selbst gesucht hat Vorrede zur deutschen Übersetzung von Homes Grundsätzen der Kritik.] , so ist vielleicht noch eine andere Linie die eigentliche Asymptote, da es Homer nur in einer sehr großen Länge noch zu sein schien, und mein Gedanke falsch. Gleichung. Wenn ich sage, die Gleichung für manchen Herrn käme heraus, wenn ich in der Gleichung für seinen Bedienten verschiedene Eigenschaften = 0 setzte, so erhalte ich dadurch, wenn ich nur einen Bedienten recht kenne, zugleich einen Begriff von vielen Herrn, der noch den moralischen Nutzen hat, daß er uns die nahe Verwandtschaft von beiden sehr lebhaft zu erkennen gibt, und zeigt, wie alle Tage einer aus dem andern werden kann. Um ein sehr lehrreiches Exempel zu geben, so setze man einmal, die relative Grobheit des Bedienten werde absolut, ich glaube nicht, daß ein stolzerer Herr möglich ist, als der, den diese Formel gibt. Moment. Das Moment des Eindrucks, den ein Mann auf das gemeine Volk macht, ist ein Produkt aus dem Wert des Rocks in den Titel. Eben so kann man den Schaden, den ein Staat leidet, wenn ein Mann in demselben leidet, nach dem Produkt aus der Wichtigkeit des Mannes in die Größe seines Unglücks schätzen. Man hat bemerkt, daß dieses Produkt verschwindet, wenn ein Goldmacher den Hals bricht, da nun das Halsbrechen gewiß nichts Geringes ist, so muß wohl der andere Faktor sehr klein sein. Größte und Kleinste. Dieses Kapitel in der Rechnung des Unendlichen ist überhaupt sehr lehrreich für viele Leute, die es verstehen könnten, aber nicht verstehen. Denn ich wüßte nicht, ob es einen Stand in der Welt geben kann, worin es unnütz sei zu wissen, daß bei immer zunehmenden Bemühungen zu einem Endzwecke zu gelangen, der Endzweck zuweilen gänzlich verfehlt werden kann. Ich bin bei Gelegenheit einer Haus-Apotheke auf diesen Gedanken gekommen: denn es ist hier klar, daß bei wachsender Vorsorge für die Gesundheit, diese ein Größtes werden kann, wenn die Vorsorge offensiv wird. Mittlere Richtung der Kräfte. Ich habe bemerkt, daß die Denkungsart vieler Leute die mittlere Richtung ist, die der Geist nehmen muß, wenn er von Jurisprudenz und Possen, Medizin und Possen, oder belles lettres und Possen zugleich gezogen wird. Schwerpunkt. Wenn man den gemeinschaftlichen Schwerpunkt der Häuser in einer Stadt suchte, und hernach den gemeinschaftlichen Mittelpunkt der Wichtigkeit der Leute, die darinnen wohnen, so würden sie oft weit voneinander liegend angetroffen werden. Mir ist eine Stadt bekannt, wo der erste auf den Markt, der andere ganz nahe an die Stadtmauer fallen würde. Ich übergehe hier die Lehren vom anziehenden Mittelpunkt, von der zusammengesetzten Verhältnis und anderer Dinge, die von neuern Schriftstellern mit vielem Vorteil sind gebraucht worden, sehr geschwind und kräftig zu sagen, was sie sagen wollten. Außerdem aber, daß man zuweilen mit der Mathematik witzig tun kann, so werden ihre Lehren ganz, wie sie sind, in ein Gedicht gebracht, wenn es mit Kunst geschiehet, für den denkenden Teil der Gelehrten (denn es gibt ja noch einen andern) allemal ein Vergnügen sein. Die alten, und die ihnen ähnlichen neuern Dichter sind voll davon. Aber wie viel unter unsern schönen Geistern in Duodez wissen wohl, was aquosus Orion ist. Ja, wenn sich Minellius deutlicher erklärte. Und was sind die Hundstage? Warum heißen sie so! Ei, weil die Hunde um diese Zeit toll werden. Gut! Also werden im Jänner die Eselstage fallen, weil um diese Zeit alle Esel erfrieren würden, wenn sie nicht im Stalle stünden, oder keine Motion hätten. Solche Folgerungen lassen sich aus einer so ungeschickten Erklärung machen. Dieses waren einige Proben, wie sich Lehren der Mathematik im Discours gebrauchen lassen, und wie wenig man sie auch in Kleinigkeiten entbehren kann. Dem ohngeachtet wird sie von dieser Gattung von Leuten, die ich oben erwähnt habe, nie erlernt werden, so lange man nur ihren Nutzen im Ernst zeigt. Vernünftige erlernen zwar immer die Wissenschaften ihres Nutzens wegen, aber der galantere Teil der Welt fängt erst alsdann an zu lernen, wenn man ihm durch einen Beweis, der auch ein Spaß sein muß, zeigt, daß man auch eine Wissenschaft zum Spaß lernen kann, oder um damit zu spielen. Daher sind die Recreations mathématiques, die Erquickstunden, die Methoden Schiffe zu rechnen entstanden; daher muß oft der größte Naturkündiger in seinem Vortrag einen mittleren Weg zwischen dem Lustigen und Ernsthaften nehmen. Schwenters Aufgabe, eine Sonne zwischen zween Monde zu malen, hat mehr Stutzer, glaube ich, zum Nachdenken gebracht, als eine Mondfinsternis. Ich tadele dergleichen nützliche Betrügereien nicht, nur muß man sie nicht in Bücher einmischen, die auch der Vernünftige lesen soll, der sich dergleichen Dinge selbst erfindet, oder, wenn er sie lesen will, sie unter dem Titel Spielsachen, und nicht in einer erleichterten Geometrie sucht. Ich finde, daß eine gewisse lustige Nation diese Methoden liebt. Alles soll leicht gemacht werden, und man glaubt dazu nur zwei Wege offen; das Flüchtige und das Lustige. Vermutlich wird man auch bald anfangen, die Religion so vorzutragen, zumal da man selbst im Spanischen geistliche Komödien Letters concerning the Spanish Nation. hat. In Deutschland wollen diese Methoden nicht recht fortkommen. Euklides und seine großen Nachfolger haben bei uns ihr Glück gemacht, und sie werden nicht eher wieder durch die obigen verdrängt werden, als bis der Hanswurst wieder die Bühne betritt; und wie vor sechs Jahren in einer berühmten Hauptstadt mitten in der rührendsten Szene der ganzen Alzire die Hosen hebt, und das weinende Parterre versichert, daß seine Katze sechs Jungen bekommen habe. Göttingen. G. C. Lichtenberg. Patriotischer Beitrag zur Methyologie der Deutschen nebst einer Vorrede über das Methyologische Studium überhaupt Allen Hochwürdigsten, Hochgebornen, Hochwürdigen, Hochwohlgebornen Wohlwürdigen, Wohlgebornen, Ehrwürdigen und Hochedelgebornen, wie auch allen Großachtbaren, Wohledeln und Wohlehrenfesten launigten Roten Nasen namentlich also und schlechterdings ausgeschlossen, alle diejenigen, die hier und da an Haubenstöcken oder Haubenstöcken ähnlichen Köpfen sitzen, eignet diesen Beitrag in Untertänigkeit zu Der Sammler Vorrede Unter uns Deutschen gesprochen Wo ich nicht sehr irre, so sind die Zeiten da Europa die Systeme so von den Deutschen nehmen mußte, wie das Gewürz von den Holländern, ihrem Ende sehr nahe oder vorbei. Ein Teil unsrer Landsleute ist jetzt in den allgemeinen kritischen Aufstand und in das Rezensieren omnium contra omnes so verflochten, daß er nicht hört, und der andere hat seine Augen in Empfindsamkeit so geschlossen, daß er nicht sieht, was um ihn vorgeht. Der tabellarische Vortrag liegt gänzlich und überall gebricht es an Händen für das System- Wesen. Es können keine Systeme mehr gemacht, folglich auch keine mehr verführt werden. Was ist natürlicher, als daß die Ausländer auf den Einfall geraten sich selbst welche zu bauen und es uns am Ende, da es ihnen weder an Materialien noch an Polhöhe fehlt, darinnen gleich, oder wohl gar zuvortun und den ganzen Handel an sich ziehen? Was auf einem schlechten Boden gerät, kommt auch wohl auf einem guten fort, aber nicht umgekehrt. Der Geist der Freiheit und was davon sein Leben hat, erfordert, was man auch darwider einwenden mag, guten Wiesenwachs. Man kann es, anderer Beweise zu geschweigen, schon allein aus dem Umstand schließen, daß man heut zu tage kaum sagen kann welches besser schmeckt, Holländische, Schweizerische und Englische Freiheit, oder Holländische, Schweizerische und Englische Käse. So daß es uns schwer werden wird, wieder ein Branche des Handels jener Nation an uns zu ziehen. Hingegen der Geist des Systems und was unter ihm lebt, kommt so gar in den nordlichen Ländern fort, wo man zuweilen statt plumpudding Eichenrinden kaut. Wir haben uns also in Zeiten wohl vorzusehen. Was mich hauptsächlich hierauf aufmerksam gemacht hat, ist der Einfall, den ein Engländer zwar noch nicht gehabt hat, denn sonst käme mein guter Rat zu spät, aber vermutlich haben wird, ich meine den Gedanken die Kunst zu trinken systematisch zu behandeln, wozu wir Deutschen, da wir, was das Praktische hierin betrifft, nun einmal bei Auswärtigen zum Sprüchwort geworden sind, nächst den Lapithen und Centauren vorzüglich aufgelegt wären. Mit vielem Vergnügen sehe ich, daß uns ein großer Mann, der zwar ein geborner Schotte gewesen, aber seine Weltkenntnis in dem weisen Frankreich erlernt hat, in diesem Stück Gerechtigkeit widerfahren läßt. Der berühmte Joh. Barclajus sagt nämlich satyric. P. IV. Cap. V. von uns: Immensa cupiditas potus, iam confesso vitio, ideoque magis libero, illam gentem infestat. Nec ad voluptatem tantum haec Thracica libido est, sed in parte comitatis et pene disciplinae . Daß dieses keine Schmeichelei ist, sieht man aus andern höchst treffenden Zügen unsers Charakters, die er am angeführten Ort darlegt. Zumal erhellt aus folgendem, daß er sich lange in Deutschland aufgehalten haben müsse, Ignota ibi perfidia, sagt er, etiam in venali fortitudine stipendia merentium. Ne ingenium quidem fraudis aut odia sub amicitia titulis latent: et omnino ingentia scelera verecundi populi simplicitas ignorat. Aber wie sehr wir uns doch in manchen Stücken geändert haben erhellt recht klar aus folgendem. Litterae, spricht er, in multis locis cultae inter homines minus sciendi anidos quam docendi . Plura quam legerint scribunt: et suam famam ex voluminum, quae edunt numero aut magnitudine aestimant. Was doch unsere guten Voreltern für drolligte Geschöpfe müssen gewesen sein! Daß ihn aber dieser Gelehrte früh oder spät haben wird, fürchte ich daher, weil er in irgend einem Magazin 85 Redensarten angibt, die seine Nation habe, die Trunkenheit eines Menschen zu bezeichnen. Jedermann, dem bekannt ist, wie bald man mit einer Wissenschaft fertig ist, wenn man einmal die Kunstwörter weg hat, wird dieses mit mir fürchten. Ich habe also, so bald als möglich, meinen teuresten Landesleuten eben dieses herrliche Hülfsmittel in die Hände geben, und zugleich dadurch zeigen wollen, daß wir den Engländern, wie überhaupt in nichts, also auch nicht in diesem Punkt zu weichen Ursache haben. Ich übergebe ihnen nämlich hier 144 oder gerade 12 Dutzend ähnliche Redensarten, worunter keine einzige ist, die nur bloß in einem einzigen Haus gebräuchlich wäre, deren doch der Engländer eines oder etliche in seinem Verzeichnis anführt. Ich zweifle nicht, daß sich überhaupt nicht noch viele, zumal in unserem seefahrenden Deutschland, sollten hinzufinden lassen, da kein Gegenstand in der Natur geschickter ist die Bewegungen, Richtungen und Zufälle eines Betrunkenen, geschickter, lebhafter und lehrreicher auszudrücken als ein Schiff. Ja ich zweifle sehr ob ich einmal alle die ganz allgemein rezipierten werde gefunden haben. Es ist der menschlichen Unart sehr angemessen, in allen Dingen, vornehmlich aber in philosophicis, immer erst im weiten Feld und dann zu Hause zu suchen, wie denn auch nicht zu leugnen ist, daß das Weithergeholte durch etwas Gewisses reizt, wovon niemand als der Weitherholende selbst einen Begriff hat und haben kann. Zur Bestättigung dessen, was ich hier sage, dient der Umstand, daß würklich unter den angegebenen Redensarten der Ausdruck: er ist berauscht einer von den letzten gewesen ist, die man gefunden hat. Ich habe aber noch ungleich mehr zur Erweiterung dieser Wissenschaft beigetragen, ich habe die Wörter Methyologie Man hat dieses Wort, seines besseren Äußerlichen wegen dem richtigeren Methologie mit Fleiß vorgezogen. und methyologisch, Methystik und methystisch, Pinik und Pinisch eigenhändig zusammengesetzt, und gedenke über den allgemeinen Methyologischen Blick und das Methyologische Gefühl Abhandlungen zu schreiben; die ihren Tituln vielleicht entsprechen sollen. Überhaupt habe ich mir bei der Wörterfertigung den Plan gemacht in allen Bezeichnungen meiner Begriffe die Züge so zu verwaschen, daß ein jeder das Seine darinnen zu erkennen glaubt, welches eine Liebe zur Wissenschaft in jungen Gemütern erweckt, die nicht zu beschreiben ist. Was aber die Wissenschaft selbst betrifft, so ist allzu bekannt, daß die Methystik, oder, mich deutlicher auszudrücken, die Wissenschaft die Länder jenseit der Bouteille mit Nutzen zu bereisen, bisher in einer schändlichen Vergessenheit geschmachtet, und man braucht nicht die stärkste Vergrößerung aufzustecken um zu sehen, daß dem menschlichen Geschlecht durch eine philosophische Behandlung dieses Süjets wichtige Vorteile zuwachsen müssen. Es ist hier gar der Ort nicht dieses umständlich und wie es wohl die Wichtigkeit des Gegenstandes verdiente, aus einander zu setzen, doch kann ich eine Betrachtung nicht ganz übergehen: Der berühmte Baco von Verulam sagt in seinem schönen Buch de augmentis scientiarum , daß in einer Wissenschaft nicht viel mehr geleistet werde, sobald man sie systematisch zu behandeln anfange. Vielleicht würde also dadurch den kühnen Versuchen in dieser Wissenschaft etwas vorgegriffen, oder mich populärer auszudrücken, dem leidigen Trinken gesteuret . Ich denke die großen Trinker, die Genies, sollen nach und nach abnehmen, so wie die Vorschriften es mit Absicht und vernunftmäßig zu tun, zunehmen. Denn ehe dieses geschieht, zumal ehe das Terminologische Fach gut versehen ist und man etwas hat, das man einstweilen vorläufig brauchen kann, bis man die Wissenschaft erlernt hat, ist an keine Stümper zu gedenken. Außerdem ist ja den Kindern bekannt, daß ohne etwas Wein und etwas Beifall keine poetische Ader offen gehalten werden kann, und es verdient wenigstens einmal versucht zu werden, was auch die Vernunft auf den Flügeln des Champagners ausrichten könne, da die Einbildungskraft Wunder auf denselben tut. Narratur et prisci Catonis Saepe mero caluisse virtus Da ich Euch also, lieben Landesleute, nicht allein den Nutzen dieser Wissenschaft selbst, sondern auch die Gefahr die uns augenscheinlich von England aus droht, mit solchen Gründen als es meine Fähigkeit und die Nähe der Messe erlaubt, vorgestellt, ja da ich euch selbst vorgearbeitet habe: so ersuche ich euch freundschaftlich, steckt die kritischen Schwerter und Messer ein, verlaßt die Nüße der Tändelei und nützt die Felder, die unsere Vorfahren schon ernähret haben, anstatt, daß ihr mit einem ungewissen Erfolg neue anbaut. Lacht aber auch nicht, daß ich euch diesen Rat in einem Büchelchen gebe, das kaum 3 gr. kostet, denn es wäre mir ein leichtes gewesen es zu 12 gr. auszuarbeiten, ohne daß ihr für einen Pfennig mehr Ware bekommen hättet, welches ich auch würklich, wann es meine Zeit und Kräfte erlauben, bei einer zweiten Auflage einmal zu tun gedenke. Geschrieben vor der Jubilate-Messe 1773.   Der Beitrag selbst Redens-Arten, womit die Deutschen die Trunkenheit einer Person andeuten.   α) Hochdeutsche Er spürt den Wein. Er hat einen Schuß. Er ist angeschossen. Er hat einen Hieb. Er hat einen Strich. Er hat einen Jesuiter. Er hat etwas zu viel. Er ist besoffen. Er ist benebelt. Er hat einen heiligen Schein. Er hat einen Rausch. Er ist begeistert. Er ist voll. Er hat etwas im Kopf. Er hat genug. Er hat einen Haarbeutel. Er hat ein Glas zu viel getrunken. Er hat zu tief ins Glas geguckt. Er ist illuminiert. Er taumelt. Die Zunge ist ihm schwer. Er kann die Zunge nicht mehr heben. Er kann auf kein Bein mehr stehen. Er ist berauscht. Er ist betrunken. Er ist dabei gewesen. Er ist fertig. Er ist hin. Er ist weg. Er ist selig. Er sieht den Himmel für eine Baßgeige an. Er sieht die Buchstaben doppelt. Er ist himmelhageldick. Er hält einen Calenberger Bauern für eine Erdbeere. Aus Gründen, die hier unmöglich auseinander gesetzt werden können, erhellt, daß ein Calenberger Bauer, oder vielmehr sein roter Kittel, der hier allein in Betracht kommt, ohngefähr 80 Fuß entfernt sein muß, um von einem Betrunkenen für eine Erdbeere, die nur einen Fuß entfernt wäre, gehalten zu werden Der Kopf ist ihm schwer. Er hat trübe Augen. Er ist im Oberstübchen nicht richtig. Er hat Glas-Augen. Er wackelt. Er hat etwas im Dach. Er ist toll und voll. Er hat seine Ladung. Er war an einen guten Ort. Er ist geliefert. Er ist gedeckt. Er sieht zwo Sonnen. Er ist pudelhageldick. Er geht als wenn alle Häuser sein gehörten. Er ist ganz weg. Er segelt mit vollen Segeln. Er hat sich an Laden gelegt. Er ist pudeldick. Er hat seinen Talis. Er hat sein Teil. Er kann nicht mehr über den Bart spucken. Er macht einen pas frisé. Er ist dick. Er hat des Guten zu viel getan. Er hat pokuliert. Er schwebt. Er kreuzt. Er hat satt. Er sah Schleifkannen am Himmel. Er ist so voll, daß er es mit den Fingern im Halse fühlen kann. Er kann keine Ecke vorbei kommen. Er hat sich einen Bart gemacht. Er geht einen M-Strich. (il fait des SS) Er ist gut gesegnet. Er hat schief geladen. Er hat sich schwarz gemacht. Es spükt ihm im Giebel. Er laviert. Er hat etwas im Krüsel. Er ist katzendick. Er hat sich bespült. Er hat geschnapst. Er hat sich was bene getan. Er hat sich gut vorgesehen. Er hat einen Tummel. Er kann kaum lallen. Er hat Moses Zunge. Er ist herumgeführt. Er ist unter dem Tische. Er sieht eine Turm-Spitze für einen Zahnstocher an. Er hat sich besäbelt. Er hat sich die Nase begossen. Er hat sich begabet. Er kann nicht mehr lallen. Er hat sich etwas zu Gemüte geführt. Er ist à tout. Er hat sich betudelt. Er hat einen Schnurren. Er hat einen Ditto. Er ist sternblinddick. Er riecht nach der Fuselbulle. Die Zunge ist ihm gelähmt. Man hat ihn begraben. Er ist blindhagelvoll. Er ist so voll wie ein Dudelsack. Er sieht aus wie ein gestochen Kalb. Er sieht aus wie eine Ente wenns wetterleuchtet. β) Plattdeutsche He het veel unter de Nase gegoten. He is fette. He is to lange up der Döeßke wesen. He is knüppeldicke. He is so dick as en Täck. He hefft to veele püchelt. He is to lange unter den Wachholder-Baume wesen. He is snerrt. He hat sich todecket. He hat wat in de Krone. He hat wat im Timpen. He is ähmig. He heft de Planken to leev. He heft to veele sipsölket. He hat wat im Sticksel. He geht up den Knobben na Huß. He kann keen Küken nöhmen. He is so dicke as en Beest. He heft de Jacke voll. He hat wat im Knaupe. He heft to veele knipset. He kükt ut fif Augen. He heft den Tecken dicke. He is en Swinigel. He hett flammet. He heft den Pigel dicke. He is so dicke as en Pedde. He is so dicke as en Swin. He hat den Boden sehen. He is bemüselt. He het in kenen Rauk arbetet. He grallögt. He is duhn. He is carthövven. He is so dicke as en Schinder-Tieve. He swimslaget. He is kartaunendick. He hat sich wat ins Auge wisket. He hette qualmet. He is half sieven. He heft to veele pullet. He is so stramm as en Trummel. He is jöhlig. Briefe aus England An Heinrich Christian Boie [Erster Brief] London, den 1. Oktob. 1775 Ihr Verlangen, mein lieber B., Ihnen etwas von Herrn Garrick zu schreiben, kann ich nun hoffentlich besser befriedigen, als damals, da Sie es zum erstenmal gegen mich äußerten. Ich hatte diesen außerordentlichen Mann zu der Zeit gerade zweimal gesehen, und das war zu wenig, um ihn ruhig zu beobachten, und nicht lange genug her, um an einen Freund ruhig darüber zu schreiben. Hier kommen nun einige meiner Bemerkungen; nicht alle; Sie sollen künftig die übrigen haben, wenn Sie wollen; Beobachtung und Raisonnement durch einander, und wahrscheinlicher Weise mehr Ausschweifung als beide zusammen; alles, wo möglich, gerade weg, ich meine in der Ordnung und mit den Ausdrücken, die mir die Laune der Minute darbietet, in welcher ich schreibe. Ich weiß, Sie verzeihen mir dieses; ich mache mich gar nicht gerne an Briefe, wo ich das nicht tun darf, oder vielmehr, ich schreibe sie immer lieber morgen und dann – in Ewigkeit nicht. Noch eins, ob ich gleich, nächst deklariertem Nonsense, nichts im Stil mehr hasse, als den Boswellischen festlichen, weissagenden Ton, womit manche Schriftsteller gleich jeden großen Mann, den sie beschreiben, zum Engel und sich zum Propheten erheben, und eine gewisse Feiertagsprose zu stammeln anfangen, die der Wahrheit so trefflich zu statten kömmt, so könnte es doch sein (ich hoffe es nicht) daß mir mein Gegenstand einen kleinen Streich spielte. Merken Sie so etwas, mein Freund, so berechnen Sie den Rabatt gleich selbst, und danken mir indessen, daß ich Ihnen nicht gleich anfangs geschrieben habe. Ich habe Herrn Garrick nunmehr gerade achtmal spielen sehen, und darunter in einigen seiner vorzüglichsten Rollen. Einmal als Abel Drugger in Ben Jonsons sehr veränderten Alchimisten; einmal als Archer in Farquhars stratagem ; einmal als Sir John Brute in Vanbrughs provoked wife ; zweimal als Hamlet; einmal als Lusignan in der von Hill veränderten Zaire ; einmal als Benedikt in Shakespears much ado about nothing , und endlich als Don Leon in Beaumonts und Fletchers rule a wife and have a wife . Außerdem habe ich ihn selbst gesprochen, und habe nunmehr freien Zutritt in seine Loge. Unter den erwähnten Charakteren soll es ihm Weston im Abel Drugger gleich tun, so wie Quin ehmals im Sir John Brute, allein noch hat kein Mann seinen Fuß auf ein britisches Theater gesetzt, der es ihm in den übrigen gleich getan hätte, auch ist itzt keiner da, der zu einem solchen Manne nur im einzelnen die mindeste Hoffnung gäbe, und am allerwenigsten zu einem, der alles zugleich werden könnte. Vermutlich leidet auch jene Vergleichung mit Quin und Weston noch eine Einschränkung. Quin im Sir John Brute habe ich zwar nicht sehen können, und den Weston im Abel Drugger nicht gesehen, allein ähnliche Urteile über Garricken, und zwar in Rollen, wo ich die Vergleichung anstellen konnte, haben mich sehr mißtrauisch gemacht. Ich bin nunmehr ziemlich überzeugt, daß ihn in Rollen, die er einmal übernimmt, schlechterdings niemand übertrifft, der nicht Garrick ist, ich meine, in dessen Seele und Körper sich kein solches System von Schauspielertalenten findet, als bei ihm, und einen solchen Mann hat England außer ihm noch nicht gesehen, wenigstens auf seinen Schaubühnen nicht. Was es mit dem Urteil jener Personen über Weston für eine Bewandtnis hat, und über Quin gehabt haben mag, muß ich erklären; es wird sich hierbei manches von Herrn Garrick beibringen lassen, das ich sonst vergessen möchte, und außerdem wollte ich auch nicht, da ich einmal so viel gesagt habe, daß Sie lange glaubten, es gefiele mir Weston nicht, ein Mann, der itzt der Liebling des Volks ist, und der mich mehr lachen gemacht hat, als alle übrige englische Schauspieler zusammen genommen. Ich sage Ihnen künftig einmal mehr von ihm, itzt mag zu meiner Absicht folgendes genug sein: Weston ist eines der drolligsten Geschöpfe, die mir je vor die Augen gekommen sind. Figur, Stimme, Anstand, und alles erweckt Lachen, ob er es gleich nie zu wollen scheint, und nie selbst lacht. Kaum erscheint er auf dem Theater, so vergißt ein großer Teil der Versammlung wohl gar ihm zu Gefallen das Stück und sieht ihn isoliert seine Künste machen. Sie sehen, vor solchen Richtern kann ein solcher Mann nicht schlecht spielen. Die Leute wollen nur ihn sehen. Mit Garrick ist es ganz anders, man will immer in ihm den wirksamen Teil des Ganzen, und den täuschenden Nachahmer der Natur finden; er könnte also selbst vor seinem England seine Rolle schlecht spielen, wenn er wollte, aber das könnte Weston schwerlich. Nun hat Ben Jonson nur wenig Punkte von Abel Druggers Charakter gegeben, wenn ein Schauspieler durch diese seine Linie ziehen kann, so kann er ziemlich a son aise fortgehen, ohne zu fürchten, daß er übertreten werde. Eine vortreffliche Gelegenheit für Weston, seine eigene Person gut los zu werden, zumal in den langen Zwischenräumen, wo Abel Drugger stumm ist, in einer Stube, wo außer einem Paar Sternseher und Teufelsbanner, Skelette von Menschen, Krokodile, Straußeier und leere Rezipienten stehen, worin wohl gar der Teufel selbst sitzen könnte. Mich dünkt, ich sähe ihn, wie er bei jeder heftigen Bewegung der Astrologen, oder dem geringsten Getöse, das sich nicht gleich selbst erklärt, erstarrt, und mit parallelen Füßen da steht wie eine Mumie, und dann, wenn es vorüber ist, erst mit den Augen zu leben und zu untersuchen anfängt, und dann den Kopf langsam dreht usw. Der größte Teil der Versammlung klatscht und lacht, selbst der Kenner lächelt mit; über den närrischen Teufel: aber bei Garricks Abel Drugger – da fängt der Kenner mit dem Beifall an. Das ist ein ganz anderes Geschöpf, aus der Absicht des Dichters abstrahiert, durch die ausgebreiteste Kenntnis individualisierender Umstände verbessert, und von der obersten Galerie herab leserlich ausgedrückt. Die Gebärdensprache fällt ihm nicht, wenn ich so reden darf, in einer bequemen alles verschlingenden Erstarrung, die am Ende doch unnatürlich läßt, sondern in jeder Minute äußert der arme Abel seinen Charakter, Aberglauben und Einfalt, mit neuen Zeichen. Ich erwähne nur eines Zugs, den Herr Weston nicht einmal nachmachen, geschweige erfunden haben könnte, und an den der Dichter vermutlich auch nicht gedacht hat. Wenn die Astrologen den nunmehr großen Namen Abel Drugger aus den Sternen heraus buchstabieren, so sagt der betrogne arme Tropf mit inniger Freude: Das ist mein Name . Garrick macht daraus eine heimliche Freude, denn sich so gerade heraus zu freuen wäre wider den Respekt. Garrick dreht sich also von ihnen ab, und freut sich ein paar Augenblicke so in sich hinein, daß er wirklich die roten Ringe um die Augen kriegt, die allemal eine große, wenigstens zum Teil gewaltsam unterdrückte Freude begleiten, und so sagt er: das ist mein Name , zu sich selbst. Dieses weise Heimlichtun tat eine unbeschreibliche Wirkung, denn man sah nicht bloß den einfältigen, Hintergangenen passiven Pinsel, sondern einen noch weit lächerlicheren, der mit einer Art von innerem Triumph sich noch wohl gar für einen durchtriebenen Gast hält. So etwas muß man von Weston nicht erwarten. Wo aber seine besondere Simplizität und Figur dem Stück zu statten kommt, da tut er Wunder. So erscheint er in Footes devil upon two Sticks als Dr. Last, als Mawworm im Scheinheiligen und als Scrub im Stratagem . Ich habe ihn in allen dreien gesehen, im letztern mit Garricken zugleich in einigen Szenen. Das sind Szenen, mein lieber B., ich glaube selbst ....'s abgefrömmelte, dem Zeitlichen längst nicht mehr reizbare Wange faltete sich hier wohl einmal wieder zu einem irdischen Lächeln! – Eine ähnliche Beschaffenheit hatte es vermutlich mit Quins Sir John Brute. Die Leute, die ihn hierin Garrick gleich setzten, und gar hier und da vorzogen, fügten hinzu, Quin wäre selbst eine Art von Sir John gewesen, und das machte, bei mir wenigstens, ihr Urteil sehr verdächtig. Es gehört Kraft dazu, einen Schwachen auf der Bühne gut vorzustellen, und Kenntnis der feinen Welt und des Wertes der guten Sitten, um den versoffenen, liederlichen Sir John, wenigstens für Leute von Welt und Geschmack zu machen. Es gibt leider! Sir Johne in allen Ständen und da, stelle ich mir vor, machte Quin den weidmännischen Taugenichts für die Fuchsjäger, Landjunker und Renommisten; Garrick hingegen den Taugenichts von Geburt und Stand für den Hof und Leute von Geschmack. Daß dieses ein Schauspieler oft tun könne, ohne dem Dichter zu nahe zu treten, ist gewiß nicht zu leugnen. Wie sehr ist z.E. nicht das langsame, schleppende hol' mich d..... das beim herabhangenden schweren Pfeifenkopf im Walde gesprochen wird, von dem schnellen, fast partikelmäßigen unterschieden, das zwischen ein paar artigen Lippen auf dem Billard oder der Parade hervor fliegt. Über das hat man aber auch starke Veränderungen mit dem Stück selbst gemacht. Noch muß ich anführen, daß so wie Garricks Feinde von der einen Seite ihm den Quin an die Seite setzen, weil der wirklich ein Sir John gewesen wäre, so habe ich sie auf der andern nachteilig auf Garricks Charakter schließen hören, weil er den Sir John Brute so gut spielte. Das letztere habe ich so gar in einem öffentlichen Blatte gelesen. Sie sehen also, daß Garrick noch täglich seine Rebhuhne findet. Aus dem, was ich hier angeführt habe, werden Sie leicht, ohne daß ich nötig hätte eine Summe zu ziehen, abnehmen, was das sagen will: Weston und Quin tun es Garricken gleich. Die eine Partei schätzt den Wert des komischen Schauspielers nach der Größe des Kützels, den er ihnen verursacht, ohne zu untersuchen, ob er es als Schauspieler durch eine vorzügliche Auszeichnung seiner Rolle, oder als isolierter Hanswurst tut, und die andere verlangt aus Mangel an Geschmack oder Weltkenntnis allzu starke Züge, und findet bei dem sogenannten Allzunatürlichen ihre Rechnung oder gar im Affektierten. Solche Leute würden oft Garricken schlechtweg tadeln, wenn sie es sicher tun könnten, allein sie würden zu viel für ihren Kredit wagen, daher äußert sich ihr schlechter Geschmack und ihre Unerfahrenheit nur zuweilen darin, daß sie ihm einen schlechtem Schauspieler gleich setzen. Das gebe ich gerne zu (und wer wird es nicht zugeben?) daß Tausende nicht alles sehen, was Garrick zu sehen gibt, darin geht es ihm nicht um ein Haar besser, als seinen beiden nahen Geistesverwandten Shakespear und Hogarth. Um bei ihnen alles zu sehen, muß man zu der gewöhnlichen Erleuchtung noch sein eigenes Lichtchen mitbringen. Was gibt denn aber nun diesem Manne die große Überlegenheit? Der Ursachen, mein Freund, sind sehr viele, und ein sehr großer Teil derselben liegt in der höchstglücklichen Bildung des Mannes. Allein ob ich gleich ihre Wirkung in der Summe bis zum Hinreißenden mächtig gefühlt habe, so wage ich es doch nicht, sie in einem jeden gegebenen Fall zu analysieren. Es gehört mehr Kenntnis der Welt und mehr Übung in dieser Analyse dazu, als ich habe, und eine öftere Vergleichung, als ich anstellen konnte. Indessen, da einem manches im Umgange mit Menschen von allerlei Stand, Form und Anstand unvermutet klar werden kann (manches ist mir itzt schon deutlicher als es anfangs war) und ich den Mann in den Hauptsituationen mit Figur und Gesicht immer wie lebendig vor mir sehen kann, so könnte es sein, daß ich künftig einmal, wenn ich wieder bei Ihnen bin, etwas Zusammenhängenderes über ihn sagen könnte. Itzt müssen Sie es selbst hier und da aus meinen Briefen heraussuchen. Man hat mich einmal versichern wollen, daß hier ein Mann an einem Werk für die Schauspieler arbeite, das Regeln enthalten soll, von Garricken abstrahiert, aber durch Philosophie auf Grundsätze zurückgebracht, verbunden und geläutert. Ich habe nachher nichts wieder davon gehört. Wenn es an dem ist, so gebe der Himmel, daß der Mann ein Lessing ist, aber die sind leider! hier so selten als in Deutschland. Er sollte noch jung sein, und das macht mir bange, denn auch hier wimmelt es so gut, als in Deutschland von jungen geniesüchtigen Originalköpfen, wie sie sich nennen, die ihr halb Ausgedachtes halb gesagt bei jeder Gelegenheit darbieten, ihren jungen schwärmerischen Anbetern zum Wonnegefühl, allein dem eigentlichen Denker, dem ihr Schwall von Götterprose nicht ein Körnchen Nahrung zuführt, zum Abscheu. Nun näher zur Sache. Herr Garrick hat in seiner ganzen Figur, Bewegung und Anstand etwas, das ich unter den wenigen Franzosen, die ich gesehen habe, ein paarmal wenigstens zum Teil, und unter den vielen Engländern, die mir vorgekommen sind, gar nie wieder angetroffen habe. Ich meine hier Franzosen, die wenigstens über die Mitte des Lebens hinaus sind; aus der guten Gesellschaft, das versteht sich wohl. Wenn er sich z.E. mit einer Verbeugung gegen jemanden wendet, so sind, nicht der Kopf allein, nicht die Schultern, nicht die Füße und Arme allein beschäftigt, sondern jedes gibt dazu einen gemäßigten Anteil in der gefälligsten und den Umständen angemessensten Verhältnis her. Wenn er, auch ohne Furcht, Hoffnung, Mißtrauen oder irgend einen Affekt hinter den Szenen hervortritt, so möchte man gleich nur ihn allein ansehen; er geht und bewegt sich unter den übrigen Schauspielern, wie der Mensch unter Marionetten. Hieraus wird nun freilich niemand Herrn Garricks Anstand kennen lernen, den nicht schon etwa vorher das Betragen eines solchen wohlerzogenen Franzosen aufmerksam gemacht hat, in dem Fall wäre dieser Wink die beste Beschreibung. Folgendes wird die Sache vielleicht klärer machen. Seine Statur ist eher zu den kleinen als den mittleren zu rechnen und sein Körper untersetzt. Seine Gliedmaßen haben das gefälligste Ebenmaß und der ganze Mann ist auf die niedlichste Weise beisammen. Es ist an ihm kein dem geübtesten Auge sichtbares Gebrechen, weder in den Teilen, noch in der Zusammensetzung, noch in der Bewegung. In der letzteren bemerkt man mit Entzücken immer den reichen Vorrat an Kraft, der, wenn er gut gezeigt wird, wie Sie wissen, mehr gefällt als Aufwand. Es schleudert und schleift und schleppt nichts an ihm, und da, wo andere Schauspieler in der Bewegung der Arme und Beine sich noch einen Spielraum von sechs und mehr Zollen zu beiden Seiten des Schönen erlauben, da trifft er es mit bewundernswürdiger Sicherheit und Festigkeit, auf ein Haar. Seine Art zu gehen, die Achseln zu zucken, die Arme einzustecken, den Hut zu setzen, bald in die Augen zu drücken, bald seitwärts aus der Stirne zu stoßen, alles mit der leichten Bewegung der Glieder, als wäre jedes seine rechte Hand, ist daher eine Erquickung anzusehen. Man fühlt sich selbst leicht und wohl, wenn man die Stärke und Sicherheit in seinen Bewegungen sieht, und wie allgegenwärtig er in den Muskeln seines Körpers scheint. Wenn ich mich selbst recht verstehe, so trägt sein untersetzter Körper nicht wenig dazu bei. Von dem starken Schenkel herab verdünnt sich das richtig geformte Bein immer mehr und schließt sich endlich in dem nettesten Fuß, den Sie sich denken können, und eben so verdünnt sich der starke Arm nach der kleinen Hand zu. Was das für eine Wirkung tun muß, können Sie sich leicht vorstellen. Allein diese Stärke ist nicht bloß scheinbar. Er ist wirklich stark und äußerst geübt und flink. In der Szene im Alchimisten, wo er sich boxt, läuft er und hüpft er von einem dieser netten Beine auf das andere mit bewundernswürdiger Leichtigkeit, daß man glaubt er schwebe, auch in dem Tanz in much ado about nothing , unterscheidet er sich vor andern durch die Leichtigkeit seiner Sprünge, als ich ihn in diesem Tanz sah, war das Volk so zufrieden damit, daß es die Unverschämtheit hatte, seinem Roscius encore zuzurufen. In seinem Gesichte sieht jedermann, ohne viel physiognomisches Raffinement, den glücklichen schönen Geist auf der heitern Stirne, und den wachsamen Beobachter und witzigen Kopf in dem schnellen, funkelnden und oft schalkhaften Auge. Seine Mienen sind bis zur Mitteilung deutlich und lebhaft. Man sieht ernsthaft mit ihm aus, man runzelt die Stirne mit ihm, und lächelt mit ihm; in seiner heimlichen Freude, und in der Freundlichkeit, wenn er in einem Beiseite den Zuhörer zu seinem Vertrauten zu machen scheint, ist etwas so Zutuliches, daß man dem entzückenden Manne mit ganzer Seele entgegen fliegt. Von seiner Gabe das Gesicht zu verändern haben Sie vermutlich, so wie ich, in Deutschland schon gehört. Der Enthusiasmus seiner Landsleute und der Reisenden hat wohl etwas hier zugesetzt, aber ich glaube doch, daß mehr als die Hälfte wahr ist, und das heiß' ich für den Enthusiasmus gut observiert. Herr G. hat es allerdings hierin zum Erstaunen weit gebracht. Ich werde unter der Hand hiervon Beispiele geben, wenn ich ihn in besondern Rollen beschreibe; hier erwähne ich nur, daß mich z. E. im Sir John Brute, wo ich ihn ganz in der Nähe beobachtete, sein Mund aufmerksam machte, so bald er auf die Bühne trat. Er hatte nämlich die beiden Winkel desselben etwas herab gezogen, wodurch er sich ein äußerst liederliches und versoffenes Ansehen gab. Diese Figur des Mundes behielt er bis ans Ende bei, nur mit dem Unterschiede, daß sich der Mund etwas mehr öffnete, so wie sein Rausch anwuchs; diese Figur muß sich also, in dem Manne, so mit der Idee eines Sir Johns Brutes assoziiert haben, daß sie sich ohne Vorsatz gibt, sonst, sollte man denken, müßte er sie einmal in dem Lärm vergessen, dessen er fürwahr in diesem Stück nicht wenig macht. Nun bedenken Sie weiter: seit dem dieser vortrefflich gebildete und dabei mit allen Geistesgaben eines großen Schauspielers von der Natur ausgerüstete Mann, in seinem 24sten Jahre, als Exkandidatus Juris, auf einmal auf dem Theater in Goodmansfields erschien, und gleich bei seiner ersten Erscheinung alle Schauspieler seiner Zeit zurück ließ, ward er der Abgott der Nation, die Würze der guten Gesellschaft und der Liebling der Großen. Fast alle die neuern englischen Schriftsteller, die man bei uns so sehr liest, nachahmt und nachäfft, waren seine Freunde. Er half sie bilden, so wie sie ihn wiederum bilden halfen. Der Mensch lag seinem beobachtenden Geiste offen, von dem ausgebildeten und ausgekünstelten in den Sälen von S.James' an, bis zu den Wilden in den Garküchen von S. Giles'. Er besuchte die Schule, in welche Shakespear ging, wo er ebenfalls, wie jener, nicht auf Offenbarungen paßte, sondern, studierte, (denn in England tut das Genie nicht alles, wie in Deutschland) London meine ich, wo ein Mann mit solchem Talent zur Beobachtung seinen Erfahrungssätzen in einem Jahre leicht eine Richtigkeit geben kann, wozu kaum in einem Städtchen, wo alles einerlei hofft und fürchtet, einerlei bewundert und einerlei erzählt, und wo sich alles reimt, ein ganzes Leben hinreichend wäre. Ich wundere mich daher gar nicht, wenn sich dort zuweilen ein Mann bildet, dessen Werke hernach Leute an andern Orten und von mindrer Erfahrung zum Maßstab ihres Wachstums in der Kenntnis des Menschen gebrauchen können, ich meine, in denen man immer mehr findet, je mehr man selbst zur Lesung mitzubringen hat, sondern ich wundere mich, daß London nicht mehrere bildet, ich meine nicht mehrere Garricke oder Hogarthe oder Fieldinge, sondern Leute, die zwar etwas anderes wären, aber es so würden wie jene. Kenntnis der Welt gibt dem Schriftsteller in jeder Klasse Überlegenheit. Sie gibt, wo nicht in allen Fällen seinem Was , doch immer seinem Wie eine Stärke, gegen die der große nachahmende Zauberer nicht aufkommt, so sehr auch Er, oder sein Club oder sein Städtchen das Gegenteil glauben mag, und unter den Umständen glauben muß. Wenn man daher die Welt selbst etwas kennt, so wird man leicht gewahr, daß Garrick auf der Bühne von Kenntnissen Gebrauch macht, die man, dort gezeigt, fast weggeworfen nennen möchte, vermutlich aber nur so lange, als man ihrer selbst noch nicht viele wegzuwerfen hat. Denn es mag damals, als ich nach Garricken hinsah, noch manches Paar Augen nach ihm gesehen haben, das mehr in ihm erblickte als ich, oder wohl gar nicht einmal alles fand, was es suchte. Stellte G. z. E. den wollüstigen Fresser vor, und wollte mit den Fingern untersuchen, ob sein Kapaun oder sein Fasan zur völligen Reife am Spieß gediehen sei, so wollte ich wohl wetten, er sondierte ihn auch mit dem vierten Finger der linken Hand. In allen übrigen wäre dazu zu viel Stärke und zu wenig Gefühl. Man muß aber dergleichen Dinge selbst finden; wenn man sie andern beschreiben will, so läuft man oft grade alsdann, wenn man sich am weisesten dünkt, Gefahr lächerlich zu werden. Außer den einem guten Schauspieler mehr wesentlichen Eigenschaften besitzt der Mann noch eine Menge anderer, womit man in allen Ständen des Lebens sein Glück macht und die Menschen hinführen kann, wo man sie hin haben will. Dahin rechne ich seine Gabe, einzelnen Menschen so wohl als dem Publikum seine Schwachheiten sehr geschwind abzumerken. Dieses setzt ihn in den Stand, in einem Notfall dem natürlichen Schönen noch den Zusatz von Konventionellen zu geben, ohne welches es in dem Jahr, ja ich möchte fast sagen, an dem Tage den Eindruck nicht gemacht haben würde, den es macht. Ich habe selbst bemerkt, daß wann ihm z. E. bei einem neuen Versuche der laute Beifall, oder die gewohnte Todesstille der Versammlung ausbleibt, so weiß er es sicherlich noch vor dem Schlüsse der Handlung so zu wenden, daß sie erfolgen müssen. Nun, mein lieber B. wenn Sie sich anders aus dem, was ich gesagt habe, schon einen Garrick haben bilden können, so folgen Sie mir itzt mit ihm in einige Szenen. Ich will heute, weil ich eben dazu aufgelegt bin, die aus dem Hamlet nehmen ,wo ihm der Geist erscheint. Sie kennen ihn schon in diesen Szenen aus Meister Rebhuhns vortrefflicher Beschreibung im Fündling. Die meinige soll jene nicht entbehrlich machen, sondern nur erklären: Hamlet erscheint in einem schwarzen Kleide, dem einzigen, das leider! noch am ganzen Hofe für seinen armen Vater, der kaum ein paar Monate tot ist, getragen wird. Horatio und Marcellus sind bei ihm und haben Uniform; Sie erwarten den Geist; die Arme hat Hamlet hoch untergesteckt, und den Hut in die Augen gedrückt; es ist eine kalte Nacht, und eben zwölfe; das Theater ist verdunkelt und die ganze Versammlung von einigen Tausenden wird so stille, und alle Gesichter so unbeweglich, als wären sie an die Wände des Schauplatzes gemalt; man könnte am entferntesten Ende des Theaters eine Nadel fallen hören. Auf einmal, da Hamlet eben ziemlich tief im Theater, etwas zur Linken, geht und den Rücken nach der Versammlung kehrt, fährt Horatio zusammen: Sehen Sie, Mylord, dort kommts, sagt er, und deutet nach der Rechten, wo der Geist schon unbeweglich hingepflanzt steht, ehe man ihn einmal gewahr wird. Garrick, auf diese Worte, wirft sich plötzlich herum und stürzt in demselben Augenblicke zwei bis drei Schritte mit zusammenbrechenden Knien zurück, sein Hut fällt auf die Erde, die beiden Arme, hauptsächlich der linke, sind fast ausgestreckt, die Hand so hoch als der Kopf, der rechte Arm ist mehr gebogen und die Hand niedriger, die Finger stehen aus einander, und der Mund offen, so bleibt er in einen großen aber anständigen Schritt, wie erstarrt, stehen, unterstützt von seinen Freunden, die mit der Erscheinung bekannter sind, und fürchteten, er würde niederfallen; in seiner Miene ist das Entsetzen so ausgedruckt, daß mich, noch ehe er zu sprechen anfing, ein wiederholtes Grausen anwandelte. Die fast fürchterliche Stille der Versammlung, die vor diesem Auftritt vorherging, und machte, daß man sich kaum sicher glaubte, trug vermutlich nicht wenig dazu bei. So spricht er endlich, nicht mit dem Anfange, sondern mit dem Ende eines Odemzugs und bebender Stimme: Angels and ministers of grace defend us! Worte, die alles vollenden, was dieser Szene noch fehlen könnte, sie zu einer der größten und schrecklichsten zu machen, deren vielleicht der Schauplatz fähig ist. Der Geist winkt ihm, da sollten Sie ihn sich von seinen Freunden, die ihn warnen nicht zu folgen und fest halten, los arbeiten sehen, immer mit den Augen auf den Geist, ob er gleich mit seinen Gefährten spricht. Aber endlich, da sie es ihm zu lange machen, wendet er auch sein Gesicht nach ihnen, reißt sich mit großer Heftigkeit los, und zieht mit einer Geschwindigkeit, die einen schaudern macht, den Degen gegen sie: by heaven I'll make a ghost of him, that lets me, sagt er. Das ist genug für sie; alsdann legt er den Degen gegen das Gespenst aus: go on I'll follow thee: so geht der Geist ab. Hamlet steht noch immer still, mit vorgehaltenem Degen, um mehr Entfernung zu gewinnen, endlich da der Zuschauer den Geist nicht mehr sieht, fängt er ihm an langsam zu folgen, steht zuweilen still und geht dann weiter, immer mit ausgelegtem Degen, die Augen starr nach dem Geist, mit verwirrtem Haar und noch außer Odem, bis er sich ebenfalls hinter den Szenen verliert. Mit was für einem lauten Beifall dieser Abzug begleitet wird, können Sie sich leicht denken. Er fängt an, so bald der Geist fort ist, und dauert bis Hamlet ebenfalls verschwindet. Was das für ein Triumph ist! Man sollte denken ein solcher Beifall auf einem der ersten Schauplätze der Welt und vielleicht von dem gefühlvollsten Publikum der Welt, müßte jeden Funken von Schauspielergenie in einem Zuschauer zu Flammen fachen. Allein da sieht mans, so handeln, wie Garrick, und so schreiben, wie Shakespear, sind Wirkungen von Ursachen, die sehr tief liegen. Sie werden freilich nachgeahmt, nicht sie, sollte man sagen, sondern das Phantom, das sich der Nachahmer nach Maßgabe seiner eigenen Kräfte von ihnen schafft. Dieses erreicht er oft, übertrifft es wohl gar, und bleibt dem ohngeachtet weit unter dem wahren Original. Der Weißbinder hält sein Werk für so vollkommen, als der Maler das seinige, oder wohl gar für vollkommner. Nicht jeder Schauspieler, der die flachen Hände von ein paar hundert Menschen allezeit zu kommandieren weiß, ist deswegen ein Garrick, und nicht jeder Schriftsteller, der ein paar so genannte Heimlichkeiten der menschlichen Natur, in einer altväterischen Prose, und mit Prunkschnitzern gegen Sprache und gute Sitten auszuplaudern gelernt hat, ist deswegen ein Shakespear. Der Geist wurde von Herrn Bransby vorgestellt. Er erschien allemal sehr gut, ganz über und über in einem Harnisch, den man durch einen Anzug von stahlblauem Atlas ausdrückt; selbst von dem Gesicht sieht man nichts als die bleiche Nase und etwas weniges zu beiden Seiten derselben. Dieses mag für heute von Herrn Garrick genug sein, aber schließen kann ich unmöglich, ohne einmal nach den Schauspielern meines Vaterlandes zurück zu sehen. Einige meiner Freunde in Deutschland haben befürchtet, ich möchte mich durch mein häufiges Besuchen der englischen Schauplätze so verwöhnen, daß ich an den deutschen künftig keinen Geschmack mehr finden könnte. Dem Himmel sei Dank! einen solchen Baderstolz hat mir mein bißchen Reisen noch nicht beigebracht, und der müßte es sein, oder noch was Schlechters, wenn ich bei meiner itzigen Überzeugung die Verdienste unserer Schauspieler verkennen wollte. Gerade umgekehrt, ich werde künftig die braven Leute noch weit mehr bewundern, als ehemals, da sie es in den Umständen, in welchen sie sich gemeiniglich bei uns befinden, so sehr weit gebracht haben, wie ich itzo besser, als ehmals, einsehe. Unter denen, die ich in Göttingen, Hannover und Hamburg gesehen habe (die andern Schauplätze kenne ich nicht) könnten nicht allein viele in Drurylane mit spielen, sondern einige würden sogar Aufsehen machen. Ein so allgemeiner Schauspieler als z. E. Herr Ekhof, ist, wenn ich Herrn Garrick ausnehme, auf dem englischen Theater itzt schlechterdings nicht, ob es gleich noch viele gibt, die es in besondern Rollen sehr weit wo nicht zur Vollkommenheit gebracht haben. Z. E. in Drurylane, King, Smith, Dodd, Parsons, Palmer, und hauptsächlich der drollige Weston; alsdann in Coventgarden, Barry, Lewis (der zu einem guten allgemeinen Schauspieler Hoffnung gibt), Lee, Macklin, Shuter und Woodward. Allein gleich Herr Smith in Drurylane, ein ziemlich beliebter Schauspieler und schöner Mann, der auch zu Anfang des Winters, ehe Garrick sich sehen läßt und gegen das Ende, wenn er wieder verschwindet, dessen Rollen, Hamlet, Richard III. etc. mit vielem Beifall spielt, ist weit unter Herrn Ekhof. Die Ursache ist, er hat seine Kunst auch nicht an der Quelle geholt, er ist der Kenner des Menschen nicht, der Herr Ekhof sein muß. Dieses wird aus folgender Anekdote erhellen, die mir ein glaubwürdiger Mann erzählt hat. Vor mehreren Jahren, da freilich Herr Smith der Mann noch nicht war, der er itzo ist, erschrak er zwar als Hamlet in der oben beschriebenen Szene, zog aber zugleich aus Respekt gegen den Geist seines gnädigsten Herrn Vaters den Hut mit einer tiefen Verbeugung ab. Sehen Sie, so gehts den Leuten zuweilen unversehens, die glauben, sie könnten mit Nachahmen auskommen. So etwas hätte Herr Ekhof in seinem 12ten Jahre nicht getan und nicht tun können. Aber dafür kriegte auch Herr Smith damals den Namen Monsieur Hamlet ab, den man ihm nun wieder vergessen hat. Den Tod der jüngeren Mamsel Ackermann habe ich in einem englischen Blatte vor einigen Monaten nicht ohne die größte Bewegung gelesen. Ist das nicht traurig, mein lieber B.? Ich mag es nicht über mich nehmen zu untersuchen, welcher englischen Schauspielerin sie hätte gleich werden können: itzt wäre es ein trauriges Geschäft, und allemal würde es ein schweres gewesen sein. Von ihrem Alter ist keine da, die das wäre, was sie war, und die zwo oder drei der älteren, die sie itzt übertreffen, hätte sie unter gleichen Umständen vielleicht in ihrem 25sten Jahre alle übertroffen. Sie hat uns indessen gezeigt, was wir in Deutschland mit unsern Treibhäuschen ausrichten können. Wie wenn nun unsere Pflanzen erst gar die Sonne hätten, die sie in England haben, wo sie noch außerdem vor dem Strahl sicher sind, für den bis itzt in Deutschland noch kein Franklin einen Ableiter gefunden hat, obgleich manche Stadt und manches Städtchen seinen Richmann zählt, der für den Vorwitz mit ihm spielen zu wollen, mit seinem Verderben hat büßen müssen. Ich bin etc. G. C. L.   [Zweiter Brief] London, den 10. Oktober 1775 Ohne eine Antwort von Ihnen, mein wertester B. auf meinen letzten Brief, und den Leitfaden von Fragen abzuwarten, durch den ich den Weg zu Ihrer Befriedigung geschwinder finden könnte, schreibe ich Ihnen schon wieder. Ich habe itzt gerade Zeit und Mut darnach herumzusuchen, und beide mögten mir fehlen, wann Sie mir den Leitfaden zuwerfen. Lassen Sie also sehen, ob ich sie nicht ohne ihn finden kann. – Ich habe zuweilen, wenn ich Herrn Garrick mit so vieler Kraft da stehen sah, wenn ich so reden darf, gedacht, ob nicht mancher Schauspieler, der nicht so gut von der Natur ausgebildet ist, als er, dieses durch Kunst einigermaßen ersetzen könnte. Ich mögte wohl wissen, ob man sich auf den Theatern ausstopft, um sich zu verschönern, meine ich, so wie man sich bemalt. Tut man es, woran ich kaum zweifeln sollte, so ist wohl so viel gewiß, man versteht sich nicht überall darauf. Das Knochengebäude manches deutschen Schauspielers ist nicht so schlecht, als der Überzug der Muskeln und des Fettes, an denen Zeit und Krankheit, und in den parisischen Provinzen unsers Vaterlandes, auch noch Hunger und Kummer unaufhörlich nagen. Die erquickende Sicherheit und Festigkeit in der Bewegung, den Vorrat von Kraft, kann ja die Versammlung nicht fühlen, hören will sie sie nicht, also muß sie sie sehen; und die sehe man einmal in einem Paar spitzen Schultern, zylindrischen Schenkeln, oder leeren Ärmeln, oder lattenförmigen Beinen. Ich bin überzeugt, daß es oft eine Kleinigkeit in der Form des Arms ist, was einem Portebras ein lahmes Ansehen gibt. Eine Säule, deren Würfel nur um 1/6 höher wäre als breit, sieht einem geübten Auge gleich aus, als könnte sie das Gebäude nicht mehr tragen. Und was ist die Schönheit einer Säule gegen die vom menschlichen Körper, wovon das Auge der geborne und durch hundertfaches Interesse wachsam erhaltene Richter ist? Bei den Portebras fällt mir Mrs. Yates ein, die erste Schauspielerin im hohen Tragischen auf Garricks Schauplatz. Diese Frau ist nicht mehr jung, überdas von der Art der hagern, und hat vermutlich nicht die besten Arme. Auch habe ich ihre Arme nie entblößt gesehen, ja nicht einmal im bloßen Handschuh. Jedesmal, auch in solchen Charaktern, wo sich ein schöner Arm schwerlich versteckt hätte, lief der völlige, aber nicht leer scheinende Ärmel, sich von der Schulter an allmählig verengend, bis an die Hand herab, an die er nah und enge anschloß. Die Einförmigkeit, die ein solcher Anzug dem Arm hätte geben können, zu vermeiden, hatte sie etlichemal eine von der Farbe des Kleides stark abstechende Frisur darum gewunden. Die angenehme konische Form des Ärmels, die jedem Zuschauer nicht bloß Freiheit ließ, sondern Anlaß gab, sich den schönsten Arm darunter zu denken, gab ihm auch sichtbare Stärke. Auch wußte sie den Arm so mächtig zu führen, daß man von dieser Frau allein ein Chironomie abstrahieren könnte. Die Schauspieler sollten hierin nicht nachlässig sein, und sich diesen Anschein von Geschicklichkeit nicht versagen, so lang die wirkliche fehlt; denn obgleich die Zuschauer sich nicht alle deutlich sagen können, wo der Fehler liegt, so fühlen sie doch, daß er irgendwo liegen muß, an dem geschwächten Eindruck, den die Handlung auf sie macht, desto gewisser, je weniger sie noch zur Zeit hierüber aus Büchern zu plaudern gelernt haben. Die unbeschreiblich gefällige Leichtigkeit, Stärke und Sicherheit in der Bewegung: (dieses sind noch immer die besten Wörter die ich dafür finden kann) wodurch sich Herr Garrick so sehr auszeichnet, mögten wohl nicht so leicht zu erhalten sein, ob ich gleich nicht leugnen will, daß die richtige Form seiner Glieder etwas dazu beiträgt. Ich fürchte, es ist vieljährige Zeit und schweißkostende Übung des Leibes, die sich endlich zu dieser Ungezwungenheit aufgeklärt hat, und die, durch beständige Beobachtung schöner, von Personen beiderlei Geschlechts bewunderter und beneideter Männer verherrlicht, itzt bei ihm aussieht, als hätt' er sie umsonst. So wie etwa die Leichtigkeit mit Kraft im Stil der Oligographen des Altertums nicht so wohl die Frucht eines Schlaraffenklimas, als vielmehr die Folge durch tiefes Studium erworbener deutlicher Begriffe, und der Geist aus ganzen Bänden von Exercitiis sein mag, die sie verbrannt haben. Hierzu kommt nunmehr bei diesem Manne das seelenstärkende Gefühl seiner Überlegenheit. Er hat nichts zu fürchten. Das ganze Publikum sieht aufwärts nach ihm, und die wenigen, die über ihn sein mögen, sind gewiß von der Klasse derer, die stille schweigen. Was Wunder, wenn diese Begeistrung zuweilen ein Licht um ihn verbreitet, das alle übrige Schauspieler verdunkelt? In allem was er tut, oder sagt, ist daher nicht die flüchtigste Spur eines ängstlichen Bestrebens zu gefallen, wodurch so mancher Schauspieler miß fällt. Weiter; wenn er den Hofmann macht, so tritt in ihm kein armer Teufel auf, sondern es ist der Mann von Welt selbst, den man sieht; der Mann, der diesen Abend an dem papiernen Hof in Drurylane und morgen vormittag an dem goldnen in St. James glänzt. Wie viel Hofleute, und was sage ich Hofleute? Wie viel Hamlete mögen denn überhaupt wohl in der Welt sein, die das sind, was der Mann zwischen seinen vier Wänden ist? Dieses waren wieder ein paar Pinselstriche an seinem Porträt als Garrick. Nun noch ein paar am Hamlet. In dem vortrefflichen Monolog: O that this too, too solid flesh would melt etc. bringt er, um mich astronomischer Kunstwörter zu bedienen, wieder eine Menge von den kleinen Gleichungen an, womit er die Handlung eines mittleren Menschen zur Wahrheit und Bestimmtheit des Individuums verbessert. Die Tränen des gerechtesten Schmerzes für einen tugendhaften Vater, um den eine leichtsinnige Mutter, nicht allein keine Trauer, sondern kein Leid mehr trägt, zu einer Zeit, da die Schmarotzer noch Schwarz tragen sollten, die unaufhaltsamsten unter allen Tränen, vielleicht, da sie bei einem solchen Kampf von Pflicht mit Pflicht die einzige Erleichterung sind, die sich ein rechtschaffenes Herz verschaffen kann, überwältigen Garricken völlig. Von den Worten: So excellent a King geht das letzte ganz verloren; man sieht es nur an der Bewegung des Mundes, der sich gleich darauf fest und zitternd schließt, um den allzu deutlichen Ausdruck des Schmerzes durch die Lippen, der sich ins Unmännliche ziehen könnte, zu hemmen. Diese Art Tränen fallen zu lassen, die mit der ganzen Last des innern Schmerzes auch zugleich die männliche Seele zeigt, die unter ihr leidet, teilt sich unaufhaltsam mit. Ist man aber erst einmal Shakespearn in der Reihe, so wird jedes Wort ein Schlag, wenn es Garrick spricht. Am Ende des Monologs mischt sich gerechter Unwille mit seinem Schmerz, und einmal, da sein Arm heftig, wie mit einem Streich, herunter fällt, um einem Wort im Unwillen Nachdruck zu geben, bleibt dieses Wort, unerwartet für die Zuhörer, von Tränen aufgehalten aus, und kömmt erst nach einigen Augenblicken mit den Tränen zugleich nach. Ich und mein Nachbar, mit dem ich noch kein Wort gesprochen hatte, sahen uns hier einander an, und sagten etwas. Es war unwiderstehlich. Der berühmte Monolog: To be or not to be etc. macht natürlich den großen Eindruck auf den Zuhörer nicht, und kann ihn nicht machen. Er tut aber doch ungleich mehr, als man von einem Räsonnement über Selbstmord und Tod in einem Trauerspiel erwarten sollte, deswegen, weil ihn nicht allein ein großer Teil der Versammlung wie ein Vaterunser auswendig weiß, sondern auch, mögte ich sagen, jedermann wie ein Vaterunser sprechen hört, zwar freilich nicht mit den großen begleitenden Ideen unsers geheiligten Gebets, aber doch mit einem Gefühl von Feierlichkeit und Würde, wovon sich jemanden, der England nicht kennt, kein Begriff geben läßt. Shakespear ist auf dieser Insel nicht berühmt, sondern heilig; man hört seine Sittensprüche überall; ich selbst habe sie am 7ten Februar, an einem wichtigen Tag, im Parlement gehört. So verwächst sein Namen mit den ehrwürdigsten Ideen; man singt aus ihm und von ihm, und daher lernt ihn ein großer Teil der englischen Jugend eher kennen als das ABC und den Pontius Pilatus. Hamlet, der, wie ich schon erinnert habe, in Trauer ist, erscheint hier, weil er schon angefangen hat, den Verrückten zu spielen, mit dickem, losem Haar, davon ein Teil über die eine Schulter hervorhängt; einer von den schwarzen Strümpfen ist herunter gefallen und läßt den weißen Unterstrumpf sehen, auch eine Schlinge des roten Kniebandes hängt über die Mitte der Wade herab. So tritt er langsam und in tiefer Betrachtung hinter den Szenen hervor; das Kinn unterstützt er mit der rechten Hand, und den Ellbogen des rechten Arms mit der linken, und sieht mit großer Würde seitwärts auf die Erde nieder. Hierauf, indem er den rechten Arm von dem Kinn wegbringt, aber, wo ich mich recht erinnere, ihn noch durch den linken unterstützt hält, spricht er die Worte To be or not to be etc. leise, aber wegen der großen Stille (und nicht aus einer besondern Gabe des Mannes, wie sogar in einigen Schriften steht) überall vernehmlich. Eine kleine Sprachanmerkung muß ich hier machen. In der vierten Zeile dieses Monologs schlagen doch einige vor, against assailing troubles anstatt against a sea of troubles zu lesen, weil man gegen ein Meer die Waffen nicht ergreifen könne. Herr Garrick sagt dem ungeachtet against a sea of troubles . Ich gebe Ihnen hier bloß Garricks Stimme; was er für Autoritäten für sich hat, untersuche ich nicht. Mir würde es hier schwer werden, und Sie können das auf der Göttingischen Bibliothek in einem Wink ausmachen. Eben so mit Anständigkeit verwirrt ist auch zuletzt, da die Vernunft von ihr gewichen ist, der Anzug der Ophelia. Sie ward von Mrs. Smith, einer jungen Frau, die sich für diese Rolle vortrefflich schickt, (ob sie gleich für viele andere, die sie spielt, nicht Leben genug hat) einer guten Sängerin, vorgestellt. Ihr langes flächsenes Haar hing zum Teil den Rücken herab und zum Teil über die Schulter hervor; in der Linken hielt sie einen Büschel unverworrnes Stroh, und ihr ganzes Tun in ihrem Wahnsinn war sanft, so wie die Leidenschaft, die die Ursache davon war. Die Lieder, die sie vortrefflich sang, hatten etwas so Klagendes, Sanftes und Melancholisches, daß ich sie noch lange nachher in der Nacht, wenn ich allein war, zu hören glaubte. Überhaupt ist diese ganze Szene bis zum Schmerz rührend, und läßt eine Wunde in der Seele zurück, die Shakespear so ganz fortschmerzen läßt, daß man wünschen mögte, man hätte die arme, unglückliche Ophelia nicht gesehen. Wäre doch Voltaire hier gewesen und hätte Mrs. Smith über den Shakespear kommentieren hören! Ich traue es fast dem ungewöhnlichen Mann zu, daß er bereut haben würde, was er wider diese Szenen gesagt hat. Das weiß ich, hätte ich je so was geschrieben, mit voltairischen Witz und Einfluß auf die Schwachen versteht sich, und hätte nachher gesehen, was ich gesehen habe, fürwahr, ich hätte Shakespears Geist in den Zeitungen um Vergebung gebeten. Aber Einen Sieg hat doch Voltaire in Drurylane erhalten: die Todengräberszene bleibt weg. In Coventgarden behält man sie noch bei. Das hätte Garrick nicht tun müssen. Ein so altes, herrliches Stück mit aller seiner charakteristischen, rohen Stärke aufgeführt, hätte doch, in dieser süßen Zeit, wo auch hier die Sprache der Natur konventionellschönem Gewäsch zu weichen anfängt, den Fall zuweilen wieder einmal gebrochen, wenn es ihn auch nicht hätte aufhalten können. Einige der schönsten Szenen muß ich übergehen, unter andern die, wo er die Schauspieler unterrichtet, und dann die, in welcher er seiner Mutter die Vergleichung zwischen seinem Onkel und seinem Vater ins Herz donnert, und der Geist darüber erscheint; ein Schlag auf den andern, ehe man sich noch erholt hat. – Es führt ins Unendliche. Ich beschließ also hier das Trauerspiel und gebe Ihnen nur noch eine kurze Farce. Sir John Brute ist nicht bloß ein liederlicher Hund, sondern Garrick macht auch einen alten Gecken aus ihm. Das letztere ist gleich im Anzug sichtbar. Auf eine Perücke, die noch so ziemlich zu seinen Jahren paßt, hat er ein kleines bordiertes Modehütchen, so leichtfertig hingeworfen, daß es schlechterdings nichts von der Stirne bedeckt, was nicht schon von der Perücke bedeckt wäre. In seiner Hand hält er einen von den eichenen Hakenstöcken, mit denen sich die jungen Poltrons im Park des Morgens (so heißt hier die Zeit von 10 Uhr bis 3) das Ansehen von verteufelten Kerlen geben. Es ist eigentlich ein Prügel, an dem nur dünne Spuren von Kunst und Kultur zu sehen sind, gerade so wie gemeiniglich auch an dem menschlichen Bengel, der ihn trägt. Diesen Stock braucht Sir John, seine Worte mit Gepolter zu unterstützen, zumal wenn nur Frauenzimmer gegenwärtig sind, oder auch einmal in der Hitze hinzuschlagen, wo niemand steht, der es übel auslegen könnte. – Auf allen Schauplätzen gibt es fast immer irgend einen oder den andern Schauspieler, der den Betrunkenen mehr als erträglich macht. Die Ursache ist leicht zu finden. Es fehlt nirgends an Gelegenheit zur Beobachtung, und, was wohl der Hauptgrund sein mag, dergleichen Rollen haben ihrer Natur nach, weder enge, noch sehr scharf abgeschnittene Grenzen. Dem ungeachtet spielt Herr Garrick den betrunkenen Sir John so, daß ich gewiß den außerordentlichen Mann in ihm erkannt haben würde, auch wenn ich nie etwas von ihm gehört, und ihn selbst in diesem Stück nur in Einer Szene gesehen hätte. Vom Anfange sitzt die Perücke noch gerade, und man sieht das Gesicht voll und rund. Nun kommt er äußerst betrunken nach Haus, da sieht es aus wie der Mond ein paar Tage vor dem letzten Viertel; fast die Hälfte ist von der Perücke bedeckt; der Teil, den man noch sieht, ist zwar etwas blutig und glänzt von Schweiß, ist aber dafür äußerst freundlich, so daß er den Verlust des andern wieder ersetzt. Die Weste ist von oben bis unten offen, die Strümpfe voller Falten, und die beiden Strumpfbänder hängen herab, und zwar – sehr mystisch – zweierlei Strumpfbänder; es ist nur ein Wunder, daß er nicht gar Schuhe von beiderlei Geschlecht erwischt hat. In diesem betrübten Zustand kommt er zur Frau in die Stube, und auf ihr ängstliches Befragen, was ihm fehle (und sie hat Ursache so zu fragen) antwortet er mit gesammelten Kräften: Frau, gesund wie ein Fisch im Wasser , und doch regt er sich nicht vom Türpfosten weg, an dem er fest sitzt, als wenn er sich den Rücken reiben wollte. Dann wird er grob und tut auf einmal wieder so weinklug und so freundlich, daß die ganze Versammlung in einen Aufruhr von Beifall ausbricht. In der Szene, wo er einschläft, hat er mich in Erstaunen gesetzt. Die Art, wie er bei geschlossenen Augen, schwimmendem Kopf, und blaß mit der Frau zankt, und, mit r und l in einen Mittellaut zusammengeschmolzen, bald schimpft und bald eine Sittenlehre zu lallen scheint, wovon er das scheußlichste Widerspiel ist; wie er die Lippen bewegt, daß man nicht weiß, ob er kaut, oder schmeckt, oder spricht, das alles war so weit über meine Erwartung, als irgend etwas, was ich von diesem Manne gesehen habe. Sie sollten ihn nur das Wort praerogative aussprechen hören; er kommt ohne zwei drei Versuche niemals auf die dritte Silbe. Vanbrugh hat dieses herrlich gebraucht. Es ist das rechte Losungswort zu Schlägen in den politischen Biergesellschaften von England, wo man sich um den Begriff nichts bekümmert, und kann sehr gefährlich werden, wenn die Mitglieder so weit sind, daß sie es nicht mehr aussprechen können. So schön aber auch dieses Stück gespielt wird, denn Lady Brute wird von Miß Young und Lady Fancyful von der berühmten Mrs. Abington vorgestellt: so wäre es, dünkt mich, doch besser, es nie auf das Theater zu bringen. Man hat zwar die schändliche Szene, wo sich Sir John Brute in einen Geistlichen verkleidet, und so mit der Scharwache balgt, dahin abgeändert, daß er diese großen Taten nun im Reifrock, Saloppe und Kopfzeug verrichtet, wogegen man nichts mehr einzuwenden hat, allein dem ungeachtet sind hier und da noch abscheuliche Sachen, beleidigend für Ohren und Augen. Ich habe schon neulich gesagt, daß Garrick die Gabe, alles zu individualisieren in einem so sehr hohen Grad besitzt; daß dieses nicht wenig zu seiner Überlegenheit beiträgt, und doch sollte ich denken, müßte sich das mit etwas Aufmerksamkeit, nicht auf Schauspieler, sondern auf Menschen in Gesellschaft, zum Teil wenigstens, leicht erhalten lassen. Wenn nur die Schauspieler erst wüßten, worauf sie acht haben sollten. Der Theatermensch kann, trotz seiner Aussteuer vom Dichter, noch immer frieren, wenn ihn der Schauspieler nicht warm anzieht, zumal, wenn der erstere nur französische Zeuge gibt. Garrick greift, wenn es nötig ist, mit der linken Hand lieber in die rechte Tasche, ehe er eine Prise Schnupftabak wechselt, die er zwischen den Fingern der rechten hat. Er kann, in einen unerfahrnen unbeholfenen Menschen verkleidet, sein erstes spanisches Rohr so tragen, daß man glaubt, er trüge es für seinen Herrn zum Silberschmied, oder feil, oder hätte ein Barometer darin. Eine Gleichungstafel, die solche Züge enthielte, wäre kein geringes Geschenk für die Schauspieler, und, unter uns, für unsere dramatischen Dichter und Romanenschreiber. Alle (man darf wohl so allgemein sprechen, wo nur zwei oder drei ausgenommen werden können, deren Wert bekannt genug ist) schreiben, als fehlte es ihnen an Stoff zur Beobachtung oder an Geist dazu, und die meisten, als fehlte es ihnen an beiden. Wenn ein Jurist aufgeführt wird, so kann man sicher daraufrechnen, daß leges und nur der Justinian vorkommen; der Advokat erscheint allemal mit seinen weitläuftigen Zeilen und langen Prozessen; der Fähndrich flucht, oder spricht von Prügeln, und ihre Menschenfreunde haben, wo sie gehen und stehen, eine Träne in den Augen und einen harten Gulden in der Hand. Das ist nun alles ganz gut, und mag für die Primaner genug sein, und für 9 unter 10 von den χαλοισ χ' αγαθοισ, die ihre Meinungen über Bücher gedruckt sagen. Aber ist das Shakespears Kunst? Fürwahr so wenig als Kreuzmachen Christentum. Ich sollte denken, der Advokat, der Gastwirt, der Kaufmann, der Krämer, der Barbier, der Ladendiener, der Konsul im Städtchen, alle hätten ihre eigne Staatsklugheit, ihre eignen Grundsätze des guten Geschmacks, ihre eigne Physiognomik, ja ihre eigne Astronomie. Wer sich das Vergnügen machen will darauf zu achten, wird es bald finden. Am deutlichsten zeigen sie sich, wenn diese Leute in Gegenwart ihrer Untergebenen sich mit einem Mann vom Fach das Ansehen einer Kollegialschaft geben wollen. Ich zeigte einmal einer Gesellschaft, die wenig oder nichts von Astronomie wußte, den zunehmenden Mond durch ein Fernrohr, das stark vergrößerte. Verschiedene darunter fragten, ob nicht Tropfen auf dem Glase hingen? Die Flecken im Monde haben in den Vierteln wirklich einige Ähnlichkeit mit Regentropfen an einer Fensterscheibe, in denen sich etwa die gegenüberstehenden Häuser dunkel und der Himmel hell darstellt. Dieses war alles gut, es waren Frauenzimmer, die keinen Anspruch auf Gelehrsamkeit machten, und ihrer Empfindung getreu fragten. Allein auf einmal wendete sich ein Mann gegen mich, und drückte die Unwissenden sanft zurück: sagen Sie mir einmal, fragte er, sind diese Tropfen nicht eigentlich was man influxum lunae physicum nennt? Wiederum, in einer sehr gemischten Gesellschaft in einem Gasthofe fragte mich ein anderer: Nicht wahr, Herr.....Die Polhöhe ist, wenn man des Abends hinausgeht und sieht in die Höhe? dabei sah er wirklich unter einem Winkel in die Höhe, der vermuten ließ, daß ihm einmal jemand den Polarstern gezeigt haben mußte. Ein Muster von einer konfusen Idee konfus ausgedruckt. Können Sie wohl raten, wer diese Leute waren? Lavaters Engel, der aus einem gegebenen Zahn den Mann restituiert, dem er zugehörte, müßte dieses augenblicklich wissen. Ihnen will ich es sagen, wenn Sie das Rätsel allenfalls jemanden aufgeben wollen. Der letztere war ein eingebildeter, reicher Krämer, der sich bei einigen der gegenwärtigen ein Ansehen von Gelehrsamkeit geben wollte, wenn es auch mit einigem Verlust bei den übrigen verbunden sein sollte, und der erstere ein nicht mehr ganz nüchterner katholischer Kanonikus. Für heute mag das genug sein. Künftig sage ich Ihnen etwas über Garricks Bildnisse, etwas von Weston vielleicht und den Frauenzimmern, vermutlich auch von Gabrielli, die Sie aus Brydones Reise kennen werden. Sie ist hier und wird ehestens als Dido erscheinen. Leben Sie wohl! G. C. L.   [Dritter Brief] London, den 30. Nov. 1775 Ein unangenehmer Vorfall, die Unpäßlichkeit eines meiner Reisegefährten gibt mir itzt ganz unvermutet Zeit zur Erfüllung meines Versprechens, Ihnen, liebster B., noch einmal vor meiner Abreise zu schreiben, welches mir sonst unmöglich gewesen wäre. Ich wende nun einen Teil dieser Frist mit desto größerer Bereitwilligkeit auf diese Beschäftigung, als sie mir, außer dem Vergnügen, das mir jede Unterhaltung mit Ihnen gewährt, auch noch den Mangel an freundschaftlichem Umgang ersetzt, den ich als ein, nach bereits genommenem Abschied, pro absente Erklärter, gewissermaßen hier leide. Ohne das mindeste von dem zu vergessen, was ich Ihnen von Weston und einigen Schauspielerinnen auf den englischen Bühnen versprochen habe, fange ich wieder mit Garrick an. Mich dünkt, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß er den Hamlet im französischen Kleide spielt. Es scheint allerdings sonderbar. Ich habe ihn deswegen öfters tadeln hören, aber doch niemals zwischen den Akten, oder beim Nachhausefahren, oder hinten drein beim Abendessen, sondern immer nach verloschenem Eindruck, und bei wieder erwachtem Kopf, im kalten Gespräch, wo, wie Sie wissen, sehr oft gelehrt für gut, und auffallend für scharfsinnig angenommen und gegeben wird. Ich muß gestehen, dieser Tadel hat mir nie so recht eingewollt. Und bedenken Sie nur, ob es so sehr schwer war so behutsam zu sein. Einmal wußte ich: Garrick ist ein äußerst scharfsinniger Mann, der das genaueste Register über den Geschmack seiner Nation führt, sicherlich nichts ohne Ursache auf der Bühne unternimmt, und überdas das ganze Haus voller alter Trachten hängen hat; ferner ein Mann, bei dem jedes Tags Erfahrung nicht zu monströser Erweiterung des Maulwerks, sondern zu Beförderung harmonischen Wachstums von einem gesunden Kopf den gehörigen Stellen zugeführt wird. Und der Mann sollte nicht sehen können, was jeder Londonsche Macaroni mit Händen greifen zu können glaubt? Er, der schon vor 30 Jahren war, was seine meisten Tadler ziemlich erbettelt itzt sind; Anstatt also einzustimmen, fing ich an bei mir zu überlegen, was ihn wohl bewogen haben könnte, so etwas zu tun. Ich dachte lang umher, wenigstens zu meiner eigenen Beruhigung etwas zu finden, als ich bei der zweiten Vorstellung des Hamlet, die ich sah, in dem Augenblick, da er den Degen gegen den Horatio zieht, vermutlich mit Garricks Empfindung zusammen traf. Nach meinem System ist er nun entschuldigt; er würde sogar bei mir verlieren, wenn er anders erschiene. Ich lasse jedermann seine Freiheit, damus petimusque. Ich weiß es sehr wohl, daß man bei solchen Dingen durch eine gewisse vermeintliche Anspannung nur allzuoft durch den Weg des Superfeinen endlich zu demselben Irrtum geleitet wird, den der andere auf dem weit bequemeren der Übereilung geschwinder findet. Aber dem sei, wie ihm wolle, verschweigen kann ich Ihnen meine Gründe nicht, die, wenn sie auch gleich nicht Garricks sein sollten, doch denkende Schauspieler hier und da auf etwas Bessers leiten könnten. Mir kommt es vor, als wenn alte Trachten auf der Bühne für uns, wenn wir nicht gar zu gelehrt sind, immer eine Art von Maskeradehabit wären, der zwar, wenn er schön ist, gefällt, allein, das geringe Vergnügen, das er gewährt, kann selten ganz zu der Summe des übrigen geschlagen werden, das den Eindruck des Stücks vermehrt. Es geht mir hierin, wie mit den deutschen Büchern mit lateinischen Lettern. Für mich sind sie immer eine Art von Übersetzung. Der Augenblick, den ich anwenden muß, mir diese Zeichen in mein altes darmstädtisches ABC zu übersetzen, ist dem Eindruck nachteilig. Ein Sinngedicht würde bei mir die ganze Kraft des ersten Mals verlieren, wenn ich es z.B. bei umgekehrtem Buch heraus buchstabieren müßte. Von den subtilen Fäden, an denen unser Vergnügen hienieden hängt, ist es Sünde, auch nur einen ohne Not durchzuschneiden. Da also, sollte ich denken, wo unsre itzige Kleidung in einem Schauspiel nicht die empfindliche Majestät unserer Schulgelehrsamkeit beleidigt, sollen wir sie auf alle Weise beibehalten. Unsere französischen Röcke sind längst zur Würde einer Haut, und ihre Falten zur Bedeutung von Mienen gediehen, und alles Ringen, Krümmen, Fechten und Fallen in einer fremden Tracht verstehen wir zwar, aber wir fühlen es nicht. Den Fall eines Hutes während eines Kampfes fühle ich völlig, den von einem Helm weit weniger, er könnte sich auf die Ungeschicklichkeit des Akteurs schieben lassen, und lächerlich aussehen. Ich weiß nicht, wie fest ein Helm sitzen muß und kann. Als Garrick in oben erwähnter Stellung den Rücken zum Teil gegen die Versammlung kehrte, und ich bei seiner Anstrengung die bekannte Diagonalfalte von der Schulter nach der entgegengesetzten Hüfte erblickte, fürwahr, ich hätte selbst sein Gesicht ein paarmal dafür hingegeben. In dem dintigen Mantel, von dem Hamlet einmal spricht, hätte ich bei weitem das nicht gesehen. Ein gut gebauter Schauspieler, (und das sollten wenigstens alle die sein, die sich mit dem Trauerspiel abgeben) verliert allemal in einer Tracht, die sich zu sehr von der entfernt, die irgend einmal im Leben, bei einem früher, beim andern später, keiner der geringsten Gegenstände unserer Wünsche, und die süßeste Befriedigung jugendlicher Eitelkeit war, und in der unser Auge das zu viel und zu wenig bis zu Strohhalmebreiten anzugeben weiß. Wohlverstanden, daß ich hiermit nicht sage: Cäsar und Englands Heinriche und Richarde sollten in Gardeuniform mit Schärpe und Ringkragen einher treten. Diese und ähnliche Abweichungen von einem allgemeinen Gebrauch zu empfinden und zu ahnden, hat jedermann Kenntnisse und antiquarischen Stolz in der Schule und von Kupferstichen, Münzen und Ofenplatten gesammlet. Ich meine nur, wo der Antiquar in den Köpfen eines Publikums über einen gewissen Artikel noch schlummert, da soll der Schauspieler nicht der erste sein, der ihn wecken will. Das kleine episodische Vergnügen, wenn ich so reden darf, das mir der schnöde Prunk eines Maskeradenhabits macht, ersetzt mir den Eintrag nicht, der dadurch dem Stück von jener andern Seite geschiehet. Alle Zuschauer leiden den Verlust, sie glauben nur nicht alle, daß das die Ursache sei. Doch ist hierin der Geschmack eines einsichtsvollen Schauspielers, der die Stärke und Schwäche der Augen kennt, vor die er treten soll, über alle Regeln. In dem Fall, den ich voraussetze, findet sich London in Absicht auf den dänischen Hamlet, und hat da Garrick nötig, es zum Schaden beider Parteien klüger zu machen? Garrick entbehrt gern von der einen Seite ein bißgen Lob seiner Gelehrsamkeit, wenn ihm von der andern die Herzen zu Tausenden zufallen. Nun kommen Sie, mein Freund; wegen dieses ästhetischen Schattenspiels, aus dem vielleicht etwas für den Genius Quinquennii zu machen gewesen wäre, wenn einer unserer philosophischen Savoyarden sein erhabenes Babel dazu hätte anstimmen wollen, sollen Sie nun, wo nicht schadlos gehalten, doch wenigstens durch Abwechslung erquickt werden. Ich will Ihnen den drolligen Weston, von welchem ich Ihnen, als ich seinen Charakter in meinem ersten Briefe flüchtig entwarf, etwas mehreres versprach, ein paar Szenen zeigen. Dieses sonderbare Geschöpf kam aus der Küche von St. James, wo sein Vater Koch vom zweiten Range war, auf einmal aufs Theater, mit einer Figur, die im Vorbeigehn auf der Straße gesehen, so wenig für dasselbe gemacht zu sein scheint, daß in der Tat ein Garrick und ein Foote nötig war, es zu finden. Denn die fanden's. Er ist von kleiner hölzerner Statur, und seine Staatspositur ist daher die mit den beiden Händen in den Rocktaschen. Seine Gesichtsbildung ist äußerst roh, die Lippen etwas dicke, und die Nase von der Familie der Schuhleistförmigen. Allein aus den Augen, die daher kaum in dieses Gesicht zu gehören scheinen, blickt der beobachtende Schalk und Garricks glücklicher Nebenbuhler, in dem Fache nämlich. Seine Stimme ist gedrückt und pelzig, und seine Rede langsam. Ich habe solche Figuren fast in allen Städten, wo ich gewesen bin, des Sonntags gesehen, ich weiß nicht, ob es Seilwinder oder Gemüsgärtner waren, nicht ganz so glatt und auch nicht so geschmeidig, als die Bäcker. Ich muß mich näher erklären. In einem Stück, worin ich mir ihn eben itzt gedenke, trug er einen Rock von himmelblauem Tuch, das sich ins Nebliche zog, eine rote Weste, schwarze Beinkleider und blaue Strümpfe; die Schuhschnallen saßen, dünkt mich, etwas am äußern Abhang des Fußes, und das ungebundene Haar hing ihm in Gruppen, wie gelbe Wurzeln, um den Kopf. Wenn er daher aufs Theater tritt, so glaubt man, es hätte sich jemand, ohne bemerkt zu werden, von der Straße dahin verlaufen, so natürlich kleidet er sich, und so ungezwungen erscheint er. Das verrät nichts Gemeines. Sie sehen aus allem, zum Chamäleon ist er verdorben, er tut alles, was er tut, durch den Fuchs. Die Natur, die ihn von der einen Seite bestimmt zu haben scheint, Lachen zu erregen, scheint ihn von der andern der Fähigkeit beraubt zu haben, selbst zu lachen. Er ist immer ernsthaft, oder lächelt nur, und dieses selten; auch währt es lang, bis es im ganzen Gesicht herumkommt. Ich habe es einmal gesehen, da ihm in einem Stück ein niedliches Kammermädchen, um ihn ins Interesse ihrer Dame zu ziehen, die Backen tätschelt. Das Gesicht klärte sich zwar langsam, endlich aber auch zu einem solchen Grade auf, daß wenigstens zwei Dutzend Zähne herauskamen, worunter mancher nicht klein war. Da war schwerlich ein Mund im Schauspielhause, der nicht, ein jeder nach seiner Art, mit gelacht oder gelächelt hätte. Weil er bei allem diesem so sehr halsstarrig original, und keinem Charakter einen Schritt zu Gefallen geht, so haben die Dichter die Charaktere zu ihm hingebracht. So soll Jerry Sneak in Foote's Mayor of Garret , welchen er so unnachahmlich spielt, nach Weston geformt sein, und da ists freilich kein Wunder. Auch der Bediente in einem Stück, das itzt viel Lärm macht, The maid of the oaks , wird nicht bloß von Weston vorgestellt, sondern der Dichter hat Weston zum Bedienten im Stück gemacht. Ich habe, glaub' ich, in meinem ersten Briefe einer Szene in Farquhars Stratagem erwähnt, worin ich Garrick und Weston beisammen gesehen habe. Ich will sie Ihnen gern nach Vermögen beschreiben, wiewohl ich noch sehr zweifle, ob ich nur einen erträglichen Schattenriß davon werde machen können. Der Schauspieler sowohl als der Zuschauer sind beide immer mehr im Lustspiel zu Haus, als im Trauerspiel, und was der erstere auch selbst durch die feinste Kunst im Trauerspiel hervorbringt, läßt sich immer, dünkt mich, leichter in Worte fassen, als was die unerschöpfliche Natur im erstem sowohl tut als bemerkt. Ich kann eine solche Szene, worin die beiden Lieblinge eines erleuchteten Volks sich bemühen, zu ihrem längst gegründeten Ruhm, ohne Übertreibung, in dem Zaum der geübtesten Vernunft, etwas hinzuzutun, nicht beschreiben. Alles, was ich tun kann, ist, einer Einbildungskraft, deren Wirkungskreis mir unbekannt ist, auf Geratewohl einige Winke zu geben, sich selbst etwas Ähnliches zu schaffen. Garrick macht den Archer, einen Herrn von Stand, der sich aus leicht zu erratenden Ursachen in einen Bedienten verkleidet hat, und der arme Weston den Scrub, einen Aufwärter in einem armseligen Wirtshause, worin jener einkehrt, und wo man alle Bedürfnisse des Magens und Ergötzlichkeiten des Gaumens immer gestern hatte, und morgen wieder haben wird, aber niemals itzt hat. Garrick hat himmelblaue Livree, mit funkelndem Silber reich besetzt, einen blendenden Bortenhut mit einer roten Feder, spielt ein Paar weiße, glänzende, seidene Waden, und ein Paar Schnallen, die nicht besser sein können, und ist ein entzückender Kerl. Und Weston, den die schwere Last einer schmierigen Aufwartung unter zehn verschiedenen Rubriken drückt, der arme Teufel, erscheint ihm gegen über in einer traurigen abgeregneten Perücke und einem grauen Kamisol, das vor etwa dreißig Jahren für einen glücklichern Bauch geschnitten sein mogte, mit roten wollenen Strümpfen und einer grünen Schürze. Er gerät in eine Art von andächtigem Erstaunen, da dieser Herr Bediente (wie das Göttingische Mädchen sagte) auftritt. Garrick, frisch, schalkhaft und schön wie ein Engel, den niedlichen Hut mit fast gefälliger Leichtfertigkeit seitwärts aus dem hellen Gesicht gestoßen, tritt munter und voll Vertrauens auf seine Waden und neuen Anzug, fest und stramm daher, und fühlt sich um ein Drittel größer neben dem trübseligen Scrub. Und Scrub, der ohnehin wenig ist, scheint auch noch das zu verlieren, und zittert mit den Knien, vor lauter Gefühl des dreifachen Kontrasts zwischen Aufwärter – und Bedienten, und folgt bei gefallenem Unterkinn in eine Art von Anbetung Garricken bei allen Bewegungen mit den Augen nach. Archer, der den Scrub zu seinen Absichten braucht, wird bald gnädig. Sie setzen sich neben einander nieder. Dieser Teil der Szene ist in Kupfer gestochen, und Sayer hat eine Kopie davon unter seine bekannten Bildchen aufgenommen. Allein weder Weston noch Garrick gleichen sich da sonderlich, zumal ist der letztere, der sich sonst in eben dieser Bildchensammlung als Abel Drugger und Sir John Brute so herrlich gleicht, daß fast nichts drüber geht, abscheulich mißhandelt. Wer die unwiderstehliche Macht des Kontrastes auf dem Theater kennen lernen will, wenn er vom Dichter und dem Schauspieler gut und nach beiden Seiten gleich stark durchgesetzt wird, damit nicht die Struktur, deren ganze Schönheit im richtigen Gleichgewicht bestehet, nach einer Seite umgeschmissen wird, wie gemeiniglich geschiehet, der muß diese Szene sehen. Garrick wirft sich mit der ihm eigenen Leichtigkeit auf den Stuhl, schlägt den rechten Arm über Westons Lehne, und biegt sich zum vertraulichen Gespräch nach ihm hin; die herrliche Livree liegt rückwärts geschlagen, und eine Schönheitslinie schließt sich in Rock und Mann an die andre. Weston sitzt auf der Mitte des Stuhls, wie es sich gebührt, nur etwas zu weit nach vorn und auf jedem Knie eine Hand, stark versteinert da, mit den Schalksaugen auf Garricken gewendet. Wenn etwas auf seinem Gesicht ausgedrückt ist, so ist es Affektation von Würde mit lähmendem Gefühl des schrecklichen Kontrasts. Hierbei bemerkte ich etwas an Weston, das sich herrlich ausnahm. Während als Garrick mit einer gefälligen Nachlässigkeit in sich selbst ruhte, suchte ihm Weston mit steifem Rücken allmählich die Höhe abzugewinnen, teils des Anstandes wegen und teils auch zuweilen wenn Garrick ihm nicht ins Gesicht sieht, mit mehr Sicherheit eine neue Vergleichung zwischen sich und ihm zu stehlen. Wenn Archer endlich mit großer Leichtigkeit die Beine über einander schlägt, so versucht Scrub ein Gleiches, und bringt es auch endlich, jedoch nicht ohne einige Hülfe der Hände, glücklich zu Stande, alles entweder bei starrenden, oder heimlich vergleichenden Augen. Endlich da Archer die herrlichen seidenen Waden zu streicheln anfängt, so will auch Weston mit seinen armseligen roten wollenen, ein Gleiches tun, retiriert sich aber wieder, und zieht mit Mitleid erregender Demütigung die grüne Schürze langsam über das Ganze. In dieser Szene tat die natürlich dumme Miene des Weston, sein treuherziges Wesen, das bei ihm aus allem hervorleuchtet, und durch den unaffektierten Pelz seiner Stimme nicht wenig gewinnt, fast Garricken Abtrag. Das ist viel gesagt. Er hatte die Götter und die Teufel auf seiner Seite. Als Bedienter in the maid of the oaks ist er in glücklichern Umständen, und geputzt, aber doch auch so, daß man sieht, es kömmt nicht allein selten an ihn, sondern es ist auch so gar seine Sache nicht einmal. Seine Haare hat er in einen wegstehenden Crapaud elend eingepackt, oben und an den Seiten sind sie zum Teil gepudert, wie mirs vorkam, nur mit den Fingern, oder Papierschnitzeln; dabei hat er einen grauen Rock, wieder rote Strümpfe an, und ein herrliches Bouquet vor. In diesem Stück unterscheidet er sich vorzüglich durch hölzerne Behendigkeit und eine Art von unnötiger Geschäftigkeit, die trotz des Schweißes, den sie ihn auspreßt, den Gang der Sache, den sie befördern soll, nicht wenig aufhält. Er will immer, kann aber vor lauter Wollen selten, und hält sich dem ohngeachtet, wenn sonst die Herrschaft nicht dabei ist, nicht undeutlich für eine der wichtigsten Personen dieses Tags. Ihm, Mrs. Abington, Herrn Dodd und den ungemein prächtigen Dekorationen, die sich zuweilen dem Operelysischen nähern, hat es dieses Stück auch zu danken, daß es zu Anfang dieses Jahrs 23mal aufgeführt worden ist. Wie gern beschriebe ich Ihnen den Mann, wie er als Schuhflicker im hinkenden Teufel ( Devil upon two sticks ) ein paar Schuh, die er unter dem Rock stecken hat, in die Ecke hinlegt, um mit desto mehr Anstand auf einen Schemel zu steigen, auf welchem ihn Foote zum Doktor kreiert. Aber wenn ich das durchlaufe, was ich gesagt habe, so vergeht mir alle Neigung mehr von ihm zu sagen. Es ist zwar ein Vergnügen, den Totaleindruck, den der Anblick eines solchen Wundergeschöpfes auf einen macht, in seine Bestandteile zu zerlegen, und Empfindungen zu Buch zu bringen; (ich habe mir solche Beschreibungen zum Vergnügen eine Menge gemacht,) aber die Absicht einem andern ein ähnliches Vergnügen zu verschaffen, wird meist verfehlt, weil die unvermeidliche Unvollständigkeit der Zahl dieser entwickelten Gefühle, dem Leser bei ihrer Herabstimmung zur Klarheit Raum genug übrig läßt, neben dem Endzweck des Verfassers vorbei zu schleichen, oder noch schlimmer ihm den Vorwurf zu machen, er habe zu viel gesehn. Zwei Anekdoten von ihm, die mich mehr unmittelbar in des Mannes Seele sehen lassen, muß ich Ihnen noch erzählen: Vor einigen Jahren wählte sich dieses hölzerne Gestell zu seinem Benefizstück – Sie raten sicherlich nicht was? – – Richard den Dritten . Daß das Haus voll werden mußte, zum Bersten, das