Guy de Maupassant Mont Oriol frei übertragen von Georg Freiherrn von Ompteda Erster Teil I Die Frühaufsteher unter den Badegästen, die schon ihr Bad genommen hatten, gingen zu Zweit oder allein unter den großen Bäumen längs des Baches spazieren, der aus den Schluchten von Enval herabrinnt. Andere kamen vom Dorf und eilten in das Kurhaus, ein großes Gebäude, dessen Erdgeschoß allein die Thermen enthielt, während im ersten Stock sich das Kasino befand, ein Café und die Billardsäle. Nachdem Doktor Bonnefille in dem Thalgrund von Enval die große Quelle entdeckt hatte, die er Bonnefille-Brunnen genannt, hatten einzelne Grundbesitzer aus der Gegend, vorsichtige Spekulanten, sich entschlossen, mitten in dem wilden, und doch heiteren, mit Nußbäumen und gewaltigen Kastanien bepflanzten Thal der Auvergne ein großes Gebäude zu errichten. Es diente gleicherweise Heil- wie Vergnügungszwecken, unten wurde Mineralwasser verkauft, Douchen und Bäder abgegeben und oben Bier, Getränke aller Art und Musik. Man hatte einen Teil der Thalsenkung längs des Baches umzäunt, als Kurpark, der nun einmal zu jedem Badeort gehört. Drei Alleen waren angelegt worden, eine fast gerade und zwei, die im Bogen gingen. Am Beginn der ersten ließ man einen künstlichen Brunnen graben, eine Abzweigung der Hauptquelle, die in einem großen Cementbecken brodelte; ein Strohdach war darüber errichtet worden und unter diesem saß zur Bedienung eine immer freundliche Frau, die man allgemein familiär »Marie« nannte. Die Auvergnatin trug stets ein schneeweißes Mützchen und war beinahe ganz von einer gewaltigen wißen tadellos sauberen Schürze umbauscht, die ihre Kleidung darunter verbarg. Sobald sie auf dem Wege einen Brunnengast auf sich zukommen sah, stand sie langsam auf. Wenn sie dann erkannt, wer es war, entnahm sie sein Glas einem kleinen Glasschränkchen und füllte es langsam, indem sie es in eine Zinkhülse setzte, die an einem langen Stock befestigt war. Der traurige Brunnengast lächelte, trank, gab sein Glas zurück und sagte: – Danke Marie! Dann machte er Kehrt, ging davon, und Marie setzte sich wieder auf ihren Strohstuhl, um den Folgenden zu erwarten. Übrigens waren der Gäste nicht gar viele. Das Bad von Enval existierte erst seit sechs Jahren und hatte, nachdem es diese sechs Jahre überstanden, kaum mehr Gäste als zur Zeit, da es eröffnet worden. Vielleicht fünfzig Menschen kamen hin, hauptsächlich von der Schönheit der Gegend angelockt, durch den Reiz dieses kleinen, ganz unter riesigen Bäumen verborgenen Dorfes, unter knorrigen Stämmen, die so groß fast waren wie die Häuser, angelockt vom Ruf der Schönheit dieses seltsamen Dörfchens, das an einem Ende auf die weite Ebene der Auvergne sich öffnete, am anderen von einem hohen, von erloschenen Kratern durchfurchten Berge abgeschlossen wurde, der zuletzt in ein wildes Felsgebiet überging voll drohender Steinbildungen, durch die ein Bach sich über die gewaltigen Felsen in Kaskaden herabstürzte, vor jedem einzelnen einen kleinen See bildend. Dieser Badeort hatte begonnen wie alle, durch die Herausgabe einer Broschüre des Doktor Bonnefille über seine Quelle. Er rühmte darinnen zuerst die alpinen Reize der Gegend in bombastischem und sentimentalem Stil. Er hatte sonderbare Ausdrücke gewählt, die einen gewissen Eindruck machen, ohne doch zuviel zu sagen. Nach ihm war die ganze Gegend pittoresk, voll grandioser Aussichtspunkte und von eigenem Reiz; alle, auch die nächsten Spaziergänge besaßen etwas ganz Eigenes, Originelles, einen Zauber, der Künstler und Reisende festhielt. Dann erklärte er in der Broschüre ohne weiteren Übergang plötzlich die therapeutischen Eigenschaften des Bonnefille-Brunnens, der Bicarbonicum, Soda, Kohlensäure, Eisen und so weiter enthielt und gegen alle Krankheiten indiziert war. Übrigens hatte er sie zusammengefaßt unter dem Namen »chronische oder akute Leiden, für die speciell Enval angezeigt ist.« Es war eine lange, bunte Reihe, die allen, allen Leidenden Trost verlieh. Die Broschüre endigte mit allerlei praktischen Ratschlägen über das Leben in Enval, Preise der Wohnungen, der Hotels. Denn drei Hotels waren zu gleicher Zeit mit dem Kurhaus aus dem Boden gewachsen: das Splendid - Hotel, ganz neu, an der Berglehne über den Bädern erbaut, das Bade-Hotel, ein ausgebautes ehemaliges Wirthaus und das Hotel Vidaillet, einfach dadurch hergestellt, daß man drei benachbarte Häuser erworben und sie vermittelst Durchbrechen zu einem einzigen umgewandelt hatte. Zu gleicher Zeit waren zwei neue Ärzte hingekommen, sie waren eines Morgens, ohne daß man eigentlich recht wußte woher, da, denn in den Bädern scheinen die Ärzte förmlich aus den Quellen aufzusteigen, wie die Kohlensäure. Das war Doktor Honorat, ein Auvergnate, und Doktor Latonne aus Paris. Doktor Latonne und Doktor Bonnefille waren sofort tötlich verfeindet, wahrend Doktor Honorar, ein dicker, sauber gekleideter, wohlrasierter, lächelnder, schmiegsamer Mann, dem einen seine Rechte, dem anderen seine Linke gereicht hatte und sich mit beiden gut vertrug. Aber Doktor Bonnefille beherrschte die Situation durch seinen Titel: Chefarzt der Thermen von Enval-les-Bains. Auf diesem Titel beruhte seine Bedeutung, das Kurhaus war seine Domäne. Dort war er den ganzen Tag zu finden, es wurde sogar behauptet die Nacht. Hundertmal täglich ging er von seinem Hause, das im Dorf ganz in der Nähe lag, zu seinem Sprechzimmer rechts am Eingang. Dort saß er wie eine Spinne im Netz, überwachte Kommen und Gehen der Kranken, betrachtete seine Patienten mit ernsten und die anderen mit wütenden Blicken. Alle Welt redete er an, beinahe wie ein Kapitän auf See, und ängstigte alle Neuankommenden, bis auf die, die über ihn lachten. Als er heute mit eiligen Schritten angebraust kam, daß die langen Schöße seines alten Überrockes wie zwei Flügel hinter ihm drein flatterten, ward er plötzlich durch eine Stimme aufgehalten, die da rief: – Doktor! Er wandte sich um. Sein mageres, von tiefen, schwarz scheinenden Falten durchzogenes Gesicht, auf dem ein grauer, schlecht gehaltener Bart sproß, bemühte sich zu lächeln. Er nahm seinen ein wenig schmutzigen, fettigen Cylinder ab, mit dem er sonst sein langes, Pfeffer- und salzfarbenes Haar, wie sein Gegner, Doktor Latonne, zu sagen Pflegte, bedeckte, trat einen Schritt vor, verbeugte sich und sagte: – Guten Morgen, Herr Marquis, wie geht's? Wie steht's? Ein kleiner, sorgfältig gekleideter Herr, der Marquis Ravenel, streckte dem Arzt die Hand entgegen und antwortete: – Sehr gut! Sehr gut! Oder wenigstens nicht schlecht. Ich habe immer noch Schmerzen in der Seite, aber es geht besser, viel besser; ich habe ja auch erst zehn Bäder genommen, voriges Jahr trat die Reaktion erst beim sechszehnten ein, erinnern Sie sich noch? – O gewiß! – Aber davon wollte ich Ihnen nicht sprechen. Meine Tochter ist heute früh angekommen, und vor allen Dingen wollte ich darüber mit Ihnen reden, weil mein Schwiegersohn, Herr Andermatt, William Andermatt, der Bankier ... – O gewiß, ich weiß! – Mein Schwiegersohn hat nämlich einen Empfehlungsbrief an Doktor Latonne; ich habe nur zu Ihnen Vertrauen, und ich bitte Sie, zum Hotel zu gehen, ehe – Sie begreifen schon, ich wollte lieber ganz offen mit Ihnen reden. Also haben Sie jetzt vielleicht Zeit? Doktor Bonnefille hatte sehr unruhig, sehr erregt den Hut wieder aufgesetzt und sagte sofort: – Gewiß, sofort, darf ich Sie begleiten? – Aber gewiß! Sie wandten dem Kurhaus den Rücken und folgten eilig jener im Bogen führenden Allee, die sie zum Splendid- Hotel brachte, das der Aussicht wegen an der Berglehne lag. Im ersten Stock traten sie in den Salon, der zu den Zimmern der Familie Ravenel und Andermatt gehörte, und der Marquis ließ den Arzt allein, um seine Tochter zu holen. Einen Augenblick darauf kam er mit ihr zurück. Es war eine junge blonde Frau, klein, bleich, sehr hübsch, mit fast kindlichen Zügen, während ihr braunes Auge keck blickte und die Leute entschlossen ansah. Das verlieh dieser reizenden, zierlichen Frau eine entzückende Sicherheit und etwas ganz Eigenes. Ihr fehlte nichts Besonderes, sie fühlte sich nicht wohl, sie war traurig, sie weinte ab und zu ohne irgend welche Ursache, geriet ohne Grund in Wut, kurz, sie war eben blutarm. Vor allem wollte sie ein Kind haben; seit den zwei Jahren, die sie verheiratet war, wartete sie vergebens darauf. Doktor Bonnefille behauptete, der Brunnen von Enval wäre dazu gerade sehr geeignet und schrieb sofort Verhaltungsmaßregeln auf. Diese boten etwa den schrecklichen Anblick eines richterlichen Erkenntnisses. Auf einem großen weißen Blatt standen da eine Menge Paragraphen. Jede Verordnung zwei oder drei Zeilen lang, in stürmischer Hast hingeworfen, ein wildes Heer von Buchstaben-Spitzen. In wütender Reihenfolge kamen Mittel, Pillen, Pulver, die man nüchtern, früh, mittags oder abends gebrauchen sollte. Es war, als lese man dort: »Da Herr X an einer chronischen, unheilbaren, tötlichen Krankheit leidet, so wird ihm hierdurch verordnet: 1. Chinin, das ihn taub macht und sein Gedächtnis schwächt. 2. Brom, wird ihm den Magen ruinieren oder seine intellektuellen Fähigkeiten schwächen, einen Ausschlag hervorbringen und dazu üblen Atem. 3. Jod, um seine Drüsen vertrocknen zu machen, die des Hirns wie alle übrigen, daß es ihn nach kurzer Zeit körperlich wie geistig auf den Hund bringt. 4. Salicyl, dessen Heilkraft noch nicht gänzlich feststeht, das aber voraussichtlich die damit behandelten Kranken schnell und sicher tötet. Und dazwischen: Chloral, das verrückt macht, Belladonna, die die Augen ruiniert, und dann alle vegetarischen Mittel, mineralischen Zusammensetzungen, die die Blutzirkulation stören, die Organe angreifen, die Knochen zerfressen und allein durch ihre Heilkraft alle töten, die sonst der Krankheit nicht zum Opfer fallen.« Er beschrieb das Blatt auf beiden Seiten und unterzeichnete dann, etwa wie ein Beamter einen Haftbefehl. Die junge Frau, die ihm gegenübersaß, blickte ihn an, mit dem Lachen kämpfend, sodaß ihr Mund zuckte. Nachdem er nach tiefer Verbeugung verschwunden war, nahm sie das von Tinte ganz schwarze Papier, zerknüllte es zu einer Kugel und warf es in den Kamin. Dann lachte sie herzlich und rief: – Aber Papa, wo hast Du denn diese alte Ausgrabung entdeckt? Das sieht Dir wirklich ähnlich! So einen Arzt, der noch aus der Zeit vor der Revolution stammt, auszubuddeln. Herrgott ist der komisch! Und schmierig, wahrhaftig, ich glaube, er hat meine Briefmappe ganz schmutzig gemacht! Die Thür öffnete sich, und man hörte Herrn Andermatts Stimme, der da rief: – Treten Sie ein, Doktor! Doktor Latonne erschien. Mager, aufrecht, korrekt, mit einem Aussehen, daß man sein Alter nicht hätte bestimmen können. Sehr elegant gekleidet, hielt er in der Hand den Cylinder, an den man in beinahe allen Bädern der Auvergne den Pariser Arzt erkennt. Er sah, glatt rasiert, ohne Schnurrbart oder Backenbart, wie ein Schauspieler auf Sommerfrische aus. Der Marquis war erschrocken, er wußte nicht, was er sagen sollte, während seine Tochter sich ihr Taschentuch vorhielt, als müßte sie husten, um nicht dem neuen Ankömmling gerade ins Gesicht zu lachen. Der verbeugte sich sicher, und auf einen Wink der jungen Frau setzte er sich. Herr Andermatt, der ihm folgte, erzählte peinlich genau vom Zustand seiner Frau, von den Störungen mit all ihren Symptomen, was die Pariser Ärzte alle gesagt, fügte dann seine eigenen Ansichten hinzu mit ganz genauen und technischen Ausdrücken. Es war ein noch sehr junger Mensch, Jude, reicher Geschäftsmann. Er machte alle möglichen Geschäfte. Anschmiegsamen Geistes war er zu allem zu gebrauchen; er fand sich ungeheuer schnell in jeden Stoff und hatte ein ganz merkwürdiges, erstaunlich sicheres Urteil. Für seine kleine Figur war er schon zu dick, etwas aufgeschwemmt, hatte eine Glatze und besaß etwas von einer Puppe, fette Hände, kurze Schenkel, ein zu frisches, ungesundes Aussehen. Er sprach ununterbrochen. Er hatte aus kluger Berechnung die Tochter des Marquis Ravenel geheiratet, um seine Spekulationen auf Gesellschaftskreise auszudehnen, denen er nicht angehörte. Übrigens hatte der Marquis etwa dreißigtausend Francs Rente und nur zwei Kinder. Aber Herr Andermatt besaß, als er sich verheiratete, in einem Alter von kaum dreißig Jahren, schon fünf oder fechs Millionen und hatte Unternehmungen im Gang, die ihm gewiß noch zehn oder zwölf sicherten. Der Marquis war ein unentschlossener Mensch, der mal so urteilte, mal so, schwach und unsicher. Als man ihm von der Verbindung sprach, ward er zuerst wütend, empört bei dem Gedanken, seine Tochter mit einem Israeliten verheiratet zu sehen, aber nach einem halben Jahr Widerstand gab er nach unter dem Zwange der Millionen, mit der Bedingung, daß die Kinder katholisch werden müßten. Aber man wartete und kein Kind erschien. Da erinnerte sich der Marquis, der seit zwei Jahren für Enval schwärmte, daß nach der Broschüre des Doktors Bonnefille dort auch die Unfruchtbarkeit geheilt wurde. Er ließ also seine Tochter kommen, die sein Schwiegersohn begleitete, um die ersten Einrichtungen hier zu treffen und auf Wunsch seines Pariser Arztes sie dem Doktor Latonne anzuvertrauen. Andermatt hatte ihn, sobald er angekommen, aufgesucht, und er zählte nun immer mehr die Symptome auf, die er bei seiner Frau entdeckt. Er schloß damit, daß er erklärte, wie sehr ihn die Kinderlosigkeit schmerze. Doktor Latonne ließ ihn ruhig ausreden, dann wandte er sich zu der jungen Frau: – Gnädige Frau, haben Sie noch etwas hinzuzufügen? Sie antwortete ernst: – Nein, nichts, Herr Doktor! – Dann bitte ich, legen Sie Ihr Reisekleid ab und Ihr Korsett und bitte ziehen Sie einen einfachen Weißen Frisiermantel an, ganz weiß. Sie war erstaunt, aber er erklärte lebhaft sein System: – Mein Gott, gnädige Frau, die Sache ist ganz einfach. Früher war man davon überzeugt, daß alle Krankheiten von falscher Blutzufammensetzung kämen oder von irgendeinem kranken Organ. Heute nehmen wir einfach an, daß in sehr vielen Fällen, und vor allem in Ihrem besonderen Fall, Ihre kleinen Leiden und sogar größere Störungen, ernste, tötliche, ganz allein daher kommen können, daß irgend ein Organ unter gewissem leicht erklärlichen Einfluß sich anormal entwickelt hat zum Schaden der Nachbarorgane, die ganze Harmonie stört, das Gleichgewicht des menschlichen Körpers, seine Funktionen verändert, wohl gar einstellt und dies sogar auf alle übrigen Organe überträgt. Eine Schwellung des Magens genügt vollkommen, um ein Herzleiden vorzuspiegeln, da das Herz dann, in seinen Bewegungen gehindert, stärker, unregelmäßiger schlägt und ab und zu sogar aussetzt. Störungen der Leber oder gewisser Drüsen können Erscheinungen hervorrufen, die der nicht aufmerksame Arzt oft auf ganz andere Ursachen zurückführt. So ist also das erste was wir thun müssen, festzustellen, ob alle Organe eines Kranken genau die richtige Größe haben und am normalen Fleck sitzen, denn sehr wenig genügt, um die Gesundheit eines Menschen vollkommen zu stören. Ich werde Sie also, gnädige Frau, wenn Sie erlauben, ganz genau untersuchen und auf ihrem Frisiermantel die Grenzen die Abweichungen und die Stellung Ihrer Organe aufzeichnen. – Er hatte seinen Hut auf einen Stuhl gestellt und sprach mit größter Gemütlichkeit. Sein breiter Mund zog, während er sich öffnete und schloß, auf den glattrasierten Wangen eine tiefe Falte, was ihm fast das Aussehen eines- Geistlichen gab. Andermatt rief ganz glückselig: – Hören Sie mal, hören Sie mal, das ist großartig! Das ist eine famose Erfindung, ganz neu, riesig modern! »Riesig Modern« war bei ihm immer der Gipfel der Begeisterung. Der jungen Frau machte die Geschichte Spaß; sie stand auf, ging in ihr Schlafzimmer und kam nach ein paar Minuten in einem weißen Frisiermantel zurück. Der Arzt ließ sie sich aufs Sofa legen, dann zog er aus der Tasche einen dreifarbigen Bleistift, schwarz, rot, blau, und begann seine neue Patientin zu behorchen und zu beklopfen, indem er ihren Frisiermantel mit großen farbigen Strichen von oben bis unten bedeckte und jede Beobachtung notierte. Nach einer Viertelstunde sah sie wie eine Landkarte aus, auf der alle Kontinente, Meere, Kaps, Flüsse, Königreiche und Städte verzeichnet und die Namen all dieser Erdteile stehe, denn der Doktor schrieb an jede seiner- Linien zwei oder drei lateinische Worte, die nur er verstand. Nachdem er dann alle inneren Geräusche der Frau Andermatt behorcht und alle dumpfen oder hellen Töne gehört, zog er aus seiner Tasche ein rotledernes Notizbuch mit Goldschnitt, das eine alphabetische Einteilung besaß suchte an einer bestimmten Stelle und schrieb: – Untersuchung 6347 Frau A. 21 Jahre. Dann ging er vom Kopf bis zu den Füßen die farbigen Notizen auf dem Frisiermantel durch, las sie, wie ein Ägyptologe Hieroglyphen entziffert, und übertrug sie in das Notizbuch. Endlich erklärte er, als er damit fertig war: – Nichts Beunruhigendes, nichts Anormales, nur eine leichte, ganz leichte Störung, die durch etwa dreißig Bäder zu beheben ist. Außerdem werden Sie jeden Morgen bis Mittags drei halbe Becher trinken, weiter nichts. In vier oder fünf Tagen werde ich mir erlauben, wieder vorzusprechen. Dann stand er auf, grüßte und entfernte sich mit einer solchen Schnelligkeit und Bestimmtheit, daß sie alle baff stehen blieben. Das war seine Manier, sein Chik, seine Spezialität, dieser jähe Aufbruch. Er fand es riesig anständig, und er meinte, es müßte auf die Kranken wirken. Frau Andermatt besah sich im Spiegel und schüttelte sich vor kindlichem Lachen: – Herrgott, sind die komisch! Sind die komisch! Sagt mal, giebt es etwa noch einen? Den muß ich auch konsultieren! Will, hol mir doch mal den dritten, es muß noch ein dritter da sein, den muß ich auch sehen! Ihr Mann fragte ganz erstaunt: – Was denn ein dritter? Wieso denn ein dritter? Der Marquis mußte es erklären, indem er sich entschuldigte, denn er hatte vor seinem Schwiegersohn eine gewisse Angst. Er erzählte also, Doktor Bonnesille wäre zu ihm gekommen, und er hätte ihn Christiane vorgestellt, um seine Ansicht zu hören, denn er setze viel Vertrauen in die Erfahrungen des alten Arztes, der aus der Gegend ja stamme und die Quelle entdeckt hatte. Andermatt zuckte die Achsel und erklärte, nur Doktor Latonne würde seine Frau behandeln, sodaß der Marquis sich sehr beunruhigt fühlte und nachzudenken begann, wie er es machen sollte, um sich mit dem anderen Arzt im guten auseinanderzusetzen. Christiane fragte: – Ist Gontran hier? Das war ihr Bruder. Ihr Vater antwortete: – Ja, seit vier Tagen, mit einem seiner Freunde, von dem er uns öfters erzählt hat, Herrn Paul Brétigny, sie machen zusammen eine kleine Reise durch die Auvergne; sie kommen vom Mont Dore und La Bourboule, Ende nächster Woche wollen sie nach Cantal. Dann fragte er die junge Frau, ob sie sich bis zum Frühstück ausruhen wolle nach dieser Nacht in der Eisenbahn, aber sie hatte im Schlafwagen sehr gut geschlafen und verlangte nur eine Stunde Zeit, um sich umzuziehen, dann wollten sie Dorf und Kurhaus ansehen. Ihr Vater und ihr Mann zogen sich auf ihre Zimmer zurück, um zu warten, bis sie fertig wäre. Bald darauf ließ sie sie rufen und sie gingen hinaus. Sie war sofort begeistert beim Anblick des in den Wald hineingebauten Dorfes und des tiefen Thals, das von allen Seiten durch hohe Kastanienbäume abgeschlossen war wie durch Mauern. Überall wuchsen sie, irgendwo zufällig hingekommen in ihrem vierhundertjährigen Bestand: vor den Thüren, vor den Höfen, in den Straßen, und überall auch gab es Brunnen aus einem großen, schwarzen, aufrechtstehenden Stein gebildet, der am oberen Ende durchbohrt war, aus dem dann ein Strahl klaren Wassers schoß. Und überall sah man langsam dahinschreitend oder vor ihren Häusern stehend Auvergnatinnen, die mit schneller Fingerbewegung an einem schwarzen Wollknäuel strickten, das an ihrem Gürtel hing. Unter ihren kurzen Kleidern sah man die dürren Knöchel in den blauen Strümpfen, und ihre Taillen waren auf den Schultern durch eine Art Hosenträger festgehalten; daraus ragten frei die weißen Hemdsärmel, in denen magere, dürre Arme und knochige Hände steckten. Plötzlich klang eine komische hüpfende Musik vor den Spaziergängern, wie ein Leierkasten, alt, kaput und verbraucht. Christiane rief: – Was ist denn das? Ihr Vater begann zu lachen: – Das ist die Kurmusik. Vier Kerls verüben den Lärm. Und er führte sie an einen roten Anschlagszettel an einem Bauernhof, worauf in schwarzen Buchstaben stand: Casino von Enval Direktion: Petrus Martel vom Odéon. ——— Sonnabend, den 6. Juli Großes Konzert des maëstro Saint-Landri. 2. Grand-Prix des Konservatoriums. Klavier: Herr Javel , erster Konservatoriums-Preis. Flöte: Herr Noirot , preisgekrönt am Konservatorium, Contre-Baß:  Herr Nicordi , 1. Preis der Kgl. Belgischen Akademie. Nach dem Konzert große Vorstellung: Verirrt im Walde Komödie in einem Akt von Pointillet. Personen: Pierre de Lapointe  Herr Petrus Martel vom Odéon Oscar Lèveillé Herr Petitnivelle vom Vaudeville Jean Herr Lapalme vom Stadttheater in Bordeaux. Philippine Fräulein Odelin vom Odéon. Das Orchester spielt während der Vorstellung gleichfalls unter Leitung des maëstro Saint-Landri. Christiane las laut vor und lachte erstaunt. Ihr Vater meinte aber: – Das wird Dir Spaß machen, wir wollen nur hingehen. Sie wandten sich rechts in den Park. Die Badegäste gingen ernst, langsam auf den drei Alleen spazieren, tranken ihren Brunnen und entfernten sich wieder. Einige saßen auf den Bänken und malten mit den Stöcken oder Sonnenschirmen im Sand, sie sprachen nichts, sie schienen nachzudenken, kaum zu leben, wie betäubt von der Langeweile der Bäder. Nur das seltsame Geräusch der Kapelle zitterte in der milden, ruhigen Luft, kam von irgend wo her, hervorgerufen man begriff eigentlich nicht wie, zog unter den Bäumen hin und schien diese traurigen Spaziergänger in Bewegung zu bringen. Eine Stimme rief: – Christiane! Sie drehte sich um, es war ihr Bruder. Er lief auf sie zu, umarmte sie, und nachdem er Andermatts Hand gedrückt, nahm er seine Schwester beim Arm und zog sie mit fort, indem er seinen Vater und Schwager zurückließ. Er war ein großer, eleganter Mensch, immer lustig wie sie, beweglich, einer, dem alles ganz gleich war, der aber immer Geld brauchte. – Herrgott ich dachte, Du schliefst, sonst hätte ich Dir guten Tag gesagt. Und dann hat mich Paul heute früh nach dem Schloß von Tournoël geschleppt. – Wer ist das: Paul? Ach so, Dein Freund. – Paul Brétigny. Richtig, Du kennst ihn ja nicht. Er sitzt jetzt gerade im Bade. – Ist er krank? – Nein, aber er will trotzdem geheilt sein, er ist eben verliebt gewesen. – Und da nimmt er kohlensaure Bäder – nicht wahr, man sagt doch: »kohlensaure Bäder« ? – um wieder gesund zu werden? – Gewiß, er thut alles, was ich ihm sage. Es hat ihn furchtbar gepackt, er ist ein schrecklich heftiger Mensch, er wäre beinahe daran gestorben, er hätte sich beinahe totgeschossen und sie auch. Es war eine Schauspielerin, eine ganz bekannte Schauspielerin. Er hat sie ganz irrsinnig geliebt, und dann war sie ihm nicht treu, verstehst Du, es war ein schreckliches Drama. Da habe ich ihn mitgenommen, jetzt geht es ihm besser, aber er denkt noch immer an sie. Sie hatte bisher gelächelt, nun wurde sie ernst und meinte: – O, es interessiert mich, den kennen zu lernen! Und doch bedeutete für sie die Liebe nicht viel. Manchmal dachte sie daran, wie einer, der arm ist, an ein Perlenhalsband denkt, an ein Brillant-Diadem mit einem dumpfen Wunsch, dies vielleicht, aber doch nur sehr ungewiß, einmal zu erhalten. Sie hatte davon nur eine Vorstellung durch einige Romane, die sie aus Langeweile gelesen, ohne weiter etwas darauf zu geben. Sie hatte nie weiter geträumt und gehofft, sie war immer glücklich, ruhige zufrieden gewesen, und obgleich sie seit zweieinhalb Jahren verheiratet war, war sie noch nie aus diesem Zustand erwacht, in dem die naiven jungen Mädchen leben, aus diesem Schlaf des Herzens, der Gedanken und der Sinne, der bei manchen Frauen währt, solange sie leben. Das Dasein schien ihr einfach ganz angenehm, ohne besondere Schwierigkeiten, nie hatte sie nach dem warum geforscht. Sie lebte, schlief, zog sich gern geschmackvoll an, lachte, war zufrieden, was wollte sie mehr? Als man ihr Andermatt als ihren Bräutigam vorgestellt, hatte sie sich zuerst geweigert in kindischer Empörung, einen Juden heiraten zu sollen. Ihr Vater und ihr Bruder, die die gleiche Abneigung besaßen wie sie, antworteten, mit ihr und wie sie, durch eine förmliche Ablehnung. Andermatt verschwand, stellte sich tot, aber nach drei Monaten hatte er Gontran zwanzigtausend Francs geliehen, und der Marquis begann aus anderen Gründen anderer Ansicht zu werden. Er gab aus Prinzip immer nach, wenn man öfters anklopfte, aus egoistischem Ruhebedürfnis. Seine Tochter sagte von ihm: – Papa weiß nicht, was er will! Und das stimmte. Er hatte keine unumstößlichen Ansichten, keinen Glauben, er war nur immer ab und zu für irgend etwas anderes begeistert. Ab und zu berauschte er sich in einer flüchtigen poetischen Anwandlung an den alten Überlieferungen seiner Rasse und wünschte sich einen König, aber einen klugen, liberalen Monarchen, einen mit der Neuzeit fortgeschrittenen König. Und dann wieder, wenn er ein Buch von Michelet oder irgend einem demokratischen Denker gelesen hatte, schwärmte er für Gleichheit der Menschen, für moderne Ideen, für Entschädigung der Armen, der Bedrückten, der Leidenden. Er glaubte an alles, je nach Stimmung und Stunde. Und als seine alte Freundin Jcardon, die mit vielen Juden bekannt war und gern die Partie Christiane-Andermatt gemacht hätte, ihm zuzureden begann, wußte sie ganz, genau, wie man ihn fassen mußte. Sie setzte ihm auseinander, für das jüdische Volk wäre jetzt die Zeit der Rache gekommen, es wäre ein armes, unterdrücktes Volk, wie die Franzosen vor der Revolution, aber nun würde es die anderen unterkriegen durch die Macht seines Goldes. Der Marquis, der keinen religiösen Glauben besaß und überzeugt war, daß der Gottesbegriff nur ein politischer Begriff sei, besser geeignet, die Dummen und Furchtsamen zu stützen, als der Glaube an die staatliche Gerechtigkeit, betrachtete die Dogmen mit respektvoller Gleichgiltigkeit und hatte für Confucius, Mahomed und Christus die gleiche Hochachtung. Daß man Jesus ans Kreuz geschlagen, erschien ihm nicht als schweres Unrecht, sondern mehr wie eine politische Ungeschicklichkeit. So bedurfte es nur ein paar Wochen, und dann war er voll Bewunderung für die unausgesetzte, heimliche, unermüdliche, allmächtige Arbeit der überall verfolgten Juden. So sah er ihre augenscheinliche Übermacht mit anderen Augen an, nämlich als einen gerechten Entgelt für ihre lange Knechtschaft; er erblickte sie als Herren der Könige, die wiederum Herren der Völker sind, als Stützen oder als Zerstörer der Throne, die ein ganzes Volk zum Bankrott bringen konnten, wie man einen Weinhändler bankrott macht. Er sah sie stolz vor kleingewordenen Fürsten, sah sie ihr unsauber erworbenes Gold in die offenen Kassen der allerchristlichsten Herrscher werfen, und sah sie von diesen belohnt mit Adelstiteln und Eisenbahn-Konzessionen. Und er willigte ein in die Ehe zwischen William Andermatt und Christiane von Ravenel. Sie aber stand unter dem Druck der Frau Jcardon, einer Freundin ihrer Mutter, die seit dem Tode der Marquise ihre intimste Ratgeberin geworden war, und zu diesem Druck kam noch der ihres Vaters und die egoistische Gleichgiltigkeit ihres Bruders. Da willigte sie endlich ein, den reichen Mann zu heiraten, der zwar nicht übel war, aber ihr gar nicht gefiel, genau so, wie sie eingewilligt hätte, etwa einen Sommer in einer häßlichen Gegend zu verbringen. Jetzt fand sie, er sei ein ganz guter Kerl, gefällig, nicht dumm, zu Haus sehr nett. Aber mit Gontran, dem das Gefühl der Dankbarkeit dem Schwager gegenüber lästig war, machte sie sich oft über ihn lustig. Er sagte zu ihr: – Dein Herr Gemahl ist rosiger und kahler denn je. Er sieht aus wie eine kranke Blume, oder wie ein geschorenes Spanferkel. Wo hat er nur die Farbe her? Sie antwortete: – Ich weiß wahrhaftig nicht. Manchmal möchte ich ihn am liebsten auf eine Bonbonniere kleben. Sie kamen an das Kurhaus, dort saßen zwei Männer auf den Strohstühlen, den Rücken an der Mauer, zu beiden Seiten der Thür und rauchten ihre Pfeifen. Gontran sagte: – Sieh mal, das sind zwei echte Typen. Sieh nur den rechts an mit der griechischen Mütze, das ist der alte Printemps, früher Gefängniswärter in Riom, der jetzt hier Portier, beinahe Direktor des Kurhauses ist. Für ihn hat sich nichts geändert, der schuhriegelt hier die Kranken wie früher seine Gefangenen, denn die Kurgäste sind immer Gefangene. Die Badekabinen sind wie Gefängnis-Zellen, der Douchesaal wie ein Kerker, und der Ort, wo Doktor Bonnefille den Magen auspumpt, das ist die reine Folterkammer. Unter diesem Gesichtspunkt grüßt er keinen Menschen, denn alle Gefangenen sind minderwertige Geschöpfe. Gegen die Damen ist er viel artiger, er hat gegen sie etwas halb wie Achtung, halb wie Erstaunen, denn im Gefängnis von Riom gabs keine, das ist nämlich bloß eine Anstalt für Männer, auch ist er die Unterhaltung mit Frauen nicht gewöhnt. – Der andere ist der Kassierer, wir wollen Dich mal einschreiben lassen, dann wirst Du sehen. Und Gontran sagte langsam zu dem Manne zur Linken: – Herr Séminois, meine Schwester, Frau Andermatt, möchte ein Abonnement auf zwölf Bäder. Der Kassierer, groß, mager, etwas armselig gekleidet, erhob sich, trat in das Bureau, das dem Sprechzimmer des Arztes gegenüberlag, öffnete sein Buch und fragte: – Wie ist der Name? – Andermatt! – Wie meinen Sie? – Andermatt. – Wie wird das geschrieben? – A-n-d-e-r-m-a-t-t. – Sehr wohl! Und er schrieb langsam. Als er fertig war, fragte Gontran: – Bitte, wollen Sie den Namen mal wiederholen? – Gewiß mein Herr: Frau Anterpat. Christiane lachte bis zu Thränen, dann fragte sie: – Sag mal,was ist denn das für ein Lärm da oben? Gotran nahm sie am Arm: – Komm mit! Wütendes Schreien tönte die Treppe herab; sie stiegen hinauf, öffneten eine Thür, und gewahrten einen großen Cafshaussaal, ein Billard in der Mitte. Zu beiden Seiten des Billards brüllten sich zwei Männer in Hemdsärmeln, das Billard-Queue in der Hand, wütend an: – Achtzehn! – Siebzehn! – Ich sage Ihnen, es sind Achtzehn! – Das ist nicht wahr, Sie haben Siebzehn! Es war der Kasino-Direktor, Herr Petrus Martel vom Odéon, der seine gewohnte Partie spielte mit dem Komiker seiner Truppe, Herrn Lapalme vom Stadttheater in Bordeaux. Petrus Martel, dessen gewaltiger Leib unter dem Hemd wackelte über der Hose, die, man wußte nicht wie, festgemacht war, war Kasino-Direktor von Enval geworden, nachdem er als Schmieren-Komödiant in allen Städten sich umhergetrieben. Jetzt verbrachte er den Tag damit, die für die Kurgäste bestimmten Getränke zu konsumieren. Er hatte einen gewaltigen Wachtmeister-Schnurrbart, an dem von früh bis abends der Bierschaum hing oder die süße Fettigkeit der Schnäpse. Und er hatte dem von ihm angeworbenen alten Komiker eine fabelhafte Begeisterung für das Billardspiel beigebracht. Kaum waren sie aufgestanden, so spielten sie eine Partie,, schimpften und bedrohten sich, wischten einander die angekreideten Striche aus, begannen wieder von neuem, hatten kaum Zeit zum Frühstück und duldeten nicht, daß irgend jemand anders etwa auch spielte. So hatten sie alle übrigen Menschen in die Flucht geschlagen und fanden ihr Leben sehr erträglich, obgleich für das Ende der Saison Petrus Martel der Bankrott drohte. Die Buffetdame sah von früh bis abends dieser endlosen Partie zu und hörte von früh bis abends den ununterbrochenen Streit und reichte von früh bis abends Bier und Schnaps den beiden unermüdlichen Spielern. Gontran zog seine Schwester weiter: – Komm in den Park, da ist es frischer! Am Ende der Kuranlagen erblickten sie plötzlich das Orchester in einem chinesischen Kiosk. Ein langer, blonder Mensch spielte begeistert Violine, dirigierte mit dem Kopf und mit den wild hin und herfliegenden Haaren, mit seinem ganzen Leib; bog sich zusammen, richtete sich wieder auf, drehte sich nach rechts und links wie der Taktstock des Kapellmeisters. Drei seltsame Musiker saßen ihm gegenüber. Es war der Maestro Saint-Landri. Er und seine Gehilfen, ein Klavierspieler, dessen Instrument auf Rollen jeden Morgen vom Vorfallt des Kurhauses bis zum Kiosk geschoben wurde, ein Flötist, der immer aussah, als saugte er an einem Streichholz, das er mit seinen dicken, fetten Fingern klopfte, und ein Contre-Bassist, der lungenkrank aussah. Diese vier Menschen brachten mit schrecklicher Anstrengung diese wunderbare Nachahmung eines üblen Leierkastens hervor, die Christiane schon auf der Dorfstraße aufgefallen war. Als sie stehen blieb, um die Leute zu betrachten, grüßte jemand ihren Bruder. – Guten Morgen, lieber Graf! – Guten Morgen, Doktor! Gontran stellte vor: – Doktor Honorar – meine Schwester. Sie konnte kaum ihre Heiterkeit bemustern, als sie den dritten Arzt ansah. Er grüßte und meinte artig: – Ich hoffe, gnädige Frau, Sie sind nicht krank? – Doch ein wenig. – Oh! Er fragte nicht weiter, sondern sprach von anderem. – Lieber Graf, Sie wissen doch daß uns bald etwas sehr Interessantes bevorsteht? – Was denn? – Der alte Oriol will seinen Felsen sprengen. Ja, das ist für Sie weiter nichts Besonderes, aber für uns ein großes Ereignis. Und er erklärte, der alte Oriol wäre der reichste Bauer der ganzen Gegend, – man schätze ihn auf mehr als fünfzigtausend Francs jährliches Einkommen und er besäße alle Weinberge an der Mündung des Thales von Enval. Da gab es nun gerade am Ausgang des Dorfes, wo das Thal ganz weit wurde, einen kleinen Berg, oder vielmehr einen großen Hügel, und auf diesem Hügel waren die besten Weinbergs- Anlagen des alten Oriol. Mitten darin, zwei Schritt nur vom Bach, an der Straße erhob sich ein gewaltiger Stein, ein Fels, der für den Weinbau sehr hinderlich war und auf einen großen Teil des Feldes, das er überhöhte, Schatten warf. Seit zehn Jahren kündigte der alte Oriol fortwährend an, er würde seinen Fels sprengen, aber er konnte sich nie dazu entschließen. Jedesmal, wenn jemand aus der Gegend zum Militär ausgehoben wurde, sagte der Alte zu ihm: – Wenn Du uf Urlaub kummst, bring mir ä Bissl Pulver mit für mei Stein. Und alle die Rekruten brachten dann immer ein wenig Pulver in der Tasche mit, das sie für den Stein des alten Oriol gemaust hatten. Er hatte jetzt einen ganzen Kasten voll zu Haus, und der Fels flog noch immer nicht in die Luft. Jetzt aber, seit einer Woche saßen Vater und Sohn, – sein Sohn der große Jakob mit dem Spitznamen »Koloß« oder wie die Auvergnaten sagten: »Kuluß« – darunter und wühlten. Heute früh hatten sie die Höhlung unter dem großen Felsblock mit Pulver gefüllt, dann hatte man alles zugestopft und nur eine Öffnung für die Lunte gelassen, eine Lunte, wie man sie zu den Feuerzeugen benutzt, die man beim Zigarrenhändler kauft. Um zwei Uhr sollte sie angesteckt werden, fünf oder spätestens zehn Minuten nach zwei, denn die Zündschnur war sehr lang, mußte der Fels springen. Christiane interessierte sich für die Geschichte, ihr machte die Sprengung Spaß, es erinnerte ihre einfache Seele an ein Spiel aus ihrer Kinderzeit. Sie kamen an das Ende des Parkes: – Wo geht's hier hin? Doktor Honorat antwortete: – Ans Ende der Welt, gnädige Frau, daß heißt in eine Höhle ohne Ausgang, berühmt in der ganzen Auvergne, es ist eine der größten Sehenswürdigkeiten der Gegend. Aber eine Glocke klang hinter ihnen. Gontran rief: – Ah, man läutet zum Frühstück. Sie drehten um. Ein junger Mann kam ihnen entgegen. Gontran rief: – Meine kleine Christiane, ich stelle dir meinen Freund Brétigny vor. Dann sagte er zu dem andern: – Du, das ist meine Schwester. Sie fand ihn häßlich. Er hatte schwarzes, glattes, straffes Haar, zu runde Augen von fast hartem Ausdruck. Der Kopf war gleichfalls rund, stark, einer jener Schädel, bei denen man unwillkürlich an Kanonenkugeln denkt. Der junge Mann hatte breite Schultern und sah ein wenig schwer, brutal und wild aus. Aber sein Anzug, seine Wäsche, vielleicht seine Haut strömte einen zarten eigenen Duft aus, den die junge Frau nicht kannte, und sie fragte sich: »Nach was riecht denn der?« Er fragte: – Gnädige Frau, Sie sind heute früh angekommen? Seine Stimme klang ein wenig dumpf. Sie antwortete: – Jawohl. Aber Gontran sah jetzt den Marquis und Andermatt, die ihnen Zeichen machten, schnell zum Frühstück zu kommen. Doktor Honorat verabschiedete sich von ihnen, indem er noch einmal fragte, ob sie wirklich die Sprengung des Felsens mit ansehen wollten. Christiane sagte: – Auf jeden Fall! Sie lehnte sich auf ihres Bruders Arm und flüsterte ihm zu, während sie ihn zum Hotel zog: – Ich bin hungrig wie ein Wolf, ich schäme mich ordentlich vor Deinem Freunde so viel zu essen. II Das Frühstück dauerte lange, wie es eben an der Table d'hôte Sitte ist. Christiane, die all die Gesichter nicht kannte, sprach mit ihrem Vater und ihrem Bruder. Dann ging sie hinauf, um sich etwas auszuruhen, bis der Fels gesprengt werden sollte. Lange vor der angegebenen Zeit war sie schon bereit und zwang alle anderen aufzubrechen, um ja nicht die Explosion zu verfehlen. Am Ausgang des Dorfes erhob sich in der That ein Hügel, beinahe ein Berg, den sie, in der glühenden Sonne einem kleinem Pfade zwischen den Weinbergen folgend, erklommen. Als sie auf dem Gipfel angekommen waren, stieß die junge Frau einen Ruf des Erstaunens aus angesichts des weiten Blickes, der sich vor ihnen aufthat. Da dehnte sich eine unendliche Ebene, die beinahe den Eindruck eines Meeres machte. Sie erstreckte sich, von leisem Dunst verschleiert, bis zu ganz fernen Bergen, die man kaum unterscheiden konnte, fünfzig oder sechzig Kilometer vielleicht weit, und indem glitzernden feinen Dunst, der auf dem weiten Lande lag, gewahrte man Städte, Dörfer, Wälder, große, gelbe, viereckige Flecken: die Roggenfelder, große, grüne, viereckige: die Wiesen. Fabrikanlagen mit roten Schornsteinen und schwarzen spitzen Kirchtürmen, aus Lava der einstigen Vulkane erbaut. – Drehe Dich um! – sagte der Bruder. Sie wandte sich um, und hinter sich sah sie den gewaltigen Berg mit seiner Menge einzelner Krater. Zuerst kamen die Niederungen von Enval, eine große Flutwelle von Grün, in der man kaum die einzelnen Einschnitte sah. Das Meer von Bäumen stieg die Hänge hinan bis zum ersten Krater, der die Aussicht auf die darunter liegenden raubte. Aber da man sich gerade auf der Linie befand, wo sich Ebene und Berg trennt, so sah man bis Clermont-Ferrand und in der Ferne am blauen Himmel seltsame Gipfel wie gewaltige Beulen, erloschene tote Vulkane, und ganz weit, weit dort zwischen zwei Spitzen noch einen anderen, noch höheren, rund majestetätisch und auf seinem Gipfel etwas Seltsames, fast wie eine Ruine. Es war der Puy de Dome, der König der Berge der Auvergne, breit und gewaltig und auf seinem Kopf, gleich einer Krone, die Riesen dorthin gestellt, die Reste eines römischen Tempels. Christiane rief: – Ach hier werde ich glücklich sein! Und sie fühlte sich schon glücklich, jenes Wohlsein durchströmte ihr Körper und Seele, das einen tiefer atmen läßt, das einen leichter und glücklicher macht, wenn man plötzlich ein Land betritt, das den Augen wohlthut, das einen bezaubert und erheitert, das über einen Gewalt zu haben scheint, für das man sich geboren fühlt. Man rief sie: – Gnädige Frau! Gnädige Frau! Und sie erblickten, ein Stück entfernt, Doktor Honorat, an seinem großen Hut kenntlich. Er lief herbei und führte die Familie auf die andere Seite des Hanges auf einen Rasenfleck neben einem kleinen Gebüsch, wo schon einige dreißig Personen warteten, Fremde und Bauern durcheinander. Zu ihren Füßen senkte sich der Abhang bis zur Straße von Riom, von den Weidenstämmen beschattet, die an dem schmalen Bach wuchsen, und mitten auf einem Weinberge am Ufer des Baches erhob sich ein spitzer Fels. Zwei Männer lagen ihm zu Füßen, als beteten sie. Das war der Fels. Die beiden Oriol, Vater und Sohn, steckten eben die Lunte an. Auf der Straße stand eine Menge Neugieriger und um sie herum spielten eine Anzahl Knaben. Doktor Honorat hatte für Christiane einen bequemen Punkt zum Zusehen ausgesucht, sie setzte sich, klopfenden Herzens, als solle sie mit dem Fels auch die Menschen in die Luft stiegen sehen. Der Marquis, Andermatt und Paul Brétigny streckten sich ins Gras neben der jungen Frau, während Gontran stehen blieb. Er sagte in seinem spöttischen Ton: – Nun lieber Doktor, Sie haben wohl viel weniger zu thun wie Ihre Kollegen, die doch gewiß keine Minute verlieren können, um dieses kleine Fest mitzumachen. Honorat antwortete gutmütig: – Ich bin nicht weniger beschäftigt, ich kümmere mich nur weniger um meine Patienten. Dann unterhalte ich meine Patienten lieber, als daß ich ihnen Pillen verschreibe. Er hatte ein Wesen, das Gontran gefiel. Es kamen moch mehr Menschen, Nachbarn von der Table d'hôte: die Damen Paille, zwei Witwen, Mutter und Tochter, die Monécu, Vater und Tochter, und ein dicker, kleiner Kerl, der wie ein geplatzter Dampfkessel fauchte, Herr Aubry-Pasteur, früher Bergwerks-Direktor, der in Rußland ein Vermögen erworben. Der Marquis und er waren hier gute Freunde geworden. Er setzte sich mit großer Mühe, indem er sich erst vorsichtig umsah, sodaß Christiane lachte. Gontran war ein Stückchen fortgegangen, um die anderen Neugierigen zu betrachten, die, wie sie, hierher gekommen. Paul Brétigny erklärte Christiane Andermatt die Gegend, die Orte, die man sah. Zuerst ein roter Ziegelfleck in der Ebene: Riom, dann Ennezat, dann Maringues, Lezoux, eine Menge von Dörfern, kaum zu unterscheiden. Nur kleine, dunkle Flecken in dem weiten, grünen Tuch, das hier ausgespannt lag, und endlich in der Ferne, ganz in der Ferne am Fuß der Berge von Forez behauptete er Thiers zu sehen. Er sagte ganz erregt: – Sehen Sie, gnädige Frau, wo ich hinzeige, dazwischen, ich sehe es ganz genau! Sie sah nichts, aber sie wunderte sich nicht darüber, daß er es entdeckte, denn er hatte einen Blick in seinen runden, starren Augen, daß man ihnen die Schärfe eines Krimstechers zutraute. Er sagte: – Vor uns mitten in der Ebene fließt der Allier, aber man kann ihn nicht sehen, es ist zu weit, dreißig Kilometer von hier. Sie versuchte auch garnicht, zu entdecken, was er erklärte, all ihre Gedanken und ihre Aufmerksamkeit waren auf den Fels gerichtet. Sie sagte sich, daß in ein paar Augenblicken dieser große Stein nicht mehr da sein würde, daß er in Atome zerspringen müßte, und ein unbestimmtes Mitleid mit dem Fels überkam sie, das Mitleid eines kleinen Mädchens für die zerbrochene Puppe. Der Stein war so lange schon da, und dann war er auch hübsch und sah so nett aus. Die beiden Männer, die jetzt aufgestanden waren, häuften nun zu seinen Füßen Steine zusammen mit heftigen Bewegungen wie Bauern, die es eilig haben. Die Menge auf der Straße hatte sich unausgesetzt vermehrt und war näher herangekommen, um besser zu sehen. Die Jugend wagte sich bis an die beiden Arbeiter heran, lief und bewegte sich um sie, und von dem entfernten Standpunkte Christianes aus schienen die Leute winzig, wie Eidechsen, wie Ameisen bei der Arbeit. Das Stimmen-Gesumm stieg, ab und zu kaum zu erkennen, dann wieder lebhafter, zu ihnen empor, aber in der Luft so zerstreut und verflüchtigt, wie ein Staub von Geräuschen. Auf dem Hügel wuchs gleichfalls die Menge. Unausgesetzt kamen die Menschen vom Dorf und besetzten den Abhang über dem zum Tode verurteilten Felsen. Man rief sich an; die in einem Hotel zusammen wohnten, traten zusammen, Klassen und Kasten bildeten sich. Die lebhafteste Gruppe war die der Schauspieler und Musiker, deren Präsident und Leiter Petrus Martel vom Odéon war, der wegen dieses Schauspiels wahrhaftig seine geliebte Billardpartie hatte schwimmen lassen. Er trug einen Panamahut und hatte einen Rock aus schwarzem Alpacca umgehangen, unter dem wie eine große Beule der Bauch hervortrat, denn er fand hier auf dem Lande eine Weste unnütz. Der schnurrbärtige Schauspieler nahm die Stellung eines Leiters an, erklärte und kritisierte alle Bewegungen der beiden Oriol. Seine Untergebenen: der Komiker Lapalme, der lange Petitnivelle und die Musiker: der Maёstro Saint-Landri, der Pianist Herr Javel, der riesige Flötist Noirot, der Contre-Baß Nicordi umgaben ihn und hörten zu. Vor ihnen saßen drei Frauen, von drei Sonnenschirmen beschattet, eine in weiß, eine in rot, eine in blau, die in der grellen Mittagssonne seltsam strahlend die französischen Farben darstellten. Es waren: Fräulein Odelin, die junge Schauspielerin, ihre Mutter – nur gepumpt, wie Gontran sagte – und die Buffetdame aus dem Café, die gewöhnliche Begleiterin dieser Damen. Die Zusammensetzung der Sonnenschirme in den Nationalfalben war eine Erfindung von Petrus Martel, der, als er bei Saison-Beginn gesehen, daß die beiden Odelins einen blauen und einen weißen Sonnenschirm hatten, seiner Buffetdame einen roten schenkte. In ihrer Nähe zog eine andere Gruppe die Aufmerksamkeit und die Blicke auf sich: die der Küchenchefs und der Bediensteten der Hotels, acht an der Zahl. Denn ein förmlicher Kampf hatte sich entsponnen zwischen dem Küchenpersonal, das ganz in weiß erschien, um die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich zu ziehen. Sie standen aufgereiht da; und das Tageslicht fiel auf ihre weißen platten Mützen, sodaß sie aussahen, halb wie ein seltsamer Stab von Weißen Ulanen, halb wie eine Abordnung von Köchen. Der Marquis fragte Doktor Honorat: – Wo kommen die Leute nur alle her? Ich hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß in Enval so viele Menschen sind. – O, sie sind von überall hergekommen, aus la Roche-Pradière, aus Saint-Hippolyte, denn hier in der Gegend ist schon lange von der Sprengung die Rede, und dann ist der alte Oriol eine Berühmtheit, eine angesehene Persönlichkeit durch seinen Einfluß und sein Geld. Übrigens der echte Auvergnate, ganz Bauer geblieben, der selbst noch arbeitet, der Gold auf Gold häuft, klug, voller Pläne und Zukunftsgedanken für seine Kinder. Da kam Gontran aufgeregt, mit leuchtenden Augen, und sagte halblaut: – Paul, Paul, komm doch mal schnell mit, ich will Dir zwei hübsche Mädchen zeigen, ich sage Dir, sie sind reizend! Der andere blickte auf: – Mein Alter, ich befinde mich ganz wohl hier, ich bewege mich nicht vom Fleck! – Du stehst Dir sehr im Licht, sie sind reizend! Dann hob er die Stimme: – Der Doktor muß mir sagen, wer sie sind, zwei junge Mädchen, achtzehn, neunzehn Jahre alt, so eine Art Halbdamen aus der Gegend hier, ganz komisch angezogen, mit schwarzen Kleidern, engen Ärmeln, sie haben beinahe etwas an, wie eine Klosteruniform. Doktor Honorat unterbrach ihn: – Na nu weiß ich schon, das sind die Töchter des alten Oriol, zwei hübsche Mädel. Sie sind bei den schwarzen Damen von Clermont erzogen, die werden schon gute Partien machen. Das sind zwei Typen, wirklich zwei Typen unserer Rasse. Die richtigen Auvergnatinnen, denn ich bin Auvergnate, Herr Marquis. Ich werde Ihnen mal die beiden Mädel zeigen. Gontran schnitt ihm das Wort ab: – Sind Sie Hausarzt bei den Oriols? Der andere begriff die Bosheit und antwortete einfach: – Selbstverständlich! Der junge Mann fuhr fort: – Wie haben Sie sich denn eingeschmeichelt bei den reichen Patienten? – Indem ich ihnen vielen, vielen guten Wein verordnete. Und er erzählte Einzelheiten über die Oriols. Er war übrigens weitläufig mit ihnen verwandt und kannte sie schon lange. Der Alte, ein Original, war sehr stolz auf seinen Wein; er besaß einen Weinberg, dessen Produkte von der Familie und deren Gästen ganz allein getrunken wurden. In manchen Jahren gelang es ihm, den Ertrag dieses Elite-Weinberges alle zu kriegen, in anderen wieder gelang es nur sehr schwer. Gegen Mai oder Juni, wenn der Alte merkte, daß es nicht möglich sein würde, alles zu trinken was noch übrig blieb, fing er an, seinem Sohn, dem Kuluß, zuzureden: – Na Junge, nu mal ran! Und dann begannen sie literweise den roten Saft durch die Kehle zu gießen von früh bis abends. Zwanzig mal wärend jeder Mahlzeit sagte der Alte in ernstem Ton: – Nu mal ran! Und wenn die ganze Alkoholmenge ihm ins Blut gegangen war und ihn hinderte zu schlafen, stand er nachts auf, zog seine Unterhosen an, steckte eine Laterne an, weckte den Kuluß, und dann gingen sie in den Keller, nachdem sie aus dem Eßzimmer ein Stück Brot mitgenommen hatten, das sie in ihre Gläser tauchten, die sie immer wieder am Faß selbst füllten. Und wenn sie so viel getrunken hatten, daß der Wein ihnen im Leib schwappte, klopfte der Alte jedesmal an das Holz, um zu lauschen, ob der Wein abgenommen hätte. Der Marquis fragte: – Sind das die zwei, die am Fels arbeiten? – Ja, gewiß! Gerade in diesem Augenblick entfernten sich die beiden Männer mit großen Schritten von dem Pulver-geladenen Fels, und die ganze Menschenmenge um sie herum rannte spornstreichs davon wie eine fliehende Armee. Sie liefen gegen Riom und Enval zu und ließen den gewaltigen Fels, der auf einer kleinen rasenbewachsenen Senkung stand, denn er schnitt die Weinberge mitten durch, ganz allein. Die Menschenmenge oben auf dem Hügel, die jetzt ebenso zahlreich war wie die unten, zitterte vor Vergnügen und Ungeduld. Da tönte Petrus Martels gewaltige Stimme: – Achtung, die Lunte brennt! Christiane überlief es vor Aufregung, und der Doktor murmelte hinter ihr: – O wenn sie die ganze Lunte angelegt haben, die sie kauften, dann dauert es gewiß noch zehn Minuten. Aller Augen richteten sich auf den Stein, und plötzlich näherte sich ihm ein kleiner, schwarzer Hund. Er lief um den Stein herum, schnüffelte, fand offenbar irgend eine verdächtige Fährte, denn er begann, so laut er konnte, zu kläffen, die Pfoten starr und steif, die Haare auf dem Rücken gesträubt, den Schwanz gerade ausgestreckt, die Ohren aufgerichtet. Ein grausames Lachen lief durch die Menge, man hoffte, er würde nicht zeitig genug fortlaufen. Dann riefen ihn ein paar Stimmen, um ihn fortzulocken, einige Männer Pfiffen, man versuchte Steine nach ihm zu werfen, die aber auf der Hälfte des Weges liegen blieben. Doch der Hund bewegte sich nicht mehr, er starrte wütend den Fels an. Christiane begann zu zittern. Eine furchtbare Angst erfaßte sie bei dem Gedanken, das arme Tier zerfetzt zu sehen. Sie fand kein Vergnügen mehr daran, sie wollte fort, sie sagte nervös stammelnd: – Mein Gott, mein Gott, das arme Tier wird totgemacht, das mag ich nicht sehen! Ich will nicht, ich will nicht! Wir wollen fortgehen! Ihr Nachbar, Paul Brétigny war aufgestanden und ohne ein Wort zu sagen, lief er auf den Fels zu, so schnell ihn seine langen Beine trugen. Man schrie entsetzt auf, die Menge wogte hin und her vor Schreck, und der Köter, der den großen Mann auf sich zukommen sah, floh hinter den Fels. Paul verfolgte ihn, der Hund lief wieder auf die andere Seite, und eine Minute oder zwei rannten sie um den Stein herum, bald rechts bald links, als ob sie Kämmerchenvermieten gespielt hätten. Als der junge Mann sah, daß er das Tier nicht erwischen konnte, stieg er den Abhang wieder hinauf, der Hund verfiel in seine alte Wut und bellte den Fels wieder an. Wütende Zurufe empfingen den unvorsichtigen, ganz außer Atem ankommenden jungen Mann, denn die Menschen verzeihen nie dem, der sie hat erzittern machen. Christiane erstickte fast vor Bewegung, sie hielt beide Hände auf ihr klopfendes Herz, sie hatte so den Kopf verloren, daß sie fragte: – Sie sind doch hoffentlich nicht verletzt? Aber Gontran, ihr Bruder, rief wütend: – Der Kerl ist blödsinnig! Der macht immer solchen Unsinn! Das ist der verrückteste Mensch, den ich kenne! Doch der Boden bewegte sich und schwankte, eine gewaltige Detonation zitterte durch das ganze Land, und während einer langen Minute tönte es in den Bergen wider, indem von allen Seiten wie Kanonenschüsse das Echo klang. Christiane sah nichts weiter als einen Regen von Steinen, der niederfiel, und eine hohe Säule, die in sich selbst zusammenbrach. Und sofort stürzte sich die Menge von oben wie eine gewaltige Woge mit wildem Geschrei auf den Fels los. Die Knaben sprangen und stürmten den Abhang hinunter, hinter ihnen das Regiment der Schauspieler, Petrus Martel an der Spitze. Es war, als würden die drei Trikolore-Sonnenschirme bei diesem Vorwärtsstürmen mit fortgetragen und alles: Männer, Frauen, Bauern, Bürger rannten, einzelne fielen hin, standen wieder auf, liefen abermals davon, während auf der Straße die beiden Menschen-Mengen, die noch eben furchtsam zurückgewichen waren, jetzt wieder aufeinander anprallten, zusammenstießen und sich am Ort der Explosion mischten. – Wir wollen ein bißchen warten, – sagte der Marquis, – bis die Neugierde gestillt ist, und dann sehen wir es uns an. Der Ingenieur, Herr Aubry-Pasteur, der mit großer Mühe aufgestanden war, antwortete: – Ich kehre auf dem Fußweg zum Dorf zurück, ich habe jetzt hier nichts mehr zu suchen. Er reichte dem Marquis die Hand, grüßte und ging. Doktor Honorat war verschwunden. Man sprach von ihm, der Marquis sagte zu seinem Sohn: – Du kennst ihn erst seit drei Tagen und ziehst ihn auf! Du wirst ihn noch beleidigen. Aber Gontran zuckte die Achseln: – Ach, der ist viel zu sehr Philosoph dazu, ich gebe Dir die Versicherung, er ärgert sich nicht. Wenn wir beide allein sind, macht er sich über alle Welt lustig, seine Kranken und den Brunnenschwindel an der Spitze. Während dessen war die Erregung unten gewaltig. Dort wo der Fels verschwunden war, drängte sich die Riesenmenge, wogte, schrie in einer gewissen Bewegung und unerwartetem Staunen. Andermatt, der immer thätig und neugierig war, fragte: – Was haben sie denn nur? Was haben sie denn nur? Gontran erklärte, er würde nachsehen, und er ging davon, während die Sache jetzt Christiane nicht mehr interessierte. Sie dachte daran, daß die Lunte nur ein wenig kürzer hätte zu sein brauchen und ihr großer, verrückter Nachbar wäre getötet worden, wäre durch die Sprengung in Fetzen gerissen, nur weil sie für das Leben des Hundes gefürchtet. Sie meinte, dieser Mann müsse in der That heftig und leidenschaftlich sein, um sich so ohne jeden Grund der Gefahr auszusetzen, wenn eine unbekannte Dame nur einen Wunsch ausdrückte. Auf der Straße sah man Leute nach dem Dorf zurücklaufen, und der Marquis fragte, nun selber neugierig: – Was ist denn los? Andermatt konnte es nicht mehr aushalten und ging den Abhang hinab. Gontran machte ihnen von unten ein Zeichen, zu kommen. Paul Brétigny fragte: – Gnädige Frau, darf ich Ihnen den Arm geben? Sie nahm den Arm, und sie fühlte, daß er stark war wie Eisen, und wenn ihr Fuß auf den harten Flächen ausglitt, stützte sie sich auf den Arm mit vollkommener Sicherheit, wie auf ein Geländer. Gontran war ihnen entgegengekommen und rief: – Eine Quelle! Es ist eine Quelle! Die Explosion hat eine Quelle freigelegt! Und sie mischten sich unter die Menge. Da gingen die beiden jungen Leute, Paul und Gontran voraus, drängten die Neugierigen, indem sie sie anstießen, bei Seite und ohne sich an der anderen Schimpfen zu kehren, bahnten sie Christiane und ihrem Vater einen Weg. Sie kamen durch einen Haufen von spitzen Steinen, zersprengt, schwarz von Pulver, und standen nun vor einem Loch voll schlammigen Wassers, das Blasen warf und nach dem Bach zu abfloß, über die Füße der Neugierigen hinweg. Andermatt war schon da, er hatte sich durch Zureden, wie nur er es konnte, durchgedrängt und starrte aufmerksam auf das Wasser. Doktor Honorat, der ihm gegenüberstand auf der anderen Seite des Loches, blickte auch mit mißmutigem Staunen darauf. Andermatt sagte zu ihm: – Man müßte mal kosten, es ist vielleicht mineralhaltig. – Ganz bestimmt mineralhaltig, das sind sie alle hier! Bald giebts mehr Quellen als Kranke! Der andere antwortete: – Aber man muß mal probieren. Der Arzt schien keine Eile zu haben: – Man muß jedenfalls warten, bis das Wasser reinlich geworden ist. Und jeder wollte die Quelle sehen. Die hinten standen, stießen die vorderen bis in den Schmutz, ein Kind fiel hinein, und man lachte. Oriol Vater und Sohn standen da und blickten mit ernstem Ausdruck auf dieses unerwartete Ereignis; sie wußten noch nicht recht, was sie davon denken sollten. Der Vater war ein großer, magerer, vertrockneter Mann, mit knochigem Kopf und dem ernsten, bartlosen Gesicht des Bauern. Der Sohn noch größer, ein Riese, war auch mager, trug aber einen Schnurrbart und sah halb aus wie ein Unteroffizier, halb wie ein Winzer. Das Wasser schien noch mehr Blasen zu werfen, die Flut zu wachsen. Eine Bewegung ging durch das Publikum: Doktor Latonne erschien, ein Glas in der Hand. Er schwitzte, war außer Atem und blieb ganz niedergeschmettert stehen, als er seinen Kollegen Doktor Honorat erblickte, der einen Fuß auf den Rand der neuen Quelle gesetzt hatte, wie ein General, der als erster die eroberte Festung betritt. Er fragte, nach Atem schnappend: – Haben Sie schon gekostet? – Nein, ich warte bis es reinlich ist. Da tauchte Doktor Latonne das Glas hinein und trank mit jener wichtigen Miene wie Weinkenner, wenn sie den Rebensaft prüfen, dann erklärte er: – Ausgezeichnet! Das verpflichtete zu nichts. Er hielt seinem Konkurrenten das Glas hin: – Wollen Sie? Aber Doktor Honorar liebte offenbar nicht Mineralwasser, denn er antwortete lächelnd: – Danke, Ihr Urtheil genügt ja, ich kenne den Geschmack! Er kannte den Geschmack aller, und er nützte sie auch, aber auf andere Art. Dann wandte er sich zum alten Oriol: – Na, so gut wie Ihr Wein wird es doch nicht. Der Alte fühlte sich geschmeichelt. Christiane hatte genug gesehen und wollte fort. Ihr Bruder und Paul bahnten ihr wieder einen Weg durch die Menge, sie folgte ihnen, auf den Arm ihres Vaters gestützt. Plötzlich glitt sie aus. Sie wäre fast gefallen, und als sie zu Boden blickte, merkte sie, daß sie auf ein Stück blutiges Fleisch getreten voll schwarzer Haare und Schlamm. Das war ein Überrest des Hundes, der bei der Explosion zerrissen und von der Menge unter die Füße getreten worden war. Sie rang nach Atem, so erschrocken, daß sie die Thränen nicht zurückhalten konnte, und flüsterte, indem sie sich mit dem Taschentuch über die Augen fuhr: – Armes Tier! Armes Tier! Sie wollte nichts mehr hören, wollte nach Haus und sich einschließen. Dieser Tag, der so schön begonnen, endete schlecht für sie. War es eine Vorahnung? Ihr Herz schlug mit lauten Schlägen. Sie waren jetzt allein auf der Straße und bemerkten nun vor sich einen Cylinder und die beiden Schöße eines Gehrockes, die wie zwei schwarze Flügel flatterten. Es war Doktor Bonnefille, der zuletzt benachrichtigt worden und nun herbeilief, ein Glas in der Hand, wie Doktor Latonne. Als er den Marquis sah, blieb er stehen: – Was ist denn dran? Was ist denn dran, Herr Marquis? Eine Quelle, eine Mineralquelle? – Ja, lieber Doktor! – Eine starke Quelle? – Gewiß! – Sind sie da? Gontran antwortete: – Natürlich, Doktor Latonne hat schon die Analyse gemacht! Da rannte Doktor Bonnefille weiter, während Christiane, ein wenig zerstreut und durch die komische Erregung des Mannes erheitert, sagte: – Gut, ich will nicht ins Hotel, setzen wir uns ein wenig in den Park. Andermatt war zurückgeblieben und sah zu, wie das Wasser quoll. III An der Table d'hôte im Splendid-Hotel ging es diesen Abend hoch her. Die Geschichte des Felsens und der Quelle belebte die Unterhaltung. Es saßen nicht viel Leute bei Tisch, vielleicht zwanzig, leidende Menschen, Kranke, die, nachdem sie alle möglichen Bäder durchprobiert hatten, nun eben ein anderes versuchten. An der Ecke, wo die Andermatts und die Ravenels saßen, hatten noch Platz genommen: die Monécus, ein kleiner weißer Mann mit seiner Tochter, einem großen blassen Mädchen, das ab und zu mitten während der Mahlzeit aufstand, fortging und ihren Teller halbgefüllt zurückließ; dann der dicke Aubry-Pasteur, der ehemalige Ingenieur; darauf die Chaufour, ein schwarz gekleidetes Ehepaar, das man den ganzen Tag über in den Anlagen des Parkes hinter einem kleinen Wagen erblickte, in dem ihr verwachsenes Kind gefahren ward; endlich die beiden Damen Paille, Mutter und Tochter, beide Witwen, groß, stark, rund, überall, vorn und hinten. Gontran sagte von ihnen: – Es ist doch klar, sie haben ihre Männer aufgefressen, und nun haben sie Magenschmerzen. Sie waren in der That wegen eines Magenleidens hier. Weiter am Tisch sah man ein ziegelrotes Gesicht: Herrn Riquier, der auch an schlechter Verdauung litt. Dann ein paar farblose Menschen, jene Stammgäste, die, zuerst die Frau, dann der Mann in die Speisesäle der Hotels treten, an der Thür schon grüßen und leise und verlegen sich setzen. Die ganze andere Hälfte des Tisches war leer, obgleich gedeckt worden war für etwa noch kommende Gäste. Andermatt erzählte lebhaft. Er hatte den ganzen Nachmittag mit Doktor Latonne gesprochen über große Projekte, Enval betreffend. Der Doktor hatte ihm mit Begeisterung die erstaunliche Wirkung des Brunnens auseinandergesetzt, der ganz bedeutend kräftiger wirke, als der in Châtel-Guyon, zu dem jedoch seit zwei Jahren etwa die Mode neigte. Da lag also rechts das elende Nest Royat, das Riesen-Geschäfte machte und links das Nest Châtel-Guyon, das seit kurzer Zeit denselben Weg ging. Was hätte man erst aus Enval machen können, wenn mans nur richtig anfing. Er sagte und wendete sich zu dem Ingenieur: – Ja wissen Sie, darin beruht alles, das »richtig anfangen«. Alles in der Welt hängt nur von der Geschicklichkeit, vom Kampf und vom Mut ab. Um einen Badeort in die Höhe zu bringen, muß man ihn nur zu lanzieren wissen, das ist die ganze Kunst; und um ihn zu lanzieren, muß man die Pariser Ärzte dafür interessieren. Wissen Sie, mir glückt alles, was ich unternehme, weil ich immer das praktische Mittel suche, das einzige, das in jedem einzelnen Falle, der mir vorliegt, den Erfolg in sich trägt. Solange ich es noch nicht erkannt habe, thue ich nichts. Allein die Thatsache, daß das Wasser gut ist, genügt mir nicht, das Wasser muß auch getrunken werden, und um es trinken zu lassen, genügt es garnicht, in den Zeitungen selbst Lärm zu schlagen, man muß die Kunst verstehen, das ganz diskreter Weise von den einzigen Leuten sagen zu lassen, die wirklich auf die Kranken Einfluß haben, auf die Kranken, die wir hier brauchen, auf das gläubige Publikum, das die Medikamente zahlt, nämlich: von den Ärzten! Bei Gericht redet man nur durch den Mund des Verteidigers, hört nur ihn und versteht nur ihn; mit Kranken soll man nur durch den Arzt sprechen, sie hören nur auf den Arzt. Der Marquis, der die weitspannenden Ideen seines Schwiegersohnes sehr bewunderte, rief: – Das stimmt! Das stimmt! Du bist übrigens gerade der Rechte dazu. Andermatt fuhr dadurch angeregt fort: – Ich sage Ihnen, hier liegen Millionen begraben, es ist eine wundervolle Gegend, ein entzückendes Klima, ein einziges ist bedenklich: Wird es für ein großes Bad genügend Wasser geben? Denn was man halb macht, geht immer schief, wir müssen ein großes, großes Kurhaus bauen und dazu brauchen wir viel Wasser, unbedingt genug Wasser, um zweihundert Badewannen zu gleicher Zeit zu speisen. Es muß schnell und ununterbrochen fließen, und die neue Quelle mit der alten zusammengethan würde nicht für fünfzig Personen genügen, da mag Doktor Latonne sagen, was er will. Herr Aubry-Pasteur unterbrach ihn: – Ach Gott, Wasser verschaffe ich Ihnen, so viel Sie wollen! – Andermatt fuhr auf: – Sie? – Ja gewiß ich! Das setzt Sie in Erstaunen? Nun, ich werde es Ihnen klar machen. Voriges Jahr war ich zu derselben Zeit hier wie jetzt, denn ich befinde mich hier in Enval sehr Wohl. Da eines Morgens, als ich ruhig in meinem Zimmer saß, kam ein dicker Mann zu mir, der Präsident des Verwaltungsrats des Bades, er war sehr erregt, ich will Ihnen erzählen warum. Der Bonnefille-Brunnen hatte plötzlich so wenig Wasser, daß man fürchtete, er möchte ganz versiegen. Da er wußte, daß ich Minen-Ingenieur gewesen bin, fragte er mich, ob es Mittel gäbe, die Sache wieder in Schwung zu bringen. Ich untersuchte also die geologische Beschaffenheit der Gegend, Sie wissen, daß überall in den früheren Erd-Perioden verschiedene Bewegungen und Zustände des Bodens hervorgerufen worden sind. Es handelt sich also darum, zu finden, wo das Mineralwasser herkommt, durch welche Schichten, welches die Richtung dieser Schichten ist, ihr Ursprung, ihre Eigenart. Ich untersuchte also zuerst genau das Bad, und da entdeckte ich in einer Ecke das alte Rohr einer Badewanne, das nicht mehr gebraucht wurde und bemerkte, daß es schon beinahe durch die Salze verstopft war. Wenn das Wasser also, indem es Salz absetzte, die Leitungsrohre verstopfte, so mußte es selbstverständlich in der natürlichen Leitung im Boden – da es Granitboden ist – ebenso geschehen. Der Bonnefille-Brunnen war also verstopft, das war die ganze Geschichte. Man mußte ihn an einer anderen Stelle zu fassen suchen. Alle Welt hätte das nun über dem Punkt, wo er entsprudelt, versucht, aber nachdem ich einen Monat lang die Sache studiert, meine Beobachtungen angestellt und überlegt, suchte ich ihn und fand ihn auch, fünfzig Meter tiefer. Nun hören Sie warum. Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß man zuerst den Ursprung, die Eigenart, die Richtung der Schichten im Granit, durch die das Wasser kommt, feststellen muß, und es war mir leicht, zu finden, daß diese Schichten nicht wie gewöhnlich vom Berge zur Ebene hinabgingen in dem Neigungswinkel, sondern zwischen den einzelnen Granitschichten immer weiter emporklommen, und ich fand auch den Grund zu diesem seltsamen Phänomen, daß das Wasser nicht hinab, sondern hinauf floß. Früher befand sich die Limagne, diese weite sandige Ebene, deren Ende man kaum sieht, auf demselben Niveau wie das Plateau, auf dem die Berge ruhen, aber durch die Beschaffenheit ihrer geologischen Unterlagen senkte sie sich und zog die Berge in die Bewegung mit hinein, wie ich Ihnen vorhin auseinandergesetzt habe. Nun geschieht folgendes: Das Mineralwasser entspringt in den früheren alten Kratern einstiger Vulkane. Das Wasser, das von sehr weit herkommt, wird unterwegs kalt und tritt kalt, wie gewöhnliche Quellen, an die Oberfläche, dasjenige aber, das von näheren Punkten herkommt, sprudelt noch warm an der Oberfläche in den verschiedenen Temperaturen, je nach Entfernung des Herdes. Und es legt folgenden Weg zurück: Es sinkt bis zu unbekannten Tiefen, bis es auf die Schichten der Limagne trifft; die kann es nicht durchbrechen; bei dem großen Druck sucht es nun einen Ausweg, findet Spalten im Granit, dringt hinein, steigt in ihnen empor bis es die Erdoberfläche erreicht, dann nimmt es seine alte Richtung wieder auf und rinnt im gewöhnlichen Bachbett zur Ebene hinab. Ich muß hinzufügen, daß das Wasser, welches wir kennen, nicht mal der hundertste Teil der Mineralwässer dieses Thales ist, wir sehen bloß die, deren Ausganspunkt sich an der Oberfläche befindet, die anderen und die dort ans Licht treten, wo eine dicke bewachsene und bebaute Erdfläche darüber liegt, verlieren sich in der Erde, die sie ganz aufsaugt. Daraus schließe ich nun, daß: erstens um Wasser zu erhalten, es einfach genügt, es zu suchen, indem man die Lagen und die Richtung der obersten Granitschichten aufsucht. Zweitens um Wasser weiter laufen zu lassen es genügt, die Risse davor zu behüten, daß sie von den sich absetzenden Salzen verstopft werden, das heißt die kleinen künstlichen Brunnen, die gebohrt werden, ordentlich erhalten. Drittens, daß, um eine Nachbarquelle zum versiegen zu bringen, man einfach bohren muß bis zu denselben Granitrissen unterhalb aber nicht oberhalb. Unter diesen Gesichtspunkten ist die heute entdeckte Quelle wundervoll gelegen. Wollte man ein neues Bad gründen; so müßte es ein paar Meter von jener Stelle geschehen. Alles schwieg, als er aufhörte zu sprechen, Andermatt war sehr zufrieden und sagte nur: – Ja so ist es, wenn man einen Blick hinter die Coulissen thut, ist das ganze Wunder gelöst. Sie sind ja ein wundervoller Mann, Herr Aubry-Pasteur! Außer ihm hatte nur der Marquis und Paul Brétigny verstanden, Gontran allein hatte nicht zugehört. Die anderen starrten mit offenem Mund und Ohr den Ingenieur an und machten vor Erstaunen dumme Gesichter. Die Damen Paille vor allen Dingen, die sehr fromm waren, fragten sich, ob diese Erklärung eines von Gott geschaffenen Wunders nicht irreligiös wäre. Die Mutter meinte sagen zu müssen: – Gottes Wege sind wunderbar! Die Damen mitten am Tisch gaben durch Kopfnicken ihre Zustimmung, sie fühlten sich auch beunruhigt durch diese ihnen unverständliche Erklärung. Herr Riquier, der Ziegelfarbene, erklärte: – Ob die Brunnen von Enval nun von Vulkanen kommen oder wo anders her, jedenfalls haben sie mir die zehn Tage, die ich hier bin, absolut noch nichts genützt. Herr und Frau Chaufour protestierten aber eifrig im Interesse ihres Kindes, das schon anfing, das rechte Bein zu bewegen, was seit den sechs Jahren, die es krank war, noch nicht geschehen. Riquier antwortete: – Nun, das beweist einfach, daß wir nicht alle an derselben Krankheit leiden und beweist noch nicht, daß der Brunnen von Enval gegen Magenleiden indiziert ist. Er schien wütend zu sein über seinen neuen vergeblichen Heilungsversuch. Aber Herr Monécu nahm auch das Wort im Namen seiner Tochter und erklärte: – Seit acht Tagen fängt sie auch schon an, Speisen bei sich zu behalten, ohne genötigt zu sein, bei jeder Mahlzeit zu verschwinden. Die Tochter errötete und senkte ihr Gesicht auf den Teller. Auch den Damen Paille ging es besser. Da wurde Riquier wütend und wandte sich plötzlich zu den beiden: – Bitte meine Damen, leiden Sie am Magen? Sie antworteten zugleich: – Ja, Verdauungsstörungen. Er wäre beinahe vom Stuhl aufgesprungen und stammelte: – Sie! Sie!? Man braucht Sie doch bloß anzusehen! Sie, Sie wollen Magenschmerzen haben? Meine Damen, Sie essen eben zu viel! Die Mutter Paille wurde wütend und antwortete: – Nun bei Ihnen ist die Sache ja nicht zweifelhaft, Sie haben ja allerdings das typische Äußere des Magenkranken. Das Wort ist garnicht so unrichtig, daß zur Liebenswürdigkeit ein gesunder Magen gehört. Eine alte sehr magere Dame, von der niemand wußte wie sie hieß, sagte ganz bestimmt: – Ich glaube, allen würde der Brunnen besser bekommen, wenn der Küchenchef ein wenig darauf achten würde, daß er für Kranke kocht. Wir bekommen aber Dinge vorgesetzt, die kein Mensch verdauen kann. Und nun war plötzlich der ganze Tisch einig. Allgemeine Empörung richtete sich gegen den Hotelbesitzer, der Langusten gab, Wurst oder Kohl, ja wahrhaftig, Kohl und Würstchen, die unverdaulichsten Dinge der Welt und das für Leute, denen die drei Ärzte Doktor Bonnefille, Doktor Latonne und Doktor Honorat nur weiches, mageres, zartes Fleisch und frische Gemüse verordnet hatten. Riquier zitterte vor Wut: – Sollten die Ärzte sich nicht lieber um das Essen in den Bädern kümmern, statt diesen wichtigen Punkt einfach einem ungebildeten Menschen zu überlassen? So bekommen wir zum Beispiel täglich harte Eier, Anchovis und Schinken als hors d'oeuvre . Herr Monécu unterbrach ihn: – O bitte, meine Tochter verträgt nur Schinken gut, der ihr übrigens von Mas-Roussel und von Rémusot verordnet worden ist. Riquier schrie: – Schinken! Schinken! Hören Sie mal, das ist Gift! Und plötzlich war der ganze Tisch in zwei Lager geteilt, die einen für, die anderen gegen Schinken, und über die Speisen begann ein endloser Streit, der sich täglich wiederholte. Sogar über die Milch sprachen sie ganz erregt, denn Riquier konnte nicht ein Glas trinken, ohne sofort krank zu werden. Aubry-Pasteur antwortete ihm, – er empörte sich nun auch darüber, daß man Sachen beanstandete, die er gern mochte: – Aber hören Sie mal, verehrter Herr, wenn Sie an Dyspepsie und ich an Gastralgie leiden, dann bedürfen wir eben so verschiedener Nahrung, wie ein Kurzsichtiger und ein Weitsichtiger andere Brillen brauchen, obgleich einer wie der andere anormale Augen hat. Er fügte hinzu: – Ich bin am Ersticken, wenn ich ein Glas Rotwein getrunken habe, und ich glaube, es giebt für den Menschen nichts Schlechteres als Wein, die Wassertrinker werden hundert Jahre alt, während wir .... Gontran antwortete lachend: – Na hören Sie mal, ohne Wein und ohne Weiber wäre doch das Leben schrecklich langweilig! Die Damen Paille senkten die Augen, sie tranken reichlich sehr guten Bordeaux ohne Wasser, und ihr doppeltes Witwentum schien den Schluß zu erlauben, daß sie das Gleiche ihren Männern angeraten, denn die jüngere war erst zweiundzwanzig, die Mutter kaum vierzig Jahre alt. Aber Andermatt, der sonst auch viel schwatzte, blieb schweigend und nachdenklich sitzen. Plötzlich fragte er Gontran: – Weißt du, wo die Oriol wohnen? – Ja, man hat mir vorhin ihr Haus gezeigt. – Kannst du mich mal nach Tisch hinbringen? – Gewiß, ich gehe sogar sehr gern mit, ich würde riesig gern die beiden Mädel wiedersehen! Und sobald das Essen beendet war, gingen sie davon, während Christiane, die müde war, sowie der Marquis und Paul Brétigny sich für den Rest des Tages auf ihre Zimmer zurückzogen. Andermatt nahm seines Schwagers Arm: – Mein lieber Gontran, wenn der Alte vernünftig, ist und wenn die Analyse das bewahrheitet, was Doktor Latonne hofft, werde ich wahrscheinlich hier eine große Gründung machen, einen Badeort. Ich will einen Badeort lanzieren. Er blieb mitten auf der Straße stehen und faßte seinen Begleiter am Rock: – Oh ihr versteht ja garnicht, wie amüsant Geschäfte sind, nicht Geschäfte von Kaufleuten und Krämern, große Geschäfte, unsere! Ja, ja, mein Lieber, wenn man das richtig versteht, so liegt darin alles, was die Menschen wollen, es ist zu gleicher Zeit Politik, Krieg, Diplomatie, alles alles. Man muß immer nur finden, erfinden, alles verstehen, alles vorher sehen, alles kombinieren, alles wagen .... Die großen Kämpfe werden heutzutage mit Geld ausgefochten, für mich sind die Frankenstücke nichts anderes wie Soldaten mit roten Hosen, die Zwanzigfrancsstücke schöne Leutnants, die Banknoten von hundert Francs Haupleute, die von tausend Generäle, und ich kämpfe, weiß der Teufel, ich kämpfe von früh bis abends gegen alle Welt und mit aller Welt, das nenne ich leben, das nenne ich groß und weit leben, wie einst die Mächtigsten dieser Erde, denn jetzt sind wir die Mächtigsten, die einzigen wahr und wahrhaftig Mächtigen. Sieh mal dieses arme Dorf an. Daraus mache ich eine große Stadt mit großen, überfüllten Hotels, mit Aufzug, Dienerschaft, Wagen, einer Menge reichen Leuten von einer Menge armer Leute bedient und alles das, weil mir's eines Abends in den Sinn gekommen ist mit Royat rechts und Châtel-Guyon links zu konkurrieren, mit dem Mont Dore, mit La Bourboule, Châteauneuf, Saint Nectaire die da hinter uns liegen, mit Vichy uns gegenüber. Und mir wird's glücken, weil ich das Mittel kenne, das einzige Mittel, ich habe es plötzlich klar erkannt wie ein General die schwache Stelle des Feindes. In unserem Beruf muß man ebensowohl die Menschen zu leiten wissen, sie zu etwas begeistern wie sie niederzwingen. Gott, ist das Leben herrlich, wenn man so was machen kann! Meine Badegründung giebt mir jetzt für drei Jahre Amusement! Und dann sieh mal so ein Glück: muß ich gerade diesen Ingenieur finden, der uns bei Tisch die fabelhaften Aufschlüsse gab. Fabelhafte Sachen, mein Alter! Das System ist ja so klar wie der Tag. Paß mal auf, nun ruiniere ich das alte Bad und brauche es gar nicht mal mehr zu kaufen. Er hatte sich wieder in Bewegung gesetzt, und sie gingen langsam die Straße nach Châtel-Guyon hinauf. Gontran pflegte ab und zu zu versichern: »Wenn ich in die Nähe meines Schwagers komme, ist es mir, als hörte ich in seinem Kopf ganz genau das Geräusch der Spielsäle von Monte-Carlo, das Geräusch des Goldes, das hin und her rollt, gesetzt, abgezogen, verdoppelt gewonnen oder verloren wird!« Andermatt glich in der That einer seltsamen menschlichen Maschine, nur gebaut, um zu berechnen und Geld hin und her zu bewegen. Übrigens bildete er sich mit einer gewissen Koketterie etwas auf seine Fähigkeiten ein und rühmte sich, auf den ersten Blick den wirklichen Wert jedes x-beliebigen Gegenstandes schätzen zu können. So nahm er alle Augenblicke, wo er sich nur befand, irgend einen Gegenstand, betrachtete ihn, drehte ihn um und um und erklärte: »Das ist so und so viel wert!« Seine Frau und sein Schwager, denen diese Art und Weise Spaß machte, unterhielten sich manchmal damit, ihn zu betrügen, irgend ein ausgefallenes Stück ihm zu zeigen und ihn zu bitten, er möchte es schätzen. Wenn er dann ihrem seltsamen Fund ganz erstaunt gegenüberstand, wollten sie sich ausschütten vor Lachen. Auch in Paris blieb Gontran manchmal mit ihm auf der Straße vor einem Laden stehen und wollte von ihm ben genauen Wert eines ganzen Schaufensters wissen, oder eines lahmen Gaules, oder etwa eines Umzugswagens mit allen Möbeln darin. Eines Abends bei einem großen Diner bei seiner Schwester bat er William inständigst, ihm zu sagen, was etwa der Obelisk auf dem Concordienplatz wert wäre. Als der andere dann irgend eine Zahl genannt, wollte er genau dasselbe für die Solferinobrücke wissen und für den Triumphbogen. Dann schloß er ganz ernst: – Du könntest ein sehr interessantes Buch schreiben, über den reellen Wert aller bedeutenden Denkmäler der Erde. Andermatt ärgerte sich nie und war zu allen Scherzen zu haben, als überlegener, selbstsicherer Mann der er war. Als aber Gontran eines Tages fragte: – Und wieviel bin ich denn wert? – weigerte sich William zu antworten, und als dann sein Schwager immer weiter bat: »Höre mal, wenn mich Räuber gefangen nähmen, was würdest Du denn anlegen, um mich auszulösen?« – Nun, – nun – lieber Freund, einen Wechsel! Und sein Lächeln war so vielsagend, daß der andere erschrocken nicht mehr fragte. Übrigens liebte Andermatt selber Kunstgegenstände, denn er hatte einen feinen Geist, sammelte sie sehr geschickt mit jenem natürlichen Instinkt, den er auch bei allen Geschäftssachen hatte. Sie kamen jetzt vor ein Haus, das gut bürgerlich aussah. Gontran glieb stehen und sagte: – Hier ist's! An einer schweren Eichenthür hing ein eiserner Klöppel, sie klopften, und eine alte magere Person öffnete. Der Bankier fragte: – Herr Oriol da? Das Weib sagte: – Treten Sie näher! Sie traten in die Küche, eine geräumige Bauernküche, wo noch unter einem Kessel das Feuer glühte, dann führte man sie in das zweite Zimmer daneben, wo die Familie Oriol vereint war. Der Vater schlief in einem Stuhl, die Füße auf einen anderen gelegt. Der Sohn hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt und las das Petit Journal mit großer Aufmerksamkeit, und die beiden Mädchen arbeiteten am Fenster an ein und derselben Stickerei, je von einer Seite beginnend. Sie standen zuerst auf, beide zugleich, erschrocken über den plötzlichen Besuch, dann hob der große Jakob den Kopf, ganz rot durch die Anstrengung des Lesens, und endlich wachte der alte Oriol auf und zog nach einander beide Beine vom zweiten Stuhl zurück. Das Zimmer war ganz kahl, mit getünchten Wänden und Steinfliesen. Es enthielt Strohstühle, eine Kommode, vier Ansichten von Epinal unter Glas und große weiße Vorhänge. Alle blickten sich an und die Dienerin, die die Röcke bis zu den Knien aufgeschürzt hatte, wartete neugierig an der Thür. Andermatt stellte sich vor, nannte seinen Namen und den seines Schwagers, des Grafen Ravenel, machte den beiden jungen Mädchen eine tiefe Verbeugung, setzte sich dann ruhig und sagte: – Herr Oriol, ich möchte von Geschäften mit Ihnen reden. Ich will weiter keine Umschweife machen, ich will Ihnen einfach sagen, um was es sich handelt. Sie haben vorhin in Ihrem Weinberg eine Quelle entdeckt, die Analyse des Wassers wird in den nächsten Tagen fertig sein, wenn es nichts wert ist, trete ich natürlich zurück, enthält es aber das, was ich hoffe, so schlage ich Ihnen vor, ich will Ihnen das Feld und das Grundstück mit allem daranstoßenden abkaufen. Überlegen Sie es sich, kein anderer wie ich kann das machen, was ich Ihnen anbiete, kein anderer. Die frühere Gesellschaft steht nahe vor dem Bankrott, sie wird also nicht mehr auf den Gedanken kommen, ein neues Kurhaus zu bauen, und der Krach dieses Unternehmens wird wohl keine anderen Leute zu einem neuen Versuch reizen. Antworten Sie mir heute nicht, sprechen Sie mit Ihrer Familie. Wenn die Analyse beendigt ist, nennen Sie mir bitte Ihren Preis. Paßt er mir, sage ich ja, paßt er mir nicht, sage ich nein und gehe meiner Wege. Ich handle nie. Der Bauer, in seiner Weise auch Geschäftsmann und gerissen wie nur je einer, antwortete höflich, er würde sich die Sache überlegen, er fühle sich sehr geehrt, er würde nachdenken und bot ein Glas Wein an. Andermatt nahm an, und da es dunkel wurde, sagte Oriol zu seinen Töchtern, die wieder begonnen hatten zu arbeiten und auf ihre Stickerei gebeugt waren: – Ihr kennt anfunzeln! Beide zugleich standen auf, gingen ins Nebenzimmer und kamen zurück, die eine zwei brennende Kerzen in den Händen, die andere vier niedrige armselige Gläser. Die Lichte waren noch nie angezündet und Papierrosetten darum, sie standen offenbar als Schmuck auf dem Kamin im Zimmer der beiden Mädchen. Da erhob sich der ›Kuluß‹, denn nur Männer pflegten in den Keller hinabzugehen. Andermatt kam auf eine Idee: – O könnten wir nicht mal Ihren Keller sehen? Sie sind die ersten Weinbauer hier in der Gegend, da muß er sehr interessant sein! Oriol fühlte sich geschmeichelt und führte sie hinab, indem er mit einem Leuchter vorausschritt. Sie gingen durch die Küche, stiegen dann in einen Hof hinab, wo man in der halben Dämmerung noch geleerte Fässer stehen sah, und in einer Ecke gewaltige Mahlsteine, ein Loch in der Mitte, wie Räder eines antiken riesigen Wagens. Ferner eine Weinpresse mit den hölzernen Schrauben, die braunen Glieder glänzend vom Gebrauch und hinausleuchtend aus der Dunkelheit beim Schein des Lichtes. Dann allerlei landwirtschaftliche Geräte, deren durch die Erde glattgeschliffene Eisen blitzten wie Kriegswaffen. Alle diese Gegenstände erhellten sich allmählich, während der Alte ihnen näherkam und vorbeiging, indem er das Licht in der einen Hand hielt und die andere dagegen als Windschirm. Es duftete nach Wein, nach gekelterter und getrockneter Traube. Sie kamen an die Thür, die mit zwei Schlössern verschlossen war. Oriol öffnete, hob plötzlich das Licht über den Kopf und zeigte eine lange Reihe von Fässern, aus denen eine zweite Reihe kleinerer lag. Er bedeutete, daß dieser Keller sich noch tief in den Berg hineinzöge. Dann erklärte er, was jedes einzelnes Faß enthielt, alle erster Klasse. Als sie dann an das Familienfaß gekommen, fuhr er liebkosend, wie über die Kruppe eines Pferdes, mit der Hand darüber und sagte stolz: – Davon werd' ich Sie mal zu kosten gäben, so ä Wein giebts nirgends, in Bordeaux keenen und nirgends. Denn er liebte, wie die Landleute, den Wein vom Faß. Kuluß folgte ihm, beugte sich nieder, drehte den Hahn auf, während der Vater mit Aufmerksamkeit leuchtete, als handele es sich um eine schwierige, feine Arbeit. Das Licht schien ihnen ins Gesicht, auf den Kopf des Alten und den Unteroffiziers-Schädel des Jungen. Andermatt flüsterte Gontran ins Ohr: – Das ist ja der reine Teniers! Der junge Mann antwortete leise: – Mir sind die Mädel lieber! Dann kehrten sie ins Haus zurück. Man mußte von dem Wein trinken, viel trinken, um den beiden Oriols Freude zu machen. Die Mädchen hatten sich dem Tisch genähert und setzten ihre Arbeit fort, als ob niemand dagewesen wäre. Gontran blickte sie unausgesetzt an, er fragte sich, ob sie Zwillinge wären, so sahen sie einander ähnlich. Aber dann sah er, daß die eine etwas stärker, kleiner und die andere etwas vornehmer ausschaute. Ihr braunes, nicht schwarzes Haar lag eng an den Schläfen und leuchtete leise bei jeder Bewegung ihrer Köpfe. Sie hatten ein wenig starke Kinnladen und die etwas kräftige Stirn der Auvergnaten, die stark hervortretenden Backenknochen, aber einen reizenden Mund, ein wunderhübsches Auge, Augenbraunen wie Striche gezogen und einen köstlich frischen Teint. Wenn man sie so sah, fühlte man, daß sie in diesem Hause nicht erzogen sein konnten, sondern in einer eleganten Pension, im Kloster, wo die reichen, vornehmen Mädchen der Auvergne hingingen, und daß sie dort die Manieren der guten Gesellschaft angenommen. Aber Gontran ekelte sich vor dem Weinglas das vor ihm stand und stieß Andermatt mit dem Fuß an, daß sie gehen wollten. Er erhob sich endlich, beide drückten kräftig den Bauern die Hand, grüßten wieder die jungen Mädchen, dieselben antworteten diesmal, leicht mit dem Kopf nickend, ohne sich zu erheben. Sobald sie auf der Straße standen, fing Andermatt an zu sprechen: – Na, mein Alter, ist das nicht eine merkwürdige Familie? Den Sohn brauchte der Alte im Weinberg, da wurde ein Mann gespart, – blödsinnige Sparsamkeit, – na, ganz wurscht, er ist da geblieben, das ist die Volksseite. Die Mädchen aber sind mehr auf Seite der Gesellschaft gekommen, sie gehören schon beinahe dazu. Wenn sie nun noch gute Heiraten machen, sind sie genau dasselbe, wie eine unserer Frauen, wahrscheinlich sogar besser wie die meisten. Mir macht es Spaß, solche Leute zu sehen, so etwa wie ein Geologe ein Tier aus der Tertiärzeit. Gontran fragte: – Welche gefiel Dir besser? – Welche? Wiesodenn, wer denn? welche? – Nun von den beiden Mädchen. – Ach so, ach, das weiß ich nicht, ich habe sie nicht verglichen. Aber das kann Dir doch ganz gleich sein, Du hast doch nicht scharf auf eine von ihnen. Gontran begann zu lachen: – Nein, aber mir macht es Spaß mal frische, wirklich frische, natürliche Mädchen zu sehen, wie man sie bei uns nie sieht. Ich sehe sie gern, denn wie du einen Teniers liebst, giebt es für mich nichts köstlicheres, als ein hübsches, junges Mädchen, ganz gleich wo und woher sie stammt. Ich sammle nicht, ich bewundere, ich bewundere leidenschaftlich wie ein Künstler, mir macht es eben Spaß. Übrigens kannst Du mir fünftausend Francs pumpen? Der andere blieb stehen und fragte sehr energisch: – Wieder? Gontran antwortete ganz einfach: – Immer! Dann setzten sie ihren Weg fort. Andermatt sagte: – Zum Teufel noch mal, wo läßt Du denn das Geld! – Ich gebe es aus. – Aber Du schmeißt es mir so hinaus! – Lieber Freund, mir macht das Ausgeben genau so viel Spaß, wie Dir das Einnehmen. – Ja das ist ganz gut, aber Du verdienst keins! – Das ist richtig. Man kann eben nicht alles machen. Du verstehst es, zu verdienen und kannst absolut nicht ausgeben, bei Dir ist das Geld nur gut, um zu hecken! Ich verstehe es nicht, zu gewinnen, aber ich kanns wundervoll ausgeben, und mir bereitet es Wonnen, die Du nicht mal dem Namen nach kennst. Wir waren geradezu geboren zur Schwagerschaft, wie ergänzen einander wundervoll! Andermatt brummte: – Du bist ja verrückt. Nein, fünftausend bekommst Du nicht, aber ich pumpe Dir fünfzehnhundert, weil ich Dich vielleicht, vielleicht in ein paar Tagen brauche. Gontran antwortete ganz ruhig: – Na also, dann nehme ichs als Anzahlung an. Der andere klopfte ihm, ohne zu antworten, auf die Schulter. Sie kamen an den Park, wo Lampions überall an den Ästen der Bäume hingen. Die Kurkapelle spielte etwas Klassisches langsam, das zu hinken schien, voll Pausen, von den vier Musikern ausgeführt, die müde davon waren, hier immer zu spielen von früh bis abends in dieser Einsamkeit nur angesichts der Blätter und des Baches, müde, den Klang von zwanzig Instrumenten ausfüllen zu sollen, müde vielleicht auch, daß sie am Ende des Monats nicht bezahlt wurden, denn Petrus Martel suchte ihnen immer statt des Geldes Weintrauben oder Schnäpse aufzuhängen, die die Badegäste doch nicht kauften. Durch die Musik hindurch klang der Ton vom Billard, das Zusammenklappen der Kugeln und die Stimmen die da riefen: – Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig! Andermatt und Gontran gingen hinauf. Herr Aubry-Pasteur und Doktor Honorat saßen neben der Musik und tranken ihren Café. Petrus Martel und Lapalme spielten ihre ewige Partie, und die Buffetdame fuhr aus dem Schlummer auf und fragte: – Wünschen die Herren etwas? IV Die beiden Oriol hatten noch lange mit einander geredet, als die Mädchen schon zu Bett gegangen waren. Sie waren ganz aufgeregt über den Vorschlag Andermatts und suchten nach Mitteln, ihn noch mehr zu reizen, ohne ihre Interessen dabei zu schädigen. Als praktische Bauern, die wußten was sie wollten, wogen sie alle Vorteile genau ab, da sie in einem Lande, wo die Mineralquellen überall längs der Bäche nur so sprudelten, nicht durch zu hohe Forderungen diesen unerwarteten Liebhaber, der sich gewiß nicht so leicht wieder finden würde, vor den Kopf stoßen durften. Andererseits wollte man ihm auch wiederum die Quelle nicht gänzlich überlassen, aus der immerhin unausgesetzt Gold strömen konnte, das sah man ja an Royat und Châtel-Guyon. Sie suchten also nach einem Mittel, den Wunsch des Bankiers zu helleren Flammen anzufachen. Sie erdachten sich eine Reihe von Gesellschaften, die mit demselben Wunsch an sie herangetreten, eine ganze Folge von ungeschickten Lügen, deren Haltlosigkeit sie wohl fühlten, aber sie waren unfähig, geschicktere zu erfinden. Sie schliefen kaum die Nacht. Am anderen Morgen, äls der Vater zuerst auf war, fragte er sich, ob etwa die Quelle nicht über Nacht verschwunden wäre. Es war nach alledem immerhin möglich, daß sie ebenso, wie sie gekommen, auch wieder fort in die Erde versickert, und nicht mehr aufzufinden war. Unruhig erhob er sich, die Furcht des Geizhalses packte ihn. Er rüttelte seinen Sohn wach und teilte ihm seine Befürchtung mit, und der große Kuluß streckte seine Beine aus dem grauen Laken und zog sich schnell an, um mit dem Vater hinzugehen und nachzusehen. Jedenfalls wollten sie Feld und Quelle ein wenig in Ordnung bringen, die Steine wegnehmen, das Wasser hübsch reinlich machen und putzen wie ein Stück Vieh, das man verkaufen will. Sie nahmen also ihre Hacken und Schaufeln und gingen nebeneinander mit ihren langen schaukelnden Schritten hin. Sie sahen nicht um sich, so ganz waren sie bei dem Geschäft, und nur mit einem kurzen Wort sagten sie den Nachbarn und Freunden, denen sie begegneten, guten Morgen. Als sie auf der Straße nach Riom standen, warteten sie erregt und forschten schon von weitem, ob sie auch das Wasser sprudeln und in der Morgensonne leuchten sähen. Die Straße war leer, weiß, staubig, neben ihr floß der weidenbesetzte Bach hin. Unter einem Busch gewahrte Oriol plötzlich zwei Beine, als sie dann ein paar Schritt nähergekommen waren, erkannten sie den alten Clovis, der am Wegesrand saß, während seine Krücken neben ihm im Grase lagen. Der Alte war gelähmt, man kannte ihn im ganzen Land, durch das er seit zehn Jahren müde und langsam hinirrte, auf seinen Holzbeinen, wie er es nannte. Er war früher Wild- und Fischdieb gewesen, war oft erwischt und verurteilt worden und hatte durch das lange Liegen im taufeuchten Grase und seine nächtlichen Fischraubzüge, bei denen er manchmal bis zum halben Leibe im Bach watete, das Reißen bekommen, so schleppte er sich nun wie eine Krabbe hin, die ihre Füße verloren hat. Er ging, indem er das rechte Bein wie einen Lumpen hinter sich herzog und das linke eingeknickt erhob. Aber die jungen Leute im Land, die heimlich den Mädchen oder den Hasen nachstiegen, versicherten, daß man den alten Clovis manchmal schnell und geschmeidig wie einen Hirsch im Unterholz und in den Lichtungen verschwinden sähe, und daß sein Rheumatismus nur eine Spiegelfechterei der Polizei gegenüber wäre. Kuluß vor allem behauptete steif und fest, er hätte ihn nicht einmal, sondern fünfzig Mal gesehen, wie er ruhig seine Krücken unter dem Arm getragen. Der alte Oriol blieb dem Landstreicher gegenüber stehen, plötzlich von einem Gedanken erfaßt, noch unsicher, denn das Denken ging in seinem dicken Auvergnatenschädel langsam vor sich. Er sagte zu ihm: – Guten Morgen! Der andere antwortete: – Guten Morgen. Dann sprachen sie über das Wetter, über die Weinblüte und noch dies und jenes. Und da Kuluß vorausgegangen war, so holte ihn der Alte mit langen Schritten ein. Die Quelle lief noch immer, jetzt ganz klar, und der Boden des Loches war rötlich, einem schönen, dunklen Rot, offenbar von reichlichem Eisenniederschlag. Die beiden Männer blickten sich lächelnd an und begannen die Ränder des Loches zu reinigen und die Steine aufzulesen, die sie auf einen Haufen warfen. Dann fanden sie die Überreste des toten Hundes und vergruben ihn scherzend. Plötzlich aber ließ der alte Oriol seine Hacke sinken, ein frohes, triumphierendes Lächeln legte sich um seine Lippen und um das verschmitzte Auge, und er sagte zu seinem Sohn: – Du komm mal mit! Der andere folgte, sie gingen wieder die Straße auf demselben Weg zurück. Der alte Clovis sonnte noch immer seine Glieder und seine Krücken. Oriol blieb vor ihm stehen und fragte: – Was meenste, willste hundert Francs verdienen? Der andere antwortete vorsichtig nichts. Der Bauer fuhr fort: – Hundert Francs? Da entschloß sich der Landstreicher und brummte: – Nu, was soll ich denn davor tun? – Nu, mei Alter, paß mal uf, was du machen mußt. Und er erklärte ihm lange, mit allerlei Bosheiten, mit Doppelsinn und unzähligen Erörterungen, wenn er darauf eingehen wollte, täglich von elf bis zwölf Uhr eine Stunde lang in dem Loch, das Kuluß und er graben wollten neben der Quelle, zu baden und dann nach vier Wochen gesund zu sein, würde er ihm die hundert Francs in gutem Gelde geben. Der Krüppel hörte mit dummem Ausdruck zu, dann sagte er: – Na, wenn das ganze Apothekerzeug mir nischt geholfen hat, dann wirds Ihr Wasser ooch nich. Aber Kuluß wurde plötzlich wütend: – Hör mal, Du alter Betrüger, Deine Krankheit die kenn mer, die kenn mer ganz genau, was haste denn abends um elf neilich im Holz von Comberombe getrieben? Der Alte antwortete lebhaft: – Das is nu nich wahr! Aber Kuluß wurde erregt: – Was, das is nich wahr? Du bist nicht über Mannezats Graben gehuppt in das Loch? Der andere antwortete energisch: – Das is nu nich wahr! – Is es etwa nich wahr, daß ich noch gerufen hab: die Pulizei! Die Pulizei? un daß Du davongeloofen bist? – Das is nich wahr! Der große Jakob wurde wütend, fast drohend und rief: – Na nu, nich wahr? Du olles Stelzbeen paß mal uf, wenn ich Dich nachts noch mal im Holz oder am Wasser erwische, verstehste, da wer ich wohl noch längere Beene haben als Du, dann binde ich Dich an irgend eenen Boom bis zum Morgen un dann rufe ich das ganze Dorf, un dann kloppen mir Dich! Aber der alte Oriol unterbrach seinen Sohn und sagte ganz milde: – Hör mal Clovis, een Versuch kostet doch nischt. Wir machen Dir'n Bad, Kuluß und ich, vier Wochen lang mußt Du jeden Tag rin, und ich geb Dir davor nich hundert, nee ich geb Dir zweehundert, nu hör mal, un wenn De am Ende der vier Wochen geheilt bist, kriegste noch fünfhundert, verstehste wohl? Fünfhundert in gutem Gelde und noch zweehundert macht siebenhundert, also zweehundert für vier Wochen baden, fünfhundert für die Heilung un nu hör mal zu: wenn die Krankheet etwa wieder kommt so im Herbst, da können wir nischt davor, das Wasser hat nu doch mal geholfen. Der Alte antwortete ganz ruhig: – Na, da will ich schon, wenns nischt helft, dann werden wir ja sehen! Und die drei Leute drückten einander gegenseitig die Hand, um den Handel als abgeschlossen gelten zu lassen, dann kehrten die beiden Oriol zu ihrer Quelle zurück, das Bad des alten Clovis zu graben. Während einer Viertelstunde arbeiteten sie schon, da hörten sie Stimmen auf der Straße; es war Andermatt und Doktor Latonne. Die beiden Bauern blinzelten sich an und hörten auf zu arbeiten. Der Bankier kam zu ihnen, drückte ihnen die Hand, dann blickten alle stumm auf das brodelnde Wasser. Es bewegte sich, als wäre ein großer Herd darunter, warf Blasen, strömte Gas aus und floß dann durch ein winziges Rinnsal, daß es sich schon gegraben, zum Bach hinab. Oriol sagte plötzlich mit stolzem Lächeln auf den Lippen: – Eisen is drin, was. Eisen? In der That war jetzt schon das ganze Loch rot und selbst die kleinen Steine, über die das Wasser lief, schienen wie mit einer leisen Purpurschicht überzogen. Doktor Latonne antwortete: – Das bedeutet weiter nichts, es handelt sich um die anderen Mineralien. Der Bauer antwortete: – Nu, Kuluß un ich haben gestern abend noch ä Glas getrunken, und uns hat's schon ganz frisch gemacht was Junge? Der große Sohn antwortete überzeugt: – Nu natürlich hat's uns frisch gemacht! Andermatt blieb unbeweglich stehen, einen Fuß am Rande des Loches, er wendete sich zu dem Arzt: – Wir müssen etwa sechs mal so viel Wasser haben für meine Zwecke, nicht wahr? – Ja, so ziemlich. – Meinen Sie, daß man das findet? – Ja, ich weiß nicht. – Na, ich denke auch, ich kann das Terrain nur definitiv kaufen, wenn wir erst einmal anderwärts gegraben haben. Wenn ich die Analyse kenne, müßte zuerst ein notarieller Kaufvertrag gemacht werden, der aber erst in Wirksamkeit tritt, wenn die fortgesetzten Bohrungen zu unserer Zufriedenheit ausfallen. Der Alte Oriol wurde unruhig, er verstand das nicht. Da erklärte ihm Andermatt, daß eine einzige Quelle nicht genüge, und setzte ihm auseinander, er könne nur den Kauf abschließen, wenn er noch mehr fände, er könne aber diese anderen Quellen nur suchen wenn er das Vorkaufsrecht habe. Die beiden Bauern waren sofort überzeugt, daß ihr Grund und Boden noch so viele Quellen enthielt, wie Weinstöcke, man brauche nur zu graben und man würde sie schon finden. Andermatt sagte ganz einfach: – Na, wir werden sehen! Der alte Oriol tauchte seine Hand ins Wasser und erklärte: – Gott verdimm mich, das ist heiß! Da kann man gleich ä Ei kochen, viel heißer wie die Bonnefille. Nun benetzte auch Doktor Latonne seinen Finger und gab zu, daß das möglich wäre. Der Bauer fuhr fort: – Un dann hat sie ooch viel besseren Geschmack, sie stinkt nich so wie die andere. Ich gäb mei Wort, sie is gut. Ich kenne doch die Quellen hier seit fufzig Jahren, daß ich sie loofen sehe, aber so eene hab' ich noch nie gesehen. Er schwieg ein paar Sekunden, dann sagte er: – Ich sag's ja nich, um sie zu rühmen, da können Se sicher sein, ich möchte Sie's beweisen, daß Sie's selbst sehen, die richtige Apothekerprobe an irgend eenen Kranken, ich wette, die heilt jede Lähmung, so heiß is se und so gut schmeckt se, wolln wir wetten? Er schien nachzudenken, blickte zu den benachbarten Bergspitzen auf, ob er nicht den gewünschten Gelähmten finden könne und da er ihn dort nicht entdeckte, ließ er die Augen auf die Straße sinken. In einer Entfernung von zweihundert Metern konnte man am Wegesrand die beiden gelähmten Beine des Landstreichers unterscheiden, dessen Körper hinter dem Weidenstrunk verborgen lag. Oriol legte die Hand über die Augen und fragte seinen Sohn: – Du, liegt nich der alte Clovis da? Kuluß antwortete lachend: – Ja, ja, natierlich! Der looft nicht so schnell davon wie ein Hase. Da ging Oriol einen Schritt auf Andermatt zu und sagte mit fester, ernster Überzeugung: – Heeren Sie mal, mei Herr, heeren Sie: da ist nun ä Gelähmter, der Herr Doktor kennt ihn ja ganz gut, un der is es wirklich, der hat nich eenen Schritt mehr gemacht seit zehn Jahren, was meenen Sie, Herr Doktor? Latonne bezeugte: – Ja wenn Sie den heilen, dann will ich einen Franc für jedes Glas zahlen. Dann wandte er sich zu Andermatt: – Der alte Kerl hat tüchtigen Rheumatismus, eine Art Zusammenziehung des linken und vollkommene Lähmung des rechten Beines. Na, ich meine, der ist unheilbar. Oriol hatte ihn sprechen lassen, nun sagte er langsam: – Na Herr Doktor, wollen wir mal bei dem eenen Monat lang probieren? Ich sage ja nicht, daß es glückt, versprechen thu ich's ja nicht, ich meene bloß, wir versuchen es mal. Hören Se mal, Kuluß un ich wollten eben hier en Loch für die Steine machen, na, Gott nu werden mer ä Loch für den alten Clovis machen, da mag er jeden Tag eene Stunde drin sitzen un wir können ja sehn. Der Arzt murmelte: – Sie könnens ja versuchen, ich bürge dafür, daß es nicht hilft! Aber Andermatt war schon ganz gepackt durch die Hoffnung auf eine beinahe wunderbare Heilung, er stimmte dem Bauern bei, und alle vier kehrten zu dem alten Landstreicher zurück, der noch immer unbeweglich in der Sonne lag. Der alte Wilddieb begriff die List und that, als wolle er nicht. Lange ließ er sich zureden, endlich war er bereit, aber nur unter der Bedingung, daß Andermatt ihm täglich zwei Francs für jede Stunde geben mußte, die er im Wasser zubrachte; und die Sache wurde abgeschlossen. Es wurde sogar ausgemacht, daß, sobald das Loch gegraben sei, der alte Clovis sofort noch an diesem Tage das Bad nehmen mußte. Andermatt wollte ihm Kleider verschaffen, daß er sich nachher umziehen könne, und die beiden Oriol wollten ihm einen alten Schäferkarren, der in ihrem Hofe lag, bringen, wo der Alte seine Lumpen wechseln konnte. Dann kehrten der Bankier und der Arzt zum Dorf zurück. Am Eingang trennten sie sich, der eine ging zu seinen Patienten, der andere, um seine Frau zu erwarten, die gegen halb zehn ins Kurhaus kommen wollte. Sie erschien beinahe im selben Augenblick, rosig vom Kopf bis zu den Füßen, mit einem rosa Hut, rosa Schirm, das Gesicht rosig angehaucht wie das Morgenrot. Sie kam dahergehüpft wie ein Vögelchen von Stein zu Stein springend ohne die Flügel zu heben. Sie rief, sobald sie ihren Mann gesehen: – Ach, ist das reizend hier! Ich bin glückselig! Die paar Badegäste irrten traurig durch den kleinen Park und drehten sich um, als sie vorübergingen, und Petrus Martel, der in Hemdsärmeln aus dem Billardzimmerfenster lag und seine Pfeife rauchte, rief seinen Freund Lapalme, der in einer Ecke vor einem Glas weißen Wein saß und meinte mit schnalzender Junge: – Gott verdamm mich, die ist nobel! Christiane trat in das Kurhaus, grüßte mit einem Lächeln den Kassierer, der links am Eingang saß und sagte: »Guten Morgen« zu dem alten Schließer rechts. Dann streckte sie ihre Karte der Badefrau entgegen und folgte ihr zu einem Korridor, auf den die Thüren der Badezellen mündeten. Man ließ sie eintreten in eine ziemlich geräumige mit kahlen Mauern, darin stand ein Stuhl und ein Spiegel, während eine große ovale Öffnung im Fußboden von gelber Cementfarbe wie der Boden auch, als Badewanne diente. Die Frau öffnete den Hahn, und das Wasser schoß durch ein kleines, rundes, vergittertes Loch im Grunde der Höhlung, empor, die bald bis zum Rande hinauf gefüllt war und die vor dem Überlaufen geschützt wurde durch einen Ausflußkanal in der Wand. Christiane, die ihre Kammerjungfer im Hotel gelassen, dankte für die Bemühung der Auvergnatin, ihr beim Auskleiden zu helfen, und blieb allein, nachdem sie gesagt, sie würde klingeln, wenn sie irgend etwas brauchte. Sie entkleidete sich langsam, indem sie auf die kaum merkliche Bewegung des in der Wanne hin und her schwankenden klaren Wassers sah. Als sie ganz entkleidet war, tauchte sie einen Fuß ein, und ein wohliges Gefühl durchschauerte sie. Dann streckte sie das eine Bein zuerst in das Wasser, folgte mit dem andern und setzte sich in der köstlichen Wärme dieses durchsichtigen Bades in diese Quelle, die über sie hinlief, um sie herumglitt und ihren ganzen Körper mit kleinen kohlensauren Kügelchen bedeckte, längs der Beine, längs der Arme und den Busen. Sie blickte erstaunt auf diese unzähligen kleinen Luftkügelchen, die sie vom Kopf bis zu den Füßen in einen Küraß von Perlen hüllten, und diese Perlen, so klein,, stiegen unausgesetzt an ihrem weißen Fleisch empor, um an der Oberfläche des Wassers sich zu verflüchtigen, von anderen vertrieben, die ihnen folgten. Sie entstanden auf der Haut wie kleine Früchte, reizende unfaßbare Früchte an diesem zarten, rosigen, frischen Körper, der im Wasser die Perlen zu gebären schien. Christiane fühlte sich wohl darin, so weich, so mollig, so köstlich, von dem bewegten Wasser gestreichelt und umarmt, von dieser Flut, die in Erregung gebracht ward durch die Quelle, die unter ihr sprudelte, und durch die Öffnung an der Seite der Badewanne wieder hinausfloß, so daß sie immer unbeweglich, beinahe ohne nachzudenken hier drin hätte liegen bleiben können. Das Gefühl eines ruhigen Glückes, gestimmt aus Behaglichkeit und Wohlsein, Gesundheit, heimlicher Freude und stiller Heiterkeit überkam sie mit der wunderbaren Wärme des Bades, und sie träumte wie eingelullt durch das Plätschern der übervollen Flut, die da abfloß. Sie träumte davon, was sie nachher machen wollte, was morgen, träumte von den Spaziergängen, von ihrem Bruder und ihrem Vater und von diesem großen jungen Mann, zu dem, seit der Geschichte mit dem Hunde, manchmal ihre Gedanken glitten. Sie liebte so heftige Menschen nicht, kein Wunsch bewegte ihre Seele, ruhig war ihr Herz in diesem lauen Wasser, kein Wunsch, außer dem unbestimmten Gedanken an ein Kind. Kein Wunsch, ihr Leben möchte sich anders gestalten, kein Wunsch nach Aufregung oder Leidenschaft, sie fühlte sich wohl, glücklich und zufrieden. Da erschrak sie, man öffnete die Thür; es war die Auvergnatin, die die Wäsche brachte. Die zwanzig Minuten waren vorüber, sie mußte sich nun anziehen. Sie war beinahe traurig, beinahe betrübt über dieses Erwachen, sie hätte am liebsten die Frau gebeten, sie noch ein paar Minuten im Bade zu lassen, aber dann überlegte sie, daß dieser Spaß sich täglich wiederholen würde, und sie entstieg dem Wasser und warf das gewärmte Badetuch um, das ihr beinahe zu heiß vorkam. Als sie davonging, öffnete Doktor Bonnefille die Thür seines Sprechzimmers, bat sie einzutreten, indem er förmlich grüßte. Er fragte, wie es ihr ginge, befühlte ihren Puls, ließ sich die Zunge zeigen, fragte, ob sie Appetit hätte, wie sie verdaute, wie sie schliefe, dann begleitete er sie bis an die Thür und sagte: – Na, es geht ja ganz gut! Es geht ja ganz gut! Bitte empfehlen Sie mich Ihrem Herrn Vater, übrigens einer der charmantesten Herren, die ich in meiner Laufbahn je kennen gelernt habe. Sie trat ein wenig gelangweilt hinaus, und vor der Thür gewahrte sie den Marquis, der sich mit Andermatt, Gontran und Paul Brétigny unterhielt. Ihr Mann, in dessen Kopf jeder neue Gedanke unausgesetzt hin und hersummte wie eine Fliege, die in ein Glas gesperrt ist, erzählte ihr die Geschichte von dem Gelähmten und wollte wieder hingehen, um zu sehen, ob der Landstreicher auch das Bad nähme. Die anderen begleiteten ihn, um ihm einen Gefallen zu thun, und Christiane nahm ihren Bruder beim Arm, blieb mit ihm etwas zurück, und als sie ein Stück von den anderen entfernt waren, sagte sie: – Höre mal, ich wollte gern mit Dir über Deinen Freund sprechen. Übrigens er gefällt mir nicht sehr. Sag mal, was ist denn das eigentlich für ein Mensch? Gontran, der Paul seit Jahren kannte, erzählte mit Wonne von dieser leidenschaftlichen, derben und doch offenen Natur. Er sagte, es wäre ein kluger Mensch, der alles mit Begeisterung anpackte, jeder Idee ginge er nach, er wüßte sich nicht zu zähmen, noch sich zu beherrschen, noch durch Überlegung eine Empörung, einen Wunsch einzudämmen. Er verstände sein Leben nicht methodisch zu leiten nach vernünftigen Gedanken, er folgte nur seinen Einfällen, seien sie nun gut oder schlecht, sobald ein Wunsch, ein Gedanke, irgend etwas seine exaltierte Natur einmal gepackt hatte. Er hatte sich schon sieben mal duelliert, denn er beleidigte ebenso leicht die Leute, wie er deren Freund ward. Er war unsinnig verliebt gewesen in Frauen aller Art und mit derselben Leidenschaft wiedergeliebt worden, ob es nun eine Konfektioneuse gewesen, die er von ihrem Geschäft abgeholt, oder eine Schauspielerin, die er entführt. Ja entführt! Am Abend nach einer Premiere, als sie eben in ihr Coupé steigen wollte, um nach Haus zurückzukehren, hatte er sie auf die Arme genommen, mitten durch die erstaunten Leute getragen, in einen Wagen gesetzt, der im Galopp davonfuhr, sodaß man ihnen nicht folgen, noch sie einholen konnte. Und Gontran schloß: – Kurz und gut, er ist ein wirklich guter Kerl, aber gänzlich verrückt, übrigens sehr reich, zu allem fähig, wenn er den Kopf verloren hat. Christiane antwortete: – Er riecht so eigentümlich, sehr gut, nach was denn? Gontran antwortete: – Ich weiß nicht, er wills nicht sagen, ich glaube das Parfüm kommt aus Rußland; die Schauspielerin, seine Schauspielerin, von der ich ihn jetzt heile, hat es ihm verschafft. Ja, ja, es riecht sehr gut. Auf der Straße befanden sich eine Menge von Badegästen und Bauern, denn jeden Morgen ging man gewöhnlich vor dem Frühstück diesen Weg. Christiane und Gontran holten den Marquis, Andermatt und Paul ein, und sie sahen bald an der Stelle, wo gestern noch der Fels gestanden, einen mit einem grauen Filzhut bedeckten menschlichen Kopf mit langem, weißen Bart, der aus der Erde zu wachsen schien, wie der Kopf eines Enthaupteten, der dort gewachsen war gleich einer Pflanze. Um ihn herum standen Winzer und sahen unbeweglich zu, da die Auvergnaten keine Spötter sind, während drei dicke Herren aus den Hotels zweiter Klasse lachten und Scherze machten. Oriol und sein Sohn standen daneben und starrten den Landstreicher an, der in seinem Loche saß auf einem Stein, bis zum Kinn vom Wasser umspült. Es war, als ob ein mittelalterlicher Verbrecher wegen irgend einer seltsamen Art von Hexerei seine Strafe erleidet. Er hatte seine Krücken nicht losgelassen, die neben ihm schwammen. Andermatt sagte erfreut: – Bravo! Bravo! So sollten es alle Leute hier machen, die leidend sind. Und er beugte sich zu ihm nieder und brüllte ihn an, als ob er taub wäre: – Geht's Ihnen gut? Der Kerl der durch das heiße Wasser ganz den Verstand zu verlieren schien, antwortete: – Ich gloobe, ich schmelze, Gott verdimm mich, ist das heiß! Und der alte Oriol erklärte: – Je heißer desto gesünder! Eine Stimme sagte hinter dem Marquis: – Was ist denn da los? Und Herr Aubry-Pasteur, immer außer Atem, stand da. Er kam von seinem täglichen Spaziergang. Da erklärte Andermatt den Heilungsversuch, aber der Alte schrie: – Gott verdimm mich, is das heiß! Er wollte aus dem Wasser und verlangte, man solle ihm helfen und ihn herausziehen. Der Bankier beruhigte ihn endlich, indem er ihm noch zwanzig Sons für jedes Bad mehr versprach. Man stand um das Loch herum, in dem die grauen Lumpen, mit denen dieser alte Lump bedeckt war, zu schwimmen schienen. Eine Stimme rief: – Die Suppe möchte ich nich fressen! Ein anderer antwortete: – Na und das Fleisch ooch nich! Der Marquis meinte, daß die Kohlensäure-Bläschen zahlreicher, größer und lebhafter wären in dieser neuen Quelle, als in den Bädern. Die Lumpen des Landstreichers waren damit bedeckt, und die kleinen Kugeln stiegen in solcher Menge zur Oberfläche, daß das Wasser von zahllosen Ketten durchzogen schien, von endlosen Rosenkränzen aus ganz kleinen runden Diamanten, die die strahlende Sonne am Himmel glitzern ließ wie Brillanten. Da sagte Aubry- Pasteur lachend: – Hören Sie nur mal, was sie im Kurhaus angestellt haben. Sie wissen, daß man eine Quelle einfängt wie einen Vogel in eine Art Käfig oder vielmehr in eine Glocke, das nennt man, sie fassen. Also letztes Jahr passierte folgendes mit der Quelle, die die Bäder speist. Die Kohlensäure, leichter wie das Wasser, sammelte sich oben unter der Glocke, und als sie zu stark wurde, trat sie wieder in die Bäder zurück und noch kräftiger aus den Badewannen, erfüllte die Kabinen und machte die Patienten krank. Innerhalb zwei Monaten gab es beinahe drei Unglücksfälle. Da fragte man mich wieder, und ich erfand einen ganz einfachen Apparat aus zwei Rohren gebildet, die getrennt das Gas und die Flüssigkeit unter die Glocke brachten, um sie nachher im Bade sofort wieder zu mischen und so dem Wasser die ursprüngliche Gestalt zurückzugeben unter Vermeidung der Kohlensäuregefahr. Aber mein Apparat hätte tausend Francs gekostet und nun denken Sie mal, was da der Bademeister gemacht hat. Er hat einfach in die Glocke ein Loch gebohrt, um das Gas abzuleiten, das natürlich davonflog, und nun werden kohlensaure Bäder verzapft, die gar keine Kohlensäure enthalten oder wenigstens so wenig, daß nicht viel damit los ist. Alle Welt war empört, man lachte nicht mehr, man blickte ganz neidisch auf den Gelähmten, man hätte am liebsten eine Hacke genommen, um sich ein Loch neben dem des andern zu graben. Andermatt aber nahm den Ingenieur beim Arm, und sie gingen eifrig sprechend davon. Ab und zu blieb Aubry-Pasteur stehen, er schien mit seinem Stock auf dem Boden zu zeichnen und der Bankier notierte etwas in einem Notizbuche. Christiane und Paul Brétigny hatten eine Unterhaltung begonnen. Er erzählte von seiner Reise in der Auvergne, was er dort gesehen und gehört, er liebte das Land, war sehr begeistert und sagte: – Gnädige Frau, mir ist es so, als wäre mein Körper förmlich offen, alles strömt in mich hinein, packt mich, daß ich weinen muß oder die Zähne aufeinanderbeißen. Sehen Sie mal, wenn ich da drüben den Abhang erblicke oder die Bäume, die sich den Berg hinaufziehen, dann ist es, als ob in meinen Augen der ganze Wald säße, er dringt in mich hinein, er nimmt mich vollkommen gefangen, er läuft durch mein Blut, mir ist es, als ob ich ihn äße, als ob er meinem Leib erfüllte, ich werde selbst Wald. Er lachte, indem er das erzählte, öffnete seine großen, runden Augen und sah abwechselnd auf den Wald und auf Christiane, die überrascht, erstaunt und sehr eindrucksfähig, sich genau wie der Wald von diesem gierigen, heißen Blick eingesogen fühlte. Paul fuhr fort: – Und wenn Sie wüßten, welches Glück ich meiner Nase verdanke. Ich trinke förmlich die Luft, ich berausche mich daran, ich lebe davon und ich fühle alles was ist, alles, alles. Ich will Ihnen das mal erklären. Haben Sie, seitdem Sie hier sind, nicht diesen köstlichen Wohlgeruch bemerkt, dem kein anderer zu vergleichen ist, so fein, so leicht, daß er beinahe ist, wie soll ich es Ihnen ausdrücken, körperlos? Überall findet man ihn wieder, und nirgends ist er zu packen. Man weiß nicht, woher er kommt, noch niemals habe ich etwas Köstlicheres empfunden. Nun, das ist einfach der Duft des blühenden Weines. Vier Tage lang habe ich darnach gesucht. Ist es nicht köstlich, gnädige Frau, zu wissen, daß der Weinstock, der doch den Wein giebt, den Wein, den nur erlesene Geister recht begreifen und genießen können, uns auch den köstlichsten und verwirrendstcn Geruch verschafft, den nur die raffiniertesten Nervenmenschen begreifen. Und dann, erkennen Sie nicht den gewaltigen Duft der Kastanien, den süßen der Akazien, das Aroma der Berge, des Grases, des Grases, das so köstlich, o so köstlich riecht und das doch niemand bemerkt? Sie war ganz erstaunt, diese Dinge zu hören. Nicht, weil sie so übernatürlich waren, sondern sie erschienen ihr so gänzlich anders, als alles, was sie bisher um sich herum vernommen, daß sie ganz verwirrt, bewegt und fast erschrocken war. Er sprach immer weiter mit seiner ein wenig dumpfen,, aber warmen Stimme: – Und dann, spüren Sie nicht auch in der Luft, auf den Straßen, wenn es warm ist, einen leisen Geruch von Vanille? Ja, nicht wahr? Nun, das ist, das ist – ich wage es gar nicht, Ihnen zu sagen. Jetzt lachte er, und plötzlich streckte er die Hand aus und sprach: – Sehen Sie mal! Eine ganze Reihe von Heuwagen kam daher, von je zwei nebeneinandergespannten Kühen gezogen; die Tiere gingen langsam hin, die Stirn tief, den Kopf unterm Joch gebeugt, die Hörner durch ein Holzbrett verbunden, und unter ihrem Fell sah man die Knochen ihrer Beine sich bewegen. Vor jedem Gespann ging ein Mann in Hemdsärmeln mit einem schwarzen Hut, einen Stock in der Hand, mit dem er den Gang der Tiere regelte; von Zeit zu Zeit drehte er sich um, und ohne je zu schlagen, berührte er die Schulter oder die Stirn einer Kuh, die ihre großen Augen schloß und seinem Winke folgte. Christiane und Paul traten zur Seite, um sie vorüberzulassen, er aber sagte: – Riechen Sie? Sie war erstaunt: – Was denn, das riecht nach Stall! – Ja, das riecht nach Stall, und alle diese Kühe, die die Chausseen entlangschreiten, denn hier giebt es ja keine Pferde in der Gegend, verstreuen überall auf der Straße diesen Stallduft, der sich mit dem feinen Staube vermischt und dem Windhauch etwas wie Vanille-Geruch verleiht. Christiane murmelte etwas angeekelt: – Ach! Er sagte: – Bitte, ich mache nur eine Analyse wie ein Apotheker. Jedenfalls befinden wir uns hier in dem köstlichsten, nervenberuhigendsten Lande, das ich je gesehen. Und die Limagne und die Limagne, und die Limagne! O davon will ich gar nicht sprechen, die muß ich Ihnen zeigen, passen Sie auf, da werden Sie staunen! Der Marquis und Gontran holten sie ein. Der Marquis schob seinen Arm in den seiner Tochter und führte sie denselben Weg zurück zum Frühstück, indem er sagte: – Hört mal Kinder, das geht euch alle drei an. William, der verrückt ist, sobald er eine Idee hat, schwärmt nur noch von der Stadt, die er bauen will, und dazu möchte er die Familie Oriol gewinnen, er möchte also gern, daß Christiane die Bekanntschaft der Töchter macht, um festzustellen, ob sie überhaupt gesellschaftlich möglich sind. Aber der Vater darf nichts davon merken. Da ist mir eine Idee gekommen: wir wollen ein Wohlthätigkeitsfest arrangieren. Du, mein Kind, mußt zum Herrn Pfarrer gehen, und ihr sucht dann gemeinschaftlich zwei aus der Gemeinde, um mit Dir das Geld einzusammeln. Du begreifst schon, welche Du Dir bezeichnen lassen sollst. Ihr Männer aber müßt im Kasino eine Tombola veranstalten unter Beihilfe von Petrus Martel und seiner Truppe und dem Orchester, und wenn die kleinen Oriols nett sind – man sagt ja, sie seien im Kloster erzogen – so wird Christiane sie gewinnen. V Acht Tage lang beschäftigte sich Christiane nur mit den Vorbereitungen zu dem Fest. Der Pfarrer hatte in der That gefunden, daß von all seinen Gemeindekindern nur bie beiden kleinen Oriols würdig wären, mit der Tochter des Marquis Ravenel zusammen das Geld einzusammeln, und er, der sehr geschmeichelt war, sich hervorthun zu können, hatte alle nötigen Schritte eingeleitet, alles schon in Ordnung gebracht und selbst die jungen Mädchen aufgefordert, als ob die Idee von ihm käme. Die ganze Gemeinde war in Aufregung, und die sonst traurigen Badegäste, die nun einen neuen Gegenstand zur Unterhaltung hatten, ergingen sich in allen möglichen Auseinandersetzungen an der Table d'hôte über den Gegenstand. Der Tag fing gut an, es war ein wundervolles, warmes, klares Sommerwetter, die Ebene lag strahlend da, und es war köstlich unter den Bäumen im Dorf. Die Messe war um neun Uhr, eine kurze Messe mit Musik. Christiane war vor dem Gottesdienst schon gekommen, um noch einen Blick auf den Schmuck der Kirche zu werfen, die ganz mit Blumenguirlanden behangen war. Da hörte sie Schritte hinter sich, der Abbé Litre folgte ihr in Begleitung der beiden kleinen Oriols und stellte vor. Christiane lud sofort die jungen Mädchen zum Frühstück ein. Sie nahmen errötend an und machten einen tiefen Knix. Jetzt kamen die Freunde des Hauses. Sie setzten sich alle drei auf die drei Ehrenstühle, die man für sie am Chor hingestellt, drei andere ihnen gegenüber, auf denen Burschen im Sonntagsstaat saßen, die Söhne des Bürgermeisters, des Vizebürgermeisters und des ersten Gemeinderats. Man hatte sie aufgefordert, die das Geld einsammelnden Damen zu begleiten, um dem Lokal-Patriotismus zu schmeicheln. Übrigens ging alles sehr gut von statten. Der Gottesdienst war kurz, die Geldsammlung brachte einhundertzehn Francs, im ganzen mit den fünfhundert die Andermatt gespendet, den fünfzig die der Marquis gegeben und den hundert von Paul Brétigny siebenhundertundsechzig Francs. Etwas, das in Enval noch nie vorgekommen war. Nach der Handlung nahm man die kleinen Oriols ins Hotel mit. Sie waren ein wenig verlegen, aber benahmen sich nicht ungeschickt. Sie sprachen kaum, mehr aus Bescheidenheit, als aus Furcht. Sie frühstückten an der Table d'hôte und gefielen den Herren und zwar allen Herren. Die ältere war ernster, die jüngere lebhafter, die ältere, mit noch besseren Manieren, die kleinere aber graziöser, und doch waren sie einander so ähnlich wie nur zwei Schwestern sein können. Sobald die Mahlzeit beendet war, ging man ins Kasino, wo um zwei Uhr die Tombola stattfinden sollte. Der Park machte den Eindruck eines Jahrmarktes, er war ganz erfüllt von Badegästen und Bauern durcheinander. In dem chinesischen Kiosk spielte die Musik eine ländliche Symphonie von Saint-Landri selbst komponiert. Paul, der neben Christiane ging, blieb stehen: – O, das klingt ganz hübsch, er hat Talent, mit einem ordentlichen Orchester müßte das Eindruck machen. Dann fragte er: – Lieben Sie Musik, gnädige Frau? – Sehr. – Mich macht sie ganz rasend. Wenn ich einem Stück lausche, das ich liebe, ist es mir zuerst, als höben die Töne meine Haut vom Fleisch ab, unterwühlten sie, ließen sie dahinschmelzen, daß ich dann wie ein Enthäuteter allen Angriffen der Instrumente ausgesetzt bin. Das Orchester spielt geradezu auf meinen bloß-liegenden zitternden Nerven, die bei jeder Note beben. Ich höre die Musik nicht nur mit den Ohren, sondern mit der ganzen Sensibilität meines Körpers, daß ich vom Kopf bis zu den Füßen zittre. Nichts macht mir solches Vergnügen oder bereitet mir ein solches Glück. Sie lächelte und sagte: – Sie empfinden sehr stark. – Ja allerdings. Was wäre das Leben, wenn man nicht stark empfindet?! Ich beneide die Leute nicht, die über dem Herzen eine Panzerplatte liegen haben oder eine Nilpferdhaut. Nur die sind glücklich, die durch ihre Eindrücke leiden, die sie empfangen wie Nervenstöße und sie genießen wie Leckerbissen. Sie blickte ihn an, etwas erstaunt, wie es ihr immer ging seit acht Tagen bei allem, was er sagte. In der That erschütterte dieser neue Freund, denn das war er sofort geworden, trotz des widerstrebenden Gefühls im ersten Augenblick, die Ruhe ihrer Seele und erregte sie, wie man ein Wasser aufrührt, wenn man Steine hineinwirft. Und er warf Steine hinein, große Steine, in diese noch schlummernde Seele. Christianes Vater hatte sie, wie viele Väter, immer als kleines Mädchen behandelt, mit dem man nicht groß redet. Ihr Bruder brachte sie zum lachen und führte sie nicht zum nachdenken. Ihr Mann dachte, daß man mit seiner Frau nichts reden dürfe außer den gewöhnlichen Interessen des Lebens, und so hatte sie bisher in behaglicher, süßer Ruhe dahin gelebt. Dieser neue Ankömmling erschloß ihren Geist mit fürchterlichen Gedankenschlägen wie mit einer Hacke. Zudem war es einer jener Männer, die den Frauen gefallen, allen Frauen, durch seine ganze Art und Weise, durch die zitternde Heftigkeit seiner Gefühlsausweise. Er verstand mit ihnen zu sprechen, konnte ihnen alles sagen und alles begreiflich machen. Einer dauernden Anstrengung nicht fähig, war er dagegen äußerst intelligent, immer leidenschaftlich begeistert oder empört, sprach von allem mit unerschütterlicher Überzeugung und staute doch ebenso schnell ab, wie er sich begeistert hatte. Er hatte das Temperament einer Frau, ihren Reiz, ihre Beweglichkeit ihre Sensibilität, dabei doch Größe, Stärke und durchdringende Intelligenz des Mannes. Gontran holte sie plötzlich ein: – Seht euch mal um, die beiden Honorat! Sie blickten sich um und gewahrten Doktor Honorat neben einer dicken, alten Dame im blauen Kleid, deren Kopf aussah wie ein botanischer Garten, da alle Arten von Pflanzen auf ihrem Hut vereinigt schienen. Christiane rief: – Ist das seine Frau? Aber die ist ja fünfzehn Jahre älter! – Ja, sie ist fünfundsechzig, eine ehemalige Hebeamme, in die er sich zwischen zwei Entbindungen verliebt. Übrigens ist das, glaube ich, eine jener lieblichen Ehen, in der es von früh bis abends Zank und Streit giebt. Sie gingen weiter, dem Kasino zu, durch die Rufe des Publikums angelockt. Auf einem großen Tisch vor dem Kurhaus lagen die Loose der Tombola, deren Nummern Petrus Martel unter Beihilfe von Fräulein Odelin vom Odéon, einer winzigen, brünetten Person, zog und ausrief, mit Clownspäßen, die der Menge ungeheuer gefielen. Der Marquis erschien wieder in Begleitung der beiden kleinen Oriols und Andermatts und fragte: – Bleiben wir hier? Es ist etwas laut! Da entschloß man sich, einen Spaziergang auf der in halber Höhe liegenden Straße zu unternehmen, die von Enval nach La Roche-Pradiére führte. Zuerst mußten sie immer einer hinter dem andern einen schmalen Pfad zwischen den Weinbergen hinaufsteigen. Christiane ging voraus mit schnellen elastischen Schritten. Seitdem sie in dieser Gegend war, fühlte sie sich wie neubelebt, mit neuer Lebenskraft und Lust, wie sie sie nie gekannt. Vielleicht machten die Bäder sie gesünder, behoben leichte Störungen der Organe, die sie ohne rechten Grund traurig machten, brachten sie dahin, alle Dinge besser zu sehen und zu genießen. Vielleicht fühlte sie sich einfach angeregt durch die Anwesenheit und den regen Geist dieses unbekannten jungen Mannes, der sie dazu gebracht, dieses alles zu begreifen. Sie atmete lang und tief, indem sie daran dachte, was er über die Wohlgerüche gesagt, die der Wind mit sich trägt. Sie dachte: »Wahrhaftig, er hat mich gelehrt die Luft zu riechen!