konnte wohl Weston so gut vorher wissen, als Sie es mir itzt glauben. Und dieses ist wohl das einzige Mal gewesen, daß Shakespear auf dem Schauplatz von Drurylane vorsätzlich ist geschändet worden; in Coventgarden hat es Shuter mehrmals getan. Mir fiel, als ich es hörte, der Affen-Laokoon ein, wo sich die Schlange um drei Affen, Vater und Söhne, schlingt, die alle drei erbärmlich zusammen schreien. Es mag toll hergegangen sein. –- Als er am Ende starb, so bestund das Volk darauf, er sollte wieder aufstehen, und noch einmal sterben, und das vermutlich mit einem Getöse, das wohl einen Toden hätte erwecken können. Der hätte in dem bekannten Monolog sagen müssen: an ass, an ass, a Kingdom for an ass! Die andre macht ihm mehr Ehre, auch war ich selbst Zeuge. In den Rival Candidates , demselben Stück, worin er von dem Mädchen getätschelt wird, sprach er in diesem Jahr den Epilog in Gesellschaft eines großen Hundes, den er am Ring des Halsbandes hält, und der ihm fast bis an die Hüfte reicht. Es ist ein allerliebstes Tier, und klotzt seinem drolligen Führer, während er spricht, zuweilen so menschlich herauf ins Gesicht, und dieser streichelt ihn wieder mit so vieler Herablassung, daß niemand zwischen beiden die Seelenvereinigung verkennen kann. Diesen Epilog zu sprechen, wurde Weston zum erstenmal überdrüssig, als ich das Stück zum zweitenmal sah, und wollte nicht erscheinen; das Volk nahm dieses sehr übel, und Epilogue! Epilogue! erschallte aus allen den Kehlen, die Richard den Dritten von den Toten erwecken wollten; Weston erschien immer nicht. Viele Leute aus der Loge gingen weg, allein ich war entschlossen, den Ausgang abzuwarten. Auf einmal regnete es erst Birnen, dann Oranschen, hierauf Quartierbuteljen auf das Theater, und einmal flog eine, die wohl drei Quartier halten mogte, an einen der Krystalleuchter hin, und alles sah einem Aufruhr ähnlich, als Weston so gelassen, als würde er allemal so gerufen, mit Dragon, (so hieß der Hund) hervortrat. Es wurde ein wenig hie und da gezischt, aber das legte sich bald. Nun ist in dem Epilog eine Stelle, worin er den Hund anredet, indem er, wie ich glaube, von Kritiken spricht: und was hängst du denn den Schwanz, Dragon, sie werden dir nichts tun? Diese Stelle veränderte Weston, aus dem Stegreif, ohne weder dem Reim, noch dem Vers zu nahe zu treten, in diese: Und warum hängst du denn den Schwanz, Hans Narre, dir werden sie keine Bouteillen an den Kopf werfen. Diese in der Tat in einer solchen kritischen Lage und einer gereimten Rede angebrachte höchst sinnreiche Veränderung machte alles gut. Man hörte nicht auf zu klatschen, und zu rufen. Alles das machte auf Westons Gesicht nicht so viel Veränderung als auf einer Ofenplatte. Da war keine Freude, keine Miene innerer Satisfaktion; gar nichts, so wenig als auf dem Gesicht seines vierbeinigen Freundes. So viel diesesmal von Weston, von dem ich ungern schweige, weil es mir vorkommt, als hätte ich ihm Unrecht getan, weil ich mir selbst nicht Gnüge getan habe. Ehe ich nun zu dem Frauenzimmer komme, will ich Ihnen noch eine Frage beantworten, die Sie in einem Ihrer Briefe getan haben: ob denn Garrick so ganz durch und durch untadelhaft spiele, und ob ich nicht zuweilen wenigstens etwas bemerkt, das ich weggewünscht hätte? Ihnen Fehler von Garrick anzuzeigen, liebster B., davor werde ich mich wohl hüten, allein wenn Sie wissen wollen, was mir, dessen Empfindungen ich allein hier entwickele, ohne sie mit ästhetischen Fundamentalgesetzen zusammen zu halten, zuweilen nicht an ihm gefallen hat, da lasse ich mich eher ein, wiewohl auch dieses nur sehr unbeträchtlich sein wird. Denn einmal müssen Sie bedenken: er spielt itzt nur Stücke, die er sich völlig eigen gemacht, und über die er nun ein Vierteljahrhundert durch in seiner ausgesuchten Gesellschaft das Urteil der größten Kenner des Menschen empfangen hat. Selbst den Strumpf, der ihm so herabhängt, kann man denken, hat ihm vielleicht Fielding herabgezogen, und den Hut, der da so schön seitwärts sitzt, Sterne oder Goldsmith zurückgestoßen. Bei so bewandten Umständen, mein Freund, gibt's viel zu lernen, und wenig zu tadeln. Ferner, leugne ich nicht, sein Ruhm blendet bald mehr, bald weniger; es ist schon kein geringes Vergnügen, ich will nicht sagen Glück, ehe der Vorhang aufgezogen wird, dem Schauplatz gegenüber zu sitzen, auf dem in einigen Minuten ein Mann auftreten soll, der nach einem ziemlich einstimmigen Urteil der erste Schauspieler der neuen Zeit ist. Außerdem der Freund, Lehrer und Zögling einiger der größten Schriftsteller dieses Jahrhunderts. Ist das nichts? Ich bin, um Garricken spielen zu sehen, einmal von Morgens halb zehn an einen Weg von sechs deutschen Meilen gereiset, habe nicht zu Mittag gegessen, und erst nach elf Uhr zu Abend. Ich habe mit einer Art von wollüstiger Bangigkeit, die Musik anfangen hören, die vor dem Stück herging, in welchem ich ihn zum erstenmal sah. Und was Wunder? Hätte Garrick unter einem wärmeren Himmel, von einem engern und höhern Gerüste, mit gleicher Kraft gesprochen und Herzen erschüttert, so würden einst seine Lumpen etwas Ähnliches tun. Es ist sehr menschlich, und wird so gehen bis an das Ende der Welt. Ich erinnere mich daher jetzt nur eines einzigen Mals, und zwar im Hamlet, daß Garrick etwas auf eine Art sagte, die eine üble Wirkung auf mich tat, und einen Mißklang mit meiner damaligen Empfindung machte, die vielleicht falsch gestimmt war. Ich will Ihnen sagen, was es gewesen ist. Vor Anfang des Monologs, der auf die Szene folgt, in welcher sich der Geist dem Hamlet über den Mord eröffnet, steht Garrick, als wäre er Hamlet selbst, bis zur Untätigkeit und fast zur Zerrüttung gerührt da, und wenn endlich die Betäubung, in welche eröffnete Gräber, Greuel ohnegleichen und schreiendes Vaterblut die vortreffliche Seele gestürzt hatten, nach und nach weicht, und das dunkle, schmerzhafte Gefühl sich zur Betrachtung und Worten aufklärt, und zum heimlichen Entschluß sammlet, so hat Shakespear dafür gesorgt, daß diese Betrachtung und Worte von der Tiefe und dem Tumult zeugen, aus dem sie hervorbrechen, und Garrick sorgte, wie Sie leicht denken können, von seiner Seite auch dafür, daß jeder Gestus auch einem tauben Zuschauer wiederum von dem Ernst und Gewicht der Worte gezeugt hätte, deren Begleiter sie waren; Eine einzige Zeile ausgenommen, die, nach meinem Gefühl, so wie sie damals Garrick sprach, weder dem tauben Zuschauer, noch dem blinden Zuhörer hätte gefallen können. Er sprach die physiognomische Bemerkung, die er auch in seine Schreibtafel trägt: that one may, Smile and Smile and a Villain , mit der Miene und dem Ton der kleinlichen Nachspötterei, fast als wollte er den Mann damit auszeichnen, der immer lächelte und lächelte und doch dabei ein Schurke war. Ich kann nicht leugnen, dieses fiel mir in meiner damaligen Verfassung so auf, daß ich den Augenblick erwachte. Wehe meinem Briefe über Garrick, wenn Sie und Ihre Freunde anders stimmen sollten. Ich fürchte es nicht; denn bei der zweiten Vorstellung des Hamlet, der ich beiwohnte, hatte ich das für mich schmeichelhafte Vergnügen, ihn dieselben Worte meiner Empfindung durchaus gemäß aussprechen zu hören, nämlich mit dem Ton der wohl bedachten Anzeichnung zu nahem Gebrauch. Das Lächeln des Schurken, den Hamlet meint, war für ihn von der einen Seite zu wichtig, und zu scheußlich von der andern, sich dagegen bei einem Selbstgespräch mit mimischem Spott zu kühlen. Die Lippen, die so gelächelt hatten, mußte der Tod aus Hamlets Händen (und nichts anders) Ernsthaftigkeit lehren, und das je eher je besser. Was Garricken bewogen haben mag, jene Worte damals so zu sprechen, will ich nicht ausmachen. Ich dachte, die schönen und sanften Wörter Smile and Smile mögten vielleicht schwer ohne Mienen, die wenigstens zur Familie der lächelnden gehörten, auszusprechen gewesen sein, allein ich glaube doch nun, daß es eher ein Versuch, als ein unvermuteter Streich seiner Zunge und ihrer Nachbarschaft war. Sehen Sie, ist das nicht herrlich? Ich merke so eben erst, daß ich des Mannes Kunst auf Kosten seines Verstandes verteidige. Also kein Wort mehr davon. Unter den hiesigen Schauspielerinnen ist nach meinem Geschmack Mrs. Barry noch immer die größte, oder doch die allgemeinste, und die einzige, die in diesem Punkt eine Vergleichung mit Garrick aushält. Sie kann, zu einem eiteln Kammerpüppchen zusammengeschnürt, sich mit süßer Selbstgefälligkeit tänzeln und zieren, und trippeln, daß den kleinen Mamsellen und den großen Bedienten das Herz im ganzen Hause aufgeht; und dann wieder mit einem Strom von rauschender und rieselnder Seide hinter sich her, mit hohlem Rücken und stolz zurückgewandtem Angesicht einhertreten, wie die Eitelkeit, wenn sie sich am Zug ihrer Schleppe weidet. Sie ist eine große Schönheit, und, wie mir gesagt worden, auch selbst ohne Schminke beim Sonnenlicht auffallend schön, eine geborne Schauspielerin. Ihr Geburtsort ist das schöne, romantische Bath, wo ihr Vater Apotheker war. In ihrem 10ten Jahr (wie mir eine Dame erzählt hat, die sie damals kannte) warf sie ihr Strickzeug weg, schlich sich mit dem Shakespear auf den Boden des Hauses, und sprach mit den Schornsteinen. Ihre Schönheit gehört zur Klasse der Heiligen, und der herrschende Ausdruck in ihren Mienen und dem Klang ihrer über alles reizenden Stimme, ist sanfte Unschuld und entgegenkommende Güte. Ein Weib so wie sie der Himmel haben wollte! Sanft, nachgebend, und so wenig satirisch als heroisch. O, sie erschrickt vor einem God damn! als wenn eine Bombe spränge. Ich habe sie als Cordelia im König Lear gesehen, wie sie die von Tränen glänzenden großen Augen nach dem Himmel hob, dann sprachlos die Hände hochringend, mit dem Anstand und, wie mich dünkte, dem Glanz einer Verklärten, ihrem alten verlassenen Vater entgegen eilte und ihn umarmte. Es ist das Größte, was ich in der Art von einer Schauspielerin gesehen habe, noch itzt das Fest meiner Phantasie, und ich werde das Andenken an diese Szene nur mit meinem Leben verlieren. Als ich vor 5 Jahren hier war, sah ich sie schon als Desdemona in Othello. Ich habe Ihnen gewiß in Göttingen davon erzählt. Auch erinnere ich mich kaum jemals so stark Partei in einem Stück genommen zu haben, als damals. Reddish, der den teuflischen Jago vorstellte, ist mir noch itzt unausstehlich. Wehe allen Lippen und Nasen, die der seinigen gleichen, wenn ich einmal eine Physiognomik schreibe! G. C. L.   Schluß des dritten Briefes aus England an Boie Damals war Mrs. Barry noch in Drurylane; jetzt spielt sie in Coventgarden. Herr Barry, ihr Mann, ehemals ein angebeteter und noch jetzt immer beliebter Schauspieler, ist alt und steif. Herr Garrick ließ also diese vortreffliche Frau, vielleicht ihres Mannes wegen, gehen, den er teuer bezahlen mußte, und nicht sonderlich mehr brauchen konnte, und zog dafür Herrn Yates und seine Frau aus Coventgarden an sich, wovon jener kein übler drolliger Schauspieler, und das vermutlich für wenig Geld ist, diese aber im hohen Tragischen nächst Mrs. Barry sicherlich die größte Schauspielerin, die England hat. Mrs. Barry bekommt, wie mir ein Mann gesagt hat, der es wissen kann, jährlich 1 800 Pfund, nehme ich nun an, daß ihr Mann nur die Hälfte hat, und setze außerdem die Revenue an ihren Benefizabenden auf 500 Pfund, (Miß Catley, eine mutwillige, beliebte Sängerin, bekam an ihrem Benefizabend, wie ich genau weiß, 309 Pfund;) so genießt dieses Ehepaar für die wenigen Winterabende, an welchen es spielt, ein jährliches Einkommen von fast 20 000 Talern. Da läßt sich freilich gut für spielen, wenn, wie bei diesen Personen, Trieb der Natur einen schon ohne Besoldung zum Schauspieler macht. Den Sommer bringen sie auf einem herrlichen Landgute in Surrey zu, das ich einmal in der Ferne habe liegen sehen. Ich stund auf eine halbe Stunde stille, und doch konnte ich mich an dem mannigfaltigen Zauberlichte nicht satt sehen, welches meine Phantasie auf das Haus und die Gegend warf, in welcher es stehet. Nun komme ich auf eine Schauspielerin, die ich schon einigemal genannt habe, Mrs. Abington, eine in mehr als einer Rücksicht so merkwürdige Frau, daß ich Ihnen leicht ein kleines Werk über sie schreiben könnte. Und hätte ich Ihnen durch eine solche Schrift die Talente dieser ungewöhnlichen Seele genau entwickelt, so würde ich, glauben Sie mir, stolzer daraufsein, als auf irgend ein approbiertes Werk in diesem Fach. In einem Brief so etwas auch nur zu versuchen, habe ich jetzt weder Zeit noch Geduld, und es gehörig durchzusetzen, wenn ich aus den Urteilen der Leute schließen darf, von welchen ich sie habe bewundern hören, auch sicherlich weder hinlängliche Kenntnisse noch Erfahrung. Das wenige, das ich von ihr sagen werde, setze ich nur deswegen her, weil es nach einer solchen Entschuldigung, nach dem Plan meiner Briefe, die Ihnen eine kleine Nachricht von allen guten Schauspielern in London geben sollen, eben so unverzeihlich sein würde ganz von ihr zu schweigen, als das erwähnte Werk, dem ich nicht gewachsen bin, wirklich zu unternehmen. Mrs. Abington ist von Mrs. Yates und Mrs. Barry so unterschieden, wie die komische Muse von der tragischen. An Majestät und Ausdruck sanfter Empfindung steht sie ihnen, zumal der letztern, nach, und übertrifft sie an Talent, die bittere Wahrheit, mit allen den kleinen begleitenden Zügen, den Zeichen der eigenen Bemerkung, tief ins Herz zu reden, daß jeder glauben muß, sie meinte ihn; und dann auch an leider allzufrüh geübter Kunst; bei allem diesen, den herrlichsten Wuchs mit einem gefälligen Strich von Absicht zu zeigen, der dieser großen Schauspielerin noch aus der gefährlichen Schule anklebt, in welcher ihre Reize ausgebildet worden und – – noch ehe sie die Bühne betrat, ihren Lohn empfangen haben. An Geist ist sie sicherlich allen englischen Schauspielerinnen sehr weit überlegen. Man merkt es ihr an, die papierne Welt in Drurylane ist ihr zu enge, auch ist es jetzt, da ich dieses schreibe, bereits mehr als Mutmaßung, daß sie dereinst ihre Rolle in dem großen Original selbst spielen wird. Ihr Gesicht ist nichts weniger als schön; sie ist blaß und dabei zu stolz sich zu schminken, ihre Nase etwas aufgestülpt und der Mund keiner von den feinsten. Allein ihre Blicke schneiden unter den schönen Augenbraunen oft mit einem gewissen unbeschreiblichen Lächeln über entdeckte Torheit begleitet, so mächtig hervor, daß dem bange werden muß, den sie treffen. Der Schnitt ihrer Kleidung und ihr Kopfputz ist, wie mich Damen versichert haben, deren Urteil ich zur Ergänzung sowohl als Beglaubigung der meinigen anführe, jederzeit im allergrößten Geschmack; sie tritt daher selten auf das Theater, daß nicht die Mode der feinen Welt hinter ihr herträte. In den stummen Rollen, oder wenn sie etwas gesagt hatte, dem sie mit stummen Auf- und Abgehen Kraft geben wollte, ging sie, wider die Gewohnheit der Schauspieler, oft grade vom Zuschauer ab nach der Tiefe des Theaters. Da hätten Sie sehen sollen, mit welchem Anstand sie sich in den Hüften wog, und mit jedem Tritt die Blicke des kopierenden Neides und der kopierenden Bewunderung, die ihr aus tausend Augen folgten, noch mutwillig schärfen zu wollen schien. So wenig sie für das Trauerspiel geschaffen ist, so wenig ist sie es für das Niedrigkomische. Ihre Rede ist langsam, und wenn sie Torheiten kopieren soll, so müssen es nur solche sein, die sich mit affektierter oder unaffektierter Grazie im Anstand vertragen. Während als sich daher die Gemahlin des Harlekins mit den Albernheiten des armen und reichen Pöbels herumzauset, so schlägt sie sich nach den bestimmten Gesetzen eines anständigen Duells mit den Torheiten der Großen. Hierin ist, wenn meine Empfindung nicht trügt, ihre hauptsächlichste Stärke, und zeigt von einer gewissen Würde der Seele, die alle niedrige Mittel den Beifall der Menge zu haben verachtet. Auch die niedrigen Rollen weiß sie von dem Staub der Werkstätte und Spinnstube zu reinigen: wenn dieses nicht allemal zu billigen sein sollte, so hat doch, einer solchen Künstlerin gegen über, die Kritik selten Unbarmherzigkeit oder kaltes Blut genug, das am Ganzen hängend fehlerhaft zu finden, was isoliert gewiß vortrefflich wäre. Ich habe sie sehr oft spielen sehen, auch einigemal mit Garrick zugleich. Am meisten gefiel sie mir in the provoked Wife; the Beaux' Stratagem ; in rule a wife and have a wife ; in the Bon Ton ; in much ado about nothing und the maid of the Oaks , einem Stück, welches sich auf eine wahre Geschichte gründet und vom General Burgoyne seiner Nichte Lady Derby zu Ehren geschrieben worden. Wenig Stücke in der Welt werden wohl mit so viel geschmackvoller Pracht und so vollkommen gut aufgeführt, als dieses, denn es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Verfasser sich die Schauspieler gewählt, und bei Zeichnung der Charaktere ihren besonderen Charakter in Betracht gezogen hat. Die Dekorationen hat Lutherberg gemalt und kosten gegen 10 000 Taler. Sie hat, wie man sagt, hauptsächlich durch ihren Geist, einen Mann gefesselt, der an Glücksgütern, Stand und Ruhm nur wenige seinesgleichen in England hat, keinen Neuling. Er ist ein Witwer, und hat ihr Verbindungen antragen lassen, denen zur Vollkommenheit nichts fehlte, als die priesterliche Einweihung. Da sie mit dieser Art von Verbindung sehr bekannt ist, (denn auch Herr Abington, dessen Namen und Vermögen sie besitzt, war ihr gesetzmäßiger Mann nicht) so ging sie dieselben, wie man sagt, unter folgenden Bedingungen ein: Sie müsse Besuche annehmen dürfen, vor wie nach, und welche sie wolle; der Lord müsse sie nie in ihrem Hause besuchen; er müsse ihr außer Pferden und Karosse wöchentlich 50 Pfund aussetzen, und endlich niemals von ihr verlangen das Theater zu verlassen. Es wurde alles eingestanden. Ein Sieg, weswegen sie nicht allein von allen ihres Gewerbes, sondern auch von einem großen Teil der züchtigern Schönheiten Englands beneidet wird, und der desto merkwürdiger ist, als er sich weder auf Jugend noch glühende Wangen, noch überhaupt Schönheit des Gesichts gründet. Diese Anekdote, für deren Wahrheit in allen Stücken ich eben nicht haften will, steht, dünkt mich, hier nicht am unrechten Ort, da sie einiges zu belegen dient, was ich von dieser Schauspielerin gesagt habe. Wenn Sie sie einmal im Spiegel sehen wollen, so kaufen Sie sich ein gewisses Porträt von ihr, das nach Reynolds von Elisabeth Judkins in schwarzer Kunst vortrefflich gearbeitet worden ist. Ein wahrhaftes Muster einer leichten Stellung, und natürlichen Ordnung der Hände, vermutlich von dieser leichten Hexe selbst angegeben. Es sollte billig von manchen deutschen Porträtmalern studiert werden, deren Favoritstellung der Hände noch immer von der Lage der Flügel an einem gebratenen Huhn geborgt zu sein scheint. Ich besitze es, und es wird vermutlich auch in meiner kleinen Porträtsammlung haften, die sonst, wie Sie wissen, eben so, nur in flüchtigem Generationen, kommt und geht, wie die schnöden Sterblichen, deren Abbildungen sie enthält. Doch ich breche meinem Versprechen gemäß hier ab, werde aber dieser merkwürdigen Dame doch noch einmal an einer Stelle meines Briefes Erwähnung tun, wo Sie es schwerlich vermuten. In Coventgarden ist noch Mrs. Hartley merkwürdig. Ihr großer Ruhm gründet sich minder auf ihre Kunst, als ihre an hohes Ideal grenzende Form. Die Londonsche Macaroni haben ihr den Namen Mediceische Venus gegeben. Sehr armselig, wie mich dünkt; sie ist nichts weniger, als ein niedliches, winziges Venusfigürchen, sondern, wenn sie eine Tochter Jupiters ist, so ist gewiß Juno ihre Mutter. In Masons Elfrida hat sie eine Rolle, worin sie kniet, und da läuft London zusammen, Mrs. Hartley knien zu sehen. Ich habe sie ein einziges Mal gesehen, aber nicht auf den Knien, sondern als Lady Macbeth. Die Szene, wo sie im weißen, dünnen Gewand, nachtwandelnd einher tritt, und das Königsblut, von dem sie träumt, von ihren Händen wischt, schwebt mir noch immer vor, ob sie gleich gar nicht in Shakespears Geist spielte, und bei so viel Güte in den Mienen und der Stimme kaum konnte. Ich glaubte eine Heilige zu sehen, die sich die schwere Buße auflegt, ein paar Minuten die Gebärden eines Teufels nachzumachen. Nun, mein Freund, will ich einmal mit Ihnen auf ein paar Augenblicke zur Abwechslung die Welt in einer Nuß, Drurylane und Coventgarden verlassen, und zu der Nuß im Flittergold einer Welt, der italienischen Oper im Haymarket, herab –- nicht wahr? herabsteigen. Ich habe die vergötterte Gabrielli gesehen und gehört, und hätte sie sprechen können, wenn ich gewollt hätte; es ist mir einigemal angetragen, und sogar verdacht worden, daß ich es nicht getan habe. Sie kennen sie gewiß aus Brydones Reisen, aus denen ich sie schon in Göttingen kennen gelernt hatte. Ich hatte, nach jener Beschreibung, ein fast größeres Verlangen sie zu hören, als Garricken. Sie war lange mit mir in demselben London, ehe sie erschien. Das machte die Sache sehr viel schlimmer, wie Sie wissen. Auf einmal wurde angekündigt: Opera Dido Dido, Signora Gabrielli. Ich ging eine Stunde vorher nach der Oper, und wurde abgewiesen: Signora wäre krank. Einige Tage darauf wurde wieder avertiert: Dido, Signora Gabrielli. Ich ließ mich in der Sänfte hintragen, und wurde wieder abgewiesen: Signora hätte die Influenza, so nannte man in jenen italienischen Tagen in London den Schnupfen. Zum drittenmal fuhr ich hin. Ich war eben vorher bei Dr. Forster zu Tisch und verließ, Gabriellis wegen, eine höchst angenehme Gesellschaft von Gelehrten, die fürwahr von Otaheite und Neu-Seeland sprachen, wie unser einer von Eimbeck. Ich mußte wieder abziehen: Dido wäre noch nicht wohl. Endlich acht Tage nachher, es war der 11te November dieses Jahres, schien die Sache Ernst zu werden. Signora hatte die Influenza verloren, und eine bis zur Raserei gestiegene Influenza Signora zu sehen hatte London befallen. Nun ging ich wieder zu Fuß, aber dafür auch zwei geschlagene Stunden vorher. Mein Geld wurde genommen, und ich lief die Treppe hinauf voll von Vergnügen Ihnen dereinst von Gabrielli schreiben zu können, die ich selbst noch nicht gesehen hatte. Als ich an die Tür der Galerie kam, für welches Glück man drittehalb Gulden bezahlt, sähe ich, bei dem Licht einer düstern Laterne, eine Dame stehen, die sich sorgfältig in die eine Ecke der Tür gepreßt hatte. Sie hatte sich fest in eine Saloppe gewickelt, die Kappe übergeschlagen, und hauchte tief in einen Federmuff, so daß ich von ihrem ganzen Gesicht nichts sehen konnte, als etwas von der Stirne und die Augen, allein das war auch für mich mehr als hinreichend, den Augenblick Mrs. Abington zu erkennen. Also Mrs. Abington und ich hatten unter 800 000 Seelen, die London enthält, wo nicht die größte Neugierde Signora Gabrielli zu sehen, doch gewiß unter allen, die größte Vorsicht gebraucht, sie für drittehalb Gulden zu befriedigen. Ich suchte so geschwind ich konnte mein bestes Englisch zusammen: Es würde vermutlich diesen Abend sehr voll werden, sagte ich: Das glaube sie auch, sagte sie, und weil in demselben Augenblick unsere Prophezeiung mit Macht anfing in Erfüllung zu gehen, und ich für ratsam hielt, mich in die andre Ecke der ziemlich breiten Tür zu stellen, um wenigstens, wenn die Schleuse geöffnet würde, bei der zu vermutenden Geschwindigkeit des einbrechenden Stroms den traurigen Schutz der Friktion zu genießen, so wurde unsere Unterredung, die, nicht wahr; so herrlich angefangen hatte, unterbrochen, und ich habe nie wieder die Ehre gehabt. Denn in der erschrecklichen Katarakte nach Eröffnung der Tür, wovon Mrs. Abington und ich die ersten Tropfen waren, verlor ich sie aus dem Gesicht. Als ich aber saß und mich erholt hatte, fand ich, daß zwischen ihr und mir nur zwei Personen, Mann und Frau vermutlich saßen, und ich unter fünfen nach dieser Seite der einzige war, der ein Opernbüchelchen hatte. Da nun Mrs. Abington doch immer gern wissen wollte, wann Gabrielli wieder erscheinen würde, so ging mein Buch bis an sie hin. Als daher Dido zum letztenmal abtrat, so erhielt ich, aus alter Bekanntschaft, an der Türe mein Buch mit einer Verbeugung wieder zurück, für die Lord.....der sie besser hätte deuten können als ich, den Wochengehalt vielleicht verdoppelt hätte. Was man nicht für Bekanntschaften macht, wenn man reist! Nun geschwind, Gabrielli. Der Vorhang fuhr unter einem Donner von zwanzig Pauken und Trompeten auf, der meinen Odem aufhielt, und Dido Gabrielli, in Gold und weißer Seide, flog vor einer silbernen karthaginesischen Garde unter dem Beifall Londons daher. Es ist keine Kleinigkeit, so was zu sehen und zu hören. Stellen Sie sich vor, unter den Karthaginensern, ganz hinten, entdeckte ich unsern alten sonderbaren George H** mit Uniform, Schärpe und Ringkragen der englischen Garde. Er hatte die Woche beim Opernhause diesen Abend und kannte Dido vermutlich. Er kauete diesesmal nicht an seinem Zopf, wie ehemals auf der Weender Straße, und nahm sich bei dieser Musik nicht übel aus. Allein dieser Auftritt war auch fast das beste, was ich diesen Abend hatte. Stellen Sie sich unter Gabrielli eine Frau vor, mit rundlichem Gesicht, viel eher klein als groß, und der bereits die Tag- und Nachtgleichen des Lebens aus den Augen sehen; die schlechterdings keine Aktion hat, und im Vertrauen auf ihre Stimme ihre Arien, ¾ des Gesichts gegen die Zuschauer gewandt, abgurgelt, oft bei schiefgedrehtem Hals, mit den Augen auf eine individuelle Loge gerichtet, so haben Sie sie ganz. Einige Arien, als unter andern – gleich im ersten Akt: Son Regina; e Sono amante E l'imperio io sola voglio, Del mio Soglio, e del mio cor. Darmi legge in van pretende Chi l'arbitrio a me contende Della gloria, e dell'amor. sang sie vortrefflich, allein mich dünkt, ich habe es in meinen Träumen besser gehört. Mit einem Wort, ich wollte, eine Viertelstunde in Drurylane, an einem schönen Abend, so wenig für diese Dido geben, als ein bequemes warmes Landhaus in Buckinghamshire, oder der Bergstraße, für ihr papiernes Karthago. Damit Sie aber doch diesem Urteil, das übrigens mit dem besten Teil von London einstimmt, nicht zu viel trauen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich nicht so ganz unparteiisch bin. In einem Kopf, an welchem ein solches Paar ungeübter, oder vielleicht unverwöhnter Ohren sitzt, wie der meinige, kann der feine Kitzel einer komplizierten Musik unmöglich die schmerzhaften Stiche auch nur lindern, die ihm die unüberschwenglichen Absurditäten der italienischen Oper alle Augenblicke geben muß. Statt des virgilischen Aeneas und des wackern Montezuma, der 200 schwangere Gemahlinnen auf einmal hatte, sehe ich hier einen gemästeten Hämling mit Waden bis an die Fersen, die Hand an ein schlappes Herz gelegt, hoch von Liebe trillern, daß sich die Steine erbarmen mögten. Ich kann und mag nicht mehr sagen. Sind Sie zufrieden damit? Doch ehe ich die Oper verlasse, muß ich Ihnen noch etwas von einem Mädchen sagen, das alle Aufmerksamkeit verdient, und auch vermutlich schon hat, einer Tänzerin, der kühnen Nebenbuhlerin unserer vergötterten Heinel, die ich in der Oper habe tanzen sehen. Bacelli eine junge (so schien sie mir wenigstens) aber große Meisterin im höhern Tanz, ein allerliebstes Geschöpf. Wenn Bacelli ein italienisches Ohr an Kuß erinnern könnte, so sollte ich denken, hätte sie sich Bacelli genannt, wie sich der maltesische Nachahmer der Nachtigall, Rossignol. Sie ist keins von den winddürren, mit Fleischfarbe überstrichenen Gerippen, deren Tanz im Mondschein bei gemeinem Anzüge einem Gespensterpickenick auf einem Kirchhof ähnlich sehen müßte. Sie ist eher stark als mager, und ihr Körper hat jene glückliche Länge, die bei aller Niedlichkeit sich im Notfall auch mit Majestät verträgt. Auch in ihren Sprüngen behält sie eine unbeschreibliche Grazie immer bei, und im mehr sanften Tanz weiß das Auge kaum, was es hauptsächlich fassen soll, die Arme, oder die Füße, oder irgend einen andern Zug des wallenden Umrisses. Was das für ein Vergnügen ist, zu sehen, wie auf das Signal einer bezaubernden Musik, sich das Gewühl figurierender Luftspringer wie eine See bricht, um diese junge Venus zu einem Solo hervorschweben zu lassen, wenn man das Solo nennen kann, wo tausend Herzen mithüpfen – – Nun, dem Himmel sei Dank, mit einem Vergnügen, wie Milton aus der Hölle, kehre ich nach Coventgarden und Drurylane zurück, und hole noch einiges nach. Sie verzeihen mir diese Sprünge, mein Freund, und ich wage sie desto getroster, als ich Ihnen unter meinen vielen Versprechungen, das weiß ich, sicherlich keine Ordnung in meinen Briefen versprochen habe. Den wegen seiner großen Verdienste, seines Prozesses, und seiner Physiognomie berühmten Macklin habe ich den Shylock in Shakespears Kaufmann von Venedig spielen sehen. Sie wissen, Macklin als Shylock klingt auf dem Zettel so schön wie Garrick als Hamlet. Es war gerade der Abend, an dem er zum erstenmal, nach geendigtem Prozeß, wieder erschien. Als er heraustrat, wurde er mit einem dreimaligen allgemeinen Klatschen, wovon jedes wohl eine Viertelminute dauerte, empfangen. Es ist nicht zu leugnen, diesen Juden zu sehen ist mehr als hinreichend, in dem gesetztesten Mann auf einmal alle Vorurteile der Kindheit gegen dieses Volk wieder aufzuwecken. Shylock ist keiner von den kleinlichen, beredten Betrügern, die über die Tugenden einer goldenen Uhrkette aus Tomback eine Stunde plaudern können; er ist langsam, in unergründlicher Schlauigkeit stille, und wo er das Gesetz für sich hat, bis zur Bosheit gerecht. Stellen Sie sich einen etwas starken Mann vor, mit einem gelben, rohen Gesicht, und einer Nase, die an keiner der 3 Dimensionen sonderliche Mangel leidet, einem langen Unterkinn und einem Mund, bei dessen Schlitzung der Natur das Messer ausgefahren zu sein schien, bis an die Ohren, auf einer Seite wenigstens, wie mich dünkte. Sein Kleid ist schwarz und lang, seine Beinkleider ebenfalls lang und weit, und sein Hut dreikantig und rot, nach Art der italienischen Juden vermutlich. Die ersten Worte, die er sagt, wenn er auftritt, sind langsam und bedeutend! Three thousand Ducats. Das doppelte th und das zweimalige s, zumal das letzte nach dem t, das Macklin so leckerhaft lispelt, als schmeckte er die Dukaten, und alles, was man dafür kaufen kann, auf einmal, geben dem Mann, gleich beim Eintritt, einen Kredit, der nicht mehr zu verderben ist. Drei solcher Worte so, und an der Stelle gesprochen, zeichnen einen ganzen Charakter. In der Szene, wo er seine Tochter zum erstenmal vermißt, erscheint er ohne Hut, mit aufgesträubtem Haar, wovon einiges fingerlang vom Wirbel senkrecht in die Höhe steht, bei dieser Miene wie von einem Galgenlüftgen gehoben. Die beiden Hände sind geballt, und seine Bewegungen kurz und konvulsivisch. Einen sonst ruhigen, entschlossenen Betrüger in solchen Bewegungen zu sehn, ist fürchterlich. Hinter drein wurde ein Nachspiel Love a la mode aufgeführt, wovon Macklin der Verfasser ist, und worin er selbst die Rolle des Sir Harry Mac Sarcasm unnachahmlich spielt, und fast (vermutlich als Autor) nicht vom Theater wegkömmt. Es ist sehr unterhaltend und strotzt von Witz. Ich habe denselben Schauspieler auch als Macbeth gesehen, in derselben Rolle, die ihn ehemals den Aufruhr verursachte, der die Ursache des Prozesses war. Ich kann nicht sagen, daß er mir hier sehr gefallen hat, ob er gleich mit großem Verstand spielte, allein der Mann hat nicht allein die Jahre, sondern auch die Steifigkeit des Alters. Es tut mir immer weh, wenn ich einen alten Schauspieler auf dem Theater niederstürzen sehe, weil ich weiß, es muß ihm auch weh tun. Ich glaube, (ich fürchte, sollte ich jetzt sagen) ich werde Ihnen noch einmal schreiben. Mein Reisegefährte hat sich in den drei Tagen verschlimmert. Leben Sie wohl. London den 2 Dezember 1775. G.C.L. An den Herausgeber des Museums [Von ein paar alten deutschen Dramen] Man hat Ihrem Journal bald nach seiner Entstehung einmal vorgeworfen, es enthalte nicht Deutsches genug, und Sie haben diesem Vorwurf, dünkt mich, bisher mehr Gehör gegeben, als er verdiente, da, wo ich nicht irre, die ganze Rechtmäßigkeit desselben bloß auf die unbeträchtlichste Hälfte des Titels gegründet worden war, welcher doch schon hinlänglich dadurch Genüge geschieht, daß das Werk von Deutschen geschrieben, deutsch, und in Leipzig herausgegeben wird. Indessen, so gering auch der Tadel immer war, so kann ich nicht leugnen, er ging mir ins Gewissen, denn ich hatte ihn der Schrift zum Teil mit zuziehen helfen. Für dieses Vergehen zu büßen, nahm ich mir auch wirklich gleich damals vor; allein es mit aller der frommen Pünktlichkeit und unter der beruhigenden Ähnlichkeit von Umständen, bei Vergehen und Buße, die, wie Sie wissen, dem Büßenden über alles ist, zu tun, dazu fand ich erst ganz vor kurzem die Gelegenheit, als ich ein altes Tagebuch von mir durchblätterte. Nachstehendes ist nämlich nicht allein deutsch, und bloß für Deutsche, sondern, (und das ist eigentlich was ich wollte) ich hatte mit Theaternachrichten gesündigt, und sehen Sie, es sind Theaternachrichten, womit ich büße. Bei meinem Aufenthalt in Osnabrück hatte ich Gelegenheit, die Werke des nicht genug bekannten Rudolph von Bellinkhaus In den Betrachtungen über die neuesten histor. Schriften T. 3. S. 113. wird er, vermutlich durch einen Druckfehler, Bellinkham genannt. etwas näher kennen zu lernen. Sie wissen, daß dieser sonderbare Mann, der das Talent Verse ohne Poesie zu machen, in einem höhern Grad besessen, als irgend ein neuerer Lieblingsdichter unserer Jugend, mit seinen Reimen Himmel und Erde, Astronomie und Geographie, Theologie und Historie – so weit sie sich in Reime fassen lassen, mit nicht geringem Glück gefaßt, und sich dadurch den Namen des Osnabrückischen Hans Sachs erworben hat. Von seinem Leben gibt das 11te Stück der Osnabrückischen Unterhaltungen, eine Monatschrift, die nur ein Jahr (1770) gedauret hat, eine kurze Nachricht. Er stammte aus einem alten, angesehenen adlichen Geschlechte im Tecklenburgischen her. Über dieses alte adliche Geschlecht besitze ich zwei Werkchen, ein lateinisches und ein deutsches, beide in Versen. Das erste ist überschrieben: Epitaphia Virorum Generis splendore, virtute, eruditione, usw. clarissimorum, nobilissimorum; stemmatis Bellinckhusiorum. Osnab. 1619. Das zweite: Ein Kurz Geschlecht Register, deß Alt Adelichen Stammes der von Bellinkhausen und folgends die Bellinkhäuser so von diesem adlichen Geschlecht ihren Ursprung und Nahmen haben in deutsche Rythmos dem Geschlecht zu Ehren geschrieben durch Theodorum von Bellinghausen, Montanum. (Hier folgen einige Verse) Osnabrück 1618. Der Verfasser des erstern hat sich nicht genannt. Aus diesem Büchelchen ersieht man, daß diese Familie, so wie meist alle Familien, viele brave Leute hervorgebracht; einige sind bei Belagerungen erschossen worden, andere sind auf der See umgekommen, andere haben sich anders gezeigt, und ihr Leben beim Trunk geendigt etc. Einer gewissen Gertrud von Bellinkhaus ging es äußerst übel; ein Unglück traf sie über das andere, die der Genealog alle erzählt und um den Leser aufzurichten, wohlmeinend schließt: Weil gott die seinen nicht verläßt, Starb sie hernach bald an der Pest. Gerhard von Bellinkhaus Student, Wilhelmi Sohn, sein Fundament Zu Gesecken im Stift Colin gesezt, Da er sich mit den Büchern ergötzt. Erstlich zu Hervord hat studirt Darnach andre Schulen visitirt Ward auch ein kleines verrückt der Sinn Darnach der Tod nahm ihn auch hin.Merkwürdig ist, daß man in dem ganzen Lauf des Bellinkhausischen Blutes durch drei Jahrhunderte den warmen Dichtertropfen spüren kann, der aber zweimal die unrechte Stelle getroffen, und hohen Originalgeist bewürkt hat: und Catharina von Bellinkhaus: War zweimal in der Stadt Ostend Darin sie endlich nahm ihr Endt Dann Sie ward ihrer Sinn verrückt, Ging in die See \– Allein das Schicksal, das der Familie einen Dichter zugedacht hatte, fing bald an, dieselbe zweckmäßig zu degradieren, so daß nach langer Abnahme ihres Glanzes, erst ein Schuster und dann, unmittelbar auf den Schuster, der Dichter in linea recta wirklich eintrat. Der Schuster war Johann von Bellinkhaus und dessen Sohn Rudolph der Dichter, von dem ich hier rede. Neben seinem Umgang mit den Musen her, versah er auch noch den Botendienst bei den Eilfen Ämtern in Osnabrück, wo er 1645 im 78ten Jahre seines Alters gestorben ist. Seine Schriften sind sehr zahlreich, die Monatschrift nennt ihrer zwanzig. Eigentlich nur 19, denn die 20te ist die oben in der Note erwähnte Sammlung von Epitaphiis, die wohl nicht von ihm sein kann. Ich besitze aber allein zehne, die nicht in dem Verzeichnisse stehen, und darunter nur eine Komödie, deren dieser tätige Mann wenigstens 37 geschrieben hat. Ich sage wenigstens, denn eine von denen, die Sie bald etwas näher kennen lernen sollen, ist die 37te. Von diesen Lustspielen sind mir überhaupt nur zwei bekannt geworden, die eben angeführte, die ich einmal in Osnabrück gelesen habe, und dann noch eine, die ich selbst besitze. Sie übertreffen an unterhaltendem Scherz und an Lehre die meisten unserer neuern Dramen und Fragmente von Dramen, und von der Seite des mit Recht so sehr beliebten Sonderbaren, vielleicht alle. Sie sind dabei ursprünglich deutsch, haben ihre Schönheiten weder Rom, noch Griechenland, noch England zu danken, sind, so zu reden, mitten unter Eichen entstanden, und zeigen mehr als alles, was ich gelesen habe, was in diesem Fach Genie ohne Umgang mit der Welt und ohne Kultur bloß durch Drang allein vermag. Ich gebe Ihnen hier Titel und Plan von beiden, größtenteils in der guten Absicht, zu verhindern, daß nicht irgend einer unsrer Söhne der Kraft einmal darüber gerät, Prachtphrases und Flicksentenzen hineinschiebt, und für eigne Arbeit ans Hamburgische Institut schickt. Ich mache mit derjenigen, die ich vor mir habe, bei weitem der schlechtesten von beiden, den Anfang. Sie heißt: » Stratagema Diabolicum , eine Kurze aus der Maßenschöne Comödia genommen ex vitis patrum , wie der Satan auf eine Zeit in die Welt gekommen sich zu verheyrathen an die Menschen Kinder, auf daß er Saamen von seinem Geschlecht erhalten möchte. Den Bösen zur Warnung und Abschreckung von Sünden, den frommen zur Erinnerung im Guten bestendig zu bleiben vorgeschrieben. Erstlich new an Tag gegeben und in deutschen Rithmos gebracht durch Rud. Bellinckhusium Osnabrugensem . Gedrukt zu Erffurd durch Joh. Beck« (ohne Jahrzahl). Nach dem Prologus, tritt ein Argumentator auf, der den Inhalt des Stücks erzählt, und am Ende wird ein Epilogus gehalten. Die spielenden Personen sind: Sathan, Mundus, Mors, Feccatum, Tartarus, Ebrietas, Arrogantia, Avaritia, Homicida, Falsitas, Invidia, Hypocrisis, Scortatio. Der Plan ist ungefähr der: Junker Satan (so heißt er im Stück) der Neigung zu heiraten verspürt, hält die Welt nach ihrem damaligen verderbten Zustand für den besten Ort, eine Braut aufzusuchen, und macht sich auf die Reise. Die erste Szene, in welcher er seine Absicht eröffnet, ist überschrieben: Sathan allein auf dem Plaz . In diesem Selbstgespräch unterhält er sich nicht allein mit sich selbst, sondern auch von sich selbst. Mein Name Sathan ist genant, Ein Strick habe ich in meiner Hand. Eine seltsame Art auf die Freierei zu gehen, allein es ist auch der Strick nicht, den Sie meinen, nichts von Zeckels Knieriemen, sondern entweder eine Schlinge, oder das Ende des Seils, womit das Netz zugezogen wird, das er über die Welt gestellt hat. So wird der Gedanke groß. In der zweiten Szene begegnet ihm die Welt, die (etwas kühn aber nett) durch das ganze Stück spielende Person und Schauplatz zugleich ist, und dann, wie beim Milton, die Sünde und der Tod. Nur Schade, daß der gute Mann in dieser wahrhaften Szene des Genies, Welt, Teufel, Tod und Sünde so ehrlich wegsprechen läßt, als stammten sie sämtlich aus dem Tecklenburgischen her, und gehörten sämtlich zu der Familie derer von Bellinkhaus. Hier rät die Sünde dem Teufel, die Trunkenheit, Fräulein Ebrietas, (Ebriettchen hätte zärtlicher geklungen) zu heiraten und macht eine Beschreibung von ihr, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. Sie ist stolz, gar frech von Gemüth, Und gleich als eine Rose blüht, Köstlich an Gestalt ist sie geziert, Nach der Unzucht steht ihr Begierd, Ist abgereicht auf Üppigkeit, Mord, Heucheley, Geiz, Haß und Neidt In der Hand tregt sie ein groses Licht Und hat ein rechtes Pfeifer Gesicht. In der ersten Szene des zweiten Akts erscheint die Trunkenheit selbst, allein grade als wenn das Stück erst diese Messe geschrieben wäre, sie spricht eben so nüchtern, wie der Tod, und hierin unterscheidet sich Bellinkhaus hauptsächlich von Shakespear, wie mich dünkt, der uns vermutlich Bierkrüge und Bagnios und Bedlam oben drein in dieser Szene gegeben haben würde. Am Ende der folgenden sagt Satan von ihr: Stets betracht ich ihr schön Figur, Sie ist lieblich von Angesicht, Das Beyschlafen ist bereits verricht. und dieses muß auch sein, denn ehe die nächste Szene und zwar desselben Akts vorüber ist, hat sie schon, ohne daß der Satan etwas Arges daraus hätte, sieben Kinder, und davon bekommt sie sechs auf dem Theater. Ist das nicht herrlich? Fürwahr so modern, so drangmäßig kühn und kraftvoll, daß man anfangs kaum weiß, was man zuerst bewundern soll, die Fruchtbarkeit der Ebrietas, oder des Bellinkhausischen Genies. Hier ist doch, wie ich sehe, fast mehr als Bierkrug, Bagnio und Bedlam. Die sieben Kinder sind lauter Mädchen, denen die Mutter, so wie eins ankommt, gleich den Namen auf der Stelle gibt. Sie können sie oben in der Liste der spielenden Personen von inclus. der Arrogantia an bis ans Ende finden. In der zweiten Szene des dritten Akts äußert der Tartarus mitten auf dem Platz seine Freude, sowohl über Hochzeit, als Niederkunft, in einem recht fürchterlich prächtigen Monolog, wie Sie aus folgenden Zeilen schon sehen können. Gar schrecklich ists, wer mich ansieht Noch grewlicher, wer mein Stimm anhört, Viel heßlicher, wer in mich fährt In mir ist nicht zu finden Grund, Ich rauch, brenn, dampf zu aller Stundt. Ich kann mir vorstellen, daß diese Szene ihre Wirkung tun muß, wenn sie von einem tüchtigen Kerl, der seine Lippen zu wursten weiß, aufrecht guten Resonanzdielen gestampft, gebrüllt, und geschleudert wird, nicht zu gedenken, was sich hiebei noch von Kolophonium und Hexenmehl erwarten läßt. In der dritten Szene des dritten Akts, welche die letzte des Stücks ist, erscheinen Vater und Mutter mit ihren bereits mannbaren Töchtern, die aber alle stumm Unser beyden Kinder werden groß Sie müssen ausgesteuret seyn. sagt der Satan. Wenn es jezt nach den Willen mein Geschehen möcht, so laß ichs zu. antwortet Ebrietas. Darauf erzählt Satan ihre Bestimmung und diese Rede ist nicht übel und oft verwegen genug für einen damaligen Boten bei den Eilfen Ämtern zu Osnabrück. Ich setze sie Ihnen ganz her: Arrogantia, die erste Tochter mein, Soll an den Adel verheyrath sein, Dann ich erkenne ihrer Art, Sie ist voll Stolzheit und Hoffart. Avaritia, mein Tochter schon, Die trägt für andern eine Kron, Will ich auch geben zur Ausbeut Bestatten sie an die Kaufleut; Falsitas, mein Töchterlein zart, Die mich genugsam hat erklärt, Verheyrath ich in den Wehstand An die, so wohnen auf dem Land. Invidia mein Töchterlein, Die soll auch wohl verheyrath sein An die Handwerks Personen viel, Das meld ich euch in dieser Still; Homicida mein Tochter fein, Ob sie gleich ist schon jung und klein Befrey ich an die Uebelthätr Mörder, Schelmen, Dieb und Verräthr. Hypocrisis, mein Kind in Unehrn, Bestatt ich an die feinen Herrn, Die sitzen im Geistlichen Stand, So Pfaffen und Münch sind genannt; Scortatio muß sein daheim, Dann sie sind mir all angenehm Insonderheit Scortatio Macht mein Herz lustig und froh etc. So etwas zu sagen war allemal verwegen, allein wenn man es recht bedenkt, so war auch Bellinkhaus der eigentliche Mann dazu; weder der Adel noch die Handwerksleute noch die Geistlichkeit konnten ihm sonderlich viel tun. Denn er war selbst vom Adel, hat selbst anfangs Schuh geflickt, und selbst Gebetbücher und geistliche Gesänge geschrieben. In der Tat befinden sich unter diesen zuweilen Stellen, die sehr schön sind, hauptsächlich fällt mir jetzt eine in die Hand, die ich Ihnen hier in der Note gebe, um sie von der schlechten Gesellschaft oben zu entfernen. Hüt dich, o Mensch, für Sünd und Schand, Wann Gott straft, schwer ist seine Hand, Dann seine Gnad und Gütigkeit Verkehrt sich in Gerechtigkeit. und gleichwohl ist dieses Lied überschrieben: Venus du und dein Kind christlich verändert. Von dem Fall Adams und Eva. Wie viel aber auch von solchen Zeilen Herrn B. zugehören mag, kann ich nicht beurteilen. Weiter ist nichts mehr drin. Nun komme ich auf seine 37ste Komödie, worin dieser Mann ein unerschöpflich Feld eröffnet. Der Titel ist: Donatus eine liebliche, lustige und außermaßen schöne Comödie von dem methodo welchen der weltberühmte sinnreiche, hochgelahrte und wohlverdiente Herr Donatus in seinem Kinderbüchlein sehr Kunstreich observiert und gehalten. Dem günstigen Leser zu sonderlichem Wohlgefallen Lehr und kurzweil halber geschrieben, und nun erstlich new nach dieser Form an Tag gebracht und in Druck verfertigt durch Rudolphum Bellinkhusium Osnabrugensem. Richt nicht Leser unerwogen So bleibst du selbst unbetrogen Aus dem ich hat's nicht gemeint, Der Narren Neidt und Vorwitz scheint. Anno DonatVs VVar gahr groß geacht DruMb daß er dieß BuCh hat gemacht.                 37te Comedia R.B. anno 1615. In diesem Stück hat Bellinkhaus, außer dem Vergnügen und der Besserung des Herzens seiner Leser, dem Hauptzweck aller Schauspiele, auch noch sein besonders Augenmerk auf ihr Latein gerichtet. Alles atmet Liebe und Syntax. Die spielenden Personen sind die fünf Paradigmata der Deklinationen, Musa, Magister und Scamnum, Felix sacerdos, Fructus und Species. Der Plan des Ganzen ist äußerst einfach. Donatus hält seinen Kindern einen Magister, dieser verliebt sich sterblich in dessen Köchin Musa. Dieses schlaue Paar treibt den Handel ganz lange heimlich, bis es endlich in unvorsichtiger Sicherheit einen falschen Teufel, namens Scamnum, zu seinem Vertrauten macht, und sich sogar bei einem kleinen Vorfall einmal Handreichung von ihm tun läßt. Scamnum geht hin und verrät dem Donat den Umgang des Magisters mit der Musa, und alles, was er gesehn und gehört hat. Donat, als ein ehrlicher Mann, zumal da sich bereits die Früchte der Liebe fructus species stark zu zeigen anfangen, tut das Beste, was er tun konnte, läßt einen Sacerdos kommen, und den Magister mit der Muse kopulieren. Kann etwas einfacher sein! Der Priester spricht: Felix sit fructus zugleich, Das wird vermehren das Himmelreich. Zur Hochzeit werden, unter andern guten Freunden, eingeladen der Nominativus, Genitivus, Dativus etc. dieser letztere Gedanke gefällt dem Dichter so sehr (und wem sollte er nicht gefallen!) daß er, aus Furcht, es möchte ihn doch jemand übersehen, ausdrücklich darauf verweiset; der Vorredner sagt sehr nachdrücklich und schön: Die Zall der sex casus nominum Das seynd, merkts die Verwandten frumb. Nun, mein Freund, was denken Sie von diesen deutschen Originalen? Ich will Ihnen kurz sagen, was ich davon denke. Das Bellinkhausische Drama ist, dünkt mich, gerade das, was unsern Tagen sowohl als dem Genie unsers jungen Anflugs vorzüglich angemessen wäre. Wir sehen hier eine Philantropia, die eine Melpomene umarmt, und ein dramatisches Feld, in dem man, ohne sich sonderlich um den Menschen zu bekümmern, demselben unendlich nützlich werden kann. Der Mensch, wie mancher längst bemerkt haben muß, fängt bereits in diesem späten Alter der Welt an, dem Dichter über den Kopf zu wachsen, und sein Zeug so subtil zu spinnen, daß die alten Phrases gar nicht mehr passen. Wir sind jetzt die simpeln Bratenwender gar nicht mehr, die wir ehmals in Rom und Athen waren. Jeder Küchenjunge ist eine Repetieruhr. Dort konnte man das Quicquid agunt homines auf jeder Landstraße sehen, das man jetzt kaum mehr nach einem jährigen Zutritt ins Haus findet. Natürlich zu schreiben ist die größte Kunst unserer Zeit, und der höchste Flug des Menschen von 1779 wäre eine Fertigkeit in diesem Dinge zu schreiben, wie Anno Eins. Ich dächte also wir Heßens laufen, und wählten uns ein anderes Feld, in welchem die ersten Würfe gewiß die natürlichsten sein müssen, eben deswegen, weil sie die ersten sind. Bellinkhaus hat die Deklinationen auf das Theater gebracht, das ist, grade den armseligsten Teil der ganzen Grammatik. Wie wäre es, wenn sich unsere Zeiten an die vier Konjugationen machten? Stellen Sie sich vor, wie neu! Wer ein Überflüssiges tun will, kanns doch auch hier noch tun. Denn, lieber Himmel, läuft denn nicht alles unser Tun und Lassen auf Konjugationen und amare, docere, legere und audire hinaus, scribere und recensere etwa ausgenommen, die doch auch wieder nach jenen gehn? Weiter; ich für meine Person kann mir nichts Ehrwürdigeres und zugleich Prächtigeres denken, als einen tüchtigen Imperativus, wenn er gut vorgestellt würde, z. E. von Herrn W....m im Haag, ich meine den linken Arm in die Seite gestemmt, und mit der rechten Hand, bei hohem Ellenbogen auf das Herz gelegt, zur Pracht und zum Ohrfeigenausteilen; oder auch, wenn er die Krone auf dem Haupt, unter einer beständigen Systole und Diastole der Nasenflügel mit einem goldnen Szepter unter die Trabanten hineinprügelte, daß die Stücken wegflögen. Bedenken Sie nun ferner die hermaphroditischen Deponentia, was für Stoff zu den trefflichsten Verwickelungen bei Lustspielen mit und ohne, ich meine mit und ohne Heiraten; die 43 Präpositionen mit ihren Regierungsformen, und endlich gar die Interjektionen! Was könnte sich herrlicher ausnehmen, als ein Chor von ihnen, zumal wenn sie von schönen Mädchen in lichten weißen Gewändern mit zerstreuten Haaren, gerungenen Armen, bei dem bezaubernden Schimmer in Tränen schwimmender Augen vorgestellt würden! Doch dieser Wink wird genug sein. – Denn im Ernst, mein Freund, ich denke der unschuldige Leser fängt bereits an mit an der Buße Anteil zu nehmen, die ich mir allein auferlegt hatte. G.C.L. Vorschlag zu einem Orbis pictus für deutsche dramatische Schriftsteller, Romanen-Dichter und Schauspieler Nebst einigen Beiträgen dazu, von G.C.L. Ich glaube gleich beim Eingang zu diesem Aufsatz ohne weiteren Beweis annehmen zu dürfen, daß die Seichtigkeit der Schauspiel- sowohl als Romanen-Dichter unter uns, zu einer Größe gediehen ist, bei der sie sich mit dem Kredit, den sie findet, nur bei einem Publikum erhalten kann, das sich jetzt über gewisse Prachtphrases, Mode-Bilder und Mode-Empfindungen verglichen, und dahin vereint zu haben scheint, den Wert oder Unwert einer Schrift bloß nach dem Grade der Näherung an jenes Konventions-System zu bestimmen. Die Gabe das Kapital von Bemerkungen über den Menschen zu vergrößern und eigne Empfindungen mit dem verständlichsten individualisierenden Ausdruck zu Buch zu bringen und dadurch auch noch Männer zu unterhalten, die jenes System nicht kennen, und mehr als transzendente Setzer-Künste von einem Schriftsteller verlangen, scheint von Tag zu Tag mehr zu erlöschen. Und was Wunder? die hellsten Köpfe unserer Nation, Leute von Welt und Erfahrung lesen nun, nachdem sie sich so viel hundertmal betrogen gefunden haben, die neuen Produkte dieser Art gar nicht mehr, und die Beurteilung, Anpreisung und Vergötterung derselben ist größtenteils in den Händen von Ex-Primanern, die jenen Werken ihre erste Form sowohl als nachherige Ausbildung zu danken haben, und von Leuten, die die Welt so wenig kennen, als die Welt sie. Das Makulatur von heute rühmt das Makulatur von gestern, und Pfefferdutten-Kredit gründet sich auf Pfefferdutten-Lob. Steht irgend einmal ein Kenner in einem Journal oder einer Zeitung, die in höheren Wissenschaften Kredit hat, auf, und redet die Wahrheit, so nennt es die Menge in stolzer Bequemlichkeit, Intrigue der Stechbahne oder gelehrte Pedanterei oder altkluge laudes temporis acti. Vox populi heißt auch hier vox Dei und Buchhändler-Absatz der Maßstab für innern Wert. Es hat sich nämlich in unsere Schauspiele sowohl als Romane und Gedichte (ich rede hier von der bei weitem größeren Anzahl) eine gewisse Gradus ad Parnassum-Methode eingeschlichen, eine schlaue den Ohren der Zeit angepaßte Logodädalie und Versetzungs-Kunst des tausendmal Gesagten, die die Lesegesellschaften in Erstaunen setzen, aber jeden wahrhaften Kenner des Menschen mit unbeschreiblichem Unwillen erfüllen. Hierzu trägt wohl freilich die Leichtigkeit, womit wir im 20ten Jahr schon so vielerlei Kenntnisse sammeln können, nicht wenig bei. Durch die Gewohnheit immer süße Lehre leicht zu empfangen, erschlappt bei den meisten das Talent selbst zu suchen. Sie sehen daher in allen Dingen gemeiniglich nur, was sie schon wissen. Empfehlung vertritt die Stelle von eigner Prüfung, Nachschlagen von Nachdenken und Ansehen die von Würdigkeit. Unglückseliger Weise sind die Werke, worin der moralische Mensch, oder nur gewisse Seiten desselben gut entwickelt liegen, so äußerst selten, und weil auch bei den wenigen noch scharfe Beobachtung seiner selbst und Zusammenhaltung mit sich selbst nötig ist, und die Stelle der Zeichnungen vertreten muß, so werden sie so äußerst selten gelesen und verstanden, daß ihr Einfluß auf unsere jungen schönen Geister nur sehr gering ist. Man schreibt daher leichter Romane aus Romanen, Schauspiele aus Schauspielen und Gedichte aus Gedichten, ohne im Stand zu sein oder auch nur den Willen zu haben, die Zeichnung endlich einmal wieder mit der Natur zusammen zu halten. Törigt affektierte Sonderbarkeit in dieser Methode wird das Kriterium von Originalität, und das sicherste Zeichen, daß man einen Kopf habe, dieses, wenn man sich des Tags ein paarmal daraufstellt. Wenn dieses auch eine Sternische Kunst wäre, so ist wohl so viel gewiß es ist keine der schwersten. Mit etwas Witz, biegsamen Fibern und einem durch ein wenig Beifall gestärkten Vorsatz sonderbar zu scheinen, läßt sich eine Menge närrisches Zeug in der Welt anfangen, wenn man schwach genug ist es zu wollen, unbekannt genug mit wahrem Ruhm es schön zu finden, und mäßig genug es auszuführen. Was kann endlich daraus werden? Nichts anders, als man malt den Menschen nicht mehr, wie er ist, sondern setzt statt seiner ein verabredetes Zeichen, das mit dem Original oft kaum so viel Ähnlichkeit hat, als manches heraldische mit dem seinigen. Solche Schriften lassen sich freilich lesen, ja ich will nicht leugnen, daß ein schlauer Kopf sogar eine gewisse Art von Kunst darin anbringen könne, die einem andern Kopf von ähnlicher Schlauigkeit Vergnügen machen und daher eines gewissen Grades von Vollkommenheit fähig sein kann. Aber das Ganze bleibt doch allemal eine erbärmliche Plackerei, die weder dem Mann von Geschäften noch dem Ausländer gefallen kann, wie die Proben, die man mit einigen unserer berüchtigtsten hat machen wollen, sattsam gelehrt haben. Mancher der wohl fühlt wo ihn der Kothurn und Soccus drückt, wirft sich, wie man zu sagen pflegt, daher in das Fach der weinerlichen Liebe, wo sowohl ihm als dem Leser, jedem nach seiner Art, das quod natura omnia animalia docuit zu statten kommt, jenem das Schreiben so wie diesem die Selbstvergleichung erleichtert, und beiden ihren Mangel an Einsicht nicht fühlen läßt. Ein jeder, wenn er über das 16. Jahr weg ist, hat schon seine Beobachtungen hierzu gemacht, und findet sich und seine Schöne im Schauspiel und Roman, so wie der Verliebte jedes Mädchen auf ein paar hundert Schritte für die seinige hält. Was er noch nicht gefunden hat, das lernt er finden, und was er noch nicht ist, das wird er. Wo ein Volk einmal aus Mangel an Geschmack und an Kenntnis des Menschen von andern Seiten, so weichlich geworden ist, daß es nur allein für Werke dieser Klasse Gefühl hat, und nur Schriftsteller die die Heimlichkeiten ihrer Jugend unter dem Kredit des reifem Alters auf diese Art ausplaudern, für Seher zu halten anfängt, da geht es Fall auf Fall. Denn wohin kann ein solcher Trieb nicht führen, wenn ihm, wie bei uns, jeder Bube der seinen Siegwart halten kann, unter dem Kredit des sichern Zeichens eines auserwählten Gefühls und der bereits geschehenen Einweihung in die innersten Mysterien der Natur nachhängen zu müssen glaubt. Daher entstehen die häufigen Vermählungen von warmen Herzen mit leeren Köpfen, und durch jede wird entweder ein sogenannter liebenswürdiger Schriftsteller, oder ein sogenannter menschenfreundlicher, liebevoller Leser. Denn unter allen Verbindungen von Mängeln und Vollkommenheiten der menschlichen Seele ist, wenn mich meine Beobachtung nicht ganz trügt, grade die eben genannte diejenige, bei der man mit der größten Leichtigkeit schreibt, und mit der größten Toleranz liest. Der Beifall eines entnervenden Buchs kann daher leicht epidemisch werden, der von einem in die Seele redenden, stärkenden ist allezeit gering. Ein alter Weiser Arkesilas der Akademiker. hat schon gesagt aus jedem Mann läßt sich ein Kastrat machen, aber aus keinem Kastraten ein Mann. Aber das ist bei weitem noch nicht alles. Man liest nicht allein Bücher mit Vergnügen, die von Kenntnis leeren Köpfen herrühren, sondern man rühmt sogar an ihnen den Mangel an reellen Kenntnissen, oder doch an Büchern. Das ist alles mögliche. Ich weiß hierauf nichts zu erwidern, als daß eben dieser Mangel Ursache ist, warum die wenigsten von Leuten gelesen werden, und werden können, die etwas mehr sind als Faulenzer wie sie, Unwissende wie sie, und Kraft-Barden wie sie. Sie selbst fühlen dieses für ihre Personen, aber für ihre Werke wollen sie es nicht fühlen. Sie vermeiden den Umgang von durchschauenden Köpfen aus Furcht entdeckt zu werden, die durchschauenden Köpfe entdecken das alles in ihren Werken, und weil diese mit Büchern keine Komplimente machen, so vermeiden sie sie – in der Stille. Ich bin daher überzeugt, die Kredit-Skale unsrer schönen Schriftsteller würde größtenteils umgekehrt werden, wenn die Männer anfangen wollten zu reden, die immer aus Bedachtsamkeit schweigen, und hingegen die jungen warmen Herzen schweigen wollten, die jetzt aus Unverstand sprechen. Ist es nicht eine seltsame Verblendung in diesen Geschöpfen, daß sie auf ihr eigenes unreifes Gefühl hin, ihre Helden der Zeit und der Ewigkeit empfehlen zu können glauben, sie, die nicht im Stande sind einen vernünftigen Mann eine Viertelstunde zu unterhalten? Indessen alles hängt doch bei ihnen zusammen. Sie schimpfen auf Voltairen, Popen und Wielanden, sogar gegen Milton habe ich einige murmeln hören. Mein Gott! Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buch? Daß doch diesen würdigen jungen Männern, die einmal für allemal einsehen müßten, daß wenig dazu gehört klüger zu sein als sie, nicht ein einziges Mal einfällt, daß, um einzusehen wie leer ihre Götzen sind, man vielleicht bloß klüger sein dürfe als sie! Milton war einer der gelehrtesten und tätigsten Männer seiner Zeit. Aus seinem verlornen Paradies hätte Newton Ideen schöpfen können, wenn er sie nicht gar daraus geschöpft hat. Selbst die Leber-Reime eines solchen Mannes müssen dem Ausländer und dem Manne von Geschäften gefallen. Was aus einem solchen Kopf kommt, darf sich auch nicht schämen zu einem ähnlichen Kopf hinzugehen. Sein Werk gleicht den Werken der Natur. Dort hängt der silberne Mond am blauen Firmament, dem entzückten Säugling auf den Armen seiner Wärterin, darnach zu greifen, dem einsamen Wanderer zu leuchten und Eulern und Mayern seine Bahn zu bestimmen. Beattie zitiert den Milton so wie er die Natur zitiert, und glaubt mit der Natur zusammen zu treffen, wenn er mit ihm zusammentrifft, alles dieses ist dem Schüler noch verborgen, der sein Auge an dessen Bildern weidet, oder der mit Entzücken die unerreichbare Harmonie seiner Verse hört. Man vergleiche nun die Werke seiner meisten Nachahmer mit ihm. Der Säugling greift darnach, der Wandrer tappt dabei und Euler und Mayer lassen sie liegen. Es ist da keine Beschäftigung für sie. Manche Dichter unter uns werden daher nur von gewissen Dichtern gelesen. Daß man so schreiben könne, daß jeder etwas in einem Werk findet vom Schüler bis zum Philosophen und dem Weltmanne hinauf, darf ich wohl nicht erweisen, die Natur macht alle ihre Werke so, allein der Mann der das tun will muß kein einseitiger Tropf sein. Er muß reich genug sein an Bemerkungen, eine hinzuwerfen auch wo er nicht gewiß ist ob sie gleich gefunden werden wird, und Goldstücke hinzugeben mit einer Miene, aus der sich gar nichts auf den Gehalt schließen läßt: und nicht wie unsere Prächtigen, rote Heller mit einer Majestät zurück schmeißen, daß, wer bloß die Miene sieht denken sollte es wären Goldstücke. Unserer kritischen Jugend sind dieses noch Geheimnisse. Vorpredigen hilft hier schlechterdings nichts. Es kommt nicht auf den Beweis von ein paar Sätzen an; die warme Jugend muß vernünftiger werden. Ich sehe daher mit Vergnügen jetzt einen Geschmack an vernünftiger Naturgeschichte, die mehr als Namen-Register, und an Physik, die mehr als Taschenspielerkunst ist, aufleben und mit ihm Beobachtungsgeist und Aufmerksamkeit auf sich selbst und die Natur. Nehmen diese mehr überhand, so mögten die Dichter-Stände im Tempel des deutschen Ruhms ziemlich leer werden, und mancher, der jetzt die Ewigkeit in stolzer Ruhe abwartet, sich genötigt sehen wieder vor die Türe zu tretten. Allein was wäre dann mit den jungen Posaunern und Speichelleckern anzufangen, die ihre Helden so schändlich getäuscht haben. O die läßt man unter ihrem eignen wertesten Namen stehen. Sich in einen Ochsen verwandeln ist noch kein Selbstmord, obgleich nicht geleugnet werden kann, daß es schon ziemlich viel ist. Allein bis die Zeit kommt, da die Jugend selbst in die Werkstätten gehen kann, so sehe ich nicht ein wie man ihnen leichter nützliche Begriffe beibringen könne, als durch den Weg eines Orbis pictus . Nämlich durch ein Buch, worin man ihnen allerlei Bemerkungen über den Menschen vorsagte und vorzeichnete, wodurch sie, wenn sie doch ohne die Werkstätten besucht zu haben fortschreiben wollen, (und dieses unterlassen sie sicherlich nicht) in den Stand gesetzt werden, alles mehr zu individualisieren, und auch in einer einfältigen Geschichte doch wenigstens die Illusion so weit zu treiben, als unter diesen Umständen möglich ist. Ein anderer Vorteil eines solchen Buchs wäre dieser, der junge Schriftsteller (ich rede jetzt bloß von dramatischen und Roman-Dichtern) würde desto mehr aufmerksam auf sich und andere gemacht, je minder gemeinplatzartig die Bemerkungen an sich wären, und lernte, das, was täglich durch Augen und Ohren in ihn strömt mehr apperzipieren, und erwachte wohl endlich in sich selbst. Ich bin aus vielfältiger Erfahrung überzeugt, daß mancher schlechte Schriftsteller ein sehr guter hätte werden können, wenn er sich, so wie er war, zu nutzen gewußt hätte. Viele beliebten Schriftsteller unter uns haben auch ihren Kredit nicht sowohl ihrem absoluten Wert zu danken, als vielmehr der Schlauigkeit, ihre Wenigkeit vorteilhaft zu präsentieren. Die meisten Menschen sind bessere Beobachter, als sie glauben und kennen den Menschen besser, als sie wissen, es sind nur die falsch verstandenen Vorschriften anderer die sie irre führen. Sie machen selbst von diesen Kenntnissen häufig Gebrauch, allein gemeiniglich nur im Handel und Wandel. Sobald sie die Feder ergreifen, so ist es als wenn der Unsegen über sie käme, und das gemeiniglich desto stärker, je mehr sogenannte schöne Lektüre sie haben. Sie fangen alsdann augenblicklich an ein Gala-Deutsch zu sprechen und alles ist so festlich und buchmäßig, daß gar nichts drüber geht. Wenn sie das ganze Jahr mit ordentlichen, natürlichen Zügen einher gegangen sind, so fangen sie nun so süß und selig an zu schmunzeln, wie alte Jungfern wenn sie sich malen lassen sollen. Es geht ihnen wie jenem Kammermädchen, die, unter ihresgleichen, sich ruhig überlassen, ganz reines Deutsch sprach, aber immer Klopfstock und Trepfe sagte, sobald sie vornehm reden wollte. Einem Werk also, das bei verschiedenen Ständen im menschlichen Leben, nicht bloß in Regeln lehrte, sondern durch Beispiele zeigte, worauf man zu achten hätte; eine Menge von Bemerkungen selbst enthielte, keine allgemeine, leere Silhouetten auf die sich in unsern neusten Werken fast alles allein einschränkt, sondern Züge und Farben, die der Silhouette Bestimmtheit und Leben geben, könnte, sollte ich denken, der Nutzen nicht fehlen. Ja der dramatische und Roman-Dichter könnte solche Züge ungescheut nützen, so wie der Chirurgus oder Manufakturist die Entdeckungen des Physiologen und des Chymisten. Dieses wäre kein Plagiat, was man so aus der Natur nimmt, ist nicht gestohlen, die Ehre es in den gefälligsten Plan zu ordnen und zum Nutzen der Welt anzuwenden bleibt ihm ohnehin, so wie die Schande des Mißbrauchs. Schwer wäre es allemal ein solches Werk zu verfassen. Vielleicht hat Horaz mit seinem berühmten difficile est proprie communia dicere nichts anders gemeint als eben dieses; dem abstrakten Charakter einer gewissen Gattung, der sich zum Teil schon mit dem Wort erlernt, alle die Bestimmtheit, Individualität und Wärme vermittelst gewisser Zusätze durch plus und minus zu geben, die sich nicht anders als durch genaue Beobachtung und nähere Kenntnis der Welt finden lassen. Horaz mag indessen gemeint haben, was er will, so macht man den Einsichten desselben wenigstens durch diese Deutung seiner Worte so lange keine Schande, als man wegen des difficile einig ist. Und dieses ist hier der Fall. Die Beobachtung der geringern Klasse von Menschen, die jedem frei steht, erleichtert aber doch auch von der andern Seite die Sache wieder. Ja ich glaube daß sich die höhern ohne Kenntnis der niedrigen nicht einmal gut beobachten lassen. Die Klasse des Pöbels enthält die Originale zu unsern Versteinerungen der höhern Welt. Niemand wird hoffentlich solche Bemühungen lächerlich finden, da ohne Beobachtung fortzuschreiben nicht für lächerlich gehalten wird. Hier einmal wieder hinzusehen, ist, dünkt mich, was es auch sein mag, gewiß nicht unnützer, als nach Griechenland zu reisen und das heilige Grab der schönen Künste zu besuchen. Ich gebe hier unsern Lesern unter Herrn Chodowickis Beistand eine Probe, wie ich glaube daß ein solches Werk abgefaßt werden müsse um nützlich und lehrreich zu sein. Das Was an sich selbst ist unerschöpflich, und dieses müssen unsere Leser nicht aus diesen Proben schätzen wollen. Ich habe einen guten Vorrat von Bemerkungen liegen. Erhalten diese Beifall und sind sie nicht ohne Nutzen so sollen die andern künftig nach und nach alle folgen, und zwar so: Ich werde nur das sagen , was ich selbst beobachtet habe, und Herr Chodowiecki wird zeichnen was Er beobachtet hat. Er wird sich so wenig nach mir richten, als ich mich nach ihm, ausgenommen, wo ich seine Zeichnungen erkläre. Hieraus erwächst unserm Publikum der Vorteil: Sollten meine eignen Bemerkungen schlechterdings nichts wert sein, so wird man mir es doch hoffentlich Dank wissen, daß ich diesen großen Meister bewogen habe seine eignen Beobachtungen nach und nach in unsern Blättern der Welt vorzulegen, nach einem Plan, nach welchem sein, soviel mir bewußt ist, noch nie erreichtes Talent auch in den kleinsten Figuren Seelen darzustellen, lehrreicher erscheinen muß, als in manchem geistlosen Roman, zu dessen Illumination man ihn bestellt hat. Wäre ich so glücklich hierdurch auch nur einige unserer jungen Schriftsteller zu bewegen, nur erst ein Zehenteil ihrer Empfindelei gegen Hang zur Beobachtung umzutauschen, so hoffte ich bald das zweite und dritte und endlich gar alles zu bekommen. Denn, ich wiederhole es noch einmal, ohne sich und andere zu beobachten und zu kennen, und das Erkannte so bestimmt sagen zu lernen, daß man die Wahrheit, Neuheit und Individualität der Bemerkung auch durch das abgeschliffenste Wort erkennt, dürfen sie keinen Anspruch auf wahren Ruhm in diesem Fache machen. Kein Mensch der nicht, so zu reden, jedermanns Heimlichkeiten zu sagen weiß, sollte sich an einen Roman oder ein Schauspiel machen. Ich sage hiermit nicht, daß er es alsdann sollte oder könnte, wenn er dieses kann, sondern nur, daß er es ohne diese Gabe nicht kann. Auch wird ihm ohne diese Gabe alles Lesen der Alten und Neuern nichts helfen. Denn wie kann er nützen, was er nicht wahr findet, und wie kann er wahr finden, was er nicht mit einem sicher erkannten Original, es sei nun er oder sein Nächster zusammen zu halten weiß. Daher rührt es, daß Leute, die Ihren Homer immer studieren, Ihren Ossian immer in der Tasche haben und Ihren Horaz auswendig wissen, wann sie selbst zu schreiben anfangen, schreiben, als hätten sie es aus Ihrem Hübner oder aus Ihrem politischen Redner gelernt. Seinen Homer studieren, ist überhaupt eine Redensart, bei der mich allemal ein heimlicher Unwille anwandelt, sie ist das rechte Losungswort der Galanten, Prächtigen, denen im Herzen nichts über einen Musenalmanach geht. Seinen Homer? Ja ich glaube fast was mancher studiert, ist Sein Homer: der gesprächiche erfahrungsvolle Alte, verstellt und verzerrt durch das brechende Mittel des stockigen unerfahrnen Krafthasen der ihn studiert, und so hat freilich jeder den seinigen. Zum Beschluß nur ein paar Worte, zur Überzeugung auch derjenigen, denen Raisonnement nicht schmeckt. Von Shakespears und Fieldings Wert sind glaube ich auch diejenigen überzeugt, von denen sie nicht deutlich erkannt werden. Allein was taten Shakespear und Fielding? Bei den großen Talenten und Erfahrungen die vielleicht im Jahrhundert nur Einem zu Teil werden, fing jener an Schauspiele und dieser Romane zu schreiben, in einem Alter, in welchem unsere Helden, aus Verdruß über ihre mißlungene Unternehmungen sich in das Häusliche zurückziehen müssen, für welches sie vielleicht allein geboren waren. Was die Ausführung unsers Vorhabens selbst betrifft, so sehe ich freilich voraus, daß wir uns mancher Deutung aussetzen werden. Wir können aber aufrichtig versichern, daß wir nie auf einzelne Personen Rücksicht nehmen wollen. Kaffeeschwesterliches Gezischel muß sich indessen, so wie das deutende Gemurmel der sich immer getroffen findenden hochmütigen Schwäche jedermann gefallen lassen. Es ist unmöglich die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne hier einen Bart und dort ein Kopfzeug zu versengen, und verdrüßliche Auslegung von Satyren muß man immer erwarten, so lange man die Gegenstände dazu nicht aus dem alten Testament nimmt. Die Bedienten a) männliche A) Probe von Bemerkungen für den Dichter Die Bedienten, worunter ich alles verstehe, was wenigstens zuweilen Livree trägt oder tragen sollte, von dem nettsten Kerl an, der seine Bildung hinter den Stühlen des ersten Speisesaals der Welt empfangen hat, bis zu dem ungehobelten Bauerjungen, der noch im Kamisol mit Aufschlägen das Apportieren lernt, sind nicht die letzten Menschen auf die der Dichter zu sehen hat. Es ist diejenige Klasse, bei der Kopf und Schwanz im Zirkel der menschlichen Gesellschaft einander fassen, und unter deren Einfluß gemeiniglich diejenigen wieder mehr oder minder stehen, die sonst keine Befehle erkennen. Die langen Arme der Großen, sich selbst überlassen, sind daher bei weitem nicht so furchtbar, als die verzwickten kurzen ihrer Kammerdiener. Sie sind daher in Schauspielen und Romanen vortrefflich zu gebrauchen, Streiche durchzusetzen, wo viel Kraft mit Unverstand nötig ist. Ein Zement in der Verbindung von Begebenheiten, das alles zusammenhält, was sonst nicht halten will. Schreiben kann man gemeiniglich über sie, was man will, denn sie lesen und rezensieren entweder nicht, oder sie machen sich eine Ehre daraus. Verweis, wenn er nur ihre Wichtigkeit zu erkennen gibt, ist ihnen lieber als Lob, oder vielmehr allein Lob. In einem gewissen Alter wenigstens. Fehlen können heißt bei ihnen independent sein, und was ihre Herrschaft nicht erfährt, so viel als hätte sie es zugegeben. Sie rühmen sich daher immer unter einander ihrer Unordnungen, und wenn sie keine begangen haben, so werden sie erdichtet. Der Keller und die Dame vom Haus sind die wichtigsten Gegenstände, die Küche und die Kammermädchen die nächsten. Wer das nicht tut ist ein Knasterbart oder ein Pinsel etc. Sie sind mehr oder minder immer die Spiegel ihrer Herrschaften. Die Alten gleichen ihnen oft völlig. Der Koch des Pompejus sah aus wie Pompejus, und ich habe einen ähnlichen Fall gesehen. Es läßt sich nur schwach erklären, aber es ist wahr. Im Gehen, Stehen und Tun haben die jungen Hofleute, leichtsinnige Spieler, junge Nachtschwärmer und Räuber der Unschuld, die feinsten. Unter ihresgleichen sind diese ihre Herrn völlig, nur muß man sie nicht sprechen hören. Hier bleiben sie zurück, und was bei der Herrschaft bloß Mangel an Kenntnissen ist, zeigt sich bei ihnen bis auf die Sprache. Dieser Hauptartikel wird in Schauspielen und Romanen äußerst vernachlässigt und stört oft alle Illusion. Die alten treuen Bedienten, sind da gemeiniglich geschwätzige weinerliche Moralisten, und die jungen untreuen sprechen wie Leute von Stand, die sich mit affektierter Herablassung ein paar Stuffen von Liederlichkeit hinunter stellen. Machen nicht junge Kavaliere den schleppenden Postillion mit schmierigem Stiefel, klirrendem Sporn und unsymmetrischer Frisur? das machen die Bedienten auch freilich und wohl natürlicher. Allein im Sprechen steigen sie aufwärts, so wie der Herr in Handlungen herunter, aber mit sehr ungleichem Glück. Sie fangen ihre Perioden oft mit sondern an: sie sagen vielmehr , wo keine Vergleichung, und teils wo es keine Teilungen gibt, vergessen also auch das zweite. Mancher sagt erstlich , gleich drauf drittens und viertens und dann zweitens , dieses hat Shakespear genützt. Man wird mir hoffentlich nicht vorwerfen, daß dieses den Bedienten nicht allein eigen sei. Ich weiß dieses, ich bringe es aber unter ihre Klasse, weil sie es auch tun, und ich mich künftig mit ähnlichen Klassen nicht viel abgeben werde. So etwas ganz in einem Charakter durchsetzen, tut eine unglaubliche Würkung, aber es ist sehr schwer und erfordert viel Erfahrung. Fieldings Partridge ist hierin das größte Meisterstück, das ich kenne. Ich gebe daher noch einige Beispiele, alle aus eigner Beobachtung. Die Feinen unter ihnen wissen ihre Ausdrücke oft auf eine eigne Art zu reinigen. Es ist jetzt sehr viel Unkot in dem Gäßgen, sagte einmal einer, mit einer Miene, mit der er selbst das schon gereinigte Unkot noch mehr säuberte. Er ist immer außer sich bei solchen Gelegenheiten, warf ein Herr seinem Bedienten vor. Erlauben Sie gehorsamst , war die Antwort, ich hatte würklich meine ganze Abwesenheit beisammen. Er fängt an mit: will ich sagen und in der Hitze des Vortrags spricht er: sagt ich . Die gemeinen Leute in England, wenn sie etwas erzählen füllen alles mit says I, und says he an. Subtile Verwechselungen: Er hat noch kein Blut gerochen, (statt Pulver.) Er hat ihn blutdürstig geschlagen; ein totaler Feldzug; die Garnison ist geräumt worden, ohne allen Respekt zu sprechen, statt mit Respekt. Da nun, wo Gott für sei, der Fall geschehen ist usw., auch gröbere die genutzt und nachgeahmt werden können. Seine Füße hatten keine Portion zum Körper. Die königliche Sozinität zu Berlin, sagte einmal der Bediente eines Gelehrten etc. Bringt desto mehr Französisch an, je weniger er weiß, und ist es nur ein Wort, so kommt es sehr oft. Mein Herr , sagen sie von ihrem Herrn wenn sie nicht bei ihresgleichen sind, unter sich sagen sie bloß Meiner. Meiner hat heute wieder gebrummt; meiner schläft noch. Zumal ist dieses unter den Deutschen gebräuchlich. Ob es wohl ein Zeichen von deutschem Freiheitsgeist ist? Unser kommt ebenfalls häufig vor. Ach! unser Hut ist gestern in die Gosse gefallen, sagte ein Junge von dem Hut seines Herrn, der die Familie viel gekostet hatte. Zuweilen heißt auch Wir nur so viel als meiner. Wir müssen bald heiraten, sonst gehts nicht gut. In ihren Suffixis sind sie gemeiniglich sehr umständlich und unglücklich: Sie sagen Mitleidigkeit, Interressantigkeit, Melancholichkeit und endigen auch wohl gar um sicherer zu gehen in ungichkeit . Sie haben verschiedentlich eine dunkle Vorstellung von unsrer hohen Prose und nennen es vornehme Gedanken, gravitätische Redensarten und reputatische Wörter . Übrigens gibt es unter ihnen Staatsleute, Juristen und Theologen, so gut als Jäger und Läufer, und jede Klasse hat wieder ihre eigne Mischungen. Regierende, Steigende, Fallende, Abgedankte, Dienstsuchende alles Ihr Gnaden und Hochwohlgeboren Nennende und sich immer Bückende, das sichere Zeichen, daß der schwankenden Staude die stützende Stange gebrochen ist; Schmierige und Kerls, wie die Engel, denen man die Vertraulichkeit mit der Dame ansieht; junge noch unabgerichtete Pudel und alte treue Familienstücke, die nur zum Totfüttern im Gesindestall stehen; lange aufgeschossene Don Quixote, mit geerbter oder ertrödelter Livree, die ihnen immer zu weit und zu lang oder zu enge und zu kurz ist; fette Hammel unter geputzten Schäfchen mit Berlocken etc. B) für den Schauspieler Er liest gern Federn vom Hut, und hascht Fliegen wie ein Sterbender, dreht den Hut vor dem Nabel wie eine Windmühle. Dieses muß sparsam gebraucht werden. Poliert Knöpfe mit dem Rockärmel, oder bürstet den Hut damit, oder einen Ärmel mit dem andern, oder eine Wade mit der andern. Überhaupt hält er viel auf Beine und Waden, weil eine Tradition unter ihnen ist, daß einige dadurch ihr Glück gemacht hätten. Macht sich, wenn er bei Geringern ist, mit ausgespreizten Beinen kleiner, als er ist und spricht wichtig. Dieses tun zuweilen sogar die Kurzen wenn sie bei Langen stehn. Schlägt, wenn er seidene Strümpfe an hat, Stechfliegen mit großem Anstand auf den Waden tot. Faßt seinen Kameraden in der Erzählung bei den Rockknöpfen. Stößt bei seinen Scherzen seinen Kameraden mit dem Zeigefinger in die Seite um ihm den Beifall und das Lachen zu erleichtern. Zeigt gerne ein schönes Schnupftuch, und sieht nach gemachtem Gebrauch hinein, nach Art seiner schwindsüchtigen Herrschaft. Horcht an der Uhr die ihm doch immer zu geschwind geht, als wenn sie zu langsam ginge. Der Hut verdiente bei ihnen eine eigne Betrachtung. Denn da die Art des Schnitts bei ihnen von dem Herrn abhängt, und die Art ihn gelegentlich zu setzen von ihnen selbst, so ereignet sich dabei oft der seltsamste Kontrast. Der Hut zu einer Domdechanten-Livree zugleich zum Staat und wider den Hieb, läßt niedlich wenn er alle die kleinen Nachlässigkeiten eines Wünschhütchens mitmachen soll. Übrigens muß er allezeit so sitzen, daß die affektierte geschwätzige Liederlichkeit zu viel Stirne, die affektierte stille aber oder der Hochmut zu viel Seite sehen läßt. Je stiller die Menschen sind desto mehr nähert sich der Hut der horizontalen Lage, und je weiser sie sind desto mehr tritt die Griffspitze desselben über die Nase. Die größten Meister, die ich hierin gesehen habe, sind Garrick und Lewis in Coventgarden. Der erstere als Archer, in the Beaux stratagem und als Don Leon in Rule a wife and have a wife , und der letztere als Chapeau in den Cross purposes . Von Garrick als Archer habe ich im deutschen Museum einmal eine Nachricht gegeben. Als Don Leon verstellt er sich ebenfalls wieder zum Bedienten, macht aber nicht den Stutzer in Livree, sondern den unerfahrnen, unschuldigen Halb-Tölpel, der keinen Finger biegt so lange er neue Handschuhe an hat; mit parallelen Füßen einher schreitet, das moralische Gewicht seines Bortenhuts balanciert als wär es physisch, und überhaupt die Pracht desselben bis in die Schultern herunter zu fühlen scheint. Ich kann nicht sagen ob dieses Stück auf das deutsche Theater gebracht ist, so viel ist gewiß, ein Schauspieler kann hier so viel Talent anbringen und Weltkenntnis zeigen als er nur immer hat, und wäre es auch noch so viel. Ich habe es nie gelesen, sondern nur ein einziges Mal aufführen sehen, habe es auch jetzt nicht bei der Hand. Ich gebe also nur kurz die Rolle des Don Leon aus dem Gedächtnis. Eine vornehme Dame, will zum Deckel ihrer Liebeshändel mit einem Grafen, einen schlechten einfältigen Menschen heiraten, den sie hernach, was das Schlechte betrifft, schon standsmäßig zu heben gedenkt, allein klüger will sie ihn nicht machen. Dieses steckt die Schwester des Don Leon ihrem Bruder, als eine vortreffliche Gelegenheit die reiche Dame zu erwischen, er gibt sich also unter vielen andern auch bei ihr an, und zwar unter der Maske eines unerfahrnen dienstlosen Bedienten. Er erscheint vor der Dame, die ihre Freundinnen bei sich hat, welche mit erkennen helfen sollen. Seine Präsentation ist kümmerlich, mit einem langen Stock, demütigem Rücken, und einer Blödigkeit die über alles geht. Wie er die Damen ansichtig wird, fällt ihm der Hut, und indem der gerettet werden soll, der Stock; auf einem gewixten Fußboden, wäre er wohl gar selbst hinten drein gefallen, Mangel an Gleichgewicht war hinlänglich da. Dieses war ein herrlicher Anfang für einen Deckel zu Liebeshändeln, zumal da der Tölpel nicht übel aussah. Er erhielt auch gleich Beifall. Komm küsse mich sagt die Dame. Dieser Befehl bringt ihn einen halben Schritt näher zur Türe, und sein Gesicht und Rücken über zwei Drittel von der Dame ab, und er unterhält sich, wie man leicht denken kann, indessen hauptsächlich mit seinem Bortenhut. Närrchen du mußt nicht blöde sein, ich will dir ja nichts tun, komm, küsse mich. Hierauf nähert er sich endlich, und sobald das schwere Geschäft vorüber ist, geht er heimlich froh nach der alten Stelle an der Türe und fährt in der Unterhaltung mit seinem Bortenhut fort. Dieses alles tat Garrick mit einer solchen Natur, daß man sich ganz darüber vergaß, und es mir unbegreiflich ist, wie ein so wohlgezogener ausgebildeter Körper wie Garricks solchen Vorstellungen gehorchen konnte. Weiter gehört eigentlich diese Rolle nicht hieher. Allein, da sie von vielen für eine der größten Künste dieses Mannes im Komischen gehalten wird, so will ich die Schilderung vollenden. Die Heirat wird richtig, und was wird da? der Tölpel verschwindet allmählig, so wie der Kavalier auskriecht, und Garrick schleicht wie die Geschöpfe im Nil-Schlamm, halb Tier und halb Erdenkloß, herum. Nicht mehr blöde aber submiß, billigt nicht alles aber gehorcht noch aus Erkenntlichkeit, ist noch oft stumm aber nachdenkend. Die Dame bemerkt dieses mit einer sehr zweideutigen Gemütsverfassung. Aber der Plan soll durchgesetzt werden. Sie kauft ihm eine Offizierstelle, und er soll nach Minorca. Auch das läßt sich die gute Seele gefallen. Allein einmal, da er mit seiner Dame spricht, hört man ein starkes Pochen in dem Nebenzimmer. Was ist das, mein Schatz? fragt die Dame. »Ich lasse die Spiegel und Bilder abnehmen.« »Warum denn das?« »Wir wollen sie mitnehmen« – »Warum denn mitnehmen, lieber Schatz, ich bleibe ja hier.