« Sie fand in der That alle Düfte, vor allem den leichten Duft des blühenden Weines wieder, der so fein und flüchtig ist. Sie erreichten die Straße, einzelne Gruppen bildeten sich. Andermatt und Louise Oriol, die ältere, gingen voraus und sprachen von der Landwirtschaft in der Auvergne. Sie kannte als rechte Auvergnatin und rechte Tochter des Vaters aus ererbtem Instinkt genau alle Einzelheiten der Bewirtschaftung, und sie sprach davon mit ihrer klugen Stimme in nettem Ton, in der leisen Sprechweise, die man sie im Kloster gelehrt. Während er ihr zuhörte, blickte er sie von der Seite an und fand das ernste und so praktische Mädchen reizend. Ab und zu sagte er etwas erstaunt: – Was, der Boden hier in der Limagne hat bis zu dreißigtausend Francs Wert per Hektar? – Gewiß, wenn dort gute Apfelbäume wachsen, die Dessertäpfel liefern. Aus unserer Gegend kommt beinahe alles, was man an Früchten in Paris ißt. Dann drehte er sich um, die Limagne mit andachtsvollen Blicken zu betrachten, denn von dem Wege, auf dem sie gingen, konnte man, soweit der Blick trug, die weite Ebene übersehen, über der immer ein schwacher, blauer Dunst lag. Christiane und Paul waren auch stehen geblieben im Anblick der riesigen, weit gedehnten Landschaft, die dem Auge so gut that, daß sie sich nicht losreißen konnten. Der Weg war jetzt von gewaltigen Nußbäumen umsäumt, deren Schatten jedesmal einen kühlen Schauer über die Haut laufen ließ. Die Straße stieg nicht mehr und ging auf halber Höhe an dem Abhang hin, der unten mit Weinstöcken und kurzem, grünem Gras bis ziemlich zum Gipfel überzogen war. Paul flüsterte: – Nun sagen Sie mal, ist das nicht schön? Ist das nicht schön? O warum packt mich jene Gegend, ja warum? Sie hat einen so tiefen Reiz, daß er mir bis in die tiefste Seele geht. Wenn ich diese Ebene erblicke, ist es mir, als öffneten sich die Flügel der Gedanken, nicht wahr? Und die Gedanken fliegen davon, schweben hin und her, gehen weit fort, weit fort zu allen jenen Traumländern, die wir doch nie erblicken. Ja das ist wirklich prachtvoll, denn das hat mehr von etwas Erträumtem, als von etwas, das man wirklich sieht. Sie hörte, ohne etwas zu antworten, zu, sie lauerte und wartete auf jedes seiner Worte, sog jedes einzelne in sich ein und war bewegt ohne doch recht zu wissen warum. Sie sah in der That andere Länder, blaue, rosige, wunderschöne, aber unwahrscheinliche, wunderbare, nie zu findende, und doch immer von uns mit der Seele gesuchte, die alle anderen vor uns erbärmlich erscheinen lassen. Er antwortete: – Ja es ist schön, weil es schön ist. Andere Ausblicke sind charakteristischer und weniger harmonisch, aber gnädige Frau, die harmonische Schönheit, das ist doch das Schönste auf der Welt. Es giebt nichts als die Schönheit! Aber wie wenige begreifen sie? Die Konturen eines Menschenleibes, einer Statue oder eines Berges, die Farbenpracht eines Gemäldes oder die der Landschaft, die Musik der Jokonda, ein Dichterwort, das sich uns ins Herz einbohrt, dieses etwas, das den Künstler zum göttlichen Schöpfer macht, das ihn hoch heraushebt aus der Menge. Hören Sie nur diese Verse von Baudelaire! Und er deklamierte: Ob Du vom Himmel kommst, ob du der grausen Hölle, O Schönheit, wunderschaurig Rätsel, bist entsprossen, Was macht's, wenn nur Dein lächelnd Auge mir die Schwelle Aufthut des Alls, das meinem Sehnen stets verschlossen?! Ob Teufel oder Gott, ob Engel, ob Sirene, O einzig' süße Fee mit feuchten Augensternen, Was macht's, wenn nur Dein Glanz, Dein Duft und Deine Töne Des Erdendaseins Last und Trauer mir entfernen? Christiane blickte ihn an, erstaunt über diese Verse, ihr Auge hatte etwas Forschendes, sie begriff nicht, was an diesem Gedicht so außergewöhnliches sei. Er erriet ihre Gedanken und erregte sich darüber, daß sie seine Begeisterung nicht teilte, denn er hatte die Verse sehr gut gesprochen, und er sagte mit einem etwas verächtlichen Klang: – Es ist zu dumm, daß ich Ihnen Geschmack beibringen will an einem so feinen, zarten Dichter. Aber die Frauen, die mehr Intuition besitzen als Verständnis, begreifen die geheimen und verschleierten Absichten der Kunst nur dann, wenn man zuerst in sympathischer Weise an ihren Geist rührt. Er verneigte sich und sagte: – Gnädige Frau, ich werde mich dieser sympathischen Weise befleißigen. Sie fand ihn nicht frech, sondern bizarr. Übrigens versuchte sie auch garnicht mal zu verstehen, denn ihr war plötzlich etwas aufgefallen, was sie bisher noch nicht bemerkt: Er war sehr elegant, aber zu groß und zu breit, zu männlich, als daß sie sofort den feinen Geschmack seines Anzuges hätte bemerken können. Und dann hatte sein Kopf etwas Brutales, etwas Unfertiges, das seiner ganzen Person auf den ersten Blick etwas Schweres gab. Aber wenn man sich an seine Züge gewöhnt hatte, entdeckte man einen Reiz, einen starken, urwüchsigen Reiz in ihm, der ab und zu sehr weich ward, je nach dem Ausdruck seiner immer verschleierten Stimme. Christiane sagte sich, als sie zum erstenmal bemerkte, wie er vom Kopf bis zu den Füßen peinlich gut angezogen war: »Na, es scheint ein Mann zu sein, dessen gute Eigenschaften man erst allmählich erkennt!« Gontran holte sie laufend ein und rief: – Schwesterchen, he, Christiane, halte doch! Als er sie eingeholt hatte, meinte er lachend: – Kommt doch mal her und hört der kleinen Oriol zu, die ist zu komisch, fabelhaft geweckt. Papa hat sie förmlich aufgekratzt, und jetzt erzählt sie uns die verücktesten Geschichten, wartet doch mal einen Augenblick. Und sie warteten auf den Marquis, der mit dem jüngeren der beiden Mädchen, Charlotte Oriol, kam. Sie erzählte mit kindlicher Unbefangenheit Dorfgeschichten, Bauernspäße, sie ahmte die Leute mit ihren Bewegungen nach, ihren langen Schritten, ihren ernsten Worten, ihrem Fluchen, ihren ungezählten: »Gott verdamm mich!«, das sie aussprach: »Gott verdimm mich!« und mimte alle ihre Bewegungen und ihren Ausdruck mit ihrem kleinen, klugen Gesichtchen vor. Ihre lebhaften Augen leuchteten, ihr ziemlich großer Mund öffnete sich und zeigte weiße Zähne, ihre ein wenig aufgeworfene Nase gab ihr ein geistreiches Aussehen, sie war frisch, wie eine eben aufgeblühte Blume. Der Marquis, der beinahe sein ganzes Leben auf dem Lande zugebracht, und Christiane und Gontran, die auf seinent Familienbesitz groß geworden, mitten unter dicken, stolzen, normannischen Bauern, die man ab und zu zu Tisch einlud nach der Sitte des Landes, und deren Kinder mit den Gutskindern konfirmiert waren und mit diesen freundschaftlich verkehrt hatten, verstanden es, mit der kleinen Dorfschönen, die schon dreiviertel Städterin war, freundlich und ungezwungen zu reden, mit einem liebenswürdigen, sicheren Takt, der sie sofort auch sicher und zutraulich machte. Andermatt und Louise kehrten zurück, und alle setzten sich zu Füßen eines Kastanienbaumes an den Grabenrand. Dort blieben sie lange sitzen, unterhielten sich von nichts und von allem, im köstlich wohligen Nichtsthun. Ab und zu kam ein Wagen vorbei, immer von zwei Ochsen gezogen, deren Joch die Köpfe niederbeugte, und immer von einem. Bauern begleitet, der einen großen, schwarzen Hut trug und die Tiere mittelst eines dünnen Steckens lenkte, wie ein Kapellmeister. Er nahm den Hut ab, grüßte die kleinen Oriols, und die Mädchen antworteten durch ein familiäres: »Morgen!« ihrer jungen Stimmen. Nach einiger Zeit kehrte man heim. Als sie sich dem Park näherten, rief Charlotte Oriol: – O die Bourrée, die Bourrée! Man tanzte in der That die Bourrée nach alter auvergnatischer Weise. Bauern und Bäuerinnen schritten und hüpften einher, grüßten und wendeten sich, die Mädchen indem sie ihre Kleider mit zwei Fingern jeder Hand hielten und hoben, die Burschen die Arme herabhängend oder gekrümmt wie zwei Topfhenkel. Die einfache, hübsche Melodie klang weit hinaus m die Abendluft, es war immer dieselbe Weise, in einem hohen Ton von der Violine gehalten, deren Rythmus die anderen Instrumente begleiteten, und voller machten. Zu diesem ländlichen Tanz paßte die einfache Bauernmusik, frisch und kunstlos. Die Badegäste versuchten auch zu tanzen, Petrus Martel hüpfte vis-à-vis der kleinen Odelin, die geziert tanzte wie eine Balletteuse. Der Komiker Lapalme erging sich in wilden Sprüngen um die Kassiererin. Da entdeckte Gontran plötzlich den Doktor Honorat, der mit Leib und Seele dabei war und die Bourrée geradezu klassisch tanzte als echter Auvergnat. Das Orchester schwieg. Alles hielt an, und der Doktor begrüßte den Marquis; er wischte sich außer Atem die Stirn. – Es ist ganz gesund, manchmal wieder jung zu sein! Gontran legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte lachend: – Ich habe ja garnicht gewußt, daß Sie verheiratet sind. Der Arzt antwortete ernst: – Ja, ich bins und zwar übel. – Was meinen Sie? – Ich sage, übel verheiratet. Junger Mann, seien Sie nie so blödsinnig! – Warum denn? Warum? – Ja wissen Sie, ich bin seit zwanzig Jahren verheiratet, ich kann mich aber immer noch nicht daran gewöhnen. Jeden Abend, wenn ich heimkehre, sage ich mir: »Nun, die alte Dame ist also immer noch da! Ob sie denn niemals geht?« Alle Welt fing an zu lachen, so ernst und überzeugt hatte er gesprochen. Aber die Glocken in den Hotels läuteten zum Essen, das Fest war beendet. Man brachte Louise und Charlotte Oriol zu ihrem väterlichen Haus, und nachdem man sie verlassen, sprach man von ihnen. Alle Welt fand sie reizend, Andermatt allein gefiel die ältere Schwester noch besser. Der Marquis sagte: – Wie schmiegsam die weibliche Natur doch ist, nur die Nachbarschaft des väterlichen Geldes, dessen Gebrauch sie noch nicht einmal kennen, hat aus diesen Bauermädchen Damen gemacht! Christiane fragte Paul Brétigny: – Welche von beiden ziehen Sie denn vor? Er flüsterte: – Ich habe sie gar nicht einmal angesehen. Die sind es nicht, die ich vorziehe! Er hatte sehr leise gesprochen, und sie antwortete nichts. VI Die folgenden Tage waren reizend für Christiane Andermatt. Sie lebte leicht und glückselig dahin; das Bad am Morgen war ihre erste Freude, etwas Köstliches, eine wunderbare halbe Stunde in dem warmen, fließenden Wasser, dessen Wirkung bis zum Abend anhielt. Sie war in der That glücklich in all ihren Gedanken, in all ihren Wünschen. Die Zuneigung, von der sie sich durchdrungen und umgeben fühlte, der Taumel der Jugend, der durch ihre Adern schoß, und dann diese neue Umgebung, diese wundervolle Gegend wie geschaffen für Träume. Alles was zu ihr kam, alles was sie erlebte, war wie eine Fortsetzung des wohligen Gefühls am Morgen, als ob sie immer in einem warmen Bade säße, einem Bade von Glück, in dem sie Leib und Seele baden konnte. Andermatt, der in Enval nur vierzehn Tage zubringen wollte, war nach Paris zurückgekehrt und empfahl seiner Frau, ja darauf zu achten, daß der Gelähmte nicht etwa seine Bäder aussetze. Christiane ging also jeden Morgen vor dem Frühstück mit ihrem Vater, ihrem Bruder und Paul, um das zu betrachten, was Gontran die Armensuppe nannte. Andere Badegäste kamen auch hin, und man stand um das Loch herum und sprach mit dem Landstreicher. Er behauptete, es ginge ihm nicht besser, aber er hätte Ameisenlaufen in den Beinen, und er setzte auseinander, wie die Ameisen hin und herliefen und ihm die Schenkel hinaufstiegen, er fühlte sie selbst nachts, diese ewig krabbelnden Tiere, die ihm den Schlaf raubten. Alle Bauern und alle Fremden, in zwei Lager, die Gläubigen und die Ungläubigen, geteilt, interessierten sich für die Kur. Nach dem Frühstück holte Christiane öfters die kleinen Oriols ab und ging mit ihnen spazieren. Es waren die einzigen weiblichen Wesen hier, mit denen sie sprechen mochte, mit denen sie in angenehme Beziehungen treten konnte, denen sie ein wenig freundschaftliches Zutrauen schenken und von denen sie etwas weibliche Zuneigung fordern durfte. Sie war sofort eingenommen gewesen für das ernste Wesen der älteren und für den kecken, komischen Geist der jüngeren, und sie suchte jetzt, weniger um ihrem Manne zu gefallen, als weil es ihr selbst Spaß machte, die Freundschaft der beiden kleinen Mädchen zu gewinnen. Man machte zusammen Ausflüge, manchmal im Landauer, in einem alten Landauer mit sechs Plätzen, den man bei einem Fuhrwerksbesitzer in Riom mietete, manchmal auch zu Fuß. Vor allem liebten sie ein kleines, wildes Thälchen bei Châtel-Guyon, das zur Eremitage von Sanssouci führte. Auf dem schmalen Wege gingen sie langsam unter den Tannen hin, dem kleinen Bach folgend, immer zu zwei und zwei sich unterhaltend. Jedesmal, wenn man über den Bach mußte, den der Pfad unausgesetzt kreuzte, standen Paul und Gontran mitten im Wasser auf großen Steinen, nahmen die Frauen beim Arm und hoben sie mit einem Ruck hinüber, um sie auf dem anderen Ufer niederzusetzen. Bei dem Spaziergange wechselten die Paare. Christiane ging bald mit dem einen, bald mit dem andern. Aber jedesmal wußte sie es so einzurichten, daß sie mit Paul Brétigny, sei es vorn, sei es hinten, eine Zeitlang allein blieb. Er war gegen sie nicht mehr so wie am ersten Tag, weniger lustig, weniger derb, weniger guter Kamerad, sondern rücksichtsvoller und artiger. Ihre Unterhaltung aber wurde sehr intim. Herzensfragen nahmen einen großen Raum darin ein. Er sprach von Gefühlen und von Liebe, wie ein Mann, der diesen Gegenstand kennt, der die Liebe der Frauen erfahren und ihnen ebenso Glück wie Leid verdankt. Sie war bezaubert, ein wenig bewegt, suchte ihn zu Geständnissen zu bringen, mit glühender und listiger Neugier. Alles, was sie von ihm wußte, weckte in ihr das brennende Bedürfnis, noch mehr zu erfahren und in Gedanken in dieses Leben und Treiben eines Mannes einmal einzudringen, das sie nur aus Büchern kannte, ein solches Dasein voller Stürme und Geheimnisse der Liebe. Und von ihr ermuntert, erzählte er ihr täglich ein wenig mehr aus seinem Leben, von seinen Abenteuern, von seinem Leid mit Worten, die die Glut der Erinnerung manchmal leidenschaftlich, der Wunsch, ihr zu gefallen, aber auch unwahr machte. Er that vor ihren Augen eine unbekannte Welt auf, er fand beredte Worte, um die zarten Empfindungen erster Wünsche und Träume, die wilde Glut wachsender Hoffnungen zu schildern, erzählte von Blumen und Bändern und all den kleinen Gegenständen, die man als Heiligtum bewahrt, von dem Schmerz erster Treuezweifel, von der Angst aufregender Beobachtungen, den Qualen der Eifersucht und der unaussprechlichen Seligkeit des ersten Kusses. Er wußte das alles zu sagen, etwas verschleiert, sehr anständig, poetisch und verführerisch. Wie alle Männer, die es unausgesetzt in Gedanken und Wünschen zu den Frauen zieht, sprach er in diskreter Weise von denen, die er geliebt, als wäre das Fieber in ihm noch nicht ganz erloschen. Er erinnerte an tausend reizende Kleinigkeiten, eigens geschaffen, um das Herz zu bewegen, tausend Zartheiten, daß die Augen naß werden, an all die reizenden Unbedeutendheiten der Galanterie, die die Lebensbeziehungen zwischen Menschen von seiner Seele und Geist zu dem elegantesten und hübschesten machen, was es auf der Welt giebt. Alle diese intimen Gespräche, die sich täglich wiederholten und täglich länger wurden, senkten sich in Christianes Seele, wie Samen in die Erde. Und der Reiz der weiten Landschaft, die köstliche Luft, diese blaue Limagne, so weit, daß sie die Seele zu weiten schien, diese erloschenen Krater auf den Bergen, die Öfen der Welt, die nur noch dazu dienten, die Brunnen für die Kranken zu wärmen, dann die Frische im Schatten, das leise Murmeln der Bäche über die Steine, alles trug dazu bei, in Herz und Fleisch der jungen Frau zu dringen, und durchweichte sie wie ein warmer, weicher, leiser Regen einen noch jungfräulichen Boden, ein Regen, nach dem die Blumen sprießen. Sie fühlte wohl, daß der junge Mann ihr ein wenig den Hof machte, daß er sie hübsch fand, ja sogar vielleicht mehr als das, und der Wunsch, ihm zu gefallen, brachte sie zu tausend geschickten und doch einfachen Listen, die ihn gewinnen und erobern sollten. Wenn er bewegt schien, verließ sie ihn ganz plötzlich, wenn sie fühlte, daß er eine zärtliche Anspielung machen wollte, warf sie ihm, ehe er noch seinen Satz hatte beenden können, einen jener kurzen tiefen Blicke zu, die wie Feuer in die Herzen der Männer fallen. Sie sagte kein Wort, machte nur eine ganz leise Kopfbewegung, eine zerstreute Geste mit der Hand. Sie sah manchmal melancholisch aus, aber schnell kam ein Lächeln, um ihm zu zeigen, ohne daß sie ein Wort sprach, daß seine Bemühungen nicht erfolglos seien. Was wollte sie eigentlich? Nichts! Was erwartete sie davon? Nichts! Das Spiel unterhielt sie nur, weil sie eben Frau war, weil sie keine Gefahr fühlte, weil sie sehen wollte, ohne etwas davon vorauszuahnen, was er thun würde. Und da war plötzlich in ihr jene Koketterie erwacht, die in allen weiblichen Wesen schlummert. Dem naiven Kind von gestern waren plötzlich die Augen aufgegangen, durch diesen Mann, der ihr unausgesetzt von Liebe sprach. Sie erriet, wie er sich allmählich für sie entflammte, sie sah seine immer deutlicher sprechenden Blicke, sie verstand die verschiedenen Töne seiner Stimme, mit jener eigenen Feinfühligkeit aller derer, die empfinden, daß sie Liebe erwecken. Andere Männer hatten ihr in der Gesellschaft wohl schon den Hof gemacht, aber sie hatte nie anders darauf geantwortet als durch Spott. Die Banalität ihrer Redensarten machte ihr Spaß, ihre traurigen Mienen machten ihr riesiges Vergnügen, und auf alle Liebesäußerungen antwortete sie mit Hohn und Gelächter. Bei diesem aber hatte sie sich plötzlich einem gefährlichen Gegner gegenübergefühlt, und sie war jenes geschickte, instinktiv ahnende Wesen geworden, mit Keckheit und Kaltblütigkeit bewehrt, das, solange sein Herz frei ist, die Männer bespäht, überlistet und fängt im unsichtbaren Netze des Gefühls. Er hatte sie zuerst nichtssagend gefunden. Er war an eine ganz andere Sorte Frauen gewöhnt, an die, die in der Liebe geschult sind, wie alte Soldaten im Manöver, die mit allen Listen der Galanterie und Zärtlichkeit ausgerüstet sind, und so fand er dieses einfache Herz ein wenig banal und behandelte es mit leichter Verachtung. Aber allmählich hatte es doch angefangen, ihn zu unterhalten und anzuziehen, und indem er seiner leicht erregbaren Natur nachging, hatte er begonnen, der jungen Frau den Hof zu machen. Er wußte sehr wohl, daß das beste Mittel, um eine reine Frau zu bethören, das ist, unausgesetzt mit ihr von der Liebe zu sprechen, indem man thut, als dächte man immer an andere, und indem er eifrig dieser beginnenden Neugierde nachging, die er in ihr erregt unter dem Vorwand, als vertraue er ihr etwas an, hatte er angefangen, ihr unter dem Dunkel der Bäume auf Tod und Leben den Hof zu machen. Ihm machte dies Spiel wie ihr Spaß, und er zeigte ihr durch jene tausend kleinen Aufmerksamkeiten, die die Männer zu finden wissen, wie er sich immer mehr für sie erwärmte. Er that wie ein Verliebter, ohne zu ahnen, daß er es wirklich noch werden würde. So trieben sie es beide während der langen Spaziergänge, und es schien ihnen so natürlich, wie es natürlich ist, daß man ein Bad nimmt, wenn man sich an einem heißen Tage an einem Fluß befindet. Aber in dem Moment, wo die Koketterie bei Christiane begann, in dem Augenblick hatte sie alle natürliche Findigkeit der Frau, um die Männer zu beherrschen; in dem Augenblick, wo sie sich vornahm, diesen Mann vor sich auf die Kniee zu zwingen, etwa wie sie den Ehrgeiz besaß, eine Partie Krokett zu gewinnen, ließ dieser gerissene, geschickte Mann sich von den Reizen dieser unschuldigen jungen Frau fangen, und er begann sie zu lieben. Da wurde er ungeschickt, unruhig, nervös, und sie spielte mit ihm, wie die Katze mit der Maus. Einer anderen gegenüber hätte er sich nicht geniert gefühlt, hätte in sie hineingesprochen und sie durch sein Temperament gewonnen, mit ihr wagte er es aber nicht, so anders schien sie ihm, als alle übrigen, die er bis jetzt gekannt. Die anderen Frauen waren doch im Grunde alle solche, die das Leben schon in die Schule genommen, denen man alles sagen konnte, mit denen man das Gewagteste wagen durfte, indem man ihnen Worte ins Ohr flüsterte, die ihr Blut entflammten. Er wußte sich unwiderstehlich, wenn er dem Herzen, der Seele und den Sinnen derjenigen, die er begehrte, das stürmische Verlangen, das ihn verzehrte, ungehindert nahebringen konnte. Bei Christiane meinte er einem jungen Mädchen gegenüber zu stehen, so unberührt fand er sie. Das entwaffnete ihn. Und dann liebte er sie auf ganz andere Art, wie ein Kind, wie eine Braut. Er begehrte sie, aber fürchtete sich, sie zu berühren, sie zu beschmutzen, sie zu brechen. Er hatte nicht das Verlangen, sie zu umarmen wie die anderen, sondern sich vor ihr auf die Kniee zu lassen, ihr Kleid ganz leise zu küssen, mit keuscher, sanfter Berührung die kleinen Härchen an ihren Schläfen, die Winkel ihres Mundes, ihrer Augen, dieser geschlossenen Augen, deren blauen Blick er förmlich fühlte, diesen weichen Blick unter dem niedergeschlaaenen Augenlid. Er hätte sie schützen mögen gegen alle Welt und gegen alles, daß sie nicht in Berührung kam mit gemeinen Menschen, daß sie nichts Häßliches sah und nicht neben ungepflegten Leuten ging. Er hätte den Schmutz der Straße, auf der sie schritt, beseitigen, die Steine auflesen mögen am Wege, die Wurzeln und die Zweige brechen, alles um sie herum gefällig und köstlich zu gestalten und sie immer tragen, nur damit sie nicht zu gehen brauchte. Und er erregte sich darüber, daß sie mit ihren Nachbarn im Hotel sprechen mußte, daß sie das mäßige Table d'hôte-Essen essen, alle die kleinen, unvermeidlichen Unbequemlichkeiten des Daseins mit in Kauf nehmen mußte. Er wußte nicht, was er ihr sagen sollte. Überall dachte er an sie, aber die Unmöglichkeit, ihr sein Herz auszuschütten, ihr das unwiderstehliche Bedürfnis auszudrücken, ihr zu dienen, machte ihn wie zu einem gefesselten, wilden Tier, und dabei hätte er laut weinen mögen. Sie sah dies alles mit an, aber ohne es völlig zu verstehen, und sie amüsierte sich darüber mit der niederträchtigen Freude der Koketten. Als sie hinter den anderen zurückgeblieben waren und sie an seinem Benehmen fühlte, daß er endlich etwas Beunruhigendes sagen würde, begann sie plötzlich zu laufen, um ihren Vater einzuholen, und als sie ihn erreicht, rief sie: – Wollen wir nicht Kämmerchen vermieten spielen? Das Kämmerchenvermieten beendigte jedesmal die Ausflüge. Man suchte eine Lichtung, irgend eine Stelle, wo die Bäume weiter standen, und dann spielten sie wie Kinder auf einer Landpartie. Den kleinen Oriols und selbst Gontran machte das ungeheuren Spaß, denn es gab ihnen Gelegenheit zu laufen, woran alle jungen Menschen Spaß finden. Nur Paul Brétigny brummte, er hatte andere Gedanken, dann aber nahm er Teil und gab sich schließlich mehr Mühe, als alle anderen, nur um Christiane zu fangen, sie zu berühren, plötzlich die Hand auf ihre Schulter oder um ihre Taille zu legen. Der Marquis, dessen gleichgiltige Natur mit allem einverstanden war, wenn es nur seine Bequemlichkeit nicht störte, setzte sich zu Füßen eines Baumes und sah zu, wie sein »Pensionat«, wie er es nannte, spielte. Er fand dieses ruhige Leben köstlich und war mit der ganzen Welt zufrieden. Aber das Benehmen von Paul erschreckte Christiane bald. Eines Tages hatte sie sogar Angst vor ihm. Sie waren eines Morgens mit Gontran zu dem seltsamen Schlund gegangen, wo der Bach von Enval entspringt, und der das Ende der Welt hieß. Das Thal wurde enger und enger, wilder und wilder und ging tief in den Berg hinein. Man mußte über gewaltige Blöcke, über große Steine, und nachdem man einen Fels von mehr als fünfzig Meter Höhe umgangen, der das Thal völlig versperrte, befand man sich endlich in einer Art engen Graben zwischen zwei gewaltigen Mauern, kahl bis oben hinauf, wo Bäume und Grünes wuchsen. Der Fluß bildete einen See, klein wie eine Waschschale, aber ein wildes, ganz unerwartetes eigentümliches Loch, das man mehr in Märchen zu finden meint, als in der Wirklichkeit. Paul betrachtete den hohen Fels, vor dem alle Besucher stehen blieben, da er den Weg versperrte, und sah, daß er Spuren trug, als sei er erklettert worden. – O, da kann man noch weiter gehen! Und nachdem er ohne Mühe die gerade Wand erklommen, rief er: – Ach das ist ja reizend! Ein kleines Gebüsch mitten im Wasser! Kommen Sie doch! Er legte sich, packte beide Hände von Christiane, die er in die Höhe hob, während Gontran ihr von unten half und ihre Füße auf die schwachen Vorsprünge des Felsen setzte. Die Erde, die von oben herabgefallen war, hatte hier einen kleinen, wilden Garten gebildet, durch dessen Wurzeln der Bach murmelte. Ein anderer Absatz, eine Stück weiterhin, schloß abermals den granitenen Engpaß ab; sie kletterten wieder hinauf, dann kam ein dritter, und nun fanden sie sich zu Füßen einer unüberwindlichen Wand, an der gerade und klar ein Wasserfall von zwanzig Meter Höhe herabstürzte in ein tiefes durch die Fluten ausgehöhltes Bassin, unter Zweigen und winzigen Gewächsen begraben. Der Felsgang war so eng geworden, daß die beiden Männer, wenn sie einander die Hand reichten, rechts und links den Fels berühren konnten. Man sah nur noch einen schmalen Himmelsausschnitt, man hörte nur das Tosen des Wassers, es war wie einer jener Schlupfwinkel, die die Dichter der Alten mit Nymphen bevölkerten. Es war Christiane, als wäre sie in ein Feenreich eingedrungen. Paul Brétigny sagte nichts, Gontran rief: – O, hier müßte eine blonde, weiße Frau im Wasser baden! Das möchte ich sehen! Sie kehrten um. Die zwei ersten Absätze waren leicht hinabzuklettern, aber der dritte machte Christiane Angst, so hoch und gerade war er, ohne sichtbare Stufen. Paul ließ sich den Fels hinuntergleiten, dann streckte er Christiane beide Arme entgegen und rief: – Springen Sie! Sie wagte es nicht. Sie hatte nicht Angst zu fallen, aber Angst vor ihm, besonders vor seinem Blick. Er sah sie an, wie ein verhungertes Tier, mit wilder, ungeheurer Leidenschaft, und seine beiden ihr entgegengestreckten Hände zogen sie wie mit Gewalt herab, daß sie, plötzlich von Entsetzen gepackt, am liebsten laut hätte schreien mögen, sich retten, den Berg hinaufklettern, nur um dem Unwiderstehlichen zu entgehen. Ihr Bruder hinter ihr rief: – Los! Und er stieß sie ab. Sie fühlte, daß sie fiel, schloß die Augen und, weich und doch kräftig umarmt, glitt sie, ohne zu sehen, am ganzen Körper des jungen Mannes herab, dessen warmen Atem sie auf dem Gesicht fühlte. Dann stand sie ihm zu Füßen, lächelnd jetzt, da ihre Angst vorüber war, während nun Gontran herabstieg. Diese Aufregung hatte sie vorsichtig gemacht, sie nahm sich in Acht, während ein paar Tagen nie allein mit Paul zu sein, der sie jetzt zu umkreisen schien, wie in der Fabel der Wolf die Schafe. Aber ein größerer Ausflug war verabredet worden; Mundvorrat sollte in dem sechssitzigen Landauer mitgenommen werden, und mit den Schwestern Oriol wollten sie am See von Tazenat ein Picknick veranstalten, um nachts beim Mondschein heimzufahren. Eines Nachmittags brachen sie also auf, an einem heißen Tage, während die glühende Sonne auf den Granitwänden der Berge wie von Kacheln zurückstrahlte. Der Wagen ward von den drei schnaubenden, schwitzenden Pferden hinaufgezogen, der Kutscher schlief auf seinem Sitz mit gesenktem Kopf. Legionen von Eidechsen liefen über die Steine am Weg, die glühende Luft schien von schwerem, unsichtbarem Feuerstaube erfüllt. Manchmal war es, als wäre sie förmlich erstarrt, so dick, daß man sie nicht durchschneiden konnte. Niemand sprach im Wagen. Die drei Damen auf dem Rücksitz schlossen die geblendeten Augen im rosigen Schatten ihrer Schirme, der Marquis und Gontran hatten ein Taschentuch auf den Kopf gelegt und schliefen, Paul sah Christiane an, die ihn zwischen den halb geschlossenen Wimpern beobachtete, und der Landauer, der eine weiße Staubsäule hinter sich ließ, folgte unausgesetzt dem immer gleichmäßig steigenden Weg. Als er das Plateau erreicht hatte, richtete sich der Kutscher auf, die Pferde begannen zu traben, und es ging durch ein hügeliges waldiges Land mit Dörfern und einzelnen Häusern. Links in der Ferne sah man die großen Giebel der Berge und den See, zu dem man bald kam. Nachdem sie drei Stunden gefahren waren, sagte Paul plötzlich: – Sehen Sie dort, Lava! Braune, seltsam geformte Felsen thürmten sich längs des Weges auf, man sah einen großen Berg, dessen breiter Gipfel platt und hohl schien, sie bogen um einen Weg, der durch einen dreieckigen Einschnitt zu führen schien und Christiane, die aufgestanden war, gewahrte nun plötzlich in einem weiten und tiefen Krater einen kleinen, schönen See liegen. Die jähen Hänge des Berges, rechts bewaldet, links kahl, stürzten in das Wasser ab, das sie überall gleichmäßig hoch umgaben. Und dieses reine, wie Metall leuchtende Wasser spiegelte auf der einen Seite hohe Bäume wider, auf der anderen den kahlen Hang, so genau, daß man die Uferränder nicht entdeckte und nur in diesen ungeheuren Trichter, in dessen Mitte sich der blaue Himmel spiegelte, in die klare, grundlose Tiefe schaute, die aussah, als durchbohrte sie die Erde, und man erblickte auf der anderen Seite das Firmament. Der Wagen konnte nicht weiterfahren, man stieg aus, und auf der bewaldeten Seite folgten sie einem Weg, der um den See herumführte unter den Bäumen auf halber Höhe des Abhangs. Dieser Weg, den sonst nur Baumfäller benutzten, war grün wie eine Wiese, und man sah durch die Bäume hindurch auf der anderen Seite immer das leuchtende Wasser des Gebirgs-Sees. Da gewann man durch eine Lichtung das Ufer und ließ sich auf einem grünen Hügel, unter dem Schatten einiger Eichen nieder. Alle streckten sich ins Gras mit natürlicher, köstlicher Freude. Die Herren rollten sich, steckten die Hände ins Gras, und die Frauen, die vorsichtig auf der Seite lagen, schmiegten ihre Wangen hinein, um sich von der wohligen Frische streicheln zu lassen; nach dem heißen Wege war es einer jener köstlichen Momente, die beinahe Glück bedeuten. Da schlief der Marquis wieder ein, Gontran machte es bald ebenso, und Paul begann mit Christiane und den beiden jungen Mädchen zu schwatzen. Wovon? Nichts Bedeutendes. Ab und zu sagte einer einen Satz, ein anderer antwortete, aber die Worte verstummten bald, sie schienen im Munde einzuschlafen wie die Gedanken. Der Kutscher hatte den Korb mit den Vorräten gebracht, und die beiden kleinen Oriols, die von Haus aus an die Wirtschaft gewöhnt waren, begannen sofort auszupacken und das Essen herzurichten, ein Stück weiter entfernt auf dem Rasen. Paul blieb neben Christiane liegen, die da träumte. Er stammelte so leise, daß sie es kaum hören konnte und seine Worte ihr Ohr nur trafen, wie ein unbestimmtes Geräusch, das der Wind herüberträgt: – Das sind die schönsten Augenblicke meines Lebens! Warum trafen sie diese unbestimmten Worte bis in die Tiefen ihrer Seele? Warum fühlte sie sich plötzlich so bewegt, wie noch nie in ihren Leben? Sie sah unter den Bäumen, ein Stück weiter hin, ein ganz kleines Häuschen, eine Jagd- oder Fischerhütte, die so klein war, daß sie nur einen einzigen Raum enthalten konnte. Paul folgte ihren Blicken und sagte: – Gnädige Frau, haben Sie einmal daran gedacht, was es für zwei Wesen, die sich unendlich lieben, bedeuten könnte, in einer solchen Hütte ein paar Tage zu verleben? Sie wären allein auf der Welt, wirklich allein, nur mit einander, und wenn so etwas möglich ist, sollte man nicht alles daran geben, um es möglich zumachen? Das Glück ist so selten, so unfaßbar und kurz. Lebt man überhaupt für gewöhnlich? Giebt es etwas Traurigeres, als früh aufzustehen ohne glühenden Wunsch? Ruhig dieselben Pflichten zu erfüllen, mäßig zu trinken, mit Vorsicht zu essen und zu schlafen wie ein Tier tief und ruhig? Sie blickte immer zu dem Häuschen hinüber, und ihr Herz schwoll, daß sie hätte weinen mögen; plötzlich fühlte sie eine Wonne, die sie nie geahnt. Ja, sie dachte daran, wie glückselig man in dieser kleinen, unter den Bäumen versteckten Hütte leben könnte, an diesem winzigen See, diesem köstlichen kleinen See, der da war, wie ein Spiegel der Liebe. Wie glückselig wäre man hier, niemanden in der Nähe, ohne Nachbarn, ohne den Lärm des Lebens, mit dem Geliebten allein, der stundenlang der Angebeteten zu Füßen sitzen würde und in ihre Augen sehen, während sie emporblickte zu dem ewigen Blau, der süße Worte zu ihr spräche mit einem Kuß auf die Fingerspitzen ihrer Hand. Dort würden sie leben in aller Stille unter den Bäumen, im Grunde dieses Kraters, der alle ihre Leidenschaft enthielt, klares und tiefes Wasser in seinem regelmäßigen Rund, ohne eine andere Grenze für die Augen, als die runde Uferlinie, ohne anderen Horizont für den Gedanken, als das Glück sich zu lieben, ohne ein anderes Ziel für ihren Wunsch, als endlos lang die Lippen aufeinander ruhen zu lassen. Gab es denn auf der Welt Menschen, die ein solches Glück empfinden konnten? O warum nicht? Warum hatte sie nicht früher geahnt, daß es solche Wonnen gäbe? Die kleinen Mädchen meldeten, das Essen wäre fertig. Es war schon sechs Uhr, man weckte den Marquis und Gontran, und ließ sich ein Stück entfernt neben den Tellern auf den flachen Steinen mit gekreuzten Beinen nieder. Die beiden Schwestern servierten noch immer, und die Herren hinderten sie nicht daran. Sie aßen langsam und warfen Schalen und Hühnerknochen ins Wasser; man hatte Champagner mitgebracht, und das Knallen des ersten Propfens erschreckte alle, so seltsam klang es hier. Der Tag neigte sich dem Ende zu, es wurde frischer, eine seltsame Melancholie kam mit dem Abend über das schlafende Wasser im Krater. Als die Sonne beinahe niedersank, und der Himmel sich in Glut zu tauchen begann, sah der kleine See plötzlich wie ein Feuermeer aus. Dann, nachdem die Sonne niedergegangen war und der Horizont rot geworden; wie ein Hochofen, der im Erlöschen ist, sah der See aus, wie eine Schale voll Blut, und plötzlich stieg über dem Hügel der beinahe volle Mond auf, bleich an dem noch hellen Firmament. Und je mehr sich die Dunkelheit auf die Erde niederließ, desto höher stieg er und leuchtete rund über dem Krater, der rund war, wie er selbst. Es war, als wollte er sich Hineinsenken und als er hoch am Himmel stand, sah der See aus wie eine Schale voll Silber. Da lief plötzlich über die den ganzen Tag lang unbewegte Oberfläche ein Schauer, bald langsam, bald schnell. Es war, als huschten Geister über die Oberfläche und ließen unsichtbare Schleier darüber gleiten. Es waren die großen Fische aus der Tiefe, die hundertjährigen Karpfen, die gefräßigen Hechte, die beim Mondschein sich jagten. Die kleinen Oriols hatten das Porzellan und die Flaschen wieder in den Korb gethan, den der Kutscher abholte. Man brach auf. Als sie über den Weg gingen, unter den Bäumen, durch die helle Flecke wie ein Regen durch die Blätter aufs grüne Gras fielen, hörte plötzlich Christiane, die als Vorletzte ging, von Paul gefolgt, eine keuchende Stimme ihr zuflüstern, fast an ihrem Ohr: – Ich liebe Sie! Ich liebe Sie! Ich liebe Sie! Ihr Herz begann so heftig zu klopfen, daß sie fast gefallen wäre, denn sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Aber trotzdem ging sie weiter, sie lief wie toll, immer bereit sich umzuwenden, die Arme auszubreiten und ihm die Lippen zu bieten. Sie nahm jetzt einen Zipfel des kleinen Shawls, der um ihre Schultern hing und küßte ihn verzweifelt. Sie setzte ihren Weg fort, so müde, daß sie den Boden beim Gehen nicht mehr unter ihren Füßen fühlte. Plötzlich traten sie aus der hohen Wölbung der Bäume ins Freie hinaus, und da begann sie sich zu fassen. Aber ehe sie in den Landauer stieg und den See aus den Augen verlor, drehte sie sich halb herum, um mit beiden Händen dem Wasser einen Kuß zuzuwerfen, eine Bewegung, die der wohl verstand, der ihr folgte. Während der Rückfahrt war sie wie gelähmt, an Körper und Seele, verstört und wie zerschlagen nach einem Sturz. Kaum war sie ins Hotel zurückgekehrt, so ging sie schnell auf ihr Zimmer und schloß sich ein. Als der Riegel vorgerutscht war, drehte sie auch noch den Schlüssel herum, so fühlte sie sich auch jetzt noch verfolgt und begehrt. Dann blieb sie zitternd in dem fast dunklen Zimmer stehen. Das Licht, das auf dem Tisch brannte, warf flackernde Schatten der Möbel und der Vorhänge auf die Wand. Christiane ließ sich in einen Lehnstuhl sinken, ihre Gedanken liefen davon, entflohen ihr, sie konnte sie nicht zurückhalten, nicht ordnen. Sie hatte jetzt Lust zu weinen, ohne zu wissen warum, sie fühlte sich unglücklich, verzweifelt, verlassen in diesem leeren Raum, im Leben verirrt, wie in einem Wald. Wo steuerte sie hin? Was würde sie thun? Da sie kaum Atem holen konnte, erhob sie sich, öffnete Fenster und Laden und lehnte sich auf die Fensterbrüstung. Die Luft war frisch; hoch vom gewaltigen und so leeren Himmel, warf der ferne, einsame, traurige Mond, der an dem nachtblauen Horizont emporgestiegen war, sein hartes, kaltes Licht auf das Grün, auf die Berge. Das ganze Land schlief, nur ab und zu klang der leise Ton der Geige Saint-Landris, der jeden Abend sehr spät noch übte, er schien zu schluchzen in der tiefen Stille des Thales. Der grelle, schmerzliche Ton der Saiten schwieg, und dann begann er von neuem. Und dieser Mond, der an dem einsamen Himmel stand, und dieser schwache Ton, der in der schweigenden Nacht sich verlor, erregten in ihr ein derartiges Gefühl der Einsamkeit, daß sie zu schluchzen begann. Sie zitterte und bebte bis ins Mark, von Angst und Furcht geschüttelt, wie einer, den ein schweres Leiden befallt, und nun begriff sie plötzlich, daß auch sie allein war auf der Welt. Sie hatte es bis zu diesem Tage noch nicht bemerkt, aber nun fühlte sie es so lebhaft in der Verzweiflung ihrer Seele, daß sie meinte, wahnsinnig zu werden. Sie hatte einen Vater, einen Bruder, einen Mann. Sie liebte sie doch, und sie wurde von ihnen geliebt, aber plötzlich schienen sie ihr alle fremd, als ob sie sie kaum kennte. Die ruhige Zuneigung ihres Vaters, die kameradschaftliche Freundschaft ihres Bruders, die kalte Zärtlichkeit ihres Mannes, schienen ihr nichts, nichts mehr zu sein. Ihr Mann! Das war also ihr Mann! Dieser ruhige Mensch, der mit gleichgiltigem Ton zu ihr sprach: – Bist Du wohl heute, liebe Freundin? Sie gehörte ihm, diesem Mann, Körper und Seele kraft eines Vertrages. War das möglich? O, wie sie sich allein und verlassen fühlte! Sie hatte die Augen geschlossen, um in ihre Seele hineinzublicken, in die tiefsten Abgründe ihrer Gedanken. Und nun sah sie die Gestalten derer, die um sie lebten, vor sich stehen. Ihr Vater, ahnungslos und ruhig, glücklich, wenn man nur seine Gemütlichkeit nicht störte. Ihr skeptischer Bruder, ihr immer beweglicher Mann, der voll Ziffern steckte und ihr sagte: »Ich habe ein feines Geschäft gemacht!«, wenn er ihr hätte sagen können: »Ich liebe Dich!« Ein anderer hatte es ihr eben noch zugeflüstert, dies Wort, das in ihren Ohren und in ihrem Herzen noch nachzitterte. Sie sah ihn so, diesen anderen, vor sich stehen in Gedanken, wie er sie mit seinen starren Blicken verschlang. Und wenn er wirklich neben ihr gestanden hätte in diesem Augenblick, sie wäre in seine Arme gesunken! VII Christiane, die erst spät zu Bett gegangen war, erwachte, sobald die Sonne in ihr Zimmer ihren roten Schein durch das offen gebliebene Fenster warf. Sie sah nach der Uhr: fünf Uhr. Und auf dem Rücken, köstlich in der Wärme der Kissen, blieb sie liegen. Sie fühlte sich so glücklich und frisch, daß es ihr schien, in der Nacht wäre ein Glück, ein großes Glück, ein unendliches Glück über sie gekommen. Welches? Sie wußte selbst nicht, welche glückliche Neuigkeit sie so aufgerüttelt. Die ganze Traurigkeit des Abends war verschwunden, dahingeschmolzen während des Schlafes. Also Paul Brétigny liebte sie! Wie anders erschien er ihr, als am ersten Tage. Trotz aller Anstrengungen, die sie machte, sich ihn vorzustellen, konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie ihn zuerst gesehen und gefunden. Der Mann, den ihr der Bruder vorgestellt, war wie verschwunden, der von heute hatte von dem andern nichts behalten, nicht das Gesicht, nicht die Manieren, nichts! Ihr erster Eindruck war allmählich vergangen, Tag um Tag, durch die leise Veränderung, der in uns jeder Mensch unterworfen ist, der allmählich uns bekannt wird, uns näher tritt, den wir lieben. Man gewinnt ihn Stunde um Stunde, ohne es zu ahnen, man eignet sich seine Züge an, seine Bewegungen, seine ganze Art und Weise, Körper wie Geist, er wird unser durch unsere Blicke, durch unser Herz, vermöge seiner Stimme, seiner Bewegungen, durch alles, was er sagt und was er denkt. Man versteht ihn, man errät ihn bei seinem kleinsten Lächeln, bei seinem geringsten Wort, und endlich ist es, als gehörte er uns ganz. So liebt man unbewußt alles, was in ihm ist und was von ihm kommt. Und dann, ist man nicht mehr im stande, sich zu erinnern, wie er sich einst unserem gleichartigen Auge vorgestellt, das erste Mal, da wir ihn sahen. Also Paul Brétigny liebte sie. Christiane empfand davor weder Angst noch Beklemmung, aber eine tiefe Rührung, ein unendliches, köstliches Glück, geliebt zu sein und zu wissen, daß man geliebt wird. Und doch beunruhigte sie es ein wenig, wie er gegen sie sein, und wie sie sich stellen würde gegen ihn. Aber da sie zu zartfühlend war, sich selbst, auch nur in Gedanken mit solchen Dingen zu beschäftigen, hörte sie auf daran zu denken, im Vertrauen auf ihre Geschicklichkeit und Zartheit, die Ereignisse zu lenken. Zur gewohnten Stunde verließ sie ihr Zimmer und traf Paul, der vor der Thür des Hotels eine Cigarette rauchte. Er grüßte sie förmlich: – Guten Morgen, gnädige Frau, haben Sie gut geschlafen? Sie antwortete lächelnd: – Sehr gut, Herr Brétigny, ich habe ausgezeichnet geschlafen. Sie streckte ihm die Hand entgegen und fürchtete doch, er möchte sie zu lange behalten, aber er drückte sie kaum, und sie begannen ruhig zu schwatzen, als ob sie eines den andern vergessen hätten. Und der Tag strich hin, ohne daß er irgend etwas that, um das glühende Geständnis vom Tage vorher in Erinnerung zu bringen. Auch die folgende Zeit war er diskret, ganz ruhig, und sie gewann Vertrauen zu ihm. Sie meinte, er habe erraten, daß er sie verletzen würde, wenn er kecker wäre, und sie hoffte, ja sie glaubte bestimmt, daß er bei dieser reizenden Etappe der Zärtlichkeit stehen bleiben würde, wo man sich liebt, wenn man sich nur in die Augen blickt, ohne Gewissensbisse, ohne Reue. Aber sie nahm sich in Acht, mit ihm allein zu sein. Da kehrten sie eines Abends, am Sonnabend derselben Woche, wo sie in Tazenat gewesen, gegen zehn Uhr ins Hotel zurück. Der Marquis, Christiane und Paul gingen zusammen, sie hatten Gontran mit Herrn Aubry-Pasteur, Riquier und Doktor Honorat in dem kleinen Saal des Kasinos bei seinem Ecarté gelassen. Da sagte Brétigny, als er den Mond sah, der durch die Zweige schien: – Gott wie hübsch wäre es, einmal die Ruinen von Tournoël in einer solchen Nacht zu besuchen. Bei dem Gedanken schon ward Christiane innerlich erregt. Mondschein und Ruinen machten auf sie denselben Eindruck wie beinahe auf alle Frauenseelen. Sie drückte die Hand des Marquis: – O Papachen, das wäre nett! Willst Du nicht? Er zögerte, denn er wollte eigentlich zu Bett gehen. Sie bat noch einmal: – Ach denke doch, Tournoël ist ja auch am Tage so schön, Du sagtest ja selbst, daß Du noch nie eine so malerische Ruine gesehen hättest, mit dem großen Turm über dem Schloß, wie muß das erst in der Nacht dort sein! Er gab nach: – Nun gut, gehen wir hin, aber wir sehen es uns nur fünf Minuten an und kommen gleich wieder zurück. Ich will um elf Uhr zu Bett sein! – Ja wir kehren gleich wieder zurück, wir brauchen nur zwanzig Minuten. Nun gingen sie alle drei davon; Christiane am Arm ihres Vaters, während Paul neben ihr schritt. Er sprach von Reisen, die er gemacht, von der Schweiz, Italien, Sizilien. Er erzählte von Eindrücken, die ihm gewisse Dinge hinterlassen, von seiner Begeisterung beim Anblick des Monte Rosa, wenn die Sonne am Horizont emporsteigt über diese hellen weißen Gipfel, dieser ganzen Welt von ewigem Schnee und auf jede der einzelnen Riesen-Zinnen ein strahlendes weißes Licht wirft, sie entzündet wie die fahlen Leuchttürme, die wohl das Reich der Toten erhellen. Dann schilderte er seine Bewegung, als er am gewaltigen Krater des Ätna gestanden, als er sich dreitausend Meter hoch in den Wolken befunden, nur Meer und Himmel rundum, das blaue Meer unter, den blauen Himmel über sich und gebückt über jenen schrecklichen Mund der Erde, dessen Atem einen zu ersticken droht. Er malte die Bilder aus, um der jungen Frau Eindruck zu machen, und sie zitterte, während sie ihm zuhörte, denn sie sah selbst durch einen Aufschwung ihrer Phantasie all diese Dinge vor sich. Plötzlich gewahrten sie an einer Wegbiegung Tournoël; das alte Schloß auf seinem Felsen thronend, von dem hohen schlanken Turm überragt, durchbrochen wie ein Spitzensaum, und zerbröckelt durch die Zeit, durch die Kriege, die darüber hingebraust, zeichnete vom Himmel seine gewaltigen, phantastischen Umrisse ab. Sie blieben alle drei erstaunt stehen, endlich sagte der Marquis: – Das ist allerdings sehr hübsch! Das ist wie ein Wirklichkeit gewordener Traum von Gustav Doré; setzen wir uns doch ein paar Minuten hin. Er ließ sich auf dem Gras am Grabenrand nieder. Christiane aber rief ganz begeistert: – O Papa, wir wollen weiter gehen. Es ist so schön, so wunderschön! Gehen wir doch bis an den Fuß, ich bitte Dich! Aber der Marquis weigerte sich: – Nein liebes Kind, ich bin genug gelaufen, ich kann nicht mehr. Wenn Du es Dir in der Nähe ansehen willst, gehe doch mit Herrn Brétigny hin, ich erwarte Dich hier. Paul fragte: – Ja, ist es Ihnen recht, gnädige Frau? Sie zögerte in leiser Furcht, sie wollte nicht mit ihm allein sein, und wollte auch einen Ehrenmann nicht kränken, indem sie sich vor ihm zu fürchten schien. Der Marquis sagte noch einmal: – Geht doch! Geht! Ich bleibe hier. Da überlegte sie, daß ihr Vater ja immer in Rufweite bliebe, und sagte entschlossen: – Also gehen wir! Und sie entfernten sich Seite an Seite. Aber kaum waren sie ein paar Minuten gegangen, als eine jähe Empfindung sie überkam, eine unbestimmte, seltsame Angst, die Furcht vor der Ruine, vor der Nacht, vor diesem Mann. Ihre Beine versagten plötzlich den Dienst wie neulich abends an dem See von Tazenat, sie trugen sie nicht weiter, sie knickten ein unter ihrem Gewicht; es war als bohrten sie sich in die Straße, in der ihre Füße stecken blieben, wenn sie sie aufheben wollte. Ein großer Baum stand am Wege. Christiane war außer Atem, als ob sie gelaufen wäre und ließ sich gegen den Stamm sinken. Sie stammelte: – Ich bleibe hier, man sieht hier sehr schön. Paul setzte sich an ihre Seite, sie fühlte ihr Herz heftig klopfen. Er sagte nach kurzem Schweigen: – Glauben Sie, daß wir schon einmal gelebt haben? Sie flüsterte, aber sie hatte in ihrer Erregung nicht richtig verstanden, was er gesagt: – Ich weiß nicht, ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Er sagte: – Ich glaube es manchmal, oder vielmehr ich fühle es. Das lebende Wesen, das doch aus Geist und Körper besteht, die getrennt zu sein scheinen und doch ohne Zweifel ein und derselben Art sind, muß wieder erscheinen, wenn die Elemente, aus denen es einmal gebildet war, ein zweites Mal genau so zusammentreffen. Dann ist es nicht dasselbe Wesen, aber doch derselbe Mensch der wiederkehrt wenn ein Körper, der seine frühere Gestalt ändert von einer Seele bewohnt wird, die seiner anderen gleicht, die er früher inne hatte. Nun gnädige Frau, ich bin heute abend ganz gewiß, daß ich in diesem Schloß einmal gewohnt habe, daß ich es besaß, daß ich dort kämpfte und es verteidigte. Ich erkenne es genau wieder, mir gehörte es, das weiß ich ganz bestimmt und ebenso bestimmt weiß ich auch, daß ich eine Frau einmal liebte, die Ihnen ähnlich sah und die wie Sie Christiane hieß. Ich weiß das so sicher, daß es mir ist, als sähe ich Sie noch vor mir, wie Sie mir oben von der Zinne herab zurufen. Suchen Sie einmal, erinnern Sie sich! Dort hinten ist ein Gehölz das in ein tiefes Thal hinuntergeht, dort sind wir oft mit einander spazieren gegangen. An den Sommerabenden trugen Sie leichte Kleider und ich schwere Waffen, die da klirrten im grünen Wald. Erinnern Sie sich? Suchen Sie einmal in Ihrem Gedächtnis! Ihr Name ist mir ja so bekannt, als käme er aus meiner Kindheit. Wenn man sorgfältig alle Steine dieses alten Kastells durchsuchte, fände man ihn eingekratzt von meiner Hand. Ich versichere Sie, ich kenne mein Haus wieder, meine Heimat, wie ich Sie wiedererkannt habe das erste Mal, als ich Sie gesehen. Er sprach mit exaltierter Überzeugung, indem er durch die Nähe dieser Frau sich poetisch angeregt fühlte, zugleich durch die Nacht, durch den Mondschein und durch die Ruine. Plötzlich warf er sich vor Christiane auf die Kniee und sagte mit zitternder Stimme: – Lassen Sie mich Sie doch anbeten, da ich Sie nun einmal wiedergefunden habe, Sie, die ich so lange schon suche! Sie wollte aufstehen, davonlaufen zu ihrem Vater, aber sie hatte nicht die Kraft, nicht den Mut dazu, sie war wie gelähmt von dem verzehrenden Wunsch, ihm noch zu lauschen, zu hören, wie die Worte, die sie beglückten, in ihr Herz drangen. Sie fühlte sich wie ihm Traum, in dem immer ersehnten poetischen süßen Traum, voll Mondenschein und alter Gesänge. Er hatte ihre Hände genommen und küßte ihre Fingerspitzen, indem er stammelte: – Christiane, Christiane ich bin Dein! Töte mich, ich liebe Dich, Christiane! Sie fühlte, wie er zitterte und bebte zu ihren Füßen. Er küßte ihr jetzt die Kniee, und wie tiefes Schluchzen kam es aus seiner Brust. Sie hatte Angst, er möchte den Verstand verlieren und erhob sich. Sie wollte davon laufen, aber er hatte sich schneller aufgerichtet, als sie, und sie in die Arme genommen, indem er sich auf sie stürzte und ihren Mund suchte. Da ließ sie sich ohne Schrei, ohne Abwehr, ohne Widerstand ins Gras fallen, als ob seine Liebkosungen ihr alle Muskeln gelähmt und den Willen zerbrochen hätten, und er nahm sie, so leicht, als pflückte er eine reife Frucht. Aber kaum hatte er sie aus seiner Umarmung gelassen, so erhob sie sich und lief verzweifelt, zitternd davon, plötzlich wie erstarrt, als wäre sie ins Wasser gestürzt. Mit ein paar Sprüngen war er ihr nach, packte sie beim Arm und flüsterte: – Christiane, Christiane, passen Sie auf, Ihr Vater! Sie lief weiter, ohne zu antworten; ohne sich umzublicken, rannte sie geradenwegs vor sich hin. Er folgte ihr, aber er wagte es nicht, sie anzureden. Sobald der Marquis sie sah, erhob er sich: – Na nun kommt schnell, mir ist schon kalt geworden. All das ist ja sehr schön, aber nicht gut bei der Kur! Christiane preßte sich an ihren Vater, als flehte sie um seinen Schutz, als suchte sie Rettung in seiner Zärtlichkeit. Sobald sie wieder in ihrem Zimmer war, entkleidete sie sich, und wenige Sekunden darauf schlüpfte sie in ihr Bett, indem sie die Decke über den Kopf zog und weinte. Sie weinte, das Gesicht in das Kopfkissen versteckt, lange, lange. Sie dachte an nichts, sie litt nicht, sie bedauerte nicht, sie weinte, ohne nachzudenken, ohne sich irgend etwas zu überlegen, ohne zu wissen, warum sie weinte. Sie weinte aus Instinkt, wie man singt, wenn man heiter ist. Und dann, als sie ganz erschöpft war von den Thränen, wie zerschlagen von all dem Schluchzen, schlief sie vor Müdigkeit ein. Sie wurde aufgeweckt durch ein leises Klopfen an ihrer Zimmerthür, die zum Salon ging. Es war heller, lichter Tag, schon neun Uhr. Sie rief: herein; und ihr Mann erschien, lustig, angeregt, eine Reisemütze auf dem Kopf, seine kleine Geldtasche umgehängt, die er stets auf der Reise trug. Er rief: – Was, Du schliefst noch, mein Kind, und ich wecke Dich! Ja, ich komme, ohne mich anzumelden; ich hoffe, es geht Dir gut. In Paris war wundervolles Wetter. Und nachdem er die Mütze abgesetzt, näherte er sich ihr, um sie zu küssen. Sie zog sich bis an die Wand zurück voll wahnsinniger, nervöser Angst vor diesem kleinen rosigen Mann, der ihr die Lippen entgegenstreckte, und plötzlich bot sie ihm die Stirn und schloß die Augen. Er drückte einen leisen Kuß darauf und fragte: – Darf ich mich in deinem Toilettenzimmer ein wenig zurecht machen? Da man mich nicht erwartet hat, ist mein Zimmer nicht in Ordnung. Sie stammelte: – Aber gewiß! Und er verschwand durch eine Thür am Fußende des Bettes. Sie hörte ihn sich bewegen, hörte das Wasser plätschern und dann ihn rufen: – Giebts was Neues hier? Ich habe wundervolle Nachrichten, die Analyse hat ein ganz unverhofftes Ergebnis gehabt, wir können mindestens drei Krankheiten mehr behandeln als in Royat, das ist großartig! Sie hatte sich im Bett aufrecht gesetzt, sie erstickte fast, sie war ganz verstört durch die unerwartete Rückkehr, die sie traf wie ein plötzlicher Schmerz, wie Gewissensbisse. Er kam wieder herein, zufrieden, einen starken Geruch von Verbenen um sich verbreitend. Nun setzte er sich gemütlich auf das Fußende des Bettes und fragte: – Und der Krüppel, wie gehts ihm denn, kann er schon gehen? Bei dem Zeug, das wir alles im Wasser gefunden haben, muß er ja gesund werden. Sie hatte diesen seit einigen Tagen ganz vergessen und stammelte: – Ja, ich glaube, es fängt an besser zu gehen, ich habe ihn die Woche nicht gesehen, ich fühle mich nicht ganz wohl. Er sah sie forschend an und sagte: – Es ist wahr, Du bist ein wenig bleich, aber sonst geht Dirs doch gut? Du bist reizend so, ganz reizend! Er näherte sich ihr, beugte sich zu ihr nieder und wollte mit einem Arm im Bett ihre Taille umfassen. Aber sie machte eine so entsetzte Bewegung nach rückwärts, daß er erstaunt innehielt mit ausgestreckten Händen und offenem Mund. Dann fragte er: – Was hast Du denn? Man darf Dich ja gar nicht mehr anrühren. Ich will Dir ja nicht wehe thun. Und er näherte sich ihr mit von plötzlichen Wünschen funkelnden Augen. Da stammelte sie: – Nein laß mich! Laß mich! Ich glaube – – ich glaube, ich bin – – guter Hoffnung! Sie hatte es in ihrer Verzweiflung gesagt, ohne daran zu denken, nur um seine Berührung zu vermeiden, so als ob sie etwa gerufen hätte: Ich bin leprakrank, oder: Ich habe die Pest! Nun ward er blaß vor tiefer Freude, und stammelte nur: – Schon? Jetzt hatte er Lust, sie zu küssen, lange, weich und zärtlich, als dankbarer Vater; aber er ward wieder unruhig: – Ist es auch möglich, glaubst Du wirklich, so schnell? Sie antwortete: – Ja, es ist möglich! Da sprang er im Zimmer herum, indem er sich die Hände rieb und rief: – Donnerwetter, Donnerwetter, der Tag fängt gut an! Man klopfte wieder an der Thür, Andermatt öffnete, und das Zimmermädchen sagte: – Doktor Latonne möchte den Herrn sofort sprechen! – Gut, führen Sie ihn in den Salon, ich komme gleich. Er ging in das Nebenzimmer. Der Doktor erschien sofort. Er hatte ein feierliches Gesicht aufgesetzt, war stumm und förmlich, berührte kurz die Hand, die ihm der ein wenig erstaunte Bankier gereicht, setzte sich und erklärte mit dem Ton etwa eines Kartellträgers in einer Ehrensache: – Verehrter Herr, mir ist etwas sehr Unangenehmes zugestoßen, was ich Ihnen sofort erklären muß, um mein Benehmen zu rechtfertigen. Als Sie mir die Ehre gaben, mich zur Behandlung Ihrer Frau Gemahlin zuzuziehen, bin ich sofort gekommen, ohne zu wissen, daß ein paar Minuten vor mir mein Kollege, der Badearzt, zu dem ohne Zweifel Frau Andermatt mehr Vertrauen hat, durch Herrn Marquis von Ravenel gerufen worden war. Daraus folgt, daß, da ich als zweiter gekommen bin, es so aussehen muß, als hätte ich dem Doktor Bonnefille wissentlich eine Patientin abspenstig machen wollen, die ihm schon gehörte. Ich komme in den Ruf, eine Taktlosigkeit begangen zu haben, etwas Unerhörtes, Unanständiges unter Kollegen. Wir müssen nämlich, wenn wir unsere Kunst ausüben, äußerst vorsichtig sein und mit größtem Takt vorgehen, um alle Schwierigkeiten zu vermeiden, die vielleicht ernste Folgen haben könnten. Doktor Bonnefille, der von meinem Besuche hier gehört, und der nun glaubt, ich hatte diese Taktlosigkeit begangen, da in der That der Schein gegen mich ist, hat darüber in Ausdrücken gesprochen, für die ich ihn, wenn er nicht ein so alter Herr wäre, zur Rechenschaft ziehen müßte. Mir bleibt nur eins übrig, um meine Unschuld in seinen Augen und vor allen Kollegen in der ganzen Gegend darzuthun, nämlich zu meinem großen Bedauern, die Behandlung Ihrer Frau Gemahlin mit dem heutigen Tage niederzulegen und die ganze Wahrheit in dieser Angelegenheit bekannt zu machen. Andermatt antwortete etwas verlegen: – Ja, Herr Doktor, ich verstehe sehr wohl die schwierige Lage, in der Sie sich befinden, die Schuld tragen nur nicht ich und meine Frau, sondern trägt mein Schwiegervater, der, ohne uns davon zu benachrichtigen, Doktor Bonnefille gerufen hatte. Könnte ich nicht vielleicht Ihren Kollegen aufsuchen und ihm sagen. – Verehrter Herr, das ist ganz ausgeschlossen, es handelt sich um eine Berufs- und Ehrensache, die vor allem mir am Herzen liegt und trotz meines großen Bedauerns – – Nun schnitt Andermatt ihm das Wort ab. Er ärgerte sich über diesen Rezepthändler, er, der reiche Mann, der Mann, der zahlt, der eine Verordnung mit fünfzehn, zwanzig oder vierzig Francs genau so honoriert, wie eine Schachtel Streichhölzer für drei Sous, dem durch die Macht seines Geldbeutels alles gehört und der alle Wesen und Gegenstände nur nach ihrem Werte und nach ihrem Nutzen taxiert, und er erklärte in kaltem Ton: – Gut Herr Doktor sei es, aber ich wünsche