« – Nun erhebt sich Don Leon mit unbeschreiblichem Anstand und liebreichem Ernst. Nein mein Engel, sagt er, wo ich hingehe da mußt du mit. Der Donnerschlag war freilich dem Grafen empfindlicher als der Dame. Er gebietet ihr drauf in die Nebenstube zu treten, und als ihr der Graf mit einem verächtlichen Blick auf den Bedienten in Uniform nachfolgen will, so besteigt er nun den Gipfel seiner Rolle und erscheint als Don Leon, stößt den Grafen zurück, setzt seinen Hut mit großer Würde auf und legt die Hand an den Degen. Fort, sagt er, dort hinaus liegt Ihr Weg Herr Graf, und zeigt ihm mit einem Kopfnicken die andere Türe. Das Stück endigt sich sehr vergnügt für die Dame, denn sie merkte nun daß sie einen Mann von Ehre geheiratet und einen Pinsel von Buhler verloren hat. Chapeau in den Cross purposes ist grade das Gegenteil von dem verstellten Don Leon, und das höchste Ideal von raffinierter Bedientenliederlichkeit. Herr Lewis der ihn macht, und so ein Mann muß ihn machen, ist ein vortrefflicher Schauspieler, jung, breitschultrig und schön. Chapeau (es ist noch früh Morgens) geht in einem leichten fliegenden grünen Westgen, worunter noch ein seidenes ist, mit seidnen Beinkleidern, und weißen seidnen Strümpfen. Bei allen seinen Tritten sieht man, daß er die Augen des Geistes auf seine Figur gerichtet hat, die er meistermäßig zu tragen weiß, und fühlt wie schön er ist; er trinkt mit einem Laffen von Kameraden, der, wie er sagt, sich den Tee abgewöhnt hat, Chocolade, spricht in dem feinsten Hof-Englisch, unter kleinen Flickschwüren und Mode-Sentenzen der Spieltische, von Galanterien und hohem Spiel, schnupft mit gefälligem Leichtsinn, kommandiert die kleinen Pudel des Hauses, und er selbst hört indessen der Glocke seines Herrn, der ihm klingelt, mit einer Ruhe zu, als würde ihm ein Ständchen gebracht. Wehe der jungen Unschuld, wenn ein solcher Kerl zwischen ihr und dem Laster zum Unterhändler wird. Nächst Garricks Archer ist dieses das Vollkommenste, was ich in dieser Art gesehen habe. Ich breche hier diese Schilderung ab, man tut sich kein Gnüge und wird am Ende doch nur von denen verstanden, die es schon wissen. C) Für den Dichter und den Schauspieler Vorstellungen von Herrn Chodowiecki Wenn auch diese beiden Platten wider die Ordnung gebunden werden sollten, so wird man doch nicht leicht übersehen wo Anfang und Ende ist. Er fängt an mit dem Tabak austeilenden, aufgestutzten, wichtigen und glücklichen Bengel, und endigt mit dem ehrlichen Alten, der aus seinem treuen Dienst nichts mitnimmt, als was ein armseliges Schnupftuch faßt. Der Ausdruck in beiden Gesichtern ist so, daß man jeden Künstler auffordern kann, in größern Köpfen, wenn er kann, ein Gleiches zu tun. Bei dem Hof bedienten ist die rote Nase kaum zu verkennen. Die ganze Reihe bedarf keiner Erklärung. In der zwoten Reihe hat der Läufer etwas von Garricks Archer und hauptsächlich dessen gefälliger Nachlässigkeit, ist aber nicht lang, geschmeidig und Weltmann genug für den Chapeau des Lewis. Beim gleich drauf Folgenden verraten Zopf und paralleler Hut einen Geistlichen, dem unbeträchtliche Konsistorial-Politik geläufiger sein mag, als die Intriguen des Tanzsaals. Die dritte Abteilung ist vortrefflich, man bemerke die Hüte der drei Letzten, die auf Nachfolger warten. Der vierte und fünfte abgedankt und dienstsuchend haben, außer ihren Händen, nichts mehr in der Tasche. Die zweite Platte enthält Bediente in Gegenwart ihrer Herren, einem guten, einem Zänker und einem unverständigen, der den ehrlichen Alten auf die windige Selbstempfehlung eines Kriechers wegjagt. Zu einer weiteren Erklärung fehlt hier der Raum und sie ist auch größtenteils unnötig, ich mache nur den Leser auf den Hasenfuß in der untersten Reihe aufmerksam, mit dem gleichwohl die Dame redet. Die Verdienste dieser Leute müssen groß sein, denn man findet sie überall. (Die weiblichen Bedienten künftig.) Orbis pictus Erste Fortsetzung Charaktere für den Roman oder das Schauspiel so zu individualisieren, daß der Leser, auch wenn man die Namen davor wegstriche, dennoch die Person jedesmal erkennen müßte, wie man von Shakespeare Heinrich IV. behauptet, ist eine sehr seltene Kunst. Ich sage mit Vorbedacht selten , denn würklich ist, so schwer auch die Sache an sich selbst sein mag, doch gewiß die Seltenheit größer als die Schwierigkeit. Es liegt von der Gabe hierin glücklich zu sein, nach meiner Beobachtung, in jedem Menschen sehr viel mehr als er selbst weiß, oder wenigstens anzuwenden im Stande ist so bald er die Feder anfaßt. Die Ursachen davon, so viel wenigstens hieher gehört, zu entwickeln, behalte ich mir vor, und führe nur einige Hauptumstände an, die das Verderben der meisten sind: Eingebildete Impotenz würkt reelle , dieses ist der seltnere Fall bei unsern Romanenschreibern; vorsätzliche Spannung würkt Überspannung, das ist der gemeinere; und Mangel an Philosophie und Menschenkenntnis gebiert konventionelle Phraseologie und macht Alltagsschriftsteller, das ist der gewöhnlichste Fehler. Ich habe nicht selten Leute schlecht schreiben gesehen, die in einer vertrauten Gesellschaft vortrefflich sprachen, und die, die besser träumen (im Schlaf) als sie schreiben, findet man überall. Im Traum des gemeinsten Menschen spricht der Undeutliche undeutlich und der Geheimnisvolle geheimnisvoll, oft recht zur Qual des Träumenden selbst, der doch der Urheber von allem ist, und der, wenn er wachend so etwas schreiben sollte, sich gewiß die Qual sehr erleichtern, aber auch, dafür wieder als gemeiner Phraseologe einher treten würde. Ich überlasse die Auflösung dieses psychologischen Problems, die nicht sehr schwer ist, dem Leser selbst. Findet er sie, so wird er bald auch erkennen was er zu tun hat, um einen Charakter so fest mit der Feder zu zeichnen, als er ihn im Traum handeln läßt, wenn es ihm nämlich nicht gänzlich an dem fehlt, was man sich hierbei zwar nicht selbst geben, aber auch gar wohl besitzen kann, ohne es zu wissen. Das erste ist auch hier das Nachzeichnen, ehe man sich ans Schaffen macht. Don Quixote, Sancho, Falstaff und Pastor Adams haben vermutlich alle existiert. Daß sie im Leben nicht alles das getan haben, wovon ihre verewigten Geschichtschreiber reden, rührt bloß daher, daß sie nicht Gelegenheit gehabt haben es zu tun. Parson Adams lebte vor nicht gar langer Zeit noch in England, der Vicar von Wakefield wird noch jetzt hier und da dort anzutreffen sein, und selbst Falstaff existiert noch, unter der Klasse von Menschen, die man dort Jolly Dogs nennt. Herr Engel hat, wo ich nicht irre in seinem Philosophen für die Welt, zu einer andern Absicht geraten, bekannte Charaktere z. E. den von Marinelli vor sich zu nehmen, und nun eine Erziehung eines Menschen dazu zu erdichten, wie sie beschaffen sein muß, um zuletzt einen Marinelli aus ihm zu machen. Dieses ist gewiß ein vortrefflicher Gedanke und wer sich an den Handel macht, wird wenigstens bald finden, was für Artikel in seinem Warenlager fehlen und notwendig erst angeschafft werden müssen, ehe er weiter geht. Leichter wäre es vielleicht anfangs sich bloß den Marinelli in einer andern Lage von Umständen zu denken, z. E. als Oberaufseher über eine Erziehungsanstalt für junge Frauenzimmer; oder als Ex-Jesuit von Rang in einem Lande wo man anfängt den Leuten ihre in Beschlag genommene Vernunft wieder zurückzugeben. Den Falstaff könnte man sich vor der Inquisition denken (die freilich eine bloß angestellte sein müßte) um einmal den Besserungs-Plan zu hören, den er sich fürs Künftige entwerfen würde und die Buße und Bekenntnis der Sünden. Kann dieses ein Schriftsteller.nicht so, daß er damit den Beifall eines Kenners erhält, so muß er wohl vom Roman und Schauspiel wegbleiben, wo ja, was er also nicht kann, doch auf jeder Seite gezeigt werden müßte, wenn er anders auf wahren Ruhm hierin Anspruch machen will Es hierein allgemein weit zu bringen, dazu gehören freilich Shakespearsche Anlagen, Verbindungen und Zeiten in der Welt, die vielleicht nur beisammen so selten gesehen werden: man muß aber von der andern Seite auch bedenken, daß man durch Fleiß immer ein sehr guter Porträtmaler werden kann, wenn man auch gleich nicht die natürliche Anlage jenes Reisenden dazu hat, der Voltairens, den er nur einmal gesehen hatte, Silhouette gleich vor dessen Haustür in den Schnee p... konnte. So viel nur über die Schwierigkeit die die völlig bestimmte Darstellung der Personen hat, zu deren Erleichterung ich nur etwas wieder beibringen will. So kann der Leser, dem ich nicht einmal Nachschlagung des 3.Stücks dieses Magazins im I.Band, vielweniger Erinnerung an den Inhalt desselben zumuten kann, doch meine Absicht bei diesem Unternehmen wieder erkennen. Ich schränkte mich dort bloß auf den Ausdruck der Personen sowohl in Worten als Gebärden und einiges in ihrer Art zu handeln ein, das mir vorgekommen, und auch zu diesem nur liefre ich nun Beiträge um den Beobachter aufmerksam zu machen. Mit den Verschiedenheiten des Temperaments und der Laune habe ich hier nichts zu tun. Ich habe schon erinnert, daß ich für einen Hauptfehler der meisten Romanenschreiber und dramatischen Dichter halte, daß sie in die Sprache ihrer Personen und zumal der geringeren so selten die verwirrte Philosophie dieser Leute, und die unbestimmte Wörterkenntnis einmischen, die sich doch im gemeinen Leben, sobald sie nur etwas über den Alltagsdienst hinausgehen, augenblicklich zeigt. Bei dem gemeinen Mann in Niedersachsen ist offenbar nicht bloß die Sprache platt, seine Philosophie ist es auch, man findet sie nicht bloß in seinem Urteile über den Krieg sondern über jeden Vorfall des gemeinen Lebens. Es gibt wenig Menschen, die nicht im gemeinen Leben unvermerkt über das hinausgehen, was sie verstehen, der vernünftige Mann freilich tut es entweder nie oder doch nicht da wo man Ernst von ihm verlangt; das gemeine Volk aber jeden Augenblick, und selbst so wie schlechte Schriftsteller sich oft am klügsten dünken, wenn sie in Worten reden, die sie nicht verstehen, eben so redet das gemeine Volk, oft allen Vernünftigen unverständlich, grade wenn es gut reden will und dieses bloß um das Vergnügen zu genießen einen Augenblick sich selbst weise und vornehm vorzukommen. Ein Charakter, so durchgeführt, gefällt auch wenn man ihn nicht einmal als Triebwerk zu einem großen Zweck betrachtet allen Menschen, hohen und niedrigen und denen doppelt, die die Kunst bemerken die darin verborgen liegt. Der Beifall ist unausbleiblich. Das Kammermädchen der Sophie und Partridge im Fündling, erhalten dadurch das Anzügliche, sehr vieles aber geht in Übersetzungen verloren, und ist kaum möglich beizubehalten, wenn man nicht statt Sprache in Sprache zu übersetzen, auch Sitte in Sitte übersetzt. Ernstliche Aufmerksamkeit auf die Sprache der Menschen aller Stände und Vergleichung ihrer Fehler mit ähnlichen in der hohem Welt gewährt gewiß größeres Vergnügen als mancher glaubt, der dieses zum erstenmal liest, und ist für unsre Absicht das sicherste und einzige Mittel wider das gemeinste wiewohl das gröbste Vergehen der Romanschreiber – da nämlich alle Personen denken und reden wie Se. Wohlgeboren – der Herr Verfasser. Die Bedienten b) weibliche A) Probe von Bemerkungen für den Dichter Sie sind in der Komposition, des Romans zumal, von unglaublicher Wichtigkeit. Es wird selten eine Geschichte gut detailliert und gehörig gemischt werden können, ohne etwas aus dieser Klasse hinein zu schmeißen. Wir reden hier nur von der mittlern Klasse, die das Kammermädchen und einige Stufen unter ihr begreift. Es ist also hier die Viehmagd so gut ausgeschlossen, als die dienende Dame am Hofe, aus deren Nähbeutel das Schicksal nicht selten Fäden herholt Weltbegebenheiten an einander zu knüpfen. Sie sind in großen Städten gemeiniglich sehr fein, weil sie mit Feinheit und hier und da sogar mit Schlauigkeit gewählt werden; man darf nur an solchen Orten etwas weniges Erfahrung mitbringen um einzusehen, daß jedes Kammermädchen das Paradigma abgeben könnte eine Hofdame darnach zu deklinieren. Die feinsten darunter gehören auch daher mehr in jene Klasse als hieher. Doch grenzen sie durch Niedrigkeit der Herkunft oft an die folgende Stufe, die mehr hieher gehört. Sie besitzen mit einem großen Teil des weiblichen Geschlechts, zumal so bald sie die Tanz-Tarantel gestochen hat, oft in einem hohen Grade die Gabe sich dumm zu stellen ehe sie klug sind; das, was sie nicht verstehen, so anzuhören als verstünden sie es, und was sie verstehen als verstünden sie es nicht; die Gabe auf den nicht hin zu sehen, den sie nur allein gegenwärtig fühlen und mit dem freundlich zu tun, von dem sie sich kaum bewußt sind, daß er gegenwärtig ist: mit einem Wort die ganze Kunst auszustreichen, auf daß und damit man es lese , wie einige Leute in ihren Briefen die Gewohnheit haben, ist ihnen bekannt. Einen Seufzer zu verhusten, ist ihnen sehr früh eine Kleinigkeit. Man irrt sehr wenn man alle diese Züge nur in der hohem Welt sucht, dieses verstehen sicherlich Personen, die Lebenslang 20 mit der Nulle voran, und Michl in ihren Hausrechnungen, wenn sie welche für sich führen, statt Milch schreiben, auch wohl gelegentlich behaupten, es sei recht. Es geht weit, und würde unmöglich sein wenn es studiert werden müßte: so aber ist es die Geometrie der Spinne, die weder von Geometrie noch von Absicht etwas weiß; genug es fehlt ihr was, und ein dunkles Gefühl belehrt sie, daß dieses Etwas über kurz oder lang in ihrem Netz hängen bleiben wird. Sie haben einen unwiderstehlichen Hang ihr künftiges Schicksal zu wissen, oder welches auf eins hinaus läuft, das Alter, die Schönheit und den Stand ihres künftigen Bräutigams. Sie tun unglaublich viel es zu erfahren. Sie ziehen Karten, stechen Sprüche, zupfen Blumenblätter aus, bei welchen sie die Namen der Wahlfähigen hersagen. Sie kochen, braten, backen Weissagungen, an gewissen Tagen und Stunden des Jahres; sie ließen lange vor Montgolfier, Montgolfieren aus angezündetem Flachs in den Spinnstuben steigen, um etwas Künftiges zu erfahren, schämen sich daran zu glauben und gehen mit dem Glauben daran zu Bette; sie suchen 4 blättrichte Kleeblätter und legen sie in die Gesangbücher, um sich in der Kirche daran zu erbauen, wenn nichts Bessers zu tun ist; sie tragen doppelte Nüsse und Haselnüsse bei sich, oder verwahren sie in ihren Kisten und Kleiderschränken. Selbst ihre Nähpulte enthalten daher gemeiniglich etwas was nicht hinein gehört, wenn es auch nur Erbsen oder Salz wäre. Wenn sie Geduld haben ein Punktierbuch verstehen zu erlernen, so ist es fast das einzige was ihnen den Mangel dessen einigermaßen ersetzt, was sie zu erpunktieren trachten. Diese Bücher sind für sie ganz unschädlich, denn sie punktieren fort bis die günstige Antwort erscheint, und dann ist alles gut. Zur Sprachverwirrung und Philosophie des Standes gehört: Das liebe Gewitter hat eingeschlagen. Ich werde mich bisher besser aufführen als ich hinführo getan habe. Du liebste Zeit! (dear me!) kommt allen Augenblick vor, wenn eine Stadtneuigkeit verschlimmert werden soll, wozu dieses Geschlecht mehr beiträgt, als man glaubt. O Madam! Es ist der guteste, besteste, schönstgewachsenste junge Herr; so sprechen die redseligen. Von einem Offizier sagt eine: ach es ist ein gar bequemer, theologischer Herr (sie wollte überhaupt Gutmütigkeit ausdrücken). Von zweien, die aus einer Oper kamen, konnte die eine die glitzernden Schmelz-Schuhe einer Jungfer Kastratin nicht vergessen, und die andre sprach noch ein paar Tage von einem scharmant-schönen Baß-Kastraten , der den Ju-Pitter vorgestellt hätte. Eine dritte hatte eine Kutsche mit zwei scharmanten Mätressen vorbeifahren sehen. (Diese war von geringerm Stand.) Den Kerl mögt ich nicht haben, der ist ja so schwarz wie ein Mohrenbrenner. (Das Wort ist, wie man sieht, aus Mohr und Kohlenbrenner zusammengesetzt.) Ja reden Sie mir nur nicht von dem Menschen, ich kenne die Hämmel in Schafskleidern . (Soll heißen Wölfe .) Ich weiß nicht die Französin sieht seit einiger Zeit so ungelblicht aus (aus ungesund und gelblicht). Dieses habe ich selbst gelesen und las anfangs ungebleicht . Eine die krank gewesen war, sagte, als sie sich besserte, sie hätte nun wieder Neigung zum Appetit . Eine hiesige nannte die Mediceische Venus auf der Bibliothek die Medicinische Venus und ein aisches häßliches. Ding, weil sie nackend ist. Eine andre nannte eine Köchin, deren lediger Brodherr verstorben war, ohne damit spotten zu wollen, eine verwitwete Hausjungfer . Er ging gesund zu Bette, und als er diesen Morgen aufstehen wollte, war er tot. Zum wenigsten wird öfters statt sogar oder zum teuersten von ihnen gebraucht: zum wenigsten das Wasser in der Wohnstube war gefroren. Helfen Sie mir doch sagen was das ist, anstatt sagen Sie mir doch etc. Das Witzigste was ich noch von dieser Klasse sagen gehört habe war, daß einmal eine, etwas aufgebracht, von einer andern sagte, was will denn das dicke, zweischläfrige Mensch . Dieser Ausdruck würde den Falstaff nicht geschändet haben, wenn er ihn von der Wirtin (mine Hostess of the Garter) gebraucht hätte. Wenn sie jung und gesprächig sind, so sind sie gewöhnlich unerschöpflich, so bald sie Kinder auf den Armen haben, und selbst die jüngsten und völlig unschuldigen, sprechen und handeln alsdann mit einer Art von Begeisterung, und die Biegsamkeit unsrer Sprache gibt ihnen dazu Raum genug: alles verkleinert sich mit dem Kinde: Guten Morgelchen mein Engelchen! Prositchen mein Herzchen, (wenn das Herzchen nießet!) Adieuchen! O du lieber Göttchen! hörte ich einmal, da sich das Kind weh getan hatte; in Frankfurt einmal: Sieh Wilhelmchen, das ist dein klein Ma Soeurchen! So geht es durchaus mit Nominibus, verbis, adverbiis etc. Ich kann bei dieser Spielerei nicht umhin über eine andere Eigenheit unserer Sprache eine ernsthafte Anmerkung zu machen. Es ist ein rechter Favorit-Spott der Ausländer, zumal der Engländer und Franzosen, über unsere Sprache, daß sie sagen es sei törigt von uns gehandelt zu Einer Person, bald Du , bald Er , bald Ihr, bald Sie zu sagen. Ja Deutsche und noch ganz neuerlich ein sehr guter Kopf geben ihnen darin recht, Letztrer sagt: die Engländer, indem sie alles mit You anredeten, gingen in einer Torheit (nämlich der, eine Person in der mehreren Zahl anzureden) doch nur halb so weit als wir. Ich muß gestehen, daß ich dieses nicht glaube, und ich hoffe der Leser wird mir, am Ende Recht geben. Es ist allemal hart und unbillig verjährten Sprachgebrauch, den der Weiseste nicht mehr ändern kann, eine Torheit zu schelten und fast unverzeihlich wenn eben in diesem Sprachgebrauch sehr viel mehr verborgen läge als sich manche Tadler vielleicht vorstellen. Der Tadel kann sich nicht darauf beziehen, daß wir eine Person so anreden als wären es mehrere, denn das tun jene Nationen selbst, er beziehet sich also entweder auf unsre größere Mannigfaltigkeit hierin, oder darauf daß wir, um diese Mannigfaltigkeit zu erhalten, die Personen die wir anreden, auch als Dritte betrachten, in dem wir Er und Sie sagen. Ersteres ist sicherlich kein Fehler, so lange mit der Mannigfaltigkeit der Zeichen auch Mannigfaltigkeit der Begriffe verbunden ist, und dieses ist hier gewiß der Fall. Wir unterscheiden in Verhältnissen zwischen Menschen gegen Menschen sehr viel feiner als andere Völker, und dieses, der Grund davon liege nun in Deutschem Familien-Stolz oder Deutscher Philosophie, ist allemal ein großer Gewinn für die Sprache überhaupt, wie wir gleich sehen werden. Letzteres, wenn es Tadel verdient, verdient ihn nicht mehr als jede Vieldeutigkeit der Wörter wovon es in allen Sprachen wimmelt; denn kein Deutscher der mit jemanden durch Er und Sie spricht, denket sich dabei jetzt noch dritte Personen. Diese Wörter sind also weiter nichts als alte Zeichen auch für neue Begriffe beibehalten, welches freilich zuweilen Zweideutigkeit verursachen kann, so wie tausend Wörter in allen Sprachen der Welt es können; so wie sie auch bei Vous und You, und dem M stattfinden, das bei uns allerseits, bald 1000 bald Monsieur und bald Magister bedeutet. Das ist eine Kleinigkeit. Hierüber geht aber auch der Spott nicht her, sondern über jene Mannigfaltigkeit, und die Subtilität in der Unterscheidung, und mich dünkt einen solchen Tadel kann sich ein philosophisches Volk wohl gefallen lassen. Dafür können wir nun aber auch mit unserm Du, Er, Ihr, Sie, mit einer einzigen Silbe Verhältnisse von Menschen ausdrücken, wovon der Engländer und Franzose gar keinen Begriff hat oder wenigstens keinen bestimmten, weil ihm das Zeichen dazu fehlt. Sie sehen es auch alle ein, so bald sie die Sprache vollkommen verstehen, zum sichern Beweis, daß der Tadel sich auf Unwissenheit gründete, oder auf Trägheit eine Schwierigkeit zu überwinden. Echt-Deutsche Romane sind daher diesen Nationen unübersetzbar. Ich mögte wohl wissen wie sich der Engländer die Verachtung ausdrücken wollte, die das Er mit sich führt, wenn ein Vorgesetzter zu jemanden, zu dem er sonst im Dienst Sie zu sagen pflegte, nun da er ihn auf einem Betrug ertappt, mit Er anredet, das kaum vor der völligen Überführung angeht und schon zur Strafe gehört. Oder wenn Leute von Stand in Streit geraten, und einer den andern fragt: hör er was will er? oder von der andern Seite das liebreiche scherzende Er zwischen Personen die sich gewöhnlich duzen, ferner die mannigfaltige Treuherzigkeit in unserm Ihr? Ja selbst das seelenverbindende Du, wenn es zumal zwischen Personen von verschiedenem Geschlecht aus dem Sie erwächst, ist für ihn verloren, denn sein Thou ist entweder feierlich wie im Gebet, oder dichterisch oder drolligt oder quäkerhaft. Er muß sich mit Umschreibungen helfen, aber das Umschreiben haben wir alsdann entweder zu gut, oder können es im Fall der Not auch, so gut als die Ausländer und die Wilden. Es läßt sich aber besser denken, als schreiben oder lesen. Es ist überdem leicht und überhaupt von seltnem Gebrauch, es wäre denn, daß eine einmal zu einem wichtigern Zweck aufgeführt würde, und nur die Bedenkzeiten der andern Personen mit solchem Spiel unterbräche, oder auch sich selbst Herz damit zu geben etwas, ohne sich mit Mienen zu verraten, entweder zu sagen oder anzuhören . Überhaupt ist ihnen eine Gesprächigkeit von der Art derjenigen, durch die das Capitol gerettet wurde, sehr eigen, hauptsächlich wenn sie einmal das Heiraten aufgegeben und sich entschlossen haben sich in einer Familie auftrocknen zu lassen. Im Schreiben sind die meisten würklich unnachahmlich. Mein geehrtestes vom 15ten dieses; Ich verbleibe Dero Hochedelgeborne Dienerin. Da sehen wir uns mündlich. Wenn sie jetzt keine Zeit haben so sehen wir uns im Dunkeln am Fenster. Eine schrieb: Ich weiß wohl es kömmt alles daher, weil ich einmal den Willen des Herrn nicht tun wollen. (Sie meinte dem Herrn vom Hause nicht zu Willen sein.) Es ist Schade, daß man dergleichen Briefe so selten zu sehen bekommt, sie haben würklich meistens etwas Auszeichnendes, und unterscheiden sich von Briefen gleich unstudierter Mannspersonen sehr. Man sollte glauben ein besondrer Genius wache selbst über ihre Schreibfehler: Die kleine Fröhlen ist ganz von den Pocken verschönt worden (verschändt), statt Kniee schreiben die meisten Keine , doch weiß ich auch daß eine Dame ein Keinstück statt Kniestück schrieb. In einer gewissen großen Stadt (vermutlich in mehrern) sollen sie sogar gelehrte Briefwechsel führen, und ein paar solcher Briefe sind mir versprochen. Auch sollen sie da mitunter keinen Teufel mehr glauben, nämlich so lange sie gesund sind, und das Licht brennt und es nicht donnert. Wie sehr wohl und leicht sich eine bei ihrer Atheisterei befunden haben muß, kann man aus einem Brief an ihre Freundin sehen, worin sie ausdrücklich sagte: sie danke Gott alle Morgen auf den Knien (vermutlich auf den Keinen) dafür, daß er sie zur Atheistin habe werden lassen. Die Postskripte zu ihren philosophischen Briefen, handeln von Bändern, Spitzen, Schuhen etc. Ich muß hier beschließen, weil ich, wie der Leser sehen wird, schon beträchtlich über die gewöhnliche Seitenzahl eines Magazin- Stücks hinweg bin. Ich füge aber demohngeachtet, weil es auf dem Titul versprochen steht, das Kupfer des Herrn Chodowiecki bei, worüber ich im nächsten Stück etwas sagen werde. Gnädigstes Sendschreiben der Erde an den Mond Unsern freundlichen Gruß zuvor, sonst lieber getreuer etc . Es wird Euch hoffentlich nicht befremden, daß Wir diesesmal Unsrer Gewohnheit, in Unserer uns angestammten, lieben Muttersprache, nämlich dem Hebräischen, mit Euch zu konferieren, entsagen, und deutsch schreiben. Wir haben dieses für dienlich erachtet, teils, weil die Sache, die wir Euch zu kommunizieren haben, nicht sowohl kosmisch und universal, als vielmehr literarisch und partikular ist; teils auch weil sie besonders Unsere vielgeliebten Deutschen angeht, über deren Angelegenheiten, seit ihrer Verfeinerung, es sich so wenig hebräisch denken und schreiben läßt, als über Unsere und Eure Marschroute um die Sonne in der Sprache meiner unerzogenen Yameos, die nicht auf drei zählen können. Es kann, oder sollte wenigstens Euch, als Unserm Nachbarn und Vasallen nicht unvergessen sein, wasmaßen Wir seit Unserer Thronbesteigung und glorreichen Regierung Euch beständig mit Gnadenbezeugungen überhäuft haben, wogegen Eure Uns zwar pünktlich geleistete, aber immer an sich unbeträchtlichen Dienste keinesweges gerechnet werden mögen. Kraft des Euch zugeflossenen Dekrets sub dato den ersten Jänner anno I. A. C. N. haben Wir Euch zu unserm Reichsgroß-Laternenträger und ersten Leibtrabanten allergnädigst bestellt, und Ihr habt, was das letztere anbetrifft, Euch so verhalten, daß Wir gnädigst eingestehen, wir würden uns höchsten Orts einer Gnädigen Lüge schuldig machen, wenn wir sagten, Ihr seid darin untreu verfahren, maßen Uns Ihr auch nicht ein einzigesmal den Rücken gewandt. In Betreff aber des Reichsgroß-Laternenträger-Amts, sei es Euch huldreichst unverhohlen, daß Ihr dasselbe gleich anfangs in meinen besten Staaten ziemlich ökonomisch (um uns jetzt aller minder huldreichen Ausdrückungen zu entheben) verwaltet, und Euer Licht oft verlöschen lassen, wenn es am nötigsten war, und dadurch nicht selten Anlaß zu allerlei Konfusionen, und allemal ein böses Exempel gegeben habt. In Eurem Archiv wird sich noch ein deshalb an Euch in dem ersten Jahre Unserer Regierung ergangenes gnädigstes Moratorium befinden, worin Wir Euch ein solches in gnädigst derben Ausdrücken verwiesen. Als Ihr aber augenscheinlich den Starrkopf und gewissermaßen den Mann nach der Uhr zu machen anfingt, so haben Wir huldreichst , nach reiflicher Überlegung und in Rücksicht auf Euren anderweitigen Diensteifer nachgegeben, und in Unsern Hauptstädten Gassen-Laternen anzulegen geruhet. Allein hiermit ist dem Übel, der großen Kosten ohngeachtet, noch gar nicht gesteuert. Denn leider folgen eben diese Gassen-Laternen jetzt nur zu oft Eurem leidigen Beispiel, und haben Neulicht, wenn sie entweder volles haben oder doch im letzten Viertel sein sollten. Und was Wunder? Wenn das große Reichs- Nachtlicht es so macht, was soll man von den Reichs-Nachtlichterchen sagen? Sollen wir sie etwa beständig jahraus jahrein brennen lassen? da kostete uns die Finsternis mehr als das Licht. Oder soll ich studierte Lampenwärter halten, die dieselben nach den Epakten und photometrischen Grundsätzen anstecken? Oder den Astronomen, die nunmehr um die profitable Astrologie gekommen sind, etwa dafür den profitabeln Gassenlaternen Pacht übertragen? Was? – – Weiter. Wir suchten Euch durch Güte zu gewinnen, und übertrugen Euch die Aufsicht über unsern großen Salzwasser-Vorrat und dessen täglich etzlichemal nötige Rüttel- und Schüttelung, und über das noch in unserm höchsten Wind und Wetter-Collegio, Sitz und Stimme. Ja Ihr erhieltet bereits vor ziemlicher Zeit, eine Ehre, worüber Euch selbst alle Sonnenheere beneiden könnten, nämlich mit Zuziehung der Sonne die Zeit des Osterfestes zu bestimmen. Ob wir nun gleich fürs erste Euch in dem Besitz derselben zu lassen gedenken, so können Wir doch gnädigst nicht ganz in Abrede sein, daß uns jener Schritt, wegen der sonderbaren Art, womit Ihr Euch dabei betragen habt, in etwas nach gerade zu gereuen anfängt. Sagt wart Ihr, Starrkopf, nicht Ursache, daß meine gescheutesten Kinder, ich meine die Christen, einander fast auf eine recht unchristliche Weise sich darüber in die Haare geraten wären? Und hätten meine lieben Protestanten, die noch dazu recht hatten, nicht nachgegeben, so hätten in den gemischten Städten, die doppelten Ostern und Pfingsten natürlich auch doppelte dritte Feiertags-Andachten auf den Wirtshäusern und Krügen nach sich gezogen. Hieraus wären natürlich doppelte gelehrte Disputen zwischen Fleischer-, Schuh-, Müller- und andern Knechten entstanden, woraus denn notwendig ein reziprokes Satyrisieren, Prügeln und Mores Lehren gefolgt sein würde, erst mit dem Stuhlbein und der Faust, dann mit der Flinte und dem Zeigefinger. Ja man hätte, wie es gewöhnlich geht, die Sache endlich wohl gar aufs große Spiel gesetzt, und um zu sehen wer Recht hätte, mit 24 Pfündern nach Regimentern gekegelt, und so hätten leicht 100 000 meiner Kinder in die Grube fahren können, um was auszumachen? – – die Zeit, wann ihr Erlöser aus derselben auferstanden ist. Seht solche Sachen macht Ihr. Allein dem Himmel sei tausendfältiger Dank, dieses hat nun nichts mehr zu bedeuten. Aber glaubt ja nicht, daß damit Euer Oster-Unfug ganz gehoben ist; Ihr reguliert die Messen der Kaufleute, und weil die Gelehrten unter den Kaufleuten stehen, so zerfallen daher die semestria academica öfters in zwo so unbrüderliche Hälften, daß man glauben sollte ein Kaufmann hätte sie zwischen sich und einem Gelehrten geteilt. Sie verhalten sich nämlich fast wie 5 zu 7 und sind also wirklich in dem Fall der beiden algebraischen Schäferinnen, deren eine noch ein Schaf von der andern verlangte, um noch einmal so viel zu haben als sie, da es doch vernünftiger gewesen wäre sie hätte jener eins gegeben, so hätten sie beide gleich viel gehabt. Durch diese ungerechte Teilung geschieht es dann, daß z.E. die Pandekten, die ohnehin schon doppelte Zeit fressen, endlich, wenn es mit ihnen zu Ende geht, gleichsam als fräße der Tod aus ihnen, dreifache ja vierfache Portion verlangen, und den gutherzigen mathematicis und philosophicis, quasi ðáí äå÷üìåíáé , alles vor dem Mund wegnehmen. Daher es dann kommt, daß selbst das Studium des Rechts, (von der Ausübung wollen Wir gar nicht einmal reden) schon mit Unrecht tun anhebt; diese digesta in allen andern Dingen indigestionen nach sich ziehen, ihr subtiles Babel über das ganze Leben verbreiten; das Sprüchwort daher wohl recht hat: summum Jus summa injuria. Dem ohngeachtet ließen Wir mit Unsern Gnadenbezeugungen nicht nach, und erhüben Euch von einer Ehrenstelle zur andern. Erst neuerlich haben Wir Euch, wie Ihr wißt, zum Wegweiser für die Schiffe bestellt, und da Ihr Euch in der neuen Charge ziemlich gut betrüget, Euer fürwahr nicht sehr reizendes Warzen-Gesicht von Unserm nunmehro verstorbenen ersten Hofmaler, Tobias Mayer malen, und nachher in Kupfer stechen lassen, welches Bild Euch gleicht wie ein Tropfen Wasser dem andern. Ja lange vor dem Quinquennio physiognomico haben Wir, so oft Ihr Euren Schatten auf Uns warft, Eure Silhouette auffangen und zeichnen lassen, welches in der Tat viel ist, da Wir nicht glauben, daß Ihr der Unsrigen, ob Wir Euch gleich öfter dazu sitzen, eine solche Ehre habt angedeihen lassen. Ferner haben Wir Euch einige Ehrenbezeugungen, worüber in Uns, wenn Wir wären wie andere, ein höchster Neid hätte entstehen mögen, gerne gegönnt, nämlich daß Euch einige Unserer unerzogenen Kinder göttliche Ehre erweisen und Euch anbeten, wie die Sonne, während als Wir, ihrer aller Mutter, Unsern gnädigen Rücken zum Knieschemel hergeben. Wir tun dieses den guten Kleinen zu Liebe, und hoffen sie werden es ohnehin lassen, wenn sie älter werden, und an Verstand zunehmen. Man hat sogar nach Eurer Gassenlaterne Jahre geordnet, welches Wir Euch um so weniger mißgönnen, als es von Leuten geschieht, die Euch heut zu tage wenig Ehre mehr bringen. Auch hat man Euer Wappen zum Zeichen des zweitedelsten Metalls, Wir meinen des Silbers genommen, während als man das Unsrige zu Bezeichnung des unedlen Antimonii gebraucht. So klein aber auch diese Umstände an sich scheinen mögen und müssen, so haben sie doch vermutlich nicht wenig dazu beigetragen, Euren stolzen Sinn noch mehr zu heben, und Euch glauben zu machen Ihr seid selbst eine Sonne, in allen Stücken ihren beständigen Affen zu spielen und Euch Dinge in den Kopf zu setzen, die für Euch viel zu hoch sind, und die Wir daher, ohne Uns vor allen Planeten lächerlich zu machen, unmöglich ungeahndet lassen können. Dahin rechnen Wir einmal , daß Ihr Euch mit unerhörter Verwegenheit, ja frevelhafter Frechheit habt beigehen lassen Euch in Unsere, und namentlich die deutsche Literatur zu mischen, und gleichsam als ein zweiter Phöbus, Dichter zu begeistern, Oden zu singen, Trauerspiele fertigen zu lassen, Romanen zu inspirieren, und damit der Sonne nicht wenige der edelsten Seelen abwendig zu machen. Für das zweite werdet Ihr nicht leugnen können, daß Ihr, um hierin sicherer zu gehen, bei meinen guten Deutschen, recht hinterlistiger Weise Euch einen Mannsnamen erschlichen und Euch gegen den Gebrauch aller Völker nunmehr öffentlich Der von ihnen titulieren laßt, ja es sogar dahin gebracht habt, die Leute glauben zu machen unter Euch beiden sei die Sonne die Frau, da es doch jedermänniglich bekannt, daß Ihr nichts seid, als ein bloßes Weib. Schrieben Wir in einer andern Sprache an Euch, so wollten Wir Euch dieses deutlich zeigen, da Wir aber einmal deutsch schreiben, so wollten Wir fürwahr lieber Herr Jäsus und gebena, stehena schreiben, als die Monde und der Sonn . Drittens sagt, habt Ihr nicht, bloß, weil sich die Sonne in Frankreich einen Stil eingeführt, den man dort nach ihr Phebus nennt, aus Nachäffung, auch einen in Deutschland zu erschleichen gesucht, den man Laune nennt. Ihr getraut zwar nicht, wie die Sonne, denselben schlechtweg nach Euerm Namen Lune oder Luna zu nennen, aber daß das ganze Euer Werk ist, sieht man gleich aus dem Lunatischen (so müßt Ihr sprechen guter Freund) das darinnen herrscht. Aber glaubt mir nur Phebus ist Schwulst und Lune ist Dörrsucht. Da Wir Euch einen Einfluß auf die Lunigte, die sogenannten Mondsüchtige allerdings verstattet haben, dürft Ihr deswegen gleich Dichter und Philosophen aus ihnen machen. In Unserm Kontrakt steht kein Wort von einer gelehrten Bank im Tollhaus. Rechnet Ihr etwa darauf, daß Euch einige neuere deutsche Dichter von der verliebten Bank bei nächtlicher Weile anbeten? Mein lieber Mond, laßt Euch durch dieses affektierte Gewinsel dieser warmen Seelen nicht blenden, sie tun es nicht aus Empfindung, sondern bloß weil es die wärmeren Ausländer vor ihnen getan haben. Ihre Ausdrücke sind wie die der meisten ihrer Brüder von außerhalb eingeführt, und kein einheimisches Produkt; sobald ihnen dieses genommen wird, so können sie so wenig Gedanken und Ausdrücke liefern, als ihre Äcker Pomeranzen oder Gewürz. Was Unsere Deutschen von Herzen sprechen gleicht ihrem Rheinwein und Pumpernickel, gesund und derb aber nicht süße. Wären ihnen solche Prosopopöien natürlich, sie würden sie mehr abändern. Die wahre Empfindung findet immer ihren eignen Weg, und trifft sie je eine bereits gebahnte, so geschieht es selten ohne eine neue Bezeichnung. Und daß sich irgendjemand bei Euch an seine entfernte Geliebte erinnert, ist denn das so was Außerordentliches? Wir können Euch gnädigst versichern, daß man Uns gesagt hat, jede alte Kirchspitze, wobei das Mädchen lebt, oder von welcher man nur eine andere sehen kann, bei der es lebt, reflektiert ihr entferntes Bild weit herzlicher in die Seele, als Euer kahles, kaltes Allerweltsgesicht. Auch sind die Verliebten, die Euch auf diese Weise anbeten, gar nicht sonderlich beim eigentlichen Frauenzimmer geachtet, sie lesen das affektierte Gewinsel wohl, aber im Herzen unterscheiden sie sehr richtig, um Uns eines Bergmännischen Ausdrucks zu bedienen, zwischen dem Amanten von der Feder und dem Amanten vom Leder . Ihr sucht, wie Diogenes, mit Eurer Laterne Weisen, und denkt sie gefunden zu haben, aber glaubt Uns auf Unser Wort, was Euch so stille hält, sind bloß ein Paar Lerchen und ein Paar Hasen die Ihr zum Gebrauch derjenigen blendet, die dieselben zu speisen belieben. Ferner verrät es in Euch einen, Wir wollen nicht sagen verdrüßlichen Grad von Ignoranz, aber doch von unbändigem Hochmut, daß Ihr Euch habt beigehen lassen zu glauben, weil Ihr etwa Anlaß zu den 12 himmlischen Zeichen gegeben, und hier und da die 12 Stücke einer Monatschrift, ein paar Kopfsteuern und französische Stunden dirigiert, Ihr seid schlechtweg der Erfinder und Schutzpatron alles was nach Dutzenden, kleinen Brüchen von Dutzenden, oder multiplis derselben geht. Sagt mir ums Himmelswillen was habt Ihr mit den zwölf Stämmen Israels zu tun, mit den zwölf Leuchtern in der Offenbarung Johannis, mit den zwölf Kaisern im ersten Saeculo, mit den zwölf Aposteln, mit den zwölf kleinen Propheten, mit den zwölf Arbeiten Herkulis, mit den zwölf Zollen im Fuß, und mit dem beliebten Duodez, und unsern zwölf Piecen im Taler, und zwölf Pfennigen im guten Groschen? Was? Habt Ihr auf diese auch ein Recht? Fürwahr niemand als eine solche eingebildete, abhängige Duodez-Sonne, wie Ihr, kann sich solche Torheiten einfallen lassen. Und doch gründet sich, wie Wir von guter Hand wissen, auf diese Eure schnöde Einbildung der bittere Haß, den Ihr gegen das Göttingische Magazin traget; weil sich dasselbe gar nicht nach Eurem lächerlichen Dutzend-System richtet und bald herauskommt, wann Ihr wacht, und bald wann Ihr schlaft. Gesteht uns nur frei heraus seid Ihr es nicht, der einigen Leuten eingegeben zu sagen es sei nicht so unterhaltend als andere Monatsschriften (warum nicht lieber schlechtweg Mondsschriften); es sei keine Abwechselung darin und überhaupt viel zu gelehrt, und außerdem schrieben die Herausgeber die Göttingischen Commentarien aus, und ließen, was das ärgste wäre, auf diese Weise nicht bloß den Leser, sondern den Verleger doppelt bezahlen. Seht, lieber Mond, wärt Ihr nicht unser alter treuer Vasall und Freund vom Haus, so würden Wir in irdisch-angestammter Huld nicht ermangeln Euch zu erkennen zu geben, wasmaßen Uns höchsten Orts allmählig bang zu werden anfange; daß Euch, über der langen Aufsicht über die Unklugen, allmählig selbst der Kopf etwas zu schweben und Euer kleiner Ideen-Vorrat auf eine seltsame Weise aus- und durcheinander zu gehen anfangen möge. Wir wollen aber indessen gnädigst hoffen und wünschen, daß so etwas nicht statt habe, und Euer Urteil bloß deswegen seltsam aussehe, weil es das Urteil eines Laternenträgers ist, der in der Literatur leuchten will, welches Ihr sodann, Eurer eignen Ehre wegen, künftig unterlassen werdet. Wir bekümmern Uns zwar höchsten Orts überhaupt wenig um Magazine und Monatschriften, und legen nur dann und wann einen Aufsatz aus denselben zum Gebrauch Unserer künftigen getreuen Untertanen in Unserm Reichs-Archiv bei, aber daß ungünstige Urteile den Unschuldigen und günstige den Schuldigen treffen, können Wir unmöglich ganz ungeahndet hingehen lassen. Was erstlich die geringere Unterhaltung betrifft, die Ihre und Eure Schutzgenossen in besagtem Magazin gefunden haben wollen, so hättet Ihr bedenken müssen daß dieses nicht sowohl den Herausgeber als vielmehr Euch selbst beizumessen sei. Hättet Ihr mehr gelernt so würdet Ihr mehr Unterhaltung in Büchern überhaupt finden. Denn daß Euch Märchen, poetische Prose, Hexameter mit erstimuliertem Nationalstolz und Verachtung der Ausländer mehr aus Nachahmung als Überzeugung so sehr behagen, rührt daher, weil Ihr sie versteht, und man sie zu verstehen und zu schreiben, wie Unser lieber Liscow sagt, nichts nötig hat, als seinen Kopf gradezu zwischen die Beine zu stecken und sich seiner eigenen Schwere zu überlassen. Angehend die Abwechselung, so könnt Ihr nicht leugnen, daß Abwechselung sattsam in demselben statt finde, so lange Ihr Mannigfaltigkeit der Aufsätze darunter versteht. Versteht Ihr aber eine Eurem ersten zweiten und dritten Vierteil ähnliche darunter, das heißt erst ein volles Stück und dann hinter drein dasselbe wieder in 29 Stücken, immer schwächer und immer kleiner, so bewahre der gütige Himmel das Magazin vor allem Wechsel. Allein schämen solltet Ihr Euch, die Jahre der magern Kühe in der deutschen Literatur noch völlig zu verderben, und als ein alter Graukopf mit Eurem Einfluß dem Geschmack von Knaben Gewicht zu geben, und Possen zu empfehlen die man allein bei der Dose von schöngeisterischer Ignoranz, die sie gemeiniglich besitzen, erträglich finden kann. Glaubt Uns aber nur, Euer Anhang mag zwar Vergnügen an Werken der Ausländer finden so lange er will; aber daß diese Ausländer Vergnügen an den Ihrigen finden, wird nicht eher geschehen, bis demselben auch Schriften Unterhaltung gewähren, die jedem reimenden, empfindsamen Tropf schlechterdings unverständlich sind. Sie müssen nicht das Werk sondern den Meister nachzuahmen suchen, wenn sie selbst nachgeahmt sein wollen, versteht Ihr wohl? Horazische Oden sind Uns ein Greul, wenn sie nicht aus einem Kopf und einem Herzen stammen, aus denen Horazische Briefe hätten stammen können. Betreffend aber das Ausschreiben der Göttingischen Commentarien, so können Wir gnädigst nicht bergen, daß Wir gerne wissen möchten, erstlich wodurch Ihr zu diesem sonderbaren Gedanken verleitet worden seid, und dann zweitens, wenn Ihr selbst darauf gekommen, zu welcher Stunde des Tages solches geschehen, maßen Wir überzeugt sind, daß eine kurze Nachricht hierüber zugleich die kräftigste Widerlegung Eures Gedankens, und die Ursachen enthalten müßte, warum Wir jetzo ein mehreres davon nicht sagen mögen. Schlüßlich wollen Wir Euch aber hiermit ernstlich, wiewohl freundlichst, ermahnt haben, fernerhin bei Eurem Leisten zu bleiben, und Euch aller dankverdienerischer Geschäftigkeit in Geniesachen gänzlich zu enthalten, und den Original-Köpfen unter Euerm Kommando nicht allein den Gebrauch der Messer, wie bisher, sondern auch der Federn künftig schlechtweg zu versagen. Wir seind Euch in Gnaden wohlgewogen. Gegeben im Krebs den 24 Dez. 1780. Die Erde Prof. Lichtenbergs Antwort auf das Sendschreiben eines Ungenannten über die Schwärmerei unserer Zeiten Ich habe Ihnen, würdiger Ungenannter, eine Antwort versprochen, die im 3ten Stücke dieses Magazins erscheinen sollte; sie erscheint aber, bloß aus einem Versehen von mir, erst in dem gegenwärtigen, weil die 10 Bogen des vorigen, und drüber, ganz wider meine Erwartung, zu der Zeit schon voll wurden, da ich glaubte noch Raum für diesen Brief zu haben. Indessen gibt mir dieser kurze Aufschub Gelegenheit, Ihnen außer dem, was ich damals sagen konnte, auch etwas von dem Eindruck zu sagen, den Ihr Sendschreiben überall gemacht hat. Ich habe darüber Briefe von Orten erhalten, die über 150000 Semidiameter von Göttingen auseinander liegen, und alle erklären es für ein kräftiges Wort, geredt zu seiner Zeit, und geben dadurch den überzeugendsten Beweis ab, wie ausgebreitet diese Seuche ist. Nur denke ich von dem Buch des Erreurs et de la Verité , so wie von der Fortsetzung derselben unter dem Titel Tableau des Rapports entre Dieu et l'homme etwas von Ihnen verschieden. Allein, wenn auch meiner Meinung nach, Ihr Tadel dieses Buch nicht trifft, so sind tausend andere die er trifft, und sich an die Stelle desselben setzen lassen. Ich bat einmal Herrn Dieterich mir doch seinen Vorrat von den neuesten Alchimischen Schriften sehen zu lassen, und er schickte mir fürwahr einen Ballen. Ich habe in meinem Leben noch nicht so viel Nonsense beisammen gesehen; schon die Titel und die einigen beigefügten Kupferstiche sind wirklich betrübt, und ich habe endlich den Pack mit einer Empfindung weggelegt, die ich mich nur ein einziges Mal gehabt zu haben erinnere, und das war als ich nach einem Besuch, den ich den Kranken in Bedlam abgestattet hatte, mich in die Straße stellte, und aus einiger Entfernung meinen Blick auf jenes Jammerhaus warf. Ich glaube auch Bedlam wäre keine unschickliche Benennung für das Zimmer einer Bibliothek, worin man solche Bücher aufbewahrt. Nun kehr ich wieder zu den oben angeführten französischen Werken zurück. Ich weiß es von einem Mann, der einer der aufgeklärtesten Köpfe ist, und so wenig ein Theosophe oder an der Spagirie Kranker als Sie, mein Wertester, oder ich: von diesem, sage ich, weiß ich, daß jene Bücher nichts weniger als Wahnsinn enthalten, Sie haben nur einen allzusehr zusammenhängenden Verstand, den aber nur wenig Leute einsehen. Allein wohlverstanden, tiefe Weisheit ist gar nicht darin, so wenig als in manchem andern mit Chiffern geschriebenen. Sie enthalten weder Metaphysik noch Theosophie, sondern sind geschrieben die sehr weit aussehenden Absichten gewisser Leute of a set designing men steht im Original. zu befördern, deren Endzweck es auch ganz und gar nicht entgegen ist, wenn eine Anzahl von Menschen, welche die eigentliche Bedeutung nicht verstehen, im Suchen nach hoher und tiefer Weisheit in diesen Büchern sich den Verstand schief drehen. Wieder auf die Alchimisten zu kommen. Wäre es nicht der Mühe wert dieses Volk einmal wieder auf die Bühne zu bringen. Es ist freilich schon oft geschehen, aber doch noch nicht so wie es sein müßte. In den Stücken, die ich gesehen habe waren die Züge nicht gedrängt genug, dafür habe ich aber in meiner Jugend ein paar Leute gekannt, bei denen waren sie desto gedrängter. Sie waren beide herzensgute Leute, dienstfertig, in ihrem Amt tätig und getreu, und der größten Freundschaft fähig. Nur auf die Geistlichkeit hielten sie nichts, das war ein Fehler, aber dafür desto mehr auf den roten Löwen und die Zahl 7, und das war der andre. Auch unterschieden sie sich dadurch von andern, (denn diese Geistes-Krankheit wird immer etwas vom Temperament modifiziert) daß sie ihrem Hauswesen gut vorstunden. Sie glaubten; aber ihr Glaube war nicht tätig, etwa das Lesen solcher Bücher ausgenommen; oder wenn etwas getan wurde, so war der ganze Apparat ein Arznei-Gläschen, das nicht jeder zu sehen bekam. Der eine hatte sich zum Tobaksstopfer das Zeichen des Mars und der Sonne gewählt, nämlich Mars war der Stiel und mit der Sonne wurde gestopft. Der andere bekam eine Blase auf der Zunge, die er aus dem heimlichen Gläschen heilen wollte, und zog sich einen Krebs zu. Anstatt nun einen Arzt zu befragen, setzte er sich ruhig vor einen Spiegel nieder, als wenn er sich rasieren wollte, und schnitt sich mit dem kaltesten Blut ein Stück nach dem andern von der Zunge ab. Er mußte unvermeidlich daran sterben. Ich erinnere mich noch mit dem größten Vergnügen, an einen Abend, da sie sich mit Freuden-Tränen (wenigstens dem letzten wurden gleich die Augenlider rot wenn er vom Stein der Weisen oder der Universalmedizin sprach) und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von methodistischer Salbung in den Mienen, die abgeschmacktesten Historien erzählten und sich ihre Hoffnungen wechselseitig stärkten. Z.E. von geringen, schlecht dahergehenden Männchen, die Gold und Silber zentnerweis an die Münzmeister von Deutschland lieferten; von der Wichtigkeit der siebenten Stunde des siebenten Tages im siebenten Monat, und hundert Dinge, so einfältig, daß man sich schämt sie auch nur im Scherz zu erzählen. Ich glaube der eine, (der mit dem Tabaksstopfer) wäre morgendes Tages gestorben, wenn er Hoffnung gehabt hätte dafür sein Leben im Jahr 7777 ausleben zu können. Das angenehmste aber war, sie differierten zuweilen doch in Meinungen, und widerlegten einander; falsche Sätze mit falschen Sätzen und Träumereien mit Träumereien . Für einen, der über beide lacht, kann nicht leicht etwas Unterhaltenderes gedacht werden, und müßte sich auf dem Theater vortrefflich ausnehmen, wenn es nicht allzu subtil angelegt und mit Handlung verbunden würde. Man müßte aber ja keine eifrigen Disputierer nehmen, keine hitzigen Köpfe, (und das waren auch diese nicht), sondern zwei langsam und leise redenden stillen, wo jeder mit einer Segensmiene, ganz ruhig, aber mit kaum zu verbergender innern Freude, dem andern bei jeder Replik den Gnadenstoß zu geben glaubt. Übrigens waren sie selbst nicht zu bekehren, und ich glaube wirklich es läßt sich einem, dem beide Augen ausgestochen sind, daß Gesicht eher wiedergeben, als einem solchen Menschen die Vernunft. Jedem Einwurf, den man ihnen machte, lächelten sie mit der Miene des mitleidigen Triumphs entgegen, als wollten sie sagen: werden Sie nur erst älter, so wird sich das schon geben. Wenn alles bei ihnen aus einem einzigen falschen Grundsatze, übrigens durch vernünftige Ableitung geflossen wäre, so wäre vielleicht noch Hoffnung gewesen einmal die Nessel auszureißen, aber so hatte sich jeder Satz von den Hunderten, die sie bei der Hand hatten, für sich, wie die Glieder eines Bandwurms, angesaugt, und zehrte an ihrer Vernunft. Allein das glaube ich, daß vielleicht da, wo sie dissentierten einer den andern hätte auf seine Seite ziehen können. Ob ihnen nicht vielleicht durch Inokulation der Grätze, die Herr von Haller gegen die dumme Schläfrigkeit empfiehlt, eine bessere Beschäftigung hätte verschafft, und sie auf diese Weise durch Schabung ihrer selbst zur Selbstbesserung hätten gebracht werden können, lasse ich dahin gestellt sein. Gerechter Gott, was der Mensch ist! Noch muß ich anzeigen, daß sie sehr viel auf Magneten hielten. Als ich den Don Quixote zum erstenmal las, fielen mir diese beiden Männer ein, und ich dachte wirklich damals (1765) auf einen Roman, worin der Held ein solcher Mann wäre. Denn gewiß ist jetzt der wichtige Dienst, den die Bücher zuweilen leisten, Köpfe zu verrücken, von den Ritterbüchern auf die spagirischen gefallen. Es müßte sehr leicht sein den Charakter durch einen Pajazzo wie Sancho zu unterstützen, und ihm durch eine ganz an klingender Münze, Küchenfeuer und kulinarischen Versuchen klebende Seele den höchsten Relief zu geben. An Liebe könnte es nicht fehlen, denn durch die geheimen Fläschchen werden auch Herzen geschmolzen. Ein solcher Roman würde zugleich ein Roman für Europa werden. Allein ich fand es doch schwer dem ganzen hinlängliches Interesse zu geben, und ich habe mich also auf einen so ungewissen Erfolg hin, nicht überwinden können, die fürchterliche Sprache zu studieren, die gemeiniglich diese Leute sprechen. Ein herrlicher Zug ist folgender: in England hat neulich einer bewiesen, der König von Frankreich sei das gehörnte Tier in der Offenbarung Johannis Kap. 13 v. 18. weil seine Zahl 666 sei, und in der Tat gibt LVDoVICVs 666. Wenn ich ein Paar hundert solcher Züge hätte, so machte ich mich noch daran. Aber wo erhält man die? Man müßte sich unter sie mischen, und in einer solchen Luft glaube ich, erlebte die gesundeste Vernunft nicht den Lohn ihrer Arbeit. Da Sie von diesen schleichenden Goten und Vandalen reden, so muß ich Sie noch mit einer andern Art näher bekannt machen, die öffentlich, und immer mehr und mehr Deutschland überziehen, und das sind die schönen Geister; die Leute, die wissen was in jedem Journal-Winkel versteckt liegt, jedes Stück kennen, was bei dieser oder jener Bühne gegeben worden ist; wo und wenn und worin eine Schauspielerin debütiert, wer neuerlich gekämmt worden ist, wen man gebürstet , wen man das Fell gegerbt hat, wen man gestriegelt ; wen man durch- und mitgenommen , und wen man eine unangenehme Stunde gemacht hat. (Sehen Sie, es hat alles seine Kunstwörter). Jene großen Durchblätterer kleiner Bücher, bei denen immer der Mund übergeht, wovon das Herz nicht voll ist. Die von poetischem Eifer für die Tugend, für das Vaterland und für die Notleidenden glühen, ohne tugendhaft, ohne Patrioten, und ohne wohltätig zu sein. Denn in der Tat kann jener Eifer ebenso leicht ohne die eigentliche Kraft bestehen, wovon er den Schein hat, als poetische Liebe mit Impotenz. Betrachten Sie einmal den allgemeinen Hang der Jugend für poetische Blumenlesen, und das Theater zu arbeiten und Romane zu schreiben. Die Verblendung dieser guten Leute geht gewiß sehr weit, sonst würden sie gewiß nicht ihr Lieblingsgeschäfte aus Bemühungen machen, worin es nicht allein sehr schwer ist, groß zu werden, sondern auch schimpflich , mittelmäßig zu sein. Gewiß ist unter allen mittelmäßigen Dingen der mittelmäßige Dichter das elendeste. Ich kann mich irren, allein ich glaube, daß Erzieher nicht genug auf die Erstickung dieses Hangs, der meistens eine gänzliche Impotenz des Geistes in spätern Jahren nach sich zieht, Rücksicht nehmen können. Ist er unwiderstehlich, alsdenn los damit. Ovid, Wieland und Voltaire und Pope würden Dichter geworden sein, und wenn der Staupbesen darauf gestanden hätte. Allein man sehe auch hin was sie gemacht haben. Welche Nation und welches Zeitalter, mögte man fragen, haben etwas den Stanzen im Oberon Ähnliches aufzuweisen, zumal den Schilderungen weiblicher Schönheit in demselben? Sehen Sie hingegen wie alle ernsthaftere Studia vernachlässigt werden. Sonst hörte alles praktische Geometrie, eine der angenehmsten Wissenschaften, dem Leib so heilsam als der Seele. Jetzt wird sie nur von wenigen getrieben, und darunter hauptsächlich noch von Offizieren. Mancher, dem es in der Welt zu nichts nützt, lernt reiten der Motion wegen, warum verschafft er sich nicht auch nützliche Kenntnisse, und übt er nicht auch seinen Verstand der Motion wegen? Plato sagt: wer nicht weiß , daß die Seite und Diagonale eines Quadrats inkommensurabel sind, ist eine Bestie. Heutzutage wimmelts von alten Bestien, die nicht einmal wissen, was ein Quadrat ist, wenigstens nicht das Quadrat einer Zahl. Bedenkt man dabei wie alles über Physiognomik herfiel, wie alles silhouettierte, daß man fürchten mußte, die Porträtmalerei, die zu Korinth mit einer Silhouette anfing, würde in Deutschland mit einer aufhören; wie durch ein unnützes Orthographeln es endlich dahin kommen wird, daß wir gar keine Orthographie mehr haben. Wie noch immer von Empfindung plaudern verwechselt wird mit sprechen aus Empfindung; wenn man die Leute sieht denen so recht wohl wird, wenn sie sich so unter guten Menschen befinden, denen es so leicht, so weit um die Brust wird, wenn sie über sich rollen sehen den Jupiter und alle Planeten; so sollte einem wohl die Gedult ausgehen. Ein gefühlvolles, freundschaftliches Herz ist das größte Geschenk womit der Himmel einen Menschen beglücken, hingegen der Kützel immer davon zu skribbeln, und sich in diesem Geskribbel groß zu dünken, eine der größten Strafen die er über ein schreibendes Wesen verhängen kann. Das Mehl her und nicht die Mühle, sagt Möser. Bedenkt man außerdem unsere Messiasgeschichtchen; daß wir neben Rosenkreuzer auch Rosenfelder haben S. die Berlin. Monatschr. 1783. 1tes St. Daß Jacob Böhm neu aufgelegt worden. Daß der verstorbene Bischof zu Paderborn, den Knochen des heil. Liborius 1400, einem Gnadenbildchen zu Verne 1700 und den Armen an barem Gelde 000 Taler vermacht; wie Herr Jost, Pater und Schurke in Bayern, die Inquisition eingeführt wissen will. Wie alles für Kinder schreibt, ***phien für Kinder, ***gien für Kinder und ***icken für Kinder, und darüber die Männer vergißt Ich habe im Ernst gehört, daß jemand vorhat, eine Hebammenkunst für Kinder zu schreiben. : so sieht man wohl die Stunde ist gekommen, und alles ist reif für einen Mann, der Juvenals Geißel ergreift, und darunter haut, damit Joseph Platz findet, wenn er dahin kommt. Ein Freund von mir, viel zu bescheiden um auch nur den entferntesten Anspruch auf ein solches Verdienst zu machen, arbeitet wirklich an einem Gedicht, das wenigstens einen ähnlichen Zweck hat, und Nutzen stiften kann. Ich habe Erlaubnis einiges daraus bekannt zu machen, und ich kann es nicht schicklicher tun, als am Ende dieses Briefs. Er wünscht zu erfahren, ob man ihm Stärke genug zutraut, und dazu mögen folgende Proben hinlänglich sein. So viel muß ich Ihnen sagen: die besten Stellen im Gedicht sind die Charaktere gewisser Personen, die ich noch nicht bekannt machen darf. Hier ist der Anfang, und einige einzelne Stellen. Si natura neget facit indignatio versum. Nein! länger schweig ich nicht, fürwahr, das geht zu toll, Mein Mitleids-Quell versiegt, und euer Maß ist voll. Dies war Germanien? – Das mit noch starker Hand Vernunft zum Thron erhob und Rom in Fesseln band? Wo einst, nach langer Nacht, die die Natur verhüllte, Von ihrem Thron verdrängt, den Aberglaube füllte, Als Gott dem Licht befahl und: Kepler werde , sprach, Der Lehrer Newtons ward, und so durch Keplern Tag? Wo Leibniz-Oedipus Verwandtschafts-Rätsel löste Von Seele und von Leib von Braunschweig und von Este? Das, wenns bei Spiel und Wein auch Zeit und Licht vergaß, Die Flucht von Licht und Zeit auch wieder nüchtern maß? Der Verfasser zielt hier auf Römers Entdeckung von der allmähligen Fortpflanzung des Lichts, und auf die Erfindung der Taschenuhren. Dafür, daß Flasch' und Faß es oft geleert mit Schwelgen, Auf Fässer Donner zog und Blitze auf Bouteillen? Die Erfindung des Schießpulvers, und der fälschlich sogenannten Leidenschen Flasche, die bekanntlich einem Deutschen, dem Herrn v. Kleist zugehört. Es, wo einst Faust zuerst des Teufels Schreibkunst fand? Es, Luthers, Guerickens und Dürers Vaterland? Das glaub' ich nimmermehr, die Sphäre ist verdreht, Da stund Moropien, wo jetzo Deutschland steht. Verlorn auf ewig weg, blieb nicht zu seinem Heil, Noch hier und da verkannt, ein Weiser Im Original steht hier ein zweisilbiges nomen proprium das aber vor der Bekanntmachung des ganzen Gedichts, nicht eingerückt werden konnte. ihm zu Teil, Der wie ein Pharus Licht durch dunkeln Sturm verbreitet, Und es vielleicht dereinst zur alten Stelle leitet. O Seht nur wie der Hauf von Kandidaten schwärmt Und alles im Gedräng verfehlten Endzwecks lärmt: Den Teufel trieb und bannt' zu Deutscher Christen Übel Elwangen aus dem Leib und Halle aus der Bibel: Schön, wärs nur aus der Welt, allein durch dünn und dick, Gings in ein grunzend Heer von Säuen und Kritik, Die nun mit Rüsseldrang durch unsre Staaten streifen, Und ehr Vernunft und Witz als wie sich selbst ersäufen. Wo sonst im frischen Grün Weisheit und Tugend stand, Ums Himmels willen seht, da welket jetzt ein Land, Wo vor der Hörner-Zeit sich krit'sche Böckchen stutzen Und jeder Bub' die Nas' ehr' rümpfen lernt als putzen. Seht von dem Rhein zur Spree ist nichts als Sturm und Drang, Gedanken Zolle groß in Wörtern Ruten lang; Die Zeitung ist Pasquill, Journale sind Timore Timorus. Berlin 1773. Eine Satyre, deren Verfasser, nach dem Urteil eines gewissen Rezensenten ins Tollhaus gehörte. Indessen war es merkwürdig, daß der Verfasser herausblieb, hingegen der Rezensent sichern Nachrichten zufolge, bald nach gefälltem Urteil hinein ging. Und jedes Dintenfaß ist Büchse der Pandore. Eine Dame von himmlischer Schönheit, denn würklich hatten sich auch Götter und Göttinnen bemüht, sie mit allem auszusteuren, was schön und reizend war. Jupiter aber, der mit ihr dem Feuerdieb Prometheus einen Streich spielen wollte, gab ihr eine Büchse an ihn, worin alles menschliche Übel eingeschlossen war, als sie nun hinkam, und die Büchse aufmachte, so flogen, so geschwind sie auch dieselbe wieder zumachen wollte, dennoch alle die Plagen und Übel heraus, die man hier und in der Nachbarschaft und überhaupt in der ganzen Welt täglich sehen kann. Und alles, alles zwickt und sticht und beißt und brennt, Von Viper Hofmann an zur Mücke Rezensent. Ein Volk, bei dem noch sonst Wort und Gedanken zweckten, Blökt jetzt ein Kauderwelsch in zwanzig Dialekten. Und spricht nicht jedermann, was kaum der zehnte lernt? Und wird nicht jeder Jung beSchäkspeart und beSternt? Und übt nicht jeder sich am Schwächern in Satiren, So wie Barbierer sich an Bettlern im Rasieren? Vom Thron zur Hütte hin, vom Walfisch bis zum Frosch, Vom Donnerer Homers, zu Eichsfelds Dieux de poche Goldmacher, Henkerknecht, Poeten, Tier und Götter, Und alles findt bei uns Bewunderer oder Spötter. Das Laster wird mit Reiz, Tugend mit Trotz gelehrt, Und so führt man ein Volk, mehr lenksam als betört, Zur Höll am Gängelband zum Himmel bei den Haaren, Ein füchsisch, wespisch, wölfisch, teuflisches Verfahren. – Ein Buch das manchen Kopf vielleicht noch fegen könnte, Sinkt degradiert herab zum Wisch fürs andre Ende; Wenn dorten Fidibus, mit ihren Siegwarts Sünden Den Varinas verschmähn und Mädchen-Herzen zünden. Nun geht er zu den Dichtern über: Mischt Zentner-Ignorenz und Stolz, mit etwas Ohr In einem Bettelsack, gleich kriecht ein Bard' hervor. So wohlfeil ward ein Duns der Vorwelt nicht geboren Duns Midas hatte doch noch Gold bei seinen Ohren. Das Volk das Plato einst aus seinem Staat verbannt Die Dichter Scheint ganz zu uns geflücht't und überströmt das Land. Was kaum noch Prose lallt' will schon in Reimen schwatzen Und alles piept und tschirpt wie Finken und wie Spatzen, Glaubt Ehr' und Name sei bloß Dichter-Eigentum, Ja mancher Sechziger hälts noch für Heldenruhm, Im rauhen Raben-Ton Orakelzeug zu krächzen, Und gar in Liederchen Flickseufzerchen zu ächzen. Der Schöpfung Meisterstück entzieht die weiche Hand Dem Kind und dem Filet, der Küche und dem Band; Von Dichterfeuer warm, mehr als vom Küchenfeuer, Kneipt sie ein Saitenspiel Maultrommel mehr als Leier. Da liegen um sie her ein halbes Epigramm, Ein Musen-Almanach ein Kochbuch und ein Kamm; Bei Nahrung für das Herz, liegt Pulver für die Zähne, Beim Plan zum nächsten Ball, ein Plan zur ersten Szene Von einem Trauerspiel. Werg, Puder, Nadeln, Flor, Lock, Yorick, Filidor, Demanten-Blitz für Ohr Und Haar und Hals, Bons Mots auf Freunde und Freundinnen: Zum Putz für ihren Kopf von außen und von innen. – Von einem Dichter, der sehr brausend anfängt aber bald nachläßt sagt er: Gleich Pindars Genius, seh ich auf Purpur-Schwingen Itzt den berauschten Bard, der Sonne entgegen dringen; Da tobt Horaz in ihm; erstimulierte Kraft Zwängt glühendes Gefühl aus kalter Wissenschaft. Noch braust sein kühner Flug! Horch! noch – noch immer fliegt er, Nun steht er still – ruht – sinkt – stürzt, wahrlich Plumps! da liegt er. Von den häufigen oft ungeschickten Elisionen in selbst ernsthaften Gedichten. Der etc. Zischt schweres st'ts aus stets und näselt n'tt aus nett – So bleibt am Ende gar vom Witz das bloße – Z. O wählt ein besseres Feld wollt ihr auch Lorbeeren holen, Sagt nur was nützt euch denn ein solches Stück von – Polen? Der, stolz auf Silben-Brand und ein Vokalen-Morden Vermählt kastrierten Sinn mit – anglisierten Worten; Dünkt sich erleuchteter je mehr sein Leser tappt, Sein Wort verständlicher je stumpfer er es kappt: So wird manch träger Gaul von deutschem Schweif und Sitten, Durch schöpferischen Schnitt zum Stumpfschwanz und zum Britten. Bei Gelegenheit eines Mannes, der im Gedicht Don Zebra heißt, kastilianisch geht auf der Straße und in Schriften, sagt er: Im Steckbrief, beim Avis, in Akten und Mandaten Im langen Sin – te – mal und Wir – von – Gottes – Gnaden. Im Landrecht, Protokoll, und Haus- und Kirchenbuch, Da ist natürlich gehn noch freilich gut genug. Doch willst du, daß dein Gang Germanien entzücke, So wähl' dir, lieber Mann, die Stelze oder Krücke. Ja jedes Wort fein hübsch gestiefelt und gestelzt Und jedes Hirsenkorn wie eine Welt gewälzt, Um das Gedankchen her pflanz' Korybanten-Chöre Eine Truppe von Menschen, Priestern oder Halbgöttern, es ist gleich viel,die um Jupiters Wiege eine Art von Janitscharenmusik machten, damit Saturn dessen Weinen nicht hören konnte, weil er Neigung bezeigt hatte, das Kind zu schmausen, wenn er es fände. Von Wörtern, daß Kritik den Gott nicht – quieken höre. Stopf' aus wo's fehlt mit Bom und jeden Riß mit Bast , Und stecke Bombast hin, wo sonst nichts anders paßt. Serviere Zoten selbst mit Pracht und Alpen-Prose, Und deinen St. Omer ja aus der goldnen Dose. Zeig alles was du willst, nur nicht Kastratenzwang; Was dir an Mannkraft fehlt, ersetz' stracks durch Gesang. Er gibt die Geschichte eines verzärtelten Dichterlings. Dieser wird zwar schon als Kind in Geometrie unterrichtet aber wie? Hier ist das Examen in Gegenwart der Eltern. Der Lehrer und das Kind sprechen: So komm und sag einmal, mein allerliebstes Heinzchen, Wie viel ist einmal eins? Sprich! »Ein bloßes, kleines Einschen.« Wie witzig und wie wahr! Nun sage mir mein Kind, Wie viel nach dem Euklid im Dreieck Winkel sind? »Sechs.« Gut mein Schätzchen, gut, drei Winkel und drei Seiten, Das sind zusammen sechs, wir sprachen ja von beiden. Nun noch von Winkeln was, komm sag mir einmal an, Wie viel ein Dreieck wohl nun rechte haben kann? »Zwei.« Recht mein Lämmchen recht! Wenn ich die drei addiere So hat das Dreieck zwei, so wie das Viereck viere. O das ist brav gelernt! Nun weißt du noch mein Kind, Wir hattens gestern erst, was Parallelen sind? »O Parallelen sind – sind – Linien die sich schneiden.« Recht – im Unendlichen und zwar zu beiden Seiten. Nun folgt ein Examen in der Geographie, worin sich die Französelchen und die Portugieschen nicht übel ausnehmen, aber wie gehts auch auf Universitäten. Des Geistes Feuer erlischt, stockt, oder schießt in Lieder, Und Impotenz befällt der Seele Zeugungs-Glieder; Dem Venus-Übel folgt das Phöbus-Übel nach Und bricht der Mannheit Rest, den jenes noch nicht brach. Oft hat, was dort entging, noch hier den Tod erlitten, Franzosen wich es aus, allein starb an den – Britten. Hierauf äußert der Verfasser einige freilich etwas eigne Grundsätze. Er denkt nicht, daß man den Kindern alles so sehr spielend beibringen müsse, weil in ihrem folgenden Leben, das Schicksal ihnen allerlei Wahrheit nichts weniger als spielend beibringt und überhaupt eine Abneigung gegen alle schwere Arbeit daraus entsteht. Sie müssen gehorchen lernen. Meintwegen krönet sie bei Pauken und Trompeten, Lehrt Stereometrie an Tarten und Pasteten. Was Strahlenbrechung sei an Wein und Kraft-Gelee, Hydraulik an Liqueur, Orgeade und Kaffee; Was Finsternissen sind, lehrt sie an Apfelsinen, Und Sternen-Bilder Form mit Mandeln und Rosinen; Der Kegelschnitte Schnitt an einem Zuckerhut, Und Hemisphärik gar an Liljen Milch und Blut. Das Streicheln, Schmeicheln, Tun, und Tätscheln hilft euch nichts. Bei Mädchen gehts noch wohl – auf Backen des Gesichts; Bei Buben lob ich mir den Brauch der weisen Insel Ob hier der Verfasser die Insel der Weisen oder bloß Albion gemeint habe, weiß ich nicht. L. , Die malt das andre Paar, switsch! mit dem Birkenpinsel. Jemand spricht von Wiederherstellung des guten Geschmacks durch die Lesung und Nachahmung der Griechen überhaupt. Die ehmals schaffende und lehrende Natur Ist längst zu alt für uns, ein Mittel gibt es nur. Was? Nieswurz? Nein! Pasquill? Nein! Pädagogsche Besen? Nein! Blitz! so sagt es denn! die Griechen müßt ihr lesen . O Jammer! jämmerlich! O Deutschland! O Genie! Nachahmen? Griechen? Was? die Knasterbärte die? Wen meint ihr denn? vielleicht Homer den blinden Schwätzer Dem-Dem-mosth-mosthenes Es wird auf dieses Redners stammelnde Zunge angespielt. und Epikur den Ketzer? Die Flenn-Els Heraklit, den Lachnarr Demokrit; Rotgießer Phidias, Myron den Kupferschmied? Die Stumpfnas Sokrates, den schiefen Alexander Und den Odeumskopf Perikles mit einander? Über den jetzigen Ruhm in Deutschland redet er einen seiner Freunde so an: Freund, deine Wissenschaft, dein Tiefsinn, Fleiß und Müh Kommt 50 Jahr zu spät, und um ein Schock zu früh. Du suchst Ruhm durch Verdienst? da kannst du lange laufen Mein Gott den kannst du ja mit Postgeld leichter kaufen. Wenn einer dicht' und kriecht und Briefe schreibt so ist er Horaz und Pop' so leicht als Doktor und Magister. Drum beuge nur dein Haupt in untertän'ger Tiefe, Vor dem, der ihn schon hat, und schreib – frankierte Briefe. Willst du wohl wetten? – Top! – für hundert Taler Banko, Liefr' ich dir deutschen Ruhm bis 1800 franko. Und billig, zehne nur für einen Monat Kost, Und noch zehn fürs Papier und achtzig für die Post. Steigt man denn bloß zum Ruhm, kann man nicht in ihn sinken? Läßt sichs zur Ewigkeit bloß gehn und nicht auch hinken? Hinauf, hinab, gleichviel, die Nachwelt sieht es doch, Preist Cäsarn auf den Thron wie Curtius im Loch. Ich wünschte, daß ich Ihnen noch einige Schilderungen von Mode-Torheiten abschreiben könnte, allein ich muß hier schließen, um dem in der Vorrede erwähnten Gedicht auf die Belagerung von Gibraltar Platz zu machen, dessen Verfasser ich mir fast zu erraten getraute, aber nicht nennen darf, weil er sich mir nicht genennt hat. Nur hat er gemeldet, daß es die Frucht einiger wenigen schlaflosen Nachmitternachtsstunden sei. L. Simple, jedoch authentische Relation von den curieusen schwimmenden Batterien, wie solche anno 1782 am 13. und 14. Septembris unvermutet zu schwimmen aufgehört, nebst dem, was sich auf dem Felsen Calpe, gemeiniglich der Fels von Gibraltar genannt, und um denselben, sowohl in der Luft als auf dem Wasser zugetragen. Durch Emanuelem Candidum, Candidat en Poësie allemande, à Gibraltar   Vorbericht, den man vorher lesen muß. Der Verfasser erzählt nicht die ganze Geschichte der Belagerung, sondern wirft sich, wie man sagt, gleich an das Ende der Begebenheiten, indem er voraussetzt, daß das meiste seinen Lesern eben so gut bekannt ist als ihm. Calpe heißt bei ihm immer entweder der Fels, an dessen Fuß Gibraltar liegt, oder Gibraltar selbst, welches diejenigen wohl merken müssen, denen unbekannt ist, daß dieser Fels würklich ehmals Calpe geheißen. Dieser und ein ähnlicher Fels in Afrika, ihm grade gegen über hießen die Säulen des Herkules, und auch diese Benennung kommt im Gedicht vor. Den Namen Elliot hat er zuweilen drei- zuweilen zweisilbig gebraucht. Diese Freiheit wird den Leser nicht hindern den Vers fließend wegzulesen. Ersteres gebietet zwar die Natur der Sache, da das Wort würklich dreisilbigt ist, letzteres hingegen entschuldigt wiederum die geschwinde Aussprache, da man nur zwei Silben hört. Genaue historische Richtigkeit, zumal im Detail, wird man von einem solchen Gedicht nicht verlangen, da man sie heutzutage kaum einmal von einem Geschichtschreiber verlangt. Candidus     I       Don Alvarez Don Martin Alvarez von Sotomayor, führte die Belagerung von Gibraltar drei Jahre, nämlich vom Sommer 1779 bis in den Sommer 1782, da er von dem Herzog von Crillon abgelöset wurde. lag jämmerlich, Bloß der Belagrung wegen, So lang vor Calpe, daß er sich Fast hinten durchgelegen: Das macht, der Felsen ist fürwahr Ein rechter Demant in dem Haar Der Jungfer von Europa.   2       Er grub und zeichnete und schoß, Und macht' viel Zubereitung. Doch gabs am Ende nichts als bloß Artikel in die Zeitung. Denn Er verstund 's Belagern schlecht Und Elliot 's Kap'tuliern nicht recht: So ward nichts aus der Sache.   3       Nun kam Crillon, der Wundermann, Durchs enge Meer gekrochen. Da ward entsetzlich viel getan, Doch noch viel mehr gesprochen. Belagert hatte man nun zwar In zirka schon 3 ganzer Jahr, Doch noch nicht angefangen In allen Zeitungen stund, so bald der Herzog von Crillon im Lager ankommen würde, sollte die Belagerung angehen. .   4       Nun fing man an mit vollem Lauf. Zehntausend Zentner Pulver Und Eisen gingen täglich drauf; Ganz Spanien roch nach Sulpher; Die Erde bebte vor Crillon, Man sagt er hab' von Lissabon Die Stöße kommen lassen.   5       Die Pendeluhrn zu Malaga Am mittelländischen Meer nicht weit von Gibraltar. Die wollten nicht mehr gehen. Und in ganz Andalusia Namen der Provinz in welcher Gibraltar liegt. Wollt' keine Mausfall' stehen. Die Schornstein selbst sahn rund herum, Sich schon nach Menschenköpfen um, Um sich darauf zu stürzen.   6       »Elliot du und dein Felsendamm Sollt morgen unterliegen, Der jüngst, sprach er, Minorka nahm Wird hier auch können siegen. Darauf hol' ich mir Jamaika, Dann 's Königreich Hibernia, Und dann – dann gehts – nach London.«   7       Doch ward durch Pulver, und durch Stoß Kein Quartblatt Land erhalten, Tagtäglich ändert der Franzos, Der Brite ließ's beim alten, Da fuhr er fort: »so geht es nicht, Wir müssen ihm im Angesicht Uns auch ein Calpe bauen.« Hier wird auf ein sehr hohes Werk angespielt, das, den Zeitungen nach, Crillon, errichten ließ, um die Stadt bequemer beschießen zu können.   8       Und prahlt: »hört Briten, trotz Natur, Und euers Rodneys Siege, Zerschmettr' ich euch so bald ich nur, Mein Calpe fertig kriege.« Da schaufelte – da schaltete – Da hackete – da karrete – Ein Cälpchen man zusammen.   9       Allein kaum sah der große Calp' Das Cälpchen sich erheben, Bumm! Bauz! da lag das Cälpchen halb Sein Restgen stund darneben. Wie roch's da nach Lavendel-Duft! Wie sumsten da in hoher Luft Französch' und spanische Flüche!   10       Drauf kam, im Projektieren stark, Ein Mann d'Arçon mit Namen: Stracks ab von Jungfer Jeanne d'Arc Sonst Puçelle d'Orleans genannt. Soll die Familie stammen. Nur flickt' die Demut an ein on; Die Mode setzte çon statt con, So wurde aus d'Arc, d'Arçon.   11       Der steckte seine Habichtsnas Nun in den Handel tiefer; Er sah man schoß ohn Unterlaß Und täglich schoß man schiefer; Da dacht' er weil's nun so nicht geht, Wie wärs wenn man grad umgedreht Zur See Laufgräben machte?   12       Auch dreht in seinem Kopf sich um, Was Batteux ihn gelehret; Er hatte den Virgilium Französch bei ihm gehöret: Da dacht er ans Trojansche Pferd, Es wäre wohl der Mühe wert Hier so was zu versuchen.   13       Ein Kriegsrat war so gleich bereit, Und alle sagten: O! ja! Die Sache hat viel Ähnlichkeit Mit der vorm lieben Troja. Wir sitzen hier ins vierte Jahr, Und Gott weiß ob nicht zwölfe gar Am Ende auch draus werden.   14       D'Arçon der nur zu wohl gehört Wie's dort die Griechen trieben, Und daß sie sich ein hohles Pferd Von Nürnberg her verschrieben, Bemalt mit Tulpen rot und weiß, Nur, statt des Pfeifchens in dem Steiß, Mit einem Bomben-Mörser.   15       Der dacht' mit Pferden möchts nicht gehn Zumal auf brit'scher Erde, Denn Briten, wußt er, die verstehn Den Maro und die Pferde. Jedoch wenn man dem Elliot 'nen Walfisch oder Cachelot Könnt in den Hafen spielen?   16       Allein der Walfisch hat 'nen Schwanz Verdrießlich zu bewegen, Der Oper Mensch' und Götter-Tanz Sind Kinderspiel dagegen. Für dies und jen's und das und dies Müßt man die Oper von Paris, Zum wenigsten verschreiben.   17       Das geht nicht, nein, der Walfischschwanz Kam Carl'n wohl viel zu teuer; Drum such ich Sieg und Lorbeer-Kranz Nicht in dem Ungeheuer. Wißt ihr wie ich es mach'? ich kapp' Dem Walfisch Schwanz und Vorkopf ab So hab ich eine Arche.   18       Kommt! Crillons Arbeit führt zum Grab, Die meinige zum Leben; Zu! Was dem Noah Rettung gab, Soll uns Erobrung geben. Dann steigen wir, nach großer Tat, Auf jenes Calpe-Ararat, Vom Sieg gekrönt hernieder.   19       Nun flogs, nun rennts, nun liefs, nun gings, Der sagts, der jauchzts, der prahlets. Von Archen tönt es rechts und links, Der deutets ab, der malets. Da sägts und zimmerts Tag und Nacht, Der Blasbalg keucht, der Amboß kracht Für d'Arçon und die Archen.   20       Battrien, und schwimmend oben drein, Warn's nach der Herrn Gedanken. Ja! schwimmend so wie Mühlenstein, Sie kamen, sahn und sanken. Doch dies ist schon zu früh geklagt, Ich will dafür, wie Lessing sagt, S. dessen Eremiten.] Fortfahrn um fortzufahren.   21 Zehn Archen kamen nun sonach, Gleich Noahs, angeschwommen, Man hatte aus Herrn Silberschlag S. dessen Geogonie, aber auch Herrn Ritter Michälis' Rezension davon in der Orient. Biblioth. Die Maße genau genommen: Doch guckten keine Affen raus, Kein Pfauenschwanz, kein Vogel Strauß, Kein Elefantenrüssel.   22       Nein! Nein! mit diesen war's kein Spaß, So wie wohl mit der andern. An jeder Vorderseite saß Ein Schießloch an dem andern; In jedem Schießloch noch ein Loch, Das war fürwahr! fast größer noch, Als erstgedachtes Schießloch.   23       Die ersten Löcher war'n von Holz, Von Messing war'n die zweiten; So groß, ein Zwerg, der Teufel hol's, Könnt' euch in eines reiten. Ja eine Dame könnt' sonach Hinein an einem Gala-Tag Den Kopf bequemlich stecken.   24       Mit Ofen-Platten war das Dach, Mit Kuchenblech die Wände Gedeckt, damit ein Bombenschlag Das Eisen nicht verbrennte. Umher ging eine Doppelwand Voll Erd', die man vom festen Land Expreß dazu verschrieben.   25       Nun pflanzten sie beinander sich In einem schönen Bogen, Den man mit einem Kreitenstrich Erst auf der See gezogen. Auch hatte jede Archenschanz Die eigentliche Zünd-Distanz Für Elliot genommen.   26       Da zeigt sich (in Parenthesi) Ein Echo voller Wunder An dieser Archen-Batterie (Gebt acht sie gehet unter!) Wenn man hinein schrie: Elliot, Howe! So schrie die Nymph heraus: Au! Au! Recht ominös und deutlich.   27       »Seht, Kinder, welch ein Schauspiel hier: Sprach Elliot zu den Seinen, Der halbe Mond zu Bath The Crescent. Eine in einem Circulbogen gebaute Reihe von Palästen, worin zur Bade-Zeit vornehme Gäste logieren. Sie gibt ein schönes Echo. könnt schier So glänzend uns nicht scheinen. Auch sinds Badhäuser, seht nur hin, Kommt laßt uns aus den Fremden drin Noch heut Badgäste machen.«   28       »An Löchern zwar ist nichts gespart, Gezimmert- und gegossnen, Doch fehlts noch an der schönsten Art, Und das sind die geschossnen; Und damit, Kinder, wollen wir Im Überfluß den Herren hier Mit Gottes Hülfe dienen.«   29       Gleich blitzts und krachts auf Elliots Ruf, Wie, wenn Zeus kanonieret, Als wäre Ätna und Vesuv Auf Calpe transportieret. Da flogen Kugeln heiß und kalt; Da schossen Helden jung und alt Aus Mörsern und Kanonen.   30       Verwüstung strömt, und Flammen sprühn, Aus Elliots Gewittern; Das Meer tobt auf, die Wolken glühn, Und Herkuls Säulen zittern. Doch ruhig, wie ein Kriegesgott Stundst du da, großer Elliot, Bei deinem Häufgen Helden.   31       Gott! welch ein Anblick, welch ein Graus! Seht, Fels und Weltmeer kreißen, Doch hier gebar das Meer die Maus, Der Berg den großen Weisen. Der Held faßt kühn die Lorbeern schon, Wenn Prahler Crillon und d'Arçon Umarmen Kruzifixe.   32       In Brit'schen Diensten stund ein Mann, Zu manchem zu gebrauchen, Auch herzlich gut, nur tadelt man, An ihm das viele Rauchen, Der war vertraut mit Elliot: Der Deutsche nennt ihn Feuer-Gott, Der Römer den Vulcanum.   33       Den schickt' man nach den Batterien Um dort in Ruh zu rauchen. Auch fing er mit Frau Pastorin La Pastora hieß die Batterie die zuerst in Brand geriet, welcher die übrigen bald nachfolgten. Sein Pfeifgen an zu schmauchen. Drauf streckt der Schelm die Zung heraus Und leckt an jedem Wasser-Haus Vom Taubenschlag zum Keller.   34       Nun wars getan! Gott! Feuer! Feu'r! Ach! Hülfe! Feuer! Wasser! Was Mut hat, her! zum britschen Feu'r Das Bourbonsche, das laß' er. Hier brennts! – Nein dort! – Nein dort und hier! D'Arçon! Sieh! Feuer! – Unter dir! Ach daß sich Gott erbarme!   35       Nun stieg die Angst nun sank der Trotz Nun hat der Held gesieget; Da liefs gleich Würmern auf dem Klotz, Der in den Flammen heget. Beschämt, verwirrt, beweint, verlacht, Rennt selbst im Licht-Quell, als wär's Nacht, Der eine an den andern.   36       Statt 's Feuer zu werfen über Bord Und 's Pulver zu behalten: So schmissen sie das Pulver fort Und ließen 's Feuer schalten, Die See, die ward so schwarz davon, Man hätt' die Kapitulation Draus können unterschreiben.   37       Die Archen, die sonst unverletzt Und ruhig konnten liegen, Die schönen Archen lernten jetzt Das Sinken und das Fliegen, Und eine nach der andern trat Die Reis' nach ihrem Ararat Flugs an durch Luft und Wasser.   38       Puff! Puff! und einem ganzen Heer Von Spanjern und Franzosen, Lief stromweiß das Atlant'sche Meer In Stiefel, Tasch und Hosen; Und jeder fast verlor etwas Der eine dies, der andre das, Und alles schwamm voll Uhren.   39       Ein Teil flog bis ans Wolkenreich Daß sie die Pyrenäen, Die Dreckstadt Paris (Lutetia). und Madrid zugleich Ganz deutlich konnten sehen. Der Ätna lag zur rechten Hand Und hinterwärts das Mohrenland Zur linken die Antillen.   40       Jud', Kind und Weib lief nun zu Hauf Das Ufer zu erreichen Und alles starrte Himmel auf Zu sehn die Vögel streichen. Da rief ein Feldscher: hätt' ich euch Nie sah' ich draußen in dem Reich So schöne span'sche Fliegen.   41       Da warf Curtis die Netze aus Nach Spaniern und Franzosen, Und zog drauf ein Gemisch heraus Von Brillen und von Dosen, St. Ludwigs-Orden, schimmlicht Brod, Riechfläschchen, Menschen mause-tot, Und Fähndriche lebendig.   42       Bald kam ein Don, bald ein Marquis, Bald ließ ein Dieb sich blicken Nach einigen Nachrichten soll man die Leute zum Rudern der Batterien aus den Gefängnissen zu Cadix genommen haben. , Und Ordensbänder sah man hie Bei Galgen auf dem Rücken; Dann kam ein geistlich Fuderfaß Auf jeder Batterie befanden sich zween Patres. , Und gleich dabei, nur etwas naß, Ein Pürschchen wie gedrechselt.   43       O welch ein Anblick, groß und hehr! Wie sich die Wogen türmten! Wie Ozean und Feuer-Meer Zum großen Endzweck stürmten! Da fanden Tausende ihr Grab Und selbst das Echo brannte ab Bis auf die letzte Silbe.   44       Als nun die Sache so weit war, Verwirrt der Herr der Thronen, Der Flotte, wie zu Babel gar Die Sprache der Kanonen. Da ließen sie Georgs Fels in Ruh, Und schossen desto frischer zu Auf ihres Ludwigs Bruder. Als der Graf von Artois durch die kombinierte Flotte fuhr, salutierte man dessen Boot aus Versehen mit scharfen Schüssen, wodurch einige Leute auf demselben getödet wurden und er selbst in große Gefahr geriet.   45       Der schöne Plan! ach wie verzaust Wie weg! die schönen Sachen? Die Nachwelt seh ich in die Faust Bei manchen Namen lachen. Doch dir, erhabner Elliot brennt Ihr Weihrauch; Herkuls Säulen nennt Sie künftig Elliots Säulen.   46       Ihr Christen mit Vernunft begabt, O merkts, was ich erzählet. Verkauft nicht, was ihr selbst nicht habt, Verschenkt nicht, was euch fehlet. Denkt hier und an die Bärnhaut hin Die ohn' den Bär'n zu Rat zu ziehn, Zween Jäger teilen wollten. Von den Kriegs- und Fast-Schulen der Schinesen, nebst einigen andern Neuigkeiten von daher So lange ich über Völker zu denken im Stande gewesen bin, habe ich immer gemutmaßet, daß die Schinesen das weiseste, gerechteste, sinnreichste und glücklichste Volk auf Gottes Erdboden seien. Durch dieses häufige Mutmaßen habe ich es nun endlich so weit gebracht, daß ich wirklich und mit völliger Überzeugung, als wäre ich selbst dabei gewesen, glaube, daß diese Auserwählten des Himmels alle unsere so genannten leidigen neuen Erfindungen schon vor zehntausend Jahren gekannt haben, und folglich wohl noch in dem Besitz von tausend andern sein mögen, die wir, der Himmel weiß wann, noch alle werden machen müssen, ehe wir, wie sie, zur Ruhe kommen. Gesetzt auch, es fände sich hier und da etwas, das sich mit der ersten Behauptung nicht recht zu vertragen scheint, z.B. daß sie bis diese Stunde noch keine Taschenuhr reparieren können, daß sie nicht die ersten Anfangsgründe der Perspektive verstehen etc.: so sind das wahre Kindereien. Und außerdem, wer viel weiß, vergißt viel. Dieses ist ja so wahr, daß wir im Deutschen sogar, und mit Recht, den höchsten Grad von langer, verjährter und vertrauter Bekanntschaft mit einer Sache dadurch ausdrücken, daß wir sagen: das hätten wir längst vergessen. O wer weiß, ob wir uns nicht auch noch auf das Rückwärtserfinden, (so sollte man das Vergessen bei einem sinnreichen und erfinderischen Volk nennen) werden legen müssen, wenn es in der Welt, diesseits des Rheins so fortgehen sollte, wie es jenseits angefangen hat. Ich sage, solche Vorwürfe sind wahre Kleinigkeiten. – Dagegen aber bedenke man ihre himmlische Verfassung im Staate, so wie im Hause; in der Kirche wie in der Küche! Fürwahr nächst dem Strumpfwirkerstuhl und der englischen Spinnmaschine, das feinste Kunstwerk das die Welt je gesehen hat, und doch will man noch von Taschenuhren sprechen! Millionen greifen da wie ihr Flügelmann greift. Diese Flügelmänner exerzieren wieder höhern Flügelmännern nach, und so immer weiter, bis zum Flügelmann aller Flügelmänner, und folglich aller Millionen, hinauf. Tut dieser Pulver auf die Pfanne, so liegt in einem Nu Pulver auf allen Pfannen der ganzen Welt, (so heißt Schina im Schinesischen). Wo hundert Bediente für eine Tafel aufwarten, gesetzt auch, der Saal faßte ihrer nur achtzig zu gleicher Zeit, so ist da kein Gedränge und kein Geräusch; keine Bouteille läuft gegen die andere, und kein Braten wider den andern, und die flüssigsten Saucen schweben zwischen den seidenen Kleidern durch, als wären sie gefroren. – Alles glitscht da über einander weg, ohne sich zu reiben, die Werke der Kunst, so wie die, die ihnen der Storch bringt. Wie ihre Köpfe von außen, so sind sie auch von innen. Schädel und Meinungen wie gedrechselt, alles à l'oeuf d'aûtruche überall. Über Sätze, an denen wir mit unsern Haken- und Habichts-Nasen hundertmal hängen bleiben, glitschen sie mit ihren stumpfen Talgtröpfchen im Gesicht hin, wie geschmiert. Wenn daher von oben kommandiert würde: zweimal fünf ist dreizehn, so wäre auch zweimal fünf dreizehn, von der großen Mauer bis Quantong. Diese weisen Einrichtungen, wodurch sich die Staatswirtschaft so wohl als das Wirtschaften überhaupt, gleichsam an das Kopernikanische System anschließt und zur Fortsetzung desselben wird, haben uns, wir können es nicht leugnen, längst begierig gemacht, über manches in diesem unermeßlichen Reiche nähere Aufschlüsse zu erhalten. Denn daß uns das Beste dieser großen Spinnmaschine noch unbekannt ist, wird sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß selbst in Europa, wo doch die Postkutschen und Paquetboote tagtäglich die Nationen vor- und rückwärts durcheinander mischen, dennoch nicht selten gerade das Größte und Merkwürdigste in einem Lande dem nächsten Nachbar unbekannt bleiben kann. So fragte z. B. noch vor kurzem ein sehr gelehrter und berühmter Engländer, dessen Schriften wir sogar in Übersetzungen lesen, einen reisenden Deutschen, ob es wahr sei, daß es Deutsche Hexameter gebe! Einigermaßen ist nunmehr unser Wunsch durch nachstehenden Bericht erfüllt, indem wir wenigstens hier eine Probe sehen, aus welcher sich auf das Übrige schließen läßt. Die Nachricht rührt von einem gewissen Herrn Sharp her, der als Butler (Kellermeister und Mundschenk) die letzte Gesandtschafts-Reise nach Schina mitgemacht hat. Man lächle nicht darüber, daß wir das Zeugnis eines englischen Butlers anführen. Dieses sind keine verächtlichen Menschen, es hängt vieles von der Geistes-Zirkulation im Staat von ihnen ab, auch tragen sie daher keine Livree, die Nase ausgenommen, die bei gewissen Jahren zuweilen den Purpur des Standes anzieht. Herr Sharp hatte überdas, wie wir hören, die Schule zu Harrow auf der Höhe (Harrow on the Hill) besucht, und nachher in Cambridge englische Theologie, Philosophie und Naturkunde studiert, eine Mischung, die gewöhnlich nicht gut durch das Filtrum der neun und dreißig Artikel durchgeht. Er vertauschte daher die Kirche mit dem Keller, behielt aber im letzten Departement das Beste aus dem ersten bei, Treue, Dienstfertigkeit und ein gewisses Interesse an allem was die Bildung und Leitung des Menschen in allen Ständen angeht. Dieser glaubwürdige, redliche Mann hat einem unsrer Freunde, der ihn zu Cambridge gekannt hat, folgende Nachrichten mitgeteilt, die wir in einer wörtlichen Übersetzung hier einrücken: Wir fanden auf dem platten Lande von Schina eine besondere Art weitläuftiger Gebäude, die ein sehr klostermäßiges Ansehen hatten, und wie aus einer Form gegossen schienen, welches in diesem Lande überhaupt bei Dingen einer Art sehr gewöhnlich ist. Wer eine Species von Gebäuden kennt, der kennt gleich alle die zu demselben Genus gehören. So sehen z.B. die Knabenschulen, der Form nach, aus wie die Mädchenschulen, nur sind die letztern bunter, und unter den Fenstern sind Perlenschnüre angemalt, an den Dächern hängen Schellen, und die Stunden ruft ein Guguck, da bei den Knabenschulen ein großes Becken angeschlagen wird. Eben so sehen die Häuser, worin hohe Hazardspiele gespielt werden, von außen völlig aus, wie die Tollhäuser, nur daß in den letztern eiserne Gitter vor den Fenstern, und die Wände anders bemalt sind. So fand ich an einem Tollhause einen Mann abgebildet, der Bindfaden von einem runden Haspel ab auf einen viereckigen haspelte, welches, wie ich glaube, auf die Quadratur des Zirkels ging. Bei den Spielhäusern ist die gewöhnliche Zierde oben ein so genannter Trappenfuß, welches die Spadille der Schinesen ist, und über der Haustüre sah ich einmal einen Mann gemalt, der Geld neben einer Pulvertonne zählte, und dabei sein Pfeifchen rauchte, und obendrein ein Stümpchen Wachslicht ohne Leuchter auf die Tonne geklebt hatte. Doch ich komme auf mein Klostergebäude zurück. Wir sahen ihrer auf einer Tour von sieben und funfzig Meilen (funfzehn Deutsche) wenigstens sechs bis sieben. Auf mein Befragen, was dieses für Gebäude seien, sagte mir der Mandarin, der mir mitgegeben war, sie hießen Tsing-Long, welches unser Dolmetscher, der kleine Wang-o-Tang, den wir so oft beim Kapitän Blake in Parlement-Street gesehen haben, und der mir und uns allen von unendlichem Nutzen war Der Herausgeber hat diesen vortrefflichen jungen Menschen selbst gekannt und gesprochen, und besitzt noch einige Schriftzüge von ihm, die er ganz auf schinesische Weise in seiner Gegenwart geschrieben hat. , durch Kriegs - und Hunger-Akademien oder Kriegs-Hunger-Schulen übersetzte. Ich konnte mich des Lächelns nicht enthalten, wie sich der arme Wang- o-Tang quälte, mir dieses auf Englisch, wo man auf den Kriegsschulen nichts weniger als hungert, deutlich machen wollte. Sie wissen, er kann das r nicht aussprechen, und kein Schinese kann es, da kam immer das militaly acàdemies to lealn the alt of stalving (military academies to learn the art of starving) hervor. Was ist das, fragte ich den Mandarin. Das will ich Euch erklären, sagte er. Doch ehe ich Ihnen erzähle was er sagte, so muß ich Ihnen den Mann beschreiben. Er schien mir zwischen vierzig und fünfzig Jahren zu sein, von mittlerer Größe, und nicht so wohl fett als dickbäuchig. Sein Gesicht erinnerte mich an den Pfeifenkopf, den, wie Sie wissen, Smith im Cajus Collegio Im Englischen steht clever Smith of Cajus College. Vermutlich der Name eines Studenten von Cambridge aus diesem Collegio, der den Beinamen clever, wacker, geschickt erhalten hatte. aus dem Haag mitbrachte. Völlig so. Das Gesicht war wie aus Meerschaum geschnitten, und fast von der Farbe, nur etwas grünlicher, die Nase erkannte man nur wenn er von der Seite sah, dabei saß er immer mit tief im Schoße gefaltenen Händen, und wirbelte die Daumen, vermutlich bloß für uns, oder für seinen innern Sinn, denn sehen konnte er das Wirbeln nicht, es lag sehr viel darzwischen. Dabei sah er uns nur selten mit seinen zartgeschlitzten Sauaugen an, aber wenn er einen ansah, so war es auch darnach. Sie können sich keinen fatalem Spionenblick denken. Bei jedem glaubte ich, er zöge mir das Hemd über die Ohren. Der Anblick ging über alle Beschreibung. Es mußte auch wirklich etwas Rares sein, denn selbst Wang-o-Tang trat mir zuweilen auf den Fuß und lächelte, wenn es der Mann nicht sehen konnte. Kurz, wir waren noch keine halbe Stunde gefahren, so merkte ich wohl, daß man uns in diesem Pudding zur Zehrung, zugleich den Hof, die ganze Geistlichkeit und die Rentkammer, nach einem verjüngten Maßstabe quasi in nuce mit eingebacken hatte. Dem Himmel sei nur Dank, daß ich es früh genug merkte, so war alles gut. Unsere Tsing-Long, sagte er, sind Kriegsschulen. Ich weiß ihr habt auch welche. Ich kenne sie. Sie sind für den Aktiv-Krieg , zum Unterricht des eigentlichen Soldaten. Dergleichen haben wir auch, nur, setzte er bescheiden hinzu, sind die unsrigen unendlich viel besser. Wir sind Schinesen und denken weiter. Die Schulen, die ihr hier seht, sind das nicht was die eurigen sind. Hier lehrt man den Passiv-Krieg; nicht die Kunst den Krieg geschickt zu führen, sondern ihn mit Standhaftigkeit zu ertragen. Der Gedanke frappierte mich, ich kann es nicht leugnen, und ich fing an die Daumen zu wirbeln. Er stutzte einen Augenblick, und hörte mit den seinigen auf. Nach einer Pause fuhr er fort: Wie ist es möglich, daß ein kluges Volk, wie ihr, nur darauf denkt, Menschen abzurichten, den Krieg geschickt zu führen, und an die übrigen, die ihn eigentlich leiden, gar nicht denkt. Auch diesen lehren wir ihr Exerzitium, auch diese müssen geübt werden, so wie die andern, so wird der Krieg eine Kleinigkeit. Es kommt in der Welt alles auf Übung an. Wo der Feind einfällt, findet er bei uns jetzt ein Volk, das sich so gut auf das Erdulden versteht, als er sich auf das Kränken. Ich versichere Euch, wir haben auf diesen Akademien Leute gezogen, die, wenn sie von dem Feinde geplündert, gepeitscht und geschunden wurden, anstatt zu heulen und zu wehklagen, sich bloß dabei an die Universitäts-Jahre erinnerten. Ihr habt bei euch Menschen, aber ihr wißt nicht was ihr aus ihnen machen sollt. Wenn ihr ein Schiff bauet, so haut ihr der Eiche die Äste ab, sägt und zimmert und hobelt an ihr, biegt die Bohlen mit Kraft, bekrampt und benagelt sie von allen Seiten. Nicht wahr? Und ihr wollt eine Staatsverfassung bauen, das künstlichste Schiff von der Welt, und wollt es im Sturm steuern, während ihr den Bäumen, woraus es besteht, ihr Laub und ihre Äste laßt? Wie? Geht mir weg mit eurer politischen Baukunst. Das versteht ihr nicht. – Dieses war für einen Briten zu viel, das Blut stieg mir zu Kopfe, D- Your Polit- Diese Redensart, die mit ähnlichen einigemal vorkömmt, hat Herr Sharp doch wohl nicht aus der Kirche mit in den Keller genommen. Es scheint eine neue Akquisition zu sein. Vielleicht unter Weges gemacht. Anm. d. Herausg. hatte ich schon gesagt, als Wang-o- Tang mich bei den Händen anfaßte und rief: hier Hofkutsche, hier Hofkutsche, hier nicht Unterhaus, nicht Unterhaus . Die Ängstlichkeit des Menschen, seine Gutmütigkeit, und vorzüglich seine naive Voraussetzung, daß meine gebrauchte Phrase parlamentarischer Natur wäre, wirkte sehr glücklich auf mich. Ich mußte lachen, und drückte dem treuen Dolmetscher zwischen meiner Vernunft und meiner Hitze die Hände recht herzlich. Wenn man doch immer einen solchen Dolmetscher hätte. Indessen etwas verdorben hatte ich denn doch die Sache. Der Pudding fragte den Wang-o-Tang, was d- Your hieße? Wang-o-Tang sagte ihm, wie er mir nach der Hand erzählte, es wäre dieses ein gewöhnlicher englischer Gruß, man bediene sich dessen aber auch beim Disputieren, um seine Zweifel gegen ein wichtiges Argument einzuleiten. Hierauf erwiderte der Mandarin nichts, als: Zweifel? Hm! – So viel glaube ich gewiß: hätte ich nicht mit zur Gesandtschaft gehört, ich wäre nach einem Tsing-Long gebracht worden, um meine noch übrige Lebenszeit den Passivkrieg zu studieren. Nach einigem Stillschweigen sagte ich, daß ich sehr begierig wäre die innere Einrichtung einer solchen Akademie kennen zu lernen. Es dauerte aber wenigstens fünf Minuten ehe er ein Wort sagte. Diese Pausen heißen hier zu Lande Tsi, das ist so viel als Brandmauer. Wang-o-Tang versicherte mich, daß dieses eine seltene Herablassung des Mannes wäre, daß er ein so dünnes Tsi zwischen sich und meinem großen respektwidrigen Eifer gesetzt hätte, es müßte wirklich ein guter Mann sein. Es gebe Brandmauern von Stunden und halben Tagen. Ja es habe einmal ein gemeiner Bürger einen angesehenen Mann im Staate aus Mangel an Überlegung gefragt: wie lange er noch auf sein Geld warten sollte, das er ihm vorgeschossen hätte. Die Folge war ein Tsi von anderthalb Jahren, worauf er die Antwort erhielt: So lange als es mir gefällt . Meine Antwort war indessen günstiger. Das sollt Ihr; Ihr sollt sie kennen lernen, sagte er, wenn Ihr Euch etwas wollet gefallen lassen. – O ja! alles lasse ich mir gefallen. Nun wohlan, hier zog er ein Büchschen aus der Tasche, und nahm vier Kugeln heraus; wenigstens von der Dicke einer großen Haselnuß. Was wollen Sie damit, fragte ich. Diese Kugeln sind von Federharz, versetzte er, davon drücke ich Euch ein Paar in jedes Ohr, so tief als sie hinunter wollen, Ihr habt nichts zu befürchten, die Kugeln verquellen nicht, es ist Harz. – Warum aber die Ohren verstopfen? Er . (Etwas hohnlächelnd.) Weil Ihr nichts hören sollt. Ich . Nun gut, warum aber nicht hören» Er . Weil die Jugend da sehr laut spricht. Ich . Ich verstehe aber ja kein Schinesisch. Er . Es wird nur wenig Schinesisch da gesprochen. Ich . Was denn? Englisch? (Hier eine dünne Brandmauer.) Wang-o-Tang . Mein Gott, verstehen Sie ihn denn nicht, er meint in den untern Klassen werde viel geheult, gewinselt und gewehklagt, das man durch Mauern durchhören könne, das meint er mit dem Lautsprechen und nicht Schinesisch sprechen. Er . Wollt Ihr? Ich . Wie krieg ich aber die Blitzdinger wieder heraus? (Diese Worte übersetzte Wang-o-Tang durch: Wie bringe ich aber die kleinen Korallen wieder heraus?) Er . Das tut der Hof-Chirurgus? Ich . Wo? Er . Zu Peking. Ich . Aber da kommen wir ja unter acht Tagen nicht wieder hin, wie lange soll ich denn taub bleiben? Er . Könnt Ihr nicht rechnen? Acht Tage. Ich . Nein! Ich will nicht, ich will eure verdammten Menschenschindereien nicht sehen. (Übersetzung: Ich will eure Kriegsphilanthropine nicht sehen.) Er . Wie Ihr befehlt; Ich habe Ordre mich ganz nach Euch zu richten. Ich . Der Henker hole eure Ordre (hang Your order). (Übers. Sie sind sehr gütig.) Ich . Aber kann ich denn die Einrichtung nicht wenigstens von einem glaubwürdigen Manne erfahren? Wang-o-Tang . Glaubwürdig? dafür haben wir im Schinesischen kein Wort. Ich . Das habe ich wohl gemerkt, und die Leute, die es sind, auch nicht? Nicht wahr? Nein! sagte der redliche W.