nur, daß dieser Schritt auf Ihre Laufbahn nicht einen bösen Einfluß hat, wir werden in der That sehen, wer von uns beiden bei Ihrem Entschluß den Kürzeren zieht. Der beleidigte Arzt erhob sich und grüßte mit größter Höflichkeit: – Das werde wohl ich sein, ich zweifle gar nicht daran, es ist mir selber peinlich, was ich heute zu thun genötigt gewesen bin, in jeder Hinsicht, aber ich bin nie im Zweifel zwischen meinem Vorteil und meinem Gewissen! Und er ging hinaus. Als er über die Schwelle trat, stieß er fast mit dem Marquis zusammen, der eben mit einem Brief in der Hand hereinkam, und sobald er mit seinem Schwiegersohn allein war, rief er: – Hör mal, mein Lieber, da ist mir durch Deine Schuld eine sehr fatale Sache passiert. Doktor Bonnefille, der beleidigt ist, weil Du seinen Kollegen zu Christiane gerufen hast, schickt mir seine Liquidation mit sehr kurzen Worten, indem er mir mitteilt, daß ich auf seine Erfahrung nicht mehr zu zählen habe. Nun wurde aber Andermatt wütend, er lief hin und her, ward ganz erregt beim Sprechen, gestikulierte in einem jener Wutausbrüche, die man gar nicht ernst nahm. Er schrie nur so: wer hatte denn nach allem überhaupt die Schuld, nur der Marquis, der diesen verdammten Esel von Bonnefille gerufen, ohne Andermatt davon ein Wort zu sagen, ihm, der Dank seinem Arzte in Paris den wirklichen Wert dieser drei Quacksalber von Enval genau kannte. And dann, hatte sich nicht der Marquis in Dinge gemischt, die ihn nichts angingen, indem er hinter dem Rücken des Mannes, der allein das Recht hatte, allein verantwortlich war für die Gesundheit seiner Frau, einen anderen konsultiert? Es war immer und ewig dieselbe Geschichte, alle Menschen um ihn herum machten nur Unsinn, nur Unsinn, und er sagte es unausgesetzt, aber er predigte es in den Wind, niemand begriff ihn, niemand vertraute seiner Erfahrung, und die Leute wurden erst klug, wenn es zu spät war. Und er sagte immerfort »mein Arzt« und »meine Erfahrung« mit der Überzeugung eines Mannes, der allein die Fäden in der Hand hält. Sein »mein« klang in seinem Munde wie Metall. Wenn er sagte: »meine Frau« fühlte man genau, daß der Marquis durchaus kein Anrecht mehr auf seine Tochter hatte, denn Andermatt hatte sie geheiratet, geheiratet und gekauft, was bei ihm etwa dasselbe bedeutete. Als die Unterhaltung am lebhaftesten war, trat Gontran ein, setzte sich in einen Fauteuil, ein Lächeln auf den Lippen. Er sagte nichts, er hörte zu, es machte ihm einen riesigen Spaß. Als der Bankier schwieg, weil er keinen Atem mehr hatte, brüllte sein Schwager, indem er die Hand hob: – Ich verlange das Wort! Jetzt schlage ich meinen Kandidaten vor, Doktor Honorat, den einzigen, der von dem Brunnen von Enval wirklich etwas versteht, er läßt ihn trinken, aber um keine Schätze der Welt würde er selbst einen Tropfen über die Lippen bringen. Darf ich ihn holen? Das war die einzig mögliche Lösung, und man bat Gontran, ihn sofort kommen zu lassen. Der Marquis, der Befürchtungen hatte bei der Idee, seine Kur etwa ändern zu sollen, wollte augenblicklich die Ansicht dieses neuen Arztes hören, und Andermatt wünschte nicht weniger lebhaft, ihn Christianes wegen zu konsultieren. Sie hatte durch die Thür hindurch zugehört, wie sie sprachen, aber sie begriff nicht, wovon sie redeten. Sobald ihr Mann gegangen, hatte sie das Bett verlassen, wie einen Ort, in dem sie nicht in Sicherheit war. Schnell zog sie sich an, ohne Mädchen, und all die Ereignisse schwammen ihr im Kopf herum, die ganze Welt erschien verändert um sie, alles war anders wie am Tage vorher, sogar die Menschen. Andermatts Stimme tönte wieder laut: – Ah, mein lieber Brétigny, wie geht es Ihnen? Er sagte schon nicht mehr Herr. Eine andere Stimme antwortete: – O sehr gut, mein lieber Andermatt. Sie sind heute früh angekommen? Christiane, die gerade ihr Haar aufsteckte, hielt inne, atemlos, die Arme erhoben, sie meinte durch die Wand hindurch zu sehen, wie sie sich die Hände schüttelten, sie setzte sich, sie konnte nicht mehr stehen, und ihr Haar löste sich und rollte herab auf ihre Schultern. Jetzt sprach Paul, und sie zitterte bei jedem Wort, das aus seinem Munde kam, vom Kopf bis zu den Füßen; jedes Wort, dessen Sinn sie nicht faßte, fiel in ihre Seele und klang in ihrem Herzen nach. Plötzlich sagte sie fast laut vor sich hin: – Ich liebe ihn, ich liebe ihn! Als ob sie etwas Neues festgestellt hätte, etwas ganz Überraschendes. Eine plötzliche Energie packte sie, in einer Sekunde wußte sie, was sie zu thun hatte, und sie begann sich weiter zu frisieren, indem sie murmelte: – Ich habe einen Liebhaber, na, das ist alles! Ich habe einen Liebhaber! Und um seiner noch sicherer zu werden und alle Angst von sich abzuwälzen, entschloß sie sich plötzlich, ihn wahnsinnig zu lieben, ihm ihr Leben, ihr Glück, alles zu opfern, wie es unglückliche Herzen thun, die sich reinwaschen durch Aufopferung und Hingebung. Und hinter der Wand, die sie trennte, warf sie ihm Kußhände zu, sie war sein, sie gehörte ihm ohne Hinterhalt, wie man sich einem Gotte weiht. Das so kokette und kluge Kind in ihr war plötzlich gewichen, die Frau war geboren, bereit für die Leidenschaft, die entschlossene, ernste Frau, die sich bis dahin nur durch die verhaltene Energie in ihren blauen Augen angekündigt, die ihrem blonden Gesicht einen reizenden, fast kecken Ausdruck gegeben. Sie hörte die Thür öffnen und drehte sich nicht herum, sie erriet, ohne es zu sehen, daß ihr Mann kam, als ob ein neuer Sinn, wie ein Instinkt, in ihr plötzlich erschlossen wäre. Er fragte: – Bist Du bald fertig? Wir wollen nachher den Krüppel baden sehen, wir müssen doch mal feststellen, ob er wirklich besser gehn kann. Sie antwortete ganz ruhig: – Ja, mein lieber Will, in fünf Minuten. Aber Gontran, der in den Salon zurückgekehrt war, rief Andermatt. – Denke Dir nur, – sagte er, – ich habe im Park den Ochsen, den Honorat getroffen, aber er weigert sich, gleichfalls aus Furcht vor den andern, euch zu behandeln. Er spricht von Rücksichten und dergleichen, kurz er ist ein Rindvieh wie seine beiden Kollegen, ich hätte nicht geglaubt, daß er ein solches Kamel wäre. Der Marquis war ganz niedergeschmettert. Der Gedanke, die Kur ohne Arzt zu gebrauchen, fünf Minuten etwa länger zu baden, ein Glas weniger zu trinken, als er gemußt hätte, jagte ihm einen fürchterlichen Schrecken ein, denn er meinte, alle Dosen, alle Mischungen und alle verschiedenen Arten der Behandlung wären geordnet durch ein Gesetz der Natur, die sich der Kranken besonders erinnert, als sie die Mineralwasser hatte fließen lassen und deren geheimste Geheimnisse nur die Ärzte kannten, wie die Weisen oder begnadete Priester. Er rief: – Da kann man ruhig sterben hier, krepieren wie ein Hund, ohne daß einer der Herren einen Finger rührt. Und nun packte ihn die Wut, die egoistische Wut des Mannes, dessen Gesundheit bedroht ist: – Haben sie überhaupt ein Recht dazu? Die Kerls müssen doch ihre Steuern zahlen wie jeder Krämer, man muß sie doch zwingen können, die Leute zu behandeln, sowie die Eisenbahnen Reisende aufnehmen müssen. Ich werde der Presse mal die ganze Geschichte mitteilen! Er rannte lebhaft hin und her und sagte, indem er sich zu seinem Sohn wandte: – Weißt Du was, man müßte einen aus Royat und Clermont kommen lassen, so kanns doch nicht bleiben. Gontran antwortete lachend: – O die in Clermont und Royat kennen die Brunnen in Enval nicht genau, denn die dortigen haben nicht genau dieselben Wirkungen auf die Verdauung und die Blutzirkulation. Und Du kannst gewiß sein, die kommen auch nicht, nur um nicht ihre Kollegen zu kränken. Der Marquis stammelte ganz erschrocken: – Ja aber was soll denn dann aus uns werden? Andermatt nahm seinen Hut: – Laßt mich nur machen. Ich gebe euch die Versicherung, heute abend haben wir sie alle drei, hört ihr: alle drei liegen sie vor uns auf den Knieen. Nun aber wollen wir mal zu dem Krüppel gehen. Er rief: – Bist Du fertig, Christiane? Sie erschien in der Thür, sehr bleich, mit entschlossener Miene und nachdem sie ihren Vater und Bruder geküßt, wandte sie sich zu Paul und streckte ihm die Hand entgegen, er nahm sie und schlug die Augen zu Boden. Als der Marquis, Andermatt und Gontran scherzend und schwatzend ohne sich um die beiden zu kümmern, davongingen, sagte sie mit fester Stimme, indem sie den jungen Mann zärtlich und entschlossen ansah: – Ich gehöre Ihnen, Körper und Seele. Sie können mit mir machen was Sie wollen! Dann ging sie hinaus, ohne ihm Zeit zu einer Antwort zu lassen. Als sie sich der Wohnung des alten Oriol näherten, gewahrten sie wie einen riesigen Champignon den Hut des alten Clovis, der im Sonnenschein schlummerte in dem warmen Wasser, tief in seinem Loch. Er brachte jetzt den ganzen Tag darin zu, er war das glühende Bad gewohnt. Andermatt weckte ihn auf: – Nun mein Alter geht's besser? Als er seinen Geldgeber erkannte, grinste der Kerl vor Vergnügen: – Nu, es geht schon, es geht. – Können Sie schon gehen? – Wie'n Karnickel, gnädger Herr, wie'n Karnickel! Nächsten Ersten loofe ich wie'n Wiesel! Andermatts Herz klopfte, er fragte: – Können Sie wirklich gehen? Der alte Clovis scherzte nicht mehr: – Nich gerade sehr, nich gerade sehr, aber 's geht schon! Da wollte der Bankier sofort sehen, wie der Landstreicher ging. Er lief um das Loch herum, ganz erregt und gab Befehle: – Gontran nimm ihn mal beim rechten Arm, Brétigny Sie links, ich werde ihn in der Mitte packen, so und nun eins, zwei, drei! Lieber Papa, zieh Du mal das Bein heraus, nein das andere, das ist besser, aber schnell, bitte, ich kann nicht mehr halten. Eins, zwei, drei da ist er! Uff! Sie hatten den Kerl auf die Erde gesetzt, der sich furchtbar anstellte, ohne ihnen irgendwie behilflich zu sein, dann hob man ihn hoch, stellte ihn auf die Beine, gab ihm seine Krücken, deren er sich wie Stöcke bediente und er begann zu gehen. Er bewegte sich wie eine Schnecke und ließ hinter sich eine lange Wasserstraße auf dem weißen Staub der Chaussee. Andermatt war ganz begeistert, klatschte in die Hände und rief wie in einem Theater, wenn man die Schauspieler herausruft: – Bravo! Bravo! Ausgezeichnet, bravo! Als dann der Alte nicht mehr zu können schien, stürzte er hinzu, um ihn zu halten, nahm ihn in die Arme, obgleich seine Lumpen nur so trieften und sagte: – Na nun ist's genug, machen Sie sich nicht müde, nun kommen Sie wieder ins Bad. Und der alte Clovis wurde von den Männern, die ihn bei allen vier Gliedern gepackt hatten und ihn sorgsam trugen, wie einen köstlichen, zerbrechlichen Gegenstand, wieder in das Loch gesteckt. Dann erklärte der Gelähmte überzeugt: – Das Wasser is ganz gut, scheenes Wasser, so eens giebts nich wieder, das is mal was wert, so ä Wasser! Andermatt wandte sich plötzlich zu seinem Schwiegervater: – Erwartet mich nicht zum Frühstück, ich werde zu Oriols gehen und ich weiß nicht, wann ich fertig werde, sowas muß man nicht hinziehen. Damit ging er eilig davon. Die andern setzten sich unter die Weiden an der Landstraße, dem Loch des alten Clovis gegenüber. Christiane hatte neben Paul Platz genommen und blickte auf den Hügel, von dem aus sie den Fels hatten sprengen sehen. Dort oben hatten sie vor kaum vier Wochen gestanden, dort hatten sie auf dem rotbraunen Gras vor einem Monat, nur einem Monat gesessen. Sie erinnerte sich der Scene, der tricolorefarbenen Sonnenschirme, des Küchenpersonals, alles dessen, was jeder gesagt und des Hundes, des armen Hundes, der bei der Explosion zerfetzt worden und dann jenes jungen Mannes, den sie noch nicht kannte, der nur auf ein Wort von ihr hingestürzt, um das Tier zu retten. Und heute war er ihr Liebhaber! Ihr Liebhaber, sie hatte also einen Liebhaber! Sie war seine Geliebte. Seine Geliebte! Im Innern ihrer Seele wiederholte sie sich das Wort: seine Geliebte! Welch' seltsames Wort! Dieser Mann, der neben ihr saß, dessen Hand sie sah, wie sie nacheinander einzelne Grashalme neben ihrem Kleid abriß, das er dabei zu berühren suchte, dieser Mann war nun an ihr Fleisch und an ihr Herz gekettet, durch jene uneingestandene, schmachvolle, geheimnisvolle Fessel, durch die die Natur Mann und Frau zusammen geknüpft hat. Mit ihrer inneren Stimme, dieser stummen Stimme, die so laut im Schweigen der verwirrten Seelen zu sprechen scheint, sagte sie sich unausgesetzt: – Ich bin seine Geliebte! Seine Geliebte! Seine Geliebte! Sie sah ihn jäh an, ihre Augen begegneten sich, und sie fühlte sich durch den Blick, mit dem er sie anschaute, so bewegt, daß sie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Sie hatte Lust jetzt, eine wahnsinnige, unwiderstehliche Lust, diese Hand zu nehmen, die da im Grase spielte und sie stark zu drücken, um ihm damit alles, alles zu sagen, was man mit einer Umarmung sagen kann. Sie ließ ihre Hand langsam am Kleide bis auf den Rasen niedergleiten und dort ließ sie sie lange unbeweglich halb geöffnet ruhen. Da sah sie die andere sich nähern, ganz langsam wie ein verliebtes Tier, das die Gefährtin sucht, sie kam ihr ganz nahe, ganz nahe, und die kleinen Finger ihrer Hände berührten sich. Sie trafen sich bloß leise an den Fingerspitzen, kaum merklich, irrten auseinander und fügten sich wieder zusammen wie ein Paar Lippen, die sich küssen. Aber diese linde Berührung, diese winzige Zärtlichkeit durchzuckte sie so heftig, daß sie meinte, ihr vergingen die Sinne wie wenn er sie wieder in seine Arme gepreßt hätte. Und sie begriff plötzlich, wie man jemandem angehören, wie man nichts mehr ist unter dem Bann einer Liebe, die in einem lebt, wie ein Wesen uns packt, Leib und Seele, Fleisch, Gedanken, Willen, Blut, Nerven, alles, alles was in uns ist, wie ein großer Raubvogel mit weit geöffneten Fängen, der auf ein kleines Tier niederstößt. Der Marquis und Gontran sprachen von dem zukünftigen Badeort, auch sie hatte Wills Enthusiasmus gepackt. Sie lobten die Klugheit seiner Gedanken, seine Art zu spekulieren, die Keckheit an allem, was er unternahm, und die Zuverlässigkeit seines Charakters. Schwiegervater und Schwager waren angesichts des kommenden Erfolges, den sie ganz sicher wähnten, sehr angeregt und freuten sich über diese Verbindung. Christiane und Paul schienen nichts davon zu hören, ganz mit einander beschäftigt. Der Marquis sagte zu seiner Tochter: – Nun, Kleine, Du kannst sehr wohl einmal eine der reichsten Frauen von Frankreich werden, und man wird von Dir sprechen, wie von den Rothschilds. Will ist wirklich ein ausgezeichneter Mensch, eine enorme Intelligenz. Aber eine plötzliche seltsame Eifersucht überkam da Paul, und er sagte: – Die Intelligenz von den Geschäftsleuten kenne ich, sie haben nur eins im Kopfe: Geld! Alle Gedanken, die wir an die schönen Dingen dieser Welt verschwenden, alles was wir für unsere Launen thun, alle Stunden, die wir unserer Zerstreuung opfern, alle Kraft und Macht, die uns die Liebe raubt, die köstliche Liebe, die gebrauchen sie, um Geld zu suchen, um an Geld zu denken und Geld zusammenzuraffen. Der wirklich intelligente Mann lebt vor allem für die großen Ideale, die Künste, die Liebe, die Wissenschaft, Reisen, Bücher, und wenn sein Sinn nach Geld steht, so ist es, weil das die wahre Freude des Geistes und auch wohl das Glück der Herzen erleichtert. Aber die, die nichts im Kopf und nichts in ihrem Herzen haben, als Schacher- Geschäfte, sie haben mit bedeutenden Männern nur eine gewisse Ähnlichkeit, wie etwa ein Bilderhändler etwas von einem Maler, wie der Verleger etwas von einem Schriftsteller, wie der Theater-Direktor etwas von einem Bühnendichter hat. Er schwieg plötzlich, er fühlte, er hatte sich hinreißen lassen und fügte mit ruhiger Stimme hinzu: – Ich sage das nicht gerade von Andermatt, der ein reizender Mann ist, ich habe ihn sehr gern, denn er ist allen andern hundertfach überlegen. Christiane hatte ihre Hand zurückgezogen. Paul hörte wieder auf zu sprechen. Gontran fing an zu lachen und sagte in seiner boshaften Art, mit der er alles sagen durfte, wenn er aufgelegt war: – Nun jedenfalls, lieber Freund, haben diese Leute einen seltenen Vorzug: sie heiraten unsere Schwestern und haben reiche Töchter, die wir heimführen! Der Marquis erhob sich verletzt: – Gontran, Du bist manchmal unglaublich! Da sagte Paul und wandte sich an Christiane: – Könnten diese Leute wohl sterben für eine Frau, oder selbst Ihr ganzes Vermögen ihr opfern, ihr ganzes, ohne irgend etwas zurückzubehalten? Das hieß offen und klar: Alles was ich besitze, gehört Dir und wäre es mein Leben! Sie war gerührt davon und gebrauchte die List, nach seiner Hand zu greifen, indem sie rief: – Stehen Sie auf und helfen Sie mir! Ich bin so müde vom sitzen, daß ich mich nicht bewegen kann. Er nahm ihre Hände, zog sie empor, daß sie am Rand der Chaussee dicht neben ihm stand. Sie sah, wie sein Mund stammelte: – Ich liebe Dich! Aber sie wandte sich schnell ab, um ihm nicht auch die drei Worte zu antworten, die ihr unwillkürlich auf die Lippen kamen. Sie kehrten ins Hotel zurück. Die Badezeit war vorüber, die Frühstücksstunde nahte, aber Andermatt kam nicht. Nachdem die Gesellschaft noch etwas im Park spazieren gegangen war, entschloß man sich, ohne ihn zu Tisch zu gehen. Das Frühstück, obgleich es lange genug dauerte, ging zu Ende, ohne daß der Bankier erschienen wäre. Nun kehrte man wieder in den Park zurück, um sich unter die Bäume zu setzen. Eine Stunde verging nach der andern, die Sonne sank unter dem Blätterdach den Bergen zu, der Tag verstrich, Will erschien nicht. Plötzlich gewahrte man ihn; er kam schnell gegangen, den Hut in der Hand, indem er sich die Stirn wischte. Die Kravatte war ihm verrutscht, die Weste offen, als käme er von einer Reise, als hätte er einen furchtbaren, langen Kampf bestanden. Sobald er seinen Schwiegervater sah, rief er: – Sieg! Es ist fertig! Aber das war ein Tag! Donnerwetter, der alte Fuchs war nicht herum zu kriegen! Und sofort erklärte er alles, was er ausgerichtet und wieviel Mühe es ihn gekostet. Der alte Oriol war zuerst so unvernünftig, daß Andermatt die Unterhandlung abgebrochen und sich entfernt hatte. Dann aber hatte man ihn zurückgerufen. Der Bauer behauptete, er könne seine Liegenschaften nicht verkaufen, aber er würde mit ihnen in die Gesellschaft eintreten, mit dem Recht, sie, im Falle die Sache nicht glückte, zurückzunehmen; im Falle des Erfolges aber verlangte er die Hälfte des Gewinns. Der Bankier hatte ihm mit Zahlen und Zeichnungen die Lage des Grund und Bodens dargestellt und bewiesen, daß die Felder augenblicklich alle zusammen nicht mehr als achtzigtausend Francs wert wären, während die Auslagen der Gesellschaft sich sofort auf eine Million belaufen würden. Aber der Auvergnat hatte geantwortet, daß er von dem Riesen-Mehrwert, den durch die Gründung des Bades sein Grund und Boden erhielte, profitieren wolle und nicht den früheren Wert, sondern den unter diesen Umständen eingetretenen einsetzen müsse. Da hatte ihm Andermatt vorgestellt, daß das Risiko im Verhältnis zum möglichen Gewinn zu stehen habe und ihn durch die Furcht vor einem möglichen großen Verluste ins Bockshorn gejagt. Dabei war es denn geblieben. Der alte Oriol übergab der Gesellschaft all seinen Grund und Boden am Bach, das heißt all die Grundstücke, wo es möglich zu sein schien, Mineralwasser zu finden, dann den Gipfel des Hügels, um dort ein Kasino und ein Hotel zu bauen und ein Paar Weinberge auf dem Abhang, die in Parzellen geteilt und den bekanntesten Ärzten von Paris angeboten werden sollten. Hierfür würde der Bauer zweihundertfünfzigtausend Francs, etwa den viermaligen thatsächlichen augenblicklichen Wert erhalten und zu einem Viertel an den Einnahmen der Gesellschaft teilnehmen. Und da er zehnmal mehr Grund und Boden noch zurückbehielt, als er der Gesellschaft gab, rings um das zu errichtende Bad, konnte er gewiß sein, daß, falls die Sache glückte, er ein Riesen-Vermögen machen würde, wenn er geschickt seine Grundstücke verkaufte, die, wie er übrigens sagte, die Mitgift seiner Töchter ausmachten. Sobald diese Bedingungen festgesetzt waren, hatte Will Oriol Vater und Sohn zum Notar schleppen und ein Verkaufsversprechen aufsetzen müssen, das rückgängig zu machen war, für den Fall, daß man das nötige Wasser nicht fände. Und die Festsetzung des Wortlautes, das Schachern um jeden einzelnen Punkt, die fortwährende Wiederholung derselben Gründe, das ewige Wiederkäuen aller der Abmachungen hatte den ganzen Nachmittag in Anspruch genommen. Nun war es zu Ende, der Bankier hatte das Bad, und er sagte, indem ihn ein wenig das Bedauern quälte: – Ich muß mich also mit dem Bade begnügen, und kann keine Terrain-Spekulationen machen; oh, der alte Kerl ist gerissen! Dann fügte er hinzu: – Ach was, ich werde die frühere Gesellschaft aufkaufen und damit kann ich spekulieren. Jedenfalls muß ich heute abend noch nach Paris. Der Marquis war baff und rief: – Was, heute abend? – Ja gewiß, lieber Papa, um den definitiven Abschluß vorzubereiten, während Herr Aubry-Pasteur die Bohrungen vornimmt; ich muß auch alles fertig stellen, um in vierzehn Tagen schon mit der Arbeit zu beginnen, ich habe keine Stunde zu verlieren. Bei der Gelegenheit möchte ich Dir gleich mitteilen, daß Du im Aufsichtsrat sitzest, indem ich eine starke Majorität brauche. Ich verehre Dir zehn Aktien und Dir, Gontran, auch zehn. Gontran begann zu lachen: – Danke sehr, mein Lieber, ich verkaufe sie Dir wieder, Du bist mir also fünftausend Francs schuldig. Aber Andermatt scherzte nicht mehr bei so ernsten Geschäften und sagte trocken: – Wenn Du die Sache nicht ernst auffaßt, werde ich einen andern nehmen. Da hörte Gontran auf zu lachen: – Nein, nein, mein Alter, nein, nein, Du weißt ja daß ich alles thue, was Du willst. Der Bankier wandte sich zu Paul: – Mein lieber Herr Brétigny wollen Sie mir einen Freundschaftsdienst leisten und auch zehn Aktien mit dem Titel Administrator annehmen? Paul verbeugte sich und antwortete: – Wenn Sie erlauben, werde ich Ihren liebenswürdigen Vorschlag nicht annehmen, aber ich halte Ihr Geschäft für ausgezeichnet und stelle Ihnen hunderttausend Francs dafür zur Verfügung, also ich bin in Ihrer Schuld. William war sehr erfreut und streckte ihm die Hände entgegen. Dieses Vertrauen hatte ihn ganz gewonnen. Augenblicklich empfand er ein unwiderstehliches Bedürfnis, alle Leute zu umarmen, die ihm Geld für seine Unternehmungen gaben. Christiane aber errötete bis zu den Schläfen, sie war empört, abgekühlt, ihr schien, als hätte man sie eben verkauft und gekauft. Hätte Paul wohl, wenn er sie nicht liebte, hunderttausend Francs ihrem Manne angeboten? Nein, gewiß nicht! Wenigstens hätte er die ganze Sache nicht in ihrer Gegenwart verhandeln dürfen. Es wurde zum Essen geklingelt, sie gingen ins Hotel und sobald man bei Tisch saß, fragte die Mutter Paille Andermatt: – Sie werden also ein anderes Bad gründen? Die Nachricht hatte schon die ganze Gegend durchlaufen, alle Welt wußte es, und es brachte die Badegäste in Aufregung. William antwortete: – Mein Gott ja, das jetzige Bad ist wirklich ganz unzulänglich. Und er wandte sich zu Aubry-Pasteur: – Entschuldigen Sie, wenn ich bei Tisch über etwas rede, was ich mit Ihnen eigentlich nachher besprechen wollte, aber ich muß heute abend nach Paris und habe gar keine Zeit: würden Sie eventuell die Liebenswürdigkeit haben, die Leitung der Bohrarbeiten zu übernehmen, um die genügende Menge Wasser zu finden? Der geschmeichelte Ingenieur nahm an, und bei allgemeinem Stillschweigen wurden alle Haupt-Punkte dieser Bohrungen, die sofort beginnen sollten, festgestellt. Alles wurde besprochen in wenigen Minuten, mit der Kürze und Entschlossenheit, die Andermatt bei allen Geschäften zeigte. Dann redete man über den Gelähmten, man hatte ihn nachmittags durch den Park gehen sehen mit einem Stock, während er am Morgen dieses Tages noch zwei gebraucht. Der Bankier sagte: – Es ist ein wirkliches Wunder, seine Heilung geht mit Riesenschritten vorwärts. Paul antwortete, um dem Gatten eine Freude zu machen: – Nein, der alte Clovis selbst geht mit Riesenschritten. Ein beifälliges Gemurmel machte sich am Tisch bemerkbar, alle Augen richteten sich auf Will, alle gratulierten ihm; die Kellner hatten angefangen ihm zuerst zu servieren, mit respektvoller Hochachtung, die von ihren Gesichtern und aus ihrer Haltung sofort verschwand, sobald sie die Speisen seinem Nachbar anboten. Einer brachte ihm eine Karte auf einem Teller. Er nahm sie und las halblaut: »Doktor Latonne aus Paris würde sich freuen, wenn Herr Andermatt ihm vor seiner Abreise nach Paris Gelegenheit geben wollte, ihn einen Augenblick zu sprechen.« – Antworten Sie, ich hätte keine Zeit, aber ich würde in acht bis zehn Tagen wiederkommen. In demselben Augenblick brachte man Christiane einen großen Blumenstrauß von Doktor Honorat. Gontran lachte: – Na, der alte Bonnefille landet als schlechter Dritter. Das Essen neigte sich dem Ende zu; man meldete Andermatt, daß sein Wagen warte, und er ging in sein Zimmer, um seine Reisetasche zu holen. Als er herunterkam, fand er die Hälfte der Dorf-Bewohner vor der Thür versammelt. Petrus Martel drückte ihm mit der Familiarität eines Mimen die Hand und flüsterte ihm ins Ohr: – Ich habe Ihnen einen Plan zu unterbreiten, etwas Großartiges für Ihr Unternehmen. Da erschien plötzlich Doktor Bonnefille, eilig wie immer, kam ganz nahe an Will vorbei, zog sehr tief seinen Hut, wie er es beim Marquis immer that, und sagte: – Glückliche Reise, Herr Baron! – Ach wie rührend! – meinte Gontran. Andermatt triumphierte, er strahlte vor Glück und Ehrgeiz, drückte allen Leuten die Hände, dankte und rief: – Auf Wiedersehen! Und er dachte so sehr an andere Sachen, daß er beinahe vergessen hätte seine Frau zu umarmen. Diese Gleichgiltigkeit war ihr eine Erleichterung, und als sie den Wagen auf der dunkelnden Straße davonrollen sah, im langen Trabe, von den beiden Pferden gezogen, schien es ihr, als hätte sie für den Rest ihres Lebens von niemandem mehr etwas zu befürchten. Sie verbrachte den ganzen Abend vor dem Hotel sitzend zwischen ihrem Vater und Paul Bréigny. Gontran war ins Kasino gegangen, wie er es täglich that. Sie wollte weder spazieren gehen noch sprechen und blieb unbeweglich sitzen, die Hände über den Knieen gefaltet, die Blicke in die Dunkelheit hinaus gewendet, müde und ein wenig unruhig, aber doch glücklich. Sie dachte kaum, sie träumte nicht einmal. Ab und zu kämpfte sie gegen unbestimmte Gewissensbisse, die sie aber wieder zurückstieß, indem sie sich immer sagte: »Ich liebe ihn! Ich liebe ihn! Ich liebe ihn!« Zeitig suchte sie ihr Zimmer auf, um allein zu sein, und zu träumen. Sie saß in einem Lehnstuhl, von ihrem weiten Frisiermantel umhüllt und betrachtete durch das offene Fenster die Sterne, und in dem Rahmen dieses Fensters erschien ihr alle Augenblicke das Bild dessen, der sie in Fesseln geschlagen. Sie sah ihn gut, weich, heftig, so stark und doch so schwach vor ihr. Dieser Mann hatte sie gefangen, das fühlte sie, gefangen für immer. Sie war nicht mehr allein, sie waren jetzt zwei, deren zwei Herzen nur noch eins bildeten, deren zwei Seelen nur noch eine Seele waren. Wo war er? Sie wußte es nicht, aber eins wußte sie, daß er von ihr träumte, wie sie an ihn dachte. Bei jedem Klopfen ihres Herzens war es ihr, als hörte sie ein anderes pochen, das ihr antwortete. Sie fühlte um sich einen Wunsch irren, der sie streifte wie der Fittig eines Vogels. Sie fühlte ihn eindringen durch dieses offene Fenster, diesen Wunsch, der von ihm kam, diesen glühenden Wunsch, der sie aufsuchte, der zu ihr flehte in der Stille der Nacht. Wie süß, wie schön, geliebt zu sein, welches Glück, an jemand zu denken mit Thränen in den Augen, weinen zu können, vor Zärtlichkeit und in dem Bedürfnis, die Arme zu öffnen, selbst ohne ihn zu sehen, ihn zu rufen, die Arme entgegenzustrecken seinem vor ihr aufsteigenden Bild, seinem Kuß, den er ihr unausgesetzt zuwarf von weit oder von nah, im Fieber seiner Sehnsucht. Und sie streckte die beiden weißen Arme aus den Ärmeln des Frisiermantels zu den Sternen empor. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus, ein großer schwarzer Schatten war über ihren Balkon gestrichen und durch das Fenster eingestiegen. Erschrocken richtete sie sich auf – – er war es. Und ohne selbst zu überlegen, daß man sie vielleicht sehen konnte, warf sie sich an seine Brust. VIII Die Abwesenheit Andermatts zog sich hinaus. Herr Aubry-Pasteur machte die Bohrungen, er fand weitere vier Quellen, die der neuen Gesellschaft noch ein Mal so viel Wasser liefern würden, als sie brauchte. Die ganze Gegend war in Aufregung, durch die Bohrungen, durch die Entdeckung, durch all die Gerüchte, die umliefen, durch die Aussicht auf eine große Zukunft. Man war begeistert, sprach von nichts anderem mehr und dachte an nichts anderes. Der Marquis und Gontran selbst standen den ganzen Tag bei den Arbeitern, die die Granitadern anbohrten und hörten mit staunendem Interesse die Erklärungen des Ingenieurs an über die Geologie der Auvergne. Und Paul und Christiane liebten sich ruhig, ohne Fesseln, in aller Stille, ohne daß jemand sich um sie gekümmert hätte, ohne daß jemand etwas ahnte, ohne daß irgend jemand daran dachte, sie zu beobachten; denn alle Aufmerksamkeit, alles Interesse, alle Neugierde war durch die Badegründung in Anspruch genommen. Christiane war wie ein Jüngling, der sich zum erstenmal betrinkt. Das erste Glas, der erste Kuß hatte ihr den Verstand genommen; sie hatte schnell den zweiten getrunken, hatte ihn besser gefunden, und nun trank sie mit vollen Zügen. Seit jenem Abend, als Paul in ihr Zimmer gekommen, wußte sie gar nicht mehr, was in der Welt vorging. Zeit, Dinge, Menschen, existierten nicht mehr für sie, nichts als dieser Mann. Auf der ganzen Erde, im ganzen Weltenraum gab es nur diesen, nur diesen einen Mann, den sie liebte. Ihre Augen sahen nur ihn, ihr Geist dachte nur an ihn, ihre Hoffnungen hingen nur an ihm. Sie lebte dahin, bewegte sich, aß, zog sich an, schien zuzuhören und zu antworten, aber sie begriff nichts, sie wußte nicht was sie that. Keine Unsicherheit kam über sie, kein Unglück hätte sie treffen können, kein noch so großer Schmerz hätte ihr wehethun können, denn ihr Leib war nur noch für die Liebe empfänglich. Kein Seelenschmerz hätte ihr Leiden verursachen können, denn sie war wie gelähmt durch das Glück. Und er liebte sie mit jener Begeisterung, die er allen seinen Leidenschaften entgegenbrachte, und er erregte die Zärtlichkeit der jungen Frau bis zum Wahnsinn. Oft sagte er, wenn es Abend ward und er wußte, daß der Marquis und Gontran zu den Sitzungen gegangen waren: – Wir wollen unsern Himmel ansehen! Er nannte »ihren Himmel« ein Tannenwäldchen, das am Abhang wuchs über dem Thal. Sie gingen hinauf durch ein kleines Gehölz, einen steilen Fußweg, daß Christiane außer Atem ward, Da sie wenig Zeit hatten, so beeilten sie sich, und damit es sie nicht so anstrengen sollte, half er ihr, indem er sie umfaßte. Sie stemmte eine Hand auf seine Schulter und ließ sich führen, und ab und zu fiel sie ihm um den Hals und schmiegte ihre Lippen auf die seinen. Je näher sie dem Ziel kamen, desto schneller gingen sie, und als sie das kleine Gehölz dort oben erreicht hatten, wehte ihnen der Waldduft entgegen, wie eine frische Brise vom Meer. Sie setzten sich unter die dunklen Bäume, sie ins Gras, er etwas tiefer, ihr zu Füßen. Der Wind, der durch die Halme blies, trug ihnen jenes süße Rauschen entgegen, das wie eine Glocke klingt, und die weite Ebene der Limagne, die sich in der Ferne verlor in den Dünsten, erweckte ihnen den Eindruck der Meeres. Ja, dort unten war das Meer, sie konnten nicht daran zweifeln, denn der Seewind blies ihnen ins Gesicht. Er scherzte mit ihr wie ein Kind: – Gieb mir Deine Finger, ich will sie essen, sie sind meine Bonbons! Er nahm sie einen nach dem andern in den Mund und schien sie zu kosten, wie ein Gourmand. – Ach schmecken die gut, vor allem der kleine, ich habe noch nie so etwas Schönes gegessen wie den kleinen Finger. Dann kniete er nieder, stemmte seine Ellbogen auf Christianens Knie und flüsterte: – Liane, sieh mich an! Er nannte sie Liane, weil sie sich an ihm emporrankte, wenn sie ihn küssen wollte, wie eine Pflanze an einem Baum. – Sieh mich an, ich will hineingleiten in Deine Seele. Und sie sahen sich mit jenem unbeweglichen starren Blick an, der wirklich zwei Wesen mit einander zu vermischen scheint. Er sagte: – Man liebt nur wahr, wenn man so ganz einander besitzt, alles andere ist Unsinn. Und indem ihr Atem durcheinanderströmte und sie einander immer in die Augen sahen, suchten sie verzweifelt gegenseitig in den Tiefen der Pupillen zu lesen. Er flüsterte langsam: – Ich sehe Dich, ich sehe Dein Herz. – Ich auch, Paul, ich sehe Dein Herz. In der That sie sahen sich, einer dem andern, bis in die tiefsten Tiefen der Seele und des Herzens hinein, denn sie hatten in der Seele und im Herzen nichts als das Gefühl eines rasenden Liebestaumels. Er sagte: – Liane, Dein Auge ist wie der Himmel, es ist blau und so hell, so voll Widerschein, mir ist es, als schössen die Schwalben über den Horizont, das sind wohl Deine Gedanken? Und nachdem sie sich lange, lange so angesehen hatten, näherten sie sich wieder einander und küßten sich leise, indem sie sich zwischen jedem Kuß wieder anblickten. Dann nahm er sie in den Arm und trug sie laufend ein Paar Schritt am Bach hinunter zum Thal. Es war ein schmales Thälchen, in dem Wiesen und Wald einander abwechselten. Paul lief auf dem Grase hin, ab und zu hob er mit seinen starken Armen die junge Frau und rief: – Liane, wir wollen fliegen! Die Liebe, ihre überspannte Liebe gab ihnen dies Bedürfnis, zu fliegen. Alles um sie herum kam diesem Wunsch ihrer Seelen entgegen, die weiche Luft und der weite blaue Horizont, in den sie sich beide hineinzustürzen sehnten Hand in Hand, dann zu entschwinden über der unendlich weiten Ebene, auf die die Nacht sich senkte. So wären sie durch den bewölkten Abendhimmel geflogen, um niemals zurückzukehren. Wohin? Sie wußten es nicht. Aber der Traum war schön. Wenn er außer Atem war, weil er sie so lange getragen, ließ er sie auf einen Fels nieder, kniete vor ihr hin, küßte sie und fand kindische, zärtliche Worte der Bewunderung. Wäre die Liebe über sie in der Stadt gekommen, gewiß wäre es anders, ganz anders gewesen. Sie wären vernünftiger gewesen, vorsichtiger, sinnlicher, aber weniger romantisch. Die Landschaft um sie herum, der laue Wind, der Wald, der Erdgeruch des Landes spielte ihnen Tag und Nacht auf zu ihrer Liebe, und diese Musik hatte sie erregt bis zum Wahnsinn, wie der Ton des Tamburins und der schrille Klang der Flöte den Derwisch zu rasendem Tanze entflammt. Eines Abends, als sie zu Tisch heimkehrten, sagte der Marquis plötzlich zu ihnen: – In vier Tagen kommt Andermatt zurück, alle Geschäfte sind geordnet, und am Tage nach seiner Ankunft werden wir alle abreisen. Jetzt sind wir sehr lange schon hier, man darf nicht zu lange in den Bädern bleiben. Sie waren erstaunt, als ob man ihnen angekündigt hätte, die Welt würde untergehen, und während der Mahlzeit sprachen sie nicht mit einander, so waren sie in Gedanken mit der bevorstehenden Trennung beschäftigt. In ein paar Tagen sollten sie getrennt werden und sich nicht mehr so frei und leicht sehen. Das erschien ihnen so unmöglich, so seltsam, daß sie es nicht begriffen. In der That kam Andermatt Ende der Woche wieder. Er hatte telegraphiert um zwei Wagen nach dem Bahnhof. Christiane, die nicht geschlafen hatte, denn eine seltsame neue Stimmung war über sie gekommen, eine Art Furcht vor ihrem Mann, eine Furcht, mit Wut gemischt, voll unerklärlicher Mißachtung und Lust, ihn geradezu anzuführen, hatte sich, sobald es Tag war, erhoben und erwartete ihn. Er kam im ersten Wagen, von drei gutgekleideten, aber bescheiden aussehenden Herren begleitet; der zweite Wagen brachte noch vier andere, die ein wenig geringer zu sein schienen, als die ersten. Der Marquis und Gontran waren erstaunt. Der Marquis fragte: – Wer ist denn das? Andermatt antwortete: – Meine Aktionäre; wir wollen die Gesellschaft heute noch gründen und sofort den Aufsichtsrat ernennen. Er küßte seine Frau, ohne mit ihr etwas zu sprechen, fast ohne sie zu sehen, so beschäftigt war er. Und indem er sich an die sieben Herren wandte, die respektvoll und stumm hinter ihm standen, sagte er: – Bitte, frühstücken Sie, meine Herren, gehen Sie spazieren, um zwölf Uhr treffen wir uns hier. Schweigend gingen sie davon, wie Soldaten, die einem Befehl gehorchen, und zu zwei und zwei schritten sie die Treppe hinauf und verschwanden im Hotel. Gontran, der ihnen nachgeblickt, fragte ganz ernst: – Wo hast Du denn die Statisten aufgegabelt? Der Bankier lächelte: – Das sind sehr anständige Leute, Leute von der Börse, Kapitalisten. Und er fügte nach einem Stillschweigen lächelnd hinzu: – Die meine Geschäfte besorgen. Dann ging er zum Notar, um die Aktenstücke noch einmal durchzulesen, deren letzte Fassung er ein paar Tage vorher geschickt. Dort fand er Doktor Latonne, mit dem er ein paar Briefe aus Paris gewechselt. Sie sprachen lange mit leiser Stimme in einer Ecke des Bureaus mit einander, während die Federn der Schreiber über das Papier liefen mit einem leisen Geräusch wie summende Insekten. Um zwei Uhr wollten sie sich wieder treffen, um die Gesellschaft zu gründen. Das Zimmer des Notars war wie zu einem Konzert hergerichtet. Zwei Reihen Stühle erwarteten die Aktionäre, gegenüber ein Tisch, an den der Justizrat Alain sich neben seinen ersten Bureauchef setzen würde. Der Justizrat hatte in Anbetracht der Wichtigkeit der Sache seine Robe angelegt, er war ein kleiner Mann, rund wie ein Kloß. Im Augenblick, als es zwei Uhr schlug, trat Andermatt ein, begleitet vom Marquis, seinem Schwager und Brétigny, gefolgt von den sieben Herren, die Gontran Statisten genannt hatte. Er machte den Eindruck eines Generals. Der alte Oriol erschien zu gleicher Zeit mit Kuluß, sie waren unruhig, mißtrauisch, wie es der Bauer immer ist, wenn er unterzeichnen soll. Doktor Latonne kam als letzter, er hatte mit Andermatt Frieden geschlossen, indem er sich vollkommen unterworfen, nach geschickt abgefaßten Entschuldigungen. Dann hatte ihm der Bankier, der fühlte, daß er mit ihm machen konnte was er wollte, die Stelle eines Chefarztes des neuen Bade-Etablissements versprochen. Als alle eingetreten waren, herrschte tiefes Schweigen. Der Notar nahm das Wort: – Meine Herren, bitte, nehmen Sie Platz. Er sprach noch ein Paar Worte, die beim Stuhlrücken niemand verstand. Andermatt nahm einen Stuhl und setzte sich seiner Armee gegenüber, um alle beobachten zu können, dann sagte er, sobald man saß: – Meine Herren, ich brauche Ihnen ja weiter keine Erklärungen abzugeben über die Veranlassung, die uns hier zusammenführt. Wir werden zuerst die neue Gesellschaft gründen, deren Aktionäre Sie sein wollen. Ich muß Ihnen aber noch einige Einzelheiten mitteilen, die einige Schwierigkeiten gemacht haben. Ehe ich irgend etwas unternahm, mußte ich die Gewißheit haben, daß wir die nötige Autorisation erhalten würden, um das neue Bad zu gründen. Diese habe ich jetzt, und was noch etwa zu thun ist, werde ich übernehmen. Der Minister hat mir seine Zusage gegeben. Aber ein anderer Punkt machte noch Schwierigkeiten. Meine Herren, wir werden nun einen Kampf mit der früheren Gesellschaft der Bäder von Enval unternehmen müssen. Wir müssen aus diesem Kampf siegreich hervorgehen, siegreich und reich, dessen können Sie gewiß sein. Aber genau so, wie die alten Kämpfer ihren Schlachtruf hatten, müssen wir in dem modernen Kampfe unserer Sache einen Namen geben, einen Namen von Klang, der eine gute Reklame wird, der das Ohr trifft, wie heller Trompetenton und das Auge wie ein Blitz. Nun befinden wir uns, meine Herren, in Enval, und wir können unmöglich die Gegend umtaufen, es bleibt uns also nur eins: wir müssen unserem Bade, unserem Bade ganz allein, einen neuen Namen geben. Nun schlage ich Ihnen folgendes vor: Unser neues Badehaus wird sich am Fuß des Hügeln erheben, dessen Besitzer der hier anwesende Herr Oriol ist. Unser demnächstes Kasino wird auf der Spitze des Hügels liegen, man kann also Wohl sagen, daß dieser Hügel, dieser Berg, denn es ist ein kleiner Berg, unser Etablissement umfaßt, da wir ja den Fuß besitzen und den Gipfel ebenso. Ist es nun da nicht ganz natürlich, wenn wir unser Bad nennen: »Die Bäder von Mont-Oriol« und also diesem Bade, das eins der wichtigsten auf der ganzen Erde werden wird, den Namen des ersten Besitzers beilegen? Geben wir dem Cäsar was des Cäsars ist! Und bemerken Sie noch, meine Herren, dieses Wort ist ausgezeichnet. Man wird Mont-Oriol sagen, genau wie man heute Mont Doré sagt. Das trifft das Ohr und bleibt im Ohr hängen. Man sieht es vor sich, man hört es, wir vergessen es nicht: Mont-Oriol! Mont-Oriol! Die Bäder von Mont-Oriol! Und Andermatt ließ das Wort klingen, schoß es hinaus wie eine Kugel und lauschte auf das Echo. Er fuhr fort, indem er Zwiegespräche erfand: – Sie gehen nach Mont-Oriol? – Jawohl gnädige Frau. – Man sagt, die Bäder von Mont-Oriol wirken vorzüglich? – Allerdings, ausgezeichnet! Mont-Oriol ist übrigens eine reizende Gegend! Und er lächelte, es war, als unterhielte er sich. Er schlug einen andern Ton an, um zu bezeichnen, daß eine Dame sprach, und er machte eine Handbewegung, als stellte er den Herrn vor. Dann fuhr er in seiner natürlichen Redeweise fort: – Hat jemand eine Einwendung zu machen? Die Aktionäre antworteten einstimmig: – Nein, keine! Drei der Statisten applaudierten. Der alte Oriol war ganz bewegt, fühlte sich geschmeichelt und war gewonnen, da man ihn bei seinem Bauernstolze packte. Er lächelte, drehte den Hut in den Händen, nickte ganz von selbst mit dem Kopf, was ein »ja« zu bedeuten schien, aus dem man seine Freude las. Andermatt beobachtete ihn, ohne daß es den Anschein hatte, als sähe er ihn an. Kuluß blieb unbeweglich, aber er war gleichfalls zufrieden, wie sein Vater. Da sagte Andermatt zum Justizrat: – Bitte lesen Sie nun den Gründungs-Akt der Gesellschaft, Herr Justizrat. Und er setzte sich. Der Justizrat sagte zu seinem Bureauvorstand: – Also bitte, Marinet! Marinet, ein armer Teufel, stammelte und las wie ein Prediger und Deklamator und begann die einzelnen Punkte des Statuts aufzuzählen, betreffend die Gründung der Aktien-Gefellschaft, genannt Bäder von Mont-Oriol in Enval, Kapital zwei Millionen Francs. Der alte Oriol unterbrach ihn: – Einen Augenblick! Einen Augenblick! Und er zog aus der Tasche ein Heft von fettigem Papier, das er seit acht Tagen allen Notaren und allen Geschäftsleuten im ganzen Departement herumgezeigt hatte, es war die Kopie der Statuten, die sein Sohn und er übrigens nun bald auswendig wußten. Dann setzte er sich langsam die Brille auf die Nase, hob den Kopf, schob das Papier in die richtige Entfernung, um gut lesen zu können und befahl: – Weiter, Marinet! Der Kuluß hatte seinen Stuhl herangerückt und folgte dem, was auf dem Papier des Vaters stand. Marinet begann von neuem. Der alte Oriol war ganz erregt durch die doppelte Notwendigkeit, zuzuhören und zu gleicher Zeit zu lesen, und indem ihn die Angst quälte, es könne etwa ein Wort verändert worden sein, zu gleicher Zeit auch mit dem Wunsch, aufzupassen, daß nicht etwa Andermatt dem Justizrat ein Zeichen gäbe. Nun ließ er keine Zeile vorbeigehen, ohne zehnmal den Bureauchef zu unterbrechen und rief immer: – Was meenste? Was sagste? ich hab nich verstanden, nich so schnell! Dann wandte er sich zu seinem Sohn: – Stimmt's, Kuluß? Kuluß, der sich besser beherrschte, antwortete: – 's stimmt! 's stimmt! Mit der Spitze seines gekrümmten Fingers verfolgte ber Alte das Vorgelesene auf dem Papier, indem er die Worte zwischen den Lippen brummte, und da er seine Aufmerksamkeit nicht teilen konnte, las er nicht mehr, wenn er zuhörte und hörte nichts, wenn er las. Er war außer Atem, als wäre er einen Berg hinaufgestiegen, er schwitzte, als ob er in größter Sonnenglut den Weinberg umgearbeitet, und ab und zu verlangte er ein paar Minuten Pause, um sich die Stirn zu wischen und wieder zu Atem zu kommen. Andermatt klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden, Gontran, der auf einem Tisch den Moniteur du Puy de Dome gesehen, hatte ihn aufgenommen und las darin. Paul saß rittlings auf seinem Stuhl, die Stirn gesenkt und dachte daran, daß dieser kleine rosige, dicke Kerl, der vor ihm saß, morgen die Frau mit sich führen würde, die er aus tiefster Seele liebte, Christiane, seine Christiane, die ihm gehörte, ihm ganz allein und nur ihm, und er fragte sich, ob er sie nicht heute abend entführen sollte. Die sieben Herren blieben ernst und ruhig. Nach einer Stunde war die Sache erledigt. Man unterschrieb. Der Notar nahm Akt von der Einzahlung des Kapitals, und der Kassierer, Herr Abraham Levy, bestätigte auf seine Anfrage, das Geld erhalten zu haben. Nun wurde die Gesellschaft, die eben gesetzmäßig gegründet worden, da alle Aktionäre anwesend waren, als Generalversammlung deklariert, um den Aufsichtsrat nebst Präsidenten zu wählen. Alle Stimmen, weniger zwei, wählten Andermatt zum Vorsitzenden, die beiden andern waren die des Bauern und seines Sohns, die Oriol gewählt. Brétigny wurde zum Revisor gewählt. Dann bat der Aufsichtsrat, der nun aus Andermatt, dem Marquis, Graf Ravenel, Brétigny, Oriol Vater und Sohn, Doktor Latonne, Abraham Levy und Simon Zidler bestand, die übrigen Aktionäre sich zurückzuziehen, ebenso den Justizrat und den Bureauchef, um weiter zu beraten und die ersten notwendigen Dinge festzustellen. Andermatt stand wieder auf: – Meine Herren, wir treten jetzt der schwierigen Frage näher, wie der Erfolg zu gewährleisten ist, den wir unter allen Umständen haben müssen. Es geht bei Mineralwässern wie bei allen andern Dingen, man muß davon sprechen, viel sprechen, immer sprechen, damit die Kranken trinken, und meine Herren, die größte moderne Frage ist die Reklame, sie ist der Gott des Handels und der Industrie unserer Zeit. Ohne Reklame kein Heil! Die Kunst der Reklame ist übrigens sehr schwer, kompliziert und beansprucht einen großen Takt. Die ersten, die diese große Macht angewendet haben, haben das auf rohe Art gemacht, indem sie die Aufmerksamkeit durch Lärm auf sich zogen, durch Bum Bum und Tam Tam. Heute ist Lärmmachen verdächtig. Zu große Plakate entlocken nur ein Lächeln, Geschrei auf der Straße erregt mehr Mißtrauen als Neugier, und doch muß man die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und, nachdem man sie erregt, das Publikum überzeugen. Die ganze Kunst besteht also darin, das Mittel zu finden, das einzige Mittel, das den Erfolg hat, zu verkaufen was man will. Wir, meine Herren, wollen Mineralwasser verkaufen. Vermittelst der Ärzte müssen wir die Kranken gewinnen. Die bedeutendsten Ärzte, meine Herren, sind Menschen wie wir, die Schwächen haben wie wir. Ich will nicht sagen, daß man sie bestechen kann, der Ruf der berühmten Autoritäten, deren wir bedürfen, stellt sie über solchen Verdacht. Aber welchen Menschen könnte man nicht gewinnen, wenn man es klug anfängt? Es giebt auch Frauen, die man nicht kaufen kann, die muß man eben verführen. Meine Herren, ich mache Ihnen folgenden Vorschlag, nachdem ich lange mit Herrn Doktor Latonne darüber gesprochen. Zuerst haben wir die hauptsächlichsten Krankheiten, die hier behandelt werden sollen, in drei Gruppen geteilt, nämlich: 1. Alle Formen von Rheumatismus, Gicht, und so weiter, 2. Magenleiden, Darm- und Leberkrankheiten, 3. Alle Störungen der Blutzirkulation, denn es ist zweifellos, daß unsere Bäder darauf eine bewundernswerte Heilwirkung haben. Übrigens, meine Herren, verspricht uns die Heilung des alten Clovis direkt Wunder. Wenn wir nun also die Krankheiten, für die das Wasser indiziert scheint, festgestellt haben, werden wir den bekanntesten Ärzten, Spezialisten, die sich damit befaßt haben, folgenden Vorschlag machen: Meine Herren, werden wir ihnen sagen, bitte kommen Sie, sehen Sie sich mit eigenen Augen alles an, kommen Sie mit Ihren Kranken, Sie sind hier unsere Gäste. Die Gegend ist prachtvoll, Sie brauchen unbedingt Ruhe und Erholung nach den Anstrengungen der Winters. Kommen Sie also, meine Herren Professoren, kommen Sie nicht zu uns, sondern zu Ihnen selbst, denn wir erlauben uns, Ihnen eine Villa anzubieten, die Ihnen gehört, wenn Sie einverstanden sind, zu ganz außerordentlichen Bedingungen. Andermatt machte einen Augenblick Pause und begann dann mit ruhigerer Stimme: – Hören Sie zu, wie ich diesen Gedanken ausführen will. Wir haben sechs Grundstücke mit je tausend Quadratmeter Grundfläche. Auf jedem dieser sechs Grundstücke verpflichtet sich die Berner Gesellschaft für transportable Holzhäuser eines ihrer Modelle zu errichten. Wir werden diese ebenso eleganten wie komfortablen Wohnhäuser kostenlos unseren Ärzten zur Verfügung stellen. Gefällt es ihnen, so werden sie nur das Haus von der Berner Gesellschaft erwerben müssen, den Grund und Boden aber schenken wir ihnen, und sie zahlen uns mit Kranken. Meine Herren, wir werden also den vielfachen Vorteil haben, unsere Grundstücke mit reizenden Villen zu schmücken, die uns nichts kosten, die die ersten Ärzte der Welt anlocken und die ganze Zahl ihrer Patienten, und überzeugen vor allen Dingen die bedeutendsten Ärzte, die selber Grundbesitzer hier in der Gegend werden, von der Vortrefflichkeit unseres Brunnens. Alles aber was notwendig ist, um das zu erreichen, meine Herren, will ich gern übernehmen, und ich werde es nicht als Spekulant erreichen, sondern als Gentleman! Der alte Oriol unterbrach ihn; seine auvergnatische Sparsamkeit empörte sich bei dem Gedanken, die Grundstücke zu verschenken. Da ward Andermatt plötzlich beredt, und stellte dem Großgrundbesitzer, der den Samen reichlich in die fruchtbare Erde streut, den geizigen Bauer entgegen, der die einzelnen Körner zahlt und nur immer halbe Ernten erhält. Als aber der alte Oriol doch dabei blieb, ließ der Bankier über seinen neuen Vorschlag abstimmen und schloß dem Alten den Mund durch sechs Stimmen gegen zwei. Nun öffnete er seine große Maroquin-Mappe, entnahm ihr die Plane des neuen Bade-Etablissements, des Hotels, des Kasinos, ebenso die fertigen Abschlüsse mit den Unternehmern, die nur gebilligt und sofort unterschrieben zu werden brauchten. Die Arbeiten sollten Anfang nächster Woche sofort beginnen. Nur die beiden Oriol wollten alles sehen und darüber diskutieren, aber Andermatt war erregt und sagte zu ihnen: – Will ich Geld von Ihnen haben? Nein. Also lassen Sie mich nun in Frieden, und wenn Sie nicht einverstanden sind, werden wir sofort noch einmal abstimmen. Sie unterschrieben also mit den anderen Aufsichtsräten, und die Sitzung wurde aufgehoben. Die Leute der ganzen Gegend waren draußen versammelt, um sie herauskommen zu sehen, so groß war die Aufregung. Man grüßte sie respektvoll, und als dann die beiden Bauern heimkehren wollten, sagte Andermatt zu ihnen: – Vergessen Sie nicht, daß wir alle gemeinschaftlich im Hotel essen, und bringen Sie Ihre Töchter mit, ich habe ihnen ein paar kleine Geschenke aus Paris mitgebracht. Um sieben Uhr traf man sich im Salon des Splendid Hotels, es war ein großes Fest-Diner, zu dem der Bankier die angesehensten Badegäste und die Spitzen der Behörden eingeladen hatte. Christiane präsidierte, rechts von ihr saß der Pfarrer, links der Bürgermeister, man sprach nur von dem zu eröffnenden Bade und von der Zukunft der Gegend. Die beiden kleinen Oriol hatten unter ihrer Serviette zwei Etuis gefunden, die zwei Smaragdenbesetzte Perlen-Armbänder enthielten. Und ganz außer sich vor Freude schwatzten sie, wie sie es noch nie gethan, mit Gontran, der zwischen beide gesetzt worden. Sogar die Älteste lachte herzlich über die Scherze des jungen Mannes, der immer angeregter ward, indem er mit ihnen sprach. Paul aß nichts und sprach nichts, ihm war es, als ginge heute sein Leben zu Ende. Plötzlich erinnerte er sich, daß gerade ein Monat vorüber war seit dem Ausflug an den See Tazenat. Er fühlte jenen unbestimmten Schmerz, der mehr Vorgefühl von Leid ist, als Leid, wie ihn nur die Liebenden kennen, jenen Kummer, der das Herz schwer macht, die Nerven erregt, daß man beim geringsten Geräusch zusammenfährt und der dem Geist so weh thut, daß alles, was man hört, mit der fixen Idee, unter der man befangen ist, zusammenzuhängen scheint. Sobald sie aufgestanden waren, folgte er Christiane in den Salon: – Ich muß heute abend sehen, – sagte er. Nachher gleich, denn ich weiß nicht, wann wir wieder allein sein werden. Wissen Sie, daß es heute gerade einen Monat her ist .... Sie antwortete: – Ich weiß es! Er fuhr fort: – Wissen Sie was, ich werde Sie auf der Straße mach Laroche-Pradière vor dem Dorf erwarten, zu dieser Stunde merkt niemand Ihre Abwesenheit. Kommen Sie schnell, mir Lebewohl zu sagen, denn morgen trennen wir uns. Sie flüsterte: – In einer Viertelstunde bin ich dort. Und er ging davon, nur um nicht mehr unter dieser Menge zu weilen, die ihn zur Verzweiflung brachte. Er folgte dem Fußweg durch die Weinberge, den sie an dem Tage gegangen, da sie zum ersten Male die Limagne gesehen, und bald war er auf der Chaussee. Er war allein, er fühlte sich allein, allein auf der ganzen Welt. Die gewaltige, sich bis ins Unendliche erstreckende Ebene erhöhte noch dieses Gefühl der Vereinsamung. Er blieb gerade an dem Punkt stehen, wo sie sich gesetzt hatten, wo er ihr die Verse von Baudelaire vordeklamiert über die Schönheit. Wie lange war das her, wie lange! Und Stunde um Stunde erinnerte er sich alles dessen, was seitdem geschehen. Noch nie in seinem Leben war er so glücklich gewesen, noch nie hatte er so wahnsinnig geliebt und zu gleicher Zeit so keusch, so ergeben. Er erinnerte sich des Abends in Tazenat, heute vor vier Wochen, in dem frischen Wald, von dem matten Licht bestrahlt, des kleinen, silbernen Sees und der großen Fische, die an seiner Oberfläche hüpften. Und wie sie zurückgekehrt, als er sie vor sich gesehen, im Schatten und im Licht, im hellen Mondenschein, der ihr Haar umzirkelte, ihre Schultern und ihre Arme, wie er durch die Baumwipfel gefallen. Das waren die köstlichsten Stunden seines Lebens gewesen. Er wandte sich, um zu sehen, ob sie noch nicht käme, er sah sie nicht, aber er gewahrte den Mond, der am Horizont aufstieg, denselben Mond, der bei seinem ersten Geständnis am Himmel seine stille Bahn gezogen, der strahlte jetzt bei seinem ersten Abschied. Ein Schauer überlief ihn, ein eisiger Schauer, der Herbst kam, der Herbst, dem der Winter folgt. Bisher hatte er noch nie diesen ersten Hauch der Kälte gefühlt, der ihn durchschauerte, wie die Vorahnung eines Unglücks. Die staubige, weiße Straße streckte sich vor ihm hin wie ein Fluß zwischen Ufern. Da erschien plötzlich eine Gestalt an der Biegung. Er erkannte sie sofort. Er erwartete sie, ohne sich zu bewegen, zitternd vor geheimem Glück, sie sehen zu können, die zu ihm kam. Sie ging langsam, sie wagte nicht, ihn zu rufen, sie ängstigte sich ein wenig, ihn nicht zu finden, denn er hatte sich hinter einem Baum versteckt, verwirrt durch das große Schweigen, durch die helle Einsamkeit der Erde und des Himmels. Und vor ihr wandelte ihr schwarzer, riesiger Schatten, der ihm etwas von ihr zu bringen schien, ehe sie noch selbst kam. Christiane blieb stehen, und sofort blieb auch der Schatten unbeweglich auf der Straße liegen. Paul machte schnell ein paar Schritte bis an die Stelle, wo die Gestalt ihres Kopfes sich auf dem Wege abzeichnete. Dann, als wolle er nichts von ihr verlieren, kniete er nieder, beugte sich herab und legte seinen Mund an den Rand der dunklen Silhouette. Und wie ein verdurstender Hund auf dem Bauche zu einer Quelle kriecht, begann er glühend den Staub zu küssen rund um die geliebten Umrisse. So glitt er auf Händen und Füßen ihr entgegen, indem er zärtlich die ganzen Umrisse ihres Körpers umschlang. Sie war erstaunt, sogar ein wenig erschrocken, sie wartete, daß er bis zu ihren Füßen kam, dann erst wagte sie zu sprechen. Und dann, als er den Kopf emporhob, immer noch knieend, und indem er sie jetzt mit beiden Armen umschloß, fragte sie ihn: – Was hast Du denn heute abend? – Liane, ich verliere Dich! Sie drückte ihre Finger in das dichte Haar ihres Freundes, beugte sich nieder, um seine Stirne und seine Augen zu küssen. – Warum mich verlieren? – sagte sie lächelnd. – Weil wir uns morgen trennen werden. – Uns trennen? Aber mein Liebling doch nur auf kurze Zeit. – Kann man das denn wissen? Die Tage, wie sie hier waren, kommen nie wieder. – Aber es kommen andere, ebenso schön. Sie hob ihn empor und zog ihn mit sich unter den Baum, unter dem er gewartet, ließ ihn neben sich setzen, streichelte immer mit der Hand sein Haar und sprach dann ernst, wie eine vernünftige Frau mit ihm, die glühend liebt, aber alles vorher gesehen, die instinktiv weiß, wie man es machen muß und die zu allem entschlossen ist. – Höre mein Liebling, ich bin ja ganz frei in Paris, Will kümmert sich nie um mich, seine Geschäfte genügen ihm. Nun, da Du nicht verheiratet bist, komme ich zu Dir, ich komme täglich zu Dir, manchmal früh vor dem Frühstück, manchmal abends, wegen der Leute, die schwatzen könnten, wenn ich immer zu gleicher Stunde ausgehe. Wir können uns ebenso oft treffen wie hier, noch öfter, denn wir brauchen uns vor Neugierigen nicht zu fürchten. Aber er schüttelte den Kopf und wiederholte: – Liane, Liane, ich verliere Dich, ich fühle es, daß ich Dich verliere. Sie ward ungeduldig bei diesem Kummer, diesem so kindischen Schmerz in diesem männlich starken Mann. Sie war so zart und klein neben ihm und doch ihrer selbst so sicher, so sicher, daß nichts sie je trennen könnte. Er stammelte: – Wenn Du wolltest, Liane, flöhen wir zusammen, weit fort, in ein schönes Land voll Blumen, um nur uns zu leben. Sag, wollen wir heute abend zusammen fliehen? Aber sie zuckte die Achseln, etwas nervös, etwas unzufrieden, daß er auf sie nicht hörte, denn sie hatten nicht mehr Zeit zum träumen, jetzt mußte man sich energisch und vorsichtig zeigen und darauf bedacht sein, daß sie sich immer lieben konnten, ohne je Verdacht zu erregen. Sie sagte: – Hör mal, mein Liebling, wir müssen einig sein und keine Unvorsichtigkeit und keinen Unsinn machen. Bist Du Deiner Leute gewiß, daß wir keine Klatscherei zu fürchten haben oder unverschämte Blicke? Mein Mann selbst kommt nicht darauf, ich kenne William. Dieser Name, den sie zweimal wiederholt, machte Paul wütend, und er sagte nervös: – O sprich nur heute abend nicht von ihm! – Ja warum, das muß ich doch! Ich gebe Dir die Versicherung, ihm liegt nichts an mir. Sie hatte seine Gedanken erraten. Eine dunkle Eifersucht, etwas Unbewußtes erwachte in ihm, und plötzlich kniete er vor ihr und nahm ihre Hände: – Höre mich an, Liane. Er schwieg, er wagte nicht von seiner Beunruhigung zu sprechen, von dem schmachvollen Verdacht, der in ihm war, und er wußte nicht, wie er sich ausdrücken sollte. – Höre mal Liane, wie stehst Du mit ihm? Sie begriff nicht. – Ja – – ich meine – – sehr gut? – Ja. – – Ach – – ich meine, Du verstehst mich wohl – – es ist – – es ist – – doch Dein Mann – – kurz – – – o Du weißt nicht, wie oft ich an ihn denke, wie mich das quält, wie mich das beunruhigt, verstehst Du, sag mal? Sie zögerte ein Paar Sekunden, dann begriff sie plötzlich seine Hintergedanken, und mit größter Offenheit, ganz entrüstet, sagte sie: – Aber mein Liebling, kannst Du das denken? Ich gehöre Dir, verstehst Du, nur Dir. Denn ich liebe Dich! Aber Paul! Er ließ seinen Kopf auf die Kniee der jungen Frau sinken und sagte mit weicher Stimme: – Nun aber, meine Liane, er ist doch Dein Mann, wie willst Du das thun, hast Du daran schon gedacht, sag mal, was thust Du nun heute abend oder morgen, Du kannst doch nicht immer, immer sagen: nein! Sie flüsterte ganz leise: – Ich habe ihn glauben machen, ich wäre guter Hoffnung, und das genügt ihm, ach er ist nicht so. Wir wollen aber über so etwas nicht mehr sprechen, mein Liebling, Du weißt nicht, wie mich das abstößt, wie mich das verletzt. Vertraue mir nur, da ich Dich liebe. Er bewegte sich nicht, er küßte ihr Kleid, er sog es förmlich ein, während sie sein Gesicht mit ihren Händen streichelte. Aber plötzlich sagte sie: – Wir müssen fort, man könnte merken, daß wir beide fehlen. Sie küßten sich lange, umklammerten sich, als wollten sie sich zerdrücken. Dann ging sie zuerst fort. Sie lief, um schneller zurückzukehren, während er ihr nachblickte wie sie verschwand, traurig, als ob sein Glück und all seine Hoffnungen mit ihr entflohen wären. Zweiter Teil I Am ersten Juli des folgenden Jahres hätte man Enval kaum wiedererkannt. Auf dem Gipfel des Hügels, genau zwischen den beiden Abhängen, erhob sich ein maurisches Gebäude, an dessen Front in goldenen Lettern das Wort »Kasino« stand. Man hatte ein Wäldchen dazu verwendet, um an dem Abhang, der sich zur Limagne senkte, einen Park herzustellen. Eine Terrasse, deren Mauer der ganzen Länge nach mit Vasen aus imitiertem Marmor geschmückt war, erstreckte sich vor dem Gebäude und beherrschte die weite Ebene der Auvergne. Etwas tiefer sah man hier und da die lackierten, hölzernen Fronten von sechs kleinen Villen aus den Weinbergen lugen. Auf dem Abhang, der nach Süden zu lag, lockte ein großes, weißes Gebäude schon von weitem die Badenden an, die es sahen, sobald sie Riom verließen. Das war das große Hotel Mont-Oriol, und zu dessen Füßen, ganz unten am Hügel bot ein viereckiges Haus, einfacher aber geräumiger, von einem Garten umgeben, den der aus den Felsen kommende Bach durchfloß, den Kranken die Wunderheilung, die eine Broschüre des Doktor Latonne verhieß. Auf der Fassade stand: »Thermen von Mont-Oriol.