-o.-T., mit einem verschämten Lächeln, wodurch seine Versicherung über die Hälfte wieder gestrichen wurde, weil kein Schinese lügt. O, lieber, guter Freund, sagte ich, indem ich ihm auf die Schulter klopfte, es tut mir dann sehr leid, soeben gefunden zu haben, daß du diese noble Kunst in Europa gelernt hast. Er verstund mich ganz so, wie ich es meinte, und wurde so rot als es ein gelber Schinese werden kann. Mache nur, fuhr ich fort, daß ich etwas von euern Hunger-Akademien zu hören kriege. Mein Appetit darnach ist sehr gestiegen, und ich fürchte der Pudding da läßt mich verhungern. Sorgen Sie nicht, sagte W.-o.-T., und wendete sich zu dem Mandarin: Herr Schalp (Sharp) der völlig überzeugt ist, daß Sie alle Einrichtungen der ganzen Welt (Schina) kennen, bittet untertänig um eine Nachricht von einem kleinen Teil derselben, von unsern Tsing-Longs. Dieses war die eigentliche Sprache für dieses Paar Ohren, und nun hub er mit einer Freundlichkeit, die ich auf der ganzen Reise noch nicht an ihm bemerkt hatte, gegen mich mit einer kleinen Verbeugung an: Eure Ignoranz in der Staatsverfassung des ersten Volks der Erde macht Euch keine Schande, weil Ihr sie demütig eingesteht, und Verlangen bezeigt, klüger zu werden. So wißt denn, daß die Schinesen nur bloß in Dingen unterrichtet werden, wovon sie in der Welt dereinst Gebrauch machen können, und daß sie darin zu einem solchen Grade von Vollkommenheit unterrichtet werden, daß sie auch notwendig davon Gebrauch machen müssen, wenn sie fortkommen wollen. Ihr werdet daher gesehen haben, alles was der Schinese tut, tut er als hätte ihn die Natur ausdrücklich für das Geschäfte gemacht, das er treibt. So ersparen wir unsern Leuten alles Denken, so wie es die große Weltursache der Biene, dem Biber und der Kreuzspinne erspart. Die Vernunft dazu liegt freilich irgendwo, aber es ist europäischer Wahnwitz, sie noch in dem Instinkt-Menschen ferner fortzuhegen, nachdem sie nicht weiter nötig ist. Ich wette Hundert gegen Eins, wenn Eure Taschenuhren Eure Vernunft hätten, es würde keine mit der andern gleichgehen. Ihr exkoliert, wie ich höre, die Vernunft. Nun fürwahr, wenn das nicht ein europäischer Einfall ist, so gibt es keinen, dabei lachte er zum erstenmal ganz laut. Ihr Hohlköpfe Ihr Wir lassen hier die kleinen Einschiebsel weg, die Herr Sharp hier und da in diesen Vortrag hineingemurmelt haben will, sie sind nicht immer die gesittetsten. Hier z.B. sagte er: You impertinent puppy You. Anm. d. H. , habt ihr denn nicht gemerkt, daß die Vernunft eine Gabe des Menschen ist, die er bloß zum Gebrauch bekommen hat, andere Dinge zu bessern, nicht sie selbst, das kann er nicht, und was Eure Schwätzer so nennen, das war alles schon da, und ihr habt von diesen sogenannten Verbesserungen oft selbst schon Gebrauch gemacht, ehe ihr sie erfandet. Hieraus sah ich in der Tat, daß dieser Mensch etwas von unserer Philosophie erfahren hatte. Ich sagte aber bloß: Tsing-Long, damit er sich nicht verlöre. Recht gut, sagte er, ich komme gleich Eurem Verlangen entgegen; ich muß nur notwendig anmerken, daß also der einzige Gebrauch, den wir von der Vernunft machen, der ist, sie selbst nach und nach mit dem Körper unter der Form von Instinkt und Kunsttrieb gleichsam wie zu verschmelzen und aus dem Menschen höhere Tierarten zu schaffen, mit Instinktkünsten, die noch ganz das Ansehen von höchster Vernunft haben, aber eigentlich es nicht mehr sind. Vernunft hat sie geschaffen, hat sich aber nach vollendetem Bau nach und nach weggeschlichen, oder ist durch Verteilung unmerklich geworden. Eben so ist es mit unserer Philosophie. Diese war bereits vor funfzigtausend Jahren völlig fertig. Jetzt philosophiert man, wie man lackiert nach Rezepten. Oder so wie wir Musikanten haben und keine Musiker mehr, so haben wir auch nur bloß Philosophanten und Physikanten , und keine Philosophen und keine Physiker mehr. Aus diesen bestund bloß die konstituierende Versammlung vor funfzigtausend Jahren. Findet sich jetzt einer, der unsern Kunsttieren wieder Vernunft einhauchen will, so schneidet man ihm ein Ohr ab, brennt ihn auf die Stirn, und gibt ihm in eignen Häusern zu leben. Wird er auch da noch zu laut, so gibt man ihm den Genickfang. Nun haben unsere Weisen gezeigt, daß die Summe der Übel in der Welt immer dieselbe bleibt, so wie die Summe der Luft und des Wassers, nur sind sie dem Laufe der Natur nach über das Ganze verteilt, so wie es ungesundes Wasser und ungesunde Luft hier und da gibt. Wäre es aber nicht besser, wenn alles schlechte Wasser und alle schlechte Luft an einem Orte in der Welt beisammen wäre, so würde sich alles dahin ziehen, was nur darin leben und wachsen kann, und wir hätten alles rein. Ja die Natur hat wirklich schon den Anfang mit dem Wasser gemacht. Hat nicht das Salzwasser seine angewiesenen Grenzen, wo sich nun unzählige Tiere hingezogen haben. So haben wir nun den Gedanken gehabt, das unvermeidliche Übel in der Welt, und zumal das des Passivkrieges, ganz auf eine einzige Menschenklasse zu wälzen, so können die übrigen in Ruhe und im Überflusse leben. Weil es aber hart sein würde, dieses den Leuten ohne Unterricht zuzumuten, so werden sie sorgfältig dazu erzogen, und dieses geschieht in unsern Tsing-Longs. Das Studium ist allerdings schwer, daher hat man den jungen Studenten es durch einen großen Ehrentitel zu erleichtern gesucht, den niemand als sie und der Kaiser führen darf, sie heißen Li-Tsu, das ist, die Himmlischen . Das Hauptstudium ist, Fasten und schlechtes Essen. Sie bekommen zuweilen in fünf Tagen kein Essen zu sehen. Wenn sie ohnmächtig werden, so macht man ihnen Rauch mit Gänsefedern; will es gar nicht mehr gehen, so erhalten sie mäßige Portionen Pferdefleisch oder sonst etwas von weggeworfenen Tieren, kurz sie leben immer in einem Belagerungs-Zustande, und sie sind dabei vergnügt, weil sie glauben es wäre in der ganzen Welt so. Ja, ich versichere Euch, wir haben auf diese Weise nun über eine halbe Million Menschen in Wesen umgeschmolzen, die das Feld vortrefflich bauen, und schlechterdings nichts essen wollen und essen können , als was wir wegwerfen, und schlechterdings nicht essen wollen und nicht essen können. Ihr seht daraus, was eine weise Regierung aus dem Menschen machen kann, wenn sie die Kunst versteht, die Vernunft zu Kunsttrieben zu verschmelzen. Der Mensch ist das Tier, das für sich selbst eigentlich nichts ist, aber alles werden kann, und von diesen göttlichen Anlagen macht ihr keinen Gebrauch. Ich sehe, Ihr werdet müde. Ich gebe Euch also nur ein Beispiel von dem Nutzen unserer Himmlischen auch außer dem Kriege, Eins unter Tausenden. Vor etwa sechstausend Jahren entstund in einem Teile der Welt ein solcher Mißwachs, daß unsere Rechenmaschinen zeigten, es würden gegen achtzigtausend Menschen Hungers sterben müssen, und das in einer Zeit von vierzehn Monaten und fünf und zwanzig Tagen vom nächsten Jahre an gerechnet. Sogleich zog man alle Einwohner aus jenem zurück, und füllte den gefährlichen Fleck mit hunderttausend unsrer Himmlischen an. Die Einwohner wurden nun in die Gegend der Tsing-Longs verteilt, wo sie nun die Zeit über herrlich von dem schmausten, was für die Himmlischen ungenießbar war. Für diese hingegen war der Mißwachs gerade, was sie suchten, und nachdem alles wieder so gut gebaut war, daß sie wenig mehr zu leben fanden, so wurden die Plätze wieder gewechselt, und alles war wieder im Gange. Hättet Ihr Euch dazu verstanden, Euch die Kugeln in die Ohren drücken zu lassen, so hättet Ihr etwas sehen sollen, das Euch Freude würde gemacht haben, ich habe die Vollmacht dazu in meiner Tasche. Was ist denn das? fragte ich. Ich hätte brennende Pechkränze in das Gebäude werfen lassen, wo die Akademisten schlafen. –- Und warum das? – Euch die Freude zu machen, zu sehen, wie sich diese Salamander beiderlei Geschlechts im Feuer zu finden wissen. So was ist ihnen nicht mehr als uns ein plötzlicher Regen bei einem Spaziergange. – Wird Euch nicht wohl? Ich . Nein! nicht sonderlich. Er . Womit kann ich aufwarten? Ich . Haben Sie keine Kohlen und Gänsefedern? Er . Nein hier nicht, aber ich habe – – Ich . Laßt, laßt, Mr. Pudding. (Wahrlich, ich bekümmerte mich nun wenig darum, was Wang-o-Tang verdolmetschen wollte oder nicht. Ich war auf alles gefaßt, und fand mich daher sehr leicht wieder, griff mit wahrem Gefühl von Überlegenheit über dieses infame politische Lumpengesindel nach meinem Flaschen-Keller, schenkte ihm und mir einen Bumper ein, den er auch annahm, und sagte): here is GOD SAVE THE KING for You. D- Your Tsinglongs to all Etern... Ich glaube fast ich habe gesagt: You and Your Tsing-longs, doch weiß ich es nicht. Er. Was heißt das God save de King, Wang-o-Tang? Wang-o-Tang. Er wünscht seinem Könige Wohlergehen und Gesundheit; und das ist der Wunsch aller seiner braven Untertanen, so lange sie selbst gesund sind. Das weiß ich, ich habe es tausendmal gehört, und immer von den besten Menschen. Er . Das ist nicht übel. Aber er nannte ja die Tsing-Longs? W.-o-T . Er meinte, die wären auch nicht übel. Er . Sehr brav. Ihr seid ein gescheiter Europäer. Ich . Und doch bin ich bloß Mundschenk. Er . Kommt (indem er anstieß): God save de King. Wir müssen hier abbrechen, und behalten uns einige wichtige Artikel aus diesem Journale noch bevor, doch können wir uns nicht enthalten, noch eine, demselben in einem besondern Heft beigefügte Nachricht von einer sonderbaren Mode unter den Frauenzimmern anzuführen. Herr Sharp hat sie überdas mit einigen Betrachtungen eingeleitet, die auch unter uns wirken können. Wahrscheinlich ist die Rede nicht mehr von Schina. Wir machen daher daraus einen besondern Artikel. Verzeichnis einer Sammlung von Gerätschaften, welche in dem Hause des Sir H. S. künftige Woche öffentlich verauktioniert werden soll Nach dem Englischen   Vielleicht gewährt nachstehendes Verzeichnis einigen unserer Leser eine kurze Unterhaltung. Ich fand dasselbe bei meinem Aufenthalt in England in einer Bibliothek auf dem Lande, wo es auf die hinteren weißen Blätter eines Bandes von Swifts Werken von einer saubern Hand geschrieben war. Unmittelbar unter obiger Aufschrift stand in einer Parenthese: in the manner of Dr. Swift (in Dr. Swifts Manier). Der Besitzer der Bibliothek versicherte, es sei aus einem öffentlichen Blatte genommen, und eine ziemlich treffende Satyre auf einen damals verstorbenen reichen aber unwissenden Naturalien- Artefakten- und Raritäten-Sammler, der mit ungeheuerem Aufwand eine Menge des unnützesten Plunders in seinem Cabinet aufgehäuft habe. Man habe ihn aus Spott Sir Hans Sloane Nach dem bekannten großen Manne, dessen vortreffliche Sammlung die Basis der jetzigen Naturalien-Sammlung des Britischen Museums ausmacht. genannt, und darauf zielten die Buchstaben in der Aufschrift, der Mann habe, wo er nicht irre, eigentlich Marlowe geheißen. Seine Sammlung habe zwar nicht die nachstehenden Stücke, aber wirklich mehrere eben so tolle enthalten, und darunter auch einige, womit er war betrogen worden, und womit, sollte man denken, kein Kind hätte betrogen werden können, unter andern eine Kokus-Nuß, welche in Schottland wild gewachsen; eine solide Kugel von einem neuen Metall, die nicht mehr wog, als ein gleich großes Stück Kork; die beiden Kugeln hingen wirklich an einer gleicharmigen Waage und balancierten einander. Der edle Besitzer hatte nie bemerkt, daß der Waagebalken an der Seite des Metalls hohl, hingegen der andere solide oder gar mit Blei ausgegossen war. Der Schalk, der ihn mit dieser Rarität betrogen hatte, war vorsichtig genug, den Waagebalken vortrefflich auszuarbeiten, und den Kork sowohl als das Metall so an ihm zu befestigen, daß sie ohne Feile und Zange nicht abgenommen werden konnten, um die Stellen zu wechseln, oder sie auf einer anderen Waage zu wiegen. Außerdem soll die Zahl unnützen und dabei kostbaren Hausgerätes über alle Maßen groß gewesen sein. Swifts niedrig komische Manier ist, wie mich dünkt, ziemlich gut getroffen. Kenner der Produkte dieses sonderbaren Kopfes werden wissen, daß Sr. Hochwürden nicht selten noch viel niedriger gedichtet, ja sich sogar sehr häufig zu groben Unflätereien herabgelassen haben. Auch diese waren in dem Verzeichnisse nachgeahmt, bleiben aber hier natürlich weg. Daß ich nicht bloß übersetzt, sondern manches auf unsere Sitten und Gebräuche übergetragen habe, wird man mir gern vergeben. Denn was in dieser Art von Witz ohne hinzugefügte Erläuterung keinen Eindruck macht, macht mit der Erläuterung gewöhnlich auch nur einen sehr kümmerlichen. Vor allen Dingen muß man aber den Leser bitten, nicht zu vergessen, daß der Aufsatz einige Tage nach dem Tode des unsinnigen Sammlers erschien, von dem damals in allen Gesellschaften die Rede war. Das war die eigentliche Blütezeit des Pflänzchens, das hier nun bloß elend aufgetrocknet erscheint: Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt. Ein doppelter Kinder-Löffel für Zwillinge. Eine Repetier-Sonnenuhr von Silber. Eine Sonnenuhr an einen Reisewagen zu schrauben. Eine dito, welche Lieder spielt. Eine Schachtel voll kleiner feingearbeiteter Patronen mit Pulver gefüllt, hohle Zähne damit zu sprengen. Eine Chaise per se (soll vermutlich percée heißen). Wenn man sich gehörig darauf setzt, so wird ein Dusch mit Pauken und Trompeten gehört. Er schallt durch das ganze Haus. Ein Möbel für einen großen Herrn. Hat 100 Guineen gekostet. Eine große Sammlung von porzellanenen Kammertöpfen, von zum Teil sehr lustigen Formen. – Die beiden letzten Artikel können eine Stunde vor der Auktion hinter einer spanischen Wand oder auch in einem Nebenzimmer probiert werden. Eine Bettstelle, in Form eines Sarges, schwarz gebeizt, mit überzinnten Henkeln, nebst 12 Gueridons für 12 Nachtlichter. Für Methodisten und Betschwestern. Eine dito Bettstelle, sich selbst des Nachts darin in der Stube herum zu fahren. Ein prächtiges Imperial-Bett, worin drei Großveziere an der Pest gestorben. Eine vortreffliche Sammlung von Instrumenten, die Juden zu bekehren. Sie sind meistens von poliertem Stahl, und das Riemenwerk von rotem Marocco. Zumal ist die große Peitsche ein Meisterstück der englischen Riemer-Künste. Ein vortrefflich gearbeitetes Modell von einem Leichen-Wagen, zwölf Leichen zugleich darin hinaus zu fahren. Eine Flasche mit Wasser aus einem Stück Eis, welches im Jahr 1740 noch um Pfingsten auf der Straße gelegen. Es hat die sonderbare und von keinem Physico noch bemerkte Eigenschaft, daß es bei jedem kalten Winter, wenn man es hinaus setzt, sich gleichsam seiner Freiheit erinnert, und das Glas zersprengt. Der Selige hatte der Königl. Sozietät eine Abhandlung darüber überreicht, sie ist aber wegen allerlei Kabalen nie gedruckt worden. Ein goldner Trumpfzähler. Etwas Einziges in seiner Art. Er wird wie ein Ring an den Finger gesteckt, doch so, daß er über ein Gelenk zu stehen kommt. Wenn ein Trumpf gespielt wird, biegt man den Finger sanft, so zeigt er die Zahl der gespielten Trümpfe ungefähr wie ein Schrittzähler die Schritte. Eine ganz vollständige Haus-Pulvermühle, worin jedermann sein Schießpulver selbst verfertigen kann, und zwar einen halben Zentner auf einmal. Sie ist so bequem eingerichtet, daß sie unter einem etwas großen Schreibtisch, oder auch unter einer etwas erhöhten Bettlade in Gang gesetzt werden kann. Der Pudel, der das Rad treibt, wird mit verkauft. Ein astronomischer Vexier-Tubus, wenn ein Freund durchsieht und man drehet eine kleine Schraube, so blaset er demselben Pfeffer und Schnupftabak in die Augen. Ist auch auf der Erde zu gebrauchen. Hierüber soll der Selige einmal ein Paar Ohrfeigen bekommen haben. Ein vortrefflicher Jagd-Tubus mit einem Flintenschloß, wenn man die Gläser heraus nimmt, welches mit einem einzigen Ruck geschieht, (eigentlich werden sie bloß in ihre Seitenbehälter geschoben), so kann man kleine Vögel damit schießen. Ein Barometer, welches immer schönes Wetter zeigt. Das Thermometer dabei zeigt Jahr aus Jahr ein eine angenehme temperierte Wärme. Ein vollkommener Apparat von allerlei Trauergeräte für hohe Häuser, als: a) Ein schwarzes Billard mit weißen Schnüren und schwarz angelaufenen Nägeln beschlagen, und rings umher mit Festons von weißem Kattun behangen. Die Glöckchen an demselben sind von Silber, aber mit schwarzem Sammet gedämpft. b) Ein Dutzend Trauerwürfel schwarz mit weißen Punkten. c) Ein Dutzend dito für halbe Trauer, violett mit schwarzen Punkten. d) Ein Vorrat von Lombre- und Tarock-Karten mit breitem schwarzem Rande, und andern bloß schwarz auf dem Schnitt, ebenfalls für halbe Trauer. e) Einige Dutzend Liqueur-Gläschen in der Form von antiken Tränen-Fläschchen, zum Schnapsen bei der Leiche. f) Ein ansehnliches Konvolut von Rezepten, fast die meisten Gerichte, als Suppen, Gemüse, auch Gebackenes völlig unschädlich schwarz zu färben, worunter auch eines, die Zitronen und Zwieback bei der Leiche schwarz zu beizen. g) Ein vortreffliches, vollständiges Tafel-Service von Porzellan, wovon jedes Stück auf eine sinnreiche Art auf den Tod anspielt, welches alles hier zu weitläuftig wäre herzuerzählen. Nur eins anzuführen, so ist zum Beispiel die Butterbüchse ein Todenkopf so natürlich und mit solcher Kunst gearbeitet, daß man glaubt er lebe. Der Deckel, oder der obere Teil des Cranii, ist, selbst inwendig, so osteologisch richtig geformt, daß, wenn man den Kopf mit Butter etwas hoch anhäuft und den Deckel gehörig darauf drückt, die Butter völlig die Form des Gehirns annimmt, welches auf der Tafel, zumal wenn man der Butter die gehörige Farbe gibt, schauderhaft schön aussieht. Bei einem Versuche, den der Selige einmal damit machte, fielen, als er die Butter anschnitt, einige Damen und Chapeaux in Ohnmacht, andere sprangen vom Tische auf, und keiner, den Wirt ausgenommen, konnte von der Butter essen. h) Eine bleierne Eß-Glocke, während der Trauer zu läuten. i) Mehrere schwarz emaillierte Halsbänder mit weißen Todenköpfen, für die Jagdhunde. k) Mehrere Masken für Personen, die nicht weinen wollen oder können. Sie sind alle von den größten Meistern Englands gearbeitet, und von großer Schönheit, zwar blaß aber zum Entzücken, zumal die Frauenzimmer-Masken. Die Tränen an denselben sind durchaus durch natürliche Perlen vorgestellt, worunter einige an den Masken für die nächsten Verwandten, von der Größe einer Erbse sind usw. Ein Suite von Kleidungsstücken für ein Kind mit zwei Köpfen, vier Beinen und vier Armen, von der Wiege an bis ins zwanzigste Jahr. Ein wahres Meisterstück der Schneiderkunst. Sie können auch zur Probe von zwei einzelnen Menschen angezogen werden, welches, zumal in gemischter Gesellschaft, zu drolligen Szenen Anlaß gibt. Eine Sammlung von vortrefflichen Formen, Drittel- und Zweidrittel -Stücke zu gießen, nebst einem Zentner Metall dazu. Dieser Artikel wird um der Delikatesse der Käufer zu schonen, im Dunkeln verauktioniert und im Dunkeln abgeliefert. Das dafür zu entrichtende Geld wird von dem Auktionator bei einer Diebs-Laterne in einem Winkel gezählt. Er ist ein Mann von Ehre. Einige Flaschen Lappländer Achtundvierziger. Im Englischen steht: some bottles of Iceland-Madeira (einige Flaschen von Isländischem Madeira). Eine ganze Sammlung von teils verbotenen teils sehr verrufenen Büchern mit Kupferstichen von großer, obszöner Schönheit. Sie sind sämtlich in schwarzen Korduan mit goldenem Schnitt gebunden, zum Gebrauch der Jugend zu Eton und Westmünster Der Übersetzer hat es nicht wagen wollen, die Namen dieser berühmtesten Schulen Englands mit deutschen zu vertauschen, so leicht es auch sonst gewesen wäre. , sich in der Kirche damit zu amüsieren. Ein höchst merkwürdiges Stück. Eine kleine mit unbeschreiblicher Kunst gearbeitete Maschine, das concubinium (soll wohl heißen connubium oder commercium) animae et corporis zu erklären. Die Walze, welche alles in Bewegung setzt, hat drei verschiedene Stellungen für die drei bekannten Systeme; eine für den physischen Einfluß, eine für die gelegenheitlichen Ursachen, und eine für die vorherbestimmte Harmonie. Doch hat die Walze noch Raum für zwei bis drei andere; nur müssen sie einen Leib und eine Seele statuieren, doch könnte im Fall der Not die Seele auch heraus genommen werden. Der Leib an diesem kostbaren Werke ist von viel mehr als halbdurchsichtigem Horn gearbeitet, und etwa vier bis fünf Zoll lang. Die Seele aber, nicht größer als eine große Ameise, ist ganz, Flügelchen und alles, von Elfenbein, nur ist ihr linkes Beinchen etwas schadhaft. Die Bewegung wird der Maschine durch keine Kurbel mitgeteilt (man würde sie damit zerreißen), sondern durch ein Paar kleine Windmühlen-Flügel aus der feinsten Goldschläger-Haut, gegen welche mit einem dazu gehörigen und in einiger Entfernung von der Maschine befestigten so genannten doppelten, stäte fortblasenden Blasebalg ( follis infinitus ) geblasen wird, durch diese Flügel wird eine Schraube ohne Ende (cochlea infinita ) gedreht, welche alles in Bewegung setzt. Die Peinliche Halsgerichts-Ordnung (im Englischen steht die Habeas Corpus Akte) von dem Seligen selbst in Musik gesetzt. Es ist die vollständige Partitur mit Pauken und Trompeten. Bei einigen Passagen enthält das Accompagnement sogar Kanonen- Schüsse. Sonst hat hier und da auch die Maultrommel Solo. Einige Formen, Petrefacta zu machen. Das Rezept zur Masse ist dabei. Auch ein Vorrat von Pectiniten, Terebratuliten, Ammonshörnern u.s.f, auch ganz neu erfundenen Muscheln, die damit verfertigt worden; sie lassen alle völlig antik. Das seltenste Stück, nicht allein in dieser Sammlung, sondern vielleicht in der ganzen Welt, nämlich ein Stück echten Granits, worin ein metallenes Aleph so fest steckt, daß es durch Menschenhände unmöglich hinein gekommen sein, ja, ohne das Ganze zu zertrümmern, auch nicht dadurch heraus gezogen werden kann. Alle, die es sehen, bekennen einstimmig, daß es zum Bücherdruck gedient habe. Der Selige hat es von einem vornehmen Herrn, der seine Länder auf dem Berge Libanon hat, für eine große Summe gekauft. Eine prächtige Staats-Karosse mit vieler Vergoldung. Hoch über dem Kutschersitze ist ein prächtiger Spiegel angebracht, der gegen die Ebne, worauf die Kutsche steht oder geht, unter einem Winkel von 45 ° nach der Kutsche zu geneigt ist. Hinten über der Kutsche korrespondiert ihm ein ähnlich liegender, aber entgegengesetzter. Durch dieses prachtvolle Polemoskop wird der Kutscher in den Stand gesetzt, auf dem Bocke sogleich zu sehen, ob sich jemand hinten aufgesetzt hat. Ist dieses der Fall, so stampft er nur mit dem Fuß auf eine Feder, und der Passagier bekömmt sogleich einen derben Stoß gegen das Sitzfleisch, so daß er nicht leicht wieder kömmt. Ein Gespann Pferde, denen der Verstorbene das Makulaturfressen beigebracht hat. Ein Artikel für Buchhändler und Verleger. Wir brechen hier ab, damit nicht dieser gelehrte Artikel, wenn er noch mehr Ausdehnung erhält, am Ende gar den ganzen Taschen- Kalender in Pferde-Futter verwandelt. Rede der Ziffer 8 am jüngsten Tage des 1798ten Jahres im Grossen Rat der Ziffern gehalten (Die Nulle, wie gewöhnlich, im Präsidenten-Stuhl)   Inhalt Anfang; die Rednerin spricht viel von sich; wird ausgelacht; ereifert sich; Lobrede auf die Nulle; Dezimal-System; Touloner Flotte; Berg Sinai; die Nulle wird rot; Erster Tag des XIXten Jahrhunderts; Beschluß; Ende. Durchlauchtigste Nulle, Großgütigste Präsidentin und Stellvertreterin Unser Aller, Allerseits, nach angestammter Ungleichheit, höchst zu verehrende Mitschwestern, 9, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 Daß nachstehende Rede, sogar mit Äußerungen der Zuhörer dabei, schon jetzt (im Julius 1798), also fast ein halbes Jahr vorher, ehe sie gehalten worden ist, abgedruckt erscheint, würde nicht leicht jemand unter unsern Lesern, der zugleich Zeitungsleser ist, wunderbar finden, selbst wenn sie, als von Menschen vor Menschen gehalten vorausgesetzt würde. Hier aber sprechen bloße arithmetische Wesen zu arithmetischen Wesen, deren Geschichte einer reinen Behandlung a priori nach ewigen Gesetzen unserer Natur um so mehr fähig erachtet werden muß, als man so gar diese Methode nicht ohne Glück in unsern Tagen selbst auf unreine, empirische historica und physica anzuwenden versucht hat. Morgen wird der Tag sein, an welchem ich in unserem geheimen chronologischen Ausschuß die Bank der Einer auf zehn Jahre verlassen, und morgen über ein Jahr ( tiefer Seufzer ) der, an dem ich die der Hunderte wieder besteigen werde, auf der ich nun seit ultimo Decembris 899 nicht gesessen habe. Ihr werdet mir also verstatten, teuerste Mitschwestern, daß ich, ehe ich meine Stelle im geheimen Ausschuß der Schwester Neune, übertrage, ein Paar Worte zu Euch rede, wozu mir einige Vorfälle während meines Sitzes auf dieser Bank Veranlassung gegeben haben, und worüber es in dem Jahre, das morgen seinen Anfang nimmt, vielleicht noch oft zur Sprache kommen möchte. Ich finde zwar in den Annalen des chronologischen Ausschusses kein Beispiel, daß je von irgend einer Schwester bei ähnlichen Gelegenheiten öffentlich im großen Rat wäre gesprochen worden. Ja ich erinnere mich noch sehr wohl, ob es gleich 1ooo Jahre her sind, daß ich sogar am ersten Jänner 800, an dem Tage, da ich die Ehre hatte zum erstenmal in Centgräflicher Glorie im Ausschuß zu sitzen, nicht zu Euch geredet habe. Aber, geliebte Mitschwestern, tempora mutantur. Die 8, die das neunte Jahrhundert beherrschte, ist nicht mehr die, die das neunzehnte beherrschen wird; in 1000 Jahren läßt sich wohl was lernen. O ich habe es hundertmal bereuet, daß ich am letzten Dezember 1789, als ich mich von der Bank der Zehner zurückzog, nicht manches über den Fall der alten Bastille und der alten Philosophie, der sich unter meinem praesidio ereignete und mir schwer auf dem Herzen lag, gleich damals deklariert habe. Gottlob aber, es kann mir, als der sichern Erbin des Vorsitzes der Hunderte im nächsten Jahrhunderte, nicht an Gelegenheit fehlen, nachzuholen, was ich versäumet habe, nämlich zu erweisen, daß Bastillen und Philosophien geboren werden und sterben und wieder geboren werden und wieder sterben, so wie mutatis mutandis ihre Erbauer und ihre Erfinder. ( Hier Geräusch ). O! ich verstehe Euch wohl. Ihr scheint es nicht zum Besten zu nehmen, daß ich, als bloße Mitschwester, und weder die höchste noch die geringste unter Euch, es zuerst wage, Schlüsse zu machen und von Rechenschaft zu sprechen. Schlimm genug für Euch (Gemurmel). Doch damit Ihr seht, daß ich meinen Wert kenne, und meinen Stammbaum studiert habe: so müßt Ihr allerdings wissen: ich bin unter Euch allen erstens die vollkommenste gerade Zahl ( große Stille ); bin zweitens unter Euch allen der einzige wahre Würfel ( spöttisches Lächeln von der Präsidentin und der Eins ); bestehe drittens aus zwei gleichen Quadraten ( die Präsidentin lächelt fort ); bin viertens, was das sonderbarste ist, zugleich der Würfel der Zahl, deren doppeltes Quadrat ich bin; und diese Zahl ist, fünftens, die ewige unverwerfliche Schiedsrichterin über alles Gerade und Ungerade im unermeßlichen Reiche der Zahlen von vornen und von hinten in alle Ewigkeit. ( Spöttisches Amen! von einigen; tiefe Verbeugung der Schwester Zwei ). Daher mich auch, ohne Ruhm zu melden ( heimliches Gickeln ), die gütige Natur nach ihrer anbetungswürdigen, ewigen Weisheit im Range der arithmetischen Größe, zwischen Dich, Quadrat aller guten Dinge, hochverehrliche Neune : Die Rednerin spielt hier offenbar auf das deutsche Sprüchwort an: aller guten Dinge sind Drei. und Dich hochwürdige apokalyptische Sieben, von Ewigkeit her gestellt hat. Ja, wenn ich alles dieses zusammen nehme, so fühle ich mich kühn genug, gerade heraus zu sagen, daß keine unter Euch allen, in Rücksicht auf Naturgabe, sich mit mir messen kann, als unsere erhabenste Präsidentin, die Nulle. (lautes Gelächter. Sehr naiv, riefen einige; sehr wahr, andere; und eine hatte sogar die Verwegenheit, ancora zu rufen. Dieses brachte die Rednerin sichtbarlich auf und sie fuhr mit einiger Heftigkeit fort:) Pfui schämt Euch! Ist das eine Aufführung für ganze Zahlen? Oder befinde ich mich vielleicht unter einer Rotte nichtswerter Dezimalbrüche, wovon man unendliche Reihen wegwirft, und am Ende den ganzen mächtigen Verlust mit einem Paar Pünktchen oder einem et cetera ersetzt? (Große Stille, weil man wohl fühlen mochte, daß man mehr die Präsidentin, als die Achte beleidigt hatte) . Und sagt mir, was ist denn Lächerliches darin, daß ich mich neben der Nulle wichtig dünke? Kennt Ihr wohl die wahrscheinliche Grenze des menschlichen Lebens? Was für Ziffern hat denn die allgütige Natur ausersehen diese Grenze zu bestimmen? Habt Ihr wohl von einem Buche gehört, worin es heißt: wenns hoch kömmt, so sinds achtzig? Und wie schreibt man die Achtzig? Wie? – O! es sollte mir ein Leichtes sein, Euch mit drei Worten zu Jakobinern zu machen. Ich tue es aber nicht, und werde bloß zeigen, daß Euer Mangel an Respekt gegen unsere Präsidentin sich allein auf Eure Ignoranz gründete. Erlaube mir also, erhabene Nulle, Präsidentin unseres Rats, Kreis, Kugel, Bild der Ewigkeit, Schöpferin und Erbin des Chaos, oder wie Du sonst genannt sein willst, daß ich, ehe ich zum Hauptvortrage meiner Angelegenheiten komme, ein paar Augenblicke, einigen dieser Elenden zu Liebe, bei Deinem Verdienst verweile. Sagt, Spötterinnen, war es nicht die Nulle, die die Jahre zählte, ehe noch Zeit und Zahl waren, und dann wieder zählen wird, wenn diese nicht mehr sein werden? Fand nicht Shakespear, der große Allfühler, selbst das Zeichen der Nulle so wichtig und so ehrwürdig, daß er sogar die Welt damit bezeichnete, und die Schaubühne, die seine Privat-Welt war? Wäre er ein Deutscher gewesen, so würde er sicherlich jetzt sein Vaterland dankbar ebenfalls damit bezeichnen. War Sie es nicht, die den großen Gedanken faßte, die 1 zur 10, 100, 1000 etc. zu erheben, und dann, durch eine leichte Schwenkung, wiederum zu 0,1, 0,01; 0,001 etc. zu erniedrigen, wie man eine Hand umwendet. Wahrlich das Größeste, was je in der Welt, im Felde so wohl als auf dem Papier, durch Schwenkung ausgerichtet worden ist, und überdies so schwanger an Betrachtungen über Größe und Hinfälligkeit menschlicher Dinge, deren Wert oft bloß von Schwenkungen einiger Nullen abhängt, daß, teuerste Mitschwestern, (so nenne ich Euch schwesterlich wieder, da ich Zeichen der Rührung bei Euch bemerke) daß, sage ich, die Zeit meines Aufenthaltes auf dieser Bank, ja, daß die ganze Zeit, die ich hier gesessen habe, zu kurz sein würde, alles zur Geburt zu bringen. So wurde die Nulle endlich Schöpferin des großen Dezimal-Systems, und der großen Zehnfingrigkeit, die, wenn nicht Admiral Nelson, der bekanntlich nur fünf Finger hat Er verlor einen Arm bei Teneriffa. , den Lauf der Taten hemmt, sich mit ihren zehn Fingern alles unterwerfen wird. Denn ihr müßt wissen, daß die große Nation, die ihre Freiheit mit 581 Schlachten Genius der Zeit. Juni 1798. S. 252. , wovon 580 auf der Erde, und eine über den Wolken vorgefallen ist, erkauft hat, die Ebnerin der mächtigsten Thronen, die Durchstecherin der Landenge von Suez, die Abgleicherin durch Ungleichheit und die Käuferin des mit Geld Unerkäufliehen; daß, sage ich, diese Nation dieses Dezimal-System mit der ihr eignen Kraft und Barschaft an Taten unterstützt, und mit dem Feldgeschrei: Friede dem Einmal-Eins, und Krieg allen Tafeln, Sonnenuhren und Zifferblättern der ganzen Welt , von Westen nach Osten zieht. O! wie habe ich während meines Präsidiums auf der Einer-Bank oft gelächelt, wenn man von Bonapartes So, und nicht Buonaparte muß man schreiben. Er selbst schreibt, wie ich höre, seinen Namen ohne u, auch fehlt das u unter dem ihm ähnlichsten Porträt. Anm. d. Herausg. geheimen Absichten sprach und die hauptsächlichste darunter vergaß, nämlich: den Berg Sinai zu erobern, eine Druckerei auf demselben anzulegen, und so das Dezimalsystem über die ganze rechnende Welt zu verbreiten. Der Gedanke hat in der Tat etwas Großes Man sagt, ein Citoyen circoncis habe ihn zuerst gehabt . Denn erstlich ist das der Berg, auf welchem bekanntlich das erste Dezimal-System auf steinernen Tafeln gedruckt worden, das daher Gottlob! auch so ziemlich Eingang gefunden hat; zweitens beweist es eine gewisse Erkenntlichkeit der großen Nation, die allerdings jenem Berge eine Art von Satisfaktion schuldig war, da bei ihr, zugleich mit der Einführung der neuen Dezimal-Maße, manche Hauptartikel jenes alten Systems gleichsam aboliert worden waren. Wie ich höre, so wird mit den neuen Sinus-Tafeln der Anfang gemacht werden, und in der großen Universal-Orographie der Berg künftig seinen Namen von dieser Stiftung erhalten, wiewohl man der Schwachen wegen ihn einige Zeit bloß mit Mons Sin: bezeichnen wird, das jedes Herz lesen kann, wie es will, Sinai oder Sinuum Ein Gerücht, daß zu Paris eine eigene Kommission niedergesetzt sei, die verba irregularia abzuschaffen, um der Welt das Konjugieren zu erleichtern, bleibt bis dato unverbürgt . Doch ich fühle, ich verliere mich in der Erzählung Deiner Taten und Deines Wertes, große erhabene Nulle, sinnliches Bild des unabbildlichen Nichts. Wo würde ich ein Ende finden in Dir, dem unerschöpflichen Thema von Tausenden. Ich ermüde. Doch erlaube mir, nur noch einige Minuten Deinen bürgerlichen Verhältnissen in tiefster Verehrung zu weihen. Warst Du es nicht, Citoyenne, die seit jeher deutsches Verdienst, wenn alles fehlte, aus Deinem unerschöpflichen Vorrate belohntest, den hungrigen Dichter bald mit Deinem runden Ambrosia-Zwieback labtest, bald in die leere Tasche des Lotto-Spielers und des tief spekulierenden Kaufmanns, weiß, klar und rund, tröstend hinab perltest. Warst Du es nicht, die allein den Armen nicht verließ und bar übrig blieb, wenn Alexander, Tamerlan, der Kosake Pugatscheff und der Zigeuner Gallant, oder sonst noch älteres oder neueres Gesindel, alles, Häuser, Schiebladen und Börsen, à jour gefaßt, zurückließen? (Die Präsidentin verhüllt sich und glüht schamrot durch den Schleier durch, wie der volle Mond bei einer Total-Verfinsterung. Die Rednerin bemerkt es, und geht zu einem neuen Gegenstand mit einer tiefen Verbeugung über). Teuerste Mitschwestern, ich komme nun, (indem sie sich die Augen wischt) da ein großer Teil der Zeit, die ich zu reden hatte, verstrichen ist, nach Redner-Art, geschwind zur Hauptsache. Ob ich eben so geschwind darüber hingehen werde, hängt von der Zeit ab. Ihr wißt, ich rede in der Gespensterstunde. Schlägt die Glocke zwölf – weg bin ich. Ich habe so wohl aus dem Reichs- als allgemeinen literarischen Anzeiger, und noch aus einigen andern Anzeigern, und darunter sogar einigen englischen, mit Verwunderung ersehen, daß man in der Christenwelt über die Grenzlinie des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eine Art von Streit führt, der mit dem über die Rheingrenze einige Ähnlichkeit hat; nur mit dem Unterschiede, daß die eine Partei ganz auf dem rechten, die andere ganz auf dem linken Ufer besteht. An eine Mittel-Linie ist noch nicht gedacht worden. Das hätte auch noch gefehlt. Ich will mich erklären. Ihr wißt, morgen über ein Jahr besteige ich die Bank der Hunderte, und unsere Präsidentin ist, trotz so vieler diplomatischen Geschäfte, die sie in der Welt jetzt zu dirigieren hat, entschlossen, das Präsidium auf der Bank der Zehner und nebenher der Einer als Filial zu übernehmen, das ist, wir werden 1800 schreiben. Morgen über zwei Jahre tritt sie die niedrigere Stelle von beiden der Eins, die mit so vielem Ruhme die allerhöchste seit 800 Jahren begleitet hat, zum Filial ab, und wir werden 1801 haben. Die Frage ist nun, wann und an welchem Tage sollen Personen, die viel auf Geburtstags-Schmäuse halten, den Geburtstag des neunzehenten Jahrhunderts feiern? An dem Tage, an welchem ich auf die Bank der Hunderte trete, oder (nach dem ich diese ein Jahr besessen habe), an dem Tage, da die Eins das Geschäfte der Einer übernimmt? Kürzer: am 1ten Jänner 1800 oder 1801? Ihr seht deutlich, daß mich dieser Streit notwendig sehr interessieren muß. Mein ganzes erstes Regierungsjahr mit Hunderter-Rang steht auf dem Spiel, und ist gerade die Strom-Breite, um welche gestritten wird. Keine Kleinigkeit für den, der zu Herzen nimmt, daß es hier auf die Frage ankömmt: ob jenes, mein erstes Jahr, den jämmerlichen Nachtrab eines alten Jahrhunderts machen, oder die Anführerin eines neuen sein soll, das mit verjüngter Glorie seinen Einzug in die staunende Welt nehmen wird. Bedenkt, Mitschwestern, die Anführerin des neunzehnten, also des Jahrhunderts, das vermutlich die Zahl der Planeten verdoppeln, und die der Trabanten und der Metalle vervierfachen wird; des Jahrhunderts, worin vermutlich die Luftschlachten der Völker sich zu den Land- und Seeschlachten wie 580 zu 1 verhalten werden, so daß die Zeitungsschreiber, von Paris bis Hamburg, sie mit hundertfüßigen Teleskopen aus dem Comtoir selbst bevisieren, bephantasieren und als Augenzeugen beschreiben können; und worin man die hoch vorüber sausenden Helden und ihre Sänger wie Raubvögel und Lerchen aus der Luft schießen wird. O! und des Jahrhunderts, das gewiß die Ehre haben wird, die Früchte einer neuen Wissenschaft, ich meine der mit großem Geld- und Blutaufwand eröffneten, neufränkischen Experimental-Politik, entweder einzuernten, oder, als hienieden