« Dann auf dem rechten Flügel in kleineren Buchstaben: »Hydrotherapie, Magenauspumpungen, fließende Bäder.« Und auf dem linken Flügel: »Institut für motorische Heilgymnastik.« Alles das war weiß, von einem neuen, leuchtenden, grellen Weiß. Allerlei Handwerker waren noch bei der Arbeit: Maler, Klempner, Erdarbeiter, obgleich das Bad schon seit einem Monat eröffnet war. Der Erfolg hatte übrigens schon seit dem ersten Tage alle Hoffnungen der Gründer übertroffen. Drei große Ärzte, drei Autoritäten, die Herren Professoren: Mas-Roussel, Cloche und Rémusot hatten das Bad unter ihre Fittiche genommen und eingewilligt, zeitweilig ihren Aufenthalt in die Villen der Berner Gesellschaft für transportable Holzhäuser zu verlegen, die ihnen durch die Administration zur Verfügung gestellt waren. Durch sie kamen eine Menge Kranke. Das große Hotel Mont-Oriol war gefüllt. Obgleich die Bäder schon in den ersten Junitagen zu laufen begonnen hatten, war die offizielle Eröffnung des Bades auf den ersten Juli verschoben worden, um viele Leute anzulocken. Das Fest sollte gegen drei Uhr mit der Einsegnung der Quellen beginnen, und abends würde eine große Vorstellung stattfinden mit darauf folgendem Feuerwerk und Ball; alle Badegäste, sowie die Kurgäste der nächstgelegenen Bäder und die Honoratioren von Clermont-Ferrand und von Riom waren eingeladen. Das Kasino auf dem Gipfel verschwand unter Fahnenschmuck. Man sah nur blau, rot, weiß, gold in einer dicken hin und herwogenden Wolke, während oben auf dem Gipfel gewaltige Masten längs der Allee des Parkes gepflanzt waren und riesige Oriflammen sich wie kolossale Schlangen gegen den blauen Himmel wanden. Petrus Martel, der die Direktion des neuen Kasinos erhalten, kam sich vor, als ob er unter dieser Fahnen-Ausschmückung der Kapitän irgend eines fantastischen Kriegsschiffes geworden sei. Er gab den Kellnern mit den weißen Schürzen mit fürchterlich dröhnender Stimme Befehle, wie Admiräle beim Kanonendonner kommandieren. Man hörte seine lauten Rufe, die durch den Wind davongetragen wurden, bis in das Dorf hinab. Andermatt, der schon ganz außer Atem war, erschien auf der Terrasse. Petrus Martel lief ihm entgegen und grüßte mit tiefer Reverenz. – Alles in Ordnung? – fragte der Bankier. – Alles tadellos, Herr Präsident. – Wenn man mich braucht, ich bin im Zimmer des General-Arztes, wir haben heute früh Sitzung. Und er ging den Hügel wieder hinab. Vor der Thür des Etablissements traten ihm der Kassierer und der Portier entgegen, die man gleichfalls der anderen Gesellschaft – nun der Konkurrenzgesellschaft – die aber keine Aussicht hatte, in dem Kampfe zu bestehen, ausgemietet hatte. Der einstige Gefangenenaufseher salutierte militärisch, der andere verbeugte sich wie ein Armer, der ein Almosen empfängt. Andermatt fragte: – Ist der Herr Inspektor hier? Der andere antwortete: – Gewiß, Herr Präsident, die Herren sind alle da. Der Bankier trat in den Vorsaal, mitten unter die Badefrauen und die ehrerbietig grüßenden Kellner. Er wandte sich rechts, öffnete eine Thür und fand in einem großen ernsten Raum, in dem viele Bücher und Büsten von Männern der Wissenschaft waren, alle Mitglieder des Aufsichtsrates, die sich in Enval befanden, vor: seinen Schwiegervater, den Marquis, seinen Schwager Gontran, Oriol Vater und Sohn, die jetzt fast das Aussehen von Herren hatten. Die beiden großen Männer trugen lange, schwarze Röcke, so daß sie wirkten wie Reklameschilder für ein Trauermagazin. Dann war Paul Brétigny anwesend und Doktor Latonne. Nachdem man sich kurz die Hände geschüttelt, setzte man sich und Andermatt sprach: – Wir müssen noch eine wichtige Frage ordnen, nämlich: wie wir die Quellen zu benennen haben. Ich bin in dieser Hinsicht nicht derselben Ansicht, wie der Herr Generalarzt, der vorschlägt, unseren drei Quellen die Namen der drei ärztlichen Autoritäten zu geben, die hier sind. Gewiß wäre das eine Schmeichelei, die sie sehr freuen und sie uns noch mehr verbinden würde. Aber Sie können gewiß sein, daß sie auf ewige Zeiten uns ihre berühmten Kollegen abspenstig machen würde, die Kollegen, die unserer Einladung noch nicht entsprochen haben und die wir mit allen Gründen und mit allen Opfern von der Überlegenheit unserer Quellen überzeugen müssen. Ja meine Herren, die menschliche Natur bleibt sich immer gleich, man muß sie nur kennen, um sich ihrer zu bedienen. Niemals werden die Professoren Plantureau, de Larenard und Pascalis, um nur diese drei Spezialtäten für Magenleiden und Verdauungsstörungen zu nennen, uns ihre Kranken, ihre besten Patienten, die höchststehenden, die Prinzen, die Herzöge schicken, alle die mondainen Berühmtheiten, die zugleich ihr Glück und ihren Ruf gemacht haben. Nie werden sie sie uns schicken, um die Mas-Roussel- Quelle zu gebrauchen oder etwa den Cloche-Brunnen oder den Rémusot-Brunnen, denn diese Patienten und das ganze übrige Publikum würden der Überzeugung sein, daß diese Herren, die Professoren Mas-Roussel, Cloche und Rémusot unsere Quellen entdeckt haben und daß sie ihnen gehören. Meine Herren, es ist nicht zweifelhaft, daß der Name Gubler, mit dem man die erste Quelle in Châtel-Guyon getauft hatte, die heute stark besucht ist, der Grund gewesen ist, warum lange Zeit von den großen Ärzten, die von Anfang an dafür hätten eintreten können, gerade dieser Brunnen nicht empfohlen worden ist. Ich schlage Ihnen also vor, einfach der ersten Quelle, die entdeckt worden ist, den Namen meiner Frau zu geben, und die Namen der Fräulein Oriol den beiden andern. Das gäbe also einen Christianen-Brunnen, einen Louisen- und einen Charlotten-Brunnen. Das klingt sehr gut, ist sehr hübsch, was meinen Sie dazu? Seine Anschauung teilte sogar Doktor Latonne, der hinzufügte: – Man kann ja die Herren Mas-Roussel, Cloche und Rémusot bitten, mit Pate zu stehen und bei der Taufe die Patinnen zu führen. – Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! – sagte Andermatt. Ich werde sofort zu ihnen gehen, und sie werden auch annehmen, dafür bürge ich, sie werden gewiß annehmen. Also auf Wiedersehen um drei Uhr in der Kirche, wo sich der Zug bildet. Und er rannte spornstreichs davon. Der Marquis und Gontran folgten ihm fast augenblicklich, die beiden Oriol mit ihren großen Cylindern setzten sich Seite an Seite in Bewegung, und Doktor Latonne sagte zu Paul, der erst am Abend vorher angekommen war, um sich an dem Fest zu beteiligen: – Verehrter Herr, ich habe Sie zurückgehalten, um Ihnen etwas zu zeigen, wovon ich mir sehr viel verspreche, nämlich mein Heil-Institut für motorische Gymnastik. Und er nahm ihn beim Arm und zog ihn ein Stück davon. Aber kaum befanden sie sich im Vorsaal, als der Bademeister dem Arzt meldete: – Herr Riquier wartet auf seine Ausspülung. Doktor Latonne hatte noch das Jahr vorher Magenausspülungen, die Doktor Bonnefille in dem Etablissement, dessen Direktor er war, eingeführt hatte, verworfen, aber mit der Zeit hatte sich seine Meinung geändert, und die Baraduc-Sonde war das große Marter-Instrument des neuen General-Arztes geworden, der sie mit kindischer Freude in alle Mägen hinunterließ. Er fragte Paul Brétigny: – Haben Sie schon mal eine Magen-Ausspülung gesehen? Der andere antwortete: – Nein, niemals! – So kommen Sie mal mit, es ist sehr interessant. Sie traten in den Douche-Raum, in dem Herr Riquier wartete, jener Mann mit dem Ziegelgesicht, der dieses Jahr die neuen Quellen versuchte, wie er jeden Sommer alle neu eröffneten Bäder der Reihe nach durchgemacht hatte. Er war, wie ein Gefolterter in alter Zeit, in eine Weste aus Wachsleinewand eingeschnürt, die die Kleider vor Beschmutzung und Bespritzung schützen sollte. Er sah unglücklich aus, nervös und unruhig, wie ein Patient, zu dem der Chirurg kommt, um zu operieren. Sobald der Doktor erschien, nahm der Gehilfe eine lange Tube, die sich in der Mitte in drei Teile teilte und wie eine Schlange mit drei Schwänzen aussah. Dann befestigte der Mann das eine Ende an einem kleinen Hahn, der mit der Quelle in Verbindung stand, das zweite Ende ließ man in ein Gefäß sinken, in das nachher die ganze Magenflüssigkeit aus dem Magen des Kranken hineinlaufen sollte, und der General-Arzt nahm den dritten Schlauch, näherte sich mit liebenswürdiger Miene dem Munde des Herrn Riquier, steckte ihm das Ding hinein, ließ es geschickt hinuntergleiten und stopfte es mit dem Daumen und Zeigefinger tiefer und tiefer nach in verbindlichster Weise, indem er immerfort dabei sagte: – Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! So, es geht, es geht, es geht ausgezeichnet! Herr Riquier saß da mit verzweifelten Blicken, violetten Wangen, Schaum am Mund, als drohte er zu ersticken und stieß vor Verzweiflung auf. Er klammerte sich an die Armlehnen des Stuhles und machte fürchterliche Versuche, um dies Kautschuktier, das ihm in den Leib hineinglitt, von sich zu stoßen. Als er etwa einen halben Meter davon hinuntergeschluckt hatte, sagte der Doktor: – So, jetzt sind wir unten! Und der Gehilfe öffnete den Hahn; bald schwoll der Leib des Kranken an, indem der Magen mit dem Wasser der Quelle gefüllt wurde. – Husten Sie! Husten Sie! – sagte der Arzt. Aber statt zu husten röchelte der Arme, wand sich und sah aus, als würde er gleich seine Augen verlieren, die ihm aus dem Kopf traten. Da hörte man plötzlich neben dem Stuhl an der Erde ein leises Plätschern, das Doppelende war endlich bis hinunter gedrungen, der Magen leerte sich jetzt in das tieferstehende Glas und der Arzt beobachtete mit Interesse die Symptome des Magenkatarrhs und die Spuren ungenügender Verdauung, die man darin erblickte. – Sie dürfen nie wieder Erbsen essen, und um Gotteswillen keinen Salat, das versuchen Sie ja nicht. Auch keine Erdbeeren, ich habe es Ihnen doch schon zehnmal gesagt, keine Erdbeeren! Herr Riquier schien wütend, er erregte sich jetzt, aber er konnte nicht sprechen, mit diesem Schlauch in der Kehle der ihm den Mund stopfte. Aber als die Ausspülung vorüber war und der Doktor ihm die Sonde vorsichtig herauszog, rief er: – Kann ich dafür, wenn ich alle Tage solchen Fraß esse, der mir die Gesundheit kostet. Sollten Sie nicht lieber über das Menü in Ihrem Hotel wachen? Ich bin in Ihre neue Kneipe gekommen, weil man mich in der alten Wirtschaft vergiftete mit dem Fraß, aber ich bin in eurer großen Bude Mont-Oriol fast noch schlechter aufgehoben, auf Ehrenwort. Der Arzt mußte ihn beruhigen und versprach ihm, von jetzt ab die Table d'hôte der Kranken selber zu beaufsichtigen. Dann nahm er Paul Brétignys Arm und führte ihn davon. – Nun passen Sie mal auf, auf welche rationellen Grundsätze ich die Behandlung meiner Heilgymnastik aufgebaut habe, die wir jetzt sehen werden. Sie kennen mein System von organometrischer Untersuchung, nicht wahr? Ich behaupte, daß ein großer Teil unserer Krankheiten nur daher kommt, weil ein Organ sich unmäßig entwickelt, die benachbarten beunruhigt und zu gleicher Zeit die Harmonie im Körper in Unordnung bringt, sodaß daraus die verschiedensten Störungen entstehen. Nun ist die Gymnastik, mit dem Anwenden des Brunnens zusammen, eines der energischsten Mittel, um das Gleichgewicht wieder herzustellen und die gestörten Teile auf die richtige Proportion zurückzuführen. Und wie soll man die Menschen dahin bringen, gymnastische Übungen zu machen? Ist doch zu der einfachen Bewegung, beim Gehen, beim Reiten, beim Rudern, beim Schwimmen, nicht nur ein ziemlich starker physischer Kraftaufwand nötig, sondern auch ein starker moralischer? Energische Menschen lieben immer Bewegung. Energie ist also in der Seele und nicht in den Muskeln, der Körper gehorcht einem starken Willen. Sie müssen nicht etwa denken, mein Lieber, Sie könnten dem Feigen Mut geben, oder dem Schwachen Entschlußkraft; aber etwas anderes können wir wohl machen, wir können mehr thun, wir können den Mut unterdrücken, die Energie schwächen, die moralische Anstrengung aufheben und nur die körperliche Bewegung lassen. Die seelische Bewegung ersetzen wir sehr vorteilhaft durch eine seltsame, rein-mechanische Kraft, verstehen Sie? – Nein, nicht ganz. – Also treten wir ein. Er öffnete eine Thür, die zu einem großen Saal führte, wo seltsame Instrumente standen, Lehnstühle mit hölzernen Beinen, hölzerne Pferde, bewegliche Arme, die sich Stühlen entgegenstreckten, die am Fußboden befestigt wurden, und alle diese Gegenstände waren mit einer komplizierten Mechanik versehen, die sie in Bewegung setzte. Der Doktor fuhr fort: – Also sehen Sie, hier haben wir vier hauptsächliche Übungen, ich möchte sie die natürlichen Übungen nennen, nämlich: den Gang, den Ritt, das Schwimmen und das Rudern. Jede dieser Bewegungen entwickelt andere Muskelgruppen und wirkt auf ihre besondere Weise. Nun haben wir sie hier alle vier künstlich hergestellt. Man braucht an nichts zu denken, und man kann rudern, gehen, schwimmen und reiten, ohne daß der Geist im mindesten an dieser Muskelbewegung teilnimmt. In diesem Augenblick trat Aubry-Pasteur ein, gefolgt von einem Mann, dessen aufgekrempelte Ärmel gewaltige muskulöse Arme zeigten. Der Ingenieur war noch dicker geworden. Er ging jetzt, die Schenkel weit von einander, die Arme vom Körper abgesperrt, und atmetete heftig. Der Doktor sagte: – Nun, Sie werden beim Zusehen jetzt dahinterkommen. Dann wandte er sich an seinen Kranken: – Nun Herr Ingenieur, was wollen wir heute machen? Wollen Sie gehen oder reiten? Herr Aubry-Pasteur, der Paul die Hand gegeben, antwortete: – Ich möchte ein wenig sitzend gehen, weil mich das nicht so ermüdet. Doktor Latonne antwortete: – In der That, wir können gehen lassen, sitzend und stehend. Das Stehend-Gehen ist ziemlich anstrengend, ich bewirke es durch Pedale, auf die man tritt und die die Beine in Bewegung setzen, während man sich im Gleichgewicht hält, indem man sich an ein paar Ringen in der Wand festhält. Aber nun passen Sie mal auf, wie man sitzend geht. Der Ingenieur hatte sich in einen Fauteuil mit Lehnen niedergesetzt, legte die Füße auf Holzbeine, die an dem Stuhl befestigt waren, man band ihm die Oberschenkel, die Waden und die Knöchel fest, so daß er keine freiwillige Bewegung machen konnte. Dann faßte der Mann mit den aufgekrempelten Ärmeln das Schwungrad und drehte es, so stark er konnte. Nun begann der Stuhl zuerst wie eine Hängematte hin und her zu schwingen, dann bewegten sich plötzlich die Beine, streckten sich und krümmten sich, und kamen in Gang mit wahnsinniger Geschwindigkeit. – Er läuft: – sagte der Doktor. Dann befahl er: – Langsamer Schritt! Der Mann drehte langsamer und zwang den dicken Ingenieur zu einer gemäßigteren Gangart, die in ganz komischer Weise seinen ganzen Körper durcheinanderwirbelte. Nun erschienen zwei andere Kranke, beide enorm dick, beide auch von Wärtern mit aufgekrempelten Hemdsärmeln gefolgt. Sie wurden auf Holzpferde gehoben, die man in Bewegung setzte und die sofort auf dem Fleck anfingen hin und her zu springen, indem sie ihre Reiter fürchterlich zusammenschüttelten. – Galopp ! – rief der Doktor, und die vermeintlichen Tiere machten ungeheure Sätze und ermüdeten die beiden Patienten derartig, daß sie beide zu brüllen begannen, mit kläglicher, atemloser Stimme: – Genug, genug, ich kann nicht mehr! Genug! Der Doktor befahl: – Halt! Dann fügte er hinzu: – Erholen Sie sich ein wenig, in fünf Minuten fangen wir wieder an. Paul Brétigny, der vor lachen fast erstickte, bemerkte, daß die Reiter gar nicht warm waren, während die Leute, die das Schwungrad gedreht hatten, schwitzten. Er sagte: – Wenn Sie die Rollen vertauschten, wäre das nicht besser? Der Doltor antwortete ernst: – O durchaus nicht, man muß nicht die Übung und die Ermüdung verwechseln. Die Bewegung, die der Mann macht, der das Rad dreht, ist sehr schlecht, während die Bewegung des Fußgängers oder des Reiters ausgezeichnet ist. Da sah Paul einen Damensattel. – Ja, – sagte der Arzt, – der Abend ist für die Damen allein reserviert. Die Herren haben nachmittags keinen Zutritt. Nun sehen Sie sich mal das Schwimmen auf dem Trocknen an. Ein System von kleinen, beweglichen Brettern, die in der Mitte und an ihren Enden zusammengeschraubt waren, bildeten je ein Viereck, wie jenes Kinderspiel, an dem Soldaten hängen, sodaß man immer drei zu gleicher Zeit bewegen kann. Der Doktor sagte: – Ich brauche Ihnen die Vorteile des Trockenschwimmens nicht erst auseinanderzusetzen, das den Körper nicht benetzt, außer mit Schweiß und den Schwimmer daher nicht einem plötzlichen Rheumatismus aussetzt. Aber ein Mann kam mit einer Visitenkarte. – Mein Lieber, entschuldigen Sie mich, ich muß Sie verlassen. – Der Herzog von Ramas wünscht mich zu sprechen. Paul war allein geblieben und wandte sich um. Die beiden Reiter trabten wieder, Herr Aubry-Pasteur lief noch immer, und die drei Auvergnaten waren außer Atem, die Arme thaten ihnen weh, sie waren wie zerschlagen, wie ihre Patienten. Als Brétigny draußen stand, sah er Doktor Honorat, der mit seiner Frau den Vorbereitungen des Festes zusah. Sie begannen sich zu unterhalten, indem sie nach den Fahnen sahen, die den ganzen Hügel schmückten. – Bildet sich der Zug in der Kirche? fragte die Doktorsfrau. – Ja, in der Kirche. – Um drei Uhr? – Um drei Uhr. – Werden die Herren Professoren da sein? – Ja gewiß, sie werden die Patinnen führen. Dann hielten ihn die beiden Paille an, dann Monécu Vater und Tochter. Und da er mit seinem Freunde Gontran im Kasino-Café frühstücken wollte, ging er langsam hinauf. Paul, der den Tag vorher angekommen, hatte seinen Freund seit vier Wochen noch nicht allein gesehen, und er wollte ihm allerlei neues aus Paris erzählen, Weibergeschichten und Klatsch. Bis einhalb drei Uhr saßen sie da und schwatzten, dann kam Petrus Martel und meldete, es ginge schon zur Kirche. – Wir wollen Christiane abholen, – sagte Gontran. – Gut, – antwortete Paul. Sie fanden sie auf der Terrasse des neuen Hotels. Sie hatte die hohlen Wangen und den seltsamen Ausdruck der Frauen, die in anderen Umständen sind. Ihre starke Figur deutete auf eine Schwangerschaft von etwa sechs Monaten. – Ich erwartete Sie, – sagte sie. William ist schon immer voraus gegangen, heute ist so viel zu thun. Sie blickte Paul Brétigny zärtlich an und nahm seinen Arm; langsam setzten sie sich in Bewegung, und sie sagte immer: – Ach ich bin so schwer, ich kann gar nicht mehr gehen, ich habe immer Angst, hinzufallen. Er antwortete nichts und stützte sie vorsichtig, indem er ihren Augen auswich, die sie unausgesetzt auf ihn richtete. Eine große Menschenmenge erwartete sie vor der Kirche. Andermatt rief: – Na endlich, nun macht schnell, also hört mal die Reihenfolge: zwei Chorknaben, zwei Sänger, das Kreuz, das Weihwasser, der Priester, dann Christiane mit Professor Cloche, Fräulein Louise mit Professor Remusot, Fräulein Charlotte mit Professor Mas-Roussel; dann kommt der Aufsichtsrat, die Arzte und dann das Publikum. Kapiert? Nu los! Da kam die Geistlichkeit aus der Kirche und setzte sich an die Spitze der Prozession, dann ein kleiner Herr mit langen weißen Haaren, die glatt hinter die Ohren gestrichen waren, der Gelehrte wie er im Buche stand. Er näherte sich Frau Andermatt und machte eine tiefe Verbeugung; nachdem er sich aufgerichtet, ging er mit ihr davon, barhaupt, um seine schöne Gelehrtenfrisur zu zeigen, den Hut am Schenkel haltend, so würdig, als ob er auf der Bühne gehen gelernt und so, daß er recht dem Volk die Rosette der Ehrenlegion zeigte, die eigentlich zu groß war für den bescheidenen Mann. Er unterhielt Christiane: – Gnädige Frau, Ihr Herr Gemahl hat mir schon von Ihnen erzählt und von dem Zustand, der ihm lebhafte Besorgnisse einflößt. Er hat mir all Ihre Unsicherheit über die Stunde der Entbindung mitgeteilt. Sie war bis zu den Schläfen errötet und flüsterte: – Ja, ich glaubte Mutter zu sein, längst ehe ich es war und ich weiß nicht mehr, ich weiß nicht mehr. Eine Stimme klang hinter ihnen: – Dieses Bad hat die größte Zukunft, es hat schon die erstaunlichsten Erfolge erzielt. Das war Professor Rémusot, der zu Louise Oriol sprach, er war klein, mit gelbem Haar, einem Überrock von schlechtem Schnitt, der echte Gelehrte, der auf den Anzug nichts giebt. Mas-Roussel, der Charlotte Oriol den Arm reichte, war ein schöner, ganz glattrasierter Mann, lächelnd, peinlich gekleidet, mit kaum ergrauendem Haar, ein wenig stark, dessen unbeweglich ernstes Gesicht weder wie das eines Priesters, noch das eines Schauspielers aussah, etwa wie das des Doktor Latonne. Der Aufsichtsrat folgte dann, mit Andermatt an der Spitze, von den gewaltigen Hüten der beiden Oriol überragt. Hinter ihnen kam noch eine ganze Gesellschaft von hohen Hüten, die Ärzte von Enval, unter denen nur Doktor Bonnefille fehlte, statt seiner übrigens zwei neue Ärzte, Doktor Black war der eine, ein alter vertrockneter Mann, der fast wie ein Zwerg aussah, aber dessen sorgfältige Krankenpflege in der ganzen Gegend vom Tage seiner Ankunft an bekannt geworden war. Dann kam ein schöner Kerl, kokett einen kleinen Hut auf dem Kopf, Doktor Mazelli, ein Italiener, der den Herzog von Ramas begleitete, einige behaupteten die Herzogin. Und hinter ihnen das Publikum, eine Menge Badegäste und besonders Bewohner der Nachbarorte. Die Einsegnung der Quellen war sehr kurz. Der Abbé Litre besprengte sie eine nach der andern mit Weihwasser, dann traten alle Ehrengäste in den großen Lesesaal, wo Erfrischungen standen. Paul sagte zu Gontran: – Wie die beiden kleinen Oriol hübsch geworden sind! – Sie sind reizend, mein Lieber! – Haben Sie nicht den Herrn Präsidenten gesehen? fragte Petrus Martel die jungen Leute. – Ja, er steht da in der Ecke. – Der alte Clovis hat einen Auflauf verursacht. Schon als man zu den Quellen gepilgert war zur Einsegnung, war die ganze Prozession an dem alten Krüppel, der das Jahr vorher geheilt worden, vorüberdefiliert. Er schien jetzt gelähmter denn je. Er hielt die Fremden an der Straße an, um den zuletzt Angekommenen seine Geschichte zu erzählen: – Hören Sie mal, das Wasser mit dem ist nischt los, das heilt, das is ganz richtig, aber dann wird man wieder kränker, so wie noch nie. Ich hatte Beene, die garnich mehr mitmachen wollten, aber nur die Beene, aber jetzt gehts mir mit den Armen ooch so durch die Kur, und meine Beene, die sind wie Eisenstöcke, die kann ich nich mehr krumm machen, eher müßt man sie mir durchschneiden. Andermatt war verzweifelt, er hatte versucht, den Kerl ins Loch stecken zu lassen, indem er ihn gerichtlich verfolgen ließ, weil er Verleumdungen über Mont Oriol in die Welt gesetzt, um Erpressung zu üben, aber er hatte keine Verurteilung erreicht, man konnte ihm den Mund nicht schließen. Sobald er gehört, daß der Alte an der Thür des Etablissements schwatzte, stürzte er hin, ihm den Mund zu verbieten. Mitten auf der Chaussee aus einem großen Menschenhaufen heraus hörte er wütende Stimmen. Man drängte sich heran, um zu sehen und zu hören. Damen fragten: – Was ist denn los? Herren antworteten: – Ein Kranker, den die hiesigen Quellen ganz zu Grunde gerichtet haben! Andere behaupteten, es wäre ein Kind erdrückt worden. Man sprach auch von einem epileptischen Anfall einer alten Frau. Andermatt durchbrach die Menge, wie nur er es verstand, indem er mit aller Kraft seinen kleinen, runden Leib durch die anderen zwängte. Der alte Clovis, der im Graben saß, jammerte laut, erzählte heulend seine Leiden, während die beiden Oriol vor ihm standen und ihn vom Publikum abschnitten. Sie waren wütend, beschimpften und bedrohten ihn. – Das is nich wahr! – rief Koloß. – Der Kerl is ein verdammter Heuchler, ein Wilddieb, der die ganze Nacht im Walde rumläuft. Aber der Alte wiederholte, ohne sich zu erregen, mit durchdringender Stimme, die man trotz des Geschreies der beiden Männer vernahm: – Meine guten Herren, Sie haben mich zu Grunde gerichtet, Sie haben mich tot gemacht mit Ihrem Wasser. Sie haben mich gezwungen zu baden voriges Jahr, und so haben Sie mich nu zugerichtet. Andermatt gebot Ruhe, beugte sich nieder zu dem Krüppel und blickte ihm in die Augen: – Wenn Sie noch kränker sind, so ist es Ihre Schuld, verstehen Sie! Aber wenn Sie auf mich hören, so verspreche ich Ihnen, Sie zu heilen, durch fünfzehn, höchstens zwanzig Bäder. Kommen Sie in einer Stunde in das Badehaus, wenn die Menschen fortgegangen sind, und wir werden die Sache in Ordnung bringen. Bis dahin aber halten Sie mal das Maul! Der Alte hatte kapiert, schwieg, und dann sagte er nach einigem Stillschweigen: – Nu, man kann's ja mal versuchen! Andermatt nahm die beiden Oriol am Arm, zog sie schnell davon, während der alte Clovis liegen blieb und in der Sonne mit den Augen blinzelte. Die neugierige Menge drängte sich um ihn herum. Ein paar Herren fragten ihn, aber er antwortete nicht mehr, als hätte er nicht verstanden oder nicht gehört. Und diese nun unnütze Neugierde fing an, ihn jetzt zu ärgern. Er begann, falsch und spitz, irgend ein Volkslied zu gröhlen. Die Menge verlief sich allmählich, nur ein paar Kinder blieben lange vor ihm stehen, die Finger in der Nase, und starrten ihn an. Christiane war sehr müde, sie war zurückgekehrt, um sich auszuruhen. Paul und Gontran gingen in dem neuen Park mitten zwischen den Besuchern spazieren. Plötzlich sahen sie den Trupp Schauspieler, der auch das alte Kasino verlassen hatte, um dem neuen Glück des neuen Unternehmens nachzujagen. Fräulein Odelin, die sehr elegant geworden war, erging sich am Arme ihrer Mutter, welche sehr würdig that. Herr Petitnivelle vom Vaudeville bemühte sich um die Damen, denen Herr Lapalme vom Stadttheater in Bordeaux folgte, indem er mit den Musikern sich unterhielt, die immer noch dieselben waren: Maëstro Saint-Landri, der Pianist Herr Javel, der Flötist Herr Noirot und der Kontrebaß Herr Nicordi. Als Saint-Landri Paul und Gontran sah, lief er ihnen entgegen. Im vergangenen Winter war ein musikalischer Einakter von ihm in einem kleinen Vorstadttheater gegeben worden, die Zeitungen hatten ihn nicht ungünstig beurteilt, und nun sprach er von Massenet und Gounod ziemlich von oben herab. Er streckte mit wohlwollender Miene den beiden die Hand entgegen und erzählte sofort seine Unterredung mit den Herren vom Orchester, das er dirigierte. – Ja, mein Lieber, es ist aus mit der alten Schule, die Melodie ist überwundener Standpunkt. Aber das wollen die Leute nicht einsehen, die Musik ist die neue Kunst, die Melodie ist nur ein Stammeln. Das ungebildete Ohr liebte das Ritornell, es hatte eine kindische Freude daran, wie ein Indianer. Ich muß sagen, daß das naive Publikum, daß das Volk immer kleine Lieder und Gesänge gern haben wird, das ist eben eine Unterhaltung, so wie in den Variété- Theatern. Ich möchte ein Bild gebrauchen, daß Sie mich recht verstehen. Das Auge des Landmannes liebt grelle Farben und leuchtende Bilder, das Auge des Städters, der aber nicht Künstler ist, liebt pretentieuse Feinheiten, und das Auge des Künstlers, des wirklichen Künstlers liebt, begreift und unterscheidet die geringsten Modulationen, das sind die mystischen Akkorde, die kein Mensch sonst faßt. In der Literatur ist es ganz dasselbe. Die Dienstmädchen lieben Hintertreppenromane, die gewöhnlichen Leser Romane, die sie aufregen, aber die wirklichen Kenner nur feine, künstlerische Bücher, die den anderen unverständlich sind. Wenn ein gewöhnlicher Mensch mit mir von Musik spricht, möchte ich ihn am liebsten sofort niederschlagen, und wenn es in der Oper gar geschieht, so frage ich ihn: »Bitte, können Sie mir vielleicht sagen, ob die dritte Violine in der Ouvertüre des dritten Aktes eine falsche Note gespielt hat?« – »Nein.« – »Also schweigen Sie, das ist weit besser. Jemand, der in der Oper sitzt und nicht das Ganze hört und dabei zugleich jedes einzelne Instrument, hat überhaupt kein Gehör und ist nicht Musiker. So stehts. Mahlzeit!« Er wandte sich auf dem Absatz herum und sagte: – Für den Künstler liegt die ganze Musik in einem Akkord und, mein Lieber, diese Akkorde machen mich rasend, flößen mir ein unglaubliches Wonnegefühl ein. Mein Ohr ist heute so geübt, so fein, so reif, daß ich sogar gewisse falsche Akkorde liebe. Ich beginne gerade für das Verderbte zu schwärmen, ich suche äußerliche Sensation. Ja, meine Freunde, gewisse falsche Noten, wie köstlich das klingt. Welche Tiefe, Glückseligkeit darin liegt, wie das einen anlächelt, wie das die Nerven krabbelt, wie das dem Ohr gut thut, ja wie das krabbelt, krabbelt! Er rieb sich glückselig die Hände und flüsterte: – Wenn Sie meine Oper hören könnten! Meine Oper! Gontran sagte: – Haben Sie denn eine Oper geschrieben? – Ja, ich beende sie eben. Aber die Stimme von Petrus Martel tönte: – Verstehen Sie wohl, also ausgemacht: eine gelbe Rakete, und dann geht's los! Er gab Befehle für ein Feuerwerk, man hörte ihn weit, und er erklärte seinen Plan, indem er mit dem ausgestreckten Arm hinausdeutete, als ob er eine feindliche Flotte bedrohe. Dabei deutete er auf die hellen Holzstäbe die auf dem Berge standen, auf der anderen Seite des Felsens über dem Abhang. – Dort geht's los, ich habe dem Feuerwerker gesagt, daß er um einhalb neun Uhr auf seinem Posten sein muß. Sobald das Schauspiel aus ist, werde ich von hier durch eine gelbe Rakete das Signal geben, und dann wird er das Feuerwerk anzünden. Der Marquis kam: – Ich will ein Glas Wasser trinken. Paul und Gontran begleiteten ihn und stiegen den Hügel hinab. Als sie an das Etablissement kamen, sahen sie den alten Clovis, der eben hineinging, von den beiden Oriol gestützt und von Andermatt und dem Doktor gefolgt, und jedesmal wenn er seine Beine auf den Boden streckte, schnitt er fürchterliche Grimassen. – Da müssen wir zuhören, – sagte Gontran, – das wird ulkig! Der Krüppel ward in einen Stuhl gesetzt, und dann sprach Andermatt zu ihm: – Hören Sie mal, was ich Ihnen vorschlage, Sie alter Lump. Sie werden sofort geheilt sein mit zwei Bädern täglich und dann bekommen Sie zweihundert Francs, sobald Sie gehen können. Der Gelähmte begann zu stöhnen: – Ach mei guter Herre, meine Beene sind wie Eisen. Andermatt gebot ihm zu schweigen und fuhr fort: – Hören Sie: und jährlich bekommen Sie nochmals zweihundert Francs bis zu Ihrem Tode, hören Sie, bis zu Ihrem Tode, wenn Sie immer weiter bezeugen, wie gut unser Brunnen ist. Der Alte war ganz starr, dies störte alle seine Pläne, und er fragte zögernd: – Un wenn nu die Bude zu is, und 's mich wieder packt, dann kann ich nischt davor, wenn sie zu is. Doktor Latonne unterbrach ihn und wandte sich zu Andermatt: – Sehr gut, sehr gut, dann heilen wir ihn jedes Jahr, das ist sogar noch viel besser, und das beweist die Notwendigkeit, alljährlich die Kur zu gebrauchen und daß man unbedingt wiederkommen muß. – Ausgezeichnet! Einverstanden! – Aber gut thuts nich, meine Herren, meine Beene sind wie Eisen, wie Eisen! Ein neuer Gedanke kam dem Doktor, er sagte: – Wenn ich ihn ein Paar Sitzungen Gehen im Sitzen durchmachen ließe, das würde dem Erfolg des Brunnes doch sehr nachhelfen. Man könnte es versuchen. Andermatt antwortete: – Das ist ein ausgezeichneter Gedanke, aber nun alter Clovis, hören Sie, machen Sie, daß Sie fortkommen und vergessen Sie nicht unsere Abmachung. Der Alte ging davon und stöhnte immer weiter. Da es Abend ward, kehrten alle Aufsichtsräte von Mont Oriol zu Tisch zurück, denn die Theateraufführung sollte um einhalb acht Uhr sein. Sie fand im großen Saal des Kasinos statt, der tausend Personen fassen konnte. Die Zuschauer, die keinen nummerierten Sitz bekommen hatten, trafen schon um sieben Uhr ein, um einhalb acht war der Saal voll, und der Vorhang hob sich. Es kam eine Posse in zwei Akten vor der Operette von Saint-Landri, die die Sänger von Vichy, die man zu diesem Abend hatte kommen lassen, aufführen sollten. Christiane saß auf der ersten Reihe zwischen ihrem Bruder und ihrem Mann, sie litt sehr unter der Hitze und sagte alle Augenblicke: – Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Nach der Posse, als die Operette eben beginnen sollte, ward es ihr schlecht, und sie wandte sich an ihren Mann: – Mein lieber Will, ich muß hinaus, ich ersticke! Der Bankier war außer sich, ihm lag vor allen Dingen daran, daß das Fest gelänge und daß dasselbe ohne einen Zwischenfall zu Ende ginge, so antwortete er: – Gieb Dir nur alle Mühe, ich bitte Dich, wenn Du gehst, würde das sehr störend sein, denn Du mußt durch den ganzen Saal. Aber Gontran, der mit Paul hinter ihr saß, hatte alles gehört, und er wandte sich an seine Schwester: – Dir ist zu heiß? – Ja, ich ersticke! – Gut, paß mal auf, du sollst mal lachen! Ein Fenster war in der Nähe. Er schlängelte sich hin, stieg auf einen Stuhl und sprang hinaus, ohne daß irgend jemand ihn bemerkt. Dann ging er in das leere Café, wo er gesehen hatte, daß im Büffet Petrus Martel die Signal-Rakete versteckt hatte, nahm sie, lief zu einem Gebüsch und zündete sie an. Das gelbe Feuer schoß zu den Wolken empor, indem es einen Bogen beschrieb und mit goldenem Feuerregen über den ganzen Himmel niederflutete. Beinahe sofort hörte man einen gewaltigen Knall auf dem gegenüberliegenden Berge, und ein ganzes Bündel Raketen schoß in die Höhe. Jemand rief im Saal, wo eben Saint-Landris Musik ertönte: – Das Feuerwerk geht los! Die Zuschauer, die der Thür am nächsten saßen, standen schnell auf, um sich zu vergewissern, und schlichen leise hinaus, die anderen drehten sich um nach den Fenstern, aber sie sahen nichts, denn diese gingen nach der Limagne hinaus. Man fragte: – Ist es wahr? Ist es wahr? Eine große Bewegung ging durch die Menge, die so begierig war auf die einfache Freude. Eine Stimme rief: – Es ist wahr, man schießt! Da sprang binnen einer Sekunde das ganze Publikum auf, man stürzte zu den Thüren, man stieß sich, brüllte die an, die die Eingänge versperrten und rief: – Schnell! Schnell! Und bald befand sich alles im Park, nur Maëstro Saint-Landri schlug verzweifelt den Takt weiter vor seinem zerstreuten Orchester. Und da draußen folgten einander unter lautem Knall Sonnen, Raketen mit Leuchtfeuern. Plötzlich rief eine gewaltige Stimme wütend hinüber: – Halt! Donnerwetter nochmal Halt! Und als gerade ein riesiges bengalisches Feuer auf dem Berge erstrahlte, das rechts rot, links blau die gewaltigen Felsen und die Bäume beleuchtete, gewahrte man in einer der imitierten Marmorvasen, die auf der Terrasse standen, Petrus Martel, verzweifelt, barhaupt, die Arme in der Luft gestikulierend und brüllend. Da erlosch der helle Schein, man sah nichts mehr, als die echten Sterne des Himmels. Aber sogleich ging etwas neues los, und Petrus Martel sprang zu Boden und schrie: – So eine Schweinerei! So eine Schweinerei! Mit einer tragischen Geberde stieß er die Worte in die Luft hinaus und rief immer: – So eine Schweinerei, so eine gottverdammte Schweinerei! Christiane hatte Pauls Arm genommen, um sich draußen in der freien Luft niederzusetzen, und sie sah glückselig den Raketen zu, die gen Himmel stiegen. Ihr Bruder holte sie plötzlich ein und sagte: – Nun, ist's geglückt? Ist das nicht gottvoll! – Was, Du? – Nun ja ich, das ist doch ein famoser Witz! Sie begann zu lachen, sie fand es in der That komisch. Aber Andermatt kam ganz verzweifelt an, er begriff nicht, wie das Unglück möglich gewesen. Man hatte die Rakete aus dem Büffet gestohlen, um das ausgemachte Signal zu geben. Eine solche Infamie konnte nur jemand vom alten Bade begangen haben, ein Agent des Doktor Bonnefille. Und er rief: – Das ist einfach zum verzweifeln! Zum verzweifeln. Das Feuerwerk kostet zweitausenddreihundert Francs und ist einfach hin! Einfach hin! Gontran meinte: – Nein, mein Lieber, gut gerechnet beträgt der Verlust höchstens ein Viertel, vielleicht ein Drittel, also siebenhundertfünfundsechzig Francs. Deine Gäste haben also für eintausendfünfhundertzweiunddreißig Francs Raketen genossen, das ist doch ganz hübsch! Der Zorn des Bankiers wandte sich nun gegen den Schwager, er nahm ihn wütend beim Arm: – Ich habe ernstlich mit Dir zu reden. Da ich nun einmal jetzt da bin, komm mal mit, wir wollen in den Park gehen, fünf Minuten nur. Ich übergebe Dich unserem Freunde, meine Liebe, aber bleibe nicht zu lange draußen, sonst könntest Du Dich erkälten, nimm Dich in Acht. Sie flüsterte: – Ach, fürchte nichts, mein Freund! Und Andermatt zog Gontran davon. Sobald sie allein waren, ein wenig abseits von der großen Menge, blieb der Bankier stehen: – Mein Freund, ich muß einmal über Deine finanziellen Verhältnisse mit Dir reden. – Meine finanziellen Verhältnisse? – Ja, kennst Du übrigens deine finanziellen Verhältnisse? – Nein, aber Du wirst sie ja für mich kennen, da Du mir immer pumpst! – Nun gut, ich kenne sie, und deswegen will ich mit Dir sprechen. – Na, ich finde, daß der Moment nicht eben gut gewählt ist mitten im Feuerwerk. – Der Moment ist im Gegenteil sehr gut gewählt. Ich spreche mit Dir nicht während eines Feuerwerks, sondern vor einem Ball. – Vor einem Ball? Ich verstehe nicht. – Nun Du wirst gleich verstehen. Deine Lage ist folgende: Du hast nur Schulden und wirst nie etwas anderes wie Schulden besitzen. Gontran antwortete ernst: – Du sagst mir das ein wenig grob! – Ja, weil es sein muß. Also höre zu. Du hast den Teil deines Vermögens, der von deiner Mutter stammt, verjubelt. Nun davon wollen wir nicht weiter reden. – Nein, davon wollen wir nicht reden. – Dein Vater aber besitzt dreißigtausend Francs Rente, also ein Kapital von achtmalhunderttausend Francs; dein Teil würde also später viermalhunderttausend Francs betragen, mir aber bist Du einhundertachtzigtausend Francs schuldig. Dann schuldest Du noch außerdem Wucherern .... Gontran sagte von oben herab: – Sage nur ruhig, den Juden! – Gut, den Juden, obgleich sich darunter einer befindet, der einen Priester als Zwischenträger benutzt zwischen sich und Dir. Aber ich will mich bei solchen Kleinigkeiten nicht aufhalten. Du schuldest also verschiedenen Leuten etwa ebenso viel, sagen wir mal einhundertfünfzigtausend Francs, das macht zusammen dreihundertdreißigtausend Francs, deren Zinsen Du zahlen mußt, indem Du immer weiter pumpst, bis auf die meinen, die Du überhaupt nicht begleichst. – Das stimmt! – sagte Gontran. – Nun also, dann bleibt Dir gar nichts mehr. – In der That, nichts als mein Schwager. – Dein Schwager, der jetzt von der Pumperei genug hat. – Nun? – Ja nun, mein Lieber? Der geringste Bauer in einer jener Hütten hat mehr wie Du. – Sehr schön! Und was weiter? – Was weiter? Wenn Dein Vater morgen etwa sterben sollte, würde Dir weiter nichts übrig bleiben, als trocken Brot zu essen, verstehst Du, oder aber eine Kommis- Stelle bei mir anzunehmen. Das wäre also die einzige Möglichkeit, die Pension, die ich Dir zukommen lassen würde, zu verdienen. Gontran sagte ernst: – Mein Lieber, bitte diese Geschichten fangen an mich zu langweilen, ich weiß das ebensogut wie Du, und ich sage Dir nochmals, daß der Augenblick schlecht gewählt ist, mich daran zu erinnern mit – mit – mit so wenig Diplomatie. – Bitte sehr, laß mich ausreden. Du kannst Dich aus dieser Situation nur retten durch eine Heirat. Nun bist Du aber, trotz deines Namens, der gut klingt, ohne gerade ganz großartig zu sein, eine ziemlich traurige Partie, denn Dein Name ist nicht einer von denen, die eine reiche Erbin, nicht mal eine Jüdin, mit einem Vermögen bezahlt. Du mußt also eine annehmbare und reiche Frau finden, und das ist nicht allzu leicht. – Nenne sie mir doch einfach! – Nun, eine der Töchter des alten Oriol. Du kannst ja wählen, und deshalb möchte ich mit Dir vor dem Ball sprechen. – Setz mir das bitte noch einmal genauer auseinander. – Sehr einfach. Du siehst, welchen Erfolg ich mit diesem Bade gehabt habe. Nun, wenn ich, oder vielmehr wir, den ganzen Grundbesitz, den der gerissene Bauer noch hat, zur Verfügung hätten, könnte ich geradezu Gold daraus machen. Wenn ich allein an die Weinberge denke, die vom Etablissement bis zum Hotel und vom Hotel zum Kasino gehen, ich würde morgen, ich Andermatt, eine Million dafür zahlen. Nun werden diese Weinberge, die um den Berg herumliegen, einmal die Mitgift der kleinen Mädchen bilden. Der Vater hat mir dies vorhin noch, vielleicht nicht ohne Absicht, gesagt. Nun, wenn es Dir recht ist, könnten wir da nicht ein schönes Geschäft machen, wir beide? Gontran murmelte, indem er nachzudenken schien: – Das ist möglich, ich werde mir's überlegen! – Überlege es Dir, mein Lieber, und vergiß nicht, daß ich nur von ganz sicheren Sachen spreche, nachdem ich viel darüber nachgedacht habe und daß ich alle möglichen Folgen und alle bestimmten Vorteile kenne. Aber Gontran hob einen Arm und rief, als ob er plötzlich alles vergessen hätte, was sein Schwager gesagt: – Sieh mal, sieh mal, ist das schön! Eine große Feuerwerkgruppe entzündete sich eben in Form eines gewaltigen Palastes, über dem mit Flammen der Name: »Mont Oriol« thronte. Der Mond, der auch einen rötlichen Schein trug, stand der Ebene gerade gegenüber, und es schien, als wäre er nur eben aufgestiegen, um sich dieses Schauspiel mit anzusehen. Als dann der Palast, nachdem er ein Paar Minuten lang geleuchtet hatte, mit einer furchtbaren Explosion erloschen, indem er in den dunklen Himmel Raketen hinaufschickte, die oben platzten, blieb der Mond ganz allein, ruhig und rund am Horizont. Das Publikum applaudierte lebhaft und rief: – Bravo! Bravo! Andermatt sagte plötzlich: – Nun wollen wir den Ball eröffnen, mein Lieber. Willst Du mein vis-à-vis sein zur ersten Quadrille? – Gewiß, mein lieber Schwager! – Wen willst Du auffordern? Ich habe die Herzogin von Ramas. Gontran antwortete gleichgültig: – Und ich Charlotte Oriol! Sie kehrten zurück. Als sie an dem Platz vorüberkamen, wo Christiane mit Paul gesessen, sahen sie sie nicht mehr. Will tröstete sich: – Sie hat auf meinen Rat gehört und ist zu Bett gegangen, sie war sehr müde heute. Und er ging zum Ballsaal, den die Kellner schon während des Feuerwerks in Ordnung gebracht hatten. Aber Christiane war nicht in ihr Zimmer zurückgekehrt, wie ihr Mann dachte. Sobald sie sich mit Paul allein gewußt, hatte sie ihm leise gesagt, indem sie ihm die Hand drückte: – Nun, da bist Du also, ich warte seit vier Wochen auf Dich. Alle Morgen frage ich mich: werde ich ihn heute sehn? und alle Abende sage ich: also morgen! Warum hast Du so lange gewartet, mein Geliebter? Er antwortete etwas verlegen: – Ich hatte zu thun, Geschäfte. Sie beugte sich zu ihm und flüsterte: – Das war nicht schön, mich so lange allein zu lassen mit all denen und vor allem in meinem Zustand. Er rückte seinen Stuhl ein wenig vor: – Paß auf, man könnte uns sehen, diese Raketen erhellen die ganze Gegend. Sie dachte nicht daran, sie antwortete: – Ich habe Dich so lieb, und ich bin so glücklich! Ich bin so glücklich, daß wir hier zusammen sind, und gerade hier! Denkst Du daran? Paul, wie schön! Und wie wir uns noch lieben? Dann sagte sie mit schwacher Stimme, nur wie ein Hauch: – Ich habe eine wahnsinnige Lust, Dich zu küssen, ich habe Dich so lange nicht gesehen. Und dann plötzlich mit der Hingebung und Leidenschaft einer verliebten Frau, der alles weichen muß, flüsterte sie: – Hör mal, ich will mit Dir dorthin gehen, wo wir uns voriges Jahr Lebewohl gesagt haben, erinnerst Du Dich, auf der Straße nach la Roche-Pradière? Er antwortete erschrocken: – Aber das ist ja ganz verrückt, Du kannst ja nicht mehr gehen, Du hast schon den ganzen Tag gestanden. Das ist verrückt, das erlaube ich nicht. Sie hatte sich erhoben und wiederholte: – Ich will es, und wenn Du nicht mitgehst, gehe ich allein. Und sie deutete auf den Mond, der im Aufgehen war: – Es war ganz ein solcher Abend, erinnerst Du Dich, wie Du mich küßtest im Dunkeln. Er hielt sie zurück: – Christiane, hör doch, das ist ja lächerlich! Aber sie wandte sich um und eilte dem Abhang zu, der zu den Weinbergen führte. Er kannte diesen Willen, der durch nichts zu erschüttern war, den grenzenlosen Eigensinn dieser blauen Augen, dieser kleinen, blonden Stirn, die nichts hemmte, und er nahm ihren Arm, um sie unterwegs zu stützen. – Wenn man uns sieht, Christiane! – Das hast Du voriges Jahr nicht gesagt, und dann sind ja alle beim Fest. Wir werden wieder zurück sein, ohne daß man unsere Abwesenheit bemerkt hat. Sie mußten den engen Fußweg hinaufgehen, sie war außer Atem, sie stützte sich mit aller Kraft auf ihn, bei jedem Schritt sagte sie: – Ach, ist das schön, ist das schön, so zu leiden! Er blieb stehen, er wollte sie zurückführen, aber sie hörte nicht auf ihn: – Nein, nein, ich bin glücklich, verstehst Du das nicht. Höre doch, ich fühle es, wie es sich bewegt, unser Kind, Dein Kind, welches Glück! Gieb mir die Hand. Fühlst Du es? Sie begriff nicht, daß er von der Rasse der Liebhaber, aber nicht von der Rasse der Väter war. Seit er wußte, daß sie in anderen Umständen war, entfernte er sich von ihr. Er hatte früher immer gesagt, daß eine Frau, die geboren habe, der Liebe nicht mehr würdig sei. Was ihn bei der Liebe so mit sich riß, war das Emporfliegen zweier Herzen zu einem unerreichbaren Ideal, diese Umschlingung zweier immateriellen Seelen. Das Poetische und Unfaßbare, das die Dichter in den Liebeskult gelegt haben. Sein Frauenideal war Venus, deren heiliger Leib immer die reine Form der Unfruchtbarkeit bewahrt. Der Gedanke an ein kleines Wesen, das ihm das Leben verdankte, an eine menschliche Larve, die in diesem Leib sich bewegte, der durch ihn befleckt und so entstellt worden, flößte ihm eine fast unüberwindliche Abneigung ein. Die Mutterschaft machte ein Tier aus dieser Frau. Das war nicht mehr das geträumte, angebetete Ausnahme- Wesen, sondern das Tier, das seine Rasse fortpflanzt. Und zu dem abstoßenden Gedanken kam ein körperlicher Widerwille. Nie hätte sie das gefühlt und erraten, sie, die jede Bewegung des ersehnten Kindes doppelt an den Geliebten kettete, an diesen Mann, den sie anbetete, den sie jeden Tag mehr geliebt seit der Stunde ihrer ersten Umarmung. Er war bis in die tiefsten Tiefen ihres Herzens eingedrungen, er war eingedrungen in die Tiefe ihres Körpers, in die er sein eigenes Leben gesät, das dann klein wieder ans Licht kam. Ja, sie trug ihn da, unter ihren gefalteten Händen, ihn selbst, diesen guten, lieben, zärtlichen, einzigen Freund, der da in ihr durch das Mysterium der Natur wiedergeboren wurde. Und sie liebte ihn doppelt so, da sie ihn zweimal besaß, den Großen und den Kleinen, den sie noch nicht kannte, den sie aber in sich fühlte, und den sie sprechen hörte und den sie küßte, dessen Bewegungen sie unter ihrer Haut spürte. Sie waren auf die Straße gekommen: – Da unten hast Du mich an jenem Abend erwartet. Und sie bot ihm die Lippen. Er küßte sie mit kaltem Kuß, ohne ihr entgegenzukommen. Sie flüsterte zum zweiten Mal: – Weißt Du noch, wie Du mich küßtest, als wir am Boden saßen, nicht wahr, so? Und in der Hoffnung, er würde wieder beginnen, begann sie sich von ihm zu entfernen, dann blieb sie außer Atem stehen und wartete mitten auf der Straße. Und der Mond, der ihren Schatten lang auf die Straße warf, zeichnete die Wölbung ihres unförmlichen Leibes ab, und Paul, der zu seinen Füßen den Schatten der schwangeren Frau sah, blieb unbeweglich vor ihr stehen, aus seinen Träumen gerissen, verzweifelt, daß sie das nicht fühlte, daß sie seine Gedanken nicht erriet, nicht genug Takt und feine Weiblichkeit besaß, um all die Einzelheiten zu begreifen, die die Umstände so verschieden machten. Und er sagte zu ihr, Ungeduld in der Stimme: – Höre mal Christiane, diese Kindereien sind ja lächerlich! Sie kam auf ihn zu, bewegt, mit ausgestreckten Armen und warf sich an seine Brust: – O Du liebst mich nicht mehr so, ich fühle es, ich weiß es! Er hatte Mitleid, nahm ihren Kopf und drückte auf ihre Augen einen langen Kuß. Dann gingen sie schweigend zurück, und er wußte nichts ihr zu sagen. Und wie sie sich an ihn lehnte, erschöpft, voll Müdigkeit, ging er schneller, um nicht an seiner Hüfte die Berührung dieses unförmigen Leibes zu fühlen. Als sie sich dem Hotel näherten, trennten sie sich, und sie ging in ihr Zimmer. Das Orchester des Kasinos spielte Tänze, und Paul ging auf den Ball. Es wurde gerade ein Walzer gespielt, alles tanzte: Doktor Latonne mit der jungen Frau Paille, Andermatt mit Louise Oriol, der hübsche Doktor Mazelli mit der Herzogin von Ramas und Gontran mit Charlotte Oriol. Er sprach ihr ins Ohr, zärtlich, mit Feuer, er begann ihr die Cour zu schneiden, und sie lächelte dazu und schien sich zu freuen. Paul hörte hinter sich: – Na, na, der junge Ravenel macht meiner Patientin den Hof! Es war Doktor Honorat, der an der Thür stand und dem es Spaß machte, zuzusehen. Er fuhr fort: – Ja, ja, das geht schon so eine halbe Stunde, es haben schon alle bemerkt. Übrigens scheints der Kleinen ganz recht zu sein. Und er fügte nach einem Augenblick Stillschweigen hinzu: – Das Mädel ist eine wahre Perle. Gut, heiter, einfach, hingebend, offen, wirklich ein braves Mädchen! Da kommen zehn so wie die älteste der beiden Oriol nicht dagegen auf. Ich kenne sie ja von Kindheit an, die beiden Kleinen. Und doch zieht der Vater die ältere vor, weil sie mehr ist wie er, bäuerischer, nicht so offen, sparsam, gerissener und eigensinniger, aber sie ist ein ganz gutes Mädchen trotzdem, und ich will nichts Schlechtes von ihr sagen, nur wenn ich sie vergleiche, dann urteile ich eben so. Der Walzer ging zu Ende, Gontran kam zu seinem Freund, und als er den Doktor sah, sagte er: – Na nu, das Corps der Ärzte von Enval scheint merkwürdig angeschwollen. Wir haben einen Doktor Mazelli, der wundervoll tanzt und einen alten kleinen Doktor Black, aber der scheint es mehr mit dem Himmel zu halten. Doch Doktor Honorat war diskret, er sprach nie über seine Kollegen. II Nun ward aber die Ärztefrage in Enval brennend. Sie hatten sich mit einemmal des ganzen Landes bemächtigt, der ganzen Aufmerksamkeit, aller Interessen der Bewohner. Früher liefen die Quellen unter der Regierung des einzigen Doktor Bonnefille, nur begleitet von den versteckten Angriffen des beweglichen Doktor Latonne und des ruhigen Doktor Honorat. Das war jetzt aber anders. Sobald einmal der Erfolg, der den ganzen Winter über von Andermatt vorbereitet worden, entsprechend eingetreten war, dank der mächtigen Hilfe der Professoren Cloche, Mas-Roussel und Rémusot, die jeder ein Contingent von etwa zwei- bis dreihundert Patienten mindestens dem Bade zugeführt hatten, war Doktor Latonne, der neue Generalarzt des Bades, eine wichtige Persönlichkeit geworden, vor allem von Professor Mas-Roussel begünstigt, dessen Schüler er einst gewesen und dessen Haltung und Bewegungen er nachahmte. Von Doktor Bonnefille war kaum noch die Rede. Der alte Arzt war wütend, verzweifelt, empört gegen Mont Oriol. Den ganzen Tag über saß er im alten Bade, mit ein paar alten Kranken, die ihm treu geblieben waren. In der That gab es einzelne Patienten, die wirklich glaubten, er allein kenne alle Eigenschaften der Brunnen, er hätte sozusagen den Schlüssel dazu, da er seit Beginn der Bäder hier die Sache leitete. Doktor Honorat hatte nur die Auvergnaten als Patienten behalten. Er begnügte sich mit diesem mäßigen Gewinn, stellte sich mit aller Welt dabei gut und tröstete sich, indem er ein gutes Diner und einen guten Weißwein dem anstrengenden Berufe vorzog. Aber soweit ging er nicht etwa, seine Kollegen ins Herz zu schließen. Doktor Latonne würde also der Groß-Augur von Mont Oriol geblieben sein, wenn nicht eines Morgens ein ganz kleiner Mann erschienen wäre, der beinahe einem Zwerge glich, dessen dicker Kopf zwischen den Schultern stand, der große runde Augen hatte und gewaltige Hände und ganz sonderbar aussah. Dieser neue Arzt, den Professor Rémusot hergezogen, hatte sich sofort bemerkbar gemacht durch seine außerordentliche Frömmigkeit. Beinahe jeden Morgen zwischen zwei Besuchen trat er ein Paar Augenblicke in die Kirche und nahm fast jeden Sonntag das Abendmahl. Der Pfarrer führte ihm bald ein paar Kranke zu, alte Jungfern, arme Mädchen, die er umsonst behandelte, fromme Damen, die zuerst bei der Kirche anfragten, ehe sie einen Mann der Wissenschaft besuchten, um vor allen Dingen seine religiösen Empfindungen, seine Diskretion und seine Delikatesse bei der Behandlung kennen zu lernen. Da ward eines Tages die Ankunft der Prinzessin von Maldenburg, einer alten, deutschen Hoheit, einer gläubigen Katholikin, angekündigt, die am Abend, nachdem sie eingetroffen, sofort Doktor Black kommen ließ, auf Empfehlung eines römischen Kardinals. Von diesem Augenblick an war er Mode, es galt als Geschmack, guter Ton, großer Chick, sich von ihm behandeln zu lassen. Man sagte, er wäre der einzige vornehme Arzt, der Einzige, zu dem eine Frau Zutrauen haben könnte. Und nun sah man diesen kleinen Mann mit dem Bulldoggenkopf, der immer leise in allen Ecken mit aller Welt sprach, von früh bis abends von einem Hotel zum andern laufen. Er schien immer einige Geheimnisse zu haben, die er anvertraute oder die er entgegennahm, denn man traf ihn auf den Korridoren immer in geheimnisvollen Gesprächen mit den Hotelbesitzern, mit den Jungfern seiner Patientinnen, mit irgend welchen Leuten, die mit den Kranken zu thun hatten. Sobald er auf der Straße jemandem begegnete, den er kannte, ging er mit seinem kurzen, schnellen Schritt gerade auf ihn zu und flüsterte ihm sofort eine peinlich genaue Verordnung zu, wie ein Priester, der die Beichte entgegennimmt. Vor allen Dingen liebten ihn die alten Damen. Er hörte ihre Geschichten an von Anfang bis zu Ende, ohne sie zu unterbrechen, trug allen ihren Beobachtungen Rechnung, beantwortete alle ihre Fragen und befriedigte alle ihre Wünsche. Er erhöhte oder erniedrigte täglich die Anzahl der Becher, die die Kranken trinken sollten, sodaß bei der großen Aufmerksamkeit, die er ihnen widmete, die Kranken großes Zutrauen zu ihm gewannen. Er pflegte zu sagen: – Gestern haben wir zwei dreiviertel Becher getrunken, heute wollen wir mal nur zwei einhalb nehmen, morgen drei, vergessen Sie das nicht, morgen drei, ich halte das für sehr wichtig, sehr wichtig! Und alle Kranken waren überzeugt, daß ihm in der That außerordentlich viel daran lag. Um diese Zahlen und die Bruchteile nicht zu vergessen, schrieb er sie in das Notizbuch, um sich nie zu irren, denn der Patient verzeiht niemals, wenn der Arzt sich auch nur um einen halben Becher irrt. Mit derselben Genauigkeit regulierte nnd veränderte er die Dauer der täglichen Bäder, nach Grundsätzen, die er allein kannte. Doktor Latonne war eifersüchtig und verzweifelt darüber, er zuckte verächtlich die Achseln und sagte: – Ein Macher! Sein Haß gegen Doktor Black hatte ihn sogar manchmal dahingeführt, die Mineralwässer schlecht zu machen: – Da wir kaum wissen, wie der Organismus auf sie reagiert, ist es gänzlich unmöglich, täglich Dosen abzumessen, die kein therapeutisches Gesetz je so abmessen kann. Gerade solche Bestimmungen thun der Medizin den allergrößten Schaden! Doktor Honorat begnügte sich mit einem Lächeln. Nach der ersten Konsultation schon wußte er nicht mehr, wieviel Becher er verordnet hatte. – Zwei mehr oder weniger, – meinte er zu Gontran, wenn er guter Laune war, – das merkt ja bloß der Brunnen, und dem ist's ganz wurscht. Der einzige böse Witz, den er über seinen frommen Kollegen machte, war der, ihm den Spitznamen zu geben: »Doktor vom heiligen Badestuhl!« Manchmal fügte er noch hinzu: – O, der kennt von Grund auf die Kranken, und das ist in unserem Beruf wichtiger, als Krankheiten zu kennen. Aber da erschien eines Morgens im Hotel Mont Oriol eine vornehme spanische Familie, der Herzog und die Herzogin von Ramas-Aldavarra, die ihren Hausarzt mitgebracht hatten, einen Italiener, Doktor Mazelli aus Mailand. Es war ein großer, hagerer, gut aussehender Mann von dreißig Jahren, der nur einen Schnurrbart trug. Vom ersten Abend an eroberte er sich die Table d'hôte , denn der Herzog, ein trauriger Mann, der an unglaublicher Hartleibigkeit litt, haßte die Einsamkeit und wollte im allgemeinen Saal essen. Doktor Mazelli kannte beinahe schon alle Gäste bei Namen, für jedermann fand er ein paar liebenswürdige Worte, jede Dame begrüßte er artig, sogar für die Dienerschaft hatte er Lächeln. Er saß rechts von der Herzogin, einer schönen Frau, fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, mit dunklem Teint, schwarzen Augen, prachtvollem schwarzem Haar, und bei jedem Gericht sagte er zu ihr: – Sehr wenig! Oder: – Nein, das nicht! Oder: – Ja, nehmen Sie das ruhig! Er schenkte ihr selbst die Getränke ein, sehr sorgfältig, indem er Wein und Wasser, die er mischte, genau abschätzte. Er regelte auch die Speisen des Herzogs, aber mit sichtbarer Gleichgiltigkeit. Übrigens kümmerte sich auch sein Patient gar nicht um seine Anordnungen. Mit tierischer Gefräßigkeit würgte er alles herunter, trank bei jeder Mahlzeit zwei Flaschen ungemischten Wein und legte sich dann draußen auf einen Stuhl vor der Thür des Hotels, stöhnte vor Schmerzen und klagte über seine mangelhafte Verdauung. Nach dem ersten Diner suchte Mazelli, der die ganze Gesellschaft mit einem Blick abgeschätzt und abgewogen hatte, auf der Terrasse des Kasinos Gontran auf, der dort eine Cigarre rauchte, stellte sich vor und begann mit ihm zu sprechen. Eine Stunde darauf waren sie schon ganz intim. Am nächsten Tage nach der Badezeit ließ er sich Christiane vorstellen, deren Sympathie er nach einer Unterredung von zehn Minuten gewonnen hatte, und am selben Tage führte er sie mit der Herzogin zusammen, die die Einsamkeit auch nicht liebte. In dem Haus der Spanier überwachte er alles. Dem Küchenchef gab er ausgezeichnete Ratschläge für die Küche, der Jungfer für die Kopfpflege ihrer Herrin, um deren Haar den Glanz zu bewahren, die wundervolle Farbe und die Fülle, dem Kutscher für die Gesundheitspflege der Pferde, kurz er wußte sich die Zeit zu vertreiben, erfand immer allerlei Zerstreuungen und verstand in den Hotels immer sehr geschickt flüchtige Bekanntschaften auszuwählen. Die Herzogin sagte zu Christiane von ihm: – Liebe Frau Andermatt, er ist ein prachtvoller Mann. Der Mann weiß alles und macht alles. Ihm allein verdanke ich meine Taille. – Wieso Ihre Taille? – Ja, ich war im Begriff dick zu werden, und durch seine Behandlung hat er mich gerettet. Er wußte übrigens selbst die Medizin angenehm zu machen, denn liebenswürdig sprach er davon, heiter, mit etwas Skepticismus, sodaß er die Zuhörer von seiner Überlegenheit überzeugte. – Die Geschichte ist einfach, sehr einfach, pflegte er zu sagen. Ich glaube an gar keine Medizin. Die alte Schule ging davon aus, daß es für jedes Leiden ein Mittel giebt, man meinte, daß Gott in seiner Weisheit Heilmittel geschaffen hätte für alle Leiden, und es vielleicht nur aus Bosheit den Menschen überlassen, sie zu finden. Nun haben die Menschen eine unglaubliche Menge entdeckt, ohne jedoch ganz genau zu wissen, welchen Leiden ein jedes entspricht. In Wahrheit giebt es gar keine Mittel, es giebt nur Krankheiten. Wenn eine Krankheit sich zeigt, muß man sie zu hemmen suchen, sagen die einen, sie beschleunigen, sagen die andern, durch irgend ein Mittel. So sieht man die verschiedensten Methoden angewendet und die verschiedensten Mittel. Der eine wählt Eis, der andere Riesenhitze, der eine befiehlt, Diät zu halten, der andere, alles zu essen. Ich spreche nicht von den unzähligen giftigen Produkten, die uns die Mineralien und Pflanzen geben. Alles wirkt, das ist ganz richtig, aber niemand weiß wie, manchmal glückts, aber manchmal tötet es. Und mit großer Entschiedenheit erklärte er die Unmöglichkeit etwas Bestimmtes zu wissen, das vollkommene Fehlen jeder wissenschaftlichen Basis, wenn nicht die organische Chemie, die biologische Chemie der Ausgangspunkt einer neuen Medizin würde. Er erzählte Anekdoten von unglaublichen Irrtümern der größten Ärzte und bewies die Unmöglichkeit und Falschheit ihrer vermeintlichen Wissenschaft. Er pflegte zu sagen: – Bringt den Körper in Thätigkeit,laßt die Haut funktionieren, die Muskeln, alle Organe, vor allem aber den Magen arbeiten, der überhaupt der Dampfkessel für die ganze Maschine ist, ihr Regulator und ihr Kraftmagazin. Er behauptete, daß er ganz nach seinem Belieben, nur durch die Behandlungsweise Leute heiter und fröhlich machen könnte, fähig zu körperlichen oder geistigen Anstrengungen, je nach der Natur der Ernährung, die er ihnen vorschriebe. Und er schloß scherzend: – Meine Kur besteht in Massage und Curaçao. Er behauptete Wunderwirkung von der Massage und sprach vom Holländer Hamstrang wie von einem wunderthätigen Gott. Dann zeigte er seine weißen Hände: – Damit kann man Tote erwecken! Und die Herzogin fügte hinzu: – Thatsache ist jedenfalls, daß er wundervoll massiert! Er bevorzugte auch den Alkohol in kleinen Dosen, um den Magen zu gewissen Augenblicken anzuregen. Er machte fein ausgeklügelte Mischungen, die die Herzogin zu bestimmten Stunden trinken mußte bald vor, bald nach der Mahlzeit. Gegen einhalb zehn Uhr kam er täglich in das Kasino-Café und ließ sich seine Flaschen geben. Man überreichte sie ihm mit kleinen silbernen Schlössern verschlossen, zu denen er den Schlüssel besaß. Er goß von dem einen ein wenig ein, dann von dem andern ganz langsam in ein blaues, hübsches Glas, das ein sehr korrekter Diener hielt. Dann befahl der Doktor: – So, bringen Sie das der Herzogin ins Bad, sie soll es trinken, ehe sie ins Wasser geht. Und wenn ihn ein Neugieriger fragte: – Was ist denn dadrin? Antwortete er: – Nur beste Anisette, reiner Curaçao und ausgezeichneter Kümmel. Dieser schöne Arzt ward in ein paar Tagen der Liebling aller Kranken, und allerlei Listen wurden angewandt, ihm irgend einen Ratschlag zu entreißen. Wenn er durch die Alleen des Parkes ging zur Promenadenzeit hörte man nur immer »Herr Doktor!« rufen, von allen Stühlen, wo die schönen Damen saßen, die jungen Damen, die sich ein wenig erholten zwischen zwei Bechern des Christianenbrunnens. Wenn er dann stehen blieb, ein Lächeln auf den Lippen, zog man ihn ein paar Augenblicke auf einen kleinen Weg längs des Flußes davon. Man sprach zuerst von diesem und jenem, und ganz diskret, kokett wandte man das Gespräch auf die Gesundheit, scheinbar ganz gleichgiltig, als ob man irgend welche Nebensache besprochen hätte. Denn dieser Arzt stand ja nicht zur Verfügung des Publikums. Man bezahlte ihn nicht, man konnte ihn nicht zu sich rufen, er gehörte der Herzogin, nur der Herzogin. Diese Situation verstärkte noch die Bemühungen, erregte die Wünsche. Und da man sich leise erzählte, daß die Herzogin eifersüchtig, sehr eifersüchtig wäre, brach unter allen Damen ein Wett-Kampf aus, um einen Ratschlag von dem hübschen, italienischen Arzte zu erlangen. Er gab ihn, ohne sich sehr bitten zu lassen. Und nun begann zwischen den Damen, die seine Ratschläge empfangen, das Spiel der intimen Confidenzen, um sich mit seiner Fürsorge zu brüsten. – O, meine Liebe, er hat mir Fragen gestellt, Fragen gestellt ... – Sehr indiskret? – O indiskret, einfach fürchterlich! Ich wußte wirklich nicht, was ich antworten sollte. Er wollte Dinge wissen ... Dinge ... – Genau so wie bei mir. Er hat mich nach meinem Mann gefragt .... – Mich auch und mit Einzelheiten so peinlich, so so .. persönlich! Sehr gênant. Aber ich sehe ja ein, daß das notwendig ist. – Ja, ganz notwendig, die Gesundheit hängt ja von solchen Kleinigkeiten ab. Er hat mir versprochen, mich diesen Winter in Paris zu massieren. Ich habe es wirklich sehr nötig als Ergänzung der Brunnenkur. – Sagen Sie mal, meine Liebe, wie wollen Sie das eigentlich machen. Man kann ihn doch nicht zahlen? – Mein Gott, ich dachte daran, ihm eine Kravattennadel zu schenken. Ich glaube, er hat sie gern, denn er besitzt schon zwei oder drei sehr schöne. – Mein Gott, wie peinlich, ich hatte genau denselben Gedanken, da werde ich ihm einen Ring schenken. Und man überlegte sich Überraschungen, ihm zu gefallen, Geschenke, ihn zu rühren, Artigkeiten, ihn zu gewinnen. Er war der Held des Tages geworden, der Hauptstoff der Unterhaltung, der ausschließliche Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit, als die Nachricht sich verbreitete, Graf Gontran von Ravenel mache Charlotte Oriol den Hof, um sie zu heiraten. Und nun hörte der Klatsch in Enval gar nicht mehr auf. Seitdem er mit ihr den Kasinoball eröffnet, wich Gontran nicht mehr von der Seite des jungen Mädchens. In der Öffentlichkeit hatte er für sie alle Aufmerksamkeiten eines Mannes, der gefallen will, ohne versteckte Absichten, und ihre Beziehungen nahmen zugleich den Charakter einer gespielten und natürlichen Galanterie an, die allmählich zur Neigung führen mußte. Sie sahen sich beinahe täglich, denn das junge Mädchen hatte für Christiane eine außerordentliche Liebe, bei der gewiß geschmeichelte Eitelkeit mitspielte. Gontran wich plötzlich nicht mehr von der Seite seiner Schwester. Er begann Ausflüge zu arrangieren für den Vormittag und Gesellschaftsspiele für den Abend, worüber Christiane und Paul sehr erstaunt waren. Da bemerkte man, daß er sich um Charlotte bemühte; er neckte sie unter Scherzen, machte ihr Komplimente, ohne daß es so aussah, hatte tausend kleine Aufmerksamkeiten für sie, die zwischen zwei Wesen Liebesbande knüpfen. Das junge Mädchen hatte sich schon an die familiäre Art dieses jungen Parisers gewöhnt. Zuerst merkte sie nichts und ließ sich infolge ihrer zutraulichen geraden Natur völlig gehen, lachte und spielte mit ihm, wie mit einem Bruder. Da kam sie mit ihrer älteren Schwester nach einer Soirée im Hotel heim, bei der Gontran mehreremal versucht, sie beim Pfänderspiel zu küssen. Louise, die seit einiger Zeit nervös und nachdenklich schien, sagte kurz zu ihr: – Du solltest ein bißchen auf Dein Benehmen achten, Herr Gontran benimmt sich nicht richtig gegen Dich. – Nicht richtig, wieso? Was sagte er denn? – Ach, das weißt Du ganz genau, thu nur nicht so. Es wird nicht lange dauern, dann hat er Dich kompromittiert auf diese Art und Weise, und wenn Du auf Dich nicht aufpaßt, so muß ich es thun. Charlotte war verwirrt, schämte sich und stammelte: – Aber ich weiß wirklich nicht, ich versichere Dich, ich habe nichts gesehen. Die Schwester sagte ernst: – Hör mal, das darf nicht so weiter gehen. Wenn er Dich heiraten will, so mag Papa sich die Sache überlegen und antworten, aber wenn es nur Scherz ist, muß es sofort aufhören. Da begann Charlotte plötzlich, ohne zu wissen warum, zu weinen. Sie war empört, daß ihre Schwester sie bemutterte und tadeln wollte, und sie erklärte ihr mit zitternder Stimme und Thränen in den Augen: sie hätte sich nicht um Dinge zu kümmern, die sie nichts angingen. Sie stammelte, erregt und gewarnt von dem unklaren und doch ganz bestimmten Gefühl, daß in Louisens Herzen die Eifersucht sich Luft machte. Sie gingen an dem Tage auseinander, ohne sich zu küssen, und Charlotte weinte in ihrem Bett, indem sie an Dinge dachte, die sie weder vorher gesehen noch erraten. Allmählich versiegten ihre Thränen, und sie dachte nach. Es war allerdings richtig, daß Gontrans Art und Weise sich verändert hatte. Sie hatte es gemerkt, ohne es zu begreifen, aber jetzt begriff sie es. Er sagte ihr bei jeder Gelegenheit zarte Schmeicheleien, er hatte ihr einmal die Hand geküßt. Was wollte er denn? Sie gefiel ihm. Aber wieweit? Wollte er sie etwa heiraten? Und da war es ihr plötzlich, als höre sie in der Luft irgendwo in der leeren träumerischen Nacht eine Stimme, die da rief: Gräfin Ravenel. Ihre Erregung wurde so stark, daß sie sich im Bett aufsetzte und mit ihren nackten Füßen ihre Pantoffel suchte unter dem Stuhl, auf den sie die Kleider geworfen hatte, und ans Fenster ging, es öffnete, ohne zu wissen, was sie that, um zu träumen. Sie hörte, daß man im Zimmer unter ihr sprach, und des Koloß Stimme klang laut: – Nu warte nur, warte nur, wir werden's schon sehn. Der Papa wird die Sache schon machen. Da ist nischt Böses dabei, der Papa wird die Sache schon machen. Sie sah an dem gegenüberliegenden Haus das weiße hellerleuchtete Viereck des Fensters unter ihr. Sie fragte sich: wer kann denn da sein, wovon sprechen sie denn? Ein Schatten zeichnete sich an der gegenüberliegenden Mauer ab, es war die Schwester, sie war also nicht zu Bett gegangen. Warum? Aber das Licht erlosch, und Charlotte dachte wieder an andere Dinge, die ihr Herz bewegten. Sie konnte nicht einschlafen. Liebte er sie schon? Nein, noch nicht. Aber er konnte sie lieben, da sie ihm gefiel. Und wenn er sie vielleicht sehr liebte, ganz wahnsinnig, wie man ja in der Gesellschaft liebt, so würde er sie ohne Zweifel heiraten. Aus einer Winzerfamilie stammend, hatte sie, obgleich im Fräuleinstift von Clermont erzogen, eine bäuerische Bescheidenheit und Unterwürfigkeit behalten. Sie dachte, vielleicht dereinst einen Notar, einen Advokaten oder einen Arzt zu heiraten, doch nie kam ihr der Gedanke, eine wirkliche Dame der großen Welt zu werden mit einem adligen Titel; kaum daß sie einmal ein paar Minuten, wenn sie einen Liebesroman gelesen, solch einen verführerischen Traum, der sofort wieder entschwunden, wie Luftschlösser entschwinden, geträumt. Und nun schien dieses Ungeahnte, dieses Unmögliche, plötzlich durch die Worte der Schwester geweckt, sich ihr wirklich zu nahen, wie ein Schiff unter Segel, das der Wind heranträgt. Ihre Lippen murmelten bei jedem Atemzug hauchend: – Ravenel! Und vor dem Dunkel ihrer geschlossenen Augen erschienen in finstrer Nacht helle Bilder. Sie sah schöne, erleuchtete Säle, schöne Damen, die ihr zulächelten, schöne Wagen, die vor dem Schloß warteten, stattliche Dienerschaft in Livree, die sich bei ihrem Vorbeifahren überall vor ihr verbeugte. Ihr ward warm im Bett, ihr Herz pochte. Sie erhob sich zum zweitenmal, um ein Glas Wasser zu trinken und blieb ein paar Augenblicke mit nackten Füßen auf dem kalten Boden des Zimmers stehen. Allmählich beruhigte sie sich ein wenig und schlief endlich ein. Aber bei Tagesgrauen erwachte sie schon, so hatte die Aufregung ihres Herzens ihren ganzen Körper ergriffen. Sie schämte sich ihres kleinen Zimmers mit den vom Dorfanstreicher getünchten Wänden, der armseligen Vorhänge und der beiden Strohstühle, die immer rechts und links an der Kommode standen. Sie fühlte sich als Bauermädchen mitten zwischen diesen Bauernmöbeln, die von ihrem Ursprung zeugten. Sie fühlte sich unwürdig dieses schönen, spöttischen jungen Mannes, dessen lachendes Gesicht vor ihren Augen immer wieder erschien, erlosch und wieder auftauchte und allmählich sich ihrer bemächtigte und sich festsetzte in ihrem Herzen. Da sprang sie aus dem Bett und lief, um den Spiegel zu holen; ihren kleinen Toilettenspiegel, so groß wie ein Teller. Sie legte sich wieder hin, den Spiegel in den Händen, sie blickte ihr Gesicht an zwischen den aufgelösten Haaren auf den weißen Kopfkissen. Ab und zu legte sie das kleine Stückchen Glas auf die Bettdecke und dachte, wie schwierig so eine Heirat sein würde, so groß war doch der Abstand zwischen ihnen. Und dann kam ein tiefes Leid über sie und preßte ihr die Kehle zusammen. Aber dann sah sie sich wieder an, lächelte sich an, und da sie sich hübsch fand, schwanden die Schwierigkeiten. Als sie zum Frühstück hinunterging, sah ihre Schwester böse aus und fragte: – Was willst Du heute machen: Charlotte antwortete ohne Zögern: – Fahren wir nicht mit Frau Andermatt nach Royat? Louise antwortete: – Du kannst allein fahren. Aber es wäre besser nach dem, was ich Dir gesagt habe – – – Die Kleine schnitt ihr das Wort ab: – Ich bitte nicht um Deinen Rat, kümmere Dich um Deine Sachen. Und sie sprachen nichts mehr. Der alte Oriol und Koloß kamen und setzten sich zu Tisch. Der Alte fragte fast sofort: – Mädels, was macht ihr heute? Charlotte wartete gar nicht, bis ihre Schwester antwortete, sie entgegnete: – Ich fahre nach Royat mit Frau Andermatt. Die beiden Männer sahen sich mit zufriedenen Mienen an, und der Vater schnalzte mit einem unternehmenden Lächeln, wie er es that, wenn er vorteilhafte Geschäfte gemacht: – Das machst Du gut! Das machst Du gut! Sie war mehr erstaunt über diese geheime Zustimmung, die sie aus dem ganzen Benehmen erriet, als über den sichtbaren Arger von Louise, und sie fragte sich ein wenig verstört: »Ob Sie wohl davon zusammen gesprochen haben?« Sobald die Mahlzeit zu Ende war, ging sie auf ihr Zimmer, setzte ihren Hut auf, nahm ihren Sonnenschirm, warf einen leichten Mantel über den Arm und ging zum Hotel, denn um einhalb zwei Uhr sollte fortgefahren werden. Christiane war erstaunt, daß Louise nicht kam. Charlotte fühlte sich erröten und antwortete: – Sie ist ein wenig müde, ich glaube, sie hat Kopfschmerzen. Nun stieg man in den großen Landauer zu sechs Plätzen den man immer nahm. Der Marquis und seine Tochter saßen im Fond, die kleine Oriol also zwischen den beiden jungen Leuten auf dem Rücksitz. Sie kamen durch Tournoël, dann folgten sie dem Fuße des Berges auf einer schönen in Serpentinen geführten Straße unter den Nuß- und Kastanienbäumen. Charlotte bemerkte ein paar Mal, daß Gontran sich an sie schmiegte, aber zu vorsichtig, als daß es etwa hätte als aufdringlich gelten dürfen. Da er rechts von ihr saß, sprach er ganz nahe an ihrer Wange, und sie wagte nicht sich umzuwenden, in der Befürchtung, der Hauch aus seinem Munde, den sie schon auf ihren Lippen zu spüren meinte, würde sie treffen, und in der Furcht vor seinem Blick, der sie verwirrt hätte. Er sagte ihr allerlei Artigkeiten, gleichgiltige Scherze, nette Komplimente. Christiane sprach kaum mehr, sie fühlte sich schwer und krank in ihrem Zustand. Paul schien traurig, geistesabwesend zu sein. Nur der Marquis unterhielt sich, sorglos und unbefangen, mit der gewissen Liebenswürdigkeit des alten egoistischen Edelmanns. Im Park von Royat stiegen sie aus, um die Musik zu hören; Gontran bot Charlotte den Arm und ging mit ihr herum. Die Badegäste saßen auf den Stühlen um den Musik-Kiosk, in dem der Kapellmeister zu den Violinen und der Blechmusik den Takt schlug. Die Damen zeigten ihre Toiletten, die Füße ausgestreckt bis zu dem nächsten Stuhl in ihren kleinen Sommerschuhen, in denen sie reizend aussahen. Charlotte und Gontran irrten zwischen den Leuten hin und her und suchten komische Gesichter zu sehen, um zu lachen. Er hörte alle Augenblicke, daß man hinter ihm sagte: – Die ist aber hübsch! Er fühlte sich geschmeichelt und fragte sich, ob man sie für seine Schwester, seine Frau oder seine Geliebte hielt. Christiane, zwischen ihrem Vater und Paul sitzend, sah sie ein paar mal an sich vorübergehen und fand, daß sie ein wenig jung aussahen. Sie rief sie, aber sie hörten gar nicht und fuhren fort sich durch die Menge zu drängen, indem sie sich köstlich unterhielten. Sie sagte leise zu Paul Brétigny: – Er wird sie noch kompromittieren, ich muß heute abend mit ihm sprechen. Paul antwortete: – Ich habe auch schon daran gedacht. Sie haben ganz recht. Dann ging man zum Essen in ein Restaurant in Clermont-Ferrand, denn in Royat war es nicht gut, wie der Marquis, der Gourmand war, sagte. Und als die Nacht kam, kehrte man heim. Charlotte war ernst geworden. Gontran hatte ihr stark die Hand gedrückt, während er ihr die Handschuhe gab, als sie aufgestanden. Das junge Mädchen wurde unruhig. War das ein Geständnis, ein Versehen, eine Unschicklichkeit? Was hätte sie thun sollen? Mit ihm sprechen? Aber was ihm sagen? Man brauchte soviel Takt bei so was. Aber wenn sie gar nichts that und garnichts sagte, sah es ja aus, als käme sie ihm entgegen, würde sie seine Mitschuldige und wäre mit seinem Händedruck einverstanden. Und sie überlegte die Lage, sie machte sich Vorwürfe, zu heiter und zu familiär in Royat gewesen zu sein. Sie fand jetzt, daß ihre Schwester recht hatte, daß sie sich etwas komprimittiert hätte. Der Wagen rollte auf der Straße hin, Paul und Gontran rauchten schweigend, der Marquis schlief, Christiane blickte zu den Sternen auf, und Charlotte hielt mühsam die Thränen zurück, den sie hatte drei Glas Champagner getrunken. Als man heimgekehrt, sagte Christiane zu ihrem Vater: – Papa, da es Nacht ist, bringe doch bitte das junge Mädchen nach Haus. Der Marquis bot ihr den Arm und ging mit ihr davon. Paul nahm Gontran am Arm und flüsterte ihm ins Ohr: – Komm mal fünf Minuten, Deine Schwester und ich möchten mit Dir sprechen. Und sie gingen in den kleinen Salon, der die Zimmer von Andermatt nnd seiner Frau verband. Sobald sie saßen, sagte Christiane: – Hör mal, Herr Brétigny und ich müssen Dir eine Moralpauke halten. – Moralpauke? was ist denn? Ich lebe doch hier wie ein Heiliger, da keine Versuchung an mich herantritt. – Mach doch keinen Scherz. Du hast etwas sehr Unvernüftiges und sehr Gefährliches gethan, ohne es Dir zu überlegen. Du kompromittierst das Mädchen! – Wen denn, Charlotte? – Ja, Charlotte. Du kompromittierst sie, alle Welt spricht davon, und noch vorhin im Park von Royat seid ihr ziemlich leichtfertig gewesen. Nicht wahr, Brétigny? Paul antwortete: – Gewiß, gnädige Frau, ich bin ganz Ihrer Ansicht. Gontran wandte seinen Stuhl herum, setzte sich rittlings darauf, nahm eine neue Cigarre, steckte sie an und begann zu lachen: – Also ich kompromittiere Charlotte Oriol? Er wartete ein paar Sekunden, um den Eindruck seiner Antwort zu bemerken, dann erklärte er: – Nun aber wer sagt euch denn, daß ich sie nicht heiraten will? Christiane fuhr auf vor Erstaunen: – Heiraten, Du? O Du bist verrückt! – Warum denn? – Dieses – dieses kleine Bauermädchen! – Ach la la – Vorurteile! Hast Du die etwa von Deinem Mann? Da sie auf diese Anzüglichkeit nichts antwortete, so fuhr er fort, indem er selbst die Fragen stellte und die Antworten gab: – Ist sie hübsch? Ja. Ist sie gut erzogen? Ja. Und sie ist viel naiver, netter, einfacher, offener, als die Mädchen aus der großen Gesellschaft. Sie ist ebenso gut erzogen wie die andern, denn sie spricht englisch und auvergnatisch, das sind zwei fremde Sprachen. Sie wird so reich sein, wie irgend eine Erbin des Faubourg Saint- Germain, das man eigentlich nennen sollte: die Vorstadt der heiligen Kummernuß oder der heiligen Notburga. Na und wenn sie die Tochter eines Bauern ist, so wird sie um so gesunder dazu sein, mir schöne Kinder zu schenken. Na? – – – Da er immer noch zu lachen und zu scherzen schien, fragte Christiane zögernd: – Redest Du eigentlich im Ernst? – Gewiß, das Mädchen ist reizend, sie hat ein gutes Herz, ein hübsches Gesicht, ist immer guter Laune, hat rosige Wangen, ein feuriges Auge, lange, schöne, dicke Haare und einen Weingutsbesitzer zum Vater, der einmal reich wird wie Crösus, dank Deinem Herrn Gemahl, meine verehrte Schwester. Nun was willst Du eigentlich mehr? Bauermädchen! Na, ist die Tochter eines Bauern nicht mehr wert, als alle die Töchter der verkommenen Hochfinanz, die so teuer ihre zweifelhaften Herzöge bezahlen, und all die Töchter der hochbetitelten Halbwelt, die wir dem Kaiserreich verdanken? Und all die Töchter mit zwei Vätern, wie man sie so oft in Gesellschaft trifft? Und wenn ich das Mädchen heiratete, würde ich den ersten vernünftigen Streich meines Lebens spielen. Christiane sagte plötzlich ganz überzeugt und ganz erfreut: – Du hast ja recht, es ist ja alles ganz richtig, ganz richtig. Also Du willst sie heiraten, mein kleiner Gontran? Nun beruhigte er sie: – Nicht so schnell, nicht so schnell. Laß mich einmal nachdenken, ich konstatiere nur, wenn ich sie heiraten würde, beginge ich den ersten vernünftigen Streich meines Lebens, das bedeutet aber noch nicht, daß ich sie heirate; aber ich denke daran, ich beschäftige mich damit, und ich mache ihr ein wenig den Hof, um zu sehen, ob sie mir wirklich gefällt. Kurz, ich kann Dir vorläufig weder ja noch nein sagen, aber meine Antwort kommt vielleicht dem ja näher als dem nein. Christiane wandte sich zu Paul: – Was halten Sie davon, Herr Brétigny? Sie nannte ihn manchmal Herr Brétigny, manchmal einfach Brétigny. Und er, dem immer Dinge Eindruck machten, in denen man eine gewisse Größe sah, Mißheiraten, die ihm durch das sentimentale drum und dran, in dem sich das Menschenherz zeigt, edel erschienen, antwortete: – Ich finde jetzt, er hat recht. Wenn sie ihm gefällt, mag er sie immer heiraten, er könnte nichts Besseres finden. Aber der Marquis und Andermatt kamen heim, und man sprach von anderen Dingen, und die beiden jungen Leuten gingen zum Kasino, um zu sehen, ob ein Spielsaal offen wäre. Von diesem Tage ab schienen Christiane und Paul es zu begünstigen, wenn Gontran Charlotte den Hof machte. Man lud das junge Mädchen öfter ein, behielt sie zu Tisch, und behandelte sie, als ob sie nun zur Familie gehörte. Sie sah das alles, sie begriff es, und sie war glückselig im stillen. Ihr kleiner Kopf baute Luftschlösser eins nach dem andern. Gontran hatte ihr noch nichts gesagt, nur sein Benehmen, all seine Worte, der Ton, den er ihr gegenüber anschlug, seine ernstere Art, der weiche Blick, der sie traf, schien ihr täglich zu wiederholen: Ich habe Dich gewählt, Du wirst meine Frau. Und der Ton süßer Freundschaft, heimlicher Ergebung, keuscher Zurückhaltung, den sie jetzt ihm gegenüber hatte, schien zu antworten: Ich weiß es, und ich werde, wenn Du mich fragen kommst, ja sagen. In der Familie des jungen Mädchens tuschelte man. Louise sprach nur mit ihr, um sie durch verletzende Anspielungen, bissige und bittere Worte zu kränken; der Vater Oriol und der Kuluß dagegen schienen ganz zufrieden. Und doch hatte sie sich noch nicht gefragt, ob sie diesen hübschen jungen Mann liebte, dessen Frau sie werden sollte. Er gefiel ihr, sie dachte unausgesetzt an ihn, sie fand ihn schön, geistreich, elegant, vor allem dachte sie daran, was sie thun würde, wenn sie verheiratet wäre. In Enval hatte man die wütende Eifersucht der Ärzte und der Brunnenbesitzer vergessen, das Gerede über die Neigung der Herzogin von Ramas zu ihrem Arzte, und allen kleinen Bäderklatsch, man kümmerte sich nur um das eine Wunder: der Graf Gontran von Ravenel würde die kleine Oriol heiraten. Da meinte Gontran, der Augenblick wäre gekommen, nahm Andermatt beim Arm, eines Morgens als sie vom Frühstück kamen, und sagte zu ihm: – Lieber Freund, das Eisen ist jetzt warm, nun schmiede es. Die Sache liegt so: die Kleine wartet auf einen Antrag, ohne daß ich irgendwie schon einen Vorstoß gemacht hätte, aber sie wird nicht nein sagen, des kannst Du gewiß sein. Nun muß der Vater einmal herangekriegt werden, daß zu gleicher Zeit meinen wie Deinen Zwecken gedient wird. Andermatt antwortete: – Sei ganz ruhig, ich werde die Sache nun übernehmen, ich werde ihn heute selbst noch fragen, ohne Dich zu kompromittieren oder zu engagieren. Wenn die Sache klar ist, werde ich's Dir sagen. – Schön. Dann nach ein paar Augenblicken Stillschweigen, fuhr Gontran fort: – Hör mal, es ist vielleicht mein letzter Junggesellentag, da werde ich mal nach Royat reiten, wo ich neulich ein Paar Bekannte gesehen habe. Heute nacht nach meiner Rückkehr komme ich auf Dein Zimmer, um mich zu erkundigen. Er ließ sein Pferd satteln und ritt über die Höhe davon, dann galoppierte er ein Stück, um zu spüren, wie der starke Wind die frische Haut seiner Wangen kitzelte und mit seinem Schnurrbart spielte. Der Abend in Royat war sehr lustig, er traf ein paar Freunde mit ihren Verhältnissen, es folgte ein langes Souper, und er kam sehr spät wieder heim. Alle Welt schlief schon in Mont Oriol, als Gontran an der Thür Andermatts klopfte. Zuerst antwortete niemand, aber als das Klopfen stärker ward, brummte eine verschlafene Stimme im Innern: – Wer ist da? – Ich, Gontran. – Warte, ich mache auf! Andermatt erschien im Nachthemd mit aufgedunsenem Gesicht, zerzaustem Bart, ein Tuch um den Kopf. Dann ging er wieder zu Bett, setzte sich aufrecht, und während seine Hände auf der Bettdecke ruhten, sagte er: – Also mein Lieber, die Geschichte klappt nicht, die Sache geht so nicht. Ich habe den alten Fuchs erforscht, ohne Deinen Namen zu nennen, habe nur von einem meiner Freunde geredet und es ungewiß gelassen, ob es nicht vielleicht Paul Brétigny wäre und habe gesagt, er könne vielleicht Absicht auf eine seiner Töchter haben, dann fragte ich, was sie denn mitbekommen. Er hat mir geantwortet mit der Gegenfrage, was der junge Mann besäße. Und ich habe gesagt: dreihunderttausend Francs und noch zu erben. – Aber ich habe ja nichts, – brummte Gontran. – Das borge ich Dir, mein Lieber. Wenn wir dies Geschäft zusammen machen, werde ich mich an Deinem Grund und Boden schon schadlos halten. Gontran lächelte: – Ausgezeichnet! Dann habe ich die Frau, und Du hast das Geld! Aber Andermatt ward ungeduldig: – Wenn ich mich um Deine Angelegenheiten kümmere und Du mich dafür beleidigst, dann ist es aus! Gontran entschuldigte sich: – Bitte, sei doch nicht so böse, verzeih mir, ich weiß, baß Du ein guter Kerl bist und in Geschäften tadellos. Wenn ich Dein Kutscher wäre, würde ich Dich nicht gerade um ein Trinkgeld bitten, aber ich würde Dir, wenn ich Millionär wäre, mein Vermögen anvertrauen. William antwortete beruhigt: – Davon wollen wir später reden, jetzt wollen wir einmal die große Frage erledigen. Der Alte hat sich von meinen Listen gar nicht fangen lassen und hat mir geantwortet, es handelt sich darum, wer es ist. Wenn es Louise ist, die ältere, so kriegt sie das und das. Und dann hat er mir alle Grundstücke aufgezählt, die um das Etablissement liegen zwischen den Bädern und dem Hotel und dem Kasino, kurz alle, die uns unentbehrlich sind, alle, die für mich einen unschätzbaren Wert haben. Dagegen giebt er der jüngeren die andere Seite des Berges, die später vielleicht auch einmal sehr viel wert ist, aber für mich nichts. Ich habe alle möglichen Mittel versucht, ihn diese Verteilung ändern zu lassen, aber er war bockig wie ein alter Esel, und er wird seinen Entschluß nicht ändern. Nun denke nach, was meinst Du? – Ja, was denkst Du denn? Ob er etwa an mich gedacht hat bei dieser Verteilung? – Daran zweifle ich nicht. Der schlaue Bauer hat sich gedacht, da ihm die junge gefällt, behalten wir das Geld. Er hat gehofft, er könnte Dir seine Tochter geben und die wertvollen Grundstücke behalten, und dann vielleicht hat er auch der älteren einen Vorteil zuwenden wollen, er hat sie lieber, wer weiß, sie ähnelt ihm mehr, sie ist gerissener, geschickter, praktischer. Ich glaube, das Mädel hat Mark in den Knochen und ich, an Deiner Stelle, ich würde in das andere Lager übergehen. Aber Gontran blickte ganz verstört: – Teufel, Teufel! Und Charlottes Grundstücke? Die kannst Du also nicht brauchen? Andermatt rief: – Nein, nein, tausendmal nein, ich muß die haben, die zwischen meinem Bade, meinem Hotel und meinem Kasino liegen, das ist doch ganz einfach, für die andern gebe ich keinen Pfifferling. Gontran wiederholte immer gleich: – Teufel, Teufel, das ist eine dumme Geschichte! Was rätst Du mir denn da? – Ja, raten kann ich Dir nichts, ich meine das beste ist, Du denkst über die Geschichte nach, ehe Du Dich für eine der Schwestern entscheidest. – Ja ja, das ist ganz richtig, ich werde nachdenken, ich werde einmal darüber schlafen, dann bin ich vielleicht morgen schlauer. Er erhob sich, Andermatt hielt ihn zurück: – Halt mal, mein Lieber, ich möchte noch etwas anderes mit Dir reden. Ich thue manchmal, als verstände ich die Anspielungen nicht, die Du mir gegenüber machst, aber ich verstehe sie sehr wohl, und ich habe genug davon. Du hältst mir vor, daß ich Jude bin, das heißt Geld mache, daß ich geizig bin, daß ich spekuliere. Nun, mein Lieber, ich beschäftige mich damit, Dir das Geld zu pumpen, das ich nicht ohne Anstrengung verdiene, oder vielmehr es Dir zu schenken, nun, reden wir davon nicht weiter. Aber etwas dulde ich nicht: ich bin nicht geizig. Der Beweis ist wohl der, daß ich Deiner Schwester Geschenke mache von zwanzigtausend Francs Wert, daß ich Deinem Vater einen Theodor Rousseau für zehntausend Francs, den er sich gewünscht hatte, geschenkt habe, daß ich Dir, als Du herkamst, das Pferd schenkte, mit dem Du eben in Royat gewesen bist. Wieso bin ich also geizig? Nur darum, weil ich mich nicht bestehlen lasse. So sind wir alle, wir von meiner Rasse, und wir haben recht. Ich will dir das ein für alle mal sagen. Man behandelt uns als Geizkragen, weil wir den genauen Wert der Dinge kennen. Für euch ist ein Klavier ein Klavier, ein Stuhl ein Stuhl, eine Hose eine Hose, für uns auch, aber zu gleicher Zeit mehr, sie stellen zu gleicher Zeit einen gewissen Handelswert dar, der genau abzuschätzen ist, den ein praktischer Mensch mit einem Blick sehen muß, nicht aus Geiz, sondern um den Betrug nicht zu unterstützen. Was würdest Du dazu sagen, wenn Dir die Frau im Tabakladen für eine Drei Sou-Marke oder eine Schachtel Streichhölzer vier Sous abnehmen wollte. Du würdest sofort die Polizei holen, und zwar wegen eines Sou, wegen eines Sou, so empört würdest Du sein, und einfach deswegen, weil Du zufällig den Wert dieser beiden Dinge kennst. Nun, ich kenne den Wert aller verkäuflichen Sachen, und diese Empörung, die Dich packt, wenn Du zehn Centimes für eine Marke mehr zahlen sollst, die empfinde ich, wenn man mir für einen Regenschirm der fünfzehn Francs wert ist zwanzig Francs abnehmen will. Verstehst Du, ich protestiere gegen den unausgesetzten Diebstahl der gang und gebe ist, der Kaufleute, der Dienstboten, der Kutscher, ich protestiere gegen Unehrlichkeit im Handel, die von Deiner ganzen Rasse verübt wird, die die unsre verachtet. Ich gebe Trinkgeld im Verhältnis zur Leistung, und nicht das phantastische Trinkgeld, das ihr selbst, eigentlich ohne zu wissen warum, hinschmeißt und das je nach eurer Laune fünf oder hundert Sous beträgt. Verstehst Du das? Gontran hatte sich erhoben, er lächelte mit jener seinen Ironie, die ihm gut stand: – Ja, mein Lieber, ich verstehe ganz genau, und Du hast ganz recht, um so mehr recht, als mein Großvater, der alte Marquis Ravenel, meinem armen Vater beinahe nichts hinterlassen hat, nur wegen der schlechten Angewohnheit, die er nun einmal hatte, niemals das Geld, das ihm ein Kaufmann herausgeben wollte, wenn er etwas kaufte, überhaupt nur anzunehmen. Er fand das unwürdig eines Edelmannes, er zahlte immer in runder Summe und in einem einzigen Stück. Gontran ging sehr zufrieden davon. III Am nächsten Tage wollte man eben zu Tisch gehen in das Privatzimmer, wo Andermatts und Ravenels aßen, als Gontran die Thür öffnete und rief: – Die beiden Fräulein Oriol! Sie traten etwas verlegen ein, indem er sie lachend hereinnötigte und dabei erklärte: – Ich habe sie auf der Straße alle beide eingefangen. Übrigens war man allgemein empört, denn ich habe sie mit Gewalt hereingeschleppt, da ich mich mit Fräulein Louise auseinandersetzen muß, das konnte ich doch nicht vor allen Leuten. Er nahm ihnen die Hüte ab, die Sonnenschirme, die sie trugen, denn sie kamen von einem Spaziergang, ließ sie sich setzen, umarmte seine Schwester, drückte seinem Vater, seinem Schwager und Paul die Hand und wandte sich dann zu Louise Oriol: – Nun, gnädiges Fräulein, wollen Sie mir mal sagen, was Sie seit einiger Zeit gegen uns haben? Sie schien ängstlich wie ein im Netz gefangener Vogel, den der Vogelsteller mit sich nimmt: – O nichts, Herr Graf, gar nichts, warum glauben Sie das? – O bitte, gnädiges Fräulein, Sie kommen nicht mehr herüber, Sie fahren nicht mit in der Arche Noah (so hatte er den Landauer getauft) Sie machen ein finsteres Gesicht, wenn ich Ihnen begegne und wenn ich mit Ihnen spreche. – Aber durchaus nicht, ich versichere Ihnen – – – O bitte, ich versichere Ihnen auch. Jedenfalls möchte ich nicht, daß es so weiter geht, und wir wollen den Frieden jetzt unterzeichnen. Und wissen Sie, ich bin eigensinnig, ich werde dem schon ein Ende machen, und Sie zwingen nett zu sein, wie Ihre Schwester, die ein Engel an Nettigkeit ist. Das Essen wurde gemeldet, und sie gingen in das Eßzimmer. Gontran reichte Louise den Arm. Er war voll Aufmerksamkeit für sie und ihre Schwester, indem er mit wundervollem Takt seine Komplimente verteilte. Er sagte zur älteren: – Gnädiges Fräulein, ich will Sie erobern, und ich sage Ihnen das als korrekter Feind vorher, ich werde Ihnen sogar den Hof machen. O Sie erröten, das ist ein gutes Zeichen. Sie werden sehen, daß ich sehr nett bin, wenn ich nur will, nicht wahr, Fräulein Charlotte? Und sie erröteten in der That alle beide. Louise stammelte in ihrer ernsten Art: – Ach, Sie sind ja ganz närrisch! Aber er antwortete: – Ach was, Sie werden noch ganz andere Sachen hören, später in der großen Welt, wenn Sie erst verheiratet sind, was ja nicht mehr lange dauern wird. Da wird man Ihnen aber Komplimente machen! Christiane und Paul Brétigny fanden es sehr gut, daß er Louise Oriol mitgebracht, der Marquis lächelte, durch dieses kindliche Geplauder angeregt, und Andermatt dachte: der Kerl ist gar nicht dumm! Aber Gontran, der angeregt war durch die Rolle, die er spielen mußte, obgleich seine Sinne ihn zu Charlotte zogen, brummte zwischen den Zähnen, indem er Louise zulächelte: – Ja, Dein alter Vater, der hat mich reinlegen wollen, aber ich werde Dich jetzt im Triumphe holen und Du sollst mal sehen, ob ich das nicht schlau anfange. Er sah sie eine um die andere an und verglich sie. Die jüngere gefiel ihm besser, sie war lebhafter mit ihrer etwas aufgeworfenen Nase, ihren lebhaften Augen, ihrer schmalen Stirn und den schönen, ein wenig zu großen Zähnen in dem ein wenig zu großen Mund. Aber die andere war auch hübsch, nicht so heiter, sie würde nicht viel Geist entwickeln, aber wenn man auf einem Ball melden würde: Frau Gräfin Ravenel, so könnte sie ihren Namen mit Ehren tragen, besser vielleicht als die jüngere, die nur wenig mit der vornehmen Welt in Berührung gekommen war. Aber mochte das sein, wie es wollte, er war wütend, er war empört auf alle beide, auf den Vater und auf den Bruder und er nahm sich vor, es jenen später mal heimzuzahlen, wenn er der Herr war. Als man in den Salon zurückgekehrt war, ließ er sich von Louise die Karten deuten, die das sehr gut verstand. Der Marquis, Andermatt und Charlotte hörten aufmerksam zu, wider Willen von dem Reiz des Unbekannten, des Unwahrscheinlichen, von diesem unwiderstehlichen Glauben an das Wunderbare angezogen, der die Menschen quält und oft die stärksten Geister angesichts der thörichten Erfindung eines Charlatans frappiert. Paul und Christiane plauderten am offenen Fenster. Sie war unglücklich seit einiger Zeit, sie fühlte sich nicht mehr so geliebt, und die gegenseitige Verstimmung wuchs täglich durch beiderseitige Schuld. Zum erstenmal hatte sie das herannahende Unglück geahnt am Abend des Festes, als sie mit Paul auf der Straße gegangen. Und da sie einsah, daß er nicht mehr dieselben zärtlichen Blicke für sie hatte, denselben liebenden Ausdruck in der Stimme, sich nicht mehr so leidenschaftlich um sie kümmerte wie früher, ward sie sehr traurig. Sie konnte den Grund der Veränderung, die in ihm vorgegangen, nicht herausfinden, und doch war es schon so seit langem, seit jenem Tage, wo sie ihm in ihrem Glück zugerufen: – Hör mal, ich glaube, ich bin wirklich guter Hoffnung! Da hatte er sofort ein unangenehmes Gefühl empfunden. Nun sprach sie ihm jedes Mal, wo sie sich sahen, von ihrem Zustand, der sie glückselig machte. Und dieses Beschäftigen mit etwas, das er häßlich, schmutzig fand, löschte seine Bewunderung für sein Idol. Später, als er sie verändert fand, abgemagert, mit hohlen Wangen, gelber Hautfarbe, meinte er, sie hätte ihm das ersparen und ein paar Monate verreisen sollen, um nachher frischer und hübscher wie je, wieder zu erscheinen, indem sie diesen Zwischenfall vergessen zu machen verstand, oder vielleicht zu dem koketten Reiz der Geliebten noch einen anderen Reiz, den klugen und diskreten der jungen Mutter hinzufügte, die ihr Kind nur von weitem sehen läßt, in Spitzen und rosa Bändern. Übrigens gab es eine gute Gelegenheit, den Takt zu zeigen, den er von ihr erwartete, indem sie den Sommer in Mont Oriol verbrachte und ihn ruhig in Paris ließ, daß er sie nicht so matt und entstellt sah. Er hoffte, sie würde das fühlen. Aber kaum war sie in die Auvergne gekommen, so hatte sie ihm unaufhörlich verzweifelte Briefe gesandt, in denen sie ihn zu sich rief, daß er aus Schwäche, aus Mitleid gekommen war. Und nun überschüttete sie ihn mit ihrer Zärtlichkeit, und er fand das unendliche Bedürfnis, sie zu verlassen, sie nicht mehr zu sehen, ihr unpassendes, verstimmendes Liebeslied nicht mehr zu hören. Er hätte ihr alles sagen mögen, was er auf dem Herzen hatte, ihr erklären, wie unsinnig und thöricht sie sich benahm; aber er konnte es nicht thun, und er wagte auch nicht abzureisen, aber er konnte sich nicht enthalten, ihr seine Ungeduld in bitteren und verletzenden Worten zu zeigen. Sie litt darunter umsomehr, als sie sich täglich kränker und schwerer fühlte und alle Unannehmlichkeiten der Frauen in ihrem Zustand durchmachen mußte und mehr wie je getröstet, verwöhnt und geliebt sein wollte. Sie liebte ihn mit jener Hingebung des Körpers und der Seele, ihres ganzen Wesens, das aus der Liebe manchmal ein rückhaltloses, unbegrenztes Opfer macht. Sie hielt sich, nicht mehr für seine Geliebte, sondern für seine Frau, seine Gefährtin, seine treue, für ihn im Staub liegende Sklavin. Für sie handelte es sich nicht mehr um Galanterie oder Koketterie, nicht mehr um den Wunsch, ihm zu gefallen, da sie ihm doch vollkommen gehörte, da sie durch jene süße und so starke Kette mit einander verbunden waren – das Kind. Sobald sie allein am Fenster standen, begann sie mit ihrer traurigen Stimme: – Paul, mein lieber Paul, sag, liebst Du mich noch so sehr? – Ja gewiß. Aber das sagst Du mir unaufhörlich, das wird nun langweilig. – Verzeihe mir, aber ich kanns nicht mehr glauben, und ich muß es immer wieder von Dir hören, ich muß es von Dir hören, daß Du es mir unausgesetzt sagst, dieses süße Wort. Und da Du es mir nicht mehr so oft sagst wie früher, muß ich Dich eben fragen, bitten und betteln. – Nun ja, ich liebe Dich, aber nun wollen wir bitte von etwas anderem reden. – O, bist Du hart! – Nein, ich bin nicht hart, nur weißt Du, Du verstehst nicht ... Du verstehst nicht, daß .... – Ja ja, ich verstehe, daß Du mich nicht mehr liebst, ach wenn Du wüßtest, wie ich leide! – Herrgott, Christiane, ich beschwöre Dich, mach mich doch nicht nervös, wenn Du nur selbst wüßtest, wie kindlich Du Dich benimmst. – Ach, wenn Du mich liebtest, würdest Du nicht so sprechen. – Nun, zum Donnerwetter noch mal, wenn ich Dich nicht liebte, wäre ich doch nicht gekommen! – Höre mal, Du gehörst mir jetzt, Du gehörst mir und ich Dir. Zwischen uns ist dieses unzerreißbare Band eines neuen Lebens, aber versprich mir, daß Du es mir sagst, wenn Du mich einmal, später nicht mehr liebst. – Ja, ich verspreche es Dir. – Schwörst Du es mir? – Ich schwöre es Dir. – Und wir würden trotzdem Freunde bleiben? – Ja, wir würden Freunde bleiben. – Also an dem Tage, wo Du mich nicht mehr liebst, wirst Du zu mir kommen und mir sagen: Meine kleine Christiane, ich habe Dich gern, aber es ist nicht mehr so wie früher. Wir wollen gute Freunde sein, nur Freunde. – Gut, einverstanden, ich verspreche es Dir. – Du schwörst es mir? – Ich schwöre. – Ach ich werde trotzdem so vielen Kummer haben! O, wie liebtest Du mich letztes Jahr! Da schrie eine Stimme hinter ihnen: – Die Frau Herzogin von Ramas Aldavarra! Sie kam als gute Nachbarin, denn Christiane empfing jeden Abend die vornehmsten Badegäste in ihren Räumen. Doktor Mazelli folgte der schönen Spanierin mit ergebener Miene. Die beiden Frauen drückten sich die Hand und begannen sich zu unterhalten. Andermatt rief Paul: – Mein lieber Freund, kommen Sie doch, Fräulein Oriol legt ganz großartig die Karten, sie hat mir erstaunliche Dinge gesagt. Er nahm ihn beim Arm und fügte hinzu: – Was sind Sie für ein komischer Mensch! In Paris sehen wir Sie beinahe nie, einmal monatlich, trotz aller Bitten meiner Frau, und hier sind Sie erst nach fünfzehn Briefen gekommen und seitdem Sie angekommen sind, sehen Sie aus, als ob Sie täglich eine Million verloren hätten, so ein Gesicht machen Sie. Haben Sie irgend etwas, was Sie stört, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, sagen Sie es doch. – Aber nein, gar nicht, mein Lieber, ich komme in Paris nicht öfter, weil in Paris – – verstehen Sie – – – Ja, ja, ich verstehe, nun aber hier wenigstens müssen Sie ein bißchen guter Laune sein. Ich werde zwei oder drei Feste arrangieren, die, denke ich, sehr hübsch werden. Man meldete Frau Barre und Herrn Professor Cloche. Er trat mit seiner Tochter ein, einer jungen, rothaarigen, kecken Witwe, und fast zu gleicher Zeit meldete der Diener Herrn Professor Mas-Roussel. Seine Frau begleitete ihn, bleich, überreif, mit glatt an die Schläfen geklebtem Haar. Professor Rémusot war am Tage vorher abgereist, nachdem er seine Villa gekauft hatte, wie man erwartet, zu äußerst günstigen Bedingungen. Die beiden anderen Ärzte hätten gern die Bedingungen erfahren, aber Andermatt antwortete nur: – O wir haben die Sache so vorteilhaft wie möglich gemacht für alle Teile, und wenn Sie auch wollen, so würden wir, denke ich, schon einig werden. Wenn Sie sich etwa entschieden haben, so sagen Sie es mir nur bitte, wir werden dann weiter über die Sache reden. Doktor Latonne erschien auch, dann Doktor Honorat ohne seine Frau, die er nie zeigte. Nun erfüllte den Salon Stimmengewirr. Gontran kam Louise Oriol nicht mehr von der Seite, sprach ihr ganz nahe über die Schulter, und ab und zu sagte er zu irgend jemand, der gerade vorüber kam: – Ich erobere eine feindliche Festung! Mazelli hatte sich neben die Tochter des Professor Cloche gesetzt. Seit ein paar Tagen folgte er ihr unausgesetzt, und sie nahm sein Courmachen fast herausfordernd entgegen. Die Herzogin verlor ihn nicht aus den Augen, sie schien erregt, und plötzlich erhob sie sich, ging durch den Salon und unterbrach das Gespräch ihres Arztes mit der hübschen Rotblonden: – Hören Sie mal, Mazelli, wir wollen gehen, ich befinde mich nicht ganz wohl. Sobald sie draußen waren, näherte sich Christiane Paul und sagte: – Arme Frau, sie muß viel leiden! Er fragte verwirrt: – Wer denn? – Die Herzogin. Sahen Sie nicht, wie eifersüchtig sie ist? Er antwortete hart: – Na wenn Sie jetzt über jede Sache sich aufregen wollen, werden Sie noch viel weinen müssen. Sie wandte sich ab, wirklich fast Thränen in den Augen, so grausam fand sie ihn, und setzte sich zu Charlotte Oriol, die ganz allein geblieben war, und sie sagte zu dem jungen Mädchen, das den Sinn ihrer Worte nicht begriff: – Es giebt Tage, wo man am liebsten tot sein möchte! Andermatt erzählte, von den Ärzten umgeben, den außergewöhnlichen Fall des alten Clovis, dessen Beine wieder ordentlich bewegungsfähig wurden. Er schien von der Sache so überzeugt, daß niemand an seinem guten Glauben zweifeln konnte. Seitdem er all die Listen des alten Bauern und des Gelähmten durchschaut und begriffen hatte, daß er sich hatte ein Jahr zuvor reinlegen lassen, allein durch seinen Wunsch, an die Wunderwirkung der Quellen zu glauben, seitdem er sich des Alten gefährliches Gejammer nicht hatte vom Leibe schaffen können ohne zu zahlen, hatte er eine gewaltige Reklame daraus gemacht und trug sie nun überall hin. Mazelli kehrte zurück, er war jetzt frei, er hatte seine Patientin auf ihr Zimmer gebracht. Gontran nahm ihn beim Arm: – Sagen Sie mal, schöner Doktor, geben Sie mir mal einen Rat, welche der beiden Oriols ist Ihnen lieber? Der hübsche Arzt flüsterte ihm ins Ohr: – Ohne Ring am Finger die Jüngere, mit Ring die Ältere! Gontran lachte: – Wir sind ganz einer Ansicht, das freut mich. Dann ging er zu seiner Schwester, die immer noch mit Charlotte sprach: – Du weißt es wohl noch nicht, ich habe eben ausgemacht, daß wir am Donnerstag nach Puy de la Nugére fahren? Das ist der schönste Krater in der ganzen Bergkette. Alle sind einverstanden, ist es fest abgemacht? Christiane sagte gleichgültig: – Ich thue alles, was ihr wollt. Aber Professor Cloche, von seiner Tochter begleitet, hatte eben Abschied genommen, und Mazelli, der sich beeilte, sie nach Haus zu bringen, verließ den Salon hinter der jungen Witwe. Ein paar Minuten darauf brachen alle auf, Christiane ging um elf Uhr zu Bett, der Marquis, Paul und Gontran begleiteten die beiden Oriol. Gontran und Louise gingen voraus, und Brétigny, ein paar Schritte hinterdrein, fühlte, wie Charlottes Hand auf seinem Arm ein wenig zitterte. Man trennte sich und rief: – Also Donnerstag elf Uhr Frühstück im Hotel. Als sie zurückkehrten, begegneten sie Andermatt, an der Gartenecke von Professor Mas-Roussel zurückgehalten, der ihm sagte: – Also wenn es Ihnen recht ist, werde ich morgen früh zu Ihnen kommen, um über die Angelegenheit wegen der Villa zu sprechen. William schloß sich den beiden jungen Leuten an, um heimzukehren und flüsterte seinem Schwager ins Ohr: – Allerhand Hochachtung, das hast Du ausgezeichnet gemacht! Gontran war seit zwei Jahren von Geldnot fortwährend gequält, was ihm sein ganzes Leben vergiftete. Solange er das Vermögen seiner Mutter verbrauchte, hatte er mit der Gleichgiltigkeit, die er von seinem Vater geerbt, dahingelebt unter den jungen, reichen, blasierten, verdorbenen Leuten, die jeden Morgen in den Zeitungen erwähnt werden, die der guten Gesellschaft angehören, aber selten dort zu finden sind, und die durch fortwährenden Verkehr mit der Halbwelt, innerlich und äußerlich wie jene Mädchen werden. Es war etwa ein Dutzend, die zusammenhielten; jede Nacht konnte man sie in demselben Restaurant auf dem Boulevard zwischen zwei und drei Uhr früh treffen. Sie waren sehr elegant gekleidet, trugen immer Frack und weiße Weste, Knöpfe in den Hemden von zwanzig Louisdors Wert und zwar jeden Monat andere, die sie bei den ersten Juwelieren kauften. Sie lebten nur zu ihrer Unterhaltung, nur um Frauen zu verführen, nur mit dem Bedürfnis, von sich reden zu machen und sich auf alle mögliche Art Geld zu verschaffen. Da sie nichts anderes kannten, als den neuesten Skandal, Klatsch aus der Halbwelt und aus der Stallatmosphäre, Duelle, Spielgeschichten, so war ihr Horizont wie mit Mauern umgeben. Sie hatten alle, auf dem Liebesmarkt bemerkenswerten Frauen gehabt, hatten sie von einer Hand zur andern gegeben, sie sich abgetreten, sie sich geborgt und sprachen untereinander von ihren Reizen, wie man von den Qualitäten eines Rennpferdes spricht. Sie verkehrten auch in der lärmenden betitelten Welt, die immer genannt sein will und deren Frauen beinahe alle ganz bekannte Liebschaften hatten bei einem Ehemann, der nichts sieht oder nichts sehen will aus Gleichgiltigkeit, aus Dummheit oder aus Bequemlichkeit. Auch diese Frauen beurteilten sie wie die andern und machten wegen ihrer Geburt und ihrer sozialen Stellung nur einen ganz kleinen Unterschied. Ihre moralischen Begriffe hatten sich gänzlich verschoben, da sie immerfort, um Geld aufzubringen, das sie zu ihrem Leben brauchten, neue Listen ersinnen mußten, die Wucherer zu täuschen, überall gepumpt zu bekommen, die Lieferanten anzuführen, den Schneider auszulachen, der ihnen alle halbe Jahr die um dreitausend Francs vergrößerte Rechnung präsentierte, und dabei wurden sie von den Mädchen mit allen Mitteln ausgesogen, und wußten und fühlten, daß alle Welt sie selbst übers Ohr haute, die Diener, die Kaufleute, die Restaurateure und alle anderen, und dann ließen sie sich in gewisse Börsenmanöver und alle möglichen zweifelhaften Geschichten ein die ihnen vielleicht ein paar Louis einbrachten. Ihr einziger Ehrenpunkt war, jeden zu fordern, der sie verdächtigte, irgend etwas gethan zu haben von all den Dingen, die sie wirklich begangen oder zu begehen im Stande waren. Alle oder beinahe alle mußten, nachdem sie ein paar Jahre dieses Leben geführt, mit einer reichen Heirat enden oder mit einem Skandal, oder durch Selbstmord, durch geheimnisvolles Verschwinden, das dem Tode gleichkommt. Aber sie rechneten doch alle auf die reiche Heirat. Die einen hofften, jemand aus ihrer Familie könne sie ihnen verschaffen, die anderen suchten selbst, ohne daß es den Anschein hatte, und besaßen Listen aller Erbinnen, wie ein Verzeichnis von Häusern die verkäuflich sind. Sie spähten vor allen Dingen nach den exotischen Damen aus, den Nord- oder Süd-Amerikanerinnen, die sie durch ihren Chick fesseln könnten, durch ihren Ruf als Lebemann, durch das Renommé ihrer Erfolge und durch ihre persönliche Eleganz. Und ihre Lieferanten hofften ebenso auf eine reiche Heirat. Aber diese Jagd nach den reichen Erbinnen konnte immerhin lange dauern, jedenfalls verlangte sie Vorbereitung, gewisse Anstrengungen, Besuche, Liebenswürdigkeiten, einen ganzen energischen Feldzug, zu dem Gontran der von Natur phlegmatisch war, gänzlich unfähig schien. Seit langer Zeit schon sagte er sich, da er täglich mehr seinen Geldmangel empfand: Ich muß mal losgehen! Aber er ging nicht los und fand nichts. Er war dahin gekommen, alle möglichen Mittel zu versuchen, sich nur die geringste Summe zu ergattern, und hatte alle Schliche benutzt wie Leute, die am Ende ihrer Mittel sind. Und nun am Schluß hatte ihm Andermatt plötzlich den Gedanken eingeflößt, die kleine Oriol zu heiraten. Zuerst schien ihm das junge Mädchen denn doch zu tief zu stehen, als daß er auf diese Mißheirat eingegangen wäre, aber als er ein paar Minuten nachgedacht, hatte er seine Absicht schnell geändert und hatte sich entschieden, Charlotte den Hof zu machen in einer Art, die ihn nicht kompromittierte und die ihm immer die Möglichkeit zum Rückzug ließ. Da er seinen Schwager genau kannte, so wußte er bestimmt, daß dieser Vorschlag das Produkt von langen Überlegungen sein mußte, daß er von langer Hand vorbereitet war, und daß, wenn er es sagte, es sich um eine große Summe handelte, die auf andere Weise wohl kaum zu erwerben wäre. Übrigens war es weiter ja gar nicht schwer, sich mit einem hübschen Mädchen zu unterhalten, denn die jüngere gefiel ihm sehr, und er hatte sich schon früher oft gesagt, es wäre ganz angenehm, sie später einmal wieder zu sehen. So hatte er Charlotte Oriol gewählt und sie in kurzer Zeit derartig bearbeitet, daß er regelrecht hätte anhalten können. Da nun aber der Vater der anderen Tochter die Mitgift gab, die Andermatt brauchte, hätte Gontran entweder auf die Heirat überhaupt verzichten, oder sich der älteren zuwenden müssen. Er war sehr unzufrieden zuerst und hatte daran gedacht, seinen Schwager Schwager sein zu lassen und Junggeselle zu bleiben, bis sich eine andere Gelegenheit böte. Aber er befand sich gerade völlig auf dem Trocknen, so auf dem Trocknen, daß er zu seiner Partie im Kasino Paul um fünfundzwanzig Louis hatte bitten müssen, zu vielen anderen, die er ihm nie wiedergegeben. Und dann hätte er sie erst suchen müssen diese Frau, sie finden, sie gewinnen, vielleicht hätte er sogar gegen eine ganze feindliche Familie anzukämpfen, während er so, ohne sich von der Stelle zu bewegen, nach ein paar Tagen Bemühungen und Aufmerksamkeiten, die älteste genau so gewinnen konnte, wie er es bei der jüngeren gethan, und auf diese Weise sicherte er sich dann in seinem Schwager einen Bankier, den er immer verantwortlich machen konnte, dem er ewig Vorwürfe machen durfte, dessen Kasse ihm immer offen stand. Seine Frau aber wollte er einfach nach Paris bringen und sie dort vorstellen als die Tochter von Andermatts Teilhaber. Übrigens trug sie auch den Namen des Badeortes, wo er sie niemals, nie, nie wieder hinführen würde, nach dem Grundsatze, daß die Flüsse nicht zu ihren Quellen zurückkehren. Sie sah gut aus, sie hatte ein anständiges Benehmen, und machte jetzt schon einen so vornehmen Eindruck, daß sie es vielleicht einmal ganz werden konnte. Sie war klug genug um sich in die Welt zu schicken, sich dort zu bewegen und ihre Rolle auszufüllen, sogar ihm Ehre zu machen. Man würde dann sagen: »Der Kerl hat eine schöne Frau geheiratet, aber er scheint sich nicht viel aus ihr zu machen.« Und in der That, er würde sich nicht viel um sie kümmern, denn er würde, wenn er nur Geld in der Tasche hatte, sein Junggesellenleben wieder beginnen. Er hatte sich also zu Louise Oriol gewendet und ohne es zu wissen, fand er einen Bundesgenossen in der Eifersucht, die in dem leicht erregten Herzen des jungen Mädchens tobte, und die in ihr eine noch schlafende Koketterie erweckt, den unbestimmten Wunsch, ihrer Schwester den schönen Liebhaber, den man: »Herr Graf« nannte, zu stehlen. Sie hatte sich das nicht gesagt, sie hatte nicht nachgedacht, nicht irgend welche Pläne gemacht, sie war erstaunt, als sie jetzt mit ihm gesprochen und als sie sah, wie er ihr den Hof machte. Sie hatte gefühlt an seinem Benehmen, an seinem Blick, an seiner ganzen Haltung, daß er gar nicht in Charlotte verliebt war, und ohne weiter zu blicken, fühlte sie sich glücklich darüber, als sie zu Bett ging. Am nächsten Donnerstag zögerte man lange, ehe man nach Puy de la Nugère fuhr. Der Himmel war voller Wolken, daß man Regen befürchten mußte, aber Gontran bat so sehr, daß er die anderen überredete. Das Frühstück war langweilig, denn Christiane und Paul hatten sich am Tage vorher ohne eigentliche Ursache gezankt. Andermatt aber fürchtete, die Ehe Gontrans würde nicht zu stande kommen, denn der Vater Oriol hatte noch am Morgen von ihm in nicht gerade sehr liebenswürdiger Weise gesprochen. Gontran wußte es, war wütend und wollte unbedingt zum Ziele gelangen. Charlotte, die den Triumph ihrer Schwester ahnte, ohne doch etwas davon zu begreifen, wollte durchaus im Dorf bleiben, und es kostete Mühe, sie zum Mitfahren zu bewegen. Die Arche Noah nahm also wieder ihre gewohnten Insassen mit zu jenem kleinen Plateau, das über Volvic liegt. Louise Oriol war plötzlich gesprächig geworden. Sie erklärte, wie die Volvicer Steine, die nichts anderes als Lava sind, zum Baumaterial gedient haben für alle Kirchen und alle Häuser in der ganzen Gegend, was den Orten der Auvergne ihr dunkles, rußiges Aussehen giebt. Sie zeigte die Brüche, wo man den Stein gewinnt. Dann stieg man zum höheren Plateau hinauf, die Pferde gingen Schritt auf der langen, steilen Straße. Schöne, grüne Wälder lagen rechts und links des Weges. Niemand sprach mehr. Christiane dachte an Tazenat, es war derselbe Wagen, es waren dieselben Menschen darin, aber nicht mehr dieselben Herzen. Alles schien gleich, und doch, und doch .... Was war denn nur geschehen? ... Beinahe nichts.... Ein wenig mehr Liebe bei ihr, etwas weniger Liebe bei ihm, weiter nichts ... Der Unterschied zwischen dem aufsteigenden und dem wieder verlöschenden Wunsch. Beinahe nichts ... Und die unsichtbare Wunde, die die Gleichgiltigkeit der Liebe zufügt, beinahe nichts, beinahe nichts ... Und der andere Blick derselben Augen, derselben Augen, die nicht mehr aus demselben Gesicht schauen ... Was ist ein Blick? Beinahe nichts! Der Kutscher hielt an und sagte: – Hier rechts der Fußweg durch den Wald, Sie brauchen ihm nur zu folgen, dann kommen Sie hin. Alle stiegen aus, nur der Marquis nicht, der es zu heiß fand. Louise und Gontran gingen voraus, Charlotte blieb hinter ihnen mit Paul und Christiane, die kaum mehr gehen konnte. Der Weg schien ihnen lang durch den Wald, aber sie kamen bald durch hohes Gras, das sie immer langsam aufwärts führte an den Rand des einstigen Kraters. Louise und Gontran blieben oben stehen, groß, schlank alle beide. Sie standen dort wie in den Wolken. Als man sie eingeholt, brach Paul Brétygnys empfängliche Seele in Begeisterung aus. Um sie herum, hinter ihnen, rechts, links, waren sie von seltsamen Kegeln umgeben, mit abgeschnittenen Spitzen, die einen schlank, die andern breit und alle mit ihrem eigentümlichen Charakter der erloschenen Vulkane. Diese schweren Kegel mit abgeplatteter Spitze erhoben sich vom Süden bis zum Westen auf einem riesigen Plateau, das grau aussah, tausend Meter über der Limagne, und von hier ging der Blick ins Unendliche, bis zum unsichtbaren Horizont, der unter den Nebeln immer blau dalag. Rechts überragte der Puy de Dôme alle seine Brüder, nämlich sechzig bis achtzig ganz erloschene Krater, wie die Puys de Gravenoire, de Crouel, de La Pedge, de Sault, de Noschamps, de la Vache, dann die Puys du Pariou, de Côme, de Jumes, de Tressoux, de Louchadière und viele andere. Die jungen Leute blickten erstaunt hin, zu ihren Füßen lag der erste Krater von de la Nugère wie eine tiefe mit Rasen bewachsene Schüssel, in deren Grund man noch drei Riesenblöcke braune Lava gewahrte, die der letzte Ausbruch des Kolosses in die Höhe geworfen und die da in sein verloschenes Maul zurückgefallen waren und dort seit Jahrhunderten und für immer lagen. Gontran rief: – Ich klettere hinunter, ich muß mal sehen wie das unten ist. Nun meine Damen kommen Sie, wir wollen mal einen kleinen Wettlauf den Abhang hinab machen. Und er nahm Louises Arm und zog sie davon. Charlotte folgte ihnen und lief hinter ihnen drein, Plötzlich aber blieb sie stehen, sah sie davoneilen. Arm in Arm hinabspringend. Sie wandte sich um und stieg zu Christiane und Paul wieder hinauf, die am Rand des Kraters im Grase saßen. Als sie wieder neben ihnen stand, sank sie in die Kniee, verbarg ihr Gesicht im Kleid der jungen Frau und begann zu schluchzen. Christiane, die sie verstand und die seit einiger Zeit alles Leid anderer traf, wie Wunden, die sie selbst empfangen, legte ihr den Arm um den Hals und durch ihre Thränen gerührt, flüsterte sie: – Arme Kleine! Arme Kleine! Das Mädchen weinte immer weiter, niedergebeugt, das Gesicht versteckt, und mit ihren Händen am Boden riß sie unwillkürlich die Grashalme ab. Brétigny hatte sich erhoben, um so zu thun, als sähe er dies Madchenleid nicht, und der Kummer dieses unschuldigen Dings erfüllte ihn plötzlich mit Empörung gegen Gontran. Er, den das seelische Leiden Christianes nicht rührte, war bis ins Tiefste gerührt durch diese erste jungfräuliche Enttäuschung. Er kehrte um und kniete nieder, um seinerseits mit ihr zu sprechen: – Ach beruhigen Sie sich nur, bitte, beruhigen Sie sich nur, sie werden ja gleich wiederkommen, beruhigen Sie sich. Man darf Sie nicht weinen sehen. Erschrocken bei dem Gedanken, ihre Schwester könnte sie mit Thränen in den Augen erblicken, erhob sie sich. Das Schluchzen blieb ihr in der Kehle, und sie hielt es zurück, schluckte es hinab, preßte es in ihr Herz, daß es noch leidvoller und schwerer wurde, und sie stammelte: – Ja ja ... es ist aus! Es ist nichts ... nicht wahr, man siehts nicht mehr – – nicht wahr, man siehts nicht mehr? Christiane tupfte ihr mit ihrem Taschentuch die Wangen, dann wischte sie sich selbst die Augen und sagte zu Paul: – Sehen Sie doch mal nach, was sie machen, man sieht sie ja gar nicht mehr. Sie sind zwischen den Lavablocken drinnen, ich werde die Kleine hierbehalten und sie trösten. Brétigny erhob sich und sagte mit zitternder Stimme: – Ich will hingehen, ich werde sie zurückholen, und Ihr Bruder solls mit mir zu thun kriegen, heute noch, er soll mir sein unglaubliches Benehmen nach dem, was er uns neulich gesagt hat, aufklären. Und er rannte den Abhang hinab nach der Mitte des Kraters zu. Gontran hatte Louise mit sich gezogen, mit aller Kraft den steilen Abhang hinunter, bemüht, sie zu halten, zu stützen, sie atemlos zu machen, sie zu verwirren und sie zu erschrecken. Sie stammelte im rasenden Lauf, indem sie zu bremsen suchte: – Aber nicht so schnell, ich falle, Sie sind ja verrückt, ich falle! Sie stießen an die Lavablöcke und blieben außer Atem beide stehen, dann gingen sie Arm in Arm weiter, erblickten eine große Wölbung darunter wie eine Art Höhle mit doppeltem Ausgang. Als der Vulkan im Sterben jene Lava ausgeworfen, konnte er sie nicht wie früher bis zum Himmel schleudern, er hatte sie dick, schon halb erkaltet nur ausgespieen und sie war hängen geblieben an den Lippen des Sterbenden. – Wir wollen mal darunterkriechen, sagte Gontran, und er steuerte das junge Mädchen vor sich her, und sobald sie in der Grotte standen, rief er: – Nun, gnädiges Fräulein, ist der Augenblick gekommen, daß ich Ihnen eine Erklärung mache. Sie war Paff: – Eine Erklärung, mir? – Ja nur vier Worte: Ich finde Sie entzückend! – Das müssen Sie meiner Schwester sagen! – Ach Sie wissen ganz genau, daß ich Ihrer Schwester nichts gesagt habe! – Na, na! – Bitte, Sie wären doch keine Frau, wenn Sie nicht gemerkt hätten, daß ich ihr nur den Hof gemacht habe, um zu sehen, was Sie für ein Gesicht dazu machten und welches Gesicht Sie mir zeigen würden. Sie haben mir ein wütendes Gesicht gezeigt, und das hat mich riesig gefreut, und nun habe ich versucht, Ihnen in aller Form klar zu machen, was ich von Ihnen denke! Noch nie hatte man so mit ihr gesprochen, sie fühlte sich verwirrt und doch glückselig, das Herz voll Freude und Stolz. Er fuhr fort: – Sie wissen wohl, daß ich gegen Ihre kleine Schwester recht schlecht gewesen bin, ja ich kanns nicht ändern, sie hats auch richtig aufgefaßt. Sie sehen, sie ist oben geblieben, sie wollte nicht mit uns, sie hats ganz genau verstanden. Dann nahm er Louise Oriols Hände und küßte ihre Fingerspitzen, indem er flüsterte: – Sie sind so hübsch! Sie sind so hübsch! Sie stützte sich gegen die Lava-Wand, sie hörte ihr Herz schlagen vor Bewegung, sie sagte nichts, aber ihr Gedanke, der einzige, der in ihrem verwirrten Geist sich regte, war der des Triumphes: sie hatte ihre Schwester besiegt! Da erschien