unreifbar, zum Dünger für etwas minder Utopisches wieder unterzupflügen. Das Herz blutet mir, wenn ich bedenke, daß wahrscheinlich mein Antrittsjahr 1800 noch an das vergangene wird abgeliefert werden müssen. Hierüber muß ich mich erklären (sieht nach der Uhr und fängt an geschwinder zu reden). Ihr wißt allerseits, daß im 6ten Jahrhundert zu Rom ein kaum vier Fuß hoher Abt lebte, der, wo ich nicht irre, aus Skythien stammte. Er hieß Dionysius, und, wegen seines geringfügigen Körpers, der Kleine (exiguus). Dieser kleine Mann hatte zuerst den großen Einfall, unsere Jahre nach der Geburt Christi zu zählen, das ist, unsere jetzige Zeitrechnung zu stiften. So viel ich weiß, ist sein Geist nie gemessen worden, allein das weiß man mit vieler Zuverlässigkeit, daß er sich im Jahr der Geburt Christi wohl geirrt haben möge, praeter propter um etwa vier Jahre. Doch darauf kömmt hier nichts an. Genug, seine Zeitrechnung, wahr oder falsch, gleich viel, fand Beifall, und dieser mächtige Epochen-Stamm wuchs auf christlichem Boden ungestört fort, trotz der vielen kleinen Schmarotzer-Epochen, die sich an denselben hier und da angesetzt haben und noch immer ansetzen. Allein Jammer Schade ist, daß noch sogar gestritten wird, wie eigentlich der kleine Dionysius gerechnet habe, ob er, weil Christus nicht auf den ersten Jänner geboren worden ist, sondern vorher, und die eigentliche Inkarnation noch weiter in das Jahr der Geburt zurückfiel, das Jahr der Geburt und der Inkarnation selbst das erste Jahr genannt habe, oder das Jahr nach diesem Geburts- und Inkarnationsjahre. Diese Schwierigkeit ist so groß (denn Kleinigkeiten aufs Reine zu bringen, hat oft große Schwierigkeiten), daß ein zweiter Dionysius, der tausend Jahre nach jenem kam, kein winziger vier Fuß hoher Abbé, sondern ein derber Sechs-Füßer von einem französischen Jesuiten, namens Dionysius Petavius, der, ob er gleich im 16ten Jahrhundert zu Orleans und Paris sichtbar herumwandelte, im Geist größtenteils in den alten Zeiten spükte, sie so groß fand, daß er anfangs nicht recht mit sich selbst eins darüber werden konnte; sich einmal sogar selbst widersprach, doch aber am Ende bewies, wir zählten, wenn wir Dionysisch zählen wollten, jetzt wirklich falsch, und müßten eigentlich bisher schon 1799 gezählt haben, da wir 1798 zählten. Doch dieses nur im Vorbeigehen, und zum Beweis einer Unsicherheit in diesen Rechnungen, die wenigstens dazu dienen kann, eine andere zu entschuldigen. Ihr werdet, teuerste Mitschwestern, allerseits gesehen haben, daß die Zweideutigkeit, von der ich so eben geredet habe, den Grenzstreit der Jahrhunderte gar nichts angeht. Genug, wir zählen Jahre, ob scharf Dionysisch oder nicht, das ist nun gleich viel. Es wäre lächerlich, zumal ohne eine Armee von 300 000 Mann, sich jetzt noch einem so alten christlichen Gebrauche durch solche Finessen zu widersetzen und die Ordnung der Dinge zu stören. Es ließe außerdem ja, als wenn unsere Erfindungskraft so erschöpft wäre, daß wir gar nichts weiter erfinden könnten, als neue Meilen, neue Thermometer-Skalen und neue Schmarotzer-Epochen. (Hier etwas Gemurmel von Mons Sin: und Uhrziffer-Blättern. Die Rednerin hört es, fährt aber ruhig fort). Mit einem Wort, wir zählen Jahre nach Tausenden, nach Hunderten usw. So bald wir aber dieses tun, so müssen wir auch offenbar, um die Hundert voll zu machen, die Hundert selbst nicht fehlen lassen. Wo nach Hunderten gezählt wird, macht die Hundert selbst den Beschluß. So wäre also das Jahr, das nun in wenigen Minuten zu Ende gehen wird, das 1798te nach Christi Geburt gewesen, folglich fehlen noch zwei, um das Hundert voll zu machen, und der Geburtstags-Schmaus des neunzehnten Jahrhunderts muß gefeiert werden: am 1ten Jänner 1801. Also das erste Jahr, worin ich auf der Bank der Hunderte erscheine, ist wirklich (man bemerkt ein Zittern in der Stimme) der Nachtrab des vergangenen Jahrhunderts, und ich muß mich damit trösten, daß ich, in rangmäßiger Verbindung mit der Schwester Eins, die Ehre habe das 18te Jahrhundert endlich einmal mit voller Zahl zu besiegeln, welches bisher immer mit einer 17 und Dezimal-Brüchen des Säkulums geschehen ist. Da ich dieses mir von der Vernunft übergebene Siegel ein ganzes Jahr noch als Bürgerin des 18ten Jahrhunderts führen werde: so hoffe ich auch damit selbst die bruta, die bisher nicht begreifen konnten, warum das 18te Jahrhundert mit einer 17 bezeichnet wurde, zu überzeugen, daß wir bisher im 18ten Jahrhundert gelebt haben. Der Gerechte erbarmet sich auch seines Rindviehes. Ihr erkennt nunmehr, teuerste Mitschwestern, hieraus meine Unparteilichkeit. Ja (sich ermunternd) mit Freuden lege ich die schimmernde Krone, die mir bei meiner Erhöhung gereicht wurde, in das Grab des hingestorbenen Jahrhunderts. – Indessen sollte es mich nichts weniger als betrüben, wenn die Geburtstags-Schmauser auch den ersten Tag meiner Erscheinung (1. Jan. 1800), an welchem sich Millionen Hände zu einem neuen Zuge gewöhnen müssen, und sich mit kalligraphischem Wonnegefühl gewiß, wiewohl nicht ohne unzählige Schnitzer, endlich gewöhnen werden, auch ein wenig feierten. Denn so würden ja (sie lächelt in sich selbst hinein), was die Welt immer liebt, der Schmaustage, statt eines, zwei (frohes, jovialisches Lächeln von allen Seiten). Ja, wo ich nicht sehr irre, so ist gerade jener neue Datums-Zug wohl hauptsächlich Ursache, warum über die Frage gestritten wird, und eben deswegen schon eines kleines Präliminar-Schmauses, vor dem großen Definitiv-Schmause, wert. Indessen aber, teuerste Mitschwestern, so sehr ich auch alte, ehrwürdige Gebräuche respektiere, und überzeugt bin, daß sich unser christliches Jahrhundert erst mit dem 1ten Jänner 1801 anfange, so kann ich Euch doch unmöglich verhehlen, daß es auch Gründe gibt, die entgegengesetzte Meinung zu verteidigen, wiewohl ich sehr gerne zugebe, daß diese Gründe eben nicht gerade die sein mögen, womit sie von ihren gewöhnlichen Anhängern verteidigt werden. Es ist nämlich gewiß 1) daß unsere gegenwärtige, wahr oder fälschlich so genannte Dionysische Epoche sich von der Beschneidung Christi und weder von seinem Geburtstage, dem 25ten Dezember, noch von dem Inkarnationstage desselben anhebt, einem Tage, der hierbei für so wichtig gehalten wurde, daß die Engländer bis 1752 sogar ihr Jahr von demselben zu zählen anfingen, und noch bis jetzt spielt dieser Tag (der 25te März, Ladyday, Maria-Verkündigung) unter ihnen bei Miet-Kontrakten u. d. gl. seine Rolle. Also fällt weder der Geburts- noch der Inkarnationstag an den Anfang unserer jetzt rezipierten Epoche. Sondern beide Tage, auf die doch alles ankömmt, fallen in das Jahr vorher, und folglich zählen wir, im strengsten Verstande, nicht Jahre nach dem Geburts- und Inkarnations-Tage, sondern nach dem Geburts- und Inkarnations-Jahr Christi. 2) Ist wohl ganz außer allem Zweifel, daß wir nicht vergangene, sondern laufende Jahre zählen. Unser gewöhnlicher Ausdruck, anno 1, anno 1000, anno 1798 zeugt, so wie der lateinische Ausdruck: anno post Christum natum primo, millesimo etc. daß man, im bürgerlichen Leben, nicht vergangene Jahre zählet, sondern laufende. Man datiert Briefe nach dem laufenden Jahre, so wie nach dem laufenden Monatstage. Bezeichnet aber jener Ausdruck bloß Jahre nach dem Geburts- und Inkarnationsjahre, wie soll man denn dieses Geburts- und Inkarnationsjahr selbst bezeichnen? Doch wohl nicht mit dem Namen des ersten Jahres vor der Geburt und Inkarnation? Dieses wäre ja eben so widersinnig, als es das erste nach derselben zu nennen. Es bleibt also nichts übrig, als, da unsere Jahrrechnung mit einem ersten Jänner anfängt, vor welchem die Geburt und Inkarnation Christi liegt und liegen muß, das ganze Jahr der Begebenheit selbst mit 0 zu bezeichnen, und dessen Anfangspunkt um ein ganzes Jahr hinter den der christlich-bürgerlichen Epoche zurück zu setzen, aber nicht ein ganzes Jahr hinter das Datum der Begebenheiten selbst, auf die es eigentlich hier ankömmt, sondern nicht einmal ein ganzes Viertel-Jahr hinter den Tag der Inkarnation. So bald man aber ein Jahr Christi 0 hat, das ist, ein Jahr, das man weder das erste Jahr vor dessen Geburt, noch das erste nach derselben nennen kann: so ist es wenigstens niemand zu verdenken, am allerwenigsten aber jemanden, der etwa mehr mit dem Absoluten der Meßkunst, als mit dem Konventionellen bürgerlicher Beschlüsse bekannt wäre, wenn er für recht und billig hielte, unsere Jahre von jenem 0 Punkte an zu zählen, also nicht laufende , sondern verstrichene Jahre, gerade so wie der Astronom ohnehin schon seine Zeichen des Tierkreises bei den Längen der Planeten und seine Monatstage zählt, und wie wir selbst im gemeinen Leben unsere Stunden zählen. Denn III Uhr, 50' heißt ja auch nicht 50 Min. der dritten Stunde, sondern der vierten, so wie 100 Rtlr. 6 Ggr. nicht 6 Ggr. des 100sten Talers, oder so viel als 99 Rtlr. 6 Ggr. bedeutet. Warum soll denn nun 1798 1ten Jul. gerade so viel sagen, als 6 Monate des 1798ten Jahres, und nicht 1798 Jahr und 6 Monate nach jenem 0, das nicht viel unrichtiger liegt, als jener Anfangspunkt, und wodurch obendrein so viele Gleichförmigkeit in die Sprache über Zeitrechnung überhaupt gebracht würde? Denn, so viel ich sehe, würde dadurch die Ordnung der Tafeln nicht im mindesten gestört werden. Wenn man den Ort der Sonne für 1798 den 1. Jul., 5 Uhr berechnen will, so schreibt man aus den Tafeln den Ort für die Epoche von 1798, das ist, für den Anfang dieses Jahres nach bürgerlicher Rechnung ab, addiert dazu die Veränderung von 6 Monaten und von 5 Stunden. Aber der Anfang des 1798ten Jahres, nach der gewöhnlichen Rechnung, ist ja mit dem Ende das 1798ste von jener 0 an gerechnet einerlei. Allein so gerechnet, schreiben wir jetzt, da ich rede ( sieht nach der Uhr ), von jenem 0 an, 1798 Jahre, 11 Monate, 30 Tage, 23 Stunden, 56 Min., und heute über ein Jahr, ginge mit dem 1799ten Jahr, nach der gewöhnlichen Rechnung, das 100ste des Jahrhunderts, auf diese Weise gezählt, zu Ende. Noch merke ich an, daß es ja nicht sonderbarer wäre, wenn die Astronomen ihre Jahrhunderte anders zählten, als daß sie ihre Tage anders zählen, wie sie wirklich tun, nämlich, nicht laufende, sondern vergangene, und diese noch oben drein von einem andern 0 ab, als das im bürgerlichen Leben. Zum Beschluß erinnere ich noch einmal, daß ich nicht verbessern, nicht neuern, sondern bloß entschuldigen wollte. ( Die Neune regt sich, um von der Bank Besitz zu nehmen ). Ich sehe, teuerste Schwester und Nachfolgerin, du eilst meine Stelle einzunehmen. Ich weiche. Bedenke, du hast ein wichtiges Jahr vor dir. Sorge ja für Frieden, und halte dich durchaus, während deiner Regierung, als das Quadrat aller guten Dinge, und nicht ( etwas in den Bart murmelnd ) wie im kalten Winter. ( Die Glocke schlägt 12, man hört etwas von: Viel Lärm um nichts; die 8 geht ab, und die 9 setzt sich auf die Bank. Gratulationen zum neuen Jahre von allen Seiten ).   Nachschrift des Herausgebers Vorstehende Rede ist von unbekannter Hand mit der beigefügten Versicherung eingeschickt worden, daß einigen Freunden des hiesigen Taschenbuchs ein Dienst geschähe, wenn sie in diesen Jahrgang eingerückt würde. Man konnte der Erfüllung dieses Wunsches um so weniger entgegen sein, als man wirklich willens war, etwas Ähnliches im Jahrgange für 1800 zu sagen. Da indessen die Wendung, die der Verfasser genommen hat, die Einrückung im gegenwärtigen ganz gut entschuldigt, so mag der Aufsatz nun hier stehen. Auf den Nullpunkt der Epochen, als schicklichen terminum a quo, hätte der Verfasser wohl einen noch stärkeren Akzent legen können. Wir zählen die geographischen Längen mit Recht von dem westlichen Ende der alten Welt, von der Insel Ferro, wie man sich ausdrückt. Aber da, wo der Nullpunkt dieses Maßstabes hinfällt, liegt weder das westliche Ende der alten Welt, noch die Insel Ferro. Sondern jener Punkt ist eigentlich derjenige, von welchem ab gezählt, das Pariser Observatorium eine Länge von 20 runden Graden erhält. Vielleicht nahm der Verfasser Anstoß an der Vergleichung des Festes der Beschneidung mit dem Pariser Observatorio. Allein diese Bedenklichkeit wäre von geringer Bedeutung gewesen. Denn wirklich ist dem Herausgeber kaum ein Beispiel bekannt, worin das alte Paris so bescheiden gehandelt hätte, als in dieser Längen-Zählung. Nunmehr aber freilich, da bei der neuen Teilung des Quadranten die Länge des Pariser Observatoriums = 22°, 222 ... et sic in infinitum, werden müßte, so müssen wir die Entscheidung des Direktoriums erwarten, wo die alte Welt künftig aufhören soll. Wie wir hören, soll die 7 gewillet sein, ebenfalls vor ihrem Abtritt von der Bank der Hunderte, Rechenschaft von ihrer Verwaltung abzulegen. Da diese große Aufklärerin , oder wie sie in obiger Rede heißt, die Apokalyptische , hundert merkwürdige Jahre darauf gesessen hat, so kann ein solcher compte rendu allerdings sehr interessant werden. Da wir nun Hoffnung haben, das Original so früh als möglich zum Gebrauch für unser Taschenbuch zu erhalten, so machen wir dieses, um Kollisionen zu vermeiden, hierdurch vorläufig bekannt. Wir werden indessen nur dasjenige aus dem weitläuftigen Werke ausziehen, was für unser Taschenbuch, nach seiner bisherigen Einrichtung, gehört, und wie es sein geringer Umfang verstattet. Daher denn einige der wichtigsten Rubriken, wie wir hören, als: wie die Charte von Europa zu illuminieren sei; vom neuesten Völkerrecht; über die neueste Bedeutung von Meum und Tuum oder das politische Ich und Nicht-Ich usw. den Herrn Verlegern gewiß nicht werden verweigert werden, wenn sie sich an die benannte apokalyptische 7 selbst wenden wollen. Dass du auf dem Blocksberge wärst Ein Traum wie viele Träume Durch den Tod eines vortrefflichen Mannes, mit dem ich mehrere Jahre in vertrautem Umgange gelebet habe, bin ich kürzlich zu dem Besitz eines Manuskripts von seiner Hand gekommen, an dessen Entstehung ich selbst einigen Anteil in sofern habe, als das meiste in demselben die Resultate von Unterhaltungen in unsern Abendstunden ausmachte. Wir spielten, statt mit Karten, die wir beide unversöhnlich haßten, mit Einfällen und Projekten aller Art, oft in die späte Nacht. Ich kann aber nicht sagen, daß wir, weil wir nicht um Geld spielten, deswegen immer ruhig auseinander gegangen wären. Der letzte Stich des Gegners, wenn die bestimmte Glocke schlug, hatte immer etwas Unangenehmes für einen oder den andern, und ich erinnere mich sogar einmal, daß ich, als ich schon bei meinem Hause war, wieder umkehrte, um einen falsch gespielten Trumpf wieder zurück zu nehmen, aber meinen Freund schon gerade auf den Lorbeern ruhend eingeschlafen fand, die mich die ganze Nacht wach erhielten. Das Buch ist grün eingebunden, und soll daher künftig alles was ich daraus entlehnen werde, welches wohl der Fall zuweilen sein könnte, mit der Überschrift: aus dem grünen Buche , bezeichnet werden. Der Titel ist etwas sonderbar, wiewohl nicht ohne Menschen- und Messe-Kenntnis abgefaßt, er heißt: echt deutsche Flüche, und Verwünschungen für alle Stände, nebst einem Anhange von Sprichwörtern und Fiktionen . Von den Fiktionen haben unsere Leser schon wirklich einiges gehabt, unter andern war unser Bedlam für Erfinder fast wörtlich aus dem grünen Buche genommen. Beim Aufmachen des Manuskripts fiel mir ein Brief in die Hände, der, wie die Unterschrift zeigt, von einem nicht sehr unbekannten Verleger war. Mein Freund hatte ihm das Manuskript angeboten, ohne mir etwas davon zu sagen, vermutlich um mir mit dem Gelde eine unvermutete Freude zu machen. Das war ganz seine Art. Daß er mir aber mit dem Briefe keine unerwartete Freude gemacht hat, verstehe ich nicht ganz. Hier ist der Brief. »Ew. erhalten anbey Dero Manuskript zurück, weil selbiges Dero Zeit so nicht gebrauchen kan. Einige Artickel sind wircklich reitzbar, per Exempel jener vom doppelten Printzen und jener von Flüchen von Kindern. Doch winschen mein Frau und ich etwas mehr von Deologen hinein und der Schaam Hafftigkeit und die Obrigkeit, etwas reitzbar versteht sich und Pasquilandisch, das sind itzoiger Zeit warme Semmel in der Welt. Wolten Selbige Selbiges noch einschieben wollen, so wollen Wir sehen. Zenzur haben Wir nicht zu fürchten; meine Frau liest ihm alles für, und ist bey ihm wie Kind im Hause. Sie hüppt auch über manches Soll wohl heißen: überhüpft beim Lesen manches. Verbleibe Dero affectionirter etc.« Außer der hohen merkantilischen Suade, die durchaus in diesem Briefe glüht, war es mir besonders angenehm, eine alte fast vergessene Idee von mir, ich meine die von einem doppelten Kronerben wieder zu finden, wovon das grüne Buch zwar nicht die Ausführung, aber doch den Plan, ziemlich deutlich enthält. Hauptsächlich dieser Frau Verlegerin wegen, die, wie ihr eigener Mann gesteht, über manches gern weghüpft, muß ich sagen, was das eigentlich für eine Idee ist, und von wem sie herstammt, falls etwa besagte Dame damit über ihr Gewissen weg, in irgend eine Romanen-Manufaktur damit hüpfen sollte. Hier ist etwas davon: In einem bisher nicht sehr bekannten Reiche Asiens gibt eine geliebte Königin außerordentliche Hoffnung zu einem Thronerben, oder eigentlich zu reden, Hoffnung zu einem außerordentlichen Thronerben. Denn wirklich wuchsen diese Hoffnungen gegen das Ende der Schwangerschaft so stark, daß man sich öffentlich ins Ohr sagte: es würden wohl zwei Kronprinzen auf einmal kommen. – Das Publikum fängt an mit Meinungen schwanger zu gehen, ebenfalls doppelt und ebenfalls eine schwere Geburt verkündigend. – Politiker mit und ohne Prügel regen sich. – Kleine Vor-Entscheidungen ehe der Himmel entschieden hat. – Entscheidung des Himmels. – Bülletin: Gestern Abend wurde Ihro Majestät von zwei Kronerben glücklich entbunden, beide vollkommen ausgebildet, schön, gesund und munter, nur am untern Teile des Rückgrats und etwas weiter abwärts zusammengewachsen, und gewissermaßen Ein Stück, in allen übrigen Hauptteilen völlig doppelt. Dank, Anbetung und Verehrung für den doppelten Segen! – Geschichte der Entbindung von einem Zuschauer in der Nebenstube. – Sie erblicken das Licht der Welt mit zwei Füßchen einerlei Art, ob zwei rechten oder zwei linken, ist ungewiß. Wendung und Geburt. – Eine Deputation des Magistrats wünscht untertänigst, daß die Mißgeburt zum Wohl des Vaterlandes möchte sanft erstickt werden. – Unsanfte Erstickung der Deputation von Rechts wegen. – Tiefsinnige Untersuchung über den Wert des Doppelten in der Welt. – Von Leib und Seele. – Vom doppelten Adler. – Es erscheinen Adressen und Glückwünsche von allen Enden des Königreichs. – Die Dichter sprechen von einem Versuch der Natur, endlich der Welt ein Modell von einem vollkommenen Regenten zu geben. Das Kind heißt bei ihnen bald Castor und Pollux an einem Stück; bald Majorität und Minorität an einem Stück, und einer nennt es sogar den Zweieinigen. – Erziehung bis zur Beinkleiderzeit und Schnitt dieser Beinkleider. Man merkt beim Anprobieren, daß dieses ein wichtiger Artikel in der künftigen Regierung sein werde. – Es wird ein eigenes Konseil niedergesetzt, das über die beste Form dieses Anzugs entscheiden soll; bestehet aus drei Ärzten, drei Philosophen und drei Schneidern. – Große Uneinigkeit in diesem Konseil, sogar einige Prügeleien. – Cülottisten und Sanscülottisten durch das ganze Reich. – Sieg der erstem, weil sich mit Recht die Geistlichkeit zu ihnen schlägt. – Der Prinz bekömmt Hosen. – Dreitägige öffentliche Ausstellung derselben und Urteile der Welt darüber. Verzeichnis von Schriften darüber, die sich an die 200 belaufen. – Neigungen des Doppel-Prinzen fangen an zu keimen. Der eine zeigt viel Hang zur Spekulation und einem sitzenden Leben, der andere zum aktiven. – Sonderbare Szenen die sich daraus schon jetzt ergeben. – Ärzte und Schneider lachen, der Klerus und die Philosophen weinen. – Doppelte Pagen, doppelte Kammerdiener und doppelte Hofmeister. Es will sonst nicht gehen. Hiermit schließt sich der erste Teil. – Indem ich zum zweiten Teil übergehen will, sehe ich mit schriftstellerischem Entsetzen, aus der Überschrift dieses Artikels, daß ich mich verloren habe, und fürchte fast, daß die Verwünschung die sie enthält, über mich und meinen doppelten Prinzen von manchem Leser möge ausgesprochen worden sein. Ich bitte um Vergebung; es kam in meinem Eigentum Feuer aus, da dieses nun so ziemlich geborgen ist, so habe ich die Ehre, versprochener Maßen, aufzuwarten. Alles folgende sind die eigenen Worte meines in dem zweiten Viertel dieses Jahres (1798) leider! verstorbenen Freundes. Die Anrede ist an mich wie folgt: Du weißt, mein Teuerster, daß es seit jeher eines meiner Lieblings- Geschäfte in müßigen Stunden gewesen ist, deutsche National- Flüche und Verwünschungen zu sammeln, um daraus gelegentlich einige zur endlichen Bestimmung des National-Charakters nötiger und noch fehlender Elemente durch Philosophie zu scheiden. So wie Leibniz schon gesagt hat, daß die Menschen sehr viel sinnreicher in ihren Spielereien als in ihren ernsten Geschäften wären, so habe ich auch gefunden, daß, ohne deswegen die Flüche unter die Spielereien zu rechnen, der Mensch sehr viel charakteristischer flucht als betet, vielleicht, weil er meistens aus dunkelem Gefühl seines hohen Wertes flucht und verwünscht, und aus einem ähnlichen Bewußtsein seines Unwertes und seiner Abhängigkeit betet. Um etwas dieser Art auszufinden, legte ich mich neulich mit meinem Dir bekannten Zettel zu Bette, in der Absicht etwas dieser Art, vor dem Einschlafen, auszufinden, was ich am Morgen in meine so genannte Noctes G...es (G...sche Nächte) eintragen könnte. Ich stieß sehr bald auf die in manchen Gegenden Deutschlands sehr bekannte Verwünschung: Daß du auf dem Blocksberge wärst So heißt unser Brocken in einem großen Teile von Deutschland, und ist unter diesem Namen selbst Kindern, die 100 Meilen von ihm leben, bekannt. Man wünscht oder verwünscht gewöhnlich Dinge dahin, deren man in hohem Grade überdrüssig ist. Die Verwünschung verträgt sich wirklich mehr, als irgend eine mit christlicher Liebe; sie tut nämlich den Affekt Genüge und hebt die Wiederkehr des Verwünschten nicht auf, wodurch sie sich sehr von andern unterscheidet, die man, im christlichen Deutschland wenigstens (denn von der deutschen Türkei ist hier noch nicht die Rede), und mit einem Anfangs- Buchstaben und Punkten druckt. Wer eine sehr merkwürdige, neuere Verwünschung, auf den Blocksberg, lesen will, wird sie im 2ten Hefte des IVten Bandes der neuesten Staats-Anzeigen S.142 finden. Der Verwünscher ist ein rechtschaffener Mann, der Franziskaner, Pater Guido Schultz. . Ich weiß nicht, was mich eigentlich bei dieser Zeile zum Stillstand brachte, ich ruhete dabei aus und schlief ein. Sogleich saß ich in einem leichten Wagen mit Vieren, und fuhr in einer Nacht bei sternen-hellem Himmel frisch zu. Ich kann nicht sagen, daß mir die Fahrt sehr gefallen hätte. Vermutlich hatte sich beim Einschlafen etwas von Walpurgis-Nacht auf meinen Traum-Apparat niedergeschlagen, so daß ich mich bei meinem Postillion nicht viel besser befand als Bürgers Lenore gegen das Ende ihrer Reise bei ihrem Dragoner. Indessen ich faßte Herz. Schwager, fragte ich, was ist das dort oben! Ist das ein Nordlicht? Schwager . Wo? Ich. I dort oben, sieht er das Licht nicht? Schw. O! Wissen Sie denn das nicht? Morgen ist Neujahrs-Tag. Ich. Das weiß ich wohl, aber was hat denn das Nordlicht mit dem Neujahrs-Tage zu tun? Schw. (lachend) Ich führe doch wohl keinen Emigranten? Sie sprechen gut Hochdeutsch. Ich. (etwas auffahrend) Hanswurst, sei kein Narre, und sage, was du willst mit deinem Geschwätze da. Schw. Dank für Ihr Du . Wissen Sie denn nicht, daß heute große Ausstellung ist. Ich. Was für eine Ausstellung? Schw. Auf dem Blocksberge . Das ist der Blocksberg dort mit dem Lichte. Mit Ihrem Nordlichte! Ist denn dort Norden? (Der Kerl hatte Recht, das Licht lag gerade in Süd-Osten, und dieses Gefühl von Unrecht gab mir mein Blut wieder). Ich. O! sag er mir kurz und gut lieber Freund, was er mir sagen will, und am Ende auch sagen wird. Was ist das? Er. Nun wenn Sie so befehlen, aber, sagen Sie mir: haben Sie einen armen Schwager nicht zum besten? Ich. Auf Ehre nicht; nur zu, frei heraus mit der Sprache. Ich verstehe noch zur Zeit von allem nichts. Er. Nun gut denn, wenn Sie es so haben wollen. Diese Nacht stehet auf dem Blocksberge alles öffentlich aus, was in dem ganzen vergangenen Jahre hinauf ist gewünscht worden. Alles prächtig illuminiert, so helle wie am Tage. Ich. O! lieber Herzens-Schwager, da laß uns hin. Das muß ich sehen. Aber ists nicht schon zu spät? Er. Das nicht, aber haben Sie eine Frau? Es tut dem Herausgeber leid, daß er die Reden des Schwagers nicht in der plattdeutschen Sprache des Originals herzusetzen wagen darf. Die des Plattdeutschen kundigen Leser, können sich indessen diesen Verlust leicht ersetzen. Für die übrigen kann man zwar den Sinn der Worte wiedergeben, und das ist hier geschehen, aber die unaussprechliche Naivität dieser Äußerungen, das Kolorit des Sinnes zu empfinden, muß man unter diesen Menschen gelebt haben. Da, wo der gemeine Mann eine von der Sprache der höheren Stände verschiedene Sprache redet, wird es diesen leichter die Simplizität der Gesinnungen und Bemerkungen von jenen zu empfinden. Wo der gemeine Mann hingegen die Sprache der höhern Welt spricht, ist der Cours gegen ihn. Mit der Gemeinheit der Sprache, geht das Eigentümliche der Empfindung verloren. Ich. Was ist denn das nun wieder? Er. O ich meinte nur, ob Sie verheiratet wären. (Dabei hörte ich sogar, daß er in den Bart lächelte). Ich. Ja, ich bin verheiratet. Was nun weiter mit allem dem infamen Zaudern? Ich bin verheiratet. Er. Lieber Herr, ich meine es gut, das können Sie glauben. Ich habe lange keinen so freundlichen Herrn gefahren. Ich. Nun gut, gut, heraus mit der Sprache. Er. I, wenn Sie es so haben wollen. Ich meine nur, (hier wieder gefälliges, hörbares Lächeln) es wäre möglich, daß Ihre liebe Frau Sie im vergangenen Jahre auf den Blocksberg gewünscht hätte. Ich. Und was denn da? Er. Da würden Sie sich selbst denn dort oben herum marschieren sehen, so wie Sie da in der Kutsche sitzen, gerade so, Tracht und alles, wie im Spiegel; vor so etwas graut einem. Ich. (laut lachend) Ehrlicher Teufel. Also das meintest du? O wenn es weiter nichts ist, guter Kerl, habe ich keine Sorge. Gesetzt ich sähe mich auch da, muß es denn gerade meine Frau sein, die mich dahin gewünscht hat; das könnten ja andere Leute sein. Ich kenne ihrer eine Menge, die mich auf den Blocksberg wünschen. Das weiß ich und mache mir eine Ehre daraus. Jeder rechtschaffene Mann in dieser Welt zählt ihrer leicht ein Dutzend, eben weil er ein rechtschaffener Mann ist. Er. Gut, lieber Herr, das weiß ich wohl, aber wenn der Zettel nicht wäre. Ich. Was für ein Zettel? Er. I, der Zettel auf dem Rücken. Ich. Ich bitte Dich ums Himmels willen, sprich fort, wir kommen sonst um die Hochzeit. Was sind denn das für Zettel? Er. Ein jeder trägt da einen Zettel auf dem Rücken, daraufsteht mit feurigen (hier eine Pause), mit feurigen, feurigen Buchstaben geschrieben. Ich. Was denn? Er. Von wem man herauf gewünscht worden ist, und wie viele Male. (Hier eine Pause von meiner Seite. In der Tat wurde mir doch hierbei nicht ganz recht zu Mute. Denn man kann in einer sehr vergnügten Ehe leben, und dann doch zuweilen auf den Blocksberg gewünscht werden. Es war mir um die Leute zu tun. Ich dachte nach, und erinnerte mich einiger kleinen Vorfälle, dieses merkte der Schwager). Er. Schlafen Sie? Sie sind ja so stille? Ich. Wer wird schlafen, bei einer solchen Reise mit einem so angenehmen Schwager? Aber höre Er. Gesetzt ich fände nun meine Frau auch da, würde Sie mich kennen? Er. Nein! als bloßen Passagier und Zuschauer nicht. Die sind unsichtbar für die Verwünschten. Aber die Verwünschten selbst sehen einander. Die bloßen Passagiere sehen alles, ohne gesehen zu werden. Erblicken Sie also Ihre liebe Frau oben, so werden Sie es am besten wissen, was das sagen will. Erblicken Sie sich selbst und Ihre Frau Arm in Arm, so hat dieses nichts zu bedeuten. Das können immer gute Ehen sein. Nur auf den Kopfputz kömmt alsdann viel an. Ich. Ich sehe, der Schwager ist sehr informiert. Er. O! Ich müßte ein Dummkopf sein, wenn ich es nicht verstände. Ich habe Hunderte hinaufgefahren, auch wieder herunter, wenn sie sich nicht – – Sie verstehen mich wohl. Ich. Nein, lieber Schwager, ich verstehe es nicht. Er. O doch. Ich. Nein wahrlich nicht. Er. Ich meine, wenn sie sich nicht droben erhenkt haben. Ich. Also haben sich wirklich Passagiere droben erhenkt? Er. O! mehr als einmal. Ich. Und weswegen denn? Er. Von wegen des Kopfputzes, von dem ich vorher geredet habe. Ich. Kopfputz? Gibt es denn einen zum Erhenken. Er. Oja. Ich. Was für einen? Er. Wenn Sie nicht wollen für ungut nehmen – Hörner . Ich. Kannst Du mich, lieber Schwager, wohl in einer Stunde hinführen? Er. O! in – in – einer Minute. Ich sehe Sie wissen nicht wer Sie fährt. Ich habe meine geheimen Verbindungen hier, bin aber Ihr guter Engel, fürchten Sie nichts. In diesem Augenblicke fühlte ich mich weit über alles erhoben was die Welt Chausseen nennt. Ich schwamm, wie an einem Luftballon hängend, sanft dem Nordlicht entgegen. Alles, was noch in mir wog und zog, waren einige schwere Gedanken über die Folgen dieser Aufklärung, über wichtige Punkte des vergangenen so wohl als künftigen Lebens, der ich jetzt entgegen ging, und die der Himmel so weislich in Dunkel hüllt. Ich tadelte im Grunde meiner Seele nunmehr meine Verwegenheit, denn mein ganzes Leben zielte gar nicht auf einen solchen Überfall hin. Wer hätte auch so was denken sollen? Nach wenigen Minuten sanken wir auf den kleinen Brocken nieder, mechanisch sanft, aber für mich, mit einer Art von elektrischem Stoße aus dem Boden der Weissagung, der durch alle Glieder ging. In diesem Augenblicke war mir der Brocken heilig. Man kann sich keinen himmlischem Anblick denken, der ganze höhere Gipfel des Brockens, der nunmehr vor uns lag, stand wie im Feuer. Alles noch etwas fern. Mein Postillion, der, wie ich nun deutlich sah, weder die braunschweigische noch die kaiserliche Montur trug, faßte mich bei der Hand, schüttelte sie lächelnd. Ich bin noch immer der alte Schwager im Tale. Sie denken nach; haben Sie keine Sorge, und (setzte er, Gottlob! lächelnd, hinzu) zum Erhenken ist immer Zeit. Nun ging ich mit Mut dem Berge zu. Himmlischer Anblick überall. Überall wie Junius-Licht an einem heitern Mittage. Aber selbst in der Allee, der wir uns näherten, erschien keine Spur von Schatten. Was ist das? fragte ich meinen Führer, sind das Harz-Tannen? I, mein Himmel, Sie wissen nicht, wo Sie sind, versetzte er, das Licht blendet Sie. Das sind Bäume, die Deutschland hieher gewünscht hat. In dem Augenblick sah ich, daß es Freiheitsbäume waren, rot, blau und weiß gestreift; oben Bänder von gleicher Farbe. Bravo, meine lieben Landsleute, dachte ich, und nun fing ich an zu verstehen. So viel kömmt auf einen guten Wink an. Trotz meines Unterrichts im Tale, hielt ich alles hier für ein Paradies, und hatte gänzlich vergessen, daß ich mich unter lauter verwünschten Dingen befand. – Der Glanz hatte alle Schuld. An den Bäumen wehten Flaggen mit Zahlen. Was soll die Zahl da? fragte ich meinen Führer. Das ist die Zahl der Verwünschungen, sagte er. Nun dachte ich, willst du doch Eine wenigstens behalten. Es war ein herrlich gehobelter und verzierter Baum, oben mit vier Schildern, nach den vier Weltgegenden, mit Inschriften, die ich nicht lesen mochte. Es war mir mehr um die Zahlen zu tun, woraus sich auf die Inschriften schließen ließ. Es war zum Erstaunen: voran stand eine Eins, und, dafür stehe ich, hinter her zum aller wenigsten fünf Nullen. Also war dieser Baum wenigstens hundert tausendmal verwünscht worden. Das dachte ich wohl, sagte ich zu mir selbst, so mußte es kommen. Unter den Bäumen spazierten einige Offiziere mit gestickter Uniform Arm in Arm mit Leuten, die nicht in Uniform waren. Es wurde viel Französisch gesprochen, aber von einigen so schlecht und breit, daß man wohl hören konnte, es waren Deutsche, die es erst in späteren Jahren aus ökonomischer Desperation gelernt hatten. Was ist denn das für ein Trupp dort unter jenen Freiheits- Tannen, der keine Uniform trägt? fragte ich. Das sind Lieferanten an sich , antwortete mein Führer. Hierbei konnte ich mich kaum des herzlichsten Lachens enthalten, über meine eigene Ideen-Verbindung, versteht sich. Mir fielen dabei die Dinge an sich der neuen Philosophie ein, und so gewann der Ausdruck, im Munde eines Postillions, also eigentlich des Mundstücks zum Mundstücke des Posthorns, ein etwas drolliges Ansehen. Der gute Kerl, der sich meinen Schutzengel nannte, war ganz unschuldig dabei. Er verstand unter Lieferanten an sich , eine sehr bekannte Species von Lieferanten, die bloß an sich selbst liefern, und dieses Ungeziefer, deutsches und französisches auf dem Blocksberge zu finden, war nicht unerwartet. Wer würde diese Strichvögel nicht lieber in der Halsschlinge sehen, als hier im Freien streichend? Gleich hinter der Freiheits-Tanne erblickte ich eine Menge Buden mit Kleidern; alle waren weiß, braun und schwarz. Ich glaubte in Monmouth-street Eine Straße, worin nicht sowohl vor Alter gestorbene Kleider, als vielmehr solche, die die Pest der Mode oft in der Blüte ihrer Jahre hingerafft hat, ihre Auferstehung erwarten, die denn auch nicht ausbleibt; wenn man die Erlaubnis, in den Provinzen und im Auslande zu spuken, Auferstehung nennen kann. in London zu sein. Als ich etwas näher trat, sah ich aus der Überschrift, daß es lauter Ordenshabite waren, vorzüglich Habite junger Nonnen; ich glaube nicht zu irren, wenn ich die Sammlung auf 5000 schätze. Sie waren systematisch aufgehängt, zwischen einem Paare Nonnenkleidern hingen immer einige Mönchshabite. Kapuziner, Franziskaner und die von La Trappe konnte ich deutlich erkennen. Sie schienen sich wie zu umarmen. Jetzt fing ich an diesen Tag zu preisen, der meine Theorie vom Menschen so sehr bestätigte. Leid tat es mir, als ich in denselben Buden einige protestantische Krägelchen, schwarzen Rock und Mantel und schwarz gebundene Bücher mit vergoldetem Schnitt erblickte. Wie ist das in aller Welt möglich? sagte ich ganz laut. Was möglich! versetzte mein Führer, es ist alles möglich, fort, fort, wir haben keine Zeit. Es wird besser kommen. Das nächste war ein kaum übersehbares Gehege, worin es von wilden Schweinen, Hirschen, Rehböcken und Hasen wimmelte. In der Mitte glänzte auf einer erhöhten Tafel in feuriger Schrift: Von den sämtlichen Untertanen. Was Henker, fragte ich, haben denn die wilden Schweine in Deutschland Untertanen; – Hier nicht viel gefragt. Sehen Sie, sehen Sie dort die herrlichen Equipagen! Es war zum Entzücken. Zum wenigsten zehn sechsspännige Wagen von einer Leichtigkeit, daß Ein Pferd ihrer sechs gezogen hätte, rennten unter Begleitung von menschlichen Renntieren, schön wie Engel, in ihrem Silber-Geschirr Hieraus können manche Leser lernen, was Diktate reiner praktischer Vernunft sind. Ich wußte, daß mich der Kerl nicht sah, und daß ihn meine Freude weder verwunden noch heilen konnte. Dessen ungeachtet machte ich das ganze Exerzitium an ihm durch, wie an einer Glieder-Puppe. , vorüber. Ich kannte keinen von den Herrn darin, doch glaube ich, vier bis fünf Tonsuren bemerkt zu haben, zwei fuhren rückwärts, und vorwärts saßen Damen. Nonnen waren es nicht. O! da hätte ich die Kehrseite sehen mögen, rief ich. Geschwind, geschwind! Sehen Sie, da stehts auf den Kutschen hinten, rief mein Führer. Es war nicht zu verkennen. Die Flammen-Schrift hieß: Von den sämtlichen Untertanen. Das haben wir schon einmal gehabt, sagte ich. Nun öffnete sich der Schauplatz immer mehr. Gänge, gedrängt wie die Börse zu Amsterdam um Mittag, zeigten sich zu beiden Seiten. Es war nicht auszukommen, der Geist ermüdete. Ich las bloß einige Aufschriften. Z.B. Gang der alten Tanten. Gang der Ehemänner. Allgemeine Rücken-Devise: Von der Frau. Promenade der Hofmeister. Hier erkannte ich zwei oder drei. Ganz voran stand unser lieber N. mit seinem abgespannten Passions-Gesichte. Er hatte seinen kleinen Dollond in der Hand, und sah gerade nach mir. Ich wollte ihn grüßen, als mir einfiel, daß ich unsichtbar für ihn wäre. Ich sah mich also in der Richtung seines Fernglases um, und siehe, da stand der junge Schurke hinter mir, der gewiß diese gute Seele, zum Dank für ihre weise und väterliche Leitung, tausendmal herauf gewünscht hatte. Ich suchte den Revers des Buben zu gewinnen, um zu sehen, wem er seine Brocken-Reise zu verdanken hätte. Das Zettelchen glühte ganz fein: von seinem ewig treuen Engel, Signora Cassandra, an dem Tage da Monsieur aufhörte zu zahlen. Recht so, dachte ich. Vielleicht zielte der kleine Dollond Hieraus können manche Leser lernen, was Diktate reiner praktischer Vernunft sind. Ich wußte, daß mich der Kerl nicht sah, und daß ihn meine Freude weder verwunden noch heilen konnte. Dessen ungeachtet machte ich das ganze Exerzitium an ihm durch, wie an einer Glieder-Puppe. nach dieser Inskription. Indem ich noch diesem infamen Geschöpfe meine tiefste Verachtung durch Freude bezeigen wollte Hieraus können manche Leser lernen, was Diktate reiner praktischer Vernunft sind. Ich wußte, daß mich der Kerl nicht sah, und daß ihn meine Freude weder verwunden noch heilen konnte. Dessen ungeachtet machte ich das ganze Exerzitium an ihm durch, wie an einer Glieder-Puppe. , stieß mich mein Führer fast etwas unsanft an. Ums Himmels willen erschrecken Sie nicht! – Was, was ist denn? – Sehen Sie denn nicht dort den Herrn? – Wo, wo ? I, dort! Sie kennen doch auch wahrlich alle Menschen, und sich selbst nicht. – Wie ein Donnerschlag ging es mir durch alle Glieder, nicht was mein Führer sagte (das wußte ich längst), sondern der Anblick von meinem Ich nicht Ich , zum ersten Male in der Welt, außerhalb des Spiegels, und mit Bewegungen, die mit den meinigen gar nicht in katoptrischer Harmonia praestabilita standen. Ich stand, wie eine Bildsäule versteinert, da; Ich nicht Ich hingegen war sehr munter, schaute umher, und schien sehr viel vergnügter, als sein Er nicht Er . Offenbar mußte etwas zwischen uns sein, was weder Er noch Ich war, und wovon keiner von uns etwas wußte. – Es war ein unbeschreiblicher Anblick, Sich Selbst so, ohne Sich Selbst, gehen zu sehen, wo man bei jedem Tritt der Abbildung zu erblicken fürchtet, was man nicht sieht, wenn man ihn selbst tut. – Aufrichtig zu reden, so gefiel ich mir nicht sonderlich. Ich würde den Hut anders gesetzt, den Stock anders getragen, und mich nicht so oft umgesehen haben, wie Ich nicht Ich . Indes dachte ich: es ist alles sonst so genau und richtig, also vermutlich auch das, was du nicht für so genau hältst. Nun wohlan, sagte ich zu mir selbst, das soll mir der Keim zu einer Theorie des Schauspiels sein. Dieses war eine kleine Autor-Regung, ein Intermezzo, das der Kopf der Autoren ihrem Herzen oft zum besten gibt, wenn er etwas Besseres geben könnte oder sollte. Nun kam der Mensch in mir wieder. – Mir gefiel in Wahrheit der Hut mit dem hohen Deckel, den Ich nicht Ich trug, nicht so ganz, ob Ich gleich Selbst einen solchen aufhatte. Mir fiel der Kopfputz ein. Meine Unruhe und meine Neugierde war unglaublich. Ich hätte einen Fürstenhut darum gegeben, diesen Filz abheben zu können. Auf einmal begegnete meinem Repräsentanten ein alter guter Freund von uns, den vermutlich seine Haushälterin mit ihrem verlobten Exspektanten hierher gewünscht hatte. Mein Echo-Wesen zog den Hut ab. Gerechter Himmel! Was für ein Anblick! Wenn dir je, teuerster Leser, an dem zweiten oder dritten Abend deiner ersten Liebe, der aufgehende Vollmond durch das Blüten-Gitter deiner Laube in dein begeistertes Auge geblickt hat, so hast du den Vollmond ganz mit dem Wonne-Gefühl gesehen, mit dem ich durch ein Gedränge von Bändern, Federn und andern wehenden und nicht wehenden Kopfzierden, meinen kahlen Scheitel erblickte. Er war es völlig, so wie ich ihn noch diesen Morgen vor dem Spiegel gesehen hatte; glatt freilich, aber auch ohne alle Spur von jenen kleinen aber solideren Sprößlingen, die oft der bloße geheime Wunsch des Weibes schon keimen machen soll. Also nicht einmal ein Spießer Ein junger Hirsch, der das erste Mal aufsetzt, und daher nur Spieße statt des Gehörnes hat. Adelung. bist du, dachte ich. Eigentliches Gehörn hatte ich nie gefürchtet. Dieses erfüllte mich mit einem Mute. – O! ich glaube, ich wäre dem Leidigen selbst entgegen gegangen. Ich. Komm, komm, guter Freund, geschwind, sagte ich zu meinem Führer. Er. Was denn, was wollen Sie denn? Ich. Ich muß die Inskription lesen. Er. Was für Inspektion? Ich. Guter Tropf, ich will wissen, wer mich auf den Blocksberg gewünscht hat. Er. O tun Sie das nicht. Es wäre doch wohl möglich. Ich. Was möglich? Ich fürchte keine Möglichkeit. Komm, komm. Wir eilten. Ich las den Zettel, und lächelte. Es war nichts Neues. Ich erblickte zwei Namen. Der eine war der von einem sonst scheinbar guten Schlucker, der eine entfernte Anwartschaft auf mein Amt hat, der mir immer zum neuen Jahre gratuliert, und des Monats wenigstens Ein Mal bei mir speist. Der andere, der von einem Bedienten, der nicht mehr allein in Keller gehen darf. – Ich gratuliere, gratuliere aus Ihrem Gesichte, lieber Herr, sagte mein Führer, indem er mir die Hand drückte. – Auf einmal sah er sich um und stutzte – Wat – die – schwere – – rief er, indem er meine Hand wegwarf und lief. Ich wußte in der Welt nicht, was dem guten Kerl angekommen war. – Auf einmal löste sich das Rätsel. Ich sah nämlich das Ich nicht Ich meines treuen Führers einher schreiten, nicht als Spießer , sondern mit dem vollkommensten Gehörn, das ich in meinem Leben gesehen habe, und von Ast zu Ast glänzte die Inschrift: von seiner lieben Ehefrau. Die Worte galten bloß die Verwünschung, das Gehörne bedurfte keiner Inschrift. Ich muß bekennen, weil der Kerl rüstig, jung und schön war, und ich einige Ursache hatte zu glauben, daß seine liebe Ehefrau auch hier irgendwo noch in gleichem Putz spuke, so konnte ich mich des herzlichen Lachens nicht enthalten. Nach dem Gehege mit ihm, nach dem Gehege , rief ein Gedränge von Menschen, worunter selbst einige Spießer waren. Meine Bewegung über diesen sonderbaren Vorfall wurde immer heftiger und so – erwachte ich. – Das, was aber von meinem eigentlichen Ich wieder zuerst recht wieder zu sich kam, war doch wieder der Autor. Ich dachte an meine neue Theorie vom Schauspiele, und fand nun wachend zu meinem nicht geringen Verdruß, daß das alles längst bekannte Sachen waren; längst gedachte und gesagte , wenigstens aber zum erstenmal lebhaft empfunden . Das ist doch immer etwas wert. Ich kam hierbei auf deinen alten Satz, lieber Freund. Du sagtest einmal bei dem Sprichworte: hierüber muß ich mich beschlafen , es gelte bei verwickelten Angelegenheiten des Lebens, wo es gewöhnlich gebraucht werde, nicht vom Schlaf, sondern vom Wachen im Bette, und hauptsächlich dem Erwachen am Morgen; von Gegenständen der schönen Künste hingegen, in mehr eigentlichem Verstande, doch sollte man da lieber sagen: hierüber muß ich mich beträumen . Die größesten Dichter und Künstler seien immer Menschen gewesen, die dieses wachend gekonnt, und immer in desto höherem Grade, je weniger sie sich auf das obige Beschlafen verstanden hätten. – Schade nur, lieber Freund, daß deine Regel den traurigen Umstand mit dem besten gemein hat, daß sie der, der sie versteht und fühlt, nicht nötig hat, und der, der sie nötig hätte, vice versa usw.