ein Schatten am Eingang der Höhle. Paul Brétigny sah ihnen zu. Gontran ließ wie ganz natürlich die kleine Hand, die er an den Lippen hielt, niedersinken und sagte: – Ach da bist Du, bist Du allein da? – Ja, man war erstaunt, daß ihr hier verschwunden seid! – So, wir kommen gleich zurück mein Lieber, wir wollten uns das Ding mal ansehen, ist das nicht merkwürdig? Louise war errötet bis zu den Schläfen. Sie verließ zuerst die Höhle und begann langsam den Abhang in die Höhe zu steigen, von den beiden jungen Leuten gefolgt, die leise hinter ihr sprachen. Christiane und Charlotte sahen sie kommen und erwarteten sie Hand in Hand. Man kehrte zum Wagen zurück, in dem der Marquis zurückgeblieben war, und die Gesellschaft fuhr nach Enval heim. Plötzlich blieb der Landauer mitten in einem Tannenwald halten, und der Kutscher begann zu fluchen. Ein alter toter Esel versperrte den Weg. Alle Welt wollte ihn sehen und stieg aus. Er lag auf dem schwärzlichen Staub der Straße, so mager, daß aus der abgeschundenen Haut die Knochen herausstanden und es aussah, als wenn das Tier von ihnen durchbohrt worden wäre, wenn es nicht vorher krepiert war. Unter dem abgeschabten Fell der Flanken zeichnete sich das Gerippe ab, der Kopf sah riesig aus, ein armer, haariger Schädel mit geschlossenen Augen, der ruhig auf seinem Bett von zerfahrenen Steinen lag, so ruhig, so tot, daß er fast glücklich aussah und wie überrascht, nun endlich Ruhe gefunden zu haben. Die großen, schlaffen Ohren hingen wie ein Paar Lappen herab, zwei frische Wunden an den Knieen deuteten an, daß er oft gefallen war, noch heute, bevor er sich zum letztenmal niedergelegt, und eine andere Wunde an der Seite bezeichnete die Stelle, wo sein Herr das Tier seit Jahren und Jahren mit einer an einem Stock befestigten Eisenspitze in die Seiten gestoßen, um seinen langsamen Gang zu beschleunigen. Der Kutscher packte den Esel bei den Hinterbeinen und schleppte ihn zum Graben, und das Vieh streckte sich, als wolle es nochmal I-ahen und eine letzte Klage ausstoßen. Sobald er im Grase lag, rief der Mensch, wütend: – So eine niederträchtige Bande, das Vieh mitten auf der Straße liegen zu lassen! Keiner der anderen hatte ein Wort gesagt, man stieg wieder in den Wagen. Christiane war traurig, erschüttert, sie sah das ganze elende Leben des hier am Wege verreckten Tieres vor sich. Den kleinen, lustigen Esel mit dem großen Kopf, aus dem große Augen leuchteten, komisch und gutmütig mit seiner borstigen Mähne und den großen Ohren, wie er noch frei zwischen den Beinen der Mutter herumsprang. Dann dachte sie an das erste Anspannen, das erste Ziehen, die ersten Schläge und dann der unaufhörlichen gräßlichen Gänge auf den endlosen Wegen. Und an die Schläge, die Schläge, an seine viel zu schweren Lasten, an die glühende Sonne, und dabei als Nahrung nur wenig Stroh, ein wenig Heu und immer rechts und links am Wege die verlockenden grünen Wiesen. Und dann kam das Alter, die Eisenspitze ersetzte die Peitsche, das fürchterliche Martyrium des alten, kaputen Tieres begann, das außer Atem war, immer überladene Wagen ziehen mußte, dem alle Glieder schmerzten, der ganze alte Leib durchlöchert wie der Rock eines Bettlers. Und dann der Tod, der erlösende Tod, drei Schritt vom Grase am Grabenrand, wohin es fluchend der nächste, der vorüberkam, schleppte, um die Straße frei zu machen. Christiane begriff zum erstenmal das Elend der Kreatur in der Sklaverei, und für Augenblicke erschien auch ihr der Tod als etwas Köstliches. Plötzlich kamen sie an einem kleinen Wägelchen vorüber, das ein fast nackter Kerl, eine Frau in Lumpen und ein keuchender Hund zogen, müde bis zum Umfallen. Man sah, wie sie schwitzten und keuchten. Der Hund, mager, schlecht gepflegt, zog mit heraushängender Zunge zwischen den Rädern. In dem Wägelchen lag zusammengelesenes Holz, das irgend etwas zu verstecken schien, darauf Lumpen und auf den Lumpen ein Kind. Nur einen Kopf sah man aus den grauen Fetzen herausragen, eine elende Kugel mit zwei Augen, einer Nase und einem Mund. Es war eine Familie, eine menschliche Familie. Der Esel war den Mühen erlegen, und der Mann, der kein Mitleid mit seinem toten Helfer gehabt, hatte ihn nicht einmal zur Seite gezerrt sondern mitten auf dem Weg liegen lassen im Geleis der Wagen, die da vorüberkamen. Da hatte er sich mit seiner Frau in das leere Geschirr gespannt und zog nun, wie bis jetzt das Tier gezogen. Sie trotteten dahin. Wohin, wozu? Hatten sie nur einen Pfennig in der Tasche? Diesen Wagen – ach Gott, würden sie ihn ewig selbst schleppen, wenn sie kein Tier kaufen konnten? Und wovon würden sie leben? Sie würden wahrscheinlich krepieren wie der Esel. Waren sie wohl verheiratet, das Gesindel, oder lebten sie nur so zusammen? Und ihr Kind würde wohl einst thun wie sie, dies kleine noch unförmliche Wesen, das unter dem schmutzigen Zeug versteckt lag. Christiane dachte an alles das, und in ihrer erschrockenen Seele kam ihr immer von neuem der Gedanke, sie sah immer vor sich das Elend dieser Armen. Gontran sagte plötzlich: – Ich weiß nicht warum, mir kommt die Idee, es müßte herrlich sein, wenn wir heute abend alle im Café Anglais säßen. Ich möchte gern den Boulevard mal wiedersehen. Aber der Marquis brummte: – Ach was, hier ist es sehr schön, das neue Hotel ist viel besser wie das frühere. Sie kamen durch Tournoël, und in der Erinnerung zuckte Christianes Herz, als sie eine Kastanie wiedererkannte. Sie sah Paul an, der die Augen geschlossen hatte und ihren flehenden Blick nicht bemerkte. Bald darauf sahen sie vor dem Wagen zwei Winzer, die von der Arbeit heimkehrten, mit dem Arbeitszeug auf der Schulter, in langen müden Schritten der Landleute dahingehen. Die kleinen Oriol erröteten bis zu den Schläfen, es war ihr Vater und ihr Bruder, die aus dem Weinberg zurückkamen, wo sie den ganzen Tag im Schweiße ihres Angesichts ihre Erde bearbeitet, ihre Erde, die sie reich gemacht, wohin sie von früh bis abends wieder gingen, während die schönen schwarzen Röcke sorgsam zusammengelegt in der Kommode lagen und die hohen Cylinder im Schrank. Die beiden Bauern lächelten freundlich, während sie alles im Landauer grüßte. Sobald der Wagen ankam und Gontran ausstieg, um zum Kasino hinaufzugehen, begleitete ihn Brétigny, und er sagte sofort: –Hör mal, mein Alter, ich muß Dir etwas sagen. Du thust unrecht. Ich habe Deiner Schwester versprochen, mit Dir darüber zu reden. – Worüber? – Darüber, wie Du Dich seit einiger Zeit benimmst. Gontran machte ein impertinentes Gesicht: – Benehmen, gegen wen? – Gegen die Kleine. Es ist nicht schön, wie Du sie plötzlich schwimmen läßt! – Findest Du? – Ja, ich finde es und ich bin berechtigt es zu finden! – Na höre mal, Du bist ja recht feinfühlig geworden, was schwimmen lassen anbetrifft. – Nun, mein Lieber, es handelt sich hier nicht um eine Dirne, sondern um ein anständiges Mädchen. – Das weiß ich sehr wohl, aber ich habe sie nicht gehabt, das ist ein großer Unterschied. Sie gingen weiter Seite an Seite. Das Benehmen Gontrans machte Paul wütend, und er sagte: – Wenn ich nicht dein Freund wäre, würde ich Dir höllisch grob werden! – Und ich würde mir das verbitten! – Sei doch mal vernünftig! Das Mädel thut mir leid. Sie hat vorhin sehr geheult. – Das ist ja recht schmeichelhaft für mich! – Nun mach keine dummen Witze! Was soll denn werden? – Werden? Gar nichts! – Ja hör mal, Du hast Dich mit ihr so eingelassen, daß Du sie kompromittiert hast. Du hast neulich erst Deiner Schwester und mir gesagt, daß Du sie heiraten wolltest. Gontran blieb stehen und sagte in einem Ton, aus dem eine Art Drohung klang: – Meine Schwester und Du, ihr würdet besser daran thun, euch nicht um die Techtel-Mechtel anderer zu kümmern. Ich habe Dir gesagt, daß das Mädchen mir sehr gut gefällt, und daß, wenn ich sie etwa heiraten würde, ich klug und vernünftig handelte, und weiter nichts! Nun aber gefällt mir eben heute die andere besser, ich bin anderer Ansicht geworden, das kommt doch jeden Tag vor. Dann sah er ihm gerade ins Gesicht: – Was thust Du, wenn Du eine Frau nicht mehr magst? Bist Du etwa sehr zartfühlend? Paul Brétigny war erstaunt, er suchte den tieferen Sinn der Worte, wurde erregt und antwortete heftig: – Ich muß Dir nochmals sagen, es handelt sich nicht um eine Dirne, auch nicht um eine verheiratete Frau, sondern um ein junges Mädchen, das Du kompromittierst durch Dein Benehmen. Das thut ein anständiger Mann nicht! Gontran war bleich geworden und unterbrach ihn in scharfen Ton: – Schweige! Du hast schon viel zu viel geredet, und ich habe schon viel zu viel mit anhören müssen, und ich kann Dir meinerseits sagen, daß, wenn ich nicht Dein Freund wäre, ich Dir beweisen würde, daß ich keinen Spaß verstehe. Noch ein Wort, und es ist zwischen uns aus, für immer aus! Dann sagte er, indem er langsam seine Worte abwog und sie ihm ins Gesicht warf: – Ich bin Dir keine Erklärung schuldig, ich könnte höchstens eine von Dir fordern. Ein anständiger Mann thut etwas anderes nicht, der macht sich nicht einer Art Unzartheit schuldig, die zwar überall auftreten kann, die aber vor der Freundschaft Halt machen sollte, und die durch Liebe nicht entschuldigt wird. Plötzlich veränderte er den Ton und sagte beinahe scherzend: – Na, und was die kleine Charlotte anbetrifft, weißt Du, wenn Du so viel Mitleid mit ihr hast und sie Dir gefällt, Herrgott, dann heirate Du sie doch. Die Ehe ist oft die beste Lösung in schwierigen Lagen, ein gutes Heilmittel und die beste Manier, sich gegen hartnäckige Hoffnungen, die sich ein anderer macht, zu schützen. Sie ist hübsch und reich, einmal muß es bei Dir doch kommen. Es wäre doch sehr nett, wenn wir uns hier am gleichen Tage verheirateten denn ich heirate die ältere, ich sage Dir das im Vertrauen, bitte sage es nicht weiter. Und bitte, vergiß nicht, daß Du weniger, als irgend ein anderer, das Recht hast, von sentimentaler Ehrlichkeit und von etwaigen Skrupeln und Zweifeln der Liebe zu reden. Und nun gehe Deinen Weg und ich gehe meinen Weg. Gute Nacht! Und indem er plötzlich sich zur Seite wandte, eilte er zum Dorf. Paul Brétigny ging erregt und zerstreut langsam dem Hotel Mont Oriol zu. Er suchte sich jedes Wort klar zu machen, jedes einzelnen sich zu erinnern, seinen Sinn zu erfassen, und er wunderte sich über die geheimen nicht einzugestehenden, schmachvollen Winkelzüge in den Seelen mancher Leute. Als Christiane ihn fragte: – Was hat denn Gontran geantwortet? Stammelte er: – Mein Gott, ihm ist die ältere jetzt lieber, ich glaube, er will sie sogar heiraten. Und auf meine etwas erregten Vorstellungen hat er geantwortet und mir den Mund verschlossen durch für uns beide ein wenig beunruhigende Hußerungen. Christiane sank auf einen Stuhl und flüsterte: – Mein Gott! Mein Gott! Da aber trat Gontran ein, denn es wurde zum Essen geklingelt, küßte sie heiter auf die Stirn und fragte: – Nun Schwesterchen, wie geht es Dir denn, bist Du nicht sehr müde? Dann drückte er Paul die Hand und wandte sich zu Andermatt, der ihm folgte: – Sag mal, Du Perle aller Schwäger und Freunde, fag mir doch mal, was ist denn wohl genau ein alter Esel wert, der tot auf der Straße liegt? IV Andermatt und Doktor Latonne gingen vor dem Kasino spazieren, auf der Terrasse, die mit den künstlichen Marmorvasen geschmückt war. – Er grüßt mich nicht mal mehr, sagte der Arzt, indem er von seinem Kollegen Bonnefille sprach. Er sitzt da drüben in seinem Loch wie ein wilder Keiler, ich glaube er würde am liebsten, wenn er es könnte, unsere Quellen vergiften. Andermatt hatte die Hände auf dem Rücken gefaltet, und der Hut, ein kleiner, steifer Hut aus grauem Filz, saß ihm ganz im Nacken, sodaß man den kahlen Kopf ahnte. Er dachte nach und antwortete endlich: – Und in drei Monaten wird die Gesellschaft klein beigeben, wir sind schon bis auf zehntausend Francs handelseinig. Der elende Bonnefille stachelt sie nur auf gegen mich und bringt ihnen die Meinung bei, ich würde nachgeben! Aber da irrt er sich. Der neue Inspektor antwortete: – Sie wissen doch, daß sie seit gestern das Kasino geschlossen haben. Sie hatten keinen Menschen mehr. – Ja, das weiß ich, aber auch wir haben nicht genug Badegäste. Die Leute bleiben zu sehr in den Hotels sitzen, und in den Hotels langweilen sie sich. Lieber Freund, man muß die Badegäste unterhalten, zerstreuen, den Eindruck erwecken, als Ware die Saison noch viel zu kurz. Die von unserem Hotel Mont Oriol kommen jeden Abend, weil sie ganz nahe wohnen, aber die anderen zögern noch und bleiben zu Haus, es ist einfach eine Wegefrage, das ist die ganze Geschichte. Der Erfolg hängt immer von Kleinigkeiten ab, die man nur herausfinden muß. Die Wege, die zu einem Vergnügungsorte führen, müssen selbst hübsch sein, als Vorbereitung zu der Unterhaltung, zu der man geht. Die Wege, die hierher führen, sind schlecht, steinig, hart, ermüdend. Wenn ein Weg, der irgendwo hinführt, wo man Lust hat hinzugehen, bequem ist, breit, am Tage schattig, leicht und nicht zu anstrengend für den Abend, so wird er ganz bestimmt gewählt, und alle anderen werden gemieden. Wenn Sie wüßten, wie wir die Erinnerung an tausend Dinge in uns behalten, die unser Geist kaum sich Mühe gegeben festzuhalten. Ich glaube, das Gedächtnis der Tiere muß so sein. Hatten Sie einmal große Hitze, wenn Sie dort und dort hinmußten, haben Sie einen schlechten Weg auf hartem Gestein zurücklegen müssen, ist Ihnen ein Anstieg zu anstrengend gewesen, selbst ohne daß Sie es bemerkten, so empfinden Sie, wenn Sie dorthin zurückkehren wollen, eine Art unwiderstehliche physische Abneigung dagegen. Sie sprachen mit einem Freunde, Sie haben nichts von der Langeweile des Weges bemerkt, Sie haben nichts wirklich gesehen. Sie haben sich um nichts gekümmert, aber Ihre Beine, Ihre Muskeln, Ihre Lungen, Ihr ganzer Körper hat nichts vergessen und sagt dem Geist, wenn ihn der Geist denselben Weg zurückführen möchte: »Nein, das thue ich nicht, ich habe zuviel ausgehalten!« Und der Geist gehorcht dieser Ablehnung, indem er sich der stummen Sprache seines Begleiters unterwirft. Wir brauchen also schöne Wege, und das kommt darauf hinaus, daß ich eben den Grund und Boden dieses alten störrischen Esels, dieses alten Oriol brauche. Aber nur Geduld. Übrigens nebenbei: Mas-Roussel hat seine Villa zu denselben Bedingungen wie Remusot erworben, das ist ein kleines Opfer für uns, aber wir werden schon entschädigt werden. Suchen Sie doch einmal Cloche zu ergründen. – Er wird's genau so halten wie die anderen, sagte der Arzt. – Aber ich habe noch an etwas anderes gedacht seit ein paar Tagen, was wir ganz vergessen haben, nämlich an die Wetterwarte! – Welche Wetterwarte? – Sie in den großen Pariser Zeitungen zu veröffentlichen, das ist unbedingt nötig. Das Klima eines Badeortes muß besser, weniger dem Wechsel unterworfen sein, regelmäßiger, als das der Nachbar- und Konkurrenzbäder. Mieten Sie ein paar Zeilen Raum in den größten Zeitungen, und wir veröffentlichen eine Wetterwarte. Jeden Abend werde ich telegraphisch den Bericht über die atmosphärische Lage schicken, und ich will es schon so einrichten, daß das Klima am Ende des Jahres im Durchschnitt besser ist, als das aller Nachbarstationen. Wenn wir eine große Zeitung in die Hand nehmen, fällt uns sofort in die Augen folgendes: die Temperaturen von Vichy, von Royat, Mont-Doré, Chatel-Guyon [*ec.???] für den Sommer, und im Winter die Temperaturen von Cannes, Menton, Nizza, Saint-Raphaël. In jenen Gegenden muß es immer warm und schön sein, damit sich der Pariser sagt: Herrgott nochmal, die haben es gut, die nach dem Süden gehen! Andermatt rief: – Verflucht noch mal, da haben Sie recht, wie konnte ich das nur übersehen! Aber ich werde noch heute an die Sache herantreten. Haben Sie übrigens, da wir doch einmal von so etwas reden, den Professoren Larenard und Pascalis über unsern Brunnen geschrieben? – Herr Präsident, bei denen ist gar nichts zu machen, es sei denn, es sei denn – – daß sie sich selbst nach genauem Ausprobieren überzeugt haben, daß unser Brunnen gut ist, und bei denen können Sie nur etwas erreichen durch Überzeugung – vorher gefaßte natürlich. Sie kamen an Paul und Gontran vorüber, die eben gekommen waren, den Café nach dem Frühstück zu trinken. Andere Badegäste kamen auch, hauptsächlich Herren, denn die Damen gehen nach Tisch immer ein oder zwei Stunden aufs Zimmer. Petrus Martel überwachte die Kellner und rief: – Einen Kümmel! Eine Anisette! Einen Cognac! mit derselben tiefen, gewaltigen Stimme, die eine Stunde später bei der Probe klang. Andermatt blieb ein paar Augenblicke stehen und schwatzte mit den beiden jungen Leuten, dann setzte er seinen Spaziergang mit dem Doktor fort. Gontran hatte die Beine übereinandergelegt, die Arme gekreuzt, lag weit in seinen Stuhl zurück, das Genick auf der Lehne, Augen und Cigarre gegen den Himmel gerichtet. Er rauchte und befand sich ungemein Wohl. Plötzlich sagte er: – Willst Du nachher einen Spaziergang mit machen? In das Thal von Sanssouci? Die Kleinen gehen mit. Paul zögerte, dann sagte er nach kurzem Nachdenken: – Ja, meinetwegen. Er fügte hinzu: – Wie gehen Deine Geschäfte? – Na die ist mir sicher! Nun läuft sie mir nicht davon. Gontran hatte jetzt seinen Freund zum Vertrauten gemacht und erzählte ihm Tag für Tag von den Fortschritten, die er errungen. Er ließ ihn sogar Einblick thun in seine Rendezvous, die wirklich stattfanden. Er hatte sie von Louise Oriol auf eine seine Art erlangt. Nach der Spazierfahrt nach Puy de la Nugère machte Christiane keine Ausflüge mehr mit, sodaß Begegnungen mit den Mädchen sehr schwer wurden. Durch diesen Entschluß seiner Schwester war Gontran zuerst etwas verstört, aber er suchte Mittel und Wege, um darüber hinweg zukommen. An die Sitten von Paris gewöhnt, wo die Frauen von solchen Leuten wie Gontran wie ein Wild betrachtet werden, dessen Jagd oft schwierig ist, hatte er früher alle möglichen Listen angewendet, um denen nahezukommen, die er begehrte. Er hatte besser als irgend jemand sich Zwischenträger verschafft, Hilfsmittel aufgestöbert, mit einem Blick diejenigen gefunden, die seinen Absichten entgegenkamen. Die unbewußte Hilfe, die ihm Christiane lieh, fehlte ihm so plötzlich, und er hatte in seiner Umgebung die schmiegsame Natur, wie er es nannte, gesucht, die an Stelle seiner Schwester treten könnte. Und da war er sofort auf die Frau des Doktor Honorat gekommen. Vieles sprach für sie. Zuerst ihr Mann, der mit den Oriol eng befreundet, bei der Familie seit zwanzig Jahren Hausarzt war. Er hatte die Kinder geboren werden sehen, aß jeden Sonntag bei Oriols, und sie kamen jeden Nachmittag zu ihnen. Seine Frau, eine dicke, mittelalterliche. etwas pretentiöse Dame, war durch ihre Eitelkeit leicht zu gewinnen und würde gewiß beide Hände in Bewegung setzen für den Grafen Ravenel, dessen Schwager das Bad Mont Oriol besaß. Gontran hatte sie übrigens für sehr geeignet gehalten, rein durch ihr Äußeres, als er sie auf der Straße gesehen. Da sie wie eine Kupplerin aussah, dachte er, würde sie auch die dazu passende Gesinnung haben. Er war daher eines Tages bei ihr eingetreten, als er ihren Mann nach Haus begleitete, hatte sich gesetzt, geschwatzt, der Dame ein paar Artigkeiten gesagt und als das Dienstmädchen zu Tisch rief, meinte er aufstehend: – O, das riecht ja ausgezeichnet, bei Ihnen soll man besser aufgehoben sein wie im Hotel! Frau Honorat schwoll vor Eitelkeit und stammelte: – Ach Gott, wenn ich mir erlauben dürfte, Herr Graf, – – wenn ich mir erlauben dürfte – – – – Erlauben, was, gnädige Frau? – Nun, Sie zu bitten, unser einfaches Mahl zu teilen? – Aber, mein Gott, ich würde ja sehr gern ja sagen ..... Der Doktor brummte unruhig: – Aber wir haben ja nichts, einfache Hausmannskost, Rindfleisch, Huhn. Gontran lachte: – Aber das ist ja sehr schön, ich nehme mit Vergnügen an. Und er hatte beim Ehepaar Honorat gegessen. Die dicke Frau stand bei Tisch auf, nahm dem Mädchen die Schüsseln ab, damit sie ja keinen Saucenfleck auf das Tischtuch mache und trotzdem ihr Mann ganz nervös wurde, servierte sie selbst. Der Graf hatte ihr eine Schmeichelei über ihre Küche gesagt, über ihr Haus, über ihre Liebenswürdigkeit, und sie war ganz begeistert von ihm. Er war wiedergekommen, hatte seinen Verdauungsbesuch gemacht, ließ sich von neuem einladen und ging jetzt unausgesetzt zu Frau Honorat, zu der die kleinen Oriols seit Jahren schon, als Nachbarinnen und Freudinnen alle Augenblicke kamen. So saß er stundenlang mit den drei Frauen, war artig, vor allem zu den beiden Schwestern, und es ward von Tag zu Tag klarer, daß er Louise bevorzugte. Die Eifersucht, die zwischen ihnen entkeimt war, sobald er artig gegen Charlotte gewesen, wuchs zu einem förmlichen Hasse bei der alteren Schwester und ward Verachtung bei der jüngeren. Louise hatte in ihrer reservierten Art, obgleich sie gegen Gontran immer eine gewisse Zurückhaltung zu bewahren schien, etwas Koketteres als die Schwester vorher mit all ihrem frohen, freien Benehmen. Charlotte war bis ins tiefste Herz gekränkt, sie versteckte aber aus Stolz ihr Leid, es schien, als merkte sie gar nichts und kam ruhig mit einer augenfälligen Gleichgiltigkeit zu all den Stelldicheins bei Frau Honorat. Sie wollte nicht fortbleiben, aus Furcht, man möchte denken, es thäte ihr weh, es schmerze sie, der Schwester den Platz zu überlassen. Gontran war viel zu stolz auf seine Leistung, um sie zu verstecken, er konnte gar nicht anders und erzählte es Paul. Paul fand die Sache komisch und lachte. Er hatte sich übrigens vorgenommen seit jener scharfen Unterredung mit seinem Freunde, sich gar nicht mehr um dessen Angelegenheiten zu kümmern, und manchmal fragte er sich voller Unruhe: »Ob er wohl etwas von Christiane und mir ahnt?« Er kannte Gontran zu genau, um nicht zu wissen, daß er sehr wohl fähig sei über ein Verhältnis seiner Schwester das Auge zuzudrücken. Aber warum hatte er es nicht früher zu verstehen gegeben, daß er es erriet oder etwas wußte? Gontran war in der That einer von jenen, die der Ansicht sind, jede Dame der Gesellschaft müsse einen oder mehrere Liebhaber besitzen; einer, für den die Familie nur eine Art Versicherungsanstalt auf Gegenseitigkeit ist, für den die Moral nur eine unentbehrliche Äußerlichkeit ist, um mit ihr die Verschiedenheit des Geschmackes zu verschleiern, den die Natur uns gegeben, einer, für den die gesellschaftliche Anständigkeit nur die Fassade bedeutet, hinter der man angenehme Laster verbergen kann. Wenn er übrigens seiner kleinen Schwester zugeredet, Andermatt zu heiraten, so war das mit dem stillschweigenden Hintergedanken geschehen, daß dieser Jude auf alle Art und Weise von der ganzen Familie ausgebeutet werden sollte. Und er hätte vielleicht Christiane ebenso verachtet, wenn sie diesem Manne treu geblieben wäre, den sie doch nur aus Nützlichkeitsgründen und Verstandesrücksichten geheiratet, wie er sich selbst lächerlich vorgekommen wäre, wenn er nicht den Geldbeutel seines Schwagers in Anspruch genommen hätte. Paul dachte an alles das, und alles das bewegte seine Seele eines modernen, übrigens zu Kompromissen bereiten Don Quixote. Und da war er seinem rätselhaften Freund gegenüber sehr zurückhaltend geworden. Als also Gontran erzählt, weshalb er bei Frau Honorat verkehrte, hatte Brétigny gelacht und sich nun schon seit einiger Zeit zu der würdigen Dame mitnehmen lassen. Es machte ihm viel Vergnügen, sich mit Charlotte zu unterhalten. Die Frau des Arztes fügte sich in die Rolle, die ihr zugedacht war, mit dem größten Vergnügen, bot um fünf Uhr Thee an, wie die Damen in Paris, mit kleinen Kuchen, die sie selbst gebacken. Als Paul zum erstenmal in das Haus kam, empfing sie ihn wie einen alten Freund, bat, er möchte sich setzen, nahm ihm selbst den Hut ab, trug ihn auf den Kamin und stellte ihn neben die Uhr. Dann gab sie sich Mühe, die gute Wirtin zu spielen, lief von einem zum andern mit dem Riesenbauch, den sie vor sich hertrug und fragte: – Wollen Sie nicht was genehmigen? Gontran machte Scherze, lachte, schien sich wohl zu fühlen. Er zog einen Augenblick Louise ans Fenster, während Charlottes Augen ihnen erregt folgten. Frau Honorat, die mit Paul sich unterhielt, sagte ihm in mütterlichem Ton: – Die lieben Kinder, da kommen sie so ein paar Augenblicke her um zu schwatzen, das ist doch ganz unschuldig, Herr Brétigny. – O ganz unschuldig, Frau Doktor. Als er dann wiederkam, nannte sie ihn freundschaftlich: »Herr Paul,« indem sie ihn so ein wenig als Mitschuldigen behandelte. Und von da ab erzählte Gontran mit seinem ewigen Witz alle Gefälligkeiten der Dame, der er noch am Tage vorher gesagt: – Warum gehen Sie nicht mal mit den Mädchen auf der Straße nach Sanssouci spazieren? Sie antwortete: – Aber Herr Graf wir gehen sehr gern; wir gehen. – So zum Beispiel morgen um drei Uhr? – Morgen um drei Uhr, Herr Graf. – Gnädige Frau, Sie sind zu liebenswürdig! – O ganz wie Sie wollen, Herr Graf! Und Gontran erklärte Paul: – Hör mal, Du begreifst wohl, im Salon kann ich der älteren in Gegenwart der jüngeren nicht näher kommen, aber wenn wir mal im Wald sind, gehe ich voraus, und ihr bleibt mit Charlotte ein bißchen zurück. Kommst Du mit? – Ja, sehr gern. – Nun also. Und sie standen auf und gingen langsam die Chaussee hinab. Als sie durch La Roche-Pradière kamen, bogen sie links ab und bummelten das baumreiche Thal zwischen den Bäumen hinunter. Als sie über den kleinen Fluß gekommen waren, setzten sie sich am Waldesrand um zu warten. Bald kamen die drei Frauen, Louise voraus, Frau Honorat hinten. Auf beiden Seiten schien man sehr erfreut, sich zu begegnen. Gontran rief: – Das ist aber eine famose Idee, daß Sie gerade hierher kamen. Die Frau des Arztes antwortete: – Ja, es war meine Idee. Und sie setzten zusammen den Spaziergang fort. Louise und Gontran liefen immer schneller, sodaß sie bald einen Vorsprung gewannen und sich so weit entfernten, daß man sie bei den Wendungen des schmalen Fußweges nicht mehr sehen konnte. Die dicke Dame, die ganz außer Atem war, brummte: – Ja ja, die jungen Leute, die können noch laufen, ich kann nicht so schnell mit. Charlotte rief: – Warten Sie mal, ich werde sie rufen. Und sie wollte davon. Aber die Frau des Arztes hielt sie zurück: – Ach Kleine, störe sie doch nicht, sie wollen sich unterhalten, das ist nicht nett sie zu stören. Sie werden schon von selbst wieder zurückkommen. Und sie setzte sich ins Gras in den Schatten einer Tanne und wedelte sich mit dem Taschentuche Luft zu. Charlotte warf Paul einen traurigen Blick zu, einen bittenden, verzweifelten. Er verstand und sagte: – Wissen Sie was, gnädiges Fräulein, wir werden der Frau Doktor die Ruhe lassen und Ihrer Schwester nachgehen, was? Sie antwortete sofort: – Ja, sehr, gern! Frau Honorat meinte nur: – Na geht nur Kinder. Ich warte hier, aber bleibt nicht zu lange aus. Und nun gingen Sie davon. Sie liefen zuerst schnell, denn sie sahen die beiden andern nicht mehr, aber hofften, sie bald einzuholen. Da standen sie nach ein paar Minuten still, Louise und Gontron mußten sich links abgewendet haben oder rechts in den Wald hineingegangen sein. Charlotte rief mit zitternder Stimme fortwährend, aber, niemand antwortete. Sie stöhnte: – Mein Gott, wo sind sie denn? Paul fühlte wieder jenes tiefe Mitleid, jene schmerzliche Weichheit, die er einst am Krater von Nugère empfunden, er wußte nicht, was er dem verzweifelten Mädchen sagen sollte, er hatte plötzlich Lust, sie väterlich in seine Arme zu schließen, sie zu küssen, irgend etwas Süßes und Trostreiches für sie zu finden. Aber was? Sie wandte sich nach allen Seiten mit verzweifelten Blicken und stammelte: – Ich glaube, sie sind hier gegangen! Nein dort! Hören Sie nichts? – Nein, gnädiges Fräulein, ich höre nichts.Es wird das Beste sein, wir erwarten sie hier. – Ach mein Gott nein, wir müssen sie finden! Er zögerte ein paar Sekunden, dann sagte er ganz leise zu ihr: – Thut es Ihnen denn so leid? Sie blickte ihn verzweifelt an, Thränen stiegen in ihren Augen auf und verdeckten mit noch durchsichtigem Wasser wie eine leichte Wolke den Blick, Thränen die noch durch die von langen, braunen Wimpern eingefaßten Lieder zurückgehalten waren. Sie wollte sprechen, sie konnte nicht, sie wagte es nicht, und doch empfand ihr schmerzvolles Herz ein solches Bedürfnis, sich jemanden anzuvertrauen. Er fragte: – Sie lieben ihn wohl sehr? Aber hören Sie mal, er ist wirklich Ihrer Liebe nicht wert. Jetzt konnte sie nicht mehr, schlug die Hände vor die Augen, um ihre Thränen zu verbergen und rief: – Nein, nein, ich liebe ihn nicht, ihn nicht. Er ist zu schlecht gewesen! Er hat mich zum Narren gehabt, das lst zu häßlich, zu feige! Aber es thut mir trotzdem weh, sehr weh, weil es sehr hart ist, sehr hart, ja wohl. Und noch mehr weh thut mir meine Schwester, die mich auch nicht liebt, die noch viel schlechter gewesen ist als er. Ich fühle, sie liebt mich nicht mehr, gar nicht mehr, sie haßt mich! Und ich hatte nur sie, ich habe keinen Menschen mehr, und ich habe doch nichts gethan! Er sah nur ihr Ohr und ihren zarten jungen Hals, der aus dem Kragen ihres Kleides wuchs, unter dem leichten Stoff, der runde Formen verbarg, und er fühlte sich erfüllt von Mitgefühl und Zärtlichkeit, und jenes Gefühl von Ergebenheit bemächtigte sich seiner, wie jedesmal, wenn ihm eine Frau Liebe einflößte. Und seine schnell begeisterte Seele ward ganz erregt, durch den unschuldigen, verwirrenden, naiven Schmerz. Er streckte die Hand nach ihr aus mit unbewußter Geberde, so wie man es thut, um zu schmeicheln, um die Kinder zu beruhigen und legte sie ihr um den Leib nahe der Schulter von hinten herum. Da fühlte er mit schnellen Schlägen ihr Herz klopfen, wie man das kleine Herz eines gefangenen Vogels fühlt. Und dieses fortwährende schnelle Klopfen stieg ihm in den Arm hinauf zu seinem eigenen Herzen, dessen Schläge eiliger gingen. Er fühlte dieses eilige Klopfen, das von ihr kam und ihn durch ihren Körper hindurch packte, in seine Muskeln und Nerven überging, indem es aus ihren beiden Herzen nur ein krankes Herz machte, das dasselbe Leid erregte, das genau so klopfte, wie eine jener elektrischen Uhren, die durch Drähte verbunden Sekunde auf Sekunde gleichmäßig gehen. Aber sie enthüllte plötzlich ihr rotes, immer hübsches Gesicht, wischte sich schnell die Thränen ab und sagte: – Ach, ich hätte Ihnen das nicht sagen dürfen, ich bin ja verrückt, wir wollen schnell zu Frau Honorat zurückkehren. Und bitte, vergessen Sie, wollen Sie mir das versprechen? – Ich verspreche es Ihnen. Sie hielt ihm die Hand entgegen: – Ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich glaube, Sie meinen es ehrlich! Sie kehrten wieder zurück, er hob sie auf, um sie über den Bach zu tragen, wie er das Jahr vorher Christiane hinübergetragen. Christiane! Wie oft war er denselben Weg mit ihr gegangen, zu jener Zeit, da er sie liebte. Er dachte, indem er sich über den Wechsel wunderte, wie kurz jene Liebe war! Charlotte legte einen Finger auf seinen Arm und flüsterte: – Frau Honorat ist eingeschlafen, wir wollen uns ganz still hinsetzen. Frau Honorat schlief in der That, sie hatte sich an den Baum gelehnt, hatte ihr Taschentuch über das Gesicht gedeckt und die Hände über den Leib gefaltet. Sie setzten sich ein paar Schritte von ihr entfernt und sprachen nicht, um sie nicht zu wecken. Da ward das Schweigen des Waldes so tief, daß es ihnen schmerzlich war wie ein Leid. Man hörte nur das Wasser ein Stück entfernt über die Steine rieseln und dann jenes kaum merkliche Geräusch, das irgendwo ein Tier hervorbringt, jenes leise Summen der Fliegen oder der großen schwarzen Insekten, unter denen das abgefallene Laub raschelt. Wo waren nur Louise und Gontran? Was trieben sie? Plötzlich hörte man sie ganz in der Ferne; sie kamen zurück. Frau Honorat erwachte und war erstaunt, als sie Paul und Charlotte sah, da sie dieselben nicht hatte kommen hören. – Und die andern, wo waren sie denn Paul antwortete: – Da kommen sie eben! Man hörte Gontran lachen, und dieses Lachen nahm ein Bleigewicht von Charlottes Seele, sie hätte nicht sagen können warum. Nun gewahrte man sie bald. Gontran lief fast, er zog das junge Mädchen, das ganz rot war, beim Arm, und ehe sie noch angekommen waren, rief er, so eilig hatte er es, die Geschichte zu erzählen: – Denken Sie mal, wen wir überrascht haben?! Ganz kurz: Doktor Mazelli mit der Tochter des berühmten Professor Cloche, die junge Witwe mit dem Rotkopf. O ich sage nur, überrascht haben wir sie – – überrascht – – – na, Donnerwetter, konnte der Kerl küssen! Na, nana! Frau Honorat wollte würdig sein, angesichts dieser zügellosen Heiterkeit: – Aber, Herr Graf, denken Sie doch an die jungen Damen! Gontran verbeugte sich: – Gnädige Frau, Sie haben ganz recht, mich auf meine Pflicht aufmerksam zu machen, Sie denken auch an alles! Dann nahmen die beiden jungen Leute, damit sie nicht alle zusammen zurückehrten, Abschied von den Damen und gingen durch den Wald. – Nun? – fragte Paul. – Nun ich habe ihr auseinandergesetzt, ich bete sie an und ich würde der glücklichste der Sterblichen sein, sie heimzuführen. – Und was hat sie gesagt? – Sie hat mit reizender Vorsicht nur geantwortet: »Das ist Sache meines Vaters, ihm werde ich antworten.« – Na, da gehst Du also wohl hin? – Ja, ich werde sofort meinen Botschafter Andermatt mit der offiziellen Werbung betrauen, und wenn der alte Bauer etwa Schwierigkeiten macht, werde ich das Mädchen einfach kompromittieren. Und da Andermatt noch immer mit Doktor Latonne auf der Terrasse des Kasinos sich unterhielt, rief Gontran seinen Schwager zur Seite und teilte ihm sofort die Lage mit. Paul ging auf der Straße nach Riom, er mußte allein sein, so fühlte er sich erregt mit Körper und Seele, wie jedesmal bei der Begegnung mit einer Frau, die er im Begriff stand zu lieben. Seit einiger Zeit schon unterlag er, ohne es selbst zu wissen, dem frischen, starken Reiz dieses verlassenen Mädchens. Er fand sie so reizend, so einfach, so gut, so ehrlich, so naiv, daß er zuerst von Mitleid gepackt war, von jenem zärtlichen Mitleid, das uns jedes Frauenleid einflößt. Als er sie nun öfters sah, wuchs in ihm jene Zärtlichkeit, die so schnell in uns wirkt und so schnell in uns groß wird, und vor allen Dingen seit einer Stunde fühlte er sich ganz von ihr gepackt, dachte er fortwährend an die Abwesende; sie war immer bei ihm, obgleich sie nicht da war, dieses erste Zeichen der Liebe. Er ging auf der Straße hin, er dachte an ihren Blick, an den Ton ihrer Stimme, an ihr Lächeln, an ihr ganzes Wesen, und er dachte sogar an die Farbe ihres Kleides. Er sagte sich: Ich glaube, ich bin verrückt, das ist zu dumm, ich kenne mich schon, ich sollte lieber nach Paris zurück, verflucht, das ist doch ein junges Mädchen, mit der kann ich doch kein Verhältnis anfangen! Dann dachte er an sie, so wie er das Jahr zuvor an Christiane gedacht, wie doch das ganz anders war, als bei den übrigen Frauen, die er kennen gelernt, die in der Stadt geboren und groß geworden waren, anders als bei den jungen Mädchen, die von Kindheit an durch die mütterliche Koketterie, oder durch die Koketterie, die sie überall sehen, erzogen sind. Sie war nicht nur ein neues reines Wesen, sondern entstammt auch einer gesunden Race, ein echtes Mädchen des Landes, das im Begriff steht, ein Stadtkind zu werden. Und er ward ganz erregt, indem er sich für sie abmühte, den Widerstand, den er noch in sich fand, zu überwinden. Poetische Gestalten aus Romanen kamen ihm, Geschöpfe von Walter Scott, von Dickens, von George Sand, die noch mehr seine immer von Frauengestalten erfüllte Phantasie aufstachelten. Gontran hatte von ihm gesagt: Paul ist ein durchgehender Gaul, dem immer irgend eine Verliebtheit im Sattel sitzt, und wenn er eine abgeworfen hat, sitzt eine andere auf. Brétigny merkte plötzlich, daß es Abend ward. Er war lange gegangen, und er kehrte heim. Als er an dem neuen Bade vorüberkam, sah er dort Andermatt und die beiden Oriol, die eben im Begriff waren, die Weinberge abzuschreiten und zu messen. Und er sah an ihren Bewegungen, daß sie sehr erregt unterhandelten. Eine Stunde später trat Will in den Salon, wo die ganze Familie versammelt war und sagte zum Marquis: – Mein lieber Schwiegerpapa, ich melde Dir hierdurch, daß Dein Sohn Gontran in sechs bis acht Wochen Fräulein Louise Oriol heimführen wird. Der Marquis war ganz erschrocken: – Was sagst Du, Gontran? – Ich sage, daß er in sechs oder acht Wochen mit Deiner Zustimmung Fräulein Louise Oriol heimführen wird, Fräulein Louise Oriol, die sehr reich ist. Da antwortete der Marquis ganz einfach: – Gott wenn er will, mir solls recht sein! Und der Bankier erzählte seine Begegnung mit dem Bauer. Sobald er gehört, daß sein Schwager und das junge Mädchen einverstanden waren, hatte er die Absicht gehabt, augenblicklich die Einwilligung des Bauern zu erzwingen, ohne ihm Zeit zu lassen, allerlei Schliche zur Anwendung zu bringen. Er lief also zu ihm und fand den alten Oriol gerade dabei, auf einem Stück fettigen Papier, unter Beihilfe des Kuluß, der an den Fingern addierte, Rechnungen auszustellen. Er setzte sich und sagte: – Ich möchte gern einen Schluck von Ihrem guten Wein trinken. Sobald der Kuluß mit zwei Gläsern wiedergekommen war, fragte er, ob Fräulein Louise da sei und bat, sie zu rufen. Als sie vor ihm stand, erhob er sich, machte eine Verbeugung und sagte: – Gnädiges Fräulein, wollen Sie bitte einen Augenblick mich als alten Freund ansehen, dem man alles sagen darf? Nicht wahr? Nun also, ich habe eine sehr delikate Sendung an Sie übernommen. Mein Schwager, Graf Raoul Olivier Gontran von Ravenel hat sich in Sie verliebt, woran er sehr recht thut, und hat mich gebeten, Sie in Gegenwart Ihrer Familie zu fragen, ob Sie seine Frau werden wollten. So völlig überrascht, blickte sie verwirrt ihren Vater an, und der alte Oriol starrte erschrocken auf seinen Sohn, seinen gewöhnlichen Berater; Kuluß aber blickte Andermatt an, der nun fortfuhr: – Gnädiges Fräulein, Sie verstehen, daß ich diesen Gang nur übernommen habe mit dem Versprechen, meinem Schwager sofort eine Antwort zu bringen. Er fühlt sehr wohl, daß er keine Gnade vor Ihren Augen finden kann, und in diesem Falle würde er morgen sofort abreisen und nie wieder hierher zurückkehren. Außerdem weiß ich, daß Sie ihn genügend kennen, um mir einfach sagen zu können, ich will oder ich will nicht. Sie ließ den Kopf sinken, errötete und stammelte ganz entschlossen: – Ich will! Dann lief sie so schnell davon, daß sie beim Hinausrennen sich an der Thür stieß. Andermatt hatte sich wieder gesetzt, goß sich, wie die Bauern es thun, ein Glas Wein ein und sagte: – So, nun wollen wir mal über das Geschäftliche reden. Und ohne die Möglichkeit auch nur zuzulassen, daß die Sache verschoben werden könnte, sprach er sofort von der Mitgift, indem er sich auf die Erklärung stützte, die ihm der Bauer vor drei Wochen gemacht. Er schätzte das Vermögen von Gontran auf dreihunderttausend Francs, wozu noch das käme, was er einmal erben würde, und ließ durchblicken, daß, wenn ein Mann wie der Graf Ravenel sich herbeiließe, um die Hand der kleinen Oriol zu bitten – übrigens ein reizendes junges Mädchen! – die Familie des jungen Mädchens diese Ehre unzweifelhaft durch ein größeres Geldopfer anerkennen müßte. Da versuchte der Bauer ganz verstört, aber doch geschmeichelt beinahe wehrlos, seinen Besitz zu verteidigen. Die Unterhandlung dauerte lange, und doch hatte sie eine Erklärung Andermatts von Anfang an erleichtert, der gesagt: – Wir verlangen kein baar Geld, keine Papiere, nur Grund und Boden, den, den Sie mir schon als Fräulein Louises Mitgift bezeichnet haben, dann noch ein paar Grundstücke, die ich Ihnen nennen kann. Die Aussicht, kein Baargeld herausrücken zu müssen, dieses lange aufgeschichtete Geld, das Frank um Frank, Sou um Sou ins Haus gekommen war, jenes gute Geld, weiß oder gelb, abgenutzt durch Finger, durch Geldbörse, durch die Taschen, durch die Tische der Cafés, die tiefen Fächer alter Schränke, jenes Geld, das man mit so viel Mühe, Arbeit und Sorgen erworben, das dem Herzen, dem Auge, dem Finger des Bauern so lieb, viel lieber noch als die Kuh, der Weinberg, das Haus, das Feld. Jenes Geld, das man manchmal schwerer hergiebt, als das Leben selbst. Und die Aussicht, es nicht mit dem Kinde zugleich zu verlieren, beruhigte sofort Vater und Sohn und machte sie von vornherein geneigt nachzugeben, und erweckte in ihnen eine geheime Freude, die sie aber sorgfältig verhehlten. Sie verhandelten trotzdem lange, um noch irgend ein Stück Land behalten zu können. Der genaue Plan von Mont Oriol lag auf dem Tisch, und nacheinander wurden alle einzelnen Grundstücke, die Louise bekommen sollte, mit Kreuzen bezeichnet. Eine Stunde mußte Andermatt unterhandeln, um die beiden letzten Felder noch zu erlangen und, damit ja kein Mißverständnis auf der einen oder anderen Seite herauskommen könnte, ging man dann an Ort und Stelle mit dem Blatt in der Hand, und so wurde jedes einzelne durch Kreuze bezeichnete Grundstück noch besichtigt und dann noch einmal angestrichen. Aber Andermatt war noch nicht beruhigt, er hielt die beiden Oriol für fähig, später einen Teil der Grundstücke, die sie hatten abtreten wollen, abzuleugnen, und er suchte nach einem praktischen sicheren Mittel, um die Abmachung festzumachen. Da kam ihm ein Gedanke, daß er zuerst lachen mußte, aber der ihm doch ausgezeichnet schien, so sonderbar er auch war, und er sagte: – Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir mal das alles ein bißchen aufschreiben, daß wir später nichts vergessen. Und als sie ins Dorf zurück kamen, blieb er bei einer Tabak-Trafik stehen um zwei Stempelbogen zu kaufen, denn er wußte, daß die Liste der Grundstücke auf gestempeltem Papier geschrieben in den Augen der beiden Bauern ihnen nun fast unantastbar sein würde. Denn diese Stempelbogen vertraten das Gesetz, immer unsichtbar und drohend, das der Gendarm schützte, Geldstrafe und Gefängnis. Er schrieb also auf ein gestempeltes Papier und machte eine Abschrift auf das andere. »Auf Grund des Eheversprechens zwischen Graf Gontran von Ravenel und Fräulein Louise Oriol übergiebt Herr Oriol als Mitgift seiner Tochter folgende Grundstücke ...« Und es wurde sorgfältig, eins nach dem andern aufgezählt nach den Kataster-Nummern. Dann kam das Datum darunter, er unterschrieb, er ließ den Vater Oriol unterschreiben, der seinerseits verlangt hatte, daß der Besitz des Bräutigams auch festgestellt würde, und dann ging er zum Hotel das Papier in der Tasche. Alle Welt lachte über die Geschichte und Gontran noch mehr als alle anderen. Dann sagte der Marquis mit großer Würde zu seinem Sohn: – Heute abend werden wir alle beide der Familie einen Besuch machen, und ich werde den Antrag, der durch meinen Schwiegersohn gemacht ist, noch einmal wiederholen, das ist vielleicht korrekter. V Gontran war ein tadelloser Bräutigam, ebenso liebenswürdig, wie um seine Braut bemüht. Er machte mit Hilfe des Andermattschen Geldes aller Welt Geschenke und suchte jeden Augenblick das junge Mädchen auf, sei es bei ihr, sei es bei Frau Honorat. Paul begleitete ihn jetzt ebenso oft, um Charlotte zu treffen, und nach jedem Besuch nahm er sich fest vor, sie nie wiederzusehen. Sie hatte sich tapfer mit der Heirat ihrer Schwester abgefunden. Sie sprach überall ganz ruhig darüber, ohne den geringsten Kummer zu empfinden. Aber ihr Charakter schien sich etwas geändert zu haben, sie war weniger offen. Brétigny sprach mit ihr, während Gontran mit halber Stimme in irgend einer Ecke Louise den Hof machte. Und in Brétignys Herz stieg diese neue Liebe empor wie eine Flut. Er wußte es, und er fügte sich darin. Er dachte: ach was, wenn's so weit ist, reise ich einfach ab. Von ihr ging er zu Christiane, die jetzt von früh bis abends auf der Chaiselongue lag. Bei seinem Eintritt schon fühlte er sich nervös, erregt, aufgelegt zu jedem Streit, wie es kommt, wenn zwei Wesen sich von einander entfernen. Alles was sie sagte, alles was sie dachte, ärgerte ihn von Anfang an, ihr leidendes Aussehen, ihr resigniertes Wesen, ihre vorwurfsvollen, flehenden Blicke führten ihm wütende Worte auf die Lippen, die er nur aus Anstandsgefühl unterdrückte. Und er hatte in ihrer Gegenwart immer die Erinnerung an das junge Mädchen, das er eben verlassen. Wenn ihn Christiane, der es wehethat, daß sie ihn so wenig sah, mit Fragen bestürmte, was er den ganzen Tag täte, erfand er Geschichten, denen sie aufmerksam lauschte, um zu ergründen, ob er nicht vielleicht an eine andere Frau dachte. Sie fühlte, daß sie den Mann nicht an sich fesseln konnte, sie fühlte ihre Ohnmacht, ihm auch nur ein wenig von ihrer Liebe zu sprechen, die sie quälte, die körperliche Unmöglichkeit, ihm noch zu gefallen, sich ihm hinzugeben, ihn durch Liebkosungen wieder zu gewinnen, und da sie ihn durch Zärtlichkeit nicht fesseln konnte, lebte sie in beständiger Furcht, ohne doch genau zu wissen vor was. Sie fühlte eine unbestimmte Gefahr, über ihr schwebte irgend eine große unbekannte Gefahr. Sie war eifersüchtig ohne zu wissen auf wen. Eifersüchtig auf die Frauen, die sie an ihrem Fenster vorübergehen sah und die sie hübsch fand, ohne überhaupt nur zu wissen, ob Brétigny jemals mit ihnen gesprochen. Sie fragte ihn: – Haben Sie eine sehr hübsche Dame gesehen, brünett, ziemlich groß, ich habe sie vorhin bemerkt, sie muß dieser Tage angekommen sein? Wenn er dann antwortete: »Nein, ich kenne sie nicht!« hatte sie den Verdacht, er löge, erbleichte und sagte: – Aber Sie müssen sie doch gesehen haben! Sie schien mir sehr schön! Er war erstaunt über ihre Beharrlichkeit: – Aber ich schwöre Ihnen, daß ich sie nicht gesehen habe, ich werde mal versuchen, sie zu treffen. Sie aber dachte: »Die ist es ganz bestimmt!« Sie war auch manchmal überzeugt, daß er eine heimliche Liebschaft irgendwo hier in der Gegend haben müsse, daß er ein Verhältnis aus Paris, vielleicht die Schauspielerin, hatte kommen lassen, und sie fragte alle Welt, ihren Vater, ihren Bruder, ihren Mann nach allen jungen begehrenswerten Frauen, von denen man in Enval wußte. Wenn sie wenigstens hätte gehen können, so wäre sie ihm gefolgt, sie würde sie entdeckt haben, und die völlige Unbeweglichkeit, in der sie jetzt verharren mußte, bereitete ihr fast unerträgliche Qualen. Wenn sie mit Paul sprach, so verriet schon der Ton ihrer Stimme ihren Schmerz und erregte in ihm wieder nervöse Unruhe über diese nun tote Liebe. Er konnte mit ihr nur noch über ein Thema ruhig sprechen, über die zukünftige Hochzeit Gontrans. Das gab ihm Gelegenheit, den Namen Charlotte auszusprechen und an das junge Mädchen zu denken, und es war ihm sogar ein seltener Reiz, unerklärlich, unbestimmt, von Christiane diesen Namen zu hören, zu vernehmen, wie sie den Liebreiz und alle die guten Eigenschaften dieses Mädchens rühmte, wie sie es bedauerte und bemitleidete, daß ihr Bruder es hintergangen, und wie sie den Wunsch aussprach, ein tüchtiger, braver Mann möge sich ihr nähern, sie liebgewinnen und sie heiraten. Er sagte: – Ja, Gontran hat da eine Dummheit gemacht, das Mädchen ist ganz reizend! Christiane wiederholte, ohne Verdacht zu schöpfen: – Ja, ganz entzückend, eine wahre Perle, ein famoses Ding! Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, daß ein Mann wie Paul so ein Mädchen lieben und sich etwa eines Tages mit ihr verheiraten könnte. Sie fürchtete nur seine Verhältnisse. Und durch ein ganz eigenes Widerspiel des Herzens, erhielt Charlottes Lob aus Christianes Mund für ihn einen ungeheuren Wert, stachelte seine Liebe an und seine Wünsche und machte das junge Mädchen umso begehrenswerter. Da fanden sie eines Tages, als er mit Gontran zu Madame Honorat kam, um die kleinen Oriol dort zu treffen, den Doktor Mazelli vor. Er hatte Platz genommen und that, als wäre er zu Haus. Er streckte den beiden Männern die Hände entgegen mit seinem italienischen Lächeln, das bei jedem Wort und bei jeder Bewegung sein ganzes Herz mitzuteilen schien. Gontran, der mit ihm eine enge Freundschaft geschlossen, aus geheimer Seelenverwandschaft, durch versteckte ähnliche Gedanken, durch eine Art instinktiver Kameradschaft, weniger durch wirkliche Zuneigung und Vertrauen, fragte lachend: – Und Ihre Schöne vom Walde von Sanssouci? Der Italiener lächelte: – Ach wir sind ganz erkaltet, es ist eine jener Frauen, die alles versprechen, aber nichts halten. Und man begann zu schwatzen. Der schöne Arzt machte den Mädchen die Cour, vor allen Dingen Charlotte; indem er von den Frauen sprach, klang seine größte Bewunderung aus Stimme, Gebärde und Blick. Seine ganze Person vom Kopf bis zu den Füßen sagte ihnen: Ich liebe Sie! mit einer sprechenden Bewegung, die die Frauen unwiderstehlich zu ihm trieb. Er hatte Manieren dabei wie eine Schauspielerin, Bewegungen wie eine Tänzerin, schmiegsame Gesten wie ein Taschenspieler, ein ganzes System natürlicher und gewollter Verstellungskünste, deren er sich unausgesetzt bediente. Als Paul mit Gontran ins Hotel zurückkehrte, rief er mit verächtlichem Ton: – Was treibt denn der Charlatan da im Hause? Gontran antwortete vorsichtig: – Ja bei solchen Abenteurern, wer soll das wissen? Die Leute kriechen wie die Ohrwürmer. Ich glaube, der hat das Wanderleben satt, immer den Launen seiner Spanierin zu dienen, deren Kammerdiener er mehr ist, als ihr Arzt. Und vielleicht noch mehr, er sucht etwas anderes. Die Tochter des Professor Cloche war gefundenes Fressen für ihn; die zweite Oriol wäre auch nicht dumm, er versucht, er tastet, er wittert, er sondiert. Er möchte vielleicht Mitbesitzer des Bades werden, will versuchen diesen Ochsen, den Latonne, hinauszudrängen und könnte sich in der That jeden Sommer hier eine ausreichende Patientenschaft für den Winter gewinnen. Ja, das sind seine Ideen, ... zweifellos. Eine dumpfe Wut, eine eifersüchtige Feindschaft erwachte in Pauls Herz. Eine Stimme rief: – He! He! Es war Mazelli, der ihnen nachkam. Brétigny sprach zu ihm mit feindlicher Ironie: – Wo laufen Sie denn so schnell hin, Doktor? Sie sehen ja aus, wie die Jagd nach dem Glück! Der Italiener lächelte, versenkte ohne stehen zu bleiben, mit der graziösen Bewegung eines Mimen seine beiden Hände in die Taschen, drehte sie herum, zeigte, daß sie leer waren, eine nach der anderen, indem er sie mit zwei Fingern an den Nähten faßte, und sagte dann: – Bis jetzt habe ich noch nichts gefunden! Und indem er mit Eleganz Kehrt machte, verschwand er wie einer, der viel zu thun hat. An den folgenden Tagen trafen sie ihn öfter bei Doktor Honorat, wo er sich den drei Frauen durch tausend kleine nette Aufmerksamkeiten und Dienste nützlich machte, durch diese geschickten Minen, die er alle bei der Herzogin hatte springen lassen. Er konnte alles ausgezeichnet, von den Artigkeiten bis zu den Maccaronis. Übrigens war er ein ausgezeichneter Koch, und mit einer blauen Küchenschürze, der Papiermütze eines Küchenchefs, kochte er, während er neapolitanische Lieder sang, ohne daß es irgendwie lächerlich gewesen wäre, indem alle Welt sich unterhielt und er alle gewann bis zu dem thörichten Hausmädchen, das von ihm sagte: – Es ist der reine Christus! Seine Pläne wurden bald klar, und Paul zweifelte nicht daran, daß er nur darauf wartete, Charlottes Liebe zu erringen. Es schien ihm zu glücken, er schmeichelte so, er war so gerissen, Frauen zu gefallen, daß das Gesicht des jungen Mädchens, wenn es ihn sah jene zufriedene Miene annahm, die die äußere Glückseligkeit verrät. Paul seinerseits, ohne sich selbst über sein Benehmen Rechenschaft zu geben, zeigte sich vollkommen als Verliebter und als Nebenbuhler. Sobald er den Doktor an Charlottes Seite sah, kam er und versuchte mit seiner Manier, gerade auf jedes Ziel loszugehen, die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf sich zu ziehen. Er ward zart und doch energisch und sagte so offen, daß man eigentlich kein Liebesgeständnis darin sehen konnte: Ich liebe Sie sehr! Mazelli war erstaunt über diese unliebsame Nebenbuhlerschaft und gab sich rasende Mühe. Und wenn Brétigny, den die Eifersucht plagte, jene Eifersucht, die ihn im Verkehr mit jeder Frau überfiel, ehe er sie überhaupt liebte, wenn sie ihm nur gefiel, wenn Brétigny in der natürlichen Heftigkeit seines Temperaments von oben herab sprach, so antwortete der andere schmiegsamer, durch Feinheiten, durch Spitzen, durch geschickte Komplimente. So gab es täglich einen Kampf, wenn die beiden zusammenkamen, ohne daß der eine oder der andere vielleicht ein festes Ziel gehabt hätte. Sie wollten nicht loslassen, wie zwei Hunde, die an demselben Stück Fleisch zerren. Charlotte hatte ihre gute Laune wiedergewonnen, aber sie war bissiger geworden, etwas weniger Offenes lag in ihrem Lächeln und in ihrem Blick, es war, als hätte der Umstand, daß Gontran sie verlassen, ihr die Augen geöffnet, sie auf alle möglichen Enttäuschungen vorbereitet, sie verständnisfähiger gemacht. Sie manöverierte zwischen den beiden Verliebten geschickt hin und her, indem sie jenem das sagte, was man ihm sagen mußte, ohne bei dem andern anzustoßen und ohne zu zeigen, daß sie den einen oder den andern bevorzugte, indem sie sich vor diesem ein wenig über jenen lustig machte und vor jenem ein wenig über diesen, und indem sie sich stellte, als nähme sie weder diesen noch jenen ernst. Und das alles machte sie ganz einfach, wie ein naives Mädchen, nicht wie eine Kokette, mit jener burschikosen Manier junger Mädchen, die sie unwiderstehlich macht. Aber es war, als käme Mazelli plötzlich in Vorteil. Er schien intimer mit ihr geworden zu sein, als ob ein geheimes Einvernehmen zwischen ihnen eingetreten. Wenn er mit ihr sprach, spielte er leise mit ihrem Sonnenschirm, mit einem Band ihres Kleides, was Paul vorkam wie eine Art Besitzergreifung und ihn so wütend machte, daß er am liebsten dem Italiener ein paar Ohrfeigen gegeben hätte. Und eines Tages im Haus des alten Oriol, als Brêtigny mit Louise und Gontran sprach, indem er dabei die Blicke nicht von Mazelli ließ, der Charlotte mit leiser Stimme Geschichten erzählte, daß sie lächelte, sah er plötzlich, wie das Mädchen errötete und so verlegen war, daß er keinen Augenblick zweifelte, der andere müsse von Liebe gesprochen haben. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, lächelte nicht mehr und hörte immer zu. Und Paul war beinahe dabei, einen Zusammenstoß zu provozieren. Er sagte zu Gontran: – Bitte komm doch mal ein paar Minuten mit mir raus! Gontran entschuldigte sich bei seiner Braut und folgte seinem Freund. Sobald sie auf der Straße standen, rief Paul: – Hör mal, unter allen Umständen muß dieser verfluchte Italiener daran gehindert werden, dies arme Kind zu gewinnen. – Ja was soll ich denn dazu thun? – Du sollst sie darüber aufklären, daß das nur ein Abenteurer ist. – Hör mal, das geht mich nichts an! – Na weißt Du, das wird doch mal Deine Schwägerin. – Gewiß, aber nichts beweist mir, daß Mazelli sich ihr mit bösen Gedanken nähert, er ist gegen alle Frauen so liebenswürdig, und er hat niemals etwas Unpassendes gethan oder gesagt. – Nun, wenn Du es nicht thun willst, werde ich es thun, obgleich mich das entschieden weniger angeht als Dich. – Du bist wohl verliebt in Charlotte? – Ich, nein, aber ich gucke dem Lump hinter die Karten. – Hör mal, Du kümmerst Dich da um Dinge – – kurz, wenn Du nicht Charlotte liebst? – Nein, ich liebe sie nicht, aber ich habe solche Schwindler auf dem Strich. – Willst Du mir nicht sagen, was Du machen willst? – Dem Lumpen eine herunterhauen! – Das wäre also das beste Mittel, daß sie sich in ihn verliebt. Ihr schlagt euch, und ob er Dich verwundet oder Du ihn, in ihren Augen ist er ein Held! – Ja, was würdest Du denn thun? – An Deiner Stelle würde ich mit der Kleinen als guter Freund reden, sie hat großes Vertrauen zu Dir. Na, ich würde ihr einfach mit ein paar Worten auseinandersetzen. Wie es mit jenem Auswurf der Menschheit steht/Du verstehst so etwas sehr gut, Du hast eine Riesen-Suade. Ich würde ihr klar machen, erstens, wie er mit der Spanierin steht, zweitens, warum er der Tochter des Professor Cloche den Hof gemacht und drittens, warum er, da ihm das nicht geglückt ist, nun als Nummro drei versucht, Fräulein Charlotte Oriol zu gewinnen. – Ja, warum kannst Du das nicht, da Du doch ihr Schwager wirst? – Ja weil – – weil – – wegen dessen, was zwischen uns gewesen ist. Verstehst Du, ich kann doch nicht – – – – Das ist richtig, ich werde mit ihr sprechen. – Soll ich Dir sofort die Gelegenheit verschaffen? – Natürlich! – Gut, gehe noch mal hier zehn Minuten herum, ich werde Louise und Mazelli fortschleppen, und wenn Du dann kommst, ist sie allein. Paul Brétigny ging nach Enval zu und überlegte, wie er das schwierige Gespräch beginnen sollte. Er fand, als er zurückkam, Charlotte Oriol in der That allein in dem kalkgetünchten Wohnzimmer des väterlichen Hauses und, indem er sich zu ihr setzte, sagte er: – Gnädiges Fräulein, ich habe Gontran gebeten, dieses Gespräch unter vier Augen mit Ihnen zu ermöglichen. Sie sah ihn mit ihrem klaren Blick an: – Warum denn? – Ich will als wahrer Freund, als treuer Freund, der Ihnen einen Rat geben muß, mit Ihnen sprechen. – Nun? Er holte weit aus, berief sich auf seine Erfahrungen und auf ihren Mangel an Erfahrungen, um ganz allmählich über Abenteurer mit ihr zu reden, die überall ihr Glück suchen, überall anbohren mit berufsmäßiger Geschicklichkeit alle guten naiven Menschen, Männer oder Frauen, sondieren und zwar Portemonnaie und Herz. Sie war ein wenig blaß geworden und hörte ernst, aufmerksam zu. Sie sagte: – Ich verstehe und verstehe doch nicht ganz. Sie sprechen von jemand Bestimmtem, von wem? – Ich spreche von Doktor Mazelli. Sie schlug die Augen nieder, sie antwortete ein paar Sekunden nicht, dann sagte sie mit zitternder Stimme: – Sie sind so offen, daß ich das gleiche thun will. Seit – seit – der Verlobung meiner Schwester, bin ich ein wenig – – – ein wenig – – – anders geworden, ein wenig weniger dumm, und ich ahnte das schon, was Sie mir sagen, aber im stillen amüsierte ich mich, ihn sich mir nähern zu sehen. Sie hatte ihr Gesicht erhoben, und in ihrem Lächeln, in ihrem Blick, in dem feuchten Leuchten ihrer Zähne, die zwischen den Lippen erschienen, lag so viel Liebenswürdigkeit, fröhliche Neckerei, daß Brétigny plötzlich sich zu ihr hingezogen fühlte, durch eine jener jähen Bewegungen, die ihn in sinnloser Leidenschaft der, die er gerade liebte, zu Füßen warf. Und sein Herz klopfte, er fühlte, daß Mazelli nicht der Bevorzugte war, er also hatte gesiegt, und er fragte: – Sie lieben ihn also nicht? – Wen, Mazelli? – Ja. Sie sah ihn mit einem so schmerzlichen Blick an, daß er sich ganz bewegt fühlte, und er stammelte mit stehender Stimme: – Sie lieben niemand? Sie antwortete, die Augen niedergeschlagen: – Ich weiß nicht, ich liebe die, die mich lieben. Er packte plötzlich die Hände des jungen Mädchens und bedeckte sie mit glühenden Küssen in einem jener Momente der Leidenschaft, wo man den Verstand verliert, wo die Worte, die den Lippen entströmen, mehr aus den zitternden Nerven kommen als aus dem Verstand, und er stammelte: – Aber ich liebe Sie ja, meine kleine Charlotte, ich, ich liebe Sie! Sie entzog ihm schnell eine ihrer Hände, legte sie ihm auf den Mund und flüsterte: – Schweigen Sie, bitte, schweigen Sie. Es würde mir zu wehe thun, wenn das auch eine Lüge wäre. Sie hatte sich aufgerichtet, er erhob sich, nahm sie in die Arme und küßte sie leidenschaftlich. Ein jähes Geräusch brachte sie auseinander. Der Vater Oriol war eingetreten und blickte sie ganz erschrocken an. Dann rief er: – Gott verdimm mich, Gott verdimm mich, so ein Kerl! Charlotte war davongelaufen, und die beiden Männer blieben einander gegenüber stehen. Paul versuchte nach ein paar Augenblicken eine Erklärung zu geben: – Ja mein Gott, Herr Oriol, ich habe mich allerdings benommen, wie ... wie ein ... Aber der Alte hörte gar nicht zu. Die Wut, eine entsetzliche Wut kam über ihn, und mit geballten Fäusten stürzte er auf Brêtigny, indem er rief: – Gott verdimm mich, so ein Kerl! ! Als sie sich dann so nahe gegenüberstanden, daß ihre Nasen fast zusammentrafen, packte er ihn mit seinen beiden kräftigen Bauernfäusten am Kragen. Aber der andere, der auch groß und stark war und von jener überlegenen Kraft, die Beschäftigung mit allerlei Sport hervorbringt, entwand sich des Griffes des Auvergnaten durch einen Stoß und schmiß ihn an die Wand. – Hören Sie mal, Herr Oriol, es handelt sich nicht darum, uns zu prügeln, sondern uns zu verständigen. Ich habe Ihre Tochter geküßt, das ist wahr, ich schwöre Ihnen, daß es das erstemal war, und ich schwöre Ihnen auch, daß ich sie heiraten will. Der Alte, dessen körperliche Wut unter dem Angriff seines Gegners nachgelassen hatte, aber dessen Erregung sich nicht gelegt, stammelte: – Nu ja, das is ä scheene Geschichte, man maust einem die Tochter, weil man das Geld haben will. Verfluchter Betrüger Sie! Dann entströmte ihm plötzlich in verzweifelten, langatmigen Worten alles, was er auf dem Herzen hatte. Er konnte sich nicht über die Mitgift trösten, die er der älteren versprochen hatte, über die Weinberge, die in andere Hände übergingen. Er ahnte jetzt Gontrans pekuniäre Verhältnisse und Andermatts List und ohne an das unverhoffte Geld zu denken, daß er dem Bankier verdankte, verspritzte er, alle seine Galle und seinen geheimen Haß gegen diese Übelthäter, die ihm den Schlaf seiner Nächte geraubt. Es klang beinahe, als ob Andermatt, seine Familie, seine Freunde ihn beraubten, ihm irgend etwas abnahmen, seine Grundstücke, seine Quellen oder seine Töchter, und er schleuderte diese Vorwürfe Paul ins Gesicht, indem er auch ihn anklagte nach seinem Besitz zu streben, ein Betrüger zu sein und Charlotte nur zu nehmen, um die Felder zu bekommen. Aber der andere, der die Geduld verlor, brüllte ihn an: – Gott verdammte Schweinerei! Ich bin ja reicher wie Sie, ich kann Ihnen noch Geld geben, verstehen Sie wohl! Der Alte schwieg ungläubig, aber er merkte auf, und mit ruhigerer Stimme begann er seine Anklage von neuem. Nun aber antwortete Paul, erklärte und da er sich durch diese Überraschung, an der er allein schuld war, gefesselt fühlte, schlug er vor, er wolle das Mädchen heiraten ohne die geringste Mitgift. Der alte Oriol schüttelte den Kopf, ließ ihn noch einmal wiederholen, er konnte das garnicht begreifen, für ihn war Paul immer noch ein armer Schlucker, und als Brétigny verzweifelt ihm erklärte: – Aber, Sie alter Ochse, ich habe ja mehr als einhundertundzwanzigtausend Francs Rente, verstehen Sie wohl, von drei Millionen! Da fragte er plötzlich: – Nu, würden Sie das auch aufschreiben? – Nun gewiß werde ich's aufschreiben. – Un Ihren Namen schreiben Sie drunter? – Ja, ich schreibe den Namen drunter. – Auf Stempelpapier? – Ja, ja, auf Stempelpapier. Da stand er auf, öffnete seinen Schrank, nahm zwei Bogen mit Stempelmarken heraus, suchte das Abkommen, das Andermatt mit ihm ein paar Tage vorher ausgemacht, und setzte ein ganz verrücktes Heiratsversprechen auf, in dem drei Millionen genannt wurden, die der Bräutigam garantierte und unter das Brétigny seinen Namen schreiben mußte. Als Paul draußen stand, war es ihm, als drehe sich die Erde anders herum. Er war also, ohne es zu wollen, verlobt, durch einen jener Zufälle des Schicksals, die einen in eine Sackgasse stoßen, und er brummte: – So ein Blödsinn! Dann dachte er: – Ach was, ich hätte vielleicht auf der ganzen Welt keine bessere gefunden! Und er fühlte sich im tiefsten Grunde seines Herzens glücklich über diese Falle, die ihm das Schicksal gelegt. VI Der nächste Tag fing schlecht an für Andermatt. Als er ins Kurhaus kam, erfuhr er, daß Herr Aubry-Pasteur in der Nacht im Splendid-Hotel einem Schlaganfall erlegen war. Ganz abgesehen davon, daß der Ingenieur durch seine Kenntnisse und seinen Eifer und die Liebe, die er für das Bad Mont Oriol, das er wie sein Kind betrachtete, gefaßt hatte, sehr nützlich war, war es sehr unangenehm, daß ein Kranker, der darauf ausging, ein Leiden zu bekämpfen, gerade auf diese Art mitten in der Behandlung, mitten in der Saison gestorben war, in dem Moment, wo das Bad anfing, in die Höhe zu kommen. Der Bankier war sehr erregt, er lief in das Zimmer des abwesenden Inspektors, kam wieder heraus, lief wieder hinein. Er wünschte der Sache einen anderen Namen zu geben, er erdachte sich einen Unglücksfall, einen Sturz, eine Unvorsichtigkeit, und ungeduldig wartete er, daß Doktor Latonne kommen sollte, damit der Tod in günstiger Weise konstatiert werden könnte, ohne daß irgend ein Verdacht über die wahre Ursache aufkam. Plötzlich erschien der Arzt, bleich, verstört und fragte beim Eintreten: – Wissen Sie schon das Unglück? – Gewiß, daß Aubry-Pasteur gestorben ist. – Nein, nein, Doktor Mazelli ist mit der Tochter des Professor Cloche durchgebrannt. Es überlief Andermatt eisig kalt: – Was sagen Sie? – Ja, Herr Präsident, es ist ein fürchterliches Unglück, ein Jammer für uns. Er setzte sich, wischte sich die Stirn und erzählte, was geschehen, wie es ihm Petrus Martel mitgeteilt, der die Einzelheiten vom Diener des Herrn Professors erfahren. Mazelli hatte der hübschen rothaarigen Witwe den Hof gemacht, sie war eine große Kokette, deren erster Mann an der Schwindsucht gestorben, wie man sagte, die Folge ihrer zu großen Zärtlichkeit. Professor Cloche, hinter die Pläne des italienischen Arztes gekommen, und da er nicht als zweiten Schwiegersohn einen solchen Abenteurer haben wollte, hatte ihn, als er ihn zu den Füßen seiner Tochter gefunden, vor die Thür gesetzt. Mazelli ging durch die Thür, kehrte aber durch das Fenster mit der seidenen Strickleiter der Liebenden zurück. Es kursierten zwei Versionen, die eine besagte, er hatte die Tochter des Professors ganz verrückt gemacht vor Liebe und Eifersucht, die andere, er hätte sie immer im geheimen wiedergesehen, indem er so that, als mache er einer anderen Frau den Hof. Da er nun durch seine Geliebte erfuhr, daß der Professor unbeugsam blieb, war er in der Nacht mit ihr durchgegangen, um durch den Skandal eine Heirat zu erzwingen. Doktor Latonne erhob sich und lehnte sich an den Kamin, während Andermatt unruhig auf und ab lief. Der Doktor rief: – Denken Sie nur: ein Arzt, ein Arzt soll so etwas machen! So eine Charakterlosigkeit! Andermatt war verzweifelt. Er wog die Folgen ab und ordnete sie in seinem Geist wie zu einem Additionsexempel. Erstens das unliebsame Gerücht, das gewiß in den Nachbarbädern bekannt werden und bis nach Paris dringen würde. Aber wenn man es geschickt anfinge, wäre es vielleicht nicht unmöglich, die Flucht dieses Paares zur Reklame zu verwenden. Mit einem halben Dutzend geschickt redigierter Notizen in den meistgelesenen Blättern würde man gewiß die Aufmerksamkeit der Leute auf Mont Oriol lenken. Zweitens der Fortgang des Professor Cloche, ein unersetzlicher Verlust. Drittens: Abreise der Herzogin und des Herzogs von Ramas-Aldavarra, ein zweiter Verlust, für den es gar keinen Ersatz gab. Im Ganzen hatte Doktor Latonne recht, es war ein furchtbares Unglück. Da wandte sich der Bankier zum Arzt: – Sie sollten mal sofort ins Splendid-Hotel gehen und für Aubry-Pasteur den Totenschein ausstellen, so, daß man nicht an einen Schlaganfall denkt. Doktor Latonne nahm seinen Hut, dann sagte er beim Gehen: – Hören Sie, da ist noch eine Nachricht, die den Ort durchlauft. Ist es denn wahr, daß Ihr Freund Paul Brétigny Charlotte Oriol heiraten wird? Andermatt zitterte vor Erstaunen: – Brétigny, ach was, wer hat Ihnen denn das erzählt? – Nun, wieder Petrus Martel, er hat's vom alten Oriol selbst. – Vom alten Oriol? – Ja, vom Vater Oriol. Der behauptete, sein Schwiegersohn hätte drei Millionen Vermögen. Andermatt wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er brummte: – Ja Gott, das ist ja möglich, er hat ihr mächtig nachgestellt seit einiger Zeit. Ja dann gehört uns ja das ganze Ding, das ganze Ding. Das muß ich mal gleich feststellen. Und er folgte dem Arzt, um Paul noch vor dem Frühstück zu treffen. Als er ins Hotel kam, teilte man ihm mit, daß seine Frau mehrmals nach ihm gefragt hätte. Er fand sie noch zu Bett, sie sprach mit ihrem Vater und ihrem Bruder, der schnell und zerstreut die Zeitung durchlief. Sie fühlte sich leidend, sehr leidend, sie war unruhig. Sie hatte Angst, und sie wußte nicht warum. Und dann war ihr ein Gedanke gekommen, der seit ein paar Tagen bei ihrem Zustand immer stärker in ihr ward. Sie wollte Doktor Black konsultieren. Da sie immerfort um sich herum nur Witze über Doktor Latonne gehört, hatte sie alles Zutrauen zu ihm verloren und wollte die Ansicht eines anderen Arztes vernehmen, des Doktors Black, dessen Ruf täglich stieg. Befürchtungen aller Art, ängstliche und quälende Gedanken, die am Ende der Schwangerschaft die Frauen überfallen, quälten sie jetzt von früh bis abends. Seit dem Tage vorher bildete sie sich infolge eines Traumes ein, daß das Kind schlecht läge und zwar so, daß die natürliche Entbindung nicht möglich sein und man zur Operation würde schreiten müssen. Und in ihren Gedanken erlebte sie selbst die Operation, die man an ihr machte. Sie sah sich auf dem Rücken liegen, mit geöffnetem Leib in einem blutüberströmten Bett, während man etwas Rotes davon trug, das sich nicht bewegte, das nicht schrie, das tot war. Und alle zehn Minuten schloß sie die Augen, um das Bild wieder vor sich zu sehen, um wieder ihre furchtbaren Schmerzensqualen im geheimen durchzumachen. Da hatte sie sich eingebildet, daß Doktor Black ganz allein ihr die Wahrheit sagen würde, und sie verlangte, ihn sofort zu sehen, sie verlangte, daß er den Augenblick geholt werden sollte, augenblicklich, augenblicklich! Andermatt, der sehr zerstreut war, wußte nicht mehr, was er antworten sollte. – Ja aber, liebes Kind, das ist für mich sehr schwer, denke doch an meine Beziehungen zu Latonne, das ist sogar unmöglich. Höre mal, mein Kind, ein Gedanke, ich werde mal Professor Mas-Roussel rufen, der ist hundertmal bedeutender wie Doktor Black, er wird es mir nicht abschlagen. Aber sie verbiß sich darauf, sie wollte Black, nur Black, sie mußte ihn sehen, seinen dicken Doggenkopf an ihrer Seite wissen, es war eine fixe Idee, ein toller Gedanke, sie mußte ihn haben. Da versuchte William den Gedankengang zu ändern: – Weißt Du nicht, daß dieser Intrigant von Mazelli diese Nacht mit der Tochter des Professor Cloche durchgegangen ist? Sie sind fort, weiß der Teufel, wo sie hin sind! Sie hatte sich aus den Kissen aufgerichtet mit durch ihr Leid großen Augen und stammelte: – Ach, die arme Herzogin, die arme Frau, die thut mir so leid! Seit längerer Zeit hatte ihr Herz begriffen, was vor sich ging, ihr armes leidenschaftliches gequältes Herz, sie litt an demselben Leid, sie weinte die gleichen Thränen. Aber sie begann von neuem: – Hör mal, Will, Du mußt mir den Doktor Black rufen, ich fühle, ich sterbe, wenn er nicht kommt. Andermatt nahm ihre Hand und küßte sie zärtlich: – Ach Gott, hör doch mal, meine kleine Christiane, sei doch vernünftig. Er sah die Thränen in ihren Augen und wandte sich zum Marquis: – Lieber Papa, das müßtest Du machen, ich kann das nicht. Black kommt alle Tage hierher gegen ein Uhr zur Prinzessin von Maldenburg, rede ihn dann unterwegs an und bringe ihn zu Deiner Tochter. Du kannst doch noch eine Stunde warten, Christiane, nicht wahr? Sie willigte ein, eine Stunde zu warten aber lehnte es ab, aufzustehen, um mit den Herren zu frühstücken, die nun allein ins Eßzimmer gingen. Paul war schon dort. Als Andermatt ihn sah, rief er: – Hören Sie mal, was hat man mir da vorhin erzählt, Sie wollen Charlotte Oriol heiraten? Das ist doch nicht wahr? Der junge Mann antwortete halblaut, indem er einen unruhigen Blick nach der geschlossenen Thür warf: – Mein Gott, ja. Da es noch niemand wußte, blieben sie alle drei mit offenem Munde vor ihm stehen. Andermatt fragte: – Aber wie kamen Sie nur darauf, bei Ihrem Vermögen sich zu verheiraten. Sie, der Sie alle haben können, sich an eine zu hängen? Und dann ist doch die Familie nicht gerade sehr vornehm. Für Gontran, der keinen Dreier hat, ist es ja etwas anderes. Brétigny begann zu lachen: – Nun, mein Vater hat durch Mehlhandel sein Geld verdient, er war also Müller – en gros – wenn Sie ihn gekannt hätten, würden Sie vielleicht auch gedacht haben, er wäre nicht gerade übermäßig elegant. Na, und das junge Mädchen? Andermatt unterbrach ihn: – O, die ist reizend, köstlich, famos und wissen Sie, sie wird mal so reich sein wie Sie, wenn nicht reicher, das verspreche ich Ihnen, das verspreche ich Ihnen. Gontran brummte: – Ja, die Verlobung bindet ja nicht und deckt den Rückzug. Er hätte ja doch bloß vorher etwas sagen können! Nun sag mal, mein Alter, wie ist denn das passiert? Da erzählte Paul die ganze Geschichte, indem er sie nur ein klein wenig veränderte. Er sprach von seinen Zweifeln, die er verstärkte, von seiner plötzlichen Entscheidung, als ein Wort vonseiten des jungen Mädchens ihm die Hoffnung gab, daß er geliebt sei. Er erzählte, wie plötzlich der alte Oriol eingetreten, wie sie sich gezankt, indem er etwas übertrieb, dann wie der alte Bauer gezweifelt, daß er Geld hätte und das Papier mit den Stempelmarken aus dem Schrank genommen. Andermatt lachte bis zu Thränen und schlug mit der Hand auf den Tisch: – Na so was, da hat er meinen Coup mit dem Stempelpapier sofort nachgemacht. Aber Paul stammelte und ward ein wenig rot: – Bitte, sagen Sie aber Ihrer Frau noch nichts davon; so wie wir mit einander stehen, ist es besser, ich sage es ihr selbst. Gontran sah seinen Freund mit einem seltsamen Lächeln an, das zu sagen schien: »Das ist ganz famos, ganz famos, so muß so etwas zu Ende gehen, ohne jeden Lärm, ohne große Geschichten.« Er schlug vor: – Wenn es dir recht ist, mein alter Paul, gehen wir nach dem Frühstück hin, wenn sie aufgestanden ist, und dann kannst du ihr die Sache mitteilen. Ihre Blicke trafen sich, und Paul antwortete gleichgiltig: – Ja, gewiß, sehr gern, wir wollen mal nachher über die ganze Geschichte reden. Ein Bedienter des Hotels trat ein, um zu melden, daß der Doktor Black eben zur Prinzessin gekommen, und sofort ging der Marquis davon, um ihn unterwegs noch zu treffen. Er setzte dem Arzte die Lage auseinander, die Verlegenheit, in der sich sein Schwiegersohn befände und den Wunsch seiner Tochter, und ohne weitere Schwierigkeiten nahm er ihn mit. Sobald der kleine Mann mit dem dicken Kopf ins Zimmer getreten war, bat Christiane: – Bitte, laß uns allein Papa. Und der Marquis zog sich zurück. Nun sprach sie von ihrer Unruhe, ihrer Angst und ihren Träumen, mit leiser, weicher Stimme, als ob sie beichtete. Und der Arzt hörte zu wie ein Priester, indem er manchmal seine großen, runden Augen auf sie richtete, durch ein Nicken seine Aufmerksamkeit bezeugte, oder durch ein »Gewiß«, das zu sagen schien: Ich kenne Ihren Fall bis ins kleinste, und wenn Sie wollen, mache ich Sie sofort gesund. Als sie fertig erzählt hatte, begann er seinerseits sie zu fragen mit größter Genauigkeit über ihr Leben, ihre Gewohnheiten, ihre ärztliche Behandlung. Manchmal schien er eine zustimmende Bewegung zu machen, manchmal durch ein diskretes »Oh!« seine abweichende Ansicht zu bekunden. Als sie zu ihrer Befürchtung kam, das Kind möge schlecht liegen, erhob er sich und befühlte sie mit der Schamhaftigkeit eines Geistlichen durch die Decken, und dann erklärte er: – Nein, sehr gut! Sie wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Ein wundervoller Mann dieser Arzt! Er nahm ein Stück Papier vom Tisch und schrieb ein Rezept auf, es war sehr lang. Dann trat er an ihr Bett und begann in einem ganz anderen Ton, um festzustellen, daß er seine heiligen beruflichen Pflichten jetzt beendigt hatte, zu plaudern. Er hatte eine tiefe, fettige Stimme, eine gewaltige Stimme, wie ein Zwerg, er sprach über alles mögliche, die bevorstehende Heirat Gontrans schien ihn besonders zu interessieren. Dann sagte er mit einem süßlichen Lächeln: – Ich sprach Ihnen noch nicht von der Verlobung des Herrn Brétigny, obgleich sie wohl kein Geheimnis mehr ist, denn der alte Oriol erzählt es ja aller Welt. Sie wurde fast ohnmächtig, bei den Fingerspitzen begann es, lief über den ganzen Körper, die Brust, die Beine, aber sie begriff trotzdem nicht. Nur eine furchtbare Angst, nichts zu wissen, machte sie plötzlich vorsichtig, und sie stammelte: – Was, der alte Oriol erzählt es aller Welt? – Ja, ja, vor zehn Minuten noch hat er mit mir darüber gesprochen. Herr Brétigny scheint ja sehr reich zu sein, und er scheint die kleine Charlotte seit längerer Zeit schon zu lieben. Übrigens hat Frau Doktor Honorat die beiden Verlobungen gemacht, in ihrem Hause trafen sich die jungen Leute. Christiane hatte die Augen geschlossen, sie verlor die Besinnung. Der Doktor rief die Jungfer, dann erschienen der Marquis, Gontran und Andermatt, die Essig holten, Parfüms, und zwanzig verschiedene, unnütze Dinge. Plötzlich machte die junge Frau eine Bewegung, öffnete die Augen, hob die Arme und stieß einen herzzerreißenden Schrei aus, während sie sich in ihrem Bette wand. Sie versuchte zu sprechen und stammelte: – Ach, thut das weh! Mein Gott, thut das weh! Es zerreißt mich! O, mein Gott! Und sie begann wieder zu schreien. Die ersten Wehen waren eingetreten. Da lief Andermatt davon, um Doktor Latonne zu rufen. Er traf ihn sofort und rief: – Kommen Sie schnell, bei meiner Frau ist ein Unglück geschehen, schnell! Da kam ihm ein schlauer Gedanke, er erzählte ihm, daß Doktor Black gerade im Hotel gewesen sei, als die ersten Schmerzen sich eingestellt. Doktor Black wiederholte diese Lüge seinem Kollegen, indem er sagte, er wäre soeben bei der Prinzessin gewesen, als man ihm meldete, Frau Andermatt ginge es schlecht, und so sei er natürlich sofort hingelaufen. William, der sehr bewegt war, dem das Herz schlug, der ganz verwirrt schien, ward plötzlich von Zweifeln ergriffen über den Wert dieser beiden Männer, und er lief ohne Hut hinaus, um den Professor Mas-Roussel anzuflehen, zu kommen. Der Professor war sofort dabei, knöpfte seinen Überrock mit der Gebärde des Arztes zu, der auf Krankenbesuch geht, und mit eiligen langen Schritten, wie es einem so berühmten Mann zukommt, dessen Gegenwart ein Menschenleben retten kann, eilte er davon. Sobald er eintrat, kamen die beiden anderen ihm sehr artig entgegen, konsultierten ihn mit größter Ergebenheit, indem sie beinahe zu gleicher Zeit sagten: – Herr Kollege, die Sache liegt nämlich so ... Herr Kollege, glauben Sie nicht auch, daß ... Sollte man nicht, Herr Kollege ...? Andermatt seinerseits schien ganz den Verstand verloren zu haben durch das Stöhnen seiner Frau, quälte den Professor mit Fragen, und nannte ihn: hochverehrter Herr Geheimrat. Christiane, die fast nackt vor den Männern da lag, sah nichts mehr, wußte nichts mehr, begriff nichts mehr. Sie litt fürchterlich. Alle Gedanken schienen ihr aus dem Kopf entwichen, es schien ihr, als ob man eine lange Säge in ihrem Leib, in ihrem Rücken, in die Seiten der Hüften senkte, eine Säge mit Zähnen, die ihr die Knochen, die Muskeln langsam mit unregelmäßigem Hin- und Herzerren zerriß, mit Stößen, mit Anhalten und wieder mit schnellerer, furchtbarerer Bewegung. Als der Schmerz ein paar Augenblicke nachließ, als sie dadurch einen Moment wieder Besinnung bekam, senkte sich ein Gedanke in ihre Seele, schmerzlicher noch, entsetzlicher als der körperliche Schmerz: er liebte eine andere Frau und würde sie heiraten! Und damit diese neue Qual, die ihr den Sinn verwirrte, wieder erlösche, gab sie sich Mühe, die körperlichen Schmerzen wieder hervorzubringen, bewegte sich und wälzte sich hin und her, und als die Wehen wiederkamen, konnte sie wenigstens daran nicht mehr denken. Fünfzehn Stunden lang ward sie so gequält, so durch die Schmerzen und die Verzweiflung zerrüttet, daß sie sterben wollte, daß sie sich Mühe gab, in den Qualen, die sie durchmachte, die Seele auszuhauchen. Aber nach einer Wehe, noch länger und heftiger als die anderen, war es ihr plötzlich als ob alles aus ihrem Leibe herausdrängte. Es war aus, die Schmerzen beruhigten sich, wie Wellen, die geringer werden, und die Erleichterung, die sie empfand, war so groß, daß all ihr Leid eine zeitlang einzuschlafen schien. Man sprach mit ihr, sie antwortete mit sehr leiser, sehr matter Stimme. Plötzlich beugte sich Andermatts Gesicht zu ihr herab, und er sprach: – Sie lebt, es ist eine Tochter! Christiane konnte nur flüstern: – O, mein Gott! Sie hatte also ein Kind, ein Kind, das da wachsen und groß werden würde, ein Kind von Paul! Und die Lust kam sie an, wieder zu schreien, so zerstückte ihr dies neue Unglück das Herz. Sie hatte eine Tochter. Sie wollte keine, sie wollte sie nicht sehen, sie niemals anrühren. Man hatte sie frisch gebettet, versorgt und liebevoll geküßt. Wer? Ihr Vater und ihr Mann wahrscheinlich, sie wußte es nicht. Aber er, wo war er, was that er? Wie glücklich wäre sie zu dieser Stunde gewesen, hätte er sie ein wenig lieb gehabt. Die Zeit verstrich, die Stunden folgten einander, ohne daß sie selbst Tag und Nacht unterscheiden konnte, denn sie fühlte nur den Gedanken quälend, brennend: er liebt eine andere! Plötzlich sagte sie sich: und wenn das nun nicht wahr wäre? Wie ist es möglich, daß ich die Verlobung nicht gehört habe, ehe dieser Arzt davon sprach. Dann dachte sie nach, daß man sie ihr wohl verborgen hatte, Paul würde schon dafür gesorgt haben, daß sie nichts erfuhr. Sie blickte sich im Zimmer um, wer da wäre. Eine unbekannte Frau wachte bei ihr, eine Bauersfrau. Sie wagte sie nicht, sie zu fragen. Wen konnte sie überhaupt fragen? Plötzlich ward die Thür geöffnet, ihr Mann kam auf den Fußspitzen herein, und da er ihre offenen Augen sah, näherte er sich ihr. – Geht's dir besser? – Ja, danke! – Du hast uns seit gestern Angst gemacht, aber nun ist die Gefahr vorbei. Aber ich bin Deinetwegen in großer Verlegenheit. Ich hab unserer Freundin, Frau Icardon, telegraphiert, die zu Deiner Niederkunft da sein sollte, ihr die Entbindung mitgeteilt und sie gebeten sogleich zu kommen. Nun ist sie aber bei ihrem Neffen, der Scharlach bekommen hat. So ohne eine Pflegerin – eine Pflegerin, die ein bißchen – ein bißchen feiner ist, aber kannst Du doch nicht bleiben, und da hat sich eine Dame von hier angeboten, Dich zu pflegen und Dir Gesellschaft zu leisten, alle Tage, und ich habe es angenommen: Frau Honorat. Christiane kam plötzlich die Erinnerung an das, was Doktor Black gesagt, eine jähe Angst packte sie, und sie stöhnte: – O, nein, nein, die nicht! Will begriff nicht und meinte: – Ich weiß ja wohl, daß sie etwas gewöhnlich ist, aber Dein Bruder hat sie sehr gern, und sie ist ihm sehr nützlich gewesen, und dann wird behauptet, sie wäre Hebamme gewesen, Honorat habe sie bei einer Kranken kennen gelernt. Wenn sie Dir zu unangenehm ist, schicke ich sie Dir morgen wieder weg, aber wir wollen es doch versuchen, laß sie doch ein-, zweimal kommen. Sie dachte nach. Das Bedürfnis zu wissen, alles zu wissen, kam ihr so heftig, daß die Hoffnung, dieses Weib selbst zum sprechen zu bringen, ihr nach und nach die Gewißheit, die ihr Herz zerreißen würde, zu entlocken, sie bewog, zu antworten: – Also gut, hole sie gleich her, aber gleich, geh! Und zu diesem unwiderstehlichen Wunsch, alles zu erfahren, trat noch das sonderbare Bedürfnis, mehr zu leiden, ein krankhafter, exaltierter Wunsch, wie der einer Märtyrerin, die nach Schmerzen verlangt. Und sie stammelte: – Ja, mir ist es recht, bringe Frau Honorat her! Aber da fühlte sie plötzlich, daß sie nicht länger warten konnte, ohne Gewißheit zu haben, ohne genau von seinem Verrat zu wissen, und sie fragte William mit einer Stimme, schwach wie ein Hauch: – Ist es wahr, daß Herr Brétigny sich verlobt hat? Er antwortete ganz ruhig: – Ja, das ist wahr. Man hätte es Dir schon längst gesagt, wenn Du nicht krank gewesen wärst. Sie fragte noch: – Mit Charlotte? – Mit Charlotte! Nun hatte aber auch William eine fixe Idee, die ihn schon gar nicht mehr verließ: seine Tochter, die noch kaum lebte und die er alle Augenblicke ansah. Er war empört, daß nicht das erste Wort Christianes die Frage nach dem Kind gewesen war, und er sagte mit leisem Vorwurf: – Aber höre mal, Du hast doch noch gar nicht nach der Kleinen gefragt. Weißt Du, daß es ihr sehr gut geht? Sie zuckte zusammen, als ob man ihr in eine offene Wunde gegriffen, aber sie mußte alle Stationen dieses Calvarienberges zurücklegen. – Bringe sie mir, – sagte sie. Er verschwand hinter dem Vorhang zu Füßen des Bettes und kam dann wieder mit vor Stolz und Glück leuchtendem Gesicht, indem er in seinen Händen ungeschickt ein Paket weißer Wäsche hielt. Er legte es auf das Kopfkissen, nahe Christianes Kopf, die vor Erregung zitterte, und sagte: – Sieh mal, da ist sie, ist sie nicht allerliebst? Sie blickte das Kind an. Er hielt mit zwei Fingern die leichten Spitzen zurück, die um ein kleines, rotes Gesicht lagen, so klein, so rot, mit geschlossenen Augen und saugendem Mund. Und sie dachte, indem sie sich über dieses eben erst beginnende Menschenkind beugte: »Das ist nun meine Tochter ... Pauls Tochter. Das hat mir solche Schmerzen gemacht, .. das .. ist meine Tochter!« Aber plötzlich war ihr Widerwillen gegen das Kind verschwunden, gegen das Kind, dessen Geburt so fürchterlich ihr armes Herz und ihren Leib zerrissen. Sie betrachtete mit schmerzlicher Neugierde, mit tiefem Erstaunen das Kind mit dem Erstaunen eines Tieres, das sein erstes Junges geworfen. Andermatt dachte, sie würde es liebkosen, und er war wieder erstaunt und etwas verletzt und fragte: – Küßt Du es denn nicht? Ganz leise beugte sie sich zu der Kleinen Stirn, aber je mehr sich ihre Lippen näherten, desto mehr fühlte sie sich angezogen, und als sie die Lippen darauf gelegt, als sie sie berührte, die kleine Stirn, ein wenig feucht, ein wenig warm, die Wärme ihres eigenen Lebens, schien es ihr, als könne sie ihre Lippen nicht mehr loslassen von diesem kleinen Kinderkörper, und daß sie ewig darauf ruhen bleiben würden. Etwas streifte ihre Wange, es war der Bart ihres Mannes, der sich beugte, um sie zu küssen, und nachdem er sie lange an sich gepreßt mit dankbarer Zärtlichkeit, wollte er auch seine Tochter küssen und gab ihr mit vorgestreckten Lippen ein paar kleine Küßchen auf die Nasenspitze. Christiane that diese Zärtlichkeit weh, sie blickte die beiden neben sich an, ihre Tochter und ihn. Bald darauf wollte er das Kind wieder in die Wiege tragen. – Nein, – sagte sie, – laß es mir noch ein paar Minuten, daß ich es an meiner Wange fühle. Sprich nicht, bewege Dich nicht, laß uns ruhig warten. Sie schob einen ihrer Arme unter den in den Windeln verborgenen Körper, lehnte ihre Stirn ganz nahe an der Kleinen Gesicht, schloß die Augen, bewegte sich nicht mehr und dachte an nichts. Aber William berührte sie nach einigen Minuten leise an der Schulter: – Kind, Du mußt vernünftig sein, rege Dich nicht so auf, weißt Du, nur nicht so aufregen! Dann nahm er ihre Tochter fort, die sie so lange mit den Augen verfolgte, bis sie hinter dem Bettvorhang verschwunden war. Dann kam er zurück: – Also abgemacht, morgen früh schicke ich Dir Frau Honorat zur Gesellschaft. Sie antwortete mit fester Stimme: – Ja, mein Freund, Du kannst sie mir morgen früh schicken. Und sie streckte sich im Bett aus, müde, wie zerschlagen, ein bißchen weniger unglücklich vielleicht. Ihr Vater und ihr Bruder kamen noch am Abend, um sie zu sehen, erzählten ihr Geschichten aus der Gegend, die plötzliche Abreise des Professor Cloche, der seiner Tochter nachgefahren, und das Gerede über die Herzogin von Ramas, die man nicht mehr sah, von der man meinte, sie wäre schon fort, und noch mancherlei Sachen. Gontran lachte über dieses Abenteuer und zog scherzend einen Schluß aus dem Ereignis: – Unglaubliche Dinge gehen vor in diesen Bädern, es sind die einzigen Feenländer, die es noch auf der Erde giebt. In zwei Monaten kommt dort mehr vor, als die ganze übrige Zeit auf der ganzen Welt, es ist wirklich, als ob die Quellen keine Mineral-, sondern Zauberquellen wären. Aber das ist überall dieselbe Geschichte in Aix, Royat, Vichy, Luchon, und ebenso in den Seebädern, in Dieppe, Etretat, Trouville, Biarritz, Cannes, Nizza. Man findet dort Fetzen von allen Gesellschaften, von allen Völkern, und eine Rassenmischung, die es sonst nirgends giebt, wunderbare Abenteuer. Die Frauen machen dort mit Leichtigkeit und tödlicher Sicherheit allen möglichen Unsinn. In Paris ist man stark, in den Bädern schwach. Die Männer finden dort Geld, wie Andermatt, den Tod, wie Aubry-Pasteur und andere wieder verloben sich, wie ich und Paul. Du wußtest doch von Pauls Verlobung, nicht wahr? Sie flüsterte: – Ja, William hat mir's vorhin erzählt. Gontran fuhr fort: – Er hat recht, sehr recht. Sie ist eine Bauerndirne ... Ja, aber, das ist doch immer noch mehr als die Tochter eines Abenteurers, oder eine Dirne kurzweg. Ich kenne Paul, er hätte doch noch irgendwo so ein Frauenzimmer geheiratet, wenn sie sich nur sechs Wochen lang gewehrt hätte. Und um sich gegen ihn zu wehren, muß man entweder ganz gerissen oder ganz unschuldig sein. Er ist nun auf die Unschuld reingefallen, und das ist besser für ihn. Christiane hörte zu, und jedes Wort ging ihr durch das Ohr bis ins Herz und that ihr weh, fürchterlich weh. Sie sagte, indem sie die Augen schloß: – Ich bin sehr müde und möchte ein wenig ruhen. Sie küßten sie und gingen. Sie konnte nicht schlafen, immer hielten sie ihre quälenden Gedanken wach. Dieser Gedanke, daß er sie nicht mehr liebte, ward ihr so unerträglich, daß, wenn sie jene Frau nicht gesehen hätte, die Krankenwärterin, die in dem Stuhl lehnte, sie aufgestanden wäre, das Fenster geöffnet und sich einfach hinuntergestürzt hätte auf die Stufen der Terrasse. Ein ganz feiner Mondenstrahl brach durch eine Spalte in den Vorhängen und machte auf dem Parkett einen kleinen hellen Fleck. Sie sah ihn, alle ihre Erinnerungen tauchten mit einem Male wieder auf, der See, der Wald, das erste »Ich liebe dich«, kaum gehört und doch so verwirrend. Dann Tournoël und all ihre Zärtlichkeit an jenem Abend auf dem dunklen Weg und auf der Chaussee von la Roche-Pradière. Plötzlich sah sie die weiße Straße vor sich an einem strahlenden Sternenabend, und ihn, Paul, der eine Frau umfaßt hielt, der er bei jedem Schritt einen Kuß gab. Sie erkannte sie: es war Charlotte. Er preßte sie an sich, lächelte wie nur er lächeln konnte und flüsterte ihr süße Worte zu, wie nur er sie sagte. Dann warf er sich ihr zu Füßen und küßte die Erde vor ihr, wie er sie vor Christiane geküßt. Das war so hart, so hart für sie, daß sie sich umdrehte und ihr Gesicht in den Kissen verbarg und zu schluchzen begann. Sie schrie laut auf, so zermarterte die Verzweiflung ihre Seele. Jedes Klopfen ihres Herzens, das in ihrer Brust schlug, und das sie bis in die Schläfen fühlte, klang ihr unausgesetzt wie das einzige immer wiederholte Wort: »Paul! ... Paul! ... Paul!« Sie schloß die Ohren mit den Händen, um nichts mehr zu hören, sie versteckte den Kopf unter den Decken, aber es klang in ihrer Brust dieser Name mit jedem Schlag ihres Herzens, unstillbar. Die Wärterin war erwacht und fragte: – Sind Sie krank, gnädige Frau? Christiane wandte sich um, in Thränen gebadet, und flüsterte: – Nein, ich schlief, ich träumte, ich habe Angst gehabt. Dann bat sie, daß zwei Lichter angesteckt würden, um den Mondschein nicht mehr zu sehen, und endlich gegen Morgen schlief sie ein. Als sie ein paar Stunden geschlafen hatte, kam Andermatt, der Frau Honorat mitbrachte. Die dicke Dame, die ganz familiär that, setzte sich ans Bett, nahm die Hände der Wöchnerin und fragte wie ein Arzt. Dann erklärte sie, zufrieden mit den Antworten: – Na Gott sei Dank, es geht ganz gut. Dann nahm sie ihren Hut ab, ihre Handschuhe, ihren Schal und wandte sich zu der Wärterin: – Sie könnnen gehen, ich werde klingeln, wenn wir Sie brauchen. Christiane, die ihren Widerwillen schon überwunden, sagte zu ihrem Mann: – Gieb mir ein bißchen meine Tochter. William brachte ihr wie gestern das Kind, küßte es Zärtlich und legte es auf das Kopfkissen und ebenso wie gestern, als sie an ihrer Wange durch den Stoff hindurch die Wärme des unbekannten kleinen Körpers gefühlt, der in den Windeln eingeschlossen lag, ward sie mit einemmal ruhig. Plötzlich begann die Kleine zu schreien, sie weinte mit greller, durchdringender Stimme. – Sie will trinken, – sagte Andermatt. Er klingelte, und die Amme erschien. Eine dicke, rote Frau, mit einem Maul, wie ein Menschenfresser, leuchtende große Zähne darin, daß Christiane fast Angst bekam. Sie zog aus ihrem offenen Kleide eine gewichtige Brust, weich und schwer von Milch, so etwa wie das Euter einer Kuh, und als Christane ihre Tochter daran trinken sah, überkam sie die Lust, sie zu packen, sie zurückzureißen aus Eifersucht halb, und halb aus Ekel. Frau Honorat gab jetzt der Amme Ratschläge, die mit dem Kinde davonging. Andermatt folgte, die beiden Frauen blieben allein. Christiane wußte nicht, wie sie von dem anfangen sollte zu sprechen, was ihre Seele beschäftigte; sie zitterte, zu aufgeregt zu sein, den Verstand zu verlieren, zu weinen, sich zu verraten. Aber Frau Honorat begann ganz allein zu schwatzen, ohne daß man irgend etwas sie gefragt. Nachdem sie allen Klatsch, der herumgebracht ward, erzählt, kam sie auch auf die Familie Oriol. – 's sind sehr brave Leute, sehr brave Leute. Wenn Sie nur die Mutter gekannt hätten, so eine tapfere, ehrliche Frau, die war zehn wert, gnädige Frau. Na, die Mädel haben was von ihr abgekriegt. Als sie nun auf ein anderes Thema überging, sagte Christiane: – Welche von beiden ist Ihnen lieber, Louise oder Charlotte? – Na ich, gnädige Frau, mag Louise lieber, die Ihr Bruder heiratet, sie ist vernünftiger, das ist eine ordentliche Frau, aber mein Mann mag die andere mehr, wissen Sie die Männer haben so ihren Geschmack, der nicht der unsere ist. Sie schwieg. Christane, die keinen Mut mehr hatte, stammelte nur noch: – Mein Bruder hat seine Braut oft bei Ihnen getroffen? – Ja, gewiß, gnädige Frau, das meine ich wohl, täglich. Das haben wir alles bei mir gemacht. Ich habe die Kinder schwatzen lassen, ich wußte schon, was da los war. Und was mir wirtlich Spaß gemacht hat, war, als ich sah, wie Herr Paul hinter der Jüngern hinterher war. Da sagte Christiane mit fast unhörbarer Stimme: – Liebt er sie sehr? – O, gnädige Frau, und ob! In der letzten Zeit war er ganz verrückt, und als dann der Italiener, der da mit der Tochter vom Professor Cloche durchgegangen ist, der Kleinen so 'n bißchen Augen machte, das hätten Sie mal sehen sollen, na, ich dachte, sie würden sich gleich schießen. Sie hätten mal Herrn Pauls Augen sehen sollen, der schien ganz verrückt. Es ist wunderhübsch, wenn einer so liebt. Da fragte Christiane nach allem: was vorgegangen war, was sie gesprochen hatten, nach allem, was sie gethan. nach ihren Spaziergängen in dem kleinen Thälchen von Sanssouci, wo er ihr auch so oft von seiner Liebe gesprochen. Sie that ganz unerwartete Fragen, daß die dicke Frau erstaunt war, fragte Dinge, an die kein Mensch gedacht hätte, denn unausgesetzt verglich sie und dachte an hundert Kleinigkeiten vom Jahr vorher, an all die zarten Aufmerksamkeiten Pauls, an alles das, was er erfand, ihr zu gefallen, an all die zarten, reizenden Kleinigkeiten, die verraten, daß ein Mann das dringende Bedürfnis hat, zu gefallen. Sie wollte wissen, ob er das alles für die andere auch gethan hätte, ob er die Bearbeitung dieser Seele mit derselben Glut begonnen, mit derselben Beharrlichkeit, mit derselben unwiderstehlichen Leidenschaft, und jedesmal, wenn sie eine gleiche Thatsache, einen gleichen Zug, eine jener verwirrenden Überraschungen, die so sind, daß einem das Herz klopft, wiedererkannte, stieß Christiane in ihrem Bett ein leises »Ach!« des Leidens aus. Frau Honorat war erstaunt über den seltsamen Laut und sagte nun noch nachdrücklicher: – Ja, gewiß, alles ist so gewesen, wie ich es Ihnen erzähle, ich habe noch nie einen so verliebt gesehen! – Hatte er ihr Verse vordeklamiert? – Nu das versteht sich wohl, gnädige Frau. Und so hübsche! Als sie beide schwiegen, hörte man nur noch, den eintönigen, weichen Gesang der Amme, die im Nebenzimmer das Kind einschläferte. Schritte nahten auf dem Gang, die Herren Mas- Roussel und Latonne kamen, ihren Krankenbesuch zu machen. Sie fanden Christiane etwas aufgeregt, nicht so gut wie am Tage vorher. Sobald sie fort waren, öffnete Andermatt die Thür und sagte, ohne einzutreten: – Doktor Black möchte Dich sprechen, ist es Dir recht? Sie erhob sich etwas in ihrem Bett und rief: – Nein, nein, ich will nicht! Ich will nicht! William trat erstaunt herein: – Ja, aber höre doch, Du mußt doch, das ist man ihm doch. Du mußt .... Sie sah wie wahnsinnig aus, so groß waren ihre Augen, und sie wiederholte mit scharfer Stimme so laut, daß es durch die Wände drang: – Nein, nein, er soll nie wiederkommen! Hörst Du, nie! Und dann rief sie, indem sie nicht mehr wußte, was sie eigentlich sprach, und indem sie mit dem ausgestreckten Arm auf Frau Honorat deutete, die mitten im Zimmer stand: – Die auch nicht, jage sie hinaus, ich will sie nicht sehen, fort mit ihr! Da ging er auf seine Frau zu, schloß sie in die Arme und küßte ihre Stirn. – Na, meine kleine Christiane, beruhige Dich doch, was hast Du denn? Beruhige Dich doch! Sie konnte nicht mehr sprechen, die Thränen quollen ihr aus den Augen: – Alle sollen fort! Alle sollen fort! Nur Du allem sollst bei mir bleiben! Er eilte verzweifelt auf die Frau des Arztes zu und schob sie vorsichtig zur Thür. – Lassen Sie uns mal ein paar Augenblicke allein, bitte, das ist Milchfieber, ich werde sie beruhigen. Ich sehe Sie nachher wieder. Als er zum Bett zurückkehrte, hatte sich Christiane wieder zurückgelegt und weinte unausgesetzt immer vor sich hin. Und zum erstenmal in seinem Leben begann auch er zu weinen. In der That brach das Milchfieber in der Nacht aus. Nach ein Paar Stunden äußerster Aufregung begann die Wöchnerin plötzlich zu sprechen. Der Marquis und Andermatt, die bei ihr geblieben waren und Karten spielten, wobei sie die Points mit ganz leiser Stimme ansagten, erhoben sich und traten ans Bett, da sie glaubten von ihr gerufen zu sein. Sie sah sie nicht, oder sie erkannte sie nicht. Ganz bleich lag sie auf ihren weißen Kissen, mit dem blonden Haar, das über ihre Schultern stoß. Sie sah mit ihren blauen, traurigen Augen hinaus wie in die unbekannte, geheimnisvolle, phantastische Welt, in der die Irrsinnigen leben. Ihre Hände lagen auf der Decke, ab und zu bewegten sie sich. Es war zuerst, als spräche sie mit jemand, sie sah jemand und erzählte, aber was sie sagte, war zusammenhanglos und ganz unverständlich. Sie fand einen Felsen zu hoch, um hinabzuspringen. Dann erkannte sie den Mann, der ihr die Arme entgegenstreckte. Dann sprach sie von Parfüm, es war, als suchte sie vergessene Worte: – Was giebt es Süßeres? ... Das macht trunken wie Wein ... Der Wein betäubt die Gedanken, aber der Duft macht trunkne Träume ... Mit dem Duft atmet man die Essenz selber ein, die reine Essenz der Dinge und der ganzen Welt ... Man kann die Blumen schmecken, die Bäume, das Gras auf den Wiesen; ... man unterscheidet alles bis zu der Seele, die da schläft in alten Möbeln, in alten Vorhängen, in alten Räumen ... Dann zog sich ihr Gesicht zusammen, als ob sie erschöpft wäre. Sie stieg sehr langsam einen Abhang hinauf und sagte zu jemand: »O, trage mich noch ein wenig, bitte. Ich will hier sterben, ich kann nicht mehr gehen, trage mich, wie Du dort oben gethan, weißt Du noch, wie Du mich liebtest?« Dann stieß sie einen Schrei aus, Entsetzen schien in ihren Augen aufzuleuchten, sie sah ein totes Tier vor sich und bat, man möchte es fortnehmen, ohne ihm wehe zu thun. Der Marquis sagte leise zu seinem Schwiegersohn: – Sie erinnert sich eines Esels, als wir von einer Partie zurückkamen. Nun sprach sie mit dem toten Tier, erzählte ihm, auch sie wäre sehr unglücklich, sie wäre noch viel unglücklicher, denn man hätte sie verlassen. Dann Plötzlich weigerte sie sich, etwas zu thun, das man von ihr verlangte und rief: »Nein, ich will nicht ... nein, nicht ... Du ... Du ... Du verlangst, ich soll diesen Wagen ziehen ...?! Nun kam sie außer Atem, als ob sie wirklich einen Wagen gezogen hätte, weinte, stieß einen Schrei aus, und immer stieg sie den Abhang hinauf, während sie mit furchtbarer Anstrengung hinter sich wahrscheinlich den Eselskarren zog. Und jemand mußte sie hart schlagen, denn sie sagte: »O, Du thust mir weh, schlage mich nicht mehr, ich will ziehen, ich will thun was Du willst, nur schlage mich nicht.« Dann beruhigte sie sich ein wenig und schlummerte nun bis Tagesanbruch unruhig, dann aber schlief sie ganz ein. Als sie erwachte gegen zwei Uhr nachmittags, war noch das Fieber in ihr, aber sie war wieder bei Besinnung, und doch blieben bis zum andern Tage ihre Gedanken halb wie im Schlafe, flüchtig, unbestimmt. Sie fand nicht gleich die Worte, die sie brauchte, und es ermüdete sie schließlich, sie zu suchen, doch nach einer Nacht, die sie wieder geschlafen, ward sie wieder ganz klar. Aber sie fühlte sich verändert, als ob diese Krise ihre Seele verändert hätte. Sie litt weniger und dachte mehr nach. Die furchtbaren Ereignisse, die so nahe lagen, schienen ihr in eine weite Vergangenheit zurückversetzt, und sie sah sie mit einer Gedankenklarheit an, die ihr Geist noch nie gehabt. Dieses Licht, das plötzlich gekommen, das manche Wesen in gewissen Leidensstundcn erhalten, zeigte ihr das Leben, die Menschen, die Dinge, die ganze Welt mit allem, was sie trägt, so wie sie sie noch nie gesehen. Da fand sie sich ganz verlassen auf dieser Erde, mehr noch wie an jenem Abend, da sie sich so entsetzlich einsam auf der Welt vorgekommen war in ihrem Zimmer, als sie vom See bei Tazenat zurückgekehrt. Sie begriff, daß alle Menschen Seite an Seite schreiten dem Schicksal entgegen, ohne daß jemals irgend etwas zwei Menschen wirklich eint. Sie fühlte durch den Verrat dessen, dem sie all ihr Vertrauen geschenkt, daß alle andern für sie niemals mehr etwas anderes bedeuten würden, als gleichgiltige Kameraden auf dieser langen oder kurzen Lebensreise, die da traurig oder heiter sein würde, wie der morgende Tag, den keiner vorher kennt. Sie begriff, daß selbst in den Armen dieses Mannes, mit dem sie gemeint ganz eins zu sein, verschmolzen mit ihm, bei dem sie geglaubt, daß ihre Leiber, ihre Seelen, nur noch ein Leib waren und eine Seele, sich nur zwei Körper einander ein wenig genähert, daß nur die undurchdringlichen Hüllen, in denen die geheimnisvolle Natur des Menschen isoliert nnd verschlossen, sich gerade berührt hatten. Sie sah genau, daß keiner je die unsichtbare Schranke würde brechen können, die die Wesen im Leben einander so fern hält wie die Sterne am Himmel. Sie erriet die vergeblichen Bemühungen seit Erschaffung der Welt, die unermüdlichen Anstrengungen der Menschen, den Kerker zu brechen, in dem ihre Seelen ewig eingeschlossen ruhen, ewig einsam. Ein Kampf der Arme, der Lippen, der Augen, des Mundes, das zitternde Ineinandergleiten, ein Kampf der Liebe, die sich in Küssen erschöpft, um wieder nur dahin zu kommen, einem anderen ewig Verlassenen das Leben zu schenken. Da kam der unwillkürliche Wunsch über sie, ihre Tochter wieder zu sehen. Sie fragte nach ihr, und als man sie ihr brachte, bat sie, man möchte sie von den Hüllen befreien, denn sie kannte ja bisher nur das kleine Gesicht. Die Amme wickelte die Windeln ab und enthüllte auf den Armen tragend das Neugeborene, dessen zappelnde Bewegungen das Leben dieses angehenden Menschen zeigten. Christiane berührte es mit zitternder ängstlicher Hand, wollte dann den Leib küssen, die kleinen Beinchen, die Füße, und blickte das Kind voll seltsamer Gedanken an. Zwei Wesen waren einander begegnet, hatten sich mit wahnsinnig köstlicher Glut geliebt, und aus ihrer Umarmung war das entsprossen. Das waren er und sie, bis zum Tode durch dieses kleine Ding vereint, er und sie, die so weiter lebten; ein wenig von ihm und ein wenig von ihr, mit noch etwas Unbekanntem dazu, das anders war als sie beide. In ihm würden sie weiter leben, in der Form seines Leibes, in der Art seines Geistes, in seinen Zügen, seinen Bewegungen, seinen Augen, seinen Leidenschaften, ja im Ton seiner Stimme und in der Art seines Ganges, und doch würde es ein neues Menschenkind sein. Sie aber, die Erzeuger, waren jetzt getrennt für immer, nie wieder würden ihre Blicke sich in einem jener Zärtlichkeitsmomente zusammenfinden, die das menschliche Geschlecht unvertilgbar macht. Und sie preßte das Kind an ihr Herz und flüsterte: – Adieu! Adieu! Ihm galt der Abschied, den sie in das Ohr ihrer Tochter flüsterte, das mutige, verzweifelte Lebewohl einer stolzen Seele, das Lebewohl einer Frau, die noch lange leiden, immer vielleicht, aber die wenigstens wissen würde, allen Menschen ihre Thränen zu verbergen. Da rief William durch die halboffene Thür: – Ei, ei, willst Du mir gleich meine Tochter wiedergeben! Er lief zum Bett und nahm die Kleine in seine Hände, die jetzt schon gewohnt waren, das Kind zu halten, hob sie über seinen Kopf und rief: – Guten Morgen, Fräulein Andermatt! Guten Morgen, Fräulein Andermatt! Christiane dachte: »das ist also mein Mann!« Und mit erstaunten Augen betrachtete sie ihn, als ob sie ihn zum ersten Male gesehen hätte. Das war der Mann, mit dem sie durch das Gesetz vereinigt war, dem sie gehörte, der Mann, der nach den menschlichen, religiösen und sozialen Ansichten ein Teil von ihr war, mehr noch, der Herr ihrer Tage und Nächte, ihres Herzens und ihres Leibes. Sie hatte beinahe Lust zu lächeln, so seltsam erschien ihr das in diesem Augenblick, denn zwischen ihm und ihr würde niemals eine Kette bestehen, keine jener so schnell gerissenen Ketten, die doch ewig scheinen, unendlich süß, beinahe göttlich. Ihr kamen sogar keine Gewissensbisse, ihn betrogen und verraten zu haben. Sie war erstaunt darüber, sie suchte nach dem Grunde. Warum? Sie waren offenbar zu verschieden, zu sehr einer getrennt von dem andern und zu sehr anderer Rasse. Er verstand sie nicht und sie ihn nicht, und doch war er gut, gefällig und ihr treu ergeben. Aber vielleicht nur die Wesen von gleicher Natur, von gleichen Ansichten, von gleicher Gestalt können sich durch die heilige Kette freiwilliger Pflicht aneinander gefesselt fühlen. Man zog das Kind wieder an. William hatte sich gesetzt, er sagte: – Hör mal, liebes Kind, ich wage Dir gar nicht mehr Besuch anzukünden, seitdem Du mich mit Doktor Black so abgeführt hast, und doch würdest Du mir einen großen Gefallen thun, wenn Du einen Menschen wieder einmal sehen wolltest, nämlich Doktor Bonnefille. Da lachte sie zum ersten Mal mit einem bleichen Lachen, das auf ihren Lippen stehen zu bleiben schien und gar nicht zu ihrer Seele drang, und fragte: – Doktor Bonnefille? Welches Wunder! Habt ihr euch denn versöhnt? – Gewiß, höre, ganz im Geheimen will ich Dir eine Mitteilung machen. Ich habe eben das alte Bad gekauft, jetzt gehört mir alles, Triumph, was? Der arme Doktor Bonnefille hat es sicher früher, wie alle andern wohl erfahren, und ist so schlau gewesen, sich jeden Tag nach Deinem Befinden zu erkundigen, und hat immer mit einem freundlichen Wort seine Karte dagelassen, und ich habe mit meinem Besuch auf seine Artigkeiten erwidert, und jetzt sind wir die dicksten Freunde. – Nun, mag er kommen, sagte Christiane, – wann er will, ich werde ihn gern sehen. – Gut, ich danke Dir dafür, ich werde ihn morgen früh herbringen. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß Paul mir immerfort tausend Grüße für Dich aufträgt und sich sehr nach der Kleinen erkundigt, er möchte sie gern einmal sehen. Trotz ihres Entschlusses fühlte sie sich verlegen, und sie sagte: – Danke ihm vielmals von mir. Andermatt fuhr fort: – Er wollte durchaus wissen, ob man Dir seine Verlobung mitgeteilt hätte. Ich habe ihm ja gesagt. Da hat er mich mehrmals gefragt, was Du dazu sagtest. Sie nahm alle Kraft zusammen und flüsterte: – Sage ihm nur, ich wäre ganz einverstanden. William fuhr mit größter Beharrlichkeit fort: – Er wollte auch durchaus wissen, wie Du denn Deine Tochter nennen würdest. Ich habe ihm gesagt, wir schwankten noch zwischen Margarete und Genoveva. – Ich bin anderer Ansicht geworden, sagte sie. Ich will sie Arlette nennen. Früher, in den ersten Tagen ihrer Schwangerschaft, hatte sie mit Paul über den Namen gesprochen, welchen sie für einen Sohn oder für eine Tochter wählen sollten, und bei einer Tochter hatten sie zwischen Margarete und Genoveva geschwankt. Jetzt wollte sie von diesen Namen nichts mehr wissen. William wiederholte: – Arlette, Arlette, das klingt sehr nett! Du hast ganz recht. Ich hätte sie am liebsten nach Dir Christiane genannt, ich habe das so gern, Christiane. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus: – Ach, es verspricht zu viel Leid, den Namen des Gekreuzigten zu tragen. Er errötete, da er an diese Verbindung nicht gedacht, und erhob sich. – Übrigens Arlette ist wirklich nett. Wie Du willst mein Kind. Sobald er fort war, rief sie die Amme und befahl, daß von nun ab die Wiege an ihr Bett gestellt werden sollte. Als das zarte, kleine Bettchen, wie ein kleines Schiff geformt, das immer hin und her schwankte mit den weißen Vorhängen an der Messingstange, wie Segel an einem Mast, neben das große Bett geschoben worden war, streckte Christiane ihre Hand bis zu dem wieder eingeschlafenen Kind und sagte leise: – Schlafe nur, meine Kleine, Du wirst doch jemand finden, der Dich so liebt wie ich. Und in ruhiger Melancholie brachte sie die nächsten Tage hin, dachte viel nach, sprach sich Mut zu, um in einigen Wochen das Leben wieder aufzunehmen. Ihre Hauptbeschäftigung bestand jetzt darin, die Augen ihrer Tochter zu betrachten, und sie suchte darin einen ersten ausdrucksvollen Blick. Aber sie sah nur zwei blaue Offnungen, die unausgesetzt sich zur großen Helligkeit des Fensters wandten. Sie ward tief traurig bei dem Gedanken, daß diese Augen, die da noch schliefen, die Welt einst ansehen würden, wie sie sie selbst gesehen, durch die Illusion eines winzigen Traumes, der die weiblichen Herzen glücklich macht und heiter. Sie würde einmal alles lieben, was sie liebte, schöne, helle Tage, Blumen, Wald und auch die Menschen. Sie würde gewiß auch einem Mann gefallen, ihn lieben, ihre Augen würden in sich des Geliebten Bild tragen, es innerlich sehen, wenn er fern, leuchten, wenn er nahe, und dann ... würden sie zu weinen lernen. Thränen, fürchterliche Thränen würden über diese kleinen Wangen rinnen, und das furchtbare Leid verratener Liebe würde sie entstellen in Angst und Verzweiflung, diese armen, noch leeren Augen, die blau sein würden. Und sie küßte wie toll ihr Kind und sagte zu ihm: – Meine Kleine, liebe nur mich! Eines Tages erklärte Professor Mas-Roussel, der sie jeden Morgen besuchte: – Sie können nachher ein wenig aufstehen, gnädige Frau! Als der Arzt fort war, sagte Andermatt zu seiner Frau: – Es ist schade, daß Du noch nicht wieder ganz gesund bist, denn wir haben heute eine interessante Beobachtung im Bad gemacht. Doktor Latonne ist ein wahres Wunder mit dem alten Clovis gelungen, nachdem er ihn eine automatische Gymnastik hat durchmachen lassen. Denke Dir nur, der alte Kerl läuft jetzt beinahe wie alle anderen Leute, die Fortschritte der Heilung werden nach jeder Sitzung augenscheinlicher. Sie fragte, um ihm Freude zu machen: – Willst Du das öffentlich vorführen? – Ja und nein, wir wollen die Sache den Ärzten und ein paar Freunden zeigen. – Um wieviel Uhr? – Um drei Uhr. – Wird Herr Brétigny dort sein? – Gewiß, gewiß, er hat mir versprochen, hinzukommen, der ganze Aufsichtsrat ist da, und die Sache ist sehr interessant. Nun sagte sie: – Da ich dann gerade aufgestanden sein werde, bitte doch Herrn Brétigny mich zu besuchen, er soll mir Gesellschaft leisten, während ihr die Sitzung habt. – Gewiß, mein Kind. – Vergiß es nicht. – Nein, nein, sei ganz ruhig. Und er ging davon, um Zuschauer zu suchen. Nachdem er einmal von den Oriol bei der ersten Behandlung des Gelähmten hereingelegt worden war, hatte er nun seinerseits die Kranken hereingelegt, die so leicht zu gewinnen waren, wenn es sich um Heilung handelte. Und nun machte er sich selbst mit der Kur eine Komödie vor. Sprach oft darüber und mit solcher Überzeugung und Glut, daß es schwer zu entscheiden war, ob er selbst daran glaubte oder nicht. Um drei Uhr fanden sich alle Personen, die er aufgefordert, an der Thür des Bades zusammen. Man wartete auf die Ankunft des alten Clovis. Er kam, auf seine beiden Stöcken gestützt, immer die Beine hinter sich herschleppend, und grüßte höflich alle Welt, als er vorüber ging. Die beiden Oriol folgten mit den beiden jungen Mädchen, Paul und Gontran begleiteten ihr Bräute. In dem großen Saal, wo die Turnapparte standen, wartete Doktor Latonne im Gespräch mit Andermatt und Doktor Honorat. Als er den alten Clovis sah, flog ein freudiges Lächeln über seine glattrasierten Lippen, und er fragte: – Nun, wie geht's denn heute? – Nu, es schleicht so, es schleicht so! Petrus Martel und Saint-Landri erschienen, sie wollten auch sehen. Der erste glaubte, der zweite zweifelte. Hinter ihnen gewahrte man mit Staunen Doktor Bonnefille, der seinen Konkurrenten begrüßen wollte und Andermatt die Hand reichte. Doktor Black kam als letzter. – Nun meine Herren und Damen, – sagte Doktor Latonne, indem er sich gegen Louise und Charlotte Oriol verneigte, – Sie werden etwas ganz Erstaunliches sehen. Ich bitte zuerst festzustellen, daß vor der Sitzung dieser brave Mann ein wenig, aber sehr wenig, gehen kann. Clovis, können Sie ohne Stöcke gehen? – Nee, nee, mei guter Herr! – Nun dann wollen wir anfangen. Der Alte wurde auf den Stuhl gesetzt, die Beine wurden ihm an die beweglichen Füße des Sitzes festgeschnallt, und als dann der Arzt befahl: »Langsam anfangen!« – drehte der Mann mit den aufgekrempelten Hemdsärmeln das Schwungrad. Nun sah man, wie das rechte Knie des alten Vagabunden sich hob, sich streckte und wieder lang wurde, wie dann das linke Knie folgte, und der alte Clovis begann plötzlich zu lachen, indem er mit dem Kopf und dem langen, weißen Bart darüber den Bewegungen folgte, die die Beine machten. Die vier Ärzte und Andermatt betrachteten ihn, über ihn gebeugt, während der Kuluß seinem Vater zublinzelte. Da man die Thür offen gelassen hatte, kamen unausgesetzt andere Personen herein, drängten sich herbei, um zu sehen. – Schneller! – befahl Doktor Latonne. Der mit dem Rad drehte stärker, die Beine des Alten begannen zu laufen, und er ward von unwiderstehlicher Heiterkeit gepackt, wie ein Kind, das man krabbelt, nun lachte er laut auf, indem er den Kopf schüttelte und rief zu seinem Heiterkeitsausbruch: – Nee is das komisch! Is das komisch! Kuluß seinerseits platzte nun heraus, stieß mit den Fuß auf den Boden, schlug sich auf die Schenkel und schrie: – Gottverdammter Kerl, der Clovis! Gottverdammter Kerl, der Clovis! – Genug! befahl der Arzt. Man band den Vagabunden ab, und die Ärzte machten Platz, um den Erfolg festzustellen. Nun sah man, wie der alte Clovis ganz allein von dem Stuhl herunterstieg und ging. Er ging mit kleinen Schritten, allerdings ganz krumm, gebeugt und bei jedem Versuch ein Gesicht schneidend, aber er ging! Doktor Bonnefille erklärte zuerst: – Das ist ein ganz erstaunlicher Fall! Doktor Black stimmte seinem Kollegen bei, nur Doktor Honorat sagte nichts. Gontran flüsterte Paul ins Ohr: – Ich kapiere das nicht, sieh die Kerls mal an, sind sie die Lackierten oder lackieren sie. Andermatt sprach jetzt, setzte die Kur auseinander vom ersten Tage ab, sprach von dem Rückfall und der nunmehrigen Heilung, die ganz sicher sei, und dann fügte er hinzu: – Nun, und wenn unser Kranker jeden Winter einen kleinen Rückfall hat, werden wir ihn jeden Sommer wieder auf den Damm bringen. Dann hielt er eine Rede über die Wirksamkeit der Brunnen von Mont Oriol und feierte all ihre Eigenschaften: – Ich selbst habe ihre Wirkung erprobt an jemand, der mir sehr nahe steht, und wenn meine Familie nicht mit mir verlöscht, so danke ich dies ganz allein Mont Oriol. Aber plötzlich erinnerte er sich mit Schrecken an etwas. Er hatte doch seiner Frau versprochen, Paul Brétigny ihr zu schicken. Es war ihm unangenehm, denn er war sonst voller Aufmersamkeit gegen sie. Er blickte also um sich, sah Paul und ging zu ihm hin. – Lieber Freund, ich habe ganz vergessen, Ihnen zu sagen, daß Christiane Sie jetzt eben erwartet. – Mich, jetzt? – Ja, sie ist heute aufgestanden und möchte Sie vor allen anderen mal sehen. Laufen Sie doch schnell mal hin und entschuldigen Sie mich. Paul ging zum Hotel, sein Herz klopfte vor Erregung. Unterwegs traf er den Marquis Ravenel, der zu ihm sagte: – Meine Tochter ist aufgestanden und wundert sich, daß Sie noch nicht gekommen sind. Er blieb auf der ersten Stufe der Treppe halten, um nachzudenken, was er ihr sagen sollte. Wie würde sie ihn empfangen, würde sie allein sein? Wenn sie von seiner Verlobung spräche, was sollte er anworten? Seitdem er wußte, daß sie niedergekommen war, konnte er an sie nur voll zitternder Unruhe denken, und der Gedanke an ihr erstes Zusammentreffen machte ihn jedesmal, wenn er ihm nur flüchtig kam, erröten oder erbleichen vor Aufregung. Er dachte auch mit tiefer Erregung an das unbekannte Kind, dessen Vater er war, und der Wunsch quälte ihn und die Furcht zugleich, es zu sehen. Er fühlte sich befleckt durch eine jener unmoralischen Handlungen, die bis zum Tode das Gewissen eines Mannes belasten. Und vor allen Dingen fürchtete er sich vor dem Blick dieser Frau, die er geliebt hatte so heiß und so kurz. Würde sie ihm mit Vorwürfen kommen, mit Thränen, mit Verachtung? Ließ sie ihn nur kommen, um ihn fortzujagen? Und wie sollte er sich gegen sie benehmen, demütig, verzweifelt, flehend, sollte er ihr sein Herz ausschütten, oder zuhören ohne zu antworten? Durfte er sich setzen oder mußte er stehen bleiben? Und wenn sie ihm ihr Kind zeigte, was sollte er dann thun? Was sollte er sagen? Welches Gefühl durfte er zeigen? Vor der Thür blieb er noch einmal stehen, und als er die Glocke eben berührte, sah er wie seine Hand zitterte. Aber doch drückte er den Finger auf den kleinen Elfenbein- Knopf und hörte im Innern des Zimmers die elektrische Klingel; ein Mädchen öffnete und ließ ihn eintreten. Sobald er an der Thür des Salons stand, sah er in dem anstoßenden Zimmer Christiane, die ihn ansah, auf einer Chaiselongue liegend. Es erschien ihm ein unendlicher Weg, den er durch die zwei Zimmer zurücklegen mußte, er fühlte sich taumeln, er hatte Angst an die Stühle zu stoßen. Er wagte nicht auf den Boden zu sehen, um die Augen nicht niederzuschlagen. Sie machte keine Bewegung, sie sagte kein Wort, bis er neben ihr stand. Ihre rechte Hand blieb ausgestreckt auf dem Kleide liegen, ihre Linke auf den Rand der Wiege gestützt, die dicht mit dem Vorhang verhüllt war. Als er drei Schritte entfernt war, blieb er stehen, er wußte nicht, was er thun sollte. Die Jungfer hatte die Thür hinter ihnen geschlossen, sie waren allein. Er wollte ihr zu Füßen fallen und um Verzeihung bitten, aber sie hob langsam ihre Hand, die auf dem Kleide lag und streckte sie ihm entgegen, dann sagte sie mit ernster Stimme: – Guten Morgen! Er wagte ihre Finger nicht zu berühren, aber er streifte sie mit den Lippen, indem er sich verbeugte, und sie sagte: – Setzen Sie sich. Er setzte sich auf einen niederen Stuhl ihr zu Füßen. Er fühlte, daß er sprechen mußte, aber er fand kein Wort, keinen Gedanken, er wagte es nicht einmal, sie anzusehen. Endlich stammelte er doch: – Ihr Gatte hat vergessen mir zu sagen, daß Sie auf mich warteten, sonst wäre ich früher gekommen. Sie antwortete: – Ach das thut nichts. Ob es nun ein bißchen früher oder später ist, daß wir uns wiedersehen. Da sie nichts hinzufügte, fragte er eilig: – Ich hoffe, daß es Ihnen jetzt wieder gut geht. – Danke, so gut, wie es einem nach solchen Erschütterungen gehen kann. Sie war sehr bleich, mager, aber hübscher wie vor ihrer Entbindung. Vor allen Dingen hatten ihre Augen jene Tiefe des Ausdrucks gewonnen, die er nicht an ihr gekannt. Sie schienen dunkler, nicht mehr so hell, weniger durchsichtig, tiefer. Ihre Hände waren so weiß, das sie aussahen wie Totenhände. Sie sagte: – Es sind schwere Stunden, die man durchmachen muß, aber wenn man einmal so gelitten hat, hat man Kraft bis ans Ende seiner Tage. Er flüsterte ganz bewegt: – Ja, das sind fürchterliche Stunden! Sie antwortete wie ein Echo: – Fürchterlich! Seit ein Paar Sekunden hörte man aus der Wiege das Geräusch von ganz leichten Bewegungen, die kaum wahrnehmbaren Zuckungen eines aus dem Schlaf erwachenden Kindes. Brétigny verließ die Wiege nicht mehr mit den Blicken. Ein immer sich steigerndes, schmerzliches Gefühl quälte ihn und das Bedürfnis zu sehen, was darin lebte. Da gewahrte er, daß die Vorhänge des kleinen Bettes von oben bis unten mit goldenen Nadeln zugesteckt waren, die Christiane sonst am Kleide trug. Er hatte sie früher oft zum Spaß herausgezogen und wieder an der Schulter der Geliebten festgemacht, diese feinen Nadeln, deren Kopf einen Halbmond trug. Er begriff, was sie damit gewollt hatte, und eine bittere Bewegung packte ihn und schreckte ihn zurück vor dieser Schranke von goldenen Nadeln, die ihn auf ewig von diesem Kinde trennte. Ein leiser Schrei, eine zarte Klage drang aus den weißen Vorhängen. Christiane begann sofort die Wiege zu schaukeln und sagte mit ein wenig harter Stimme: – Entschuldigen Sie, daß ich so wenig Zeit für Sie habe, aber ich muß mich um meine Tochter kümmern. Er erhob sich, küßte von neuem die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, und als er sich zum Gehen wandte, sprach sie: – Ich will beten für Ihr Glück!